vor 50 Jahren
1956
Die ungarische Konterrevolution
Ausgeburt des modernen Revisionismus und des imperialistischen Antikommunismus
Vorwort von Wolfgang Eggers
Die ungarische Konterrevolution (23. Oktober – 4. November 1956) war ein Produkt des Revisionismus, der sich in Ungarn unter dem Einfluss des 20. Parteitags der KPdSU stark ausbreitete und tiefe Wurzeln schlug. Die Chruschtschowianer hatten zur Zerschlagung der Partei der ungarischen Werktätigen unmittelbar beigetragen, indem sie die revisionistische Kadar-Nagy-Clique an die Macht brachte und dadurch die Möglichkeit für den Ausbruch der Konterrevolution schuf. Imre Nagy war der ehemalige Ministerpräsident der Volksrepublik Ungarn seit Juli 1953. Er wurde 1955 wegen anti-sozialistischer und anti-kommunistischer Tätigkeit abgesetzt und aus der Partei ausgeschlossen. 1956 versuchten die Revisionisten, ihn wieder an die Macht zu bringen. Mit ihrer Hilfe wurde er einer der Hauptdirigenten der Konterrevolution und erstickte Ungarn im Blut.
„Imre Nagy ( ist ) ein Verräter und (hat) dem Faschismus in Ungarn die Tore geöffnet., (...) der Kommunisten, fortschrittliche Menschen ermorden ließ, der Sowjetsoldaten töten ließ und die Imperialisten zur Intervention aufrief..“ (Enver Hoxha, Die Chruschtschowianer, Seite 323).
Wir gedenken am 50. Jahrestag der Opfer, die in Ungarn von Verräterhänden ermordet wurden. Genossen, euer Blut ist nicht umsonst geflossen. Die Ereignisse in Ungarn lehren uns, dass man die Revisionisten niemals unterschätzen darf , dass sie Konterrevolutionäre sind, denen gegenüber Liberalismus teuer zu stehen kommt und - wie in Ungarn geschehen - mit unserem Blut bezahlt werden muss ! Etwa gegen Konterrevolutionäre nicht die revolutionären Waffen der Arbeiterklasse zu erheben, das ist und bleibt Verrat an unserer proletarischen Sache ! Der Marxismus-Leninismus wird über den Revisionismus siegen, wenn wir das Feuer auf ihn niemals erlöschen lassen ! Auge um Auge, Zahn um Zahn !
Die Komintern / ML will daraus Lehren ziehen, warum sich der moderne Revisionismus in Ungarn vertiefte und verbreitete, warum die Revisionisten die Hauptschuldigen für die ungarische Konterrevolution waren, warum diese so starken Druck ausüben und die marxistisch-leninistische Partei- und Staatsführung in Ungarn ins Schwanken und zur Uneinigkeit und Zersetzung bringen konnten, warum die Verbindung der Partei zur Arbeiterklasse und dem Volk nicht funktionierte, warum sich die Marxisten-Leninisten nicht konsequent vom Marxismus-Leninismus leiten ließen, sich in Sicherheit wiegten und isolierten werden konnten und warum die schwache Partei- und Staatsführung Unzufriedenheit bei den ungarischen werktätigen Massen hervorrief, was von den Konterrevolutionären wiederum ausgenutzt werden konnte und den Imperialisten das Lostrennen des schwächsten Kettengliedes des sozialistischen Lagers erleichterte. Enver Hoxha benannte klar den Hauptfehler der ungarischen Genossen mit Rakosi an der Spitze:
„Der Hauptfehler von Rakosi und Genossen war, dass sie nicht fest blieben, dass sie sich durch den Druck der äußeren und inneren Feinde ins Schwanken bringen ließen. Sie versäumten es, die Partei und das Volk, die Arbeiterklasse zu mobilisieren, um die Anstrengungen der Reaktion schon im Keim zu ersticken. Stattdessen machten sie dieser Zugeständnisse, rehabilitierte Feinde wie Rajk usw. Dadurch wurde die Lage immer labiler, bis dann die Konterrevolution ausbrach“ (Enver Hoxha, Die Chruschtschowianer, Seite 300).
„In erster Linie brachten die Ereignisse die schwache und oberflächliche Arbeit der ungarischen Partei bei der Erziehung und Führung der Arbeiterklasse ans Licht. Trotz ihrer revolutionären Traditionen verstand es die ungarische Arbeiterklasse während der Konterrevolution nicht, ihre Macht zu verteidigen. Ein Teil von ihr wurde im Gegenteil sogar zur Reserve der Reaktion. Die Partei selbst reagierte nicht wie ein bewusster und organisierter Vortrupp der Klasse, sie wurde innerhalb weniger Tage zerschlagen, was dem Konterrevolutionär Kadar die Möglichkeit gab, sie endgültig zu begraben.“(...) Die Ereignisse im Oktober/November 1956 machten noch einmal den schwankenden Charakter der ungarischen Intellektuellen und der ungarischen Studentenjugend deutlich. Sie wurden zum willfährigen Werkzeug der Reaktion, zum Sturmtrupp der Bourgeoisie.(...) Der Fall Ungarn bewies, dass die Bourgeoisie ihre Hoffnungen auf eine Restauration nicht aufgegeben hatte, sondern vielmehr in der Illegalität ihre Vorbereitungen getroffen hatte. Dabei behielt sie sogar die alten Organisationsformen bei, was sich u.a. an der umgehenden Gründung der bürgerlichen, klerikalen und faschistischen Parteien zeigte(ebenda Seite 345/346).
Enver Hoxha hatte mit den ungarischen Genossen noch vor der Konterrevolution ernsthaft gesprochen und ihnen folgenden dringenden Rat gegeben (den sie aber nicht befolgten, weil sie sich über den Ernst der Lage gar nicht klar waren oder gar nicht klar sein wollten, weil sie sich von den Revisionisten verschiedener Seiten haben reinreden lassen, anstatt sich ausschließlich auf die eigenen proletarischen Widerstandskräfte und den Marxismus-Leninismus zu stützen):
„Verhaftet die Hauptunruhestifter, schickt die Arbeiterklasse bewaffnet auf die Straße ... lasst einige von den Häuptern dieser Konterrevolutionäre erschießen, damit sie begreifen, was Diktatur des Proletariats heißt“ (ebenda Seite 305)
Genosse Enver Hoxha war in Ungarn, als er feststellte: „dass dort der Zusammenbruch in vollem Gange war, dass die Reaktion handelte, während die ungarische Führung durch ihr Vorgehen die Konterrevolution sogar noch begünstigte (ebenda Seite 307).
Genosse Enver Hoxha versuchte vergeblich, die Sowjets noch umzustimmen, erhielt aber logischerweise eine Abfuhr von den Revisionisten. Der Beschluss Moskaus und Belgrads stand fest, Rakosi zu stürzen. Und tatsächlich schätzte Enver Hoxha dessen Lage nicht rosig ein:
„Der Kreis um Rakosi war sehr schwach. Weder das Zentralkomitee noch das Politbüro hatten das erforderliche Niveau. Leute wie Hegedüs und Kadar, Greise wie Münich und einige junge Burschen ohne Partei- und Kampferfahrung ließen die Leitungstätigkeit mit jedem Tag schwächer werden und gingen der titoistisch-chruschtschowschen Spinne ins Netz“ (ebenda Seite 309/310).
„Offensichtlich war Rakosi der letzte Bremsklotz gewesen, der den revisionistischen Karren noch daran gehindert hatte, volle Fahrt aufzunehmen“ ( ebenda Seite 312).
Wir müssen ans Licht bringen, dass sich damals die Revisionisten nicht nur Jugoslawiens und der Sowjetunion, sondern ausnahmslos alle einig waren, den Sozialismus, den Marxismus-Leninismus, die Arbeitermacht zu zerschlagen. Alle inneren und äußeren Revisionisten waren – auch wenn sie dabei ihre eigenen, besonderen Interessen vertraten, an der Konterrevolution in Ungarn beteiligt ( nicht unerwähnt zu lassen: der revisionistische Einfluss durch Togliattis Interview). Insbesondere war die Konterrevolution zwischen den Titoisten, hinter denen das Weltkapital stand, und den Chruschtschow-Revisionisten, den Vertretern des russischen Sozialimperialismus, vorher abgesprochen und arbeiteten sie auch während und nach der Konterrevolution zusammen und zwar sowohl geheim als auch offen. Es gab zwei Hauptrichtungen im Lager der modernen Revisionisten. Die eine Richtung, die stärkere Richtung, stützte sich auf den sowjetischen Revisionismus, der sich mit der „Fortsetzung“ der Tradition der ruhmreichen Sowjetunion Lenins und Stalins tarnte, um alle Verbündeten in Vasallen des russischen Sozialimperialismus zu verwandeln und als starkes imperialistisches Bollwerk aufzutreten mit dem Ziel des Kampfes gegen den Marxismus-Leninismus, gegen den Sozialismus, gegen die Revolutionen in einzelnen Ländern und gegen die Weltrevolution. Die andere Richtung vertrat das gleiche Ziel, aber in Rivalität zum Sowjetrevisionismus. Insbesondere Tito, aber auch Togliatti und andere revisionistische Führer wie später auch Mao, versuchten, ihren Revisionismus auf eigenem, unabhängigen Wege, in Abgrenzung von der sowjetischen Revisionisten-Clique, umzusetzen. Beide revisionistischen Hauptrichtungen dienten dem Weltkapitalismus, die Kettenglieder des Sozialismus zu schwächen, zu spalten, zu liquidieren, den Kommunismus zu begraben. Alle Revisionisten waren sich einig, im Namen des „Sozialismus“ und des „Marxismus“ aufzutreten, um den wahren Marxisten-den wahren Marxisten-Leninisten den revisionistischen Verrat am Kommunismus in die Schuhe zu schieben, insbesondere ihre Führer, Genosse Stalin und Enver Hoxha, mit Dreck zu bewerfen und als Verbrecher hinzustellen. Die Marxisten-Leninisten sollten ihnen als Sündenböcke für all ihre Verbrechen am Kommunismus dienen, sollten die konterrevolutionären Taten der modernen Revisionisten rechtfertigen.
In Ungarn wie in anderen Ländern auch tummelten sich die verschiedensten imperialistischen und revisionistischen Kräfte, wurden dort Unterstützungszentren aufgebaut, um die Länder zu manipulieren und unter ihre Fittiche zu nehmen, um sie als Basis für ihre Rivalienkämpfe zu missbrauchen. Insbesondere die beiden Supermächte benutzten Ungarn und andere Länder als ihre Arena , schürten innere Konflikte, organisierten dort ihre konterrevolutionäre Tätigkeiten und Diversionen, eben nicht nur um den Sozialismus zu bekämpfen, sondern auch, um ihre eigenen imperialistischen und sozialimperialistischen Hegemoniepläne zu verwirklichen, ihre Einflusssphären und Absatzmärkte auszudehnen, die Länder zu kolonialisieren.
Mit der ungarischen Konterrevolution begann die mit dem Blut der Völker befleckte Zusammenarbeit und Rivalität der beiden Supermächte, also bevor sich das sozialistische Lager überhaupt auf marxistisch-leninistischen Grundlagen hätte entfalten, festigen oder konsolidieren können. Wir Marxisten-Leninisten verstehen unter sozialistischem Lager nur ein solches Lager, das von starken marxistisch-leninistischen Parteien geführt wird. Wie das Beispiel Ungarn zeigt, war dies damals gar nicht der Fall, war der Einfluss der Revisionisten, insbesondere nach Stalins Tod, enorm gewachsen, befanden sich die Revisionisten an der Macht, lösten sie die ungarische Partei einfach auf, während der Einfluss der Marxisten-Leninisten, die damals als „Stalinisten“ bekämpft wurden, viel zu gering war; ja, insgesamt stellten die wahren Marxisten-Leninisten, die treuen Stalinanhänger, tatsächlich nur eine Minderheit dar, stand das sozialistische Lager auf tönernen Füßen. Die Parteien setzten sich überall aus einem bunten Verschnitt von Mitgliedern verschiedenster politischer Couleur zusammen, „marxistisch-leninistischen“ Parteien entstanden teilweise aus Zusammenschlüssen mit bürgerlichen Parteien, wie zum Beispiel den Sozialdemokratien, woraus alles andere wurde, nur nicht eine echte bolschewistische Partei.Leninschen und Stalinschen Typs. Tatsache war jedenfalls, dass nur die PAA als einzige wirklich marxistisch-leninistische Partei übrig blieb. Alle anderen Parteien entarteten, wurden liquidiert und in bürgerliche, revisionistische Parteien verwandelt usw. usf. Es kann doch wohl unmöglich ein sozialistisches Lager geben, das von revisionistischen Parteien und Ländern geführt wird, in denen sozialfaschistische Regimes aufgebaut wurden. Im „sozialistischen“ Ungarn herrschten haarsträubende Zustände: Seit wann lässt sich eine marxistisch-leninistische Partei vom Klassenfeind mir nichts dir nichts auflösen, unterzeichnet etwa ein marxistisch-leninistischer Parteivorsitzender den Revisionisten seinen Rücktritt , zieht eine marxistisch-leninistische Partei- und Staatsführung, die an der Macht ist (!), den Schwanz vor der Konterrevolution ein und seit wann überlässt eine sozialistische Armee dem Klassenfeind widerstandslos das Feld bzw. löst sie sich auf und geht teilweise sogar direkt zur Konterrevolution über? Wo war die ungarische Arbeiterklasse, wo zeigte, nutzte, verteidigte sie ihre Macht? Wer verteidigte in Ungarn den Kommunismus ?
Es gab in der ungarischen Führung viele Opportunisten, Versöhnler und Feiglinge, die die Konterrevolution nicht nur duldeten, sondern sich anpassten, die verschiedenen Lager der Konterrevolution sogar von einen Tag auf den anderen wechselten, um ihre Haut zu retten oder gar in Amt und Würden zu bleiben. Sie machten den neuen Revisionisten genauso den Hof wie sie vorher den Marxisten-Leninisten geliebedienert hatten. Enver Hoxha sprach in „Die Chruschtschowianer“ zu Recht von Leuten, „die sich an den gedeckten Tisch Stalins und der Roten Armee setzten“ [Zitat siehe unten im Dokument – Anmerkung der Redaktion]. Das sozialistische Lager war ja im Wesentlichen ein Ergebnis des Großen Vaterländischen Krieges, kam durch den Sieg der Roten Armee zustande, also durch das Land, in dem die Oktoberrevolution gesiegt hatte und nicht etwa durch sozialistische Revolutionen der Arbeiterklasse der anderen Länder. Die enge Verbindung zwischen Partei und Klasse, wie sie wirklich nur durch die Revolution gestählt werden kann, war in den meisten Ländern des sozialistischen Lagers zum Ausgang des Krieges schwach und mangelhaft. Die Diktatur des Proletariats kann nicht aufgebaut werden, wenn dieser wichtige Faktor Partei-Klasse-Masse nicht auf festen marxistisch-leninistischen Füßen steht, wenn die Partei nicht von der Klasse, von den werktätigen Massen getragen wird, wenn der Einfluss der Partei auf die Klasse, auf die werktätigen Massen zu schwach ist, wenn die Kommunisten von den Massen isoliert sind. Nur in Albanien war dieser Faktor vorhanden, ging der Sozialismus selbständig und aus eigener Kraft aus dem revolutionären Kampf des Volkes gegen die faschistischen Besatzer hervor – siegte dort die sozialistische Revolution, wenn auch begünstigt durch den Sieg Stalins über den Faschismus. Unter solchen katastrophalen Zuständen wie sie in Ungarn herrschten konnte die Konterrevolution in Ungarn auch gar nicht durch die sozialistische Revolution der ungarischen Arbeiterklasse unter Führung der marxistisch-leninistischen Partei beseitigt werden, konnten die russischen Sozialimperialisten dort die Macht ergreifen.
„Die Konterrevolution in Ungarn wurde von den sowjetischen Panzern niedergeschlagen, weil Chruschtschow gar nicht anders konnte, als einzugreifen ( sonst hätte er sich endgültig entlarvt). In diesem Punkt hatten Tito und die Imperialisten nicht richtig kalkuliert. Doch dann stellte sich heraus, dass diese Konterrevolution von Konterrevolutionären unterdrückt worden war, die den Kapitalismus restaurierten, allerdings mehr im Verborgenen, unter Wahrung der Farbe und der Masken, wie es die sowjetischen Chruschtschowianer in ihrem Land taten“ (ebenda, Seite 347).
Angesichts dieser Tatsachen, dass das sozialistische Lager nicht auf die ungarische Konterrevolution reagieren konnte, dass es sich als zu schwach erwies, um überhaupt zusammenzutreten und eine gemeinsame Haltung einzunehmen, geschweige denn koordiniert und einheitlich einzugreifen, um ein Mitgliedsstaat des sozialistischen Lagers zu schützen, sprechen wir nicht gern von DEM (damaligen) sozialistischen Lager als DAS Modell für die Zukunft. Dieses so genannte „sozialistische Lager“ war in der kritischsten Situation eines seiner Mitglieder völlig handlungsunfähig und gelähmt, ja es trat überhaupt nicht in Erscheinung – war völlig ausgeschaltet – ein Unding für ein wirklich sozialistisches Lager!! Tatsächlich stand das sozialistische Lager nur auf dem Papier, gab es im Grunde genommen nur zwei starke, wirklich dem Marxismus-Leninismus treu ergebene Staaten (die Sowjetunion Lenins und Stalins und das Albanien Enver Hoxhas) also zwei sozialistische Bruderstaaten mit zwei bolschewistischen Parteien an der Spitze .
Von einem sozialistische Lager spricht man – streng genommen – , wenn sich mehrere Länder zusammenschließen, obwohl es in der marxistisch-leninistischen Terminologie ebenso korrekt heißt, dass bereits die Existenz eines einzigen sozialistischen Landes faktisch die Welt in zwei Lager aufteilt – in das kapitalistische und das sozialistische Lager, welches damals von der Sowjetunion Lenins und Stalins repräsentiert wurde. Beide Auffassungen sind richtig, haben aber unterschiedliche Bedeutung. Zuerst handelte es sich beim Lager des Weltproletariats um das erste und einzige sozialistische Land auf der Welt (das Vaterland des Weltproletariats), also die Sowjetunion Lenins und Stalins, und dann, nach dem Großen Vaterländischen Krieg, handelte es sich um das Lager der sich erst neu gebildeten, also hinzugekommenen sozialistischen Länder - mit der Sowjetunion Lenins und Stalins als deren Zentrum.
