Karl Marx - Friedrich Engels - August Bebel

[ Es war übrigens August Bebel (zusammen mit Bernstein), der den gesamten

Briefwechsel zwischen Marx und Engels

erstmals veröffentlicht hatte ]

 

 

 

Briefwechsel zwischen Marx/Engels und Bebel

(PDF)

zusammengestellt von Wolfgang Eggers

 

 

Liste der Briefe von Marx/Engels and Bebel

 

1873 - August 1879

1 - (Engels) 20. Juni 1873. 2529
2 - (Engels) 18.-28. März 1875. 2572
3-(Engels) 12. Okt. 1875. 2591
4 - (Engels) 15.0kt. 1875. 2592
5 - (Engels) 4. Aug. 1879. 2749


6 - (Brief von Marx/Engels) <I7.-18.Sept. 1879>
an August Bebel, Wilhelm Liebknecht,
Wilhelm Bracke u.a. (Zirkularbrief)

 

November 1879 - Oktober 1882

7-(Engels) 14. Nov. 1879. 2761
8 - (Engels) 24. Nov. 1879. 2763
9 - (Engels) 16. Dez. 1879. 2767
10 - (Engels) [Anfang Mai 1880.] 2777
11 - (Engels) 3O.März 1881. 2816
12 - (Engels) 28. April 1881. 2821
13-(Engels) 25. Aug. 1881.2841
14 - (Engels) 16. Mai 1882. 2885
15- (Engels) 21 Juni 1882. 2892
16 - (Engels) 23.SePt. 1882.2906
17-(Engels) 28. Okt. 1882.2911

 

Dezember 1882 - Juni 1884


18 - (Engels) 22.Dez. 1882.2925
19 - (Engels) 7. März 1883. 2938
20 - (Engels) 3O.April 1883. 2963
21 - (Engels) 10.-11.Mai 1883. 2966
22 - (Engels) 30.Aug. 1883. 2981
23 - (Engels) 18. Jan. 1884. 2997
24 - (Engels) 23. Jan. 1884. 2998
25 - (Engels) 6. Juni 1884. 3036

 

Oktober 1884 - Januar 1885


26 - (Engels) 1 l.Okt. 1884.3066
27 - (Engels) 29. Okt. 1884. 3074
28 - (Engels) 18. Nov. 1884. 3079
29 - (Engels) 1 l.-12.Dez. 1884.3084
30 - (Engels) 30. Dez. 1884. 3088
31 - (Engels) 19.Jan. 1885.3096

 

April 1885 - Februar 1886


3 2 - (Engels) 4.ApriI 1885. 3108
33 - (Engels) 22.-24.Juni 1885. 3128
3 4 - (Engels) 24. Juli 1885. 3133
35 - (Engels) 28. Okt. 1885.3154
36-(Engels) 17. Nov. 1885.3159
37 - (Engels) 20.-23.Jan. 1886. 3178
38 - (Engels) 15.Febr. 1886. 3187

 

 

Februar 1886 - Oktober 1886


39 - (Engels) 18. März 1886. 3197
40 - (Engels) 12.April 1886. 3200
41 - (Engels) 18.Aug. 1886.3222
42 - (Engels) 13.-14.Sept. 1886. 3233
43 - (Engels) 8. Okt. 1886. 3240
44 - (Engels) 23.-25. Okt. 1886. 3244

 

 

1887 - 1890


45 - (Engels) 13. Aug. 1887. 3314
46 - (Engels) 30. Aug. 1887. 3317
47 - (Engels) 12. April 1888. 3360
48 - (Engels) 25.0kt. 1888. 3400
49 - (Engels) 5. Jan. 1889. 3406
50 - (Engels) 15.Nov. 1889. 3485
51 - (Engels) 23. Jan. 1890. 3509
52-(Engels) 17. Febr. 1890.3511
53 - (Engels) 9. Mai 1890. 3531

 

 

April 1891 - Oktober 1891


54 - (Engels) [Anfang April 1891.] 3645
55 - (Engels) 1.-2. Mai 1891.3659
56 - (Engels) 29.Sept. - l.Okt. 1891. 368657-(Engels)

6. Okt. 1891.3689

 

Oktober 1891 - Dezember 1891

58-(Engels) 13.0kt. 1891.3691
59 - (Engels) 24.-26. Okt. 1891.3696
60 - (Engels) 9.-10. Nov. 1891. 3704
6 1 - (Engels) 25.Nov. 1891. 3711
62-(Engels) I.Dez. 1891.3714

 

Februar 1892 - März 1892


63 - (Engels) 2.Febr. 1892. 3731
64 - (Engels) 19.Febr. 1892. 3741
65 - (Engels) 8.März 1892.3745
66 - (Engels) 16.März 1892. 3749

 

April 1892 - Juli 1892


67 - (Engels) 16. April 1892. 3757
6 8 - (Engels) 7. Mai 1892. 3766
69-(Engels) 20. Juni 1892. 3785
70-(Engels) 5.Juli 1892. 3791
7 1 - (Engels) 6. Juli 1892.3793
7 2 - (Engels) 7.Juli 1892. 3794

 

Juli 1892 - September 1892


7 3 - (Engels) 23.Juli 1892. 3800
74 - (Engels) 8.Aug. 1892.3807
75 - (Engels) H.Aug. 1892.3810
76 - (Engels) 2O.Aug. 1892.3813
77 - (Engels) 25.Aug. 1892. 3817
78 - (Engels) 11. Sept. 1892.3823
79 - (Engels) 26. Sept. 1892. 3833

 

 

Oktober 1892 - Dezember 1892


80-(Engels) 7.0kt. 1892.3839
81 - (Engels) 6.Nov. 1892.3851
82 - (Engels) 15.Nov. 1892.3854
83 - (Engels) 19.Nov. 1892.3856
84 - (Engels) 29.Nov. 1892.3859
85 - (Engels) 3.Dez. 1892.3867
86 - (Engels) 22. Dez. 1892. 3874

 

1893 - 1894

Teil 1

Teil 2


87 - (Engels) 24.Jan. 1893. 3887
88 - (Engels) 9. Febr. 1893. 3896
89 - (Engels) 24.Febr. 1893. 3898
90 - (Engels) 12. Okt. 1893. 3959
91 - (Engels) 18.-21. Okt. 1893.3964
92 - (Engels) <14.Nov. 1894> - siehe unter
Bebel, August und Paul Singer
1 - (Engels) 14. Nov. 1894.4066
Bebel, August, Wilhelm Liebknecht, Wilhelm
Bracke u.a. [Friedrich Wilhelm
Fritzsche, Bruno Geiser und Wilhelm Hasenclever]
(Zirkularbrief)
1 - (Marx/Engels) 17.-18. Sept. 1879.2755
Bebel, Johanna Caroline Julie
(1843-1910) seit 1866 Frau und Kampfgefährtin
von August Bebel.
1 - (Engels) 12. März 1887.3275

2 - (Engels) 8. März 1892. 3746
3 - (Engels) 29.Nov. 1892.3858
4 - (Engels) 31. März 1893.3915
5 - (Engels) 3. Okt. 1893. 3954

 

 

 

 

 

 

 

 

Briefwechsel zwischen Engels und Bebel

 

 

Darauf antwortete mir Engels folgendes:


"London, 18./28. März 1875.


Lieber Bebel!


Ich habe Ihren Brief vom 23. Februar erhalten und freue mich, daß es Ihnen körperlich so gut geht.
Sie fragen mich, was wir von der Einigungsgeschichte halten? Leider ist es uns ganz gegangen wie Ihnen.
Weder Liebknecht noch sonst jemand hat uns irgendwelche Mitteilung gemacht, und auch wir wissen daher nur, was in den Blättern steht, und da stand nichts, bis vor zirka acht Tagen der Programmentwurf kam. Der hat uns allerdings nicht wenig in Erstaunen gesetzt.
Unsere Partei hatte so oft den Lassalleanern die Hand zur Versöhnung oder doch wenigstens zum Kartell geboten und war von den Hasenclever, Hasselmann und Tölckes so oft und so schnöde zurückgewiesen worden, daß daraus jedes Kind den Schluß ziehen mußte: wenn diese Herren jetzt selbst kommen und Versöhnung bieten, so müssen sie in einer verdammten Klemme sein. Bei dem wohlbekannten Charakter dieser Leute ist es aber unsere Schuldigkeit, diese Klemme zu benutzen, um uns alle und jede mögliche Garantien auszubedingen, damit nicht jene Leute auf Kosten unserer Partei in der öffentlichen Arbeitermeinung ihre erschütterte Stellung wieder befestigen. Man mußte sie äußerst kühl und mißtrauisch empfangen, die Vereinigung abhängig machen von dem Grade ihrer Bereitwilligkeit, ihre Sektenstichworte und ihre Staatshilfe fallen zu laufen und im wesentlichen das Eisenacher Programm von 1869 oder eine für den heutigen Zeitpunkt angemessene verbesserte Ausgabe desselben anzunehmen. Unsere Partei hätte von den Lassalleanern in theoretischer Beziehung, also in dem, was fürs Programm entscheidend ist, absolut nichts zu lernen, die Lassalleaner aber wohl von ihr; die erste Bedingung der Vereinigung war, daß sie aufhörten, Sektierer, Lassalleaner zu sein, daß sie also vor allem das Allerweltsheilmittel der Staatshilfe wo
nicht ganz aufgaben, doch als eine untergeordnete Uebergangsmaßregel unter und neben vielen möglichen anderen anerkannten. Der Programmentwurf beweist, daß unsere Leute theoretisch den Lassalleanerführern hundertmal überlegen--ihnen an politischer Schlauheit ebensowenig gewachsen sind; die "Ehrlichen" sind einmal wieder von den Nichtehrlichen grausam über den Löffel barbiert.
Zuerst nimmt man die großtönende, aber historisch falsche Lassallesche Phrase an: gegenüber der
Arbeiterklasse seien alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse. Dieser Satz ist nur in einzelnen
Ausnahmefällen wahr, zum Beispiel in einer Revolution des Proletariats, wie die Kommune, oder in einem Land, wo nicht nur die Bourgeoisie Staat und Gesellschaft nach ihrem Bilde gestaltet hat, sondern auch schon nach ihr das demokratische Kleinbürgertum diese Umbildung bis auf ihre letzten Konsequenzen durchgeführt hat. Wenn zum Beispiel in Deutschland das demokratische Kleinbürgertum zu dieser reaktionären Masse gehörte, wie konnte da die sozialdemokratische Arbeiterpartei jahrelang mit ihm, mit der Volkspartei Hand in Hand gehen? Wie kann der "Volksstaat" fast seinen ganzen politischen Inhalt aus der kleinbürgerlich-demokratischen "Frankfurter Zeitung" nehmen? Und wie kann man nicht weniger als sieben Forderungen in dies selbe Programm aufnehmen, die direkt und wörtlich übereinstimmen mit dem Programm der Volkspartei und kleinbürgerlichen Demokratie? Ich meine, die sieben politischen Forderungen 1 bis 5 und 1 bis 2, von denen keine einzige, die nicht bürgerlich-demokratisch.
Zweitens wird das Prinzip der Internationalität der Arbeiterbewegung praktisch für die Gegenwart vollständig verleugnet, und das von den Leuten, die fünf Jahre lang und unter den schwierigsten Umständen dies Prinzip auf die ruhmvollste Weise hochgehalten. Die Stellung der deutschen Arbeiter an der Spitze der europäischen Bewegung beruht wesentlich auf ihrer echt internationalen Haltung während des Kriegs; kein anderes Proletariat hätte sich so gut benommen. Und jetzt soll dies Prinzip von ihnen verleugnet werden im Moment, wo überall im Ausland die Arbeiter es in demselben Maß betonen, in dem die Regierungen jeden Versuch europäischen Arbeiter zu ihrer Befreiung--nein, auf eine künftige "internationale Völkerverbrüderung"--auf die "Vereinigten Staaten von Europa" der Bourgeois von der Friedensliga!
Es war natürlich gar nicht nötig, von der Internationale als solche zu sprechen. Aber das mindeste war doch, keinen Rückschritt gegen das Programm von 1869 zu tun und etwa zu sagen: obgleich die deutsche Arbeiterpartei zunächst innerhalb der ihr gesetzten Staatsgrenzen wirkt (sie hat kein Recht, im Namen des europäischen Proletariats zu sprechen, besonders nicht etwas Falsches zu sagen), so ist sie sich ihrer Solidarität bewußt mit den Arbeitern aller Länder, und wird stets bereit sein, wie bisher auch fernerhin die ihr durch diese Solidarität aufgelegten Verpflichtungen zu erfüllen. Derartige Verpflichtungen bestehen auch ohne daß man gerade sich als Teil der "Internationale" proklamiert oder ansieht, zum Beispiel Hilfe, Abhalten von Zuzug bei Streiks, Sorge dafür, daß die Parteiorgane die deutschen Arbeiter von der ausländischen Bewegung unterrichtet halten, Agitation gegen drohende oder ausbrechende Kabinettskriege, Verhalten während solcher wie 1870 und 1871 mustergültig durchgeführt usw.
Drittens haben sich unsere Leute das Lassallesche "eherne Lohngesetz" aufoktroyieren lassen, das auf einer ganz veralteten ökonomischen Ansicht beruht, nämlich daß der Arbeiter im Durchschnitt nur das Minimum des Arbeitslohnes erhält, und zwar deshalb, weil nach Malthusscher Bevölkerungstheorie immer zuviel Arbeiter da sind (dies war Lassalles Beweisführung). Nun hat Marx im "Kapital" ausführlich nachgewiesen, daß die Gesetze, die den Arbeitslohn regulieren, sehr kompliziert sind, daß je nach den Verhältnissen bald dieses, bald jenes vorwiegt, daß sie also keineswegs ehern, sondern im Gegenteil sehr elastisch sind, und daß die Sache gar nicht so mit ein paar Worten abzumachen ist, wie Lassalle sich einbildete. Die Malthussche Begründung des von Lassalle ihm und Ricardo (unter Verfälschung des letzteren) abgeschriebenen Gesetzes, wie sie sich zum Beispiel "Arbeiterlesebuch" Seite 5 aus einer anderen Broschüre Lassalles zitiert findet, ist von Marx in dem Abschnitt über "Akkumulationsprozeß des Kapitals" ausführlich widerlegt. Man bekennt
sich also durch Adoptierung des Lassalleschen "ehernen Gesetzes" zu einem falschen Satz und einer falschen Begründung desselben.
Viertens stellt das Programm als einzige soziale Forderung auf--die Lassallesche Staatshilfe in ihrer
nacktesten Gestalt, wie Lassalle sie von Buchez gestohlen hatte. Und das, nachdem Bracke diese Forderung sehr gut in ihrer ganzen Nichtigkeit aufgewiesen; nachdem fast alle, wo nicht alle Redner unserer Partei im Kampf mit den Lassalleanern genötigt gewesen sind, gegen diese "Staatshilfe" aufzutreten! Tiefer konnte unsere Partei sich nicht demütigen. Der Internationalismus heruntergekommen auf Amand Gögg, der Sozialismus auf den Bourgeoisrepublikaner Buchez, der diese Forderung gegenüber den Sozialisten stellte, um sie auszustechen!
Im besten Fall aber ist die "Staatshilfe" im Lassalleschen Sinne doch nur eine einzige Maßregel unter vielen anderen, um das Ziel zu erreichen, was hier mit den lahmen Worten bezeichnet wird: "um die Lösung der sozialen Frage anzubahnen", als ob es für uns noch eine theoretisch ungelöste soziale Frage gäbe! Wenn man also sagt: Die deutsche Arbeiterpartei erstrebt die Abschaffung der Lohnarbeit und damit der Klassenunterschiede vermittels der Durchführung der genossenschaftlichen Produktion in Industrie und Ackerbau und auf nationalem Maßstab; sie tritt ein für jede Maßregel, welche geeignet ist, dieses Ziel zu erreichen!--so kann kein Lassalleaner etwas dagegen haben.
Fünftens ist von der Organisation der Arbeiterklasse als Klasse vermittels der Gewerksgenossenschaften gar keine Rede. Und das ist ein sehr wesentlicher Punkt, denn dies ist die eigentliche Klassenorganisation des Proletariats, in der es seine täglichen Kämpfe mit dem Kapital durchficht, in der es sich schult, und die heutzutage bei der schlimmsten Reaktion (wie jetzt in Paris) platterdings nicht mehr kaput zu machen ist. Bei der Wichtigkeit, die diese Organisation auch in Deutschland erreicht, wäre es unserer Ansicht nach unbedingt notwendig, ihrer im Programm zu gedenken und ihr womöglich einen Platz in der Organisation der Partei offen zu lassen.
Das alles haben unsere Leute den Lassalleanern zu Gefallen getan. Und was haben die anderen nachgegeben?

