Dezember 1905– Dezember 2005

100 Jahre Aufstand in Russland

Wolfgang Eggers



Der Marxismus-Leninismus untersucht die Frage des Aufstandes methodisch mit Hilfe des dialektischen und historischen Materialismus. Er analysiert die Bedingungen des wirklichen Aufstandes, wie er geführt wurde und geführt wird. Wer nimmt den Aufstand in Angriff und wer vollzieht ihn? Die marxistisch-leninistische Methode verlangt festzustellen, welche Interessen welcher Klassen den Umsturz erfordern, welche materiellen Bedingungen den revolutionären Aufstand hervorrufen, welche Zusammenhänge und Beziehungen zwischen dem „zu Stürzenden“ und den „Stürzenden“ bestehen. Man darf das ABC des Marxismus-Leninismus nicht vergessen und muss zuallererst auf Grund der tatsächlich vorhandenen revolutionären Bewegung festzustellen versuchen, welche Klassen durch den Gang der revolutionären Bewegung selbst, häufig unabhängig von ihrem „Bewusstsein“ gezwungen werden, die Machtinstitutionen zu stürzen, die ihnen im Wege stehen. Die Geschichte der Aufstände in allen Ländern der Welt enthält genügend Beispiele wie dort die Machtinstitutionen gestürzt wurden und die uns also verallgemeinernd dabei hilft, über den weltrevolutionären, völligen Sturz der zentralen Macht des Weltimperialismus nachzudenken und die richtigen Schlussfolgerungen und Lehren zu ziehen. Die marxistisch-leninistische militärische Wissenschaft beschäftigt sich also mit den militärischen Gesetzen internationaler Aufstände.

Lenin lehrte: Es ist einer Arbeiterpartei unwürdig, mit dem Aufstand zu spielen“; „Zum Aufstand aufzurufen, ohne sich militärisch ernsthaft auf ihn vorzubereiten, ohne an ihn zu glauben, wäre ein unwürdiges Spiel mit dem Aufstand“ (Lenin, Band 10, Seite 134 und 135).

Vorzeitige Aufstandsversuche wären der Gipfel der Unvernunft. Die proletarische Avantgarde muss begreifen, dass die grundlegenden Voraussetzungen für einen reichtzeitigen – d.h. siegreichen – bewaffneten Aufstand in Russland die Unterstützung der Arbeiterklasse durch die demokratische Bauernschaft und die aktive Beteiligung der Armee sind. (...) Ohne eine illegale Partei lässt sich diese Arbeit nicht durchführen und hat es gar keinen Zweck darüber zu sprechen. (...) Das Anwachsen der Massenstreiks, die Einbeziehung anderer Klassen in den Kampf, der Zustand der Organisationen, die Stimmung der Massen – all das wird von selbst den Moment zeigen, da sich alle Kräfte im einmütigen, entschlossenen, offensiven, rückhaltlos kühnen Vorstoß der Revolution gegen die Zarenmonarchie werden vereinigen müssen. Ohne siegreiche Revolution wird es in Russland keine Freiheit geben. Ohne Sturz der Zarenmonarchie durch den Aufstand des Proletariats und der Bauernschaft wird es in Russland keine siegreiche Revolution geben“ (Lenin, Band 18, Seite 98/99).

Aufstand – das ist ein sehr großes Wort. Die Aufforderung zum Aufstand ist eine äußerst ernste Aufforderung. Je komplizierter die Gesellschaftsordnung wird, je höher die Organisation der Staatsmacht und je vollkommener die Militärtechnik ist, desto unzulässiger ist es, eine solche Losung leichtsinnig auszugeben. Und wir haben mehr als einmal gesagt, dass die revolutionären Sozialdemokraten die Aufstellung dieser Losung seit langem vorbereitet, sie aber als direkte Aufforderung erst dann ausgegeben haben, als es keinen Zweifel mehr geben konnte über den Ernst, die Breite und die Tiefe der revolutionären Bewegung, keinen Zweifel darüber, dass die Dinge im wahren Sinne dieses Wortes ihrer Entscheidung zutreiben. Mit großen Worten muss man behutsam umgehen. Die Schwierigkeiten, sie in große Taten umzusetzen, sind kolossal. Doch eben deshalb wäre es unverzeihlich, wollte man über die Schwierigkeiten mit Phrasen hinweggehen (...)“ (Lenin, Band 9, Seite 366). „Diese Losung darf nicht ausgegeben werden, solange die allgemeinen Bedingungen des Umsturzes nicht herangereift sind, solange die Erregung und die Bereitschaft der Massen zur Tat nicht klar zu Tage getreten sind und solange die äußeren Umstände nicht zu einer offenkundigen Krise geführt haben. Ist aber eine solche Losung erst einmal aufgestellt, so wäre es geradezu schmählich, vor ihr wieder zurückzuschrecken und sich wieder mit der moralischen Kraft, mit einer der Bedingungen, die dem Aufstand den Boden bereiten, mit einem der `möglichen Übergänge`[Lenin meint hier die friedlichen, opportunistischen Übergänge – Anmerkung des Verfassers] usw.usf. zu begnügen. Nein, sind die Würfel einmal gefallen, so muss man alle Ausflüchte beiseite lassen, so muss man den breitesten Massen direkt und offen erklären, welches jetzt die praktischen Bedingungen des erfolgreichen Umsturzes sind“ (Lenin, Band 9, Seite 367-368).

Lenin definiert den Aufstand ( u.a.) als die energischste, die einheitlichste und zweckmäßigste `Antwort` des gesamten Volkes an die Regierung“ (Lenin, Band 5, Seite 537)... „im Augenblick der größten Kopflosigkeit der Regierung, im Augenblick der größten Erregung des Volkes“ (Lenin, Band 8, Seite 11). Lenin bezeichnete den bewaffneten Aufstandals die von der Bewegung erreichte höchste Form des Kampfes“ (Lenin, Band 10, Seite 135). Lenin definierte die Formen des Aufstandes als besondere Formen der Revolution (siehe Lenin, Band 11, Seite 342). Ferner:Aufstand ist Bürgerkrieg, ein Krieg aber erfordert eine Armee“ (Lenin, Band 9, Seite 214). „Die Losung des Aufstandes bedeutet, dass die Frage durch die materielle Kraft entschieden wird (...) nur die militärische Kraft“ (Lenin, Band 9, Seite 367). Welche Kräfte sind es aber, die zusammen die revolutionäre Armee bilden? Lenin zählte auf, woraus 1905 die militärischen Kräfte des Volkes bestanden:

1. aus dem bewaffneten Proletariat und der bewaffneten Bauernschaft, 2. aus den organisierten Vortrupps der Vertreter dieser Klassen, 3. aus den Truppenteilen, die bereit sind, auf die Seite des Volkes überzugehen. Das alles macht zusammen die revolutionäre Armee aus“ (Lenin, Band 9, Seite 365). Hier haben wir also die klassische marxistisch-leninistische Definition der Zusammensetzung der revolutionären Armee: Hammer, Sichel und Gewehr!!! Und davon lassen sich heute noch die marxistisch-leninistischen Parteien, die Kommunistische Internationale leiten, das ist in allen wichtigen Dokumenten ausgedrückt und hundertfach wiederholt worden: Wir können und dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, dass es schließlich gelingen wird, die drei einzelnen Ströme von Aufständen – der Arbeiter, der Bauern und des Militärs – zum einheitlichen siegreichen Aufstand zusammenfließen zu lassen“ (Lenin, Band 10, Seite 106).

Der Aufstand pocht an die Tore, wenn die Revolution bereits herangereift ist, wenn die Offensive mit Volldampf eingesetzt hat und die Heranziehung der Reserven an die Avantgarde die entscheidende Bedingung für den Erfolg ist (Stalin, Band 6, Seite 138). Der Aufstand tritt in Erscheinung auf einer hohen Stufe der Entwicklung der Revolution, wenn die Stärke der revolutionären Kräfte einen solchen Höhepunkt erreicht haben, dass sie sich gewaltsam entladen müssen. Alle bisherigen Kampfformen, wie die wachsende Zahl und Größe von Massendemonstrationen in immer kürzeren Abständen und schließlich in Steigerung ihrer unmittelbaren Aufeinanderfolgen, ökonomische und politische Massenstreiks, Überschreitungen der Legalität, Zusammenstöße mit der Konterrevolution im ganzen Land ( Konzentration auf den Höhepunkt, Sammlung der Kräfte, ohne sich vorher schon von den Provokationen der Konterrevolution aufreiben zu lassen, Festsetzen von Teilaufständen, Herausbildung eines aufständischen Zentrums, Aufstand wächst in die Tiefe und in die Breite; einzelne Ausbrüche fügen sich zu dem Bild einer auflodernden Feuersbrunst zusammen!) , Generalstreik usw. usf. kulminieren, erhitzen sich, verschmelzen ineinander, um in ihren höchsten Aggregatzustand der Revolution, in den bewaffneten Volksaufstand direkt überzugehen und damit in eine qualitativ neue, auf dem Spitzpunkt des Klassenkampfes sprungartig umzuschlagen von einer Kraft, die sich schon nicht mehr ausschließlich auf das Abschütteln des unerträglich gewordenen Jochs, auf die Befreiungsbewegung von den alten Fesseln der Lohnsklaverei und des Massenelends, in eine Kraft, die sich im selben Moment ganz von selbst auf die Tagesordnung stellt: die neuen revolutionären Macht der Diktatur des Proletariats. Ob dieses Macht nun siegen oder wieder fallen wird, ist eine andere Frage, die von vielen Bedingungen abhängt. Entscheidend aber wird auf jeden Fall sein, wie das Proletariat seine Macht organisiert, worauf es sich stützt, wie es seine Macht festigt, inwieweit es sich eine Atempause gönnen kann, um seine enorm verausgabten Kräfte wieder zu reaktivieren und wie weit es auf der anderen Seite dem Gegener gelingt oder nicht gelingt, den Aufstand durch Sammlung und Konzentrierung seiner Kräfte und Reserven wieder niederzuschlagen. Das Schicksal der Weltgeschichte hängt in solchen dramtischen Situationen für den Bruchteil einer Sekunde sozusagen wie ein Zünglein an der Waage.

Niemand kann sich unbedingt verbürgen, dass er [Lenin meint hier den unvorbereiteten, spontanen, zersplitterten Aufstand – Anmerkung des Verfassers] bis zum umfassenden und einheitlichen bewaffneten Volksaufstand voranschreiten wird, denn das hängt sowohl vom Zustand der revolutionären Kräfte ab ( die man nur im Kampfe selbst ganz ermessen kann) als auch von der Haltung der Regierung und der Bourgeoisie sowie von einer Reihe anderer Umstände, die nicht genau errechnet werden können“ (Lenin, Band 9, Seite 57). Und Lenin betonte ferner,dass sich der revolutionäre Augenblick von den gewöhnlichen, alltäglichen, vorbereitenden historischen Zeitabschnitten eben dadurch unterscheidet, dass die Stimmung, die Erregung, die Überzeugung der Massen in der Aktion in Erscheinung treten müssen und tatsächlich in Erscheinung treten. Der vulgäre Revolutionarismus versteht nicht, dass auch das Wort eine Tat ist; dieser Grundsatz ist unbestreitbar in seiner Anwendung auf die Geschichte überhaupt oder auf jene Epochen der Geschichte, wenn es keine offene politische Aktion der Massen gibt, die ja durch keinerlei Putsch ersetzt oder künstlich hervorgerufen werden kann. Die Revolutionäre der Nachtrabpolitik verstehen nicht, dass zu einer Zeit, da der revolutionäre Augenblick angebrochen ist, da der alte `Überbau` in allen Fugen kracht, da die offene politische Aktion der Klassen und Massen, die sich einen neuen Überbau schaffen, zur Tatsache geworden ist, da der Bürgerkrieg begonnen hat – dass es dann Lebensfremdheit, Todesstarre, Räsoniererei oder aber Verrat an der Revolution und Fahnenflucht ist, wenn man sich wie in alter Zeit auf das `Wort` beschränkt, ohne die direkte Losung des Übergangs zur `Tat` auszugeben“ (Lenin, Band 9, Seite 58-59).

Der dialektische Prozess der Entwicklung bringt wirklich schon im Schoße des Kapitalismus Elemente der neuen Gesellschaft hervor, sowohl materielle als auch geistige Elemente“ (Lenin, Band 9, Seite 370). Genauso bringt umgekehrt die sozialistische Gesellschaft in ihrem Schoß Elemente der alten Gesellschaft, kapitalistisch-revisionistische Elemente hervor, sowohl materielle als auch geistige Elemente. Heute müssen wir Marxisten-Leninisten es verstehen, die Stückchen vom Ganzen zu unterscheiden, müssen das Ganze und nicht das Stückchen als Losung aufstellen. So ist auchDas ist auch auf den Sozialismus in einem Land

Zu unterstreichen ist das historische Moment der äußersten Zuspitzung des Kampfes bestimmter Klassen als Voraussetzung des Aufstandes. Hervorzuheben ist dabei der Charakter des bewaffneten Aufstandes als eine besondere Art der Massenbewegung, als besondere Art des proletarischen Klassenkampfes. Zu untersuchen ist ferner die Rolle der einzelnen Klassen, die Abhängigkeit der Bewegung in den Truppenverbänden von dem sozialen Kräfteverhältnis, die Unabtrennbarkeit der politischen Seite des Aufstandes von seiner militärischen, die Bedeutung breiter Organisationen der Volksmassen als Voraussetzung für eine provisorische revolutionäre Regierung, die aus dem Aufstand unmittelbar hervorgehen wird. In der vom III. Parteitag der SDAPR verabschiedeten Resolution heißt es: d) den bewaffneten Widerstand gegen die Aktionen der Schwarzhunderter und überhaupt aller von der Regierung angeleiteten reaktionären Elemente zu organisieren“ (Zitat bei Lenin, Band 9, Seite 23). Sobald die ersten Kampfhandlungen eines Aufstandes beginnen, wird der Mangel der militärischen Organisationen immer stärker und stärker fühlbar, werden Sünden von Handwerkelei und schlechter systematischer Vorbereitung dieser Kampfhandlungen durch die Konterrevolution - nach kürzester Zeit eines Überraschungseffekts – grausam bestraft. Solange die Kräfte für den bewaffneten Aufstand und seinen Sieg noch nicht ausreichen, ust es lächerlich, von einer revolutionären Selbstverwaltung des Volkes zu sprechen. Diese ist nicht der Prolog, sondern der Epilog des Aufstands“ (Lenin, Band 9, Seite 191). „Ist der Aufstand möglich und notwendig, so bedeutet das, dass die Regierung `das Bajonett auf die Tagesordnung gesetzt`, den Bürgerkrieg eröffnet und den Belagerungszutsand als Antikritik der demokratischen Kritik in Feld geführt hat“ (Lenin, Band 9, Seite 269). „Nur in dem Maße, wie der Aufstand siegreich und sein Sieg eine entscheidende Niederlage des Feindes sein wird – nur in dem Maße wird auch die Versammlung der Volksvertreter nicht nur auf dem Papier vom ganzen Volk gewählt und nicht nur in Worten kostituierend sein“ (Lenin, Band 9, Seite 465).

Der Aufstand erzeugt die direkte Gegenüberstellung der mobilisierten Revolution gegenüber der mobilisierten Konterrevolution, und es werden nach dem Aufstand auf beiden Seiten breitere Elemente mobilisiert. Meistens verlaufen die Folgen des Aufstandes, egal ob Niederlage oder Sieg, blutiger und mit viel größeren Opfern als während des Aufstands selbst. In der Oktoberrevolution 1917 beispielsweise fiel kein Schuss, aber in dem aus ihr hervorgegangenen und ihr folgenden Bürgerkrieg = 3 Millionen Tote. Weitere 5 Millionen starben durch die Folgen der wirtschaftlichen Zerrüttung.

Die Erfahrungen der Niederlagen in den hunderten von Arbeiteraufständen sind nicht umsonst gemacht worden, und das Arbeiterblut ist nicht umsonst geflossen:



Die Lehren des Aufstandes 1905 in Russland



Lenin fasste diese Lehren in seinem Artikel Die Lehren des Moskauer Aufstands“ zusammen. (nachzulesen im Band 11, Seite 157 – 165). Dieser Artikel wird hier dringend als wichtiger Schulungstext empfohlen. Im Augenblick beschränken wir uns auf knappe Zitate und AuszügeIn aus Lenins Text :

Die Hauptformen der Dezemberbewegung in Moskau waren der friedliche Streik und die Demonstration. Die überwiegende Mehrheit der Arbeitermassen beteiligte sich aktiv nur an diesen Kampfformen. Und doch hat gerade die Moskauer Dezemberaktion anschaulich gezeigt, dass sich der Generalstreik als selbständige und haiptsächliche Kampfform überlebt hat, dass die Bewegung mit elementarer, unwiderstehlicher Gewalt diesen engen Rahmen durchbricht und eine höhere Kampfform, den Aufstand gebiert.

Als die revolutionären Parteien und die Gewerkschaften in Moskau den Streik proklamierten, haben sie alle erkannt, ja gefühlt, dass es unvermeidlich in den Aufstand umschlagen müsse. Am 6. Dezember beschloss der Sowjet der Arbneiterdeputierten, `die Überleitung des Streiks in den bewaffneten Aufstand anzustreben`. In Wirklichkeit aber war keine Organisation hierauf vorbereitet, sogar der Kolitionsrat der Kampfgruppen sprach (am 9. Dezember!) vom Aufstand als von etwas weit Entferntem, und zweifellos brach der Straßenkampf über seinen Kopf hinweg aus und verlief ohne seine Beteiligung. Die Organisationen blieben hinter dem Anwachsen und dem Schwung der Bewegung zurück.

Der Streik wuchs in den Aufstand hinüber, vor allem unter dem Druck der objektiven Verhältnisse, wie sie sich nach dem Oktober gestaltet hatten. Es war schon nicht mehr möglich, die Regierung durch einen Generalstreik zu überrumpeln, sie hatte bereits die Konterrevolution organisiert, die zu militärischen Aktionen gerüstet war.

Vom Streik und von Demonstrationen zu einzelnen Barrikaden, von einzelnen Barrikaden zu massenweiser Errichtung von Barrikaden und zum Straßenkampf mit den Truppen.

Vom politischen Massenstreik wurde die Bewegung auf eine höhere Stufe gehoben. Sie zwang die Reaktion, in ihrem Widerstand bis zum Letzten zu gehen,, und brachte dadurch mit Riesenschritten den Augenblick nahe, in dem die Revolution im Begrauch der Angriffsmittel ebenfalls bis zum Letzten gehen wird. Die Reaktion kann nicht weiter gehen als bis zum Artilleriebeschuss von Barrikaden, Häusern und der menschenmenge auf den Straßen. Die Revolution kann noch weiter gehen als bis zum Kampf der Moskauer Kampfgruppen, sie kann noch viel, viel weiter gehen, in die Breite und in die Tiefe. Und die Revolution ist seit dem Dezember weit vorangeschritten. Die Basis der revolutionären Krise ist unermesslich breiter geworden – die Schneide ihrer Waffe muss jetzt viel schärfer sein.

Den Wechsel in den objektiven Bedingungen des Kampfes, der den Übergang vom Streik zum Aufstand erforderte, hat das Proletariat früher als seine Führer gefühlt. Die Praxis ist, wie stets, der Theorie vorangegangen. Der friedliche Streik und die Demonstrationen hörten mit einem Schlage auf, den Arbeitern zu genügen; sie fragten: Was weiter? - und verlangten aktiveres Vorgehen. Die Anweisung zum Barrikadenbau traf in den Stadtteilen mit riesiger Verspätung ein, zu einer Zeit, als im Zentrum schon Barrikaden errichtet wurden. Die Arbeiter gingen in Massen ans Werk, gaben sich aber auch damit nicht zufrieden, fragten: Was weiter? - und verlangten aktiveres Vorgehen. Wir, die Führer des sozialdemokratischen Proletariats, glichen im Dezember dem Heerführer, der seine Regimenter so unsinnig aufgestellt hat, dass der größte Teil seiner Truppen nicht aktiv an der Schlacht teilnimmt. Die Arbeitermassen suchten vergeblich Anweisungen für aktive Massenaktionen.

Den Massen die Notwendigkeit eines erbitterten, blutigen, vernichtenden Krieges als unmittelbare Aufgabe der bevorstehenden Aktion verhehlen heißt sich selbst und das Volk betrügen. Das ist die erste Lehre der Dezemberereignisse

Die zweite Lehre betrifft den Charakter des Aufstands, die Art, wie er durchgeführt wurde, die Bedingungen für den Übergang der Truppen auf die Seite des Volkes [alles unterstrichen vom Verfasser].

Es versteht sich von selbst, dass von einem ernsten Kampf keine Rede sein kann, solange die Revolution nicht zu einer Massenbewegung geworden ist und nicht auch die Truppen erfasst hat. Selbstverständlich ist die Arbeit unter den Truppen notwendig. Aber man darf sich diesen Übergang der truppen nicht als einfachen, einmaligen Akt vorstellen, der das ergebnis einerseits der Überzeugung und andererseits des bewusstseins ist. Der Moskauer Aufstand zeigt uns anschaulich, wie schablonenhaft und lebensfremd eine solche Auffassung ist. In der Praxis führt das Schwanken der Truppen, dass jede wirkliche Volksbewegung zwangsläufig mit sich bringt, bei Verschärfung des revolutionären Kampfes im wahsten Sinne des Wortes zum Kampf um das Heer. Der Moskauer Aufstand zeigt uns gerade das Bild eines äußerst erbitterten, verzweifelten Kampfes der Reaktion und der Revolution um das Heer. Dubassow selbst erklärte, dass von den 15 000 Mann der Moskauer Truppen nur 5 000 zuverlässig seien. Die Regierung suchte die Schwankenden durch die mannigfachsten, verzweifeltsten Mittel zurückzuhalten: Man suchte sie zu überzeugen, schmeichelte ihnen, bestach sie durch Verteilung von Uhren, von Geld usw., man sparte nicht mit Schnaps, man suchte sie zu betrügen, einzuschüchtern, sperrte sie in die Kasernen ein, entwaffnete sie, griff mit Hilfe von Verrat und Gewalt Soldaten heraus, die man für besonders unzuverlässig hielt. Und man muss den Mut haben, geradeheraus und offen zuzugeben, dass wir in dieser Beziehung hinter der Regierung zurückgeblieben sind. Wir haben es nicht verstanden, die Kräfte, über die wir verfügten, für einen ebensolchen aktiven, kühnen, mit Initiative und offensiv geführten Kampf um das schwankende Heer zu nutzen, wie ihn die Regierung begann und erfolgreich zu Ende führte. Wir haben mit der geistigen `Bearbeitung` der Truppen begonnen und werden sie noch beharrlicher betreiben. Aber wir werden traurige Pedanten sein, wenn wir vergessen, dass im Augenblick des Aufstands auch ein physischer Kampf um die Truppen erforderlich ist. (...) Malachow ließ die Soldaten von Dragonern umzingeln, wir aber umzingelten die Malachows nicht durch Bombisten. Wir konnten das und hätten das tun müssen.

Der Dezember hat einen weiteren tiefgründigen und von den Opportunisten vergessenen Satz von Marx anschaulich bestätigt, dass nämlich der Aufstand eine Kunst und dass die Hauptregel dieser Kunst die mit verwegener Kühnheut und größter Entschlossenheit geführte Offensive ist. Wir haben uns diese Wahrheit nicht genügend zu eigen gemacht. Wir haben diese Kunst, diese Regel der Offensive um jeden Preis selbst nicht genügend gelernt und die Massen darin nicht genügend unterrichtet. Wir müssen jetzt mit aller Energie das Versäumte nachholen. Es genügt nicht, die Menschen nach ihrem Verhältnis zu politischen Losungen zu gruppieren, darüber hinaus ist es erforderlich, sie nach ihrer Einstellung zum bewaffneten Aufstand zu gruppieren. Wer gegen ihn ist, wer sich nicht auf ihn vorbereitet, den muss man rücksichtslos aus der Zahl der Anhänger der Revolution streichen und zu ihren Gegnern, zu den Verrätern oder Feiglingen rechnen, denn es naht der Tag, an dem der Gang der Ereignisse, die Situation des Kampfes uns zwingen wird, Feinde und Freunde nach diesem Merkmal voneinander zu scheiden. Nicht Passivität müssen wir propagieren, nicht ein einfaches `Draufwarten`, dass die Truppen `übergehen` - nein, wir müssen die Trommel rühren und weit und breit verkünden, dass es notwendig ist, kühn und mit der Waffe in der Hand anzugreifen, dass es notwendig ist, hierbei die militärischen Führer zu vernichten und den allertatkräftigsten Kampf um die schwankenden Truppen zu führen.

