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Die Grundlagen des technisch-ökonomischen Rekonstruktionsplanes der Sowjetunion

Gleb Maximilianowitsch Krshishanowski [1]

 

 

Vortrag vom 8.4.1932 auf der 1. Unionskonferenz zur Planung der wissenschaftlichen Forschung

Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR, Moskau 1932


Die technisch-ökonomische Rekonstruktion unter den Bedingungen der gegenwärtigen Etappe des Wirtschaftsaufbaus

Der Wirtschaftsplan des dritten, entscheidenden Jahres des Fünfjahrplanes zeigt besonders anschaulich, warum wir im Fünfjahrplan den Plan der großen Arbeiten und der entfalteten sozialistischen Offensive erblicken. Wie imposant dieses Programm ist, davon zeugt am besten der Schrecken, von dem die Welt unserer Klassenfeinde unter dem Eindruck der gewaltigen Arbeiten erfaßt ist, die wir bei unserem wirtschaftlich-politischen Aufbau besonders gerade in diesem dritten Jahr des Fünfjahrplans entfaltet haben.

Die Möglichkeit solcher Ausmaße der Arbeiten ist dadurch bedingt, daß wir durch die Überwindung der Hindernisse, die sich in den vorangehenden 10 Jahren nach dem Oktober uns in den Weg stellten, Voraussetzungen für eine tiefgehende Rekonstruktion sowohl der Technik als auch der Ökonomik unseres Landes schufen. Erst nachdem wir das Vorkriegsniveau der Wirtschaft beträchtlich überschritten und die Struktur unserer Wirtschaft selbst stark umgestaltet hatten, konnten wir das Jahrfünft einer deutlich ausgeprägten Rekonstruktionsperiode eröffnen. Somit ist der Plan der technisch-ökonomischen Rekonstruktion der Sowjetunion im Grunde nichts anderes als ein Plan der Entfaltung unserer Wirtschaft unter ihren konkreten Bedingungen. Und wenn wir von den Grundlagen eines solchen technisch-ökonomischen Rekonstruktionsplanes sprechen, müssen wir, dem Wesen der Sache nach, auf das Thema zurückkommen, die mit der Grundlage der Planung der sozialistischen Wirtschaft unter Bedingungen verknüpft sind, wo diese Planung zu einer immer stärkeren und entscheidenderen Kraft im operativen Verlauf unseres sozialistischen Aufbaus wird. Worin besteht unsere größte Stärke? Wir sind von einer ganzen Legion von Feinden umgeben, die Naturkräfte sind bei weitem noch nicht unserem Willen unterworfen. Kein Wunder, daß Lenin bei der Einschätzung der Aussichten unseres gewaltigen Kampfes unsere größte Stärke in unserer Organisiertheit sah. Der Plan unseres sozialistischen Aufbaus ist an und für sich eine gewaltige organisierende Kraft. Je enger dieser Plan mit der wissenschaftlichen Erkenntnis verbunden ist, von desto größerem Effekt ist seine Einwirkung auf den Willen und den Verstand der sich ihn aneignenden Menschenmassen.

Der Verlauf der Rekonstruktionsperiode zeigt uns, daß der Zusammenhang zwischen unserer Planarbeit und der operativen wirtschaftlichen Tätigkeit immer enger wird. Wir müßten des öfteren betonen, daß unser Plan im Grunde das Resultat einer engen Verbindung der wissenschaftlichen Theorie und der Erfahrung von Millionen Werktätigen sein muß. Heute sehen wir, wie diese Einheit durch den Zusammenschluß des direkten Planes und des Gegenplanes entsteht. Damit erstarken immer mehr die Momente, die unsere Organisiertheit am meisten fördern.

Einer der Referenten auf der letzten Weltkraftkonferenz, der die Maschinenkraft als einen Kulturfaktor bezeichnete, betonte, daß die zunehmenden Fühlung der jungen Generation mit der Welt der Maschinen naturgemäß die Beweglichkeit des Geistes fördere und besondere Denkmethoden herausbilde. Bei unserer Jugend können wir nicht nur jene positiven Wandlungen wahrnehmen, die durch das immer stärkere Ineinandergreifen von Theorie und Produktionspraxis bedingt sind, wir können bei ihr nicht nur die durch die Industrialisierung bedingten Wandlungen beobachten, sondern darüber hinaus auch Wandlungen, die durch den Umstand hervorgerufen werden, daß Millionen Jugendliche gleichzeitig auch Kämpfer für den sozialistischen Plan der Wirtschaft sind.

Unsere Vorwärtsbewegung in der Etappe der Rekonstruktionsperiode dient als die beste Propaganda durch die Tat, denn nach Maßgabe dieser Vorwärtsbewegung, die eine Schule des Kampfes ist, werden die Kämpfer unseres Landes nicht nur gestählt, sie werden auch Augenzeugen solcher rekordmäßigen Errungenschaften, wie sie die Welt bisher nicht gekannt hat. Trotzdem dürfen wir uns keinen Illusionen über die Leichtigkeit des weiteren Aufbaus hingeben. Immer anschaulicher sehen wir, wie die ganze Welt in zwei ganz bestimmte Lager zerfällt – das Lager der Sowjets und das Antisowjetlager. Hieraus ergibt sich die riesengroße historische Verantwortung, die wir tragen, hieraus ergibt sich die besondere Sorge und die Festigung aller Elemente, die unsere sozialistische Organisiertheit, die geschlossene Einheit unseres Sowjetlagers fördern, insbesondere aber die Sorge um die Festigung jener Elemente, die die Grundlage des Planes des sozialistischen Aufbaus selbst oder, was das gleiche ist, die Grundlage des Planes unserer technisch-ökonomischen Rekonstruktion bilden. Hieraus ergibt sich auch die Notwendigkeit der größten Achtsamkeit bei der Wahl dieser Grundlagen, die Notwendigkeit eines Zweifrontenkampfes gegen die Entstellung dieser Grundlagen von rechts oder von links, die Notwendigkeit des Kampfes gegen Eklektiker und Opportunisten.

 

Die dreieinige Formel des kommunistischen Aufbaus

Der erbitterte Kampf, den die Verfechter der kapitalistischen Ordnung in der ganzen Welt gegen die kommunistischen Parteien führen, zeigt, daß sich unsere Feinde über die historische Bedeutung, die der Partei der Kommunisten als dem Kämpfer und dem Organisator einer neuen Welt zukommt, durchaus im klaren sind. Wir verwirklichen – gestern wie heute – den Aufbau der ersten sozialistischen Wirtschaft der Welt unter der unmittelbaren Führung der Kommunistischen Partei, auf Grund der präzisen und mannigfachen Direktiven, die in ihrer Gesamtheit von dem Begriff umfaßt werden: Generallinie der kommunistischen Partei. Die umfassendste Verallgemeinerung dieser Generallinie unseres sozialistischen Aufbaus bietet die bekannte Formel Lenins: "Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes."

Nicht umsonst ist diese Formel den heftigsten Angriffen verschiedener Vertreter des opportunistischen Lagers ausgesetzt. Nicht umsonst verstieg sich Trotzki sogar zu der Behauptung, diese Formel stamme gar nicht von Lenin. In der Tat: der entwickelte Kommunismus, der jede Macht als eine Form der Gewalt und des Zwanges negiert, soll als einen Bestandteil den direkten Appell an die Sowjetmacht enthalten – eine Macht, die sich bekanntlich ihren historischen Weg im Zeichen strenger proletarischer Diktatur bahnt?

Man braucht aber nur die drei Elemente dieser Leninschen Formel nicht in ihrem statischen Zustand, sondern in ihrer Bewegung betrachten, und alle Widersprüche schmelzen dahin, es kommen sofort die tiefliegenden historischen Grundlagen dieser Leninschen Konzeption zum Vorschein.

Bei der Analyse der Grundlagen unseres Planes der technisch-ökonomischen Rekonstruktion der Sowjetunion kehren wir unvermeidlich zu den drei Grundelementen dieser Formel zurück, zu jenen Grundlagen, die mit den Begriffen: Kommunismus, Sowjetmacht und Elektrifizierung verbunden sind. Es fällt nicht schwer zu zeigen, daß nur unter Berücksichtigung dieser drei Koordinaten wir alle die Ausgangspunkte finden können, die wir bei einer solchen Analyse brauchen.

Wenn wir den Typ unseres Aufbaus charakterisieren, nennen wir diesen Aufbau sozialistisch. Aber schon Marx mußte in seinem "Kommunistischen Manifest" sich entschieden von den Fälschungen abgrenzen, die mit der Losung des Sozialismus verbunden sind. Für uns ist der sozialistische Aufbau nicht zu trennen von dem Kampf für ein solches planmäßiges Wirtschaftsregime, bei dem der Wille des Proletariats zum obersten Gesetz wird. Der tatsächliche Verlauf des Kampfes um den Plan in der Sowjetunion dient als die beste historische Bestätigung dessen, was Marx und Engels seinerzeit über die Etappen des revolutionären Kampfes voraussagten. Die Etappen unseres sozialistischen Aufbaus sind die Etappen des schwersten Aufstiegs der Menschheit durch die Diktatur des Proletariats hindurch zur klassenlosen Gesellschaft, die nach der bekannten Formel Fouriers funktioniert: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen."

