Ernst Thälmann

Reden und Schriften

 

9. November 1918

die Geburtsstunde der deutschen Revolution


 

Viereinhalb Jahre imperialistischer Massenmord hatten Europa in eine Hölle verwandelt. Blutströme von Millionen Toten, Millionen Verwundeten bedeckten die Erde. Namenloses Elend, Seuchen, Hungersnot wüteten viereinhalb Kriegsjahre hindurch unter den Massen der werktätigen Bevölkerung, während in den Hauptquartieren geschlemmt und gepraßt wurde, während die Kriegsgewinnler, die Industriekapitäne und Rüstungsfabrikanten immer fettere Dividenden einstrichen.

Viereinhalb Kriegsjahre, in denen durch die schamlose sozialpatriotische Propaganda der SPD die Massen als Kanonenfutter für die imperialistischen Generale mißbraucht werden konnten. Viereinhalb Kriegsjahre, während derer eine kleine Schar unter Führung Karl Liebknechts, Rosa Luxemburgs, Leo Jogiches' und Franz Mehrings als einzige in Deutschland das Banner des Sozialismus, das Banner des revolutionären Klassenkampfes hochhielt und unermüdlich unter den Massen für die proletarische Revolution, für die revolutionäre Beendigung des imperialistischen Krieges kämpfte.

Viereinhalbjahre, in denen nach dem schmählichen Überlaufen der SPD am 4. August 1914 ins Lager des wilhelminischen Imperialismus nur selten der Funke des revolutionären Klassenkampf es der deutschen Arbeiter wieder erglühte: am 1.Mai 1916, als Karl Liebknecht in Berlin seine Demonstration gegen die Regierung und gegen den Krieg durchführte und dafür auf Jahre ins Zuchthaus ging, im Januar 1918, als im Gefolge der großen russischen Revolution die Munitionsarbeiterstreiks in Deutschland und Österreich ausbrachen, als in Berlin Massendemonstrationen im Wedding und in Moabit stattfanden, die ersten Zusammenstöße der Proleten mit der Polizei erfolgten, Straßenbahnwagen umgestürzt wurden und das Feuer der Revolution nur noch mühsam durch den schmählichen Verrat der Ebert und Konsorten erstickt werden konnte.

Dann aber, im November 1918, ließen sich die viereinhalb Jahre lang betrogenen, gequälten Massen nicht länger bändigen. In Kiel begann es. Der Matrosenaufstand in den ersten Novembertagen war der Auftakt. Noch ganz unklar, verworren, ohne bewußte Zielsetzung nahmen die Matrosen die Macht in ihre Hände, hißten die rote Fahne. Hamburg und München folgten. Zumal in Hamburg trug die Bewegung vom ersten Tage an offen proletarischen Charakter. Es waren die Massen der Werftarbeiter, die sich mit den Soldaten und Matrosen verbrüderten und den revolutionären Arbeiter- und Soldatenrat Hamburgs, das Organ zur Führung des proletarischen Aufstandes, schufen, der freilich nur wenige Tage bestand.

Berlin selbst folgte am 9. November. Heute vor zehn Jahren marschierten unter der Führung des Spartakusbundes, unter der Führung Karl Liebknechts, die Arbeiter zu den Kasernen, entwaffneten das Militär, verbrüderten sich. Rote Fahnen wehten über dem Schloß, über dem Reichstag, über Berlin. Im Gebäude der Reichskanzlei aber, wo eben noch der letzte Kriegskanzler Wilhelms II., Prinz Max von Baden, mit seinen kaiserlichen Staatssekretären Scheidemann und Gustav Bauer residiert hatte, taten sich dieselben Ebert-Scheidemann-Landsberg auf. Sie, die noch am Morgen des 9. November im Vorwärts" die Arbeiter zur Ruhe, zum Verbleiben in den Betrieben aufgerufen hatten, die vier Tage vorher ihren Freund Noske nach Kiel entsandten, um die dortige Matrosenbewegung abzuwürgen, die tagaus, tagein zum Durchhalten", zum Kriegsanleihezeichnen" aufriefen, die noch eine Woche zuvor Wilhelm II. selber und am 9. November noch die Hohenzollerndynastie auf dem Thron zu halten versuchten - die gleichen Todfeinde der proletarischen Revolution taten sich zusammen, sie machten mit den schwankenden Spitzen der USP-Führung ihre Revolutionsregierung" auf.

Wie war die Situation? Die objektive Lage erfüllte alle Bedingungen für den Sieg der proletarischen Revolution, wie sie der Führer des Weltproletariats, Lenin, als Voraussetzungen zur Errichtung der proletarischen Herrschaft gekennzeichnet hat. Die herrschende Klasse und ihr Staatsapparat waren durch die militärischen Niederlagen des Weltkrieges zermürbt, ihre Machtinstrumente waren unbrauchbar geworden, das Militär und die Polizei konnten der Revolution keinen Widerstand mehr leisten. Wenn es auf den Willen der Generale, des Offizierskorps angekommen wäre, hätten am 9. November in Berlin Maschinengewehre geknattert, um die proletarischen Massen von der Straße zu vertreiben. Die Maschinengewehre hatte man schon tagelang in den amtlichen Gebäuden, in den Kellern und Hausfluren zur Aufstellung gebracht. Aber es fehlten die Soldaten, die bereit gewesen wären, diese Maschinengewehre gegen die proletarische Revolution zu gebrauchen.

