
Josef Wissarionowitsch Stalin (Dshugaschwili)
– der große, geliebte und unsterbliche Sohn des georgischen Volkes -
Eine kurze Beschreibung seiner ersten Lebens- und Schaffensperiode im Kaukasus (*) - aus aktueller Sicht
(*) basierend auf der 1945 in Moskau veröffentlichten „Kurzen Lebensbeschreibung“
Es gibt niemanden auf der Welt, den die Imperialisten mehr hassen und fürchten als den Genossen Stalin. Und sie marschieren in Georgien ein so als wenn sie über Stalin „endgültig“ triumphieren wollten. Aber sie vergessen eins: Stalin lebt! Stalin ist und bleibt unbesiegbar! Die Imperialisten werden sich an Georgien die Zähne ausbeißen und mit eingezogenem Schwanz wieder aus dem Kaukasus verschwinden. Es ist das Heimatland des Genossen Stalin, es ist das stolze und freiheitsliebende und revolutionäre georgische Volk, das den großen, unsterblichen Sohn und Führer der ehemaligen Sowjetvölker nach wie vor verehrt und liebt. Man kann heute nicht so tun, als wenn es in Georgien niemals Sozialismus gegeben hätte. Man kann also heute nicht von einer „Befreiung“ des Kaukasus faseln. Was für eine Befreiung soll das denn sein und von wem? Man kann doch die Menschen im Kaukasus nicht für dumm verkaufen! Der Weltimperialismus muss wissen, dass das georgische Volk reichlich historische Erfahrungen mit dem Kampf gegen den Zarismus und den sowjetischen Sozialimperialismus, mit den westlichen ausländischen Mächten, dem türkischen Reich und vielen anderen reaktionären ausländischen Kräften gesammelt hatte, die alle das Blut der transkaukasischen Völker vergossen haben, um die Schätze des Kaukasus auszurauben und diese geo-politisch strategisch wichtige Brücke zwischen Ost und West, Nord und Süd, zu besetzen. Es war Stalin, der die Völker Transkaukasien in ihrem Befreiungskampf führte, diese vereinigte, und der die dort äußerst komplizierte nationale und soziale Frage glänzend löste und den Kaukasus zu einem sozialistischen Bollwerk gegen den Weltimperialismus aufbaute, vor allem aber auch im Zweiten Weltkrieg heldenhaft verteidigte. Keiner hat die Geschichte des Kaukasus mehr geprägt als Stalin. Man kann also heute die Ereignisse in Georgien, man kann das georgische Volk und die anderen Völker Transkaukasiens, gar nicht richtig verstehen, wenn man die Nachhaltigkeit des revolutionären Leben und Wirken Stalins im Kaukasus verschweigt und ausklammert. Die Komintern (ML) veröffentlicht hier aus diesem Grund eine kurze Beschreibung des Lebens und Wirkens Stalins im Kaukasus.
Josef Wissarionowitsch Stalin (Dshugaschwili) wurde am 21. Dezember 1879 in der Stadt Gori, Gouvernement Tiflis, geboren, einer damals 7 500 Einwohner zählende Kleinstadt nahe der Hauptstadt Tiflis. Die Vorfahren kommen aus den Bergen von Ossetien im nördlichen Kaukasus – Nachkommen der Einwanderer von der Insel Dschu – daher der Name Dschugaschwili („Sohn der Insel „Dschu“). Sein Vater, Wissarion Iwanowitsch Dschugaschwili, der Nationalität nach Georgier, stammte aus einer Bauernfamilie des Dorfes Didi-Lilo, aus dem Bergland zwischen Tiflis und Gori , war von Beruf Schuhmacher, späterhin Arbeiter der Schuhfabrik Adelchanow in Tiflis. Das georgische Volk hatte unter der Brutalität des Zarenregimes zu leiden und bildete eine kleine Befreiungsarmee in den Bergen, von wo aus sie Aufstände organisierte. Sie nannten sich die Abreken. Um diese Freiheitkämpfer rankten zahlreiche Legenden, von denen sich auch der junge Josef Wissariononowitsch begeisterte. Der Name „Abreke“ kommt aus dem Ossetischen, einer ursprünglich iranischen Sprache und bedeutet so viel wie „Freiheitskämpfer“. Stalin las über den Gebirgshelden Koba und hatte als Kind schon einen festen Wunsch:
„Ab jetzt bin ich Koba. Ich will in seine Fußstapfen treten. Ich will mein Leben dem Kampf um die Befreiung unseres Volkes widmen, damit Georgien frei und glücklich wird.“
Die Mutter, Jekaterina Georgijewna Dschugaschwili, entstammte der Familie des leibeigenen Bauern Geladse aus dem Dorfe Gambareuli. Stalin wuchs in Armut auf und war es von klein auf an gewohnt, Entbehrungen auf sich zu nehmen. Er führte Zeit seines Lebens ein bescheidenes Leben, u.a. auch im Kreml. Jeglicher persönlicher Luxus und Pomp war ihm fremd und verhasst.
Im Herbst 1888 wurde Stalin in die vierklassige, geistliche Elementarschule von Gori aufgenommen. Seine Mutter verdiente das Schulgeld mit schwerer Arbeit. In der Schule lernte Stalin russisch, alt-griechisch und hebräisch. Im Jahre 1894 beendete Stalin die Schule mit der besten Kategorie. Er absolvierte die Aufnahmeprüfung ins Priesterseminar so brilliant, dass er sofort ein Stipendium erhielt. Seine bis ans Lebensende strenggläubige Mutter, deren Wunsch es war, aus ihrem Sohn einen Priester zu machen ( so erhielt er schon mit seiner Geburt den Vornamen „Josef“), war natürlich sehr stolz auf ihren Sohn. Der Vater wollte hingegen einen Schuster aus ihm machen. Aber Stalin wurde weder das Eine noch das Andere.
Im gleichen Jahr fand der Marxismus in Russland dank der Entwicklung des industriellen Kapitalismus und dem Wachstum der Arbeiterbewegung weite Verbreitung. Der von Lenin geschaffene und geleitete Petersburger „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“ gab der Entwicklung der sozialdemokratischen Bewegung im ganzen Lande einen mächtigen Anstoß. Die Wellen der Arbeiterbewegung erfassten auch Transkaukasien, wo der Kapitalismus bereits Fuß gefasst hatte und die national-koloniale Unterdrückung stark war. Transkaukasien war eine typische Kolonie des russischen Zarismus, ein wirtschaftlich rückständiges Agrarland mit noch starken Überresten des Feudalismus, ein Land, das von zahlreichen Nationalitäten bewohnt war, die in einem bunten Gemisch nebeneinander lebten. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts setzte in Trandkaukasien eine rasche Entwicklung des Kapitalismus ein; die Arbeiter und Bauern wurden einer räuberischen Ausbeutung unterworfen, und zudem die national-koloniale Unterdrückung verschärft. Besonders rasch entwickelte sich der Bergbau, die Gewinnung und Verarbeitung von Erdöl; hier hatte das ausländische Kapital die entscheidenden Positionen an sich gerissen, so wie heute wieder. Deswegen der neue Konfliktherd „Georgien“, dem neuen Zankapfel ausländischer imperialistischer Mächte.
„Der russische Kapitalismus“, schrieb Lenin, „zog auf diese Weise den Kaukasus in den Weltwarenverkehr hinein, er nivilierte seine örtlichen Besonderheiten – Überreste der alten, patriarchalischen Abgeschlossenheit – und schuf sich einen Markt für seine Fabriken. Das Land, das zu Beginn der Nachreformzeit noch schwach besiedelt oder von Bergvölkern bewohnt war, die abseits der Weltwirtschaft und sogar abseits der Geschichte standen, verwandelte sich in ein Land der Erdölindustriellen, der Weinhändler, Großproduzenten von Weizen und Tabak...“ (Lenin, Ausgewählte Werke Band 1, Seite 239).
Mit dem Aufkommen der Eisenbahnen und der ersten Fabriken und Werke im Kaukasus kam auch die Arbeiterklasse auf. Besonders rasch entwickelte sich das erdölreiche Baku, das große Industrie- und Arbeiterzentrum des Kaukasus.
Die Entwicklung des Industriekapitalismus hatte ein Anwachsen der Arbeiterbewegung im Gefolge. In den neunziger Jahren leisteten in Transkaukasien die dorthin verschickten russischen Marxisten revolutionäre Arbeit. In Transkaukasien setzte die Propaganda des Marxismus ein. Das Tifliser Seminar war damals eine Pflanzstätte für jede Art von Befreioungsideen unter der Jugend, sowohl von volkstümlerisch-nationalistischen als auch von marxistisch-internationalistischen; es wimmelte von verschiedenartigen geheimen Zirkeln. Das im Seminar herrschende Jesuitenregime rief bei Stalin stürmischen Protest hervor, nährte und verstärkte in ihm die revolutionäre Gesinnung. Der fünfzehnjährige Stalin wurde zum Revolutionär.
Am 13. Dezember 1931 führte Stalin eine Unterredung mit dem deutschen Schriftsteller Emil Ludwig, der Stalin Fragen zu seiner Biographie stellte. Sehen wir uns zunächst einmal an, was Stalin darauf zur Antwort gab, bevor wir dann mit Stalin im Jahre 1895 fortfahren:
Ludwig. Gestatten Sie mir, Ihnen einige Fragen zu Ihrer Biographie zu stellen. Als ich bei Masaryk war, erklärte er mir, dass er sich seit seinem sechsten Lebensjahr zum Sozialismus bekannte. Was führte Sie zum Sozialismus, und wann wurden Sie Sozialist?
Stalin. Ich kann nicht behaupten, dass ich schon seit meinem sechsten Lebensjahr einen Hang zum Sozialismus hatte, nicht einmal seit meinem zehnten oder zwölften Lebensjahr. In die revolutionäre Bewegung trat ich im Alter von 15 Jahren ein, als ich mit den illegalen Gruppen russischer Marxisten, die damals in Transkaukasien lebten, Verbindung aufgenommen hatte. Diese Gruppen übten großen Einfluss auf mich aus und brachten mir Geschmack an der illegalen marxistischen Literatur bei.
Ludwig: Was trieb Sie in die Opposition? Vielleicht schlechte Behandlung seitens der Eltern?
Stalin. Meine Eltern waren zwar keine gebildeten Leute, aber sie behandelten mich keineswegs schlecht. Ganz anders war es im griechisch-orthodoxen Priesterseminar, wo ich damals lernte. Aus Protest gegen das schändliche Regime und die jesuitischen Methoden, die im Seminar angewandt wurden, war ich bereit, Revolutionär zu werden, und ich wurde tatsächlich Revolutionär, ein Anhänger des Marxismus, dieser wahrhaft revolutionären Lehre.
Ludwig. Aber erkennen Sie denn die positiven Eigenschaften der Jesuiten nicht an?
Stalin. Ja, sie besitzen Systematik und Beharrlichkeit beim Verfolgen ihrer schlechten Zile. Ihre Hauptmethode aber ist Spitzelei, Spionage, Ausspürerei, Verhöhnung; was kann daran Positives sein? Zum Beispiel die Spitzelei im Internat: um neun Uhr wird zum Tee geläutet, wir gehen in den Speisesaal; nach Rückkehr in unsere Zimmer aber stellen wir fest, dass während dieser Zeit alle unsere Schubladen durchsucht und durchwühlt worden sind ... Was kann daran Positives sein?
[Anmerkung: ... durchwühlt, weil die Leitung nach verbotener Literatur der Studenten suchte. Schriften in georgischer Sprache waren verboten zu lesen. Stalin wurde des Öfteren vom Rektor in eine Strafzelle eingesperrt, weil er beim Lesen verbotener Literatur erwischt wurde. Das Seminarleben wurde von den Studenten wie ein „Gefängnis“ empfunden. Das Priesterseminar und alles, was mit den Unterdrückungsmethoden des zaristischen Herrschaftssystems zusammenhing, waren bei Stalin von Anfang an zutiefst verhasst. So verweigerte er zum Beispiel die obligatorische Verbeugung vor den Lehrern und handelte sich häufig Disziplinarstrafen ein. Die Zeiträume der Zellenhaft wurden immer länger und die Strafen immer drakonischer].
Ludwig: Sie rauchen eine Zigarette. Wo ist Ihre legandäre Pfeife ?
Stalin. Ich habe die Pfeife zu Hause liegen lassen.
Ludwig. Meine Frage ist folgende: Sie haben sich wiederholt Risiko und Gefahren ausgesetzt, man hat Sie verfolgt. Sie haben an Kämpfen teilgenommen. Eine Reihe Ihrer besten Freunde ist ums Leben gekommen. Sie sind am Leben geblieben. Womit erklären Sie das? Und glauben Sie an ein Schicksal?
Stalin. Nein, ich glaube nicht daran. Bolschewiki, Marxisten glauben nicht an 'Schicksal'. Schon der Begriff 'Schicksal' (bei Stalin deutsch. Der Übersetzer) ist ein Vorurteil, ist Unsinn, ist ein Überbleibsel der Mythologie, etwa der Mythologie der alten Griechen, bei denen die Schicksalsgöttin die Geschicke der Menschen lenkte.
Ludwig. So ist also die Tatsache, dass Sie am Leben geblieben sind, ein Zufall?
Stalin. Es gibt innere und äußere Ursachen, deren Gesamtheit dazu geführt hat, dass ich am Leben geblieben bin. Aber ganz unabhängig davon könnte an meiner Stelle ein anderer sein, denn es muss hier jemand sitzen. Das 'Schicksal' ist etwas Ungesetzmäßiges, etwas Mystisches. Ich glaube nicht an Mystik. Selbstverständlich gab es Ursachen dafür, dass die Gefahren an mir vorübergingen. Es hätte aber eine Reihe anderer Zufälle, eine Reihe anderer Ursachen geben können, die zu einem direkt entgegengesetzten Resultat hätten führen können. Das hat nichts mit dem so genannten Schicksal zu tun.
Ludwig. Lenin lebte viele Jahre im Ausland, in der Emigration. Sie waren nur sehr kurze Zeit im Ausland. Halten Sie das für einen Mangel, glauben Sie, dass die Revolutionäre der Revolution mehr Nutzen brachten, die in der ausländischen Emigration lebten und die Möglichkeit hatten, Europa, genau zu studieren, dafür aber den unmittelbaren Kontakt mit dem Volk verloren, oder die Revolutionäre, die hier arbeiten, die Stimmung des Volkes kannten, dafür aber von Europa wenig wussten?
Stalin. Lenin muss man bei diesem Vergleich ausschließen. Nur sehr wenige von denen, die in Russland blieben, waren so eng mit der russischen Wirklichkeit, mit der Arbeiterbewegung innerhalb des Landes verbunden wie Lenin, obwohl er lange im Ausland lebte. Immer, wenn ich ihn im Ausland besuchte – 1906, 1907, 1912 und 1913 [Anmerkung: Gemeint sind die Begegnungen Stalins mit Lenin in Stockholm auf dem IV. Parteitag der SDAPR (1906), in London während des V. Parteitags der SDAPR (1907) und während der Reisen Stalins ins Ausland – Krakau, Wien (1912 und 1913. Zum ersten Mal begegneten sich Lenin und Stalin im Dezember 1905 auf der Ersten Allrussischen Bolschewistischen Konferenz in Tampere (Tammerfors) in Finnland] , sah ich bei ihm Stöße von Briefen von Praktikern aus Russland, und immer wusste Lenin mehr als jene, die in Russland geblieben waren. Er empfand seinen Aufenthalt im Ausland stets als Last.
In unserer Partei und ihrer Führung gibt es natürlich weit mehr Genossen, die in Russland bleiben und nicht ins Ausland emigrierten, als ehemalige Emigranten, und sie hatten natürlich die Möglichkeit, der Revolution größeren Nutzen zu bringen als die im Ausland lebenden Emigranten. In unserer Partei sind nur noch wenig Emigranten. Auf zwei Millionen Parteimitglieder kommen hundert bis zweihundert. Von siebzig Mitgliedern des ZK waren kaum mehr als drei bis vier in der Emigration.
Was die Kenntnis Europas, das Studium Europas anbetrifft, so hatten selbstverständlich diejenigen, die Europa studieren wollten, mehr Möglichkeiten, dies zu tun, wenn sie in Europa lebten. Und in diesem Sinne haben diejenigen von uns, die nicht längere Zeit im Ausland gelebt haben, einiges versäumt. Aber der Aufenthalt im Ausland ist keineswegs von entscheidender Bedeutung für das Studium der europäischen Wirtschaft, Technik, der Kader der Arbeiterbewegung, jeglicher Literatur, der schönen wie der wissenschaftlichen. Unter sonst gleichen Bedingungen ist es natürlich leichter, Europa zu studieren, wenn man dort gelebt hat. Aber dieses Minus, das bei den Menschen besteht, die nicht in Europa gelebt haben, hat keine große Bedeutung. Im Gegenteil, ich kenne viele Genossen, die zwanzig Jahre im Ausland verbrachten, irgendwo in Charlottenburg oder im Quartier Latin lebten, jahrelang in Cafés herumsaßen, Bier tranken und trotzdem nicht imstande waren, Europa kennenzulernen und zu verstehen (Stalin, „Unterredung mit dem deutschen Schriftsteller Emil Ludwig“ , Band 13, Seite 93 – 109).
1895 tritt Stalin in Verbindung mit illegalen Gruppen russischer revolutionärer Marxisten, die von der Zarenregierung nach Transkaukasien verbannt worden waren. In den Jahren 1896 und 1897 steht Stalin an der Spitze der marxistischen Zirkel des Seminars. Im August 1898 tritt er auch formell der Tifliser Organisation der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands bei. Stalin wird Mitglied der Gruppe „Messame-Dassi“, der ersten georgischen sozialdemokratischen Organisation, die in den Jahren 1893 bis 1898 eine gewisse positive Rolle bei der Verbreitung der Ideen des Marxismus spielte. Die Messame-Dassi“ war politisch nicht einheitlich: ihre Mehrheit vertrat den Standpunkt des „legalen Marxismus“ und neigte zum bürgerlichen Nationalismus. Stalin, Kezchoweli und Zulukidse bildeten in der „Messame-Dassi“ den führenden Kern der revolutionären marxistischen Minderheit, die zur Keimzelle der revolutionären Sozialdemokratie Georgiens wurde. In der „Messame-Dassi“ tauchten die ersten scharfen Meinungsverschiedenheiten zwischen der revolutionären Minderheit und der opportunistischen Mehrheit auf.
Stalin arbeitet viel und beharrlich an seiner Bildung. Er studiert das „Kapital“ von Marx, das „Manifest der Kommunistischen Partei“ und andere Werke von Marx und Engels, macht sich mit den gegen die Volkstümlerrichtung, den „legalen Marxismus“ und „Ökonomismus“ gerichteten Schriften und weiteren Frühwerken Lenins vertraut. Der Kreis des theoretischen Interesses Stalins ist außerordentlich umfassend: er studiert Philosophie, politische Ökonomie, Geschichte, Naturwissenschaften, liest die Werke der Klassiker der schönen Literatur. Stalin wird zu einem gebildeten Marxisten. Bereits damals übten die Arbeiten Lenins einen tiefen Eindruck auf Stalin aus. Einer der Genossen, die Stalin in dieser Zeit gut kannten, erinnert sich, wie Stalin, als er eine Arbeit Tulins (Lenin) gelesen hatte, ausrief: „Ich muss ihn um jeden Preis sehen!“ („Erzählungen alter Arbeiter über den großen Stalin“, Erinnerungen des Genossen P. Kapanadse, Moskau, 1940, Seite 11.)
Stalin leistete in diesem Zeitabschnitt eine intensive propagandistische Arbeit in Arbeiterzirkeln, nimmt an illegalen Arbeiterversammlungen teil, verfasste Flugblätter und organisierte Streiks. Das war für Stalin die erste Schule der praktischen revolutionären Arbeit unter den fortgeschrittenen Proletariern der Stadt Tiflis.
„Ich erinnere mich des Jahres 1898“, sagte Stalin, „als man mir zum ersten Mal einen Zirkeln von Arbeitern der Eisenbahnwerkstätten zuteilte. Das war vor 28 Jahren. Ich erinnere mich, wie ich in der Wohnung des Genossen Sturua, in Anwesenheit von Dshibladse (er war damals einer meiner Lehrer), Tschodrischwili, Tscheidse, Botschorischwili, Ninua und anderen fortgeschrittenen Arbeitern meinen ersten Unterricht in der praktischen Arbeit erhielt. Im Vergleich zu diesen Genossen war ich damals recht jung. Vielleicht war ich damals ein wenig belesener als viele dieser Genossen, aber in der praktischen Arbeit war ich damals zweifellos ein Anfänger. Hier, im Kreise dieser Genossen, erhielt ich damals meine erste revolutionäre Feuertaufe. Hier, im Kreise dieser Genossen, wurde ich damals ein Lehrling der Revolution. Sie sehen, meine ersten Lehrer waren die Tifliser Arbeiter“ (Prawda, Nr. 136, vom 16. Juni 1926, Band 8, Seite 154-155, „Antwort auf die Begrüßungsansprachen der Arbeiter der Eisenbahnhauptwerkstätten in Tiflis vom 8. Juni 1926).
Im Seminar, wo die „Verdächtigen“ unter scharfe Beobachtung gestellt wurden, kam man der illegalen revolutionären Tätigkeit Stalins auf die Spur. Am 29. Mai 1899 wird er wegen Propaganda des Marxismus aus dem Seminar ausgeschlossen. Stalin schlägt sich einige Zeit mit Stundengeben durch und findet dann Arbeit im Tifliser Physikalischen Observatorium als Beobachter und Berechner, ohne die revolutionäre Tätigkeit auch nur im Geringsten einzustellen.
Bereits zu dieser Zeit ist Stalin einer der energischsten und hervorragendsten Parteiarbeiter der Tifliser sozialdemokratischen Organisation. In der Gegend des Tifliser Salzsees hält Stalin auf einer proletarischen Maifeier die Rede.
Stalin stand an der Spitze dieser Gruppe. Der Leninsche „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“ war das Vorbild, dem die Tifliser revolutionären Sozialdemokraten in ihrer Arbeit unentwegt folgten. Unter Führung der revolutionären Minderheit der „Messame-Dassi“ (Stalin, Kezchoweli, Zulukidse) überschreitet die Arbeiterbewegung in Tiflis in diesem Zeitabschnitt den Rahmen der alten, rein propagandistischen Arbeit „mit hervorragenden Einzelpersonen“ aus den Reihen der Arbeiter. Die Agitation unter den Massen durch Herausgabe von Flugblättern über aktuelle Themen, durch fliegende Versammlungen und politische Demonstrationen gegen den Zarismus wird durch das Leben in den Vordergrund gerückt. Die neue Taktik stößt auf den scharfen Widerstand der opportunistischen Mehrheit der „Messame-Dassi“, die zum „Ökonomismus“ neigt, vor revolutionären Methoden zurückschreckt und den politischen „Straßenkampf“ gegen die Selbstherrschaft ablehnt. Stalin und die revolutionäre Minderheit der „Messame-Dassi“ führen einen heftigen und unversöhnlichen Kampf gegen den Opportunismus, für die Durchsetzung der neuen Taktik, der Taktik der politischen Massenagitation. Sie finden bei den fortgeschrittenen Arbeitern von Tiflis begeisterte Unterstützung.
Beim Übergang der Tifliser Sozialdemokraten zu neuen Arbeitsmethoden spielte Viktor Kurnatowski, ein Chemiearbeiter, eine hervorragende Rolle. Er war ein geschulter Marxist, standhafter Anhänger und naher Kampfgefährte Lenins, der die Leninschen Ideen nach Trandkaukasien verpflanzte. Im Herbst 1900 in Tiflis eingetroffen, stellt er enge Beziehungen zu Stalin und der Minderheit der „Messame-Dassi“ her und wird zu einem der nächsten Freunde und Kampfgefährten Stalins.
Als im Dezember 1900 die Leninsche „Iskra“ zu erscheinen begann, stellte sich Stalin restlos auf ihren Standpunkt. Stalin erkannte in Lenin sofort den Begründer einer wahrhaft marxistischen Partei, ihren Führer und Lehrer.
„Die Bekanntschaft mit Lenins revolutionärer Tätigkeit seit Ende der neunziger Jahre und besonders nach dem Jahre 1901, nach der Herausgabe der 'Iskra'“, sagte Stalin, „ hatte mich zu der Überzeugung gebracht, dass wir in Lenin einen außergewöhnlichen Menschen besitzen. Er war damals in meinen Augen kein einfacher Führer der Partei, sondern ihr tatsächlicher Schöpfer, denn er allein verstand das innere Wesen und die dringenden Bedürfnisse unserer Partei. Wenn ich ihn mit den übrigen Führern unserer Partei verglich, schien es mir immer, dass Lenin seine Kampfgefährten – Plechanow, Martow, Axelrod und andere – um Haupteslänge überragt, dass Lenin im Vergleich mit ihnen nicht einfach einer der Führer, sondern ein Führer höheren Typs ist, ein Bergadler, der keine Furcht im Kampfe kennt und kühn die Partei vorwärts führt auf den unerforschten Wegen der russischen revolutionären Bewegung“ (Stalin, „Über Lenin“).
Stalin war von grenzenlosem Glauben an Lenins revolutionären Genius erfüllt und ging den Weg Lenins. Er ist von diesem Wege niemals abgewichen und führte nach dem Tode Lenins dessen Werk kühn und sicher fort.
Unter den Bedingungen der einsetzenden Wirtschaftskrise, unter dem Einfluss der Arbeiterbewegung Russlands und im Gefolge der Tätigkeit der Sozialdemokraten steigt in Tiflis in den Jahren 1900 bis 1901 die Welle der wirtschaftlichen Streiks, die einen Betrieb nach dem anderen erfassen:
„In den Jahren 1900/ 01 fanden in Tiflis in den großen Eisenbahnwerkstätten große Unruhen statt. Ende Dezember 1900 hatte sich eine Katastrophe ereignet, wie sie in dem schwierigen, gebirgigen Gelände und mit dem technisch veralteten Material keine Seltenheit waren. Um die Mittel für die notwendigen Reparaturen zur Verfügung stellen zu können, mussten an den Löhnen der kleinen Angestellten und Arbeiter Einsparungen vorgenommen werden. Es gab Verhandlungen hin und her. Eine friedliche Lösung schien möglich. Aber im Hintergrund wirkte eine Kraft, mit der man von beiden Seiten nicht gerechnet hatte: Koba arbeitete als Werkzeugschlosser in den Tifliser Reparaturwerkstätten der Eisenbahn. Wann er sich das handwerkliche Können angeeignet hat, blieb immer dunkel. Aber es war tatsächlich so. Denn mit dem richtigen Instinkt sagte er sich, dass nur ein anerkannter Handwerker, der seine Sache verstand, von den Arbeitern im Letzten ernst genommen würde, wenn er auch als `Parteiwerkzeug' stets `mittendrin` stand, ebenso flink wie unermüdlich. Neben der Erfüllung seiner bescheidenen Aufgaben sorgte er – auf eigene Faust – dafür, dass die Stimmungskurve nicht sank, sondern stieg. Er hetzte und lancierte seine Ideen so lange, bis es zur ersten großen Arbeiter-Massendemonstration kam. Russland war entsetzt. Das Ausland horchte auf. Die Parteifunktionäre merkten erst jetzt, dass sie ihre Gelegenheit verschwätzt hatten. Sie fanden nicht den Mut, ihre wirkliche Unschuld an den Geschehnissen einzugestehen, und ließen sich verhaften. Der wahre Anführer, unentdeckt und unerkannt, suchte nicht nach Lorbeeren und verschwand. Kurz danach wurde er in die örtliche Parteileitung gewählt“ (Achmed Amba, „Ein Mensch sieht Stalin“, Rowohlt,1951, Seite 58).