Die dritte große Lehre, die uns Moskau erteilt hat, betrifft die Taktik und die Organisation der Kräfte für den Aufstand. Die militärische Taktik hängt von dem Niveau der militärischen Technik ab [unterstrichen vom Verfasser] diese Tatsache hat Engels [ Anti-Dühring zum Beispiel – Anmerkung des Verfassers] wiederholt erläutert und den Marxisten eingehämmert. Die militärische Technik ist jetzt eine andere als in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Gegen die Artillerie scharenweise vorzugehen und mit Revolvern die Barrikaden zu verteidigen wäre eine Dummheit. Und Kautsky hatte Recht, als er schrieb, dass es nach dem Moskauer Aufstand an der Zeit sei, Engels` Schlussfolgerung zu überprüfen, und dass Moskau eine `neue Barrikadentaktik` geschaffen habe. Diese Taktik war die Taktik des Partisanenkrieges [hervorgehoben vom Verfasser]. Die Organisation, die durch eine solche Taktik bedingt wurde, war die leicht bewegliche und außerordentlich kleine Abteilung: Zehnergruppen, Dreiergruppen, ja sogar Zweiergruppen.

Moskau hat diese Taktik hervorgebracht, aber noch lange nicht genug entwickelt, bei weitem nich nicht wirklich zur Taktik der breiten Massen gemacht. Es gab wenig Kampfgruppen, die Losung verwegener Überfälle wurde nicht in die Arbeitermasse getragen und von ihr nicht verwirklicht, die Partisanenabteilungen waren ihrem Charakter nach allzu gleichartig, ihre Waffen und ihre Kampfmethode unzulänglich, ihre Fähigkeiten, die Massen zu führen, nur wenig ausgebildet. Wir müssen das alles nachholen und werden es nachholen, indem wir die Lehren des Moskauer Aufstandes auswerten, indem wir diese Lehren unter den Massen verbreiten und die schöpferische Kraft der Massen selbst wecken, um diese Lehren weiter zu entwickeln. Der Partisanenkrieg, der Massenterror, der jetzt nach dem Dezember überall in Russland fast pausenlos ausgeübt wird, wird zweifellos helfen, die Massen zu lehren, im Augenblick des Aufstandes die richtige Taktik anzuwenden. Die Sozialdemokratie muss diesen Massenterror billigen und zum Bestandteil ihrer Taktik machen, dabei muss sie ihn natürlich organisieren und kontrollieren, den Interessen und Bedingungen der Arbeiterbewegung und des allgemeinen revolutionären Kampfes unterordnen und rücksichtlos die `lumpenproletarischen` Verzerrungen dieses Partisanenkrieges beseitigen und ausmerzen, mit denen die Moskauer in den Tagen des Aufstands und die Letten in den Tagen der vielgenannten lettischen Republiken so prächtig und rücksichtslos aufgeräumt haben.

In der allerletzten Zeit macht die militärische Technik wiederum neue Fortschritte. Der japanische Krieg hat die handgranate eingeführt. Die Gewehrfabriken haben das Schnellladegewehr auf den Markt geworfen. Beide werden in der russischen Revolution zwar schon erfolgreich angewandt, aber bei weitem nich nicht in genügendem Maße. Wir können und müssen uns technische Vervollkommnungen zu Nutze machen, müssen die Arbeiterabteilungen lehren, Bomben in Massen herzustellen, müssen ihnen und unseren Kampfgruppen helfen, sich Vorräte an Sprengstoffen, Zündern und Selbstladegewehren zu besorgen. Wenn sich die Arbeitermassen am Aufstand in der Stadt beteiligen, wenn sich die Massen auf den Feind stürzen, wenn der Kampf um die Truppen, die nach der Duma, nach Sveaborg und Kronstadt noch mehr schwanken, entschlossen und geschickt geführt wird und die Teilnahme des Dorfes am gemeinsamen Kampf gesichert ist, dann werden wir im nächsten bewaffneten Aufstand, der ganz Russland ergreifen wird, den Sieg davontragen!“

Soweit die Lehren aus dem Moskauer Aufstand. Lange bevor wurden hierzu Beschlüsse vom III. Parteitag der SDAPR gefasst. In der Resolution des III. Parteitags der SDAPR heißt es beispielsweise über den Aufstand:

In Erwägung,

1. dass das Proletariat, das seiner Lage nach die fortgeschrittenste und einzige konsequent-revolutionäre Klasse darstellt, eben dadurch berufen ist, die Führung in der allgemein-demokratischen revolutionären Bewegung Russlands zu verwirklichen;

2. dass diese Bewegung gegenwärtig bereits zur Notwendigkeit des bewaffneten Aufstandes geführt hat;

3. dass sich das Proletariat unvermeidlich auf das tatkräftigste an diesem Aufstand beteiligen und dass diese Beteiligung das Schicksal der Revolution in Russland entscheiden wird;

4. dass das Proletariat die Führung in dieser Revolution nur verwirklichen kann, wenn es zu einer einheitlichen und selbständigen politischen Kraft unter dem Banner der sozialdemokratischen Arbeiterpartei zusammengeschlossen ist, die seinen Kampf nicht nur ideologisch, sondern auch praktisch leitet;

5. dass nur die Verwirklichung dieser Führung dem Proletariat die günstigsten Bedingungen für den Kampf um den Sozialismus gegen die besitzenden Klassen des bürgerlich-demokratischen Russlands sichern kann-

erkennt der III. Parteitag der SDAPR an, dass die Aufgabe, das Proletariat zum unmittelbaren Kampf gegen die Selbstherrschaft auf dem Wege des bewaffneten Aufstands zu organisieren, eine der wichtigsten und unaufschiebbaren Aufgaben der Partei im gegenwärtigen revolutionären Zeitpunkt ist. Der Parteitag beauftragt daher alle Parteiorganisationen:

a) dem Proletariat durch Propaganda und Agitation nicht nur die politische Bedeutung, sondern auch die praktisch-organisatorische Seite des bevorstehenden Aufstands klarzumachen;

b) bei dieser Propaganda und Agitation die Rolle der politischen Massenstreiks zu erläutern, die bei Beginn und im Verlauf des Aufstands große Bedeutung haben können;

c) die energischsten Maßnahmen zur Bewaffnung des Proletariats sowie zur Ausarbeitung eines Plans des bewaffneten Aufstands und der unmittelbaren Leitung des Aufstands zu ergreifen und soweit erforderlich, zu diesem Zweck besondere Gruppen aus Parteifunktionären zu bilden“ (zitiert von Lenin in Band 9, Seite 61-62).

Wenn man sich auf den Aufstand vorbereiten muss, so gehört zu dieser Vorbereitung notwendigerweise auch die Verbreitung und Erläuterung der Losungen: bewaffneter Volksaufstand, revolutionäre Armee, provisorische revolutionäre Regierung. Wir müssen sowohl selbst die neuen Kampfmethoden, ihre Bedingungen, ihre Formen, ihre Gefahren, ihre praktische Durchführung usw. studieren als auch die Massen darüber aufklären“ (Lenin, Band 9, Seite 245).

Die These `Wir sind einstweilen nicht imstande, den Aufstand hervorzurufen` ist falsch. Die Ereignisse auf dem `Potjomkin` haben vielmehr gezeigt, dass wir nicht imstande sind, verfrühte Ausbrüche des in Vorbereitung befindlichen Aufstands zu verhindern. Die Matrosen des `Pozjomlin waren weniger vorbereitet als die Matrosen anderer Schiffe, und der Aufstand war daher weniger umfassend, als er hätte sein können. Was folgt daraus? Dass es zur Aufgabe der Vorbereitung eines Aufstandes gehört, verfrühte Ausbrüche eines in Vorbereitung befindlichen oder schon fast vorbereiteten Aufstands zu verhindern. Dass der elementar anwachsende Aufstand unsere bewusste und planmäßige Arbeit seiner Vorbereitung überholt“ (Lenin, Band 9, Seite 245-246).

Theoretische Diskussionen über die Notwendigkeit des Aufstandes können und müssen geführt, taktische Resolutionen in dieser Frage sollen sorgfältig durchdacht und ausgearbeitet werden, aber bei alledem darf man nicht vergessen, dass der elementare Gang der Ereignisse sich ohne jede Rücksicht auf Weisheitskrämereien machtvoll Bahn bricht. Man darf nicht vergessen, dass sich die Entwicklung aller jener großen Widersprüche, die sich jahrhundertelang im russischen Leben angehäuft haben, mit unerbittlicher Gewalt vollzieht, dass sie die Volksmassen auf den Plan ruft und die toten, leblosen Lehren vom friedlichen Fortschritt auf den Kehrrichthaufen wirft (...) „Tote Doktrinen bleiben stets hinter dem stürmischen Strom der Revolution zurück, der die grundlegenden Erfordernisse des Lebens, die tiefsten Interessen der Volksmassen zum Ausdruck bringt (...) Eine schlechte Doktrin wurd durch eine gute Revolution glänzend korrigiert (Lenin, Band 9, Seite 196). „Wer für den Aufstand ist, mit dem wird das Proletariat `vereint schlagen`, wenn auch `getrennt marschieren` ; wer gegen den Aufstand ist, den werden wir schonungslos bekämpfen“ (Lenin, Band 10, Seite 136).

Was die Ausarbeitung eines Plans des bewaffneten Aufstands anbelangt und wie die Leitung des Kampfes konkret auszusehen hat, beschrieb Lenin sehr eindringlich - weit entfernt davon, sich mit der Abfassung von Resolutionen des Parteitags zu begnügen. So schrieb Lenin offenherzig „als Berater“ an den Kampfausschuss des St.-Petersburger Komitees am 16. Oktober 1905:

Alle diese Schemas, alle diese Pläne der organisation des Kampfausschusses machen den Eindruck papernen Formelkrams – ich bitte meine Offenheit zu entschuldigen (...) Ich sehe mit Entsetzen, wahrhaftig mit Entsetzen, dass man schon länger als ein halbes Jahr von Bomben spricht und noch keine einzige hergestellt hat! (...) Geht zur Jugend. Gründet sofort Kampfgruppen, überall und allerorts, sowohl bei den Studenten als auch besonders bei den Arbeitern usw. usf. Trupps von 3 bis 10, bis zu 30 usw. Mann sollen sich unverzüglich formieren. Sie sollen sich unverzüglich selber bewaffnen, so gut jeder kann, mit Revolvern, Messern, petroleumgetränkten Lappen, um Feuer anzulegen usw. Diese Kampfabteilungen sollen sich unverzüglich Führer wählen und sich nach Möglichkeit mit dem Kampfausschuss des Petersburger Komitees in Verbindung setzen. Verlangt keinerlei Formalitäten, pfeift um Himmels willen auf alle Schemas, schickt im Gottes willen alle `Funktionen, Rechte und Privilegien` zum Teufel. Besteht nicht auf den Beitritt zur SDAPR – das wäre für den bewaffneten Aufstand eine absurde Forderung. Weigert euch nicht, mit jedem Zirkel in Verbindung zu treten, auch wenn er nur aus drei Personen besteht, unter der einzigen Bedingung, dass er in Bezug auf die Polizei unverdächtig und bereit ist, gegen die zaristischen Truppen zu kämpfen. Sollen die Gruppen, die das wünschen, der SDAPR beitreten oder sich der SDAPR anschließen, das wäre ausgezeichnet; aber ich würde es unbedingt für eien Gehler halten, das zu fordern. Die Rolle des Kampfausschusses beim Petersburger Komitee soll darin bestehen, diesen Abteilungen der revolutionären Armee zu helfen, ihnen als Verbindungs`büro` zu dienen usw. Jede Abteilung wird eure Dienste gern annehmen, aber wenn ihr in einer solchen Sache mit Schemas und mit Reden über die `Rechte` des Kampfausschusses ankommt, werdet ihr das Ganze zu Grunde richten, glaubt mir, unwiederbringlich zu Grunde richten! Hier muss man durch breite Propaganda wirken. Sollen 5 – 10 Menschen in einer Woche Hunderte von Arbeiter – und Studentenzirkel aufsuchen, überall eindringen, wo es nur irgend möglich ist, und überall den klaren, kurzen, direkten und einfachen Plan vorschlagen: Bildet sofort eine Kampfabteilung, bewaffnet euch, so gut ihr könnt, arbeitet aus allen Kräften, wir werden euch soweit möglich helfen, aber erwartet nichts von uns, arbeitet selber.

Der Schwerpunkt bei einer solchen Sache liegt in der Initiative der Masse der kleinen Zirkel. Sie schaffen alles. Ohne sie ist euer ganzer Kampfausschuss nichts. Ich neige dazu, die Arbeitsproduktivität des Kampfausschusses nach der Anzahl solcher Abteilungen zu messen, mit denen er in Verbindung steht. Wenn der Kampfausschuss in ein bis zwei Monaten nicht minimum 200-300 Abteilungen in Petersburg hat, dann ist er ein toter Kampfausschuss. Dann muss man ihn begraben. Wer bei der gegenwärtigen Siedehitze nicht Hunderte von Kampfabteilungen auf die Beine bringt, der steht außerhalb des Lebens. Die Propagandisten sollen jeder Abteilung kurze und einfache Bombenrezepte und eine elementare Erläuterung der ganzen Arbeitsart geben, dann aber die ganze Tätigkeit ihr selbst überlassen. Die Abteilungen sollen jetzt gleich, unverzüglich ihre militärische Ausbildung mit praktischen Kampfhandlungen beginnen. Die einen werden sofort einen Spitzel töten oder ein Polizeirevier in die Luft sprengen, andere werden eine Bank überfallen, um Geldmittel für den Aufstand zu konfiszieren, wieder andere werden eine Übung veranstalten oder Kartenskizzen anfertigen usw. Jedenfalls muss man gleich von Anfang an in der Praxis lernen, darf sich vor diesen versuchsweisen Überfällen nicht fürchten. Sie können natürlich ins Extrem ausarten, doch das ist eine Gefahr von morgen, die Gefahr von heute aber liegt in unserer Trägheit, un unserem Doktrinarismus, in der gelehrten Schwerfälligkeit und senilen Angst vor der Initiative. Jede Abteilung soll selbständig lernen, sei es auch durch Verprügelung von Polizisten: Die Dutzende von Opfern werden reichlich aufgewogen durch die Hunderte erfahrener Kämpfer, die morgen Hunderttausende in den Kampf führen werden“ (Lenin, Band 9, Seite 342-344).

Lenin arbeitete die Aufgaben der zu schaffenden Abteilungen der revolutionären Armee bis in jede kleine Einzelheit konkret aus:

1. Selbständige militärische Aktionen.

2. Leitung der Menge.

Die Abteilungen können beliebig stark sein, von zwei bis drei Mann an. Die Abteilungen müssen sich selbst bewaffnen, jeder womit er kann (Gewehr, Revolver, Bombe, Messer, Schlagring, Knüppel, mit Petroleum getränkte Lappen, um Feuer anzulegen, Stricke oder Strickleitern, Schaufeln für den Bau von Barrikaden, Sprengpatronen, Stacheldraht, Nägel {gegen Kavallerie} usw. usf.). Unter keinen Umständen darf man von anderer Seite, von oben oder von außen Hilfe erwarten, sondern muss alles selbst beschaffen.

Die Abteilungen müssen möglichst aus Personen gebildet werden, die nahe beieinander wohnen oder häufig, regelmäßig, zu bestimmten Stunden zusammentreffen (am besten beides, denn das regelmäßige Zusammentreffen kann durch den Aufstand unterbrochen werden). Ihre Aufgabe ist, es so einzurichten, dass sie in den kritischen Augenblicken, in den unvorhergesehendsten Situationen zusammenkommen können. Jede Abteilung muss daher im Voraus Mittel und Wege festlegen, um ein gemeinsames Vorgehen zu sichern: Zeichen an den Fenstern usw., um einander leichter zu finden; verabredete Rufe oder Pfiffe, um den Genossen in der Menge zu erkennen; vereinbarte Zeichen für den Fall eines nächtlichen Zusammentreffens usw. usf. Jeder energische Mann kann mit zwei bis drei Genossen eine ganze Reihe solcher Regeln und Methoden ausarbeiten, die zusammengestellt, auswendig gelernt und praktisch geübt werden müssen. Man darf nicht vergessen, dass die Ereignisse mit 99 Prozent Wahrscheiblichkeit überraschend eintreten werden und dass es nötig sein wird, unter außerordentlich schwierigen Verhältnissen zusammenzukommen.

Sogar unbewaffnete Abteilungen können eine sehr wichtige Rolle spielen, wenn sie 1. die Menge leiten; 2. bei günstiger Gelegenheit einen Polizisten oder einen zufällig von seinen Kameraden getrennten Kosaken überfallen (ein Fall in Moskau) usw. und entwaffnen; 3. Verhaftete oder Verwundete retten, wenn die Polizeikräfte schwach sind; 4. auf Hausdächer, in obere Stockwerke usw. steigen und die Truppen mit Steinen bewerfen, mit kochendem Wasser begießen usw. Eine organisierte, geschlossen und energisch vorgehende Abteilung ist eine ungeheure Kraft. Unter keinen Umständen darf die Bildung einer Abteilung unter dem Vorwand des Waffenmangels verweigert oder aufgeschoben werden.

Die Abteilungen müssen die Funktionen möglichst im Voraus verteilen und den Leiter, den Abteilungsführer, manchmal im Voraus wählen. Es wäre natürlich unvernünftig, in eine Spielerei mit Rangabzeichen zu verfallen, man darf aber die kolossale Bedeutung einer einheitlichen Führung, eines raschen und entschlossenen Vorgehens nicht vergessen. Entschlossenheit und kühner Angriff sind drei Viertel des Erfolgs (unterstrichen vom Verfasser].

Die Abteilungen müssen sich sofort nach nach ihrer Bildung, also schon jetzt, an eine vielseitige Arbeit machen, und zwar keineswegs nur theoretische, sondern unbedingt auch praktische. Zur theoretischen Arbeit rechnen wir das Studium der Kriegswissenschaften, die Beschäftigung mit militärischen Fragen, Referate über militärische Fragen, Aussprachen mit Militärs (mit Offizieren, Unteroffizieren usw. usf., nicht zuletzt auch mit ehemaligen Soldaten aus der Arbeiterschaft); die Lektüre, Besprechung und Verarbeitung illegaler Broschüren und Zeitungsartikel über den Straßenkampf usw. usf.

Wir wiederholen, mit den praktischen Arbeiten muss sofort begonnen werden. Sie zerfallen in vorbereitende und in militärische Operationen. Zu den vorbereitenden gehört die Beschaffung jeder Art von Waffen und Munition, die Auswahl günstig gelegener Wohnungen für den Straßenkampf (die geeignet sind für den Kampf von oben, für die Lagerung von Bomben, Steinen usw. oder von Säuren zum Begießen der Polizisten usw. usf., sowie für das Stabsquartier, für den Nachrichtendienst, als Zufluchtsort für Verfolgte, Unterkünfte für Verwundete usw. usf.). Zu den vorbereitenden Arbeiten gehört ferner rechtzeitige Aufklärung und Erkundung: Beschaffung von Plänen der Gefängnisse, Polizeireviere, Ministerien usw., Auskundschaftung der Arbeitseinteilung in den staatlichen Institutionen, in den Banken usw., sowie ihrer Bewachung; Anknüpfung von Beziehungen, die nützlich sein können (mit Polizei-, Bank-, Gerichts-, Gefängnis-, Post- und Telegrafenbeamten usw.), Feststellung von Waffenlagern von sämtlichen Waffenläden der Stadt usw. Es gibt hier massenhaft Arbeit, und zwar solche, bei der jeder größten Nutzen bringen kann, sogar der zum Straßenkampf völlig Untaugliche, sogar körperlich ganz schwächliche Menschen, Frauen, Jugendliche, Greise u.a. Man muss bestrebt sein, schon jetzt unbedingt und ausnahmslos alle in den Abteilungen zusammenzuschließen, die sich am Aufstand beteiligen wollen, denn es gibt keinen Menschen und kann keinen geben, der nicht den größten Nutzen brächte, wenn er arbeiten will, auch wenn er keine Waffen hat, auch wenn er persönlich zum Kampf untauglich ist.

Sodann dürfen sich die Abteilungen der revolutionären Armee keinesfalls nur auf vorbereitende Arbeiten beschränken, sie müssen sobald wie möglich auch zu militärischen Aktionen übergehen, um:

1. ihre Kampfkraft zu üben; 2. die schwachen Stellen des Feindes zu erkunden; 3. dem Feind Teilniederlagen beizubringen; 4. Gefangene (Verhaftete) zu befreien; 5. Waffen zu erobern; 6. Geldmittel für den Aufstand zu gewinnen (Regierungsgelder zu konfiszieren) usw. usf. Die Abteilungen können und müssen unverzüglich jede Gelegenheit zu lebendiger Arbeit ergreifen, sie dürfen das keineswegs bis zum allgemeinen Aufstand verschieben, denn steht man nicht schon vorher im Feuer, so erwirbt man die Tauglichkeit auch zum Aufstand nicht [unterstrichen vom Verfasser].

Gewiss ist jede Übertreibung von Übel; alles Gute und Nützliche kann, auf die Spitze getrieben, schlecht und schädlich werden, ja muss es sogar, wenn eine gewisse Grenze überschritten wird. Undisziplinierte, unvorbereitete kleine Terrorakte können, auf die Spitze getrieben, die Kräfte lediglich zersplittern und vergeuden. Das ist richtig und darf natürlich nicht vergessen werden. Aber andererseits darf man auch keinesfalls vergessen, dass jetzt die Losung des Aufstandes schon ausgegeben ist, dass der Aufstand schon begonnen hat. Mit Angriffsaktionen zu beginnen, wenn die Umstände günstig sind, ist nicht nur das Recht, sondern auch die direkte Pflicht eines jeden Revolutionärs [unterstrichen vom Verfasser]. Tötung von Spitzeln, Polizisten und Gendarmen, Sprengung von Polizeirevieren, Befreiung von Verhafteten, Konfiskation von Regierungsgeldern für die Erfordernisse des Aufstandes – solche Aktionen werden überall dort, wo sich der Aufstand ausbreitet, in Polen und im Kaukasus, bereits unternommen, und jede Abteilung der revolutionären Armee muss jeden Augenblick zu solchen Aktionen bereit sein. Jede Abteilung muss daran denken, dass sie sich unverzeihlicher Tatenlosigkeit, der Passivität schuldig macht, wenn sie die für eine Aktion günstige Gelegenheit nicht heute schon ausnützt – und eine solche Schuld ist in der Epoche des Aufstands das größte Verbrechen eines Revolutionärs, die größte Schmach für jeden, der nicht nur in Worten, sondern in der Tat die Freiheit erstrebt [unterstrichen vom Verfasser].

Über die Zusammensetzung dieser Abteilungen lässt sich folgendes sagen: die zweckmäßigste Anzahl der Mitglieder und die Verteilung ihrer Funktionen wird die Erfahrung lehren. Man muss selbst anfangen, sich diese Erfahrungen anzueignen, ohne Weisungen von außen abzuwarten. Man soll natürlich die örtliche revolutionäre Organisation bitten, einen militärisch geschulten Revolutionär für Vorträge, Aussprachen und Ratschläge zu schicken, aber falls sich ein solcher nicht findet, muss man unbedingt selbst mit allem zurechtkommen.

Was die Parteigruppierungen betrifft, so werden die Mitglieder einer Partei es natürlich vorziehen, sich in den gleichen Abteilungen zusammenzuschließen. Aber man soll Mitgliedern anderer Parteien nicht unbedingt den Beitritt zu einer Abteilung verweigern. Gerade hier müssen wir den Zusammenschluss, die praktische Verständigung (selbstverständlich ohne jedwede Verschmelzung der Parteien) des sozialistischen Proletariats mit der revolutionären Demokratie verwirklichen. Wer für die Freiheit kämpfen will und seine Bereitschaft durch die Tat beweist, der kann zu den revolutionären Demokraten gerechnet werden, mit dem muss man gemeinsam an der Vorbereitung des Aufstandes zu arbeiten trachten (natürlich nur dann, wenn zu der Person oder zu der Gruppe volles Vertrauen vorhanden ist). Alle übrigen `Demokraten` müssen als Quasi-Demokraten, als liberale Schwätzer scharf zurückgewiesen werden, denn es wäre von Revolutionären unverzeihlich, sich auf sie zu verlassen, und verbrecherisch, ihnen Vertrauen zu schenken [unterstrichen vom Verfasser].

