Schulungstexte der Komintern/ML
VII. Teil
Lehrbuch
über die marxistisch-leninistischen Grundlagen der
weltproletarischen Militärwissenschaft
und über die Kunst der
weltrevolutionären Klassenkriegsführung
Generalstreik:
„Der Generalstreik ist kaum denkbar ohne ein parteiloses, von den Massen getragenes Streikkomitee“ (Lenin, Band 11, Seite 77).
Die imperialistischen Gewerkschaften lehnen den Generalstreik im Allgemeinen ab, prinzipiell aber den politischen Generalstreik gegen das kapitalistische System, deren Aufrechterhaltung sie dienen. Sie versuchen ihn offen zu bekämpfen und mit allen ( !!! ) Mitteln zu verhindern. So wurde sogar vom Vorsitzenden des Nationalen Bergarbeiterverbandes (!!) zur konterrevolutionären bewaffneten Niederschlagung des Generalstreiks der englischen Bergarbeiter im Mai 1947 aufgerufen, denn nichts anderes kann es in seinem Aufruf bedeuten: „Die Regierung muss alle [!!!] Mittel einsetzen, um diesen kriminellen [!!] Anschlag [!!!] niederzuschlagen [!!!!] ( Ausrufungszeichen vom Verfasser), der die Produktion gefährdet“ (G. Lefranc, „Das Gewerkschaftswesen in der Welt“, franz. Ausgabe, Paris 1963, Seite 93). Diese sozialimperialistisch- sozialfaschistische Haltung der Gewerkschaftsführer gegenüber dem Generalstreik beruht vollkommen auf den theoretischen Dogmen der II. Internationale. Hierzu Stalin:
„Das dritte Dogma: Die Methode des politischen Generalstreiks sei für das Proletariat unannehmbar, denn sie sei theoretisch unhaltbar (siehe die Kritik von Engels), praktisch gefährlich (sie könne den normalen Gang des Wirtschaftslebens des Landes zerrütten und auf die Gewerkschaftskassen verheerend wirken), und könne nicht die parlamentarischen Kampfformen ersetzen, die die Hauptform des Klassenkampfes des Proletariats seien. Schön, antworten die Leninisten, aber erstens kritisierte Engels nicht jeden Generalstreik, sondern nur eine bestimmte Art des Generalstreiks, und zwar den ökonomischen Generalstreik der Anarchisten, den die Anarchisten als Ersatz für den politischen Kampf des Proletariats vorschlugen – was hat das mit der Methode des politischen Generalstreiks zu tun? Zweitens, wo und von wem wurde bewiesen, dass die parlamentarische Form des Kampfes die Hauptform des Kampfes des Proletariats ist? Zeigt nicht die Geschichte der revolutionären Bewegung, dass der parlamentarische Kampf nur Schule und Hilfsmittel für die Organisierung des außerparlamentarischen Kampfes des Proletariats ist, dass die Grundfragen der Arbeiterbewegung unter dem Kapitalismus durch die Gewalt, durch den unmittelbaren Kampf der proletarischen Massen, durch ihren Generalstreik, ihren Aufstand entschieden werden? Drittens, wie kommt man auf die Frage einer Ersetzung des parlamentarischen Kampfes durch die Methode des politischen Generalstreiks [hervorgehoben vom Verfasser]? Wo und wann haben die Anhänger des politischen Generalstreiks versucht, die parlamentarischen Kampfformen durch außerparlamentarische Kampfformen zu ersetzen? Viertens, hat etwa die Revolution in Russland nicht gezeigt, dass der politische Generalstreik eine gewaltige Schule der proletarischen Revolution und ein unersetzliches Mittel zur Mobilisierung und Organisierung der breitesten Massen des Proletariats am Vorabend des Sturmes auf die Festen des Kapitalismus ist [unterstrichen vom Verfasser] – wozu hier also die philisterhaften Klagen über die Zerrüttung des normalen Ganges des Wirtschaftslebens und über die Gewerkschaftskassen? Ist es nicht klar, dass die Praxis des revolutionären Kampfes auch dieses Dogma der Opportunisten zerschlägt?“ (Stalin, Band 6, Seite 75-76, „Über die Grundlagen des Leninismus“).
Lenin sagte: „Aber eine `Schule des Krieges` ist noch nicht der Krieg selbst. Wenn unter den Arbeitern Streiks weite Verbreitung finden, so beginnen manche Arbeiter (und manche Sozialisten) zu glauben, die Arbeiterklasse könne sich auf Streiks und Streikkassen oder – vereinigungen allein beschränken, die Arbeiterklasse könne durch Streiks allein eine ernstliche Verbesserung ihrer Lage oder sogar ihre Befreiung erreichen. Wenn sie sehen, welche Kraft den Arbeitern ihr Zusammenschluss und selbst kleine Streiks geben, so glauben manche, die Arbeiter brauchten nur einen Generalstreik im ganzen Lande auszurufen, und sie könnten bei den Kapitalisten und der Regierung alles erreichen, was sie wollen. Eine solche Meinung wurde auch von Arbeitern anderer Länder ausgesprochen, als die Arbeiterbewegung erst begann und die Arbeiter noch sehr unerfahren waren. Aber diese Meinung ist irrig. Streiks sind eines der Mittel des Kampfes der Arbeiterklasse für ihre Befreiung, aber nicht das einzige Mittel, und wenn die Arbeiter den anderen Kampfmitteln keine Aufmerksamkeit schenken, so verlangsamen sie dadurch die Entwicklung und die Erfolge der Arbeiterklasse. (...) Und die Streiks haben wirklich in allen Ländern die Arbeiterklasse allmählich gelehrt, den Kampf gegen die Regierungen, für die Rechte der Arbeiter und für die Rechte des ganzen Volkes überhaupt zu führen. (...) Wenn alle klassenbewussten Arbeiter Sozialisten werden, d.h, Menschen, die eine solche Befreiung anstreben, wenn sie sich im hanzen Lande zusammenschließen, um unter den Arbeitern den Sozialismus zu verbreiten, um die Arbeiter mit allen Mitteln des Kampfes gegen ihre Feinde vertraut zu machen, wenn sie eine sozialistische Arbeiterpartei bilden, die für die Befreiung des ganzen Volkes vom Joch der Regierung und für die Befreiung aller Werktätigen vom Joch des Kapitals kämpft – erst dann wird sich die Arbeiterklasse völlig jener großen Bewegung der Arbeiter aller Länder angeschlossen haben, die alle Arbeiter vereinigt und die rote Fahne entrollt hat mit der Aufschruift `Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ (Lenin, Band 4, Seite 313-315).
Im Gegensatz zur Auffassung der Marxisten-Leninisten betrachten die Anarcho-Syndikalisten den Generalstreik als höchste Kampfform des Proletariats „mit verschränkten Armen“. Endziel ihres Generalstreiks ist der Sturz des Kapitalismus ohne gewaltsame, sozialistische Revolution und ohne die politische Machtergreifung durch die Diktatur des Proletariats. Sie betrachten den Generalstreik als „Ausdruck der Gewalt, die Blutvergießen vermeidet“. Die Anarcho-Syndikalisten leugnen mit dieser reaktionären Generalstreiktaktik die Notwendigkeit der kommunistischen Partei, ihrer führenden Rolle im bewaffneten Aufstand und bei der Diktatur des Proletariats gegen die Bourgeoisie. Der Generalstreik muss in den Aufstand hinüberwachsen . Die Eroberung der proletarischen Macht – das ist das marxistisch-leninistische Ziel und der politische Generalstreik ist ein wichtiges Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Die Opportunisten begreifen diesen wesentlichen Unterschied zwischen einem friedlichen Demonstrationsstreik und dem mit dem bewaffneten Aufstand verbundenen Generalstreik nicht und wollen ihn nicht verstehen. Die Opportunisten begreifen ebensowenig den Unterschied zwischen den im nationalen Rahmen begrenzten Kampfformen und den im internationalen Kamf verbundenen Formen. Friedliche Solidaritätsaktionen in allen Ländern zur internationalistischen Unterstützung der revolutionären Bewegung in einem Land sind wichtig, aber als einzige internationale Kampfform gegenüber dem globalisierten konterrevolutionären Gegner heute völlig unzureichend, der mit der revolutionären Bewegung in jedem einzelnen Land eins nach dem anderen spielend fertig wird, aber nicht mit einer vereinigten Weltfront aller revolutionären Bewegungen. Es hat in der Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung zahlreiche Beispiele von Ereignissen gegeben, wo die Arbeiter über die nationalen Grenzen hinweg zu Kampfformen gegriffen haben, die internationalen Charakter hatten, aber das sind Einzelbeispiele. Will man grundsätzlich eine permanente Internationalisierung der revolutionären Bewegung erreichen, braucht man eine wirkungsvollere Taktik, und das kann nur eine internationale Taktik sein, die zum Beispiel nicht auf die Taktik friedlicher Demonstrationen oder andere internationale Einzelaktionen im nationalen Rahmen beschränkt ist, sondern darüber hinaus geht und die Kombinierung verschiedenster internationaler militanter und bewaffneter Kampfformen einschließt, diese voraussetzt. Die Proletarier aller Länder können ihren bewaffneten Kampf nicht zu einer geballten Kraft vereinigen, wenn sie ihn nicht über ihre nationalen Grenzen hinaus koordiniert organisieren, kombinieren, miteinander verknüpfen, verschmelzen. Die im nationalen Rahmen eingeengten Kampfformen werden höheren Kampfformen elementar und unvermeidlich weichen, werden den internationalen Kampfformen Platz machen, werden sie unbedingt hervorbringen als selbständige und hauptsächliche Kampfformen des Weltproletariats. Wodurch? Die sozialistische Weltrevolution bricht sich Bahn in der Erzeugung einer globalisierten, geschlossenen und mächtigen Konterrevolution, die das Weltproletariat zwingt, sich zu seiner Verteidigung immer internationalerer Mittel, immer extremerer internationaler Mittel zu bedienen, und so immer machtvollere Mittel seiner internationalen Angriffe auf den Weltimperialismus zu entwickeln.
Der politische Generalstreik ist häufig das Bindeglied zwischen dem vorrevolutionären Aufschwung der Bewegung und der Auslösung des bewaffneten Aufstands. Damit ist er die höchste Stufe der vorrevolutionären Phase und zugleich die Anfangsstufe der direkten revolutionären Kampfhandlungen, kann die revolutionäre Bewegung vom politischen Generalstreik zum bewaffneten Aufstand emporsteigen. Das ist auch einer der Gründe, weswegen der Sozialdemokratismus und der Gewerkschaftsreformismus stets versucht haben, einem Generalstreik vorzubeugen, eben um seine Weiterentwicklung zum Aufstand präventiv zu verhindern. An dieser Nahtstelle zeigten sich oft Schwächen in der Geschichte der Arbeiterbewegung: Diese Schwächen bestanden größtenteils darin, dass die Arbeiter ( und noch mehr ihre Verbündeten) nicht entschlossen genug, nicht zahlreich genug, nicht schnell genug zum offensiven wirtschaftlichen und zum bewaffneten politischen Kampf übergingen, dass die Streikenden ihre Zersplitterung nicht durch Konzentrierung der Kräfte überwinden, dass sie ihre Kämpfe nicht zu einer geschlossenen Front vereinheitlichen konnten. Das größte Hindernis aber war stets die mangelnde Vorbereitung bei der Beschaffung der Waffen, die mangelnde Vorbereitung der Massen auf den bewaffneten Aufstand. Und es braucht nicht zu verwundern, dass ausgerechnet an dieser Nahtstelle ALLE opportunistischen Kräfte - „linke“ wie rechte – gegen die Arbeiterklasse aktiv wurden, um diesen Übergang vom Generalstreik zum bewaffneten Aufstand auf die unterschiedlichste Weise zu verhindern.
Hier ein historisch markantes Beispiel, wie sich aus Streiks, aus dem ökonomischen Kampf des Proletariats, die erste russische Revolution 1905 entwickelte. Das ist ferner ein Beispiel wie mannigfaltig die Kampfformen in Russland damals waren und wie schnell sie sich herausbildeten, wie sich die verschiedensten Kampfformen einander ablösten, die eine in die andere überging, eine die andere überflügelte, wie die Revolution alle Kampfformen miteinander auf höchster Stufe in sich vereinigte, wie Inhalt und Form der Revolution ineinander verschmolzen . Als Lenin von der russischen Revolution von 1905 hörte, schrieb er am 10. Januar in Genf:
„Die Arbeiterklasse, die scheinbar lange abseits von der bürgerlichen Oppositionsbewegung stand, hat ihre Stimme erhoben. Mit schwindelerregender Schnelligkeit haben die breiten Arbeitermassen ihre fortgeschrittenen Kameraden, die bewussten Sozialdemokraten, eingeholt. Die Petersburger Arbeiterbewegung ist in diesen Tagen wahrhaft mit Siebenmeilenstiefeln vorangeschritten. An die Stelle der wirtschaftlichen Forderungen sind politische getreten. Der Streik wurde zum Generalstreik und mündete in eine nie zuvor gesehene kolosslae Demonstration; das Ansehen, das dem Namen des Zaren anhaftete, ist für immer zerstört. Der Aufstand hat begonnen. Gewalt gegen Gewalt. Der Straßenkampf tobt, Barrikaden werden errichtet, Salven krachen und Kanonen donnern, Ströme von Blut fließen, es entbrennt der Bürgerkrieg für die Freiheit, Moskau und der Süden, der Kaukasus und Polen sind bereit, sich dem Proletariat von Petersburg anzuschließen. Tod oder Freiheit! Ist die Losung der Arbeiter geworden. Der heutige und der morgige Tag werden vieles entscheiden. Mit jeder Stunde ändert sich die Lage. Der Telegraf bringt atemberaubende Nachrichten, und alle Worte verblassen von den Ereignissen, deren Zeugen wir sind. Jeder muss bereit sein, seine Pflicht als Revolutionär und Sozialdemokrat erfüllen! Es lebe die Revolution! Es lebe das aufständische Proletariat!“ (Lenin, Band 8, Seite 58).