Der Kommunismus ist somit die Endetappe einer ganzen historischen Ära. Die Kämpfe, an denen wir teilgenommen haben, die wir heute austragen und die uns noch bevorstehen, zeigen uns, welche Anstrengungen dazu erforderlich sind, um die Errungenschaften zu sichern, die uns ermöglichen, von der Organisation auf Grundlage des Zwanges zur freien Assoziation, von den Bedingungen der Diktatur zur klassenlosen Einheit, von dem strengsten Sparsamkeitsregime und dem Kampf gegen Verluste zum praktisch unbeschränkten materiellen Wohlstand überzugehen.

Wie dem auch sei, das Fanal des Kommunismus ist vor allem das Fanal einer großen Vorwärtsbewegung, einer Bewegung, in deren Verlauf sich nicht nur die gesellschaftlichen Formen, nicht nur die materiellen Bedingungen verändern, die diesen gesellschaftlichen Formen zugrunde liegen, sondern auch der Träger dieser Bewegung selbst – der Mensch. Auf diese Weise wird die statische Auffassung des Begriffes des Kommunismus durch das Wesen dieses Begriffes selbst ausgeschlossen.

Das zweite Element dieser Formel – die Sowjetmacht – stellt in seinen historischen Erscheinungsformen keineswegs eine auf immer erstarrte Größe dar. Was hatte Lenin im Auge, als er betonte, daß eine Voraussetzung des Kommunismus Vorwärtsbewegung der Sowjetmacht sei? Natürlich vor allem den Umstand, daß die Sowjetmacht die Macht der Werktätigen ist und daß jede Nation, jedes Land, um sich den Weg zum Kommunismus freizumachen, ihren eigenen siegreichen Oktober durchmachen muß. Doch hier müssen wir in unserer Analyse noch einen weiteren Schritt tun. Wenn wir von der energetischen Basis der Elektrifizierung sprechen, müssen wir sowohl jene Energetik im Auge haben, die sich auf die lebendige Kraft der Werktätigen selbst bezieht, als auch den überwiegenden Teil, der sich auf die materielle natürliche Energie bezieht. Natürlich kann eine Gleichheit der Rechnung hier nur sehr bedingt sein. Mit einer gewissen Annäherung können wir sagen, daß das mechanische Äquivalent eines vollwertigen Durchschnittsmenschen ungefähr 1/25 PS beträgt. Wie soll man es aber mit den Aufwendungen an geistiger Energie halten? Können wir diese Aufwendungen ohne weiteres in die gleiche Kalorien umrechnen, die unserer allgemeinen Energiebilanz zugrunde gelegt werden können? Es ist klar, daß dieser Weg uns leicht in den mechanistischen Sumpf führen kann. Wenn wir von der Energetik der lebendigen Arbeit von dem Gesichtspunkt des volkswirtschaftlichen Planes des Staates sprechen, müssen wir vor allem die eigenartigen Meßzahlen dieser lebendigen Energetik im Auge haben, die durch das Bestehen der Sowjetmacht bedingt sind.

Man kann nicht klagen, daß die verschiedenen Schulen der Ökonomen die Rolle, die der Organisation der lebendigen Arbeit zukommt, im großen und ganzen unterschätzen. Aber alles Suchen in dieser Richtung beschränkt sich bis jetzt auf die Bemühungen, möglichst effektive Formen dieser oder jener Art von Zwangsarbeit zu finden. Die Werktätigen selbst waren Objekte und nicht Subjekte dieses Suchens. Es braucht nicht bewiesen zu werden, daß in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung der Arbeiter, der als sogenannter freier Lohnarbeiter in den Produktionsprozeß einbezogen wird, in Wirklichkeit unter den Dingen figuriert, die vollkommen der uneingeschränkten Herrschaft des Kapitals unterworfen sind. Es fällt nicht schwer, dieses Prinzip des Zwanges auch in der Lehre von Taylor zu verfolgen wie auch den Bemühungen verschiedener bürgerlicher Ökonomen, Formen der sogenannten wissenschaftlichen Organisation der Arbeit zu finden. Denken wir daran, daß Taylor seine Rationalisierung in einem heftigen Kampf gegen die Arbeiterschaft durchführte, daß sogar sein Leben mitunter gefährdet war. Denken wir daran, wie unter den Bedingungen der kapitalistischen Ausbeutung das Fließbandsystem gehandhabt wird, daß dieses Ausbeutungssystem es mit der dunklen Vergangenheit des Schwitzsystems ganz zu Beginn der Epoche der ursprünglichen Akkumulation aufnehmen kann. Es ist durchaus kein Zufall, daß im heutigen Amerika 40 Jahre praktisch die Altersgrenze des Arbeiters sind. Man urteile also selbst, welchen Wert danach die Entrüstung der heutigen Apologeten des Kapitalismus über die angebliche Zwangsarbeit in der Sowjetunion hat!

Das Vorhandensein der Sowjetmacht, d.h. einer Macht der Werktätigen selbst, durchbricht zum erstenmal den verzauberten Kreis der Bemühungen, solche Formen der Organisation der lebendigen Arbeit zu finden, bei denen die Summe der positiven quantitativen Wandlungen bereits eine neue Qualität der Arbeit ergeben würde. Auf komplizierten und schwierigen Wegen, unter den Bedingungen einer eigenartigen Kaderkrise, die in der Abkehr bedeutender Schichten der früheren qualifizierten Leiter der Arbeitsbataillone vom sozialistischen Aufbau sowie in dem moralischen Verschleiß früherer Qualifikationen zum Ausdruck kommt, bewirkt die Sowjetmacht vor unseren Augen eine kolossale Umwälzung nicht nur in der Struktur der materiellen Produktionsprozesse, sondern auch in der Organisation und dem Gesicht der Werktätigen selbst. Vor allem wird die Organisation der Werktätigen das Werk der Werktätigen selbst. Selbstkritik und sozialistischer Wettbewerb machen, schweren Pflügen gleich, ein in dieser Hinsicht historisches Neuland urbar. Vor unseren Augen entstehen vollkommen neue und ungewöhnliche Formen der Arbeitsorganisation, die letzten Endes die Arbeitenden in Stadt und Land in eine grandiose Brigade des sozialistischen Wettbewerbs verwandeln. Schichtarbeit mit schnell zurückgehender Arbeitszeit, ununterbrochene Produktionsarbeit, Gegenpläne, öffentliches Schlepptau, Rationalisierungs- und Erfindungszellen der Arbeiter, schließlich die immer steigende Teilnahme der Arbeiter an der administrativen Organisation, all das stellt die früheren Produktionsverhältnisse auf den Kopf, die die Verhältnisse zwischen Menschen in Verhältnisse zwischen Dingen verwandelten. Damit werden auch die Ketten gesprengt, durch die die wissenschaftliche Erkenntnis unter den Bedingungen des auf Ausbeutung beruhenden Arbeitsprozesses gefesselt war. Das wissenschaftliche Schaffen gerät immer mehr in den Bann des zielbewußten sozialistischen Aufbauplanes; das siegreiche Fortschreiten dieses Aufbaus bedeutet gleichzeitig, daß die Kluft zwischen körperlicher und geistiger Arbeit immer geringer wird.

Durch die großartige Analyse von Marx wurde etwas aufgedeckt und dechiffriert, was er als Geheimnis des Mehrwertes charakterisierte. Der gewaltige Anschauungsunterricht, den heute die Sowjetmacht durch ihren wirtschaftlichen und politischen Aufbau erteilt, deckt neue Geheimnisse auf, wodurch eine krisenlose Entwicklung der Weltwirtschaft unter den Bedingungen eines großartigen Aufstiegs zu immer größeren materiellen Überfluß, einer immer stärkeren Unterwerfung der Elementargewalten, der Dinge und der Menschen unter den wissenschaftlich durchdachten sozialistischen Plan gesichert wird.

Vor unseren Augen stellt die Arbeiterklasse aus den Reihen ihrer Vorhut immer mehr Kämpfer für den sozialistischen Plan. Vor unseren Augen werden unsere Betriebe immer mehr nicht nur zum Schauplatz der Produktionstätigkeit, sondern auch zum Schauplatz des Lernens. Dieser Vorhut folgen auch die entsprechenden Massen. Das Verhältnis der Wissenschaft zu der Masse der Werktätigen und das Verhältnis dieser Masse zur Wissenschaft tritt in eine neue, höhere Phase, die zu gleicher Zeit ein nie dagewesenes Aufblühen des Wissens und eine bis jetzt nicht gekannte Ergiebigkeit der Arbeit gewährleistet. Die Sowjetmacht revolutioniert nicht nur die Formen der Organisation der Arbeit, die Formen ihrer einfachen Kategorien – sie weist den Vertretern der Technik und der Wissenschaft eine denkbar effektive Rolle zu, wobei mit eherner Konsequenz der Heroismus Einzelner durch die heroischen Errungenschaften der Schöpferkraft der millionenköpfigen werktätigen Masse ersetzt wird.