Es ist natürlich wünschenswert, dass die Abteilungen sich miteinander vereinigen, und außerordentlich nützlich, Formen und Bedingungen für die gemeinsame Tätigkeit auszuarbeiten. Aber man darf dabei keinesfalls in das Extrem verfallen, komplizierte Pläne, allgemeine Schemas usw. zu erfinden und der lebendigen Sache durch pedantische Tüfteleien Abbruch zu tun. Die Begleitumstände des Aufstands werden unweigerlich so sein, dass die nichtorganisierten Elemente tausendfach zahlreicher sind als die organisierten; es wird sich nicht vermeiden lassen, dass man sofort, an Ort und Stelle, zu zweit oder allein handeln muss – und man muss sich darauf vorbereiten, auf eigene Faust zu handeln. Verzögerungen und Diskussionen, Säumigkeit und Unentschlossenheit sind der Tod des Aufstands. Mit größter Entschlossenheit und Energie vorgehen, jeden günstigen Augenblick unverzüglich ausnutzen, die revolutionäre Leidenschaft der Menge sofort entfachen, ihr die Richtung zu entschlosseneren und entschlossensten Aktionen weisen – das ist die erste Pflicht des Revolutionärs [unterstrichen vom Verfasser].

Eine ausgezeichnete militärische Übung für die Soldaten der revolutionären Armee, in der sie ihre Feuertaufe erhalten und durch die sie der Revolution ungeheuren Nutzen bringen, ist der Kampf gegen die Schwarzhunderter. Die Abteilungen der revolutionären Armee müssen unverzüglich feststellen, von wem, wo und wie die Schwarzhundertschaften organisiert werden, und dürfen sich dann nicht auf Agitation allein beschränken (das ist nützlich, genügt aber nicht), sondern müssen auch mit Waffengewalt vorgehen, die Schwarzhunderter niederschlagen, sie töten, ihre Stabsquartiere sprengen usw. usf.“ (Lenin, Band 9, Seite 423-427; geschrieben Ende Oktober 1905).

Es kann hier keinen Zweifel daran bestehen, dass der Tag kommt, an dem wir dazu übergehen müssen, die revolutionären Armeen in Abteilungen der internationalen Weltarmee zu verwandeln. Der bewaffnete Aufstand wird in nicht in all zu ferner Zukunft die ganze Welt erfassen, nicht nur als einzelner Vorgang, sondern sich wiederholend und immer mehr ausweitend in die Breite und in die Tiefe – und darauf gilt es sich jetzt schon vorzubereiten !!

Lenin wies also nicht nur die Notwendigleit des Aufstandes nach und rief nicht nur zum Aufstand auf, sondern er forderte auch diesofortige Organisierung einer revolutionären Armee (...). Nur die kühnste, breiteste Organisierung einer solchen Armee kann der Prolog zum Aufstand sein“ (Lenin, Band 9, Seite 180). Die revolutionäre Regierung bezeichnete Lenin alsOrgan des Aufstands“ (Lenin, Band 9, Seite 202). Die revolutionäre Staatsmacht hielt Lenin füreines der größten und höchsten `Mittel` , den politischen Umsturz zu verwirklichen“ (Lenin, Band 9, Seite 245).

Für das Gelingen eines Aufstandes waren für Lenin gleichwohl zwei Einrichtungen notwendig: Die revolutionäre Armee und die revolutionäre Regierung sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Es sind zwei Einrichtungen, die zum Gelingen des Aufstandes und zur Verankerung seiner Errungenschaften gleich notwendig sind. Es sind zwei Losungen, die unbedingt aufgestellt und erläutert werden müssen, weil sie die einzigen konsequenten, revolutionären Losungen sind“ (Lenin, Band 8, Seite 571). Die revolutionäre Regierung muss das `Volk` mobilisieren und seine revolutionäre Aktivität organisieren(Lenin, ebenda, Seite 570). „Vom `Sieg` des Volksaufstandes, von der Errichtung einer provosorischen Regierung sprechen und nicht auf den Zusammenhang dieser `Schritte` und Akte mit der Erkämpfung der Republik hinweisen – das heißt eine Resolution schreiben, nicht um den Kampf des Proletariats zu leiten, sondern hinter der proletarischen Bewegung einherzutrotten“ (Lenin, Band 9, Seite 24) Deswegen die marxistische Formel: Keine revolutionäre Regierung ohne Mitwirkung eines Aufstands und kein Aufstand ohne Mitwirkung einer revolutionären Regierung – ansonsten kann das aufständische Volk nicht siegreich sein – das ist die marxistisch-leninistische Formel des bewaffneten Aufstandes und der aufständischen Regierung als dessen Organ.

Natürlich kann der reale Rückhalt einer solchen Regierung nur der bewaffnete Aufstand sein. Aber die geplante Regierung wird ja auch nichts anderes sein als das Organ dieses schon heranwachsenden und heranreifenden Aufstands. Man durfte die Bildung einer revolutionären Regierung praktisch nicht in Angriff nehmen, solange der Aufstand nicht Ausmaße erreicht hatte, die allen sichtbar, sozusagen allen greifbar waren. Gerade jetzt ist es aber notwendig, diesen Aufstand politisch zusammenzufassen, ihn zu organisieren, ihm ein klares Programm zu geben und alle die schon zahlreich und zahlenmäßig rasch zunehmenden Abteilungen der revolutionären Armee zur Stütze und zu Hebeln dieser neuen, wirklich freien und wirklich vom Volk getragenen Regierung zu machen (Bürger! (...) Stellt die Zahlung aller Abgaben und Steuern ein, richtet alle Anstrengungen auf die Organisierung und Bewaffnung einer freien Volkswehr (...) Wer nicht für die Revolution ist, ist gegen die Revolution. Wer kein Revolutionär ist, der ist ein Schwarzhunderter (...) So etwa denke ich mir die Entwicklung des Sowjets der Arbeiterdeputierten zu einer provisorischen revolutionären Regierung“ (Lenin, Band 10, Seite 10 und 12). Wie wird die zusammengebrochene reaktionäre Regierung also durch eine revolutionäre Regierung abgelöst? Das Organ der Volksmacht, das zeitweilig die Obliegenheiten der zusammengebrochenen Regierung übernimmt, nennt man im schlichten und klaren Russisch provisorische revolutionäre Regierung. Eine solche Regierung muss provisorisch sein, denn ihre Vollmachten laufen ab, sobald eine vom Volk gewählte konstituierende Versammlung zusammentritt. Eine solche Regierung muss revolutionär sein, denn sie löst die zusammengebrochene Regierung ab, gestützt auf die Revolution. Dieser Wechsel kann nicht anders als auf revolutionärem Wege erfolgen“ (Lenin, Band 10, Seite 53). „Die provisorische revolutionäre Regierung ist das Organ des Aufstands, das alle Aufständischen vereinigt und den Aufstand politisch leitet“ (Lenin, Band 10, Seite 54).



Höhepunkt und Niedergang des russischen Aufstandes von 1905

Lenin beurteilte die Ereignisse in Moskau, verglich sie mit den anderen vorausgegangenen Aufständen und schätzte ihren weiteren Entwicklungsprozess trotz erlittener Niederlagen positiv ein:

Wie spärlich diese Nachrichten auch sein mögen, so erlauben sie doch, die Schlussfolgerung zu ziehen, dass der Ausbruch des Aufstandes in Moskau, verglichen mit den anderen Aufständen, keine höhere Stufe der Bewegung darstellt. Weder traten rechtzeitig vorbereitete und gut bewaffnete revolutionäre Kampfabteilungen in Aktion noch ging wenigstens ein gewisser Teil der Truppen auf die Seite des Volkes über, und auch die `neuen` Arten der Volksbewaffnung, die Bomben (die am 26. September [9.Oktober] in Tiflis den Kosaken und Soldaten einen solchen Schrecken eingejagt hatten), kamen nicht umfassend zur Anwendung. Fehlte aber auch nur eine dieser Bedingungen, so konnte weder mit der bewaffnung einer großen Zahl von Arbeitern noch mit dem Sieg des Aufstandes gerechnet werden. Die Bedeutung der Moskauer Ereignisse ist, wie wir bereits festgestellt haben, eine andere: ein großes Zentrum hat dadurch die Feuertaufe erhalten, ein riesiges Industriegebiet ist in den ernsten Kampf einbezogen worden. Das Anwachsen des Aufstandes in Russland verläuft natürlich nicht in einem gleichmäßigen und geradlinigen Aufschwung und kann auch nicht so verlaufen. Am 9. Januar war in Petersburg das vorherrschende Merkmal die rasche und einmütige Bewegung gigantischer Massen, die unbewaffnet waren und nicht in den Kampf traten, aber eine große Kampfeslehre erhielten. In Polen und im Kaukasus zeichnet sich die Bewegung durch eine ungeheure Hartnäckigkeit und eine verhältnismäßig häufigere Anwendung von Waffen und Bomben seitens der Bevölkerung aus. In Odessa bestand das besondere Merkmal im Übergang eines Teils der Truppen zu den Aufständischen. In allen Fällen und immer war die Bewegung in ihrem Kern proletarisch und unlösbar mit dem Massenstreik verbunden. In Moskau verlief die Bewegung in demselben Rahmen wie in einer ganzen Reihe anderer, weniger großer Industriezentren. Vor uns taucht naturgemäß die Frage auf: Wird die revolutionäre Bewegung auf diesem bereits erreichten, `gewohnt` und vertraut gewordenen Entwicklungsstadium stehenbleiben oder wird sie sich auf eine höhere Stufe erheben? Wenn man sich überhaupt auf das gebiet der Einschätzung so komplizierter und unübersichtlicher Ereignisse wagen kann, wie es die Ereignisse der russischen Revolution sind, so gelangen wir unvermeidlich zu der ungleich größeren Wahrscheinlichkeit der zweiten Antwort auf diese Frage. Gewiss, auch die gegebene, bereits erlernte, wenn man sich so ausdrücken darf, Kampfform – Partisanenkrieg, unaufhörliche Streiks, Erschöpfung der Kräfte des Feindes durch Überfälle und Straßenkämpfe bald an dem einen, bald an dem anderen Ende des Landes – auch diese Kampfform ergab und ergibt die ernsthaftesten Resultate. Kein Staat hält auf die Dauer diesen hartnäckigen Kampf aus, der das industrielle Leben lahmlegt, in die Bürokratie und in die Armee völlige Demoralisation hineinträgt und in allen Volkskreisen Unzufriedenheit mit der Lage der Dinge sät. Um so weniger ist die absolutistische Regierung imstande, einen solchen Kampf auszuhalten. Wir können völlig überzeugt sein, dass die beharrliche Fortsetzung des Kampfes, auch wenn er sich in den Formen hält, die von der Arbeiterbewegung bereits hervorgebracht worden sind, unweigerlich zum Zusammenbruch des Zarismus führen wird.

Es ist jedoch im höchsten Grade unwahrscheinlich, dass die revolutionäre Bewegung im heutigen Russland auf der Stufe stehenbleiben wird, die sie gegenwärtig bereits erreicht hat. Im Gegenteil, alle Tatsachen sprechen eher dafür, dass dies nur eine der ersten Stufen des Kampfes ist. Noch haben sich alle Folgen des schmachvollen unmd verderblichen Krieges im Volk bei weitem nicht ausgewirkt. Die Wirtschaftskrise in den Städten und die Hungersnot auf dem Lande steigern die Erbitterung ungeheuer. Die mandschurische Armee ist, nach allen Informationen zu urteilen, äußerst revolutionär gestimmt, und die Regierung fürchtet sich, sie zurückzurufen; aber es ist unmöglich, diese Armee nicht zurückzurufen, denn es drohen sonst neue und noch ernstere Aufstände. Die politische Agitation unter den Arbeitern und der Bauernschaft war in Russland noch nie so umfassend, so planmäßig und so tiefgehend wie jetzt. Die Komödie der Reichsduma wird der Regierung unvermeidlich neue Niederlagen bringen und in der Bevölkerung neue Erbitterung hervorrufen. Der Aufstand ist vor unseren Augen in knapp zehn Monaten ungeheur angewachsen, und es ist weder ein Hirngespinst noch ein frommer Wunsch, sondern eine direkte und unbedingte Schlussfolgerung aus den Tatsachen des Massenkampfes, wenn man feststellt, dass sich der Aufstand binnen kurzem auf eine neue, höhere Stufe erheben wird, auf eine Stufe, wo die Kampfabteilungen der Revolutionäre oder meuternden Truppentzeile der Volksmenge zur Hilfe kommen werden, wo sie den Massen helfen werden, sich Waffen zu verschaffen, wo sie in die Reihen der `zaristischen`(noch zaristischen, denn schon bei weitem nicht mehr völlig zaristischen) Truppen die größten Schwankungen hineingetragen werden, wo der Aufstand zu einem ernsthaften Sieg führen wird, vor dem sich der Zarismus nicht mehr erholen kann.

Die zaristischen Truppen haben in Moskau den Sieg über die Arbeiter davongetragen. Doch dieser Sieg hat die Besiegten nicht entkräftet, sondern sie nur fester zusammengeschweißt, ihren Hass vertieft und sie den praktischen Aufgaben des ernsten Kampfes nähergebracht. Die Truppen beginnen erst jetzt zu erkennen, und zwar nicht nur an hand der gesetze, sondern auch aus eigener Erfahrung, dass sie jetzt einzig und allein zum Kampf gegen den `inneren` Feuind mobilisiert werden. Der Krieg mit Japan ist zu Ende. Doch die Mobilmachung dauert fort, die Mobilmachung gegen die Revolution. Wir fürchten eine solche Mobilmachung nicht, wir stehen nicht an, sie zu begrüßen, denn je größer die Zahl der Soldaten sein wird, die man zum systematischen Kampf gegen das Volk einberuft, desto rascher wird die politische und revolutionäre Aufklärung dieser Soldaten vor sich gehen. Durch die Mobilmachung immer neuer Truppenteile zum Krieg gegen die Revolution schiebt der Zarismus die Entscheidung auf, aber dieser Aufscgub ist von größtem Vorteil für uns, denn in diesem langwierigen Partisanenkrieg lernen die Proletarier kämpfen, während die Truppen unvermeidlich ins politische Leben hineingezogen werden. Und der Ruf dieses Lebens, der Kampfruf des jungen Russlands, dringt sogar durch die dicksten Kasernenmauern, weckt die Unaufgeklärtesten, die Rückständigsten und die Eingeschüchtertsten. Der Ausbruch des Aufstands ist noch einmal unterdrückt worden. Noch einmal: Es lebe der Aufstand!“ (Lenin, „Blutige Tage in Moskau“, Band 9, Seite 337-339). Lenin räumte im Verlauf der revolutionären Ereignisse ein: „Doch diese Bewegung war noch äußerst unbewusst in revolutionärer Beziehung und völlig hilflos im Sinne der Bewaffnung und militärischen Bereitschaft“ (Lenin, Band 9, Seite 351). „Die Moskauer Ereignisse haben die wirkliche Gruppierung der gesellschaftlichen Kräfte gezeigt: Die Liberalen sind von der Regierung zu den Radikalen gerannt, um diesen den revolutionären Kampf auszureden. Die Radikalen haben in den Reihen des Proletariats gekämpft. Vergessen wir diese Lehre nicht“ (ebenda, Seite 353). „Im Großen und Ganzen ist die Bewegung in Moskau nicht bis zu einem entscheidenden Kampf der revolutionären Arbeiter mit den Streitkräften des Zarismus gelangt. Das waren nur kleinere Vorpostengeplänkel, teilweise vielleicht eine militärische Demonstration im Bürgerkrieg, aber keine jener Schlachten, die den Ausgang des Krieges bestimmen (...), dass wir es nicht mit einem Beginn, sondern nur mit einer Probe des entscheidenden Ansturms zu tun haben“ (Lenin, Band 9, Seite 375). „In jedem Krieg machen die Gegner, deren Kräfte sich die Waage halten, eine Weile halt, sammeln Kräfte, rasten, werten die gemachten Erfahrungen aus, bereiten sich vor und – stürzen sich in den neuen Kampf. (...) So war es und so wird es immer sein in jedem großen Bürgerkrieg“ (Lenin, Band 10, Seite 392). Lenin schätzte die Taktik der Regierung im Zustand des relativen Gleichgewichts der kämpfenden Kräfte klar ein:Es ist zweifellos ein Lavieren und ein Rückzug mit Nachhutgefechten. Und das ist eine ganz richtige Taktik vom Standpunkt der Interessen der Selbstherrschaft. Es wäre ein großer Irrtum, eine verhängnisvolle Illusion, wenn die Revolutionäre vergäßen, dass die Regierung noch lange, sehr lange zurückweichen kann, ohne das Wesentliche aufzugeben“ (Lenin, Band 9, Seite 378). „Die Selbstherrschaft hat nicht mehr die Kraft, offen gegen die Revolution vorzugehen. Die Revolution hat noch nicht die Kraft, dem Feind den entscheidenden Schlag zu versetzen. Dieses Schwanken der Kräfte, die sich fast die Waage halten, erzeugt bei der Staatsmacht unvermeidlich Kopflosigkeit und bewirkt, dass sie von Repressalien zu Zugeständnissen, zu Gesetzen über Presse- und Versammlungsfreiheit übergeht“ (Lenin, Band 9, Seite 394-395) und die Daumenschrauben werden etwas lockert, Ventile etwas geöffnet, damit die Empörung des Volkes wieder gefahrlos entweichen und das Machtverhältnis aufrecht erhalten bleiben kann.Verhandlungen mit dem aufständischen Volk, Zurückziehen der Truppen – das ist der Anfang vom Ende. Das zeigt besser als alle Vernunftsgründe, dass sich die militärischen Spitzen im höchsten Grade unsicher fühlten. Das zeigt, dass die Unzufriedenheit unter den Truppen ein wahrhaft erschreckendes Ausmaß erreicht hatte. In Kiew wurden Soldaten verhaftet, die sich geweigert hatten, zu schießen. In Polen gab es ähnliche Fälle. In Odessa hielt man die Infanterie in den Kasernen zurück, weil man sich fürchtete, sie auf die Straße zu führen. In Petersburg begann eine offene Gärung in der Flotte, und man sprach von völliger Unzuverlässigkeit der Garde. Und was die Schwarzmeerflotte betrifft, so ist es bisher nicht gelungen, wirklich die Wahrheit zu erfahren. Schon am 17. Oktober meldeten Telegramme, dass sich das Gerücht von einer neuen Empörung dieser Flotte hartnäckig erhalte, dass von den Behörden, die alle Mittel aufböten, um die Verbreitung von Nachrichten über die Ereignisse zu verhindern, alle Telegramme abgefangen würden. Reiht man alle diese bruchstückhaften Nachrichten aneinander, so kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass die Lage der Selbstherrschaft sogar vom rein militärischen Standpunkt aus verzweifelt war. Zwar wurden noch einzelne Aufstände unterdrückt, zwar nahmen die Truppen noch hier und da Barrikaden, doch diese einzelnen Zusammenstöße entfachten nur die Leidenschaften, steigerten nur die Empörung, rückten nur eine noch mächtigere allgemeine Explosion näher, und gerade davor fürchtete sich die Regierung, da sie sich nicht mehr auf die Truppen verlassen konnte“ (Lenin, Band 9, Seite 432). Der Aufstand der Matrosen und Soldaten in Kronstadt begann am 26. Oktober (8. November) 1905. Die Aufständischen erhoben die Forderungen: Einberufung einer konstitutionellen Versammlung auf Grund allgemeiner Wahlen, Errichtung einer demokratischen Republik, Rede- , Koalitions- und Versammlungsfreiheit, Verbesserung der Lage der Matrosen und Soldaten. Am 28. Oktober (10. November) wurde der Aufstand niedergeschlagen. Das Beispiel von Kronstadt zeigt (...), mag sie [die Regierung – Anmerkung des Verfassers] jetzt Hunderte von Matrosen erschießen, die wieder einmal die rote Flagge gehisst haben – diese Flagge wird noch höher wehen, denn sie ist das Banner aller Werktätigen und Ausgebeuteten in der ganzen Welt[hervorgehoben vom Verfasser], (Lenin, Band 9, Seite 467). Ende November 1905 schrieb Lenin:

Der bewaffnete Aufstand in Kiew macht offenbar noch einen weiteren Schritt vorwärts, den Schritt zur Verschmelzung der revolutionären Armee mit den revolutionären Arbeitern und Studenten. Davon zeugt jedenfalls ein Bericht der `Rus` über ein sechzehntausendköpfiges Meeting im Kiewer Polyklinikum unter dem Schutz eines Pionierbataillons der aufständischen Soldaten“ (Lenin, Band 10, Seite 52).

Wir dürfen mit vollem Recht triumphieren. Das Zugeständnis des Zaren ist in der Tat ein großer Sieg der Revolution, doch entscheidet dieser Sieg noch lange nicht das Schicksal der ganzen Sache der Freiheit. Der Zar hat noch lange nicht kapituliert. Die Selbstherrschaft hat durchaus noch nicht aufgehört zu bestehen. Sie hat nur den Rückzug angetreten und dem Feind das Schlachtfeld überlassen, sie hat in einer äußerst ernsten Schlacht den Rückzug angetreten, aber sie ist noch lange nicht geschlagen, sie sammelt noch ihre Kräfte, und das revolutionäre Volk muss noch viele ernste Kampfaufgaben lösen, um die Revolution zum wirklichen und vollen Sieg zu führen“ (Lenin, Band 9, Seite 430). „Aber das Gleichgewicht der Kräfte schließt den Kampf keineswegs aus, sondern macht ihn im Gegenteil noch schärfer. Der Rückzug der Regierung bedeutet lediglich, wie wir schon sagten, dass sie eine neue, von ihrem Standpunkt aus günstigere Kampfstellung bezieht“ (Lenin, Band 9, Seite 450). „Alles gewähre ich, außer der Macht – erklärt der Zarismus. Alles ist Blendwerk, außer der Macht – erwidert das revolutionäre Volk“ (Lenin, Band 9, Seite 452). „Wer für die Freiheit des Volkes kämpft, ohne für die volle Macht des Volkes im Staate zu kämpfen, der ist entweder inkonsequent oder unaufrichtig“ (Lenin, Band 10, Seite 388).

Sind die Klassengegner kräftemäßig ebenbürtig, das Kräfteverhältnis ausgeglichen, dann wird der Sieg um so schwerer zu erringen sein, dann ist die Wahrscheinlichkeit besonders groß, dass sich der Kampf in die Länge zieht, dass die Anstrengungen und Verluste auf beiden Seiten außerordentlich zunehmen können, dass es auf die Mobilisierung der Reserven, auf das Durchhaltevermögen in einem Stellungs- oder Belagerungskrieg und viele anderer Faktoren ankommt, dass die Fronten komplizierter und härter werden, dass er sich ausweitet und die Entscheidung auf sich warten lässt, dass derjenige eine Niederlage erleidet, dessen Kräfte schließlich zuerst erschöpft sind. In Patt-Situationen kann häufig nur die bessere Kriegskunst über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Solange die Macht in den Händen des Klassenfeindes ist, kann er dieses Gleichgewicht auf der Waage der sich im Krieg befindlichen antagonistischen Klassenkräfte zu halten versuchen, kann er abwarten und seine konterrevolutionären Kräfte sammeln, hat er Zeit, um seiner Kopflosigkeit wieder Herr zu werden – zu mehr reicht seine Kraft allerdings nicht. Die Kräfte der Konterrevolution reichen an einem bestimmten Punkt nicht mehr aus, um die Revolution aufzuhalten und niederzuringen. Auf der Seite der Revolution sind die Kräfte an jenem Punkt jedoch für einen Sieg noch nicht ausreichend, um den entscheidenden Schlag zu führen. Für die Konterrevolution ist es unvorteilhaft, vorzugehen und anzugreifen in einem solchen Moment, während für das Proletariat und für seine Verbündeten dieser Zustand noch viel zu unbefriedigend und kritisch ist, denn: Wenn wir nicht noch eine Stufe höher steigen, wenn wir die Aufgabe des selbständigen Angriffs nicht bewältigen, wenn wir die Kräfte des Zarismus nicht brechen, seine faktische Macht nicht zerstören, dann wird die Revolution halbschlächtig sein, dann wird die Bourgeoisie die Arbeiter nasführen(Lenin, Band 9, Seite 416) und das trat ja denn auch ein: “Die Verschwörung ist da. Man hat beschlossen, den Streik durch Massenentlassungen von Arbeitern zu bekämpfen(...) Man will das durch den vorangegangenen Kampf erschöpfte Petersburger Proletariat zu einer neuen Schlacht unter den ungünstigsten Bedingungen provozieren“ (Lenin, Band 10, Seite 37); „Die Schwarzhunderter fingen an zu wüten. (...) Es herrscht der weiße Terror. (...) Die Konterrevolution tobt sich aus. (...) vom Finnischen Meerbusen bis zum Schwarzen Meer – überall ein und dasselbe Bild (..) Racheakte und `Revanche`“ (Lenin, Band 9, Seite 453/454). „Zu einem solchen Zeitpunkt ist es wichtiger denn je, alle Bemühungen auf die Vereinigung der Armee der Revolution in ganz Russland zu richten, ist es wichtig, die Kräfte zu schonen, die eroberten Freiheiten zu verhundertfachter Agitation und Organisation auszunutzen und sich auf neue entscheidende Schlachten vorzubereiten“ (Lenin, Band 10, Seite 37/38), damit die konterrevolutionäre Provokation des durch den Aufstand kräftemäßig verausgabten und regenerierungsbedürftigen Proletariats missglückt.

