1916 - 2016


LENIN

100 Jahre

Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus

Wissenschaftlich-kommunistische Imperialismus-Theorie contra reaktionäre und opportunistische Imperialismus-Theorie:

Zweierlei Imperialismus-Theorien, die sich ausschließen



Dass die heutige Welt „vom Geld regiert“ wird, dass die „Großen die Kleinen fressen“ und ähnliche Allgemeinplätze gehören heute schon zum guten Ton selbst in den reaktionärsten bürgerlichen Kreisen, was besonders die aktuellen Proteste gegen die Freihandelsabkommen TTIP, TISa , CETA und TPP zeigen . Dass die einen reich und die anderen ganz arm sind, wird bedauert, besonders von den ganz Reichen. Gleichzeitig verkünden Berufsreformisten, mit Steuermätzchen („Finanztransaktionssteuer“ und ähnlicher Blödsinn) könne man das „Finanzkapital“ bändigen. Gemeint sind zumeist nur die Banken. Der Staat soll’s richten und die Banken „an die Leine legen“, damit alles wieder ins Lot käme. Das Auftreten, ja die mehr oder minder lange andauernde Dominanz solcher staatstragenden Reformisten, die alles tun, um eine weltrevolutionären Entwicklung zu verhindern, ist nicht neu. Um so wichtiger ist es, sich und anderen den unversöhnlichen Gegensatz zwischen diesen Regime-linken Kapitalismus-Verteidigern und den stalinistisch-hoxhaistischen Kräften klar zu machen. Umso wichtiger ist vor allem auch die Klarstellung, dass es seit der Entstehung des Imperialismus eben auch zwei diametral entgegengesetzte Imperialismus-Theorien gibt. Dies ist ein entscheidender Punkt, um längerfristig eine weltrevolutionäre Perspektive der Zerschlagung des Weltimperialismus bis zu seinen tiefsten Wurzeln durchsetzen zu können, ohne und gegen all diese „Imperialismus-Verbesserer“.


(Welt)Imperialismus ist (Welt)Kapitalismus, sein höchstes Stadium



Die Aufgabe zu Beginn des 20. Jahrhunderts war eine doppelte: Einerseits galt es systematisch-wissenschaftlich zu verstehen, welche Veränderungen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft vor sich gegangen sind. Andererseits galt es zu verstehen, woher die große Kraft der bürgerlich-opportunistischen Abwiegler und Propagandisten einer friedlichen Lösung aller Probleme durch Reformen und Reförmchen kommt. Beide Fragen sind untrennbar miteinander verbunden – genau das ist die Pointe in Lenins Schrift „Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus“. Die Sozialdemokraten der damaligen Zeit, das waren eben nicht nur Opportunisten, sondern das waren direkte Unterstützer des imperialistischen 1. Weltkrieges geworden. Und das geschah eben nicht zufällig und nicht weil dieser oder jener Führer sich hat kaufen lassen und zum Verräter wurde (das auch), sondern das hatte eine Logik, die bei genauer Kenntnis des Imperialismus und seiner Extraprofite von Lenin herausgearbeitet wird: eine ganze Oberschicht der Arbeiterklasse wird bestochen (Arbeiteraristokratie).
Es war nun im 20. Jahrhundert allgemein üblich geworden, von Imperialismus zu sprechen. Es war das alte Lied. Offen reaktionäre, aber auch sozialdemokratische Opportunisten verkündeten, angeblich habe die neue Epoche des Imperialismus alles Wesentliche über den Haufen geworfen, was Marx über den Kapitalismus geschrieben hat. Jetzt ginge es um ganz andere Probleme, die man wahrlich nicht mit Hilfe der theoretischen Überlegungen von Marx lösen könne usw. Im Kampf gegen diese vielfältigen, mal wissenschaftlich, mal propagandistisch vorgetragenen Varianten der bürgerlichen Imperialismus-Theorie gab es eine große Schwierigkeit: In der Tat waren viele wichtige neue Entwicklungen eingetreten, so etwa die vollständige Aufteilung der Welt unter die imperialistischen Großmächte. Das waren Erscheinungen, die es zu durchdenken galt, ohne der grundlegend falschen Behauptung zuzustimmen, dass es nun keinen Kapitalismus mehr gäbe. Bürgerliche und opportunistische Theoretiker wie Hobson und Hilferding schilderten beispielsweise in einem bloß beschreibenden, teilweise auch eurochauvinistisch-arroganten Stil, wie der Imperialismus die Völker der Welt ausbeutet, wie viele Milliarden an Profiten durch Ausbeutung und Raubkriege so anfallen usw. Dieses Materials konnte man sich – wie Lenin es auch tat – durchaus bedienen, um bestimmte neue Entwicklungen zu illustrieren. Aber eines musste klar sein und dafür kämpfte Lenin: Auch „Imperialismus“ ist Kapitalismus, ist das höchste Stadium des Kapitalismus. Diese Feststellung erhöht die Bedeutung der Marxistischen  Theorie und Methode und aktualisiert die grundlegende These von Marx und Engels über die Notwendigkeit eines gewaltsamen Sturzes der Bourgeoisie, der Zerschlagung des Staates des Kapitals, einer sozialistischen Revolution ...
Es stehen sich also unversöhnlich gegenüber: – Einerseits die bürgerlich-opportunistische „Imperialismus-Theorie“, die lügnerisch behauptet, im Imperialismus sei alles Wesentliche ganz anders als im Kapitalismus.
 – Andererseits die völlig entgegengesetzte, von Lenin entwickelte kommunistische Theorie des Imperialismus, die deutlich macht, dass die Grundstrukturen des Kapitalismus im Imperialismus erhalten bleiben und weiter wirken. Lenin arbeitete heraus: Die unbestreitbare, sichtbare Zuspitzung aller Widersprüche des Kapitalismus im Imperialismus darf erst recht nicht zu Halbheiten, zum bloßen Kampf gegen Erscheinungen führen. Ganz im Gegenteil: Lenins Theorie des Imperialismus zielt darauf ab, die Axt an die Wurzel zu legen. Diese Theorie macht deutlich, dass der ganze reformistische Quark reaktionäre Ablenkerei vom Kampf gegen den Kapitalismus ist. Das ist eben eine Imperialismus-Theorie, die mit aller Konsequenz die sozialistische Revolution, die gewaltsame Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparats in sich birgt.