Streng genommen existierte das damalige sozialistische Lager noch nicht einmal der Form nach , auf keinem Fall aber dem Inhalt nach . So wurde Albanien wie alle anderen Mitglieder dieses so genannten „sozialistischen Lagers“ auch, von der ungarischen Tragödie formal überhaupt nicht informiert, geschweige denn wurde es nach seiner Meinung gefragt oder konnte es irgendeinen Einfluss darauf nehmen, das Blutvergießen in Ungarn zu verhindern, den Sozialismus in einem Mitgliedssaat vor dem gemeinsamen Klassenfeind zu schützen, den weltrevolutionären Prozess gegen die Konterrevolution des Weltkapitalismus in Ungarn voranzutreiben, was vorrangig die kollektive, internationalistische Aufgabe eines wirklich sozialistischen Lagers gewesen wäre. Das sozialistische Lager hat im entscheidenden Augenblick versagt. Das ist die Meinung der Komintern / ML. Was ist denn Sinn und Zweck eines sozialistischen Lagers anderes, als den Aufbau des Sozialismus in seinen Mitgliedsländern vor Interventionen, Konterrevolutionen, gegen die weltimperialistischer Einkreisung usw. usf. - also vor dem Lager der Weltreaktion zu schützen? Ja mehr noch, es ist doch wohl die Aufgabe und Pflicht des sozialistischen Lagers gegenüber dem gesamten Weltproletariat, sein revolutionäres Bollwerk zu sein, es anzuführen, um das Lager des Weltimperialismus zu zerschlagen, dessen Absicht zu durchkreuzen , das schwächste sozialistische Kettenglied heraus zu brechen, sich also an die Spitze der sozialistischen Weltrevolution zu stellen, um die Macht des Weltproletariats zu erobern. Das macht doch das Wesen des sozialistischen Internationalismus eines sozialistischen Lagers aus ! All das ist nicht passiert. - im Gegenteil! All das wurde verhindert von den Revisionisten ! Es war ein „sozialistisches Lager“ OHNE Kommunistische Internationale (die wegen revisionistischer Machenschaften aufgelöst worden war!). Und, was noch hinzukommt: im entscheidenden Moment der ungarischen Konterrevolution war von Chruschtschow die Kominform, die Nachfolgeorganisation der Komintern, die Tito als Anti-marxisten verurteilt hatte, ohne Beratungen, oder Beschlüsse, ohne irgendeinen gemeinsamen Widerstand der Mitglieder des sozialistischen Lagers kurzer Hand aufgelöst worden! Das sozialistische Lager hat weder dem Verrat an der ungarischen Arbeiterklasse, noch dem Verrat am Weltproletariat irgendetwas Nennenswertes entgegengestellt. Es hat vor der imperialistisch-revisionistischen Einkreisung kapituliert, hat sich der Restauration des Kapitalismus gebeugt, anstatt sich dagegen aufzurichten.
Der Warschauer Vertrag wurde in Ungarn 1956 von den Chruschtschowianern mit Füßen getreten, das sozialistische Lager außen vor gehalten und von da an in ein Mittel der sozialimperialistischen Herrschaft über die Völker verwandelt. Damals entschied in der Ungarnfrage nicht das sozialistische Lager kollektiv, sondern Tito und Chruschtschow - und zwar in Geheimverhandlungen hinter dem Rücken der Mitgliedsstaaten des sozialistischen Lagers. Enver Hoxhas Bemühungen, die Rechte des sozialistischen Lagers einzufordern, sich auf die Vereinbarungen des Warschauer Vertrages zu berufen, deren Missachtung durch die Chruschtschow-Clique scharf zu kritisieren, auf die Sowjetrevisionisten Druck auszuüben, von Tito Abstand zu nehmen, den Verletzungen der Prinzipien des Marxismus-Leninismus Einhalt zu gebieten, all das prallte natürlich wie an einer revisionistischen Wand ab. Auch die Überreste der einst so starken marxistisch-leninistischen Kräfte in der Sowjetunion waren nach dem Tode des Genossen Stalin zu schwach, um Mikojans „Schlamassel“ in Ungarn zu verhindern. Albanien stand zur Zeit der ungarischen Konterrevolution bereits alleine da mit der einzigen marxistisch-leninistischen Partei und als einziges sozialistisches Land auf der Welt. Die ungarische Konterrevolution war im Grunde der Beweis dafür, dass die Diktatur des Proletariats in Ungarn – so wie in vielen anderen osteuropäischen Ländern auch - noch gar nicht richtig gefestigt war, dass es solche gestählten marxistisch-leninistischen Parteien wie die KPdSU Lenins und Stalins und die PAA Enver Hoxhas (wo man mit der Diktatur des Proletariats die konterrevolutionären Banden kurzer Hand liquidierte oder eine Konterrevolution im Keim bereits erstickte), in allen anderen „sozialistischen Staaten“ gar nicht gab - zumindest dass diese auf sehr wackeligen Beinen standen und (noch viel zu milde ausgedrückt!) Schwächen im Kampf gegen die revisionistischen Einflüsse aufwiesen – wie man nicht nur in Ungarn, sondern auch in Polen und allen anderen Ländern sehen konnte. Mit dem Zerfall des Zentrums des sozialistischen Lagers begann auch der Zerfall des sozialistischen Lagers selbst und dialektisch betrachtet - auch umgekehrt, denn das sozialistische Lager war ja von seiner Entstehungsgeschichte her viel jünger als sein Zentrum. In der Praxis gab es im eigentlichen Sinne – insbesondere nach dem Tod des Genossen Stalin - also noch gar kein gefestigtes, kampferprobtes sozialistisches Lager. Spätestens mit dem XX. Parteitag der KPdSU, spätestens mit den Ereignissen in Ungarn kann man auf gar keinen Fall mehr vom sozialistischen Lager, sondern muss korrekter Weise vom revisionistischen Lager sprechen, das sich nunmehr auf das einzige sozialistische Land, auf Albanien stürzte. Das war der Beginn der imperialistisch-revisionistischen Einkreisung, die in Ungarn nur einige Tage dauerte, in Albanien aber weit über 30 Jahre brauchte.
Die Komintern / ML stellt sich das neue, zukünftige sozialistische Lager jedenfalls ganz anders vor: ein sozialistisches Lager eben, dass nicht vom Revisionismus untergraben und ausgehöhlt ist, ein sozialistisches Lager, das auf festen marxistisch-leninistischen Beinen steht, von marxistisch-leninistischen Parteien und unbedingt von ihrer Kommunistischen Internationale (!) geführt wird und nicht von einem „Mutterland“; ein sozialistisches Lager, in dem sich solche tragischen Ereignisse wie in Ungarn nicht wiederholen. Gäbe es damals noch die korrekte Komintern Lenins und Stalins, dann hätte das Weltproletariat den ungarischen Genossen zur Seite gestanden, hätte es gar keine Konterrevolution gegeben, wären die Revisionisten in Ungarn vernichtend geschlagen , wäre nicht ein Tropfen Blut vergossen worden, gäbe es heute eine starke Sozialistische Volksrepublik Ungarn, eine unüberwindliche, von revisionistischen Einflüssen gesäuberte, stolze und starke Diktatur des Proletariats ! Die Frage „wer-wen?“, das sozialistische oder das revisionistische Lager – ist historisch noch nicht entschieden und muss vom Weltproletariat noch ausgefochten werden. Wir Marxisten-Leninisten bereiten das Weltproletariat darauf ideologisch vor, indem wir den Kampf gegen den Revisionismus mutig fortsetzen, unsere Fehler korrigieren und unsere Schwächen gegenüber dem Revisionismus in Stärken verwandeln.
Die ungarische Konterrevolution war eins der wichtigsten Werkzeuge der Imperialisten und Revisionisten, die marxistisch-leninistischen Parteien zu entarten und gewaltsam zu liquidieren, die kommunistische Weltbewegung, das im Entstehen begriffene sozialistische Lager und seine sich gerade neu heran bildenden sozialistischen Staaten zu spalten und gegen die Sowjetunion Lenins und Stalins aufzubringen, das Zentrum des Weltkommunismus einzukreisen und von innen her zu zersetzen, die Diktatur des Proletariats zu beseitigen, den Kapitalismus zu restaurieren und die sozialistische Weltrevolution, die Verbreitung des Sozialismus über den ganzen Erdball zu verhindern, kurz: die ungarische Konterrevolution sollte den Imperialisten den Arsch retten, und die Revisionisten sollten ihnen dazu verhelfen. Die modernen Revisionisten waren die konterrevolutionären Wegbereiter vom Sozialismus zum Kapitalismus – nicht nur in Ungarn. Dazu diente u.a. der XX. Parteitag der KPdSU, dazu diente Chruschtschows Auflösung des Informbüros – beides im gleichen Jahr 1956 ! -, dazu sollte alles Positive, alles Gesunde der Komintern, sollte Stalin verteufelt und in Vergessenheit gebracht und der Marxismus-Leninismus ausgemerzt und durch Revisionismus ersetzt werden.
Die Imperialisten und Revisionisten hatten von langer Hand Verbrecherbanden für ihre Agenten- und Spaltertätigkeiten organisiert, die das schmutzige Geschäft verrichteten. Alle dem Sozialismus feindlich gesonnenen Elemente, Faschisten, Reaktionäre, rechte Kräfte, Opportunisten, Abweichler und Verräter, ja selbst eine nicht geringe Zahl Angehöriger der ungarischen Partei- und Staatsführung, wurden zur Vorbereitung der Konterrevolution vereinigt und mobilisiert. Einer der schlimmsten Drahtzieher war dabei vor allem der Konterrevolutionär Tito, der aus Ungarn ein zweites Jugoslawien, ein kapitalistisches Bollwerk gegen die Sowjetunion Lenins und Stalins machen wollte . „Die Titoisten waren die wichtigsten Inspiratoren und die Hauptunterstützer der ungarischen Konterrevolution“ ( Die Chruschtschowianer, Seite 347).
Das Besondere am weiteren Verlauf der ungarischen Konterrevolution, bzw. deren „Beseitigung“, war jedoch, dass nicht die Arbeiterklasse, nicht die werktätigen Massen mit einer starken marxistisch-leninistischen Partei an der Spitze diese Konterrevolution besiegten- wie es notwendig gewesen wäre -, sondern dass die einen Konterrevolutionäre durch andere Konterrevolutionäre abgelöst wurden, die dem Wesen nach beide die Ausbeutung und Unterdrückung Ungarns zum Ziel hatten, nur halt mit unterschiedlichen Mitteln, faschistischen und sozialfaschistischen. Als die stärkste konterrevolutionäre Macht erwies sich schließlich die der sowjetische Sozialimperialisten. Die sowjetische Revisionisten-Clique verwandelte den Warschauer Vertrag in ein Instrument zur Verwirklichung ihrer chauvinistischen Großmachtpolitik, zur Unterwerfung der osteuropäischen Völker. Der Revisionist Chruschtschow half ja nicht den ungarischen Marxisten-Leninisten, der ungarischen Arbeiterklasse und den ungarischen werktätigen Massen, ihren Sozialismus zu retten, sie vor imperialistisch-revisionistischen Einflüssen von innen und außen zu schützen, sondern liquidierte sie, indem er in Ungarn eine revisionistische Macht einsetzte, die er – nunmehr von „Stalinisten“ gereinigt - als direkte Marionette des neuen sowjetischen Zarenreiches benutzen konnte. Die russischen Panzer wendeten den direkten Zugriff der westlichen Imperialisten auf Ungarn ab, aber nicht um dort die Diktatur des Proletariats zu schützen, sondern im Gegenteil, die ungarische Diktatur des Proletariats zu zerschlagen und zwar im Interesse der Verwirklichung der Weltmachtpläne der russischen Sozialimperialisten. 1956 floss in Ungarn das Blut von Kommunisten, das Blut jener revolutionären Kräfte, die der ungarischen proletarischen Revolution, dem ungarischen Sozialismus, der ungarischen Arbeiterklasse und dem ungarischen Volk, die der Komintern, die dem Genossen Stalin, die dem Marxismus-Leninismus, der kommunistischen Weltbewegung all die Jahre gedient hatten, voran der alte Komintern-Genosse Rakosi. Es waren die Hände von Revisionisten, an denen das Blut der Marxisten-Leninisten klebte. Das darf niemals vergessen werden. Auch nicht vergessen werden dürfen die eigenen Fehler und Schwächen, die die ungarischen Genossen gezeigt hatten. Ohne Frage trifft sie Mitschuld an der ungarischen Tragödie, denn sie hätten es gar nicht erst so weit kommen lassen dürfen, haben den Schaden nicht rechtzeitig abgewendet, hätten das Blutbad verhindern und die Diktatur des Proletariats durch eine Revolution verteidigen und retten können, haben sich weniger vom Marxismus-Leninismus leiten als vielmer vom revisionistischen Einfluss einschüchtern lassen.
Den Sozialismus vor dem Imperialismus zu „schützen“, war nur ein Vorwand, ein Trick der Sowjetrevisionisten. Wer heute noch zu behaupten wagt, dass die Sowjetrevisionisten in Ungarn 1956 angeblich den Sozialismus, das ungarische Volk usw. „verteidigt“ hätten, ist ein Geschichtsfälscher und bleibt ein geschworener Revisionist. Die ungarische Konterrevolution war die Konterrevolution rivalisierender, nämlich faschistischer und sozialfaschistischer Imperialisten. Gestern die russische Peitsche, heute die amerikanische Knute – so sah und sieht es in Ungarn in Wirklichkeit aus.
Wir internationalen Kommunisten, wir revolutionären Arbeiter, ob in Ungarn oder sonst auf der Welt, dürfen uns weder vor den Karren der imperialistischen, noch vor den Karren der sozialimperialistischen Konterrevolution spannen lassen. Niemals wird die Konterrevolution mit einer Konterrevolution beseitigt, sondern stets nur mit der Revolution ! Weder kann man den Imperialismus mit dem Revisionismus, noch den Revisionismus mit Revisionismus bekämpfen – das kann die Arbeiterklasse nur mit dem Marxismus-Leninismus tun. Das Weltproletariat hat dabei nur seinen eigenen Klasseninteressen zu gehorchen, der Beseitigung der Unvermeidbarkeit jeglicher Konterrevolution auf dieser Erde, die Beseitigung jeglicher imperialistischer Weltherrschaft durch die Vereinigung der Proletarier aller Länder für den Sieg der proletarischen Weltrevolution und dem Weltsozialismus !
Durch die Revisionisten wurde mit der ungarischen Konterrevolution die antikommunistische Hysterie in der ganzen Welt entfacht. Wie man überall sieht, schlachten die bürgerlichen Medien zum 50. Jahrestag dieses traurige ungarische Ereignis aus und setzen damit ihren Antikommunismus wütend fort, können sie weiter mit der Unterstützung der Revisionisten rechnen, Stalin und seine getreuen Genossen, den Marxismus-Leninismus, den Kommunismus zu verteufeln. Es ist unsere Pflicht als Komintern / ML, mit unverminderter Energie immer weiter gegen den Antikommunismus, gegen die imperialistische und revisionistische Geschichtsfälschung entschlossen vorzugehen und unsere Solidarität, unseren proletarischen Internationalismus gegenüber den ungarischen revolutionären Arbeitern zu stärken.
Ungarn gehört dem ungarischen Volk. Die Befreiung der ungarischen Arbeiterklasse kann nur das Werk der ungarischen Arbeiter selbst sein, natürlich nur als Teil des Befreiungskampfes des gesamten Weltproletariats. Die erneute sozialistische Revolution in Ungarn, die Wiedererrichtung der Diktatur des Proletariats in Ungarn, der Kampf der ungarischen Arbeiter für die Weltrevolution, die Rückeroberung des Sozialismus auf den Trümmern des Revisionismus und Kapitalismus – das ist die einzig richtige, der wahrhaft revolutionäre Weg.
Hierzu liefern wir mit den folgenden albanischen Dokumenten einen kleinen aber wichtigen Beitrag. Dabei ist redaktionell anzumerken, dass es sich teilweise um Dokumente handelt, die unmittelbar während und kurz nach der ungarischen Konterrevolution veröffentlicht wurden – Es ist wohl unnötig zu erwähnen, dass der Kampf gegen den modernen Revisionismus damals erst begonnen hatte und u.a. taktische Erwägungen jener Zeit eine wichtige Rolle gespielt hatten und dass seitdem immerhin 50 Jahre vergangen sind. Heute brauchen wir kein Blatt vor den Mund zu nehmen, können wir die ungarische Konterrevolution viel offener und klarer beurteilen. Genosse Enver Hoxha schilderte die schwierige Situation der PAA, die nach der ungarischen Konterrevolution entstanden war, insbesondere die Taktik der öffentlichen Haltung zu dem titoistisch-sowjetrevisionistischen Komplott auf den Grundlagen des Marxismus-Leninismus richtig zu bestimmen:
„Die Interessen des Sozialismus und der kommunistischen Bewegung verlangten es damals, dass die Sowjetunion gegen die Angriffe des Imperialismus und der Reaktion in Schutz genommen, dass unsere Einheit gewahrt wurde. Andererseits konnte unsere Partei zu diesen anti-marxistischen Handlungen der sowjetischen Führung nicht schweigen. Deshalb musste alles gründlich beurteilt und gut erwogen werden, mit Rücksicht auf die Interessen der Partei unseres Landes, der Revolution und des Sozialismus“ (Enver Hoxha, Die Chruschtschowianer, Seite324/325).
Albanien ging mit Enver Hoxha als einziges Land den korrekten, prinzipienfesten, den revolutionären Weg und rechnete mit dem modernen Revisionismus erbarmungslos ab, verurteilte immer offener die Revisionisten als die Hauptschuldigen an der ungarischen Konterrevolution. Albanien war das einzige Land, das dem ungarischen Volk treu zur Seite stand ,dass als einziges Land sich in seiner Haltung zur ungarischen Konterrevolution vom Marxismus-Leninismus leiten ließ und nahm damit den ehrenvollen Platz an der Spitze der kommunistischen Weltbewegung ein, vertrat treu die Interessen des Weltproletariats und der Revolution gegenüber Imperialismus, Revisionismus und Reaktion, verteidigte in den ungarischen Oktober- und Novembertagen des Jahres 1956 den Marxismus-Leninismus gegen den modernen Revisionismus, verteidigte den proletarischen Internationalismus gegen Imperialismus und Revisionismus.
„Die Konterrevolution wurde niedergeschlagen, hier durch sowjetische und dort durch polnische Panzer, doch sie wurde von Feinden der Revolution niedergeschlagen. Aber das Übel und die Tragödie waren noch nicht zu Ende, man ließ nur den Vorhang fallen, und hinter den Kulissen setzten Kadar, Gomulka und Chruschtschow ihre Verbrechen fort, bis ihr Verrat mit der Restauration des Kapitalismus vollendet war“ (ebenda, Seite 364).
Wie der Genosse Enver Hoxha ganz richtig bemerkte:
„Jede Einschätzung der ungarischen Ereignisse, die nicht vom Gesichtspunkt des Klassenkampfes aus geschieht, ist falsch, anti-marxistisch, schadet der Sache des Sozialismus schwer, nutzt den Feinden des Sozialismus und ist gegen die Interessen der Arbeiterklasse und des Sozialismus gerichtet“ ( Dokument 4).
So müssen wir hinzufügend an dieser Stelle betonen, dass dies auch auf jede revisionistische Einschätzung der ungarischen Ereignisse zutrifft, insbesondere auf die der damaligen Sowjetrevisionisten und Titoisten, aber auch auf die Einschätzung des gehäuteten Revisionismus, des heutigen Neo-Revisionismus.
Aus Anlass des 50. Jahrestages des konterrevolutionären Aufstands in Ungarn veröffentlicht die Komintern / ML Auszüge aus folgenden albanischen Dokumenten:
1. Auszug aus„Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens“ , Tirana 1971, deutsche Ausgabe, Seite 450 – 454
2. Auszug aus der Rede ENVER HOXHAs , gehalten auf der Beratung der 81 Kommunistischen und Arbeiterparteien in Moskau am 16. November 1960, – Tirana 1971, deutsche Ausgabe, Seite 103 bis 115
3. Auszug aus dem Artikel des Genossen Enver Hoxha „Der Kampf der Arbeiterklasse in den revisionistischen Ländern, Verlag Roter Morgen 1974, Seite127 – 129
4. Enver Hoxha, „Über die internationale Lage und die Aufgaben der Partei“, aus dem Bericht auf dem 3. Plenum des ZK der PAA vom 13. Februar 1957, Kapitel 2 „Das Scheitern der faschistischen Konterrevolution in Ungarn“, Ausgewählte Werke Band II, Verlag Roter Morgen, 1978, Seite 572 – 577 und Seite 598/599
5. Enver Hoxha, „Die Chruschtschowianer“, Auszug aus Kapitel 9 : Die „Teufel“ geraten außer Kontrolle, Tirana 1984, dt. Ausgabe, Seite 293 – 328, Seite 344 – 348, Seite 356 – 358, Seite 359 – 364
Auszug aus
„Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens“
- Institut für marxistisch-leninistische Studien beim ZK der PAA – Tirana 1971, deutsche Ausgabe, Seite 450 – 454 -
Der Revisionismus verbreitete und vertiefte sich in den sozialistischen Ländern vor allem in Polen und Ungarn. Mit Unterstützung der Chruschtschow-Gruppe traten jetzt an die Spitze der Arbeiterparteien dieser Länder anti-marxistische Elemente, die früher wegen ihrer revisionistischen, anti-sozialistischen Standpunkte und Tätigkeiten verurteilt worden waren. Die Diktatur des Proletariats wurde gelähmt, die Verbreitung der bürgerlichen Ideologie und der westlichen „Kultur“ in großem Maße gestattet. Unter der Maske der „Kulturzirkel“ wurden in verschiedenen Städten konterrevolutionäre Herde geschaffen. Das Ziel der Revisionisten war, die Diktatur des Proletariats und die sozialistische Ordnung gänzlich zu liquidieren.
Diese Lage nützten die Imperialisten aus. Sie ermutigten, förderten und organisierten die Konterrevolution in jenen sozialistischen Ländern, in denen die Revisionisten den Boden schon vorbereitet hatten, und gingen daran, direkt oder indirekt mit ihnen zusammen zu arbeiten, die sozialistische Ordnung zu vernichten und den Kapitalismus zu restaurieren. Der internationale Imperialismus und die Revisionisten organisierten gemeinsam den konterrevolutionären Putsch in der polnischen Stadt Posen im Juni 1956 sowie den konterrevolutionären Aufstand in Ungarn im Oktober- November 1956.
Die ungarische Volksdemokratie war in Gefahr, vollständig liquidiert zu werden. Die Partei der Werktätigen Ungarns löste sich auf. Die ungarischen Kommunisten und Werktätigen, von den Revisionisten verraten, leisteten einen verzweifelten Widerstand. Die ungarische Konterrevolution entfachten die anti-kommunistische Hysterie in der ganzen Welt. Das sozialistische System wurde auf eine schwere Probe gestellt.
Die Völker der sozialistischen Länder und die revolutionären Kräfte der ganzen Welt waren über das Schicksal des Sozialismus in Ungarn tief beunruhigt. In der Volksrepublik Ungarn standen zwar Sowjettruppen, aber die Chruschtschow-Gruppe zögerte, diese in Aktion zu setzen, um die Konterrevolution zu unterdrücken. Nur infolge des starken Druckes von unten und als sie merkte, dass Ungarn im Begriff war, sich ihrem Einfluss zu entziehen, sah sie sich schließlich genötigt, der Sowjetarmee zu gestatten, den Verteidigern der ungarischen Revolution zur Hilfe zu eilen. Die Konterrevolution wurde niedergeschlagen.
Die ungarische Konterrevolution war die Ausgeburt des Revisionismus. Als sie scheiterte, hissten die jugoslawischen Revisionisten, welche die eifrigsten Helfer der ungarischen Revisionisten waren und bei der Vorbereitung der Konterrevolution eine besondere Rolle gespielt hatten, die Fahne auf Halbmast. Tito bezeichnete die Konterrevolution als einen „Aufstand des gesamten Volkes“, verursacht durch die „schweren Fehler des Rakosi-Regimes und durch das Zögern, dieses zu stürzen“! Imre Nagy, das Haupt der Konterrevolution, flüchtete in die jugoslawische Gesandtschaft in Budapest.
Nach der Niederlage machte die sowjetische Führung, die für die Vorbereitung der Konterrevolution genauso verantwortlich war wie die titoistische Clique, alle Anstrengungen, die Spuren ihres schweren Verbrechens zu verwischen. Sie opferte Imre Nagy, den sie selbst an die Spitze des ungarischen Staates gestellt hatte, und sah sich genötigt, den Aufstand im Gegensatz zu den Titoisten als „Gegenrevolution“, was er ja auch wirklich war, zu bezeichnen. Aber sie machte die „Dogmatiker“ und nicht die wahren Urheber – die Revisionisten – dafür verantwortlich.
Die ungarische Gegenrevolution scheiterte zwar, aber ihre Wurzeln wurden nicht ausgerissen. In Ungarn wurde der Revisionismus nicht liquidiert, er trat nur den Rückzug an. Die engen Mitarbeiter Imre Nagys behielten ihre Schlüsselstellungen im politischen und staatlichen Apparat und in der umorganisierten Parteileitung.
Die revolutionäre internationalistische Haltung der PAA
Die PAA erklärte sich vorbehaltlos solidarisch mit den ungarischen Werktätigen und mobilisierte das gesamte Volk, um ihnen mit allen Mitteln zur Hilfe zu eilen. Sie erklärte in der „Zëri i Popullit“:
„Das albanische Volk verdammt mit Abscheu die blutigen Aktionen der Imperialisten und faschistischen Gegenrevolutionäre, welche die Absicht haben, Ungarn vom sozialistischen Lager zu trennen, die Macht der Arbeiter und Bauern zu stürzen und eine terroristische kapitalistische Diktatur zu errichten“ (Leitartikel der Zëri i Popullit“, 30. Oktober 1956).
Die Regierung der VRA veröffentlichte eine besondere Erklärung, in der es hieß:
„ In der heutigen Situation muss man die sozialistischen Errungenschaften des ungarischen Volkes mit Nachdruck schützen“ (Erklärung der Regierung der VRA, 3. November 1956. Die ungarische Konterrevolution entfachte die antikommunistische Hysterie in der ganzen Welt.
Die PAA und das gesamte albanische Volk begrüßten mit großer Freude den Sieg des ungarischen Volkes als einen Sieg aller sozialistischen Länder und aller freiheitsliebenden Völker.
Bei der Analyse dieses traurigen Ereignisses bezeichnete die PAA, im Gegensatz zur Sowjetführung und zur neuen ungarischen Führung, welche die so genannten „Dogmatiker“ und die „frühere ungarische Führung“ für die Gegenrevolution verantwortlich machten, die Revisionisten als die wahren Hauptschuldigen und kritisierte sie wegen des „ununterbrochenen, blitzartigen Wechsels der Führung ( in Ungarn – Anmerkung der Redaktion), der die Partei und den Staat ohne leitenden Stab, ohne eine starke und treue Führung gelassen hatte“ (Leitartikel der „Zëri i Popullit“, 5. November 1956).
Die PAA zog aus den ungarischen Ereignissen wertvolle Lehren für ihre Tätigkeit auf nationaler und internationaler Ebene.
„Die Tragödie des ungarischen Volkes“, erklärte Genosse Enver Hoxha gleich nach dem Scheitern der Konterrevolution, „wird für alle ehrlichen Menschen der Welt sowie auch für diejenigen, die auf ihren Lorbeeren schlafen und, von den schönen Worten der Imperialisten und der Reaktion und ihren demagogischen Parolen betört, ihre Wachsamkeit verlieren und diese durch Opportunismus und gefährliche Milde ersetzen, sicherlich eine große Lehre sein ...
Die Partei und das albanische Volk haben ihren Fuß nie auf ein morsches Brett gesetzt und werden das niemals tun, sie werden sich nicht von den Parolen des „Volkssozialismus“, des „revolutionären Sozialismus“ oder von den Parolen einer gewissen „Demokratie“ irreführen lassen, die nach allem, nur nicht nach Proletariertum riecht ...
Deshalb wird heute an die Partei mehr denn je die Aufgabe gestellt, ihren prinzipienfesten Kampf zu verstärken, um die marxistisch-leninistische Theorie rein zu erhalten, ihre Reihen ideologisch und organisatorisch fester zu schließen und die internationale Solidarität der Werktätigen zu stärken. Die Partei ist der Meinung, dass der Kampf zum Schutz der marxistisch-leninistischen Prinzipien und der Kampf auf ihrer Basis der einzige richtige Kampf ist“ (Enver Hoxha, Rede in der feierlichen Sitzung vom 8. November 1956. Zëri i Popullit“, 9. November 1956).
2.
Auszug aus der Rede
Enver Hoxhas,
gehalten auf der Beratung der 81 Kommunistischen und Arbeiterparteien in Moskau am 16. November 1960,
Tirana 1971, deutsche Ausgabe, Seite 103 – 115
Die ungarische Konterrevolution ist nach unserer Meinung hauptsächlich das Werk der Titoisten. Denn Tito und die anderen Belgrader Renegaten waren die in erster Linie geeignetsten Werkzeuge der amerikanischen Imperialisten, um die Volksdemokratie in Ungarn zu stürzen.
Nach der Belgrader Reise Chruschtschows im Jahre 1955 wurde über die Wühlarbeit Titos kein Wort mehr verloren. Die Konterrevolution in Ungarn kam aber nicht unvorhersehbar und plötzlich, sie wurde so zu sagen coram publico vorbereitet und niemand vermag uns zu überzeugen, dass diese Konterrevolution in besonderer Heimlichkeit organisiert wurde. Diese Konterrevolution wurde von der Agentur der titoistischen Bande in Zusammenarbeit mit dem Verräter Imre Nagy und mit den ungarischen Faschisten organisiert und sie alle arbeiteten ganz offen unter der Leitung der Amerikaner.
Die Titoisten, welche hier die Hauptrolle spielten, beabsichtigten, Ungarn vom sozialistischen Lager loszureißen, es in ein zweites Jugoslawaien zu verwandeln und mit Hilfe Jugoslawiens, Griechenlands und der Türkei mit der NATO zu verbinden. Gestützt auf US-Hilfe sollte es dann gemeinsam mit Jugoslawien unter der Leitung der Imperialisten den Kampf gegen das sozialistische Lager fortsetzen.
In Ungarn arbeiteten die Konterrevolutionäre ganz offen. Aber warum fand ihre Tätigkeit keine Beachtung? Wir können nicht verstehen, wie es möglich war, dass in einem volksdemokratischen Bruderland wie Ungarn, wo die Partei an der Macht war und die Waffe der Diktatur des Proletariats besaß und wo Sowjettruppen lagen, Tito und die Banden Horthys so ungeniert werken konnten.
Wir sind der Meinung, dass die Haltung des Genossen Chruschtschow und der anderen sowjetischen Genossen gegenüber Ungarn nicht klar war, weil ihre völlig falsche Einschätzung der Belgrader Bande ihnen nicht gestattete, diese Dinge richtig zu erkennen.
Die sowjetischen Genossen vertrauten Imre Nagy, welcher der Mann Titos war. Diese Feststellung ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern beruht auf Tatsachen. Vor dem Ausbruch der Konterrevolution, als es im Petöfi-Klub schon brodelte, fuhr ich durch Budapest und erzählte danach gesprächsweise dem Gen. Suslow in Moskau, was ich in Budapest gesehen hatte. Ich sagte ihm, dass der Revisionist Imre Nagy sein Haupt erhebt und im Petöfi-Klub die Konterrevolution organisiert wird. Gen. Suslow wies diese Auffassung mit aller Entschiedenheit zurück und um zu beweisen, dass Imre Nagy ein braver Mann sei, zog er aus der Schublade die frische „Selbstkritik“ Imre Nagys heraus. Trotzdem sagte ich dem Genossen Suslow, dass Imre Nagy ein Verräter ist.
Uns hat erstaunt, und wir stellen die berechtigte Frage: Warum reisten Gen. Chruschtschow und andere sowjetische Genossen wiederholt nach Brioni, um die ungarische Frage mit dem Renegaten Tito zu besprechen? Wenn die sowjetischen Führer wussten, dass die Titoisten in einem Land unseres Lagers die Konterrevolution vorbereiten, wieso verhandelten sie dann mit einem Feind, welcher Komplotte und Konterrevolutionen in sozialistischen Ländern organisiert?
Als kommunistische Partei, als volksdemokratisches Land, als Mitgliedsstaat des Warschauer Vertrags und Partner des sozialistischen Lagers haben wir das Recht, vom Gen. Chruschtschow und von den anderen sowjetischen Genossen zu verlangen, dass sie uns sagen, warum sie im Jahre 1956 so oft mit Tito, mit diesem Verräter des Marxismus-Leninismus, in Brioni zusammentrafen, aber keine einzige Beratung mit unseren Ländern, mit den Mitgliedsstaaten des Warschauer Vertrags abhielten? Wann wird eine Beratung des Warschauer Vertrags stattfinden, wenn nicht in einer Zeit, in der einer von unseren Staaten sich in Gefahr befindet?
Wir denken auch, dass die Entscheidung in Ungarn mit den Waffen zu intervenieren oder nicht zu intervenieren, nicht in der Kompetenz einer einzigen Person liegt. Da wir den Warschauer Vertrag haben, müssen wir auch gemeinsam beschließen, denn sonst hat es keinen Wert, von einer Allianz, von kollektivem Geist und von Zusammenarbeit zwischen den Parteien zu sprechen.
Die ungarische Konterrevolution hat unserem Lager, hat Ungarn und der SU Blut gekostet.
Warum hat man es auf sich genommen, solche Blutopfer zu tragen, aber keine rechtzeitige Maßnahmen getroffen, das Blutvergießen zu verhindern? Wir denken, dass der Grund, warum es nicht möglich war, vorher Maßnahmen zu ergreifen, in den Umstand liegt, dass Genosse Chruschtschow zum Verräter Tito, zum Organisator der ungarischen Konterrevolution, Vertrauen hatte und die sowjetischen Genossen die ordnungsgemäßen und unerlässlichen Beratungen mit ihren Alliierten und Freunden so sehr unterschätzten, dass sie nur ihre eigenen einseitigen Beschlüsse über Fragen, die uns alle angingen, als richtig erachteten und der kollektiven Arbeit und den kollektiven Beschlüssen gar keinen Wert beimaßen.
Die PAA ist bis heute nicht ganz informiert worden, wie die Dinge verlaufen sind und welche Beschlüsse darüber gefasst wurden. Als die Titoisten in Brioni einerseits mit den sowjetischen Genossen verhandelten und andererseits fieberhaft die Konterrevolution in Ungarn organisierten, nahmen sich die Sowjetgenossen auch nicht die geringste Mühe, unsere Führung zu informieren, bzw. ihr die Maßnahmen bekannt zu geben, die sie zu ergreifen gedachten. Nicht einmal formell machten sie das, obwohl wir doch Alliierte sind. Daher war das keineswegs bloß eine Frage der Formalität. Denn die sowjetischen Genossen wussten allzu gut, was die Belgrader Bande gegen Albanien im Schilde führte, welche Ziele sie verfolgte. Wahrlich, diese Haltung der sowjetischen Genossen ist nicht nur sträflich, sondern auch unverständlich.
