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Die große Verschwörung

Michael Sayers, Albert E. Kahn

 
Darstellung des antikommunistischen Kampfes 1919-1945

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

"The Great Conspiracy against Russia"

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Dr. Marianne Dreifuß


Inhalt:

ERSTES BUCH - Revolution und Gegenrevolution

I. DIE ERRICHTUNG DER SOWJETMACHT

1. In geheimer Mission

2. Gegenrevolution

3. Revolution

4. Die Anerkennung wird verweigert

5. Geheimdiplomatie


II. SPIEL UND GEGENSPIEL

1. Ein britischer Agent

2. Die Stunde der Entscheidung

3. Die Mission ist beendet


III. EIN MEISTERSPION

1. Herr Massino tritt auf

2. Sidney Reilly

3. Bezahlte Mörder

4. Die lettische Verschwörung

5. Sidney Reilly tritt ab


IV. ABENTEUER IN SIBIRIEN

1. Ein Memorandum

2. Intrigen in Wladiwostok

3. Terror im Fernen Osten


V. KRIEG UND FRIEDEN

1. Frieden im Westen

2. Die Friedenskonferenz

3. Golowins Mission


VI. DER INTERVENTIONSKRIEG

1. Vorspiel

2. Die Nordfront

3. Die Nordwestfront

4. Die Südfront

5. Die Ostfront

6. Wrangel und die Polen

7. Der letzte Überlebende


VII. EINE ABRECHNUNG


ZWEITES BUCH - Die Geheimnisse des »Cordon Sanitaire«


VIII. DER WEISSE KREUZZUG

1. Die Nachwehen

2. Die weißgardistische Emigration

3. Der Herr aus Reval

4. Der Hoffmann-Plan


IX. SELTSAME LAUFBAHN EINES TERRORISTEN

1. Wiederauftreten Sidney Reillys

2. »Ein Geschäft wie jedes andere!«

3. Ein Sonntag in Chequers

4. Prozeß in Moskau 1924


X. AN DER FINNISCHEN GRENZE

1. Propaganda am Broadway

2. Agent »B l«

3. Schwarze Hundertschaften in Detroit

4. Sidney Reillys Ende


XI. KRIEGERISCHE OUVERTÜRE


XII. MILLIONÄRE UND SABOTEURE

1. Konferenz in Paris

2. Der Angriffsplan

3. Ein Blick hinter die Kulissen

4. Das Ende der Welt


XIII. DREI PROZESSE

1. Der Prozeß gegen die Industrie-Partei

2. Der Menschewiki-Prozeß

3. Der Prozeß gegen die Vickers-Ingenieure

XIV. EIN ZEITALTER GEHT ZU ENDE


DRITTES BUCH - Die Fünfte Kolonne in Rußland


XV. DER WEG ZUM VERRAT

1.Der rebellierende Revolutionär

2. Die Linksopposition

3. Der Weg zum Verrat

4. Der Kampf um die Macht

5. Alma-Ata


XVI. DIE GEBURT EINER FÜNFTEN KOLONNE

1.Trotzki auf Elba

2. Rendezvous in Berlin

3. Die drei Schichten


XVII. TERROR UND VERRAT

1. Die Diplomatie des Verrats

2. Die Diplomatie des Terrors


XVIII. MORD IM KREML

1. Jagoda

2. Die Ermordung Menschinskis

3. Mord mit Garantie

4. »Eine geschichtliche Notwendigkeit«


XIX. TAGE DER ENTSCHEIDUNG

1.Der Krieg wandert nach Westen

2. Ein Brief Trotzkis

3. Flug nach Oslo

4. Die Stunde der Entscheidung


XX. DAS ENDE

1. Tuchatschewski

2. Der Prozeß gegen das trotzkistische Parallele Zentrum

3. Aktion im Mai

4. Finale


XXI. MORD IN MEXIKO


VIERTES BUCH - Von München bis San Francisco


XXII. DER ZWEITE WELTKRIEG

1. München

2. Der zweite Weltkrieg


XXIII. ANTIKOMINTERN IN AMERIKA

1. Das Erbe der Schwarzen Hundertschaften

2. »Rettet Amerika vor dem Kommunismus!«

3. Die Geschichte des Falles Scheffer

4. Das Dies-Komitee

5. Der einsame Adler


XXIV. DIE SECHZEHN


XXV. DIE VEREINTEN NATIONEN


 

 

 

I.

DIE ERRICHTUNG DER SOWJETMACHT

l. In geheimer Mission


Im Hochsommer des schicksalsschweren Jahres 1917, als sich der Vulkanausbruch der russischen Revolution unter Donnergrollen ankündigte, traf ein amerikanischer Major namens Raymond Robins in Petrograd ein. Er reiste in hochwichtiger geheimer Mission: offiziell als stellvertretender Leiter des amerikanischen Roten Kreuzes, inoffiziell als Mitglied des Spionagedienstes der amerikanischen Armee. Er hatte die Aufgabe, das Ausscheiden Rußlands aus dem Kriege gegen Deutschland mit allen Mitteln zu verhindern.

Die Lage an der Ostfront war verzweifelt... Das armselig ausgerüstete, schlecht geführte russische Heer war von den Deutschen vollständig zerschlagen worden. Die Erschütterungen des Krieges hatten den endgültigen Zusammenbruch des von innerer Fäulnis zersetzten Zarenregimes herbeigeführt. Im März mußte Zar Nikolaus II. abdanken und einer Provisorischen Regierung Platz machen. Der revolutionäre Schrei nach »Frieden, Brot und Boden« ging über das Land: Inbegriff aller alten Sehnsüchte, und drängenden Nöte der kriegsmüden, verhungerten, ausgeplünderten Massen des russischen Volkes.

Rußlands Verbündete - England, Frankreich und die Vereinigten Staaten - fürchteten den unmittelbaren Zusammenbruch der russischen Armee; jeden Augenblick konnte eine Million deutscher Truppen an der Ostfront für den Einsatz gegen die erschöpften alliierten Streitkräfte im Westen frei werden. Nicht minder beunruhigend war die Vorstellung, den ukrainischen Weizen, die Donez-Kohle, das kaukasische Öl und die anderen unerschöpflichen Vorräte Rußlands dem räuberischen Zugriff des kaiserlichen Deutschland überlassen zu müssen. Die Alliierten machten verzweifelte Anstrengungen, um den Abbruch der Kampfhandlungen durch die Russen wenigstens bis zum Eintreffen amerikanischer Verstärkungen an der Westfront hinauszuschieben. Major Robins war einer der vielen Diplomaten, Militärs und Geheimbeauftragten, die eilends nach Petrograd entsandt wurden, um Rußland zur weiteren Teilnahme am Kriege zu bewegen.

Der 43 jährige Raymond Robins, ein Mann mit tiefschwarzem Haar und markanten Zügen, war in der amerikanischen Öffentlichkeit durch unerschöpfliche Energie, eine ungewöhnliche Rednergabe und große persönliche Anziehungskraft aufgefallen. Er gab in Chicago eine erfolgreiche geschäftliche Laufbahn auf, um sich völlig in den Dienst sozialer und philanthropischer Bestrebungen zu stellen. Politisch galt er als Roosevelt-Anhänger. Er spielte in der berühmten "Bull-Moose"-Kampagne von 1912, als sein Ideal, Theodor Roosevelt, ohne Hilfe des Großkapitals oder politischer Machinationen ins Weiße Haus zu gelangen versuchte, eine führende Rolle. Robins war ein streitbarer Liberaler, ein unermüdlicher Kämpfer für jede Bewegung gegen die Reaktion.

»Was? Raymond Robins? Dieser Parvenü? Dieser Roosevelt-Randalist? Was will denn der hier?« rief Oberst William Boyce Thompson, der Leiter des amerikanischen Roten Kreuzes in Rußland, entsetzt aus, als ihm die Ernennung Robins' zum stellvertretenden Leiter dieser Organisation mitgeteilt wurde. Oberst Thompson. ein konservativer Republikaner, besaß bedeutende Anteile an russischen Mangan- und Kupferbergwerken und war daher an russischen Angelegenheiten persönlich stark interessiert, was ihn jedoch an einer klaren, kaltblütigen Beurteilung der Lage nicht hinderte. Seine private Anschauung ging dahin, daß die Beamten des amerikanischen Staatsdepartements mit ihren konservativen Methoden den dramatischen Ereignissen auf dem russischen Schauplatz hilflos gegenüberstanden.

Der damalige amerikanische Botschafter, David Francis, war ein ältlicher, starrsinniger, pokerspielender Bankier aus St. Louis, ehemaliger Gouverneur von Missouri. Der silberhaarige Herr im schwarzen Cutaway und altmodisch hohem, steifem Kragen paßte nicht recht in die hektische Atmosphäre des kriegsmüden, revolutionären Petrograd.

Ein englischer Diplomat bemerkte einmal: "Der alte Francis ist nicht imstande, einen Sozialrevolutionär von einer Kartoffel zu unterscheiden!"

Seinen Mangel an Einblick in die politischen Verhältnisse glich der Botschafter durch Starrheit der Gesinnung aus. Er gründete seine Anschauungen in erster Linie auf die Panikmache und das Geschwätz der zaristischen Generäle und Millionäre, die sich in Scharen an die amerikanische Botschaft in Petrograd herandrängten. Francis betrachtete die ganze russische Erhebung als das Ergebnis eines deutschen Komplottes, sämtliche russische Revolutionäre waren für ihn ausländische Agenten. Er nahm an, daß sich die Angelegenheit in Kürze erledigen würde.

Am 21. April 1917 telegraphierte er vertraulich an Robert Lansing, den Staatssekretär des Äußeren der USA: Extremer Sozialist oder Anarchist namens Lenin hält hitzige Reden und unterstützt damit die Regierung; erhält absichtlich freien Spielraum, wird im geeigneten Augenblick deportiert. Aber die russische Revolution hatte sich mit dem Sturz des Zarenregimes keineswegs vollendet, sie stand erst am Beginn ihrer Entwicklung. Alexander Kerenski, der ehrgeizige Ministerpräsident der Provisorischen Regierung, bereiste die Ostfront und versicherte den Truppen mit beredten Worten, daß "Sieg, Demokratie und Frieden" vor der Tür ständen. Die hungernden, rebellischen Soldaten blieben unbeeindruckt und desertierten zu Zehntausenden. In zerfetzten, schmutzigen Uniformen wanderten sie durchs Land - ein endloser Strom wälzte sich über regendurchweichte Felder und holprige Straßen den Dörfern und Städten zu.

Dort begegneten die heimkehrenden Soldaten den revolutionären Arbeitern und, Bauern. Überall bildeten die Soldaten, Arbeiter und Bauern spontan revolutionäre Räte, die sie »Sowjets« nannten, und wählten Deputierte, die der Regierung in Petrograd ihre Forderung: »Friede, Brot und Land!« vortragen sollten.

Als Major Raymond Robins in Petrograd eintraf, war das Land von einer düsteren Masse hungriger, verzweifelter Menschen übernutet. In der Hauptstadt wimmelte es von Soldaten-»abordnungen, die direkt aus den lehmigen Schützengräben kamen und eine sofortige Beendigung des Krieges forderten. Fast jeden Tag gab es Hungerrevolten. Lenins bolschewistische Partei, die durch ein Verbot Kerenskis auf illegale Untergrundarbeit beschrankt worden war, gewann rasch an Macht und Ansehen.

Raymond Robins weigerte sich, die Anschauungen des Botschafters Francis und seiner zaristischen Freunde als gültige Wahrheiten zu akzeptieren. Er verlor nicht viel Zeit in den Salons von Petrograd, sondern begab sich, wie er sagte, »ins Feld«, um die russischen Zustände aus eigener Anschauung kennenzulernen. Robins glaubte mit leidenschaftlicher Überzeugung an die »unbürokratische Methode - jene Gesinnung, die allen erfolgreichen Geschäftsleuten Amerikas gemeinsam ist; eine Gesinnung, die nichts als gegeben hinnimmt, sondern stets den Tatsachen auf den Grund geht«. Er bereiste das Land, er inspizierte Fabriken, Gewerkschaftsgebäude, Militärbaracken und sogar die verlausten Schützengräben der Ostfront. Robins wollte wissen, was in Rußland geschah - und so ging er zum russischen Volk.

In jenem Jahr bot ganz Rußland das Bild eines riesigen aufgeregten Debattierklubs. Nach jahrhundertelang aufgezwungenem Schweigen hatten die Menschen endlich ihre Sprache wiedergefunden. Überall wurden Versammlungen abgehalten. Jeder kam zu Wort. Regierungsbeamte, alliiertenfreundliche Propagandaredner, Bolschewiki, Anarchisten, Sozialrevolutionäre, Menschewiki - alles redete durcheinander. Am beliebtesten waren die bolschewistischen Redner, deren Worte von Soldaten, Arbeitern und Bauern ständig wiederholt wurden.

»Zeigt mir, wofür ich kämpfe!« forderte ein russischer Soldat in einer dieser erregten Massenversammlungen. »Um Konstantinopel oder um die Freiheit Rußlands? Für die Demokratie oder für die kapitalistischen Ausbeuter? Wenn ihr mir beweisen könnt, daß ich die Revolution verteidige, denn braucht man mir nicht mit der Todesstrafe zu drohen - ich gehe freiwillig an die Front zurück. Wenn das Land den Bauern, die Fabriken den Arbeitern und die Macht den Sowjets gehört, dann wissen wir, wofür wir kämpfen, und dafür werden wir kämpfen.«

Robins war in seinem Element. Wie oft hatte er zu Hause, in den Vereinigten Staaten, auf der Rednertribüne gestanden und mit amerikanischen Marxisten debattiert: warum sollte er es nicht mit russischen Bolschewiki versuchen? Häufig bat Robins um Erlaubnis, einem der bolschewistischen Redner antworten zu dürfen. In Fabriken und Schützengräben trat der breitschultrige, dunkeläugige Amerikaner vor die Menge und sprach. Durch Vermittlung seines eigenen Dolmetschers erzählte Robins den russischen Zuhörern von amerikanischer Demokratie, von der Bedrohung durch den preußischen Militarismus. Seine Worte wurden ausnahmslos mit stürmischem Applaus aufgenommen.

Über dieser Tätigkeit vergaß Robins keineswegs die ihm vom Roten Kreuz übertragenen Aufgaben. Es war seine Pflicht, Nahrung für die hungernden Städte zu beschaffen. Längs der Wolga fand Robins riesige Getreidevorräte, die nicht weiterbefördert werden konnten und in den Speichern verdarben. Die hoffnungslose Unfähigkeit des zaristischen Regimes hatte zu einem völligen Zusammenbruch des Verkehrswesens geführt, und Kerenski hatte nichts zur Besserung der Lage getan. Robins schlug vor, das Getreide auf einer Flottille von Kähnen flußaufwärts zu befördern, was von Kerenskis Beamten als undurchführbar abgelehnt wurde. Da erschien ein Bauer bei Robins, der sich als Vorsitzender der örtlichen Bauernsowjets vorstellte. Er versprach, für die Bereitstellung der nötigen Kähne Sorge zu tragen, und am nächsten Morgen schwamm das Getreide bereits nach Moskau und Petrograd.

Überall konnte Robins den Gegensatz zwischen der hilflosen Verworrenheit der Kerenski-Regierung und dem entschlossenen Organisationswillen der revolutionären Sowjets feststellen. Wenn der Vorsitzende eines Sowjets etwas versprach, dann geschah es auch.

Als Robins zum erstenmal in ein Dorf kam und den dortigen Regierungsbeamten zu sprechen verlangte, lächelten die Bauern und sagten: »Gehen Sie lieber zum Vorsitzenden des Sowjets«: »Was ist denn da?« - »der Sowjet?« fragte Robins. »Die Vertretung der Arbeiter, Soldaten und Bauern.«

"Aber das ist doch irgendeine revolutionäre Organisation?«, meinte Robins abwehrend. »Ich suche die Zivilbehörde - die reguläre Amtsgewalt."

Die Bauern lachten. »Ach, das hat keinen Wert! Gehen Sie lieber zum Vorsitzenden des Sowjets!«.

Nach seiner Rückkehr legte Robins seinem Vorgesetzten einen vorläufigen Bericht über diese Inspektionsreise vor. Er bezeichnete Kerenskis Provisorische Regierung als eine Art bürokratischer Spitzenorganisation, die in Petrograd, Moskau und einigen anderen Städten mit dem Bajonett gehalten werde. Die wahre Regierung des Landes liege in den Händen der Sowjets. Da Kerenski jedoch die Fortsetzung des Krieges gegen Deutschland anstrebte, war Robins dafür, ihn zu stützen. Wenn die Alliierten das völlige Abgleiten Rußlands in chaotische. Zustände verhindern wollten, so mußten sie nach Robins' Ansicht ihren ganzen Einfluß geltend machen, um Kerenski zu einer Einigung mit den Sowjets zu veranlassen.

Er regte an, die Regierung der Vereinigten Staaten über die Lage zu orientieren, bevor es zu spät sei, und schlug folgenden kühnen Plan vor: das russische Volk müsse sofort durch einen großangelegten, mit Hochdruck betriebenen Propagandafeldzug davon überzeugt werden, daß seine Revolution einzig und allein von deutscher Seite her bedroht sei. Zu seiner Überraschung stimmte Oberst Thompson sowohl seinem Bericht als auch seinem Vorschlag rückhaltlos zu. Er sagte, er würde den Plan in großen Umrissen telegraphisch nach Washington weiterleiten und um Zustimmung und Bewilligung der nötigen Geldmittel ersuchen. Da die Zeit dränge, solle Robins sofort beginnen. »Aber wo soll ich das Geld hernehmen?« fragte Robins. »Ich riskiere eine Million aus meinem persönlichen Besitze«, erwiderte Oberst Thompson.

Robins wurde ermächtigt, bei der Petrograder Bank des Oberst Beträge bis zu dieser Höhe abzuheben.

Es komme vor allem darauf an, meinte Oberst Thompson, den Zusammenbruch der russischen Armee an der Ostfront zu verhindern und die Deutschen von Rußland fernzuhalten.

Der Oberst verkannte die Gefahr eines solchen aktiven und eigenmächtigen Eingreifens in die russischen Verhältnisse nicht. »Wissen Sie, was das bedeutet, Robins?« fragte er. »Ich glaube, es ist die einzige Möglichkeit, die Situation zu retten, Herr Oberst«, antwortete Robins.

»Nein, ich meine, ob Sie sich darüber im klaren sind, was für Folgen die Sache für Sie haben kann?« »Was für Folgen?«

»Wenn wir einen Mißerfolg haben, dann werden Sie erschossen.« Robins zuckte die Achseln. »An der Westfront werden jeden Tag jüngere und bessere Leute erschossen.« Und nach einer Pause fügte er hinzu: »Herr Oberst, wenn ich erschossen werde, dann werden Sie aufgehängt.«

»Es sollte mich nicht wundern, wenn Sie recht behalten«, meinte Oberst Thompson.



2. Gegenrevolution


Kühler, feuchter Wind wehte von der Ostsee; regenschwere, tiefe Wolken hingen unheildrohend über Petrograd, in dem die Ereignisse mit Riesenschritten dem entscheidenden Wendepunkt zustrebten.

Im Winterpalais ging Alexander Kerenski, der Ministerpräsident der Provisorischen Regierung, nervös in seinem Zimmer auf und ab. Er trug wie stets eine schlichte, braune, hochgeschlossene Uniform, die rechte Hand war in napoleonischer Geste zur Brust erhoben. Blaß starrte er vor sich hin.

»Was erwartet man von mir?« schrie er Raymond Robins an. »Einmal trete ich als Anhänger des westeuropäischen Liberalismus auf, um die Alliierten zufriedenzustellen - die übrige Zeit versuche ich, mich durch Bekenntnisse zum russisch-slawischen Sozialismus am Leben zu erhalten!«

Kerenski hatte allen Grund, unruhig zu sein. Seine englisch-französischen Freunde und die russischen Millionäre, die seine Hauptstützen gewesen waren, verhandelten hinter seinem Rücken über seine Absetzung.

Die russischen Millionäre hatten offen gedroht, die Deutschen ins Land zu rufen, wenn England und Frankreich sich nicht zu aktiven Maßnahmen gegen die Revolution entschließen konnten. »Die Revolution ist eine Krankheit«, erklärte Stepan Georgewitsch Lianosow, der »russische Rockefeller«, dem amerikanischen Zeitungskorrespondenten John Reed. »Früher oder später müßen die fremden Mächte in Rußland eingreifen - so wie man versucht, ein krankes Kind zu heilen und ihm das Gehen beizubringen.«

Ein anderer russischer Millionär, Riabuschinski, behauptete, es gäbe nur eine einzige Lösung: »Die Knochenhand der Hungersnot und die Armut des Volkes werden die falschen Freunde des Volkes - die demokratischen Sowjets und Komitees - bei der Gurgel packen!«

Sir Samuel Hoare, der Chef des englischen diplomatischen Geheimdienstes in Rußland, unterhielt sich mit all diesen Millionären und äußerte nach seiner Rückkehr in London die Ansicht, das russische Problem sei am besten durch eine Militärdiktatur zu lösen. Als geeignetste Kandidaten für den Posten eines russischen Diktators schlug er vor: Admiral Koltschak, der von allen ihm bekannten russischen Persönlichkeiten dem Typ des »englischen Gentleman« am nächsten komme, und General Lawr Kornilow, den sehnigen, schwarzbärtigen Kommandeur der Kosakeneinheiten der russischen Armee.

Die Regierungen Frankreichs und Englands entschlossen sich für Kornilow. Sie sahen in ihm den starken Mann, der zur gleichen Zeit den Krieg fortsetzen, die Revolution unterdrücken und die englisch-französischen Finanzinteressen in Rußland schützen sollte.

Raymond Robins hielt diese Entscheidung für einen schweren Fehler. Die Alliierten kannten den russischen Volkscharakter nicht; sie spielten den Bolschewiki in die Hände, die von Anbeginn behauptet hatten, das Kerenski-Regime diene nur dazu, die geheime Vorbereitung der Gegenrevolution zu maskieren. Generalmajor Alfred Knox, der englische Militärattache und Chef der englischen Militärmission in Moskau, ersuchte Robins unverblümt, den Mund zu halten.

Der Putschversuch fand am 8. September 1917 statt. Der erste Schritt war eine Proklamation, in der Kornilow als Oberkommandierender der Armee die Beseitigung der Provisorischen Regierung und die Wiederherstellung von »Disziplin und Ordnung« forderte. Tausende von Flugschriften mit dem Titel »Kornilow, der russische Held«, tauchten plötzlich in den Straßen von Moskau und Petrograd auf. Später enthüllte Kerenski in seinem Buch »Die Katastrophe«, daß »diese Flugschriften auf Kosten der englischen Militärmission gedruckt und im Sonderzug des englischen Militärattaches General Knox von der englischen Botschaft in Petrograd nach Moskau geschafft wurden.« Kornilow ließ zwanzigtausend Soldaten gegen Petrograd marschieren. In ihren Reihen befanden sich französische und englische Offiziere in russischer Uniform.

Kerenski konnte den Verrat nicht fassen. In London und Paris wurde er noch immer als der »große Demokrat«, der »Held der russischen Massen« gefeiert. Und hier, in Rußland, versuchten die Vertreter der alliierten Mächte, ihn zu stürzen! Verzweifelt suchte er nach einem Ausweg - und tat nichts.

Der Petrograder Sowjet, in dem die Bolschewiki die Mehrheit hatten, ordnete aus eigener Initiative die sofortige Mobilisierung an. Bewaffnete Arbeiter schlössen sich mit revolutionären Matrosen der Baltischen Flotte und heimgekehrten Soldaten zusammen. In den Straßen wurden Barrikaden und Drahtverhaue errichtet. In aller Eile brachte man Geschütze und Maschinengewehre in Stellung. Die Rote Garde - Arbeiter in Mützen und Lederjacken, mit Gewehren und Handgranaten ausgerüstet - patrouillierte in den nassen, holprigen Straßen.

Nach vier Tagen befand sich Kornilows Armee in voller Auflösung, Der General selbst wurde von dem innerhalb seines eigenen Heeres heimlich gebildeten Soldatenrat verhaftet. Schon am ersten Nachmittag wurden an die vierzig Generäle des alten Regimes, die in Kornilows Verschwörung verwickelt waren, im Hotel Astoria in Petrograd dingfest gemacht, wo sie auf Nachrichten über Kornilows Erfolge warteten. Kerenskis stellvertretender Kriegsminister, Boris Sawinkow, wurde wegen Teilnahme an der Verschwörung durch Volksbeschluß aus seinem Amt entfernt. Die Provisorische Regierung schwankte bedenklich.

Der Putsch hatte gerade das herbeigeführt, was er hätte ver-hindern sollen: den Sieg der Bolschewiki, die Bewährung der Stärke der Sowjets.

Nicht Kerenski hatte in Petrograd die Macht in den Händen, sondern die Sowjets.

»Die Sowjets«, sagte Raymond Robins, »gelangten ohne Gewalt ans Ziel - sie waren die Kraft, der Kornilow erlag.«

Botschafter Francis hingegen telegraphierte an das amerikanische Staatsdepartement:

»Kornilows Versagen auf schlechte Beratung, falsche Information, ungeeignete Methoden, schlecht gewählten Zeitpunkt zurückzuführen. Guter Soldat, Patriot, aber unerfahren. Regierung war sehr beunruhigt, wird möglicherweise aus dieser Erfahrung lernen.«

3. Revolution

Die Ereignisse begannen sich zu überstürzen. Lenin hatte noch, als er sich verborgen halten mußte, eine neue revolutionäre Parole ausgegeben: »Alle Macht den Sowjets! Nieder mit der Provisorischen Regierung!«

Am 7. Oktober sandte Oberst Thompson folgendes besorgte Telegramm nach Washington:

»Maximalisten (Bolschewik!) streben jetzt aktiv Kontrolle über Allrussischen Arbeiter- und Soldatenkongreß an, der diesen Monat hier stattfindet. Wenn sie Erfolg haben, werden sie neue Regierung bilden. Folgen wären katastrophal, würde möglicherweise zu Sonderfrieden führen. Wir wenden alle Mittel auf, brauchen sofortige Unterstützung, sonst alle Bemühungen zu spät.«

Am 3. November kamen die militärischen Vertreter der alliierten Mächte in Oberst Thompsons Büro zu einer Geheimkonferenz zusammen. Was sollte man gegen die Bolschewik! unternehmen? General Niessel, der Leiter der französischen Militärmission, äußerte sich sehr abfällig über die Unfähigkeit der Provisorischen Regierung und bezeichnete die russischen Soldaten als »gelbe Hunde«, was einen russischen General veranlaßte, mit zorngerötetem Gesicht den Raum zu verlassen.

General Knox warf den Amerikanern vor, Kornilow ihre Unterstützung verweigert zu haben.

»Ich bin an der Stabilisierung der Kerenski-Regierung nicht im mindesten interessiert«, rief er Robins zu. »Sie ist untüchtig, unzulänglich und wertlos. Sie hätten sich auf Kornilows Seite stellen sollen!«

»Herr General«, antwortete Robins, »Sie waren doch auf Kornilows Seite!«

Der englische General bekam einen roten Kopf. »Für Rußland gibt es heute nichts als eine Militärdiktatur«, sagte er. »Diese Leute müssen eine feste Hand über sich spüren.«

»Herr General«, meinte Robins, »Sie werden vielleicht eine ganz andere Diktatur in Rußland erleben.« »Sie meinen dieses agitatorische Zeug?« »Ja, das meine ich.«

»Robins«, sagte General Knox, »Sie sind kein Soldat. Sie verstehen nichts von militärischen Angelegenheiten. Wir Militärs wissen, wie man, mit solchen Leuten umgeht. Sie werden an die Wand gestellt und erschossen.«

»Gewiß«, antwortete Robins, »wenn es Ihnen gelingt, ihrer habhaft zu werden. Ich gebe zu, Herr General, daß ich von militärischen Dingen nichts verstehe, aber ich verstehe mich auf Menschen. Ich habe mein. Leben lang mit ihnen zu tun gehabt. Ich habe mir Rußland angesehen, und ich bin sicher, daß es sich hier um eine Massenbewegung handelt.«

Am 7. November 1917, vier Tage nach der Konferenz in Oberst Thompsons Büro, erfolgte die Machtübernahme durch die Bolschewiki.

Der Beginn der welterschütternden bolschewistischen Revolution vollzog sich in seltsam unmerklicher Weise. Noch nie hatte es eine so friedliche Revolution gegeben. Kleine Gruppen von Soldaten und Matrosen patrouillierten durch die Stadt. Von Zeit zu Zeit fielen vereinzelte Schüsse. In den eisigen Straßen sammelten sich gestikulierende, debattierende Männer und Frauen vor den frischen Maueranschlägen und lasen die neuesten Aufrufe und Proklamationen. Einander widersprechende Gerüchte waren im Umlauf. Straßenbahnwagen ratterten über den Newski-Prospekt. Hausfrauen gingen in den Geschäften aus und ein. Die konservativen Petrograder Zeitungen, die an diesem Tag in gewohnter Weise erschienen, teilten ihren Lesern nicht einmal mit, daß eine Revolution stattgefunden hatte.

Die Telephonzentrale, das Telegraphenamt, die Staatsbank und die Ministerien leisteten fast keinen Widerstand. Das Winterpalais, in dem sich Kerenskis Provisorische Regierung befand, wurde von den Bolschewiki eingeschlossen und belagert. Kerenski floh am gleichen Nachmittag in einem Tourenwagen der amerikanischen Botschaft, der das amerikanische Hoheitszeichen trug.

Kurz vor seiner Abreise sandte er eine kurze Mitteilung an den Botschafter Francis, in der er versprach, Truppen von der Front heranzubringen und die »Situation innerhalb von fünf Tagen zu liquidieren«.

Um 6 Uhr nachmittags telegraphierte Francis an Staatssekretär Lansing:

»Bolschewiki scheinen hier alles in der Hand zu haben. Aufenthalt sämtlicher Minister unbekannt«.

Mitten in der Nacht, bei Nebel und Regen, ratterten Lastwagen durch den Straßenschmutz. Bei den offenen Feuern der Wachtposten stoppten sie und warfen weiße Bündel ab, Proklamationen folgenden Wortlauts:

An die Bürger Rußlands!

Die Sache, für die das Volk gekämpft hat: das sofortige Angebot eines demokratischen Friedens, die Aufhebung des Eigentums der Gutsbesitzer an Grund und Boden, die Arbeiterkontrolle über die Produktion, die Bildung einer Sowjetregierung - diese Sache ist gesichert. Es lebe die Revolution der Arbeiter, Soldaten und Bauern!

Das Revolutionäre Kriegskomitee

des Petrograder Sowjets der

Arbeiter- und Soldatendeputierten.

Hunderte von Soldaten und Mitgliedern der Roten Garde drängten sich in dunklen Scharen um das strahlend erleuchtete Winterpalais, die letzte Festung der nicht mehr existierenden Provisorischen Regierung. Plötzlich setzten sich die Massen in Bewegung, stürzten die Barrikaden um und strömten über den Hof in das Winterpalais. Die ehemaligen Minister der Kerenski-Regierung wurden verhaftet: sie saßen noch immer an dem großen Tisch des prunkvoll ausgestatteten Gemaches, in dem sie den ganzen Tag konferiert hatten. Die Tischplatte war mit zusammengeknüllten Bögen bedeckt, den Überresten von Proklamationsentwürfen. Eine begann mit den Worten: »Die Provisorische Regierung richtet an alle Klassen die Aufforderung, die Provisorische Regierung zu unterstützen!«

Am 7. November um 10 Uhr 45 abends fand die Eröffnungssitzung des Allrussischen Kongresses der Sowjets im Ballsaal des Smoiny-lnstitutes statt, das einst den Töchtern der zaristischen Aristokratie als vornehmes Erziehungsinstitut gedient hatte. Jetzt beherbergte der große, mit weißen Marmorsäulen, Kristallüstern und Parkettboden ausgestattete Saal die Vertreter der russischen Soldaten und Arbeiter. Dichte Rauchwolken hingen in der Luft. Die schmutzigen, unrasierten, müden Sowjetdeputierten - Soldaten, an deren Uniformen noch der Schlamm der Schützengräben haftete, Arbeiter in Mützen und zerdrückten schwarzen Anzügen, Matrosen in gestreiften Sweatern und kleinen, runden, bebänderten Mützen - lauschten gespannt den Ansprachen der Mitglieder des Zentralexekutivkomitees, die der Reihe nach die Rednertribüne betraten.

Der Kongreß dauerte zwei Tage. Am Abend des zweiten Tages brach plötzlich ein tumultuarischer Lärm aus. Ein kleiner gedrungener, kahlköpfiger Mann in weitem Anzug war auf der Plattform erschienen. Er hielt ein Bündel Papiere in der Hand.

Es dauerte mehrere Minuten, bis sich der Aufruhr gelegt hatte. Der Redner beugte sich ein wenig vor und sagte: »Wir schreiten jetzt zur Errichtung der sozialistischen Ordnung!«: Der Redner hieß Lenin.

Der Kongreß bildete die erste Sowjetregierung - den Rat der Volkskommissare unter dem Vorsitz von Wladimir Iljitsch Lenin.

4. Die Anerkennung wird verweigert

Am nächsten Morgen übermittelte Botschafter Francis seinem Freund Maddin Summers, dem amerikanischen Generalkonsul in Moskau, folgenden Bericht:

»Ich höre, daß der Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat ein Kabinett mit Lenin als Ministerpräsident, Trotzki als Außenminister und Frau oder Fräulein Kollontai als Erziehungsminister ernannt hat. Widerlich! Ich hoffe nur eines: je lächerlicher die Situation ist, desto rascher wird Abhilfe geschaffen werden.«

Nach Washington telegraphierte der Botschafter, daß die neue Sowjetregierung sich nur wenige Tage halten werde. Er riet dem Staatsdepartement, die derzeitige Regierung nicht anzuerkennen, sondern die Beseitigung der Bolschewiki und die Machtübernahme durch »russische Patrioten« abzuwarten.

Am gleichen Morgen begab sich Raymond Robins zu Oberst Thompson in das Hauptquartier des amerikanischen Roten Kreuzes in Petrograd.

»Wir müssen rasch handeln!« sagte er zu seinem Chef. »Es ist purer Unsinn, zu behaupten, daß Kerenski irgendwo eine Armee aufstellt, daß die Kosaken vom Don und die Weißgardisten aus Finnland zu Hilfe kommen werden. Sie können überhaupt nicht hierher gelangen, es sind viel zuviel bewaffnete Bauern dazwischen. Die Gruppe, die jetzt im Smomy-Institut regiert, wird noch eine ganze Weile an der Macht bleiben!«

Robins beabsichtigte, eine sofortige Unterredung mit Lenin im Smoiny-lnstitut herbeizuführen, und ersuchte Oberst Thompson um seine Zustimmung. »Diese Leute sind im großen und ganzen freundlich und anständig«, äußerte Robins über die Bolschewiki. »Ich habe mich selbst mit Politik befaßt und bin mit führenden politischen Persönlichkeiten unseres Landes in Berührung gekommen, und ich glaube nicht, daß es im Smolny-Institut Leute gibt, die korrupter oder schlimmer sind als manche unserer politischen Gauner.

An Stelle jeder Antwort zeigte ihm Oberst Thompson einen soeben aus Washington eingelaufenen Befehl, sofort zwecks Besprechung der Lage zurückzukehren. Er persönlich stimme der Ansicht von Robins bei, daß die Bolschewiki die Vertreter der russischen Volksmassen seien. Er werde versuchen, das amerikanische Staatsdepartement von der Richtigkeit dieser Anschauung zu überzeugen. Inzwischen möge Robins im Rang eines Oberst die Leitung des amerikanischen Roten Kreuzes in Rußland übernehmen. Oberst Thompson drückte seinem ehemaligen Stellvertreter die Hand und wünschte ihm alles Gute.

Robins verlor keine Minute. Er fuhr zum Smoiny-lnstitut und verlangte Lenin zu sehen.

»Ich war für Kerenski«, erklärte Robins ehrlich und frei, »aber ich bin imstande, einen Toten von einem Lebenden zu unterscheiden, und ich halte die Provisorische Regierung für eine Leiche. Ich möchte wissen, ob das amerikanische Rote Kreuz dem russischen Volk dienlich sein kann, ohne daß dadurch unsere nationalen Interessen geschädigt werden. Ich bin gegen Ihr Programm, aber die inneren Angelegenheiten Rußlands gehen mich nichts an. Wenn Kornilow oder der Zar oder sonst jemand an der Macht wäre, würde ich mit ihm sprechen!«

Der energische, umgängliche Amerikaner war Lenin vom ersten Augenblick an sympathisch. Er versuchte, Robins den Wesen des neuen Regimes auseinanderzusetzen.

Über die wirtschaftliche Seite des Sowjetsystems äußerte sich Lenin folgendermaßen: »Wir werden die Welt durch Schaffung einer Republik der Werktätigen herausfordern. Wir werden niemanden, der Kapital oder sonstigen Besitz hat, in den Sowjet aufnehmen, dafür kommen nur die Werktätigen in Betracht. Die Kohle des Donbas wird durch diejenigen vertreten sein, die die Kohle fördern, die Eisenbahn durch die Eisenbahner, die Post durch die Postangestellten und so weiter.«

Lenin schilderte Robins eine weitere wichtige Phase des bolschewistischen Programms: die Lösung der »Nationalitätenfrage«. Das zaristische Regime hatte die zahlreichen nationalen Gruppen rücksichtslos unterdrückt und zu Sklavenvölkern herabgewürdigt. Hier, sagte Lenin, würden durchgreifende Änderungen vollzogen werden. Man strebe die Ausmerzung des Antisemitismus und ähnlicher primitiver Vorurteile an, mit deren Hilfe der Zarismus die verschiedenen Parteien gegeneinander aufhetzte. Jede Nationalität und jede nationale Minderheit müsse völlige Selbständigkeit und Gleichberechtigung erhalten. Zur Bewältigung dieser äußerst komplizierten und wichtigen Aufgabe war Josef Stalin ausersehen, der führende Fachmann der Bolschewik! für die Nationalitätenfrage.

Robins fragte Lenin, wie es um die Fortführung des Krieges gegen Deutschland bestellt sei.

Lenin antwortete ihm mit größter Aufrichtigkeit. Der Kampf sei bereits abgebrochen. Rußland könne erst dann Widerstand leisten, wenn ein neues Heer - eine Rote Armee - geschaffen sei. Und das würde einige Zeit in Anspruch nehmen. Das baufällige Gefüge der russischen Industrie und des russischen Transportwesens müsse einer durchgreifenden Neuorganisation unte-zogen werden.

Die Sowjetregierung, fuhr Lenin fort, suche die Anerkennung und Freundschaft der Vereinigten Staaten. Er sei sich über die Voreingenommenheit der offiziellen Stellen gegen seine Regierung im klaren. Er schlug Robins ein gewisses Mindestmaß - praktischer Zusammenarbeit vor. Als Gegenleistung für technische Hilfe von seiten Amerikas wolle sich die Sowjetregierung verpflichten, ihr gesamtes Kriegsmaterial von der Ostfront abzuziehen, da es sonst unweigerlich den Deutschen in die Hände fallen würde. Robins leitete diesen Vorschlag an General William Judson, den amerikanischen Militärattache und Leiter der amerikanischen Militärmission in Rußland, weiter, und Judson begab sich ins Smoiny-lnstitut, um die Einzelheiten des Abkommens auszuarbeiten. Der General stellte eine Zusatzforderung: die vielen hunderttausend deutschen Kriegsgefangenen sollten erst nach Beendigung des Krieges in ihre Heimat zurückgeschickt werden. - Damit war Lenin einverstanden.

General Judson teilte dem Botschafter Francis sofort mit, daß es im Interesse der Vereinigten Staaten läge, die Sowjetregierung anzuerkennen.

»Der Sowjet hat die faktische Regierungsgewalt«, meinte er. »Man sollte die Beziehungen aufnehmen.«

Aber der amerikanische Botschafter hatte andere Pläne, die in Washington bereits bekannt waren.

Einige Tage später traf ein Telegramm des Staatssekretärs des Äußeren, Lansing, ein, das Francis anwies, allen Repräsentanten der amerikanischen Regierung die »Aufnahme direkter Beziehungen zu der bolschewistischen Regierung« zu untersagen. In dem Telegramm hieß es ausdrücklich: »Judson ist entsprechend zu informieren.«

Bald danach wurde General Judson durch ein zweites Telegramm nach den Vereinigten Staaten abberufen.

Robins wollte als Protestkundgebung gegen die Politik des Staatsdepartements seinen Abschied einreichen. Aber er wurde zu seiner größten Verwunderung vom Botschafter Francis ersucht, auf seinem Posten zu verbleiben und den Kontakt mit dem Smoiny-lnstitut aufrechtzuerhalten.

»Ich würde es für unklug halten, diese Beziehung so plötzlich und vollständig abzubrechen - ich glaube, Sie sollten Ihre Besuche fortsetzen«, sagte ihm Francis. »Außerdem möchte ich über die Vorgänge orientiert sein. Ich werde Sie decken.«

Robins wußte nicht, daß Francis besondere Gründe hatte, möglichst genaues Informationsmaterial über die Sowjetregierung zu sammeln.

5. Geheimdiplomatie

Am 2. Dezember 1917 ging Francis erster vertraulicher Bericht über die Tätigkeit des Generals Alexei Kaledin, Ataman der Donkosaken, nach Washington ab. Der Botschafter bezeichnete Kaledin als den »Oberkommandierenden von 200 000 Kosaken«. General Kaledin hatte die südrussischen Kosaken zu einer gegenrevolutionären Weißen Armee zusammengeschlossen und die »Unabhängigkeit des Dongebietes« proklamiert. Er bereitete einen Marsch auf Moskau vor, um die Sowjetregierung zu stürzen. Geheimverbände zaristischer Offiziere, die in Moskau und Petrograd Spionagearbeit gegen die Sowjetregierung leisteten, stellten die Verbindung mit Francis her.

Auf die Bitte des Botschafters hin übermittelte Maddin Summers, der amerikanische Generalkonsul in Moskau, einige Tage später dem Staatsdepartement einen noch ausführlicheren Bericht über die Streitkräfte des Generals Kaledin. Summers, der mit der Tochter eines reichen zaristischen Aristokraten verheiratet war, stand der Sowjetregierung noch feindlicher gegenüber als Francis. Er behauptete in seinem Bericht an das Staatsdepartement, Kaledin hätte bereits alle »loyalen« und »ehrenhaften« Elemente Südrußlands in seinen Reihen vereinigt.

Staatssekretär Lansing empfahl daraufhin der amerikanischen Botschaft in London, Kaledins Sache durch eine Geheimanleihe zu finanzieren. Diese Anleihe, meinte Lansing, sollte durch die englische oder französische Regierung vermittelt werden.

Lansing fügte hinzu: »Ich brauche Sie nicht darauf aufmerksam zu machen, daß Sie rasch handeln und Ihren Mittelsmännern die Verpflichtung auferlegen müssen, über die moralische und mehr noch über die finanzielle Unterstützung der Kaledin-Bewegung durch die Vereinigten Staaten strengstes Stillschweigen zu bewahren.«

Francis wurde angewiesen, bei den Verhandlungen mit den Agenten Kaledins in Petrograd die größte Vorsicht walten zu lassen, um keinesfalls das Mißtrauen der Bolschewiki zu erregen.

Trotz all dieser Vorsichtsmaßregeln kam die Sowjetregierung, die stets mit der Möglichkeit einer Intervention der Alliierten in Rußland gerechnet hatte, dem Komplott auf die Spur. Mitte Dezember beschuldigte die Sowjetpresse den amerikanischen Botschafter, mit Kaledin konspiriert zu haben. Francis leugnete mit liebenswürdiger Glätte.

»Ich werde der Presse eine Erklärung abgeben«, telegraphierte er am 22. Dezember an Lansing, »in der ich jede Verbindung mit Kaledin und jede Kenntnis seiner Bewegung energisch abstreite und mich auf Ihren endgültigen und nachdrücklichen Auftrag berufe. Nicht in die inneren Angelegenheiten Rußlands einzugreifen. Ich werde sagen, daß ich diesen Befehl strikt befolgt habe.«

Die Sowjetregierung, mußte sich schützen, so gut es ging. Die Feindseligkeit der Alliierten hatte sie in eine isolierte Stellung gedrängt. Ihre schwachen Kräfte reichten nicht aus, um der gewaltigen deutschen Heeresmacht ohne Verbündete entgegenzutreten. Und die unmittelbarste Bedrohung ging von Deutschland aus.

Um das neue Rußland zu retten und Zeit für die dringendste Aufbauarbeit und die Schaffung der Roten Armee zu gewinnen, schlug Lenin ein sofortiges Friedensangebot vor.

Nachdem er seinen Anhängern in aller Ausführlichkeit die klägliche Verfassung des russischen Transportwesens, der Industrie und des Heeres geschildert hatte, sagte er: »Eines Tages werden wir ohnedies gezwungen sein, Frieden zu machen. Wir müssen stark werden, und dazu brauchen wir Zeit... Wenn die Deutschen mit dem Vormarsch beginnen, dann werden sie uns den Frieden diktieren, und es wird alles viel schlimmer sein.«

Auf Lenins Wunsch reiste sofort eine sowjetische Friedensdelegation nach Brest-Litowsk, dem Hauptquartier der deutschen Ostarmee, ab, um die Friedensbedingungen der Deutschen. kennenzulernen.

Am 23. Dezember 1917, einen Tag nach der Eröffnung der vorbereitenden Friedenskonferenz in Brest-Litowsk, wurde in Paris zwischen England und Frankreich ein Geheimabkommen geschlossen, das die Zerstückelung Rußlands zum Gegenstand hatte. Dieses Abkommen hieß: »L'Accord Francais-Anglais du 23 Decembre 1917 definissant les zones d'action frangaises et anglaises«. Es wurde festgelegt, daß England die Kontrolle über das kaukasische Öl und die Ostseeprovinzen erhalten sollte; die französische »Einflußzone« umfaßte die Krim und die Eisen- und Kohlenvorräte des Donezbeckens.

Durch dieses Geheimabkommen wurde die Rußlandpolitik der beiden Staaten für die nächsten Jahre unabänderlich festgelegt.


II. SPIEL UND GEGENSPIEL

l. Ein britischer Agent

Um die Mitternacht des 18. Januar 1918 suchte ein in Pelze gehüllter Mann mühsam mit einer Laterne den Weg über eine halbzerstörte Brücke im finnisch-russischen Grenzgebiet. Es war bitter kalt. Der nächtliche Wanderer war der Spezialagent des englischen Kriegskabinetts Bruce Lockhart.

Lockhart war ein Produkt der exklusiven englischen »Public-School«-Erziehung. Mit 24 Jahren trat er in den diplomatischen Dienst ein. Er war hübsch und intelligent und galt nach kurzer Zeit als einer der begabtesten und vielversprechendsten jungen Leute des britischen Außenamtes. Mit dreißig Jahren war er englischer Vizekonsul in Moskau. Er sprach fließend Russisch und kannte alle Intrigen und Einzelheiten der russischen Politik. Genau sechs Wochen vor Ausbruch der Oktoberrevolution war er nach London zurückgerufen worden.

Jetzt begab er sich wieder nach Rußland, und zwar auf persönlichen Wunsch des Ministerpräsidenten Lloyd George, den die Rußlandberichte des heimkehrenden Oberst Thompson tief beeindruckt hatten. Robins' ehemaliger Chef äußerte sich sehr abfällig über die Weigerung der Alliierten, die Sowjetregierung anzuerkennen, und als Folge der Unterredung zwischen Thompson und Lloyd George wurde Lockhart beauftragt, wenigstens faktische Beziehungen mit der Sowjetregierung anzuknüpfen, ohne jedoch eine offizielle Anerkennung in Aussicht zu stellen.

Aber der hübsche junge Schotte war zur gleichen Zeit auch Agent des englischen diplomatischen Geheimdienstes. Inoffiziell hatte er die Aufgabe, die innerhalb der Sowjetregierung bereits bestehende Opposition für die britischen Interessen auszunutzen.

Die Opposition gegen Lenin wurde von dem ehrgeizigen Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Leo Trotski, geführt, der sich als Lenins Nachfolger dünkte. Vierzehn Jahre lang war Trotzki ein erbitterter Feind der Bolschewiki gewesen, bis er schließlich wenige Monate vor der Oktoberrevolution, im August 1917, Lenins Partei beitrat und mit ihr zur Macht gelangte. Jetzt organisierte Trotski innerhalb der bolschewistischen Partei eine Linksopposition.

Als Lockhart anfangs 1918 in Petrograd eintraf, weilte Trotski als Führer der sowjetischen Friedensdelegation in Brest-Litowsk.

Trotzki hatte von Lenin den ausdrücklichen Auftrag erhalten, in Brest-Litowsk zu unterzeichnen. Statt dessen forderte Trotzki das europäische Proletariat mit flammenden Worten auf, sich zu erheben und seine Regierungen zu stürzen. Die Sowjetregierung, erklärte er, würde um keinen Preis mit einem kapitalistischen Regime Friedheil machen. »Weder Frieden noch Krieg!« rief Trotzki aus. Er sagte den Deutschen, die russische Armee werde weiter demobilisieren, aber er lehnte es ab, den Frieden zu unterzeichnen.

Lenin kritisierte scharf Trotzkis Verhalten in Brest-Litowsk und bezeichnete seine Vorschläge - »Abbruch des Krieges, Ablehnung eines Friedensschlusses und Demobilisierung der Armee« - als »Wahnsinn oder etwas Ärgeres als Wahnsinn«.

Lockhart enthüllte später in seinen Memoiren "British Agent", daß man sich im englischen Außenamt für diese Mißstimmigkeiten zwischen Lenin und Trotzki außerordentlich interessierte - »Mißstimmigkeiten, von denen sich unsere Regierung sehr viel erhoffte.«

Trotzkis Verhalten verursachte den. Zusammenbruch der Friedensverhandlungen. Das deutsche Oberkommando ging von Anfang an widerstrebend auf die Verhandlungen mit den Bolschewiki ein. Trotzki spielte nach Lenins Aussage den Deutschen in die Hand und »half den deutschen Imperialisten«.

Zehn Tage nach dem Abbruch der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk begann das deutsche Oberkommando an der Ostfront eine Generaloffensive von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Im Süden überfluteten die deutschen Armeen die Ukraine. Im Mittelabschnitt wurde der Angriff durch Polen gegen Moskau vorgetragen. Narwa fiel im Norden, Petrograd war bedroht. An allen Teilen der Front brachen die letzten Überreste der alten russischen Armee auseinander. Das neue Rußland schien dem Untergang geweiht. Da strömten aus den Städten die in aller Eile von den bolschewistischen Führern mobilisierten bewaffneten Arbeiter und Rotgardisten herbei. Die aus ihren Reihen gebildeten Regimenter warfen sich dem Ansturm des Feindes entgegen. Die ersten Einheiten der Roten Armee wurden eingesetzt. Am 23. Februar gelang es, den deutschen Angriff bei Pskow zum Stillstand zu bringen. Petrograd war nicht mehr unmittelbar bedroht.

Wieder begab sich eine sowjetische Friedensdelegation nach Brest-Litowsk - diesmal ohne Trotzki.

Deutschland erhob Anspruch auf die Ukraine, Finnland, Polen, den Kaukasus und forderte enorme Reparationen, zahlbar in russischem Gold, Weizen, Öl, Kohle und Mineralien.

Als diese Friedensbedingungen bekannt wurden, ging eine Welle der Empörung über die imperialistischen deutschen Räuber durch ganz Rußland. Lenin sprach von der Hoffnung des deutschen Oberkommandos, durch einen solchen »Raubfrieden«: Sowjetrußland zu zerstückeln und das neue Regime zu stürzen. Bruce Lockhart sah nur einen einzigen vernünftigen Ausweg aus dieser Situation: die Alliierten mußten Rußland gegen die Deutschen beistehen. Die Sowjetregierung machte aus ihrer Abneigung, den Frieden von Brest-Litowsk zu ratifizieren, kein Hehl. Nach Lockharts Ansicht war die künftige Stellungnahme der Alliierten das Zentralproblem der Bolschewiki; würden die Alliierten die Sowjetregierung anerkennen und fördern oder ruhig zusehen, wie die Deutschen Rußland ihren »Raubfrieden« aufzwangen?

Anfangs neigte Lockhart der Auffassung zu, daß den englischen Interessen am besten durch ein gemeinsames Vorgehen mit Trotzki gegen Lenin gedient wäre. Trotzki versuchte nach Lockharts Formulierung, innerhalb der bolschewistischen Partei einen »Block des heiligen Krieges« zu bilden, dessen Ziel es war, Lenin mit Unterstützung der Alliierten auszuschalten.

Lockhart berichtet in seinem Buch »British Agent«, daß er sofort nach Trotzkis Rückkehr aus Brest-Litowsk ein persönliches Zusammentreffen herbeiführte. Der Volkskommissar gewährte ihm in seinem Privatbüro im Smoiny-lnstitut ein zweistündiges Interview. Am gleichen Abend faßte Lockhart die gewonnenen Eindrücke in einer Tagebucheintragung folgendermaßen zusammen: »Ich halte ihn für einen Menschen, der bereit wäre, für Rußland zu kämpfen und zu sterben - vorausgesetzt, daß ihm genügend Leute dabei zusehen!«

Der britische Agent und der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten wurden gute Freunde. Lockhart gebrauchte die vertrauliche Anrede »Leo Dawidowitsch« und träumte davon, »mit Trotzki einen großen Coup zu landen«. Aber langsam und widerstrebend rang sich Lockhart zu der Erkenntnis durch, daß Trotzki zu schwach war, um an Lenins Stelle zu treten.

Ohne Lenin war in Rußland nichts zu erreichen. Lockhart fand bald heraus, daß Raymond Robins diese Anschauung teilte.

»Für mich war Trotzki wegen seines extremen Individualismus und seiner egozentrischen Anmaßung immer eine fragwürdige Figur«, sagte Robins. »Fragwürdig in seinen Absichten, fragwürdig in seiner Stellungnahme und Zugehörigkeit.«

Lockhart hatte den Amerikaner bald nach seiner Ankunft in Petrograd kennengelernt. Ihm gefiel die vorurteilslose Art, in der Robins an die russischen Probleme heranging. Dieser Mann wies die verschiedenen Argumente der Alliierten gegen die Anerkennung der Sowjetregierung energisch zurück. Er machte sich über die unsinnige, von den zaristischen Agenten verbreitete Behauptung lustig, die Bolschewiki seien an einem deutschen Sieg interessiert. Mit beredten Worten schilderte er Lockhart die furchtbaren Zustände im alten Rußland und das Wunder der Erhebung der geknechteten Massen unter bolschewistischer Führung.

Um das Bild zu vervollständigen, nahm Robins Lockhart ins Smoiny-lnstitut mit: er sollte die neue Regierung bei der Arbeit sehen. Als sie durch leise fallenden Schnee zurückfuhren, äußerte sich Robins voller Bitterkeit über die Taktik der Alliierten, die durch ihre Geheimverschwörungen gegen die Sowjetregierung nur »die Sache der Deutschen in Rußland förderten«.

Die Sowjetregierung habe nun einmal festen Fuß gefaßt, und es wäre am besten für die Alliierten, diese Tatsache so bald wie möglich anzuerkennen.

Robins machte Lockhart selbst darauf aufmerksam, daß ihm andere Vertreter und Geheimagenten der Alliierten eine abweichende Version vorsetzen und ihre Behauptungen mit reichhaltigem dokumentarischem Material belegen würden. »Noch nie hat es in der Geschichte der Menschheit so viel gefälschte Papiere gegeben wie jetzt in Rußland«, sagte Robins. Man hätte sogar schriftliche Beweise dafür, daß er, Robins, einerseits Bolschewik sei, sich aber gleichzeitig insgeheim um die Erwerbung russischer Handelskonzessionen für Wall Street bemühe.

Zwischen den beiden Männern entwickelte sich eine enge Freundschaft. Sie waren fast unzertrennlich und begannen den Tag mit einem gemeinsamen Frühstück, bei dem sie den Schlachtplan für die nächsten Stunden entwarfen. Es war ihr Ziel, ihre Regierungen zur Anerkennung des Sowjetregimes zu überreden und auf diese Weise den Sieg Deutschlands an der Ostfront zu verhindern.

 

2. Die Stunde der Entscheidung

Die Sowjetregierung befand sich im Frühjahr 1918 in einer schwierigen Lage: Deutschland war entschlossen, die Ablehnung der Friedensbedingungen mit der Vernichtung des Sowjetregimes zu beantworten; England und Frankreich unterstützten im geheimen die gegenrevolutionären Streitkräfte, die sich in Archangelsk, in Murmansk und am Don sammelten. Die Japaner bereiteten mit Zustimmung der Alliierten die Besetzung von Wladiwostok und den Einfall in Sibirien vor.

Lenin teilte Lockhart im Verlaufe eines Interviews mit, die Sowjetregierung werde ihren Sitz nach Moskau verlegen, da man einen deutschen Angriff auf Petrograd befürchte. Die Bolschewiki würden den Kampf nicht aufgeben, selbst wenn sie sich bis an die Wolga und den Ural zurückziehen müßten. Aber sie würden die Bedingungen des Widerstandes selbst bestimmen, anstatt »den Alliierten die Kastanien aus dem Feuer zu holen«. Wenn die Alliierten etwas Verständnis für die Lage aufbringen könnten, wäre eine ausgezeichnete Gelegenheit zur Zusammenarbeit gegeben. Sowjetrußland brauche Unterstützung im Kampfe gegen die Deutschen.

»Dabei bin ich restlos überzeugt«, bemerkte Lenin bitter, »daß Ihre Regierung diese Auffassung niemals teilen wird. Als reaktionäre Regierung muß sie sich auf die Seite der russischen Reaktion stellen.«

Lockhart leitete den wesentlichen Inhalt dieser Unterredung telegraphisch an das britische Außenamt weiter. Nach einigen Tagen erhielt er ein Code-Telegramm aus London. In fliegender Eile entzifferte er den Text und las die Meinung eines »Militärexperten«: man brauche in Rußland nichts als »eine kleine, aber entschlossene Kerntruppe von englischen Offizieren«, unter deren. Führung die »loyalen Russen« in kurzer Zeit mit dem Bolschewismus aufräumen würden.

Botschafter Francis schrieb am 23. Februar an seinen Sohn: Ich habe die Absicht, so lange wie möglich in Rußland zu bleiben. Wenn ein Sonderfrieden zustande kommt, was ich mit Bestimmtheit erwarte, laufe ich kaum Gefahr, von den Deutschen gefangengenommen zu werden. Aber ein solcher Sonderfrieden würde einen schweren Schlag für die Alliierten bedeuten. Sollte in irgendeinem Teil Rußlands die Berechtigung der bolschewistischen Regierung zum Abschluß eines Sonderfriedens bestritten werden, dann will ich versuchen, mich dorthin zu begeben und den Widerstand zu unterstützen. Francis folgte dem französischen Botschafter Noulens und anderen Diplomaten der alliierten Mächte in die kleine, zwischen Moskau und Archangelsk gelegene Stadt Wologda. Dieser Schritt zeigte deutlich, daß die alliierten Regierungen fest entschlossen waren, in keiner Weise mit der Sowjetregierung zusammenzuarbeiten.

Robins erörterte die kritische Situation mit Trotzki, der sich nach seiner öffentlichen Erklärung über den in Brest-Litowsk begangenen »Irrtum« vor Lenin zu rehabilitieren versuchte.

»Wollen Sie die Ratifizierung des Brester Vertrages verhindern?« fragte er Robins.

»Selbstverständlich«, antwortete Robins. »Aber Lenin ist für den Vertrag, und offen gesagt, Herr Kommissar, hier hat Lenin zu entscheiden!«

Auf Robins' dringendes Ersuchen erklärte sieh Lenin bereit, eine offizielle Note an die Vereinigten Staaten zu entwerfen. Er war zwar von der Erfolglosigkeit dieses Sehrittes überzeugt, wollte aber nichts unversucht lassen. Die Note wurde Robins ordnungsgemäß zur Weiterleitung an die Regierung der Vereinigten Staaten übergeben.

Am 14. März versammelten sich in Moskau die Deputierten des Allrussischen Sowjetkongresses. Zwei Tage und zwei Nächte stand die Ratifizierung zur Diskussion. Die trotzkistische Opposition war vollzählig vertreten und versuchte, aus dem unpopulären Friedensvertrag politisches Kapital zu schlagen. Trotzki selbst saß nach Robins' Worten »schmollend in Petrograd und verweigerte sein Erscheinen«.

Lenin sprach eine Stunde lang. Er machte keinen Versuch, die katastrophalen Friedensbedingungen irgendwie zu beschönigen. Langsam, mit unerbittlicher Logik, legte er dar, daß die von allen Seiten bedrohte, isolierte Sowjetregierung sich um jeden Preis eine »Atempause« sichern müsse. Der Frieden von Brest-Litowsk wurde bestätigt. Der Kongreß verlautbarte folgende Erklärung: Der Kongreß bestätigt (ratifiziert) den von unseren Vertretern in Brest-Litowsk am 3, März 1918 abgeschlossenen Friedens-vertrag.

Der Kongreß erkennt die Handlungsweise des Zentralen Exekutivkomitees und des Rates der Volkskommissare als richtig an, die beschlossen haben, den vorliegenden unwahrscheinlich harten und demütigenden Gewaltfrieden zu schließen, weil wir keine Armee haben und die Kräfte des Volkes, das von der Bourgeoisie und der bürgerlichen Intelligenz bei seinen Aktionen keine Unterstützung erfuhr, sondern von ihnen für ihre eigennützigen Klasseninteressen ausgenutzt wurde, durch den Krieg erschöpft sind.

3. Die Mission ist beendet

Am 2. Mai 1918 telegraphierte Botschafter Francis an das Staatsdepartement: »Robins und vermutlich auch Lockhart haben die Anerkennung der Sowjetregierung befürwortet, aber Sie und die übrigen Alliierten waren stets dagegen. Ich habe es konsequent abgelehnt, diesen Schritt zu empfehlen, und ich bin auch heute noch von der Richtigkeit meines Standpunktes überzeugt.«

Einige Wochen später sandte Staatssekretär Lansing folgende Depesche an Robins: »Halten Ihre Rückkehr zwecks Besprechung für unbedingt wünschenswert.«

Robins reiste mit der Transsibirischen Eisenbahn quer durch Rußland, um in Wladiwostok ein Schiff zu erreichen. Unterwegs erhielt er drei gleichlautende Telegramme des Staatsdepartements mit der Instruktion, unter keinen Umständen irgendeine öffentliche Erklärung abzugeben.

Nach seinem Eintreffen in Washington legte Robins dem Staatssekretär einen Bericht vor, in dem er sich energisch gegen die Interventionsabsichten der Alliierten aussprach.

Robins fügte diesem Bericht ein ausführliches Programm über die Entwicklung der russisch-amerikanischen Handelsbeziehungen bei, das Lenin ihm kurz vor seiner Abreise aus Moskau persönlich überreicht hatte. Dieses Programm war für Präsident Wilson bestimmt, gelangte jedoch nie in seine Hände.

Robins bemühte sich vergeblich, mit dem Präsidenten in direkte Verbindung zu treten. Seine Absichten wurden immer wieder durchkreuzt. Er versuchte, sich durch die Zeitungen Gehör zu verschaffen, aber die Presse gab seine Erklärungen in entstellter Form wieder oder unterdrückte sie vollständig.

Robins mußte sich vor einem Senatsausschuß rechtfertigen, der Fälle von »Bolschewismus« und "Deutscher Propaganda" untersuchte.

»Wenn es Bolschewismus bedeutet, die Wahrheit zu sagen, die Bolschewiki nicht zu verleumden, sie nicht als deutsche Agenten, Diebe, Mörder und Schwerverbrecher zu bezeichnen, dann bin ich ein Bolschewiki« erklärte Robins: »Ich war besser informiert als alle anderen Vertreter der Alliierten in Rußland, und ich versuchte, auf dem Boden der Wirklichkeit zu bleiben. Ich wollte leidenschaftslos und objektiv über diese Menschen und ihre Ziele aussagen, obwohl ich ihren Standpunkt nicht teilte ... Ich bin durchaus dafür, dem russischen Volk die von ihm gewünschte Regierungsform zu belassen, auch wenn sie mir persönlich nicht genehm ist oder meinen Grundsätzen nicht entspricht... Meiner Ansicht nach ist eine genaue Kenntnis der tatsächlichen Vorgänge in Rußland für uns von größter Wichtigkeit. Wir sollten unser Verhältnis zu Rußland nicht durch Leidenschaften und falsche Behauptungen bestimmen lassen, sondern eine ehrliche, korrekte Beziehung anstreben ... Ich halte es für aussichtslos, Ideen mit dem Bajonett zu bekämpfen ... Auf den Wunsch nach einer Verbesserung des menschlichen Lebens gibt es nur eine Antwort: diese Verbesserung herbeizuführen.«

Aber diese vereinzelte ehrliche Stimme konnte sich gegen die wachsende Flut falscher und voreingenommener Informationen nicht durchsetzen.

Im Sommer 1918 nannte die »New York Times« die Bolschewiki bereits »unsere bösartigsten Feinde«, obwohl die Vereinigten Staaten damals noch immer mit Deutschland und nicht mit Rußland im Kriege standen. Die Sowjetführer wurden in der amerikanischen Presse allgemein als »bezahlte Agenten«; der Deutschen bezeichnet.

Botschafter Francis verließ Rußland im Juli 1918. Bis dahin hatte er das russische Volk von Zeit zu Zeit durch Proklamationen und Erklärungen aufgefordert, die Sowjetregierung zu stürzen. Kurz vor seiner Abreise nach den Vereinigten Staaten übermittelte ihm der neue sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Tschitscherin, ein Begrüßungstelegramm an das amerikanische Volk. »Dieses Telegramm war offensichtlich für die amerikanischen Pazifisten bestimmt«, schrieb der ehemalige Botschafter später in seinem Buch »Russia from the American Embassy«. »Ich leitete es nicht weiter, da ich eine Veröffentlichung durch das Staatsdepartement befürchtete.«

Bruce Lockhart blieb als britischer Agent in Rußland. »Ich hätte mich zurückziehen und nach Hause fahren sollen«, sagte er später.

»Bevor es mir noch recht zu Bewußtsein gekommen war«, bekannte Lockhart, »hatte ich mich auf die Seite einer Bewegung gestellt, die sich nicht gegen Deutschland, sondern gegen die tatsächlich bestehende russische Regierung richtete. Das ursprüngliche Ziel war vergessen.«

III. EIN MEISTERSPION

l. Herr Massino tritt auf

Im Jahre 1918 bot das revolutionäre Petrograd ein trostloses Bild: draußen standen die Belagerer, von innen her war die Stadt durch gegenrevolutionäre Anschläge bedroht. Nahrungsmittel waren knapp, Heizmaterial fehlte vollständig, der Straßenverkehr war lahmgelegt. In den eisigen, ungefegten Straßen standen endlose Reihen zerlumpter, vor Kälte zitternder Männer und Frauen und warteten auf Brot. Gewehrschüsse fielen in der Stille der langen, grauen Nächte. Dem Sowjetregime feindliche Banden zogen raubend durch die Stadt und terrorisierten die Bevölkerung. Gruppen bewaffneter Arbeiter gingen von Haus zu Haus, suchten nach den geheimen Lebensmittellagern der Spekulanten und machten Plünderer und Terroristen dingfest.

Die Sowjetregierung hatte sich noch nicht vollständig durchgesetzt. Die letzten Spuren des alten, luxuriösen Lebens standen in unheimlichem Kontrast zu dem Elend der Massen. Es gab noch immer sowjetfeindliche Zeitungen, die den Sturz des Sowjetregimes täglich für die allernächste Zukunft in Aussicht stellten. Man konnte elegant gekleidete Herren und Damen in kostspieligen Restaurants und Hotels speisen sehen. Die Nachtlokale waren überfüllt. Man trank und tanzte, die Gäste - zaristische Offiziere, Ballettänzerinnen, bekannte Schwarzmarkthändler mit ihren Mätressen - flüsterten einander sensationelle Gerüchte zu: die Deutschen marschieren auf Moskau! - Trotzki hat Lenin verhaften lassen! - Man berauschte sich an wilden Hoffnungen und Lügen ebenso wie am Wodka. Man intrigierte nach Herzenslust...

Im Frühjahr war ein gewisser Herr Massino in Petrograd aufgetaucht. Er bezeichnete sich selbst als »türkischen Kaufmann«. Er war etwas über vierzig Jahre alt, ein Mann mit langem, blassem, düsterem Gesicht, hoher, fliehender Stirn, unsteten dunklen Augen und sinnlichen Lippen. Er hatte einen raschen, seltsam lautlosen Gang, seine Haltung war aufrecht, fast militärisch. Er schien vermögend zu sein. Die Frauen fanden ihn anziehend. In der bedrückenden Atmosphäre der sowjetischen Hauptstadt ging Herr Massino mit erstaunlicher Gemütsruhe seinen Geschäften nach, Abends war er häufig in dem kleinen, von Rauchwolken erfüllten Lokal Palkin, einer beliebten Zufluchtsstätte sowjetfeindlicher Elemente, zu sehen. Der Besitzer, Sergei Palkin, begrüßte ihn ehrerbietig. In einem abgesonderten Hinterzimmer warteten geheimnisvolle Männer und Frauen, mit denen sich Herr Massino im Flüsterton unterhielt. Manche sprachen russisch, manche französisch oder englisch, Herr Massino kannte viele Sprachen...

Die junge Sowjetregierung bemühte sich, Ordnung in das allgemeine Chaos zu bringen. Diese ungeheure organisatorische Aufgabe wurde durch die ständige Möglichkeit einer Gegenrevolution erschwert. »Die Bourgeoisie, die Großgrundbesitzer und die übrigen Angehörigen der besitzenden Klassen machen verzweifelte Anstrengungen, die »Revolution zu untergraben«, schrieb Lenin. Auf seine Empfehlung wurde eine besondere Organisation geschaffen, die sich gegen die Spionage- und Sabotagetätigkeit in- und ausländischer Feinde richtete. Es war die sogenannte »Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Sabotage und Spekulation«. Die russischen Anfangsbuchstaben ergaben den Namen »Tscheka«.

Als die Sowjetregierung im Sommer 1918 angesichts eines eventuellen deutschen Angriffs nach Moskau übersiedelte, verlegte Herr Massino ebenfalls seinen Wohnsitz dorthin. Aber das Äußere des reichen, geschmeidigen Kaufmanns aus der Levante hatte sich seltsam verändert. In Moskau trug er eine Lederjacke und die Mütze eines Arbeiters. Er begab sich in den Kreml. Als Herr Massino am Eingangstor von einem jungen Soldaten aus dem Elitekorps der Kommunistischen Lettischen Garde angehalten wurde, zeigte er ein offizielles Sowjetdokument vor, das seine Identität als Sidney Georgewitsch Reimski, Agent der Krimmalabteilung der Petrograder Tscheka, bestätigte.

»Sie können passieren, Genosse Reimski!« sagte der lettische Gardist.

Bei der beliebten Balletteuse Dagmara K., die in einem anderen Stadtteil ein luxuriöses Appartement bewohnte, ging Herr Massino, alias Genösse Reimski von der Tscheka, als Monsieur Constantine, Agent des englischen Geheimdienstes, aus und ein, Seine wahre Identität war dem Mitglied der englischen Botschaft (Bruce Lockhart) bekannt: »Sidney Reilly, die geheimnisvollste Figur des britischen Geheimdienstes - Englands Meisterspion!«

2. Sidney Reilly

Neben der schillernden, außergewöhnlichen Persönlichkeit des Hauptmanns Sidney George Reilly verblassen all die abenteuerlichen Gestalten, die während des ersten Weltkrieges aus der politischen Unterwelt des zaristischen Rußland emportauchten, um an dem großen Kreuzzug gegen den Bolschewismus teilzunehmen. »Ein Mann von napoleonischem Format!« urteilte Bruce Lockhart, der durch Reilly in eines der gefährlichsten und abenteuerlichsten Unternehmen der europäischen Geschichte hineingezogen wurde.

Der Beginn der Beziehung zwischen Reilly und dem britischen Geheimdienst ist - wie diese ganze, äußerst mysteriöse und mächtige Spionageorganisation - in geheimnisvolles Dunkel gehüllt. Sidney Reilly wurde als Sohn eines irischen Kapitäns und einer Russin im zaristischen Rußland geboren. Seine Jugend verbrachte er im Schwarzmeerhafen Odessa. Vor dem ersten Weltkrieg war er bei dem großen zaristischen Marine-Rüstungskonzern Mandrochowitsch und Graf Schuberski beschäftigt. Schon seine damalige Arbeit hatte streng vertraulichen Charakter. Er hielt die Verbindung zwischen der russischen Firma und gewissen deutschen Industrie- und Finanzkreisen, darunter der berühmten Hamburger Reederei Blohm und Voß, aufrecht. In den letzten Monaten vor Ausbruch des ersten Weltkrieges gingen der britischen Admiralität fortlaufend Informationen über das deutsche Unterseeboot- und Schiffsbauprogramm zu. Diese wertvollen Nachrichten stammten von Sidney Reilly.

Im Jahre 1914 tauchte Reilly als inoffizieller Vertreter der Banque Russo-Asiatique in Japan auf. Von dort reiste er nach den Vereinigten Staaten, um mit amerikanischen Bankiers und Munitionsfabrikanten Verhandlungen zu führen. Um diese Zeit war er bereits unter dem chiffrierten Namen »I Esti« aktenmäßig in die Listen des britischen Geheimdienstes aufgenommen. Er galt als ungewöhnlich mutig und einfallsreich.

Da Reilly sieben Sprachen beherrschte, wurde er bald aus den Vereinigten Staaten nach Europa abkommandiert, wo ihn wichtige Aufgaben erwarteten. 1916 ging er über die Schweizer Grenze nach Deutschland. Es gelang ihm, in der Uniform eines deutschen Marineoffiziers ins deutsche Marineministerium einzudringen, sich einer Kopie des offiziellen deutschen Marine-Geheimcodes zu bemächtigen und unbehelligt nach London zurückzukehren. Das war vielleicht der kühnste Spionagecoup des ersten Weltkrieges...

Zu Beginn des Jahres 1918 wurde Hauptmann Reilly nach Rußland gesandt, um dort die Leitung des englischen Spionagedienstes zu übernehmen. Er war durch seine weitverzweigten freundschaftlichen und geschäftlichen Beziehungen und eine intime Kenntnis der gegenrevolutionären Kreise Rußlands für diese Aufgabe hervorragend geeignet. Für Reilly, der die Bolschewiki und die ganze russische Revolution leidenschaftlich haßte, hatte diese Mission eine höchst persönliche Bedeutung. Er machte aus seiner gegenrevolutionären Gesinnung kein Hehl.

In seinen Berichten an die Zentrale des Geheimdienstes in London setzte sich Reilly immer wieder dafür ein, unverzüglich mit Deutschland Frieden zu schließen und gemeinsam mit dem Kaiser die »bolschewistische Gefahr« zu bekämpfen.

Sofort nach seiner Ankunft stürzte sich Reilly in die gegen-revolutionäre Arbeit.

Er selbst bezeichnete als sein Ziel die Beseitigung der Sowjetregierung.

3. Bezahlte Mörder

Die zahlenmäßig stärkste antibolschewistische Partei Rußlands im Jahre 1918 war die der Sozialrevolutionäre, die eine Art von Agrarsozialismus anstrebten. Diese kampflustige Gruppe, die immer mehr zum Rückhalt aller antibolschewistischen Elemente wurde, stand unter der Führung von Kerenskis ehemaligem Kriegsminister Boris Sawinkow, der an dem mißglückten Kornilow-Putsch teilgenommen hatte. Durch Radikalismus und extremistische Propaganda hatten sie viele Anhänger aus den Kreisen der Anarchisten gewonnen, deren Zahl unter der zaristischen Gewaltherrschaft von Generation zu Generation angewachsen war. Die Sozialrevolutionäre, die in ihrem langen Kampf gegen den Zaren terroristische Methoden angewandt hatten, schickten sich jetzt an, mit der gleichen Waffe gegen die Bolschewiki vorzugehen.

Die Sozialrevolutionäre erhielten finanzielle Unterstützung vom französischen Geheimdienst. Der französische Botschafter Noulens händigte Boris Sawinkow persönlich die Mittel zur Wiederherstellung der alten terroristischen Zentrale der Sozialrevolutionäre in Moskau aus, die sich jetzt »Liga für die Wiedergeburt Rußlands« nannte. Diese Organisation sollte die Ermordung Lenins und anderer führender Sowjetmänner vorbereiten. Auf Sidney Reillys Empfehlung stellte der britische Geheimdienst Boris Sawinkow ebenfalls Gelder für die Ausbildung und Bewaffnung seiner Terroristen zur Verfügung.

Trotz alledem war Reilly als glühender Anhänger des zaristischen Regimes keineswegs gewillt, den Sozialrevolutionären die Bildung der neuen Regierung zu überlassen. Nur zu Sawinkow hatte er volles Vertrauen, während er in den linksstehenden Sozialrevolutionären die Vertreter gefährlicher radikaler Kräfte sah. Von einigen wußte man, daß sie in enger Verbindung mit der von Trotzki geführten Opposition standen. Reilly hatte nichts dagegen, diese Leute seinen Zwecken dienstbar zu machen, aber er war fest entschlossen, jede Art von Radikalismus in Rußland auszurotten. Er strebte eine Militärdiktatur als Übergang zur Restauration des Zarentums an. Diese Einstellung hatte zur Folge, daß er die finanzielle und moralische Unterstützung der sozialrevolutionären Terroristen und anderer radikaler, sowjetfeindlicher Gruppen fortsetzte, aber gleichzeitig darauf bedacht war, einen eigenen Apparat aufzubauen.

Durch Zusammenarbeit mit dem Verband der zaristischen Offiziere, mit Überlebenden der übel beleumundeten zaristischen Geheimpolizei »Ochrana«, mit Sawinkows Terroristen und ähnlichen gegenrevolutionären Elementen breitete sich Reillys Organisation rasch aus. Alte Freunde und Bekannte aus den Tagen der Zarenherrschaft tauchten wieder auf und wurden zu wertvollen Helfern. Zu diesen Freunden gehörte unter anderen Graf Schuberski, der Marine-Rüstungsmagnat, für den Reilly einst die Verbindung mit den deutschen Schiffswerften hergestellt hatte; ferner der zaristische General Judenitsch; der Petrograder Kaffeehausbesitzer Sergei Palkin; die Tänzerin Dagmara, in deren Wohnung sich Reillys Hauptquartier befand; Grammatikow, ein reicher Advokat und ehemaliger Geheimagent der Ochrana, der jetzt als Reillys Bevollmächtigter den Kontakt mit der Sozialrevolutionären Partei aufrechterhielt, und schließlich Wjatscheslaw Orlowski, ebenfalls ein ehemaliger Agent der Ochrana, dem es gelungen war, sich als Beamter in die Tscheka einzuschleichen; er hatte Reilly den auf den Namen Sidney Georgewitsch Reimski ausgestellten gefälschten Tschekapaß verschafft, der es diesem ermöglichte, unbehelligt in ganz Sowjetrußland umherzureisen.

Diese und andere Agenten, von denen manche sogar in den Kreml und in den Generalstab der Roten Armee eindrangen, hielten Reilly über sämtliche Maßnahmen der Sowjetregierung auf dem laufenden. Der englische Spion konnte sich damit brüsten, daß die versiegelten Befehle der Roten Armee »in London gelesen wurden, bevor man sie in Moskau öffnete«.

Die für die Finanzierung dieser Operationen nötigen Gelder, die sich auf mehrere Millionen Rubel beliefen, waren in der Moskauer Wohnung der Tänzerin Dagmara versteckt. Sie wurden von der englischen Botschaft zur Verfügung gestellt. Bruce Lockhart besorgte die Beträge und leitete sie durch Hauptmann Hicks vom englischen Geheimdienst an Reilly weiter. Lockhart, den Reilly in diese Sache hineingezogen hatte, enthüllte später in seinem Buch »British Agent«, auf welche Weise das Geld aufgebracht wurde:

»Es gab viele Russen, die einen geheimen Fond von Rubeln besaßen und natürlich mit Freuden bereit waren, dieses Geld gegen Wechsel auf London einzutauschen. Um keinerlei Verdacht zu erregen, ließen wir die Rubel durch eine Moskauer englische Firma einkassieren. Diese Leute verhandelten mit den Russen, einigten sich über den Kurs und folgten die Wechsel aus. Für jede einzelne Transaktion erhielt die englische Firma von uns eine offizielle Garantie, die den entsprechenden Betrag in London sicherstellte. Die Rubel wurden auf das amerikanische Generalkonsulat gebracht und dort an Hicks ausgehändigt, der sie an ihren Bestimmungsort schaffte.«

Der englische Spion dachte an alles: er hatte bereits ein genaues Programm für die Regierung ausgearbeitet, die sofort nach dem Sturz des Sowjetregimes die Macht übernehmen sollte. Reilly wies seinen Freunden wichtige Aufgaben im neuen Staate zu: »Sämtliche Vorbereitungen für die Einsetzung einer provisorischen Regierung waren getroffen. Mein großer Freund und Verbündeter Grammatikow sollte Innenminister werden und die Verwaltung des gesamten Polizei- und Finanzwesens übernehmen. Als künftiger Verkehrsminister war Schuberski vorgesehen, ebenfalls ein alter Freund und Geschäftspartner, der eines der bedeutendsten russischen Handelsunternehmen leitete, Judenitsch, Schuberski und Grammatikow sollten eine provisorische Regierung bilden, um der nach einem solchen Umsturz unvermeidlichen Anarchie Herr zu werden.« Der Feldzug gegen die Sowjets begann. Sawinkows Terroristen holten als erste zum Schlage aus.

Am 21. Juni 1918 wurde der Volkskommissar für das Pressewesen, Wolodarski, beim Verlassen einer Arbeiterversammlung in der Obuchowschen Fabrik in Petrograd von sozialrevolutionären Terroristen ermordet. Zwei Wochen später, am 6. Juli, fiel der deutsche Botschafter Mirbach in Moskau einem Attentat zum Opfer. Es war das Ziel der Sozialrevolutionäre, in den Reihen der Bolschewiki Schrecken zu verbreiten und gleichzeitig einen deutschen Angriff zu provozieren, von dem sie sich den Zusammenbruch der bolschewistischen Herrschaft versprachen.

Am Tage der Ermordung des deutschen Botschafters tagte der V. Allrussische Sowjetkongreß im Moskauer Großen Theater. In den mit goldenen Ornamenten geschmückten Logen saßen alliierte Beobachter und lauschten den Reden der Sowjetdelegierten. Es war deutlich zu spüren, daß die Versammlung unter dem Druck einer nervösen Spannung stand. Bruce Lockhart befand sich zusammen mit anderen alliierten Agenten und Diplomaten in einer Loge. Die Tür Öffnete sich, Sidney Reilly trat ein. Der englische Spion sah blaß und aufgeregt aus. Lockhart erkannte sofort, daß irgend etwas Entscheidendes geschehen war. Reilly beugte sich über ihn und flüsterte ihm eine Nachricht ins Ohr.

Der Schuß, der Mirbach tötete, hätte im ganzen Lande eine allgemeine, von den oppositionellen bolschewistischen Elementen gestützte Erhebung der Sozialrevolutionäre auslösen sollen. Ein bewaffneter Überfall auf das Große Theater, die Festnahme der Sowjetdelegierten war geplant. Aber irgend etwas hatte nicht geklappt. Das Große Theater war von Soldaten der Roten Armee umstellt. In den Straßen fielen Schüsse, aber die Sowjetregierung beherrschte die Lage.

Während Reilly berichtete, durchsuchte er seine Taschen nach kompromittierenden Dokumenten. Ein Schriftstück zerriß er in kleine Stücke, die er dann herunterschluckte. Ein französischer Geheimagent, der neben Lockhart saß, tat das gleiche.

Einige Stunden später erschien ein Sprecher auf der Bühne des Großen Theaters. Er teilte der Versammlung mit, daß es der Roten Armee und der Tscheka gelungen sei, einen antisowjetischen Putsch im Keim zu ersticken. Die Putschisten hätten die Beseitigung der Sowjetregierung durch Waffengewalt geplant, aber keinerlei Unterstützung von seiten der Bevölkerung gefunden. Eine große Anzahl mit Bomben, Gewehren und Maschinengewehren bewaffneter sozialrevolutionärer Terroristen sei verhaftet, ein Teil getötet. Die Anführer, soweit sie noch lebten, befänden sich auf der Flucht oder hätten sich versteckt.

Den im Hause anwesenden Vertretern der Alliierten wurde mitgeteilt, sie könnten sich jetzt ungefährdet in ihre Botschaften zurückbegeben, die Straßen seien sicher.

Später wurde bekannt, daß ein Aufstandsversuch in Jaroslawl, der gleichzeitig mit dem Moskauer Putsch stattfand, ebenfalls von der Roten Armee niedergeschlagen worden war. Der Führer der Sozialrevolutionäre, Boris Sawinkow, der die Revolte von Jaroslawl persönlich geleitet hatte, wäre um ein Haar in die Hände der Sowjettruppen gefallen.

4. Die lettische Verschwörung

Der August des Jahres 1918 war ein Monat der Entscheidungen. Die Alliierten gingen von geheimen Komplotten zu aktivem Handeln über. Am 2. August landeten britische Truppen in Archangelsk, angeblich zu dem Zweck, die »Eroberung von Kriegsmaterial durch die Deutschen« zu verhindern. Am 4. August besetzten die Engländer Baku, das Ölzentrum im Kaukasus. Einige Tage darauf gingen englische und französische Kontingente in Wladiwostok an Land, denen am 12. August eine japanische Division und am 15. und 16. August zwei kurze Zeit vorher von den Philippinen abkommandierte amerikanische Regimenter folgten.

Große Teile von Sibirien befanden sich bereits in den Händen sowjetfeindlicher Streitkräfte. In der Ukraine führte der zaristische General Krassnow mit Unterstützung der Deutschen einen blutigen Feldzug gegen die Sowjets. In Kiew veranstaltete der Hetman Skoropadski, ein Strohmann der Deutschen, Juden- und Kommunistenverfolgungen im großen Stil.

Im Norden, Süden, Osten und Westen bereiteten die Feinde des neuen Rußland einen konzentrischen Marsch auf Moskau vor.

Die wenigen offiziellen Persönlichkeiten, die noch immer als Vertreter der Alliierten in Moskau weilten, schickten sich an, die Stadt zu verlassen, ohne die Sowjetregierung von diesem Schritt zu verständigen. Bruce Lockhart schrieb später: »Die Situation war ungewöhnlich. Die Kampfhandlungen hatten ohne vorherige Kriegserklärung begonnen; die Front erstreckte sich von der Dwina bis zum Kaukasus. Mit Reilly hatte ich mehrere Besprechungen - er war entschlossen, trotz unserer Abreise in Moskau zu bleiben.«

Gegen Ende August 1918 fand in einem Raum des amerikanischen Generalkonsulats in Moskau eine vertrauliche Besprechung zwischen einigen Vertretern der alliierten Mächte statt. Man hatte diesen Versammlungsort gewählt, weil alle übrigen ausländischen Vertretungen von den Sowjets streng überwacht wurden. Trotz der Landung amerikanischer Truppen in Sibirien nahm die Sowjetregierung den Vereinigten Staaten gegenüber noch immer eine freundliche Haltung ein.

Bei der Konferenz im amerikanischen Generalkonsulat führte der französische Generalkonsul den Vorsitz. England war durch Reilly und den ihm vom britischen Geheimdienst als Mitarbeiter zugeteilten Hauptmann George Hill vertreten. Außerdem waren verschiedene alliierte Diplomaten und Spionageagenten anwesend, darunter auch der französische Journalist Rene Marchand, der Moskauer Korrespondent des Pariser »Figaro«.

Sidney Reilly hatte, wie er in seinen Memoiren berichtet, diese Versammlung einberufen, um ein Referat über den Fortschritt seiner sowjetfeindlichen Machenschaften zu halten. Er teilte den Vertretern der Alliierten mit, daß er »Oberst Bersin, den Kommandanten der Kreml-Garde, für zwei Millionen Rubel gekauft« habe. Oberst Bersin hatte damals bereits einen Vorschuß von 500 000 Rubel in russischer Währung erhalten, der Restbetrag sollte ihm nach Erfüllung seiner vertragsmäßigen Pflichten und Überschreitung der englischen Frontlinie bei Archangelsk in englischen Pfunden ausgezahlt werden.

»Unsere Organisation hat sich außerordentlich gefestigt«, erklärte Reilly. »Die Letten sind auf unserer Seite, und auch das Volk wird mit uns sein, sobald der erste Schuß gefallen ist.«

Dann teilte Reilly mit, daß für den 28. August eine außerordentliche Tagung des Zentralkomitees der Bolschewiki im Moskauer Großen Theater angesetzt sei. Alle führenden Persönlichkeiten des Sowjetstaates würden sich einfinden. Reillys Plan war ebenso kühn wie einfach.

Es gehörte zum normalen Dienst der lettischen Garden, bei einer solchen Versammlung sämtliche Ein- und Ausgänge zu bewachen. Oberst Bersin sollte für diesen Tag »unbedingt verläßliche, unserer Sache ergebene Männer«; auswählen. Auf ein bestimmtes Zeichen hin würden die Wachen alle Türen absperren und die im Theater Anwesenden mit ihren Gewehren in Schach halten. Dann sollte ein »Sonderdetachement«, bestehend aus Reilly und seinen »Vertrauensleuten«, auf der Bühne erscheinen und das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei festnehmen! o Nach der Beseitigung Lenins und seiner Genossen, erklärte Reilly, wird das Sowjetregime zusammenstürzen wie ein Kartenhaus. In Moskau gibt es 60 000 Offiziere, »die jederzeit bereit sind, die Waffen zu ergreifen« und innerhalb der Stadt zu kämpfen, während die Alliierten von außen angreifen.

Als Führer dieser sowjetfeindlichen Geheimarmee war »der bekannte zaristische Offizier General Judenitsch« in Aussicht genommen. Eine zweite Armee unter »General« Sawinkow sollte sich in Nordrußland sammeln. »Die Überreste der Bolschewiki werden zwischen diesen beiden Mühlsteinen zermalmt werden.«

Das waren Reillys Absichten, die sowohl vom britischen wie vom französischen Geheimdienst gefördert wurden. Die Engländer standen in enger Fühlung mit General Judenitsch; sie bereiteten Waffen- und Materiallieferungen für seine Truppen vor. Sawinkow wurde von den Franzosen gestützt.

Den im amerikanischen Generalkonsulat versammelten Vertretern der Alliierten wurde mitgeteilt, was sie ihrerseits zum Gelingen des Komplottes beitragen könnten; es galt, Spionage- und Propagandaarbeit zu leisten und wichtige Eisenbahnbrücken in der Umgebung von Moskau und Petrograd zu sprengen, um die Sowjetregierung von den in anderen Teilen des Landes befindlichen Kontingenten der Roten Armee abzuschneiden.

Der Tag der Entscheidung rückte näher. Reilly hatte jetzt regelmäßige Besprechungen mit Oberst Bersin; der Plan der Verschwörung wurde mit größter Sorgfalt bis in alle Einzelheiten ausgearbeitet, alle Möglichkeiten wurden bedacht. Gerade während der letzten Vorbereitungen traf die Nachricht ein, daß die Tagung des Zentralkomitees der Bolschewiki auf den 6. September verschoben worden sei. »Das ist mir nur recht«, äußerte sich Reilly zu Bersin. »Jetzt habe ich genügend Zeit, alle Details festzulegen.« Reilly entschloß sich, nach Petrograd zu fahren, um auch dort eine abschließende Kontrolle vorzunehmen.

Als er einige Tage später den Nachtzug von Moskau nach Petrograd bestieg, legitimierte er sich mit dem auf den Namen Sidney Georgewitsch Reimski ausgestellten gefälschten Paß.

5. Sidney Reilly tritt ab

In Petrograd begab sich Reilly sofort zur britischen Botschaft, um Hauptmann Cromey, den englischen Marineattache, zu informieren. Er gab eine kurze Darstellung der Situation und seines Schlachtplanes. »Moskau ist in unserer Hand!« sagte er. Cromey war begeistert. Reilly versprach, einen ausführlichen Geheimbericht für London niederzuschreiben.

Am nächsten Morgen trat er mit den Leitern seiner Petrograder Organisation in Verbindung. Gegen Mittag rief er Grammatikow, den ehemaligen Agenten der Ochrana, an.

Grammatikows Stimme klang heiser und gepreßt. »Wer spricht?« fragte er.

»Ich bin es, Reimski.«

»Wer spricht?«

Reilly nannte noch einmal seinen Decknamen. »Ich habe schlechte Nachrichten erhalten - der Bote ist noch bei mir«, sagte Grammatikow. »Die Ärzte haben zu früh operiert. Der Patient ist in Lebensgefahr. Wenn Sie mich sehen wollen, müssen Sie sofort herkommen.«

Reilly begab sich unverzüglich zu Grammatikow, der gerade dabei war, seine Schreibtischladen zu leeren und sämtliche Papiere im Kamin zu verbrennen.

»Die Narren haben vorzeitig zugeschlagen«, rief er aus, als Reilly das Zimmer betrat. »Uritzki ist tot, er wurde heute früh um 11 Uhr in seinem Büro ermordet.«

Während dieses Gesprächs setzte Grammatikow in fieberhafter Eile die Vernichtung der Dokumente fort. »Wir müssen dieses Haus so schnell wie möglich verlassen. Ich stehe natürlich bereits unter Verdacht. Wenn die Sache auffliegt, wird man zuerst auf unsere Namen stoßen.«

Reilly setzte sich telefonisch mit Hauptmann Cromey von der britischen Botschaft in Verbindung. Dort wußte man schon von der Ermordung Uritzkis, des Leiters der Petrograder Tscheka, durch einen sozialrevolutionären Terroristen. In der Botschaft war alles in bester Ordnung. Reilly schlug mit sorgfältig gewählten Worten eine Zusammenkunft »am gewohnten Ort« vor, Cromey verstand, daß das. Cafe Palkin gemeint war.

Reilly verwandte die nächsten Stunden darauf, überflüssige und belastende Dokumente zu vernichten und seine Geheimcodes und andere Papiere in Sicherheit zu bringen.

Da Cromey nicht im Kaffeehaus erschien, faßte Reilly den Entschluß, sich zur britischen Botschaft vorzuwagen. Beim Weggehen flüsterte er Palkin zu: »Es kann sein, daß die Sache schief gegangen ist. Bereiten Sie Ihre Abreise vor, versuchen Sie, sich über die finnische Grenze zu retten.«

Als Reilly zum Wladimirski-Prospekt kam, sah er Männer und Frauen in Haustore und Seitenstraßen flüchten. Dann hörte er lautes Motorengeräusch. Ein mit Rotarmisten besetztes Auto raste vorbei - dann noch eines - und noch eines...

Reilly ging rascher. Fast im Laufschritt langte er an der Ecke der Straße an, in der sich die englische Botschaft befand. Ein unerwarteter Anblick brachte ihn zum Stehen: vor der Botschaft lagen die Leichen mehrerer Sowjetmilizionäre. Auf der gegenüberliegenden Seite standen vier Autos, die Straße war durch einen doppelten Kordon von Rotarmisten abgesperrt. Das Tor des Botschaftsgebäudes war aus den Angeln gehoben.

Später erfuhr Reilly, was geschehen war. Nach der Ermordung Uritzkis ließen die Petrograder Sowjetbehörden die englische Botschaft durch Tschekaagenten abriegeln. Im ersten Stock war das Botschaftspersonal unter Leitung von Hauptmann Cromey damit beschäftigt, kompromittierende Papiere zu verbrennen. Hauptmann Cromey stürzte hinunter und verriegelte das Tor, bevor die Tschekaagenten eindringen konnten. Sie drückten die Tür ein. Der britische Agent, der zum Äußersten entschlossen war, erwartete sie auf der Treppe. In jeder Hand hielt er einen Browning. Cromey schoß einen Kommissar und mehrere Offiziere nieder. Die Tschekaagenten erwiderten das Feuer. Hauptmann Cromey fiel durch einen Kopfschuß...

Reilly verbrachte den Rest der Nacht in der Wohnung eines sozialrevolutionären Terroristen namens Sergei Dornoski. In der Frühe ließ er durch Dornoski auskundschaften, wie die Dinge sich weiter entwickelt hatten. Dornoski kehrte mit einem Exemplar der »Prawda«, der offiziellen kommunistischen Zeitung, zurück. »Es wird Straßenkämpfe geben!« sagte er. »In Moskau hat jemand ein Attentat auf Lenin verübt.« Reilly griff nach der Zeitung. Eine Schlagzeile in Riesenlettern verkündete den Anschlag auf Lenin.

Am Abend zuvor hatte Lenin in der Michelson-Fabrik in einer Versammlung gesprochen. Als er die Fabrik verließ, gab eine Terroristin, die Sozialrevolutionärin Fanja Kaplan, aus nächster Nähe zwei Schüsse auf ihn ab. Die Kugeln waren gekerbt und vergiftet. Ein Schuß hatte Lenin oberhalb des Herzens in die Lunge getroffen, die zweite Kugel war nahe der Hauptschlagader in den Hals eingedrungen. Er war nicht tot, aber sein Leben schwebte in höchster Gefahr.

Reillys Komplize Boris Sawinkow berichtete später in seinen »Memoiren eines Terroristen«, daß er selbst Fanja Kaplan die Waffe, zur Verfügung gestellt hatte.

Reilly reiste sofort nach Moskau ab. Da er mit Überraschungen rechnete, hatte er eine kleine Maschinenpistole an einem Riemen unter dem Arm festgeschnallt. Als der Zug am nächsten Tag in den Knotenpunkt Klin einlief, kaufte er eine Zeitung. Es hätte nicht schlimmer sein können: das Blatt gab einen genauen Bericht über Reillys Verschwörungsplan, seine Absicht, Lenin und die übrigen Sowjetführer erschießen zu lassen, Moskau und Petrograd zu besetzen und eine Militärdiktatur unter Sawinkow und Judenitsch zu errichten.

Aber das war noch nicht das Ärgste. Oberst Bersin, der Kommandant der lettischen Garde, hatte Hauptmann Reilly namentlich als denjenigen britischen Agenten bezeichnet, der ihn durch ein Angebot von zwei Millionen Rubel zur Teilnahme an dem Mordkomplott gegen die sowjetischen Führer zu bestimmen versuchte. Die Sowjetpresse veröffentlichte auch den von Bruce Lockhart ausgestellten Passierschein, der es Bersin ermöglichen sollte, die englische Frontlinie bei Archangelsk zu überschreiten.

Lockhart war von der Moskauer Tscheka verhaftet worden. Auch andere Beamte und Agenten der Alliierten befanden sich in Haft.

In allen Straßen Moskaus waren Steckbriefe mit Reillys Personalbeschreibung angeschlagen. All seine Decknamen wurden verlautbart: Massino, Constantino, Reimski. Die Jagd hatte begonnen - er war vogelfrei.

Trotz der drohenden Gefahr setzte Reilly seine Reise nach Moskau fort. Es gelang ihm, die Tänzerin Dagmara in der Wohnung einer Frau namens Vera Petrowna, einer Komplizin Fanja Kaplans, aufzuspüren.

Dagmara erzählte ihm, daß die Tscheka vor einigen Tagen eine Hausdurchsuchung bei ihr vorgenommen hatte. Es war ihr gelungen, einen Teil von Reillys Geldern - zwei Millionen in Tausendrubelscheinen - auf die Seite zu bringen. Sie selbst war merkwürdigerweise nicht verhaftet worden - vielleicht wollte man sie weiter beobachten, um auf diese Weise Sidney Reilly auf die Spur zu kommen.

Aber mit zwei Millionen Rubel in der Tasche war Reilly keine leichte Beute. Unaufhörlich wechselte er seine Verkleidung: einmal trat er als griechischer Kaufmann auf, dann wieder als ehemaliger zaristischer Offizier, als Sowjetbeamter oder als kommunistischer Arbeiter. Durch ständigen Aufenthaltswechsel versuchte er, die Tscheka zu täuschen.

Eines Tages begegnete er zufällig seinem ehemaligen Moskauer Adjutanten, Hauptmann George Hill vom britischen Geheimdienst, dem es ebenfalls gelungen war, dem Netz der bolschewistischen Verfolgung zu entschlüpfen. Die beiden Agenten verglichen ihr Adressenmaterial, und Reilly konnte feststellen, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil seiner antisowjetischen Organisation noch immer intakt war. Er schöpfte neue Hoffnung.

Hauptmann Hill dagegen hielt das Spiel für verloren. Er hatte von einem bevorstehenden Gefangenenaustausch zwischen der Sowjetregierung und England gehört. Die Russen waren bereit, Lockhart und verschiedene andere Persönlichkeiten freizugeben, dafür sollten die Engländer einigen in ihrem Lande verhafteten Sowjetvertretern - darunter Maxim Litwinow - freies Geleit bis zur russischen Grenze zusichern.

»Ich werde mich stellen«, sagte Hauptmann Hill. Er riet Reilly, das gleiche zu tun.