Radikaler Bruch mit allen Opportunisten ist für Revolutionäre zwingend



Dies kann auch an der ganz wichtigen Erklärung Lenins, woher der Opportunismus seine große Kraft nimmt, verdeutlicht werden. Die Vertreter der bürgerlich-reaktionären Theorien über den Imperialismus zielen darauf ab, „anzuprangern“ dass irgendwo irgendwie Milliarden von Extraprofiten existieren und das es doch so nicht gehe, wie z.b. wenn es um die Proteste gegen die Freihandelsabkommen  TTIP, TISA ,CETA und TPP geht . Diese Milliardenprofite sollten doch bitteschön für soziale Reformen genutzt werden.
Die Überlegung Lenins angesichts dieser Erscheinung von Milliarden von Extraprofiten ist eine ganz andere, entgegengesetzte und wirklich erhellende: Diese Milliarden Extraprofite existieren wirklich und werden zu einem Teil gerade dafür genutzt, Vertreter der opportunistischen Imperialismus-Theorie zu etablieren, ihnen ein „sozial verträgliches Umfeld“, ja einen ganzen Apparat direkt oder indirekt bestochener, sich sozial gebender Bürokraten zu schaffen, eine staatlich anerkannte, staatstragende Gewerkschaft gegen alle revolutionären Bestrebungen zu etablieren, um revolutionäre Bewegungen schon im Keim zu verhindern, zu untergraben, ja an ihrer Unterdrückung mitzuarbeiten. Und all dies wird durch die Finanzierung einer ganzen Schicht, der Arbeiteraristokratie abgesichert. Daraus folgt, so Lenin, und das leuchtet unmittelbar ein: Der Imperialismus und diese vom Imperialismus geschaffene, ekelhafte Schicht von Revolutionsverhinderern sind untrennbar verbunden, müssen mit aller Härte allesamt bekämpft und besiegt werden. Der radikale Bruch mit all diesen opportunistischen Schleimern steht an – das ist die für die Opportunisten unannehmbare Pointe der wissenschaftlich-kommunistischen Theorie über den Imperialismus.
Diesen Gegensatz gilt es auch auf theoretischer Ebene herauszuarbeiten. Wenn deutlich ist, dass Lenin zwar von Hobson (einem bürgerlichen Theoretiker) und Hilferding (einem ehemaligen Marxisten, der zum Anhänger der deutschen Vaterlandsverteidiger im Ersten Weltkrieg geworden war) diese oder jene Passage über Erscheinungsformen des damals aktuellen Imperialismus zitiert, dann bedeutet das eben nicht, wie heutige Verfälscher Lenins glauben machen wollen, dass Lenin sich an deren theoretischen Überlegungen angelehnt hat oder diese übernommen hat – ganz im Gegenteil. Die ganze theoretische Arbeit Lenins zum Imperialismus hat zum Ziel, dieses damalige letzte Wort der bürgerlichen Imperialismus-Theorie von Grund auf zu zerschlagen.



Lenins Schrift „Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus“

(Auszüge)

Zur Aktualität des Lenin-Texts von 1916



Der Text Lenins „Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus“, von dem wir zentrale Passagen zitieren , hat drei entscheidende Besonderheiten.

1. Zunächst ist es eine Art sehr kompakte Zusammenfassung seiner im Buch „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ entwickelten Theorie, dass der Kapitalismus nach wie vor existiert, aber eben in sein höchstes und letztes Stadium eingetreten ist. Zum besseren Verständnis dieser Passagen ist der Rückgriff auf dieses umfassende Werk von Lenin entscheidend.
Zudem ist diese Schrift eine polemische Schrift, die aufzeigt, wie ehemalige Sozialisten im Ersten Weltkrieg zu widerlichen Unterstützern der eigenen kriegführenden Staatsmacht geworden sind. In dieser Polemik werden Namen, Zitate, konkrete politische Ereignisse und Kongresse erwähnt, die, damals von größter Wichtigkeit, heute zunächst durchaus zurückgestellt werden können, da zu ihrem Verständnis umfangreiche Hintergrundinformationen und Detailkenntnisse erforderlich sind.

