Wie "Die Rote Fahne" am ersten Tag der Novemberrevolution

das Licht der Welt erblickte ...

 

Stockdunkel war es bereits.

Der Tag, an dem auch Berlin von der Revolution erfaßt worden war, klang aus.

Da kursierte unter den immer noch erregten Massen, den Aufständischen und den Sympathisierenden, in vielen Exemplaren ein Blatt, wie es noch nie gesehen worden war: «Rote Fahne'), die erste Nummer der ersten Tageszeitung der Spartakusgruppe. Das war im traditionellen hauptstädtischen Blätterwald eine echte Revolutionssensation. Sie dokumentierte schwarz auf weiß: Das Berliner Proletariat beging den Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution mit dem Beginn der eigenen Revolution. Das Polizeipräsidium gestürmt, 650 Gefangene befreit, die proletarische Kampffahne über dem Schloß - davon kündete die Spartakuszeitung.
Vor allem aber war in ihr zu lesen, wie es nach dem ersten Akt der Volkserhebung weitergehen sollte.

Merkwürdig war der Untertitel dieser ersten Nummer der «Roten Fahne», die unter der Leitung von Hermann Duncker und Ernst Meyer erschien: «Ehemaliger Berliner Lokal-Anzeigen) stand dort als ein gedrucktes Zeugnis schwerer Geburt. Damit hatte es eine besondere Bewandtnis. Am Vormittag des 9. November entdeckte Hermann Duncker in einem der Demonstrationszüge Freunde aus der Arbeiterjugendbewegung, die zusammen mit revolutionären Soldaten und Matrosen ein Lastauto aufgetrieben und mit roten Fahnen geschmückt hatten.
Ein Wille beseelte sie: Die Revolution mußte siegen! Spartakus mußte die Führung fest in die Hand bekommen, Spartakus brauchte ein eigenes Sprachorgan, um täglich seine Meinung sagen, verbreiten und den Zusammenhalt der Revolutionäre festigen zu können. So beschlossen sie auf der Stelle, den «Lokalanzeiger» zu besetzen. Dieses infame Kriegshetzblatt durfte das Volk nicht weiter vergiften! «Los, fahren wir nach der Zimmerstraße. Gesagt - getan !» Hermann Duncker berichtet die revolutionäre Episode, ein bildhafter Ausschnitt aus der Ganzheit der Mühen, auch der Erfolge dieses historischen Tages: «Und nun vollzog sich etwas geradezu Unglaubliches. Wir kletterten vom Wagen, zuerst die Kameraden mit ihren Gewehren. Die rote Fahne voran, drangen wir in das Gebäude ein, ohne einen ernstlichen Widerstand zu finden. Dann stürmten wir in die Redaktionsräume. In einem riesigen Zimmer schienen alle Redakteure zu einer Besprechung versammel t zu sein.
Auf meinen Zuruf: "Meine Herren, das Blatt hat sich gewendet, nun muß sich Ihr Blatt auch wenden!" - gab es im ganzen Raum nur ein betretenes Schweigen und resigniertes Kopfnicken. Der Konsequenz, daß ein Lokalanzeiger nicht mehr möglich sei, wenn die Revolution gesiegt habe, schienen sich selbst die Schreiberlinge des "Lokalanzeigers" - nicht verschließen zu können. So drängten sie dann eiligst und stumm zum Ausgang und überließen uns das Feld. Die Setzer leisteten zwar noch einigen Widerstand, doch aus der zweiten Abendausgabe des hochkonservativen "Lokalanzeigers" wurde die erste Nummer der «Roten Fahne» - eine neue Waffe der Spartakusführung im Kampf für die proletarisch-revolutionäre Orientierung der anti-imperialistischen Massenerhebung.

Zur selben Stunde, als die Rotationsmaschinen in der Zimmerstraße für die neue Sache zu laufen begannen, saß Rosa Luxemburg, zu quälender Untätigkeit verdammt, in Breslau. Am Vortage erst aus der Haft entlassen, war es ihr noch nicht gelungen, nach Berlin zu kommen. Der Zugverkehr war eingestellt, zwei Versuche der Spartakusgruppe, sie mit einem Auto abzuholen, waren mißglückt. Sie war einzig und allein auf den Telefonhörer angewiesen, nach dem sie in fieberhafter Spannung auch immer wieder griff, um Neues über den Fortgang der Ereignisse zu erfahren.