Dieses oben erwähnte relative Gleichgewicht der Kräfte wird auch eines Tages unvermeidlich im Weltmaßstab in Erscheinung treten, müssen wir aus der Taktik von 1905 die richtigen Schlussfolgerungen ziehen – und die weltrevolutionäre Flutwelle wird scheinbar wieder abflauen, um erneut anzuschwellen – die internationale Konterrevolution wird gnadenlos und die Opfer der Racheakte zahlreich sein, aber mit jeder `Revanche`gegen die Weltrevolution wird auch die internationale Konterrevolution ein weiteres Stück zersetzt und die Macht der Weltbourgeoisie unaufhaltsam dahinschwinden. Aber die Weltrevolutionäre dürfen sich heute nach 2 Weltkriegen, mitten in den permanent fortgesetzten Kriegen in der „Friedensperiode“ zwischen den Weltkriegen, nicht der Illusion hingeben, dass die Weltbourgeoisie und ihre Regierungen auf dieser Erde nicht mehr genug Rückzugsraum vorfinden, dass das System des Weltkapitalismus nicht noch eine ganze Weile überlebensfähig bleibt, dass die Weltmacht des Imperialismus im Wesentlichen noch eine gewisse Periode bestehen bleibt, und dass das Weltproletariat an der Spitze der Völker noch so manche internationale Schlacht zu schlagen hat, insbesondere gegen solche Kräfte in den eigenen Reihen, die dem Weltimperialismus erst diese Rückzugs- und Regenerationsräume für den nächsten Weltkrieg ermöglichen, dadurch dass sie Verrat am Weltproletariat, Verrat an den revolutionären Völkern üben. Wenn sich der Feind zurückzuziehen versucht, muss man ihn verfolgen – darf man ihm keine Atempause gönnen. Wenn der Feind sich vom Schlachtfeld zurückzieht, ist das nur der halbe Sieg. Je leichter sich der Gegener zurückziehen kann, desto schneller und gestärkter wird er auch wieder auf das Schlachtfeld zurückkehren – nur besser vorbereiten und ausgerüstet, wird unser Sieg nicht leichter zu erkämpfen sein, wenn wir nicht unsererseits noch besser vorbereitet und noch gerüsteter sein werden, um die Revolution auf der Welt immer wieder erneut zu entflammen. Der III. Parteitag der SDAPR war eines der ersten Initiativen für die Entflammung Europas, zur Entfaltung der Weltrevolution:

Der III. Parteitag der SDAPR beschloss im Mai 1905 `die Aufgabe, das Proletariat zum unmittelbaren Kampf gegen die Selbstherrschaft auf dem Wege des bewaffneten Aufstands zu organisieren`. (...) Zum ersten Mal in der Weltgeschichte war eine so hohe Stufe der Entwicklung und eine so große Stärke des revolutionären Kampfes erreicht, dass der bewaffnete Aufstand in Verbindung mit dem Massenstreik, dieser spezifischen proletarischen Waffe, in Erscheinung trat. Es ist klar, dass diese Erfahrung für ALLE proletarischen Revolutionen von überragender Bedeutung ist. (...) Durch die Massenstreiks und bewaffneten Aufstände wurde die Frage der revolutionären Macht und der Diktatur von selbst auf die Tagesordnung gestellt, denn diese Kampfmethoden führten unvermeidlich – zunächst im örtlichen Maßstab – zur Verjagung der alten Behörden, zur Ergreifung der Macht durch das Proletariat und die revolutionären Klassen, zur Vertreibung der Gutsbesitzer, mitunter zur Besetzung von Fabriken usw. usf. Der revolutionäre Massenkampf jener Zeit rief solche in der Weltgeschichte noch nie dagewesene Organisationen ins Leben wie Sowjets der Arbeiterdeputierten, sodann auch Sowjets der Soldatendeputierten, Bauernkomitees usw. Die Hauptfragen (Sowjetmacht und Diktatur des Proletariats), die heute im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der klassenbewussten Arbeiter der ganzen Welt stehen, waren somit bereits Ende 1905 praktisch gestellt worden“ ( Lenin, Band 31, Seite 333-334, „Geschichtliches zur Frage der Diktatur), dt. Ausgabe).

Die Ereignisse haben alle, selbst Leute die dem Marxismus gänzlich fernstehen, gelehrt, die Zeitrechnung der Revolution mit dem 9. Januar 1905 zu beginnen, d.h. mit der ersten bewusst politischen Bewegung von Massen, die einer bestimmten Klasse angehören“ (Lenin, Band 13, Seite 107). „Die `Koalition von Proletariat und Bauernschaft`, die in einer bürgerlichen Revolution siegt, ist nichts anderes als die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft (...) . Bei uns ist der Sieg der bürgerlichen Revolution als Sieg der Bourgeoisie unmöglich“ (Lenin, Band 15, Seite 45 und 46).

Es ist das weltgeschichtliche Verdienst des Bolschewismus, dass er in der Revolution von 1905 vom ersten Schritt an eine Strategie und Taktik des Kampfes entwickelte, die den Verhältnissen der neuen Epoche entsprachen und die Arbeiterklasse zur bewussten Erkenntnis der vor ihr stehenden historischen Aufgaben erzogen. Lenin notierte 1905 den Aufstand als internationalistische Aufgabe: Europa entflammen!“ (Lenin, Band 9, Seite 202). „Das Proletariat wird sich nicht mehr nur mit dem Mittel des friedlichen Streiks, sondern mit der Waffe in der Hand sowohl für Russlands als auch für Polens Freiheit erheben“ (Lenin, Band 10, Seite 9). Und Stalin wertete den proletarischen Aufstand, den revolutionären Aufstand der Soldaten und Matrosen ebenfalls als internationalistische, weltrevolutionäre Aktion:Der Aufstand der deutschen Flotte ist höchster Ausdruck der sich entfaltenden sozialistischen Weltrevolution in ganz Europa“ (Stalin- Geschichte der KpdSU).

Lenin bezeichnete 1905 Europa alsReserve der russischen Revolution. Die Zeiten sind vorüber, da die Völker und Staaten abgesondert voneinander leben konnten. Schaut euch um: Europa ist schon in Wallung. Seine Bourgeoisie ist bestürzt und bereit, Millionen und Milliarden herzugeben, nur um der Feuersbrunst in Russland Einhalt zu gebieten. Die Herrscher der europäischen Militärmächte erwägen eine militärische Unterstützung des Zaren. Wilhelm hat bereits einige Kreuzer und zwei Torpedoboots-Divisionen entsandt, um eine direkte Verbindung zwischen der deutschen Soldateska und Peterhof herzustellen. Die europäische Konterrevolution reicht der russischen Konterrevolution die Hand. Versuchen Sie es, versuchen Sie es, Bürger Hohenzollern! Auch wir haben eine europäische Reserve der russischen Revolution, die internationale revolutionäre Sozialdemokratie. Die Arbeiter der ganzen Welt begrüßen mit glühender Begeisterung den Sieg der russischen Arbeiter, und im Bewusstsein der engen Verbindung zwischen den Abteilungen der internationalen Armee des Sozialismus rüsten auch sie zum großen und entscheidenden Kampf“ (Lenin, Band 9, Seite 437). Dies ist eine bedeutsame und hervorragende Sichtweise Lenins, auf die sich die ganze weltproletarische Militärwissenschaft heute mehr denn je stützt, auf der die Notwendigkeit der Schaffung einer proletarischen revolutionären Weltarmee beruht! Und es werden sich schließlich umgekehrt die Reserven der sozialistischen Revolutionen in den einzelnen Ländern in Reserven der proletarischen sozialistischen Weltrevolution verwandeln. Lenin hat uns stets gemahnt, nie zu vergessen, dass der volle Sieg der Revolution in einem Land auf dem Bündnis des revolutionären Proletariats dieses oder jenes Landes mit den sozialistischen Arbeitern aller Länder beruht und engstens mit ihnen verknüpft ist sowie umgekehrt, dass der volle Sieg der Weltrevolution auf den siegreichen Revolutionen in den einzelnen Ländern beruht und eng mit ihnen verknüpft ist.

Lenin unterzog unzählige Aufstände einer materialistisch - historischen Analyse, verglich sie miteinander und arbeitete ihre Unterschiedlichkeit heraus, insbesondere untersuchte er die jeweiligen konkreten Ursachen und Entstehungsgeschichte von Aufständen, verallgemeinerte die Erfahrungen, die Gründe für Sieg und Niederlage und zog daraus für die konkrete Vorbereitung, Durchführung und Leitung von Aufständen wertvolle Schlussfolgerungen, gab taktische Direktiven praktisch-organisatorischen Charakters soohl für den Fall des Sieges als als auch für den Fall der Niederlage des Aufstandes, also für einen geordneten Rückzug – und Lenin erwies sich in dieser Hinsicht als bester Schüler von Marx und Engels. An den einzelnen Kämpfen und Ausbrüchen lernt das Volk, was Revolution ist – und Lenins vortreffliche Sache war es, nicht hinter den Aufgaben der Stunde zurückzubleiben, sondern stets imstande zu sein, die nächstfolgende, höhere Stufe des Kampfes aufzuzeigen, die Erfahrungen und Lehren der Vergangenheit und der Gegenwart zu verwerten und die Arbeiter und Bauern immer nachdrücklicher und eindringlicher aufzufordern, vorwärts, immer weiter vorwärts zu stürmen, bis zum vollständigen Sieg des Volkes. Und Lenin ging noch weiter: Er richtete sein Augenmerk auch auf die Revolutionen in Westeuropa und stellte die notwendigen Verbindungen des russischen Aufstandes mit der internationalen Sozialdemokratie her, um zu verhindern, dass die europäische Bourgeoisie die europäischen Völker zwingt, die Rolle der Henker der russischen Freiheit zu spielen“ (Lenin, Band 8, Seite 558).

So verurteilte Lenin im europäischen Maßstab, dass die russische Konterrevolution die nationalen Grenzen zu überschreiten versuchte und deswegen bedeutete für Leninjedes Abweichen von der [internationalistischen – Anmerkung des Verfassers] Aufgabe des Aufstandes (...) , jede Ausflucht vor der Notwendigkeit, sich am Aufstand zu beteiligen [ + jede Ausflucht vor der Notwendigkeit, sich gegen die Bekämpfung des Aufstandes von außen aktiv zu beteiligen - eben im Lenin`schen Sinne des proletarischen Internationalismus – Anmerkung des Verfassers], eine Kapitulation vor der Bourgeoisie, eine Verwandlung des Proletariats in ihren Trabanten. Das Proletariat hat noch nirgends in der Welt und noch kein einziges Mal die Waffen aus der Hand gegeben, wenn ein ernsthafter Kampf entbrannt war; es ist noch kein einziges Mal vor dem verfluchten Erbe der Unterdrückung und Ausbeutung zurückgewichen, ohne dass es seine Kräfte mit dem Feind gemessen hätte“ (Lenin, Band 9, Seite 255-56). „Vom Aufstand, von seiner Kraft, vom natürlichen Übergang zu ihm zu sprechen und nichts über die revolutionäre Armee zu sagen, ist Unsinn und Konfusion, und zwar um so mehr, je besser mobilisiert, die konterrevolutionäre Armee ist“ (Lenin, Band 9, Seite 365). Heute von Weltrevolution, von ihrer Kraft zu reden, vom natürlichen Übergang zu ihr sprechen, ohne etwas über die revolutionäre Weltarmee zu sagen, ist mit den Worten Lenins ausgedrückt ebenso Unsinn und Konfusion, und zwar um so mehr, je besser mobilisiert die internationale konterrevolutionäre Armee ist !! Und das ist ja wohl zweifellos der Fall wie man täglich sieht oder etwa nicht? Von den Weltrevolutionären wird die revolutionäre Weltarmee nur von denjenigen ignoriert, die hoffnungslos im Schlepptau der Revisionisten einhertrotten. Die Unverzichtbarkeit der revolutionären Weltarmee ist der einzig richtige, der marxistisch-leninistische Weg; jeder Weg ohne sie ist revisionistisch ! Der Erfolg der Weltrevolution hängt ab 1. von der weltrevolutionären Agitation und Organisation, von der moralischen Kraft und 2. von der materiellen Kraft , der revolutionären Weltarmee, wobei die erste Bedingung längst anerkannt, die zweite aber noch längst nicht anerkannt ist, ja man kann sagen, dass sie eigentlich und tatsächlich erst erkannt wurde von der Komintern/ML und insbesondere durch dieses Lehrbuch und... dass es bis zu ihrer vollständigen (praktischen) Anerkennung noch entscheidender Kämpfe in der Zukunft bedarf. Aber die revolutionäre Weltarmee wird kommen, daran kann kein Zweifel sein, und das wird niemand weder ignorieren noch verhindern können!

Lenin veranschaulichte treffend die Haltung der damaligen menschewistischen Opportunisten („Neuiskristen“) zum Aufstand, ( -* und wir sprechen ja heute auch von den Revisionisten als „Feuerlöscher der Revolution“ - ) indem Lenin folgenden Vergleich heranzog:

Anstatt das Feuer dadurch zu schüren, dass man die Fenster einschlägt und dem frischen Luftzug der Arbeiteraufstände Zutritt gewährt, mühen sie sich im Schweiße ihres Angesichts, Spielzeugblasebälge zu erfinden und die revolutionäre Glut der Oswoboshdenzen [ „Bund der Befreiung“ 1902-1905; Organisation der liberalen Bourgeoisie unter Führung von P. B. Struve; Kern der liberal-monarchistischen Kadettenpartei , die später Vertreterin der imperialistischen Bourgeoisie wurde – Anmerkung des Verfassers ] dadurch anzublasen, dass sie ihnen närrische Forderungen und Bedingungen stellen (...) Einen wirklichen und nicht eingebildeten Druck kann man nur durch den Aufstand ausüben. Sobald der Bürgerkrieg das ganze Land erfasst, wird der Druck durch militärische Gewalt, in offener Schlacht ausgeübt, und alle anderen Versuche, einen Druck auszuüben, sind hohle und erbärmliche Phrasen“ (Lenin, Band 9, Seite 254). [Und es muss nicht extra wieder angemerkt werden, dass dies auch auf die Aufstände in allen Ländern, auf den internationalen Bürgerkrieg, auf das offene internationale Schlachtfeld zutrifft, wovon Lenin immer wieder gesprochen hat].

Für die Bourgeoisie ist die präventive Feuerbekämpfung von Aufständen die effektivste. Kann sie das Ausbrechen eines Aufstandes trotzdem nicht verhindern, bekämpft sie zunächst das Zentrum des Brandherdes, bekämpft sie das Feuer da, wo es sich nährt, richtet sie sich gegen die „Rädelsführer“, „Aufrührer“ und „Brandstifter“, die das Feuer schüren, bekämpft sie die Organisierung der Aufständischen. Treten die Brandherde an unabhängigen Orten einer nach dem anderen auf, kann jeder auch einer nach dem anderen gelöscht werden, bevor es zur Vereinigung und Zusammenfassung aller Teilbrände kommt; einzeln sind die Ausbrüche machtlos, das weiß auch die Konterrevolution, also versucht sie Schneisen zu legen. Hat sich der Brand aber erst einmal im Volk ausgebreitet zu einem unaufhaltsamen Feuersturm, wird es immer schwerer und schließlich unmöglich sein, den Aufstand mit der „Feuerwehr“ zu bekämpfen, und dann mischt man sich unter das Volk, um es zu betrügen und von „unten“ bzw. von „innen“ her die erhitzten Gemüter zu besänftigen und wieder die Macht zurückzuerobern. Aufstände sind nicht gleich Aufstände und deswegen muss man genau wissen, welchen man schüren [nicht zu verwechseln mit künstlichem Schüren!) und welchen man aufhalten muss. Auch die Bourgeoisie hat im Laufe der Geschichte gelernt, dass sie mit selbst provozierten Aufständen die für sie tatsächlich bedrohlichen und gefährlichen Aufstände bekämpfen können, dass man ihnen zuvorkommen kann, so wie die Feuerwehr bestimmte Brände legt, Gegenfeuer entfacht, um die Ausbreitung des eigentlichen Brandes einzudämmen oder zu verhindern: kurz, den Aufstand mit der Waffe des „Aufstandes“ zu schlagen. 1. Alles vermeiden, um einen Aufstand zu provozieren; Konfliktvermeidungsstrategien 2. Alles tun, um den Aufstand zu provozieren, um die Konzentration und Zentralisierung der aufständischen Kräfte vor der Entscheidungsschlacht aufzureiben und in die Organisierung mit Saboteuren und Provokateuren einzudringen – die Konterrevolution als „l` agent provocateur“. 3. Erbarmungslose Hetzjagd auf die niedergeschlagenen Aufständischen – Rachefeldzug; „Lehre erteilen“; dann wieder bis zum nächsten Aufstand 1.; 2.; 3.; usw.usf.

Ist die gesamte Bevölkerung zum „inneren Risiko“ geworden, sind Polizei und Armee auf sich allein gestellt schnell am Ende ihres „Lateins“. Mit Verfolgung revolutionärer Agitatoren kommt die Regierung nicht weiter, also schickt die Bourgeoisie ihre eigenen Gegenagitatoren ins Volk und hetzt die Medien gegen sie auf. Revolutionäre Organisationen unterdrücken, damit kann sich die Regierung nicht mehr begnügen, also organisiert sie selber ihre konterrevolutionären Verbände. Der Aufstand zwingt die Regierung nicht nur zu zittern, sondern Gegenrevolutionen zu inszinieren, und so organisiert die Konterrevolution ihre eigenen Aufstände, entfesselt sie den Bürgerkrieg. Aus Angst vor der Revolution greift die Regierung selber zu Waffen der Revolution: zur Organisation, zur Propaganda und Agitation. Mit diesem zweischneidigen Schwert, mit der die Regierung Schauspiele der Volksempörung inszeniert, maskiert sie ihren Faschismus/Sozialfaschismus, richtet sie ihren Staatsterror „legal“ gegen das aufständische Volk. Unterdrückung erzeugt bekanntlich den Kampf gegen die Unterdrückung, und der Kampf gegen die Unterdrückung erzeugt wiederum Gegenunterdrückung – ohne Revolution keine Gegenrevolution, ohne bewaffnete Gegenrevolution keinen bewaffneten revolutionären Kampf etc. Nun hat es in der Geschichte nicht wenige Beispiele gegeben, wo sich ausgerechnet die Konterrevolution der Kunst des Aufstandes bedient hat, um damit der Revolution zuvorzukommen und sie zu erwürgen, bevor sie ausbricht. All das muss stets auf die internationale Leinwand projeziert werden, denn die Weltbourgeoisie ist schon lange zur ihrer mehr oder weniger koordinierten internationalen Brandbekämpfung übergegangen, wird sie ihre Anstrengungen auf diesem Gebiet mit allergrößter Wahrscheinlichkeit weiter erhöhen – und zwar in dem Masse, wie die revolutionären Brände sich internationalisieren.

Schwer und mühselig ist der Weg der russischen Revolution. Jedem Aufschwung, jedem Teilerfolg folgt eine Niederlage, folgt Blutvergießen, folgen wüste Ausschreitungen der Selbstherrschaft gegen die Freiheitskämpfer. Doch nach jeder `Niederlage` wird die Bewegung immer breiter, der Kampf immer umfassender, die Masse der Klassen und Gruppen des Volkes, die in den Kampf hineingezogen werden und an ihm mitwirken, immer größer. Jedem Ansturm der Revolution, jedem Schritt vorwärts in der Organisierung der streitbaren Demokratie folgt ein geradezu wütender Ansturm der Reaktion, folgt ein Schritt vorwärts in der Organisierung der Schwarzhunderterelemente im Volk, jedesmal wächst die Unverfrorenheit der Konterrevolution, die verzweifelt um ihr Dasein kämpft. Aber die Kräfte der Reaktion schwinden trotz aller ihrer Anstrengungen unaufhaltsam. Auf die Seite der Revolution tritt ein immer größerer Teil der Arbeiter, Bauern und Soldaten, die gestern noch indifferent waren oder im Lager der Schwarzhunderter standen. Illusion um Illusion wird zerstört, immer mehr fallen die Vorurteile, die das russische Volk zu einem vertrauensseligen, geduldigen, treuherzigen, ergebenen, alles ertragenden und alles vergebenden Volk machten. Der Selbstherrschaft sind zahlreiche Wunden geschlagen, aber sie ist noch nicht tot. Sie steckt vom Kopf bis zu den Füßen in Binden und Bandagen, aber sie hält sich noch aufrecht, lebt noch, ja sie schlägt um so wütender um sich, je mehr sie blutet“ (Lenin, Band 11, Seite 122).

Mit provozierten Aufständen hat die Bourgeoisie schon bereits im 19. Jahrhundert ausprobiert, welche Wirkung ein kleiner „Aderlass“ hat. Zum blutig niedergeschlagenen Arbeiteraufstand vom Juni 1848 sagte Engels:

Es war das erste Mal, dass die Bourgeoisie zeigte, zu welcher wahnsinnigen Grausamkeit der Rache sie aufgestachelt wird, sobald das Proletariat es wagt, ihr gegenüber als aparte Klasse mit eigenen Interessen und Forderungen aufzutreten. Und doch war 1848 noch ein Kinderspiel gegen ihr Wüten von 1871“ (Engels, MEW, Band 22, Seite 190).

Lenin verglich u.a. die Lehren aus der französischen Umwälzung der bürgerlichen Demokratie 1789 mit den Aufständen in Deutschland in den Jahren 1848 und 1849 und stellte fest, dass sie in Frankreich verwirklicht wurde, aber in Deutschland unvollendet blieb. Diese Besonderheiten sind auch der Bourgeoisie nicht unbekannt gewesen. Lenin kritisierte daher gerade solche bürgerlichen Schreiberlinge, die nur deswegen den deutschen Weg gegenüber dem französischen Weg vorzogen, weil sie von der Konterrevolution leichter einzudämmen waren. In den Jahren 1848 und 1849 gab es in Deutschland eine ganze Reihe von Aufständen und sogar provisorischen revolutionären Regierungen. Doch keiner dieser Aufstände war völlig siegreich. Der erfolgreichste Aufstand, der Berliner Aufstand vom 18. Märt 1848, endete nicht mit dem Sturz der Königsmacht, sondern mit Zugeständnissen des an der Macht gebliebenen Königs, der sich von der Teilniederlage sehr rasch erholen und alle diese Zugeständnisse zurücknehmen konnte. Der gelehrte Historiker der Bourgeoisie fürchtet also nicht die Aufstände des Volkes. Er fürchtet den Sieg des Volkes. Er fürchtet nicht, dass das Volk der Reaktion, der Bürokratie, der ihm verhassten Bürokratie, einen kleinen Denkzettel geben könnte. Er fürchtet den Sturz der reaktionären Macht durch das Volk. Er hasst die Selbstherrschaft und wünscht von ganzem Herzen ihren Sturz, Russlands Untergang aber erwartet er nicht von der Erhaltung der Selbstherrschaft, nicht von der Vergiftung des Volksorganismus durch das langsame Verfaulen des nicht abgetöteten Parasiten der monarchistischen Regierungsmacht, sondern vom vollen Sieg des Volkes (Lenin, Band 9, Seite 237).