Auf der anderen Seite hatte die furchtbare Krise des viereinhalbjährigen Krieges jene Zersetzung im Lager der herrschenden Klasse und vor allem der Mittelschichten bewirkt, die eine weitere Vorbedingung für den Sieg der proletarischen Revolution bildete. Die kleinbürgerlichen Massen, das Landvolk, Handwerker und Kleingewerbetreibende, bildeten nicht mehr treue Bundesgenossen des bürgerlich-kapitalistischen Staates, geschweige der Junker oder der Monarchie. Sie hatten es satt. Sie waren bereit, dem Kampf der Arbeiter keinen aktiven Widerstand entgegenzusetzen, eher noch ihn zu unterstützen.

Und die Arbeiterklasse selber? Nun, die Proleten im Waffenrock, die Proleten und die Arbeiterfrauen an den Drehbänken der Munitionsfabriken und in den Gifthöllen der chemischen Kriegsbetriebe drängten in überwältigender Mehrheit ins Lager der proletarischen Revolution. Nicht nur Beendigung dieses einmaligen Krieges, nein, Beseitigung des ganzen kapitalistischen Systems, Errichtung des Sozialismus auf den Trümmern der bankrotten bürgerlichen Gesellschaft - das war das Ziel, das den breitesten Massen vor Augen schwebte, wenn auch noch Verworrenheit, Unsicherheit, Unklarheit über den Weg zu diesem Ziel die Mehrheit der deutschen Arbeiter beherrschten.

So war, gemessen an der objektiven Klassensituation, den objektiven Kräfteverhältnissen, die Lage reif zum Siege der deutschen Revolution. Als am 9. November die Arbeiter sich der Panzerautomobile des Militarismus bemächtigten, trugen sie in sich das stolze Gefühl, den Sieg dieser Revolution mit ihrer Tat, mit ihrem revolutionären Kampfwillen, mit ihrer revolutionären Kühnheit unverbrüchlich zu besiegeln.

Und dennoch gelang es noch einmal, die Massen des deutschen Proletariats um die Früchte des 9. November zu betrügen. Die niedergeworfene Bourgeoisie sammelte ihre Kräfte wieder, erstickte durch das blutige Schwert ihres Söldners Noske und der übrigen sozialdemokratischen Henker des deutschen Proletariats den Freiheitswillen und den Freiheitskampf der deutschen Arbeiterklasse in Strömen kostbarsten proletarischen Blutes. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg fielen als Opfer. Mit ihnen Leo Joigiches, mit ihnen Levine, mit ihnen Sylt und Hunderte, Tausende und aber Tausende namenlose Helden der proletarischen Revolution, die alle, wie Karl und Rosa, auf ihrem Posten und nach ihrem Können ihr Bestes, ihr Alles hergaben für die Sache ihrer Klasse. Ihnen allen werden wir, wird das deutsche Proletariat und das Weltproletariat unverbrüchliche Treue bewahren!

Wie war es möglich, daß trotz aller Voraussetzungen für den proletarischen Sieg in den objektiven Kräfteverhältnissen der Revolution noch einmal die Bourgeoisie ihre morsch gewordene, brüchige Klassenherrschaft erneuern, festigen und das Proletariat niederwerfen konnte?

Die Tragödie der deutschen Revolution im Jahre 1918, in den Januarkämpfen 1919, in den Kämpfen nach dem Kapp-Putsch 1920, den Märzkämpfen 1921, bis zur letzten Welle der akuten revolutionären Situation, dieser ersten Periode, im Oktober 1923 - sie bestand in dem Zwiespalt zwischen den objektiven ausgereiften revolutionären Verhältnissen einerseits und der subjektiven Schwäche des deutschen Proletariats, hervorgerufen durch das Fehlen einer zielklaren bolschewistischen Partei andererseits.

An der Jahreswende 1918/1919 waren die Massen bereit zum Kampf, aber es fehlte die zielklare Führerin, die diesen Kampf hätte organisieren, den Bluthund Noske und seine Komplicen Ebert und Scheidemann samt ihren Generalen und weißen Garden durch die planvolle Organisierung und Durchführung des bewaffneten Aufstandes zerschmettern und ausrotten können.

Nicht der revolutionäre Instinkt, nicht das unvergleichliche Heldentum der einzelnen Führer des Spartakusbundes, der hingemordeten Gründer unserer Partei, konnte den Bestand einer eisernen, im Feuer der revolutionären Erfahrungen zu Stahl gehärteten Avantgarde ersetzen. Karl und Rosa wurden gerade deshalb zu Opfern der barbarischen sozialdemokratischen Konterrevolution, zu Opfern der Noske, Ebert und Scheidemann und ihrer gekauften Meuchelmörder, weil sie noch nicht dem deutschen Proletariat die Waffe hatten schmieden können, die das russische Proletariat zum Siege befähigte: die bolschewistische Partei!