Reilly blieb noch einige Wochen in Rußland. Er sammelte Spionagematerial und beriet und ermutigte die sowjetfeindlichen Elemente, die den Kampf noch immer nicht aufgegeben hatten. Ein paarmal wäre er um ein Haar verhaftet worden, aber schließlich gelang es ihm, mit Hilfe eines gefälschten deutschen Passes nach Bergen in Norwegen zu entkommen. Dort schiffte er sich nach England ein.

IV. ABENTEUER IN SIBIRIEN

l. Ein Memorandum

Am 2. August 1918, dem Tag der englischen Truppenlandung in Archangelsk, erhielt der amerikanische Generalmajor William S. Graves, Kommandant der 8. Division in Camp Fremont, Palo Alto, Kalifornien, ein dringendes Code-Telegramm vom Kriegsministerium in Washington. Der erste Satz lautete: »Weder die Mitglieder Ihres Stabes noch sonst jemand darf vom Inhalt dieses Telegramms etwas erfahren.«

Es folgte die Instruktion, mit dem nächsten D-Zug nach Kansas City abzureisen, dort ins Hotel Baltimore zu gehen und nach dem Kriegsminister zu fragen.

Die Depesche enthielt keinerlei Erklärung für die Dringlichkeit des Auftrages, keine Andeutung über die voraussichtliche Dauer des Aufenthaltes.

Der General war ein alter, hartgesottener Soldat, er pflegte keine überflüssigen Fragen zu stellen. Rasch stopfte er die notwendigsten Dinge in ein Köfferchen, und zwei Stunden später saß er im Santa-Fe-Expreß, der von San Francisco zur Ostküste raste.

Als der General in Kansas City eintraf, wartete der Kriegsminister Newton D. Baker bereits auf dem Bahnhof. Er erklärte dem General, daß er in wenigen Minuten mit einem anderen Zug Weiterreisen müsse und setzte ihm mit raschen Worten die Gründe für die geheimnisvolle Einladung auseinander. Das Kriegsministerium hatte beschlossen, sofort ein Kontingent amerikanischer Soldaten nach Sibirien zu entsenden, und Graves war zum Leiter dieser Expedition ausersehen.

Baker überreichte dem General einen versiegelten Umschlag und sagte: »Hier finden Sie eine grundsätzliche Darlegung der Politik der Vereinigten Staaten in Rußland - richten Sie sich danach! Aber seien Sie vorsichtig; es wird ein Eiertanz werden - und die Eier sind mit Dynamit geladen! Gott sei mit Ihnen - und auf Wiedersehen!«

General Graves begab sich ins Hotel. Nachts Öffnete er in seinem Zimmer den versiegelten Umschlag, dem ein sieben Seiten langes »Aide-Memoire« entfiel. Das Memorandum war nicht unterzeichnet, aber am Schluß standen die Worte: »Staatsdepartement, Washington, 17. Juli 1918.«

Das Memorandum begann mit Allgemeinheiten, wie: »Das amerikanische Volk wünscht nichts sehnlicher als die siegreiche Beendigung des Krieges.« Es sei notwendig, hieß es weiter, daß die Vereinigten Staaten ihren Verbündeten im Kampfe gegen Deutschland »vorbehaltlose Hilfe« leisten. Dann wurde der eigentliche Gegenstand des Memorandums angeschnitten: »Die Regierung der Vereinigten Staaten ist nach langwierigem, sehr gründlichem Studium der russischen Gesamtlage zu dem klaren, unumstößlichen Ergebnis gelangt, daß eine militärische Intervention die in diesem Lande bestehende bedauerliche Unordnung nicht beseitigen, sondern nur verstärken könnte. Ein solcher Schritt würde Rußland mehr schaden als nützen und in keiner Weise zur Erreichung unseres Endzieles - der Niederwerfung Deutschlands - beitragen. Die Regierung der Vereinigten Staaten kann daher eine solche Intervention weder grundsätzlich gutheißen, noch an ihr teilnehmen.«

Mit dieser klaren, deutlichen Feststellung war General Graves restlos einverstanden. Aber warum sollte er dann eigentlich als Kommandant amerikanischer Truppen nach Rußland gehen? Mit einem Gefühl der Unruhe und Verwunderung setzte er seine Lektüre fort:

»Diese Auffassung der Regierung gestattet ein militärisches Eingreifen der Vereinigten Staaten nur zu dem Zweck, den Tschechoslowaken bei der Konsolidierung ihrer Kräfte und der Anbahnung einer erfolgreichen Zusammenarbeit mit ihren slawischen Brüdern behilflich zu sein.« Tschechoslowaken? In Rußland?

»Ich ging zu Bett«, schrieb General Graves später in seinem Buch »American Siberian Adventure«, »aber ich konnte keinen Schlaf finden. Mich quälte die Frage, wie sich wohl die anderen Nationen zu dieser Angelegenheit verhielten, und warum man mir keine näheren Informationen über die Vorgänge in Sibirien gab.«

Hätte General Graves die richtige Antwort gewußt, so wäre er in jener Sommernacht in Kansas City überhaupt nicht schlafen gegangen.

2. Intrigen in Wladiwostok

Die zaristische Feudalherrschaft hatte fast nichts für die Er-Schließung des endlosen sibirischen Landes und seiner märchenhaften Reichtümer getan. Weite Strecken dieses riesigen Gebietes, das von der europäischen Grenze bis zum Stillen Ozean, von der Arktis bis nach Afghanistan reichte, waren völlig unbewohnt. Mitten durch diese unerforschte Wildnis lief die eingleisige Spur der Transsibirischen Eisenbahn: das einzige Bindeglied zwischen Ost und West. Wer diese Eisenbahnlinie und das umliegende Land in einer Tiefe von einigen Kilometern beherrschte, hatte das asiatische Rußland in seiner Gewalt: einen halben Kontinent von unermeßlichem Reichtum und unschätzbarer strategischer Bedeutung.

Als Raymond Robins im Hochsommer des Jahres 1918 mit der Transsibirischen Bahn nach dem Osten fuhr, sah er auf Nebengleisen ganze Züge mit tschechischen Soldaten. Diese Tschechen, die nur höchst widerwillig in der österreichisch-ungarischen Armee gekämpft, hatten, waren vor der Revolution in großer Zahl zu den Russen übergelaufen. Das Kaiserlich-Russische Heereskommando hatte sie zu einer tschechischen Armee vereinigt, die Seite an Seite mit den Russen gegen die deutschen und österreichischen Verbände eingesetzt wurde. Nach Kerenskis Sturz ging die Sowjetregierung auf den Vorschlag der Alliierten ein, diese tschechischen Truppen nach Wladiwostok zu transportieren. Von dort sollten sie um den halben Erdball herumreisen, um den Alliierten an der Westfront beizustehen. Mehr als 50 000 tschechische Soldaten waren über die 8000 Kilometer lange Strecke zwischen Kasan und Wladiwostok verteilt.

Die tschechischen Soldaten hofften, in Europa für die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei zu kämpfen, aber ihre Kommandeure, die reaktionären Generale Gajda und Sirovy, verfolgten andere Absichten. Ihr Plan, die tschechischen Truppen gegen die Sowjetregierung einzusetzen, hatte den Beifall gewisser alliierter Staatsmänner gefunden.

Die Alliierten und die Sowjetregierung einigten sieh dahin, daß die Tschechen während der Fahrt durch sowjetisches Gebiet ihre Waffen an die Sowjetbehörden abliefern sollten. Am 4. Juni 1918 teilte Botschafter David R. Francis seinem Sohn in einem Privatbrief mit, er werde die Entwaffnung der tschechischen Soldaten »nach Möglichkeit verhindern«. Francis fügte hinzu:

»Ich habe von Washington keine Anweisung oder Genehmigung erhalten, diese Leute zum Ungehorsam gegen die Sowjetregierung zu ermutigen - aber das Staatsdepartement hat seine zustimmende Haltung angedeutet. Schließlich habe ich schon einmal im Leben etwas riskiert.«

Auf Befehl der Generale Gajda und Sirovy weigerten sich die Tschechen, ihre militärische Ausrüstung an die Sowjetregierung abzuliefern. Wie auf ein gegebenes Zeichen brachen auf allen Abschnitten der Transsibirischen Eisenbahnlinie Unruhen aus. Die gut gedrillten, vorzüglich ausgerüsteten tschechischen Truppen bemächtigten sich der Orte, in denen sie stationiert waren, beseitigten die Sowjets und setzten antisowjetische Verwaltungsbehörden ein.

In der ersten Juliwoche holte General Gajda unter Mitwirkung russischer Gegenrevolutionäre in Wladiwostok zum Schlage aus. Die Stadt erhielt eine sowjetfeindliche Regierung, der tschechische Hauptmann Badiura wurde als Kommandant eingesetzt. In allen Straßen hingen Proklamationen, die von dem amerikanischen Admiral Knight, dem japanischen Vizeadmiral Kato, Oberst Pons von der französischen Militärmission und Hauptmann Badiura unterzeichnet waren. Darin hieß es, die Alliierten hätten sich bei ihrem Eingreifen nur vom Geist der Sympathie und Freundschaft für das russische Volk leiten lassen.

Am 22. Juli 1918, fünf Tage nachdem im amerikanischen Staatsdepartement das Memorandum über die Notwendigkeit einer amerikanischen Expedition nach Sibirien zur Unterstützung der tschechischen Truppen abgefaßt worden war, sandte der amerikanische Konsul in Moskau, De Witt Clinton Poole, folgendes Code-Telegramm an den amerikanischen Konsul von Omsk:

»Sie können den tschechoslowakischen Führern die vertrauliche Mitteilung machen, daß die Alliierten die vorläufige Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Kampfstellungen aus politischen Gründen begrüßen würden. Andererseits ist gegen militärische Handlungen, deren Notwendigkeit sich aus der jeweiligen Situation ergibt, nichts einzuwenden. In erster Linie wäre es wünschenswert, daß die Tschechen sich die Kontrolle der Transsibirischen Eisenbahn sichern und, wenn das durch-führbar ist, gleichzeitig die derzeit von ihnen besetzten Gebiete fest in der Hand behalten. Informieren Sie die dortige französische Vertretung, daß der französische Generalkonsul sich diesen Instruktionen anschließt.«

Die Besetzung Sibiriens durch die Alliierten im Sommer 1918 geschah unter dem Vorwand, daß die Tschechen mutwilligen Angriffen der Roten Armee und deutscher Kriegsgefangener, denen die Bolschewiki angeblich Waffen zur Verfügung gestellt hatten, ausgesetzt seien.

Hauptmann Hicks vom britischen Geheimdienst, Hauptmann Wehster vom amerikanischen Roten Kreuz und Major Drysdale, der amerikanische Militärattache in Peking, erhielten von der Sowjetregierung die Erlaubnis, nach Sibirien zu reisen und den Sachverhalt an Ort und Stelle zu überprüfen. Nach wochenlangen, gewissenhaften Untersuchungen gelangten die drei Männer zum gleichen Resultat: es gab in ganz Sibirien keine bewaffneten Kriegsgefangenen - weder Deutsche noch Österreicher. Die drei Offiziere bezeichneten die Anschuldigungen als reine Erfindung und tendenziöse Propaganda, die darauf berechnet sei, die Alliierten in einen Interventionskrieg gegen Sowjetrußland zu ver-wickeln.

Am 3. August 1918 wurden in Wladiwostok englische Truppen gelandet.

»Wir kommen«, teilte die englische Regierung dem russischen Volk am 8. August mit, »um euer Land vor der Zerstückelung und vor dem vernichtenden Zugriff der Deutschen zu bewahren... Wir geben euch die feierliche Versicherung, daß wir nicht einen Fußbreit eures Gebietes behalten wollen. Das Schicksal Rußlands liegt in den Händen des russischen Volkes, dem es einzig und allein zukommt, seine Regierungsform zu bestimmen und seine sozialen Probleme zu lösen.«

Am 16. August landeten die ersten amerikanischen Truppenteile.

In Washington wurde verlautbart: »Unser militärisches Eingreifen in Rußland dient ausschließlich dem Zweck, den Tschechoslowaken nach Möglichkeit Schutz und Hilfe gegen die Angriffe der bewaffneten österreichischen und deutschen Kriegsgefangenen zu gewähren und die Russen in ihren Bemühungen um Selbstverwaltung und Selbstverteidigung zu unterstützen - soweit sie gewillt sind, eine solche Unterstützung anzunehmen.«

Im selben Monat erfolgte eine zweite japanische Truppenlandung.

»Das Vorgehen der Regierung«, meldete Tokio, »ist durch den unveränderlichen Wunsch bestimmt, dauerhafte, freundschaftliche Beziehungen mit Rußland zu unterhalten; es ist nach wie vor die Politik der Regierung, die territoriale Integrität Rußlands zu respektieren und jede Einmischung in innerrussische Angelegenheiten zu vermeiden.«

Die japanische Heeresleitung hatte die nach Sibirien entsandten japanischen Soldaten in vorsorglicher Weise mit kleinen russischen Wörterbüchern ausgestattet, in denen das Wort »Bolschewik« mit »Barsuk« übersetzt war, was Dachs bedeutet Dahinter stand die Anmerkung: »Muß ausgerottet werden.«

 

 

3. Terror im Fernen Osten

Am l. September 1918 traf General Graves in Wladiwostok ein, um den Oberbefehl über das amerikanische Expeditionskorps in Sibirien zu übernehmen. »Ich ging ohne jede vorgefaßte Meinung an meine Aufgabe heran«, schrieb er später in »American Siberian Adventure«. »Ich stand sämtlichen russischen Parteien vorurteilslos gegenüber und erwartete eine glatte, harmonische Zusammenarbeit mit den übrigen alliierten Mächten.«

Das für General Graves aufgesetzte Memorandum enthielt die Anweisung, die Transsibirische Eisenbahn zu schützen und den tschechischen Truppen bei der Einschiffung in Wladiwostok behilflich zu sein.

Unmittelbar nachdem General Graves sich in seinem Hauptquartier niedergelassen hatte, erschien General Gajda, der Anführer der Tschechen, um ihm einen Vortrag über die russische Lage zu halten. Es gebe nur ein Mittel, das Land vor dem Chaos zu bewahren: die Ausrottung des Bolschewismus und die Errichtung einer Militärdiktatur. Gajda bezeichnete den ehemaligen zaristischen Admiral Alexander Wassiliewitsch Koltschak als den richtigen Mann für diese Aufgabe. Koltschak sei soeben aus Japan eingetroffen, um eine antisowjetische Armee zu organisieren, und habe bereits beträchtliche Streitkräfte in Sibirien gesammelt. Gajda forderte General Graves auf, zunächst die Tschechen und die übrigen sowjetfeindlichen Truppen in ihrem Kampf gegen die Bolschewiki zu unterstützen.

Dann unterbreitete er dem General seinen Plan, sofort an die Wolga vorzurücken und Moskau von Osten her anzugreifen. Er behauptete, dieses Projekt sei bereits von seinen französischen und englischen Ratgebern sowie von Vertretern des amerikanischen Staatsdepartements gebilligt worden. General Graves wiederholte die Befehle, die er von seiner Regierung erhalten hatte und die er als bindend betrachtete.

Gajda schäumte vor Wut. Kurze Zeit darauf erhielt General Graves einen zweiten wichtigen Besuch: es war General Knox, der seinerzeit Kornilow gefördert hatte und jetzt die britischen Streitkräfte in Sibirien befehligte.

»Sie werden bald in den Ruf kommen, ein Freund der Armen zu sein«, sagte er warnend. »Wissen Sie denn nicht, daß das lauter Schweine sind?«

General Graves war ebenso wie Raymond Robins ein Anhänger der »unbürokratischen Methode«. Für ihn gab es nur einen Weg: den Dingen selbst auf den Grund zu gehen. Er beschloß, sich aus erster Quelle über den wahren Sachverhalt zu informieren. Er schickte seine Offiziere auf Erkundungsfahrten und erhielt ausführliche Berichte über das, was sie in den verschiedenen Teilen Sibiriens gesehen hatten. Graves gelangte zu folgendem Ergebnis:

Mit dem Wort »Bolschewiki« bezeichnet man in Sibirien den größten Teil des russischen Volkes. Wenn also Truppen gegen die Bolschewiki eingesetzt oder Weißgardisten für den Kampf gegen sie bewaffnet, ausgerüstet, ernährt, gekleidet und bezahlt werden, so steht das in direktem Widerspruch zum Grundsatz der »Nichteinmischung in innerrussische Angelegenheiten«.

Im Herbst 1918 befanden sich bereits mehr als 7000 englische Soldaten in Nordsibirien. Weitere 7000 englische und französische Offiziere, Techniker und Soldaten unterstützten Admiral Koltschak bei der Ausbildung und Ausrüstung seiner antisowjetischen, weißgardistischen Armee. Dazu kamen 1500 Italiener. General Graves befehligte etwa 8000 amerikanische Soldaten. Die Japaner, die den hochfliegenden Plan hatten, sich die Alleinherrschaft über Sibirien zu sichern, unterhielten die weitaus größte Truppenzahl: über 70000 Soldaten.

Im November schwang sich Admiral Koltschak mit Hilfe seiner englischen und französischen Gönner zum Diktator von Sibirien auf. Der Admiral, ein leicht erregbarer, kleiner Mann (einer seiner Kollegen charakterisierte ihn als »ein kränkliches Kind ... zweifellos ein Neurastheniker ... immer unter fremdem Einfluß«), schlug sein Hauptquartier in Omsk auf. Er nannte sich »Oberster Regent Rußlands«. Der ehemalige Zarenminister Sasonow pries Koltschak als den »russischen Washington« und wurde zum Dank dafür sein offizieller Vertreter in Paris. In den Hauptstädten Englands und Frankreichs stimmte man Lobgesänge auf den Admiral an. Sir Samuel Hoare erklärte von neuem, er halte Koltschak für einen »Gentleman«. Winston Churchill bezeichnete den Admiral als »ehrlich, unbestechlich, intelligent und vaterlandsliebend«. Die »New York Times« erblickte in ihm einen »starken und ehrenhaften« Mann mit einer »stabilen, dem gegebenen Kräfteverhältnis annähernd entsprechenden Regierung«.

Koltschak wurde von den Alliierten, besonders von England, in großzügiger Weise mit Munition, Waffen und Geldmitteln ausgestattet. General Knox berichtete voller Stolz: »Wir sandten Hunderttausende von Gewehren, viele hundert Millionen Patronen, Hunderttausende von Uniformen und Maschinengewehrgurten und so weiter nach Sibirien. Sämtliche im Laufe dieses Jahres von russischen Soldaten gegen die Bolschewiki abgefeuerten Kugeln wurden in England von englischen Arbeitern aus englischem Rohmaterial hergestellt und auf englischen Schiffen nach Wladiwostok geschafft.« Damals sang man in Rußland ein Spottliedchen:

Die Uniformen macht England,

die Epauletten der Franz,

den Tabak die Japaner,

und Koltschak führt den Tanz!


General Graves war von den Fähigkeiten des Admirals Koltschak keineswegs so begeistert wie die übrigen Alliierten. Seine Verbindungsoffiziere brachten ihm täglich neue Berichte über die von Koltschak eingeführten terroristischen Methoden. Der Admiral verfügte über eine Armee von 100000 Mann, Tausende wurden unter Androhung der Todesstrafe rekrutiert. Die Gefängnisse und Sammellager waren überfüllt. Längs der transsibirischen Strecke baumelten an Telegraphenstangen und Bäumen Hunderte von Russen, die es gewagt hatten, sich dem neuen Diktator zu widersetzen. Viele ruhten in Massengräbern, die sie mit eigenen Händen ausheben mußten, bevor Koltschaks Henker sie mit ihren Maschinengewehren niedermähten. Schändung, Mord und Raub waren an der Tagesordnung.

Einer von Koltschaks Stellvertretern, der ehemalige zaristische General Rosanow, gab folgenden Tagesbefehl an seine Truppen aus:

Bei der Besetzung von Dörfern, die sich vorher in den Händen von Banditen (Sowjetpartisanen) befunden haben, sind die Anführer der Bewegung unbedingt festzunehmen; wenn das nicht möglich ist, aber genügend Beweise für die Anwesenheit solcher Führer vorhanden sind, ist jeder zehnte Einwohner zu erschießen.

Wenn die Einwohner einer Stadt durchmarschierenden Truppen keine Meldung über die Anwesenheit des Feindes erstatten, obwohl sie dazu Gelegenheit hatten, so ist eine allgemeine Geldkontribution zu erheben. Niemand darf geschont werden.

Dörfer, in denen unsere Truppen auf bewaffneten Widerstand stoßen, sind niederzubrennen; sämtliche erwachsenen männlichen Einwohner sind zu erschießen. Eigentum, Häuser, Wagen und so weiter werden für die Armee beschlagnahmt.

Das Urteil des Generals Knox über den Verfasser dieser Instruktionen lautete: »Rosanow ist ein toller Bursche!«

Gleichzeitig mit den Soldaten Koltschaks zogen terroristische Banden, die von den Japanern finanziert wurden, plündernd durch das Land. Ihre Anführer waren Ataman Grigori Semjonow und Kalmikow.

Oberst Morrow, der Kommandant der amerikanischen Truppen im Transbaikal-Abschnitt, berichtete, daß Semjonows Soldaten in einem von ihnen besetzten Dorf sämtliche Männer, Frauen und Kinder ermordeten. Die meisten Bewohner wurden bei der Flucht aus ihren Häusern niedergeschossen »wie Hasen«. Ein Teil der Männer wurde bei lebendigem Leibe verbrannt.

»Die Truppen Semjonows und Kalmikows, die unter dem Schutz der Japaner standen, fielen raubend und mordend wie wilde Tiere über die Bevölkerung her... Wenn jemand sein Erstaunen über das Vorgehen dieser brutalen Totschläger äußerte, dann hieß es, die Opfer seien Bolschewiki - und diese Erklärung reichte allem Anschein nach aus, um die Welt zu beruhigen.«

So äußerte sich General Graves, der aus seinem Entsetzen über die Untaten der sowjetfeindlichen Streitkräfte in Sibirien kein Hehl machte und durch seine Haltung den Unwillen der weißgardistischen, englischen, französischen und japanischen Truppenführer erregte.

Als der amerikanische Botschafter in Japan, Morriss, zu einem Besuch in Sibirien eintraf, verständigte er General Graves von einem Telegramm des Staatsdepartements, das die Unterstützung Koltschaks im Rahmen der amerikanischen Sibirienpolitik forderte. »Jetzt werden Sie wohl mit Koltschak zusammengehen müssen«, meinte der Botschafter.

Graves erwiderte, er habe keine derartige Anweisung vom Kriegsministerium erhalten.

»Diese Angelegenheit untersteht nicht dem Kriegsministerium, sondern dem Staatsdepartement«, meinte Morriss.

»Möglich, aber ich unterstehe dem Kriegsministerium«, antwortete Graves.

Die Agenten Koltschaks leiteten einen Propagandafeldzug gegen Graves in die Wege, der den Ruf des Generals untergraben und seine Abberufung aus Sibirien herbeiführen sollte. Man setzte verlogene Gerüchte in Umlauf und stellte den General als »Bolschewik« hin, dessen Truppen den »Kommunisten« militärische Hilfe leisteten.

Diese Propaganda fand auch in gewissen amerikanischen Kreisen Unterstützung. General Graves enthüllte, daß »der amerikanische Konsul in Wladiwostok die verleumderischen, lügenhaften und lächerlichen Veröffentlichungen der lokalen Presse über die amerikanischen Truppen Tag für Tag ohne Kommentar telegraphisch an das Staatsdepartement weitergab.«

Diese Artikel stützten sich ebenso wie die Kritik innerhalb der Vereinigten Staaten auf die Behauptung, die amerikanischen Truppen seien bolschewistisch gesinnt. Es wäre unmöglich gewesen, diese Anklage durch eine einzige Handlung amerikanischer Soldaten zu erhärten, aber Koltschaks Anhänger - und zu ihnen gehörte auch der Generalkonsul Harris - erhoben die gleiche Beschuldigung gegen jeden, der Koltschak nicht aktiv unterstützte.«

Als der Verleumdungsfeldzug seinen Höhepunkt erreicht hatte, traf in General Graves' Hauptquartier ein Sonderbeauftragter des Generals Iwanow-Rinow ein, der Koltschaks Streitkräfte in Ostsibirien befehligte. Dieser Bote teilte General Graves mit, daß General Iwanow-Rinow bereit sei, gegen Entrichtung eines monatlichen Zuschusses von 20 000 Dollar für die Koltschak-Armee die Einstellung der Propaganda gegen Graves und seine Truppen zu veranlassen.

Dieser General Iwanow-Rinow zeichnete sich durch besondere Wildheit und Graußamkeit aus. Wenn ein ostsibirisches Dorf in Verdacht stand, "Bolschewiki" beherbergt zu haben, schlachteten seine Soldaten die gesamte männliche Einwohner ab. Die Frauen wurden geschändet und mit Ladestöcken geprügelt, Greise, alte Frauen und Kinder wurden ermordet.

Ein junger amerikanischer Offizier, den General Graves beauftragt hatte, Näheres über die von General Iwanow Rinows Truppen begangenen Greueltaten in Erfahrung zu bringen, war so erschüttert, daß er seinen Bericht mit dem Aufruf beendete: »Ich bitte Sie, Herr General, geben Sie mir keine solchen Aufträge mehr! Ich war nahe daran, meine Uniform herunterzureißen und diesen armen Teufeln nach besten Kräften zu helfen!«

Als die Bevölkerung sich drohend gegen General Iwanow-Rinow erhob, begab sich der britische Hohe Kommissar, Sir Charles Eliot, eilends zu General Graves, um seiner Besorgnis um den Kommandanten Augdruck zu geben.

»Von mir aus«, bemerkte General Gravegi grimmig, "können die Leute Iwanow-Rinow ruhig hierher bringen und an dem Telegraphenmast dort drüben aufhängen - kein Amerikaner würde einen Finger rühren, um Ihn zu retten!«

Während der Bürgerkrieg und die Intervention in Sibirien und den übrigen Teilen Rußlands immer weiter um sieh griffen, trat in Europa eine entscheidende Wendung ein. Am 3. November 1918 meuterten in Kiel deutsche Matrosen; sie töteten ihre Offiziere und hißten die rote Fahne. In ganz Deutsehland fanden Massendemonstrationen für die Beendigung des Krieges statt. Im Niemandsland an der Westfront verbrüderten sich deutsche und alliierte Soldaten. Das deutsche Oberkommando suchte um einen Waffenstillstand an. Kaiser Wilhelm II. floh nach Holland - an der Grenze übergab er seinen Degen einem verwunderten jungen holländischen Soldaten. Am 11, November wurde der Waffenstillstand unterzeichnet.

Der erste Weltkrieg war zu Ende.

V. KRIEG UND FRIEDEN

l. Frieden im Westen

Der erste Weltkrieg hatte einen plötzlichen und überraschenden Abschluß gefunden. Der deutsche Hauptmann Ernst Röhm bemerkte treffend: "Der Frieden ist ausgebrochen«. In Berlin, Hamburg und allen Teilen Bayerns wurden Arbeiter- und Soldatenräte eingesetzt. In den Straßen von Paris, London und Rom veranstalteten die Arbeiter Kundgebungen für Frieden und Demokratie. Die Revolution griff auf Ungarn über. Die bäuerlichen Bevölkerungsschichten der Balkanländer waren von gärender Unzufriedenheit erfüllt. Nach den vier entsetzlichen Kriegsjähren vereinigten alle Menschen ihre Stimmen zu einem leidenschaftlichen Friedensgelübde: No more War! Nie wieder Krieg! Jamais plus de guerre! Never again!

»Ganz Europa ist vom Geiste der Revolution erfüllt«, erklärte David Lloyd George der Pariser Friedenskonferenz in seinem vertraulichen Memorandum vom März 1918. »Bei der Arbeiterschaft herrscht nicht einfach ein Gefühl der Unzufriedenheit, sondern Zorn und Auflehnung gegen die Vorkriegszustände. Die Massen Europas -- ganz Europas -- sind nicht mehr gewillt, die auf politischem, sozialem und wirtschaftlichem Gebiet bestehende Ordnung widerspruchslos hinzunehmen.«

Zwei Namen - Lenin und Wilson. - verkörperten die Wünsche der großen Massen und die Befürchtungen einer kleinen Oberschicht.

Im Osten hatte Lenins Revolution die Zarenherrschaft hinweggefegt, die unterdrückten Millionen des alten kaiserlichen Rußland standen am Beginn einer neuen Ära. Im Westen weckten Woodrow Wilsona »Vierzehn Punkte«, die trotz ihrer trockenen Formulierungen wie ein Gärstoff wirkten, demokratische Hoffnungen und Erwartungen.

Als der Präsident der Vereinigten Staaten im Dezember 1918 den blutgetränkten Boden Europas betrat, wurde er von jubelnden Menschenmassen empfangen, die ihm die Hände küßten und Blumen vor seine Füße streuten. Die Völker der Alten Welt grüßten den Lenker der Neuen Welt als »König der Menschheit«, als »Heiland« und »Friedensfürsten«. Sie hielten den großen hageren Professor aus Princetown für einen Messias, der gekommen war, um ein neues, größeres Zeitalter zu verkünden.

Zehn Millionen waren im Kampfe gefallen, zwanzig Millionen verwundet und verstümmelt; dreizehn Millionen Zivilisten waren Krankheiten und Hungersnöten erlegen; andere Millionen, die Heimat und Besitz verloren hatten, irrten zwischen den rauchenden Trümmern Europas umher. Aber jetzt war der Krieg endlich zu Ende, und die Welt wollte Worte des Friedens hören.

»Nach meiner Auffassung ist der Völkerbund ganz einfach die Organisation, durch die alle moralischen Kräfte der Menschheit wirksam werden sollen«, sagte Woodrow Wilson.

Anfang Januar 1919 versammelten sich die Großen Vier - Woodrow Wilson, David Lloyd George, Georges Clemenceau und Vittorio Orlando - in einem Konferenzzimmer am Quai d' Orsay in Paris, um über den Weltfrieden zu verhandeln.

Ein Sechstel der Erde war auf der Friedenskonferenz nicht vertreten.

Während die Friedensmacher ihre Reden hielten, führten Zehntausende alliierter Soldaten einen heimlichen, blutigen Krieg gegen Sowjetrußland. Auf einem riesigen Schlachtfeld, das sich von der frostigen Arktis bis zum Schwarzen Meer, von den ukrainischen Weizenfeldern bis zu den sibirischen Bergen und Steppen erstreckte, kämpften alliierte Truppen Schulter an Schulter mit den von Koltschak und Denikin geführten Weißen Armeen der Gegenrevolution gegen die junge Rote Armee.

Im Frühjahr 1919 standen Europa und Amerika im Zeichen einer heftigen, lügenhaften Propagandakampagne gegen die Sowjetunion. Der Londoner »Daily Telegraph« wußte zu berichten, daß es in Odessa unter dem Schütze der »Schreckensherrschaft« eine »Woche der freien Liebe« gab. Die »New York Sun« brachte folgende Schlagzeile: »Rote verstümmeln amerikanische Verwundete mit Äxten.« In der »New York Times« hieß es: »Das Rote Rußland ist ein riesiges Tollhaus... Flüchtlinge berichten, Wahnsinnige toben in den Straßen Moskaus... raufen mit Hunden um Aas.«

Wahrheitsgemäße Tatsachenberichte über Rußland, die von Journalisten, Geheimagenten, Diplomaten und sogar von Generälen wie Judson und Graves stammten, wurden unterdrückt oder überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Jeder, der Zweifel an der antisowjetischen Propaganda zu äußern wagte, wurde automatisch zum »Bolschewik« gestempelt.

Kaum zwei Monate waren seit Abschluß des Waffenstillstandes vergangen - aber die Führer der Alliierten hatten das ursprüngliche Ziel des großen Kampfes offenbar schon vergessen. Auf der Pariser Friedenskonferenz gab es nur einen einzigen Gesichtspunkt: die »bolschewistische Gefahr«.

Marschall Foch, der Oberkommandierende der alliierten Streitkräfte, forderte in einer Geheimsitzung der Friedenskonferenz eine rasche Einigung mit Deutschland, um den Alliierten ein sofortiges, gemeinsames Vorgehen gegen Sowjetrußland zu ermöglichen.

Um die Niederschlagung der deutschen Revolution zu erleichtern, sollte es dem deutschen Heereskommando gestattet sein, eine Armee von 100 000 Soldaten und Offizieren sowie die sogenannte »Schwarze Reichswehr« zu unterhalten, die sich aus den am besten ausgebildeten und geschulten Soldaten Deutschlands zusammensetzte. Außerdem wurde der deutschen Heeresleitung gestattet, nationalistische Untergrundverbände und terroristische Vereinigungen zu unterstützen, deren Bestimmung es war, die revolutionären deutschen Demokraten zu töten, zu martern und einzuschüchtern. Das alles geschah, um »Deutschland vor dem Bolschewismus zu retten« ...

General Max Hoffmann, der ehemalige Generalstabschef der deutschen Ostarmee, der »Held« von Brest-Litowsk unterbreitete Marschall Foch, der oben noch sein Feind gewesen war, einen Plan, wonach das deutsche Heer gegen Moskau Vorrücken und den Bolschewismus "an der Wurzel" packen sollte Foch war mit dieser Idee einverstanden, schlug jedoch vor, »französische an Stelle von deutschen Truppen an die Spitze des Angriff« zu stellen. Foch wollte ganz Osteuropa gegen Sowjetrußland mobilisieren.

"In Rußland herrscht zur Zeit der Bolschewismus und völlige Anarchie" erklärte Foch auf der Pariser Friedenskonferenz »Ich würde beantragen, sämtliche wichtigen, im Westen noch ungelösten Fragen zu ordnen, damit die Alliierten in die Läge kommen, alle auf diese Weise frei werdenden Hilfsmittel für die Lösung der Ostfrage zu verwenden. - Ich halte es für mögliche polnische Truppen gegen die Russen einzusetzen, wenn sie vorher mit modernem Material und neuzeitlichen Waffen ausgerüstet werden. Wir brauchen ein zahlenmäßig starkes Heer, das durch Mobilisierung der Finnen, Polen, Tschechen, Rumänen und Griechen sowie der noch verfügbaren alliierten-freundlichen Elemente in Rußland aufgebracht werden konnte. Wenn das gelingt, wird der Bolschewismus im Laufe des Jahres 1919 erledigt sein!«

Woodrow Wilson strebte eine ehrliche, freundschaftliche Beziehung zu Rußland an. Er war sich darüber im klaren, daß all die schönen Reden über den Weltfrieden keinen Sinn hatten, solange ein Sechstel der Erde von den Verhandlungen ausgeschlossen blieb. Wilson drängte darauf, Sowjetdelegierte auf die Friedenskonferenz einzuladen, um durch gemeinsame Besprechung zu einer friedlichen Verständigung zu gelangen. Er kam immer wider auf diesen Vorschlag zurück und versuchte unermüdlich, die Angst vor dem Gespenst der Bolschewismus aus den Köpfen der Konferenzteilnehmer zu verscheuchen.

»Die ganze Welt beginnt, sich gegen die starken Besitzinteressen aufzulehnen, die sowohl das Wirtschaftlichen wie das politischen Geschehen beeinflussen, sagte Wilson warnend in einer der geheimen Friedensbesprechungen, die der Rat der Zehn in Paris abhielt. »Diese Vorherrschaft kann meiner Ansicht nach nur durch ständige Verhandlungen und einen allmählichen Umbildungsprozeß beseitigt werden; aber die Mehrzahl der Menschen ist ungeduldig geworden und will keinen Aufschub mehr zulassen. Es gibt Männer in den, Vereinigten Staaten, die Wohl nicht der Urteilskraft, aber dem Charakter nach zu den Besten zählten: Sie sympathisieren mit dem Bolschewismus, weil ihnen hier die von ihnen ersehnte Regierungsform verwirklicht scheint, die jedem einzelnen Entwicklungsmöglichkeiten bietet«

Aber in der Umgebung Woodrow Wilson war man entschlossen, den Status quo um jeden Preis aufrecht zuerhalten. Diese Männer, die durch imperialistische Geheimverträge und Handelsabkommen gebunden waren, gingen darauf aus, Wilson auf Schritt und Tritt zu überlisten, zu sabotieren und zu hemmen. Es gab kritische Augenblicke in denen Wilson sich auflehnte und drohte, er werde seine Sache unter Ausschaltung der Politiker und Militärs dem Volke selbst vortragen.

In Rom wollte er von dem Balkon des Palazzo Venezia über dem großen Platz, auf dem bereits zwei Jahre später die Schwarzhemden Mussolinis Reden lauschten, eine sensationelle Ansprache halten. Aber die italienischen Monarchisten fürchteten die Wirkung seiner Worte auf die römische Bevölkerung und hinderten die Massen daran, sich auf dem Platz zu versammeln; die Demonstration wurde mit der Begründung, daß sie von "Bolschewiki" veranstaltet sei, gesprengt. Der gleiche Vorgang wiederholte sich in Paris: Wilson, der den Pariser Arbeitern eine Rede versprochen hatte, wartete den ganzen Morgen vergeblich am Fenster seines Hotelzimmers. Er wußte nicht, daß man französisches Militär und Polizei mobilisiert hatte, um die Arbeiter von seinem Hotel abzuschneiden.

Es gab keinen Ort in Europa, wo Wilson nicht von Geheimagenten und Agitatoren umgeben war; hinter seinen Rücken wurden endlose Intrigen gesponnen.

Sämtliche alliierten Mächte unterhielten Spionageorganisationen für besondere Aufgaben im Zusammenhang mit der Friedenskonferenz. Der militärische Geheimdienst der Vereinigten Staaten richtete in Paris auf der Place de la Concorde No. 4 ein eigenes Codebüro ein, wo Offiziere mit Spezialausbildung und sorgfältig ausgewählte Beamte Tag und Nacht damit beschäftigt waren, die Geheimnachrichten der übrigen Mächte aufzufangen und zu entziffern. Dieses Codebüro wurde von Major Herbert C. Yardley geleitet, der später in seinem Buch »The American Black Chamber« enthüllte, daß dem Präsidenten Augenzeugenberichte amerikanischer Agenten über die tatsächliche Lage in Europa wissentlich vorenthalten wurden, während man ihm mit düster gefärbter, antibolschewistischer Lügenpropaganda unaufhörlich in den Ohren lag.

Major Yardley konnte des öfteren Geheimnachrichten auffangen und entziffern, in denen es sich um Sabotagepläne gegen die von Wilson befürwortete Politik handelte. Einmal gelang es ihm, einen besonders bedrohlichen und beunruhigenden Anschlag aufzudecken. Major Yardley schreibt: »... der Leser kann sich mein Entsetzen vorstellen als ich ein Telegramm entzifferte, in dem von einem Attentatsplan der Entente gegen Präsident Wilson die Rede war; man beabsichtigte, den Präsidenten entweder durch ein langsam wirkendes Gift zu beseitigen oder ihm Influenzabazillen in Eis zu verabfolgen. Unser Gewährsmann, zu dem wir vollstes Vertrauen hatten, richtete die inständige Bitte an die Behörden, den Präsidenten zu warnen. Ich konnte mir keine Gewißheit darüber verschaffen, ob tatsächlich ein solcher Plan bestand und, wenn es der Fall war, ob er mit Erfolg durchgeführt wurde. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß die ersten Krankheitssymptome bei Präsident Wilson während seines Pariser Aufenthaltes auftraten und daß er bald darauf langsam dahinsiechte.«

2. Die Friedenskonferenz

Die Bemühungen Präsident Wilsons, zu Beginn der Pariser Friedenskonferenz eine objektive Stellungnahme Rußland gegenüber durchzusetzen, fanden wider allen Erwartens die Unterstützung des englischen Ministerpräsidenten David Lloyd George, der die sowjetfeindlichen Pläne Fochs und des französischen Premierministers Clemenceau wiederholt heftig kritisierte.

Lloyd George erklärte: »Zu einer Zeit, wo die Deutschen jeden verfügbaren Mann für die Verstärkung ihrer Offensive an der Westfront brauchten, mußten sie in den wenigen, von ihnen besetzten Provinzen, die nur einen schmalen Grenzstreifen des russischen Gesamtgebietes darstellen, fast eine Million Soldaten unterhalten. Außerdem waren die Bolschewiki damals noch schwach und schlecht organisiert. Jetzt sind sie stark und verfügen über eine achtunggebietende Armee. Ist einer der westlichen Alliierten bereit, eine Million Mann nach Rußland zu schicken? Wenn ich vorschlüge, weitere tausend englische Soldaten zu diesem Zweck nach Rußland zu bringen, würde die ganze Armee meutern. Das gleiche gilt für die amerikanischen Truppen in Sibirien, für die Kanadier und Franzosen. Es ist purer Wahnsinn, zu glauben, daß man den Bolschewismus mit Soldaten aus der Welt schaffen kann. Und selbst wenn es gelänge - wer soll dann Rußland besetzen ?«

Der englische Ministerpräsident ließ sich im Gegensatz zu Wilson nicht von idealistischen Motiven leiten. Er fürchtete das Übergreifen der Revolution auf Europa und Asien; und als alter Politiker hatte der wallisische »Fuchs« ein feines Empfinden für die Stimmung des englischen Volkes, dessen überwiegende Mehrheit gegen, die Fortsetzung der Intervention in Rußland war. Es gab sogar einen noch schwerwiegenderen Grund für seine Opposition gegen Marschall Foch. Der britische Generalstabschef Sir Henry Wilson hatte kurz zuvor in einem Geheimbericht an das Kriegskabinett erklärt, der englischen Politik stehe nur ein Weg offen: »Wir müssen unsere Truppen aus Europa und Rußland zurückziehen und alle unsere Kräfte an unseren künftigen Gefahrenpunkten, in England, Irland, Ägypten und Indien zusammenziehen.« Lloyd George fürchtete, Foch und Clemenceau würden Englands Inanspruchnahme durch andere Probleme ausnützen, um Frankreich inzwischen die Vorherrschaft in Rußland zu sichern.

Da der schlaue englische Ministerpräsident sein Endziel gesichert glaubte, wenn Rußland einfach eine Zeitlang seinem Schicksal überlassen blieb, unterstützte er die Forderung des Präsidenten der Vereinigten Staaten nach einer gerechten Behandlung der Bolschewiki. In den Geheimsitzungen der Pariser Konferenz gab Lloyd George seiner Ansicht in sehr deutlichen Worten Ausdruck:

»Die russischen Bauern haben den Bolschewismus aus dem gleichen Grunde bejaht wie die französischen Bauern ihre Revolution; weil sie Land erhielten« erkläre Lloyd George. »Die Bolschewiki sind die Defacto-Regierung Rußlands. Früher erkannten wir die Zarenregierung an, obwohl wir uns über ihre Minderwertigkeit völlig im klaren waren. Wir erkannten sie an, weil sie die Defacto-Regierung war ... aber wir weigern uns, die Bolschewiki anzuerkennen! Unser Anspruch, einer großen Nation die Wahl ihrer Vertreter vorzuschreiben, steht im Widerspruch zu den Grundsätzen für die wir gekämpft haben.«

Präsident Wilson sagte, daß es seiner Ansicht nach keinen Einwand gegen Lloyd Georges Ausführungen gebe. Er schlug vor eine Sonderkonferenz nach der Insel Prinkipo oder einem anderen »günstig gelegenen« Platz einzuberufen um die Möglichkeit einer friedlichen Lösung für Rußland zu studieren. Im Interesse der Unparteilichkeit sollten sowohl Abgeordnete der Sowjetregierung als auch der sowjetfeindlichen weißgardistischen Gruppen eingeladen werden.

Georges Clemenceau, der französische "Tiger" und Sprecher des Generalstabs sowie der französischen Gläubuger des Zaren antwortete im Namen der Interventionspartei. Clemenseau wußte, daß gewisse englische Regierungskreise Lloyd Georges kluge Politik unterstützen würden, während die englischen Militaristen und der Geheimdienst sich bereits auf einen Krieg gegen die Sowjets festgelegt hatten. Gleichzeitig hielt Clemenceau es für notwendige Lloyd Georges Argumente durch einen nachdrücklichen Hinweis auf die bolschewistische Gefahr zu entkräften und Wilson auf diese Weise zu beeindrucken.

Clemenceau verließ sich nicht ausschließlich auf seine eigene Beredsamkeit. Er bat, den Aussagen "sachverständiger Augenzeugen" über die bolschewistische Frage Gehör zu schenken. Der erste, der Wilson und Lloyd George Vorgestellt wurde, war Botschafter Noulens, der ehemalige Freund des Botschafters Francis und Anführer sämtlicher sowjetfeindlicher Intriganten des diplomatischen Korps in Petrograd.

"Ich werde mich auf Tatsachen beschränken" sagte Noulens und begann sofort mit einem farbenprächtigen Bericht über "bolschewistische Greueltaten". Noulens wiederholte den aufgeregten Klatsch der sowjetfeindlichen diplomatischen Korps und der zarenfreundlichen Emigranten: "In der Peter-Pauls-Festung befindet sich eine Kompanie von berufsmäßigen Folterern«. Die bolschewistische Armee gleicht mehr einem Pöbelhaufen als einer Armee.

»Dann ist da der Fall des englischen Marineattache Hauptmann Cromey«, fuhr Noulens fort. »Er wurde bei der Verteidigung der englischen Botschaft getötet, sein Leichnam war drei Tage lang in einem Fenster der Botschaft zur Schau gestellt!« Terror, Massenmord, Entartung, Bestechlichkeit, völlige Mißachtung der Alliierten - dies alles seien die hervorstechenden Merkmale der Sowjetregierung....

Noulens gab sich die größte Mühe aber seine Erklärungen verfehlten die beabsichtigte Wirkung. Wenige Tage zuvor hatte der amerikanische Spezialagent W. H. Buckler in Wilsons Auftrag um eine vertrauliche Unterredung mit dem Mitglied der Sowjetregierung Maxim Litwinow angesucht. Das Ergebnis war der nachfolgende, vom 18. Januar 1919 datierte Bericht:

»Litwinow erklärte, daß die Sowjetregierung einen dauernden Frieden wünsche und die militärischen Vorbereitungen und kostspieligen Feldzüge, die Rußland nach vier erschöpfenden Kriegsjahren aufgezwungen werden, verabscheue. Die Sowjetregierung möchte Klarheit darüber erhalten, ob die Vereinigten Staaten und die Alliierten den Frieden wünschen. In diesem Falle wäre es leicht, zu einer Einigung zu gelangen, da die Sowjetregierung nach Litwinows Aussage bereit ist. in allen Punkten nachzugeben, auch was den Schutz bereits bestehender ausländischer Unternehmungen, die Gewährung neuer Konzessionen in Rußland und die ausländischen Anleihen betrifft... Die versöhnliche Haltung der Sowjetregierung ist nicht zu bezweifeln. ...

Soweit der Völkerbund imstande ist, den Krieg zu verhindern, ohne die Reaktion zu stärken, kann er mit der Unterstützung der Sowjetregierung rechnen.«

Buckler fügte hinzu, daß gewisse Elemente innerhalb der bolschewistischen Partei mit der Friedenspolitik der Sowjetregierung durchaus nicht einverstanden seien. Diese Opposition »hofft auf eine Verstärkung der alliierten Intervention« und - so bemerkte Buckler warnend - "die Fortsetzung der Intervention fördert die Sache dieser Extremisten.«

Es hatte den Anschein, als ob Woodrow Wilson seinen Friedensplan mit Lloyd Georges Hilfe gegen Clemenceau und Foch durchsetzen würde. Wilson faßte die von ihm vorgeschlagenen Bedingungen in einer Note zusammen, die er an die Sowjetregierung und an die verschiedenen weißgardistischen Gruppen sandte. Die Sowjetregierung erklärte sich unverzüglich mit Wilsons Plan einverstanden und traf Vorbereitungen für die Entsendung von Delegierten nach Prinkipo. Aber wie Winston Churchill später einmal sagte: »Der Augenblick war nicht günstig«, um in Rußland Frieden zu schaffen. Die meisten alliierten Führer erwarteten mit Bestimmtheit den baldigen Zusammenbruch der Sowjetregierung und gaben den von ihnen unterstützten »weißen« Gruppen inoffiziell den Rat, ein Zusammentreffen mit Sowjetdelegierten in Prinkipo abzulehnen.

Die Stimmung auf der Friedenskonferenz schlug plötzlich um. Lloyd George, der die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen erkannt hatte, reiste unvermittelt nach London ab. An seiner Stelle begab sich der jugendliche Kriegs- und Luftfahrtminister Winston Churchill eilends nach Paris, um dort die Sache der fanatischen Antibolschewisten zu vertreten.

Es war der 14. Februar 1919. Am folgenden Tag sollte Wilson nach Amerika zurückkehren, um dem von Senator Lodge geführten isolationistischen Kongreßblock entgegenzutreten, der alle seine Bemühungen um die Schaffung eines Systems der internationalen Zusammenarbeit und Sicherheit vereitelt hatte. Wilson, der sich seiner Niederlage in Europa bewußt war, fürchtete, in Amerika einen ähnlichen Fehlschlag zu erleiden. Er war enttäuscht, müde und völlig entmutigt.

Der englische Außenminister A. J. Balfour führte Winston Churchill beim Präsidenten Wilson mit der Bemerkung ein, der englische Kriegsminister sei nach Paris gekommen, um die derzeitige Haltung des englischen Kabinetts in der russischen Frage klarzustellen. Churchill begann sofort mit einem Angriff auf Wilsons Prinkipo-Projekt.

Er sagte: »Gestern fand in London eine Kabinettssitzung statt. Es herrschte große Besorgnis über die Lage in Rußland, besonders im Hinblick auf die beabsichtigte Zusammenkunft in Prinkipo ... Wir sind uns darüber einig, daß die Konferenz wenig Nutzen bringen wird, wenn nur die Bolschewiki daran teilnehmen. Wir dürfen die militärische Seite der Angelegenheit nicht außer acht lassen. In Rußland stehen englische Truppen, deren Leben täglich in Gefahr ist.«

Wilson antwortete: »Da Herr Churchill eigens von London herübergekommen ist, um mich noch vor meiner Abreise zu sehen, fühle ich mich verpflichtet, ihn mit meinen persönlichen Anschauungen über die russische Frage bekannt zu machen. Wenn auch vorläufig vieles unentschieden bleiben muß, bin ich mir über zwei Punkte restlos im klaren. Erstens: die Truppen der alliierten und verbündeten Mächte tun in Rußland nichts Gutes. Sie wissen nicht, für wen oder für welche Sache sie kämpfen. Es besteht keinerlei Aussieht, durch ihre Anwesenheit die Wiederherstellung der allgemeinen Ordnung in Rußland zu fördern, sondern sie dienen den Interessen lokaler Gruppen, wie beispielsweise der Kosaken, die nichts als die Verwirklichung ihrer Sonderbestrebungen im Auge haben. Aus diesen Gründen bin ich dafür, daß die alliierten und verbündeten Mächte ihre Truppen aus sämtlichen Teilen Rußlands zurückziehen.«

»Der zweite Punkt«, fuhr Wilson mit müder Stimme fort, »ist die Konferenz von Prinkipo ... Wir wünschen keine Annäherung an die Bolschewiki, sondern wir wollen wissen, woran wir sind. Die Berichte über Rußland, die aus verschiedenen offiziellen und inoffiziellen Quellen zu uns gelangen, sind so widersprechend, daß wir uns keine zusammenhängende Vorstellungen von den dort herrschendem Zuständen machen können. Eine Begegnung mit Vertretern des Landes würde wahrscheinlich zur Klärung der Lage beitragen.«

Als der Präsident seine Ausführungen beendet hatte, erwiderte Churchill:

»Die vollständige Zurückziehung der alliierten Truppen wäre politisch eindeutig und logisch, würde aber zur Vernichtung sämtlicher in Rußland befindlichen antibolschewistischen Streitkräfte führen, deren gegenwärtiger Stand etwa 500000 Mann beträgt. Ihr militärischer Wert ist nicht allzu groß, aber ihre Zahl ist ständig im Ansteigen. Eine solche Politik würde dieselbe Wirkung haben wie die Entfernung des Schwungrades aus einer Maschine. Der bewaffnete Widerstand gegen die Bolschewiki würde aufhören, Rußland hätte nichts mehr vor sich als eine endlose Häufung von Gewalttätigkeit und Elend.«

»Aber in manchen Gebieten würden diese bewaffneten Kräfte doch zweifellos den Reaktionären zu Hilfe kommen«, wandte Wilson ein. »Wenn man daher den Alliierten die Frage stellt, wen sie eigentlich in Rußland unterstützen, müssen sie antworten: wir wissen es nicht!«

Churchill hörte höflich zu, dann sagte er: »Es würde mich interessieren, ob der Rat der Bewaffnung der antibolschewistischen Streitkräfte in Rußland zustimmen wird, falls die Konferenz von Prinkipo ergebnislos verläuft.«

Wilson fühlte sich mutlos und krank; Lloyd George hatte ihn im Stich gelassen. Nun stand er als einzelner einer Gruppe von Männern gegenüber, die fest entschlossen waren, Ihre Absichten zu verwirklichen.

»Ich habe dem Rat auseinandergesetzt wie ich handeln Würde, wenn ich allein zu bestimmen hätte«, sagte der Präsident der Vereinigten Staaten. »lch werde mich aber in jedem Falle der Entscheidung der übrigen anschließen.«

Wilson kehrte in die Vereinigten Staaten zurück und begann einen tragischen, aussichtslosen Kampf gegen die amerikanische Reaktion Staatssekretär des Äußeren, Lansing übernahm seine Vertretung auf der Pariser Konferenz, was eine merkliche Umstimmung des Verhandlungstones zur Folge hatte. Von nun an konnten die Vertreter der Alliierten ihren Gedanken freien Ausdruck verleihen.

Clemenceau empfahl ohne alle Umschweife, die Friedenskonferenz solle versuchen, »auf möglichst unauffällige und einfache Art mit ihren Schwierigkeiten fertig zu werden«. Es wäre am besten, die Prinkipo-Angelegenheit einfach fallen zu lassen und überhaupt nicht mehr zu erwähnen. »Wenn die Alliierten schon einmal in diese Sache hineingeraten sind", sagte Clemenceau, "so müssen sie jetzt einen Ausweg finden.«

Der englische Außenminister Balfour nahm mit größerer Ausführlichkeit im gleichen Sinne Stellung "Wir müssen uns bemühen«, erklärte er, »das Unrecht der Bolschewiki nicht nur für die öffentliche Meinung, sondern auch für diejenigen sinnfällig zu machen, die im Bolschewismus eine Art abwegiger Demokratie erblicke, die aber doch viele gute Elemente enthält.«

Und nun wurde lang und ausführlich darüber diskutiert, auf welche Weise man die weißgardistischen Armeen am wirksamsten gegen die Sowjetregierung unterstützen könnte.

Churchill, der Lloyd Georges Platz am Konferenztisch eingenommen hatte, schlug die sofortige Errichtung eines Obersten Rates der Alliierten für russische Angelegenheiten mit Unterabteilungen für politische, wirtschaftliche und militärische Fragen vor. Die militärische Abteilung sollte »sich sofort an die Arbeit machen« und detaillierte Pläne für die bewaffnete Intervention auf breiter Grundlage entwerfen.

3. Golowins Mission

Da Churchill von nun an, wenn auch nur inoffiziell, als Oberkommandierender der sowjetfeindlichen alliierten Armeen galt, wurde der Schauplatz der Ereignisse nach London verlegt. Im Frühjahr und Sommer 1919 wimmelte es in den englischen Regierungsämtern in Whitehall von weißgardistischen Sonderbeauftragten. Sie kamen, um als Vertreter des Admirals Koltschak, des Generals Denikin und anderer weißgardistischer Führer endgültige Vorbereitungen für einen großangelegten Feldzug gegen die Sowjets zu treffen. Die Leitung der Verhandlungen, die streng geheim gehalten wurden, war in erster Linie Winston Churchill und Sir Samuel Hoare anvertraut. Churchill kümmerte sich in seiner Eigenschaft als Kriegsminister um die Belieferung der weißgardistischen Armeen mit überzähligem Material aus den englischen Kriegsbeständen. Hoare überwachte die komplizierten diplomatischen Verhandlungen.

Unter den weißgardistischen Vertretern befanden sich auch einige »demokratische Russen« vom Schlage des berühmten Sozialrevolutionärs und Terroristen Boris Sawinkow, des zaristischen Fürsten Lwow und des ehemaligen Außenministers des Zaren, Sergei Sasonow, der in Paris als Agent Denikins und Koltschaks aufgetreten war. Am 27. Mai 1919 berichtete die Londoner »Times«:

»Gestern abend fand im Unterhaus eine Zusammenkunft zwischen Herrn Sasonow und einigen Parlamentsmitgliedern statt. Sir Samuel Hoare führte den Vorsitz. Herr Sasonow erklärte, man könne mit gutem Grund den baldigen Zusammenbruch des Sowjetregimes erwarten, doch würde die Anerkennung der Regierung des Admirals Koltschak wesentlich zur Beschleunigung dieser Entwicklung beitragen. Er gab der tiefgefühlten Dankbarkeit des russischen Volkes Ausdruck, nicht nur für die von England gewährte materielle Unterstützung, sondern auch für die Hilfeleistung der englischen Marine, die einer großen Anzahl von Flüchtlingen das Leben gerettet habe.«

Der »offizielle Vertreter der weißgardistischen Armeen« beim englischen Kriegsministerium war Generalleutnant Golowin. Er tauchte zu Beginn des Frühjahrs 1919 mit einem an Winston Churchill gerichteten Einführungsbrief in London auf. Kurz nach seiner Ankunft hatte er eine Unterredung mit Sir Samuel Hoare, in deren Verlauf unter anderem auch die kaukasische Frage - mit besonderer Berücksichtigung der großen Ölvorkommen in Grosny und Baku - behandelt wurde.

Am 5. Mai stattete Golowin seinen ersten Besuch im Kriegsministerium ab. Hoare, der ihn begleitete, hatte ihm den Rat gegeben, seine russische Paradeuniform anzulegen. Die englischen Offiziere bereiteten Golowin einen sehr herzlichen Empfang. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten sie seinen Berichten über die Fortschritte der verschiedenen weißgardistischen Operationen.

Am gleichen Tage um 5 Uhr 30 nachmittags trat Golowin mit Churchill in Fühlung. Der Kriegsminister machte aus seinem Ärger über die Opposition der englischen Liberalen und der Arbeiterklasse gegen die Unterstützung der sowjetfeindlichen Weißen Armeen kein Hehl, gab aber gleichzeitig der Hoffnung Ausdruck, daß es ihm möglich sein würde, trotz all dieser Widerstände weitere 10 000 »Freiwillige« nach Nordrußland zu entsenden. Er wisse, daß in diesem Kriegsgebiet wegen der fortgeschrittenen Demoralisierung der englischen und amerikanischen Truppen Verstärkungen dringend gebraucht würden.

Churchill betonte ferner seine Bereitwilligkeit General Denikin weitgehend zu unterstützen. In jedem Falle könne Denikin mit 2500 »freiwilligen« militärischen Instruktoren und technischen Sachverständigen rechnen. Als sofortige greifbare Hilfe stellte Churchill einen Betrag von 24: Millionen Pfund Sterling in Aussicht, der auf die verschiedenen antisowjetischen Frontabschnitte verteilt werden würde, sowie hinreichendes Material, um 100 000 Judenitsch-Soldaten für den Marsch auf Petrograd auszurüsten und zu bewaffnen. Es bestehe die Absicht, 500 in deutscher Kriegsgefangenschaft befindliche zaristische Offiziere auf englische Kosten nach Archangelsk zu transportieren...

»Das Ergebnis der Unterredung übertraf alle meine Erwartungen«, bemerkte Golowin in dem Bericht, den er nach seiner Rückkehr seinen Vorgesetzten unterbreitete. »Churchill bringt uns nicht nur Sympathie entgegen, sondern tatkräftige, hilfsbereite Freundschaft. Man verspricht uns ein Höchstmaß von Unterstützung. Jetzt müssen wir den Engländern zeigen, daß wir bereit sind, den Worten Taten folgen zu lassen.«

VI. DER INTERVENTIONSKRIEG

l. Vorspiel

Im Sommer 1919 standen die Truppen von vierzehn Staaten auf sowjetischem Gebiet, ohne daß eine Kriegserklärung erfolgt war. Beteiligt waren:


Großbritannien

Serbien

Frankreich

China

Japan

Finnland

Deutschland

Griechenland

Italien

Polen

USA

Rumänien

Tschechoslowakei

Türkei


Schulter an Schulter mit diesen Angreifern kämpften die gegenrevolutionären Weißen Armeen; sie wurden von ehemaligen zaristischen Generälen geführt, denen an der Wiederherstellung der vom russischen Volk gestürzten Feudalaristokratie gelegen war.

Die sowjetfeindlichen Heerführer hatten einen großangelegten Feldzugsplan. Die Armeen der weißgardistischen. Generäle sollten gemeinsam mit den Interventionstruppen von allen vier Himmelsrichtungen konzentrisch auf Moskau vorrücken.

Im Norden und Nordwesten, bei Archangelsk, Murmansk und in den Ostseeprovinzen, standen die englischen Streitkräfte neben den weißgardistischen Truppen des Generals Nikolai Judenitsch.

Die südlichen Stützpunkte im Kaukasus und längs der Küste des Schwarzen Meeres wurden von General Anton Denikin gehalten, dessen Armee die Franzosen in großzügiger Weise ausgerüstet und verstärkt hatten.

Die Streitkräfte des Admirals Alexander Koltschak kampierten im Osten längs des Urals; ihre Operationen wurden von englischen Militärberatern geleitet.

Im Westen stand die neuorganisierte polnische Armee des Generals Pilsudski, die von französischenn geführt wurde.

Die Staatsmänner der Alliierten fanden immer wieder neue Gründe für die Anwesenheit ihrer Truppen in Rußland. Als im Frühjahr und Sommer 1918 die ersten Soldaten in Murmansk und Archangelsk an Land gingen, erklärten die alliierten Regierungen, diese Truppen sollten die Erbeutung militärischen Materials durch die Deutschen verhindern. Später behaupteten sie, Streitkräfte nach Sibirien gesandt zu haben, um den Tschechoslowaken den Rückzug aus Rußland zu erleichtern. Ferner war es angeblich die Aufgabe der alliierten Kontingente, den Russen bei der »Wiederherstellung der Ordnung« behilflich zu sein.

Die Staatsmänner der alliierten Mächte wiesen den Vorwurf der bewaffneten Intervention gegen die Sowjetregierung und der Einmischung in innerrussische Angelegenheiten zu wiederholten Malen energisch zurück. »Wir haben nicht die Absicht, die interne Verfassung Rußlands zu beeinflussen«, erklärte der englische Außenminister Arthur Balfour im August 1918. »Die Russen müssen mit ihren Problemen selbst fertig werden.«

Winston Churchill, der die Kampagne gegen Sowjetrußland persönlich leitete, äußerte sich später in seinem Buch »The Worid Crisis: the Aftermath« mit gewohnter Ironie und Unverblümtheit:

»Führten sie (die Alliierten) gegen Rußland Krieg? Keinesfalls, aber sie erschossen jeden Sowjetrussen, den sie erblickten. Ihre Truppen hatten russisches Gebiet besetzt. Sie bewaffneten die Feinde der Sowjetregierung. Sie blockierten Häfen und versenkten Kriegsschiffe. Der Zusammenbruch des Regimes wurde von ihnen angestrebt und vorbereitet. Aber von Krieg oder Einmischung zu sprechen, galt als peinlich und beschämend! Sie behaupteten immer wieder, es sei ihnen völlig gleichgültig, was im Innern Rußlands vorgehe. Sie waren unparteiisch - basta!«

Der junge Sowjetstaat kämpfte unter den ungünstigsten Bedingungen um sein Bestehen. Das Land war durch die Verwüstungen des Weltkrieges erschöpft. Millionen Menschen waren ohne Besitz und Nahrung. Die Fabriken standen leer, der Boden wurde nicht bearbeitet, das Verkehrswesen war lahmgelegt. Wie konnte ein solches Land dem gewaltigen Ansturm eines Feindes standhalten, der über starke, wohlausgerüstete Armeen, unerschöpfliche Geldmittel und reichliche Nahrungs- und Materialvorräte verfügte?

Die ringsum von ausländischen Angreifern eingeschlossene, im Rücken ständig durch Verschwörungen bedrohte Rote Armee zog sich unter erbitterten Abwehrkämpfen langsam zurück. Der Herrschaftsbereich der Moskauer Regierung schrumpfte auf ein Sechzehntel des russischen Gesamtgebietes zusammen: es war eine sowjetische Insel inmitten eines sowjetfeindlichen Ozeans.

2. Die Nordfront

Schon zu Beginn des Sommers 1918 waren in Archangelsk Spezialagenten des britischen Geheimdienstes eingetroffen. Sie hatten den Auftrag, einen bewaffneten Aufstand gegen die sowjetische Ortsverwaltung dieser strategisch äußerst wichtigen Hafenstadt einzuleiten. Die englischen Geheimagenten arbeiteten unter der Leitung und Aufsicht des Hauptmanns Georg Jermolajewitsch Chaplin, einen ehemaligen Zarenoffiziers, der Aufnahme in die englische Armee gefunden hatte; weißgardistische gegenrevolutionäre Verschwörer beteiligten sich an den Vorbereitungen.

Am 2. August brach die Revolte aus. Am nächsten Tag landete der englische Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Nordrußland, Generalmajor Frederick C. Poole, unter dem Schutz englischer und französischer Kriegsschiffe Truppen in Archangelsk und besetzte die Stadt. Gleichzeitig traten serbische und weißgardistische Abteilungen unter der Führung des Obersten Thornhill vom britischen Geheimdienst vom Onega-See her einen Überlandmarsch an, um die Verbindung zwischen Archangelsk und Wologda abzuschneiden und den zurückweichenden Bolschewiki in den Rücken zu fallen.

Nach Beseitigung des örtlichen Sowjets setzte General Poole in Archangelsk eine Scheinregierung ein, die sich »Regierung Nordrußlands« nannte; an ihrer Spitze stand ein ältlicher Politiker namens Nikolai Tschaikowski. Aber nach kurzer Zeit erschien sogar diese sowjetfeindliche Verwaltung General Poole und seinen zaristischen Verbündeten zu liberal. Man entschloß sich, auf die formelle Aufrechterhaltung einer Regierung zu verzichten und eine Militärdiktatur einzusetzen.

Der Plan General Pooles und seiner weißgardistischen Freunde kam am 5. September zur Ausführung. Am nächsten Tag traf Botschafter David R. Francis zu einem Besuch in Archangelsk ein. Er wurde gebeten, ein Bataillon amerikanischer Truppen zu inspizieren. Als die letzten Reihen vorbeimarschiert waren, bemerkte General Poole in leichtem Ton: »Gestern Abend hatten wir hier eine Revolution.«

»Was sagen Sie da, zum Donnerwetter!« entfuhr es dem Botschafter. »Wer hat die Sache in Gang gebracht?«

»Chaplin«, antwortet General Poole und zeigte dem Botschafter den zaristischen Marineoffizier, der die ursprüngliche Revolte gegen den Sowjet von Archangelsk in die Wege geleitet hatte.

Francis forderte Hauptmann Chaplin durch eine Handbewegung auf, zu ihm herüberzukommen.

»Chaplin«, fragte der amerikanische Botschafter, »wer hat den gestrigen Aufstand veranlaßt?« »Ich«, lautete die lakonische Antwort.

Der Staatsstreich hatte am Abend des vorangegangenen Tages stattgefunden. Präsident Tschaikowski und die übrigen Mitglieder der Regierung Nordrußlands waren mitten in der Nacht von Hauptmann Chaplin und einigen englischen Offizieren entführt und heimlich auf einem Boot nach einer nahegelegenen Insel geschafft worden. Dort ließ Hauptmann Chaplin die russischen Politiker unter militärischer Bewachung in einem einsamen Kloster zurück.

Solche selbstherrlichen Methoden schienen sogar dem Botschafter Francis zu primitiv - um so mehr, als man das Komplott vor ihm geheimgehalten hatte. Francis erklärte General Poole, daß die amerikanische Regierung diesen Gewaltstreich nicht decken würde...

Innerhalb von vierundzwanzig Stunden kehrten die Minister der Scheinregierung nach Archangelsk zurück, die »Regierung Nordrußlands« wurde wieder in ihre Rechte eingesetzt. Francis teilte dem amerikanischen Staatsdepartement telegraphisch mit, daß er durch sein Einschreiten die Demokratie gerettet habe.

Zu Beginn des Jahres 1919 befanden sich 18 400 englische Soldaten in Archangelsk und Murmansk. An ihrer Seite kämpften 5100 Amerikaner, 1800 Franzosen, 1200 Italiener, 1000 Serben und etwa 20 000 Weißgardisten. Hauptmann John Cudahy, der dem amerikanischen Expeditionskorps angehörte, beschreibt in seinem Buch »Archangelsk: The American War with Russia« die damals in dieser Stadt herrschenden Zustände. »Alle waren Offiziere.« Da gab es nach Cudahys Bericht zahllose zaristische Offiziere, die »von dem Gewicht ihrer schweren, glänzenden Medaillen niedergezogen wurden«; Kosakenoffiziere mit hohen grauen Mützen, prunkvollen Uniformröcken und rasselnden Säbeln; englische Offiziere aus Eton und Harrow; serbische, italienische und französische Offiziere ...

»Daneben«, fährt Cudahy fort, »gab es natürlich eine Menge von Burschen; sie putzten die Stiefel, polierten die Sporen und hielten alles in Ordnung; andere kümmerten sich um das Inventar des Offiziersklubs und servierten Whisky und Soda.«

Die Gewohnheiten dieser Offiziere standen in krassem Gegensatz zu ihrer vornehmen Lebensweise.

Ralph Albertson, ein Y.M.C.A.-Funktionär (Young Men's Christian Association = Christlicher Verein junger Männer), der sich im Jahre 1919 in Nordrußland aufhielt, schreibt in seinem Buch »Fighting Without a War«: »Wir gingen mit Gasgranaten gegen die Bolschewiki vor. Bei der Evakuierung von Dörfern legten wir alle möglichen Sprengstoffe aus. Einmal erschossen wir mehr als dreißig Gefangene. Es gelang uns, den Kommissar von Borok gefangenzunehmen; ein Sergeant erzählte mir, daß sein von sechzehn Bajonettstichen durchbohrter Leichnam nackt auf der Straße liegenblieb. Unser Überfall auf Borok kam überraschend. Der Kommissar, ein Zivilist, fand keine Zeit, nach einer Waffe zu greifen. Ich hörte, wie ein Offizier seine Soldaten mehrmals ermahnte, keine Gefangenen zu machen und selbst Leute, die ihnen unbewaffnet in die Hände fielen, zu töten. Ich sah, wie ein entwaffneter bolschewistischer Gefangener, der sich vollkommen ruhig verhielt, kaltblütig niedergeschossen wurde. Nacht für Nacht führte das Exekutionskommando neue Opfer ab.«

Die einfachen Soldaten der alliierten Heere waren nicht mit dem Herzen bei der Sache. Sie verstanden nicht, warum sie weiter in Rußland kämpfen sollten, trotzdem der Krieg als beendet galt. Es war für die alliierten Befehlshaber nicht leicht, eine Erklärung zu finden.

Eine Verlautbarung des englischen Hauptquartiers in Nordrußland, die vor englischen und amerikanischen Soldaten verlesen wurde, begann mit folgenden Worten:

»Die Truppe scheint sich nicht darüber im klaren zu sein, warum wir hier in Nordrußland kämpfen. Die Erklärung ist sehr einfach: wir sind gegen den Bolschewismus, der reine Anarchie bedeutet. Ihr seht, wie es zur Zeit um Rußland bestellt ist. Die Macht befindet sich in den Händen einiger Männer, meist Juden ...«

Die Stimmung verschlechterte sich zusehends. Streitigkeiten zwischen englischen, französischen und weißgardistischen Soldaten wurden immer häufiger. Es kam zu Meutereien. Als das 339. amerikanische Infanterieregiment den Gehorsam verweigerte, rief der Kommandant, Oberst Stewart, seine Leute zusammen und las ihnen die Kriegsartikel vor, nach denen auf Meuterei die Todesstrafe stand. Nach einer kurzen, eindrucksvollen Pause fragte der Oberst, ob jemand eine Frage zu stellen habe. Eine Stimme ertönte aus den Reihen: »Herr Oberst, warum sind wir hier und welche Ziele verfolgt die Regierung der Vereinigten Staaten?«

Der Oberst war nicht imstande, diese Frage zu beantworten. Der englische Generalstabschef Sir Henry Wilson lieferte für das offizielle englische Blaubuch nachfolgenden Bericht über die Lage in Nordrußland im Sommer 1919:

»Am 7. Juli ereignete sich bei der 3. Kompanie des l. Bataillons der Slawisch-Britischen Legion und bei der Maschinengewehrkompanie des 4. Northern-Rifle-Regiments, die auf dem linken Dwina-Ufer in Reservestellung lagen, eine Meuterei von größerem Umfang. Drei englische und vier russische Offiziere wurden ermordet, zwei englische und zwei russische Offiziere verwundet. Am 22. Juli traf die Nachricht ein, daß das russische Regiment im Onegaabschnitt gemeutert und die ganze Onegafront an die Bolschewiki ausgeliefert habe.« Die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten forderte mit wachsendem Nachdruck die Zurückziehung der amerikanischen Truppen aus Rußland. Der nie verstummende Wortschwall der antibolschewistischen Propaganda vermochte die Stimmen der Frauen und Eltern nicht zu übertönen, denen es unverständlich blieb, warum ihre Männer und Söhne nach Beendigung des Krieges an einem langwierigen, geheimnisvollen Feldzug in der sibirischen Einöde und in der grimmen, bitteren Kälte von Murmansk und Archangelsk teilnehmen mußten. Während der Sommer- und Herbstmonate des Jahres 1919 begaben sich zahlreiche Delegationen aus allen Teilen der Vereinigten Staaten nach Washington, um dort mit ihren Abgeordneten in Verbindung zu treten und die Heimkehr der in Rußland befindlichen amerikanischen Soldaten zu fordern. Diese Bemühungen fanden Widerhall im Kongreß.

Senator Borah ergriff am 5. November 1919 in dieser Sache das Wort:

»Herr Präsident, es gibt keinen Krieg zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten. Der Kongreß hat weder der russischen Regierung noch dem russischen Volk den Krieg erklärt. Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten wünscht nicht, mit Rußland Krieg zu führen ... Aber obwohl es keinen Krieg gibt, obwohl der Kongreß keine Kriegserklärung ausgesprochen hat, setzen wir den Kampf gegen das russische Volk fort. Wir unterhalten eine Armee in Rußland; wir beliefern andere in diesem Land stehende Streitkräfte mit Waffen und Vorräten, und wir sind so tief in den Konflikt verwickelt, als ob nach Befragung der verfassungsmäßig zuständigen Obrigkeit eine Kriegserklärung erfolgt und die Nation zu diesem Zweck zu den Waffen aufgerufen worden wäre... Es gibt weder eine gesetzliche noch eine moralische Rechtfertigung für die Preisgabe dieser Menschenleben. Ein solches Vorgehen verstößt gegen die Grundprinzipien jeder freiheitlichen Verfassung.«

Die englische und die französische Bevölkerung mißbilligten den Krieg gegen Sowjetrußland ebenso wie die Amerikaner. Trotzdem nahm der inoffizielle Krieg gegen Rußland seinen Fortgang.

 

3. Die Nordwestfront

Der im November 1918 zynischen den Alliierten und den Mittelmächten abgeschlossene Waffenstillstand enthielt unter Artikel 12 eine wenig bekannte Klausel, der zufolge die deutschen Truppen so lange in den von ihnen besetzten russischen Gebieten verbleiben sollten, als es den Alliierten zweckmäßig erscheinen würde. Diese Truppen waren durch gegenseitiges Übereinkommen für den Einsatz gegen die Bolschewiki bestimmt. In den Ostseeprovinzen wurde die kaiserliche Armee allerdings von einem rapiden Zersetzungsprozeß ergriffen. Die kriegsmüden, meuternden Deutschen desertierten in hellen Scharen.

Da die Sowjetbewegung in Lettland, Litauen und Estland rasche Fortschritte machte, beschloß das englische Oberkommando, zunächst in erster Linie die in den baltischen Gebieten kämpfenden Formationen der Weißgardisten zu unterstützen. General Graf Rüdiger von der Goltz, ein Mitglied der deutschen Heeresleitung, wurde dazu ausersehen, diese Banden zu einer militärischen Einheit zusammenzuschweißen und ihre Führung zu übernehmen.

Finnland hatte im Frühjahr 1918, von der Stoßkraft der russischen Revolution getragen, seine Unabhängigkeit erworben. Bald darauf führte von der Goltz ein deutsches Expeditionskorps gegen die junge Republik. Er unternahm den finnischen Feldzug auf ausdrücklichen Wunsch des Barons Karl Gustav von Mannerheim, eines schwedischen Aristokraten, der als Offizier in der Kaiserlichen Berittenen Garde des Zaren gedient hatte. Mannerheim war der Führer der »Weißen« in Finnland.

Von der Goltz, der neue Befehlshaber der Weißen Garde in den Ostseeprovinzen, versuchte nun, die Sowjetbewegung in Lettland und Litauen durch terroristische Methoden auszurotten. Große Gebietsteile fielen Plünderungen seiner Truppen zum Opfer, die Zivilbevölkerung wurde durch Massenhinrichtungen dezimiert. Die Letten und Litauer waren viel zu schlecht ausgerüstet und organisiert, um diesem wütenden Ansturm standzuhalten. Nach kurzer Zeit regierte von der Goltz als Diktator über beide Völker.

Die von Herbert Hoover geleitete amerikanische Hilfsaktion stellte den von dem deutschen General von der Goltz besetzten Gebieten reichliche Lebensmittellieferungen zur Verfügung.

Die Alliierten waren in eine peinliche Lage geraten. Von der Goltz hatte sich mit ihrer Hilfe zum Beherrscher des Ostseegebietes aufgeschwungen; aber schließlich war er immer noch ein deutscher General, und es war daher zu befürchten, daß die Deutschen versuchen würden, durch seine Vermittlung Einfluß auf diese Staaten zu gewinnen.

Im Juni 1919 beschlossen die Engländer, von der Goltz durch einen General zu ersetzen, der sich in stärkerer Abhängigkeit von ihnen befand.

Sidney Reillys Freund, der 58jährige zaristische General Nikolai Judenitsch, wurde zum Oberbefehlshaber der neuorganisierten Weißen Truppen ernannt. Die Engländer erklärten sich bereit, General Judenitsch das für den Vormarsch auf Petrograd notwendige Kriegsmaterial zur Verfügung zu stellen. Die erste Lieferung sollte 15 Millionen Patronen, 3000 Maschinenpistolen, eine Anzahl von Tanks und Flugzeugen und vollständige Ausrüstung für zehntausend Mann umfassen.

Vertreter der Hooverschen Hilfsaktion versprachen, Lebensmittel für die von General Judenitsch besetzten Gebiete zu beschaffen. Major R. R. Powers, der Leiter der estnischen Abteilung der Baltischen Mission des Amerikanischen Hilfswerkes, machte sich mit großer Gewissenhaftigkeit an die Errechnung der Lebensmittelmengen, die notwendig schienen, um die Einnahme Petrograds durch die weißgardistische Armee des Generals Judenitsch sicherzustellen. In Reval trafen die ersten Schiffe mit Hilfsgütern für die von General Judenitschs Truppen besetzten Gebiete ein.

Unter Judenitschs Führung wurde eine Generaloffensive gegen Petrograd unternommen. In der dritten Oktoberwoche des Jahres 1919 drang die Kavallerie des Generals in die Vorstädte ein. Für die alliierten Regierungen war der Fall von Petrograd - nur noch eine Frage von Tagen oder Stunden. Nach den Schlagzeilen der »New York Times« war der Sieg bereits eine feststehende Tatsache:

18. Oktober: Stockholm meldet: antibolschewistische Streitkräfte in Petrograd.

20. Oktober: Fall von Petrograd bestätigt; Verbindung mit Moskau abgeschnitten.

21. Oktober: Antibolschewistische Truppen vor Petrograd; Nachricht vom Fall der Stadt wird stündlich in London erwartet. Aber vor den Toren von Petrograd wurde Judenitschs Vormarsch zum Stehen gebracht. Die Stadt sammelte ihre revolutionären Kräfte und schlug zurück. Der entschlossene Angriff brachte Judenitschs Truppen ins Wanken.

Am 29. Februar 1920 berichtete die »New York Times«: »Judenitsch läßt sein Heer im Stich; reist mit 100 Millionen Mark nach Paris ab.«

Judenitsch floh in einem Auto, das die englische Flagge führte, in südlicher Richtung; seine Armee ließ er in völliger Auflösung zurück. Abgesprengte Gruppen wanderten durch das schneebe-deckte Land; Tausende von Soldaten kamen durch Hunger, Krankheit und Kälte um.

4. Die Südfront

Während die Streitkräfte Judenitschs im Norden gegen Petrograd vorstießen, wurde der Angriff im Süden von dem 45jährigen ehemaligen zaristischen General Anton Denikin geführt, einem vornehm aussehenden Offizier mit angegrautem Schnurrbart und Spitzbart. Denikin schilderte später seine Weißen Truppen als Träger »eines einzigen, innersten, heiligen Gedankens, einer einzigen brennenden Hoffnung und Sehnsucht: ... Rußland zu retten.« Aber bei der Bevölkerung Südrußlands hinterließ die Armee Denikins durch ihre grausamen Kampfmethoden eine andere Vorstellung.

Seit dem Beginn der russischen Revolution war die Ukraine mit ihren reichen Weizenfeldern und das Dongebiet mit seinen riesigen Kohlen- und Eisenlagern der Schauplatz heftiger militärischer Auseinandersetzungen. Nach der Gründung der Ukrainischen Sowjetrepublik im Dezember 1917 forderte der sowjetfeindliche ukrainische Führer Simon Petljura die deutsche Heeresleitung auf, ihm durch Entsendung von Truppen bei der Beseitigung des Sowjetregimes behilflich zu sein. Die Deutschen, die schon längst begehrliche Blicke auf die reichen Lebensmittelschätze der Ukraine geworfen hatten, ließen sich nicht zweimal bitten.

Deutsche Truppen unter dem Befehl des Feldmarschalls Hermann von Eichhorn fielen in die Ukraine ein. Eichhorn war an diesem Feldzug persönlich stark interessiert: er war mit einer Gräfin Durnowo verheiratete einer reichen russischen Aristokratin, der eines der größten Landgüter der Ukraine gehört hatte. Die Sowjettruppen wurden aus Kiew und Charkow vertrieben, es kam zur Bildung einer »Unabhängigen« Ukrainer Regierung mit Petljura an der Spitze. Die eigentliche Regierung lag in den Händen der deutschen Okkupationsarmee. Petljura, der einen »Nationalen Sozialismus« anzustreben behauptete, veranstaltete in der ganzen Ukraine blutige antisemitische Pogrome.

Die revolutionären ukrainischen Arbeiter und Bauern wurden durch rücksichtslose Maßnahmen unterdrückt.

Trotzdem wuchs die revolutionäre Bewegung weiter an. Eichhorn kam zu der Einsicht, daß Petljura der Situation nicht mehr gewachsen war; seine Regierung wurde durch eine Militärdiktatur abgelöst. Das Haupt der neuen Scheinregierung war Eichhorns Schwager, General Pawel Petrowitsch Skoropadski, ein bis dahin unbekannter russischer Kavallerieoffizier, der nicht ein Wort ukrainisch sprach. Skoropadski legte sich den Titel "Hetman der Ukraine" bei.

Aber dem Hetman Skoropadski erging es nicht viel besser als Petljura. Noch vor Ende des Jahres 1918 floh er, als deutscher Soldat verkleidet, aus der Ukraine; auch die durch die Rote Armee und die ukrainischen Partisanen dezimierte deutsche Besatzungsarmee wurde abgezogen.

Das Zurückweichen der Deutschen bedeutete für die ukrainischen Bolschewiki noch lange nicht das Ende aller Schwierigkeiten. Die Alliierten förderten auch in Südrußland alle sowjetfeindlichen, weißgardistischen Strömungen. Sie unterstützten in erster Linie die in der »Freiwilligenarmee« des Donkosakengebietes zusammengefaßten gegenrevolutionären Kräfte; die Führer dieses Verbandes waren Kaledin, Kornilow, Denikin und andere ehemalige zaristische Generäle, die nach der Oktober-revolution südwärts geflohen waren.

Zu Beginn des Feldzuges erlitt die Freiwilligenarmee bedenkliche Rückschläge. General Kaledin beging Selbstmord. Sein Nachfolger, General Kornilow, wurde von den Sowjettruppen aus dem Dongebiet verdrängt; er fiel am 13. April 1918. General Denikin leitete den Rückzug der völlig erschöpften Freiwilligenarmee.

Gerade in diesem Augenblick, der einen Tiefpunkt in der Entwicklung der weißgardistischen Bewegung bedeutete, landeten die ersten englischen und französischen Truppen in Murmansk und Archangelsk; eine Flut von Materiallieferungen ergoß sich über die russische Grenze. So wurden Denikins schwer bedrohte Truppen vor der völligen Vernichtung errettet. Im Herbst 1918 konnte die Offensive gegen die Sowjets neuerlich aufgenommen werden....

Am 22. November 1918, genau elf Tage nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands, der den ersten Weltkrieg beendete, traf im südlichen Hauptquartier General Denikins eine Funkmeldung ein, die die Ankunft einer alliierten Flotte in Noworossijsk ankündigte. Am nächsten Tag lagen die alliierten Schiffe bereits in dem Schwarzmeerhafen vor Anker; eine Gruppe von englischen und französischen Bevollmächtigten ging an Land, um Denikin mitzuteilen, daß er in der allernächsten Zeit umfangreiche Materiallieferungen aus Frankreich und England erhalten würde.

In den letzten Wochen des Jahres 1918 besetzten die Franzosen Odessa und Sewastopol. Ein englisches Geschwader lief ins Schwarze Meer ein, um bei Batuni Truppenabteilungen zu landen. Ein britischer Offizier wurde zum Generalgouverneur des Gebietes ernannt.

Nachdem Denikin von den Engländern alles notwendige Material für seine Truppen erhalten hatte, begann er unter Oberaufsicht der französischen Heeresleitung eine großangelegte Offensive gegen Moskau. Seine Hauptstütze in diesem Feldzug war General Baron von Wrangel, ein großer, schlanker Mann mit schütterem Haar und kalten, schiefergrauen Augen Wrangel war wegen seiner rücksichtslosen Grausamkeit gefürchtet. Von Zeit zu Zeit ließ er Gruppen von unbewaffneten Gefangenen vor den Augen ihrer Kameraden hinrichten, die er dann vor die Wahl stellte, in seine Armee einzutreten oder das gleiche Schicksal zu erleiden. Unmittelbar nach der Erstürmung von Stawropol drangen die Soldaten Wrangels und Denikins in ein Lazarett ein, wo sie siebzig verwundete Rotarmisten ermordeten. Denikin erteilte seinen Truppen die ausdrückliche Erlaubnis zu plündern. Wrängel wies seine Soldaten an, die während des Feldzugs gemachte Beute »gleichmäßig zu verteilen«.

Auf ihrem Zuge nach Norden besetzten Denikin und Wrangel im Juni 1919 Zarizyn (das jetzige Stalingrad). Im Oktober näherten sie sich der 200 Kilometer von Moskau entfernten Stadt Tula. »Das Gebäude des Bolschewismus kracht in allen Fugen«, schrieb die »New York Times«. »Die Evakuierung der bolschewistischen Hauptstadt Moskau hat begonnen.« In der »Times« hieß es: Denikin »jagt den Feind vor sich her«, die Rote Armee zieht sich in »wilder Panik« zurück.

Aber die Rote Armee raffte sich zu einer plötzlichen Gegenoffensive auf. Stalin, der dem Revolutionären Kriegskomitee angehörte, hatte den Angriffsplan entworfen.

Diese Wendung kam für Denikins Truppen völlig überraschend. Nach wenigen Wochen flutete die weißgardistische Südarmee in wilder, planloser Flucht zum Schwarzen Meer zurück. Die Disziplin war völlig zusammengebrochen. Scharen von Kranken und Sterbenden verstopften die Straßen. In vielen Lazarettzügen fehlte es an Medikamenten, Ärzten und Schwestern. Die Armee zerfiel in Räuberbanden, die sich in südlicher Richtung fortbewegten.

Am 9. Dezember 1919 sandte General Wrangel eine verzweifelte Depesche an General Denikin:

»Das ist die bittere Wahrheit: unsere Armee hat aufgehört zu existieren.«

In den ersten Wochen des Jahres 1920 erreichten, die Überreste der Denikin-Armee den Schwarzmeerhafen Noworossijsk. Weißgardistische Soldaten, Deserteure und flüchtende Zivilisten strömten in die Stadt.

Am 27. März 1920 bestieg Denikin in Noworossijsk ein französisches Schlachtschiff; seine Flucht wurde von dem englischen Kriegsschiff »Emperor of India« und dem französischen Kreuzer »Waldeek-Rousseau« gedeckt, die einen Hagel von Granaten. gegen die nachrückenden Roten Kolonnen richteten. Zehntausende von Denikins Soldaten strömten auf die Docks und sahen. hilflos zu, wie ihr Kommandant mit seinem Stab abdampfte.

5. Die Ostfront

Nach dem Feldzugsplan der Interventionisten hatte Admiral Koltschak seine Truppen Östlich von Moskau in Stellung bringen sollen, während Denikin seine Truppen vom Süden her an. die Stadt heranführte. Aber die Ereignisse nahmen einen anderen Verlauf... Im Frühjahr und zu Beginn des Sommers 1919 berichteten die Zeitungen von Paris, London und New York haufig und mit großer Ausführlichkeit über die verheerenden. Niederlagen, die Admiral Koltschak der Roten Armee zufügte. Die »New York Times« brachte beispielsweise folgende Schlaggeilen: 26. März: Koltschak verfolgt besiegte Rote Armee 20. April: Zusammenbruch der Roten im Osten 22. April: Koltschaks Sieg erschüttert Rote Regierung 15. Mai: Koltschak plant Vormarsch auf Moskau. Aber am 11. August veröffentlichte die »Times« eine telegraphische Meldung aus Washington:

»Ein hoher Regierungsbeamter erklärte heute, es sei an der Zeit, die antibolschewistischen Völker der Welt auf die Möglichkeit des Zusammenbruches des Koltschak-Regimes in Westsibirien vorzubereiten.«

Im Hochsommer versuchte Admiral Koltschak, sich den vernichtenden Angriffen der Roten Armee durch rasche Flucht zu entziehen. Hinter der Kampflinie wurden seine Truppen unaufhörlich durch weitverzweigte, rasch anwachsende Partisanenverbände beunruhigt. Im November räumte Koltschak seine Hauptstadt Omsk. In zerfetzten Uniformen und zerrissenen Stiefeln trotteten Koltschaks Soldaten über die Chausseen. Tausende lösten sich aus diesem endlosen Elendszug und starben im Schnee am Straßenrand. Die von Omsk ausgehenden Eisenbahnlinien waren durch unbrauchbare Lokomotiven gesperrt. Ein Augenzeuge berichtete: »Die Leichen blieben auf den Straßen liegen, wo sie verfaulten.«

Ein Eisenbahnzug, der die Flagge Großbritanniens, das Sternenbanner Amerikas, die Trikoloren Frankreichs und Italiens und die aufgehende Sonne Japans führte, brachte Koltschak nach Irkutsk.

Am 24. Dezember 1919 revoltierte die Einwohnerschaft von Irkutsk, errichtete einen Sowjet und setzte Koltschak gefangen. Seine Schätze, die er in einem besonderen Zug mit sich geführt hatte, wurden beschlagnahmt: es waren 5143 Kisten und 1680 Säcke, die Goldbarren, Wertpapiere und Wertgegenstände enthielten. Der Gesamtwert wurde auf 1 150 500 000 Rubel geschätzt.

Die Sowjetregierung leitete gegen Admiral Koltschak ein Verfahren wegen Landesverrates ein. Koltschak erklärte dem Gerichtshof : »Wenn ein Schiff sinkt, so geht es mit der ganzen Mannschaft unter.« Er äußerte sein Bedauern darüber, nicht auf hoher See geblieben zu sein, und stellte mit Verbitterung fest, »ausländische Elemente« hätten ihn in der höchsten Gefahr im Stich gelassen und verraten...

Der Gerichtshof verurteilte Koltschak zum Tode. Er wurde am 7. Februar 1920 von einem Exekutionskommando erschossen. Ein Teil seiner Offiziere floh zu den Japanern. Einer von ihnen, General Bakitsch, sandte dem weißgardistischen Konsul von Urga in der Mongolei folgende Abschiedsbotschaft: »Ich habe mich vor den Verfolgungen der Juden und Kommunisten über die Grenze gerettet!«

6. Wrangel und die Polen

Trotz all dieser katastrophalen Rückschläge holten die englisch-französischen Interventionisten noch zweimal zum Angriff gegen das westliche Sowjetrußland aus.

Im April 1920 rückten die Polen, die Ansprüche auf den westlichen Teil der Ukraine und die russische Stadt Smolensk erhoben, vom Westen her vor. Sie waren von Frankreich und England in großzügiger Weise ausgerüstet worden. Die Vereinigten Staaten stellten eine Anleihe von 50 Millionen Dollar zur Verfügung. Die Polen fielen in die Ukraine ein und besetzten Kiew; dort wurden sie von der Roten Armee zum Stehen gebracht und zurückgeworfen.

Die russischen Truppen folgten den eilig fliehenden Polen hart auf den Fersen. Im August stand die Rote Armee vor den Toren Warschaus und Lembergs.

Die alliierten Regierungen überboten sich in neuen Anleihen und Lieferungen. Marschall Foch beauftragte seinen Stabschef, General Maxime Weygand, sofort die Leitung des polnischen Feldzuges zu übernehmen. Englische Tanks und Flugzeuge wurden nach Warschau dirigiert. Tuchatschewski und Kriegskommissar Leo Trotzki, die den Vormarsch der Roten Truppen leiteten, hatten es zu einer gefährlichen Ausdehnung der Verbindungslinien kommen lassen. Als Folge davon wurde die sowjetische Heeresmacht beim Einsetzen der polnischen Gegenoffensive auf der ganzen Front zurückgedrängt. Der Frieden von Riga zwang die Sowjetregierung, die westlichen Teile Bjelorußlands und der Ukraine an Polen abzutreten.

Der Friedensschluß mit Polen machte die Rote Armee für den Kampf mit General Wrangel frei, der an Stelle von General Denikin das Kommando im Süden übernommen hatte und mit Hilfe der Franzosen von der Krim nordwärts gegen die Ukraine vorgestoßen war. Im Spätherbst 1920 gelang es den Roten Streitkräften, Wrangel zurückzuwerfen und auf der Krim abzuriegeln. Nach der Erstürmung von Perekop ergoß sich die Rote Armee über die ganze Halbinsel und trieb Wrangels Truppen ins Meer.

7. Der letzte Überlebende

Nachdem die Intervention im Westen mit der Vernichtung der Wrangel-Armee ihr Ende gefunden hatte, befand sich nur noch eine ausländische Heeresmacht auf russischem Boden: die Armee des japanischen Kaiserreiches. Es schien, als ob Sibirien mit all seinen Reichtümern unwiderruflich in die Hände der Japaner fallen sollte. General Baron Tanaka, der japanische Kriegsminister und Leiter der japanischen Militärspionage, äußerte triumphierend: »Die Revolution hat den russischen Patriotismus vernichtet. Um so besser für uns! Von nun an kann die Sowjetmacht nur noch durch starke ausländische Truppen erledigt werden!«

Japan unterhielt in Sibirien noch immer 70000 Soldaten sowie Hunderte von Geheimagenten, Spionen, Saboteuren und Terroristen. Weißgardistische Formationen setzten ihre Operationen im fernöstlichen Rußland unter Aufsicht der japanischen Heeresleitung fort. An der Spitze all dieser sowjetfeindlichen Streitkräfte stand die Räuberarmee des Kosakenatamans Semjonow, eines Strohmannes der Japaner.

Obwohl die Japaner unter amerikanischem Druck nur langsam vorzugehen wagten, schlössen sie am 8. Juni 1921 in Wladiwostok einen Geheimvertrag mit Ataman Semjonow, in dem eine neue Generaloffensive gegen die Sowjetregierung vereinbart wurde. Auf Grund dieses Vertrages sollte Semjonow nach Auflösung der Sowjets die volle Regierungsgewalt übernehmen. Das Geheimabkommen enthielt weiter die Bestimmung:

»Sobald im Fernen Osten eine stabile Regierung besteht, sind japanische Staatsbürger bei der Erteilung von Jagd-, Fischerei- und Forstrechten sowie bei der Ausbeutung von Bergwerken und Goldminen bevorzugt zu behandeln.«

Einem der führenden Offiziere in Semjonows Stab, Baron Ungern-Sternberg, war eine wichtige Rolle in dem geplanten Feldzug zugedacht.

Und nun kam das Schlußkapitel des Interventionskrieges. Generalleutnant Baron Roman von Ungern-Sternberg, ein blasser baltischer Aristokrat von femininem Aussehen mit blondem Haar und langem, rötlichem Schnurrbart, war als junger Mann in die Armee des Zaren eingetreten. 1905 kämpfte er gegen die Japaner, später trat er in ein sibirisches Kosaken-Polizeiregiment ein. Im ersten Weltkrieg diente er unter Baron Wrangel und wurde für Tapferkeit vor dem Feinde an der Südfront mit dem St.-Georgs-Kreuz ausgezeichnet. Bei seinen Kameraden stand er wegen seiner wilden, rücksichtslosen Grausamkeit und seiner plötzlichen heftigen Wutanfälle in schlechtem Ruf.

Nach der Revolution kehrte Baron Ungern nach Sibirien zurück, wo er das Kommando eines Kosakenregiments übernahm, das Raubzüge durchführte und vereinzelte Kämpfe gegen die örtlichen Sowjets lieferte. Schließlich traten japanische Agenten an ihn heran; sie überredeten ihn, sich nach der Mongolei zu begeben, wo sie ihm eine aus weißgardistischen Offizieren, sowjetfeindlichen chinesischen Soldaten, mongolischen Banditen und japanischen Geheimagenten bunt zusammengewürfelte Armee zur Verfügung stellten.

Ungern, der in seinem Hauptquartier Urga das Leben eines feudalen Raubritters führte, begann, sich als Träger einer geschichtlichen Mission zu fühlen. Er heiratete eine mongolische Prinzessin, trug statt westlicher Kleidung ein mongolisches Gewand aus gelber Seide und behauptete, der wiedergeborene Dschingis-Khan zu sein. Die stets in seiner Nähe weilenden japanischen Agenten bestärkten ihn in seinen Phantasien: er sah sich als Begründer einer neuen Weltordnung, die von Osten her Sowjetrußland und Europa erobern und die letzten Spuren der »dekadenten Demokratie und des jüdischen Kommunismus« mit Feuer, Schwert und Kanonen vernichten sollte. In seinem an Wahnsinn grenzenden Sadismus beging er zahllose Ausschreitungen von barbarischer Grausamkeit. Einmal fiel ihm in einer sibirischen Kleinstadt eine hübsche jüdische Frau auf, er setzte für ihren Kopf eine Prämie von tausend Rubel aus. Sein Auftrag wurde ausgeführt, und der Überbringer des Kopfes erhielt die versprochene Summe.

»Ich werde eine Galgen-Allee anlegen, die durch ganz Asien und Europa führt«, erklärte Baron Ungern.

Als der Feldzug von. 1921 seinen Anfang nahm, richtete Baron Ungern von seinem Hauptquartier Urga aus folgende Proklamation an seine Soldaten:

»Die Mongolei ist heute der gegebene Ausgangspunkt für einen Feldzug gegen die im sowjetischen Sibirien stehende Rote Armee ... Die Kommissare, Kommunisten und Juden samt ihren Familien müssen vertilgt werden. Ihr Eigentum ist zu beschlagnahmen... Die Schuldigen können entweder zu Disziplinarstrafen oder zu verschiedenen Arten der Hinrichtung verurteilt werden. Rechtschaffenheit und Gnade ist nicht mehr die Parole. Fortan, gibt es nur noch Rechtschaffenheit und schonungslose Grausamkeit. Das Übel, das unser Land befallen hat und dessen Ziel die Vernichtung des göttlichen Teiles der Menschenseele ist, muß mit der Wurzel aus-gerottet werden.«

Der Krieg in dem Öden, einsamen Grenzgebiet begann mit einer Reihe von räuberischen Überfällen. Rauchende Trümmer, verstümmelte Männer-, Frauen- und Kinderleichen bezeichneten den Weg, den Ungerns Truppen genommen hatten. In den eroberten Städten durften die Soldaten nach Herzenslust plündern und schänden. Juden, Kommunisten und alle, die im Verdacht einer wenn auch noch so zahmen demokratischen Gesinnung standen, wurden zu Tode gemartert und lebendig verbrannt.

Im Juli 1921 zog die Rote Armee ins Feld, um Ungerns Heer zu vernichten, nach einer Reihe von heftigen, unentschiedenen Kämpfen, gelang es schließlich der Roten Armee und den sowjetischen Partisanen, einen endgültigen Sieg zu erringen. Ungerns Horden flohen unter Zurücklassung ihrer Trains, ihrer Verwundeten und des größten Teiles ihrer Artillerie.