Man braucht nur die Frage so zu stellen, um zu sehen, daß diese Arbeit der Sowjetmacht einen eigenartigen und langwierigen Prozeß darstellt, daß somit mit aller Entschiedenheit die statische Auffassung vom Inhalt jener Elemente verworfen werden muß, die neue, höhere Formen der lebendigen Energetik gewährleisten.

Gehen wir jetzt zum dritten Element der Leninschen Formel über – zum Begriff der "Elektrifizierung des ganzen Landes".

In welchen Formen und welchen kalendarischen Fristen auch immer sich die Bewegung zur "Entdeckung der Quellen des materiellen Wohlstandes" vollziehen mag, es ist klar, daß während des ganzen Verlaufs der Vorwärtsbewegung die Formel W. Pettys ihre Geltung behalten wird: "Die Arbeit ist der Vater allen Reichtums, die Erde – seine Mutter."

Aber auch diese Formel stimmt nur in ihrer Bewegung gesehen. Die Lehre der Physiokraten entsprach dem damaligen Kräfteverhältnis zwischen Industrie und Landwirtschaft. Der siegreiche Verlauf der kapitalistischen Industrialisierung hat seine Umwertung der Werte hinter sich und schränkt immer mehr das absolute Prinzip ein, dass mit dem Begriff "Erde" verbunden ist. Doch die Bewegung bleibt dabei nicht stehen. Es ist durchaus kein Zufall, daß von einem so anerkannten Vertreter des kapitalistischen Reiches der Maschinen wie Henry Ford die Behauptung stammt, daß wir unser Jahrhundert zu Unrecht als dass Jahrhundert der Maschinen bezeichneten: "In Wirklichkeit – sagt er – ist unser Jahrhundert ein Jahrhundert der Energie, besonders der Wasserkraft und der Elektrizität."

Mr. Ford trifft hier ins Schwarze. Unter den Bedingungen des XX. Jahrhunderts dient gerade die Energiewirtschaft als die Grundlage, die die größtmögliche Beherrschung der "Erde" sichert, wenn man diesen Terminus im weiteren Sinne der Naturkräfte anwendet.

Möglichst rationelle Ausnutzung der uns zur Verfügung stehenden Naturkräfte, möglichst vorteilhafte Verwandlung der in der Natur vorkommenden Arten der Energie in Formen, die für uns den höchsten Effekt ergeben, möglichst rationelle Beförderung dieser Energiearten nach den Verbrauchsorten und schließlich ihre rationelle Ausnutzung in den Produktionsprozessen – das ist die Hauptbasis der Energiewirtschaft. Auf die Postulate dieser Energiewirtschaft gestützt, deren (der Postulate) Gesamtheit ein maximales Resultat der Produktionstätigkeit bei minimalen Energieaufwand sichert, brauchen wir eine neue anders geartete Einstellung sowohl zu der grundlegenden funktionellen Einteilung der gesellschaftlichen Arbeit in drei große Kategorien: Industrie, Transport und Landwirtschaft, als auch zur Erfassung der Erde mit allen ihren Naturschätzen im territorialen Querschnitt. Hieraus ergibt sich die von der energetischen Grundlage ausgehende Behandlung der wirtschaftlichen Rayonisierung, der Ausfindigmachung jener neuen Kampfeinheiten unseres sozialistischen Aufbaus und unserer Wirtschaftsgebiete, der Kurs auf welche das "Rechnen mit Millionen" gewaltig erleichtert – und nur wenn wir dieses Rechnen erreicht haben, können wir mit den kolossalen Aufgaben unseres sozialistischen Aufbaus fertig werden.

Man braucht die Frage so zu stellen, und man wird sehen, welche außerordentliche Bedeutung bei der Erfüllung dieser energetischen Aufgaben der elektrischen Energie oder, was dasselbe ist, dem Kurs auf die Elektrifizierung zukommt.

Diese flüchtige Skizze zeigt bereits, daß ein entsprechendes Begreifen des Leninschen Kurses auf die Elektrifizierung des ganzen Landes nur durch die Analyse jener wirklichen Dialektik des Geschehens auf dem wirtschaftlichen Gebiet der Arbeit möglich ist, die eine spezifische Besonderheit des XX. Jahrhunderts darstellt. Wir sind auf die Formulierung dieses Leninschen Postulats darum näher eingegangen, weil das klare Begreifen dieses Postulats am besten die Ausgeglichenheit der Linien unseres wirtschaftlichen Aufbaus und den größtmöglichen Effekt jenes auf den sozialistischen Plan bezüglichen Auftrages gewährleistet, der dem wissenschaftlichen Forschungswesen zufallen muß. Im weiteren werden wir bei den Wandlungen des energetischen Gedankens der Welt verweilen, die ein übriges Mal von der Richtigkeit der Kernpunkte zeugen, wie sie in der Leninschen dreieinigen Formel der Aufrichtung des Kommunismus angedeutet sind. Bevor wir jedoch zu diesem Thema übergehen, dürfte es nicht unangebracht sein, die Zeilen aus einem Brief Lenins an die Akademie der Wissenschaften zu zitieren, in denen die Grundzüge des von Lenin erdachten großzügigen Plans der technisch-ökonomischen Rekonstruktion unseres Landes mit besonderer Eindringlichkeit in Erscheinung treten. Angesichts der außerordentlichen Bedeutung dieses historischen Dokuments will ich es hier wörtlich zitieren. Die Direktive Lenins trägt den Untertitel "Entwurf eines Plans der wissenschaftlich-technischen Arbeiten" und stammt vom 6. April 1918. Sie lautet:

"Die Akademie der Wissenschaften, die eine systematische Erforschung und Untersuchung der natürlichen Produktionskräfte [2] Rußlands in angriff genommen hat, muß vom Obersten Volkswirtschaftsrat unverzüglich den Auftrag erhalten, eine Reihe von Fachausschüssen zu bilden, um möglichst schnell einen Plan der Reorganisation der Industrie und des ökonomischen Aufstiegs Rußlands auszuarbeiten. In diesem Plan muß enthalten sein die rationelle Verteilung der Industrie über Rußland unter dem Gesichtswinkel der Nähe der Rohstoffe und eines möglichst geringen Arbeitsverlustes beim Übergang von der Bearbeitung der Rohstoffe zu allen aufeinanderfolgenden Stadien der Bearbeitung der Halbfabrikate, bis zur Gewinnung des Fertigprodukts. Die vom Standpunkt der modernen Riesenindustrie und vor allem der Trusts rationelle Zusammenlegung und Konzentrierung der Produktion in wenigen Riesenbetrieben. Größtmögliche Gewährung der heutigen Sowjetrepublik Rußlands (Ohne Ukraine und die von den Deutschen okkupierten Gebiete) der Möglichkeit, sich selbständig mit allen wichtigen Rohstoff- und Industriearten zu versorgen. Zuwendung besonderer Aufmerksamkeit der Elektrifizierung von Industrie und Transport und der Anwendung der Elektrizität in der Landwirtschaft. Ausnutzung der minderwertigen Brennstoffe (Torf, minderwertige Kohle) zur Gewinnung von elektrischer Energie mit möglichst geringen Aufwendungen für die Förderung und den Transport der Brennstoffe. Wasserkräfte und Windmotore im allgemeinen und in ihrer Anwendung in der Landwirtschaft."

Wir sehen, daß hier in Grundzügen, in durchaus geschlossener Form bereits die Konzeption des wirtschaftlichen Aufbaus oder, richtiger, die Grundlage der Konzeption gegeben ist, die wir dann auf Grund derselben Direktiven sowohl im Plan der GOELRO (staatliche Elektrifizierungskommission) als auch in unserem Fünfjahrplan weiter entwickelt haben. Es steht außer Zweifel, daß auch die weitere Entfaltung der Perspektivpläne unseres Aufbaus sich an dieselben Direktiven halten wird.

Wir fassen zusammen. Oben waren wir bemüht zu zeigen, daß die Grundlagen des Plans der technisch-ökonomischen Rekonstruktion der Sowjetunion gleichzeitig auch die Grundlagen des Planes unseres ganzen sozialistischen Aufbaus sind. Nur wenn wir die wissenschaftlichen Forschungsarbeiten auf die grundlegenden Rubriken unserer sozialistischen Planung einstellen, werden wir auch auf diesem Gebiet das Grundpostulat der Energetik beachten können: bei einem Minimum an Aufwendungen ein Maximum an Resultaten.

