Geschichte des Bürgerkriegs in der UdSSR

Die Vorbereitung der proletarischen Revolution

Autorenkollektiv :

M. Gorki, W. Molotow, K. Woroschilow, S. Kirow, A. Shdanow, J. Stalin

 

antiquarisches Buch – M. Gorki, W. Molotow, K.        Woroschilow, S. Kirow, A. Shdanow, J. Stalin –        Geschichte des Bürgerkrieges in der UdSSR - Erster Band

Erstes Kapitel


Der Vorabend der bürgerlich-demokratischen Revolution

1.

Der Krieg

Am 20. Juli 1914 veröffentlichte der Zar Nikolaus II. das Manifest über den Krieg. Durch den Staub der Landstraßen keuchend, an den unabgeernteten Feldern vorbeimarschierend, eilten die Regimenter der russischen Armee zur deutschen Grenze. Die Mobilmachung war noch nicht beendet. In regellosem Durcheinander standen die Geschütze auf den Plätzen vor den Arsenalen. Es fehlte an Bespannung für die Artillerie. Aus den Dörfern und Stanizas ( * Kosakendörfer) , wo die Erntearbeit in vollstem Gange war, wurde die Jugend von der Arbeit weg zu den Bezirkskommandos getrieben. Denn der Zar war durch seine Verträge mit Frankreich gebunden. Er hatte Milliardenanleihen von den Pariser Bankiers erhalten.

Nach den Militärabmachungen sollte Nikolaus seine Armeen am vierzehnten Tage nach der Kriegserklärung in die Offensive gegen Deutschland schicken.


Im Westen drangen die deutschen Armeekorps unaufhaltsam durch Belgien vor und marschierten ungestüm auf Paris. Von dort ergingen panische Forderungen an Petrograd, man solle rascher gegen Deutschland vorstoßen.

Am 30. Juli berichtete der russische Militärvertreter in Paris dringend an das Hauptquartier:

«Die französischen Armeen werden in nächster Zeit schwerlich zur Offensive übergehen können. Ich erwarte im günstigsten Falle einen langsamen Rückzug . . . Der ganze Erfolg des Krieges hängt vollständig von unseren Aktionen in den nächsten Wochen und vom Hinüberwerfen deutscher Armeekorps an die russische Front ab.»1

Vergeblich erklärte der General Shilinski, der Oberbefehlshaber der Nordwestfront, daß die Offensive gegen Ostpreußen von vornherein zum sicheren Scheitern verurteilt sei, vergeblich riet der Stabschef, General Januschkewitsch, von einem sofortigen Angriff ab: aus Paris wurde gedrängt. Der französische Botschafter Maurice Paleologue, lief sich die Schuhsohlen ab, um den Übergang der russischen Armeen zur Offensive zu erwirken. Und am 31. Juli teilte der Höchstkommandierende, der Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, der Onkel des Zaren, mit dein Spitznamen «der lange Nikolai», Paleologue mit, daß die Wilnaer und die Warschauer Armee «morgen früh, bei Tagesanbruch 2 » die Offensive beginnen werden.

Die unvorbereiteten russischen Armeen brachen in Deutschland ein.

Wilhelm II., der von den russischen Generälen ein so rasches Vorgehen nicht erwartet hatte, sah sich gezwungen, den Vormarsch auf Paris zu verlangsamen. Die deutsche Oberste Heeresleitung warf das Gardereservekorps und das XI. Armeekorps mit der 2. Kavalleriedivision an die Ostfront. Noch vor dem Eintreffen dieser Verstärkungen schritten die deutschen Regimenter zur Offensive und warfen die Russen über den Haufen. Fünf Divisionen, die von der Westfront eingetroffen waren, beteiligten sich später an der endgültigen Zerschmetterung der russischen Armee in Ostpreußen. Die zaristische Armee verlor 20 000 Mann an Toten und 90 000 an Gefangenen und büßte ihre gesamte Artillerie ein. Zwei Armeekorps - das XIII. und XV. - wurden umzingelt und fielen vollständig in die Hände der Deutschen. Aber Paris war gerettet. Noch vor dem Ausgang des Kampfes in Ostpreußen schrieb Paleologue in sein Tagebuch:

«Die Schlacht . . . wird mit Erbitterung weitergeführt. Wie auch das Endergebnis ausfallen möge, es genügt schon, daß der Kampf andauert, um den englischen und französischen Streitkräften Zeit zu verschaffen, damit sie sich hinter der Front umgruppieren und vormarschieren können.»3

Das «Endergebnis» war der Untergang der russischen Armeen, aber der Zar hatte seinen Vertrag erfüllt: für das französische Gold zahlte er mit Blut und Leben der Werktätigen. Am Tage der Zerschmetterung der russischen Armeen - am 30. August - sagte der Außenminister Sasanow zu Paleologue: «Die Armee Samsonows ist vernichtet ... Wir mußten Frankreich dieses Opfer bringen .» 4

Der russische Zarismus spielte im Krieg von 1914 die Rolle eines Söldlings des englisch-französischen Kapitals. Rußland war faktisch eine Halbkolonie der westeuropäischen Länder. Sogar der geistige Führer der russischen imperialistischen Bourgeoisie, der Kadett Miljukow, gab später zu, daß Rußland im Krieg gegen Deutschland ein Werkzeug der englischen und französischen Kapitalisten war. Zur zehnjährigen Wiederkehr des Kriegsausbruchs schrieb Miljukow in einem Emigrantenblatt:

«Ich hatte damals nicht erwartet, daß Rußland, ohne seine Kräfte gesammelt zu haben, Millionen seiner Söhne für eine fremde Sache in di e Schützengräben schicken würde .» 5

Der Zarismus sowie die Bourgeoisie und Großgrundbesitzer, die hinter ihm standen, ließen sich um so lieber vom ausländischen Kapital am Gängelband führen, als in ihrem Rücken die revolutionäre Bewegung rasch wuchs. Die Ereignisse an der Lena im Jahre 1912 und ihr mächtiger Widerhall im ganzen Lande waren gewaltige Vorboten des revolutionären Sturmes. Die Streiks in Baku am Vorabend des Krieges und die Petersburger Streiks von 1914, als von neuem Barrikaden in den Straßen entstanden, waren bereits der Anfang des Sturmes selbst. Von den die Straßen der Städte durchkreuzenden Barrikaden blickte das Gespenst der Revolution von 1905 dem Zarismus ins Gesicht. Viele zaristische Würdenträger sagten mit Entsetzen voraus, die kommende Revolution werde unvergleichlich weiter gehen als die von 1905. Der ehemalige Innenminister, P. N. Durnowo, schrieb unmittelbar vor Kriegsausbruch an Nikolaus II.:

«Eine politische Revolution ist in Rußland unmöglich, und jede revolutionäre Bewegung wird unvermeidlich zu einer sozialistischen ausarten.»6

Der Zarismus schickte sein Volk «für eine fremde Sache» in den Tod und hoffte, durch diesen Aderlaß das Anwachsen der revolutionären Energie aufzuhalten.

Es wäre aber unrichtig anzunehmen, die herrschenden Klassen Rußlands hätten sich nur dem englisch-französischen Kapital zuliebe in das Weltgemetzel gestürzt, die russische Bourgeoisie hätte nicht ihre eigenen imperialistischen Ziele verfolgt. Die Teilnahme am Krieg entsprach durchaus den Interessen der herrschenden Klassen des zaristischen Rußland. Das Stadium des Kapitalismus, das als Imperialismus bezeichnet wird, hatte sich in Rußland schon vor dein Krieg herausgebildet: der monopolistische Kapitalismus spielte im Wirtschaftsleben Rußlands bereits die führende Rolle. Aber die Bourgeoisie, die das Land ökonomisch führte, leitete es nicht politisch: die Leitung lag in den Händen des Zarismus, des Vertreters der fronherrschaftlichen Gutsbesitzer.

Die Bourgeoisie beeilte sich nicht sonderlich, diesen Widerspruch zwischen ihrer ökonomischen Macht und ihrer politischen Ohnmacht zu lösen. Ein entschlossener Kampf gegen den Absolutismus lag nicht in ihrem Interesse. Hinter dem Rücken der Bourgeoisie stand das als Klasse schon konstituierte Proletariat. Durch die Erfahrung der Revolution von 1905 geschult, zog das Proletariat in den neuen Kampf unter Führung der Leninschen Partei der Bolschewiki. Nach Beseitigung des Zarismus die Macht in die eigenen Hände zu nehmen -- das bedeutete für die russische Bourgeoisie, der Arbeiterklasse Auge irr Auge gegenüberzustehen. Das Jahr 1905 hatte bereits gezeigt, wie ein solcher Zweikampf ausgehen konnte. Der Zarismus mit seinem militärisch-polizeilichen Apparat diente der Bourgeoisie als zuverlässige Schutzwehr gegen den Ansturm des Proletariats. Es war, wie Lenin schrieb:

« Sie brauchen zu nötig den Zarismus mit seinen polizeilich-bürokratischen und militärischen Kräften gegen das Proletariat und die Bauernschaft, als daß sie auf die Vernichtung des Zarismus hinarbeiten könnten.»7

Ueberdies begann sich der russische Kapitalismus in einer Periode herauszubilden, als der Kapitalismus im Westen seine Blütezeit schon längst erreicht und die besten Plätze unter der Sonne schon an sich gerissen hatte. Der junge Räuber konnte nicht mit solchen alterprobten Banditen wie den Imperialisten Englands und Deutschlands konkurrieren. Um zu einträglichen Märkten vorzudringen, mußte man starke Ellenbogen und wuchtige Fäuste besitzen. Der Zarismus hatte eben diese Fäuste und er bahnte der Bourgeoisie durch seine Armeen die Wege zu neuen Märkten. Die russischen Imperialisten streckten ihre Hände nach Galizien aus. Die russischen Kapitalisten suchten, sich die Länder des Nahen Osten zu unterwerfen, sie brauchten Konstantinopel. Die Zeitschrift der russischen

Imperialisten «Promyschlennostj i Torgowla» schrieb im Dezember 1912, die «Freiheit des Handels» in den Meerengen des Nahen Ostens sei vom Standpunkt des internationalen Warenaustausches unerläßlich.

«Das Land kann nicht ständig in der Furcht leben, daß der ,Schlüssel zur Eingangstür' in unser Haus, den schwachen Händen der Türkei entfallen, eines Tages in fremde, starke Hände gerät, die imstande wären, uns nach eigenem Ermessen zu strafen oder zu schonen.»8

Der Kampf um neue Märkte und neue Kolonien, um den «Schlüssel zur Tür» vereinigte Zarismus und Bourgeoisie. Hatte der russische Imperialismus festen Fuß an den Meerengen gefaßt, so konnte er die Donauländer, Bulgarien, Rumänien in der Hand halten. Lenin kennzeichnete das Ziel des Kampfes zwischen Rußland und Deutschland mit den Worten:

«Die Aufgabe der imperialistischen Politik Rußlands ... kann kurz folgendermaßen ausgedrückt werden: mit Hilfe Englands und Frankreichs Deutschland in Europa schlagen, um Oesterreich (durch die Wegnahme Galiziens) und die Türkei (durch die Wegnahme Armeniens und besonders Konstantinopels) auszurauben.»9

Das Kriegsmanifest des Zaren wurde von der Bourgeoisie mit Begeisterung aufgenommen. Patriotische Kundgebungen zogen vor den Palast. Die bürgerlichen Organisationen überschütteten den «Thron» mit untertänigsten Huldigungstelegrammen. Die Zeitungen posaunten die «Einigkeit des Zaren mit dem Volk» aus. Studenten sangen auf den Knien liegend, die Hymne: «Gott schütze den Zaren».

Am 30. Juli erfolgte in Moskau die Gründung des Allrussischen Verbandes der Semstwos, eine Woche später wurde der Allrussische Städteverband geschaffen - beides mit dein Ziel, dem Zarismus zu einem Siege über Deutschland zu verhelfen.

Der Zarismus begann den Krieg unter Glockengeläut und dem jubelnden Beifall der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie.

Der Verlauf des Krieges umdüsterte indessen bald die begeisterte Stimmung. Solange die deutschen Hauptkräfte noch durch die Kriegsoperationen im Westen in Anspruch genommen waren, vermochten die russischen Armeen ihre anfänglichen, in Ostpreußen erlittenen Mißerfolge auszugleichen. Am 21. August 1914 gelang es ihnen, in Galizien Leinberg, amn 9. März 1915 Przemysl, eine der stärksten österreichischen Festungen zu erobern. Die russischen Armeen drangen bis zu den Karpatlien vor, jenseits des Kaukasus warfen sie die Türken, die auf seiten Deutschlands fochten, bis Erzerum zurück. Doch der Siegestaumel war von kurzer Dauer. Der korrupte, durch und durch verfaulte Apparat des Kriegsministeriums hatte keine Granate bereitgestellt. Die schwerfälligen Generale waren nicht imstande, den Nachschub von Artillerie und Reserven zu sichern. Die deutschen und österreichischen Truppen eroberten die verlorenen Gebiete rasch zurück. Am 25. April 1915 nahmen die Deutschen Libau und bedrohten so Riga. Die Oesterreicher eroberten am 20. Mai Przemysl zurück, am 9. Juli räumten die Russen Leinberg. Im Laufe des Juli wurden sämtliche russischen Festungen in Polen von den Deutschen erobert, am 23. fiel Warschau. Nach dem Verlust von Polen räumten die russischen Heere auch Litauen. Zum Zusammenbruch an der Front kam die Zerrüttung im Hinterland.

An die Stelle des patriotischen Aufschwungs der Bourgeoisie trat die «patriotische Besorgnis»10, nach dem Ausdruck Miljukows in der Sitzung der Reichsduma vom 19. Juli 1915. Die Niederlage an der Front störte die «Einigkeit des Zaren» mit den Kapitalisten.

Durch den imperialistischen Krieg wurde auch das Kräfteverhältnis zwischen den herrschenden Klassen scharf verändert. Die zusammengeraubten Kriegsgewinne stärkten die ökonomische Macht und Bedeutung der Bourgeoisie im Lande. Allein in den 142 wichtigsten Textilbetrieben stieg der Profit der Kapitalisten, nach den Berechnungen des offiziösen «Westnik Finansow», von 60 Millionen Rubeln im Jahre 1913 auf 174 Millionen im Jahre 1915. Die Leinenindustrie steckte 1915 dreimal soviel an Gewinnen ein wie vor dem Kriege. Die Steuern für die Kapitalisten stellten, gleichfalls nach den Angaben des «Westnik Finansow», einen ständig sinkenden Prozentsatz gegenüber dem Bruttogewinn dar.

Zugleich mit der ökonomischen Macht der Bourgeoisie stieg auch ihre politische Bedeutung. Der Zarismus mußte die Gründung einer ganzen Anzahl von Vereinigungen zulassen, die ihm, wie zum Beispiel der Verband der Semstwos und der Städte, bei der Mobilmachung von Mitteln für den Krieg behilflich waren. Im Sommer 1915 entstanden die Kriegsindustrie-Komitees, durch deren Vermittlung die Aufträge für Heereslieferungen verteilt wurden. Dies alles eröffnete der Bourgeoisie weite Möglichkeiten, sich zu organisieren und politisch zu erstarken. Mit jedem Tage erklärte die Bourgeoisie in der Presse und durch ihre Vertreter dringlicher und offener, daß der Absolutismus ihre Interessen wenig berücksichtige. Immer häufiger fielen auf feierlichen Banketts vorsichtige Andeutungen über die «Alleinherrschaft» des Zaren. Zuweilen sprachen Leute mit vom Wein erhitzten Köpfen ganz offen von einer Einschränkung der Macht des Selbstherrschers. Einer der größten Industriellen, P. Rjabuschinski, erklärte im August 1915 auf einer außerordentlichen Konferenz von Vertretern der Kriegsindustrie-Komitees:

«Das Land muß endlich wissen, daß wir außerstande sind, etwas zu tun, angesichts des Verhaltens, das die Regierung, die nicht auf der notwendigen Höhe steht, uns gegenüber an den Tag legt. Wir haben das Recht zu fordern, daß man uns die Möglichkeit gibt, zu arbeiten, wenn man uns nun einmal diese Verantwortung aufbürdet ... Wir müssen die Aufmerksamkeit auf die Struktur der Regierungsgewalt selbst lenken, denn diese Gewalt steht nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe.»11

Die Bourgeoisie forderte die Bildung einer «Regierung des Vertrauens», die Ernennung von Ministern, denen das Land vertraue. Am 18. August 1915 verlangte eine außerordentliche Tagung der Moskauer Stadtduma «die Bildung einer Regierung, die stark durch das Vertrauen der Gesellschaft und einmütig ist, an deren Spitze eine Persönlichkeit stehen muß, der das Land Vertrauen schenkt.»12

Dieser Resolution der Stadtduma schlossen sich der Moskauer Kaufmännische Verein, die Petrograder Kaufmannschaft, der Rat der Kongresse der Vertreter von Handel und Industrie, die Petrograder Stadtduma und eine Anzahl von Ortsdumas an. Die Bildung einer «Regierung des Vertrauens» wurde zur Losung für die gesamte Bourgeoisie. In der Zeitung Rjabuschinskis, «Utro Rossii», erschien unter der Ueberschrift «Das Kabinett der Landesverteidigung» eine Liste von Personen, die für die «Regierung des Vertrauens» ausersehen waren: Ministerpräsident: M. W. Rodsjanko; Innenminister: A. 1. Gutschkow; Außenminister: P. N. Miljukow; Finanzminister: A. 1. Schingarjow; Verkehrsminister: N. W. Nekrassow; Minister für Handel und Industrie: A. 1. Konowalow; Staatssekretär für Landwirtschaft und Agrarfragen: A. W. Kriwoschein; Kriegsminister: A. A. Poliwanow; Marineminister: N. W. Sawitsch; Staatskontrolleur: 1. N. Jefremow; Oberprokurator der Synode: W. N. Lwow; Justizminister: W. A. Maklakow; Unterrichtsminister: Graf P. N. Ignatjew. Viele der genannten Personen wurden tatsächlich Mitglieder der Regierung, aber viel später, nachdem die Revolution die Bourgeoisie an die Macht gebracht hatte .13

Die Besorgnisse der Bourgeoisie erschöpften sich nicht in Resolutionen oppositioneller Art. Im Konflikt mit dem Zaren entschlossen sich die bürgerlichen politischen Parteien in der Reichsduma, ihre Kräfte zusammenzufassen. Am 22. August wurde der sogenannte Fortschrittsblock gebildet.

Die IV. Reichsduma, 1912 gewählt, vertrat die Interessen des Blocks der fronherrschaftlichen Gutsbesitzer mit den Spitzen der Bourgeoisie, wobei die erstgenannten das gewaltige Uebergewicht im Block hatten. Die bedeutendste Gruppe stellten die Rechten dar: von 410 Duma-Abgeordneten gehörten 170 zu den Rechten (Nationalisten, Nationalisten-Fortschrittler, Gemäßigte Rechte u. a. m.). Sie stützten sich auf die Schwarzhunderter-Organisation «Verband des Russischen Volkes», die schon 1905 aus den allerreaktionärsten Elementen, aus Gutsbesitzern, Hausbesitzern, Polizeibeamten, kleinen Händlern gebildet wurde. Aus verkommenen Kleinbürgern und Lumpenproletariern wurden Kampftrupps gebildet, die sogenannten «Schwarzen Hundert». Das Programm des «Verbandes» war: eine starke, unumschränkte Zarenmacht, ein einiges und unteilbares Russisches Reich, keinerlei Zugeständnisse an die unterdrückten Nationalitäten. Um sich die Bauern und die rückständigen Schichten der Arbeiterklasse geneigt zu machen, nahmen die Schwarzhunderter eine Anzahl demagogischer Forderungen in ihr Programm auf: Verg rößerung der Bodenanteile für die landarmen Bauern, rechtliche Gleichstellung aller arbeitenden Klassen. Der «Verband» richtete Volksspeiseanstalten und Teestuben ein, in denen monarchistische Propaganda getrieben wurde, und verteilte Geld, das er vom Staat reichlich bekam. Die Hauptaufgabe des «Verbandes» war der Kampf gegen die Revolution, die Hauptmethoden dieses Kampfes aber waren Pogrome, die unter Beihilfe der Regierungsbehörden organisiert wurden, Meuchelmorde, antisemitische Hetze und Verfolgung der nichtrussischen Völkerschaften. Der Zarismus unterstützte die Schwarzhunderter voll und ganz. Nikolaus II. selbst empfing eine Delegation der «Verbandsleute», trat in die Organisation ein und legte das Abzeichen des «Verbandes» an. Ein Führer des «Verbandes» war ein bessarabischer Gutsbesitzer, W. N. Purischkewitsch, der seine Karriere als Beamter für besondere Aufträge bei W. K. Plehwe, dem grausamsten Polizeichef, begonnen hatte. Seine Pogromreden, seine reaktionäre Tätigkeit, die zügellose Hetze gegen die «Fremdstämmigen» machten den Namen Purischkewitsch zum Symbol des Dunkelmännertums und des Jochs der Fronherrschaft. Ein anderer bekannter Führer des «Verbandes» war N. J. Markow II, ein Gutsbesitzer aus dein Kursker Gouvernement, der die äußersten Rechten vertrat - die «Auerochsen», wie sie genannt wurden. Ueber Markow II konnte man das gleiche sagen, was Gogol über einen seiner Helden in den «Toten Seelen» geschrieben hat: «Nosdrew war in gewisser Beziehung eine geschichtliche Persönlichkeit. In keiner Versammlung, an der er teilnahm, ging es ohne eine Geschichte ab, irgendeine Geschichte mußte unbedingt passieren: entweder führen ihn die Gendarmen aus dem Saal, oder seine eigenen Freunde sind gezwungen, ihn hinauszuschaffen.»14 Alle Skandale in der Duma und sogar die Prügeleien, wie sie zwischen den Abgeordneten vorkamen, standen im Zusammenhang mit Markow II, diesem eifrigen Verteidiger des Absolutismus.

Nach der Niederschlagung der Revolution von 1905 begann die Bedeutung des «Verbandes» zurückzugehen und die führende Rolle unter den Rechten ging an den «Rat des Vereinigten Adels» über. Aber der Schwarzhunderter-Verband bestand weiter, erhielt Geldmittel von der Regierung und erschien wieder auf dem politischen Schauplatz, sobald die revolutionäre Bewegung im Lande sich verstärkte.

Neben den äußersten Rechten spielte in der Duma der Nationalist W. W. Schulgin eine gewisse Rolle, ein Abgeordneter aus dem Gouvernement Wolhynien, der sich aktiv im Semstwo betätigte, Redakteur des Schwarzhunderter-Blattes «Kijewljanin».

Den Rechten standen in der Duma die Oktobristen oder «Verband vom 17. Oktober» nahe, etwa 100 Abgeordnete, die die Interessen des großen Industriekapitals und der kapitalistisch wirtschaftenden Großgrundbesitzer vertraten. Von den Rechten unterschieden sich die Oktobristen nur durch die Anerkennung des Manifests vom 17. Oktober 1905, in dem der Zar gewisse Freiheiten und die Reichsduma versprochen hatte. Aber schon 1906 gaben die Oktobristen die Erläuterung dazu, daß der «Titel eines Selbstherrschers» dem Manifest vom 17. Oktober und der konstitutionellen Monarchie nicht widerspreche. Die Oktobristen unterstützten rückhaltlos die äußere und innere Politik der Regierung. Sie folgten sklavisch jedem ihrer Schritte; in der linken Presse wurden sie als «die Partei der jeweils letzten Regierungsverordnung» bezeichnet.

In der Duma waren die Oktobristen eine Regierungspartei. Erst im zweiten Kriegsjahr, als die völlige Unfähigkeit des Zaren, den Krieg siegreich zu beenden, offenbar wurde, gingen die Oktobristen in die Opposition. Der Führer, der Organisator der Oktobristen war A. I. Gutschkow, ein Moskauer Hausbesitzer und Großindustrieller. Von lebhaftem, energischem Wesen, hatte er in seiner Jugend als Freiwilliger auf seiten der Buren gegen die Engländer gekämpft und am Aufstand der mazedonischen Freischärler teilgenommen. Er beteiligte sich mit einer Kolonne des Roten Kreuzes am russisch-japanischen Krieg. In der Revolution von 1905 gründete er den «Verband vom 17. Oktober» und führte den reaktionären Flügel der Bourgeoisie. In der III. Reichsduma, deren Präsident er war, inspirierte er die imperialistische Politik des Absolutismus. In der Kriegszeit wurde er zum Vorsitzenden des Zentralen Kriegsindustrie-Komitees gewählt. Gutschkow entwickelte eine energische Tätigkeit für das Durchhalten im Krieg «'bis zum siegreichen Ende. In Kommissionen und in Beratungen kritisierte er wiederholt die Schwerfälligkeit und Korruptheit der Generale, die für die Belieferung der Armee mit Kriegsmaterial zu sorgen hatten. Er forderte vom Zarismus die Gewährung größerer Selbständigkeit für die bürgerlichen Organisationen, die für Kriegszwecke arbeiteten. Gutschkow reiste häufig an die Front, wo er mit den Spitzen des Offizierkorps Verbindungen anknüpfte. In den Augen von Nikolaus, der alle, die links von den Oktobristen standen, für «Anarchisten» hielt, wurde Gutschkow durch seine aktive Einmischung in die Heeresfragen beinahe zu einem «Revolutionärs. Die Zarin schrieb mehrmals an ihren Gatten„ man müsse Gutschkow <aufhängen»15, sie träumte davon, daß «ein schweres Eisenbahnunglück»16 seinem Leben ein Ende bereite.

Ein anderer Führer der Oktobristen war M. W. Rodsjanko, der riesige Güter im Gouvernement Jekaterinoslaw besaß. Als Vorsitzen der der 1V. Reichsduma unterstützte er die reaktionäre Politik des Absolutismus. Als die Oktobristen nach den ersten Niederlagen des Zarismus ihre Unzufriedenheit zu äußern begannen, schrieb der Innenminister N. A. Maklakow am 27. April 1915 an Nikolaus:

«Rodsjanko, Euer Majestät, ist nur ein Werkzeug, aufgeblasen und dumm, aber hinter ihm stehen seine Führer, die Herren Gutschkow, Fürst Lwow und andere, die systematisch auf ihr Ziel hinarbeiten. Worin besteht dies Ziel? Den Glanz des Ruhmes Eurer Majestät zu verdunkeln und die Kraft und Bedeutung der heiligen, althergebrachten und in Rußland stets rettenden Idee der Selbstherrschaft zu schwächen .> 17

Die zweitstärkste Fraktion waren die Kadetten. Sie zählten mehr als 50 Abgeordnete, und wenn man die ihnen nahestehenden Fortschrittler hinzurechnet, die Lenin Reine Kreuzung von Oktobristen und Kadetten» 18 nannte, so waren es etwa 100. Die Kadetten oder die Konstitutionell-demokratische Partei waren die politischen Vertreter der liberalen Bourgeoisie. Die Partei wurde schon 1905 aus liberalen Semstwovertretern, bürgerlichen Intellektuellen, Advokaten, Professoren u. a. organisiert. lm Laufe ihrer Tätigkeit machten die Kadetten eine Reihe merkwürdiger Wandlungen durch. Zur Zeit der ersten Revolution gab Lenin den Kadetten folgende Charakteristik

«Mit keiner einzigen bestimmten Klasse der bürgerlichen Gesellschaft verbunden, aber ihrer Zusammensetzung, ihrem Charakter, ihren Idealen nach durch und durch bürgerlich, schwankt diese Partei zwischen dem demokratischen Kleinbürgertum und den konterrevolutionären Elementen der Großbourgeoisie. Die soziale Stütze dieser Partei ist einerseits die Masse der städtischen Spießbürger ... andererseits aber der liberale Gutsbesitzer . . . » 19

Nach der Niederlage der Revolution von 1905 schwenkten die Kadetten noch weiter nach rechts. Auf ihrem zweiten Parteitag, im Jahre 1906, nahmen sie in ihr Programm einen neuen Punkt auf:

«Rußland muß eine konstitutionelle und parlamentarische Monarchie sein.»20

Deshalb müßten die Kadetten eigentlich eine konstitutionell- monarchistische Partei heißen. In der Bodenfrage waren sie gegen die Konfiskation des Landes der Gutsbesitzer und sprachen sich für eine «Enteignung nach gerechter Bewertung» aus. Im Grunde waren sie eine bürgerliche Partei und suchten lediglich sich durch ihren Namen die Unterstützung der Massen zu erhalten, indem sie auf ihrem dritten Parteitag den «Titel> einer Partei «der Volksfreiheit» annahmen. In Wirklichkeit wollten die Kadetten die Macht mit dein Zaren und den fronherrschaftlichen Gutsbesitzern auf solche Weise teilen, daß deren Macht nicht bis in ihre Grundlage zerstört werde und daß das Volk keine Macht erhalte, Die Liberalen fürchteten die Massenbewegung mehr als die Reaktion. Daraus erklärt sich denn auch, daß die Liberalen, ökonomisch eine Macht, politisch machtlos waren. Schließlich verwandelten sich die Kadetten in eine Partei der imperialistischen Bourgeoisie, die offen die räuberische Außenpolitik des Absolutismus unterstützte. Von den Oktobristen unterschieden sie sich nur durch oppositionellere Phrasen. In der Reichsduma arbeiteten die Kadetten in bestem Einvernehmen mit den Oktobristen zusammen. Ein Beispiel dieser Zusammenarbeit ist die einstimmige Wahl des Kadetten A. I. Schingarjow zum Vorsitzenden der Heeres und Flottenkommission der Duma. Die Oktobristen begründeten ihre Stimmabgabe offen damit, daß die Kadetten ein besseres Mundwerk haben. Der Nationalist A. I. Sawenko erklärte zur Wahl Schingarjows:

«Es gibt Situationen, in denen eine unabhängige Opposition die Funktionen der Kontrolle und Kritik besser ausüben kann, als Parteien, die zeitweise durch ein Uebermaß an Dienstfertigkeit gegenüber der Staatsmacht gesündigt haben. Deshalb kann sich A. I. Schingarjow auf seinem Posten als unentbehrlich erweisen.»21

Lenin hatte auch früher schon die Annäherung der Kadetten an die Oktobristen vorausgesagt:

«Der Oktobrist - das ist der Kadett, der seine bürgerlichen Theorien im praktischen Leben anwendet. Der Kadett - das ist der Oktobrist, der in den Mußestunden, die ihm die Ausplünderung der Arbeiter und Bauern läßt, von einer idealen bürgerlichen Gesellschaft träumt. Der Oktobrist wird noch ein bißchen parlamentarischen Umgang und politische Heuchelei mit Demokratie-Spielen lernen. Der Kadett wird noch ein bißchen praktische bürgerliche Geschäftemacherei lernen, und sie werden sich verschmelzen, unweigerlich und unvermeidlich verschmelzen.»22

Der Führer der Kadettenpartei war P. N. Miljukow, ein ehemaliger Geschichtsprofessor der Moskauer Universität. In der I. Reichsduma nahmen ihn die Kadetten als Ministerpräsidenten einer verantwortlichen Regierung in Aussicht. Ein großer Redner, ein Kenner der internationalen Beziehungen, war Miljukow der prominenteste geistige Führer der imperialistischen Bourgeoisie. Seine häufigen Artikel und Reden über die Eroberung Galiziens, Armeniens und besonders der türkischen Meerengen trugen ihm den Beinamen «Dardanellen-Miljukow» ein. Andere prominente Führer der Kadetten waren: W. A. Maklakow, ein berühmter Moskauer Rechtsanwalt, F. I. Roditschew, Adelsmarschall eines Kreises im Gouvernement Twer, A. I. Schingarjow, Arzt und Semstwomitglied.

