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80 Jahre sind vergangen, seitdem Marx und Engels im Namen einer kleinen geheimen Propagandagesellschaft, des "Kommunistenbundes", ihr Kommunistisches Manifest in die Welt hinaus sandten. In einer Zeit, wo der Kapitalismus erst am Anfang seines Siegeszuges um den Erdball stand, verkündeten die Gründer des wissenschaftlichen Sozialismus seinen notwendigen Untergang und riefen das Proletariat auf, das Todesurteil der Geschichte zu vollstrecken. Dieses erste Programm der proletarischen Revolution erreichte mit seinem Weckruf: "Proletarier aller Länder - vereinigt euch!" zunächst nur eine kleine Vorhut, die die ersten Versuche zur Schaffung proletarischer Kampforganisationen unternahm.

16 Jahre später, 1864, als die lähmende Wirkung der Niederlagen von 1848 und der folgenden Reaktionsperiode gewichen war, wurde in London in Gestalt der "Internationalen Arbeiterassoziation" die erste proletarische Internationale gegründet. Wiederum war es Marx, der ihr Programm formulierte. Jetzt handelte es sich schon um die internationale Zusammenfassung breiterer proletarischer Organisationen, insbesondere in England, wo die Gewerkschaften das Fundament bildeten, Arbeiterorganisationen verschiedener Reife, verschiedener Klarheit, aber beseelt von dem gemeinsamen Willen, den Befreiungskampf der Arbeiterklasse durch brüderliches Zusammenwirken zu erleichtern und zu beschleunigen. Zur Grundlage dieser Organisation konnte Marx, nicht wie bei dem kleinen Kommunistenbund, das Bekenntnis zum vollen Programm des Kommunismus machen. Es galt, wie Mehring in seiner "Geschichte der deutschen Sozialdemokratie" sagt, "einen Rahmen zu schaffen, worin deutsche Lassalleaner, französische Proudhonisten und englische Gewerkschaftler einmütig zusammenwirken konnten zur Beseitigung der Hindernisse, die der Befreiung der Arbeiter auf internationalem Gebiet entgegenstanden."

Die von Marx entworfene "Inauguraladresse" führt den Beweis für die durch die letzte Entwicklung des Kapitalismus erneut bestätigte Tatsache,

"dass keine Vervollkommnung der Maschinerie, keine Anwendung der Wissenschaft auf die Produktion, seine Verbesserung der Verkehrsmittel, keine neuen Kolonien, keine Auswanderung, keine Eröffnung neuer Märkte, kein Freihandel, noch all diese Dinge zusammen genommen, das Elend der arbeitenden Massen beseitigen werden, sondern dass auf der jetzigen falschen Basis jede neue Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit dahin führen muss, die sozialen Unterschiede zu vertiefen, und die sozialen Gegensätze zuzuspitzen."

Die Eroberung der politischen Macht wird als "die große Pflicht der Arbeiterklasse" proklamiert und die Aufmerksamkeit der Arbeiter auf die auswärtige Politik gelenkt:

"Wenn die Befreiung der Arbeiterklasse der verschiedenen Nationen ihr brüderliches Zusammenwirken erheischt, wie soll dieses große Ziel erreicht werden mit einer auswärtigen Politik, die frevelhafte Zwecke verfolgt, nationale Vorurteile ausspielt und in Raubkriegen des Volkes Gut und Blut vergeudet?"

Daher die Pflicht der Arbeiterschaft,

"sich der Geheimnisse der internationalen Politik zu bemächtigen, die diplomatischen Aktionen ihrer Regierungen zu überwachen, ihnen, wenn nötig, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln entgegenzuwirken."

Unter der persönlichen Leitung von Marx und Engels hat die erste Internationale die Pflicht erfüllt, die hier vorgezeichnet ist. Diese noch immer kleine Schar international verbundener Kämpfer wurde zum Schrecken aller europäischen Regierungen. Wir heute die Bourgeoisie für jeden Ausdruck der Massenempörung in allen Teilen der Welt die "Agenten Moskaus" verantwortlich macht, so suchten die Polizeigewaltigen jener Epoche bei jedem Streik, bei jedem "Aufruhr" die "Anstifter" unter den "Agenten des Generalrats".