Die Arbeiterklasse hat bereits ihre Vorhut auf den bedeutsamen Weg des Gegenplanes gelenkt. Wir erwarten von den Vertretern der Wissenschaft und der Technik eine analoge Massenbewegung. So und nur so kann mit maximalem Effekt jenes Bündnis der Wissenschaft und der Arbeit verwirklicht werden, das seit jeher der Traum der besten Köpfe der Menschheit gewesen ist. Indem wir die große sozialistische Einheit der Energetik unseres Landes herstellen, wollen wir keinen Augenblick lang vergessen, daß die besten Garantien dieser Einheit die Elektrifizierung ist. Hier liegt das Urfundament unseres Planes der technisch-ökonomischen Rekonstruktion.

Bei der Verfolgung der Ereignisse auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Arbeit in der ganzen Welt, bei der Erforschung des schöpferischen Weges des modernen wissenschaftlichen Gedankens überzeugen wir uns auf jeder neuen Etappen unseres Aufbaus mit immer größerer Anschaulichkeit davon, welche gewaltigen Kräfte des wissenschaftlichen Gedankens und der wissenschaftlichen Praxis der Welt in diesem Kampf zu uns stehen, den wir unter dem Banner Lenins für die kommunistische Umgestaltung der Welt führen.

 

Die jüngsten Wandlungen des energetischen Gedankens

Auf der Weltkraftkonferenz wurde eine Berechnung angeführt, nach der man in dem Falle, daß die heutige Bevölkerung der Vereinigten Staaten von Nordamerika die Energie, die für die Befriedigung ihrer gegenwärtigen Bedürfnisse erforderlich ist, mit den Methoden der alten Zeiten zu gewinnen hätte, pro Kopf der Bevölkerung nicht weniger als 125 Sklaven zur Verfügung haben müßte. Der Referent Ekstrem führte dabei aus, daß, wenn man die Energie, die durch alle stationären und mobilen Maschinen und Motore der Welt jährlich gewonnen wird, in Kilowattstunden zum Ausdruck bringt, sich annähernd die gleiche Zahl ergibt, mit der (in Kilogramm) die Welternte der wichtigsten Arten von Brotgetreide bezeichnet werden kann. Pro Kilogramm konsumierten Getreides verbraucht die heutige Menschheit eine Kilowattstunde mechanische oder elektrische Energie in parallelen Produktionsprozessen. Ist das wohl keine lebendige Illustration zu jener These, nach der unser Jahrhundert vorwiegend ein Jahrhundert der Energie ist!

Doch umsonst würden wir in den zwanzigbändigen Werken der 2. Kraftkonferenz in den Reden der ausländischen Delegierten nach direkten Hinweisen auf jene tiefgehenden Widersprüche suchen, die zwischen der Energiewirtschaft der vorgeschrittenen kapitalistischen Industrieländer und der gesellschaftlich-politischen Struktur dieser Länder entstehen. Nur eine sozialistische Analyse zeigt den Ausweg aus der Sackgasse, in die der Gedanke selbst der fortschrittlichsten bürgerlichen Techniker und Ökonomen von heute geraten ist. Unsere Techniker und Ökonomen können in dieser Beziehung bereits einen bedeutenden Vorsprung aufweisen, wie dies angesichts der durch den Oktober geschaffenen Voraussetzungen anders nicht zu erwarten war.

Ich benutze die Gelegenheit, um hier die Vertreter der Wissenschaft und Technik an die glänzende Analyse zu erinnern, die seinerzeit der leider frühzeitig verstorbene Genosse Josef Iwanow entwickelte. Ich will hier nur bei zwei Artikeln verweilen, von denen der eine "Die materielle Basis der kommunistischen Gesellschaft" heißt und in Heft VI des "Boten der sozialistischen Akademie" (1923) abgedruckt wurde, der andere dem Thema "Die Weltwirtschaft als einheitlicher Produktionsorganismus" gewidmet war und in derselben Zeitschrift, Heft VI, Jahrgang 1923, zu finden ist. Genosse Iwanow stellt vor allem fest, daß es eine präzise wissenschaftliche Antwort auf die Frage, was ist die kommunistische Gesellschaft, bis jetzt nicht gebe. Warum dem so ist – sagt er – das zeigt Marx in seiner "Kritik des Gothaer Programms", wo er die kommunistische Gesellschaft in ihren Stadien, die aus der unmittelbaren Transformation der kapitalistischen Ordnung hervorgehen, von einer solchen kommunistischen Gesellschaft unterscheidet, die sich "auf ihrer eigenen Grundlage" entwickelt. Erst nachdem wir festgestellt haben, was unter der eigenen Grundlage der kommunistischen Gesellschaft zu verstehen ist – sagt Genosse Iwanow – können wir wissenschaftlich die Frage stellen, welchen Inhalt der Begriff "kommunistische Gesellschaft" aufweist. Weiter betonte Genosse Iwanow jene Zeilen aus dem "Kapital", in denen gesagt wird, daß "Darwin das Interesse auf die Geschichte der natürlichen Technologie gelenkt hat, d.h. auf die Bildung der Pflanzen- und Tierorgane als Produktionsinstrumente für das Leben der Pflanzen und Tiere." Im weiteren fragt er mit Marx:

"Verdient die Bildungsgeschichte der produktiven Organe des Gesellschaftsmenschen, der materiellen Basis jeder besonderen Gesellschaftsorganisation, nicht die gleiche Aufmerksamkeit?"

Wodurch unterscheidet sich nun die materielle Basis der kommunistischen von der Basis der kapitalistischen Gesellschaft?

"Von dem 'Monismus der Wirtschaftsstruktur' ausgehend – schreibt Genosse Iwanow – muß man wie folgt urteilen: der zersplitterten Leitung des Wirtschaftslebens liegt die Zersplitterung der Arbeitsmittel zugrunde, konzentrierten Formen der wirtschaftlichen Leitung liegen konzentrierte Arbeitsmittel zugrunde; folglich liegt einer einheitlichen Leitung des Wirtschaftslebens und einem einheitlichen System der Arbeitsmittel eine technisch einheitliche Basis zugrunde, mit einem Wort, eine einheitliche Maschine, die die ganze wirtschaftliche Sphäre der Gesellschaft ausfüllt."

Genosse Iwanow betont, daß dieser Gedanke gar nicht so utopisch sei, wie es auf dem ersten Blick scheinen könnte. Bereits 1914 erklärte Rathenau, daß es technisch durchaus möglich wäre, die für Europa notwendige elektrische Energie an einem Ort zu gewinnen und den Strom über ganz Europa und selbst über die Grenzen Europas hinaus zu leiten. Unsererseits wollen wir bemerken, daß eines der sensationellsten Referate auf der letzten Weltkraftkonferenz das des Ingenieurs Olivin über die Errichtung eines gesamteuropäischen Stromleitungsnetzen war. Dieses Netz müßte das Territorium zwischen Lissabon und Rostow in der Breitenrichtung und, von den Wasserfällen Norwegens bis Süddalmatien und Süditalien in der Meridianrichtung erfassen. Nach Berechnung der Autoren würde die Errichtung von 10000 Kilometern Starkstromleitungen zwei Milliarden Mark kosten und müßte auf der Grundlage einer Voltage von ungefähr 400 kV realisiert werden. Der Autor schildert in lebhaften Farben, daß die Anlage sehr rentabel wäre und Europa die Möglichkeit geben würde, den Verbrauch an elektrischer Energie von den gegenwärtigen 80 Mrd. kWh auf 100 Mrd. kWh zu heben, d.h. bis auf das Niveau der heutigen Stromproduktion der Vereinigten Staaten. Ein solches gewaltiges, einheitliches elektrisches Netz, das die nationalen Grenzen überwindet und die Wasserkraft Norwegens mit der Italiens, die Braunkohle Deutschlands, die Steinkohle Polens, die Kohle des Donezbeckens und die Wasserenergie des Dnepr sowie die Kraftanlagen Portugals und Spaniens miteinander verbindet, bietet eine Reihe außerordentlicher Vorzüge einer solchen riesenhaften Elektrowirtschaft. Mag die kapitalistische Welt ungeheure Hindernisse für die Verwirklichung dieses Plans errichtet haben, allein schon das Bestehen eines solchen Projektes ist in höchstem Maße bezeichnend. Es zeugt immerhin von nicht scheinbaren, sondern tatsächlichen Potenzen der modernen Elektroenergetik. Doch wollen wir die Analyse des Genossen Iwanow weiter verfolgen. Iwanow weist darauf hin, daß in der Marxschen Analyse der Maschinen die Einteilung der Maschinerie in drei wesentlich verschiedene Teile charakteristisch ist: die Bewegungsmaschine, den Transmissionsmechanismus und endlich die Werkzeugmaschine oder eigentliche Arbeitsmaschine. Marx betont:

"Als gegliedertes System von Arbeitsmaschinen, die ihre Bewegung nur vermittels der Transmissionsmaschinerie von einem zentralen Automaten empfangen, besitzt der Maschinenbetrieb seine entwickelte Gestalt."

