1929

 

 

Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands

Aufruf

12. April 1929

Die Rote Fahne, 13. April 1929.

 

Heraus zur Maidemonstration!

Klassengenossen und Klassengenossinnen! Männer und Frauen des arbeitenden Volkes!

40 Jahre sind vergangen, seit auf dem Pariser Gründungskongreß der II. Internationale die Arbeiter aufgerufen wurden, alljährlich am 1. Mai auf die Straße zu gehen. Und seitdem demonstrieren Jahr für Jahr die Proletarier aller Länder für den Achtstundentag, für die internationale proletarische Solidarität, gegen den imperialistischen Krieg, für den Sozialismus.

Alle diese Losungen wurden entweiht und entehrt durch den Verrat der sozialdemokratischen Führer in den blutigen Jahren von 1914 bis 1918. Damals ergriff Karl Liebknecht am 1. Mai 1916 das rote Banner der Rebellion, damals rief er die revolutionäre Avantgarde des deutschen Proletariats zur 1. Mai-Kampfdemonstration unter dem Kriegszustand auf. Er wurde verhaftet und ins Zuchthaus geworfen. Aber sein Kampfruf gegen den imperialistischen Weltkrieg pflanzte sich fort über die Schützengräben hinweg, wurde zur ehernen Stimme der proletarischen Revolution.

Vor 10 Jahren, am 1. Mai 1919, marschierten die blutrünstigen Noskegarden am proletarischen Weltkampftag in München ein und erstickten die erste Arbeiterrepublik auf deutschem Boden, die Bayrische Räterepublik, in Strömen proletarischen Blutes. Mit Bajonetten und Maschinengewehren hat die Sozialdemokratie der bürgerlichen Demokratie den Weg geebnet.

Was hat dieser "demokratische Weg" der Arbeiterklasse gebracht? Alle proletarischen Errungenschaften der Novemberrevolution sind zerschlagen. Der Achtstundentag ist geraubt. Die Ausbeutung des Proletariats mit Hilfe der kapitalistischen Rationalisierung ist ungeheuerlich verschärft. Hunger und Not der Erwerbslosen, Elendslöhne der Arbeiter in den Betrieben, verschärfte Ausbeutung der Jungarbeiter, Kinderarbeit, Auspowerung der werktätigen Frauen, die für gleiche Arbeit noch schändlichere Löhne als die Männer erhalten, Raubzug gegen die Invaliden, die Opfer des Krieges und der Arbeit, Ausplünderung der kleinen Rentner, des arbeitenden Mittelstandes und der werktätigen Bauern, riesiges Anschwellen der Selbstmordstatistik   das alles sind die Früchte der bürgerlichen Demokratie.

Zehn Jahre nach dem imperialistischen Weltkrieg steht der 1. Mai 1929 im Zeichen der Vorbereitung eines neuen Weltkrieges, im Zeichen des erstarkten deutschen Imperialismus, der Panzerkreuzerrüstungen, des Reichswehrsozialismus, des offenen Einschwenkens der deutschen Bourgeoisie bei den Reparationsverhandlungen in die Kriegsfront der englisch-französischen Entente gegen Sowjetrußland. In schwarzweißrotgoldener Einheitsfront von Hitler bis Hörsing[1], von Hugenberg[2] bis Hermann Müller[3] und Severing[4], von Stresemann[5] bis Paul Levi[6] wird der Krieg gegen die Sowjetunion propagiert und organisiert. Eine solche Politik kann nicht dulden, daß eine legale Kommunistische Partei, ein legaler Kommunistischer Jugendverband, ein legaler Roter Frontkämpferbund unter den Massen der Werktätigen für den revolutionären Klassenkampf, für die proletarische Gegenoffensive, für die Abwehr des imperialistischen Krieges und die Verteidigung der Sowjetunion wirken!

Im Dienste dieser Politik spaltet die reformistische Bürokratie die Gewerkschaften und Massenorganisationen, um die Vorkämpfer der Arbeiterklasse, die Kommunisten, von den Massen zu trennen.