Lenin lehrte, dass die Bourgeoisie zu einer Verwirrungstaktik im proletarischen Lager greift, nämlich den Verlauf des anschwellenden Kampfes dadurch zu bremsen, dass sie das Festhalten an den vorangegangenen Kampfformen propagiert, um den Übergang zu höheren Kampfformen zu erschweren. Die Konterrevolution versucht im Wettlauf mit der Zeit das Proletariat zu solchen Kampfformen zu provozieren, wo sie ihre Überlegenheit ausnutzen kann. Zum Beispiel Aufruf zu friedlichen Demonstrationen und Generalstreik, wo schon der bewaffnete Aufstand ausgerufen wurde: „Aus der gegebenen Situation, wie sie nach dem Dezember 1905 entstanden ist, ergibt sich daher mit zwingender Notwendigkeit, dass der Streik gegenüber dem Aufstand von nachgeordneter Bedeutung ist“ (Lenin, Band 11, Seite 108). Aber unabhängig sowohl vom Willen der Revolutionäre als auch vom Willen der Konterrevolutionäre „wird die zugespitzte revolutionäre Revolution die Demonstration in den Streik, den Protest in den Kampf, den Streik in den Aufstand verwandeln. Selbstverständlich kann der Aufstand als bewaffneter Massenkampf nur bei aktiver Beteiligung dieses oder jenes Teils der Truppen zur Entfaltung gelangen. Ein Streik unter den Truppen, die Weigerung, auf das Volk zu schießen, kann daher unzweifelhaft in dem einen oder anderen Fall auch zum Siege eines nur friedlichen Streiks führen. Aber es bedarf wohl kaum eines Beweises, dass solche Fälle nur vereinzelte Episoden eines außergewöhnlichen erfolgreichen Aufstands wären, dass es nur ein Mittel gibt, solche Fälle so oft wie möglich herbeizuführen, sie Wirklichkeit werden zu lassen: die erfolgreiche Vorbereitung des Aufstands, die Energie und die Kraft der ersten Aufstandsaktionen, die Demoralisierung des Heeres durch tollkühne Überfälle oder durch den Abfall großer Truppenkörper usw.“ (Lenin, Band 11, Seite 108). Lenin rechnete auch mit den Menschewisten Larin ab und dessen falschen Behandlung der Frage von spontanen und geplanten Kampfformen:
„Larin versteht nicht, dass die von ihm berührte Frage zwei Seiten hat: 1. die Gegenüberstellung von spontanem Kampf und planmäßigem Kampf gleichen Umfangs und gleicher Formen und 2. die Gegenüberstellung von (im engen Sinne des Wortes) revolutionärer Epoche und konterrevolutionärer oder `nur-konstitutioneller` Epoche. Larins Logik ist keinen Pfifferling wert. Den spontanen politischen Streik stellt er nicht einem planmäßigen Aufstand, sondern einem planmäßugen gewerkschaftlichen Kampf gegenüber. Und deshalb artet seine marxistische Analyse in eine kleinbürgerlich-platte Apotheose [göttliche Verherrlichung – Anmerkung des Verfassers] der Konterreolution aus. (...) Er vergleicht den spontanen Aufstand der Russen im Dezember 1905 nicht mit dem `planmäßigen` Aufstand der Deutschen im jahre 1849, der Franzosen im jahre 1871, sondern mit der Planmäßigkeit im Anwachsen der deutschen Gewerkschaften. Er vergleicht den spontanen und misslungenen Generalstreik der Russen im Dezember 1905 nicht mit dem `planmäßigen` und misslungenen Generalstreik der Belgier im Jahre 1902, sondern mit einer planmäßigen Parlamentsrede Bebels oder Vanderveldes. Deswegen versteht Larin nicht den weltgeschichtlichen Fortschritt im Massenkampf des Proletariats, den der Streik vom Oktober 1905 und der Aufstand vom Dezember 1905 bedeuten. (...) ... der Marxist, der jeden, sogar den reaktionären Boden zum Kampf für die Revolution benutzt, sinkt nicht zur Apotheose der Reaktion hinab, vergisst nicht den Kampf um den bestmöglichen Boden für seine Tätigkeit. Deshalb sieht der Marxist als erster das Nahen einer revolutionären Epoche voraus und beginnt das Volk zu wecken und Sturm zu läuten, während die Philister noch ihren sklavischen Untertanenschlaf schlafen. Deshalb betritt der Marxist als erster den Weg des direkten revolutionären Kampfes, geht dem unmittelbaren Zusammenstoß entgegen und entlarvt die versöhnlerischen Illusionen aller möglichen schwankenden sozialen und politischen Elemente. Deshalb verlässt der Marxist als letzter den Weg des unmittelbaren revolutionären Kampfes, verlässt ihn erst dann, wenn alle Möglichkeiten erschöpft sind, wenn auch kein Schimmer einer Hoffnung auf einen kürzeren Weg geblieben ist, wenn die Aufforderung, sich auf Massenstreiks, auf den Aufstand usw. vorzubereiten, offenkundig jeden Boden verliert. Deshalb straft der Marxist mit Verachtung die zahllosen Renegaten der Revolution, die ihm zurufen: Wir sind `fortschrittlicher` als du, wir haben uns früher von der Revolution losgesagt! Wir haben uns früher der monarchistischen Konstitution `untergeordnet`!“ (Lenin, Band 11, Seite 347 und 348 und 349). „Dadurch, dass man eine schwankende und verräterische Opposition zu den wirklich kämpfenden revolutionären Elementen hinzuzählt, erhält man nicht immer ein Plus, viel häufiger ein Minus“ (Lenin, Band 11, Seite 143).
Marx unterstrich, dass der ökonomische Kampf allein bei all seiner Bedeutung für den Zusammenschluss und die Erziehung der Arbeiter nicht ausreicht, dass sich das Proletariat zunächst im nationalen und sodann im internationalen Maßstab organisieren muss, dass es für die Arbeiterklasse wichtig ist, eine eigene politische Massenpartei zu bilden und den Kampf um die Eroberung der politischen Macht im nationalen und sodann im internationalen Maßstab zu entfalten. Diese Aufgabe erfüllte er glänzend mit der Schaffung der I. Internationale. Es darf also an dieser Stelle nicht die ökonomische Globalisierung des internationalen Monopolkapitals als bedeutender Faktor für die Entstehung eines globalisierten ökonomischen Kampfes der Arbeiter in allen Ländern der Welt außer Acht gelassen werden; zum Beispiel die Ausdehnung von Streiks über nationale Grenzen hinweg, Beispiel Europäisierung von Streiks, bis hin zu internationalen Streiks ( zB. gegen internationale Konzerne). Der vereinigte und vereinheitlichte ökonomische Kampf führt die Proletarier aller Länder zur Organisierung als Weltproletariat, zur Verschmelzung aller nationalen Abteilungen zu einem großen Weltheer mit einem weltproletarischen Klasenbewusstsein. Die Stärke der internationalen Arbeiterbewegung besteht in der richtigen Verbindung des ökonomischen mit dem politischen Kampf. So hat die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung stets den imperialistischen Kriegen und dem Faschismus politischen Widerstand bis hin zur revolutionären Gewalt entgegengesetzt, ebenso den sozialimperialistischen Kriegen und dem Sozialfaschismus. Die revolutionäre Weltgewerkschaftsbewegung hat sich nie mit der revisionistischen These der friedlichen Koexistenz gegenüber der imperialistischen Gewerkschaftsbewegung einlullen lassen und wird dies auch niemals tun. Die anti-revisionistische Weltgewerkschaftsbewegung mit Enver Hoxha an der Spitze hat der Verwandlung der sozialistischen Gewerkschaften in Werkzeuge der Restauration des Kapitalismus nicht fatalistisch zugesehen, sondern die ökonomistische Grundlinie der revisionistischen gewerkschaften konsequent und prinzipienfest bekämpft. Die Arbeiter in den revisionistischen Ländern haben sich ihrer reaktionären Vergewaltigung auch mit Gegengewalt, mit mächtigen Streiks und Aktionen entgegengestellt, haben ihre Diktatur des Proletariats auch mit gewerkschaftlichen Kampfformen verteidigt.
Der politische Kampf für die Befreiung und Emanzipation des Weltproletariats hat auch nie halt gemacht vor den sozialfaschistischen und sozialimperialistischen Gewerkschaftshäusern, konnte dies auch gar nicht, da die reaktionären Gewerkschaften selber Gewalt gegen ihre eigenen Mitglieder ausübten bzw. die bürgerliche Staatsgewalt jedes Mal um Hilfe rief, sobald sich die Gewerkschaftsmitglieder nicht mehr den Prinzipien der Klassenzusammenarbeit, des Opportunismus, Reformismus und Revisionismus beugten und ihren Klassenkampf nicht mehr in die sozialfaschistische Zwangsjacke des „sozialen Frieden“ stecken lassen wollten. Seit der I. Internationale führen die internationale kommunistische Gewerkschaftsbewegung und die internationale bürgerliche Gewerkschaftsbewegung einen hundertjährigen Klassenkrieg. Dieser ist bis heute noch nicht entschieden, nicht begraben, sondern wird sich weiter verschärfen, und vor allem durch die Globalisierung, durch die Unterordnung der Weltgewerkschaftsbewegung unter die UNO und damit unter den amerikanischen Imperialismus und den Imperialisten der anderen Länder, neu entzünden und weiter ausbreiten. Der Klassenkrieg in der Weltgewerkschaftsbewegung wird auf dem internationalen Schlachtfeld entschieden werden. Und daraus wird die Kommunistische Internationale/ Marxisten-Leninisten und die Rote Gewerkschaftsinternationale heute ihre historischen Schlüsse aus der damaligen Haltung der Komintern und der alten RGI ziehen, nämlich das Weltproletariat voll gerüstet auf dieses Schlachtfeld führen, auf das Schlachtfeld der sozialistischen Weltrevolution. Niemals hat sich die bürgerliche/revisionistische Gewerkschaftsbewegung der kommunistischen – oder umgekehrt – freiwillig untergeordnet und beide können dies auch nicht, denn sie stehen sich unversöhnlich gegenüber, trägt ihr Kampf gegeneinander einen klassenantagonistischen Charakter und unterliegen sie damit der Gesetzmäßigkeit des Klassenkampfes. So heißt denn auch die internationale Gewerkschaftsfrage: „wer – wen?“ Die militärische Strategie und Taktik des Weltproletariats hat nie Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung, die revolutionären Gewerkschaftsorganisationen, die revoltierenden Mitgliedermassen der Gewerkschaften in der ganzen Welt nie im Stich lassen wird, wenn der Weltimperialismus sie gewaltsam antastet und sie zu liquidieren versucht bzw. diese zu paralysiert und spaltet. Jede bürgerliche/revisionistische Gewalt gegen die Gewerkschaftsmitglieder – egal ob sie nun außerhalb oder innerhalb der Gewerkschaftshäuser stattfindet - erzeugt stets und gesetzmäßig revolutionäre Gegengewalt der Gewerkschaftsmitglieder gegen die bürgerliche/revisionistische Gewalt. In der proletarischen, sozialistischen Weltrevolution, in der Diktatur des Proletariats kann es kein eigenes Dach für bürgerliche/revisionistische Gewerkschaftshäuser geben. Da ist nur Platz für das proletarische Weltgewerkschaftshaus und dieses kann nirgendwo anders aufgebaut werden als auf den Trümmern der bürgerlichen/revisionistischen Weltgewerkschaften. Die Massen der Gewerkschaftsmitglieder von der Notwendigkeit eigener revolutionärer Gewerkschaften zu überzeugen und sie im Kampf zur Zerschlagung der bestehenden imperialistischen/sozialimperialistischen Gewerkschaftesorganisationen in der ganzen Welt zu mobilisieren und zu führen – das ist die hauptsächliche Taktik der Roten Gewerkschaftsinternationale. Diese Taktik schließt die Unterstützung und Einbindung des revolutionären Kampfes der Völker mit ein und setzt diese voraus. Dadurch versetzt sich das Weltproletariat selbst in die Lage, im Kampf um die unmittelbaren Verbesserungen der Lage der ausgebeuteten Massen in der ganzen Welt gemeinsam aufzurütteln und sie schließlich für die proletarische Weltrevolution als Reserve heranziehen zu können. Der proletarische Internationalismus verwandelt sich durch die revolutuionäre Weltgewerkschaftsbewegung zur einer qualitativen höheren Stufe und erhält dadurch eine bisher nie geahnte Kraft für die revolutionäre Umwälzung der ganzen alten imperialistischen Weltordnung. Asien, Afrika und Lateinamerika bilden heute die schwächsten Kettenglieder im imperialistisch/sozialimperialistischen Weltgewerkschaftssystem, und dort treffen die Widersprüche zwischen Arbeit und Kapital durch den Kolonialismus der Imperialisten und häufig verbunden mit der zunehmenden brutalen Ausbeutung und Unterdrückung durch die eigene Bourgeoisie in den abhängigen Ländern. Der revolutionäre Gewerkschaftskampf auf diesen Kontinenten ist nicht nur ein wichtiger Bestandteil des nationalen und sozialen Befreiungskampfes der unterdrückten Völker, sondern auch gleichzeitig eine machtvolle Stütze für die Arbeiter und Völker in der ganzen Welt. Durch die Globalisierung entwickelt sich die junge Arbeiterbewegung auf diesen Kontinenten rasanter als je zuvor, wenn auch unterschiedlich in den verschiedenen Regionen. Der gewerkschaftliche Kampf, der sich dort aus dem Kampf gegen den Kolonialismus fremder imperialistischer Bourgeoisien und gegen deren wirtschaftliche, politische und militärische Macht entwickelte und zum Teil mit der revolutionären nationalen Befreiungsbewegung eng verbunden war und zum Teil noch ist, nimmt jetzt immer mehr selbständige Formen an gegen die eigene Bourgeoisie aufgrund der ökonomischen Entwicklung des Landes und dem damit verbundenen Erstarken des Proletariats. Der imperialistisch/sozialimperialistische Charakter der Gewerkschaften in den Metropolen der kapitalistischen Ländern zeigt seine offene Fratze insbesondere darin, die Gewerkschaftsbewegung auf diesen Kontinenten, die zum Teil sogar brutalstem militärischen Terror und der Gewalt der Reaktion im eigenen Land ausgesetzt ist, nicht zu unterstützen ( möglicherweise in Worten als Feigenblattfunktion, aber jedenfalls nicht in Taten!), im Gegenteil ! Die imperialistischen/sozialimperialistischen Gewerkschaften haben kein Interesse am proletarischen Internationalismus, wohl aber an seiner Bekämpfung, insbesondere der Bekämpfung revolutionärer Entwicklungen innerhalb der Gewerkschaftsbewegung dieser Länder, wobei sie sich auf die Seite der imperialistischen Gewalt stellen und auch selber vor Gewalt nicht zurückschrecken. Gleichzeitig verhindern oder erschweren die imperialstisch/sozialimperialistischen Gewerkschaften die Bestrebungen der fortschrittlichen Gewerkschaftsmitglieder, die sich um Unterstützung, Zusammenarbeit und Verflechtung der internationalen Gewerkschaftssolidarität bemühen. Wer als kommunistischer Gewerkschaftler den proletarischen Internationalismus im Sinne der proletarischen Weltrevolution innerhalb der imperialistisch/sozialimperialistische Gewerkschaft offen unterstützt, ist dem blindem Hass und Terror durch die sozialfaschistische Gewerkschaftsführung ausgesetzt und damit „bei lebendigem Leibe begraben“.
„Wir haben die Arbeitermassen mit dem `Sechsergespann` der politischen Freiheiten bekannt gemacht (Rede-, Gewissens-, Presse-, Versammlungs-, Koalitions- und Streikfreiheit). Wir müssen jetzt milionen- und milliardenfach das `Dreiergespann` der nächsten revolutionären Aufgaben (bewaffneter Aufstand, revolutionäre Armee, provisorische revolutionäre Regierung) wiederholen“ (Lenin, Band 9, Seite 217).
„Wachsen die Streiks, so wächst auch der Aufstand!“ (Lenin, Band 18, Seite 224).
Über die Frage des Aufstandes muss man ernsthaft, ohne liberales Gekicher sprechen, wie Lenin sich einmal ausdrückte.
„Einer offenen Behandlung der Frage des Aufstandes auszuweichen – das ist von jeher und stets das Bestreben unserer Opportunisten gewesen“ (Lenin, Band 11, Seite 147).
Der Aufstand
Der Marxismus-Leninismus untersucht die Frage des Aufstandes methodisch mit Hilfe des dialektischen und historischen Materialismus. Er analysiert die Bedingungen des wirklichen Aufstandes, wie er geführt wurde und geführt wird. Wer nimmt den Aufstand in Angriff und wer vollzieht ihn? Die marxistisch-leninistische Methode verlangt festzustellen, welche Interessen welcher Klassen den Umsturz erfordern, welche materiellen Bedingungen den revolutionären Aufstand hervorrufen, welche Zusammenhänge und Beziehungen zwischen dem „zu Stürzenden“ und den „Stürzenden“ bestehen. Man darf das ABC des Marxismus-Leninismus nicht vergessen und muss zuallererst auf Grund der tatsächlich vorhandenen revolutionären Bewegung festzustellen versuchen, welche Klassen durch den Gang der revolutionären Bewegung selbst, häufig unabhängig von ihrem „Bewusstsein“ gezwungen werden, die Machtinstitutionen zu stürzen, die ihnen im Wege stehen. Die Geschichte der Aufstände in allen Ländern der Welt enthält genügend Beispiele wie dort die Machtinstitutionen gestürzt wurden und die uns also verallgemeinernd dabei hilft, über den weltrevolutionären, völligen Sturz der zentralen Macht des Weltimperialismus nachzudenken und die richtigen Schlussfolgerungen und Lehren zu ziehen. Die marxistisch-leninistische militärische Wissenschaft beschäftigt sich also mit den militärischen Gesetzen internationaler Aufstände.
Lenin lehrte: „Es ist einer Arbeiterpartei unwürdig, mit dem Aufstand zu spielen“; „Zum Aufstand aufzurufen, ohne sich militärisch ernsthaft auf ihn vorzubereiten, ohne an ihn zu glauben, wäre ein unwürdiges Spiel mit dem Aufstand“ (Lenin, Band 10, Seite 134 und 135).
„Vorzeitige Aufstandsversuche wären der Gipfel der Unvernunft. Die proletarische Avantgarde muss begreifen, dass die grundlegenden Voraussetzungen für einen reichtzeitigen – d.h. siegreichen – bewaffneten Aufstand in Russland die Unterstützung der Arbeiterklasse durch die demokratische Bauernschaft und die aktive Beteiligung der Armee sind. (...) Ohne eine illegale Partei lässt sich diese Arbeit nicht durchführen und hat es gar keinen Zweck darüber zu sprechen. (...) Das Anwachsen der Massenstreiks, die Einbeziehung anderer Klassen in den Kampf, der Zustand der Organisationen, die Stimmung der Massen – all das wird von selbst den Moment zeigen, da sich alle Kräfte im einmütigen, entschlossenen, offensiven, rückhaltlos kühnen Vorstoß der Revolution gegen die Zarenmonarchie werden vereinigen müssen. Ohne siegreiche Revolution wird es in Russland keine Freiheit geben. Ohne Sturz der Zarenmonarchie durch den Aufstand des Proletariats und der Bauernschaft wird es in Russland keine siegreiche Revolution geben“ (Lenin, Band 18, Seite 98/99).
„Aufstand – das ist ein sehr großes Wort. Die Aufforderung zum Aufstand ist eine äußerst ernste Aufforderung. Je komplizierter die Gesellschaftsordnung wird, je höher die Organisation der Staatsmacht und je vollkommener die Militärtechnik ist, desto unzulässiger ist es, eine solche Losung leichtsinnig auszugeben. Und wir haben mehr als einmal gesagt, dass die revolutionären Sozialdemokraten die Aufstellung dieser Losung seit langem vorbereitet, sie aber als direkte Aufforderung erst dann ausgegeben haben, als es keinen Zweifel mehr geben konnte über den Ernst, die Breite und die Tiefe der revolutionären Bewegung, keinen Zweifel darüber, dass die Dinge im wahren Sinne dieses Wortes ihrer Entscheidung zutreiben. Mit großen Worten muss man behutsam umgehen. Die Schwierigkeiten, sie in große Taten umzusetzen, sind kolossal. Doch eben deshalb wäre es unverzeihlich, wollte man über die Schwierigkeiten mit Phrasen hinweggehen (...)“ (Lenin, Band 9, Seite 366). „Diese Losung darf nicht ausgegeben werden, solange die allgemeinen Bedingungen des Umsturzes nicht herangereift sind, solange die Erregung und die Bereitschaft der Massen zur Tat nicht klar zu Tage getreten sind und solange die äußeren Umstände nicht zu einer offenkundigen Krise geführt haben. Ist aber eine solche Losung erst einmal aufgestellt, so wäre es geradezu schmählich, vor ihr wieder zurückzuschrecken und sich wieder mit der moralischen Kraft, mit einer der Bedingungen, die dem Aufstand den Boden bereiten, mit einem der `möglichen Übergänge`[Lenin meint hier die friedlichen, opportunistischen Übergänge – Anmerkung des Verfassers] usw.usf. zu begnügen. Nein, sind die Würfel einmal gefallen, so muss man alle Ausflüchte beiseite lassen, so muss man den breitesten Massen direkt und offen erklären, welches jetzt die praktischen Bedingungen des erfolgreichen Umsturzes sind“ (Lenin, Band 9, Seite 367-368).
Lenin definiert den Aufstand ( u.a.) als „die energischste, die einheitlichste und zweckmäßigste `Antwort` des gesamten Volkes an die Regierung“ (Lenin, Band 5, Seite 537)... „im Augenblick der größten Kopflosigkeit der Regierung, im Augenblick der größten Erregung des Volkes“ (Lenin, Band 8, Seite 11). Lenin bezeichnete den bewaffneten Aufstand „als die von der Bewegung erreichte höchste Form des Kampfes“ (Lenin, Band 10, Seite 135). Lenin definierte die Formen des Aufstandes als besondere Formen der Revolution (siehe Lenin, Band 11, Seite 342). Ferner: „Aufstand ist Bürgerkrieg, ein Krieg aber erfordert eine Armee“ (Lenin, Band 9, Seite 214). „Die Losung des Aufstandes bedeutet, dass die Frage durch die materielle Kraft entschieden wird (...) nur die militärische Kraft“ (Lenin, Band 9, Seite 367). Welche Kräfte sind es aber, die zusammen die revolutionäre Armee bilden? Lenin zählte auf, woraus 1905 die militärischen Kräfte des Volkes bestanden:
„1. aus dem bewaffneten Proletariat und der bewaffneten Bauernschaft, 2. aus den organisierten Vortrupps der Vertreter dieser Klassen, 3. aus den Truppenteilen, die bereit sind, auf die Seite des Volkes überzugehen. Das alles macht zusammen die revolutionäre Armee aus“ (Lenin, Band 9, Seite 365). Hier haben wir also die klassische marxistisch-leninistische Definition der Zusammensetzung der revolutionären Armee: Hammer, Sichel und Gewehr!!! Und davon lassen sich heute noch die marxistisch-leninistischen Parteien, die Kommunistische Internationale leiten, das ist in allen wichtigen Dokumenten ausgedrückt und hundertfach wiederholt worden: „Wir können und dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, dass es schließlich gelingen wird, die drei einzelnen Ströme von Aufständen – der Arbeiter, der Bauern und des Militärs – zum einheitlichen siegreichen Aufstand zusammenfließen zu lassen“ (Lenin, Band 10, Seite 106).
„Der Aufstand pocht an die Tore, wenn die Revolution bereits herangereift ist, wenn die Offensive mit Volldampf eingesetzt hat und die Heranziehung der Reserven an die Avantgarde die entscheidende Bedingung für den Erfolg ist (Stalin, Band 6, Seite 138). Der Aufstand tritt in Erscheinung auf einer hohen Stufe der Entwicklung der Revolution, wenn die Stärke der revolutionären Kräfte einen solchen Höhepunkt erreicht haben, dass sie sich gewaltsam entladen müssen. Alle bisherigen Kampfformen, wie die wachsende Zahl und Größe von Massendemonstrationen in immer kürzeren Abständen und schließlich in Steigerung ihrer unmittelbaren Aufeinanderfolgen, ökonomische und politische Massenstreiks, Überschreitungen der Legalität, Zusammenstöße mit der Konterrevolution im ganzen Land ( Konzentration auf den Höhepunkt, Sammlung der Kräfte, ohne sich vorher schon von den Provokationen der Konterrevolution aufreiben zu lassen, Festsetzen von Teilaufständen, Herausbildung eines aufständischen Zentrums, Aufstand wächst in die Tiefe und in die Breite; einzelne Ausbrüche fügen sich zu dem Bild einer auflodernden Feuersbrunst zusammen!) , Generalstreik usw. usf. kulminieren, erhitzen sich, verschmelzen ineinander, um in ihren höchsten Aggregatzustand der Revolution, in den bewaffneten Volksaufstand direkt überzugehen und damit in eine qualitativ neue, auf dem Spitzpunkt des Klassenkampfes sprungartig umzuschlagen von einer Kraft, die sich schon nicht mehr ausschließlich auf das Abschütteln des unerträglich gewordenen Jochs, auf die Befreiungsbewegung von den alten Fesseln der Lohnsklaverei und des Massenelends, in eine Kraft, die sich im selben Moment ganz von selbst auf die Tagesordnung stellt: die neuen revolutionären Macht der Diktatur des Proletariats. Ob dieses Macht nun siegen oder wieder fallen wird, ist eine andere Frage, die von vielen Bedingungen abhängt. Entscheidend aber wird auf jeden Fall sein, wie das Proletariat seine Macht organisiert, worauf es sich stützt, wie es seine Macht festigt, inwieweit es sich eine Atempause gönnen kann, um seine enorm verausgabten Kräfte wieder zu reaktivieren und wie weit es auf der anderen Seite dem Gegener gelingt oder nicht gelingt, den Aufstand durch Sammlung und Konzentrierung seiner Kräfte und Reserven wieder niederzuschlagen. Das Schicksal der Weltgeschichte hängt in solchen dramtischen Situationen für den Bruchteil einer Sekunde sozusagen wie ein Zünglein an der Waage.
„Niemand kann sich unbedingt verbürgen, dass er [Lenin meint hier den unvorbereiteten, spontanen, zersplitterten Aufstand – Anmerkung des Verfassers] bis zum umfassenden und einheitlichen bewaffneten Volksaufstand voranschreiten wird, denn das hängt sowohl vom Zustand der revolutionären Kräfte ab ( die man nur im Kampfe selbst ganz ermessen kann) als auch von der Haltung der Regierung und der Bourgeoisie sowie von einer Reihe anderer Umstände, die nicht genau errechnet werden können“ (Lenin, Band 9, Seite 57). Und Lenin betonte ferner, „dass sich der revolutionäre Augenblick von den gewöhnlichen, alltäglichen, vorbereitenden historischen Zeitabschnitten eben dadurch unterscheidet, dass die Stimmung, die Erregung, die Überzeugung der Massen in der Aktion in Erscheinung treten müssen und tatsächlich in Erscheinung treten. Der vulgäre Revolutionarismus versteht nicht, dass auch das Wort eine Tat ist; dieser Grundsatz ist unbestreitbar in seiner Anwendung auf die Geschichte überhaupt oder auf jene Epochen der Geschichte, wenn es keine offene politische Aktion der Massen gibt, die ja durch keinerlei Putsch ersetzt oder künstlich hervorgerufen werden kann. Die Revolutionäre der Nachtrabpolitik verstehen nicht, dass zu einer Zeit, da der revolutionäre Augenblick angebrochen ist, da der alte `Überbau` in allen Fugen kracht, da die offene politische Aktion der Klassen und Massen, die sich einen neuen Überbau schaffen, zur Tatsache geworden ist, da der Bürgerkrieg begonnen hat – dass es dann Lebensfremdheit, Todesstarre, Räsoniererei oder aber Verrat an der Revolution und Fahnenflucht ist, wenn man sich wie in alter Zeit auf das `Wort` beschränkt, ohne die direkte Losung des Übergangs zur `Tat` auszugeben“ (Lenin, Band 9, Seite 58-59).
„Der dialektische Prozess der Entwicklung bringt wirklich schon im Schoße des Kapitalismus Elemente der neuen Gesellschaft hervor, sowohl materielle als auch geistige Elemente“ (Lenin, Band 9, Seite 370). Genauso bringt umgekehrt die sozialistische Gesellschaft in ihrem Schoß Elemente der alten Gesellschaft, kapitalistisch-revisionistische Elemente hervor, sowohl materielle als auch geistige Elemente. Heute müssen wir Marxisten-Leninisten es verstehen, die Stückchen vom Ganzen zu unterscheiden, müssen das Ganze und nicht das Stückchen als Losung aufstellen. So ist auchDas ist auch auf den Sozialismus in einem Land
Zu unterstreichen ist das historische Moment der äußersten Zuspitzung des Kampfes bestimmter Klassen als Voraussetzung des Aufstandes. Hervorzuheben ist dabei der Charakter des bewaffneten Aufstandes als eine besondere Art der Massenbewegung, als besondere Art des proletarischen Klassenkampfes. Zu untersuchen ist ferner die Rolle der einzelnen Klassen, die Abhängigkeit der Bewegung in den Truppenverbänden von dem sozialen Kräfteverhältnis, die Unabtrennbarkeit der politischen Seite des Aufstandes von seiner militärischen, die Bedeutung breiter Organisationen der Volksmassen als Voraussetzung für eine provisorische revolutionäre Regierung, die aus dem Aufstand unmittelbar hervorgehen wird. In der vom III. Parteitag der SDAPR verabschiedeten Resolution heißt es: „d) den bewaffneten Widerstand gegen die Aktionen der Schwarzhunderter und überhaupt aller von der Regierung angeleiteten reaktionären Elemente zu organisieren“ (Zitat bei Lenin, Band 9, Seite 23). Sobald die ersten Kampfhandlungen eines Aufstandes beginnen, wird der Mangel der militärischen Organisationen immer stärker und stärker fühlbar, werden Sünden von Handwerkelei und schlechter systematischer Vorbereitung dieser Kampfhandlungen durch die Konterrevolution - nach kürzester Zeit eines Überraschungseffekts – grausam bestraft. „Solange die Kräfte für den bewaffneten Aufstand und seinen Sieg noch nicht ausreichen, ust es lächerlich, von einer revolutionären Selbstverwaltung des Volkes zu sprechen. Diese ist nicht der Prolog, sondern der Epilog des Aufstands“ (Lenin, Band 9, Seite 191). „Ist der Aufstand möglich und notwendig, so bedeutet das, dass die Regierung `das Bajonett auf die Tagesordnung gesetzt`, den Bürgerkrieg eröffnet und den Belagerungszutsand als Antikritik der demokratischen Kritik in Feld geführt hat“ (Lenin, Band 9, Seite 269). „Nur in dem Maße, wie der Aufstand siegreich und sein Sieg eine entscheidende Niederlage des Feindes sein wird – nur in dem Maße wird auch die Versammlung der Volksvertreter nicht nur auf dem Papier vom ganzen Volk gewählt und nicht nur in Worten kostituierend sein“ (Lenin, Band 9, Seite 465).
Der Aufstand erzeugt die direkte Gegenüberstellung der mobilisierten Revolution gegenüber der mobilisierten Konterrevolution, und es werden nach dem Aufstand auf beiden Seiten breitere Elemente mobilisiert. Meistens verlaufen die Folgen des Aufstandes, egal ob Niederlage oder Sieg, blutiger und mit viel größeren Opfern als während des Aufstands selbst. In der Oktoberrevolution 1917 beispielsweise fiel kein Schuss, aber in dem aus ihr hervorgegangenen und ihr folgenden Bürgerkrieg = 3 Millionen Tote. Weitere 5 Millionen starben durch die Folgen der wirtschaftlichen Zerrüttung.
Die Erfahrungen der Niederlagen in den hunderten von Arbeiteraufständen sind nicht umsonst gemacht worden, und das Arbeiterblut ist nicht umsonst geflossen:
Die Lehren des Aufstandes 1905 in Russland
Lenin fasste diese Lehren in seinem Artikel „Die Lehren des Moskauer Aufstands“ zusammen. (nachzulesen im Band 11, Seite 157 – 165). Dieser Artikel wird hier dringend als wichtiger Schulungstext empfohlen. Im Augenblick beschränken wir uns auf knappe Zitate und AuszügeIn aus Lenins Text :
„Die Hauptformen der Dezemberbewegung in Moskau waren der friedliche Streik und die Demonstration. Die überwiegende Mehrheit der Arbeitermassen beteiligte sich aktiv nur an diesen Kampfformen. Und doch hat gerade die Moskauer Dezemberaktion anschaulich gezeigt, dass sich der Generalstreik als selbständige und haiptsächliche Kampfform überlebt hat, dass die Bewegung mit elementarer, unwiderstehlicher Gewalt diesen engen Rahmen durchbricht und eine höhere Kampfform, den Aufstand gebiert.
Als die revolutionären Parteien und die Gewerkschaften in Moskau den Streik proklamierten, haben sie alle erkannt, ja gefühlt, dass es unvermeidlich in den Aufstand umschlagen müsse. Am 6. Dezember beschloss der Sowjet der Arbneiterdeputierten, `die Überleitung des Streiks in den bewaffneten Aufstand anzustreben`. In Wirklichkeit aber war keine Organisation hierauf vorbereitet, sogar der Kolitionsrat der Kampfgruppen sprach (am 9. Dezember!) vom Aufstand als von etwas weit Entferntem, und zweifellos brach der Straßenkampf über seinen Kopf hinweg aus und verlief ohne seine Beteiligung. Die Organisationen blieben hinter dem Anwachsen und dem Schwung der Bewegung zurück.
Der Streik wuchs in den Aufstand hinüber, vor allem unter dem Druck der objektiven Verhältnisse, wie sie sich nach dem Oktober gestaltet hatten. Es war schon nicht mehr möglich, die Regierung durch einen Generalstreik zu überrumpeln, sie hatte bereits die Konterrevolution organisiert, die zu militärischen Aktionen gerüstet war.
Vom Streik und von Demonstrationen zu einzelnen Barrikaden, von einzelnen Barrikaden zu massenweiser Errichtung von Barrikaden und zum Straßenkampf mit den Truppen.
Vom politischen Massenstreik wurde die Bewegung auf eine höhere Stufe gehoben. Sie zwang die Reaktion, in ihrem Widerstand bis zum Letzten zu gehen,, und brachte dadurch mit Riesenschritten den Augenblick nahe, in dem die Revolution im Begrauch der Angriffsmittel ebenfalls bis zum Letzten gehen wird. Die Reaktion kann nicht weiter gehen als bis zum Artilleriebeschuss von Barrikaden, Häusern und der menschenmenge auf den Straßen. Die Revolution kann noch weiter gehen als bis zum Kampf der Moskauer Kampfgruppen, sie kann noch viel, viel weiter gehen, in die Breite und in die Tiefe. Und die Revolution ist seit dem Dezember weit vorangeschritten. Die Basis der revolutionären Krise ist unermesslich breiter geworden – die Schneide ihrer Waffe muss jetzt viel schärfer sein.
Den Wechsel in den objektiven Bedingungen des Kampfes, der den Übergang vom Streik zum Aufstand erforderte, hat das Proletariat früher als seine Führer gefühlt. Die Praxis ist, wie stets, der Theorie vorangegangen. Der friedliche Streik und die Demonstrationen hörten mit einem Schlage auf, den Arbeitern zu genügen; sie fragten: Was weiter? - und verlangten aktiveres Vorgehen. Die Anweisung zum Barrikadenbau traf in den Stadtteilen mit riesiger Verspätung ein, zu einer Zeit, als im Zentrum schon Barrikaden errichtet wurden. Die Arbeiter gingen in Massen ans Werk, gaben sich aber auch damit nicht zufrieden, fragten: Was weiter? - und verlangten aktiveres Vorgehen. Wir, die Führer des sozialdemokratischen Proletariats, glichen im Dezember dem Heerführer, der seine Regimenter so unsinnig aufgestellt hat, dass der größte Teil seiner Truppen nicht aktiv an der Schlacht teilnimmt. Die Arbeitermassen suchten vergeblich Anweisungen für aktive Massenaktionen.
Den Massen die Notwendigkeit eines erbitterten, blutigen, vernichtenden Krieges als unmittelbare Aufgabe der bevorstehenden Aktion verhehlen heißt sich selbst und das Volk betrügen. Das ist die erste Lehre der Dezemberereignisse
Die zweite Lehre betrifft den Charakter des Aufstands, die Art, wie er durchgeführt wurde, die Bedingungen für den Übergang der Truppen auf die Seite des Volkes [alles unterstrichen vom Verfasser].
Es versteht sich von selbst, dass von einem ernsten Kampf keine Rede sein kann, solange die Revolution nicht zu einer Massenbewegung geworden ist und nicht auch die Truppen erfasst hat. Selbstverständlich ist die Arbeit unter den Truppen notwendig. Aber man darf sich diesen Übergang der truppen nicht als einfachen, einmaligen Akt vorstellen, der das ergebnis einerseits der Überzeugung und andererseits des bewusstseins ist. Der Moskauer Aufstand zeigt uns anschaulich, wie schablonenhaft und lebensfremd eine solche Auffassung ist. In der Praxis führt das Schwanken der Truppen, dass jede wirkliche Volksbewegung zwangsläufig mit sich bringt, bei Verschärfung des revolutionären Kampfes im wahsten Sinne des Wortes zum Kampf um das Heer. Der Moskauer Aufstand zeigt uns gerade das Bild eines äußerst erbitterten, verzweifelten Kampfes der Reaktion und der Revolution um das Heer. Dubassow selbst erklärte, dass von den 15 000 Mann der Moskauer Truppen nur 5 000 zuverlässig seien. Die Regierung suchte die Schwankenden durch die mannigfachsten, verzweifeltsten Mittel zurückzuhalten: Man suchte sie zu überzeugen, schmeichelte ihnen, bestach sie durch Verteilung von Uhren, von Geld usw., man sparte nicht mit Schnaps, man suchte sie zu betrügen, einzuschüchtern, sperrte sie in die Kasernen ein, entwaffnete sie, griff mit Hilfe von Verrat und Gewalt Soldaten heraus, die man für besonders unzuverlässig hielt. Und man muss den Mut haben, geradeheraus und offen zuzugeben, dass wir in dieser Beziehung hinter der Regierung zurückgeblieben sind. Wir haben es nicht verstanden, die Kräfte, über die wir verfügten, für einen ebensolchen aktiven, kühnen, mit Initiative und offensiv geführten Kampf um das schwankende Heer zu nutzen, wie ihn die Regierung begann und erfolgreich zu Ende führte. Wir haben mit der geistigen `Bearbeitung` der Truppen begonnen und werden sie noch beharrlicher betreiben. Aber wir werden traurige Pedanten sein, wenn wir vergessen, dass im Augenblick des Aufstands auch ein physischer Kampf um die Truppen erforderlich ist. (...) Malachow ließ die Soldaten von Dragonern umzingeln, wir aber umzingelten die Malachows nicht durch Bombisten. Wir konnten das und hätten das tun müssen.
Der Dezember hat einen weiteren tiefgründigen und von den Opportunisten vergessenen Satz von Marx anschaulich bestätigt, dass nämlich der Aufstand eine Kunst und dass die Hauptregel dieser Kunst die mit verwegener Kühnheut und größter Entschlossenheit geführte Offensive ist. Wir haben uns diese Wahrheit nicht genügend zu eigen gemacht. Wir haben diese Kunst, diese Regel der Offensive um jeden Preis selbst nicht genügend gelernt und die Massen darin nicht genügend unterrichtet. Wir müssen jetzt mit aller Energie das Versäumte nachholen. Es genügt nicht, die Menschen nach ihrem Verhältnis zu politischen Losungen zu gruppieren, darüber hinaus ist es erforderlich, sie nach ihrer Einstellung zum bewaffneten Aufstand zu gruppieren. Wer gegen ihn ist, wer sich nicht auf ihn vorbereitet, den muss man rücksichtslos aus der Zahl der Anhänger der Revolution streichen und zu ihren Gegnern, zu den Verrätern oder Feiglingen rechnen, denn es naht der Tag, an dem der Gang der Ereignisse, die Situation des Kampfes uns zwingen wird, Feinde und Freunde nach diesem Merkmal voneinander zu scheiden. Nicht Passivität müssen wir propagieren, nicht ein einfaches `Draufwarten`, dass die Truppen `übergehen` - nein, wir müssen die Trommel rühren und weit und breit verkünden, dass es notwendig ist, kühn und mit der Waffe in der Hand anzugreifen, dass es notwendig ist, hierbei die militärischen Führer zu vernichten und den allertatkräftigsten Kampf um die schwankenden Truppen zu führen.
Die dritte große Lehre, die uns Moskau erteilt hat, betrifft die Taktik und die Organisation der Kräfte für den Aufstand. Die militärische Taktik hängt von dem Niveau der militärischen Technik ab [unterstrichen vom Verfasser] – diese Tatsache hat Engels [ Anti-Dühring zum Beispiel – Anmerkung des Verfassers] wiederholt erläutert und den Marxisten eingehämmert. Die militärische Technik ist jetzt eine andere als in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Gegen die Artillerie scharenweise vorzugehen und mit Revolvern die Barrikaden zu verteidigen wäre eine Dummheit. Und Kautsky hatte Recht, als er schrieb, dass es nach dem Moskauer Aufstand an der Zeit sei, Engels` Schlussfolgerung zu überprüfen, und dass Moskau eine `neue Barrikadentaktik` geschaffen habe. Diese Taktik war die Taktik des Partisanenkrieges [hervorgehoben vom Verfasser]. Die Organisation, die durch eine solche Taktik bedingt wurde, war die leicht bewegliche und außerordentlich kleine Abteilung: Zehnergruppen, Dreiergruppen, ja sogar Zweiergruppen.
Moskau hat diese Taktik hervorgebracht, aber noch lange nicht genug entwickelt, bei weitem nich nicht wirklich zur Taktik der breiten Massen gemacht. Es gab wenig Kampfgruppen, die Losung verwegener Überfälle wurde nicht in die Arbeitermasse getragen und von ihr nicht verwirklicht, die Partisanenabteilungen waren ihrem Charakter nach allzu gleichartig, ihre Waffen und ihre Kampfmethode unzulänglich, ihre Fähigkeiten, die Massen zu führen, nur wenig ausgebildet. Wir müssen das alles nachholen und werden es nachholen, indem wir die Lehren des Moskauer Aufstandes auswerten, indem wir diese Lehren unter den Massen verbreiten und die schöpferische Kraft der Massen selbst wecken, um diese Lehren weiter zu entwickeln. Der Partisanenkrieg, der Massenterror, der jetzt nach dem Dezember überall in Russland fast pausenlos ausgeübt wird, wird zweifellos helfen, die Massen zu lehren, im Augenblick des Aufstandes die richtige Taktik anzuwenden. Die Sozialdemokratie muss diesen Massenterror billigen und zum Bestandteil ihrer Taktik machen, dabei muss sie ihn natürlich organisieren und kontrollieren, den Interessen und Bedingungen der Arbeiterbewegung und des allgemeinen revolutionären Kampfes unterordnen und rücksichtlos die `lumpenproletarischen` Verzerrungen dieses Partisanenkrieges beseitigen und ausmerzen, mit denen die Moskauer in den Tagen des Aufstands und die Letten in den Tagen der vielgenannten lettischen Republiken so prächtig und rücksichtslos aufgeräumt haben.
In der allerletzten Zeit macht die militärische Technik wiederum neue Fortschritte. Der japanische Krieg hat die handgranate eingeführt. Die Gewehrfabriken haben das Schnellladegewehr auf den Markt geworfen. Beide werden in der russischen Revolution zwar schon erfolgreich angewandt, aber bei weitem nich nicht in genügendem Maße. Wir können und müssen uns technische Vervollkommnungen zu Nutze machen, müssen die Arbeiterabteilungen lehren, Bomben in Massen herzustellen, müssen ihnen und unseren Kampfgruppen helfen, sich Vorräte an Sprengstoffen, Zündern und Selbstladegewehren zu besorgen. Wenn sich die Arbeitermassen am Aufstand in der Stadt beteiligen, wenn sich die Massen auf den Feind stürzen, wenn der Kampf um die Truppen, die nach der Duma, nach Sveaborg und Kronstadt noch mehr schwanken, entschlossen und geschickt geführt wird und die Teilnahme des Dorfes am gemeinsamen Kampf gesichert ist, dann werden wir im nächsten bewaffneten Aufstand, der ganz Russland ergreifen wird, den Sieg davontragen!“
Soweit die Lehren aus dem Moskauer Aufstand. Lange bevor wurden hierzu Beschlüsse vom III. Parteitag der SDAPR gefasst. In der Resolution des III. Parteitags der SDAPR heißt es beispielsweise über den Aufstand:
„In Erwägung,
1. dass das Proletariat, das seiner Lage nach die fortgeschrittenste und einzige konsequent-revolutionäre Klasse darstellt, eben dadurch berufen ist, die Führung in der allgemein-demokratischen revolutionären Bewegung Russlands zu verwirklichen;
2. dass diese Bewegung gegenwärtig bereits zur Notwendigkeit des bewaffneten Aufstandes geführt hat;
3. dass sich das Proletariat unvermeidlich auf das tatkräftigste an diesem Aufstand beteiligen und dass diese Beteiligung das Schicksal der Revolution in Russland entscheiden wird;
4. dass das Proletariat die Führung in dieser Revolution nur verwirklichen kann, wenn es zu einer einheitlichen und selbständigen politischen Kraft unter dem Banner der sozialdemokratischen Arbeiterpartei zusammengeschlossen ist, die seinen Kampf nicht nur ideologisch, sondern auch praktisch leitet;
5. dass nur die Verwirklichung dieser Führung dem Proletariat die günstigsten Bedingungen für den Kampf um den Sozialismus gegen die besitzenden Klassen des bürgerlich-demokratischen Russlands sichern kann-
erkennt der III. Parteitag der SDAPR an, dass die Aufgabe, das Proletariat zum unmittelbaren Kampf gegen die Selbstherrschaft auf dem Wege des bewaffneten Aufstands zu organisieren, eine der wichtigsten und unaufschiebbaren Aufgaben der Partei im gegenwärtigen revolutionären Zeitpunkt ist. Der Parteitag beauftragt daher alle Parteiorganisationen:
a) dem Proletariat durch Propaganda und Agitation nicht nur die politische Bedeutung, sondern auch die praktisch-organisatorische Seite des bevorstehenden Aufstands klarzumachen;
b) bei dieser Propaganda und Agitation die Rolle der politischen Massenstreiks zu erläutern, die bei Beginn und im Verlauf des Aufstands große Bedeutung haben können;
c) die energischsten Maßnahmen zur Bewaffnung des Proletariats sowie zur Ausarbeitung eines Plans des bewaffneten Aufstands und der unmittelbaren Leitung des Aufstands zu ergreifen und soweit erforderlich, zu diesem Zweck besondere Gruppen aus Parteifunktionären zu bilden“ (zitiert von Lenin in Band 9, Seite 61-62).
„Wenn man sich auf den Aufstand vorbereiten muss, so gehört zu dieser Vorbereitung notwendigerweise auch die Verbreitung und Erläuterung der Losungen: bewaffneter Volksaufstand, revolutionäre Armee, provisorische revolutionäre Regierung. Wir müssen sowohl selbst die neuen Kampfmethoden, ihre Bedingungen, ihre Formen, ihre Gefahren, ihre praktische Durchführung usw. studieren als auch die Massen darüber aufklären“ (Lenin, Band 9, Seite 245).
„Die These `Wir sind einstweilen nicht imstande, den Aufstand hervorzurufen` ist falsch. Die Ereignisse auf dem `Potjomkin` haben vielmehr gezeigt, dass wir nicht imstande sind, verfrühte Ausbrüche des in Vorbereitung befindlichen Aufstands zu verhindern. Die Matrosen des `Pozjomlin waren weniger vorbereitet als die Matrosen anderer Schiffe, und der Aufstand war daher weniger umfassend, als er hätte sein können. Was folgt daraus? Dass es zur Aufgabe der Vorbereitung eines Aufstandes gehört, verfrühte Ausbrüche eines in Vorbereitung befindlichen oder schon fast vorbereiteten Aufstands zu verhindern. Dass der elementar anwachsende Aufstand unsere bewusste und planmäßige Arbeit seiner Vorbereitung überholt“ (Lenin, Band 9, Seite 245-246).
„Theoretische Diskussionen über die Notwendigkeit des Aufstandes können und müssen geführt, taktische Resolutionen in dieser Frage sollen sorgfältig durchdacht und ausgearbeitet werden, aber bei alledem darf man nicht vergessen, dass der elementare Gang der Ereignisse sich ohne jede Rücksicht auf Weisheitskrämereien machtvoll Bahn bricht. Man darf nicht vergessen, dass sich die Entwicklung aller jener großen Widersprüche, die sich jahrhundertelang im russischen Leben angehäuft haben, mit unerbittlicher Gewalt vollzieht, dass sie die Volksmassen auf den Plan ruft und die toten, leblosen Lehren vom friedlichen Fortschritt auf den Kehrrichthaufen wirft (...) „Tote Doktrinen bleiben stets hinter dem stürmischen Strom der Revolution zurück, der die grundlegenden Erfordernisse des Lebens, die tiefsten Interessen der Volksmassen zum Ausdruck bringt (...) Eine schlechte Doktrin wurd durch eine gute Revolution glänzend korrigiert“ (Lenin, Band 9, Seite 196). „Wer für den Aufstand ist, mit dem wird das Proletariat `vereint schlagen`, wenn auch `getrennt marschieren` ; wer gegen den Aufstand ist, den werden wir schonungslos bekämpfen“ (Lenin, Band 10, Seite 136).
Was die Ausarbeitung eines Plans des bewaffneten Aufstands anbelangt und wie die Leitung des Kampfes konkret auszusehen hat, beschrieb Lenin sehr eindringlich - weit entfernt davon, sich mit der Abfassung von Resolutionen des Parteitags zu begnügen. So schrieb Lenin offenherzig „als Berater“ an den Kampfausschuss des St.-Petersburger Komitees am 16. Oktober 1905:
„Alle diese Schemas, alle diese Pläne der organisation des Kampfausschusses machen den Eindruck papernen Formelkrams – ich bitte meine Offenheit zu entschuldigen (...) Ich sehe mit Entsetzen, wahrhaftig mit Entsetzen, dass man schon länger als ein halbes Jahr von Bomben spricht und noch keine einzige hergestellt hat! (...) Geht zur Jugend. Gründet sofort Kampfgruppen, überall und allerorts, sowohl bei den Studenten als auch besonders bei den Arbeitern usw. usf. Trupps von 3 bis 10, bis zu 30 usw. Mann sollen sich unverzüglich formieren. Sie sollen sich unverzüglich selber bewaffnen, so gut jeder kann, mit Revolvern, Messern, petroleumgetränkten Lappen, um Feuer anzulegen usw. Diese Kampfabteilungen sollen sich unverzüglich Führer wählen und sich nach Möglichkeit mit dem Kampfausschuss des Petersburger Komitees in Verbindung setzen. Verlangt keinerlei Formalitäten, pfeift um Himmels willen auf alle Schemas, schickt im Gottes willen alle `Funktionen, Rechte und Privilegien` zum Teufel. Besteht nicht auf den Beitritt zur SDAPR – das wäre für den bewaffneten Aufstand eine absurde Forderung. Weigert euch nicht, mit jedem Zirkel in Verbindung zu treten, auch wenn er nur aus drei Personen besteht, unter der einzigen Bedingung, dass er in Bezug auf die Polizei unverdächtig und bereit ist, gegen die zaristischen Truppen zu kämpfen. Sollen die Gruppen, die das wünschen, der SDAPR beitreten oder sich der SDAPR anschließen, das wäre ausgezeichnet; aber ich würde es unbedingt für eien Gehler halten, das zu fordern. Die Rolle des Kampfausschusses beim Petersburger Komitee soll darin bestehen, diesen Abteilungen der revolutionären Armee zu helfen, ihnen als Verbindungs`büro` zu dienen usw. Jede Abteilung wird eure Dienste gern annehmen, aber wenn ihr in einer solchen Sache mit Schemas und mit Reden über die `Rechte` des Kampfausschusses ankommt, werdet ihr das Ganze zu Grunde richten, glaubt mir, unwiederbringlich zu Grunde richten! Hier muss man durch breite Propaganda wirken. Sollen 5 – 10 Menschen in einer Woche Hunderte von Arbeiter – und Studentenzirkel aufsuchen, überall eindringen, wo es nur irgend möglich ist, und überall den klaren, kurzen, direkten und einfachen Plan vorschlagen: Bildet sofort eine Kampfabteilung, bewaffnet euch, so gut ihr könnt, arbeitet aus allen Kräften, wir werden euch soweit möglich helfen, aber erwartet nichts von uns, arbeitet selber.
Der Schwerpunkt bei einer solchen Sache liegt in der Initiative der Masse der kleinen Zirkel. Sie schaffen alles. Ohne sie ist euer ganzer Kampfausschuss nichts. Ich neige dazu, die Arbeitsproduktivität des Kampfausschusses nach der Anzahl solcher Abteilungen zu messen, mit denen er in Verbindung steht. Wenn der Kampfausschuss in ein bis zwei Monaten nicht minimum 200-300 Abteilungen in Petersburg hat, dann ist er ein toter Kampfausschuss. Dann muss man ihn begraben. Wer bei der gegenwärtigen Siedehitze nicht Hunderte von Kampfabteilungen auf die Beine bringt, der steht außerhalb des Lebens. Die Propagandisten sollen jeder Abteilung kurze und einfache Bombenrezepte und eine elementare Erläuterung der ganzen Arbeitsart geben, dann aber die ganze Tätigkeit ihr selbst überlassen. Die Abteilungen sollen jetzt gleich, unverzüglich ihre militärische Ausbildung mit praktischen Kampfhandlungen beginnen. Die einen werden sofort einen Spitzel töten oder ein Polizeirevier in die Luft sprengen, andere werden eine Bank überfallen, um Geldmittel für den Aufstand zu konfiszieren, wieder andere werden eine Übung veranstalten oder Kartenskizzen anfertigen usw. Jedenfalls muss man gleich von Anfang an in der Praxis lernen, darf sich vor diesen versuchsweisen Überfällen nicht fürchten. Sie können natürlich ins Extrem ausarten, doch das ist eine Gefahr von morgen, die Gefahr von heute aber liegt in unserer Trägheit, un unserem Doktrinarismus, in der gelehrten Schwerfälligkeit und senilen Angst vor der Initiative. Jede Abteilung soll selbständig lernen, sei es auch durch Verprügelung von Polizisten: Die Dutzende von Opfern werden reichlich aufgewogen durch die Hunderte erfahrener Kämpfer, die morgen Hunderttausende in den Kampf führen werden“ (Lenin, Band 9, Seite 342-344).
Lenin arbeitete die Aufgaben der zu schaffenden Abteilungen der revolutionären Armee bis in jede kleine Einzelheit konkret aus:
„1. Selbständige militärische Aktionen.
2. Leitung der Menge.
Die Abteilungen können beliebig stark sein, von zwei bis drei Mann an. Die Abteilungen müssen sich selbst bewaffnen, jeder womit er kann (Gewehr, Revolver, Bombe, Messer, Schlagring, Knüppel, mit Petroleum getränkte Lappen, um Feuer anzulegen, Stricke oder Strickleitern, Schaufeln für den Bau von Barrikaden, Sprengpatronen, Stacheldraht, Nägel {gegen Kavallerie} usw. usf.). Unter keinen Umständen darf man von anderer Seite, von oben oder von außen Hilfe erwarten, sondern muss alles selbst beschaffen.
Die Abteilungen müssen möglichst aus Personen gebildet werden, die nahe beieinander wohnen oder häufig, regelmäßig, zu bestimmten Stunden zusammentreffen (am besten beides, denn das regelmäßige Zusammentreffen kann durch den Aufstand unterbrochen werden). Ihre Aufgabe ist, es so einzurichten, dass sie in den kritischen Augenblicken, in den unvorhergesehendsten Situationen zusammenkommen können. Jede Abteilung muss daher im Voraus Mittel und Wege festlegen, um ein gemeinsames Vorgehen zu sichern: Zeichen an den Fenstern usw., um einander leichter zu finden; verabredete Rufe oder Pfiffe, um den Genossen in der Menge zu erkennen; vereinbarte Zeichen für den Fall eines nächtlichen Zusammentreffens usw. usf. Jeder energische Mann kann mit zwei bis drei Genossen eine ganze Reihe solcher Regeln und Methoden ausarbeiten, die zusammengestellt, auswendig gelernt und praktisch geübt werden müssen. Man darf nicht vergessen, dass die Ereignisse mit 99 Prozent Wahrscheiblichkeit überraschend eintreten werden und dass es nötig sein wird, unter außerordentlich schwierigen Verhältnissen zusammenzukommen.
Sogar unbewaffnete Abteilungen können eine sehr wichtige Rolle spielen, wenn sie 1. die Menge leiten; 2. bei günstiger Gelegenheit einen Polizisten oder einen zufällig von seinen Kameraden getrennten Kosaken überfallen (ein Fall in Moskau) usw. und entwaffnen; 3. Verhaftete oder Verwundete retten, wenn die Polizeikräfte schwach sind; 4. auf Hausdächer, in obere Stockwerke usw. steigen und die Truppen mit Steinen bewerfen, mit kochendem Wasser begießen usw. Eine organisierte, geschlossen und energisch vorgehende Abteilung ist eine ungeheure Kraft. Unter keinen Umständen darf die Bildung einer Abteilung unter dem Vorwand des Waffenmangels verweigert oder aufgeschoben werden.
Die Abteilungen müssen die Funktionen möglichst im Voraus verteilen und den Leiter, den Abteilungsführer, manchmal im Voraus wählen. Es wäre natürlich unvernünftig, in eine Spielerei mit Rangabzeichen zu verfallen, man darf aber die kolossale Bedeutung einer einheitlichen Führung, eines raschen und entschlossenen Vorgehens nicht vergessen. Entschlossenheit und kühner Angriff sind drei Viertel des Erfolgs (unterstrichen vom Verfasser].
Die Abteilungen müssen sich sofort nach nach ihrer Bildung, also schon jetzt, an eine vielseitige Arbeit machen, und zwar keineswegs nur theoretische, sondern unbedingt auch praktische. Zur theoretischen Arbeit rechnen wir das Studium der Kriegswissenschaften, die Beschäftigung mit militärischen Fragen, Referate über militärische Fragen, Aussprachen mit Militärs (mit Offizieren, Unteroffizieren usw. usf., nicht zuletzt auch mit ehemaligen Soldaten aus der Arbeiterschaft); die Lektüre, Besprechung und Verarbeitung illegaler Broschüren und Zeitungsartikel über den Straßenkampf usw. usf.
Wir wiederholen, mit den praktischen Arbeiten muss sofort begonnen werden. Sie zerfallen in vorbereitende und in militärische Operationen. Zu den vorbereitenden gehört die Beschaffung jeder Art von Waffen und Munition, die Auswahl günstig gelegener Wohnungen für den Straßenkampf (die geeignet sind für den Kampf von oben, für die Lagerung von Bomben, Steinen usw. oder von Säuren zum Begießen der Polizisten usw. usf., sowie für das Stabsquartier, für den Nachrichtendienst, als Zufluchtsort für Verfolgte, Unterkünfte für Verwundete usw. usf.). Zu den vorbereitenden Arbeiten gehört ferner rechtzeitige Aufklärung und Erkundung: Beschaffung von Plänen der Gefängnisse, Polizeireviere, Ministerien usw., Auskundschaftung der Arbeitseinteilung in den staatlichen Institutionen, in den Banken usw., sowie ihrer Bewachung; Anknüpfung von Beziehungen, die nützlich sein können (mit Polizei-, Bank-, Gerichts-, Gefängnis-, Post- und Telegrafenbeamten usw.), Feststellung von Waffenlagern von sämtlichen Waffenläden der Stadt usw. Es gibt hier massenhaft Arbeit, und zwar solche, bei der jeder größten Nutzen bringen kann, sogar der zum Straßenkampf völlig Untaugliche, sogar körperlich ganz schwächliche Menschen, Frauen, Jugendliche, Greise u.a. Man muss bestrebt sein, schon jetzt unbedingt und ausnahmslos alle in den Abteilungen zusammenzuschließen, die sich am Aufstand beteiligen wollen, denn es gibt keinen Menschen und kann keinen geben, der nicht den größten Nutzen brächte, wenn er arbeiten will, auch wenn er keine Waffen hat, auch wenn er persönlich zum Kampf untauglich ist.
Sodann dürfen sich die Abteilungen der revolutionären Armee keinesfalls nur auf vorbereitende Arbeiten beschränken, sie müssen sobald wie möglich auch zu militärischen Aktionen übergehen, um:
1. ihre Kampfkraft zu üben; 2. die schwachen Stellen des Feindes zu erkunden; 3. dem Feind Teilniederlagen beizubringen; 4. Gefangene (Verhaftete) zu befreien; 5. Waffen zu erobern; 6. Geldmittel für den Aufstand zu gewinnen (Regierungsgelder zu konfiszieren) usw. usf. Die Abteilungen können und müssen unverzüglich jede Gelegenheit zu lebendiger Arbeit ergreifen, sie dürfen das keineswegs bis zum allgemeinen Aufstand verschieben, denn steht man nicht schon vorher im Feuer, so erwirbt man die Tauglichkeit auch zum Aufstand nicht [unterstrichen vom Verfasser].
Gewiss ist jede Übertreibung von Übel; alles Gute und Nützliche kann, auf die Spitze getrieben, schlecht und schädlich werden, ja muss es sogar, wenn eine gewisse Grenze überschritten wird. Undisziplinierte, unvorbereitete kleine Terrorakte können, auf die Spitze getrieben, die Kräfte lediglich zersplittern und vergeuden. Das ist richtig und darf natürlich nicht vergessen werden. Aber andererseits darf man auch keinesfalls vergessen, dass jetzt die Losung des Aufstandes schon ausgegeben ist, dass der Aufstand schon begonnen hat. Mit Angriffsaktionen zu beginnen, wenn die Umstände günstig sind, ist nicht nur das Recht, sondern auch die direkte Pflicht eines jeden Revolutionärs [unterstrichen vom Verfasser]. Tötung von Spitzeln, Polizisten und Gendarmen, Sprengung von Polizeirevieren, Befreiung von Verhafteten, Konfiskation von Regierungsgeldern für die Erfordernisse des Aufstandes – solche Aktionen werden überall dort, wo sich der Aufstand ausbreitet, in Polen und im Kaukasus, bereits unternommen, und jede Abteilung der revolutionären Armee muss jeden Augenblick zu solchen Aktionen bereit sein. Jede Abteilung muss daran denken, dass sie sich unverzeihlicher Tatenlosigkeit, der Passivität schuldig macht, wenn sie die für eine Aktion günstige Gelegenheit nicht heute schon ausnützt – und eine solche Schuld ist in der Epoche des Aufstands das größte Verbrechen eines Revolutionärs, die größte Schmach für jeden, der nicht nur in Worten, sondern in der Tat die Freiheit erstrebt [unterstrichen vom Verfasser].
Über die Zusammensetzung dieser Abteilungen lässt sich folgendes sagen: die zweckmäßigste Anzahl der Mitglieder und die Verteilung ihrer Funktionen wird die Erfahrung lehren. Man muss selbst anfangen, sich diese Erfahrungen anzueignen, ohne Weisungen von außen abzuwarten. Man soll natürlich die örtliche revolutionäre Organisation bitten, einen militärisch geschulten Revolutionär für Vorträge, Aussprachen und Ratschläge zu schicken, aber falls sich ein solcher nicht findet, muss man unbedingt selbst mit allem zurechtkommen.
Was die Parteigruppierungen betrifft, so werden die Mitglieder einer Partei es natürlich vorziehen, sich in den gleichen Abteilungen zusammenzuschließen. Aber man soll Mitgliedern anderer Parteien nicht unbedingt den Beitritt zu einer Abteilung verweigern. Gerade hier müssen wir den Zusammenschluss, die praktische Verständigung (selbstverständlich ohne jedwede Verschmelzung der Parteien) des sozialistischen Proletariats mit der revolutionären Demokratie verwirklichen. Wer für die Freiheit kämpfen will und seine Bereitschaft durch die Tat beweist, der kann zu den revolutionären Demokraten gerechnet werden, mit dem muss man gemeinsam an der Vorbereitung des Aufstandes zu arbeiten trachten (natürlich nur dann, wenn zu der Person oder zu der Gruppe volles Vertrauen vorhanden ist). Alle übrigen `Demokraten` müssen als Quasi-Demokraten, als liberale Schwätzer scharf zurückgewiesen werden, denn es wäre von Revolutionären unverzeihlich, sich auf sie zu verlassen, und verbrecherisch, ihnen Vertrauen zu schenken [unterstrichen vom Verfasser].
Es ist natürlich wünschenswert, dass die Abteilungen sich miteinander vereinigen, und außerordentlich nützlich, Formen und Bedingungen für die gemeinsame Tätigkeit auszuarbeiten. Aber man darf dabei keinesfalls in das Extrem verfallen, komplizierte Pläne, allgemeine Schemas usw. zu erfinden und der lebendigen Sache durch pedantische Tüfteleien Abbruch zu tun. Die Begleitumstände des Aufstands werden unweigerlich so sein, dass die nichtorganisierten Elemente tausendfach zahlreicher sind als die organisierten; es wird sich nicht vermeiden lassen, dass man sofort, an Ort und Stelle, zu zweit oder allein handeln muss – und man muss sich darauf vorbereiten, auf eigene Faust zu handeln. Verzögerungen und Diskussionen, Säumigkeit und Unentschlossenheit sind der Tod des Aufstands. Mit größter Entschlossenheit und Energie vorgehen, jeden günstigen Augenblick unverzüglich ausnutzen, die revolutionäre Leidenschaft der Menge sofort entfachen, ihr die Richtung zu entschlosseneren und entschlossensten Aktionen weisen – das ist die erste Pflicht des Revolutionärs [unterstrichen vom Verfasser].
Eine ausgezeichnete militärische Übung für die Soldaten der revolutionären Armee, in der sie ihre Feuertaufe erhalten und durch die sie der Revolution ungeheuren Nutzen bringen, ist der Kampf gegen die Schwarzhunderter. Die Abteilungen der revolutionären Armee müssen unverzüglich feststellen, von wem, wo und wie die Schwarzhundertschaften organisiert werden, und dürfen sich dann nicht auf Agitation allein beschränken (das ist nützlich, genügt aber nicht), sondern müssen auch mit Waffengewalt vorgehen, die Schwarzhunderter niederschlagen, sie töten, ihre Stabsquartiere sprengen usw. usf.“ (Lenin, Band 9, Seite 423-427; geschrieben Ende Oktober 1905).
Es kann hier keinen Zweifel daran bestehen, dass der Tag kommt, an dem wir dazu übergehen müssen, die revolutionären Armeen in Abteilungen der internationalen Weltarmee zu verwandeln. Der bewaffnete Aufstand wir in nicht in all zu ferner Zukunft die ganze Welt erfassen, nicht nur als einzelner Vorgang, sondern sich wiederholend und immer mehr ausweitend in die Breite und in die Tiefe – und darauf gilt es sich jetzt schon vorzubereiten !!
Lenin wies also nicht nur die Notwendigleit des Aufstandes nach und rief nicht nur zum Aufstand auf, sondern er forderte auch die „sofortige Organisierung einer revolutionären Armee (...). Nur die kühnste, breiteste Organisierung einer solchen Armee kann der Prolog zum Aufstand sein“ (Lenin, Band 9, Seite 180). Die revolutionäre Regierung bezeichnete Lenin als „Organ des Aufstands“ (Lenin, Band 9, Seite 202). Die revolutionäre Staatsmacht hielt Lenin für „eines der größten und höchsten `Mittel` , den politischen Umsturz zu verwirklichen“ (Lenin, Band 9, Seite 245).
Für das Gelingen eines Aufstandes waren für Lenin gleichwohl zwei Einrichtungen notwendig: „Die revolutionäre Armee und die revolutionäre Regierung sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Es sind zwei Einrichtungen, die zum Gelingen des Aufstandes und zur Verankerung seiner Errungenschaften gleich notwendig sind. Es sind zwei Losungen, die unbedingt aufgestellt und erläutert werden müssen, weil sie die einzigen konsequenten, revolutionären Losungen sind“ (Lenin, Band 8, Seite 571). Die revolutionäre Regierung muss das `Volk` mobilisieren und seine revolutionäre Aktivität organisieren“ (Lenin, ebenda, Seite 570). „Vom `Sieg` des Volksaufstandes, von der Errichtung einer provosorischen Regierung sprechen und nicht auf den Zusammenhang dieser `Schritte` und Akte mit der Erkämpfung der Republik hinweisen – das heißt eine Resolution schreiben, nicht um den Kampf des Proletariats zu leiten, sondern hinter der proletarischen Bewegung einherzutrotten“ (Lenin, Band 9, Seite 24) Deswegen die marxistische Formel: Keine revolutionäre Regierung ohne Mitwirkung eines Aufstands und kein Aufstand ohne Mitwirkung einer revolutionären Regierung – ansonsten kann das aufständische Volk nicht siegreich sein – das ist die marxistisch-leninistische Formel des bewaffneten Aufstandes und der aufständischen Regierung als dessen Organ.
„Natürlich kann der reale Rückhalt einer solchen Regierung nur der bewaffnete Aufstand sein. Aber die geplante Regierung wird ja auch nichts anderes sein als das Organ dieses schon heranwachsenden und heranreifenden Aufstands. Man durfte die Bildung einer revolutionären Regierung praktisch nicht in Angriff nehmen, solange der Aufstand nicht Ausmaße erreicht hatte, die allen sichtbar, sozusagen allen greifbar waren. Gerade jetzt ist es aber notwendig, diesen Aufstand politisch zusammenzufassen, ihn zu organisieren, ihm ein klares Programm zu geben und alle die schon zahlreich und zahlenmäßig rasch zunehmenden Abteilungen der revolutionären Armee zur Stütze und zu Hebeln dieser neuen, wirklich freien und wirklich vom Volk getragenen Regierung zu machen (Bürger! (...) Stellt die Zahlung aller Abgaben und Steuern ein, richtet alle Anstrengungen auf die Organisierung und Bewaffnung einer freien Volkswehr (...) Wer nicht für die Revolution ist, ist gegen die Revolution. Wer kein Revolutionär ist, der ist ein Schwarzhunderter (...) So etwa denke ich mir die Entwicklung des Sowjets der Arbeiterdeputierten zu einer provisorischen revolutionären Regierung“ (Lenin, Band 10, Seite 10 und 12). Wie wird die zusammengebrochene reaktionäre Regierung also durch eine revolutionäre Regierung abgelöst? „Das Organ der Volksmacht, das zeitweilig die Obliegenheiten der zusammengebrochenen Regierung übernimmt, nennt man im schlichten und klaren Russisch provisorische revolutionäre Regierung. Eine solche Regierung muss provisorisch sein, denn ihre Vollmachten laufen ab, sobald eine vom Volk gewählte konstituierende Versammlung zusammentritt. Eine solche Regierung muss revolutionär sein, denn sie löst die zusammengebrochene Regierung ab, gestützt auf die Revolution. Dieser Wechsel kann nicht anders als auf revolutionärem Wege erfolgen“ (Lenin, Band 10, Seite 53). „Die provisorische revolutionäre Regierung ist das Organ des Aufstands, das alle Aufständischen vereinigt und den Aufstand politisch leitet“ (Lenin, Band 10, Seite 54).
Höhepunkt und Niedergang des russischen Aufstandes von 1905
Lenin beurteilte die Ereignisse in Moskau, verglich sie mit den anderen vorausgegangenen Aufständen und schätzte ihren weiteren Entwicklungsprozess trotz erlittener Niederlagen positiv ein:
„Wie spärlich diese Nachrichten auch sein mögen, so erlauben sie doch, die Schlussfolgerung zu ziehen, dass der Ausbruch des Aufstandes in Moskau, verglichen mit den anderen Aufständen, keine höhere Stufe der Bewegung darstellt. Weder traten rechtzeitig vorbereitete und gut bewaffnete revolutionäre Kampfabteilungen in Aktion noch ging wenigstens ein gewisser Teil der Truppen auf die Seite des Volkes über, und auch die `neuen` Arten der Volksbewaffnung, die Bomben (die am 26. September [9.Oktober] in Tiflis den Kosaken und Soldaten einen solchen Schrecken eingejagt hatten), kamen nicht umfassend zur Anwendung. Fehlte aber auch nur eine dieser Bedingungen, so konnte weder mit der bewaffnung einer großen Zahl von Arbeitern noch mit dem Sieg des Aufstandes gerechnet werden. Die Bedeutung der Moskauer Ereignisse ist, wie wir bereits festgestellt haben, eine andere: ein großes Zentrum hat dadurch die Feuertaufe erhalten, ein riesiges Industriegebiet ist in den ernsten Kampf einbezogen worden. Das Anwachsen des Aufstandes in Russland verläuft natürlich nicht in einem gleichmäßigen und geradlinigen Aufschwung und kann auch nicht so verlaufen. Am 9. Januar war in Petersburg das vorherrschende Merkmal die rasche und einmütige Bewegung gigantischer Massen, die unbewaffnet waren und nicht in den Kampf traten, aber eine große Kampfeslehre erhielten. In Polen und im Kaukasus zeichnet sich die Bewegung durch eine ungeheure Hartnäckigkeit und eine verhältnismäßig häufigere Anwendung von Waffen und Bomben seitens der Bevölkerung aus. In Odessa bestand das besondere Merkmal im Übergang eines Teils der Truppen zu den Aufständischen. In allen Fällen und immer war die Bewegung in ihrem Kern proletarisch und unlösbar mit dem Massenstreik verbunden. In Moskau verlief die Bewegung in demselben Rahmen wie in einer ganzen Reihe anderer, weniger großer Industriezentren. Vor uns taucht naturgemäß die Frage auf: Wird die revolutionäre Bewegung auf diesem bereits erreichten, `gewohnt` und vertraut gewordenen Entwicklungsstadium stehenbleiben oder wird sie sich auf eine höhere Stufe erheben? Wenn man sich überhaupt auf das gebiet der Einschätzung so komplizierter und unübersichtlicher Ereignisse wagen kann, wie es die Ereignisse der russischen Revolution sind, so gelangen wir unvermeidlich zu der ungleich größeren Wahrscheinlichkeit der zweiten Antwort auf diese Frage. Gewiss, auch die gegebene, bereits erlernte, wenn man sich so ausdrücken darf, Kampfform – Partisanenkrieg, unaufhörliche Streiks, Erschöpfung der Kräfte des Feindes durch Überfälle und Straßenkämpfe bald an dem einen, bald an dem anderen Ende des Landes – auch diese Kampfform ergab und ergibt die ernsthaftesten Resultate. Kein Staat hält auf die Dauer diesen hartnäckigen Kampf aus, der das industrielle Leben lahmlegt, in die Bürokratie und in die Armee völlige Demoralisation hineinträgt und in allen Volkskreisen Unzufriedenheit mit der Lage der Dinge sät. Um so weniger ist die absolutistische Regierung imstande, einen solchen Kampf auszuhalten. Wir können völlig überzeugt sein, dass die beharrliche Fortsetzung des Kampfes, auch wenn er sich in den Formen hält, die von der Arbeiterbewegung bereits hervorgebracht worden sind, unweigerlich zum Zusammenbruch des Zarismus führen wird.
Es ist jedoch im höchsten Grade unwahrscheinlich, dass die revolutionäre Bewegung im heutigen Russland auf der Stufe stehenbleiben wird, die sie gegenwärtig bereits erreicht hat. Im Gegenteil, alle Tatsachen sprechen eher dafür, dass dies nur eine der ersten Stufen des Kampfes ist. Noch haben sich alle Folgen des schmachvollen unmd verderblichen Krieges im Volk bei weitem nicht ausgewirkt. Die Wirtschaftskrise in den Städten und die Hungersnot auf dem Lande steigern die Erbitterung ungeheuer. Die mandschurische Armee ist, nach allen Informationen zu urteilen, äußerst revolutionär gestimmt, und die Regierung fürchtet sich, sie zurückzurufen; aber es ist unmöglich, diese Armee nicht zurückzurufen, denn es drohen sonst neue und noch ernstere Aufstände. Die politische Agitation unter den Arbeitern und der Bauernschaft war in Russland noch nie so umfassend, so planmäßig und so tiefgehend wie jetzt. Die Komödie der Reichsduma wird der Regierung unvermeidlich neue Niederlagen bringen und in der Bevölkerung neue Erbitterung hervorrufen. Der Aufstand ist vor unseren Augen in knapp zehn Monaten ungeheur angewachsen, und es ist weder ein Hirngespinst noch ein frommer Wunsch, sondern eine direkte und unbedingte Schlussfolgerung aus den Tatsachen des Massenkampfes, wenn man feststellt, dass sich der Aufstand binnen kurzem auf eine neue, höhere Stufe erheben wird, auf eine Stufe, wo die Kampfabteilungen der Revolutionäre oder meuternden Truppentzeile der Volksmenge zur Hilfe kommen werden, wo sie den Massen helfen werden, sich Waffen zu verschaffen, wo sie in die Reihen der `zaristischen`(noch zaristischen, denn schon bei weitem nicht mehr völlig zaristischen) Truppen die größten Schwankungen hineingetragen werden, wo der Aufstand zu einem ernsthaften Sieg führen wird, vor dem sich der Zarismus nicht mehr erholen kann.
Die zaristischen Truppen haben in Moskau den Sieg über die Arbeiter davongetragen. Doch dieser Sieg hat die Besiegten nicht entkräftet, sondern sie nur fester zusammengeschweißt, ihren Hass vertieft und sie den praktischen Aufgaben des ernsten Kampfes nähergebracht. Die Truppen beginnen erst jetzt zu erkennen, und zwar nicht nur an hand der gesetze, sondern auch aus eigener Erfahrung, dass sie jetzt einzig und allein zum Kampf gegen den `inneren` Feuind mobilisiert werden. Der Krieg mit Japan ist zu Ende. Doch die Mobilmachung dauert fort, die Mobilmachung gegen die Revolution. Wir fürchten eine solche Mobilmachung nicht, wir stehen nicht an, sie zu begrüßen, denn je größer die Zahl der Soldaten sein wird, die man zum systematischen Kampf gegen das Volk einberuft, desto rascher wird die politische und revolutionäre Aufklärung dieser Soldaten vor sich gehen. Durch die Mobilmachung immer neuer Truppenteile zum Krieg gegen die Revolution schiebt der Zarismus die Entscheidung auf, aber dieser Aufscgub ist von größtem Vorteil für uns, denn in diesem langwierigen Partisanenkrieg lernen die Proletarier kämpfen, während die Truppen unvermeidlich ins politische Leben hineingezogen werden. Und der Ruf dieses Lebens, der Kampfruf des jungen Russlands, dringt sogar durch die dicksten Kasernenmauern, weckt die Unaufgeklärtesten, die Rückständigsten und die Eingeschüchtertsten. Der Ausbruch des Aufstands ist noch einmal unterdrückt worden. Noch einmal: Es lebe der Aufstand!“ (Lenin, „Blutige Tage in Moskau“, Band 9, Seite 337-339). Lenin räumte im Verlauf der revolutionären Ereignisse ein: „Doch diese Bewegung war noch äußerst unbewusst in revolutionärer Beziehung und völlig hilflos im Sinne der Bewaffnung und militärischen Bereitschaft“ (Lenin, Band 9, Seite 351). „Die Moskauer Ereignisse haben die wirkliche Gruppierung der gesellschaftlichen Kräfte gezeigt: Die Liberalen sind von der Regierung zu den Radikalen gerannt, um diesen den revolutionären Kampf auszureden. Die Radikalen haben in den Reihen des Proletariats gekämpft. Vergessen wir diese Lehre nicht“ (ebenda, Seite 353). „Im Großen und Ganzen ist die Bewegung in Moskau nicht bis zu einem entscheidenden Kampf der revolutionären Arbeiter mit den Streitkräften des Zarismus gelangt. Das waren nur kleinere Vorpostengeplänkel, teilweise vielleicht eine militärische Demonstration im Bürgerkrieg, aber keine jener Schlachten, die den Ausgang des Krieges bestimmen (...), dass wir es nicht mit einem Beginn, sondern nur mit einer Probe des entscheidenden Ansturms zu tun haben“ (Lenin, Band 9, Seite 375). „In jedem Krieg machen die Gegner, deren Kräfte sich die Waage halten, eine Weile halt, sammeln Kräfte, rasten, werten die gemachten Erfahrungen aus, bereiten sich vor und – stürzen sich in den neuen Kampf. (...) So war es und so wird es immer sein in jedem großen Bürgerkrieg“ (Lenin, Band 10, Seite 392). Lenin schätzte die Taktik der Regierung im Zustand des relativen Gleichgewichts der kämpfenden Kräfte klar ein: „Es ist zweifellos ein Lavieren und ein Rückzug mit Nachhutgefechten. Und das ist eine ganz richtige Taktik vom Standpunkt der Interessen der Selbstherrschaft. Es wäre ein großer Irrtum, eine verhängnisvolle Illusion, wenn die Revolutionäre vergäßen, dass die Regierung noch lange, sehr lange zurückweichen kann, ohne das Wesentliche aufzugeben“ (Lenin, Band 9, Seite 378). „Die Selbstherrschaft hat nicht mehr die Kraft, offen gegen die Revolution vorzugehen. Die Revolution hat noch nicht die Kraft, dem Feind den entscheidenden Schlag zu versetzen. Dieses Schwanken der Kräfte, die sich fast die Waage halten, erzeugt bei der Staatsmacht unvermeidlich Kopflosigkeit und bewirkt, dass sie von Repressalien zu Zugeständnissen, zu Gesetzen über Presse- und Versammlungsfreiheit übergeht“ (Lenin, Band 9, Seite 394-395) und die Daumenschrauben werden etwas lockert, Ventile etwas geöffnet, damit die Empörung des Volkes wieder gefahrlos entweichen und das Machtverhältnis aufrecht erhalten bleiben kann. „Verhandlungen mit dem aufständischen Volk, Zurückziehen der Truppen – das ist der Anfang vom Ende. Das zeigt besser als alle Vernunftsgründe, dass sich die militärischen Spitzen im höchsten Grade unsicher fühlten. Das zeigt, dass die Unzufriedenheit unter den Truppen ein wahrhaft erschreckendes Ausmaß erreicht hatte. In Kiew wurden Soldaten verhaftet, die sich geweigert hatten, zu schießen. In Polen gab es ähnliche Fälle. In Odessa hielt man die Infanterie in den Kasernen zurück, weil man sich fürchtete, sie auf die Straße zu führen. In Petersburg begann eine offene Gärung in der Flotte, und man sprach von völliger Unzuverlässigkeit der Garde. Und was die Schwarzmeerflotte betrifft, so ist es bisher nicht gelungen, wirklich die Wahrheit zu erfahren. Schon am 17. Oktober meldeten Telegramme, dass sich das Gerücht von einer neuen Empörung dieser Flotte hartnäckig erhalte, dass von den Behörden, die alle Mittel aufböten, um die Verbreitung von Nachrichten über die Ereignisse zu verhindern, alle Telegramme abgefangen würden. Reiht man alle diese bruchstückhaften Nachrichten aneinander, so kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass die Lage der Selbstherrschaft sogar vom rein militärischen Standpunkt aus verzweifelt war. Zwar wurden noch einzelne Aufstände unterdrückt, zwar nahmen die Truppen noch hier und da Barrikaden, doch diese einzelnen Zusammenstöße entfachten nur die Leidenschaften, steigerten nur die Empörung, rückten nur eine noch mächtigere allgemeine Explosion näher, und gerade davor fürchtete sich die Regierung, da sie sich nicht mehr auf die Truppen verlassen konnte“ (Lenin, Band 9, Seite 432). Der Aufstand der Matrosen und Soldaten in Kronstadt begann am 26. Oktober (8. November) 1905. Die Aufständischen erhoben die Forderungen: Einberufung einer konstitutionellen Versammlung auf Grund allgemeiner Wahlen, Errichtung einer demokratischen Republik, Rede- , Koalitions- und Versammlungsfreiheit, Verbesserung der Lage der Matrosen und Soldaten. Am 28. Oktober (10. November) wurde der Aufstand niedergeschlagen. „Das Beispiel von Kronstadt zeigt (...), mag sie [die Regierung – Anmerkung des Verfassers] jetzt Hunderte von Matrosen erschießen, die wieder einmal die rote Flagge gehisst haben – diese Flagge wird noch höher wehen, denn sie ist das Banner aller Werktätigen und Ausgebeuteten in der ganzen Welt“ [hervorgehoben vom Verfasser], (Lenin, Band 9, Seite 467). Ende November 1905 schrieb Lenin:
„Der bewaffnete Aufstand in Kiew macht offenbar noch einen weiteren Schritt vorwärts, den Schritt zur Verschmelzung der revolutionären Armee mit den revolutionären Arbeitern und Studenten. Davon zeugt jedenfalls ein Bericht der `Rus` über ein sechzehntausendköpfiges Meeting im Kiewer Polyklinikum unter dem Schutz eines Pionierbataillons der aufständischen Soldaten“ (Lenin, Band 10, Seite 52).
„Wir dürfen mit vollem Recht triumphieren. Das Zugeständnis des Zaren ist in der Tat ein großer Sieg der Revolution, doch entscheidet dieser Sieg noch lange nicht das Schicksal der ganzen Sache der Freiheit. Der Zar hat noch lange nicht kapituliert. Die Selbstherrschaft hat durchaus noch nicht aufgehört zu bestehen. Sie hat nur den Rückzug angetreten und dem Feind das Schlachtfeld überlassen, sie hat in einer äußerst ernsten Schlacht den Rückzug angetreten, aber sie ist noch lange nicht geschlagen, sie sammelt noch ihre Kräfte, und das revolutionäre Volk muss noch viele ernste Kampfaufgaben lösen, um die Revolution zum wirklichen und vollen Sieg zu führen“ (Lenin, Band 9, Seite 430). „Aber das Gleichgewicht der Kräfte schließt den Kampf keineswegs aus, sondern macht ihn im Gegenteil noch schärfer. Der Rückzug der Regierung bedeutet lediglich, wie wir schon sagten, dass sie eine neue, von ihrem Standpunkt aus günstigere Kampfstellung bezieht“ (Lenin, Band 9, Seite 450). „Alles gewähre ich, außer der Macht – erklärt der Zarismus. Alles ist Blendwerk, außer der Macht – erwidert das revolutionäre Volk“ (Lenin, Band 9, Seite 452). „Wer für die Freiheit des Volkes kämpft, ohne für die volle Macht des Volkes im Staate zu kämpfen, der ist entweder inkonsequent oder unaufrichtig“ (Lenin, Band 10, Seite 388).
Sind die Klassengegner kräftemäßig ebenbürtig, das Kräfteverhältnis ausgeglichen, dann wird der Sieg um so schwerer zu erringen sein, dann ist die Wahrscheinlichkeit besonders groß, dass sich der Kampf in die Länge zieht, dass die Anstrengungen und Verluste auf beiden Seiten außerordentlich zunehmen können, dass es auf die Mobilisierung der Reserven, auf das Durchhaltevermögen in einem Stellungs- oder Belagerungskrieg und viele anderer Faktoren ankommt, dass die Fronten komplizierter und härter werden, dass er sich ausweitet und die Entscheidung auf sich warten lässt, dass derjenige eine Niederlage erleidet, dessen Kräfte schließlich zuerst erschöpft sind. In Patt-Situationen kann häufig nur die bessere Kriegskunst über Sieg oder Niederlage entscheiden.
Solange die Macht in den Händen des Klassenfeindes ist, kann er dieses Gleichgewicht auf der Waage der sich im Krieg befindenen antagonistischen Klassenkräfte zu halten versuchen, kann er abwarten und seine konterrevolutionären Kräfte sammeln, hat er Zeit, um seiner Kopflosigkeit wieder Herr zu werden – zu mehr reicht seine Kraft allerdings nicht. Die Kräfte der Konterrevolution reichen an einem bestimmten Punkt nicht mehr aus, um die Revolution aufzuhalten und niederzuringen. Auf der Seite der Revolution sind die Kräfte an jenem Punkt jedoch für einen Sieg noch nicht ausreichend, um den entscheidenden Schlag zu führen. Für die Konterrevolution ist es unvorteilhaft, vorzugehen und anzugreifen in einem solchen Moment, während für das Proletariat und für seine Verbündeten dieser Zustand noch viel zu unbefriedigend und kritisch ist, denn: „Wenn wir nicht noch eine Stufe höher steigen, wenn wir die Aufgabe des selbständigen Angriffs nicht bewältigen, wenn wir die Kräfte des Zarismus nicht brechen, seine faktische Macht nicht zerstören, dann wird die Revolution halbschlächtig sein, dann wird die Bourgeoisie die Arbeiter nasführen“ (Lenin, Band 9, Seite 416) und das trat ja denn auch ein: “Die Verschwörung ist da. Man hat beschlossen, den Streik durch Massenentlassungen von Arbeitern zu bekämpfen(...) Man will das durch den vorangegangenen Kampf erschöpfte Petersburger Proletariat zu einer neuen Schlacht unter den ungünstigsten Bedingungen provozieren“ (Lenin, Band 10, Seite 37); „Die Schwarzhunderter fingen an zu wüten. (...) Es herrscht der weiße Terror. (...) Die Konterrevolution tobt sich aus. (...) vom Finnischen Meerbusen bis zum Schwarzen Meer – überall ein und dasselbe Bild (..) Racheakte und `Revanche`“ (Lenin, Band 9, Seite 453/454). „Zu einem solchen Zeitpunkt ist es wichtiger denn je, alle Bemühungen auf die Vereinigung der Armee der Revolution in ganz Russland zu richten, ist es wichtig, die Kräfte zu schonen, die eroberten Freiheiten zu verhundertfachter Agitation und Organisation auszunutzen und sich auf neue entscheidende Schlachten vorzubereiten“ (Lenin, Band 10, Seite 37/38), damit die konterrevolutionäre Provokation des durch den Aufstand kräftemäßig verausgabten und regenerierungsbedürftigen Proletariats missglückt.
Dieses oben erwähnte relative Gleichgewicht der Kräfte wird auch eines Tages unvermeidlich im Weltmaßstab in Erscheinung treten, müssen wir aus der Taktik von 1905 die richtigen Schlussfolgerungen ziehen – und die weltrevolutionäre Flutwelle wird scheinbar wieder abflauen, um erneut anzuschwellen – die internationale Konterrevolution wird gnadenlos und die Opfer der Racheakte zahlreich sein, aber mit jeder `Revanche`gegen die Weltrevolution wird auch die internationale Konterrevolution ein weiteres Stück zersetzt und die Macht der Weltbourgeoisie unaufhaltsam dahinschwinden. Aber die Weltrevolutionäre dürfen sich heute nach 2 Weltkriegen, mitten in den permanent fortgesetzten Kriegen in der „Friedensperiode“ zwischen den Weltkriegen, nicht der Illusion hingeben, dass die Weltbourgeoisie und ihre Regierungen auf dieser Erde nicht mehr genug Rückzugsraum vorfinden, dass das System des Weltkapitalismus nicht noch eine ganze Weile überlebensfähig bleibt, dass die Weltmacht des Imperialismus im Wesentlichen noch eine gewisse Periode bestehen bleibt, und dass das Weltproletariat an der Spitze der Völker noch so manche internationale Schlacht zu schlagen hat, insbesondere gegen solche Kräfte in den eigenen Reihen, die dem Weltimperialismus erst diese Rückzugs- und Regenerationsräume für den nächsten Weltkrieg ermöglichen, dadurch dass sie Verrat am Weltproletariat, Verrat an den revolutionären Völkern üben. Wenn sich der Feind zurückzuziehen versucht, muss man ihn verfolgen – darf man ihm keine Atempause gönnen. Wenn der Feind sich vom Schlachtfeld zurückzieht, ist das nur der halbe Sieg. Je leichter sich der Gegener zurückziehen kann, desto schneller und gestärkter wird er auch wieder auf das Schlachtfeld zurückkehren – nur besser vorbereiten und ausgerüstet, wird unser Sieg nicht leichter zu erkämpfen sein, wenn wir nicht unsererseits noch besser vorbereitet und noch gerüsteter sein werden, um die Revolution auf der Welt immer wieder erneut zu entflammen. Der III. Parteitag der SDAPR war eines der ersten Initiativen für die Entflammung Europas, zur Entfaltung der Weltrevolution:
„Der III. Parteitag der SDAPR beschloss im Mai 1905 `die Aufgabe, das Proletariat zum unmittelbaren Kampf gegen die Selbstherrschaft auf dem Wege des bewaffneten Aufstands zu organisieren`. (...) Zum ersten Mal in der Weltgeschichte war eine so hohe Stufe der Entwicklung und eine so große Stärke des revolutionären Kampfes erreicht, dass der bewaffnete Aufstand in Verbindung mit dem Massenstreik, dieser spezifischen proletarischen Waffe, in Erscheinung trat. Es ist klar, dass diese Erfahrung für ALLE proletarischen Revolutionen von überragender Bedeutung ist. (...) Durch die Massenstreiks und bewaffneten Aufstände wurde die Frage der revolutionären Macht und der Diktatur von selbst auf die Tagesordnung gestellt, denn diese Kampfmethoden führten unvermeidlich – zunächst im örtlichen Maßstab – zur Verjagung der alten Behörden, zur Ergreifung der Macht durch das Proletariat und die revolutionären Klassen, zur Vertreibung der Gutsbesitzer, mitunter zur Besetzung von Fabriken usw. usf. Der revolutionäre Massenkampf jener Zeit rief solche in der Weltgeschichte noch nie dagewesene Organisationen ins Leben wie Sowjets der Arbeiterdeputierten, sodann auch Sowjets der Soldatendeputierten, Bauernkomitees usw. Die Hauptfragen (Sowjetmacht und Diktatur des Proletariats), die heute im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der klassenbewussten Arbeiter der ganzen Welt stehen, waren somit bereits Ende 1905 praktisch gestellt worden“ ( Lenin, Band 31, Seite 333-334, „Geschichtliches zur Frage der Diktatur), dt. Ausgabe).
„Die Ereignisse haben alle, selbst Leute die dem Marxismus gänzlich fernstehen, gelehrt, die Zeitrechnung der Revolution mit dem 9. Januar 1905 zu beginnen, d.h. mit der ersten bewusst politischen Bewegung von Massen, die einer bestimmten Klasse angehören“ (Lenin, Band 13, Seite 107). „Die `Koalition von Proletariat und Bauernschaft`, die in einer bürgerlichen Revolution siegt, ist nichts anderes als die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft (...) . Bei uns ist der Sieg der bürgerlichen Revolution als Sieg der Bourgeoisie unmöglich“ (Lenin, Band 15, Seite 45 und 46).
Es ist das weltgeschichtliche Verdienst des Bolschewismus, dass er in der Revolution von 1905 vom ersten Schritt an eine Strategie und Taktik des Kampfes entwickelte, die den Verhältnissen der neuen Epoche entsprachen und die Arbeiterklasse zur bewussten Erkenntnis der vor ihr stehenden historischen Aufgaben erzogen. Lenin notierte 1905 den Aufstand als internationalistische Aufgabe: „Europa entflammen!“ (Lenin, Band 9, Seite 202). „Das Proletariat wird sich nicht mehr nur mit dem Mittel des friedlichen Streiks, sondern mit der Waffe in der Hand sowohl für Russlands als auch für Polens Freiheit erheben“ (Lenin, Band 10, Seite 9). Und Stalin wertete den proletarischen Aufstand, den revolutionären Aufstand der Soldaten und Matrosen ebenfalls als internationalistische, weltrevolutionäre Aktion: „Der Aufstand der deutschen Flotte ist höchster Ausdruck der sich entfaltenden sozialistischen Weltrevolution in ganz Europa“ (Stalin- Geschichte der KpdSU).
Lenin bezeichnete 1905 Europa als „Reserve der russischen Revolution. Die Zeiten sind vorüber, da die Völker und Staaten abgesondert voneinander leben konnten. Schaut euch um: Europa ist schon in Wallung. Seine Bourgeoisie ist bestürzt und bereit, Millionen und Milliarden herzugeben, nur um der Feuersbrunst in Russland Einhalt zu gebieten. Die Herrscher der europ