Die Konterrevolution hat schon so manchen Aufstand provoziert und so manche Arbeiterklasse hat diesen Provokationen nicht widerstanden, so die Provokation eines rumänischen Bergarbeiteraufstandes zum Schutz des sozialfaschistischen Regimes gegenüber der rumänischen Bewegung für das ausländische Kapital. Das rumänische Proletariat hätte zunächst das eigene sozialfaschistische Regime stürzen und sogleich den revolutionären Kampf gegen die Vertreter des ausländischen Kapitals aufnehmen müssen. Die Arbeiterklasse kann sich weder auf die eine noch auf die andere Seite stellen, sie kann sich nur auf den Standpunkt ihrer eigenen Interessen stellen, wenn sie sich für den Weg des Aufstandes entschlossen hat.Proletarierblut ist zu kostbar, als dass man es ohne Not und ohne Hoffnung auf den Sieg vergießen dürfte“ (Lenin, Band 10, Seite 439). Die vom Geheimdienst provozierten Aufstände haben das Blut der Arbeiter somit nur vergossen, um sie noch tiefer ins Elend zu stürzen und der arbeiterfeindlichen Regierung noch fester in den Sattel zu helfen. Doch diese aufständischen Arbeiter sind durch eine harte Schule gegangen, in der sie gestählt und desillusioniert wurden. Es sind gerade diese aufständischen Arbeiter, die zukünftigen Provokationen am diszipliniertesten widerstehen werden. Die Beseitigung der Desillusionen, die ein provozierter Aufstand bei den Arbeitern hinterlassen hat, ist die erste Voraussetzung für den Sieg eines jeden erneuten Aufstandes, der sich ausschließlich auf die Selbständigkeit und auf die eigenen Kräfte der Aufständischen stützt, die sich nicht missbrauchen und nicht wieder in feindliches Gewässer manövrieren lassen, auch wenn es mit roter Tarnfarbe überstrichen ist.

Wir revolutionären Sozialdemokraten erblicken in den Aufstandsversuchen den Beginn des Aufstandes der Massen, einen missglückten, verfrühten, unrichtigen Beginn, aber wir wissen, dass die Massen den erfolgreichen Aufstand nur an Hand der Erfahrung missglückter Aufstände erlernen (...) Die durch die Kaserne am ärgsten eingeschüchterten Arbeiter und Bauern haben begonnen, sich zu erheben – so sagen wir. Daraus ergibt sich die klare und direkte Schlussfolgerung: man muss ihnen erläutern, um welcher Ziele willen und wie der erfolgreiche Aufstand vorzubereiten ist.

Die Liberalen urteilen anders: Die Soldaten werden zu `verzweifelten Protestausbrüchen` `getrieben` , sagen sie. Für die Liberalen ist der aufstämdische Soldat nicht Subjekt der Revolution, nicht der erste Vorbote der sich erhebenden Massen, sondern ein Objekt der Regierungswillkür (`man treibt ihn zur Verzweiflung`), das zur Demonstrierung dieser Willkür dient. Seht, wie schlecht unsere Regierung ist, dass sie die Soldaten zur Verzweiflung treibt und sie dann mit der Kugel zur Ruhe bringt – sagt der Liberale. (Schlussfolgerung: Seht ihr, wenn wir Liberalen an der Macht wärem, so gäbe es bei uns keine Soldatenaufstände.)

Seht, wie die revolutionäre Energie im Schoße der breiten Massenm heranreift – sagt der Sozialdemokrat-, wenn sogar die durch den Kasernenhofdrill niedergedrückten Soldaten und Matrosen sich zu erheben beginnen und dadurch, dass sie ihren Aufstand schlecht machen, lernen, wie man einen erfolgreichen Aufstand macht“ (Lenin, Band 18, Seite 374; 1912).

Jeder Aufstand, der mit einer Niederlage endet, bereitet den nächsten Aufstand vor, schafft sich die Bedingungen, die notwendig sind für einen erfolgreichen Ausgang des nächsten Aufstandes, lässt ungelöste Widersprüche offen, die sich verschärfen und erneut jene revolutionäre Situation heranreifen lassen, die einen erneuten Aufstand unvermeidlich macht. Solch eine günstige Situation sah Lenin 1905 gegeben, als sich Russland in einem volksfeindlichen Krieg befand und als der asiatische Konservatismus der Selbstherrschaft seine Fratze zeigte (siehe Lenin, Band 8, Seite 389).

Wann wird die taktische Losung des Aufstandes wieder von der Tagesordnung gestrichen?

Die Frage, wann die aufständischen proletarischen Kräfte „erschöpft“ sind, wann die Losung des Aufstandes abgesetzt werden müsse, ist eine äußerst wichtige und ernste Frage, die die Partei klipp und klar zu beantworten hat. Der Zeitpunkt der Absetzung der Losung des bewaffneten Aufstandes ist mindestens genauso wichtig wie der Zeitpunkt ihres Ausgebens – manchmal sogar noch wichtiger, was – wie die Erfahrung zeigt – häufig falsch eingeschätzt bzw. unterschätzt wird. Deswegen hat sich Lenin intensiv mit dieser Frage beschäftigt und sie nicht dem Zufall, nicht der spontanen Bewegung überlassen, sondern ist wissenschaftlich an diese Frage herangegangen durch ökonomische Analyse, durch Feststellung der politischen Bestrebungen der verschiedenen Klassen, durch Untersuchung der Bedeutung der ideologischen Strömungen. Erst wenn all das bewiesen ist, werden wir alle Reden über den Aufstand für Phrasendrescherei erklären“ (Lenin, Band 11, Seite 349). Lenin bestand darauf hinzuweisen,dass es unsere Pflicht ist, den spontanen Aufstand in einen planmäßigen Aufstand umzuwandeln, indem wir zäh und beharrlich, im Laufe langer Monate oder vielleicht sogar Jahre an dieser Umwandlung arbeiten, nicht aber, uns vom Aufstand loszusagen, wie das alle möglichen Judasse tun“ (ebenda, Seite 350).

Nur wegen einer vorübergehend resignativen, gedrückten Stimmung, wegen einer Verschnaufpause darf man nicht den bewaffneten Aufstand von der Tagesordnung streichen. Erst dann, als Marx die unausbleibliche `Erschöpfung` der `wirklichen Revolution` sah – erst dann änderte er seine Ansicht. Und nachdem er seine Meinung geändert hatte, forderte er direkt ind offen, die Taktik grundlegend zu ändern und die Vorbereitung des Aufstandes völlig einzustellen“ (Lenin, Band 10, Seite 129). „Die äußere Ähnlichkeit der Dezemberniederlage der Arbeiter in Moskau mit der Juniniederlage der Arbeiter in Paris (1848) steht außer Zweifel. Hier wie dort wurde der bewaffnete Aufstand der Arbeiter von der Regierung `provoziert`, ehe die Arbeiterklasse genügend organisiert war. Hier wie dort siegte die Reaktion trotz des heroischen Widerstands der Arbeiter“ (Lenin, Band 10, Seite 130-131). Lenin unterstützte die Schlussfolgerungen, die der damals noch revolutionäre Kautsky aus einem Vergleich des russischen und französischen Aufstandes zog:

Vier grundlegende Unterschiede sieht Kautsky zwischen der Pariser Niederlage (1848) und der Moskauer Niederlage (1905) des Proletariats.

Erstens, die Niederlage von Paris war die Niederlage ganz Frankreichs. Nichts degleichen kann man von Moskau sagen. Die Arbeiter von Petersburg, Kiew, Odessa, Warschau und Lodz stehen noch ungebrochen da. Wenn auch von dem furchtbar schweren kampf erschöpft, der sich nun schon ein volles Jahr hinzieht, sind sie dennoch nicht entmutigt und sammeln nur Kräfte, um das Ringen um die Freiheit von neuem aufzunehmen.

Zweitens, ein noch wesentlicherer Unterschied besteht darin, dass die Bauern 1848 in Frankreich auf Seiten der Reaktion standen, während sie 1905 in Russland auf Seiten der Revolution stehen. Bauernaufstände lodern. Ganze Armeen sind aufgeboten, sie zu unterdrücken. Diese armeen verwüsten das Land, wie nur Deutschland im Dreißigjährigen Krieg verwüstet wurde. Die militärischen Exekutionen mögen die Bauern eune Zeitlang einschüchtern, aber sie vermehren nur ihr Elend, machen ihre Lage noch auswegloser. Sie werden unvermeidlich, ähnlich den Verwüstungen des Dreißugjährigen krieges, immer wieder neue Menschenmassen erzeugen, die genötigt sind, der bestehenden Ordnung den Krieg zu erklären, die das Land nicht zur Ruhe kommen lassen und bereit sind, sich jedem Aufstand anzuschließen.

Der dritte, außerordentlich wichtige Unterschied ist der Folgende: Die Revolution von 1848 war vorbereitet worden durch die Krise und die Hungersnot von 1847. Die Reaktion stützte sich auf das Ende der krise und den Aufschwung der Industrie. `Das jetzige Schreckensregiment in Rusland muss dagegen zur Verschärfung der wirtschaftlichen Depressopn führen, die seit Jahren auf dem Lande lastet`. Die Hungersnot von 1905 wird sich erst in den kommenden Monaten voll auswirken. Die Niederwerfung der Revolution ist ein großer Bürgerkrieg, ein Krieg gegen das ganze Volk. Dieser Krieg ist nicht minder kostspielig als der auswärtige Krieg, wobei er kein fremdes. Sondern das eigene Land zerstört. Ein finanzieller Zusammenbruch steht bevor. Und außerdem drohen die neuen Handelsverträge Russlands stärkstens zu erschüttern, ja sie können eine allgemeine ökonomische Weltkrise hervorrufen. Je länger also die Schreckensherrschaft der Reaktion dauert, desto verzweifelter wird die ökonomische Lage des Landes, desto gewaltiger schwillt die Empörung gegen das fluchwürdige Regime an. `Das ist eine Situation`, sagt Katsky,`die jede kraftvolle Erhebung gegen den Zarismus unwiderstehlich macht. Und an dieser Erhebung wird es nicht fehlen. Dafür wird das proletariat Russlands sorgen, das schon so viele herrliche Proben seines heldenmutes und seiner Selbstlosigkeit abgelegt hat`.

Der vierte von Kautsky aufgezeigte Unterschied ist für die russischen Marxisten von besonderem Interesse. Bei uns ist augenblicklich leider ein zahnloses, im Grunde rein kadettisches Gekicher über `Brownings` und `Kampfgruppen` im Schwange. Zu sagen, der Aufstand sei aussichtslos und es habe keinen Sinn mehr, ihn vorzubereiten, diese von Marx bewiesene Kühnheit und Offenheit bringt niemand auf. Aber über die militärischen Aktionen der Revolutionäre zu kichern, lieben wir sehr. Wir nennen uns Marxisten, aber vor einer Analyse der militärischen Seite des Aufstands (der Marx und Engels stets große Bedeutung beigemessen haben) drücken wir uns lieber, indem wir mit unnachahmlich erhabenem Doktrinarismus erklären: `Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen`. Kautsky verfährt anders. Wie wenig Angaben er zunächst auch über den Aufstand besaß, ist er dennoch bemüht, sich auch in die militärische Seite der Frage hineinzudenken. Er ist bemüht, die Bewegung als eine neue, von den Massen erarbeitete Form des Kampfes zu würdigen und nicht so, wie unsere revolutionären Kuropatkins [Prototyp eines Niederlagenstrategen – Anmerkung bei Lenin] Schlachten beurteilen: Was man dir gibt, das nimm; wenn man dich schlägt, dann laufe; und bist du geschlagen worden, nun, so hätte man eben nicht zu den Waffen greifen sollen!“ (Lenin, Band 10, Seite 131-132).

Die demokratische Revolution in Russland flaut keineswegs ab, sondern geht im Gegenteil einem neuen Aufschwung entgegen und die jetzige Periode verhältnismäßiger Ruhe ist nicht als eine Niederlage der revolutionären Kräfte zu betrachten, sondern als eine Periode der Sammlung revolutionärer Energie, der Aneignung aller politischen Erfahrungen der durchlaufenen Stadien, der Einbeziehung neuer Volksschichten in die Bewegung und folglich der Vorbereitung eines neuen, noch machtvolleren revolutionären Ansturms“ (Lenin, Band 10, Seite 143). „Wir müssen die Erfahrungen der Aufstände in Moskau, im Donezbecken, in Rostow und anderswo sammeln, diese Erfahrungen verbreiten, beharrlich und geduldig neue Kampfkräfte vorbereiten und sie in einer Reihe von Kampfaktionen der Partisanenschulen und stählen. Vielleicht wird der neue Ausbruch im Frühjahr noch nicht erfolgen, aber er rückt heran und ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht all zu fern. Er muss uns bewaffnet, militärisch organisiert und zu entscheidenden Angriffsaktionen befähigt finden“ (Lenin, Band 10, Seite 106). Das waren die Schlussfolgerungen Lenins aus den Aufständen – noch bessere Vorbereitung für die kommenden Aufstände treffen! „Sorgen wir dafür, dass die neue Woge das russische Proletariat in neuer Kampfbereitschaft vorfindet“ (Lenin, Band 10, Seite 108).

Es ist möglich und vielleicht sogar am wahscheinlichsten, dass infolge der wachsenden Erregung und im Anschluss an einen der unvermeidlichen plötzlichen Ausbrüche der neue Kampf ebenso spontan und unerwartet wie die früheren Kämpfe entbrennen wird. Wenn das der Fall ist, wenn sich ein solcher Gang der Entwicklung uls unvermeidlich abzeichnet, dann werden wir auch keine Entscheidung über den Zeitpunkt der Aktion zu treffen brauchen, dann wird unsere ganze Aufgabe darin bestehen, unsere Agitation und unsere organisatorische Arbeit in allen oben aufgezeigten Richtungen zu verzehnfachen.

Vielleicht werden indes die Ereignisse von uns, den Führern, verlangen, dass wir den Zeitpunkt der Aktion bestimmen. Sollte dem so sein, so würden wir raten, die Aktion im gesamtrussischen Rahmen, den Streik und den Aufstand, auf das Ende des Sommers oder den Anfang des Herbstes, auf Mitte oder Ende August, anzusetzen. Es würde wichtig sein, die Bausaison in den Städten und die Beendigung der sommerlichen Feldarbeiten auszunutzen. Wenn es gelänge, eine Verständigung aller einflussreichen revolutionären Organisationen und Verbände über den Zeitpunkt der Aktion zu erzielen, dann wäre die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, eben zu der angesetzten zeit die Aktion zu beginnen. Ein gleichzeitiger Kampfbeginn in ganz Russland wäre ein gewaltiger Vorteil. Es hätte sogar wahrscheinlich keine verhängnisvolle Bedeutung, wenn die Regierung vom Zeitpunkt des Streiks unterrichtet wäre, handelt es sich doch nicht um eine Verschwörung, nicht um einen militärischen Überfall, der überraschend durchgeführt werden muss. Auf die Truppen in ganz Russland hätte es wahrscheinlich besonders demoralisierende Wirkung, wenn sie Woche um Woche der Gedanke beunrihigen würde, dass der Kampf unvermeidlich ist, wenn man sie wochenlang in Bereitschaft hielte, während die verschiedensten Organisationen zusammen mit einer Masse von `parteilosen` Revolutionären ihre Agitation immer zielbewusster betrieben (...) Vereinzelte und gänzlich nutzlose Ausbrüche, wie `Revolten` der Soldaten und hoffnungslose Aufstände der Bauern, könnten vielleicht verhindert werden, wenn das gesamte revolutionäre Russland fest an die Unvermeidlichkeit dieses großen allgemeinen Kampfes glaubte. Wir wollen jedoch wiederholen, dass dies nur im Falle einer vollen Verständigung aller einflussreichen Organisationen möglich ist. Andernfalls bleibt der alte Weg des spontanen Anwachsens der Erregung. (...) Die Wahrscheinlichkeit der Verschmelzung aller Teilaufstände zu einem allgemeinen Aufstand wird größer [auch im internationalen Maßstab !! – Anmerkung des Verfassers]. (...) Unsere Aufgabe ist es, die breiteste Agitation für den gesamtrussischen Aufstand zu entfalten, die hiermit zusammenhängenden politischen und organisatorischen Aufgaben zu erklären, alle Kräfte anzuspannen, so dass jedermann die Unvermeidlichkeit dieses Aufstandes erkennt, jedermann die Möglichkeit des gemeinsamen Ansturms sieht, so dass man nicht mehr zur `Revolte` schreitet, nicht zur `Demonstration` , zu einfachen Streiks und Demolierungen, sondern zum Kampf um die Macht, zum Kampf, dessen Ziel der Sturz der Regierung ist.“ (Lenin, Band 11, Seite 116-117). Für den Fall, dass es möglich ist, einen Aufschub von vorzeitigen Teilaufständen zu erreichen, sollte man dies unbedingt tun. Andernfalls, wenn darauf kein Einfluss mehr genommen werden kann, dann muss man diese Teilaufstände natürlich tatkräftig unterstützen, um zu erreichen, dass der Teilaufstand sich zum allgemeinen Aufstand ausweitet. So ist Lenin auch an den Aufstand von Sveaburg herangegangen (siehe Lenin, Band 11, Seite 118).

Lenin war im März 1906 nicht bereit, den Aufstand von der Tagesordnung zu streichen und bekämpfte die menschewistische „Resolution gegen den bewaffneten Aufstand“, weil er die Revolution als permanenten Prozess auffasste, der unter den sich verändernden Bedingungen durch neue Kampfmethoden unbedingt fortgesetzt werden müsse. Lenin war dafür, den Bürgerkrieg zu proklamieren und stellte deshalb die Losung der Vorbereitung, Durchführung und Überleitung defensiven zu offensiven Kampfformen des bewaffneten Aufstandes auf:

1. Der bewaffnete Aufstand ist gegenwärtig nicht nur ein notwendiges Mittel des Kampfes um die Freiheit, sondern eine faktisch schon erreichte Stufe der Bewegung, eine Stufe, die Kraft des Heranwachsens und der Zuspitzung einer neuen politischen Krise den Übergang von defensiven zu offensiven Formen des bewaffneten Kampfes einleitet;

2. Der politische Generalstreik ist im gegenwärtigen Zeitabschnitt der Bewegung nicht so sehr als ein selbständiges Kampfmittel denn vielmehr als ein Hilfsmittel für den Aufstand [hervorgehoben vom Verfasser] zu betrachten; daher ist es wünschenswert, die Wahl des Zeitpunkts für einen solchen Streik, die Wahl des Ortes und der Arbeitszweige, die er erfassen soll, dem Zeitpunkt und den Bedingungen der Hauptform des Kampfes, des bewaffneten Aufstands, unterzuordnen [hervorgehoben vom Verfasser];

3. In der Propaganda- und Agitationsarbeit der Partei muss verstärkte Aufmerksamkeit darauf gerichtet werden, die praktischen Erfahrungen des Dezemberaufstandes zu studieren, seine militärische Seite zu kritisieren und die unmittelbaren Lehren für die Zukunft zu ziehen;

4. Es ist eine noch energischere Tätigkeit zu entfalten, um die Zahl der Kampfgruppen zu vergrößern, ihre Organisation und ihre Versorgung mit Waffen aller Art zu verbessern, wobei die Kampfgruppen, wie die Erfahrunge gelehrt hat, nicht nur aus Mitgliedern der Partei, sondern auch aus mit ihr Sympathisierenden oder völlig Parteilosen organisiert werden müssen;

5. Es ist notwendig, die Arbeit in den Truppen zu verstärken, wobei man im Auge behalten muss, dass für den Erfolg der Bewegung die Gärung in den Truppen allein nicht genügt, sondern dass eine direkte Verständigung mit organisierten, revolutionär-demokratischen Elementen der Truppe zwecks entschiedenster offensiver Aktionen gegen die Regierung erforderlich ist;

6. Im Hinblick auf die anwachsende Bauernbewegung, die in nächster Zukunft zu einem richtigen Aufstand entflammen kann, ist es wünschenswert, dass Anstrengungen gemacht werden, um ein einheitliches Vorgehen der Arbeiter und der Bauern herbeizuführen und möglichst gemeinsame und gleichzeitige Kampfaktionen zu irganisieren“ (Lenin, Band 10, Seite 145).

Die Lehren aus dem ersten russischen Bauernaufstand von 1902 zog Lenin wie folgt:

Die klassenbewussten Arbeiter werden aus allen Kräften bemüht sein, den Bauern klarzumachen, warum der erste Bauernaufstand (1902) niedergeschlagen worden ist und was man tun muss, damit die Bauern und Arbeiter und nicht die Zarenknechte den Sieg davontragen. Der Baiernaufstand wurde niedergeschlagen, weil er der Aufstand einer unwissenden, unbewussten Masse war, ein Aufstand ohne bestimmte, klare politische Forderungen, d.h. ohne die Forderung, die Staatsordnung zu ändern. Der Bauernaufstand wurde niedergeschlagen, weil er nicht vorbereitet war. Der Bauernaufstand wurde niedergeschlagen, weil die Proletarier der Dörfer mit den Proletariern der Städte noch nicht verbündet waren. Das sind drei Ursachen des ersten Misserfolgs der Bauern. Für einen erfolgreichen Aufstand ist es notwendig, dass er eine bewusste und vorbereitete Aktion ist, dass er ganz Russland erfasst und im Bunde mit den städtischen Arbeitern unternommen wird. (...) Die Bauernaufstände werden aufhören, gefühlsmäßige Ausbrüche zu sein, sobald immer größere Massen des Volkes das verstehen werden“ (Lenin, Band 6, Seite423 und 424). „Dem Bauernaufstand müssen wir auf jede Art und Weise helfen, bis zur Konfiskation der Ländereien einschließlich – aber durchaus nicht bis zu allerlei kleinbürgerlichen Projekten einschließlich. Wir unterstützen die Bauernbewegung, soweit sie revolutionär-demokratisch ist. Wir bereiten uns vor (und zwar sofort, unverzüglich), sie zu bekämpfen, sobald sie sich als reaktionär, als antiproletarisch entpuppen wird. Der ganze Sinn des Marxismus liegt in dieser doppelten Aufgabe, die nur von Leuten, die den Marxismus nicht verstehen, vereinfacht und zu einer einheitlichen und gewöhnlichen Aufgabe verflacht werden kann“ (Lenin, Band 9, Seite 231). „Wir werden mit allen Kräften der gesamten Bauernschaft helfen, die demokratische Revolution zu vollbringen, damit es uns, der Partei des Proletariats, um so leichter sei, möglichst rasch zu einer neuen und höheren Aufgabe, zur sozialistischen Revolution, überzugehen. Wir versprechen nach dem Siege des jetzigen Bauernaufstands keinerlei Harmonie, keinerlei Ausgleichung und keinerlei `Sozialisierung`, im Gegenteil, wir `versprechen` neuen Kampf, neue Ungleichheit und eine neue Revolution. (...) Wir sind für den Aufstand der Bauernschaft.(...) Es lebe der Aufstand gegen die Selbstherrschaft in Stadt und Land! Es lebe die revolutionäre Sozialdemokratie, die Vorhut der gesamten revolutionären Demokratie in der gegenwärtigen Revolution!“ (ebenda, Lenin, Band 9, Seite 233 und 234).

Lenin hob hervor, dass das Bündnis zwischen der Bauernschaft und dem proletariat die ganze Periode der russischen Revolution 1905 – 1907 beherrscht hat:

Der Oktoberstreik und der Dezemberaufstand wie die örtlichen Bauernaufstände und die Aufstände der Soldaten und Matrosen waren eben das `Bündnis der Kräfte` des Proletariats und der Bauernschaft. Dieses Bündnis kam spontan zustande, hatte noch keine bestimmte Form und wurde oft unbewusst geschlossen. Diese Kräfte waren noch recht unorganisiert, zersplittert, entbehrten einer wirklich leitenden zentralen Führung usw, aber die Tatsache des `Bündnisses der Kräfte` des Proletariats und der Bauernschaft als die Hauptkräfte, die in die alte Selbstherrschaft eine Bresche schlugen, kann nicht mehr bestritten werden“ ( Lenin, Band 15, Seite 332).