Im August war Ungerns Heer umzingelt. Seine mongolische Leibwache meuterte und lieferte ihn an die Sowjettruppen aus. Der Baron, der sein seidenes mongolisches Gewand trug, wurde nach Nowo-Nikolajewsk (jetzt Nowo-Sibirsk) gebracht und als Volksfeind dem Außerordentlichen Sibirischen Revolutionstribunal überantwortet.

Der Prozeß, der in aller Öffentlichkeit stattfand, nahm einen ungewöhnlichen Verlauf.

Der Gerichtssaal war von Arbeitern, Bauern und Soldaten - Russen, Sibiriern, Mongolen und Chinesen - überfüllt. Auf der Straße drängten sich Tausende von Menschen. Viele von ihnen hatten Ungerns Schreckensherrschaft miterlebt; ihre Brüder, Kinder, Frauen und Männer waren erschossen, gefoltert und in Lokomotivkessel geworfen worden.

Nachdem der Baron sich auf seinen Platz begeben hatte, wurde die Anklageschrift verlesen:

»Auf Grund der vom Sibirischen Revolutionskomitee am 12. September 1921 getroffenen Entscheidung werden gegen Generalleutnant Baron von Ungern-Sternberg, ehemaligen Kommandanten der Asiatischen Kavalleriedivision, folgende Anklagen erhoben:

1. Unterstützung der japanischen Annexionspolitik durch dnn Versuch, einen asiatischen Staat zu gründen und die transbaikalische Regierung zu beseitigen.

2. Vorbereitung des Sturzes der Sowjetverwaltung zum Zwecke der Wiedereinführung der Monarchie in Sibirien mit dem Endziel, Michail Romanow als Regenten einzusetzen.

3. Die brutale Ermordung einer großen Anzahl russischer Bauern und Arbeiter und chinesischer Revolutionäre.« Ungern machte nicht den Versuch, seine Untaten abzuleugnen. Er gab die Hinrichtungen, Folterungen und Massenmorde zu und hatte für alles die schlichte Erklärung: »Es war eben Krieg!« Aber wie war es mit seiner Abhängigkeit von Japan? »Ich hatte die Absicht«, sagte Baron Ungern, »Japan in den Dienst meiner Sache zu stellen.« Er behauptete, keine landesverräterischen oder engen Beziehungen zu den Japanern unterhalten zu haben. »Diese Aussage des Angeklagten ist eine Lüge«, erklärte der sowjetische Staatsanwalt Jaroslawski. »Wir haben genügend Material, um das Gegenteil zu beweisen!«

»Ich stand mit den Japanern in Verbindung«, gab der Baron zu, »gerade so wie mit Tschang Tso-lin... Auch Dschingis-Khan bemühte sich um die Gunst Wan Khans, bevor er dessen Königreich eroberte!«

»Wir leben nicht im zwölften Jahrhundert«, erwiderte der Staatsanwalt, »und wir sind nicht hier, um über Dschingis-Khan zu richten!«

»Ein Jahrtausend lang haben die Ungerns Befehle erteilt«, schrie der Baron. »Nie haben sie von anderen Befehle entgegen genommen!«

Sein hochmütiger Blick streifte die erregten Gesichter der im Gerichtssaal anwesenden Soldaten, Arbeiter und Bauern.

»Ich weigere mich, die Autorität der Arbeiterklasse anzuerkennen! Was weiß ein Mann, der nicht einen einzigen Diener hat, vom Regieren? Er ist ja gar nicht imstande zu befehlen!«

Staatsanwalt Jaroslawski zählte die lange Reihe der Verbrechen auf: Strafexpeditionen gegen Juden und sowjetfreundliche Bauern, Verstümmelungen durch Abschneiden von Armen und Beinen, nächtliche Ritte über die Steppe, bei denen brennende Leichen als Fackeln dienten, die Zerstörung von Dörfern, die erbarmungslose Niedermetzelung von Kindern.

»Sie waren zu rot für meinen Geschmack«, erklärte der Baron ungerührt.

»Warum haben Sie Urga verlassen?« fragte der Staatsanwalt. »Ich hatte beschlossen, in Transbaikalien einzufallen und die Bauern zum Aufstand zu überreden. Aber ich wurde gefangen-genommen.« »Von wem?«

»Einige Mongolen haben mich verraten.« »Haben Sie sich jemals gefragt, warum sie das taten?« »Ich wurde verraten!«

»Geben Sie zu, daß Ihr Feldzug das gleiche Ende gefunden hat wie die übrigen Aktionen, die in letzter Zeit gegen die Arbeiterregierung durchgeführt wurden? Sind Sie nicht auch der Ansicht, daß Ihr Unternehmen als der letzte Versuch dieser Art anzusehen ist?«

»Ja«, sagte Baron Ungern. »Mein Versuch war der letzte. Wahrscheinlich bin ich der letzte Überlebende!"

Im September 1921 wurde das Urteil des Sowjetgerichts vollstreckt. Baron Roman von Ungern-Sternberg, »der letzte Überlebende« der Weißen Kriegsherren, wurde von einem Exekutionskommando der Röten Armee erschossen.

Ataman Semjonow und die Überreste des japanischen Söldnerheeres zogen sich über die sowjetische Grenze nach der Mongolei und nach China zurück.

Es dauerte noch ein Jahr, bis kein einziger Japaner mehr auf sowjetrussischem Boden stand. Am 19. Oktober 1922 umzingelten die Roten Truppen Wladiwostok. Die Stadtbesatzung ergab sich und lieferte ihre gesamte militärische Ausrüstung ab. Am nächsten Tag wurden die letzten japanischen Soldaten auf Transportschiffe verladen. Über Wladiwostok wehte die Rote Fahne. Das japanische Außenministerium erklärte: »Durch den Beschluß, unsere Truppen zurückzuziehen, soll deutlich zum Ausdruck gebracht werden, daß Japan keinerlei Aggression plant und um die Erhaltung des Weltfriedens bemüht ist.«

Vll. EINE ABRECHNUNG

An die sieben Millionen russischer Männer, Frauen und Kinder waren in dem zweieinhalb Jahre währenden blutigen Interventions- und Bürgerkrieg durch Verwundungen, Hunger und Krankheit umgekommen. Die dem Lande zugefügten materiellen Verluste wurden später von der Sowjetregierung auf 60 Milliarden Dollar geschätzt. Obwohl dieser Betrag die Schuld des zaristischen Rußland an die Alliierten bei weitem überstieg, zahlten die Angreifer keine Reparationen.

Über die Kosten, die der Krieg gegen Rußland den alliierten Steuerzahlern aufbürdete, liegt nur wenig offizielles Material vor. Nach einem von Winston Churchill am 15. September 1919 herausgegebenen Memorandum hatte General Denikin allein bis zu diesem Tage von Großbritannien 100 Millionen Pfund Sterling und von Frankreich 30 bis 40 Millionen Pfund Sterling erhalten. Die englische Nordexpedition kostete 18 Millionen Pfund Sterling. Die Japaner gaben zu, für die Erhaltung ihrer 70 000 Mann starken Truppe in Sibirien 900 Millionen Yen auf gewandt zu haben.

Aus welchen Beweggründen wurde dieser vergebliche, kostspielige, ohne Kriegserklärung begonnene Kampf geführt?

Die Weißen Generale gaben offen zu, daß es ihnen um die Wiedererrichtung ihres alten russischen Reiches, um die Erhaltung ihres Landbesitzes, ihrer Profite, ihrer Klassenrechte und ihrer Epauletten ging. Wohl gab es in ihren Reihen ein paar ehrliche Nationalisten, aber in der überwiegenden Mehrzahl bestand die Führung der Weißen Truppen aus reaktionären Vorgängern jener faschistischen Offiziere und Abenteurer, die sich später in Mitteleuropa hervortaten.

Die Absichten der Alliierten waren nicht so leicht zu durchschauen. Die Vertreter der alliierten Mächte stellten die Intervention vor der Öffentlichkeit als politischen Kreuzzug hin, soweit sie es überhaupt notwendig fanden, sich über Motive zu äußern. In Wirklichkeit spielte der »Antibolschewismus« eine untergeordnete Rolle. Wichtiger waren andere Faktoren, wie das nordrussische Holz, die Kohle des Donezbeckens, das Gold Sibiriens und das Öl des Kaukasus. Außerdem handelte es sich um imperialistische Projekte in großem Stil: die Engländer strebten einen transkaukasischen Länderbund an, der Indien gegen Rußland abriegeln und England die Alleinherrschaft über die Ölfelder des Nahen Ostens sichern sollte; die Japaner wollten Sibirien erobern und kolonisieren; die Franzosen sahen das Donezbecken und das Schwarze Meer als ihr künftiges Einflußgebiet an; und die Deutschen hatten den hochfliegenden Plan, die baltischen Staaten und die Ukraine dauernd in Besitz zu nehmen.

Eine der ersten von der Sowjetregierung nach der Machtübernahme ergriffenen Maßnahmen war die Nationalisierung der großen Industrieunternehmen des Zarenreiches. Die russischen Bergwerke, Fabriken, Eisenbahnen und Petroleumquellen und alle übrigen großindustriellen Unternehmungen wurden staatliches Eigentum des Sowjetvolkes. Die Sowjetregierung lehnte auch die Anerkennung der vom Zarenregime aufgenommenen Auslandsanleihen ab, zum Teil mit der Begründung, daß diese Gelder mit der bewußten Absicht vorgestreckt worden waren, dem Zaren bei der Unterdrückung der Volksrevolution zu helfen.

Das Zarenreich befand sich trotz all seiner äußeren Prunk- und Machtentfaltung in einer fast kolonialen Abhängigkeit von der englisch-französischen und deutschen Finanz. Die Franzosen hatten 17 591 Millionen Francs in den Zarismus investiert. Nicht weniger als 72 Prozent der russischen Kohlen-, Eisen- und Stahl-produktion und 50 Prozent des russischen Öls wurden von englisch-französischen Finanzinteressen kontrolliert. Die Arbeit der russischen Werksleute und Bauern warf den ausländischen Geschäftspartnern des Zaren alljährlich Millionen von Francs und Pfunden in Form von Dividenden, Gewinnbeteiligungen und Zinsen ab. In dem nach der Oktoberrevolution veröffentlichten Londoner Börsen-Jahrbuch für 1919 fand sich unter der Überschrift »Russische Werte« folgende. Eintragung: »1918 fällige Zinsen, seitdem im Rückstand.«

Das englische Parlamentsmitglied, Oberstleutnant Cecil L'Estrange Malone erklärte im Jahre 1920 im Verlaufe einer ziemlich erhitzten Unterhausdebatte über die Politik der Alliierten in Rußland:

»Es gibt in diesem Lande Einzelpersonen und Interessentengruppen, die in Rußland Geld- und Aktienbesitz haben. Das sind die Leute, die mit Intrigen und Komplotten auf den Sturz der bolschewistischen Regierung hinarbeiten ... unter dem alten Regime war es mögliche an der Ausbeutung der russischen Arbeiter und Bauern zehn oder zwanzig Prozent zu verdienen, aber der Sozialismus wird wahrscheinlich allen derartigen Geschäften ein Ende setzen. Wir können feststellen, daß fast alle großen Interessen dieses Landes in irgendeinem Zusammenhang mit Sowjetrußland stehen.« Das »Russische Jahrbuch« für 1918, fuhr der Sprecher fort, habe die von England und Frankreich in Rußland angelegten Beträge auf etwa 1600 Millionen Pfund Sterling (nahezu 8 Milliarden Dollar) geschätzt.

»Wenn wir davon sprechen«, sagte Oberst Malone, »daß Marschall Foch und das französische Volk keinen Frieden mit Rußland wollen, so meinen wir weder die französische Demokratie noch die französischen Bauern und Arbeiter, sondern die französischen Aktienbesitzer. Wir wollen es mit aller Deutlichkeit feststellen: wir meinen die Leute, aus deren unredlich erworben neu Geldern sich der in Rußland investierte Betrag von 1600 Millionen Pfund Sterling zusammensetzt.«

Die holländische Shell-Gesellschaft (Royal Dutch Shell Oil Company) war beispielsweise an der Kaspischen Petroleum-Gesellschaft, am nordkaukasischen Ölfeld, an der Neuen Petroleum-Gesellschaft Schibarew und vielen anderen Petroleumkonzemen beteiligt; der große englische Rüstungskonzern Metro-Vickers teilte sich mit Schneider-Creusot (Frankreich) und Krupp (Deutschland) in die Herrschaft über die zaristische Rüstungsindustrie; die großen englischen und französischen Bankhäuser Hoares, Baring Brothers, Hambros, Credit Lyonnais, Societe Generale, das Haus Rothschild und das Comptoir National d'Escompte de Paris hatten der Zarenregierung ansehnliche Beträge zur Verfügung gestellt.

»All diese wichtigen Finanzgruppen, deren Interessen stark ineinandergreifen«, erklärte Oberst Malone im Unterhaus, »wünschen die Fortsetzung des Krieges gegen Rußland ... Hinter diesen Kreisen und den Finanzleuten, denen die Sitze auf dem anderen Flügel dieses Hauses gehören, stehen die Zeitungen und andere Faktoren, die entscheidenden Einfluß auf die Bildung der öffentlichen Meinung in England ausüben.«

Einige alliierte Sprecher machten aus den Beweggründen, die sie zur Unterstützung der Weißen Armeen in Rußland veranlaßten, kein Hehl. Sir Francis Baker, der die europäischen Geschäfte des Vickers-Konzerns leitete und an der Spitze der Englisch-Russischen Handelskammer stand, hielt bei einem Bankett, das der Russische Klub im Jahre 1919 in London für prominente Industrielle und Politiker veranstaltete, folgende Ansprache:

»Wir wünschen Admiral Koltschak und General Denikin allen Erfolg, und ich kann wohl nichts Besseres tun als mein Glas erheben und Sie bitten, auf das Wohl Admiral Koltschaks und der Generäle Denikin und Judenitsch zu trinken! Rußland ist ein wichtiges Gebiet. Sie alle stehen in enger geschäftlicher Beziehung mit diesem Lande und kennen daher seine großen Entwicklungsmöglichkeiten sowohl auf dem Gebiet der Fabrikation als auch der Gewinnung von Mineralien und anderen Bodenschätzen - denn in Rußland gibt es alles...«

Während die englisch-französischen Truppen und Munitionslieferungen nach Sibirien strömten, frohlockte das »Bulletin« der British Föderation of Industries, der mächtigsten Industriellen-Vereinigung des Landes:

»Sibirien, die gewaltigste Beute, die sich der zivilisierten Welt seit der Entdeckung Amerikas bietet!«

Als die alliierten Truppen in den Kaukasus vorstießen und Baku besetzten, hieß es in der englischen Geschäftszeitung »The Near East«:

»Die Bedeutung Bakus für die Petroleumgewinnung ist unabsehbar ... Baku ist die wichtigste Petroleumstadt der Welt. Petroleum ist der König und Baku sein Thron!« Als die Weiße Armee des Generals Denikin mit Hilfe der Alliierten das Donezkohlenbecken besetzte, verkündete die von dem großen englischen Kohlenkonzern R. Martens & Co herausgegebene Werbebroschüre »Russia«:

»Rußland besitzt nach den Vereinigten Staaten die größten erforschten Kohlenreserven der Welt. Aus einer vom Internationalen Geologenkongreß veröffentlichten Schätzung geht hervor, daß die Kohlenvorkommen des Donezbeckens (wo General Denikins Truppen derzeit kämpfen) die Anthrazitreserven Großbritanniens um mehr als das Dreifache und die Nordamerikas um fast hundert Prozent übersteigen.« Und der »Japanische Handelsmann« schrieb zusammenfassend: »Rußland hat eine Bevölkerung von 180 Millionen. Sein fruchtbarer Boden erstreckt sich von Mitteleuropa über Asien bis zu den Küsten des Stillen Ozeans, von der Arktis bis zum Golf von Persien und zum Schwarzen Meer... hier eröffnen sich geschäftliche Möglichkeiten, von denen die größten Optimisten nicht zu träumen wagten. Rußland ist seiner gegenwärtigen Leistungsfähigkeit wie seinen künftigen Entwicklungsmöglichkeiten nach die Kornkammer, das Fischereigebiet, der Holzstapelplatz, das Kohlenbergwerk, die Gold-, Silber- und Platinmine der Welt!«

Die englisch-französischen und japanischen Interventionisten wurden von der reichen Beute angelockt, die den Eroberern Rußlands sicher war. Die Amerikaner hatten verschiedenartige Beweggründe. Die traditionelle amerikanische Außenpolitik, deren Grundsätze von Woodrow Wilson und dem Kriegsministerium vertreten wurden, forderte Freundschaft mit Rußland, um das Gleichgewicht gegen den deutschen und japanischen Imperialismus herzustellen und gegebenenfalls einen Bundesgenossen gegen diese Mächte zu haben. Amerika hatte dem Zarenreich keine großen Beträge zur Verfügung gestellt. Aber später waren auf Anraten des Staatsdepartements mehrere hundert Millionen amerikanischer Dollar nach Rußland geflossen, um die wankende Kerenski-Regierung zu retten. Selbst nach der Revolution setzte das Staatsdepartement die Unterstützung Kerenskis und sogar die Finanzierung seiner »Russischen Gesandtschaft« in Washington mehrere Jahre hindurch fort. Gewisse Kreise des Staatsdepartements standen mit den Weißen Generälen und den englisch-französischen Interventionsanhängern in engster Verbindung.

Die wichtigste Persönlichkeit der sowjetfeindlichen Bewegung in Amerika war Herbert Hoover, der damals an der Spitze des amerikanischen Lebensmittelhilfswerkes stand und später Präsident der Vereinigten Staaten wurde.

Hoover, der am Beginn seiner Laufbahn als Bergwerksingenieur bei englischen Firmen arbeitete, hatte sein Geld vor dem ersten Weltkrieg in russischen Erdölquellen und Bergwerken angelegt. In der korrupten Zarenregierung wimmelte es von hohen Beamten und aristokratischen Großgrundbesitzern, die den Reichtum und die Arbeitskraft ihres Landes bereitwillig gegen ausländische Bestechungsgelder oder einen Beuteanteil eintauschten. Hoover interessierte sich bereits 1909, als die ersten Bohrungen in Maikop vorgenommen wurden, für russisches Petroleum. Im Laufe eines Jahres erwarb er Beteiligungen an nicht weniger als elf russischen Petroleumgesellschaften, und zwar:

Neftjanoi Syndikat in Maikop

Schirwanski Öl-Gesellschaft in Maikop

Apscheron Öl-Gesellschaft in Maikop

Maikoper und Allgemeiner Petroleum-Trust

Maikoper Öl- und Petroleum-Produkte

Öl-Gesellschaft des Gebiets Maikop

Öl-Gesellschaft des Maikop-Tals

Maikoper Vereinigte Öl-Gesellschaft

Hadidschenski Syndikat in Maikop

Maikoper Neue Industriegesellschaft

Vereinigte Maikoper Ölfelder.

Im Jahre 1912 trat der ehemalige Bergwerksingenieur mit dem englischen Multimillionär Leslie Urquhart in Geschäftsverbindung; sie waren gemeinsam an drei Gesellschaften beteiligt, die der Ausbeutung von Holz- und Mineralkonzessionen im Ural und in Sibirien dienten. Dann gründete Urquhart die Russisch-Asiatische Gesellschaft und schloß ein Abkommen mit zwei zaristischen Banken, durch das die Gesellschaft das Recht erhielt, sämtliche in diesem Gebiet vorkommenden Schürfrechte auszuwerten. Die Russisch-Asiatischen Aktien, die 1913 einen Stand von 16.25 Dollar hatten, stiegen 1914 auf 47.50 Dollar. Im gleichen Jahr erwarb die Gesellschaft von der zaristischen Regierung drei neue, einträgliche Konzessionen, die folgendes umfaßten:

4 Millionen Morgen Land mit ausgedehnten Waldungen und Wasserkraft;

Gold-, Kupfer-, Silber- und Zinkvorkommen von schätzungsweise 7262000 Tonnen;

12 ausgebaute Bergwerke;

2 Kupferschmelzen;

20 Sägemühlen;

400 Kilometer Eisenbahnstrecke;

Stichöfen, Walzwerke, Schwefelsäurefabriken, Goldraffinerien;

ausgedehnte Kohlenlager.

Der Gesamtwert dieser Besitzungen wurde auf eine Milliarde Dollar geschätzt.

Nach der Oktoberrevolution wurden sämtliche Konzessionen, an denen Hoover beteiligt gewesen war, aufgehoben, die Bergwerke wurden von der Sowjetregierung beschlagnahmt.

»Der Bolschewismus ist schlimmer als der Krieg!« sagte Herbert Hoover auf der Pariser Friedenskonferenz.

Auch im späteren Verlauf seines Lebens änderte er seine Haltung nicht; auf der ganzen Welt gab es kaum einen heftigeren Gegner der Sowjetregierung als Hoover. Gleichgültig, welche persönlichen Motive ihn leiteten - die Tatsache bleibt bestehen, daß Amerika die Weißgardisten mit Lebensmitteln versorgte und die Sturmtruppen der rückständigsten Regierungen Europas verpflegte, die den Aufstieg der Demokratie nach dem ersten Weltkrieg niederzuhalten trachteten. So wurde das amerikanische Hilfswerk zu einem Kampfmittel gegen die europäische Volksbewegung.

»Die Politik Amerikas war während der Durchführung des Waffenstillstands auf ein einziges Ziel gerichtet: die Bolschewisierung oder Überrennung Europas durch bolschewistische Truppen mit allen Mitteln zu verhindern«, erklärte Hoover in einem Brief an Oswald Garrison Villard vom 17. August 1921. Seine Definition des »Bolschewismus« deckte sich mit den Anschauungen der Foch, Petain, Knox, Reilly und Tanaka. Als Staatssekretär für Handel und Verkehr, als Präsident der Vereinigten Staaten und später als Führer des isolationistischen Flügels der Republikanischen Partei widersetzte er sich unentwegt der Aufnahme freundschaftlicher wirtschaftlicher und diplomatischer Beziehungen mit Sowjetrußland, das Amerikas stärkster Bundesgenosse im Kampfe gegen den Faschismus hätte werden können. Die militärische Intervention in Rußland scheiterte nicht nur an dem beispiellosen Gemeinschaftsgeist der Sowjetmenschen, die ihre neuerworbene Freiheit heroisch verteidigten, sondern auch an der wirksamen Unterstützung, die der junge Sowjetstaat bei allen demokratischen Völkern der Erde fand. In Frankreich, England und den Vereinigten Staaten herrschte allgemeine Empörung über die Entsendung von Truppen, Waffen, Nahrungsmitteln und Geld für die weißgardistischen Armeen. Man bildete Komitees mit der Kampfparole "Hände weg von Rußland!" Arbeiter streikten, Soldaten meuterten, um gegen die Interventionspolitik der Generalstäbe zu demonstrieren. Demokratisch gesinnte Staatsmänner, Journalisten, Erzieher und zahlreiche Geschäftsleute verurteilten den willkürlichen Überfall auf Sowjetrußland.

Der englische Generalstabschef Sir Henry Wilson gab die Unbeliebtheit der alliierten Interventionspolitik offen zu. Er schrieb am l. Dezember 1919 im offiziellen englischen Blaubuch:

»Es hat sich gezeigt, daß die Bemühungen der Entente um Festlegung einer einheitlichen Rußlandpolitik auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen, weil die öffentliche Meinung keines einzigen alliierten Landes für eine bewaffnete Intervention von entscheidendem Charakter gewonnen werden konnte. Die bishrigen Operationen waren infolgedessen durch Mangel an Übereinstimmung und Zielsicherheit gekennzeichnet.«

So bedeutete der Sieg der Roten Armee über ihre Feinde gleichzeitig einen Sieg der demokratischen Völkergemeinschaft.

Schließlich scheiterte die Intervention an der Uneinigkeit der Angreifer. Im Lager der Interventionisten fanden sich alle reaktionären Kräfte der Welt zusammen, aber der Wille zu aufrichtiger Zusammenarbeit fehlte. Die imperialistische Koalition war durch widerstrebende imperialistische Interessen gespalten. Die Engländer fürchteten Frankreichs Ansprüche auf das Schwärze Meer und Deutschlands Absichten in den Ostseeprovinzen. Den Amerikanern schien es ratsam, Japans Sibirienpolitik zu durchkreuzen. Und die Weißen Generäle rauften um die Beute.

Der Interventionskrieg, der in ehrloser Heimlichkeit begonnen worden war, endete mit einem kläglichen Zusammenbruch. Er hinterließ ein böses Erbe von Haß und Mißtrauen, das die Atmosphäre Europas ein Vierteljahrhundert lang vergiftete.

ZWEITES BUCH - Die Geheimnisse des »Cordon Sanitaire«

VIIl. DER WEISSE KREUZZUG

l. Die Nachwehen

Die erste Etappe des Krieges gegen Sowjetrußland hatte zu keiner klaren Entscheidung geführt. Fast alle Gebiete der Sowjetunion befanden sich wieder in unbestrittenen Besitz der Regierung. Aber das Land war von einem aus feindlichen Lakaienstaaten gebildeten »cordon sanitaire« umgeben und politisch und wirtschaftlich von jedem Verkehr mit der übrigen Welt abgeschnitten. Das sowjetische Sechstel der Erde war »nicht anerkannt« - offiziell existierte es überhaupt nicht.

Im Inneren herrschte ein wirtschaftliches Chaos: die Fabriken waren zerstört, die Bergwerke standen unter Wasser, die Landwirtschaft lag brach, die Transportmittel waren unbrauchbar; Seuchen und Hungersnot suchten die Bevölkerung heim, das Analphabetentum hatte einen erschreckenden Umfang angenommen. Zu dem von der feudalen Zarenherrschaft vererbten Bankrott kamen die verheerenden Wirkungen des Krieges, der Revolution, Gegenrevolution und Intervention, die sieben Jahre ohne Unterbrechung angedauert hatten.

Die Welt außerhalb der Sowjetgrenzen konnte trotz aller Friedenssehnsucht keinen Frieden finden. Als der englische Staatsmann Bonar Law vier Jahre nach Unterzeichnung des Versailler Vertrages im Unterhaus einen Bericht über die internationale Lage erstattete, mußte er feststellen, daß an allen Ecken und Enden des Erdballs noch immer dreiundzwanzig Kriege geführt wurden. Japan hatte bestimmte Teile von China besetzt und die koreanische Unabhängigkeitsbewegung brutal unterdrückt; die Volksaufstände in Irland, Afghanistan, Ägypten und Indien wurden von englischen Truppen niedergehalten; Frankreich lag in offener Fehde mit den syrischen Drusenstämmen, denen die englischen Munitionsfabriken von Metro-Vickers zum größten Leidwesen der Franzosen Maschinen-gewehre geliefert hatten; der deutsche Generalstab arbeitete hinter der Fassade der Weimarer Republik auf die Ausmerzung aller demokratischen Elemente und die Wiedererrichtung des imperialistischen Deutschland hin.

In allen Ländern Europas war eine fieberhafte Verschwörertätigkeit im Gange. Faschisten, Nationalisten, Militärs und Monarchisten, die sämtlich unter dem Deckmantel des »Antibolschewismus« ihre höchst persönlichen Ziele verfolgten, waren in Komplotte für und wider einander verwickelt.

Ein Geheimmemorandum des englischen Außenamtes schildert die europäischen Verhältnisse der ersten Nachkriegsjahre: »Europa ist heute in drei Hauptgruppen geteilt: die Sieger, die Besiegten und Rußland. Das Gefühl der Unsicherheit, das die Gesundheit Westeuropas untergräbt, ist nicht zuletzt durch die Ausschaltung des russischen Machtfaktors aus dem europäischen Konzert bedingt. Hier liegt die stärkste und bedrohlichste Ursache unserer Unsicherheit. Alle unsere ehemaligen Feinde trauern dem Verlorenen nach; unsere alten Verbündeten fürchten, das Gewonnene zu verlieren. Die eine Hälfte Europas ist von Zorn, die andere von Furcht erfüllt: beides ist gefährlich. Die Furcht führt zu Provokationen, Rüstungen, Geheimverträgen und Unterdrückung der Minoritäten. Solche Maßnahmen wecken neuen Haß und neue Revanchegelüste, was wiederum eine Steigerung der Furcht und eine Verstärkung der Abwehrmaßnahmen zur Folge hat: so ist der circulus vitiosus hergestellt. Deutschland ist derzeit nicht in der Lage, zum Angriff überzugehen, aber durch seine großen Entwicklungsmöglichkeiten auf dem Gebiet der Kriegschemie wird es früher oder später seine militärische Bedeutung wiedererlangen. Nur wenige Deutsche hoffen und wünschen, daß diese Schlagkraft - wenn sie einmal wieder erreicht ist - gegen das Britische Reich eingesetzt wird.«

Während das englische Außenamt die deutsche Aufrüstung als wohlwollender Zuschauer verfolgte und seine ganze Aufmerksamkeit auf Rußland, »die bedrohlichste Ursache unserer Unsicherheit«, konzentrierte, träumte man jenseits des Ozeans, in der erregten und verworrenen Atmosphäre der auf Wilsons Präsidentschaft folgenden Jahre, von »glorreicher Isolierung«. Das amerikanische Schlagwort jener Zeit war: »Rückkehr zum Normalzustand«. Walter Lippmann definierte in der »New York World«, deren Mitarbeiter er damals war, was der Amerikaner sich unter »Normalzustand« vorstellte: »Das Schicksal Amerikas kann durch die Entwicklung in Europa nicht wesentlich beeinflußt werden.

Europa soll seine Suppe selbst auslöffeln. Wir können nach Europa exportieren, ohne europäische Waren zu importieren.

... Wenn das den Europäern nicht gefällt, so sollen sie es bleiben lassen, aber es wird ihnen schlecht bekommen.« Walter Lippmann kam zu der Schlußfolgerung: »All diese Ängste und Wirren haben eine Art von Psychose hervorgerufen, als deren Folgeerscheinungen wir die Schaffung von Armeen und unsinnigen Zollschranken, die Verwilderung der Diplomatie, die vielfältige Entartung des Nationalismus, die Erstarkung des Faschismus und des Ku-Klux-Klan anzusehen haben...«

Trotz der Unruhe, die noch immer in den kriegsmüden, wirtschaftlich zerrütteten Ländern Europas herrschte, wurden die Generalstäbe Polens, Finnlands, Rumäniens, Jugoslawiens, Frankreichs, Englands und Deutschlands nicht müde, neue Invasionspläne zu entwerfen und zum Gegenstand eingehender Studien zu machen.

Auch die erbitterte sowjetfeindliche Propaganda nahm ihren Fortgang.

Vier Jahre nach der Beendigung des großen Krieges - es hätte der letzte aller Kriege sein sollen - waren bereits alle Voraussetzungen für einen zweiten Weltkrieg gegeben: der Schlachtruf lautete: »Kampf dem Bolschewismus!« - der Feind war die Weltdemokratie.

2. Die weißgardistische Emigration

Die Weißen Armeen Koltschaks, Judenitschs, Denikins, Wrangels und Semjonows waren besiegt. Der mittelalterliche Riesenbau des Zarenreiches stürzte zusammen, und die dunklen Elemente reaktionärer Barbarei und Roheit, die so lange darin Unterschlupf gefunden hatten, zerstreuten sich in alle vier Winde. Gewissenlose Abenteurer, dekadente Aristokraten, gewerbsmäßige Terroristen, Söldner, Mitglieder der gefürchteten Geheimpolizei und andere feudale und antidemokratische Kräfte, die der Weißen Gegenrevolution gedient hatten, fluteten jetzt wie ein trüber reißender Strom westwärts, ostwärts und südwärts nach Europa und dem Fernen Osten, nach Nord- und Südamerika. Sie verpflanzten den Sadismus der weißgardistischen Generäle, die Pogromlehren der Schwarzen Hundertschaften, die zaristische Verachtung der Demokratie, die dunklen Haßgefühle, Vorurteile und Seelenkrankheiten des alten kaiserlichen Rußland in ihre neue Umgebung.

Die »Protokolle der Weisen von Zion«, eine antisemitische Fälschung, durch deren Verbreitung die Ochrana das Volk zu Judenmassakern aufgehetzt hatte, und die »Bibel« der Schwarzen Hundertschaften, die alle Übel der Welt als Auswirkungen einer »internationalen jüdischen Verschwörung« darstellte, wurden jetzt in London, New York, Paris, Buenos Aires, Schanghai und Madrid in Umlauf gebracht. Die weißgardistischen Emigranten wirkten in allen Ländern, die ihnen Aufnahme gewährten, als Wegbereiter der internationalen Gegenrevolution - des Faschismus.

Im Jahre 1923 gab es in Deutschland eine halbe Million Weißemigranten. Mehr als 400 000 hielten sich in Frankreich auf, 90000 in Polen. Weitere Zehntausende hatten sich in den baltischen Staaten und am Balkan, in China, Japan, Kanada, den Vereinigten Staaten und Südamerika niedergelassen. In New York allein wohnten dreitausend Weißgardisten mit ihren Familien.

Die Gesamtzahl der russischen Emigranten wurde auf eineinhalb bis zwei Millionen geschätzt.

In Paris befand sich das Hauptquartier eines russischen Militärverbandes, unter dessen Aufsicht in ganz Europa, im Fernen Osten und in Amerika weißgardistische Kampfeinheiten zusammengestellt wurden. Die Mitglieder dieser Organisation gaben offen zu, daß sie eine neuerliche Invasion vorbereiteten.

Die französische Regierung richtete in dem nordafrikanischen Hafen Biserta, wo dreißig Schiffe der zaristischen Flotte mit ihrer gesamten Besatzung von 6000 Offizieren und Matrosen Zuflucht gefunden hatten, eine Marineschule für Weißgardisten ein. Die jugoslawische Regierung gründete Militärakademien, die ausschließlich für die Ausbildung zaristischer Offiziere und ihrer Sohne bestimmt waren. Ein großer Teil der Wrangel-Armee wurde nach den Balkanländern transferiert. Achtzehntausend Kosaken und Kavalleristen gingen nach Jugoslawien. Siebzehntausend weißgardistische Soldaten wurden nach Bulgarien geschickt. Andere Gruppen, die nach Tausenden zählten, waren in Griechenland und Ungarn stationiert. In den sowjetfeindlichen baltischen Ländern und auf dem Balkan rückten russische Weißgardisten zu hohen Staatsstellungen auf. Bestimmte Ressorts der Geheimpolizei wurden ihrer Leitung anvertraut.

In Polen stellte der russische Terrorist Boris Sawinkow mit Hilfe Marschall Pilsudskis eine Weiße Armee von 30 000 Mann auf.

Ataman Semjonow rettete sich mit den Überresten seines Heeres auf japanisches Gebiet. Seine Soldaten wurden von der japanischen Heeresleitung zu einer besonderen weißgardistischen Armee zusammengefaßt und neu organisiert.

Baron Wrangel, General Denikin und der Pogromheld Petljura übersiedelten nach Paris, wo sie sich an verschiedenen sowjetfeindlichen Komplotten beteiligten. General Krassnow und Hetman Skoropadski, die ehemaligen Mitarbeiter der wilhelminischen Heeresleitung in der Ukraine, gingen nach Berlin und stellten sich unter den Schutz des deutschen militärischen Geheimdienstes.

Eine kleine Gruppe schwerreicher russischer Emigranten, die in Frankreich und anderen Ländern riesige Kapitalien investiert hatten, gründete im Jahre 1920 in Paris die Organisation "Torgprom" (Russisches Handels-, Finanz- und Industrie-Komitee). Diesem Verband, der alle weiteren Verschwörungspläne gegen die Sowjetunion entscheidend beeinflußte, gehörten ehemalige zaristische Bankiers, Industrielle und Geschäftsleute als Mitglieder an, darunter auch G. N. Nobel, dem ein großer Teil der Ölfelder von Baku gehört hatte; Stepan Lianosow, der »russische Rockefeller«; Wladimir Riabuschinski aus der berühmten zaristischen Kaufmannsfamilie; N. K. Denisow, der sein Riesenvermögen in der Stahlindustrie erworben hatte, und viele andere monarchistisch gesinnte Persönlichkeiten aus dem Wirtschaftsleben des alten Rußland, deren Namen in der internationalen Industrie und Finanz wohlbekannt waren.

Die Torgprom stand in enger Fühlung mit englischen, französischen und deutschen Kreisen, die noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben hatten, nach dem Sturz der Sowjetregierung ihr in Rußland investiertes Geld zurückzuerhalten oder neue Konzessionen zu erwerben.

»Die Torgprom«, erklärte der Vorsitzende Denisow, »sieht es als ihre Aufgabe an, den wirtschaftlichen Kampf gegen die Bolschewiki mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Methoden zu führen.« Die Mitglieder der Torgprom ersehnten nach Nobels Worten »die baldige Auferstehung des Vaterlandes« herbei, sowie »die Möglichkeit, wieder innerhalb des Vaterlandes zu arbeiten«.

Die sowjetfeindlichen Machenschaften der Torgprom griffen über das wirtschaftliche Gebiet hinaus. In einer offiziellen Erklärung dieser Organisation hieß es:

»Das Komitee für Handel und Industrie wird seinen unermüdlichen Kampf gegen die Sowjetregierung fortsetzen; es wird nicht aufhören, die Öffentlichkeit der zivilisierten Länder über die wahre Bedeutung der Ereignisse in Rußland aufzuklären und den Widerstand im Namen der Freiheit und Wahrheit vorzubereiten.«

3. Der Herr aus Reval

Im Juni 1921 veranstaltete eine Gruppe ehemaliger zaristischer Offiziere, Industrieller und Aristokraten im bayerischen Reichenhall eine internationale antisowjetische Konferenz, an der Vertreter aller europäischen sowjetfeindlichen Organisationen teilnahmen.

Man beabsichtigte, eine weltumspannende Agitation gegen Sowjetrußland aufzuziehen. Die Konferenz wählte einen »Obersten Monarchistischen Rat«, dessen Aufgabe es sein sollte, für die »Restauration der Monarchie unter Führung des erbberechtigten Souveräns aus dem Hause Romanow in Übereinstimmung mit den Grundgesetzen des Russischen Reiches« zu kämpfen.

Auch die neugegründete Nationalsozialistische Partei Deutschlands sandte einen Delegierten. Sein Name war Alfred Rosenberg...

Seit dem Sommer 1919 war Rosenberg - ein schlanker, junger Mann mit dünnen Lippen, dunklem Haar und müdem, düsterem Blick - ein häufiger Gast der Münchener Bierhallen. Man konnte ihn regelmäßig im Augustiner- oder Franziskanerbräu antreffen, wo er oft stundenlang allein in einer Ecke hockte. Manchmal setzten sich ein paar Kameraden an seinen Tisch, und dann ging eine seltsame Veränderung mit ihm vor, obwohl er den Gruß der Freunde zunächst nur knapp und kühl erwiderte. Er begann mit leiser Stimme leidenschaftlich auf sie einzureden, die dunklen. Augen in dem kalkweißen Gesicht leuchteten. Er sprach ebenso gut Russisch wie Deutsch.

Rosenberg war der Sohn eines baltischen Großgrundbesitzern aus der Umgebung von Reval. Vor der russischen Revolution hatte er am Moskauer Polytechnikum Architektur studiert. Als die Bolschewiki zur Macht kamen, verließ er das sowjetische Gebiet und trat in die terroristische Weiße Garde ein, die unter der Führung des Generals Graf Rüdiger von der Goltz in den Ostseeprovinzen kämpfte. 1919 tauchte Rosenberg in München auf. Er hatte alle antidemokratischen und antisemitischen Lehren der zaristischen Schwarzen Hundertschaften in sich aufgesogen.

In München wurde Rosenberg der geistige Mittelpunkt eines kleinen Kreises von weißgardistischen Emigranten und enteigneten baltischen Baronen, die seinen erbitterten, giftigen Tiraden gegen Juden und Kommunisten andächtig lauschten, unter seinen Zuhörern befand sich gewöhnlich auch Fürst Awalow-Bermondt, der ein Freund Rasputins gewesen war und alle weißgardistischen Kommandanten des baltischen Feldzuges durch seine Brutalität in den Schatten gestellt hatte; ferner die Barone Scheuber-Richter und Arno von Schickedanz, zwei dekadente, gewissenlose baltische Aristokraten, und Iwan Poltawetz-Ostranitza, Veranstalter von Pogromen in der Ukraine und ehemaliger Verkehrsminister in der von den Deutschen eingesetzten ukrainischen Regierung des Hetmans Paul Skoropadski. Diese Männer teilten Rosenbergs Ansichten über die Dekadenz der Demokratie und die Verschwörung des Weltjudentums. Rosenberg hatte ein Grundthema, über das er nicht genug reden konnte: »Im Grunde seiner Seele ist jeder Jude ein Bolschewik!«

Alfred Rosenbergs finsterer, gequälter Geist entwickelte allmählich aus den Elementen eines pathologischen Judenhasses und einer maßlosen Feindschaft gegen Sowjetrußland eine gegenrevolutionäre Philosophie, in der die fanatischen Vorurteile des zaristischen Rußlands und die imperialistischen Begierden Deutschlands einander begegneten. »Die Erlösung der Welt von der Dekadenz der jüdischen Demokratie und des Bolschewismus« wird mit der Schaffung eines neuen Staates in Deutschland beginnen, schrieb Rosenberg im »Mythos des 20. Jahrhunderts«. "Aufgabe dieses neuen Staatsgründers ist«, fügte er hinzu, »einen Männerbund, sagen wir einen Deutschen Orden, zu gestalten."

Deutsche Übermenschen sollten die Welt erobern. »Der Sinn der Weltgeschichte strahlte von Norden aus, getragen von einer blauäugig-blonden. Rasse, die in mehreren großen Wellen das geistige Gesicht der Welt bestimmte.«

Rosenbergs gesamte schriftstellerische Tätigkeit wurde durch den Gedanken eines heiligen Kreuzzuges gegen Sowjetrußland beherrscht. Er sehnte sich nach dem apokalyptischen Tag, an dem die gewaltigen Armeen des neuen »Deutschen Ordens« über die russische Grenze fluten und die verhaßten Bolschewiki zerschmettern würden. »Von West nach Ost«, erklärte er, »ist die Richtung vom Rhein bis zur Weichsel, »von West nach Ost« muß es klingen »von Moskau bis Tomsk.«

Deutschland ging damals durch die schwere Krise der ersten Nachkriegsjahre: die Arbeitslosigkeit nahm ständig zu, die Inflation wuchs ins Uferlose, das Volk hungerte. Nach der blutigen Unterdrückung der deutschen Arbeiter- und Soldatenräte hatte man der Weimarer Republik in stillem Einverständnis mit der deutschen Heeresleitung eine demokratische Fassade gegeben, hinter der preußische Militaristen, Junker und Industriemagnaten ihre heimlichen Ränke spannen, deren Ziel die Wiedergeburt und Expansion des Deutschen Reiches war. In den übrigen Ländern der Welt ahnte man nicht, daß Deutschlands künftiges Rüstungsprogramm bereits bis in alle Einzelheiten festgelegt wurde. In einem Geheimlaboratorium für Forschung und Planung, das die Firma Borsig in einem Wald in der Umgebung von Berlin errichtet hatte, arbeiteten Hunderte von Ingenieuren, Zeichnern und technischen Spezialisten unter Aufsicht der deutschen Heeresleitung.

Die Abteilung III B der deutschen Militärspionage hätte nach Beendigung des Krieges aufgelöst werden sollen. In Wirklichkeit setzte sie ihre Tätigkeit unter der Leitung ihres früheren antisemitischen Chefs Oberst Walther Nicolai mit Hochdruck fort, nachdem Krupp, Hugenberg und Thyssen reichliche Geldmittel für eine durchgreifende Neuorganisation zur Verfügung gestellt hatten.

Die Vorbereitungen für den nächsten Krieg wurden mit Eifer und Hingabe betrieben.

Arnold Rechberg, ein ebenso formgewandter wie energischer Industrieller, war einer der wichtigsten finanziellen Förderer der deutschen Geheimaufrüstung. Rechberg, der als ehemaliger persönlicher Adjutant des Kronprinzen noch immer freundschaftliche Beziehungen zu Mitgliedern des alten kaiserlichen Generalstabs unterhielt, gehörte dem großen deutschen Kalikonzern an. Er interessierte sich lebhaft für die Tätigkeit der deutschnationalen und antisemitischen. Geheimbünde und war in diesem Zusammenhang auf Alfred Rosenberg aufmerksam geworden.

Eine persönliche Unterredung bestärkte ihn in seinen Sympathien für den gegenrevolutionären Eiferer aus Reval. Er brachte Rosenberg mit dem dreißigjährigen Österreicher Adolf Hitler zusammen, einem Agitator und Reichswehrspitzel, der sich ebenfalls seiner besonderen Gunst erfreute.

Rehberg hatte der Nazipartei Hitlers bereits Geldmittel für den Ankauf von Uniformen und die Deckung sonstiger Ausgaben zur Verfügung gestellt. Jetzt erwarb er zusammen, mit einigen reichen Freunden den »Völkischen Beobachter«, ein obskures Blatt, das zum offiziellen Parteiorgan der Nazibewegung gemacht wurde. Hitler ernannte Adolf Rosenberg zum Chefredakteur.

Am l. Januar 1921, zehn Tage nachdem der »Völkische Beobachter« in den Besitz der Nazis übergegangen war, erschien ein Artikel, der die außenpolitischen Leitsätze der Hitler-Partei enthielt:

»Und wenn die Zeit gekommen ist, wenn sich der Sturm über der deutschen Ostmark zusammenzieht, dann gilt es, hunderttausend Männer zu sammeln, die bereit sind, ihr Leben zu lassen... Alle, die zum Letzten entschlossen sind, müssen mit der Haltung der Westjuden rechnen, die ein Klagegeschrei erheben werden, wenn der Angriff gegen die Ostjuden beginnt... Eines ist gewiß: die russische Armee wird nach einem zweiten Tannenberg über die Grenze zurückgeworfen werden. Das alles ist ausschließlich Sache der Deutschen und der eigentliche Beginn unserer Wiedergeburt.«

Der Verfasser dieses Leitartikels war Alfred Rosenberg. So begann die Nazibewegung als Verschmelzung feudalistisch-zaristischer Elemente mit den wiedererwachenden Bestrebungen des deutschen Imperialismus...

4. Der Hoffmann-Plan

Alfred Rosenberg lieferte der deutschen Nazipartei das politisch-ideologische Programm. Ein anderer Freund Rehbergs, General Max Hoffmann, wurde der Stratege des Nationalsozialismus.

General Hoffmann hatte einen Teil seiner Jugend als Attache am Zarenhof verbracht. Damals sprach er Russisch geläufiger als Deutsch. Als Fünfunddreißigjähriger avancierte er 1905 zum Hauptmann. Er wurde dem Stab des Generals von Schlieffen zugeteilt und diente während des Russisch-Japanischen Krieges als deutscher Verbindungsoffizier bei der Ersten Japanischen Armee. Der Kampf in der Mandschurei wurde für Hoffmann zu einem unvergeßlichen Erlebnis: die Frontlinie schien endlos lang. Die festgefügte, hervorragend ausgebildete Streitmacht der Japaner schnitt »wie ein Buttermesser« tief in die zahlenmäßig weit überlegene Verteidigungsarmee ein, die über große Reserven verfügte, aber durch Schwerfälligkeit und schlechte Führung behindert war.

Zu Beginn des ersten Weltkrieges wurde Hoffmann zum Kommandeur der in Ostpreußen stationierten Achten Armee ernannt. Es war seine Aufgabe, den unausbleiblichen Ansturm der Russen auf diese Provinz abzuwehren. In militärischen Fachkreisen schrieb man später das Verdienst an der vernichtenden Niederlage des zaristischen Heeres bei Tannenberg nicht Hindenburg oder Ludendorff, sondern dem strategischen Geschick General Hoffmanns zu. Nach der Schlacht bei Tannenberg übernahm Hoffmann die Leitung des deutschen Oberkommandos an der Ostfront. Er wurde Zeuge des Zusammenbruchs der Kaiserlich-Russischen Armee und diktierte der sowjetischen Delegation die Friedensbedingungen von Brest-Litowsk.

Hoffmann war der russischen Armee in zwei Kriegen entgegengetreten. Zweimal hatte er sie kläglich unterliegen sehen. Die Rote Armee war in seinen Augen nichts als eine Entartung des alten russischen Heeres, eine Ansammlung desorganisierter Pöbelhaufen.

Im Frühjahr 1919 legte General Hoffmann der Pariser Friedenskonferenz fertig ausgearbeitete Pläne für einen Marsch auf Moskau vor, der von der deutschen Armee angeführt werden sollte. Von seinem Standpunkt aus bot dieses Projekt den doppelten Vorteil, gleichzeitig »Europa vor dem Bolschewismus zu retten« und der Auflösung der kaiserlichen deutschen Armee vorzubeugen. Marschall Foch nahm den Hoffmann-Plan mit gewissen Abänderungen an.

In den Nachkriegsjahren, die dem Zusammenbruch der bewaffneten Intervention gegen Sowjetrußland folgten, versuchte Hoffmann eine neue Version seines Planes durchzusetzen, die er den Generalstäben aller europäischen Länder in Form eines vertraulichen Memorandums zur Kenntnis brachte. Seine Vorschläge fanden lebhaften Widerhall in den faschistenfreundlichen Kreisen Europas, deren Einfluß von Tag zu Tag wuchs. Marschall Foch und sein Generalstabschef Petain, die beide in einem persönlichen Freundschaftsverhältnis zu Hoffmann standen, fanden warme Lobesworte. Franz von Papen, General Baron Karl von Mannerheim, Admiral Horthy und der Leiter der englischen Marinespionage, Admiral Sir Barry Domvile, setzten sich ebenfalls für Hoffmanns Plan ein.

Obwohl die späteren Fassungen von der traditionellen militärischen und politischen Strategie der Bismarck-Schule grundlegend abwichen, wurde das Projekt von einer starken und einflußreichen Clique innerhalb des deutschen Generalstabes gefördert. Der Oberbefehlshaber der deutschen Reichswehr, General Hans von Seeckt, war anfänglich ein Gegner des Hoffmannplanes. Seeckt hatte die Absicht, das russische Menschen- und Rohmaterial in den Dienst eines Revanchekrieges gegen den Westen zu stellen. Er glaubte zu einer Einigung mit den oppositionellen Elementen innerhalb der Roten Armee und der Sowjetregierung gelangen zu können. Später unterstützte er den Hoffmann-Plan und wurde ein Anhänger des Nationalsozialismus. Der neue Hoffmann-Plan schlug ein Bündnis Deutschlands mit Frankreich, Italien, England und Polen auf der Grundlage des gemeinsamen Kampfes gegen Sowjetrußland vor. Ernst Henri, ein weitblickender Beurteiler europäischer Verhältnisse, schrieb in seinem Buch »Hitler over Russia?«, der Plan fordere »die Konzentration neuer Armeen an der Weichsel und Dwina nach dem Vorbild Napoleons: einen Blitzkrieg unter deutscher Leitung gegen die zurückweichenden bolschewistischen Truppen; die Einnahme von Leningrad und Moskau im Laufe weniger Wochen; die durchgreifende Besetzung des Landes bis zum Ural - und somit die Sanierung einer erschöpften Zivilisation durch die Eroberung eines halben Kontinents.« Ganz Europa mit Deutschland an der Spitze sollte die Waffen ergreifen und gegen die Sowjetunion zu Felde ziehen.

 

 

IX. SELTSAME LAUFBAHN EINES TERRORISTEN

l. Wiederauftreten Sidney Reillys

Berlin, Dezember 1922. In der Halle des berühmten Hotels Adlon wimmelt es von Menschen. Ein deutscher Marineoffizier plaudert mit einem Offizier des englischen Geheimdienstes und einer hübschen, jungen, eleganten Frau, der Londoner Operettensängerin Pepita Bobadilla. Manche kennen sie unter dem Namen Mrs. Chambers, Witwe des erfolgreichen englischen Dramatikers Haddon Chambers. Das Gespräch wendet sich dem Thema Spionage zu. Der Engländer erzählt von den außerordentlichen Leistungen eines britischen Spionageagenten in Sowjetrußland, den er als Mr. C. bezeichnet. Auch dem Deutschen ist Mr. C. ein Begriff. Die beiden Offiziere tauschen Anekdoten über den berühmten Abenteurer aus. Schließlich kann Mrs. Chambers ihre Neugierde nicht länger bezähmen: »Wer ist denn eigentlich dieser Mr. C.?«

»Wer ist nicht Mr. C.?« antwortet der Engländer. »Ich sage Ihnen, Mrs. Chambers, dieser Mr. C. ist eine höchst geheimnisvolle Persönlichkeit - der interessanteste Mann von ganz Europa. Ich glaube, kein anderes Menschenleben steht so hoch im Kurs - die Bolschewiki würden gerne eine Provinz opfern, um ihn in die Hände zu bekommen - tot oder lebendig!... Die Gefahr ist sein Element. Er war in Rußland unser Auge und unser Ohr. Unter uns, es ist ihm und nur ihm zu verdanken, daß der Bolschewismus sich nicht zu einer noch stärkeren Bedrohung der westlichen Zivilisation ausgewachsen ist.«

Mrs. Chambers wollte mehr über den mysteriösen Herrn C. erfahren. Der Engländer lächelte: »Ich habe ihn erst heute Nachmittag gesehen. Er wohnt hier, im Adlon...«

Am selben Abend sah sie Mr. C. zum erstenmal. Sie beschrieb ihn später als »gepflegte Erscheinung, sorgfältig gekleidet; auf seinem schmalen Gesicht lag ein düsterer, beinahe höhnischer Ausdruck; so sieht ein Mann aus, der dem Tod nicht einmal, sondern viele Male ins Gesicht gelacht hat.« Mrs. Chambers verliebte sich auf den ersten Blick.

Sie lernten einander kennen. Mr. C. sprach »über die Zustände in Europa, über Rußland und die Tscheka«, aber vor allem über die »bolschewistische Gefahr«. Er nannte Mrs. Chambers seinen wahren Namen: Hauptmann Sidney George Reilly ...

Nach der verunglückten Verschwörung des Jahres 1918 hatte sich Reilly im Auftrag des englischen Kriegsministers Winston Churchill neuerlich nach Rußland begeben, um die Spionageabteilung der Denikin-Armee zu organisieren. Reilly stellte auch die Verbindung zwischen Denikin und den verschiedenen sowjetfeindlichen Verbündeten des Generals in Europa her. 1919 und 1920 hielt er sich in Paris, Warschau und Prag auf, wo er mit Eifer und Geschick bei der Zusammenstellung sowjetfeindlicher Truppenverbände und beim Aufbau von Spionage- und Sabotagezentralen mitwirkte. Später trat er als offiziöser Vertreter einiger millionenschwerer Emigranten, darunter auch seines ehemaligen Freundes und Chefs Graf Schuberski, auf. Zu den größten Unternehmungen, die er in dieser Zeit lancieren half, gehörte die Torgprom, das Kartell der ehemaligen zaristischen Industriellen und ihrer englisch-französischen und deutschen Partner.

Reilly hatte durch verschiedene finanzielle Transaktionen ein beträchtliches Vermögen erworben. Er war Direktor mehrerer Firmen, die früher Beziehungen zur russischen Geschäftswelt unterhalten hatten. Winston Churchill, General Max Hoffmann und der finnische Generalstabschef Wallenius zählten zu seinen persönlichen Freunden.

Der britische Spion haßte das Sowjetregime noch immer mit unverminderter Leidenschaft. Die Vernichtung des Bolschewismus war zum Leitmotiv seines Lebens geworden. Es ist begreiflich, daß die Gestalt Napoleons, des Mannes, dem Rußland zum Verhängnis wurde, faszinierend auf ihn wirkte. Er legte eine Sammlung von Napoleon-Reminiszenzen an, deren Wert mehrere zehntausend amerikanische Dollar betrug an.

»Wenn es einem korsikanischen Artillerieleutnant gelingen konnte, die glühende Asche der Französischen Revolution auszutreten«, meinte Sidney Reilly, »so müßte es einem britischen Spionageagenten, der so viele Machtfaktoren auf seiner Seite hat, ein leichtes sein, sich zum Herrn von Moskau zu machen.«

Am 18. Mai 1923 wurden Mrs. Chambers und Hauptmann Sidney Reilly auf einem Londoner Standesamt getraut. Hauptmann George Hill, Reillys ehemaliger Mitarbeiter, füngierte als Zeuge. Schon nach kurzer Zeit nahm Mrs. Chambers an den aufregenden Abenteuern ihres Mannes lebhaften Anteil. Sie schrieb später:

»Allmählich wurde ich in die seltsamen Vorgänge eingeweiht, die sich hinter den Kulissen der europäischen Politik abspielten. Ich erfuhr, daß unter der Oberfläche aller europäischen Hauptstädte Verschwörungen gegen die neuen Tyrannen im Gange waren. In Berlin, Paris, Prag und London schlössen sich kleine Gruppen von Emigranten zu konspirativen Vereinigungen zusammen. In Helsingfors (Helsinki) erreichte die gegenrevolutionäre Aktivität, die von verschiedenen europäischen Regierungen gefördert und finanziert wurde, den Siedepunkt. Sidney widmete diesen Bestrebungen, die ihn in höchstem Maße interessierten, einen großen Teil seiner Zeit und seines Geldes.«

Eines Tages erschien in Reillys Londoner Wohnung ein geheimnisvoller Besucher, der sich zunächst »Mr. Warner« nannte: ein großer, kräftiger Mann mit langen, schlenkrigen Armen, die fast bis zu den Knien hinabreichten. Das Gesicht verschwand beinahe hinter einem mächtigen schwarzen Bart. Über den vorstehenden Backenknochen blickten kalte, stahlblaue Augen. Er zeigte Reilly seine Beglaubigungspapiere: einen englischen Paß, eine von Boris Sawinkow, dem Führer der Sozialrevolutionäre, in Paris ausgestellte Empfehlung und den Einführungsbrief eines prominenten englischen Staatsmannes.

»Ich werde mich ungefähr eine Woche in London aufhalten«, sagte der Besucher, »um mit dem Außenamt zu verhandeln.«

Schließlich deckte »Mr. Warner« seine Karten auf. Er hieß in Wirklichkeit Drebkow und hatte im Jahr 1918 eine der »Fünfergruppen« in Reillys sowjetfeindlichem Verschwörerapparat geleitet. Jetzt stand er in Moskau an der Spitze einer weißgardistischen Untergrundorganisation.

»Sie hatten damals einen ausgezeichneten Apparat geschaffen, Hauptmann Reilly«, sagte Drebkow, »jetzt haben wir die Fäden wieder aufgenommen! Die Arbeit ist im Gang, alle früheren Agenten sind dabei. Erinnern Sie sich an Palkin? Er ist auch bei uns ... Eines Tages werden wir mit den Rothäuten fertig werden, und dann kommt die gute alte Zeit wieder. Aber Sie wissen ja, wie wir Russen sind. Wir reden und reden und reden, wir entwerfen die großartigsten Pläne, und dann können wir uns über irgendwelche unwichtige Einzelheiten nicht einig werden - die besten Gelegenheiten gehen ungenützt vorbei - und nichts geschieht.« Drebkow kam auf den eigentlichen Zweck seines Besuches zu sprechen. »Wir brauchen einen Mann, Hauptmann Reilly«, sagte er, »einen Mann, der zu befehlen und zu handeln versteht, einen, dessen Anordnungen widerspruchslos befolgt werden, einen Meister - wenn Sie wollen, einen Diktator, wie Mussolini es ist -, einen Mann, der den Hader in unseren Rei­hen mit eiserner Hand unterdrückt und uns zu der Waffe zusammenschmiedet, die den Tyrannen bis ins Herz dringt!«

»Wie wäre es mit Sawinkow?« fragte Sidney Reilly. »Er ist in Paris - er ist der richtige Mann für euch, ein wahrhaft großer Mann, eine Persönlichkeit, der geborene Führer und Organisator !«

Mrs. Reilly, die diese Unterredung in ihren Memoiren festgehalten hat, schreibt:

»Ich konnte Sidney anmerken, daß es ein schweres Opfer für ihn bedeutete, diese Mission an den russischen Führer Sawinkow abzutreten, den er rückhaltlos bewunderte.«

2. »Ein Geschäft wie jedes andere!«

Es gab im Jahre 1924 sowohl in der Downing Street als auch am Quai d'Orsay maßgebende Politiker, die in Boris Sawinkow den künftigen Diktator Rußlands erblickten. Sawinkow, dem es wie so manchen anderen gelungen war, sich aus dem chaotischen Zusammenbruch des alten Zarenreichs zu retten, war eine der markantesten Persönlichkeiten der russischen Emigration. Der schlanke, blasse Mann, dessen Haar sich bereits lichtete, hatte einschmeichelnde Manieren. Seine Kleidung war untadelig - am liebsten trug er Gehrock und Lackschuhe. Sawinkow glich, wie Somerset Maugham einmal sagte, eher einem Bankdirektor als dem berühmten Terroristen und skrupellosen Gegenrevolutionär, der er in Wirklichkeit war. Seine Vielseitigkeit war erstaunlich. Churchill, der Sawinkow durch Sidney Reilly kennenlernte, sagte von ihm in seinem Buch »Great Contemporaries«: Er vereinigte »staatsmännische Klugheit mit der Gabe, zu befehlen, heldenhaften Mut mit der Leidensfähigkeit eines Märtyrers«. Sawinkows ganzes Leben »ging in Verschwörungen auf«.

In seiner Jugend war Sawinkow ein führendes Mitglied der russischen Sozialrevolutionären Partei gewesen. Er teilte sich mit vier anderen maßgebenden Männern in die Leitung der Kampforganisation der Partei, eines terroristischen Spezialkomitees, das für die Vorbereitung der Attentate auf offizielle Persönlichkeiten der Zarenregierung verantwortlich war. In den Jahren nach der Jahrhundertwende wurden der Großfürst Sergei, ein Onkel des Zaren, und den Innenminister W. K. Plehwe durch diese Kampforganisation erledigt.

Das Mißlingen des ersten Aufstandsversuches gegen die Zarenherrschaft im Jahre 1905 setzte der revolutionären Begeisterung Sawinkows einen Dämpfer auf. Er wandte sich der Literatur zu und schrieb eine aufsehenerregende Selbstbiographie, in der er seine Teilnahme an den Attentaten auf Plehwe und den Großfürsten Sergei beschrieb. Er erzählte, wie er, als britischer Agent verkleidet, mit einem gefälschten britischen Paß in der Tasche, tagelang in einem kleinen Haus einer Seitenstraße auf das Vorbeifahren der großfürstlichen Equipage wartete. Unter dem Tisch, an dem er saß, lagen drei Kilogramm Dynamit.

Als der englische Schriftsteller Somerset Maugham viele Jahre später, zur Zeit des ersten Weltkrieges, vom englischen Geheimdienst nach Rußland geschickt wurde, um die Verbindung mit Sawinkow aufzunehmen, fragte er den russischen Terroristen, ob es nicht großen Mut erfordere, solche Attentate auszuführen. Sawinkow antwortete: »Durchaus nicht, glauben Sie mir. Es ist ein Geschäft wie jedes andere. Man gewöhnt sich daran.«

Im Juni 1917 ernannte Kerenski auf Anraten der Alliierten den romanschreibenden Mörder Boris Sawinkow zum Politischen Kommissar der an der galizischen Front stationierten 7. Armee.

Die Soldaten dieses Heeresverbandes verweigerten der Provisorischen Regierung den Gehorsam, und man hoffte, Sawinkow würde den Unruhen mit seinen brutalen Methoden ein rasches Ende bereiten. Seine Auftraggeber wurden nicht enttäuscht. In einem Fall soll er die Deputierten eines bolschewistischen Soldatenrates mit eigener Hand erschossen haben...

Sawinkow veranlaßte Kerenski, General Kornilow zum Oberbefehlshaber der russischen Armeen zu ernennen. Sawinkow selbst wurde stellvertretender Kriegsminister. Schon damals stand er als Geheimagent im Dienst der französischen Regierung und arbeitete auf den Sturz Kerenskis und die Errichtung einer Militärdiktatur unter Kornilow hin.

Nach der Oktoberrevolution leitete Sawinkow in Jaroslawl einen inoffiziell von den Franzosen finanzierten antisowjetischen Aufstand in die Wege, der zeitlich mit Sidney Reillys Moskauer Putschversuch zusammenfallen sollte. Sawinkows Streitkräfte wurden von der Roten Armee vernichtet, es gelang ihm mit Mühe und Not, das nackte Leben zu retten. Nach seiner Flucht wurde er einer der einflußreichsten diplomatischen Vertreter der weißgardistischen Emigration in Europa. Winston Churchill schrieb über ihn in »Great Contemporaries«: »Der ehemalige Nihilist war für die Gestaltung der Beziehungen zu den Alliierten und den damals sehr wichtigen baltischen Staaten und Grenzstaaten, die den »cordon sanitaire« des Westens bildeten, verantwortlich; er entledigte sich seiner Aufgabe mit großer Energie und außerordentlichem diplomatischem Geschick.«

Im Jahre 1920 ging Sawinkow nach Polen. Mit Hilfe seines Freundes Pilsudski sammelte er an die 30 000 Soldaten und Offiziere, die er bewaffnete und für einen neuerlichen Angriff gegen Sowjetrußland auszubilden begann.

Später verlegte Sawinkow sein Hauptquartier nach Prag. Dort schuf er in enger Zusammenarbeit mit dem faschistischen General Gajda eine neue Organisation, die sogenannte »Grüne Garde«, der in erster Linie ehemalige zaristische Offiziere und gegenrevolutionäre Terroristen angehörten. Die Grünen Garden unternahmen eine Reihe von Raub- und Plünderungszügen in sowjetisches Gebiet; sie zündeten Dörfer an, massakrierten Arbeiter und Bauern und ermordeten die Beamten der Sowjetbehörden. Sawinkow wurde bei dieser Tätigkeit von den Spionagezentralen verschiedener europäischer Länder wirksam unterstützt.

Einer seiner Mitarbeiter, ein sozialrevolutionärer Terrorist namens Fomitschow, errichtete in Wilna, der im Jahre 1920 von den Polen besetzten ehemaligen Hauptstadt Litauens, eine Zweigstelle der von Sawinkow geleiteten konspirativen und terroristischen Organisation. Fomitsehow bildete mit Hilfe des polnischen Spionagedienstes Geheimzellen auf sowjetischem Gebiet, deren Aufgabe es war, Spionagearbeit zu leisten und terroristischen Gruppen beizustehen, die von den polnischen Behörden mit Waffen, Geld und gefälschten Papieren ausgestattet über die Grenze gesandt wurden.

Später, in einem Brief an die »Iswestija« vom 17. September 1924, gab Fomitschow eine Schilderung seiner Tätigkeit: »Wenn diese Spione und Abteilungen nach Ausführung der ihnen aufgetragenen Morde zurückkehrten, gab ich die von ihnen gestohlenen Dokumente und das mitgebrachte Spionagematerial an die polnischen Behörden weiter. So arbeiteten die Detachements Sergei Pawlowski, Trubnikow, Monitsch, Daniel, Iwanow und andere kleinere Abteilungen sowie einzelne Spione und Terroristen. Ich erinnere mich, daß Oberst Sweschewski 1922 nach Rußland geschickt wurde, um Lenin zu ermorden ...«

Sawinkow wurde durch seine außerordentliche organisatorische Begabung, durch die Suggestivkraft seiner Persönlichkeit und die Brutalität seiner Methoden zum Exponenten der Weißgardisten und der sowjetfeindlichen europäischen Staatsmänner, die noch immer an den bevorstehenden Sturz der Sowjetregierung glaubten. Aber selbst seine eifrigsten Gönner empfanden seine Vergangenheit manchmal als peinliche Belastung. Winston Churchill schildert in seinem Buch »Great Contemporaries« die Verhandlungen, die er im Jahre 1919 in Paris mit dem ehemaligen Zarenminister Sasonow führte. »Wie kommen Sie mit Sawinkow aus?« fragte Churchill. Sasonow antwortete mit einer hilflos-schuldbewußten Geste: »Er ist ein Mörder! Ich wundere mich selbst darüber, daß ich mit ihm arbeite! Aber was bleibt mir anderes übrig ? Der Mann ist außerordentlich tüchtig, er hat Einfälle und Energie. Niemand kommt ihm gleich!«

3. Ein Sonntag in Chequers

Im Jahre 1922 brach in den verwüsteten russischen Gebieten eine furchtbare Hungersnot aus. Der Zusammenbruch der Sowjetregierung schien unvermeidlich. Die politische Opposition innerhalb von Sowjetrußland entfaltete - ebenso wie die weißgardistische Emigration - eine fieberhafte Tätigkeit: man schloß Geheimverträge, man stellte Regierungen zusammen, die nur darauf warteten, die Macht zu übernehmen. Die Frage, wer der neue Diktator Rußlands werden sollte, wurde heftig diskutiert. Damals schien es Sidney Reilly an der Zeit, Winston Churchill mit Sawinkow zusammenzubringen.

Churchill interessierte sich schon seit langem für die Persönlichkeit des »literarischen Mörders«, wie er Sawinkow nannte. Er teilte Reillys Ansicht, daß man Sawinkow ohne weiteres »die Leitung großer Unternehmungen anvertrauen« könne, und beschloß daher, ihn dem Ministerpräsidenten Lloyd George vorzustellen. Er arrangierte eine vertrauliche Zusammenkunft in Chequers, dem Landsitz der englischen Ministerpräsidenten.

Churchill nahm Sawinkow in seinem Auto mit. »Es war an einem Sonntag«, erzählt er in »Great Contemporaries«. »Der Ministerpräsident hatte einige Geistliche, führende Männer der Freien Kirche, eingeladen. Außerdem war ein walisischer Sängerchor eingetroffen, der zu Ehren des Ministerpräsidenten ein Konzert veranstaltete. Mehrere Stunden lang lauschten wir dem kunstvollen Vortrag der walisischen Gesänge. Dann fand unsere Unterredung statt.«

Aber Lloyd George zeigte sich durchaus nicht geneigt, Boris Sawinkow zum Schützling des englischen Staates zu machen. Seiner Ansicht nach war Rußland bereits »über das Ärgste hinaus«. Der bolschewistische Versuch, die Industrie des Landes nach sozialistischen Grundsätzen zu verwalten, müßte mißlingen. Die bolschewistischen Führer, so meinte Lloyd George, würden jetzt, wo sie die Regierungsgeschäfte selbst übernommen hätten. unter dem Druck der Verantwortung ihre kommunistischen Theorien aufgeben.

Die »Gefahr des internationalen Kommunismus«, die Churchill und dem englischen Spionagedienst so viel Kopfzerbrechen verursache, existiere überhaupt nicht.

4. Prozeß in Moskau 1924

Als Lenin am 21. Januar 1924 starb, begann für Sidney Reilly eine Periode neuer, hoffnungsfreudiger Aktivität. Seine Agenten berichteten aus Rußland, daß die oppositionellen Elemente des Landes den Kampf um die Macht mit verdoppelter Energie wieder aufgenommen hätten. Innerhalb der Kommunistischen Partei kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, die möglicherweise zu einer Spaltung führen konnten. Die idealen Voraussetzungen für einen Putsch waren gegeben.

Reilly war zu der Einsicht gelangt, daß sein ursprünglicher Plan, das Zarenregime wieder in seine Rechte einzusetzen, sich überlebt hatte. Rußland war zu weit vom Zarismus abgerückt. Reilly strebte eine Diktatur an, die sich auf die Großbauern (die Kulaken) und verschiedene militärische und politische Gruppen stützen sollte, die der Sowjetregierung feindlich gegenüberstanden. In seinen Augen war Boris Sawinkow der richtige Mann, um in Rußland ein diktatorisches Regime nach italienischem Muster zu errichten. Der britische Agent bereiste sämtliche europäischen Hauptstädte, um sich bei den Generalstäben und Spionagezentralen für Sawinkow einzusetzen.

Damals gewann die sowjetfeindliche Bewegung einen mächtigen Helfer in der Person des Sir Henri Wilhelm August Deterding, eines in England geadelten Holländers, der an der Spitze des weltberühmten englischen. Petroleumtrusts »Royal Dutch Shell« stand. Sir Henri wurde allmählich die wichtigste finanzielle Stütze aller antibolschewistischen Bestrebungen, in deren Rahmen er als Wortführer des internationalen Großkapitals auftrat.

Es war Reilly gelungen, das Interesse des Petroleumkönigs auf die Torgprom, die Organisation der zaristischen Millionäre, zu lenken. Deterding erwarb von Lianosow, Mantaschew und anderen Mitgliedern der Torgprom die theoretischen Besitzansprüche auf die wichtigsten Ölfelder Sowjetrußlands. Nach einem vergeblichen Versuch, seine Anrechte durch diplomatische Druckmittel geltend zu machen, bezeichnete sich der britische Petroleumkönig im Frühjahr 1924 einfach als »Besitzer« des russischen Öls. Er behauptete, die Sowjetregierung sei ungesetzlich und stehe außerhalb des Bereiches der Zivilisation. Sir Henri Deterding erklärte der Sowjetunion den Krieg. Er gab offen zu, daß der Einsatz seines immensen Reichtums, seines Einflusses und seiner zahllosen Geheimagenten der Eroberung der ergiebigen kaukasischen Ölquellen galt.

Deterdings Eingreifen gab der Kampagne Sidney Reillys einen neuen Auftrieb. Der britische Spion entwarf sofort einen konkreten Angriffsplan, den er interessierten Mitgliedern der europäischen Generalstäbe unterbreitete. Es handelte sich um eine Neuauflage des Hoffmann-Planes, eine Verbindung von politischen und militärischen Aktionen.

Der politische Teil des Planes enthielt folgende Vorschläge: die Träger der geheimen Opposition in Rußland vereinigen sich mit den Terroristen Sawinkows zu einer gegenrevolutionären Bewegung. Sobald die Gegenrevolution erfolgreich in Gang gebracht ist, beginnt die militärische Phase. London und Paris sagen sich formell von der Sowjetregierung los und erkennen Boris Sawinkow als Diktator Rußlands an. Die in Jugoslawien und Rumänien stationierten Weißen Armeen überschreiten die sowjetische Grenze. Polen marschiert gegen Kiew. Finnland blockiert Leningrad. Gleichseitig führt der georgische Menschewik Noi Shordania unter Mitwirkung seiner Anhänger einen bewaffneten Aufstand im Kaukasus durch. In diesem Gebiet, das von dem übrigen Rußland abzutrennen ist, wird eine »unabhängige«; Transkaukasische Föderation unter englisch-französischem Protektorat gegründet. Die Ölquellen und Rohrleitungen werden den ehemaligen Besitzern und ihren ausländischen Geschäftsfreunden zurückgegeben.

Die antibolschewistischen Leiter der Generalstäbe von Frankreich, Polen, Finnland und Rumänien nahmen Reillys Plan mit großem Beifall auf. Das englische Außenamt war an der Abtrennung des Kaukasus von Rußland lebhaft interessiert. Der faschistische Diktator Benito Mussolini lud Boris Sawinkow zu einer persönlichen Unterredung nach Rom ein. Er wollte den »russischen Diktator« kennenlernen. Mussolini machte sich erbötig, die Agenten Sawinkows mit italienischen Pässen auszustatten, um ihnen die für die Vorbereitung des Angriffs nötigen Reisen nach Rußland zu erleichtern. Außerdem wies der Duce seine Geheimpolizei, die »OVRA«, und. die faschistischen Botschaften an, Sawinkow in jeder Weise behilflich zu sein...

Reilly sagte mit Recht: »Eine große gegenrevolutionäre Verschwörung näherte sich der Vollendung.«

Nach einer langen, abschließenden Unterredung mit Reilly reiste Boris Sawinkow am 10. August 1924 nach Rußland ab. Er war im Besitz eines italienischen Passes und wurde von einigen zuverlässigen Adjutanten und Offizieren der Grünen Garde begleitet. Jenseits der Sowjetgrenze sollte er die letzten Anweisungen für den allgemeinen Aufstand geben. Man hatte alle erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um Sawinkows Identität geheimzuhalten und seine Sicherheit zu garantieren. Beim Betreten des Sowjetgebietes sollte er von Vertretern der weißgardistischen Untergrundbewegung in Empfang genommen werden, die in den Grenzstädten offizielle Stellen bekleideten. Ein Geheimkurier stand bereit, um Reilly die Meldung von Sawinkows Eintreffen zu überbringen.

Tage vergingen - die Nachricht blieb aus. Reilly, der sich in Paris aufhielt, wurde immer ungeduldiger und ängstlicher, da er vor der Ankunft des Kuriers nichts unternehmen konnte. Eine Woche verstrich. Eine zweite Woche...

Am 28. August begann der Aufstand im Kaukasus. Eine von Noi Shordanias bewaffneten Abteilungen überfiel bei Morgengrauen die friedlich schlafende georgische Stadt Tsehiatury. Die Vertreter der Sowjetregierung wurden getötet. Im ganzen Kaukasusgebiet kam es zu terroristischen Ausschreitungen. Die Aufständischen mordeten, warfen Bomben und versuchten schließlich, sich der Ölfelder zu bemächtigen...

Am nächsten Tag erhielt Reilly Klarheit über Boris Sawinkows Schicksal. Am 29. August 1924 meldete die sowjetische Zeitung »Iswestija«, daß der »ehemalige Terrorist und Gegenrevolutionär Boris Sawinkow bei dem Versuch, die Grenze zu überschreiten«, von den Sowjetbehörden verhaftet worden war.

Sawinkow und seine Begleiter waren über Polen nach Rußland gereist. Auf sowjetischem Boden wurden sie von einigen Männern, die sie für Mitverschworene hielten, empfangen und in ein Haus in Minsk gebracht. Dort erschien ein bewaffneter Sowjetoffizier und erklärte, das Haus stehe unter militärischer Bewachung. Sawinkow und seine Freunde waren in eine Falle gegangen. Auch der Aufstand im Kaukasus nahm ein unrühmliches Ende. Die Bergbewohner, auf deren Beistand die Gegenrevolutionäre gerechnet hatten, ergriffen die Partei der Sowjetregierung. Gemeinsam mit den Petroleumarbeitern verteidigten sie die Eisenbahnlinien, die Rohrleitungen und die Ölfelder bis zum Eintreffen regulärer sowjetischer Truppen. Während der nächsten Wochen kam es noch hir und da zu vereinzelten Kampfhandlungen, aber es war vom ersten Augenblick an klar, daß die Sowjetbehörden die Lage beherrschten. Die »New York Times« meldete am 18. September 1924, daß der kaukasische Aufstand »von einer mächtigen Pariser Finanzgruppe und den ehemaligen Besitzern der Ölfelder von Baku finanziert und geleitet« worden sei. Einige Tage darauf wurde die gegenrevolutionäre Armee Shordanias von Sowjettruppen umzingelt und gefangengenommen.

Die Verhaftung Sawinkows und der Zusammenbruch des Aufstandes im Kaukasus bedeuteten für Reilly und seine Freunde sicherlich eine bittere Enttäuschung, aber der schwerste Schlag war die öffentliche Verhandlung, die bald darauf in Moskau gegen Sawinkow geführt wurde. Zum Entsetzen aller an dem Komplott beteiligten prominenten Persönlichkeiten begann Boris Sawinkow, die Einzelheiten der Verschwörung aufzudecken. Er erklärte, vom Augenblick seines Grenzübertritts an gewußt zu haben, daß er in eine Falle ging. Er sagte zu dem Offizier, der ihn verhaftete: „Ihr habt da ein gutes Stück Arbeit geleistet. übrigens war ich auf etwas Derartiges gefaßt. Aber ich bin trotzdem nach Rußland gefahren. Ich will euch sagen, warum ... Ich habe mich entschlossen, den Kampf gegen euch aufzugeben!“

Sawinkow behauptete, die Sinnlosigkeit und Bösartigkeit der sowjetfeindlichen Bewegung endlich erkannt zu haben. Er versuchte, vor dem Sowjetgericht die Rolle des ehrlichen, irregeführten Patrioten zu spielen, der sich nur allmählich zur Klarheit über die wahren Ziele seiner Mitverschworenen durchgerungen hatte.

»Mit Entsetzen stellte ich fest, daß sie weder an das Vaterland noch an das Wohl des Volkes, sondern nur an ihre Klasseninteressen dachten!«

Sawinkow erzählte, daß die von ihm in Rußland aufgezogene terroristische Geheimorganisation bereits im Jahre 1918 von dem französischen Botschafter Noulens finanziert wurde. Noulens hatte ihn auch beauftragt, die Jaroslawl-Revolte vom Juli 1918 in die Wege zu leiten. Er versprach, Sawinkow durch die Landung französischer Truppen wirksam zu unterstützen, aber die Hilfe blieb aus, obwohl Sawinkow sein Wort gehalten hatte.

»Woher bezogen Sie damals Ihre Gelder und wie hoch waren die Beträge?« fragte der Gerichtspräsident.

»Ich befand mich zu jener Zeit in einer verzweifelten Lage«, antwortete Sawinkow, »da ich keine Möglichkeit sah, Geld für unsere Bewegung aufzutreiben. Da traten plötzlich gewisse tschechische Persönlichkeiten unaufgefordert an uns heran und stellten uns einen Betrag von mehr als 200 000 Kerenski-Rubel zur Verfügung. Damit war unsere Organisation gerettet... Die Tschechen wußten genau, daß ich ein Anhänger der terroristischen Kampfmethode war. Sie erklärten sogar ausdrücklich, das mir übergebene Geld solle in erster Linie für terroristische Zwecke verwendet werden.«

Später, fuhr Sawinkow fort, sei es ihm klar geworden, daß die sowjetfeindlichen Kreise des Auslands seine Bewegung nicht aus uneigennützigen Motiven unterstützten, sondern nur, um die russischen Ölquellen und Bodenschätze in ihren Besitz zu bringen. »Sie« - damit meinte Sawinkow seine englischen Berater - »wurden nicht müde, mir die Vorteile einer südöstlichen Föderation im nördlichen Kaukasus und Transkaukasien vor Augen zu führen. Aber das war nur der Anfang. Später sollten auch Aserbeidschan und Georgien in diesen Bund einbezogen werden. Es roch nach Petroleum.«

Dann schilderte Sawinkow seine Verhandlungen mit Churchill. »Churchill zeigte mir einmal eine Karte von Südrußland, auf der die Stellungen eurer Armee und der Truppen Denikins mit kleinen Fähnchen angezeichnet waren. Ich erinnere mich noch, was für einen Schock es mir versetzte, als er mit dem Finger auf Denikins Fähnchen wies und sagte: »Das ist meine Armee!« Ich stand wie angewurzelt, ohne ein Wort zu erwidern. Ich war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, aber dann sagte ich mir: »Wenn ich jetzt hier eine Szene mache, bekommen unsere Soldaten in Rußland keine Stiefel mehr!«

»Und warum lieferten Ihnen die Engländer und Franzosen all diese Stiefel, Granaten, Maschinengewehre und dergleichen?« fragte der Gerichtspräsident.

»Angeblich aus den edelsten Beweggründen«, antwortete Sawinkow. »Wir waren die treusten Verbündeten, ihr ward Verräter und so weiter. In Wirklichkeit wurden sie von anderen Motiven geleitet. Da gab es zunächst einmal einen Gesichtspunkt von sekundärer Bedeutung: Erdöl ist eine gute Sache! - und auf weitere Sicht ein großes Ziel: laßt die Russen miteinander streiten, je weniger übrigbleiben, desto besser. Auf diese Weise wird Rußland geschwächt.«

Diese sensationelle Vernehmung dauerte zwei Tage. Sawinkow deckte alle Einzelheiten seiner Verschwörerlaufbahn auf. Er nannte die Finanzleute und Staatsmänner Englands, Frankreichs und anderer europäischer Länder, die ihm Beistand geleistet hatten, bei Namen. Er behauptete, sie hätten ihn ohne sein Wissen zu ihrem Werkzeug gemacht. »Ich lebte wie in einem gläsernen Käfig. Ich sah nichts als meine Verschwörung... Ich kannte das Volk nicht. Ich liebte es. Ich war bereit, ihm mein Leben zu opfern. Aber seine wahren Interessen und Wünsche waren mir nicht bekannt.«

Im Jahre 1923 sei ihm die »Weltbedeutung« der bolschewistischen Revolution allmählich aufgegangen. Er begann, an eine Rückkehr nach Rußland zu denken, um »mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenen Ohren zu hören«.

»Ich dachte: vielleicht ist alles, was ich in den ausländischen Zeitungen lese, Lüge«, sagte Sawinkow. »Ich dachte: es kann nicht sein, daß diese Menschen, denen niemand etwas anzuhaben vermag, für das russische Volk nichts geleistet haben.«

Das Sowjetgericht verurteilte Boris Sawinkow wegen Landesverrates zum Tode. Das Urteil wurde in Anerkennung seiner vollständigen, ehrlichen Aussage in zehn Jahre Gefängnis umgewandelt.

Die Nachricht von Sawinkows Gesinnungswechsel schlug wie eine Bombe ein. Reilly eilte von Paris nach London zurück, um sich mit seinen Vorgesetzten zu beraten. Am 8. September 1924 ließ Reilly in der »Morning Post«, dem Organ der sowjetfeindlichen Konservativen, eine ausführliche, aufsehenerregende Erklärung abdrucken, in der er behauptete, die öffentliche Verhandlung gegen Sawinkow habe in Wirklichkeit gar nicht stattgefunden. »Sawinkow wurde bei dem Versuch, die russische Grenze zu überschreiten, erschossen. Der Prozeß war eine von der Moskauer Tscheka hinter geschlossenen Türen veranstaltete Komödie, in der einer ihrer Agenten als Hauptakteur auftrat.«

Reilly bemühte sich, Sawinkow als unbeirrbaren Feind der Sowjets hinzustellen:

»Ich genoß den Vorzug, einer seiner vertrautesten Freunde und ergebensten Anhänger zu sein, und so ist es meine heilige Pflicht, seine Ehre zu retten... Ich gehörte zu den wenigen, die von seinen Absichten wußten... Ich war in der Zeit vor seiner Abreise jeden Tag mit ihm zusammen. Ich erfreute mich seines rückhaltlosen Vertrauens, und er arbeitete alle seine Pläne gemeinsam mit mir aus.«

Reilly schloß seine Erklärung mit einigen persönlichen Worten an den Herausgeber der »Morning Post«: »Ihre Zeitung hat im Kampfe gegen den Bolschewismus und. Kommunismus stets eine führende Rolle gespielt. Ich bitte Sie, helfen Sie mir, Boris Sawinkows Ehre und Namen zu verteidigen!«:

Es stellte sich jedoch bald heraus, daß an der Glaubwürdigkeit der Nachrichten über den Moskauer Prozeß kein Zweifel möglich war, und Reilly sah sich daher gezwungen, einen zweiten Brief an die »Morning Post« zu schreiben: »Die genauen, zum großen Teil stenographischen Presseberichte über den Sawinkow-Prozeß, die durch die Aussage verläßlicher, unparteiischer Augenzeugen bestätigt wurden, haben den von diesem Manne verübten Verrat einwandfrei erwiesen. Er hat nicht nur seine Freunde, seine Organisation. und seine Sache preisgegeben, sondern er hat sich mit voller Überlegung und ohne Vorbehalt in das Lager seiner ehemaligen Feinde begeben. Er hat den Leuten, die ihn gefangennahmen, zu einem großartigen politischen Triumph verholten, den sie im In- und Ausland auswerten können; er hat sich mit ihnen vereinigt, um der antibolschewistischen Bewegung den denkbar schwersten Schlag zuzufügen. Sawinkows Name wird für immer aus der Ehrenliste der antikommunistischen Kämpfer gestrichen werden. Seine ehemaligen Freunde und Anhänger empfinden tiefen Schmerz über seinen unrühmlichen, schrecklichen Sturz, aber diejenigen, die unter keinen Umständen mit den Feinden der Menschheit paktieren werden, sind auch weiterhin guter Zuversicht. Der moralische Selbstmord ihres früheren Führers ist für sie ein neuer Ansporn, die Reihen zu schließen und 'durchzuhalten'.«

Das öffentliche Geständnis Sawinkows brachte seine ehemaligen englischen Gönner in peinliche Verlegenheit. Reilly wurde schleunigst nach den Vereinigten Staaten abgeschoben. Churchill zog sich für einige Zeit auf seinen Landsitz in Kent zurück. Das britische Außenamt hüllte sich in Schweigen. Aber diese Affäre hatte noch ein sensationelles Nachspiel. Ende Oktober 1924, wenige Tage vor den englischen Wahlen, verkündete die »Daily Mail«, eine der Zeitungen des Rothermere-Konzerns, plötzlich in einer riesigen Schlagzeile, Scotland Yard habe eine sowjetische Verschwörung gegen England aufgedeckt. Als dokumentarischen Beweis veröffentlichte die »Daily Mail« den berühmten Sinowjew-Brief, in dem der Leiter der Komintern, Grigori Sinowjew, den englischen Kommunisten Anweisungen für den Wahlkampf gegen die Konservative Partei Englands erteilte.

Diese Antwort der Tories auf Sawinkows Geständnis erzielte die beabsichtigte Wirkung. Die Wahlen, die im Zeichen einer heftigen antibolschewistischen Propaganda standen, brachten den Konservativen einen entscheidenden Sieg.

Einige Jahre später erklärte Sir Wyndham Childs von Scotland Yard, daß Sinowjew nie einen derartigen Brief geschrieben habe. Das veröffentlichte Dokument war eine von mehreren ausländischen. Agenten hergestellte Fälschung. Die Idee stammte aus dem Berliner Büro des Oberst Walter Nicolai, der den militärischen Spionagedienst des kaiserlichen Deutschland geleitet hatte und jetzt für die Nazipartei arbeitete. Unter seiner Auf­sicht schuf Baron Uexkuell aus der baltischen Weißen Garde, der später eine nationalsozialistische Presseagentur übernahm, in der deutschen Hauptstadt eine Organisation, die sich ausschließlich mit der Fabrikation sowjetfeindlicher Dokumente befaßte und für die Verbreitung und möglichst wirkungsvolle Propagierung dieses Materials Sorge trug.

Die Weiterleitung des gefälschten Sinowjew-Briefes an das britische Außenamt und später an die »Daily Mail« war angeblich von George Bell, einem geheimnisvollen internationalen Agenten durchgeführt worden. Bell stand im Solde des englisch-holländischen Petroleummagnaten Henri Deterding.

X. AN DER FINNISCHEN GRENZE

l. Propaganda am Broadway

Als Hauptmann Sidney Reilly im Herbst 1924 mit seiner Frau an Bord der »Nieuw Amsterdam« in New York eintraf, wurde er auf dem Kai von einem weißgardistischen Begrüßungskomitee empfangen. Der »Held des antibolschewistischen Kreuzzuges« wurde mit Blumen, Sekt und schwungvollen Ansprachen gefeiert.

Reilly fühlte sich in den Vereinigten Staaten bald heimisch. Um jene Zeit wurde viel über die Möglichkeit einer amerikanischen Finanzhilfe für Sowjetrußland gesprochen. Eine Anzahl prominenter amerikanischer Geschäftsleute nahm eine wohlwollende Haltung ein. Die Sowjetregierung war an der Aufnahme freundschaftlicher Beziehungen mit Amerika im höchsten Maße interessiert; außerdem brauchte sie dringend Kapital und Maschinen für den Wiederaufbau der zerrütteten russischen Wirtschaft und war daher zu Konzessionen bereit.

»Sowjetrußland hatte die besten Aussichten, eine Anleihe zu erhalten«, berichtete Mrs. Reilly später. »Sidney war fest entschlossen, das Zustandekommen dieser Anleihe zu verhindern. Seine Tätigkeit in Amerika war nicht zuletzt auf die Erreichung dieses Zieles gerichtet.«

Reilly stürzte sich sofort in den Kampf. Er eröffnete am unteren Broadway ein Privatbüro, das in kürzester Zeit zum Treffpunkt aller antisowjetischen und weißgardistischen Verschwörer Amerikas wurde. Diese Zentralstelle versandte riesige Mengen von Propagandaliteratur an die einflußreichsten Verleger, Journalisten, Pädagogen, Politiker und Geschäftsleute Amerikas. Reilly unternahm eine Vortragstournee, um das Publikum über die »Bedrohung der Zivilisation und des Welthandels durch die bolschewistische Gefahr« aufzuklären. In verschiedenen amerikanischen Städten hielt er im kleinem Kreis vertrauliche Besprechungen mit Vertretern der Wall Street und reichen Industriellen ab.

»Sidney bekämpfte die bolschewistische Anleihe durch öffentliche Vorträge und Zeitungsartikel«, schreibt Mrs. Reilly. »Überflüssig zu erwähnen, daß die ununterbrochene Folge von Enthüllungen und Aufdeckungen zu einem vollständigen Sieg führte. Die Anleihe an Sowjetrußland kam nie zustande.«

Aber Reilly verfolgte in Amerika noch ein anderes, wichtigeres Ziel. Er betrachtete es als seine Hauptaufgabe, eine amerikanische Zweigstelle der Internationalen Antibolschewistischen Liga zu errichten, die seine antisowjetischen Umtriebe in Europa und Rußland wirksam unterstützen sollte. In Berlin, London, Paris und Rom sowie in den Staaten des Cordon sanitaire am Balkan und im Baltikum bestanden bereits solche Filialen. Die Japaner finanzierten eine Zweigstelle in der mandschurischen Stadt Charbin, deren Leitung dem berüchtigten Kosakenataman und Terroristen Semjonow übertragen wurde. In den vereinigten Staaten gab es noch keine derartige Organisation, aber das vorhandene Material berechtigte zu den schönsten Hoffnungen...

Reilly wurde von seinen weißgardistischen Freunden mit einflußreichen, vermögenden Amerikanern in Verbindung gebracht, von denen große Beträge für die Finanzierung einer antisowjetischen Bewegung zu erwarten waren.

In diesem Jahr schrieb Reilly in einem vertraulichen Brief an einen seiner europäischen Agenten: »Die Geldfrage ist nirgends so leicht zu lösen wie hier, aber um das Geld zu bekommen, muß man einen sehr konkreten und einleuchtenden Plan vorlegen und überzeugend nachweisen können, daß die Minorität in absehbarer Zeit imstande sein wird, eine Neuorganisierung des Geschäfts vorzunehmen.«

Die »Minorität«, auf die Reilly in diesem in einer Geheimsprache abgefaßten Schreiben anspielte, war die antisowjetische Bewegung in Rußland. Mit »Neuorganisierung des Geschäfts« meinte er den Sturz der Sowjetregierung. Reilly fuhr fort: »Auf dieser Grundlage könnte man in erster Linie mit dem größten Automobilfabrikanten Amerikas verhandeln, der sich vermutlich für die Patente interessieren würde, wenn man ihm stichhaltige Beweise (nicht bloße Worte) für die Brauchbarkeit der Patente erbringt. Wenn er einmal für die Sache gewonnen ist, bedeutet die Geldfrage keine Schwierigkeit mehr.«

Aus Mrs. Reillys Memoiren geht hervor, daß Henry Ford gemeint war.

2. Agent »B l«

Der Führer der sowjetfeindlichen weißgardistischen Bewegung m Nordamerika war ein Offizier der alten zaristischen Armee und ehemaliger Agent der Ochrana, Leutnant Boris Brasul. Eine Zeitlang hatte er als Untersuchungsrichter am Obersten Gerichtshof von St. Petersburg gearbeitet. Er nahm 1916 als Vertreter Rußlands an der Interalliierten Konferenz in New York teil und blieb von da an in der Eigenschaft eines zaristischen Spezialagenten in Amerika.

Brasul war ein kleiner, blasser, nervöser, feminin aussehender Mann mit fliehender Stirn, großer Nase und dunklen, brütenden Augen. Er betrieb schon seit langem mit besonderem Eifer antisemitische Hetzpropaganda und hatte bereits 1913 in dem berühmten Beilis-Prozeß eine führende Rolle gespielt. Damals behauptete die zaristische Geheimpolizei, die Juden von Kiew hätten einen Ritualmord an einem christlichen Knaben begangen.

Nach der Revolution rief Brasul die erste weißgardistische Verschwörerorganisation von. Nordamerika ins Leben. Sie erhielt den Namen »Verband der zaristischen Armee- und Marineoffiziere« und bestand in erster Linie aus ehemaligen Mitgliedern der Schwarzen Hundertschaften. Im Jahr 1918 arbeitete Brasuls Gruppe bereits für das Staatsdepartement und lieferte einen großen Teil der falschen Angaben und Informationen, auf Grund deren das Staatsdepartement die betrügerischen »Sisson-Dokumente« für echt erklärte. Brasul verstand es, sich in den Ruf eines Fachmanns für russische Fragen zu bringen, was ihm eine Stelle beim amerikanischen Spionagedienst eintrug. Er begann seine Tätigkeit als Agent »B l« damit, daß er Natalie de Bogory, die Tochter eines ehemaligen zaristischen Generals, veranlaßte, die »Protokolle der Weisen von Zion« ins Englische zu übersetzen, jene infame antisemitische Fälschung, mit deren Hilfe die zaristische Geheimpolizei im kaiserlichen Rußland ausgedehnte Judenpogrome hervorgerufen hatte und die der zaristische Emigrant Alfred Rosenberg später in München verbreitete. Brasul ließ die Übersetzung als authentisches Dokument, das zur »Erklärung der russischen Revolution« beitragen könne, den Akten des amerikanischen Geheimdienstes einverleiben.

Brasul brachte die »Protokolle der Weisen von Zion« in ganz Nordamerika in Umlauf, um für die Weißgardisten Stimmung zu machen und den Amerikanern die bolschewistische Revolution als Teil einer »internationalen jüdischen Verschwörung« darzustellen. Er ergänzte die zaristischen Fälschungen durch eigene antisemitische Schriften. Zu Beginn des Jahres 1921 veröffentlichte er in Boston ein Buch mit dem Titel »The World at the Crossroads«, in dem er behauptete, die russische Revolution sei von Juden hervorgerufen, finanziert und geleitet worden. Brasul bezeichnete den Sturz des Zaren und die darauf folgenden internationalen Entwicklungen als Auswirkungen einer »gefährlichen Bewegung, in der das Weltjudentum und Mr. Wilson gemeinsame Sache machen«.

Am l. Juli 1921 konnte Brasul in einem Brief, den er an Generalmajor Graf W. Tscherep-Spiridowitsch, einen ebenfalls in den vereinigten Staaten lebenden Emigranten, schrieb, mit Stolz bemerken:

»Ich habe während des letzten Jahres drei Bücher geschrieben, die den Juden mehr schaden werden als zehn Pogrome.« Auch Tscherep-Spiridowitsch fabrizierte fleißig antisemitische Propaganda, die von einem berühmten amerikanischen Industriellen finanziert wurde. Der Industrielle hieß Henry Ford.

Boris Brasul stand in enger Verbindung mit Agenten der Ford-Gesellschaft, die dem Automagnaten ein Exemplar der »Protokolle« zur Begutachtung vorlegten.

3. Schwarze Hundertschaften in Detroit

So entstand in den Vereinigten Staaten eine seltsame, üble Kampfgemeinschaft der zaristisch gesinnten Emigranten mit dem berühmten amerikanischen Industriellen, in dessen Betrieben die modernsten Produktionsmethoden der Welt zur Anwendung kamen.

Henry Ford erlebte das Kriegsende als enttäuschter, verbitterter Mann. Mit seiner Idee, ein »Friedensschiff« nach Europa zu entsenden, hatte er sich gründlich lächerlich gemacht. Außerdem konnte er es nicht verwinden, daß es ihn große Mühe gekostet hatte, von der Wall Street eine Anleihe für die Erweiterung seiner Betriebe zu erhalten. Fords Unbildung war ebenso groß wie seine technische Begabung, und so hatten die Weißgardisten leichtes Spiel, als sie ihm einzureden versuchten, die Juden seien an all seinen Schwierigkeiten schuld. Um ihre Behauptung zu erhärten, legten sie ihm die »Protokolle der Weisen von Zion« vor. Nach gründlichem Studium war Ford überzeugt, die Quelle seiner Sorgen gefunden zu haben. Er beschloß, das breite Publikum durch Nachdrucke in seiner Zeitung, dem »Dearborn Independent«, mit dieser antisemitischen Fälschung bekanntzumachen.

Das führte zunächst dazu, daß die Ford-Werke in Detroit von antisemitischen russischen Aristokraten, Terroristen der Weißen Garde, Pogromhelden der Schwarzen Hundertschaften und ehemaligen Agenten der zaristischen Geheimpolizei, die nach der Revolution nach Amerika ausgewandert waren, überlaufen wurden. Sie alle wollten Henry Ford davon überzeugen, daß die Regierung der Vereinigten Staaten von einem revolutionären »jüdischen Komplott« bedroht sei und daß er in allen liberalen Gruppen und Persönlichkeiten Amerikas »Vorkämpfer des Weltjudentums« zu sehen habe. Unter der fachmännischen Leitung dieser Leute, denen die Verbindung mit dem reichen, angesehenen Ford eine gewisse Achtbarkeit verlieh, entstand eine weitverzweigte, komplizierte Geheimorganisation, deren Zweck es war, freisinnige Amerikaner zu beobachten, reaktionäre und sowjetfeindliche Projekte zu fördern, judenfeindliche Gerüchte zu verbreiten und antisemitische Propaganda zu treiben.

Das Hauptquartier dieser Vereinigung befand sich in der Zentrale der Ford-Gesellschaft. Jedes Mitglied hatte eine Geheimnummer. Fords Privatsekretär E. G. Liebold war Nummer 121 X, W. J. Cameron, der Herausgeber des »Dearborn Independent«, hatte Nummer 122 X. Und Natalie de Bogory, die in Boris Brasuls Auftrag die »Protokolle« ins Englische übersetzt hatte, war 29 H.