Der Deutschnationale Hugenberg entwickelt das Diktaturprogramm der Schwerindustrie. Die Partei Stresemanns fordert unbeschränkte "Vollmachten" für Hindenburg. Das Zentrum, der neue Bundesgenosse des Faschismus, fordert die Gottesallmacht für die Regierung, ihre Unabhängigkeit vom Parlament. Severing erklärt seine Bereitschaft zum Regieren mit dem § 48, dem Diktaturparagraphen, dem Paragraphen des Ausnahmezustandes. Der Sozialdemokrat Grzesinski[7] droht mit dem Verbot der KPD und des RFB. Über Berlin und Hamburg ist bereits der Belagerungszustand verhängt. Demonstrationsverbote der sozialdemokratischen Polizeipräsidenten sind für eine Reihe weiterer Städte angekündigt. Der sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin, Zörgiebel[8], verbündet sich mit den Führern des ADGB zum Verbot des 1. Mai. Was dem wilhelminischen Deutschland nicht gelungen, was Jagow[9] und Keudell[10] nicht voll-brachten, wollen die sozialdemokratischen Lakaien der Trustbourgeoisie vollbringen.

Das deutsche Proletariat hat eine furchtbare Lehre erhalten: Der Weg der bürgerlichen Demokratie ist der Weg zum Faschismus und zum Kriege.

Arbeiter und Arbeiterinnen!

Die Sozialdemokratie ist euer Feind. Die Sozialdemokratie stellt Schlichter und Arbeitsminister für das Trustkapital. Die Sozialdemokratie raubt der Arbeiterklasse das Recht auf die Straße. Die Sozialdemokratie eröffnet den Angriff auf die revolutionären Organisationen des Proletariats. Die Sozialdemokratie vermehrt die Steuerlasten des werktätigen Volkes und die Geschenke des kapitalistischen Staates an den Geldsack. Die Sozialdemokratie läßt durch ihre Minister die Panzerkreuzer bauen. Die Sozialdemokratie ist die beste Schutztruppe für die deutsche Bourgeoisie, ist der breite Sturmbock des Faschismus und des Imperialismus.

Aber die deutschen Arbeiter begreifen immer mehr die Lehren der zehn Jahre Weimarer Republik. Sie erkennen immer mehr, daß nur in einem einzigen Lande das Proletariat den 1. Mai als einen Tag des Sieges der Arbeiterklasse feiern kann: in der Sowjetunion!

In der Sowjetunion, dem ersten Arbeiterstaat der Welt, gibt es keinen Betrieb, der länger als acht Stunden arbeitet. In der Sowjetunion schreitet das Proletariat in immer wachsendem Maße zum Siebenstundentag. In der Sowjetunion marschiert ein Volk von 150 Millionen auf dem Wege Lenins, dem Wege der Kommunistischen Partei, dem Wege der proletarischen Diktatur, zum Sozialismus!

Während die Imperialisten der ganzen Welt und ihre Soziallakaien zum Kriege rüsten, ist die Sowjetunion mit ihrer Roten Armee das einzige Bollwerk des Friedens. Während sich die Imperialisten aller Länder zum gemeinsamen Kampf gegen das revolutionäre Weltproletariat und gegen den einzigen Arbeiterstaat verbünden, ist die Sowjetunion, die Stätte des proletarischen Internationalismus, brüderlich verbunden mit dem proletarischen Befreiungskampf in allen Ländern und dem Kampf der Kolonialvölker gegen die Ketten des Imperialismus.

Die Macht und die Freiheit der Arbeiter in der Sowjetunion legen Zeugnis ab für den Weg der Kommunisten, den Weg des revolutionären Klassenkampfes, den Weg, den Marx, Engels und Lenin, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gewiesen haben.

Der 1. Mai 1929 steht im Zeichen der brennenden Kriegsgefahr, der Bedrohung der Sowjetmacht durch die haßerfüllte Meute der imperialistischen Räuber. Der 1. Mai 1929 offenbart aber zugleich das stürmische Anwachsen der revolutionären Klassenkräfte des internationalen Proletariats und des siegreichen kommunistischen Vormarsches.

In allen kapitalistischen Ländern, in England, Frankreich, Polen, Skandinavien befreien sich immer größere Arbeitermassen von den Ketten des Reformismus und rücken in den Kampf. In den Kolonialländern, in Indien und China, reifen neue Erhebungen heran. Kampfwille und Kampfbegeisterung, Angriffsgeist und revolutionäre Leidenschaft brechen sich Bahn in den Massen der Arbeiterklasse. Leidenschaftlich rüstet auch das deutsche Proletariat zur Abrechnung. Immer klaffender werden die Risse und Spalten in der Mauer der kapitalistischen Stabilisierung. Immer krasser und unerbittlicher gähnt der Abgrund zwischen den Klassen, zwischen dem Wohlleben der Besitzenden und dem Elend der Ausgebeuteten.

