Krieg und sozialfaschistischer Pazifismus

Komintern – Schulungstext

hochaktuell !!!

wieder veröffentlicht von der Komintern (SH) im Jahre 2003

P. Wyschinski zu Karl Kautskys Buch “Krieg und Demokratie” ; aus: “Unter dem Banner des Marxismus”, Heft I, 1934, Jahrgang VIII, S. 81,

 



Die fortlaufende Krise des Weltkapitalismus analysierend, erklärte Stalin in seinem Bericht auf dem 17. Parteitag der KPdSU [B] u.a.:

Die Verschärfung des Kampfes um die Absatzmärkte, die Beseitigung der letzten Reste des freien Handels, die Schutzzölle, der Handelskrieg, der Valutakrieg, das Dumping und viele andere analoge Maßnahmen, die einen extremen Nationalismus in der Wirtschaftspolitik demonstrieren, haben die Beziehungen zwischen den Ländern aufs Äußerste verschärft, haben den Boden geschaffen für kriegerische Zusammenstöße und haben den Krieg, als Mittel zur Neuaufteilung der Welt und der Einflusssphären zu Gunsten der stärkeren Staaten, auf die Tagesordnung gesetzt.

... Der Chauvinismus und die Vorbereitung des Krieges als Hauptelemente der Außenpolitik, die Zügelung der Arbeiterklasse und der Terror auf dem Gebiet der Innenpolitik als notwendiges Mittel zur Stärkung des Hinterlandes der künftigen Kriegsfronten, das ist es, was jetzt die heutigen imperialistischen Politiker ganz besonders beschäftigt” (Stalin, Werke, Band 13, Site 259-260, dt. Ausgabe, KPD/ML – Hamburg 1971).

Die unmittelbare Gefahr des Ausbruchs eines neuen Weltkrieges feststellend, führte Stalin weiter aus:

Kein Wunder, dass der bürgerliche Pazifismus jetzt ein klägliches Dasein fristet und dass das Geschwätz von der Abrüstung durch `sachliche` Reden über Rüstungen und Aufrüstungen abgelöst wird.

Genau wie 1914 rücken wieder die Parteien des kriegerischen Imperialismus, die Kriegs- und Revancheparteien in den Vordergrund. Es geht offensichtlich einem neuen Krieg entgegen” (ebenda).

K. Kautskys Buch “Krieg und Demokratie”, mit dem wir uns an dieser Stelle auseinandersetzen wollen, ist der “Schwanengesang” des sozialfaschistischen Pazifismus. Dieses Kautskysche Werk lobpreist den Pazifismus der Völkerliga und atmet glühenden Hass gegen die Bolschewiki, gegen die Sowjetunion, gegen die Idee des Bürgerkriegs und der Revolution.

Wie vorauszusehen war, lief mit der Machtergreifung der Faschisten eine Menge der sozialfaschistischen Pazifisten ins Lager des Faschismus, ins Lager der organisatoren eines neuen Krieges und der Intervention über.

Kautskys Buch “Krieg und Demokratie” ist in der Hinsicht bemerkenswert, dass es den Interventionscharakter und konterrevolutionären Gehalt des sozialfaschistischen Pazifismus widerspiegelt, der gerade am Vorabend des faschistischen Umsturzes in Deutschland in üppiger Blüte prangte.

Schon bald 20 (90 Jahre von heute zurückgerechnet – die Red.) Jahre ist es her,, dass die herrschenden Klassen der imperialistischen Mächte das blutige Gemetzel um die Neuaufteilung der Welt entfesselten. Dieser – laut imperialistischer Lügenlegende – angeblich für die “Freiheit der Nationen” und um die “Demokratie” geführte Krieg kostete der werktätigen Menschheit Millionen Leben, unerhörtes Leid, Elend, Entbehrungen und wälzte, mit dem Versailler Friedensvertrag abschließend, die ganze Last der Kriegsschulden und Reparationsleistungen auf die Schultern der Werktätigen. Er erschütterte – nach zeitweiliger relativer Stabilisierung – den kapitalistischen Organismus in seinen Grundfesten, stürzte die kapitalistische Welt in eine allgemeine Krise uns spitzte alle imperialistischen Widersprüche aufs Äußerste zu. Damit schuf dieser, wie die heuchlerische Demagogie bürgerlicher und “sozialistischer” Pazifisten behauptet, “letzte” Krieg den Ausgangspunkt für einen neuen, noch größeren Vernichtungskrieg, als es der Krieg von 1914 war.

In der Geschichte der sozialistischen Bewegung stellt das jahr 1914 ein bedeutsames Datum dar. “Der herrschende offizielle Sozialismus der Epoche der II. Internationale (1889-1914) verriet den Marxismus,, glitt in den Opportunismus hinab” (Lenin). Die Frage über die Stellungnahme zum Kriege gab den Anlass zu der schon längst herangereiften Abgrenzung der Strömungen in der “alten Sozialdemokratie”: auf das Lager der Sozialchauvinisten, die sich im Kriege auf die Seite der eigenen Bourgeoisie schlugen. Lenin schrieb im Jahre 1914:

Der Verrat am Sozialismus, den die Mehrheit der Führer der II. Internationale (1889-1914) begangen hatte, bedeutet den ideologisch-politischen Bankrott dieser Internationale. Den Hauptgrund für diesen Bankrott bildet das faktische Überwiegen des kleinbürgerlichen Opportunismus in ihr, auf dessen bürgerlichen Charakter und drohenden Anzug schon längst die besten Vertreter des revolutionären Proletariats aller Länder hingewiesen hatten. Die Opportunisten hatten schon lange den Bankrott der II.Internationale vorbereitet, indem sie die sozialistische Revolution verneinten und an ihrer Stelle bürgerlichen Reformismus setzten, indem sie den Klassenkampf mit seiner – zu gewissen Momenten – notwenigen Umwandlung in den Bürgerkrieg aufgaben, indem sie Klassenharmonie und – unter der Flagge des Patriotismus und der Vaterlandsverteidigung – bürgerlichen Chauvinismus predigten, indem sie die schon im `Kommunistischen Manifest` dargelegte Wahrheit, dass die Arbeiter kein Vaterland haben, ableugneten. Sie hatten den Bankrott dadurch vorbereitet, dass sie – anstatt die Notwendigkeit eines revolutionären Krieges der Proletarier aller Länder gegen die Bourgeoisie aller Länder anzuerkennen- sich im Kampfe gegen den Militarismus auf einen sentimental-philiströsen Standpunkt beschränkten” (Leninski Sbornik, Nr. XIV, S. 10f, russ.).

Die Sozialchauvinisten aller Länder leugneten ihren schmählichen Verrat am Sozialismus und an den Interessen des internationalen Proletariats, sie leugneten den Bankrott der II. Internationalen.

Eine besonders schändliche Rolle in der Rechtfertigung des Krieges und der Entlastung der Sozialpatrioten spielte der Hauptvertreter des “Zentrismus”, Karl Kautsky. Lenin, dessen Partei allein die Linie eines konsequenten revolutionären Internationalismus einhielt, schrieb aus diesem Anlass:

Ich hasse und verachte jetzt Kautsky mehr denn alle andern: eine ekelhafte, elende und selbstgefällige Heuchelei. Es sei doch nichts geschehen, die Prinzipien seien doch nicht verletzt; alle waren berechtigt, das Vaterland zu verteidigen. Der Internationalismus, seht euch doch nur mal an, besteht eben darin, dass die Arbeiter aller Länder `zur Verteidigung des Vaterlandes` aufeinander schießen... Es gibt j e t z t in der Welt nichts Schädlicheres und Gefährlicheres für die ideologische Selbständigkeit des Proletariats, als diese ekelhafte Selbstgefälligkeit und garstige Heuchelei Kautskys, der ALLES vertuschen, verwischen und mit Sophismen und scheingelehrtem Wortschwall das erweckte Gewissen der Arbeiter beruhigen möchte. Wenn Kautsky dies gelingt, wird er der Hauptvertreter bürgerlicher Fäulnis in der Arbeiterbewegung” (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXIX, S. 143f., russ.).

Um den Bankrott der II. Internationale und den Verrat ihrer Führer zu verwischen und zu vertuschen, stellte Kautsky damals die These auf, dass die Internationale “ein Friedensinstrument” sei (“... sie ist kein Werkzeug im Kriege, sie ist im Wesentlichen ein Friedensinstrument” (gesperrt von Kautsky); [Kautsky: “Die Internationalität und der Krieg” - Neue Zeit, 27, IX, 1914, 1. Halbband, S. 248, dt.] und folglich während der Kriegszeit ihre Wirksamkeit einstelle.

Die Politik der Sozialdemokratie im Jahre 1914 (Einstellung zum Kriege, Bewilligung der Kriegskredite usw.) war der Ausgangspunkt ihrer ganzen weiteren Politik und Evolution über den Sozialchauvinuismus zum Sozialfaschismus hin. Die Komintern hörte nicht auf, immer wieder den Arbeitern der ganzen Welt den schmählichen Verrat der Führer im Jahre 1914 und den Bankrott der II. Internationale in Erinnerung zu rufen. Die Kautskyaner mühen sich, die Tatsache ihres schändlichen Verrats im Jahre 1914 in Vergessenheit zu bringen, zu verwischen oder zu umgehen. Die kommunistische Kritik behandelte die Haltung der sozialdemokratischen Führer in der Kriegszeit als “wunden Punkt”. Deshalb entschloss sich Kautsky 1932, an der Neige seines Lebens, sich n o c h e i n m a l und so “gründlich” als möglich über jene objektiven Tatsachen auszusprechen, wegen welcher die Kommunisten immer die sozialdemokratischen Führer anprangern werden.

So entstand bei Kautsky der Plan zu seinem vierbändigen Werk über “Krieg und Demokratie”.

Im Vorwort zu dem erschienenen ersten Band von “Krieg und Demokratie” gibt Kautsky, bei der Erwähnung der Zimmerwalder Konferenz 1915, direkt das Motiv an, das die Abfassung seines Werkes veranlasste. Aber zuerst kurz über die objektive Bedeutung der Zimmerwalder Konferenz.

Die Zimmerwalder Konferenz ist von großer historischer Bedeutung. Sie schuf den Ausgangspunkt für die Sammlung aller Elemente, die dem revolutionären Marxismus treu geblieben waren und die sich mit der Haltung der Führer der II. Internationale und ihrer offiziellen Parteien nicht abfinden konnten. Die Sozialchauvinisten und Kautskyaner (Zentristen) schufen eine feindliche Atmosphäre um die Zimmerwalder Konferenz. Sie beschlossen, es mit einem Manöver zu versuchen und die Konferenz durch ihre Beteiligung (Kautsky selbst und andere offizielle Führer der deutschen Sozialdemokratie lehnten es ab, an der Zimmerwalder Konferenz teilzunehmen) in ihren tödlichen Umarmungen zu erdrosseln. Sie machten in Zimmerwald mit aus Furcht vor dem Zusammenschluss der revolutionären Ktäfte und weil sie hofften, auf der Grundlage “gegenseitiger Amnestie” die Zimmerwalder Konferenz zum Ausgangspunkt für eine Wiederaufnahme der Tätigkeit der II. Internationale zu machen.

Kautsky sagt: “Eine der wichtigsten Aufgaben der Zimmerwalder Konferenz sollte darin bestehen, die zweite Internationale wieder funktionsfähig zu machen. Lenin und seine Leute wollten dagegen damals schon nur noch eine proletarische Internationale, die gehorsam nach der bolschewistischen Pfeife tanzte. Krieg nicht bloß gegen den Krieg, sondern auch gegen alle Parteien, die der zweiten Internationale anhingen, Verhinderung jedes Versuches ihres Wiederauflebens war ihr Ziel. Für sie wurde die Zimmerwalder Bewegung nur der Vorläufer der dritten, vom russischen Bolschewismus kommandierten Internationale” (Kautsky, Krieg und Demokratie, Dietz, 1932, Vorwort, S. V.).

Schon allein die Erinnerung an die Tatsache, dass die Bolschewiki, mit Lenin an der Spitze, damals die “Wiederherstellung” der II. Internationale, d.h. , die Stärkung und Festigung der organisatorischen Verbindung des internationalen Opportunismus verhinderten, bringt Kautsky rein außer sich. Kautsky ist schrecklich unzufrieden darüber, dass die Bolschewiki die Versöhnungs- und Kompromissmanöver der Zentristen und Sozialchauvinisten durchkreuzten, “die Tiefe ihres Reformismus aufdeckten”, sie daran hinderten, “ihren verlorengegangenen Einfluss auf die Massen wieder herzustellen” (Lenin), dass sie den Zerfall der II. Internationale beschleunigten und die Strömung der linken revolutionären Elemente anführten, die sich die baldige Schaffung einer neuen, proletarischen, “von Opportunismus und Chauvinismus gesäuberten” (Lenin) Internationale zum Ziel setzte.

Es bietet ein Interesse, hier festzustellen, dass eine gleiche Einschätzung Kautskys Buch seitens der sozialdemokratischen Kritik erhielt. Arthur Rosenberg erklärt direkt, dass Kautsky in “Krieg und Demokratie” “an Stelle des Geschreies von `Verrat` und `Verrätern` “ ... “das exakte historische Verständnis” setzt. “Kautsky ist wie kein anderer berufen, diese wissenschaftliche Aufgabe zu lösen” (“Die Gesellschaft”, 1932, Nr. 12, S. 546).