Daß ein Haufen ziemlich verworrener rein demokratischer Forderungen im Programm figurieren, von denen manche reine Modesache sind, wie zum Beispiel die "Gesetzgebung durch das Volk", die in der Schweiz besteht und mehr Schaden als Nutzen anrichtet, wenn sie überhaupt was anrichtet. Verwaltung durch das Volk, das wäre noch etwas. Ebenso fehlt die erste Bedingung aller Freiheit: daß alle Beamte für alle ihre Amtshandlungen jedem Bürger gegenüber vor den gewöhnlichen Gerichten und nach gemeinem Recht verantwortlich sind. Davon, daß solche Forderungen wie: Freiheit der Wissenschaft--Gewissensfreiheit, in jedem liberalen Bourgeoisprogramm figurieren und sich hier etwas befremdend ausnehmen, davon will ich weiter nicht sprechen.
Der freie Volksstaat ist in den freien Staat verwandelt. Grammatikalisch genommen ist ein freier Staat ein solcher, wo der Staat frei gegenüber seinen Bürgern ist, also ein Staat mit despotischer Regierung. Man sollte das ganze Gerede vom Staat fallen lassen, besonders seit der Kommune, die schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr war. Der "Volksstaat" ist uns von den Anarchisten bis zum Ueberdruß in die Zähne geworfen worden, obwohl schon die Schrift Marx' gegen Proudhon und nachher das Kommunistische Manifest direkt sagen, daß mit Einführung der sozialistischen Gesellschaftsordnung der Staat sich von selbst auflöst und verschwindet. Da nun der Staat doch nur eine vorübergehende Einrichtung ist, deren man sich im Kampf, in der Revolution bedient, um seine Gegner gewaltsam niederzuhalten, so ist ist es purer Unsinn, von freiem Volksstaat zu sprechen: solange das Proletariat den Staat noch gebraucht, gebraucht es ihn nicht im Interesse der Freiheit, sondern der Niederhaltung seiner Gegner, und sobald von Freiheit die Rede sein kann, hört der
Staat als solcher auf, zu bestehen. Wir würden daher vorschlagen, überall statt Staat "Gemeinwesen" zu setzen, ein gutes altes deutsches Wort, das das französische "Kommune" sehr gut vertreten kann.
"Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit" ist auch eine sehr bedenkliche Phrase statt:
"Aufhebung aller Klassenunterschiede". Von Land zu Land, von Provinz zu Provinz, von Ort zu Ort sogar wird immer eine gewisse Ungleichheit der Lebensbedingungen bestehen, die man auf ein Minimum reduzieren, aber nie ganz beseitigen können wird. Alpenbewohner werden immer andere Lebensbedingungen haben als Leute des flachen Landes. Die Vorstellung der sozialistischen Gesellschaft als des Reiches der Gleichheit ist eine einseitige französische Vorstellung, anlehnend an das alte "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", eine Vorstellung, die als Entwicklungsstufe ihrer Zeit und ihres Ortes berechtigt war, die aber, wie alle die Einseitigkeiten der früheren sozialistischen Schulen, jetzt überwunden sein sollten, da sie nur Verwirrung in den Köpfen anrichten, und präzisere Darstellungsweisen der Sache gefunden sind.
Ich höre auf, obwohl fast jedes Wort in diesem dabei saft- und kraftlos redigierten Programm zu kritisieren wäre. Es ist der Art, daß, falls es angenommen wird, Marx und ich uns nie zu der auf dieser Grundlage errichteten neuen Partei bekennen können und uns sehr ernstlich werden überlegen müssen, welche Stellung wir--auch öffentlich--ihr gegenüber zu nehmen haben. Bedenken Sie, daß man uns im Auslande für alle und jede Aeußerungen und Handlungen der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei verantwortlich macht.
So Bakunin in seiner Schrift "Politik und Anarchie", wo wir einstehen müssen für jedes unüberlegte Wort, das Liebknecht seit Stiftung des "Demokratischen Wochenblattes" gesagt und geschrieben. Die Leute bilden sich eben ein, wir kommandierten von hier aus die ganze Geschichte, während Sie so gut wie ich wissen, daß wir uns fast nie im geringsten in die inneren Parteiangelegenheiten gemischt, und auch dann nur, um Böcke, die nach unserer Ansicht geschossen worden, und zwar nur theoretische, wieder nach Möglichkeit gutzumachen.
Sie werden aber selbst einsehen, daß dies Programm einen Wendepunkt bildet, der uns sehr leicht zwingen könnte, alle und jede Verantwortlichkeit mit der Partei, die es anerkennt, abzulehnen.
Im allgemeinen kommt es weniger auf das offizielle Programm einer Partei an, als auf das, was sie tut. Aber ein neues Programm ist doch immer eine öffentlich aufgepflanzte Fahne, und die Außenwelt beurteilt danach die Partei. Es sollte daher keinenfalls einen Rückschritt enthalten, wie dies gegenüber dem Eisenacher. Man sollte doch auch bedenken, was die Arbeiter anderer Länder zu diesem Programm sagen werden; welchen Eindruck diese Kniebeugung des gesamten deutschen sozialen Proletariats vor dem Lassalleanismus machen wird.

Dabei bin ich überzeugt, daß eine Einigung auf dieser Basis kein Jahr dauern wird. Die besten Köpfe unserer Partei sollten sich dazu hergeben, auswendig gelernte Lassallesche Sätze vom ehernen Lohngesetz und der Staatshilfe abzuleiern? Ich möchte zum Beispiel Sie dabei sehen! Und täten sie es, ihre Zuhörer würden sie auszischen. Und ich bin sicher, die Lassalleaner bestehen gerade auf diesen Stücken des Programms wie der Jude Shylock auf seinem Pfund Fleisch. Die Trennung wird kommen; aber wir werden Hasselmann, Hasenclever und Tölcke und Konsorten wieder "ehrlich gemacht" haben; wir werden schwächer und die Lassalleaner stärker aus der Trennung hervorgehen; unsere Partei wird ihre politische Jungferschaft verloren haben und wird nie wieder gegen Lassallephrasen, die sie eine Zeitlang selbst auf die Fahne geschrieben, herzhaft auftreten können; und wenn die Lassalleaner dann wieder sagen: sie seien die eigentlichste und einzige Arbeiterpartei, unsere Leute seien Bourgeois, so ist das Programm da, um es zu beweisen. Alle sozialistischen Maßregeln darin sind ihre, und unsere Partei hat nichts hineingesetzt als Forderungen der kleinbürgerlichen Demokratie, die doch auch von ihr in denselben Programm als Teil der "reaktionären Masse" bezeichnet ist!
Ich hatte diesen Brief liegen lassen, da Sie doch erst am 1. April zu Ehren von Bismarcks Geburtstag frei kommen und ich ihn nicht der Chance des Abfassens bei einem Schmuggelversuch aussetzen wollte. Da kommt nun gerade ein Brief von Bracke, der auch wegen des Programms seine schweren Bedenken hat und unsere Meinung wissen will. Ich schicke ihn daher zur Beförderung an ihn, damit er ihn lese und ich den ganzen Kram nicht noch einmal zu schreiben brauche. Uebrigens habe ich Ramm ebenfalls klaren Wein eingeschenkt, an Liebknecht schrieb ich nur kurz. Ich verzeihe ihm nicht, daß er uns von der ganzen Sache kein Wort mitgeteilt (während Ramm und andere glaubten, er habe uns genau unterrichtet), bis es sozusagen zu spät war. Das hat er zwar von jeher so gemacht--und daher die viele unangenehme Korrespondenz, die wir, Marx sowohl wie ich, mit ihm hatten--aber diesmal ist es doch zu arg, und wir gehen entschieden nicht mit.
Sehen Sie, daß Sie es einrichten, im Sommer herzukommen, Sie wohnen natürlich bei mir, und wenn das Wetter gut, können wir ein paar Tage seebaden gehen, das wird Ihnen nach dem langen Brummen recht nützlich sein.


Freundlichst Ihr


F.E.


Marx ist eben ausgezogen, er wohnt 41 Maitland Park Crescent NW, London."

 

 

 

 

 

Bracke, der dem Kongreß aus Gesundheitsrücksichten fernbleiben mußte, war am Schlusse desselben durch die erzielten Resultate in günstigerer Stimmung.

So schrieb er am 27. Mai an Engels:


"Ich persönlich kann Ihnen noch keine Mitteilung sagen, da man das, was beschlossen ist, erst vor sich haben muß, ehe man urteilt. Sind diese Beschlüsse nicht unsinnig, werden wir auch keinen Unsinn machen.
(Anspielung auf einen Brief Liebknechts an Bracke.) Jedenfalls war bei Liebknecht, Geib usw. der ernste Wille vorhanden, den begangenen Fehler wieder gutzumachen. Der Verlauf des Kongresses hat gezeigt, daß die Konzessionen des Entwurfes weit weniger wegen der Arbeiter nötig waren als aus persönlicher Rücksicht gegen Hasenclever usw. Soweit bis jetzt ein Urteil möglich ist, bin ich mit dem Kongreß zufrieden, denn derselbe hat gezeigt, daß die Arbeiter tatsächlich viel weiter sind als ich glaubte."
Ich kam erst im Herbst dazu, Engels auf seinen Brief von Ende März zu antworten.

Ich schrieb: "Leipzig, den 21. Sept. 1875.


Lieber Engels!
Ich muß recht sehr um Entschuldigung bitten, daß ich Sie auf Ihren Brief von Ende März ohne alle Antwort gelassen. Ich kann Ihnen aber versichern, daß ich in den ersten drei bis vier Monaten nach meiner Freilassung keine ruhige Stunde gehabt, in der ich den Brief hätte beantworten können, und selbst heute fällt es mir schwer, die nötige Muße aufzutreiben.
Mit dem Urteil, das Sie über die Programmvorlage fällten, stimme ich, wie das auch Briefe von mir an Bracke beweisen, vollkommen überein. Ich habe auch Liebknecht über seine Nachgiebigkeit heftige Vorwürfe gemacht, aber nachdem einmal das Malheur geschehen war, galt es, sich so gut als möglich herauszuziehen. Was der Kongreß beschlossen, war das Aeußerste, was zu erreichen war. Es zeigte sich auf der anderen Seite
eine entsetzliche Borniertheit und teilweise Verbissenheit, man mußte mit den Leuten wie mit
Porzellanpüppchen umgehen, wollte man nicht, daß der mit soviel Lärm in Szene gesetzte Einigungskongreß zum Jubel der Gegner und zur größten Blamage der Partei resultatlos auseinanderging. Schließlich gelang es aber dennoch, namentlich in der Personenfrage, derart zu operieren, daß wir mit dem Resultat zufrieden sein konnten. Es wird allerdings noch manchen Kampf gegen die Borniertheit und den persönlichen Egoismus zu kämpfen geben, aber ich zweifle nicht, daß auch diese Kämpfe, wenn wir geschickt operieren, ohne Schaden für das Ganze ausgefochten werden, und daß in zwei Jahren ein ganz anderer Geist die jetzt teilweise noch widerhaarigen Elemente durchdringt.
Das Ganze ist eine Erziehungsfrage. Nachdem die Leute acht bis neun Jahre in Lassalle Schweitzerschem Geiste erzogen worden sind, wollen sie sich nicht sofort an die andere Methode gewöhnen, hier gilt's, Geduld haben.
Die von mir bezeichnete Erziehungsmethode würde sich vielleicht erheblich abkürzen lassen, wenn wir hier den von allen Seiten herbeiströmenden Einladungen zu Versammlungen und Festreden genügen könnten. Im persönlichen Verkehr mit den Leuten ließen sich Vorurteile und Voreingenommenheiten rascher beseitigen, aber wir können nicht entfernt leisten, was verlangt wird.
Ich speziell bin durch mein Geschäft ganz bedeutend lahm gelegt, und der Durchkrach bei der Landtagswahl hat niemand mehr gefreut als mich. Liebknecht und Motteler geht es, trotzdem sie in der Partei ihre ganze Stellung haben, nicht viel besser; denn ihre laufende Arbeit verträgt sich schlecht mit dem vagabundierenden Agitatorenleben, und dann haben wir in diesem Punkte auch schon zuviel geleistet, um noch große Sehnsucht danach zu empfinden. Lunge und Stimmorgane sprechen ja auch ein Wörtchen mit.
Im allgemeinen können wir mit dem Gang der Partei sehr zufrieden sein, jetzt sieht man erst, wie die frühere Bekämpfung die Kräfte zersplitterte, die Partei ist jetzt finanziell so gestellt, wie nie zuvor, und die Steuern gehen, trotz der schlechten Geschäftszeit, sehr pünktlich und regelmäßig ein.
Ihrer freundlichen Einladung nach London konnte ich natürlich unter den oben geschilderten Umständen nicht nachkommen; ich möchte gerne einmal hinüber nach Old-England, aber vorläufig ist nicht daran zu denken.
Vielleicht muß ich nächstes Jahr nach dem Rheinland, eventuell nach Holland in Geschäften, und dann ist der Weg zu Ihnen nicht mehr allzuweit.
Wie ich gehört, ist Marx in Karlsbad, wahrscheinlich werde ich ihn aber nicht zu sehen bekommen; wie mir Liebknecht sagte, will er durch Bayern zurück. In ungefähr 14 Tagen werde ich nach Karlsbad kommen, ich will eine Geschäftstour nach Böhmen machen, dann wird er aber nicht mehr dort sein. Grüßen Sie Marx, wenn er zurückkehrt. Wollen Sie denn nicht Deutschland mal heimsuchen? Sie sitzen in England wie eingerostet.


Freundschaftlichst grüßt Ihr ergebener
Bebel."

 

Most suchte aber die Zustimmung der beiden Alten über Gebühr und mit entsprechenden Übertreibungen fortwährend für sich auszunutzen, und so kamen diese Renommistereien auch zu den Ohren von Marx und Engels, was diese veranlaßte, wie der folgende Brief zeigt, bei Bracke anzufragen, was hinter der Sache stecke. Bracke wendete sich an mich, und so antwortete ich Engels in folgendem Brief:

»Leipzig, den 19. Juli 1879.

»Lieber Engels!

Bracke sandte mir Ihren Brief vom 28. vorigen Monats, worin Sie um Aufklärung baten wegen der Äußerungen Mosts bezüglich Ihrer und Marxens Haltung zur ›Freiheit‹.

Soviel ich mich entsinnen kann, stammt meine Mitteilung von Bernstein in Zürich, es ist dies also dieselbe Quelle, auf die eine anderweitig an Sie gelangte Mitteilung zurückzuführen ist.

Ich möchte Ihnen nun vorschlagen, vorläufig eine Erklärung gegen Most zu unterlassen, dagegen Ihre und Marx' Meinung in anderer Weise in die Öffentlichkeit zu bringen.

Es hat sich nämlich allseitig das Bedürfnis herausgestellt, daß wir ein auswärtiges Blatt, das frei und vor allen Dingen sozialistisch schreiben kann, durchaus nötig haben. Einesteils, um eine bessere Verbindung aufrechterhalten zu können, dann aber namentlich, um Prinzipienfragen wie Fragen der Taktik ungeniert besprechen zu können. Das Blatt soll im Laufe nächsten Monats im Format und Stil des früheren ›Volksstaat‹ in Zürich erscheinen, als dem Orte, wo die Bedingungen nach reiflicher Erwägung am günstigsten vorhanden sind. Karl Hirsch soll und will die ›Laterne‹ eingehen lassen, Redakteur soll er oder Vollmar werden. Wir wollen sämtlich mitarbeiten, und soll auch die Verbreitung des Blattes möglichst organisiert werden.

Mit diesem Blatte haben wir auch die geeignete Waffe gegen Most – obgleich wir entschlossen sind, die ›Freiheit‹ mehr durch vornehmes Ignorieren als durch direkte Angriffe unmöglich zu machen –, und in diesem Blatte könnten Sie in einer Korrespondenz von London aus das nötig Scheinende sagen, wie wir denn hoffen und darauf rechnen, daß Sie und Marx als Mitarbeiter des Blattes sich beteiligen werden.

Um dem Blatte nicht das Leben durch Interventionen von deutscher Regierungsseite schwer zu machen, soll dasselbe einen internationalen Charakter annehmen und neben dem deutschen einen schweizerischen Redakteur besitzen.

Ich zweifle nicht, daß der Plan reüssiert und auch Ihre und Marx' Zustimmung finden wird ...

Entschuldigen Sie und Marx, daß ich so selten schreibe, aber ich bin wirklich über alle Maßen in Anspruch genommen; beständig die Haut wechselnd, einmal Geschäftsmann und Commis voyageur, dann wieder Parteimann, und von beiden möglichst die unangenehmen Seiten kostend, bin ich in einer beständigen Aufregung und Überarbeitung.

Seien Sie und Marx herzlichst gegrüßt von Ihrem A. Bebel.«

 

Der Rücktritt von Marx und Engels von der Mitarbeiterschaft am »Sozialdemokrat« war wesentlich auf Betreiben von Hirsch erfolgt. Beide waren noch aus den Tagen der Höchbergschen »Zukunft« von Mißtrauen gegen Höchberg erfüllt, der, wie sie meinten, einer sehr gemischten Gesellschaft von Doktoren, Studenten und Kathedersozialisten sein Blatt geöffnet habe und, wie sie jetzt fürchteten, das Spiel im »Sozialdemokrat« wiederholen werde. Nun hatte aber Hirsch nicht bloß Briefe von Bernstein nach London gesandt, die wahrscheinlich – ich habe sie nie gesehen – Marx' und Engels' Befürchtungen zu rechtfertigen schienen. Hirsch, der mittlerweile auch in Zürich war, um sich nach dem Stand der Dinge umzusehen, berichtete alsdann weiter nach London, daß er in Zürich neben Schramm, Höchberg und Bernstein auch Singer und Viereck als Delegierte der Leipziger getroffen habe und daß die drei erstgenannten als Verwaltungskomitee und Aufsichtsinstanz über die Redaktion eingesetzt worden seien. Gegen deren Entscheidungen im Falle von Differenzen sollten wir in Leipzig als letzte Instanz angerufen werden. Hirsch, dem es überhaupt nicht ernsthaft um die Übersiedlung nach Zürich zu tun war, der obendrein ein Schwarzseher und voll Animosität gegen die drei Genannten war, hatte das alles in London ins gehörige Licht gesetzt, und damit war der Entschluß von Marx und Engels, von der Mitarbeiterschaft zurückzutreten, besiegelt.

 

 

 

Darauf schrieb ich unter dem 20. August an Engels:

»Lieber Engels!