2. Die Kernaussage Lenins jedoch ist die Beantwortung der Frage: Woher hat diese ganze Schicht von ehemaligen Sozialisten, von Opportunisten, die nun Handlanger der eigenen Staatsmacht, der eigenen Regierung geworden sind, ihre Kraft? Warum können sie sich überhaupt halten und finden ihre verlogenen Phrasen immer noch Rückhalt? Die Antwort ist einfach und bedrückend: Der Imperialismus ist eben ein Stadium des Kapitalismus, in dem die Ausbeutung in unterschiedlichen Gebieten ein derartiges Ausmaß angenommen hat, dass genügend Mittel zur Bestechung nicht nur solcher opportunistischen Führer, sondern einer ganzen Schicht der Werktätigen vorhanden sind. Diese relativ stabile Schicht, nennt Lenin an Marx angelehnt „Arbeiteraristokratie“.
Von besonderem Interesse und hochaktuell ist dabei, wie Lenin herausarbeitet, dass die Arbeiteraristokratie und die aus ihr hervorgegangene Arbeiterbürokratie in den Gewerkschaften über Posten und Pöstchen untrennbar verwoben ist mit dem gesamten politischen Manipulations- und Betrugsapparat mit seinen bürgerlichen Parteien und Wahlen sowie dem Medienapparat, der heute riesige Ausmaße hat – und darum geht es uns heute vor allem. Die imperialistische Ausbeutung mit ihren Extraprofiten hat – über die Arbeiteraristokratie hinaus – weitreichende Auswirkungen auf die Lage der working class der Unterdrückernationen, die nämlich – wie Lenin in einer anderen Schrift es formuliert hat – „bis zu einem gewissen Grade Teilhaber ihrer Bourgeoisie bei der Ausplünderung der Arbeiter (und der Masse der Bevölkerung) der unterdrückten Nation (sind).“
(Lenin: „Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den ,imperialistischen Ökonomismus‘“, 1916, LW 23, S. 48)
Gleichzeitig resigniert Lenin jedoch nicht, sondern zeigt, dass anders als im 19. Jahrhundert nun in der Epoche des Imperialismus durch die erbitterte Rivalität der imperialistischen Großmächte, weltweite Krisen und Kriegsereignisse die untersten Schichten der werktätigen Massen, vor allem der Arbeiter und Bauern, sich revolutionieren werden und auch mit der Arbeiteraristokratie und den opportunistischen Führern brechen werden. Dieser revolutionäre Optimismus Lenins, ein Jahr vor der Oktoberrevolution 1917, zwei Jahre vor den revolutionären Erhebungen in Ungarn, Deutschland und Österreich, war nicht nur prinzipiell berechtigt, sondern auch sehr konkret ausgesprochen wichtig, um gegen die Tendenz zur Resignation anzutreten. Es würde keinen Sinn machen, gerade die Passagen der Lenin-Schrift, in denen er doch einen sehr raschen Bruch der unteren Arbeitermassen mit der opportunistischen Arbeiteraristokratie voraussagt, wortwörtlich zu nehmen oder gar auf das Jahr 2016 zu übertragen. Aber die prinzipielle Argumentation Lenins bleibt:
Es gibt nach wie vor große Möglichkeiten zur Bestechung. Aber es ist gleichzeitig auch klar, dass durch weltweite Krisen und kriegerische Auseinandersetzungen diese Möglichkeiten eingeschränkt werden und die Bereitschaft und Möglichkeit, mit dem gesamten System des Kapitalismus zu brechen, in den untersten Schichten der werktätigen Massen wachsen wird. Das ist entscheidend und nicht die Diskussion darüber, ob in den vorhergesagten Zeitspannen dies und jenes eingetreten ist oder nicht.
3. Als dritten und letzten Gesichtspunkt muss auf einige verwendete Begriffe und den Sprachgebrauch heute hingewiesen werden. Es ist eine altbekannte Tatsache, dass es zum Verständnis eines Textes vor allem um dessen Inhalt, dessen Logik, dessen Sinn geht, während die Form, die Sprache, die einzelnen Wörter nicht entscheidend sind. Nehmen wir den heute ohne Frage als diskriminierend abzulehnenden Begriff „Neger“. Wenn Lenin den Ausdruck „Neger“ verwendet, so ist doch hier unsere Haltung ganz klar: Wir werden auf gar keinen Fall dieses Wort benutzen und dennoch klarstellen, dass es verlogen und unwahr ist, Lenin wegen der Verwendung dieses damals leider als weitgehend unproblematisch angesehenen Begriffs als Rassisten zu behandeln. Eigentlich geht es immer wieder um das gleiche Problem: Selbstverständlich kann und soll man es sprachkritisch hinterfragen, wenn in den 20er Jahren in der kommunistischen Bewegung noch Begriffe wie „Neger“ und „Zigeuner“ verwendet wurden, ohne
ausdrücklich auf den diskriminierenden Ursprung dieser Ausdrücke hinzuweisen. Aber entscheidend ist doch, dass diese Bezeichnungen verwendet wurden, um die Solidarität mit den so benannten Unterdrückten zu zeigen, den gemeinsamen Kampf zu propagieren und zu popularisieren. Wer das begreifen will, kann das begreifen. Der vielleicht wichtigste Begriff, der in der heutigen Alltagssprache ganz anders verstanden wird, ist der von Lenin verwendete und klar definierte Begriff des Finanzkapitals, der von Hilferding 1910 in seinem Buch „Das Finanzkapital“ eingeführt worden war. In der Alltagssprache heute und auch in politischen und wissenschaftlichen Publikationen wird dieser Begriff in einer ganz anderen Bedeutung verwendet. Lenin geht es ganz ausdrücklich nicht um Banken. Der Begriff Finanzkapital stellt für ihn vielmehr die immer engere und zunehmend schwerer zu durchschauende Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital dar (zwei Sektoren, die im 19. Jahrhundert noch relativ getrennt voneinander existierten). Der Kampf gegen das (Welt)Finanzkapital bedeutete und bedeutet also einen Kampf gegen das gesamte große (Welt)Kapital. Heute dagegen wird in 99 von 100 Fällen alles getan, um den notwendigen Kampf gegen das gesamte (Welt)Kapital, gegen den (Welt)Kapitalismus, in einen Kampf gegen die Banken, Börsen usw. umzufälschen. Um so wichtiger ist es, diese nur extremen Erscheinungen und Absurditäten des heutigen kapitalistischen Ausbeutungssystems nicht isoliert anzuprangern und zu bekämpfen. Es gilt wirklich zu verstehen, dass das Kapital insgesamt der eigentliche Feind ist.