Diese drei großen . Gruppen die Rechten, die Oktobristen und die Liberalen - stellten im Grunde die Duma dar, denn das Wahlsystem war so eingerichtet, daß die Gutsbesitzer und die Bourgeoisie die erdrückende Mehrheit besaßen. Das Proletariat hatte insgesamt fünf bolschewistische Abgeordnete, aber sie alle - G. I. Petrowski, M. K. Muranow, A. J. Badajew, F. N. Samoilow und N. R. Schagow - wurden bereits im November 1914 verhaftet und dann nach Sibirien verbannt.

Das Kleinbürgertum war durch 10 Trudowiki und 6 Menschewiki vertreten. Die Trudowiki oder die «Arbeitsgruppe» stellten sich die Aufgabe, alle «werktätigen Klassen des Volkes: die Bauernschaft, die Betriebsarbeiter sowie die werktätigen Intellektuellen»23 auf dein Boden der Erhaltung des Kapitalismus zu vereinigen. In die Geschichte gingen die Trudowiki als die Verfasser eines Agrargesetzes, des sogenannten «Entwurfs der 104, ein, der die Einführung der Arbeitsnorm bei der Verteilung des Bodens forderte. Die Trudowiki sprachen sich gegen die Konfiskation des gutsbesitzerlichen Bodens aus und schlugen den Gutsbesitzern eine Entschädigung für den zu enteignenden Boden vor, was die Trudowiki den Kadetten näherte. In der Duma schwankten die Trudowiki zwischen den Kadetten und den Sozialdemokraten, als aber die Sozialrevolutionäre eine eigene Fraktion bildeten und die «Gruppe» verließen, gerieten die Trudowiki endgültig unter den Einfluß der Kadetten. Der Führer der Trudowiki in der IV. Duma war A. F. Kerenski. Ein äußerst temperamentvoller Redner, angriffslustig und ungestüm, wurde Kerenski als Verteidiger in mehreren politischen Prozessen bekannt und hielt häufig in der Duma Reden, in denen er Maßnahmen der Regierung kritisierte. Im Wartezimmer seines Anwaltbüros konnte man oft Vertreter finden, die Bauern mit der Bitte zu ihm schickten, er möge ihre Verteidigung in dem einen oder anderen wegen Agrarunruhen eingeleiteten Gerichtsverfahren übernehmen. In der Duma galt Kerenski nach der Verhaftung der Bolschewiki als der am weitesten links stehende Abgeordnete. Die Rechten und die Oktobristen sowie auch die Ochrana betrachteten ihn als einen Revolutionär. In Wirklichkeit war Kerenski kleinbürgerlicher Demokrat. Er beteuerte seine Hingabe an «das Volk», redete vom Volk, trug seine Liebe für das Volk zur Schau, aber er hielt das Volk nicht für eine treibende Kraft der Geschichte. Nervös, rasch begeistert, aber noch schneller ernüchtert und aus der Fassung gebracht, ohne besondere politische Grundsätze, hielt sich Kerenski selbst für einen Sozialrevolutionär, führte aber den Vorsitz in der Fraktion der Trudowiki, die sich nicht nur nicht als Sozialisten bezeichneten, sondern nicht einmal in ihrem Programm gegen die Monarchie auftraten. Jeder ständigen Massenarbeit fernstehend, neigte er zu den liberalen Gruppen, bei denen seiner Meinung nach der Schwerpunkt der Bewegung lag. Eine krankhafte Eigenliebe und Eitelkeit verbanden sich bei ihm mit Effekthascherei und stärkster Neigung zur Pose, zur schauspieleris chen Geste. Er unterstützte offen den imperialistischen Krieg, erklärte die militärische Macht des zaristischen Rußland für notwendig und bekämpfte scharf die Bolschewiki. Kerenski übernahm mehrmals

die Rolle des Friedensstifters zwischen der Bourgeoisie und bestimmten Arbeitergruppen. Als zum Beispiel im September 1915 von den Menschewiki beeinflußte Arbeiter zum Kongreß des Städteverbandes gingen und um ihre Zulassung, wenigstens mit «beratender Stimme», baten, begab sich Kerenski zu ihnen heraus. Er riet den Arbeitern, den Streik einzustellen, da er «keine ernste Bedeutung» habe, sich «mit ihren inneren Organisationsangelegenheiten zu beschäftigen», dann würde «die liberale Bourgeoisie es nicht wagen, sich ihrer Teilnahme an politischen Beratungen zu widersetzen». Kerenski hatte schon lange vor der Revolution die Rolle des Kompromißlers, des Friedensstifters zwischen Bourgeoisie und Werktätigen im Interesse der Bourgeoise einstudiert: eben die Rolle, die dieser politische Schauspieler im Jahre 1917 gespielt hat.

Die Partei der Sozialrevolutionäre, zu der sich später Kerenski rechnete, war im Jahre 1902 gegründet worden. In der Ukraine und einem Teil des Wolgagebietes entwickelte sich im Frühjahr 1902 roch langem Stillstand zum erstenmal eine breite Bauernbewegung. Die Bauernaktionen fanden Widerhall bei den kleinbürgerlichen Intellektuellen, die nun jene aufständischen Massen vor sich sahen, nach denen die Narodniki in den 70er Jahren vergeblich Umschau gehalten hatten. Die Ideen und Hoffnungen der Narodniki lebten wieder auf. Die Elemente, die zu den Narodniki und Sozialrevolutionären standen, erblickten in der Bauernschaft die Hauptstütze der Revolution. Sie hielten die Dorfgemeinde, die der Zarismus zur Erleichterung der Steuererhebung auf dem Lande beibehielt, für einen Keins des Sozialismus. Das Bestreben des Kleineigentümers, selbst uni den Preis aller erdenklichen Entbehrungen, seine selbständige Wirtschaft zu behaupten, gaben sie für eine günstige Vorbedingung zum Kampf gegen den Kapitalismus aus. Sie zogen daraus den Schluß, daß Rußland den Kapitalismus vermeiden und direkt zum Sozialismus übergehen könne. Die Ueberreste der Narodnikigruppen verschmolzen zu einer einheitlichen Partei, die sich zum Unterschied von den Sozialdemokraten die Partei «aller Werktätigen», der Arbeiter, Bauern und Intellektuellen nannte.

Die Sozialrevolutionäre wollten vorwiegend eine Partei der Bauernschaft sein. Sie betätigten sich hauptsächlich im Dorf und agitierten für die «Sozialisierung des Bodens», oder, wie sie ausführten, für «seine (des Bodens) Ausscheidung aus dein Warenumsatz und seine Umwandlung aus Privateigentum einzelner Personen oder Gruppen in das Gemeingut des ganzen Volkes»24.

Um die Bauernschaft auf ihrer Seite zu halten, vertuschte die Partei der Sozialrevolutionäre von ihrer Entstehung an die Klassendifferenzierung im Dorf und suchte nachzuweisen, daß zwischen dem ländlichen Proletariat und den «selbständigen Landwirten> kein prinzipieller Unterschied bestehe: «Sie müssen zu der einen Kategorie der arbeitenden Bauernschaft vereinigt werden.» Das entsprach vollkommen den Interessen des Kulakentums. Die Kulaken traten gleichzeitig unter dem Deckmantel des «arbeitenden Dorfes» auf und leugneten kategorisch das Vorhandensein verschiedener Klassen innerhalb der Bauernschaft. Daraus erklärt sich eben, daß die Kulaken in der Revolution von 1917 in die Reihen der Sozialrevolutionäre strömten.

Als Hauptmethode des Kampfes betrachteten die Sozialrevolutionäre den individuellen Terror. In der ersten Periode ihrer Tätigkeit gelang es ihnen, eine Reihe von Terrorakten auszuführen: Stepan Balmaschow tötete den Innenminister Sipjagin, Peter Karpowitsch den Unterrichtsminister Bogoljepow, Jegor Sasonow den Innenminister Plehwe, Iwan Kaljajew warf eine Bombe auf den Großfürsten Sergej Alexandrowitsch, die diesen zerriß. Dieser wagemutige Kampf Einzelner gegen die zaristischen Henker verlieh der Partei in den Augen der revolutionären Intelligenz einen besonderen Nimbus. Aber die terroristische Praxis zeigte sehr bald ihre ganze Zwecklosigkeit. An die Stelle eines getöteten Despoten trat sofort ein anderer Zarendiener, der nicht besser, sondern oft noch schlimmer war als sein Vorgänger. Massenbewegungen löste der Terror nicht aus, sondern im Gegenteil, er schwächte sie, denn die Politik und die Praxis des individuellen Terrors beruht auf der Narodnikitheorie der aktiven «Helden» und der passiven «Menge», die auf die Ruhmestaten der Helden wartet. Eine solche Theorie und Praxis schließt aber jede Möglichkeit einer Aktivierung der Massen, jede Möglichkeit der Schaffung einer Massenpartei und einer revolutionären Massenbewegung aus. Es kam hinzu, daß es der Polizei rasch gelang, einen ihrer Leute, einen Provokateur - den Ingenieur J. F. Asef - an die Spitze der terroristischen Kampforganisation der Partei der Sozialrevolutionäre zu stellen. Damit geriet der Terror unter die Kontrolle der Polizei. Asef wurde der allmächtige Machthaber in der Partei. Er traf die Auswahl der Mitglieder des Zentralkomitees. Die Entlarvung der Provokationstätigkeit Asefs im Jahre 1908 trug völlige Zersetzung in die Reihen der Sozialrevolutionäre.

Ihre bürgerliche Wesensart zeigte die Partei der Sozialrevolutionäre schon in der Revolution 1905-1907. Schon damals neigten die Sozialrevolutionäre, dazu, Kompromisse mit den Kadetten zu schließen. In der 1. Duma traten sie der Gruppe der Trudowiki bei. In der 11. Duma stellte der zaristische Ministerpräsident P. A. Stolypin die Fraktion der Sozialdemokraten vor Gericht, rührte aber die Sozialrevolutionäre nicht an.

Schon im Jahre 1906, auf dem ersten Parteitag der Sozialrevolutionäre, zeigten sich verschiedene Strömungen in der Partei. Die Rechten wandten sich gegen den Terror und das Agrarprogramm. Im Herbst trennten sich die Rechten endgültig von der Partei und schufen ihre eigene, halbkadettische «Volkssozialistische Arbeitspartei». Die «Volkssozialisten» sagten sich von dem Gedanken einer Republik los, erklärten eine Entschädigung für den zugunsten der Bauern zu enteignenden Boden für notwendig und bildeten einen Block mit den Kadetten. Der Parteiführer war A. W. Pescheohonow, der nach der Februar-Revolution von 1917 Ernährungsminister wurde.

Gleichfalls auf dem ersten Parteitag spaltete sich auch ein «linker» Flügel ab, der eine besondere, halbanarchistische Partei grün­ dete: die der maximalistischen Sozialrevolutionäre. Die Maximalisten forderten schon damals, in der ersten bürgerlich-demokratischen Revolution von 1905, nicht nur die «Bodensozialisierung», sondern auch die sofortige «Sozialisierung» der Fabriken und Werke. Diese Forderungen dienten jedoch nur als Maske für den bürgerlichen Charakter der Maxirealisten. Sie empfahlen den Terror als hauptsächliches Kampfmittel. Später entarteten die Maximalosten zu einer prinzipienlosen Gruppe von Banditen, von «Expropriateuren», der jeder Boden in den Massen fehlte.

Der Zerfall der Partei hörte damit nicht auf. Zur Zeit des Krieges spalteten sich die Sozialrevolutionäre weiter in mehrere Gruppen. Die einen von ihnen traten vorbehaltlos für die Unterstützung des Krieges ein. Zu dieser Gruppe gehörte neben Kerenski N. D. Awksentjew, einer der Führer der Sozialrevolutionäre. Er gab in Paris die Zeitschrift « Prisyw» heraus, die für die Verteidigung des zaristischen Rußland agitierte. Andere hielten sich für Internationalisten, wandten sich in Worten gegen die Vaterlandsverteidiger, blieben aber in der Tat in ein und derselben Partei mit ihnen. Der geistige Führer der «internationalistischen» Sozialrevolutionäre, die zwischen zwei Stühlen zu sitzen suchten, war W. M. Tschernow.

Die menschewistischen Sozialdemokraten stellten in der Periode der IV. Reichsduma keine einheitliche, geschlossene Organisation dar. Sie zerfielen in eine Anzahl von Gruppen und Untergrüppchen. Auf dein äußersten rechten Flügel stand G. W. Plechanow, der mit den rechten Sozialrevolutionären N. D. Awksentjew und 1. 1. Bunakow gemeinsame Sache machte. Zu Beginn des Krieges wandte sich Plechanow an die russischen Arbeiter mit einem Brief, worin er nachzuweisen suchte, daß Rußland einen Verteidigungskrieg führe und die Arbeiter daher die Aufgabe hätten, das Vaterland zu verteidigen. Die Kadetten begrüßten die Stellungnahme Plechanows mit Jubel. Miljukow erklärte, Plechanow habe «mit seiner gewohnten Kunst» den Unterschied zwischen dem englischen und dein deutschen Imperialismus, zwischen Vertei di gungs- und Angriffskrieg nachgewiesen.

Mit Plechanow gingen die Vaterlandsverteidiger K. A. Gwosdew, P. P. Maslow, A. N. Potressow, die für die offene Unterstützung der imperialistischen Bourgeoisie eintraten. Sie unterstützten die Bildung von Arbeitergruppen bei den Kriegsindustrie-Komitees und suchten zu beweisen, daß die Arbeiter Rußlands für die Einheitsfront mit der Bourgeoisie, für den Burgfrieden seien. Gwosdew war Vorsitzender der Arbeitergruppe bei dem Zentralen Kriegsindustrie-Komitee, er wandte sich scharf gegen den Streikkampf, der die Arbeiterklasse entkräfte und das Land desorganisiere, und arbeitete eng mit Gutschkow zusammen. «Ich brachte Gwosdew große Sympathien und Vertrauen entgegen »25, sagte Gutschkow über ihn. Die Menschewiki stellten Gwosdew während der Revolution von 1917 auf den Posten des Arbeitsministers.

Weiter «links» stand das menschewistische «Zentrum», unter der Führung von F. 1. Dan, 1. G. Zereteli und der Dumafraktion mit N. S. Tschcheidse, A. 1. Tschchenkeli, M. 1. Skobelew. Das «Zentrum» verbarg sich hinter revolutionären Phrasen, unterstützte aber in Wirklichkeit die Vaterlandsverteidiger. Auf' denn «linken» Flügel der Menschewiki standen Martow und ein klein wenig linker Trotzki. In der ersten Periode des Krieges gab Trotzki in Paris gemeinsam mit Martow die Zeitung «Nasche Slowo» heraus; er kritisierte die bolschewistische Taktik, bezeichnete die Bolschewiki als «Spalter» und rief zur Einheit mit den Vaterlandsverteidigern auf, die für den Krieg waren.

Das «Zentrum» und die «linken» Menschewiki fürchteten sich, offen für die Vaterlandsverteidigung Stellung zu nehmen. Bei der Abstimmung in der Duma über die zaristischen Kriegskredite enthielt sich Tschcheidse, ebenso wie Kerenski, der Stimme. Lenin erklärte die Haltung der Fraktion damit, daß «sie sonst unter den Arbeitern einen Sturm der Empörung gegen sich hervorgerufen hätte»26.

Trotz ihrer Kritik an den Vaterlandsverteidigern leisteten sowohl die «linken» Menschewiki als auch das «Zentrum» durch ihre politische Praxis den unverhüllten Agenten der russischen Bourgeoisie Beihilfe. Als Vandervelde, einer der Führer der II. Internationale, einen Brief an die Dumafraktion der Menschewiki richtete, um sie für die Verteidigung des zaristischen Rußland gegen Deutschland zu gewinnen, antworteten Tschcheidse und seine Gesinnungsgenossen «In diesem Kriege ist Ihre Sache die gerechte Sache des Selbstschutzes gegen die Gefahren, die den demokratischen Freiheiten und dein Befreiungskampf des Proletariats durch die aggressive Politik des preußischen Junkertums drohen ... Wir widersetzen uns nicht dein Kriege, wir halten es jedoch für notwendig, Ihre Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit zu lenken, unverzüglich einen energischen Widerstand gegen die sich schon jetzt bemerkbar machende Raubpolitik der Großmächte vorzubereiten , »27

Alle diese «linken» narodnikisch-sozialrevolutionären und menschewistisch-sozialdemokratischen Gruppen, von der Tschernow- Gruppe und den Maximalisten bis zur Gruppe von Martow und Trotzki, waren trotz ihrer revolutionären Phraseologie im Wesen der linke, kleinbürgerliche Flügel der für die Aufrechterhaltung und «Verbesserung» des Kapitalismus eintretenden bürgerlichen Demokratie, denn sie alle leugneten die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in Rußland, traten gegen die sozialistische Umgestaltung Rußlands auf, verfochten die Einheit mit den Vaterlandsverteidigern, die für den imperialistischen Krieg waren, traten gegen die bolschewistische Losung der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg auf, führten einen aktiven Kampf gegen die bolschewistische Politik, die auf die Niederlage der zaristischen Regierung im imperialistischen Krieg eingestellt war, und führten in einheitlicher Front den Kampf gegen die Partei Lenins, gegen die bolschewistische Partei.

Die einzig revolutionäre, proletarisch-sozialistische Partei in Rußland war die Partei der Bolschewiki. Formal zusammen mit den Menschewiki der gleichen sozialdemokratischen Partei angehörend, bildeten die Bolschewiki faktisch schon seit dem Jahre 1905 eine selbständige Partei; 1912 brachen sie in aller Form mit den Menschewiki, verjagten deren rechte Führer aus der Partei und formierten sich zu einer besonderen bolschewistischen Partei. Die bolschewistische Partei war die einzige Partei, die die Hegemonie des Proletariats als Grundbedingung für den Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution und deren Hinüberwachsen in die sozialistische Revolution betrachtete. Sie war die einzige Partei, die die Möglichkeit eines Sieges des Sozialismus in Rußland bejahte und ihre konkrete revolutionäre Plattform für die Uebergangsperiode von der bürgerlichen zur sozialistischen Revolution besaß. Sie war die einzige Partei, die bis zum Ende gegen den imperialistischen Krieg kämpfte, für die Niederlage der zaristischen Regierung im imperialistischen Kriege eintrat, die Politik der Verbrüderung an der Front betrieb, einen unversöhnlichen Kampf gegen den Chauvinismus und die Vaterlandsverteidigung im Namen des proletarischen Internationalismus führte und die Losung der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg vertrat. Der Führer und Begründer der bolschewistischen Partei war Lenin. Die bolschewistische Partei hatte in der Reichsduma ihre Fraktion, bestehend aus Arbeiterabge ordneten, die von der Arbeiterklasse in der Arbeiterkurie gewählt waren. Die Dumafraktion der Bolschewiki wurde im November 1914 von der zaristischen Regierung verhaftet und später zur Ansiedlung nach Ostsibirien verschickt.

Der räuberische Krieg war in vollem Gange. Ungehemmt und schamlos wurden fremde Gebiete in Besitz genommen, die Menschewiki aber forderten lediglich dazu auf, man solle sich zum Kampf gegen die «sich bemerkbar machende Eroberungspolitik» «vorbereiten». Den Miljukow und Gutschkow genügte es, daß die Menschewiki «sich dem Kriege nicht widersetzten». Die nüchternen Politiker der Bourgeoisie wußten, daß «sich nicht widersetzen» in der Praxis gleichbedeutend war mit «fördern».

So geschah es denn auch bei der Schaffung des Fortschrittsblocks. Ihm traten fast sämtliche bürgerlichen Parteien, die Oktobristen, die Kadetten mit den Fortschrittlern, ein Teil der gemäßigten Rechten, die sogenannte fortschrittliche Gruppe der Nationalisten und die Zentrumsfraktion bei. Nur die Trudowiki, die Menschewiki und die äußersten Rechten schlossen sich ihm nicht an. Aber von diesen Gruppen sympathisierten die beiden ersten sehr stark mit dem Block, und Tschcheidse versprach, alle «fortschrittlichen» Maßnahmen des Blockes zu unterstützen. Das einzige, was Tschcheidse vom Block forderte, war, er solle «dem Volk näherkommen», aber der Führer der Menschewiki unterließ es, darzulegen, worin sich das äußern solle.

Das Programm des Fortschrittsblocks lief auf die «Bildung einer vereinigten Regierung aus Persönlichkeiten, die das Vertrauen des Landes genießen», hinaus. Die Aufgabe dieser Regierung sollte u. a. bestehen in einer «vernünftigen und folgerichtigen Politik, die der Aufrechterhaltung des inneren Friedens und der Beseitigung der Zwietracht zwischen den Nationalitäten und Klassen dient».28

Die Forderungen der Bourgeoisie waren äußerst bescheiden. Weder von der Teilung der Macht mit ihr war die Rede, noch auch nur von einer verantwortlichen Regierung. Man erstrebte nur die Ernennung einiger Minister, die das Vertrauen der Bourgeoisie genießen sollten, sowie eine duldsamere Haltung gegenüber den bürgerlichen Organisationen. Das Programm des Blocks enthielt noch die Forderungen einer Teilamnestie für die aus politischen und religiösen Gründen Verurteilten, der Einbringung eines Gesetzes über die Autonomie Polens, einer versöhnlichen Politik in der finnischen Frage, der Anbahnung einer Beseitigung der für die Juden geltenden Beschränkungen, der Wiederzulassung der Tätigkeit der Gewerkschaften und der Wiederherstellung der Legalität für die Arbeiterpresse. - Damit wurde offensichtlich nur der Zweck verfolgt, die Unterstützung der Bourgeoisie der unterdrückten Nationalitäten und wenigstens des rückständigen Teils der Werktätigen zu erlangen.

Aber selbst dieses Geschwätz der Bourgeoisie klang wie eine Herausforderung an den Absolutismus, der seit langem nicht mehr an die «sinnlosen Träumereien› gewohnt war, wie Nikolaus II. schon in den ersten Tagen seiner Herrschaft die Versuche der Liberalen bezeichnete, Korrekturen an seinem Regime vorzunehmen. Der Absolutismus nahm die Herausforderung an.

«Niemand hat sie um ihre Meinung gefragt, sie täten besser, sich mit der Kanalisierungsfrage zu beschäftigen›29, schrieb die Zarin gereizt und giftig am 28. August 1915 an Nikolaus, als die Moskauer Stadtduma die gleichen Forderungen aufgestellt hatte wie der Fortschrittsblock. Kurz vorher hatte die Zarin geschrieben: «Rußland ist, Gott sei Dank, kein konstitutionelles Land, obwohl diese Kreaturen eine Rolle zu spielen und sich in Angelegenheiten einzumischen suchen, von denen sie die Finger lassen sollten.»30

Dein Fortschrittsblock traten die Rechten, die Fronherren und Gutsbesitzer entgegen. Der «Verband des russischen Volkes» erließ einen Pogromaufruf an die «russischen Menschen» gegen die «Schmälerung der Rechte des Selbstherrschers aller Reußen».

Die Schwarzhunderterpresse forderte die Regierung auf, der Dumamehrheit nicht nachzugeben. Die Rechten in der Duma beschlossen, als Gegengewicht gegen den Fortschrittsblock ein besonderes «Informationsbüro» zu schaffen. Aber es waren ihrer zu wenig. Außerstande, innerhalb der Duma gegen den Block zu kämpfen, begannen die Rechten eine Kampagne für die Dumaauflösung. Der Vorsitzende des «Vereinigten Adelsrates>, A. P. Strukow, forderte öffentlich in einem Brief die Einstellung der Tätigkeit der Duma. In einer Reihe von Städten schlossen sich die monarchistischen Organisationen der Forderung des vereinigten Adels an. Sie forderten ebenfalls den Zarismus auf, mit den Zugeständnissen Schluß zu machen und dringende Maßnahmen zur Festigung der Staatsmacht zu ergreifen.

Aber auch die Regierung selbst blieb nicht untätig. Vor allem beschloß Nikolaus unter dem Druck der Zarin, den «langen» Nikolai zu entlassen und persönlich an die Spitze der Armee zu treten. Dem Onkel des Zaren konnte man nicht verzeihen, daß er an der Organisierung der Duma teilgenommen hatte. Aus Hofkreisen hatte Witte, der 1905 Ministerpräsident war, erfahren, daß der zum Militärdiktator ausersehene «lange» Nikolai in den stürmischen Oktobertagen von 1905 seinen Revolver nahm und unter der Drohung, sich im Arbeitszimmer des «kleinen» Nikolaus zu erschießen, die Unterschrift unter das Manifest über die Freiheiten und die Dumaeinberufung erzwang.

«Wir sind noch nicht reif für eine verfassungsmäßige Regierung. Nikolai und Witte sind schuld daran, daß die Duma existiert, die Dir mehr Sorgen als Freude bereitet hat›,31 schrieb die Zarin, sich an Vergangenes erinnernd, im Jahre 1915, um die Abberufung von Nikolai Nikolajewitsch durchzusetzen.