Bei dem ersten Versuch der Gründung einer proletarischen Staatsmacht bei der Pariser Kommune von 1871 standen in der Tat Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation in der vordersten Reihe, die Internationale rief zu ihrer tatkräftigen Unterstützung auf, stolz und offen bekannte sie sich durch das von Marx verfasste Manifest des Generalrats nach der Niederschlagung des Aufstandes zu den verfolgten, gehetzten verleumdeten Kämpfern der Kommune.

Aus den Erfahrungen der Pariser Kommune zog Marx die Lehre, dass

"die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen kann."

Damit war deutlich ausgesprochen, dass das in der "Inauguraladresse" ebenso wie im Manifest proklamierte Ziel der Eroberung der Staatsmacht nicht in der Übernahme der Regierung des bestehenden Staates, sondern in der revolutionären Zertrümmerung der bürgerlichen Staatsmaschine und der Schaffung einer neuen proletarischen bestehen muss. Aber gerade in diesem Punkte fehlte es an Klarheit aller Programme der Sozialdemokratischen Parteien, die in dieser Epoche geschaffen wurden. Im Eisenacher Programm von 1869 heißt es, dass die Lösung der sozialen Fragen nur im demokratischen Staate möglich ist und es wird ein entsprehendes Programm bürgerlich-demokratischer Tagesforderungen aufgestellt. Das Gothaer Programm von 1875, das durch die Vereinigung der Eisenacher und der Lassalleaner entstand, erhob neben den demokratischen Tagesforderungen die sinnlose Forderung des "freien Staates".

Marx hat diesen Widersinn einer vernichtenden Kritik (*) unterzogen. Er nannte es eine Finte "all jene schönen Sächelchen", die nur in einer demokratischen Republik am Platze sind, von einem Staate zu verlangen,

"der nichts Anderes als ein mit parlamentarischen Formen verbrämter, mit feudalem Beisatz vermischter, schon von der Bourgeoisie beeinflusster, bürokratisch gezimmerter, polizeilich gehüteter Militärdespotismus ist".

"Selbst die volgäre Demokratie" - fährt er fort - "die in der demokratischen Republik das tausend-jährige Reich sieht und keine Ahnung davon hat, dass gerade in dieser letzten Staatsform der bürgerlichen Gesellschaft der Klassenkampf definitiv auszufechten ist - selbst sie steht noch Berge hoch über solchem Demokratentum innerhalb der Grenzen des polizeilich Erlaubten und des logisch Unerlaubten."

Gegenüber diesem "Demokratentum" erklärt Marx mit unzweideutiger Klarheit:

"Zwischen der kapitalistischen und kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts Anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats."

 

Mit gutem Grund hat der neue Entwurf des Programms der Komintern den Abschnitt, der die Übergangsperiode behandelt, mit diesen Worten eingeleitet. Mögen die Herren Sozialdemokraten, die sich vor einer ernstlichen sachlichen Kritik unseres Programms drücken, ihre Widerlegungskunst an den Sätzen von Marx probieren. Das von Kautsky entworfene Erfurter Programm (1891), das innerhalb der Zweiten Internationale als Musterprogramm galt, hat sich die Kritik von Marx nur insofern zu Nutze gemacht, als es keine falsche Formulierung in der Frage des Staates enthält, aber es weicht dieser Frage überhaupt aus. Vollkommen richtig stellt dieses Programm die Verelendung der arbeitenden Massen, die Verschärfung der Klassenkämpfe, die Notwendigkeit der Verwandlung der Produktionsmittel aus Privateigentum in gesellschaftliches Eigentum dar. Neben dem Tagesprogramm demokratischer und sozialer Reformforderungen erscheint als allgemeines Ziel: "die Abschaffung der Klassenherrschaft und der Klassen selbst." Aber das Programm sagt nicht, w i e dieses Ziel zu erreichen ist.