Und im Zusammenhang mit der Revolution von 1905 verband Lenin die Ziele des allgemeinen Aufstandes mit der Forderung derVertreibung der Gutsbesitzer und die Inbesitznahme ihrer Ländereien. Zweifellos müssen die Bauern noch vor der Entscheidung der vom Volke gewählten konstituierenden Versammlung bestrebt sein, den gutsherrlichen Grundbesitz faktisch zu beseitigen. Darüber braucht man nicht viel Worte zu verlieren, weil sich wohl niemand einen Bauernaufstand vorstellen kann, bei dem nicht mit den Gutsbesitzern abgerechnet und nicht ihr Land in Besitz genommen würde. Es versteht sich, dass es um so seltener zur Vernichtung von Baulichkeiten, Inventar, Vieh usw. kommen wird, je bewusster und je besser organisiert dieser Aufstand ist. Vom militärischen Standpunkt aus sind Zerstörungen, die bestimmten militärischen Zwecken dienen – z.B. das Niederbrennen von Gebäuden oder manchmal auch von Inventar - , Maßregeln, die durchaus gerechtfertigt und in bestimmten Fällen unerlässlich sind [unterstrichen vom Verfasser]. Nur Pedanten (oder Volksverräter) können es besonders beklagen, dass die Bauern stets zu solchen Mitteln greifen. Aber es hat keinen Zweck, die Augen davor zu verschließen, dass die Zerstörung von Gebäuden und Inventar mitunter nur eine Folge der Unorganisiertheit ist, der Unfähigkeit, vom Eigentum des Feindes Besitz zu ergreifen und es festzuhalten, anstatt es zu zerstören – oder eine Folge der Schwäche, wenn nämlich der Kämpfende sich an seinem Gegner rächt, weil er nicht die Kraft hat, ihn vernichtend zu schlagen. Wir müssen natürlich in unserer Agitation den Bauern einerseits auf jede Art und Weise klarmachen, dass der erbarmungslose Kampf gegen den Feind – bis zur Zerstörung seines Eigentums – völlig rechtmäßig und notwendig ist, andererseits aber ihnen zeigen, dass, abhängug vom Grade der Organisiertheit, ein bedeutend vernünftigerer und vorteilhafterer Ausgang möglich ist: die Ausrottung des Feindes (der Gutsbesitzer und der Beamten, insbesondere der Polizei) und die Übergabe allen Eigentums in den Besitz des Volkes oder in den Besitz der Bauern ohne jede Zerstörung (oder bei möglichst geringer Zerstörung) dieses Eigentums“ (Lenin, Band 11, Seite 110). Dass der Grad der Organisiertheit im internationalen Maßstab am höchsten sein muss, dass dies eine noch viel scherere Aufgabe ist und noch größerer Anforderungen und Anstrengungen bedarf, braucht wohl nicht näher begründet zu werden.



Was die Soldatenaufstände der Jahre 1905/1906 anbelangte, so stellte er deren Niederlagen in den Zusammenhang mit der sozialen Zusammensetzung der Soldaten: Man nehme die Soldatenaufstände der Jahre 1905/1906. Ihrer sozialen Herkunft nach stammten diese Kämpfer unserer Revolution aus der Bauernschaft und dem Proletariat. Das letztere bildete die Minderheit; darum zeigt die Bewegung innerhalb des Heeres auch nicht annähernd jene Geschlossenheit im Maßstab ganz Russlands, nicht jenes Parteibewusstsein, wie das Proletariat es an den Tag legte, das wie auf einen Wink mit dem Zauberstab sozialdemokratisch wurde. Andererseits ist nichts irriger als die Auffassung, die Soldatenaufstände seien misslungen, weil es an Führern aus dem Offizierskorps gefehlt hätte. Im Gegenteil, der gigantische Fortschritt der Revolution seit den Zeiten der `Narodnaja Wolja` äußerte sich gerade darin, dass der `Muschkote` , dessen Selbständigkeit die liberalen Gutsherren und das liberale Offizierskorps so sehr erschreckte, zur Waffe gegen die Obrigkeit griff. Der Soldat war voller Sympathie für die Sache der Bauern; seine Augen leuchteten auf, sobald nur ein Wort vom Boden fiel. So manches Mal ging die Befehlsgewalt in der Truppe in die Hände der Soldatenmasse über, aber entschlossen ausgenutzt wurde diese Gewalt fast nie; die Soldaten schwankten; einige Tage, mitunter wenige Stunden, nachdem sie irgendeinen verhassten Vorgesetzten getötet hatten, setzten sie die anderen wieder auf freien Fuss, nahmen Verhandlungen mit den Behörden auf und ließen sich dann erschießen, sich mit Ruten auspeitschen, sich wieder ins Joch spannen (...)“ (Lenin, Band 15, Seite 203). Was die Frage der sozialen Zusammensetzung der Armee Maos zur Befreiung Chinas anbelangt, so sei hier eine kurze Anmerkung gestattet: An Hand der hier von Lenin gegebenen Einschätzung muss man auch die Schwächen in der Entwicklung des chinesischen Befreiungskampfes an der sozialen Zusammensetzung der Befreiungsarmee festmachen. Mao hat die führende Rolle des Proletariats in der Armee völlig unterschätzt, ja nicht nur das, er hat sogar diejenigen in seinen eigenen Reihen bekämpft, die dies zu korrigieren versuchten. Doch dazu später Genaueres.



Im März 1906 bestimmte Lenin das weitere taktische Vorgehen der provisorischen revolutionären Regierung und der örtlichen Organe der revolutionären Staatsmacht auf Grund der Erfahrungen des bewaffneten Aufstandes, die er folgendermaßen zusammenfasste,

1. dass die revolutionäre Bewegung gegen die absolutistische Regierung beim Übergang zum bewaffneten Kampf bislang die Form isolierter örtlicher Aufstände angenommen hat;

2. dass in diesem Kampf die Elemente (...) vor die Notwendigkeit gestellt waren, Organisationen zu schaffen, die faktisch Keimformen einer neuen, revolutionären Staatsmacht darstellten – Sowjets der Arbeiterdeputierten (...);

3. dass entsprechend der anfänglichen, der Keimform des Aufstandes diese seine Organe genauso isoliert, zufällig, in ihrem Handeln unentschlossen waren und sich nicht auf eine organisierte bewaffnete Macht der Revolution stützten, weshalb sie bei den ersten Angriffshandlungen der konterrevolutionären Armee unvermeidlich zum Untergang verurteilt waren;

4. dass nur eine provisorische Regierung als Organ des siegreichen Aufstands imstande ist, jeglichen Widerstand der Reaktion zu brechen (...)

Einerlei, ob eine Teilnahme der Sozialdemokratie an einer provisorischen revolutionären Regierung möglich sein wird, ist in den breitesten Schichten des Proletariats der Gedanke zu propagieren, dass ein ständiger Druck auf die provisorische Regierung durch das bewaffnete und von der Sozialdemokratie geführte Proletariat notwendig ist, damit die Errungenschaften der Revolution gesichert, gefestigt und erweitert werden“ [hervorgehoben vom Verfasser];

Bei der Ausweitung der Tätigkeit und der Einflusssphäre der Sowjets der Arbeiterdeputierten ist unbedingt darauf hinzuweisen, dass solche Einrichtungen, falls sie sich nicht auf eine revolutionäre Armee stützen und die Regierungsbehörden nicht stürzen (d.h., sich nicht in provisorische revolutionäre Regierungen verwandeln), unvermeidlich zum Untergang verurteilt sind; daher muss die Bewaffnung des Volkes und die Verstärkung der militärischen Organisationen des Proletariats als eine Hauptaufgabe dieser Einrichtungen in jeder revolutionären Situation betrachtet werden.

Zeitweilige Kampfabkommen sind im gegebenen Zeitpunkt nur mit Elementen statthaft und zweckmäßig, die den bewaffneten Aufstand als Kampfmittel anerkennen und ihn aktiv unterstützen“ (Lenin, Band 10, Seite 147-148 – 149 – 150).

Und Lenin sagte auch, warum diese Bedingung notwendig war:

Die Sitzungen der Reichsduma hatten begonnen – in wahren Sturzbächen ergossen sich die liberal-bürgerlichen Reden vom friedlichen, konstitutionellen Weg -, und zugleich haben die von Agenten der Regierung organisierten Überfälle auf friedliche Demonstranten, Brandstiftungen in Häusern, wo Volksversammlungen stattfinden, und schließlich direkte Progrome eingesetzt und sich immer mehr verstärkt (...) Man kann der alten Macht, die stets die Gesetze selbst gemacht hat und die mit den letzten, den verzweifeltsten, barbarischsten und bestialischsten Mitteln um ihre Existenz kämpft, nicht durch einen Appell an die Gesetzlichkeit Einhalt gebieten!“ (Lenin, Band 10, Seite 514 und 515).

Ein Appell findet besonders Widerhall unter den Massen in der revolutionären Phase. Ist diese Periode am Abflauen, tritt eine Revolutionsphase ein, wo eine ganze Reihe von Appellen keinen Widerhall in den Massen mehr gefunden hat (obwohl es damals im Juni 1907 noch zu militärischen Aufständen in Kiew und in der Schwarzmeerflotte gekommen war!!) , dann trifft das ein, was Lenin über den Appell in Worten“ 1907 gesagt hat: Wenn der Kampf im Gange ist, sich ausdehnt, anwächst, von allen Seiten näherrückt, dann ist eine `Proklamierung` gerechtfertigt und notwendig, dann ist es Pflicht des revolutionären Proletariats, den Schlachtruf auszugeben. Doch erfinden kann man diesen Kampf nicht, man kann ihn auch nicht durch einen Schlachtruf allein auslösen. Und wenn eine ganze Reihe von Kampfappellen, die wir aus unmittelbaren Anlässen erprobten, sich als resultatlos erwiesen hat, so müssen wir natürlicherweise ernste Gründe für die `Proklamierung` einer Losung suchen, die unsinnig ist, wenn nicht die Bedingungen für die Realisierung der Kampfappelle betehen“ (Lenin, Band 13, Seite 22).

Es ist höchst wichtig, sich über den Satz klarzuwerden, den die Erfahrungen aller Länder, in denen die Revolution Niederlagen erlitten hat, bestätigen, dass nämlich in der Niedergeschlagenheit des Opportunisten wie in der Verzweiflung des Terroristen ein und dieselbe psychische Wesensart, ein und dieselbe spezifische Klassennatur, z. B. des Kleinbürgertums, zum Ausdruck kommt“ (Lenin, Band 15, Seite 145).

Die Lehren des bewaffneten Aufstands von 1905, die Lehren des bewaffneten proletarischen Kampfes überhaupt besagen, dassalles, was den Feinden abgerungen, alles was an Errungenschaften von Dauer ist, nur in dem Maße abgerungen und zu halten [ist], wie der revolutionäre Kampf auf allen Gebieten proletarischer Arbeit stark und lebendig ist“ (Lenin, Band 17, Seite 112).

Wie reifte der Aufstand von 1905 heran und was führte zu seiner Niederlage? Eine abschließende kurze Zusammenfassung gibt Lenin wie folgt:

Wie reifte der Aufstand von 1905 heran?

Erstens häuften sich durch Massenstreiks, Demonstrationen und Kundgebungen die Zusammenstößte der menge mit Polizei und Militär.

Zweitens ermunterten die Massenstreiks die Bauernschaft zu einer Reihe einzelner, zersplitterter, halb spobtaner Aufstände.

Drittens griffen die Massenstreiks sehr schnell auf Heer und Flotte über, lösten Zusam,menstöße auf wirtschaftlicher Basis („erbsenmeutereien“ usw.) und dann Aufstände aus.

Viertens begann die Konterrevolution selbst den Bürgerkrieg mit Progromen, Misshandlungen von demokraten isw.

Die Revolution von 1905 endete keineswegs deshalb mit einer Niederlage, weil sie „zu weit“ gegangen, weil der Dezemberaufstand „künstlich“ gewesen wäre, wie die liberalen Renegaten usw. glauben. Im Gegenteil, die Ursache der Niederlage liegt darin, dass die Erkenntnis seiner Notwendigkeit in den revolutionären Klassen nicht weit genug vorbereitet war und nicht genügend festen Fuß gefasst hatte, dass der Aufstand nicht einmütig, entschlossen, organisiert, gleichzeitig, offensiv durchgeführt wurde“ (Lenin, Band 18, Seite 96).



Stalin gegen die Kritik am sogenannten „Aufstands“-Sozialismus

Am 23. Juli 1934 hatte Stalin mit dem englischen Schriftsteller H.G. Wells eine Unterredung, in der dieser der Meinung war:

Ich glaube, es ist sinnlos, mit den Methoden des alten, starren Aufstands-Sozialismus zu operieren (...) Ich fürchte, dass Klassenkrieg-Propaganda gerade diejenigen gebildeten Menschen vom Sozialismus abschreckt, die der Sozialismus braucht“ (Stalin zitiert H.G. Wells, Band 14, Seite 17 und 19, KPD/ML-Ausgabe, Dortmund 1976).

H.G. Wells schien Lenins Auffassung von der Frage des Aufstandes nicht genau zu kennen, sonst würde er wissen, dass Lenin sich stets verpflichtet fühlte, diese Frage immer von Neuem zu prüfen und eben niemals starr-schablonenhaft zu betrachten, denn für uns ist der Aufstand nur eines der wichtigen, aber durchaus nicht immer obligatorischen Mittel, ein freies Feld zum Kampf für den Sozialismus zu erobern“ (Lenin, Band 9, Seite 269). Ob Aufstand ja oder Aufstand nein, das ist keine prinzipielle Frage, sondern eine Frage der Zweckmäßigkeit, ob sie uns unserem Ziel des Sozialismus näher bringt oder nicht.

Doch greifen wir die Kritik von H.G. Wells ruhig einmal auf: Wenn wir uns heute die praktische Aufgabe stellen, den Sozialismus zurückzuerobern, so wird uns diese und ähnliche Kritik amstarren Festhalten an der Aufstandstheorie“ unter den Bedingungen einer „modernen, zivilisierten“ Gesellschaft wieder begegnen. Wir können darauf nur 2 Antworten geben: Richtig, es ist sinnlos, den Sozialismus mit veralteten, erstarrten Methoden zurückerobern zu wollen. Kein Kommunist ist der Ansicht, dass man die heutigen Gewalttaten der hochtechnisierten Militärmaschinerie des Weltimperialismus mit der Steinschleuder des Altertums aufhalten geschweige denn beseitigen kann. Jeder Kommunist wird antworten, dass nur eine solche militärische Kraft etwas ausrichten kann, die der des Weltimperialismus ÜBERLEGEN ist – und das kann nur die vereinigte Kraft der Proletarier aller Länder und ihre Unterstützung durch die Völker sein. Alles andere ist frommes Wunschdenken, realitätsfremdes Geschwätz. Wir Kommunisten tun also weiterhin alles – einschließlich der Beseitigung nicht mehr zeitgemäßer Methoden -, um Aufstände aller Ausgebeuteten und Unterdrückten dieser Erde zu fördern, zu erleichtern, und zu unterstützen, zu leiten und zu führen, die geeignet sind, sich von der Tyrannei der alten kapitalistischen Klassenherrschaft zu befreien.

Nehmen wir einmal an, wir würden dem englischen Schriftsteller H.G. Wells heute den Gefallen tun und selbstkritisch unsere starre Aufstandspropaganda“, unseren kommunistischen Agitationston“, unsereGewaltverherrlichung“ etc. unterlassen und aufgeben, so würde doch - völlig unabhängig von unserem Zutun - der Zusammenstoß der Klassen unvermeidbar fortdauern, würde es trotzdem im Prozess der Verschärfung der Klassenwidersprüche in der Krise ganz gesetzmäßig zum Klassenkrieg kommen. Der Aufstand ist für die Marxisten-Leninisten nicht einfach ein spontaner, sondern ein revolutionärer Prozess des Kampfes, der sich durch die Verschärfung des Zusammenstoßes der Klassen entwickelt und schließlich vollzieht. Der Aufstand ist nicht das Produkt von „Hirngespinsten“, sondern objektiver Bestandteil jeder Klassen, die sich von den herrschenden Klassen befreien. Anders konnten sie sie nicht befreien und werden sie sich nicht befreien können. Nichts täten die Menschen lieber, als auf die Grausamkeit und auf das Blut, das ein Aufstand kostet, zu verzichten. Die Leidtragenden sind immer die Werktätigen, die armen Leute, die Mehrheiten in der Bevölkerung, bringen die Ausgebeuteten und Unterdrückten die größten Opfer. Die Menschen brauchen grundsätzlich keinen Aufstand, er wird ihnen aber aufgezwungen von den herrschenden Bedingungen, vom Existenzkampf auf Leben und Tod mit Ausbeutern und Unterdrückern. Wir Kommunisten verherrlichen nicht den Aufstand, vielmehr würden wir es begrüßen, wenn die Weltbourgeoisie freiwillig abträte, aber welche herrschende Klasse ist in der Geschichte freiwillig abgetreten? Keine einzige. Es ist ja eben charakteristisch für antagonistische Klassengesellschaften, dass die Existenz der Klassen auf Diktatur, auf Gewalt, der einen über die anderen beruht, um deren Ausbeutung aufrechtzuerhalten. Keine antagonistische Klassengesellschaft, sei sie auch noch so zivilisiert und demokratisch, ist in der Lage, einen Aufstand zu „verhindern“. Wir Kommunisten sagen deshalb, dass es das besondere Wesen des sozialistischen Aufstandes ist, und dass sich dieser von allen Aufständen der vorangegangenen Geschichte gerade dadurch unterscheidet, dass er das Gesetz von der Unvermeidbarkeit von Aufständen für immer aufhebt, dass er überflüssig wird und genauso verschwindet, wie die Klassengesellschaft, die ihn gesetzmäßig erzeugt. In einer klassenlosen Gesellschaft, die wir Kommunisten anstreben, sind Aufstände unmöglich, weil dafür der ökonomische Boden der privaten Aneignung, des Klasseneigentums, der Ausbeutung und Unterdrückung der Klassen durch andere, entzogen worden ist. Also, liebe „zivilisierte Sozialisten“,:ein Aufstand lässt sich weder herbeireden oder heraufbeschwören- auch nicht mit „kommunistischer Aufstandspropaganda“ -, noch lässt er sich von irgend jemandem daran hindern, spontan oder organisiert auszubrechen, wenn die Zeit und die ökonomischen Bedingungen dazu reif sind. Stalin antwortete:

Warum? Weil jene Klassen, die von der Bühne der Geschichte abzutreten haben, die letzten sind, die daran glauben wollen, dass ihr Spiel aus ist. Es ist unmöglich, sie davon zu überzeugen. Sie glauben, dass die Risse im faulen Gefüge der alten Ordnung ausgebessert werden können, dass das wankende Gefüge der alten Ordnung instand gesetzt und gerettet werden kann. Eben deshalb greifen die untergehenden Klassen zu den Waffen und setzen jedes Mittel ein, um sich als herrschende Klasse zu halten“ (ebenda, Seite 18). „Nehmen Sie z.B. den Faschismus. Der Faschismus ist eine reaktionäre Kraft, die unter Anwendung von Gewalt die alte Welt zu erhalten sucht. Was wollen sie mit den Faschisten machen? Mit ihnen diskutieren? Sie zu überzeugen versuchen? Aber damit erreichen Sie bei ihnen nicht das Geringste. Die Kommunisten verherrlichen keineswegs die Anwendung von Gewalt. Aber sie, die Kommunisten, sind nicht willens, sich überrumpeln zu lassen, sie können sich nicht darauf verlassen, dass die alte Welt freiwillig von der Bühne abtritt, sie sehen, dass das alte System sich gewaltsam verteidigt, und deshalb sagen die Kommunisten der Arbeiterklasse: Beantwortet Gewalt mit Gewalt, tut alles, was in euren Kräften steht, um zu verhindern, dass die alte, sterbende Ordnung euch zermalmt, lasst nicht zu, dass sie Fesseln um eure Hände legt, um die Hände, mit denen ihr das alte System niederreißen werdet! Sie sehen also, die Komunisten betrachten die Ablösung eines Gesellschaftssystems durch ein anderes nicht einfach als einen spontanen und friedlichen Prozess, sondern als einen komplizierten, langwierigen und gewaltsamen Prozess. Die Kommunisten können die Augen nicht vor den Tatsachen verschließen. (...) Die Kommunisten stützen sich auf reiche historische Erfahrungen“ (ebenda, Seite 17). „Deshalb sind die Kommunisten auf das Schlimmste gefasst und rufen die Arbeiterklasse auf, wachsam und kampfbereit zu sein. Was ist ein Führer wert, der die Wachsamkeit seiner Armee einschläfert, ein Führer der nicht begreift, dass der Feind nicht kapitulieren wird, dass er vernichtet werden muss? Wer als Führer so handelt, der betrügt, der verrät die Arbeiterklasse. Das ist der Grund, warum ich der Meinung bin, dass das, was Ihnen überholt zu sein scheint, für die Arbeiterklasse in Wirklichkeit ein Maßstab für revolutionäres Handeln ist“ (ebenda, Seite 19).

Wir sind weit davon entfernt, uns der romantisch-revolutionären Illusion hinzugeben, dass ein Aufstand allein - also der Aufstand als einfache Überrumpelung des Feindes, als Sieg durch einen einzigen großen Schlag – den endgültigen Sieg bedeutet. Dies widerspricht allen historischen Erfahrungen der internationalen Arbeiterbewegung. Wenn das mächtige Weltproletariat bis heute noch nicht das Ziel seiner Emanzipation erreicht hat - trotz Organisation, Disziplin, Einheit Einsicht, trotz Sozialismus in einem Land etc. - , um so klarer müssen wir die Lehre des Aufstands als eine Kunst meistern, wie mit einem siegreichen Aufstand - im harten zähen Kampf von Position zu Position - das endgültige zu erreichende Ziel Stück für Stück näher rückt in einem langwierigen revolutionären Prozess, wo ein Aufstand den nächsten bereits vorbereitet. Es handelt sich schließlich um den Umschlag der Revolution der Minorität in die Revolution der Majorität, um das Erlernen und Anwenden der Kunst des Aufstandes nicht allein von einzelnen Revolutionären oder einer revolutionären Partei, sondern um die Kunst des Aufstands der von ihnen geführten Klasse und schließlich der revolutionären Massen. Der Aufstand ist dabei höchstens nur ein einzelner Akt im gesamten, langwierigen, komplizierten Prozess der revolutionären gesellschaftlichen Umwälzung aller Klassen auf dieser Welt.



Straßenkampf und Barrikadentaktik

Unsere Losung:

Straße frei -

für die Kommunistische Partei !“

Straßenkampf und Barrikadentaktik sind historische Begriffe, das heißt sie werden zu verschiedenen Zeiten verschieden angewandt und haben unterschiedliche Bedeutung, einmal größere, einmal kleinere und manchmal kaum eine. So stellte Lenin 1906 fest:

Mit Barrikadenkampf als Hauptkampfmittel ist noch keine sozialistische Revolution siegreich durchgeführt worden und wird auch nicht die sozialistische Weltrevolution zum Sieg führen. Engels meinte sogar – bezogen auf die Ära des Straßen- und Barrikadenkampf es des 19. Jahrunderts : Die Ära der Barrikaden und Straßenschlachten ist für immer vorbei; wenn die Truppe sich schlägt, wird der Widerstand Wahnsinn. Also ist man verpflichtet, eine neue revolutionäre Taktik zu finden“ (Engels Brief an Lafargue 1892, MEW, Band 38, Seite 505). „Ich hoffe, es wird in Paris [am 21. Mai 1885 fand dort eine Großkundgebung anlässlich des Jahrestages der Ermordung der Pariser Kommunarden statt – Anmerkung des Verfassers] nicht wieder wegen Roter Fahnen usw. zu Zusammenstößen kommen – die Polizei braucht ein Paar Barrikaden, und wenn sie die bekommt, wird es ein schönes Gemetzel geben – das Volk hat nicht die geringste Chance auf einen Sieg. Selbst wenn die Regierung zögern sollte, werden die reaktionären Militärs dafür sorgen, dass alles Gewehr bei Fuß steht, und eingreifen“ (Engels, Brief an Lafargue, MEW, Band 36, Seite 321).

Der Straßenkampf ist etwas ganz anderes als ein Gefecht im offenen Feld“ (Engels, MEW, Band 7, Seite 115).