Es handelte sich jedoch nicht um die «alten Sünden» des Großfürsten. Nikolai Nikolajewitsch selbst war ein beschränkter Geist. Graf Witte schrieb über den «langen» Nikolai: «Er war schon lange dem Spiritismus verfallen und hatte sozusagen den Verstand verloren".32

Der Zar selbst äußerte sich über ihn in einem Brief an die Zarin recht geringschätzig: «Wir haben eingehend über einige ernste Fragen gesprochen und gelangten zu meinem Vergnügen zum vollen Einverständnis über die behandelten Angelegenheiten. Ich muß sagen, wenn er nicht in Gesellschaft ist und sich in guter Geistesverfassung befindet, ist er gesund, ich will sagen, daß er dann richtig urteilt“33

Möglicherweise wurde der Großfürst gerade durch die Tatsache, daß er «nicht ganz gesund» war, für die Bourgeoisie zu einem annehmbaren Kandidaten als konstitutioneller Monarch. Eine gewisse Rolle spielte auch die Beteiligung von Nikolai Nikolajewitsch an der Veröffentlichung des Manifests vom 17. Oktober. Wie dem auch sei, in den Hofkreisen war man der Meinung, die Bourgeoisie stelle den «langen» Nikolai dem «kleinen» entgegen. Die Zarin schrieb ihrem Gatten mehrfach:

«Niemand weiß jetzt, wer eigentlich Kaiser ist: Du mußt erst in das Hauptquartier eilen und die Minister dorthin kommen lassen, als ob Du sie nicht hier treffen könntest, wie am letzten Mittwoch. Nach außen macht das den Eindruck, als ob Nikolai alles entscheidet, als ob er die Personalveränderungen vornimmt, die Menschen auswählt - das bringt mich zur Verzweiflung.»34

Wie die Zarin mitteilte, hatten in den Hofkreisen «.manche Leute gewagt, Nikolai Nikolajewitsch als Nikolaus III. zu bezeichnen».35 Die Nachricht von der bevorstehenden Absetzung des Höchst kommandierenden rief in den bürgerlichen Kreisen ungeheure Aufregung hervor. Der Dumapräsident flehte den Zaren an, nicht selbst den Oberbefehl zu übernehmen. Am 12. August 1915 verfaßte Rodsjanko eine in äußerst scharfem und erregtem Ton gehaltene Eingabe. Am 18. August nahm die Moskauer Stadtduma eine scharfe Resolution gegen die Regierung an und übermittelte zugleich dem Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch «den tiefgefühlten Ausdruck ihres Vertrauens». Diese Vorgänge bestätigten jedoch nur den Verdacht des Hofes. Am 23. August erließ der Zar ein Manifest über die Absetzung von Nikolai Nikolajewitsch, am 3. September löste er die Reichsduma auf. Ein trockenes Protokoll gibt folgende Schilderung von der Auflösung der Duma:

«Die Sitzung wird um 2.51 Uhr nachmittags unter dem Vorsitz von M. W. Rodsjanko eröffnet.

Der Präsident: Ich erkläre die Sitzung der Reichsduma für eröffnet. Ich fordere die Reichsduma auf, stehend einen Allerhöchsten Erlaß anzuhören. (Das Haus erhebt sich.)

Der Vizepräsident der Reichsduma Protopopow: Erlaß an den Regierenden Senat. Auf Grund von Art. 99 der Staatsgrundgesetze befehlen Wir: Die Tätigkeit der Reichsduma wird mit dem 3.September dieses Jahres unterbrochen und der Zeitpunkt ihrer Wiederaufnahme entsprechend Unserm Erlaß an den Regierenden Senat vom 11. Januar 1915 nicht später als für November 1915 gemäß den außerordentlichen Umständen festgesetzt. Der Regierende Senat hat die erforderlichen Anordnungen zur Ausführung des hiermit Befohlenen zu treffen. In der Urschrift eigenhändig von seiner Kaiserlichen Majestät unterzeichnet: ,Nikolaus'. Im Hauptquartier des Zaren am 30. August 1915.

Der Präsident: Unserm Kaiserlichen Herrscher ein ,Hurra!' (Langanhaltende Hurrarufe.) Ich erkläre die Sitzung der Reichsduma für geschlossen. (Die Sitzung wird um 2.53 Uhr nachmittags geschlossen) » 36

In zwei Minuten war alles erledigt. Tags zuvor hatten die bürgerlichen Abgeordneten noch den Rücktritt der zaristischen Minister verlangt, einen Tag später riefen sie denen, die sie hinausjagten, ihr gehorsamstes Hurra zu.



2.
Die Zerrüttung

Mehr als eine «Meuterei auf den Knien» brachte die Bourgeoisie nicht zustande. Die Lage änderte sich indessen jäh in der zweiten Hälfte 1916, als die durch den Krieg erzeugten und verschärften Widersprüche sich voll entfalteten. Die vom Krieg versetzten Schläge waren für Rußland besonders verheerend. Vor allem wurde offenbar, wie wenig das Land zur Führung eines Weltkrieges vorbereitet war. Die technische Rückständigkeit der russischen Rüstungsindustrie hatte sich in allen Kriegen der letzten Zeit gezeigt. Im Krimkrieg (1854) hatte Nikolaus 1. gegen die englisch-französische Koalition eine Armee aufgestellt, in der ein großer Teil der Soldaten noch mit Feuersteingewehren ausgerüstet war. Für die Ausbildung der Soldaten im Schießen waren jährlich nur zehn scharfe Patronen vorgesehen, und auch dies nur auf dem Papier. Die Verteidigungsanlagen von Sebastopol erlitten allein durch die Erschütterung beim Abfeuern der eigenen Kanonen Beschädigungen. Im russisch-türkischen Krieg von 1877 meinten die Generale: «Die Schußwaffe bedeutet Selbstverteidigung, die blanke Waffe selbstlose Hingabe» und statteten deshalb das weittragende Berdan-Gewehr mit einer Zielvorrichtung auf nur 600 Schritt aus. Die Generale rechtfertigten ihre Unfähigkeit. mit dem alten Sprichwort: «Dumm ist die Kugel, aber fix das Bajonett.» Die russischen Truppen erlitten fürchterliche Verluste durch das türkische Feuer, während ihre eigenen Schüsse den Türken wenig schadeten. Ebenso war es mit der Artillerie bestellt. Die Kriegsindustrie lieferte der Artillerie noch in den siebziger Jahren Kanonen aus Kupfer für schwache Ladung und mit geringer Anfangsgeschwindigkeit der Geschosse. Die türkische Armee war mit Stahlgeschützen der Krupp - Werke ausgerüstet. Das Rußland Alexander II., das keineswegs mit der Armee eines fortgeschrittenen Landes, sondern nur mit einer von fortgeschrittenen Ländern ausgebildeten und bewaffneten Armee zu kämpfen hatte, zeigte, ebenso wie das Reich Nikolaus I., die ganze Fäulnis seiner Militärmacht und seines sozialen und ökonomischen Systems. Der russisch-japanische Krieg von 1904/05 riß endgültig die Hüllen von der vermeintlichen Macht Rußlands. Hatte die englischfranzösische Koalition im Krimkrieg ein Jahr gebraucht, um die Festung Sebastopol zu nehmen, so eroberte das kleine Japan binnen acht Monaten Port Arthur, das die sechsfache Stärke von Sebastopol besaß.

«Ein übertünchtes Grab - als solches erwies sich der Absolutismus in der Verteidigung nach außen . . .»37 schrieb Lenin im Januar 1905.

In den Weltkrieg stürzte sich das zaristische Rußland ebenfalls unvorbereitet. Die «weitschauenden> Leiter des Militärressorts nahmen au, daß der Krieg nicht länger als vier bis sechs Monate dauern werde. Der Kriegsminister und der Chef der Hauptverwaltung der Artillerie, General Kusmin-Karawajew, waren der Meinung, daß nach Beendigung der Fertigstellung der Vorräte an Kampfmunition und ihrer Ablieferung an die Armee «ein gewisser Stillstand in der Arbeit eintreten>38 werde. Die Vorräte reichten nur für die ersten vier Kriegsmonate. Die russische Armee hatte sehr bald keine Granaten, Gewehre, Patronen und keine Aussicht, sie bald zu erhalten. Es fehlte an Gewehren zur Ausbildung der neueingezogenen Mannschaften. Die Verstärkungen wurden ohne Waffen an die Front geschickt.

Die Ursache lag nicht nur in der kurzsichtigen Politik. Dieser Krieg konnte nicht mit Hilfe von «Vorräten», sondern nur mit einer ununterbrochen wachsenden Rüstungsindustrie geführt werden. Aber die alten zaristischen Bürokraten, die eine Stärkung der Bourgeoisie fürchteten, wollten die Industrie nicht zur Versorgung der Armee heranziehen. Mehr als sechs Jahre saß der General Suchomlinow im Kriegsministerium (1909-1915), ohne etwas vom Kriegswesen gelernt zu haben. Dafür umgab er sich mit einem dichten Netz von Spionen des deutschen Generalstabs. Während fünf Jahren der Kriegsvorbereitung und eines ganzen Jahres der Kriegführung blieb der Verrat im Herzen der Armee unentdeckt. Das Militärressort konnte unter Leitung eines solchen Ministers die Zerrüttung nur steigern. Suchomlinow erhielt den Beinamen «General der Niederlagen».

Erst im Sommer 1915, als die schlecht bewaffnete Armee in ungeordneten Haufen von der Front zurückflutete, entschloß sich der Zarismus zur Mobilmachung der Industrie. Am 17. August 1915 wurde ein Gesetz über die Bildung besonderer Beiräte für die Landesverteidigung, für das Verkehrswesen, für Brennstoffbeschaffung und Lebensmittelversorgung erlassen. In seinem Appell an die Vertreter der Bourgeoisie zur Mitarbeit an der Versorgung des Heeres sagte Nikolaus II. bei der feierlichen Eröffnung des Beirats am 22. August: «Diese Aufgabe ist nunmehr Ihnen anvertraut, meine Her ren.»39

Die Beiräte, an deren Spitze die Minister standen, erhielten weitgehende Befugnisse. Der Beirat für die Landesverteidigung war unmittelbar dein Staatsoberhaupt unterstellt.

«Keine einzige Stelle oder Person der Regierung durfte ihm Anweisungen erteilen oder Rechenschaft von ihm fordern.»40 Der Beirat erhielt das Recht «die Bereitstellung von Kriegsmaterial in jeder Form zu gestatten . . . ohne jede Einschränkung der erforderlichen Ausgaben».41 Die weitgehenden Vollmachten führten jedoch nicht dazu, daß die Kriegsproduktion organisiert wurde. Wie der General Manikowski, der 1915 Chef der Hauptverwaltung für die Artillerie war, bezeugt, «entwickelte sich die Versorgung unserer Armee mit Kriegsmaterial trotzdem nicht nur nicht in dem Tempo, auf das man bei der Schaffung des Beirates gerechnet hatte, sondern sie verschlechterte sich sogar in vieler Hinsicht ».42

Obwohl der Minister für Handel und Industrie, Fürst Schachowskoj und zwei seiner Vorgänger dem Beirat für die Landesverteidigung angehörten, zeichnete sich dieses «regulierende» Organ durch seine völlige Unkenntnis der Kriegsindustrie und der Möglichkeiten ihrer Mobilmachung aus. Die Vertreter der Großbourgeoisie im Beirat benutzten ihre Stellung, um fette Aufträge zu erhalten und sich mit «organisierter Spekulation» zu beschäftigen.

«Das Dreizoll-Schrapnell war der Leckerbissen, wonach allen Schakalen die Zunge heraushing»43, schrieb der General Manikowski.

Ebenso fruchtlos blieb die Tätigkeit der anderen Beiräte: für Brennstoffbeschaffung, Lebensmittelversorgung und Verkehrswesen. Die Vertreter der Bourgeoisie und die Beamten «förderten» in diesen Organen die Landesverteidigung, indem sie sich gegenseitig dunkler Machenschaften beschuldigten und sich eifrigst bestechen ließen. Die Bemühungen, den Verbrauch und die Erzeugung zu regeln, scheiterten an dem durch und durch faulen bürokratischen Apparat und seinen unfähigen Leitern. Im November 1915 z. B. entschloß sich der Verkehrsminister A. F. Trepow, die herannahende Hungersnot durch die Regulierung des Eisenbahnverkehrs zu bekämpfen. Durch Beschluß des Ministerrats wurde der Verkehr von Personenzügen zwischen Moskau und Petrograd auf sechs Tage eingestellt, um die Versorgung der Hauptstadt zu verbessern. Aber niemand sorgte für die Organisierung der Herbeischaffung von Lebensmitteln nach Moskau. Während die Regierung den Personenverkehr zum Stillstand brachte, schickte sie leere Güterwagen in die Hauptstadt. Denselben «Erfolg» hatten die Versuche, die Belieferung der Betriebe mit Brenn- und Rohstoffen in Ordnung zu bringen. Die Förderung von Kohle und Erdöl ging zurück, das zerstörte Transportwesen war nicht imstande, genügend Holz heranzuschaffen. Der Kriegsindustrie begann schon Anfang 1915 der Atem auszugehen, weil es an Brennstoff fehlte. Im Oktober 1915 beschloß der Sonderbeirat für die Brennstoffbeschaffung die Requirierung von Brennstoff. Die gesamte Bourgeoisie nahm diesen Beschluß äußerst feindselig auf. Im Beirat selbst wurde er übrigens nur mit 14 gegen 10 Stimmen angenommen. In der Zone der Nordwestfront versuchte man, die Requirierung des Brennstoffs mit Hilfe der Militärbehörden durchzuführen. Das Komitee der Holzindustriellen beantwortete diesen Versuch mit der Drohung, die Holzbeschaffung einzustellen.

Während die Bourgeoisie jeden Schritt sabotierte, der zur Regelung der Erzeugung und des Verbrauchs, besonders aber - der Gewinne dienen sollte, suchte jeder Minister des Zaren die an der Zerrüttung Schuldigen im Ressort eines anderen Ministers. Der Ministerrat befaßte sich in einer seiner Sitzungen im Juni 1916 mit der Frage der mangelhaften Belieferung der Armee mit Kohle, Eisen und Lebensmitteln. Stürmer, der damalige Ministerpräsident, erzählt, daß es dabei zu einem Zusammenstoß zwischen dem Verkehrsminister Trepow und dein Industrieminister Schachowskoj kam.

- Die Fabriken haben nicht genügend Kohle - erklärte der Verkehrsminister. Für die Kohlenversorgung war aber Schachowskoj verantwortlich.

- Kohle habe ich ja genügend, aber Sie stellen keine Waggons - erwiderte Schachowskoj.

- Ich kann deshalb keine Waggons stellen, weil mir das Kriegs ministerium alle abgenommen hat . . . und keinen Waggon zurückgibt.

Zu dieser Auseinandersetzung bemerkte dann der Ministerpräsident selbst: «Die Strecken waren stellenweise derartig verstopft, daß man,. um die Durchfahrt der neu eintreffenden Waggons zu ermöglichen,, andere Waggons vom Bahndamm herunterwerfen mußte ...>.44

Wie Blinde tappten die Minister in ihren Ressorts herum und konnten nicht begreifen, was vor sich ging und wie man die Zerrüttung bekämpfen sollte.

Noch schwerer war es, die rückständige Landwirtschaft und die bäuerliche Bevölkerung in dem Ausmaß zu mobilisieren, wie die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder dies vermochten. Nur unter starkem Zwang konnte die zersplitterte, noch halb im Zustand der Leibeigenschaft befindliche Landwirtschaft zum Verkauf von Produkten veranlaßt werden. Der Bauer hatte Geld nötig, um seine Pachtzahlungen an den Grundbesitzer zu leisten. Auch der zaristische Steuerdruck preßte Geld aus den Bauern. In den Kriegsjahren ging der Verkauf von Produkten durch die Bauernwirtschaften scharf zurück. Der arbeitsfähigste Teil der ländlichen Bevölkerung wurde in die Armee eingezogen - zusammen mit den aus der städtischen Bevölkerung Eingezogenen waren es etwa 16 Millionen Menschen, d. h. 47 Prozent der erwachsenen männlichen Bevölkerung. Einer der Führer der Bourgeoisie, Bublikow, erklärte ganz offen, Rußland führe den Krieg vorwiegend mit dem Blut seiner Söhne, und nicht mit zu Kriegszwecken angehäuften oder erworbenen Kapitalien. Jedes weitere Kriegsjahr beraubte die Landwirtschaft eines bedeutenden Teils ihrer Produktionsmittel. Die Regierung beschlagnahmte Pferde, Schlachtvieh und Zuggeschirr. Die «eifrigen» Beamten requirierten auf solche Weise, daß die Armee keinen erheblichen Nutzen davon hatte. Der Gouverneur von Orel berichtete Anfang 1916 über das Vorgehen der Regierungsagenten, die das Milchvieh bei den Einwohnern beschlagnahmten, während gut genährtes Jungvieh im Schleichhandel verkauft wurde.

«Man requirierte, was am leichtesten zu requirieren war - erklärte W. Michailowski auf der Konferenz gegen die Teuerung. - Diejenigen Vorräte, die von den wirtschaftlich besser gestellten Kreisen sorgfältig versteckt wurden, wurden offenbar niemals von der Requisition erfaßt.»45

Die Zerrüttung äußerte sich auch im Zerfall der ökonomischen Grundlage des Zarismus, des halb fronherrschaftlichen, gutsherrlichen Grundbesitzes. Seine offenste Form, die Verpachtung von Bdden an die Bauern, war zurückgegangen. Der Pachtzins sank schon zu Anfang des Krieges ungefähr um ein Drittel.

Auch die Gutsbesitzerwirtschaft selbst ging zurück. Die dauernden Einziehungen zum Heeresdienst unterwühlten sie, indem sie ihr Arbeitskräfte nahmen. Die Heranziehung von Flüchtlingen und Kriegsgefangenen konnte nicht mehr als ein Zehntel des Verlustes an Arbeitshänden wettmachen. Im europäischen Rußland machte sich der Mangel an Landarbeitern bemerkbar: 1914 herrschte in vierzehn von 44 Gouvernements, d. h. in 32 Prozent aller europäischen Gouvernements, 1915 in 36 Gouvernements (82 Prozent) und 1916 in sämtlichen 44 Gouvernements des europäischen Rußland bitterster Mangel an Arbeitskräften. Vor dem Krieg war der Arbeitslohn in den Gebieten, die Wanderarbeiter abgaben, erheblich niedriger als in den Gebieten des Zustroms von Arbeitskräften. Seit 1915 erreichte er fast die gleiche Höhe. Darin zeigt sich der Mangel an Landarbeitern auch in den Gebieten, die früher Wanderarbeiter abgaben. Der Mangel an Arbeitskräften sowie der allgemeine Wirtschaftszerfall beschleunigten den Niedergang des halbfronherrschaftlichen gutsherrlichen Grundbesitzes. Sein Niedergang war sogar noch größer als der allgemeine Verfall der Landwirtschaft.

Die Zerrüttung erfaßte nicht nur den halbfronherrschaftlichen Grundbesitz. Der Krieg traf auch die Industrie.

Die militarisierte kapitalistische Wirtschaft bot ein sehr kompliziertes Bild. Die durch den Krieg bewirkten Zerstörungen wurden eine Zeitlang durch den trügerischen Schein eines Aufschwungs verdeckt. Der Krieg führte zu einer Erweiterung der für Rüstungszwecke arbeitenden Industriezweige. Dadurch entstand der Schein eines Aufschwungs. Der Gesamtwert der industriellen Erzeugung stieg von 5620 Millionen im Jahr 1913 auf 6831 Millionen im Jahr 1916. Aber diese Zunahme der Kriegsproduktion verdeckte nur den Niedergang der wichtigsten Industriezweige. Die nicht «für die Landesverteidigung» arbeitenden Betriebe schränkten ihre Produktion im Jahre 1916 um 21,9 Prozent ein, aber auch der Aufstieg der für Rüstungszwecke arbeitenden Industriezweige hörte bald auf, hauptsächlich infolge des Mangels an Brennstoffen und Metallen. Zwei Jahre nach Beginn des Krieges hielt sich die Kohlenförderung im Donezbecken nur mühsam auf dem Vorkriegsniveau, obwohl die Zahl der Arbeiter von 168 000 im Jahre 1913 auf 235 000 im Jahre 1916 gestiegen war. Die monatliche Förderung betrug im Donezbecken pro Arbeiter vor dem Kriege 12,2 Tonnen, im Jahre 1915/16 11,3 Tonnen, im Winter 1916 9,26 Tonnen. Der Minister Schachowskoj mußte zugeben, daß das Sinken der Arbeitsproduktivität verursacht war: «durch die verschlechterte Ausrüstung der Gruben infolge der Unmöglichkeit, die für die Kohlenförderung erforderlichen Maschinen und Vorrichtungen rechtzeitig zu reparieren».46

Infolge des Brennstoffmangels wurden Fabriken stillgelegt und die Brotherstellung ging zurück. Die Bevölkerung heizte ihre Oefen mit Zaunbrettern und Möbeln.

Es fehlte nicht nur an Brennstoffen, sondern auch an Metallen.

Im Jahre 1916 wurden 36 Hochöfen ausgeblasen. Der Metallverbrauch wurde kontingentiert. Ende 1916 kannte nur die Hälfte des Metallbedarfs der Rüstungsindustrie befriedigt werden.

Am krassesten und offensten kam der Zerfall der Wirtschaft im Transportwesen zum Vorschein. Die Verkehrskrise spiegelte den Gesamtzustand der militarisierten Wirtschaft wider. Anfangs erfolgte ein Aufschwung, eine Zunahme der Transportleistungen. Aber dieser Aufschwung war sichtlich unzureichend, um die Erfordernisse des Krieges restlos zu erfüllen. Trotz der Zunahme der Beförderungsziffern nahm die Menge der nicht beförderten Güter katastrophal zu. Sie belief' sich bereits in der zweiten Hälfte von 1914 auf 84 000 Waggons. In der ersten Hälfte von 1916 häuften sich die nicht beförderten Güter bergehoch und wuchsen auf 127 000 Waggons an. Am 15. Juli 1916 schrieb der Stabschef des Höchstkommandierenden, der General Alexejew, in einem Bericht an den Zaren:

„In der gegenwärtigen Zeit gibt es kein einziges Gebiet des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens, auf dem sich nicht ernsthafte Erschütterungen infolge der ungenügenden Erfüllung der Transportbedürfnisse bemerkbar machen ... Die Anforderungen der für Kriegszwecke arbeitenden Betriebe werden vom Verkehrswesen im Durchschnitt nur zu 50-60 Prozent erfüllt. In das Petrograder Gebiet können, laut Mitteilung des Verkehrsministers, statt der erforderlichen 18 1/2 Millionen Pud nur 8 Millionen Pud befördert werden. Unter diesen Umständen ist nicht nur an keine Erhöhung der Produktivität der Fabriken zu denken, sondern sogar der jetzige Leistungsstand wird herabgesetzt werden müssen.“47

Die Wirtschaft des Landes zerfiel in eine Anzahl mehr oder weniger isolierter Bezirke. Dadurch wurden die Vorteile der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die durch die kapitalistische Entwicklung erzielt worden waren, zunichte gemacht, und das zaristische Rußland wurde um viele Jahrzehnte zurückgeworfen. So standen die Herbstpreise für Roggen in den zentralen Industriebezirken um folgende Prozentsätze höher als die Preise in den benachbarten Bezirken des Zentralen Schwarzerdegebietes:

Im Durchschnitt von 1914: 19 Prozent

«« « 1915: 39 Prozent

««« 1916: 57 Prozent

Im Jahre 1916 war die Preisdifferenz infolge der Schwierigkeiten beim Getreidetransport auf das Dreifache gestiegen.

Der Verfall des Transportwesens verschärfte die Lebensmittelkrise außerordentlich. Infolge der schlechten Arbeit der Eisenbahnen entstand bereits eine Nahrungsmittelnot, als noch Getreidevorräte von den früheren Ernten her im Lande vorhanden waren. Getreidemengen in der Höhe von etwa 1 Milliarde Pud konnten nicht in die Konsumgebiete befördert werden. Infolgedessen griff die Getreide-Preistreiberei rasch um , sich. Der Landwirtschaftsminister Rittich entschloß sich im Herbst 1916 sogar zu einer extremen Maßnahme: er verfügte den Lieferungszwang für Getreide. Rittich war ein typischer Vertreter der Bürokratie. Er hatte eine vorzügliche bürokratische Schule durchgemacht, als er nach der Revolution von 1905 verschiedene Aemter für Landwirtschaft und Agrarfragen leitete. Aber die Praxis der Stolypinschen Agrarpolitik erleichterte ihm nicht die Durchführung der zwangsweisen Getreidelieferung. Der Versuch endete mit einem Fiasko. Es gelang nicht, Getreide zu beschaffen. Die Kornspeicher in den Hauptpunkten des Konsums leerten sich rasch. Im Herbst 1915 waren die Städte auf Hungerration gesetzt. Die Armee erhielt nur noch die Hälfte ihres Nahrungsmittelkontingents.

Die Desorganisation der Märkte und die Preistreiberei steigerten die Zerrüttung der Geldzirkulation. Das Gold verschwand gleich zu Beginn des Krieges aus dem Umlauf. Die Ausgaben stiegen von Jahr zu Jahr. Das Defizit im Staatshaushalt betrug:

1914: 39 Prozent 1915: 74 Prozent 1916: 76 Prozent

Immer größere Mengen von Papiergeld wurden gedruckt. Der Rubel fiel. Das Kreditwesen wurde vollständig untergraben. Die Untergrabung des Kreditwesens steigerte ihrerseits die Desorganisation des Marktes.

Die bürgerliche Wirtschaftsliteratur enthält Angaben über den Niedergang des «Volksvermögens» infolge des Krieges. Nach diesen Ziffern hatte Rußland bei Beendigung des Krieges (1919) 60 Prozent dessen verloren, was es 1913 besaß, während die entsprechenden Verluste in England 15 Prozent, in Frankreich 31 Prozent, in Deutschland 33 Prozent, in Oesterreich-Ungarn 41 Prozent betrugen. Nur in Japan und Amerika vergrößerte sich das «Volksvermögen», das selbstverständlich in den kapitalistischen Ländern eben sowenig dem Volk gehört, wie das «Volkseinkommen».

War der Rückgang des Gesamtvermögens in Rußland am größten, so verfiel hier auch die Wirtschaft rascher, als in irgendeinem anderen Lande.

Der Zusammenbruch der Wirtschaft hatte einen scharfen Sturz der Währung zur Folge; im Vergleich zum Dollar standen die Währungen (in Prozenten) wie folgt:

 

 

 

1915

1918

In

Japan

0

- 1

 

England

-3

-2


Frankreich

-8

- 13

 

Italien

-16

-20


Deutschland

-16

-23

«

Oesterreich-Ungarn

- 27

- 33

«

Rußland

- 29

- 40

 

Das Tempo des Währungssturzes war in den einzelnen Ländern verschieden. In Japan blieb die Währung auf der Höhe der Goldparität, in England sank sie nur wenig. Am stärksten entwertete sich die Währung in Rußland und Oesterreich-Ungarn; erheblich – zwei- bis dreimal weniger - in Deutschland, Italien und Frankreich.

Die Vereinigten Staaten, Japan und England führten den Krieg ausschließlich auf fremden Territorien. Italien wurde durch die Kriegsoperationen fast gar nicht berührt. Der von den Ententetruppen besetzte Teil Deutschlands war ganz klein. Die vom Feinde besetzten Gebiete des zaristischen Rußland übertrafen, sowohl an absoluter Ausdehnung, wie auch an Bedeutung für das Land bei weitem alle Gebiete, die Oesterreich und Frankreich entrissen worden waren.

Eine schwer .ins Gewicht fallende Besonderheit Rußlands war die ungeheure Ausdehnung der Kampffronten. Die russische Frontlinie war um ein Mehrfaches länger als die Frontlinien der übrigen Mächte. Die Millionenmassen der russischen sowie der deutschen und österreichischen Armeen durchquerten auf mehrmaligen Vormärschen und Rückzügen das gewaltige Gebiet des östlichen Kriegsschauplatzes. Da die militärischen Operationen den Charakter des Bewegungskrieges trugen, wurden nicht nur die eigentlichen Kriegsgebiete verwüstet, sondern auch die angrenzenden Gegenden, die besonders schwer unter den verheerenden Wirkungen der Evakuierungen litten. Von der Evakuierung wurde im zaristischen Rußland ein Gebiet von mehr als 500 000 Quadratkilometern mit 25 Millionen Einwohnern, d. h. ein Siebentel der gesamten Bevölkerung betroffen. 3 Millionen Menschen wurden aus ihren Wohnorten gerissen und ins Hinterland abgeschoben. Die zu vielen Tausenden ins Hinterland strömenden Flüchtlinge verbreiteten Desorganisation und Panik und zerrütteten den ganzen Organismus des Wirtschaftslebens. Im Gegensatz zu Frankreich, das nur ein einziges mal, im August 1914, die feindliche Besetzung und Räumungsmaßnahmen erlebte, und dies auch nur auf einem kleinen Teil seines Gebietes, wurde das zaristische Rußland im Verlaufe des gesamten Krieges ständig durch Besetzungen und Räumungen erschüttert. Infolge seiner technischen Rückständigkeit außerstande, die gesamte Wirtschaft für die Kriegführung zu mobilisieren, mußte sich Rußland an die Alliierten um Hilfe wenden.

Die Summen der von den Alliierten zur Verfügung gestellten Kredite stiegen von Monat zu Monat. Etwa 8 Milliarden Rubel flossen in die Hände der Regierung. Die Kriegsschulden Rußlands betrugen fast das Doppelte der gesamten Vorkriegsschulden: 7745,9 Millionen Rubel gegenüber 4066 Millionen. Die Kredite waren bedeutend höher als die Summe der Aufträge, die Rußland an die Alliierten vergab. Außer den Aufträgen bei den Verbündeten mußten die Zinsen für die Staatsanleihen und die Kriegslieferungen aus den neutralen Ländern, aus Japan und Amerika, bezahlt werden.