Kautskys Buch verfolgt jedoch nicht nur das Ziel historischer Apologetik des Verrats der sozialistischen Führer am Proletariat während des Krieges von 1914. Die Geschichte diente immer den Zielen einer Begründung und Rechtfertigung der Politik der Gegenwart. Dies trifft sogar auch dort zu, wo Kautsky gezwungen ist, die jetzigen, neuen Gemeinheiten seiner Partei mit früheren Gemeinheiten zu rechtfertigen. Um eben eine Rechtfertigung für die Haltung des Sozialchauvinismus unter den Bedingungen der gegenwärtigen tiefen ökonomischen und politischen Krise des Kapitalismus und der Vorbereitung eines neuen Krieges zu erbringen, versucht Kautsky, nachträglich die Taktik der Sozialchauvinisten in den Jahren 1914-1918 theoretisch zu begründen.

Das 12. EKKI-Plenum gab in seiner Resolution, die eine Analyse der allgemeinen und auf die ganze kapitalistische Welt sich erstreckenden ökonomischen Krise enthalt, folgende Einschätzung der gegenwärtigen Periode:

An bestimmten außerordentlich wichtigen Knotenpunkten lösen sich die antagonistischen Kräfte bereits zum Zusammenstoß. Das Ende der relativen Stabilisierung ist eingetreten... Im gegenwärtigen Augenblick vollzieht sich gerade der Übergang zu einem neuen Turnus großer Zusammenstöße zwischen den Klassen und den Staaten, zu einem neuen Turnus von Revolutionen und Kriegen.”

Der Verlauf der Ereignisse bestätigt diese Prognose in glänzender Weise. Die politische Situation bietet alle Anzeichen, wie sie die Periode unmittelbar vor dem Kriege aufgewiesen hat. Ein fieberhafter Wettstreit hat die kapitalistischen Staaten erfasst. Wortführer bei der Verteidigung der Rüstungskredite gegenüber der öffentlichen Meinung sind die überzeugtesten Pazifisten. “Um den Frieden zu sichern, müssen wir uns waffnen!” erklären sie. Kriegsluft ist im Anzug. Faktisch hat der Krieg schon im Osten begonnen: Japan kämpft gegen China. Dieser Krieg kann zum Präludium eines Weltkrieges werden. Der faschistische Umsturz in Deutschland hat die Kriegsgefahr in Mitteleuropa außerordentlich verschärft.

Und eben in dieser Situation, am Vorabend eines zweiten Turnus von Revolutionen und Kriegen, mobilisierte Kautsky die letzten Reste seiner Denkfähigkeit, um die jetzige und künftige, noch riesigere – als 1914 – Verräterrolle der II. Internationale in der Organisierung eines neuen Krieges zu rechtfertigen. Kautsky und Cie. wollen auf den neuen Krieg besser vorbereitet sein, als dies 1914 der Fall war. Schon im Voraus bereitet sich Kautsky darauf vor, abermals – wie dies 1914-1915 der Fall war – Internationale und Sozialdemokratie als Friedensinstrument und als “kein wirksames Werkzeug im Kriege” zu deklarieren und seine Partei zur Anpassung ihrer politischen Linie an die Kriegspolitik, zur Einschaltung in den von den Faschisten vorbereiteten Krieg aufzufordern. Zur Erreichung dieses schmutzigen Zieles geniert sich Kautsky nicht, unter marxistischer Kappe die Geschichte zu fälschen.

“Von diesem marxistischen Standpunkte gehe ich auch an die Untersuchung der Frage des Krieges und der Herstellung des ewigen Friedens heran,” verkündet Kautsky (Kautsky, Krieg und Demokratie, S. XV).

Und im Namen des “Marxismus” ruft Kautsky auf, sich von den Eindrücken der hässlichen Wirklichkeit und der Elendslage des Proletariats in der Kriegsperiode abzuwenden.

“Solche Resignation bringen junge Köpfe schwer auf, bei denen die leidenschaftliche Empörung gegen die Verhältnisse, die sie vorfinden, größer ist als die Erkenntnis der Vergangenheit, die aus dieser hervorgegangenen Gegenwart und der darauf begründeten Möglichkeiten der Zukunft. So begreiflich diese Stimmung ist, sie kann nicht Einfluss auf einen Sozialisten (Kautsky spricht von sich selber – P. W.) gewinnen, der sich schon vor einem halben Jahrhundert zum konsequenten Marxismus durchgerungen hat und ihn ebenso durch die Erfahrungen dieses halben Jahrhunderts wie durch die Erforschung der Vergangenheit immer wieder von Neuem bestätigt sieht” (ebenda, S. XV).

Der Sinn dieser “wissenschaftlichen” Einstellung bei Lösung des Problems: Krieg und Demokratie – liegt in der vorsätzlichen Abstrahierung von den tatsächlich existierenden Bedingungen des Klassenkampfes, in der Abkehr zur Sphäre des abstrakten, “über dem Klassenprinzip stehenden” Denkens... Eine solche Forschungs-Methode, mit deren Hilfe das revolutionäre Bewusstsein der Massen verdunkelt wird, passt Kautsky am besten. Kautsky wendet sich hier insbesondere an die sozialdemokratischen Arbeiter. Ihr durch das unterirdische Getöse des herannahenden Krieges gewecktes Gewissen will Kautsky mit “gelehrtem” Wortschwall und der Berufung auf seine “marxistische” Autorität einschläfern.

In seinem Eifer versteigt sich Kautsky zu einem vierbändigen Werk! Um den Leser endgültig zu überzeugen, unternimmt er es, die Politik der Sozialdemokratie während des Krieges und ihre Taktik in Zimmerwald vermittels einer “historischen Behandlung” der Frage zu erklären: er beginnt mit der Frage über die Wechselbeziehungen zwischen der “Demokratie der Urmenschen” und den Kriegen der wilden Nomadenstämme im tiefen Altertum. Auf solche Weise wird für die “Methode der Dremokratie” ein “Alibi” nicht allein für das Jahr 1914, sondern auch von Anbeginn der geschriebenen Geschichte geschaffen.

Doch fürwahr: wer vieles beweisen will, beweist nichts!

Krieg und Frieden

Der Marxismus lehrt, dass der Krieg keine ewige, sondern eine historisch bedingte Erscheinung darstelle. Die Kriegsursachen liegen nicht in der “menschlichen Natur”, nicht im “kriegerischen Sinn” der wilden Nomadenvölker, wie dies Kautsky meint, sondern sind durch ein bestimmtes System der gesellschaftlichen Verhältnisse begründet, mit denen der Krieg notwendigerweise unlösbar verbunden ist.

Die ersten Kriege, die Kriege in der Periode der Gentilverfassung, verfolgten – wie dies Engels in seinem “Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Stattes” aufzeigt -lediglich das Ziel einer Erweiterung des nicht zureichenden Territoriums und der Verteidigung gegen feindliche Überfälle. Mit fortschreitender Arbeitsteilung, Schichtung der Gesellschaft in Klassen und Bildung des Staates jedoch werden die Kriege für die herrschenden Klassen zur notwendigen Fortsetzung und zu einem Kettenglied ihrer auf Ausbeutung und Knechtung der Volksmassen beruhenden Politik. Auf der Basis des Privateigentums sind Kriege unvermeidlich. “Der Krieg ist kein Widerspruch zu den Grundlagen des Privateigentums, sondern er ist das direkte und unvermeidliche Entwicklungsergebnis dieser Grundlagen” (Lenin, Sämtliche Werke, Bd. XVIII, S. 309, russ.).

Der Krieg”, sagt Lenin, “ ist nichts Zufälliges, er ist keine `Sünde` , wie die christlichen Pfaffen denken (sie predigen nicht schlechter als die Opportunisten Patriotismus, Humanität und Frieden), er ist vielmehr eine unvermeidliche Etappe im Kapitalismus, eine ebenso gesetzmäßige Form des kapitalistischen Lebens, wie der Friede” (ebenda, S. 90).

Von diesem marxistischen Standpunkt aus ist es völlig klar, dass der wahre “Pazifismus”, falls ein solcher existiert, in der Kriegserklärung an den Kapitalismus, im Kampf gegen den Kapitalismus, als eines Systems, zu dessen organisatorischem Gefüge der Krieg gehört, bestehen müsse. Jede andere Art der Fragestellung ist reiner Betrug und Heuchelei.

Wie geht Kautsky an die Frage des Krieges und seiner Rolle in der Geschichte der Menschheit heran? Er reißt den Krieg von den Widersprüchen der Gesellschaft los. Er leugnet den Zusammenhang des Krieges mit bestimmten historischen Formen der Produktion. Er leugnet die vom Marxismus unwiderlegbare nachgewiesene Tatsache, dass der Krieg eine unvermeidliche Folgeerscheinung der Ausbeutung und der auf Ausbeutung beruhenden Gesellschaftsordnung darstellt. Nach seiner Meinung entstanden die Kriege auf Grundlage der den Menschen den Ackerbauern und Nomaden der Urzeit angeborenen kriegerischen Instinkte.

In der weiteren Entwicklung kämpfe der humanitäre Geist mit dem kriegerischen Geiste; in der Gesellschaft herrschen periodisch “Frieden” und “Krieg”, je nachdem, welcher “Geist” das Übergewicht habe. So eben sieht der, mit Verlaub zu sagen, Kautskysche “Standpunkt” aus, wenn man ihn seinem Wesen nach analysiert, d.h., ihn von dem “gelahrten” und “historisch-philosophischen” Brimborium, dem großen Wortschwall mit seinen Schimpftiraden über den Krieg und von der Verherrlichung der Demokratie befreit. Die ganzen Kautskyschen Gedankengänge sind von geistlosem, totem Schematismus und einer völligen Preisgabe des Klassenstandpunktes durchdrungen. Die Erklärung des Problems: Krieg und Frieden vom historisch-materialistischen Standpunkt aus – wird von ihm als “Schablone” qualifiziert. So behauptet er, als er auf die Große Französische Revolution zu sprechen kommt:

“Der Charakter der Französischen Revcolution der Kriegsjahre ist total verschieden von dem der drei Friedensjahre vorher. Es ist eine schablonenhafte Auffassung des historischen Materialismus, wenn man den Unterschied der Kriegsjahre von den Friedensjahren der Revolution aus einem bloßen Wechsel der den Staat bejerrschenden Klassen erklären will. Die Verschiedenheiten sind vor allem Verschiedenheiten zwischen Krieg und Frieden, kennzeichnen diese beiden. Der Wechsel der Klassen, die in der Politik jener Jahre zur Geltung kamen, erklärt sich fast ganz durch den Übergang von den Bedingungen des Friedens zu denen des Krieges” (Kautsky, Krieg und Demokratie, S. 175f).

Wie der Leser sieht, betrachtet Kautsky Krieg und Frieden als selbständige, von Klassen der Gesellschaft und dem Klassenkampf unabhängige und überdies absolute Gegensätze.

Kautsky betrachtet den Krieg als absoluten Gegensatz zum Frieden. Krieg ist für ihn Krieg, ein “kriegerischer Zusammenstoß”, wie er sagt (seine Definition steht in diesem Fall auf dem gleichen Niveau wie der Aphorismus eines anderen “Weisen”: “Wenn die Völker sich schlagen, so nennt man das Krieg.”) Der “Frieden” ist für Kautsky halt Frieden, Krieg ist Krieg. Der kapitalistische Frieden (z.B. der auf einem zweitweiligen Gleichgewicht der Kräfte berughende Versailler “Frieden”) der imperialistischen Räuber ist angeblich dasselbe, was ein Frieden in der Epoche der nationalen Befreiungskriege und letzterer, was ein Frieden in der Epoche der Sklaverei bedeutet. Ebenso ist auch der Krieg für alle Geschichtsepochen gleichwertig und an und für sich identisch. Die Geschichte kennt nationale Befreiungskriege, die der Kapitalismus gegen den Feudalismus führte, und Raub- und Eroberungskriege, vermittels derer der Kapitalismus seine Herrschaft über die unterdrückten Nationen aufrechterhielt. Kautsky vertuscht absichtlich die Tatsache, dass Krieg und Frieden zwei Seiten, Phasen oder Zustände ein und derselben Politik bestimmter Klassen darstellen und dass deshalb ihre Gegensätzlichkeit nur relativ betrachtet werden kann, dass sie ineinander übergehen, dass unter gewissen Bedingungen diese Gegensätze identisch sind, d.h., dass man den “Frieden” nicht vom Krieg unterscheiden kann. Als pazifistischer Lakai der imperialistischen Politik der Bourgeoisie verwischt Kautsky dies bewusst, um seine reaktionäre bürgerliche Utopie vom “Ultra-Imperialismus und dem “ewigen Frieden” unter dem Kapitalismus begründen zu können. Seine Methode der abstrakten Gegenüberstellung von Krieg und Frieden als Erscheinungen, die vorgeblich einander prinzipiell entgegengesetzt sind, ist längst schon von Lenin enthüllt worden.

Der Friede”, schreibt Lenin, “erscheint den bürgerlichen Pazifisten und ihren `sozialistischen ` Nachahmern oder Nachbetern nach wie vor als etwas vom Krieg grundsätzlich Verschiedenes, so dass der Gedanke: `der Krieg ist die Fortsetzung der Politik des Friedens, der Friede ist die Fortsetzung der Politik des Krieges` - den Pazufisten beider Schattierungen stets unverständlich geblieben ist” (Lenin, Sämtliche Werke, Bd. XIX, S. 477, russ.).

