Karl Liebknecht

Reden und Schriften

 

 

 

 

 

 

Karl Liebknecht

 

Die proletarische Jugend in der Revolution

 

 

 

27. November 1918

 

Die junge Garde (Berlin), Nr. 1, 27. November 1918.

 

Gesammelte Reden und Schriften, Band 9, S. 626-629



Auf mehr als 14 Jahre blickt die proletarische Jugendbewegung Deutschlands zurück. Sie ist kein Kunsterzeugnis parteiamtlicher Perücken, sondern eine Schöpfung des revolutionären Geistes, der in der doppelt bedrängten und ausgesogenen Arbeiterjugend empor loderte. Ihre Geburt, ihr Aufstieg vollzog sich unter Blitz und Donner. Die herrschenden Klassen schäumten Wut; der Bannstrahl der offiziellen sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftsbürokratie sauste auf sie herab; Misstrauen und Engherzigkeit suchte sie zu knebeln, zu kirren und zu dressieren. Vergebens! Berechnende Schlauheit von gleicher Art, wie sie jetzt die Revolution vom 9. November betrügen möchte, suchte sich ihrer zu bemächtigen, um sie zu entmannen. Vergebens! Mochten auch manche sich bewusst oder unbewusst vom geraden Weg ab in den Sumpf regierungskleinlicher Rechnungsträgerei und schwächlicher Abhängigkeit drängen lassen, sie setzte sich durch.

Und im August 1914 brach die große Zeit der proletarischen Jugendbewegung Deutschlands an, der Arbeiterjugend Deutschlands und der ganzen Welt.

Als die zweite Internationale in Schande zusammenbrach, als sich die offiziellen Organisationen der Arbeiterschaft fast durchweg aus Propagandisten der internationalen Solidarität in Schürer des nationalen Hasses, aus Wächtern des Völkerfriedens in Hetzer der Völkerzerfleischung, aus Stoßtrupps des Klassenkampfes in Heilsarmeen der Klassenharmonie verwandelten, da war es neben den Frauen die proletarische Jugend, welche die Ehre des Sozialismus rettete. Sie hob am ersten Tag des Krieges die in die Gosse getretene Fahne des internationalen Klassenkampfes wieder auf und entfaltete sie kühn vor aller Welt. Sie verkündete unerschrocken und unermüdlich, dass es für das Weltproletariat nur eine Erlösung aus dem Grausen des Wellkrieges gäbe: die soziale Revolution, die mit dem Weltkriege zugleich die Wurzeln aller Kriege, den Kapitalismus und Imperialismus, ausrottet.

Durch 50 Kriegsmonate hat die freie Jugend Deutschlands an diesen Zielen festgehalten, an ihrer Verwirklichung gearbeitet, sich den verräterischen Führern der Mehrheitssozialisten mit leidenschaftlichem Eifer entgegen geworfen.

Wo immer sich der revolutionäre Kampfgeist des deutschen Proletariats regte, in Kundgebungen und Taten, Demonstrationen und Streiks, in Propaganda und Aktion, allenthalben stand die freie Jugend mit an der Spitze oder eilte den Erwachsenen voran, denen sie an den schwierigsten Posten mit Hingebung half und die sie in den wichtigsten, in den entscheidenden Handlungen mit stürmischer Begeisterung voran drängte Ihre Scharen wurden gelichtet, ihre Vorkämpfer wurden in die Schützengräben gesteckt, in Schutzhaft, Gefängnis, Zuchthaus gesperrt, die Klassenjustiz tobte unter ihnen erbarmungsloser als unter den Erwachsenen und raffte zu den Schlachthekatomben der Jugend noch manches warme, junge Leben hinweg. Die freie Jugend aber blieb unverzagt und spottete der Feinde.

Sie schloss ihre Reihen nur um so fester; Ostern 1916 zersprengte sie endgültig die alten, beengenden Formen und Fesseln, stellte sich vollends auf eigene Füße, schuf sich ihr eigenes Programm, ihre eigene Organisation, um die höchstmögliche Aktionskraft zu entfalten.