Ungarn war für uns eine große Lehre, sowohl in Bezug auf das, was dort geschah als auch auf das, was auf der Bühne und hinter der Bühne gespielt wurde. Wir dachten, dass die ungarische Konterrevolution den Verrat Titos und seiner Bande mehr als zur Genüge gezeigt hatte. Wir wissen, dass darüber viele Dokumente in den Schubläden liegen, aber der Öffentlichkeit nicht bekannt gemacht werden, Dokumente, welche die barbarische Tätigkeit der titoistischen Gruppe im Falle Ungarns enthüllen würden. Wir verstehen nicht, warum man sie zurück hält. Wer hat ein Interesse daran, diese Dokumente der Öffentlichkeit nicht bekannt zu machen, sondern sie fest unter Verschluss zu halten? Um Gen. Stalin nach dem Tode verurteilen zu können, wurden selbst die unbedeutendsten Dinge hervor gezogen, um ihn verurteilen zu können, aber die Dokumente zur Enthüllung Titos, dieses gemeinen Verräters, werden in den Schubladen verschlossen.
Doch selbst nach der ungarischen Konterrevolution wurde der politische und ideologische Kampf gegen die titoistische Bande nicht verstärkt, wie es der Marxismus-Leninismus verlangt hätte, sondern weiter abgeschwächt.
3.
Auszug aus dem Artikel des Genossen
Enver Hoxha
„Der Kampf der Arbeiterklasse in den revisionistischen Ländern“,
Verlag Roter Morgen 1974, Seite127 - 129
Ziehen wir einige Lehren, einige Schlussfolgerungen aus dieser revisionistischen Konterrevolution. Beginnen wir mit Ungarn. Begeistert über die Machtergreifung des chruschtschowschen Revisionismus, jedoch in einem Augenblick , als dieser seine Stellungen noch nicht konsolidiert hatte, organisierten der Weltkapitalismus, seine titoistische Agentur und die reaktionäre ungarische Bourgeoisie im Innern des Landes die bewaffnete Konterrevolution gegen die Diktatur des Proletariats und die Partei der Werktätigen Ungarns, in der Meinung, dass sie das schwächste Glied in der Kette der sozialistischen Länder sei. So war es auch tatsächlich. Die Partei Rakosis wurde vernichtet. Der Weltkapitalismus und der Titoismus aber hatten bei ihren Handlungen die Situation nicht richtig eingeschätzt: Sie waren zwar von der verräterischen Linie Chruschtschows überzeugt, aber sie hatten nicht eingerechnet, dass er seine Stellung noch nicht gefestigt hatte und, zwar zögernd aber schließlich dann doch, die Panzer auffahren lassen musste. Andernfalls wäre sein verräterischer Weg vielleicht kompromittiert worden. Doch im Zusammenhang mit der ungarischen Konterrevolution muss man noch auf einige Dinge hinweisen:
Einige Intellektuelle und Studenten begannen die ungarische Konterrevolution. Diese schwankenden Schichten wurden zur Reserve und zu Sturmabteilungen des konterrevolutionären Angriffs unter der Führung der Bourgeoisie, weil sie nicht unter dem Einfluss einer wahrhaft marxistisch-leninistischen Partei standen. Die ungarischen Schriftsteller bildeten die Vorhut dieser Konterrevolution.
Die ungarische Arbeiterklasse und besonders die Budapester Arbeiter waren, trotz der Erfahrungen, die sie von der proletarischen Revolution des Jahres 1919 übernommen hatten, nicht imstande, ihren Staat und ihre Errungenschaften zu verteidigen. Im Gegenteil, ein großer Teil der Arbeiterklasse, besonders in Budapest, trat zu Gunsten der Konterrevolutionäre in Aktion, wurde also eine Reserve der Reaktion. Das heißt mit anderen Worten, dass die Arbeit der Partei Rakosis keine Basis hatte, dass sie oberflächlich war. Die Arbeiterklasse anerkannte sie nicht voll und ganz als ihren Führer. Das war das größte und gefährlichste Übel.
Die Konterrevolution liquidierte die Partei Rakosis in wenigen Tagen vollständig, während der Konterrevolutionär Janos Kadar offiziell das Dekret zu ihrer Auflösung erließ.
In Ungarn schossen in den wenigen Tagen der Konterrevolution viele bürgerliche, kapitalistische und faschistische Parteien wie die Pilze nach dem Regen aus dem Boden.
Die ungarische Konterrevolution wurde also von den sowjetischen Panzern unterdrückt. So etwas wäre heute nicht mehr möglich. Aber der Verräter, der die Partei liquidierte, erließ unter dem Diktat der chruschtschowschen Revisionisten ein anderes Dekret über die Gründung einer angeblich neuen, „marxistisch-leninistischen“ Partei, die aber noch schlimmer war als die Partei Rakosis. Es handelt sich um die ungarische revisionistische Partei.
Die ungarische Konterrevolution wurde von Konterrevolutionären unterdrückt. Folglich würden sich auch beide Flügel der Putschisten vereinigen, so wie sie sich vereinigt haben, würden „ihr Ungarn“ errichten, wie sie es errichtet haben, würden den Kapitalismus restaurieren, so wie sie ihn jetzt restaurieren. Die ungarische Reaktion, die aus diesem Blutvergießen lernte und für die übereilten Handlungen Blutzoll entrichtet hatte, führt jetzt unabhängig in aller Ruhe die Reformen zur gründlichen kapitalistischen Umwandlung durch, ohne dass sie von den sowjetischen Truppen und Panzern, die in Ungarn stehen, daran gehindert wird. Die ungarische Bourgeoisie entfaltet jetzt ihre Tätigkeit sozusagen unter dem Schutz der chruschtschowschen Panzer. Die kapitalistische ungarische Bourgeoisie, dieser geschworene Feind der Arbeiterklasse, lullt jetzt unter der Maske und der „Fahne der Partei“ die Arbeiterklasse ein und schmiedet neue Ketten für sie. Die Vorhut der kapitalistischen Bourgeoisie ist die alte Intelligenz und die neue revisionistische Intelligenz, beide völlig einig im Denken und Handeln.
4.
Enver Hoxha,
„Über die internationale Lage und die Aufgaben der Partei“, aus dem Bericht auf dem 3. Plenum des ZK der PAA vom 13. Februar 1957, Kapitel 2
„Das Scheitern der faschistischen Konterrevolution in Ungarn“
Ausgewählte Werke Band II, Verlag Roter Morgen, 1978, Seite 572 – 577 und Seite 598/599
Das Hauptkennzeichen der heutigen internationalen Lage ist der scharfe Kampf zwischen den beiden Lagern, dem sozialistischen und dem imperialistischen Lager, das immer mehr an Boden verliert, trotzdem aber noch starke Positionen innehat.
Die Stärke des sozialistischen Lagers ist der entscheidende und Hauptfaktor für die Erhaltung des Friedens, sie ist das Haupthindernis für die aggressiven Pläne des Imperialismus und die unerschütterliche Basis und Stütze für den Kampf aller Völker, die für ihre Freiheit und Unabhängigkeit, für die Erhaltung des Friedens und die friedliche Entwicklung der zwischenstaatlichen Beziehungen kämpfen. Deshalb verfolgen die herrschenden Kreise der imperialistischen Staaten eine Kriegspolitik gegenüber dem sozialistischen Lager, vor allem gegenüber der Sowjetunion.
Der Militärblock des Nordatlantik- Pakts, die Militärstützpunkte, die die Imperialisten, vor allem die USA, um die Sowjetunion und die übrigen Länder des sozialistischen Lagers errichtet haben [Anmerkung der Redaktion – inzwischen ist Ungarn selber Militärstützpunkt der USA geworden !], der 100-Millionen-Dollar-Etat, den der amerikanische Kongress jedes Jahr für Diversionsakte in unseren Ländern bewilligt, die zügellose Kriegshetze gegen unsere Länder und schließlich die Unterstützung und Mobilisierung aller Renegaten und Verräter des Sozialismus sind klare Beweise der Kriegspolitik gegen das sozialistische Lager.
Auf der letzten Tagung des NATO-Rates wurde es als die hauptsächliche, beste und am leichtesten realisierbare Methode für diesen Kampf angesehen, die konterrevolutionäre Tätigkeit in den sozialistischen Ländern zu organisieren, um sie zu spalten und die Volksmacht von innen her zu zersetzen.
In den Plänen dieses allgemeinen Komplotts gegen die Sowjetunion und die sozialistischen Länder spielte die Konterrevolution in Ungarn eine erstrangige Rolle; ihr Ziel war, die Volksmacht zu stürzen und sie durch den Staat der Grundherren und Kapitalisten, durch die Diktatur der Horthy-Faschisten zu ersetzen.
Mit der Entfesselung der Konterrevolution in Ungarn wollten die Imperialisten zugleich auch einen Kriegs- und Aggressionsherd inmitten der Länder des sozialistischen Lagers, an den Grenzen der Sowjetunion, der Tschechoslowakei und Rumäniens schaffen und die Länder des sozialistischen Lagers splaten, sie von der Sowjetunion lostrennen, um anschließend eines nach dem anderen nierder zu werfen, und schließlich wollten sie die kommunistische Weltbewegung spalten.
Die Einmischung der Imperialisten in Ungarn ist der Hauptfaktor für die Konterrevolution. Sie hatten schon seit langem Verbrecherbanden, bestehend aus geschworenen Horthyanhängern und Faschisten organisiert, die sie während der Vorbereitung der Konterrevolution auf das Territorium der Volksrepublik Ungarn einschleusten. Sie starteten eine zügellose Propaganda gegen die Sowjetunion, das sozialistische Lager, die Partei der Werktätigen Ungarns und gegen die Volksmacht in Ungarn. Viele Tatsachen beweisen heute sehr deutlich ihre offene Einmischung in Ungarn.
Die Tätigkeit der Imperialisten fand Unterstützung bei den inneren Feinden, den Gegnern der Volksmacht und den Klassenfeinden. Die Horthy-Anhänger in Ungarn waren zahlreich. Der Klassenfeind, der enteignet, aber nicht völlig vernichtet war,, schlief in diesen 12 Jahren Volksmacht nicht, sondern arbeitete im Stillen und wartete auf den günstigen Augenblick, um, unterstützt von den Imperialisten, den Angriff auf die Volksrepublik Ungarn zu beginbnen, die Volksmacht zu stürzen und seinen kapitalistischen Staat wieder zu errichten. Die innere Reaktion vermochte auch unter den Bedingungen der Volksmacht ihre Kräfte zu wahren und sich zu organisieren und anschließend zum offenen Angriff, zur bewaffneten Revolte überzugehen. Denn die frühere Partei- und Staatsführung hatten Schwächen und ließ es an Wachsamkeit fehlen. Bekanntlich verschwinden in der Phase des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus die antagonistischen Klassen nicht, der Klassenfeind arbeitet weiter und wendet alle Mittel an, um die Volksmacht zu bekämpfen. Um den Feind zu unterdrücken, muss die Diktatur des Proletariats, die revolutionäre Wachsamkeit gefestigt werden.
Eine bedeutende Rolle bei den ungarischen Ereignissen, bei der Vorbereitung und Entfesselung der Konterrevolution spielten die anti-marxistischen, opportunistischen, verräterischen Elemente innerhalb und außerhalb der Partei der Werktätigen Ungarns mit Imre Nagy an der Spitze. Es ist nicht das erste Mal, dass der Imperialismus die rechten Kräfte, die Opportunisten, Abweichler und Verräter benutzt, um die Arbeiterbewegung, die kommunistische Bewegung zu bekämpfen. Der Fall Ungarn ist ein neuer Beweis, wie die Imperialisten alle in seinem Dienst stehenden Kräfte, die dem Sozialismus feindlich sind, mobilisiert.
Zugleich muss darauf hingewiesen werden, dass die Fehler der ehemaligen ungarischen Partei- und Staatsführung, die eine unsichere Lage geschaffen hatte, unter den Massen Unzufriedenheit hervorriefen und von den Konterrevolutionären ausgenutzt wurden. Die Unkenntnis über die Kräfte der Reaktion und die Zugeständnisse, die ihnen gemacht wurden, erlaubten den Feinden unter dem Vorwand, die Fehler zu bekämpfen, die im Rahmen der Volksmacht hätten in Ordnung gebracht werden können und müssen, die werktätigen Massen in die Irre zu führen und die blutige und wütende Konterrevolution zu entfesseln.
Trotz allem aber scheiterten die Pläne der Feinde. Die Konterrevolution in Ungarn wurde niedergeworfen. Auf den Ruf der Regierung der ungarischen Arbeiter und Bauern hin eilte die Sowjetunion dem ungarischen Volk zur Hilfe und half ihm, seine Feinde zu vernichten und seine Freiheit, Unabhängigkeit, die Volksmacht und den Sozialismus zu retten. Indem die Sowjetunion dem ungarischen Volk in seinem Kampf gegen die imperialistischen und inneren Feinde Beistand leistete, erfüllte sie eine hohe internationalistische Pflicht und leistete zugleich der gesamten Sache des Sozialismus und der gesamten kommunistischen Weltbewegung einen sehr großen Dienst.
Betrachtet man die ungarischen Ereignisse als das, was sie waren, nämlich eine von den Imperialisten in Zusammenarbeit mit dem Klassenfeind und mit den anti-marxistischen und verräterischen Elementen der Arbeiterklasse, wie Imre Nagy und Konsorten, organisierte Konterrevolution, so hat unsere Partei dazu eine entschlossene und richtige marxistisch-leninistische Haltung eingenommen. Die Einschätzung unserer Partei erwies sich als vollkommen richtig.
Jede Einschätzung der ungarischen Ereignisse, die nicht vom Gesichtspunkt des Klassenkampfes aus geschieht, ist falsch, anti-marxistisch, schadet der Sache des Sozialismus schwer, nutzt den Feinden des Sozialismus und ist gegen die Interessen der Arbeiterklasse und des Sozialismus gerichtet. Die Bemühungen der Führung des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens und ihrer gesamten Propaganda, die ungarischen Ereignisse als „eine Volksrevolution aller werktätigen Massen“ hinzustellen, nicht ausgelöst durch die Feinde, sondern hervorgerufen durch das „bürokratische politische System und die Fehler der Rakosi-Gerö-Clique“, entbehren jeder Grundlage. Sie sind ein feindlicher Versuch, die Tatsachen zu verdrehen, den Klassenkampf zu verbergen und aufzugeben, das volksdemokratische System anzugreifen, in den Reihen der kommunistischen und Arbeiterparteien Verwirrung zu stiften und ihre Wachsamkeit gegenüber den Feinden einzuschläfern.
Es gibt viele Tatsachen, die die Schlussfolgerung nahe legen, dass die jugoslawischen Führer, weit davon entfernt, in der ungarischen Konterrevolution eine reine Weste zu haben, im Gegenteil eine große Verantwortung für den Verlauf der Ereignisse in Ungarn tragen:
a)
Nach dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion entfalteten in Ungarn die Opposition und die Feinde des Marxismus-Leninismus unter dem Banner des Kampfes gegen die „Fehler Stalins“ eine große Propaganda für den „jugoslawischen Weg“ als den „einzig richtigen Weg für den Aufbau des Sozialismus“, um die Partei der Werktätigen Ungarns zu diskreditieren und die Partei- und Staatsführung Ungarns zu spalten. Parallel dazu fand eine große Kampagne statt, um Imre Nagy zu rehabilitieren und ihn an die Spitze der ungarischen Partei und des ungarischen Staates zu bringen, da er „zu Unrecht verfolgt“ worden und „der Mann“ sei,, „der Ungarn in der neuen Situation leiten müsse“. Diese ganze Kampagne wurde von der jugoslawischen Presse und den Jugoslawen kräftig unterstützt. Die jugoslawische Presse war vor Ausbruch der Konterrevolution gespickt mit Nachrichten und Artikeln über die Tätigkeit der anti-marxistischen Elemente, über die feindliche Tätigkeit im „Petöfi“klub sowie über die gesamten anti-sowjetischen, anti-sozialistischen und revisionistischen Umtriebe damals in Ungarn. In Budapest hatten die jugoslawischen Agenten volle Handlungsfreiheit und entfalteten gemeinsam mit den parteifeindlichen Gruppen eine große Kampagne über den „spezifischen Aufbau des Sozialismus in Jugoslawien“. Dadurch untergruben sie die Stellung der Partei der Werktätigen Ungarns und der ungarischen Volksregierung.
b) Als die Konterrevolution ausbrach, waren die jugoslawischen Führer die ersten, die sie durch Artikel in der Presse und durch persönliche Botschaften Titos als eine Volksrevolution begrüßten. Während alle marxistisch-leninistischen Parteien die Konterrevolution und Nagy offen entlarvten, nahm die jugoslawische Presse die Regierung Nagy ständig in Schutz. Die Jugoslawen hatten ihre Truppen entlang der ungarischen Grenze zusammengezogen und waren bereit, in Ungarn einzumarschieren. Wie sie selbst offiziell erklärten, wären sie, wenn nicht die sowjetische Armee am 4. November eingegriffen hätte, in Ungarn einmarschiert. So weit war die Sache also gediehen. Der Einmarsch der jugoslawischen Armee in Ungarn hätte die internationale Lage außerordentlich kompliziert. Ungarn, ein Mitglied des Warschauer Vertrages, wäre zur Zeit einer faschistischen Konterrevolution außerdem noch von einer fremden Armee angegriffen worden, Dann hätten auch die Mitgliedsstaaten des Warschauer Vertrages einschließlich der sowjetischen Armee, die in Ungarn stationiert war, eingreifen müssen, um diesen feindlichen Angriff abzuwehren. Nur die Hilfe der sowjetischen Armee bei der Niederschlagung der Konterrevolution verhinderte diese internationale Provokation.
c) Als die Konterrevolution vernichtend geschlagen war, nahmen die jugoslawischen Führer eine feindliche Haltung gegenüber der Sowjetunion ein, verurteilten die Hilfe, die sie den ungarischen Werktätigen gewährt hatte, um die Konterrevolution zu unterdrücken, und nannten das Eingreifen der sowjetischen Armee eine „Intervention“. Imre Nagy, der die imperialistischen Truppen zur Hilfe gerufen und sicherlich auch das Eingreifen der jugoslawischen Truppen eingeplant hatte und unter dessen Führung die faschistischen Banden Tausende Kommunisten und Arbeiter mordeten und erhängten, fand Zuflucht in der jugoslawischen Gesandtschaft in Budapest.
Die jugoslawischen Führer und ihre Propaganda waren mit allen Kräften gegen die Neuorganisierung der revolutionären Partei der Arbeiter und Bauern, gegen die Festigung der Diktatur des Proletariats. Kardelj sprach sich offen gegen die Maßnahmen der ungarischen Regierung aus. Er verlangte, dass die territorialen Arbeiterräte ( die voll von Konterrevolutionären waren), die Macht ergreifen sollten, und forderte die ungarischen Führer auf, das politische System in Ungarn radikal umzuwandeln. Es liegt auf der Hand, dass, da in Ungarn in den Jahren vor der Konterrevolution der Sozialismus aufgebaut wurde, die Forderung von Kardelj, „das politische System radikal umzuwandeln“, nur heißen konnte, die Diktatur des Proletariats zu liquidieren und das kapitalistische System wieder herzustellen. Kurz, die Haltung der jugoslawischen Führung und Presse kann nur als eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ungarns betrachtet werden, um die ungarische Partei und Regierung daran zu hindern, die Überreste der Konterrevolution zu beseitigen und die Lage zu normalisieren.
Die Konterrevolution verursachte in Ungarn großen Sachschaden, erschwerte die wirtschaftliche Lage des Volkes erheblich und rief eine große Anarchie und Verwirrung hervor. Die Partei wurde durch die Schläge der Konterrevolution und durch den von den anti-marxistischen Elementen geschürten inneren Zwist liquidiert.
Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um dem ungarischen Volk, unserem Bruder und Verbündeten, zu helfen, damit seine Wunden so schnell wie möglich heilen.
Und noch dieses Zitat auf Seite 598/599:
Sie [die Titoisten – Anmerkung der Redaktion] behaupten, unsere „stalinistischen“ Systeme stünden im Gegensatz zu den objektiven Gesetzen. Deshalb müssten sie unbedingt durch das System jugoslawischen Typs ersetzt werden, sonst drohe uns eine Katastrophe und wir erlitten dasselbe Schicksal wie Ungarn. Konsequent darin, nannten Tito und Kardlj die faschistische Konterrevolution in Ungarn eine Revolution zum Sturz des „stalinistischen Regimes“, und Maria Vilfans, Sekretärin der Auslandskommission des Sozialistischen Verbandes der Werktätigen Jugoslawiens, nennt sie „den Beginn der Wiedergeburt Osteuropas“. Die jugoslawischen Führer haben offen erklärt, sie stellten sich die Aufgabe, den anderen Parteien ihren Weg, und sei es durch „einen langen und schwierigen Kampf“, aufzuzwingen. Die jugoslawischen Führer und die jugoslawische Presse nennen die, die den jugoslawischen Weg nicht akzeptieren, „Stalinisten“ und rufen die Kommunisten auf, sie zu stürzen und durch Anhänger des „neuen Kurses“ zu ersetzen. Tito sagte in Pula, das Schicksal der Arbeiterbewegung hänge davon ab, „ob in den kommunistischen Parteien der neue Kurs triumphieren wird, der in Jugoslawien begann ... oder ob der stalinistische Kurs wieder siegen wird.“
(...) Ihr seht, Genossen, welche Gefahr heute der Revisionismus darstellt. Deshalb müssen unsere Partei und alle anderen marxistisch-leninistischen Parteien ihre Wachsamkeit erhöhen und entschlossen und ohne Schwanken alle Revisionisten und Renegaten des Marxismus-Leninismus bekämpfen.
5.
Enver Hoxha,
„Die Chruschtschowianer“ (Erinnerungen),
Auszug aus Kapitel 9 : Die „Teufel“ geraten außer Kontrolle,
Tirana 1984, dt. Ausgabe, Seite 293 - 329
Der ansteckende Geist des 20. Parteitags gab allen konterrevolutionären Elementen in den sozialistischen Ländern und in den kommunistischen und Arbeiterparteien Auftrieb, er flößte denen Mut ein, die maskiert nur auf den Augenblick warteten, an dem sie den Sozialismus, wo er gesiegt hatte, stürzen konnten.
Die Konterrevolutionäre in Ungarn, in Polen, in Bulgarien, in der Tschechoslowakei und anderswo, die Verräter am Marxismus-Leninismus in den Parteien Italiens und Frankreichs sowie die jugoslawischen Titoisten begrüßten jubelnd Chruschtschows berüchtigte Thesen über die „Demokratisierung“, den „Stalinkult“, die Rehabilitierung verurteilter Feinde, die „friedliche Koexistenz“, den „friedlichen Übergang“ vom Kapitalismus zum Sozialismus usw. Diese Thesen und Parolen fanden bei den Revisionisten, an der Macht oder gestürzt, bei der Sozialdemokratie und den reaktionären bürgerlichen Intellektuellen begeisterte und hoffnungsvolle Aufnahme.
Die Ereignisse in Ungarn und Polen waren das Vorspiel zur Konterrevolution, die sich später noch breiter und tiefgreifender nicht nur in diesen Ländern, sondern auch in Bulgarien, in Ostdeutschland, in der Tschechoslowakei, in China und besonders in der Sowjetunion abspielen sollte.
Nachdem sie ihre Stellungen in Bulgarien, in Rumänien, in der Tschechoslowakei usw. bis zu einem gewissen Grad abgesichert hatte, fiel die Chruschtschow-Clique über Ungarn her, dessen Führung dem sowjetischen Kurs nicht so gehorsam folgte. Doch auf Ungarn hatte es auch Tito und die Amerikaner abgesehen.
Wie sich zeigte, gab es in Ungarn viele schwachen Punkte. Dort war die Partei geschaffen worden; an ihrer Spitze stand Rakosi, um den sich einige alte kommunistische Genossen scharten, etwa Gerö und Münich, aber auch junge, erst vor kurzem dazu gekommen, die sich an den von der Roten Armee und Stalin gedeckten Tisch setzen konnten. Man begann in Ungarn „den Sozialismus aufzubauen“, doch die Reformen waren nicht radikal. Das Proletariat wurde zwar bevorzugt, doch ohne das Kleinbürgertum all zu sehr zu verärgern. Die ungarische Partei war entstanden aus einem Zusammenschluss der angeblich illegalen kommunistischen Partei (ungarische Kriegsgefangene in der Sowjetunion), der alten Kommunisten Bela Kuns sowie der sozialdemokratischen Partei. Dieser Zusammenschluss war also ein ungesunder Verschnitt, aus dem nie etwas wurde, bis dann die Konterrevolution und Kadar im Verein mit Chruschtschow und Mikojan per Dekret die vollständige Liquidierung der Ungarischen Partei der Werktätigen verkündeten.
Rakosi habe ich näher gekannt, und ich mochte ihn. Ich habe mich oft mit ihm unterhalten, denn ich war mehrmals bei ihm, sowohl dienstlich als auch privat, mit Nexhmije. Rakosi war ein ehrlicher Mann, ein alter Kommunist und Führer der Komintern. Er hatte gute Absichten, doch seine Arbeit wurde von innen und von außen sabotiert. Solange Stalin lebte, schien alles gut zu gehen, doch nach seinem Tod begannen sich in Ungarn die Schwachstellen zu zeigen.
Rakosi berichtete mir einmal in einem Gespräch über die ungarische Armee und fragte mich dann auch nach unser:
„Unsere Armee ist schwach, wir haben keine Kader, die Offiziere sind die alten aus der Horthy-Armee, deshalb nehmen wir jetzt einfache Arbeiter aus den Fabriken von Czepel und machen sie zu Offizieren“, erzählte er mir.
„Ohne eine starke Armee“, sagte ich zu Rakosi, „lässt sich der Sozialismus nicht verteidigen. Ihr müsst die Horthy-Leute entfernen. Es ist gut, dass ihr Arbeiter genommen habt, nur müsst ihr darauf achten, dass sie ordentlich ausgebildet werden.“
Während wir uns in Rakosis Villa unterhielten, kam Kadar. Er war gerade aus Moskau zurückgekehrt, wo er sich zur Behandlung eines Augenleidens aufgehalten hatte. Rakosi stellte ihn mir vor, erkundigte sich, wie es ihm denn nun gehe, und entließ ihn dann zu seiner Familie. Als wir wieder allein waren, sagte Rakosi zu mir:
„Kadar zum Beispiel ist ein junger Kader, wir haben ihn zum Innenminister gemacht.“
Um die Wahrheit zu sagen, er sah mir nicht nach einem Innenminister aus.
Bei einer anderen Gelegenheit unterhielten wir uns über die Wirtschaft. Rakosi berichtete mir über die Wirtschaft Ungarns, besonders über die Landwirtschaft, wo es gut aussehe, dass sich das Volk satt essen könne und sie gar nicht wüssten, wohin mit all dem Schweinefleisch, der Wurst, dem Bier und dem Wein! Ich machte große Augen, wusste ich doch, dass es nicht nur bei uns, sondern auch in allen anderen sozialistischen Ländern nicht so aussah, sogar in Ungarn nicht. Rakosi hatte den Fehler, dass er gerne dick auftrug und die Erfolge bei der Arbeit übertrieb. Doch trotz dieser Schwäche hatte Matyas meiner Meinung nach ein gutes kommunistisches Herz und sah die Linie der Entwicklung des Sozialismus nicht falsch. Man muss wissen, dass Ungarn und die Rakosi-Führung sich, meiner Meinung nach, ständig der Wühlarbeit der vom Klerus, vom mächtigen Kulakentum und den getarnten Horthy-Faschisten unterstützten internationalen Reaktion zu erwehren hatten, dass sie vom jugoslawischen Titoismus und seiner Agentenoirganisation mit Rajk an der Spitze, mit Kadar ( der sich tarnte) und anderen bedrängt wurden und schließlich, dass ihnen Chruschtschow und die Chruschtschowianer keine Ruhe ließen. Diese mochten Rakosi und seine Anhänger nicht, hassten ihn sogar, weil er Stalin und dem Marxismus-Leninismus treu blieb und, wenn nötig, auf gemeinsamen Beratungen das ganze Gewicht seiner Persönlichkeit gegen sie in die Waagschale warf. Rakosi gehörte zur alten Garde der Komintern, und die Komintern war für die modernen Revisionisten ein „rotes Tuch“.
So wurde Ungarn zur Spielwiese der Intrigen und Machenschaften Chruschtschows, Titos und der Konterrevolutionäre ( hinter denen der amerikanische Imperialismus stand), die die ungarische Partei von innen zersetzen und die Stellung Rakosis und der zuverlässigen Leute in ihrer Führung untergruben. Rakosi stand sowohl Chruschtschow im Weg, der auch Ungarn in seinen Pferch bringen wollte, als auch Tito, der das sozialistische Lager zerstören wollte und Rakosi als einen der „Stalinisten“, die ihn 1948 bloßgestellt hatten, doppelt hasste.
Im April 1957, als die „parteifeindliche Gruppe“ Malenkows, Molotows usw. noch nicht ausgeschaltet war, hielt ich mich mit einer Partei-und Regierungsdelegation in Moskau auf. Nach einem inoffiziellen Abendessen im Katerinsky-Saal im Kreml saßen wir noch mit Chruschtschow, Molotow, Mikojan, Bulganin u.a. zum Kaffeetrinken zusammen. Während des Gesprächs wandte sich Molotow an mich und sagte wie im Spaß:
„Mikojan fährt morgen nach Wien. Er will dort auch so ein Schlamassel anrichten wie in Budapest.“
Um das Gespräch bei diesem Thema zu halten, fragte ich ihn: „Wieso, hat Mikojan diesen Schlamassel angerichtet?“
„Wer sonst?“ entgegnete Molotow.
„Dann kann sich aber Mikojan nicht mehr in Budapest blicken lassen“, sagte ich.
„Wenn Mikojan sich in Budapest noch einmal blicken lässt“, fuhr Molotow fort, „wird man ihn aufknüpfen.“
Chruschtschow saß mit gesenktem Kopf da und rührte in seinem Kaffee. Mikojan lief dunkel an, seine Kiefer arbeiteten, dann sagte er mit einem zynischen Lächeln: „Warum sollte ich denn nicht nach Budapest gehen? Wenn sie mich hängen, hängen sie auch Kadar; schließlich haben wir diesen Schlamassel zusammen angerichtet,“
Die Rolle der Chruschtschowianer bei der ungarischen Tragödie war für mich nun klar. Chruschtschows und Titos Anstrengungen, alles Gesunde in Ungarn zu liquidieren, deckten sich, deshalb stimmten sie ihr Vorgehen aufeinander ab. Nach Chruschtschows Belgrad-Reise richteten sich ihre Vorstöße auf die Rehabilitierung der titoistischen Verschwörer Koçi Xoxe, Rajk, Kostoff usw. Während unsere Partei um keinen Millimeter von ihrem korrekten, prinzipienfesten Standpunkt abrückte, gab die ungarische Partei klein bei, Tito und Chruschtschow triumphierten. Mit Rajk wurde auch der Verrat rehabilitiert. Rakosis Stellung wurde erheblich geschwächt.
Es mag schon sein, dass die ungarische Parteiführung mit Rakosi und Gerö auch wirtschaftliche Fehler beging, aber diese haben die Konterrevolution nicht hervorgerufen. Der Hauptfehler von Rakosi und Genossen war, dass sie nicht fest blieben, dass sie sich durch den Druck der äußeren und inneren Feinde ins Schwanken bringen ließen. Sie versäumten es, die Partei und das Volk, die Arbeiterklasse zu mobilisieren, um die Anstrengungen der Reaktion schon im Keim zu ersticken. Stattdessen machten sie dieser Zugeständnisse, rehabilitierte Feinde wie Rajk usw. Dadurch wurde die Lage immer labiler, bis dann die Konterrevolution ausbrach.
Im Juni 1956 hatte ich auf dem Weg nach Moskau zu einer Beratung des RGW in Budapest ein Gespräch mit den Genossen des Politbüros der Ungarischen Partei der Werktätigen. Ich traf weder Rakosi noch Hegedüs, damals Ministerpräsident, noch Gerö an, weil sie mit dem Zug bereits nach Moskau abgereist waren. (Allerdings begegnete ich Rakosi in Moskau weder auf der Beratung noch sonst irgendwo. Mit Sicherheit war er zum „Ausruhen“ in irgendeiner „Klinik“, wo ihn die Sowjets davon „überzeugten, seinen Rücktritt zu erklären“. Zwei oder drei Wochen später wurde er tatsächlich seiner Ämter enthoben.) Die ungarischen Genossen erzählten mir, in ihrer Partei und ihrem Zentralkomitee gebe es einige Schwierigkeiten.
„Im Zentralkomitee“, sagten sie, „ ist eine Stimmung gegen Rakosi aufgekommen. Farkas, der Mitglied des Politbüros gewesen ist, hat die Fahne gegen ihn erhoben.“
„Es ist nun an der Zeit, dass Farkas nicht nur aus dem Zentralkomitee, sondern auch aus der Partei entfernt wird“, sagte Bata, der Verteidigungsminister, zu mir. „Seine Haltung“, fuhr er fort, „ist parteifeindlich, feindselig. Er vertritt die These: ´Ich habe Fehler gemacht, Berija ist ein Verräter. Doch wer hat mir befohlen, diese Fehler zu machen? Rakosi!`“. Diese Frage sei auch von Revay aufs Tapet gebracht worden, berichteten mir die ungarischen Genossen, der vorgeschlagen habe: „Wir sollten eine Kommission schaffen, die das Verschulden jedes einzelnen, Rakosis Fehler usw. untersucht.“
Ich fragte dazwischen:
„Dann hat also das Zentralkomitee kein Vertrauen zum Politbüro?“
„So sieht es aus“, erwiderten sie. „Wir waren gezwungen, der Bildung einer Kommission zuzustimmen, beschlossen aber, dass ihr Bericht zuerst dem Politbüro vorgelegt wird.“
„Was ist das für eine Kommission?“, fragte ich. „Solche Fragen muss das Zentralkomitee ans Politbüro überweisen, und dort muss der Bericht diskutiert werden. Und wenn das Zentralkomitee es für nötig hält, setzt es das Politbüro ab.“
Die ungarischen Genossen erzählten mir unter anderem, der als Konterrevolutionär ausgeschlossene Imre Nagy habe an seinem Geburtstag ein großes Abendessen für etwa 150 Leute gegeben, zu dem auch Mitglieder des Zentralkomitees und der Regierung eingeladen worden seien. Viele hätten die Einladung des Verräters angenommen und seien hingegangen. Als ein Mitglied des Zentralkomitees die Genossen der Führung gefragt habe, ob er nun gehen sollte oder nicht, hätten diese geantwortet: „Entscheide selbst.“ Diese Antwort erschien mir natürlich sehr merkwürdig, und ich fragte die ungarischen Genossen: „Warum habt ihr ihm denn nicht klipp und klar gesagt, er solle nicht gehen, weil Imre Nagy ein Feind ist ?!“
„Na ja, wir ließen ihn die Sache selber beurteilen und nach seinem Gewissen entscheiden“, lautete die Antwort.
Bei diesem Gespräch gestanden die ungarischen Führer mir gegenüber ein, dass in ihrer Partei eine schwierige Situation herrsche. An diesen Schwierigkeiten hatte auch der 20. Parteitag seinen Anteil.
„Es gibt bei uns Gruppen in der Partei, Schriftsteller usw., die nicht auf der Linie sind und sich nach dem 20. Parteitag richten wollen“, berichteten sie mir. „Diese Leute sagen zu uns: ´Der 20. Parteitag bestätigt unsere Thesen, dass es in der Führung Fehler gibt. Deshalb haben wir recht`.“
„Auch Togliattis Interview hat uns viele Scherereien gemacht“, sagte einer der Anwesenden. „Es gibt Mitglieder des Zentralkomitees, die zu mir gesagt haben: ´Was sollen wir denn nun machen? Besser, wir handeln, verfolgen auch in Ungarn eine andere, unabhängige Politik, so wie Jugoslawien`.“
Es sah dort wirklich sehr schlimm aus. Ein anderes Mitglied des Zentralkomitees hatte zornig zu ihnen gesagt: „Verheimlicht ihr vom Politbüro uns immer noch Dinge wie beim 20. Parteitag? Warum veröffentlicht ihr Togliattis Interview nicht?“
„Und wir veröffentlichen es“, erklärten mir die Genossen des Büros. „Die Partei muss schließlich informiert werden ...!“
Ich berichtete den ungarischen Genossen, dass es bei uns gut aussah, und erläuterte unser Vorgehen auf der Konferenz von Tirana.
„In der Partei“, betonte ich, „muss es eine richtige Demokratie geben. Sie muss stabilisierend wirken und die Einheit festigen, nicht sie zerstören. Deshalb haben wir denen, die die Demokratie zum Schaden der Partei missbrauchen wollen, die Leviten gelesen. Wir haben solche Dinge bei uns nicht zugelassen.“
Als die Rede auf Togliattis Interview kam, fragten sie mich nach meiner Meinung. „Togliatti liegt falsch mit dem, was er da gesagt hat“, antwortete ich ihnen. „Wir haben unsere Widersprüche zu ihm natürlich nicht an die Öffentlichkeit getragen, aber wir haben die Ersten Sekretäre der Bezirksparteikomitees zusammengerufen und ihnen die Sache erklärt, damit sie wachsam und in jedem Fall vorbereitet sind.“
Da sagt mir Szallai, Mitglied des Politbüros: „Ich habe Togliattis Interview gelesen und halte es nicht für so schlecht. Der Anfang ist in Ordnung, erst gegen Schluss wird es schlecht.“
„Wir haben es nicht veröffentlicht und waren erstaunt, als Radio Prag es brachte“, sagte ich.
Dieses Gespräch brachte mich zu der Überzeugung, dass ihre Linie schwankend war. Außerdem schienen auch die zuverlässigeren Leute im Büro unter dem Druck der konterrevolutionären Elemente zu stehen, und so schwankten auch sie. Das Politbüro schien zusammen zu halten, doch man hatte es völlig isoliert.
Am Abend gaben sie in einem Saal im Parlamentsgebäude ein Essen für uns. An der Wand zog ein großes Gemälde von Atilla den Blick auf sich. Wir unterhielten uns erneut über die in Ungarn gärende schwierige Lage. Doch man merkte, dass sie den Kopf verloren hatten. Ich sagte:
„Warum seht ihr tatenlos zu, wie die Konterrevolution heraufzieht? Warum ergreift ihr keine Maßnahmen?“
„Was für Maßnahmen sollen wir denn ergreifen?“ fragte einer von ihnen.
„Schließt unverzüglich den Petöfi-Klub, verhaftet die Hauptunruhestifter, schickt die Arbeiterklasse bewaffnet auf die Straße und umstellt das Esztergom. Wenn ihr Mindszenty nicht inhaftieren könnt, könnt ihr dann nicht wenigstens Imre Nagy verhaften? Lasst einige von den Häuptern dieser Konterrevolutionäre erschießen, damit sie begreifen, was Diktatur des Proletariats heißt.“
Die ungarischen Genossen rissen die Augen auf und blickten mich verblüfft an, als wollten sie sagen: „Du hast wohl den Verstand verloren?“ Einer von ihnen sagte zu mir:
„Wir können nicht so vorgehen wie Sie sagen, Genosse Enver. Für so alarmierend halten wir die Lage nicht. Wir haben die Situation unter Kontrolle. Das Geschrei im Petöfi-Klub, das sind Kindereien. Und wenn ein paar Mitglieder des Zentralkomitees zu Imre Nagy gegangen sind und ihm gratuliert haben, dann nur, weil sie schon lange mit ihm befreundet sind und nicht, weil sie etwas dagegen haben, dass das Zentralkomitee Imre ausgeschlossen hat.“
„Ich glaube, ihr nehmt die Sache auf die leichte Schulter“, entgegnete ich. „Ihr habt gar keine richtige Vorstellung von der großen Gefahr, die auf euch zu kommt. Glaubt uns, wir kennen die Titoisten genau und wissen,, was sie vor haben, diese Antikommunisten und Agenten des Imperialismus.“
Doch ich blieb ein Rufer in der Wüste. Wir würgten unser Abendbrot hinunter, und die ungarischen Genossen versuchten während der ganzen Unterhaltung, die sich einige Stunden lang hinzog, mir weiszumachen, sie hätten „die Situation unter Kontrolle“, und ähnlichen Unsinn.
Am nächsten Morgen stieg ich ins Flugzeug und flog nach Moskau. Ich traf mit Suslow in seinem Büro im Kreml zusammen. Er empfing mich in seiner üblichen Art, tänzelnd wie eine Ballerina vom Bolschoi-Ballett, und fragte mich, nachdem wir uns gesetzt hatten, über Albanien aus. Als wir unsere Probleme besprochen hatten, schnitt ich die Ungarnfrage an. Ich teilte ihm meine Eindrücke und Ansichten mit, so wie ich sie auch den ungarischen Genossen offen gesagt hatte. Suslow sah mich mit seinen durchdringenden Augen durch die dunkle Hornbrille an, und ich stellte beim Sprechen in seinen Augen einen Ausdruck von Unzufriedenheit, Verdrossenheit, ja Ärger fest. Seine Missbilligung äußerte sich auch in den Bleistiftkritzeleien, die er auf ein weißes Blatt Papier warf, das vor ihm auf dem Tisch lag. Ich fuhr fort und schloss mit der Bemerkung, mich erstaune die Ruhe und „Gelassenheit“ der ungarischen Genossen.
Suslow fing mit seiner Holunderpfeifen dünnen Stimme zu sprechen an. Er sagte mir im Wesentliche folgendes:
„Wir können mit Ihrer Beurteilung der Ungarnfrage nicht einverstanden sein. Sie malen die Lage in schwärzeren Farben, als sie in Wirklichkeit ist. Möglicherweise verfügen Sie nicht über ausreichende Informationen.“ Und Suslow redete und redete, versuchte mich zu „beruhigen“ und davon zu überzeugen, dass die Situation in Ungarn durchaus nicht alarmierend sei. Seine „Argumente“ überzeugten mich keineswegs, und die darauf folgenden Ereignisse bestätigten, dass unsere Ansichten und Hinweise bezüglich der schwierigen Lage in Ungarn vollkommen richtig waren. Rund 2 Monate später, Ende August 1956, hatte ich erneut eine scharfe Debatte mit Suslow über die Ungarnfrage. Wir waren auf dem Weg nach China zum Parteitag der chinesischen Partei über Budapest gekommen und hatten dort auf dem Flughafen ein Gespräch mit der damaligen ungarischen Führung gehabt, das uns noch mehr in unserer Überzeugung bestärkte, dass dort der Zusammenbruch in vollem Gange war, dass die Reaktion handelte, während die ungarische Führung durch ihr Vorgehen die Konterrevolution sogar noch begünstigte. Bei unserem Aufenthalt in Moskau trafen wir mit Suslow zusammen und teilten ihm unsere Besorgnis mit, damit er die sowjetische Führung davon unterrichte. Suslow nahm die gleiche Haltung ein wie bei meiner Begegnung mit ihm im Juni.
„Wir haben weder vom Nachrichtendienst noch aus anderen Quellen Angaben darüber erhalten, dass dort, wie ihr sagt, die Konterrevolution gärt“, erklärte uns Suslow. „Die Feinde machen viel Lärm um Ungarn, doch die Lage dort ist dabei, sich zu normalisieren. Es gibt zwar einige Bewegungen unter den Studenten, doch die sind ungefährlich, unter Kontrolle. Die Jugoslawen sind dort nicht am Werk, wie ihr behauptet. Ihr müsst wissen, dass nicht nur Rakosi Fehler gemacht hat, sondern auch Gerö...“.
„Ja, Fehler haben sie wirklich gemacht, schließlich haben sie die ungarischen titoistischen Verräter rehabilitiert, die sich verschworen hatten, um den Sozialismus in die Luft zu sprengen“, fiel ich Suslow ins Wort. Er verzog seine dünnen Lippen und fuhr fort:
„Was Genossen Imre Nagy angeht, können wir mit Ihnen nicht einer Meinung sein, Genosse Enver.“
„Es überrascht mich sehr“, entgegnete ich, „dass Sie Imre Nagy als Genossen betrachten, obwohl ihn die Ungarische Partei der Werktätigen davon gejagt hat.“
„Na und wenn schon“, sagte Suslow darauf, „immerhin hat er bereut und Selbstkritik abgelegt.“
„Worte verfliegen im Wind“, widersprach ich. „Glaubt doch nicht an das Geschwätz ...“.
„Nein“, sagte Suslow, rot angelaufen, „wir haben seine Selbstkritik schriftlich.“ Er zog eine Schublade auf und holte ein an die Kommunistische Partei der Sowjetunion gerichtetes Schreiben mit Imre Nagys Unterschrift hervor. Dieser erklärte darin, er habe „im Denken und Handeln“ geirrt und bitte um die Unterstützung der Sowjets.
„Glauben Sie das denn?“ fragte ich Suslow.
„Ja, wir glauben es, warum auch nicht?“ erwiderte er und fuhr fort: Genossen können auch Fehler begehen, doch wenn sie ihre Fehler einsehen, müssen wir ihnen die Hand reichen.“
„Er ist ein Verräter“, sagte ich zu Suslow, „und unserer Meinung nach begeht ihr einen großen Fehler, wenn ihr einem Verräter die Hand reicht.“
Damit war das Gespräch mit Suslow beendet, und wir gingen weg, ohne mit ihm einverstanden zu sein. Diese Zusammenkunft hinterließ bei uns den Eindruck, dass die Sowjets, nachdem sie Rakosi definitiv verurteilt hatten, durch die Situation in Ungarn alarmiert und verschreckt waren, dass sie nicht wussten, was sie tun sollten, und noch vor dem Sturm eine Lösung finden wollten. Sicherlich verhandelten sie gerade mit Tito über eine gemeinsame Lösung. Sie bereiteten sich darauf vor, Imre Nagy, mit dem sie die Situation in Ungarn zu meistern hofften, zum Einsatz zu bringen. Und so geschah es dann auch.
Der Kreis um Rakosi war sehr schwach. Weder das Zentralkomitee noch das Politbüro hatten das erforderliche Niveau. Leute wie Hegedüs und Kadar, Greise wie Münich und einige junge Burschen ohne Partei- und Kampferfahrung ließen die Leitungstätigkeit mit jedem Tag schwächer werden und gingen der titoistisch-chruschtschowschen Spinne ins Netz.
Das ganze Abenteuer wurde fieberhaft vorbereitet. Die Reaktion erwachte zum Leben, erhielt Auftrieb, sprach und handelte offen. Der Pseudokommunist, Kulak und Verräter Imre Nagy wurde im Gewand des Kommunisten zum Bannerträger des Titoismus und des Kampfes gegen Rakosi. Dieser hatte die Gefahr erkannt, die der Partei und dem Land drohte, und Maßnahmen gegen Imre Nagy ergriffen, indem er ihn Ende 1955 aus der Partei entfernte. Doch es war zu spät. Die Spinne der Konterrevolution hatte Ungarn in ihr Netz eingesponnen, und es war dabei, die Schlacht zu verlieren. Chruschtschow und Tito, das Zentrum des Esztergom und die ausländische Reaktion, sie alle griffen Rakosi an. Anna Kettly, Mindszenty, die Grafen und Barone im Dienst der Weltreaktion, die sich innerhalb Ungarns, in Österreich und anderswo zusammengerottet hatten, organisierten die Konterrevolution und schmuggelten Waffen ein für die Tumulte, die sie vorbereiteten.
Der Petöfi-Klub wurde zum Zentrum der Reaktion. Angeblich war dies ein Kulturklub des Jugendverbandes, in Wirklichkeit aber ein Nest, wo die reaktionären Intellektuellen unter der Nase der ungarischen Partei nicht nur über den Sozialismus und die Diktatur des Proletariats herzogen, sondern auch Vorbereitungen trafen und sich organisierten. Sie gingen sogar so weit, der Partei und der Regierung ihre Forderungen arrogant in Form eines Ultimatums zu unterbreiten. Anfänglich, als Rakosi noch an der Spitze stand, versuchte man einige Maßnahmen zu ergreifen: Der Petöfi-Klub wurde in einer Resolution des Zentralkomitees angegriffen, zwei oder drei Schriftsteller wurden aus der Partei ausgeschlossen, doch das waren eher Nadelstiche, keinesfalls aber durchgreifende Maßnahmen. Der Hort der Konterrevolution bestand weiter, und wenig später wurden auch die Angegriffenen fast alle wieder rehabilitiert.
Der gestürzte Imre Nagy thronte wie ein Pascha bei sich zu Hause und empfing seine Anhänger in Audienz. Unter diesen Anhängern waren Mitglieder des Zentralkomitees der Ungarischen Partei der Werktätigen. Die ungarischen Führer reisten verstört in Moskau an und ab, während ihre vorgeblichen Genossen im Zentralkomitee im Haus von Imre Nagy vorsprachen, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren, anstatt Maßnahmen gegen die sich erhebende Reaktion zu ergreifen. Rakosis Hofleute wurden zu Höflingen Nagys und zu Wegbereitern seiner Machtergreifung.
Der Beschluss, Rakosi zu stürzen, wurde in Moskau und in Belgrad gefasst. Rakosi gab auf, wehrte sich nicht gegen den Druck der Chruschtschowianer und der Titoisten sowie die Intrigen ihrer Agenten in der ungarischen Führung. Er wurde gezwungen, seinen Rücktritt einzureichen, angeblich „aus gesundheitlichen Gründen“ (weil er an Bluthochdruck litt!), und gleichzeitig „gesetzesverletzende Fehler“ zuzugeben. Anfänglich sprach man noch über die Verdienste des „Genossen Matyas Rakosi“ ( sie „begruben“ ihn also in Ehren), später sprach man von seinen Fehlern, um schließlich bei „Rakosis Verbrecherbande“ zu landen. Wichtigen Anteil an der Vorbereitung der Intrigen, die Rakosis Absetzung vorausgingen, hatte Suslow, der genau zu dieser Zeit auf Urlaub nach Ungarn fuhr (!).
Offensichtlich war Rakosi der letzte Bremsklotz gewesen, der den revisionistischen Karren noch daran gehindert hatte, volle Fahrt aufzunehmen. Zwar wurde nicht Kadar zum Ersten Sekretär gewählt, wie die Sowjets und die Jugoslawen wollten, sondern Gerö, doch auch dessen Tage waren gezählt. Kadar jedoch, der im Gefängnis gesessen hatte und erst kurz zuvor rehabilitiert worden war, wurde zunächst einmal ins Politbüro gewählt und spielte als Mann Chruschtschows und Titos in Wirklichkeit die „erste Geige“.
Nach dem Plenum vom Juli 1956 (auf dem Gerö an Rakosis Stelle trat und Kadar ins Politbüro kam) bekam die Reaktion Oberwasser; die Partei und die Regierung genossen fast keine Autorität. Die konterrevolutionären Elemente forderten hartnäckig Nagys Rehabilitierung und die Absetzung der wenigen zuverlässigen Leute in der Führung. Gerö, Hegedüs und andere klapperten Stadt um Stadt und Fabrik um Fabrik ab, um die Gemüter zu beschwichtigen, sie versprachen „Demokratie“, „sozialistische Gesetzlichkewit“ und Lohnerhöhungen. Selbstverständlich geschah das alles nicht auf korrekte marxistisch-leninistische Weise, vielmehr gab man der starken Woge des Kleinbürgertums und der Reaktion nach.
Wir betrachteten Rakosis Entfernung aus der Führung der ungarischen Partei als Fehler, der die Situation in Ungarn noch erheblich kritischer und labiler machte, und diese unsere Meinung teilten wir den sowjetischen Führern mit, als wir im Dezember nach Moskau fuhren. Die Ereignisse selbst bewiesen, wie recht wir hatten.
Es begann die „glückliche“ Periode der Liberalisierung, die Periode, in der die von der Diktatur des Proletariats zu Recht Bestraften aus dem Gefängnis und aus dem Grab hervorgeholt wurden. Der Verräter Rajk wurde samt seinen Kumpanen nach einer pompösen Zeremonie, an der Tausende von Menschen allen voran die ungarischen Führer, teilnahmen, und die mit der Internationale beschlossen wurde, in ein neues Grab umgebettet. So wurde aus dem Verräter Rajk der „Genosse Rajk“ und ein Nationalheld Ungarns, fast wie Kossuth.
Nach einem formalen Brief an das Zentralkomitee wurde Nagy wieder in die Partei aufgenommen und sah den Ereignissen, die ihn an die Macht bringen würden, gelassen entgegen. Und diese ließen nicht lange auf sich warten.
Nach Rajk wurden noch eine Menge anderer aus der Versenkung hervorgeholt, die einst verurteilt worden waren – Offiziere und Priester, politische Verbrecher und Diebe. Sie erhielten moralische und materielle Satisfaktion. Rajks Witwe wurde für den Verrat ihres Mannes mit 200 000 Forint belohnt, und die Budapester Zeitungen konnten die Großherzigkeit von „Frau Rajk“ melden, die diese Summe den Volkskollegien schenkte. Die gerichtlich Verurteilten wurden zu Opfern Rakosis, Gabor Peters und Mihaly Farkas erklärt. Letzterer wurde damals verhaftet. Die hohen Funktionäre rechtfertigten sich vor der Reaktion für ihre „Verbrechen“. „Was sollten wir denn machen“, sagte der Justizminister, „wenn Genosse Rajk doch selbst zugab, wessen man ihn beschuldigte?“
Als Hegedüs noch Ministerpräsident war, erklärte er unter Chruschtschows Druck: „Wir bedauern sehr, dass unsere Partei und unsere Regierung die Jugoslawn verleumdet haben“. Und Gerö sagte in seiner ersten Rede nach seiner Wahl an die Parteispitze: „Unsere Partei muss ihre offenen Schulden beim Bund der Kommunisten Jugoslawiens und den Führern Jugoslawiens noch begleichen und die Verleumdungen, die wir über die Föderative Republik Jugoslawien ausgestreut haben, klarstellen“.
Gerö, einer der ältesten Führer der Partei, entpuppte sich bei all dem, was damals geschah, als Opportunist und Feigling, der von hier nach dort pendelte und wie eine Marionette an den Fäden der wahren Akteure der ungarischen Tragödie tanzte. Als Tito zum „Urlaub“ auf der Krim weilte, ging Gerö hin und unterhielt sich in Chruschtschows Villa mit ihm, und alle drei „spazierten“ zusammen mit ihrem Gefolge „am stran entlang, unterhielten sich und ließen sich zusammen fotografieren.“ Eine „historische“ Fotografie, falls einmal die Geschichte der Intrigen und Ränkespiele auf Kosten der Völker geschrieben wird! Hier, in Jalta, in Chruschtschows Villa, fand die erste Versöhnung statt, und ein paar Tage später fuhr Gerö mit Hegedüs und Kadar nach Belgrad, wo sie mit Ranković Gespräche führten. Es dauerte nicht lange, bis der Aufruhr begann, Gerö auf den Müll gefegt wurde, und Kadar – mit Chruschtschows Segen und mit Hilfe der Manöver Mikojans und des revisionistischen Ideologen Suslow – zum Ersten Sekretär aufgeputzt wurde.
Inzwischen ergriff Imre Nagy, aus seinem Loch gekrochen, die Macht, stieß ein Triumphgeheul aus, verkündete die „Demokratie“, und Tito hatte den höchsten Gipfel seines Sieges erreicht. Die Reaktion trat die Macht an, von außen wucherte das Banditentum herein. Die Parteien der Bourgeoisie – die faschistische, die Horthy-Partei die klerikale – wurden neu gebildet. Der Imperialismus überschwemmte das Land mit Spionen und schmuggelte aus Österreich massenweise Waffen ein. Radio „Freies Europa“ schürte Tag und Nacht die Konterrevolution, rief zum Sturz und zur totalen Beseitigung der sozialistischen Ordnung auf. Ungarn hatte schon zuvor den als Touristen getarnten Spionen freien Zugang gewährt.
Als wir im Oktober 1956 auf der Rückreise von China in Budapest Halt einlegten, erklärten uns die Mitglieder des Büros der Ungarischen Partei der Werktätigen höchstpersönlich, in der letzten Zeit hätten 20 000 Touristen Ungarn besucht. Als ich darauf hinwies, dies sei gefährlich, entgegneten sie: „Sie bringen uns aber Devisen ins Land.“ Nach Rakosis Sturz, besonders in den berüchtigten Oktobertagen, wurden den Horthy-Leuten, den Baronen und Grafen, den Exherren und einstigen Unterdrückern Ungarns, die Tore geöffnet. Esterhazy ließ sich mitten in Budapest nieder, telefonierte mit den Botschaften und informierte sie von seiner Absicht, die Regierung zu übernehmen. Mindszenty, schon früher aus dem Gefängnis entlassen, zog eskortiert von der „Nationalgarde“ in seinen Palast ein und segnete das Volk. Wie Maden in einer faulenden Wunde lebten die alten Parteien wieder auf, die Grundbesitzerpartei, die Partei der Kleinlandwirte, die Sozialdemokraten, die Katholiken. Sie ließen sich in ihren alten Gebäuden nieder, brachten Zeitungen heraus und Nagy und Kadar kamen an die Regierung. Die Konterrevolution erfasste die gesamte Hauptstadt und verbreitete sich über ganz Ungarn.
Wie uns unser Botschafter in Ungarn später berichtete, hatte es der blindwütige Mob von Konterrevolutionären gleich am Anfang auf ein Bronzedenkmal Stalins abgesehen, das auf einem Platz in Budapest noch stehen geblieben war. So wie sich einst Hitlers SA auf alles Fortschrittliche gestürzt hatte, so fielen auch die Horthy-Leute und der andere Abschaum Ungarns wütend über das Stalindenkmal her und versuchten es zu stürzen. Nachdem sie es auch mit Stahlseilen und einem schweren Bulldozer nicht geschafft hatten, machten sich die Banditen mit Schweißgeräten ans Werk. Ihr erster Akt war symbolisch: mit der Zerstörung des Stalindenkmals wollten sie zum Ausdruck bringen, dass sie alles, was in Ungarn noch vom Sozialismus, von der Diktatur des Proletariats, vom Marxismus-Leninismus geblieben war, nieder zu reißen entschlossen waren. Zerstörung, Mord, Aufruhr überzogen die ganze Stadt.
Chruschtschow und Suslow glitt auch der räudige Vogel Imre Nagy aus der Hand. Dieser Verräter, auf den Moskau seine Hoffnung gesetzt hatte wie ein Ertrinkender, der sich selbst am Schopf packt, um sich vor dem tödlichen Untergehen zu bewahren, zeigte in den Wogen der konterrevolutionären Wut sein wahres Gesicht, verkündete sein reaktionäres Programm und erklärte öffentlich Ungarns Austritt aus dem Warschauer Vertrag. Sowjetischer Botschafter in Ungarn war ein gewisser Andropow, ein KGB-Mann, der später zu Rang und Namen kam und auch uns gegenüber eine üble Rolle spielte. Dieser Geheimagent im Botschaftergewand wurde vom Ausbruch der Konterrevolution überrollt. Selbst als sich die konterrevolutionären Ereignisse schon offen abspielten, als Nagy die Regierung übernahm, fuhren die Sowjets noch fort, ihn zu unterstützen, anscheinend in der Hoffnung, ihn unter Kontrolle halten zu können. In den Tagen nach der ersten halbherzigen Intervention der sowjetischen Truppen sagte Andropow zu unserem Botschafter in Budapest:
„Man kann die Aufständischen nicht als Konterrevolutionäre bezeichnen, schließlich gibt es unter ihnen auch ehrliche Leute. Die neue Regierung ist gut und muss beibehalten werden, damit sich die Lage stabilisieren kann.“
„Was halten Sie von Nagys Reden?“ fragte ihn unser Botschafter.
„Die sind nicht schlecht“, erwiderte Andropow, und als unser Genosse meinte, was darin über die Sowjetunion gesagt werde, erscheine ihm nicht richtig, antwortete er:
„Es gibt Anti-Sowjetismus, doch Nagys letzte Rede war nicht schlecht und auch nicht anti-sowjetisch. Er will Kontakt zu den Massen halten. Das Politbüro ist gut und genießt Kredit.“
Die Konterrevolutionäre gingen so arrogant vor, dass sie Andropow selbst und mit ihm das ganze Personal auf die Straße jagten und dort stundenlang sitzen ließen. Wir gaben unserem Botschafter in Budapest Anweisung, Maßnahmen zum Schutz der Botschaft und des Botschaftspersonals zu treffen, auf dem oberen Treppenabsatz ein Maschinengewehr aufzustellen und, falls die Konterrevolutionäre Übergriffe gegen die Botschaft wagen sollten, ohne Zögern zu feuern. Doch als unser Botschafter von Andropow Waffen zum Schutz der Botschaft verlangte, wehrte dieser ab:
„Wir genießen diplomatische Immunität, niemand wird euch belästigen.“
„was ist das denn für eine diplomatische Immunität?!“ fragte unser Botschafter. „Euch haben sie auf die Straße hinaus gejagt!“
„Nein, nein“, sagte Anmdropow. „Wenn wir euch Waffen geben, kommt es womöglich zu einem Zwischenfall.“
„Also gut“, sagte unser Vertreter. „Dann richte ich hiermit im Namen der albanischen Regierung die offizielle Forderung an Sie.“
„Ich werde in Moskau nachfragen“, sagte Andropow, und als unsere Forderung abgelehnt wurde, erklärte unser Botschafter. „Einverstanden, aber lasst euch gesagt sein, dass wir uns mit dem Revolver und den Doppelflinten, die wir haben, verteidigen werden.“
Der sowjetische Botschafter hatte sich in der Botschaft eingeschlossen und wagte den Kopf nicht heraus zu strecken. Ein verantwortlicher Funktionär des ungarischen Außenministeriums, der von den Banditen verfolgt wurde, suchte in unserer Botschaft Zuflucht, und wir gewährten sie ihm. Er erzählte unseren Genossen, er sei auch in der sowjetischen Botschaft gewesen, dort habe man ihn aber nicht aufgenommen.
Die in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen griffen anfänglich ein, zogen sich dann aber unter dem Druck von Nagy und Kadar zurück, und die sowjetische Regierung erklärte, sie sei zu Verhandlungen über ihren Abzug aus Ungarn bereit. Und während die Konterrevolutionäre ein Blutbad anrichteten, war Moskau vor Schreck erstarrt. Chruschtschow bebte, zögerte einzugreifen. Tito war Herr der Lage und unterstützte Imre Nagy, hatte sogar seine Armee aufmarschieren lassen und machte sich bereit zur Intervention. Daraufhin schickte Moskau den geeigneten Mann nach Budapest, den Schieber Mikojan, zusammen mit dem Hähnchen Suslow.
Wir hier in Tirana sahen nicht wortlos zu. Ich rief den Sowjetbotschafter und erklärte ihm ärgerlich:
„Wir haben keinerlei Informationen darüber, was gegenwärtig in einigen sozialistischen Ländern geschieht. Tito und Konsorten haben bei der Organisierung der Konterrevolution in Ungarn ihre Finger im Spiel. Ihr überlassr Ungarn dem Imperialismus und Tito. Ihr müsst bewaffnet intervenieren und reinen Tisch machen, solange es noch nicht zu spät ist.“
Ich wies ihn auf Titos Absichten hin, verurteilte Chruschtschows Vertrauen auf Imre Nagys „Selbstkritik“.
„Da habt ihr euren Imre Nagy“, sagte ich zu ihm. „Nun wird in Ungarn Blut vergossen, und die Schuldigen müssen festgestellt werden.“
Er antwortete mir:
„Die Lage ist schwierig, doch wir liefern Ungarn nicht dem Feind aus. Ich werde Ihre Meinung nach Moskau weitergeben.“
Es ist bekannt, was in Budapest und ganz Ungarn geschah. Tausende Menschen wurden getötet. Die vom Ausland bewaffnete Reaktion wütete, erschoss Kommunisten und Demokraten, Frauen und Kinder auf der Straße, brannte Häuser, Büros und alles nieder, was ihr unter die Hände kam. Tagelang regierte das Banditentum. Der einzige geringe Widerstand, der geleistet wurde, kam von den Budapester Abteilungen der Staatssicherheit, während die ungarische Armee und die Ungarische Partei der Werktätigen neutralisiert und liquidiert wurden. Kadar erließ das Dekret zur Liquidierung der Ungarischen Partei der Werktätigen, womit er sein wahres Gesicht zeigte, und verkündete die Gründung der neuen Partei, der Sozialistischen Arbeiterpartei, die Kadar, Nagy und andere aufbauen wollten.
Die sowjetische Botschaft blieb mit Panzern umstellt, und drinnen intrigierten Mikojan, Suslow, Andropow und wer weiß, wer sonst noch.
Die Reaktion mit Kadar und Imre Nagy an der Spitze, die sich im Parlament eingeschlossen hatten und palaverten, erließ weiter Aufrufe an die kapitalistischen Staaten des Westens, bewaffnet gegen die Sowjets zu intervenieren. Der eingeschüchterte Nikita Chruschtschow war schließlich gezwungen, den Einsatzbefehl zu geben. Sowjetische Panzertruppen rückten in Budapest ein, und der Straßenkampf begann. Der Intrigant Mikojan sétzte Andropow in einen Panzer und schickte ihn zum Parlamentsgebäude, um Kadar von dort weg zu holen, damit er mit ihm manipulieren konnte. Und so geschah es dann auch. Kadar wechselte erneut den Herren, wechselte erneut das Hemd, warf sich den Sowjets in die Arme und unter dem Schutz ihrer Panzer rief er das Volk auf, die Unruhen zu beenden, und die Konterrevolutionäre, die Waffen abzuliefern und sich zu ergeben.
Um die Regierung Nagy war es damit geschehen. Die Konterrevolution wurde niedergeschlagen, und Imre Nagy suchte in Titos Botschaft Zuflucht. Es war klar, dass er ein Agent Titos und der Weltreaktion war. Er hatte auch Chruschtschows Unterstützung gehabt, war aber dessen Griff entschlüpft, weil er noch weiter gehen wollte und auch ging. Monatelang zankte sich Chruschtschow mit Tito, weil er Nagy haben wollte. Doch Tito gab ihn nicht heraus, bis sie dann den Kompromiss erzielten, Nagy solle an die Rumänen ausgeliefert werden. Während mit Tito über dieses Problem verhandelt wurde, erkundigte sich Krylow, der sowjetische Botschafter in Tirana, auch bei uns, ob wir einverstanden seien, wenn Nagy nach Rumänien gehe.
„Wir haben bereits erklärt“, antwortete ich Krylow, „dass Imre Nagy ein Verräter ist und dem Faschismus in Ungarn die Tore geöffnet hat. Nun schlägt man vor, dass dieser Verräter, der Kommunisten, fortschrittliche Menschen ermorden ließ, der Sowjetsoldaten töten ließ und die Imperialisten zur Intervention aufrief, von einem befreundeten Land aufgenommen werden soll. Das ist ein großes Zugeständnis, mit dem wir nicht einverstanden sind.“
Nachdem die Gemüter besänftigt und die Opfer der ungarischen Konterrevolution, die vor allem Titos und Chruschtschows Werk gewesen war, beerdigt waren, wurde Nagy hingerichtet. Auch das war nicht richtig. Nicht, dass Nagy es nicht verdient gehabt hätte, hingerichtet zu werden, aber das hätte nicht heimlich, ohne Gericht, ohne öffentliche Entlarvung geschehen dürfen, wie es dann der Fall war. Er hätte öffentlich vor Gericht gestellt und bestraft werden müssen, und zwar nach den Gesetzen des Landes, dessen Staatsbürger er war. Aber an einem Prozess waren natürlich weder Chruschtschow noch Kadar, noch Tito interessiert, hätte doch Nagy womöglich die schmutzige Wäsche der Drahtzieher des konterrevolutionären Komplotts an die Öffentlichkeit gezerrt.
Später, als die Konterrevolution in Ungarn unterdrückt worden war, kamen viele Tatsachen ans Licht, die die Mitschuld der sowjetischen Führer an den ungarischen Ereignissen bewiesen. Wir argwöhnten natürlich die Rolle, die die Sowjets gespielt hatten, besonders was Rakosis Absetzung, die Unterstützung Nagys usw. betraf. Doch genau wussten wir damals nicht, wie sich Chruschtschows Zusammenarbeit vollzog, auch wussten wir nichts von Chruschtschows und Malenkows geheimen Zusammenkünften mit Tito in Brioni. Das kam später heraus, und wir distanzierten uns von diesen handlungen der Sowjets.
Einige Tage nachdem in Ungarn die Ordnung wieder hergestellt worden war, setzte uns die sowjetische Führung über ihren Briefwechsel mit der jugoslawischen Führung zur Ungarnfrage in Kenntnis. Die Fakten, die in diesen Briefen ans Licht kamen, beunruhigten uns zutiefst, denn die Probleme waren ernst und kritisch. Die Interessen des Sozialismus und der kommunistischen Bewegung verlangten es damals, dass die Sowjetunion gegen die Angriffe des Imperialismus und der Reaktion in Schutz genommen, dass unsere Einheit gewahrt wurde. Andererseits konnte unsere Partei zu diesen anti-marxistischen Handlungen der sowjetischen Führung nicht schweigen. Deshalb musste alles gründlich beurteilt und gut erwogen werden, mit Rücksicht auf die Interessen der Partei unseres Landes, der Revolution und des Sozialismus. So gingen wir an diese Probleme heran. Wir sagten den sowjetischen Führern in kameradschaftlichem Ton unsere Meinung, und zwar so, dass alles unter uns blieb und unter uns korrigiert werden konnte.
Ich rief damals, als wir die Briefe erhalten hatten, Krylow zu mir.
„Ich habe Sie gerufen“, sagte ich zu ihm, „um einige Fragen zu klären, die sich aus diesen Briefen ergeben. Zunächst möchte ich Ihnen sagen, dass wir Titos Anspielungen auf ´einige üble Leute`, womit ganz eindeutig die Führung unserer Partei gemeint ist, für unannehmbar halten. Was ihn betrifft, so überrascht uns das nicht, schließlich sind wir Titos Angriffe gewöhnt. Was uns aber außerordentlich befremdet, ist, dass in der Antwort des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion diese Anwürfe Titos nicht entschieden zurück gewiesen werden. Können Sie uns etwas dazu sagen?“
„Ich habe dazu nichts zu sagen!“ antwortete Krylow, der wie üblich den Taubstummen spielte.
Ich fuhr daraufhin fort
„Man hätte Tito klipp und klar erklären müssen, dass nicht wir üble Leute und Feinde des Sozialismus sind, wie er behauptet. Wir sind Marxisten-Leninisten, entschlossene Menschen, die bis zum Letzten für die Sache des Sozialismus kämpfen werden. Tito selbst ist ein Feind der Revolution, des Sozialismus. Dafür gibt es viele Tatsachen.“
Krylow schwieg, und ich brachte dann das Gespräch hauptsächlich auf ein anderes Problem, das uns in diesen Briefen aufgefallen war. „Sie“, schrieb Chruschtschow an Tito, „waren durchaus damit einverstanden, dass sich das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion schon im Sommer dieses Jahres im Zusammenhang mit Rakosis Entfernung darum bemühte, dass Kadar Erster Sekretär wurde.“
Überdies zeigte dieser Brief klar ihre Zusammenarbeit nicht nur vor, sondern auch während der Oktoberereignisse. Diese Zusammenarbeit nahm in dem Plan, der bei den Geheimgesprächen in Brioni ausgeheckt wurde, konkrete Gestalt an. Für uns war diese Handlungsweise der sowjetischen Führer unannehmbar. Unserer Meinung nach hatten die Titoisten ihre Agenten- und Spaltertätigkeit nicht eingestellt, was sich ganz besonders in Ungarn deutlich zeigte. Von dieser Überzeugung hatten wir die Führung der Sowjetunion in Kenntnis gesetzt.
Ich befragte zu dieser Sache auch Krylow.
„Uns ist nicht ganz klar, wo das Zentralkomitee der Ungarischen Partei der Werktätigen gebildet worden ist, in Budapest oder auf der Krim.“
Diese Frage gefiel Krylow natürlich nicht, und umständlich rückte er mit der Antwort heraus:
„Die Sache wird so sein: die ungarischen Genossen fuhren auf die Krim und unterhielten sich mit unseren Genossen. Dort ging es dann darum, wer in die Führung kommen sollte. Und das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion hat gesagt: ´Es wäre gut, wenn Kadar gewählt werden würde`““Das heißt also, die Führung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion war nicht für Gerö, sondern für Kadar?“ fuhr ich fort.
„Das ist diesem Brief zu entnehmen“, erwiderte Krylow.
„Außerdem ist auch Kadars Regierung in enger Zusammenarbeit eurer Führung mit Tito gebildet worden“, sagte ich, „oder nicht?“
„Ja“, musste Krylow zugeben, „so scheint es.“
Ich teilte dem sowjetischen Botschafter dann mit, welche Besorgnis die Ereignisse in Ungarn in unserer Partei hervorgerufen hatten, und betonte daraufhin:
„Es ist die einhellige Meinung unseres Politbüros, dass die Genossen des Präsidiums des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion nicht richtig handeln, wenn sie sich mit Tito über die Zusammensetzung der ungarischen Partei- und Staatsführung unterhalten. Die sowjetische Führung kennt unsere Meinung zu all diesen Fragen genau, denn wir haben sie ihr mitgeteilt. So ist es doch?“
„Ja“, sagte Krylow, „so ist es.“
„Haben Sie alle unsere Auffassungen nach Moskau berichtet?“
„Ja“, erwiderte er, „das habe ich getan.“
weiteres Zitat aus: „Die Chruschtschowianer“ von Seite 344 – 348
Die Ereignisse in Ungarn und Polen lösten bei unserer Partei und ihrer Führung berechtigte Besorgnis aus, denn sie schadeten der Sache der Revolution und schwächten die Stellung des Sozialismus in Europa und auf der Welt.
Nachdem diese Ereignisse vorbei waren oder, genauer gesagt, sich nicht mehr offen und scharf, sondern im Verborgenen entwickelten, kam die Zeit der Analysen und der sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen. Analysen stellten sowohl Chruschtschow als auch Tito an, entsprechend ihren eigenen Interessen und ihrer jeweiligen Kalkulation, ausgehend von ihren anti-marxistischen Anschauungen. Im Kern stimmten die „Analysen“ der Titoisten und der Chruschtschowianer miteinander überein. Die Schuld wurde auf die Fehler der ungarischen Führung, besonders Rakosis, geschoben. Auch Kadar, der Diener beider Herren, stimmte ein und erklärte: „Die Revolte der Massen war auf Grund der Fehler der verbrecherischen Clique Rakosis und Gerös gerechtfertigt.“
Unsere Partei hatte die Ereignisse – soweit sie ihren Verlauf kannte und gestützt auf die aus der Dunkelheit, die das Komplott umgab, hervor dringenden Tatsachen – analysiert und ihre eigenen Schlussfolgerungen gezogen. Unserer Meinung nach war die Konterrevolution vom Weltkapitalismus und von seinem titoistischen Agentenring im schwächsten Kettenglied des sozialistischen Lagers provoziert und organisiert worden, als die Chruschtschow-Clique ihre Stellungen noch nicht konsolidiert hatte. Die Ungarische Partei der Werktätigen und die Diktatur des Proletariats in Ungarn schmolzen schon bei der ersten harten Konfrontation mit der Reaktion hinweg wie Schnee im Regen. Von allem, was geschehen war, ließen uns vor allem folgende Fakten aufhorchen:
In erster Linie brachten die Ereignisse die schwache und oberflächliche Arbeit der ungarischen Partei bei der Erziehung und Führung der Arbeiterklasse ans Licht. Trotz ihrer revolutionären Traditionen verstand es die ungarische Arbeiterklasse während der Konterrevolution nicht, ihre Macht zu verteidigen. Ein Teil von ihr wurde im Gegenteil sogar zur Reserve der Reaktion. Die Partei selbst reagierte nicht wie ein bewusster und organisierter Vortrupp der Klasse, sie wurde innerhalb weniger Tage zerschlagen, was dem Konterrevolutionär Kadar die Möglichkeit gab, sie endgültig zu begraben.
Die Ereignisse im Oktober/November 1956 machten noch einmal den schwankenden Charakter der ungarischen Intellektuellen und der ungarischen Studentenjugend deutlich. Sie wurden zum willfährigen Werkzeug der Reaktion, zum Sturmtrupp der Bourgeoisie. Eine besondere Rolle spielten dabei die konterrevolutionären Schriftsteller, allen voran der Reaktionär und Antikommunist Lukacz, der auch Mitglied der Nagy-Regierung wurde.
Der Fall Ungarn bewies, dass die Bourgeoisie ihre Hoffnungen auf eine Restauration nicht aufgegeben hatte, sondern vielmehr in der Illegalität ihre Vorbereitungen getroffen hatte. Dabei behielt sie sogar die alten Organisationsformen bei, was sich u.a. an der umgehenden Gründung der bürgerlichen, klerikalen und faschistischen Parteien zeigte.
Was in Ungarn geschehen war, bestärkte unsere Partei erneut in der Überzeugung, dass unsere Haltung gegenüber den jugoslawischen Revisionisten richtig war. Die Titoisten waren die wichtigsten Inspiratoren und die Hauptunterstützer der ungarischen Konterrevolution. Die offiziellen Persönlichkeiten und die Presse Jugoslawiens begrüßten die Ereignisse begeistert. Das Geschwätz aus dem Petöfi-Klub wurde in Belgrad veröffentlicht, und die „Theorien“ Titos und Kardeljs waren zusammen mit den Thesen des 20. Parteitags das Banner dieser Schwätzereien.
Doch das war weder neu noch unerwartet für uns. Was uns mehr beunruhigte, war die Rolle der sowjetischen Führung bei diesen Ereignissen, die Abstimmung der Pläne mit Tito, die Intrigen, hinter dem Rücken des ungarischen Volks, die nachhaltige, bittere Rückwirkungen für dieses hatten.
Die Konterrevolution in Ungarn wurde von den sowjetischen Panzern niedergeschlagen, weil Chruschtschow gar nicht anders konnte, als einzugreifen ( sonst hätte er sich endgültig entlarvt). In diesem Punkt hatten Tito und die Imperialisten nicht richtig kalkuliert. Doch dann stellte sich heraus, dass diese Konterrevolution von Konterrevolutionären unterdrückt worden war, die den Kapitalismus restaurierten, allerdings mehr im Verborgenen, unter Wahrung der Farbe und der Masken, wie es die sowjetischen Chruschtschowianer in ihrem Land taten.
Die Fakten im Zusammenhang mit Ungarn verstärkten unsere Zweifel an der Führung der KPdSU, sie beunruhigten und betrübten uns. Wir hatten stets großes Vertrauen zur Bolschewistischen Partei Lenins und Stalins gehabt, und dieses Vertrauen hatten wir wie unsere aufrichtige Liebe für sie und das Sowjetland auch bekundet.
Ein weiteres Zitat aus „Die Chruschtschowianer“ Seite 356 – 358:
„Suslow“ (...) gab seinerseits eine Darstellung der Ereignisse in Ungarn. Suslow kritisierte Rakosi und Gerö, die durch ihre Fehler „große Unzufriedenheit unter dem Volk hervorgerufen“, Nagy aber der Kontrolle entgleiten lassen hätten.
„Nagy und die Jugoslawen“, fuhr er fort, „haben den Sozialismus bekämpft.“
„Warum ist dann Nagy wieder in die Partei aufgenommen worden?“ fragte ich ihn.
„Man hatte ihn zu Unrecht ausgeschlossen, seine Verfehlungen rechtfertigten eine solche Strafe nicht. Kadar dagegen geht jetzt einen richtigen Weg. In eurer Presse hat es einige kritische Bemerkungen über Kadar gegeben. Ihr solltet allerdings bedenken, dass er unterstützt werden muss, weil die Jugoslawen ihn bekämpfen.“
„Wir kennen Kadar nicht sehr gut. Wir wissen nur, dass er im Gefängnis gesessen und zu Imre Nagy gehalten hat.“
Als wir kritisierten, dass wir über die Ereignisse in Ungarn nicht auf dem Laufenden gehalten worden waren,, antwortete Suslow, die Ereignisse seien überraschend gekommen und es habe keine Zeit für Konsultationen gegeben.
„Auch mit den anderen Parteien haben keine Konsultationen stattgefunden.. Erst beim zweiten Eingreifen haben wir uns mit den Chinesen beraten, und Chruschtschow, Malenkow und Molotow sind nach Rumänien und in die Tschechoslowakei gefahren.“
„Wie habt ihr denn die Zeit gefunden, euch mit Tito sogar über Kadars Ernennung zu beraten, während ihr uns überhaupt nicht unterrichtet habt?“ fragte ich.
„Wir haben uns mit Tito nicht über Kadar beraten“, erwiderte er. „Wir sagten ihm nur, für die Regierung Nagy sei kein Platz mehr.“
„Das sind grundsätzliche Fragen“, betonte ich. „Konsultationen sind unerlässlich, doch sie finden nicht statt. Der Beratende Politische Ausschuss des Warschauer Vertrags zum Beispiel ist seit einem Jahr nicht mehr zusammengetreten“.
„Er soll im Januar zusammentreten. Damals jedoch hätte jeder Tag Verzögerung zu einem großen Blutvergießen geführt.“
Ich erklärte ihm unter anderem, uns komme die jetzt verwendete Bezeichnung „Verebrecherbande von Rakosi und Gerö“ befremdlich vor, und wir meinten, dies trage nicht zum Zusammenschluss aller ungarischen Kommunisten bei.
„Rakosis Fehler“, erwiderte Suslow, „haben im Volk und unter den Kommunisten eine schwierige Situation und Unzufriedenheit hervorgerufen.“
Wir wollten konkret etwas über Rakosis und Gerös Fehler erfahren, und Suslow zählte eine Reihe allgemeiner Dinge auf, die dazu dienen sollten, den beiden die gesamte Verantwortung für das Geschehene aufzuladen. Wir verlangten ein konkretes Beispiel, und er sagte:
„Da ist zum Beispiel die Sache mit Rajk. Man bezeichnete ihn als Spion, ohne über irgendwelches Beweismaterial zu verfügen.“
„Wurde mit Rakosi über diese Dinge gesprochen, hat man ihn beraten?“ fragte ich.
„Rakosi nahm keine Ratschläge an“, lautete die Antwort.
Letztes Zitat aus „Die Chruschtschowianer“ von Seite 359 – 364:
Wir [Suslow und Enver – Anmerkung der Redaktion] gingen auseinander, ohne Übereinstimmung erzielt zu haben.
Am selben Tag führten wir auch offizielle Gespräche mit Chruschtschow, Suslow und Ponomarjow. Zunächst ergriff ich das Wort und legte den Standpunkt unserer Partei zu den Ereignissen in Ungarn und Polen sowie zu den Beziehungen mit Jugoslawien dar. Gleich zu Beginn sagte ich:
„Unsere Delegation wird die Auffassungen des Zentralkomitees unserer Partrei zu diesen Fragen freimütig vortragen, auch wenn wir in einigen Punkten Differenzen mit der sowjetischen Führung haben. Diese Ansichten, mögen sie nun angenehm sein oder bitter“, fuhr ich fort, „ werden wir als Marxisten-Leninisten offen sagen, und wir sollten kameradschaftlich darüber diskutieren, ob wir recht haben oder nicht. Und wenn wir nicht recht haben, muss man uns davon überzeugen, warum.“
Im Zusammenhang mit Ungarn hob ich noch einmal die fehlende Information und Konsultation über dieses für das sozialistische Lager so neuralgische Problem hervor.
„In dieser Situation“, sagte ich, „hätte unserer Meinung nach der Beratende Politische Ausschuss des Warschauer Vertrags einberufen werden müssen. In solchen Augenblicken sind Konsultationen unerlässlich, um unser Vorgehen und unsere Haltung zu koordinieren. Das hätte unsere Stärke und Einheit bewiesen.“
Weiter schilderte ich ihnen zum Ungarnproblem unseren Eindruck von der ungarischen Partei, von Rakosi und Gerö. Vor allem betonte ich, dass uns Kadars Einschätzung der beiden als „Verbrecherbande“ merkwürdig erscheine. Unserer Meinung nach seien Rakosis und Gerös Fehler nicht so schwerwiegend gewesen, dass sie eine solche Wertung verdient hätten. „Was die Fehler bei der wirtschaftlichen Entwicklung Ungarns betrifft“, unterstrich ich, „ hat unseres Wissens keine so ernste Situation geherrscht, dass die `Revolte der Massen´ gerechtfertigt gewesen wäre.“ In diesem Punkt akzeptierten die Sowjets unsere Meinung und gaben zu, dass die wirtschaftliche Situation nicht schwierig gewesen war.
Des Weiteren sprach ich auch über die Haltung zu Nagy, Kadar usw. Ich brachte das Misstrauen unserer Partei Kadar gegenüber zum Ausdruck, fügte jedoch hinzu, trotzdem hätten wir ihm gegenüber eine sehr sachliche Haltung eingenommen.
Ich hob die Rolle hervor, die die jugoslawischen Revisionisten bei den Ereignissen in Ungarn gespielt hatten, und betonte, die Partei der Arbeit Albaniens könne nicht billigen, dass Tito bei diesen Ereignissen eine Schiedsrichterrolle übertragen worden sei.
Zu den Beziehungen mit Jugoslawien gab ich zunächst eine historische Darstellung des Problems und erklärte dann, wie wir es im Polibüro beschlossen hatten, im Wesentlichen folgendes:
Schon seit langem betreiben die Jugoslawen eine feindselige Tätigkeit gegen unsere Partei und unser Land. Unserer Meinung nach sind die jugoslawischen Führer Anti-marxisten und gehören zusammen mit den Agenturen der amerikanischen Imperialisten zu denen, die die Ereignisse in Ungarn am meisten geschürt haben. Die Beziehungen zu Jugoslawien dürfen nur auf marxistisch-leninistischem Weg normalisiert werden, ohne Zugeständnisse, wie sie gemacht worden sind. Die Partei der Arbeit Albaniens ist der Ansicht, dass die Sowjetunion das durch Gošnjak vorgebrachte Ersuchen Jugoslawiens um Waffenlieferungen nicht erfüllen darf. Wir selbst werden zu Jugoslawien nur staatliche und Handelsbeziehungen unterhalten, keinesfalls jedoch Parteibeziehungen.
Ganz besonders betonte ich im Namen des Zentralkomitees unserer Partei noch einmal, dass Chruschtschows Belgradreise 1955 unserer Meinung nach nicht hätte erfolgen dürfen, ohne die Bruderparteien zu konsultieren, ohne das Informationsbüro, das Tito als Anti-marxisten verurteilt hatte, einzuberufen.
Als ich fertig war, ergriff Nikita Chruschtschow das Wort. Er fing an zu erzählen, wie er die jugoslawischen Führer wegen ihrer Haltung unserer Partei und unserem Land gegenüber kritisiert hatte. Chruschtschow tat, als billige und unterstütze er unsere Ansichten und Auffassungen, verzichtete aber trotzdem nicht darauf, uns seine Einwände und „Ratschläge“ mitzuteilen. So sagte er über meinen Artikel, der in der Prawda veröffentlicht worden war:
„Tito war wütend über diesen Artikel. Wir hatten im Präsidium daran gedacht, einige Teile herauszunehmen, doch ihr hattet gesagt, es solle nichts geändert werden, und so veröffentlichten wir ihn, wie er war. Trotzdem, der Artikel hätte auch in anderer Form geschrieben werden können.“
Was die Ereignisse in Ungarn und Polen anbelangt, kam Chruschtschow wieder mit dem alten Lied an. Unter anderem gab er uns die „Anweisung“, Kadar und Gomulka zu unterstützen. Über letzteren sagte er uns:
„Gomulka ist in einer schwierigen Lage, denn die Reaktion macht mobil. Was in der Presse geschrieben wird, sind nicht die Ansichten des Zentralkomitees, sondern die Ansichten einiger weniger, die gegen Gomulka aufbegehren. Die Situation dort stabilisiert sich allmählich. Jetzt sind in Polen die bevorstehenden Wahlen wichtig. Aus diesem Grund müssen wir Gomulka unterstützen. Deshalb wird Tschou En-lai dort hinfahren, was sehr dazu beitragen wird, Gomulkas Stellung zu festigen. Wir hielten es für besser, wenn die Chinesen sprechen und nicht wir, denn gegen uns hat die Reaktion mobil gemacht.“
Und so reiste Tschou En-lai, um Chruschtschow zu helfen, im Einvernehmen mit ihm nach Polen ( im Januar 1957).
Dann „riet“ uns Chruschtschow, den Jugoslawen gegenüber eine besonnene Haltung einzunehmen, und machte „große Politik“, indem er uns erzählte, welche Unterschiede angeblich zwischen den jugoslawischen Führern bestanden. Am Ende seiner Rede verströmte Chruschtschow „Weihrauch“ und versprach, sie würden unsere wirtschaftlichen Forderungen studieren und uns helfen.
So gingen diese Gespräche zu Ende, bei denen wir unsere Meinung sagten und die sowjetischen Führer versuchten, die Verantwortung für alles. Was geschehen war, von sich abzuwälzen. So wurde auch die Diskussion über dieses tragische Kapitel in der Geschichte des ungarischen und polnischen Volkes abgeschlossen. Die Konterrevolution wurde niedergeschlagen, hier durch sowjetische und dort durch polnische Panzer, doch sie wurde von Feinden der Revolution niedergeschlagen. Aber das Übel und die Tragödie waren noch nicht zu Ende, man ließ nur den Vorhang fallen, und hinter den Kulissen setzten Kadar, Gomulka und Chruschtschow ihre Verbrechen fort, bis ihr Verrat mit der Restauration des Kapitalismus vollendet war.
[ENDE des AUSZUGES aus „Die Chruschtschowianer“]