Es kann nicht geleugnet werden, daß im Kampf für die Konzentration der Produktion und der Vergrößerung der industriellen Einheiten der Kapitalismus Gewaltiges geleistet hat. Nach einem Zentralisationsprozeß von 150 Jahren zählen die Betriebe nach Zehntausenden. Auf einer niedrigeren Stufe steht die Landwirtschaft, von der man sagen kann, daß sie sich in dem Stadium der Manufaktur befindet. Doch der Prozeß der Konzentration ist in vollem Gange. Die Quantität schlägt jedoch nur dann in die Qualität um, wenn die Umwälzung gegeben ist, die durch die Elektrifizierung des Transmissionsmechanismus bewirkt wird. Konnte sich die Maschine bei dem alten Transmissionsmechanismus über mehrere Meter ausdehnen, so kann sie sich bei Starkstromleitungen über Hunderte von Kilometern ausbreiten. Im Jahre 1914 betrug die durchschnittliche Leistungsfähigkeit der stationären Dampfmaschinen in Preußen ungefähr 75 PS. Heute sind unsere Motoren über 200000 PS bereits hinausgegangen.

Die neue Form reißt die Motoren und den Transmissionsmechanismus aus der Fabrik und verwandelt die reduzierte Fabrik in ihr Arbeitsorgan, ebenso wie die Werkzeuge zu Organen der Arbeitsmaschine wurden und die Arbeitsmaschine zum Organ der vollentwickelten Maschine. Die neue Form ist universell. Sie erfaßt die Betriebe nicht eines einzelnen Zweiges der Industrie, sondern auch den Handel, den Transport, die Land- und Hauswirtschaft. Die einheitliche kommunistische Form der Arbeitsmittel wird zur Grundlage des Wirtschaftslebens von Bezirken, Provinzen und Staaten. Sie ist dabei, ganze Erdteile zusammenzufassen. Ihre ausschlaggebende Tendenz ist die technische Einheit des ganzen Wirtschaftslebens, die Abschaffung der Vielheit und der Zersplitterung, die Aufhebung der individuellen Beschränktheit der Betriebe - ist Universalismus.

Seine Darlegungen scharf schematisch zusammenfassend, stellt Genosse Iwanow die Behauptung auf, daß, wenn die kapitalistische Form eine Fabrik mit gegliedertem System von Arbeitsmaschinen darstellt, die mit Hilfe eines Transmissionsmechanismus von einem zentralen Automaten aus angetrieben werden, so stellt die kommunistische Form einen Bezirk, eine Provinz, einen ganzen Staat dar, in denen ein gegliedertes System von Arbeitsmaschinen mit Hilfe eines das ganze Territorium umfassenden Transmissionsmechanismus von einem zentralisierten System von Automaten aus mit Energie versorgt wird.

Die alte Form nimmt selbst bei Riesenbetrieben vielleicht fünf Quadratkilometer ein, die neue reicht bereits in der kapitalistischen Wirtschaft an 500000 Quadratkilometer heran, ein Territorium, das dem Deutschlands gleichkommt. In Nordamerika, in Süd- und Nord-Carolina, Georgia, Alabama und Tennessee, auf einem Territorium von 500000 Quadratkilometern haben sich Elektrizitätsgesellschaften, die über zentrale Kraftwerke mit einer Gesamtleistungsfähigkeit von über einer Million PS verfügen, zu einem einheitlichen Netz zusammengeschlossen. Der weitere Prozeß der Vergesellschaftung stößt jedoch auf die Schranken der kapitalistischen Gesellschaft, die von der proletarischen Revolution niedergerissen werden müssen.

Iwanow rechnete aus, daß im heutigen Deutschland bei einer Gesamtleistungsfähigkeit seiner Kraftanlagen von 30 Millionen PS und bei einer durchschnittlichen Leistungsfähigkeit seiner Kraftanlagen von 100 PS pro Motor die Zahl der Motoren ungefähr 300000 betragen muß. Setzt man die Leistungsfähigkeit zentraler Kraftwerke mit 100000 PS ein, so wären im ganzen 300 solcher Kraftwerke erforderlich. Es ist leicht zu ersehen, daß bei der heutigen Leistungsfähigkeit der Überlandzentralen Deutschland mit nur 50 zentralen Kraftwerken auskommen könnte.

Was erreichen wir bei einer solchen Entwicklung? – fragt Genosse Iwanow. Weitgehende Ersetzung der Muskelkraft durch Maschinen:

"Verbilligung der Energie, ihre Zugänglichkeit und Elastizität – das ist der Hauptantrieb für das Wachstum der neuen Form, die zugleich das ganze alte Arbeitssystem auf den Kopf stellt und die vertikale Migration der Arbeiterklasse in höhere Sphären der maschinellen und geistigen Arbeit fördert."

Nicht minder interessant sind die Gedanken des Genossen Iwanow zu den Grundproblemen der Weltwirtschaft. Sein Zahlenmaterial ist heute veraltet, doch dem Grundgedanken seiner Darlegungen kann man fast vorbehaltlos beipflichten. Das Anwachsen des Kraftapparates der Welt hält er für das universellste Barometer des Zustands der Technik. Er analysiert die Heizungsbilanz der Welt und zeigt, daß die Steinkohle wahrlich die Hegemonie in der Energiewirtschaft der Welt ausübt. Die Geschichte der Hüttenindustrie zeugt nach seinen Worten davon, daß das Erz zur Kohle kommt und nicht die Kohle zum Erz. Die Zunahme der Metallgewinnung kann allein schon deswegen mit der Zunahme der Kohleförderung nicht Schritt halten, weil jener Teil des verarbeiteten Eisens, der restlos aus dem Produktionskreis ausgeschieden wird, mit jeden Tag zurückgeht. Dank den Vorräten an Alteisen wird man im Laufe der Zeit verhältnismäßig geringe Auffüllung mit neuem Metall brauche. Der Nachfrage nach Faserstoffen, nach Leder und sonstigen Rohstoffen haftet nicht ein Teil des Universalismus der Steinkohle und des Eisenerzes an. Mit der Entwicklung der Eisenindustrie und der kulturellen Bedürfnisse – schreibt Genosse Iwanow – nimmt der Rohstoffhunger zu, doch die gewaltige Fläche nicht ausgenutzter freier Territorien hält den Druck dieses Hungers in gewissen Grenzen. Infolge der Industrialisierung der Landwirtschaft, der Verdrängung des Arbeitsviehs, das ungefähr ein Drittel aller Getreideprodukte und ungefähr die Hälfte des Heus verbraucht, durch Maschinen nehmen die Nahrungsmittelressourcen dauernd zu, und der Druck dieses Faktors wird gemildert. In lebhaften Farben schildert Genosse Iwanow den künftigen gigantischen Aufschwung der Vereinigten Staaten von Nordamerika, dem das ungeheure Übergewicht der materiellen Ressourcen der amerikanischen Energiewirtschaft zugrunde liegt. Hier werden wir – so lautet seine Voraussage – eine maximal beschleunigte Zunahme der Akkumulation des konstanten Kapitals erleben sowie einen durch eherne Notwendigkeit bedingten Rückgang des variablen Kapitals.

"In der Umklammerung des Kapitalismus gibt es keine Rettung vor diesem Gesetz. Der Kommunismus oder – der Tod !"

Es ist äußerst interessant, die Aufzeichnungen des Genossen Iwanow vom Jahr 1923 dem interessanten Aufsatz des Genossen Rubinstein (im Heft 4 des "Bolschewik" für dieses Jahr) zu unserem Thema – den Fragen der technischen Rekonstruktion im Perspektivplan – gegenüberzustellen. Bei seiner Analyse der Wandlungen, die im letzten Jahrzehnt auf dem Gebiet der Elektrifizierung und der Energiewirtschaft vor sich gegangen sind, geht Genosse Rubinstein, genau wie Genosse Iwanow, von der Marxschen Einteilung der Maschine in drei Grundelemente aus. Er analysiert folgerichtig die Errungenschaften, die durch die entsprechende Einteilung der Weltproduktion in drei Rubriken erreicht werden:

  • Gewinnung der elektrischen Energie

  • Leitung des elektrischen Stromes

  • Ausnutzung der Elektrizität in den verschiedenen Wirtschaftszweigen

Welche gewaltigen neuen Wandlungen weist in diesen wenigen Jahren die Weltenergetik auf! Die Hauptquelle der elektrischen Energie bleiben nach wie vor die festen Brennstoffe. Doch wir haben schon gelernt, auch die minderwertigsten Steinkohlearten in Staubform mit beträchtlichen Nutzeffekt zu verbrennen. Die Vervollkommnung der Roste und der Stockers geht weiter. Die Einführung von Feuerschirmen bildet ihrerseits die Grundlage der Rekonstruktion der modernen Kessel, die bereits mit einem Druck von hundert und mehr Atmosphären arbeiten, zu kolossalen Einheiten werden und die Aufgabe ermöglichen: eine mächtige Turbine – ein mächtiger Kessel. Daneben gehen die mehrstufige Turbogeneratoren bereits über eine Leistungsfähigkeit von 200000 PS hinaus und der Standard der Kraftwerke neigt zu einer Leistungsfähigkeit von einer halben bis zu einer Million effektiver Kilowatt. Die zunehmende Mechanisierung und Automatisierung der Leitung entspricht den Bemühungen, neue Typen von Dampfkesseln zu konstruieren, wobei schon niemand mehr durch sogenannte Quecksilberturbinen und die Anwendung neuer Leichtmetallegierungen für den Turbinenbau in Staunen versetzt wird.