Kautskys theoretische Auffassung von Krieg und Frieden steht in engstem Zusammenhang mit seiner Theorie des “Ultra-Imperialismus”, derzufolge Fragen der Weltpolitik und Weltwirtschaft in der Epoche des Imperialismus nicht durch “kriegerische Zusammenstöße”, sondern vermittels der “Demokratie” und friedlicher Bündnisse der Staaten untereinander gelöst werden können. Diese Theorie wurde von Kautsky erstmalig am Vorabend des imperialistischen Krieges entwickelt. Diese ungemein schädliche und elende “Theorie” war berufen, den imperialistischen Krieg als “letzten”,”für den ewigen Frieden” (Ultra-Imperialismus) geführten Krieg zu heiligen und zu rechtfertigen. Diese “Theorie” fußte auf der reaktionär-utopischen Lügenthese, dass der Kapitalismus sich friedlich, ohne Kriege und Gewaltakte entwickeln könne, dass das imperialistische Stadium der Entwicklung eine Abschwächung bzw. Aufhebung der Grundwidersprüche des Kapitalismus im Gefolge habe.

Lenin sagt:

Der objektive, d.h., wirkliche soziale Sinn seiner `Theorie` ist einzig und allein der: ein höchst reaktionäres Vetrösten der Massen mit der Hoffnung auf die Möglichkeit eines dauernden Friedens im Kapitalismus, indem man die Aufmerksamkeit von den scharfen Widersprüchen und zugespitzten Problemen der Gegenwart ablenkt auf die verlogenen Perspektiven irgendeines angeblich neuen künftigen `Ultra-Imperialismus`” (ebenda, S. 199f.).

Lenin gab eine tiefe Analyse der Ökonomik des modernen Kapitalismus in ihrem unlöslichen Zusammenhang mit der Politik, deckte das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus auf, wandte in meisterhafter Weise die Marxsche Dialektik auf die Frage von Krieg und Frieden an und wies nach, dass in der Epoche des Imperialismus von einer “friedlichen” Lösung der kapitalistischen Widersprüche ohne periodische Kriege auch nicht die Rede sein kann. In seiner Kritik des Kautskyschen “ultra-imperialistischen” Humbugs über friedliche Bündnisse von Staaten schrieb Lenin:

`Imperialistische` oder `ultra-imperialistische` Bündnisse sind daher in der kapitalistischen Wirklichkeit und nicht in der banalen Spießerphantasie englischer Pfaffen oder des deutschen `Marxisten` Kautsky notwendigerweise nur `Atempausen` zwischen Kriegen – einerlei in welcher Form diese Bündnisse auch geschlossen werden, ob in Form einer imperialistischen Koalition, oder in Form eines allgemeinen Bündnisses aller imperialistischen Mächte. Friedliche Bündnisse bereiten Kriege vor und wachsen ihrerseits aus Kriegen hervor, sich gegenseitig bedingend, einen Wechsel der Formen friedlichen und unfriedlichen Kampfes aus einem und demselben Boden imperialistischer Zusammenhänge und Wechselbeziehungen der Weltwirtschaft und der Politik hervorbringend” (ebenda, S. 201).

Es sind ein und dieselben imperialistischen Zusammenhänge und Beziehungen, aus denen Krieg und Frieden erwachsen; beide bedingen und folgen einander als gesetzmäßige Phasen der imperialistischen Politik, die konzentrierter Ausdruck der Ökonomik des modernen Kapitalismus ist. Hierin besteht Lenins wahre historisch-konkrete Dialektik in ihrer Anwendung auf das Problem “Krieg und Frieden”. Und das eben ist es, was Kautsky nicht sieht, nicht sehen will und nicht begreift. Das ist der Grund, warum er, anstatt eine marxistische Analyse zu geben, einen ungeheuerlichen Betrug verübt und warum er die bürgerlich-apologetische Konstruktion verzapft, dass die Politik des Imperialismus von der Ölonomik zu trennen sei, dass man diese Politik reformieren und überwinden könne, ohne die Hauptgrundlagen des Kapitalismus anzutasten, - dass man die spezifische Form der Außenpolitik der Imperialisten beseitigen und einem ewigen Frieden unter dem Kapitalismus einführen könne.

In ihrer Anwendung auf die Kriege”, schrieb Lenin, “hat die ... Dialektik zur grundlegenden These den Satz, dass `der Krieg einfach eine Fortsetzung der Politik mit anderen (nämlich gewaltsamen) Mitteln`ist. So lautet die Formulierung von Clausewitz, einem der großen Schriftsteller in Fragen der Kriegsgeschichte, dessen Ideen von Hegel befruchtet worden waren. Und das war auch stets der Standpunkt von Marx und Engels, die jeden Krieg als die Fortsetzung der Politik der betreffenden interessierten Mächte – und der verschiedenen Klassen innerhalb dieser Mächte – im betreffenden Zeitraum auffassten” (Lenin, Sämtliche Werke, Bd. XVIII, S. 387ff., russ.).

Lenin konkretisierte und vertiefte die noch in der Epoche der Nationalkriege von Clausewitz gegebene Definition des Krieges und bereicherte sie auf Grund der neuen geschichtlichen Erfahrung der imperialistischen Epoche; er zeigte, wie das Proletariat die Dialektik des Kriegsproblems im Interesse der Revolution anwenden müsse (siehe Lenins Bemerkungen zu Clausewitz` Buch “Vom Kriege” -Leninski Sbornik, Nr. XII, S. 387ff.,russ.).

Der ganze Verlauf der Politik des monopolistischen Kapitalismus, die Kriege, die an der Schwelle der sozialistischen Revolution heraufziehen, bestätigen die Richtigkeit von Lenins These, dass der krieg eine Fortsetzung – nur mit anderen Mitteln – der Politik bestimmter Klassen sei. Jede andere “Theorie” über Krieg und Frieden ist von Grund auf falsch und unwissenschaftlich.

Anlässlich Davids Buch “Die Sozialdemokratie im Weltkriege”, das 1914 erschienen war, schrieb Lenin dazumal:

Wissenschaftliche Bedeutung besitzt Davids Buch nicht, da der Verfasser zu der bloßen Stellung der Frage entweder nicht die Fähigkeit oder aber nicht den Wunsch hat – der Frage nämlich: wie die Hauptklassen der modernen Gesellschaft im Laufe der Jahrzehnte ihre gegenwärtige Stellung zum Krieg vorbereitet, herausbildet, geschaffen haben, und zwar durch eine so oder so bestimmte, in diesen oder jenen Klasseninteressen wurzelnde Politik. David weiß nichts davon – schon der bloße Gedanke daran ist ihm vollkommen fremd -, dass ohne eine derartige Untersuchung von einer marxistischen Stellungnahme zum Kriege keine Rede sein kann und dass nur eine solche Untersuchung als Basis dienen kann für das Studium der Ideologie der verschiedenen Klassen in ihrer Haltung zum Kriege” (Lenin, Sämtliche Werke, Bd. XVIII, S. 210).

Mit dem 15 Jahre später verfassten Buche Kautskys “Krieg und Demokratie” ist es noch schlimmer bestellt. Kautsky schreibt ein unwissenschaftliches Buch über den Krieg, anderthalb Dezennien nach dem Kriege, nach dem Oktober 1917, nach dem Turnus von Bürgerkriegen und Revolutionen, die ganz Europa überzogen, nach dem Versailler “Frieden” und der Niederschlagung der proletarischen Aufstände in einer Reihe von Ländern, in der Periode der Vorbereitung einer zweiten, noch grandioseren “Auflage” des Weltkrieges. Die Unwissenschaftlichkeit von Kautskys Werk hat deshalb direkt und absolut konterrevolutionären politischen Sinn und Gehalt. Durch sein Werk schafft Kautsky ideologische Waffen für die imperialistische Bourgeoisie in ihrer Vorbereitung eines neuen imperialistischen Blutbades, für ihre Politik der Einkreisung der UdSSR und der Intervention gegen sie.

Das erste Buch von “Krieg und Demokratie” behandelt – nach des Verfassers eigener Angabe - “nach einer allgemeinen theoretischen Untersuchung des Wesens der Kriege und Demokratie das Zeitalter der Revolutionskriege...” (Kautsky, Krieg und Frieden, S. VII).

Dieser Untersuchung liegt die Konzeption zu Grunde, die von Kautsky in seinem zweibändigen Werk “Die materialistische Geschichtsauffassung” und in weiteren Artikeln in Zeitschriften entwickelt wurde. Diese Konzeption läuft auf Folgendes hinaus: Es gab eunmal Ackerbauer-Vegetarier und nomadisierende Viehzüchter. Die ersteren sind von Natur aus friedlich, die zweiten kriegerischer Natur. Durch kriegerische Überfälle besiegten und unterjochten die streitbaren Stämme der Wüste die friedlichen Ackerbauer. So entstanden Staat und Klassen. Im weiteren Verlauf regelt der auf eine bewaffnete Macht sich stützende Staat den Klassenkampf. Der Staat führt auch Kriege nach außen hin. So war es in der Periode der Wildheit und Barbarei. Mit der Entwicklung des Kapitalismus, in der Periode der Zivilisation, entwickelt sich in den Völkern immer mehr das Gefühl der Humanität, deren Träger die Intellektuellen sind. Das Proletariat zeichnet sich gleichfalls durch sein Humanitätsgefühl aus. Der kriegerische Geist räumt den Platz der Menschenliebe. Die Notwendigkeit von Kriegen kommt in Wegfall. Durch friedliche Abstimmung entscheidet die Demokratie “mit Stimmenmehrheit” die Streitfragen.

So sieht die scheinwissenschaftliche und scheinmaterialistische Philosophie der Geschichte aus, die Kautsky in “Krieg und Demokratie” und in einer Reihe seiner letzten Artikel entwickelt (siehe z.B. “Die blutige Revolution” in “Der Kampf”, Heft Nr. 8/9, August 1933). Jedoch nicht ein Gran Wissenschaft kann dort vorhanden sein, wo der Klassenstandpunkt geleugnet wird. Kautskys Weltanschauung ist nur eine Spielart der bürgerlichen Entstellung des Marxismus, seine Anschauungen über Krieg und Demokratie sind ihrem Wesen nach nur der theoretische Ausdruck der politischen Interessen der imperialistischen Bourgeoisie.

Wie zu erwarten war, ist Kautsky auch mit der von Clausewitz geprägten Definition des Krieges nicht einverstanden.

“Streng genommen”, schreibt Kautsky, “darf man ihn nicht, wie Clausewitz in seinem Buch `Vom Kriege` ... es formuliert, als `eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln bezeichnen, sondern nur als eine bloße Fortsetzung der äußeren Politik” (Kautsky, Die materialistische Geschichtsauffassung, Bd. II, S. 266).

Nach Kautsky ist also der Krieg nur eine Fortsetzung der Außenpolitik. Die Politik der gegebenen Gesellschaft, d.h. ihrer herrschenden Klassen, wird von Kautsky in zwei, prinzipiell verschiedene Teile der Politik auseinandergerissen. Natürlich bemüht sich die Bourgeoisie, wenn sie einen Krieg nach außen hin führt, im Lande den Klassen”frieden” zu wahren, und darin haben die Sozialdemokraten ihr seit 1914 eifrig geholfen. Kann man aber die nach außen hin geführte Kriegs-, Eroberungs- und Raubpolitik entgegenstellen einer Politik des “Burgfriedens” im Lande, einer Politik, die die Bourgeoisie zwecks noch größerer Unterjochung und Versklavung der Werktätigen durchführt? Darf man die Außenpolitik von der Gesamtpolitik (d.h. also auch der inneren Politik), von ihrer ökonomischen Grundlage, von den inneren Widersprüchen des Kapitalismus und den Interessen der herrschenden Klassen losreißen?

Lenin schreibt: “ Es gibt weiter keine so falsche und schädliche Idee wie die Lostrennung der Außen- von der Innenpolitik. Gerade zu Kriegszeiten wird die ungeheure Unwahrheit einer solchen Lostrennung noch ungeheuerlicher. Seitens der Bourgeoisie jedoch tut man alles Mögliche und Unmögliche, um diese Idee einzuflößen und zu nähren” (Aus Lenins Artikel “Über die Außenpolitik” [geschrieben im Jahre 1917, erstmalig veröffentlicht in der “Prawda” 1931]).

Eben diese schädliche bürgerliche Idee entwickelt Kautsky, wenn er im Kriege nur das Problem eines äußeren Zusammenstoßes sieht und die Frage umgeht, in welchem Zusammenhang dieser äußere Zusammenstoß mit der Politik der Hauptklassen in den “zusammengestoßenen” Staaten steht. Heuchlerisch schließt er die Augen vor der Tatsache, dass der “äußere Zusammenstoß”, sein Charakter, sein Ziel, seine Bedeutung usw. unlösbar mit der Politik der kriegführenden Klasse verbunden sind und eine Fortsetzung ihrer Politik darstellen. Politik “schlechthin”, “klassenlose” Politik oder Politik eines “klassenlosen” Staates ist eine Erfindung der sozialdemokratischen Theoretiker; ein Marxist wird jedoch immer hinter der Politik der “Völker”, der “Staaten” oder “Länder” die Politik der in diesen Ländern, Völkern, Staaten herrschenden Klassen hervorziehen. Die Außenpolitik eines beliebigen Staates ist die Außenpolitik bestimmter Klassen, ist die Fortsetzung ihrer Innenpolitik. Den Ignoranten und Betrügern aus der II. Internationale kommt es auch nicht einmal in den Sinn, dass nicht allein die Bourgeoisie, sondern auch das Proletariat seine selbständige Außenpolitik haben müsse.

Lenin schreibt hierzu:

Im `Bündnis` mit den Imperialisten, d.h., in schmählicher Abhängigkeit von ihnen, - derart ist die Außenpolitik der Kapitalisten und Kleinbürger. Im Bündnis mit den Revolutionären der fortgeschrittenen Länder und mit allen unterdrückten Völkern gegen jegliche und alle Imperialisten, - derart ist die Außenpolitik des Proletariats” (Lenin,, ebenda).

So schrieb Lenin 1917 in seinem Artikel über die Außenpolitik.