Die zweite Nummer der «Roten Fahne» war bereits zusammengestellt, als Rosa Luxemburg endlich - am Abend des 10. November gegen 10 Uhr - mit dem Zug in Berlin eintreffen konnte. Sie hegte keine Illusionen über die Schwere des Kampfes der Arbeiterklasse um die politische Macht. Trotz spärlicher Nachrichten hatte sie es am russischen Beispiel des Vorjahres 1917 erfahren können, und sie sah es nun, in den Tagen der deutschen Novemberrevolution, noch deutlicher: Die Revolution gegen den Imperialismus verlangte von der Arbeiterklasse und ihren Führern das Äußerste an Mut, Kraft und weitsichtiger Politik. An alledem würde es Rosa Luxemburg nicht mangeln. Schon einmal, im Dezember 1905, war sie auf nahezu abenteuerliche Weise mitten ins Revolutionsgeschehen gereist, und sie hatte in nur wenigen Monaten Hervorragendes leisten können. Im Endeffekt hatte sie 1907, auf dem Londoner Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands, fest an der Seite Lenins gestanden. Der Arbeiterklasse Deutschlands riet sie schon damals, den Blick nicht so sehr ins 19. Jahrhundert - auf die bürgerlich-demokratische Revolution von 1848/49 - zu lenken, sondern das ABC der heutigen Revolution bei den Russen zu lernen.
Nicht jederzeit und nicht in allen Fragen war sie seitdem mit Lenin einig gewesen. Sie hatte gestritten, kritisiert und geirrt. Jetzt aber war es in Deutschland und war sie selbst soweit, dem Beispiel der Bolschewiki zu folgen und eine vordringliche Aufgabe zu lösen: überall Arbeiter- und Soldatenräte zu bilden und deren Macht zu festigen.

Die soeben gesetzte zweite Nummer der «Roten Fahne» schlug den revolutionären Massenversammlungen in Berlin eine Resolution vor, die neben vielen wichtigen Forderungen zur Sicherung und Weiterführung der Revolution auch den Aufruf enthielt, Rosa Luxemburg in den zentralen Arbeiter- und Soldatenrat Deutschlands zu delegieren. Man begrüßte in Rosa die lebendige Garantie für ein Kampfbündnis der deutschen Revolution mit der russischen Sowjetrepublik, die Frau, «die für Hunderttausende Männer und Frauen West- und Osteuropas die geistigen Waffen des Freiheitskampfes gegen den Imperialismus schon lange vor dem Kriege mitgeschmiedet hat und die darum bis zum letzten Augenblick von den herrschenden Klassen als ihre Todfeindin im Kerker festgehalten» wurde.

Doch die Konterrevolution kannte die Gefahr, die von Spartakus und dessen kampferprobten Führern für den Bestand der alten Gesellschaftsordnung ausging. Kaum vom gestrigen Schock erholt, begann sie das Kesseltreiben gegen die «Rote Fahne».

«Als Rosa Luxemburg an jenem 10. November in die Redaktion kam», so erinnert sich Hermann Duncker, «wehte dort bereits ein anderes Lüftchen. Die Gefügigkeit, mit der sich die Herren und das gesamte Personal am Vortage dem revolutionären Willen des Proletariats unterworfen hatten, war einer immer stärker werdenden Widersetzlichkeit und Sabotage gewichen. Die Herren von Verlag und Redaktion gingen zur Regierung, schrien dort Zeter und Mordio, und die neue "Revolutions"regierung- schenkte den Klagen der bürgerlichen Pressegenerale ein williges Ohr. Ebert verfügte, daß die Zeitung ihrem ehemaligen Besitzer wieder auszuliefern sei, ihr konterrevolutionäres Gift also ungehindert weiterverspritzt werden durfte (!). Damit verstärkte sich die Aufsässigkeit mancher Setzer und Drucker. Da hielt Rosa Luxemburg vor der gesamten Belegschaft eine so eindringliche und leidenschaftliche Rede, daß von dieser Seite keine Schwierigkeiten mehr gemacht wurden und die zweite Nummer der <Roten Fahne> in Druck ging.