Durch interessant zusammengestellte Beispiele charakterisiert Genosse Rubinstein die jüngsten Errungenschaften auf dem Gebiet der Stromübertragung und der Einwirkung der Elektrifizierung auf die Produktionsprozesse. Während Genosse Iwanow sich nur auf das eine Beispiel stützen konnte – darauf, daß in den Vereinigten Staaten ein Territorium von 500000 Quadratkilometern von einem elektrischen Leitungsnetz umfaßt war, kann Genosse Rubinstein sich bereits darauf berufen, daß die Vereinigung der Leitungsnetze in den Vereinigten Staaten einen Stand erreicht hat, bei dem alle ausschlaggebenden großen Kraftwerke, die im Raum zwischen dem Mississippifluß im Westen, dem Atlantischen Ozean im Osten, dem Mexikanischen Meerbusen im Süden und den Grenzen Kanadas im Norden gelegen sind, miteinander elektrische Energie austauschen können. Dieses Territorium umfaßt ungefähr 900000 Quadratmeilen, d.h. eine Fläche, doppelt so groß wie Deutschland, Frankreich und England zusammengenommen.

Die Genossen N. Sitnikow und A. Tschernyschew führen in ihrem Referat über den heutigen Stand der Energieübertragung mit Hilfe von Gleichstrom und über die Perspektiven der weiteren Entwicklung eingehende Berechnungen an, aus denen hervorgeht, daß bei einem Aufwand von ein und derselben Menge Kupfer beim Dreiphasenstrom und beim Gleichstrom mit Rückkehr des Stromes durch die Erde die Entfernung, auf die die Stromstärke übertragen werden kann, beim Gleichstrom viermal so groß ist, wie beim Dreiphasenstrom; bei gleicher Entfernung wird somit die Stromstärke viermal größer sein.

Im Hinblick auf die Verluste, die Isolation usw. bietet die Übertragung von Energie mit Hilfe von Gleichstrom bei einer Spannung von 600 Kilovolt keine ernsthaften technischen Schwierigkeiten und ist im Vergleich im Vergleich zu der Übertragung mittels Dreiphasenstrom höchst rationell.

Sind das etwa keine bolschewistischen Methoden des Kampfes gegen die kolossale Ausdehnung sowohl unseres als auch des internationalen Arbeitsfeldes!

Ich erinnere mich daran, wie sehr sich Lenin seinerzeit über die Probleme einer zentralen Leitung mit Hilfe der Elektrifizierung auf einem ausgedehnten Arbeitsfeld interessierte. Doch die heutige Technik der Automatisierung der Leitung, die Rolle der heutigen Dispatcher, die von ihrem Arbeitsplatz aus mit Hilfe einer gefügigen Knopfklaviatur die Leviathans der Energiewirtschaft auf einem Territorium von Quadratkilometern dirigieren, hat natürlich all die Erwartungen, die wir vor noch verhältnismäßig kurzer Zeit hegen konnten, übertroffen. Die elektroenergetische Einheit riesiger Wirtschaftskomplexe, eine Einheit die der verstorbene Genosse Iwanow mit Recht als die entscheidende materielle Basis des Kommunismus bezeichnete, sie wird mit ungeheurer Schnelligkeit zur Wirklichkeit.

Genosse Alexandrow entwarf in seinem Referat auf der Konferenz ein Bild des sozialistischen Aufbaus mittels Kombination großer Wirtschaftskomplexe auf dem Territorium zwischen Dneprostroi und unserem Fernen Osten, einer Kombination energetischer Natur. Der Akademiker Joffe schiebt in seinen Darlegungen kühn den Vorhang beiseite, hinter dem sich neue Wunder der Elektroenergetik verbergen. Mit der Verwirklichung seiner Vorausahnungen werden wir sicherlich in der Lage sein, energiewirtschaftliche Probleme zu lösen, die für die ganze Kultur der Menschheit von einschneidender positiver Bedeutung sind. Der Akademiker Joffe ist keineswegs ein Phantast: ähnliche Äußerungen hören wir auf den heutigen Weltkraftkonferenzen von einer ganzen Reihe von Gelehrten und Technikern. Erinnern wir uns daran, daß niemand anders als der bekannte Chemiker Ostwald seinerzeit mit aller Bestimmtheit auf die künftigen entscheidenden Veränderungen auf dem Gebiet fotochemischer Prozesse hinwies. Und Professor Vallauri sagte in seinem Referat über "Elektrizität und Energie" auf der Berliner Konferenz folgendes:

"Eine andere Methode der Gewinnung der Energie, eine Methode, die zeitlich den heutigen Methoden der Verwandlung mechanischer Energie in elektrische Energie vorausgeht, ist seinerzeit von Volta entdeckte, der heute zwar nur eine untergeordnete Bedeutung zukommt, die aber keineswegs etwa aus der Technik verschwunden ist. Hier haben wir es mit einer Umwandlung der chemischen Potentialenergie durch Reaktion in sogenannten Voltaschen Elementen zu tun. Der Charakter dieser Reaktion gestattet es ihr nicht, mit der heutigen elektrotechnischen Produktion in Wettbewerb zu treten, doch es wäre anders, wenn es gelänge, die elektrochemische Umwandlung in der Praxis im großen zu verwirklichen, wobei die chemische Potentialenergie anderer Stoffe, vor allem der Brennstoffe, verwertet werden könnte."

Somit weist Professor Vallauri seinerseits auf den, um seinen Ausdruck zu gebrauchen, "Traum von einem Element aus Kohle und Sauerstoff" hin, wobei er betont, daß dieser Traum durchaus einmal zur Wirklichkeit werden kann.

Derselbe Referent sagte:

"Niemand wird heute leugnen, daß ein Tag kommen kann, wo das, was heute eine Utopie ist, Wirklichkeit werden wird, d.h., wo der ganze, von menschlichen Wesen bewohnte Raum mit einem elektromagnetischen Feld durchsetzt sein wird, aus dem jeder die Energiemenge, die er braucht, zu schöpfen vermag, genauso, wie heute unsere Lunge die ihr notwendige Luft der uns umgebenden Atmosphäre entnimmt."

Wir sehen, daß der italienische Professor in diesem Fall bereits die gleichen Wege geht wie wir, um möglichst schnell zu einer einheitlichen Energiewirtschaft der Welt zu gelangen. Und er steht nicht allein da. auf der 2. Weltkraftkonferenz wurden unter anderem die Vorschläge des ungarischen Ingenieurs Haidegger [3] über die statistischen Methoden der Aufstellung von Energiebilanzen als Grundlage angenommen, in denen dem Energiefizierung- und Elektrifizierungsfaktor ein Ehrenplatz eingeräumt wird. Nach der Methode Haideggers wird der Elektrifizierungsfaktor jedes Landes durch das Verhältnis zwischen der Gesamtproduktion eines Landes an Energie (in Kalorien) und ihres Gesamtbedarfs an Energie (ebenfalls in Kalorien) bestimmt.

Es lohnt sich, einige interessante Schlußfolgerungen aus der Gegenüberstellung einzelner Indexzahlen der Weltwirtschaft hervorzuheben, zu denen derselbe Haidegger gelangt. Er teilt den Energieverbrauch in zwei Gruppen ein – erstens in eine Gruppe, die zur Ersetzung des Verbrauchs an organischer Energie, d.h. zum Ersatz der verbrauchten Muskel- und Geistesenergien dient, und zweitens in eine Gruppe anorganischer Energien, die die Bilanz aller möglichen Energiequellen darstellt, welche von der Gesamtheit der die ganze Mechanik der gesellschaftlichen Produktion bedingten technologischen Prozesse absorbiert werden.

Haidegger stellt folgende Berechnung auf:

Weltenergiebedarf

Jahresbedarf der Gesamtbevölkerung von 1864 Millionen Menschen

a) an organischer Energie: täglich und pro Mensch ca. 2000 Kalorien, insgesamt also 1360 Billionen Kalorien (1012 Kalorien)

b) an anorganischer Energie:

 

1400 Millionen t Kohle mit einem Energiewert von: 8400 Billionen Kalorien
170 Millionen t Erdöl 1700 Billionen Kalorien
35000 Millionen m3 Erdgas 350 Billionen Kalorien
400 Millionen t Brennholz 1600
28,8 Millionen PS Wasserkraft 4200
- 16250 Billionen Kalorien

 

Somit entfällt auf jeden Menschen pro Jahr:

a) an organischer Energie: 0,73 Millionen Kalorien

b) an anorganischer Energie: 8,72 Millionen Kalorien

Gesamt: 9,45 * 106 Kalorien

Somit verbraucht die Gesamtbevölkerung von 1864 Millionen Menschen nach den Berechnungen Haideggers an "organischer" Energie 1360 Billionen Kalorien, an "anorganischer" 16250 Billionen Kalorien. Auf jeden Menschen entfallen im Jahr an "organischer" Energie 0,73 Millionen Kalorien, an "anorganischer" 8,72 Millionen Kalorien.