Dahinter steht noch ein anderes Problem, das in zwei Aspekte aufzuteilen ist: Von Anfang an bekämpften Marx und die Marxisten die grundfalsche Theorie, dass die Ausbeutung in der Sphäre der Zirkulation, des Handels, des ungerechten Kaufens und Verkaufens liegt. Der unverrückbare Kernpunkt des wissenschaftlichen Kommunismus ist, dass die eigentliche Wurzel der Ausbeutung der arbeitenden Klasse in der Produktion und nicht in der Zirkulation zu finden ist. Die opportunistische Ausrichtung des Kampfes nur gegen die Banken ist auf theoretischem Gebiet untrennbar verbunden mit der falschen Vorstellung über Produktion und Zirkulation überhaupt.
Der ganze Sachverhalt wird nicht einfacher dadurch, dass von Anfang an reaktionäre Theorien über die angeblich entscheidende Bedeutung der Zirkulation verknüpft wurden mit absurden, aber wirkungsvollen Behauptungen über eine angeblich typisch jüdische Form der Ausbeutung durch Übervorteilung und Wucher. Diese antisemitische Hetze über die jüdischen Wucherer, angefangen bei Martin Luther, über deutsche Philosophen, den Zaren  und reaktionäre antisemitische Parteien im 19. Jahrhundert bündelten sich in der Nazi-Zeit und in der Nazi-Propaganda zu einer millionen-, ja milliardenfach wiederholten Tirade über das „schaffende“ und das „raffende Kapital“. Diese Propaganda, die ihre mörderische Wirkung in der Zeit des Nazi-Faschismus entfaltete, hat ihre virulenten Ausläufer auch in jenen heute sich als links verstehenden Kreisen, die mit Unschuldsmine beteuern, keine Antisemiten zu sein, aber dennoch die Dreckslüge vom „schaffenden“ und „raffenden Kapital“ mit immer neuen, schönen Wortenverbreiten, siehe dazu auch die esoterischen Mahnwachen seit 2014 mit diesen Knetkörpern Lars Mäherholz, Ken Jebsen und Jürgen Elsässer als Galionsfiguren. Diese Pressvögel kriegen eh noch eins auf die Schnauze!
Um so wichtiger ist es beim Studium der Schrift Lenins, deutlich zu machen, dass es gerade bei Lenin eine solche Unterscheidung ganz und gar nicht gibt, dass er eine solche Unterscheidung bekämpft und nachweist, dass der Imperialismus, das Finanzkapital, auf ganzer Linie reaktionär ist.
Lenin hebt als grundlegende Tendenz auch die aus dem Monopol erwachsende Tendenz zur Stagnation hervor und verwendet das Bild vom „faulenden Kapitalismus“. Ausdrücklich verweist er auch darauf, dass nun in einem Riesenausmaß Korruption, Bestechung jeder Art kennzeichnend werden, dass Reichtümer nicht mehr in Millionen, sondern in Milliarden gezählt werden, dass extreme Verschwendung in der Ausbeuterklasse charakteristisch ist. Und er nennt all dies „parasitär“.
Beim Punkt parasitär gibt es tatsächlich ein Problem im sprachlichen Gebrauch, aber nicht in der Sache. Der Begriff parasitär ist ein Bild, eine Metapher, die einen wissenschaftlich nachgewiesenen Tatbestand anschaulich machen sollte. Zur Zeit Lenins wurde er von einem bekannten bürgerlichen Wissenschaftler namens Hobson in einer großen Studie eingeführt, die Lenin ausführlich zitiert. Das Beeindruckende an Hobsons Studie waren nicht theoretische Erklärungen über Ursachen und innere Zusammenhänge. Im Gegenteil, die werden eher verschleiert, denn Hobson war ein bürgerlicher Theoretiker und politisch ein Reformist. Lenin bezeichnete ihn als „Sozialliberalen“, und das war kein Kompliment. Das Beeindruckende war jedoch eine relativ genaue Schilderung der Erscheinungen des immer krasser werdenden kapitalistischen Ausbeutungssystems, die immer größere Differenzierung auch innerhalb der Kapitalistenklasse, deren oberste Schicht ungeheure Reichtümer aufhäuft und ein paradiesisches Leben auf dem Rücken der Ärmsten der Armen gerade auch in den kolonial unterdrückten Ländern führt.
Lenin übernimmt von Hobson zur Charakterisierung dieser und anderer Erscheinungen des Imperialismus den Begriff parasitär. Uns geht es nicht darum, darüber zu streiten, ob die Verwendung dieses Wortes schon 1916 geschickt oder ungeschickt war. Es steht jedoch fest: Begriffe wie Parasit, Schmarotzer, Blutsauger, also Bilder aus dem Bereich der Biologie ( Na der sozialrevanchistische  Michael Kubi ( Der Idiot von " red channel") als Biologismusstudent kennt sich da bestimmt aus, der muß es ja wissen !) , sind ganz massiv geprägt durch die millionenfache antisemitische Propaganda der Nazis, die eine ungeheure Wirkung entfaltete. Diese Begriffe können heute in der Agitation und Propaganda nur  benutzt werden, wenn der inhaltliche Kontex der marxistisch-leninistischen Weltbewegung in Punkto unter anderen Antikapitalismus und Antiimperialismus unzweideutig völlig klar zum Ausdruck gebracht wird.
Um so entschiedener werden wir gleichzeitig gegen all jene ankämpfen, die nicht den Sinn der Leninistischen Charakterisierung des Imperialismus begreifen wollen, sondern nur einzelne  Worte Lenins, also die Autorität Lenins benutzen, um den notwendigen Kampf gegen den russischen Imperialismus und Antisemitismus zu schwächen oder selbst großrussischen Chauvinismus , Imperialismus, Militarismus und Antisemitismus zu betreiben. Durch eine solche Klarstellung können auch die antikommunistischen pseudo-wissenschaftlichen Kräfte widerlegt und bekämpft werden, die sich an dem Wort parasitär bei Lenin „aufhängen“, um Lenin lügnerisch zu unterstellen, er habe nicht den Kampf gegen das ganze Kapital propagiert und organisiert, sondern er habe antisemitischen Tendenzen Vorschub geleistet.