Durch die Anleihen geriet Rußland in noch größere Abhängigkeit von den Alliierten. England hatte faktisch darüber zu entscheiden, für welche Zwecke die Kredite verwendet wurden. Als Sicherung der Kredite pumpten die Alliierten das Gold aus Rußland heraus. Im Mai 1916 schrieb der Finanzminister Bark:

«Die besonders ungünstigen Kreditbedingungen, die uns zur Zeit von England angeboten werden, zeugen davon, daß mit der weiteren Entwicklung der militärischen Ereignisse die Anleiheaufnahme Rußlands bei den Verbündeten allein immer schwieriger wird und daß unsere völlige finanzielle Abhängigkeit von den Verbündeten äußerst drückend ist.» 48

Sogar dieser Minister der Zarenregierung mußte zugeben, daß die halbkoloniale Abhängigkeit Rußlands in den Kriegsjahren immer stärker wurde. Der alte zaristische Bürokrat sah nur einen Ausweg: neue Anleihen an anderer Stelle, nämlich bei den amerikanischen Imperialisten.

Der Krieg gegen die Zentralmächte unterbrach jäh die russischen Wirtschaftsverbindungen mit der Außenwelt. Vor dein Kriege kam die Hälfte aller nach Rußland eingeführten Waren aus den mitteleuropäischen Ländern. Etwa ein Drittel der russischen Ausfuhr ging in diese Länder. Die übrigen Länder waren viel weniger mit Deutschland und Oesterreich verflochten, und natürlicherweise hatte der Abbruch dieser Wirtschaftsbeziehungen für England, Frankreich, ja auch für Italien keine so verheerenden Folgen. Nicht nur die wirtschaftlichen Verbindungen Rußlands mit den Mittelmächten wurden

zerstört, es rissen plötzlich die Verbindungen zu fast der ganzen Welt ab. Die Grenzen auf dem europäischen Festland waren gesperrt, mit Ausnahme der schwedisch-norwegischen und der wirtschaftlich bedeutungslosen rumänischen Grenze, über die ein Verkehr mit Ländern jenseits Rumäniens nicht möglich war. Die Ostsee wurde von den deutschen Unterseebooten beherrscht. Nachdem die Türkei in den Krieg eingetreten war, entstand eine ähnliche Lage auf dem Schwarzen Meer. Ueber alle diese Grenzen waren 1913 insgesamt neun Zehntel der Ausfuhr und fünf Sechstel der Einfuhr gegangen.

Während der Kriegszeit hing die Verbindung des zaristischen Rußland mit der Außenwelt einzig an dem dünnen Faden der großen transsibirischen Strecke, die 8000 Kilometer lang war und als einzigen Ausgang zum Meer Wladiwostok hatte; die Murmansker Eisenbahn wurde erst Ende 1917 fertig gestellt. Während der Sommermonate wurde eine ergänzende Verbindung über Archangelsk aufrechterhalten, das mit dem Zentrum durch eine Schmalspurbahn verbunden war; erst 1916 wurde diese Strecke auf Normalspurweite umgebaut. Archangelsk konnte nur einen geringen Frachtumsatz bewältigen. Wie gering die Leistungsfähigkeit dieser Bahnlinie war, kann man daraus ersehen, daß ein Güterverkehr mit Fuhrwerken eingerichtet wurde, wie zur Zeit Iwans des Schrecklichen. Die Güter wurden mit Fuhrwerken 1200 Kilometer weit, erst auf der Landstraße von Archangelsk nach Wologda, dann von Wologda nach Petrograd befördert. Rodsjanko schrieb: <Schon zu Anfang des Krieges liefen bei der Duma Mittei lungen ein, daß sich der Abtransport auf der Schmalspurbahn von Archangelsk sehr schwierig gestalte und der Hafen daher durch Frachten verstopft sei. Die Lieferungen aus Amerika, England und Frankreich häuften sich bergehoch an und konnten nicht ins Innere des Landes transportiert werden. Litwinow-Falinski machte schon in den ersten Kriegstagen warnend darauf aufmerksam, daß - sich der Hafen von Archangelsk in einem fürchterlichen Zustand befinde. Man erwartete das Eintreffen großer Kohlenlieferungen für die Petrograder Fabriken aus England, aber es gab nicht einmal Platz für das Ausladen der Kohle. Obwohl Archangelsk der einzige Kriegshafen war, der uns mit den Alliierten verband, hatte man sich fast gar nicht um ihn gekümmert. In einer der ersten Sitzungen des Sonderbeirates mußte die Frage Archangelsk aufgeworfen werden; es wurde die Anfrage an die Mi nister gerichtet, was sie zu, tun gedächten. Die Minister, Suchom linow, Ruchlow und Schachowskoj antworteten entweder ausweichend oder gaben Versprechungen, ohne wirklich etwas zu unternehmen. Indessen war die Menge der aufgestapelten Gütersendungen gegen Ende des Sommers 1915 so groß geworden, daß die auf dein Boden liegenden Kisten unter dem Gewicht der über ihnen lagernden Frachten förmlich in den Boden sanken.»49

Das ganze schwerfällige Gebäude des zaristischen Rußland verfiel der Zerstörung. Die Kriegskosten überstiegen die Kräfte des Landes. Rußland verausgabte in den ersten drei Kriegsjahren 167 Prozent der Gesamteinnahmen von 1913, während die entsprechenden Ziffern in Frankreich 105 Prozent, in England 130 Prozent betrugen. Nur in Oesterreich-Ungarn erreichten die Ausgaben die Höhe von 160 Prozent.

Der Krieg lastete auf Rußland schwerer als auf irgendeinem anderen Land. 30 Monate Anstrengung der Kräfte bewirkten den Zerfall der Industrie, den Niedergang der Landwirtschaft, die Krise dies Verkehrswesens, die Hungersnot.

«Wir sind im Hinterland ohnmächtig oder nahezu ohnmächtig - schrieb Gutschkow im August 1916 an den Stabschef des Höchstkommandierenden, General Alexejew. - Unsere Kampfmittel sind zweischneidig und können, bei der erregten Stimmung der Volksnassen, besonders der Arbeitermassen, der zündende Funke zu einem Brand werden, dessen Auswirkungen niemand voraussehen oder zu lokalisieren vermag.»50

Das ganze Gewicht der Kriegslasten wurde auf die Schultern der Arbeiter und Bauern abgewälzt. Die Massen wurden immer stärker von revolutionärer Empörung ergriffen. Die Explosion stand bevor. Der imperialistische Krieg erwies sich als ein mächtiger Faktor zur Beschleunigung der Revolution.



3.
Die Zersetzung der Armee

Durch die gleiche Schule der Not und der Erziehung zur Revolution ging auch die Armee. Die Massenschlächterei und die zahllosen Verluste öffneten den Betrogenen die Augen. Durch Millionen Tote und Verstümmelte wurde mit rücksichtsloser Schärfe der wahre Sinn des Krieges, sein räuberischer Charakter bloßgelegt.

Zu den Schrecken des Massenmordens kamen die unerträglichen materiellen Entbehrungen. Schützengräben, die von Schlamm und Schmutz starrten, kein warmes Essen, Mangel an Brot, Legionen von Läusen - so sah das Frontleben aus.

«Weißt Du, wie es bei uns in der Stellung zugeht? - lesen wir in einem der zahllosen typischen Soldatenbriefe. - Wir liegen im Graben. Hunger, Schmutz, Läuse und wieder Läuse, Essen fassen wir nur einmal täglich, um zehn Uhr abends, und auch dann nur schwarze Linsen, wie sie kein Schwein fressen würde. Man kommt einfach vor Hunger um . . .»51

Schlecht ausgerüstet, von unfähigen Generalen geführt, von käuflichen Intendanturbeamten bestohlen, erlitt die Armee Niederlage auf Niederlage. Ohne Glauben an sich selbst, ohne Vertrauen zu ihren Befehlshabern, nicht wissend, wofür Millionen Menschen geopfert wurden, schlecht vorbereitet, hungernd, barfuß, überließ sie dem Feind eine Stadt nach der anderen, ganze Gebiete, Zehntausende von Gefangenen.

Die Soldaten waren über die furchtbaren Niederlagen erbittert. In den Massen wuchs die Unzufriedenheit, ging in dumpfe Gärung über und führte schließlich zu aktiven Erhebungen. Unter Flüchen auf die allgemeine Verwirrung und das Durcheinander verweigerten die Soldaten den Gehorsam, leisteten den Befehlen zur Offensive nicht Folge, wichen dem Kampf aus.

«Hier in der Armee ist überall große Aufregung - hieß es in einem Brief von der Nordfront -, der Krieg hängt allen zum Halse heraus. Wir erhielten schon mehrmals den Befehl zur Offensive, aber die Soldaten gehen einfach nicht aus den Gräben heraus und damit basta. So ist ans der Offensive eben nichts geworden.»52

Ein anderer Soldat, aus dem 408. Kusnezker Infanterieregiment, schrieb, ebenfalls von der Nordfront:

«Viermal haben wir Offensive gemacht, aber es ist nichts dabei herausgekommen: unsere Regimenter sind einfach nicht vorgegangen. Einige Leute sind gegangen, aber die anderen sind in den Gräben geblieben und deshalb bin ich auch dringeblieben.“53

Nach den Mitteilungen der zaristischen Zensurbehörden, von denen die Briefe der Soldaten geöffnet wurden, berichteten mehr als 60 Prozent der Briefschreiber über die stete Zunahme der defaitistischen Stimmungen. Die Soldaten liefen von der Front fort, ließen sich gefangen nehmen oder brachten sich selbst Schußverletzungen an den Händen oder Füßen bei, um ins Lazarett zu kommen. Sie suchten den Schrecken des Krieges durch die Desertion zu entgehen. Die Deserteure leben wie gehetzte Tiere, jede Minute mußten sie ihre Verhaftung durch die Polizei befürchten. Aber trotzdem zogen sie dem Verbleiben an der Front das Hungerleben des Deserteurs vor, auf den Feldgendarme Jagd machten, wie auf wilde Tiere.

Im Jahre 1916 waren aus der russischen Armee bereits mehr als anderthalb Millionen Soldaten desertiert.

Die ohnehin schon schwere Lage der Soldaten wurde vollends unerträglich durch die Schikanen der Offiziere. Auf Schritt und Tritt waren die Soldaten körperlichen Mißhandlungen ausgesetzt, ständig waren sie von Strafen bedroht. Für das geringste Vergehen wurden Disziplinarstrafen verhängt. Für irgendeinen Verstoß im Dienst, für mangelhafte Erfüllung der Grußpflicht, für die Nichtbeschaffung von Wodka gab es Prügel und Hiebe. Die Offiziere ließen an den Soldaten ihre Wut über das eigene Versagen aus, schlugen sie im Rausche zu Krüppeln und mißhandelten sie auch, wenn sie nüchtern waren, bis aufs Blut. «Das Gesicht des Soldaten ist wie eine Trommel; je fester man draufschlägt, um so lustiger schallt es», sagten die Soldaten mit bitterer Ironie über die Schindermethoden der Offiziere.

In den Briefen, die von der zaristischen Geheimpolizei zu tausenden konfisziert wurden, werden die Schrecken und Nöte des Soldatenlebens geschildert:

«Je länger man lebt, desto schlimmer ist es. Die Vorgesetzten würgen uns, pressen uns das letzte bißchen Blut aus, das noch geblieben ist. Man kann die Zeit nicht mehr erwarten, wo das alles einmal ein Ende hat ....»54

In einem anderen Brief, auf den eine schmerzgebeugte Mutter vergeblich wartete, heißt es:

«Liebe Mama Ich wünschte, Du hättest mich nie geboren, oder Du hättest mich als kleines Kind ins Wasser geworfen, so furchtbar werde ich jetzt gequält.»55

Es häuften sich die Fälle, wo die Soldaten Vergeltung an grausamen Vorgesetzten übten. Verhaßte Offiziere fielen im Kampf durch Schüsse aus den eigenen Reihen.

Der Schriftsteller L. Woitolowski, der das Leben der Armee beobachtete, zeichnete ein Soldatenlied auf, das den ganzen Haß gegen die Offiziere anschaulich wiedergibt:

«Einsam bin ich und verlassen, Gehe in den finstern Wald .. .

Dunkelheit ist rings umher. Mit mir hab' ich das Gewehr.

Freiwillig will ich nun gehen, Dreifach Unheil soll geschehen: Erstens wird ein Offizier In den Wald gelockt von mir.

Zweitens dann mit kaltem Blut Leg' ich an und ziele gut. Und das dritte ist mein Schuß, Der ins Herz ihn treffen muß ... Offizier, Du Hundesohn!

Endlich hast Du Deinen Lohnt!»56

In den meisten Fällen wurden die Schuldigen nicht entdeckt. Nicht nur im Felde, sondern auch in der Etappe, in den Ersatzbataillonen, wurden Offiziere getötet. Die Grundlage der alten Disziplin - die Furcht vor den Vorgesetzten - war im Verschwinden. Immer häufiger wurden im Heere die Fälle von direkten Aktionen der Soldaten gegen ihre Vorgesetzten, und zwar handelte es sich keineswegs um Einzelaktionen. Statt der zwecklosen individuellen Auflehnungen und Proteste, die gewöhnlich tragisch endeten, begannen die Soldatenmassen kollektiv zu handeln. «Streiks» von besonderer Art ergriffen nunmehr manchmal ganze Regimenter und Divisionen. Einer der vielen Soldatenbriefe schildert im Jahre 1916 einen derartigen Streik an der Front folgendermaßen:

«Der Divisionskommandeur erfuhr von diesem Streik. Er kam zu dem Regiment und traf keinen einzigen Offizier auf seinem Posten. Sie hatten sich irgendwo versteckt. Er traf nur einen Leutnant an, den er mit dem Kommando über das Regiment beauftragte. Er befahl , ihm, sofort zum Angriff überzugehen. Aber auch jetzt weigerten sich sämtliche Kompagnien vorzugehen. Es ertönten Rufe: Gebt uns erst zu essen, gebt uns Monturen und Stiefel, sonst kämpfen wir nicht, oder wir lassen uns sämtlich gefangennehmen'. Die Lage war ernst und sogar kritisch. Hätte der Feind davon gewußt, so hätte er uns mit bloßen Händen gefangennehmen können. Außer unserm Regiment streikte das Zarewer Regiment und noch andere Regimenter unserer Division. Zwei Bataillone aus einem Regiment unserer Division begaben sich bis auf den letzten Mann freiwillig in Gefangenschaft . . . .Man wollte alle Soldaten erschießen, man wollte ihnen die Gewehre, Handgranaten und sonstigen Waffen abnehmen, aber die Soldaten gaben sie nicht heraus, und es traten noch andere Divisionen in den Streik, so daß keine Leute da waren, um einen Erschießungsbefehl durchzuführen: alles streikte . . . Ja, wie konnte es auch anders sein? Die Leute hungerten und froren, fast ohne Schuhwerk, beim bloßen Anblick tat einem das Herz wehr.»57

Zur Zersetzung der Armee trugen die klassenmäßigen Veränderungen innerhalb des Kommandobestandes erheblich bei. Das Offizierkorps bildete vor dem Krieg eine auserlesene, dem «Thron» ergebene, durch ihre Klassenzusammengehörigkeit fest geschlossene Kampforganisation, die im wesentlichen auf der Klasse der Gutsbesitzer beruhte. Die zaristische Regierung wachte sorgfältig darüber, daß das Offizierkorps nicht durch « unstandesgemäße» Elemente ergänzt wurde. Das Offizierkorps selbst kämpfte gegen das Eindringen von Angehörigen der unteren Klassen in seine Reihen. Aber der Krieg brachte die Grundpfeiler dieser Kaste ins Wanken. Die Kaderoffiziere erlitten schon in den ersten Kriegsmonaten schwere Verluste. An ihre Stelle traten allmählich Angehörige anderer Schichten. Die alte Offizierkaste ging in einem Meer von Fähnrichen aus unstandesgemäßen Kreisen unter. Rechtsanwälte, Lehrer, Beamte, Seminaristen, die nicht fertig studiert hatten, Gymnasiasten, Studenten, die man eingezogen hatte, füllten die Reihen des Offizierkorps. Die alten Offiziere traten den Neulingen mit unverhüllter Verachtung und Feindseligkeit entgegen. Die Demokratisierung des Offizierkorps steigerte den Zerfall im Kommandobestand, was zu einer weiteren Verschärfung der Gegensätze in der Armee führte.

Die sinnlose Vernichtung von Menschenleben, die skrupellose Willkür der Kommandostellen, die Unfähigkeit der Heeresleitung, das Chaos und die Schwere der Lebensbedingungen rüttelten selbst die rückständigsten Soldaten auf. Bei einem Teil der Soldaten löste der Krieg Schrecken und Verzweiflung aus, bei einem anderen das Verlangen nach einem Ausweg, das Verlangen, die an dem sinnlosen Blutvergießen Schuldigen zu finden.

Der patriotischen Presse, deren Schlammfluten die Armee überschwemmten, gelang es in der ersten Zeit, den dumpfen Groll der Soldaten in die gewohnten Bahnen des Hasses gegen den «Feind» abzulenken. Jede Niederlage, der geringste Mißerfolg wurde durch die Machenschaften des äußeren Feindes - der Deutschen - und des «inneren Feindes» - der Juden - erklärt. Eine Welle von Pogromen fegte im Frontgebiet Hunderte von jüdischen Ortschaften fort. Zehntausende Flüchtlinge wurden ihrer Habe beraubt und von ihren Wohnsitzen in unbekannte Fernen vertrieben.

Bei den Soldaten entstand sogar die bissig-spöttische stehende Redensart: «Im letzten Befehl ist wieder von jüdischen Spionen die Rede - also gibt es einen neuen Rückzug.»

Bei anderen Soldaten rief der Krieg ein Gefühl des Hasses gegen die Bourgeoisie und die Regierung hervor. Je länger sich der Krieg hinzog, desto stärker wuchs die Erbitterung gegen die herrschenden Klassen. Die Partei der Bolschewiki gab diesem spontanen Prozeß einen organisierten Charakter.

Von der Zarenregierung außerhalb des Gesetzes gestellt, arbeiteten die Bolschewiki mit höchstem Opfermut in der Armee. Wo der erbitterte Soldat sein Gewehr umklammerte, ohne zu wissen, gegen wen er es richten sollte, lenkten die Bolschewiki mit großem Geschick seine Empörung gegen die Regierung und die Bourgeoisie. Wo die Soldaten, in wilde Wut gebracht, in sinnlosen Gewalttaten an den «Fremdstämmigen» einen Ausweg suchten, griffen die Bolschewiki mit ihrer internationalistischen Agitation ein, die sie der finsteren Reaktion des Zarismus und der Nationalisten entgegenstellten. Den spontanen Ausbruch der Verzweiflung verwandelten die Bolschewiki durch hartnäckige Arbeit in eine organisierte Aktion gegen den Zarismus. Von der Geheimpolizei verfolgt, für die bloße Parteizugehörigkeit vor die Standgerichte geschleppt, erfüllten die Bolschewiki unbeugsam ihre Pflicht als revolutionäre Kämpfer.

Um den «Aufruhr» zu bekämpfen, griff die zaristische Regierung in breitem Maße zur «Abschiebung der Unbotmäßigen» an die Front. Es genügte ein Wort der Unzufriedenheit über die schweren Arbeitsbedingungen in der Fabrik, und der Unternehmer oder der Vorarbeiter setzte den Arbeiter auf die schwarze Liste, einen Tag später wurde er auf das Bezirksmilitäramt geladen und in die « Marschkompagnie» geschickt. Als «unzuverlässig» galt vor allem jeder, der verdächtigt wurde, den Bolschewiki nahe zu stehen. Die zaristische Regierung hatte in ihrer Kurzsichtigkeit schon bei Beginn des Krieges nicht weniger als 40 Prozent der Industriearbeiter in die Armee eingezogen. Außerdem befanden sich in der Armee und Flotte nicht wenige aktive Teilnehmer der Revolution von 1905, nicht wenige frühere Leser der bolschewistischen «Prawda», die von der Regierung gleich bei Beginn des Krieges verboten wurde. Hier fand die bolschewistische Partei ergebene Propagandisten, mit deren Hilfe sie immer tiefer in die Soldatenmassen eindrang.

Trotz des Regierungsterrors verstand es die bolschewistische Partei, in einer Anzahl von Truppenteilen des Hinterlandes ihre Mi litärorganisationen zu schaffen. Diese Arbeit wurde durch den Einfluß der ortsansässigen Proletarier erleichtert. In Petrograd, Moskau, Smolensk, Kiew, Charkow, Jekaterinoslaw, Saratow, Nishnij- Nowgorod, Samara, Zarizyn, Jekaterinburg, Twer, Baku, Batum, Tiflis, Kutais, in Lettland - überall wurde eine angespannte Arbeit geleistet. Infolge der Einziehung der nach Narym verbannten Bolschewiki zum Heeresdienst wurde es möglich, in Tomsk eine ziemlich starke Militärorganisation ins Leben zu rufen. Einen großen Einfluß auf die Truppenteile im Hinterland übten auch die Verbindungen aus, die die Soldaten mit den ortsansässigen Bolschewiki und den bolschewistisch gesinnten Proletariern hatten. Die Arbeiterstreiks im Lande zeigten den Soldatenmassen die Möglichkeit eines revolutionären Auswegs. Hier ein typisches Beispiel, wie der revolutionäre Kampf der Arbeiter auf die Soldaten wirkte:

«Während der zahlreichen Demonstrationen am Jahrestag des 9. Januar (im Jahre 1916. Die Red.) kam es mehrfach vor, daß die Demonstranten Soldaten begegneten. So begegneten die Arbeiter auf der Wiborger Chaussee Autokolonnen, die Soldaten transportierten. Freundschaftliche Begrüßungen wurden gewechselt. Beim Anblick der roten Fahnen nahmen die Soldaten ihre Mützen ab und riefen: ,Hurra!' Nieder mit dem Krieg!' usw. Am 10. Januar abends marschierte über den Großen Sampsonjewski-Prospekt eine gewaltige Kolonne von Arbeiterinnen, Arbeitern und Soldaten ... Die Polizei hielt sich während der ganzen Zeit abseits. .. Die Tatsache, daß sich unter der mehr als tausendköpfigen Menge 300 bis 400 Soldaten befanden, wirkte beruhigend' auf die Polizei ... Die Demonstration dauerte über eine Stunde.»58

Mit welcher beispiellosen Energie und Aufopferung die Partei der Bolschewiki kämpfte, um die Armee zu revolutionieren, zeigt einer von den vielen Berichten der zaristischen Polizei, die sich vergeblich bemühte, die revolutionäre Organisation auszurotten:

«Die Lenin-Anhänger, die zu beherrschender Bedeutung in der Partei gelangt sind und die erdrückende Mehrheit der illegalen sozialdemokratischen Organisationen in Rußland hinter sich haben, gaben zu Anfang des Krieges in ihren wichtigsten Zentren (Petrograd, Moskau, Charkow, Kiew, Tula, Kostroma, Gouvernement Wladimir, Samara) bedeutende Mengen von revolutionären Flugblättern heraus, in denen sie die Beendigung des Krieges, den Sturz der bestehenden Regierung und die Aufrichtung der Republik forderten. Die greifbare Folge dieser Tätigkeit der Lenin-Anhänger waren Streiks und Unruhen unter den Arbeitern.»59

Die Bolschewiki traten vor die Soldaten mit einem klaren, von Lenin ausgearbeiteten Programm, mit eindeutigen und verständlichen Losungen, die auf die brennendsten Tagesfragen eingingen. Auf die Unzufriedenheit der Soldaten, auf den heißen Drang nach Frieden gestützt, das Regime der Schinderei, den Verrat und die Unfähigkeit der Vorgesetzten entlarvend, gewannen die Bolschewiki die erwachenden Soldaten vorsichtig, aber beharrlich für das Programm der revolutionären Aktion.

«Die Umwandlung des gegenwärtigen imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg ist die einzig richtige proletarische Losung . . .»60,

so kennzeichnet das am 4. November 1914 veröffentlichte Manifest des Zentralkomitees der bolschewistischen Partei das Programm des revolutionären Kampfes. Nur auf diesem Wege konnten das Proletariat und die Werktätigen sich aus dem tödlichen Ring des Krieges herausreißen, nur in dieser Umwandlung konnte der Ausweg aus der Sackgasse gesucht werden, in die das Land durch die Bourgeoisie und ihre Lakaien, die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, gebracht worden war.

Aber dieses Programm forderte ein bestimmtes revolutionäres Handeln, und Lenin zeigte klar, was zu tun war:

«Revolution während des Krieges ist Bürgerkrieg, und die Umwandlung des Krieges der Regierungen in den Bürgerkrieg wird einerseits durch militärische Mißerfolge (die ,Niederlage') der Regierungen erleichtert, anderseits aber ist es faktisch unmöglich, eine solche Umwandlung anzustreben, ohne gerade damit die Niederlage zu fördern“61

An einer andern Stelle schrieb Lenin:

«Die einzige Politik einer wirklichen, nicht nur in Worten bestehenden, Durchbrechung des ,Burgfriedens', der Anerkennung des Klassenkampfes, ist die Politik der Ausnutzung der Schwierigkeiten der eigenen Regierung und der eigenen Bourgeoisie durch das Proletariat zum Zweck ihres Sturzes. Das kann man aber nicht erzielen, das kann man nicht erstreben, wenn man nicht die Niederlage der eigenen Regierung will, wenn man nicht auf diese Niederlage hinwirkt.»62

Die Losung der Niederlage der eigenen Regierung war die Richtschnur der bolschewistischen Taktik während des imperialistischen Krieges. Die Bolschewiki hatten die Aufgabe, die in der Armee und im Land fortschreitende Zermürbung der Kriegsdisziplin und die defaitistischen Stimmungen auf jede Weise auszunutzen, um die revolutionäre Aktivität der Arbeiter und Soldaten zu steigern. Es galt, den Soldatenmassen die Erkenntnis vom Gegensatz der Interessen des imperialistischen «Vaterlandes» und der Interessen der Werktätigen beizubringen, ihnen die Notwendigkeit der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg klarzumachen. Das bedeutete natürlich nicht, wie die Trotzkisten «anzudeuten» suchten, daß man dem deutschen Imperialismus Hilfe leisten, in Rußland Brücken in die Luft sprengen sollte usw. Es bedeutete die Untergrabung der Kräfte der Zarenmonarchie, dieser barbarischsten Regierung, die riesige Bevölkerungsmassen in Europa und Asien unterdrückte. Es bedeutete eine hartnäckige Arbeit zur revolutionären Zersetzung der Armee, zur revolutionären Aufrüttelung der Massen, es bedeutete die Fortsetzung und Verschärfung des revolutionären Kampfes unter den Verhältnissen des imperialistischen Krieges. Gerade deshalb wandten sich alle bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien Rußlands mit solcher Entschiedenheit gegen diese Losung: die Kadetten, die Trudowiki, die Sozialrevolutionäre und sämtliche Spielarten der Menschewiki, darunter auch Trotzki. Plechanow schrieb über die bolschewistische Losung:

«Eine Niederlage Rußlands ... würde seine ökonomische Entwicklung und damit auch das Wachstum seiner Arbeiterbewegung verlangsamen»63.

Trotzki erklärte seinerseits, eine Niederlage Rußlands bedeute den Sieg Deutschlands. Er entstellte dabei aufs gröbste die Losung Lenins, indem er verschwieg, daß Lenin diese Losung nicht nur für die russischen Revolutionäre, sondern für die revolutionären Parteien der Arbeiterklasse aller Länder aufgestellt hatte.

Die Losung der Niederlage der eigenen Regierung wurde nicht nur von den offenen Sozialverrätern und den Zentristen vom Schlage Trotzkis bekämpft, sondern auch von den «linkslerischen» und rechten Elementen innerhalb der bolschewistischen Partei abgelehnt. So kritisierte z. B. Kamenew die Leninsche Losung des Defaitismus auf der zu Beginn des Krieges in Oserki abgehaltenen Konferenz der bolschewistischen Dumafraktion mit den Vertretern der größten bolschewistischen Parteiorganisationen. Kamenew suchte nachzuweisen, daß ein für Rußland unglücklicher Kriegsausgang vom Standpunkt der Interessen der Arbeiterbewegung nicht zu wünschen sei.

Als er zusammen mit den bolschewistischen Dumaabgeordneten vor dem zaristischen Gericht stand, suchte er sich ebenfalls in der Frage des Defaitismus von der Partei abzugrenzen.

Eine von Bucharin geleitete Gruppe russischer Emigranten, die sich mit einer Kritik von «links» gegen Lenin wandte, betonte in ihren Thesen, daß sie es kategorisch ablehne, «die so genannte Niederlage Rußlands' als Losung für Rußland aufzustellen» und verwies auf die «absolute Unmöglichkeit, in diesem Geist praktisch zu agitieren».64

Mit der Losung der Niederlage der eigenen Regierung stand in engem Zusammenhang die bolschewistische Losung der Verbrüderung der Soldaten der kriegführenden imperialistischen Armeen. Lenin beobachtete die spontanen Beispiele von Verbrüderung und verfolgte aufmerksam die Entwicklung dieser revolutionären Initiative der Massen. Lenin schrieb einen besonderen Artikel über eine Reihe von Fällen der Verbrüderung an der deutsch-französischen Front, die von deutschen, englischen und schweizerischen Zeitungen mitgeteilt wurden.