Fords Organisation erfaßte alle Gebiete des öffentlichen Lebens. Seine Agenten trieben ihr Unwesen in den Redaktionen führender Zeitungen, an berühmten Universitäten, in bekannten Handelsgesellschaften und sogar in Regierungsämtern. Dr. Harris Houghton, der früher für die amerikanische Militärspionage gearbeitet hatte, leitete den sogenannten Fordschen Detektivdienst, eine Unterabteilung der Verschwörerorganisation. Seine Geheimnummer war 103 A. Die Hauptaufgabe dieses Detektivdienstes bestand darin, vertrauliche Informationen über prominente liberale Amerikaner zu sammeln, die später für antisowjetische und antisemitische Propagandazwecke ausgewertet werden konnten. Auf der schwarzen Liste dieses Detektivdienstes standen Woodrow Wilson, Oberst Raymond Robins, Reverend John Haynes Holmes, Heien Keller und die Richter Hughes und Brandeis. Alle diese Persönlichkeiten und noch viele andere wurden in den Geheimberichten als Werkzeuge der »jüdischen Verschwörung« gegen den amerikanischen Staat bezeichnet.

Die von dieser Spionagezentrale in Erfahrung gebrachten Tatsachen wurden in Fords »Dearborn Independent« veröffentlicht.

Die Ford-Organisation ließ ihre Spezialagenten viele tausend Kilometer weit in überseeische Lander reisen, um neue antisemitische Verleumdungen und Fälschungen zu sammeln. Einer dieser Agenten, ein Weißgardist namens Rodionow, begab sich nach Japan, um von der dortigen weißgardistischen Kolonie bestimmte Unterlagen zu besorgen. Vor seiner Abreise telegraphierte er an Charles W. Smith, der in der Ford-Organisation eine führende. Rolle spielte:

»Meine Bedingungen sind: Sie haben sechs Monate lang die ausschließlichen Rechte auf das vereinbarte Material. Sie strecken monatlich fünfzehnhundert amerikanische Dollar vor, zahlbar bei der Yokohama Specie Bank. Sie bezahlen das bereits gelieferte Material. - Rodionow.«

Der berühmte Journalist Norman Hapgood, der später amerikanischer Gesandter in Dänemark wurde, schilderte die Zustände in der Ford-Gesellschaft:

»Die Atmosphäre, in der Fords Detektive arbeiteten, war derartig, daß von der Möglichkeit regelrechter Pogrome in Amerika gesprochen wurde. In Fords Umgebung entwickelten sich die gleichen Symptome wie im Rußland der Schwarzen Hundertschaften ... Politisch bedeutete das eine Wiederholung des historischen Geschehens. Da Brasul das Haupt der in Amerika lebenden russischen Emigranten war, die dem Hause Romanow wieder auf den Thron verhelfen wollten, stellte die Logik der Ereignisse einen Zusammenhang zwischen den von Ford veranstalteten Verfolgungen und dem jahrhunderte alten Kreuzzug her, den die Despoten Europas immer wieder anfachten, um den dunklen religiösen Haß der unwissenden Massen für ihre eigennützigen Zwecke auszuwerten.«

Wie Henri Deterding in England und Fritz Thyssen in Deutschland, machte der amerikanische Automobilkönig Henry Ford gemeinsame Sache mit dem internationalen Antibolschewismus und der rasch anwachsenden faschistischen Bewegung. Die »New York Times« zitierte in ihrer Ausgabe vom 8. Februar 1923 den Vizepräsidenten des bayrischen Landtages Auer:

»Es ist dem bayrischen Landtag schon seit längerer Zeit bekannt, daß die Hitler-Bewegung teilweise von dem amerikanischen Antisemitenführer Henry Ford finanziert wird. Mr. Fords Interesse für den bayrischen Antisemitismus begann vor einem Jahr, als einer seiner Agenten mit dem berüchtigten Alldeutschen Dietrich Eckart in Verbindung trat... Sofort nach der Rückkehr dieses Agenten trafen die ersten Geldsendungen aus Amerika in München ein. Herr Hitler brüstet sich öffentlich mit diesen Unterstützungen und preist Mr. Ford nicht nur als große Persönlichkeit, sondern vor allem als großen Antisemiten.«

Im Hauptquartier Adolf Hitlers, einem kleinen, unansehnlichen Büro in der Corneliusstraße in München, hing ein einziges Bild an der Wand. Es war eine Photographie Henry Fords.

4. Sidney Reillys Ende

Sidney Reilly trat bald nach seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten mit den antisemitischen und antisowjetischen Agenten der Ford-Organisation in Verbindung. Er stellte mit ihrer Hilfe »eine komplette Liste aller amerikanischen Persönlichkeiten«; zusammen, »die im geheimen für die Sache des Bolschewismus arbeiteten«.

Durch Reillys Bemühungen wurde auch der Kontakt zwischen den antisemitischen und antidemokratischen Vereinigungen Nordamerikas und den europäischen und asiatischen Zweigstellen der Internationalen Antibolschewistischen Liga hergestellt. Bereits im Frühjahr 1925 war das Fundament einer internationalen faschistischen Propaganda- und Spionage-Organisation geschaffen, die unter dem Deckmantel des »Antibolschewismus« operierte.

Reilly blieb die ganze Zeit über in enger Fühlung mit seinen europäischen Agenten. Er erhielt regelmäßige Berichte aus Reval, Helsinki, Rom, Berlin und anderen Zentren der sowjetfeindlichen Propaganda. Ein Großteil der Korrespondenz, die in Reillys Büro am Broadway einlief, war chiffriert oder mit »unsichtbarer Tinte« auf die Rückseite harmlos aussehender Geschäftsbriefe geschrieben.

Diese Mitteilungen enthielten genaue Angaben über jede neue Phase der antisowjetischen Bewegung in Europa. Der Zusammenbruch Sawinkows hatte auf weite Kreise demoralisierend gewirkt. Die Grünen Garden zerfielen in kleine Banden berufsmäßiger Terroristen und Räuber. Die übrigen sowjetfeindlichen Gruppen wurden durch Eifersüchteleien und gegenseitiges Mißtrauen zersetzt. Es hatte den Anschein, als ob die große Gegenrevolution zunächst für einige Zeit aufgeschoben werden müßte.

»Sidney erkannte richtig«, schrieb Mrs. Reilly, »daß die Gegenrevolution in Rußland ihren Anfang nehmen mußte und daß die ganze Arbeit, die er in anderen Ländern leistete, nur eine passive feindselige Stimmung des Auslands gegen die Sowjets hervorrufen konnte. Man trat mehrere Male im Namen verschiedener Moskauer Organisationen an ihn heran — so wie das zum Beispiel Drebkow in London getan hatte —, aber er war sehr vorsichtig...

Zu Beginn dieses Jahres wurde Reilly durch einen chiffrierten Brief aus Reval in freudige Aufregung versetzt. Die Nachricht stammte von seinem alten Freund Commander E., der während des Weltkrieges zusammen mit Reilly im englischen Spionagedienst gearbeitet hatte und jetzt dem britischen Konsulat eines baltischen Staates zugeteilt war. Der vom 24. Januar 1925 datierte Brief begann: »Lieber Sidney,

Es ist möglich, daß zwei Leute namens Krasnoschtanow, ein Mann und eine Frau, Sie in meinem Auftrag in Paris aufsuchen werden. Sie werden sagen, daß sie eine Nachricht aus Kalifornien zu überbringen haben, und Ihnen einen Zettel mit einem Vers aus Omar Khayam aushändigen, an den Sie sich gewiß noch erinnern. Sollten Sie die Absicht haben, sich an ihrem Geschäft zu beteiligen, so fordern Sie die Leute zum Bleiben auf. Wenn das Geschäft Sie nicht interessiert, so sagen Sie einfach: 'Danke vielmals, guten Tag!'« Die »Krasnoschtanows« waren nach dem zwischen Commander E. und Reilly vereinbarten Geheimcode ein sowjetfeindlicher Agent namens Schuitz und seine Frau; »Kaliforniens bedeutete Sowjetrußland, und unter dem »Vers aus Omar Khayam« war eine chiffrierte Spezialnachricht zu verstehen. In dem Brief hieß es weiter:

»Ich komme jetzt auf das Geschäft zu sprechen. Diese Leute sind Vertreter eines Konzerns, der den europäischen und amerikanischen Markt aller Wahrscheinlichkeit nach in Zukunft maßgebend beeinflussen wird. Sie glauben, daß ihr Unternehmen zwei Jahre braucht, um sich richtig zu entwickeln, doch könnte es geschehen, daß der erhoffte Auftrieb infolge besonderer Umstände schon in nächster Zukunft eintritt. Es handelt sich um ein sehr großes Geschäft, über das nicht viel gesprochen werden darf ...«

Commander E. fügte hinzu, daß eine »deutsche Gruppe« sich an dem »Handel« zu beteiligen wünsche und daß eine »französische« und eine »englische Gruppe« im Begriff seien, in das Geschäft einzusteigen.

Auf den »Konzern« zurückkommend, dessen Sitz sich offenbar in Rußland befand, schrieb Commander E.: »Sie wollen im Augenblick keinem Menschen den Namen des Mannes nennen, der hinter dieser Sache steht. Ich kann Ihnen nur das eine sagen: einige der führenden Persönlichkeiten gehören den Oppositionsgruppen an. Sie werden daher verstehen, daß größte Vorsicht am Platze ist... Ich mache Sie mit diesem Plan bekannt, weil er meiner Ansicht nach an die Stelle des anderen großen Projektes treten könnte, an dem Sie mitgearbeitet haben und das so kläglich gescheitert ist.«

Sidney Reilly und seine Frau reisten am 6. August 1925 von New York ab. Im Laufe des folgenden Monats trafen sie in Paris ein. Reilly setzte sich sofort mit Herrn und Frau Schuitz in Verbindung, die ihm einen Situationsbericht über Rußland erstatteten; die Oppositionsbewegung um Leo Trotzki hatte sich seit Lenins Tod zu einer ausgedehnten Untergrundorganisation ausgewachsen, deren Ziel die Beseitigung der Stalin-Regierung war.

Diese neue Entwicklung erschien Reilly außerordentlich bedeutungsvoll. Er konnte es nicht erwarten, mit den Führern der stalinfeindlichen Partei in persönlichen Kontakt zu treten. Nachrichten gingen hin und her, und schließlich wurde eine Zusammenkunft mit einem maßgebenden Vertreter der Bewegung an der finnischen Grenze vereinbart. Reilly fuhr zuerst nach Helsinki und besuchte dort den Generalstabschef der finnischen Armee, der sein persönlicher Freund und Mitglied der Antibolschewistischen Liga war und ihm beim Grenzübertritt behilflich sein sollte.

Kurz darauf schrieb Reilly seiner Frau, die er in Paris zurückgelassen hatte: »In Rußland ist tatsächlich etwas ganz Neues, Starkes und Bemerkenswertes im Gange.«

Eine Woche später, am 25. September 1925, sandte er ihr von Viborg aus einige rasch hingeworfene Zeilen: »Es ist unerläßlich, daß ich für drei Tage nach Petersburg und Moskau gehe. Ich reise heute Nacht ab und bin Dienstag früh wieder hier. Du sollst wissen, daß ich diese Reise nur unternehme, weil ich es für absolut notwendig halte und weil ich von der völligen Gefahrlosigkeit überzeugt bin. Ich schreibe diesen Brief nur für den höchst unwahrscheinlichen Fall einer Komplikation. Wenn etwas dergleichen eintreten sollte, darfst Du nichts unternehmen; es würde wenig nützen, aber möglicherweise die Aufmerksamkeit der Bolschewiki auf mich lenken. Wenn ich in Rußland aus irgendeinem Grunde verhaftet werde, so kann es sich nur um eine nebensächliche, unwichtige Angelegenheit handeln, und meine neuen Freunde sind mächtig genug, um meine Befreiung durchzusetzen.«

Das war der letzte Brief des Hauptmanns Sidney Reilly vom britischen Geheimdienst...

Als Mrs. Reilly nach einigen Wochen noch immer ohne Nachricht war, setzte sie sich mit Marie Schultz in Verbindung. Sie schilderte die Zusammenkunft später in ihren Memoiren. Frau Schultz sagte:

»Als Ihr Mann in Paris eintraf, gab ich ihm einen genauen Bericht über unsere Organisation. Wir haben einige der führenden Moskauer Bolschewiki auf unserer Seite, die das Ende des gegenwärtigen Regimes wünschen, vorausgesetzt, daß für ihre persönliche Sicherheit garantiert wird.« Hauptmann Reilly sei zuerst skeptisch gewesen. Er habe erklärt, daß ein solches Wagnis nur dann im Ausland Unterstützung finden könne, wenn die Verschwörergruppe innerhalb Rußlands eine gewisse nachweisbare Stärke habe.

»Ich versicherte ihm«, sagte Frau Schultz, »daß der Apparat in Rußland mächtig, einflußreich und gut organisiert ist.«

Frau Schultz berichtete weiter über ein Zusammentreffen Reillys mit Repräsentanten der Opposition in der finnischen Stadt Viborg. »Sie gefielen Hauptmann Reilly außerordentlich«, sagte Frau Schultz, »besonders ihr Führer, ein sehr hochgestellter Bolschewik, der trotz seiner offiziellen Funktion zu den glühendsten Feinden des Regimes gehört.«

Am nächsten Tag traten Reilly und die russischen Verschwörer unter dem Schutz sorgfältig ausgewählter Wachsoldaten den Marsch zur Grenze an. »Ich ging selbst bis zur Grenze mit«, berichtete Frau Schultz, »um ihnen gute Fahrt zu wünschen. Sie blieben bis zum Einbruch der Dunkelheit in einem finnischen Blockhaus, das am Ufer eines Flusses stand. Wir warteten ziemlich lange, die Finnen fürchteten das Erscheinen einer russischen Patrouille, aber alles blieb still. Schließlich ließ sich einer der Finnen vorsichtig ins Wasser gleiten und gelangte halb schwimmend, halb watend zum gegenüberliegenden Ufer. Ihr Mann folgte ihm...«

Seitdem hatte Frau Schultz Hauptmann Reilly nicht mehr gesehen.

Nachdem sie ihre Erzählung beendet hatte, reichte sie Mrs. Reilly einen Ausschnitt aus der russischen Zeitung »Iswestija«. Darin war zu lesen:

»In der Nacht vom 28. auf den 29. September versuchten vier Schmuggler die finnische Grenze zu überschreiten. Zwei wurden getötet, einer, ein finnischer Soldat, wurde gefangengenommen, der vierte erlag seinen Verletzungen.« Später stellte sich heraus, daß Reilly die Sowjetgrenze glücklich passiert und mit verschiedenen Mitgliedern der stalinfeindlichen Gruppe gesprochen hatte. Auf dem Rückweg wurde er plötzlich von einer russischen Grenzwache gestellt. Reilly und seine Begleiter versuchten zu fliehen. Die Grenzsoldaten eröffneten das Feuer. Reilly wurde von einer Kugel in die Stirn getroffen, er war sofort tot.

Erst nach mehreren Tagen stellten die Sowjetbehörden die Identität des erschossenen »Schmugglers« fest, worauf sie den Tod des Hauptmanns Sidney Reilly, Mitglied des britischen Geheimdienstes, offiziell bekanntgaben.

Die Londoner »Times« brachte eine Notiz von zwei Zeilen: »Sidney Reilly wurde am 28. September bei dem Dorf Allekul in Rußland von Soldaten der GPU erschossen.«

XI. KRIEGERISCHE OUVERTÜRE

Um die Mitte der zwanziger Jahre schien es auf der Welt einigermaßen friedlich zuzugehen. Aber unter der ruhigen Oberfläche bereitete sich der Sturm vor. Das Beispiel der russischen. Revolution hatte in den riesigen Gebieten, die unter kolonialer oder halbkolonialer Verwaltung standen, neue Freiheitshoffnungen geweckt. Der ohnedies schwankende Bau des Kolonialimperialismus war durch das erstarkende Nationalbewußtsein all dieser Völker ernstlich bedroht...

Das Frühjahr 1926 brachte eine Krise. Die chinesische Revolution flammte auf: die vereinten Streitkräfte der Kuomintang und der Kommunisten stürzten die unter dem Schutz des westlichen Imperialismus stehende korrupte Diktatur von Peking und begründeten ein freies China.

Die durch dieses Ereignis in Asien und der westlichen Welt hervorgerufene Angst und Verzweiflung fand in einer neuen Hochflut sowjetfeindlicher Propaganda Ausdruck. Die chinesische Revolution, in der sich Hunderte von Millionen gegen die Unterdrückung durch fremde und inländische Machthaber auflehnten, wurde als direkte Auswirkung eines „Moskauer Komplotts“ gebrandmarkt.

Der japanische Kaiser machte sich sofort erbötig, in Asien ein »Bollwerk gegen den Bolschewismus« zu errichten. Unter dem Beifall der Westmächte traf Japan Vorbereitungen für eine Intervention in China, deren Ziel die Unterdrückung der Revolution war. Der japanische Ministerpräsident General Tanaka unterbreitete dem Kaiser jene berühmte Denkschrift, in der er die letzten Ziele des japanischen Imperialismus darlegte: »Um die Welt erobern zu können, müssen wir zuerst China erobern; dann werden uns alle anderen asiatischen Länder der Südsee fürchten und vor uns kapitulieren. Die Welt wird begreifen, daß Ostasien uns gehört... Wenn wir die Reichtümer Chinas in unserem Besitz haben, werden wir zur Eroberung Indiens, des Inselmeers, Kleinasiens, Mittelasiens und sogar Europas übergehen. Aber der erste Schritt ist die Machtergreifung in der Mandschurei und Mongolei... Früher oder später wird der Kampf gegen Sowjetrußland unvermeidlich werden... Wenn wir unsere künftige Herrschaft über China sichern wollen, müssen wir zunächst die Vereinigten Staaten vernichten.

Im März 1927 behauptete der in japanischem Sold stehende chinesische General Tschang Tso-lin, bei einer gewaltsamen Durchsuchung der Sowjetischen Botschaft in Peking Beweise für eine bolschewistische Verschwörung gegen China gefunden zu haben.

Das war das Signal für den Ausbruch der chinesischen Gegenrevolution. Japan, England und Frankreich versprachen, Tschiang Kai-schek anzuerkennen und ihm Geld und Waffen zur Verfügung zu stellen; durch diese Zusagen ermutigt, löste er die Einheitsfront auf und führte die Kuomintang-Truppen gegen seine früheren revolutionären Bundesgenossen. Es kam zu einem Massaker. In Sehanghai, Peking und anderen Städten wurden Tausende chinesischer Arbeiter, Studenten und Bauern wegen ihrer freiheitlichen oder kommunistischen Gesinnung festgenommen und erschossen oder in Sammellager gesperrt und zu Tode gemartert. In China tobte der Bürgerkrieg.

Aber die chinesische Revolution hatte dem in allen asiatischen Ländern schlummernden Freiheitswillen zum Durchbruch verholfen. In Indonesien, Indochina, Burma und Indien kochte es. Die Imperialisten waren schwer beunruhigt und suchten bei Japan Schutz vor dem »Bolschewismus«. Zur gleichen Zeit holten die europäischen Generalstäbler die alten Pläne für einen antibolschewistischen Kreuzzug und einen allgemeinen Angriff auf Moskau aus ihren Aktenschränken hervor.

Auf der internationalen Diplomatenkonferenz in Locarno und in den Jahren 1925/26 hatten die englisch-französischen Diplomaten mit Deutschland intensive Verhandlungen über ein gemeinsames Vorgehen gegen Sowjetrußland geführt.

In einer Rede, die der Sprecher der Konservativen, der Right Honourable W. C. A. Ormsby-Gore, am 23. Oktober 1924 in Manchester hielt, wurde das in Locarno verfolgte Ziel mit aller wünschenswerten Deutlichkeit formuliert: »Alle Mitglieder der christlichen Zivilisation müssen sich zusammenschließen, um die unheilvollste Kraft nicht nur unserer Zeit, sondern der ganzen europäischen Entwicklung zu bekämpfen.

In Locarno geht es meiner Ansicht nach um folgendes: Wird Deutschland seine Zukunft an das Geschick der westlichen Großmächte binden oder gemeinsam mit Rußland auf die Zerstörung der westlichen Zivilisation hinarbeiten? Die Bedeutung der Verhandlungen von Locarno ist unabsehbar. Es handelt sich darum, daß die derzeitige Regierung Deutschlands von Rußland abrückt und mit dem Westen gemeinsame Sache macht.«

Der französische Ministerpräsident Raymond Poincare setzte sich Öffentlich für eine gemeinsame militärische Offensive aller europäischen Mächte - auch Deutschlands - gegen die Sowjetunion ein.

Die imperialistische, demokratenfeindliche Berliner Presse verkündete, daß der richtige Augenblick für die Vernichtung des Bolschewismus gekommen sei. Nach einer Reihe von Konferenzen mit Reichswehrgeneralen und der Nazipartei nahestehenden Industriellen eilte General Max Hoffmann nach London, um dem Außenamt und einem kleinen Kreis von konservativen Parlamentsmitgliedern und Militärs seinen berühmten Plan vorzulegen. Am 5. Januar 1926 veröffentlichte die »Morning Post« einen sensationellen Brief des Sir Henri Deterding. Deterding behauptete, die Pläne für einen neuen Interventionskrieg gegen Sowjetrußland seien fix und fertig:

»... im Laufe weniger Monate wird Rußland in den Kreis der Zivilisation zurückkehren, aber unter einer besseren Regierung, als das Zarenregime es war... Vor Ende dieses Jahres wird der Bolschewismus in Rußland erledigt sein; und dann wird Rußland in der ganzen Welt Kredit genießen, es wird allen, die zur Mitarbeit bereit sind, seine Grenzen öffnen. Geld und Kredite und, was noch wichtiger ist, neue Aufträge werden nach Rußland strömen.«

Der bekannte rechtsstehende französische Journalist Jacques Bainville bemerkte dazu: »Wenn der Präsident der Royal Dutch das Ende des Sowjetregimes für ein bestimmtes Datum voraussagt, dann hat er seine guten Gründe...«

Am 3. März 1927 äußerte sich Viscount Grey im englischen Oberhaus: »Die Sowjetregierung ist keinesfalls das, was wir im allgemeinen unter nationaler Regierung verstehen. Sie kann nicht im gleichen Sinne als russische Regierung bezeichnet werden, wie die französische Regierung französisch oder die deutsche Regierung deutsch zu nennen ist.«

Am 12. Mai 1927 nahmen englische Polizisten und Agenten des Geheimdienstes eine Hausdurchsuchung im Büro der »Arcos«, einer englisch-sowjetischen Aktiengesellschaft in London, vor. Sie verhafteten die Beamten, durchsuchten die Räume, brachen Aktenschränke und Safes auf und bohrten sogar Löcher in die Fußböden, Decken und Wände, um »Geheimarchiven« auf die Spur zu kommen. Keinerlei belastende Dokumente wurden gefunden; aber die »Morning Post«, die »Daily Mail« und andere sowjetfeindliche Zeitungen veröffentlichten die tollsten Geschichten über die angeblich bei der Arcos vorgefundenen »Beweise« für ein sowjetisches Komplott gegen England.

Die konservative englische Regierung brach den Handelsverkehr und die diplomatischen Beziehungen mit der Sowjetunion ab.

Im Sommer desselben Jahres kam es in Berlin und Paris zu ähnlichen Überfällen auf sowjetische Konsulate und andere offizielle Dienststellen. Im Juni wurde der sowjetische Botschafter in Polen, W. I. Wojkow, in Warschau ermordet. In Leningrad fielen Bomben in einen Parteiklub...

Marschall Foch deutete in einem Interview, das er dem »London Sunday Referee« am 21. August 1927 gewährte, die Zielrichtung all dieser Gewalttaten an:

»Im Februar 1919, in der Frühzeit des Leninschen Staates, erklärte ich auf der Pariser Botschafterkonferenz, daß ich es auf mich nehmen würde, die bolschewistische Gefahr für immer zu erledigen, wenn Rußlands Nachbarstaaten Munition und Kriegsmaterial erhielten. Ich wurde mit dem Argument der Kriegsmüdigkeit überstimmt, aber es zeigte sich bald, wie recht ich gehabt hatte.«

In einem Brief an Arnold Rehberg, einen der eifrigsten Förderer der deutschen Nazibewegung, erklärte Marschall Foch: »Solange Frankreich und Deutschland nicht einig sind, kann nichts unternommen werden. Übermitteln Sie General Hoffmann, dem großen Vorkämpfer der antibolschewistischen Militärallianz, meine besten Grüße.« Der Krieg konnte beginnen.

 

 

XII. MILLIONÄRE UND SABOTEURE

l. Konferenz in Paris

Im Spätherbst des Jahres 1928 kam an einem Nachmittag eine Anzahl schwerreicher russischer Emigranten in einem Restaurant am Pariser Grand Boulevard zusammen. Mit größter Vorsicht begaben sie sich in einen abgesonderten Privatraum: die Öffentlichkeit durfte unter keinen Umständen von dieser Unterredung erfahren. Die Leiter der Torgprom, des internationalen Kartells ehemaliger Millionäre des Zarenreiches, hatten die Konferenz einberufen. Die Namen der Anwesenden waren im alten Rußland nur mit scheuer Ehrfurcht genannt worden: G. N. Nobel, N. K. Denisow, Wladimir Riabuschinski und andere ebenso berühmte Persönlichkeiten.

Diese Emigrantenmillionäre hatten sich versammelt, um in größter Heimlichkeit mit zwei prominenten Gästen aus der Sowjetunion zu verhandeln.

Der eine war Professor Leonid Ramsin, ein hervorragender russischer Gelehrter, Direktor des Moskauer Instituts für Wärmetechnik und Mitglied des Obersten Rates der Volkswirtschaft. Der zweite, Viktor Laritschew, war Vorsitzender der Brennstoffabteilung der Staatlichen Plankommission der UdSSR.

Professor Ramsin und Viktor Laritschew sollten in Paris bestimmte Angelegenheiten in staatlichem Auftrag erledigen. In Wirklichkeit benutzten sie ihre Reise nach der französischen Hauptstadt, um den Vertretern der Torgprom über die Tätigkeit einer von ihnen geleiteten geheimen Spionage- und Sabotageorganisation in der Sowjetunion Bericht zu erstatten.

Diese Organisation wurde die Industrie-Partei genannt. Ihr gehörten in erster Linie Mitglieder der altrussischen technischen Elite an, die unter dem zaristischen Regime die Vorrechte einer bevorzugten Kaste genossen hatte. Die Industrie-Partei umfaßte angeblich fast zweitausend Geheimmitglieder; die meisten bekleideten leitende technische Stellungen. Diese von der Torgprom finanzierte und geleitete Partei versuchte die Sowjetindustrie durch Sabotageakte und Werkspionage zu schädigen.

Professor Ramsin ergriff als erster das Wort. Er berichtete seinen Zuhörern, daß alles menschenmögliche geschehe, um die Durchführung des soeben von Stalin bekanntgegebenen Fünfjahresplanes zu stören, der einen kühnen ehrgeizigen Versuch darstelle, das sowjetische Sechstel der Erde in einer gewaltigen Anstrengung zu industrialisieren. Die in sämtlichen Zweigen der Sowjetindustrie beschäftigten Mitglieder der Industrie-Partei seien ständig darauf bedacht, ein sorgfältig ausgebautes, wissenschaftlich fundiertes Sabotagesystem in Anwendung zu bringen.

»Eine unserer Methoden«, erklärte der Professor, »ist die der minimalen Standardisierung: wir halten die wirtschaftliche Entwicklung des Landes nach Möglichkeit auf und verzögern das Tempo der Industrialisierung. Eine zweite Methode besteht darin, ein Mißverhältnis zwischen den einzelnen Zweigen der Volkswirtschaft sowie zwischen den verschiedenen Abteilungen ein und desselben Zweiges hervorzurufen. Und schließlich gibt es die Methode der Kapitalbindung: das vorhandene Kapital wird in völlig überflüssige Unternehmungen investiert oder in Arbeiten, die im Augenblick nicht wesentlich sind und ebensogut hinausgeschoben werden könnten.«

Professor Ramsin äußerte seine besondere Befriedigung über die mit Hilfe der letzten Methode erzielten Resultate. »Durch diese Methode ist der Fortschritt der Industrialisierung wesentlich beeinträchtigt worden«, sagte er. »Das allgemeine Niveau des Wirtschaftslebens ist infolgedessen gesunken, was die Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten hervorgerufen hat.«

Andererseits mußte Professor Ramsin einige weniger erfreuliche Tatsachen erwähnen. Vor kurzem hatte die GPU eine Gruppe, die in den Schachty-Bergwerken arbeitete, verhaften lassen. Einige Mitglieder, die im Transportwesen und in der Petroleumindustrie beschäftigt waren, wurden ebenfalls festgenommen. Überhaupt gestaltete sich die Tätigkeit der Industrie-Partei weitaus schwieriger, seit durch die Verbannung Trotzkis und die Aufdeckung der trotzkistischen Oppositionsbewegung eine wesentliche Beruhigung des innerpolitischen Lebens eingetreten war.

»Wir brauchen aktivere Unterstützung von Ihrer Seite«, schloß Professor Ramsin. »Aber vor allem brauchen wir eine bewaffnete Intervention; nur so kann der Bolschewismus erledigt werden.«

N. K. Denisow, der Vorsitzende der Torgprom, erhob sich. Der kleine Kreis lauschte seinen Worten mit respektvoller, angespannter Aufmerksamkeit.

»Wie Sie wissen«, begann Denisow, »haben wir mit Herrn Poincare und Herrn Briand verhandelt. Bei Herrn Poincare haben wir schon vor einiger Zeit vollstes Verständnis für die Idee einer bewaffneten Intervention gegen die UdSSR gefunden. Sie werden sich erinnern, daß er bei einer der letzten Unterredungen bemerkte, die Angelegenheit sei bereits dem französischen Generalstab zur Weiterbearbeitung übergeben worden. Ich freue mich, Sie heute über eine weitere, außerordentlich wichtige Entscheidung unterrichten zu können.«

Denisow machte eine wirkungsvolle Pause, die Zuhörer warteten mit angehaltenem Atem.

»Ich teile Ihnen mit, daß der französische Generalstab eine Sonderkommission unter Leitung von Oberst Joinville eingesetzt hat, deren Aufgabe es ist, den Angriff auf die Sowjetunion vorzubereiten!«

Der Raum war plötzlich von lautem Stimmengewirr erfüllt. Alle sprachen durcheinander. Es dauerte mehrere Minuten, bis Denisow seinen Bericht über die Tätigkeit der Torgprom wieder aufnehmen konnte...

2. Der Angriffsplan

Der Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion war für den Ausgang des Sommers 1929 oder spätestens für den Sommer des Jahres 1930 festgesetzt.

Das Menschenmaterial sollte in erster Linie von Polen, Rumänien und Finnland geliefert werden. Der französische Generalstab hatte sich bereit erklärt, Instruktoren und möglicherweise auch die französische Luftflotte zur Verfügung zu stellen. Deutschland versprach Techniker und Freiwilligenregimenter. Die Engländer wollten ihre Flotte leihen. Der Angriffsplan war in Anlehnung an den Hoffmann-Plan entworfen worden.

Rumänien sollte nach einem provozierten Grenzzwischenfall in Bessarabien die Feindseligkeiten eröffnen. Dann kam die Reihe an Polen und die baltischen Staaten. Wrangels angeblich 100 000 Mann starke Weiße Armee hatte nach einem Marsch durch Rumänien die Verbindung mit der südlichen Interventionsarmee herzustellen. Die britische Flotte sollte die Operationen im Schwarzen Meer und im Finnischen Meerbusen unterstützen. Ferner war die Landung einer Abteilung von Krassnows Kosaken, die seit 1921 am Balkan stationiert waren, an der Schwarzmeerküste in der Gegend von Noworossijsk vorgesehen; sie sollten zum Don vorstoßen, die Donkosaken zu Aufständen aufwiegeln und in die Ukraine einfallen. Dieses Manöver zielte darauf ab, Moskau von den Kohlenfeldern des Donezbeckens abzuschneiden und auf diese Weise die Versorgung der Sowjets mit Metallen und Brennstoffen zu gefährden. Es war geplant, Moskau und Leningrad gleichzeitig anzugreifen, während die Südarmee sich mit der Flanke auf dem rechten Dnjeprufer durch die Westukraine vorwärts bewegte.

Sämtliche Angriffshandlungen sollten mit verwirrender Plötzlichkeit und ohne Kriegserklärung erfolgen. Man erwartete, daß die Rote Armee sich unter diesem Druck in kürzester Zeit auflösen würde; der Zusammenbruch des Sowjetregimes konnte dann nur noch eine Sache von Tagen sein.

Auf der von der Torgprom einberufenen Konferenz richtete Oberst Joinville als Bevollmächtigter des französischen Generalstabes an Professor Ramsin die Frage, ob die Möglichkeit bestehe, den Angriff von außen durch ein gleichzeitiges militärisches Eingreifen der Opposition innerhalb der Sowjetunion aktiv zu unterstützen. Ramsin erwiderte, daß die oppositionellen Elemente seit der Verbannung Leo Trotzkis auf Untergrundarbeit beschränkt und zersplittert, aber immer noch zahlreich genug seien, um ins Gewicht zu fallen.

Oberst Joinville empfahl der Industrie-Partei und ihren Verbündeten die Errichtung einer »Militärischen Abteilung«. Er nannte Ramsin die Namen einiger französischer Geheimagenten in Moskau, die bei der Schaffung einer derartigen Organisation von Nutzen sein konnten...

Von Paris reiste Professor Ramsin nach London, nach außen hin immer noch als Beauftragter des Sowjetstaates, in Wirklichkeit, um mit Vertretern der Royal Dutch Shell Sir Henri Deterdings und des riesigen britischen Munitionskonzerns Metro-Vickers zusammenzutreffen, an dessen Spitze die düstere Figur des im Wirtschaftsleben des zaristischen Rußland einst sehr einflußreichen Sir Basil Zaharoff stand. Man erklärte dem russischen Professor, daß die interessierten englischen Kreise bereit seien, das ihre zum Gelingen des Interventionsplanes beizutragen, obwohl Frankreich die führende Rolle in dieser Sache übernommen habe. Man werde Geld zur Verfügung stellen, man werde auch weiterhin durch diplomatische Druckmittel für die Isolierung Sowjetrußlands Sorge tragen und, wenn die Zeit zum Angriff gekommen sei, die Beteiligung der britischen Marine an den Kampfhandlungen durchsetzen...

Nach seiner Rückkehr erstattete Professor Ramsin seinen Mitverschworenen über die Ergebnisse seiner Auslandsreise Bericht. Man einigte sich dahin, daß die Industrie-Partei jetzt zwei Hauptaufgaben zu erfüllen habe: in der Industrie und Landwirtschaft eine möglichst kritische Situation hervorzurufen, um auf diese Weise die Unzufriedenheit der Massen zu erregen und die Sowjetregierung zu schwächen, und einen Apparat zu schaffen, der die angreifenden Armeen durch Sabotageakte und Terrorismus hinter den sowjetischen Linien direkt zu unterstützen vermochte.

Die Torgprom ließ durch französische Agenten in Moskau Geldmittel für die Förderung der Sabotagetätigkeit in den verschiedenen Industriezweigen verteilen. Die Metallindustrie erhielt 500 000 Rubel; die Brennstoff-, Petroleum- und Torfindustrie 300 000; die Textilindustrie 200 000; die Elektroindustrie 100 000. In bestimmten Zeitabständen lieferten die Mitglieder der Industrie-Partei und ihre Verbündeten den französischen, englischen oder deutschen Spionageagenten Sonderberichte über die sowjetische Flugzeugproduktion, die Anlage von Flugfeldern, die Entwicklung der chemischen Industrie und der Munitionserzeugung und den Zustand der Eisenbahnen.

Die zaristischen Emigrantenmillionäre sahen dem Zeitpunkt der Invasion mit ständig wachsendem Optimismus entgegen. Einer der Torgprom-Leiter, Wladimir Riabuschinski, veröffentlichte am 7. Juli 1930 in der Pariser Emigrantenzeitung »Wosroshdenje« einen bemerkenswerten Artikel mit der Überschrift »Ein notwendiger Krieg«:

»Der bevorstehende Kampf gegen die Dritte Internationale, der die Befreiung Rußlands herbeiführen soll, wird von der Geschichte zweifellos zu den gerechtesten und nützlichsten aller Kriege gezählt werden«, erklärte Riabuschinski. Alle früheren Interventionsversuche seien mißglückt oder aufgegeben worden, weil sie sich als zu kostspielig erwiesen. »Im Jahre 1920 und in der Folgezeit bis 1925 forderten die Fachleute für die Durchführung dieser Operation innerhalb von sechs Monaten eine Armee von einer Million Mann. Die Kosten wurden auf 100 Millionen englische Pfund veranschlagt.«

Aber diesmal, meinte der zaristische Millionär, könnte die Zertrümmerung Sowjetrußlands dank den innerpolitischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Regimes mit bedeutend geringeren Investitionen bewerkstelligt werden. Etwa 500 000 Mann müßten in drei bis vier Monaten mit der groben Arbeit fertig werden. Die endgültige Ausrottung der kommunistischen Überreste werde natürlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen, aber dabei handle es sich mehr um Polizeiaktionen als um militärische Operationen im eigentlichen Sinne des Wortes.

Dann folgte eine Aufzählung der zahlreichen günstigen Folgeerscheinungen der Invasion auf »geschäftlichem« Gebiet. Das Aufblühen der von Männern seines Schlages gelenkten russischen Wirtschaft würde dem »europäischen Wirtschaftssystem durch die Nachfrage nach den verschiedensten Gütern jährlich derartige Reichtümer zuführen«, daß man sehr wohl mit dem »Verschwinden des fünf Millionen starken Arbeitslosenheeres in Österreich, Deutschland und Großbritannien« rechnen könne.

Der antisowjetische Kreuzzug erschien ihm selbstverständlich. als »große, heilige Aufgabe«, als »moralische Pflicht der Menschheit«. »Aber selbst wenn wir das alles außer acht lassen und das Ganze schlicht und ungeschminkt nur vom nüchternen Standpunkt des Geschäftsmannes aus betrachten«, fuhr Riabuschinski fort, »können wir mit Sicherheit behaupten, daß es unter dem Gesichtspunkt der Rentabilität in der ganzen Welt kein besser fundiertes, ertragreicheres Unternehmen geben kann als die Befreiung Rußlands. Die Investition von einer Milliarde Rubel wird der Menschheit einen Gewinn von nicht weniger als fünf Milliarden abwerfen, das heißt, fünfhundert Prozent per annum; dabei besteht die Aussicht, daß die Gewinnrate sich noch weiterhin jährlich um hundert oder zweihundert Prozent steigert. Läßt sich ein besseres Geschäft denken?«

3. Ein Blick hinter die Kulissen

Durch einen Zufall erhielt die Öffentlichkeit Einblick in die abenteuerlichen antidemokratischen und antisowjetischen Komplotte, die gegen Ende der zwanziger Jahre in den unterirdischen Schichten der großkapitalistischen und diplomatischen Kreise Europas ausgeheckt wurden.

Die Frankfurter Polizei stieß bei einer der regelmäßig stattfindenden Razzien in einem Lagerhaus auf eine große Menge in Bündel verpackter gefälschter sowjetischer Banknoten (Tscherwonzen), die nach Sowjetrußland transportiert werden sollten.

Diese Entdeckung führte zu dem berühmten »Tscherwonzen-Prozeß«, der sich zu einer internationalen Sensation gestaltete. Im Verlauf des Verfahrens wurden mehrere prominente Persönlichkeiten erwähnt, darunter Sir Henri Deterding und sein geheimnisvoller Agent George Bell, der zaristische Petroleummagnat Nobel, der bayerische nazifreundliche Industrielle Willi Schmidt und der berühmte General Max Hoffmann, der kurz vor Abschluß der Untersuchung starb.

Die Angeklagten, denen die Fälschung der sowjetischen Bank­noten zur Last gelegt wurde, waren Bell, Schmidt und zwei Georgier, Karumidse und Sadatiraschwili, die an der sowjetfeindlichen Verschwörung Noi Shordanias teilgenommen hatten. Der Verlauf der Verhandlung ergab, daß die Angeklagten die sowjetisch verwalteten Gebiete des Kaukasus mit gefälschten Banknoten überschwemmen wollten, um auf diese Weise politische Spannungen und Störungen in der Sowjetunion hervorzurufen.

Der Vorsitzende bemerkte: »Wirtschaftliche Faktoren wie Petroleumquellen und Mineralvorkommen scheinen in dieser Sache eine entscheidende Rolle zu spielen.«

Es stellte sich bald heraus, daß die Banknotenfälschung nur das unwichtige Nebenprodukt eines riesigen Komplottes war. Der nazifreundliche Industrielle Willi Schmidt sagte aus, daß er wohl in erster Linie an der »Unterdrückung des Kommunismus in Deutschland« interessiert sei, aber den Sturz des Sowjetregimes als notwendige Voraussetzung dafür ansehe. Er gab zu, im Jahr 1926 die Reise General Hoffmanns nach London finanziert zu haben (Hoffmann unterbreitete damals dem englischen Außenamt seine Vorschläge für ein französisch-deutsch-englisches Bündnis gegen Rußland). Schmidt erklärte dem Gerichtshof, daß er »zu General Hoffmann sowohl wegen seiner Charaktereigenschaften als auch wegen seiner angeblichen engen Beziehungen zu maßgebenden Kreisen der englischen Petroleumindustrie das größte Vertrauen« habe.

Nach Aussage des georgischen Verschwörers Karumidse handelte es sich hierbei um die Verbindung mit Sir Henri Deterding, von dem die Verschwörung in erster Linie finanziert wurde.

Weitere Zeugenaussagen ergaben, daß einflußreiche Finanzgruppen und Politiker in Deutschland, Frankreich und England die geplante Abtrennung des Kaukasus von der Sowjetunion bis in alle Einzelheiten ausgearbeitet hatten; dieser Sehritt sollte den Ausbruch eines allgemeinen Krieges gegen Rußland vorbereiten und beschleunigen. Es bestanden bereits Syndikate für die »wirtschaftliche Ausbeutung der befreiten Gebiete«. Deutschland sollte Truppen, Techniker und Waffen liefern. Die englisch-französischen Gruppen waren bereit, einen finanziellen und diplomatischen Druck auf Rumänien und Polen auszuüben, um diese Länder zur Teilnahme an dem Kreuzzug zu veranlassen.

Ein Dokument, »dessen Veröffentlichung die Sicherheit des deutschen Staates gefährden könnte«, wurde unter Ausschluß der Öffentlichkeit verlesen. Angeblich wäre der deutsche Generalstab durch die Bekanntgabe des Inhalts kompromittiert worden.

Der Prozeß nahm gefährliche Dimensionen an. Die »New York Times« berichtete am 23. November 1927: »Das (deutsche) Auswärtige Amt und die britische Botschaft haben zwar erklärt, das Publikum werde den vollen Sachverhalt erfahren, aber es ist ein offenes Geheimnis, daß die Polizei den Auftrag erhalten hat, die ganze Angelegenheit niederzuschlagen.«

Der Tscherwonzen-Prozeß fand einen plötzlichen und höchst sonderbaren Abschluß. In der Beweisführung des deutschen Gerichtshofes hieß es, die Banknoten seien niemals in Umlauf gewesen, da sie noch vor der Ausgabe von der Polizei beschlag­nahmt wurden; es liege daher, streng genommen, keine Fälschung vor. Die »Nachahmung sowjetischer Zahlungsmittel« sei »klar erwiesen«, erklärte das Gericht, aber da die Fälscher und ihre Helfershelfer von »selbstlosen, politischen Motiven geleitet wurden«, hätten sie Anrecht auf einen Freispruch. Die Angeklagten verließen den Gerichtssaal als freie Männer.

Die Zeitungen vermieden es, den sensationellen Fall auch nur mit einem Wort zu erwähnen, nachdem Sir Henri Deterding die nachfolgende öffentliche Erklärung abgegeben hatte:

»Es ist wahr, daß ich General Hoffmann kannte. Ich habe ihn als Soldaten und geborenen Führer bewundert. Unglücklicherweise ist er tot und kann sich nicht selbst verteidigen. Aber ich will es für ihn tun... General Hoffmann war ein unversöhnlicher Feind des Bolschewismus. Jahrelang beschäftigte er sich mit dem Plan, eine Einheitsfront der Großmächte gegen die russische Gefahr herzustellen... Jeder, der sich mit der Politik der Nachkriegszeit befaßt hat, weiß, daß er den Kampf gegen Moskau ersehnte. Schade, daß er tot ist, denn er hätte seinen Verleumdern eine erschöpfende Antwort geben können ...«

4. Das Ende der Welt

Der für 1929 angesetzte Angriff auf die Sowjetunion wurde bis zum Sommer 1930 verschoben. In weißgardistischen Kreisen gab man als Ursache dieser Verzögerung »ungenügende Vorbereitungen auf seiten Frankreichs« an, aber es war allgemein bekannt, daß die verschiedenen Gruppen zu keiner Einigung über die Verteilung der »Einflußsphären in den befreiten Gebieten« gelangen konnten. Die Engländer und Franzosen stritten um die Kontrolle des Kaukasus und der Kohlenlager im Donbas; und sie widersetzten sich gemeinsam den deutschen Ansprüchen auf die Ukraine. Trotzdem erwartete Sir Henri Deterding, der eigentliche Führer der Bewegung, mit gewohntem Optimismus eine Beilegung dieser Schwierigkeiten und kündigte den Beginn des Krieges mit aller Zuversicht für den Sommer 1930 an.

Am 15. Juni 1930 beantwortete Deterding das Schreiben eines Weißgardisten, der sich für eine Geldsendung bedankte, mit folgenden Worten:

»Wenn Sie wirklich Ihre Dankbarkeit beweisen wollen, dann bitte ich Sie um eines: bemühen Sie sich, in dem neuen Rußland, das in wenigen Monaten wiedererstehen wird, einer der besten Söhne Ihres Landes zu werden.« Als im folgenden Monat in Paris das zehnjährige Bestehen der russischen Ecole Normale, einer Militärakademie für die Söhne weißgardistischer Offiziere und Aristokraten, feierlich begangen wurde, hielt Sir Henri Deterding die Hauptansprache. Zaristische Fürsten und Fürstinnen, Bischöfe, Generale, Admirale und Offiziere wohnten dem Festakt bei. Die französische Armee war durch hohe Würdenträger in voller Paradeuniform vertreten.

Zu Beginn seiner Rede erklärte Deterding den Versammelten, sie seien ihm für die Unterstützung ihres Werkes keinen Dank schuldig, da er damit nur seine Pflicht gegenüber der westlichen Zivilisation erfülle. Zu einer Gruppe junger uniformierter Russen gewandt, fuhr er fort:

»Sie müssen Selbstvertrauen haben. Denken Sie daran, daß Ihre Tätigkeit in Ihrer russischen Heimat weitergehen wird. Vergessen Sie nicht, daß die Bewegung für die baldige Befreiung Rußlands, das jetzt ein nationales Unglück durchmacht, wächst und täglich stärker wird. Die Stunde der Erlösung Ihres großen Vaterlandes hat geschlagen.« Die folgende Feststellung fand bei den französischen Offizieren ebenso begeisterten Beifall wie bei den Weißgardisten: »Die Befreiung Rußlands wird viel früher erfolgen, als wir alle glauben. Vielleicht wird sie in wenigen Monaten vollendet sein!«

Diese Kriegsvorbereitungen wurden durch die unerwartete »Katastrophe« der Weltwirtschaftskrise jedoch unterbrochen.

Am 18. Dezember 1930 schilderte Benito Mussolini die Auswirkungen dieses beispiellosen Geschehens auf Europa: »Die Lage Italiens war zufriedenstellend, bis im Herbst 1930 der amerikanische Wirtschaftskrach mit der Plötzlichkeit einer Bombenexplosion erfolgte. Für uns arme europäische Provinzler war es eine große Überraschung. Wir standen der Nachricht mit der gleichen Fassungslosigkeit gegenüber, mit der die Welt einst den Tod Napoleons aufnahm ... Die schöne Fassade war plötzlich zusammengebrochen, wir erlebten eine Reihe böser Tage. Die Aktien fielen um dreißig, vierzig und fünfzig Prozent. Die Krise verschärfte sich ... An jenem Tag wurden wir wieder auf die hohe See hinausgestoßen, und von nun an war es sehr schwierig für uns, das Steuer in der Hand zu behalten.«

Arbeitslosigkeit, Hunger, allgemeine Demoralisierung und Not waren die unvermeidlichen Begleiterscheinungen der Wirtschaftskrise, die sich, von der Wall Street ausgehend, in kurzer Zeit wie eine Sturmflut über ganz Europa und Asien ausbreitete. Keines der Länder, die sich an der Heiligen Allianz gegen den Bolschewismus beteiligen sollten, blieb verschont. Fast jeder Tag brachte den Zusammenbruch von Großbanken und Industriekonzernen. Die Kleinsparer gingen zugrunde. Die Arbeiter lagen auf der Straße. Während Millionen von Menschen hungerten, verfaulte der Weizen in den überfüllten Silos; der überschüssige Mais wurde vergraben; Kaffee diente als Brennmaterial; Fische wurden ins Meer zurückgeworfen. Die Welt war nicht mehr imstande, die Waren, die sie in Überfülle produziert hatte, zu bezahlen. Ein Wirtschaftssystem war zusammengebrochen.

Zu Beginn des Jahres 1931 schrieb Montagu Norman, der Gouverneur der Bank von England, an den Gouverneur der Banque de France, Moret: »Das kapitalistische System wird in der ganzen zivilisierten Welt im Laufe eines Jahres Schiffbruch. erleiden, wenn nicht drastische Maßnahmen zu seiner Rettung ergriffen werden.«

Eine Welt war zusammengestürzt, und inmitten der grausigen Zerstörung wanderten ganze Völkerscharen fassungsloser Menschenwesen wie verlorene Seelen umher ...

Für Japan war der günstige Augenblick zum Handeln gekommen. Die erste Phase der Tanaka-Denkschrift wurde in die Tat umgesetzt. In der Nacht zum 19. September 1931 fielen japanische Streitkräfte in die Mandschurei ein. Die Kuomintang-Armeen, die den Bürgerkrieg gegen die chinesischen Kommunisten noch immer fortführten, wurden überrumpelt und leisteten nur schwachen Widerstand. Japan besetzte die Mandschurei, um »China vor dem Bolschewismus zu retten«.

Der zweite Weltkrieg hatte begonnen - wenn auch nicht ganz programmgemäß.

XIII. DREI PROZESSE

l. Der Prozeß gegen die Industrie-Partei

Das einzige Land, das von der Weltkrise unberührt blieb, war das Sechstel der Erde, das man seit dem Jahre 1917 vorsätzlich vom Weltgeschehen abgeschnitten hatte: die Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken.

Während die übrige Menschheit sich in Krämpfen wand, begann in der Sowjetunion einer der großartigsten wirtschaftlichen und industriellen Entwicklungsprozesse der Geschichte. Stalins erster Fünfjahresplan rüttelte das alte Rußland zu unerhörter schöpferischer Arbeit auf. Ganze Städte wuchsen aus der Öden Steppe; neue Bergwerke und Fabriken entstanden. Millionen von Bauern verwandelten sich in gelernte Arbeiter, Ingenieure, Wissenschaftler, Ärzte, Architekten und Lehrer. In wenigen Jahren kam das Land um ein Jahrtausend vorwärts; die Muschiks, deren Ahnen seit undenklichen Zeiten den müden Rücken über primitive Sicheln, Hacken und hölzerne Pflüge gebeugt hatten, bearbeiteten jetzt den reicher gewordenen Boden mit Traktoren und Mähdreschern; die Ernteschädlinge wurden von Flugzeugen aus mit chemischen Mitteln bekämpft. Und inmitten dieser gigantischen Bemühungen um die Erneuerung der Nation wuchs eine Generation auf, die nichts von der entwürdigenden Tyrannei der Zarenherrschaft wußte ...

Zur gleichen Zeit erledigte die Sowjetregierung ihre inneren Feinde. Durch drei aufeinanderfolgende Prozesse wurde die Torgprom-Intrige, die letzte ernst zu nehmende Anstrengung des englisch-französischen Imperialismus und der zaristischen Gegenrevolution, aufgedeckt und vereitelt.

Am 28. Oktober 1930 wurde Professor Ramsin und ein großer Teil der Führer und Mitglieder der Industrie-Partei festgenommen. Die GPU veranstaltete in allen Teilen der Sowjetunion gleichzeitig Razzien, die zur Verhaftung zahlreicher illegaler Anhänger der Sozialrevolutionäre, Menschewiki und Weißgardisten sowie verschiedener polnischer, französischer und rumänischer Geheimagenten führten.

Der Prozeß gegen die Führer der Industrie-Partei fand vor dem Obersten Gerichtshof der UdSSR in Moskau statt und dauerte vom 25. November bis zum 7. Dezember 1930. Den acht Angeklagten, zu denen Professor Ramsin und Viktor Laritschew gehörten, wurden folgende Vergehen zur Last gelegt: Teilnahme an ausländischen Komplotten gegen die Sowjetunion; Durchführung von Spionage- und Sabotageakten und der Versuch, die Sowjetregierung zu stürzen.

Die Angeklagten konnten das Beweismaterial, das die Agenten des sowjetischen Geheimdienstes gesammelt hatten, nicht widerlegen; sie brachen, einer nach dem anderen, zusammen und gestanden ihre Schuld ein.

Sie machten genaue Angaben über die Einzelheiten ihrer Spionage- und Sabotagetätigkeit und erbrachten durch ihre Aussagen den Beweis für die Beteiligung Sir Henri Deterdings, Oberst Joinvilles, Leslie Urquharts, Raymond Poincares und anderer prominenter europäischer Militärs, Diplomaten und Geschäftsleute an den Umtrieben der Industrie-Partei und der Torgprom.

Fünf Angeklagte, darunter Professor Ramsin und Viktor Laritschew, wurden wegen Landesverrates zum Tod durch Erschießen verurteilt. Die drei Techniker, die nur Befehle entgegengenommen und ausgeführt hatten, erhielten je zehn Jahre Gefängnis.

2. Der Menschewiki-Prozeß

Kurz nachdem die Industrie-Partei ein unrühmliches Ende gefunden hatte, griffen die Sowjetbehörden neuerlich ein. Am l. März 1931 wurden die vierzehn Anführer einer weitverzweigten menschewistischen Sabotageorganisation verhaftet und dem Obersten Gerichtshof in Moskau überantwortet.

Unter den Angeklagten befanden sich auch einige hochgestellte Sowjetbeamte, die wichtige Posten in administrativen und technischen Körperschaften bekleideten. Diesen ehemaligen Menschewiki, die in den ersten Tagen der Sowjetherrschaft ihre feindliche Haltung den Bolschewiki gegenüber zum Schein aufgegeben hatten, war es durch geschickte Manöver und Zusammenarbeit mit der Industrie-Partei und anderen sowjetfeindlichen Geheimverbänden gelungen, einflußreiche Regierungsstellen zu ergattern. Einer der menschewistischen Verschwörer, Groman, sicherte sich einen leitenden Posten in der Staatlichen Plankommission (Gosplan) und versuchte in dieser Eigenschaft, die Verwirklichung des ersten Fünfjahresplanes durch Aufstellung falscher Statistiken und Herabsetzung des Produktionsprogramms der lebenswichtigen Industrien zu gefährden.

Zwischen 1928 und 1930 flössen dem Zentralkomitee der menschewistischen Geheimorganisation, dem sogenannten »Unionsbüro der Menschewiki«, aus verschiedenen ausländischen Quellen insgesamt etwa 500000 Rubel zu. Den größten Beitrag leistete die Torgprom, aber auch andere sowjetfeindliche Gruppen machten namhafte Schenkungen und unterhielten enge Beziehungen zu den Verschwörern. Die Menschewiki wurden von der Zweiten Internationale — der Organisation der sowjetfeindlichen sozialdemokratischen und sozialistischen Arbeiterparteien — rückhaltlos unterstützt.

Die Verbindung mit den sowjetfeindlichen Kreisen des Auslandes wurde nach Aussage der Angeklagten in erster Linie durch Raphail Abramowitsch hergestellt, der in der russischen menschewistischen Partei eine führende Rolle gespielt hatte und nach Ausbruch der Revolution nach Deutschland geflohen war. Einer der Hauptverschwörer, Wassili Scher, erklärte: »Im Jahre 1928 wurde den Mitgliedern des »Unionsbüros« mitgeteilt, daß Abramowitsch demnächst in Rußland eintreffen werde... Abramowitsch wies auf die Notwendigkeit hin, das Hauptgewicht unserer Arbeit auf die Beeinflussung der hochgestellten Sowjetbeamten zu verlegen. Diese Gruppen sollten endlich fester zusammengeschlossen und zu einer merklichen Beschleunigung ihrer destruktiven Arbeit veranlaßt werden.«

Ein anderer Verschwörer, Lasar Salkind, sagte aus: »... Abramowitsch kam zu dem Schluß, daß wir in den verschiedenen Zweigen des sowjetischen Wirtschaftssystems unbedingt zu aktiven Sabotagemethoden übergehen müßten, um die sowjetische Wirtschaftsführung zu stören und in den Augen der Arbeiterklasse und der Bauernmassen zu diskreditieren. Als den zweiten Grundpfeiler des Kampfes gegen die Sowjetmacht bezeichnete Abramowitsch die militärische Intervention.«

Am 9. März 1931 fällte der Oberste Gerichtshof der UdSSR seinen Spruch. Die angeklagten Menschewiki wurden zu Gefängnisstrafen von fünf bis zu zehn Jahren verurteilt.

3. Der Prozeß gegen die Vickers-Ingenieure

In der Nacht zum 11. März 1933 um 9 Uhr 30 holte die Sowjetregierung zum endgültigen Schlag gegen die letzten Überreste der Torgprom-Verschwörung aus. Die GPU verhaftete sechs englische und zehn russische Ingenieure, die sämtlich in dem Moskauer Büro des britischen Elektrobaukonzerns Metropolitan-Vickers beschäftigt waren. Die Engländer und ihre russischen Helfershelfer wurden beschuldigt, im Auftrag des britischen Geheimdienstes Spionage und Sabotage betrieben zu haben.

Der Hauptvertreter der Firma Vickers in Moskau, Hauptmann C. S. Richards, war, kurz bevor die Verhaftungen erfolgten, plötzlich nach England abgereist. Er hatte seit 1917 als britischer Agent in Rußland gearbeitet. Zu Beginn seiner Tätigkeit beteiligte er sich als Leiter einer Abteilung des britischen Geheimdienstes an den sowjetfeindlichen Intrigen, die der Besetzung von Archangelsk vorangingen. Später machte er das Moskauer Büro der Metro-Vickers zur Zentralstelle der britischen Spionage in Rußland.

Unter den von den Sowjetbehörden in Moskau verhafteten englischen »Technikern« befand sich ein alter Kollege Hauptmann Richards aus der Zeit der Archangelsk-Expedition, Allan Monkhouse. Monkhouse behauptete, an den Vergehen, die den Angeklagten zur Last gelegt wurden, völlig unbeteiligt zu sein, gab jedoch seine frühere Beziehung zu Hauptmann Richards zu: »Ich begegnete Richards 1917 in Moskau und später in Archangelsk. Ich bestätige, daß er dort im Rang eines Hauptmanns beim Geheimdienst tätig war. Es ist mir bekannt, daß Mr. Richards sich im April oder Mai 1918 in Moskau aufhielt. Ich weiß nicht, zu welchem Zweck er nach Moskau reiste, aber ich weiß aus seinen eigenen Berichten, daß er damals heimlich über die finnische Grenze ging. Im Jahr 1923 wurde er Direktor bei der Metropolitan-Vickers Electrical Export Company. Im selben Jahr kam er nach Moskau, um über Lieferungen zu verhandeln.«

Monkhouse war 1924 neuerlich nach Rußland geschickt worden, um unter Richards Anleitung im Moskauer Büro der Firma Vickers zu arbeiten.

Leslie Charles Thornton, der Chef-Bauingenieur der Firma Vickers, war der Sohn eines reichen zaristischen Textilfabrikanten und gebürtiger Russe. Nach der Revolution wurde er Engländer und trat in den britischen Geheimdienst ein. Zwei Tage nach seiner Verhaftung unterzeichnete er eine schriftliche Aussage folgenden Inhalts:

»Unsere gesamte Spionagetätigkeit auf sowjetrussischem Boden untersteht dem britischen Geheimdienst. Unser direkter Vorgesetzter ist der Agent C. S. Richards, der den Posten eines Geschäftsführers der Metropolitan-Vickers Electrical Export Company, Ltd. bekleidet. Die Spionageoperationen auf sowjetrussischem Gebiet wurden von mir und Monkhouse geleitet. Wir sind beide Vertreter der obengenannten englischen Firma, die der Sowjetregierung auf Grund offizieller Verträge Turbinen und elektrische Geräte liefert und technische Hilfe leistet. Gemäß den Instruktionen, die ich von C. S. Richards in Moskau erhielt, wurden die englischen Angestellten allmählich in die Spionageorganisation einbezogen und beauftragt, bestimmte Informationen zu beschaffen.« Auch der Vickers-»Ingenieur« William MacDonald bestätigte, daß die Anklage zu Recht bestehe:

»Der durch Metropolitan-Vickers getarnte Spionagedienst in der UdSSR wurde von Mr. Thornton geleitet, der als Chef-Ingenieur in Moskau arbeitete. An der Spitze des Moskauer Hauses stand Mr. Monkhouse, der ebenfalls in die gesetzwidrige Tätigkeit Mr. Thorntons verwickelt war. Wenn Mr. Thornton auf Reisen ging, wurde er von Ingenieur Cushny, einem Offizier der britischen Armee, jetzt Ingenieur der Firma Metropolitan-Vickers, begleitet und bei seiner Spionagearbeit unterstützt. Diese Gruppe leistete den größten Teil der Spionagearbeit in der Sowjetunion.«

Die Verhaftung der Vickers-Ingenieure« rief in England eine Welle von Protesterklärungen hervor. Ministerpräsident Stanley Baldwin erklärte kategorisch, ohne die Veröffentlichung der Anklage und des Beweismaterials abzuwarten, die verhafteten Engländer seien vollkommen unschuldig. Einige konservative Abgeordnete drängten neuerlich auf Abbruch der diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen. Der englische Botschafter in Moskau, Sir Esmond Ovey, ein Freund Sir Henri Deterdings, erschien zornbebend im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten und forderte Maxim Litwinow auf, die Gefangenen sofort ohne Untersuchung freizugeben, wenn er »schwerwiegende Auswirkungen auf unsere gegenseitigen Beziehungen« vermeiden wolle.

Als die Verhandlung endlich am 12. April im Säulensaal des ehemaligen Moskauer Adelsklubs eröffnet wurde, behauptete die »Times« in ihrer Ausgabe vom gleichen Tage, alle Angeklagten stimmten den Beschuldigungen liebedienerisch zu. Der »Observer« vom 16. April bezeichnete den Prozeß als eine »im Namen der Gerechtigkeit veranstaltete Tortur, die keinerlei Ähnlichkeit mit den in zivilisierten Ländern üblichen Gerichtsverfahren habe.« Der »Evening Standard« beschrieb den sowjetischen Verteidiger Braude als typischen Vertreter »jener Sorte von Juden, die man allabendlich in der Shaftsbury Avenue antreffen kann«.

Das englische Publikum bekam zu hören, daß in Moskau gar keine ordnungsgemäße Verhandlung stattfinde, daß man den britischen Ingenieuren durch die furchtbarsten Torturen Geständnisse zu erpressen versuche. Der »Daily Express« vom 20. März klagte: »Unsere Landsleute erleben die Schrecken der russischen Gefängnisse!« In der »Times« vom 17. April hielt es: »Wir fragen uns mit größter Besorgnis, was in der Zeit zwischen den Verhandlungstagen mit Mr. MacDonald geschieht.« Lord Rothermeres »Daily Mail«, die einige Monate später daß halboffizielle Parteiorgan des englischen Faschistenführers Sir Oswald Mosley wurde, erzählte ihren Lesern von einer geheimnisvollen »tibetanischen Droge«, die von der GPU benützt werde, um die Willenskraft ihrer »Opfer« zu brechen.

Später erklärten allerdings sämtliche englischen Angeklagten, sie seien von den Sowjetbehörden sehr höflich und rücksichtsvoll behandelt worden. Keiner von ihnen war irgendwelchen Zwangsmaßnahmen oder Verfahren des dritten Grades unterworfen worden. Allan Monkhouse, der trotz erdrückenden Beweismaterials seelenruhig und konsequent jede Mitwisserschaft leugnete, äußerte sich über die Verhöre bei der GPU im »London Dispatch«:

»Die Leute, die mich verhörten, waren außerordentlich freundlich zu mir; ihre Fragestellung war sehr vernünftig. Es waren erstklassige Fachleute, die sich auf ihre Arbeit verstanden. Das GPU- Gefängnis ist schlechthin musterhaft: peinlich sauber, ordentlich und gut organisiert. Dies war die erste Verhaftung meines Lebens, aber ich habe englische Gefängnisse besucht und kann bezeugen, daß man im GPU-Gefängnis bedeutend besser untergebracht ist. Die GPU-Beamten Borgten in jeder Weise für mein Wohlergehen.« Trotzdem erließ die englische Regierung unter dem Druck der Konservativen Partei ein Einfuhrverbot für sämtliche russischen Importwaren. Der Handelsverkehr zwischen den beiden Ländern hörte auf...

Am 15. April widerrief Leslie Thomton nach einer Privatunterredung mit englischen Repräsentanten plötzlich sein schriftliches Geständnis. In der Gerichtsverhandlung bestätigte er, daß die von Ihm niedergelegten Tatsachen Im wesentlichen der Wahrheit entsprächen; aber das Wort »Spion« bezeichnete er als unzutreffend. Bei dem Versuch, die ursprüngliche Verwendung dieses Wortes zu erklären, behauptete er, sich zur Zeit der Aussage in einem »Erregungszustand« befunden zu haben. Nach öffentlicher Befragung durch Staatsanwalt Wyschinski mußte Thornton zugeben, daß er das Geständnis »aus freien Stücken«, ohne jeden Druck oder Zwang, in seinen eigenen Worten niedergelegt hatte:

Wyschinski: »Wurde irgendeine sinnentstellende Änderung vorgenommen?«

Thornton: »Nein, Sie haben nichts geändert.«

Wyschinski: »Aber vielleicht Roginski (der Zweite Staatsanwalt)?«

Thomton: »Nein.«

Wyschinski: »Vielleicht hat die GPU Ihre Aussage abgeändert ?«

Thornton: »Nein, ich habe sie mit eigener Hand unterzeichnet.«

Wyschinski: »und mit dem eigenen Verstand? Haben Sie bei der Niederschrift alles überdacht und erwogen?«

Thornton: (antwortet nicht).

Wyschinski: »Und wessen Verstand denkt jetzt für Sie?«

Thornton: »Ich bin jetzt in einer anderen Verfassung.«

Auch William MacDonald zog seine ursprünglichen Erklärungen nach einer Privatunterredung mit britischen Vertretern in Moskau plötzlich zurück. Als ihm das von den Sowjetbehörden gesammelte Beweismaterial in Erinnerung gebracht wurde, änderte er wiederum seine Haltung und bekannte sich zu seiner Schuld. Seine letzte Äußerung im Gerichtssaal lautete: »Ich habe meine Schuld eingestanden und nichts hinzuzufügen.«

Am 18. April fand die Urteilsverkündung statt. Die an dem Komplott beteiligten Russen wurden mit einer einzigen Ausnahme schuldig befunden und zu Gefängnisstrafen von drei bis zehn Jahren verurteilt. Der englische Staatsangehörige Albert Gregory wurde wegen mangelnder Beweise freigesprochen. Die Schuld der anderen fünf englischen Ingenieure galt als erwiesen. Monkhouse, Nordwall und Cushny wurden aus der Sowjetunion ausgewiesen. Leslie Thornton und William MacDonald erhielten Gefängnisstrafen von zwei bzw. drei Jahren. Die Strafen waren milde, der Prozeß wurde in abgekürztem Verfahren zum Abschluß gebracht. Die Sowjetregierung hatte ihr Ziel erreicht; die Reste der Torgprom-Verschwörung und die Zentrale des englischen Spionagedienstes in Rußland waren vernichtet. Eine Kompromißlösung kam zustande: die Handelsbeziehungen zwischen der Sowjetunion und England wurden wieder aufgenommen, die angeklagten Engländer - auch Thornton und MacDonald - wurden in ihre Heimat zurückbefördert.

Indessen war am Horizont der internationalen Politik eine neue Erscheinung aufgetaucht, die weit größere Gefahren in sich schloß als die Feindschaft der englischen Konservativen gegen die Sowjetunion:

Adolf Hitler hatte in Deutschland die Macht ergriffen.

XIV. EIN ZEITALTER GEHT ZU ENDE

Der Nationalsozialismus verdankte seinen Aufstieg dem Propagandamärchen von der »bolschewistischen Gefahr«. Mit dem Schlagwort: »Deutschland muß vor dem Kommunismus gerettet werden«, arbeitete sich Adolf Hitler aus der Anonymität eines kleinen österreichischen Gefreiten und Reichswehrspions zum Rang des deutschen Reichskanzlers empor. Der Provokationsakt des Reichstagsbrandes in der Nacht zum 27. Februar 1933 brachte eine weitere Stärkung seiner Macht. Obwohl die Nazis selbst das Feuer gelegt hatten, behauptete Hitler, der Reichstagsbrand hätte das Signal für einen kommunistischen Aufstand gegen die deutsche Regierung sein sollen. Unter diesem Vorwand wurde der Ausnahmezustand verhängt, führende Antifaschisten wurden ins Gefängnis geworfen oder ermordet, die Gewerkschaften wurden aufgelöst. Aus den verkohlten Trümmern des Reichstages erhob sich Hitler als »Führer des Dritten Reiches«.

Das Dritte Reich wurde jetzt an Stelle der überlebten weißgardistischen Gegenrevolution das Bollwerk der internationalen Reaktion. Die von den industriellen und militärischen Riesenkräften des wiedererstarkenden deutschen Imperialismus getragene nationalsozialistische Bewegung war die höchste Stufe der Gegenrevolution. In ihrem politischen Glaubensbekenntnis erwachten die dunklen Haßgefühle und fanatischen Vorurteile des Zarentums zu neuem Leben. Die Sturmtrupps waren zu regulären militärischen Formationen erhobene Schwarze Hundertschaften. Das Programm der neuen deutschen Regierung forderte die Ausrottung ganzer Völker und Massenpogrome. Die Nazis bezogen ihre Ideologie aus den »Protokollen der Weisen von Zion«. Die Naziführer waren die geistigen Nachkommen der Träger des Weißen Terrors, der Barone Wrangel und Ungern. Der fünfzehnjährige unehrliche Frieden, die heimlichen Kriege gegen Weltdemokratie und Fortschritt im Namen des »Antibolschewismus« hatten Frucht getragen. Der Brand, in dem der Reichstag aufgegangen war, griff immer weiter um sich, bis er schließlich den ganzen Erdball bedrohte...

»Wir setzen dort an, wo man vor sechs Jahrhunderten endete«, schrieb Hitler in »Mein Kampf«. »Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft. Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Rußland und die ihm Untertanen Randstaaten denken.“

Die vom Köder des »Antibolschewismus« magnetisch angezogenen internationalen Kräfte der Reaktion und des Imperialismus kamen Adolf Hitler zu Hilfe. Dieselben Staatsmänner und Militärs, die früher jede weißgardistische Intrige und Verschwörung gegen Sowjetrußland unterstützt hatten, wurden jetzt ebenso eifrige Verteidiger und Förderer des Nationalsozialismus. Der antibolschewistische Kreis um Marschall Foch und seine ehemaligen Adjutanten Petain und Weygand übersah in der Begeisterung für diesen jüngsten und mächtigsten Bundesgenossen im Kampf gegen den Bolschewismus völlig die Bedrohung, die der Nationalsozialismus auch für Frankreich bedeutete. Mannerheim in Finnland, Horthy in Ungarn, Sirovy in der Tschechoslowakei und all die anderen europäischen Drahtzieher des antisowjetischen Krieges wurden über Nacht zu Vorkämpfern der gegen Osten gerichteten riazistischen Aggression.

Im Mai 1933, wenige Monate nach Hitlers Machtübernahme, reiste Alfred Rosenberg nach England, um mit Sir Henri Deterding zu verhandeln. Der Nazi-»Philosoph« weilte als Gast auf dem Landsitz des Petroleummagnaten in Buckhurst Park, nahe bei Schloß Windsor. Damals hatte sich unter den konservativen Anhängern des antibolschewistischen Kreuzzuges in England bereits eine starke nazifreundliche Gruppe herausgebildet.

Am 28. November 1933 wurde in Lord Rothermeres »Daily Mail« zum erstenmal ein Thema angeschlagen, das schon nach kurzer Zeit die Gesamthaltung der englischen Außenpolitik bestimmte:

»Die kraftvollen jungen Nazis sind die Hüter des vom Kommunismus bedrohten Europa... Deutschland braucht Lebensraum ... Die Ablenkung der deutschen Kraftreserven und der deutschen Organisationsfähigkeit auf das bolschewistische Rußland könnte dem russischen Volk wieder zu einer zivilisierten Lebensform verhelfen und den Welthandel vielleicht neuerlich auf die Bahn der Prosperität zurückführen.« Man wollte die über die ganze Welt verstreuten Feinde des Bolschewismus und der Demokratie, die Kräfte der Weißen Gegenrevolution, unter nationalsozialistischer Führung zu einer einzigen internationalen Streitmacht zusammenfassen; es ging um die Zertrümmerung der europäischen Demokratie, um den Überfall auf Sowjetrußland und letzten Endes um die Weltherrschaft.

Es gab in den westlichen Demokratien weitblickende Staatsmänner, die sich weigerten, Hitlers Bolschewistenfeindlichkeit als Entschuldigung für alle nazistischen Verbrechen und Komplotte gelten zu lassen. Ein englischer und ein amerikanischer Staatsführer erkannten vom ersten Tage an, daß der Triumph des deutschen Nationalsozialismus das Ende einer weltgeschichtlichen Epoche bedeutete. Der fünfzehnjährige Geheimkrieg gegen Sowjetrußland hatte im Herzen Europas ein militarisiertes Ungeheuer groß werden lassen, das den Frieden und die Sicherheit aller freien Völker bedrohte.

Zur Zeit, da Hitlers Sturmtrupps mit dem Lied: »Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt!« knüppelschwingend durch die Straßen Deutschlands zogen, erhob sich in England eine warnende, prophetische Stimme. Wider alles Erwarten war es die Stimme Winston Churchills, des ehemaligen Wortführers der antibolschewistischen Konservativen.

Im Dezember 1933 sagte sich Churchill von seinen konservativen Gesinnungsfreunden los und bezeichnete den Nationalsozialismus als Bedrohung des Britischen Reiches. Unter direkter Bezugnahme auf Lord Rothermeres Erklärung, über die »kraftvollen jungen Nazis«, die »Hüter des vom Kommunismus bedrohten Europa«, sagte Churchill:

»All diese Rotten kräftiger junger Teutonen, die über Deutschlands Straßen und Chausseen marschieren ... wollen Waffen. Und glaubt mir, wenn sie einmal Waffen haben, dann werden sie die Rückgabe der verlorenen Gebiete und Kolonien verlangen. Und die Erfüllung dieser Forderung wird unvermeidlich alle übrigen Länder gefährden und vielleicht bis in ihre Grundfesten erschüttern.«

Churchill forderte ein Bündnis mit Frankreich und sogar mit Sowjetrußland gegen Nazideutschland. Dieselben Kreise, die ihn vorher als Helden der antibolschewistischen Bewegung gefeiert hatten, bezeichneten ihn jetzt als Verräter und Kriegshetzer ... Auch auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans gab es einen Mann, der das Ende eines Zeitalters herannahen sah. Franklin Delano Roosevelt, der neugewählte Präsident der Voreinigten Staaten, machte Schluß mit der sowjetfeindlichen Politik, die sein Vorgänger Herbert Hoover betrieben hatte. Am 16. November 1933 wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in vollem Umfang aufgenommen. Am gleichen Tag schrieb Präsident Roosevelt an Maxim Litwinow:

»Ich hoffe, daß die wiederhergestellten Beziehungen zwischen unseren Völkern stets freundschaftlich und ungestört bleiben und daß unsere Nationen von nun an zu gegenseitigem Nutzen und im Interesse der Erhaltung des Weltfriedens zusammenarbeiten werden.«

Vor Ablauf eines Jahres trat Deutschland aus dem Völkerbund aus.

Eine neue Epoche hatte begonnen. Eine Epoche hemmungslosen, ungeheuerlichen Verrates, die durch ihre terroristische Geheimdiplomatie, ihre Morde, Verschwörungen, Staatsstreiche und Betrügereien alle Schrecken früherer Zeiten in den Schatten stellte und im zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt erreichte.

XV. DER WEG ZUM VERRAT

l. Der rebellierende Revolutionär

Vom Augenblick der »Machtergreifung« an wurden die Bestrebungen der internationalen Gegenrevolution in die nazistischen Welteroberungsplane einbezogen. Hitler mobilisierte die gegenrevolutionären Kräfte, die sich im Laufe von fünfzehn Jahren in allen Ländern der Welt konsolidiert hatten. Diese Gruppen, die jetzt in Spionage- und Terrororganisationen der nazistischen Fünften Kolonne umgewandelt wurden, bildeten die geheime Vorhut der deutschen Wehrmacht.

Eine der mächtigsten und wichtigsten Abteilungen der Fünften Kolonne operierte in Sowjetrußland. Ihr Leiter war einer der interessantesten politischen Renegaten der Weltgeschichte: Leo Trotzki.

Zur Zeit der Geburt des Dritten Reiches stand Leo Trotzki bereits an der Spitze einer internationalen sowjetfeindlichen Verschwörerorganisation, die über eine starke Anhängerschaft innerhalb der Sowjetunion verfügte. Trotzki bereitete in der Verbannung den Sturz der Sowjetregierung, seine Rückkehr nach Rußland und seinen Aufstieg zu jener persönlichen Machtstellung vor, die er schon einmal in greifbarer Nähe vor sich gesehen hatte.

»Es gab eine Zeit«, schrieb Winston Churchill in »Great Contemporaries«, »wo Trotzki unmittelbar neben dem verwaisten Thron der Romanows stand.«

In der Weltpresse der Jahre 1919/20 wurde Trotzki mit Vorliebe der »Rote Napoleon« genannt. Er war damals Kriegskommissar. In seinem langen, eleganten Offiziersmantel, mit hohen, glänzenden Stiefeln und einem Revolver im Gürtel tauchte er an verschiedenen Stellen der Frontlinie auf, um vor den Soldaten der Roten Armee feurige Ansprachen zu halten. Er wandelte einen Panzerzug in sein persönliches Hauptquartier um und verfügte über eine bewaffnete Leibgarde, die Spezialuniformen trug. Im Heereskommando, in der bolschewistischen Partei, in der Sowjetregierung: überall hatte er seine Parteigänger. Trotzkis Zug, Trotzkis Garde, Trotzkis Reden, Trotzkis Äußeres — der schwarze Haarschopf, der kleine schwarze Spitzbart, funkelnde Augen hinter Zwiekergläsern — waren weltberühmt. In Europa und Amerika wurden die Siege der Roten Armee in erster Linie »Trotzkis Führergabe« zugeschrieben.

Der bekannte amerikanische Auslandskorrespondent Isaac F. Marcosson beschrieb eine der eindrucksvollen Massenversammlungen, die der Kriegskommissar in Moskau veranstaltete: »Trotzki wußte die Wichtigkeit eines guten Auftritts zu schätzen ... Er ließ sein Publikum eine Weile warten, dann tauchte er im richtigen psychologischen Moment aus einer Seitentür auf und begab sich mit raschen Schritten zu dem kleinen Pult, das in allen russischen Versammlungen für den Redner bereitsteht.

Die zahlreiche Zuhörerschaft erwartete sein Erscheinen mit fieberhafter Spannung. Überall hörte man flüstern: 'Trotzki kommt!'

Sein Eifer war elementar, beinahe primitiv — ein menschlicher Motor auf Hochtouren. Er überschwemmte seine Hörer mit einem Schwall von Beredsamkeit — ich habe nie etwas ähnliches gehört. Seine hervorstechendsten Eigenschaften waren Eitelkeit und Hochmut.«

Nach den dramatischen Ereignissen des Jahres 1929, die zu Trotzkis Verbannung führten, umwoben die sowjetfeindlichen Elemente aller Länder seinen Namen und seine Persönlichkeit mit einem Mythus.

Aber im Februar 1917, einen Monat vor dem Zusammenbruch des Zarismus, hatte Lenin selbst geschrieben: »Der Name Trotzki bedeutet: linke Phraseologie und Blockbildung mit dem rechten Flügel gegen die Ziele des linken Flügels.«. Lenin nannte Trotzki den »Judas« der russischen Revolution.

Man wird nicht als Verräter geboren. Wie Benito Mussolini, Pierre Laval, Paul Joseph Goebbels, Jacques Doriot, Wang Tsching-wei und andere berühmte Abenteurer unserer Zeit begann Leo Trotzki seine Laufbahn als extrem links gerichtetes oppositionelles Element innerhalb der revolutionären Bewegung seines Landes.

Der Name Trotzki war ein Pseudonym für Leo Dawidowitsch Bronsteln. Trotzki wurde im Jahr 1879 in Janowka, einem Dörfchen in der Umgebung von Cherson in Südrußland, geboren. Seine Eltern waren wohlhabende Bürger. Ursprünglich hatte er den Ehrgeiz, Schriftsteller zu werden.

»In meinen Augen«, schrieb Trotzki in seiner Selbstbiographie »Mein Leben«, »gehörten die Schriftsteller, Journalisten und. Künstler einer besonderen, schöneren Welt an, einer Welt, die nur den Auserwählten offensteht.«

Er begann ein Theaterstück zu schreiben und verkehrte in den literarischen Salons von Odessa. Damals trug er Schaftstiefel, eine blaue Künstlerjacke, einen runden Strohhut und einen schwarzen Spazierstock. Während seiner Studentenzeit schloß er sich einer Gruppe radikalistischer Bohemiens an. Als er achtzehn Jahre alt war, ertappte ihn die zaristische Polizei bei der Verteilung sozialistischer Literatur. Er wurde verhaftet und zusammen mit Hunderten von anderen Studenten und Revolutionären nach Sibirien verbannt. Im Herbst 1902 gelang es ihm zu entfliehen. Er ging ins Ausland und verbrachte den größten Teil seines Lebens als Agitator und Verschwörer in den Hauptstädten Europas, wo er sich in Kreisen der russischen Emigranten und Sozialisten verschiedener Nationalitäten bewegte.

Während der ersten Monate des Jahres 1903 arbeitete Trotzki in der Redaktion der »Iskra«, einer von Lenin im Londoner Exil herausgegebenen Zeitung. Nach der Spaltung der russischen marxistischen Bewegung in Bolschewiki und Menschewiki, die im Sommer des gleichen Jahres stattfand, schloß sich Trotzki den politischen Gegnern Lenins, den Menschewiki, an. Er besuchte die radikalen russischen Studentenkolonien in Brüssel, Paris und Lüttich, in der Schweiz und in Deutschland, und polemisierte gegen die Ansicht Lenins und der übrigen Bolschewiki, daß der Kampf gegen den Zarismus eine disziplinierte, straffe Parteiorganisation erfordere. In einem 1904 veröffentlichten Pamphlet »Unsere politischen Aufgaben« warf er Lenin vor, er versuche, den russischen Radikalen ein »Kasernenreglement«; aufzuzwingen, wobei er eine Sprache gebrauchte, die stark an seine späteren Angriffe gegen Stalin erinnert.

Dem Sieg Japans über das zaristische Rußland im Jahre 1905 folgte der mißglückte Versuch der »ersten« russischen Arbeiter­ und Bauernrevolution. Trotzki eilte sofort nach Rußland zurück und übernahm eine führende Rolle im Petersburger Sowjet, dem vorwiegend Menschewiki angehörten. In der erhitzten Atmosphäre politischer Intrigen und Konflikte, mit der Aussicht auf die nahe bevorstehende Machtübernahme, fühlte sich Trotzki in seinem Element. Dieses Erlebnis bekräftigte den sechsundzwanzigjährigen Trotzki in seiner Überzeugung, daß er zum Führer der russischen Revolution ausersehen sei. Schon damals sprach er von seinem »Stern« und seiner »revolutionären Intuition«. Später schrieb er in seinem Buch »Mein Leben«: »Im Februar 1905 kam ich nach Rußland; die anderen führenden Emigranten trafen erst im Oktober und November ein. unter den russischen Genossen war nicht einer, von dem ich etwas hätte lernen können. Im Gegenteil, ich mußte die Rolle des Lehrers übernehmen ... Im Oktober stürzte ich mich Hals über Kopf in den Strudel des gigantischen Geschehens; es war, vom persönlichen Standpunkt gesehen, eine äußerste Kraftprobe. Es galt, in der Feuerlinie Entscheidungen zu treffen.«

Nachdem die Revolution von 1905 gescheitert war, schlug Trotzki sein politisches Hauptquartier in Wien auf. Er bezeichnete Lenin als »Bewerber um den Diktatorposten«, betrieb Propaganda für seine eigene Bewegung und suchte sich als Förderer der »internationalen Revolution« hinzustellen. Trotzki war ständig unterwegs. Von Wien aus bereiste er Rumänien, die Schweiz, Frankreich und die Türkei, um Anhänger zu werben und wertvolle Verbindungen mit europäischen Sozialisten und Linksradikalen anzuknüpfen. Durch seine hartnäckigen Bemühungen brachte er es schließlich so weit, daß er bei den Menschewiki, den Sozialrevolutionären und der intellektuellen Boheme der russischen Emigration als wichtigster Gegner Lenins innerhalb der russischen revolutionären Bewegung galt.

Als das Zarenregime im März 1917 zusammenbrach, befand sich Trotzki in New York, wo er zusammen mit seinem Freund, dem Lenin-Gegner Nikolai Bucharin, die radikale russische Zeitung »Novy Mir« (Neue Welt) herausgab. Bucharin gehörte zum äußersten linken Flügel der politischen Emigration. Jemand nannte ihn einmal den »blonden Maehiavelli in der Lederjacke«. Trotzki trat sofort die Rückreise nach Rußland an. In Halifax wurde er von den kanadischen Behörden verhaftet, die ihn einen Monat lang in Gewahrsam hielten. Dann wurde er auf Ersuchen der russischen Provisorischen Regierung freigelassen.

Die britische Regierung hatte beschlossen, Trotzki die Rückkehr nach Rußland zu gestatten. Wie aus den Memoiren des englischen Agenten Bruce Lockhart hervorgeht, hoffte der britische Geheimdienst, aus den »Meinungsverschiedenheiten zwischen Trotzki und Lenin« Nutzen zu ziehen...

Trotzki traf im Mai in Petrograd ein. Zuerst versuchte er, eine eigene revolutionäre Partei ins Leben zu rufen — einen aus ehemaligen Emigranten und Mitgliedern verschiedener radikaler Parteien zusammengesetzten Block der äußersten Linken. Aber es stellte sich bald heraus, daß eine solche Bewegung keine Aussicht auf Erfolg hatte. Die revolutionären Massen standen geschlossen hinter der bolschewistischen Partei.

Im August 1917 vollzog sich ein sensationeller Umschwung in Trotzkis politischer Haltung. Nachdem er Lenin und die Bolschewiki vierzehn Jahre lang bekämpft hatte, suchte er um Aufnahme in die bolschewistische Partei an.

Lenin hatte vor Trotzki und seiner durch persönlichen Ehrgeiz bestimmten Handlungsweise häufig gewarnt; aber jetzt, wo der Entscheidungskampf um die Errichtung einer Sowjetregierung begonnen hatte, mußte Lenins Politik auf die Schaffung einer Einheitsfront sämtlicher revolutionärer Fraktionen, Gruppen und Parteien gerichtet sein. Trotzki wurde in die bolschewistische Partei aufgenommen.

Es ist kennzeichnend für Trotzki, daß er seinen Einzug in die Partei zu einem eindrucksvollen Schauspiel gestaltete. Er führte der Partei die bunt zusammengewürfelte Schar seiner linken Extremisten zu.

Trotzki wurde Vorsitzender des Petrograder Sowjets, der im Jahre 1905 der Schauplatz seiner ersten revolutionären Wirksamkeit gewesen war. Er blieb während der folgenden entscheidungsschweren Tage auf diesem Posten. Nach der Bildung der ersten Sowjetregierung - einer Koalition von Bolschewiki, linken Sozialrevolutionären und ehemaligen Menschewiki - wurde Trotzki Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten.

2. Die Linksopposition

Trotzki war zuerst als Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten und später als Kriegskommissar der wichtigste Repräsentant der sogenannten Linksopposition innerhalb der Kommunistischen Partei. Die Anhänger der Opposition waren schwach an Zahl. Sie unterhielten weitverzweigte Beziehungen zum Ausland und standen mit den russischen Menschewiki und Sozialrevolutionären in Kontakt. In den ersten Tagen der Revolution sicherten sie sich einflußreiche Stellen im Heer, im diplomatischen Korps und in den obersten Staatsämtern.

Trotzki übte die Herrschaft über die Opposition gemeinsam mit zwei anderen radikalen Dissidenten aus: der eine war der schlanke, blonde Nikolai Bucharin, der sich selbst als »marxi­stischen Ideologen« bezeichnete und eine Gruppe sogenannter »linker Kommunisten« anführte; der zweite war der untersetzte, wortreiche linksgerichtete Agitator Grigori Sinowjew, der zusammen mit Trotzkis Schwager Leo Kamenew eine eigene Gruppe, die »Sinowjewisten«, leitete. Zwischen Trotzki, Bucharin und Sinowjew kam es häufig zu Auseinandersetzungen über taktische Fragen; auch persönliche Eifersüchteleien und widerstreitende politische Ambitionen erschwerten die Zusammenarbeit. Aber bei ihren wiederholten Versuchen, sich an die Spitze der Sowjetregierung zu stellen, hielten sie fest zusammen.

Zu Trotzkis persönlichen Anhängern gehörten: Juri Pjatakow, der radikal gesinnte Abkomme einer reichen ukrainischen Familie; der Pole Karl Radek, ein glänzender »linker« Journalist und Agitator, den der gemeinsame Kampf gegen Lenin in der Schweiz mit Trotzki zusammengeführt hatte; Nikolai Krestinski, ein ehemaliger Advokat und ehrgeiziger sozialdemokratischer Dumaabgeordneter; Grigori Sokolnikow, ein junger radikaler Kosmopolit, den Trotzki im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten unterbrachte, und Christian Rakowski, ein gebürtiger Bulgare, der die rumänischen Sozialisten mit seinem Reichtum unterstützt hatte. Er zog von einem Land Europas ins andere und studierte in Frankreich Medizin. Außerdem umgab sich Trotzki, nachdem er Kriegskommissar geworden war, mit einer Schar zäher, rauher Krieger, der sogenannten »Trotzki-Garde«, die mit leidenschaftlicher Ergebenheit an ihrem »Führer« hing. In dieser militärischen Fraktion der Trotzki-Partei spielte der hochgewachsene, wagemutige Kommandant der Moskauer Garnison, Nikolai Muralow, eine wichtige Rolle. An der Spitze der Leibwache, der Iwan Smirnow, Sergei Mratschkowski und Ephraim Dreitzer angehörten, stand der ehemalige Sozialrevolutionäre Terrorist Blumkin, der Mörder des Grafen Mirbach.

Trotzki trat auch in freundschaftliche Beziehungen zu Offizieren des alten Regimes, denen er trotz wiederholter Warnungen der bolschewistischen Partei wichtige militärische Funktionen übertrug. Während des polnischen Feldzuges von 1920 hatte er sich besonders eng an den ehemaligen zaristischen Offizier Michail Nikolajewitsch Tucnatschewski, einen Mann von geradezu napoleonischem Ehrgeiz, angeschlossen.

Es war das Ziel der vereinten Kräfte der Linksopposition, Lenin zu verdrängen und die Macht in Sowjetrußland an sich zu reißen.

Nach der Niederringung der weißen und interventionistischen Armeen stand die russische Revolution vor der großen Frage: in welcher Weise soll die Macht der Sowjets zur Anwendung gebracht werden? Trotzki, Bucharin und Sinowjew vertraten die Anschauung, daß es unmöglich sei, im »rückständigen Rußland« eine sozialistische Ordnung zu errichten. Die Linksopposition wollte die russische Revolution in ein Kräftereservoir der »Weltrevolution« umwandeln, ein Weltzentrum, von dem aus die Revolutionen anderer Länder in Gang gebracht werden sollten. Lenin und Stalin betonten mehr als einmal, daß die Theorien der Linksopposition, wenn man sie ihrer »ultrarevolutionären Phrasen« entkleidete, auf einen wilden Machtkampf, »zügellose Anarchie« und, soweit es sich um Rußland handelte, auf die Errichtung einer Militärdiktatur unter der Führung des Kriegskommissars Trotzki und seiner Anhänger hinausliefen.

Auf dem Sowjetkongreß, der im Dezember 1920 abgehalten wurde, stand diese Frage zur Diskussion. Es war das kritischste Jahr der Revolution. Die Menschen hungerten und froren. Der Kongreß versammelte sich im Säulensaal in Moskau. Die frosterstarrte, von Hunger und Krankheit geplagte Stadt lag unter einer hohen Schneedecke. Die Sowjetdelegierten saßen in Schafsfellen, Decken und Pelze gehüllt in der großen, trotz der bitteren Dezemberkälte ungeheizten Halle.

Lenin sah blaß und angegriffen aus. Er litt noch immer an den Nachwirkungen der lebensgefährlichen Verletzungen, die Fanja Kaplan ihm 1918 mit vergifteten Kugeln beigebracht hatte. Er begab sich auf die Rednertribüne, um der Linksopposition zu antworten. Er schilderte die furchtbaren Zustände, die in Rußland herrschten, und rief zur nationalen Einigkeit auf, um die »unsagbaren Schwierigkeiten« zu überwinden, die sich der Erneuerung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens entgegenstellten. Er kündete die Neue Ökonomische Politik an, die den starren »Kriegskommunismus« ablösen und den Beginn des Wiederaufbaus durch gewisse Konzessionen an das private Unternehmertum in Rußland erleichtern sollte. »Wir gehen einen Schritt zurück«, sagte Lenin, »um in einem späteren Zeitpunkt zwei Schritte vorgehen zu können!«

Als Lenin den »vorübergehenden Rückzug« im Zusammenhang mit der Neuen Ökonomischen Politik bekanntgab, rief Trotzki aus; »Der Kuckuck hat das Ende der Sowjetregierung ausgerufen!«

Lenin dagegen glaubte, daß die Arbeit der Sowjetregierung eben erst begonnen habe. Er sagte dem Kongreß: »Erst wenn unser Land elektrifiziert ist, wenn die Industrie, die Landwirtschaft und das Transportwesen eine den Erfordernissen der modernen Massenproduktion entsprechende technische Grundlage erhält — erst dann wird unser Sieg vollständig sein.«

Hinter dem Rednerpult hing eine große Karte von Rußland, die auf einen Wink Lenins plötzlich elektrisch beleuchtet wurde. Lenin veranschaulichte dem Kongreß auf diese Weise die künftige Entwicklung des Landes. Eine große Zahl winziger, glitzernder Lämpchen war über die Karte verteilt; sie zeigten den frierenden, hungernden Sowjetdelegierten die Lage der künftigen Kraftstationen, Staudämme und sonstigen Riesenbauten an, die eines Tages Ströme von elektrischer Kraft aussenden sollten, um das alte Rußland in ein modernes, industrialisiertes, sozialistisches Land umzuwandeln. Erregtes Flüstern und Beifallskundgebungen mischten sich mit Äußerungen des Zweifels.

Trotzkis Freund Karl Radek beobachtete das prophetische Schauspiel durch seine dicken Brillengläser; dann zuckte er die Achseln und flüsterte: »Elektrofiktion!« Radeks Bonmot wurde zum trotzkistischen Schlagwort. Bucharin erklärte, Lenin versuche, die Bauern und Arbeiter mit seinem »utopischen Geschwätz über Elektrifizierung« zum Narren zu halten!

Trotzkis sozialistische und linkskommunistische Freunde und Anhänger im Ausland hielten Lenin und sein Regime für verloren. Auch viele andere Beobachter sahen in Trotzki und seiner Linksopposition die kommenden Machthaber. Der amerikanische Auslandskorrespondent Isaac F. Marcosson behauptete, Trotzki habe »die Jungkommunisten, den größten Teil der Offiziere und die Soldaten der Roten Armee hinter sich«. Aber das Ausland überschätzte Trotzkis Stärke und Popularität ebenso wie er selbst.

Trotzki reiste im Lande umher, um seine Anhängerschaft zu vergrößern und fester zusammenzuschließen. In öffentlichen Versammlungen hielt er theatralische, leidenschaftliche Ansprachen, in denen er die »alten Bolschewiki« als »degeneriert« bezeichnete und die Jugend aufforderte, sich seiner Bewegung anzuschließen. Aber die russischen Soldaten, Arbeiter und Bauern, die soeben aus dem siegreichen Kampf gegen die »Weißen« Napoleone heimgekehrt waren, verspürten wenig Lust, in ihren eigenen Reihen einen »Roten Napoleon« großwerden zu lassen. Sir Bernard Pares schrieb in seiner »History of Russia« über Trotzkis damaliges Verhalten:

»Ein scharfsinniger Kritiker, der Trotzki aus nächster Nähe beobachtete, bemerkte sehr richtig, daß er seinem Wesen und seinen Methoden nach der vorrevolutionären Epoche angehörte. Demagogie war nicht mehr am Platze ...« Auf dem X. Parteitag der KPdSU (B) faßte das von Lenin geführte Zentralkomitee den Beschluß, sämtliche »fraktionellen Gruppen« innerhalb der Partei zu untersagen, weil sie eine Bedrohung der Einheit der revolutionären Führung darstellten. Von nun an mußten sich sämtliche Parteiführer den Entscheidungen und Richtlinien der Majorität unterwerfen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, aus der Partei ausgeschlossen zu werden. Das Zentralkomitee verwarnte den »Genossen Trotzki« ausdrücklich wegen seiner Fraktionstätigkeit und stellte fest, daß die durch seine Spaltungsversuche hervorgerufene Verwirrung von staatsfeindlichen Elementen ausgenutzt werde, um sich unter dem Namen »Trotzkisten« in die Partei einzuschleichen. Eine Anzahl maßgebender Trotzkisten und sonstige Anhänger der Linksopposition wurden, aus ihren Stellungen entfernt. Trotzkis wichtigste militärische Stütze, Nikolai Muralow, verlor seinen Posten als Kommandant der strategisch wichtigen Moskauer Garnison; an seine Stelle trat der alte Bolschewik Klementi Woroschilow.

Im April 1922 wurde Stalin zum Generalsekretär des ZK der Partei gewählt; er war von nun an für die Durchführung der Pläne Lenins verantwortlich.

Nach der energischen Maßregelung Trotzkis durch die Partei und der Entfernung seiner Anhänger schmolz seine Gefolgschaft rasch zusammen. Sein Ansehen war im Schwinden. Die Ernennung Stalins war ein vernichtender Schlag für die trotzkistische Fraktion in der Partei. Die Macht glitt Trotzki aus den Händen.

3. Der Weg zum Verrat

Die Linksopposition hatte von Anfang an nach zwei Richtungen hin gearbeitet. In eigenen Zeitungen und Versammlungslokalen wurden die Anschauungen der Opposition öffentlich propagierte Gleichzeitig fanden hinter den Kulissen exklusive Geheimkonferenzen statt, in denen Trotzki, Bucharin, Sinowjew, Radek, Pjatakow und andere die Strategie und Taktik der Opposition festlegten und planten.

Auf der Grundlage dieser oppositionellen Bewegung baute Trotzki in Rußland eine Geheimorganisation auf, die ebenso wie Reillys Apparat auf dem System der »Fünfergruppen« beruhte, dessen sich auch die Sozialrevolutionäre und andere sowjetfeindliche Verschwörer bedient hatten.

1923 war Trotzkis Untergrundbewegung bereits zu einer mächtigen, weitverzweigten Organisation angewachsen. Die Trotzkisten verwendeten in ihrem illegalen Nachrichtendienst Spezialcodes, Chiffren und Losungsworte. In allen Teilen des Landes wurden Geheimdruckereien betrieben. Es gab trotzkistische Zellen in der Armee, im diplomatischen Korps und in den staatlichen und parteilichen Körperschaften.

Viele Jahre später berichtete Trotzki, daß sein eigener Sohn, Leo Sedow, diesem trotzkistischen Verschwörerapparat angehörte, der inzwischen die Grenzen einer bloßen politischen Oppositionsgruppe innerhalb der bolschewistischen Partei gesprengt hatte und sich dem allgemeinen Geheimkrieg gegen die Sowjetregierung einzuordnen begann.