Lenins Schrift „Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus“ studieren, ihren Aufbau und ihre Argumentation, ihre Kernpunkte und Schlussfolgerungen wirklich zu verstehen, das bedeutet unserer Meinung nach, sich starke Argumente und Waffen anzueignen, um gegen reformistische, revisionistische , prorussisch-imperialistische oder antisemitische Verfälschungen zu anzukämpfen.

Bürgerliche Imperialismus-Theorie und Antisemitismus

Eine genauere Betrachtung zeigt, wie reaktionär die Hobson-Schrift über den Imperialismus ist. Die Veröffentlichung dieses Buches ist selbst eine Erscheinung des Imperialismus, eine Schrift, für die zutreffend gilt: Reaktion auf der ganzen Linie. Das zeigt unter anderem Hobsons grundsätzliches Plädoyer für eine „richtige“ Kolonialpolitik (siehe Hobson, „Der Imperialismus“, S. 204 ff).
Die Hobson-Schrift macht insbesondere auch klar, dass die bürgerlich-reaktionären „Theorien“ über den Imperialismus von Anfang an auch mit einer neuen Etappe des Antisemitismus verbunden waren. Die alten Lügenmärchen über die Ausbeutung als Merkmal der Juden in einzelnen Ländern wurden nun modernisiert, wie es gerade der russische Imperialismus , der religiösfaschistische Iran und andere Staaten machen . Das Finanzkapital, der Imperialismus, die eigentliche Ausbeuterklasse – das sei nun weltweit und weltumspannend „die jüdische Rasse“. Hobson greift dieses finstere, reaktionäre und in der Konsequenz mörderische antisemitische Bild auf, genauso wiedie esoterischen Wahnwachen. In dem von Lenin kritisierten Buch von Hobson wird behauptet, dass von keinem europäischen Staat ein großer Krieg begonnen werden könne, „wenn das Haus Rothschild und seine Verbindungen sich dagegenstemmen würden“. Damit es keinesfalls offen bleibt, auf wen Hobson abzielt, behauptet er, der „Hauptnerv des internationalen Kapitalismus“ liege angeblich „vornehmlich in den Händen von Angehörigen einer einzigen und besonderen Rasse, welche viele Jahrhunderte von Finanzerfahrung hinter sich hat“, sie sind „in einer einzigartigen Lage, um die Politik der Völker zu manipulieren.“ (J. A. Hobson, „Der Imperialismus“, 1902, hier nach der deutschen Ausgabe Berlin 1968, S. 75, Hervorhebungen von unserer Sektion.)
Lenin, ein entschiedener Kämpfer gegen alle Formen der Judenfeindlichkeit, hat Hobsons Antisemitismus weder im Wortlaut noch „strukturell“ übernommen. Lenin hat seine kommunistische Imperialismus-Theorie auf ganzer Linie gegen die reaktionäre Imperialismus-Theorie entwickelt, wie sie auch von Hobson vertreten wurde, der einen „besseren“ Kolonialismus wollte. Lenin hat Hobson deutlich als reaktionären „Sozialliberalen“ eingeschätzt. Es zeigt sich immer wieder: Es ist nicht einfach ein leer dahin gesprochener Verdacht auf gut Glück, dass reaktionäre Kritik des Imperialismus an seiner bloßen Oberfläche zum Antisemitismus führt. Und es zeigt sich auch, dass Antisemitismus nicht das Monopol von Nazis war und ist. Auch an der Wiege der bürgerlichen Theorien über den Imperialismus stand von Anfang an, wie sich auch bei Hobson zeigt, das reaktionäre Konstrukt von der jüdischen Weltverschwörung und die Gleichsetzung von Imperialismus mit der „jüdischen Rasse“, „jüdischen Bankiers“, Juden überhaupt und anderer antisemitischer Dreck, wie es derzeit die esoterischen Mahnwachen mit Lars Mährholz, Ken Jebsen und Jürgen Elsässer propagieren.

Lenin, „Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus“, 1916 – Auszüge

P.S.: Überschriften und Verkürzungen sind von uns, der Rest is Orginalzitat.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Imperialismus und jenem ungeheuerlich widerwärtigen Sieg, den der Opportunismus (in Gestalt des Sozialchauvinismus) über die Arbeiterbewegung in Europa davongetragen hat? Das ist die Grundfrage des heutigen Sozialismus. Und nachdem wir 1. den imperialistischen Charakter unserer Epoche und des gegenwärtigen Krieges, 2. den unlösbaren historischen Zusammenhang zwischen Sozialchauvinismus und Opportunismus wie auch ihren gleichen ideologisch-politischen Gehalt in unserer Parteiliteratur einwandfrei festgestellt haben, können und müssen wir zur Analyse dieser Grundfrage übergehen.
Wir müssen mit einer möglichst genauen und vollständigen Definition des Imperialismus beginnen. Der Imperialismus ist ein besonderes historisches Stadium des Kapitalismus. Diese Besonderheit ist eine dreifache: der Imperialismus ist:

1. monopolistischer Kapitalismus; 2. parasitärer oder faulender Kapitalismus; 3. sterbender Kapitalismus.