Der 1. Mai 1929 ist ein Kampftag!

Der 1. Mai 1929 steht im Zeichen der proletarischen Offensive gegen die Verbrechen des Kapitals, der Bourgeoisie und der Sozialdemokratie. Die Kommunistische Internationale und die Kommunistische Partei   sie sind die einzige Kraft, die die Arbeiterschaft aufrufen kann, am 1. Mai unter den alten Losungen der proletarischen Solidarität und des proletarischen Klassenkampfes zu demonstrieren.

An diesem 1. Mai darf kein Schlot rauchen und kein Rad sich drehen. Ihre geschlossene Kraft, ihren entschlossenen Kampfwillen muß die Arbeiterklasse demonstrieren. Keine reformistische Bürokratie, kein sozialdemokratischer Polizeipräsident kann der Arbeiterschaft am 1. Mai die Straße verbieten.

Straße frei am 1. Mai! Arbeitsruhe in allen Betrieben! Bildet überall Maikomitees!

Nehmt in allen Betrieben, in allen Gewerkschaften und Massenorganisationen Stellung! Beschließt einmütig die Arbeitsruhe und die revolutionäre Massendemonstration!

Kein klassenbewußter Arbeiter wird an diesem 1. Mai unter reformistischer Führung für reformistische Parolen demonstrieren! Keine Demonstration für Panzerkreuzer-Sozialismus, für Wirtschaftsfrieden und Wirtschaftsdemokratie! Boykottiert die Veranstaltungen der Reformisten, die ein Hohn auf den 1. Mai, ein Hohn auf den Klassenkampf sind!

Demonstriert am 1. Mai in Stadt und Land unter den Losungen des revolutionären Klassenkampfes, unter den Losungen der Kommunistischen Partei! Trotzt allen Verboten!

Demonstriert unter den bolschewistischen Losungen für die internationale proletarische Massenaktion gegen den imperialistischen Krieg, für die revolutionäre Verteidigung des Vaterlandes aller Arbeiter, der Sowjetunion!

Für die einheitliche proletarische Kampfesfront gegen Bourgeoisie und Reformismus, für den Achtstundentag, für die 45 Stundenwoche, für den Siebenstundentag in den Gruben, für den Sechsstundentag der Jugendlichen!

Für den Kampf um höhere Löhne, für Brot und Arbeit der Erwerbslosen, gegen die reformistischen Streikbrecher und Gewerkschaftsspalter!

Für die Verteidigung und Stärkung der Kommunistischen Partei und des Roten Frontkämpferbundes gegen die von der Bourgeoisie und der Sozialdemokratie angedrohten Verbote!

Gegen die sozial faschistische Koalitionspolitik, gegen die Diktaturpläne der Bourgeoisie und ihrer sozialdemokratischen Handlanger!

Für die Diktatur des Proletariats und den Sozialismus!

Für Sowjetdeutschland!

Für den Bolschewismus!

Für die Kommunistische Internationale!

Für die proletarische Weltrevolution!

 

Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands
(Sektion der Kommunistischen Internationale)

 

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[1]. Otto Hörsing (SPD).

1919 1920 ist er Reichs- und Staatskommissar für Schlesien und Posen, dann 1920 1927 Oberpräsident der Provinz Sachsen. 1924 nimmt er an der Gründung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold teil, dessen Bundesvorsitzender er bis 1931 ist. Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold ist eine überparteiliche Organisation, an der sich die SPD, die Deutsche Demokratischer Partei (DDP) und die Zentrumspartei beteiligen. Zunehmende Differenzen Hörsings mit der SPD führen 1932 zu seinem Ausschluss.

 

[2]. Alfred Hugenberg.