Die sich häufenden Fälle von Verbrüderung auch an der russischen Front ermöglichten es der bolschewistischen Partei, die Verbrüderung als Aktionslosung im Kampf für die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg aufzustellen.

Im Dezember 1916 führten die Armeekommandeure auf einer Beratung der Generale Dutzende von Tatsachen an, die den Zerfall, die Zersetzung der Armee kennzeichneten. Desertionen, Abrücken ganzer Regimenter aus den Stellungen, Weigerung, Angriffsbefehle auszuführen, Abrechnung mit den Offizieren und besonders die Verbrüderung - das alles war Ende 1916 vorhanden. Das Bild, das die Generale entwarfen, unterscheidet sich in nichts von dem, was der ehemalige Soldat der zaristischen Armee P. A. Karnauchow über die Lage an der österreichischen Front erzählt:

«Im Winter 1916 war es ruhig an der Front. In den vordersten Linien kam es vor, daß die Soldaten nicht schossen, wenn sie den Feind sahen. Die Oesterreicher verhielten sich ebenso. Manchmal riefen die Oesterreicher: Panje, macht Schluß mit dem Krieg!' Die Russen wurden von den Oesterreichern und die Oesterreicher von den Russen eingeladen. Auf unserem Frontabschnitt begann bereits im Oktober 1916 die Verbrüderung mit dem Feind, wofür uns natürlich die Offiziere viele Male stark zusetzten. Im Januar wurde die Verbrüderung bei uns eine gewohnte Erscheinung. Es ging so weit, daß unsere Soldaten verschiedene Sachen eintauschten, sie gaben Brot, Zucker und erhielten dafür Taschen- oder Rasiermesser usw..»65

Die revolutionäre Bedeutung der Verbrüderung bestand darin, daß sie das Bewußtsein von der internationalen Einheit der Werktätigen auf beiden Seiten der Schützengräben festigte, die stärkste Klassendifferenzierung zwischen Offizierkorps und Soldaten herbeiführte, die Kraft der imperialistischen Armeen untergrub und den Drang nach Frieden entfesselte.

Der aufopfernde Kampf der Bolschewistischen Partei zeitigte auf der Grundlage der zunehmenden Zersetzung der Armee rasch seine Ergebnisse.

4.
Das zaristische Rußland - ein Völkergefängnis

Der Krieg wirkte sich auch auf die Lage der unterdrückten Nationalitäten schwer aus. Lenin hat das zaristische Rußland ein «Völkergefängnis» genannt. Damit war das Dasein der zahlreichen Nationalitäten des «russischen Imperiums» mit erschöpfender Klarheit und Schärfe gekennzeichnet.

Alle Werktätigen befanden sich unter dem Absolutismus in einer drückenden Lage, aber am unerträglichsten war die Lage der Werktätigen der nichtrussischen Nationalitäten, oder, wie sie damals verächtlich genannt wurden, der «Fremdstämmigen». Ihre wirtschaftliche Ausbeutung wurde durch die grausamste nationale Unterjochung verschärft. Sogar die kläglichen Rechte, die den Werktätigen russischer Nationalität zustanden, wurden für die unterdrückten Nationalitäten noch aufs äußerste beschnitten. Der Zarismus bedeutete für die geknechteten Völkerschaften politische Rechtlosigkeit, administrative Willkür und kulturelle Unterjochung.

Die Politik der russischen Zaren trägt einen klar ausgeprägten Eroberungscharakter.

Im 16. und 17. Jahrhundert unternimmt der russische Zarismus, die Interessen der herrschenden Klassen vertretend, groß angelegte militärische Vorstöße nach dem Osten. Er streckt seine räuberische Hand nach den Gebieten an der mittleren und unteren Wolga aus, unterwirft Sibirien, wobei er die Küste des Stillen Ozeans erreicht, dringt in die Steppengebiete der Ukraine links vom Dnjepr ein. Noch schärfer kommen die Interessen des Adels, des Handels- und des entstehenden Industriekapitals in den militärischen Plänen Peter I. zum Ausdruck, der an den Ufern der Ostsee, des Schwarzen und des Kaspischen Meeres «festen Fuß zu fassen» suchte. Während seiner Regierungszeit wurden die Gebiete des heutigen Estland, Teile von Lettland und Finnland, die kaukasische Küste des Kaspischen Meeres erobert. Katharina II. gliederte dem Zarenreich die Nordküste des Schwarzen Meeres, die Krim, die Ukraine rechts des Dnjepr, Weißrußland, Litauen und Kurland an. Alexander I. entriß den Schweden Finnland und den Türken Bessarabien und erhielt nach dem Krieg gegen Napoleon einen Teil Polens mit Warschau. Ebenfalls während seiner Regierungszeit faßte Rußland in Georgien Fuß und begann den viele Jahre dauernden Krieg zur Unterjochung der kaukasischen Bergvölker. Dieser Krieg wurde während der ganzen Regierungszeit Nikolaus I. fortgesetzt. Alexander II. führte die Unterwerfung des Kaukasus zu Ende, raubte China das Amur- und Ussurigebiet, riß gewaltige Territorien in Mittelasien an sich. Nikolaus II., der letzte der russischen Zaren, setzte die Politik seiner Väter und Großväter fort, er versuchte anfangs, die Mandschurei und Korea zu annektieren, und trat dann in den Weltkrieg ein, mit dem Ziel, Konstantinopel, Türkisch-Armenien, Nordpersien und Galizien an sich zu reißen. . .

Der Unheil verkündende Schatten des zaristischen Doppeladlers lag über dem riesigen Reich, von der Ostseeküste bis zu den Gipfeln des Kaukasus und von den sonnigen Steppen der Ukraine bis zu den Sandwüsten Mittelasiens und den Hügeln des Fernen Ostens.

Jeder Schritt des russischen Zarismus war, ebenso wie die Handlungen aller bürgerlichen Regierungen Europas, durch Feuer, Blut und Gewalttaten gekennzeichnet. Elend und Leiden ohne Maß begleiteten den Siegeszug des Kapitalismus in die Auls des Kaukasus, in die Kischlaks Turkestans und in die turko-finnischen Dörfer an der Wolga.

Die Zarenregierung scheute im Falle des Widerstandes weder vor der Ausrottung noch vor der Zwangsverschickung der Einwohner der geraubten Gebiete zurück. Dutzende von blühenden Gebirgsdörfern wurden in Schutt und Asche verwandelt. Der Rauch der Brandstätten stieg über den Gebirgsschluchten auf. Wälder wurden vernichtet, Dörfer dem Boden gleichgemacht, Saaten zerstampft, das Eigentum der Bergvölker, das Hausgerät nicht ausgenommen, wurde geraubt.

Das der einheimischen Bevölkerung geraubte Land wurde an russische Offiziere, Gutsbesitzer, Kulaken verteilt. Tausende von reichen Herrenhöfen entstanden auf den geraubten Ländereien der Baschkiren an der Wolga; gewaltige, üppige Zaren- und Fürstengüter wuchsen im Kaukasus, in der Krim, in Mittelasien empor. Hand in Hand mit dieser «Bodenreform» ging in den geknechteten Gebieten die Einführung der Leibeigenschaft. Peter I. führte sie in den baltischen Gebieten ein, Katharina II. in der Ukraine, Nikolaus I. stärkte sie eifrig im Kaukasus.

Auf die Zarengenerale folgte der russische Gutsbesitzer, kamen der Kaufmann und der Fabrikant in die eroberten Gebiete. Die nationalen Gebiete wurden mit russischen Soldaten, Gendarmen, Beamten überschwemmt. Mit ihnen zog dort auch der griechisch-orthodoxe Pope ein, der mit seinem Kreuz die Rechte des Bajonetts und des Geldsacks bekräftigte.

Die militärische Gewalttätigkeit und Räuberei wurde durch eine noch schlimmere wirtschaftliche Unterdrückung abgelöst. Die annektierten Gebiete verwandelten sich in Kolonien des Kapitalismus, wurden zu den wichtigsten Lieferanten von Rohstoff und Brennmaterial für die sich entwickelnde russische Industrie. Die Ukraine lieferte ihr die Donezkohle und das Erz von Kriwoi Rog, der Kaukasus Erdöl, Mittelasien Baumwolle usw.

An Stelle der altertümlichen Festungen mit ihren Türmen und Geschützen wurden Gutshöfe, Kulakengehöfe, kapitalistische Fabriken errichtet. Zugleich mit ihnen entstanden tausende, zehntausende Kirchen «unseres Herrn» und ebenso viele kaiserliche Kneipen. In den Kneipen des Zaren wurde die einheimische Bevölkerung mit Schnaps zur Trunksucht erzogen, in den Kirchen wurden die Weihrauchfässer geschwenkt und Gebete für den Erfolg der Kolonisationspolitik des «weißen Zaren» gen Himmel gesandt. Eine Riesenarmee von Popen mühte sich mit Eifer, den «Wilden» die Grundgedanken der griechisch-orthodoxen Kirche und der zaristischen Selbstherrschaft einzuhämmern.

Die neu erbauten Kirchen wurden Instrumente einer weiteren Ausplünderung der eingeborenen Bevölkerung. Den neugetauften «Fremdstämmigen» wurde der rechte Glaube durch Verhängung von Geldstrafen für Nichterscheinen zur Beichte, für mangelnde Kenntnis der Gebete, für Nichtbeachtung der religiösen Vorschriften usw. beigebracht.

Die Verbreitung des Christentums unter den unterdrückten Nationalitäten wurde auf die hemmungsloseste und zynischste Weise betrieben. Die. Methoden der religiösen Aufklärungsarbeit der Missionare unter den halbwilden Völkern Sibiriens trugen häufig geradezu provokatorischen Charakter.

Wenn ein Missionar in ein Dorf kam, begann er seine Propaganda mit «Anstand» und verteilte kleine Geschenke: Kreuze, kleine Heiligenbilder, Tabak usw. Wenn das nichts half, ließ er sich zu längerem Aufenthalt bei den Unbotmäßigen nieder und ergriff «entschiedenere» Maßnahmen gegen sie. Schließlich brachte der Missionar die Einwohner der Umgebung so weit, daß man begann, Drohungen gegen ihn auszustoßen. Darauf wurden die Schuldigen ergriffen, ihr Eigentum konfisziert, sie selbst ins Gefängnis geworfen.

Die ersten «christlichen Aufklärer» unter den sibirischen Stämmen waren flüchtige, vagabundierende Mönche, die zugleich mit Gebeten und Weihwasser den Wodka und die Syphilis in die Tundren Sibiriens einschleppten.

Das System, die einheimische Jägerbevölkerung so viel wie möglich an den Trunk zu gewöhnen, wurde auch später, zur Zeit der Betätigung der «Griechisch-orthodoxen Missionsgesellschaft», eines gewaltigen Unternehmens mit 200 000 Rubeln Grundkapital, eifrig gehandhabt. Infolge dieser «christlichen» Fürsorge starben die sibirischen Stämme in den letzten Jahren vor dem Kriege mit erschreck ender Schnelligkeit aus.

Auch auf den mohammedanischen Völkern Rußlands lastete im Laufe von 3 1/2 Jahrhunderten das furchtbarste kirchliche Joch. Die religiösen Verfolgungen, die Schließung von Moscheen (allein der Kasaner Bischof Lukas - 1738 bis 1755 - zerstörte im Tatarengebiet 418 von 536 Moscheen) waren von der gewaltsamen Verschleppung mohammedanischer Kinder in die griechisch-orthodoxen Kirchenschulen begleitet.

Die russische Aufklärungsarbeit unter den turko-finnischen Wol gastämmen begann mit der Gründung einer geistlichen Akademie in Kasan. Kader griechisch-orthodoxer Missionare wurden auch in der orientalischen Fakultät der Kasaner Universität ausgebildet.

Einer der krassesten Akte der Russifizierungspolitik der jüngsten Zeit war das von dem Unterrichtsminister, Graf 1. 1. Tolstoi, erlassene Gesetz: «Bestimmungen vom 31. März 1906». Unter Hinweis auf die Notwendigkeit, mit Hilfe der «Wissenschaft» bei den geknechteten Völkern die «Liebe zum gemeinsamen Vaterland» zu stärken, führte das Gesetz für die «Fremdstämmigen» in sämtlichen Schulen den obligatorischen Unterricht in der russischen Sprache ein66. Die russischen staatlichen Schulen hatten aber diese Obliegenheiten auch schon vor dem Gesetz Tolstois gewissenhaft erfüllt. In Polen waren schon nach dem Aufstand von 1863 sämtliche nationalen Universitäten und Gymnasien geschlossen und durch russische Schulen ersetzt worden; es war verboten, an öffentlichen Orten, bei Behörden, in Läden, auf der Straße, laut polnisch zu sprechen.

Die Ukraine trug das gleiche Joch. Das Wort «Ukraine» selbst wurde für aufrührerisch erklärt und durch die Bezeichnung «Kleinrußland» ersetzt. Der Druck von Büchern und Zeitungen in ukrainischer Sprache wurde nicht gestattet, sogar in Privatschulen wurde der Unterricht in der Muttersprache verboten, ebenso war es verboten, sich ihrer bei öffentlichen Veranstaltungen zu bedienen. Die Unterdrückung hatte die verderblichsten Folgen für die Kultur des ukrainischen Volkes. Bis zu ihrer Angliederung an Rußland hatte die Ukraine kulturell höher gestanden als Großrußland. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts hatten die ukrainischen Gouvernements einen sogar für das zaristische Rußland erstaunlichen Prozentsatz von Analphabeten.

Mit Hilfe der Armee und des Staatsapparates - der russischen Staatsschule und der griechisch-orthodoxen Kirche - führte die Zarenregierung überall rücksichtslos die Russifizierung durch. Die Tatsache, daß die Mehrheit der geknechteten Völker aus kulturell rückständigen Nationalitäten bestand, konnte diese Aufgabe nur erleichtern. Aber selbst dann, wenn der russische Imperialismus mit Nationalitäten zusammenstieß, deren wirtschaftliches und kulturelles Niveau nicht niedriger, sondern zuweilen sogar höher als das der Großrussen war (wie z. B. bei den Polen, Finnen, Esten, Letten, teilweise den Georgiern, den Armeniern, den Ukrainern u. a.), hinderte ihn dies nicht, die Russifizierung mit der gleichen Grausamkeit und Unerbittlichkeit zu betreiben. Als Alexander 1. Finnland an sich riß, gab er das Versprechen, dort die ständische Selbstverwaltung beizubehalten, die Finnland unter den Schweden besessen hatte. Aber die russische Regierung schaffte diese Autonomie nach und nach ab, um Finnland ebenso rechtlos zu machen, wie es das ganze Reich war. Polen war schon lange vom Stiefel des zaristischen Gendarmen niedergetrampelt. Sogar die dürftige Reform, die durch die Schaffung der so genannten Organe der örtlichen Selbstverwaltung (Semstwos und Stadtdumas) vorgenommen wurde, erstreckte sich nicht auf Polen. Polen erhielt auch keine Geschworenengerichte. Zahlreiche Rechtsbeschränkungen wurden für die Polen im Staatsdienst und in der Armee festgelegt.

Besonders rechtlos aber waren im zaristischen Rußland die Juden. Ihnen wurde das Recht der Niederlassung und der Freizügigkeit beschränkt. Eine Ausnahme davon wurde nur für die reichen Juden - die Kaufleute der ersten Gilde - und für Personen mit Universitätsbildung gemacht. Die Klassenpolitik, die von der zaristischen Regierung auch in der nationalen Frage betrieben wurde, fand ihren Ausdruck in gewissen Abschwächungen zugunsten der wohlhabenden Schichten der nichtrussischen Bevölkerung. Aber im Vergleich zu dem herrschenden russischen Bourgeois und Gutsbesitzer fühlte sich der jüdische oder armenische Kaufmann trotzdem rechtlos. Der Besuch der Schulen war für die Juden durch eine Norm beschränkt, zum Staats- und Eisenbahndienst wurden sie überhaupt nicht zugelassen usw. Das Aufenthaltsrecht wurde für die jüdische Bevölkerung auf die so genannte «Ansiedlungszone» beschränkt. In den Städten und kleinen Orten der Gouvernements von Polen, Litauen, Weißrußland und einem Teil der Ukraine zusammengepfercht, waren die jüdischen Massen zu hoffnungslosem Elend verurteilt.

Die ortsansässige nationale Bevölkerung wurde durch die zaristischen Behörden auf das schamloseste ausgeplündert. Das System der Bestechung, im zaristischen Rußland überhaupt weit verbreitet, nahm in den entlegenen Randgebieten unerhörte Ausmaße an. Ganze Schwärme von raubgierigen Beamten fraßen, Heuschrecken gleich, den Werktätigen der unterdrückten Nationalitäten den letzten Bissen fort. In Mittelasien stiegen die Steuerlasten der örtlichen Bevölkerung infolge der russischen Kolonisierung auf das Drei- bis Vierfache, ja in einzelnen Fällen auf das Fünfzehnfache. Die Bevölkerung starb aus. In einem Gebiet, wo vor dem Einzug der Russen 45 Dörfer mit 956 Höfen bestanden, waren nach 20 Jahren der Kolonisierung nur noch 36 Dörfer mit 817 Höfen übrig, von denen 225 leer standen. Das berichten Reisende, die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die von Usbeken bewohnten Gebiete aufsuchten. Sie geben offenbar bei weitem kein vollständiges Bild aller Greuel, die in den zaristischen Kolonien verübt wurden: die zaristische Zensur hätte das nicht zugelassen. Aber selbst sie erwähnen die erbarmungslosen, blutigen Abrechnungen mit der einheimischen Bevölkerung beim geringsten Versuche einer Empörung. Ganze Dörfer wurden wegen irgendeines ermordeten Russen, dessen Leiche in der Umgebung aufgefunden worden war, vollständig niedergebrannt. Im Befehl eines russischen Offiziers, der 1910 den Aufstand in Katta-Kurgan niederwarf, wird ganz unverblümt gesagt, daß «die Schuhsohle eines russischen Soldaten wertvoller ist als tausend Köpfe der unseligen Sarten» (Usbeken) .67

Und solche Befehle blieben nicht bloß eine «Phrase». Davon zeugt das furchtbare Blutbad unter der Bevölkerung von Andishan.

Im Jahre 1898 brach ein Aufstand unter den Usbeken des damaligen Fergana-Gebietes aus. An seiner Spitze stand ein einheimischer religiöser Führer, Duktschi Ischan, der ungeheure Popularität besaß. In der Nacht vom 17. zum 18. Mai überfiel eine Gruppe von Einheimischen, die mit Messern, eisernen Keulen und Stöcken bewaffnet waren, die Kasernen in Andishan. 19 Soldaten wurden getötet. Die zaristischen Truppen vermochten jedoch den Aufstand rasch niederzuschlagen. Hunderte von Usbeken, die überhaupt nicht an dem Aufstand teilgenommen hatten, wurden niedergemetzelt. Sämtliche Kischlaks, in denen Führer des Aufstandes gewohnt hatten, wurden dem Erdboden gleichgemacht und auf dem verödeten Boden wurden russische Siedlungen errichtet. Um den Materialschaden einzubringen, der auf 130 000 Rubel beziffert wurde, erfolgte der Zwangsverkauf des Eigentums nicht nur der Verurteilten, sondern auch ihrer Verwandten. 18 Menschen wurden gehängt, 362 zu Zwangsarbeit von vier bis zwanzig Jahren verurteilt.

So ist es nicht verwunderlich, daß die Völker Mittelasiens ebenso wie der übrigen Kolonien von zitternder Furcht vor dem «russischen Namen› durchdrungen waren. Jeder, selbst der unbedeutendste Vertreter der zaristischen Verwaltung, bis zum letzten Polizisten, fühlte sich als Herrscher über die ihn' unterstellten «Wilden». Das ganze Verwaltungssystem war darauf eingestellt, die Voraussetzungen zur nationalen Unterdrückung zu erhalten und zu fördern. Staatsmacht und Kirche empfahlen der russischen Bevölkerung, den «ungetauften Fremdstämmigen» nicht als einen Menschen zu betrachten.

Uni die Agrarrevolution abzuwenden, suchte die russische Regierung den Bodenhunger eines Teiles ihrer eigenen Bauern auf Kosten der unterdrückten Völker zu befriedigen. Die Kolonien wurden Großbauern und Kosaken zur Ausbeutung und Plünderung überlassen.

Zugleich schuf sich der Zarismus aus den in die Randgebiete übersiedelten Bauern und Kosaken eine Stütze im Kampf gegen die einheimische nationale Bevölkerung.

Die Oberschicht der Gutsbesitzer, vertreten durch Parteien, wie der «Verband des russischen Volkes», die «Nationalisten» und andere, entfesselte in Gemeinschaft mit der Militärclique, der Bürokratie und der monarchistischen Presse («Semschtschina», «Russkoje Snamja», «Nowoje Wremja», «Moskowskije Wjedomosti», «Jushny Kraj» in Charkow, «Kawkas» in Tiflis, «Kiewljanin» und andere Zeitungen) eine rasende nationalistische Kampagne gegen alle «,Fremdstämmigen»; besonders raffiniert schürten sie den Antisemitismus, organisierten sie in der Ukraine Judenpogrome, Metzeleien zwischen Armeniern und Türken in Transkaukasien usw. Die Regierung ihrerseits förderte die nationale Zwietracht zwischen den verschiedenen Völkerschaften. Dadurch, daß er sie gegeneinander hetzte, suchte der Zarismus seine Herrschaft über die unterjochten Nationalitäten zu stärken, ihren Zusammenschluß, die Schaffung einer internationalen Einheitsfront der unterjochten Völker gegen den russischen Absolutismus zu verhindern.

Die Politik des Zarismus gegenüber den unterjochten Nationalitäten entsprach der politischen Losung des alten Rom: «Teile und herrsche!»

Die gesamte Bevölkerung des russischen Reiches wurde scharf in zwei Lager getrennt: auf der einen Seite die Großrussen, denen man auf jede Art die Ueberzeugung beizubringen suchte, daß sie zu einer Großmacht, zu einer privilegierten Nation gehören, auf der andern Seite die abhängigen, nichtgleichberechtigten Völker.

Einer der Führer der Partei des «Allrussischen Nationalverbandes schrieb in der «Nowoje Wremja», die von Surowin herausgegeben wurde und sich sogar innerhalb der Schwarzhunderter Presse durch besondere Hemmungslosigkeit in der Entfachung des Nationalhaders und in der Verfechtung der russischen Großmachtpolitik auszeichnete:

«Wir, von Gottes Gnaden das russische Volk, Herrscher über das große und das kleine und das weiße Rußland, fassen diese Herrschaft als besondere Gnade Gottes auf, die wir hoch zu schätzen verpflichtet und auf jede Weise aufrechtzuerhalten berufen sind. Nicht leicht haben wir Russen diese Herrschaft gewonnen ... Aus freien Stücken die gewonnenen Herrscherrechte mit den unterworfenen winzigen Völkern zu teilen - man sage uns doch, was wäre daran vernünftig? Im Gegenteil, das wäre der Gipfel des politischen Schwachsinns, das hieße unsere Geschichte verschwenden, ganz ähnlich den Muttersöhnchen' der Kaufleute, die eine Million geerbt haben und sie an die Lakaien und gefallenen Frauen verschleudern. Die Natur selbst hat den russischen Stamm unter vielen andern als den stärksten und begabtesten auserwählt. Die Geschichte selbst hat die Minderwertigkeit der kleinen Stämme uns gegenüber bewiesen.»68

Die nationalistische Großmachteinstellung kam am krassesten im Programm des «Verbandes des russischen Volkes», der Schwarzhunderter-Organisation, zum Ausdruck. Darin hieß es: «Dem russischen Volkstum, dem Sammler des russischen Bodens, das einen großen und mächtigen Staat geschaffen hat, steht die überragende Bedeutung im Staatsleben und im Aufbau des Staates zu ... Alle Institutionen des russischen Staates vereinigen sich im entschlossenen Bestreben zur unbeugsamen Förderung der Größe Rußlands und der Vorrechte des russischen Volkstums, jedoch nach den strengen Grundsätzen der Gesetzlichkeit, auf daß die große Zahl der Fremdstämmigen, die in unserm Vaterland leben, es sich zur Ehre und zum Heil anrechnen, dem Russischen Reich anzugehören, und auf daß sie ihre Abhängigkeit nicht als Last empfinden . . .»69

Die nationale Politik der Schwarzhunderter fand volle Zustimmung bei den Parteien der Oktobristen und «Nationalisten». Der erste Programmpunkt der Partei der «Nationalisten» lautete: «Festigung der russischen Staatlichkeit nach den Grundsätzen der absoluten Macht.»70

Die gemäßigteren bürgerlichen Parteien, wie die Kadetten, die sich Partei «der Volksfreiheit» nannten, und andere Parteien, die die Interessen der kapitalistischen Gutsbesitzer und des Industriekapitals, besonders der Leichtindustrie, also Gruppen, die mehr als andere auf den inneren Markt angewiesen waren, vertraten, suchten ihre nationalistischen Ziele durch gewisse äußerliche Zugeständnisse an die bürgerlichen Elemente der unterdrückten Nationalitäten zu erreichen. Aber auch diese Parteien hielten selbstverständlich jedes Schwanken in den Fragen der Einheit des russischen Staates und des weiteren Raubes fremder Gebiete für unzulässig. Die Losung des «einigen und unteilbaren Rußland» war dem gesamten bürgerlichen Lager gemeinsam.

Als Lenin über die Stellungnahme der Kadetten zur nationalen Frage sprach, fragte er, worin sie sich vom Nationalismus und Chauvinismus der «Nowoje Wremja» und Co. unterschieden, und antwortete

«Nur durch weiße Handschuhe und diplomatisch-vorsichtigere Redewendungen. Aber der Chauvinismus ist auch in weißen Handschuhen und bei den gewähltesten Redensarten widerwärtig.»71

Die so genannten sozialistischen Parteien, die in Worten das Selbstbestimmungsrecht der unterdrückten Nationalitäten anerkannten, traten in der Praxis ebenfalls für die unantastbare Geschlossenheit des russischen Staates ein. Die Partei der Sozialrevolutionäre sprach sich für den Aufbau des Staates auf föderativer Grundlage aus, gestand aber den Nationen durchaus kein Recht auf die staatliche Lostrennung zu, sondern beschränkte die Lösung der nationalen Frage auf das Gebiet der Kultur und Sprache.

Die innerhalb Rußlands bestehenden nationalistischen Parteien - die «Polnische Partei der Sozialisten» unter den Polen, die «Daschnaken-Partei» unter den Armeniern, der «Bund» unter den Juden u. a. m. - bezogen im ganzen eine bürgerliche Stellung in der nationalen Frage und waren für die Trennung der Organisationen der Arbeiterklasse nach Nationalitäten. Sie beschränkten diese Frage auf die engen Probleme der eigenen Nationalität, spiegelten also die Anschauungen der kleinbürgerlichen Schichten wider und entstellten die internationale proletarische Linie. Eine dieser «Lösungen» der nationalen Frage war das Projekt der e nationalkulturellen Autonomie». Von den österreichischen Sozialdemokraten hervorgebracht, vom jüdischen «Bund» unterstützt und bei den Menschewiki, darunter den kaukasischen, mit Sympathie aufgenommen, lief dieses Projekt darauf hinaus, die bolschewistische Losung: Selbstbestimmung der Nationen bis zur Lostrennung - durch die kleinbürgerliche nationalistische Losung der Organisierung besonderer gesamtstaatlicher nationaler Verbände zur Leitung der Schul-, Kultur- und sonstigen Angelegenheiten der eigenen Nationalität zu ersetzen.

Stalin stellte fest, daß die «national-kulturelle Autonomie» «die einheitliche Klassenbewegung in einzelne nationale Bächlein zerreißt», «indem sie die schädlichen Ideen des gegenseitigen Mißtrauens und der Absonderung der Arbeiter der verschiedenen Nationalitäten verbreitet».72

Zugleich war die «national-kulturelle Autonomie» eine Propaganda für die Losung des Zusammenschlusses der verschiedenen Klassen. So desertierten die Menschewiki auch in der nationalen Frage von den internationalen Klassenpositionen des Proletariats.

Die Bolschewiki, die ihre Nationalitätenpolitik unter der Führung Lenins und Stalins herausbildeten, erkannten die gewaltige Bedeutung der nationalen Frage für die proletarische Revolution, namentlich unter den Verhältnissen Rußlands, wo die nichtrussischen Nationalitäten die Mehrheit (56,7 Prozent), die Großrussen aber die Minderheit (43,3 Prozent) der Bevölkerung ausmachten. Die Partei der Bolschewiki bot alle Kräfte auf, um keine Spaltung zwischen dem russischen Proletariat und den Arbeitern der anderen Nationalitäten aufkommen zu lassen.