Seit der Kriegszeit ist die Sozialdemokratie ein bewusster Vertreter der kapitalistischen und kleinbürgerlichen Außen- (und Innen-) politik. Sie trat immer gegen eine proletarische Politik auf. Sie “beendete den Krieg von 1914 auf “Versailler”, auf bürgerlich-imperialistische Art. Bis zum “siegreichen Ende” verteidigte sie ihre vaterländische Bourgeoisie, schützte sie sorgsam die herrschende Klasse vor der Gefahr eines Umschlagens des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg. Diese Politik setzt sie jetzt fort und vertieft sie.

Die Abteilung des Krieges aus einer von den inneren Widersprüchen, der Politik und dem Kampf der Klassen losgerissenen Außenpolitik ist für Kautsky sehr “bequem”, ermöglicht sie ihm doch, der Arbeiterklasse, die offen mit der UdSSR sympathisiert und die Intervention gegen das Land des entstehenden Sozialismus erschwert, das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit gegenüber der Kriegsgefahr einzuflößen. Anstatt des Kampfes gegen die Kriegsgefahr, anstatt einer aktiven Verhinderung des Krieges und – im Falle seines Ausbruchs – seiner Ausnutzung im eigenen revolutionären Klassenunteresse will Kautsky das Proletariat zu einer passiv-beschaulichen Haltung verurteilen und in ihm Illusionen und Hoffnungen auf die Friedensliebe der herrschenden Klassen hochziehen. Mit allen Kräften ist Kautsky bestrebt, der Arbeiterklasse den Gedanken einzuflößen, dass das Proletariat keine eigene Außenpolitik habe und haben könne, die sich von der Außenpolitik der Bourgeoisie unterscheide, und dass das Proletariat nicht imstande sei, auf die Frage über Krieg und Frieden einzuwirken.

“Da der Krieg”, schreibt Kautsky, “eine bloße Fortsetzung der äußeren Politik darstellt, wird mit deren Monopolisierung durch die herrschende Klasse auch die Entscheidung über Krieg und Frieden ausschließlich in deren Händen gelegt” (Kautsky, Die materialistische Geschichtsauffassung, Bd. II, S. 166 (von mir gesperrt – W. P.).

Somit sucht Kautsky schon im Voraus den unterdrückten Klassen einzureden, dass man “sich eben damit abfinden müsse”, wenn die Imperialisten das Sowjetland überfallen. Die Arbeiterklasse sei nicht imstande, irgendwie auf die Intervention einzuwirken; ihr bleibe nichts anderes übrig, als eine neutrale Haltung zu beobachten, den Ausgang der Intervention abzuwarten und alle Hoffnungen auf das Humanitätsgefühl der Bourgeois-Generale zu setzen. Übrigens versteigt sich Kautsky direkt zu der Forderung, dass die Arbeiter West-Europas im Falle einer Intervention aktiv den Imperialisten gegen die UdSSR helfen müssen.

Darin eben besteht die verderbliche “Feinheit” und Doppelzüngigkeit des Kautskyschen “Pazifismus”, dass er mit seiner Predigt von einem Frieden zwischen den Imperialisten den Krieg der Imperialisten gegen die UdSSR predigt. Der Sozialpazifist Kautsky ist Sozialintervent. Hinter seinem Aufruf zur “Neutralität” im Falle der Intervention gegen die UdSSR verbirgt sich die Hoffnung, dass die Intervention siegen und mit der Vernichtung der UdSSR endigen werde. Im Falle des Krieges wird die II. Internationale, faktisch dem Imperialismus helfend, in Worten “ihre Hände reinwaschen” und sich darauf berufen, dass die Internationale in Kriegszeiten machtlos sei, da sich die Außenpolitik nicht in ihren Händen befinde. So maskieren die sozialfaschistischen Pazifisten die Interventionsgelüste der Bourgeoisie.

Den Pazifismus”, schrieb Stalin, “bedarf die Bourgeoisie zur Maskierung. In dieser Maskierung besteht die Hauptgefahr des Pazifismus” (Stalin ohne Zitatangabe).

Wenn man den Krieg lostrennt von der Politik bestimmter Klassen, von der politischen Struktur der kämpfenden Länder, von den herrschenden Beziehungen usw. und ihn nur als Fortsetzung der Außenpolitik betrachtet, dann erscheint der Krieg als “Zufälligkeit”, als unerklärlicher “Sündenfall”, den man – wenn nur die Kapitalisten besser wären – wohl vermeiden könnte. Derart ist Kautskys Gedankengang. Er leugnet die Unvermeidbarkeit des Krieges für eine Klassengesellschaft.

In der “Materialistischen Geschichtsauffassung” formuliert Kautsky folgende philiströse These:

“Der Krieg ist immer ein Produkt der Unwissenheit über die Kräfteverhältnisse hüben und drüben” (Kautsky, Die materialistische Geschichtsauffassung, Bd. II, S. 264).

In dieser These widerspiegelt sich, “wie die Sonne im Regentropfen”, die gesamte sozialfaschistische Kannegießer”weisheit” im Problem des Krieges, widerspiegelt sich der ganze Idealismus Kautskys als bürgerlich-pazifistischern Theoretikers.

Die angeführte These erhellt, dass das wechselseitige Informiertsein der Generalstäbe über den Zustand der Wehrkräfte der einzelnen Länder einen Damm bilden kann, der den Ausbruch des Krieges verhindert. Folglich: es lebe der Völkerbund und die “Abrüstungs”-konferenz, auf der die Imperialisten einander über ihre Rüstungen informieren werden! Kautskys Idealismus besteht hier darin, dass er bei der Analyse des Kriegsproblems nicht von den realen Lebensinteressen der Staaten, Länder und Klassen ausgeht, sondern dafür Kenntnis bzw. Unkenntnis des Kräfteverhältnisses setzt.

Die Kriegsgeschichte zeigt, dass die Kenntnis des Zustandes der Wehrkräfte der Nachbarländer nie ein ernstliches Kriegshindernis bildete. Sie förderte nur die bessere Auswahl des Moments für die Kriegserklärung. Das ist auch begreiflich, liegt doch die Kriegsursache nicht in den Köpfen der Leute (Kenntnis oder Unkenntnis), sondern in den materiellen Lebensinteressen der Klassen. Der Krieg bricht mit Notwendigkeit aus, obwohl man sich des Kräfteverhältnisses bewusst ist; er bricht aus, wenn der “Friede”, der Frieden in Waffen nicht weiter möglich ist oder unvorteilhaft wird. In solch einem Fall wagt man das Risiko und beginnt den Krieg, obwohl man sich des Missverhältnisses seiner Kräfte im Vergleich mit dem Gegner bewusst ist. Man hofft in diesem Fall auf den Erfolg der eigenen Taktik, auf die äußeren Bundesgenossen, auf die chauvinistische Welle im Inland, auf die Hilfe der “Sozialisten” und Pazifisten: derart ist schon die Dialektik des Krieges. Die Bourgeoisie überlässt es den sozialfaschistischen Metaphysikern, von “Kenntnis oder Unkenntnis der Kräfte” zu schwätzen.

Sogar die gescheitesten Politiker der Bourgeoisie verstehen das, was der “konsequente Marxist( faktisch konsequente Sozialfaschist) K. Kautsky nicht begreifen kann. So sagt zum Beispiel Lloyd George in seinen “Kriegs-Memoiren” (im Mai 1933 erschienen) zur Frage über Kenntnis oder Unkenntnis der Kriegsfolgen:

“Wussten wir bei unserem Eintritt in den Krieg, dass, ehe in Europa der Frieden wiederhergestellt werde, wir 4 Jahre Massenmord, Leiden Zerstörung und Barbarei – wie sie je die Menschheit gesehen hatte – durchzumachen haben? Wussten wir, dass 12 Millionen Menschen blühender Jünglinge aller Nationen getötet, weitere 12 Millionen zu Krüppeln gemacht werden, und dass Europa unter der Last einer kolossalen Kriegsschuld zusammenbrechen wird? Wussten wir, dass nur ein Reich durchhalten und dass andere, selbst die glänzendsten Reiche, in den Staub getreten werden? Wussten wir, dass Revolution, Hunger und Anarchie halb Europa überziehen werden und dass diese Gefahr die andere Hälfte des ohnmächtigen Kontinents versengen werde?” (War Memoires of David Lloyd George, 1914-1915, Boston, 1933, p. 71f.).

Kautskys Geschwätz über Kenntnis oder Unkenntnis der Kriegsfolgen offenbart sein niederträchtiges Bestreben, der Bourgeoisie bei der Lösung der kapitalistischen Widersprüche auf Kosten der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen, vermittels Unterdrückung der revolutionären Bewegung, vermittels einer Intervention gegen die UdSSR zu helfen.

Es wäre sinnlos, aus der Tatsache, dass es unmöglich ist, im Voraus den Ausgang und alle Folgen des Krieges voll zu bestimmen, die Folgerung zu ziehen, dass der Krieg ein Resultat der Kenntnis oder Unkenntnis des Kräfteverhältnisses und der Kriegsfolgen sei. Das ist idealistischer, pazifistischer Humbug. Bis auf den heutigen Tag bewahrt seine tiefe Richtigkeit der in den Thesen des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale (4. Juli 1921) formulierte Leitsatz:

Obwohl die Erfahrung des letzten Krieges mit fürchterlicher Deutlichkeit bewies, dass der Krieg eine falsche Rechnung ist – diese Wahrheit anerkennen sowohl die Bourgeoisie als auch die sozialistischen Pazifisten -, ist die ökonomische, politische, geistige und technische Vorbereitung zu dem neuen Krieg in der ganzen politischen Welt in vollem Gange. Der humanitäre. Antirevolutionäre Pazifismus ist eigentlich ein Helfer des Militarismus” (Thesen und Resolutionen des III. Weltkongresses der Komintern, S. 23).

Kautskys Bemühen, den Krieg mit der “Kenntnis” bzw. der “Unkenntnis” zu verbinden, ist nur die Kehrseite seines Widerwillens gegen die Verbindung des Krieges mit dem Imperialismus. Seine Erwägungen sind nur ein Gejammer des Kleinbürgers um die “guten” alten Zeiten der Vorkriegsperiode, die mit dem Kriege, der nicht die erwartete Besserung brachte, zu Ende gingen. Angesichts der Folgen des imperialistischen Krieges von 1914 bedauert es Kautsky, dass Deutschland und andere Länder vor dem Jahre 1914 nicht über das Kräfteverhältnis “im Kurs” waren. Der Krieg von 1914 unterjochte nicht nur Deutschland mit den Fesseln des Versailler Vertrages, sondern brachte auch den Völkern die Schulung des Bürgerkrieges und beschleunigte und erleichterte den Sieg des russischen Proletariats im Oktober 1917. Diese Folgen sind für Kautsky die bittersten. Wenn er nur dergleichen Ergebnisse hätte voraussehen können, wenn er nur hätte wissen können, welche Haltung das Proletariat unter den Bedingungen des imperialistischen Krieges und des Verrats seiner Führer einnehmen würde! Oh weh! Er rechnete mit der Möglichkeit verschiedenartigster Folgen, nur nicht solcher, wie sie tatsächlich eintraten. Wie sollte er darüber nicht trauern?

Kautsky”, schrieb Lenin im Jahre 1914, “rechnet mit allen irgendwie möglichen Kriegsfolgen, - außer revolutionären Bewegungen des Proletariats. Eine jede Bewegung wird für möglich gehalten, jedoch unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass das Proletariat anders, denn in den von den preußischen Junkern erlaubten Grenzen, sich nicht bestätigen werde!!!” (Leninski Sbornik, Nr. XIV, S. 23, russ.).

Jetzt, wo “die Welt dicht an einen neuen Turnus von Revolutionen und Kriegen herangetreten ist” (Thesen und Beschlüsse des XIII. Plenums der EKKI), versuchen die bürgerlichen Pazifisten gescheiter zu sein. Sie beschwören die Kapitalisten, gut das Kräfteverhältnis vor dem Kriege und – was die Hauptsache ist – die Kräfte des Proletariats abzuschätzen, das – Gott wolle es nicht! - sich gegen die Bourgeoisie erheben könne. Wegen dieser unvorherzusehenden und sehr gut möglichen Folgen ist Kautsky gegen den Krieg. Er ist für die Zulässigkeit eines Krieges nur für den Fall, wenn damit der Bürgerkrieg verhütet werden kann.



Imperialistischer Krieg und Bürgerkrieg

Vermittels des Krieges streben die herrschenden Klassen der kapitalistischen Gesellschaft jene Ziele zu erreichen, die mit “friedlichen” Mitteln nicht zu erreichen sind. Im Kriege bemüht sich die Bourgeoisie die Lösung ihrer inneren ökonomischen und politischen Schwierigkeiten und Widersprüche zu finden. Sie setzt ihre Politik mit anderen, und zwar kriegerischen Mitteln fort. In “Krieg und Demokratie” kommt Kautsky wieder auf die von Clausewitz gegebene Definition des Krieges zurück; er entstellt und fälscht sie, indem er die Sache so hinstellt, als wenn nach Clausewitz die Politik ihre Fortsetzung in ... Gewehren, Munition, Geschützen isw. fände.Bei dieser Unterschiebung,d.h., Drstellung des Krieges, `nicht als Fortsetzung der Politik, sondern als Umwandlung, Übergang der “Politik” in bzw. zu “militärischen Mitteln”, spielt Kautsky mit Vergleichen zwischen der politischen “Seite des Krieges” und seinen technischen Mitteln. Hochnäsig verweist er Clausewitz eines Fehlers, den er – Kautsky – in dessen Definition angeblich entdeckt habe, und bemerkt nebenbei:

“Zwischen der politisch-sozialen und der technischen Seite des Krieges gibt es natürliche Übergänge” (Kautsky, Krieg und Demokratie, S. 35).