Die Unklarheit in der Frage von Staat und Revolution war neben der Unklarheit in den Fragen es Imperialismus und des Krieges die theoretische Schwäche der Parteien der Zweiten Internationale. Diese theoretische Schwäche war nur eine Wiederspiegelung der inneren Schwäche, die daher rührte, dass sich das Fundament der Arbeiterparteien von den proletarischen Massen zu einer materiell korrumpierten und dem Einfluss bürgerlichen Denkens unterworfenen Arbeiteraristokratie und Arbeiterbürokratie verschoben hatte. So erklärt auch der neue Programmentwurf gemäß der Theorie Lenins den Zusammenbruch der Zweiten Internationale im August 1914 als notwendiges Ergebnis des Imperialismus, der einen Keil in die Arbeiterschaft treibt,

"indem er die materiell besser gestellten Elemente der Arbeiterklasse der Hauptmasse der Arbeiterklasse, ihren unterdrücktesten Schichten, entgegen stellt."

Unter der Führung dieser korrupten Oberschicht der Arbeiterklasse gingen die Sozialdemokratischen Parteien mit wenigen Ausnahmen 1914 ins Lager der Bourgeoisie über.

Noch im November 1914 stellte Lenin den Zusammenbruch der Zweiten Internationale als endgültig vollzogene Tatsache fest und proklamierte die Aufgaben der Dritten Internationale:

"Die Zwite Internationale hat ihren Teil nützlicher Vorbereitungsarbeit zur Organisierung der proletarischen Massen während er langen 'Friedensperiode', der härtesten kapitalistischen Versklavung und des raschesten kapitalistischen Fortschritts im letzten Drittel des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts getan. Der Dritten Internationale steht die Aufgabe bevor, die Kräfte des Proletariats zum revolutionären Ansturm gegen die kapitalistischen Regierungen zu organisieren, zum Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie aller Länder, um die politische Macht, um den Sieg des Sozialismus!"

So entstand die Kommunistische Internationale mit dem Programm der sozialistischen Weltrevolution und nach ihrem ersten Siege. Im März 1919 hielt sie in der Hauptstadt des Landes des siegreichen Proletariats ihren Gründungskongress. Seither hat die Komintern in einem Jahrzehnt revolutionärer Kämpfe, unter ungeheuren Opfern, in schweren Auseinandersetzungen, Millionenmassen in fest gefügten Reihen organisiert. Auf fünf Weltkongressen wurden die Grundsätze des Marxismus in seiner entwickeltsten Form, dem Leninismus, bereichert um die Erfahrungen der großen russischen Revolution und der revolutionären Kämpfe der Nachkriegszeit, auf alle Fragen unserer Zeit angewandt, allgemeine Richtlinien für die Tätigkeit der kommunistischen Parteien unter den verschiedensten Kampfbedingungen in klaren Beschlüssen festgelegt. Nun, auf dem VI. Weltkongress, im zehnten Jahre ihres Kampfes, geht die Kommunistische Internationale daran, auf Grund der Erfahrungen der siegreichen proletarischen Revolution und des sozialistischen Aufbaus im Lande der Sowjets und des Kampfes der kommunistischen Parteien in den kapitalistischen Ländern des Westens und in den Kolonialländern des Ostens die Grundsätze der kommunistischen Weltbewegung, ihre Einschätzung unserer Epoche, die Ziele und Kampfmethoden der hunderte Millionen Ausgebeuteter der Erde in einem Programm zusammenzufassen.

Jeder klassenbewusste Arbeiter sollte sich der ungeheuren Bedeutung dieses Schrittes bewusst sein. Das Kommunistische Manifest konnte nicht mehr sein, als ein Ruf zur Sammlung unter der Fahne des Kommunismus. Wohl entwickelte das Manifest konkrete Richtlinien für die Taktik des Proletariats in der bevor stehenden bürgerlichen Revolution, aber noch waren die organisierten Kader der Arbeiterklasse zu schwach, um in der Revolution von 1848, die selbständige, vorwärts drängende und nach dem Verrat der Bourgeoisie die führende Rolle übernehmen zu können. Die Inauguraladresse von 1864 bedeutete nach den Worten von Mehring die "Aufrichtung einer Standarte, welche die kämpfenden Arbeiterheere der einzelnen Länder nie aus den Augen verlieren dürfen, wenn sie nicht auf trügerische Irrwege geraten, wenn sie die große, gemeinsame Siegesstraße des modernen Proletariats erreichen wollen."