Die Rebellion alten Stils, der Straßenkampf mit Barrikaden, der bis 1848 überall die letzte Entscheidung gab, war bedeutend veraltet“ (Marx, MEW, Band 22, Seite 519). „Du sagst selbst, Barrikaden seien veraltet ( sie können aber wieder nützlich werden, sobald die Armee zu 1/3 - 2/5 sozialistisch ist und es drauf ankommt, ihr Gelegenheit zum Umfallen zu geben), aber der politische Strike muss entweder sofort siegen -bloß durch eine Drohung ( wie in Belgien, wo die Armee sehr wacklig war) – oder aber in einer kolossalen Blamage endigen oder schließlich direkt auf die Barrikaden führen(Engels, MEW, Band 39, Seite 161).

Machen wir uns keine Illusion darüber: ein wirklicher Sieg des Aufstandes über das Militär im Straßenkampf, ein Sieg wie zwischen zwei Armeen, gehört zu den größten Seltenheiten. Darauf hatten aber die Insurgenten es auch ebenso selten angelegt. Es handelte sich für sie darum, die Truppen mürbe zu machen durch moralische Einflüsse, die beim Kampf zwischen den Armeen zweier kriegführender Länder gar nicht oder doch in weit geringerem Grad ins Spiel kommen. Gelingt es, so versagt die Truppe oder die Befehlshaber verlieren den Kopf, und der Aufstand siegt. Gelingt das nicht, so bewährt sich, selbst bei einer Minderzahl auf Seiten des Militärs, die Überlegenheit der besseren Ausrüstung und Schulung, der einheitlichen Leitung, der planmäßigen Verwendung der Streitkräfte und der Disziplin. Das Höchste, wozu es die Insurrektion in wirklich taktischer Aktion bringen kann, ist die kunstgerechte Anlage und Verteidigung einer einzelnen Barrikade. Gegenseitige Unterstützung, Aufstellung resp. Verwendung von Reserven, kurz, das schon zur Verteidigung eines Stadtbezirks, geschweige einer ganzen großen Stadt, unentbehrliche Zusammenwirken und Ineinandergreifen der einzelnen Abteilungen wird nur höchst mangelhaft, meist gar nicht zu erreichen sein; Konzentration der Streitkräfte auf einen entscheidenden Punkt fällt da von selbst weg. Damit ist die passive Verteidigung die vorwiegende Kampfform; der Angriff wird sich hier und da, aber auch nur ausnahmsweise, zu gelegentlichen Vorstößen und Flankenanfällen aufraffen, in der Regel aber sich nur auf Besetzung der von der zurückgehenden Truppe verlassenen Stellungen beschränken. Wozu noch auf Seiten des Militärs die Verfügung über Geschütz und vollständig ausgerüstete und geübte Genietruppen kommt, Streitmittel, die den Insurgenten in fast allen Fällen gänzlich abgehn. Kein Wunder also, dass selbst die mit dem größten Heldenmut geführten Barrikadenkämpfe – Paris Juni 1848, Wien Oktober 1848, Dresden Mai 1849 – mit der Niederlage des Aufstandes endigten, sobald die angreifenden Führer, ungehemmt durch politische Rücksichten, nach rein militärischen Gesichtspunkten handelten und ihre Soldaten zuverlässig blieben.

Die zahlreichen Erfolge der Insurgenten bis 1848 sind sehr mannigfachen Ursachen geschuldet. In Paris 1830 und Februar 1848, wie in den meisten spanischen Straßenkämpfen, stand zwischen den Insurgenten und dem Militär eine Bürgerwehr, die entweder direkt auf Seite des Aufstandes trat oder aber durch laue, unentschiedene Haltung die Truppen ebenfalls ins Schwanken brachte und dem Aufstand obendrein Waffen lieferte. Da, wo diese Bürgerwehr von vornherein gegen den Aufstand auftrat, wie Juni 1848 in Paris, wurde dieser auch besiegt. In Berlin 1848 siegte das Volk teils durch den bedeutenden Zuwachs neuer Streitkräfte während der Nacht und Morgens am 19. März, teils in Folge der Erschöpfung und schlechten Verpflegung der Truppen, teils endlich infolge der erlahmenden Befehlsgebung. In allen Fällen aber wurde der Sieg erkämpft, weil die Truppe versagte, weil den Befehlshabern die Entschlussfähigkeit ausging oder aber, weil ihnen die Hände gebunden waren. Selbst in den klassischen Zeiten der Straßenkämpfe wirkt also die Barrikade mehr moralisch als materiell. Sie war ein Mittel, die Festigkeit des Militärs zu erschüttern. Hielt sie vor, bis dies gelang, so war der Sieg erreicht; wo nicht, war man geschlagen. Es ist dies der Hauptpunkt, der im Auge zu halten ist, auch wenn man die Chancen etwaiger künftiger Straßenkämpfe untersucht> [Spitze Klammern kennzeichnen Textstellen, die aus Rücksicht auf die `umsturzvorlagenfurchtsamtlichen Bedenken` (Engels` Formulierung) des Berliner Parteivorstandes gestrichen wurden];

(...) Diese Chancen standen schon 1849 ziemlich schlecht. Die Bourgeoisie hatte sich überall auf die Seite der Regierung geschlagen, `Bildung und Besitz` begrüßten und bewirteten das gegen Aufstände ausziehende Militär. Die Barrikaden hatten ihren Zauber verloren; der Soldat sah hinter ihr nicht mehr `das Volk` , sondern Rebellen, Wühler, Plünderer, Teiler, den Auswurf der Gesellschaft; der Offizier war mit der Zeit bewandert geworden in den taktischen Formen des Straßenkampfes, er marschierte nicht mehr geradeaus und ungedeckt auf die improvisierte Brustwehr los, sondern umging sie durch Gärten, Höfe und Häuser. Und das gelang jetzt, bei einigem Geschick, in neun von zehn Fällen.

Seitdem aber hat sich noch sehr viel verändert, und alles zu Gunsten des Militärs. Sind die Großstädte bedeutend größer geworden, so noch mehr die Armeen. Paris und Berlin sind seit 1848 nicht ums Vierfache gewachsen, ihre Garnisonen aber um mehr als das. Diese Garnisonen können vermittels der Eisenbahnen in 24 Stunden sich mehr als verdoppeln, in 48 Stunden zu Riesenarmeen anschwellen. Die Bewaffnung dieser enorm verstärkten Truppenzahlen ist unvergleichlich wirksamer geworden. (...) Damals die relativ schwach wirkenden Vollkugeln und Kartätschen der Artillerie, heute die Perkussionsgranaten, deren eine hinreicht, die beste Barrikade zu zertrümmern. Damals die Spitzhacke des Pioniers zum Durchbrechen von Brandmauern, heute die Dynamitpatrone.

Auf Seiten der Insurgenten dagegen sind alle Bedingungen schlechter geworden. Ein Aufstand, mit dem alle Volksschichten sympathisieren, kommt schwerlich wieder; im Klassenkampf werden sich wohl nie alle Mittelschichten so ausschließlich ums Proletariat gruppieren, dass die um die Bourgeoisie sich scharende Reaktionspartei dagegen fast verschwinde. Das `Volk` wird also immer geteilt erscheinen, und damit fehlt ein gewaltiger, 1848 so äußerst wirksamer Hebel. Kommen auf Seiten der Aufständischen mehr gediente Soldaten, so wird ihre Bewaffnung um so schwieriger. Die Jagd- und Luxusflinten der Waffenläden – selbst wenn nicht vorher von Polizei wegen durch Wegnahme eines Schlossteiles unbrauchbar gemacht – sind auch im Nahkampf dem Magazingewehr des Soldaten nicht entfernt gewachsen. Bis 1848 konnte man aus Pulver und Blei sich die nötige Monition selber machen, heute ist die Patrone für jedes Gewehr verschieden und nur in dem einen Punkt überall gleich, dass sie ein Kunstprodukt der großen Industrie, also nicht unter der hand anzufertigen ist, dass also die meisten Gewehre nutzlos sind, solange man nicht die speziell für sie passende Munizion hat. Und endlich sind die seit 1848 neugebauten Viertel der großen Städte, in langen, geraden, breiten Straßen angelegt, wie gemacht für die Wirkung der neuen Geschütze und Gewehre. Der Revolutionär müsste verrückt sein, der sich die neuen Arbeiterdistrikte im Norden und Osten von Berlin zu einem Barrikadenkampf selbst aussuchte.

Heißt das, dass in Zukunft der Straßenkampf keine Rolle mehr spielen wird? Durchaus nicht. Es heißt nur, dass die Bedingungen seit 1848 weit ungünstiger für die Zivilkämpfer, weit günstiger für das Militär geworden sind. Ein künftiger Straßenkampf kann also nur siegen, wenn diese Ungunst der Lage durch andere Momente aufgewogen wird. Es wird daher seltener im Anfang einer großen Revolution vorkommen als im weiteren Verlauf einer solchen und wird mit größeren Kräften unternommen werden müssen. Diese aber werden dann wohl, wie in der ganzen großen französischen Revolution, am 4. September und 31. Oktober 1870 in Paris, den offenen Angriff der passiven Barrikadentaktik vorziehen. [Spitze Klammern kennzeichnen Textstellen, die aus Rücksicht auf die `umsturzvorlagenfurchtsamtlichen Bedenken` (Engels) des Berliner Parteivorstandes gestrichen wurden];

Versteht der Leser nun, weshalb die herrschenden Klassen uns platterdings dahin bringen wollen, wo die Flinte schießt und der Säbel haut? Warum man uns heute der Feigheit zeiht, weil wir uns nicht ohne Weiteres auf die Straße begeben, wo wir der Niederlage im Voraus gewiss sind? Warum man uns so inständig anfleht, wir möchten doch endlich einmal Kanonenfutter spielen? Die Herren verschwenden ihre Bittgesuche wie ihre Herausforderungen für nichts und wieder nichts. So dumm sind wir nicht. Sie könnten ebenso gut von ihrem Feind im nächsten Krieg verlangen, er solle sich ihnen stellen in der Linienformation des alten Fritz oder in den Kolonnen ganzer Divisionen á la Wagram und Waterloo, und das mit dem Steinschlossgewehr in der Hand. Haben sich die Bedingungen geändert für den Völkerkrieg, so nicht minder für den Klassenkampf. Die Zeit der Überrumpelungen, der von kleinen bewussten Minoritäten an der Spitze bewusstloser Massen durchgeführten Revolutionen ist vorbei. Wo es sich um eine vollständige Umgestaltung der gesellschaftlichen Organisation handelt, da müssen die Massen selbst mit dabei sein, selbst schon begriffen haben, worum es sich handelt, für was sie mit Leib und Leben eintreten. Das hat uns die Geschichte der letzten fünfzig Jahre gelehrt. Damit aber die Massen verstehen, was zu tun ist, dazu bedarf es langer, ausdauernder Arbeit, und diese Arbeit ist es gerade, die wir jetzt betreiben, und das mit einem Erfolg, der die Gegner zur Verzweiflung bringt (...) < überall ist das unvorbereitete Losschlagen in den Hintergrund geraten>[Spitze Klammern kennzeichnen Textstellen, die aus Rücksicht auf die `umsturzvorlagenfurchtsamtlichen Bedenken` (Engels) des Berliner Parteivorstandes gestrichen wurden];

In Frankreich, wo doch der Boden seit über 100 Jahren durch Revolution auf Revolution unterwühlt ist, wo es keine einzige Patrtei gibt, die nicht in Konspiration, Aufständen und allen anderen revolutionären Aktionen das Ihrige geleistet hätte; in Frankreich, wo infolgedessen die Armee der Regierung keineswegs sicher ist und wo überhaupt die Umstände für einen insurrektionellen Handstreich weit günstiger liegen als in Deutschland – selbst in Frankreich sehen die Sozialisten mehr und mehr ein, dass für sie kein dauernder Sieg möglich ist, es sei denn, sie gewinnen vorher die große Masse des Volkes, d.h. hier die Bauern“ (MEW, Band 22, Seite 519-523).

Die beste Demonstration der deutsche Sozialisten ist ihre Existenz und ihr langsames, regelmäßiges und unaufhaltsames Voranschreiten. Wir sind noch weit davon entfernt, einen offenen Kampf führen zu können, und wir haben gegenüber ganz Europa und Amerika die Pflicht, keine Niederlage zu erleiden, sondern, wenn der Augenblick gekommen ist, in der ersten großen Schlacht zu siegen. Dieser Überlegung ordne ich jede andere unter“ (MEW, Band 38, Seite 20).

An dem Tage, an dem wir in der Mehrheit sein werden, wird sich das, was die französische Armee instinktiv getan hat, als sie nicht auf das Volk schoss, bei uns in bewusster Weise wiederholen. Ja, was die verängstigten Bourgeois auch sagen mögen, wir können den Zeitpunkt berechnen, zu dem wir die Mehrheit der Bevölkerung auf unserer Seite haben werden, unsere Ideen verbreiten sich überall“ (MEW, Engels, Band 22, Seite 543).

Lenin bemerkt zu Engels` Darlegungen über den Barrikadenkampf:

Die Sozialdemokratie hat in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts den Straßen – und Barrikadenkampf anerkannt, sie hat ihn auf Grund bestimmter Voraussetzungen am Ende des 19. Jahrhunderts abgelehnt – und sie hat ihre völlige Bereitschaft erklärt, diese letztere Ansicht zu revidieren und nach den Erfahrungen Moskaus, das nach den Worten K. Kautskys eine neue Barrikadentaktik hervorgebracht hat, den Barrikadenkampf als zweckmäßig anzuerkennen“ (Lenin, Band 11, Seite 204). Wie wir bei Lenin nachlesen können, hatte Kautsky zu Recht die Beurteilung der alten Barrikadentaktik von Engels am Hand des Vergleichs zwischen Pariser und Moskauer Aufstandes modifiziert. Hier zwei Zitate von Kautsky, die Lenin anführte:

` Ich kann heute nicht mehr mit der Bestimmtheit, wie ich es damals noch tat, erklären, dass bewaffnete Insurrektionen mot Barrikadenkämpfen in der kommenden Revolution keine entscheidende Rolle mehr spielen werden. Dagegen sprachen zu laut die Erfahrungen des Moskauer Straßenkampfes, wo sich eine Handvoll Menschen über eine Woche lang gegen eine ganze Armee im Barrikadenkampf behauptete und fast siegte, wenn nicht das Versagen der revolutionären Bewegung in anderen Städten erlaubt hätte, die Armee so zu verstärken, dass schließlich eine ungeheure Übermacht gegen die Insurgenten konzentriert war. Freilich war dieser realtive Erfolg des Barrikadenkampfes nur möglich, weil die Bevölkerung der Stadt die Revolutionäre tatkräftig unterstützte und die Truppen total demoralisiert waren. Aber wer kann mit Bestimmtheit behaupten, dass etwas Derartiges in Westeuropa unmöglich ist?`“ (zitiert bei Lenin, Band 15, Seite 49).

`Beide – die Pariser Junischlacht, und die Moskauer Dezemberschlacht – waren Barrikadenkämpfe`, sagte Kautsky,` aber jene bildete die Katastrophe, den Abschluss der alten Barrikadentaktik; diese die Inaugurierung einer neuen Barrikadentaktik. Und insofern haben wir die Anschauung zu revidieren, die Friedrich Engels in seiner Einleitung zu den Marxschen `Klassenkämpfen` niedergelegt, die Anschauung, als sei die Zeit der Barrikadenkämpfe vorbei. Das hat die Schlacht von Moskau bewiesen, wo es einem Häuflein Insurgenten gelang, sich gegen überlegene, mit allen Mitteln der modernen Artillerie ausgerüstete Streitkräfte zwei Wochen lang zu behaupten`“ (zitiert bei Lenin, Band 10, Seite 132-133). Engels ist aber überhaupt kein Vorwurf zu machen, denn er selbst hat die fon ihm selbst aufgeworfene Frage, wie sie sich im Ausgang des 19. Jahrhundert stellte – hier wiederholt zitiert – mit einem eindeutigen Durchaus nicht“ beantwortet:

Heißt das, dass in Zukunft der Straßenkampf keine Rolle mehr spielen wird? Durchaus nicht. Es heißt nur [hervorgehoben vom Verfasser], dass die Bedingungen seit 1848 weit ungünstiger für die Zivilkämpfer, weit günstiger für das Militär geworden sind. Ein künftiger Straßenkampf kann also nur siegen, wenn diese Ungunst der Lage durch andere Momente aufgewogen [hervorgehoben vom Verfasser] wird“ (MEW, Band 22, Seite 519-523). Die Unterstellung ist also unzulässig, Engels habe für alle Zeiten dem Straßenkampf- und Barrikadenkampf abgeschworen. Er hatte an diesem Kampf selbst aktiv teilgenommen, und diese Taktik auch theoretisch begründet, hielt an ihrer Notwendigkeit fest, aber ging eben dialektisch und historisch an diese Frage heran, dass Kampfformen sich im Laufe der Zeit unter veränderten Bedingungen ändern, dass andere Momente hinzukommen müssen. Dafür ist Engels nicht zu tadeln, sondern um so mehr zu loben.

Dass sich die Methoden des Straßenkampfes im Laufe der Zeit, an verschiedenen Orten, unter unterschiedlichen Voraussetzungen ändern, sagt nichts über ihre grundsätzliche Bedeutung aus. Dass der Straßenkampf lebt, dass er ein Teil eines Aufstands, eine Kampfform auf dem Weg der Revolution war, ist und bleibt, hat die Geschichte immer wieder bewiesen. Häufig entstehen die Straßenkämpfe aus den Straßendemonstrationen, wenn die Arbeiter ihren Streikkampf vom Betriebsgelände weg in die Zentren verlagern, wie zum Beispiel in die Städte, in die großen Städten, wo die Industriezentren sind. Je nach Lage und Situation werden Zusammenstöße mit Polizei oder Soldateska dabei unvermeidlich, leistet die Menge nicht nur passiven Widerstand gegen die Gewalt der Obrigkeit, sondern geht weiter zum aktiven Widerstand über, organisiert sich, bereitet sich vor, plant die Aktionen und entwickelt eine Strategie und Taktik des Straßenkampfes und verfeinert diese mit jeder neuen Kampfhandlung. Straßenkämpfe können auch eine große Bedeutung im Krieg haben wie zum Beispiel historisch in Stalingrad oder gegenwärtig in Falludscha. Der Straßen- und Barrikadenkampf gegen die Besatzer des Irkas haben sogar hervorragend seine internationale Bedeutung unter Beweis gestellt. Hier hat der Straßen- und Barrikadenkampf sogar einer ganzen internationalen Armee heldenhaft standgehalten und musterhaft bewiesen, dass diese Kampfform bei der Heranbildung neuer Generationen von Kämpfern Leitstern werden muss. Der Straßenkampf in Falludscha ist nur dadurch besiegt worden, weil er nicht in andere Städte des Iraks konsequent ausgeweitet wurde, weil die revolutionäre Bewegung der Straßenkämpfe von Palästina und des Iraks nicht zu Straßenkämpfen in alle anderen arabischen Ländern übergegriffen hat, weil die bewaffneten Straßenkämpfe im Nahen und Mittleren Osten noch nicht zum internationalen Straßenkampf geführt haben. Schon jetzt aber lässt sich mit Sicherheit an Hand der „historischen“ Ereignisse im Irak und in Palästina voraussagen, dass der Straßenkampf gegenüber Europa und Russland im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts unbedingt zu einem großen, vereinigten internationalen Straßenkampf im 21. Jahrhundert heranwachsen wird und dass die Notwendigkeit der internationalen Vernetzung, die Notwendigkeit der systematischen Organisierung und Zentralisierung der verschiedensten Kampfformen an Bedeutung gewinnen wird, dass die sozialistische Weltrevolution bereits die Keimformen von solchen Kampforganisationen heute schon vorfindet, mit denen sie morgen zum Sieg geführt werden, und es werden sich daraus weitere neue internationale Kampfformen herausbilden, von denen wir heute noch keine Ahnung haben.

Und Lenin sagte dies schon damals voraus:

Der Dezemberkampf 1905 hat bewiesen, dass der bewaffnete Aufstand unter den gegenwärtigen militärtechnischen und militärorganisatorischen Bedingungen siegen kann. Der Dezemberaufstand hat gezeigt, dass die gesamte internationale Arbeiterbewegung von nun an mit der Wahrscheinlichkeit ähnlicher Kampfformen in den bevorstehenden proletarischen Revolutionen rechnen muss“ (Lenin, Band 15, Seite 49).

Doch schon einige Monate früher als beispielsweise 70 Genossen in Riga im September 1905 zwei zum Tode verurteilte Genossen aus dem Zentralgefängnis befreiten, war Lenins Freude groß:Wir grüßen die Helden der revolutionären Rigaer Kampfabteilung! (...) Das ist ein wirklicher Sieg nach einer Schlacht mit dem bis an die Zähne bewaffneten Feind. Das ist keine Verschwörung mehr gegen irgendeine verhasste Person, kein Racheakt, kein Verzweiflungsausbruch und keine bloße `Abschreckung` - nein, das ist schon der wohldurchdachte und vorbereitete, die Kräfteverhältnisse berücksichtigende Beginn von Aktionen der Abteilungen einer revolutionären Armee. Die Zahl solcher Abteilungen in einer Stärke von 25-75 Mann kann in jeder großen Stadt, oft auch in den Vororten einer Großstadt, auf einige Dutzend gebracht werden. Sie Arbeiter werden diesen Abteilungen zu Hunderten beitreten, man muss nur sofort darangehen, diese Idee weitgehend zu propagieren, diese Abteilungen aufzustellen, sie mit jeder Art von Waffen zu versorgen, von Messern und Revolvern bis zu Bomben, und diese Abteilungen militärisch zu schulen und auszubilden. Glücklicherweise sind die Zeiten vorbei, da in Ermangelung eines revolutionären Volkes einzelne revolutionäre Terroristen die Revolution `machten`. Die Bombe hat aufgehört, die Waffe einzelner `Bombisten` zu sein. Sie wird zum unentbehrlichen Zubehör der Volksbewaffnung. Mit der veränderten Kriegstechnik werden sich auch die Methoden und Mittel des Straßenkampfes verändern. Wir alle studieren jetzt ( und tun gut daran) den Bau von Barrikaden und die Kunst, sie zu verteidigen. Doch über dieser nützlichen alten Sachen darf man die neueste Entwicklung der Kriegstechnik nicht vergessen. Der Fortschritt in der Verwendung von Sprengstoffen hat auf dem Gebiet der Artillerie eine Reihe von Neuheiten mit sich gebracht. (...) Lassen wir wegen der schweren Misserfolge bei den Versuchen, massenhaft Waffen zu beschaffen, den Mut nicht sinken! Keinerlei Misserfolge werden die Energie jener brechen, die ihre enge Verbindung mit der revolutionären Klasse fühlen und im Leben sehen, die sich bewusst sind, dass sich jetzt tatsächlich das ganze Volk für ihre nächsten Kampfziele erhoben hat. Die Herstellung von Bomben ist überall und allerorts möglich. Sie erfolgt jetzt in Russland in weit größerem Umfang, als jeder von uns weiß (und jedes Mitglied einer sozialdemokratischen Organisation kennt bestimmt mehr als ein Beispiel der Einrichtung von Werkstätten). Sie erfolgt in unvergleichlich größerem Umfang, als die Polizei weiß (diese aber weiß sicher mehr als die Revolutionäre in den einzelnen Organisationen). Keine Macht wird den Abteilungen einer revolutionären Armee widerstehen können, die mit Bomben bewaffnet sind, die unversehens eines nachts gleichzeiig mehrere solcher Überfälle wie den Rigaer durchführen und in deren Gefolge – das ist die letzte und wichtigste Bedingung- sich Hunderttausende von Arbeitern erheben werden (...)“ (Lenin, Band 9, Seite 279-280).