Ende Oktober 1918 fand sie sich zum letzten Male zusammen – zur unmittelbaren Vorbereitung der revolutionären Erhebung. Ende Oktober waren es ihre Braven, die einer Übermacht von Berliner Schutzleuten tapfer die Stirn boten und einen verhafteten Freund entrissen, ohne die Säbelhiebe zu zählen, die sie verwundeten. (1) Freier Jugendgeist war es in erster Reihe, der die deutsche Flotte und Armee zur Empörung fortriss und das Zwinguri des deutschen Militarismus brach. Der Geist der freien Jugend wehte allerorten in Deutschland den revolutionären Erhebungen der Arbeiter- und Soldatenmassen voran. Und als am 9. November das Proletariat Berlins in gewaltigem Ansturm die tief unterwühlte Hohenzollernherrlichkeit stürzte, auch da flatterte ihnen die rote Fahne der freien Jugend voran. Das teuerste Blutopfer dieses Tages ist der Jugendgenosse Habersaath. (2)

So wurde der Blutbund geschlossen und besiegelt, der Blutbund zwischen Revolution und proletarischer Arbeiterjugend.

Und dieser Blutbund besteht fort, er ist's vor allem, der uns in den Wochen der Enttäuschung, die dem 9. November gefolgt sind, Zuversicht und Vertrauen gibt. Die freie Jugend, deren Fleisch und Seele den Krallen der Kriegsfurie am unerbittlichsten ausgeliefert war, die unter politischer Rechtlosigkeit, sozialer Unterdrückung, wirtschaftlicher Ausbeutung am bittersten seufzt, sie sieht klarer noch als die Erwachsenen, dass die Revolution des 9. November bisher nur die politische Oberfläche der Gesellschaftsordnung verändert hat, während die breiten Quadern der kapitalistischen Klassenherrschaft noch unangetastet stehen und viele von den ersten Errungenschaften der Revolution schon heute wieder verloren sind. Sie wissen, dass Rechtlosigkeit, Unterdrückung, Ausbeutung nur durch Ausrottung des kapitalistischen Systems beseitigt werden können. Sie wissen, dass ein Friede, wie ihn die jetzige Regierung zu schließen bereit ist, nur die Vorbereitung eines neuen Krieges sein würde und dass ein dauernder Völkerfrieden nur erreicht werden kann durch den solidarischen Willen der arbeitenden Massen aller Länder, nur errichtet werden kann auf den Trümmern des Weltimperialismus. Sie haben erkannt, dass die Regierung der Scheidemann-Ebert-Haase das einzige Heilmittel gegen alle gesellschaftlichen Gebrechen nicht anwenden, sondern die kapitalistische Ordnung schützen und erhalten wird; und dass die weitere Entwicklung über diese Regierung der Halbheit und Verderbtheit hinweg schreiten muss. Sie haben den Trug der Nationalversammlung durchschaut und erkannt, dass das Werk der Befreiung der Arbeiterklasse nur von der Arbeiterklasse selbst vollendet werden kann, dass die gesamte politische Macht fest in den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte liegen muss, sollen die Hoffnungen der Arbeiterklasse nicht zuschanden werden.

Die revolutionäre Jugend des Proletariats, sie war die heißeste, reinste Flamme der bisherigen deutschen Revolution; sie wird die glühendste, heiligste, unlöschbare Flamme der neuen Revolution sein, die da kommen muss und wird: der sozialen Revolution des deutschen, des Weltproletariats.

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(1) Reichskonferenz der Freien Sozialistischen Jugend Deutschlands am 26. und 27. Oktober 1918 in Berlin, an der auch Karl Liebknecht teilgenommen hatte. Die Red.

 

(2) Erich Habersaath (1893–1918), führender Funktionär der Berliner revolutionären Jugendbewegung; wurde am 9. November 1918 beim Sturm auf die Kaserne des Garde-Füsilier-Regiments (Maikäferkaserne) von konterrevolutionären Offizieren erschossen. Die Red.