»Im Jahre 1923«, schrieb Trotzki in der 1938 veröffentlichten Broschüre: »Leo Sedow: Sohn, Freund und Kämpfer«, »stürzte er sich Hals über Kopf in die Arbeit der Opposition ... So begann er mit siebzehn Jahren das Leben eines bewußten Revolutionärs. Rasch erfaßte er die Kunst der konspirativen Arbeit, die Methodik illegaler Versammlungen und der Herausgabe und Verteilung oppositioneller Schriftstücke. Der Komsomol (der Kommunistische Jugendverband) entwickelte in kürzester Zeit eigene Kader von oppositionellen Führern.«

Aber Trotzki begnügte sich nicht mit der konspirativen. Arbeit innerhalb von Sowjetrußland...

Im Winter 1921/22 wurde der ehemalige Advokat und führende Trotzkist Nikolai Krestinski, ein dunkelhäutiger Mann mit unstetem Blick, Botschafter der Sowjetunion in Deutschland. Im Rahmen seiner offiziellen Funktionen stattete Krestinski dem Kommandanten der Reichswehr, General Hans von Seeckt, einen Besuch ab. Seeckt wußte aus den Berichten seiner Geheimagenten, daß Krestinski Trotzkist war. Der deutsche General deutete an, daß die Reichswehr der von Kriegskommissar Trotzki geführten Opposition sympathisch gegenüberstehe.

Als Krestinski einige Monate später nach Moskau kam, unterrichtete er Trotzki über den Inhalt seines Gespräches mit General Seeckt. Trotzki brauchte damals dringend Geld für die Finanzierung seiner ständig wachsenden Untergrundbewegung. Er erklärte Krestinski, daß die russische Opposition ohne ausländische Verbündete nicht auskommen könne und daher bereit sein müsse, mit freundlich gesinnten Mächten in Beziehung zu treten. Deutschland gehöre nicht zu den Feinden Rußlands, es werde in absehbarer Zeit kaum zu einem Zusammenstoß zwischen den beiden Ländern kommen. Viele Deutsche seien von dem glühenden Wunsch erfüllt, an Frankreich und England Rache zu nehmen, ihre Blicke seien daher nach dem Westen gerichtet. Die Politiker der Opposition müßten aus dieser Situation Kapital schlagen... Als Krestinski 1922 nach Berlin zurückkehrte, gab ihm Trotzki den Auftrag, General Seeckt im »Verlaufe einer offiziellen Unterhandlung vorzuschlagen, er möge Trotzki eine bestimmte Summe für den Ausbau seiner illegalen Bewegung zur Verfügung stellen«.

Die Angelegenheit nahm nach Krestinskis eigenen Worten folgenden Verlauf: »Ich gab den Vorschlag an General Seeckt weiter und nannte einen Betrag von 250 000 Goldmark. Nach einer Unterredung mit seinem Mitarbeiter Generalstabschef Haase erklärte sich der General grundsätzlich einverstanden. Als Gegenleistung verlangte er, daß ihm gewisse wichtige militärische Informationen vertraulichen Charakters, wenn auch nicht regelmäßig, entweder durch mich oder durch Trotzki in Moskau zur Verfügung gestellt würden. Außerdem sollten wir ihm bei der Erlangung von Visas für Personen, die er als Spione nach Rußland zu schicken beabsichtigte, behilflich sein. Diese Gegenforderung des Generals wurde angenommen, die Vereinbarung trat 1923 in Kräft.«

Am 21. Januar 1924 starb Wladimir Iljitsch Lenin, der Schöpfer und Führer der Partei der Bolschewiki.

Trotzki weilte damals im Kaukasus, um sich von einer leichten Influenza zu erholen. Er kehrte nicht nach Moskau zurück, um an Lenins Begräbnis teilzunehmen, sondern blieb in dem Badeort Suchum.

»In Suchum lag ich lange Tage auf dem Balkon mit dem Gesicht zum Meere«, schrieb Trotzki in »Mein Leben«. »Obwohl es Januar war, brannte die Sonne hell und heiß ... Mit dem Einatmen der Meeresluft sog ich mit meinem ganzen Wesen die Gewißheit ein, daß im Kampf das historische Recht auf meiner Seite steht.«

4. Der Kampf um die Macht

Unmittelbar nach Lenins Tod machte Trotzki seine Machtansprüche mit aller Offenheit geltend. Auf dem Parteitag vom Mai 1924 forderte er, daß nicht Stalin, sondern er selbst als Nachfolger Lenins anerkannt werde. Gegen den Rat seiner eigenen Verbündeten setzte er eine Abstimmung durch. Die 748 bolschewistischen Delegierten beschlossen einmütig, Stalin als Generalsekretär beizubehalten, und sprachen damit das Urteil über Trotzkis persönliche Ambitionen. Die Ablehnung war so eindeutig, daß selbst Bucharin, Sinowjew und Kamenew sich öffentlich der Majorität anschließen und gegen ihn stimmen mußten. Trotzki war wütend und beschuldigte sie des »Verrates«. Aber schon nach wenigen Monaten vereinigten Trotzki und Sinowjew wiederum ihre Kräfte, um eine »Neue Opposition« ins Leben zu rufen.

Die Neue Opposition ging in ihrer Zielsetzung weiter als alle früheren separatistischen Gruppen dieser Art. Sie sprach offen die Forderung nach einer »neuen Führerschaft« für Sowjetrußland aus und versuchte durch eine großangelegte Propaganda alle unzufriedenen und leicht beeinflußbaren Elemente des Volkes zum politischen Kampf gegen die Sowjetregierung aufzurufen. Trotzki selbst schrieb später:

»Im Kielwasser dieser Avantgarde schleppte sich eine Schar unzufriedener, heruntergekommener, verunglückter Existenzen nach.« Spione, Saboteure der Torgprom, Weiße Gegenrevolutionäre und Terroristen füllten die Geheimzellen der Neuen Opposition. Die Zellen begannen Waffenlager anzulegen. Eine regelrechte trotzkistische Geheimarmee war im Entstehen.

Trotzki hielt in seiner Selbstbiographie die Worte fest, die er damals zu Sinowjew und Kamenew sprach: »Wir müssen weit vorausdenken. Wir müssen uns auf einen langen, schweren Kampf vorbereiten.«

Hauptmann Sidney George Reilly vom englischen Geheimdienst gewann vom Ausland her den Eindruck, daß der Augenblick zum Handeln gekommen war. Im Sommer des Jahres 1924 wurde der in englischen Diensten stehende Anwärter auf die Diktatur, Boris Sawinkow, nach Rußland geschickt, um den gegenrevolutionären Aufstand vorzubereiten.Winston Churchill, der in diesem Komplott eine wichtige Rolle spielte, bestätigte, daß eine geheime Verbindung zwischen Trotzki und Sawinkow bestand. In seinem Buch »Great Contemporaries« heißt es: »Im Juni 1924 wurde er (Sawinkow) von Kamenew und Trotzki nachdrücklich aufgefordert, nach Rußland zurückzukehren.«

Im gleichen Jahr ging Trotzkis Anhänger Christian Rakowski als Botschafter der Sowjetunion nach England. Trotzki bezeichnete ihn 1937 als seinen Freund, seinen »wahrhaften, alten Freund«. Kurz nach Rakowskis Ankunft in London erschienen in seinem Büro zwei Offiziere des britischen Geheimdienstes, Hauptmann Armstrong und Hauptmann Lockhart. Die britische Regierung hatte sich ursprünglich gegen die Entsendung eines sowjetischen Vertreters nach London ausgesprochen. Die beiden Offiziere gaben Rakowski nach dessen eigenen Worten folgende Erklärung:

»Wissen Sie, warum Ihr Agrement für England erteilt wurde? Wir haben uns bei Mr. Eastman über Sie erkundigt. Er sagte uns, daß Sie Trotzkis Gruppe angehören und mit ihm befreundet sind. Einzig und allein aus diesem Grunde hat der Geheimdienst Ihre Akkreditierung bewilligt.«

Einige Monate später kehrte Rakowski nach Moskau zurück und berichtete Trotzki über seine Londoner Erlebnisse. Der englische Geheimdienst wünsche - ebenso wie der deutsche - mit der Opposition in Verbindung zu treten. »Darüber muß man nachdenken«, sagte Trotzki. Nach einigen Tagen beauftragte er Rakowski, die »Verbindung mit dem britischen Geheimdienst herzustellen«.

Hauptmann Reilly schrieb während der Vorbereitung seines letzten. Coups gegen Rußland an seine Frau: »In Rußland ist tatsächlich etwas ganz Neues, Starkes und Bemerkenswertes im Gange.« Er hatte damals von seinem Agenten, dem englischen Konsulatsbeamten Commander E., Nachrichten über die Fühlungnahme mit der Oppositionsbewegung erhalten. Aber im Herbst wurde er bei dem Versuch, auf sowjetischem Gebiet mit Führern der Opposition zusammenzutreffen, von einer russischen Grenzwache erschossen.

Wenige Monate nach Reillys Tod begann Trotzki, wie er später in »Mein Leben« schrieb, an einer »mysteriösen fieberhaften Erkrankung« zu leiden. Da »die Moskauer Ärzte nicht imstande waren, die Ursache der Krankheit festzustellen«, beschloß Trotzki, nach Deutschland zu fahren.

In Berlin begab sich Trotzki in eine »Privatklinik«; dort besuchte ihn Nikolai Krestinski, der die Verbindung mit dem deutschen Geheimdienst herstellte. Eines Tages, als Trotski und Krestinski gerade wieder miteinander konferierten, erschien nach Trotzkis Bericht plötzlich ein deutscher »Polizeiinspektor« in der Klinik; er ordnete besondere Sicherheitsmaßnahmen an, da. die deutsche Geheimpolizei soeben einem Mordkomplott gegen Trotzki auf die Spur gekommen sei. Durch diesen uralten Trick wurde eine stundenlange, ungestörte Aussprache zwischen Trotzki und den Vertretern der deutschen Geheimpolizei ermöglicht ...

Im Sommer dieses Jahres traf Trotzki ein neues Abkommen mit dem deutschen Geheimdienst, dessen Einzelheiten später von Krestinski bekanntgegeben wurden: »Damals hatten wir uns bereits daran gewöhnt, regelmäßig Beträge in guter Valuta zu erhalten. ... Diese Gelder wurden auf unsere verschiedenen Organisationen im Ausland verteilt und dienten der Verbreitung trotzkistischer Literatur und ähnlichen Zwecken. Im Jahr 1926, zur Zeit, als der Kampf der Trotzkisten gegen die Parteileitung den Höhepunkt erreichte, richtete Seeckt an uns die Aufforderung, ihm unsere bisher nur sporadischen Spionageberichte von nun an in regelmäßigen Abständen zu übermitteln. Außerdem sollte die trotzkistische Organisation sich dafür verbürgen, daß eine künftige trotzkistische Regierung, die im Falle eines neuerlichen Weltkrieges möglicherweise zur Macht gelangen könnte, die gerechten Forderungen der deutschen Bourgeoisie berücksichtigen würde. Es handelte sich hierbei in erster Linie um die Erteilung von Konzessionen und um sonstige Abkommen. Trotzki ermächtigte mich, auf General Seeckts Vorschläge einzugehen. Wir beschränkten uns nicht mehr wie früher auf gelegentliche Informationen, sondern richteten einen systematischen Nachrichtendienst ein. Über das Nachkriegsabkommen wurde eine mündliche Vereinbarung getroffen. ... Die Geldzuwendungen dauerten an. Von 1923 bis 1930 erhielten wir jährlich 250 000 Goldmark, insgesamt etwa 2 Millionen Goldmark.«

Nach seiner Rückkehr aus Deutschland leitete Trotzki eine Großoffensive gegen die sowjetische Führerschaft ein. »Der Kampf in der russischen Partei wurde im Jahre 1926 immer schärfer«, schreibt Trotzki in »Mein Leben«. »Im Herbst machte die Opposition in den Versammlungen der Parteizellen einen offenen Ausfall.« Aber diese Taktik hatte keinen Erfolg. Weite Kreise der Arbeiterschaft gaben ihrer Entrüstung über die Spaltungsversuche der Trotzkisten Ausdruck. »Die Opposition«:, schrieb Trotzki, »sah sich genötigt, den Rückzug anzutreten.«

Als sich die Kriegsgefahr im Sommer 1927 über Rußland zusammenzog, nahm Trotzki seine Angriffe gegen die Sowjetregierung wieder auf. Er gab in Moskau folgende Öffentliche Erklärung ab:

»Wir müssen die Taktik Clemenceaus erneuern, der sich bekanntlich zu einer Zeit, wo die Deutschen 80 Kilometer von Paris entfernt waren, gegen die französische Regierung auflehnte!«

Stalin bezeichnete Trotzki als Verräter. Er sagte: »Eine Art Einheitsfront von Chamberlain bis Trotzki« ist im Entstehen.

Auch diesmal kam es zu einer Abstimmung über Trotzki und seihe Oppositionsbewegung. Eine allgemeine Diskussion ergab, daß die überwältigende Mehrheit der bolschewistischen Parteimitglieder die trotzkistische Opposition ablehnte und der Führung Stalins Gefolgschaft leistete. Das Stimmenverhältnis war 740 000 zu 4000.

In seiner Selbstbiographie berichtet Trotski, daß nach dieser vernichtenden Niederlage eine fieberhafte konspirative Tätigkeit einsetzte: »An mehreren Stellen in Moskau und in Leningrad fanden geheime Versammlungen von Arbeitern, Arbeiterinnen und Studenten statt, wo zwanzig bis hundert und zweihundert Menschen zusammenkamen, um einen Vertreter der Opposition anzuhören. Im Laufe eines Tages besuchte ich zwei, drei, mitunter auch vier solcher Versammlungen ... Die Opposition hatte geschickt eine große Versammlung im Saal der Technischen Hochschule vorbereitet, der von innen besetzt wurde ... Störungsversuche der Verwaltung blieben erfolglos. Ich und Kamenew sprachen etwa zwei Stunden.«

Trotzki bereitete sich mit Hochdruck auf den bevorstehenden Entscheidungskampf vor. Ende Oktober war sein Entschluß gefaßt: am 7. November 1927, dem zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution, sollte es zum Aufstand kommen. Die Führung war den entschlossensten Männern seines Anhanges, ehemaligen Mitgliedern seiner Leibgarde, anvertraut. In allen Teilen des Landes wurden Detachements für die Besetzung der strategisch wichtigen Punkte vorbereitet. Eine politische Demonstration gegen die Sowjetregierung, die während der großen Moskauer Arbeiterparade am Morgen des 7. November stattfinden sollte, war als Signal für die allgemeine Erhebung gedacht. Trotzki bemerkte dazu später in »Mein Leben«:

»Die Kerngruppe der Opposition ging dieser Lösung mit offenen Augen entgegen. Wir wußten genau, daß wir nicht durch Paktieren und Ausweichen unsere Ideen auf die junge Generation übertragen konnten, sondern nur im offenen Kampfe, der vor keinen praktischen Folgen zurückschreckt.«

Trotzkis Aufstandsversuch brach zusammen, bevor er noch recht zur Entwicklung gekommen war. Als die Arbeiter am Morgen, des 7. November durch die Moskauer Straßen marschierten, flatterten von den Fenstern mehrstöckiger Gebäude trotzkistische Flugzettel herab, die das Erscheinen einer »neuen Führung« ankündigten.

In den Straßen zeigten sich plötzlich kleine Gruppen mit trotzkistischen Transparenten. Sie wurden von den empörten Arbeitern verjagt.

Die Sowjetbehörden griffen rasch zu. Muralow, Smirnow, Mratschkowski und andere ehemalige Mitglieder der Trotzki-Garde wurden sofort verhaftet. Kamenew und Pjatakow wurden m Moskau festgenommen.

Regierungsagenten beschlagnahmten trotzkistische Geheimdruckereien und Munitionslager. Sinowjew und Radek wurden in Leningrad verhaftet (sie sollten dort zur gleichen Zeit einen Putsch durchführen).

Einer von Trotzkis Anhängern, der Diplomat Joffe, der früher Botschafter in Japan gewesen war, beging Selbstmord. In manchen Städten wurden die Trotzkisten in Gesellschaft von ehemaligen weißgardistischen Offizieren, sozialrevolutionären Terroristen und ausländischen Agenten angetroffen...

Trotzki wurde aus der Kommunistischen Partei ausgestoßen und in die Verbannung geschickt.

 

 

5. Alma-Ata

Trotzki wurde nach Alma-Ata, der Hauptstadt der unweit der chinesischen Grenze gelegenen Kasachischen Sowjetrepublik, verbannt. Er bewohnte mit seiner Frau Natalie und seinem Sohn Sedow ein eigenes Haus. Die Sowjetregierung, die sich über die wahre Bedeutung und Ausdehnung der trotzkistischen Verschwörung noch nicht im klaren war, behandelte Trotzki mit großer Nachsicht. Er durfte einen Teil seiner persönlichen Leibwache, darunter den ehemaligen Offizier der Roten Armee Ephraim Dreitzer, bei sich behalten. Man gestattete ihm, Privatbriefe abzusenden und zu empfangen. Er hatte eine eigene Bibliothek und ein Geheim-»Archiv« und erhielt von Zeit zu Zeit den Besuch von. Freunden und Bewunderern.

Trotzki setzte seine konspirativen Umtriebe auch in der Verbannung fort...

Der geschickteste Taktiker unter den Trotzkisten, der Diplomat und deutsche Agent Nikolai Krestinski, legte am 27. November 1927 in einem vertraulichen Sehreiben an Trotzki die Richtlinien für die nächsten Jahre fest.

Die trotzkistische Opposition, schrieb Krestinski, dürfe unter keinen Umständen versuchen, die offene Agitation gegen die Sowjetregierung fortzusetzen. Die Trotzkisten müßten sich vielmehr um die Wiederaufnahme in die Partei bemühen, um neuerlich Schlüsselstellungen in der Sowjetregierung zu erlangen und den Kampf um die Macht innerhalb des Regierungsapparates fortzusetzen.

Die Trotzkisten, meinte Krestinski, sollten bestrebt sein, »langsam und schrittweise durch unermüdliche Arbeit im Rahmen der Partei und des Sowjetapparates das Zutrauen der Massen zu gewinnen und den früheren Einfluß wiederzuerlangen.«

Diese schlaue Taktik leuchtete Trotzki ein. Krestinski enthüllte später, daß Trotzki seinen verhafteten und verbannten Anhängern schon nach kurzer Zeit die Anweisung gab, »sich mit Hilfe falscher Angaben wieder in die Partei einzuschleichen«, »unsere Tätigkeit im geheimen, fortzuführen« und »sich mehr oder weniger unabhängige, verantwortliche Posten zu sichern«.

Pjatakow, Radek, Sinowjew, Kamenew und andere in der Verbannung lebende Mitglieder der Opposition sagten sich plötzlich von Trotzki los; sie sprachen von dem »tragischen Irrtum« ihrer Vergangenheit und suchten um Wiederaufnahme in die Kommunistische Partei an.

In Trotzkis Haus in Alma-Ata liefen die Fäden der sowjetfeindlichen Intrigen zusammen.

»Die ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der Opposition waren damals außerordentlich heftig«, schrieb Trotzki später in seiner Flugschrift »Leo Sedow: Sohn, Freund und Kämpfer«. Von seinem Exil aus leitete Trotzki eine geheime Propagandaorganisation und Sabotagetätigkeit gegen die Sowjetregierung.

Der geheime Nachrichtendienst, durch den Trotzki die Verbindung mit seinen eigenen Anhängern und anderen Oppositionsgruppen des Landes aufrechterhielt, war der Obhut seines Sohnes Leo Sedow anvertraut. Sedow, der mit einigen zwanzig Jahren bereits alle Künste der konspirativen Technik beherrschte, stellte seine fanatische Ergebenheit in den Dienst der Oppositionsbewegung, wobei ihn das egoistische, diktatorische Benehmen seines Vaters mit Erbitterung und Gehässigkeit erfüllte.

An die hundert Geheimbotschaften gingen allwöchentlich durch Sedows Hände. Außerdem schickte Trotzki große Mengen von Propagandamaterial und persönlichen Briefen ab. Viele dieser Schreiben enthielten »Direktiven« für seine Anhänger und sowjetfeindliche Propaganda. »Von April bis Oktober (1928)«, konnte sich Trotzki rühmen, »erhielten wir rund tausend politische Briefe und etwa 700 Telegramme. In der gleichen Zeit sandten wir 500 Telegramme und nicht weniger als 800 politische Briefe ab ...«

Im Dezember 1928 erschien in Alma-Ata ein Bevollmächtigter der Sowjetregierung. Nach dem in »Mein Leben« enthaltenen Bericht erklärte er Trotzki: »Die Arbeit Ihrer Gesinnungsgenossen im Lande hat in der letzten Zeit einen offen konterrevolutionären Charakter angenommen; Ihre Lebensbedingungen in Alma-Ata geben Ihnen die Möglichkeit, diese Arbeit zu leiten.« Die Sowjetregierung fordere die Einstellung dieser aufrührerischen Umtriebe. Sollte Trotzki sein Versprechen nicht halten, so werde die Regierung sich gezwungen sehen, ihn ohne weitere Rücksichtnahme als Verräter zu behandeln. Trotzki lehnte es ab, dieser Warnung Beachtung zu schenken. Sein Fall wurde jetzt von dem Sonderkollegium der GPU in Moskau aufgenommen.

In der Nummer 41 der »Prawda« vom 19. Februar 1929 wurde folgende TASS-Meldung veröffentlicht:

»L. D. Trotzki wurde auf Anordnung des Sonderkollegiums der GPU wegen antisowjetischer Tätigkeit aus der UdSSR ausgewiesen. Seinem Wunsche entsprechend, ist seine Familie mit ihm abgereist.«

Trotzki war formell aus der Sowjetunion ausgewiesen. Damit begann die merkwürdigste Phase seines Lebens.

»Verbannung bedeutet im allgemeinen Abtreten von der Buhne. Im Fall Trotzki trat das Gegenteil ein«, schrieb später Isaac P. Marcosson in seinem Buch »Turbulent Years« - »Solange er innerhalb der Sowjetgrenzen lebte, glich er einer menschlichen Hornisse, aber auch jetzt, aus einer Entfernung von vielen tausend Kilometern, ist sein Stachel kaum minder wirksam. Aus der Ferne wirkend, wurde er zum Erzfeind Rußlands. Dieser Meister der Demagogie lebte in einer abenteuerlichen Atmosphäre nationaler und internationaler Konspiration. Er gleicht einer Figur aus einem Kriminalroman.«

XVI. DIE GEBURT EINER FÜNFTEN KOLONNE

l. Trotzki auf Elba

Am 13. Februar 1929 traf Leo Trotzki in Konstantinopel ein. Die Schlagzeilen der Weltpresse meldeten seine Ankunft. Auf dem Kai warteten die Korrespondenten der ausländischen Zeitungen auf das Erscheinen seines Privatmotorbootes. Trotzki würdigte sie keines Blickes, sondern eilte mit raschen Schritten. auf ein Auto zu, das für ihn bereitstand. Der Chauffeur war ein Mitglied seiner Leibgarde. Trotzki wurde sofort in die schon vor seinem Eintreffen für ihn vorbereitete Privatwohnung gebracht.

Trotzkis Anwesenheit in der Türkei entfesselte ein politisches Gewitter. Die sowjetfreundlichen Kreise des Landes forderten seine Ausweisung; die Vertreter der antisowjetischen Richtung hießen ihn als Feind der Sowjetregierung willkommen. Die türkische Regierung enthielt sich jeder Stellungnahme. Man sprach davon, daß das Verbleiben Trotzkis in der Türkei, nahe der sowjetischen Grenze, von gewisser Seite unter Anwendung von diplomatischen Druckmitteln gefordert wurde. Schließlich kam ein Kompromiß zustande. Trotzki blieb in der Türkei und doch nicht in der Türkei. Man beschloß, dem verbannten »Roten Napoleon« auf der türkischen Insel Prinkipo Asyl zu gewähren. Einige Wochen später übersiedelte er mit seiner Frau, seinem Sohn und einem Teil seiner Leibwache...

Auf Prinkipo, der malerischen Schwarzmeerinsel, die Woodrow Wilson einst als Sitz einer Friedenskonferenz zwischen den Alliierten und den Sowjets vorgeschwebt hatte, errichtete Trotzki sein neues politisches Hauptquartier. Leo Sedow wurde sein erster Adjutant und Stellvertreter. Trotzki schrieb später: »Inzwischen war es gelungen, in Prinkipo in enger Zusammenarbeit mit meinem Sohn eine neue Gruppe junger Mitarbeiter aus den verschiedensten Ländern heranzubilden.« In dem kleinen Haus, das Trotzki bewohnte, herrschte eine seltsam erregte Atmosphäre. Man ahnte Geheimnisse und Intrigen. Das Haus wurde von einer bewaffneten Leibgarde und Polizeihunden bewacht. Drinnen wimmelte es von radikalen Abenteurern aus Rußland, Deutschland, Spanien und anderen Ländern, die Trotzki nach Prinkipo gefolgt waren. Er nannte sie seine »Sekretäre«. Diese Leute bildeten eine neue Trotzki-Garde. Trotzki empfing zahllose Besucher: sowjetfeindliche Propagandisten, Politiker, Journalisten, persönliche Verehrer und zukünftige »Weltrevolutio-näre«. In der von Mitgliedern der Leibwache behüteten Bibliothek seines Hauses hielt Trotzki Beratungen mit kommunistischen oder sozialistischen Renegaten aller Schattierungen ab. Von Zeit zu Zeit trafen Spionageagenten und andere mysteriöse Persönlichkeiten ein, die unter besonders geheimnisvollen umständen mit Trotzki konferierten.

Die bewaffnete Leibgarde stand anfangs unter dem Kommando des sozialrevolutionären Mörders Blumkin, der Trotzki seit dem Beginn der zwanziger Jahre mit hündischer Ergebenheit überallhin gefolgt war. Ende 1930 wurde er von Trotzki nach Sowjetrußland geschickt, um dort einen besonderen Auftrag auszuführen. Blumkin wurde von den sowjetischen Sicherheitsorganen verhaftet und dem Gericht übergeben. Er wurde wegen Waffenschmuggel und Einführung sowjetfeindlicher Propagandaliteratur zum Tode verurteilt und erschossen. An die Spitze der Leibwache von Prinkipo traten der Franzose Raymond Molinier und der Amerikaner Sheldon Harte.

Trotzkis ganzer Ehrgeiz war darauf gerichtet, in der Verbannung auch weiterhin als der »große Revolutionär« zu gelten. Er hatte das fünfzigste Lebensjahr erreicht. Seine stämmige, ein wenig verkrümmte Gestalt war rundlich und schwammig geworden. Der berühmte Haarbusch und der kleine Spitzbart waren grau. Aber aus seinen Gesten sprach noch immer die gleiche Heftigkeit und Ungeduld. Die scharfe Nase, die dunklen Augen, die durch die Gläser eines altmodischen Pincenez blickten, gaben seinen düsteren, beweglichen Zügen einen merkwürdig boshaften Ausdruck. Viele fühlten sich durch sein »mephistophelisches« Aussehen abgestoßen.

Trotzki arbeitete systematisch an der Erhaltung seines Renommees. Nichts blieb dem Zufall überlassen. Er zitierte gerne die Worte des französischen Anarchisten Proudhon: »Schicksal o das Wort macht mich lachen. Und die Menschen - sie sind viel zu unwissend und versklavt, als daß ich mich über sie ärgern könnte.« Wenn ein wichtiger Besucher um ein Interview ansuchte, probte er vorher seine Rolle bis in alle Einzelheiten. Er studierte sogar vor einem Spiegel in seinem Schlafzimmer wirkungsvolle Posen ein. Die Journalisten, die nach Prinkipo kamen, durften ihre Artikel erst veröffentlichen, wenn sie von Trotzki genehmigt waren. Die Unterhaltung spielte sich in der Form ab, daß Trotzki in endlosem Redestrom dogmatische Behauptungen und beleidigende Äußerungen gegen die Sowjetunion zum besten gab, wobei er wie ein Versammlungsredner jeden Satz durch eindringliche, theatralische Gesten unterstrich.

Kurze Zeit, nachdem Trotzki sich in Prinkipo niedergelassen hatte, wurde er von dem liberalen deutschen Schriftsteller Emil Ludwig interviewt. Trotzki war damals in optimistischer Stimmung. Er erklärte Ludwig, daß Rußland sich in einer Krise befinde. Der Fünf jahresplan sei ein Versager. Die Arbeitslosigkeit sei im Zunehmen, der Niedergang der Wirtschaft und Industrie stehe bevor; das Programm der landwirtschaftlichen Kollektivierung sei eine Utopie.

»Wie groß ist Ihr Anhang in Rußland?« fragte Ludwig. Trotzki wurde plötzlich zurückhaltend. »Es ist schwer zu sagen«, meinte er mit einer vagen Geste der wohlgepflegten weißen Hand. Seine Anhänger seien im Lande »verstreut« und auf illegale, »unterirdische« Arbeit beschränkt.

»Wann glauben Sie wieder zum offenen Kampf übergehen zu können?«

Trotzki antwortete nach einiger Überlegung: »Sobald sich durch ein äußeres Ereignis eine günstige Gelegenheit ergibt. Vielleicht durch einen Krieg oder eine neuerliche europäische Intervention, wenn die Schwäche der Regierung als Antrieb wirkt!«

Winston Churchill, der die Entwicklungsphasen des internationalen Kampfes gegen die Sowjets mit unvermindertem, leidenschaftlichem Interesse verfolgte, widmete dem Verbannten von Prinkipo eine besondere Skizze. »Ich habe Trotzki nie leiden können«, erklärte er im Jahre 1944. Aber der Hasardeur Trotzki mit seiner dämonischen Energie entsprach Churchills abenteuerlichem Temperament. In »Great Contemporaries« definierte er mit wenigen Worten das Ziel, auf das Trotzkis konspirative Tätigkeit seit dem Augenblick seiner Verbannung aus Sowjetrußland gerichtet war:

»Trotzki... ist bestrebt, die europäische Unterwelt für den Kampf gegen die russische Armee zu einigen.«

Auch der amerikanische Journalist John Günther suchte Trotzki um diese Zeit in seinem Hauptquartier in Prinkipo auf. Er hatte Gelegenheit, mit Trotzki und einigen seiner russischen und europäischen Mitkämpfer zu sprechen. Günther berichtete:

»Die trotzkistische Bewegung hat sich fast über ganz Europa ausgebreitet. In jedem Land gibt es eine Kerntruppe trotzkistischer Agitatoren, die ihre Orders direkt aus Prinkipo erhalten. Die verschiedenen Gruppen stehen miteinander in Verbindung, teils durch die von ihnen herausgegebenen Publikationen und Manifeste, vor allem aber durch den Austausch von Privatbriefen. Die verschiedenen Zentralkomitees sind einem internationalen Hauptquartier angeschlossen, das seinen Sitz in Berlin hat.«

Günther versuchte, Trotzki zu einer Äußerung über die Ziele und die Tätigkeit der Vierten Internationale zu veranlassen. Aber Trotzki war sehr zurückhaltend, sobald das Gespräch sich diesem Thema zuwandte. In einem Augenblick der Aufgeschlossenheit zeigte er Günther eine Anzahl »hohler Bücher«, in denen Geheimdokumente verborgen und versandt wurden. Trotzki gab seiner Genugtuung über die Tätigkeit Andreas Nins in Spanien Ausdruck. Auch in den Vereinigten Staaten hatte er Anhänger und einflußreiche Freunde. Er erzählte, daß in Frankreich, Norwegen und der Tschechoslowakei trotzkistische Zellen im Entstehen seien. Ihre Arbeit gehe in »halber Illegalität« vor sich ...

Günther schrieb, daß Trotzki »Rußland zumindest vorübergehend verloren« habe. »Niemand kann wissen, ob er es vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren wiedergewinnen wird.« Es sei Trotzkis Hauptziel, »durchzuhalten und mit unermüdlicher Energie an der Vervollkommnung seiner antikommunistischen Organisation im Ausland zu arbeiten«.

In den Jahren 1930/31 baute Trotzki von Prinkipo aus einen antisowjetischen Propagandaapparat auf. Es war eine ganz neue Art der Propaganda, raffiniert und verwirrend und den bisherigen Methoden der antibolschewistischen Kreuzfahrer unendlich überlegen.

Die Zeiten hatten sich geändert. Seid der großen Wirtschaftskrise dachte die ganze Menschheit revolutionär - zumindest insofern, als niemand eine Rückkehr zu den Lebensformen der Vergangenheit wünschte, die so viel Elend und Leiden heraufbeschworen hatten. Die faschistische Gegenrevolution war in ihren Anfängen von ihrem Urheber, dem ehemaligen Sozialisten Benito Mussolini, wirkungsvoll als »Italienische Revolution« aufgezogen worden. In Deutschland gewannen die Nazis ihren Massenanhang nicht nur durch die Werbung der antibolschewistischen Reaktion, sondern auch indem sie sich den deutschen Arbeitern und Bauern als »National-Sozialisten« vorstellten. Schon im Jahre 1903 hatte sich Trotzki einer Propagandamethode bedient, die Lenin als »ultrarevolutionäre Schlagworte, die nichts kosten«, charakterisierte.

Jetzt brachte Trotzki dieselbe Propagandatechnik, die er ursprünglich gegen Lenin und die bolschewistische Partei, benutzt hatte, in internationalem Maßstab zur Anwendung. In zahllosen Artikeln, Büchern, Pamphleten und Reden begann Trotzki in einer ausfälligen, linksradikalen Sprache die Sowjetregierung anzugreifen und ihre gewaltsame Beseitigung zu fordern - nicht etwa wegen ihrer revolutionären Haltung, sondern weil sie »gegenrevolutionär« und »reaktionär« sei.

Viele alte antibolschewistische Kämpfer verließen über Nacht die frühere zarenfreundliche, unmißverständlich gegenrevolutionäre Propagandalinie und paßten sich der neuen trotzkistischen Methode an, die russische Revolution »von links« anzugreifen.

Das erste größere Propagandawerk, in dem Trotzki diese neue Taktik der internationalen Gegenrevolution anwandte, war seine pathetische, zur Hälfte erdichtete Selbstbiographie »Mein Leben«, die bereits als Artikelserie in europäischen und amerikanischen Zeitungen erschienen war. Die Veröffentlichung in Buchform zielte darauf ab, Stalin und die Sowjetunion herabzusetzen, das Ansehen der trotzkistischen Bewegung zu erhöhen und die Legende von Trotzki, dem »Weltrevolutionär«, zu konsolidieren. Trotzki schilderte sich selbst als den wahren Inspirator und Organisator der russischen Revolution, der durch seine Gegner von dem ihm zukommenden Führerplatz verdrängt worden sei.

Sowjetfeindliche Agenten und Publizisten verhalfen dem Buch, das nach ihrer Behauptung Enthüllungen über die wahren Hintergründe der russischen Revolution enthielt, durch marktschrei-erische Reklame in kurzer Zeit zu einem sensationellen Welterfolg.

Adolf Hitler las das Buch sofort nach seinem Erscheinen. Hitlers Biograph Konrad Heiden erzählt in seinem Buch »Der Führer«, daß Hitler seine Freunde durch begeisterte Äußerungen über Trotzkis Selbstbiographie in Staunen versetzte. »Das ist brillant!« rief Hitler, indem er seinen Anhängern ein Exemplar von »Mein Leben« entgegenstreckte. »Ihr könntet, ebenso wie ich, viel daraus lernen!« Trotzkis Buch galt bei den sowjetfeindlichen Spionageorganisationen bald als Standardwerk. Man verwendete es als Lehrbuch für antisowjetische Propaganda. Die japanische Geheimpolizei zwang alle in Haft befindlichen japanischen und chinesischen Kommunisten, das Buch zu lesen; man wollte auf diese Weise ihren Kampfgeist brechen. Die Gestapo machte von Trotskis Buch ähnlichen Gebrauch...

Mit »Mein Leben« eröffnete Trotzki die umfangreiche Serie seiner antisowjetischen Schriften. Es folgten viele andere sowjetfeindliche Bücher, Pamphlete und Artikel. Ein Teil dieser Literatur wurde zuerst durch groß aufgemachte Vorabdrucke in den reaktionären Zeitungen Europas und Amerikas bekannt. Trotzkis »Büro« belieferte die sowjetfeindliche Weltpresse ständig mit einer Fülle von »Enthüllungen«, »Bloßstellungen« und "Geheiminformationen" über Rußland.

Das offizielle »Bulletin der Opposition« war für die Leserschaft innerhalb der Sowjetunion bestimmt. Es wurde im Ausland, zuerst in der Türkei, später in Deutschland, Frankreich, Norwegen und anderen Ländern gedruckt und von trotzkistischen Geheimkurieren über die russische Grenze geschmuggelt. Das Bulletin wandte sich nicht an die sowjetischen Massen. Es war für die Diplomaten, Staatsbeamten, Militärs und Intellektuellen gedacht, die Trotzki früher einmal Gefolgschaft geleistet hatten oder dem Einfluß der trotzkistischen Bewegung zugänglich schienen. Das Bulletin enthielt auch Anweisungen für die Propagandaarbeit der Trotzkisten innerhalb und außerhalb Rußlands. Es prophezeite in endlosen, düsteren Schilderungen den bevorstehenden Niedergang des Sowjetregimes, kündigte Wirtschaftskrisen und neue Bürgerkriege an und sagte voraus, daß die Rote Armee beim ersten Angriffsversuch des Auslandes zusammenbrechen würde. Das Bulletin bestärkte die unsicheren, unklaren und unzufriedenen Elemente, die den ungeheuren Spannungen und Härten der Aufbauperiode nicht gewachsen waren, mit großem Geschick in ihren Zweifeln und Befürchtungen. Das Bulletin forderte diese Kreise offen zum Widerstand und zu Gewalttaten gegen die Sowjetregierung auf.

Hier folgen einige typische Beispiele aus der in der ganzen Welt verbreiteten antisowjetischen Propagandaliteratur, in der Trotzki immer wieder zur gewalttätigen Beseitigung des Sowjetregimes aufrief:

»Die erste soziale Erschütterung, sei es von außen oder innen, kann die zerstückelte sowjetische Gesellschaft in einen Bürgerkrieg hineinreißen.« (Die Sowjetunion und die Vierte Internationale, 1933.)

»Die politischen Einzelkrisen laufen zu der allgemeinen Krise zusammen, die sich unbemerkt nähert.« (Die Ermordung Kirows, 1935.)

»Können wir erwarten, daß die Sowjetunion aus dem kommenden großen Krieg unbesiegt hervorgehen wird? Auf diese offene Frage wollen wir ebenso offen antworten, wenn der Krieg nicht zu anderweitigen Entwicklungen führt, dann ist die Niederlage der Sowjetunion unvermeidlich. In technischer, wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht ist der Imperialismus unvergleichlich stärker. Der Imperialismus wird, falls seine Kräfte nicht durch eine Revolution im Westen lahmgelegt werden, die gegenwärtige Regierung hinwegfegen.« (Artikel im »American Mercury«, März 1937.)

»Die Niederlage der Sowjetunion ist unvermeidlich, es sei denn. daß der neue Krieg eine neue Revolution hervorruft... Aus der theoretischen Annahme eines Krieges ohne Revolution folgt zwangsweise die Niederlage der Sowjetunion.« (Aussage bei der Vernehmung in Mexiko, April 1937.)

2. Rendezvous in Berlin

Von dem Augenblick an, wo Trotzkis Fuß ausländischen Boden betreten hatte, beraubten sich die Agenten der verschiedenen ausländischen Spionageorganisationen, mit ihm in Kontakt zu kommen und den trotzkistischen internationalen Verschwörerapparat ihren Zwecken dienstbar zu machen. Die polnische »Defensiva«, die faschistische OVRA, der finnische Spionagedienst, die weißgardistischen Emigranten, die in Rumänien, Jugoslawien und Ungarn antisowjetische Spionagezentralen unterhielten, die reaktionären Elemente des britischen Geheimdienstes, das französische »Deuxieme Bureau« - sie alle waren bereit, mit dem »Russischen Staatsfeind Nr. l« zu verhandeln. Man war gewillt, ihm Geldmittel, Assistenten, das Netzwerk des Spionage- und Kurierdienstes für die Aufrechterhaltung und Erweiterung seiner internationalen Propagandatätigkeit sowie für die Förderung und Neuorganisierung seines Verschwörerapparates innerhalb der Sowjetunion zur Verfügung zu stellen.

Am wichtigsten war die immer enger werdende Verbindung Trotzkis mit der von Oberst Walther Nicolai geleiteten deutschen Militärspionage (Abteilung III B).

Bis zum Jahr 1930 hatte Trotzkis Agent Krestinski von der Reichswehr als Entschädigung für das dem deutschen Geheimdienst von den Trotzkisten zur Verfügung gestellte Spionagematerial etwa zwei Millionen Goldmark zugunsten der trotzkistischen Bewegung in Sowjetrußland erhalten. Krestinski enthüllt später: »Von 1923 bis 1930 erhielten wir jährlich 250 000 Gold-mark, insgesamt etwa 2 Millionen Goldmark. Bis Ende 1927 wurden die vertraglich vorgesehenen Leistungen fast ausschließlich in Moskau erfüllt. Danach trat eine Unterbrechung der Zahlungen ein, die etwa zehn Monate, von Ende 1927 bis gegen Ende des Jahres 1928 dauerte. Ich war nach der Niederwerfung des Trotzkismus von jeder Verbindung abgeschnitten. Trotzkis weitere Pläne waren mir nicht bekannt, ich erhielt weder Nachrichten noch Instruktionen ... Das ging so fort, bis ich im Oktober 1928 einen Brief Trotzkis aus dem Exil in Alma-Ata erhielt... In diesem Brief gab mir Trotzki die Weisung, das Geld von den Deutschen entgegenzunehmen und an Maslow oder Trotzkis französische Freunde (Roemer, Madeleine Paz und andere) weiterzuleiten. Ich setzte mich sofort mit General Seeckt in Verbindung, der damals bereits von seinem Posten zurückgetreten war und als Privatmann lebte. Er machte sich erbötig, Hammerstein aufzusuchen und das Geld zu besorgen. Er hielt sein Versprechen. Hammerstein war damals Generalstabschef der Reichswehr. 1930 wurde er Oberkommandierender der Reichswehr.«

1930 wurde Krestinski zum Stellvertretenden Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten ernannt und von Berlin nach Moskau versetzt. Seine Abreise aus Deutschland und die durch den Aufstieg des Nationalsozialismus hervorgerufene innere Krise der Reichswehr verursachten eine neuerliche Stockung. Aber Trotzki verhandelte damals mit dem deutschen Geheimdienst über eine Erneuerung und Erweiterung des Abkommens.

Im Februar 1931 mietete Trotzkis Sohn Leo Sedow in Berlin eine Wohnung. Aus seinem Paß ging hervor, daß er sich zu Studienzwecken in Deutschland aufhielt. Offiziell war er nach Berlin gekommen, um ein »deutsches wissenschaftliches Institut« zu besuchen. In Wirklichkeit hatten ihn viel dringendere Geschäfte in die deutsche Hauptstadt geführt.

Einige Monate vorher war Trotzkis Flugschrift »Deutschland: der Schlüssel zur internationalen Lage« erschienen. Hundertsieben Naziabgeordnete waren in den Reichstag eingezogen. Die Nazipartei hatte 6 400 000 Stimmen erhalten. Als Sedow in Berlin eintraf, herrschte in der Stadt eine fieberhaft gespannte, erwartungsvolle Stimmung. Die Braunhemden marschierten durch die Berliner Straßen; sie sangen das Horst-Wessel-Lied, schlugen die Schaufenster jüdischer Geschäfte ein und überfielen die Wohnungen und Vereinslokale der Liberalen und Sozialisten. Die Nazis waren guter Zuversicht. »Noch nie in meinem Leben war ich so gut aufgelegt und innerlich zufrieden wie in diesen Tagen«, schrieb Adolf Hitler im »Völkischen Beobachter«.

Offiziell war Deutschland noch immer eine Demokratie. Die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion hatten einen Höhepunkt erreicht. Die Sowjetregierung kaufte bei deutschen Firmen Maschinen ein. Deutsche Techniker bekleideten leitende Stellungen im sowjetischen Bergbau und bei der Durchführung von Elektrifizierungsprojekten. Sowjetische Ingenieure besuchten Deutschland. Sowjetische Handelsvertreter, Einkäufer und Agenten, deren Tätigkeit mit den Aufgaben des Fünf jahresplanes in Zusammenhang stand, reisten ständig zwischen Moskau und Berlin hin und her. Einige dieser Sowjetbürger waren Trotzkisten oder ehemalige Anhänger Trotzkis, Sedow war als Vertreter seines Vaters nach Berlin gekommen. Sein Aufenthalt in dieser Stadt diente konspirativen Zwecken.

»Leo war ständig auf der Lauer«, schrieb Trotzki später in seiner Flugschrift »Leo Sedow: Sohn, Freund und Kämpfer«. »Mit unermüdlichem Eifer suchte er die Verbindungsfäden mit Rußland aufzunehmen; er spürte aus Rußland zurückgekehrte Reisende auf, er trat mit sowjetischen Studenten, die ins Ausland geschickt worden waren, und mit sympathisierenden Beamten in den Auslandsvertretungen in Verbindung.« Es war Sedows wichtigste Aufgabe, in Berlin alte Mitglieder der Opposition ausfindig zu machen, Trotzkis Instruktionen an sie weiterzugeben oder wichtige Botschaften für seinen Vater von ihnen in Empfang zu nehmen.

Einer Anzahl prominenter Trotzkisten war es gelungen, sich Posten im Volkskommissariat für Außenhandel zu sichern. Zu ihnen gehörte Iwan N. Smirnow, der früher Offizier der Roten Armee und ein führendes Mitglied der trotzkistischen Leibgarde gewesen war. Nach einer kurzen Zeit der Verbannung folgte er dem Beispiel der übrigen Trotzkisten: er sagte sich von Trotzki los und suchte um Wiederaufnahme in die Kommunistische Partei an. Da er von Beruf Ingenieur war, erhielt er bald eine untergeordnete Stellung in der Transportmittelindustrie. Zu Beginn des Jahres 1931 wurde er einer für Berlin bestimmten Handelsmission als beratender Ingenieur zugeteilt.

Es gelang Leo Sedow, die Verbindung mit Smirnow herzustellen. Sie trafen sich heimlich in Sedows Wohnung oder in abgelegenen Vorstadtkneipen und Kaffeehäusern. Smirnow erfuhr, daß Trotzki eine Neuorganisierung der Opposition in Zusammenarbeit mit Agenten der deutschen Militärspionage plante.

In Zukunft, teilte ihm Sedow mit, müsse der Kampf gegen das Sowjetregime den Charakter einer Generaloffensive annehmen. Die alten Zwistigkeiten und politischen Differenzen zwischen Trotzki, Bucharin, Sinowjew, den Menschewiki, den Sozialrevolutionären und den übrigen antisowjetischen Gruppen und Parteien seien überholt und vergessen. Es handle sich um die Bildung einer oppositionellen Einheitsfront. Außerdem solle der Kampf von nun an eine aggressive Note erhalten. Das Sowjetregime müsse im ganzen Lande planmäßig durch Terror und Sabotage bekämpft werden. Die Angriffe würden nach einem sorgfältig abgestimmten System an den verschiedensten Orten gleichzeitig erfolgen und in den Reihen der Sowjetregierung hoffnungslose Verwirrung und völlige Demoralisierung hervorrufen. Dann werde es der Opposition ein leichtes sein, die Macht an sich zu reißen.

Smirnow erhielt zunächst den Auftrag, Trotzkis Anweisungen für die Wiederaufnahme der illegalen Arbeit und die Vorbereitung der Terror- und Sabotageakte an die vertrauenswürdigsten Mitglieder der Opposition in Moskau weiterzuleiten. Außerdem hatte er für die regelmäßige Absendung von »Informationsmaterial« nach Berlin Sorge zu tragen. Diese Berichte sollten Sedow durch trotzkistische Kuriere überbracht und von ihm an Trotzki weiterbefördert werden. Das Kennwort der Kuriere lautete: »Ich bringe Grüße von Galja«.

Sedow ersuchte Smirnow, noch vor seiner Abreise den Leiter einer soeben in Berlin eingetroffenen sowjetischen Handelsmission aufzusuchen und ihm mitzuteilen, daß Sedow ihn in einer äußerst wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünsche...

Dieser von der Sowjetregierung nach Berlin entsandte Repräsentant war Juri Leonidowitsch Pjatakow, ein alter, begeisterter Anhänger Leo Trotzkis.

Pjatakow sah aus wie ein Gelehrter. Niemand hätte in dem großen, schlanken, blassen, gut angezogenen Herrn mit der hoher, fliehender Stirn und dem gepflegten rötlichen Spitzbart einen alterprobten Verschwörer vermutet. Er war der erste prominente Trotzkist, der 1927 nach dem mißglückten Putsch mit Trotzki brach und um Wiederaufnahme in die Kommunistische Partei, ansuchte. Pjatakow hat eine hervorragende Begabung auf administrativem und organisatorischem Gebiet. Sogar in der Zeit, die er als Verbannter in Sibirien verbrachte, bekleidete er verschiedene wichtige Stellungen in der rasch aufblühenden Sowjetindustrie. 1929 wurde ihm der Wiedereintritt in die Partei probeweise gestattet. Er führte den Vorsitz in einer ganzen Reihe von Kommissionen, die sich mit der Planung von Transportprojekten und chemischen Industrieanlagen befaßten. 1931 wurde er Mitglied des Obersten Volkswirtschaftsrates, der höchsten sowjetischen Planungsstelle; im selben Jahr ging er als Leiter einer außerordentlichen Handelsmission nach Berlin, um im Auftrag der Sowjetregierung deutsche Werkzeugmaschinen einzukaufen.

Iwan Smirnow begab sich auftragsgemäß in Pjatakows Berliner Büro und teilte ihm mit, daß Leo Sedow in Berlin sei und ihm wichtige Nachrichten von Trotzki zu überbringen habe.

Pjatakow berichtet über die Zusammenkunft, die wenige Tage darauf zwischen ihm und Sedow stattfand: »In der Nähe des Zoologischen Gartens gibt es das 'Cafe am Zoo'. Dort fand ich Leo Sedow an einem kleinen Tisch. Wir waren von früher her gut miteinander bekannt. Er erklärte mir, daß er nicht im eigenen Namen, sondern im Auftrag seines Vaters zu mir spreche. Trotzki habe von meiner Anwesenheit in Berlin erfahren und ihm den Befehl erteilt, mich ausfindig zu machen und eine persönliche Unterredung herbeizuführen. Trotzki habe nie daran gedacht, auf die Wiederaufnahme des Kampfes gegen Stalin zu verzichten, aber die wiederholte Verlegung seines Wohnsitzes von einem Land ins andere habe einen vorübergehenden Stillstand verursacht. Trotzki lasse mich durch ihn wissen, daß der Zeitpunkt für den Wiederbeginn des Kampfes gekommen sei...«.

Dann fragte mich Sedow geradeheraus: »Haben Sie die Absicht, sich an diesem Kampf zu beteiligen« Ich gab meine Zustimmung.

Dann setzte ihm Sedow auseinander, nach welchen Grundsätzen Trotzki die Neuorganisierung der Opposition vorzunehmen gedenke:

» ... Sedow erklärte mir das Prinzip der neuen Kampfmethode: es handle sich diesmal nicht um die Entwicklung eines Massenkampfes oder die Organisierung einer Massenbewegung. Jeder Versuch, die Massen zu erfassen, würde sofort zu Komplikationen führen. Trotzki sei fest entschlossen, den gewaltsamen Sturz der Stalin-Regierung durch Terrorismus und Sabotage herbeizuführen. Außerdem betone Trotzki immer wieder, daß die Beschränkung des Kampfes auf ein einziges Land sinnlos wäre und daß die Frage des Internationalismus keinesfalls umgangen werden könne. Dieser Kampf müsse auch die Lösung des internationalen Problems, oder richtiger, der zwischenstaatlichen Probleme herbeiführen. Jeder, der diese Fragen beiseite zu schieben versucht, sagte Sedow unter Bezug auf Trotzkis eigene Worte, stellt sich selbst ein Armutszeugnis aus.«

Bei einer zweiten Zusammenkunft, die bald darauf stattfand, sagte Sedow zu Pjatakow: »Sie sind sich gewiß darüber im klaren, Juri Leonidowitsch, daß für die Wiederaufnahme des Kampfes Geld erforderlich ist. Sie sind in der Lage, dieses Geld zu beschaffen.« Und nun. setzte er Pjatakow auseinander, was er zu tun habe. In seiner Eigenschaft als offizieller Handelsvertreter der Sowjetregierung in Deutschland solle er möglichst viele Aufträge bei den Firmen Borsig und Demag plazieren und bei der Festsetzung der Preise Nachsicht walten lassen. Trotzki habe mit Borsig und Demag ein Abkommen getroffen. »Sie werden höhere Preise bezahlen müssen«, sagte Sedow, »aber dieses Geld kommt unserer Arbeit zugute.«

Noch zwei andere Mitglieder der geheimen Opposition, die sich im Jahre 1931 in Berlin aufhielten, wurden von Sedow zur Mitarbeit herangezogen. Es waren Alexei Schestow, der Pjatakows Handelsmission als Ingenieur angehörte, und Sergei Bessonow, ein Mitglied der Berliner Handelsvertretung der UdSSR.

Bessonow, ein ehemaliger Sozialrevolutionär, war ein rundlicher, freundlich aussehender Mann von einigen vierzig Jahren. Die Berliner Handelsvertretung war die eigentliche Zentrale aller sowjetischen Handelsagenturen in Europa; von hier aus wurden Verhandlungen mit zehn verschiedenen Ländern geführt. Bessonow, der seinen ständigen Wohnsitz in Berlin hatte, war durch seine Stellung ideal geeignet, einen regelmäßigen Nachrichtendienst zwischen den russischen Trotzkisten und ihrem verbannten Führer aufrechtzuerhalten. Die Geheimmeldungen gingen von Rußland nach Berlin und wurden durch Bessonow an Sedow oder Trotzki weitergegeben.

Alexei Schestow war ganz anders geartet, und die ihm zugedachte Aufgabe war seinem Temperament angepaßt. Er sollte einer der Hauptorganisatoren der deutsch-trotzkistischen Spionage- und Sabotagezellen in Sibirien werden. Schestow, der einige dreißig Jahre alt war, gehörte der Direktion der Ostsibirischen Kohlenverwaltung an. Er hatte sich 1923, während seiner Studienzeit am Moskauer Bergbau-Institut, der trotzkistischen Opposition angeschlossen. 1927 leitete er eine der Moskauer Geheimdruckereien. Der schlanke, helläugige Jüngling widmete sich der Sache Trotzkis mit einer Rückhaltlosigkeit, die seinem heftigen, fanatischen Temperament entsprach. Er erzählte mit Vorliebe, daß er mehrmals persönlich mit Trotzki gesprochen hatte. Für Schestow war Trotzki »der Führer«, und so nannte er ihn auch fast immer.

»Es hat keinen Zweck, herumzusitzen und auf schönes Wetter zu warten«, sagte Sedow, als er in Berlin mit Schestow zusammenkam. »Wir müssen mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften und Mitteln zu einer aktiven Diskreditierung der Stalinschen Führung und der Stalinschen Politik übergehen.« Nach Trotzkis Ansicht gebe es nur einen Weg zum Erfolg. Es sei ein schwieriger, aber sicherer Weg: die gewaltsame Entfernung Stalins und seiner Regierung durch terroristische Methoden.

»Wir sind tatsächlich in eine Sackgasse geraten«, gab Schestow bereitwillig zu. »Wir müssen die Waffen strecken - oder neue Kampfmittel finden!«

Sedow fragte Schestow, ob ihm ein deutscher Industrieller namens Dehlmann bekannt sei. Schestow kannte ihn nur vom Hörensagen. Dehlmann war einer der Direktoren der Firma Froelich-Klüpfel-Dehlmann. In den westsibirischen Bergwerken, wo Schestow arbeitete, waren Ingenieure dieser Firma angestellt.

Sedow gab Schestow den Auftrag, sich vor seiner Abreise nach Sowjetrußland mit Dehlmann in Verbindung zu setzen, da die Firma Dehlmann die trotzkistische Organisation bei der »Unter-grabung der sowjetischen Wirtschaft« in Sibirien wirksam unterstützen könne. Herr Dehlmann leiste bereits bei der Beförderung von trotzkistischen Agenten und von Propagandaliteratur über die Sowjetgrenze wertvolle Dienste. Als Gegenleistung könne Schestow Herrn Dehlmann gewisse Informationen über die neuen sibirischen Bergwerke und Industrien anbieten, an denen der deutsche Industrielle besonders interessiert sei.

»Sie verlangen ja ganz einfach, daß ich Spionage betreibe!« rief Schestow aus.

Sedow zuckte die Achseln. »Es ist lächerlich, solche Worte zu gebrauchen«, sagte er. »Wenn man kämpft, kann man nicht so empfindlich sein. Wenn Sie den Terrorismus und die destruktive Untergrabung der Industrie als Kampfmethode anerkennen, dann ist mir nicht klar, warum Sie sich gerade dagegen wehren.«

Schestow gab den Inhalt dieser Unterredung einige Tage später an Smirnow Weiter.

»Sedow hat mir den Auftrag erteilt, mit der Firma Froelich-Klüpfel-Dehlmann in. Verbindung zu treten«, sagte er. »Er forderte mich ganz unumwunden auf, mit einer Firma zusammenzuarbeiten, die im Kusnezkbecken Spionage und Sabotage betreibt.«

»Werfen Sie doch nicht mit so großen Worten herum!« schrie Smirnow. »Die Zeit vergeht, und wir müssen handeln ... Warum finden Sie es denn so merkwürdig, wenn wir die Möglichkeit ins Auge fassen, die Stalin-Regierung durch die Mobilisierung aller gegenrevolutionären Kräfte im Kusnezkbecken zu stürzen? Und warum ist es denn so schrecklich, wenn wir uns dabei deutscher Agenten bedienen? .... Wir haben keine Wahl. Wir müssen darauf eingehen.«

Schestow schwieg. Smimow sagte: »Nun, was ist Ihre Meinung?«

»Ich habe keine persönliche Meinung«, sagte Schestow. »Ich tue, was unser Führer Trotzki uns gelehrt hat: ich stehe, hab acht' und warte auf Befehle!«

Bevor Schestow Berlin verließ, besuchte er Herrn Dehlmann, den Direktor der deutschen Firma, die Trotzki finanzierte. Schestow wurde unter dem Geheimnamen »Aljoscha« in die Agentenlisten der deutschen Militärspionage aufgenommen. Schestow erklärte später:

»Ich lernte den Direktor der Firma, Dehlmann, und seinen Mitarbeiter Koch kennen. Die Unterhaltung mit den Leitern der Firma Froelich-Klüpfel-Dehlmann hatte in erster Linie die Lieferung von vertraulichen Informationen durch Vermittlung der im Kusnezkbecken beschäftigten Vertreter dieser Firma und die gemeinsame Organisation der Sabotagetätigkeit zum Gegenstand. Die Firma bestätigte auch ihre Bereitwilligkeit, uns zu unterstutzen und, wenn unsere Organisation es wünsche, mehr Leute nach Sibirien zu senden. Sie wollten ihr möglichstes tun, um den Trotzkisten zur Macht zu verhelfen.«

Sedow gab Schestow einen Brief mit, der für den inzwischen nach Moskau zurückgekehrten Pjatakow bestimmt war. Schestow schmuggelte den Brief in seiner Schuhsohle über die Grenze und lieferte ihn später im Volkskommissariat für Schwerindustrie bei Pjatakow ab. Es war ein persönliches Schreiben Trotzkis aus Prinkipo, das die »dringendsten Aufgaben« der Opposition in Sowjetrußland darlegte.

Die erste Aufgabe bestehe darin, »alle erdenklichen Mittel gegen Stalin und seine Verbündeten in Anwendung zu bringen«. Das bedeutete Terrorismus.

Die zweite Aufgabe sei »die Vereinigung aller stalinfeindlichen Kräfte«. Das bedeutete Kooperation mit dem deutschen Geheimdienst und allen anderen sowjetfeindlichen Kräften, die zur Zusammenarbeit mit der Opposition bereit waren.

Als dritte Aufgabe bezeichnete Trotzki die »Vereitelung aller Regierungs- und Parteimaßnahmen, besonders auf wirtschaftlichem Gebiet«. Das bedeutete Sabotage.

Pjatakow sollte als Trotzkis Stellvertreter die Leitung des Verschwörerapparates in Sowjetrußland übernehmen.

3. Die drei Schichten

Im Laufe des Jahres 1932 nahm Rußlands künftige Fünfte Kolonne allmählich im Rahmen der illegalen Opposition feste Formen an.

In Geheimversammlungen und Konferenzen mit beschränkter Teilnehmerzahl wurden die Mitglieder der Verschwörung über die neue Linie und die sich daraus ergebenden Aufgaben unterrichtet.

Das Netzwerk der Terror- und Sabotagezellen und der Nachrichtendienst der Kuriere erstreckten sich bald über ganz Sowjetrußland.

In Moskau und Leningrad, im Kaukasus und in Sibirien, im Donbas und im Ural veranstalteten die trotzkistischen Organisationen Geheimversammlungen, in denen sich die unentwegten Feinde des Sowjetregimes zusammenfanden. Alle Schattierungen waren vertreten: Sozialrevolutionäre, Menschewiki, Anhänger der linken und der rechten Opposition, Nationalisten, Anarchisten, weißgardistische Faschisten und Monarchisten. Trotzkis Botschaft machte ihren Weg durch die gärende Unterwelt der Oppositionsmacher, Spione und Geheimagenten; eine neue Offensive gegen die Sowjetregierung war in Vorbereitung.

Einige der älteren trotzkistischen Intellektuellen fühlten sich durch Trotzkis energisches Bestehen auf Terrorakten zunächst beunruhigt. Der Journalist Karl Radek schien völlig verzweifelt, als er von Pjatakow mit den Grundzügen der neuen Taktik bekannt gemacht wurde. Im Februar 1932 erhielt Radek einen persönlichen Brief von Trotzki. Das Schreiben wurde, wie alle vertraulichen Mitteilungen, die zwischen Trotzkisten hin und her gingen, durch einen Geheimkurier überbracht. Trotzki schrieb seinem wankelmütigen Anhänger Radek:

»Du mußt an die Erfahrungen der vergangenen Periode denken und Dir darüber klar werden, daß es für Dich keine Rückkehr zur Vergangenheit geben kann. Wir sind in eine neue Phase des Kampfes eingetreten, die uns vor die Entscheidung stellt: entweder gemeinsam mit der Sowjetunion zugrunde zu gehen oder die Beseitigung der Parteileitung zur Diskussion zu stellen.«

Radek ließ sich schließlich durch Trotzkis Brief und Pjatakows Vorhaltungen überzeugen. Er schloß sich der neuen Taktik an: Terrorismus, Sabotage und Zusammenarbeit mit »ausländischen Mächten«.

Iwan Smirnow und seine alten Kameraden aus der Trotzki-Garde, Sergei Mratschkowski und Ephraim Dreitzer, taten sich bei der Organisierung terroristischer Zellen, die jetzt in allen Teilen der Sowjetunion gegründet wurden, durch besondere Aktivität hervor. Mratschkowski und Dreitzer begannen, unter Smirnows Anleitung kleine Gruppen zusammenzustellen, in denen neben Berufsterroristen ehemalige trotzkistische Bundesgenossen aus den Tagen des Bürgerkrieges vertreten waren, denen die gewaltsamen Methoden zusagten.

»Die Hoffnungen, die wir auf das Versagen der Parteipolitik gesetzt hatten«, erklärte Mratschkowski 1932 in Moskau vor einer dieser Terroristengruppen, »sind gescheitert. Die bisherigen Kampfmethoden haben keine positiven Ergebnisse gezeitigt. Nur ein Weg steht uns noch offen: die gewaltsame Beseitigung der Parteileitung. Stalin und die übrigen Führer müssen beseitigt werden. Das ist unsere wichtigste Aufgabe.«

Indessen bemühte sich Pjatakow, einflußreiche Persönlichkeiten der Industrie, besonders der Kriegsindustrie und des Verkehrswesens, als Mitarbeiter für die von Trotzki geplante große Sabotagekampagne gegen die Sowjetwirtschaft zu gewinnen.

Im Sommer 1932 verhandelte Pjatakow als Trotzkis Stellvertreter in Rußland mit dem Führer der Rechtsopposition Bucharin über die Beilegung der alten Rivalitäten und Meinungsverschiedenheiten und die Möglichkeit eines gemeinsamen Vorgehens unter Trotzkis Oberbefehl. Die kleinere, von Sinowjew und Kamenew geleitete Oppositionsgruppe erklärte sich bereit, Trotzki als höchste Autorität anzuerkennen. Bucharin schilderte später die erregte Atmosphäre, in der diese Verhandlungen vor sich gingen.

»Ich hatte Auseinandersetzungen mit Pjatakow, Tomski und Rykow, der seinerseits mit Kamenew, Sinowjew und Pjatakow konferierte. Im Sommer 1932 fand im Volkskommissariat für Schwerindustrie eine neuerliche Unterredung zwischen mir und Pjatakow statt. Das war damals mit Leichtigkeit zu bewerkstelligen, da ich unter Pjatakow arbeitete. Er war mein Chef, ich konnte ihn daher in seinem Privatbüro aufsuchen, ohne den mindesten Verdacht zu erregen .... Im Verlaufe dieser Unterhaltung, die im Sommer 1932 stattfand, erzählte mir Pjatakow von seiner Zusammenkunft mit Sedow und dessen Ausführungen über Trotzkis Terrorpolitik. Wir kamen zu dem Ergebnis, daß es möglich sein werde, die zwischen uns bestehenden Differenzen beizulegen und in kurzer Zeit eine gemeinsame Linie für den Kampf gegen die Sowjetmacht zu finden.«

In einer Geheimversammlung, die im Herbst des Jahres außerhalb von Moskau in einer verlassenen »Datscha« (Sommerhaus) abgehalten wurde, kam es zur endgültigen Einigung. Um peinliche Überraschungen zu vermeiden, hatten die Verschwörer rund um das Haus und auf sämtlichen Zufahrtstraßen Posten aufgestellt. In dieser Versammlung wurde eine Art von Oberkommando der vereinten Streitkräfte der Opposition gebildet, das die Leitung des bevorstehenden Terror- und Sabotagefeldzuges übernehmen sollte. Dieses Oberkommando der Opposition erhielt den Namen »Block der Rechten und Trotzkisten«. Es wurde in drei Ebenen oder Schichten angelegt. Im Falle der Ausschaltung einer dieser Schichten sollten die beiden anderen die Arbeit fortsetzen.

Die erste Schicht, das terroristische trotzkistisch-sinowjewistische Zentrum, stand unter der Führung Sinowjews, der für die Organisierung und Leitung der Terrorakte verantwortlich war.

Die zweite Schicht, das trotzkistische Parallele Zentrum unter Pjatakow, war für die Organisation und Leitung der Sabotage zuständig.

Die dritte und wichtigste Schicht, der von Bucharin und Krestinski geleitete eigentliche »Block der Rechten und Trotzkisten«, umfaßte den größten Teil der Führer und die bedeutendsten Mitglieder der geeinten Opposition.

Alles in allem verfügte der Apparat nur über ein paar tausend Mitglieder und zwanzig bis dreißig Führer, die einflußreiche Stellungen in Heer und Sicherheitsdienst, im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten, in der Industrie und den Gewerkschaften, in Partei und Regierung innehatten.

Der Block der Rechten und Trotzkisten war seit dem Augenblick seiner Gründung von bezahlten Agenten ausländischer Spionageorganisationen, besonders des deutschen militärischen Geheimdienstes, durchsetzt und geleitet. Zu den Auslandsagenten, die in der neuen Verschwörerorganisation eine führende Rolle spielten, gehörten:

Nikolai Krestinski, Trotzkist und Stellvertretender Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, seit 1923 Agent des deutschen militärischen Geheimdienstes. Die ersten Aufträge erhielt er von General Hans von Seeckt.

Arkadi Rosengols, Trotzkist und Volkskommissar für Außenhandel. Er arbeitete seit 1923 für das deutsche Oberkommando. Rosengolz selbst berichtete später: »Meine Spionagetätigkeit begann bereits im Jahr 1923. Damals übergab ich dem Oberkommandierenden der Reichswehr Seeckt und dem deutschen Generalstabschef Haase in Trotzkis Auftrag verschiedene vertrauliche Informationen.« 1926 wurde Rosengolz Mitarbeiter des englischen Geheimdienstes, ohne jedoch seine Verbindung mit Deutschland abzubrechen.

Christian Rakowski, Trotzkist und ehemaliger sowjetischer Botschafter in England und Frankreich, seit 1924 Agent des britischen Geheimdienstes. Rakowski selbst sagte: »1924 trat ich in gesetzwidrige Beziehungen zum englischen Geheimdienst.« Seit 1934 war Rakowski auch für den japanischen Geheimdienst tätig.

Stanislaw Rataitschak, Trotzkist und Direktor der Zentralverwaltung der chemischen Industrie; Agent des deutschen Geheimdienstes. Er wurde von den Deutschen unmittelbar nach der Revolution nach Sowjetrußland geschickt und betrieb Spionage und Sabotage in den Industrien, die von der Sowjetregierung im Ural errichtet wurden.

Iwan Hrasche, Trotzkist, Angestellter in der sowjetrussischen chemischen Industrie. Er ging 1919 in der Verkleidung eines heimkehrenden russischen Kriegsgefangenen im Auftrag des tschechoslowakischen Spionagedienstes nach Sowjetrußland. Später wurde er Agent des deutschen Geheimdienstes.

Alexei Schestow, Trotzkist und Mitglied der Direktion der Kohlenverwaltung »Kusnezkugol«. 1931 wurde er Agent des deutschen Geheimdienstes, für den er durch Vermittlung der deutschen Firma Froelich-Klüpfel-Dehlmann arbeitete. Er führte in Sibirien Spionage- und Sabotageaufträge aus.

Gawril Puschin, Trotzkist und Angestellter der Chemischen Werke in Gorlowka. Wurde 1935 Agent des deutschen militärischen Geheimdienstes. Nach seiner eigenen späteren Aussage lieferte er den Deutschen: »l. zahlenmäßige Angaben über die Erzeugung der gesamten chemischen Industrie Sowjetrußlands im Jahre 1934; 2. das Arbeitsprogramm sämtlicher sowjetischen chemischen Werke für 1935; 3. die Baupläne der Stickstoffwerke bis zum Jahre 1938.«

Jakow Lifschitz Trotzkist und Beamter der Fernöstlichen Eisenbahnkommission der UdSSR. Er war Agent der japanischen Militärspionage und sandte regelmäßig vertrauliche Berichte über die sowjetischen Eisenbahnen nach Japan.

Iwan Knjasew Trotzkist, einer der leitenden Funktionäre des Eisenbahnnetzes im Ural. Agent des japanischen Geheimdienstes, unter dessen Anleitung er im Ural Sabotage betrieb. Er lieferte dem japanischen Heereskommando Informationen über das Transportsystem der Sowjetunion.

Josef Turok, Trotzkist, stellvertretender Direktor der Verkehrsabteilung der Perm- und Ural-Eisenbahn; Agent des japanischen Geheimdienstes. 1935 erhielt er von den Japanern 35 000 Rubel als Bezahlung für Spionage- und Sabotageleistungen im Ural.

Michail Tschernow, Mitglied der Rechten, Volkskommissar für Landwirtschaft; seit 1928 Agent der deutschen Militärspionage. Tscnernow betrieb unter der Aufsicht der Deutschen eine ausgedehnte Sabotage- und Spionagetätigkeit in der Ukraine.

Wassili Scharmgowitsch, Mitglied der Rechten, Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei von Bjelorußland. Er wurde 1921 als polnischer Spion nach Sowjetrußland geschickt, wo er während der folgenden Jahre unter Anleitung des polnischen Geheimdienstes arbeitete. Er beschaffte Spionagematerial und führte in Bjelorußland Sabotageakte aus.

Grigon Onnko Mitglied der Rechten und Beamter des Volkskommissariats für Finanzwesen. Seit 1932 Agent des deutschen und polnischen Geheimdienstes. Er war einer der Führer der ukrainischen faschistisch-nationalistischen Bewegung. Er half beim Schmuggel von Waffen und Munition nach Sowjetrußland und betrieb sowohl für die Deutschen als auch für die Polen Spionage und Sabotage.

Der Verschwörerapparat der geeinten Opposition war in Wirklichkeit die Fünfte Kolonne der Achse in Sowjetrußland.

XVII. TERROR UND VERRAT

l. Die Diplomatie des Verrats

In den Jahren 1933/34 wurden die europäischen Völker von einem seltsamen Übel heimgesucht. Ein Land nach dem anderen erlebte plötzlich Erschütterungen durch Staatsstreiche, Militärputsche, Sabotageakte, Attentate und die unerwartete Aufdeckung von Komplotten und Verschwörungen. Kaum ein Monat verging, in dem nicht neue Gewalttaten und Verrätereien verübt wurden. In Europa herrschte eine Epidemie des Terrors und Verrats.

Der Infektionsherd lag in Nazideutschland. Am 11. Januar 1934 berichtete »United Press« aus London: »Die gewalttätige Propaganda der neuen faschistischen Bewegungen, die an den unvermeidlichen Untergang der alten Regierungsform glauben, hat den ganzen Kontinent ergriffen; das Zentrum all dieser Bestrebungen ist das nationalsozialistische Deutschland.«

Der Ausdruck »Fünfte Kolonne« war damals noch unbekannt. Aber die Wegbereiter der deutschen Heeresleitung hatten ihre Geheimoffensive gegen die Völker Europas bereits begonnen. Die Cagoulards und das Croix de Feu in Frankreich; die britische Union of Fascists; die belgischen Rexisten; die polnische POW; die Henlein-Leute und die Hlinka-Garde in der Tschechoslowakei; die norwegischen Quislinge; die Eiserne Garde in Rumänien; die bulgarische IMRO; die finnische Lappo; der litauische Eiserne Wolf; das lettische Feuerkreuz und viele andere neugeschaffene nazistische Geheimorganisationen oder wiedererstandene gegenrevolutionäre Verbände waren an der Arbeit, um die Eroberung und Niederwerfung des Kontinents durch die deutsche Wehrmacht und den Angriff auf die Sowjetunion vorzubereiten.

Die nachfolgende Liste enthält nur einen Teil der wichtigsten faschistisch-nationalistischen Terrorakte, die sich kurz nach Hitlers Machtergreifung ereigneten:

Oktober 1933: Ermordung des sowjetischen Botschaftssekretärs in Lwow (Polen), A. Mailow, durch Agenten der von den Nazis finanzierten terroristischen Organisation der ukrainischen Nationalisten »OUN«.

Dezember 1933: Ermordung des rumänischen Ministerpräsidenten Duca durch die Eiserne Garde - die terroristische Organisation der rumänischen Nazis.

Februar 1934: Aufstand des Croix de Feu, der unter nazistischem Einfluß stehenden französischen Faschistenorganisation in Paris.

März 1934: Putschversuch der von den Nazis finanzierten faschistischen »Freiheitskämpfer« in Estland.

Mai 1934: Faschistischer Staatsstreich in Bulgarien.

Mai 1934: Putschversuch der unter nazistischer Leitung stehenden Baltischen Brüderschaft in Lettland.

Juni 1934: Ermordung des polnischen Innenministers General Bronislaw Pieracki durch Agenten der von Nazis finanzierten ukrainisch-nationalistischen Terrororganisation »OUN«.

Juni 1934: Ermordung des Leiters der Katholischen Aktion in Polen, Iwan Babiy, durch Agenten der "OUN".

Juni 1934: Versuch eines Massenaufstandes in Litauen, eingeleitet von der nazistischen Organisation des »Eisernen Wolf«.

Juli 1934: Mißglückter Naziputsch in Österreich; Ermordung des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß durch Naziterroristen.

Oktober 1934: Ermordung des jugoslawischen Königs Alexander und des französischen Außenministers Barthou durch Agenten der unter nationalsozialistischem Einfluß stehenden kroatischen Faschistenorganisation »Ustaschi«. Zwei Männer trugen die Hauptverantwortung für die Leitung und Überwachung dieser Umtriebe der Fünften Kolonne, die sich bald weit über Europa hinaus nach den Vereinigten Staaten, Südamerika und Afrika erstreckte und in Zusammenarbeit mit dem japanischen Geheimdienst sämtliche Gebiete des Fernen Ostens erfaßte. Diese beiden Männer waren Alfred Rosenberg und Rudolf Heß. Rosenberg leitete das Außenpolitische Amt der NSDAP, dessen Aufgabe es war, Tausende von Spionage-, Sabotage- und Propagandaagenturen in allen Ländern der Welt zu betreuen. Osteuropa und Sowjetrußland waren die wichtigsten Arbeitsgebiete. Die Geheimverhandlungen mit dem Ausland wurden ausschließlich von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß geführt.

Alfred Rosenberg, der zaristische Emigrant aus Reval, war der erste, der eine Geheim Verbindung zwischen der nazistischen-Regierung und Leo Trotzki anbahnte. Der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß trug das Seinige zum Ausbau dieser Beziehung bei.

Im September 1933, acht Monate nach Hitlers Machtergreifung, begab sich der trotzkistische Diplomat und deutsche Agent Nikolai Krestinski, der damals Stellvertretender Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten war, wie alljährlich zur Erholung nach Kissingen. Auf der Hinreise hielt er sich einige Tage in Berlin auf, wo er mit Sergei Bessonow, dem Verbindungsmann der Trotzkisten in der Berliner Botschaft, zusammenkam. In größter Erregung teilte er Bessonow mit, daß »Alfred Rosenberg, der Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP, in unseren Kreisen Fühler ausgestreckt« habe, um die »Möglichkeiten eines Geheimabkommens zwischen den deutschen Nationalsozialisten und den russischen Trotzkisten zu sondieren«.

Krestinski erklärte Bessonow, daß er unter allen Umständen mit Trotzki zusammenkommen müsse. Er würde sich bis Ende September in einem Sanatorium in Kissingen aufhalten und dann nach dem im italienischen Tirol gelegenen Meran fahren. Die Begegnung mit Trotzki könne bei Anwendung entsprechender Vorsichtsmaßregeln in beiden Orten stattfinden.

In der zweiten Oktoberwoche des Jahres 1933 reiste Trotzki unter falschem Namen über die französisch-italienische Grenze. Sein Sohn Sedow begleitete ihn.

Im Verlauf der Unterredungen, die Trotzki im Hotel Bavaria in Meran mit Krestinski führte, kamen alle wichtigen Probleme der künftigen Entwicklung der trotzkistischen Verschwörung in Rußland zur Spräche. Trotzki erklärte unumwunden, daß der Umsturz in Rußland nur »durch Gewalt« erzielt werden könne. Aber die Verschwörer seien zu schwach, um ohne Hilfe von außen einen erfolgreichen Putsch durchzuführen und die Macht in der Hand zu behalten. Es sei daher unbedingt notwendig, zu konkreten Abmachungen mit denjenigen Staaten zu gelangen, für die das Zusammengehen mit den Trotzkisten eine Förderung der eigenen Ziele bedeute.

»Unser Vertrag mit der Reichswehr«, meinte Trotzki, »war der erste Ansatz zu einem solchen Abkommen, konnte aber aus zwei Gründen weder die Trotzkisten noch die Deutschen zufriedenstellen: erstens war der Vertragspartner nicht die deutsche Regierung in ihrer Gesamtheit, sondern nur die deutsche Reichswehr ... und zweitens; was war der Inhalt unserer Vereinbarung mit der Reichswehr? Wir erhielten einen geringfügigen Betrag, die Reichswehr erhielt militärische Daten, die ihr im Falle eines Konfekts zugute kommen konnten. Aber die deutsche Regierung, in erster Linie Hitler, will nicht nur Spionagematerial, sondern Kolonien, Land. Und Hitler ist bereit, statt der Kolonien, die er England, Amerika und Frankreich abkämpfen müßte, sowjetisches Gebiet zu nehmen. Wir unsererseits brauchen die 250000 Goldmark nicht. Wir brauchen für unseren Machtkampf den Beistand der deutschen Streitkräfte. Und auf dieses Ziel sollte unsere weitere Arbeit gerichtet sein.«

Vor allem, sagte Trotzki, sei es notwendig, eine Vereinbarung mit der deutschen Regierung zu erreichen. »Aber auch Japan ist eine Macht, mit der wir uns einigen müssen«, fügte er hinzu. Die russischen Trotzkisten sollten sofort bei den japanischen Vertretern in Moskau »sondieren«. »In diesem Zugammenhang kann sich Sokolnikow nützlich machen, der im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten arbeitet.«

Dann behandelte Trotzki den inneren Aufbau des russischen Verschwörerapparates.

»Selbst wenn die Sowjetunion beispielsweise von Deutschland angegriffen wird, gibt uns das noch nicht die Möglichkeit, zur Macht zu gelangen; dazu bedarf es einer gewissen Vorbereitung im Inneren... Wir brauchen Stützpunkte sowohl in den Städten als auch auf dem Lande; diesen Rückhalt finden wir bei den Kleinbürgern und Kulaken, zu denen die Rechte gute Beziehungen hat. Und schließlich brauchen wir eine sympathisierende Organisation in der Leitung der Roten Armee, damit wir im geeigneten Augenblick mit vereinten Kräften die wichtigsten Punkte besetzen und die Macht an uns reißen können; die jetzige Regierung muß verhaftet und durch unsere eigene, im vorhinein zusammengestellte Regierung ersetzt werden.«

Trotzki riet Krestinski, sich nach seiner Rückkehr mit dem stellvertretenden Generalstabschef der Roten Armee, General Tuchatschewski, in Verbindung zu setzen. »Das Ist ein Mann vom Schlage Bonapartes«, sagte Trotzki, »ein ehrgeiziger Abenteurer, der nicht nur militärisch, sondern auch politisch eine Rolle spielen möchte und zweifellos gemeinsame Sache mit uns machen wird.«

Die russischen Trotzkisten sollten General Tuchatschewski in jeder Weise unterstützen, aber gleichzeitig ihren eigenen Leuten Schlüsselstellungen sichern, da die neue Regierung sonst nach der Machtergreifung in ein Abhängigkeitsverhältnis von dem ehrgeizigen General geraten könnte.

Zum Schluß erhielt Krestinski den Auftrag, Trotzkis besondere Anweisungen für die Durchführung der Terror- und Sabotagekampagne an Pjatakow weiterzuleiten. In diesem Zusammenhang erklärte Trotzki, daß bei den Sabotage- und Terrorakten zwei Gesichtspunkte maßgebend seien. Erstens »die Schwächung der Defensivkraft der Roten Armee in Kriegszeiten und die Desorganisierung der Regierung unmittelbar vor dem Putsch.« Zweitens würden solche Maßnahmen zur Festigung seiner Stellung beitragen und sein »Selbstvertrauen bei den Verhandlungen mit den auswärtigen Mächten stärken«, da er auf die wachsende »Kraft und Aktivität seiner Anhänger in der Sowjetunion hinweisen« könnte.

Krestinski kehrte nach Moskau zurück und erstattete in einer Geheimversammlung genauen Bericht über seine Zusammenkunft mit Trotzki. Einige der Verschwörer, in erster Linie Karl Radek, der als Trotzkis »Außenminister« galt, waren darüber verstimmt, daß Trotzki so wichtige Verhandlungen angebahnt hatte, ohne vorher ihren Rat einzuholen.

Nachdem Radek Krestinskis Bericht angehört hatte, ersuchte er Trotzki in einem besonderen Schreiben um »weitere Aufklärungen über die Fragen der Außenpolitik«. Trotzkis Antwort wurde ihm einige Wochen später durch einen jungen Auslandskorrespondenten der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass, Wladimir Komm, ausgehändigt, der den Trotzkisten Kurierdienste leistete. Komm hatte den Brief von Trotzki in Paris erhalten und im Deckel des populären sowjetischen Romans »Tsuschima« nach Rußland geschmuggelt. Radek äußerte sich später über den Inhalt dieses Schreibens: »Trotzki formulierte das Problem folgendermaßen: Der Aufstieg des Faschismus in Deutschland hat die Weltlage von Grund auf verändert. Es muß in absehbarer Zeit zum Ausbruch eines Krieges kommen, um so mehr, als die Gegensätze im Fernen Osten sich ebenfalls verschärft haben. Trotzki zweifelte nicht daran, daß dieser Krieg zu einer Niederlage der Sowjetunion führen würde. Diese Niederlage, schrieb er, wird günstige Voraussetzungen für den Sieg des »Blocks« schaffen... Trotzki erklärte, er sei mit einer gewissen fernöstlichen Macht und einem mitteleuropäischen Staat in Verbindung getreten und habe halboffiziellen Kreisen dieser beiden Mächte offen erklärt, daß der Block bei entsprechenden Gegenleistungen zu erheblichen wirtschaftlichen und territorialen Zugeständnissen bereit sei.«

In demselben Brief teilte er Radek mit, daß gewisse Auslandsvertreter in allernächster Zukunft an die im diplomatischen Dienst beschäftigten russischen Trotzkisten herantreten würden. In solchen Fällen sollten die trotzkistischen Diplomaten ihre Loyalität für Trotzki betonen und den Auslandsvertretern ihre völlige Übereinstimmung mit Trotzkis Ansichten bestätigen ...

Kurze Zeit darauf stürzte eines Tages der trotzkistisch gesinnte Stellvertretende Volkskommissar für Fernöstliche Angelegenheiten, Grigori Sokolnikow, in Radeks Büro in der »Iswestija«. Nervös und aufgeregt stieß er hervor: »Denke dir folgende Situation: im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten sind Verhandlungen im Gange. Die Unterhaltung nähert sich ihrem Ende, die Dolmetscher verlassen den Raum. Plötzlich fragt mich der japanische Botschafter, ob ich über die Vorschläge unterrichtet bin, die Trotzki seiner Regierung unterbreitet hat?«

Sokolnikow fühlte sich in höchstem Grade beunruhigt. »Wie stellt sich Trotzki das vor?« fragte er Radek. »Wie kann ich als Stellvertretender Volkskommissar derartige Verhandlungen führen? Er bringt mich in eine unmögliche Situation.«

Radek versuchte, seinen erbosten Freund zu beruhigen. »Reg dich nicht auf«, sagte er. »Trotzki weiß offenbar nicht, wie die Dinge hier bei uns liegen.« Er versicherte Sokolnikow, daß derartige Vorfälle sich nicht wiederholen würden. Er habe Trotzki bereits geschrieben, daß es für russische Trotzkisten unmöglich sei, »unter den Augen der GPU« mit deutschen und japanischen Agenten zu verhandeln. Die russischen Trotzkisten müßten Trotzki ermächtigen, die Verhandlungen nach eigenem Ermessen fortzuführen, vorausgesetzt, daß er sie über die weitere Entwicklung auf dem laufenden halte.

Als Radek bald danach an einem Diplomatenempfang in Moskau teilnahm, trat ein deutscher Diplomat auf ihn zu und sagte in aller Ruhe: »Unsere Regierung weiß, daß Herr Trotzki sich um eine Annäherung an Deutsehland bemüht. Unser Führer möchte wissen, was davon zu halten ist? Handelt es sich nur um das Hirngespinst eines schlaflosen Emigranten oder was steckt sonst dahinter?«

Radek beschrieb später seine Reaktion auf diesen unerwarteten nazistischen Vorstoß:

»Diese Unterhaltung dauerte natürlich nicht länger als zwei Minuten. Die Atmosphäre eines diplomatischen Empfangs ist für langatmige Auseinandersetzungen nicht geeignet. Ich mußte mich buchstäblich in der Sekunde zu einer Antwort entschließen ... Ich sagte, daß realistische Politiker in der UdSSR die Wichtigkeit einer deutsch-sowjetischen Annäherung begrüßen und bereit sind, die für eine solche Annäherung notwendigen Zugeständnisse zu machen.« In der Nacht zum 30. Juni 1934 wütete der nazistische Terror in den eigenen Reihen. Hitler liquidierte die aufsässigen Elemente seiner Partei. Hauptmann Ernst Röhm, der Stabschef der SA, Edmund Heines, der Obergruppenführer von Ostdeutschland, Karl Ernst, Kommandant der Berliner SA und viele ihrer Freunde und Anhänger in Berlin und München wurden im Laufe von vierundzwanzig Stunden erschossen. In der ganzen nationalsozialistischen Bewegung herrschte Angst und Unruhe.

Trotzki beauftragte sofort einen seiner verläßlichsten »Sekretäre«, den internationalen Spion Karl Reich, alias Johanson, nach Berlin zu reisen und den dortigen trotzkistischen Verbindungsmann Sergei Bessonow aufzusuchen. Bessonow sollte nach Paris kommen, um Trotzki einen genauen Bericht über die innere Entwicklung Deutschlands zu erstatten.

Es war Bessonow unmöglich, sofort nach Paris zu reisen, aber Ende Juli konnte er sich frei machen. Nachdem er Trotzki in einem Pariser Hotel die Situation in Deutschland geschildert hatte, kehrte er am gleichen Abend nach Berlin zurück. Trotzki befand sich während der Unterredung mit Bessonow in großer Erregung. Er fürchtete, daß die Ereignisse in Deutschland, die Beseitigung der »radikalen Nazis«, seine Pläne gefährden könnten. Bessonow versicherte ihm, daß Hitler, Himmler, Heß, Rosenberg, Göring .und Goebbels die Macht noch immer fest in den Händen hätten.

»Sie werden schon zu uns kommen«, rief Trotzki aus. Er erklärte Bessonow, daß er ihn bald mit der Durchführung wichtiger Aufgaben betrauen werde. »Wir können uns keine Empfindlichkeit leisten«, sagte Trotzki. »Wir dürfen nicht davor zurückschrecken, bedeutende territoriale Zugeständnisse zu machen, um von Heß und Rosenberg durchgreifende Hilfe zu erlangen. Wir müssen uns mit der Abtretung der Ukraine einverstanden erklären. Vergessen Sie das nicht, wenn Sie mit den Deutschen verhandeln. Ich werde im gleichen Sinne an Pjatakow und Krestinski schreiben.«

In den verschiedenen Büros des sowjetischen diplomatischen Dienstes wurde ein Netz des Verrates gesponnen. Nicht nur in Europa, sondern auch im Fernen Osten beteiligten sich Botschafter, Sekretäre, Attaches und kleine Konsulatsbeamte an diesem Intrigenspiel.

Auch der Botschafter der Sowjetunion in Japan, Jurenew, gehörte dem Verschwörerapparat an. Seit 1926 war er Mitglied der trotzkistischen Bewegung. Er hatte auf Trotzkis Anweisung die Verbindung mit dem japanischen Geheimdienst hergestellt. Jurenew wurde bei seinen Verhandlungen mit Japan von Trotzkis altem Freund, dem ehemaligen Botschafter der Sowjetunion in England und Frankreich, Christian Rakowski, unterstützt. Rakowski spielte zu dieser Zeit nicht mehr die Rolle eines einflußreichen Mannes im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten, sondern arbeitete als Beamter in verschiedenen Kommissionen des öffentlichen Gesundheitswesens. In der Untergrundbewegung galt er immer noch als wichtige Persönlichkeit.

Im September 1934 reiste Rakowski mit einer sowjetischen Delegation nach Japan, um an einer internationalen Konferenz der Organisationen des Roten Kreuzes teilzunehmen, die im Oktober in Tokio stattfinden sollte. Vor seiner Abreise wurde ihm vom Moskauer Volkskommissariat für Schwerindustrie ein geschlossenes Kuvert zugestellt. Der inliegende Brief stammte von Pjatakow und sollte dem Botschafter Jurenew in Tokio übergeben werden. Auf der Rückseite dieser scheinbar völlig harmlosen wirtschaftlichen Anfrage befand sich die mit unsichtbarer Tinte geschriebene Mitteilung, daß Rakowski bei den Verhandlungen mit den Japanern »verwendet« werden könne.

Am Tage nach seiner Ankunft in Tokio wurde Rakowski in einem Korridor des Roten-Kreuz-Gebäudes von einem japanischen Agenten angesprochen. Der Japaner bemerkte, daß die Ziele der russischen trotzkistischen Bewegung sich mit denen der japanischen Regierung »vollständig deckten«. Der Agent gab seiner Überzeugung Ausdruck, Rakowski werde imstande sein, wertvolle Informationen über die innere Lage Sowjetrußlands nach Tokio gelangen zu lassen.

Am gleichen Abend gab Rakowski den Inhalt dieser Unterredung an Jurenew weiter. »Man verlangt von mir Spionagedienste«, sagte Rakowski, »ich soll der japanischen Regierung Informationen liefern.«

»Es liegt kein Grund vor, die Entscheidung hinauszuschieben«, antwortete der trotzkistische Botschafter. »Die Würfel sind gefallen.«

Einige Tage später war Rakowski bei einem hohen Offizier des japanischen Geheimdienstes zum Abendessen eingeladen. Der Japaner machte keine langen Umschweife. »Wir wissen, daß Sie ein Anhänger und intimer Freund Trotzkis sind«, sagte er. »Ich muß Sie ersuchen, ihm zu schreiben, daß unsere Regierung sowohl mit seinen Artikeln über die chinesische Frage als auch mit dem Benehmen der chinesischen Trotzkisten unzufrieden ist. Wir haben das Recht, von Herrn Trotzki eine andere Haltung zu erwarten. Herr Trotzki müßte für die Erfordernisse des Augenblicks mehr Verständnis haben. Wir brauchen uns nicht in Einzelheiten zu verlieren; aber es ist klar, daß die Provokation eines Zwischenfalls in China den erwünschten Vorwand für eine Intervention liefern würde.«

Dann legte der japanische Offizier die Richtlinien für den künftigen Nachrichtendienst fest: die japanische Regierung sei in erster Linie an vertraulichen Informationen über die Kollektivwirtschaften, Eisenbahnen, Bergwerke und Industrien der UdSSR unter besonderer Berücksichtigung der östlichen Gebiete interessiert. Er stellte Rakowski verschiedene Codes zur Verfügung und vereinbarte Decknamen für Spione. Dr. Naida, einer der Sekretäre der Roten-Kreuz-Delegation, sollte als Mittelsmann zwischen Rakowski und dem japanischen Geheimdienst fungieren.

Vor seiner Abreise aus Tokio unterhielt sich Rakowski noch einmal mit Jurenew. Der trotzkistische Botschafter war in niedergeschlagener Stimmung. »Wir haben uns selbst in eine so schwierige Lage gebracht, daß wir manchmal nicht mehr wissen, wie wir uns benehmen sollen!« bemerkte er mißmutig. »Wenn wir einen unserer Partner zufriedenstellen, müssen wir fürchten, einen anderen Bundesgenossen vor den Kopf zu stoßen. In der letzten Zeit ist es beispielsweise in der chinesischen Frage zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Japan und Großbritannien gekommen, und wir unterhalten gleichzeitig Beziehungen zum englischen und zum japanischen Geheimdienst. Ich bin gezwungen, ununterbrochen zu liieren!«

Rakowski antwortete: "Wir Trotzkisten setzen im Augenblick auf drei Karten: Deutschland, Japan und England ... Unsere jetzige Politik ist ein Spiel mit höchstem Einsatz; aber wenn solch ein riskantes Abenteuer gut ausgeht, dann bezeichnet man die Wagehälse als große Staatsmänner!«

2. Die Diplomatie des Terrors

Während die russischen Verschwörer noch mit dem Ausbau ihrer verräterischen Beziehungen zu den Vertretern Deutschlands und Japans beschäftigt waren, begann bereits eine neue Phase der Geheimoffensive gegen die Sowjetunion: man ging vom Verrat zum Terror über.

Im April 1934 meldete sich ein Ingenieur namens Bojarschinow im Büro des Bauleiters des außerordentlich wichtigen Kusnezk-Kohlenbeckens in Sibirien. Er fühlte sich durch seltsame Vorgänge in seiner Abteilung beunruhigt. In der letzten Zeit waren auffallend viel Unfälle, Wetterbrände und Maschinenschäden vorgekommen. Bojarschinow befürchtete Sabotage.

Der Bauleiter dankte dem Ingenieur für seine Mitteilungen. »Ich werde diese Angaben an die richtige Stelle weiterleiten«, sagte er. »Inzwischen bewahren Sie strengstes Stillschweigen.«

Der Bauleiter war der deutsche Spion und Chef der trotzkistischen Sabotageorganisation in Sibirien, Alexei Schestow.

Einige Tage später wurde Bojarschinows Leiche in einem Graben gefunden. Er war auf dem Heimweg an einer einsamen Stelle der Landstraße unter die Räder eines in raschem Tempo fahrenden Lastwagens geraten. Der Chauffeur des Lastwagens war ein berufsmäßiger Terrorist namens Tscherepuchin. Schestow hatte ihm den Auftrag erteilt, Bojarschinow zu ermorden, und ihm 15 000 Rubel dafür bezahlt.

Im September 1934 unternahm W.M.Molotow, der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare der UdSSR, eine Inspektionsreise durch die sibirischen Bergwerks- und Industriegebiete. Auf der Rückfahrt von einem Bergwerk im Kusnezkbecken drehte der Wagen plötzlich von der Straße ab und rollte einen steilen Abhang hinunter. Knapp vor dem Rand einer Schlucht kippte das Auto um. Molotow und seine Begleiter kamen mit dem Schrecken und leichten Quetschungen davon. Sie waren mit knapper Not dem Tod entgangen.

Der Garagenleiter des Ortes, Valentin Arnold, hatte den Wagen gelenkt. Arnold war Mitglied der trotzkistischen Terrororganisation. Schestow hatte ihn mit der Ermordung Molotows beauftragt; es war Arnolds Absicht gewesen, einen Autounfall herbeizuführen und sein eigenes Leben bei dem Attentat zu opfern. Aber im letzten Moment verlor er die Nerven und brachte das Auto kurz vor der Stelle, wo der Unfall sich ereignen sollte, zum Stehen.

Im Herbst 1934 waren die Terrorgruppen der Rechten und Trotzkisten in allen Teilen der Sowjetunion am Werk. Diesen Terrorgruppen gehörten ehemalige Sozialrevolutionäre und Menschewiki, Berufsmörder und frühere Agenten der zaristischen Ochrana an. In der Ukraine und in Bjelorußland, in Georgien und Armenien, in Usbekistan, Aserbaldshan und den Küstenländern des Fernen Ostens wurden sowjetfeindliche Nationalisten und Faschisten für den terroristischen Apparat angeworben. In vielen Orten stand die Tätigkeit dieser Gruppen unter der direkten Aufsicht nazistischer und japanischer Agenten.

Die Namen der Sowjetführer, deren Ermordung beschlossene Sache war, wurden in einer Liste zusammengefaßt. An der Spitze dieser Liste stand Josef Stalin. Es folgten Klementi Woroschilow, W. M. Molotow, Sergei Kirow, Lasar Kaganowitsch, Andrei Shdanow, Wjatscheslaw Menschinski, Maxim Gorki und Valerian Kuibischew.

Leo Trotzki wies in regelmäßigen Schreiben an die Terroristen immer wieder auf die dringende Notwendigkeit hin, die sowjetischen Führer zu beseitigen. Eine dieser Botschaften erreichte Trotzkis ehemaligen Leibgardisten Ephraim Dreitzer im Oktober 1934. Die Worte waren mit unsichtbarer Tinte auf den Rand einer deutschen Filmzeitschrift geschrieben, die Dreitzer von seiner Schwester überbracht wurde. Sie hatte die Zeitschrift in Warschau von einem trotzkistischen Kurier erhalten. Trotzkis Botschaft lautete:

»Lieber Freund! Verbreite, daß wir heute vor folgenden Hauptaufgaben stehen:

1. Stalin und Woroschilow sind zu beseitigen.

2. Wir müssen die Organisierung von Zellen in der Roten Armee in Angriff nehmen.

3. Im Kriegsfall muß jeder Rückschlag und die dadurch verursachte Verwirrung für den Machtkampf ausgenützt werden.«

Trotzki hatte diese Botschaft mit seinem Geheimnamen »Starik« (alter Mann) unterzeichnet.

In Moskau gelang es den Verschwörern, durch langwierige Beobachtungen festzustellen, welchen Weg der Wagen des Volkskommissars für Landesverteidigung Woroschilow zu nehmen pflegte. Mehrere Tage warteten die Terroristen, mit Revolvern bewaffnet, in der Frunse-Straße, die das Auto Woroschilows fast täglich passierte. Aber der Wagen hatte stets ein rasches Tempo, und die Terroristen gelangten zu dem Ergebnis, daß es sinnlos wäre, auf ein rasch fahrendes Auto zu schießen.

Die wiederholten Versuche, Stalin zu ermorden, verliefen ebenso erfolglos. Ein trotzkistischer Terrorist erhielt den Auftrag, Stalin bei einer wichtigen Parteikonferenz in Moskau zu erschießen. Es gelang ihm, sich in die Versammlung einzuschleichen, aber er konnte nicht bis in die Nähe des Sowjetführers vordringen. Ein anderes Mal feuerten Terroristen aus weitreichenden Gewehren Schüsse gegen ein Motorboot ab, in dem Stalin eine Küstenfahrt auf dem Schwarzen Meer unternahm. »Schade!« sagte Leo Kamenew, als der Terrorist Iwan Bakajew über einen mißlungenen Mordanschlag auf Stalin Bericht erstattete. »Aber wir wollen hoffen, daß wir nächstes Mal mehr Erfolg haben«

Trotzki verlor allmählich die Geduld. Der Tonfall seiner nach Rußland gerichteten Schreiben änderte sich. Er machte seinen Anhängern heftige Vorwürfe: sie seien »die ganze Zeit nur mit organisatorischen Vorbereitungen und Beratungen« beschäftigt und hätten noch »nichts Konkretes« geleistet. Er entsandte seine eigenen Spezialagenten in die Sowjetunion, um der terroristischen Tätigkeit einen energischen Auftrieb zu geben. Diese Agenten waren russische Emigranten oder deutsche Trotzkisten.

Sie reisten mit falschen Pässen, die ihnen von Mitverschworenen in der Sowjetdiplomatie oder von der deutschen Militärspionage und der Gestapo zur Verfügung gestellt wurden.

Als erster Spezialagent traf ein deutscher Trotzkist namens Nathan Lurie in Rußland ein. Ihm folgten Konon Berman-Jurin und Fritz David alias Ijja-David Krugljanski. Im März 1933 sandte Trotzki zwei weitere Agenten: Valentin Olberg und Moische Lurie alias Alexander Emel (Moische und Nathan Lurie waren nicht miteinander verwandt).

Vor seiner Abreise aus Berlin erhielt Nathan Lurie die Anweisung, in Moskau die Instruktionen des deutschen Ingenieurs und Architekten Franz Weitz zu befolgen, der damals in der Sowjetunion beschäftigt war. Franz Weitz gehörte nicht der trotzkistischen Bewegung, sondern der Nationalsozialistischen Partei an. Er war von Heinrich Himmler, dem Leiter der Gestapo, in geheimer Mission nach Sowjetrußland geschickt worden. Himmler hatte Weitz den Auftrag erteilt, in Zusammenarbeit mit dem terroristischen trotzkistisch-sinowjewistischen Zentrum in der Sowjetunion Terror und Sabotage zu betreiben.

Als einer von Sinowjews Anhängern sein Befremden über diese direkte Verbindung mit einem Naziagenten äußerte, antwortete Sinowjew: »Was stört Sie daran? Sie sind Historiker. Sie kennen den Fall Bismarck-Lassalle; Sie wissen, daß Lassalle seine Beziehung zu Bismarck im Interesse der Revolution auszunützen suchte. Ebensogut können wir heute von Himmler Gebrauch machen.«

Kurz vor ihrer Abreise aus Berlin wurden die Sonderemissäre Konon Berman-Jurin und Fritz David zu Trotzki befohlen. Die Konferenz fand gegen Ende November 1932 in Kopenhagen statt. Konon Berman-Jurin berichtete später darüber: »Ich kam zweimal mit ihm (Trotzki) zusammen. Zunächst fragte er mich über meine frühere Arbeit aus. Dann ging er auf die Lage in Sowjetrußland über. Trotzki sagte: 'Das Hauptproblem ist Stalin. Stalin muß physisch vernichtet werden.' Andere Kampfmethoden seien derzeit unwirksam. Für diesen Zweck seien Leute erforderlich, die alles wagen, die bereit sind - so drückte er sich aus -, ihr Leben der geschichtlichen Aufgabe zu opfern. Am Abend setzten wir unsere Unterhaltung fort. Ich fragte ihn, wie der individuelle Terrorismus mit dem Marxismus zu vereinbaren sei. Trotzki antwortete, solcehe Probleme vertrügen keine dogmatische Behandlung.

Marx habe die in der Sowjetunion entstandene Lage nicht voraussehen können. Es sei übrigens notwendig, außer Stalin auch Kaganowitsch und Woroschilow zu ermorden ... Während unseres Gespräches ging er nervös im Zimmer auf und ab. Aus seinen Äußerungen über Stalin sprach ein maßloser Haß ... Er sagte, das Attentat sollte möglichst in einer Plenarsitzung oder im Kongreß der Komintern stattfinden, damit der Schuß von einer großen Versammlung gehört werde. Das Echo dieses Schusses werde weit über die Grenzen der Sowjetunion hinausdringen ... Es werde ein geschichtliches Ereignis von internationaler politischer Bedeutung sein.« Das terroristische trotzkistisch-sinowjewistische Zentrum sollte der Sowjetregierung den ersten schweren Schlag zufügen. Als erstes Opfer war der Parteisekretär Sergei Kirow, einer der engsten Mitarbeiter Stalins, ausersehen ...

Anfang November 1934 sandte Sinowjew, der sich damals in Moskau aufhielt, seinen Anhänger Bakajew nach Leningrad, um eine Überprüfung der dortigen terroristischen Zellen vorzunehmen.

Die Leningrader Terroristen, die schon des öfteren versucht hatten, an Kirow heranzukommen, empfingen Sinowjews Abgesandten nicht gerade mit Begeisterung. »Also, Grigori Jewsejewitseh hat kein Vertrauen zu uns«, sagte einer der Berufsschützen. »Er schickt Leute her, die unsere Stimmung und unsere Arbeit prüfen sollen. Na schön, uns kann man nicht so leicht beleidigen!«

Ein aus sieben Terroristen bestehender Ausschuß der Leningrader terroristischen Organisation machte Bakajew mit dem Stand der Dinge bekannt. Man berichtete ihm, daß der Weg, den Kirow täglich von seiner Wohnung zu seinem Büro im Smolny-Institut zurücklegte, ständig von Posten bewacht wurde. Dann stellte man ihm den zukünftigen Mörder vor: die Wahl war auf Leonid Nikolajew gefallen, einen blassen, mageren dreißigjährigen Mann, der in seinem früheren Beruf als Buchhalter Unregelmäßigkeiten begangen hatte und deshalb entlassen worden war. Auch aus dem Komsomol (Kommunistischer Jugend verband) war er wegen allgemeiner Unzuverlässigkeit ausgeschlossen worden.

Nikolajew setzte Bakajew seine Pläne auseinander. Er beabsichtigte, Kirow entweder in der Nähe seiner Wohnung oder im Smoiny-lnstitut zu erschießen. Er habe bereits versucht, eine Unterredung mit Kirow zu erwirken, bis jetzt sei es ihm aber nicht gelungen.

Bakajew wiederholte die Instruktionen, die Sinowjew ihm mitgegeben hatte:

»Es ist die Hauptaufgabe der Terrororganisation, ihre Arbeiten in größter Heimlichkeit zu betreiben, um jegliche Kompromittierung der Bewegung zu vermeiden ... Im Falle eines Verhörs ist jede Verbindung mit der Organisation konsequent abzustreiten. Wenn man Ihnen terroristische Betätigung vorwirft, dann müssen Sie mit dem größten Nachdruck protestieren und darzulegen versuchen, daß Terror mit den Ansichten eines bolschewistischen Marxisten unvereinbar ist.«

Sinowjew war mit der Entwicklung in Leningrad zufrieden. Er und Kamenew erwarteten mit Zuversicht die baldige erfolgreiche Ausführung des Attentats auf Kirow. Sie glaubten, daß dieser Terrorakt bei der Regierung Verwirrung hervorrufen und im ganzen Lande ähnliche Angriffe gegen führende Persönlichkeiten auslösen würde. Kamenew bemerkte: »Köpfe haben die sonderbare Eigenschaft, nicht nachzuwachsen.«

Am l. Dezember 1934 um 4 Uhr 27 verließ Sergei Kirow sein Büro im Smolny-lnstitut. Das Zentralkomitee hatte damals den Beschluß gefaßt, die Brotrationierung aufzuheben, und Kirow sollte in einem anderen Zimmer einen Bericht über diese Frage erstatten. Als er den marmorgetäfelten Korridor entlang schritt, stürzte plötzlich ein Mann aus einem Seitengang und gab einen Schuß gegen seinen Hinterkopf ab. Um 4 Uhr 30 war Sergei Kirow tot.

Der Mörder hieß Leonid Nikolajew. Er wurde ergriffen, bevor er die Waffe gegen sich selbst richten konnte.

Am 28. Dezember 1934 stand Leonid Nikolajew vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR. Nikolajew sagte aus: »Als ich Kirow erschoß, dachte ich: unser Schuß wird das Signal für eine Explosion, für eine allgemeine Revolte gegen die Kommunistische Partei der Sowjetunion und gegen die Sowjetregierung sein.«

Das Militärkollegium verurteilte Nikolajew zum Tode. Nikolajew hatte Sinowjew, Kamenew und die anderen an dem Attentatsplan beteiligten Führer des terroristischen trotzkistisch-sinowjewistischen Zentrums mit keinem Worte bloßgestellt. Aber dis Sowjetregierung wußte natürlich, daß das Mordkomplott von einer weitaus komplizierteren und gefährlicheren Organisation als Nikolajews kleiner Terroristengruppe geplant und vorbereitet worden war.

Zwei Wochen nach Abschluß des Verfahrens gegen Nikolajew standen Grigori Sinowjew, Leo Kamenew und einige ihrer politischen Freunde, darunter Bakajew, vor einem Leningrader Gericht. Die Anklage lautete auf Beteiligung an der Ermordung Kirows. Sinowjew und Kamenew hielten während des ganzen Prozesses konsequent eine im vorhinein vereinbarte Linie. Sie gaben nur das zu, was die Sowjetregierung bereits durch eigene Nachforschungen festgestellt hatte; sie heuchelten aufrichtige Reue und »gestanden«, daß die von ihnen geförderte Tätigkeit der politischen Opposition »eine für sowjetfeindliche Handlungen günstige Atmosphäre geschaffen« habe. Sie bezeichneten sich selbst als die Führer des »Moskauer Zentrums« der politischen Opposition und nahmen als Leiter der umstürzlerischen Bewegung, die den Boden für dieses Verbrechen bereitet hatte, die »moralische Verantwortung« auf sich. Dagegen behaupteten sie mit größtem Nachdruck, von den Absichten der Attentäter keinerlei Kenntnis gehabt zu haben.

»Ich bin gewohnt, mich als Führer zu fühlen«, erklärte Sinowjew, »und ich hätte selbstverständlich von allem gewußt ... Dieser verabscheuungswürdige Mord wirft ein so schlechtes Licht auf unsere früheren Kämpfe gegen die Partei, daß ich der Partei das Recht zugestehen muß der ehemaligen parteifeindlichen Sinowjew-Gruppe die politische Verantwortung für den an Kirow begangenen Mord zuzuschieben.«

Kamenew befolgte die gleiche Taktik. »Ich muß sagen, daß ich durchaus kein Feigling bin, aber ich habe nie daran gedacht, Waffen zu gebrauchen«, sagte er. »Ich habe immer auf den Augenblick gewartet, wo das Zentralkomitee sich gezwungen sehen wird, mit uns zu verhandeln und uns Platz zu machen.«

Der Trick gelang. Eine direkte Beteiligung Sinowjews und Kamenews an dem Komplott konnte nicht nachgewiesen werden. Aber sie wurden aufrührerischer Umtriebe gegen die Sowjetregierung überführt. In der Urteilsverkündung hieß es: »Der Prozeß hat keinerlei Tatsachen zu Tage gefördert, die als ausreichender Grund angesehen werden könnten, die Tätigkeit der Mitglieder des Moskauer Zentrums im Zusammenhang mit der Ermordung des Genossen S. M. Kirow am l. Dezember 1934 als direkte Aufmunterung zu diesem abscheulichen Verbrechen anzusehen; nichtsdestoweniger hat dieser Prozeß deutlich erwiesen, daß die Mitglieder des konterrevolutionären Zentrums in Moskau über die terroristische Gesinnung der Leningrader Gruppe unterrichtet waren und diese Gesinnung gefördert haben ...« Sinowjew und Kamenew wurden wegen konspirativer Betätigung zu zehn, beziehungsweise fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Der Prozeß hatte nur die oberste Schicht des Verschwörerapparates aufgedeckt.

Einige merkwürdige Tatsachen, die dem Leningrader Gericht verborgen blieben, verdienen besondere Beachtung:

Sinowjew und Kamenew wurden von vier Agenten der sowjetischen Geheimpolizei ins Hauptquartier der NKWD gebracht. Diese Agenten waren: der Leiter der politischen Geheimabteilung der NKWD Moltschanow, der Chef der Exekutivabteilung Pauker, der stellvertretende Chef der Exekutivabteilung Wolowitsch und der stellvertretende Leiter der NKWD Bulanow.

Bei der Verhaftung Sinowjews und Kamenews benahmen sich die vier NKWD-Agenten sehr merkwürdig. Nicht genug, daß sie es unterließen, die Wohnungen der beiden Angeklagten nach belastendem Material zu durchsuchen - sie gestatteten Sinowjew und Kamenew sogar, eine Anzahl kompromittierender Dokumente zu vernichten...

Es ist aufschlußreich, daß Moltschanow und Bulanow dem Verschwörerapparat der mit Trotzki sympathisierenden Rechten als geheime Mitglieder angehörten, während Pauker und Wolowitsch deutsche Agenten waren.

G. G. Jagoda, der Vorsitzende der NKWD, hatte diese Leute eigens für die Verhaftung Sinowjews und Kamenews ausgesucht.

 

XVIII. MORD IM KREML

1. Jagoda

Im Mai 1934, sechs Monate vor der Ermordung Kirows, erlag der Präsident der GPU, Wjatscheslaw R. Menschinski, der schon lange Zeit gekränkelt hatte, einem Herzanfall. An seine Stelle trat der 43jährige Vizepräsident der GPU, G. G. Jagoda, ein kleiner, ruhiger, zielbewußter Mann mit zurückweichendem Kinn und kleinem Schnurrbart.

Jagoda war Geheimmitglied des Blocks der Rechten und Trotzkisten. Er hatte sich der Verschwörung 1929 im Gefolge der Rechtsopposition angeschlossen, nicht weil er an Bucharins oder Trotzkis Programm glaubte, sondern weil er in den Vertretern der Opposition die künftigen Träger der Macht sah. Jagoda wollte auf der Seite der Sieger sein. Er selbst sagte darüber: »Ich verfolgte den Verlauf der Kämpfe mit großer Aufmerksamkeit, da ich von vornherein beschlossen hatte, mich der siegreichen Partei anzuschließen... Als die Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Trotzkisten begannen, konnte man noch nicht voraussagen, wer den Kampf gewinnen würde: die Trotzkisten oder das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Das war zumindest meine Ansicht, nach der ich mich bei der Durchführung der Strafmaßnahmen als Vizepräsident der GPU richtete. Ich vermied es, den Zorn der Trotzkisten zu erregen. Wenn ich Trotzkisten in die Verbannung schickte, geschah es unter solchen Bedingungen, daß sie ihre Tätigkeit auch im Exil fortsetzen konnten.« Die Rolle, die Jagoda spielte, war anfänglich nur den drei obersten Führern der Rechten, Bucharin, Rykow und Tomski bekannt. Nach dem Zusammenschluß der Rechten und Trotzkisten im Jahre 1932 wurden auch Pjatakow und Krestinski eingeweiht.

Als Vizepräsident der GPU war Jagoda in der Lage, die Verschwörer vor Bloßstellungen und Verhaftungen zu bewahren. »Einige Jahre lang«, erklärte er später, »tat ich mein möglichstes, um die Organisation, besonders das Zentrum, zu decken.« Jagoda ernannte Mitglieder des Blocks der Rechten und Trotzkisten zu Spezialagenten der GPU. Auf diese Weise konnte sich eine Anzahl ausländischer Geheimagenten in die sowjetische Geheimpolizei einschleichen und unter Jagodas Schutz Spionage für die betreffenden Regierungen betreiben. Die deutschen Agenten Pauker und Wolowitsch, die bei der Verhaftung Sinowjews und Kamenews zugegen waren, wurden von Jagoda persönlich in die GPU eingestellt. Jagoda äußerte später in bezug auf ausländische Spione: »Ich sah in ihnen eine wertvolle Hilfskraft für die Durchführung der Verschwörungspläne; insbesondere konnten sie sich bei der Aufrechterhaltung der Verbindung mit den ausländischen Geheimdiensten nützlich erweisen.«

Im Jahre 1933 wurde der führende Organisator des terroristischen trotzkistisch-sinowjewistischen Zentrums, Iwan Smirnow, plötzlich von Agenten der Sowjetregierung festgenommen. Die Verhaftung kam völlig unerwartet und konnte von Jagoda nicht verhindert werden. Unter dem Vorwand, Smirnow verhören zu wollen, begab sich Jagoda in seine Zelle und setzte ihm genau auseinander, wie er alle weiteren Fragen zu beantworten habe.

Im Jahre 1934, kurz vor der Ermordung Kirows, wurde der Terrorist Leonid Nikolajew von Agenten der GPU in Leningrad aufgegriffen. In seinen Taschen fand man einen Revolver und einen Plan, auf dem der von Kirows Wagen täglich zurückgelegte Weg eingezeichnet war. Als Jagoda von der Verhaftung Nikolajews hörte, gab er dem stellvertretenden Leiter der Leningrader GPU, Saporoschetz, den Auftrag, den Terroristen ohne Verhör zu entlassen. Saporoschetz tat, was ihm befohlen wurde, er war einer von Jagodas Leuten.

Einige Wochen später wurde Kirow von Nikolajew ermordet. Dieser Mord war nur einer von vielen, die der Block der Rechten und Trotzkisten mit direkter Unterstützung Jagodas zur Ausführung brachte.

Hinter der Maske des ruhigen Beamten, die Jagoda äußerlich zur Schau trug, verbarg sich ein grausamer Intrigant von ungewöhnlichem Ehrgeiz. Da der Block der Rechten und Trotzkisten den Schutz des Vizepräsidenten der GPU von Tag zu Tag dringender brauchte, begann er sich als zentrale Figur und wichtigste Persönlichkeit der großen Verschwörung zu fühlen. Jagoda träumte davon, ein russischer Hitler zu werden. Nach der Lektüre von »Mein Kampf« sagte er zu seinem ergebenen Schergen und Sekretär Pawel Bulanow; »Es ist der Mühe wert, dieses Buch zu lesen.« Besonderen Eindruck machte ihm die Tatsache, daß Hitler vom Gefreiten zum Staatsoberhaupt aufgestiegen war. Auch Jagoda hatte seine Laufbahn als Gefreiter der russischen Armee begonnen.

Jagoda hatte eine bestimmte, sehr persönliche Vorstellung von der Regierung, die nach Stalins Sturz zur Herrschaft gelangen sollte. Er erwartete eine Nachbildung des deutschen Naziregimes. Jagoda sah sich selbst als Führer, während Rykow an Stelle Stalins Sekretär der neuorganisierten Partei und Tomski Leiter der Gewerkschaften werden sollte, für die Jagoda eine strenge militärische Kontrolle nach dem Muster der deutschen Arbeitsfront vorsah. Aus dem »Philosophen« Bucharin wollte er einen russischen »Dr. Goebbels« machen.

Jagoda war sich noch nicht darüber im klaren, ob er Trotzki die Rückkehr nach Rußland gestatten würde. Das hänge von den Umständen ab, erklärte er seinem Sekretär. Inzwischen sei er bereit, sich die Verhandlungen Trotzkis mit Deutschland und Japan zunutze zu machen. Der Staatsstreich müsse zeitlich mit dem Ausbruch eines Krieges gegen die Sowjetunion zusammenfallen.

»Wir werden alle Mittel anwenden müssen, um das Gelingen dieses Putsches sicherzustellen - Waffengewalt, Provokation und sogar Gift«, meinte Jagoda. »Es gibt Zeiten, wo man langsam und mit größter Vorsicht handeln muß, aber manchmal sind rasche, plötzliche Entscheidungen notwendig.«

Jagoda billigte den Beschluß des Blocks der Rechten und Trotzkisten, sich im Kampf gegen die Sowjetregierung terroristischer Methoden zu bedienen. Der Beschluß wurde ihm durch den Beamten des Kreml-Sekretariates, A. S. Jenukidse, übermittelt, der die Terrororganisationen der Rechten leitete. Jagoda hatte nur ein Bedenken: die von den Verschwörern angewandten Methoden schienen ihm allzu primitiv und darum gefährlich. Jagoda versuchte, an Stelle der traditionellen. Bomben, Messer und Kugeln, feinere Mittel ausfindig zu machen.

Zuerst experimentierte er mit Giften. Er beschäftigte mehrere Chemiker in einem Geheimlaboratorium. Es war sein Ziel, ein Mordverfahren auszuarbeiten, das keine Spuren hinterließ. Er nannte das: »Mord mit Garantie«.

Aber dazu reichten auch die Gifte nicht aus. Schließlich dachte sich Jagoda eine Spezialtechnik aus, die er den Führern des Block's der Rechten und Trotzkisten als ideale Mordwaffe empfahl. »Es ist ganz einfach«, sagte er. »Jemand wird von selbst krank oder er leidet schon seit einiger Zeit an einer Krankheit. Seine Umgebung gewöhnt sich naturgemäß an die Vorstellung, daß der Patient eines Tages sterben oder gesund werden muß. Der behandelnde Arzt hat den guten Willen, die Genesung oder den Tod des Kranken zu beschleunigen ... Nun also - alles weitere ist eine Frage der Technik.« Es kam nur darauf an, den richtigen Arzt zu finden.

2. Die Ermordung Menschinskis

Der erste Arzt, den Jagoda für seine ungewöhnlichen Mordpläne mißbrauchte, war Dr. Leo Lewin, ein nachgiebiger, korpulenter Mann in mittleren Jahren, der mit Vorliebe seine politische Neutralität betonte. Dr. Lewin war Jagodas Hausarzt. Aber ausschlaggebend war die Tatsache, daß Dr. Lewin zu den Ärzten des Kreml gehörte. Viele prominente Persönlichkeiten der Sowjetregierung waren bei ihm in Behandlung, darunter auch Jagodas Vorgesetzter, der Präsident der GPU Wjatscheslaw Menschinski.

Jagoda begann, Dr. Lewin mit Liebenswürdigkeiten zu überschütten. Er schickte ihm Importweine und verschiedene andere Geschenke und Blumen für seine Frau. Er stellte ihm kostenlos einen Landsitz zur Verfügung. Wenn Dr. Lewin verreiste, erlaubte ihm Jagoda, im Ausland gekaufte Gegenstände ohne Entrichtung des üblichen Zolles nach Rußland einzuführen. Diese ungewohnten Aufmerksamkeiten von seiten eines so einflußreichen Patienten waren für den Arzt schmeichelhaft und zugleich ein wenig beunruhigend.

Jagoda erreichte auf diese Weise, daß der arglose Dr. Lewin verschiedene Dinge annahm, die als Bestechung gewertet werden konnten. Außerdem hatte er sich verschiedener geringfügiger Vergehen gegen das sowjetische Gesetz schuldig gemacht. Und nun rückte Jagoda mit der Sprache heraus. Er gab sich Dr. Lewin als Führer einer geheimen Oppositionsbewegung zu erkennen, die demnächst in Sowjetrußland an die Macht gelangen werde. Die Verschwörer, sagte Jagoda, könnten Dr. Lewins Dienste gut gebrauchen. Bestimmte Sowjetführer müßten aus dem Wege geräumt werden - einige von ihnen seien Dr. Lewins Patienten.

»Vergessen Sie nicht«, erklärte Jagoda dem erschrockenen Arzt, »daß Sie mir gehorchen müssen, Sie können mir nicht ausweichen. Wenn ich Ihnen einmal mein Vertrauen geschenkt habe bleibt Ihnen nichts weiter übrig, als dieses Vertrauen zu würdigen und meine Aufträge auszuführen. Sie können niemanden um Rat fragen. Niemand wird Ihnen glauben. Man wird nicht Ihnen glauben, sondern mir. Aber jetzt wollen wir nicht mehr über dieses Thema sprechen; denken Sie zu Hause darüber nach, ich werde Sie in einigen Tagen rufen lassen.«

Dr. Lewin beschrieb später, in welche Stimmung ihn Jagodas Worte versetzten:

»Ich brauche die psychologische Reaktion nicht zu schildern. Es ist wohl klar, wie furchtbar es für mich war, das alles hören zu müssen. Und dann die unaufhörlichen Seelenqualen... Er sagte noch zu mir: 'Sie wissen, wer zu Ihnen spricht, welche Institution ich leite'... Er wiederholte, daß ich durch eine Weigerung mich und meine Familie zugrunde richten würde. Es schien mir, daß ich keinen Ausweg hatte, daß ich ihm gehorchen mußte.«

Dr. Lewin führte Jagoda einen anderen Arzt zu, den Menschinski ebenfalls häufig konsultierte. Es war Dr. Ignati N. Kasakow, dessen höchst ungewöhnliche Heilmethoden den Ärztekreisen der Sowjetunion zu Beginn der dreißiger Jahre Anlaß zu erhitzten Debatten gegeben hatten.

Dr. Kasakow behauptete, mit Hilfe einer von ihm erfundenen, so gut wie unfehlbaren Spezialtechnik, die er »Lysatotherapie« nannte, eine ganze Reihe von Krankheiten heilen zu können. Der Präsident der GPU, Menschinski, der an Angina pectoris und Bronchialasthma litt, hatte zu Kasakows Methode großes Vertrauen und ließ sich regelmäßig von ihm behandeln.

Dr. Lewin besuchte Dr. Kasakow in Jagodas Auftrag. Er sagte zu seinem Kollegen: »Menschinski ist ein lebender Leichnam. Sie vergeuden Ihre Zeit.«

Dr. Kasakow blickte Lewin fragend und erstaunt an. »Ich muß ein ernstes Wort mit Ihnen reden«, sagte Dr. Lewin. »Worüber?« fragte Dr.Kasakow. »Über Menschinskis Gesundheitszustand.« Dr. Lewin kam zur Sache. »Ich hätte Sie für klüger gehalten«, sagte er. »Sie haben mich noch immer nicht verstanden. Es wundert mich, daß Sie Menschinskis Behandlung mit so viel Eifer betreiben und sogar eine Besserung seines Zustandes herbeigeführt haben. Sie hätten ihm keinesfalls erlauben dürfen, seine Arbeit wieder aufzunehmen.«

Dr. Kasakows Verwunderung und Entsetzen wuchs, als Dr. Lewin fortfuhr:

»Sie müssen sich doch darüber im klaren sein, daß Menschinski eigentlich schon eine Leiche ist. Dadurch, daß Sie ihn wieder arbeiten lassen, erregen Sie den Unwillen Jagodas. Menschinski steht Jagoda im Wege, und Jagoda hat ein Interesse daran, ihn so rasch wie möglich zu beseitigen. Jagoda ist ein Mann, der vor nichts zurückschreckt.« Dr. Lewin fügte hinzu:

»Nicht ein Wort hierüber zu Menschinski! Ich warne Sie: wenn Sie Menschinski etwas erzählen, wird Jagoda Sie zugrunde richten. Sie können sich nicht vor ihm verstecken. Er wird Sie finden, selbst wenn Sie unter dem Erdboden verschwinden.«

Am Nachmittag des 6. November 1933 wurde Dr. Kasakow telephonisch aufgefordert, Menschinski sofort zu besuchen. Als der Arzt die Wohnung des GPU-Präsidenten betrat, schlug ihm ein scharfer Terpentin- und Farbgeruch entgegen. Nach wenigen Minuten hatte er selbst Atembeklemmungen. Einer der Sekretäre teilte ihm mit, daß das Haus frisch gemalt worden sei. Man habe der Farbe eine »besondere Substanz« beigemischt, »damit die Malerei rascher trocknet«. Diese »besondere Substanz« war die Ursache des scharfen, durchdringenden Geruches.

Dr. Kasakow begab sich ins obere Stockwerk. Menschinskis Zustand war beunruhigend. Sein Bronchialasthma hatte sich durch das Einatmen der Dünste akut verschlechtert. Er saß zusammengekrümmt im Bett, sein Gesicht und sein Körper waren geschwollen, er konnte kaum flüstern. Dr. Kasakow beobachtete seine Atmung: es war ein qualvolles Röcheln mit dem für einen schweren Anfall von Bronchialasthma charakteristischen Symptom der stark verlangsamten Ausatmung. Dr. Kasakow gab Menschinski sofort eine Injektion. Dann stieß er die Fenster des Zimmers auf und ersuchte den Sekretär, auch die übrigen Türen und Fenster des Hauses zu öffnen. Der Geruch verzog sich allmählich. Dr. Kasakow blieb bei Menschinski, bis der Anfall vorüber war. Dann kehrte er in seine Wohnung zurück.

Er hatte kaum die Haustür geöffnet, als das Telephon läutete. Ein Anruf vom Hauptquartier der GPU: Jagoda wünsche Dr. Kasakow sofort zu sehen. Ein Wagen sei bereits unterwegs.

Jagodas erste Frage unter vier Augen lautete: »Nun, was halten Sie von Menschinskis Gesundheitszustand?« Der kleine, gepflegte, brünette Mann saß hinter seinem Schreibtisch und beobachtete Dr. Kasakow mit kaltem Blick.

Dr. Kasakow erwiderte, daß die plötzliche Wiederkehr der Asthmaanfälle ein bedenkliches Zeichen sei. Jagoda schwieg eine Weile. Dann fragte er: »Haben Sie mit Dr. Lewin gesprochen?« Dr. Kasakow bejahte.

Jagoda sprang von seinem Sessel auf und begann, aufgeregt auf und ab zu gehen. Plötzlich blieb er vor Dr. Kasakow stehen. »Warum zögern Sie dann?« schrie er. »Warum handeln Sie nicht? Warum mischen Sie sich in fremde Angelegenheiten?«, »Was wollen Sie von mir?« fragte Dr.Kasakow. »Wer hat Sie aufgefordert, Menschinski ärztlichen Beistand zu leisten?« fragte Jagoda. »Sie pfuschen da sinnlos herum. Niemand ist an seinem Weiterleben interessiert. Er steht nur allen im Wege. Ich befehle Ihnen, gemeinsam mit Lewin eine Behandlungsmethode auszuarbeiten, die Menschinskis Tod in kürzester Zeit herbeiführt.« Nach einer Pause fügte er hinzu: »Ich warne Sie, Kasakow: wenn Sie versuchen, sich zu widersetzen, werde ich Mittel und Wege finden, Sie loszuwerden! Sie werden mir nicht entwischen.«

Dr. Kasakow verbrachte die nächsten Tage wie in einem ständigen Alptraum. Mechanisch erledigte er seine Arbeit. Sollte er den Sowjetbehörden Bericht erstatten? Aber wem konnte er sich anvertrauen? Wie sollte er wissen, ob er sich nicht gerade an einen von Jagodas Spitzeln wandte?

Dr. Lewin, der in dieser Zeit häufig mit Kasakow zusammenkam, erzählte ihm von der weitverzweigten unterirdischen Verschwörung gegen das Sowjetregime. Berühmte, einflußreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Jagoda, Rykow und Pjatakow seien an dem Komplott beteiligt; auch ein Teil der Armee habe sich der Geheimbewegung angeschlossen. Wenn Dr. Kasakow Jagoda jetzt einen wertvollen Dienst erweise, so werde Jagoda sich später daran zu erinnern wissen. In der Sowjetunion sei ein unterirdischer Krieg im Gange, und die Ärzte müßten ebenso wie alle anderen Partei ergreifen.

Dr. Kasakow gab schließlich nach. Er teilte Lewin mit, daß er Jagodas Befehl ausführen werde.

Kasakow beschrieb später selbst die Technik, die er und Dr. Lewin bei der Ermordung des Präsidenten der GPU, Wjatscheslaw Menschinski, anwandten.

»Lewin und ich arbeiteten gemeinsam eine Methode aus. Wir machten uns dabei zwei Haupteigenschaften der Eiweißprodukte zunutze. Erstens: die Produkte der hydrolytischen Zersetzung des Eiweißes haben die Eigenschaft, die Wirkung von Medikamenten zu verstärken. Zweitens: Lysate erhöhen die Empfindlichkeit des Organismus. Drittens: wir gingen von dem bei Menschinski vorliegenden besonderen Krankheitsfall, der Verbindung von Bronchialasthma und Angina pectoris, aus. Es ist eine bekannte Tatsache, daß bei Bronchialasthma die sogenannte parasympathische Partie des vegetativen Nervensystems gereizt ist. Man verordnet daher Medikamente, die den entsprechenden, das heißt sympathischen Teil, in diesem Fall die Schilddrüse, anregen. Ein solches Präparat ist der aus der medulla stratum gewonnene Nebennierenextrakt. Die bei Angina pectoris gereizte sympathische Partie beginnt in dem unter dem Halse liegenden Plexus sympathischer Ganglien. Das war unser Ausgangspunkt. Wir ließen ganz allmählich einen Wechsel in der medikamentösen Behandlung eintreten... Wir mußten eine Anzahl herzstärkender Mittel verwenden - Digitalis, Adonis, Strophantin -, um die Herztätigkeit anzuregen. Diese Medikamente wurden in folgender Reihenfolge verabreicht: zuerst Lysate, mit denen wir nach einer gewissen Zeit aussetzten; dann erhielt der Patient herzstärkende Mittel. Diese Behandlungsmethode führte einen Erschöpfungszustand herbei.« Menschinski starb in der Nacht zum 10. Mai 1934. Jagoda übernahm an seiner Stelle die Leitung der GPU.

Jagoda erklärte später: »Es ist nicht wahr, daß ich Menschinskis Tod aus egoistischen Motiven herbeigeführt habe. Ich wollte Leiter der GPU werden, aber nicht aus persönlichem Ehrgeiz, sondern im Interesse unserer konspirativen Vereinigung.«

3. Mord mit Garantie

Auf der Mordliste des Blocks der Rechten und Trotzkisten standen die Namen führender Persönlichkeiten der Sowjetregierung: Stalin, Woroschilow, Kirow, Menschinski, Molotow, Kuibischew, Kaganowitsch, Gorki und Shdanow. Alle diese Männer waren von verläßlichen Leuten beschützt. Die Sowjetregierung hatte durch jahrelange bittere Erfahrungen mit den Terroristen gelernt, auf der Hut zu sein. Jagoda wußte das sehr genau, und als der terroristische Organisator der Rechten, Jenukidse, ihm den Beschluß des terroristischen trotzkistisch-sinowjewistischen Zentrums bekanntgab, Sergei Kirow in aller Öffentlichkeit ermorden zu lassen, hatte er zunächst Bedenken. Jagoda selbst sagt darüber:

»Ich gab meiner Befürchtung Ausdruck, daß ein unverhüllter Terrorakt nicht nur mich, sondern die ganze Organisation bloßstellen könnte. Ich schlug Jenukidse eine ungefährlichere Methode vor und erinnerte ihn an den Tod Menschinskis, der mit ärztlicher Hilfe herbeigeführt worden war. Jenukidse erwiderte, daß die Ermordung Kirows in der vorgesehenen Weise erfolgen müsse, daß die Anhänger Trotzkis und Sinowjews bereit seien, den Mord zu begehen, und daß es unsere Pflicht sei, keine Schwierigkeiten zu machen. Übrigens werde demnächst im Zentrum durch eine Diskussion entschieden werden, wer von den Staats- und Parteiführern zuerst durch die sichere Methode des ärztlichen Mordes erledigt werden solle.«

An einem Augusttag des Jahres 1934 wurde der junge Benjamin A. Maximow, ein Geheimmitglied der rechten Opposition, in Jenukidses Büro im Kreml berufen. Maximow hatte 1928 an der damals von Bucharin geleiteten Moskauer »Marxistischen Schule« studiert und war von Bucharin für die Verschwörung gewonnen worden.

Die Führer der Rechten hatten den intelligenten, skrupellosen jungen Mann sorgfältig ausgebildet und nach Beendigung seiner Studien in verschiedenen Sekretärstellen untergebracht.

Zur Zeit, als Jenukidse ihn zu sich kommen ließ, arbeitete er als persönlicher Sekretär Valerian Kuibischews, der Vorsitzender des Obersten Wirtschaftsrates, Mitglied des Politischen Büros der Kommunistischen Partei und ein intimer Freund Stalins war.

Jenukidse erklärte Maximow: »Die Rechte glaubte früher, den Sturz der Sowjetregierung durch den Zusammenschluß gewisser sowjetfeindlicher Bevölkerungsschichten, besonders der Kulaken, herbeiführen zu können. Jetzt hat sich die Situation geändert... und es ist notwendig, wirkungsvollere Maßnahmen zu ergreif en.« Jenukidse schilderte die neue konspirative Taktik. In Übereinstimmung mit den Trotzkisten sei die Rechte zu dem Entschluß gelangt, einen Teil ihrer politischen Gegner durch terroristische Mittel aus dem Wege zu räumen. Es bestehe die Absicht, die »Gesundheit der Führer zu untergraben«. Diese Methode, sagte Jenukidse, sei »die zweckmäßigste, weil sie den Schein einer unglücklich verlaufenen Krankheit wahre und daher die Tarnung der terroristischen Aktivität der Rechten« ermögliche.

»Die Vorbereitungen haben bereits begonnen«, fügte Jenukidse hinzu. Die treibende Kraft sei Jagoda, der den Verschwörern Schutz und Hilfe gewähre. Maximow solle bei der Ermordung seines Vorgesetzten Kuibischew behilflich sein. Den Verschwörern sei bekannt, daß Kuibischew an einer schweren Herzkrankheit leide, und sie hätten die Absicht, aus dieser Tatsache Nutzen zu ziehen.

Maximow, der über die ihm zugedachte Aufgabe ein wenig erschrocken war, hatte gewisse Bedenken. Einige Tage später wurde er neuerlich zu Jenukidse gerufen. Diesmal wurden bereits Einzelheiten erörtert.

Während des ganzen Gesprächs saß ein dritter Mann schweigend in einer Zimmerecke. Er sagte kein Wort, aber Maximow wußte genau, was seine Anwesenheit zu bedeuten hatte: der Mann war Jagoda.

»Wir erwarten folgendes von Ihnen«, sagte Jenukidse. »Erstens sollen Sie ihnen (den Ärzten Jagodas) Gelegenheit verschaffen, häufig und unbehindert zu dem Patienten zu gelangen, so daß in ihren sogenannten ärztlichen Besuchen keine Unterbrechung eintritt. Zweitens müssen Sie im Fall einer akuten Erkrankung oder irgendwelcher Anfälle die Verständigung des Arztes so lange wie möglich hinausschieben; unter keinen Umständen darf ein fremder Arzt zugezogen werden.«

Im Herbst 1934 ging es mit Kuibischews Gesundheit plötzlich bergab. Er fühlte sich sehr schwach und konnte nur ein kleines Arbeitspensum bewältigen.

Dr. Lewin beschrieb später die Technik, die auf Jagodas Befehl bei Kuibischew angewandt wurde: »Der verletzlichste Teil seines Organismus war das Herz, und so richteten wir unseren Angriff gegen diesen Punkt. Wir wußten, daß Kuibischews Herz schon ziemlich lange in schlechtem Zustand war. Er litt an Myocarditis, einer krankhaften Entartung der Herzgefäße, und leichten Anfällen von Angina pectoris. In solchen Fällen muß das Herz geschont werden; starke stimulierende Mittel sind zu vermeiden, da sie die Herztätigkeit übermäßig steigern und dadurch allmählich eine weitere Schwächung herbeiführen ... Wir verabfolgten Kuibischew längere Zeit hindurch ohne Unterbrechung stimulierende Medikamente. Das ging so bis zu seiner Abreise nach Mittelasien. Von Anfang August bis September oder Oktober 1934 injizierten wir ihm bestimmte Hormonpräparate und andere stimulierende Mittel. Diese Behandlung verschlimmerte seine Angina pectoris, die Anfälle wurden häufiger.« Am 25. Januar 1935 um 2 Uhr nachmittags erlitt Kuibischew In seinem Moskauer Büro im Rat der Volkskommissare einen schweren Herzanfall.

Maximow war bei ihm. Dr. Lewin hatte ihm schon vorher auseinandergesetzt, daß bei einem solchen Anfall vollständige Ruhe angezeigt sei und daß er daher die Pflicht habe, Kuibischew zum genauen Gegenteil zu veranlassen.

Maximow überredete den schwerkranken Mann, nach Hause zu gehen.

Kuibischew verließ das Büro. Er war totenblaß und konnte sich kaum fortbewegen. Maximow erstattete Jenukidse sofort telephonischen Bericht. Der Führer der Rechten wies Maximow an, keinen Arzt zu verständigen.

Kuibischew gelangte mit Mühe und Not zu seiner Wohnung. Langsam, unter zunehmenden Qualen, schleppte er sich bis ins dritte Stockwerk hinauf. Das Mädchen, das ihm die Türe öffnete, erkannte auf den ersten Blick, wie es um ihn bestellt war. Sie rief sein Büro an und ersuchte um sofortigen ärztlichen Beistand. Als die Ärzte kamen, war Valerian Kuibischew bereits tot.

4. »Eine geschichtliche Notwendigkeit«

Das brutalste Verbrechen, das unter Jagodas Anleitung ausgeführt wurde, war die Ermordung Maxim Gorkis und seines Sohnes Peschkow.

Gorki war zur Zeit seiner Ermordung achtundsechzig Jahre alt. Die ganze Welt kannte und verehrte ihn nicht nur als den größten lebenden Schriftsteller Rußlands, sondern auch als einen der edelsten Humanisten. Er litt an Tuberkulose und Herzschwäche. Sein Sohn Peschkow hatte von ihm eine außerordentliche Empfänglichkeit für Erkrankungen der Atmungsorgane geerbt. Sowohl Gorki als auch sein Sohn waren bei Dr. Lewin in Behandlung.

»Gorki steht der obersten Führung sehr nahe«, erklärte Jagoda dem Arzt. »Er ist ein treuer Anhänger der Politik, die derzeit in unserem Lande befolgt wird, ein ergebener Freund Stalins, ein Mann, der niemals unseren Weg gehen wird. Andererseits wissen Sie, welches Ansehen Gorki nicht nur in Rußland, sondern auch jenseits der Grenzen genießt. Sie wissen, wie stark sein Einfluß ist, welchen Schaden eine Äußerung von ihm unserer Bewegung zufügen kann. Sie dürfen uns Ihre Hilfe nicht versagen - der Lohn wird sich einstellen, sobald die neue Regierung am Ruder ist.«

Als Jagoda Dr. Lewins Bestürzung bemerkte, fuhr er fort: »Es liegt gar keine Ursache zur Aufregung vor. Sie müssen doch begreifen, daß es sich um etwas Unvermeidliches handelt. Das ist eben ein historischer Augenblick, eine geschichtliche Notwendigkeit, eine Phase unserer Revolution, die wir durchmachen müssen. Sie werden sie gemeinsam mit uns durchmachen, Sie werden Zeuge dieses historischen Geschehens werden - und Sie müssen uns mit den Ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen.«

Peschkow wurde vor seinem Vater ermordet. Dr. Lewin äußerte sich später:

»Sein Organismus bot drei Angriffspunkte: das bei ihm ungewöhnlich leicht erregbare System der Herzgefäße, die von seinem Vater nicht in Form einer Tuberkulose, sondern als besondere Anfälligkeit ererbte Schwäche der Atmungsorgane und schließlich das vegetative Nervensystem. Schon ein kleines Quantum Wein hatte eine deutliche Wirkung auf seinen Organismus; trotzdem pflegte er Wein in großen Mengen zu trinken.«

Dr. Lewin nützte diese Schwächen systematisch aus. Mitte April 1934 zog sich Peschkow eine starke Erkältung zu, aus der sich eine kruppöse Lungenentzündung entwickelte. Jagoda tobte, als in Pesehkows Zustand eine Besserung einzutreten schien. »Verdammt noch einmal«, rief er aus. »Ihr seid imstande, gesunde Leute durch eure Behandlung umzubringen und mit einem Kranken könnt ihr nicht fertig werden!«

Aber schließlich führten Dr. Lewins Bemühungen doch zu dem gewünschten Erfolg. Er selbst berichtete später: »Der Patient war außerordentlich geschwächt; das Herz befand sich in einem elenden Zustand; das Nervensystem spielt bekanntlich bei Infektionskrankheiten eine wichtige Rolle. Er war vollkommen erschöpft, die Krankheit nahm einen ungewöhnlich schweren Verlauf. ... Der Kräfteverfall wurde durch die Ausschaltung aller herzstärkenden Medikamente beschleunigt. Es wurden sogar statt dessen Arzneien verabreicht, die das Herz schwächen. Am 11. Mai starb der Patient an Lungenentzündung.« Der Tod Maxim Gorkis wurde durch ähnliche Methoden herbeigeführt. Die zahlreichen Reisen, die Gorki im Laufe des Jahres 1935 von Moskau und Dr. Lewin entfernten, bedeuteten nur einen Aufschub. Im Frühjahr 1936 bot sich Dr. Lewin die lang erwartete Gelegenheit. Gorki erkrankte in Moskau an einer schweren Grippe. Dr. Lewin führte eine künstliche Verschlechterung herbei, die Krankheit entwickelte sich ebenso wie bei Peschkow zu einer kruppösen Lungenentzündung. Auch diesmal ermordete Dr. Lewin seinen Patienten:

»Die im Falle Alexei Maximowitsch Gorkis angewandte Taktik bestand in der Verwendung von Medikamenten, die bei einer solchen Erkrankung im allgemeinen indiziert sind und deren Verabreichung daher weder Zweifel noch Verdacht erregen konnte. Zu den Mitteln, die der Anregung der Herztätigkeit dienen, gehören Kampfer, Koffein, Cardiazol und Digalen. Wir haben das Recht, diese Medikamente bei bestimmten Herzkrankheiten zu gebrauchen. Aber im vorliegenden Fall wurden enorme Dosen verabreicht. Der Patient erhielt beispielsweise im Laufe von 24 Stunden vierzig Kampfer-Injektionen. Diese Dosis war für ihn zu stark ... Dazu kamen zwei Digalen-, vier Koffein- und zwei Strychnininjektionen.« Der große sowjetische Schriftsteller starb am 18. Juni 1936.

XIX. TAGE DER ENTSCHEIDUNG

l. Der Krieg wandert nach Westen

Im Jahre 1935 waren die Plane für den gemeinsamen deutsch-japanischen Angriff auf die Sowjetunion weit gediehen. Die japanischen Armee'n in der Mandschurei unternahmen wiederholte »Sondierungs«-Streifzüge und Ausfälle in sowjetisches Gebiet. Das deutsche Heereskommando führte mit faschistischen Kreisen des polnischen Heeres Geheimverhandlungen über den Abschluß einer sowjetfeindlichen Militärallianz. In den baltischen Ländern und am Balkan, in Österreich und der Tschechoslowakei stand die Fünfte Kolonne in Bereitschaft. Die reaktionären englischen und französischen Diplomaten waren eifrige Förderer des nazistischen Drangs nach dem Osten...

Nach längeren Unterredungen zwischen dem französischen Ministerpräsidenten Pierre Laval und dem englischen Außenminister Sir John Simon gaben die Regierungen Englands und Frankreichs am 3. Februar eine gemeinsame Erklärung ab, durch die Deutschland von gewissen im Versailler Vertrag vorgesehenen Rüstungsbeschränkungen befreit wurde. Der »Observero« schrieb am 17. Februar: »Warum entwickeln die japanischen Diplomaten derzeit eine so rege Tätigkeit in Warschau und Berlin? ... Die Antwort ist in Moskau zu suchen ... Die Beziehungen zwischen Deutschland, Polen und Japan werden täglich enger. Im Kriegsfalle würden diese Länder eine sowjetfeindliche Allianz darstellen.« In der Annahme, daß die Deutschen ihre Waffen eines Tages gegen die Sowjetunion gebrauchen würden, unterstützten die sowjetfeindlichen Staatsmänner Großbritanniens und Frankreichs das nationalsozialistische Aufrüstungsprogramm auf jede erdenkliche Weise.

Am l. März gab Frankreich das Saargebiet mit seinen wichtigen Kohlenbergwerken auf Grund eines Volksentscheids an Deutschland zurück. Während der Abstimmung, der eine intensive Propagandakampagne vorangegangen war, übten die Nazis einen terroristischen Druck auf die Einwohnerschaft aus.

Am 16. März erklärte die Regierung des Dritten Reiches, daß sie die Bestimmungen des Versailler Vertrages nicht mehr als bindend betrachte; gleichzeitig wurden die Botschafter Englands, Frankreichs, Polens und Italiens von der gesetzlichen Einführung der »allgemeinen Dienstpflicht« verständigt.

Am 13. April wurde in Berlin die Schaffung einer aus schweren Bombern bestehenden Luftflotte angekündigt.

Am 18. Juni, elf Tage nach dem Amtsantritt des konservativen Ministerpräsidenten Stanley Baldwin, erfolgte die Bekanntgabe des englisch-deutschen Flottenabkommens. Nazideutschland erhielt das Recht, eine neue Flotte zu bauen und eine »Unterseeboot-Tonnage zu besitzen, die der Gesamttonnage der im Besitz aller Mitglieder des britischen Commonwealth befindlichen Unterseeboote entspricht«. Die Vereinbarung war das Ergebnis eines Briefwechsels zwischen dem nazistischen Außenminister Joachim von Ribbentrop und dem neuen englischen Außenminister Sir Samuel Hoare.

Am 3. November berichtete das »Echo de Paris« über eine Unterredung des Präsidenten der Deutschen Reichsbank, Dr. Hjalmar Schacht, mit dem Gouverneur der Bank von England, Sir Montagu Norman, und dem Gouverneur der Banque de France, Monsieur Tannery. Die französische Zeitung zitierte folgende Äußerung Dr. Schachts:

»Wir haben nicht die Absicht, unsere Grenzen im Westen zu ändern. Früher oder später werden Deutschland und Polen sich in die Ukraine teilen, aber im Augenblick wollen wir uns damit zufrieden geben, unsere Stärke in den baltischen Provinzen fühlbar zu machen.«

Am 11. November bemerkte die »New York Herald Tribüne«:

»Ministerpräsident Laval, der gleichzeitig Außenminister ist, setzt sich mit allem Nachdruck für eine Vereinbarung zwischen der französischen Dritten Republik und dem nazistischen Dritten Reich ein. Er soll bereit sein, den französisch-sowjetischen Pakt, der unterzeichnet, aber noch nicht vom französischen Parlament ratifiziert ist, gegen einen Vertrag mit Deutschland einzutauschen, durch den das Hitler-Regime die französische Ostgrenze garantieren und dafür vollständige Handlungsfreiheit im Memelgebiet und in der Ukraine erhalten würde.«

Angesichts der wachsenden Kriegsgefahr betonte die Sowjetregierung wiederholt die Notwendigkeit einer gemeinsamen Aktion aller durch den faschistischen Angriffswillen bedrohten Länder. Im Völkerbund und in den Hauptstädten Europas, bemühte sich der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Maxim Litwinow, unermüdlich um die Förderung der kollektiven Sicherheit und den Zusammenschluß der nicht aggressiven Nationen. Am 2. Mai 1935 wurde ein Abkommen für gegenseitige Hilfe zwischen der Sowjetregierung und Frankreich unterzeichnet, am 16. Mai kam ein ähnlicher Vertrag mit der Tschechoslowakei zustande.

»Wir alle müssen erkennen, daß die Kriegsgefahr schon morgen akut werden kann«, erklärte Litwinow vor dem Völkerbund. »Die Organisierung des Friedens, für die bis jetzt so wenig geschehen ist, muß der außerordentlich aktiven Organisierung des Krieges entgegentreten.«

Im Oktober 1935 fiel Mussolini in Abessinien ein. Pierre Laval und Sir Samuel Hoare gaben dem Vorrücken der faschistischen Armeen ihren diplomatischen Segen.

Der zweite Weltkrieg, der im Jahr 1931 mit dem Überfall der Japaner auf die Mandschurei begonnen hatte, griff auf den Westen über.

Auf sowjetischem Boden war bereits eine großangelegte faschistische Offensive gegen das Kriegspotential der Roten Armee im Gange. Der Block der Rechten und Trotzkisten hatte gemeinsam mit deutschen und japanischen Agenten eine sorgfältig geplante, systematische Kampagne gegen die Industrie, das Transportwesen und die Landwirtschaft der Sowjetunion in die Wege geleitet. All diese Umtriebe zielten darauf ab, das Verteidigungssystem der Sowjetunion für den kommenden Krieg zu schwächen. Unter der sachverständigen Leitung des trotzkistischen Stellvertretenden Volkskommissars für Schwerindustrie, Pjatakow, wurde eine rücksichtslose Sabotagetätigkeit betrieben.

»Die terroristische Methode«, sagte Pjatakow in einer Geheimversammlung der Rechten und Trotzkisten, »ist drastisch, aber noch lange nicht ausreichend. Was wir brauchen, ist die Untergrabung des Ansehens der Stalinschen Führerschaft, die Gefährdung der von der Sowjetmacht errungenen Erfolge, die Desorganisierung des Wirtschaftslebens... Wir müssen unser Ziel mit der größten Energie verfolgen. Wir müssen mit äußerster Entschlossenheit handeln, mit Kraft und Beharrlichkeit. Wir dürfen vor nichts zurückschrecken. Alle Mittel sind nützlich und erlaubt - so lautet Trotzkis Direktive, die vom trotzkistischen Zentrum unterschrieben wird!«

Im Herbst 1935 erreichte die koordinierte Tätigkeit der an allen wichtigen Punkten eingesetzten Sabotagegruppen einen Höhepunkt. In den neuen schwerindustriellen Betrieben des Ural, in den Kohlenbergwerken des Donbas und Kusnezkbeckens, auf den Eisenbahnlinien, auf Bauplätzen und in Kraftwerken führten die trotzkistischen Saboteure unter Pjatakows Leitung gleichzeitig mächtige Schläge gegen die lebenswichtigsten Zweige der Sowjetindustrie. Auch auf den Kollektivgütern, in den Genossenschaften und den staatlichen Finanz- und Handelsinstitutionen wurde nach Anweisungen Bucharins und anderer Führer der Rechten destruktiv gearbeitet. Deutsche und japanische Agenten waren an der Organisierung dieser Sabotagekampagne maßgeblich beteiligt.

Hier folgen einige von den Tätern selbst stammende Berichte über Sabotageoperationen, die von deutschen und japanischen Agenten, Rechten und Trotzkisten ausgeführt wurden:

Iwan Knjasew, Trotzkist und japanischer Agent, leitender Beamter der Eisenbahnverwaltung im Ural:»Die Aufträge, die sich auf den Ausbau der Sabotage- und Zerstörungstätigkeit und die Herbeiführung von Zugentgleisungen bezogen, brachte ich restlos zur Ausführung, da sich die einschlägigen Instruktionen des japanischen militärischen Geheimdienstes mit den Anweisungen deckten, die ich einige Zeit vorher von der trotzkistischen Organisation erhalten hatte ... Das Eisenbahnunglück, das sieh am 27. Oktober in Schumicha ereignete, war unser Werk. Es handelte sich um einen Truppentransport. Der Zug raste mit einer Geschwindigkeit von 40 bis 50 Stundenkilometern über das achte Geleise, auf dem ein mit Eisenerz beladener Frachtzug stand. Neunundzwanzig Rotarmisten wurden getötet, neunundzwanzig verwundet... Es gelang uns, dreizehn bis fünfzehn Entgleisungen herbeizuführen ...

Der japanische Geheimdienst unterstrich immer wieder die dringende Notwendigkeit im Kriegsfalle bakteriologische Methoden anzuwenden und die Truppenzüge, Kantinen und Armeespitäler mit Krankheitsträgern zu verseuchen.«

Leonid Serebrjakow, Trotzkist, stellvertretender Leiter der Eisenbahnverwaltung:

»Wir hatten uns eine ganz konkrete, genau umrissene Aufgabe gestellt: es kam darauf an, den Frachtverkehr zu stören, eine möglichst große Anzahl von Waggons leer laufen zu lassen und auf diese Weise die tägliche Lademenge zu reduzieren, die sehr niedrig gehaltenen Normen für den Einsatz von Waggons und Lokomotiven nicht zu erhöhen, die Zugkraft und Leistungsfähigkeit der Lokomotiven nicht voll auszunützen und ähnliches mehr ... Auf Pjatakows Vorschlag besuchte mich (der Trotzkist und japanische Agent) Lifschitz in der Zentralverwaltung für motorisierten Straßentransport. Er war Direktor des südlichen Eisenbahnnetzes... Lifschits erzählte mir von einem seiner Beamten, Sorin, der geeignet wäre, die Sabotage bei den südlichen Eisenbahnen zu organisieren... Unsere Besprechung führte zu folgendem Ergebnis : wir durften uns nicht mit der Tätigkeit in der Zentrale und in den Provinzen, die eine völlige Verwirrung des Transportwesens herbeiführen sollte, begnügen. Wir mußten uns die Möglichkeit sichern, während der ersten Mobilmachungstage die wichtigsten Knotenpunkte zu blockieren. Wir wollten die Leistungsfähigkeit dieser wichtigen Stationen durch künstliche Überlastung reduzieren und so eine gründliche Zerrüttung des Transportsystems herbeiführen.«

Alexei Schestow, Trotzkist und Naziagent, Vorstandsmitglied der Kohlenverwaltung »Kusnezkugol«:

»Im Prokopjewsk-Bergwerk kam das Ort- und Pfeilersystem zur Anwendung, ohne daß für die Verpackung der Hohlräume gesorgt wurde. Dieses System erhöhte den Kohlenverlust, der .normalerweise 15 bis 20 Prozent beträgt, auf mehr als 50 Prozent. Als weitere Folge dieses Verfahrens hatten wir im Prokopjewsk-Bergwerk bis Ende 1935 sechzig Wetterbrände. .... Die Tieferführung der Schächte wurde, besonders in der Molotow-Grube, im falschen Zeitpunkt begonnen; in der hundert Meter tief gelegenen Sohle der Koksowaja-Grube wurde vom Jahre 1933 an absichtlich nicht gearbeitet, die Tieferführung der Maneicha-Grube wurde nicht rechtzeitig in Angriff genommnen ... Bei der Einrichtung der unterirdischen Kraftstation und der Montage von Maschinen kam es zu zahlreichen Sabotageakten...«

Stanislaw Rataitschak, Trotzkist und Naziagent, Leiter der Zentralverwaltung der Chemischen Industrie:

»In Ausführung der mir erteilten Instruktionen ... sorgte ich für drei Betriebsstörungen, eine Arbeitsunterbrechung in den Gorlowka-Werken und zwei weitere schwere Störungen, die eine in den Newski-Werken, die andere in den Vereinigten Chemischen Werken von Woskressensk.«

Jakow Drobnis, Trotzkist, stellvertretender Leiter der Kernerowo-Werke:

»Seit Ende Juli 1934 war mir die gesamte Sabotagetätigkeit im Kusnezkbecken übertragen ... Ich hatte das ganze Jahr 1933 in Zentralasien verbracht. Im Mai 1934 wurde ich auf Beschluß des trotzkistischen Zentrums nach Westsibirien geschickt. Das konnte ohne jede Schwierigkeit bewerkstelligt werden, da Pjatakow jederzeit in der Lage war, mich zu einer anderen Industrie zu versetzen ... Zu den in unserem Plan vorgesehenen Schädigungen gehörte die Vergeudung von Geldmitteln für die Durchführung verhältnismäßig unwichtiger Maßnahmen; ferner die Verzögerung von Bauarbeiten mit dem Effekt, daß wichtige Abteilungen nicht an den von der Regierung vorgesehenen Daten eröffnet werden konnten... In der Kraftstation des Bezirks wurden alle Vorkehrungen getroffen, um das Bergwerk auf ein gegebenes Zeichen unter Wasser setzen zu können, sobald dieser Schritt für unsere Sabotagezwecke notwendig erscheinen sollte. Außerdem wurde für Feuerungszwecke ungeeignete Kohle geliefert, was zu Explosionen führte. Das geschah mit voller Überlegung ... eine Anzahl von Arbeitern wurde schwer verletzt.«

Michail Tschernow, Mitglied der Rechten, Agent der deutschen Militärspionage, Volkskommissar für Landwirtschaft:

»Der deutsche Geheimdienst legte besonderen Wert auf die Gefährdung der Pferdezucht, um ... die Belieferung der Roten Armee mit Pferden zu beeinträchtigen. Es gehörte auch zu unserem Programm, in der Verteilung von Saatgut durch Mischung der verschiedenen Sorten Unordnung anzurichten. Auf diese Weise wurden die Ernteerträge herabgesetzt ... Auf dem Gebiete der Viehzucht war es unser Ziel, reinrassige Zuchttiere zu töten und die Anlage von Lebensmittelreserven durch, Erhöhung der Sterblichkeitsziffern zu verhindern. Wir bedienten uns zu diesem Zweck in erster Linie der Methode der künstlichen Infektion mit verschiedenen Arten von Bakterien ... Um die Viehbestände von Ostsibirien zu reduzieren, ersuchte ich den Chef des Veterinäramtes, Ginsburg, der Mitglied der Organisation der Rechten war, kein Milzbrandserum nach Ostsibirien zu liefern ... Als 1936 in dieser Gegend eine Milzbrandepidemie ausbrach, stellte sich heraus, daß kein Serum vorhanden war. Mehr als 25 000 Pferde gingen auf diese Weise zugrunde.«

Wassili Scharangowitsch, Mitglied der Rechten, polnischer Geheimagent, Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei von Bjelorußland:

»Mein besonderer Wirkungskreis war die Landwirtschaft. Im Jahre 1932 entwickelten wir auf diesem Gebiet eine umfangreiche Sabotagetätigkeit. Zunächst wurde der Fortschritt der Kollektivierung aufgehalten ... Ferner störten wir die planmäßige Einsammlung des Getreides .... Wir sorgten durch unsachgemäße Ausführung von Impfungen gegen Schweinepest für die Verbreitung dieser Seuche, die einen großen Teil des Schweinebestandes hinwegraffte ... Im Jahre 1936 erkrankte eine große Anzahl von Pferden an Anämie. Wir hatten diese Epidemie absichtlich hervorgerufen, weil Pferde bei der Verteidigung von Bjelorußland eine außerordentlich wichtige Rolle spielen. Wenn ich mich recht erinnere, fielen dieser Maßnahme 30 000 Pferde zum Opfer.«

2. Ein Brief Trotzkis

Ende 1935, als der künftige Krieg bereits dunkle Schatten über die Erde warf, traf in Moskau ein Spezialkurier Trotzkis ein, der Karl Radek einen Brief überbrachte. Diese seit langem sehnsüchtig erwartete Nachricht kam aus Norwegen. Radek öffnete den Umschlag, dem acht Bogen dünnen englischen Briefpapiers entfielen. Mit größter Spannung begann er zu lesen.

Der Bericht enthielt alle Einzelheiten des Geheimabkommens, das Trotzki in allernächster Zeit mit der deutschen und der japanischen Regierung abschließen sollte.

Nach einer Einleitung, die vom »Sieg des deutschen Faschismus« und dem unmittelbar bevorstehenden Ausbruch eines »internationalen Krieges« handelte, kam Trotzki zu dem eigentlichen Thema des Briefes:

»Unser Aufstieg zur Macht kann auf zweierlei Art erfolgen. Die eine Möglichkeit ist die Machtübernahme vor dem Krieg; nach der zweiten Variante würden wir die Regierung während des Krieges übernehmen ...

Es muß zugegeben werden, daß die Machtfrage für den Block erst nach der militärischen Niederlage der UdSSR praktische Bedeutung erlangen wird. Auf diesen Augenblick muß sich der Block mit aller Energie vorbereiten ...« Von nun an, schrieb Trotzki, müßte die »Sabotagetätigkeit der Trotzkisten in der Kriegsindustrie« unter direkter »Aufsicht der deutschen und japanischen Heeresleitung« vor sich gehen. Die Trotzkisten dürften ohne vorherige Zustimmung ihrer deutschen und japanischen Verbündeten keine einzige »praktische Maßnahmen zur Durchführung bringen.«

Um sich die volle Unterstützung Deutschlands und Japans zu sichern, ohne die an eine »Machtergreifung nicht zu denken« sei, müßte der Block der Rechten und Trotzkisten zu weitgehenden Zugeständnissen bereit sein. Und nun folgten nähere Angaben über die Art dieser Zugeständnisse:

»Deutschland braucht Rohstoffe, Nahrungsmittel und Absatzmöglichkeiten. Es wird eine Beteiligung an der Auswertung unserer Erze, Mangane und Goldbergwerke, unseres Petroleums und Phosphorits verlangen. Wir müssen Deutschland eine Zeitlang Lebensmittel und Fette unter dem Weltmarktpreis liefern. Wir werden das Petroleum von Sachalin an Japan abtreten und für den Fall eines amerikanisch-japanischen Krieges Öllieferungen garantieren müssen. Auch Japan fordert eine Beteiligung an der Ausbeutung unserer Goldfelder. Wir werden der Besitzergreifung der Donauländer und des Balkans durch Deutschland und der Besetzung Chinas durch die Japaner keinen Widerstand entgegensetzen ... Territoriale Zugeständnisse werden sich als unvermeidlich erweisen. Wir werden das Küstengebiet und das Amurgebiet an Japan, die Ukraine an Deutschland abtreten müssen.«

Dann gab Trotzki eine Charakterisierung des Regimes, das an die Stelle der Sowjetregierung treten würde: »Die Regierung des Blocks wird sich nur dann halten können, wenn die soziale Struktur der UdSSR den Lebensformen der kapitalistischen Staaten angenähert wird ... Die Beteiligung deutschen und japanischen Kapitals an der Ausbeutung der UdSSR wird starke kapitalistische Interessen auf sowjetischem Gebiet ins Leben rufen. Die dörflichen Bevölkerungsschichten, die der kapitalistischen Denkweise noch nicht entwachsen und mit der Kollektivierung der Landwirtschaft unzufrieden sind, werden Anschluß an diese Kreise suchen. Deutschland und Japan werden verlangen, daß wir in den ländlichen Distrikten eine gewisse Entspannung herbeiführen. Es wird unvermeidlich sein, Zugeständnisse zu machen und die Auflösung der Kollektivwirtschaften oder den Austritt aus diesen Gemeinschaften zu gestatten.« Das neue Rußland werde durchgreifende politische und wirtschaftliche Reformen und drastische Gebietsveränderungen erleben:

»Von Demokratie kann keine Rede sein. Die Arbeiterklasse hat nach achtzehn Revolutionsjahren weitgehende Gelüste. Ein Teil dieser Arbeiterklasse wird in Privatfabriken und Staatsbetriebe zurückgeschickt werden, die unter den schwierigsten Bedingungen den Konkurrenzkampf mit dem ausländischen Kapital aufnehmen müssen. Das bedeutet, daß der Lebensstandard der Arbeiterklasse eine merkliche Verschlechterung erfahren wird. Auf dem Lande wird es zu erneuten Auseinandersetzungen zwischen den armen und Mittelbauern und den Kulaken kommen. Um an der Macht zu bleiben, brauchen wir eine starke Regierung - gleichgültig, in welche Form sie sich kleidet.«

Radek las Trotzkis Brief mit gemischten Gefühlen. Er sagte später: »In der Nacht überdachte ich noch einmal all diese Direktiven ... Obwohl Trotzkis Vorschläge nur bereits bekannte Elemente enthielten, war es mir klar, daß er durch deren Übersteigerung su einem Punkt gelangt war, wo es keine Grenze mehr gab ... Wir hatten aufgehört, Herren unserer Entschlüsse zu sein.« Am nächsten Morgen setzte er Pjatakow vom Inhalt des Briefes in Kenntnis. »Es ist unbedingt notwendig, eine Aus-sprache mit Trotzki herbeizuführen«, sagte Pjatakow. Er selbst war im Begriff, in offizieller Eigenschaft eine Auslandsreise anzutreten, die ihn für einige Tage nach Berlin führen sollte. Er ersuchte Radek, Trotzki auf raschestem Wege von diesen Reiseplänen zu verständigen und ihm eine baldige Zusammenkunft in Berlin vorzuschlagen.

3. Flug nach Oslo

Pjatakow traf am 10. Dezember 1935 in Berlin ein. Radeks Botschaft hatte Trotzki rechtzeitig erreicht. Pjatakow wurde von einem Kurier, dem Trotzkisten Dmitri Bucharzew, empfangen. Bucharzew war der Berliner Korrespondent der »Iswestija«. Er teilte Pjatakow mit, daß er durch einen gewissen Stirner Nachricht von Trotzki erhalten werde. Stirner, fügte er erklärend hinzu, sei Trotzkis »Verbindungsmann« in Berlin.

Stirner erwartete Pjatakow und Bucharzew in einem abgelegenen Teil des Tiergartens. Er überreichte Pjatakow einen kleinen Zettel, auf den Trotzki folgende Worte geschrieben hatte: »J. L. (die Anfangsbuchstaben von Pjatakows Namen), der Überbringer ist absolut vertrauenswürdig.«

Stirners mündliche Mitteilungen waren ebenso knapp gehalten. Trotzki lege großen Wert darauf, Pjatakow zu sehen und habe ihn, Stirner, beauftragt, alles Nötige zu veranlassen. Er fragte, ob Pjatakow bereit sei, nach Oslo zu fliegen.

Pjatakow wußte natürlich, wie leicht er sich durch, eine solche Reise kompromittieren konnte. Aber er hatte es sich nun einmal vorgenommen, unter allen Umständen mit Trotzki zusammenzukommen. Er erklärte sich einverstanden, und Stirner forderte ihn auf, am nächsten Morgen auf dem Tempelhofer Flugfeld zu erscheinen.

Als Pjatakow die Paßfrage anschnitt, antwortete Stirner: »Lassen Sie das meine Sorge sein. Ich habe meine Verbindungen in Berlin.«

Am nächsten Morgen stellte sich Pjatakow zur vereinbarten Zeit im Tempelhofer Flughafen ein. Stirner erwartete ihn am Eingang. Er forderte Pjatakow auf, ihm zu folgen. Während sie den Weg über das Flugfeld zurücklegten, zeigte ihm Stimer den Paß, den er für ihn besorgt hatte: er war von der nationalsozialistischen deutschen Regierung ausgestellt. Das Flugzeug wartete abfahrtbereit.

Am Nachmittag landeten sie auf einem Flugfeld in der Nähe von Oslo. Eine halbstündige Autofahrt brachte sie in einen ländlichen Vorort der norwegischen Hauptstadt. Der Wagen hielt vor einem kleinen Haus, in dem Trotzki seinen alten Freund erwartete.

Die Jahre der Verbannung und Verbitterung hatten den Mann, in dem Pjatakow seinen Führer sah, stark verändert. Trotzki war über seine Jahre hinaus gealtert. Er hielt sich schlecht, Haar und Bart waren ergraut. Die Intensität seines Blickes grenzte an Besessenheit.

Einige sparsame Begrüßungsworte wurden gewechselt, dann ordnete Trotzki an, ihn mit Pjatakow allein zu lassen. Das Gespräch, das sich nun entwickelte, dauerte zwei Stunden.

Pjatakow begann mit einem Bericht über die Lage in Rußland. Trotzki unterbrach ihn unaufhörlich durch scharfe, sarkastische Bemerkungen.

Er warf Pjatakow und seinen übrigen russischen Anhängern vor, daß sie zuviel redeten und zuwenig handelten. Ärgerlich bemerkte er: »Ihr verwendet natürlich viel zu viel Zeit auf die Erörterung internationaler Probleme: ihr tätet besser daran, euch um eure Angelegenheiten zu kümmern, mit denen ihr so schlecht vorwärtskommt! Von internationalen Fragen verstehe ich mehr als ihr!«

Trotzki gab neuerlich seiner Überzeugung Ausdruck, daß der Zusammenbruch des Stalin-Staates unvermeidlich sei. Der Faschismus werde eine Weiterentwicklung der Sowjetmacht nicht zulassen.

Die russischen Trotzkisten seien vor die Wahl gestellt, in den »Trümmern des Stalin-Staates unterzugehen« oder sofort in einer großen Anstrengung alle Kräfte zum Sturz des Stalin-Regimes zu sammeln. In diesem Entscheidungskampf müsse die Führung und Hilfe der deutschen und japanischen Heeresleitung ohne Bedenken angenommen werden.

Eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Sowjetunion und den faschistischen Mächten sei unvermeidlich, fügte Trotzki hinzu. Und dieser Zusammenstoß werde nicht in ferner Zukunft erfolgen, sondern bald - sehr bald. Der Zeitpunkt des Kriegsbeginns ist bereits »festgelegt«, sagte Trotzki, »und zwar für das Jahr 1937«.

Pjatakow wußte sehr wohl, daß diese Behauptung nicht aus der Luft gegriffen war. Nun berichtete ihm Trotzki über seine langwierigen Verhandlungen mit Heß, dem Stellvertreter des nationalsozialistischen Parteiführers, als deren Ergebnis eine Vereinbarung, »eine absolut bindende Vereinbarung«, zwischen ihm und der Regierung des Dritten Reiches zustande gekommen war. Die Nazis hatten sich bereit erklärt, den Trotzkisten in Sowjetrußland zur Macht zu verhelfen.

»Diese freundliche Haltung«, sagte Trotzki, »ist selbstverständlich nicht als Beweis besonderer Sympathien für die Trotzkisten anzusehen. Sie entspricht ganz einfach den wahren Interessen der Faschisten und ist durch die von uns gemachten Versprechungen bedingt.«

Der Vertrag, den Trotzki mit den Nazis abgeschlossen hatte, enthielt fünf Klauseln. Als Entgelt für die Hilfe, die Deutschland den Trotzkisten in ihrem Kampf um die Macht in Rußland leisten sollte, verpflichtete sich Trotzki:

der deutschen Regierung gegenüber eine prinzipiell freundliche Haltung einzunehmen und in allen wichtigen internationalen Fragen mit Deutschland zusammenzuarbeiten;

territoriale Zugeständnisse zu machen (die Ukraine);

den deutschen Industriellen durch Konzessionen (oder auf irgendeine andere Weise) den Betrieb von Unternehmungen in der UdSSR zu ermöglichen, die als notwendige Ergänzung der deutschen Wirtschaft anzusehen wären (Eisenerz, Mangan, Petroleum, Gold, Holz usw.);

in der UdSSR günstige Arbeitsbedingungen für die deutschen Privatunternehmer zu schaffen;

im Kriegsfall in Betrieben der Kriegsindustrie und an der Front eine intensive Sabotagetätigkeit zu veranlassen, die in Übereinstimmung mit den vom deutschen Generalstab und Trotzki gemeinsam ausgearbeiteten Richtlinien ausgeführt werden sollte.

Pjatakow meinte, es würde schwierig sein, den durchschnittlichen Mitgliedern des Blocks der Rechten und Trotzkisten die Notwendigkeit eines so weitgehenden Abkommens mit den Nazis zu erklären.

»Es ist überflüssig, den einzelnen Anhängern des Blocks programmatische Fragen mit all ihren Weiterungen vorzutragen«, erwiderte Trotzki ungeduldig. »Es würde sie nur beunruhigen.« Die Organisation als Gesamtheit brauche von den Einzelheiten der mit den faschistischen Mächten erzielten Vereinbarung nichts zu erfahren. »Es ist weder möglich noch ratsam, dieses Abkommen zu verbreiten oder auch nur einer größeren Anzahl von Trotzkisten bekanntzugeben«, sagte Trotzki. »Im Augenblick darf nur eine ganz kleine Gruppe ausgewählter Leute darüber unterrichtet werden.«

Trotzki wurde nicht müde, die Bedeutung des Zeitfaktors zu unterstreichen.

»Die Dinge werden sich in verhältnismäßig kurzer Zeit entwickeln«, sagte er mit Nachdruck. »Wenn wir diese Gelegenheit versäumen, droht eine doppelte Gefahr: erstens, daß es zur vollständigen Liquidierung des Trotzkismus in unserem Lande kommt; zweitens, daß der Staat Stalins jahrzehntelang fortbesteht, und zwar auf Grund gewisser wirtschaftlicher Errungenschaften und mit Hilfe einer neuen, jungen Gefolgschaft, die in diesem Staate aufgewachsen ist und dazu erzogen wurde, diesen Staat als etwas Gegebenes, als Verwirklichung des sozialistischen Sowjetstaates hinzunehmen. Unsere Aufgabe besteht darin, diesen Staat zu bekämpfen.«

Nach zwei Stunden verließ Pjatakow das Häuschen in dem Vorort von Oslo und kehrte nach Berlin zurück - ebenso, wie er gekommen war: in einem Privatflugzeug, mit einem Nazipaß in der Tasche.

4. Die Stunde der Entscheidung

Der zweite Weltkrieg, dessen Übergreifen auf Sowjetrußland Trotzki für das Jahr 1937 vorausgesagt hatte, war nach Europa gelangt. Seit Mussolinis Invasion in Abessinien hatten die Ereignisse einen raschen Verlauf genommen. Im Mai 1936 besetzte Hitler das Rheinland. Der Monat Juli brachte den Aufstand der faschistischen Offiziere gegen die republikanische Regierung Spaniens. Unter dem Vorwand der »Bekämpfung des Bolschewismus« und der Unterdrückung einer drohenden »kommunistischen Revolution« transportierten die Deutschen und Italiener Truppen zur Verstärkung der aufrührerischen Offiziere nach Spanien. Der spanische Faschistenführer Generalissimo Francisco Franco zog gegen Madrid. »Vier Kolonnen marschieren auf Madrid!« prahlte der faschistische General Quiepo de Liano im Rausch. »Innerhalb der Stadt wartet eine fünfte Kolonne darauf, uns zu begrüßen!« Damals hörte die Welt zum erstenmal den bedeutungsschweren Ausdruck »Fünfte Kolonne«

Auf dem Nürnberger Parteitag vom 12. September 1936 verkündete Hitler Tausenden von Nationalsozialisten seine Absicht, in die Sowjetunion einzufallen:

»Wir sind jederzeit bereit!« schrie Hitler. »Ich kann keine ruinierten Staaten an meiner Türschwelle dulden! ... Wenn ich den Ural mit seinen unermeßlichen Schätzen an Rohstoffen, Sibirien mit seinen riesigen Wäldern, die Ukraine mit ihren endlosen Weizenfeldern zur Verfügung hätte, würde das von den Nationalsozialisten geführte Deutschland im Überfluß schwimmen!«

Am 25. November 1936 wurde der Antikomintern-Pakt in Berlin von Außenminister Ribbentrop und dem japanischen Botschafter in Deutschland unterzeichnet. Die beiden Staaten verpflichteten sich, ihre Kräfte im Kampf gegen den »Weltbolschewismus« zu vereinen.

Da die Sowjetregierung die wachsende Kriegsgefahr erkannte, eröffnete sie eine Überraschungsoffensive gegen den Feind im eigenen Lande. Durch eine Reihe unerwarteter Razzien, die im Frühjahr und Sommer 1936 in allen Teilen Rußlands vorgenommen wurden, konnten die Sowjetbehörden eine ganze Anzahl von Nazispionen, Organisatoren der Rechten und Trotzkisten, Terroristen und Saboteuren unschädlich machen. In Sibirien wurde ein Naziagent namens Emil Stickling verhaftet und überführt, die Sabotagetätigkeit im Kemerowo-Bergwerk gemeinsam mit Alexei Schestow und anderen Trotzkisten geleitet zu haben. In Leningrad wurde ein weiterer Naziagent, Valentin Olberg, festgenommen. Er stand mit Fritz David, Nathan Lurie, Konon Berman-Jurin und anderen Terroristen in Verbindung. So kam man allmählich sämtlichen Führern der ersten »Schicht« des Verschwörerapparates auf die Spur.

Eine in Geheimschrift abgefaßte Botschaft, die Iwan Smirnow aus dem Gefängnis zu schmuggeln versuchte, wurde von den sowjetischen Behörden aufgefangen. Die unmittelbare Folge war die Verhaftung der trotzkistischen Terroristen Ephraim Dreitzer und Sergei Mratschkowski.

Die russischen Verschwörer wurden von panischer Angst ergriffen. Jetzt konnte nur noch ein Angriff von außen Hilfe bringen.

Jagoda wurde in seinen Bemühungen, die amtlichen Untersuchungen zu unterbinden, immer skrupelloser.

Einer von Jagodas Leuten, der NKWD-Agent Borissow, wurde plötzlich zum Verhör vor die Untersuchungskommission im Smoiny-lnstitut geladen. Borissow hatte bei den Vorbereitungen zu Kirows Ermordung eine wichtige Rolle gespielt. Jagoda beging einen Verzweiflungsakt: Borissow hatte auf der Fahrt zum Smoiny-lnstitut einen tödlichen »Autounfall«.

Aber mit der Beseitigung eines einzigen Zeugen war es nicht getan. Die amtliche Untersuchung nahm ihren Fortgang. Täglich wurden neue Verhaftungen gemeldet. Stück für Stück setzten die Sowjetbehörden das komplizierte Räderwerk des auf Verrat und Mord aufgebauten Verschwörerapparates zusammen. Im August waren fast sämtliche führenden Mitglieder des terroristischen trotzkistisch-sinowjewistischen Zentrums in Haft. Die Sowjetregierung gab bekannt, daß die im Zusammenhang mit Kirows Ermordung eingeleiteten neuerlichen Untersuchungen sensationelles Beweismaterial zutage gefördert hatten. Kamenew und Sinowjew sollten zum zweitenmal vor Gericht erscheinen.

Der Prozeß begann am 19. August 1936 in der Oktober-Halle des Moskauer Gewerkschaftshauses vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR. Sinowjew und Kamenew wurden aus dem Gefängnis vorgeführt, wo sie für frühere Delikte büßten. Gleichzeitig mit ihnen hatten sich vierzehn ihrer ehemaligen Verbündeten wegen Landesverrates zu verantworten. Unter den. übrigen Angeklagten befanden sich die ehemaligen Kommandanten der trotzkistischen Leibgarde Iwan Smirnow, Sergei Mratschkowski und Ephraim Dreitzer; Sinowjews Sekretär Grigori Jewdokimow, sein Assistent Iwan Bakajew und die fünf trotzkistischen Spezialemissäre und Terroristen, Fritz David, Nathan Lurie, Moische Lurie, Konon Berman-Jurin und Valentin Olberg.

Der Prozeß - der erste der sogenannten »Moskauer Prozesse« - führte zur Aufdeckung und Erledigung des terroristischen Zentrums, der ersten Schicht des Verschwörerapparates. Gleichzeitig wurde erwiesen, daß das Komplott gegen die Sowjetregierung weit über die Grenzen dieses Prozesses hinausging und von viel bedeutenderen Kräften als den angeklagten Terroristen getragen wurde.

Durch die Prozeßverhandlungen erfuhr die Öffentlichkeit zum erstenmal von den engen Beziehungen Leo Trotzkis zu den Führern des nationalsozialistischen Deutsehlands. Der deutsche Trotzkist Valentin Olberg war von Trotzki selbst in die Sowjetunion entsandt worden; seine Vernehmung durch den sowjetischen Staatsanwalt A. J. Wyschinski brachte verschiedene überraschende Momente ans Licht: Wyschinski: »Was wissen Sie von Friedmann?« Olberg: »Friedmann gehörte der Berliner trotzkistischen Organisation an. Auch er wurde in die Sowjetunion geschickt.« Wyschinski: »Ist Ihnen bekannt, daß Friedmann mit der deutschen Geheimpolizei in Verbindung stand?« Olberg: »Ich hatte davon gehört.«

Wyschinski: »Handelte es sich um eine ständige Verbindung zwischen den deutschen Trotzkisten und der deutschen Polizei?«

Olberg: »Ja, es war eine ständige Verbindung, die von Trotzki gebilligt wurde.«

Wyschinski: »Woher wissen Sie, daß es mit Trotzkis Wissen und Einverständnis geschah?«

Olberg: »Eine dieser Verbindungslinien war ich selbst. Meine Verbindung wurde mit Genehmigung Trotzkis organisiert.« Wyschinski: »Ihre persönliche Verbindung mit wem?« Olberg: Mit der faschistischen Geheimpolizei.« Wyschinski: »Sie geben also Ihre Verbindung mit der Gestapo zu?«

Olberg: »Ich bestreite es nicht. 1933 begann die organisierte, systematische Zusammenarbeit der deutschen Trotzkisten mit der deutschen faschistischen Polizei.«

Olberg schilderte dem Gerichtshof, wie er in den Besitz des gefälschten südamerikanischen Passes gelangt war, der ihm die Einreise nach Sowjetrußland ermöglicht hatte. Er behauptete, ihn von »Tukalewski«, einem Prager Agenten der deutschen Geheimpolizei erhalten zu haben. Er fügte hinzu, daß sein Bruder Paul Olberg ihm bei der Besorgung dieses Passes behilflich gewesen war.

»Unterhielt Ihr Bruder irgendwelche Beziehungen zur Gestapo?« fragte Wyschinski. »Er war Tukalewskis Agent.« »Ein Agent der faschistischen Polizei?« Olberg bejahte.

Trotzkis Emissär Nathan Lurie sagte aus, daß er vor seiner Abreise aus Deutschland die Instruktion erhalten hatte, in der Sowjetunion mit dem deutschen Ingenieur und Architekten Franz Weitz zusammenzuarbeiten. »Wer ist Franz Weitz?« fragte Wyschinski. »Franz Weitz war Mitglied der Nationalsozialistischen Partei«, sagte Lurie. »Seine Abreise nach Rußland wurde durch Himmler, den damaligen Führer der SS und späteren Chef der Gestapo veranlaßt.« »War Franz Weitz Himmlers Agent?«

»Franz Weitz ging nach der UdSSR, um in Himmlers Auftrag Sabotageakte durchzuführen.«

Aber erst als Kamenew zur Aussage kam, erkannten die Führer des Blocks der Rechten und Trotzkisten die ganze Gefährlichkeit ihrer Lage. Kamenew verriet, daß der Verschwörerapparat noch zwei weitere »Schichten« hatte.

»Da wir wußten, daß es eines Tages zu einer Entdeckung kommen könnte, beauftragten wir für einen solchen Fall eine kleine Gruppe mit der Fortführung unserer terroristischen Tätigkeit.

Unsere Wahl fiel auf Sokolnikow. Auf trotzkistischer Seite schienen uns Serebrjakow und Radek für die erfolgreiche Durchführung dieser Aufgabe besonders geeignet... 1932, 1933 und 1934 hielt ich selbst die Verbindung mit Bucharin und Tomski aufrecht. Ich versuchte, mir über ihre politische Einstellung Klarheit zu verschaffen. Sie sympathisierten mit uns. Als ich Tomski über Rykows Gesinnung befragte, antwortete er: 'Rykow denkt ebenso wie Sie.' Ich erkundigte mich nach Bucharin. Er sagte: 'Bucharin denkt ebenso wie ich, aber er verfolgt eine andere Taktik; er stimmt mit der Parteilinie nicht überein, aber er bemüht sich beharrlich, seine Stellung in der Partei zu festigen und das persönliche Vertrauen der Parteiführer zu gewinnen.'«

Ein Teil der Angeklagten bat um Gnade. Andere hatten sich offenbar mit ihrem Schicksal abgefunden. »Früher einmal gab es zwischen uns unterschiede der Entwicklung, der politischen Bedeutung«, sagte Ephraim Dreitzer, einer der ehemaligen Kommandanten der Trotzki-Garde. »Aber hier, vor Gericht, sind wir als Mörder alle gleich. Ich zumindest gehöre zu denen, die kein Recht haben, Milde zu erwarten oder zu fordern.«

Fritz David schloß seine Aussage mit dem Ausruf: »Ich verfluche Trotzki! Ich verfluche den Mann, der mein Leben ruiniert und mich zu widerlichen Verbrechen verführt hat!«

Am Abend des 23. August verkündete das Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR das Urteil. Sinowjew, Kamenew, Smirnow und die dreizehn anderen Mitglieder des terroristischen trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks wurden wegen terroristischer und verräterischer Umtriebe zum Tode durch Erschießen verurteilt.

Eine Woche später wurden Pjatakow, Radek, Sokolnikow und Serebrjakow verhaftet. Am 27. September mußte Jagoda seinen Posten als Vorsitzender der NKWD niederlegen.

Es ging um Leben und Tod. Die Führer der Rechten, Bucharin, Rykow und Tomski, rechneten täglich mit ihrer Verhaftung. Sie verlangten eine sofortige Aktion, da es zu spät geworden war, den Ausbruch eines Krieges abzuwarten. Der Gewerkschaftsleiter Tomski schlug in seiner Angst einen unverzüglichen bewaffneten Angriff auf den Kreml vor, der als zu gewagt abgelehnt wurde. Die Kräfte der Opposition schienen für ein solches offenes Vorgehen noch nicht stark genug.

In einer letzten Zusammenkunft der Hauptführer des Blocks der Rechten und Trotzkisten, die kurz vor Pjatakowa und Radeks Verhaftung stattfand, wurde beschlossen, einen bewaffneten Staatsstreich vorzubereiten. Die Organisierung dieses Putsches und die Leitung des gesamten Verschwörerapparates wurde Nikolai Krestinski, dem Stellvertretenden Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, anvertraut. Krestinski hatte sich nicht im gleichen Maße wie die anderen exponiert, er war unverdächtig; außerdem unterhielt er enge Beziehungen zu Trotzki und den Deutschen. So war er in der Lage, sogar nach der Verhaftung Bucharins, Rykows und Tomskis weiterzuarbeiten.

Krestinski ernannte Arkadi Rosengolz zu seinem Bevollmächtigten und Stellvertreter. Rosengols war kurz zuvor aus Berlin zurückgekehrt, wo er viele Jahre hindurch die sowjetische Handelsvertretung geleitet hatte. Auch sonst war er bereits in einflußreichen Stellen der Sowjetverwaltung tätig gewesen. Er hatte es verstanden, seine Zugehörigkeit zur trotzkislischen Bewegung streng geheimzuhalten. Nur Trotzki und Krestinski kannten die Rolle, die er seit 1923 als Trotzkist und bezahlter Agent der deutschen Militärspionage spielte.

Von dieser Zeit an lag die Leitung des Blocks der Rechten und Trotzkisten in den Händen zweier Trotskisten, die gleichzeitig deutsche Agenten waren: Krestinski und Rosengolz. Nach langwierigen Besprechungen gelangten sie zu dem Ergebnis, daß für die Fünfte Kolonne in Rußland der Augenblick gekommen sei, die letzte Karte auszuspielen.

Die letzte Karte war der Militärputsch. Als Führer des bewaffneten Aufstandes wurde der Stellvertretende Volkskommissar für Landesverteidigung, Marschall Tuchatschewski, ausersehen.

XX. DAS ENDE

l. Tuchatschewski

Rußland wurde wieder einmal von dem Gespenst des großen Korsen heimgesucht. Der neue Anwärter auf napoleonischen Ruhm war Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski. Aus dein ehemaligen zaristischen Offizier und Sohn eines adligen Gutsbesitzers war einer der Kommandeure der Roten Armee geworden.

Als der junge Tuchatschewski nach Ablegung seiner Prüfungen die Alexandrowsk-Militärakademie verließ, tat er den prophetischen Ausspruch: »Wenn ich nicht mit dreißig Jahren General bin, .begehe ich Selbstmord!« Den ersten Weltkrieg machte er als Offizier der zaristischen Armee mit. 1915 wurde er von den Deutschen gefangengenommen. Leutnant Fervaque, ein französischer Offizier, der Tuchatschewski im Gefangenenlager kennenlernte, schilderte den russischen Offizier als skrupellos und ehrgeizig. Er war ein begeisterter Anhänger Nietzsches. Als von der russischen Revolution die Rede war, sagte Tuchatschewski: »Viele wünschen sie herbei. Gott allein weiß, wohin eine Revolution in unserem Lande führen würde. Ich glaube, eine konstitutionelle Regierung wäre das Ende Rußlands. Wir brauchen einen Despoten!«

Am Vorabend der Oktoberrevolution entfloh Tuchatschewski aus der deutschen Gefangenschaft. Er kehrte nach Rußland zurück und schloß sich dort den zaristischen Offizieren an, die eine Weiße Armee gegen die Bolschewiki aufzustellen versuchten. Dann ging er plötzlich zur feindlichen Partei über. Einem seiner Freunde, dem Hauptmann Dmitri Golum-Bek, vertraute er seinen Entschluß an, sich von der Sache der »Weißen« loszusagen. »Ich fragte ihn, was er zu tun gedenke«, erzählte Golum-Bek später. Er antwortete: »Ehrlich gesagt, ich gehe zu. den Bolschewiki. Die Weiße Armee kann nichts ausrichten. Wir haben keinen Führer.« Einige Minuten ging er schweigend auf und ab, dann rief er aus: »Du brauchst mir nicht zu folgen, wenn du nicht willst, aber .ich glaube, richtig zu handeln. In Rußland wird vieles anders werden!« 1918 trat Tuchatschewski in die Kommunistische Partei ein.

Er fand bald seinen Platz unter den Abenteurern, die sich um den Kriegskommissar Trotzki scharten; aber er ließ sich niemals allzu tief in Trotzkis politische Intrigen hineinziehen. Da die junge Rote Armee Mangel an erfahrenen Fachleuten hatte, konnte er als erprobter, sachkundiger Offizier rasch Karriere machen. Er befehligte die Erste und Fünfte Armee an der Wrangel-Front, nahm an der erfolgreichen Offensive gegen Denikin teil und leitete gemeinsam mit Trotzki den unglücklichen Verteidigungskampf gegen die einfallenden Polen. 1922 wurde er Vorstand der Militärakademie der Roten Armee. Nachdem es im selben Jahr zum Abschluß des Vertrages von Rapallo gekommen war, nahm er mit einigen anderen maßgebenden Offizieren an den militärischen Verhandlungen mit der Weimarer Regierung teil.

In den folgenden Jahren stand Tuchatschewski an der Spitze einer kleinen Gruppe von Militärs und ehemaligen zaristischen Offizieren des Generalstabs der Roten Armee, die an der Führerschaft ehemaliger Partisanenkämpfer wie Marschall Budjonny und Marschall Woroschilow Anstoß nahmen. Zu Tuchatschewskis Gruppe gehörten die Generale Jakir, Kork, Uborewitsch und Feldman, die dem deutschen Militarismus eine geradezu sklavische Bewunderung entgegenbrachten. Der trotzkistische Offizier V. I. Putna, Militärattache in Berlin, London und Tokio, und General Jan B. Gamamik, ein persönlicher Freund der Reichswehrgenerale Seeckt und Hammerstem, waren Tuchatschewskis engste Verbündete.

Unter dem Einfluß Tuchatschewskis, Putnas und Gamarniks bildete sich innerhalb des Roten Generalstabes bald eine kleine, aber einflußreiche deutschfreundliche Clique heraus. Tuchatschewski und seine Freunde wußten von Trotzkis Vereinbarung mit der Reichswehr, die sie als »politisches« Abkommen betrachteten, das durch eine Militärallianz zwischen Tuchatschewskis Gruppe und der deutschen Heeresleitung ergänzt werden sollte. Hitlers Aufstieg zur Macht beeinträchtigte das geheime Einverständnis Tuchatschewskis mit dem deutschen Oberkommando in keiner Weise. Hitler war ein »Politiker«, ebenso wie Trotzki. Die Militärs hatten eine besondere Art, die Dinge anzusehen...

Seit dem Entstehen des Blocks der Rechten und Trotzkisten hatte Trotzki in Tuchatschewski stets den Trumpf der ganzen Verschwörung gesehen, der erst im letzten, entscheidenden Augenblick ausgespielt werden sollte. Trotzki erhielt die Verbindung mit Tuchatschewski in erster Linie durch Krestinski und den trotzkistischen Militärattache Putna aufrecht. Bucharin betreute später Tomski mit der Aufgabe, für einen ständigen Kontakt mit der Militärgruppe zu sorgen. Sowohl Trotzki als auch Bucharin wußten ganz genau, daß Tuchatschewski »Politiker« und »Ideologen« gründlich verachtete, und sie fürchteten seine militärischen Ambitionen. In einem Gespräch mit Tomski erwog Bucharin einmal die Möglichkeit, die Militärgruppe zum aktiven Eingreifen aufzufordern. Bucharin sagte: »Es würde ein Militärputsch sein. Und die Militärgruppe müßte logischerweise zu außerordentlich großem Einfluß gelangen ... Ich sehe hier eine bonapartistische Gefahr. Und die Bonapartisten - ich denke da in erster Linie an Tuchatschewski - werden vor allem einmal mit ihren Verbündeten und sogenannten Inspiratoren in napoleonischem Stil kurzen Prozeß machen. Tuchatschewski hat das Zeug zu einem kleinen Napoleon in sich - und wir wissen ja, wie Napoleon mit den sogenannten Ideologen verfuhr.«

Bucharin fragte Tomski:

»Wie soll der Putsch nach Tuchatschewskis Vorstellung verlaufen?«

»Das ist Sache der militärischen Organisation«, antwortete Tomski. Er fügte hinzu, daß die Militärgruppe die Absicht habe, im Augenblick eines nazistischen Angriffes auf Rußland »die Front zu öffnen« - mit anderen Worten, sich dem deutschen Oberkommando zu ergeben. Dieser Plan war bereits bis in alle Einzelheiten ausgearbeitet und sowohl von Tuchatschewski, Putna und Gamarnik als auch von den Deutschen gebilligt worden.

»In diesem Fall«, meinte Bucharin nachdenklich, »wird es uns vielleicht möglich sein, die bonapartistische Gefahr, die mich beunruhigt, loszuwerden.«

Tomski verstand nicht, was er meinte. Bucharm erklärte ihm, daß Tuchatschewski eine Militärdiktatur anstreben würde; möglicherweise würde er sogar versuchen, die politischen Führer der Verschwörung als Sündenböcke zu benutzen und sich auf diese Weise populär zu machen. Aber die Politiker könnten sich leicht revanchieren, wenn sie erst einmal an die Macht gelangt seien. »Es wird sich vielleicht als notwendig erweisen, die für die 'Niederlage' an der Front Verantwortlichen vor Gericht zu stellen. Das gibt uns die Möglichkeit, die Massen mit patriotischen Schlagworten für uns zu gewinnen.«

Zu Beginn des Jahres 1936 reiste Tuchatschewski nach London, um als militärischer Vertreter der Sowjetunion an dem Staatsbegräbnis König Georgs V. von England teilzunehmen. Vor seiner Abreise wurde ihm der längst ersehnte Titel »Marschall der Sowjetunion« verliehen. Er war damals bereits überzeugt, daß der Untergang der Sowjetregierung nahe bevorstehe, daß ein neues Rußland im Verein mit Deutschland und Japan den Kampf um die Weltherrschaft antreten werde.

Auf der Reise nach London nahm Tuchatschewski kurzen Aufenthalt in Warschau und Berlin, um mit polnischen »Obersten« und deutschen Generalen zu konferieren. Er war so zuversichtlich, daß er aus seiner Bewunderung für das deutsche Militär gar kein Hehl machte.

Bei einem offiziellen Diner, das die Pariser sowjetische Botschaft nach seiner Rückkehr aus London veranstaltete, setzte Tuchatschewski die europäischen Diplomaten durch offene Angriffe auf die Sowjetregierung in Erstaunen; er kritisierte die Versuche der Sowjetunion, die westlichen Demokratien für eine Politik der kollektiven Sicherheit zu gewinnen. Tuchatschewski, der mit Außenminister Nicola Titulescu an einem Tisch saß erklärte dem rumänischen Diplomaten:

»Monsieur le Ministre, es ist unrecht, daß Sie Ihre Laufbahn und das Schicksal Ihrer Nation an Länder ketten, die alt und 'erledigt' sind wie Großbritannien und Frankreich. Wir sollten unsere Blicke auf das neue Deutschland richten. Für eine gewisse Zeit zumindest wird Deutschland die Führung des europäischen Kontinents übernehmen. Ich bin überzeugt, daß Hitler zu unser aller Rettung beitragen wird.« Diese Bemerkungen Tuchatschewskis wurden von dem ebenfalls geladenen rumänischen Diplomaten und Chef des Pressedienstes der Pariser rumänischen Botschaft, E. Schachanan Esseze, aufgezeichnet. Die berühmte politische Schriftstellerin Genevieve Tabouis berichtete später in ihrem Buch »Man nennt mich Kassandra«:

»Ich sah Tuchatschewski zum letztenmal am Tage nach dem Begräbnis König Georgs V. Bei einem Diner der sowjetischen Botschaft zeigte sich der russische General in Gesprächen mit Politis, Titulescu, Herriot und Boncour sehr aufgeschlossen ... Er war gerade von einer Deutschlandreise zurückgekehrt und wurde nicht müde, die Nazis zu preisen. Er saß zu meiner Rechten, und als er auf einen Luftpakt zwischen Hitler und den Großmächten zu sprechen kam, sagte er immer wieder: Die Deutschen sind schon jetzt unbesiegbar, Madame Tabouis!«

Was veranlaßte ihn zu so zuversichtlichen Äußerungen? Hatten ihm die deutschen Diplomaten, die zu diesem Mann aus der alten russischen Schule leichten Zugang fanden, durch eine besonders herzliehe Aufnahme den Kopf verdreht? Ich war an diesem Abend jedenfalls nicht die einzige, die sich durch seine begeisterten Reden beunruhigt fühlte. Einer der Gäste - ein bedeutender Diplomat - flüsterte mir, als wir die Botschaft verließen, ins Ohr: 'Nun, ich kann nur hoffen, daß nicht alle Russen so denken'.«

Im August 1936 wurde das Verfahren gegen den terroristischen trotzkistisch-sinoewjewistischen Block eröffnet. Tuchatschewski erkannte die Gefahr, die ihm durch die sensationellen Enthüllungen dieses Prozesses und die spätere Verhaftung Pjatakows und Radeks drohte. Er setzte sich mit Krestinski in Verbindung und teilte ihm mit, daß der Plan der Verschwörung grundlegend geändert werden müßte. Die Militärgruppe hätte eigentlich erst nach einem Angriff des Auslands auf die Sowjetunion in Funktion treten sollen. Aber dieses Eingreifen von außen wurde immer wieder durch unerwartete internationale Ereignisse - den französisch-sowjetischen Pakt, die überraschende Verteidigung von Madrid - verzögert. Die Verschwörer innerhalb Rußlands, sagte Tuchatschewski, müßten die Entwicklung durch einen Militärputsch vor dem ursprünglich angesetzten Termin beschleunigen. Die Deutschen würden ihren russischen Verbündeten sofort zu Hilfe kommen.