Tags darauf entstand ein Tumult auf der Straße und wiederum im Zeitungshaus. Auf Anordnung Eberts wurde die Redaktion der «Roten Fahne» durch Polizeigewalt (!) aus dem Gebäude des «Berliner Lokal-Anzeigers» exmittiert. Nicht viel hätte gefehlt, so wären Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg bereits an diesem Tage abermals verhaftet worden. Zwar konnten sie den Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte dazu bewegen, gegen Scherl, den Verleger des «Lokalanzeigers», eine Verfügung zu erlassen; doch unter dem Beistand der Regierung Ebert gelang es Scherl, den Druck der «Roten Fahne» zu verhindern. Die Regierung ließ den reaktionären Betrieb unter militärischen (!) Schutz stellen, das Personal wurde gegen den Spartakusbund aufgeputscht und empfing für die Verweigerung des Druckes den Judaslohn von 16 000 Mark. Wer dennoch für Spartakus arbeiten wollte, erhielt die Kündigung.

Bis zum 17. November tobte nunmehr ein Kampf um die Frage:

Erscheint die «Rote Fahne» oder erscheint sie nicht?

Ungeduldig und aufgewühlt zog Rosa Luxemburg vom Hotel «Excelsior» ins Hotel "Moltke" um, schrieb sie in Gedanken Artikel für die «Rote Fahne», konnte sie kaum erwarten, ihre in Jahrzehnten erworbene Meisterschaft als Journalistin und Schrifrstellerin ganz in den Dienst der Revolution zu stellen. Ihre Überzeugung, das Spartakusorgan werde wieder erscheinen, trug Früchte. Bei der Firma Lehmann, in der Königgrätzer Straße, wurde eine neue Druckgelegenheit gefunden.

Am 18. November war die «Rote Fahne» wieder da:

technisch zwar noch mit Mängeln behaftet, aber treffsicher im Inhalt - nicht zuletzt dank der politisch-theoretischen Klarheit, des revolutionären Elans und der stilistischen Originalität der von Rosa Luxemburg verfaßten Artikel. Der Name des "Lokalanzeigers" als Untertitel war jetzt verschwunden. Eindeutig wies sich die Zeitung als Zentralorgan des Spartakusbundes unter Schriftleitung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg aus. Diese Nummer enthielt drei Beiträge aus der Feder Rosa Luxemburgs:

«Der Anfang», «Das alte Spiel», «Eine Ehrenpflicht».

Clara Zetkin, Franz Mehring und andere treue Kampfgefährten, die sofort nach dem Neuerscheinen des Blattes um ein kritisches Urteil gebeten wurden, urteilten einhellig: Die «Rote Fahne» sei tatsächlich das einzige sozialistische Blatt in Berlin, ihr Zuschnitt sei im ganzen populär-agitatorisch und dränge auf einen richtigen Kurs. Fast jeder kam auch auf neue Ideen, so etwa, wie die Frauen und die Jugendlichen besser angesprochen werden könnten. Rosa Luxemburg konnte darauf nur versichern, daß dies alles gut wäre, doch nicht mangelnde Einsicht, sondern die latente Papierknappheit viele Pläne ersticke. Sie selbst komme fast um, gestand Rosa in einem Brief an Clara Zetkin, nicht nur vor Arbeit und Trubel, sondern auch vor Kummer um die «Rote Fahne».

Luxemburg und Liebknecht arbeiteten für die Leitung der Redaktion unermüdlich. Mehrere Wochen lang tippte die Schreiberin Frieda Alice bereits nach Rosas klarer Handschrift, bis sie es wagte, die Sekretärin Mathilde Jakob zu fragen, ob sie denn Rosa Luxemburg auch einmal sehen könnte. Als diese dann, ergraut und abgespannt im Türrahmen stand, erschrak die junge Genossin und platzte heraus: «Wat, in so einer kleinen Kruke stecken solche großen Gedanken ?» Auch Alfred Merges, der mit anderen Genossen für die persönliche Sicherheit Rosa Luxemburgs verantwortlich war, erinnert sich:
«Schier übermenschlich schien mir die Kraft der körperlich schwachen und kleinen Rosa. So zerbrechlich sie aussah, meisterte sie doch pünktlich mit der Härte ihres Willens das tagtägliche Arbeitspensum. War Karl von einer Kundgebung gekommen, berieten sie sofort die Lage und setzten die Besprechungen mit Genossen der Zentrale fort. So legten sie gemeinsam die Linie des nächsten Leitartikels fest.»

Rosa Luxemburg ging ganz und gar in der Arbeit für die «Rote Fahne», für die Revolution auf. «Wenn Du wüßtest,' wieviel ich Dir zu sagen hätte und wie ich hier lebe - wie im Hexenkessel!» schrieb sie am 29. November an Clara Zetkin. Am Vortage, nachts um 12 Uhr, sei sie das erste Mal in ihre Berliner Wohnung gekommen, und zwar auch nur deshalb, weil Karl und sie aus sämtlichen Hotels in der Gegend des Potsdamer und Anhalter Bahnhofs ausgewiesen (!) worden seien. Die Arbeit aber entwickele sich famos.