1891 nimmt er an der Gründung des Allgemeinen Deutschen Verband (ab 1894: Alldeutscher Verband). 1909 1918 ist er Vorsitzender im Direktorium der Friedrich Krupp AG in Essen. 1916 1920 vollzieht er den Aufbau des sogenannten Hugenberg-Konzerns, der ein Medienkonglomerat aus Verlag, Nachrichtendiensten, Werbeagenturen, Korrespondenzdiensten, Filmgesellschaften und zahlreichen Zeitungsbeteiligungen wird. 1918 tritt er der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) bei, deren Vorsitzender er 1928 wird. 1920 1945 ist er Mitglied des Reichstags; er behält dieses Mandat auch nach Auflösung seiner Partei (1933) als Gast der Nationalsozialistischen Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP).

 

[3]. Hermann Müller (SPD).

1919, nach dem Amtsantritt von Friedrich Ebert (SPD) als Reichspräsident, wird Müller gemeinsam mit Otto Wels zum Parteivorsitzenden gewählt. Im März 1920, nach dem Scheitern des Lüttwitz-Kapp-Putsches, wird er Reichskanzler einer Koalitionsregierung mit SPD, Deutsche Demokratische Partei (DDP) und Zentrumspartei; die Ergebnisse der Reichstagswahlen vom Juni führen zu seinem Rücktritt. Auf dem Parteitag der SPD von 1921 begründet Müller einen Antrag, der der Partei auf Reichs- und Landesebene Koalitionen mit der Deutschen Volkspartei (DVP) ermöglicht. Im Juni 1928 bildet er eine Koalitionsregierung mit SPD, DVP, Zentrumspartei und DDP.

 

[4]. Carl Severing (SPD).

Im April 1919 wird er Reichs- und Staatskommissar für das rheinisch-westfälische Industriegebiet. Im März 1920, nach dem Scheitern des Lüttwitz-Kapp-Putsches, führt er die Auflösung der "Roten Ruhrarmee" durch und wird zum preußischen Innenminister ernannt. 1921 leitet er die Aktionen der preußischen Polizei gegen die aufständischen Arbeiter im mittelsächsischen Industriegebiet. Im Juni 1928 wird er Reichsinnenminister in der unter Hermann Müller (SPD) gebildeten Koalitionsregierung mit SPD, Deutsche Volkspartei (DVP), Zentrumspartei und Deutsche Demokratische Partei (DDP).

 

[5]. Gustav Stresemann.

Im November 1918 nimmt er an der Gründung der Deutschen Volkspartei (DVP) teil. Im August 1923 wird er Reichskanzler einer Koalitionsregierung mit DVP, Zentrum, Deutsche Demokratische Partei (DDP) und SPD. Im November entzieht die SPD der Regierung das Vertrauen, Stresemann tritt zurück. 1923 1929 nimmt er den Posten des Außenministers ein.

 

[6]. Paul Levi gehört zu den Gründern der KPD, deren Vorsitzender er ab März 1919 wird. Nach Konflikten innerhalb der Partei und mit der Führung der Kommunistischen Internationale wird er 1921 aus der KPD ausgeschlossen. Über die USPD kehrte er nach der Vereinigung von USPD und MSPD 1922 in die SPD zurück.

 

[7]. Albert Grzesinski (SPD).

1922–1924 ist er Präsident des preußischen Landespolizeiamtes, 1925–1926 Polizeipräsident von Berlin, 1926–1930 Preußischer Innenminister.

 

[8]. Carl Zörgiebel (SPD).

1922 wird er Polizei-Präsident in Köln, dann ab 1926 in Berlin.

 

[9]. Im Februar 1910 unternimmt die SPD eine Mobilisierungskampagne im Zusammenhang mit den Debatten über das Wahlrecht. Sie kündigt eine Demonstration für den 6 März an. Am 13. Februar verbietet der Berliner Polizeipräsident, Traugott von Jagow, Versammlungen unter freiem Himmel und gibt durch Plakatanschlag bekannt: "Es wird das “Recht auf die Straße” verkündet. Die Straße dient lediglich dem Verkehr. Bei Widerstand gegen die Staatsgewalt erfolgt Waffengebrauch. Ich warne Neugierige." Trotzdem finden massive Demonstrationen statt, und im April wird das Verbot aufgehoben.

IML beim ZK der SED (Hg.): Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung - Reihe 1 - Band 4 - März 1889 Juli 1914. Berlin, Dietz, 1967, S. 304.

Hans Wilderotter: Das Haus der Abgeordneten - Ein Denkmal preußischer Geschichte in der Mitte Berlins. Hamburg, Philo Fine Arts, 2001, S. 36.

 

[10]. Am 16. April 1928 fordert der Innenminister Walter von Keudell (DNVP) von den Landesregierungen, dass sie den RFB verbieten. Diese betrachten jedoch, im Zusammenhang mit dem in diesem Moment im Gange befindlichen Wahlkampf, eine derartige Maßnahme als unangebracht. Sie wenden sich an das Reichsgericht, welches am 2. Mai urteilt, dass keine juristische Grundlage für ein allgemeines Verbot des RFB auf Staatsebene besteht.

Thomas Kurz: "Blutmai" - Sozialdemokraten und Kommunisten im Brennpunkt der Berliner Ereignisse von 1929. Berlin, (J. H. W. Dietz Nachf., 1988, S. 69.

Hermann Dünow: Der Rote Frontkämpferbund - die revolutionäre Schutz- und Wehrorganisation des deutschen Proletariats in der Weimarer Republik. Berlin, Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung, 1958, S. 82.






Groß-Berliner Maikomitee

Aufruf

26. April 1929

Die Rote Fahne, 27. April 1929.

 

 

Der engere Ausschuß des Groß-Berliner Maikomitees har in seiner Sitzung vom 26. April 1929 das folgende Kommuniqué an die Berliner Arbeiterschaft und die gesamte Öffentlichkeit erlassen:

Die Berliner Arbeiter haben in allen Betrieben beschlossen, am 1. Mai die Arbeit ruhen zu lassen und unter allen Umständen zu demonstrieren. Die Berliner Arbeiter werden der Tradition des Kampfaufmarsches am 1. Mai auch in diesem Jahre trotz Zörgiebel[1] treu bleiben.

Der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörgiebel rüstet fieberhaft, um seine Polizei gegen die demonstrierenden Arbeitermassen einzusetzen. Nach dem eigenen Eingeständnis sozialdemokratischer Zeitungen bereitet Zörgiebel "kaltblütig den Arbeitermord für den 1. Mai vor", rüstet er dazu, "den 1. Mai zu einem Tag der Toten" zu machen. Das Maikomitee der Berliner Arbeiterschaft, gewählt von den Vertretern der wichtigsten Großbetriebe und zahlreicher Arbeiterorganisationen, warnt den Polizeipräsidenten. Selbst im reaktionären München, selbst in Hamburg, in Kiel, in Schleswig-Holstein   überall sind am 1. Mai die Demonstrationsverbote aufgehoben. Nur der Polizeipräsident Zörgiebel will unter der unbewaffneten Demonstration der Berliner Arbeiterschaft ein Blutvergießen am 1. Mai provozieren. Das Berliner Maikomitee spricht im Namen der Berliner Arbeiterschaft aus, daß die Belegschaften der Betriebe mit dem politischen Massenstreik am 2. Mai antworten werden, wenn Zörgiebel es wagt, am Mai Arbeiterblut zu vergießen!

Das Berliner Maikomitee fordert alle Belegschaften auf, in den kommenden Tagen erneut in Belegschaftsversammlungen Stellung zu nehmen, den Maiaufmarsch verstärkt zu organisieren und in Beschlüssen der Betriebe gleichfalls den festen Willen zum Ausdruck zu bringen, etwaige Polizeiprovokationen Zörgiebels am 1. Mai mit dem Massenstreik am 2. Mai zu beantworten. Am Sonntag, dem 28. April, heraus zur großen Massenmobilisierung in den Arbeiterwohnungen für die Beteiligung an der Maidemonstration!

Volle Arbeitsruhe am 1. Mai! Rote Fahnen heraus!

Straße frei für die Massendemonstration!

 

Das Maikomitee der Berliner Arbeiterschaft

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[1]. Carl Zörgiebel (SPD).

1922 wird er Polizei-Präsident in Köln, dann ab 1926 in Berlin.

 




Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands

Aufruf

2. Mai 1929

 

Internationale Pressekorrespondenz, Nr. 38, 3. Mai 1929, S. 902 903.

 

Die Partei ruft zum Kampf!

Klassengenossen und Klassengenossinnen!

Seit 24 Stunden wird in den Straßen des roten Weddings gekämpft. Auch heute, am 2. Mai, werden Maschinengewehre und Karabiner gegen die Weddinger Arbeiterschaft eingesetzt. Auch heute setzt die Zörgiebel-Polizei ihre Mordtätigkeit fort.