Monopolistischer Kapitalismus

Die Ablösung der freien Konkurrenz durch das Monopol ist der ökonomische Grundzug, das Wesen des Imperialismus. Der Monopolismus tritt in fünf Hauptformen zutage: 1. Kartelle, Syndikate und Truste; die Konzentration der Produktion hat eine solche Stufe erreicht, dass sie diese monopolistischen Kapitalistenverbände hervorgebracht hat; 2. die Monopolstellung der Großbanken: drei bis fünf Riesenbanken beherrschen das ganze Wirtschaftsleben Amerikas, Frankreichs, Deutschlands; 3. die Besitzergreifung der Rohstoffquellen durch die Truste und die Finanzoligarchie (Finanzkapital ist das mit dem Bankkapital verschmolzene monopolistische Industriekapital); 4. die (ökonomische) Aufteilung der Welt durch internationale Kartelle hat begonnen. Solcher internationalen Kartelle, die den gesamten Weltmarkt beherrschen und ihn „gütlich“ unter sich teilen – solange er durch den Krieg nicht neu verteilt wird –, gibt es schon über hundert! Der Kapitalexport, als besonders charakteristische Erscheinung zum Unterschied vom Warenexport im nichtmonopolistischen Kapitalismus, steht in engem Zusammenhang mit der wirtschaftlichen und der politisch-territorialen Aufteilung der Welt; 5. die territoriale Aufteilung der Welt (Kolonien) ist abgeschlossen.
Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus Amerikas und Europas und in der Folge auch Asiens hat sich in den Jahren 1898 bis 1914 voll herausgebildet. [...]
Imperialismus ist Reaktion auf der ganzen Linie.
Dass der Imperialismus parasitärer oder faulender Kapitalismus ist, zeigt sich vor allem in der Tendenz zur Fäulnis, die jedes Monopol auszeichnet, wenn Privateigentum an den Produktionsmitteln besteht. Der Unterschied zwischen der republikanisch-demokratischen und der monarchistisch-reaktionären imperialistischen Bourgeoisie verwischt sich gerade deshalb, weil die eine wie die andere bei lebendigem Leibe verfault (was eine erstaunlich rasche Entwicklung des Kapitalismus in einzelnen Industriezweigen, in einzelnen Ländern, in einzelnen Perioden keineswegs ausschließt). Zweitens zeigt sich der Fäulnisprozess des Kapitalismus in der Entstehung einer gewaltigen Schicht von Rentiers, Kapitalisten, die vom „Kuponschneiden“ leben. In den vier fortgeschrittensten imperialistischen Ländern – England, Nordamerika, Frankreich und Deutschland – beträgt das in Wertpapieren angelegte Kapital je 100 bis 150 Milliarden Francs, was ein Jahreseinkommen von nicht weniger als 5 bis 8 Milliarden je Land bedeutet. Drittens ist Kapitalexport Parasitismus ins Quadrat erhoben. Viertens „will das Finanzkapital nicht Freiheit, sondern Herrschaft“. Politische Reaktion auf der ganzen Linie ist eine Eigenschaft des Imperialismus. Korruption, Bestechung im Riesenausmaß, Panamaskandale jeder Art. Fünftens verwandelt die Ausbeutung der unterdrückten Nationen, die untrennbar mit Annexionen verbunden ist, und insbesondere die Ausbeutung der Kolonien durch ein Häuflein von „Groß“mächten die „zivilisierte“ (1) Welt immer mehr in einen Schmarotzer am Körper der nichtzivilisierten Völker, die viele hundert Millionen Menschen zählen. Der römische Proletarier lebte auf Kosten der Gesellschaft. Die heutige Gesellschaft lebt auf Kosten des modernen Proletariers. Dieses treffende Wort Sismondis pflegte Marx besonders hervorzuheben. Der Imperialismus verändert die Sache etwas. Die privilegierte Oberschicht des Proletariats der imperialistischen Mächte lebt zum Teil auf Kosten der vielen Hundert Millionen Menschen der nichtzivilisierten Völker."
Anmerkung von uns selbst ( Komintern [SH])  zu (1)
Der Begriff „zivil“ stammt von „civilis“ und bedeutet „bürgerlich“. Lenin bezeichnete und unterschied mit den Begriffen „zivilisiert“ und „nichtzivilisiert“ die Bevölkerung in bürgerlich-kapitalistisch entwickelten Ländern und die Bevölkerung in kapitalistisch wenig bzw. kaum entwickelten, vom Imperialismus abhängigen und unterdrückten Ländern. Angesichts des heutigen alltäglichen chauvinistischen Sprachgebrauchs lehnen wir die Verwendung dieser Begriffe heute ab. (Anmerkung der Redaktion der dt. Sektion Komintern [SH])
und weiter :"
Sterbender Kapitalismus
Es ist begreiflich, warum der Imperialismus sterbender Kapitalismus ist, den Übergang zum Sozialismus bildet: das aus dem Kapitalismus hervorwachsende Monopol ist bereits das Sterben des Kapitalismus, der Beginn seines Übergangs in den Sozialismus. Die gewaltige Vergesellschaftung der Arbeit durch den Imperialismus (das, was seine Apologeten, die bürgerlichen Ökonomen, „Verflechtung“ nennen) hat dieselbe Bedeutung. [...]

Ohne Bruch mit dem Opportunismus ist der Kampf gegen den Imperialismus eine hohle Phrase

Auf diesen ökonomischen, diesen tiefsten Zusammenhang zwischen gerade der imperialistischen Bourgeoisie und dem Opportunismus, der jetzt (auf wie lange wohl?) über die Arbeiterbewegung den Sieg davongetragen hat, haben wir nicht nur in Artikeln, sondern auch in den Resolutionen unserer Partei wiederholt hingewiesen. Wir folgerten daraus unter anderem die Unvermeidlichkeit des Bruchs mit dem Sozialchauvinismus. [...]
Das Proletariat ist ein Produkt des Kapitalismus des Weltkapitalismus und nicht nur des europäischen, nicht nur des imperialistischen Kapitalismus. Im Weltmaßstab – ob 50 Jahre früher oder 50 Jahre später, das ist, in diesem Maßstab gesehen, eine Nebenfrage – „wird“ das „Proletariat“ selbstverständlich einheitlich sein, und innerhalb des Proletariats wird die revolutionäre Sozialdemokratie (2) „unvermeidlich“ siegen. Nicht das ist die Frage, ihr Herren Kautskyaner, sondern es handelt sich darum, dass ihr jetzt in den imperialistischen Ländern Europas die Lakaien spielt für die Opportunisten, die dem Proletariat als Klasse fremd sind, die Diener, Agenten der Bourgeoisie, Schrittmacher ihres Einflusses sind, von denen sich, die Arbeiterbewegung befreien muss, wenn sie nicht eine bürgerliche Arbeiterbewegung bleiben soll.
Eure Predigt der „Einheit“ mit den Opportunisten, [...] ist objektiv eine Verteidigung der Versklavung der Arbeiter durch die imperialistische Bourgeoisie mit Hilfe ihrer besten Agenten in der Arbeiterbewegung. Der Sieg der revolutionären Sozialdemokratie im Weltmaßstab ist absolut unvermeidlich, aber nur gegen euch wird er sich anbahnen und vorwärtsschreiten, wird er erkämpft und errungen werden, er wird ein Sieg über euch sein.
(2)
„Revolutionäre Sozialdemokratie“ war 1916 noch die Bezeichnung für die sich auf Marx berufenden kommunistischen Kräfte.
(Anmerkung der stalinistisch-hoxhaistischen Redaktion