Krestinski versprach, Trotzki sofort zu schreiben und ihm die Notwendigkeit eines raschen Entschlusses auseinanderzusetzen. In dem Brief, den er im Oktober an Trotzki absandte, hieß es: »Wir glauben, daß trotz der Verhaftung einer großen Anzahl von Trotzkisten die Hauptkräfte des Blocks bis jetzt nicht in Mitleidenschaft gezogen sind. Noch ist es möglich zu handeln; aber in diesem Fall wäre es für das Zentrum von größter Wichtigkeit, daß die Aktion des Auslands beschleunigt wird.«, unter »Aktion des Auslands« verstand Krestinski den Angriff der Nazis auf Sowjetrußland...

Kurz nach Absendung dieser Botschaft hatte Tuchatschewski auf dem Außerordentlichen VIII. Sowjetkongreß vom November 1936 eine erregte Aussprache mit Krestinski. Die Verhaftungen nahmen ihren Fortgang, und es lag kein Grund zu der Annähme vor, daß sie auf die unterste Schicht des Verschwörerapparates beschränkt bleiben würden. Der militärische Verbindungsmann der Trotzkisten, Putna, war bereits verhaftet. Es war klar, daß Stalin ein weitverzweigtes Komplott vermutete und drastische Maßnahmen im Sinn hatte. Das vorhandene Beweismaterial reichte aus, um Pjatakow und die anderen zu überführen. Die Verhaftung Putnas, die Entfernung Jagodas aus der Leitung der NKWD waren Anzeichen dafür, daß die Sowjetbehörden den Hintergründen der Verschwörung näherkamen. Niemand konnte voraussagen, wohin die Spur führen würde. Das ganze Unternehmen hing in der Luft.

Tuchatschewski war für sofortiges Handeln. Der Block müsse unverzüglich zu einer Entscheidung gelangen und alle Kräfte für die Unterstützung des Militärputsches bereit halten.

Krestinski sprach mit Rosengolz. Die beiden deutschen Agenten schlössen sich Tuchatschewskis Meinung an. Sie sandten Trotzki ein weiteres Schreiben, in dem sie ihn von Tuchatschewskis Absicht verständigten, noch vor Ausbruch eines Krieges loszuschlagen. Gleichzeitig schnitt Krestinski einige wichtige Fragen der politischen Taktik an. Er schrieb: »Es wird notwendig sein, die wahren Ziele des Putsches zu verschweigen. Wir werden der Bevölkerung, der Armee und dem Ausland eine Erklärung geben müssen ... vor allem wird es angezeigt sein, in unseren Bekanntmachungen an die Bevölkerung nicht zu erwähnen, daß wir mit unserem Putsch die Beseitigung der bestehenden sozialistischen Ordnung beabsichtigen ... wir (sollten) uns als sowjetische Rebellen gebärden, die eine schlechte Sowjetregierung stürzen und eine gute Sowjetregierung an ihre Stelle setzen wollen ... Jedenfalls sollten wir uns über diese Frage nicht allzu deutlich äußern.« Die Antwort erreichte Krestinski gegen Ende Dezember. Trotzki stimmte in allen Punkten mit Krestinski überein. Er war nach der Verhaftung Pjatakows natürlich selbständig zu dem Schluß gelangt, daß die Militärgruppe sofort zum Handeln aufgerufen werden sollte. Während Krestinskis Brief noch unterwegs war, hatte er bereits an Rosengolz geschrieben und eine unverzügliche militärische Aktion empfohlen...

»Nach Erhalt dieser Antwort«, erklärte Krestinski später, »begannen wir sofort, praktische Vorbereitungen für den Putsch zu treffen. Tuchatschewski erhielt freie Hand, wir gaben ihm carte blanche für die selbständige Erledigung seiner Aufgaben.«

2. Der Prozeß gegen das trotzkistische Parallele Zentrum

Aber auch die Sowjetregierung ging zu durchgreifenden Maßnahmen über. Die Enthüllungen des Sinowjew-Kamenew-Prozesses hatten mit aller Deutlichkeit erwiesen, daß die Verschwörung weit über die Grenzen der geheimen Linksopposition hinausging. Die eigentlichen Kraftzentren des Komplottes lagen gar nicht in Rußland, sondern in Berlin und Tokio. Im Verlaufe der Untersuchung gewann die Sowjetregierung immer größere Klarheit über den wahren Charakter der Fünften Kolonne der Achsenmächte.

Am 23. Januar 1937 wurde vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR in Moskau gegen Pjatakow, Radek, Sokolnikow, Schestow, Muralow und zwölf ihrer Mitverschworenen, darunter wichtige Agenten des deutschen und japanischen Geheimdienstes, das Verfahren wegen Landesverrates eröffnet.

Monatelang hatten die führenden Mitglieder des trotzkistischen Zentrums jede Schuld abgeleugnet. Aber das Beweismaterial war zu vollständig und erdrückend. Sie mußten einer nach dem anderen zugeben, Terror- und Sabotageaktionen geleitet und auf Trotzkis Weisung Beziehungen mit der deutschen und japanischen Regierung unterhalten zu haben. Aber sowohl während der Voruntersuchung als auch im Prozeß gaben sie noch immer nicht alle Zusammenhänge preis. Sie verschwiegen die Existenz der Militärgruppe; sie erwähnten weder Krestinski noch Rosengolz; sie äußerten kein Wort über den Block der Rechten und Trotzkisten, die letzte und mächtigste »Schicht« des Verschwörerapparates, die sich, noch während sie im Kreuzverhör standen, fieberhaft auf die Machtergreifung vorbereitete.

In der Haft deckte der ehemalige Stellvertretende Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Sokolnikow, die politischen Aspekte der Verschwörung auf: das Abkommen mit Heß, die Zerstückelung der Sowjetunion, den Plan, nach dem Sturz der Sowjetregierung eine faschistische Diktatur zu errichten. Vor Gericht sagte Sokolnikow aus: »Wir waren der Ansicht, daß der Faschismus als die höchstorganisierte Form des Kapitalismus zum Sieg gelangen, Europa erobern und uns vernichten würde. Es schien daher richtiger, mit dem Faschismus gemeinsame Sache zu machen...« Zur Erklärung wurden folgende Argumente vorgebracht: »Es ist besser, gewisse Opfer, sogar sehr schwere Opfer zu bringen, als alles zu verlieren ... Wir dachten als Politiker... wir glaubten, ein gewisses Risiko auf uns nehmen zu müssen.« Pjatakow gab zu, daß er der Führer des trotzkistischen Zentrums gewesen war. Das ehemalige Mitglied des Obersten Volkswirtschaftsrates sprach ruhig und überlegt, in sorgfältig gewählten Worten. Pjatakow bekannte sich zu der Terror- und Sabotagetätigkeit, die er nachgewiesenermaßen bis zum Augenblick seiner Verhaftung geleitet hatte. Sein langes, mageres, blasses Gesicht blieb während seiner Aussage völlig ausdruckslos. Nach den Worten des amerikanischen Botschafters Joseph E. Davia machte er den Eindruck eines »Professors, der einen Vortrag hält«.

Wyschinski versuchte, aus Pjatakow herauszuholen, wie die deutschen und japanischen Agenten sich den Trotzkisten zu erkennen gaben.

Pjatakow wich den Fragen aus:

Wyschinski: »Was veranlaßte den deutschen Agenten Rataitschak, sich Ihnen zu offenbaren?«

Pjatakow: »Zwei Leute hatten mit mir gesprochen...«

Wyschinski: »Gab er sich Ihnen zu erkennen oder machten Sie den Anfang ?«

Pjatakow: »Es gibt wechselseitige Eröffnungen.«

Wyschinski: »Gaben Sie sich zuerst zu erkennen?«

Pjatakow: »Wer der erste war, er oder ich - die Henne oder das Ei -, ich weiß es nicht.«

John Günther schrieb später in seinem Buch »Inside Europe«: »In weiten Kreisen des Auslandes herrschte die nicht ganz zutreffende Vorstellung, daß sämtliche Angeklagten die gleiche Geschichte erzählten, daß sie sich verächtlich und kriecherisch benahmen und den Eindruck von Schafen auf der Schlachtbank machten. Sie vertraten dem Staatsanwalt gegenüber mit Hartnäckigkeit ihren Standpunkt und gaben gewöhnlich nur das zu, was sie zugeben mußten...«

Als die verschiedenen Angeklagten Pjatakow im Verlaufe des Prozesses durch ihre Aussagen schonungslos zum kaltblütigen, berechnenden politischen Mörder und Verräter stempelten, verlor er allmählich seine Ruhe und Ausgeglichenheit. Seine Stimme bekam einen unsicheren, deprimierten Klang. Die Behörden verfügten über Beweismaterial, dessen Bekanntgabe ihm einen sichtlichen Schock versetzte. Pjatakow änderte seine Haltung. Er behauptete, daß ihm schon vor seiner Verhaftung Zweifel an Trotzkis Führerschaft aufgestiegen seien. Er habe das Abkommen mit Heß nie gebilligt. »Wir waren in eine Sackgasse geraten« erklärte Pjatakow dem Gerichtshof. »Ich suchte einen Ausweg...« In seiner letzten Verteidigungsrede sagte er: »Ja, ich war viele Jahre hindurch Trotzkist! Ich arbeitete Hand in Hand mit den Trotzkisten... Glauben Sie nicht, Bürger Richter, ... daß ich während dieser Jahre, die ich in der stickigen trotzkistischen Illegalität verbrachte, nicht sah, was im Lande vorging! Glauben Sie nicht, daß ich nicht verstand, was in der Industrie geleistet wurde. Ich sage Ihnen offen: manchmal, wenn ich aus der trotzkistischen Illegalität auftauchte und mich an meine praktische Arbeit machte, empfand ich eine gewisse Erleichterung, und menschlich gesehen war diese Zwiespältigkeit natürlich nicht einfach eine Sache des äußeren Verhaltens; es war auch ein innerer Zwiespalt... In wenigen Stunden werden Sie Ihr Urteil fällen... Versagen Sie mir eines nicht, Bürger Richter. Versagen Sie mir nicht das Recht zu fühlen, daß ich auch in Ihren Augen - wenn auch zu spät - aus mir selbst die Kraft geschöpft habe, mich von meiner verbrecherischen Vergangenheit loszusagen!« Aber bis zum letzten Augenblick verriet Pjatakow mit keinem Wort die Existenz der letzten Verschwörer-»Schicht«.

Nikolai Muralow, der einst Kommandant der Moskauer Garnison und ein führendes Mitglied der alten Trotzki-Garde gewesen war, hatte seit 1932 gemeinsam mit Schestow und deutschen »Technikern« die trotzkistischen Zellen im Ural geleitet. Er bat den Gerichtshof, sein »offenes Geständnis« als mildernden Umstand zu werten. Der hochgewachsene, bärtige, grauhaarige Mann stand während seiner Aussage stramm. Er sagte, daß er sich nach längerem innerem Kampf entschlossen habe, »die Karten aufzudecken«. Walter Duranty und andere Zeugen bestätigten, daß die Worte, die er auf der Anklagebank sprach, einen durchaus ehrlichen Klang hatten: »Ich verzichtete auf einen Verteidiger, und ich verzichtete darauf, selbst etwas zu meiner Verteidigung vorzubringen, weil ich gewohnt bin, mich mit guten Waffen zu verteidigen und mit guten Waffen anzugreifen. Ich habe keine guten Waffen zu meiner Verteidigung... Es wäre meiner unwürdig, irgend jemandem vorzuwerfen, er habe mich in die trotzkistische Organisation hineingezogen ... Ich mache niemanden dafür verantwortlich. Ich bin selbst verantwortlich zu machen. Das ist mein Unglück,.. Über zehn Jahre war ich Trotzki ein treuer Soldat.«

Karl Radek, der durch seine dicken Brillengläser in den überfüllten Zuschauerraum blickte, war während des von Staatsanwalt Wyschinski geleiteten Kreuzverhörs abwechselnd demütig, einschmeichelnd, unverschämt und anmaßend. Er gab ebenso wie Pjatakow, aber mit größerer Ausführlichkeit, seine verräterische Tätigkeit zu. Er behauptete auch, er habe vor seiner Verhaftung unmittelbar nach Empfang des Briefes, in dem Trotzki das Abkommen mit der nazistischen und der japanischen Regierung bekanntgab, den Entschluß gefaßt, sich von Trotzki loszusagen und die Verschwörung aufzudecken. Wochenlang sei er mit sich zu Rate gegangen.

Wyschinski: »Und wozu entschlossen Sie sich?« Radek: »Der erste Schritt wäre gewesen, zum Zentralkomitee der Partei zu gehen, eine Erklärung abzugeben und alle Beteiligten zu nennen. Das tat ich jedoch nicht. Nicht ich ging zur GPU, sondern die GPU kam zu mir.« Wysehinski: »Eine geschickte Antwort!« Radek: »Eine traurige Antwort.« In seiner abschließenden Verteidigungsrede stellte sich Radek als ein von Zweifeln gequälter Mensch hin, der ständig zwischen der Loyalität für die Sowjetregierung und der alten Anhänglichkeit an die Linksopposition, der er seit den ersten Tagen der Revolution als Mitglied angehörte, hin und her gerissen worden sei. Es wäre seine feste Überzeugung gewesen, daß die Sowjetunion dem feindlichen Druck von außen nicht standhalten würde. »Ich hatte eine abweichende Auffassung in der Hauptfrage«, erklärte er dem Gerichtshof, »in der Frage der Fortsetzung des Kampfes um den Fünf jahresplan. Trotzki packte mich bei meinen schweren Zweifeln.« Er sei stufenweise in den inneren Kreis der Verschwörung hineingezogen worden. Dann kam die Verbindung mit den ausländischen Geheimdiensten und schließlich Trotzkis Verhandlungen mit Alfred Rosenberg und Rudolf Heß. »Trotzki«, sagte Radek, »stellte uns vor die vollendete Tatsache dieses Abkommens ...«

Dann erklärte er, wieso er sieh schließlich schuldig bekannt und alles, was er über die Verschwörung wußte, eingestanden habe:

»Als ich im Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten dem Leiter der Untersuchungskommission gegenüberstand, sagte er mir: 'Sie sind kein kleines Kind. Hier sind fünfzehn Leute, die alle gegen Sie aussagen. Sie können sich nicht herausreden, und als vernünftiger Mensch werden Sie auch nicht versuchen, es zu tun ...' Zweieinhalb Monate lang quälte ich den Untersuchungsrichter. Es wurde hier die Frage aufgeworfen, ob wir während der Vernehmungen gemartert wurden. Ich muß sagen, ich wurde nicht gemartert, sondern ich habe die Untersuchungsrichter gemartert und gezwungen, eine Menge nutzloser Arbeit zu leisten. Zweieinhalb Monate lang zwang ich den Untersuchungsrichter, mir durch Fragestellungen und Konfrontierungen mit anderen Angeklagten seine Karten aufzudecken, so daß ich wußte, wer gestanden hatte und wer nicht und was jeder gestanden hatte ... Eines Tages kam der Untersuchungsrichter zu mir und sagte: 'Sie sind der letzte. Warum versuchen Sie noch immer, Zeit zu gewinnen? Warum sagen Sie nicht, was Sie zu sagen haben?' - Ich antwortete: 'Ja, morgen werde ich mit meiner Aussage beginnen.'«

Am 30. Januar 1937 wurde das Urteil verkündet. Die Angeklagten wurden des Landesverrates für schuldig befunden - sie hatten sich zu einer »Spionage- und Sabotageagentur der faschistischen Mächte Deutschland und Japan« gemacht und beabsichtigt, »ausländischen Aggressoren beim Raub sowjetischer Gebiete« behilflich zu sein.

Das Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR verurteilte Pjatakow, Muralow, Schestow und zehn andere Angeklagte zum Tode. Radek, Sokolnikow und zwei untergeordnete Agenten erhielten langjährige Gefängnisstrafen.

In seiner Schlußrede vom 28. Januar 1937 erklärte Staatsanwalt Wyschinski:

»Die Leute, die auf Trotzkis und Pjatakows Weisung mit dem deutschen und japanischen Geheimdienst in Verbindung traten, suchten durch ihre Spionagetätigkeit eine Situation herbeizuführen, die eine schwere Gefährdung nicht nur der Interessen unseres Staates, sondern auch verschiedener anderer Staaten bedeutet hätte, die ebenso wie wir den Frieden wünschen und gemeinsam mit uns um die Erhaltung des Friedens kämpfen ... Es ist unser sehnlichster Wunsch, daß die Regierungen aller Länder, die den Frieden lieben und für den Frieden kämpfen, entschlossene Maßnahmen ergreifen, um die verbrecherischen Spionage-, Sabotage- und Terrorpläne der Feinde des Friedens und der Demokratie zu durchkreuzen, jener dunklen faschistischen Kräfte, die den Krieg vorbereiten und die Sache des Friedens, das heißt, die Sache der gesamten freidenkenden, fortschrittlichen Menschheit gefährden.«

Wyschinskis Worte fanden außerhalb Sowjetrußlands wenig Beachtung; aber es gab ein paar Diplomaten und Journalisten, die sie hörten und im Gedächtnis behielten.

Der amerikanische Botschafter in Moskau, Joseph E. Davies, war von dem Prozeß tief beeindruckt. Tag für Tag erschien er in Begleitung eines Dolmetschers im Gerichtssaal und verfolgte den Fortgang der Verhandlungen mit gespannter Aufmerksamkeit. Davies, der früher einmal Syndikus gewesen war, äußerte sich anerkennend über den sowjetischen Staatsanwalt Wyschinski, der von der gesamten sowjetfeindlichen Presse als »brutaler Inquisitor« geschildert wurde. Davies stellte eine Ähnlichkeit zwischen Wyschinski und Homer Cummings fest. »Er war ebenso ruhig, leidenschaftslos, überlegt, sachkundig und klug. Er führte den Hochverratsprozeß in einer Weise, die mir als Anwalt Hochachtung und Bewunderung abnötigte.«

In einer vertraulichen Mitteilung vom 17. November 1937 an Staatssekretär Cordeil Hüll bemerkte Botschafter Davies, daß nicht nur er, sondern fast alle ausländischen Diplomaten in Moskau das Urteil für gerecht hielten. Davies schrieb: »Ich sprach mit vielen, wenn auch nicht sämtlichen Mitgliedern des hiesigen diplomatischen Korps; sie sind - vielleicht 'mit einer einzigen Ausnahme' - übereinstimmend der Ansicht, daß die Verhandlung das Bestehen eines politischen Komplotts und einer staatsfeindlichen Verschwörung klar erwiesen hat.«

Der breiten Öffentlichkeit wurden diese Tatsachen vorenthalten. Starke Kräfte waren am Werk, um die Verbreitung der Wahrheit über die Fünfte Kolonne in Sowjetrußland zu verhindern. Am 11. März 1937 trug Botschafter Davies in sein Moskauer Tagebuch ein:

»Ein anderer Diplomat machte gestern im Verlauf eines Gespräches über den Prozeß eine sehr aufschlußreiche Bemerkung. Er meinte, die Schuld der Angeklagten sei nicht zu bezweifeln. Darüber seien wir uns als Augenzeugen des Prozesses einig. Die Außenwelt hingegen sehe den Prozeß offenbar auf Grund der Presseberichte als abgekartete Sache an. (Er gebrauchte den Ausdruck »Fassade«.) Und es sei vielleicht ganz gut, die Außenwelt in diesem Glauben zu lassen.«

 

3. Aktion im Mai

Noch war die Verschwörung nicht erledigt. Obwohl Radeks Geständnis den Eindruck der Vollständigkeit erweckte, hatte er es ebenso wie Pjatakow verstanden, den Sowjetbehörden wichtige Tatsachen zu verheimlichen. Aber am zweiten Verhandlungstag machte Radek einen folgenschweren Fehler. Seine glatte Zunge verriet ihn. Bei dem Versuch, einer Frage Wyschinskis auszuweichen, erwähnte er den Namen Tuchatschewski. »Vitali Putna«, sagte Radek, »überbrachte mir eine Anfrage von Tuchatsehewski.« Er sprach rasch weiter, ohne Tuchatschewskis Namen noch einmal zu wiederholen.

Am nächsten Tag verlas Wyschinski Radeks Aussage: »In welchem Zusammenhang haben Sie Tuchatsehewskis Namen genannt?« fragte er Radek. Nach einer kurzen Pause gab Radek ohne Stocken und Zögern die gewünschte Erklärung. »Tuchatschewski brauchte Informationen über gewisse Regierungsgeschäfte«, die Radek in der »Iswestija« zur Verfügung standen. Der Kommandant hatte Putna mit der Erledigung dieser Angelegenheit beauftragt. Das war alles. »Tuchatschewski hatte natürlich keine Ahnung, welche Rolle ich spielte ... Ich kenne Tuchatschewskis Haltung, ich weiß, daß er der Partei und der Regierung absolut ergeben ist.«

Tuchatschewskis Name wurde von da an nicht mehr erwähnt. Aber die noch in Freiheit befindlichen Verschwörer kamen zu der Überzeugung, daß ein weiterer Aufschub des Endputsches Selbstmord bedeuten würde.

Krestinski, Rosengolz, Tuchatschewski und Gamarnik hielten in rascher Folge mehrere Geheimkonferenzen ab. Tuchatschewski begann, die Offiziere der Militärgruppe auf eine Anzahl von »Spezialkommandos« aufzuteilen, die im Ernstfall bestimmte Aufgaben auszuführen hatten.

- Ende März 1937 waren die Vorbereitungen für den Militärputsch nahezu abgeschlossen. Bei einer Besprechung in Rosengolz Moskauer Wohnung erklärte Tuchatschewski ihm und Krestinski, daß die Militärgruppe in sechs Wochen aktionsfähig sein werde. Der Putsch könne für Anfang Mai, jedenfalls für ein Datum vor dem 15. Mai angesetzt werden. Über die verschiedenen praktischen Methoden der Machtergreifung sei derzeit innerhalb der Militärgruppe noch eine Diskussion im Gange.

Rosengolz berichtete später über die »Variante«, die nach Tuchatschewskis Ansicht den besten Erfolg versprach: »Eine Gruppe ihm ergebener Militärs sollte sich unter irgendeinem Vorwand in seiner Wohnung versammeln, sich den Weg in den Kreml bahnen, die Telephonzentrale des Kremls besetzen und die Partei- und Regierungsführer umbringen.« In diesem Plan war die gleichzeitige Besetzung des Gebäudes des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten durch Gamarnik vorgesehen.

Auch Krestinski und Rosengolz zogen dieses Projekt den anderen »Varianten« vor, da es am kühnsten und darum aussichtsreichsten schien...

Gegen Ende der Besprechung herrschte in Rosengolz Wohnung zuversichtliche Stimmung. Die Verschwörer konnten mit gutem Grund auf ein Gelingen des von Tuchatschewski dargelegten Putschplanes hoffen. Pjatakow und die anderen waren verloren, aber der von den Verschwörern so lange ersehnte Tag der Entscheidung stand nahe bevor.

Der Monat April verging wie im Fluge: in fieberhafter Eile wurden die letzten Vorbereitungen getroffen.

Krestinski begann, umfangreiche Listen aller Moskauer Persönlichkeiten zusammenzustellen, »die bei Beginn des Putsches verhaftet oder von ihren Posten entfernt werden sollten, sowie Listen der Anwärter auf diese freiwerdenden Stellen«. Berufsmäßige Terroristen, die Gamarniks Befehl unterstanden, wurden für die Ermordung Molotows und Woroschilows ausgewählt. Rosengolz wollte versuchen, in seiner Eigenschaft als Volkskommissar für Außenhandel für den Vorabend des Putsches eine Unterredung mit Stalin zu vereinbaren und den Sowjetführer in seinem Hauptquartier im Kreml zu ermorden. Die zweite Maiwoche war gekommen. Da holte die Sowjetregierung plötzlich zu einem vernichtenden Schlage aus. Am 11. Mai wurde Marschall Tuchatschewski von seinem Posten als Stellvertretender Kriegskommissar entfernt; er erhielt ein untergeordnetes Kommando im Wolgagebiet. General Gamarnik wurde abgesetzt. Desgleichen die Generale Jakir und Uborewitsch, die in das Komplott Tuchatschewskis und Gamarniks verwickelt waren. Zwei andere Generale, Kork und Eidemann, wurden unter der Anklage, geheime Beziehungen zu Nazideutschland unterhalten zu haben, verhaftet.

»Ich rechnete mit meiner Verhaftung«, sagte Krestinski später. »Ich besprach die Lage mit Rosengolz. Da er sich nicht gefährdet glaubte, erbot er sich, die Verbindung mit Trotzki aufrechtzuerhalten ... Einige Tage später wurde ich verhaftet.«

Durch eine offizielle Verlautbarung wurde bekanntgegeben, daß Bucharin, Rykow und Tomski nach gründlicher Beobachtung und Untersuchung unter der Anklage des Hochverrates standen. Bucharin und Rykow befanden sich in Haft. Tomski, dem es gelungen war, sich der Verhaftung zu entziehen, beging Selbstmord. General Gamarnik folgte am 31. Mai seinem Beispiel. Tuchatschewski und eine Anzahl hochstehender Armeeoffiziere wurden von der NKWD festgenommen. Bald darauf war auch Rosengolz verhaftet. Die Säuberungsaktion gegen die Fünfte Kolonne nahm im ganzen Lande ihren Fortgang.

Am 11. Juni 1937, um 11 Uhr morgens, begann vor einem militärischen Sondertribunal des Obersten Gerichtshofes der UdSSR die Verhandlung gegen Marschall M. N. Tuchatschewski und sieben andere Generale der Roten Armee. Da es sich um militärische Angelegenheiten von vertraulichem Charakter handelte, fand der Prozeß unter Ausschluß der Öffentlichkeit vor einem Militärtribunal statt. Die Angeklagten wurden beschuldigt, mit feindlichen Mächten gegen die Sowjetunion konspiriert zu haben. Dem Tribunal gehörten die Marschälle Woroschilow, Budjonny und Schaposchnikow und andere Führer der Roten Armee an. Außer Tuchatschewski hatten sich sieben Generale zu verantworten:

General V. I. Putna, ehemaliger Militärattache in London, Tokio und Berlin.

General I. E. Jakir, ehemaliger Kommandant der Leningrader Garnison.

General I. P. Uborewitsch, ehemaliger Kommandant der Roten Armee in Bjelorußland.

General R. P. Eidemann, ehemaliger Leiter der Ossoaviachim (eine freiwillige militärische Verteidigungs-Organisation).

General A. I. Kork, ehemaliger Leiter der Frunse-Militärakademie.

General B. M. Feldmann, ehemaliger Leiter der Personalabteilung des Generalstabes.

General V. M. Primakow, ehemaliger Kommandant der Garnison von Charkow.

Das offizielle Kommunique lautete:

»Die Untersuchung hat ergeben, daß die Angeklagten ebenso wie General Jan Gamarnik staatsfeindliche Beziehungen zu führenden militärischen Kreisen einer ausländischen Macht unterhielten, die eine der UdSSR feindliche Politik betreibt. Die Angeklagten arbeiteten für den militärischen Geheimdienst dieser Macht.«

Sie lieferten den militärischen Kreisen dieses Landes regelmäßig Geheiminformationen über die Rote Armee. Die Angeklagten betrieben Sabotage, um die Rote Armee zu schwächen und dadurch die Niederlage der Roten Armee im Falle eines Angriffes auf die Sowjetunion vorzubereiten.« Am 12. Juni erfolgte die Urteilsverkündung. Das Militärtribunal sprach die Angeklagten in allen Punkten schuldig. Sie sollten als Landesverräter von einem Exekutionskommando der Roten Armee erschossen werden. Das Urteil wurde innerhalb von 24 Stunden vollstreckt.

Auch diesem Prozeß folgte im Ausland eine Welle sowjetfeindlicher Gerüchte und Propaganda. Es hieß, die ganze Rote Armee habe sich gegen die Sowjetregierung erhoben.

Viele unparteiische Beobachter fühlten sich durch die Ereignisse in Rußland tief beunruhigt. Man wußte damals noch nichts vom Wesen und von der Technik der Fünften Kolonne. Am 4. Juli 1937 hatte Joseph E. Davies, der amerikanische Botschafter in Moskau, eine Unterredung mit dem Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Maxim Litwinow. Er erklärte Litwinow mit aller Offenheit, daß die Hinrichtung der Generale und die Trotzkisten-Prozesse in Amerika und Europa keinen guten Eindruck gemacht hätten.

»Meiner Ansicht nach«:, erklärte der amerikanische Botschafter dem Volkskommissar, »haben diese Vorgänge den Glauben Frankreichs und Englands an die Widerstandskraft der UdSSR Hitler gegenüber erschüttert!«

Litwinow antwortete mit gleicher Offenheit. Die Sowjetregierung habe sich durch diese Hinrichtungen und Prozesse die Gewißheit verschaffen müssen, daß es keinen Verräter mehr auf sowjetischem Boden gebe, der bei Ausbruch des unvermeidlichen Krieges mit Berlin oder Tokio zusammenarbeiten würde.

»Eines Tages«, sagte Litwinow, »wird die Welt begreifen, daß wir unsere Regierung vor dem drohenden Verrat schützen mußten ... Wir leisten der ganzen Welt einen Dienst, indem wir uns gegen die Bedrohung durch Hitler und die nazistische Weltherrschaft verteidigen und die Sowjetunion als Bollwerk gegen die nazistische Aggression intakt erhalten.«

Nachdem Davies sich durch persönliche Nachforschungen ein genaues Bild von der tatsächlichen Lage in Rußland gemacht hatte, sandte er Staatssekretär Cordeil Hüll seine »Depesche Nummer 457, Streng vertraulich«. Der Botschafter gab eine kurze Zusammenfassung der letzten Ereignisse und wies die wilden Gerüchte über die zunehmende Unzufriedenheit der Massen und den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch der Sowjetregierung zurück. »Von den Kosaken, die sich nach den Berichten der Zeitungen auf dem Roten Platz tummeln oder in der Nähe des Kremls kampieren, ist nichts zu sehen«, schrieb er. Seine Ansicht über den Fall Tuchatschewski faßte Davies in folgenden Worten zusammen:

»Wenn wir von der Möglichkeit eines Mordes oder eines auswärtigen Krieges absehen, erscheint die Stellung der Regierung und des gegenwärtigen Regimes im Augenblick und wahrscheinlich noch auf längere Zeit hinaus unerschütterlich. Das Gespenst des Korsen ist vorläufig gebannt.«

4. Finale

Der letzte der drei berühmten Moskauer Prozesse wurde am 2. März 1938 im Gewerkschaftshaus vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR eröffnet. Das Verfahren dauerte sieben Tage. Die Sitzungen fanden vormittags und am Abend statt. Militärische Angelegenheiten wurden in Geheimsitzungen erörtert.

Einundzwanzig Angeklagte standen vor Gericht, darunter der ehemalige Leiter der GPU, G. G. Jagoda, und sein Sekretär Pawel Bulanow, die Führer der Rechten Nikolai Bucharin und Alexei Rykow, die trotzkistischen Führer und deutschen Agenten Nikolai Krestinski und Arkadi Rosengolz, Christian Rakowski, Trotzkist und japanischer Agent, die Führer der Rechten und Agenten Deutschlands Michail Tschernow und Grigori Grinko, der polnische Agent Wassili Scharangowitsch und elf weitere Verschwörer, Mitglieder des Blocks, Saboteure, Terroristen und Auslandsagenten, der trotzkistische Verbindungsmann Sergei Bessonow und die ärztlichen Mörder Dr. Lewin, Dr. Pletnew und Dr. Kasakow.

Der amerikanische Korrespondent Walter Duranty, der dem Prozeß beiwohnte, schrieb in seinem Buch »The Kremlin and the People«:

»Es war tatsächlich ,der letzte aller Prozesse, weil diesmal völlige Klarheit herrschte; die Staatsanwaltschaft hatte genügend Tatsachenmaterial gesammelt, sie kannte ihre Feinde im Inneren und im Ausland. Die anfänglichen Zweifel und Bedenken waren zerstreut, weil die aufeinanderfolgenden Prozesse, vor allem wohl der gegen die ,Generale, das zur Zeit der Ermordung Kirows noch höchst nebelhafte und unvollständige Bild allmählich ergänzt hatten ...«

Die Sowjetregierung hatte ihre Anklage durch monatelange Voruntersuchungen, Vergleiche von Zeugenaussagen und Beweismaterial aus früheren Prozessen, Konfrontation der Angeklagten und Zeugen und gründliche Kreuzverhöre der in Haft befindlichen Verschwörer auf das:

daß die Angeklagten 1932/33 im Auftrag der Geheimdienste ausländischer, der UdSSR feindlich gesinnter Mächte eine Verschwörergruppe, genannt »Block der Rechten und Trotzkisten«, gebildet hatten, deren Ziel es war, im Interesse dieser fremden Mächte Spionage-, Sabotage- und Terrorakte zu betreiben, die militärische Leistungsfähigkeit der UdSSR zu untergraben, einen militärischen Angriff dieser Mächte auf die UdSSR zu provozieren, auf die Niederlage der UdSSR hinzuarbeiten, die UdSSR zu zerstückeln...

daß der »Block der Rechten und Trotzkisten« mit gewissen ausländischen Regierungen in Verbindung getreten war, um deren Waffenhilfe für die Durchführung seiner verbrecherischen Pläne zu gewinnen;

daß der »Block der Rechten und Trotzkisten« systematisch Spionage für diesen Staat betrieben und den ausländischen Geheimdiensten hochwichtige Staatsgeheimnisse preisgegeben hatte;

daß der »Block der Rechten und Trotzkisten« in verschiedenen Zweigen des sozialistischen Aufbaus systematische Störungen und Sabotageakte durchgeführt hatte (in der Industrie und Landwirtschaft, im Eisenbahnwesen, auf finanziellem Gebiet, in der Entwicklung des Gemeindewesens usw.);

daß der »Block der Rechten und Trotzkisten« eine Reihe von Terrorakten gegen führende Mitglieder der KPdSU(B) (Kommunistische Partei der Sowjetunion [Bolschewiki]) und der Sowjetregierung in die Wege geleitet und Attentate gegen S. M. Kirow, W. R. Menschinski, V.Kuibischew und A.M.Gorki durchgeführt hatte.

Durch den Prozeß gegen den »Block der Rechten und Trotzkisten« wurden die Arbeitsmethoden der Fünften Kolonne zum erstenmal der Öffentlichkeit vor Augen geführt. Die von der Achse angewandte Technik des geheimen Krieges - durch Propaganda, Spionage, Terror, Verräterei hoher Beamter, die Machinationen der Quislinge, die Heranbildung einer Geheimarmee im Inneren des Landes, die ganze Strategie der Fünften Kolonne, mit deren Hilfe die Nazis bereits Spanien, Österreich, die Tschechoslowakei, Norwegen, Belgien, Frankreich und andere Länder des europäischen und amerikanischen Kontinents unterminierten, wurde enthüllt. »Bucharin und Rykow, Jagoda und Bulanow, Krestinski und Rosengolz ...«, erklärte der sowjetische Staatsanwalt Wyschinski in seiner Schlußrede vom 11. März 1938, »sie alle sind aus dem gleichen Holz wie die Fünfte Kolonne.«

Botschafter Joseph E. Davies, der den Verhandlungen beiwohnte, bezeichnete den Prozeß in juristischer, menschlicher und politischer Hinsicht als ein erschütterndes Drama. Am 8. März schrieb er seiner Tochter:

»Alle elementaren Schwächen und Laster der menschlichen Natur - persönlicher Ehrgeiz schlimmster Art - werden durch diesen Prozeß zutage gefördert. Die Fäden eines Komplottes werden sichtbar, das beinahe zum Sturz der bestehenden Regierung geführt hätte.«

Einige Angeklagte baten um ihr Leben; sie versuchten, sich aus der Verantwortung herauszuwinden, indem sie die eigentliche Schuld auf andere abwälzten und sich als ehrliche, irregeführte Politiker gebärdeten. Andere schilderten ohne jede Sichtbare Gemütsbewegung die grausigen Einzelheiten der von ihnen begangenen »politischen« Morde und ihre Spionage- und Sabotagetätigkeit unter Anleitung des deutschen und japanischen militärischen Geheimdienstes. Sie hatten offenbar jede Hoffnung aufgegeben.

In seiner abschließenden Verteidigungsrede gab Bucharin eine anschauliche psychologische Schilderung der inneren Spannungen und Zweifel, von denen ein großer Teil der einstigen Radikalen, die Sowjetrußland gemeinsam mit Trotzki an Nazideutschland und Japan verraten hatten, in der Haft befallen wurden. Er sagte: »Ich habe bereits in meiner Hauptaussage erklärt, daß wir gegenrevolutionären Verschwörer nicht durch die nackte Logik des Kampfes in diese stinkende Untergrundexistenz getrieben wurden, die im Laufe dieses Prozesses ihr ungeschminktes Gesicht gezeigt hat. Diese nackte Logik des Kampfes ging Hand in Hand mit einer gedanklichen und psychologischen Entartung, einer Entartung, die sowohl uns selbst als auch das Volk erfaßte. Es gibt in der Geschichte genügend Beispiele einer solchen Degeneration. Man braucht, nur Briand, Mussolini und andere zu nennen. Bei uns war die Degeneration zu weit vorgeschritten ... Ich will jetzt von mir selbst sprechen, von den Ursachen meiner Reue. Es muß natürlich zugegeben werden, daß belastendes Beweismaterial eine große Rolle spielt. Drei Monate lang verweigerte ich jede Aussage. Dann begann ich zu sprechen. Warum? Weil ich meine ganze Vergangenheit im Gefängnis einer Neuwertung unterzogen hatte. Denn wenn man sich fragt: wofür sollst du eigentlich sterben? - sieht man plötzlich nichts als eine ersehreckende, schwarze Leere vor sich. Das ist die Antwort, wenn man ohne Reue in den Tod gehen will ... Und wenn man sich sagt: gut, nehmen wir an, ich brauche nicht zu sterben; nehmen wir an, ich bleibe durch ein Wunder am Leben - wo ist der Sinn? Ich werde völlig isoliert sein, ein Feind des Volkes, ich werde mich in einer unmenschlichen Lage befinden, gänzlich abgesondert von allem, was das Wesen des Lebens ausmacht... Und sofort ergibt sich die gleiche Antwort. ... Dies sind vielleicht die letzten. Worte meines Lebens... Ich darf a priori schließen, daß Trotzki und die anderen Verbündeten meines verbrecherischen Tuns sowie die Zweite Internationale... versuchen werden, uns und besonders mich zu verteidigen. Ich lehne diese Verteidigung ab... Ich erwarte das Urteil.« Das Urteil wurde am Morgen des 13. März 1938 verkündet. Alle Angeklagten wurden schuldig befunden. Drei von ihnen - Pletnew, Bessonow und Rakowski - erhielten Gefängnisstrafen. Die übrigen wurden zum Tod durch Erschießen verurteilt.

Drei Jahre später, im Sommer 1941, nach dem Einfall der Nazis in die Sowjetunion, schrieb der ehemalige amerikanische Botschafter in der UdSSR, Joseph E. Davies: »In Rußland gab es keine sogenannte 'innere Aggression', die mit den Deutschen kooperierte. Hitlers Marsch auf Prag im Jahre 1939 wurde durch militärische Aktionen der Henlein-Organisationen unterstützt. Ähnliches geschah bei der Invasion Norwegens. Das Bild, das Rußland bot, war frei von sudetendeutschen Henleins, von slowakischen Tisos, belgischen Degrelles und norwegischen Quislingen ... Man kann die Gründe in der Geschichte der sogenannten Verräter- oder Säuberungsprozesse von 1937 und 1938 nachlesen, denen ich persönlich beiwohnte. Bei nochmaliger Durchsicht der Prozeßberichte und meiner eigenen Aufzeichnungen ... fand ich, daß die den russischen 'Quislingen' abgerungenen Geständnisse und Aussagen buchstäblich alle uns heute bekannten Methoden der deutschen Fünften Kolonne enthüllten...« Alle diese Prozesse, Säuberungsaktionen und Liquidierungen, die damals so gewaltsam schienen und in der ganzen Welt Empörung hervorriefen, stellen sich heute klar und deutlich als ein Teil der kraftvollen, entschlossenen Bemühungen der Stalin-Regierung dar, sich nicht nur gegen Aufstände im Innern, sondern auch gegen Angriffe von außen zu schützen. Die verräterischen Elemente im Lande wurden mit aller Gründlichkeit ausfindig gemacht und beseitigt. Alle Zweifel wurden zugunsten der Regierung gelöst.

In Rußland gab es 1941 keine Vertreter der Fünften Kolonne - man hatte sie erschossen. Die Säuberung hatte das Land von Verrätern gereinigt und befreit. Die Fünfte Kolonne der Achse in Sowjetrußland war vernichtet.

XXI. MORD IN MEXIKO

Der Hauptangeklagte der drei Moskauer Prozesse war achttaugend Kilometer vom Verhandlungsort entfernt.

Im Dezember 1936, nach Abschluß des Verfahrens gegen Sinowjew und Kamenew und der Verhaftung Pjatakows, Radeks und anderer führender Mitglieder des trotzkistischen Zentrums, mußte Trotzki Norwegen verlassen. Nach einer Schiffsreise über den Atlantischen Ozean traf er am 13. Januar 1937 in Mexiko ein. Er nahm kurze Zeit im Hause des reichen mexikanischen Künstlers Diego Rivera Aufenthalt, dann errichtete er in Coyoacan, einer Vorstadt von Mexico City, sein neues Hauptquartier. Von dort aus mußte er während der nächsten Monate mit gebundenen Händen zusehen, wie der komplizierte mächtige Apparat der russischen Fünften Kolonne unter den Hammerschlägen der Sowjetregierung Stück für Stück auseinanderfiel.

Auf Betreiben der amerikanischen Trotzkisten wurde in New York ein amerikanisches Komitee für die Verteidigung Leo Trotzkis gegründet, das der nominellen Leitung sowjetfeindlicher Sozialisten, Journalisten und Pädagogen unterstand. Zu den Mitgliedern des Komitees zählten ursprünglich mehrere prominente Liberale. Einer von ihnen, der Schriftsteller und Mitherausgeber der »Baltimore Sun«, Mauritz Hallgren, zog sich zurück, nachdem er erkannt hatte, daß es sich bei diesem Komitee in Wirklichkeit um eine antisowjetische Propagandaagentur handelte. Am 27. Januar 1937 richtete Hallgren eine öffentliche Erklärung an das Komitee, in der es unter anderem hieß:

»Die gegebenen Tatsachen zwingen mich zu der Annahme, daß das amerikanische Komitee für die Verteidigung Leo Trotzkis - vielleicht unwissentlich - ein Instrument der trotzkistischen politischen Intervention gegen die Sowjetunion geworden ist... Ich bitte Sie daher, meinen Namen aus der Mitgliederliste zu streichen.«

Das Komitee betrieb eine lebhafte Propaganda, in der Trotzki als heldenhafter Märtyrer der russischen Revolution und die Moskauer Prozesse als »Theater« hingestellt wurden. Eine der ersten Handlungen des Komitees war die Errichtung einer »Voruntersuchungs-Kommission«, deren Aufgabe es sein sollte, die während der Moskauer Prozesse vom August 1936 und Januar 1937 gegen Leo Trotski erhobenen Anschuldigungen zu überprüfen.« Dem Komitee gehörten folgende Persönlichkeiten an: der bejahrte Philosoph und Pädagoge John Dewey, der Schriftsteller Carleton Beals, der ehemalige sozialistische Reichstagsabgeordnete Otto Kühle, der ehemalige amerikanische Radikale und sowjetfeindliche Journalist Benjamin Stolberg und die Journalistin Suzanne La Follette, eine begeisterte Anhängerin Trotzkis.

Mit einem großen Aufwand an Publizität wurden die Sitzungen der Kommission am 10. April in Coyoacan in Mexiko eröffnet. Die einzigen Zeugen waren Leo Trotzki und einer seiner Sekretäre, Jan Fränkel, der 1930 in Prinkipo in Trotzkis Leibgarde eingetreten war.

Die Verteidigung wurde von Trotzkis amerikanischem Rechtsberater Albert Goldman geführt.

Das Verhör dauerte sieben Tage. Die »Aussagen« Leo Trotzkis, die in der amerikanischen und europäischen Presse weiteste Verbreitung fanden, bestanden in erster Linie aus heftigen Ausfällen gegen Stalin und die Sowjetunion und selbstherrlichen Anpreisungen seiner eigenen Verdienste um die russische Revolution. Das wahrend der Moskauer Prozesse gegen Trotzki vorgebrachte reichhaltige Beweismaterial wurde von der Untersuchungskommission überhaupt nicht beachtet. Am 17. April schied Carleton Beals aus der Kommission aus. Er gab die Gründe, die ihn zu diesem Schritt veranlaßt hatten, in einer öffentlichen Erklärung bekannt:

»... Die stumme Bewunderung, die Herrn Trotzki von den übrigen Komiteemitgliedern während der Sitzungen entgegengebracht wurde, schloß von vornherein jeden Versuch einer ehrlichen Untersuchung aus... Gleich am ersten Tag wurde mir erklärt, daß meine Fragen unschicklich seien. Das abschließende Kreuzverhör wurde in einer Form abgehalten, die es unmöglich machte, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Ich wurde zur Rede gestellt, weil ich starkes Interesse für Trotzkis Archive an den Tag legte ... Das Kreuzverhör bestand darin, daß man Trotzki gestattete, Propagandareden und wüste Anschuldigungen vorzubringen; nur in den seltensten Fällen wurde der Versuch gemacht, eine Beweisführung von ihm zu verlangen ... Wenn das Komitee will, kann es das Ergebnis seiner oberflächlichen Untersuchungen der Öffentlichkeit vorlegen. Ich werde meinen Namen für die Fortsetzung derartiger Kindereien nicht hergeben.« Auf Veranlassung des amerikanischen Komitees für die Verteidigung Leo Trotzkis wurde für Trotzkis Übersiedlung nach den Vereinigten Staaten Propaganda gemacht. Seine Bücher, Artikel und Erklärungen fanden in allen Teilen der Vereinigten Staaten weiteste Verbreitung, während die Wahrheit über die Moskauer Prozesse in den Aktenschränken des Staatsdepartements oder in den Köpfen einiger nach Moskau entsandter Zeitungskorrespondenten verborgen blieb, denen, wie Walter Duranty später schrieb, »die entschiedene Abneigung der amerikanischen Leser, etwas anderes als Schlechtes über Rußland zu hören«, wohl bekannt war.

Trotzki sammelte in Mexiko bald einen Hofstaat von Jungen, Abenteurern und Leibwächtern um sich, gerade so, wie er es in der Türkei, in Frankreich und Norwegen getan hatte. Auch hier war sein Leben von der Intrige beherrscht.

Die Villa in Coyoacan, in der Trotzki sein mexikanisches Hauptquartier aufgeschlagen hatte, glich einer Festung. In den vier Ecktürmen waren Tag und Nacht Wachen mit Maschinenpistolen postiert. Außer der mexikanischen Polizeiabteilung, die ausschließlich mit der Bewachung der Villa betraut war, patrouillierte Trotzkis bewaffnete Leibgarde ständig vor seinem Hauptquartier. Sämtliche Besucher mußten sich legitimieren; ihre Pässe wurden gezeichnet und gegengezeichnet; die Formalitäten, denen sie sich unterziehen mußten, waren mindestens so streng wie bei einem Grenzübertritt. Nachdem sie endlich auf die andere Seite der hohen Umfriedungsmauer gelangt waren, wurden sie beim Betreten der Villa nach Waffen durchsucht.

Im Innern des Hauses herrschte rege Tätigkeit. Ein ansehnlicher Beamtenstab war damit beschäftigt, die Instruktionen des Führers entgegenzunehmen und seine Aufträge auszuführen. Die Vorbereitung der sowjetfeindlichen Propagandaliteratur und die Vorarbeiten zu Trotzkis Proklamationen, Artikeln, Büchern und Geheimberichten in russischer, deutscher, französischer, spanischer und englischer Sprache waren besonders qualifizierten Sekretären anvertraut. Wie in Prinkipo, Paris und Oslo gingen auch hier so manche von Trotzkis »Sekretären« mit Revolvern in der Tasche herum; auch hier war der sowjetfeindliche Verschwörer von der abenteuerlichen Atmosphäre geheimnisvoller Intrigen umgeben.

Eine Fülle von Briefen aus allen Teilen der Welt häufte sich in Trotzkis mexikanischem Hauptquartier. Ein Teil der Post mußte einer chemischen Behandlung unterzogen werden, da die eigentliche Nachricht oft mit unsichtbarer Tinte zwischen die Zeilen einer harmlosen Mitteilung geschrieben war. Unaufhörlich trafen Depeschen aus Europa, Asien und den Vereinigten Staaten ein, die telegraphisch beantwortet wurden. Besonders zahlreich waren die ausländischen Trotzkistendelegationen - es kamen französische, amerikanische, indische und chinesische Trotzkisten und Agenten der spanischen POUM.

Trotzki empfing seine Besucher mit den Allüren eines Despoten. Die amerikanische Journalistin Betty Kirk, die ihn für das »Life«-Magazin interviewte und Aufnahmen von ihm machen ließ, schilderte sein theatralisches, diktatorisches Benehmen: »Trotzki sah auf seine Uhr und erklärte in selbstherrlichem Ton, er könne uns genau acht Minuten bewilligen. Es sollte beim Diktat photographiert werden; als seine russische Sekretärin nicht rasch genug erschien, schrie er sie wegen ihrer Langsamkeit an. Dann befahl er seinem nordamerikanischen Sekretär Bernard Wolfe, sich ebenfalls an den Schreibtisch zu setzen; während Wolfe durch das Zimmer ging, klopfte Trotzki ungeduldig mit dem Bleistift auf den Tisch und rief: 'Rascher, wir haben keine Zeit!'«

Von seiner Villa in Coyoacan aus leitete Trotzki seine weltumspannende sowjetfeindliche Organisation, die Vierte Internationale.

Überall in Europa, Asien, Nord- und Südamerika bestanden enge Verbindungen zwischen der Vierten Internationale und dem Netzwerk der Fünften Kolonne der Achsenmächte:

Tschechoslowakei: Die Trotzkisten arbeiteten mit dem Naziagenten Konrad Henlein und seiner Sudetendeutschen Partei. Sergei Bessonow, der trotzkistische Kurier und ehemalige Berater der sowjetischen Botschaft in Berlin, bestätigte, als er 1938 vor Gericht stand, daß er im Sommer 1935 in Prag den Kontakt mit Konrad Henlein hergestellt hatte. Bessonow erklärte, daß er als Vermittler zwischen Leo Trotzki und der Henlein-Gruppe fungierte.

Frankreich: Jacques Doriot, Naziagent und Begründer der faschistischen Volkspartei, war ein kommunistischer Renegat und Trotzkist. Doriot arbeitete wie andere Naziagenten und französische Faschisten in engster Verbindung mit der französischen Sektion der trotzkistischen Vierten Internationale.

Spanien: Die Trotzkisten drangen in die Reihen der POUM ein, jener Organisation der Fünften Kolonne, die Francos faschistischen Aufstand unterstützte. Der Leiter der POUM war Trotzkis alter Freund und Verbündeter Andreas Nin.

China: Die Trotzkisten arbeiteten unter der direkten Aufsicht der japanischen Militärspionage. Die führenden Offiziere des japanischen Geheimdienstes waren mit den Leistungen der Trotzkisten sehr zufrieden. Der Chef des japanischen Spionagedienstes in Peking erklärte 1937: »Wir sollten die trotzkistische Gruppe unterstützen und ihr zum Erfolg verhelfen, damit ihre Tätigkeit in den verschiedenen Teilen Chinas dem Kaiserreich zum Nutzen gereicht, denn diese Chinesen zerstören die Einheit des Landes. Sie arbeiten mit bemerkenswerter Geschicklichkeit und Finesse.«

Japan: Die Trotzkisten wurden der »Gehirn-Trust« des Geheimdienstes genannt. In besonderen Schulen unterrichteten sie japanische Geheimagenten in der Technik, die bei der Durchsetzung der Kommunistischen Partei in Sowjetrußland und der Bekämpfung der antifaschistischen Tätigkeit in China und Japan angewandt werden sollte.

Schweden: Nils Hyg, einer der führenden Trotzkisten, hatte von dem nazifreundlichen Finanzmann und Hochstapler Ivar Kreuger für die trotzkistische Bewegung Geldzuwendungen erhalten. Diese Tatsache wurde nach Kreugers Selbstmord bekannt. Die Buchsachverständigen fanden unter Kreugers Papieren Quittungen mit den Unterschriften der verschiedensten politischen Abenteurer, darunter auch Adolf Hitlers.

In allen Ländern der Welt dienten die Trotzkisten den Geheimorganisationen der Achsenmächte als Werkzeuge bei der Durchsetzung der liberalen, radikalen und sozialistischen Bewegungen. Die endgültige Vernichtung der russischen Fünften Kolonne durch den Moskauer Prozeß gegen den »Block der Rechten und Trotzkisten« war für Trotzki ein vernichtender Schlag. Von dieser Zeit an bekamen alle seine Schriften einen deutlichen Unterton hysterischer Verzweiflung. Seine Propaganda gegen die Sowjetunion wurde immer rücksichtsloser, widerspruchsvoller und ausfälliger. Er sprach unaufhörlich von der »historischen Richtigkeit« seiner Anschauungen. Seine Angriffe gegen Josef Stalin entbehrten jeder vernünftigen Grundlage, der glühende persönliche Haß, den er Stalin entgegenbrachte, wurde mehr und mehr zur bestimmenden Kraft seines Lebens.

1939 trat Trotzki mit dem von Martin Dies, dem Abgeordneten für Texas, geleiteten Kongreßausschuß in Verbindung. Dieses Komitee, dessen Aufgabe die Untersuchung unamerikanischer Tätigkeit war, hatte sich zu einem Forum sowjetfeindlicher Propaganda entwickelt. Trotzki wurde von Agenten des Dies-Komitees aufgefordert, als »sachkundiger Zeuge« über die von Moskau ausgehende Gefahr auszusagen. Die »New York Times« vom 8. Dezember 1939 wußte zu berichten, daß Trotski es für seine politische Pflicht halte, vor dem Dies-Komitee Zeugnis abzulegen. Man begann, Vorbereitungen für Trotzkis Reise nach den Vereinigten Staaten zu treffen, aber der Plan gelangte nicht zur Durchführung...

Im September 1939 traf ein europäischer trotzkistischer Agent, der unter dem Namen Frank Jacson reiste, mit dem französischen Dampfer »He de France« in New York ein. Jacson war, während er in Paris an der Sorbonne studierte, von der amerikanischen Trotzkistin Sylvia Ageloff für die trotzkistische Bewegung gewonnen worden. 1939 erteilte ihm ein Agent des geheimen »Büros der Vierten Internationale« den Auftrag, sich von Paris nach Mexiko zu begeben, um dort bei Trotzki als »Sekretär« zu arbeiten. Man gab ihm einen Paß, der ursprünglich dem kanadischen Staatsbürger Tony Babich gehört hatte (Babich war als Mitglied der spanischen republikanischen Armee von den spanischen Faschisten getötet worden). Die Trotzkisten hatten sich Babichs Paß verschafft, die Photographie entfernt und statt dessen Jacsons Bild hineingeklebt.

Jacson wurde bei seiner Ankunft in New York von Sylvia Ageloft und anderen Trotzkisten abgeholt; man brachte ihn nach Coyoacan, wo er in Trotzkis Dienste trat. Jacson erklärte später der mexikanischen Polizei: »Trotzki wollte mich nach Rußland schicken, wo ich bei der Vorbereitung des Umsturzes mitwirken sollte.« Er sagte mir, »ich müßte mit dem 'China Clipper' nach Schanghai fahren. Dort würde ich mit Agenten von verschiedenen anderen Schiffen zusammentreffen und gemeinsam mit ihnen über die Mandschurei nach Rußland reisen. Es war unsere Aufgabe, die Rote Armee zu demoralisieren und verschiedene Sabotageakte in Munitionsfabriken und anderen Betrieben durchzuführen.« Jacson kam nicht dazu, seine terroristische Mission anzutreten. Am Spätnachmittag des 20. August 1940 ermordete er seinen Führer Leo Trotzki, indem er ihm in seiner sorgfältig bewachten Villa in Coyoacan mit einem Eispickel die Schädeldecke zertrümmerte.

Als er von der mexikanischen Polizei verhaftet wurde, sagte er, Trotzki habe ihm verboten, Sylvia Ageloff zu heiraten. Darauf sei es wegen des Mädchens zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den beiden Männern gekommen. »Um ihrentwillen beschloß ich, mein Leben zu opfern«, sagte Jacson. Im Verlaufe einer späteren Aussage erklärte er: »... ich stand nicht vor einem politischen Führer, der den Kampf um die Befreiung der Arbeiterklasse leitete - ich sah mich einem Mann gegenüber, der nur einen Wunsch hatte: seine Haßgefühle und Rachegelüste zu befriedigen - dem der Kampf der Arbeiter nur dazu diente, seine eigene Erbärmlichkeit und seine verächtlichen Berechnungen zu verstecken. ... wenn ich dieses Haus betrachtete, von dem er mit Recht sagte, er habe es in eine Festung verwandelt, fragte ich mich oft, woher die Mittel dafür stammten ... Vielleicht könnte der Konsul eines großen Staates, der ihn oft besuchte, diese Frage beantworten ...

Trotzki zerstörte meinen Charakter, meine Zukunft und alle inneren Neigungen. Er verwandelte mich in einen Menschen ohne Namen, ohne Heimat - in ein Werkzeug Trotzkis. Ich war in eine Sackgasse geraten ... Trotzki zerdrückte mich in seiner Hand wie einen Fetzen Papier.« Nach Trotzkis Tod gab es nur noch einen lebenden Anwärter auf die Rolle Napoleons in Rußland: Adolf Hitler.

XXII. DER ZWEITE WELTKRIEG

l. München

»Das Schicksals schwere Jahrzehnt von 1931 bis 1941 wurde durch japanische Gewaltakte eingeleitet und abgeschlossen«, erklärte das amerikanische Staatsdepartement in seiner offiziellen Veröffentlichung »Krieg und Frieden: die Außenpolitik der Vereinigten Staaten«.

»Dieser Zeitabschnitt war durch die Entwicklung einer rücksichtslosen, entschlossenen Weltherrschaftspolitik In Japan, Deutschland und Italien gekennzeichnet.«

Der zweite Weltkrieg begann 1931 mit dem Überfall der Japaner auf die Mandschurei, der als Rettungsaktion gegen den nach Asien vordringenden Kommunismus hingestellt wurde. Zwei Jahre später stürzte Hitler die deutsche republikanische Regierung unter dem Vorwand, Deutschland vor dem Kommunismus zu erretten. 1935 fiel Italien in Abessinien ein, um das Land vor »Bolschewismus und Barbarei« zu bewahren. 1936 besetzte Hitler das Rheinland; Deutschland und Japan unterzeichneten den Antikominternpakt; Deutschland und Italien sandten Truppen nach Spanien - wiederum als Schutz gegen den Kommunismus.

1937 trat Italien dem deutsch-japanischen Antikominternpakt bei; die Japaner erneuerten ihre Angriffe auf China, sie besetzten Peking, Tientsin und Schanghai. Im nächsten Jahr wurde Österreich von Deutsehland annektiert. Die Achse Berlin-Rom-Tokio wurde gebildet, um »die Welt vor dem Kommunismus zu erretten...«

Im September 1937 sprach der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Maxim Litwinow, vor dem Völkerbund folgende Worte:

»Wir wissen von drei Staaten, die in den letzten Jahren Angriffe auf andere Länder unternommen haben. Obwohl zwischen den angegriffenen Völkern grundlegende Unterschiede der Regierungsform, der Lebensauffassung, des materiellen und kulturellen Niveaus bestehen, rechtfertigen die drei Staaten ihr Vorgehen in allen Fällen mit dem gleichen Motiv: dem Kämpf gegen den Kommunismus. Die Führer dieser Staaten haben die naive Auffassung - oder geben zumindest vor, sie zu haben -,daß ihnen all ihre internationalen Schwerverbrechen verziehen werden, sobald sie nur das Wort 'Antikommunismus' aussprechen.«

Unter dem Deckmantel des Antikominternpaktes bereiteten Deutschland, Japan und Italien die Eroberung und Versklavung Europas und Asiens vor.

Zwei Wege standen der Welt offen: der nazistischen, faschistischen und japanischen Aggression den geeinten Widerstand aller andersgesinnten Nationen entgegenzusetzen und die von der Achse ausgehende Kriegsgefahr zu bannen, bevor es su spät war - oder durch Uneinigkeit und schrittweises Zurückweichen vor der Aggression dem faschistischen Sieg den Weg zu bereiten. Die Propagandaministerien der Achse, die Agenten Leo Trotzkis, die französischen, englischen und amerikanischen Reaktionäre führten in vollster Übereinstimmung einen internationalen faschistischen Feldzug gegen die kollektive Sicherheit. Der Gedanke einer gemeinsamen Front gegen die Angreifer wurde als »kommunistische Propaganda« abgelehnt, als »utopischer Traums verlacht, als »Aufmunterung zum Krieg« gebrandmarkt. Statt dessen förderte man die Befriedungspolitik, empfahl man den Plan, den unvermeidlichen Krieg in einen allgemeinen Sturm auf Sowjetrußland umzuwandeln. Nazideutschland zog aus dieser Politik den größten Nutzen.

Der englische Ministerpräsident Neville Chamberlain, der eifrigste Vorkämpfer der Befriedung, behauptete, Europa würde durch das Prinzip der kollektiven Sicherheit in »zwei bewaffnete Lager« gespalten werden.

Die nazistische Zeitung »Nachtausgabe« erklärte im Februar 1938:

»Wir wissen jetzt, daß der englische Premier die kollektive Sicherheit ebenso wie wir selbst für völligen Unsinn hält.« Im September 1938 erreichte die Versöhnungspolitik ihren Höhepunkt. Die Regierungen des nazistischen Deutschlands, des faschistischen Italiens, Großbritanniens und Frankreichs unterzeichneten das Münchener Abkommen. Die sowjetfeindliche Heilige Allianz, von der die Weltreaktion seit 1918 träumte, war endlich erreicht.

Nach Abschluß dieses Paktes stand die Sowjetunion ohne Bundesgenossen da. Das französisch-sowjetische Abkommen, der Grundpfeiler der europäischen kollektiven Sicherheit, war bedeutungslos geworden. Die tschechischen Sudetenländer wurden dem Deutschen Reich einverleibt. Das Tor nach dem Osten stand der Wehrmacht weit offen.

»Das Münchener Abkommen«, schrieb Walter Duranty in »The Kremlin and the People«, »war wohl die schlimmste Erniedrigung, die Sowjetrußland seit dem Vertrag von BrestLitowsk erlebt hatte.«

Die Welt wartete auf den Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion.

Bei seiner Rückkehr nach England rief Neville Chamberlain, indem er einen Fetzen Papier mit Hitlers Unterschrift in der Hand schwenkte, triumphierend aus: »Das bedeutet Frieden, solange wir leben!«

Aber die ersten Opfer des antisowjetischen Münchener Abkommens waren nicht die Völker der Sowjetunion, sondern die demokratischen Nationen Europas. Auch diesmal versteckte sich hinter der antisowjetischen Fassade der Verrat an der Demokratie.

Im Februar 1939 erkannten England und Frankreich die faschistische Diktatur des Generalissimo Franco als gesetzmäßige Regierung Spaniens an. Nach zweieinhalbjährigem, heldenhaftem, todesmutigem Kampf gegen eine überwältigende Übermacht wurde in den letzten Märztagen aus dem republikanischen Spanien eine faschistische Provinz.

Am 15. März hörte die Tschechoslowakei auf, ein unabhängiger Staat zu sein. Die nazistischen Panzerdivisionen rasselten durch die Straßen Prags. Hitler eignete sich die Skoda-Werke und dreiundzwanzig andere Waffenfabriken an und gelangte damit in den Besitz einer Rüstungsindustrie, die dreimal so stark war wie die des faschistischen Italiens. Der faschistenfreundliche General Jan Sirovy, der einst die tschechischen Interventionstruppen im sowjetischen Sibirien kommandiert hatte, lieferte der deutschen Heeresleitung Arsenale und Lagerhäuser tausend Flugzeuge und die gesamte erstklassige militärische Ausrüstung der tschechoslowakischen Armee aus.

Am 20. März übergab die litauische Regierung Deutschland den einzigen Hafen des Landes: Memel.

Am Morgen des 7.April, an einem Karfreitag, setzte Mussolini über das Adriatische Meer und fiel in Albanien ein. Fünf Tage später nahm König Viktor Emanuel die albanische Krone an.

Noch zu der Zeit, als Hitler in die Tschechoslowakei einrückte, versuchte Stalin, den Versöhnungspolitikern Englands und Frankreichs klarzumachen, daß ihre sowjetfeindliche Politik für sie selbst verhängnisvolle Folgen haben würde.

In einer Rede, die er am 10. März 1939 in Moskau vor dem XVIII Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion hielt, erklärte Stalin, der in Europa und Asien von den Achsenmächten unter dem Deckmantel des Antikominternpaktes ohne Kriegserklärung geführte Krieg richte sich nicht nur gegen Sowjetrußland, sondern ebenso - und sogar noch viel mehr - gegen die Interessen Englands, Frankreichs und der Vereinigten Staaten.

»Der Krieg wird von den aggressiven Staaten geführt« sagte Stalin, »die die Interessen der nichtaggressiven Staaten, vor allem Englands, Frankreichs und der USA, in jeder Weise schädigen; die letzteren weichen jedoch zurück, treten den Rückzug an, machen den Aggressoren ein Zugeständnis nach dem anderen...

Somit vollzieht sich vor unseren Augen eine offene Neuaufteilung der Welt und der Einflußsphären auf Kosten der Interessen der nichtaggressiven Staaten, wobei diese keinerlei Versuche zur Abwehr unternehmen, in gewisser Weise sogar jene begünstigen. Unglaublich, aber wahr.

Die reaktionären Politiker der westlichen Demokratien, besonders Englands und Frankreichs, hätten die Politik der kollektiven Sicherheit abgelehnt. Statt dessen trügen sie sich noch immer mit der Idee einer sowjetfeindlichen Koalition, die sich hinter diplomatischen Phrasen, wie 'Befriedung' und 'Nichteinmischung' verstecke. Diese Politik«, meinte Stalin, »sei bereits gescheitert.« Er fuhr fort: »... gewisse Politiker und Pressevertreter in Europa und in den Vereinigten Staaten, die In Erwartung eines Feldzugs gegen die Sowjetukraine die Geduld verloren haben, gehen selber dazu über, die wahren Hintergründe der Nichteinmischungspolitik zu enthüllen. Sie erklären geradeheraus und geben es schwarz auf weiß, daß sie von den Deutschen schwer enttäuscht seien, da diese, statt weiter nach Osten, gegen die Sowjetunion, vorzustoßen, sich ... nach Westen wenden und Kolonien verlangen. Der Gedanke liegt nahe, man habe den Deutschen Gebiete der Tschechoslowakei als Kaufpreis für die Verpflichtung gegeben, den Krieg gegen die Sowjetunion zu beginnen, daß sich aber die Deutschen nunmehr weigern, den Wechsel einzulösen ...«

»Ich bin weit davon entfernt«, sagte Stalin, »über die Nichteinmischungspolitik zu moralisieren, von Verrat, von Treubruch und dergleichen zu sprechen. Es wäre naiv, Leuten, die die menschliche Moral nicht anerkennen, Moral zu predigen! Politik ist Politik, wie die alten durchtriebenen bürgerlichen Diplomaten sagen. Es ist jedoch notwendig, zu bemerken, daß das große und gefährliche politische Spiel, das die Anhänger der Nichteinmischungspolitik begonnen haben, für sie mit einem ernsten Fiasko enden kann.«

Die Sowjetunion strebte noch immer eine internationale Zusammenarbeit gegen die Angreifer und eine realistische Politik der kollektiven Sicherheit an; aber Stalin erklärte mit aller Deutlichkeit, daß eine solche Zusammenarbeit vom Geist der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit getragen sein müsse. Die Rote Armee habe nicht die leiseste Absicht, für die Befriedungspolitiker Englands und Frankreichs die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Wenn es zum Äußersten käme, würde die Rote Armee auf ihre Stärke und die Einigkeit und Treue des Sowjetvolkes vertrauen. Stalin sagte: »... im Kriegsfall wird bei uns das Hinterland und die Front stärker sein als bei jedem anderen Volk. Diese Tatsache sollten die Leute im Ausland, die eine Vorliebe für militärische Auseinandersetzungen haben, lieber nicht vergessen.«

Aber Stalins unverblümte und inhaltsschwere Warnung wurde nicht beachtet.

Eine im April 1939 in England veranstaltete Umfrage ergab, daß 87 Prozent der englischen Bevölkerung den Abschluß eines anglo-sowjetischen Bündnisses gegen Nazideutschland befürworteten.

Churchill betrachtete die anglo-sowjetische Annäherung als »lebenswichtig« In einer am 27. März gehaltenen Rede gab er eine scharfe Erklärung ab:

»Wenn die Regierung Seiner Majestät, die das Verteidigungssystem unseres Landes vernachlässigt, die Tschechoslowakei mit ihrem ganzen Kriegspotential preisgegeben und schließlich die Verpflichtung, Polen und Rumänien zu verteidigen, auf sich genommen hat, jetzt die unentbehrliche Hilfe Rußlands zurückweist und wegwirft und uns so auf die schlimmste Weise dem schlimmsten aller Kriege entgegenführt, dann hat sie die Großmut, mit der sie von ihren Landsleuten behandelt wurde, nicht verdient.«

Am 29. Juli bekräftigte Lloyd George Churchills Ausführungen mit folgenden Worten:

»Mr. Chamberlain hat mit Hitler direkte Verhandlungen geführt. Er reiste zu ihm nach Deutschland. Er und Lord Halifax besuchten Mussolini. Sie tranken auf seine Gesundheit und sagten ihm, er sei ein feiner Kerl. Aber wen haben sie nach Rußland geschickt? Noch nicht einmal den untersten Kabinettsminister, sondern einen Beamten des Außenministeriums. Das ist eine Beleidigung... Sie haben kein Urteilsvermögen, kein Gefühl für den Ernst der Lage - und dabei erbebt die Welt, ein Abgrund tut sich auf...« Niemand hörte auf die Stimme des englischen Volkes und auf die Worte britischer Staatsmänner wie Churchill und Lloyd George. »Ein rückhaltloses Bündnis mit Rußland«, bemerkte die Londoner »Times«, »würde anderweitige Verhandlungen behindern.«

Gegen Ende des Sommers 1939, als die Gefahr eines europäischen Krieges in greifbare Nähe rückte, war die englische Regierung in Moskau nur durch einen untergeordneten Beamten des Außenamtes, William Strang, vertreten. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung sah sich Chamberlain gezwungen, die Verhandlungen mit Rußland wenigstens zum Schein wiederaufzunehmen. Am 11. August traf in Moskau eine englische Militärmission ein, um Besprechungen mit dem russischen Generalstab zu führen. Die englische Mission hatte für ihre Reise von London nach Rußland das langsamste Transportmittel gewählt, das sich finden ließ: ein Schiff mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von dreizehn Knoten. Die Russen mußten nach kurzer Zeit feststellen, daß die Militärmission ebensowenig zum Abschluß eines Vertrags mit der Sowjetregierung berechtigt war wie Mr. Strang, Rußland sollte isoliert und ohne Hilfe dem nationalsozialistischen Deutschland entgegentreten, das wohl nicht aktiv, aber passiv von den mit dem Münchener Abkommen sympathisierenden europäischen Regierungen unterstützt wurde.

Joseph E. Davies schilderte in einem Brief vom 18. Juli 1941 dem ehemaligen amerikanischen Botschafter und späteren Berater Roosevelts, Harry Hopkins, wie Rußland von den anderen Mächten zu gewissen politischen Entschlüssen gezwungen wurde:

»Auf Grund der persönlichen Beobachtungen, zu denen ich seit 1936 Gelegenheit hatte, kann ich behaupten, daß außer dem Präsidenten der Vereinigten Staaten keine Regierung die Gefährdung des Friedens durch Hitler und die Notwendigkeit der kollektiven Sicherheit und des Abschlusses von Bündnissen zwischen den friedfertigen Nationen so klar erkannte wie die Sowjetregierung. Die führenden Männer Rußlands waren bereit, für die Tschechoslowakei zu kämpfen. Sie kündigten noch vor dem Münchener Abkommen den Nichtangriffspakt mit Polen, weil sie ihren Truppen den Weg durch Polen frei halten wollten, um nötigenfalls ihren vertraglichen Verpflichtungen der Tschechoslowakei gegenüber nachkommen zu können. Sogar nach München, im Frühjahr 1939, erklärte sich die Sowjetregierung bereit, mit England und Frankreich zusammenzugehen, falls Deutschland Polen oder Rumänien angreifen sollte.« - Rußland forderte allerdings die Einberufung einer internationalen Konferenz aller nichtaggressiven Staaten, um die Pflichten der einzelnen Länder objektiv und konkret festzulegen; dann sollte Hitler von dem vereinten Widerstandswillen der Teilnehmer in Kenntnis gesetzt werden ... Dieser Vorschlag wurde von Chamberlain mit der Begründung abgelehnt, daß Polen und Rumänien sich gegen die Einbeziehung Rußlands ausgesprochen hätten...

Während des ganzen Frühjahrs 1939 bemühten sich die Sowjets um das Zustandekommen eines endgültigen Abkommens, das dem weiteren Vordringen Hitlers durch gemeinsames Handeln und Koordinierung der militärischen Pläne einen Riegel vorschieben sollte. England ... weigerte sich, Rußland mit Bezug auf die baltischen Staaten die gleichen Schutzmaßnahmen zu garantieren, die Rußland im Falle eines Angriffs auf Belgien oder Holland Frankreich und England zusichern wollte. Die Sowjets kamen schließlich mit vollem Recht zu der Überzeugung, daß eine wirksame, direkte, konkrete Vereinbarung mit Frankreich und England nicht zu erzielen war. So wurden sie zum Abschluß des Nichtangriffspaktes mit Hitler gezwungen. Zwanzig Jahre nach Brest-Litowsk trieben die sowjetfeindlichen Politiker Europas Sowjetrußland neuerlich in ein unerwünschtes Bündnis mit Deutschland hinein, das den Zwecken der Selbstverteidigung diente.

Am 23. August 1939 unterzeichnete die Regierung der Sowjetunion den Nichtangriffspakt mit Nazideutschland.

2. Der zweite Weltkrieg

Am l. September 1939 überschritten die motorisierten Divisionen der Nazis an sieben Stellen die polnische Grenze. Zwei Tage später erfolgte die englische und die französische Kriegserklärung an Deutschland. Die polnische Regierung, die sich unter dem Einfluß der antisowjetischen »Obersten-Clique« mit dem Nationalsozialismus verbündet, die Hilfe der Sowjets abgewiesen und die kollektive Sicherheit boykottiert hatte, zerfiel im Laufe von zwei Wochen. Die Nazis trieben die zerstreuten Überreste ihrer ehemaligen Bundesgenossen zu Paaren.

Am 17. September - der nazistische Blitzkrieg war noch im Gange, die polnische Regierung ergriff in panischem Schrecken die Flucht - überschritt die Rote Armee die russisch-polnische Vorkriegsgrenze und besetzte Bjelorußland, die Westukraine und Galisien, bevor die deutschen Panzerkolonnen in diese Gebiete vorstoßen konnten. In raschem Vormarsch eroberten die Russen das gesamte Territorium, das ihnen im Jahre 1920 von den Polen abgenommen worden war.

»Es ist klar, daß die russische Armee diese Linie beziehen mußte, um Rußland vor der nazistischen Bedrohung zu schützen ...«, erklärte Winston Churchill am l. Oktober in einer Rundfunkrede. »So wurde eine Ostfront geschaffen, die Deutsehland nicht anzugreifen wagt. Als Herr von Ribbentrop vorige Woche der Einladung nach Moskau Folge leistete, wurde ihm kategorisch erklärt, daß die Nazis ihre Absichten auf die baltischen Staaten und die Ukraine aufgeben müßten.«

Der Vormarsch der Roten Armee nach Westen eröffnete eine Reihe von Maßnahmen, durch die Sowjetrußland ein Gegengewicht gegen die Ausbreitung des Nationalsozialismus zu schaffen und sein Verteidigungssystem für die unvermeidliche Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich zu stärken suchte ...

Während der letzten Septemberwoche und in den ersten Oktobertagen unterzeichnete die Sowjetregierung Abkommen für gegenseitige Hilfe mit Estland, Lettland und Litauen. Durch die Verträge erhielt die Sowjetunion das Recht, in den baltischen Staaten Garnisonen, Flughäfen, Marinestützpunkte zu errichten.

Aber der nördlichste Nachbar, Finnland, mußte als künftiger Waffenbruder des Dritten Reiches angesehen werden.

Der militärische Führer Finnlands, Baron Karl Gustav von Mannerheim, unterhielt freundschaftliche Beziehungen zur deutschen Heeresleitung. Die Generalstäbe der beiden Länder waren in ständiger Fühlung, deutsche Offiziere leiteten periodisch die Manöver der finnischen Armee. Der finnische Generalstabschef General Karl Oesch hatte in Deutschland seine militärische Ausbildung erhalten; ebenso sein erster Adjutant, General Hugo Ostermann, der während des ersten Weltkrieges in der deutschen Armee diente.

Auch politisch stand Finnland dem Dritten Reich nahe. Der Ministerpräsident Risto Ryti sah in Hitler ein »Genie«; der reiche Germanophile Per Svinhufrud, dem die Deutschen das Eiserne Kreuz verliehen hatten, übte hinter den Kulissen einen entscheidenden Einfluß auf die finnische Politik aus.

Mit Hilfe deutscher Offiziere und Techniker war Finnland in eine mächtige Festung verwandelt worden, die als Basis für einen Einfall in die Sowjetunion dienen konnte. Es gab auf finnischem Boden dreiundzwanzig militärische Flughäfen, in denen man die Flugzeuge der finnischen Luftflotte zehnmal hätte unterbringen können. Nazistische Techniker leiteten den Ausbau der Mannerheimlinie, einer Reihe komplizierter, großartig ausgerüstete Festungsbauten von mehreren Kilometern Tiefe längs der sowjetischen Grenze; an einer Stelle lagen nur 34 Kilometer zwischen Leningrad und den Mündungen der schweren finnischen Geschütze. Im Gegensatz zur Maginotlinie war die Mannerheimlinie nicht nur für Verteidigungszwecke, sondern auch für die Unterbringung starker Offensivkräfte eingerichtet. Als die Mannerheimlinie im Sommer 1939 ihrer Vollendung entgegenging, begab sich Hitlers Generalstabschef General Halder nach Finnland, um eine abschließende Inspektion der imposanten Befestigungsanlage vorzunehmen...

Die Sowjetregierung schlug Finnland einen gegenseitigen Beistandspakt vor. Moskau erklärte sich bereit, im Austausch für einige strategisch wichtige Inseln in der Nähe von Leningrad, einen Teil der karelischen Landenge und einen dreißigjährigen Pachtvertrag für den Hafen von Hangoe, in dem ein sowjetischer Flottenstützpunkt errichtet werden sollte, mehrere tausend Quadratkilometer sowjetischen Territoriums abzutreten. Die Sowjetregierung war der Ansicht, daß diese finnischen Gebiete für die Verteidigung der Flottenbasis von Kronstadt und der Stadt Leningrad von ausschlaggebender Bedeutung seien.

Mitte November brach die finnische Regierung auf Betreiben ihrer nazifreundlichen Mitglieder plötzlich die Verhandlungen ab. Ende November begann der finnisch-russische Krieg.

Die sowjetfeindlichen Elemente in England und Frankreich glaubten, daß der langersehnte Heilige Krieg nun endlich gekommen war. Der merkwürdig ereignislose Kampf gegen Nazideutschland im Westen erschien ihnen als der »falsche Krieg«. Der wahre Krieg mußte sich gegen den Osten richten. Unter dem Schlagwort »Hilfe für Finnland« setzte in England, Frankreich und den Vereinigten Staaten ein heftiger Propagandafeldzug gegen die Sowjetunion ein.

Ministerpräsident Chamberlain, der erst kurz zuvor behauptet hatte, sein Land verfüge nicht über die für den Kampf gegen Deutschland notwendigen Waffen, ordnete die sofortige Entsendung von 144 britischen Flugzeugen, 114 schweren Geschützen, 185 000 Geschossen, 50 000 Handgranaten, 15 700 Luftbomben, 100 000 Armeemänteln und 48 Ambulanzen nach Finnland an. Zu einer Zeit, wo die französische Armee für den Widerstand gegen die unvermeidliche Nazioffensive jede Gewehrkugel brauchte, stellte die französische Regierung dem finnischen Heer 179 Flugzeuge, 472 Kanonen, 795 000 Geschosse, 5100 Maschinengewehre und 200 000 Handgranaten zur Verfügung.

Während an der Westfront nach wie vor Ruhe herrschte, plante die englische Heeresleitung, die noch immer unter dem Einfluß sowjetfeindlicher Militärs vom Schlage des Generals Ironside stand, einen Truppentransport von 100 000 Mann über Skandinavien nach Finnland. Der französische Generalstab rüstete zu einem gleichzeitigen Angriff auf den Kaukasus. Diese Operation sollte von General Weygand geleitet werden, der offen erklärte, die im Nahen Osten stationierten französischen Flugzeuge stünden bereit, um ihre Bomben auf die Ölfelder von Baku abzuwerfen.

Tag für Tag verkündeten die Schlagzeilen der englischen, französischen und amerikanischen Zeitungen triumphale Siege der Finnen und verheerende Niederlagen der Sowjets. Aber nach dreimonatigem Kampf auf außerordentlich schwierigem Terrain, in einem Gebiet, wo die Temperatur häufig 60 bis 70 Grad unter Null erreichte, gelang es der Roten Armee, die »undurchdringliche« Mannerheimlinie zu durchbrechen. Die finnische Armee wurde in die Flucht geschlagen.[3]

Am 29. März 1940 erklärte Molotow vor dem Obersten Sowjet der UdSSR:

»Obwohl es der Sowjetunion nach der Vernichtung des finnischen Heeres ein leichtes gewesen wäre, ganz Finnland zu besetzen, nahm sie von diesem Schritt Abstand. Sie verlangte keine Kriegsentschädigung, wie es jede andere Macht getan hätte, sondern beschränkte ihre Forderungen auf ein Mindestmaß... Wir verfolgten bei den Friedensverhandlungen kein anderes Ziel als die Sicherung von Leningrad, Murmansk und der Murmansker Eisenbahn ...«

Aber Nazideutschland setzte seine heimliche Kriegsführung gegen die Sowjetunion fort...

Am Tage nach der Einstellung der Feindseligkeiten zwischen Finnland und Sowjetrußland erließ General Mannerheim eine Proklamation an das finnische Heer, in der er es als die »heilige Mission der Armee« bezeichnete, »ein Vorposten der westlichen Zivilisation im Osten zu sein«. Kurz darauf begann die finnische Regierung, längs der abgeänderten Grenze neue Befestigungen zu errichten. Die Arbeiten wurden von nazistischen Technikern beaufsichtigt. Finnland vergab große Rüstungsaufträge an deutsche und schwedische Firmen. Starke deutsche Truppenkontingente trafen in Finnland ein. Die Generalstäbe Finnlands und Deutschlands errichteten ein gemeinsames Hauptquartier, das deutsch-finnische Manöver veranstaltete. Das Personal der deutschen Botschaft in Helsinki und der elf über das Land verteilten deutschen Konsulate wurde durch Scharen von nazistischen Agenten erweitert.

Im Frühjahr 1940 war es mit der Ruhe im Westen plötzlich vorbei. Am 9. April fielen deutsche Truppen in Dänemark und Norwegen ein. Die Dänen leisteten keinerlei Widerstand, die Besetzung wurde in einem einzigen Tag durchgeführt. Gegen Ende des Monats war der organisierte Widerstand in Norwegen gebrochen, die englischen Truppen, die den Norwegern zu Hilfe gekommen waren, gaben ihre wenigen, unsicher gewordenen Stützpunkte auf. In Oslo wurde eine von Major Vidkun Quisling geführte nazistische Marionettenregierung eingesetzt.

Am 10. Mai reichte Ministerpräsident Chamberlain seinen Abschied ein, nachdem er das Land in eine der verzweifeltsten Situationen seiner langen Geschichte hineinmanövriert hatte. Am gleichen Tage beauftragte der König Winston Churchill mit der Kabinettsbildung - und am gleichen Tage fiel die deutsche Armee In Holland, Belgien und Luxemburg ein. Am 21. Mai stießen die Deutschen nach Beseitigung der letzten Hindernisse bis zum Kanal vor. Die Alliierten waren in Flandern abgeschnitten.

Frankreich wurde von einer Panik ergriffen. Die Fünfte Kolonne war überall am Werk. Die französischen Truppen wurden von ihren Offizieren im Stich gelassen. Ganze Divisionen waren ohne jede militärische Ausrüstung. Paul Reynaud erklärte dem Senat, die Führer der französischen Armee hätten unfaßbare Irrtümer begangen. Er sprach von »Verrätern, Defaitisten und Feiglingen«. Hochgestellte französische Offiziere wurden plötzlich dutzendweise verhaftet. Aber diese Verhaftungen kamen zu spät. Frankreich war bereits in der Gewalt der Fünften Kolonne.

Der frühere französische Minister für Flugwesen, Pierre Cot, schrieb später in seinem Buch »Triumph des Verrates«: »...die Faschisten hatten überall im Land und in der Armee freie Hand. Hinter dem Rauchvorhang der antikommunistischen Agitation war die große politische Verschwörung im Gange, die Frankreich lahmen und Hitler seine Arbeit erleichtern sollte. Die wirksamsten Werkzeuge der Fünften Kolonne waren Weygand, Petain und Laval. In dem Ministerrat, der am 12. Juni 1940 in Cange bei Tours stattfand, drängte Weygand auf Beendigung des Krieges. Als Hauptargument brachte er vor, daß in Paris eine kommunistische Revolution ausgebrochen sei. Er behauptete, Maurice Thorez, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei, habe sich bereits im Präsidentenpalais niedergelassen. Innenminister Georges Mandel rief sofort den Polizeipräfekten von Paris an, der Weygand Lügen strafte; es seien keinerlei Störungen vorgekommen, die Bevölkerung verhalte sich ruhig ... Nachdem es Petain und Weygand gelungen war, in der allgemeinen Verwirrung des Zusammenbruchs die Macht an sich zu reißen, gingen sie mit Lavais und Darlans Hilfe daran, unverzüglich jede politische Freiheit zu unterbinden, das Volk zu knebeln und ein faschistisches Regime zu errichten. Mit jeder Stunde wuchs die Verwirrung, das Debakel rückte immer näher - und die französischen Soldaten kämpften weiter, verzweifelt und hoffnungslos. Noch nie war ein so ungeheurer Verrat an einem Volk begangen worden.

Vom 29. Mai bis zum Abend des 4. Juni dauerte die Evakuierung der englischen Truppen aus Dünkirchen. Durch eine heroische Aktion der britischen Armee wurden 335 000 Mann gerettet.

Am 10. Juni erklärte das faschistische Italien Frankreich und England den Krieg.

Am 14. Juni fiel Paris. Petain, Weygand, Laval und der Trotzkist Dorföt bildeten die nazistische Marionettenregierung des neuen Frankreich.

Am 22. Juni wurde im Wald von Compiegne in demselben Eisenbahnwaggon, in dem Marschall Foch zweiundzwanzig Jahre vorher den besiegten Deutschen seine Bedingungen diktiert hatte, der Waffenstillstand zwischen Deutschland und Frankreich unterzeichnet.

Während Frankreich zerfiel, befestigte die Rote Armee durch einen neuerlichen, raschen Schachzug die Verteidigungsstellungen der Sowjetunion.

Mitte Juni griffen die sowjetischen Panzerdivisionen durch die Besetzung Estlands, Lettlands und Litauens einem drohenden Naziputsch in den baltischen Staaten vor.

Am 27. Juni fiel die Rote Armee in Bessarabien und in die nördliche Bukowina ein, die Rumänien den Russen nach der Revolution entrissen hatte.

Die Sowjetunion und Nazideutschland standen einander auf der künftigen Kampflinie gegenüber.

Gegen Ende Juli begannen die deutschen Großangriffe auf London und andere englische Städte. Tonnen von Explosivstoffen gingen auf die Zivilbevölkerung nieder. Die Luftangriffe, die im Laufe des folgenden Monats immer rücksichtsloser wurden, sollten die ganze Nation mit lähmender Angst erfüllen und das bereits erheblich geschwächte England binnen kurzem auf die Knie zwingen.

Aber inzwischen waren in Großbritannien tiefgreifende Veränderungen vor sich gegangen. Die durch Chamberlains Führerschaft hervorgerufene Unschlüssigkeit und Uneinigkeit hatte einer entschlossenen Stimmung Platz gemacht. Das Bewußtsein der nationalen Einheit war neu erstarkt. Das englische Volk konnte die Tätigkeit der Fünften Kolonne auf der anderen Seite des Kanals beobachten. Die Regierung Churchills handelte rasch und entschlossen. Scotland Yard und der englische Geheimdienst machten Jagd auf Naziagenten, britische Faschisten und Intriganten der Fünften Kolonne. Bei einer unerwarteten Razzia im Londoner Hauptquartier des britischen Faschisten-Bundes konnten die Behörden wichtige Dokumente beschlagnahmen. Eine große Anzahl von Agenten der Fünften Kolonne wurde festgenommen. Sir Oswald Mosley, der Führer der englischen Faschistenpartei, wurde in seiner Wohnung verhaftet. Sensationelle Ereignisse folgten: John Beckett, ein ehemaliges Parlamentsmitglied und Begründer der sowjetfeindlichen, nazifreundlichen Volkspartei, Hauptmann A. H. Ramsay, konservativer Abgeordneter für Peebles, Edward Dudley Elan, Beamter im Ministerium für Gesundheitswesen, seine Frau, Mrs. Dacre Fox, und andere prominente Nazifreunde und Faschisten wurden verhaftet. Durch eine neue gesetzliche Verfügung wurde die Todesstrafe für Landesverrat eingeführt.

Die Verhaftung des Admirals Sir Barry Domvile, des ehemaligen Leiters der Marinespionage, war ein Beweis dafür, daß die britische Regierung aus den Ereignissen in Frankreich und den Moskauer Prozessen eine Lehre gezogen hatte. Domvile, ein Freund Alfred Rosenbergs und des verstorbenen Generals Max Hoffmann, hatte sich seit 1918 fast an allen sowjetfeindlichen Verschwörungen beteiligt. Zur Zeit seiner Verhaftung, im Juli 1940, stand er an der Spitze einer nazifreundlichen englischen Geheimgesellschaft, die den Namen »The Link« führte und unter Mitwirkung des Gestapochefs Heinrich Himmler gegründet worden war. Gegen Verrat im eigenen Lager gesichert, ertrug das englische Volk die Heimsuchung des nazistischen Luftkrieges mit Mut und Standhaftigkeit. Das Verteidigungssystem wurde ausgebaut, und am 17. September gelang es der britischen Luftwaffe, an einem einzigen Tag nicht weniger als 185 deutsche Flugzeuge über England abzuschießen.

Hitler, der mit einem so entschlossenen Widerstand nicht gerechnet hatte und durch das Vorrücken der Roten Armee im Osten beunruhigt wurde, blieb am Kanal stehen. Der geplante Überfall auf die britischen Inseln unterblieb...

Man schrieb das Jahr 1941. Mit gespannter Aufmerksamkeit erwartete ganz Europa den Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen den zwei größten Militärmächten der Welt: Nazideutschland und Sowjetrußland. Am l. März zogen die Deutschen in Sofia ein, Bulgarien wurde eine Kriegsbasis der Nazis. , Nachdem die Regentschaft des Prinzen Paul durch einen jugoslawischen Volksaufstand gestürzt und die Naziagenten aus dem Lande gejagt waren, schloß die Sowjetregierung am 6. April mit der neuen jugoslawischen Regierung einen Nichtangriffspakt. Am gleichen Tage erfolgte die Kriegserklärung Deutsehlands an Jugoslawien und die Eröffnung der Kampfhandlungen.

Am 6. Mai wurde Stalin Vorsitzender des Rates der Volkskommissare der UdSSR.

Am 22. Juni 1941, um 4 Uhr morgens, rasten deutsche Tanks, Flugzeuge, mobile Artillerie, motorisierte Einheiten und Infanterietruppen ohne vorherige Kriegserklärung über die sowjetische Grenze. Die Frontlinie erstreckte sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.

Auch Italien, Rumänien, Ungarn und Finnland beteiligten sich an dem Krieg gegen Sowjetrußland. In Frankreich und Spanien wurden faschistische Spezialeinheiten zusammengestellt. Die Armeen der europäischen Gegenrevolution vereinten ihre Kräfte in einem Heiligen Krieg gegen die Sowjets. Der Plan General Hoffmanns war Wirklichkeit geworden. Am 7. Dezember 1941 griffen japanische Bombenflugzeuge und Schlachtschiffe die Vereinigten Staaten von Amerika ohne vorherige Warnung an. Das nazistische Deutschland und das faschistische Italien erklärten Amerika den Krieg.

Am 9. Dezember sagte Präsident Roosevelt in einer Rede an das amerikanische Volk:

»Der Kurs, den Japan während der letzten zehn Jahre in Asien verfolgte, entspricht dem Kurs Hitlers und Mussolinis in Europa und Afrika. Heute ist daraus weit mehr geworden. Heute ist es eine so genau berechnete Zusammenarbeit, daß die Strategen der Achse sämtliche Erdteile und Meere der Welt als ein einziges, riesiges Schlachtfeld ansehen können.«

1931 fiel Japan in die Mandschurei ein - ohne Warnung.

1935 überfielen die Italiener Abessinien - ohne Warnung.

1938 wurde Österreich von Hitler besetzt - ohne Warnung.

1939 fiel Hitler in die Tschechoslowakei ein - ohne Warnung. Zu einem späteren Zeitpunkt desselben Jahres überfiel Hitler Polen - ohne Warnung.

1940 besetzte Hitler Norwegen, Dänemark, Holland, Belgien und Luxemburg - ohne Warnung.

1940 griff Italien zuerst Frankreich und dann Griechenland an - ohne Warnung.

1941 fiel Hitler in Rußland ein - ohne Warnung.

Und schließlich erfolgte der Überfall Japans auf die malaiischen Inseln, Siam und die Vereinigten Staaten - ohne Warnung. Es war immer das gleiche System.

Die Maske war gefallen. Der Geheimkrieg der von den Achsenmächten begründeten Antikomintern gegen Sowjetrußland war mit dem Weltkrieg gegen alle freien Völker der Erde verschmolzen.

Am 15. Dezember erklärte Präsident Roosevelt in einer Botschaft an den Kongreß:

»Im Jahr 1936 stellte sich Japan durch seinen Beitritt zum Antikomintern-Pakt offen auf die Seite Deutschlands. Wie wir alle wissen, war dieser Pakt dem Namen nach gegen die Sowjetunion gerichtet; in Wirklichkeit handelte es sich um die Bildung einer faschistischen Liga gegen die freie Welt, vor allem gegen Großbritannien, Frankreich und die Vereinigten Staaten.«

Die entscheidende Endphase des zweiten Weltkrieges hatte begonnen: die weltumspannende Auseinandersetzung zwischen dem internationalen Faschismus und den vereinigten Streitkräften, der fortschrittlichen Menschheit.

XXIII. ANTIKOMINTERN IN AMERIKA

l. Das Erbe der Schwarzen Hundertschaften

Nach dem 22. Juni 1941 waren die Bemühungen der Geheimdiplomatie der Achse in erster Linie darauf gerichtet, den Beitritt der Vereinigten Staaten zu der anglo-sowjetischen Allianz um jeden Preis zu verhindern. Die Isolierung Amerikas war eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Verwirklichung der deutsch-japanischen militärischen Pläne...

Amerika wurde zum Brennpunkt der von den Achsenmächten betriebenen sowjetfeindlichen Propaganda und Intrigen.

Seit 1918 waren die Vereinigten Staaten mit einer Flut lügenhafter sowjetfeindlicher Propaganda überschwemmt worden. Die russische Revolution wurde als das Werk »wilder, zügelloser, von Meuchelmördern und degenerierten Verbrechern aufgehetzter Pöbelhaufen« dargestellt; die Rote Armee galt als »undiszipliniertes Gesindel«, die sowjetische Wirtschaft als »undurchführbares Unternehmen«; es wurde behauptet, daß die sowjetische Industrie und Landwirtschaft sich »in einem Zustand hoffnungsloser Anarchie« befinde und daß das Sowjetvolk nur auf einen Krieg warte, um sich gegen die »skrupellosen Herren von Moskau« zu erheben.

Sofort nach dem Angriff Nazideutschlands auf die Sowjetunion erhob sich in den Vereinigten Staaten ein Chor von Stimmen, die den Zusammenbruch der UdSSR für die allernächste Zukunft ankündigten. Die folgenden Äußerungen sind bezeichnend für die Stimmung, die damals in weiten Kreisen Amerikas herrschte: »Im Laufe von dreißig Tagen wird Hitler Rußland erobern.« - (Martin Dies, Mitglied des Kongresses, am 24. Juni 1941.) »Nur ein Wunder, wie es seit biblischen Zeiten nicht mehr erlebt wurde, könnte die Roten vor einer baldigen, vernichtenden Niederlage bewahren.« (Fletcher Pratt, »New York Post«, 27.Juni 1941.)

»Rußland ist verloren; Amerika und Großbritannien können nicht verhindern, daß das Land in kürzester Zeit unter den Hammerschlägen des nazistischen Blitzkrieges zusammenbricht.« (Hearst »New York Journal-American«, 27. Juni 1941.) Am 20. November 1941 erschien in der "Houston Post" ein Leitartikel mit der Überschrift »Unbekanntes Rußland«. Darin wurde eine Frage aufgeworfen, die damals viele Amerikaner beschäftigte:

»Es gibt keine zureichende Erklärung für die Tatsache, daß die Bevölkerung der Vereinigten Staaten während der letzten zwanzig Jahre in fast völliger Unkenntnis der in der Sowjetunion erzielten materiellen Fortschritte belassen wurde. Als Hitler Rußland angriff, herrschte in unserm Lande die nahezu einstimmige Ansicht, daß Stalin sich nicht lange halten würde. Unsere .besten Köpfe betrachteten die Sache Rußlands als hoffnungslos. Sie erwarteten eine rasche Niederwerfung der Sowjetunion durch die Nazis... Die meisten Amerikaner glaubten, Rußland werde unter dem deutschen Druck Zusammenbrechen .... Warum und auf welche Weise wurden diese Informationen dem amerikanischen Volk so lange vorenthalten?« Seit 1918 war das amerikanische Volk von dem sowjetrussischen durch eine Grenzwand getrennt. Künstlicher Haß und Furcht vor Sowjetrußland waren in Amerika durch reaktionäre Politiker und Geschäftsleute, weißgardistische Emigranten und gegenrevolutionäre Agenten und schließlich durch Vertreter der Propagandaministerien und Spionageorganisationen der Achsenmächte systematisch genährt worden.

Unmittelbar nach der russischen Revolution begannen die weißgardistischen Emigranten, Amerika mit sowjetfeindlichen Fälschungen zu überschwemmen, um Feindseligkeit und Argwohn gegen die Sowjetunion zu wecken. Von Anfang an bestand ein enger Zusammenarbeit zwischen der antisowjetischen Kampagne der zaristischen Emigranten in den Vereinigten Staaten und dem faschistischen Geheimkrieg, der sich gegen Amerika selbst richtete.

1924 wurden in Amerika die ersten nazistischen Zellen gebildet. Ihre Tätigkeit unterstand dem Leiter der nazistischen Teutonia-Gesellschaft in Chicago, Fritz Gissibl. Im gleichen Jahr gründete Hauptmann Sidney George Reilly mit Unterstützung seiner weißgardistischen Verbündeten in den Vereinigten Staaten eine Zweigstelle seiner Internationalen Antibolschewistischen Liga. In den zwanziger Jahren betrieben Naziagenten wie Fritz Gissibl und Heinz Spanknoebel in engster Zusammenarbeit mit den sowjetfeindlichen Weißgardisten in Amerika ihre antidemokratische und antisowjetische Tätigkeit. Sie erhielten ihre Instruktionen von Rudolf Heß und Alfred Rosenberg.

Im Jahr 1922 traf der russische Emigrant Peter Afanassjew, alias Fürst Peter Kuschubje, alias Peter Armstrong, in San Francisco ein. Er sorgte für die Verbreitung der »Protokolle der Weisen von Zion«; in Amerika und gab zusammen mit dem ehemaligen zaristischen Offizier, Hauptmann Viktor de Kayville, eine nazifreundliche, antisemitische Propagandazeitung, »The American Gentile«, heraus. Er stand in enger Verbindung mit den Naziagenten Fritz Gissibi und Oscar Pfaus.