Arbeiterblut fließt in den Straßen Berlins, friedliche Demonstranten, Männer und Frauen des Proletariats, Passanten, ja selbst Hausbewohner der Arbeiterviertel in ihren Wohnungen werden von den verhetzten Bürgerkriegsgarden der Bourgeoisie niedergemetzelt. Die Polizei des Sozialdemokraten Zörgiebel[1] läßt auf die Berliner Arbeiterschaft schlagen, stechen, schießen. Panzerautomobile, Maschinengewehre, Revolver, Gummiknüppel und Spritzenwagen   im Zeichen dieser "Wohltaten der Demokratie" beging die Sozialdemokratie, beging Zörgiebel den 1. Mai.

Tote und Verwundete des Berliner Proletariats liegen auf der Strecke. Zörgiebels Schupo[2] schreckte nicht davor zurück, selbst die geschlossenen Gewerkschaftsversammlungen der Rohrleger zu überfallen und in den Saal hineinzuschießen.

Tote und Verwundete des Berliner Proletariats klagen Zörgiebel, klagen die Sozialdemokratie, klagen die blutbefleckte Koalitionsregierung[3] an. Zörgiebels Schupo scheute sich nicht, in den Arbeitervierteln Berlins die Fenster der Arbeiterwohnungen zu beschießen. Ihre Mordhetze richtete sich gegen alle Arbeiter. Der Sozialdemokrat und Reichsbannerfunktionär Gemeinhardt wurde in seiner Wohnung durch einen Kopfschuß "erledigt", als er ans Fenster trat. Es waren die Kugeln des Sozialdemokraten Zörgiebel, es waren die Kugeln des Sozialdemokraten Künstler[4], die Gemeinhardt und alle übrigen ermordeten Arbeiter am 1. Mai zerfetzten. Arbeiterblut wird vergossen! Arbeiterblut klagt an! Arbeiterblut fordert Vergeltung! Die Berliner Arbeiter haben am 1. Mai demonstriert, wie sie es 40 Jahre lang taten: Zörgiebel ließ schießen!

Die Berliner Arbeiter haben am 1. Mai demonstriert, wie es die Arbeiter in allen Ländern, in allen Städten Deutschlands taten: Zörgiebel ließ schießen!

Was kein Jagow[5] in Wilhelminischen Zeiten wagte, was kein Mussolini zustande bringt   Zörgiebel und die Sozialdemokratie schreckten nicht davor zurück; mit den modernsten Mitteln der Kriegstechnik, mit Maschinengewehren, Karabinern und Panzerwagen, fielen sie über die Maidemonstration des Berliner Proletariats her.

Warum gerade in Berlin der blutige Polizeiterror der Bourgeoisie und Zörgiebels? Weil in Berlin die Kommunisten an der Spitze der Arbeiterbewegung stehen, weil in Berlin die Betriebsratswahlen zeigten, daß die überwältigende Mehrheit der Arbeiterschaft hinter den Kommunisten steht, weil in Berlin der Vormarsch der KPD bei den kommenden Stadtverordnetenwahlen die Erledigung der Sozialdemokratie und den überwältigenden Sieg der KPD als der stärksten Berliner Partei bringen wird. Darum der blutrünstige Angriff Zörgiebels auf das rote Berlin!

Warum gerade in diesem Jahre der blutige Anschlag der Sozialdemokratie und Bourgeoisie? Die Bourgeoisie, die sich zum Kriege rüstet, die den imperialistischen Überfall auf den einzigen Arbeiterstaat, die Sowjetunion, vorbereitet, muß zuvor die revolutionäre Arbeiterbewegung niederschlagen, ihren Widerstand gegen die imperialistischen Kriegspläne brechen.

Zörgiebels Blutmai   das ist ein Stück Vorbereitung des imperialistischen Krieges! Das Gemetzel unter der Berliner Arbeiterschaft   das ist ein Vorspiel für die imperialistische Massenschlächterei! Der Kampf der Berliner Arbeiter für ihren revolutionären Maiaufmarsch   das ist Kampf gegen den Krieg, Kampf gegen den Faschismus und Imperialismus!

