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Internationale Presse-Korrespondenz, Nr. 107, 1931, S. 2432

 

Potemkinsche Dörfer?“

Der Arbeiter Anton Knipping, vom Gewerkverein Christlicher Bergarbeiter Deutschlands, berichtet von der Ankunft in Moskau: „Dann ging es ins Hotel, und wir hatten im Laufe des Tages ein paar Stunden Zeit, uns in Moskau umzusehen. Hier will ich gleich einige Bemerkungen machen, die für den ganzen Bericht wichtig sind. Das betrifft die sogenannten ‘Potemkinschen Dörfer’. Ich habe festgestellt, dass uns die Sowjetunion keine Potemkinschen Dörfer zu zeigen braucht. Was sie zeigt, ist echt, auch das Schlechte und Unvollkommene ist manchmal sogar so echt, daß der moderne Mitteleuropäer sich wundert, daß es so etwas überhaupt noch gibt. Auf unserer Rundfahrt durch Moskau zeigte man uns nicht nur die ausgebauten Straßen, neuen Klubhäuser, Gewerkschaftshäuser, Museen usw., nein, wir fuhren auch durch die Elendsviertel, die noch aus der Zarenzeit stammen. Mit desto größerem Stolz zeigte man uns dann die riesigen neuen Arbeitersiedlungen. Ganze Viertel in Moskau zeigen sich als ein großer Bauplatz. Die engen, dumpfen Straßenzüge werden ganz niedergerissen, die Straßen aufs Doppelte, und mehr verbreitert und neue Häuser gebaut.“

 

Wie wohnt der russische Arbeiter?

Der parteilose Arbeiter F. Meyer berichtet: „In Machatschkala sahen wir nebeneinander alte und neue Wohnungen. Trotzdem die alten Wohnungen früher von dem leitenden Personal einer Textilfabrik bewohnt waren, blieben sie weit hinter den in den letzten Jahren erbauten neuen Wohnungen zurück. In den nett erbauten Wohnungen sah ich im Gegensatz zu den alten Wohnungen in jeder Wohnung fließendes Wasser, elektrisches Licht, ein Klosett usw. Am 22. Oktober besichtigten wir in Baku eine nett erbaute Arbeitersiedlung. Sie ist vor 2,5 Jahren gebaut worden. Die Gelder stellte der Bakuer Sowjet zur Verfügung. Die Siedlung ist ganz modern gebaut, nach dem Motto Licht, Luft und Sonne. Im Hof sind Gartenanlagen und in diesen Gartenanlagen Kinderheime. Auch hier wird die Miete nach der Höhe des Einkommens berechnet. Im Durchschnitt beträgt sie 12 Rubel monatlich. Ich war in der Wohnung eines Naphthaarbeiters. Sie war sauber und freundlich eingerichtet. Drei Zimmer mit 2 Balkons und die Küche kosteten 13 Rubel monatlich. Das wäre nach deutschem Gelde etwa 26 Mark, jedoch bei einem Einkommen, bei dem die Miete nur etwa 5 Prozent ausmacht.“

 

Im Arbeiter-Sanatorium

Der sozialdemokratische Arbeiter W. N o l l m e y e r berichtet voll aufrichtiger Anerkennung über die Aufbauarbeit der Sowjetregierung in Machatschkala und schildert das wunderbare Sanatorium; dann sagt er: „Die Aufnahme in ein Sanatorium ist für alle Arbeiter unentgeltlich. Alle Werktätigen, die der Sozialversicherung angehören, werden ohne Entgelt bei Vorliegen von Erkrankungen in dieses oder in andere Sanatorien gebracht. Sie beziehen während ihres Aufenthalts im Sanatorium ihren Lohn in voller Höhe von dem Betrieb weiter. Der Aufenthalt erstreckt sich nie unter 4 Wochen und wird von Seiten des Arztes im Sanatorium nach dem Befund evtl. verlängert. Unterschiede zwischen den Patienten bestehen nicht. Ob Arbeiter oder Direktor einer Textilfabrik, beide genießen die gleichen Rechte. Differenzierung sowohl im Wohnen wie im Essen und Trinken gibt es nicht.“

 

Ein lehrreicher Vergleich.