Die Redakteure der «Roten Fahne» wußten genau, wo den Arbeitern der Schuh drückte und wo es der Revolution an Macht gebrach. Die Machtfrage stand als Kernfrage der Revolution im Zentrum aller Artikel. Sollte sich die Revolution zu Schwung, Glanz und Größe erheben, dann bedurfte es absoluter Klarheit über die Unversöhnlichkeit der Klassengegensätze. Weil Rosa Luxemburg schon immer gegen alles Halbe, Zweideutige gewesen war, erklärte sie zum Grundsatz der Revolution: Wer nicht mit mir ist, ist wider mich! Doch sie wußte nur zu gut, daß um jeden einzelnen Arbeiter und Soldaten hartnäckig gerungen werden mußte. Realistisch stellte sie fest: «Der reaktionäre Staat der zivilisierten Welt wird nicht in 24 Stunden zum revolu tionären Volksstaat. Soldaten, die gestern in Finnland, Rußland, der Ukraine, im Baltikum als Gendarmen der Reaktion revolutionäre Proletarier mordeten, und Arbeiter, die dies ruhig geschehen ließen, sind nicht in 24 Stunden zu zielklaren Trägern des Sozialismus geworden.» Geduld für die Suchenden und Ringen um die Schwankenden, aber Abgrenzung gegenüber den feigen Unterhändlern und schonungslose Abrechnung mit den Konterrevolutionären charakterisieren die Handschrift Rosa Luxemburgs. Sie entlarvte das alte Spiel der Konterrevolution, die die Volksmassen irreleitete, indem die sozialistischen Ziele in anarchistische Abenteuer urngefälscht wurden: Gegen Putsche, Morde und ähnlichen Blödsinn werde geschrien, doch den Sozialismus meine man! Wer die Spartakusrichtung zu meucheln suche, wolle die proletarische Revolution selbst ins Herz treffen! Bitterernst warnte sie vor den Gegnern der Revolution, die durch jubelnde Menschenrnassen, winkende Soldaten und flatternde rote Fahnen nicht besiegt würden. Was das Proletariat brauche, schrieb Rosa Luxemburg am 24. November, das «ist die gesamte politische Macht im Staate, ist der Gebrauch dieser Macht zur rücksichtslosen Abschaffung des kapitalistischen Privateigentums, der Lohnsklaverei, der bürgerlichen Klassenherrschaft, zum Aufbau einer neuen, sozialistischen Gesellschaftsordnung». Der Sozialismus könne niemals mit parlamentarischen Mehrheitsbeschlüssen eingeführt werden.

Im Programmentwurf vom 14. Dezember 1918 faßte Rosa Luxemburg die Ziele des Spartakusbundes zusammen: Er sollte das Erreichte sichern und die Revolution vorantreiben. Nicht «Demokratie oder Diktatur» war die Frage, die auf der Tagesordnung der Revolutionsgeschichte stand, sondern bürgerliche Demokratie oder sozialistische Demokratie. Alle Macht den Räten! lautete die Losung der sozialistischen Revolution.
«Denn Diktatur des Proletariats, so schrieb Rosa Luxemburg, «das ist Demokratie im sozialistischen Sinne.
Diktatur des Proletariats, das sind nicht Bomben, Putsche, Krawalle, Anarchie, wie die Agenten des kapitalistischen Profits zielbewußt fälschen, sondern das ist der Gebrauch aller politischen und militärischen Machtmittel zur Unterdrückung der reaktionären Klassen und zur Verwirklichung des Sozialismus, zur Expropriation der Kapitalistenklasse im Sinne und durch den Willen der revolutionären Mehrheit des Proletariats - also im Geiste sozialistischer Dernokratie. Mit proletarischer Konsequenz stand für Rosa Luxemburg fest: Revolutionen kennen keine Halbheiten, keine Kompromisse, kein Schleichen und Sichducken. Revolutionen brauchen offene Visiere, klare Prinzipien, entschlossene Herzen, ganze Männer und mutige Frauen.