Lenin und Stalin gaben eine erschöpfende Kritik der Programme der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien in der nationalen Frage. Die bolschewistische Parteikonferenz vom September 1913 -
die sogenannte «August- oder Sommerberatung des Zentralkomitees>> bestätigte die Grundlinie der Partei in der nationalen Frage, die Linie der internationalen Annäherung der Werktätigen; sie erklärte:

«Die Interessen der Arbeiterklasse erfordern die Verschmelzung der Arbeiter sämtlicher Nationalitäten des betreffenden Staates in einheitlichen proletarischen Organisationen - politischen, gewerkschaftlichen, genossenschaftlichen und Bildungsorganisationen usw.

... Was das Recht der von der Zarenmonarchie unterdrückten Nationen auf Selbstbestimmung, das heißt auf Lostrennung und Bildung eines selbständigen Staates anbetrifft, so muß die sozialdemokratische Partei unbedingt für dieses Recht eintreten . . . Das erfordert . .. die Sache der Freiheit der großrussischen Bevölkerung selbst, die nicht imstande ist, einen demokratischen Staat zu schaffen, wenn nicht der großrussische Schwarzhunderter-Nationalismus ausgemerzt wird, der durch die Tradition einer Reihe blutiger Unterdrückungen nationaler Bewegungen gestützt wird und der nicht nur von der Zarenmonarchie und allen reaktionären Parteien, sondern auch besonders in der Epoche der Konterrevolution, von dem der Monarchie gegenüber knechtseligen großrussischen bürgerlichen Liberalismus gezüchtet wird.»73

Das war die Lenin-Stalinsche Stellungnahme zur nationalen Frage.

Vor denn imperialistischen Kriege stellte sich die bürgerliche nationale Befreiungsbewegung nicht die Lostrennung ihrer Nationen von Rußland als direkte Aufgabe.

Der Krieg und die offenkundig zu erwartende Niederlage der russischen Armee erzeugten starke separatistische Bestrebungen bei den bürgerlichen nationalistischen Gruppen. Die zentrifugalen Kräfte begannen die Oberhand zu gewinnen. Einerseits war die nationale Geduld erschöpft, andererseits fühlte man, daß die Gitter, die um das «Gefängnis der Völker» gezogen waren, ihre Festigkeit zu verlieren begannen und daß sie bei genügendem Druck für immer beseitigt werden konnten.

In den nationalen Randgebieten setzte eine Gärung gegen den russischen Zarismus ein. In Mittelasien kam sie 1916 in einem großen Aufstand zum Durchbruch, der nicht nur die Kasachen .- vor der Revolution wurden sie Kirgisen genannt - sondern fast sämtliche Völker erfaßte, die das Steppengebiet (Kasachstan) und Turkestan bewohnten.

Auch bei den Polen, Finnen und Ukrainern nahm die Tätigkeit der bürgerlichen Separatisten zu, die nationalistische Aktionsprogramme aufstellten. Bei den Litauern, den transkaukasischen und anderen Nationalitäten war ebenfalls eine Belebung der nationalen Freiheitsbewegung zu beobachten. Auch die gemeinsamen nationalen Forderungen verschärften sich aufs äußerste, besonders auch deshalb, weil die Bourgeoisie den imperialistischen Krieg zu. einem Krieg für die Verteidigung der schwachen Nationen erklärt hatte.

Die Bestrebungen zur Lostrennung von Rußland äußerten sich in der Organisierung von Kongressen der separatistischen Nationalisten im Auslande. Es wurde eine «Liga der russischen Völker geschaffen, die im Mai 1916 eine kollektive Beschwerde an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Wilson, richtete, und darin die schwere Lage der Nationalitäten in Rußland schilderte.

Die separatistischen Tendenzen bei den Völkerschaften Rußlands wurden von den kriegführenden Mächten sehr ernst in Rechnung gestellt. Jede von ihnen suchte diese Bewegung für ihre Ziele auszunutzen. So schrieb z. B. während des Krieges der bekannte französische Politiker Pierre Chantrel an den Ministerpräsidenten Clemenceau:

«Berlin fördert auf jede Weise die separatistischen Bewegungen, um sich im Osten neue politische und ökonomische Parteigänger zu schaffen. Die Entente hat alle Ursache, parallel mit Deutschland zu handeln, um ihm die Früchte dieser Arbeit zu nehmen. Mit dem einigen und unteilbaren Rußland ist es zu Ende. Frankreich muß sich einmischen, um es in eine Föderation auf Grund der freiwilligen Verständigung der miteinander verhandelnden Teile umzuwandeln. Die Staatsmänner der Entente müssen einsehen, daß es für Deutschland schwieriger sein wird, mit drei oder vier Hauptstädten fertig zu werden, als mit dem einen Petersburg.»74

Die unterdrückten Nationalitäten bildeten eine sehr wichtige Reserve zur Auffüllung des Menschenmaterials der kämpfenden Armeen. Sie lieferten jene niedergedrückten Sklaven des Krieges, die von der Bourgeoisie selbst mit zynischer Offenheit als «Kanonenfutter› bezeichnet wurden.

Die Bourgeoisie der kriegführenden Länder brauchte die heuchlerische Bezeichnung des imperialistischen Gemetzels als eines «heiligen Krieges für die Befreiung der schwachen Nationen», um die Unterstützung der unterjochten Nationalitäten und der Bevölkerung der Kolonien zu gewinnen und um unter ihnen die Autorität des Feindes zu untergraben. So bemühte sich z. B. Deutschland, Aufstände in Irland und in den Kolonien der Ententeländer hervorzurufen. Die Entente hetzte ihrerseits die Tschechen, Polen usw. gegen Oesterreich und Deutschland auf.

Auf der Grundlage der allgemeinen Zuspitzung der imperialistischen Gegensätze führte dies alles dazu, daß die Wogen der nationalen Befreiungsbewegung hoch emporschlugen. Sie wurde zu einem sehr ernsten politischen und stellenweise auch revolutionären Faktor.

Einer der ideologischen Grundpfeiler des monarchistischen Regimes - «ein einiges und unteilbares Rußland» - war um diese Zeit bereits stark erschüttert durch den gesamten Verlauf der Kriegsereignisse, die den Erfolg der Revolution vorbereitet und erleichtert haben.

5.

Zwei Verschwörungen

Die Zersetzung der Armee war nur der krasseste Ausdruck des allgemeinen Zerfalls des verfaulten Polizeiregimes. Der Zarenhof, der während der ganzen Geschichte der Romanows ein Schauplatz von Intrigen, Korruption und Meuchelmorden war, wurde zum offenen Sammelpunkt von Abenteurern und dunklen Geschäftemachern. Eine ungeheure Rolle am Hofe spielte Grigorij Rasputin, der seinen wirklichen Namen auf Nowych umgeändert hatte. Ein Bauer aus dem Dorf Pokrowskoje im Kreis Tjumen, hatte er sich in seinen jungen Jahren in Klöstern herumgetrieben und im Kreise von Scheinheiligen, Pilgern und «Narren in Christo» bewegt. Bald begann er selbst zu ,<wahrsagen» und sammelte religiös-hysterische Weiber um sich. In seinem Dorf wurde er «Grischa, der Wahrsager» genannt. Die Gerüchte von dem neugebackenen «Heiligen» drangen bis nach Petersburg, wo in den Salons der großen Welt religiöses Dunkelmännertum weit verbreitet war. Rasputin wurde in die Hauptstadt berufen. Der nicht unkluge, listige Bauer paßte sich rasch dem heuchlerischen Milieu der zaristischen Würdenträger an.

Man riß sich uni Rasputin in den vornehmsten Häusern. Auf hysterische alte Weiber und übersättigte, gelangweilte Damen machte Grigorij einen starken Eindruck. Der Chef des Polizeidepartements, S. P. Beletzki, der amtlich mit der Ueberwachung des «Heiligen» beauftragt war und dessen Einfluß zugleich im Interesse seiner Karriere ausnützte, gab nach der Revolution zu, daß Rasputin Unterricht

in Hypnose genommen hat. In den Kreisen der vornehmen Welt wurden Beispiele für die «Heiligkeit» Rasputins von Mund zu Mund weiter erzählt, man sprach von seiner Wundergabe, Kranke zu heilen. Rasputin wurde an den Hof geladen. Der Kronprinz Alexej litt an der Bluterkrankheit, gegen die die medizinische Wissenschaft gegenwärig noch machtlos ist. Die abergläubische Zarin suchte Hilfe bei Pilgern und Hypnotiseuren, sie ließ ihren Sohn an Wallfahrtsorten Reliquien küssen. Die krankhafte Liebe, mit der die hysterische Frau an ihrem Sohn hing, suchte sich Rasputin zunutze zu machen; er suggerierte der Zarin, der Thronfolger werde ohne seine Gebete sterben. Rasputin gewann ungeheuren Einfluß am Hofe. Die Zarin schrieb über ihn an ihren Gatten:

«Mein Lieber, glaube mir, Du mußt auf' die Ratschläge unseres Freundes hören. Er betet mit so glühender Leidenschaft Tag und Nacht für Dich. Er hat Dich überall geschützt, wo Du weiltest ... Du mußt bloß auf ihn hören, ihm vertrauen und ihn um Rat fragen - Du darfst nicht denken, daß er irgend etwas nicht wissen könne. Gott offenbart ihm alles».75

Die Wohnung Rasputins, der am Zarenhofe ein und aus ging, war von allen möglichen Hochstaplern und dunklen Geschäftemachern überfüllt. Auf analphabetischen Zetteln («Mach das, mein Liber...» bat Rasputin die Minister, Konzessionen oder Aemter an bestimmte Personen zu verleihen. Keine einzige Ernennung erfolgte ohne Mittun des «Lampenträgers des Zaren», wie der «Heilige» genannt wurde. Als der Innenminister ernannt werden sollte, schrieb die Zarin an Nikolaus II.:

«Mein Geliebter! A. (Wyrubowa, die Vertraute der Zarin und eine der eifrigsten Anhängerinnen Rasputins. Die Red.) hat soeben mit Andronikow und Chwostow gesprochen; der letztere hat einen vorzüglichen Eindruck auf sie gemacht. (Ich kenne ihn nicht und kann daher nichts über ihn sagen.) Er ist Dir sehr ergeben, hat mit ihr ruhig und gut über unsern Freund gesprochen.»76

Es genügte, daß A. N. Chwostow gut über «den Freund» sprach, damit er zum Innenminister ernannt wurde.

Das Rasputin-Unwesen zerfraß das Zarenregime wie eine schlimme Krankheit, aber Rasputin war durchaus nicht der einzige dieser Art am Hof. Die bürgerlichen Historiker rückten seine Figur in den Vordergrund, um zu verdecken, daß die ganze Hofclique nichts als eine widerwärtige, bei lebendigem Leibe verfaulende Bande war. Am Hofe gingen solche Typen mit Erfolg ihren Machenschaften nach, wie der Fürst M. M. Andronikow, ein Spekulant, Organisator aller möglichen fiktiven Unternehmungen und großer Profitoperationen, von der Art des Ankaufs von bewässerten Ländereien in Mittelasien unter Beihilfe des Kriegsministers Suchomlinow. Einer der Sekretäre Rasputins, Manassewitsch-Manuilow, ein Geheimagent der Polizei und Mitarbeiter der reaktionären Zeitung «Nowoje Wremja», betrieb seine Schwindel- und Korruptionsgeschäfte so ungeniert, daß sich sogar die Polizei gezwungen sah, ihn zu verhaften. Aber die Zarin griff in die Angelegenheit ein. Am 10. Dezember 1916 schrieb sie an Nikolaus:

«Auf den Akten Manuilows bitte ich Dich hinzuschreiben: ,Das Verfahren ist einzustellen' und sie an den Justizminister zu schicken. Batjuschin, in dessen Händen die ganze Angelegenheit lag, kam jetzt selber zu A. (Wyrubowa. Die Red.) und bat, das Verfahren einzustellen, weil er sich endlich überzeugt hat, daß dies eine schmutzige Geschichte sei, die nur aufgebracht wurde, um unserem Freund zu schaden.›77

Nicht Rasputin, sondern der Geist Rasputins - finsterste Reaktion, fanatische Raserei, geistiger Tiefstand und moralische Fäulnis, die sich in Rasputin nur auf das krasseste verkörperten - das war für die Romanowherrschaft charakteristisch.

Der nahenden Katastrophe konnte der Zarismus nur neue Unterdrückungsmaßnahmen und eine Verschärfung des ohnehin schon bestehenden Zuchthausregimes entgegensetzen. Die letzten Ueberreste von Gewerkschaftsverbänden wurden auseinandergejagt. Die Industriestädte wurden rücksichtslos von allen revolutionärer Gesinnung «verdächtiger» Elementen gesäubert. Die Gefängnisse waren überfüllt. Aber die Minister konnten der Zerrüttung nicht Herr werden. Man begann sie abzusetzen. Das Minister-Bockspringen begann. Allein in zwei Kriegsjahren gab es vier Ministerpräsidenten - I. L. Goremykin, B. W. Stürmer, A. F. Trepow, N. D. Golizyn -, sechs Innenminister, drei Kriegsminister und drei Außenminister. Sie tauchten auf, schwammen eine kurze Zeit auf der Oberfläche und verschwanden wieder. Das wurde das «Minister-Bockspringen» genannt. Der Ministerrat wurde ironisch als ein «Purzelbaum-Kollegium» bezeichnet. Die Verteilung der Ministerposten hing von Empfehlungen dunkler Abenteurer, von der Meinung der «Sternkammer» ab, wie der Kreis Rasputins genannt wurde. Häufig spielten auch andere Motive eine Rolle. In einem Brief, in dem sie Nikolaus ersuchte, Stürmer zum Ministerpräsidenten zu ernennen, schrieb die Zarin, der neue Kandidat sei im Kopf «durchaus frisch» 78 . N. A. Maklakow wurde, wie er selbst mitteilt, aus folgendem Anlaß zum Innenminister ernannt: Als Nikolaus nach der Ermordung Stolypins von Kiew nach Tschernigow kam, wo Maklakow Gouverneur war, herrschte dort «ausgezeichnetes Wetter und eine gute, zuversichtliche Stimmung»79. Man wurde auf den Gouverneur aufmerksam. Maklakow war bei Hofe unentbehrlich: er konnte einen krähenden Hahn, einen «verliebten Panther» und andere Tiere nachahmen. Die Ausübung dieser Narrenspossen genügte, um einen Ministerposten zu erhalten.

Aber weder die häufigen Kopfsprünge der ständig wechselnden Minister noch des «Freundes» Gebete - «bei Tag und Nacht> - halfen mehr. Das Land und die Armee wurden mehr und mehr revolutioniert. Die alten Widersprüche flammten mit neuer Kraft auf, die Elemente einer revolutionären Situation verdichteten sich von Tag zu Tag.

Die allgemeine Zerrüttung kam besonders scharf in der Lebensmittelkrise des Herbstes 1916 zum Ausdruck. Die Getreidezufuhr ging jäh zurück. Petrograd erhielt täglich nur ein Drittel der ihm zu kommenden Waggonladungen. Vor den Lebensmittelgeschäften bildeten sich lange Schlangen. Die Leute sammelten sich lange vor Tagesanbruch, standen ganze Nächte hindurch an, aber am Morgen erhielt nur ein Teil der Wartenden seine Hungerration. Die endlosen Schlangen nahmen den Charakter von Meetings an und ersetzten revolutionäre Aufrufe. Vor den Läden wurden Neuigkeiten ausgetauscht. Häufig ergriffen Agitatoren das Wort, um die Wartenden darüber aufzuklären, wer die Lebensmittelschwierigkeiten herbeigeführt hatte. Die Erregung der breiten Massen nahm rasch zu. Der Gendarmeriechef von Perm berichtete am 18. Oktober 1916:

<Die Geister sind erregt; es fehlt nur noch ein Anstoß, damit die über die Teuerung empörte Bevölkerung zum offenen Aufruhr schreitet.»80

Der Chef der Moskauer Geheimpolizei meldete am 20. Oktober:

<In den Krisentagen erreichte die Spannung in den Massen einen solchen Grad, daß zu befürchten ist, daß diese Spannung sich in schweren Ausschreitungen entladen kann.>81

Die Regierung versuchte, das Volk zu beruhigen. Der Landwirtschaftsminister, Graf A. A. Bobrinski, gab Erklärungen zur Erläu terung der Lage ab, aber seine Zeitungsinterviews steigerten nur die
Erregung. In den Massen wurde bekannt, daß der Leiter der Ernährungspolitik ein Großgrundbesitzer, ein bekannter Zuckerfabrikant, ein Millionär war, der dem Volk fremd und feindlich gegenüberstand. Die Partei der Bolschewiki hatte trotz vieler Verhaftungen, die hervorragende Führer aus ihren Reihen rissen - erst unlängst, in der Nacht vom 20. zum 21. Juli 1916 waren 30 Personen, darunter Mitglieder des Petersburger Komitees, verhaftet worden - im Herbst ihre Organisationen bereits wiederhergestellt und entfaltete eine umfassende Tätigkeit. In den Betrieben lebten die bolschewistischen Zirkel auf. Die einzelnen Zirkel verschmolzen zu Stadtteilorganisationen. Die revolutionäre Literatur wurde stärker vertrieben. Mitte Oktober erschien in der Hauptstadt das Flugblatt «An das Proletariat Petersburgs»; darin sagte das Petersburger Komitee der Bolschewiki

«Das Leben wird mit jedem Tag schwerer ... Der verbrecherische Krieg bringt neben Millionen Toten und Verstümmelten ... noch andere Leiden mit sich:... die Lebensmittelkrise und die damit verbundene Teuerung. Das furchtbare Gespenst des Zaren Hunger naht wieder drohend Europa . . . Schluß mit dem Dulden und Schweigen ... Um die Teuerung zu beseitigen und euch vor der nahenden Hungersnot zu retten, müßt ihr gegen den Krieg, gegen das ganze Gewalt- und Raubsystem kämpfen.»82

Der Aufruf der Partei fiel auf einen glühenden Boden. Am 17. Oktober brach in Petersburg in den «Renault»-Werken im Wiborger Stadtteil ein Streik aus. Die Arbeiter zogen vor andere Betriebe. In kurzer Zeit füllten die Demonstranten den Sampsonjewski-Prospekt. Vor der Kaserne des 181. Regiments wollte die Polizei einen Agitator verhaften, doch die Menge verhinderte es. Die Soldaten eilten aus der Kaserne und begannen Steine auf die Polizisten zu werfen. Der Regimentskommandeur wurde herbeigerufen. Die erregten Arbeiter und Soldaten zertrümmerten sein Automobil und verletzten den Obersten. Am späten Abend alarmierten die Offiziere das Ausbildungskommando des Regiments. Dieses sperrte die Kaserne gegen die Demonstranten, weigerte sich aber, trotz dreimaligen Befehls, auf die Masse zu schießen. Kosaken sprengten heran, aber sie hatten offenbar Angst vor den bewaffneten Soldaten. Die Arbeiter zogen vor andere Fabriken, um die Belegschaften zur Einstellung der Arbeit zu veranlassen. Am nächsten Tag streikte die Mehrheit der Betriebe im Wiborger Stadtteil. Die Arbeit ruhte drei bis vier Tage.

Am 25. und 26. Oktober sollten die wegen der Schaffung einer bolschewistischen Organisation in der Baltischen Flotte verhafteten Matrosen abgeurteilt werden. Die Bolschewiki forderten die Petrograder Proletarier zum Protest gegen das zaristische Gericht auf. Am 25. Oktober zogen einige Zehntausende von Arbeitern mit Gesang durch die Straßen der Hauptstadt, sie trugen Schilder: «Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Todesstrafe!» Die Polizei war außerstande, die Demonstration zu zerstreuen. Während des ganzen Tages erfolgten in den verschiedenen Stadtteilen Kundgebungen. Im ganzen Lande streikten im Oktober etwa 187 000' Arbeiter, viermal soviel wie im vorhergehenden Monat (47 000 im September) und um ein Vielfaches mehr als in irgendeiner früheren Periode des Krieges. Aber es handelte sich nicht nur um das Anwachsen der Streikwelle: die Oktoberstreiks trugen einen scharf ausgeprägten politischen Charakter und standen unter der Führung eben der bolschewistischen Partei, die die Polizei für völlig liquidiert hielt. Der Direktor des Polizeidepartements prahlte mit dieser Liquidierung in einem verspäteten Bericht an den Innenminister. Als der Minister am 30. Oktober die Meldung über die angebliche Zerschmetterung der bolschewistischen Partei las, befanden sieh in seinen Händen zugleich Berichte über den neuen Streik und über eine Demonstration von einem Ausmaß, wie es seit 1914 nie gesehen war. Die herrschenden Klassen beunruhigte besonders, daß die Arbeiter die Soldaten in die Bewegung hineinzuziehen begannen.

Die Bourgeoisie klopfte im Vorgefühl des herannahenden Unwetters an die Tür des Absolutismus. Die Bourgeoisie brauchte jetzt den Absolutismus nicht nur zur Fortsetzung des Krieges bis zum Siege, sondern auch zum Kampf gegen die Revolution. Die Kadetten sahen besorgt das rasche Heranwachsen der Revolution. In der Sitzung des Moskauer Komitees der Kadettenpartei legte Kischkin, ein prominenter Kadett, am 23. September dar, daß das Land durch die unfähige Regierung zur Revolution getrieben werde. Kischkin hoffte, daß das die Regierung erschrecken und sie in die Arme der Kadetten treiben würde, daß es den Absolutismus veranlassen werde, sich zu Zugeständnissen zu bequemen. Am 23. und 24. Oktober 1916 fand in Moskau die Parteikonferenz der Kadetten statt. Sie legte sogar nach dem Urteil der Geheimpolizei, die ihre Agenten auf der Konferenz hatte, «maßlose Furcht vor der Revolution» an den Tag. Miljukow warnte vor der Aufmunterung der «revolutionären Instinkte

«Es kann nicht unsere Aufgabe sein, die Regierung zur Strecke zu bringen, denn das hieße, die Anarchie fördern, sondern ihr einen völlig neuen Inhalt zu geben, d. h. die verfassungsmäßige .Rechtsordnung fest zu verankern. Deshalb ist im Kampf mit der Regierung trotz allem ein Gefühl für das Maß erforderlich.» 83

So sprachen die Kadetten, und die gleiche Haltung nahm der ganze Fortschrittsblock in der Duma ein. Unlängst noch Oppositionelle, sprachen sie jetzt nicht mehr vom Kampf gegen die Regierung im Namen des Krieges, sondern von ihrer Unterstützung im Kampf gegen die Revolution. Aber die Monarchie war bereits weder zu dein einen noch zu dem andern fähig. Die schweren Niederlagen an der Front zeigten, daß der Zarismus nicht imstande war, einen siegreichen Krieg zu führen. Die unaufhörlich zunehmende Zerrüttung bewies seine Ohnmacht, das Land aus der Sackgasse hinauszuführen. Sobald das Ausmaß und der Charakter des Petrograder Streiks vom 25.-26. Oktober klar zu sehen waren, begann die Bourgeoisie eine andere, festere Sprache zu führen. Der rechts stehende Abgeordnete Schulgin sagte am 3. November in seiner Dumarede:

«Unsere Geduld hätte sozusagen bis zur äußersten Grenze gereicht. Und wenn wir jetzt diese Regierung ganz offen und scharf verurteilen, wenn wir das Banner des Kampfes gegen sie erheben, so geschieht dies nur deshalb, weil wir wirklich an der Grenze angelangt sind, weil sich Dinge abgespielt haben, die nicht länger zu ertragen sind.›84

In der gleichen Sitzung erklärte der Kadett Maklakow

«Meine Herren, wir können nicht länger mit dieser Regierung arbeiten, wir können ihr nur Hindernisse in den Weg legen, wie sie uns Hindernisse in den Weg legen wird, aber eine Zusammenarbeit ist vollkommen unmöglich geworden; man möge also wählen: wir oder diese Regierung.»85

Kurz vorher - am 1. November - hatte Miljukow in der Duma gesprochen. Eine Reihe konkreter Tatsachen über die unfähige, korrupte Praxis der Regierung aufzählend, fragte Miljukow jedes mal. «Was ist das: Dummheit oder Verrat?86» Der Kadettenführer kritisierte scharf den Ministerpräsidenten Stürmer und klagte ihn des Verrats an den Interessen Rußlands an. Miljukow sprach von den «dunklen Kräften»87, die den Thron umgeben. Er sprach in sehr vorsichtiger Form vom Verrat an der Spitze des Regimes; das war eine Anspielung auf die Zarin, über die das Gerücht ging, sie sympathisiere mit den Deutschen. Der Angelpunkt der Miljukowschen Rede war: die Regierung ist nicht imstande, den Krieg zum siegreichen Ende zu führen. Im Namen des gesamten Fortschrittblocks gab S. Schidlowski eine offizielle Erklärung ab:

<„Heute erheben wir erneut unsere Stimme, aber nicht mehr, um vor der drohenden Gefahr zu warnen, sondern um auszusprechen, daß die Regierung in ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung nicht fähig ist, dieser Gefahr Herr zu werden.» . . . Sie müsse daher «den Platz frei machen für Männer, die eine gemeinsame

Auffassung über die Aufgaben des gegenwärtigen Moments vereinigt und die bereit sind, sich in ihrer Tätigkeit auf die Dumamehrheit zu stützen und deren Programm in die Tat umzusetzen .» 88

Die Bourgeoisie forderte nunmehr nicht eine «Regierung des Vertrauens», sondern eine verantwortliche Regierung, d. h. eine solche, die der Duma voll verantwortlich ist. Eine solche Regierung wäre nach Meinung der Oppositionsführer imstande gewesen, die Revolution niederzuwerfen und den Krieg fortzusetzen.

So scharf die Bourgeoisie auch gegen den Absolutismus auftrat, betonte sie dennoch ständig, daß die Schärfe ihres Kampfes durch die Gefahr einer Revolution bedingt sei. Der gleiche Schulgin sagte in der Duma:

«Ein solcher Kampf ist das einzige Mittel, um das abzuwenden, was wohl am meisten zu fürchten ist, um Anarchie und Chaos abzuwenden » 89

Die Haltung des Fortschrittsblocks fand auch in den Kreisen der äußersten Rechten Unterstützung. Purischkewitsch kritisierte scharf die Regierung und die «dunklen Kräfte, die das Land regierten 90 . Sogar der Reichsrat, in den nur die treuesten Anhänger des Throns berufen wurden, sogar diese Kammer von reaktionären Würdenträgern faßte am 22. November eine Resolution, die den Rücktritt der Regierung forderte91. Sogar der Kongreß des vereinigten Adels sprach von «dunklen Kräften» und der Notwendigkeit, eine neue Regierung zu bilden. Allerdings hieß es in dieser Adelsresolution, die neue Regierung müsse ausschließlich dem Monarchen verantwortlich sein92, aber auch in dieser Form war die Stellungnahme des Kongresses ein Beweis für den Bruch zwischen der regierenden Oberschicht und einem gewissen Teil ihrer Klassenfreunde. Im Herbst 1915 war gegen den Fortschrittsblock ein Entrüstungssturm der gleichen Leute losgebrochen, die im Herbst 1916 seine Forderungen wiederholten; so stark schwankte der Boden unter den Füßen der herrschenden Klasse.

Der Absolutismus stand vor der Wahl, entweder den Krieg fortzusetzen und dadurch einen Aufstand der Arbeiter und Bauern heraufzubeschwören, oder ein Friedenskompromiß mit den Deutschen herbeizuführen und dadurch die revolutionäre Unzufriedenheit zu mildern. In diesem Falle mußte der Zarismus auf den Widerstand der Bourgeoisie stoßen, die den Krieg als unerschöpfliche Quelle von Profiten und als Weg zur Eroberung neuer Märkte brauchte. Der Zar und seine Umgebung entschlossen sich, mit dem Krieg Schluß zu machen; sie nahmen an, daß sie mit der Opposition der Bourgeoisie immerhin leichter fertig werden würden, als mit einem Aufstand der Massen. Aber es wäre gewagt gewesen, diese Absichten sofort auszusprechen: die bürgerlichen Kreise waren zu erregt, und auch die Verbündeten verfolgten mit wachsendem Mißtrauen die Politik des Absolutismus.