Die Berliner Arbeiterschaft hat die Straße behauptet! Die Berliner Arbeiterschaft ließ sich nicht von der Straße am 1. Mai vertreiben. Die Berliner Arbeiterschaft antwortete auf Zörgiebels bestialisches Wüten mit den Barrikaden am Wedding, in Neukölln. in der Friedenstraße und am Bülowplatz. Heldenhaft kämpfte das Berliner Proletariat für seinen 1. Mai. Heldenhaft stand das Berliner Proletariat als stählerne Mauer gegen die Generaloffensive der politischen Reaktion, die nicht nur das Recht der Berliner Arbeiter auf die Straße, sondern die das ganze deutsche Proletariat bedroht.

Zörgiebels Blutmai, der Blutmai der Sozialdemokratie   das ist der Auftakt für die faschistischen Diktaturpläne der Bourgeoisie und Sozialdemokratie. Wenn es nach dem Willen der Zörgiebel und Grzesinski[6], der Hermann Müller[7] und Severing[8], nach dem Willen der Mörderpartei geht, sollen weitere Arbeiter niedergemetzelt werden!

Arbeiter, Klassengenossen, Arbeiterfrauen!

Wollt ihr es dulden, daß die Polizeibestie und die Partei der Arbeitermörder, die Partei, die Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg mordete, Proletarier zusammenschießt?

Wollt ihr es dulden, daß Proletarier wehrlos dem Wüten der Bürgerkriegsgarden der Schupo preisgegeben werden?

Wollt ihr Zörgiebels Blutmai, wollt ihr Zörgiebels vergossenes Arbeiterblut kampflos hinnehmen? Wollt ihr dulden, daß dieser Mann, daß dieses System bleibt? Wieder ungestraft, wie die Mörder Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs?

Ihr könnt es nicht dulden!

Die Ermordeten sind eure Klassenbrüder: Kommunisten, Sozialdemokraten, parteilose Arbeiter!

Nehmt in allen Betrieben unverzüglich Stellung!

Wählt Aktionsausschüsse!

Beschließt den politischen Massenstreik gegen die Arbeitermörder!

Streikt für die Forderungen:

Weg mit Zörgiebel!

Aufhebung des Belagerungszustandes in Berlin!

Straße frei für die Arbeiterschaft!

Heraus mit den Gefangenen!

Strengste Bestrafung der Mörder!

Arbeiter und Arbeiterinnen! Klassengenossen!

Nehmt den Kampf in der geschlossenen, eisernen, unbeirrbaren Phalanx der proletarischen Klasse in unzerstörbarer Einheitsfront gegen die Arbeitermörder auf!

 

Zentralkomitee der KPD (Sektion der Kommunistischen Internationale)



[1]. Carl Zörgiebel (SPD).

 

1922 wird er Polizei-Präsident in Köln, dann ab 1926 in Berlin.

 

[2]. Im Laufe des Jahres 1919, wurden verschiedene Freikorps und Freiwilligenverbände   teilweise, manchmal vollständig   in die bestehende Sicherheitspolizei eingegliedert. Von 5. bis 16. Juli 1920 findet in Spa, in Belgien, eine Konferenz der Alliierten Siegermächte statt. Über die Frage der Abrüstung Deutschlands wird am 9. Juli ein Abkommen getroffen [Protokoll über die militärischen Fragen]. Gemäß diesem Text müssen die Bestimmungen des Vertrags von Versailles mit 1. Januar 1921 erfüllt sein: insbesondere müssen die Streitkräfte auf eine Zahl von 100 000 reduziert werden, und die Sicherheitspolizei und die Einwohnerwehren müssen mit 31. Jänner 1921 aufgelöst sein. Durch am 4 Oktober und 20 November 1920 erlassene Maßnahmen wird auf der Basis von Kräften die von der Sicherheitspolizei und der Ordnungspolizei kommen, die Schutzpolizei gebildet. Diese wird, neben der Ordnungspolizei und der Kriminalpolizei, ein wesentliches Element der inneren Sicherheitskräfte. Sie erreicht eine Stärke von 150 000 Männern, davon 85 000 für Preußen.

 

[3]. Im Juni 1928 wurde eine Koalitionsregierung mit SPD, DVP, Zentrumspartei und DDP gebildet; Herman Müller (SPD) ist Reichskanzler.

 

[4]. Franz Künstler (SPD).