Bei vielen aktiven Teilnehmern der Novemberrevolution fand die Programmatik des Spartakusbundes volle Zustimmung. Die Reaktion aber wurde um so giftiger.
Der Kampf gegen sie widerspiegelt sich deutlich in den von Liebknecht und Luxemburg geprägten Schlagzeilen der "Roten Fahne":

Der neue Burgfrieden - Die Revolution - Der Frauen Dank - Rußland und die deutsche Revolution - Wer braucht die Putsche? - An die Proletarier aller Länder - Die Streikwelle erhebt sich - Eberts Hochverrat an der Revolution - Die Verschwörung gegen die Sozialisierung - Herr Ebert in der Schlinge - Militärputsch in Berlin? - Hindenburg als Haupt der Gegenrevolution - Scheidemanns weiße Garde - Arbeiter!
Auf zum Massenstreik!

Am ersten Weihnachtsfeiertag gönnte sich Rosa Luxemburg eine Stunde des Verschnaufens. «Liebste Clara», schrieb sie nachdenklich, «heute sitze ich zum ersten Mal seit Breslau an meinem Schreibtisch und will Dir einen Weihnachtsgruß senden. Wie viel lieber wäre ich zu Dir gefahren! Aber davon kann keine Rede sein, da ich an die Redaktion angekettet bin und jeden Tag dort bis Mitternacht in der Druckerei bin, um auch den Umbruch zu beaufsichtigen, außerdem treffen bei diesen aufgeregten Zeiten erst um 10 und 11 Uhr nachts die dringendsten Nachrichten und Weisungen ein, auf die sofort reagiert werden muß. Dazu fast jeden Tag vom frühen Morgen Konferenzen und Besprechungen, dazwischen noch Versammlungen und zur Abwechslung alle paar Tage die dringende Warnung von amtlichen Stellen, daß Karl und mir von Mordbuben aufgelauert wird, so daß wir nicht zu Hause schlafen sollen, sondern jede Nacht anderswo Obdach suchen müssen, bis mir die Sache zu dumm wird und ich einfach wieder nach Südende zurückkehre. So lebe ich im Trubel und in der Hatz seit dem ersten Augenblick ... "

In diesen Dezembertagen reifte inmitten angespanntester Kämpfe zwischen Revolution und Konterrevolution die endgültige Entscheidung für die Gründung einer neuen, revolutionären Kampfpartei heran. Die Glutatmosphäre der Revolution trieb Menschen und Dinge mit unheimlicher Schnelligkeit voran. Die USPD-Führer hatten sich als das Feigenblatt der Konterrevolution entpuppt, und sie erklärten sich nicht bereit, einen Parteitag zur Beratung der weiteren Aufgaben der Volksrevolution einzuberufen. Folglich durfte kein Tag länger gezögert werden: Der Spartakusbund mußte seine organisations-politischen Bindungen zur USPD lösen.
Nun stellte sich die "Rote Fahne" ganz in den Dienst der Gründung einer revolutionären Partei der Arbeiterklasse. Das Programm war bekannt, die Abrechnung mit Leuten vom Schlage Kautskys und Haases mehrfach erfolgt, die Nationalversammlungsdemagogie der Konterrevolution enthüllt. Am 29. Dezember schrieb Rosa Luxemburg in der «Roten Fahne»: «Die jetzige Revolution, die erst in ihrem Anfangsstadium steht, die gewaltige Perspektiven vor sich und weltgeschichtliche Probleme zu bewältigen hat, muß einen untrüglichen Kompaß haben, der in jedem Teilstadium des Kampfes, in jedem Siege und in jeder Niederlage unbeirrbar nach demselben großen Ziele weist: nach der sozialistischen Weltrevolution, nach dem rücksichtslosen Machtkampf des Proletariats um die Befreiung der Menschheit vom Joch des Kapitals. Dieser richtungsweisende Kompaß, dieser vorwärtstreibende Keil, der proletarisch-sozialistische Sauerteig der Revolution zu sein - das ist die spezifische Aufgabe des Spartakusbundes ... »

Am selben Tage beschloß der Spartakusbund die Trennung von der USPD, die Gründung einer eigenen Partei. Unter Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts Leitung hatte die «Rote Fahne» den komplizierten Prozeß der Formierung des Spartakusbundes unterstützt - von seinen Anfängen als Propagandavereinigung bis zur Neugeburt einer selbständigen revolutionären Arbeiterpartei. Sie hatte der proletarischen Kampfpartei, der schärfsten Waffe der Revolution, den ersten Schliff im Geiste des Roten Oktober gegeben.