Nikolai Rybakow, ein ehemaliger Oberst der unter japanischem Oberbefehl stehenden weißgardistischen Armee des Ataman Grigori Semjonow, begab sich anfangs der zwanziger Jahre nach den Vereinigten Staaten, wo er sich mit antisowjetischer und antisemitischer Propaganda beschäftigte. Als Hitler 1933 in Deutschland die Macht ergriff, gründete Rybakow in New York eine nazifreundliche russische Zeitung »Rossija«. Der japanische Agent Semjonow und sein Stellvertreter Rodsajewski, die in der Mandschurei eine von den Japanern finanzierte weißgardistische Armee befehligten, belieferten Rybakow mit japanischem Propagandamaterial über die Mandschurei, das regelmäßig neben nazifreundlichen Artikeln in der »Rossija« veröffentlicht wurde. 1941, nach Hitlers Einmarsch in Rußland, bezeichnete Rybakows Zeitung die nazistische Wehrmacht als »ein feuriges Schwert, das die gerechte Strafe der Vorsehung vollzieht«, als »die christlich-patriotischen, antibolschewistischen, weißen siegreichen Legionen Hitlers.«

Der wichtigste Verbindungsmann zwischen den Nazis und den Weißgardisten in den Vereinigten Staaten war James Wheeler-Hill, der Sekretär des Deutsch-Amerikanischen Bundes. Wheeler-Hill war kein Deutscher, sondern ein aus Baku gebürtiger Weißgardist. Die Niederlage der Weißen Armeen in Rußland veranlaßte ihn, seinen Wohnsitz nach Deutschland und später nach den Vereinigten Staaten zu verlegen. 1939 wurde er als Nazispion vom FBI (Föderal Bureau of Investigation) verhaftet.

Der wichtigste deutsch-japanische Agent unter den in Amerika lebenden Weißgardisten war »Graf« Anastasi A. Wonsiatzki. Am 20. September 1933 schrieb der Naziagent Paul A. von Lilienfeld-Toal in einem Brief an den Kommandanten der pro-nazistischen amerikanischen »Silberhemden« William Dudley Pelley: »Im nachfolgenden gebe ich Ihnen einen Bericht über meine Beziehungen zu den Weißgardisten ... Ich stehe mit dem 'Generalstab der russischen Faschisten' (Postfach 631, Putnam, Conn.) in Verbindung. Ihr Führer, Herr A. A. Wonsiatzki, ist derzeit im Ausland, aber sein Vertreter, Herr D. I. Kunle, hat mir einen freundlichen Brief geschrieben und mehrere Exemplare der Zeitung dieser Vereinigung 'The Fascist' übersandt.« »Graf« Wonsiatzki aus Thompson in Connecticut war ein ehemaliger zaristischer Offizier, der in Denikins Weißer Armee gekämpft hatte. Nach Denikins Niederlage wurde Wonsiatzki das Haupt einer terroristischen Weißen Bande in der Krim, die russische Bürger entführte, Lösegeld für ihre Freilassung forderte und die Gefangenen zu Tode quälte wenn das Geld nicht rechtzeitig bezahlt wurde. Wonsiatzki kam zu Beginn der zwanziger Jahre nach Amerika und heiratete dort eine um zweiundzwanzig Jahre ältere amerikanische Multimillionärin, Mrs. Marion Buckingham Ream Stephens. Wonsiatzki wurde amerikanischer Staatsbürger und ließ sich auf dem luxuriösen Reamschen Landsitz in Thompson nieder.

Das Riesenvermögen seiner Frau inspirierte ihn zu hochfliegenden Träumen von einer sowjetfeindlichen Armee, an deren Spitze er selbst in Moskau einziehen wollte. Er unternahm viele Reisen nach Europa, Asien und Südamerika, wo er mit Vertretern der Torgprom, der Internationalen Antibolschewistischen Liga und anderer antisowjetischer Propagandastellen zusammentraf.

Im August 1933 gründete Wonsiatzki die »Russische Faschistische Nationalrevolutionäre Partei« in den Vereinigten Staaten. Das offizielle Emblem dieser Partei war das Hakenkreuz. Ihr Hauptquartier befand sich auf dem Landsitz der Familie Ream in Thompson, wo Wonsiatzki in einem Privatarsenal Gewehre, Maschinengewehre und andere militärische Gegenstände aufstapelte und junge Männer, die Uniformen und Hakenkreuzabzeichen trugen, zu Soldaten ausbildete.

Im Jahre 1934 besuchte Wonsiatski Tokio, Charbin und andere wichtige Städte des Fernen Ostens. Er hatte Besprechungen mit der japanischen Heeresleitung und mit Weißgardisten, unter anderem auch mit Ataman Semjonow. Von Japan reiste Wonsiatzki nach Deutschland, wo er mit Alfred Rosenberg, Dr. Goebbels und Vertretern des deutschen militärischen Geheimdienstes zusammentraf. Wonsiatzki verpflichtete sich, Deutschland und Japan regelmäßig mit Spionagematerial aus den Vereinigten Staaten zu beliefern.

Wonsiatzkis Partei gründete Zweigstellen in New York, San Francisco, Los Angeles, Sao Paulo (Brasilien) und Charbin in der Mandschurei. Diese Zweigstellen arbeiteten unter direkter Auf sieht des deutschen und japanischen militärischen Spionagedienstes.

Neben ihrer Spionagetätigkeit in den Vereinigten Staaten betrieb die von Wonsiatzki finanzierte und geleitete Organisation eine Sabotage- und Terrorkampagne gegen die Sowjetunion. Im Februar 1934 berichtete Wonsiatzkis in Thompson, Connecticut, erscheinende Zeitung »The Fascist«:

»Am 7. Oktober verursachte das Faschistentrio No. A-5 die Entgleisung eines Militärzuges. Nach hier eingelaufenen Nachrichten wurden 100 Personen getötet. In der Gegend von Starobinsk wurde die Kampagne für die Frühjahrsaussaat dank den Bemühungen der 'Brüder' gründlich sabotiert. Mehrere mit der Durchführung der Aussaat betraute Kommunisten verschwanden auf geheimnisvolle Weise! Am 3. September wurde im Distrikt Osera Kmias der kommunistische Leiter eines Kollektivgutes von den 'Brüdern' No. 167 und 168 getötet!«

Im April teilte »The Fascist« mit, im Redaktionsbüro seien 1500 Zloty hinterlegt worden, die Boris Kowerda nach der Entlassung aus dem Gefängnis übergeben werden sollen. Das Geld ist eine Spende Wonsiatzkis.« Boris Kowerda büßte damals in Polen eine Gefängnisstrafe ab, weil er den sowjetischen Botschafter in Warschau, Wojkow, ermordet hatte.

Das offizielle Programm der Russischen Faschistischen Nationalrevolutionären Partei enthielt folgende Punkte: »Vorkehrungen zur Ermordung der sowjetischen Militärinstruktoren, der Kriegskorrespondenten, der politischen Führer sowie der wichtigsten Kommunisten ... Vor allem Ermordung der Parteisekretäre ... Sabotierung aller Anordnungen der Roten Behörden. ... Behinderung der Verkehrsmittel der Roten Macht ... Umlegen von Telegraphenstangen, Zerschneiden von Drähten, Unterbrechung und Zerstörung aller Telephonlinien ... Denkt immer daran, faschistische Brüder: wir haben zerstört, wir zerstören und wir werden auch in Zukunft unser Zerstörungswerk fortsetzen!«

Unmittelbar nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour wurde »Graf« Anastasi Wonsiatzki vom FBI verhaftet. Die Anklage lautete auf Verletzung des Spionagegesetzes. Wonsiatzki wurde überführt, militärische Geheimnisse der Vereinigten Staaten an die deutsche und japanische Regierung verraten zu haben. Das Urteil lautete auf fünf Jahre Gefängnis.

2. »Rettet Amerika vor dem Kommunismus!«

Im Jahre 1931 machte eine Organisation, die sich National Civic Föderation (Nationale Bürger-Vereinigung) nannte, in den Vereinigten Staaten für das »Projekt einer Internationalen Bewegung zur Bekämpfung der Roten Gefahr« Propaganda. Der Gründer und Leiter dieser Organisation, die sich in erster Linie mit antikommunistischer und antisozialistischer Agitation befaßte, war ein ehemaliger Chicagoer Journalist, Ralph M. Easley. 1927 schrieb Norman Hapgood ein Expose über Easleys »Berufs-patriotismus«, in dem er erklärte:

»Mr. Easleys Feindschaft gilt natürlich in erster Linie der Sowjetunion. Er hat sich offen für die Sache des Zarismus eingesetzt, wobei er vor allem von Mr. Boris beraten wurde.« Zu den Mitgliedern der von Easley geleiteten National Civic Föderation gehörten: der New Yorker Abgeordnete Hamilton Fish, Harry Augustus Jung, ein ehemaliger Spitzel in Arbeiterorganisationen und antisemitischer Propagandist aus Chicago, George Sylvester Viereck, ehemaliger Agent des Kaisers und späterer Naziagent, Matthew Woll, der reaktionäre Vizepräsident der American Federation of Labour und stellvertretender Präsident der National Civic Federation, der Sowjetrußland öffentlich als »dieses rote Ungeheuer - dieser Tollwütige« bezeichnete, und eine Anzahl anderer prominenter Amerikaner, die an dem antibolschewistischen Kreuzzug interessiert waren.

Zu Beginn des Jahres 1933 wurde Easley Vorsitzender der Amerikanischen Sektion des »Internationalen Komitees für die Bekämpfung der kommunistischen Weltgefahr«. Das internationale Hauptquartier dieser Organisation befand sich im Europahaus in Berlin. Viele Mitglieder der National Civic Föderation traten dieser neuen Organisation Easleys bei.

Die amerikanische Sektion des Internationalen Komitees für die Bekämpfung der kommunistischen Weltgefahr brachte in Amerika die erste offizielle nazistische Propagandaliteratur herraus. Es handelte sich um ein in englischer Sprache abgefaßtes antisowjetisches Buch, das den Titel »Kommunismus in Deutschland« trug. Das Buch war im deutschen Eckhart-Verlag erschienen. Tausende von Exemplaren wurden über den Atlantischen Ozean gesandt, um in Amerika in Umlauf gebracht zu werden. Durch großzügigen freien Postversand und kostenlose Verteilung an die Teilnehmer »patriotischer« Versammlungen in New York, Los Angeles, Chicago und anderen Städten wurde das Buch einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Zeitungsartikel, Vorträge, Versammlungen und Zirkularbriefe dienten der Verbreitung des Buches in ganz Amerika. Auf der ersten Seite stand als Motto folgendes Zitat: »Zu Beginn dieses Jahres gab es Wochen, wo wir nur um Haaresbreiten vom bolschewistischen Chaos entfernt waren!

Reichskanzler Adolf Hitler«

in seiner Proklamation vom l. September 1933.

Dann folgte eine programmatische Erklärung:

»Warum alle Amerikaner dieses Buch lesen sollten:

Da die Regierung der Vereinigten Staaten derzeit die Anerkennung der UdSSR in Erwägung zieht, ist die Frage der kommunistischen Propaganda und Aktivität für das amerikanische Volk zum brennenden Problem geworden. Dieses Buch ist eine Mahnung. Es sollte von jedem denkenden Bürger gelesen werden, weil es den Ablauf des Entscheidungskampfes schildert, den Deutschland gegen den Kommunismus geführt hat. Dieses Buch zeigt auf, daß die von den Kommunisten in Deutschland zur Erreichung destruktiver Ziele angewandten Mittel den Methoden gleichen, deren sich diese Feinde der zivilisierten Menschheit auch in den Vereinigten Staaten bedienen...

Da der vorliegende deutsche Bericht auch für andere Länder aufklärenden pädagogischen Wert besitzt, hat sich unser, Komitee veranlaßt gesehen, dieses Buch in die Hände der Führer der öffentlichen Meinung in den Vereinigten Staaten zu legen.«

Unmittelbar auf diese Erklärung folgte eine Liste prominenter Mitglieder der amerikanischen Abteilung des Internationalen Komitees für die Bekämpfung der kommunistischen Weltgefahr:

Walter C. Cole (Vorsitzender des Rates für Nationale Verteidigung und der Handelskammer von Detroit),

John ROSS Delafield,

Ralph M.Easley (Vorsitzender der National Civic Föderation),

Hamiiton Fish (Kongreß-Mitglied),

Elon Huntington Hooker (Vorsitzender der Ameriean Defense Society),

F. 0. Johnson (Präsident der Better America Föderation),

Orvel Johnson (Oberstleutnant, R.O.T.C. Association of the United States),

Harry Jung (Leiter der Ameriean Vigilante Intelligence Association),

Samuel McRoberts (Bankier),

C. G. Norman (Vorsitzender der Building Trades Employers' Association),

Ellis Searle (Herausgeber des »United Mine Worker«),

Walter S. Steele (Herausgeber der »National Republic«),

John B. Trevor (Vorsitzender der Ameriean Coalition),

Archibald E. Stevenson (ehemaliger Mitarbeiter der amerikanischen Militärspionage).

Für die amerikanische Sektion des Internationalen Komitees zur Bekämpfung der kommunistischen Weltgefahr. Einige dieser amerikanischen Förderer des nazistischen Propagandabuches »Kommunismus in Deutschland«. hatten eine recht merkwürdige Vergangenheit:

Harry Augustus Jung, früher Spitzel in Arbeiterorganisationen, leitete die antidemokratische Vereinigung »American Vigilante Intelligence Föderation« in Chicago, deren Organ »Vigilant« von der offiziellen nazistischen Propagandaagentur »Worid Service« zur Lektüre empfohlen wurde. Zu Beginn seiner antisowjetischen Tätigkeit arbeitete Jung mit dem Weißgardisten Peter Afanassjew zusammen, der ihm eine Übersetzung der »Protokolle« zur Verfügung stellte; Jung sollte für die »massenweise« Verbreitung dieses Dokuments in den Vereinigten Staaten Sorge tragen. Später war Jung mit Oberst Robert R. McCormick, dem Herausgeber der isolationistischen, äußerst sowjetfeindlichen Zeitung »Chicago Tribüne« befreundet; er richtete sich im »Tribüne Tower« in Chicago ein Büro ein. Walter S. Steele, Herausgeber der »National Republic«, suchte die amerikanische Geschäftswelt durch unermüdliche sowjetfeindliche Propaganda zu beeinflussen. Er war Jung bei der Verbreitung der »Protokolle der Weisen von Zion« behilflich. James B. Trevor, leitete die »Ameriean Coalition« eine Organisation, die 1942 in einer Anklageschrift des Justizministeriums als Werkzeug einer Verschwörung zur Untergrabung der Moral der amerikanischen Truppen bezeichnet wurde. Trevor stand in engster Verbindung mit antisowjetischen Weißgardisten, seine Organisation diente der Verbreitung sowjetfeindlicher Propaganda.

Archibald E. Stevenson arbeitete ursprünglich in der Spionageabteilung der amerikanischen Armee. In den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg gehörte er zu den eifrigsten Förderern der antisowjetischen Propaganda in den Vereinigten Staaten. Er stand in enger Verbindung mit Ralph M. Easley. Später wurde er Propagandachef des New York State Eeonomic Council, einer sozialistenfeindlichen und antidemokratischen Propagandastelle, deren Vorsitzender, Merwin K. Hart, ein bekannter Propagandist des spanischen faschistischen Diktators Generalissimo Franco war.

Abgeordneter Hamilton Fish, New York, besuchte im Jahre 1923 als Chef der Export- und Importfirma Hamilton Fish & Company die Sowjetunion. Nach seiner Rückkehr beantragte er im Kongreß die Aufnahme der Handelsbeziehungen mit Sowjetrußland. Später wurde er einer der erbittertsten sowjetfeindlichen Propagandisten der Vereinigten Staaten. Zu Beginn der dreißiger Jahre machte sich Fish in seiner Eigenschaft als Vorsitzender eines Kongreßausschusses für die Untersuchung des »amerikanischen Kommunismus« zum Hauptwortführer der sowjetfeindlichen weißgardistischen Emigranten und anderer eingefleischter Sowjetfeinde in den Vereinigten Staaten. Zu den »Sachverständigen«, die Fishs Komitee mit Material belieferten, gehörte der ehemalige Ochranaagent Boris Brasul und der deutsche Propagandist George Sylvester Viereck. Nach Hitlers Machtergreifung in Deutschland pries Fish den Naziführer als den Mann, der Deutschland vor dem Kommunismus errettet habe. Fish, der unter den Vertretern des Isolationismus und der Befriedungspolitik eine führende Rolle spielte, bekannte sich zu den Anschauungen notorischer Nazianhänger und nahm ihre propagandistischen Ergüsse in die Kongreßprotokolle auf. Im Herbst 1939 hatte Fish in Deutschland Besprechungen mit dem nationalsozialistischen Außenminister Joachim von Ribbentrop, dem italienischen Außenminister Graf Galeazzo Ciano und anderen führenden Persönlichkeiten der Achsenmächte. Fish reiste in einem deutschen Flugzeug in Europa umher, befürwortete ein zweites München und erklärte »Deutschlands Ansprüche« für »gerecht«. Im Februar 1942 stellte sich im Verlauf einer Untersuchung gegen den Naziagenten Viereck heraus, daß Fishs Büro in Washington einem nazistischen Propagandaring als Hauptquartier gedient hatte und daß sein Sekretär, George Hill, einer der Leiter des deutschen Propagandaapparates in den Vereinigten Staaten war.

Zu der Zeit, als Amerika in den zweiten Weltkrieg eintrat, gab es in den Vereinigten Staaten eine große Anzahl faschistischer Organisationen, die sich als »antikommunistisch« bezeichneten. Diese Organisationen erhielten aus Berlin und Tokio Richtlinien und in vielen Fällen auch finanzielle Unterstützung. Ein Teil dieser Verbände war von bezahlten nazistischen Agenten gegründet worden. Manche Vereinigungen, wie zum Beispiel der Deutsch-Amerikanische Bund und der Kyffhäuser-Bund, machten aus ihren Beziehungen zum Ausland kein Hehl; andere, wie die Silberhemden, die Christliche Front, die American Guards, die American Nationalist Confederation und die Crusaders for Americanism gaben sich als patriotische Gesellschaften aus, die Amerika »vor dem Kommunismus bewahren« wollten.

Im Jahr 1939 bestanden in Amerika nicht weniger als 750 faschistische Organisationen, die das Land mit achsenfreundlichen, antisemitischen und sowjetfeindlichen Berichten, Zeitschriften, Zirkularen und Zeitungen überschwemmten. Als Voraussetzung für die Errettung Amerikas vor dem Kommunismus forderten diese Organisationen und Publikationen den Sturz der Regierung der Vereinigten Staaten, die Errichtung eines faschistischen Regimes in Amerika und ein gegen Sowjetrußland gerichtetes Bündnis mit den Achsenmächten.

Am 18. November 1936 erklärte William Dudley Pelley, der Führer der nazistisch gesinnten Silberhemden: »Eines müssen wir klar erkennen: wenn es in diesem Land zu einem zweiten Bürgerkrieg kommt, dann wird es nicht um den Sturz der amerikanischen Regierung, sondern um die Beseitigung der jüdisch-kommunistischen Usurpatoren gehen, die sich der amerikanischen Regierung bemächtigt haben und sie zu einer Filiale Moskaus machen wollen...« Nach dem Einfall der Deutschen in Sowjetrußland schrieb Pater Charles E. Coughiin, der Führer der nazifreundlichen Christlichen Front, am 7.Juli 1941 in seinem Propagandaorgan »Social Justice«:

»Deutschlands Krieg gegen Rußland ist ein Kampf für das Christentum... Wir haben nicht vergessen, daß der atheistische Kommunismus in Rußland in erster Linie von gottlosen Juden ausgedacht und in die Tat umgesetzt wurde.« Der Ausstreuung ähnlicher Propaganda dienten: Gerald B. Winrods »Defender« in Wichita, Kansas, William Kullgrens »Beacon Light« in Atascadero, Kalifornien, Court Ashers »X-Ray« in Muncie, Indiana, E. J. Garners »Publicity« in Wichita, Kansas, Charles B.Hudsons »America in Danger!« in Omaha, Nebraska, und viele andere achsenfreundliche, antisowjetische Publikationen.

Nach Pearl Harbour erhob das Justizministerium gegen eine Reihe dieser Leute Anklage wegen aufrührerischer Propaganda und hochverräterischer Umtriebe in Zusammenarbeit mit Naziagenten. Trotzdem setzten sie ihre Propaganda während des ganzen Krieges fort: sie bezeichneten den Kampf der Achsenmächte als »Heiligen Krieg« und behaupteten, die Vereinigten Staaten seien durch die Intrigen »jüdisch-kommunistischer Verschwörer in Washington, London und Moskau« in den Konflikt hineingezogen worden.

3. Die Geschichte des Falles Scheffer

Einige Tage nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour wurde der deutsche Journalist Paul Scheffer von Agenten des Föderal Bureau of Investigation verhaftet. Scheffer, ein eleganter Mann in mittleren Jahren, bewohnte in New York ein modernes Appartement. Er wurde in den Akten des Staatsdepartements als amerikanischer Korrespondent der offiziellen Publikation des Reichspropagandaministeriums »Das Reich« geführt. Der Fall Paul Scheffer ist ein typisches Beispiel für die Methode der Naziagenten, ihre Tätigkeit in den Vereinigten Staaten hinter der Maske des Antibolschewismus zu verstecken...«

Paul Scheuer war in früheren Jahren ein Journalist von internationalem Format gewesen. Von 1922 bis 1929 stand er als Moskauer Korrespondent des »Berliner Tageblatts« in dem Ruf, der beste Fachmann für sowjetrussische Fragen zu sein. Seine lebendig geschriebenen Berichte über die Sowjetunion wurden in die verschiedensten Sprachen übersetzt. Hervorragende Staatsmänner, literarische Berühmtheiten, führende Industrielle und Finanzleute Europas und Amerikas zählten zu seinen Freunden und Bewunderern.

Im Herbst 1929 fand Scheffers Tätigkeit als Moskauer Korrespondent einen ebenso plötzlichen wie unerwarteten Abschluß. Scheffer pflegte seinen Aufenthalt in Moskau durch regelmäßige Reisen nach Deutschland zu unterbrechen. Während eines solchen Heimatbesuches untersagten ihm die Sowjetbehörden die Rückkehr in die UdSSR. Scheffers zahlreiche prominente Freunde erhoben gegen das Verbot entrüstet Einspruch. Sie wollten wissen, welche Gründe die Sowjetregierung zu diesem Schritt veranlaßt hatten. Die Antwort blieb zunächst in den Aktenschränken der sowjetischen Sicherheitsorgane verborgen.

Neun Jahre später, am 2. März 1938, als Michail Tschernow, Mitglied der Rechten und ehemaliger Volkskommissar für Landwirtschaft der Sowjetunion, vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR Zeugnis ablegte, wurde ein Teil der Ursachen bekannt.

Tschernow gab zu, für die Lieferung von Geheiminformationen über den Handel und die Armee der Sowjetunion und die Organisierung eines ausgedehnten Sabotageapparates vom deutschen militärischen Geheimdienst ein Monatsgehalt von 4000 Rubel bezogen zu haben. Er nannte den deutschen Agenten, unter dessen Anleitung er seine ersten Spionage- und Sabotageaufträge durchgeführt hatte. Tschernow sagte: der deutsche Agent war »Paul Scheffer, der Korrespondent des 'Berliner Tageblatts'.«

Am 13. März 1938 wurde Michail Tschernow von einem Exekutionskommando der Roten. Armee erschossen. Wenige Tage vor seiner Hinrichtung traf Paul Scheffer als Korrespondent des »Berliner Tageblatts« für Amerika in den Vereinigten Staaten ein...

Scheffer hatte sich, seitdem ihm die Rückkehr in die Sowjetunion verboten war, zu einem der fruchtbarsten und bestbezahlten antisowjetischen Propagandaschriftsteller entwickelt. Fast jede Woche veröffentlichte er in einer der führenden europäischen oder amerikanischen Zeitschriften einen Artikel, der heftige Angriffe gegen die Sowjetunion enthielt und den Zusammenbruch der sowjetischen Regierung für die allernächste Zeit ankündigte.

Scheffer, der eine russische Gräfin geheiratet hatte, begab sich 1931 nach Amerika, um gegen die Anerkennung der Sowjetregierung durch die Vereinigten Strafen Propaganda zu machen. »Wenn Amerika sich zur Anerkennung entschließt«, warnte Scheffer in einem Artikel, der von »Foreign Affairs« gebracht und von »Reader's Digest« nachgedruckt wurde, »so wird man später sagen können, es habe 1931 bewußt zwischen dem bürgerlichen Europa und den Sowjets gewählt... die Anerkennung der Sowjetunion durch Amerika wird nur dazu beitragen, die Unternehmungslust und Aggressivität des kommunistischen Rußland gegen die bürgerlichen Länder Europas zu steigern.«

Zur Zeit von Hitlers Machtübernahme war Scheffer Korrespondent des »Berliner Tageblatts« in London. Er kehrte sofort nach Deutschland zurück und wurde zum Chefredakteur dieses Blattes ernannt, das jetzt der Aufsicht des Reichspropagandaministeriums unterstand.

Im Winter 1937 erhielt Scheffer den Befehl, nach den Vereinigten Staaten zu übersiedeln. Die telegraphischen Berichte, die er bald darauf von New York an das »Berliner Tageblatt« zu senden begann enthielten ein geschicktes Gemisch von antiamerikanischer Propaganda und Informationsmaterial, das den deutschen Militärbehörden von Nutzen sein konnte. Nach kurzer 2eit avancierte Scheffer zum amerikanischen Korrespondenten der Zeitung »Das Reich«, des offiziellen Organs des deutschen Propagandaministeriums. In dieser Eigenschaft wurde er Dr. Goebbels' Sonderbeauftragter in den Vereinigten Staaten. Es gehörte zu seinen wichtigsten Aufgaben, in Amerika gegen die Sowjetunion Stimmung zu machen. Die sowjetfeindlichen Artikel Scheffers, des »Fachmannes für russische, Fragen«, erschienen regelmäßig in bekannten amerikanischen Magazinen und Zeitungen. Mit besonderer Vorliebe behandelte Scheffer die Moskauer Prozesse, die er seinen zahlreichen amerikanischen Lesern als »gigantischen Schwindel« darstellte, obwohl er durch eben diese Prozesse als deutscher Agent entlarvt worden war. Er bezeichnete Bucharin, Pjatakow, Radek und die übrigen Mitglieder der russischen Fünften Kolonne als die »wahren bolschewistischen Führer«. Aber die höchsten Lobpreisungen sparte er für Leo Trotzki auf.

Scheffers Verhaftung, die nach dem Angriff auf Pearl Harbour erfolgte, bedeutete noch immer nicht das Ende seiner propagandistischen Tätigkeit in den Vereinigten Staaten. Am 13. September 1943 brachte die Sonntagsausgabe der New Yorker »Times« auf der ersten Seite der Unterhaltungsbeilage einen Artikel über Deutschland, der von »Conrad Long« gezeichnet war. In einer Anmerkung der Redaktion hieß es, der Verfasser habe sich mit »der Rolle Deutschlands im jetzigen Krieg eingehend beschäftigt«. Der Artikel enthielt unter anderem die Angabe, daß »der Ernteertrag der Ukraine in diesem Sommer durch die Methoden der Deutschen angeblich verdoppelt« worden war.

»Conrad Long« existierte in Wirklichkeit nicht. Es war ein Pseudonym. Der Artikel in der »Times« stammte von Paul Scheffer.

Einige einflußreiche amerikanischen Freunde hatten Scheffers Entlassung aus der Haft durchgesetzt. Sie ermöglichten ihm, unter einem falschen Namen für die »Times« zu schreiben, und verschafften ihm sogar eine Anstellung als fachmännischer Berater für deutsche Angelegenheiten im Büro des Strategischen Dienstes der USA.

Im Frühjahr 1944 wurde Scheffer neuerlich von Agenten des Justizministeriums verhaftet. Diesmal stand es fest, daß Dr. Goebbels' Sonderbeauftragter bis zum Ende des Krieges in sicherem Gewahrsam bleiben würde.

 

 

4. Das Dies-Komitee

Im August 1938, kurz vor der Unterzeichnung des Münchener Abkommens, wurde vom amerikanischen Kongreß ein Spezialkomitee zur Untersuchung unamerikanischer Tätigkeit geschaffen. Den Vorsitz in diesem Komitee führte der Abgeordnete für Texas, Martin Dies.

Das neu gegründete Dies-Komitee wurde zunächst allgemein als Instrument zur Bekämpfung der von den Achsenmächten in Amerika betriebenen Intrigen angesehen. In Wirklichkeit verfolgte Abgeordneter Dies mit seinen »Untersuchungen« nur ein Ziel: dem amerikanischen Volk klarzumachen, daß es seinen gefährlichsten und wichtigsten Feind in Sowjetrußland zu suchen habe.

Der vom Dies-Komitee mit der Leitung der Untersuchungen beauftragte Edward F. Sullivan war ein wenig bekannter antisowjetischer Propagandamacher und ehemaliger Spitzel in Arbeiterorganisationen. Bevor Sullivan seine Tätigkeit im Dies-Komitee aufnahm, unterhielt er Beziehungen zu den sowjetfeindlichen ukrainischen Nationalisten in Amerika, die ihre Direktiven aus Berlin von Hetman Skoropadski und anderen weißen ukrainischen Emigranten bezogen. Als junger, bettelarmer Journalist war Sullivan in Boston in den Dienst einer Bewegung getreten, die bei den in Amerika lebenden Ukrainern gegen die Sowjets Stimmung zu machen versuchte. Obwohl er kein Wort ukrainisch sprach, begann er, für eine »unabhängige Ukraine« zu werben. Nach kurzer Zeit spielte er in der faschistischen Organisation der amerikanischen Ukrainer eine maßgebende Rolle.

Als Wortführer dieser Kreise stand er in engem Kontakt mit nazistischen Agenten und Propagandisten, die er nicht nur als seine Mitarbeiter betrachtete, sondern zu deren Sache er sich in aller Öffentlichkeit bekannte. Am 5. Juni 1934 sprach Sullivan in einer von uniformierten Sturmtrupplern und Mitgliedern des Deutsch-Amerikanischen Bundes besuchten Versammlung in New York. Er soll damals geäußert haben: »Werft die lausigen Juden in den Atlantischen Ozean!«

Im August 1936 veranstalteten führende amerikanische Antisemiten und nazifreundliche Propagandisten in Asheville, North Carolina, einen Kongreß. Sullivan war einer der Hauptredner. Außer ihm sprachen: William Dudley Pelley, der Führer der Silberhemden, James True, der zusammen mit Snilivan eine faschistische Zeitung herausgab, und Ernest F. Elmhurst, alias E. F. Fleischkopf, Mitglied des Bundes und nazistischer Agent. Die Sprecher richteten heftige Angriffe gegen die Sowjetunion und bezeichneten die Roosevelt-Verwaltung als Teil einer »jüdisch-kommunistischen Verschwörung«. Nach Ansicht der Presse von Asheville enthielt Sullivans Rede alles, was »Hitler selbst gesagt haben würde«.

Als Sullivans schmutzige Vergangenheit von einigen freiheitlichen amerikanischen Vereinigungen unter die Lupe genommen wurde, sah sich Dies zu seinem Bedauern gezwungen, ihm die Leitung der Untersuchungen zu entziehen. »Aus Sparsamkeitsgründen«, behauptete Dies. Sullivan schloß sich von neuem der faschistisch-ukrainischen Bewegung an und gründete in Pittsburgh, Pennsylvanien, das Ukrainisch-Amerikanische Erziehungsinstitut. Diese Organisation, deren Hauptaufgabe es war, die in Amerika lebende Million von Ukrainern gegen die Sowjetunion aufzuhetzen, stand mit der deutschen Botschaft in Washington in Verbindung. Sullivan unterhielt auch weiterhin Beziehungen zu allen nazifreundlichen und antisowjetischen Kreisen des Landes. »Der vierte Juli wird für Ihre Partei ein guter Tag werden«, telegraphierte ihm Coughlin unter Bezugnahme auf eine Angelegenheit, die er gemeinsam mit Sullivan bearbeitete.

Sullivan stand dem Dies-Komitee, aus dem er offiziell ausgeschlossen worden war, auch jetzt in der Eigenschaft eines »antikommunistischen Sachverständigen« zur Verfügung. Am 27. Juli 1939 erhielt er einen Brief von seinem Freund Harry Jung, der in Chicago antisowjetische und antisemitische Propaganda betrieb. Jung schrieb:

»Eines der Komiteemitglieder traf zu einem kurzen Aufenthalt in Chicago ein; wir haben ihm eine Fülle von sensationellem Material zur Verfügung gestellt. Ich hoffe zuversichtlich, daß es zu einer vollständigen, zufriedenstellenden und wechselseitigen Zusammenarbeit zwischen unseren verschiedenen Stellen kommen wird...« Sullivans Nachfolger als Dies' Hauptassistent und Berater im Komitee zur Untersuchung unamerikanischer Tätigkeit wurde J. B. Matthews, ein Renegat aus der amerikanischen radikalen Bewegung. Matthews' Schriften wurden von führenden amerikanischen Faschisten und Achsenagenten gelobt und verbreitet. Das nazistische Propagandaministerium empfahl seine Arbeiten. Seine Artikel erschienen in der von Alfred Rosenbergs Außenpolitischem Amt herausgegebenen Zeitschrift »Antikomintern«.

Woche um Woche zog eine Prozession dunkler Gestalten durch den mit Marmorsäulen geschmückten Klubraum des alten House Office Building in Washington: ehemalige Sträflinge, Spitzel in Arbeiterorganisationen, ausländische Agenten und sonstige fragwürdige Elemente erschienen als »sachverständige Zeugen«; vor dem Dies-Komitee, um in aller Form über die Gefährdung der amerikanischen Regierung durch die Komplotte der Moskauer Agenten auszusagen. Zu diesen »antikommunistischen« Zeugen gehörten Persönlichkeiten wie:

Älvin Halpern: Am zweiten Tage seiner Aussage wurde er von einem Kreisgericht in Columbia wegen Diebstahls zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt; seine Aussage wurde trotzdem in die Akten des Dies-Komitees aufgenommen.

Peter J. Innes: Spitzel in Arbeiterorganisationen, der wegen Entwendung von 500 Dollar aus der Verbandskasse von der National Maritime Union relegiert worden war; später erhielt er eine Gefängnisstrafe von acht Jahren, weil er einen Notzuchtversuch an einem kleinen Kind begangen hatte.

William C. McCuiston: beschäftigte sich damit, schwerbewaffnete Trupps für Angriffe gegen Gewerkschaftler zu organisieren; zur Zeit, als er vor dem Dies-Komitee aussagte, stand er unter der Anklage des Mordes an dem Arbeiterführer Philip Carey, der in New Orleans durch Schüsse und Keulenschläge getötet worden war; er wurde später freigesprochen.

William Nowell: Spitzel in Arbeiterorganisationen, vertrauter Berater des Faschistenführers Gerald L. K. Smith, ehemaliges Mitglied der Silberhemden (Mitglieds-Nr. 3223).

Richard Krebs, alias Jan Valtin: entlassener Sträfling, nach eigener Aussage ehemaliger Gestapoagent.

»General« Walter G.Kriwcitzki, alias Samuel Ginsberg: behauptete, »GPU-Agent« unter Jagoda gewesen zu sein; veröffentlichte nach seiner Flucht in die Vereinigten Staaten eine Selbstbiographie, in der er die Sowjetunion in den düstersten Farben schilderte.

Das Dies-Komitee verfügte bald über eine lange Liste sogenannter gefährlicher »Bolschewiki«. Der Abgeordnete aus Texas wurde nicht müde, sich seiner Verdienste um die Aufdeckung einer über ganz Amerika verbreiteten, von Moskau geleiteten Fünften Kolonne zu rühmen.

Im Jahr 1940 veröffentlichte Abgeordneter Dies ein Buch: »The Trojan Horse in America: A report to the Nation« (»Das trojanische Pferd in Amerika: ein Bericht an die Nation«), das in erster Linie antisowjetische Propaganda enthielt und weiteste Kreise mit den »Feststellungen« des Dies-Komitees vertraut machen sollte. Während die Mitglieder des Deutsch-Amerikanischen Bundes und der Christlichen Front als Wegbereiter der nazistischen Fünften Kolonne in den amerikanischen Städten nazifreundliche Massenkundgebungen veranstalteten, erklärte Dies seinen Lesern, die »Moskauer Agenten« hätten bereits mit dem sowjetischen Überfall auf die Vereinigten Staaten begonnen.

Zwei Tage nach dem Einmarsch der Nazis in die Sowjetunion prophezeite Dies: »In dreißig Tagen wird Hitler Rußland beherrschen.« Der Abgeordnete sprach sich gegen die militärische Unterstützung der Roten Armee durch Amerika aus. »Es ist sinnlos, Rußland Hilfe zu senden«, erklärte er. »Der einzige Effekt wäre, daß unsere Waffen den Deutschen in die Hände fallen. Es besteht die Gefahr« warnte er, »daß unsere Regierung Stalin hier im Westen, mitten in der amerikanischen Hauptstadt, durch ihre Hilfeleistung neue Angriffsmöglichkeiten eröffnet.«

Kurz nachdem Präsident Roosevelt die Verteidigung Rußlands als unerläßliche Voraussetzung für die Verteidigung Amerikas bezeichnet hatte, erklärte Dies dem Präsidenten in einem Brief vom 2. Oktober 1941, er werde seine sowjetfeindliche Propaganda auch in Zukunft unverändert fortsetzen.

Selbst als die Vereinigten Staaten bereits Seite an Seite mit Sowjetrußland kämpften, stellte Martin Dies seine sowjetfeindliche Kampagne nicht ein. Am 29. März 1942 sagte der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, Henry Wallace: »Wenn Frieden wäre, könnte man diese Taktik als das Geistesprodukt eines besessenen Fanatikers ignorieren. Aber wir leben nicht im Frieden. Wir leben im Krieg, und diese und ähnliche Äußerungen des Mr. Dies haben durch die Zweifel und Mißstimmungen, denen sie Nahrung geben, praktisch die gleiche Wirkung auf die öffentliche Meinung wie die Goebbelssche Propaganda. Unsere Moral wäre sogar weniger gefährdet, wenn Mr. Dies zu Hitlers bezahlten Agenten gehörte ... Wir Amerikaner dürfen uns den Folgerungen aus dieser betrüblichen Tatsache nicht verschließen.«

5. Der einsame Adler

Gegen Ende des Jahres 1940, als Hitler sich nach der nahezu vollständig durchgeführten Versklavung Europas auf den Zusammenstoß mit der Roten Armee vorbereitete, wurde das politische Leben Amerikas durch eine neue, seltsame Erscheinung bereichert; das sogenannte »America First Committee«. Während des folgenden Jahres betrieb dieses Komitee im ganzen Lande durch Presse, Radio, Massenversammlungen, improvisierte Ansprachen auf den Straßen und sonstige Agitationsmethoden eine energische antisowjetische, antienglische und isolationistische Propaganda.

Zu den Gründern dos America First Committee gehörten: General Robert E. Wood, Henry Ford, Oberst Robert R. Mc Cormick, die Senatoren Burton K. Wheeler, Gerald P. Nye und Robert Rice Reynolds, die Abgeordneten Hamilton Fish, Cläre E. Hoffman und Stcphen Day und Katherine Lewis, die Tochter von John L. Lewis.

Die prominenteste Wortführerin des Komitees war die ehemalige Fliegerin Laura Ingalls, eine bekannte Erscheinung des gesellschaftlichen Lebens, die später als bezahlte Agentin der Naziregierung entlarvt wurde. Ein anderer Naziagent, George Sylvester Viereck, arbeitete hinter den Kulissen: er schrieb einen großen Teil der Propagandaliteratur, die von den Publizisten des America First Committee in Umlauf gebracht wurde. Ralph Townsend, der sich im Verlaufe der Begebenheiten als japanischer Agent entpuppte, leitete eine Zweigstelle des America First Committee an der Westküste; er war Redaktionsmitglied der Propagandaorgane des Komitees, »Scribner's Commentator« und »Herald«[9]. Werner C. von Clemm, der später überführt wurde, im Einverständnis mit der deutschen Heeresleitung Diamanten nach Amerika eingeschmuggelt zu haben, war ein annonymer Mitarbeiter und finanzieller Förderer der New-Yorker Filiale des Komitees. Frank B. Burch, der nachgewiesenermaßen von der Naziregierung für illegale Propaganda in den Vereinigten Staaten 10 000 Dollar erhalten hatte, war einer der Gründer der Zweigstelle in Akron, Ohio.

Im Juli 1942 wurde das America First Committee in einer Anklageschrift des Justizministeriums als eine Körperschaft bezeichnet, die sich an einer Verschwörung zur Untergrabung der Moral der amerikanischen Streitkräfte beteiligt hatte...

Aber der wichtigste Führer und Sprecher des America First Committee war der berühmte' Flieger Charles A. Lindbergh, der sich schon früher in Europa und Amerika als nazifreundlicher und sowjetfeindlicher Agitator hervorgetan hatte.

Im Sommer 1936 war Lindbergh zum erstenmal nach Deutschland gekommen. Er reiste als Gast der Naziregierung, die ihm verschiedene Gunstbezeugungen erwies und eindrucksvolle Empfange zu seinen Ehren veranstaltete. Hochgestellte Persönlichkeiten begleiteten ihn auf einer »Inspektionstour« durch die deutschen Flughäfen und Kriegsindustrien. Lindbergh war tief beeindruckt.

Bei den verschwenderischen Banketten, die Feldmarschall Göring und andere prominente Nazis für Lindbergh veranstalteten, gab er der Überzeugung Ausdruck, daß die deutsche Luftwaffe nicht geschlagen werden könne. Dem berühmten deutschen Fliegergeneral Ernst Udet erklärte er: »Deutschland ist auf dem Gebiet des Flugwesens allen anderen Ländern überlegen. Die deutsche Luftwaffe ist unbesiegbar!«

»Weiß der Teufel, was mit diesem Amerikaner los ist!« äußerte der deutsche Fliegergeneral Bruno Loerzer zu der politischen Journalistin Bella Fromm. »Er wird den Yankees mit seinen Berichten über die unbesiegbare Luftwaffe den größten Schrecken einjagen - und das ist genau das, was die Jungens hier von ihm wollen.«

»Wir können keinen besseren Propagandisten finden!« meinte Axel von Blomberg, der Sohn des nazistischen Kriegsministers, nachdem er einem der im Jahre 1936 für Lindbergh veranstalteten Bankette beigewohnt hatte.

Zwei Jahre später, in den schicksalsschweren Tagen, die dem Abschluß des Münchener Paktes vorangingen, besuchte Lindbergh die Sowjetunion. Sein Aufenthalt dauerte nur wenige Tage. Nach seiner Rückkehr äußerte er überall die Ansicht, daß die Rote Armee miserabel ausgerüstet und ausgebildet sei und unfähige Führer habe. Er behauptete, daß Sowjetrußland in einer Militärallianz gegen Nazideutschland ein völlig wertloser Partner wäre. Er halte es für notwendig, nicht gegen, sondern mit den Nazis zu arbeiten.

In den Hauptstädten Europas herrschte nervöse Spannung. Lindbergh, dessen schwarz-gelbes Flugzeug man bald in allen wichtigen Flughäfen des Erdteils kannte, reiste von einem Land zum ändern, um sich für den Abschluß politischer und wirtschaftlicher Bündnisse mit dem Dritten Reich einzusetzen.

Während die Münchener Verhandlungen gute Fortschritte machten, versammelte Lady Astor auf ihrem Landsitz in Cliveden exklusive, kleine Gruppen sowjetfeindlicher englischer Geschäftsleute, Aristokraten und Politiker, um sie mit Lindberghs Anschauungen über die europäische Lage bekannt zu machen. Lindbergh sprach von Deutschlands riesiger Luftflotte, dem raschen Anwachsen seiner Kriegsindustrie, der hohen Qualität seiner militärischen Führer. Unermüdlich wiederholte er seine These von der Unbesiegbarkeit der Nazis. Er empfahl den Franzosen und Engländern, sie sollten sich mit Hitler einigen und »Deutschland gestatten, sich ohne Kriegserklärung auf Kosten Rußlands nach dem Osten hin auszubreiten.«

Man verschaffte Lindbergh die Möglichkeit, sich mit verschiedenen Mitgliedern des englischen Parlaments und führenden politischen Persönlichkeiten unter vier Augen zu unterhalten. David Lloyd George, der ihn ebenfalls anhörte, äußerte später seine Meinung über den amerikanischen Flieger: »Soviel ich weiß, war er etwa acht Tage in Rußland. Er lernte keinen der großen russischen Führer kennen; von der russischen Luftwaffe kann er nicht viel gesehen haben. Dann kam er zu uns zurück und erzählte uns, die russische Armee sei nichts wert, die russischen Fabriken befänden sich in einem elenden Zustand. Viele glaubten es - nur Hitler nicht.« Lloyd George gewann aus der Unterredung mit Lindbergh die Überzeugung, daß der amerikanische Flieger »der Agent und das Werkzeug von Menschen war, die ihn an Schlauheit und Bösartigkeit weit übertrafen«.

In der Sowjetunion wurde die gleiche Anklage in weitaus deutlicherer Sprache erhoben. Eine Gruppe hervorragender sowjetischer Flieger beschuldigte Lindbergh in einer in Moskau veröffentlichten Erklärung, er verbreite die »monströse Lüge«, daß Deutschlands Luftwaffe imstande sei, die vereinten Luftflotten Englands, Frankreichs, der UdSSR und der Tschechoslowakei zu schlagen. In der Erklärung hieß es weiter: »Lindbergh spielt die Rolle eines dummen Lügners, eines schmeichelnden Lakaien der deutschen Faschisten und ihrer aristokratischen englischen Gönner. Er hatte von englischen reaktionären Kreisen den Auftrag erhalten, die Schwäche der sowjetischen Luftwaffe nachzuweisen und damit Chamberlain ein Argument für die Preisgabe der Tschechoslowakei in München zu liefern.«

Drei Wochen nach der Unterzeichnung des Münchener Abkommens gab die Regierung des Dritten Reiches ihrer Zufriedenheit mit den ihr von Lindbergh erwiesenen Diensten öffentlich Ausdruck. Am Abend des 18. Oktober 1938, bei einem zu Lindberghs Ehren veranstalteten Diner, verlieh Feldmarschall Göring dem amerikanischen Flieger den deutschen Adlerorden.

Im Jahr 1939, kurz vor Ausbruch des Krieges, kehrte Lindbergh nach dreieinhalbjähriger Abwesenheit in die Vereinigten Staaten zurück.

Unmittelbar nach der Kriegserklärung Großbritanniens und Frankreichs, die dem Einfall der Deutschen in Polen folgte, veröffentlichte Lindbergh einen temperamentvollen Protest: der Krieg gegen Deutschland sei ein Irrtum; der wahre Kriegsschauplatz liege im Osten, In einem Artikel »Flugwesen, Geographie und Rasse«, der in der Novembernummer von »Readers Digest« erschien, erklärte Lindbergh in einer Sprache, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Stil Alfred Rosenbergs hatte: »Wir, die Erben der europäischen Kultur, stehen am Beginn eines verhängnisvollen Krieges, eines Krieges innerhalb unserer eigenen Völkerfamilie, eines Krieges, der die Kräfte der weißen Rasse vermindern, ihre Schätze vernichten wird ... Asien bedrängt uns an der russischen Grenze, alle fremden Rassen sind in unruhiger Bewegung ... Unser Frieden und unsere Sicherheit werden nur so lange dauern, als wir zusammenhalten und unseren kostbarsten Besitz, unser europäisches Bluterbe, bewahren - nur so lange, als wir uns vor den Angriffen fremder Armeen und der Verwässerung durch fremde Rassen schützen.« Im Laufe des Jahres 1940 ergriff Lindbergh immer deutlicher die Partei der isolationistischen, sowjetfeindlichen und in vielen ihrer Äußerungen achsenfreundlichen Bewegung, die damals in Amerika rapide Fortschritte machte. Er wurde der Wortführer des isolationistischen »No Foreign Wars«-Komitees, der Abgott der amerikanischen Fünften Kolonne.

Im Herbst sprach Lindbergh vor einer kleinen Studentengruppe der Yale-Universität. Er erklärte: »Wir müssen mit den neuen Kräften in Europa Frieden machen.«

Die Einladung an die Yale-Universität war auf Betreiben des reichen, jungen Studenten R. Douglas Stuart jr. erfolgt. (Stuart war der Erbe des »Quaker-Oats«-Vermögens.) Kurz darauf wurde Stuarts Gruppe unter dem Namen »America First Committee« in Chicago registriert.

Das America First Committee veranstaltete Massenversammlungen und Sendungen, die das Rundfunksystem des ganzen Landes erfaßten. Überall trat Lindbergh als Sprecher auf; er erklärte dem amerikanischen Volk, daß es nicht in Nazideutschland, sondern in Sowjetrußland seinen wahren Feind zu sehen habe. Der Krieg zwischen »Deutschland auf der einen, England und Frankreich auf der anderen Seite« könne nur mit »einem deutschen Sieg oder mit dem völligen Zusammenbruch und der Verwüstung Europas« enden. Der Krieg müsse in eine gemeinsame Offensive gegen die Sowjetunion verwandelt werden.

Die gesamte Propagandamaschine des America First Committee wurde in den Dienst einer umfassenden Kampagne gegen die Gewährung von Pacht- und Leihlieferungen an die Sowjetunion gestellt. Charles E. Lindbergh, Abgeordneter Hamilton Fish, die Senatoren Burton K. Wheeler und Gerald P. Nye und andere Wortführer des America First Committee im Kongreß sprachen sich gegen die Unterstützung der Roten Armee aus und erklärten, das Schicksal Sowjetrußlands gehe die Vereinigten Staaten nichts an.

Herbert Hoover nahm an diesen Bestrebungen regen Anteil. Am 5. August gab der frühere Präsident gemeinsam mit John L. Lewis, Hanford Mac Nider und dreizehn anderen führenden Isolationisten eine Öffentliche Erklärung ab, in der er gegen das »unzulässige Hilfsversprechen an Rußland und ... ähnliche kriegerische Gesten« protestierte. In der Erklärung hieß es: »Die Ereignisse der letzten Zeit lassen es zweifelhaft erscheinen, ob es in diesem Krieg ausschließlich um die Sache der Freiheit und Demokratie geht. Hier handelt es sich nicht schlechthin um einen Weltkonflikt zwischen Tyrannei und Freiheit. Diese Illusion ist durch das englisch-russische Bündnis zerstört worden.«

Nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour wurde das America First Committee offiziell aufgelöst. Der Vorsitzende, General Wood, verbürgte sich dafür, daß alle Komiteemitglieder das Vaterland in seinem Kampf gegen Deutschland und Japan unterstützen würden. Lindbergh zog sich aus dem Öffentlichen Leben zurück und trat als technischer Konsulent in die Moter Ford Company ein.

Aber die sowjetfeindliche Propaganda im Sinne des America First Committee nahm ihren Fortgang ...

Als die Rote Armee ihre große Gegenoffensive begann, erklärten die ehemaligen Wortführer des Komitees, die noch kurz vorher den Zusammenbruch Rußlands angekündigt hatten, Moskau und die »Agenten der Komintern« seien im Begriff, ganz Europa zu »kommunisieren«. Als die Rote Armee sich der Westgrenze der Sowjetunion näherte, prophezeiten die America-First-Leute, die Sowjettruppen würden an der Grenze haltmachen, einen »Sonderfrieden« mit Nazideutschland schließen und England und Amerika im Stich lassen. Als die Rote Armee die Grenze überschritt, wehklagten sie von neuem, Europa werde unter die Vorherrschaft Moskaus geraten...

Drei der einflußreichsten Zeitungsverleger Amerikas, William Randolph Hearst, Hauptmann Joseph M. Patterson und Oberst Robert R. McCormick, die zu den Förderern des America First Committee gehört hatten, stellten ihre böswillige antisowjetische Propaganda selbst dann nicht ein, als die Vereinigten Staaten und Sowjetrußland bereits als Verbündete einen gemeinsamen Kampf gegen Nazideutschland führten. Durch eine endlose Folge von Artikeln suchten sie bei ihrer millionenstarken Leserschaft Argwohn und Abneigung gegen den Verbündeten Amerikas, die Sowjetunion, zu wecken.

Am 28. April 1942 sprach Präsident Roosevelt die Mahnung aus, die Kriegsanstrengung Amerikas dürfe nicht »durch einige falsche Patrioten beeinträchtigt werden, die das unverbrüchliche Privileg der Pressefreiheit mißbrauchen, um die Meinungen der Propagandisten von Berlin und Tokio nachzubeten.«

Am 8. November 1943, dem zehnten Jahrestag der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Amerika und Sowjetrußland, wurde im Madison Square Garden eine feierliche Versammlung abgehalten. Innenminister Harold L. Ickes gab seinem heftigen Unwillen über die unentwegte sowjetfeindliche Propagandakampagne Ausdruck, die Hearst, Patterson und McCormick nach wie vor betrieben. Der Innenminister nahm kein Blatt vor den Mund. Er erklärte:

»Leider sind in diesem Lande starke Kräfte am Werk, die mit Vorsatz und Berechnung feindliche Gefühle gegen Rußland zu züchten bemüht sind ...

Ich brauche als Beispiel nur die Hearst-Presse und die Zeitungsachse Patterson-McCormick zu nennen, besonders die letztere ... Wenn diese Zeitungsverleger Rußland und Großbritannien hassen, dann ist ihr Haß gegen das eigene Land mehr als leichtfertig ... Denn sie müssen ihr eigenes Land hassen und seine Einrichtungen verachten, wenn sie bewußt das Ziel verfolgen, Haß gegen die zwei Nationen zu säen, ohne deren Hilfe wir Hitler nicht besiegen können ...« Als Deutschland vor dem vereinten Angriff der amerikanischen, englischen und russischen Truppen zurückweichen mußte, bis es im Herbst 1944 unmittelbar vor dem Zusammenbruch stand, wurden in den Vereinigten Staaten neuerlich Stimmen laut, die zum Kampf gegen Sowjetrußland aufriefen.

William C. Bullitt, der früher amerikanischer Botschafter in Moskau und Paris gewesen war und zu dieser Zeit in Rom, der soeben befreiten Hauptstadt Italiens, weilte, forderte eine neue antisowjetische Allianz. Bullitts Entwicklung hatte einen charakteristischen Verlauf genommen...

Er war einer der Sonderbeauftragten, die im Jahre 1919 von Woodrow Wilson in die Sowjetunion geschickt wurden. 1934, fünfzehn Jahre später, ging er als erster amerikanischer Botschafter nach Sowjetrußland. Bullitt war ein reicher, ehrgeiziger Mann mit einem Fingerspitzengefühl für diplomatische Intrigen. Er trat in freundschaftliche Beziehungen zu verschiedenen russischen Trotzkisten. Er sprach davon, daß Sowjetrußland Wladiwostok an Japan ausliefern und im Westen Zugeständnisse an Nazideutschland machen müsse. 1935 reiste Bullitt nach Berlin. Der damalige amerikanische Botschafter in Deutschland, William E.Dodd, berichtet darüber in seinem Diplomaten-Tagebuch:

»Während seines Berliner Aufenthaltes im Frühjahr oder Sommer 1935 erklärte mir Bullitt er sei überzeugt, daß Japan innerhalb von sechs Monaten einen Angriff auf das östliche Rußland unternehmen und die fernöstlichen Gebiete der Sowjetunion besetzen werde.

Bullitt sagte, Rußland habe kein Anrecht auf die Halbinsel, die bei Wladiwostok ins japanische Meer hineinragt. Japan würde bald von alledem Besitz ergreifen. Ich sagte: Sie finden es also in Ordnung, daß Rußland, wenn man die Deutschen gewähren läßt, mit seinen 160 Millionen Menschen vom Stillen Ozean und von der Ostsee abgeschnitten wird? Er antwortete: Ach, das macht keinen Unterschied! ... Ich war erstaunt, von einem verantwortlichen Diplomaten solche Worte zu hören ... Bei einem Mittagessen in der französischen Botschaft gab er seiner feindseligen Haltung erneut Ausdruck. Damals waren gerade die Verhandlungen über den französisch-sowjetischen Friedenspakt im Gange. Bullitt sprach sich in einer langen Diskussion mit dem französischen Botschafter entschieden gegen den Abschluß dieses Abkommens aus, das der englische Botschafter mir gegenüber als die beste Sicherung des europäischen Friedens bezeichnet hatte ... Später, oder etwa um die gleiche Zeit, als der neue italienische Botschafter direkt von Moskau nach Berlin kam, hörten wir, daß Bullitt vor seiner Abreise aus Moskau sein Herz für den Faschismus entdeckt hatte.« Am 27. Januar 1937 machte Botschafter Dodd folgende Eintragung: »Kürzlich wurde mir berichtet, daß gewisse amerikanische Banken daran denken, Italien und Deutschland neue große Kredite und Anleihen zu gewähren. Dabei ist die Kriegsmaschinerie dieser Länder bereits stark genug, um den Weltfrieden zu bedrohen. Ich habe sogar gehört - aber es scheint mir unglaubhaft -, daß Mr. Bullitt diese Pläne fördert.« Nach dem französischen Zusammenbruch von 1940 verließ Bullitt Frankreich, um in die Vereinigten Staaten zurückzukehren. Dort verkündete er, Marschall Petain sei ein »Patriot«, der sein Land durch die Übergabe an die Nazis vor dem Kommunismus gerettet habe.

Vier Jahre später, als der zweite Weltkrieg sich seinem Ende näherte, tauchte Bullitt neuerlich auf dem europäischen Kontinent auf, diesmal als »Korrespondent« des »Life«-Magazins. Aus Rom sandte er einen aufsehenerregenden Artikel, der in der »Life«-Nummer vom 4. September 1944 veröffentlicht wurde. Er wiederholte darin die antisowjetischen Propagandaphrasen, deren sich der internationale Faschismus in seinem Kampf um die Weltmacht zwanzig Jahre lang bedient hatte. Bullit forderte eine Einheitsfront der »westlichen Zivilisation« gegen die Bedrohung durch Moskau und seine »kommunistischen Agenten«.

Es war der gleiche Schlachtruf, mit dem Hauptmann Sidney George Reilly fünfundzwanzig Jahre früher, am Ende des ersten Weltkrieges, alle gegenrevolutionären Kräfte der Welt um sieh zu scharen versuchte.

Aber inzwischen hatte sich die Welt grundlegend geändert. Während William C. Bullitt zu einem neuen Kreuzzug gegen Sowjetrußland aufrief, rückten die Armeen Großbritanniens, der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion von Osten, Westen, Norden und Süden konzentrisch gegen Berlin, die Zitadelle der Gegenrevolution, vor.

Die Gefahr der faschistischen Versklavung ließ die westlichen Demokratien in dem von der russischen Revolution geschaffenen Staatsweaen ihre stärkste Stütze erkennen. Dieses Bündnis war nicht zufällig. Die unerbittliche Logik der Ereignisse, hatten die friedliebenden Völker der Welt nach einem Vierteljahrhundert tragischer Mißverständnisse und künstlich geschürter Feindschaften mit zwingender Notwendigkeit zusammengeführt und zu einer Kampfeinheit verschmolzen. Aus den unsagbaren Blutopfern und Leiden des zweiten Weltkrieges erstanden die »United Nations«.

XXIV. DIE SECHZEHN

Während der letzten Monate des zweiten Weltkrieges beschäftigten sich die sowjetfeindlichen Propagandisten und Agitatoren in England und Amerika vorwiegend mit der polnischen Frage. Während die Rote Armee nach Westen vorrückte, die polnische Grenze überschritt und täglich neue polnische Gebiete von den Nazis befreite, sprachen die englischen Konservativen und amerikanischen Isolationisten von der Bedrohung der »polnischen Freiheit« durch die Sowjetunion. Woche um Woche erklärten die Hearst-Zeitungen und die Patterson-McCormick-Presse, Polen müsse durch, eine antisowjetische Aktion vor dem »Bolschewismus« bewahrt werden. Abgeordnete des amerikanischen Kongresses und des englischen Parlaments führten zu wiederholten Malen Klage über die »Ambitionen des Roten Imperialismus in Polen« und beschuldigten die Sowjetregierung des Verrats an den Grundsätzen der United Nations. Diese sowjetfeindliche Propaganda stützte sich zum großen Teil auf offizielle Verlautbarungen und Erklärungen der polnischen Exilregierung in London und ihrer Repräsentanten in Washington. Der Londoner polnischen Exilregierung gehörten polnische Militärs, Wortführer des polnischen Landadels, mehrere polnische Faschisten und einige Sozialisten und Bauernführer an, die nach dem Zusammenbruch Polens im Jahr 1939 in England Zuflucht gefunden hatten.

In Wirklichkeit gab es zwei polnische Regierungen. Neben der Londoner Exilregierung bestand in Polen selbst ein provisorisches Regime, die sogenannte Warschauer Regierung, die sich auf eine Koalition der antifaschistischen polnischen Parteien stützte und die von den Londoner Polen beibehaltene faschistische Verfassung Pilsudskis vom Jahre 1935 ablehnte. Die Warschauer Regierung strebte durchgreifende wirtschaftliche und politische Reformen, die Abschaffung des feudalen Großgrundbesitzes und freundschaftliche Beziehungen zur Sowjetunion an.

Auf der Jalta-Konferenz vom Februar 1945 wurde die Zukunft Polens ausführlich behandelt. Roosevelt, Churchill und Stalin kamen überein, daß die Warschauer Regierung »auf breiter demokratischer Grundlage unter Heranziehung demokratischer Führer aus Polen selbst und aus den Kreisen der im Ausland lebenden Polen reorganisiert« und dann als rechtmäßige Provisorische Regierung des Landes anerkannt werden sollte.

Die in Jalta getroffene Abmachung stieß auf den hartnäckigen Widerstand der Londoner polnischen Emigranten und ihrer Verbündeten in England und Amerika. Man bezeichnete den Beschluß als einen »Verrat an Polen« und versuchte, die Durchführung der Entscheidung von Jalta durch diplomatische Intrigen zu hintertreiben.

Die auf die polnische Frage bezügliche sowjetfeindliche Agitation erreichte ihren Höhepunkt, als die Sowjetregierung im Mai 1945 die Verhaftung von sechzehn polnischen Agenten der Londoner Exilregierung bekannt gab, die sich antisowjetischer Umtriebe schuldig gemacht hatten. Die polnischen Emigranten in London bezeichneten diese Maßnahme der Sowjetregierung als den schlagendsten Beweis für Moskaus Absichten, die »polnische Demokratie« zu unterdrücken und dem polnischen Volk eine »rote Diktatur« aufzuzwingen...

Der prominenteste unter den sechzehn verhafteten Polen war General Leopold Bronislaw Okulicki, der ehemalige Generalstabschef der polnischen Exilarmee, die in der antisowjetischen Kampagne der polnischen Emigranten eine wichtige Rolle gespielt hatte.

Diese polnische Armee war ursprünglich auf Grund eines polnisch-sowjetischen Abkommens im Jahr 1941 auf sowjetischem Boden gebildet worden, um Seite an Seite mit der Roten Armee gegen Nazideutschland zu kämpfen. Das Kommando dieser Armee lag in den Händen des Generals Wladislaw Anders, eines ehemaligen Mitglieds der »Obersten-Clique«, die Polen während der Diktatur Pilsudskis beherrschte. Die Sowjetregierung stellte für die Ausbildung und Ausrüstung der Anders-Armee eine zinsenlose Anleihe von 300 Millionen Rubel zur Verfügung und gewährte Erleichterungen bei der Rekrutierung und Unterbringung der Soldaten. Aber General Anders, Okulicki und andere polnische Militärs machten im geheimen gegen die Zusammenarbeit mit der Roten Armee Opposition. Sie hielten den baldigen Sieg Nazideutschlands über Sowjetrußland für unausbleiblich und handelten dementsprechend.

Aus einem Bericht des Oberstleutnants Berling, der später die Streitkräfte der Warschauer Regierung befehligte, geht hervor, daß General Anders 1941, kurz nach der Formierung der ersten polnischen Einheiten auf sowjetischem Boden, mit seinen Offizieren eine Beratung abhielt und ihnen folgendes erklärte: »Wenn die Rote Armee unter dem Ansturm der Deutschen zusammengebrochen ist, was schon in wenigen Monaten der Fall sein wird, dann können wir uns über das Kaspische Meer nach dem Iran durchschlagen. Da es in diesem Gebiet außer uns keine bewaffneten Kräfte geben wird, werden wir vollständige Handlungsfreiheit haben.«

Als sich General Anders in seinen Erwartungen getäuscht sah, da die Rote Armee dem Blitzkrieg der Nazis standhielt, teilte er seinen Offizieren mit, sie brauchten sich wegen der Erfüllung des für den gemeinsamen Kampf gegen Deutschland abgeschlossenen polnisch-sowjetischen Militärpaktes keine Sorgen zu machen. »Wir haben keinen Grund, uns zu beeilen«, sagte er zu General Borucie-Spiechowiczow, dem Kommandanten der 5. Polnischen Infanterie-Division.

Nach Oberstleutnant Berlings Aussage taten Anders und seine Offiziere »ihr möglichstes, um die Ausbildung und Bewaffnung der Divisionen hinauszuziehen« und dadurch ihre Verwendung im Kampf gegen die Nazis zu verhindern. Der polnische Generalstabschef General Okulicki setzte der Ausrüstung der polnischen Truppen aktiven Widerstand entgegen. Berling berichtet: »Okulicki sabotierte die Errichtung eines Stützpunktes am Kaspischen Meer für die Übernahme englischer Waffen- und Materiallieferungen aus dem Iran. Die Sowjetbehörden ließen eigens für diesen Zweck eine Eisenbahnlinie legen und Lagerhäuser an der Küste des Kaspischen Meeres erbauen, aber die Armeeleitung des Generals Anders richtete es so ein, daß nicht ein einziges Gewehr, nicht ein Tank, nicht ein Sack Material seinen Bestimmungsort erreichte.«

Es gab unter den Polen Offiziere und Soldaten, die nichts sehnlicher wünschten, als von der sowjetischen Hilfe Gebrauch zu machen und ihr Vaterland gegen die deutschen Eindringlinge zu verteidigen, aber sie wurden von der reaktionären Clique der Generale Anders und Okulicki unter terroristischen Druck gesetzt. Man stellte Listen von »Sowjetfreunden« zusammen, die als »Verräter an Polen« galten. In einer besonderen Kartothek, dem sogenannten Akt B, wurden die Namen und Lebensgeschichten aller »mit den Sowjets Sympathisierenden« festgehalten. Die polnische Heeresleitung verbreitete faschistische und antisemitische Propaganda. »Es wurde offen davon gesprochen«, berichtete Berling, »daß man mit den Juden ,abrechnen müsse, und es kam häufig vor, daß Juden verprügelt wurden.« Die »Dwojka«, der Spionagedienst der Anders-Armee, begann insgeheim, Informationsmaterial über die Kriegsindustrie, die Staatsgüter und Eisenbahnen der Sowjetunion und die Armeedepots und Stellungen der Roten Armee zu sammeln.

Das Frühjahr 1942 ging vorbei - und die in Rußland stationierte Anders-Armee hatte noch immer an keinem einzigen Gefecht teilgenommen. Statt dessen wurden die polnischen Offiziere und Mannschaften mit den antisowjetischen und antisemitischen Anschauungen ihrer Generale gründlichst bekannt gemacht. Schließlich forderte die polnische Heeresleitung, die polnische Armee solle unter britischer Aufsicht nach dem Iran evakuiert werden. Im August 1942 verließen 75 491 polnische Offiziere und Soldaten mit 37 756 Familienangehörigen die Sowjetunion, ohne ein einziges Mal für ihr Vaterland gekämpft zu haben.

Am 13. März sandte der australische Korrespondent James Aldridge der »New York Times« einen nicht zensierten Kabelbericht, in dem er die faschistische Haltung der Führer der polnischen Emigrantenarmee schilderte. Aldridge bemerkte, er hätte die Öffentlichkeit schon vor mehr als einem Jahr über die polnischen Emigranten aufgeklärt, wenn er nicht von der Zensurbehörde der Alliierten daran gehindert worden wäre. Ein alliierter Zensor hätte ihm gesagt: »Ich weiß, daß alles wahr ist. Aber was kann ich tun? Sie wissen ja, daß wir die polnische Regierung anerkannt haben.«

Aldridges Bericht enthielt unter anderem folgende Tatsachen: »Das polnische Lager war nach Klassen eingeteilt. Die Lebensbedingungen verschlechterten sich stufenweise je nach der Klassenzugehörigkeit der Lagerinsassen. Die Juden waren in einem Getto eingeschlossen. Das Lager wurde nach totalitären Grundsätzen geleitet ... Die besonders reaktionären Gruppen führten einen unermüdlichen Propagandafeldzug gegen Rußland ... Als für mehr als 300 jüdische Kinder die Möglichkeit geschaffen wurde, nach Palästina zu fahren, verlangte die äußerst antisemitische polnische Elite von den irakischen Behörden, sie sollten den jüdischen Kindern die Durchreiseerlaubnis verweigern ... Ich hörte von vielen Amerikanern, sie würden gern die Wahrheit über die Polen sagen, aber das sei wegen der ausgezeichneten Beziehungen der Polen zu maßgebenden Kreisen in Washington ein sinnloses Unterfangen ...«

Vom Iran wanderte die polnische Emigrantenarmee nach Italien weiter, wo sie mit Hilfe der britischen Heeresleitung und mit Unterstützung des Vatikans ihr Hauptquartier errichtete. General Anders, General Okulicki und ihre Mitarbeiter nahmen sich kaum die Mühe, ihre wahren Absichten zu verschleiern: sie hatten den Ehrgeiz, aus der polnischen Emigrantenarmee die Kerntruppe einer neuen Weißen Armee zu machen, die später einmal den Kampf gegen Sowjetrußland aufnehmen sollte.

Als die Sowjettruppen sich im Frühjahr 1944 der polnischen Grenze näherten, verstärkten die Londoner polnischen Emigranten ihre antisowjetische Propagandatätigkeit. »Eine wesentliche Voraussetzung unseres Sieges, ja unserer bloßen Existenz, ist, wenn schon nicht die Niederlage, so doch wenigstens die Schwächung Rußlands«, hieß es in »Panstwo Polski«, einer der illegalen Zeitungen, die in Polen von Agenten der Exilregierung verbreitet wurden. Ein Geheimbefehl der Londoner Polen an ihre Agenten lautete: »Wir müssen uns unter allen Umständen bemühen, das beste Einvernehmen mit den deutschen Zivilbehörden aufrechtzuerhalten.«

Die polnische Exilregierung bereitete sich auf eine militärische Aktion gegen die Sowjetunion vor, die von der Armja Krajowa oder AK durchgeführt werden sollte, einer illegalen militärischen Formation in Polen, die von den Londoner Emigranten organisiert und geleitet wurde. Der Kommandant der Armja Krajowa oder AK war General Bor-Komorowski.

Anfang März 1944 wurde General Okulicki in das Hauptquartier des Generals Sosenkowski nach London befohlen. Sosenkowski war der militärische Repräsentant der polnischen Exilregierung. General Okulicki gab später einen Bericht über diese Geheimkonferenz:

»... als General Sosenkowski mich vor meinem Flug nach Polen empfing, sagte er, wir müßten mit einer unmittelbar bevorstehenden Offensive der Roten Armee rechnen, die zur Niederlage der Deutschen in Polen führen würde. In diesem Falle, meinte Sosenkowski, werde Rußland den Fortbestand der Armja Krajowa als einer der Londoner polnischen Regierung unterstehenden militärischen Organisation in dem von der Roten Armee besetzten Polen nicht dulden.« Sosenkowski schlug vor, die Armja Krajowa nach der Vertreibung der Nazis aus Polen zum Schein aufzulösen und ein geheimes »Reservehauptquartier« für Operationen im Rücken der Roten Armee zu schaffen:

»Sosenkowski sagte, dieses Reservehauptquartier sollte die Aufgabe haben, den Kampf der Armja Krajowa gegen die Rote Armee zu leiten ... Sosenkowski beauftragte mich, diese Instruktionen an den Kommandanten der Armja Krajowa in Polen, General Bor-Komorowski, weiterzugeben ...«

Kurz darauf wurde General Okulicki auf geheimnisvolle Weise mit einem Flugzeug in das von den Deutschen okkupierte Polen gebracht. Er setzte sich sofort mit General Bor-Komorowski in Verbindung und gab ihm Sosenkowskis Wünsche bekannt. Der Kommandant der Armja Krajowa teilte Okulicki mit, daß er die Absicht habe, einen Spezialapparat für die Durchführung folgender Aufgaben zu schaffen:

Die Erhaltung und Verwahrung von Waffen für die Untergrundbewegung und die Vorbereitung eines Aufstandes gegen die UdSSR.

Die Schaffung von Kampfabteilungen von maximal je sechzig Mann.

Die Bildung terroristischer »Liquidations«-Gruppen für die Ermordung der Feinde der AK und der Vertreter des sowjetischen Militärkommandos.

Die Ausbildung von Saboteuren für Operationen hinter der sowjetischen Kampflinie.

Militärspionage im Rücken der Roten Armee.

Die Sicherstellung der bereits von der AK eingerichteten Radiostationen und die Aufrechterhaltung der Radioverbindung mit dem Zentralkommando der AK in London.

Die Verbreitung gedruckter und mündlicher Propaganda gegen die Sowjetunion.

Im Herbst 1944 erreichten die Roten Truppen das Weichselufer. Sie machten vor Warschau halt, um nach der langen Sommeroffensive eine Neugruppierung der Kräfte vorzunehmen und frische Vorräte heranzuschaffen. Die sowjetische Heeresleitung beabsichtigte, Warschau nicht durch einen Frontalangriff, sondern durch ein plötzliches Einkreisungsmanöver zu nehmen, da die Stadt und ihre Einwohnerschaft geschont werden sollten. Aber General Bor-Komorowski hatte ohne Wissen des sowjetischen Oberkommandos und im Auftrag der Londoner Exilregierung eine allgemeine Erhebung der Warschauer polnischen Patrioten provoziert, indem er den unmittelbar bevorstehenden Angriff der Roten Armee auf die polnische Hauptstadt ankündigte. Die Rote Armee war zu diesem Zeitpunkt in keiner Weise darauf vorbereitet, die Weichsel zu überschreiten, und die deutsche Heeresleitung konnte die von den polnischen Insurgenten gehaltene Stadt systematisch und strichweise mit Fliegerbomben und Artilleriefeuer belegen. Der nachfolgende Bericht über die Waffenstreckung der in Warschau befindlichen polnischen Streitkräfte und die Rolle, die General Bor-Komorowski dabei spielte, stammt von General Okulicki:

»Ende September 1944 begann der Kommandant der Armja Krajowa, General Bor-Komorowski, mit dem Kommandanten der deutschen Truppen in Warschau, SS-Obergruppenführer von Den-Bach, über die Kapitulation zu verhandeln. Bor-Komorowski beauftragte den stellvertretenden Leiter der zweiten (Informations-) Abteilung des Hauptquartiers, Oberst Bogulawski, als Repräsentant des Generalstabschefs der Armja Krajowa die Verhandlungen zu führen. Ich war zugegen, als Bogulawski über die von den Deutschen gestellten Bedingungen Bericht erstattete; er teilte General Bor-Komorowski mit, von Den-Bach habe erklärt, die Polen müßten den bewaffneten Widerstand gegen die Deutschen unbedingt aufgeben, weil Sowjetrußland der gemeinsame Feind Deutschlands und Polens sei. Als ich Bor-Komorowski am Tage der Übergabe begegnete. sagte ich, daß von Den-Bach vielleicht recht gehabt hätte, und Bor-Komorowski pflichtete mir bei.«

Während der Herbst- und Wintermonate des Jahres 1944 und im Frühjahr 1945 versuchte die Rote Armee, die deutsche Militärmacht an der Ostfront durch eine Aufeinanderfolge gewaltiger Offensiven endgültig zu zerschmettern; in dieser Zeit betrieb die Armja Krajowa unter Führung von General Okulieki im Rücken der Sowjettruppen eine weitverzweigte Terror-, Sabotage- und Spionagetätigkeit. Es kam auch zu bewaffneten Überfällen.

»Die von den sowjetischen Militärbehörden im Kampfgebiet angeordneten Maßnahmen wurden sabotiert«, erklärte später Stanislaw Jasiukowicz, der die Londoner Exilregierung als Vizepremier in Polen vertrat und auf Okulickis Seite stand. »Unsere Presse und unsere Radiostationen hetzten das polnische Volk durch ihre Verleumdungspropaganda gegen die Russen auf.«

Die Spezialabteilungen der AK hatten die Aufgabe, sowjetische Militärzüge in die Luft zu sprengen, Magazine der Roten Armee zu zerstören, Straßenminen zu legen und die russischen Transport- und Verbindungslinien auf jede denkbare Weise zu unterbrechen. Einer von Okulickis Mitarbeitern gab am 17. Septem-ber 1944 folgenden Befehl heraus:

»Die Operationen müssen vielseitig sein und im geheimen durchgeführt werden. Es gilt, Transportzüge und Lastautos in die Luft zu sprengen, Brücken zu verbrennen, Lagerhäuser und Dorf Sowjets zu zerstören.«

Lubikcwski, der Kommandant einer AK-Abteilung und Leiter einer illegalen Spezialschule für Spione und Saboteure, berichtete später über die Tätigkeit seiner Agenten: »Ich erhielt einen schriftlichen Rapport über die Durchführung meiner Anordnungen ... Ragner informierte mich über zwölf Sabotageakte; er hatte zwei Züge zum Entgleisen gebracht, zwei Brücken gesprengt und eine Eisenbahnlinie an acht Stellen beschädigt.«

Rotarmisten und Anhänger der Warschauer Regierung wurden von terroristischen Spezialabteilungen der AK aus dem Hinterhalt ermordet. Nach einer später von den sowjetischen Militärbehörden veröffentlichten unvollständigen Statistik töteten die AK-Terroristen im Laufe von acht Monaten 594 Offiziere und Soldaten der Roten Armee; außerdem wurden 294 Mann verwundet ...

Gleichzeitig betrieb General Okulicki hinter den sowjetischen Linien eine umfangreiche Spionage. Die Richtlinien für diese Tätigkeit wurden ihm vom polnischen Oberkommando in London auf drahtlosem Wege übermittelt. Als Beispiel kann die Anweisung No. 7201-1-777 dienen, die General Okulicki am 11. November 1944 durch Rundfunk von der Londoner polnischen Regierung erhielt.

»Da es für die Beurteilung und Planung der künftigen Entwicklung in Polen von grundlegender Wichtigkeit ist, die militärischen Absichten und Möglichkeiten ... der Sowjets im Osten kennenzulernen, müssen Sie ... diese Lücke durch Geheimberichte ausfüllen, die in Übereinstimmung mit den vom Informationsdienst des Hauptquartiers erteilten Instruktionen abzufassen sind.«

In dem Befehl wurden genaue Angaben über russische Truppeneinheiten, Versorgungszüge, Befestigungsanlagen und Flugplätze sowie über die Rüstungs- und Kriegsindustrie der Sowjetunion gefordert.

Woche für Woche gingen in Code abgefaßte Geheimberichte über ein im Rücken der Roten Armee operierendes System von Geheimsendern an die Londoner Exilregierung. Die Meldung No. 621-2, die von Krakau aus an das Londoner Oberkommando gesandt und vom sowjetischen militärischen Nachrichtendienst aufgefangen und entziffert wurde, hatte folgenden Wortlaut: »In der zweiten Märzhälfte fuhren jeden Tag durchschnittlich 20 Züge mit Truppen und Munition (Artillerie, Tanks, Infanterie, zu einem Drittel Frauen) in westlicher Richtung durch ... In Krakau wurden dringende Einberufungsbefehle für die Altersklassen 1895 bis 1925 angeschlagen. In derselben Stadt fand in Anwesenheit von General Zymierski die feierliche Beförderung von 800 aus dem Osten eingetroffenen Offizieren statt ...«

Am 22. März faßte General Okulicki die letzten Ziele seiner Vorgesetzten in London in einem an Oberst »Slavbor«, den Kommandanten der westlichen Abteilungen der Armja Krajowa, gerichteten Geheimbefehl zusammen. In dieser bemerkenswerten Direktive erklärte Okulicki:

»Ein Sieg der UdSSR über Deutschland würde nicht nur Englands europäische Interessen bedrohen, sondern den ganzen Kontinent in Schrecken stürzen ... Die Engländer werden mit Rücksicht auf ihre eigenen Interessen in Europa alle europäischen Kräfte gegen die Sowjetunion mobilisieren müssen. Es ist klar, daß wir in den vordersten Reihen dieses antisowjetischen europäischen Blocks unseren Platz finden werden; dieser Block ist ohne die Teilnahme eines unter englischer Kontrolle stehenden Deutschland nicht zu denken.« Die Pläne und Hoffnungen der polnischen Emigranten hatten keine lange Lebensdauer. Anfang 1945 begann der sowjetische militärische Geheimdienst mit der Erfassung der hinter den Sowjetlinien tätigen polnischen Verschwörer. Im Sommer 1945 befanden sich die verantwortlichen Führer in den Händen der Sowjets. Sechzehn von ihnen, darunter General Okulicki, wurden dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR überantwortet.

Der Prozeß begann am 15. Juni im Gewerkschaftshaus in Moskau und dauerte drei Tage. Aus den Zeugenaussagen ging mit aller Deutlichkeit hervor, daß die polnischen Emigranten und ihre Untergrundorganisation den nazistischen Eroberern ihres Vaterlandes aus Haß gegen Sowjetrußland wertvolle Hilfe geleistet hatten.

Während der Verhandlung kam es zu folgendem Wortwechsel zwischen dem sowjetischen Staatsanwalt Generalmajor Afanasjew und dem kleinen, schmallippigen Führer der antisowjetischen Untergrundbewegung, General Okulicki:

Afanasjew: Behinderten Sie durch Ihre Tätigkeit die Operationen der Roten Armee gegen die Deutschen?

Okulicki: Jawohl.

Afanasjew: Wem halfen Sie damit?

Okulicki: Natürlich den Deutschen.

Generalmajor Afanasjew erklärte dem Gerichtshof, er werde für keinen der Angeklagten die Todesstrafe beantragen, weil sie alle »bloße Werkzeuge« der polnischen Emigranten in London gewesen seien und jetzt, »wo wir die freudvollen Tage des Sieges erleben, keine Gefahr mehr bedeuten«. Der sowjetische Staatsanwalt fuhr fort:

»In diesem Prozeß laufen alle Bestrebungen der polnischen Reaktionäre zusammen, die Sowjetrußland seit Jahren bekämpfen. Ihre Politik führte dazu, daß Polen von den Deutschen besetzt wurde. Die Rote Armee kämpfte für Freiheit und Unabhängigkeit gegen die Barbarei ... Die Sowjetunion leistete mit Unterstützung der Alliierten einen entscheidenden Beitrag zur Niederwerfung Deutschlands. Aber Okulicki und seine Helfershelfer wollten der Roten Armee in den Rücken fallen ... Sie ziehen den Cordon sanitaire um Rußland der Freundschaft mit unserem Lande vor ...« Am 21. Juni gab das sowjetische Militärkollegium seinen Urteilsspruch bekannt. Drei Angeklagte wurden freigesprochen. General Okulicki und elf seiner Verbündeten wurden schuldig befunden und zu Gefängnisstrafen von vier Monaten bis zu zehn Jahren verurteilt.

Nach diesem Prozeß machten die Vereinigten Staaten und Großbritannien die Anerkennung der Londoner polnischen Exilregierung rückgängig.[3] Die Warschauer Regierung wurde in Übereinstimmung mit den in Jalta getroffenen Vereinbarungen reorganisiert und offiziell als Provisorische Regierung Polens anerkannt.

XXV. DIE VEREINTEN NATIONEN

Wenn es um Leben und Tod geht, lernen die Menschen zwischen Freund und Feind unterscheiden. In den Jahren des zweiten Weltkrieges wurden so manche Täuschungen und Lügen aufgedeckt.

Der Krieg brachte viele Überraschungen. Als die Fünfte Kolonne in verschiedenen europäischen und asiatischen Ländern aus ihrer Unterweltexistenz emportauchte, um mit Hilfe der nazistischen und japanischen Armeen die Macht zu ergreifen, stand die Welt diesem Geschehen zunächst fassungslos gegenüber. Das Tempo der ersten Achsensiege setzte alle in Erstaunen, die von den jahrelangen Geheimvorbereitungen, den Intrigen und terroristischen Verschwörungen der Achse nichts gewußt hatten.

Aber die größte Überraschung des zweiten Weltkrieges war Sowjetrußland. Es war, als ob sich über Nacht eine dichte, täuschende Nebelwand geteilt hätte: endlich wurde die wahre Bedeutung und Beschaffenheit des Sowjetvolkes sichtbar, seine Führer, seine Wirtschaft, seine Menschen und, wie Cordeil Hüll einmal sagte, »der Heldenmut ihrer patriotischen Begeisterung«.

Das war die erste große Erkenntnis, die aus dem zweiten Weltkrieg gewonnen wurde: daß die Rote Armee unter Marschall Stalin als die tüchtigste und stärkste Streitmacht auf seiten des Weltfortschritts und der Demokratie zu gelten habe. Am 23. Februar 1942 äußerte sich der amerikanische General Douglas Mac Arthur zu seinen Landsleuten über die Rote Armee: »In der gegenwärtigen Weltlage stützen sich alle Hoffnungen der Zivilisation auf die ruhmvollen Banner der tapferen Roten Armee. Ich habe im Laufe meines Lebens an verschiedenen Kriegen teilgenommen; andere habe ich als Zeuge verfolgt, und schließlich habe ich die Feldzüge vieler hervorragender Heerführer der Vergangenheit mit großer Aufmerksamkeit studiert. Aber noch nie habe ich einen so wirksamen Widerstand gegen die schwersten Schläge eines bis dahin unbesiegten Feindes beobachtet, einen Widerstand, dem ein vernichtender Gegenangriff folgte, durch den der Feind in sein eigenes Land zurückgetrieben wird. Dieser Versuch ist wegen seines Umfanges und seiner Großartigkeit als die größte militärische Leistung der Weltgeschichte anzusehen.« Die zweite Offenbarung war die verblüffende Kraftprobe des sowjetischen Wirtschaftsystems, das sich fähig erwies, die Produktion unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen in großem Maßstab aufrechtzuerhalten.

Der Stellvertretende Vorsitzende des Ministeriums für Kriegsproduktion der Vereinigten Staaten, William Batt, der sich im Jahr 1942 in offizieller Mission nach Moskau begab, berichtete nach seiner Rückkehr:

»Bei meiner Abreise hegte ich Zweifel darüber, ob die Russen den Anforderungen eines totalitären Krieges gewachsen sein würden; aber ich konnte mich bald davon überzeugen, daß die gesamte Bevölkerung ihre Pflicht tat - sogar Frauen und Kinder.

Bei meiner Abreise hielt ich nicht allzuviel von der technischen Begabung der Russen; ich mußte feststellen, daß sie die Leitung ihrer Fabriken und die Produktion von Kriegsmaterial mit ungewöhnlicher Energie und Umsicht betrieben.

Bei meiner Abreise fühlte ich mich durch die in Amerika verbreiteten Gerüchte über die Uneinigkeit und Willkür der russischen Regierung beunruhigt; ich fand eine starke, tatkräftige Regierung vor, die von der Liebe und Anhänglichkeit des ganzen Volkes getragen wurde. Mit einem Wort, bei meiner Abreise fragte ich mich: ist Rußland ein verläßlicher, leistungsfähiger Bundesgenosse? ... Die Antwort, die ich erhielt, war ein lautes, deutliches Ja.« Drittens zeigte es sich, daß die vielen verschiedenartigen Nationalitäten der Sowjetunion geeint hinter der Regierung standen und Beweise einer Vaterlandsliebe lieferten, die in der Weltgeschichte nicht ihresgleichen hat.

Am 31. August 1943 sagte Ministerpräsident Winston Churchill in Quebec über die Sowjetregierung: »Keine einzige Regierung der Menschheitsgeschichte hat sich fähig erwiesen, Schädigungen von solcher Schwere und Grausamkeit zu überleben, wie sie Rußland von Hitler erleiden mußte ... Rußland hat diese furchtbaren Schädigungen nicht nur überlebt und sich davon erholt, sondern es hat der deutschen Armee tödliche Schläge zugefügt, wie sie keine andere Streitmacht der Welt hätte führen können.« Die vierte große Erkenntnis war, daß das Bündnis der westlichen Demokratien mit Sowjetrußland das greifbare Versprechen einer neuen, internationalen Ordnung des Friedens und der Sicherheit enthielt.

In einem Leitartikel der »New York Herald Tribüne« vom 11. Februar 1943 hieß es:

»Es gibt heute nur zwei Möglichkeiten, zwischen denen die Demokratien zu wählen haben: gemeinsam mit Rußland die Welt neu aufzubauen, was ohne weiteres möglich ist, wenn wir an die Stärke unserer eigenen Grundsätze glauben und sie durch praktische Anwendung beweisen - oder in Zusammenarbeit mit allen reaktionären und antidemokratischen Kräften Europas Komplotte zu schmieden, deren einziges Ergebnis die Entfremdung des Kremls wäre.« Am 8. November 1943 berichtete der Vorsitzende des Ministeriums für Kriegsproduktion der Vereinigten Staaten, Donald Nelson, über seinen Besuch in der Sowjetunion: »Ich habe von meiner Reise den festen Glauben an die Zukunft Rußlands mitgebracht und an den Nutzen, den die künftige Entwicklung Rußlands der ganzen Welt und auch uns bringen wird. Soweit ich die Lage übersehen kann, werden wir, sobald der Sieg errungen und dieser Krieg vorbei ist, nur eines zu fürchten haben: den gegenseitigen Argwohn. Wenn wir gemeinsam mit den übrigen Vereinten Nationen für die Friedenswirtschaft produzieren und den Lebensstandard aller Völker zu heben versuchen, werden wir uns auf einem aufsteigenden Weg befinden, der Aussichten auf Reichtum und Zufriedenheit eröffnet, wie sie die Menschheit nie gekannt hat.«

Die Deklaration der historischen Konferenz von Teheran, die am 1.Dezember 1943 bekanntgegeben wurde, war die Antwort an die sowjetfeindlichen und antidemokratischen Verschwörer, die die Welt fünfundzwanzig Jahre lang durch unaufhörliche Intrigen der Geheimdiplomatie, gegenrevolutionäre Komplotte, Terror, Furcht und Haß beunruhigt hatten, bis diese Bemühungen in dem kriegerischen Versuch der Achsenmächte gipfelten, die ganze Menschheit zu versklaven.

Die Führer der drei mächtigsten Nationen der Welt, Präsident Franklin Delano Roosevelt, Ministerpräsident Winston Churchill und Marschall Josef Stalin, begegneten einander zum erstenmal; nach einer Reihe von militärischen und diplomatischen Unterredungen wurde die Drei-Mächte-Erklärung herausgegeben.

Die Deklaration von Teheran enthielt das Versprechen, daß der Nationalsozialismus durch die gemeinsame Aktion der drei verbündeten Großmächte vernichtet werden würde. Darüber hinaus eröffnete die Erklärung der kriegsmüden Menschheit die Aussicht auf dauernden Frieden und eine Ära der Völkerfreundschaft:

»Wir sind uns voll der hohen Verantwortung bewußt, die auf uns und allen Nationen ruht, einen Frieden zu schließen, der den überwältigenden Massen der Völker der Erde Bereitwilligkeit abnötigen und die Geißel und den Schrecken des Krieges für viele Generationen bannen wird.

Zusammen mit unseren diplomatischen Ratgebern haben wir die Probleme der Zukunft geprüft. Wir werden die Mitarbeit und aktive Teilnahme aller Nationen, der großen wie der kleinen, suchen, deren Völker, ebenso wie unsere eigenen Völker, sich mit Herz und Sinn der Ausrottung von Tyrannei und Sklaverei, von Unterdrückung und Intoleranz widmen. Wir werden sie begrüßen, sowie sie sich bereit finden, in die Weltfamilie der demokratischen Nationen einzutreten.« Dem Abkommen von Teheran folgten die entscheidenden Beschlüsse, die im Februar 1945 auf der Krim gefaßt wurden. Diesmal trafen sich die drei Staatsmänner - Roosevelt, Churchill und Stalin - in Jalta, wo sie eine einheitliche Politik festlegten, die zur endgültigen Niederwerfung Deutschlands und der vollständigen Ausschaltung des deutschen Generalstabes führen sollte. Die Besprechungen von Jalta wurden mit der Blickrichtung auf die bevorstehende Friedensperiode geführt.

Sie schufen die Grundlage für die epochemachende Konferenz der Vereinten Nationen in San Francisco, wo im April die Charta einer internationalen Sicherheitsorganisation veröffentlicht wurde, die ihre Wurzeln in dem Bündnis der drei bedeutendsten Großmächte hatte.

Am 8. Mai 1945 unterzeichneten die Vertreter der deutschen Heeresleitung in Anwesenheit der führenden amerikanischen, britischen und sowjetischen Generale in dem zerstörten Berlin das abschließende Dokument über die bedingungslose Waffenstreckung der Naziwehrmacht. Der Krieg in Europa war zu Ende. In einer Botschaft an Marschall Stalin sagte Churchill: »Künftige Generationen werden ihre Dankesschuld an die Rote Armee ebenso uneingeschränkt anerkennen wie wir, die lebenden Zeugen dieser stolzen Taten.«

Kein Krieg der Weltgeschichte war mit solcher Erbitterung geführt worden wie der Kampf zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion. Eintausendvierhundertundachtzehn Tage, siebenundvierzig Monate, vier Jahre lang wurden auf den endlosen Schlachtfeldern der Ostfront Kämpfe von noch nie dagewesener Ausdehnung und Heftigkeit ausgefochten. Das Ende kam, als motorisierte Truppen der Sowjetarmee das Herz der nazistischen Zitadelle - Berlin - erstürmten und besetzten. Ein namenloser Sowjetsoldat hißte auf dem Reichstag die Rote Fahne.

In allen Ländern Europas wehten die Fahnen der Freiheit. Und dennoch folgte der Schaffung der Vereinten Nationen, deren Grundidee die Erhaltung der Eintracht zwischen den achsenfeindlichen Mächten und die vollständige Ausrottung des Faschismus nach dem Kriege war, eine plötzliche neue Welle sowjetfeindlicher Propaganda und Intrigen, die das Fundament des Friedens bedrohten. Es war geradeso wie nach dem ersten Weltkrieg: die europäischen Völker forderten die Verwirklichung ihrer demokratischen Ziele; die unterdrückten Kolonialvölker machten ihren Anspruch auf Freiheit und nationale Selbständigkeit geltend; und die Kräfte der internationalen Reaktion und des Imperialismus verbündeten sich, um ihre Geldinteressen zu schützen und die Bestrebungen der Völker zu vereiteln. Und wieder ertönte im Lager der Feinde der Demokratie die Kampfparole: Krieg dem »bolschewistischen Rußland«.

Kaum sechs Monate waren seit dem Abschluß des zweiten Weltkrieges vergangen, als Winston Churchill sich neuerlich zum lautesten Heerrufer des antisowjetischen Kreuzzuges machte. Nach der vernichtenden Niederlage der Konservativen Partei in England und angesichts der wachsenden Krise des britischen Imperialismus, dem die Herrschaft über das Kolonialreich zu entgleiten drohte, entdeckte Churchill von neuem die »bolschewistische Gefahr«. In einer vielbeachteten Rede an das amerikanische Volk, die Churchill am 5. März 1946 in Fulton, Missouri, hielt, forderte er ein antisowjetisches Bündnis zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten gegen »die immer stärker werdende Herausforderung und Gefährdung der christlichen Zivilisation durch den russischen Kommunismus.«

In Amerika und England setzte eine neue sowjetfeindliche Kampagne ein. Alle Völker der Welt wurden von der Furcht vor einem dritten Weltkrieg ergriffen.

Am 20. März 1946 warnte Senator Claude Pepper (Florida) im amerikanischen Senat mit eindringlichen Worten vor den furchtbaren Gefahren eines neuen Krieges: »Rußland muß annehmen, daß seine Philosophie für Länder, die von Kartellen, Reaktionären oder Russophobien beherrscht werden, unannehmbar ist, und so hat es Ursache zu den verschiedensten Befürchtungen ... Seine Sorge steigt aus den rauchenden, zerschossenen Ruinen seiner verwüsteten Gebiete auf. Sie stammt aus den Herzen der 15 Millionen Männer, Frauen und Kinder - das Fünfzigfache unserer Verluste -, die Rußland in diesem Kriege verlor, der 25 Millionen, denen der Krieg Heimat und Nahrung nahm ... Rußland wird durch die Erinnerungen der Vergangenheit in seinen Befürchtungen bestärkt. Es hat noch nicht vergessen, daß die Armeen von vierzehn Nationen, darunter England, Frankreich, China, Amerika, Deutschland und Japan, im Sommer 1919 auf sowjetischem Boden gegen den jungen Sowjetstaat Krieg führten ...

Rußland erinnert sich an die Hetze gegen die Roten, die unverhüllte, offene Verschwörung der kapitalistischen Großmächte, die auch dann ihren Fortgang nahm, als die ausländischen Streitkräfte bereits aus der Sowjetunion zurückgezogen oder vertrieben waren - es erinnert sich. an die lange Zeit, da es von allen gefürchtet und gehaßt und von niemandem anerkannt war ... Es erinnert sich, wie man Hitlerdeutschland als Bollwerk gegen Rußland aufbaute, wie Rußland von den Münchener Verhandlungen ausgeschlossen wurde, die den künftigen Angriff Hitlers auf die Sowjetunion zu einer Gewißheit machten. Es erinnert sich an den deutsch-japanisch-italienischen Verschwörungsplan, Rußland unter dem scheinheiligen Vorwand des Antikomintern-Paktes zu vernichten - und es weiß noch sehr gut, daß keine der starken, mächtigen Nationen gegen diese aggressiven Absichten Einspruch erhob ...« Senator Pepper unterstrich die Gefahren des von Churchill vorgeschlagenen anglo-amerikanischen Bündnisses gegen Rußland:

»Die Organisation der Vereinten Nationen ist zum Untergang verurteilt, wenn zwei der Großen Drei unter dem Deckmantel eben dieser Organisation das dritte Mitglied der großen Dreieinigkeit mit einem neuen Cordon sanitaire umgeben ... Wo ist also der Ausweg aus dieser Krise der Furcht? Und wie können wir die Organisation der Vereinten Nationen und den Frieden retten?

Ich wage zu behaupten, daß es nur einen Weg gibt: die große Konzeption Franklin Delano Roosevelts zu verwirklichen, der mehr als irgendein anderer zur Gründung der Vereinten Nationen beigetragen hat: die Einigkeit zwischen Großbritannien, Rußland und den Vereinigten Staaten wiederherzustellen und eine ganz neue geistige und sittliche Haltung dieser Mächte in den Fragen des Friedens und des Besitzes herbeizuführen.« Als dieses Buch in Druck ging, besuchten die Verfasser den Mann, von dem im ersten Kapitel die Rede ist: Oberst Raymond Robins. Vor einigen Jahren zog sich Oberst Robins aus dem öffentlichen Leben zurück, um auf seinein Gut in Chinesgut Hill, Florida, ein beschauliches Leben zu führen. (Er vermachte dieses 3200 Morgen umfassende Gut der Regierung der Vereinigten Staaten als Naturschutzgebiet und landwirtschaftliche Versuchsstation.) Oberst Robins ist auch heute noch ein Anhänger der »unbürokratischen Methode«; er nimmt am Schicksal des einfachen Mannes leidenschaftlichen Anteil, er verabscheut Vorurteile und Habgier, und er bringt der Nation, deren Geburt aus den Wirren der Revolution er als Zeuge miterlebte, das regete Interesse entgegen. Oberst Robins sagte:

»Den großartigsten Eindruck meines Lebens empfing ich in der Stunde, als ich in den Augen russischer Arbeiter und Bauern das Lieht der Hoffnung aufleuchten sah - der Hoffnung auf Befreiung aus endloser Tyrannei und Bedrückung, die der Ruf Lenins und anderer Führer der sowjetischen Revolution in ihnen geweckt hatte. Sowjetrußland war immer für den Weltfrieden. Lenin wußte, daß ein Krieg sein großes Aufbauprogramm stören und vielleicht sogar vereiteln würde. Das russische Volk wollte stets den Frieden. Sein ganzes Denken, Wollen und Hoffen ist auf die erzieherische und industrielle Entwicklung und die Erschließung seines großen, reichen Landes gerichtet. Sowjetrußland besitzt keine Kolonien, die es ausbeuten könnte, und es sucht auch keine zu erwerben. Sowjetrußland betreibt keine ausländischen Handelskartelle, und es sucht auch nicht aus solchen Unternehmungen Gewinn zu ziehen. Stalins Politik hat die Gegensätze der Rassen, Religionen, Nationen und Klassen innerhalb der Sowjetgrenzen aufgehoben. Diese Einigkeit und Harmonie der Sowjetvölker weist den Weg zum internationalen Frieden.«

Michael Sayers, Albert E. Kahn. Die große Verschwörung. Darstellung des antikommunistischen Kampfes 1919-1945. Berlin 1949

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sowjetunion Lenins und Stalins (UdSSR)