Ihre Auffassung über das neu zu gründende Blatt ist unrichtig, und wenn Karl Hirsch sich durch einige Stellen in Bernsteins Briefen zu der gleichen Auffassung bekannt hat, so ist das um so unbegreiflicher, als er von Liebknecht genügende Aufschlüsse erhalten hatte. Liebknecht ist auf Karl Hirsch sehr schlecht zu sprechen, den er beschuldigt, er habe sich durch ganz andere Motive, als er angibt, von der Übernahme des Redakteurpostens abbringen lassen.

Ich kann Ihnen versichern, daß wir in keinem andern Sinne die Redaktion des Blattes dulden werden, als wie ich Ihnen geschrieben habe, und daß von einem maßgebenden Einfluß Höchbergs keine Rede sein kann. Dafür wird auch schon Vollmar sorgen, der infolge der Ablehnung Hirschs die Redaktion übernimmt. Wir haben von Vollmar eher ein zu scharfes und derbes Vorgehen zu erwarten als das Gegenteil, auch hat Vollmar sich, seitdem er in der Bewegung steht, stets eifrigst mit der internationalen Bewegung beschäftigt, so daß er auch auf diesem Gebiete kein Fremdling ist. Übrigens wird Vollmar – der augenblicklich noch eine dreiwöchige Gefängnisstrafe verbüßt –, bevor er nach Zürich geht, hier eine längere und gründliche Besprechung mit uns haben, so daß er von unseren Intentionen genau unterrichtet ist.

Ich hoffe also, daß Sie und Marx, wie zuerst versprochen, für das Blatt mitarbeiten, damit dasselbe in Wirklichkeit ein deutsch-internationales Blatt wird.

Daß ich Ihren Brief so spät beantwortet, wollen Sie entschuldigen, ich war mehrere Wochen auf der Geschäftsreise und bin erst Sonnabend zurückgekehrt. Der Eindruck, den ich auf meiner Reise über die Stimmung im Volke erhalten, entspricht ganz und gar den Ausführungen, die Sie in Ihrem vorhergehenden Briefe über die Wirkungen der deutschen Zollpolitik machten. Wir können trotz Sozialistengesetz mit dem Gang der Dinge sehr zufrieden sein.

Herzliche Grüße an Sie und Marx.

Ihr A. Bebel.

 

Engels schrieb mir sogar, ein Mann wie Höchberg müsse aus der Partei ausgeschlossen werden. Das Exposé schickten sie zur Kenntnisnahme an die Fraktion, die ihrerseits durch Fritzsche eine Antwort ausarbeiten ließ, nachdem wir uns über diese verständigt hatten. Das Exposé ging von uns an Bracke, was Marx und Engels ausdrücklich verlangt hatten, und von diesem an das Züricher Dreigestirn. Darauf schrieb ich an Engels:

»Leipzig, den 23. Oktober 1879.

Lieber Engels!

Die beifolgende Antwort auf Ihr und Marx' Exposé ist um deswillen so formell ausgefallen, weil sie Fritzsche verfaßte.

In dem Augenblick, wo ich das Schriftstück absenden wollte, kam mir ein Fragment vom Richterschen Jahrbuch unter Kreuzband zu, das den vielberufenen Artikel enthält. Ich habe denselben gelesen und begreife Ihre Entrüstung. Abgesehen von den prinzipiellen Schnitzern, ist derselbe eine Schulmeisterarbeit, wie mir noch keine vor Augen gekommen ist. Indem sich die drei Verfasser so recht hübsch über alle stellen und ihr kritisches Licht vom hohen Stuhle herab leuchten lassen, haben sie es mit allen verdorben, ohne einen zu gewinnen oder zu befriedigen. Dabei ist die Arbeit voller Widersprüche.

Ich werde selbstverständlich nicht anstehen, meine Meinung nach Zürich zu schreiben. Dasselbe werden auch die anderen hier tun, sobald sie den Artikel zu Gesicht bekommen haben, wofür ich sorgen werde. Indem ich mich also gegen diese Arbeit und ihre gänzlich zwecklose Veröffentlichung aussprechen muß, möchte ich andererseits vor einer Überschätzung des Einflusses der Verfasser in der Partei warnen. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, daß in der Partei kein Dutzend Leute sind, die diese Arbeit auch nur in der Hauptsache billigen, und niemand hat mehr Schaden davon als die Verfasser selbst.

Eine ganz irrtümliche Meinung ist die Ihre über den Einfluß der Verfasser in der Partei. Ich muß wiederholt und mit allem Nachdruck betonen, daß Höchberg trotz der wirklich großartigen Opfer, die er materiell der Partei geleistet, nie den geringsten Versuch gemacht hat, dafür auch entsprechenden Einfluß zu verlangen. Er hat, soviel ich weiß, nie eine Bedingung gestellt, daß dies oder jenes Blatt so oder so redigiert werden müsse, daß dieser oder jener Redakteur weggehen oder ein anderer hinkommen müsse. So oft er um Hilfe von irgendeiner Seite angegangen wurde, und das ist sehr oft geschehen, und er hat ein bedeutendes Vermögen bereits verloren, hat er sich stets entweder an Geib oder an mich, in der Regel an uns beide und noch an andere mit der Frage gewandt, ob er Hilfe gewähren solle, ob das Unternehmen oder die Personen es verdienten, und unser Wort war für ihn bindend. Dieser höchst seltenen Uneigennützigkeit wegen habe ich ihm seine mancherlei Fehler nachgesehen.

Wenn er in der ›Zukunft‹ durch seine redaktionelle Tätigkeit einen gewissen Einfluß erlangte, so geschah es, weil tatsächlich Mangel an passenden Kräften vorhanden war. Überdies wäre es grobe Selbsttäuschung, wenn wir behaupten wollten, daß eine volle prinzipielle Klarheit in vielen Köpfen in der Partei schon vorhanden gewesen wäre. Das mag ein Fehler und zu bedauern sein, es ist aber nicht zu ändern. Es liegt in der Kürze ihres Bestehens und in dem Umstand, daß Tausende sich ihr zunächst aus den verschiedensten Gründen und ohne klare Erkenntnis anschlossen, die dann erst nach und nach in der Partei die nötige Schulung erhielten.

Um nun noch einmal auf die berührten Personalien zurückzukommen, bemerke ich folgendes:

Hirsch brauchte sich gerade so wenig an etwaigen brieflichen Ungenauigkeiten der Züricher zu stoßen, wie Vollmar das getan hat. Vollmar hat seinen Standpunkt brieflich nach Zürich klargelegt; hier hat er sich seine Instruktionen geholt, und als er nach Zürich kam, ging die Sache glatt und ohne Anstand. Heute beschwert er sich über zu wenig Aufsicht, wenigstens soweit es die Geschäftsleitung anlangt; redaktionell ist ihm noch niemand zu nahe gekommen. Sie sind sehr irre, wenn Sie glauben, daß erst Hirsch uns zu einem unabhängigen Blatt verhelfen hätte. Sie haben uns da gründlich unterschätzt und ebensosehr die Züricher überschätzt.

Wenn nun Hirsch so sehr Gewicht auf die zufriedenstellende Antwort bezüglich seiner Anfrage wegen der Fundierung legt und Sie dies gleichfalls tun und ihm darin vollkommen recht geben, so verstehe ich dieses nicht.

Die Partei hat bisher nie an ihre Unternehmungen den Maßstab strenger Geschäftsmäßigkeit gelegt, denn dann wären die meisten Blätter nicht entstanden. Wir haben seinerzeit das ›Demokratische Wochenblatt‹, aus dem der ›Volksstaat‹ und dann der ›Vorwärts‹ hervorgingen, ohne Geld gegründet, und genau so ist es mit einem Dutzend anderer Zeitungsunternehmen gegangen.

Diese Frage hat uns, ehrlich gestanden, auch diesmal sehr wenig Kopfschmerzen gemacht, weil wir alle der Überzeugung waren und sind, das Blatt wird sich in Kürze nicht nur decken, sondern auch einen Überschuß abwerfen, um die Gründungskosten zu decken.

Worauf wir rechneten, war, daß Höchberg allenfalls sich herbeilassen werde, die nötigen Vorschüsse für die Gründung und Einführung zu machen, soweit wir sie nicht aufzubringen vermöchten. Hätte Hirsch sich an mich gewandt, so hätte ich ihm nicht anders antworten können, als ich Ihnen hier schreibe. Es scheint mir aber, daß Hirsch ohne garantierte Tausende Zuschuß kein Vertrauen in das Unternehmen hatte, und weil ihm dieses fehlte, Gespenster sah, wo keine waren.

Es fällt mir gar nicht ein, mich weiter über diese Punkte auszulassen. Die Sache ist abgetan, das Unternehmen lebt und wird so leben bleiben, daß es auch Ihren und Marx' Beifall findet.

Wenn wir im Ton des Blattes uns eine gewisse Reserve auflegen, so geschieht es, damit bei den gar nicht ausbleibenden Prozessen, die wegen Verbreitung erfolgen, die Gerichte die Angeklagten nicht noch auf schwere Vergehen in bezug auf den Inhalt anklagen können. Wir können diese Verurteilungen, die uns schwere Geldopfer auferlegen, jetzt absolut nicht brauchen. Es hält sehr schwer, die nötigen Geldmittel für die Menge der Ausgewiesenen und deren Familien und sonstige durch das Sozialistengesetz außer Brot gekommene Genossen aufzubringen; jeder neue Anspruch an unseren Beutel ist uns höchst unwillkommen. Wäre die Krise nicht, dann würden wir lachen, aber diese drückt von Woche zu Woche furchtbarer; auf unseren besten Bezirken lastet sie am schwersten. Das sind Umstände, denen wir Rechnung tragen müssen, wir mögen wollen oder nicht.

Noch einige Worte über den Fall Kayser. Ich sage Ihnen geradeheraus, daß ich über die Art und Weise wie Hirsch Kayser angriff, empört war, so wenig ich selbst mit Kaysers Haltung einverstanden bin. In dieser Weise traktiert man Parteigenossen nicht. Der Angriff strotzte von persönlichen Gehässigkeiten; man sah es dem Schreiber an, daß er die Gelegenheit mit Freuden ergriff, Kayser etwas am Zeuge zu flicken.

Wie die Partei über Schutzzoll und Freihandel denkt, hat ihre Resolution auf dem Kongreß zu Gotha (1877), dem Hirsch beiwohnte, bewiesen. Die dort angenommene Resolution, der K. Hirsch und Most zustimmten, war die Richtschnur unseres Handelns. Ob durch einen Schutzzoll Bismarck eine Reihe von Millionen erhielt oder nicht, war für uns gänzlich indifferent, wenn wir zu der Ansicht gekommen wären, daß ein Schutzzoll unter den gegebenen Verhältnissen für die Industrie notwendig gewesen wäre. In dieser Ansicht waren wir geteilt, und zwar in mehr als in einem Fall, und in dieser Frage waren nicht nur wir Abgeordnete geteilt, sondern auch die Partei überhaupt. So war zum Beispiel Auer wütender Schutzzöllner, während Geib und Blos ebenso wütende Freihändler waren. Höchberg war für unbedingten Freihandel, Bernstein bedingt für Schutzzoll usw.

Was uns im Reichstag blamierte, waren nicht unsere Abstimmungen, sondern die mangelhafte Vertretung durch das Wort. Kaysers unglückliches Debüt in der Eisenzollfrage konnte niemand mehr ärgern als uns, und es hat ihm an Vorwürfen nicht gefehlt. Vahlteich, der die Generalrede halten sollte, kam in der ersten Generaldebatte nicht zum Wort, und als er bei der dritten Lesung zum Wort kam, war er so unglücklich disponiert, daß wir froh sein mußten, daß er keinen Schnitzer gemacht. Das war Pech, und ich war davon nicht erbaut.

Was sonst noch unsere diesmalige Vertretung so matt erscheinen ließ, war – abgesehen von verschiedenen Wortabschneidungen, mit denen ich allein in der Getreidezollfrage zweimal bedacht wurde – die lange Dauer der Session, die uns fast sämtlich nötigte, längere Zeit nach Hause zu gehen und häufig zu fehlen, dann der Mangel an Mitteln, die auf diese Dauer nicht eingerichtet waren. Sie im Ausland haben gar keinen Begriff von den Schwierigkeiten, mit denen fast jeder einzelne von uns zu kämpfen hat. Ich würde es für kein Unglück ansehen, wenn ich mal durch einen Durchfall bei einer Wahl auf einige Jahre erlöst würde.

Auf die Befürchtungen, die Sie betreffs der Haltung des neuen Organs aussprechen, will ich nicht weiter eingehen. Das Blatt ist da, und Sie mögen urteilen. Genügt es Ihnen und Marx nach dieser oder jener Richtung nicht, nun so helfen Sie es besser machen, indem sie fleißig hineinschreiben.

Morgen sende ich das Aktenstück von Ihnen an Bracke, der übrigens infolge seiner Krankheit fast von nichts weiß, und von dort soll es nach Zürich gehen.

Freundschaftliche Grüße an Sie und Marx von Ihrem Bebel ."

 

 

 

Am 14. November 1879 erhielt ich von Engels Antwort auf meinen Brief vom 23. Oktober. Er schrieb:

» Lieber Bebel!

Besten Dank für Ihre Mitteilungen sowie die von F. und L., [Fußnote] die uns endlich gestatten, den Sachverhalt klar zu überschauen. Daß aber die Sache von vornherein keineswegs so einfach lag, beweisen die früheren Leipziger Briefe sowie die Irrungen und Wirrungen mit Hirsch überhaupt. Letztere waren unmöglich, wenn die Leipziger dem Anspruch der Züricher auf Zensur von vornherein einen Riegel vorschoben. Tat man das und machte Hirsch davon Mitteilung, so war alles in Ordnung. Da dies aber nicht geschah, so kann ich bei nochmaliger Vergleichung des Geschehenen und des Unterlassenen der jetzigen Mitteilungen und der früheren Briefe aller Beteiligten nur zu dem Schluß kommen, daß Höchberg nicht so unrecht hatte, als er mir sagte, die Züricher Zensur sei nur wegen Hirsch eingesetzt gewesen, gegen Vollmar sei sie überflüssig.

Was die Fundierung betrifft, so wundert's mich nicht sehr, daß Sie die Sache so leicht nehmen. Sie probieren das Ding eben zum erstenmal. Hirsch aber hatte gerade an der ›Laterne‹ die Erfahrung praktisch gemacht, und wir, die wir dergleichen schon öfters gesehen und selbst durchgemacht, können ihm nur recht geben, wenn er diesen Punkt ernstlich erwogen sehen wollte. Die ›Freiheit‹ schließt trotz aller Zuschüsse ihr drittes Quartal mit einem Defizit von 100 Pfund gleich 2000 Mark ab. Ich habe noch nie ein im Inland verbotenes deutsches Blatt gekannt, das sich ohne bedeutende Zuschüsse gehalten hätte. Lassen Sie sich nicht durch die ersten Erfolge blenden. Die eigentlichen Schwierigkeiten des Schmuggels zeigen sich erst mit der Zeit und steigen unaufhörlich.

Ihre Äußerungen über die Haltung der Abgeordneten und der Parteiführer überhaupt in der Schutzzollfrage bestätigen jedes Wort meines Briefes. Schlimm genug war's schon, daß die Partei, die sich rühmt, dem Bourgeois so überlegen zu sein, bei dieser ersten ökonomischen Probe ebenso gespalten war, ebensowenig Bescheid wußte wie die Nationalliberalen, die doch wenigstens für ihren kläglichen Zusammenbruch die Entschuldigung hatten, daß hier wirkliche Bourgeoisinteressen in Konflikt kamen. Noch schlimmer, daß man diese Spaltung sichtbar werden ließ, daß man unsicher und schwankend auftrat. War einmal keine Einigung zu erzielen, dann war nur ein Weg: Die Frage für eine reine Bourgeoisfrage zu erklären, was sie ja auch ist, und nicht mitzustimmen. Am schlimmsten war, daß man Kayser erlaubte, seine Jammerreden zu halten und in erster Lesung für das Gesetz zu stimmen. Erst nach dieser Abstimmung hat Hirsch ihn angegriffen, und wenn Kayser dann in dritter Lesung gegen das Gesetz stimmt, so macht das die Sache für uns nicht besser, sondern eher schlimmer.

Der Kongreßbeschluß ist keine Entschuldigung. Wenn die Partei sich heute noch an alle alten in gemütlicher Friedenszeit gefaßten Kongreßbeschlüsse binden will, so legt sie sich selbst in Fesseln. Der Rechtsboden, auf dem eine lebende Partei sich bewegt, muß nicht nur selbstgeschaffen, er muß auch jederzeit abänderbar sein. Indem das Sozialistengesetz alle Kongresse und damit die Abänderung der alten Kongreßbeschlüsse unmöglich macht, vernichtet es auch die bindende Kraft jener Beschlüsse. Eine Partei, der man die Möglichkeit abschneidet, bindende Beschlüsse zu fassen, hat ihre Gesetze nur in ihren lebendigen, stets wechselnden Bedürfnissen zu suchen. Will sie diese Bedürfnisse aber früheren Beschlüssen unterordnen, die jetzt starr und tot sind, so gräbt sie ihr eigenes Grab.