Trotz alledem! Diese "Worte waren das revolutionäre Bekenntnis, mit dem Karl Liebknecht am Tage des blutigen Sieges der Konterrevolution - einen Tag vor seinem Tode - seinen letzten Kampfruf für das Zentralorgan der eben gegründeten KPD, Die Rote Fahne", beendete.

Trotz alledem! Das war die Losung, unter der die revolutionäre Vorhut des deutschen Proletariats das Erbe Karl Liebknechts erhielt und fortentwickelte: das Erbe aller sozialistischen Vorkämpfer der deutschen Arbeiterbewegung der Vergangenheit, das Erbe des engsten Bündnisses mit dem Staat der siegreichen proletarischen Revolution, mit der Sowjetunion, das Erbe des unermüdlichen, nie erlahmenden, aus Schlägen und Niederlagen sich immer wieder erhebenden Kampfes für die deutsche Revolution, für Sowjetdeutschland!

Zehn Jahre nach dem 9. November 1918. - Der ersten Periode der revolutionären Kämpfe, der sich immer wieder akut revolutionär zuspitzenden Situation in den Jahren 1919 bis 1923, folgte die Periode einer gewissen Stabilisierung des Kapitalismus, nachdem auch der Oktober 1923 durch die Unreife unserer Partei, durch die schweren Fehler der damaligen Führung Brandler und Thalheimer noch einen letzten Triumph der bürgerlichen Konterrevolution und des sozialdemokratischen Verrats gebracht hatte.

Aber wie in den Wellen der Revolution blieb auch in der Periode einer gewissen Flaute die klassenrevolutionäre Bewegung der deutschen Arbeiter niemals stehen. Schwächen und Fehler wurden im Prozeß der Selbstverständigung, der Klärung und Reifung unserer Partei überwunden. Nach dem Vorbild der ersten siegreichen proletarischen Partei der Welt, der Partei Lenins, rang sich auch die kommunistische Bewegung Deutschlands zu größerer Klarheit, bolschewistischem Zielbewußtsein und einem höheren Grad der revolutionären Erfahrungen durch.

Zehn Jahre, an deren Ende die unerhörte Hungeroffensive des deutschen Trustkapitals, die vollständige Knechtung, Verelendung und Entwürdigung der deutschen Proletarier steht - während die elf Jahre nach dem siegreichen Aufstand des russischen Proletariats elf Jahre Arbeiterherrschaft, elf Jahre proletarische Diktatur, ein Riesenmaß der positiven Erfolge des sozialistischen Aufbaus zeigen. Zehn Jahre aber zugleich, die auch für das deutsche Proletariat nicht vergebens vorübergingen, in denen es sich seine Kommunistische Partei, seine Kampftruppe für die kommende zweite Revolution, für den Kampf um die deutsche Sowjetrepublik, geschaffen hat!

Das erste Jahrzehnt nach der Geburtsstunde der deutschen Revolution geht zu Ende, und wir sehen vor uns den Beginn einer neuen Periode revolutionärer Aktivität, Wirtschaftskämpfe in ganz Europa und vor allem in Deutschland, die Millionen Arbeiter erfassen und der erste Durchbruch gegen das angefaulte, früher oder später durch seine inneren Widersprüche zum Zusammenbruch verdammte System der kapitalistischen Stabilisierung sind. Die Zehntausende kämpfender Werftarbeiter, die Hunderttausende der Hüttenarbeiter des Ruhrgebiets, die heute gegen die Hungerpeitsche des Kapitals aufstehen, zeigen die neue Situation und zugleich - infolge der immer schärferen Zuspitzung der äußeren Gegensätze der imperialistischen Mächte - brennender, aktueller, näher denn je die Gefahr des imperialistischen Krieges, durch den das sozialistische Vaterland aller Arbeiter der Welt, die Sowjetunion, bedroht wird.

In dieser neuen Periode einer sich stetig verschärfenden Zuspitzung der Klassengegensätze, einer sich täglich steigernden Gefahr des imperialistischen Krieges leisten wir deutschen Kommunisten erneut den Treueschwur auf das Vermächtnis der proletarischen Helden, den Treueschwur auf das Werk Lenins, den Treueschwur auf das Andenken Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs: Trotz alledem!

Am Zehnjahrestag des 9. November 1918 geloben wir deutschen Kommunisten, das Werk vom 9. November 1918 zu Ende zu führen, auf den Trümmern des bürgerlich-kapitalistischen Deutschlands die proletarische Diktatur, die deutsche Sowjetrepublik, zu errichten!

Die Rote Fahne vom 9. November 1928.

Thälmann, Ernst: Reden und Aufsätze zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 2, Verlag <Roter Morgen>, Hamburg 1971, S. 9 - 15