Ein Berliner Verkehrsarbeiter, Mitglied der Belegschaft der BVG, schreibt: „Die Berliner Verkehrs-AG hat der Belegschaft mehrfach Lohnabbau aufgezwungen. Die Arbeitszeit wurde ohne Lohnausgleich verkürzt, und viele Verschlechterungen sozialer Art wurden im letzten Jahre vollzogen. In Baku habe ich festgestellt, dass der Lohn der Arbeiter im letzten Jahr um 45 Prozent gestiegen ist und daß die Arbeitszeit mit vollem Lohnausgleich auf 7 Stunden täglich verkürzt wurde. Der Lohn der Sowjetarbeiter wird demnächst noch gesteigert werden. Die BVG dagegen will wiederum einen Lohnabbau von 18 Mark monatlich einführen. In der Berliner Verkehrs-AG ist die Belegschaft im letzten Jahre von 26.000 auf 22.000 Mann herabgesetzt, und neue Entlassungen stehen bevor. Die Arbeitszeit beträgt beim Fahrpersonal 8 Stunden täglich, welche aber über die Zeit von 16 bis 18 Stunden durch geteilten Dienst verteilt sind. Die Belegschaft der Bakuer Straßenbahn arbeitet dagegen in 3 Schichten von je 7 Stunden, aber hintereinander laufend, so daß der Arbeiter genügend Zeit zur Bildung in kultureller und politischer Beziehung hat. Die Belegschaftszahl in Baku steigt; ihre Erhöhung auf 3.000 wird in den nächsten Monaten durchgeführt. Die BVG hat eine Heimstättengesellschaft für Wohnungsbau geschaffen.

Die Mieten dieser Wohnungen, bestehend aus 2 Zimmern, Küche und Bad, betragen 70 bis 80 Mark im Monat. In den letzten Wochen und Monaten haben 30 Prozent der Verkehrsarbeiter, die in diesen Wohnungen wohnen, gekündigt, da sie nicht mehr in der Lage sind, diese hohen Mieten zu zahlen. Wie ist es dagegen in Baku? Der Betrieb baut für seine Arbeiter Wohnungen zu niedrigen Preisen. Eine Wohnung von 2 Zimmern, Küche und Bad in der Größe von 45 qm kostet z.B. monatlich bei einem Einkommen von 200 Rubel 12 Rubel; ist das Einkommen niedriger, so wird auch der Mietpreis entsprechend gesenkt. – Der Betrieb hat weiter ein Arbeiterklubhaus. Hier kann sich der Arbeiter nach Arbeitsschluss weiterbilden und unterhalten. Gute Lektüre, politische und wissenschaftliche Zirkel, Unterhaltungszimmer usw. stehen ihm zur Verfügung. Im Kapitalismus ist diese Kulturarbeit überhaupt unmöglich.“

 

Tatsachen überzeugen!

Der christliche Gewerkschafter A. Knipping hat in der Arbeiterdelegation folgende eigenhändig geschriebene Erklärung veröffentlicht: „Auf meiner Reise durch die Sowjetunion sah ich neben dem kolossalen sozialen Aufbau den ebenso großen kulturellen Fortschritt, den die revolutionäre Arbeiterschaft dort selbst vollbracht hat. Ich halte es für meine Pflicht und Schuldigkeit, in Deutschland bei jeder Gelegenheit, in Versammlungen usw. dementsprechend wahrheitsgemäß zu berichten und überall für die Verteidigung der Sowjetunion und gegen alle Angriffe ge- gen dieselbe mit allen Mitteln zu arbeiten. Da diese Arbeit bereits vom Bunde der Sowjetfreunde in Angriff genommen ist und geleistet wird, erkläre ich hiermit meinen Beitritt zu dem oben genann- ten Bund und erwarte von allen übrigen Mitgliedern der Arbeiterdelegation dasselbe.“ Tatsachen überzeugen!  "

 

Internationale Presse-Korrespondenz, Nr. 107, 1931, S. 2432

 

 

Sowjetunion Lenins und Stalins (UdSSR)