Er ist von Oktober 1922 bis 1933 SPD-Parteisekretär in Berlin, ab 1924 auch Vorsitzender der Bezirksorganisation Groß-Berlin.

Das Organ der SPD Vorwärts-Der Abend vom 29. April 1929 berichtet unter der Überschrift "200 Tote am 1. Mai: Verbrecherische Pläne der Kommunisten": "Nach Künstlers Mitteilungen hat am Donnerstag der vergangenen Woche die kommunistische Bezirksleitung im Karl-Liebknecht-Haus getagt, um die endgültigen Aufmarschpläne festzulegen. Dabei wurde von der Bezirksleitung mehrmals zum Ausdruck gebracht, daß man mit etwa 200 Toten am 1. Mai rechne [...] vielleicht hofft man auch, daß bei Zusammenstößen am Alexanderplatz Demonstranten in die Baugruben der Untergrundbahn gehetzt werden können, so daß man auf diese Art zu 200 Toten käme, die man unbedingt für die kommunistische Agitation braucht [...]"

Schon am 20. April hatte die Zeitung angekündigt: "KPD braucht Leichen! Sie wünscht Schüsse am 1. Mai [...] Berliner Arbeiter, laßt euch nicht mißbrauchen."

(Cf. Léon Schirmann: Blutmai Berlin 1929 - Dichtungen und Wahrheit, Berlin, Dietz, 1991, S. 68 69.)

 

[5]. Im Februar 1910 unternimmt die SPD eine Mobilisierungskampagne im Zusammenhang mit den Debatten über das Wahlrecht. Sie kündigt eine Demonstration für den 6 März an. Am 13. Februar verbietet der Berliner Polizeipräsident, Traugott von Jagow, Versammlungen unter freiem Himmel und gibt durch Plakatanschlag bekannt: "Es wird das “Recht auf die Straße” verkündet. Die Straße dient lediglich dem Verkehr. Bei Widerstand gegen die Staatsgewalt erfolgt Waffengebrauch. Ich warne Neugierige." Trotzdem finden massive Demonstrationen statt, und im April wird das Verbot aufgehoben.

IML beim ZK der SED (Hg.): Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung - Reihe 1 - Band 4 - März 1889 Juli 1914. Berlin, Dietz, 1967, S. 304.

Hans Wilderotter: Das Haus der Abgeordneten - Ein Denkmal preußischer Geschichte in der Mitte Berlins. Hamburg, Philo Fine Arts, 2001, S. 36.

 

[6]. Albert Grzesinski (SPD).

1922–1924 ist er Präsident des preußischen Landespolizeiamtes, 1925–1926 Polizeipräsident von Berlin, 1926–1930 Preußischer Innenminister.

 

[7]. Hermann Müller (SPD).

1919, nach dem Amtsantritt von Friedrich Ebert (SPD) als Reichspräsident, wird Müller gemeinsam mit Otto Wels zum Parteivorsitzenden gewählt. Im März 1920, nach dem Scheitern des Lüttwitz-Kapp-Putsches, wird er Reichskanzler einer Koalitionsregierung mit SPD, Deutsche Demokratische Partei (DDP) und Zentrumspartei; die Ergebnisse der Reichstagswahlen vom Juni führen zu seinem Rücktritt. Auf dem Parteitag der SPD von 1921 begründet Müller einen Antrag, der der Partei auf Reichs- und Landesebene Koalitionen mit der Deutschen Volkspartei (DVP) ermöglicht.

 

[8]. Carl Severing (SPD).

Im April 1919 wird er Reichs- und Staatskommissar für das rheinisch-westfälische Industriegebiet. Im März 1920, nach dem Scheitern des Lüttwitz-Kapp-Putsches, führt er die Auflösung der "Roten Ruhrarmee" durch und wird zum preußischen Innenminister ernannt. 1921 leitet er die Aktionen der preußischen Polizei gegen die aufständischen Arbeiter im mittelsächsischen Industriegebiet. Im Juni 1928 wird er Reichsinnenminister in der unter Hermann Müller (SPD) gebildeten Koalitionsregierung mit SPD, Deutsche Volkspartei (DVP), Zentrumspartei und Deutsche Demokratische Partei (DDP).


 

Die Rote Fahne

Zentralorgan der KPD

(Sektion der Komintern)

JAHRGANG 1929