Stalin hält am 23. April 1900 in Tiflis seine erste große Rede, eine Rede zum Kampftag der internationalen Arbeiterklasse: „Unsere rote Fahne muss im Zentrum von Tiflis zu sehen sein, damit die Tyrannei unsere Stärke spürt.“ (Erinnerungen von Allilujew, dem späteren Schwiegervater von Stalin und Kampfgefährten Lenins, Seite 49 - 51). Auf der Maidemonstration waren Bilder von Marx und Engels zu sehen – vorher hatte es so etwas im ganzen Kaukasus noch nicht gegeben. Im August 1900 bricht dann der grandiose Streik der Arbeiter der Eisenbahnwerkstätten und des Eisenbahndepots aus. An diesem Streik nimmt M. I. Kalinin, damals Metallarbeiter, aktiv teil, der aus Petersburg nach dem Kaukasus verschickt ist.
Im darauf folgenden Winter spricht der politische Agitator Stalin auf illegalen Arbeiterversammlungen, aber stets nur kurz, denn die Gendarnerie ist ihm ständig auf den Fersen. Zwei, drei Genossen stehen an der Tür postiert, um Wache zu halten (Henri Barbusse, 1955, Stalin, Seite 18-19).
Auch im nächsten Jahr, am 22. April 1901, findet auf dem Soldatenmarkt in der Tifliser Innenstadt eine Maidemonstration statt. Stalin ist der Organisator und Führer dieser Demonstration, an der sich über 2000 beteiligten. Während der Demonstration kam es zu einem Zusammenstoß mit Polizei und Militär, wobei 14 Arbeiter verwundet und mehr als 50 verhaftet wurden. Berittene Kosacken, die zur Verstärkung geordert worden waren, versuchten mit Säbelhieben, den Fahnenträger abzuschlachten, aber die Menge wehrte sich mit Stöcken und Steinen und reichte die rote Fahne von einem zum anderen. Stalin hatte vorsorglich angeordnet, dass die erste Reihe der Demonstanten Schutzkleidung zu tragen hatten. Die Leninsche „Iskra“ schätzte diese Demonstration als ein Ereignis von historischer Bedeutung für den ganzen Kaukasus ein: „Das Tifliser Ereignis vom Sonntag, dem 22. April ist für den ganzen Kaukasus historisch denkwürdig: mit diesem Tage beginnt im Kaukasus die offene revolutionäre Bewegung“ (Iskra Nr. 6, Juli 1901). Lenin, zu jener Zeit in Emigration, erfuhr durch Krassin zum ersten Mal von der Existenz Stalins und war so beeindruckt, dass er die Genossen umgehend anwies, den Aufbau der sozialdemokratischen Organisation im Kaukasus mit allen Mitteln in Angriff zu nehmen (siehe Lenins Briefe)..
So wurde in diesen Jahren unter Führung der revolutionären Minderheit der „Messame-Dassi“ mit Stalin an der Spitze der Übergang der Arbeiterbewegung Georgiens von der Propaganda in kleinen Zirkeln zur politischen Massenagitation vollzogen. Damit wurde auch im Kaukasus die Vereinigung des Sozialismus mit der Arbeiterbewegung eingeleitet, genau so, wie einige Jahre vorher der von Lenin geführte Petersburger „Kampfbund“ derselben Aufgabe in glänzender Weise gerecht wurde. Lenin stand mit der Organisation in Baku und einer Reihe anderer Organisationen im Briefwechsel. Schon in dieser Periode wird eine feste Verbindung zwischen Lenin und der von Stalin geschaffenen transkaukasischen „Iskra“-Organisation hergestellt.
„Die Bekanntschaft mit Lenins revolutionärer Tätigkeit“, sagt Stalin, „seit Ende der neunziger Jahre und besonders nach dem Jahre 1901, nach der Herausgabe der 'Iskra' , hatte nich zu der Überzeugung gebracht, dass wir in Lenin einen außergewöhnlichen Menschen besitzen. Er war damals in meinen Augen nicht ein einfacher Führer der Partei, sondern ihr tatsächlicher Schöpfer, denn er allein verstand das innere Wesen und die drongenden Bedürfnisse unserer Partei. Wenn ich ihn mit den übrigen Führern unserer Partei verglich, schien es mir immer, dass Lenin seine Kampfgefährten – Plechanow, Martow, Axelrod und andere – um einen ganzen Kopf überragt, dass Lenin im Vergleich zu ihnen nicht einfach einer der Führer, sondern ein Führer höheren Typs ist, ein Bergadler, der keine Furcht im Kampfe kennt und kühn die Partei vorwärtsführt auf den unerforschten Wegen der russischen revolutionären Bewegung“ (Stalin, „Über Lenin“).
Die durch das Anwachsen des revolutionären Kampfes des transkaukasischen Proletariats beunruhigte zaristische Regierung verschärfte die Gewaltmaßnahmen und glaubte, dadurch der Bewegung Einhalt gebieten zu können. In der Nacht zum 22. März 1901 führte die Polizei eine Haussuchung im Physikalischen Observatorium durch, wo Stalin wohnte und arbeitete. Die Haussuchung und der später bekannt gewordene Haftbefehl der Ochrana veranlassten Stalin, in die Illegalität zu gehen. Seit diesem Tage führt er das gefahrvolle und heldenhafte Leben eines Berufsrevolutionärs Leninscher Schule und arbeitet in der russischen Illegalität bis zur Februarrevolution 1917.
So wie es der russische Geheimdienst schaffte, bis in die Spitze der sozialdemokratischen Parteiführung einzudringen (Manuilski) so gelang es auch umgekehrt den Sozialdemokraten nicht minder, diesen für sich auszunutzen. Zwar findet sich in den offiziellen Biographien Stalins nichts darüber, aber wir können davon ausgehen, dass Stalin die Kunst beherrschte, sich der Ochrana geschickt zu bedienen, um den Aufbau und Schutz der Parteiorganisation, die Revolution, die praktische Umsetzung der Leninschen Ideen vornazutreiben. Daran ist nichts Unmoralisches, wenn es der Sache des Proletariats dient. Diese illegalen Kampfmethoden wurden später bekanntlich auch im Kampf gegen die Geheimdienste der Faschisten eingesetzt, und das beschränkte sich nicht nur auf die Einschleusung von Spitzeln in die faschistischen Organisationen, sondern bezog sich auch auf die gezielte propagandistische und agitatorische Beeinflussung der Massen innerhalb dieser Organisationen. So hatte die Partei sich programmatisch ganz korrekt gegen die massenfeindliche, antiproletarische Politik und Ideologie des Terrorismus abgegrenzt, was aber nicht ausschloss, dass die sozialdemokratischen Revolutionäre die gegen sie gerichteten terroristischen Methoden der Konterrevolution ihrerseits in Methoden gegen die Konterrevolution umwandelte und dass sie sich auf illegalem Wege alle jene Mittel verschafften, die sie für die Revolution, also gegen die Konterrevolution, aber keinesfalls gegen das Volk, gegen die Arbeiter und Bauern oder gar gegen ihre eigenen Genossen, gegen ihre eigenen sozialdemokratischen Organisationen einsetzten. Stalin hat die proletarische Sache nie verraten. Die Taten Stalins waren revolutionäre Taten, was nicht ausschloss, sich dabei der Mittel (zum Beispiel auch Geldbeschaffung) der Konterrevolution zu bedienen, wenn dies die Bedingungen für eine bestimmte Aufgabe, in einer bestimmten Zeit erforderten. Klassenbewusste Arbeiter haben keine Probleme damit, sich in bestimmten Situationen der Mittel des Terrors zu bedienen und auch der Marxismus-Leninismus schließt Mittel des Terrors nicht aus. Diese sind zwar nicht generell, aber in Ausnahmesituationen unverzichtbarer und unvermeidlicher Bestandteil der Methoden des verschärften, bis zum Äußersten geführten proletarischen Klassenkampfes, den Stalin auch in der Periode des bereits aufgebauten Sozialismus verstärkt anzuwenden verstand. Bolschewiki waren nicht nur solche, die in der Anfangsperiode einen scharfen Klassenkampf gegen den Zarismus und gegen den Opportunismus in den eigenen Reihen führten, die nicht nur die Oktoberrevolution, den Bürgerkrieg und den Aufbau des Sozialismus leiteten, sondern besonders diejenigen, die den verschärften Klassenkampf auch in der Endphase des Sozialismus fortsetzten gegen die Kapitulanten, gegen die Gefahr der aufkommenden neuen herrschenden, bürgerlichen Klasse in der Sowjetunion, gegen die Konterrevolution, die geschickt „im Namen Stalins“ agierte. Bolschewiki sind solche Genossen, die „bis zum Letzten treu bleiben der Sache des proletarischen Internationalismus, der Sache des brüderlichen Bundes der Proletarier aller Länder“ (Stalin, Werke Band 13, Seite 336). Das konnte man von den führenden alten Bolschewiki kurz vor und nach dem Tod des Genossen Stalin nicht mehr unbedingt behaupten. Sie schienen durch den Verlust Stalins eher geschwächt zu sein, dass sie nicht die Kraft und den Mut aufbrachten, den sie als junge Bolschewiki an den Tag gelegt hatten – nämlich entschlossen und ohne Opfer zu scheuen gegen die Feinde Lenins und Stalins, gegen die Feinde der bolschewistischen Partei, mit allen Mitteln vorzugehen und die drohende Gefahr abzuwenden. Und so beherrschte Stalin auch legale und illegale Kampfmethoden bis kurz vor seinem Tod nicht nur gegen die imperialistische Umkreisung von außen, sondern auch gegen die innere Konterrevolution - sowohl zum Beispiel in Leningrad als auch in Georgien – und zwar gegen die Revisionisten, gegen die neue, aufkommende Bourgeoisie, gegen die Bürokratie und die Apparatschiks in der Sowjetunion, die auf die eine oder andere Weise, direkt oder indirekt, legal oder illegal für die Restauration des Kapitalismus und für die Liquidierung des Sozialismus, „im Namen“ Stalins oder „kritisch“ gegenüber Stalin kämpften.
Die bolschewistische Partei Lenins und Stalins hätte nach Stalins Tod den richtigen Weg gegen die Restaurationsversuche des Kapitalismus gefunden, wenn sie die Staatsmacht konsequent behauptet, die Diktatur des Proletariats entschlossen verteidigt und die Revisionisten kompromisslos hianusgesäubert hätte. Das wäre unbedingt eine historische Notwendigkeit gewesen, nicht nur für die Sowjetunion, sondern für die gesamte kommunistische Weltbewegung, für das Weltproletariat. Aber stattdessen hat die Partei in ihren Reihen nicht nur die Revisionisten belassen, sie nicht nur geduldet, sondern sie auch machen lassen, nämlich alle Türen der Partei für eine große Verbreitung von allerhand antimarxistischen und antisozialistischen Tendenzen, Auffassungen und Einflüssen aufzureißen und rehabilitierte Renegaten des Marxismus reinzulassen , um den Entartungsprozess zu forcieren. Obwohl der Partei die Gefahr des Revisionismus durchaus bewusst war, - dass sich das bürgerliche Übel dort ausbreitet, wo der Kampf dagegen eingestellt wird - hat sie nicht gehandelt, hat sie geschwankt und sich schließlich in die Enge drängen und vom konterrevolutionären Treiben der Revisionisten überrumpeln lassen. Wer sich nicht freiwillig ergab und zu den Revisionisten überlief, wurde beseitigt. Die marxistisch-leninistischen Parteiführer hätten die Parteiorganisationen, die Parteimitglieder, die Arbeiterklasse, die Massen gegen die Revisionisten vereinigen, hätten eine große Klassenschlacht gegen den zur Macht greifenden modernen Revisionismus führen müssen. Die Arbeiterklasse und ihre Partei hätten nicht vor den Revisionisten kapitulieren dürfen, hätten sich nicht von Stalin isolieren, nicht lösen und sich von ihm nicht abwenden dürfen, hätten die Verbrechen an Stalin, am Marxismus-Leninismus, am Sozialismus, notfalls mit einer erneuten Oktoberrevolution verhindern oder zumindest beantworten müssen. Und schließlich hätte die bolschewistische Partei Lenins und Stalins wieder illegal aufgebaut werden müssen, weil sie ihre Entartung nicht verhindert hatte.
Nach Stalins Tod rechtfertigten viele führende und leitende Bolschewiki nicht mehr den „Ehrennamen der Stoßbrigade der Proletarier aller Länder“ (ebenda, „Prwada“ Nr. 27, 28. Januar 1934). Diesen Namen aber rechtfertigten die Bolschewisten Albaniens mit Genossen Enver Hoxha an der Spitze, die Stalin gegen die Revisionisten, gegen alle seine Feinde, verteidigten. Diesen Namen rechtfertigte die marxistisch-leninistische Weltbewegung des Genossen Enver Hoxha. Diesen Namen rechtfertigen jene Bolschewiki in Russland, die ihren „programmatischen Aufruf der Revolutionären (Bolschewistischen) Kommunisten der Sowjetunion“ (verbreitet in der Sowjetunion und veröffentlicht Ende der 60er Jahre von der PAA) mit den Worten abschlossen: „Lenins Ideen sind mit uns, Stalins Willen ist mit uns, das große Herz unseres Volkes ist mit uns, wir sind unbesiegbar!“ Diesen Namen rechtfertigen heute die Weltbolschewisten, die Komintern (ML).
Die Satrapen des Zaren waren ohnmächtig vor der ansteigenden revolutionären Bewegung . Sie konnte die Marxisten in Georgien nicht vernichten. Stalin sagte in seinem Rechenschaftsbericht an den XVII. Parteitag der KPdSU (B) zu Recht:
„Der Marxismus ist der wissenschaftliche Ausdruck der Lebensinteressen der Arbeiterklasse. Um den Marxismus zu vernichten, müßte man die Arbeiterklasse vernichten. Die Arbeiterklasse aber kann man nicht vernichten“ (Stalin, Band 13, Seite 335). Das gilt nicht nur für die Arbeiterklasse damals wie heute in Georgien, sondern auch für das ganze damalige und heutige Weltproletariat. Den Marxismus Stalins, den Stalinismus, kann die internationale Konterrevolution nicht vernichten.
In Baku erscheint im September 1901 die erste Nummer der auf Initiative Stalins gegründeten illegalen Zeitung „Brdsola“ (Der Kampf), des Organs des revolutionären Flügels der georgischen Marxisten. In der Nummer wird der programmatische Artikel Stalins „Geleitwort der Redaktion“ veröffentlicht. Es war eine Zeitung, die die Ideen der Leninschen „Iskra“ konsequent vertrat und dem gesamten Ideenkreis des Opportunismus unversöhnliche Fehde ansagte. Nach der „Iskra“ war „Brdsola“ die beste marxistische Zeitung in Russland. Sie leistete eine gewaltige Arbeit zur Zerschmetterung der „Ökonomisten“ und der Nationalisten Transkaukasiens, zur Propagierung der marxistischen revolutionären Theorie, zum Zusammenschluss der transkaukasischen Marxisten um Lenin und die Leninsche „Iskra“. Auch die Herausgabe von Flugblättern in den verschiedenen Sprachen der vielen Nationalitäten Transkaukasiens nimmt weite Ausmaße an.
„Prächtig geschriebene Aufrufe sind in russischer, georgischer und armenischer Sprache erschienen, und mit ihnen wurden alle Stadtviertel von Tiflis überflutet“, schrieb die Leninsche „Iskra“ über die Tätigkeit der Tifliser Sozialdemokraten (Iskra, Nr. 25, vom 15. September 1902). Stalins nächster Kampfgefährte, Lado Kezchoweli, der während der ganzen Zeit die Verbindung mit ihm aufrecht erhielt, gründete in Baku ein Komitee der Leninschen „Iskra“-Richtung und organisierte eine illegale Druckerei. Am 11. November 1901 fand mit 25 Delegierten eine Konferenz der Tifliser sozialdemokratischen Organisation statt, auf der das Tifliser Komitee der SDAPR gebildet wurde. In das Komitee wurde Stalin gewählt. Er bleibt jedoch nur kurze Zeit in Tiflis. Ende November reist er im Auftrage des Tifliser Komitees nach Batum, dem drittgrößten (nach Baku und Tiflis) proletarischen Zentrum im Kaukasus. Es erscheint Nr. 2/3 der Zeitung „Brdsola“ im Dezember 1901, worin der Artikel Stalins „Die Sozialdemokratische Partei Russlands und ihre nächsten Aufgaben“ veröffentlicht wird. Hierin geht Stalin zum Beispiel auf die wachsende politische Rolle der Straßendemonstrationen ein:
„Die Straßendemonstration ist dadurch von Interesse, dass sie eine große Masse der Bevölkerung rasch in die Bewegung hineinzieht, sie mit unseren Forderungen sofort bekannt macht und jenen günstigen breiten Boden schafft, auf dem wir kühn den Samen der sozialistischen Ideen und der politischen Freiheit säen können. Die Straßendemonstration schafft die Straßenagitation, deren Einfluss sich der rückständige und schüchterne Teil der Gesellschaft nicht entziehen kann (Anmerkung bei Stalin: Ein illegales Buch oder Agitationsflugblatt erreicht unter den heutigen Verhältnissen in Russland den einzelnen Bewohner nur mit großer Schwierigkeit. Obwohl die Verbreitung illegaler Literatur reiche Früchte trägt, erfasst sie doch in den meisten Fällen nur einen geringen Teil der Bevölkerung). Man braucht nur während der Demonstration auf die Straße zu gehen, um mutige Kämpfer zu sehen und zu begreifen, wofür sie kämpfen, die freie Rede, die alle zum Kampf aufruft, und das Kampflied zu hören, das die bestehende Ordnung entlarvt und unsere gesellschaftlichen Eiterbeulen aufdeckt. Eben aus diesem Grunde fürchtet die Staatsgewalt die Straßendemonstration am allermeisten. Deshalb droht sie, nicht nur die Demonstranten, sondern auch die 'Neugierigen' hart zu bestrafen. In dieser Neugier des Volkes steckt die Hauptgefahr für die Staatsgewalt: der heutige 'Neugeirige' wird morgen als Demonstrant neue Gruppen 'Neugieriger' um sich versammeln. (...) Die 'Neugierigen' sehen, dass die Demonstranten sich auf der Straße versammelt haben, um ihre Wünsche und Forderungen auszusprechen, die Staatsgewalt antwortet ihnen aber mit Prügeln und bestialischer Unterdrückung. Der 'Neugierige' läuft nicht mehr weg vor dem Sausen der Peitschen, sondern er tritt im Gegenteil näher heran, und die Peitsche kann schon nicht mehr unterscheiden, wo der einfache 'Neugierige' aufhört und der 'Rebell' anfängt. (...) Dadurch erweist uns die Peitsche einen großen Dienst, denn sie beschleunigt die Revolutionierung des 'Neugierigen` . Sie wird aus einer Waffe der Beschwichtigung zu einer Waffe des Erweckens“ (Stalin, Band 1, Seite 22 – 24).
In Batum - kleiner als die Hauptstadt Tiflis, aber eine industrielle Arbeiterstadt mit Ölraffenerien [mit Pipelines aus Baku verbunden], Tabakfabriken, einer Gießerei usw., in der über 11 000 Arbeiter beschäftigt waren, entfaltet Stalin eine rastlose revolutionäre Tätigkeit: er stellt Verbindungen mit fortgeschrittenen Arbeitern her, gründet Zirkel, leitet selbst einige Zirkel, richtet selber eine illegale Druckerei ein, schreibt zündende Flugblätter, druckt und verbreitet sie, leitet den Kampf der Arbeiter der Betriebe von Rothschild, Sideridis und Mantaschow, organisiert die revolutionäre Propaganda auf dem Lande. Stalin leitet die Streiks in den Betrieben.
Am 31. Dezember - gerade mal 23 Jahre alt - organisiert Stalin unter dem Deckmantel einer Silvesterfeier eine illegale Konferenz von Vertretern der sozialdemokratischen Zirkel. Die Konferenz bestimmt eine unter Führung Stalins stehende leitende Gruppe, die in der Folge faktisch die Rolle eines Batumer Komitees der SDAPR der Leninschen „Iskra“-Richtung gespielt hat. Hier freundete Stalin sich auch mit Telija an. Hier bringt er die Ideen des Straßenkampfes ein. Vom 31. Januar bis zum 17. Februar 1902 organisiert Stalin einen Streik in den Mantaschow-Werken (Öl), der mit einem Siege der Arbeiter endet. Vom 27. Februar bis Anfang März leitet er die Arbeit des Streikkomitees in den Rothschild-Werken und ebenso eine Kundgebung der streikenden Arbeiter, die die Freilassung von 32 verhafteten Streikteilnehmern verlangen. In der Nacht vom
Am 9. März 1902 organisierte Stalin die berühmte politische Demonstration der Batumer Arbeiter, die er leitete und an deren Spitze er schritt. Hier wurde durch Stalin in der Tat die Vereinigung der Streiks mit der politischen Demonstration verwirklicht. Es nahmen 6000 Leute an der Demo teil, die die Freilassung von 300 am 8. März von der Polizei verhafteten proletarischen Demonstranten verlangen. Bei den Etappengefängnissen, in denen die Arbeiter in Haft gehalten werden, wird die Demonstration von Militär zusammengeschossen, wobei 15 Arbeiter getötet und 54 verletzt wurden. An die 500 Demonstranten werden verhaftet. Gleich in der folgenden Nacht schreibt Stalin eine Proklamation über die Zusammenschießung der Demonstration. Am 12. März leitet er die von ihm anlässlich der Beisetzung der Opfer des Blutbads vom 9. März organisierte Arbeiterdemonstration. Der Aufschwung des Kampfes der Arbeiter in Batum rief bei der Regierung ernsthafte Beunruhigung hervor. Die polizeilichen Spürhunde suchen eifrig nach den „Rädelsführern“. Am 5. April wird er in einer Sitzung der Batumer leitenden Parteigruppe verhaftet und am nächsten Tag in das Batumer Gefängnis gebracht. Von dort aus organisiert und unterhält Stalin Verbindung mit der Batumer sozialdemokratischen Organisation, lenkt ihre Arbeit, schreibt Flugblätter, leistet politische Arbeit unter den Gefangenen. Im Gefängnis (zuerst in Batum, dann – vom 19. April 1903 ab – in dem durch sein hartes Regime berüchtigten Gefängnis von Kutais, danach wieder in Batum) verliert Stalin nicht die Verbindung mit der revolutionären Arbeit. Im Gefängnis erfährt Stalin von Genossen, die vom II. Parteitag der SDAPR zurückgekehrt waren, dass zwischen den Bolschewiki und den Menschewiki überaus ernste Meinungsverschiedenheiten bestehen. Stalin tritt entschieden auf die Seit Lenins, der Bolschewiki. Die Opportunisten verheimlichten vor der Partei die Resolution Stalins, dass der Kaukasus für einen Parteitag war.
Auf dem I. Kongress der kaukasischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation wird der Kaukasische Bund der SDAPR gegründet. Stalin, der sich im Batumer Gefängnis in Haft befindet, wird in seiner Abwesenheit in das auf dem Kongress geschaffene Kaukasische Bundeskomitee gewählt.
„Noch gewaltigere Ausmaße nahmen die Streiks im Jahre 1903 an. In diesem Jahr finden im Süden politische Massenstreiks statt, die Transkaukasien (Baku, Tiflis, Batum) und die großen Städte der Ukraine (Odessa, Kiew, Jekaterinoslaw) erfassen. Die Streiks werden immer hartnäckiger und organisierter. Zum Unterschied von den früheren Aktionen der Arbeiterklasse wird nunmehr der politische Kampf der Arbeiter fast übrall von den sozialdemokratischen Komitees geleitet“ (Stalin, „Geschichte der KPdSU (B)“ – Kurzer Lehrgang, Werke Band 15, Seite 37, KPD/ML-Ausgabe).
So entstand und entwickelte sich in diesem Zeitabschnitt im entschiedenen und unversöhnlichen Kampf gegen den Opportunismus die Organisation der Leninschen „Iskra“-Richtung in Transkaukasien. Ihr hervorragendster Organisator und Führer war Stalin, den die Batumer Arbeiter schon damals Lehrer der Arbeiter nannten. Die Organisation der Leninschen „Iskra“-Richtung in Transkaukasien wurde auf den festen Grundlagen des proletarischen Internationalismus aufgebaut, sie vereinigte in ihren Reihen die fortgeschrittenen Arbeiter der verschiedenen Nationalitäten: Georgier, Armenier, Aserbaidshaner, Russen. Lenin hat später wiederholt die transkaukasische Organisation der Partei als Vorbild des proletarischen Internationalismus angeführt. Sie war eine feste Stütze der Bolschewiki im Kampf gegen die Menschewiki.
„Lenin schrieb bereits 1902 in seiner Schrift 'Was tun?` : 'Die Geschichte hat uns jetzt die nächste Aufgabe gestellt, welche die revolutionärste von allen nächsten Aufgaben des Proletariats irgendeines anderen Landes ist', und 'die Verwirklichung dieser Aufgabe, die Zerstörung des mächtigsten Bollwerks nicht nur der europäischen, sondern (wir können jetzt sagen) auch der asiatischen Reaktion, würde das russische Proletariat zur Avantgarde des internationalen, revolutionären Proletariats machen'. Seit dem Erscheinen der Schrift 'Was tun?` sind dreißig Jahre vergangen. Niemand wagt zu leugnen, dass die Ereignisse in dieser Periode Lenins Worte glänzend bestätigt haben. Folgt aber nicht daraus, dass die russische Revolution der Knotenpunkt der Weltrevolution war (und bleibt), dass die Grundfragen der russischen Revolution gleichzeitig die Grundfragen der Weltrevolution waren (und weiterhin sind)?“ (Stalin, Band 13, Seite 85, „Über einige Fragen der Geschichte des Bolschewismus“).
Die Komintern (ML) hält selbstverständlich an Lenin und Stalin fest und verteidigt ihren Standpunkt auch heute noch: die Grundfragen der heutigen sozialistischen Weltrevolution des Weltproletariats sind gleichzeitig die Grundlagen der russischen Revolution. Und so sind die Grundlagen der russischen Revolution für den revolutionären Kampf Stalins in Transkaukasien gleichzeitig auch die Grundlagen der Weltrevolution für den heutigen revolutionären Kampf in Transkaukasien.
Am 23. Februar 1903 fand auf Beschluss des Tifliser Komitees der SDAPR eine Demonstration der Tifliser Arbeiter statt, an der etwa 6000 teilnahmen. Die Demonstration endete in einem Zusammenstoß mit dem Militär. Es wurden 150 Personen verhaftet. Im Jahre 1903 ging über den ganzen Süden Russlands – über Transkaukasien und über die Ukraine – eine mächtige Welle politischer Massenstreiks. Unter dem Einfluss der Arbeiterbewegung erhoben sich auch die Bauern zum Kampf, die in Georgien die Gutshöfe zerstörten. In einer Schilderung der damaligen Verhältnisse in der sozialdemokratischen Bewegung schrieb Stalin, die „Handwerkelei und das Zirkelwesen zerfraßen die Partei von oben bis unten“ und „die ideologische Zerfahrenheit bildete das charakteristische Merkmal des inneren Lebens der Partei“ (Stalin, „Fragen des Leninismus“, Band 8).
Ende November 1903 wird Stalin auf drei Jahre nach Ostsibirien verbannt, in das Dorf Nowaja Uda, Kreis Balagansk, Gouvernement Irkutsk. In der Verbannung erhält er im Dezember 1903 einen Brief von Lenin, der von den Sowjetrvisionisten totgeschwiegen wird und weder in den Gesammelten Werken Lenins, noch in den Briefbänden Lenins und auch nicht im Verzeichnis der „bisher nicht aufgefundenen Briefe Lenins“ (herausgegeben 1967) auftaucht. Lenin schrieb zwar einen Brief: „An die Parteimitglieder“ (Werke Band 7, Seite 133 – 136), der eventuell inhaltlich (Partei oder Zirkelwesen?) passen könnte, aber der wurde in der zweiten Januarhälfte 1904 (zuerst veröffentlicht 1929) und eben nicht 1903 geschrieben. Stalin räumte ein: “Ich kann mir nicht verzeihen, dass ich diesen Brief Lenins, wie auch viele anderen Briefe, nach Art und Gewohnheit eines alten illegalen Parteiarbeiters verbrannt habe“ (Stalin, Band 6, Seite 48). Dies war für die Hetze der Bourgeoisie ein gefundenes Fressen, um Stalin der Lüge zu bezichtigen und ihn als „geltungssüchtig“ abzustempeln, – allen voran – wie kann es anders sein - Trotzky !
„Zum ersten Mal lernte ich Lenin im Jahre 1903 kennen“, sagt Stalin. „Allerdings war es keine persönliche und unmittelbare Bekanntschaft, sondern sie erfolgte auf schriftlichem Wege. Aber sie hinterließ in mir einen unauslöschlichen Eindruck, der mich während der ganzen Zeit meiner Arbeit in der Partei nicht verließ. Ich war damals in Sibirien in der Verbannung ... Lenins Brief war verhältnismäßig kurz, aber er gab eine kühne, furchtlose Kritik der Praxis unserer Partei und eine ausgezeichnete, klare und gedrängte Darlegung des ganzen Plans der Parteiarbeit für die nächste Periode“ (Stalin, „Über Lenin“).
Stalin blieb nicht lange in der Verbannung. Er brannte vor Ungeduld, möglichst rasch die Freiheit wieder zu erlangen, um die Durchführung des Leninschen Plans des Aufbaus der bolschewistischen Partei in Angriff zu nehmen. Am 5. Januar 1904 flüchtete Stalin aus der Verbannung. Im Februar 1904 ist er wieder im Kaukasus, zuerst in Batum und dann in Tiflis. Dort schreibt er ein programmatisches Dokument unter dem Titel „Credo“, das den innerparteilichen Meinungsverschiedenheiten und den organisatorischen Aufgaben der Partei gewidmet ist.
„Im Jahre 1903 traten ernste Meinungsverschiedenheiten zwischen Bolschewiki und Menschewiki in Russland in der Frage der Parteimitgliedschaft auf. Mit ihrer Formulierung über die Mitgliedschaft in der Partei wollten die Bolschewiki einen organisatorischen Damm gegen die Überschwemmung der Partei mit nichtproletarischen Elementen errichten. Die Gefajr einer solchen Überschwemmung war damals angesichts des bürgerlich-demokratischen Charakters der russischen Revolution überaus real. Die russischen Menschewiki vertraten den entgegengesetzten Standpunkt, der den nichtproletarischen Elementen die Tore der Partei sperrangelweit öffnete. Angesichts der Wichtigkeit, die die Fragen der russischen Revolution für die internationale revolutionäre Bewegung hatten, beschlossen die westeuropäischen Sozialdemokraten, in die Sache einzugreifen. Auch linke Sozialdemokraten in Deutschland, Parvus und Rosa Luxemburg, die damaligen Führer der Linken, griffen ein. Und was geschah? Beide sprachen sich für die Menschewiki, gegen die Bolschewiki aus. Dabei wurde gegen die Bolschewiki die Anklage des Ultrazentralismus und blanquistischer Tendenzen erhoben. Später wurden diese abgeschmackten und spießerhaften Epitheta von den Menschewiki aufgegriffen und durch die ganze Welt getragen“ (Stalin, Band 13, Seite 81, „Über einige Fragen der Geschichte des Bolschewismus).
Fast zwei Jahre verbrachte Stalin im Gefängnis und in der Verbannung. Das waren Jahre des weiter ansteigenden Aufschwungs im Lande. Während dieser Zeit hatte der II. Parteitag der SDAPR stattgefunden, der den Sieg des Marxismus über den „Ökonomismus“ verankerte. Aber an die Stelle der alten, von der Partei geschlagenen Opportunisten, der „Ökonomisten“, traten neue Opportunisten, die Menschewiki. Nach dem Parteitag entbrennt der hftige Kampf Lenins und der Bolschewiki gegen die Menschewiki, gegen deren opportunistischen Ideen, deren spalterische und desorganisierende Tätigkeit. Der Ausbruch des Russisch-Japanischen Krieges und das Heranreifen der Revolution verschärfen diesen Kampf noch mehr. Den Ausweg aus der entstandenen Parteikrise sieht Lenin in der Einberufung des III. Parteitags. Der Kampf um den Parteitag wurde zur zentralen Aufgabe aller Bolschewiki.
Im Kaukasus war Stalin, der an der Spitze der transkaukasischen Bolschewiki stand, eine zuverlässige Stütze Lenins in diesem Kampf. Stalins Arbeit in dieser Periode steht im Zeichen des erbitterten Kampfes gegen den Menschewismus. Er ist Mitglied des Kaukasischen Bundeskomitees der SDAPR und leitet dessen Arbeit. Stalin ist unermüdlich: er bereist systematisch die Bezirke Transkaukasiens (Batum, Tschiatury, Kutais, Tiflis, Baku, die bäuerlichen Bezirke West-Georgiens), festigt die alten und schafft neue Parteiorganisationn. Er nimmt an zahlreichen Diskussionen an den erbitterten Kämpfen mit den Menschewiki und anderen Feinden des Marxismus teil, verficht tatkräftig den bolschewistischen Standpunkt, entlarvt die Politikasterei und den Opportunismus der Menschewiki und der Versöhnler ihnen gegenüber. Im Juni 1903 trifft Stalin in Baku ein, wo er im Auftrage des Kaukasischen Bundeskomitees das menschewistische Komitee auflöst und ein neues bolschewistisches Komitee gründet. Im Sommer tritt er in Diskussionen gegen die Menschewiki, Föderalisten, Anarchisten u.a. auf. In Kutais gründet er ein bolschewistisches Imeretino-Mingrelisches Komitee. Anlässlich der innerparteilichen Meinungsverschiedenheiten schreibt er in „Proletariatis Brdsola“ Nr. 7 den Artikel „Welche Auffassungen hat die Sozialdemokratie von der nationalen Frage?“ und Briefe aus Kutais an die sich im Ausland befindlichen georgischen Bolschewiki, worin er die Leninschen Ideen über die Vereinigung des Sozialismus mit der Arbeiterbewegung entwickelt. Der Aufsatz „Welche Auffassung hat die Sozialdemokratie von der nationalen Frage?“ (veröffentlicht in Nr. 7 der „Borba Proletariata“ vom 1. September 1904) ist ein ausgezeichneter Kommentar zum nationalen Programm der SDAPR. Stalin begründet und erläutert darin das Programm der Partei in der nationalen Frage, unterzieht das opportunistische Prinzip der nationalen Scheidung des Proletariats einer vernichtenden Kritik und verficht konsequent den internationalistischen Typus des Aufbaus proletarischer Klassenorganisationen. In diesem Aufsatz tritt Stalin als bedeutender Theoretiker auf dem Gebiete der nationalen Frage hervor, der die marxistische dialektische Methode meisterhaft beherrscht. Der Aufsatz enthält in Keimform die Ideen, die Stalin später in seiner Arbeit „Marxismus und nationale Frage“ entwickelte.
Stalin betrachtet die „nationale Frage“ auf Grund der historischen Entwicklung in Georgien und schreibt:
„Jede Klasse hat ihre eigenen Auffassungen von der `nationalen Frage`. Folglich dient die 'nationale Frage' zu verschiedenen Zeiten verschiedenen Interessen und nimmt verschiedene Schattierungen an, je nachdem, von welcher Klasse und wann sie aufgeworfen wird. [unterstrichen von der Redaktion der Komintern (ML) So hat auch das Weltproletariat seine eigene Auffassung von der nationalen Frage, insbesondere unter den heutigen globalisierten Bedingungen der Weltrevolution – siehe unser Grundsatz-Artikel „Weltproletariat- vereinig alle Länder!“].
Bei uns gab es z.B. die so genannte 'nationale Frage' des Adels, als der georgische Adel nach dem Ànschluss Georgiens an Russland' zu fühlen bekam, wie unvorteilhaft es für ihn war, die alten Privilegien und die Macht zu verlieren, die er unter den georgischen Königen besessen hatte, und, da er eine 'bloße Untertanenschaft` für eine Schmälerung seiner Würde hielt, die 'Befreiung Georgiens` wünschte. Hierdurch wollte er an der Spitze `Georgiens` georgische Könige und den Adel stellen und ihnen somit das Schicksal des georgischen Volkes anvertrauen! Das war ein feudal-monarchistischer 'Nationalismus`. Diese `Bewegung' hat keine merkliche Spur im Leben der Georgier zurückgelassen und sich durch keine einzige Tatsache Ruhm erworben, abgesehen von einzelnen Verschwörungen georgischer Adliger gegen die russischen Machthaber in Kaukasien. Die Ereignisse des gesellschaftlichen Lebens brauchten diese ohnehin schwache `Bewegung' nur leicht zu berühren, um sie bis auf den Grund zunichte zu machen. Und wirklich, die Entwicklung der Warenwirtschaft, die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Gründung der Adelsbank, die Verstärkung des Klassenantagonismus in Stadt und Land, die erstarkende Bewegung der Dorfarmut usw. - alles dies versetzte dem georgischen Adel und zugleich mit ihm auch dem `feudal-monarchistischen Nationalismus` einen tödlichen Schlag.
Der georgische Adel spaltete sich in zwei Gruppen. Die einen von ihnen entsagte jeglichem 'Nationalismus' und streckte der russischen Selbstherrschaft die Hand hin, um als Gegenleistung von ihr warme Pöstchen, billigen Kredit und landwirtschaftliche Geräte sowie den Schutz der Regierung gegen ländliche ' Rebellen` usw. zu erhalten. Die andere, schwächere Gruppe des georgischen Adels wieder befreundete sich mit den georgischen Bischöfen und Archimandriten und verschaffte somit dem vom Leben verfolgten `Nationalismus' Unterschlupf unter den Fittichen des Klerikalismus. Diese Gruppe arbeitet mit großer Begeisterung für den Wiederaufbau der zerstörten georgischen Kirchen (dies ist der Hauptpunkt ihres `Programms' !) - der 'Denkmäler einstiger Größe' – und wartet andächtig auf ein Wunder, das berufen wäre, ihre fronherrlich-monarchistischen 'Wünsche` zu verwirklichen.
Somit nahm der feudal-monarchistische Nationalismus in den letzten Augenblicken seines Lebens eine klerikale Form an.
Zugleich damit setzte das moderne gesellschaftliche Leben bei uns die nationale Frage der Bourgeoisie auf die Tagesordnung. Als die junge georgische Bourgeoisie zu fühlen bekam, wie schwer für sie die freie Konkurrenz mit den 'ausländischen' Kapitalisten ist, begann sie durch den Mund der georgischen Nationaldemokraten von einem unabhängigen Georgien zu stammeln. Die georgische Bourgeoisie wollte den georgischen Markt durch Zollschranken schützen, die 'ausländische`Bourgeoisie mit Gewalt von diesem Markt vertreiben, die Warenpreise künstlich hochschrauben und mit solchen `patriotischen` Machenschaften in der Arena der Bereicherung Erfolge erzielen.
Dies war und bleibt das Ziel der georgischen Bourgeoisie. Es erübrigt sich zu sagen, dass man, um dieses Ziel zu erreichen, Kraft brauche, und diese Kraft – hat das Proletariat. Nur das Proletariat konnte dem lendenlahmen `Patriotismus` der Bourgeoisie Leben einhauchen. Es war notwendig, das Proletariat auf seine Seite zu ziehen, - und siehe da, auf der Szene erschienen die 'Nationaldemokraten`. Sie verschossen viel Pulver, um den wissenschaftlichen Sozialismus zu widerlegen, sie schmähten die Sozialdemokraten und rieten den georgischen Proletariern, sich von ihnen abzuwenden, sangen dem georgischen Proletariat Loblieder und redeten ihm zu, 'im Interesse der Arbeiter selbst` irgendwie die georgische Bourgeoisie zu stärken. Unablässig flehten sie die georgischen Proletarier an: Richtet 'Georgien`(oder die georgische Bourgeoisie?) nicht zu Grunde, vergesst die 'inneren Meinungsverschiedenheiten', befreundet euch mit der georgischen Bourgeoisie usw. Aber vergeblich! Die süßlichen Märchen der bürgerlichen Publizisten vermochten das georgische Proletariat nicht einzuschläfern! Die schonungslosen Angriffe der georgischen Marxisten, besonders aber die machtvollen Klassenaktionen, die die russischen, armenischen, georgischen und anderen Proletarier zu einer einzigen sozialistischen Truppe zusammenschlossen, versetzten unseren bürgerlichen Nationalisten einen vernichtenden Schlag und vertrieben sie vom Kampffeld.
'Zwecks Wiederherstellung des schmachbedeckten Namens' mussten unsere geflohenen Patrioten 'wenigstens den Anstrich ändern', sich wenigstens in ein sozialistisches Gewand hüllen, wenn sie sich schon die sozialistischen Ansichten nicht zu eigen machen konnten. Und wirklich, auf der Szene erschien ein illegals ... bürgerlich-nationalistisches – mit Verlaub zu sagen 'sozialistisches' Organ 'Sakartwelo'! [Anmerkung: Zeitung der Auslandsgruppe der georgischen Nationalisten, die zum Kern der bürgerlich-nationalistischen Partei der Sozialföderalisten wurde. Die Hauptforderung der Föderalisten war die nationale Autonomie Georgiens im Rahmen des gutsherrlich-bürgerlichen Russischen Reichs. In den Jahren der Reaktion wurden sie zu offenen Gegnern der Revolution]. So wollten sie die georgischen Arbeiter verleiten! Aber es war schon zu spät! Die georgischen Arbeiter hatten es gelernt, schwarz und weiß zu unterscheiden, sie errieten leicht, dass die bürgerlichen Nationalisten 'nur den Anstrich geändert' hatten, aber nicht das Wesen ihrer Ansichten, dass am 'Sakartwelo` nur der Name sozialistisch ist. Sie hatten das begriffen und gaben die 'Retter' Georgiens dem Gelächter preis! Die Hoffnungen der Don Quichottes aus dem 'Sakartwelo` waren fehlgeschlagen!
Auf der anderen Seite schlägt unsere wirtschaftliche Entwicklung allmählich eine Brücke zwischen den fortschrittlichen Kreisen der georgischen Bourgeoisie und `Russland', stellt ökonomische und politische Verbindungen zwischen diesen Kreisen und 'Russland' her und erschüttert damit den Boden des ohnehin schon erschütterten bürgerlichen Nationalismus. Und das ist der zweite Schlag gegen den bürgerlichen Nationalismus!
In die Arena des Kampfes trat eine neue Klasse, das Proletariat, - und zugleich mit ihm entstand auch eine neue 'nationale Frage', die 'nationale Frage' des Proletariats. So sehr sich das Proletariat von dem Adel und der Bourgeoisie unterscheidet, so sehr unterscheidet sich auch die vom Proletariat aufgeworfene 'nationale Frage' von der 'nationalen Frage' des Adels und der Bourgeoisie [Anmerkung der Komintern(ML): Und so sehr sich das Proletariat der ersten Periode des Sozialismus von dem Proletariat der zweiten Periode des Sozialismus unterscheidet, so sehr unterscheidet sich auch die 'nationale Frage' des Proletariats der ersten von der zweiten Periode des Sozialismus].
Von diesem 'Nationalismus' wollen wir jetzt sprechen. Welche Auffassung hat die Sozialdemokratie von der 'nationalen Frage`?
Das Proletariat Russlands hat schon vom Kampf zu sprechen begonnen. Das Ziel jedes Kampfes ist bekanntlich der Sieg. Für den Sieg des Proletariats aber bedarf es der Vereinigung aller Arbeiter ohne Unterschied der Nationalität [unterstrichen von der Komintern(ML)]. Es ist klar, dass die Niederreißung der nationalen Schranken und der enge Zusammenschluss der russischen, georgischen, armenischen, polnischen, jüdischen und anderen Proletarier eine notwendige Voraussetzung für den Sieg des Proletariats Russlands bilden“ (Stalin Werke Band 1, Seite 28-31),[Anmerkung der Komintern(ML): so wie die Niederreißung aller nationalen (also auch der russischen) Schranken und der enge Zusammenschluss der Proletarier aller Länder eine notwendige Voraussetzung für den Sieg des ganzen Weltproletariats bilden]..
„Im Dezember 1904 wurde unter Leitung des Genossen Stalin ein grandioser Streik der Arbeiter von Baku durchgeführt, der vom 13. bis zum 31. Dezember dauerte und mit dem Abschluss eines Kollektivvertrages zwischen Arbeitern und Erdölindustriellen endete, des ersten Kollektivvertrages in der Geschichte der Arbeiterbewegung Russlands. Der Bakuer Streik war der Beginn des revolutionären Aufschwungs in Transkaukasien. 'Der Bakuer Streik diente als Signal für die ruhmvollen Januar-Februar-Aktionen in ganz Russland' (Stalin). Dieser Streik war gleichsam ein Gewitter kündender Blitz am Vorabend des großen revolutionären Sturmes.“ (Geschichte der KPdSU (B) - Kurzer Lehrgang, Stalin Werke Band 15, KPD/ML, Seite 72).
„Die nach Tausenden zählenden Massen der streikenden Arbeiter haben, nachdem sie die ' Elektrische Kraft' umzingelten, ihren Delegierten die Dezemberforderungen diktiert; und die Vertreter der Erdölindustrie, die in der 'Elektrischen Kraft' unterschlüpften und von den Arbeitern belagert wurden, haben ìhre Solidarität zum Ausdruck gebracht', den Vertrag unterzeichnet, 'sich mit allem einverstanden erklärt' ... Vor dem Dezember vertrag arbeiteten wir durchschnittlich 11 Stunden täglich – nach dem Vertrag aber wurden neun Arbeitsstunden fstgelegt und es wurde für die Förderungsarbeiter allmählich der Achtstundentag eingeführt. Vor dem Dezembervertrag erhielten wir durchschnittlich etwa 80 Kopeken – nach dem Vertrag aber erhöhte man den Lohn auf einen Rubel und einige Kopeken den Tag. Vor dem Dezemberstreik zahlte man uns weder Wohnungsgelder noch versorgte man uns mit Werkswohnungen – dank dem Streik aber erreichten wir für die Werkarbeiter beides. Vor dem Dezemberstreik herrschte auf den Ölfeldern und in den Betrieben volle Willkür der lakaien des Kapitals, die uns ungestraft misshandelten und Geldstrafen auferlegten – dank dem Streik aber wurden (...) 'Amscharas' (Anmerkung: =eingeführte ungelernte Arbeiter aus dem Iran) und 'Packesel' (...) mit einem Schlage zu Menschen, die für ein besseres Leben kämpfen“ (Stalin, Band 2, Seite 152-153).
Stalin führt beharrlich die Direktiven Lenins durch, entwickelt und verteidigt die bolschewistischen Ideen vor den Massen und organisiert den Kampf für den III. Parteitag. Zwischen Lenin und dem Kaukasischen Bundeskomitee wurde ständig eine enge Verbindung aufrechterhalten ( siehe Lenins Briefe, Band I). In den Jahren der ersten russischen Revolution stand Stalin an der Spitze des gesamten ideologischen und politischen Kampfes der kaukasischen Bolschewiki gegen die Menschewiki, Sozialrevolutionäre, Nationalisten und Anarchisten. Die wirksamste Waffe der Bolschewiki in diesem Kampfe war die Parteiliteratur. Stalin war der Organisator und Initiator fast aller bolschewistischen Publikationen im Kaukasus. Er verlieh der Herausgabe von illegalen Büchern, Zeitungen, Broschüren und Aufrufen einen im zaristischen Russland beispiellosen Umfang.
Ein ungemein kühnes Unternehmen des Kaukasischen Bundes und ein hervorragendes Beispiel der bolschewistischen konspirativen Technik war die Awlabarer Geheimdruckerei, die in Tiflis von Anfang 1904 bis April 1906 in Betrieb war. In ihr wurden gedruckt: Lenins Schriften „Die revolutionäre demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft“ und „An die Dorfarmut“, Stalins Broschüren „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei“, „Zwei Schlachten“ und andere, das Programm und Statut der Partei sowie Dutzende von Flugblättern, von denen ein bedeutender Teil von Stalin verfasst war. In ihr wurden ferner die Zeitungen „Borba Proletariata“ (Der Kampf des Proletariats) und „Listok Borby Proletariata“ (Kampfblatt des Proletariats) herausgegeben. Die Bücher, Broschüren, Zeitungen und Flugblätter wurden in drei Sprachen gedruckt und hatten Auflagen von einigen tausend Exemplaren.
Entscheidende Bedeutung für die Verfechtung der Positionen des Bolschewismus im Kaukasus, für die Propaganda und Entwicklung der Ideen Lenins hatte das Presseorgan des Kaukasischen Bundes der SDAPR, „Borba Proletariata“, das unter Redaktion Stalins erschien und würdig die Traditionen der „Brdsola“ fortsetzte. Nach dem „Proletari“, dem Leninschen Zentralorgan der Partei, war „Borba Proletariata“ die beste und größte bolschewistische Zeitung. Fast in jeder Nummer der Zeitung werden Lenins Artikel aus dem „Proletari“ veröffentlicht. Viele der wichtigsten Artikel wurden von Stalin geschrieben. In diesen Artikeln tritt Stalin als talentvoller Polemiker hervor, als außerordentlich starke literarische und theoretische Kraft der Partei, als politischer Führer des Proletariats, als treuer Anhänger Lenins. In seinen Artikeln und Broschüren bearbeitet Stalin eine Reihe theoretischer und politischer Fragen. Ohne fehlzugehen, entlarvt er die ideologische Heuchelei der antibolschewistischen Strömungen und Fraktionen, ihren Opportunismus und Verrat, wobei seine Schläge gegen die Feinde stets ins Schwarze treffen. Lenin äußerte sich begeistert über die Zeitung „Borba Proletariata“, ihre marxistische Standhaftigkeit, ihre bedeutenden literarischen Vorzüge.
Als tiefgründiger und restlos konsequenter Schüler und Kampfgefährte Lenins spielt Stalin im Kaukasus eine hervorragende Rolle bei der ideologischen Zerschlagung des Menschewismus und bei der Verfechtung der ideologischen, organisatorischen und taktischen Grundlagen der marxistischen Partei. Stalins Werke aus dieser Zeit sind Vorbilder der folgerichtigen Verteidigung der Positionen des Leninismus und zeichnen sich durch theoretische Tiefe und Unversöhnlichkeit gegenüber dem Opportunismus aus.
In einer Reihe von Artikeln begründet Stalin die Leninsche Linie auf und nach dem II. Parteitag. In dem Artikel „Die Klasse der Proletarier und die Partei der Proletarier“ (veröffentlicht am 1. Januar 1905 in Nr. 8 der „Borba Proletariata“), der dem ersten Paragraphen des Parteistatuts gewidmet ist, verteidigte Stalin die organisatorischen Grundlagen der Partei, wobei er völlig auf dem Boden der Leninschen Lehre von der Partei stand, die Leninschen Ideen entwickelte und begründete. Dieser Artikel verficht die organisatorischen Ideen des Bolschewismus, wie sie von Lenin in seinem berühmten Buch „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“ dargelegt worden sind.
„Bis zum heutigen Tag“, schrieb Stalin, “glich unsere Partei einer gastfreundlichen, patriarchalischen Familie, die bereit ist, alle Sympathisierenden aufzunehmen. Nun aber, da unsere Partei zu einer zentralisierten Organisation geworden ist, hat sie das patriarchalische Gepräge abgeworfen und gleicht nunmehr völlig einer Festung, deren Tore sich nur den Würdigen öffnen. Das aber ist für uns von großer Bedeutung. In einer Zeit, wo die Selbstherrschaft danach trachtet, das Klassenbewusstsein des Proletariats durch 'Trade-Unionismus`, Nationalismus, Klerikalismus u.a. zu zersetzen, während andererseits die liberale Intelligenz hartnäckig bestrebt ist, die politische Selbsttätigkeit des Proletariats zu erdrosseln und die Vormundschaft über das Proletariat zu gewinnen – in einer solchen Zeit müssen wir äußerst wachsam sein und dürfen nicht vergessen, dass unsere Partei eine Festung ist, deren Tore sich nur den Würdigen öffnen“ (Stalin, Werke Band1, Seite 59).
Am 8. Januar erscheint der von Stalin anlässlich der Niederlage des Zarismus im Fernen Osten geschriebene Aufruf „Arbeiter des Kaukasus, es ist Zeit, Rache zu nehmen!“
Anlässlich des von der Polizei provozierten Gemetzels zwischen Tartaren und Armeniern in Baku schreibt Stalin am 13. Februar 1905 das Flugblatt „Es lebe die internationale Brüderlichkeit!“ Was Stalin da schreibt, hat aktuelle Bedeutung: „Ihr Armenier, Tartaren, Georgier, Russen! Reicht einander die Hände, schließt euch enger zusammen und gebt auf die Versuche der Regierung, euch zu entzweien, die einmütige Antwort: Nieder mit der Zarenregierung! Es lebe die Brüderlichkeit der Völker“ Reicht einander die Hände und, vereint, schart euch um das Proletariat, den wirklichen Totengräbern der Zarenregierung – dieses einzigen Schuldigen an den Bakuer Mordtaten“ (Stalin, Werke Band 1, Seite 72). Und am 15. Februar schreibt Stalin das Flugblatt „An die Bürger. Es lebe das rote Banner!“ - anlässlich der erfolgreich durchgeführten Massendemonstration zum Protest gegen den Versuch der Polizei, auch in Tiflis ein Gemetzel unter den Nationen zu provozieren. Darin schreibt Stalin, ebenfalls hochaktuell: „Ihr wollt die Vernichtung jeglicher nationalen Feindschaft? Ihr strebt nach der vollen Solidarität der Völker? Dann müsst ihr wissen, Bürger, dass erst mit der Vernichtung der Ungleichheit, erst mit der Beseitigung des Kapitalismus jegliche nationale Zwietracht vernichtet werden wird! Der Triumph des Sozialismus, das ist, es, wonach ihr zu guter Letzt streben müsst!“ (Stalin, Werke Band 1, Seite 75/76).
Stalin tritt in einer großen Diskussionsversammlung in Batum gegen die menschewistischen Führer N. Ramischwili, R. Arsenidse u.a. auf.
In seiner ausgezeichneten Broschüre „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei“ und in dem Artikel „Antwort an den 'Sozialdemokrat'“ tritt Stalin als entschiedener Verfechter der ideologischen Grundlagen der marxistischen Partei hervor. Die Broschüre „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei“ (geschrieben Anfang 1905, illegal erschienen im Sommer 1905) gehört zu den hervorragendsten Werken des bolschewistischen Denkens. Sie schließt sich unmittelbar an „Was tun?, dieses historisch bedeutsame Werk Lenins, an und verteidigt in entschiedener Weise die genialen Ideen Lenins. In dieser Broschüre unterzieht Stalin die opportunistische Theorie der Spontaneität einer vernichtenden Kritik und begründet die Rolle und Bedeutung der revolutionären Partei und der revolutionären Theorie für die Arbeiterklasse.
„Die Arbeiterbewegung“, schrieb Stalin, „muss mit dem Sozialismus vereinigt werden, die praktische Arbeit muss mit der Theorie eng verbunden werden und dadurch der spontanen Arbeiterbewegung sozialdemokratischen Sinn und Charakter verleihen ... Wir Sozialdemokraten müssen verhindern, dass die spontane Arbeiterbewegung den tradeunionistischen Weg geht, wir müssen sie in das sozialdemokratische Fahrwasser lenken, sozialistisches Bewusstsein in diese Bewegung hineintragen und die fortgeschrittenen Kräfte der Arbeiterklasse zu einer zentralisierten Partei zusammenschließen. Es ist unsere Pflicht, stets und überall an der Spitze der Bewegung zu stehen und einen energischen Kampf gegen alle diejenigen zu führen – mag es nun Feind oder 'Freund' sein -, die sich der Verwirklichung unseres heiligen Zieles in den Weg stellen.
Wie man sieht, sind in unserer Partei Zwei Tendenzen zum Vorschein gekommen: die Tendenz der proletarischen Standhaftigkeit und die Tendenz der intelligenzlerischen Wankelmütigkeit. Zum Ausdruck gebracht wird diese intelligenzlerische Wankelmütigkeit eben durch die jetzige „Minderheit“. Das Tifliser „Komitee“ und sein „Sozialdemokrat“ sind die gefügigen Sklaven dieser „Minderheit“!“ (Stalin, Band 1, Seite 112).
Wenn es keinen Weltkapitalismus gäbe, dann gäbe es auch keinen wissenschaftlichen Weltsozialismus. Das weltsozialistische Bewusstsein herauszuarbeiten kann nur eine global zentralisierte marxistisch-leninistische Partei. Sie ist die Trägerin der heutigen marxistisch-leninistischen Theorie, die Trägerin der unbewussten globalen Prozesse. Aus globaler Sicht des Weltproletariats verflacht die internationale Arbeiterbewegung, verfällt in Revisionismus, wenn ihr nicht weltsozialistischer Charakter verliehen wird. Der Weltbolschewismus ist die Vereinigung von globaler spontaner Arbeiterbewegung und Weltsozialismus. Dies gilt es heute global umzusetzen, nämlich das weltsozialistische Bewusstsein in die spontane Bewegung des Weltproletariats hineinzutragen, die Kommunistische Internationale an die Spitze der revolutionären Weltbewegung zu stellen und gegen alle diejenigen einen energischen Kampf zu führen, die der Verwirklichung unserer globalen Ziele in den Weg stellen.
Stalins Auftreten fand die volle Billigung Lenins. Bei der Einschätzung von Stalins Artikel „Antwort an den 'Sozialdemokrat`“, der im August 1905 im „Borba Proletariata“ erschienen war, hob Lenin im Zentralorgan der Partei, dem „Proletari“ (Nr. 22), die „ausgezeichnete Behandlung der Frage des berühmten Hineintragens des Bewusstseins von außen`“ hervor. Lenin schrieb:
„Der Verfasser gliedert diese Frage (des Verhältnisses von gesellschaftlichem Sein und gesellschaftlichem Bewusstsein) in vier selbständige Teile: 1. Die philosophische Frage nach dem Verhältnis des Bewusstseins zum Sein: das Sein bestimmt das Bewusstsein. Entsprechend dem Bestehen zweier Klassen wird auch ein zweifaches Bewusstsein herausgearbeitet: das bürgerliche und das sozialistische. Der Lage des Proletariats entspricht das sozialistische Bewusstsein. 2. 'Wer arbeitet dieses Bewusstsein (den wissenschaftlichen Sozialismus) heraus, wer hat die Möglichkeit, es herauszuarbeiten?`'Das moderne sozialistische Bewusstsein kann nur entstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht' (Kautsky), d.h., seine Herausarbeitung ' ist die Sache einiger weniger sozialdemokratischer Intellektueller, die hierzu sowohl die Zeit als auch die Möglichkeiten haben`. 3. Wie dringt diess Bewusstsein ins Proletariat ein? 'Hier tritt nun die Sozialdemokratie auf (und nicht nur sozialdemokratische Intellektuelle), die das sozialistische Bewusstsein in die Arbeiterbewegung hineinträgt`. 4. Was findet die Sozialdemokratie im Proletariat selbst vor, wenn sie ihm den Sozialismus propagiert? Ein instinktives Streben zum Sozialismus“ (Lenin, Band 9, Seite 387).
Lenin verfasste auf dem III. Parteitag der SDAPR auch den „Resolutionsentwurf zu den Ereignissen im Kaukasus“, der am 27. Mai 1905 in der Nr. 1 des „Proletari“ und in der Nr. 1 der in Georgien erscheinenden illegalen bolschewistischen Zeitung „Borba Proletariata“ am 1. Juli 1905 erschien. Der Parteitag nahm die von Lenin vorgelegte Resolution „Zu den Ereignissen im Kaukasus“ an, worin aufgezeigt wurde, dass die Bewegung im Kaukasus schon bis zum Aufstand des ganzen Volkes gegen die Selbstherrschaft gediehen war, und wo eine hohe Einschätzung der kaukasischen Parteiorganisationen als der besten Kampforganisationen der Partei gegeben wurde. Der Parteitag beauftragte das Zentralkomitee und die örtlichen Komitees, die energischsten Maßnhamen zur weitesten Verbreitung der Nachrichten über die Lage der Dinge im Kaukasus zu ergreifen, sowie rechtzeitig den Kaukasus mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen.:
„In der Erwägung,
dass die besonderen Bedingungen der sozialen und politischen Situation im Kaukasus die Schaffung der kampffähigsten Organisationen unserer Partei eben dort begünstigten;
dass die revolutionäre Stimmung der Mehrheit der Bevölkerung des Kaukasus sowohl in den Städten als auch in den Dörfern bereits zum Volksaufstand gegen die Selbstherrschaft gediehen ist;
dass die absolutistische Regierung bereits Truppen und Artillerie nach Gurien entsendet, um die rücksichtsloseste Zerschlagung aller wichtigen Aufstandsherde vorzubereiten;
dass ein Sieg der Selbstherrschaft über den Volksaufstand im Kaukasus – solch ein Sieg würde durch die Zusammensetzung der dortigen Bevölkerung aus verschiedenen Völkerstämmen erleichtert werden – äußerst schädliche Folgen für den Erfolg des Aufstands in ganz Russland haben würde -
sendet der III. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands im Namen des klassenbewussten Proletariats Russlands dem heldenhaften Proletariat und der Bauernschaft des Kaukasus flammende Grüße und beauftragt das ZK und die Lokalkomitees der Partei, die energischsten Maßnahmen zu ergreifen, um durch Broschüren, Kundgebungen, Arbeiterversammlungen, Aussprachen in den Zirkeln usw. die Nachrichten über die Lage im Kaukasus möglichst weit zu verbreiten, sowie Maßnahmen, um den Kaukasus rechtzeitig mit bewaffneten Kräften zu unterstützen“ (Lenin Werke Band 8, Seite 421).
Am 12. Juni 1905 hält Stalin eine Rede beim Begräbnis A.G. Zulukidses, worin er ein Programm des Kampfes der Arbeiter und Bauern gegen die Selbstherrschaft entwickelt und die Taktik der Menschewiki einer vernichtenden Kritik unterzieht. Alexander Grigorjewitsch Zulukidse (1876 – 1905) war einer der Herausgeber der „Brdsola“, die seit 1898 die Voraussetzungen schuf für den Aufbau der ersten sozialdemokratischen Organisation in Transkaukasien. Er gründete auch die nachfolgende „Proletariatis Brdsola“ mit Stalin zusammen. Zulukidse nahm aktiven Anteil an der Propaganda der marxistisch-leninistischen Ideen, am Kampf für den Leninismus und wandte diesen auf die historischen Bedingungen Kaukasiens an. Zulukidse hob die Rolle des sozialistischen Bewusstseins, der marxistischen Ideologie bei der recolutionären Umgestaltung der Gesellschaft hervor und gab seiner Überzeugung Ausdruck, dass es ohne eine Arbneiterpartei, die mit dem Marxismus ausgerüstet ist, unmöglich sei, den Kapitalismus zu beseitigen und die Diktatur des Proletariats zu errichten.
Im Archiv der Georgischen Filiale des Instituts f+r Marxismus-Leninismus befanden sich übrigens Dokumente, aus denen hervorging, dass der im Jahre 1910 aus Georgien nach Paris gekommene Marxist M. Filija Lenin mitteilte, dass die Bolschewiki Georgiens, zu denen auch Zulukidse, Macharadse und Dawitaschwili gehörten, mit großem Interesse sein Buch „Materialismus und Empiriokritizismus“ studierten. Gleichzeitig betonte Filija, dass die georgischen Bolschewiki die philosophischen Anschauungen Bogdanows und anderer Revisionisten ablehnten und insbesondere deren Anhänger in Georgien scharf kritisierten und bekämpften. Mit Stalin an der Spitze standen die georgischen Marxisten mit in der vordersten Front der ideologischen Vorbereitung der Oktoberevolution.
Vom Anbeginn der ersten russischen Revolution verficht und verwirklicht Stalin entschlossen die Leninsche Strategie und Taktik in der Revolution, die Leninsche Idee von der Hegemonie des Proletariats in der Revolution, die Leninsche Idee vom Hinüberwachsen der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische Revolution:
„Im Jahre 1905 kam es zwischen Bolschewiki und Menschewiki in Russland zu Meinungsverschiedenheiten über den Charakter der russischen Revolution. Die Bolschewiki vertraten die Idee des Bündnisses der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft, bei Hegemonie des Proletariats. Die Bolschewiki behaupteten, dass man die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft erstreben müsse, um dann von der bürgerlich-demokratischen Revolution sofort zur sozialistischen Revolution überzugehen, wobei man sich die Unterstützung der Dorfarmut zu sichern habe. Die Menschewiki in Russland lehnten die Idee der Hegemonie des Proletariats in der bürgerlich-demokratischen Revolution ab, sie zogen der Politik des Bündnisses der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft die Politik des Paktierens mit der liberalen Bourgeoisie vor, die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft aber erklärten sie für ein reaktionärs, blanquistisches Schema, das der Entwicklung der bürgerlichen Revolution widerspreche. Wie verhielten sich zu diesen Auseinandersetzungen die Linken in der deutschen Sozialdemokratie, Parvus und Rosa Luxemburg? Sie ersannen ein utopisches und halbmenschewistisches Schema, das der permanenten Revolution (ein Zerrbild des Marxschen Revolutionsschemas), durchdrungen von einer durch und durch menschewistischen Verneinung der Politik des Bündnisses der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft, und stellten es dem bolschewistischen Schema der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft entgegen. Im Weiteren wurde dieses halbmenschewistische Schema der permanenten Revolution von Trotzki (teilweise von Martow) aufgegriffen und zu einem Kampfmittel gegen den Leninismus gemacht“ (Stalin, Band 13, Seite 81-82, „Über einige Fragen der Geschichte des Bolschewismus“).
In dem Aufruf des Tifliser Komitees des Kaukasischen Bundes der SDAPR aus Anlass der Bankett-Kampagne der Tifliser Liberalen hieß es:
„Nicht das feige Wort der Liberalen, sondern unser offenes und kühnes Wort soll in ganz Russland erschallen. Nicht die Liberalen, sondern wir müssen in der gesamten revolutionären Bewegung den Ton angeben. Wir müssen die demokratische Republik mit allgemeinem Wahlrecht fordern, wir müssen sowohl gegen die Selbstherrschaft als auch gegen die Bourgeoisie kämpfen.“
Das von Stalin geleitete Kaukasische Bundeskomitee propagierte unermüdlich die Beschlüsse des III. Parteitags und rief die Arbeiter und Bauern zum bewaffneten Aufstand auf. Fast ganz Georgien wurde vom Aufstand erfasst. Die Stalinschen Flugblätter aus dem Jahre 1905 sind ein Vorbild für die Propaganda der Ideen des Bolschewismus in den Massen. In seinem am 15. Juli in „Proletariata Brdsola“ Nr. 10 veröffentlichten Artikel „Der bewaffnete Aufstand und unsere Taktik“, „Die Reaktion verstärkt sich“ und anderen übt Stalin vernichtende Kritik an den menschewistischen Führern, verteidigt und propagiert kosequent die Notwendigkeit des bewaffneten Aufstands.
„Die Flamme der Revolution greift immer stärker um sich (...), die Tifliser `Woche'“, bezeichnet Stalin als „Vorboten des nahenden Gewitters“ („Der bewaffnete Aufstand und unsere Taktik“, Stalin, Werke, Band 1, Seite 113).
„Aber allein das Bewusstsein von der Notwendigkeit der Bewaffnung ist ja nicht ausreichend, - der Partei muss die praktische Aufgabe direkt und klar gestellt werden. Deshalb müssen unsere Komitees überall im Lande schon jetzt, sofort beginnen mit der Bewaffnung des Volkes, mit der Schaffung spezieller Gruppen, die dies in die Wege leiten sollen, mit der Organisierung der örtlichen Gruppen zwecks Beschaffung von Waffen, mit der Organisierung von Werkstätten zur Herstellung verschiedener Sprengstoffe, mit der Ausarbeitung eines Plans für die Besetzung der staatlichen und privaten Waffenlager und Arsenale. (...)
Auf keinen Fall dürfen solche Handlungen zugelassen werden wie die direkte Verteilung der Waffen an die Massen. Da wir wenig Mittel besitzen und es sehr schwierig ist, die Waffen vor dem wachsamen Auge der Polizei zu verbergen, würde es uns nicht gelingen, einigermaßen bedeutende Bevölkerungsschichten zu bewaffnen, und unsere Mühen würden umsonst sein. Ganz anders steht die Sache, wenn wir eine spezielle Kampforganisation schaffen. Unsere Kampfscharen werden in der Handhabung der Waffen gut ausgebildet, während des Aufstands – ob er nun spontan beginnt oder vorher vorbereitet wird – werden sie als Haupttrupps und Vortrupps wirken, um sie wird sich das aufständische Volk scharen und unter ihrer Leitung in den Kampf gehen. Dank ihrer Erfahrenheit und Organisiertheit, aber auch dank ihrer guten Bewaffnung wird es möglich sein, alle Kräfte des aufständischen Volkes auszunutzen und dadurch das nächste Ziel zu erreichen – die Bewaffnung des ganzen Volkes und die Durchführung des vorher ausgearbeiteten Aktionsplans. Sie werden sich rasch der verschiedenen Waffenlager, der Regierungsbehörden und öffentlichen Institutionen, der Post, des Telöegraphenamtes und dgl. bemächtigen, was für die weitere Entwicklung der Revolution notwendig sein wird. (...)
Eine der Hauptaufgaben unserer Kampfscharen und unserer militär-technischen Organisation überhaupt muss es sein, einen Aufstandsplan für ihr Gebiet auszuarbeiten und ihn mit dem von der Parteizentrale für ganz Russland ausgearbeiteten Plan zu koordinieren. Beim Gegner die schwächsten Stellen finden, die Punkte bezeichnen, von denen aus er angegriffen werden muss, alle Kräfte im Gebiet verteilen, die Topographie der Stadt gut studieren – alles dies muss vorher getan werden, damit wir unter keinen Umständen überrascht werden. Es ist hier völlig unangebracht, diese Seite der Tätigkeit unserer Organisationen eingehend zu erörtern. Eine streng Konspiration bei der Ausarbeitung des Aktionsplans muss begleitet sein von einer möglichst weiten Verbreitung militärtechnischer Kenntnisse unter dem Proletariat, wie sie für die Führung des Straßenkampfes unbedingt notwendig sind. Zu diesem Zweck müssen wir die in der Organisation vorhandenen Militärpersonen heranziehen. Zu dem gleich Zweck können wir auch eine ganze Anzahl sonstiger Genossen von uns heranziehen, die mit ihren Talenten und Neigungen dabei von großem Nutzen sein werden. (...)
Nur die völlige Kampfbereitschaft wird dem Proletariat die Möglichkeit geben, die einzelnen Scharmützel mit der Polizei und dem Militär zu einem allgemeinen Volksaufstand zu gestalten, um an Stelle der Zarenregierung eine provisorische revolutionäre Regierung zu schaffen“ (ebenda).
„Die Rettung des Volkes liegt im siegreichen Aufstand des Volkes selber“ (Stalin, Werke Band 1, Seite 154, „Die Reaktion verstärkt sich“)
Was Stalin hier über den Aufstand und unsere Taktik lehrt, gilt ganz besonders für den heutigen globalen Aufstand, gilt für die Bewaffnung aller Völker, gilt für den globalen Aktionsplan, in dem die Aktionen aller Länder von der Zentrale der Komintern(ML) koordiniert werden. Die Rettung der Völker liegt im siegreichen globalen Aufstand der Völkervselber.
Der Generalstreik im Oktober, der die Kraft und die Stärke der proletarischen Bewegung offenbarte, zwang den zu Tode erschrockenen Zaren, das Manifest vom 17. Oktober zu erlassen. Dieses Manifest, das dem Volke allerlei Freiheiten versprach, war ein Betrug an den Volksmassen, ein Winkelzug des Zaren, eine Art Atempause, die der Zar brauchte, um die Leichtgläubigen einzuschläfern, Zeit zu gewinnen, Kräfte zu sammeln und dann gegen die Revolution loszuschlagen. Die Bolschewiki klärten die Massen darüber auf, dass das Manifest vom 17. Oktober eine Falle sei. Stalin enttarnte die Kadetten als Vertreter der liberalen Bourgeoisie, die nach dem Siege der Oktoberrevolution konterrevolutionäre Verschwörungen und Aufstände gegen die Sowjetrepublik anzettelten.
„Die vermögende Bourgeoisie ist unser unversöhnlicher Feind, ihr Reichtum beruht auf unserer Armut, ihre Freude auf unserem Leid. Es ist klar, dass ihre bewussten Vertreter unsere geschworenen Feinde sein und versuchen werden, uns bewusst zu zerschlagen. (...) Sie sind keine Sozialisten, sie hassen die sozialistische Bewegung. Dies bedeutet, dass sie die bürgerlichen Zustände festigen und einen Kampf auf Leben und Tod gegen das Proletariat führen. (...) Sie wollen die Rechte des Zaren nur ein wenig beschneiden, und auch das nur unter der Bedingung, dass diese Rechte in die Hände der Bourgeoisie übergehen. Der Zarismus aber muss ihrer Meinung nach unbedingt bestehen bleiben als das zuverlässige Bollwerk der vermögenden Bourgeoisie, das sie gegen das Proletariat ausnutzt (...), d.h., sie wollen eine gestutzte Verfassung mit einer beschränkten Monarchie“ („Die Bourgeoisie stellt eine Falle“, Stalin Werke Band 1, Seite 155/156).
Das „Oktobermanifest“ findet Stalin in Tiflis im Höhepunkt des Kampfes für den Leninschen taktischen Plan, für die bolschewistischen Losungen der Revolution. Am gleichen Tage sagte Stalin in seiner Rede auf einem Arbeitermeeting:
„Was brauchen wir, um wirklich zu siegen? Dazu sind drei Dinge nötig: erst5ens – Bewaffnung, zweitens – Bewaffnung, drittens – Bewaffnung und noch einmal Bewaffnung“ (Geschichte der KPdSU [B] – Kurzer Lehrgang, Seite 103).
Und genau das brauchen wir, um in der Weltrevolution zu siegen – eine Rote Armee des Weltproletariats, die die Völker gegen den Weltimperialismus bewaffnet, den Aufstand der Völker leitet und sie in den globalen Bürgerkrieg gegen die internationale Konterrevolution führt! Die Befreiung der Völker muss mit den bewaffneten Händen der Völker selbst vollzogen werden – gemeinsam gegen den globalen Feind – den Weltimperialismus.
In der von Stalin im November 1905 verfassten Proklamation des Tifliser Komitees des Kaukasischen Bundes der SDAPR verfocht er den Gedanken, dass für den Sieg der Revolution der bewaffnete Volksaufstand notwendig sei und schrieb:
„Der in seiner Großartigkeit nicht nur in der Geschichte Russlands, sondern auch der ganzen Welt noch nie da gewesene, beispiellose politische Generalstreik, der sich jetzt abspielt, kann vielleicht heute zu Ende gehen, ohne in den Volksaufstand umzuschlagen, aber nur, um morgen erneut und mit noch größerer Gewalt das Land zu erschüttern und in jenen grandiosen bewaffneten Aufstand überzugehen, der die uralte Fehde des russischen Volkes mit der zaristischen Selbstherrschaft entscheiden und diesem abscheulichen Ungeheuer den Kopf zerschmettern muss ... Der bewaffnete Volksaufstand – das ist die große Aufgabe, die gegenwärtig vor dem russischen Proletariat steht und gebieterisch ihre Lösung heischt!“ (18. Oktober 1905, Rede im Tifliser Stadtteil Nadsaladewi)
Der in ihrer Großartigkeit nicht nur in der Geschichte Russlands und Albaniens, sondern auch der ganzen Welt noch nie da gewesene, beispiellose erste Periode des Sozialismus, des Sozialismus in „einem“ Land, ist zu Ende gegangen, ohne in die zweite Periode, in den Weltsozialismus, nahtlos überzugehen, aber nur, um morgen erneut und mit noch größerer Gewalt die Welt zu erschüttern und in jenen grandiosen bewaffneten Aufstand überzugehen, der die uralte Fehde des Sozialismus mit dem Kapitalismus entscheiden und diesem abscheulichen Ungeheur den Kopf zerschmettern muss ... Der bewaffnete Weltaufstand der Völker – das ist die globale Aufgabe, die gegenwärtig vor dem Weltproletariat steht und gebieterisch ihre Lösung erheischt.
Anlässlich des politischen Oktoberstreiks in ganz Russland schreibt Stalin die Flugblätter „Bürger!“ und „An alle Arbeiter!“. Stalin leitet die Arbeit der IV. Bolschewistischen Konferenz des Kaukasischen Bundes der SDAPR. Es erscheint am 20.November die erste Nummer des „Kawkaski Rabotschi Listok“ mit dem Leitartikel Stalins „Tiflis, den 20. November 1905“:
„Wird das Proletariat genügend Kraft haben, um diesen Weg bis zu Ende zu gehen, genügend Kraft, um aus dem gigantischen blutigen Kampf, der ihm auf diesem Wege bevorsteht, in Ehren hervorgehen? Gewiss! So denkt das Proletariat selbst und rüstet kühn und entschlossen zum Kampfe“ (Stalin, Werke Band 1, Seite 170).
Und wenn Stalin heute noch lebte, würde er das jetzt auch über das Weltproletariat sagen ? – gewiss würde er das !
Übrigens schrieb Stalin über Lenins Verdienste für die russische Revolution 1905:
„Das gewaltige Verdienst Lenins um die russische Revolution besteht darin, dass er die Hohlheit der historischen Parallelen der Menschewiki und die ganze Gefährlichkeit des menschewistischen 'Revolutionsschemas`, das die Sache der Arbei8ter bedingungslos der Bourgeoisie ausliefert, restlos enthüllt hat“ (Stalin, „Über Lenin“).
Unter Führung Stalins fasst die IV. Bolschewistische Konferenz des Kaukasischen Bundes der SDAPR den Beschluss, den Kampf für die Vorbereitung und Durchführung des bewaffneten Aufstands, für den Boykott gegen die zaristische Duma, für die Entwicklung und Festigung der revolutionären Organisationen der Arbeiter und Bauern – der Sowjets der Arbeiterdeputierten, der Streikkomitees, der revolutionären Bauernkomitees – zu verstärken. Stalin entlarvte und bekämpfte die Menschewiki als Gegner der Revolution und des bewaffneten Aufstandes. Unentwegt bereitete er die Arbeiter zum entschiedenen Kampf gegen die Selbstherrschaft vor. Ganz Transkaukasien wurde von den Flammen des revolutionären Brandes erfasst.
Im Dezember 1905 reiste Stalin als Delegierter der transkaukasischen Bolschewiki zur Ersten Allrussischen Bolschewistischen Konferenz nach Tampere (Tammerfors) in Finnland. Auf der Tammerforser Konferenz begegnen sich Lenin und Stalin zum ersten Male persönlich. Stalin erinnert sich:
„Es waren zündende Reden, die die ganze Konferenz in stürmische Begeisterung versetzten. Die ungewöhnliche Überzeugungskraft, die Einfachheit und Klarheit der Beweisführung, die kurzen und allgemeinverständlichen Sätze, das Fehlen jeder Pose, das Fehlen aller auf Eindruck berechneten schwindelerregenden Gesten und effektvollen Phrasen – all das unterschied Lenins Reden vorteilhaft von den Reden gewöhnlicher `Parlamentsredner`.
Aber mich fesselte damals nicht diese Seite der Reden Lenins. Mich fesselte jene unüberwindliche Kraft der Logik in Lenins Reden, die zwar ein wenig trocken wirkt, dafür aber die Zuhörerschaft völlig in ihren Bann zieht, sie allmählich elektrisiert und sie dann, wie man zu sagen pflegt, restlos gefangennimmt“ (Stalin, „Über Lenin).
Die Konferenz wählte Genossen Stalin in die politische Kommission zur Redigierung der Resolutionen der Konferenz, auf der er zusammen mit Lenin als einer der hervorragendsten Führer der Partei arbeitete. Die Bollschewiki rüsteten sich dort mit einem Beschluss für den kommenden Vereinigungsparteitag . „Unter dem Druck der Arbeitermassen waren die Menschewiki gezwungen, der Vereinigung zuzustimmen“ (Geschichte der KpdSU[B] – Kurzer Lehrgang, Seite 107).