Einige imperialistische Grossmächte beziehen Extraprofite aus der übrigen Welt und führen Kriege um die Teilung der Beute
[...] Im Gegenteil, es gibt heute nicht nur etwas, worum die Kapitalisten Krieg zu führen haben, sondern sie können auch nicht anders, sie müssen Krieg führen, wenn sie den Kapitalismus erhalten wollen, denn ohne eine gewaltsame Neuverteilung der Kolonien können die neuen imperialistischen Länder nicht die Privilegien erlangen, die die älteren (und weniger starken) imperialistischen Mächte genießen. [...]
Ein Häuflein reicher Länder – es gibt ihrer im ganzen vier, wenn man selbständigen und wirklich riesengroßen „modernen“ Reichtum im Auge hat: England, Frankreich, die Vereinigten Staaten und Deutschland –, dieses Häuflein Länder hat Monopole in unermesslichen Ausmaßen entwickelt, bezieht einen Extraprofit in Höhe von Hunderten Millionen, wenn nicht von Milliarden, saugt die anderen Länder, deren Bevölkerung nach Hunderten und aber Hunderten Millionen zählt, erbarmungslos aus und kämpft untereinander um die Teilung der besonders üppigen, besonders fetten, besonders bequemen Beute. Eben darin besteht das ökonomische und politische Wesen des Imperialismus [...]

Jede imperialistische Großmacht besticht mittels Extraprofiten die oberen Schichten „ihrer“ Arbeiterklasse, die sogenannte „Arbeiteraristokratie“

Die Bourgeoisie einer imperialistischen „Groß“macht ist ökonomisch in der Lage, die oberen Schichten „ihrer“ Arbeiter zu bestechen und dafür ein- oder zweihundert Millionen Francs im Jahr auszuwerfen; denn ihr Extraprofit beträgt wahrscheinlich rund eine Milliarde. Und die Frage, wie dieses kleine Almosen verteilt wird unter die Arbeiterminister, die „Arbeitervertreter“ (man erinnere sich der ausgezeichneten Analyse dieses Begriffs bei Engels), die Arbeitermitglieder der Kriegsindustriekomitees, die Arbeiterbüro-
kraten, die Arbeiter, die in eng zünftlerischen Gewerkschaften organisiert sind, die Angestellten usw. usw. – das ist schon eine Frage zweiter Ordnung. [...] Jetzt ist die „bürgerliche Arbeiterpartei“ unvermeidlich und typisch für alle imperialistischen Länder, aber in Anbetracht des verzweifelten Kampfes dieser Länder um die Teilung der Beute ist es unwahrscheinlich, dass eine solche Partei auf lange Zeit in mehreren Ländern die Oberhand behalten könnte. Denn die Truste, die Finanzoligarchie, die Teuerung usw., die die Bestechung einer dünnen Oberschicht ermöglichen, unterdrücken, unterjochen, ruinieren und quälen die Masse des Proletariats und Halbproletariats immer mehr.

Zwei Tendenzen: Zunehmende Ausbeutung und Unterdrückung durch die „privilegierten Nationen“ und der verstärkte Kampf der Massen dagegen

Einerseits haben Bourgeoisie und Opportunisten die Tendenz, das Häuflein der reichsten und privilegierten Nationen in „ewige“ Schmarotzer am Körper der übrigen Menschheit zu verwandeln, „auf den Lorbeeren“ der Ausbeutung der Neger, Inder usw. „auszuruhen“ und diese Völker mit Hilfe des modernen Militarismus, der mit einer großartigen Vernichtungstechnik ausgestattet ist, in Botmäßigkeit zu halten. Anderseits haben die Massen, die stärker denn je unterdrückt werden und alle Qualen der imperialistischen Kriege erdulden, die Tendenz, dieses Joch abzuwerfen und die Bourgeoisie zu stürzen. Die Geschichte der Arbeiterbewegung wird sich jetzt unvermeidlich im Kampf zwischen diesen beiden Tendenzen entwickeln.
Denn die erste Tendenz besteht nicht zufällig, sondern ist ökonomisch „begründet“. Die Bourgeoisie hat schon in allen Ländern „bürgerliche Arbeiterparteien“ der Sozialchauvinisten hervorgebracht, aufgezogen und sich dienstbar gemacht. [...]