Kautsky trübt jedoch das Wasser nicht von ungefähr. Wenn er anfangs Clausewitz in der Form “verbesserte”, dass der Krieg “eine Fortsetzung nur der Außenpolitik allein” sei, so wird jetzt diese “Fortsetzung” von ihm als Umwandlung der Politik in etwas von der Politik prinzipiell Verschiedenes ausgelegt. Kautsky will den Gedanken durchschmuggeln, dass mit dem Kriege die Wirksamkeit der Politik aufhöre, die – nach Kautskys Ansicht- schon ihrer Natur nach mit dem “Frieden” identisch sei, und dass dann die Wirksamkeit von “kriegerischen Mitteln” einsetze. Es bedarf dieser feinen Kasuistik zur Vertuschung der Frage, die immer den Sozialimperialisten von Revolutionären direkt gestellt wurde: welche Politik verfolgt der gegebene Krieg? Kautsky versucht auf jegliche Art, dieser Frage auszuweichen. Für ihn ist der Krieg halt Krieg; von der Politik will er aber nichts hören, denn sowie nur die Rede auf die Politik kommt, muss ja vom Klassencharakter dieser Politik gesprochen werden.

Wenn der gegebene Krieg”, sagte Lenin,”die Fortsetzung der imperialistischen Politik der Bourgeoisie und der herrschenden Klassen der kämpfenden Großmächte ist, so erhält im Kriege keine beliebige andere, sondern eben die imperialistische Politik ihrer Fortsetzung und Weiterentwicklung (Kolonialraub, Einverleibung schwacher Völker, Verletzung ihrer Rechte, Verstärkung der nationalen Unterdrückung und Reaktion im Innern usw.)” (Leninski Sbornik Nr. XVII, S. 175 [russ. - von mir gesperrt – P. W.).

Es genügt hier als Beispiel auf die Politik hinzuweisen, die vom russischen Zarismus gegenüber der Türkei vor dem Kriege geführt wurde. Um einen Krieg zu vermeiden, machte die Türkei Zugeständnisse an den russischen Imperialismus und strebte nach einer Annäherung, nach “Freundschaft” mit ihm. Die zaristische Diplomatie stieß jedoch vorsätzlich diese aufdringliche Freundschaft der Türkei von sich und war bestrebt, sie in das Lager ihrer Gegner zu drängen, da die russischen Imperialisten – zwecks Gewinnung der Dardanellen – die Türkei in einen Krieg verwickeln und niederringen mussten.

Ein anderes charakteristisches Beispiel bildet die im Jahre 1915 durchgeführte englisch-französische Okkupation und die 1916 erklärte Hungerblockade Griechenlands, das sich mit seinem Beitritt zur allgemeinen Kriegsfront etwas verspätet hatte, da es sich darüber nicht schlüssig werden konnte, auf welcher Seite der kämpfenden Gruppen seine Feilbietung den größten eigenen Vorteil bringen werde. Durch ihre Hungerblockade erzwangen die “Alliierten” Griechenlands Eintritt in den Krieg auf Seiten der Entente. Solcher Beispiele wäre eine Menge zu erbringen. Die imperialistischen Gruppierungen der Welt zwingen die schwachen Staaten mit Gewalt zum Anschluss und zur Führung des Krieges im Interesse der internationalen finanzkapizalistischen Verbände.

Die Verhüllung des Klassencharakters und imperialistischen Charakters der Politik, die die Bourgeoisie während des Krieges einschlägt, gibt den Sozialchauvinisten die Möglichkeit, den imperialistischen Krieg als einen Krieg zu deklarieren, der im Interesse der kleinen und schwachen Nationen, für die Demokratie, für Freiheit und Sozialismus geführt werde.

Der moderne imperialistische Krieg setzt weiter nicht nur mit dem Truppenaufmarsch an der Front, sondern auch mit Einführung des Kriegszustandes im Lande selbst ein. Mit den demokratischen “Freiheiten” wird Schluss gemacht. Man führt die Militarisierung der Arbeit, Schiedsgerichtszwang in Arbeitsstreitfragen und Streikverbot ein. Die Steuern werden erhöht, die Inflation setzt ein, das Lebensniveau der schaffenden Massen sinkt schnell. Und zur selben Zeit predigen die “Sozialisten” den Burgfrieden, die Chauvinisten schüren den Nationalhass; revolutionäre und einfach unzufriedene Elemente werden in den Schützengräben, in die Feuerlinie oder in Konzentrationslager usw. geschickt. Diese ganze Serie von Maßnahmen, die in verschiedenem Grade und unter Variierung der Formen während des Krieges (1914-1918) in allen Ländern durchgeführt wurden, zeugt anschaulich vom Klassencharakter des Krieges. Die Augen vor der Tatsache schließen, dass dem nach außen gerichteten “kriegerischen Zusammenstoß” ein “den Gesetzen der Kriegszeit” entsprechender, äußerst starker Druck der herrschenden Klasse auf die werktätigen Massen innerhalb des Landes korrespondiert, heißt deshalb in der abgefeimtesten Weise heucheln.

Den modernen imperialistischen Krieg nicht als Fortsetzung und Vertiefung der Ausbeuterpolitik betrachten und im Krieg nur einen “kriegerischen Zusammenstoß” sehen, der angeblich in prinzipiellem Gegensatz zur Politik der friedlichen Herrschaft steht, heißt: den Klassencharakter des Krieges ableugnen, heißt: ein direkter Agent der Militaristen, der Generalstäbe sein.

Lenin unterstrich, dass der imperialistische Krieg einen Raub- und Gewaltakt der bürgerlichen Klassendiktatur dem Proletariat gegenüber darstellt:

Kampf um die Märkte und Raub fremder Länder, das Bestreben, die revolutionäre Bewegung des Proletariats und der Demokratie innerhalb der Länder aus der Welt zu schaffen, das Bestreben, die Proletarier aller Länder zum Narren zu machen, zu spalten, abzuschlachten, indem man die Lohnsklaven der einen Nation im Interesse der Bourgeoisie gegen die Lohnsklaven der anderen Nation hetzt, - das ist der Einzige, reale Inhalt des Krieges und seine Bedeutung” (Lenin, Sämtliche Werke, Bd. XVIII, S. 58).

Der Krieg ist die Verwirklichung, Durchführung, Fortsetzung der auf weitere Unterdrückung, Ausbeutung, Eroberung und Versklavung gerichteten, mit militärischen Mitteln in die Tat umgesetzten inneren und äußeren Politik. Hieraus folgt, dass es für einen jeden Marxisten die erste und wichtigste Aufgabe ist, den Klassencharakter eines jeden Krieges festzustellen.

Der imperialistische Krieg ist jedoch nicht imstande, die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft zu lösen. Im besten Falle kann er ihre Lösung nur auf spätere Frist verschieben oder die Widersprüche zeitweilig etwas mildern. Zumeist jedoch verschärft der Krieg nur die Widersprüche des Kapitalismus und schafft die Grundlage für neue Kriege. Der nicht in einen Bürgerkrieg umgewandelte imperialistische Krieg führt zu einem Frieden, der in der “Teilung der imperialistischen Beute” (Lenin, ebenda, Bd. XIX, S. 462) besteht, in deren (der Aufteilung) Verlauf sich eine Umgruppierung der Kräfte für einen neuen Zusammenstoß vollzieht. Hieraus folgt, dass es Pflicht eines jeden revolutionären Marxisten ist, nicht allein das imperialistische Wesen des Krieges, sondern auch des durch diesen Krieg geschaffenen Friedens zu enthüllen. Lenin schrieb im Jahre 1914:

Nieder mit den pfaffisch-sentimentalen und törichten Träumereien vom `Frieden um jeden Preis`! Wir wollen das Banner des Bürgerkriegs erheben! Der Imperialismus hat das Geschick der europäischen Kultur aufs Spiel gesetzt; diesem Kriege werden bald, wenn es nicht eine Reihe erfolgreicher Revolutionen geben wird, andere Kriege folgen, - das Märchen vom `letzten Kriege` ist ein leeres, schädliches Märchen, eine kleinbürgerliche `Mythologie`” (Lenin, ebenda, Bd. XVIII, S. 90 f).

Im Kriege sucht die Bourgeoisie die ganze Last der Widersprüche von sich und auf die Schultern der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen anderer Länder in erster Linie abzuwälzen. Jedoch in allen Fällen, ganz gleich, welche Seite der miteinander kämpfenden Imperialisten im äußeren Zusammenstoß Sieger bleibt, - der leidtragende, die Hauptlast, wenn nicht gar die ganze Last tragende Teil wird das Proletariat der kämpfenden (und nicht nur der kämpfenden) Länder sein. Ja mehr als dies: die Bourgeoisie zieht es vor, eher vom äußeren Feind, d.h. von der Bourgeoisie anderer Länder geschlagen zu werden, als auch nur einen Teil ihrer Herrschaft an das Proletariat des eigenen Landes abzutreten. In seinem Brief an Prof. Beesly (19.10. 1870) schrieb Marx:

Trotzdem muss ich Ihnen sagen, dass nach allen Informationen, die ich aus Frankreich erhalte, die Bourgeoisie im Ganzen die preußische Eroberung dem Sieg einer Republik mit sozialistischer Tendenz vorzieht” (Marx-Engels, Ausgewählte Briefe, S. 251 (von mir gesperrt – W.P.).

So stellte Marx die Frage, so lehrte er das Proletariat die Auffassung seiner Klasseninteressen im Gegensatz zu den Klasseninteressen der internationalen Bourgeoisie. Wenn das Proletariat sich nicht mit dem Krieg abfindet, sondern, ihn ausnützend, der Bourgeoisie den Klassenkrieg ansagt, dann

... verbünden sich”, wie dies Marx hervorhebt, “... die siegreiche und die besiegte Armee... zum gemeinsamen Abschlachten des Proletariats” (Adresse des Generalrats über den Bürgerkrieg in Frankreich 1871 [siehe Karl Marx, der Bürgerkrieg in Frankreich, S. 89; Elementarbücher des Kommunismus]).

So liegt schon in der Natur des kapitalistischen Krieges, der dem Proletariat durch die Bourgeoisie aufgezwungen wird, selbst seine Umwandlung in einen Krieg zwischen Proletariat und Bourgeoisie eines jeden Landes, d.h. seine Umwandlung in einen Bürgerkrieg. Ähnlich dem, wie der imperialistische Krieg eine Fortsetzung (mit anderen Mitteln) der Politik der Bourgeoisie ust, findet auch die Politik des Proletariats ihre Fortsetzung (mit anderen Mitteln) darin, dass “der Klassenkampf im Bürgerkrieg auflodert” (Marx, ebenda).

Der Bürgerkrieg ist die Fortsetzung der proletarischen Politik des Klassenkampfes, seine höchste Zuspitzung und Entfaltung und führt nicht allein zum Abschluss des betreffenden imperialistischen Krieges, sondern auch zum Sturz des Kapitalismus und folglich zur Unterbindung der Möglichkeit eines neuen imperialistischen Krieges. Pflicht der Sozialisten ist es somit, nicht den Klassenkampf einzustellen, sondern ihn unter neuen Bedingungen, unter den Bedingungen des Krieges, b zum Bürgerkrieg weiterzuführen.

Die Propaganda des Klassenkampfes”, sagt Lenin, “bleibt auch im Kriege Pflicht der Sozialisten: die Arbeit, die auf die Verwandlung des Völkerkrieges in den Bürgerkrieg abzielt, ist im Zeitalter des imperialistischen bewaffneten Zusammenpralls der Bourgeoisie aller Nationen die einzige sozialistische Arbeit” (Lenin, Sämtliche Werke, Bd. XVIII, S.90).

Wenn aber einmal dem imperialistischen Krieg eben auch ein imperialistischer Frieden folgt, d.h. Ein Frieden, der mit einem neuen Krieg schwanger geht und nicht im geringsten die Unterdrückung und Versklavung des Proletariats mildert, sol folgt daraus, das dem Interesse des Proletariats die Losungen:”Gegen den Krieg!”, “Für den Frieden!”, “Krieg dem Kriege!” usw. nicht entsprechen. Nicht Verwandlung des imperialistischen Krieges in einen imperialistischen Frieden, sondern Sturz des Kapitalismus mit seinem “Frieden” und seinem Krieg – muss die Losung des klassenbewussten Proletariats sein. Deshalb dürfen im imperialistischen Krieg die Proletarier aller Länder nicht danach streben, “das Vaterland zu verteidigen”, “den Feind” zu besiegen, sondern sie sollen die Niederlage der eigenen Bourgeoisie an der Front herbeiwünschen und das Nötige dazu tun, um sie desto leichter im Hinterland zu schlagen. Der eigenen Regierung Niederlagen beibringen heißt jedoch, die Kräfte der Bourgeoisie an der Front und im Hinterland unterminieren, heißt, die Streikbewegung, die Verbrüderung dedr Soldaten an der Front isw. Unterstützen und entfalten. Der revolutionäre Defaitismus führt somit zum Bürgerkrieg des Proletariats gegen die Bourgeoisie, was eben auch den einzigen, dem Interesse der Proletariats entsprechenden Ausweg sowohl aus dem imperialistischen Kriege als auch aus dem “militärischen Zuchthaus” (Lenin) des Hinterlandes darstellt.