Die 2. Internationale hat es auch in ihren besten Zeiten niemals versucht, ein einheitliches Programm der internationalen Bewegung aufzustellen. Ihre Parteien verbanden in ihren Programmen ein allgemeines Bekenntnis zum Endziel des Sozialismus mit einem Aktionsprogramm, das sich auf innerhalb der bürgerlichen Gesellschaftsordnung erfüllbare Tagesforderungen beschränkte. Die nach dem Kriege notdürftig zusammen geleimte "Internationale" der Sozialpatrioten hat noch in keiner Frage des Klassenkampfes irgendwelche klaren, für ihre Mitglieder verpflichtende Beschlüsse gefasst. Wie könnte sie daran denken, ein internationales Programm der proletarischen Revolution zu formulieren, wo doch die Programme ihrer Landesparteien das Bekenntnis zu "ihrem" Staat, "ihrer" Republik enthalten.

Das Programm der Kommunistischen Internationale stellt sich gegenüber allen voran gegangenen Programmen der Arbeiterbewegung ganz neue Aufgaben, höhere Aufgaben, deren Lösung unserer Zeit vorbehalten ist. In einer Zeit, wo in einem Teil der Erde bereits der Aufbau des Sozialismus, in einem anderen die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, in einem dritten die Verjagung der Imperialisten und ihrer Werkzeuge durch die werktätigen Massen der Kolonialvölker unmittelbar auf der Tagesordnung steht, genügt eine allgemeine Prinzipienerklärung in Verbindung mit einer Aufzählung von Tagesforderungen nicht mehr. Unser Programm gibt eine konkrete Antwort auf die Frage, wie das Proletariat die Macht erobern und den Sozialismus verwirklichen muss. Es wird zu einer Richtschnur des Handelns werden für Millionen Proletarier in allen Ländern der Erde und für die ganze Epoche bis zum internationalen Siege des Weltproletariats. Aus einer konkreten Einschätzung unserer Zeit muss für Länder so verschiedener Struktur wie England und China die Strategie und Taktik des Kampfes um die Macht und das Programm der Übergangsmaßnahmen nach Eroberung der Macht entwickelt werden. Das ist die große Aufgabe, deren Lösung notwendig und möglich wurde, seitdem der Übergang zum Sozialismus aus einem Zukunftsideal zu einer praktischen Aufgabe der Gegenwart geworden ist.

Wenn man von diesem Gesichtspunkt aus an das Studium des veröffentlichten Entwurfes herangeht, dann wird man nicht um der Erleichterung des Verständnisses und der Verkürzung willen die Vollständigkeit preisgeben wollen, die wir von einem Programm fordern müssen. Gewiss kann man manches knapper darstellen, aber es genügt nicht, wenn alles, was behandelt wird, richtig behandelt ist, es darf keine lebenswichtige Frage der internationalen Arbeiterbewegung geben, die nicht in unserem Programm eine klare und unzweideutige Antwort findet. Zwar kann das Programm nicht von vornherein alle Fragen lösen, die im künftigen Verlauf der Klassenkämpfe auftauchen werden, aber die Fragen, die durch die kollektive Erfahrung der Arbeiterklasse, deren wissenschaftlicher Ausdruck der Marxismus-Leninismus ist, bereits gelöst sind, müssen in unserem Programm beantwortet werden.

"Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme", sagt Marx in dem Begleitbrief zu seiner Kritik des Gothaer Programms. Aber andererseits sind Programme die konzentrierte Zusammenfassung der Erfahrung der proletarischen Bewegung. Diese Erfahrungen sind der positive Erfolg unzähliger, opferreicher Kämpfe, in denen das Proletariat seine Unerfahrenheit mit blutigen Niederlagen bezahlen musste. Wenn das Proletariat aus den Erfahrungen ihrer Vorkämpfer nicht lernt, dann muss es immer wieder von Neuem das Lehrgeld mit seinem Blute bezahlen.

So mögen alle Kommunisten sich der Bedeutung unseres Programmes bewusst sein, es sorgfältig studieren (**), seine Gedanken in die Massen tragen und mit dazu beitragen, dass wir in kollektiver Arbeit eine Waffe schaffen, die in den Kämpfen, denen wir entgegen gehen, niemals versagt.

I. Lenz

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(*) Vergleiche das eben erschienene Elementarbuch des Kommunismus Nr. 13: Marx Engels "Programm-Kritiken"

(**) In einem zweiten Artikel werden wir auf die wichtigsten sachlichen Fragen des Programms eingehen