Was die Verletzung des privaten Eigentums zum Zwecke des Barrikadenbaus anbelangt, macht Lenin folgende Anmerkung:

!Wenn es also der unmittelbare Kampf erfordert, ist auch Verletzung privaten Eigentums, z.B. Die Beschlagnahme von Equipagen usw. Für den Barrikadenbau zulässig. Soweit es sich nicht um den unmittelbaren Kampf handelt, sind nach Vorschrift des Petersburger Parteitags Verletzungen der persönlichen Sicherheit `friedlicher` Bürger zu vermeiden, aber auch hier verweist der Parteitag auf eine Ausnahme: eine `zwangsläufige` Verletzung der persönlichen Sicherheit auf Grund des Kampfes gegen die Regierung rechnet der Parteitag den Teilnehmern an Partisanenaktionen nicht als Schuld an. Schließlich empfiehlt der Parteitag der Partei direkt eine Form von Partisanenaktionen und beschließt ohne Vorbehalte und Einschränkungen: `Waffen und Munition im Besitz der Regierung sind zu konfiszieren, wo immer sich eine Möglichkeit bietet`. Zum Beispiel: Die Polizisten haben Waffen, die der Regierung gehören: `Es bietet sich eine Möglichkeit...` (...) Wir raten all den zahlreichen Kampfgruppen unserer Partei, mit ihrer Untätigkeit Schluss zu machen und eine Reihe von Partisanenaktionen zu unternehmen, streng im Einklang mit den Parteitagsbeschlüssen, d.h. ohne irgendwelche Expropriation von Eigentum, bei möglichst geringer `Verletzung der persönlichen Sicherheit` friedlicher Bürger und bei größtmöglicher Verletzung der persönlichen Sicherheit von Spionen, aktiven Schwarzhundertern, höherer Offiziere der Polizei, des Heeres, der Flotte und so weiter und dergleichen mehr. `Waffen` aber `und Munition im Besitz der Regierung sind zu konfiszieren, wo immer sich eine Möglichkeit bietet`“ (Lenin, Band 11, Seite 155).

Wir wollen diesen Abschnitt im Kapitel „Aufstand“ nicht abschließen, ohne auf Lenin hinzuweisen, der den revolutionären Barrikadenkampf von der anarchistischen Taktik streng voneinander unterscheidet. Er verwies dabei auf das Beispiel Polens:

Ich muss jedoch bemerken, dass wir nirgends, außer in Polen, eine solche sinnlose Abweichung von der revolutionären Taktik gesehen haben, die eine begründete Ablehnung und den Kampf gegen sie herausfordert. Und hier drängt sich der Gedanke auf: Gerade in Polen hat es im Dezember 1905 nicht diesen bewaffneten Kampf der Massen gegeben! Und hat sich nicht gerade deshalb in Polen, die widernatürliche und sinnlose Taktik des Anarchismus, Revolution zu `machen`, eingebürgert, weil die Bedingungen es dort nicht gestatteten – und sei es nur für einen kurzen Augenblick – den bewaffneten Kampf der Massen zu entfalten? Ist die Tradition gerade dieses Kampfes, die Tradition des bewaffneten Dezemberaufstandes, nicht manchmal das einzige ernsthafte Mittel zur Überwindung anarchistischer Tendenzen innerhalb der Arbeiterpartei – nicht mit Hilfe einer schablonenhaften, philiströsen, spießbürgerlichen Moral, sondern durch die Abkehr von der zwecklosen, sinnlosen, zersplitterten Gewalt zur zielgerichteten Gewalt der Massen, die mit einer breiten Bewegung und mit der Verschärfung des unmittelbaren proletarischen Kampfes verbunden ist?“ (Lenin, Band 15, Seite 50-51).



Die Verunglimpfung der Kunst des Aufstands als „Blanquismus“

Zu den böswilligsten und wohl verbreitetsten Entstellungen des Marxismus durch die herrschenden „`sozialistischen` Parteien gehört die opportunistische Lüge, die Vorbereitung des Aufstands, überhaupt die Betrachtung des Aufstands als eine Kunst, sei `Blanquismus`. (...) Um erfolgreich zu sein, darf sich der Aufstand nicht auf eine Verschwörung, nicht auf eine Partei stützen, er muss sich auf die fortgeschrittenste Klasse stützen. Dies zum Ersten. Der Aufstand muss sich auf den revolutionären Aufschwung des Volkes stützen. Dies zum Zweiten. Der Aufstand muss sich auf einen solchen Wendepunkt in der Geschichte der anwachsenden Revolution stützen, wo die Aktivität der vordersten Reihen des Volkes am größten ist, wo die Schwankungen in den Reihen der Feinde und in den Reihen der schwachen, halben, unentschlossenen Freunde der Revolution am stärksten sind. Dies zum Dritten. Durch diese drei Bedingungen eben unterscheidet sich der Marxismus in der Behandlung der Frage des Aufstandes vom Blanquismus. Sind aber diese Bedingungen einmal gegeben, so ist die Weigerung, den Aufstand als eine Kunst zu betrachten, Verrat am Marxismus und Verrat an der Revolution“ (Lenin Band 26, Seite 4 – 5).

Lenin wies nach,dass Blanquismus Machtergreifung durch eine Minderheit bedeutet.“ (Lenin Band 24, Seite 31).

die Revolte

Revolten sind Äußerungen des Volkskampfes gegen brutale militärische Gewaltakte, Kriege und andere Verbrechen der herrschenden Regierungen am Volk, d.h.unbewusste, unorganisierte, spontane, zuweilen ungezügelte Empörungen“ (Lenin, Band 8, Seite 563) ohne zielbewusste Agitation und Propaganda der revolutionären Organisationen und gleichzeitig sind Revolten Signale und Anfangsstadium von organisierten Streikkämpfen, politischen Demonstrationen, Straßenschlachten und Barrikadenkämpfen, die in den Aufstand übergehen.Revolten – Demonstrationen – Straßenkämpfe – Abteilungen einer revolutionären Armee – das sind die Entwicklungsetappen des Volksaufstandes“ (Lenin, Band 8, Seite 565).

Revolte oder Revolution ?

Die Frage lässt sich nicht so einfach beantworten, denn große Revolutionen sind niemals vom Himmel gefallen, sondern haben stets im Kleinen begonnen. Das bestreiten auch nicht die Gegner des Marxismus-Leninismus. Über die Initialzündung, über den „Funken, der zum Steppenbrand“ führt, gibt es zwischen Marxisten-Leninisten und beispielsweise den Maoisten durchaus Übereinstimmung. Was uns aber von den Maoisten trennt, ist, dass diese der Überzeugung sind, die „Städte vom Dorf aus“ einzunehmen, dass nicht das Weltproletariat die Rolle der führenden Klasse einnimmt, sondern die unterdrückten Völker, die „Dritte Welt“, die sozusagen Volkskriege führen, ohne die Führung des Weltproletariats und gegen dessen Führung, über die Köpfe der Proletarier aller Länder hinweg. Wir Marxisten-Leninisten haben tausendmal bewiesen, dass das so nicht funktioniert, niemals funktionieren kann. Die proletarische Weltrevolution ist eigene Sache des Weltproletariats, kann nur vom Weltproletariat selbst sowohl, initiiert, durchgeführt, als auch zum Sieg geführt werden. An diesen Sieg aber ist das Schicksal aller Volkskriege geknüpft.

Mit der ersten Zellteilung ist die Keimzelle nicht mehr dasselbe, was sie vorher war. Das revolutionäre Leben entwickelt sich durch Zellteilungen. Die revolutionärte Bewegung wächst heran, sie beginnt in einem Zentrum, ohne lange auf dem Rahmen eines engen Gebiets beschränkt zu bleiben. Sie dehnt sich Schritt für Schritt bis auf die Randgebiete aus, indem sich immer mehr Kräfte dieser Bewegung anschließen, sie zur Massenkraft, zur Massenbewegung heranreifen lassen bis ein Organismus entsteht, mit dem sich die ganze Klasse in die Lage versetzt, die andere zu vernichten. Und selbst die Arbeiterklasse ist als Klasse allein nicht in der Lage, den Umsturz siegreich durchzuführen, wenn sie nicht die Reife besitzt, andere Klassen mit in die Schlacht zu führen. Selbst das gesamte Weltproletariat wird als Klasse nicht in der Lage sein, in der proletarischen Weltrevolution zu siegen, wenn es sich nicht auf die revolutionären Völker stützt. Und umgekehrt-wie gesagt- können sich die revolutionären Völker letztendlich nicht endgültig befreien ohne Führung des Weltproletariats.

Aber nicht aus jeder revolutionären Keimzelle entwickelt sich automatisch eine revolutionäre Massenbewegung, nicht jede Revolte lässt sich in eine Revolution verwandeln. Das hängt von verschiedensten Voraussetzungen und Bedingungen ab, die uns Marxisten-Leninisten grundsätzlich bekannt sind.

Lenin bemerkte: Nicht umsonst sagt man, eine Revolution sei eine gelungene Revolte und eine Revolte eine misslungene Revolution. (...) Die bürgerlichen Zeitungen, die nach wie vor von Revolte, Aufruhr und Unruhen reden, können indessen nicht umhin, deren nationale, ja sogar internationale Bedeutung anzuerkennen. Aber diese Bedeutung ist es ja eben, die den Ereignissen den Charakter einer Revolution verleiht. Und wer von den letzten Tagen des Aufruhrs schreibt, beginnt unwillkürlich von den ersten Tagen der Revolution zu sprechen“ (Lenin, Band 8, Seite 91) Lenin bezieht sich hierbei historisch auf die russischen Revolutionstage von 1905: Der von unserer Arbeiterklasse heldenhaft begonnene Sturz des Zarismus in Russland wird ein Wendepunkt in der Geschichte aller Länder sein, wird allen Arbeitern aller Nationen, in allen Staaten, in allen Teilen des Erdballs ihre Sache erleichtern“ (Lenin, Band 8, Seite 88).

Worum es in der Frage aber geht, ist nicht die Quantität allein, sondern vor allem die Qualität, der Inhalt. Die Revolutionen werden von den Massen gemacht und nicht stellvertretend von den Revolutionären, nicht von der revolutionären Keimzelle, nicht von einer revolutionären Gruppe. Die anderen Klassen können auch nicht stellvertretend für die Arbeiterklasse eine „proletarische“ Revolution „machen“, auch wenn sie sie so nennen. Eine proletarische Revolution kann nur das Proletariat selber machen. Eine „proletarische“ Revolution, die nicht vom Proletariat selber geführt wird, ist keine und kann keine sein. Der Charakter einer Revolte oder Revolution wird verliehen durch die sozialen Kräfte, durch die Klassen, die darin wirken und ihnen den Stempel aufdrücken.

Die Revolution in Permanenz“ mit der „Anarchie in Permanenz“ gleichzusetzen, bedeutete für Lenin die Revolution zu einem bloßen Aufruhr stempeln“, Verräter an der Revolution werden“ (Lenin, Band 9, Seite 317).

Terroristischer Aufruhr, ob ökonomisch, politisch oder militärisch, der von einer Verschwörergruppe angezettelt wird, ist mit der wirklichen revolutionären proletarischen Weltbewegung unvereinbar, ist anti-proletarisch und konterrevolutionär, und deswegen grenzen wir Internationalisten uns entschieden von dieser falschen und schädlichen Taktik ab, bekämpfen wir diese Taktik mit allen Mitteln, besonders dann, wenn sich die Vertreter der terroristischen Taktik der Fahne des Marxismus-Leninismus zu bemächtigen versuchen und das Blut der Arbeiter dem Abenteuertum opfern. Natürlich müssen wir offen gegen die Bourgeoisie auftreten, wir müssen sie permanent bis zum endgültigen Sieg in Angst halten. Hierfür bedarf es aber nicht des Terrorismus von Verschwörergruppen, sondern starker Arbeiterorganisationen, die imstande sind, den Kampf des Weltproletariats als internationale KLASSE zu führen, das heißt, um die gesamte revolutionäre MASSENbewegung zur Weltrevolution zu führen, bedarf es der Hegemonie des Weltproletariats.

Blanquisten waren Anhänger des französischen Revolutionärs Blanqui (1805-1881). Die Klassiker des Marxismus-Leninismus sahen in Blanqui einen hervorragenden Revolutionär und Streiter für den Sozialismus, kritisierten aber zugleich die verschwörerischen Methoden seiner Tätigkeit. In der Einleitung zu Marx` Schrift „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ schrieb Engels über die Blanquisten: Großgezogen in der Schule der Verschwörung, zusammengehalten durch die ihr entsprechende straffe Disziplin gingen sie von der Ansicht aus, dass eine verhältnismäßig kleine Zahl entschlossener, wohlerganisierter Männer imstande sei, in einem gegebenen günstigen Miment das Staatsruder nicht nur zu ergreifen, sondern auch durch Entfaltung großer, rücksichtsloser Energie so lange zu behaupten, bis es ihr gelungen, die Massen des Volkes in die Revolution hineinzureißen und um die führende kleine Schar zu gruppieren“ (Siehe MEW, Band 22, Berlin, S. 197). Die Bourgeoisie hat uns Marxisten-Leninisten wegen unserer revolutionären Haltung häufig als „Blanquisten“ beschimpft und uns als „Revolutionaristen und `linksextremistische` Terroristen bekämpft, während sie die opportunistischen Elemente in unseren Reihen stets als „besonnen“, „vernünftig“ und als „Realos“ lobten. Für die Weltbourgeoisie ist das Schreckgespenst vom „Krieg gegen den Terrorismus“ ein bequemes Schlagwort, wenn sie damit das Weltproletariat von seinem Kampf um die Weltmacht abhalten kann. Der Terrorismus verneint den Klassenkampf, aber mit diesem „Krieg gegen den Terrorismus“ führt die Weltbourgeoisie ihren Terror gegen das Weltproletariat, verleumdet sie dessen Kampf für seine revolutionäre Befreiung vom internationalen Lohnsklavenhaltertum. Die Bourgeoisie verwandelt den „Krieg gegen den Terrorismus“ in eine Waffe gegen das Proletariat: „Seid vernünftig, Arbeiter! Kämpft für eure Rechte in eurerm Parlament, in der UNO usw. usf., holt der Weltbourgeoisie die Kastien aus dem Feuer, aber erdreistet euch nicht nach der Weltmacht zu greifen; an einen solchen Wahnwitz glauben nur Terroristen, aber doch nicht etwa ein zivilisierter, kultivierter Arbeiter!“

Im Weltmaßstab gewinnt „der Aufstand als eine Kunst“ und die Abgrenzung vom internationalen Blanquismus eine noch bedeutendere Rolle. Allein die Idee des Aufstands eines Landes zu übertragen auf den länderübergreifenden Aufstand ist schon eine Herausforderung:

»Der Kapitalismus ist nicht so harmonisch aufgebaut, dass die verschiedenen Aufstandsherde sich von selbst, ohne Misserfolge und Niederlagen, sogleich miteinander vereinigen könnten. Im Gegenteil, gerade der Umstand, dass die Aufstände zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten ausbrechen, dass sie verschieden geartet sind, gewährleistet die Breite und Tiefe der allgemeinen Bewegung; nur in unzeitgemäßen, partiellen, zersplitterten und daher erfolglosen revolutionären Bewegungen werden die Massen Erfahrung erwerben, werden sie lernen, Kräfte sammeln, ihre wahren Führer, die sozialistischen Proletarier, erkennen und dadurch den allgemeinen Ansturm vorbereiten.« (Lenin, Bd. 22, Seite 366, dt. Ausgabe).»Wollen wir den Sozialismus nicht preisgeben, so müssen wir jeden Aufstand gegen unseren Hauptfeind, die Bourgeoisie der `Groß`mächte, unterstützen, wenn es nicht ein Aufstand einer reaktionären Klasse ist.« (ebenda S.339)

Diesen allgemeinen Ansturm – wie Lenin ihn fordert - vorzubereiten, das ist die zentrale Aufgabe einer Komunnistischen Internationale, das ist der grund, weswegen wir jeden Aufstand unterstützen, der gegen die Weltbourgeoisie gerichtet ist. Bei unserer Weltanschauung geht es schließlich darum, dass das gesamte Weltproletariat, dass die revolutionären Völker in ihrer Gesamtheit und Geschlossenheit an die Frage der Kunst des Aufstandes herangeführt werden müssen. Das ist eine gigantische Aufgabe. Es ist das durch das Erreichen des weltkapitalistischen Endstadiums verursachte Elend und die Not auf der ganzen Welt, die alle Ausgebeuteten und Unterdrückten dieser Erde zwingt, sich bewusst zu werden, dass sie nur überleben können, wenn sie ihre Geschicke gemeinsam in die Hand nehmen, wenn sie ihre allseitige Abhängigkeit vom Weltkapitalismus gemeinsam abschütteln und mit der Revolution, also auf revolutionäre Weise beginnen, die vorhandenen Produktivkräfte total umzuwälzen, ihre Gesamttätigkeit bei der Weltproduktion zentralistisch zu organisieren und weltsozialistische Produktions- und Verteilungsverhältnisse zu schaffen. Es geht darum, dass sich das Weltproletariat und die revolutionären Völker über ihr weltgeschichtliches Zusammenwirken in der kommunistischen Revolution erst einmal bewusst werden müssen, dass sie ihre Interessen und Bedürfnisse nur gemeinsam verwirklichen können und die Revolution nur der Anfang ist, um das kapitalistische Privateigentum aufzuheben. Aufheben der Reichtümer der Welt erschöpft sich nicht im Akt der internationalen militärischen Beschlagnahme, wonach die Entwicklung der neuen Weltgesellschaft sozusagen spontan ihrem Selbstlauf überlassen wird. Diese Entwicklung vollzieht sich in einem welthistorischen Prozess der internationalistischen Produktionsweise der neuen sozialistischen Weltgesellschaft, wo sich das bisherige Leben der Völker im Weltkapitalismus völlig neu und radikal definiert. Die Völker im Weltsozialismus treten in neue Beziehungen zueinander und verändern dadurch auch ihr altes Leben durch einen qualitativen Sprung. Und eben dies wird nicht ohne Reibung abgehen, werden konterrevolutionäre Aufstände die ständige Begleiterscheinung der kommunistische Revolution sein, werden aufflackernde Bürgerkriege unvermeidbar sein, bis sich der ganze kommunistische Weltprozess unter großen Opfern seinen Weg gebahnt hat. All das ist ohne enorme militärische Anstrengungen der ganzen neuen Weltgemeinschaft völlig unmöglich, denn die besiegten Ausbeuter und Unterdrücker der alten Weltordnung werden ihre Anstrengungen verhundertfachen, um ihr altes kapitalistisches Weltreich wieder zu errichten, solange die neue Welt noch keine feste Basis mit festem Überbau geschaffen.

Die Kommunisten der weltbolschewistischen Partei können sich mit ihrer internationalen Roten Armee nicht auf sich selbst als „internationale Verschwörergruppe“ stützen, sondern müssen sich auf das gesamte Weltproletariat als fortgeschrittenste Klasse und auf die revolutionären Völker stützen. Das Weltproletariat, die Avantgarde der Weltrevolution, muss sich erst in seiner Mehrheit hinter die Kommunisten gestellt haben. Ohne die Mehrheit der Arbeiter und Soldaten, beispielsweise in den Metropolen, kann man die konterrevolutionären Werkzeuge des Weltimperialismus, ihre Zentrale, nicht niederwerfen. Der Aufstand muss sich auf den revolutionären Aufschwung nicht nur eines Volkes, sondern mehrerer Völker, auf die Mehrheit der Völker stützen, die fest entschlossen sein müssen und keine Opfer scheuen dürfen, den völligen Bruch mit der Weltbourgeoisie absolut zu vollziehen. Die angestaute Weltempörung aller Völker überschreitet das Maß des Leides, der Geduld, des Ertragens und durchbricht – durch nichts und niemanden aufzuhalten - den Damm. Der Strom des Zornes aller Völker in seiner gebündelten Kraft, ist mit der revolutionären Kraft eines einzelnen Volkes nicht zu vergleichen, ist weder einzukreisen oder sonst wie einzudämmen. Der Aufstand muss sich auf einen Wendepunkt in der Geschichte der Weltrevolution stützen, wo in der gesamten internationalen Front des Imperialismus die Schwankungen und Risse ihrer Krise so gewaltig sind, dass der internationale Hauptfeind, der USA-Imperialismus sturmreif geschossen werden kann, wo das gesamte . Die Meere des Weltproletariats werden aufwallen und schäumen, wenn der mächtige Sturm der Weltrevolution über den Erdball fegt. Der internationale Einfluss der Revisionisten und Opportunisten im Weltproletariat muss auf ein Minimum reduziert sein, d.h., dass die Proletarier aller Länder mit diesen Verrätern an der Weltrevolution abrechnen; die schwankenden Elemente und Schichten des Kleinbürgertums, die internationale Front der schwachen, halben, unentschlossenen „Freunde“ der Weltrevolution, müssen zumindest so sehr ins Wanken geraten sein, dass ihre Mehrheit neutralisiert werden kann. Wir müssen aber nicht nur die Voraussetzungen für die physische Vernichtung der Konterrevolution erfüllen, sondern auch die eroberte Macht politisch behaupten, um unseren physischen Sieg zu sichern. Die objektiven Voraussetzungen für die Weltrevolution sind gegeben, aber die subjektiven Bedingungen sind noch nicht reif. Sie müssen noch geschaffen werden. Eine Aufgabe, die zur praktischen Lösung ansteht. Es geht nicht darum, den Marxschen Gedanken von der Kunst des Aufstands im internationalen Maßstab in Worten anzuerkennen, einen richtigen Zeitpunkt festzulegen usw, sondern an die Weltrevolution marxistisch heranzugehen, soll heißen, das Weltproletariat erlernt und meistert seine Kriegskunst im praktischen Kampf. Wie soll sich das Weltproletariat allen Ernstes seine internationale Macht erobern und seine eigenen Machtorgane auf der ganzen Welt errichten können, wenn es nicht über eine Eroberungstheorie, über eine richtige Strategie und Taktik verfügt, zum Beispiel die Kommandozentrale des US-Imperialismus auszuschalten, die die Fäden der internationalen Konterrevolution in ihren Händen hält? Ein Stab der internationalen, aufständischen Abteilungen muss organisiert werden, die Kräfte international verteilt und an den wichtigsten Punkten konzentriert, die Kommandozentrale der Konterrevolution umzingelt und besetzt, der Generalstab und die US-Regierung verhaftet werden, die Verbindungen des Feindes gekappt und die eigenen Verbindungen aller Punkte unseres bewaffneten Kampfes weltweit gesichert werden, usw. usf. Dieses Szenario sei hier nur illustriert, um klarzumachen, dass die Weltrevolution nicht spontan dem Selbstlauf der Weltereignisse passiv folgt, dass die Proletarier des einen Landes nicht auf die Befreiung der Proletarier des anderen Landes usw. warten, dass man sich heute von der Einengung der Idee der national begrenzten sozialistischen Revolution befreien muss, dass das Weltproletariat als vereinigte, geschlossene Klasse agieren muss, dass sich die Proletarier eines jeden Landes als unverzichtbare Abteilung des Weltproletariats begreifen müssen, weil die Sprengung der imperialistischen Kette an seiner schwächsten Stelle anders unmöglich ist, geschweige denn die Zerschlagung der gesamten Kette des Weltimperialismus. Die Imperialisten halten sich nicht an die Abläufe der Oktoberrevolution. Der Sozialismus lässt sich nicht auf die gleiche Weise zurückerobern, wie er einst erobert wurde. Die Weltbourgeoisie hat dazu gelernt, und das wird auch das Weltproletariat tun müssen, wenn die Weltrevolution siegen soll. Der internationale Klassenfeind weiß, dass sein letztes Stündchen geschlagen hat und wirft vor unseren Augen die ganze Wucht seiner globalisierten Konterrevolution dorthin, wo sich ein Aufstand entwickelt, um ihn niederzuschlagen, bevor er sich in seiner unmittelbaren Nachbarschaft und schließlich international ausbreiten kann. Der Klassenkampf gegen den Imperialismus, die anti-imperialistische Front, muss also als aktive Kriegskunst des zur bewaffneten, führenden Klasse zusammengeschweißten Weltproletariats, seiner Avantgarde, seiner Verbündeten usw. , aufgefasst werden, wenn man vom marxistisch-leninistischen Standpunkt ausgeht. Das ist der Kernpunkt der Lehre des Marxismus-Leninismus in der Frage des heutigen militärischen Kampfes für die Weltrevolution. Vergessen wir nicht, dass der Aufstand in Russland 1905 in wenigen Monaten, in Wochen, eine Millionenarmee entstehen ließ, die der revolutionären Avantgarde des Proletariats folgte. Man kann nicht wissen, ob sich heute oder morgen eine mächtige revolutionäre Weltbewegung entfalten wird.Auf jeden Fall aber verdient nur die Arbeit in dieser Richtung sozialistische Arbeit genannt zu werden“ (Lenin, Band 21, Seite 254). Die Losung, die diese Arbeit zusammenfasst und ihr Richtung gibt, die die Vereinigung und den Zusammenschluss derjenigen fördert, die den revolutionären Kampf des Weltproletariats gegen alle Regierungen und gegen die gesamte Weltbourgeoisie unterstützen wollen, ist die Losung des internationalen Aufstands, die Losung des Weltbürgerkriegs, die Losung des internationalen Klassenkrieges.

Ende