Die platten zentristischen Losungen, wie “Weder Sieg noch Niederlage” (Trotzki), “Weder Unterstützung noch Sabotage des Krieges” (Italienische Sozialistische Partei), “Sowohl internationale Solidarität als auch Verteidigung des Vazerlandes” (Kautsky) und “Gegen jeglichen Krieg” (Englische Unabhängige Arbeiterpartei) -alle diese Losungen, die an die Stelle der Losung: Niederlage der bürgerlichen Klasse – aufgestellt werden, bedeuten in der Tat nichts anderes, als den Wunsch einer Niederlage des eigenen (und des internationalen) Proletariats. Alle oder fast alle Anhänger ähnlicher halbpazifistischer Losungen wurden in der Folge offene Sozialimperialisten. Die Kapitulantennatur des Zentrismus, der mit sozialpazifistischen Phrasen Chauvinismus und Vaterlandsverteidigung deckt, tritt hier in ihrer ganzen Nacktheit hervor. Ist der Krieg eine Form der Abrechnung der Bourgeoisie mit der revolutionären Bewegung des Proletariats, so ist die pazifistische Ideologie des Sozialimperialismus ein Deckmantel für diese Abrechnung mit der Arbeiterklasse. Der “sozialistische” und der bürgerliche Pazifismus, der mit seiner nebelhaften Losung eines Kampfes für den “ewigen Frieden” vom Kampf gegen den Kapitalismus ablenkt, dient der Rechtfertigung und Verewigung des Krieges.

Der “zentristische” Verzicht auf die Verteidigung des “eigenen” Vaterlandes bedeutet noch keinen Übergang auf die Position des revolutionär-proletarischen Internationalismus. Lenin wies darauf hin, dass mit dem Verzicht auf die Verteidigung des Vaterlandes nicht nur Sozialisten, sondern sogar auch gewisse Kreise der Bourgeoisie einverstanden waren. Nicht allein Verzicht auf die Verteidigung des bürgerlichen Vaterlandes, sondern auch schonungsloser Kampf gegen die eigene, vaterländische Bourgeoisie, revolutionäre Offensive gegen die wirklichen Urheber des Krieges, d.h. Umwandlung des imperialistischen Kroeges in einen Bürgerkrieg -, darin besteht der konsequente Internationalismus des Proletariats, im Unterschied zum faulen Pazifismus der sozialimperialistischen Agentur der Bourgeoisie

Als echte proletarische revolutionäre Internationalisten führten die Bolschewiki eben solch eine Linie in den Jahren des Weltkrieges durch, und ihrer Taktik war voller Erfolg beschieden.

In seiner von uns schon erwähnten Kritik des von dem deutschen Sozialchauvinisten David verfassten Buches schrieb Lenin:

Davids Buch erweist mit besonderer Anschaulichkeit, dass die liberalen Bourgeois (und ihre Agenten in der Arbeiterbewegung, d.h. Die Opportunisten) zur Sicherung ihres Einflusses auf die Arbeiter und auf die Massen überhaupt bereit sind, ihren Internationalismus, das Einverständnis mit der Losung des Friedens, den Verzicht auf annexionistische Ziele, die Verurteilung des Chauvinismus usw. usw. zu unterschreiben, so oft man nur wolle. Kurz alles, was beliebt, nur nicht revolutionäre Aktionen gegen die eigene Regierung; alles, was beliebt, - nur unter der Voraussetzung, dass es `gegen die Niederlage´ ist” (Lenin, ebenda, Bd. XVIII, S. 211).

Die Losung des Defaitismus ist untrennbar mit der gesamten Theorie des Marxismus-Leninismus verbunden und ergibt sich aus der Lehre vom revolutionären Umsturz und der Zertrümmerung des bürgerlichen Staates. Die Armee ist ein notwendiges Instrument des Staates. In “Die Entstehung der Familie, des Privateigentums und des Staates” erklärt Engels, dass eines der wichtigsten Merkmale des Staates, außer Gefängnissen und Bürokratie, die “besondere, öffentliche Gewalt” sei. Das stehende Heer und die Polizei sind die Hauptmachtinstrumente des bürgerlichen Staates. Hieraus folgt, dass die Niederlage dieser Armee im Kriege einen Bruch im Gefüge der bürgerlichen Staatsmaschine, in der militärischen Stütze der Staatspolitik der Bourgeoisie bedeutet. Dies aber erleichtert seinerseits ungemein die Aufgabe des Proletariats: die im Kriege brüchig gewordene bürgerliche Staatsmaschine völlig zu zertrümmern und an ihrer Stelle die Diktatur des Proletariats, den proletarischen Staat zu errichten. Die Sozialchauvinisten sind deshalb gegen die Niederlage, weil sie mit allen Kräften gegen den Sturz der Bourgeoisie und gegen die Zertrümmerung ihrer Staatsmaschine sind.

Der imperialistische Weltkrieg, erklärte Lenin, “musste mit objektiver Unvermeidlichkeit den Klassenkampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie außerordentlich beschleunigen und unerhört zuspitzen; musste in den Bürgerkrieg zwischen den feindlichen Klassen umschlagen” (Lenin, ebenda, Bd. XX, S.17).

Eben deswegen fürchteten die Opportunisten die Niederlage der eigenen Bourgeoisie im Kriege, da sie es wohl begriffen, dass eine solche Niederlage zu Bürgerkrieg und Revolution führen könne (wie es auch tatsächlich eintrat). Eben diese Angst vor einer solchen Perspektive nährte und nährt ihren pazifistischen Geist.

Nichts ist blutiger und verderblicher als ein Bürgerkrieg, verkündet der durch die Perspektive der Umwandlung des nahenden imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg bis auf den Tod erschrockene Kautsky. Den Bürgerkrieg nennt er “die entsetzlichste Form des Krieges der zwischen Berufskriegern werden kann” (Kautsky, Der Kampf, 1933, Nr. 8/9, S. 346f.).

Hieraus ergibt sich, die direkte und offene Schlussfolgerung, dass Kennzeichen der Demokratie “Milde, Güte und Humanität” (ebenda, S. 349) sind. Um Vergleich mit dem imperialistischen Krieg stellt der Bürgerkrieg “das größte Übel” dar.

Für den Leser liegt der politische Sinn und Klasseninhalt der abstrakt-scholastischen, sozialfaschistischen Position Kautskys gegenüber Krieg und Frieden klar auf der Hand. Die Verächtlichmachung des “einzig gerechten Krieges der Ausgebeuteten gegen ihre Unterdrücker” (Lenin), die Deklarierung dieses Krieges als “größten Übels”, die Verhüllung der Grausamkeiten und Schrecken, die der imperialistische Krieg den Werktätigen bringt, - das ist Sinn und Inhalt des sozialdemokratischen Pazifismus.

“Man kann sagern, dass der Bürgerkrieg die entsetzlichste Form des Krieges ist”, - schreibt Kautsky (ebenda, S. 346) in der Absicht, das Proletariat abzuschrecken.

Der Bürgerkrieg”, sagt Lenin, “ ist ein bei weitem ernsterer und härterer Krieg, als jeder andere Krieg” (Lenin, Sämtliche Werke, Bd. XXIV, S. 303, russ.), er ist dies aber, weil “nur im Bürgerkrieg die unterdrückte Klasse ihre Anstrengungen darauf richtet, die Klasse der Unterdrücker restlos zu vernichten” (Lenin). Den imperialistischen Krieg dem Bürgerkrieg als mehr erwünschten Krieg und als mehr erwünschtes und annehmbares “kleinstes Übel”, gegenüberstellen, tausendundein Gründe zur Verurteilung des einzih gerechten und geheiligten Krieges der Ausgebeuteten gegen ihre Ausbeuter finden – heußt, in die letzten Tiefen scheußlichster, knechtischer Ergebenheit gegenüber der Bourgeoisie und zum schmählichsten Verrat am Proletariat herabsinken.

Im Wahlkampf werden weder Gut noch Leben der Kämpfenden gefährdet, während es kaum etwas Blutigeres und Verderblicheres gibt als einen Bürgerkrieg – schreibt Kautsky.

“Und da muss festgestellt werden, dass der Bürgerkrieg – ebenso wie jeder andere Krieg und vielleicht mehr noch als dieser – Grausamkeit, Rohheit, Gefühlshärte, Verachtung des Menschenlebens bei allen an ihm Beteiligten in höchstem Maße entfaltet (Kautsky, Krieg und Demokratie, S. 74).

Ein solches Schmähbild entwirft Kautsky vom Bürgerkrieg und von der Revolution, dieser “Hohen Zeit der Völker”, wenn die hervorbrechende revolutionäre Energie der Massen Wunder an Heldenmut und Kühnheit im Kampfe um die Befreiung entfaltet, - wenn zum politischen Leben und Kampf sich plötzlich ganze Völker erheben, von denen bis dahin die bürgerlichen Geschichtsschreiber nur mit Geringschätzung sprachen, - wenn die unterdrückten und eingeschüchterten Sklaven des Kapitals sich erheben, um ihre Geschichte nach eigenem Willen und entgegen ihren Unterdrückern zu gestalten!

Vermittels historischer Exkurse sucht Kautsky die Erscheinung des Bürgerkriegs in der Geschichte, insbesondere des Bürgerkrieges des Proletariats gegen die Bourgeoisie, in Verruf zu bringen.

“Bei Wahlkämpfen kann es sich um ebenso große, tief einschneidende Fragen handeln wie im Bürgerkrieg” (ebenda), sucht Kautsky dem Leser einzureden. Wozu in solchem Fall den “brudermörderischen Zwist!” - Wie Honigseim fließen die Beschwichtigungen des sozialdemokratischen Pfäffleins. Und nicht genug dessen. Mit schrankenloser Heuchelei deklariert Kautsky den Bürgerkrieg als “Bruderkrieg zwischen den Proletariern des gleichen Staates!” (ebenda, S.XIII [von mir gesperrt – P.W.]). Kautsky leugnet folglich direkt, dass der Bürgerkrieg ein Klassenkrieg, ein Krieg zwischen Proletariat und Bourgeoisie, ein Krieg der Unterdrückten gegen die Unterdrücker ist. Die Theoretiker des Sozialfaschismus spalten das Proletariat, entwaffnen es in seinem Kampfe gegen den Faschismus, befolgen eine hartnäckige Streikbrecherpolitik gegenüber der Einheitsfront des proletarischen Kampfes und klagen zu gleicher Zeit über den Bürgerkrieg zwischen Proletariern!

Gehen wir weiter. Die theoretische Einstellung Karl Kautskys, des Patriarchen im Sozialverrat, erhielt ihren programmatischen Ausdruck in einem wichtigen Dokument der II. Internationale. In der auf der Pariser Konferenz (August 1933) angenommenen Resolution über die Einstellung zum Kriege heißt es direkt:

“Falls trotz des unter der Führung des IGB und der SAI erfolgenden Widerstandes der Arbeiterklasse der Krieg dennoch ausbrechen sollte, haben die Arbeiter der in den Krieg verwickelten Länder, selbst der angegriffenen Länder, dennoch die doppelte Pflicht: einerseits die völlige Unabhängigkeit und Aktionsfreiheit ihrer Organisation zu wahren; andererseits ihre Beziehungen zu den Internationalen aufrechtzuerhalten, um für die raschest mögliche Einstellung der Feindseligkeiten zu wirken” (Zitiert nach der “Arbeiter-Zeitung” vom 29. August 1933).

Hier sehen wir die demaskierte Fratze des Sozialfaschismus! Einerseits, andererseits... Einerseits für die Bourgeoisie, andererseits gegen ... die Revolution ... “Doppelte Pflicht” ... Pflicht, heilige Pflicht der sozialfaschistischen Lakaien der II. Internationale gegenüber ihren Herren, der vaterländischen Bourgeoisie! In einigen Ländern sind die Sozialdemokraten die regierende Partei bzw. gehören zu den Regierungsparteien des bürgerlichen Staates. Sozialdemokratische Minister werden den Krieg erklären und ihn führen müssen. Auf ihrer Pariser Konferenz anerkannten die “sozialistischen” Minister schon im Voraus als gegenseitige Pflicht “Wahrung völliger Unabhängigkeit und Aktionsfreiheit”, d.h. Die sozialdemokratischen Minister und ihre mit den bürgerlichen koalierten Parteien werden unter dem Aushängeschild von Unabhängigkeit und Aktionsfreiheit zur Vaterlandsverteidigung, d.h. zur Führung des krieges, verpflichtet. Eine solche Taktik müsste jedoch, wenn sie nicht durch heuchlerisch-demagogische Phrasen über “internationale Pflicht” ergänzt würde, sofort die Massen abstoßen. Deshalb fordert die Resolution der Konferenz “andererseits” alle Sozialpatrioten zum internationalen “Kampf um den Frieden” auf. Einerseits werden in der Resolution alle kämpfenden Länder in die Kategorie der “Angreifenden” und der “sich Verteidigenden” einrangiert. Das bedeutet, dass man nicht einander zu beschuldigen und bloßzustellen habe; die Sozialdemokratie eines jeden Landes kann den Krieg unter der Losung der “Vaterlandsverteidigung” führen und ihr Land als das angegriffene und sich im Verteidigungszustand befindende hinstellen. Andererseits ist die Verbindung mit der Internationale aufrechtzuerhalten, die eine baldmögliche “Aussöhnung” der Imperialisten, die Herstellung des Friedens zwischen ihnen, die Einführung der “Demokratie” (der bürgerlichen Demokratie) und im Namen der letzteren die Niederschlagung der Revolution im Innern und die Schwenkung der imperialistischen Front (darüber schweigt natürlich des Sängers Höflichkeit in der Resolution!) gegen die Revolution und gegen die UdSSR anstreben wird. Das ist der wirkliche Sinn, die wirkliche Unterlage der sozialfaschistischen “internationalen Solidarität”. Ist nicht deshalb eben in der Resolution der Pariser Konferenz die Stelle für die “angreifende” Seite unausgefüllt geblieben?!