Haidegger setzt das mechanische Äquivalent des Menschen einen fünfunfzwanzigstel PS gleich und kommt zu der Schlußfolgerung, daß im Durchschnitt auf jeden Menschen gleichsam 80 Sklaven kommen. Es versteht sich von selbst, daß diese Berechnung durchaus abstrakter Natur ist, denn die modernen Nationen zerfallen in Gruppen, die mit dieser mechanistischen Sklaverei in sehr verschiedenem Maße versorgt sind. so annähernd diese Berechnung auch sein mag, es ist aus ihr doch zu ersehen, welche gewaltige Rolle die materiell-energetische Basis spielt, vor allem ihr Teil, der sich auf die Ausnutzung der Naturenergien zur Erreichung der heutigen Etappe der Industrialisierung bezieht. Am Beispiel des sogenannten Mitteleuropa und dessen Energiebilanz ist es nicht schwer zu zeigen, welche entscheidende Bedeutung der Energiewirtschaft auf dem Arbeitsfeld zukommt. Ich erlaube mir, die von Haidegger ausgearbeiteten Energiebilanzen anzuführen:

Energiebilanz der mitteleuropäischen Staaten

 

 

Nr. Staat Bedarf Produktion Ausfall Überschuß Einfuhr Ausfuhr Saldo Spez. Energiebedarf Elektrifizierungfaktor
    1012 Kalorien 1012 Kalorien 1012 Kalorien 1012 Kalorien Mio. Mark Mio. Mark Mio. Mark 106 Kalorien/Einwohner
01 Deutsches Reich 1261,81 1572,40 - 310,51 296,00 923,53 -627,59 19,93 14,64
02 Frankreich 583,89 373,74 210,15 - 930,58 1,29 929,29 14,42 15,10
03 Belgien 224,38 179,42 44,96 - 227,26 0,50 226,76 28,97 12,67
04 Polen 165,06 271,12 - 106,06 - 397,10 -397,10 5,71 11,45
05 Tschechoslowak. 156,33 178,46 - 22,13 59,13 59,31 -0,18 11,05 7,77
06 Italien 142,01 48,11 93,9 - 397,78 - 397,78 3,60 47,60
07 Niederlande 112,62 63,29 49,33 - 335,18 - 335,18 16,53 12,78
08 Österreich 62,58 25,22 37,36 - 147,01 0,53 146,48 9,48 34,29
09 Rumänien 54,68 71,98 - 17,30 3,24 389,20 385,96 3,16 5,70
10 Ungarn 44,27 26,57 27,70 - 82,60 - 82,60 5,38 9,66
11 Schweiz 41,80 31,93 9,87 - 84,94 42,50 42,44 10,65 88,27
12 Jugoslawien 28,20 27,67 0,59 - 25,31 2,64 22,67 2,23 8,94
13 Bulgarien 15,74 15,76 - 0,02 8,13 0,50 7,63 3,18 1,41
                  Durchschnitt Durchschnitt
  Summe 2893,37 2885,61 463,87 456,10 2598,16 1817,16 781,00 11,38 16,63

 

Ausfall 0,25% = 7,76 * 1012 Kalorien

Differenz Einfuhr/Ausfuhr: etwa 30%

Einfuhrüberschuß: 781,00 Millionen Mark!

Zwischenstaatlicher Energieverkehr in Mitteleuropa

 

 

Nr. Land Einfuhr Ausfuhr Spez. Stromverbrauch/ Einwohner
    Mio. kWh Mio. kWh  
01 Deutsches Reich 320 90 330
02 Frankreich 330 20 240
03 Belgien - 10 420
04 Polen - 10 75
05 Tschechoslowakei 7 - 95
06 Italien 340 - 190
07 Niederlande 3 - 235
08 Österreich - 20 360
09 Rumänien - - 20
10 Ungarn - - 58
11 Schweiz - 850 1000
12 Jugoslawien - - 22
13 Bulgarien - - 4
    1000 1000 210 (Durchschnitt)

 

Deutsches Reich: 471.371 Quadratkilometer, 63.302.000 Einwohner

Einfuhr: 13.146 Mio. Mark

Ausfuhr: 8.838 Mio. Mark

 

 

Energieträger Bedarf Bedarf Produktion Produktion Ausfall/ Einfuhr Ausfall/ Einfuhr Einfuhr Überschuß Ausfuhr Überschuß
  1000 t 1012 Kal 1000 t 1012 Kal 1000 t 1012 Kal. Mio. Mark Mio. Mark
Steinkohle 109.697,5 767,88 145.363,0 1017,54 35.665,5 249,65
Braunkohle 141.814,0 496,35 139.877,5 489,57 1.936,5 6,78
Torf 680,0 1,36 700,0 1,40 20,0 0,04
Koks 11.242,4 78,70 - - 11.242,4 78,70
            Gesamt - 922,80
Brennholz 12.163,0 48,65 12293,0 49,17 130,0 0,52
Holzkohle 2,0 0,01 - - 2,0 0,01
            Gesamt - 0,79
Erdöl 306,7 3,07 95,4 0,95 211,3 2,12
Dieselöl 309,9 3,10 - - 399,9 3,1
Benzin 427,2 4,27 - - 427,2 4,27
            Gesamt 284,50
Wasserkraft (1,1 Mio. PS) 1.530 Mio. kWh 13,77 1.530 Mio. kWh 13,75 - -
El. Energie 230 Mio. kWh 2,07 - - 230 Mio. kWh 2,07
            Gesamt 11,50

 

Gesamtproduktion an elektrischen Strom:

 

 

Bedarf: 1261,81 Mio. kWh, Produktion: 1572,48
In % 100% 124,62%
Ausfall/Einfuhr: -310,59 = -24,62%

 

20.500 Mio. kWh/Jahr, d. s. 184,50 * 1012 Kal.

Elektrifizierungsfaktor: 14,64

Spezifischer Energiebedarf/Einwohner: 19,93 * 106 Kal./Einwohner

Die entscheidende Rolle der energetischen Basis wird selbst den bürgerlichen Technikern und Ökonomen immer klarer. Zur Illustration führe ich das folgende Kredo des Ingenieurs Haidegger an:

"Die wirtschaftliche Entwicklung nicht nur einzelner Nationen bzw. Staaten, sondern die Entwicklung ganzer Erdteile hängt bekanntlich von der Förderung und der rationellen Einstellung der Produktion ab. Die Faktoren der Produktion sind nach der Volkswirtschaftslehre: die Natur, die Arbeit und das Kapital. Die Natur beteiligt sich wieder eigentlich in zwei Formen an der Produktion, diese beiden Faktoren sind: das Material und die Kraft bzw. Energie. Untersucht man nun die Bedeutung dieser Produktionsfaktoren unter dem Gesichtspunkte unserer heutigen wirtschaftlichen Einrichtungen, so kann man feststellen, daß

  • bezüglich der Arbeit, worunter die auf die Produktion gerichtete zielbewußte menschliche Tätigkeit zu verstehen ist, überall – besonders aber auf dem europäischen Kontinent – ein Überangebot vorhanden ist, die Arbeitslosigkeit ist ja das negative Maß der rationellen Wirtschaftspolitik der einzelnen Staaten

  • das Kapital besitzt praktisch eine unbegrenzte Bewegungsmöglichkeit, sucht selbst Placierung in der rationellen Produktion, ist seiner Natur gemäß Konjunkturforscher und außerdem ein Produktionsfaktor zweiter Ordnung, nachdem es eigentlich auch selbst aus anderen Produktionsfaktoren entsteht.

  • Das Material ist einer der wichtigsten Produktionsfaktoren, seine Bedeutung hat zwar abgenommen, seitdem – hauptsächlich eine Folge der Notwirtschaft im Weltkriege – der gegenseitige Ersatz der Rohmaterialien durch die rapide Entwicklung der Technik in immer breiteren Rahmen Platz greift und die Entwicklung auf diesem Gebiete noch ganz unabsehbare Perspektiven bietet.

  • Die Kraft, also die Gesamtheit der zur Verfügung stehenden Naturkräfte bildet demgegenüber entschieden den allerwichtigsten und unersetzbaren Produktionsfaktor der modern eingerichteten wirtschaftlichen Produktion."

Erinnern wir uns noch an die Gedankengänge, die die bekannte Hooverkommission zu Studien der Ökonomik der Vereinigten Staaten über die direkte Abhängigkeit der maschinellen Kultur von ihrer energetischen Basis entwickelt hat, so offenbart sich der Standpunkt der modernen bürgerlichen Energiewirtschaftler mit genügender Klarheit.