Ohne ein System von Schmeichelei, Lüge und Versprechungen können die Massen „nicht geführt werden“

Wichtig ist, dass die Abspaltung der Schicht der Arbeiteraristokratie und ihr Übergang zur Bourgeoisie ökonomisch herangereift ist und sich vollzogen hat; eine politische Form aber, sei es dieser oder jener Art, wird dieses ökonomische Faktum, diese Verlagerung in den Beziehungen der Klassen zueinander, ohne besondere „Mühe“ finden. Auf der geschilderten ökonomischen Grundlage haben die politischen Institutionen des neusten Kapitalismus – Presse, Parlament, Verbände, Kongresse usw. – die den ökonomischen Privilegien und Almosen entsprechenden politischen Privilegien und Almosen für die respektvollen, braven, reformistischen und patriotischen Angestellten und Arbeiter geschaffen.
Einträgliche und ruhige Pöstchen im Ministerium oder im Kriegsindustriekomitee, im Parlament und in verschiedenen Kommissionen, in den Redaktionen der „soliden“ legalen Zeitungen oder in den Vorständen der nicht weniger soliden und „bürgerlich-folgsamen“ Arbeiterverbände – damit lockt und belohnt die imperialistische Bourgeoisie die Vertreter und Anhänger der „bürgerlichen Arbeiterparteien“. Die Mechanik der politischen Demokratie wirkt in der gleichen Richtung.
Ohne Wahlen geht es in unserem Zeitalter nicht; ohne die Massen kommt man nicht aus, die Massen aber können im Zeitalter des Buchdrucks und des Parlamentarismus nicht geführt werden ohne ein weitverzweigtes, systematisch angewandtes, solide ausgerüstetes System von Schmeichelei, Lüge, Gaunerei, das mit populären Modeschlagworten jongliert, den Arbeitern alles mögliche, beliebige Reformen und beliebige Wohltaten verspricht – wenn diese nur auf den revolutionären Kampf für den Sturz der Bourgeoisie verzichten. [...]

Ohne schonungslosen Kampf gegen die opportunistische Strömung kann weder von einem Kampf gegen den Imperialismus noch von einer revolutionären Arbeiterbewegung die Rede sein

Einzelne von den jetzigen sozialchauvinistischen Führern mögen zum Proletariat zurückkehren. Aber die sozialchauvinistische oder (was dasselbe ist) opportunistische Strömung kann weder verschwinden noch zum revolutionären Proletariat „zurückkehren“. Wo unter den Arbeitern der Marxismus populär ist, dort wird diese politische Strömung, diese „bürgerliche Arbeiterpartei“ auf den Namen Marx schwören. Man kann ihnen das nicht verbieten, wie man einer Handelsfirma nicht verbieten kann, ein beliebiges Etikett, ein beliebiges Aushängeschild, eine beliebige Reklame zu benutzen. Es ist in der Geschichte oft genug so gewesen, dass die Namen der revolutionären Führer, die bei den unterdrückten Klassen populär waren, nach dem Tode dieser Führer von ihren Feinden ausgenutzt wurden, um die unterdrückten Klassen irrezuführen. Tatsache ist, dass „bürgerliche Arbeiterparteien“ als politische Erscheinung schon in allen fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern entstanden sind, dass ohne entschiedenen, schonungslosen Kampf auf der ganzen Linie gegen diese Parteien – oder auch Gruppen, Richtungen usw. – weder von einem Kampf gegen den Imperialismus noch von Marxismus, noch von einer sozialistischen Arbeiterbewegung die Rede sein kann.
[...] Wir haben nicht den geringsten Grund zur Annahme, dass diese Parteien vor der sozialen Revolution verschwinden können. Im Gegenteil, je näher wir dieser Revolution sein werden, je machtvoller sie entbrennen wird, je schroffer und heftiger die Übergänge und Sprünge im Prozess der Revolution sein werden, eine um so größere Rolle wird in der Arbeiterbewegung der Kampf des revolutionären Stroms, des Stroms der Massen gegen den opportunistischen, den kleinbürgerlichen Strom spielen. [...]

„Tiefer, zu den untersten, zu den wirklichen Massen zu gehen“: darin liegt der Inhalt und „die ganze Bedeutung des Kampfes gegen den Opportunismus“

Wir können nicht – und niemand kann – genau ausrechnen, welcher Teil des Proletariats den Sozialchauvinisten und Opportunisten folgt und folgen wird. Das wird erst der Kampf zeigen, das wird endgültig nur die sozialistische Revolution entscheiden. Aber wir wissen mit Bestimmtheit, dass die „Vaterlandsverteidiger“ im imperialistischen Krieg nur eine Minderheit darstellen. Und es ist daher unsere Pflicht, wenn wir Sozialisten bleiben wollen, tiefer, zu den untersten, zu den wirklichen Massen zu gehen: darin liegt die ganze Bedeutung des Kampfes gegen den Opportunismus und der ganze Inhalt dieses Kampfes. Indem wir enthüllen, dass die Opportunisten und Sozialchauvinisten in Wirklichkeit die Interessen der Massen verraten und verkaufen, dass sie die zeitweiligen Privilegien einer Minderheit der Arbeiter verteidigen, dass sie Mittler bürgerlicher Ideen und Einflüsse,  dass sie in Wirklichkeit Verbündete und Agenten der Bourgeoisie sind, lehren wir die Massen, ihre wirklichen politischen Interessen zu erkennen und durch all die langen und qualvollen Wechselfälle der imperialistischen Kriege und der imperialistischen Waffenstillstände hindurch für den Sozialismus und die Revolution zu kämpfen.
Den Massen die Unvermeidlichkeit und Notwendigkeit des Bruchs mit dem Opportunismus klarmachen, sie durch schonungslosen Kampf gegen den Opportunismus zur Revolution erziehen, die Erfahrungen des Krieges ausnutzen, um alle Niederträchtigkeiten der nationalliberalen Arbeiterpolitik aufzudecken und nicht zu bemänteln – das ist die einzig marxistische Linie in der Arbeiterbewegung der ganzen Welt. [...]"
Quellenangaben:
Der vollständige Text von Lenin „Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus“ ist jeweils in folgenden Publikationen enthalten:
– W. I. Lenin, Werke, Band 23, S. 102–118
– W. I. Lenin, „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, „Der Imperialismus und Spaltung des Sozialismus“.

 

 

 




 

LENIN
100 Jahre

Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus