Dokumente
zum 140. Gründungstag der I. Internationale am 28. September 1864
KARL MARX
UND DIE GRÜNDUNG DER
I. INTERNATIONALE
Veröffentlichung eines 100 Jahre alten Briefes
Brief von Friedrich Leßners (1904)
Das erste Werk über die Geschichte der Ersten Internationale wurde im Jahre 1904 aus Anlass des damaligen 40. Jahrestages ihrer Gründung von dem damaligen Redakteur der „Leipziger Volkszeitung“, Gustav Jeackh, veröffentlicht. Auf sein Buch hin erhielt G. Jarckh von dem alten Mitglied des Bundes der Kommunisten, dem Schneider Friedrich Leßner, einen Brief. Leßner, ein Freund von Marx und Engels, der seit 1856 als Emigrant in London lebte und selbst Mitglied des Generalrats der Ersten Internationale war, schildert in diesem Brief die Vorbereitungen zur konstituierenden Versammlung der Ersten Internationale und den Anteil, den Marx und Engels daran hatten. Erstmals wurde dieser Brief am 27. Februar 1905 in der sozialdemojratischen „Leipziger Volkszeitung“ veröffentlicht.
„... Der erste Anstoß zur Vereinigung zur Internationale wurde in der internationalen Industrieaustellung 1862 in London gegeben. On Paris wurden Arbeiter verschiedener Geschäfte als eine Deputation nach London geschickt. Dort wurden sie mit einigen Führern der Trade Unions bekannt, und aus dieser Bekanntschaft entwickelte sich 1864 ein näheres Zusammengehen. Die Deputation der englischen Arbeiter, die bei der britischen Regierung vorstellig wurde, diese möge im Interesse der Polen gegen Russland einschreiten, erließ auch einen Aufruf an die Pariser Arbeiter, um diese zu gemeinsamem Wirken im Interesse Polens anzuregen. Gleichzeitig wurde in Newman Street ein Meeting zugunsten Polens anberaumt. Während dieser Zeit fanden Komiteesitzungen englischer, französischer, polnischer und deutscher Kreise in London statt, in denen beraten wurde, ob man nicht zur Gründung einer internationalen Arbeiterassoziation schreiten sollte. Als Delegierter des Kommunistischen Arbeitervereins in London wurde ich von dem Komitee beauftragt, zu Karl Marx zu gehen, um ihn mit dem Plane einer Gründung der Internationale bekanntzumachen. Diese Mission übernahm ich mit großer Freude, und ich ging sofort zu Marx` Wohnung. Dort fand ich zugleich Friedrich Engels, welcher von Manchester zu Besuch in London war.
Die Gründung der Internationale wurde sofort ernsthaft beraten; beide waren mit dem Plan vollständig einverstanden. Marx versprach, bei der Gründungsfeier anwesend zu sein, sobald Zeit und Ort bestimmt sein würde.
Diese freudige Mitteilung wurde im Kommunistischen Verein mit großem Beifall aufgenommen.
Daraufhin wurde das Meeting zur Gründung am 28. September 1864 in St. Martinshall, Long Acre London, anberaumt. Professor Beesly wurde eingeladen, den Vorsitz zu führen, was dieser willig zusagte. Karl Marx, der pünktlich zu der Versammlung eintraf, wurde von den Anwesenden mit großer Freude und vielem Beifall begrüßt. Der Kommunistische Arbeiterverein London hatte beschlossen, sich zahlreich an dem Meeting zu beteiligen, und die Sänger des Vereins trugen unter starkem Beifall einige revolutionäre Lieder vor. Nachdem in mehreren Reden die Notwendigkeit der Gründung einer Internationalen Assoziation betont worden war, wurde diese durch eine Resolution beschlossen; Marx wurde mit einigen Trade Unionisten in den provisorischen Generalrat gewählt. Dieser hatte die Vollmacht, sich aus anderen Nationalitäten zu ergänzen, was er denn auch sofort tat.
Der Kommunistische Arbeiterverein war der erste, welcher sich als deutsche Sektion sofort anschloss und mich als Delegierten zum Generalrat wählte; eine Stellung, die ich bis zur Verlegung des Generalrats nach New York (1872) innehatte. Die deutschen Generalratsmitglieder wie überhaupt die deutschen Mitglieder der Internationale sind von jeher die besten Internationalen gewesen; andere Nationen hatten leider immer noch zu viel einseitige Nationalität.
Dass Karl Marx die Inauguraladresse und die Statuten verfasst hat, die der Genfer Kongress endgültig angenommen hat, dass er überhaupt alle Dokumente, Generalratsberichte an die Kongresse, Manifeste, usw. verfasst hat, dass er die große Seele der Bewegung war, ist heute allgemein bekannt. Die Furcht, die die internationale Bourgeoisie vor dieser Bewegung hatte, war nicht zuletzt der revolutionären Sprache geschuldet, die in den Veröffentlichungen des Generalrats loderte. Ohne Karl Marx wäre die Internationale nicht zu dieser Macht und Bedeutung gelangt, zumal sich ihrer ohne ihn bald unlautere oder auch unfähige Elemente bemächtigt hätten. Es war in erster Linie Marx, der diese von der Internationale fernhielt. Sein Wissen, sein felsenfester Wille, seine Unbeugsamkeit hat zuletzt auch den Sieg davongetragen.“