Dies das Formelle. Der Inhalt jenes Beschlusses aber macht ihn erst recht hinfällig. Erstens steht er im Widerspruch mit dem Programm, indem er die Bewilligung von indirekten Steuern zuläßt. Zweitens im Widerspruch mit der unabweisbaren Parteitaktik, indem er die Bewilligung von Steuern an den heutigen Staat erlaubt. Drittens aber besagt er in klares Deutsch übersetzt folgendes:

Der Kongreß bekennt, über die Schutzzollfrage nicht hinlänglich unterrichtet zu sein, um einen entscheidenden Entschluß für oder wider fassen zu können. Er erklärt sich also in dieser Frage für inkompetent, indem er des lieben Publikums halber sich darauf beschränkt, einige teils nichtssagende, teils einander oder dem Parteiprogramm widersprechende Gemeinplätze aufzustellen, und ist damit froh, die Sache los zu sein. Und diese Inkompetenzerklärung, mit der man in Friedenszeiten die damals rein akademische Frage auf die lange Bank schob, soll nun in den jetzigen Kriegszeiten, wo die Frage brennend geworden ist, so lange für die ganze Partei bindend sein, bis sie durch einen neuen, jetzt unmöglich gemachten Beschluß rechtsgültig aufgehoben ist?

So viel ist sicher: Was auch der Eindruck ist, den die Hirschschen Angriffe gegen Kayser bei den Abgeordneten gemacht, diese Angriffe spiegeln den Eindruck wider, den das unverantwortliche Auftreten Kaysers bei den deutschen wie nichtdeutschen Sozialdemokraten des Auslandes gemacht hat. Und man sollte doch endlich einsehen, daß man nicht nur innerhalb der eigenen vier Pfähle, sondern auch vor Europa und Amerika die Reputation der Partei aufrechtzuerhalten hat.

Und dies führt mich auf den Rechenschaftsbericht. So gut der Anfang, so geschickt – unter den Umständen – die Behandlung der Schutzzolldebatte, so unangenehme Konzessionen an den deutschen Philister sind im dritten Teil enthalten. Wozu die ganz überflüssige Stelle über den ›Bürgerkrieg‹, wozu das Hutabnehmen vor der »öffentlichen Meinung«, die in Deutschland stets die des Bierphilisters sein wird, wozu hier die vollständige Verwischung des Klassencharakters der Bewegung? Wozu den Anarchisten diese Freude machen? Und dazu sind alle diese Konzessionen total nutzlos. Der deutsche Philister ist die inkorporierte Feigheit, er respektiert nur den, der ihm Furcht einflößt. Wer sich aber liebes Kind bei ihm machen will, den hält er für seinesgleichen und respektiert ihn nicht mehr als seinesgleichen, nämlich gar nicht. Und jetzt, nachdem der Sturm der Bierphilisterentrüstung, genannt öffentliche Meinung, sich zugegebenermaßen wieder gelegt hat, wo der Steuerdruck die Leute ohnehin wieder mürbe macht, wozu da noch diese Süßholzraspelei? Wenn Sie wüßten, wie das im Ausland sich anhört! Es ist ganz gut, daß ein Parteiorgan von Leuten redigiert werden muß, die mitten in der Partei und im Kampf stehen. Aber wären Sie nur sechs Monate im Ausland, so würden Sie über diese ganz unnötige Selbsterniedrigungder Parteiabgeordneten vor dem Philister ganz anders denken. Der Sturm, der nach der Kommune über die französischen Sozialisten hereinbrach, war doch noch was ganz anderes als das Nobilinggezeter in Deutschland. Und wieviel stolzer und selbstbewußter haben sich die Franzosen benommen! Wo finden Sie da solche Schwächen, solche Komplimente für den Gegner? Sie schwiegen, wo sie nicht frei ausreden konnten. Sie ließen den Spießbürger sich ausheulen, sie wußten, ihre Zeit werde schon wieder kommen, und jetzt ist sie da.

Was Sie über Höchberg sagen, will ich gern glauben. Ich habe ja gegen seinen Privatcharakter absolut gar nichts. Ich glaube auch, daß er sich erst durch die Sozialistenhetze darüber klar geworden ist, was er im Grunde seines Herzens will. Daß das bürgerlich ist, was er will, und nicht proletarisch, habe ich ihm – wahrscheinlich vergebens – klarzumachen gesucht. Aber nachdem er sich einmal ein Programm gebildet, müßte ich ihm mehr als deutsche Philisterschwäche zutrauen, wenn ich annähme, daß er es nicht auch zur Anerkennung zu bringen suchte. Höchberg vor und Höchberg nach jenem Artikel sind eben zwei verschiedene Leute.

Nun aber finde ich in Nr. 5 des »Sozialdemokrat« eine Korrespondenz von der Niederelbe, worin Auer meinen Brief zum Vorwand nimmt, um mich – zwar ohne Namen, aber hinreichend bezeichnet – anzuklagen, »Mißtrauen gegen die bewährtesten Genossen zu säen«, also sie zu verleumden (denn sonst wäre ich ja berechtigt dazu). Damit nicht zufrieden, lügt er mir ebenso alberne wie infame Dinge an, die in meinem Brief gar nicht stehen. Wie es scheint, bildet Auer sich ein, ich wolle von der Partei irgend etwas. Sie wissen aber, daß nicht ich von der Partei, sondern im Gegenteil die Partei von mir etwas will. Sie und Liebknecht wissen: Das einzige, was ich von der Partei überhaupt verlangt habe, ist, daß sie mich in Ruhe läßt, damit ich meine theoretischen Arbeiten abschließen kann. Sie wissen, daß ich seit 16 Jahren dennoch immer und immer wieder angegangen worden bin, in den Parteiorganen zu schreiben; daß ich dies auch getan, ganze Reihen von Artikeln, ganze Broschüren auf ausdrückliche Bestellung Liebknechts geschrieben habe, so die »Wohnungsfrage« und den »Anti-Dühring«. Was ich dafür von der Partei für Liebenswürdigkeiten besehen – zum Beispiel die angenehmen Kongreßverhandlungen wegen des Dühring –, darauf will ich nicht näher eingehen. Sie wissen ebenfalls, daß Marx und ich die Verteidigung der Partei gegen auswärtige Gegner freiwillig geführt, solange die Partei besteht, und daß wir dafür nur das eine von der Partei verlangt haben, daß sie sich nicht selbst untreu werden soll.

Wenn aber die Partei von mir verlangt, ich soll an ihrem neuen Organ mitarbeiten, so ist selbstredend, daß sie zum mindesten dafür sorgt, daß ich nicht noch während schwebender Verhandlung und noch dazu von einem der nominellen Miteigentümer von diesem selben Organ als Verleumder verleumdet werde. Ich kenne keinen literarischen oder sonstigen Ehrenkodex, mit dem das verträglich wäre, ich glaube, selbst ein Reptil ließe sich das nicht bieten. Ich muß also die Anfrage stellen: erstens, welche Satisfaktion können Sie mir anbieten für diesen unprovozierten und gemeinen Insult; zweitens, welche Garantie haben Sie mir zu bieten, daß sich dergleichen nicht wiederholt?

Übrigens will ich zu den Auerschen Unterschiebungen nur noch bemerken, daß wir hier weder die Schwierigkeiten unterschätzen, mit denen die Partei in Deutschland zu kämpfen hat, noch die Bedeutung der trotzdem errungenen Erfolge und die bisher ganz musterhafte Haltung der Parteimassen. Es ist ja selbstredend, daß jeder in Deutschland erfochtene Sieg uns ebensosehr freut wie ein anderswo erfochtener und noch mehr, weil ja die deutsche Partei von Anfang an in Anlehnung an unsere theoretischen Aufstellungen sich entwickelt hat. Aber eben deswegen muß uns auch besonders daran liegen, daß die praktische Haltung der deutschen Partei und namentlich die öffentlichen Äußerungen der Parteileitung auch mit der allgemeinen Theorie im Einklang bleiben. Unsere Kritik ist gewiß für manchen nicht angenehm, aber mehr als alle unkritischen Komplimente muß es doch für die Partei von Vorteil sein, wenn sie im Ausland ein paar Leute hat, die unbeeinflußt von den verwirrenden Lokalverhältnissen und Einzelheiten des Kampfes von Zeit zu Zeit das Geschehene und Gesagte an den für alle moderne proletarische Bewegung geltenden theoretischen Sätzen messen und ihr den Eindruck widerspiegeln, den ihr Auftreten außerhalb Deutschlands macht.

Freundschaftlichst der Ihrige.

F. Engels.«

 

Der aggressive Ton des Schreibens wie die Angriffe auf Auer veranlaßten mich, bereits am 18. November darauf zu antworten:

» Lieber Engels!

Ich schreibe deshalb so rasch auf Ihren Brief, obgleich ich mit Arbeit überhäuft bin, weil ich möglichst bald ein arges Mißverständnis Ihrerseits aufklären möchte. Sie betrachten die Korrespondenz in Nr. 5 vom 23. Oktober als gegen Sie gerichtet. Das ist ein Irrtum. An jenem Tage hatte Auer, wie ich Ihnen bestimmt versichern kann, das Schreiben noch gar nicht in Händen. Er hat es erst unmittelbar nach jener Zeit bekommen. Auer hat offenbar, und anders habe ich die Korrespondenz beim ersten Anblick gar nicht aufgefaßt, Hans Most damit gemeint und niemand sonst. Ich würde diesen Glauben selbst dann haben, wenn er Ihren Brief schon damals gehabt hätte, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil von einem »Mißtrauensäen gegen bewährte Genossen« bei dem kleinen Kreis der Leser des Briefes unmöglich die Rede sein konnte. Auer hätte sehr naiv sein müssen, wenn er solche Auseinandersetzungen, die jedenfalls als durchaus loyal auch von ihm aufgefaßt wurden – denn sie waren ja an alle Beteiligte gerichtet –, zum Gegenstand einer Korrespondenz machte.

Ich hoffe, daß diese Auseinandersetzung Sie überzeugt, daß Ihre Auffassung eine unrichtige ist und daß damit auch all die Folgerungen unrichtig sind, welche Sie daraus zogen. Hat Höchberg wirklich die Erklärung abgegeben, daß die Zensur nur wegen Hirsch eingesetzt gewesen, gegen Vollmar aber überflüssig sei, so verstehe ich das einfach nicht. Nach meiner Auffassung der Personen muß Hirsch Höchberg sympathischer gewesen sein als Vollmar, welcher in seinem ganzen Wesen etwas Derbes und keineswegs Fügsames besitzt. Auch steht Hirsch in der damals brennenden Tagesfrage, der Zollfrage, Höchberg weit näher wie Vollmar, denn Höchberg ist absoluter Freihändler.

Sie sagten, wir hätten sofort intervenieren sollen, als man von Zürich den Versuch machte, Hirsch unter Zensur zu stellen. Darauf habe ich zu erwidern, daß ich davon erst erfuhr, als Hirsch definitiv abgelehnt. Ich kann ferner versichern, daß Vollmar wütend war, daß man ihn, der sich damals in sehr prekärer Lage befand, mit definitiver Antwort hinhielt, weil man noch fortgesetzt an Hirsch arbeitete, trotz seiner bereits erfolgten Ablehnung anzunehmen, und Höchberg zu diesem Zweck sogar nach Paris reiste. Doch es ist heute zwecklos, weiter darüber zu schreiben.

Ihre Ansicht über unsere Haltung in der Zollfrage ist nicht richtig. Gerade weil wir zu unseren Leuten nicht sprechen konnten, mußten wir mehr als sonst auf die Stimmung Rücksicht nehmen, und diese war tatsächlich geteilt. Kayser konnten wir seine ›Jammerrede‹ nicht verbieten, weil wir vorher nicht wissen konnten, daß er eine solche hielt. Er hatte tatsächlich mit großem Fleiß das Thema einstudiert, aber er kam im rechten Moment nicht zum Wort und wurde durch die Unterbrechung konfus. Ein Malheur, was auch anderen Leuten schon passiert ist. Hintennach wäre es uns auch lieber gewesen, er hätte nicht gesprochen, aber mißhandeln, wie es Hirsch in der ›Laterne‹ getan hat, durften wir ihn deshalb nicht.

Kayser hat auch nicht in der ersten (richtiger zweiten) Lesung – denn in der ersten gibt es, weil sie Generaldebatte ist, keine Abstimmung – für das Gesetz gestimmt, er hat dies nur für den höheren Eisenzoll getan und einige andere Positionen. Für den hohen Eisenzoll hat er auch in der dritten Lesung gestimmt, aber schließlich gegen das ganze Gesetz.

Ich bin überzeugt, daß, wenn die Partei 1879 ebenfalls hätte einen Kongreß halten können, ihr Beschluß genau so ausfiel wir vor zwei Jahren, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil in dieser rein praktischen Frage verschiedene Strömungen vorhanden sind und die bloße Negation in den Wählerkreisen schwerlich Anklang gefunden hätte. Wir werden, solange wir parlamentarisch mittun, uns in der reinen Negation nicht halten können, die Masse verlangt, daß auch für das Heute gesorgt werde, unbeschadet dessen, was morgen kommt.

Ich gebe zu, daß man da leicht zu weit gehen kann und daß es fortgesetzter sorgfältiger Beratung von Fall zu Fall bedarf, wie weit man gehen darf. In allen diesen Fällen sind Meinungsverschiedenheiten sehr leicht, namentlich wenn man, wie Ihr, außerhalb der Fühlung mit den Massen steht, auf die man zunächst Rücksicht zu nehmen hat.

Lehrreich ist jedenfalls, daß der letzte Marseiller Kongreß in der Zollfrage fast wörtlich denselben Beschluß gefaßt hat wie wir vor zwei Jahren.

Und nun zu unserem Rechenschaftsbericht. Ich gebe Ihnen von vornherein zu, daß derselbe ungleich schärfer hätte ausfallen können, als er ausgefallen ist; aber Sie dürfen eines nicht vergessen, die Umstände und Zustände, unter denen er geschrieben wurde. Auf Grund unseres Preßgesetzes konnte man uns alsdann in Deutschland fassen, und daß uns daran nichts lag im gegenwärtigen Moment, ist wohl selbstverständlich.

Nun hätten wir den ganzen Passus mit der Revolution überhaupt weglassen können, allein den fortgesetzten Anklagen und Verdächtigungen Mosts gegenüber, dem, weil er allein das Wort führte, es gelungen war, eine Menge Köpfe zu verdrehen, war eine solche Erklärung notwendig. Ich glaube auch nicht, daß man aus dem bezüglichen Passus eine Konzession an den Bierphilister lesen kann, so naiv sind wir nicht. Wir haben wohl deutlich genug gesagt, was wir unter der ›öffentlichen Meinung‹ verstehen. Wir meinten dabei allerdings auch den Kleinbürger und Bauern, die in den letzten Jahren in größerer Zahl sich uns angeschlossen und bei der letzten Wahl in manchem Bezirk die Ehre der Partei gerettet haben, weil die Lohnarbeiter unter dem Druck und der Hetze der Fabrikanten auf der einen, der Krise auf der anderen Seite vielfach von der Stimmurne fernblieben, ja hier und da, wenn auch mit Wut im Herzen, sich zum Stimmen gegen uns herbeiließen.

Ich bin kein Freund vom Ducken und andere neben mir auch nicht; glaubte ich, daß auch nur einer unserer Gegner aus unserem Rechenschaftsbericht so etwas wie Sentimentalität oder Nachgiebigkeit herauslesen könnte, ich hätte ihn nicht unterschrieben. Ihr könnt Euch eben dort von der Situation hier keine rechte Vorstellung machen, und da legt Ihr eben einen ganz anderen Maßstab an und kritisiert, wie innerhalb Deutschlands keinem zu kritisieren einfällt. Unsere Gegner täuschen sich nicht über uns und wir uns nicht über sie. Daß wir leben und uns nicht tot machen ließen, bringt sie zur Verzweiflung, sie können es gar nicht begreifen, daß man ohne obrigkeitliche Bewilligung am Leben bleiben kann. Da wir aber eben zum Maulhalten in der Öffentlichkeit verurteilt sind, wohingegen unsere Gegner uneingeschränkt das Wort besitzen, so haben wir da, wo wir das Wort ergreifen, uns möglichst vorsichtig zu benehmen, um ihnen möglichst die Gelegenheit zu wirksamen Angriffen zu verleiden.

Das ist eine Taktik, womit wir uns meines Erachtens absolut nichts vergeben, aber sehr viel nützen. Ich wiederhole, unsere Gegner täuschen sich über unsere Taktik nicht, das zeigt das ruhige Geschehenlassen der größten Willkürlichkeiten gegen uns, aber wir setzen sie außerstande, weiterzuhetzen, und das ist, wie die Dinge liegen, notwendig und ein Erfolg.

Wir werden Eure Kritiken stets gerne entgegennehmen und wir wünschen auch, daß Ihr sie im Blatte selbst, nur nicht in verletzender Form, ungeniert übt. Wir erkennen an, daß gerade jetzt der Meinungsaustausch um so nötiger ist, wo Hunderte von Kanälen verstopft sind, durch die sonst das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Übereinstimmung drang. Im ganzen glaube ich sagen zu dürfen, daß wir weit besser Eure Stellung begreifen wie Ihr die unsrige, und daraus geht hervor, welche Seite die schwierigere ist.

Ich hoffe, daß die Magdeburger Wahl am 10. Dezember wieder eine kleine Herzerfrischung wird. Wahrscheinlich werden wir an Stelle Brackes, der, wie er behauptet, unfähig ist, weiter mitzutun, auch eine Neuwahl bekommen. Wir wollen sie auf 1880 aufsparen.

Hans hat in meinem Brief an den Kommunistischen Arbeiterbildungsverein, wie ich glaube absichtlich, mehrere sinnstörende Entstellungen vorgenommen.

Mit den besten Grüßen an Sie und Marx Ihr

A. Bebel.«

 

 

Engels antwortete auf vorstehenden Brief bereits am 24. November 1879:

» Lieber Bebel!

Ich hatte meine guten Gründe, als ich Auers Wink auf mich bezog. Das Datum beweist nichts. Most schließt er ausdrücklich aus. Also fragen Sie ihn doch selbst, wen er gemeint hat, wir werden dann ja sehen, was er sagt. Ich bin überzeugt, das Mißverständnis ist nicht auf meiner Seite.

Die betreffende Erklärung hat Höchberg allerdings gegeben.

Daß Sie während der Verhandlung mit Hirsch meist abwesend waren, weiß ich, und es fällt mir nicht ein, Sie für das Geschehene verantwortlich zu machen.

In Beziehung auf die Zollfrage bestätigt Ihr Brief gerade das, was ich gesagt habe. War die Stimmung geteilt, was ja der Fall war, so mußte man, wenn man auf diese geteilte Stimmung Rücksicht nehmen wollte, sich ja gerade enthalten. Sonst nahm man nur auf einen Teil Rücksicht. Warum aber der schutzzöllnerische Teil mehr Rücksicht verdient als der freihändlerische, ist doch nicht abzusehen. Sie sagen, Sie können sich parlamentarisch nicht in der reinen Negation halten. Aber indem Sie alle schließlich gegen das Gesetz stimmten, hielten Sie sich doch in der reinen Negation. Ich sage nur, man hätte von vornherein wissen sollen, wie man sich verhalten wollte, man hätte handeln sollen in Übereinstimmung mit der schließlichen Abstimmung.

Die Fragen, in denen sozialdemokratische Abgeordnete aus der reinen Negation heraustreten können, sind sehr eng begrenzt. Es sind alles Fragen, in denen das Verhältnis der Arbeiter zum Kapitalisten direkt ins Spiel kommt: Fabrikgesetzgebung, Normalarbeitstag, Haftpflicht, Lohnzahlung in Waren usw. Dann allenfalls noch Verbesserungen im rein bürgerlichen Sinne, die einen positiven Fortschritt bilden: Münz- und Gewichtseinheit, Freizügigkeit, Erweiterung der persönlichen Freiheit usw. Damit wird man Sie wohl vorläufig nicht belästigen. In allen anderen ökonomischen Fragen, wie Schutzzölle, Verstaatlichung der Eisenbahnen, der Assekuranzen usw., werden sozialdemokratische Abgeordnete immer den entscheidenden Gesichtspunkt behaupten müssen, nichts zu bewilligen, was die Macht der Regierung gegenüber dem Volke verstärkt. Und es ist dies um so leichter, als hier ja regelmäßig die Stimmung in der Partei selbst gespalten sein wird und damit Enthaltung, Negation von selbst geboten ist.

Was Sie von Kayser sagen, macht die Sache noch schlimmer. Wenn er für Schutzzölle im allgemeinen spricht, warum stimmt er denn dagegen? Wenn er gegen sie stimmen will, warum spricht er für sie? Wenn er aber das Thema mit großem Fleiß studiert hat, wie kann er für Eisenzölle stimmen? Waren seine Studien einen Pfennig wert, so mußten sie ihn lehren, daß in Deutschland zwei Hüttenwerke sind, Dortmunder Union und Königs- und Laurahütte, deren jedes imstande ist, den ganzen inländischen Bedarf zu decken; daneben noch die vielen kleineren, daß hier also Schutzzoll reiner Unsinn ist, daß hier nur Eroberung des auswärtigen Marktes helfen kann, also absoluter Freihandel oder aber Bankrott. Daß die Eisenfabrikanten selbst den Schutzzoll nur wünschen können, wenn sie sich zu einem Ring, einer Verschwörung zusammengetan haben, die dem inneren Markte Monopolpreise aufzwingt, um dagegen die überschüssigen Produkte auswärts zu Schleuderpreisen loszuschlagen, wie sie dies im Augenblick bereits tatsächlich tun. Im Interesse dieses Ringes, dieser Monopolistenverschwörung hat Kayser gesprochen, und soweit er für Eisenzölle stimmte, auch gestimmt, und Hansemann von der Dortmunder Union und Bleichröder von der Königs- und Laurahütte lachen ins Fäustchen über den dummen Sozialdemokraten, der noch dazu das Thema mit Fleiß studiert hat.

Sie müssen sich unter allen Umständen Rudolf Meyers ›Politische Gründer in Deutschland‹ verschaffen. Ohne Kenntnis des hierin zusammengestellten Materials über den Schwindel, den Krach und die politische Korruption der letzten Jahre ist kein Urteil über die jetzigen deutschen Zustände möglich. Wie konnte es zugehen, daß diese Fundgrube nicht ihrerzeit für unsere Presse ausgebeutet wurde? Das Buch ist natürlich verboten.

Die Stellen im Rechenschaftsbericht, die ich vorzüglich meine, sind erstens die, wo so viel Gewicht darauf gelegt wird, die öffentliche Meinung zu gewinnen –, wer diesen Faktor gegen sich habe, sei gelähmt –, es war eine Existenzfrage, daß ›dieser Haß in Sympathie (Sympathie! von Leuten, die sich soeben während des Schreckens als Hundsfötter erwiesen!) verwandelt wurde‹ usw. So weit braucht man nicht zu gehen, namentlich da der Schreck längst vorüber war. Zweitens, daß die Partei, welche den Krieg in jeder Gestalt verurteilt (also auch den, den sie selbst führen muß, den sie trotzdem führt) und die allgemeine Verbrüderung aller Menschen zum Ziele hat (das hat der Phrase nach jede Partei und der unmittelbaren Wirklichkeit nach keine, denn auch wir wollen uns nicht mit den Bourgeois verbrüdern, solange sie Bourgeois bleiben wollen), nicht den Bürgerkrieg erstreben kann (also auch nicht in dem Falle, wo der Bürgerkrieg das einzige Mittel zum Ziele wäre) – dieser Satz kann auch so gefaßt werden: Daß eine Partei, die das Blutvergießen in jeder Gestalt verdonnert, weder Aderlaß noch Amputation brandiger Glieder noch wissenschaftliche Vivisektion erstreben kann. Warum solche Redensarten machen? Ich verlange nicht, daß Ihr »forsch« reden sollt, ich werfe dem Bericht nicht vor, daß er zu wenig sagt – im Gegenteil zu viel, was besser weggeblieben wäre. Was dann nachher kommt, ist wieder viel besser, und so hat Hans Most die paar Stellen glücklich übersehen, aus denen er Kapital schlagen konnte.

Ein Bock aber war's, im ›Sozialdemokrat‹ feierlich anzuzeigen, daß Liebknecht usw. den sächsischen Eid geschworen. Das hat Hans sich nicht entgehen lassen, und seine anarchistischen Freunde werden es schon weiterverarbeiten. Marx und ich finden die Sache selbst gar nicht so gefährlich, wie zum Beispiel Hirsch sie im ersten Eifer genommen hat; Ihr müßt wissen, ob ›Paris vaut bien une messe‹, wie Heinrich IV. sagte, als er katholisch wurde und damit Frankreich einen Dreißigjährigen Krieg ersparte; ob die Vorteile derart sind, daß man diese Inkonsequenz begeht und einen Eid schwört, der noch dazu der einzige ist, der einem keinen Meineidsprozeß zuziehen kann. Aber wenn man schwor, mußte man davon schweigen, bis andere Lärm davon schlugen, dann war Zeit genug zur Verteidigung. Ohne den ›Sozialdemokrat‹ hätte Hans kein Wort davon erfahren.

Sehr erfreut hat uns Ihre Vermöbelung des notorischen Trunkenbolds und Ludrians. Wir werden sorgen, daß dies in Paris weiterverbreitet wird, und sind nur um die französischen Worte verlegen, die obige Kraftausdrücke wiedergeben sollen.

Übrigens, daß wir hier, wie man sagt, gut reden haben und Eure Stellung viel schwieriger ist als unsere, verkennen wir keineswegs.

Der Zutritt der Kleinbürger und Bauern ist zwar ein Kennzeichen des reißenden Fortschritts der Bewegung, aber auch eine Gefahr für sie, sobald man vergißt, daß diese Leute kommen müssen, aber auch nur kommen, weil sie müssen. Ihr Zutritt ist der Beweis, daß das Proletariat in Wirklichkeit die leitende Klasse geworden ist. Da sie aber mit kleinbürgerlichen und bäuerlichen Vorstellungen und Wünschen kommen, so darf man nicht vergessen, daß das Proletariat seine leitende, geschichtliche Rolle verscherzen würde, wenn es diesen Vorstellungen und Wünschen Konzessionen machte.

Freundschaftlichst Ihr

F. Engels.«

 

 

Auf diesen Brief lautete meine Antwort:

»Leipzig, 11. Dezember 1879.

Lieber Engels!

Auer schreibt mir gestern, daß er in jener Korrespondenz Most und Ehrhart gemeint. Sie sehen also, ich hatte recht.

Höchberg hat mir beiliegende Zeilen vor einiger Zeit übersandt. Sie wollen von deren Inhalt Notiz nehmen. Auf die Schutzzollfrage, und was damit zusammenhängt, lasse ich mich nicht weiter ein, ich sehe, daß wir uns brieflich doch nicht verständigen.

Ich gehe zu der Eidesleistung über. Hirsch hat darüber kürzlich einen sehr rabiaten Brief geschrieben und Liebknecht beschworen, sich nicht von der ›faulen Leipziger Umgebung‹ beeinflussen zu lassen. Ich weiß nicht, was Hirsch damit meint, das aber kann ich versichern, daß es von Seiten der Leipziger noch keines Druckes bedurfte, um Liebknecht zu dem zu bringen, was er bisher getan. Speziell in der Eidesfrage stand ich auf einem anderen Standpunkt. Daß der Eid geleistet wurde, war auch meine Ansicht, denn wollte man ihn nicht leisten, so brauchte man überhaupt nicht zu wählen; aber ich wollte, daß vor der Eidesleistung erklärt würde, daß man den Eid nur als eine Formalie ansehe, die man erfüllen müsse, weil ohne sie kein Eintritt in die Kammer und keine Ausübung des Mandats möglich sei. Der Eid könne uns in unseren sozialistischen und republikanischen Ansichten nicht irritieren. Liebknecht war gegen diese Auffassung, und ich habe mich aus naheliegenden Gründen nicht weiter auf Streitereien eingelassen. Ebenso meine ich, wenn unsere Leute im Landtag ebenso, wie wir es konsequent im Reichstag gehalten, sich von allem intimen Umgang (Festlichkeiten, Präsidialessen, parlamentarische Kneipereien usw.) ferngehalten, es wäre besser. So oft jetzt dergleichen vorkommt, gibt es gewissen Blättern Stoff zu hämischen Bemerkungen, und da wir den Mund halten müssen, tragen solche Notizen dazu bei, unangenehme Kontroversen in den Reihen unserer eigenen Leute zu erzeugen. Wo die Sachlage so einfach ist wie hier, sollte man alles vermeiden, was zu Differenzen Anlaß gibt. Liebknecht läßt sich eben zu sehr von seinen Gefühlen beherrschen; wer ihm freundlich entgegenkommt, kann alles von ihm verlangen, und im sächsischen Landtag ist die gemütliche Seite sehr ausgebildet. Ich wünsche übrigens, daß Sie ihm über diese Dinge nichts schreiben, Gefahr ist für ihn nicht dabei, er bereitet sich nur allerlei kleine Unannehmlichkeiten, die er leicht vermeiden könnte.

Die Magdeburger Wahl ist wieder einmal so eine kleine Herzerfrischung und wird unsere Gegner weidlich ärgern. Bei der Stichwahl werden wir 2000 bis 3000 Stimmen mehr erlangen, einesteils, weil wir neues Element in den Kampf reißen, andernteils, indem ein großer Teil der Arbeiter und Kleinbürger, die für den fortschrittlichen Kandidaten gestimmt haben, nunmehr mit uns geht.

Leider werden wir in den ersten Monaten des neuen Jahres wiederum eine Wahl haben. Bracke kann krankheitshalber sein Mandat nicht länger behalten und wird es zu Ende des Jahres niederlegen. An seiner Stelle soll Auer kandidieren, für den sich die Vertrauensmänner des Bezirkes entschieden haben.

Gruß und Handschlag von Ihrem

A. Bebel.«

 

 

Engels gab sich aber keineswegs geschlagen und antwortete mit folgendem Brief:

»London, 16. Dezember 1879.

Lieber Bebel!

Es ist mir unbegreiflich, wie Auer jetzt sagen kann, er habe unter anderem Most gemeint, da er ihn doch im Artikel möglichst deutlich ausschloß. Doch mag das auf sich beruhen.

In Nummer 10 des ›Sozialdemokrat‹ stehen ›geschichtliche Rückblicke‹, die unbedingt von einem der drei Sterne herrühren. Darin heißt es: ›Nur ehrend sei für die Sozialdemokratie der Vergleich mit Belletristen wie Gutzkow und Laube, also mit Leuten, die schon lange vor 1848 den letzten Rest von politischem Charakter zu Grabe getragen, wenn sie je einen hatten‹. Ferner: ›Die Ereignisse von 1848 mußten kommen, entweder mit allen Segnungen des Friedens, wenn die Regierungen den Forderungen der Zeit genügt hätten, oder – da sie dies nicht taten – blieb leider kein anderer Weg als der der gewaltsamen Revolution.‹

In einem Blatt, wo es möglich ist, die Revolution von 1848, die der Sozialdemokratie erst Tür und Tor öffnete, förmlich zubejammern, in einem solchen Blatt ist kein Raum für uns. Es geht aus diesem Artikel und aus Höchbergs Brief deutlich hervor, daß das Dreigestirn den Anspruch erhebt, ihre im Jahrbuch zum erstenmal klar ausgesprochenen kleinbürgerlich-sozialistischen Anschauungen im ›Sozialdemokrat‹ als gleichberechtigt neben den proletarischen zur Geltung zu bringen. Und ich sehe nicht ein, wie Ihr in Leipzig, nachdem der Karren einmal so weit verfahren, ohne förmlichen Bruch dies hindern wollt. Ihr erkennt die Leute nach wie vor als Parteigenossen an. Wir können das nicht. Der Jahrbuchartikel trennt uns scharf und absolut von ihnen. Wir können nicht einmal mit den Leuten verhandeln, solange sie behaupten, sie gehörten mit uns zu derselben Partei. Die Punkte, um die es sich hier handelt, sind Punkte, die in jeder proletarischen Partei gar nicht mehr diskutiert werden können. Sie innerhalb der Partei zur Diskussion stellen, heißt den ganzen proletarischen Sozialismus in Frage stellen.

In der Tat, es ist auch besser, daß unter diesen Umständen wir nicht mitarbeiten. Wir würden in einem fort protestieren und in wenigen Wochen unseren Rücktritt öffentlich erklären müssen, womit der Sache doch auch nicht gedient wäre.

Es tut uns sehr leid, Euch in diesem Augenblick der Unterdrückung nicht unbedingt zur Seite stehen zu können. Solange die Partei in Deutschland ihrem proletarischen Charakter treu blieb, haben wir alle anderen Rücksichten beiseite gesetzt. Jetzt aber, wo die kleinbürgerlichen Elemente, die man zugelassen, offen Farbe bekannt haben, liegt die Sache anders. Sobald ihnen erlaubt wird, ihre kleinbürgerlichen Vorstellungen stückweise in das Organ der deutschen Partei einzuschmuggeln, wird uns dadurch dies Organ einfach verschlossen.

Die Eidesgeschichte rührt uns sehr wenig. Man hätte vielleicht, wie Sie wollten, einen anderen Weg finden können, der den unangenehmen Schein etwas beseitigte, aber viel liegt auch nicht daran. Die gewünschte Diskretion werden wir beobachten.

Die Malonsche Zeitschrift kann gut wirken, denn erstens ist Malon nicht der Mann, um viel Unheil anzurichten, und zweitens werden seine Mitarbeiter unter den Franzosen dafür sorgen, daß die Sache im rechten Fahrwasser bleibt. Wenn Höchberg da einen Boden für seine Kleinbürgereien träumt, wird er finden, daß er sein Geld weggeworfen.

Die Magdeburger Wahl hat uns sehr gefreut. Die Unerschütterlichkeit der Arbeitermassen in Deutschland ist bewundernswert. Die Korrespondenzen der Arbeiter im »Sozialdemokrat« sind das einzig Gute, was drinsteht.

Höchbergs Brief hierbei zurück. Dem Mann ist nicht zu helfen. Wenn wir nicht in der Gesellschaft der Zukunftsleute mitmachen wollten, so ist das persönliche Eitelkeit. Aber ein Drittel der Leute waren und sind uns noch dem Namen nachtotal unbekannt, und ungefähr ein anderes Drittel waren notorische Kleinbürgersozialisten. Und das nannte sich eine ›wissenschaftliche‹ Zeitschrift. Und Höchberg glaubt noch, sie habe ›aufklärend‹ gewirkt; Zeuge sein eigener, so merkwürdig klarer Kopf, der bis heute noch, trotz aller meiner Bemühungen, den Unterschied von kleinbürgerlichem und proletarischem Sozialismus nicht fassen kann. Alle Differenzen sind ›Mißverständnisse‹. Ganz wie bei den demokratischen Heulern von 1848. Oder aber ›übereilte Folgerungen‹. Natürlich, denn jede Folgerung ist übereilt, die dem Gerede dieser Herren einen bestimmten Sinn entlehnt. Sie wollen ja nicht nur dies sagen, sondern womöglich auch das Gegenteil.

Im übrigen geht die Weltgeschichte ihren Gang, unbekümmert um diese Weisheits- und Mäßigkeitsphilister. In Rußland muß die Sache jetzt in wenig Monaten zum Klappen kommen. Entweder stürzt der Absolutismus, und dann weht sofort nach dem Sturz der großen Reserve der Reaktion ein anderer Wind durch Europa, oder aber es gibt einen europäischen Krieg; und der begräbt auch die jetzige deutsche Partei unter dem unvermeidlichen Kampf eines jeden Volkes um die nationale Existenz. Solch ein Krieg wäre unser größtes Unglück, er könnte die Bewegung um zwanzig Jahre zurückwerfen. Aber die neue Partei, die daraus schließlich doch hervorgehen müßte, würde in allen europäischen Ländern frei sein von einer Masse Bedenklichkeiten und Kleinlichkeiten, die jetzt überall die Bewegung hemmen. Freundschaftlichst Ihr

F. E.«

 

 

Am 23. Januar 1880 schrieb ich noch zu der Differenz zwischen Vollmar und Engels an letzteren:

»Lieber Engels!

Ich sende Ihnen beiliegend ein Schriftstück, das mir Vollmar schon vor einiger Zeit auf Ihren letzten Brief und Druckschrift übersandte und von dem er nachdrücklich verlangt, daß ich es Ihnen übermittle, was hiermit geschieht.

Ich lasse mich mit Ihnen in bezug auf das früher Vorgefallene in keine Polemik mehr ein; ich bin in einer Weise mit Arbeit beladen, daß ich meine keineswegs gute Laune nicht mehr durch fruchtlose Auseinandersetzungen verderben will. Mir brummt der Kopf wegen anderer Dinge; die lange und heftige Dauer der Krise bringt uns materiell in das härteste Gedränge, und dabei steigen die Anforderungen bei den vielen Ausgewiesenen und der Menge der Existenzen, die, durch das Sozialistengesetz aufs Pflaster geschleudert, nicht wissen, was sie anfangen, wovon sie leben sollen. Ich bin zum Zentralpunkt geworden, an dem all die Klagen und Anliegen zusammenlaufen, und da mögen Sie sich denken, in welche Stimmung man allmählich hineingerät...

Alles, was über Spaltungen in der deutschen Sozialdemokratie gesagt und geschrieben wird, ist, wenn wir von dem Fall Hasselmann absehen, der uns keine Kopfschmerzen macht, Schwätzerei. Eine Differenz, die hier oder da mal zwischen zwei Leuten ausbricht und zufällig mal in die Öffentlichkeit gelangt, wird von der gegnerischen Presse zu einem Spaltungs- und Zersetzungssymptom aufgebauscht, und man jubelt um so lauter, je mehr man das Unbehagen über die fortdauernde Aktivität der Partei zu vertuschen suchen muß. Alles, was Euch also in dieser Richtung in der deutschen Presse aufstößt, das betrachtet mit dem größten Skeptizismus.

Mit den besten Grüßen an Sie und Marx

Ihr A. Bebel.«

Das im Eingang dieses Briefes erwähnte Schriftstück war eine Darlegung Vollmars, worin er sich gegen Marx und Engels wegen deren Angriffe auf seine Redaktion verteidigte. Der Brief hatte das praktische Resultat, daß Engels mir einen Scheck von 10 Pfund Sterling für die Kasse schickte.

 

 

Welchen Eindruck dieses Manifest auf unsere Gegner gemacht, zeigte die Rede, die Herr v. Puttkammer am 30. März 1881 im Reichstag gegen uns hielt, in der er das Manifest vorlas, um an ihm den gefährlichen revolutionären Charakter der Sozialdemokratie zu demonstrieren. Und als achtzehn Jahre später (1899) es sich darum handelte, den Parteigenossen Dr. Arons von der Stellung eines Privatdozenten an der Berliner Universität zu entfernen, stützten sich seine Ankläger wieder auf jenes Manifest, das sie als offizielles Aktenstück der damaligen Parteileitung bezeichneten.

Meine Auffassung über die damalige Situation gibt folgender Brief an Engels wieder:

»Leipzig, den 22. September 1880.

Lieber Engels!

Ich habe Sie auf eine Antwort auf Ihren Brief vom 27. März bis heute warten lassen. Ich kann diese lange Pause damit entschuldigen, daß ich von jener Zeit bis Anfang September, mit sehr kurzen Unterbrechungen, fast stets auf der Reise war. Die kurzen Unterbrechungen waren aber so mit anderen Arbeiten in Anspruch genommen, daß ich nicht die Zeit zu einer Antwort fand.

Nach dieser langen Pause will ich auch auf verschiedene persönliche Angelegenheiten, die in Ihrem Briefe erwähnt werden, nicht weiter zurückkommen.

Es wäre mir sehr angenehm, wenn Sie die von mir gewünschten Photographien von Ihnen und Marx Liebknecht mitgeben könnten ... Wie es mit der neuen Auflage Ihrer Schrift geworden ist, wird Ihnen Liebknecht mitteilen; ich bat ihn, die Angelegenheit zu ordnen, weil ich aus den eingangs erwähnten Gründen keine Zeit dazu hatte. Irre ich nicht ganz, so betraf der kürzlich in Breslau beschlagnahmte Satz Ihre Schrift. Daß Verrat im Spiele war, ist offenbar, wie denn der Verrat überall neben der Ungeschicklichkeit eine mehr oder weniger große Rolle spielt. So wurde mir vor einer Stunde mitgeteilt, daß man hier Haussuchung bei einem Genossen hielt, der im Verdacht steht, den ›Sozialdemokrat‹ zu kolportieren. Das konnte nur infolge von Verrat geschehen. Mit welchem Erfolg gehaussucht wurde, weiß ich bis diesen Augenblick, abends 9 Uhr, nicht. Der Betreffende war noch zufällig heute nachmittag bei mir, und während seiner Abwesenheit fiel ihm die Polizei ins Haus. Sie wollen Liebknecht den Fall mitteilen, er wird ihn interessieren.

Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß in der nächsten Zeit hier einige Hauptschläge bevorstehen, das heißt, wenn man das Material dazu findet. Der Kongreß hat riesig verschnupft, und die Führerschaft in all dem Unheil wird Leipzig zugeschrieben. Wir haben bisher hier, im Vergleich zu anderen Orten, ein idyllisches Leben geführt; das hat nunmehr aufgehört, und wir werden die Ohren steif halten müssen.

Über den Verlauf des Kongresses sind Sie einigermaßen aus dem ›Sozialdemokrat‹ unterrichtet, die wichtigsten Beratungen mußten natürlich verschwiegen werden; mit dem Verlauf desselben bin ich im allgemeinen sehr zufrieden, und er hat auch überall bei den deutschen Genossen sehr gut gewirkt. Wenn Most durch lügnerische Darstellungen und gehässige Kritisierung glaubt großen Schaden anrichten zu können, irrt er sich. Sein Anhang ist im ganzen sehr gering, und der unverhohlene Übertritt ins anarchistische Lager, wie er namentlich durch den Leitartikel der letzten Nummer und die hinter diesem abgedruckten Bakunistischen Revolutionsregeln zum Ausdruck gelangt ist, wird ihm noch mehr schaden.

Ich sollte meinen, daß dadurch aber gerade auch für Sie und Marx der Zeitpunkt gekommen wäre, rund und nett zu erklären, daß Sie mit Most keine Beziehungen haben. Sie werden vielleicht antworten, das sei nicht nötig, da Sie nie sich für Most erklärten. Diese Auffassung ist nicht richtig. Most hat in zahlreichen Briefen sich mit Ihrer und Marx' Zustimmung gebrüstet; der Umstand, daß von Marx einigemal Abonnementsgeld quittiert war, hat nach außen, wo man den Sachverhalt nicht kennt, den Eindruck gemacht, als werde Most gar materiell unterstützt. Tatsache ist, daß Most mit allem diesem namentlich in Österreich stark für sich Propaganda gemacht hat. Ich verlange nun nicht, daß Ihr Euch für den ›Sozialdemokrat‹ erklären sollt, auch nicht, daß Ihr diesem eine Erklärung zusendet. Die Angelegenheit läßt sich in einer für Euch völlig anstandslosen Weise dadurch erledigen, daß Ihr einem von uns einen Brief als Antwort auf eine bezügliche Anfrage schreibt und der Empfänger – der seinen Namen nicht zu nennen braucht – Euren Brief veröffentlicht. Die Wirkung dürfte für Euch und für uns eine gute sein. Ihre und Marx' vollständige Passivität wird häufig nicht günstig beurteilt, und man wünscht allgemein, daß Ihr Euch aktiv beteiligt und sagt, was Ihr über die Zeit denkt.

Sie haben ja vollkommen recht, wenn Sie in Ihrem letzten Briefe ausführen, wie alle Tätigkeit unserer Gegner schließlich zu unseren Gunsten ausfalle und wie namentlich die unruhige Vielgeschäftigkeit und zerstörerische Tätigkeit Bismarcks uns in die Hände arbeite. Aber damit allein kann sich doch niemand von uns zufrieden geben, wir müssen die Löcher, die jener gräbt, weiter schaufeln und die Unzufriedenheit, die seine Tätigkeit wie die fortdauernde allgemeine Misere erzeugt, nach Kräften schüren, und da müßt Ihr so gut wie wir helfen.

Recht interessante Überraschungen wird uns die Handelsministerschaft Bismarcks bringen. Hier ist er auf ein Gebiet geraten, auf dem er sich die Zähne sicher ausbeißt und auf dem er obendrein nicht anders als im höchsten Grade Unzufriedenheit säend wirken kann. Bringt er wirklich Gesetze zugunsten der Arbeiter, so hat er erstens die ganze Bourgeoisie gegen sich, und er wird zweitens die Arbeiter nicht gewinnen, weil er bei dem besten Willen doch nur Halbheiten bieten kann. Von allen Ämtern, die er bisher bekleidete, ist dies, was er jetzt angenommen hat, dasjenige, was ihn am gründlichsten ruinieren wird.

Ein weiterer Vorteil wird sein, daß durch die heftige Polemik, welche seine Maßnahmen notwendig hervorrufen, die indifferenten Massen aufgerüttelt und zur Teilnahme am und zur Parteinahme im öffentlichen Leben gezwungen werden. Das kann wiederum niemand mehr nützen als uns. So vorteilhaft das alles ist, wir müssen die Situation auch für uns ausbeuten. Wenn Ihr Euch entschließen könntet, jetzt einmal öffentlich hervorzutreten, indem Ihr die Situation, wenn ich mich so ausdrücken soll, theoretisch beleuchtet, so würde das von mächtiger Wirkung sein, und Euer Urteil würde mehr als einmal von unseren und Bismarcks Gegnern zitiert werden.

Wir sind hier mit den laufenden täglichen Arbeiten und hunderterlei oft kleinen und kleinlichen Geschichten so in Anspruch genommen, daß die nötige Zeit und Sammlung zu solcher Arbeit fehlt, und zudem versteht Ihr's auch weit gründlicher wie wir. Also gebt das Schmollen auf.

Ich wäre verwünscht gerne einmal noch dort gekommen, um Euch persönlich kennenzulernen, aber es paßte diesmal wieder nicht, gegen Ende nächsten Monats wäre es gegangen. Die übrige Jahreszeit, die Reichstagssession inbegriffen, bin ich mit dem Geschäft und geschäftlichen Reisen so im Gedränge, daß ich sehr schwer abkommen kann. Indes, es muß doch einmal werden. Herzliche Grüße an Sie und Marx von Ihrem August Bebel.«


 

 

Mitte November mußte Liebknecht seine sechsmonatige Gefängnisstrafe antreten, die er sich durch eine Rede in einer Versammlung in Chemnitz zugezogen hatte. Diese Haft war sehr unangenehm im Hinblick darauf, daß Vollmar die Redaktionsstelle im »Sozialdemokrat« zum 1. Januar gekündigt hatte. Er wollte nicht durch längeres Bleiben als Redakteur sich die Stellung in Deutschland unmöglich machen, wie sich das für Motteler und Bernstein aus ihrer Tätigkeit ergab. Er wollte nicht auf eine aktive Rolle in der deutschen Politik verzichten.

Über diese Vorgänge schrieb ich am 4. Dezember 1880 an Engels:

»Lieber Engels!

Wieder einmal habe ich auf eine Antwort recht lange warten lassen, dafür ist die Situation mittlerweile um so klarer geworden. Vollmar hat seinen Posten am Blatt gekündigt und will die Stelle am 1. Januar verlassen. Wir kamen also in die Lage, eine Neuwahl zu treffen, die am Mittwoch stattfand.

Hirsch ist zum Redakteur gewählt worden, jedoch zunächst provisorisch und erst nach Überwindung ziemlich starken Widerstandes. Dieser Widerstand richtete sich nicht – das muß ich ausdrücklich sagen – gegen ihn, weil man einen Systemwechsel befürchtete, sondern gegen gewisse Taktlosigkeiten, die Hirsch seinerzeit in der ›Laterne‹ beging, und gegen seinen Charakter, dem man Neigung zu persönlicher Rachsucht und Unverträglichkeit glaubte vorwerfen zu dürfen. Ferner hieß es: Hirsch sei ein Mensch, der keine Disziplin kenne und gern auf eigene Faust handle, so daß man fürchten müsse, sehr bald mit ihm in Konflikt zu kommen. Daß Hirsch noch in den letzten Tagen in einer Korrespondenz in der ›Züricher Post‹ einzelne in der Partei in der gröbsten Weise angegriffen, hatte die Stellung derjenigen nicht gebessert, die für Hirsch eintraten, und das waren eigentlich nur zwei (Liebknecht und ich).

Es wurde daher zur ersten Bedingung gemacht, daß Hirsch sich jedes Angriffs gegen innerhalb der Partei stehende Personen enthalten müsse, also speziell auch gegen Höchberg, und ich schließe mich dieser Ansicht an.

Ihr seid irre, wenn Ihr glaubt, daß innerhalb der Partei die Meinungen so übereinstimmend seien, dies werden Euch schon die Artikel von A. und D. gezeigt haben. Die Mehrzahl der Führer neigt mehr oder weniger nach jener Seite. Allein man fühlt sich auch nicht unfehlbar, und wenn daher eine scharfe, aber objektive Redaktion geführt wird, und wenn es namentlich Hirsch gelingt, einen Ton zu treffen, der den Massen zusagt und die Massen begeistert, dann ist Hirsch gewonnen.

Ich will mich hier auf weitere Auseinandersetzungen nicht einlassen. Hirsch hat selbst die Redaktion so scharf angegriffen, daß es jetzt an ihm ist, zu zeigen, daß er es besser machen kann. Führt er die Redaktion des ›Sozialdemokrat‹ so, wie er seinerzeit, als wir in der Hochverratsuntersuchung saßen, die Redaktion des ›Volksstaats‹ führte, dann hat er meine Zufriedenheit und Zustimmung.

Was unsere Stellung zu Höchberg usw. anlangt, so habe ich schon früher, wie ich glaube, geschrieben, daß Höchberg namhafte Opfer für das Blatt gebracht hat und noch bringt, daß er aber bisher sich in keiner Weise angemaßt hat, sich in die Redaktion zu mischen. In Rücksicht auf die bisher geübte Opferwilligkeit und das persönliche, höchst anständige Benehmen Höchbergs erwarten wir also, daß Hirsch sich jedes feindseligen Aktes gegen Höchberg enthält. Mag Höchberg immerhin kein Sozialist in unserem Sinne sein, so ist er ein durchaus anständiger Mensch, und es läßt sich mit ihm verkehren.

Daß Höchberg die Wahl Hirschs gerne sieht, ist nicht zu erwarten, und ich glaube, die größere Schuld ist in diesem Falle auf Seite Hirschs, er wird aber auch nicht dagegen opponieren, und wenn er opponierte, würde es ihm nichts helfen ...

Ich darf wohl annehmen, daß durch die Wahl Hirschs Euch zur Genüge gezeigt ist, daß fremder Einfluß bei dem Blatt nicht vorhanden ist.

Bei guter Redaktion dürfen wir hoffen, daß sich der Leserkreis in Kürze so steigert, daß das Blatt ohne Hilfe Dritter sich trägt und erhält, und dies wird wieder ganz wesentlich dadurch gefördert werden, daß Sie und Marx schriftstellerisch mit dafür eintreten. Ich darf wohl hoffen, daß Ihr nächster Brief die Zustimmung dazu enthält.

Für einstweilen sind wir noch dem Belagerungszustand entgangen, auf wie lange, das wissen die Götter. Einstweilen sind die Herren in den höchsten Regionen wieder einmal untereinander sich aufsässig, und das kann uns nichts schaden. Sehr gespannt bin ich auf die Motive Hamburgs für den Belagerungszustand. Der arme Senat wird große Mühe haben, die wahren Gründe nicht merken zu lassen.

Beiliegendes bitte ich an Hirsch zu geben und noch einmal gründlich mit ihm zu sprechen.

Herzliche Grüße an Sie und Marx von Ihrem

August Bebel.«

 

 

Auffallend für den Fremden war, daß Marx von Frau und Kindern immer Mohr angeredet wurde, als existiere kein anderer Name für ihn. Der kam von seinem pechschwarzen Haupt- und Barthaar, das damals, mit Ausnahme des Schnurrbartes, schon weiß leuchtete. Auch Engels besaß einen intimen Spitznamen. Die Marxsche Familie und seine näheren Bekannten nannten ihn General, wobei das Wort stets englisch ausgesprochen wurde: Dscheneräl. Den Titel trugen ihm seine kriegswissenschaftlichen Studien ein, denen er mit Vorliebe oblag. Man schrieb ihm ein sehr maßgebendes Urteil in militärischen und kriegswissenschaftlichen Dingen zu. Als ich am Tage vor unserer Abreise noch einmal die Marxsche Familie besuchte, lag Frau Marx zu Bett. Auf meine Bitte, mich verabschieden zu dürfen, führte mich Marx zu ihr mit der strengen Weisung, nicht länger als eine Viertelstunde mit ihr zu plaudern. Aber wir gerieten sofort in eine so animierte Unterhaltung, daß ich ihren Zustand ganz vergaß, und aus der Viertelstunde wurde mehr als eine halbe Stunde. Da trat der ungeduldig gewordene Marx ein und hielt mir eine Strafpredigt, ich wolle ihm wohl seine Frau zugrunde richten? Wehmütig nahm ich Abschied von ihr, denn das Leiden, an dem sie litt, war unheilbar. Ich sah sie nie wieder. Sie starb bereits im nächsten Jahr.

 

1885

Nach vollem achttägigem Aufenthalt verließen wir befriedigt von den Resultaten London. Bernstein reiste über Paris zurück nach Zürich, Singer und ich reisten zusammen bis nach Köln, woselbst ich ihn verließ. Aber mein Glaube, mit Hirsch nunmehr im reinen zu sein, erwies sich sehr bald als Täuschung, wie folgender Brief an Engels vom 26. Dezember 1880 zeigt:

» Lieber Engels!

Die Angelegenheit Hirsch ist also in der Weise gelöst, daß Hirsch bleibt, wo er ist, und die Redaktion nicht übernimmt.

Ganz entgegengesetzt zu unseren Verabredungen trifft am 24. Dezember abends ein Brief von ihm ein, worin er unter Wiederholung der bekannten Anschuldigungen gegen die Züricher erklärte, nicht nach Zürich zu gehen, sondern die Redaktion von London aus leiten zu wollen. Dieser Brief, den ich gestern in der Zusammenkunft, der Liebknecht beiwohnte, vorlas schlug dem Faß den Boden aus. Wir waren nunmehr einstimmig der Ansicht, daß Hirsch einfach nicht von London weg will, und da wir andererseits unmöglich Hirsch zuliebe und ohne äußeren Zwang die von ihm geplante Umwälzung vornehmen können, noch wollen, so wurde sein Schreiben als Ablehnung aufgefaßt und heute von mir dementsprechend beantwortet.

Damit ich nicht Wiederholungen zu machen habe, bitte ich, daß Ihr Euch von Hirsch meinen Brief zur Einsicht vorlegen laßt.

Das Arrangement soll so getroffen werden, daß Liebknecht die Hauptleitung des Blattes hat, Leitartikel und politische Übersicht schreibt respektive liefert, Kautsky die Korrespondenz und das Technische der Redaktion zu erledigen hat. Wie das Arrangement sich bewährt, muß die Erfahrung lehren, große Erwartungen habe ich nicht. Ich bitte Euch (Dich und Marx), daß Ihr nach Kräften Liebknecht unterstützt, namentlich in der Zeit, wo er im Gefängnis ist.

Die Sendung Tee, Whisky usw. ist glücklich eingetroffen und sieht ihrer Verwendung entgegen. Meine Frau läßt herzlich danken und schließe ich mich speziell noch diesem Danke an in bezug auf alles, was Ihr in London für mich getan.

Mich erwartete hier ein ganzer Berg von Arbeit, zu dessen Erledigung mir die Feiertage sehr gelegen kommen. Sonst alles beim alten. Liebknecht hat auf 24 Stunden Ferien gehabt, mußte aber gestern nachmittag wieder einziehen. Silvester bekommt er wieder 24 Stunden frei. Die Leute sind hier noch anständig.

Herzliche Grüße Euch allen, speziell auch der Familie Marx.

Dein A. Bebel.«

 

1885

So meldete ich denn Engels unter dem 2. Februar 1881, daß ich heute an Bernstein geschrieben, ob er nicht definitiv die Redaktion übernehmen wolle. Nimmt er an, sind wir eine große Sorge los. Und Bernstein nahm, wenn auch widerwillig und nach langem Zögern, schließlich definitiv an. Damit hatten wir den Redakteur gewonnen, den das Blatt benötigte.

In dem erwähnten Brief schrieb ich weiter an Engels:

»Was Du bezüglich der Liebknechtschen sächsischen Landtagsrede schreibst, habe ich nicht genau verfolgt. Ich hatte eine Zeitlang das Steuer verloren. Er hatte sich insbesondere im sächsischen Landtag, veranlaßt durch Fr. und P., [Fußnote] viel zu sehr in die gemütliche Stimmung versetzen lassen. Dazu kommt sein von jeher viel zu viel auf das rein Politische gerichteter Blick, der verschuldet, daß er die ökonomischen Verhältnisse und ihre Entwicklung zu wenig beachtet und dadurch notwendig zu falschen Auffassungen getrieben wird.

Es wäre gut, wenn Du Liebknecht gelegentlich Deine Meinung über seine Landtagsrede mitteilen wolltest. Auch ist eine solche Einwirkung um so wichtiger, da die Mehrzahl der »Führer« noch einseitiger ist wie Liebknecht, und dabei von einem bedenklichen Pessimismus befallen ist.

Zum Glück ist die Masse, wie immer, besser als die Führer und wird eines Tages über sie hinwegschreiten. Das habe ich schon mehrfach unverhohlen ausgesprochen, wenn ich in dem stattfindenden Meinungsaustausch gegen das Einseitige und Schiefe der Beurteilung unserer Zustände und den nahezu gänzlichen Mangel an Vertrauen zu den Massen losziehen mußte.

Mir ist es unbegreiflich, daß man bei unseren Zuständen anders als mit Hoffnung in die Zukunft blicken kann. Daß sie für uns persönlich unangenehm und widerwärtig sind, ist unzweifelhaft, aber sie sind es aus ganz anderen Gründen auch für die Mehrzahl unserer Gegner, und zwar bis hoch in die herrschende Klasse hinauf...

Interessant ist, was man zu hören bekommt, wenn man als Wolf im Schafspelz unter die Kaufleute und Fabrikanten kommt und diese in ihren Herzensgesinnungen belauscht. So ist noch nie auf Bismarck und sein System geschimpft worden wie jetzt. Die nächsten Wahlen dürften eine stark oppositionelle Färbung annehmen ...

Könntet Ihr für Liebknecht nicht eine leidlich bezahlte Korrespondenz in eine englische Zeitung schaffen, in die er schreiben kann, ohne sich etwas zu vergeben? Liebknecht wird, wenn er aus dem Gefängnis kommt, mehr seinen Erwerb in dieser Richtung suchen müssen, da ihm die Bezahlung unserer Blätter allein nicht ausreichenden Lebensunterhalt gewährt...

Ich bitte um gelegentliche Mitteilung einiger Deckadressen. Die seinerzeit mitgeteilten habe ich vorigen Sonntag in Breslau vernichtet, als ich dort in der Wohnung Hepners von vier Mann Polizei beehrt wurde. Wir waren sechs oder sieben Mann beieinander, um verschiedenes zu besprechen, als die Diener der heiligen Hermandad in der Hoffnung auf einen Hauptfang plötzlich eintraten und eine körperliche Visitation und Wohnungsdurchsuchung vornahmen. Der einzige Fund war ein von mir angefangener Brief an Hasenclever, den ich anläßlich des Besuches nicht hatte vollenden können. Mit diesem Brief konnten sie nichts anfangen. Die Herren zogen nach zwei Stunden kleinlaut von dannen.

Freundschaftliche Grüße Euch allen

Dein A. Bebel.«

 

 

Die Nachricht von meinem "Tode" war auch nach den Vereinigten Staaten gesandt worden und hatte unsere New Yorker Parteigenossen veranlaßt, eine von Tausenden besuchte Totenfeier zu veranstalten, in der Vahlteich die Gedächtnisrede hielt. Mich amüsierte dieser Vorgang ungemein, aber Vahlteich war, als er die Wahrheit erfuhr, sehr ärgerlich und machte mir Vorwürfe, daß ich sie von meinem Lebendigsein nicht unterrichtete. Ich antwortete, ich hätte doch nicht wissen können, daß sie die Nachricht erhalten hätten und glaubten.

 

 

Engels schrieb mir darüber am 23. September: »Lieber Bebel!

Wir haben Deinetwegen einen schönen Schrecken ausgestanden. Gestern vor acht Tagen, Freitag c. kamen abends 10 Uhr zwei Leute vom Verein zu mir: ob es wahr sei, was im ›Citoyen‹ schon in zwei Nummern (mit Nekrolog) gestanden, daß Du gestorben seist. Ich erklärte es für höchst unwahrscheinlich, konnte aber nichts Bestimmtes sagen. Da ich einen langweiligen Menschen bei mir sitzen hatte, der nicht gehen wollte, obwohl ich kein Wort mehr sprach, konnte ich erst nach 11 zu Tussy Marx laufen, fand sie noch auf. Sie hatte die ›Bataille‹, ebenfalls mit Nekrolog – ohne alle Quellenangabe für die Nachricht, die aber für zweifellos galt. Also allgemeine Bestürzung. Das größte Unglück, das der deutschen Partei passieren konnte, wenigstens sehr wahrscheinlich. Daß englische Blätter nichts gebracht, in dem Ägyptenjubel, war nur zu begreiflich. Nun kommt auch Samstag abend mein ›Sozialdemokrat‹ nicht an, was wohl passiert. Glücklicherweise finde ich am Sonntagmorgen, daß Tussy den ihrigen erhalten und dessen Inhalt die Nachricht höchst unwahrscheinlich macht. Deutsche Blätter in Cafés nachzusehen, war von vornherein aussichtslos, da sie tagtäglich erneuert werden. Und so blieben wir in quälender Ungewißheit, bis endlich Montag abend die ›Justice‹ ankam mit offizieller Ableugnung.

Marx ging's geradeso. Er war in Vevey am Genfer See und las die Geschichte im reaktionären »Journal de Genève«, das sie natürlich als zweifellos erzählte. Er schrieb mir noch denselben Tag in höchster Bestürzung. Sein Brief kam gerade denselben Montag abend an, und ich konnte ihm noch mit der Frühpost die frohe Nachricht bringen, daß alles erlogen.[Fußnote]

Nein, alter Bursche, so jung darfst Du uns nicht abkratzen. Du bist zwanzig Jahre jünger als ich, und nachdem wir noch manchen lustigen Kampf zusammen ausgekämpft, bist Du verpflichtet, am Steuer zu bleiben, auch wenn ich meine letzte Grimasse geschnitten. Und da die Totgesagten am längsten leben sollen, so bist Du wohl jetzt zu einem recht langen Leben verdonnert.«

Bebels Antwort:

Nachdem ich gesehen, wie wert ich den Freunden und Gesinnungsgenossen sei, lege mir das die Pflicht auf, nun erst recht zu leben und meine Schuldigkeit zu tun ... »Einstweilen habe ich einen Pakt mit dem Sensenmann auf weitere vierzig Jahre geschlossen, ich denke, daß diese Zeit reicht, nicht nur um den Zusammenbruch des Alten zu erleben, sondern auch noch ein Stück vom Neuen zu genießen.« Zweiunddreißig Jahre sind vergangen, seit ich dieses schrieb, aber die noch fehlenden acht Jahre sind die schwersten, es schaut nicht danach aus, als durchlebte ich sie.

 

1885

Die beiden Artikel, als deren Verfasser nachher Vollmar bekannt wurde, machten großes Aufsehen, die einen rühmten sie, die anderen mißbilligten sie, die dritten lasen sie mit Kopfschütteln. Zu diesen letzteren gehörte ich. Engels schrieb mir in dem schon oben zum Teil zitierten Brief, den er wegen der Nachricht von meinem Tode an mich richtete: »Nach einigen Artikeln, die er in den ›Sozialdemokrat‹ geschrieben (über eine etwaige Abschaffung des Sozialistengesetzes), scheint Vollmar sich sehr herausgemacht zu haben. Es sollte mich freuen, wenn sich dies auch sonst bestätigte, wir können tüchtige Leute verdammt gut gebrauchen.«

Das war auch meine Meinung, aber gleichwohl konnte ich mich mit den beiden Artikeln nicht einverstanden erklären, und so schrieb ich an Engels:

»Borsdorf bei Leipzig, den 1. Oktober 1882.

Lieber Engels!

Deinen vor zwei Monaten geschriebenen Brief – den ich augenblicklich in Leipzig liegen habe und mir also nicht zur Hand ist – wie Deinen Brief vom 23. vorigen Monats habe ich erhalten. Es ist für mich sehr schmeichelhaft, daß die Nachricht von meinem angeblichen Tode bei Euch und überhaupt im Kreise der Parteigenossen soviel Bestürzung und Teilnahme hervorgerufen. Da habe ich gesehen, wie wert ich den Freunden und Gesinnungsgenossen bin, und das legt mir ja die Pflicht auf, nun erst recht zu leben und meine Schuldigkeit zu tun. Einstweilen habe ich einen Pakt auf weitere vierzig Jahre mit dem Sensenmann geschlossen; ich denke, diese Zeit reicht nicht nur, um den Zusammenbruch des Alten zu erleben, sondern auch noch ein redliches Stück vom Neuen zu genießen.

Wer eigentlich die Nachricht von meinem Abkratzen in die Welt gesetzt, habe ich bis jetzt nicht ausfindig machen können; ich weiß nicht einmal, wo die Nachricht zuerst aufgetaucht ist. Ich ersah nur aus verschiedenen Zuschriften, die meine Frau während meiner Krankheit in Leipzig empfing, daß man allerlei Nachrichten von gefährlicher Erkrankung in die Presse gebracht. Daß ich auch gestorben sein sollte, erfuhr ich, nachdem ich bereits hierher übergesiedelt war, und zwar infolge eines Telegramms der Pariser Parteigenossen an meine Frau, worin diese ihr Beileid über meinen Tod aussprachen.

Meine arme Frau war über dieses Telegramm nicht wenig erschrocken, sie glaubte im ersten Augenblick, man wisse in Paris mehr über mich wie sie, der man aus Schonung vielleicht die Nachricht verheimlicht habe.

Kurz und gut, die Nachricht ist erfunden, und das ist uns ja allen recht. Ich habe mich jetzt wie Liebknecht einige Stunden von Leipzig hier in Borsdorf festgesetzt. Ein elendes Dorf, das einige hundert Einwohner zählt und in einer Ebene flach wie ein Teller liegt. Der Vorteil ist nur, daß es der Zentralpunkt der Linien Leipzig–Riesa–Dresden und Leipzig–Döbeln– Dresden ist und infolgedessen sehr gute Eisenbahnverbindung mit Leipzig hat, so daß unsere Familien bequeme Fahrt nach hier und wieder zurück haben. Liebknecht und ich wohnen in einem Hause und jeder hat genügend Raum, so daß auch die Familie mal übernachten kann.

Nunmehr hoffe ich auch pünktlicher in meiner Korrespondenz und fleißiger in literarischer Beziehung sein zu können. Ich habe nach beiden Richtungen seit Jahr und Tag fast nichts leisten können.

Wie ich höre, hattest Du anfangs die Vermutung, die beiden ›Artikel‹ im ›Sozialdemokrat‹ über das Sozialistengesetz seien von mir. Wie Du mittlerweile weißt, ist das nicht der Fall. Die Artikel sind gut geschrieben und prinzipiell korrekt, aber taktischfalsch. Wenn wir die Sprache führen, die Vollmar führt, dann sitzen wir binnen vier Wochen auf die §§ 80, 81, 128, 129 usw. unseres Strafgesetzbuches sämtlich im Loch und haben unsere fünf bis zehn Jahre am Halse; und wenn das Blatt in gleichem Stile schreiben wollte, würde dasselbe jedem passieren, der mit der Verbreitung des Blattes abgefaßt würde.

Diese Sprache ist einfach unmöglich, so prinzipiell richtig sie ist; wir richten uns aber mit dieser Sprache zugrunde, und daher dürfen wir sie nicht reden.

Mir ist diese Sprache Vollmars um so schwerer begreiflich, als Vollmar selbst, unter voller Würdigung unserer Zustände, regelmäßig, sobald eine Reichstagssession ihrem Ende naht, Deutschland verläßt und sich in der Zwischenzeit auf deutschem Boden nicht betreffen läßt. Grund hierfür ist seine frühere Tätigkeit am ›Sozialdemokrat‹, die der deutschen Polizei sehr genau bekannt ist. Vollmar fürchtet meines Erachtens mit Recht, daß man ihn sofort fassen und prozessieren wird, sobald man seiner außerhalb der Reichstagssession habhaft werden kann. Und nun rät er uns, die wir mitten unter den Wölfen sitzen, eine Taktik an, die uns unrettbar ans Messer lieferte. Ihr im Ausland könnt Euch aber gar nicht in unsere Lage denken und wißt nicht, wie wir zu lavieren haben, um nicht mit etwelchen Strafgesetzbuchparagraphen, die man schon lange für uns bereithält, gefaßt zu werden. Daß man eines Tages die §§ 128 und 129, handelnd von der geheimen und ungesetzlichen Organisation, gegen uns wird anzuwenden versuchen, ist für mich zweifellos, und kann man uns packen, fliegen wir mit einigen Jahren hinein. Und da sollen wir uns noch auf den Markt stellen und uns selbst denunzieren?

Ich werde gegen die Artikel schreiben. Ich bin auch nicht der Meinung, daß die Beseitigung des Ausnahmegesetzes und die Verschärfung der allgemeinen Gesetze für uns ein Schaden sei und eine Verquickung unserer Partei mit der bürgerlichen Opposition herbeiführe.

Würde zu der vorhandenen, sehr starken Unzufriedenheit der bürgerlichen Schichten über unsere ökonomischen Verhältnisse auch noch die politische Opposition hinzukommen, so wäre das eine wahre Wohltat für uns; denn beides zusammen beschleunigt die Katastrophe, und tritt diese ein, dann sind die bürgerlichen Worthelden von der Bühne verschwunden, und unser Einfluß und unsere Führung werden maßgebend sein. ...