Es fällt nicht schwer zu zeigen, daß die Voraussetzungen einer umfassenden Energiewirtschaft nur die energische Vergesellschaftung aller Produktionsmittel sein kann, die allen einen Ausweg aus der Sackgasse weist, in die die modernen Energiewirtschaftler geraten sind, die ihre Betrachtungen lediglich auf die Möglichkeiten der kapitalistischen Gesellschaftsordnung beschränken. In diesem Sinne sind die Versuche einiger westeuropäischer Gelehrten bezeichnend, einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise Mitteleuropas im Aufbau des zwischenstaatlichen Energieaustausches zu suchen. Haidegger stellt fest, daß die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten auf dem Weltmarkt (dieser durch eine Getreideernte von 12 Millionen Waggons, eine Baumwollernte von 57% der Weltproduktion, eine Erdölgewinnung von 73%, eine Kupferförderung von 58%, eine Bleierzeugung von 42% und eine Eisen- und Stahlerzeugung von 61% der Weltproduktion illustriert) eine direkte Gefahr für das heutige Mitteleuropa bedeutet, das durch den Versailler Friedensvertrag in das Chaos gestürzt ist.

Es fehlt nicht viel, und er müßte selbst zugeben, wie unwirksam seine Vorschläge sind, die Zollbarrieren niederreißen, die den Handel mit elektrischen Strom beeinträchtigen. Die Verschiebungen der Energiewirtschaft der Welt, die mit dem sozialistischen Aufbau in der UdSSR verbunden sind, läßt er überhaupt außer acht. Nach Angaben des Ingenieur Kellen beträgt die Weltproduktion an elektrischer Energie in Millionen kWh:

 

1925 1926 1927 1928
186595 204836 233407 255622

 

Wir sehen somit, wie die Elektrifizierung der Welt von Jahr zu Jahr bedeutend fortschreitet. Und trotzdem müssen Beobachter feststellen, daß die Entwicklung bei weitem noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hat. Vor allem sind es vier Faktoren, die diese Entwicklung forcieren müssen und zwar

  • die Erzeugung von Stickstoff zur Kunstdüngerfabrikation

  • die Aluminiumfabrikation

  • die Erzeugung von Elektrostahl und

  • die Elektrifizierung der Eisenbahnen

Es ist leicht zu zeigen, daß unter den Bedingungen der sozialistischen Wirtschaft alle diese vier Elemente besonders wirksame Faktoren sein müssen.

Die nachstehende Tabelle zeigt uns mit besonderer Anschaulichkeit, wie gewaltig noch die Spanne zwischen der Elektrifizierung der Sowjetunion und den fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten ist:

 

 

Nr. Land Jahr Leistungfähigkeit Jahresproduktion Jahresproduktion Dauer der Ausnutzung Ausnützungsfaktor Anteil der Zentralen Wasserkraft Anteil der Zentralen Wärmekraft
      1000 kW Mio. kWh kWh/Einwohner Stunden   % %
01 Norwegen 1929 1579 8000 2859 5066 57,8 ca. 100 -
02 Kanada 1928 4320 17531 1815 4031 46,1 98,6 1,4
03 Schweiz 1928 1577 5300 1317 3361 38,4 95,0 5,0
04 Japan 1928 3467 10559 172 3046 34,8 88,0 12,0
05 USA 1928 29630 87850 942 2955 33,9 39,5 60,5
06 Frankreich 1928 4500 13100 319 2911 33,3 41,6 58,4
07 Schweden 1928 1540 4410 724 2861 32,7 ca. 75 ca. 25
08 Italien 1928 3850 10000 244 2597 29,6 97,9 2,1
09 Deutsches R. 1929 12416 30661 480 2469 28,3 11,6 88,4
10 Großbrit. 1928 8860 14960 337 1688 19,3 - ca. 100
11 UdSSR [4] 1929 2204 6000 40 2730 31,3 3,5 96,5

 

Es unterliegt keinem Zweifel, daß ein einheitlicher Volkswirtschaftsplan des Staates, wie immer dieser Plan auch beschaffen sein sollte, unvermeidlich aus einer reichhaltigen Vielheit von Linien des Aufbaus bestehen muß. Wenn wir die Grundlagen eines solchen Plans suchen, suchen wir im Grunde eine Einheit in dieser Vielheit. Unsere Darlegungen zeigen, welche entscheidende Bedeutung dabei der Energetik zufallen wird.

Hier haben wir es unvermeidlich gleichsam mit zwei Stadien dieses Suchens zu tun. Das Neue reift im Alten. Wir müssen den elementaren Höhepunkt der gesellschaftlichen Technik, den uns der heutige Stand dieser Technik unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise bietet, sorgfältig studieren. Das ist sozusagen das erste Stadium, auf dem es keine "Schöpfung" geben kann. Das Feld ist durch das, was die technologische Praxis der Welt geleistet hat, streng abgegrenzt. Jeder Zweig der Technologie mündet hier als ein besonderer Strom, und wir haben uns darauf zu beschränken, das entscheidende Fahrwasser dieses Stroms zu finden. Das gleiche gilt auch von der Ökonomik der gesellschaftlichen Produktion. Auch hier gibt es ein erstes Stadium elementarer Rationalisierung. Es ist gekennzeichnet durch die unbestrittenen Vorzüge der Konzentration der Produktion, der Spezialisierung, der Standardisierung, der Typisierung.

Die sozialistische "Schöpfung" beginnt mit der Kombinierung der technologischen Prozesse, mit einer neuen Gruppierung, einer neuen ökonomischen Einheit der Produktionsorganisation. Daher die besondere Rolle des Kommunikationswesens in unserem Aufbau.

Die Analyse der Arbeiten Josef Iwanows, der GOELRO und der Aufstellungen im Entwurf unseres Fünfjahrplans gestattet bereits, jene Besonderheiten der eigenartigen sozialistischen Einheit von Technik und Ökonomik zu umreißen, durch die das Rekordtempo der quantitativen und qualitativen Vorwärtsbewegung auf der Grundlage durchgreifender Elektrifizierung gewährleistet wird.

Kombinierung der Industriezweige unter dem Gesichtspunkt einer möglichst rationellen energiewirtschaftlichen Bilanz, Einteilung des gesamten Landes in besondere energiewirtschaftliche Bezirke, die durch ein einheitliches Stromnetz verbunden sind, Modernisierung der Industrie auf der Basis der Elektrizität, technisch-ökonomische Rekonstruktion der Landwirtschaft durch Traktorisierung und gleichzeitige fortschreitende Elektrifizierung, schließlich Rekonstruktion des Transportes auf der Grundlage umfassender Elektrifizierung – das sind die Wege, auf denen sich die technisch-ökonomische Rekonstruktion der UdSSR unter der Bedingung einer maximalen Ersparnis unserer Energiereserven bei der Verwirklichung des sozialistischen Aufbaus weiter vorwärts bewegen muß.

Die bürgerliche Welt sucht ihre Wege der Industrialisierung und der Elektrifizierung. Doch die elektrische Basis der maschinellen Kultur kann am umfassendsten nur unter den Bedingungen der sozialistischen Wirtschaft entfaltet werden.

Irgendeine Umstellung der bewährten, von Lenin gesetzten Weichen der Elektrifizierung kommt nicht in Frage. Sowohl unsere Fernheizungsschwärmer als auch die Anhänger der Chemisierung, als einer Kraft, die mit der Elektrifizierung konkurriert, werden sich immer wieder bescheiden müssen.

Laßt uns also eine gewaltige Front aufrichten im Kampf für den neuen Generalplan der Volkswirtschaft, um durch ihn, gestützt auf die Kraft des heldenhaften Kollektiv unseres Landes, des Kollektivs der zu einer niedagewesenen Einheit zusammengeschweißten Hand- und Kopfarbeiter, die Vielheit der bevorstehenden grandiosen Arbeitsprozesse zu führenden geschlossenen sozialistischen Einheiten neuer energetischer Serien zusammenzufassen.

So und nur so kann das, was ich in meinen Ausführungen skizziert habe, zu Ende geführt werden.

 

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Anmerkungen

1 [Vorsitzender der Staatlichen Plankommission (GOSPLAN) 1921-1923 und 1925-1930]


2 Man muß die Herausgabe dieses Materials aus allen Kräften beschleunigen, einige Zeilen darüber sowohl in das Kommissariat für Volksbildung als auch in den Verband der Druckereiarbeiter als auch in das Arbeitskommissariat schicken


3 Dipl.-Ing. Ernst Haidegger, "Die Energiewirtschaft Mitteleuropas", Sonderdruck aus "Die Wasserwirtschaft", Jahrgang 1930


4 Für die UdSSR nehmen wir die Angaben des Energozentrums.

 

 

 

Sowjetunion Lenins und Stalins (UdSSR)