Die russische Bourgeoisie versuchte während des Krieges mehrmals, bei den englisch-französischen Imperialisten darüber Klage zu führen, daß man sie in ihrer «patriotischen» Arbeit beenge. Die ausländischen Kapitalisten interessierte nicht nur die zaristische Armee, ohne die an einen Sieg über Deutschland gar nicht zu denken war. In einer Reihe von Industriezweigen - Metall- und chemische Industrie - gehörte ein großer Teil der Betriebe dem Auslandskapital. Die englische und französische Bourgeoisie war an einer ungestörten und Profit bringenden «Arbeit für die Landesverteidigung» interessiert. Ende März 1916 erhielt Rodsjanko von den Regierungen Englands, Frankreichs und Italiens die Einladung, eine Delegation der Reichsduma zum Studium der ausländischen Rüstungsindustrie zu entsenden. Im Frühjahr 1916 reisten eine Anzahl von Abgeordneten, darunter Miljukow und Protopopow, ins Ausland. Andererseits kamen im April 1916 Vertreter der ausländischen Regierungen nach Rußland. Darunter befanden sich Albert Thomas, ein bekannter Führer der II. Internationale, und Viviani, beide «Sozialisten» und französische Minister. Nikolaus wurde sorgfältig auf die Zusammenkunft mit den Delegierten vorbereitet, man versicherte ihm, daß sie, obwohl «Sozialisten», alle ihre Kräfte in den Dienst der Verteidigung ihres imperialistischen Vaterlandes stellen. Der französische Präsident Poincare, wegen seiner scharfen imperialistischen Politik «Poincare la guerre» (Poincare - der Krieg) genannt, gab von einem dieser Delegierten folgende Charakteristik:

«Albert Thomas, Unterstaatssekretär und Minister für Heeresversorgung, hat in Frankreich mit ausgezeichnetem Geschick und unermüdlichem Eifer die Erzeugung von Geschützen und Granaten für die Artillerie geleitet ... Er hat die Entwicklung eines Produktionszweiges in Frankreich gefördert, der bedauerlicherweise bei all unseren Verbündeten nur ein geringes Ausmaß hatte und noch hat. Er verstand es, für dieses Ziel die Initiative des Staates und der Privatindustrie zu einer gemeinsamen Anstrengung zusammenzufassen; er sicherte sich die treue Hilfe der Unternehmer und Arbeiter, so daß schon seit vielen Monaten alle produktiven Kräfte des Landes auf die Steigerung unserer Kriegsmaterialerzeugung hinarbeiten . . .»93

Damit wurde der ganzen II. Internationale ein Zeugnis für die treuen Dienste ausgestellt, die sie dem Imperialismus geleistet hat.

Albert Thomas reiste nach Rußland, um eine Verbesserung der Rüstungsproduktion und die Entsendung von 400 000 russischen Soldaten nach Frankreich durchzusetzen. Thomas und Viviani hielten sich bis zum 17. Mai 1916 in Rußland auf. Sie besichtigten Rüstungsbetriebe, hatten Unterredungen mit den größten Kapitalisten, den Generalen, mit dem Zaren und suchten in der Rüstungsindustrie alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Die französischen «Sozialisten» versuchten auch den Arbeitern zuzureden, aber es wurde ihnen ein solcher Empfang zuteil, daß es Thomas für nötig hielt, dem Zarismus besondere Maßnahmen gegen die Arbeiter anzuraten. Albert Thomas erklärte, wie Paleologue mitteilt, dem Ministerpräsidenten Stürmer:

«Ihre Fabriken arbeiten nicht mit genügender Anspannung, sie könnten zehnmal soviel produzieren. Man müßte die Arbeiter militarisieren.»94

Dem russischen Zaren, der ohnehin schon durch die wüste Ausbeutung des Proletariats berühmt war, empfahlen Führer der II. Internationale, die Arbeiter in militärische Sklaven zu verwandeln.

Der englische Botschafter, George Buchanan, machte Nikolaus mehrmals auf die schwere Lage im Land aufmerksam. Je häufiger Rußland Niederlagen erlitt, desto nachdrücklicher wurden die «Rat- schläge» des englischen Botschafters. Buchanan verfolgte den Zaren geradezu und teilte ihm die kleinsten Tatsachen mit, die als ungünstig für England ausgelegt werden konnten. Das Verhalten des englischen Botschafters in Rußland unterschied sich wenig vom Auftreten seiner Kollegen in einem Land wie etwa Siam. Diese ständigen Belehrungen brachten Nikolaus schließlich aus dem Gleichgewicht. Er empfing jetzt den Botschafter nicht mehr ohne Förmlichkeiten, wie früher, sondern in großer Galauniform; damit wollte er andeuten, daß sich Buchanan streng offiziell zu benehmen und der «Ratschläge» zu enthalten habe. Diese Andeutung verfehlte jedoch ihr Ziel. Buchanan ging jetzt sogar zu direkten Drohungen über. Als Nikolaus den Außenminister S. D. Sasonow absetzte und an seiner Stelle B. W. Stürmer ernannte, der als Anhänger eines Friedens mit Deutschland galt, telegraphierte Buchanan nach London

«Nach allen Informationen zu urteilen, ist er (Stürmer, Die Red.) in seinem Herzen ein Deutschenfreund. Außerdem will er, als ausgesprochener Reaktionär, ebenso wie die Kaiserin, den Absolutismus unangetastet aufrechterhalten. .. Wenn der Kaiser weiter auf seine jetzigen reaktionären Ratgeber hört, so fürchte ich, daß die Revolution unvermeidlich ist.»95

Der französische Kollege Buchanans brachte seine Einschätzung der Politik des Zaren noch schärfer zum Ausdruck. Maurice Paleologue verglich sich in seinen Memoiren sehr häufig mit dein französischen Botschafter Chetardie, der bekanntlich im 18. Jahrhundert der späteren Kaiserin Elisabeth half, die damalige Regentin Anna zu stürzen. Die Absetzung Sasonows brachte Paleologue noch auf einen anderen historischen Vergleich. In seinem Tagebuch zeichnet der französische Botschafter folgendes Gespräch mit der Großfürstin Maria Pawlowa auf:

«Was ist zu tun? . . . Jetzt versuchen wir schon 15 Tage lang alles, was in unsern Kräften steht, um ihn (Nikolaus II. Die Red.) zu überzeugen, daß er die Dynastie zugrunde richtet, Rußland zrigrunde richtet, daß seine Herrschaft . . . bald mit einer Katastrophe enden wird. Er will nichts davon hören. Das ist eine Tragödie ... Wir werden es jedoch mit einem kollektiven Schritt der ganzen kaiserlichen Familie versuchen . . .

Wird es bei platonischen Vorstellungen bleiben? .. .

Wir blicken uns stillschweigend an. Sie ahnt wohl, daß ich das Drama Paul I. im Auge habe, denn sie antwortet mit einer Geste des Entsetzens:

Mein Gott! Was wird geschehen? . . . » 96

Der Botschafter scheute den Zarenmord nicht, als ihm schien, daß Nikolaus ungenügend den Alliierten die Treue hielt.

Unter diesen Umständen mußte der Zarismus bei seinen Plänen äußerste Vorsicht üben. Am 10. November entließ der Zar Stürmer, den man des Verrats beschuldigt hatte, und ernannte zum Ministerpräsidenten A. F. Trepow, den Bruder jenes Generalgouverneurs von Petersburg, der während der Revolution von 1905 den berühmten Befehl herausgegeben hatte: «Mit Patronen nicht sparen.» Trepow war ein Sohn jenes Petersburger Stadtkommandanten, auf den Wera Sassulitsch am 24. Januar 1878 geschossen hatte. Ein Großgrundbesitzer aus denn Gouvernement Poltawa, stand Trepow, von seiner früheren Tätigkeit in der Regierung her, mit mehreren Dumaabgeordneten in Verbindung. Am 19. November stellte sich der neue Ministerpräsident der Duma vor und verkündete sofort, daß die Alliierten Konstantinopel Rußland geben werden.

<Das russische Volk muß wissen, wofür es sein Blut vergießt»97, fügte Trepow hinzu, als er den Gutsbesitzern und der Bourgeoisie die angenehme Neuigkeit mitteilte.

Man glaubte, diese Zugeständnisse würden die erregten Abgeordneten eine Zeitlang beruhigen, und in Zukunft könne man dann einen andern Kurs einschlagen. Da der Hof die Ernennung Trepows mißtrauisch aufnahm, schrieb Nikolaus beruhigend an die Zarin:

«Es ist widerwärtig, mit einem Menschen zu tun zu haben, den man nicht liebt und zu dem man kein Vertrauen hat ... Aber vor allem muß man einen Nachfolger für ihn finden, dann kann man ihn, nachdem er die schmutzige Arbeit getan haben wird, hinauswerfen - ich meine hiermit seine Entlassung, sobald er die Duma geschlossen hat. Die ganze Verantwortung und alle Schwierigkeiten sollen auf seine Schultern fallen, nicht auf die Schultern desjenigen, der dann seinen Platz einnimmt»98.

Die Verschwörung der Zarenclique lief auf folgendes hinaus: Man plante, die «Verbände», wie die bürgerlichen Organisationen in den Regierungskreisen genannt wurden, zu verbieten, die Reichsduma auseinanderzujagen, eine neue, durchaus «willfährige» wählen zu lassen, die ganze Fülle der Macht in der Hand einer einzigen «bevollmächtigten Persönlichkeit» zu konzentrieren, einen Separatfrieden mit Deutschland abzuschließen und die Revolution niederzuschlagen.

Schon lange tastete man nach Wegen zum Frieden mit Deutschland. Bereits im Jahre 1915, als die russische Armee in vollster Flucht aus Galizien zurückströmte, trafen in Petrograd Briefe eine, Hoffräuleins der russischen Zarin, M. A. Wasiltschikowa, ein, die ständig auf ihrem Gut in Oesterreich wohnte. Wasiltschikowa war, wie es in diesen Kreisen häufig der Fall war, mit einer Reihe deutscher Aristokraten und russischer Würdenträger verwandt. Man kannte sie auch bei Hofe. Sie schrieb an Nikolaus drei Briefe mit Friedensangeboten im Namen Wilhelms II. Im Dezember kam sie persönlich in die Hauptstadt, wo sie versuchte, mit dem Zaren zu sprechen. Die Gerüchte über einen Separatfrieden drangen in die Oeffentlichkeit und man mußte Wasiltschikowa aus Petrograd ausweisen. Im April 1915 erhielt die Zarin einen Brief von ihrem Bruder, dem Großherzog von Hessen, der die Einleitung von Friedensverhandlungen vorschlug. Ohne auf eine Antwort zu warten, sandte der Herzog einen Vertrauensmann nach Stockholm, der sich dort mit einem der Vertreter des Zarismus treffen sollte. Die Zarin schrieb über ihren Bruder an Nikolaus:

«Bei ihm ist der Plan aufgetaucht, auf privatem Wege eine Vertrauensperson nach Stockholm zu senden, die sich dort mit einem von Dir (in privater Form) entsandten Vertreter treffen soll; sie könnten helfen, viele zeitweilige Schwierigkeiten zu beseitigen ... Erni (so wurde der Großherzog im Familienkreis genannt. Die Red.) hat dorthin schon zum 28. (vor zwei Tagen, aber ich habe das erst heute erfahren) eine Persönlichkeit entsandt, die dort nur eine Woche bleiben kann. Ich habe sofort eine Antwort geschrieben und sie an diesen Herrn gesandt. Ich schrieb ihm, daß Du noch nicht zurückgekehrt bist, er solle nicht warten, es sei, obwohl sich alle nach dem Frieden sehnen, die Zeit dafür noch nicht gekommen.»99

Die Verwandtschaft des Zaren wollte über die Schicksale der Völker wie über eine Familienangelegenheit entscheiden.

1916 wurden abermals mehrere Versuche unternommen, Friedensverhandlungen mit Deutschland aufzunehmen. Im Juli fand in Stockholm eine Zusammenkunft des deutschen Vertreters Warburg mit (fern stellvertretenden Dumavorsitzenden Protopopow statt, der mit der Dumadelegation ins Ausland gereist war. In dieser Aussprache teilte Warburg die Bedingungen mit, unter denen Deutschland zum Friedensschluß bereit sei.

Nach Rußland zurückgekehrt, erzählte Protopopow in Dumakreisen von seiner Unterredung. Nikolaus erfuhr von der Stockholmer Zusammenkunft Protopopows und ließ ihn sofort ins Schloß rufen. In der Duma hatte man, wie Miljukow erzählt, große Furcht, «daß dieser Vorschlag (Warburgs - Die Red.) irgendwie ernst genommen werden könnte». Miljukow bat Protopopow, den ganzen Fall «als zufällige Begegnung eines Touristen zu betrachten und in dieser Form zu berichten»100, wenn er mit Nikolaus spräche. Aber Protopopow wußte offenbar, wie er dem Zaren gefällig sein konnte. «Ich fühlte, daß er mit meinem Bericht sehr zufrieden war »101, sagte Protopopow bei seiner Vernehmung nach der Revolution von 1917. Er hatte sich nicht getäuscht: am 18. September wurde er auf Vorschlag Rasputins zum Leiter des Innenministeriums ernannt. Nikolaus verfolgte damit eine doppelte Absicht. Protopopow war stellvertretender Dumapräsident, galt als Oktobrist, war Vorsitzender des Rates der Metallindustrie, hatte also gute Verbindungen mit den Industriekreisen; zugleich war er Großgrundbesitzer mit ungefähr 5000 Desjatinen Boden im Gouvernement Simbirsk. Der Zar hoffte durch die Ernennung Protopopows zum Minister eine Brücke zur Bourgeoisie zu schlagen. Andererseits zeigte sich Protopopow - der Kandidat Rasputins - als Anhänger eines Separatfriedens, so daß er die geeignete Person zur Durchführung der Politik des Zaren war.

Die Ernennung trug Protopopow den Haß seiner früheren

Freunde aus der Duma ein, Protopopow wurde gehetzt, man verbreitete über ihn Klatschgeschichten, man sprach über ihn mit größerer Verachtung als über die andern Minister, aber nicht wege n seiner persönlichen Eigenschaften - Protopopow war nicht schlechter als irgendein anderer Günstling der Zarenclique - sondern weil er sich in einem Moment, da die Duma mit Nikolaus im Konflikt lag, zur Uebernahme eines Ministerpostens bereit fand, und besonders wegen seiner Ansichten in der Friedensfrage.

Gleichzeitig mit dem Bestreben, freie Hand nach außen zu bekommen, suchte der Absolutismus auch im Innern des Landes seinen Plan rasch durchzuführen. Am 9. Dezember wurden die Kongresse des Verbandes der Städte und der Semstwos aufgelöst. Versammlungen, die politisch vollkommen harmlos waren, wurden verboten; so wurden am 11. Dezember die Versammlungen des Vereins der Zeitungs- und Zeitschriftenpresse und danach des Vereins der Kinderärzte verboten.

Die bürgerlichen Organisationen überschütteten die Duma mit Protesten, doch unterbrach der Zarismus am 17. Dezember die Tätigkeit der Duma bis zum 12. Januar. In dieser Zeit hoffte man, alle Maßnahmen für die Neuwahlen zur Duma durchzuführen. Die Einzelheiten des Plans waren schon im Oktober 1915 von dem ehemaligen Innenminister A. N. Chwostow ausgearbeitet worden. Chwostow war früher Gouverneur in Wologda und Nishnij-Nowgorod gewesen, wo es ihm gelang, Rechte in der Duma durchzubringen. Dieser «Spezialist» für Wahlen erhielt den Auftrag, einen Entwurf fertig zu ste llen. Dem Minister wurden acht Millionen Rubel zur Verfügung gestellt, um die Presse zu bestechen, Literatur herauszugeben, Druckereien zu mieten, Wahlkioske und Kinos zu organisieren. Chwostow bekam etwa 1,5 Millionen Rubel ausbezahlt, über die er nach der Revolution keinerlei Rechenschaft ablegen konnte - der größte Teil Bloß in seine eigene Tasche. Chwostow stellte eine Uebersicht über den möglichen Wahlausgang in jedem einzelnen Gouvernement auf. In dieser Uebersicht hieß es über die Zusammensetzung der künftigen Duma:

«Zulässig sind rechte Oktobristen und wünschenswert die konservativeren Gruppen.»102

In die neue Duma sollten nur Abgeordnete vom Schlage Rodsjankos zugelassen werden, für erwünscht hielt man aber Markow II. und ihm ähnliche Leute vom «Verband des russischen Volkes,. Man hoffte, dieses Resultat mit Hilfe der adligen Grundbesitzer und der Geistlichkeit zu erzielen. So hieß es über das Gouvernement Twer:

«Man wird den Linken und den Oktobristen ausgesprochen Rechte im Bunde mit der Geistlichkeit entgegenstellen müssen.»103

Ueber das Gouvernement Tambow:

«Die linken Gruppen können nur mit Hilfe der Geistlichkeit unschädlich gemacht werden. Diese ist zwar wenig zuverlässig, aber der Bischof kann sie in die Hand nehmen und ihr die Aufgabe stellen, keine Linken durchzulassen .» 104

Als es sich um die praktische Durchführung des Entwurfs handelte, erinnerte man sich an N. A. Maklakow, den gleichen, der so vorzüglich einen «verliebten Panther» nachahmen konnte. Nikolaus II. beauftragte ihn, gemeinsam mit Protopopow, der im Dezember zum Innenminister ernannt wurde, das Manifest über die Dumaauflösung zu entwerfen. Voller Freude, daß er von der Nachahmung des Panthers zu einer <nützlicheren» Tätigkeit berufen wurde, schrieb Maklakow dem Zaren einen Dankbrief. Aus dem Brief ersieht man, welch umfassenden Plan der Absolutismus verfolgte. Maklakow schrieb:

«Das muß Sache des ganzen Ministerrats sein, der Innenminister darf nicht allein gelassen werden in denn Zweikampf gegen jenes ganze Rußland, das aus den Bahnen geglitten ist. Die Macht muß mehr als je konzentriert, von sich selbst überzeugt, durch das einzige Ziel zusammengeschmiedet sein: die Staatsordnung um jeden Preis wiederherzustellen, und sie muß fest an den Sieg über den inneren Feind glauben, der schon seit langer Zeit nicht nur gefährlicher, sondern auch erbitterter und frecher wird, als der äußere Feind .» 105

Von diesem Gedanken, daß der innere Feind gefährlicher sei, als der äußere, daß die eigenen Untertanen schädlicher seien, als der Feind, ließ sich die Hofclique in ihrer gesamten Tätigkeit leiten_

Die Verschwörung des Absolutismus war fertig

Es muß erwähnt werden, daß Maklakow seinen Brief am 9. Februar schrieb und der österreichische Außenminister, Graf Czernin,, bereits am 13. Februar ein Friedensangebot aus Rußland erhielt.

Er schrieb darüber: «Am 26. Februar (neuen Stils. Die Red.) erschien bei mir eine Persönlichkeit, welche sich als berufener Vertreter einer neutralen Macht zu legitimieren imstande war, und teilte mir im Auftrage seiner Regierung mit, er habe den Befehl, mich wissen zu lassen, daß die Gegner oder einer von ihnen bereit seien, Frieden mit uns zu schließen, und daß die Bedingungen dieses Friedensabschlusses für uns günstig sein würden . . . Ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß es sich um Rußland handle, und mein Gewährsmann bestärkte mich in dieser Ueberzeugung.»106

Der Zarismus hielt beharrlich an dem einmal eingeschlagenen Kurs fest.

Die ersten unklaren Nachrichten über eine neue Wendung der Außenpolitik des Zarenhofes brachten die Bourgeoisie in Harnisch. Die verbündeten Imperialisten unterstützten sie rückhaltlos. Der Abschluß eines Separatfriedens durch Rußland mußte für sie die Möglichkeit eines Sieges über Deutschland in Frage stellen. Die russische Armee fesselte gewaltige Kräfte des Feindes; wenn sie aus dem Spiel ausschied, bestand die Gefahr. daß die verbündetes Imperialisten alle ihre Trumpfkarten verloren.

Von den Alliierten unterstützt, entschließt sich die Bourgeoisie, den morschen Zarismus durch eine Palastrevolte zu verjüngen, den unfähigen Zaren abzusetzen und an seine Stelle einen anderen, ihren eigenen Kandidaten zu setzen. Der ganze Plan war darauf berechnet, den Kampf gegen die heranreifende Revolution zu verstärken, ohne deshalb den Krieg einzustellen. In der Hauptstadt bildeten sich zwei geheime Zirkel. Zu dem einen gehörten hauptsächlich Militärs, Gardeoffiziere. Eine wichtige Rolle spielte dort der General Krymow, der später, nach der Februar-Revolution, als Teilnehmer des Putsches des Generals Kornilow bekannt wurde.

Der spätere Minister in der ersten Regierung nach der Februarrevolution von 1917, Tereschtschenko, erzählt in seinen Erinnerungen über den General Krymow:

<Er und seine Freunde waren sich klar darüber, daß, wenn sie nicht die Führung der Staatsumwälzung übernehmen, die Volksmassen selbst sie durchführen würden, und sie begriffen sehr gut, welche Folgen und welche unheilvolle Anarchie in diesem Falle drohen mußte. Aber vorsichtigere Personen suchten uns zu überzeugen, daß die Stunde noch nicht gekommen sei. So verging der Januar und die erste Hälfte des Februar. Schließlich verloren die weisheitsvollen Worte der erfahrenen Politiker ihre Ueberzeugungskraft für uns, und in den ersten Märztagen wurde der General Krymow in jener chiffrierten Sprache, in der wir miteinander zu verkehren pflegten, aus Rumänien nach Petrograd berufen. Doch es war, wie sich zeigte, schon zu spät.»107

Den Erinnerungen Rodsjankos nach fanden die Besprechungen in der Wohnung Gutschkows statt. Die führenden Leute der Finanz und Industrie wußten, daß die Generäle Alexejew, Rußkij, Brussilow die Verschwörung billigten. Gleichzeitig wurde auch unter den Offizieren der Petrograder Garderegimenter in derselben Richtung gearbeitet. Mit den Offizieren stand auch Purischkewitsch in Verbindung. Der zweite Zirkel bestand aus Dumaabgeordneten. Miljukow teilte nach der Februar-Revolution von 1917 mit:

«Ein erheblicher Teil der Mitglieder der ersten Provisorischen Regierung hatte an den Beratungen dieses zweiten Zirkels teilgenommen, einige von ihnen ... wußten auch vom Bestehen des ersten Zirkels.»108

Die Verschwörer beabsichtigten, Nikolaus zu stürzen, die Zarin in ein Kloster zu schicken und den im Knabenalter stehenden Alexej zum Zaren auszurufen; bis zu seiner Großjährigkeit sollte der Großfürst Michael Alexandrowitsch, ein Bruder des Zaren, zum faktischen Herrscher, zum Regenten ernannt werden. Der erste Schritt zur Palastrevolte sollte die Ermordung Rasputins sein. In der Nacht vom 17. zum 18. Dezember wurde Rasputin in die Wohnung des Fürsten Felix Jussupow eingeladen, wo Purischkewitsch gemeinsam mit dem Wohnungsinhaber und dem Großfürsten Dimitri Pawlowitsch den «Heiligen» durch sechs Schüsse erledigte.

Die hochgestellten Verschwörer, die aus dem gleichen Milieu hervorgegangen waren, das den Rasputin-Geist erzeugt und groß gezüchtet hatte, hofften im geheimen, daß der Hof nach dieser Ermordung sich eines Besseren besinnen werde. Die Verwandten des Zaren wandten sich an Nikolaus, um ihm klar zu machen, daß er sich und alle, die ihm nahe standen, ins Verderben stürze. Aber der Zar verließ das Hauptquartier und eilte nach Petrograd. Dort entschloß man sich, den Plan weiter durchzuführen. Nur eine Abänderung wurde auf Vorschlag Protopopows vorgenommen: die Duma sollte vorläufig nicht auseinandergejagt werden. Am 6. Januar wurde ein Ukas des Zaren veröffentlicht, der die Wiederaufnahme der Tätigkeit der Duma und des Reichsrates auf den 14. Februar verschob. Man fürchtete nicht so sehr die Erregung der bürgerlichen Oberschichten, als vielmehr das rasche Heranreifen der Revolution von unten: die Auseinanderjagung der Duma konnte nach Meinung Protopopows zu einem legalen Anlaß für eine Aktion der Massen werden.

Die neue Vertagung faßten die Abgeordneten, nach den Worten des Zentralorgans der Kadettenpartei, der «Rjetsch», als die Vollendung des Feldzuges der Regierung gegen die Duma auf. Die stillgewordenen bürgerlichen Verschwörer beschleunigten nunmehr ihrerseits die Vorbereitung des Komplotts. Rodsjanko erfuhr durch ein Privatgespräch mit dem Ministerpräsidenten, daß Nikolaus bereits drei weitere Erlasse unterzeichnet hatte, ohne das Datum ihrer Veröffentlichung festzulegen. Der erste verfügte die völlige Auflösung der Duma, der zweite die Vertagung der Dumatätigkeit bis zum Ende des Krieges und der dritte die Einstellung der Dumatätigkeit auf unbestimmte Zeit. Der Dumapräsident lud telegraphisch den Adelsmarschall des Moskauer Gouvernements, Basilewski, den Vorsitzenden des Kongresses des vereinigten Adels, A. D. Samarin und den Adelsmarschall des Petrograder Gouvernements, Somow, nach Petrograd ein. Ferner wurden aus Moskau Fürst G. 1. Lwow vom Verband der Semstwos, der besonders häufig als Kandidat für den Posten des Ministerpräsidenten der ' neuen Regierung genannt wurde, sowie M. W. Tschelnokow vom Städteverband und A. 1. Konowalow vom Kongreß der Industriellen und Fabrikanten eingeladen. Man kam überein, daß Samarin im Namen des Adels um eine Audienz beim Zaren bitten und versuchen sollte, ihm die Augen über den Stand der Dinge zu öffnen. Am 19. Januar sollte der Kongreß des vereinigten Adels zusammentreten. Gleichzeitig hatte man im Februar 1917, wie Gutschkow bei seiner Vernehmung durch eine Untersuchungskommission nach der Februarrevolution aussagte, in dem Geheimzirkel noch beschlossen, «den Hofzug des Zaren auf der Strecke zwischen dem Hauptquartier und Zarskoje Selo abzufangen, den Zaren zur Abdankung zu zwingen, gleichzeitig mit Hilfe der Truppenteile, auf die man hier in Petrograd rechnen konnte, die bestehende Regierung zu verhaften, und darauf sowohl den Umsturz als auch die Personen, die an der Spitze der neuen Regierung stehen sollten, bek annt zu geben. Auf diese Weise ... hätte man nicht mit der gesamten Armee zu tun gehabt, sondern nur mit einem sehr geringen Teil von ihr.»109

'Die Ententediplomaten waren, ebenso wie die Führer der russischen Bourgeoisie, der Meinung, daß nur ein Staatsstreich einer Revolution vorbeugen und Rußland «retten» könne. Der englische Botschafter George Buchanan gibt in seinen Erinnerungen zu, daß die Verschwörer bei ihm, in der Botschaft, über den Umsturz berieten.

«Es wurde ganz offen von einer Palastrevolte - schreibt er in seinen Memoiren - gesprochen, und beim Diner in der Botschaft teilte mir einer meiner russischen Freunde, der ein hohes Amt in der Regierung bekleidete, mit, es sei nur die Frage, ob der Kaiser und die Kaiserin, oder nur die letztere ermordet werden sollen.»110

So sah die Verschwörung der adlig-bürgerlichen Spitzen aus

Dieses Eingeständnis Buchanans genügt, um nicht nur seine Kenntnis von der Verschwörung, sondern auch seine Teilnahme an ihr als bewiesen anzusehen. Es ist zweifellos, daß der Botschafter einer verbündeten Macht, der über die Möglichkeit einer Ermordung des Kaisers, bei dem er seinen König vertritt, unterrichtet ist und die Verschwörer deckt, ein Teilnehmer der Verschwörung ist. Buchanan erzählt ganz offen:

«Der russische Freund, der später ein Mitglied der Provisorischen Regierung war, teilte mir mit, daß vor Ostern ein Umsturz stattfinden werde.»111

Zwei Verschwörungen - beide mit dem Ziel, der Revolution vorzubeugen - waren ausgereift; ihre Teilnehmer hatten größte Eile, ihre Absichten ohne die Hilfe der Massen und noch bevor das Volk diese ganze Politik durchschauen könnte durchzuführen. Aber die Revolution kam sowohl dem Vorstoß des Zarismus als auch der Palastrevolte zuvor; während noch die Bourgeoisie und der Absolutismus sich herumbalgten, zogen die Arbeiter und Bauern, die sowohl die Bourgeoisie wie auch den Zarismus haßten, gegen sie auf die Straße.