Gewiss, eben deshalb. Den freien, “vakanten Platz” des “angreifenden” reservieren die Drahtzieher der II. Internationale für die UdSSR. Momentan getrauen sie sich nicht davon zu reden. Zu offenkundig ist doch die beharrliche Friedenspolitik der Sowjetunion, die die provokatorischen Manöver der kriegshetzer und ihre pazifistischen Helfershelfer entlarvt. Es unterliegt keinem Zweifel, dass alle Sozialpazifisten (dem Worte nach, - in der Tat jedoch Sozialimperialisten) im Fall des Krieges die bürgerlichen Länder als die “überfallenen” und “sich verteidigenden”, das Land der proletarischen Diktatur jedoch als das “angreifende” hinstellen werden. Wir werden weiter zeigen, dass die Vorbereitung dieser schändlichen Provokation von Kautsky schon jetzt geführt wird. Und ist denn übrigens nicht die oben zitierte Resolution der Pariser Konferenz der II. Internationale ein Akt der Vorbereitung eines konterrevolutionären, gegen die Sowjetunion gerichteten Krieges?! Die Führer des internationalen Sozialfaschismus, der gegenwärtig die soziale Hauptstütze der Bourgeoisie darstellt, haben sich nicht umsonst zur Konferenz in Paris versammelt. Sie mussten eine “Formel” ihrer Taktik für den herannahenden krieg ausarbeiten. Und sie schufen sie unter Ausnutzung ihrer “Erfahrung” von 1914 und unter Anstrengung all ihres kasuistischen Scharfsinns. Diese Formel von der “doppelten Pflicht” wie auch die Identifizierung ( auf der Pariser Konferenz und auch auf der Tagung der Labour-Partei Anfang Oktober 1933 in Hastings) der proletarischen Diktatur mit der faschistischen Diktatur der Bourgeoisie und der Aufforderung zum Kampf gegen “jegliche Diktatur” zeugen davon, dass die II. Internationale ihre Linie auf weitere Vertiefung der Spaltung der Arbeiterklasse angesichts der faschistischen Gefahr fortsetzt, die Festigunjg des Faschismus unterstützt, den Ausbruch des Krieges näher rückt und sich gleichzeitig zum konterrevolutionären Kampf gegen das Proletariat vorbereitet.

Die Demokratie ist ohnmächtig gegen den Krieg, die Internationale – ein “Friedensinstrument”, und dazu – wie derselbe Kautsky “nachweist” - liegt die Außenpolitik völlig in Händen der Imperialisten. Die Demokratie gibt Kautsky zu, kann nicht dem Krieg, wohl aber dem Bürgerkrieg ein Ende setzen (“Krieg und Demokratie”, S. 74). Dieser Standpunkt fand seinen Ausdruck auch in der Resolution der Pariser Konferenz. Die kapitalistische Welt steht an der Schwelle eines neuen imperialistischen Krieges. Er wird, trotz aller pazifistischen Klagen der Kautsky und Cie., unvermeidlich ausbrechen. Und eben aus Furcht vor einer Umwandlung des imperialistischen krieges in einen Bürgerkrieg verfechten die Führer der II. Internationale den imperialistischen Frieden. Das pazufistische “Nichtwollen des Krieges” bei Kautsky und Cie. Widerspiegelt die Stimmungen jener Gruppen der Bourgeoisie, die erstens noch nicht für einen “kriegerischen Zusammenstoß” genügend vorbereitet sind und die ferner die Kriegs”folgen” - Bürgerkrieg und Revolution – fürchten. Deshalb verspricht Kautsky, das pazifistische Weihrauchfass “gegen den krieg” schwingend, der Bourgeoisie – als ihr getreuer Knecht – im Namen der “Demokratie”, dass im Falle des Bürgerkriegs (der Revolution) er und seine Anhänger (die II. Internationale) alle Kräfte anstrengen werden, um den Bürgerkrieg zu ersticken und wiederum Frieden und Demokratie, d.i. kapitalistischen Frieden und bürgerliche Demokratie, herzustellen, die den parlamentarisch-konstitutionellen Deckmantel für die Diktatur der Bourgeoisie und die Versklavung des proletariats bilden. Ein wahres Grauen vor dem Bürgerkrieg ist die wirkliche Triebfeder, die Kautsky und andern Theoretikern des Sozialfaschismus den Anrtieb gibt zum pazifistischen Geschwätz über Nichtzulassung des Krieges und Einsetzung des “ewigen Friedens”. Der bekannte Emile Vandervelde erklärte dies offen in seiner Rede im belgischen Parlament (März 1931):

“Ein neuer Weltkrieg würde ein Bürgerkrieg oder sich bald in einen solchen verwandeln – wir sahen dies in Russland, danach in Deutschland und Österreich -, in dem alle Werktätigen auf einer Seite der Front, die sie Beherrschenden aber auf der anderen stehen würden. Dieser Krieg würde unvermeidlich, in Mlut und Ruinen, eine Revolution gebären. Wir wünschen dies nicht, weil uns davor graut” (“Le Peuple” 6 Mars, 1931 (von mir gesperrt. - W. P.).



Krieg und Demokratie

Schon 1927 schrieb Kautsky über die durch den Versailler Frieden geschaffenen Bedingungen:

“Natürlich wäre es entsetzlich, wenn die Besiegten versuchten, im neuen Krieg die ihnen angetane Unbill zu beseitigen.... Zum Glück ist ein solcher Krieg nicht unvermeidlich, wenn die demokratischen Elemente in Europa ökonomisch und sozial und damit auch politisch rasch genug erstarken, um dem Völkerbund die Kraft und den Drang zu verleihen, die Anpassung der Staatsgrenzen an die Bedürfnisse der Nationen durch demokratische Methoden zu vollziehen. Sehr viel wird dabei davon abhängen, wann und wie in Russland die bestehende Diktatur durch ein demokratisches Regime ersetzt wird. Ein solches vermöchte nicht nur das russische Reich rasch wirtschaftlichen Aufschwung entgegenzuführen, sondern auch dem Völkerbund und der Demokratie überwältigende Autorität zu verleihen” ( Kautsky, Die materialistische Geschichtsauffassung, Bd. II, S. 444f.).

Wohlgemerkt, den weltbeglückenden Abischten der europäischen Demokratie steht die proletarische Diktatur in Russland im Wege, und solange die Diktatur in Russland existiert, ist ein “demokratischer Frieden” zwischen den Völkern Europas, sind ein wirtschaftliocher Aufstieg und Hebung der Autorität des Völkerbundes unmöglich.. Wenn im Falle eines Krieges die Bolschewiki es versuchen sollten, diesen Krieg in einen Bürgerkrieg umzuwandeln, werden folglich die Sozialfaschisten zwecks Hebung der Autorität des Völkerbundes und des Triumphs der bürgerlichen Demokratie ihre Anhänger zur Einstellung des Krieges zwischen den Imperialisten und zur Umwandlung dieses Krieges in einen Krieg gegen die UdSSR aufrufen. Dies eben ist der Sinn der pazifistischen Erwägungen Kautskys. Dies wurde in dem zweibändigen Werk “Die materialistische Geschichtsauffassung” geschrieben. In der zwei Jahre später erschienenen Schmähschrift Kautskys “Der Bolschewismus in der Sackgasse”, die den politischen Aspekt der “Materialistischen Geschichstauffassung” bringt, entwickelt Kautsky denselben Gedanken mit noch größerer Offenheit. Er ruft die Kapitalisten auf, die gegenseitige Feindschaft aufzugeben und um die europäischen Gesamtinteressen Sorge zu tragen. Jedoch “stemmt sich” der von ihm umrissenen “siegreichen Entwicklung”, der Verwirklichung des bezaubernden Traumes von einem “ewigen Frieden” unter dem Kapitalismus, wie Kautsky nahelegt, der Bolschewismus als hermmender Felsblock entgegen”. Solange Russland nicht “demokratisiert” ist (lies: solange auf einem Sechstel der Erde das Proletariat an der Macht ist), wird nichts herauskommen, behauptet Kautsky. Und von der Vernichtung der proletarischen Diktatur verspricht Kautsky der Bourgeoisie goldene Berge.

“Die Durchsetzung der Demokratie in Russland”, schreibt er, “eröffnet nicht nur dessen Markt der Industrie der Welt. Sie erweitert ihn auch rasch in ungeheurem Maße ... Damit wurd ein Prozess eingeleitet, der endlich zur Überwindung der furchtbaren Krisis führen kann, die augenblicklich auf allen modernen Industriestaaten lastet ... Leider muss dieser Markt völlig bedeutungslos bleiben, solange der Bolschewismus herrscht” (Kautsky, Der Bolschewismus in der Sackgasse, S. 141).

In der Person Kautskys haben wir es folglich mit einem vollendeten Sozialinterventen zu tun. In der Person Kautskys haben wir den Spitzenführer der Avantgarde der konterrevolutionären Bourgeoisie. Im Namen dieser Bourgeoisie predigt Kautsky den Kriegszug gegen die UdSSR. In glänzender Weise bestätigen sich Stalins Worte auf dem 16. Parteitag der KPdSU [B]:

Deshalb lenkt die Bourgeoisie jedesmal, wenn die kapitalistischen Gegensätze sich zu verschärfen beginnen, ihre Blicke auf die Sowjetunion: wäre es nicht möglich, diesen oder jenen Gegensatz des Kapitalismus oder alle Gegensätze miteinander auf Kosten der Sowjetunion, auf Kosten des Landes der Sowjets, dieser Zitadelle der Revolution, zu lösen, die schon allein durch ihr Bestehen die Arbeiterklasse und die Kolonien revolutioniert, die die Organisierung eines neuen Krieges verhindert, die die Neuaufteilung der Welt verhindert, die die Kapitalisten hindert, auf dem umfangreichen Markte der Sowjetunion, dessen sie gerade jetzt angesichts der Wirtschaftskrise so bedürfen, frei zu schalten und zu walten” (Stalin, Politischer Bericht des Zentralkomitees an den 16. Parteitag der KPdSU [B] – 27. VI. 1930).

Das Wesen des sozialfaschistischen Pazifismus besteht somit darin,

dass er mit seiner Erklärung gegen den imperialistischen Krieg gleichzeitig aus allen Kräften für einen Krieg der Imperialisten gegen die UdSSR, für die Intervention, für die Unterdrückung der revolutionären Bewegung, für die Lösung der Widersprüche des Kapitalismus auf Kosten des Landes der proletarischen Diktatur agitiert.

Wenn Kautsky auf den Krieg zwischen Imperialisten zu sprechen kommt, beginnt er aus allen Kräften seine Nachteile und die durch ihn drohende Gefahr (Unwissenheit über das “Kräfteverhältnis” und die Unberechenbarkeit seiner Folgen (Bürgerkrieg) und die Möglichkeit eines friedlichen Ausgleichs (durch “Abstimmung”) und die Vorzüge des Friedens gegenüber dem Kriege usw. u. dgl. nachzuweisen. Sowie jedoch die Rede auf die UdSSR kommt, wechselt Kautsky sofort den Ton. Seine pazifistische Demagogie ist im Nu verpufft. Im Namen des “ewigen Frieden” fordert Kautsky die Imperialisten zur Abrechnung mit der UdSSR auf. Um den Bürgerkrieg zu verhüten, ruft Kautsky zur Intervention gegen das Land der proletarischen Diktatur auf, dessen Existenz schon allein eine beschleunigte Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg fördern wird. Die Bourgeoisie sucht ihr Hinterland von dieser Möglichkeit zu sichern; Kautsky ist ihr hier behilflich.

Weiter oben erwähnten wir, dass Kautsky dem Wesen nach den Klassenkampf in der Geschichte leugnet, indem er “nachweist”, dass der geschichtlichen Entwicklung die Demokratie zu Grunde liegt, die durch periodische durchstoßende Gewaltakte (Kriege, Revolutionen) unterbrochen wird. Kautsky spricht sich gegen den Krieg, für den Frieden aus, weil der Krieg Gewalt darstellt, der Frieden jedoch mit Demokratie identisch sei. Die Fragen: wer – wen vergewaltigt oder wer an wem die “friedliche Methode” der Herrschaft betätigt, - diese für einen jeden Marxisten natürlichen Fragen bestehen für Kautsky, der einen konsequenten Verzicht auf den Klassenstandpunkt durchführt, einfach gar nicht. Dies erhellt von selber, im Interesse welcher Klasse Kautsky seine Theorien über Krieg und Demokratie entwickelt.

Kautsky macht keinen Unterschied im Klassencharakter der Gewalt, sondern spricht von “Gewalt” schlechthin, um die Idee der revolutionären Gewalt zu entehren und in den Schmutz zu ziehen.

Der Sozialismus”, schrieb Lenin, “ist gegen die Vergewaltigung der Nationen. Das ist unbestreitbar. Aber der Sozialismus ist überhaupt gegen die Vergewaltigung von Menschen. Daraus hat jedoch, außer den christlichen Anarchisten und Tolstoianern, noch niemand gefolgert, dass der Sozialismus gegen die revolutionäre Gewalt sei. Von der `Gewalt` im Allgemeinen zu sprechen, ohne die Bedingungen zu analysieren, die die revolutionäre von der reaktionären Gewalt unterscheiden, heißt einfach, sich selbst und andere durch Sophistereien betrügen” (Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, Verlag für Lit. und Pol., 1931, S. 66).