Liebknecht und mir ist es sehr angenehm, zu sehen, daß Du so fleißig am ›Sozialdemokrat‹ mitzuarbeiten gedenkst; namentlich erklären wir uns auch sehr für Deine Artikel betreffend den Bismarckschen Sozialismus und die Lassalleschen Schlagworte. Die eifrigsten Lassalleaner in der Partei stehen heute so, daß sie sich eine Kritik Lassalles gefallen lassen, nur darf diese nicht feindselig gehalten sein, und das wirst Du ja von selbst vermeiden. Also lege nur frisch los, je mehr je lieber. Da Liebknecht Mitte dieses Monats seine Haft antritt, so kommen Deine Artikel doppelt erwünscht, denn bei der gegenwärtigen Gefängnisordnung ist die geheime Mitarbeiterschaft – offen konnte sie ja nie sein – sehr erschwert. Da Liebknecht zwei verschiedene Strafen hat, die durch ein Nachtragserkenntnis [Fußnote], das erst nach erfolgter Revision bei dem Reichsgericht, die er gleich mir eingelegt, gefällt werden kann, so ist er in der Lage, mit Eröffnung des Reichstags das Gefängnis zu verlassen.

Ich habe die Absicht, meine Haft am 1. November anzutreten. Bringe ich durch die Revision von meinen acht Verurteilungen mit in Summa fünf Monaten nichts herunter, und das ist schwer anzunehmen, da das Reichsgericht furchtbar reaktionär und in gewisser Richtung in seiner Kompetenz sehr beschränkt ist, so wird das Nachtragserkenntnis mir die fünf Monate hoffentlich auf vier reduzieren, und würde ich dann Mitte März mein Pensum erledigt haben.

Für die Empfehlung der Bücher bin ich Dir dankbar; [Fußnote] ich werde sie mir in der einen oder anderen Weise zu verschaffen suchen.

Wenn Du an Marx schreibst, grüße ihn von mir; auch Tussy bitte ich zu grüßen.

Schreibst Du mir wieder, so benutze die bekannte Adresse weiter. Liebknecht läßt grüßen.

Die sozialen Gesetzentwürfe Bismarcks, die Du für Deine Arbeiten brauchst, werden wir Dir verschaffen. Der Mensch operiert mit riesigem Ungeschick; solche faux pas, wie die ›Provinzialkorrespondenz‹ sie gemacht, dürften nicht vorkommen. Auch daß er den alten Plan der Reichsunfallversicherungsbank – die einzige vernünftige Idee, die er bisher gehabt hat – aufgegeben, weil er sich durch Schäffle hat breitschlagen lassen, mußt Du ihm gehörig unter die Nase reiben.

Schäffles Broschüre ›Der kooperative Hilfskassenzwang‹ (Tübingen 1882, H. Lauppscher Verlag) habe ich kürzlich gelesen. Sie bezweckt, für den neuesten Gesetzentwurf und die Bismarcksche ›Sozialreform‹ Propaganda zu machen, und befürwortet eine Organisation, die das reine Tohuwabohu schafft. Es schadet nichts, wenn Du Herrn Schäffle ein wenig mitverarbeitest.

Gruß und Handschlag von Deinem

A. Bebel.«

 

Meine Entgegnung auf die Artikel Vollmars erfolgte in Nummer 42 des »Sozialdemokrat« vom 22. Oktober unter der Überschrift: »Aufhebung des Sozialistengesetzes?« In diesem Artikel trat ich den Trugschlüssen, die nach meiner Meinung den Vollmarschen Artikeln zugrunde lagen, entschieden entgegen und lehnte die empfohlene Taktik als unmöglich ab, weil sie die Partei zugrunde richte. In der gegnerischen Presse, die zu jener Zeit den Inhalt des »Sozialdemokrat« aufmerksam verfolgte, fand die Polemik große Beachtung. Sie sahen wieder einmal, wie vorher schon soundso oft, eine Spaltung in der Partei eintreten – denn was man wünscht, glaubt man gern – und unterrichteten in diesem Sinne ihre Leser. Es lag auch in der Natur der Sache, daß ich mit meinen Artikeln den rechtsstehenden Elementen in der Partei eine Genugtuung bereitete, obgleich ernstlich kein Grund dazu vorlag. Engels wieder meinte, ich hätte die Vollmarschen Artikel zu ernst genommen und machte gegen seine Gewohnheit allerlei mystische Andeutungen, wonach wir das Gesetz früher loswerden würden, als wir selbst glaubten.

Darauf antwortete ich ihm unter dem 14. November durch einen aus dem Gefängnis gepaschten Brief:

»Lieber Engels!

Deinen Brief erhielt ich noch unmittelbar vor Torschluß. ... Da ich Gelegenheit habe, einige Zeilen an Dich zu schmuggeln, so will ich so gut als möglich auf Deinen letzten Brief antworten, denn zu Händen habe ich ihn natürlich nicht.

Ob ich den Artikel von Vollmar zu ernst genommen habe, lasse ich dahingestellt sein. Der ›Sozialdemokrat‹ hat jetzt bei unseren Leuten den allerbedeutendsten Einfluß, weil sie absolut nichts anderes zu lesen bekommen und auch sonst nichts hören. Bleibt eine Meinung wie die Vollmarsche unwidersprochen, wird sie als allgemein gültige anerkannt, und die Folge ist, daß dann die Leute auch die Handlungen danach verlangen. Es muß also jetzt mehr denn je zuvor vermieden werden, Ansichten zu verbreiten, denen zu entsprechen nicht möglich ist. Das sind, kurz gesagt, die Gründe, weshalb ich das Ding ernst nahm. Daß ich bei dieser Gelegenheit ein Lob Vierecks einheimste, war mir weder angenehm, noch hatte Viereck Veranlassung dazu; er hat im Eifer, Kapital für sich daraus zu schlagen, entweder nicht verstanden oder nicht verstehen wollen, was letzteres ja auch bei den Offiziösen geschah, die lächerlicherweise eine Spaltung ankündigten und das so dumm als möglich anfingen. Vollmar vergißt zu leicht, wenn er in der Schweiz sitzt, wie es bei uns aussieht; ist er in Deutschland, dann ist er viel vernünftiger, das hat seine Monopolrede bewiesen.

Angenehm wäre mir gewesen, wenn Du Dich weniger mystisch ausgelassen hättest, wieso wir denn etwa und vielleicht ganz unerwartet das Gesetz loswerden könnten. Ich kann mir darunter nur zweierlei denken, und ich will versuchen, ob ich Deine Idee errate.

Entweder kommt uns in Bälde abermals eine Handels- und Industriekrise über den Hals, die von Nordamerika ausgeht, und der Rückschlag dieser auf Europa treibt dasselbe aus den Fugen, oder es bricht ein europäischer Krieg aus, dessen eine Wirkung alsdann unzweifelhaft die europäische Revolution ist. Ein Drittes vermag ich nicht zu entdecken.

Der europäische Krieg scheint mir deshalb unwahrscheinlich, wenigstens auf absehbare Zeit, weil nach meiner festen Überzeugung alle europäischen Kabinette genau die Folgen eines großen Krieges kennen und fürchten. Vergeblich sucht man nicht die ägyptische Frage totzutreten auf die Gewißheit hin, daß Englands Macht sich gewaltig dadurch befestigt. Bismarck sucht offenbar auch alles zu vermeiden, was äußere Konflikte schaffen könnte, er weiß zu gut, daß Deutschland am allerwenigsten aus inneren und äußeren Gründen einen Krieg brauchen kann. Zu erobern gibt es nichts, es kann also nur verlieren, und die Situation in dem Innern ist so, daß, ganz abgesehen von der erbitterten Arbeiterklasse, unser Bürgertum infolge einer Kriegserklärung zu drei Viertel seinen Bankerott ansagen müßte, das heißt das System wäre fertig. Ich sehe, abgesehen von Rußland, dem der beste Wille nicht fehlt, keinen Staat, der jetzt eine europäische Verwicklung wünscht, Rußland kann sie aber wegen seiner inneren Schwäche nicht ausnutzen.

Ich halte also einen europäischen Krieg in Bälde nicht für wahrscheinlich, womit nicht gesagt sein soll, daß es an Ursachen mangelt. Zündstoff ist überall in Menge, und der Zufall kann eine Explosion herbeiführen. Aber der Zufall ist doch kein Faktor, mit dem man rechnet.

Die andere Alternative für einen großen Krach: die amerikanische Krise, auf die ich unsere Leute schon seit Jahr und Tag hingewiesen habe, scheint mir dagegen sehr nahe zu sein. Mein zigeunerndes Leben in den letzten Jahren hat mich verhindert, die Entwicklung mehr im einzelnen zu verfolgen, aber das Fazit, das die nordamerikanische Handelsbilanz in den letzten Monaten ergibt, scheint mir sehr für den baldigen Krach zu sprechen, und dann gute Nacht mit der europäischen Exportindustrie. Dann dürfte insbesondere auch für England die Stunde der Umwälzung schlagen.

Das ganze bißchen Aufschwung, wenn man es so nennen will, das wir in Deutschland in den letzten anderthalb Jahren bemerkt haben, schuldet seine Existenz ausschließlich dem steigenden Export. Bekommt der ein Loch, dann bekommen wir einen Krach, ärger als jener von 1874, denn wir haben uns von dem noch nicht erholt. Unsere Eisenindustrie kommt bereits wieder bedenklich ins Schwanken; tatsächlich sind die Notierungen, wie sie der Börsenzettel bringt, Schwindel, und wird zu viel niedrigeren Preisen verkauft. Der Kartellvertrag der Eisenproduzenten ist, wie vorauszusehen war, längst in die Brüche gegangen, und ist die Überproduktion wieder im besten Zuge. In der Textilindustrie sieht's nur wenig besser aus; auch hier ist der Export die Hauptsache, bekommt auch dieser einen Rückschlag, so sind die beiden Hauptindustrien lahmgelegt, und die Lähmung greift weiter. Kurz, die amerikanische Krise hat weit mehr Wahrscheinlichkeit als ein europäischer Krieg, die Sturmglocke für die europäische Revolution zu werden.

Es wäre mir lieb, gelegentlich Deine und Marx' Meinung über meine Ansichten zu hören. Ich hoffe, auf Weihnachten meine Haft unterbrechen zu können.

Schreibst Du mir, so nimm auf das Datum dieses Briefes keinen Bezug, es möchte andere in Verlegenheit bringen können.

Es freut mich sehr, daß Marx wieder wohl ist. Ich erwidere seine und Tussys Grüße herzlich. R. Meyer schreibt im Nachwort zu seiner Veröffentlichung der Briefe und Aufsätze von Rodbertus: »Es sei möglich, daß Marx noch die Zeit erlebe, daß mit seinem System ein Versuch gemacht werde.« Obgleich er dies offenbar nur schrieb, um Bismarck zu ärgern, so kann er doch recht haben, das wäre prächtig.

Habt Ihr die Meyerschen Bücher gelesen? Ich habe sie im Gefängnis durchgenommen. Meyer lobt Euch beide sehr und fühlt sich über die gute Aufnahme, die Ihr ihm bereitet, offenbar sehr geschmeichelt; freilich müßt Ihr diesen Ruhm mit fünf Kardinälen teilen, die ihm dieselbe Ehre widerfahren ließen. Da Marx von seinen guten Freunden den Feinden schon oft als sozialistischer Papst hingestellt worden ist, so kann er sich die Gesellschaft gefallen lassen.

Rodbertus habe ich so recht erst aus diesen Briefen und Aufsätzen kennengelernt. Er steht jedenfalls weit über dem Durchschnitt unserer sogenannten Nationalökonomen. Der Mann hat Kritik und Ideen, aber als konservativer Sozialist kommt er in den stärksten Widerspruch mit sich selbst.

Marx' ›Kapital‹ wollte er ja auch ›widerlegen‹, sein Nachlaß scheint aber nicht veröffentlicht zu werden, in bezug auf letzten Punkt für ihn selbst am nützlichsten.

Dein A. Bebel.«

 

 

Unter dem 22. Dezember schickte mir Engels eine Antwort auf meinen Brief vom 10. November, in der er unter anderem schrieb:

» Lieber Bebel!

Ich hoffe, Du kommst übermorgen auf vierundzwanzig Stunden los und so ohne Schwierigkeit in Besitz dieser Zeilen.

Die Stelle meines letzten Briefes, die Dir energisch vorkam, besagt weiter nichts, als daß ich eine Aufhebung des Ausnahmegesetzes erwarte von Ereignissen, die entweder selbst revolutionärer Natur sind (ein neuer Schlag oder Einberufung einer Nationalversammlung in Rußland zum Beispiel, wo sich die Rückwirkung auf Deutschland sofort zeigen würde) oder doch die Bewegung in Gang bringen und die Revolution vorbereiten (Thronwechsel in Berlin, Tod oder Abgang Bismarcks, beides mit fast unvermeidlicher »neuer Ära«).

Die Krisis in Amerika scheint mir wie die hiesige und wie der noch nicht überall gehobene Druck auf der deutschen Industrie keine richtige Krisis, sondern Nachwirkung der Überproduktion von der vorigen Krisis her. Der Krach in Deutschland wurde das vorige Mal durch den Milliardenschwindel verfrüht, hier und in Amerika kam er zu normaler Zeit 1877. Nie aber sind während einer Prosperitätsperiode die Produktionskräfte so gesteigert worden wie von 1871 bis 1877, daher ähnlich wie 1837 bis 1842 ein chronischer Druck hier und in Deutschland auf den Hauptindustriezweigen, besonders Baumwolle und Eisen. Die Märkte können alle die Produkte noch immer nicht verdauen; da die amerikanische Industrie der Hauptsache nach noch immer für den geschützten inneren Markt arbeitet, kann dort eine lokale Zwischenkrise bei der raschen Vermehrung der Produktion sehr leicht entstehen. Sie dient aber schließlich nur dazu, die Zeit abzukürzen, in der Amerika exportfähig wird und als gefährlicher Konkurrent Englands auf dem Weltmarkt erscheint. Ich glaube daher nicht – und Marx ist derselben Ansicht –, daß die wirkliche Krisis viel vor der richtigen Verfallzeit kommen wird.

Einen europäischen Krieg würde ich für ein Unglück halten, diesmal würde er furchtbar ernst werden, überall den Chauvinismus entflammen auf Jahre hinaus, da jedes Volk um die Existenz kämpfen würde. Die ganze Arbeit der Revolutionäre in Rußland, die am Vorabend des Sieges stehen, wäre nutzlos, vernichtet; unsere Partei in Deutschland würde momentan von der Flut des Chauvinismus überschwemmt und gesprengt, und ebenso ging's in Frankreich. Das einzig Gute, was herauskommen könnte, die Herstellung eines kleinen Polens, kommt bei der Revolution ebenfalls, und zwar von selbst heraus, eine russische Konstitution im Falle eines unglücklichen Krieges hätte eine ganz andere, eher konservative Bedeutung als eine revolutionär erzwungene. Ein solcher Krieg, glaube ich, würde die Revolution um zehn Jahre aufschieben, nachher würde sie freilich um so gründlicher. Übrigens war wieder Krieg in Sicht. Bismarck hat mit der österreichischen Allianz geradeso demonstriert wie 1867 bei der Luxemburger Affäre mit den süddeutschen Bündnissen. Ob es im Frühjahr zu etwas kommt, müssen wir abwarten.

Deine Mitteilungen über den Stand der deutschen Industrie waren uns sehr interessant, namentlich die ausdrückliche Bestätigung, daß der Kartellvertrag der Eisenproduzenten gesprengt ist. Das konnte nicht vorhalten, am allerwenigsten bei deutschen Industriellen, die ohne die kleinlichste Beschummelei nicht leben können. Die Meyerschen Sachen haben wir hier bis jetzt nicht gesehen, und so hast Du uns da auch was Neues erzählt. Daß Marx neben seinen Kardinälen figurieren würde, war zu erwarten, es machte Meyer immer ein ganz besonderes Vergnügen, wenn er von Kardinal Manning direkt zu Marx gehen konnte, das verschwieg er dann nie.

In seinen ›Sozialen Briefen‹ war Rodbertus nahe daran, dem Mehrwert auf die Spur zu kommen, aber näher kam er nicht. Sonst wäre sein ganzes Dichten und Trachten, wie dem verschuldeten Landjunker zu helfen sei, am Ende gewesen, und das konnte der gute Mann nicht wollen. Aber wie Du sagst, er ist viel mehr wert als die Masse der deutschen Vulgärökonomeninklusive der Kathedersozialisten, die ja nur von unseren Abfällen leben. – – –

Ich habe gestern das letzte Manuskript zur Broschüre nach Zürich geschickt, nämlich einen Anhang über die Markverfassung und eine kurze Geschichte der deutschen Bauern überhaupt. Da der Maurer sehr schlecht erzählt und viel durcheinander wirft, kommt man bei erster Lesung den Sachen schwer auf die Spur. Sobald ich also Aushängebogen erhalte, schicke ich Dir die Geschichte, da sie den Maurer nicht einfach auszieht, sondern auch indirekt kritisiert und noch vieles Neue enthält. Es ist die Erstlingsfrucht meiner seit einigen Jahren betriebenen Studien über deutsche Geschichte, und es freut mich sehr, daß ich sie nicht zuerst den Schulmeistern und sonstigen ›Gebildeten‹, sondern den Arbeitern vorlegen kann.

Jetzt muß ich schließen, sonst kann ich den Brief für die Abendpost nicht mehr einschreiben lassen. Die Preußen scheinen noch nicht so weit zu sein, auch eingeschriebene Briefe zu bestiebern, bis jetzt kommt alles in normalem Zustand an, lange Übung bat mich gelehrt, das ziemlich sicher zu beurteilen.

Deine Frau bitte ich, einliegende Weihnachtskarte und meine beste Empfehlung akzeptieren zu wollen.

Dein F. E[ngels].«