Nach der Streikwelle vom Oktober 1916 trat in der Arbeiterbewegung ein gewisser Stillstand ein, aber weder im November noch im Dezember sank die Ziffer der Streikenden unter 40000. Im Jahre 1917 begann ein jäher Aufschwung. Der harte Winter brachte den Arbeitern und den Werktätigen neue Entbehrungen. Die Getreidezufuhr nach Petrograd und Moskau hörte fast völlig auf. Die Preise für Massenbedarfsgegenstände gingen sprunghaft in die Höhe. In den Lebensmittelschlangen kam es dauernd zu Protestkundgebungen. Wiederholt wurden bereits Bäckerläden geplündert. Besonders aktiv waren dabei die Frauen. Die Geheimpolizei stellte in ihrem Januarbericht an den Minister fest:

«Die Familienmütter, die vom endlosen Anstehen vor den Läden erschöpft und über den Anblick ihrer halb verhungernden und kranken Kinder gramgebeugt sind, sind jetzt der Revolution wohlweit näher als die Herren Miljukow, Roditschew und Co., und sie sind natürlich weit gefährlicher, weil sie jenen Zündstoff darstellen, für den ein Funke genügt, um den Brand zu entfachen.»112

Im Januar begannen die Streiks am 9., dem Jahrestag des Zusammenschießens der Arbeiterdemonstration im Jahre 1905. Tags zuvor hatte das Petersburger Komitee der Bolschewiki die Arbeiter aufgerufen, Demonstrationen gegen den Krieg zu veranstalten. An Moskau hatte das Büro des Zentralkomitees der Bolschewiki die gleiche Direktive erteilt. Am 9. Januar organisierten die Arbeiter in vielen Fabriken und Werken Versammlungen. Sie zogen mit roten Fahnen auf die Straße. Im Wiborger und Narwaer Stadtteil von Petrograd standen fast sämtliche Betriebe still. Außer in Petrograd fanden auch in Moskau, Baku und Nischnij-Nowgorod Arbeiterdemonstrationen statt. In Moskau streikte ein Drittel der Arbeiter. Das Moskauer Komitee der Bolschewiki organisierte eine Kundgebung von 2000 Teilnehmern auf dem Twerskoj-Boulevard, aber die berittene Polizei sprengte die Demonstranten auseinander. Gegen 3 Uhr nachmittags erschien auf dem Theaterplatz eine Gruppe von Arbeitern mit roten Fahnen, die die Losung: «Nieder mit dein Krieg!» trugen. Die Demonstration wuchs schnell auf tausend Personen und bewegte sich zum Ochotny Rjad. Berittene Polizei eilte herbei und sprengte mit gezogenen Säbeln in die Massen. Ueberall wütete die Polizei grausam gegen die Streikenden. Verhaftungen wurden vorgenommen. Viele Arbeiter wurden in die Militärkommandantur zur Einziehung zum Militär eingeliefert. Aber nach einigen Tagen brachen die Streiks erneut aus. Im Januar streikten im ganzen Land mehr als 200 000 Arbeiter - solche Streiks hatte es während der ganzen Kriegszeit nicht gegeben. In den beiden Hauptstädten entstand eine äußerst gespannte Lage. Die Städte waren von Gerüchten erfüllt. Die Einwohner hamsterten Lebensmittelvorräte für den Fall, daß der Verkehr eingestellt würde.

«Die Idee des Generalstreiks - meldete die Polizei - gewinnt von Tag zu Tag neue Anhänger und wird so populär, wie sie es auch im Jahre 1905 war.»113

Der Bewegung in den Städten schloß sich die Dorfarmut an. Die dauernden Einberufungen und die ständige Beschlagnahme von Vieh richteten die Wirtschaft eines bedeutenden Teils der werktätigen Bauern vollends zugrunde. Die Industriekrise beraubte das Dorf der Streichhölzer, des Petroleums, des Salzes. Das Brot reichte kaum bis zur Mitte des Winters. Mit neuer Kraft loderte der Haß gegen die Gutsbesitzer und die Kulaken auf. Aus zahlreichen Bezirken kaufen Nachrichten über eine heftige Bewegung gegen den Krieg.

«Die Regierung kann nicht alle aufhängen, aber die Deutschen können alle niedermetzeln oder zu Krüppeln machen,›114 sagte man in den Dörfern, um zu begründen, warum man der Einberufung zum Heeresdienst nicht Folge leisten soll. Die Polizeiberichte verglichen die Stimmung auf dein Lande immer häufiger mit der Stimmung von 1905/1906.

Die zaristische Regierung weigerte sich entschieden, der liberalen Bourgeoisie, ja auch nur denjenigen Hofcliquen Zugeständnisse zu machen, die in der Minute der Gefahr bereit waren, sich liberal zu geben. Der Zarismus mobilisierte alle Kräfte. Die Polizisten wurden mit Maschinengewehren ausgerüstet, die man den Regimentern der Garnison nahm, die Agenten der Geheimpolizei wurden zur Aushebung «aller Verdächtigen» ausgeschickt. Ueberall wurden Verhaftungen vorgenommen, wobei man oft die eigenen Leute nicht von den Gegnern unterschied. In d er Nacht vom 27. Januar wurden die Mitglieder der Arbeitergruppe des Zentralen Kriegsindustrie-Komitees, die Menschewiki Gwosdew, Broido u. a., insgesamt 11 Mann, verhaftet. Die Gruppe wurde beschuldigt, eine Arbeiterdemonstration für den 14. Februar vorbereitet zu haben, «mit dem Ziel, Rußland in eine sozialdemokratische Republik umzuwandeln».115

Am 5. Februar wurde ein Befehl erlassen, der den Petrograder Militärbezirk aus der Nordfront ausschied und zu einer besonderen Einheit erachte. Der Befehlshaber des Militärbezirks, Generalleutnant S. S. Chabalow, wurde mit weitestgehenden Vollmachten ausgestattet. Die Regierung bezog die Position des schonungslosen Kampfes gegen die Revolution.

In der liberalen Bougeoisie riefen die ersten Anzeichen des revolutionären Sturms höchste Verwirrung hervor. Das Gerede von der Palastrevolte verstummte. Die «Revolutionäre wider Willen» waren bereit gewesen, sich auf eine «Revolution im Zimmer», ohne die Teilnahme der Massen, einzulassen, aber die Volksmassen erschienen plötzlich auf der Straße. Von einem ernsthaften Druck auf den Absolutismus wollten die Dumaschwätzer nichts mehr hören.

Unlängst noch Verschwörer, verrieten sie jetzt sogar ihre nächsten Verbündeten. Zwei Tage nach der Verhaftung der Arbeitergruppe tagte das Büro des Zentralen Kriegsindustrie-Komitees; A. I. Gutschkow und A. I. Konowalow wurden beauftragt, bei der Regierung um eine Milderung des Schicksals der Verhafteten zu bitten. Den Menschewiki wurde ein vorzügliches Zeugnis ausgestellt:

«Eine ganze Reihe von Tatsachen beweist, daß dank der Einwirkung der Arbeitergruppe auf eine ganze Reihe von Betrieben verschiedener Rayons, der Ausbruch scharfer Konflikte zwischen den Arbeitern und der Betriebsleitung vermieden werden konnte.»116

Es wurden jedoch keine entschlossenen Schritte unternommen. Im Gegenteil, in der nächsten Sitzung des Büros des Komitees am 29. Januar, an der auch die Oppositionsführer aus der Duma teilnahmen, rückte Miljukow zynisch von der Tätigkeit der Arbeitergruppe ab und wandte sich gegen «die Entfesselung der Volksgewalt». Der Professor Miljukow flehte die Arbeiter an, nicht auf die Straße zu ziehen und sich nicht «provozieren» zu lassen. Er forderte sie auf, sogar auf die Demonstration zu verzichten, die die Menschewiki für den Tag der Eröffnung der Reichsduma, den 14. Februar, planten. Während die Bourgeoisie den Arbeitern zuredete, sie mögen sich jeder Aktion enthalten, beschwor sie den Zaren, der Duma entgegenzukommen: man wollte durch kleine Zugeständnisse entschiedeneren Forderungen des Volkes vorbeugen.

Die Manöver der erschrockenen Bourgeoisie wurden von den kleinbürgerlichen Parteien gedeckt. Nach Auffassung der Menschewiki konnte nur die Bourgeoisie an der Spitze der bürgerlichen Revolution stehen. Zu diesem Zweck mußte man diese behutsam vorwärtstreiben. Die Menschewiki forderten die Arbeiter auf, am 14. Februar zur Verteidigung der Duma auf die Straße zu ziehen. Sie empfahlen den Demonstranten, sich am Taurischen Palais, dem Sitz der Duma, zu versammeln. Auf der gleichen Beratung vom 29. Januar, an der Miljukow teilnahm, ergriff auch Tschcheidse das Wort. Der Führer der Menschewiki warf dem Führer der Bourgeoisie vor, daß er im Schlepptau der Ereignisse segle.

«Das ist ein Schlag gegen die Arbeiterklasse, aber denken Sie daran, daß dein Untergang der Arbeiter auch Ihr eigener Untergang folgen wird,»117 so suchte Tschcheidse die Bourgeoisie einzuschüchtern und sie zu einem entschiedeneren Kampf gegen den Zaren zu drängen. Das legale Zentrum der Menschewiki in Gestalt der Arbeitergruppe und der menschewistischen Dumafraktion spielte die Rolle einer Löschmannschaft gegen den revolutionären Brand. Als sich zeigte, daß der Streik sich in einen bewaffneten Aufstand verwandelte, forderten die Menschewiki die Arbeiter auf, nicht nur auf den Waffengebrauch, sondern auch auf die Demonstration zu verzichten.

Die gleiche Rolle von Verrätern an der Revolution spielten auch die Gruppen der Sozialrevolutionäre. Kerenski riet der Bourgeoisie, kühner zu sein. Nach der Eröffnung der Duma sagte er:

Wenn Sie mit dem Lande sind, wenn Sie begreifen, daß das alte Regime und seine Diener Rußland nicht aus der jetzigen Krise herausführen können, dann müssen Sie sich mit aller Deutlichkeit nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten zu Anhängern der sofortigen Befreiung des Staates erklären und unverzüglich vom Wort zur Tat übergehen.»118

Kerenski glaubte, ebenso wie Tschcheidse, daß die Bourgeoisie zu wirklichem Kampf gegen den Absolutismus fähig sei. Ebenso wie die Menschewiki, flehten auch die Sozialrevolutionäre die Bourgeoisie an, die Führung der Bewegung in die Hand zu nehmen, um den revolutionären Sturm zu verhindern.

Die Februarrevolution fand die Partei der Bolschewiki organisatorisch in geschwächtem Zustand. Viele Organisationen waren zerschmettert. Die bekanntesten Parteiarbeiter befanden sich in der Verbannung, im Zuchthaus, in der Emigration. Lenin war in der fernen Schweiz. Stalin befand sich weit in Sibirien, verbannt nach Turuchansk im Jenissej-Gebiet. Auch Swerdlow war dorthin verschickt.

Aber es gelang dem Absolutismus nicht, die bolschewistische Partei zu brechen; es gelang ihm nicht, ihre Verbindung mit den Massen zu zerstören. Dem Grundsatz des Marxismus treu, - immer mit den Massen, immer an der Spitze der Massen - standen die Bolschewiki an der Front und im Hinterland, im Zentrum und in der Provinz opfermutig an der Spitze des kämpfenden Proletariats. An Stelle der Eingekerkerten, der auf Zwangsarbeit Verschickten traten neue Genossen, neue Verstärkungen strömten heran. Die Bolschewiki waren sogar imstande, ihr führendes Zentrum in Rußland, das Büro des Zentralkomitees, aufrechtzuerhalten, unter dessen Führern sich W. M. Molotow befand. Der heroische Kampf der bolschewistischen Partei trug trotz des unerhörten Terrors seine Früchte. Die fortgeschrittenen Arbeiter, im Geiste des Bolschewismus erzogen, verliehen dem politischen Tageskampf einen leidenschaftlichen revolutionären Charakter. Die Ideologie der Bolschewiki war in der Arbeiterklasse lebendig, sie beseelte die Massen zum unversöhnlichen Kampf gegen ihre Klassenfeinde. Einzig die Bolschewiki riefen die Massen zum Sturz des Zarismus durch den bewaffneten Kampf.

Im Gegensatz zu den Menschewiki, die die Arbeiter zu einer Demonstration zur Verteidigung der Duma am Tage ihrer Eröffnung aufriefen, rüsteten die Bolschewiki zu einer Demonstration am 10. Februar, dem Jahrestag der Gerichtsverhandlung gegen die bolschewistische Dumafraktion. Schon am 6. Februar verbreitete das Petersburger Komitee der Partei Flugblätter, in denen die Arbeiter zur Aktion aufgerufen wurden. Am 10. Februar streikte ein Teil der Betriebe, ein anderer Teil arbeitete nur bis zur Mittagszeit. Versammlungen wurden abgehalten und die Partei verbreitete 10 000 Flugblätter. Die Bolschewiki beschlossen, am Streik vom 14. Februar teilzunehmen und ihn unter ihren eigenen Losungen durchzuführen. An diesem Tage streikten in Petrograd 60 Betriebe mit mehreren zehntausend Arbeitern. Die Putilow-Arbeiter demonstrierten unter roten Fahnen mit der Aufschrift: " Nieder mit dem Absolutismus! Nieder mit dem Krieg!» 119 Die Arbeiter des Wiborger Stadtteils zogen, revolutionäre Lieder singend, über den Litejny-Prospekt. Die Polizei, die sie am Weiterziehen verhindern wollte, wurde zurückgeschlagen. In den Fabriken fanden Versammlungen statt.

Die Losung " Für die Verteidigung der Duma!» war untergegangen. Der Streik und die Demonstration standen unter der Führung der Bolschewiki.

 

 

 

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Bibliographisches Register

Erstes Kapitel

Der Vorabend der bürgerlich-demokratischen Revolution

1Lukirski, S. Autoritative Betrachtungen in der ausländischen Militärliteratur über den Einfluß der Kriegshandlungen der russischen Armee auf den Gang der Ereignisse im Weltkrieg 1914-1918. In: «Wer schuldet?»,
Moskau, Aviaverlag, 1926. Seite 102.

2 Paleologue, Maurice. La Russie des Tsars pendant la Grande Guerre. (Das Rußland des Zaren während des großen Krieges.) 22. edition. Paris, Librairie Plon, V. 1, page 77.

3 Ebenda. Seite 103.

4 Ebenda. Seite 104.

5 Miljukow, P. Meine Stellung zum letzten Krieg. «Poslednije Nowosti», Nr. 1309, 1. August 1924, Paris.

6 Memoiren von Durnowo. «Krasnaja Nowj», 1922, Nr. 6, Seite 196.

7 Lenin, W. I. Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution. Sämtliche Werke, Band VIII, Seite 78.

8 Sawitzki, W. Die Dardanellen und ihre Bedeutung für den Handel. «Promyschlenost i Torgowlja», 1912. Nr. 24, Seite 531.

9 Lenin, W. 1. Ueber den Separatfrieden. Sämtliche Werke, Band XIX, Seite 352-353.

10 Reichsduma. Vierte Legislaturperiode, vierte Tagung. Stenographischer Bericht. Petrograd 1915, Spalte 92.

11 Pokrowski, N. Die Kriegsgewinne der Hauptzweige der Textilindustrie. „Westnik Finansow Promyschlenost i Torgowlja», 1917, No. 21, Seite 292.

12 Archiv der Revolution und der Außenpolitik. Faszikel des Polizeidepartements. Besonderes Register. Nr. 343, Band 1, 1915, Blatt 235.

13 Resolution der Außerordentlichen Sitzung der Moskauer Stadtduma. ‹Utro Rossiji», Nr. 228, 19. August 1915.

14 Das Kabinett der Landesverteidigung. «Utro Rossiji», Nr. 222, 13. August 1905.

15 Gogol, N. W. «Die toten Seelen». Potsdam, Verlag 0. Kiepenheuer, 1922, Seite 74.

16 Briefwechsel von Nikolaus und Alexandra Romanow, Band III, Moskau, Staatsverlag, 1923, Seite 295.

17 Ebenda, Seite 334.

18 Semennikow, W. P. Die Monarchie vor dem Zusammenbruch. 1914-1917. Die Papiere von Nikolaus II. und andere Dokumente, Moskau, Staatsverlag, 1927, Seite 95-96.

19 Lenin, IV. 1. Die Wahlergebnisse. Sämtliche Werke, Band XVI, Seite 262, russisch.

20 Lenin, W. I. Der Sieg der Kadetten und die Aufgabe der Arbeiterpartei, Sämtliche Werke, Band IX, Seite 93, russisch.

21 Die konstitutionell-demokratische Partei (Partei der «Volksfreiheit») Beschlüsse des 2. Parteitags vom 5.-11. Januar 1906 und das Parteiprogramm, Petersburg 1906, Seite 7.

22 Chruschtschow, A. A. 1. Schingarjow. Sein Leben und seine Tätigkeit. Moskau 1918, Seite 71.

23 Lenin, W. 1. Versuch zur Klassifizierung der russischen polilischen Parteien. Sämtl. Werke, Band X, Seite 132.

24 Bramson, L. M. Zur Geschichte der Arbeitspartei. Die Trudowikigruppe der I. Reichsduma, Petrograd 1917, Seite 14.

25 Programm der Partei der Sozialrevolutionäre, Moskau 1917, Seite 11.

26 Der Sturz des zaristischen Regimes. Stenographischer Bericht über die Vernehmungen und Aussagen vor der Außerordentlichen Untersuchungskommission der Provisorischen Regierung im Jahre 1917, Band VI, Lenigrad 1926, Seite 286.

27 Lenin, W. 1. Sozialismus und Krieg, Sämtliche Werke, Band XVIII, Seite 274.

28 «Sozialdemokrat» Nr. 34, 5. Dezember 1914. Genf. (Chronik St. Petersburg).

29 Der progressive Block in den Jahren 1915-1917. (Krasnij Archiv» 1932, Band 1-11, Seite 133 und 134.

30 Briefwechsel von Nikolaus und Alexandra Romanow, Band III, Moskau, Staatsverlag 1923, Seite 276.

31 Ebenda, Seite 244.

32 Ebenda, Seite 224. 482

33 Witte, S. J. Erinnerungen, Band II, Moskau, Staatsverlag 1923, Seite 33.

34 Briefwechsel von Nikolaus und Alexandra Romanow, Band III, Moskau, Staatsverlag 1923, Seite 103.

35 Ebenda, Seite 225.

36 Ebenda, Seite 355.

37 Reichsduma, Vierte Legislaturperiode, vierte Tagung. Stenographischer Bericht, Petrograd 1915, Spalte 1207-1208.

38 Lenin, W. I. Der Fall Port Arthurs, Sämtliche Werke, Band VII, Seite 62.

39 Manikowski, A. A. Die Kriegsmaterial-Versorgung der russischen Armee im Weltkrieg. Band II, Moskau, Staatsverlag 1930, Seite 9.

40 Sitzung im Winterpalast. Feierliebe Eröffnung der Sonderberatungen für Verpflegung der Armee. Russkoje Slowo» Nr.194, 23. August 1915.

41 Poliwanow, A. A. Aus seinem Tagebuch und seinen Erinnerungen als Kriegsminister und Stellvertretender Kriegsminister. Band 1, Moskau 1924. Seite 154 bis 155.

42 Ebenda, Seite 155.

43 Manikowski, A. A. Die Kriegsmaterial-Versorgung der russischen Armee im Weltkrieg, Band 11, 2. Auflage, Moskau, Staatsverlag 1930, Seite 36.

44 Ebenda, Seite 32.

45 Der Sturz des zaristischen Regimes. Stenographische Berichte über die Vernehmungen und Aussagen vor der Außerordentliechen Untersuchungskommission der Provisorischen Regiegung im Jahre 1917, Band 1, Leningrad, Staatsverlag 1924, Seite 271.

46 Arbeiten der Beratung zu den ökonomischen Fragen, verbunden reit der Teuerung und der Versorgung der Armee. Moskau 1915, Seite 261.

47 Leningrader Filiale des «Zentrarchiv» (Archiv Zentrale), 2. Abteilung der ökonomischen Sektion des staatlichen Archivfonds der Sowjetunion, Blatt 3.

48 Manikowski, A. A. Die Kriegsmaterialversorgung der russischen Armee im Weltkrieg, Band 11, 2. Auflage, Moskau, Staatsverlag1930, S. 343-344.

49 Skizzen zur Geschichte der Oktoberrevolution, Band I, Moskau, Staatsverlag 1927, Seite 61

50 Rodsjanko, M. W. Der Zusammenbruch des Reichs. «Archiv der russischen Revolution», Bd. XVII, Berlin 1926, Seite 100.

51 Semennikow, W. P. «Die Monarchie vor dein Zusammenbruch». Schriftstücke Nikolaus II. und andere Dokumente. Moskau, Staatsverlag 1927, Seite 282.

52 Zentraler militärhistorischer Archivfonds. Stab des Oberbefehlshabers der Armee der Südwestfront. Akte Nr. 25-945, Blatt 107.

53 Ebenda, Blatt 231.

54 Ebenda, Blatt 245.

55 Ebenda, Blatt 5.

56 Ebenda, Blatt 27.

57 Woitolowski, L. In den Spuren des Krieges. Aufzeichnungen aus dem Felde 1914-1917, Bd. 1-11, Leningrad, Staatsverlag 1925, Seite 251.

58 Zentraler militärhistorischer Archivfonds. Stab des Oberbefehlshabers der Südwestfront. Akte Nr. 25-945, Blatt 152.

59 Demonstration der Soldaten und Arbeiter. «Sozial-Demokrat» Nr. 53, 13. April 1916, Genf.

60 Archiv der Revolution und der Außenpolitik. Akte des Polizeidepartements. Besonderes Register A 5, 1915, Blatt 193.

61 Lenin, W. 1. Der Krieg und die russische Sozialdemokratie. Sämtliche Werke, Band XVIII, Seite 84.

62 Lenin, 1I'. L Ueber die Niederlage der eigenen Regierung im imperialistischen Kriege. Sämtliche Werke, Band XVIII, Seite 222.

63 Ebenda, Seite 225.

64 Plechanow, G. W. Die Sozialisten und die Abstimmung über die Kriegskredite. « Prisyw», Paris 1916, Nr. 17, Seite 8.

65 Die Berner Konferenz 1915 Beilage 2. Die Resolutionen der Gruppen von Beau-Gif. Proletarskaja Revoluzija, 1925, Nr. 5 (40), Seite 172.

66 Karnauchow, P. A. Erinnerungen an den Militärdienst in der alten und in der Roten Armee. Manuskriptfonds der «Geschichte des Bürgerkrieges», Nr. 452.

67 Sammlung der Gesetze. Rundschreiben und Informationsmaterial über die Volksbildung in der Uebergangsperiode, Moskau 1906, Seite 155.

68 Diamanstein, 8. Vergangenheit und Gegenwart. Leben der Völker der UdSSR, Verlag Moskowskij Rabotschij», 1924, Seite 20-21.

69 Nationaler Verband. «Nowoje Wremja» Nr. 11576, 5. Juni 1908.

70 Tscharnolusski, W. I. Die Parteien, Verbände und Ligen in Rußland. Programmsammlung. Petersburg 1906, Seite 119.

71 Satzungen des Allrussischen Nationalverbandes. «Nowoje Wremja» Nr. 11577, 6. Juni 1908.

72 Lenin, W. L Kadetten und Nationalisten. Sämtliche Werke, Band XVI, Seite 176, russ.

73 Stalin, J. W. Marxismus und nationale Frage. In dem Buch: Marxismus und die nationale und koloniale Frage. Sammelbuch ausgewählter Aufsätze und Reden. Moskau, Partisdat 1934, Seite 25-26, russ.

74 Lenin, W. I. Resolutionen der Sommerberatung 1913 des ZK der SDAPR mit den Parteifunktionären. Sämtl. Werke, Band XVII, Seite 13-14.

75 Die Revolution und die nationale Frage. Dokumente und Materialien zur Geschichte der nationalen Frage in Rußland und in der UdSSR im 20. Jahrhundert. Band III, 1917, Moskau, Verlag der Kommunistischen Akademie, 1930, Seite 22.

76 Briefwechsel von Nikolai und Alexandra Romanow, Band V, Moskau, Staatsverlag 1927, Seite 160.

77 Briefwechsel von Nikolai und Alexandra Romanow, Band III, Moskau, Staatsverlag 1923, Seite 283.

78 Briefwechsel von Nikolai und Alexandra Romanow, Band V, Moskau, Staatsverlag 1927, Seite 175.

79 Briefwechsel von Nikolai und Alexandra Romanow, Band IV, Moskau, Staatsverlag 1926, S. 29.

80 Sturz des Zarenregimes. Stenographischer Bericht über die Verhöre und Aussagen in der Außerordentlichen Untersuchungskommission der Provisorischen Regierung im Jahre 1917. Band III, Leningrad, Staatsverlag 1925, Seite 85.

81 Archiv der Revolution und der Außenpolitik. Akten des Polizeidepartements, besonderes Register Nr. 167, Teil 56, Blatt 80.

82 Archiv der Revolution und der Außenpolitik. Akten des Polizeidepartements, besonderes Register Nr. 167, Teil 46, Blatt 71.

83 Flugblatt der SDAPR (B). Das Petersburger Komitee an die Proletarier Petersburgs. 1916.

84 Archiv der Revolution und der Außenpolitik. Akten der Geheinmpolizei (Ochrana) Nr. 27, 1916, Blatt 73.

85 Reichsduma. Vierte Legislaturperiode, 5. Tagung. Stenographischer Bericht, Petrograd 1916, Spalte 68.

86 Ebenda, Spalte 134.

87 Ebenda, Spalte 38.

88 Ebenda, Spalte 38.

89 Ebenda, Spalte 12-13.

90 Ebenda, Spalte 69.

91 Ebenda, Spalte 286.

92 Reichsrat. Sitzung vom 22. November. «Russkoje Slowo» Nr. 270 vom 23. November, Nr. 274 vom 27. November 1916.

93 Kongreß des vereinigten Adels. «Russkoje Slowo» Nr. 275 vom 29. November 1916.

94 Semennikow, W. P. Die Monarchie vor dem Zusammenbruch. Schriftstücke Nikolaus II. und andere Dokumente, Moskau, Staatsverlag 1927, Seite 9.

95 Maurice Paleologue. La Russie des Tsars pendant la Grande Guerre. (Das Rußland des Zaren während des großen Krieges.) 21. ed. Paris, Librairie Plon, s. a. V. II, page 264.

96 Buchanan, Sir George. My mission to Russia and other diplomatic memoirs. (Meine Mission in Rußland und andere diplomatische Erinnerungen), London, Cassel & Co., 1923, V. II, Page 18-19.

97 Paleologue, Maurice. La Russie des Tsars pendant la Grande Guerre. (Das Rußland des Zaren während des großen Krieges.) 20. ed., Paris, Librairie Plon, s. a. V. III, page 159.

98 Reichsduma, Vierte Legislaturperiode, 5. Tagung. Stenographischer Bericht, Petrograd 1916, Spalte 258.

99 Briefwechsel von Nikolai und Alexandra Romanow, Band V, Moskau, Staatsverlag 1927, Seite 192.

100 Briefwechsel von Nikolai und Alexandra Romanow, Band III, Moskau, Staatsverlag 1923, Seite 174.

101 Der Sturz des Zarenregimes. Stenographischer Bericht über die Verhöre und Aussagen in der Außerordentlichen Untersuchungskommission der Provisorischen Regierung im Jahre 1917, Band VI, Leningrad, Staatsverlag 1926, Seite 342.

102 Der Sturz des Zarenregimes. Stenographischer Bericht über die Verhöre und Aussagen in der Außerordentlichen Untersuchungskommission der Provisorischen Regierung im Jahre 1917, Band IV, Leningrad, Staatsverlag 1925, Seite 61.

103 Semennikow, TV. P. Die Monarchie vor dem Zusammenbruch. 1914-1917. Schriftstücke Nikolaus II. und andere Dokumente, Moskau, Staatsverlag 1927, Seite 228.

104 Ebenda, Seite 238.

105 Ebenda, Seite 239.

106 Ebenda, Seite 98.

107 Czernin, 0. Im Weltkriege. Berlin, Ullstein 1919, Seite 192.

108 Die Liquidierung einer Verschwörung. M. 1. Tereschtschenko über den General Krymow. «Russkij Wedomosti», Nr. 202, 3. September 1917.

109 Miljukow, P. N. Geschichte der zweiten russischen Revolution, Band 1, Lieferung 1, Sofia 1921, Seite 36.

110 Der Sturz des Zarenregimes. Stenographischer Bericht über die Verhöre und Aussagen in der Außerordentlichen Untersuchungskommission der Provisorischen Regierung im Jahre 1917, Band IV, Leningrad, Staatsverlag 1926, Seite 278.

111 Buchanan, Sir George. My mission to Russia and other diplomatic memoirs. (Meine Mission in Rußland und andere diplomatische Erinnerungen.) London, Cassel & Co., 1923, V. 11, page 41.

112 Ebenda, Seite 51.

113 Archiv der Revolution und der Außenpolitik. Akten der Pe.tro­grader Geheimpolizei No. 525, 1917, Blatt 38.

114 Ebenda, Blatt 28.

115 Archiv der Revolution und der Außenpolitik. Akten des Polizeidepartements. Besonderes Register Nr. 167, Teil 13, Blatt 29.

116 Verhaftung einer Arbeitergruppe. «Russkij Wedomosti». Sonderbeilage zu Nr. 24, 30. Januar 1917.

117 In den gesellschaftlichen Organisationen. «Utro Rossij» Nr. 28, 28. Januar 1917.

118 Zentrarchiv. Die Bourgeoisie am Vorabend der Februarrevolution, Moskau, Staatsverlag 1927, Seite 183.

119 Rede von A. F. Kerenski. «Rjetsch» Nr. 47 vorn 19. Febr. 1917.