So schrieb Lenin gegen Kautsky im Jahre 1918. Bis auf den heutigen Tag wiederholt dieser gelehrte Oberkommis der Bourgeoisie stets ein und dasselbe; es ist, “als kaute er im Schlaf an einem Bastfaden”, ohne den geringsten Schimmer eines neuen Gedankens oder neuer Argumentation. Kautsky predigt den Arbeitern, dass keine Notwendigkeit zur Anwendung von revolutionärer Gewalt bestehe, dass der Kapitalismus über einen friedlichen Charakter verfüge, dass er an einer Expansion mit Hilfe kriegerischer Mittel nicht interessiert sei, dass er der “Demokratie” gegenüber Zugeständnisse einräume. Kautsky will die Kapitalisten überreden, von der Waffe Abstand zu nehmen, da es ja in ihrem eigenen Interesse liege, den Arbeitern kein schlechtes Beispiel zu zeigen. Er tischt den Philistern aller Welt die frisch aufgewärmte Lügenlegende auf, dass der Krieg von 1914 der letzte gewesen und dass eine Epoche “ewigen Friedens” angebrochen sei (die heutige Wirklichkeit hat diese ganze philiströse Illusion zu Schanden gemacht).



Ziehen wir einige Schlussfolgerungen:

Die imperialistische Bourgeoisie sucht einen Ausweg aus der tiefen ökonomischen Krise, die sich im Rahmen der allgemeinen Krise des Kapitalismus entwickelte und die gesamte bürgerliche Welt erfasste, in Form eines neuen Krieges. Die Periode der Nachkriegszeit war für die Imperialisten nicht mehr als eine verhältnismäßig kurzbefristete Atempause, ein Waffenstillstand zur Vorbereitung eines neuen Zusammenstoßes. Faktisch war dieser neue Zusammenstoß schon durch den Verlauf und Ausgang der ersten Krieges und durch den auf ihn folgenden imperialistischen Frieden bedingt. Dass die gegenwärtige Lage einen neuen Krieg in sich birgt, daran ist – nicht minder als die Bourgeoisie – die internationale Sozialdemokratie schuld, die im Kriege von 1914 eine bestimmte Politik durchführte und ihren Anteil am Versailler Frieden hatte. Kautsky ist gezwungen zuzugeben.
“Aber die Friedensschlüsse von 1919 brachten einen Frieden nicht der Verständigung, sondern der Gewalt. Eine höhere Staatsweisheit hätte einen Weltkongress einberufen, an dem alle Mächte, Sieger und Besiegte, am Krieg Beteiligte und Neutrale, mit gleichen Rechten zusammentraten, um die Neuordnung der Welt ... zu beraten” (Kautsky, “Der Kampf”, 1933, Nr. 6, S. 241).

Oh weh! Es handelt sich hier durchaus nicht um Mangel an “Staatsweisheit”; - es sind dies bei Kautsky nur heuchlerische, pazifistische Wörtlein. Kautsky gibt auch den letzten Anschein von Marxismus auf, wenn er den spontanen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise “vergisst” und vertuscht, dass der Versuch einer gewaltmäßigen Lösung der kapitalistischen Widersprüche für die Bourgeoisie genau so notwendig und unvermeidlich ist, wie auch jene Gewaltverträge, die im Jahre 1919 von den Siegerstaaten diktiert wurden. Die ohnmächtigen Sehnsuchtsergüsse nach einer friedlichen “Neuordnung der Welt” zeugen nur von dem gleichen Unvermögen, zu begreifen, dass der Krieg eine mit dem Kapitalismus organisch verbundene Erscheinung darstellt, die ebenso gesetzmäßig ist wie der Friede.

Unter dem Kapitalismus”, schrieb Lenin, “gibt es keine anderen Mittel zur zeitweiligen Wiederherstellung des gestörten Gleichgewichts als Krisen in der Industrie und Kriege in der Politik” (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XVIII, S. 309).

Uns interessieren nicht die subjektiven Ansichten der pazifistischen Schwätzer, die den neuen Krieg “verhindern” wollen. Sie können dies ebensowenig tun, wie sie die bis auf den heutigen Tag in den kapitalistischen Ländern wütende ökonomische Krise zu beheben vermochten. Im Gegenteil, der Pazifismus beschleunigt den Kriegsausbruch. Er beschleunigt ihn dadurch, dass er mit seiner Politik des “kleineren Übels” Wegbereiter für die offene faschistische Diktatur wird, der der neue Krieg “im Gesicht geschrieben steht”. Die Pazifisten helfen, wo sie können, bei der Faschisierung des bürgerlichen Staates und in der Offensive der Bourgeoisie gegen die Arbeiterklasse. Gleichzeitig frischen sie auf jegliche Art den sozialchauvinistischen Geist (“Vaterlandsverteidigung”) auf, anstatt die Idee des Bürgerkrieges zu vertreten. Mit ihrem Pazifismus verhüllen sie die Tatsache, dass der neue Krieg, zu dem die Imperialisten rüsten, wie auch die gesamte Politik der Weltbourgeoisie, in ihrer Haupt- und Grundtendenz das Bestreben hat, “die Sowjetunion einzukreisen und einen konterrevolutionären Krieg gegen sie anzuzetteln, dessen Ziel die Vernichtung der Sowjetunion und die Aufrichtung des Terrorregimes der Bourgeoisie in der ganzen Welt ist” (Programm der Komintern, Abschnitt V, §3).

Die II. Internationale, die sich im vergangenen imperialistischen Kriege als ein völlig untaugliches “Friedensinstrument” (Kautsky) erwiesen hatte, verwandelte sich faktisch in ein “Kriegsinstrument”. Die “Musikanten” aus der II. Internationale spielen prächtige pazifistische Serenaden, singen aus voller Brust Hymnen vom “ewigen Frieden”. Jedoch “stellen der Pazifismus und die abstrakte Propaganda des Friedens eine von den Formen zur Benebelung des Bewusstseins der Arbeiterklasse dar” (Lenin). Die Illusion vom “ewigen Frieden”, den angeblich die bürgerliche Demokratie und ihre sozialfaschistischen “Friedensapostel” garantieren können, ist in der Tat ein notwendiger Bestandteil des Prozesses der Vorbereitung des Krieges, ein Bestandteil “jenes Geheimnisses, unter dem der Krieg geboren wird” (Lenin). Der bürgerliche Pazifismus stellte sozusagen stets die Schau- oder Bildseite des imperialistischen Militarismus dar. Nach einem Stalinschen Ausdruck “verhüllt der Pazifismus die Blöße des Imperialismus”. Der sozialdemokratische Pazifismus bildet die Maskierung der imperialistischen Politik der bürgerlichen Demokratien. Das pazifistische Gift dient dazu, das Proletariat angesichts der Kriegsgefahr zu entwaffnen, seinen wachsamen Klasseninstinkt einzuschläfern. Es bildet ein Mittel, um die Massen ideologisch darauf vorzubereiten, dass sie sich mit verbundenen Augen an den Abgrund des Krieges führen lassen, dass man sie plötzlich “vor die vollendete Tatsache” stellen kann; es ist ein Mittel, die Völker unerwartet in den Strudel gegenseitiger Vernichtung zu Ehren des Kapitals zu stürzen. Andererseits besteht die gegenwärtige Rolle der Pazifisten des Völkerbundes und ihrer Anhänger in der II. Internationale un der heuchlerischsten Durchführung der Taktik eines “allmählichen Hineingleitens in den Krieg”, wie sie die Imperialisten Japans und anderer Länder mit Erfolg anzuwenden beginnen (Krieg ohne “Kriegserklärung”, ohne Abbruch der diplomatischen Beziehungen usw.).

Die Furcht vor den revolutionären Folgen des Krieges hielt die Imperialisten vor einer unmittelbaren Eröffnung des Krieges zurück und ließ sie auf Zeit Pazifisten werden. Diese Furcht vor den Folgen wird verstärkt durch die Tatsache der Existenz der UdSSR, des mächtigen sozialistischen Vaterlandes der Proletarier aller Länder, das eine Politik des Friedens führt und die provokatorischen Manöver der Kriegshetzer und ihrer pazifistischen Doktrinäre entlarvt. Hieraus ergibt sich natürlich, dass die Vorbereitung zum Kriege unlöslich mit antisowjetischer Propaganda verknüpft ist. Die Pazifisten aller Schattierungen wetteifern miteinander in der Verleumdung der UdSSR (die Lügenhetze vom “roten Imperialismus”) und verraten damit ihre wahre Natur, offenbaren ihr Bestreben, die Vorbereitung des Krieges und der Intervention gegen das Land der proletarischen Diktatur zu verhüllen.

Die pazifistische Demagogie der Führer der II. Internationale widerspricht durchaus nicht der auf einen Krieg abzielenden Politik der Faschisten. Sie ergänzt dieselbe. Schon zu Beginn der relativen Stabilisierung des Kapitalismus, in der Periode der Hochkonjunktur des Pazifismus, in dessen Nebelschleier der Faschismus seine Kader sammelte, entlarvte Stalin die Versuche einer Entgegenstellung von Pazifismus und Faschismus:

Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass der `Pazifismus` Liquidierung des Faschismus bedeutet. Unter den gegebenen Verhältnissen ist der `Pazifusmus` eine Festigung des Faschismus, wobei sein gemäßigter sozialdemokratischer Flügel in den Vordergrund gerückt wird” (Stalin, Zur internationalen Lage, “Bolschewik” Nr. 11, 1924, S. 9 (russ.).

Unter dem Deckmantel der pazifistischen Phrase begann der Kapitalismus zu einem neuen Krieg zu rüsten. Jetzt ist diese Vorbereitung im Großen und Ganzen beendigt. Und je näher der Krieg, desto lauter schreien die Imperialisten vom “Frieden auf Erden”. Mit pazifistischem Wortschwall streuen die Führer des Sozialfaschismus den Arbeitermassen “Sand in die Augen”; sie hoffen damit das Proletariat zu betören, seinen Willen zum Kampf gegen den Kapitalismus und gegen die faschistische Diktatur der Bourgeoisie, die die Völker in den Kriegsbrand heineindrängt, zu lähmen.

Die abstrakte Predigt vom Frieden in der Periode der relativen Stabilisierung des Kapitalismus wandelte sich in der Periode des zweiten Turnus von Revolutionen und Kriegen zur konterrevolutionären Propaganda einer Intervention gegen die UdSSR. Für die Arbeiter sei es besser, in einem imperialistischen Krieg hineingezogen zu werden (den die Führer des Sozialfaschismus vermittels Aussöhnung der Imperialisten schnell zu beenden versprechen), als letzteren durch Auslösung des Klassenkrieges, des Bürgerkrieges, nicht zuzulassen (für die Führer des Sozialfaschismus ist der Bürgerkrieg das größte Übel, der “schrecklichste Krieg”, ein Krieg ohne Ende, der sie in Grauen versetzt). Eben auf solch einer Stellung der Frage, wie sie von Kautsky mit vollster Offenheit verkündet wurde, fußt der heutige Sozialpazifismus. Die konterrevolutionäre Bourgeoisie sucht einen Ausweg im Krieg. Sie kann den Krieg jedoch nicht führen, ohne alle Nationen in ihn hineinzuschleppen und ohne das eigene Hinterland zu “befrieden”. Sie will bestimmte Garantien für sich schaffen, damit es dem Proletariat nicht gelinge, den von ihr inszenierten Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln. Solche Garantien erwartet die Bourgeoisie vor allem von der Sozialdemokratie.

Mögen die Sozialdemokraten”, sagt Stalin, “von Pazifismus, von Frieden, von friedlicher Entwicklung des Kapitalismus usw. schwatzen. Die Erfahrung, die die in Deutschland und England an der Macht stehende Sozialdemokratie zeitigt, beweist, dass ihr Pazifismus lediglich als Maske zur Verschleierung neuer Kriegsvorbereitungen dient” (Stalin, Politischer Bericht des Zentralkomitees an den 16. Parteitag der KPdSU [B] – 27. VI. 1930).

Der Sozialpazifismus liefert den Deckmantel für die Vorbereitung des neuen Krieges. Mit seinem Ausbruch werden die Sozialpazifisten alles tun, um nicht die Umwandlung des imperialistischen Krieges und der Intervention gegen die UdSSR in einen Bürgerkrieg des Proletariats der kapitalistischen Länder gegen die eigene Bourgeoisie zuzulassen. Die pazifistische Demagogie der Ideologen der II. Internationale dient damit sowohl vor als auch während des Krieges als Mittel zur Spaltung der Arbeiterklasse, als Mittel zur Zerstörung der proletarischen Einheitsfront im Kampfe gegen den Faschismus. Die Sozialpazifisten aller Schattierungen sind deshalb die erbittertsten Feinde des Proletariats, sind Verräter und verächtliche Renegaten des Marxismus und durchaus nicht “unverbesserliche Marxisten”, als welchen sich Kautsky in frecher Weise empfiehlt.

Faschisten und Sozialfaschisten irren sich jedoch. Wenn im ersten Turnus der Kriege und Revolutionen der Kampf des Proletariats in Westeuropa mit einem Misserfolg endete, so ist dies damit zu erklären, dass eine echte kommunistische, konsequent-revolutionäre Partei das westeuropäische Proletariat dazumal noch nicht hatte.

Das größte Unglück und die größte Gefahr für Europa”, schrieb Lenin im Oktober 1918, “bestehen darin, dass es dort keine revolutionäre Partei gibt. Es gibt Parteien der Verräter von der Art der Scheidemann, Renaudel, Henderson, Wels und Co. oder der Lakaienseelen von der Art eines Kautsky. Es gibt keine revolutionäre Partei” (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXIII, S. 224, russ.).

Heute haben wir eine grundsätzlich andere Lage. Das internationale Proletariat hat jetzt seine revolutionären Massenparteien, die es verstehen werden, den künftigen imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln. Ein neuer Weltkrieg wird im Endergebnis zur Errichtung der Diktatur des Proletariats auch in anderen Ländern führen.



Ende



 

Krieg und sozialfaschistischer Pazifismus