Am 7. Januar erscheint Stalins Broschüre „Zwei Schlachten“ in georgischer Sprache. Darin vergleicht er die heute noch sehr lehrreichen Entwicklungsprozesse vom Januaraufstand des Petersburger Proletariats mit denen des Dezemberaufstands in Moskau, worin seine große militärische Begabung für die Einschätzung der Aufstände zum Vorschein tritt: „Kurzum, eine geschlossene Partei, ein von der Partei organisierter Aufstand und eine Angriffspolitik – das ist es, was wir heute für den Sieg des Aufstands nötig haben“ (Stalin, Band 1, Seite 177). Das Studium dieses kurzen, prägnanten Textes ist Pflicht für jeden angehenden Stalinisten.
Am 8. März wird Stalins Artikel „Die Reichsduma und die Taktik der Sozialdemokratie“ in „Gantiadi“ (Die Morgendämmerung“, Nr. 3 veröffentlicht. Stalin vertritt darin die Taktik des Boykotts der Duma:
„Also dient die Taktik der Beteiligung unwillkürlich der Festigung der zaristischen Duma, sie schwächt den revolutionären Geist der Massen, sie trübt das revolutionäre Bewusstsein des Volkes, sie ist nicht imstande, irgendwelche revolutionären Organisationen zu schaffen, sie setzt sich in Widerspruch mit der Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens und muss daher von der Sozialdemokratie abgelehnt werden“ (Stalin, Werke Band 1, Seite 186).
Nach der Niederlage des Dezemberaufstandes beginnt die Wende zum allmählichen Rückzug der Revolution. Stalin schreibt in dieser Situation über Lenin:
„' Nicht lamentieren im Fall einer Niederlage` - das ist gerade jene Besonderheit in Lenins Wirken, die ihm half, eine grenzenlos ergebene und auf ihre Kraft vertrauende Armee um sich zusammenzuschweißen“ (Stalin, „Über Lenin“).
Und im Sommer und Herbst 1906 wurde der revolutionäre Kampf tatsächlich wieder stärker.
Als sich Stalin 1935 an die Kaukasusereignisse während der Revolution 1905/06 erinnerte, kam er auch auf den Angriff seiner Aktionsruppen auf das Gut des Fürsten Orbeljani zu sprechen, eines der größten Geschlechter Georgiens. Der berühmte Schüler Pawlows, Leon Orbeli, wurde nach dem Physiologenkongress, auf dem er ein Referat über die Bedeutung des Schmerzes gehalten hatte, wurde danach persönlich von Stalin empfangen:
„Er fragte, ob Orbeli zu diesem Hause Beziehungen gehabt habe. Der Gelehrte zögerte einen Augenblick, dann sagte er:; 'Es war nur mein Vater...`. Stalin lachte und sagte: 'Ja, ich habe gesündigt...`“ (Achmed Amba, „Ein Mensch sieht Stalin“, Rowohlt 1951, Seite 216).
Die Partei bereitet sich zum IV. Parteitag der SDAPR vor. Der Kampf zwischen Bolschewiki und Menschewiki entbrennt mit neuer Kraft. Die Menschewiki schieben die Niederlage der Revolution den Bolschewiki in die Schuhe. Auf dem Schauplatz tauchen anarcho-syndikalistische Elemente auf. Besonders geräuschvoll gebärden sie sich in Tiflis. Stalin steht im Mittelpunkt des Kampfes gegen alle antiproletarischen Strömungen im Transkaukasus.
Vom 17. 29. März 1906 werden seine Artikel „Die Agrarfrage“ und „Zur Agrarfrage“ veröffentlicht in „Elwa“ Nr. 5, 9, 10 und 14:
„Die Bauernbewegung, die gestern noch hilflos war, drängt heute wie ein stürmischer Strom gegen die alten Zustände an. (...) Die Bauern wollen von den Gutsländereien Besitz ergreifen. Auf diesem Wege streben sie die Vernichtung der Überreste der Leibeigenschaft an – und wer die Bauern nicht verrät, der muss sich bemühen, eben auf dieser Grundlage die Agrarfrage zu lösen. (...)“ Stalin weist den einzigen Ausweg, „die Gutsländereien wegzunehmen, d.h., diese Ländereien zu konfiszieren“ (Stalin, Band 1, Seite187, 189).
„Die Verwirklichung des Sozialismus – das ist die Aufhebung der Warenproduktion, die Abschaffung der Geldwirtschaft, die Zerstörung des Kapitalismus bis auf sein Fundament und die Vergesellschaftung aller Produktionsmittel. Die Sozialrevolutionäre aber wollen all dies unangetastet lassen und nur den Grund und Boden vergesellschaften, was ganz unmöglich ist. Bleibt die Warenproduktion unversehrt, so wird der Grund und Boden zu einer Ware und wird sehr bald auf dem Markt erscheinen, so dass der 'Sozialismus' der Sozialrevolutionäre in die Luft fliegt. Es ist klar, dass sie den Sozialismus im Rahmen des Kapitalismus verwirklichen wollen, was natürlich undenkbar ist. Eben deshalb sagt man, dass der 'Sozialismus` der Sozialrevolutionäre ein bürgerlicher Sozialismus ist. (...)
Offenbar wollen die Sozialrevolutionäre gegen die weitere Entwicklung des Kapitalismus kämpfen und das Rad der Geschichte zurückdrehen – darin sehen sie die Rettung. Die Wissenschaft aber sagt uns, dass der Sieg des Sozialismus von der Entwicklung des Kapitalismus abhängt, und wer gegen diese Entwicklung kämpft, der kämpft gegen den Sozialismus. Eben darum nennt man die Sozialrevolutionäre auch Sozialreaktionäre“ „Die Agrarfrage“, Stalin Band1, Seitew 192).
„Die politische Freiheit ist eine bürgerliche Forderung, und trotzdem nimmt sie in unserem Minimalprogramm einen Ehrenplatz ein. Ja, wozu brauchen wir in die Ferne zu schweifen, man sehe sich Punkt 2 des Agrarprogramms an und lese: die Partei verlangt ... 'die Aufhebung aller Gesetze, die den Bauern in der Verfügungsgewalt über seinen Grund und Boden behindern`, man lese alles dies und antworte: was gibt es in diesem Punkt Sozialistisches? Nichts, werdet ihr sagen, ad dieser Punkt die Freiheit des bürgerlichen Eigentums, nicht aber seine Aufhebung fordert. Trotzdem ist dieser Punkt in unserem Minimalprogramm enthalten. Worum handelt es sich also? Nur darum, dass das Maximalprogramm und das Minimalprogramm zwei verschiedene Begriffe sind, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen. Allerdings werden die Anarchisten hiermit unzufrieden sein, aber da ist nichts zu machen, wir sind ja keine Anarchisten. Was das Bestreben der Bauern nach Aufteilung der Ländereien anbelangt, so haben wir bereits gesagt, dass seine Bedeutung durch die Tendenz der ökonomischen Entwicklung gemessen wird, und da das Bestreben der Bauern sich aus dieser Tendenz ' direkt ergibt' , so muss unsere Partei es unterstützen, nicht aber ihm entgegenwirken“ („Zur Agrarfrage“, Stalin Band 1, Seite 204-205).
Und so ist es auch mit der globalen Tendenz der ökonomischen Entwicklung heute, geht von ihr die globale Lösung der Agrarfrage aus, ist das globale Maximalprogramm der Komintern (ML) von ihrem Maximalprogramm zu unterscheiden und dürfen diese beiden Programme nicht verwechselt werden.
Wichtig erscheint uns heute der Artikel Stalins „Die internationale Konterrevolution“ zu sein, den er am 14. Juli 1906 in der „Achali Zchowreba“ („Neues Leben“) Nr. 20 veröffentlichte – übrigens mit der Unterschrift seines illegalen Decknamens „Koba“ versehen. Koba ist der Name eines früheren georgischen Guerillaführers. Zuerst war das Stalins Spitzname und dann sein Pseudonym.
Stalin spricht darin vom internationalen Charakter der Konterrevolution - „ein Bündnis mit der Konterrevolution anderer Staaten“. (...) Die Konterrevolution Russlands, die sich mit der europäischen Konterrevolution vereinigt, erweitert unermüdlich die Revolution, vereinigt die Proletarier aller Länder miteinander und legt das Fundament der internationalen Revolution“ (Stalin, Band 1, Seite 216 und 217). Die globale Konterrevolution vereinigt heute das Weltproletariat und schafft das Fundament der Weltrevolution.
Stalin nimmt am IV. Parteitag der SDAPR (Stockholm,1906) aktiv teil, auf dem er gemeinsam und Schulter an Schulter mit Lenin die bolschewistische Linie in der Revolution gegen die Menschewiki verteidigt. Viele bolschewistische Organisationen waren nach dem bewaffneten Dezemberaufstand von 1905 durch die Regierung zerschlagen worden und konnten keine Delegierten entsenden. Die Mehrheit auf dem Parteitag besaßen deshalb die Menschewiki. In seiner Antwort an die Menschewiki stellte Stalin die Frage mit voller Schärfe:
„Entweder Hegemonie des Proletariats oder Hegemonie der demokratischen Bourgeoisie – so steht die Frage in der Partei, darin bestehen unsere Meinungsverschiedenheiten“ („Über die gegenwärtige Lage“, Stalin, Band 1, Seite 210).
Kurz nach dem Parteitag schrieb Stalin die Broschüre: „Die gegenwärtige Lage und der Vereinigungsparteitag der Arbeiterpartei“. In dieser Broschüre gab Stalin eine Analyse der Lehren des bewaffneten Dezemberaufstands, begründete die bolschewistische Linie in der Revolution und fasste die Ergebnisse der Arbeiten des IV. Parteitags der SDAPR zusammen.
„Von zwei Dingen eins: entweder Sieg der Revolution und Selbstherrschaft des Volkes oder Sieg der Konterrevolution und Selbstherrschaft des Zaren. Wer sich zwischen zwei Stühle setzt, der verrät die Revolution!“ (Stalin, Band 1, Seite 220). Das gilt um so mehr für die heutige Konterrevolution und die Weltrevolution.
„Die Dezemberaktion hat bewiesen, dass wir Sozialdemokraten (...) eine große Sünde vor dem Proletariat begangen haben. Diese Sünde besteht darin, dass wir nicht oder zu wenig für die Bewaffnung der Arbeiter und für die Organisierung roter Kampfabteilungen gesorgt haben. Man denke an den Dezember. Wem wäre das erregte, kampfentschlossene Volk in Tiflis, in Westkaukasien, in Südrussland, in Sibirien, in Moskau, in Petersburg, in Baku nicht mehr in Erinnerung? Warum gelang es der Selbstherrschaft, dieses von Kampfeifer entbrannte Volk so leicht zu zerstreuen? Etwa deshalb, weil das Volk noch nicht von der Schlechtigkeit der Zarenregierung überzeugt gewesen wäre? Natürlich nicht! Warum also?
Vor allem deshalb, weil das Volk keine oder doch zu wenig Waffen hatte, - wie klassenbewusst ihr auch sein mögt, mit bloßen Händen könnt ihr den Kugeln nicht standhalten! Jawohl, mit Recht werden wir gerügt, wenn man sagte: Das Geld nehmt ihr, Waffen aber sind nicht zu sehen“ (Stalin, Band 1, Seite 235-236).
Und so kann das Weltproletariat die Völker nicht zur Weltrevolution führen, wenn diese nicht mit ausreichend Waffen versorgt werden.
„Zweitens deshalb, weil wir keine ausgebildeten roten Kampfabteilungen hatten, die die übrigen mitgerissen, mit Waffengewalt weitere Waffen erobert und das Volk damit ausgerüstet hätten: in den Straßenkämpfen ist das Volk ein Held, wenn es aber nicht von seinen bewaffneten Brüdern geführt wird, wenn diese ihm nicht mit ihrem Beispiel vorangehen, so kann es sich in einen Haufen verwandeln“ (ebenda).
Und so braucht das Weltproletariat auch seine eigenen bewaffneten Kampfabteilungen in allen Ländern der Welt, braucht es eine proletarische Weltarmee, die mit ihrem Beispiel vorangeht.
„Drittens deshalb, weil der Aufstand zersplittert und unorganisiert war. Als Moskau auf den Barrikaden kämpfte, war Petersburg stumm. Tiflis und Kutais rüsteten zum Sturm, als Moskau bereits `bezwungen' war. Sibirien griff zu den Waffen, als der Süden und die Letten bereits `besiegt` waren. Dies bedeutet, dass das kämpfende Proletariat dem Aufstand in Gruppen zersplittert begegnete, wodurch die Regierung verhältnismäßig leicht imstande war, ihm eine 'Niederlage' beizubringen“ (Ebenda).
Und so können die Länder nicht zersplittert in den Kampf ziehen, müssen sie sich global formieren und organisieren, müssen sie in einer geschlossenen global zentralisierten Front auftreten, so dass die internationale Konterrevolution nicht imstande ist, dem Weltproletariat eine „Niederlage“ beizubringen.
„Viertens deshalb, weil unser Aufstand sich an die Politik der Verteidigung, nicht aber des Angriffs hielt. Die Regierung selber rief den Dezemberaufstand hervor, die Regierung selber griff uns an, sie hatte ihren Plan, während wir diesem Angriff der Regierung unvorbereitet begegneten, keinen durchdachten Plan hatten, gezwungen waren, uns an die Politik der Selbstverteidigung zu halten, und somit im Nachtrab der Ereignisse einhertrotteten. Hätten die Moskauer gleich zu Anfang die Politik der Offensive gewählt, so hätten sie unverzüglich den Nikolaus-Bahnhof besetzt, die Regierung wäre dann außerstande gewesen, Truppen aus Petersburg nach Moskau zu wer4fen, und der Moskauer Aufstand wäre somit von längerer Dauer gewesen, was einen entsprechenden Einfluss auch auf die anderen Städte ausgeübt haben würde. Deshalb muss auch über die Letten gesagt werden: hätten sie gleich zu Anfang den Weg des Angriffs beschritten, so hätten sie sich vor allem der Geschütze bemächtigt und die Regierungskräfte erschüttert.
Nicht umsonst sagte Marx: „... hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten, so handle man mit der größten Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Tod jedes bewaffneten Aufstands“ (ebenda, Seite 236-237).
Und so muss man die Politik der Offensive und des Angriffs auch in der globalen Revolution, im Weltaufstand, anwenden.
Nach dem IV. Parteitag ist Stalin wieder in Transkaukasien. Er führt einen unversöhnlichen Kampf gegen den Menschewismus und andere antiproletarische Strömungen. Er leitet die legalen bolschewistischen Zeitungen „Achali Zchowreba“ (Neues Leben), „Achali Drojeba“ (Neue Zeit), „Tschweni Zchowreba“ (Unser Leben) und „Dro“ (Die Zeit), die in Tiflis in georgischer Sprache erschienen. Am 6. März 1907 wurde „Unser Leben“ verboten „wegen extremer Richtung“. „Die Zeit“ erschien stattdessen vom 11. März bis zum 15. April 1907 in Tiflis.
Aus dieser Zeit stammt die Serie der ausgezeichneten Artikel Stalins „Anarchismus oder Sozialismus?“. Der Anlass zu diesen Artikeln war der Umstand, dass die Anarchisten Kropotkinscher Richtung in Transkaukasien aktiv geworden waren. Lenin hatte in der „Nowaja Shisn“ Nr. 21 , die am 25. November 1905 erschien, den Artikel „Sozialismus und Anarchismus“ veröffentlicht aus Anlass der Ablehnung des Ersuchens der Anarchisten, in das Exekutivkomitee des Sowjets der Arbeiterdeputierten aufgenommen zu werden. In dem Artikel ist bereits die Leninsche internationalistische These enthalten, „dass der volle Sieg unserer Revolution ein Bündnis des revolutionären Proletariats Russlands mit den sozialistischen Arbeitern aller Länder erheischt“ (...) „Zwischen dem Sozialismus und dem Anarchismus liegt ein tiefer Abgrund“ (Lenin Band 10, Seite 59).
Ende 1905 und Anfang 1906 führte in Georgien eine Gruppe von Anarchisten, an deren Spitze V. Tscherkesischwili, ein Schüler Kropotkins und bekannter Anarchist, sowie seine Anhänger Michako Zereteli (Baton), Schalwa Gogelia (S.G.) und andere standen, eine erbitterte Kampagne gegen die Sozialdemokraten. Die Gruppe gab in Tiflis die Zeitungen „Nobati“, „Muscha“ und andere Blätter heraus. Die Anarchisten hatten keinerlei Stütze im Proletariat, erzielten jedoch gewisse Erfolge unter den deklassierten und kleinbürgerlichen Elementen. Gegen die Anarchisten wandte sich Stalin mit einer Artikelserie. Die ersten vier Artikel erschienen im Juni und Juli 1906 in der Zeitung „Achali Zchowreba“. Der Druck der darauf folgenden Artikel unterblieb, da die Behörden die Zeitung verboten hatten. Im Dezember 1906 und am 1. Januar 1907 wurden die in „Achali Zchowreba“ veröffentlichten Artikel in der Zeitung „Achali Drojeba“ nachgedruckt, aber in etwas veränderter Gestalt. Ihre Fortsetzung wurden im April 1907 gedruckt. In Stalins Gesammelten Werken wurden beide Varianten nebeneinander veröffentlicht, wobei die erste Variante als Anhang zu finden ist. Eine Fortsetzung ist in der Presse nicht erschienen, da das Zentralkomitee der Partei den Genossen Stalin Mitte 1907 zur Parteiarbeit nach Baku entsandte, wo er nach einigen Monaten verhaftet wurde und die Aufzeichnungen zu den letzten Kapiteln des Werkes „Anarchismus oder Sozialismus?“ bei der Haussuchung verloren gingen – also eben auch die von Stalin verfassten Schlussfolgerungen. Stalin selbst beurteilte dieses Werk als das Werk eines „lernenden Marxisten“. Um diese Frühwerke zu verstehen und richtig zu beurteilen, schreibt Stalin, „muss man sie als die Werke eines jungen Marxisten betrachten, der noch nicht zu einem fertigen Marxisten und Leninisten geworden war. Man begreift deshalb, dass sich in diesen Werken noch Spuren gewisser später veralteter Leitsätze der alten Marxisten finden, die von unserer Partei in der Folgezeit überwunden worden sind“ (Stalin, Vorwort des Verfassers zum ersten Band der Gesammelten Werke, Januar 1946, Seite XVI).
Bis heute konnten die von Stalin geschriebenen Werke von 1901 bis April 1907 nicht restlos aufgefunden werden. Bis auf den heutigen Tag sind auch das Archiv des Kaukasischen Bundeskomitees der SDAPR und einzelne Druckschriften der transkaukasischen bolschewistischen Organisationen, in denen Werke Stalins veröffentlicht wurden, noch nicht aufgefunden worden.
Stalin setzt sich zunächst mit den Ansichten der georgischen Anarchisten über die marxistische Methodik der Dialektik und über die marxistische Theorie des Materialismus polemisch auseinander und grenzt den Marxismus vom Anarchismus in dieser Frage ab, denn damals war die Auffassung noch weitestgehend verbreitet, dass es sich dabei lediglich um taktische Meinungsverschiedenheiten zwischen Anarchisten und Marxisten handele, dass beide Strömungen auf gemeinsamen Grundlagen beruhen würden. „Das ist jedoch ein großer Irrtum. Wir sind der Auffassung, dass die Anarchisten richtige Feinde des Marxismus sind. Wir erkennen also auch an, dass man gegen richtige Feinde einen richtigen Kampf führen muss. Deshalb aber ist es notwendig, die 'Lehre' der Anarchisten von Anfang an bis zu Ende zu untersuchen und sie von allen Seiten gründlich zu erwägen“ (Stalin, Band 1, Seite 258-259).
Im Folgenden macht Stalin den Leser mit dem Plan seiner Artikel vertraut:
„Wir werden mit einer Charakterisierung des Marxismus beginnen, beiläufig die Ansichten der Anarchisten über den Marxismus berühren und dann zur Kritik des Anarchismus selbst übergehen. Und zwar entwickeln wir die dialektische Methode, die Ansichten der Anarchisten über diese Methode und unsere Kritik;
die materialistische Theorie, die Ansichten der Anarchisten und unsere Kritik (hier wird auch von der sozialistischen Revolution, der sozialistischen Diktatur, dem Minimalprogramm und überhaupt von der Taktik die Rede sein):
die Philosophie der Anarchisten und unsere Kritik;
den Sozialismus der Anarchisten und unsere Kritik;
die Taktik und die Organisation der Anarchisten – und zum Schluss ziehen wir unsere Schlussfolgerung. Wir werden zu beweisen versuchen, dass die Anarchisten als Prediger eines Sozialismus kleiner Gemeinden keine wirklichen Sozialisten sind. Wir werden ferner zu beweisen versuchen, dass die Anarchisten, da sie die Diktatur des Proletariats ablehnen, auch keine wirklichen Revolutionäre sind“ (Stalin, Band 1, Seite 259-260).
Übrigens hat Stalin in „Anarchismus oder Sozialismus“ die berühmte These von Marx - „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt“ - am Beispiel seines Vaters erläutert, der bekanntlich Schuhmacher war. Wir nehmen dieses Beispiel hier mit auf. Stalins Vater hatte nämlich seinen Sohn für einige Wochen (wahrscheinlich in den Schulferien 1889) mit nach Tiflis genommen, wo Stalin tatsächlich in der Schuhfabrik gearbeitet haben soll. Die Mutter war extra nach Tiflis gereist, um ihren Sohn wieder zur Schule zu bringen.
„Ein einfaches Beispiel. Man stelle sich einen Schuhmacher vor, der eine winzige Werkstätte besessen hat, aber nicht mit den großen Unternehmern konkurrieren konnte, seine Werkstätte zugemacht und sich, sagen wir, in die Schuhfabrik von Adelchanow in Tiflis verdingt hat. Er ist in Adelchanows Fabrik eingetreten, aber nicht, um zu einem ständigen Lohnarbeiter zu werden, sondern um zu Geld zu kommen, sich ein kleines Kapital zusammenzusparen und dann seine Werkstätte wieder aufzunehmen. Wie man sieht, sind die Verhältnisse dieses Schuhmachers bereits proletarisch, sein Bewusstsein aber ist vorläufig noch kein proletarisches, sondern ein durch und durch kleinbürgerliches. Mit anderen Worten, die Verhältnisse dieses Schuhmachers sind bereits nicht mehr kleinbürgerlich, die kleinbürgerlichen Verhältnisse sind verschwunden, aber sein kleinbürgerliches Bewusstsein ist noch nicht verschwunden, es ist hinter seiner faktischen Lage zurückgeblieben.
Es ist klar, dass auch hier, im gesellschaftlichen Leben, sich zuerst die äußeren Bedingungen ändern – zuerst ändert sich die Lage der Menschen, und dann ändert sich dementsprechend ihr Bewusstsein.
Kehren wir jedoch zu unserem Schuhmacher zurück. Wie wir bereits wissen, gedenkt er zu Geld zu kommen, um dann seine Werkstätte zu eröffnen. Der proletarische Schuhmacher arbeitet und sieht, dass es sehr schwer ist, zu Geld zu kommen, da der Arbeitslohn kaum für die nackte Existenz reicht. Außerdem bemerkt er, dass auch die Eröffnung einer privaten Werkstätte nicht gar so verlockend ist: die Mietzahlung, die Launen der Kunden, der Geldmangel, die Konkurrenz der Großunternehmer und ähnliche Plagen – so viele Sorgen bedrücken den privaten Meister. Demgegenüber ist der Proletarier relativ frei von solchen Sorgen, ihn beunruhigt weder der Kunde noch die Mietzahlung, er kommt morgens in de Fabrik, geht 'unbekümmert` am Abend wieder weg und steckt am Sonnabend ebenso unbekümmert seine 'Lohntüte' in die Tasche.Hier werden den kleinbürgerlichen Träumen unseres Schuhmachers zum ersten Mal die Flügel beschnitten, hier entstehen in seiner Seele zum ersten Mal proletarische Bestrebungen.
Die Zeit vergeht, und unser Schuhmacher sieht, dass das Geld nicht einmal für das Notwendige reicht, dass er eine Erhöhung des Arbeitslozhns äußerst nötig hat. Gleichzeitig merkt er, dass seine Kollegen von irgendwelchen Verbänden und Streiks reden. Hier wird unser Schuhmacher sich dessen bewusst, dass es zwecks Verbesserung seiner Lage notwendig ist, gegen die Unternehmer zu kämpfen, nicht aber eine eigene Werkstätte aufzumachen. Er tritt in den Verband ein, schließt sich der Streikbewegung an und gerät bald in den Bann der sozialistischen Ideen ...
Auf diese Weise folgte der Veränderung der materiellen Lage des Schuhmachers schließlich eine Veränderung seines Bewusstseins; zuerst ändert sich seine materielle Lage und dann, einige Zeit später, änderte sich dementsprechend auch sein Bewusstsein. Dasselbe muss auch von den Klassen und von der Gesellschaft im Ganzen gesagt werden“ (Stalin, Band 1, Seite 275-276).
Und das muss auch von Stalin gesagt werden, denn es war nicht der Vater, sondern der Sohn, der „in den Bann der sozialistischen Ideen geriet“. Man muss das auch von manchen Genossen sagen, die in der Zeit der ersten Periode des Sozialismus gelebt haben und es zum Teil schwer haben, sich entsprechend der neuen Lage der Globalisierung ein neues, weltsozialistisches Bewusstsein, nämlich das der zweiten Periode des Sozialismus zu schaffen bzw. anzueignen. Das ist bedauerlich, aber richtig gefährlich werden uns diese Genossen dann, wenn sie versuchen, junge Genossen auf das Niveau der ersten Periode herabzuzerren mit der Rechtfertigung, sie müssten das sozialistische Bewusstsein der ersten Periode vor der zweiten „verteidigen“. Wer den qualitativen Unterschied zwischen dem Bewusstsein der ersten und zweiten Periode des Sozialismus leugnet, befindet sich auf dem Weg in den Revisionismus, so wie die Anhänger Dimitroffs auf dem VII. Weltkongress der Komintern, die den Sieg des Sozialismus in der Sowjetunion Lenins und Stalins fatalerweise für „garantiert“ und „unbesiegbar“ erachteten, was ein weltrevolutionäres Denken, was eine Weltrevolution überflüssig machte und was zu nichts anderem führte, als eben zum Untergang des Sozialismus in „einem“ Land, der nun einmal nach Auffassung des Marxismus-Leninismus nur lebensfähig bleibt in einer größeren Gemeinschaft weiterer sozialistischer Staaten, also stark genug, um sich gegenüber dem Weltimperialismus nicht nur zu behaupten, sondern diesen zu schlagen, denn garantiert wird der Sozialismus schließlich nur im Weltmaßstab, was nichts anderes heißt als durch die Weltrevolution – wodurch sonst? Solche Genossen mögen in Worten Weltrevolutionäre sein, aber in Taten sind es Liquidatoren der Weltrevolution. Lenin und Stalin haben bereits vor diesem Fehler gewarnt und und seine Vertreter bekämpft. Das nur nebenbei. Wir müssen uns also vor dieser Art von Revisionismus schützen, müssen ihn überwinden, ihn entlarven und bekämpfen, denn ohne dieses neue weltsozialistische Bewusstsein, ohne die wissenschaftlich-dialektische Herausarbeitung des sozialistischen Bewusstseins der zweiten aus der ersten Periode des Sozialismus, und das unter Berücksichtigung der Bedingungen der Weltrevolution in einer historisch veränderten Weltlage, ist es dem Weltproletariat heute unmöglich, in der sozialistischen Weltrevolution zu siegen, ist es u.a. unmöglich, einen sozialistischen Staat auf der Welt am Leben zu erhalten. Ohne neue weltrevolutionäre Theorie – keine neue weltrevolutionäre Praxis, keine neue weltrevolutionäre Bewegung. Wird der Marxismus-Leninismus nicht auf eine höhere, globale Stufe gehoben, dann muss er unweigerlich untergehen. Mit dem sozialistischen Bewusstsein der ersten Periode des Sozialismus kann man keinen Weltsozialismus aufbauen, das kann man nur mit einem höheren sozialistischen Bewusstsein, mit dem sozialistischen Bewusstsein der zweiten Periode des Sozialismus, das natürlich nicht vom Himmel fällt, sondern aus nichts anderem hervorgeht als eben aus dem Bewusstsein der ersten Periode des Sozialismus und zwar ausgehend von den veränderten Bedingungen des Weltkapitalismus von heute. Der Weltsozialismus kann aus nichts anderem hervorgehen als aus dem Weltkapitalismus. Zuerst ändern sich die materiellen Bedingungen durch die kapitalistische Globalisierung, dann dementsprechend auch das revolutionäre Denken der globalen Menschen, macht die internationalistische Weltanschauung einen neuen Sprung nach vorn, entwickelt sich weltrevolutionäres Denken auf höherer Stufe und bringt unvermeidlich den neuen Typus von Weltbolschewisten hervor, der unvermeidlich den neuen Typus einer weltbolschewistischen Partei aufbaut, um das Weltproletariat zur Weltrevolution, zum Weltsozialismus zu führen. Die Komintern (ML) vertritt als einzige Organisation in der Welt diesen Standpunkt und kämpft für ihn. So wie die Bolschewiki unter Führung Lenins und Stalins alle anti-marxistischen Strömungen, insbesondere den Menschewismus, bekämpften, bevor sie in der Oktoberrevolution siegen konnten, so bekämpft auch die Komintern (ML) heute alle anti-marxistischen Strömungen, insbesondere den globalen Menschewismus, um in der Weltrevolution siegen zu können.
Im April – Mai 1907 fand der V. (der Londoner) Parteitag der SDAPR statt, der den Sieg der Bolschewiki über die Menschewiki verankerte. Es war der erste bolschewistische Parteitag. Stalin schreibt über Lenin:
„Damals sah ich Lenin zum ersten Mal als Sieger. Der Sieg pflegt manchen Führern zu Kopf zu steigen, macht sie hochmütig und überheblich. Meist beginnen sie in solchen Fällen den Sieg zu feiern, auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Aber Lenin glich solchen Führern nicht im Geringsten. Im gegenteil, gerade nach dem Sieg wurde er besonders wachsam und vorsichtig. Ich erinnere mich, wie Lenin damals den Delegierten beharrlich einhämmerte: 'Erstens darf man sich vom Sieg nicht berauschen lassen und überheblich werden; zweitens muss man den Sieg verankern; drittens muss man dem Gegner den Garaus machen, denn er ist nur geschlagen, aber bei Weitem noch nicht zur Strecke gebracht`. Mit beißendem Spott überschüttete er die Delegierten, die leichtsinnig versicherten: 'Von nun an ist es aus mit den Menschewiki'. Es war ihm ein Leichtes zu beweisen, dass die Menschewiki noch immer Wurzeln in der Arbeiterbewegung haben, dass man sie geschickt bekämpfen muss, wobei man die Überschätzung der eigenen Kräfte und besonders die Unterschätzung der Kräfte des Gegners auf jede Weise zu vermeiden hat. `Durch den Sieg nicht überheblich werden`- das ist jene Besonderheit im Charakter Lenins, die ihm half, die Kräfte des Gegners nüchtern abzuwägen und die Partei vor möglichen Überraschungen zu sichern“ (Stalin, „Über Lenin“).
Stalin war aktiver Teilnehmer des Parteitages und als Delegierter der Tifliser Organisation anwesend. Vom Parteitag zurückgekehrt, veröffentlichte er einen Bericht über dessen Arbeit: „Aufzeichnungen eines Delegierten“, in denen er eine Einschätzung der Beschlüsse und Ergebnisse des Parteitags gab, die ideologischen und taktischen Positionen des Bolschewismus verteidigte, die liberal-bürgerliche Linie der Menschewiki in der Revolution und deren Liquidatorentum gegenüber der Partei entlarvt und die Klassennatur des Menschewismus als einer kleinbürgerlichen politischen Strömung aufzeigte:
„Besonders aufschlussreich waren die Reden der Genossin Rosa Luxemburg, die den Parteitag im Namen der deutschen Sozialdemokraten begrüßte und die Auffassung entwickelte, die unsere deutschen Genossen von unseren Meinungsverschiedenheiten haben. (...) Es ist offenbar geworden, dass die erprobteste und revolutionärste sozialdemokratische Partei Europas, die deutsche Sozialdemokratie, offen und klar die Bolschewiki, als die wahren Marxisten, in ihrem Kampf gegen die Verräter am Marxismus, gegen die Menschewiki unterstützt“ (Stalin Band 2, Seite 57 und 58, Baku 1907, in „Bakinski Proletari“ (Der Bakuer Proletarier) Nr.1 und 2, 20. Juni und 10. Juli 1907, Unterschrift „Koba Iwanowitsch).
Zu dieser Zeit war die Parteikasse der SDAPR leer. Vom Kaukasus aus trieb Stalin für die Partei Geld auf. .Stalin machte alle Aktionen persönlich mit. Er und andere georgische Genossen führten auf Befehl Lenins einen Bankraub in Tiflis aus (250 000 Rubel). Diese Kampftruppe führte der Genosse Kamo Petrosjan an. Das Geld sollte nach Europa geschmuggelt und in dortige Währungen umgetauscht werden. Petrosjan wurde an die Zarenregierung ausgeliefert. Nachdem ihm die Flucht aus dem Gefängniskrankenhaus geglückt war, arbeitete er nach der Revolution für Berija im Kaukasus.
„Am zweiten Tag nach dem Geldtransportraub war Stalin mit drei Getreuen auf der Flucht. Da sah er am Rande eines Haines ein Schäflein mit einem gebrochenen Bein liegen. Und der Mann, an dessen Händen noch das Blut von seinen gestrigen Opfern klebte, trug das Tierchen ins Dorf. Mit großem Umweg und Risiko: er konnte ja schon vom Schulzen erkannt und geschnappt werden. War es eine Bravourtat oder eine Tat der Liebe? Keines von Beiden. Er kam nur dadurch in jener Gegend in guten Ruf, was ihm immer einmal von Nutzen sein konnte. Aber für keine seiner Taten rechnet Stalin mit einer Rechtfertigung durch seine Mitmenschen. Was nach seiner Meinung notwendig ist, und ist es auch mit Strömen von Blut erkauft, ist eben richtig und unterliegt keiner moralischen Beurteilung.(...) Im Kampf – wie Stalin offen feststellt – sind alle Mittel recht. Er hat gekämpft und gesiegt“. (...) Alles aus einer Lage herauszuholen, was herauszuholen ist, alles und noch mehr, war und ist einer der tiefsten Züge Stalins“ (Achmed Amba, „Ein Mensch sieht Stalin“, Seite 68, 70 und 74).
Vom Ende der ersten bis zum Beginn der zweiten Revolution vergingen 10 Jahre, in deren Verlauf die Bolschewiki heldenhaft und opfermutig, beharrlich und unermüdlich die Massen organisierten, sie im revolutionären Geist erzogen, ihren Kampf leiteten und den künftigen Sieg der Revolution vorbereiteten.
Für Lenin und Stalin waren das Jahre des unversöhnlichen Kampfes für die Aufrechterhaltung und Festigung der illegalen revolutionären Partei, für die Durchführung der bolschewistischen Linie unter neuen Bedingungen, Jahre der angestrengten Arbeit zur Organisierung und Erziehung der Arbeitermassen, Jahre des besonders hartnäckigen Kampfes mit der zaristischen Polizei. Der Zarismus fühlte, dass er in Stalin einen der größten Revolutionäre vor sich hatte, und suchte Stalin auf jede Weise die Möglichkeit zu nehmen, seine revolutionäre Arbeit fortzusetzen. Verhaftungen, Gefängnis und Verbannung lösten einander ab. Von 1902 bis 1913 wurde Stalin acht Mal verhaftet, sieben Mal war er in der Verbannung, aus der er sechs Mal flüchtete. Kaum hatten die zaristischen Schergen Stalin an einen neuen Verbannungsort gebracht, als er auch schon erneut flüchtete und, wieder auf „freiem Fuß“, die revolutionäre Energie der Massen schmiedete.
„Kaum geschnappt, dachte er sofort nur ans Ausreißen. Fluchten gelangen ihm oft, mehr als jedem anderen (was sogar Verdacht erregte). Mehr als einmal floh er allein aus Turuchansk. Im Westen mag dies Wort kein Begriff sein. Turuchansk war außerhalb des Eisenbahnnetzes vom Ural aus per Schlittenweg in frühestens 8 Wochen zu erreichen. Auf der Flucht, die er oft zu Fuß durchführte, musste Stalin die Tundra und die Taiga durchqueren, manchmal bei einer Kälte von minus 60 Grad. Da er kein Athlet war, eher schmächtig von Gestalt, musste er die Kraft durch die Ausdauer und vor Allem durch den Willen ersetzen“ (Achmed Amba, „Ein Mensch sieht Stalin“, Seite 59, Rowohlt, 1951).
Nur aus der letzten Verbannung wurde Stalin durch die Februarrevolution befreit.
Mit dem Januar 1907 beginnt die Bakuer Periode in der revolutionären Tätigkeit Stalins. Nach der Rückkehr vom V. (Londoner) Parteitag der SDAPR verlässt Stalin Tiflis und lässt sich auf Anweisung der Partei in Baku nieder, dem größten Industrierevier Transkaukasiens und einem der wichtigsten Zentren der Arbeiterbewegung Russlands. Hier entfaltet er eine rastlose Tätigkeit zum Zusammenschluss der Bakuer Organisation um die Losungen Lenins, zur Gewinnung der Arbeitermassen für den Bolschewismus. Stalin organisiert den Kampf zur Verdrängung der Menschewiki aus den Arbeitervierteln Bakus (Balachany, Bibi-Eibat, Tschorny Gorod, Bely Gorod) und leitet die illegalen und legalen bolschewistischen Organe „Bakinski Proletari“ (Der Bakuer Proletarier), „Gudok“ (Die Sirene), „Bakinski Rabotschi“ (Der Bakuer Arbeiter).
Am 1. Januar 1907 erscheint Nr. 1 der von Stalin geleiteten Zeitung „Mnatobi“ (Die Leuchte). Am 10. Februar schreibt Stalin das Vorwort zur georgischen Ausgabe der Broschüre K. Kautskys „Triebkräfte und Aussichten der russischen Revolution“. Er skizziert darin die wichtigsten Fragen der Meinungsverschiedenheiten mit den Menschewiki und vermerkt dazu die Ansichten Kautskys, der damals, in der Zeit der russischen Revolution von 1905, noch einen revolutionären Standpunkt vertreten hatte. Was die Einschätzung des Gesamtcharakters der bürgerlichen Revolution von 1905 anbelangt, stellte sich Kautsky auf die Seite der Bolschewiki und vertrat deren Standpunkt der Führung der Revolution durch das Proletariat und nicht durch die Bourgeoisie. Heute ist es das Proletariat im Kaukasus, das die historische Rolle der Zurückeroberung seiner Diktatur an den Kampf des Weltproletariats gegen den Weltkapitalismus knüpft und das sich somit in eine Abteilung der weltproletarischen Führung der sozialistischen Weltrevolution verwandeln wird.
„Dort, wo das Proletariat bewusst kämpft, hört die liberale Bourgeoisie auf, revolutionär zu sein“ (Stalin, Band 2, Seite 4). Dies war der bolschewistische Standpunkt, den Kautsky ebenfalls annahm. Die Bourgeoisie im Kaukasus fürchtet heute die Weltimperialisten, aber noch mehr fürchtet sie das Weltproletariat. Sie gehört also nicht zu den anti-imperialistischen Triebkräften der Revolution im Kaukasus. Die revolutionäre Triebkraft ist das kaukasische Proletariat und die von ihm geführte Bauernschaft, das seine historische Rolle nicht erfüllen kann, wenn es nicht seinen internationalistischen Standpunkt gegenüber dem bürgerlichen Nationalismus in Transkaukasien durchzusetzen vermag.
„Das heißt, die Revolution wird nur in dem Falle siegen, wenn das Proletariat und die Bauernschaft gemeinsam für den gemeinsamen Sieg kämpfen werden“ (Stalin, ebenda). Auch das war die Meinung Kautskys. Und schließlich schreibt Stalin:
„Wie man sieht, ist nach Ansicht Kautskys die Beteiligung an einer provisorischen revolutionären Regierung nicht nur zulässig, sondern kann es sogar so kommen, dass die Sozialdemokratie allein 'zeitweilig ans Ruder' gebracht wird. (...) Wie man sieht, sind der große Theoretiker der Sozialdemokratie Kautsky und die Bolschewiki völlig miteinander einig“ (ebenda, Seite 10).
Das trifft auch auf den heutigen Weltbolschewismus zu. Die Beteiligung von uns Weltbolschewisten an einer provisorischen revolutionären Weltregierung ist nicht nur zulässig, „sondern es kann sogar so kommen, dass der Weltbolschewismus allein „zeitweilig ans Ruder gebracht wird.“
Es erscheint am 18. Februar Nr. 1 der von Stalin geleiteten Zeitung „Tschweni Zchowreba“ (Unser Leben) mit seinem Artikel „Der Wahlkampf in Petersburg und die Menschewiki“. Am 11. März folgt die Veröffentlichung der ersten Nummer der von Stalin geleiteten Zeitung „Dro“ (Die Zeit). Und in der 2. Nummer, am 13. März 1907, erscheint Stalins Artikel „Selbstherrschaft der Kadetten oder Selbstherrschaft des Volkes?“ In der Nr. 6, vom 17. März erscheint ebenfalls im „Dro“ der Leitartikel Stalins „Das Proletariat kämpft, die Bourgeoisie schließt ein Bündnis mit der Regierung“. Darin entlarvt Stalin die Kadetten: „Während das Volk kämpft, während die Arbeiter und Bauern ihr Blut vergießen, um die Reaktion niederzuschlagen, schließen die Kadetten ein Bündnis mit der Reaktion, um die Volksrevolution zu bändigen! Da sieht man, was die Kadetten für Leute sind“ (Stalin Band 2, Seite 23). Heute sieht man, dass die georgische Regierung ein Bündnis mit der Weltreaktion geschlossen hat, um die Interessen des georgischen Volkes für einpaar Dollar und Euro zu verschachern.
Am 22. März wird Stalins Artikel „Dem Genossen G. Telija zum Gedenken“ in der Nr. 10 des „Dro“ veröffentlicht. Stalin charakterisiert einen Arbeitergenossen, der als Beispiel für den heldenhaften Kampf aller kaukasischen revolutionären Arbeiter gilt und uns lebendigen Einblick in die damalige marxistische, kaukasische Arbeiterbewegung verschafft. Stalin hebt darin hervor, „dass Genosse G. Telija als fortgeschrittener Arbeiter und als Parteiarbeiter ein bis zu Ende makelloser und für die Partei unschätzbarer Mann war. (...) Genosse Telija (...) trat in die Tischlerei der Eisenbahnwerkstätten ein. Diese Werkstätten leisteten Genossen Telija einen großen Dienst. Sie waren seine Schule, hier wurde er zum Sozialdemokraten, hier stählte er sich und wurde ein standhafter Kämpfer, hier tat er sich auch als fähiger und klassenbewusster Arbeiter hervor. In den Jahren 1900 und 1901 ragte Telija bereits unter den fortgeschrittenen Arbeitern als geachteter Führer hervor. Seit der Demonstration von 1901 in Tiflis kannte Genosse Telija keine Erholung mehr. Flammende Propaganda, Schaffung von Organisationen, Teilnahme an verantwortlichen Versammlungen, beharrliche Arbeit an der Selbstaneignung einer sozialistischen Bildung – dem allen widmete er seine ganze Zeit. Die Polizei verfolgte ihn, sie suchte ihn 'mit der Laterne in der Hand` , aber das verdoppelte nur seine Energie und seine Kampflust. Der Inspirator der Demonstration von 1903 (in Tiflis) war Genosse Telija. Obgleich die Polizei ihm auf den Fersen war, erhob er die Fahne und hielt eine Rede. Nach dieser Demonstration ging er dann völlig in die Illegalität über. Von diesem Jahre an begann er im Auftrage der Organisation verschiedene Städte „zu bereisen“. In dem gleichen Jahr begab er sich im Auftrage der Organisation nach Batum, um eine illegale Druckerei einzurichten. Auf dem Bahnhof in Batum wurde er aber mit der Ausrüstung dieser Druckerei verhaftet und nach einiger Zeit in das Kutaiser Gefängnis geschickt. Mit diesem Augenblick begann eine neue Periode in seinem ' unruhigen` Leben. Die anderthalb Jahre Gefängnishaft gingen an Telija nicht spurlos vorüber. Das Gefängnis wurde zu seiner zweiten Schule. (...) Hier bildete sich auch endgültig jener unbeugsame revolutionäre Charakter in ihm heraus, um den ihn viele seiner Genossen beneideten. Aber das gleiche Gefängnis drückte ihm auch den Stempel des Todes auf, das gleiche Gefängnis traf ihn mit der tödlichen Krankheit (Der Schwindsucht), die unseren besten Genossen ins Grab gebracht hat. (...) In den letzten Tagen schrieb er uns, er bereite eine Broschüre über die Geschichte der kaukasischen Sozialdemokratie vor, aber der unbarmherzige Tod riss dem unermüdlichen Genossen die Feder vorzeitig aus der Hand. (...) Erstaunliche Fähigkeiten, unerschöpfliche Energie, Unabhängigkeit, tiefe Liebe zur Sache, heroische Unbeugsamkeit und Apostelbegabung – das ist es, was Genossen Telija charakterisiert. Nur in den Reihen des Proletariats trifft man Menschen wie Telija, nur das Proletariat bringt Helden wie Telija hervor, und das Proletariat wird auch bestrebt sein, an der verfluchten Ordnung Rache zu nehmen, der unser Genosse – der Arbeiter G. Telija – zum Opfer gefallen ist“ (Stalin ebenda, Seite 27). Und so wird das kaukasische Proletariat auch heute an der verfluchten Ordnung des Sowjetrevisionismus, an der verfluchten Ordnung des kaukasischen Nationalismus, des russischen Imperialismus, des Weltimperialismus und der Weltreaktion Rache nehmen.
Am 28. und 30. März 1907 werden die Resolutionen der bolschewistischen Arbeiter von Tiflis über die Wahl Stalins zum Delegierten für den V. Parteitag der SDAPR veröffentlicht. Und am 8. April folgt in Nr. 25 der Zeitung „Dro“ Stalins Leitartikel „Das fortgeschrittene Proletariat und der Fünfte Parteitag“.
„Der Kaukasus, das Transkaspische Gebiet, der Süden Russlands, einige Städte in den Einflussgebieten des 'Bund', die Bauernorganisationen der 'Spilka`- hier schöpfen die Genossen Menschewiki ihre Kraft. Der Süden Russlands ist das einzige Industriegebiet, wo die Menschewiki Vertrauen genießen. Die übrigen Stützpunkte des Menschewismus sind zum größten Teil Zentren der Kleinproduktion. (...) Es gab eine Zeit, wo die Sozialdemokratie Russlands nur eine Handvoll Mitglieder hatte. Damals trug sie intelligenzlerischen Charakter und war nicht imstande, dem Kampf des Proletariats ihren Stempel aufzudrücken. (...) Ganz anders heute. Heute steht vor uns eine großartige Partei (...), die an die 200 000 Mitglieder in ihren Reihen zählt, dem Kampf des Proletariats ihren Stempel aufdrückt, die revolutionäre Demokratie ganz Russlands um sich sammelt und den 'Mächtigen dieser Welt` Angst einjagt“ (Stalin, Band 2, Seite 28-29).
In der Nummer 26 der gleichen Zeitung wurde der Artikel Stalins „Ein Durcheinander...“ veröffentlicht am 10. April; drei Tage später der Artikel „Unsere kaukasischen Clowns“ - womit natürlich die kaukasischen Menschewiki gemeint waren. Stalin prägte darin den Ausspruch: „Schreibt euch hinter die Ohren, ihr liberalisierenden Genossen, ein für alle Mal: Je bewusster das Proletariat kämpft, um so konterrevolutionärer wird die Bourgeoisie“ (Stalin Band 2, Seite 36).
Stalin beteiligt sich an den Arbeiten des V. (des Londoner) Parteitags der SDAPR als Delegierter der Tifliser Organisation Anfang Mai 1907. In der ersten Junihälfte trifft er wieder in Baku und dann in Tiflis ein und berichtet in Versammlungen der sozialdemokratischen Organisationen Bakus, Tiflis` und einer Anzahl von Bezirken Westgeorgiens über die Ergebnisse des Parteitags und stellt sich an die Spitze des Kampfes gegen die Menschewiki, die Sozialrevolutionäre u.a. Am 20. Juni erscheint Nr. 1 der illegalen bolschewistischen Zeitung „Bakinski Proletari“, die von Stalin redigiert wird. In der Zeitung werden seine Artikel veröffentlicht: „Die Auseinanderjagung der Duma und die Aufgabe des Proletariats“ (Leitartikel), „Der Londoner Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (Aufzeichnungen eines Delegierten).“ Stalin entlarvt in Diskussionsversammlungen, die in den Bezirken Bakus organisiert werden, die Politik der Menschewiki und Sozialrevolutionäre Sommer/Herbst 1907.
In dieser Zeit leitet Stalin die Boykottkampagne gegen die Beratung mit den Erdölindustriellen. Ende Juli führt Stalin an der Spitze der Bakuer Bolschewiki eine Parteikonferenz der Erdölbezirke durch, die sich für die Organisierung eines allgemeinen Streiks ausspricht. Am 12. August erscheint Nr. 1 der Zeitung „Gudok“, des auf Initiative Stalins gegründeten legalen bolschewistischen Organs des Verbandes der Arbeiter der Erdölindustrie Bakus. Mit der Nr. 35 ging der „Gudok“ später, am 1. Juli 1908, in die Hände der Menschewiki über.
Am 24. August wird Stalin in einer Delegiertenversammlung von fünf sozialdemokratischen Bezirksorganisationen und der mohammedanischen sozialdemokratischen Gruppe „Hummat“ zum Mitglied der Organisationskommission für die Einberufung einer Stadtparteikonferenz gewählt.
Im September/Oktober leitet Stalin die Kampagne für die Wahlen zur III. Reichsduma. Am 22. September wird in der Versammlung der Bevollmächtigten der Arbeiterkurie in Baku der „Wählerauftrag“ an die sozialdemokratischen Deputierten der III. Reichsduma angenommen, der von Stalin geschrieben ist.
Am 29. September hält Stalin eine Rede am Grab des bolschewistischen Arbeiters Chanlar Safaralijew, der von gedungenen Agenten der Kapitalisten ermordet wurde.
In der Nr. 4 des „Gudok“ wird Stalins Artikel „Die Beratung muss boykottiert werden!“ veröffentlicht. Darin klärt er die taktische Frage von Boykott oder Beteiligung in grundsätzlicher Weise und unterscheidet dabei die jeweilige Taktik in der Duma von der Taktik gegenüber den Erdölindustriellen. Taktische Fragen sind keine Fragen des Prinzips, sondern der praktischen Zweckmäßigkeit.
Die Komintern (ML) geht hier ausführlich auf Stalin ein, weil im globalen Kampf der Erdölarbeiter heute einer der mächtigsten Schlüssel für die siegreiche Durchführung der proletarischen Weltrevolution liegen wird. Damals waren die Erdölarbeiter erwacht, um ihren ökonomischen Kampf gewerkschaftlich organisiert zu führen. Sie eroberten die politische Macht und errichteten schließlich die Diktatur des Proletariats. Sie vergesellschafteten sodann die Erdölindustrie und bauten eine großartige sozialistische Erdölindustrie auf, die sie nach außen vor den räuberischen Hitlerbanden siegreich verteidigen konnten. Der Blitzkrieg Hitlers konnte nur zum Sieg führen, wenn mit der Besetzung der Erdölfelder in Baku die Treibstoffreserven und damit das Nachschubproblem gesichert wären. Die Einverleibung der Sowjetunion durch Hitler scheiterte nicht zuletzt an ihrer heldenhaften Verteidigung des nördlichen Kaukasus und der Ölfelder von Baku. Im August 1942 erhielt Berija den Befehl 150 Gebirgsjäger zum Kampfeinsatz auszurüsten. Sie wurden mit mehreren Flugzeugen in den Kaukasus geflogen – übrigens mit amerikanischen C-47 Maschinen. Mit Oberst Schtemenko, dem Leiter der Kaukasischen Sektion der Operationsabteilung des Generalstabs fand eine Lagebesprechung in Baku statt. Es wurde beschlossen, dass die Sondereinheiten mit Hilfe von Sabotageakten versuchen sollten, die Bergstraßen zu blockieren und so die deutschen Gebirgsjäger-Divisionen aufzuhalten. Eine erfahrene Partisaneneinheit traf in Tiflis ein, die den Einmarsch der Deutschen in Kabordino-Balkaria verhindern sollten, dem autonomen Bezirk bei Naltschik. Für den Fall der deutschen Eroberung sollte ein Netz georgischer Agenten dort eingerichtet werden. Damit war Konstatin Gamsachurdija [Anmerkung der Redaktion: 1954, nachdem Berija erschossen wurde, wollten die georgischen Behörden Gamsachurdija loswerden, dessen Verhaftung Stalin vorher verboten hatte. Der KGB Georgiens forderte von Chruschtschow, ihn als Berijas Komplizen, der aus seinen persönlichen Beziehungen Kapital geschlagen habe, zu verhaften. In der Anklage hieß es, Gamsachurdija habe auf Befehl Berijas die georgische Intelligenz erpresst, Beziehungen mit dem deutschen Geheimdienst unterhalten und dafür von Berija und Mikojan große Geldsummen und einen amerikanischen Jeep erhalten. 1953 wurde Berija beschuldigt, die Verteidigung in der Kaukasusschlacht „unterminiert“ zu haben. Schtemenko wurde wegen seiner Beziehung zu Berija aus der Armee entlassen. Gretschko, - 1953 stellvertretender Verteidigungsminister - hatte damals unter Berijas Kommando im Kaukasus gekämpft. Deswegen wurde die Schlacht im Kaukasus in der Anklageschrift gegen Berija von Chruschtschow nicht in der Öffentlichkeit erwähnt. (Sudoplatow,“Enthüllungen eines KGB-Generals“, Seite 195, Econ Verlag 1994).] betraut worden, der auch eine georgische Biographie über Stalin verfasst hatte. Es war der Vater des – 1992 entmachteten - ersten Präsidenten des unabhängigen Georgiens, dem wichtigsten Kontrahenten von Eduard Schewardnadse, Zwiad Gamsachurdija. Damals standen diese Regionen auf Seiten der Sowjetunion. Heute sind diese Gegenden Austragungspunkte ethnischer Konflikte. Vor der Entscheidungsschlacht bei Stalingrad wurde der deutsche Vormarsch auf den Kaukasus von den georgischen Gebirgsjägern gestoppt, die von der einheimischen Bevölkerung sehr viel unterstützt wurden und sich im schwierigen Berggelände daher hervorragend bewegen konnten. Es wurden die Bergstraßen durch Sabotageakte blockiert, um die deutschen Gebirgsjäger-Divisionen aufzuhalten. Die Erdölfelder und Bohranlagen wurden vermint und die deutschen Öltanks wurden gesprengt. Die Erdöldeponien, die sie im Nordkaukasus erobert hatten, waren für die Deutschen nutzlos. Stalin rügte, dass sich der Stellvertreter Berijas bei der Operation der Gefahr einer deutschen Gefangennahme ausgesetzt hatte. Kaganowitsch und Isakow wurden beim Einsatz schwer verwundet. Am Vorabend ihres letzten Vormarsches auf Stalingrad hatten die Deutschen also nicht mehr genug Treibstoff für ihre Offensive.
Das kaukasische Erdöl eigneten sich andere Imperialisten an, die russischen Sozialimperialisten. Das brauchten sie, um damit ihre militärischen Pläne ihrer verbrecherischen Weltherrschaft zu verwirklichen.
Baibakow war 1932 Absolvent des Industrieinstituts Baku und arbeitete in der Erdölindustrie. Im Großen Vaterländischen Krieg war er von 1944-1946 Volkskomissar für Erdölindustrie der UdSSR, 1946 – 1948 Minister für Erdölindustrie der Süd- und Westgebiete der UdSSR, 1948 – 1955 Minister für Erdölindustrie in der UdSSR, 1952 Mitglied des ZK der KPdSU, 1955 - 1957 Vorsitzender des Gosplan der UdSSR und 1958 Deputierter des Obersten Sowjets. Er leitete also das Erdöl der Sowjetvölker in die Pipelines der Revisionisten und wurde dafür mit hohen Posten belohnt. Ein großer Verrat, ein großes Verbrechen, nicht nur an den Völkern des Kaukasus.
Heute ist die Erdölindustrie des Kaukasus wieder in privaten Kapitalistenhänden, hat der Weltimperialismus seine räuberischen Krallen danach ausgestreckt und mit Blut verschmiert. Das Erdölproletariat wird seinen globalen ökonomischen Kampf aufnehmen, die Spaltung der Erdölarbeiter aller Länder überwinden und sich auch politisch zum internationalen Kampf um die Macht formieren. Das Erdöl und die Erdölindustrie muss vom Weltproletariat in Besitz genommen und kontrolliert werden. Der Erdölpreis würde planmäßig gesenkt werden im Interesse der Verbraucher in der ganzen Welt. Wer heute die Macht über das Erdöl hat, hat auch die Macht über die kapitalistische Welt. Heute müssen wir daher die Erdölarbeiter aller Länder des Ostens und des Westens gegen den Weltimperialismus, gegen die Erdölkonzerne sowohl im Westen als auch im Osten, als global-zentral geführte Abteilungen vereinigen und sie mit allen anderen weltproletarischen Abteilungen zusammen zum Sieg der Weltrevolution führen. Jetzt heißt es also: nach 100 Jahren erneut von Stalins Kampf um die Erdölarbeiter Bakus lernen! Heißt es: erneut von den ehemaligen revolutionären Erdölarbeitern des Kaukasus und ihren sozialistischen Errungenschaften lernen, vor allem aber aus den Fehlern des revisionistischen Verrats ! In diesem Zusammenhang schieben wir hier einen interessante Antwort Stalins ein, die er viel später - im November 1927, also kurz vor der Wetlwirtschaftskrise 1929 - auf die ihn gestellte Frage gab: „Auf welche Weise gedenkt die Regierung der UdSSR gegen die ausländischen Erdölfirmen zu kämpfen?“
„Ich glaube, die Frage ist falsch gestellt. Bei einer solchen Fragestellung könnte man meinen, die sowjetische Erdölindustrie beabsichtige, eine Attacke gegen die Erdölfirmen anderer Länder zu eröffnen, und sie sei bestrebt, sie zu stürzen und zu vernichten.
Verhält sich das in Wirklichkeit so? Nein, das verhält sich nicht so. In Wirklichkeit handelt es sich darum, dass gewisse Erdölfirmen kapitalistischer Länder bemüht sind, die sowjetische Erdölindustrie zu erdrosseln, die sowjetische Erdölindustrie aber gezwungen ist, sich zu wehren, um leben und sich weiter entwickeln zu können.
Die Dinge liegen so, dass die sowjetische Erdölindustrie schwächer ist als die Erdölindustrie der kapitalistischen Länder sowohl, was den Umfang der Erdölgewinnung betrifft – wir gewinnen weniger als sie-, als auch, was die Marktverbindungen betrifft – sie haben weit mehr Verbindungen mit dem Weltmarkt als wir.
Auf welche Weise wehrt sich die sowjetische Erdölindustrie? Sie wehrt sich durch Verbesserung der Qualität der Produktion und vor allem durch Herabsetzung der Erdölpreise, durch Verkauf von billigem Erdöl auf dem Markte, von billigerem Erdöl als das Erdöl kapitalistischer Firmen.
Man kann fragen: Sind denn die Sowjets so reich, dass sie die Möglichkeit haben, billiger zu verkaufen als die reichsten kapitalistischen Firmen? Natürlich ist die sowjetische Industrie nicht reicher als die kapitalistischen Firmen. Mehr noch, die kapitalistischen Firmen sind um ein Vielfaches reicher als die sowjetische Industrie. Hier aber handelt es sich nicht um Reichtum. Es handelt sich darum, dass die sowjetische Erdölindustrie keine kapitalistische Industrie ist und deshalb keine irrsinnigen Extraprofite braucht, während die kapitalistischen Erdölfirmen nicht ohne kolossale Extraprofite auskommen können. Aber gerade weil die sowjetische Erdölindustrie keine Extraprofite braucht, hat sie die Möglichkeit, ihre Produktion billiger zu verkaufen als die kapitalistischen Firmen. (...) Überhaupt muss man sagen, dass die sowjetischen Waren, insbesondere das sowjetische Erdöl, auf den internationalen Markt als Faktor wirken, der die Preise herabsetzt und somit die Lage der Verbrauchermassen erleichtert. Darin besteht die Stärke der sowjetischen Erdölindustrie, und das ist das Mittel, mit dem sie sich gegen die Anschläge kapitalistischer Erdölfirmen wehrt. Das ist das Geheimnis, weshalb die Erdölindustriellen aller Länder, insbesondere aber Deterding, aus vollem Halse gegen die Sowjets und gegen die sowjetische Erdölindustrie zetern, wobei sie ihre Politik der hohen Erdölpreise und der Ausplünderung der Verbrauchermassen mit Modephrasen über „kommunistische Propaganda“ verschleiern“ (Stalin, Werke Band 10, Seite 191-193).
Zurück zum Jahr 1907. Stalin schrieb den Artikel im Zusammenhang mit der beabsichtigten Einberufung einer Beratung der Erdölindustriellen mit Vertretern der Bakuer Arbeiter. Zur Beantwortung der konkreten Boykottfrage gegenüber den Erdölindustriellen teilte Stalin die Geschichte des ökonomischen Kampfes der Bakuer Arbeiter in zwei Perioden ein:
„Die erste Periode – das ist die Periode des Kampfes bis in die letzte Zeit hinein, als die Werkarbeiter als handelnde Personen in den Vordergrund traten, als die Arbeiter der Erdölfelder einfach und vertrauensvoll den Werkarbeitern als ihren Führern folgten, als die Erdölarbeiter sich ihrer gewaltigen Rolle in der Produktion noch nicht bewusst geworden waren. Die Taktik der Erdölindustriellen in dieser Periode kann als eine Taktik des Liebäugelns mit den Werkarbeitern, als eine Taktik systematischer Zugeständnisse an die Werkarbeiter und einer ebenso systematischen Ignorierung der Erdölarbeiter qualifiziert werden (Anmerkung: Die Arbeiter der Erdölfelder sind Arbeiter, die bei der Anlage von Bohrlöchern und in der Erdölförderung beschäftigt werden, während die Werkarbeiter in den mechanischen Werkstätten, der Kraftwerke und anderer Hilfsbetriebe der Erdölindustrie arbeiten).
Die zweite Periode wird eröffnet durch das Erwachen der Erdölarbeiter, durch ihr selbständiges Betreten des Schauplatzes und die gleichzeitige Zurückdrängung der Werkarbeiter. Dabei ist dieses Auftreten aufs Äußerste karikiert, denn 1. geht es über schandvolle Prämien nicht hinaus und 2. trägt es die Färbung eines äußerst verhängnisvollen Misstrauens gegen die Werkarbeiter. Die Erdölindustriellen versuchen, die veränderte Lage auszunutzen, und ändern ihre Taktik. Sie liebäugeln nun nicht mehr mit den Werkarbeitern, sie versuchen nicht mehr, die Werkarbeiter zu bestechen – denn sie wissen sehr wohl, dass die Erdölarbeiter ihnen jetzt nicht immer folgen werden., im Gegenteil, die Erdölindustriellen sind selbst bemüht, die Werkarbeiter zu einem Streik ohne die Erdölarbeiter zu provozieren, um damit die verhältnismäßige Machtlosigkeit der Werkarbeiter zu demonstrieren und sie gefügig zu machen. Parallel hiermit liebäugeln die Erdölindustriellen, die den Erdölarbeitern früher keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt haben, jetzt in der frechsten Weise mit ihnen, indem sie sie mit Prämien traktieren. Dadurch versuchen sie, die Erdölarbeiter endgültig von den Werkarbeitern loszureißen, sie vollends zu korrumpieren, sie mit knechtischem Vertrauen zu den Erdölindustriellen zu infizieren, das Prinzip des unversöhnlichen Kampfes durch das `Prinzip` des Feilschens und der lakaienhaften Bettelei zu ersetzen und dadurch jede ernste Verbesserung unmöglich zu machen. Zu den gleichen Zwecken hat man die bevorstehende Beratung 'ersonnen`.
Hieraus wird klar, dass die nächste Aufgabe der fortgeschrittenen Genossen der hartnäckige Kampf um die Erdölarbeiter, der Kampf um den Zusammenschluss der Erdölarbeiter um die Kollegen Werkarbeiter ist, und zwar dadurch, dass ihrem Bewusstsein ein grenzenloses Misstrauen gegen die Erdölindustriellen eingeflößt wird, dadurch, dass aus ihren Köpfen die schädlichen Vorurteile des Feilschens und der Bettelei ausgemerzt werden. Wir müssen die Masse der Erdölarbeiter, die zum ersten Mal den Schauplatz betritt, und zwar so ungeschickt und karikaturenhaft („Bakschisch“ usw.[ Anmerkung: wörtlich = Geschenk. Es wurden Prämien verteilt, um die Bakuer Erdölarbeiter vom politischen Kampf abzulenken und die Arbeiterbewegung zu spalten; die Bolschewiki traten daher entschieden gegen die Forderung von Prämien während der Streiks auf und kämpften für die Erhöhung des Arbeitslohns. Und so kämpft die Komintern /ML heute für die Erhöhung des globalen Erdölarbeiterlohnes und für : global gleiche Arbeit – global gleicher Lohn]) betritt, laut und scharf sagen (mit Tatsachen und nicht nur mit Worten sagen!), dass Verbesserungen im Leben nicht von oben gewährt und nicht durch Feilschen erworben werden, sondern von unten, durch den gemeinsamen Kampf zusammen mit den Werkarbeitern“ (Stalin, Band 2, Seite 75, 76 und 77).
Die Taktik des Boykotts der Beratung, die die Bolschewiki damals durchführten, um die Kapitalisten zu zwingen, die Gewerkschaften als Vertreter der Interessen der Erdölarbeiter anzuerkennen, fand in den Arbeitermassen weitgehende Unterstützung. Vom 10. Oktober bis zum 1. November 1907 fanden auf den Ölfeldern und in den Betrieben Bakus Arbeiterversammlungen statt, die die Frage der Beratung erörterten. Zei Drittel der in diesen Versammlungen anwesenden Arbeiter sprachen sich gegen die Beteiligung an der Beratung aus. Die Menschewiki, die für eine Beratung um jeden Preis waren, erlitten eine Niederlage.
Am 25 Oktober wird Stalin auf der bolschewistischen Stadtkonferenz zum Mitglied des Bakuer Komitees der SDAPR gewählt. Und in der ersten Novemberhälfte hält das Bakuer Komitee der SDAPR unter Teilnahme Stalins eine Sitzung im Gebäude des Krankenhauses in Sabuntschi ab. Am 22. November führt das Bakuer Komitee der SDAPR einen eintägigen Proteststreik wider den Prozess gegen die sozialdemokratische Fraktion der II. Reichsduma durch – unter Leitung Stalins. Ende November reist er in Parteiangelegenheiten nach Tiflis. Vom November bis 28. März 1908 leitet Stalin in der Frage der Teilnahme der Bakuer Arbeiter an einer Beratung mit den Erdölindustriellen die Kampagne um die Garantie der Rechte der Arbeiter.
Am 13. Januar 1908 erscheint der Artikel „Vor den Wahlen“ (Leitartikel) in Nr. 14 des „Gudok“ über die Bedingungen der Anerkennung gewerkschaftlicher Vertreter für die 50 000 Arbeiter der Erdölindustrie. Es ging darum, die Beratungen mit den Ertdölindustriellen nicht ohne breiteste Beteiligung der Arbeitermassen und ihrer Gewerkschaften zuzulassen. „Nur wenn den Arbeitern die Möglichkeit gegeben wird, 1. ihre Forderungen frei zu erörtern, 2. den künftigen Bevollmächtigtenrat frei zusammentreten zu lassen, 3. die Hilfe ihrer Gewerkschaften frei in Anspruch zu nehmen, 4. den Zeitpunkt für die Eröffnung der Beratung frei zu wählen – nur dann werden die Arbeiter zur Beratung gehen“ (Stalin, Band 2, Seite 127).
Im Januar und Februar 1908 organisieren die Bakuer Bolschewiki eine große Anzahl von Streiks unter Führung Stalins. Das Bakuer Komitee organisiert unter der Führung Stalins einen „Selbstschutzstab“ wegen der häufiger gewordenen Überfälle der Schwarzhunderter.In Nr. 17 des „Gudok“ wird Stalins Leitartikel „Noch einmal über die Beratung mit Garantien“ am 3. Februar veröffentlicht, worin es heißt:
„Wir dürfen der Position der Bourgeoisie nicht den Rücken kehren, sondern wir müssen sie erstürmen! Wir dürfen die Position nicht der Bourgeoisie überlassen, sondern müssen sie Schritt für Schritt freikämpfen und die Bourgeoisie aus ihnen hinauswerfen!“ (Stalin, Werke Band 2, Seite 87). Und genau das trifft heute auch auf die Positionen der Weltbourgeoisie zu !
Am 2. März erscheint Nr. 21 des „Gudok“ mit Stalins Artikel „Was besagen unsere Streiks der letzten Zeit?“ und am 9. März in Nr. 22 „Ein Umschwung in der Taktik der Erdölindustriellen“ (Leitartikel). Es folgt der Artikel “Wir müssen rüsten!“ (Leitartikel).
Am 25. März 1908 wird Stalin verhaftet unter dem Namen Gajosa Nisharadse und in das Bailow-Gefängnis der Stadt Baku eingeliefert. Im Gefängnis stellt Stalin eine ständige Verbindung mit der Bakuer bolschewistischen Organisation her, leitet das Bakuer Komitee der SDAPR und schreibt weiterhin Artikel für den „Bakinski Proletari“ und den „Gudok“. Außerdem arbeitet Stalin im Gefängnis unter den politischen Gefangenen, führt Diskussionen mit den Sozialrevolutionären und Menschewiki durch und organisiert unter den politischen Gefangenen das Studium der marxistischen Literatur.
Am 30. März erscheint der Leitartikel von Stalin „Der ökonomische Terror und die Arbeiterbewegung“ in Nr. 25 des „Gudok“.
„Es ist klar, dass wir die Maschinen und Betriebe nicht zerschlagen dürfen, sondern dass wir uns ihrer, sobald das möglich ist, bemächtigen müssen, wenn wir in der Tat die Vernichtung des Elends anstreben. Das ist der Grund, weshalb die Arbeiterbewegung die anarchisch-aufrührerischen Zusammenstöße ablehnt“ (Stalin, Band 2, Seite102). Stalin tritt in seinem Artikel also gegen den ökonomischen Terror von individuellen „Terrorhelden“ auf, da dieser in den Arbeitern sowohl den Geist der Selbsttätigkeit als auch den Geist des Zusammenschlusses abtötet. „Es steht uns nicht an, durch einzelne Überfälle aus dem Hinterhalt die Bourgeoisie einzuschüchtern, überlassen wir es den bekannten Überfallhelden, sich mit solchen `Taten` zu beschäftigen. Wir müssen offen gegen die Bourgeoisie auftreten, wir müssen sie die ganze Zeit, bis zum endgültigen Sieg, in Angst halten! Hierfür aber bedarf es nicht des ökonomischen Terrors, sondern einer starken Massenorganisation, die imstande ist, die Arbeiter in den Kampf zu führen. Das ist der Grund, weswegen die Arbeiterbewegung den ökonomischen Terror ablehnt“ (ebenda, Seite 103).
In Nr. 28, 30 und 32 des „Gudok“ wird Stalins Artikel „Die Erdölindustriellen über den ökonomischen Terror“ veröffentlicht. Die Erdölindustriellen versuchten die Erschlagung eines ihrer Verwalter und den Brand in einem Kesselhaus den 1500 streikenden Arbeitern in die Schuhe zu schieben, die Arbeiterbewegung zu kriminalisieren und zu verleumden und das Vertrauen der Arbeiter in ihre neue Gewerkschaft zu untergraben. Im Gegenteil, sind es die Erdölindustriellen, die ökonomischen Terror gegen die Arbeiter organisieren, die ihre Führer auf die Straße und ins Gefängnis werfen, die Arbeiter korrumpieren oder verprügeln lassen usw. usf. „Nicht die Arbeiter und nicht ihre Organisationen, sondern die aufreizenden und erbitternden Handlungen der Herren Erdölindustriellen sind die wahre Ursache des 'ökonomischen Totschlags'“ (Stalin, Band 2, Seite 111). „Offenkundig sind, wenn der 'ökonomische Totschlag` 'verschwinden' soll, tiefergreifende Maßnahmen als eine einfache Agitation notwendig, vor allem der Verzicht der Erdölindustriellen auf Schikanen und Maßregelungen, die Befriedigung der berechtigten Forderungen der Arbeiter ... Nur dann, wenn die Erdölindustriellen auf ihre asiatisch-offensive Taktik der Herabsetzung des Arbeiterlohns, der Wegnahme der Volkshäuser, der Reduzierung der Schulen und Baracken, der Zehn-Kopeken-Krankenabgabe, der Erhöhung der Preise für die Portionen, der systematischen Erfassung fortgeschrittener Arbeiter, ihre Verprügelung usw. verzichten, nur dann, wenn die Erdölindustriellen mit aller Bestimmtheit den Weg kultivierter europäischer Beziehungen zu den Arbeitermassen und ihren Verbänden beschreiten werden, indem sie sie als eine 'gleichberechtigte' Kraft anerkennen, nur dann wird der Boden dafür geschaffen, dass der 'Totschlag' 'verschwindet'“ (ebenda, Seite 114).
Am 20. Juli 1908 werden Stalins Artikel „Lakaienhafte 'Sozialisten`“ und „Pharisäische Subatowleute“ in Nr. 5 des „Bakinski Proletari“ veröffentlicht; in der Beilage der Zeitung der Artikel „Die Beratung und die Arbeiter“.
„Opportunismus ist ja Prinzipienlosigkeit, politische Charakterlosigkeit, und so erklären wir, dass keine einzige der menschewistischen Gruppen sich durch solch eine schamlose Charakterlosigkeit auszeichnet wie die Tifliser. (...) ... krümmen sich unsere menschewistischen Opportunisten lakaienhaft vor ihnen ( den 'Herren' der Bourgeoisie) und übernehmen die Rolle von Polizeispitzeln! Weiter als dies kann eine Taktik der Anpassung nicht gehen!“ (Stalin, Band 2, Seite 117 und 118-119).
„Zu den Städten Kaukasiens, die originelle Typen des Opportunismus liefern, gehört auch Baku. In Baku gibt es ebenfalls eine Gruppe, eine rechtere und deshalb noch prinzipienlosere Gruppe als die Tifliser. Wir sprechen von der Schendrikow-Gruppe „Prawoje Delo“, der Stammmutter der Bakuer Menschewiki. (...) Die Sche4ndrikows wollen die Bakuer Arbeiter 'retten' (...) Zu diesem Zweck schlagen sie vor, zum Alten zurückzukehren, sich von den Errungenschaften der letzten drei Jahre loszusagen, dem 'Gudol' und dem 'Promyslowy Westnik` den Rücken zu kehren, die bestehenden Gewerkschaften aufzugeben, die Sozialdemokratie zum Teufel zu schicken und sich, nachdem alle Nichtschendrikowleute aus den Arbeiterkommissionen vertrieben sind, um die Schlichtungskammer zusammenzuschließen. Es bedarf keiner Streiks mehr, es bedarf auch keiner illegalen Organisationen mehr... So wollen sie die Bakuer Arbeiterbewegung aus der `Sackgasse' herausführen!“ (Stalin, Band 2, Seite 120). Die Menschewiki sind Liquidatoren, die sich unter der Maske der Vertreter von Arbeiterinteressen verstecken.
„Die Erdölindustriellen verfolgten ihr eigenes Ziel: Sie wollten sich durch kleine Zugeständnisse Garantien gegen Streiks verschaffen, sich eine ununterbrochene Erdölförderung sichern. Die Behörden waren noch mehr an 'Stille und Ruhe' im Erdölbereich interessiert, schon gar nicht davon zu reden, dass sehr viele Mitglieder der Regierung Aktionäre der großen Erdölfirmen sind, dass die der Erdölindustrie auferlegten Steuern einen der wichtigsten Einnahmeposten des Staatshaushaltes ausmachen, dass das Bakuer Masut die 'väterliche Industrie' nährt, weshalb sich die kleinste Stockung in der Erdölindustrie notwendig auf den Zustand der Industrie Russlands auswirkt“ (Stalin, Band 2, Seite 124). Das ist hoch aktuell! „Aber das ist noch nicht alles. Ganz zu schweigen von allem oben Gesagten, ist der Friede in Baku für die Regierung auch noch in der Beziehung wichtig, dass die Massenaktionen des Bakuer Proletariats, sowohl des Proletariats der Erdölindustrie als auch des mit diesem verbundenen Proletariats der Seeschiffahrt, ansteckend auf das Proletariat anderer Städte wirken“ (ebenda). Es sei vermerkt, dass die Bestreikung und Bemächtigung von Erdöltankern von großer Bedeutung für die Weltbewegung der Arbeiterklasse, für die Weltrevolution, sein wird. „Man erinnere sich der Tatsachen. Der erste Generalstreik in Baku, im Frühjahr 1903, leitete die berühmten Julistreiks und -demonstrationen der südlichen Städte Russlands ein. Der zweite Generalstreik im November und Dezember 1904 diente als Signal für die ruhmvollen Januar-Februar-Aktionen in ganz Russland. Im Jahre 1905 stürzt sich das Bakuer Proletariat, das sich von dem armenisch-tatarischen Massaker schnell erholt hat, erneut in den Kampf und Steckt den `ganzen Kaukasus' mit seinem Enthusiasmus an. Schließlich 'beruhigt sich' Baku, angefangen vom Jahre 1906, also schon nach dem Rückzug der Revolution in Russland, noch immer nicht; bis auf den heutigen Tag genießt es in der Tat gewisse Freiheiten, feiert alljährlich besser als sonst irgendwo in Russland die proletarische Maifeier und ruft in den anderen Städten ein Gefühl edlen Neides hervor... Nach alledem ist es nicht scxhwer zu begreifen, weshalb sich die Behörden bemüht haben, die Bakuer Arbeiter nicht zu reizen, indem sie die Erdölindustriellen jedes Mal bei ihren Versuchen unterstützt haben, sich mit den Arbeitern zu beraten, mit ihnen `zu einer Vereinbarung zu gelangen', einen Kollektivvertrag abzuschließen“ (Stalin, Band 2, Seite 124-125).
Stalin gibt dem Kampf der Bakuer Arbeiter Richtung und Ziel. Anlässlich der Konferenz der Arbeiter mit den Erdölindustriellen, deren Zweck der Abschluss eines Kollektivvertrages war, leitet Stalin eine große Kampagne und schafft ein glänzendes Vorbild für die Durchführung der elastischen Leninschen Linie der Kombinierung der illegalen mit der legalen Arbeit. Durch geschickte Anwendung der Leninschen Taktik, die darin bestand, die Arbeitermassen zum politischen Kampf gegen die Zarenmonarchie zu mobilisieren, setzte Stalin den Sieg der Bolschewiki in dieser Kampagne durch. 47 000 Bakuer Arbeiter befanden sich im Streik. Zu jener Zeit war das die größte Nassenaktuin im gesamten Zarenreich. In der finsteren Nacht der Stolypinschen Reaktion bietet das proletarische Baku ein beispielloses Schauspiel: der proletarische Kampf ist in vollem Schwung, durch ganz Russland schallt die Stimme der legalen bolschewistischen Zeitungen, die Stalins Schöpfung waren. „Die letzten Mohikaner des politischen Massenstreiks!“ (Lenin Band 15, Seite 35, russ.), so charakterisierte Lenin den heroischen Kampf der Bakuer Arbeiter im Jahre 1908.
Stalin schart einen festen Grundstock erprobter Leninscher Bolschewiki um sich: Ordshonikidse, Woroschilow, Dshaparidse, Schaumian, Spandarian u.a. Er erreicht schließlich den vollen Sieg des Bolschewismus in den Reihen der Bakuer Organisation. Baku wird zu einer Zitadelle des Bolschewismus. Unter Stalins Führung kämpft das Bakuer Proletariat heldenhaft in den vordersten Reihen der gesamtrussischen revolutionären Bewegung.
Die Bakuer Periode ist von größter Bedeutung im Leben und Wirken Stalins. Stalin selber sagt über diese Periode:
„Ich erinnere mich ferner der Jahre 1907 – 1909, als ich durch den Willen der Partei nach Baku zur Arbeit entsandt worden war. Drei Jahre revolutionärer Arbeit unter den Arbeitern der Erdölindustrie stählten mich als praktischen Kämpfer und einen der praktischen Leiter. Im Umgang mit so fortgeschrittenen Arbeitern Bakus wie Wazek, Saratowez, Fioletow u.a. einerseits und im Wirbel der tiefsten Konflikte zwischen den Arbeitern und den Erdölindustriellen andererseits erfuhr ich zum ersten Mal, was es heißt, große Arbeitermassen zu leiten. Dort, in Baku, erhielt ich somit meine zweite revolutionäre Kampftaufe. (...) Vom Lehrling (Tiflis) über den Gesellen (Baku) zu einem der Meister unserer Revolution (Leningrad) – das Genossen, ist die Schule meiner revolutionären Lehrzeit. Das, Genossen, ist das wirkliche Bild dessen, was ich war und was ich bin, wenn man ohne Übertreibung, ganz ehrlich sprechen will“ (Prawda, Nr. 136 vom 16. Juni 1926, „Sarja Wostoka“ [Die Morgenröte des Ostens], Tiflis Nr. 1197, 10. Juni 1926).
Am 25. März 1908 wird Stalin verhaftet und nach fast acht Monaten Gefängnishaft auf zwei Jahre nach Solwytschegodsk im Gouvernement Wologda verbannt. Am 8. Februar 1909 erkrankt Stalin unterwegs an Rückfall Typhus und wird aus dem Wjatkaer Gefängnis in das Semstwokrankenhaus des Gouvernements Wjatka überführt. Am 20. Februar wird er aus dem Krankenhaus wieder ins Gefängnis eingeliefert.
Bereits am 24. Juni 1909 flüchtet er und kehrt zur illegalen Arbeit nach Baku zurück. Stalin unterstützt völlig die Stelungnahme Lenins, tritt entschieden gegen die Liquidatoren und Otsowisten auf.
Mit einem Jahr Unterbrechung erscheinen wieder Stalins Leitartikel: 1. August 1909 in Nr. 6 des „Bakinski Proletari“ „Die Parteikrise und unsere Aufgaben“.
Während die Bakuer Organisation ihre Verbindung mit den Massen ununterbrochen beibehält, leidet die Partei in ihrer Gesamtheit unter der Losgerissenheit von den breiten Massen, unter der Losgerissenheit ihrer Organisationen untereinander. Stalin schlägt zur Überwindung der Parteikrise vor, „eine gesamtrussische Zeitung als ein Organ, das die Partei um das Zentralkomitee vereinigt und zusammenschließt“(Stalin, Band 2, Seite 141).
Das Bakuer Komitee der SDAPR beschließt am darauf folgenden Tag unter der Leitung Stalins eine Resolution über den Stand der Dinge in der Redaktion des „Proletari“, wobei es sich „für den Standpunkt der Mehrheit der Redaktion, deren Vertreter Genosse Lenin ist“, ausspricht; und zwar gegen die beiden otsowistischen und ultimatistischen Redakteure, die die Minderheit vertraten.
In Nr. 7 des „Bakinski Proletari“ erscheint „Zu dem bevorstehenden allgemeinen Streik“.
Darin schildert Stalin die schwierig gewordene Lage der Bakuer Arbeiter durch das Abflauen der revolutionären Bewegung in Russland und durch die Übermacht der Konterrevolution, was die Erdölindustriellen gegen die Arbeiter auszunutzen versuchten durch weitestgehende Beschneidungen ihrer gerade erworbenen Errungenschaften. Die Unerfahrenheit und Desorganisiertheit der Erdölindustriellen hat – nicht zuletzt durch die Organisiertheit der Bakuer Arbeiter - zur wachsenden Organisiertheit ihrerseits geführt. Auch die Kapitalisten haben aus den Streiks gelernt und sich darauf eingestellt. Daraus resultiert, dass die Arbeiter sich besser als bisher zu einem ökonomischen Streik vorbereiten und rüsten müssen. Stalin spricht daher davon, „dass den Arbeitern ein ernster und schwieriger Kampf gegen organisierte Feinde bevorsteht. Der Kampf ist unvermeidlich. Der Sieg ist möglich, trotz einer Menge ungünstiger Bedingungen (...) In der Tat, wenn die Profite der Erdölindustriellen gegenwärtig im Vergleich zu den Profiten anderer Unternehmer Russlands und Europas märchenhaft hoch sind; wenn der Erdölmarkt nicht nur nicht an Aufnahmefähigkeit einbüßt, sondern im Gegenteil zunimmt, sich neuer Gebiete (z.B. Bulgariens) bemächtigt; wenn sich die Menge der Fontänen ständig vergrößert; wenn die Erdölpreise nicht nur nicht fallen, sondern im Gegenteil eine Tendenz zum Steigen zeigen – ist es da nicht klar, dass die Arbeiter die voll Möglichkeit haben, die Ketten der sklavischen Geduld zu sprengen, das Joch des schmachvollen Schweigens abzuwerfen, das Banner der Gegenoffensive gegen die Erdölindustriellen zu erheben und ihnen neue, bessere Arbeitsbedingungen abzuringen?...“ (Stalin, Band 2, Seite 146).
In der ersten Septemberhälfte reist Stalin von Baku nach Tiflis, wo er den Kampf der Tifliser bolschewistischen Organisation gegen die Liquidatoren-Menschewiki organisiert und lenkt. Und Ende September ergreift Stalin Maßnahmen, um die illegale Druckerei des Bakuer Komitees wieder in Betrieb zu setzen. Am 19. Oktober 1909 trifft er in Tiflis ein und bereitet die Einberufung einer Tifliser Stadtparteikonferenz sowie die Herausgabe der bolschewistischen Zeitung „Tiflisski Proletari“ vor. Am 12. November kehrt er aus Tiflis nach Baku zurück. Am 13. Dezember gibt das Bakuer Komitee der SDAPR die von Stalin verfasste Proklamation „Über den Dezemberstreik und den Dezembervertrag“ (zum fünften Jahrestag des Bakuer Streiks von 1904) heraus.
In den Zentralorganen der Partei erscheinen November/Dezember 1909 die Stalinschen Aufsätze: „Briefe aus dem Kaukasus“, denen historische Bedeutung zukommt. Sie waren dazu bestimmt, im „Proletari“ oder im „Sozialdemokrat“ veröffentlicht zu werden. Da der „Proletari“ damals sein Erscheinen einstellte, wurden die Briefe an die Redaktion des Zentralorgans der SDAPR, den „Sozialdemokrat“ gesandt. Den „Brief aus dem Kaukasus“, der eine scharfe Kritik am Liquidatorentum enthielt, wollte der menschewistische Teil der Redaktion nicht ins Zentralorgan aufnehmen. Der Brief wurde im „Diskussionsblatt“ (Beilage des „Sozialdemokrat“ veröffentlicht.
Am Beispiel der Tifliser Menschewiki wird das Renegatentum der Liquidatoren in programmatischen und taktischen Fragen entlarvt. Trotzki korrespondierte mit dem geheimen Oppositionszentrum im Kaukasus. In diesen Briefen verurteilt Stalin die verräterische Haltung der Handlanger des Trotzkismus in aller Schärfe und umreißt die nächsten Aufgaben, die in der Folge durch die Prager Parteikonferenz erfüllt wurden: Einberufung einer allgemeinen Parteikonferenz, Herausgabe einer legalen Parteizeitung und Schaffung eines illegalen Parteizentrums für die praktische Arbeit in Russland. Hier einpaar kurze Auszüge:
„Die Propaganda erfolgt nur in höheren Zirkeln, die bei uns „Besprechungen“ heißen. Das System ist das von Vorträgen. Es macht sich ein großer Mangel an ernster Propagandaliteratur bemerkbar ... Von einer schlechten Wirkung auf die Parteimasse ist die Losgerissenheit von der Partei, die völlige Uninformiertheit über die Angelegenheiten der Parteiorganisationen in Russland. Ein gesamtrussisches Organ, regelmäßig veranstaltete Gesamtparteikonferenzen und systematische Rundreisen von Mitgliedern des ZK könnten da Abhilfe schaffen. Von den Beschlüssen allgemein organisatorischen Charakters, die das Bakuer Komitee gefasst hat, sind zwei am wichtigsten: der über die Gesamtparteikonferenz und der über das gesamtrussische Organ“ (Stalin, Band 2, Seite 164).
Zur Erdölfrage schreibt Stalin:„Wir sprechen schon gar nicht davon, dass sich jede Stockung in der Erdölindustrie lähmend auf das Zentrale Industriegebiet auswirkt, was seinerseits die 'Geschäfte' der Regierung desorganisiert“ (Stalin, Band 2, Seite 158). Das gilt im Zeitalter der Globalisierung um so mehr.
Interessant ist für die Zukunft auch die neue Selbstverwaltung auf den Erdölfeldern, an der auch Arbeitervertreter beteiligt wurden. Das waren günstige Bedingungen, die das Bakuer Komitee unter Führung Stalins ausnutzen konnte, was in ganz Russland zum damaligen Zeitpunkt gar nicht möglich war.
Was nun die Selbstverwaltung („Semstwo“) anbelangte, so verschaffte den Erdölindustriellen den Vorteil, die Infrastruktur des Kaukasus – zugeschnitten auf ihre Bedürfnisse - zu erschließen, zu zentralisieren, zu beherrschen. Damals gab diese Selbstverwaltung der Erdölindustriellen den Erdölarbeitern und den Arbeitern in den Nebenbetrieben die Möglichkeit, sich im ganzen Kaukasus zu vereinigen und gemeinsame Forderungen aufzustellen und durchzusetzen, was Stalin für den Aufbau der SDAPR im Kaukasus auszunutzen verstand. Nach diesem Modell müsste es heute auch möglich sein, alle Erdölarbeiter der Welt zu vereinigen und zu organisieren, um sich gegen die globalen Erdölkapitalisten im globalen Kampf zu formieren. Es müssen globale Gewerkschaften geschaffen werden, die den ökonomischen Kampf des Weltproletariats führen.
Die SDAPR zählte zu jener Zeit nicht mehr als 300 Mitglieder. Es gab im Kaukasus damals zwei Gewerkschaften: die der „Arbeiter der Erdölindustrie mit etwa 900 Mitgliedern und die der „Maschinenbauer“ mit etwa 300 Mitgliedern. Die erstere Gewerkschaft war nach dem Produktionsprinzip aufgebaut, war sehr populär und stand unter direktem Einfluss der Bolschewiki. Die zweite stand unter dem Einfluss der Menschewiki und war nach dem Berufsprinzip aufgebaut. Sie war so gut wie funktionsunfähig und führte keinerlei Aktionen durch. Eine von Stalin vorgeschlagene Verschmelzung dieser Gewerkschaften lehnten die Menschewiki ab.
Zu Tiflis schreibt Stalin:
„Im Sinne der Entwicklung der Industrie stellt Tiflis das direkte Gegenteil von Baku dar. Ist Baku als Zentrum der Erdölindustrie interessant, so kann Tiflis nur als das Verwaltungs-, Handels- und 'Kultur`-Zentrum des Kaukasus von Interesse sein. Die Gesamtzahl der Industriearbeiter in Tiflis beträgt etwa 20 000, d.h., weniger als die Zahl der Soldaten und Polizisten. (...) Das Fehlen der scharfen Klassenzusammenstöße aber, wie sie nur großen Industriezentren eigen ist, macht Tiflis zu einer Art Sumpf, der auf einen Anstoß von außen wartet. Eben hierdurch erklärt es sich, dass sich der Menschewismus, der 'echte' Menschewismus, so lange in Tiflis gehalten hat. Wie ganz anders ist doch Baku, wo die scharf ausgeprägte Klassenposition der Bolschewiki lebhaften Widerhall unter den Arbeitern findet !“ (Stalin, Band 2, Seite 170).
Am 23. März 1910 wird Stalins „August Bebel – Der Führer der deutschen Arbeiter“ aus Anlass seines 70. Geburtstags als besondere Proklamation des Bakuer Komitees der SDAPR veröffentlicht. Stalin machte darin das Proletariat des Kaukasus in seiner Verbindung zur internationalen Arbeiterklasse mit dem proletarischen Internationalismus vertraut:
„1868 erreicht Bebel sein Ziel auf dem Nürnberger Vereinstag. Der geschickte und rücksichtslose Angriff Bebels auf diesem Vereinstag führte dazu, dass die Liberalen eine völlige Niederlage erlitten und dass auf den Trümmern des Liberalismus die deutsche Sozialdemokratie geboren wurde. Die Befreiung der Arbeiter kann nur die Sache der Arbeiter selbst sein, führte Bebel auf dem Arbeitervereinstag aus, deshalb müssen die Arbeiter mit der liberalen Bourgeoisie brechen und sich in einer eigenen Arbeiterpartei vereinigen, und die große Mehrheit der Tagung stimmte mit ihm, einem Häuflein Liberaler zum Trotz, in die großen Worte von Karl Marx ein.
Zur völligen Befreiung der Arbeiter ist es notwendig, dass sich die Arbeiter aller Länder vereinigen, führte Bebel aus, darum muss man sich der Internationalen Arbeiter-Assoziation anschließen, und die Mehrheit der Tagung stimmte mit ihm einmütig in die Worte des großen Lehrmeisters ein. So wurde die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands geboren. Bebel war ihr Geburtshelfer. (...) Es lebe Bebel! Es lebe die internationale Sozialdemokratie!“ (Stalin, Band 2, Seite 184).
Heute heißt es entsprechend für uns: Es lebe Marx, Engels, Lenin, Stalin und Enver Hoxha ! Es lebe der Weltbolschewismus!
Am gleichen Tag, also am 23. März 1910, wird Stalin unter dem namen Sachar Grigorjan Melikjanz erneut verhaftet und im Bailow Gefängnis von Baku eigekerkert. Nach halbjähriger Gefängnishaft wird er in die Verbannung nach Solwytschegodsk zurückgeschickt gemäß einer Verordnung des kaukasischen Statthalters vom 27. August, worin ihm der Aufenthalt im Kaukasus für 5 Jahre verboten wurde. In der Verbannung führt Versammlungen unter den Verbannten durch, in denen Referate gehalten und die laufenden politischen Fragen erörtert werden. Er setzt sich mit Lenin in Verbindung und schreibt ihm Ende 1910 einen Brief, in dem er die Leninsche Taktik des Parteiblocks der Anhänger der Aufrechterhaltung und Festigung der illegalen proletarischen Partei in vollem Maße unterstützt, die „faule Prinzipienlosigkeit“ des Verräters Trotzki scharf geißelt und einen Plan für die Organisierung der Parteiarbeit in Russland vorschlägt. Lenin brandmarkte den Versuch Trotzkis, einen prinzipienlosen, parteifeindlichen Block aller Feinde des Bolschewismus zusammenzubringen, wie folgt:
„Trotzki vereinigt alle, denen der ideologische Zerfall lieb und teuer ist; alle, denen an der Verteidigung des Marxismus nichts gelegen ist; alle Spießer, die nicht verstehen, worum der Kampf geht, und die nicht lernen, nicht denken, nicht die ideologischen Wurzeln der Differenzen ausfindig machen wollen“ (Lenin).
Lenin stützte sich im Kampf gegen den Trotzkismus auf die Parteiorganisationen in Russland und so unterstützte auch sein Kampfgefährte Stalin Lenins Kampf gegen den Trotzkismus. Er führte diesen noch verschärften anti-trotzkistischen Kampf nach Lenins Tod ehrenvoll und siegreich zu Ende.
Der verstärkte Kampf, den Stalin gegen die Liquidatoren in Russland führte, erhält die volle Billigung Lenins. Er veröffentlicht Stalins Artikel „Aus dem Lager der Stolypinschen 'Arbeiter'partei“, dem er folgende Einschätzung gibt: „Die Korrespondenz des Genossen K. (damit war Stalin gemeint) „verdient die größte Aufmerksamkeit all derer, denen unsere Partei teuer ist. Eine bessere Entlarvung der Politik (und der Diplomatie) der `Golos`-Leute, eine bessere Widerlegung der Ansichten und Hoffnungen unserer `Versöhnler und Paktierer` kann man sich schwerlich vorstellen“ (Lenin, Werke, Band 15).
Am 27. Juni 1911 wird Stalin wegen Ablauf der Verbannungsfrist von der Meldepflicht befreit. Infolge des Verbots, sich im Kaukasus, in den Hauptstädten und in den Indistriezentren aufzuhalten, wählt sich Stalin Wologda als Wohnort, das auf halbem Weg zwischen Moskau und Petersburg liegt. Dort steht er unter geheimer polizeilicher Überwachung. Stalin schreibt einen Brief an die Redaktion der von Lenin geleiteten „Rabotschaja Gaseta“. In seinem Schreiben teilt Stalin seine Absicht mit, in Petersburg oder Moskau zu arbeiten und am 6. September reist er nach Petersburg ab, wo er mit den Bolschewiki Todrija und Allilijew zusammenkommt und Verbindung zur Petersburger Parteiorganisation aufnimmt. Er meldete sich mit einem gefälschten Pass in Petersburg polizeilich an. Aber er wird am 9. September wieder verhaftet und im Petersburger Untersuchungsgefängnis eingekerkert. Diesmal wird er für drei Jahre nach Wologda verbannt. Genosse Stalin flüchtet am 29. Februar 1912 zum dritten Mal aus der Verbannung und kam nach Petersburg. In seinem ganzen Leben war Stalin 13 Mal in Haft und Verbannung und 13 Maql gelang ihm die Flucht. In Petersburg organisiert und leitete Genosse Stalin den Kampf gegen die liquidatorischen Menschewiki und Trotzkisten, schließt die bolschewistischen Organisationen Petersburgs zusammen und festigt sie.
Der Januar 1912 bringt ein bedeutsames Ereignis im Leben der Partei. Die zwei Wochen lang tagende Prager Konferenz der SDAPR, die die Menschewiki aus der Partei verjagte und an der also alle anti-liquidatorischen Kräfte eingeladen waren, legte den Grundstein zu einer Partei von neuem Typus, der Partei des Leninismus, der bolschewistischen Partei. Es konstituierte sich die Allrussische Parteikonferenz, die das Recht für sich in Anspruch nahm, nunmehr die zentralen Körperschaften der Partei selber zu wählen. Ordschonikidse aus Tiflis und Spandarjan aus Baku waren Mitglieder der Organisationskommission zur Einberufung der Parteikonferenz. Ordshonikidse fährt im Auftrage Lenins nach Wologda, wo sich Stalin in der Verbannung befand. In einem Brief an Lenin teilt Ordshonikidse mit: “Ich habe Iwanowitsch besucht, habe mich endgültig mit ihm ausgesprochen. Er ist mit dem Ausgang der Sache zufrieden. Die Mitteilung machte einen ausgezeichneten Eindruck“ („Aus der Epoche der „Swesda“ und der „Prawda“ (1911-1914, III. Folge, Seite 233 russ.). Stalin wird in seiner Abwesenheit zum Mitglied des Zentralkomitees der Partei der Bolschewiki gewählt. Die Konferenz schafft ein Zentrum zur praktischen Leitung der revolutionären Arbeit in Russland (Russisches Büro des ZK), das Stalin maßgeblich mit aufbaute. Bis zur Parteikonferenz im April 1917 bleiben diese Körperschaften der Prager Konferenz in Takt.
Nach der Parteikonferenz der Bolschewiki im Januar 1912 in Prag organisierte Trotzki als Gegenstück dazu im August 1912 in Wien eine Konferenz aller menschewistischen Gruppen, an der auch die Menschewiki des kaukasischen Gebietskomitees teilnahmen und sich Trotzkis „Augustblock“ anschlossen. Es nahmen auch Vertreter „links“opportunistischer Strömungen teil. Trotzki vereinigte alles gegen die Bolschewiki. Organisierte Trotzki die Liquidierung der Partei von innen, so war es die Ochrana, die auch von außen ihre Zersetzungsarbeit verstärkte, indem sie erstens ihre Lockspitzel innerhalb der Parteoorganisationen verstärkte – und so waren auch auf der Prager Konferenz zwei Ochranaspitzel anwesend! - und zweitens ihre Spitzel in die Arbeiterbewegung einschleuste, die vorgaben, energische Bolschewiki zu sein. Sobald die Verbindungen zu den Arbeitern in den Betrieben hergestellt waren, folgten Denunziationen der besten Genossen. Die in Freiheit gebliebenen Genossen mussten dann alles wieder von Neuem organisieren. Ihnen zur Hilfe kamen stets Bolschewiki aus der Leningarde, Berufsrevolutionäre, die aus Gefängnissen und aus der Verbannung geflohen waren – in vorderster Front Stalin. Mit der Rückkehr dieser Berufsrevolutionäre pflegte dann die Arbeit aufs Neue in Schwung zu kommen, bis wieder Verhaftungen einsetzten – und das wiederholte sich in den verschiedensten Städten – nicht nur im Kaukasus – immer wieder. Trotzdem gelang es der Ochrana nicht, die lokalen Organisationen der Bolschewiki im Kaukasus zu vernichten. Die Arbeiter hatten dort großes Vertrauen, wie es die folgenden Jahre (1913-1914 ; - Streik in Baku, Barrikadenkampf in Petersburg usw.) deutlich zeigten. Die enormen Anstrengungen und Opfer der Bolschewiki, insbesondere der Berufsrevolutionäre wie Stalin, wurden letzten Endes von Erfolg gekrönt.
Anfang März 1912 schrieb Stalin das Flugblatt „Für die Partei!“ Es wird in einer Auflage von 6 000 herausgegeben und in den wichtigsten 18 Orten Russlands verbreitet und fand überall nicht nur Zustimmung, sondern löste Freude und Erleichterung aus. Lenin dazu: “die Polizeihetze hat sich nach der Veröffentlichung des ersten russischen Flugblatts des sozialdemokratischen Zentrums verzehnfacht; es sind lange und schwere Monate vorauszusehen, neue Verhaftungen, neue Unterbrechungen in der Arbeit. Aber die Hauptsache ist getan. Das Banner ist aufgerichtet worden; die Arbeiterzirkel in ganz Russland haben ihm die Hände entgegengestreckt, und keine konterrevolutionäre Attacke wird es nunmehr herunterreißen!“ (Lenin, Band 15).
In der ersten Märzhälfte 1912 reist Stalin nach Baku und Tiflis, um die Arbeit der transkaukasischen bolschewistischen Organisationen zur Verwirklichung der Beschlüsse der Prager Konferenz zu organisieren. Er verfasst das Rundschreiben Nr. 1 des ZK der SDAPR an die Parteiorganisationen, worin von der endgültigen Konstituierung des Zentralkomitees Mitteilung gemacht wird.
Am 29. März führt Stalin eine Beratung von Parteiarbeitern der bolschewistischen Bezirksorganisationen Bakus durch. Die Beratung schließt sich den Beschlüssen der Prager Konferenz an.
Am 30. März 1912 schreibt Stalin für den „Sozialdemokrat“ eine Korrespondenz über die Beratung in Baku und am 1. April reist er von Baku nach Petersburg ab. Anfang April unterbricht er in Moskau die Reise nach Petersburg und trifft mit Ordshonikidse zusammen. Stalin schreibt die Proklamation „Es lebe der 1. Mai!“ Sie wird heimlich in einer legalen Druckerei von Tiflis gedruckt und von dort nach Petersburg verschickt.
„Die Arbeiter aller Länder (...) haben beschlossen, gerade heute der ganzen Welt laut und offen zu erklären, dass die Arbeiter der Menschheit den Frühling und die Befreiung von den Fesseln des Kapitalismus bringen, dass die Arbeiter berufen sind, die Welt auf der Grundlage der Freiheit und des Sozialismus zu erneuern. (...) So lasst uns denn unseren Genossen im Ausland die Hand reichen und gemeinsam mit ihnen ausrufen: Nieder mit dem Kapitalismus ! Es lebe der Sozialismus! Es lebe der 1. Mai! Es lebe die internationale Sozialdemokratie! Es lebe die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands!“ (Stalin, Band 2, Seite 198, 202 – 203).
Dieser 1. Mai- Tradition sind wir Weltbolschewisten heute weiterhin verpflichtet.
Stalin schickt den Text der Resolution einer Gruppe Moskauer Parteiarbeiter nach Tiflis, die die Beschlüsse der Prager Konferenz und das neu geschaffene Zentralkomitee begrüßten.
Die Bolschewiki bereiteten diese Partei, die Partei von neuem Typus, schon seit der Zeit der alten „Iskra“ vor. Sie bereiteten sie beharrlich und zäh, allen Widerständen zum Trotz vor. Die gesamte Geschichte des Kampfes gegen die „Ökonomisten“, Menschewiki, Trotzkisten, Otsowisten, Idealisten aller Schattierungen bis zu den Empiriokritizisten – war die Geschichte der Vorbereitung eben dieser Partei. Die grundlegende und entscheidende Rolle spielten in dieser Vorbereitungsarbeit die Werke Lenins „Was tun?“, „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“, „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“, „Materialismus und Empiriokritizismus“.
Stalin war der treue Kampfgefährte Lenins in diesem Kampfe gegen die zahlreichen Feinde, er war die sichere Stütze im Kampfe für die Schaffung einer revolutionären marxistischen Partei, der bolschewistischen Partei. 1913 legte Stalin auf Vorschlag von Lenin den Decknamen Koba ab und wird fortan „Stalin“ genannt. Mit dem Ende der kaukasischen Periode beginnt auch die letzte und bedeutendste, die russische Periode seines Lebens und Schaffens.
Der Bolschewismus im Kaukasus bildete sich 1904 – 1912 im Bruch und im Kampf mit den Opportunisten aller Schattierungen heraus. Es hatte mehr als 10 Jahre kolossaler Anstrengungen und Opfer bedurft, um die Partei von ihren vermeintlichen „Freunden“ von rechts (den Liquidatoren) und von links (den Otsowisten) zu retten. Diese Trennung bildete sich in Gesamtrussland nicht unabhängig vom Kampf gegen die Opportunisten und Zentristen der II. Internationale heraus, schuf die Voraussetzungen für die Bildung der Komintern. Nur die Albaner unter der Führung Enver Hoxhas erwiesen sich als reif, in die Fußtapfen der russischen Bolschewiki zu treten. Und so wird sich auch der heutige Weltbolschewismus nur im Bruch und im Kampf mit den Opportunisten aller Schattierungen in allen Ländern der Welt herausbilden, bzw in Georgien wieder herausbilden – und das ist hier das Entscheidende, worauf wir hinaus wollen. Von Stalins Zeit bis 1912 lernen, hilft den Opportunismus zu besiegen, der sich nicht nur der Revolution in Georgien, sondern dem ganzen Weltbolschewismus in den Weg zu stellen versucht. Hierzu möchten wir wie folgt ergänzende Bemerkungen machen: