DEUTSCH

 


Stalin

über die chinesische Revolution

Sammlung von Texten herausgegeben von der Komintern (SH) aus Anlass des 90. Jahrestags des Beginns der chinesischen Revolution mit der Bewegung 30. Mai 1925"

 

 

 

 

ZU DEN ERGEBNISSEN DER ARBEITEN DER
XIV. KONFERENZ DER KPR(B)

III
DIE NÄCHSTEN AUFGABEN DER
KOMMUNISTISCHEN ELEMENTE DER KOLONIALEN
UND ABHÄNGIGEN LÄNDER

Ich gehe zur dritten Fragengruppe über.

Das Neue auf diesem Gebiet besteht in folgendem:

a) die verstärkte Kapitalausfuhr aus den fortgeschrittenen in die rückständigen Länder, die durch die Stabilisierung des Kapitalismus gefördert wird, hat zur Folge, dass sich der Kapitalismus in den Kolonialländern in schnellem Tempo entwickelt und entwickeln wird, wobei er die alten Formen der sozialpolitischen Verhältnisse sprengt und neue schafft;

b) das Proletariat in diesen Ländern wächst und wird in zunehmendem Tempo wachsen;

c) die revolutionäre Arbeiterbewegung und die revolutionäre Krise in den Kolonien wächst und wird weiter wachsen;

d) im Zusammenhang damit treten bestimmte Schichten der nationalen Bourgeoisie, die reichsten und mächtigsten, hervor und werden verstärkt hervortreten, die eine Revolution im eigenen Lande mehr fürchten als den Imperialismus und darum ein Übereinkommen mit dem Imperialismus der Befreiung ihres Landes vom Imperialismus vorziehen und somit ihre eigene Heimat verraten werden (Indien, Ägypten usw.);

e) infolgedessen kann die Befreiung dieser Länder vom Imperialismus nur im Kampf gegen die paktiererische nationale Bourgeoisie erreicht werden;

f) hieraus folgt aber, dass die Frage des Bündnisses der Arbeiter und Bauern und der Hegemonie des Proletariats in den industriell entwickelten und sich entwickelnden Kolonien zu einer aktuellen Frage werden muss, ebenso wie sie vor der ersten Revolution in Rußland im Jahre 1905 aktuell wurde.

Bisher war es so, dass man vom Osten als von etwas Geschlossenem und Gleichartigem zu sprechen pflegte. Jetzt ist es für jeden klar, dass es einen einheitlichen, gleichartigen Osten nicht mehr gibt, dass es jetzt kapitalistisch entwickelte und sich entwickelnde Kolonien, anderseits aber rückständige und zurückbleibende Kolonien gibt, die nicht mit gleichem Maßstab gemessen werden können.

Bisher stellte man sich die nationale Befreiungsbewegung so vor, dass man sie als eine geschlossene Front aller nationalen Kräfte der kolonialen und abhängigen Länder - von den allerreaktionärsten Bourgeois bis zu den allerrevolutionärsten Proletariern - betrachtete. Jetzt, nach der Spaltung der nationalen Bourgeoisie in einen revolutionären und einen antirevolutionären Flügel, bietet die nationale Bewegung ein etwas anderes Bild. Neben den revolutionären Elementen der nationalen Bewegung gehen aus der Bourgeoisie paktiererische, reaktionäre Elemente hervor, die ein Übereinkommen mit dem Imperialismus der Befreiung ihres Landes vorziehen.

Hieraus ergibt sich für die kommunistischen Elemente der Kolonialländer die Aufgabe, sich mit den revolutionären Elementen der Bourgeoisie und vor allem mit der Bauernschaft gegen den Block des Imperialismus und der paktiererischen Elemente der „eigenen” Bourgeoisie zusammenzuschließen, um, mit dem Proletariat an der Spitze, einen wirklichen revolutionären Kampf für die Befreiung vom Imperialismus zu führen.

Daraus ergibt sich nur die eine Schlussfolgerung: Für eine ganze Reihe von Kolonialländern rückt jetzt ihr Jahr 1905 heran.

Die Aufgabe besteht darin, die fortgeschrittenen Elemente der Arbeiter der Kolonialländer zu einer einheitlichen kommunistischen Partei zusammenzuschließen, die fähig ist, die Führung der heranreifenden Revolution zu übernehmen.

Folgendes sagte Lenin schon im Jahre 1922 über die ansteigende revolutionäre Bewegung in den Kolonialländern:

„Die gegenwärtigen ‚Sieger’ des ersten imperialistischen Gemetzels sind nicht einmal imstande, das winzig kleine Irland zu besiegen, sind nicht einmal imstande, den Wirrwarr, der unter ihnen selbst in Finanz- und Valutafragen entstanden ist, zu überwinden. Und in Indien und China brodelt es. Das sind mehr als 700 Millionen Menschen. Das ist, wenn wir die an sie grenzenden und ihnen ganz ähnlichen asiatischen Länder hinzuzählen, die größere Hälfte der Bevölkerung der Welt. Dort rückt, unaufhaltsam und immer rascher, das Jahr 1905 heran, mit dem wesentlichen und riesengroßen Unterschied, dass im Jahre 1905 die Revolution in Rußland (wenigstens anfangs) sich noch isoliert abspielen konnte, das heißt ohne unverzüglich andere Länder in die Revolution hineinzuziehen. Die in Indien und China heranwachsende Revolution aber wird und ist schon jetzt in den revolutionären Kampf, in die revolutionäre Bewegung, in die internationale Revolution hineingezogen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 313, russ.)

Die Kolonialländer stehen vor ihrem Jahr 1905 - das ist die Schlussfolgerung.

Das ist der Sinn der vom erweiterten Plenum der Komintern zur Kolonialfrage angenommenen Resolutionen.

 

 

 

 


 

 

 

ÜBER DIE POLITISCHEN AUFGABEN
DER UNIVERSITÄT DER VÖLKER DES OSTENS

Rede in einer Versammlung der Studenten der Kommunistischen Universität
der Werktätigen des Ostens

18. Mai 1925

Genossen! Gestatten Sie zunächst, dass ich Sie zum vierjährigen Bestehen der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens beglückwünsche. Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass ich Ihrer Universität auf dem schwierigen Weg der Heranbildung kommunistischer Kader für den Osten jeglichen Erfolg wünsche.

Doch kommen wir zur Sache.

Analysiert man die Zusammensetzung der Universität der Werktätigen des Ostens, so kann man nicht umhin, eine gewisse Zwiespältigkeit dieser Zusammensetzung festzustellen. Diese Universität umfasst Vertreter von nicht weniger als 50 Nationen und nationalen Gruppen des Ostens. Alle Hörer der Universität sind Söhne des Ostens. Diese Feststellung gibt jedoch noch kein klares und geschlossenes Bild. Die Sache ist nämlich die, dass die Hörerschaft der Universität aus zwei Hauptgruppen besteht, die zwei ganz verschiedene Entwicklungslinien verkörpern. Die erste Gruppe besteht aus Menschen, die aus dem Sowjetosten zu uns gekommen sind, also aus Ländern, wo es keine Herrschaft der Bourgeoisie mehr gibt, wo das imperialistische Joch bereits abgeschüttelt ist und die Arbeiter an der Macht stehen. Die zweite Gruppe der Hörer besteht aus Menschen, die aus kolonialen und abhängigen Ländern zu uns gekommen sind, also aus Ländern, wo immer noch der Kapitalismus herrscht, auf denen das Joch des Imperialismus weiterhin mit seiner ganzen Schwere lastet und wo es erst noch gilt, die Imperialisten hinauszujagen und die Unabhängigkeit zu erkämpfen.

Somit haben wir es mit zwei Osten zu tun, von denen jeder ein anderes Leben führt und sich unter anderen Verhältnissen entwickelt.

Diese Zwiespältigkeit der Zusammensetzung der Hörerschaft muss, das braucht man nicht zu betonen, der Arbeit der Universität der Werktätigen des Ostens natürlich ihren Stempel aufdrücken. Eben dadurch erklärt sich auch die Tatsache, dass diese Universität mit einem Bein auf sowjetischem Boden und mit dem andern auf dem Boden der Kolonien und abhängigen Länder steht.

Hieraus ergeben sich zwei Linien für die Tätigkeit der Universität: Auf der einen Linie sind Kader für die Befriedigung der Bedürfnisse der Sowjetrepubliken des Ostens zu schaffen, auf der anderen Linie sind Kader für die Befriedigung der revolutionären Erfordernisse der werktätigen Massen der kolonialen und abhängigen Länder des Ostens zu schaffen.

Hieraus ergeben sich für die Universität der Werktätigen des Ostens auch zweierlei Aufgaben.

Betrachten wir nun diese Aufgaben der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens, und zwar jede für sich.

I
DIE AUFGABEN DER KOMMUNISTISCHEN
UNIVERSITÄT DER WERKTÄTIGEN DES OSTENS
HINSICHTLICH DER
SOWJETREPUBLIKEN DES OSTENS

Worin bestehen die charakteristischen Besonderheiten, durch die sich diese Länder, diese Republiken, was ihre Existenz und Entwicklung anbelangt, von den kolonialen und abhängigen Ländern unterscheiden?

Erstens darin, dass diese Republiken von imperialistischer Unterdrückung frei sind.

Zweitens darin, dass ihre Entwicklung und Konsolidierung als Nationen nicht unter der Ägide eines bürgerlichen Regimes, sondern unter der Ägide der Sowjetmacht vor sich geht. Das ist eine in der Geschichte einzig dastehende Tatsache, aber es ist dennoch eine Tatsache.

Drittens darin, dass sie, die industriell schwach entwickelt sind, bei ihrer Entwicklung in vollem Umfang die Unterstützung des Industrieproletariats der Sowjetunion in Anspruch nehmen können.

Viertens darin, dass diese von kolonialer Unterdrückung freien, unter dem Schutz der Diktatur des Proletariats stehenden und zur Sowjetunion gehörenden Republiken sich in den sozialistischen Aufbau unseres Landes eingliedern können und müssen.

Die Hauptaufgabe besteht darin, die Einbeziehung der Arbeiter und Bauern dieser Republiken in den Aufbau des Sozialismus in unserem Lande zu erleichtern, die den besonderen Existenzbedingungen dieser Republiken entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen und zu entwickeln, um diese Eingliederung vorwärts zubringen und zu beschleunigen.

Hieraus ergeben sich als nächste Aufgaben für die Funktionäre des Sowjetostens:

1. Industriestätten in den Sowjetrepubliken des Ostens als Basis für den Zusammenschluss der Bauern um die Arbeiterklasse schaffen. Sie wissen, dass dieses Werk bereits in Angriff genommen worden ist, und dass es entsprechend dem wirtschaftlichen Wachstum der Sowjetunion fortschreiten wird. Die Tatsache, dass diese Republiken die verschiedenartigsten Rohstoffe besitzen, bürgt dafür, dass dieses Werk mit der Zeit vollendet werden wird.

2. Die Landwirtschaft heben und vor allem das Bewässerungswesen verbessern. Sie wissen, dass dieses Werk ebenfalls vorwärts gebracht worden ist, wenigstens in Transkaukasien und Turkestan.

3. Den genossenschaftlichen Zusammenschluss der breiten Massen der Bauern und Kleingewerbetreibenden verstärken und fördern, da dies der sicherste Weg zur Eingliederung der Sowjetrepubliken des Ostens in das allgemeine System des sowjetischen Wirtschaftsaufbaus ist.

4. Die Sowjets den Massen näher bringen, erreichen, dass sie sich nach dem nationalen Grundsatz zusammensetzen, und somit ein nationales Sowjetstaatswesen schaffen, das den werktätigen Massen nahe steht und vertraut ist.

5. Die nationale Kultur entwickeln, ein weit verzweigtes Netz von Kursen und Schulen sowohl allgemein bildenden als auch berufstechnischen Charakters schaffen, die in der Muttersprache unterrichten und Sowjet- und Partei-, Gewerkschafts- und Wirtschaftskader aus der einheimischen Bevölkerung heranbilden.

Diese Aufgaben erfüllen heißt eben, den sozialistischen Aufbau in den Sowjetrepubliken des Ostens erleichtern.

Man spricht von Musterrepubliken des Sowjetostens. Was ist aber eine Musterrepublik? Eine Musterrepublik ist eine Republik, die alle diese Aufgaben ehrlich und gewissenhaft erfüllt und dadurch das Streben der Arbeiter und Bauern der benachbarten kolonialen und abhängigen Länder fördert, sich in die Befreiungsbewegung einzureihen.

Ich sprach oben von der Notwendigkeit, die Sowjets den werktätigen Massen der Nationalitäten näher zu bringen, die Sowjets zu nationalisieren. Was heißt das nun, und wie sieht das in der Praxis aus? Ich glaube, als Musterbeispiel einer solchen Annäherung an die Massen könnte man die Festlegung der nationalen Grenzen in Turkestan

 

Es handelt sich um die Festlegung der nationalen Staatsgrenzen der Sowjetrepubliken Mittelasiens (Turkestan, Buchara, Choresm), die 1924 durchgeführt wurde. Im Ergebnis der Festlegung der nationalen Grenzen wurden gebildet: die Turkmenische SSR, die Usbekische SSR, die Tadshikische ASSR im Rahmen der Usbekischen SSR, das Kara-Kirgisische Autonome Gebiet (später Kirgisische SSR) im Rahmen der RSFSR und das Kara-Kalpakische Autonome Gebiet im Rahmen der Kirgisischen ASSR (später der Kasachischen SSR). Der III. Sowjetkongress der UdSSR nahm im Mai 1925 die Usbekische und die Turkmenische Sozialistische Sowjetrepublik in die UdSSR auf und nahm entsprechende Abänderungen in der Verfassung der UdSSR vor. Die Festlegung der nationalen Staatsgrenzen der Sowjetrepubliken Mittelasiens wurde unter unmittelbarer Leitung J. W. Stalins durchgeführt.

 

betrachten, die vor kurzem ihren Abschluss fand. Die bürgerliche Presse erblickt in dieser Festlegung der Grenzen eine „bolschewistische List”. Indes ist klar, dass hier keine „List” zum Ausdruck kam, sondern der zutiefst empfundene Wunsch der Volksmassen Turkmenistans und Usbekistans, eigene Machtorgane zu besitzen, die ihnen nahe stehen und vertraut sind. In der vorrevolutionären Epoche waren diese beiden Länder zerstückelt, sie gehörten zu verschiedenen Khanaten und Staaten und boten somit ein günstiges Feld für das ausbeuterische Treiben der „Machthaber”. Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo sich die Möglichkeit bietet, diese auseinander gerissenen Stücke zu unabhängigen Staaten wiederzuvereinigen, um die werktätigen Massen Usbekistans und Turkmenistans den Machtorganen näher zubringen und sie mit ihnen zusammenzuschweißen. Die Festlegung der Grenzen in Turkestan ist vor allem eine Wiedervereinigung der auseinander gerissenen Teile dieser Länder zu unabhängigen Staaten. Wenn diese Staaten nachher den Willen geäußert haben, der Sowjetunion als gleichberechtigte Mitglieder beizutreten, so zeugt das nur davon, dass die Bolschewiki den Schlüssel zu den tiefsten Bestrebungen der Volksmassen des Ostens gefunden haben und dass die Sowjetunion auf der ganzen Welt die einzige freiwillige Vereinigung der werktätigen Massen der verschiedenen Nationalitäten ist. Um die Einheit Polens wiederherzustellen, brauchte die Bourgeoisie eine ganze Reihe von Kriegen. Um die Einheit Turkmenistans und Usbekistans wiederherzustellen, brauchten die Kommunisten dagegen nur einige Monate Aufklärung und Propaganda.

Das ist die Art und Weise, wie man die Verwaltungsorgane, im gegebenen Fall die Sowjets, den breiten Massen der Werktätigen der verschiedenen Nationalitäten nahe bringen muss.

Das ist ein Beweis dafür, dass die nationale Politik der Bolschewiki die einzig richtige Politik ist.

Ferner sprach ich von der Hebung der nationalen Kultur in den Sowjetrepubliken des Ostens. Was heißt aber nationale Kultur? Wie lässt sie sich mit der proletarischen Kultur vereinbaren? Hat denn nicht Lenin bereits vor dem Krieg gesagt, dass wir zwei Kulturen haben: eine bürgerliche und eine sozialistische, dass die Losung der nationalen Kultur eine reaktionäre Losung der Bourgeoisie ist, die bestrebt ist, das Bewusstsein der Werk-tätigen mit dem Gift des Nationalismus zu verseuchen?

 

Siehe W. I. Lenins Artikel „Kritische Bemerkungen zur nationalen Frage” („Werke", 4. Ausgabe, Bd. 20, S. 1-34, russ.).

 

Wie lässt sich der Aufbau der nationalen Kultur, die Entwicklung von Schulen und Kursen in der Muttersprache und die Heranbildung von Kadern aus der ein-heimischen Bevölkerung mit dem Aufbau des Sozialismus, dem Aufbau der proletarischen Kultur vereinbaren? Besteht da nicht ein unüberbrückbarer Widerspruch? Natürlich nicht! Wir bauen die proletarische Kultur auf. Das ist vollkommen richtig. Richtig ist aber auch, dass die, ihrem Inhalt nach sozialistische, proletarische Kultur bei den verschiedenen Völkern, die in den sozialistischen Aufbau einbezogen sind, verschiedene Ausdrucksformen und eine unterschiedliche Ausdrucksweise annimmt, je nach den Unterschieden der Sprache, der Lebensweise usw. Proletarisch ihrem Inhalt, national ihrer Form nach - das ist die allgemeinmenschliche Kultur, der der Sozialismus entgegengeht. Die proletarische Kultur hebt die nationale Kultur nicht auf, sie verleiht ihr vielmehr den Inhalt. Und umgekehrt: Die nationale Kultur hebt die proletarische Kultur nicht auf, sie verleiht ihr vielmehr die Form. Die Losung der nationalen Kultur war eine bürgerliche Losung, solange die Bourgeoisie an der Macht war und die Konsolidierung der Nationen unter der Ägide des bürgerlichen Regimes verlief. Die Losung der nationalen Kultur wurde zu einer proletarischen Losung, als das Proletariat an die Macht kam und die Konsolidierung der Nationen sich unter der Ägide der Sowjetmacht zu vollziehen begann. Wer diesen prinzipiellen Unterschied zwischen den zwei verschiedenen Situationen nicht begriffen hat, der wird weder den Leninismus noch das Wesen der nationalen Frage je begreifen.

Man redet davon (wie das zum Beispiel Kautsky tut), dass in der Periode des Sozialismus eine allgemeinmenschliche Einheitssprache geschaffen werden wird und alle anderen Sprachen absterben werden. Ich glaube nicht so recht an diese Theorie einer allumfassenden Einheitssprache. Die Erfahrung jedenfalls spricht nicht für, sondern gegen diese Theorie. Bis jetzt ist es so gewesen, dass die sozialistische Revolution die Zahl der Sprachen nicht vermindert, sondern vermehrt hat, denn dadurch, dass sie die tiefsten Tiefen der Menschheit aufrüttelt und auf die politische Arena bringt, erweckt sie eine ganze Reihe neuer, früher gar nicht oder wenig bekannter Nationalitäten zu neuem Leben. Wer hätte gedacht, dass das alte zaristische Rußland nicht weniger als 50 Nationen und nationale Gruppen umfasste? Die Oktoberrevolution hat jedoch dadurch, dass sie die alten Ketten gesprengt und eine ganze Reihe vergessener Völker und Völkerschaften auf den Plan gerufen hat, diese zu neuem Leben erweckt und ihnen neue Entwicklungsmöglichkeiten gegeben. Heute spricht man von Indien als einem einheitlichen Ganzen. Es ist jedoch kaum daran zu zweifeln, dass im Falle einer revolutionären Erschütterung in Indien Dutzende von bis dahin unbekannten Nationalitäten auf den Plan treten werden, die eine eigene Sprache sprechen, eine eigene Kultur besitzen. Und wenn es sich darum handelt, die proletarische Kultur zum Gemeingut der verschiedenen Nationalitäten zu machen, so kann kaum ein Zweifel darüber bestehen, dass dies in Formen vor sich gehen wird, die der Sprache und Lebensweise dieser Nationalitäten entsprechen.

Vor kurzem erhielt ich einen Brief von burjatischen Genossen, in dem sie bitten, die ernste und schwierige Frage der Wechselbeziehungen zwischen der allgemeinmenschlichen und der nationalen Kultur zu erklären. Hier ist der Brief:

„Wir bitten dringend um Erklärung der folgenden, für uns sehr ernsten und schwierigen Fragen. Das Endziel der kommunistischen Partei ist die einheitliche allgemeinmenschliche Kultur. Wie soll man sich den Obergang von den nationalen Kulturen, die sich bei uns in den einzelnen autonomen Republiken entwickeln, zu der einheitlichen allgemeinmenschlichen Kultur vorstellen? Wie soll die Assimilierung der Besonderheiten der einzelnen nationalen Kulturen (Sprache usw.) vor sich gehen?”

Ich glaube, mit dem oben Gesagten dürfte die Frage beantwortet sein, die die burjatischen Genossen bewegt.

Die burjatischen Genossen stellen die Frage nach der Assimilierung der einzelnen Nationalitäten im Verlauf des Aufbaus der allgemein-menschlichen proletarischen Kultur. Es steht außer Zweifel, dass manche Nationalitäten einen Assimilierungsprozess durchmachen können und wohl bestimmt auch durchmachen werden. Solche Prozesse hat es auch früher gegeben. Die Sache ist jedoch die, dass der Prozess der Assimilierung der einen Nationalitäten den entgegengesetzten Prozess, den Prozess des Erstarkens und der Entwicklung einer ganzen Reihe lebenskräftiger und entwicklungsfähiger Nationen nicht ausschließt, sondern voraussetzt, denn der Teilprozess der Assimilierung einzelner Nationalitäten ist das Ergebnis des Gesamtprozesses der Entwicklung der Nationen. Gerade darum wird durch die eventuelle Assimilierung einiger einzelner Nationalitäten der absolut richtige Grundsatz nicht abgeschwächt, sondern vielmehr bestätigt, dass die proletarische allgemeinmenschliche Kultur die nationale Kultur der Völker nicht ausschließt, sondern voraussetzt und nährt, ebenso wie die nationale Kultur der Völker die allgemeinmenschliche proletarische Kultur nicht aufhebt, sondern ergänzt und bereichert.

Das sind im Großen und Ganzen die nächsten Aufgaben, vor denen die Funktionäre der Sowjetrepubliken des Ostens stehen.

Das sind Charakter und Inhalt dieser Aufgaben.

Man muss die gegenwärtige Periode des verstärkten Wirtschaftsaufbaus und der neuen Zugeständnisse an die Bauernschaft dazu benutzen, um die Erfüllung dieser Aufgaben voranzutreiben und dadurch die Einbeziehung der Sowjetrepubliken des Ostens, die vorwiegend Bauernländer sind, in den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion zu erleichtern.

Man sagt, die neue Politik der Partei gegenüber der Bauernschaft berge gewisse Elemente des Rückzugs in sich, da sie eine Reihe neuer Zugeständnisse (kurzfristige Pacht, Zulassung von Lohnarbeit) macht. Stimmt das? Ja, das stimmt. Aber dies sind Rückzugselemente, die von uns zugelassen werden bei Aufrechterhaltung eines gewaltigen Kräfteübergewichts auf seiten der Partei und der Sowjetmacht. Eine stabile Valuta, eine sich entwickelnde Industrie, ein sich entwickelndes Verkehrswesen, ein sich festigendes Kreditsystem, mit dessen Hilfe man - durch Gewährung von Vorzugskrediten - jede Bevölkerungsschicht nach Belieben ruinieren oder auf eine höhere Stufe heben kann, ohne dabei die geringsten Erschütterungen hervorzurufen - all das sind solche Reserven in den Händen der proletarischen Diktatur, auf Grund deren gewisse Rückzugselemente an einem Frontabschnitt die Vorbereitung des Angriffs an der gesamten Front nur erleichtern können. Eben deshalb werden die einzelnen neuen Zugeständnisse, die die Partei der Bauernschaft gemacht hat, im gegebenen Augenblick die Einbeziehung der Bauernschaft in den sozialistischen Aufbau nicht erschweren, sondern vielmehr erleichtern.

Welche Bedeutung kann dieser Umstand für die Sowjetrepubliken des Ostens haben? Er kann nur die Bedeutung haben, dass damit den Funktionären dieser Republiken eine neue Waffe in die Hände gegeben wird, die die Eingliederung dieser Länder in das allgemeine System der sowjetischen Wirtschaftsentwicklung erleichtert und beschleunigt.

Das ist der Zusammenhang zwischen der Politik der Partei auf dem Lande und den nächsten nationalen Aufgaben, vor denen die Funktionäre des Sowjetostens stehen.

Demzufolge besteht die Aufgabe der Universität der Völker des Ostens hinsichtlich der Sowjetrepubliken des Ostens darin, der Erziehung der Kader für diese Republiken eine Richtung zu geben, die die Erfüllung der oben erwähnten nächsten Aufgaben gewährleistet.

Die Universität der Völker des Ostens darf sich nicht dem Leben entfremden. Sie ist keine und kann keine Institution sein, die abseits vom Leben steht. Sie muss mit allen Fasern ihrer Existenz mit dem realen Leben verbunden sein. Sie darf infolgedessen die nächsten Aufgaben nicht ignorieren, vor denen die Sowjetrepubliken des Ostens stehen. Darum besteht die Aufgabe der Universität der Völker des Ostens darin, bei der Erziehung der entsprechenden Kader für diese Republiken deren nächste Aufgaben in Betracht zu ziehen.

Dabei muss man im Auge haben, dass sich in der Praxis der Funktionäre des Sowjetostens zwei Abweichungen geltend machen, gegen die in dieser Universität ein Kampf geführt werden muss, will man wirkliche Kader und wirkliche Revolutionäre für den Sowjetosten erziehen.

Die erste Abweichung besteht in der Versimpelung, in der Vereinfachung jener Aufgaben, von denen ich oben gesprochen habe, in dem Versuch einer mechanischen Übertragung von Methoden des Wirtschaftsaufbaus, die im Zentrum der Sowjetunion durchaus angebracht und anwendbar, für die Entwicklungsbedingungen in den so genannten Randgebieten aber vollkommen ungeeignet sind. Die Genossen, die sich diese Abweichung zuschulden kommen lassen, begreifen zwei Dinge nicht. Sie begreifen nicht, dass die Bedingungen im Zentrum und die in den „Randgebieten” nicht die gleichen und bei weitem nicht identisch sind. Außerdem begreifen sie nicht, dass die Sowjetrepubliken des Ostens selbst nicht gleichartig sind, dass einige von ihnen, wie zum Beispiel Georgien und Armenien, auf einer höheren Stufe der nationalen Gestaltung stehen, während die anderen, wie zum Beispiel Tschetschnja und Kabarda, auf der untersten Stufe der nationalen Gestaltung stehen, und die dritten, zum Beispiel Kirgisien, eine Mittelstellung zwischen diesen beiden Extremen einnehmen. Diese Genossen begreifen nicht, dass ohne Anpassung an die lokalen Verhältnisse, ohne sorgfältige Berücksichtigung aller und jeglicher Eigentümlichkeiten eines jeden Landes sich nichts Bedeutsames aufbauen lässt. Die Folge dieser Abweichung ist eine Loslösung von den Massen und die Entartung zu linken Phrasendreschern. Die Aufgabe der Universität der Völker des Ostens besteht darin, die Kader im Geiste eines unversöhnlichen Kampfes gegen diese Versimpelung zu erziehen.

Die zweite Abweichung besteht umgekehrt in der Überschätzung der lokalen Eigentümlichkeiten, in dem Vergessen jenes Gemeinsamen und Hauptsächlichen, das die Sowjetrepubliken des Ostens mit den Industriegebieten der Sowjetunion verbindet, in dem Verschweigen der sozialistischen Aufgaben, in der Anpassung an die Aufgaben eines engen und beschränkten Nationalismus. Die Genossen, die sich diese Abweichung zuschulden kommen lassen, kümmern sich wenig um den inneren Aufbau ihres Landes, sie ziehen es vor, diese Entwicklung dem natürlichen Lauf der Dinge zu überlassen. Für sie ist nicht der innere Aufbau die Hauptsache, sondern die „Außen“politik, die Erweiterung der Grenzen ihrer Republik, der Rechtsstreit mit den angrenzenden Republiken, die Sucht, ihren Nachbarn ein Stückchen mehr wegzunehmen, um auf diese Weise bei den bürgerlichen Nationalisten ihres Landes Gefallen zu finden. Die Folge dieser Abweichung ist eine Abkehr vom Sozialismus und die Entartung zu gewöhnlichen bürgerlichen Nationalisten. Die Aufgabe der Universität der Völker des Ostens besteht darin, die Kader im Geiste eines unversöhnlichen Kampfes gegen diesen versteckten Nationalismus zu erziehen.

Das sind die Aufgaben der Universität der Völker des Ostens hinsichtlich der Sowjetrepubliken des Ostens.

 

 

II
DIE AUFGABEN DER KOMMUNISTISCHEN
UNIVERSITÄT DER WERKTÄTIGEN DES OSTENS
HINSICHTLICH DER KOLONIALEN UND
ABHÄNGIGEN LÄNDER DES OSTENS

Wir kommen nun zu der zweiten Frage, zur Frage nach den Aufgaben der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens hinsichtlich der kolonialen und abhängigen Länder des Ostens.

Worin bestehen die charakteristischen Besonderheiten, durch die sich diese Länder, was ihre Existenz und Entwicklung anbelangt, von den Sowjetrepubliken des Ostens unterscheiden?

Erstens darin, dass diese Länder unter dem Joch des Imperialismus leben und sich entwickeln.

Zweitens darin, dass durch die doppelte Unterdrückung, die innere Unterdrückung (durch die eigene Bourgeoisie) und die äußere Unterdrückung (durch die fremde, imperialistische Bourgeoisie), die revolutionäre Krise in diesen Ländern verschärft und vertieft wird.

Drittens darin, dass in einigen dieser Länder, zum Beispiel in Indien, der Kapitalismus sich in verstärktem Tempo entwickelt und eine zahlenmäßig mehr oder minder starke Klasse einheimischer Proletarier hervorbringt und heranbildet.

Viertens darin, dass mit dem Anwachsen der revolutionären Bewegung die nationale Bourgeoisie solcher Länder sich in zwei Teile spaltet: in einen revolutionären (Kleinbourgeoisie) und einen paktiererischen (Großbourgeoisie), von denen der erste den revolutionären Kampf weiterführt, der zweite dagegen einen Block mit dem Imperialismus bildet.

Fünftens darin, dass sich in solchen Ländern neben dem imperialistischen Block noch ein anderer Block herausbildet, ein Block der Arbeiter und der revolutionären Kleinbourgeoisie, ein antiimperialistischer Block, der sich die vollständige Befreiung vom Imperialismus zum Ziel setzt.

Sechstens darin, dass in solchen Ländern die Frage der Hegemonie des Proletariats und der Befreiung der Volksmassen von dem Einfluss der paktiererischen nationalen Bourgeoisie einen immer aktuelleren Charakter annimmt.

Siebentens darin, dass durch diesen Umstand der Zusammenschluss der nationalen Befreiungsbewegung solcher Länder mit der proletarischen Bewegung der fortgeschrittenen Länder des Westens bedeutend erleichtert wird.

Daraus ergeben sich zum mindesten drei Schlussfolgerungen:

1. Die Befreiung der kolonialen und abhängigen Länder vom Imperialismus ist ohne eine siegreiche Revolution unmöglich: die Unabhängigkeit fällt einem nicht in den Schoß.

2. Das Vorantreiben der Revolution und die Erkämpfung der vollen Unabhängigkeit der kapitalistisch entwickelten Kolonien und abhängigen Länder ist unmöglich ohne die Isolierung der paktiererischen nationalen Bourgeoisie, ohne die Befreiung der kleinbürgerlichen revolutionären Massen von dem Einfluss dieser Bourgeoisie, ohne die Durchführung der Politik der Hegemonie des Proletariats, ohne die Organisierung der fortgeschrittenen Elemente der Arbeiterklasse in einer selbständigen kommunistischen Partei.

3. Ein dauerhafter Sieg in den kolonialen und abhängigen Ländern ist unmöglich ohne den realen Zusammenschluss der Befreiungsbewegung dieser Länder mit der proletarischen Bewegung der fortgeschrittenen Länder des Westens.

Die Grundaufgabe der Kommunisten der kolonialen und abhängigen Länder besteht darin, diese Schlussfolgerungen zum Ausgangspunkt ihrer revolutionären Arbeit zu machen.

Worin bestehen in Anbetracht dieser Umstände die nächsten Aufgaben der revolutionären Bewegung der Kolonien und abhängigen Länder?

Die Eigenart der Kolonien und abhängigen Länder besteht im gegenwärtigen Moment darin, dass es überhaupt keinen einheitlichen und allumfassenden kolonialen Osten mehr gibt. Früher pflegte man sich den kolonialen Osten als etwas Einheitliches und Gleichartiges vorzustellen. Jetzt entspricht diese Vorstellung nicht mehr der Wirklichkeit. Heute haben wir mindestens drei Kategorien kolonialer und abhängiger Länder. Erstens Länder wie Marokko, die gar kein oder fast gar kein eigenes Proletariat besitzen und in industrieller Hinsicht vollständig unentwickelt sind. Zweitens Länder wie China und Ägypten, die industriell wenig entwickelt sind und ein zahlenmäßig relativ schwaches Proletariat besitzen. Drittens Länder wie Indien, die kapitalistisch mehr oder weniger entwickelt sind und ein zahlenmäßig mehr oder weniger starkes nationales Proletariat besitzen.

Es ist klar, dass man unmöglich alle diese Länder auf eine Stufe stellen kann.

In Ländern wie Marokko, wo die nationale Bourgeoisie noch keine Ursache hat, sich in eine revolutionäre und eine paktiererische Partei zu spalten, besteht die Aufgabe der kommunistischen Elemente darin, alle Maßnahmen zu treffen, um eine nationale Einheitsfront gegen den Imperialismus zu schaffen. Der Zusammenschluss der kommunistischen Elemente zu einer einheitlichen Partei kann in solchen Ländern nur im Verlauf des Kampfes gegen den Imperialismus, besonders aber nach einem siegreichen revolutionären Kampf gegen den Imperialismus, vor sich gehen.

In Ländern wie Ägypten oder China, wo die nationale Bourgeoisie sich bereits in eine revolutionäre und eine paktiererische Partei gespalten hat, wo aber der paktiererische Teil der Bourgeoisie noch keine feste Einheit mit dem Imperialismus bilden kann, können die Kommunisten sich bereits nicht mehr das Ziel setzen, eine nationale Einheitsfront gegen den Imperialismus zu bilden. Von der Politik der nationalen Einheitsfront müssen die Kommunisten solcher Länder zur Politik eines revolutionären Blocks der Arbeiter und der Kleinbourgeoisie übergehen. Dieser Block kann in solchen Ländern die Form einer Einheitspartei, einer Arbeiter- und Bauernpartei annehmen, wobei jedoch diese eigenartige Partei in Wirklichkeit ein Block von zwei Kräften sein muss, ein Block der kommunistischen Partei und der Partei der revolutionären Kleinbourgeoisie. Entlarvung der Halbheit und Inkonsequenz der nationalen Bourgeoisie und entschiedener Kampf gegen den Imperialismus - das sind die Aufgaben dieses Blocks. Eine solche aus zwei Teilen zusammengesetzte Partei ist notwendig und zweckdienlich, wenn sie die kommunistische Partei nicht an Händen und Füßen bindet, wenn sie die Agitations- und Propagandafreiheit der kommunistischen Partei nicht beeinträchtigt, wenn sie den Bemühungen nicht hinderlich ist, die Proletarier um die kommunistische Partei zu scharen, wenn sie die tatsächliche Führung der revolutionären Bewegung durch die kommunistische Partei erleichtert. Eine solche aus zwei Teilen zusammengesetzte Partei ist überflüssig und nicht zweckdienlich, wenn sie nicht allen diesen Bedingungen entspricht, denn dann kann sie nur bewirken, dass die kommunistischen Elemente in den Reihen der Bourgeoisie aufgehen und die kommunistische Partei ihre proletarische Armee verliert.

Etwas anders liegen die Dinge in solchen Ländern wie Indien. Das Grundlegende und Neue in den Existenzbedingungen solcher Kolonien wie Indien besteht nicht nur darin, dass die nationale Bourgeoisie sich in eine revolutionäre und eine paktiererische Partei gespalten hat, sondern vor allem darin, dass der paktiererische Teil dieser Bourgeoisie in der Hauptsache bereits mit dem Imperialismus einig geworden ist. Dieser reichste und einflussreichste Teil der Bourgeoisie, der die Revolution mehr fürchtet als den Imperialismus, der um die Interessen des eigenen Geldsacks mehr besorgt ist als um die Interessen der eigenen Heimat, dieser Teil der Bourgeoisie stellt sich mit beiden Füßen in das Lager der erbitterten Feinde der Revolution, bildet einen Block mit dem Imperialismus gegen die Arbeiter und Bauern des eigenen Landes. Ohne Zerschlagung dieses Blocks ist der Sieg der Revolution nicht zu erringen. Um aber diesen Block zu zerschlagen, muss man das Feuer auf die paktiererische nationale Bourgeoisie konzentrieren, indem man ihren Verrat entlarvt, die werktätigen Massen ihrem Einfluss entreißt und systematisch für die Schaffung der Bedingungen Sorge trägt, die für die Hegemonie des Proletariats unerlässlich sind. Mit anderen Worten, es handelt sich darum, in Kolonien wie Indien das Proletariat für die Führerrolle in der Befreiungsbewegung vorzubereiten und die Bourgeoisie samt ihren Herolden von diesem Ehrenposten Schritt um Schritt zu verdrängen. Schaffung eines revolutionären antiimperialistischen Blocks und Sicherung der Hegemonie des Proletariats in diesem Block - das ist die Aufgabe. Dieser Block kann - was aber nicht immer der Fall zu sein braucht - die Form einer einheitlichen Arbeiter- und Bauernpartei annehmen, die formell durch eine gemeinsame Plattform zusammengehalten wird. Die Selbständigkeit der kommunistischen Partei muss in solchen Ländern die grundlegende Losung der sich zum Kommunismus bekennenden fortgeschrittenen Elemente sein, denn die Hegemonie des Proletariats kann nur von der kommunistischen Partei angebahnt und realisiert werden. Jedoch kann und soll die kommunistische Partei einen offenen Block mit dem revolutionären Flügel der Bourgeoisie bilden, um die paktiererische nationale Bourgeoisie zu isolieren und die Millionenmassen der städtischen und ländlichen Kleinbourgeoisie im Kampf gegen den Imperialismus führen zu können.

Hieraus ergeben sich als nächste Aufgaben für die revolutionäre Bewegung der kapitalistisch entwickelten Kolonien und abhängigen Länder:

1. Gewinnung der besten Elemente der Arbeiterklasse für den Kommunismus und Schaffung selbständiger kommunistischer Parteien.

2. Schaffung eines national-revolutionären Blocks der Arbeiter, Bauern und der revolutionären Intelligenz gegen den Block der paktiererischen nationalen Bourgeoisie und des Imperialismus.

3. Sicherung der Hegemonie des Proletariats in diesem Block.

4. Kampf für die Befreiung der städtischen und ländlichen Kleinbourgeoisie von dem Einfluss der paktiererischen nationalen Bourgeoisie.

5. Sicherung des Zusammenschlusses der Befreiungsbewegung mit der proletarischen Bewegung der fortgeschrittenen Länder.

Das sind die drei Gruppen der nächsten Aufgaben, vor denen die Funktionäre in den kolonialen und abhängigen Ländern des Ostens stehen.

Diese Aufgaben nehmen einen besonders ernsten Charakter an und gewinnen besonders große Bedeutung, wenn man sie im Licht der gegenwärtigen internationalen Lage betrachtet. Die augenblickliche internationale Lage wird dadurch charakterisiert, dass in der revolutionären Bewegung eine Periode der zeitweiligen Stille eingesetzt hat. Was heißt aber Stille, was kann sie im gegenwärtigen Augenblick bedeuten? Sie kann nichts anderes bedeuten als einen verstärkten Druck auf die Arbeiter des Westens, auf die Kolonien des Ostens und vor allem auf die Sowjetunion als den Bannerträger der revolutionären Bewegung aller Länder. Es dürfte kaum zu bezweifeln sein, dass die Vorbereitung zu diesem Druck auf die Sowjetunion in den Reihen der Imperialisten bereits begonnen hat. Die Verleumdungskampagne anlässlich des Aufstands in Estland,

 

Es handelt sich uni den bewaffneten Aufstand der Arbeiter in Reval (Tallin) am 1. Dezember 1924. Anlass zu dem Aufstand war ein Ende November 1924 in einem Verfahren gegen 149 politische Häftlinge, die der kommunistischen Propaganda beschuldigt wurden, gefälltes Urteil des estnischen Gerichts. Nach diesem Urteil wurden die meisten der Angeklagten zu langjähriger und 39 zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt, der Führer der estnischen Arbeiter, Tomp, wurde erschossen. Der Aufstand wurde von der reaktionären estnischen Regierung grausam niedergeschlagen.

 

die abgefeimte Hetze gegen die Sowjetunion im Zusammenhang mit der Explosion in Sofia, der allgemeine Feldzug der bürgerlichen Presse gegen unser Land - all das ist die Vorbereitung zum Angriff. Das ist die artilleristische Vorbereitung der öffentlichen Meinung, darauf berechnet, die Spießbürger an Ausfälle gegen die Sowjetunion zu gewöhnen und die moralischen Voraussetzungen für eine Intervention zu schaffen. Was bei dieser Lügen- und Verleumdungskampagne herauskommen wird, ob die Imperialisten es wagen werden, einen ernsthaften Angriff zu unternehmen - das werden wir noch sehen. Dass aber diese Ausfälle den Kolonien nichts Gutes verheißen, darüber dürfte wohl kein Zweifel bestehen. Darum ist die Vorbereitung eines Gegenschlags der vereinigten Kräfte der Revolution gegen den wahrscheinlichen Schlag seitens des Imperialismus eine nicht zu umgehende Tagesfrage.

Darum ist es gegenwärtig von besonderer Bedeutung, dass die nächsten Aufgaben der revolutionären Bewegung in den Kolonien und abhängigen Ländern unentwegt erfüllt werden.

Worin besteht nun in Anbetracht aller dieser Umstände die Mission der Universität der Völker des Ostens hinsichtlich der kolonialen und abhängigen Länder? Diese Mission besteht darin, allen Besonderheiten der revolutionären Entwicklung dieser Länder Rechnung zu tragen und der Erziehung der aus diesen Ländern stammenden Kader eine Richtung zu geben, die die Erfüllung der oben erwähnten verschiedenartigen nächsten Aufgaben gewährleistet.

In der Universität der Völker des Ostens gibt es ungefähr 10 verschiedene Gruppen von Hörern, die aus den kolonialen und abhängigen Ländern zu uns gekommen sind. Jedermann weiß, dass diese Genossen nach Aufklärung und Wissen dürsten. Die Aufgabe der Universität der Völker des Ostens besteht darin, aus ihnen wirkliche Revolutionäre zu schmieden, die, gewappnet mit der Theorie des Leninismus, ausgerüstet mit der praktischen Erfahrung des Leninismus, fähig sind, die nächsten Aufgaben der Befreiungsbewegung der Kolonien und abhängigen Länder nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen.

Dabei muss man im Auge haben, dass sich in der Praxis der Funktionäre des kolonialen Ostens zwei Abweichungen geltend machen, gegen die ein Kampf geführt werden muss, will man wirklich revolutionäre Kader erziehen.

Die erste Abweichung besteht in der Unterschätzung der revolutionären Möglichkeiten der Befreiungsbewegung und in der Elberschätzung der Idee der allumfassenden nationalen Einheitsfront in den Kolonien und abhängigen Ländern, ohne Berücksichtigung des Zustands und der Entwicklungsstufe dieser Länder. Das ist eine Abweichung nach rechts, die die Gefahr in sich birgt, dass die revolutionäre Bewegung auf eine tiefere Stufe hinabgedrückt wird und die kommunistischen Elemente in dem allgemeinen Chorus der bürgerlichen Nationalisten aufgehen. Entschiedener Kampf gegen diese Abweichung ist die direkte Pflicht der Universität der Völker des Ostens.

Die zweite Abweichung besteht in der Überschätzung der revolutionären Möglichkeiten der Befreiungsbewegung und in der Unterschätzung des Bündnisses der Arbeiterklasse mit der revolutionären Bourgeoisie gegen den Imperialismus. An dieser Abweichung scheinen die Kommunisten auf Java zu kranken, die unlängst fälschlicherweise die Losung der Sowjetmacht für ihr Land aufgestellt haben. Das ist eine Abweichung nach links, die die Gefahr in sich birgt, dass sich die kommunistische Partei von den Massen loslöst und in eine Sekte verwandelt. Entschiedener Kampf gegen diese Abweichung ist eine unerlässliche Bedingung für die Erziehung wirklich revolutionärer Kader für die Kolonien und abhängigen Länder des Ostens.

Das sind im Großen und Ganzen die politischen Aufgaben der Universität der Völker des Ostens hinsichtlich der Völker des Sowjetostens und des kolonialen Ostens.

Wir wollen hoffen, dass die Universität der Völker des Ostens es verstehen wird, diese Aufgaben in Ehren zu erfüllen.

 

„Prawda” Nr. 115,
22. Mai 1925.

 

 

 

 


 

 

 

ÜBER DIE REVOLUTIONÄRE BEWEGUNG IM OSTEN

Interview mit dem japanischen Korrespondenten der „Nichinichi”, Herrn Fusse

 

FRAGEN DES HERRN FUSSE UND ANTWORTEN
J. W. STALINS

1. Frage. Das japanische Volk, als das fortgeschrittenste unter den Völkern des Ostens, ist an den Erfolgen der Befreiungsbewegung der Völker des Ostens am meisten interessiert. Es würde bei diesem großen Werk, bei dem Werk der Befreiung der versklavten Völker des Ostens vom imperialistischen Joch der Westmächte, gern zum Verbündeten der UdSSR werden. Jedoch kann Japan, das zugleich ein kapitalistischer Staat ist, mitunter nicht umhin, gegen diese Bewegung vorzugehen, und zwar in einer Front mit den Westmächten. (Zum Beispiel: Das englisch-japanische Bündnis, kraft dessen Japan England in seinem Kampf gegen die Aufständischen in Indien Hilfe leisten musste, und das gemeinsame Vorgehen Japans mit England, Amerika und Frankreich gegen die chinesischen Arbeiter bei den jüngsten Ereignissen in Schanghai.)

Welchen Ausweg kann es Ihrer Meinung nach aus dieser schwierigen Lage geben, die durch den Widerspruch zwischen den nationalen Bestrebungen des japanischen Volkes einerseits und der staatlichen und sozialen Ordnung des japanischen Staates anderseits hervorgerufen wird?

Antwort. Es ist wahr, dass das japanische Volk unter den Völkern des Ostens das fortgeschrittenste ist, dass es an den Erfolgen der Befreiungsbewegung der unterdrückten Völker interessiert ist. Ein Bündnis des japanischen Volkes mit den Völkern der Sowjetunion wäre ein entscheidender Schritt zur Befreiung der Völker des Ostens. Ein solches Bündnis würde den Anfang vom Ende der großen Kolonialreiche, den Anfang vom Ende des Weltimperialismus bedeuten. Ein solches Bündnis wäre unbesiegbar.

Wahr ist aber auch, dass die staatliche und soziale Ordnung Japans das japanische Volk auf den Weg des Imperialismus treibt und es zu einem Instrument nicht der Befreiung, sondern der Versklavung der Völker des Ostens macht.

Sie fragen: Wie kann man aus diesem Widerspruch zwischen den Interessen des japanischen Volkes einerseits und der staatlichen und sozialen Ordnung Japans anderseits herauskommen?

Es gibt nur einen Ausweg: die staatliche und soziale Ordnung Japans derart und dahingehend zu verändern, dass sie den grundlegenden Interessen des japanischen Volkes entspricht.

Rußland war eine Zeitlang der Schrecken der Völker des Ostens, der Gendarm jeder Befreiungsbewegung. Woraus lässt sich die Tatsache erklären, dass es sich aus einem Gendarmen der Befreiungsbewegung in einen Freund und Bannerträger dieser Bewegung verwandelt hat? Nur daraus, dass die staatliche und soziale Ordnung Rußlands geändert wurde.

 

2. Frage. Die östlichen Völkerschaften, die das Territorium der UdSSR bewohnen, sind infolge der despotischen zaristischen Regierungsform um viele Jahrhunderte zurückgeblieben und haben erst nach der Revolution das Recht auf selbständige Entwicklung der Industrie, der Landwirtschaft, der Kultur usw. erhalten.

Wieviel Jahre werden diese östlichen Völkerschaften der UdSSR Ihrer Meinung nach etwa brauchen, um das Kulturniveau der anderen Völkerschaften der UdSSR zu erreichen?

Antwort. Sie fragen: Wieviel Jahre werden die Völker des Ostens der Sowjetunion etwa brauchen, um das Kulturniveau der anderen Völker der Sowjetunion zu erreichen?

Das ist schwer zu sagen. Das Tempo der kulturellen Entwicklung dieser Völker hängt von vielen inneren und äußeren Bedingungen ab. Überhaupt muss ich sagen, dass sich Prognosen über das Entwicklungstempo niemals durch Genauigkeit ausgezeichnet haben, besonders, wenn es sich um die Anzahl der Jahre handelt. Eine grundlegende Erleichterung für die kulturelle Entwicklung dieser Länder besteht darin, dass die Haupthindernisse der Entwicklung, wie der Zarismus, der russische Imperialismus, das Regime der Ausbeutung der Randgebiete durch das Zentrum, bereits aus dem Wege geräumt sind. Dieser Umstand gibt der kulturellen Entwicklung der Völker des Ostens der Sowjetunion einen gewaltigen Anstoß. Ob jedoch diese grundlegende Erleichterung restlos ausgenützt wird, das hängt schon von den Völkern des Ostens selbst und vor allem davon ab, in welchem Stadium der kulturellen Entwicklung sie sich bei Beginn der Sowjetrevolution befanden.

Eins kann man jedenfalls ohne Bedenken sagen: Unter den gegenwärtigen Entwicklungsbedingungen haben die Völker des Ostens der Sowjetunion viel mehr Aussichten auf eine schnelle und allseitige Entwicklung der nationalen Kultur, als sie unter der Herrschaft selbst des „freiheitlichsten” und „kultiviertesten” Kapitalismus hätten haben können.

 

3. Frage. Sie sagen, dass der Zusammenschluss der nationalen Befreiungsbewegung der versklavten Völker des Ostens mit der proletarischen Bewegung der fortgeschrittenen Länder des Westens den Sieg der Weltrevolution sichern wird. Bei uns aber, unter dem japanischen Volk, ist die Losung verbreitet: „Asien den Asiaten”. Finden Sie nicht etwas Gemeinsames zwischen unseren Bestrebungen und Ihrer revolutionären Taktik in bezug auf die kolonialen Länder des Ostens?

Antwort. Sie fragen: Besteht nicht etwas Gemeinsames zwischen der Losung „Asien den Asiaten” und der revolutionären Taktik der Bolschewiki in bezug auf die kolonialen Länder des Ostens?

Sofern die Losung „Asien den Asiaten” einen Aufruf zum revolutionären Krieg gegen den Imperialismus des Westens bedeutet, insofern - aber nur insofern - gibt es hier zweifellos etwas Gemeinsames.

Die Losung „Asien den Asiaten” umfasst aber nicht nur diese Seite der Sache. Sie enthält noch zwei Bestandteile, die mit der Taktik der Bolschewiki gänzlich unvereinbar sind. Erstens umgeht man mit dieser Losung die Frage des östlichen Imperialismus gleichwie in der Annahme, dass der östliche Imperialismus besser sei als der westliche, dass man auf einen Kampf gegen den östlichen Imperialismus verzichten könne. Zweitens flößt man mit dieser Losung den Arbeitern Asiens das Gefühl des Misstrauens gegen die Arbeiter Europas ein, entfremdet sie den europäischen Arbeitern, zerreißt die internationalen Bande zwischen ihnen und untergräbt somit die Grundlagen der Befreiungsbewegung selbst.

Die revolutionäre Taktik der Bolschewiki ist nicht nur gegen den westlichen Imperialismus, sondern gegen den Imperialismus überhaupt, und somit auch gegen den östlichen gerichtet. Ihr Ziel besteht nicht darin, die internationalen Verbindungen zwischen den Arbeitern Asiens und den Arbeitern der europäischen und der amerikanischen Länder zu lockern, sondern darin, diese Verbindungen zu erweitern und zu festigen.

Deshalb gibt es hier, wie Sie sehen, außer dem Gemeinsamen auch Punkte, wo die Losung „Asien den Asiaten” und die bolschewistische Taktik im Osten radikal auseinandergehen.

 

4. Frage. Wladimir Iljitsch hat im Jahre 1920 in einer Unterredung mit mir auf meine Frage „Wo hat der Kommunismus mehr Aussichten auf Erfolg, im Westen oder im Osten?” folgendes geantwortet: „Der wirkliche Kommunismus kann vorerst nur im Westen Erfolg haben, aber der Westen lebt ja auf Kosten des Ostens; die europäischen kapitalistischen Mächte bereichern sich hauptsächlich an den östlichen Kolonien, zugleich aber bewaffnen sie ihre Kolonien, lehren sie, wie man kämpft, und dadurch gräbt der Westen sich selbst eine Grube im Osten.” Sind Sie nicht der Ansicht, dass die in China, Indien, Persien, Ägypten und anderen Ländern des Ostens sich immer häufiger und häufiger abspielenden Ereignisse ein Vorzeichen dafür sind, dass die Zeit nahe ist, da die Westmächte gezwungen sein werden, in die Grube zu fahren, die sie sich im Osten selbst gegraben haben?

Antwort. Sie fragen, ob ich nicht der Ansicht sei, dass das Erstarken der revolutionären Bewegung in China, Indien, Persien, Ägypten und anderen Ländern des Ostens ein Vorzeichen dafür sei, dass die Zeit nahe ist, da für die Westmächte die Grube, die sie sich im Osten selbst gegraben haben, ihr Grab sein wird.

Ja, ich bin der Ansicht. Die Kolonialländer bilden das ausschlaggebende Hinterland des Imperialismus. Die Revolutionierung dieses Hinterlands muss den Imperialismus untergraben, nicht nur in dem Sinne, dass der Imperialismus sein Hinterland verlieren wird, sondern auch in dem Sinne, dass die Revolutionierung des Ostens einen entscheidenden Anstoß zur Verschärfung der revolutionären Krise im Westen geben muss. Von zwei Seiten angegriffen - sowohl vom Hinterland als auch von der Front her - wird der Imperialismus einsehen müssen, dass er dem Untergang geweiht ist.

 

„Prawda” Nr. 150,
4. Juli 1925.

 

 

 


 

 

ÜBER DIE
PERSPEKTIVEN DER REVOLUTION IN CHINA

Rede in der chinesischen Kommission des EKKI
30. November 1926


 

Genossen!

Bevor ich zur Frage selbst komme, halte ich es für notwendig, zu erklären, dass das Material zur chinesischen Frage, das mir zur Verfügung steht, nicht erschöpfend genug ist, um ein vollständiges Bild der Revolution in China entrollen zu können. Daher sehe ich mich gezwungen, mich auf einige allgemeine Bemerkungen prinzipiellen Charakters zu beschränken, die mit der Frage nach der Hauptrichtung der chinesischen Revolution in direktem Zusammenhang stehen.

Mir stehen die Thesen Petrows, die Thesen Mifs, zwei Referate Tan Ping-schans und die Bemerkungen von Rafes zur chinesischen Frage zur Verfügung. Ich glaube, dass alle diese Dokumente trotz ihrer Vorzüge mit dem einen großen Mangel behaftet sind, dass sie nämlich eine ganze Reihe grundlegender Fragen der Revolution in China umgehen. Ich glaube, dass man das Augenmerk vor allem auf diese Mängel richten muss. Daher werden meine Bemerkungen zugleich kritischen Charakter tragen.

 

 

I
DER CHARAKTER DER REVOLUTION IN CHINA

Lenin sagte, dass für die Chinesen bald ihr Jahr 1905 kommen wird. Manche Genossen haben das so aufgefasst, als ob sich bei den Chinesen haargenau das gleiche wiederholen müsse, was sich bei uns in Rußland im Jahre 1905 abgespielt hat. Das ist falsch, Genossen. Lenin hat keineswegs gesagt, dass die chinesische Revolution eine Kopie der russischen Revolution von 1905 sein werde. Lenin hat lediglich gesagt, dass für die Chinesen ihr Jahr 1905 kommen wird. Das bedeutet, dass die chinesische Revolution außer den mit der Revolution des Jahres 1905 gemeinsamen Zügen noch ihre eigenen spezifischen Besonderheiten aufweisen wird, die der Revolution in China ihr besonderes Gepräge geben werden.

Was sind das für Besonderheiten?

Die erste Besonderheit besteht darin, dass die chinesische Revolution, die eine bürgerlich-demokratische Revolution ist, zugleich auch eine nationale Befreiungsrevolution ist, die mit ihrer Spitze gegen die Herrschaft des fremdländischen Imperialismus in China gerichtet ist. Dadurch unterscheidet sie sich vor allem von der Revolution in Rußland im Jahre 1905. Die Sache ist die, dass die Herrschaft des Imperialismus in China nicht nur in seiner militärischen Macht zum Ausdruck kommt, sondern vor allem darin, dass die Hauptfäden der Industrie in China, die Eisenbahnen, die Fabriken und Werke, die Bergwerke, die Banken usw., sich in der Verfügungsgewalt oder unter der Kontrolle der fremdländischen Imperialisten befinden. Hieraus folgt aber, dass die Fragen des Kampfes gegen den fremdländischen Imperialismus und seine chinesischen Agenten eine bedeutsame Rolle in der chinesischen Revolution spielen müssen. Dadurch wird die chinesische Revolution unmittelbar mit den Revolutionen der Proletarier aller Länder gegen den Imperialismus verknüpft.

Die zweite Besonderheit der chinesischen Revolution besteht darin, dass die nationale Großbourgeoisie in China äußerst schwach ist, dass sie unvergleichlich schwächer ist als die russische Bourgeoisie der Periode von 1905. Das ist auch verständlich. Wenn die Hauptfäden der Industrie in den Händen fremdländischer Imperialisten zusammenlaufen, so kann die nationale Großbourgeoisie in China nicht anders als schwach und rückständig sein. In dieser Hinsicht ist Mifs Bemerkung über die Schwäche der nationalen Bourgeoisie in China als eins der charakteristischen Kennzeichen der chinesischen Revolution völlig richtig. Daraus folgt jedoch, dass die Rolle des Initiators und Führers der chinesischen Revolution, die Rolle des Führers der chinesischen Bauernschaft, unvermeidlich dem chinesischen Proletariat und seiner Partei zufallen muss.

Auch die dritte Besonderheit der chinesischen Revolution darf nicht übersehen werden, die darin besteht, dass neben China die Sowjetunion existiert und sich entwickelt, deren revolutionäre Erfahrungen und deren Hilfe den Kampf des chinesischen Proletariats gegen den Imperialismus und gegen die mittelalterlich-feudalen Überreste in China erleichtern müssen.

Das sind die grundlegenden Besonderheiten der chinesischen Revolution, die ihren Charakter und ihre Richtung bestimmen.

 

 

II
DER IMPERIALISMUS UND DIE IMPERIALISTISCHE
INTERVENTION IN CHINA

Der erste Mangel der unterbreiteten Thesen besteht darin, dass sie die Frage der imperialistischen Intervention in China umgehen oder unterschätzen. Wenn man die Thesen aufmerksam liest, könnte man meinen, im Grunde genommen finde in China gegenwärtig gar keine imperialistische Intervention statt, sondern lediglich ein Kampf der Bewohner des Nordens gegen die Bewohner des Südens beziehungsweise einer Gruppe von Generalen gegen eine andere Gruppe von Generalen. Dabei ist man geneigt, unter Intervention einen Zustand zu verstehen, wo die Tatsache vorliegt, dass fremdländische Truppen in chinesisches Gebiet einmarschieren, und wenn diese Tatsache nicht vorliegt, so handle es sich auch nicht um eine Intervention.

Das ist ein schwerer Irrtum, Genossen. Eine Intervention erschöpft sich keineswegs mit dem Einmarsch von Truppen, und der Einmarsch von Truppen stellt keineswegs die wesentliche Besonderheit der Intervention dar. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen der revolutionären Bewegung in den kapitalistischen Ländern, da ein direkter Einmarsch fremdländischer Truppen eine Reihe von Protesten und Konflikten hervorrufen kann, trägt die Intervention elastischeren Charakter und nimmt verkapptere Form an. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen zieht es der Imperialismus vor, durch Organisierung eines Bürgerkriegs im Innern des abhängigen Landes zu intervenieren, durch Finanzierung der konterrevolutionären Kräfte gegen die Revolution, durch moralische und finanzielle Unterstützung seiner chinesischen Agenten gegen die Revolution. Den Kampf Denikins und Koltschaks, Judenitschs und Wrangels gegen die Revolution in Rußland wollten die Imperialisten als einen ausschließlich inneren Kampf hinstellen. Aber wir alle wussten, und nicht nur wir, sondern die ganze Welt wusste, dass hinter diesen konterrevolutionären russischen Generalen die Imperialisten Englands und Amerikas, Frankreichs und Japans standen, ohne deren Unterstützung ein ernsthafter Bürgerkrieg in Rußland ganz unmöglich gewesen wäre. Dasselbe gilt auch für China. Der Kampf Wu Pei-fus und Sun Tschuan-fangs, Tschang Tsolins und Tschang Tsun-tschans gegen die Revolution in China wäre einfach unmöglich, wenn diese konterrevolutionären Generale nicht von den Imperialisten aller Länder inspiriert, wenn sie nicht von ihnen mit Geld, Waffen, Instrukteuren, „Beratern” usw. versorgt würden.

Worin besteht die Stärke der Kantoner Truppen? Darin, dass sie in ihrem Kampf um die Befreiung vom Imperialismus von einer Idee, von Pathos beseelt sind, darin, dass sie China die Befreiung bringen. Worin besteht die Stärke der konterrevolutionären Generale in China? Darin, dass die Imperialisten aller Länder, die Besitzer von Eisenbahnen, Konzessionen, Fabriken und Werken, Banken und Handelshäusern in China, hinter ihnen stehen.

Daher kommt es nicht allein, oder nicht einmal so sehr auf den Einmarsch fremdländischer Truppen an, sondern auf die Unterstützung, die die Imperialisten aller Länder der Konterrevolution in China zuteil werden lassen. Eine Intervention mit fremden Händen - das ist jetzt das Wesen der imperialistischen Intervention.

Daher ist die imperialistische Intervention in China eine unbestreitbare Tatsache, gegen die auch die chinesische Revolution mit ihrer Spitze gerichtet ist.

Wer daher die Tatsache der imperialistischen Intervention in China umgeht oder unterschätzt, der umgeht oder unterschätzt das Wichtigste und Wesentlichste in China.

Man sagt, es seien gewisse Anzeichen dafür vorhanden, dass die japanischen Imperialisten den Kantonern und der chinesischen Revolution überhaupt „Wohlwollen” entgegenbringen. Man sagt, dass die amerikanischen Imperialisten in dieser Hinsicht den japanischen nicht nachstehen. Das ist Selbstbetrug, Genossen. Man muss verstehen, zwischen dem Wesen der Politik der Imperialisten, darunter auch der japanisch-amerikanischen, und der Maskierung dieser Politik zu unterscheiden. Lenin hat des Öfteren gesagt, dass man Revolutionären mit dem Knüppel, mit der Faust schwer beikommen kann, dass sie aber mitunter auf Liebenswürdigkeiten sehr leicht hereinfallen. Diese von Lenin ausgesprochene Wahrheit sollte man nie vergessen, Genossen. Jedenfalls ist klar, dass die japanisch-amerikanischen Imperialisten die Bedeutung dieser Wahrheit recht gut kapiert haben. Daher muss man streng unterscheiden zwischen Liebenswürdigkeiten sowie Komplimenten an die Adresse der Kantoner und der Tatsache, dass gerade die Imperialisten, die am freigebigsten mit Liebenswürdigkeiten sind, sich am zähesten an „ihre” Konzessionen und Eisenbahnen in China klammern, die sie um keinen Preis aufzugeben gewillt sind.

 

 

III
DIE REVOLUTIONÄRE ARMEE IN CHINA

Die zweite Bemerkung zu den unterbreiteten Thesen betrifft die Frage der revolutionären Armee in China. Die Sache ist die, dass die Frage der Armee in den Thesen umgangen wurde oder unterschätzt wird. (Zwischenruf: „Richtig!”) Darin liegt der zweite Mangel der Thesen. Das Vordringen der Kantoner nach Norden wird gewöhnlich nicht als weitere Entfaltung der chinesischen Revolution betrachtet, sondern als Kampf der Kanton-Generale gegen Wu Pei-fu und Sun Tschuan-fang, als Kampf um die Vorherrschaft der einen Generale gegenüber den anderen Generalen. Das ist ein schwerer Irrtum, Genossen. Die revolutionären Armeen in China bilden den wichtigsten Faktor im Kampf der chinesischen Arbeiter und Bauern um ihre Befreiung. Ist es etwa ein Zufall, dass die Situation in China bis Mai oder Juni dieses Jahres als Herrschaft der Reaktion gewertet wurde, die nach der Niederlage der Armeen Feng Yu-hsiangs einsetzte, dass aber dann, im Sommer dieses Jahres, die siegreichen Kantoner Truppen nur nach dem Norden vorzudringen und Hupe zu besetzen brauchten, und schon änderte sich das Bild von Grund aus zugunsten der Revolution? Nein, das ist kein Zufall. Denn das Vordringen der Kantoner bedeutet einen Schlag gegen den Imperialismus, einen Schlag gegen seine Agenten in China, es bedeutet Versammlungsfreiheit, Streikfreiheit, Pressefreiheit, Freiheit der Organisierung für alle revolutionären Elemente in China überhaupt und für die Arbeiter im besonderen. Darin liegen die Besonderheit und die gewaltige Bedeutung der revolutionären Armee in China.

Früher, im 18. und 19. Jahrhundert, begannen die Revolutionen gewöhnlich so, dass das Volk, größtenteils unbewaffnet oder schlecht bewaffnet, sich erhob und mit der Armee des alten Regimes zusammenstieß, einer Armee, die es zu zersetzen oder wenigstens teilweise auf seine Seite herüberzuziehen versuchte. Das ist die typische Form der revolutionären Explosionen in der Vergangenheit. Dasselbe spielte sich auch bei uns in Rußland im Jahre 1905 ab. In China haben die Dinge einen anderen Verlauf genommen. In China steht den Truppen der alten Regierung kein unbewaffnetes Volk gegenüber, sondern ein bewaffnetes Volk, vertreten durch seine revolutionäre Armee. In China kämpft die bewaffnete Revolution gegen die bewaffnete Konterrevolution. Das ist eine der Besonderheiten und einer der Vorzüge der chinesischen Revolution. Darin liegt eben auch die besondere Bedeutung der revolutionären Armee in China.

Daher ist die Unterschätzung der revolutionären Armee ein nicht zu duldender Mangel der unterbreiteten Thesen.

Daraus aber folgt, dass die Kommunisten Chinas der Arbeit in der Armee besondere Aufmerksamkeit zuwenden müssen.

Erstens müssen die Kommunisten Chinas die politische Arbeit in der Armee auf jede Weise verstärken und erreichen, dass die Armee zum wirklichen und mustergültigen Träger der Idee der chinesischen Revolution wird. Das ist besonders deshalb notwendig, weil sich den Kantonern jetzt alle möglichen Generale zugesellen, die mit der Kuomintang nichts gemein haben, die sich ihnen als der Kraft zugesellen, die die Feinde des chinesischen Volkes zerschmettert, und die, indem sie sich den Kantonern zugesellen, Zersetzung in die Armee tragen. Man kann solche „Bundesgenossen” nur neutralisieren oder zu wirklichen Kuomintanganhängern machen, wenn man die politische Arbeit verstärkt und eine revolutionäre Kontrolle über sie organisiert. Ohne das kann die Armee in die schwierigste Lage geraten.

Zweitens müssen die chinesischen Revolutionäre, darunter auch die Kommunisten, unmittelbar darangehen, das Kriegswesen zu studieren. Sie dürfen das Kriegswesen nicht als etwas Untergeordnetes betrachten, denn das Kriegswesen in China bildet jetzt den wichtigsten Faktor der chinesischen Revolution. Die chinesischen Revolutionäre, also auch die Kommunisten, müssen das Kriegswesen studieren, um allmählich aufzurücken und in der revolutionären Armee diese oder jene führenden Posten bekleiden zu können. Darin liegt die Gewähr dafür, dass die revolutionäre Armee in China den richtigen Weg geht, dass sie direkt zum Ziele schreiten wird. Ohne das können Schwanken und Wanken in der Armee unvermeidlich werden.

 

 

IV
DER CHARAKTER DER ZUKÜNFTIGEN MACHT IN CHINA

Die dritte Bemerkung bezieht sich darauf, dass die Frage nach dem Charakter der zukünftigen revolutionären Macht in China in den Thesen nicht oder nicht genügend berücksichtigt worden ist. Mif ist in seinen Thesen dicht an diese Frage herangekommen, und das ist sein Verdienst. Aber nachdem er einmal dicht herangekommen war, bekam er es mit der Angst zu tun und traute sich nicht, die Sache zu Ende zu führen. Mif glaubt, die zukünftige revolutionäre Macht in China werde eine Macht des revolutionären Kleinbürgertums unter Führung des Proletariats sein. Was bedeutet das? Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre waren zur Zeit der Februarrevolution 1917 ebenfalls kleinbürgerliche Parteien und in gewissem Grade revolutionär. Bedeutet dies, dass die zukünftige revolutionäre Macht in China eine sozialrevolutionär-menschewistische Macht sein wird? Nein, das bedeutet es nicht. Warum? Weil die sozialrevolutionär-menschewistische Macht dem Wesen der Sache nach eine imperialistische Macht war, während die zukünftige revolutionäre Macht in China nichts anderes als eine antiimperialistische Macht sein kann. Hier besteht ein grundlegender Unterschied.

Die MacDonald-Regierung war sogar eine „Arbeiter“macht, aber sie war zugleich eine imperialistische Regierung, denn sie beruhte auf der Aufrechterhaltung der imperialistischen Macht Englands, sagen wir, in Indien und Ägypten. Die zukünftige revolutionäre Macht in China wird gegenüber der MacDonald-Regierung den Vorzug haben, dass sie eine antiimperialistische Macht sein wird.

Es handelt sich nicht nur um den bürgerlich-demokratischen Charakter der Kantoner Regierung, die den Keim der zukünftigen allchinesischen revolutionären Macht bildet, sondern es handelt sich vor allem darum, dass diese Macht eine antiimperialistische Macht ist und gar nichts anderes sein kann, dass jedes weitere Vordringen dieser Macht einen Schlag gegen den Weltimperialismus bedeutet, folglich auch einen Schlag zugunsten der internationalen revolutionären Bewegung.

Lenin hatte recht, als er sagte, dass, wenn früher, vor Anbruch der Epoche der Weltrevolution, die nationale Befreiungsbewegung ein Teil der allgemeindemokratischen Bewegung war, die nationale Befreiungsbewegung jetzt, nach dem Siege der Sowjetrevolution in Rußland und nach Anbruch der Epoche der Weltrevolution, ein Teil der proletarischen Weltrevolution ist.

Diese Besonderheit hat Mif nicht berücksichtigt.

Ich glaube, dass die zukünftige revolutionäre Macht in China ihrem Charakter nach im Allgemeinen der Macht ähneln wird, von der bei uns im Jahre 1905 die Rede war, das heißt, sie wird eine Art demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft sein, mit dem Unterschied jedoch, dass sie eine vorwiegend antiimperialistische Macht sein wird.

Sie wird eine Übergangsmacht sein, die zur nichtkapitalistischen oder, genauer gesagt, zur sozialistischen Entwicklung Chinas hinüberleitet.

In dieser Richtung muss die Revolution in China verlaufen.

Dieser Entwicklungsweg der Revolution wird durch drei Umstände erleichtert:

erstens dadurch, dass die Revolution in China als nationale Befreiungsrevolution mit ihrer Spitze gegen den Imperialismus und seine Agenten in China gerichtet sein wird;

zweitens dadurch, dass die nationale Großbourgeoisie in China schwach ist, schwächer, als die nationale Bourgeoisie in Rußland in der Periode von 1905 war, was die Sache der Hegemonie des Proletariats, die Sache der Führung der chinesischen Bauernschaft durch die proletarische Partei erleichtert;

drittens dadurch, dass die Revolution in China sich unter Verhältnissen entwickeln wird, die es ermöglichen, die Erfahrungen und die Hilfe der siegreichen Revolution in der Sowjetunion auszunützen.

Ob dieser Weg ganz bestimmt und unbedingt zum Siege führen wird - das hängt von vielen Umständen ab. Eins ist jedenfalls klar, dass der Kampf gerade für diesen Weg der Entwicklung der chinesischen Revolution die Hauptaufgabe der chinesischen Kommunisten ist.

Daraus ergibt sich die Aufgabe der Kommunisten Chinas hinsichtlich der Stellung zur Kuomintang und zur zukünftigen revolutionären Macht in China. Man sagt, die chinesischen Kommunisten müssten aus der Kuomintang austreten. Das wäre falsch, Genossen. Der Austritt der chinesischen Kommunisten aus der Kuomintang wäre gegenwärtig der größte Fehler. Der ganze Verlauf der chinesischen Revolution, ihr Charakter, ihre Perspektiven sprechen eindeutig dafür, dass die chinesischen Kommunisten in der Kuomintang verbleiben und dort ihre Arbeit verstärken müssen.

Kann aber die chinesische Kommunistische Partei an der zukünftigen revolutionären Regierung teilnehmen? Sie kann nicht nur, sie muss sogar an ihr teilnehmen. Der Verlauf der Revolution in China, ihr Charakter, ihre Perspektiven sprechen beredt dafür, dass sich die chinesische Kommunistische Partei an der zukünftigen revolutionären Regierung Chinas beteiligen muss.

Das ist eine der Garantien, die notwendig sind, damit die Hegemonie des chinesischen Proletariats in der Tat verwirklicht wird.

 

 

V
DIE BAUERNFRAGE IN CHINA

Die vierte Bemerkung betrifft die Frage der Bauernschaft in China. Mif glaubt, dass man sofort die Losung der Bildung von Sowjets, und zwar von Bauernsowjets im chinesischen Dorf aufstellen müsse. Ich denke, das ist ein Fehler. Mif eilt voraus. Man kann auf dem flachen Lande keine Sowjets ins Leben rufen und die Industriezentren Chinas dabei umgehen. Indes steht die Frage der Organisierung von Sowjets in den Industriezentren Chinas jetzt nicht auf der Tagesordnung. Außerdem darf nicht außer acht gelassen werden, dass die Sowjets nicht außerhalb des Zusammenhangs mit der Gesamtsituation betrachtet werden dürfen. Sowjets, in diesem Fall Bauernsowjets, könnten nur dann organisiert werden, wenn China eine Periode des maximalen Aufschwungs der Bauernbewegung durchmachte, die das Alte zerbricht und eine neue Macht schafft, und unter der Voraussetzung, dass die Industriezentren Chinas den Damm bereits durchbrochen haben und in die Phase der Bildung der Sowjetmacht eingetreten sind. Kann man sagen, dass die chinesische Bauernschaft und die chinesische Revolution überhaupt in diese Phase bereits eingetreten sind? Nein, das kann man nicht. Jetzt von Sowjets sprechen heißt daher vorauseilen. Daher muss man jetzt nicht die Frage der Bildung von Sowjets, sondern die Frage der Bildung von Bauernkomitees stellen. Ich meine von den Bauern gewählte Bauernkomitees, die imstande sind, die Grundforderungen der Bauernschaft zu formulieren, und die alle Maßnahmen ergreifen werden, um die Verwirklichung dieser Forderungen auf revolutionäre Weise durchzusetzen. Diese Bauernkomitees müssen den Kern bilden, um die sich die Revolution im Dorfe entfalten wird.

Ich weiß, dass es unter den Kuomintangleuten und selbst unter den chinesischen Kommunisten Leute gibt, die eine Entfaltung der Revolution im Dorfe nicht für möglich halten, da sie befürchten, dass die Hereinziehung der Bauernschaft in die Revolution die antiimperialistische Einheitsfront untergraben werde. Das ist ein gewaltiger Irrtum, Genossen. Die antiimperialistische Front in China wird umso stärker und mächtiger sein, je schneller und gründlicher die chinesische Bauernschaft in die Revolution hineingezogen wird. Die Verfasser der Thesen, besonders aber Tan Ping-schan und Rafes haben völlig Recht, wenn sie behaupten, dass die sofortige Befriedigung einer Reihe der dringendsten Forderungen der Bauern die unerlässliche Voraussetzung für den Sieg der chinesischen Revolution ist. Ich denke, dass es an der Zeit ist, mit jener Trägheit und „Neutralität” gegenüber der Bauernschaft aufzuräumen, die in der Tätigkeit gewisser Kuomintangelemente zu beobachten sind. Ich denke, dass sowohl die Kommunistische Partei Chinas als auch die Kuomintang, also auch die Kantoner Regierung, unverzüglich von Worten zu Taten übergehen und die Frage der sofortigen Befriedigung der lebenswichtigsten Forderungen der Bauernschaft stellen müssen.

Welche Perspektiven sich in dieser Hinsicht eröffnen und bis zu welcher Grenze man gehen kann und soll - das hängt vom Verlauf der Revolution ab. Ich denke, dass man letzten Endes auf die Nationalisierung des Grund und Bodens hinsteuern muss. Jedenfalls können wir auf eine Losung, wie die Losung der Nationalisierung des Grund und Bodens, nicht ein für allemal verzichten.

Welche Wege und Bahnen haben die chinesischen Revolutionäre einzuschlagen, um die Millionenmassen der Bauernschaft Chinas für die Revolution zu mobilisieren?

Ich denke, dass man unter den gegebenen Verhältnissen nur von drei Wegen sprechen kann.

Der erste Weg - das ist der Weg der Bildung von Bauernkomitees und des Eindringens der chinesischen Revolutionäre in diese Komitees, um auf die Bauernschaft einzuwirken. (Zwischenruf: „Und die Bauernbünde?”) Ich glaube, dass sich die Bauernbünde um die Bauernkomitees gruppieren oder dass die Bauernbünde sich in Bauernkomitees verwandeln werden, die mit diesen oder jenen für die Durchsetzung der bäuerlichen Forderungen notwendigen Machtbefugnissen ausgestattet sind. Über diesen Weg habe ich bereits gesprochen. Aber dieser Weg genügt nicht. Es wäre lächerlich, wollte man glauben, dass es hierfür in China genügend Revolutionäre gäbe. China hat eine Bevölkerung von rund 400 Millionen. Davon sind etwa 350 Millionen Chinesen. Davon sind mehr als neun Zehntel Bauern. Wer da glaubt, einige Zehntausende chinesische Revolutionäre könnten diesen Ozean der Bauernschaft ausschöpfen, der befindet sich in einem Irrtum. Also müssen noch andere Wege eingeschlagen werden.

Der zweite Weg - das ist der Weg der Einwirkung auf die Bauernschaft durch den Apparat der neuen revolutionären Volksmacht. Es steht außer Zweifel, dass sich in den neuen befreiten Provinzen eine neue Macht nach dem Muster der Kantoner Regierung bilden wird. Es steht außer Zweifel, dass diese Macht und der Apparat dieser Macht, wenn sie die Revolution wirklich vorantreiben wollen, auf die Befriedigung der dringlichsten Forderungen der Bauernschaft werden bedacht sein müssen. Die Aufgabe der Kommunisten und der Revolutionäre Chinas überhaupt besteht nun darin, in den Apparat der neuen Macht einzudringen, diesen Apparat den Bauernmassen näher zu bringen und den Bauernmassen zu helfen, mit Hilfe dieses Apparats ihre dringendsten Forderungen zu befriedigen, sei es durch Wegnahme der Ländereien der Gutsbesitzer, sei es durch Herabsetzung der Steuern und des Pachtzinses - je nach den Umständen.

Der dritte Weg ist der Weg der Einwirkung auf die Bauernschaft durch die revolutionäre Armee. Ich habe schon von der gewaltigen Bedeutung gesprochen, die der revolutionären Armee in der chinesischen Revolution zukommt. Die revolutionäre Armee Chinas ist die Kraft, die als erste in die neuen Provinzen eindringt, die als erste mit den breitesten Massen der Bauernschaft in Berührung kommt und aus deren Verhalten der Bauer vor allem Rückschlüsse zieht auf die neue Macht, auf ihre schlechten beziehungsweise guten Eigenschaften. Von der Haltung der revolutionären Armee, von ihrem Verhalten gegenüber der Bauernschaft und gegenüber den Gutsbesitzern, von ihrer Bereitschaft, den Bauern zu helfen, hängt vor allem ab, wie sich die Bauernschaft zur neuen Macht, zur Kuomintang und zur Revolution in China überhaupt stellt. Wenn man berücksichtigt, dass sich nicht wenige zweifelhafte Elemente der revolutionären Armee Chinas angebiedert haben, dass diese Elemente die Physiognomie der Armee verschlechtern können, dann kann man verstehen, welch große Bedeutung die politische Physiognomie der Armee und, ich möchte sagen, ihre Bauernpolitik in den Augen der Bauernschaft haben. Daher müssen die Kommunisten Chinas und überhaupt die Revolutionäre Chinas alle Maßnahmen treffen, um die bauernfeindlichen Elemente der Armee zu neutralisieren, der Armee ihren revolutionären Geist zu bewahren und dafür zu sorgen, dass die Armee den Bauern hilft und sie für die Revolution mobilisiert.

Man sagt, dass die revolutionäre Armee in China mit offenen Armen empfangen wird, dass aber später, wenn die Armee Quartier bezogen hat, eine gewisse Enttäuschung eintritt. Dasselbe war auch bei uns in der Sowjetunion während des Bürgerkriegs der Fall. Das erklärt sich daraus, dass die Armee, wenn sie neue Provinzen befreit und dort Quartier bezieht, gezwungen ist, sich so oder so auf Kosten der dort wohnenden Bevölkerung zu verpflegen. Uns sowjetischen Revolutionären gelang es gewöhnlich, dieses Minus dadurch auszugleichen, das wir bemüht waren, die Bauern mit Hilfe der Armee gegen die Gutsbesitzerelemente zu unterstützen. Auch die chinesischen Revolutionäre müssen lernen, dieses Minus dadurch auszugleichen, dass sie mit Hilfe der Armee eine richtige Bauernpolitik durchführen.

 

 

 

VI
DAS PROLETARIAT UND DIE HEGEMONIE
DES PROLETARIATS IN CHINA

Die fünfte Bemerkung betrifft die Frage des chinesischen Proletariats. Ich denke, dass in den Thesen die Rolle und die Bedeutung der Arbeiterklasse Chinas nicht genügend hervorgehoben werden. Rafes fragt: Auf wen sollen sich die chinesischen Kommunisten orientieren - auf die Linken oder auf das Zentrum der Kuomintang? Sonderbare Frage. Ich denke, die chinesischen Kommunisten müssen sich vor allem auf das Proletariat orientieren und müssen die Führer der Befreiungsbewegung in China auf die Revolution orientieren. Nur dann wird die Frage richtig gestellt sein. Ich weiß, dass es unter den chinesischen Kommunisten Genossen gibt, die die Streiks der Arbeiter für die Verbesserung ihrer materiellen und rechtlichen Lage als unerwünscht ansehen und den Arbeitern abraten, in den Streik zu treten. (Zuruf: „Das war in Kanton und Schanghai der Fall.”) Das ist ein großer Fehler, Genossen. Das ist eine schwerwiegende Unterschätzung der Rolle und des spezifischen Gewichts des Proletariats in China. Das muss in den Thesen als unbedingt negative Erscheinung festgehalten werden. Es wäre ein großer Fehler, wenn die chinesischen Kommunisten die gegenwärtige günstige Situation nicht dazu benutzen würden, um den Arbeitern zu helfen, ihre materielle und rechtliche Lage zu verbessern, und sei es auch durch Streiks. Wozu haben wir denn eine Revolution in China? Ein Proletariat, dessen Söhne bei Streiks von den Agenten des Imperialismus gepeitscht und gefoltert werden, kann nicht die führende Kraft sein. Dieses mittelalterliche Übel muss um jeden Preis ausgerottet werden, um unter den Proletariern Chinas das Kraftgefühl und das Gefühl der eigenen Würde zu entwickeln und sie zur Führung der revolutionären Bewegung zu befähigen. Ohne das ist an einen Sieg der Revolution in China gar nicht zu denken. Daher muss den wirtschaftlichen und rechtlichen Forderungen der Arbeiterklasse Chinas, die auf eine ernstliche Verbesserung ihrer Lage abzielen, in den Thesen ein gebührender Platz eingeräumt werden. (Zuruf: „Davon ist in den Thesen die Rede.”) Ja, davon ist in den Thesen die Rede, aber leider sind diese Forderungen nicht nachdrücklich genug gestellt.

 

 

VII
DIE FRAGE DER JUGEND IN CHINA

Die sechste Bemerkung betrifft die Frage der Jugend in China. Es ist sonderbar, dass diese Frage in den Thesen nicht berücksichtigt worden ist. Indes ist die Frage der Jugend in China jetzt von außerordentlich großer Bedeutung. In den Referaten Tan Ping-schans wurde diese Frage behandelt, aber leider nicht mit genügendem Nachdruck. Die Frage der Jugend ist jetzt in China von erstrangiger Bedeutung. Die studierende Jugend (die revolutionären Studenten), die Arbeiterjugend, die Bauernjugend - sie alle stellen eine Kraft dar, die, wenn man sie unter den ideologischen und politischen Einfluss der Kuomintang (Anmerkung. Unter den damaligen Bedingungen war eine solche Politik richtig, da die Kuomintang damals einen Block der Kommunisten und der mehr oder minder linken Vertreter der Kuomintang darstellte, der eine antiimperialistische revolutionäre Politik durchführte. Späterhin wurde diese Politik aufgegeben, da sie nicht mehr den Interessen der chinesischen Revolution entsprach, weil die Kuomintang der Revolution den Rücken kehrte und später zum Zentrum des Kampfes gegen die Revolution wurde; die Kommunisten brachen mit der Kuomintang und traten aus ihr aus.) bringt, bewirken könnte, dass die Revolution in Siebenmeilenstiefeln voranschreitet. Es darf nicht außer acht gelassen werden, dass niemand das imperialistische Joch so gründlich und so lebhaft verspürt und dass niemand die Notwendigkeit des Kampfes gegen dieses Joch so brennend und so schmerzlich empfindet wie die Jugend in China. Dieser Umstand muss von der chinesischen Kommunistischen Partei und den chinesischen Revolutionären weitgehendst berücksichtigt werden im Sinne einer weitgehendsten Verstärkung der Arbeit unter der Jugend. Die Jugend muss in den Thesen zur chinesischen Frage ihren Platz finden.

 

 

VIII
EINIGE SCHLUSSFOLGERUNGEN

Ich möchte einige Schlussfolgerungen ziehen - hinsichtlich des Kampfes gegen den Imperialismus in China und hinsichtlich der Bauernfrage.

Es steht außer Zweifel, dass die chinesische Kommunistische Partei sich jetzt nicht auf die Forderung nach Annullierung der ungleichen Verträge beschränken kann. Für diese Forderung ist jetzt sogar ein solcher Konterrevolutionär wie Tschang Hsüe-liang. Es liegt auf der Hand, dass die chinesische Kommunistische Partei weitergehen muss.

Ferner muss als Perspektive die Frage der Nationalisierung der Eisenbahnen gestellt werden. Das ist notwendig, und darauf muss man hinsteuern.

Ferner muss die Perspektive der Nationalisierung der wichtigsten Fabriken und Werke ins Auge gefasst werden. Dabei erhebt sich vor allem die Frage der Nationalisierung der Unternehmungen, deren Besitzer durch besondere Feindseligkeit und besondere Aggressivität gegenüber dem chinesischen Volke hervortreten. Sodann muss die Bauernfrage vorangebracht und mit der Perspektive der Revolution in China verbunden werden. Ich denke, dass man letzten Endes auf die Enteignung der Gutsbesitzerländereien zugunsten der Bauern und auf die Nationalisierung des Grund und Bodens hinsteuern muss.

Alles Übrige versteht sich von selbst.

Das, Genossen, sind all die Bemerkungen, die ich machen wollte.

Zeitschrift „Kommunistitscheski Internazional”
(Die Kommunistische Internationale) Nr. 13 (71),
10. Dezember 1926.

 

 

 

 


 

 

 

 

 

FRAGEN DER CHINESISCHEN REVOLUTION

Thesen für Propagandisten,
gebilligt vom ZK der KPdSU(B)

I
DIE PERSPEKTIVEN DER CHINESISCHEN
REVOLUTION

Die wichtigsten Tatsachen, die den Charakter der chinesischen Revolution bestimmen, sind:

a) die halbkoloniale Stellung Chinas und die finanzielle und wirtschaftliche Herrschaft des Imperialismus;

b) das Joch der feudalen Überreste, das durch das Joch des Militarismus und der Bürokratie verstärkt wird;

c) der wachsende revolutionäre Kampf der Millionenmassen der Arbeiter und Bauern gegen das feudal-bürokratische Joch, gegen den Militarismus, gegen den Imperialismus;

d) die politische Schwäche der nationalen Bourgeoisie, ihre Abhängigkeit vom Imperialismus, ihre Furcht vor dem Schwung der revolutionären Bewegung;

e) die wachsende revolutionäre Aktivität des Proletariats, das Anwachsen seiner Autorität unter den Millionenmassen der Werktätigen;

f) das Bestehen der proletarischen Diktatur in der Nachbarschaft Chinas.

Daraus ergeben sich zwei Wege für die Entwicklung der Ereignisse in China:

Entweder die nationale Bourgeoisie zerschlägt das Proletariat, geht ein Kompromiss mit dem Imperialismus ein und eröffnet im Verein mit ihm einen Feldzug gegen die Revolution, um ihr durch die Errichtung der Herrschaft des Kapitalismus ein Ende zu bereiten;

oder aber das Proletariat drängt die nationale Bourgeoisie beiseite, festigt seine Hegemonie und zieht die Millionenmassen der Werktätigen in Stadt und Land auf seine Seite, um den Widerstand der nationalen Bourgeoisie zu überwinden, den vollen Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution zu erringen und sie dann allmählich auf die Bahnen der sozialistischen Revolution mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen überzuleiten.

Eins von beiden.

Die Krise des Weltkapitalismus und das Bestehen der proletarischen Diktatur in der UdSSR, deren Erfahrungen vom chinesischen Proletariat erfolgreich ausgenutzt werden können, erleichtern erheblich die Möglichkeit, dass die chinesische Revolution den zweiten Weg geht.

Die Tatsache anderseits, dass der Imperialismus gegen die chinesische Revolution in einer im wesentlichen einheitlichen Front vorgeht, dass es unter den Imperialisten heute nicht die Spaltung und nicht den Krieg gibt, die es beispielsweise vor der Oktoberrevolution im Lager des Imperialismus gab und die den Imperialismus schwächten - diese Tatsache besagt, dass die chinesische Revolution auf dem Wege zum Siege auf weit größere Schwierigkeiten stoßen wird als die Revolution in Rußland, dass es im Verlauf dieser Revolution unvergleichlich mehr Fälle des Überlaufens und des Verrats geben wird als in der Periode des Bürgerkriegs in der UdSSR.

Darum ist der Kampf zwischen diesen beiden Wegen der Revolution ein charakteristischer Zug der chinesischen Revolution.

Gerade darum besteht die Hauptaufgabe der Kommunisten im Kampf für den Sieg des zweiten Weges der chinesischen Revolution.

 

II
DIE ERSTE ETAPPE DER CHINESISCHEN REVOLUTION

In der ersten Periode der chinesischen Revolution, in der Periode des ersten Feldzugs nach dem Norden, als sich die nationale Armee dem Jangtse näherte und Sieg auf Sieg errang, eine machtvolle Bewegung der Arbeiter und Bauern sich aber noch nicht entfaltet hatte, ging die nationale Bourgeoisie (nicht die Kompradoren

 

Kompradoren - Mittelsmänner zwischen ausländischem Kapital und einheimischem Markt, die einen Teil der einheimischen Handelsgroßbourgeoisie in den Kolonien und abhängigen Ländern bilden. Die Kompradorenbourgeoisie in China trat als Agentur des ausländischen Imperialismus und als Erzfeind der chinesischen Revolution 1925-1927 auf.

 

mit der Revolution. Das war eine Revolution der vereinigten gesamtnationalen Front.

Das heißt nicht, dass es zwischen der Revolution und der nationalen Bourgeoisie keine Gegensätze gegeben hätte. Das heißt lediglich, dass die nationale Bourgeoisie die Revolution in dem Bestreben unterstützte, sie für ihre Zwecke auszunützen, mit der Absicht, ihren Schwung zu vermindern, indem sie sie hauptsächlich auf territoriale Eroberungen lenkte. Der Kampf, der in dieser Periode zwischen den Rechten und den Linken in der Kuomintang geführt wurde, war eine Widerspiegelung dieser Gegensätze. Der Versuch Tschiang Kai-scheks im März 1926, die Kommunisten aus der Kuomintang zu vertreiben, war der erste ernsthafte Versuch der nationalen Bourgeoisie, die Revolution zu zügeln. Bekanntlich war das ZK der KPdSU(B) schon damals der Meinung, dass „die Linie des Verbleibens der Kommunistischen Partei in der Kuomintang verfolgt werden muss“, dass „man es dahin bringen muss, dass die Rechten aus der Kuomintang ausscheiden oder ausgeschlossen werden“ (April 1926).

Das war die Linie der weiteren Entfaltung der Revolution, der engen Zusammenarbeit der Linken und der Kommunisten innerhalb der Kuomintang und innerhalb der nationalen Regierung, der Festigung der Einheit der Kuomintang und zugleich - der Entlarvung und Isolierung der rechten Kuomintangleute, der Unterwerfung der Rechten unter die Disziplin der Kuomintang, der Ausnutzung der Rechten, ihrer Verbindungen und ihrer Erfahrungen, sofern sie sich der Disziplin der Kuomintang unterwerfen, oder der Vertreibung der Rechten aus der Kuomintang, sofern sie diese Disziplin brechen und die Interessen der Revolution verraten.

Die darauf folgenden Ereignisse haben die Richtigkeit dieser Linie voll und ganz bestätigt. Die machtvolle Entwicklung der Bauernbewegung und die Organisierung von Bauernbünden und Bauernkomitees auf dem flachen Lande, die machtvolle Streikwelle in den Städten und die Bildung von Gewerkschaftsräten, das siegreiche Vordringen der nationalen Truppen auf Schanghai, das von der Flotte und den Truppen der Imperialisten belagert wurde - alle diese und ähnliche Tatsachen zeugen davon, dass die eingeschlagene Linie die einzig richtige Linie war.

Nur durch diesen Umstand lässt sich die Tatsache erklären, dass der Versuch der Rechten im Februar 1927, die Kuomintang zu spalten und in Nantschang ein neues Zentrum zu schaffen, angesichts der einmütigen Abwehr durch die revolutionäre Kuomintang in Wuhan scheiterte.

Aber dieser Versuch war ein Zeichen dafür, dass im Lande eine Umgruppierung der Klassenkräfte vor sich geht, dass sich die Rechten und die nationale Bourgeoisie nicht ruhig verhalten werden, dass sie die Arbeit gegen die Revolution verstärken werden.

Das ZK der KPdSU(B) hatte daher Recht, als es im März 1927 feststellte:

a) „das die chinesische Revolution gegenwärtig im Zusammenhang mit der Umgruppierung der Klassenkräfte und der Konzentration der imperialistischen Armeen eine kritische Periode durchmacht und dass weitere Siege nur möglich sind, wenn man entschieden auf die Entfaltung der Massenbewegung Kurs nimmt“;

b) „es muss Kurs genommen werden auf die Bewaffnung der Arbeiter und Bauern, auf die Umwandlung der örtlichen Bauernkomitees in faktische Machtorgane mit bewaffnetem Selbstschutz“;

c) „die Kommunistische Partei darf die verräterische und reaktionäre Politik der rechten Kuomintangleute nicht verschweigen, sie muss, um die Rechten zu entlarven, die Massen um die Kuomintang und die chinesische Kommunistische Partei mobilisieren“ (3. März 1927).

Daher ist es leicht zu begreifen, dass im weiteren Verlauf der mächtige Schwung der Revolution einerseits und der Druck der Imperialisten in Schanghai anderseits die chinesische nationale Bourgeoisie in das Lager der Konterrevolution treiben mussten, ebenso wie die Einnahme Schanghais durch die nationalen Truppen und die Streiks der Schanghaier Arbeiter die Imperialisten zwecks Erdrosselung der Revolution vereinigen mussten.

So geschah es denn auch. Das Blutbad in Nanking war in dieser Beziehung das Signal zu einer neuen Scheidung der kämpfenden Kräfte in

China. Durch die Beschießung Nankings und durch ihr Ultimatum wollten die Imperialisten zum Ausdruck bringen, dass sie die Unterstützung der nationalen Bourgeoisie suchen, um gemeinsam mit ihr gegen die chinesische Revolution zu kämpfen.

Die von Tschiang Kai-schek veranlasste Niederschießung von Arbeiterkundgebungen und sein Umsturz waren gleichsam die Antwort Tschiang Kai-scheks auf die Aufforderung der Imperialisten, in der er zum Ausdruck brachte, dass er bereit ist, zusammen mit der nationalen Bourgeoisie ein Kompromiss mit den Imperialisten gegen die Arbeiter und Bauern Chinas einzugehen.

 

 

III
DIE ZWEITE ETAPPE DER CHINESISCHEN
REVOLUTION

Der Umsturz Tschiang Kai-scheks bedeutet die Abkehr der nationalen Bourgeoisie von der Revolution, die Herausbildung eines Zentrums der nationalen Konterrevolution und ein Kompromiss der rechten Kuomintangleute mit dem Imperialismus gegen die chinesische Revolution.

Der Umsturz Tschiang Kai-scheks bedeutet, dass es in Südchina nunmehr zwei Lager, zwei Regierungen, zwei Armeen, zwei Zentren geben wird - das Zentrum der Revolution in Wuhan und das Zentrum der Konterrevolution in Nanking.

Der Umsturz Tschiang Kai-scheks bedeutet, dass die Revolution in die zweite Etappe ihrer Entwicklung eingetreten ist, dass eine Wendung von der Revolution der vereinigten gesamtnationalen Front zur Revolution der Millionenmassen der Arbeiter und Bauern, zur Agrarrevolution begonnen hat, die den Kampf gegen den Imperialismus, gegen die Gentry und die feudalen Gutsbesitzer, gegen die Militaristen und die konterrevolutionäre Gruppe Tschiang Kai-scheks verstärken und erweitern wird.

Das bedeutet, dass der Kampf zwischen den beiden Wegen der Revolution, zwischen den Anhängern der weiteren Entfaltung der Revolution und den Anhängern ihrer Liquidierung, von Tag zu Tag an Schärfe zunehmen und die ganze gegenwärtige Periode der Revolution ausfüllen wird.

Das bedeutet, dass die revolutionäre Kuomintang in Wuhan, die einen entschiedenen Kampf gegen Militarismus und Imperialismus führt, sich praktisch in ein Organ der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft verwandeln wird, während die konterrevolutionäre Gruppe Tschiang Kai-scheks in Nanking, die mit den Arbeitern und Bauern bricht und sich dem Imperialismus zuwendet, letzten Endes das Schicksal der Militaristen teilen wird.

Daraus folgt aber, dass die Politik der Erhaltung der Einheit der Kuomintang, die Politik der Isolierung der Rechten innerhalb der Kuomintang und ihrer Ausnutzung für die Zwecke der Revolution den neuen Aufgaben der Revolution bereits nicht mehr entspricht. Diese Politik muss durch eine Politik der entschlossenen Vertreibung der Rechten aus der Kuomintang ersetzt werden, durch eine Politik des entschlossenen Kampfes gegen die Rechten bis zu ihrer vollständigen politischen Vernichtung, durch eine Politik der Konzentrierung der gesamten Macht im Lande in den Händen der revolutionären Kuomintang, einer Kuomintang ohne rechte Elemente, der Kuomintang als eines Blocks zwischen den linken Kuomintangleuten und den Kommunisten.

Daraus folgt weiter, dass die Politik der engen Zusammenarbeit zwischen den Linken und den Kommunisten innerhalb der Kuomintang in der gegenwärtigen Etappe besondere Wirksamkeit und besondere Bedeutung gewinnt, dass diese Zusammenarbeit das sich außerhalb der Kuomintang herausbildende Bündnis der Arbeiter und Bauern widerspiegelt, dass ohne eine derartige Zusammenarbeit der Sieg der Revolution unmöglich ist.

Daraus folgt ferner, dass die entscheidende Kraftquelle der revolutionären Kuomintang die weitere Entfaltung der revolutionären Bewegung der Arbeiter und Bauern und die Festigung ihrer Massenorganisationen ist - der revolutionären Bauernkomitees, der Arbeitergewerkschaften und der anderen revolutionären Massenorganisationen, die die vorbereitenden Elemente für die künftigen Sowjets bilden - dass das entscheidende Unterpfand des Sieges der Revolution das Anwachsen der revolutionären Aktivität der Millionenmassen der Werktätigen, das wichtigste Gegengift aber gegen die Konterrevolution die Bewaffnung der Arbeiter und Bauern ist.

Daraus folgt schließlich, dass die Kommunistische Partei, wenn sie mit den revolutionären Kuomintangleuten in einer Front kämpft, ihre Selbständigkeit mehr denn je bewahren muss als eine für die Sicherung der Hegemonie des Proletariats in der bürgerlich-demokratischen Revolution notwendige Voraussetzung.

 

 

IV
DIE FEHLER DER OPPOSITION

Der Hauptfehler der Opposition (Radek und Co.) besteht darin, dass sie den Charakter der Revolution in China nicht begreift, dass sie nicht begreift, welche Etappe diese Revolution jetzt durchmacht, dass sie nicht begreift, welches die heutige internationale Situation ist, in der sie sich entwickelt.

Die Opposition verlangt, dass sich die chinesische Revolution in annähernd dem gleichen Tempo entwickle, in dem die Oktoberrevolution vor sich gegangen ist. Die Opposition ist unzufrieden, weil die Schanghaier Arbeiter nicht den Entscheidungskampf gegen die Imperialisten und ihre Helfershelfer aufgenommen haben.

Sie begreift aber nicht, dass sich die Revolution in China unter anderem deshalb nicht in schnellem Tempo entwickeln kann, weil die internationale Lage jetzt weniger günstig ist als im Jahre 1917 (es gibt keinen Krieg zwischen den Imperialisten).

Sie begreift nicht, dass man unter ungünstigen Verhältnissen, wenn die Reserven noch nicht herangezogen sind, keinen Entscheidungskampf aufnehmen darf, ebenso wie zum Beispiel die Bolschewiki weder im April noch im Juli 1917 den Entscheidungskampf aufgenommen haben.

Die Opposition begreift nicht, dass derjenige, der einem Entscheidungskampf unter ungünstigen Verhältnissen nicht ausweicht (wenn er ihm ausweichen kann), die Sache der Feinde der Revolution erleichtert.

Die Opposition verlangt die sofortige Bildung von Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten in China. Was aber bedeutet es, jetzt Sowjets zu bilden?

Erstens kann man sie nicht in einem beliebigen Augenblick bilden, sie werden nur in einer Periode besonderen Ansteigens der revolutionären Wellen gebildet.

Zweitens werden Sowjets nicht zum Schwätzen gebildet - sie werden vor allem als Organe des Kampfes gegen die, bestehende Macht, als Organe des Kampfes um die Macht gebildet. So war es im Jahre 1905. So war es im Jahre 1917.

Was aber bedeutet es, in der gegenwärtigen Situation im Aktionsbereich beispielsweise der Regierung von Wuhan Sowjets zu bilden? Das bedeutet, eine Losung des Kampfes gegen die bestehende Macht in diesem Gebiet auszugeben. Das bedeutet, eine Losung zur Bildung neuer Machtorgane auszugeben, eine Losung des Kampfes gegen die Macht der revolutionären Kuomintang auszugeben, der auch die Kommunisten angehören, die mit den linken Kuomintangleuten einen Block bilden, denn in diesem Gebiet gibt es gegenwärtig keine andere Macht als die Macht der revolutionären Kuomintang.

Das bedeutet ferner, die Aufgabe der Bildung und der Festigung von Massenorganisationen der Arbeiter und der Bauern in Gestalt von Streikkomitees, Bauernbünden und Bauernkomitees, Gewerkschaftsräten, Betriebskomitees usw., auf die sich bereits jetzt die revolutionäre Kuomintang stützt, mit der Aufgabe verwechseln, an Stelle der Macht der revolutionären Kuomintang das Sowjetsystem als neuen Typus der Staatsmacht zu schaffen.

Das bedeutet schließlich, nicht zu begreifen, welche Etappe die Revolution in China gegenwärtig durchmacht. Das bedeutet, den Feinden des chinesischen Volkes eine neue Waffe in die Hand zu geben zum Kampf gegen die Revolution, zur Verbreitung neuer Legenden darüber, dass in China keine nationale Revolution vor sich gehe, sondern eine künstliche Verpflanzung der „Moskauer Sowjetisierung“.

Somit arbeitet die Opposition dadurch, dass sie die Losung der Bildung von Sowjets in der gegenwärtigen Situation aufstellt, den Feinden der chinesischen Revolution in die Hände.

Die Opposition hält die Teilnahme der Kommunistischen Partei an der Kuomintang für unzweckmäßig. Die Opposition hält also den Austritt der Kommunistischen Partei aus der Kuomintang für zweckmäßig. Was aber bedeutet der Austritt der Kommunistischen Partei aus der Kuomintang jetzt, da die ganze imperialistische Meute samt all ihren Trabanten die Vertreibung der Kommunisten aus der Kuomintang fordert? Das bedeutet, das Schlachtfeld zu verlassen und seine Verbündeten in der Kuomintang, den Feinden der Revolution zur Freude, im Stiche zu lassen. Das bedeutet, die Kommunistische Partei zu schwächen, die revolutionäre Kuomintang zu untergraben, das Werk der Schanghaier Cavaignac zu erleichtern und das Banner der Kuomintang, das populärste aller Banner in China, den rechten Kuomintangleuten auszuliefern.

Gerade das wollen ja jetzt die Imperialisten, Militaristen und rechten Kuomintangleute.

Somit ergibt sich, dass die Opposition dadurch, dass sie sich in der gegenwärtigen Situation für den Austritt der Kommunistischen Partei aus der Kuomintang ausspricht, den Feinden der chinesischen Revolution in die Hände arbeitet.

Das Plenum des ZK unserer Partei, das vor kurzem stattfand, hat daher völlig richtig gehandelt, als es die Plattform der Opposition entschieden ablehnte.

 

Gemeint ist das Plenum des ZK der KPdSU(B), das vom 13. bis zum 16. April 1927 tagte. Das Plenum behandelte eine Reihe von Fragen im Zusammenhang mit den Sowjetkongressen der UdSSR und der RSFSR und entschied über den Zeitpunkt der Einberufung des XV. Parteitags der KPdSU(B). Am 13. April sprach J. W. Stalin zur Frage der Tagesordnung des Plenums und ergriff in der Diskussion zu M. I. Kalinins Referat „Fragen der Sowjetkongresse der UdSSR und der RSFSR“ das Wort. Nach Erörterung der Mitteilung des Politbüros des ZK der KPdSU(B) über die von ihm im Zusammenhang mit den internationalen Ereignissen (Ereignisse in China u. a.) gefassten Beschlüsse billigte das Plenum die Politik des Politbüros des ZK in der internationalen Frage und verurteilte entschieden die parteifeindliche Plattform der trotzkistisch-sinowjewistischen Opposition.

 

„Prawda“ Nr. 90,
21. April 1927

 

 

 

 

 

 


 

 

ZU FRAGEN DER CHINESISCHEN REVOLUTION

Antwort an Genossen Martschulin

Ihr an die Redaktion des „Derewenski Kommunist“

 

  • „Derewenski Kommunist“ (Der Dorfkommunist) - Halbmonatsschrift für das Parteiaktiv im Dorf, Organ des ZK der KPdSU(B). Die Zeitschrift erschien von Dezember 1924 bis August 1930. Verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift war bis Februar 1927 W. M. Molotow.

 

 

gerichteter Brief hinsichtlich der Frage der Sowjets in China wurde mir aus der Redaktion zur Beantwortung übersandt. In der Annahme, dass Sie nichts dagegen haben werden, schicke ich Ihnen eine kurze Antwort auf Ihren Brief.

Ich glaube, Genosse Martschulin, Ihr Brief beruht auf einem Missverständnis. Und dies aus folgendem Grund:

 

1. In den Thesen für Propagandisten wendet sich Stalin gegen die sofortige Bildung von Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten im heutigen China. Sie erheben indes Einwände gegen Stalin und berufen sich auf Lenins Thesen und seine Rede auf dem II. Kongress der Komintern,

 

Siehe W.I. Lenin, „Werke“, 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 122-128 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 770-776] und S.215 bis 220 (russ.).

 

in denen lediglich von Bauernsowjets, von Sowjets der Werktätigen, von Sowjets des werktätigen Volkes die Rede ist, aber kein einziges Wort über die Bildung von Sowjets der Arbeiterdeputierten gesagt wird.

Warum spricht Lenin weder in seinen Thesen noch in seiner Rede von der Bildung von Sowjets der Arbeiterdeputierten? Weil Lenin sowohl in seiner Rede als auch in seinen Thesen von Ländern sprach, in denen „von einer rein proletarischen Bewegung keine Rede sein kann“, in denen es „fast kein Industrieproletariat gibt“ (siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 218, russ.). Lenin sagt in seiner Rede direkt, dass er Länder meint wie Mittelasien, Persien, wo es „fast kein Industrieproletariat gibt“ (ebenda).

Kann man China mit seinen Industriezentren, wie Schanghai, Hankou, Nanking, Tschangscha usw., wo es bereits etwa drei Millionen gewerkschaftlich organisierter Arbeiter gibt, zu diesen Ländern rechnen? Es ist klar, dass man das nicht kann.

Wenn man vom heutigen China spricht, wo es ein gewisses Minimum an Industrieproletariat gibt, so ist es klar, dass man nicht einfach die Schaffung von Bauernsowjets oder Sowjets der Werktätigen, sondern die Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten ins Auge fassen muss.

Etwas anderes wäre es, wenn von Persien, Afghanistan usw. die Rede wäre. Aber in Stalins Thesen ist bekanntlich von China die Rede, nicht aber von Persien, Afghanistan usw.

Daher sind Ihre Einwände gegen Stalin und Ihre Berufung auf Lenins Rede und seine Thesen auf dem II. Kongress der Komintern falsch, gegenstandslos.

 

2. Sie führen in Ihrem Brief ein Zitat aus den „Ergänzungsthesen“ des II. Kongresses der Komintern zur nationalen und kolonialen Frage an, wo davon gesprochen wird, dass im Osten die „proletarischen Parteien eine intensive Propaganda der kommunistischen Ideen betreiben und bei der ersten Möglichkeit Arbeiter- und Bauernsowjets gründen müssen“. Dabei stellen Sie die Sache so dar, als stammten diese „Ergänzungsthesen“ und das Zitat daraus von Lenin. Das stimmt nicht, Genosse Martschulin. Hier haben Sie sich einfach geirrt. Die „Ergänzungsthesen“ stammen von Roy. Als Thesen von Roy wurden sie auch auf dem II. Kongress behandelt und als „Ergänzung“ zu den Thesen Lenins angenommen. (Siehe II. Kongress der Komintern, stenographischer Bericht, S. 122-126, russ.)

Wozu waren diese „Ergänzungsthesen“ notwendig? Sie waren notwendig, um Länder wie China und Indien, von denen man nicht behaupten kann, dass es dort „fast kein Industrieproletariat gibt“, aus der Zahl der rückständigen Kolonialländer, die kein Industrieproletariat haben, auszusondern. Lesen Sie diese „Ergänzungsthesen“, und Sie werden verstehen, dass dort hauptsächlich von China und Indien die Rede ist. (Siehe II. Kongress der Komintern, stenographischer Bericht, S. 122, russ.)

Wie kam es, dass zur „Ergänzung“ der Thesen Lenins besondere Thesen von Roy notwendig wurden? Die Sache ist die, dass Lenins Thesen lange vor Eröffnung des II. Kongresses, lange vor Eintreffen der Vertreter der kolonialen Länder und vor der Diskussion in der speziellen Kommission des II. Kongresses verfasst und veröffentlicht worden waren. Und da die Diskussion in der Kommission des Kongresses zeigte, dass es angebracht ist, Länder wie China und Indien aus der Zahl der rückständigen Kolonien des Ostens auszusondern, so ergab sich die Notwendigkeit der „Ergänzungsthesen“.

Daher darf man Lenins Rede und seine Thesen nicht mit den „Ergänzungsthesen“ Roys verwechseln, ebenso wie man nicht außer acht lassen darf, dass man, wenn von Ländern wie China und Indien die Rede ist, die Bildung von Arbeiter- und Bauernsowjets und nicht einfach von Bauernsowjets ins Auge fassen muss.

 

3. Wird man in China Arbeiter- und Bauernsowjets bilden müssen?

Ja, unbedingt. Davon wird in Stalins Thesen für Propagandisten direkt gesprochen, wo es heißt:

„Die entscheidende Kraftquelle der revolutionären Kuomintang ist die weitere Entfaltung der revolutionären Bewegung der Arbeiter und Bauern und die Festigung ihrer Massenorganisationen - der revolutionären Bauernkomitees, der Arbeitergewerkschaften und der anderen revolutionären Massenorganisationen, die die vorbereitenden Elemente für die künftigen Sowjets bilden ...“ (Siehe vorliegenden Band)

Die Frage ist nur die: Wann, unter welchen Bedingungen, in welcher Situation sollen Sowjets gebildet werden?

Die Sowjets der Arbeiterdeputierten sind eine allumfassende und daher die beste revolutionäre Organisation der Arbeiterklasse. Aber das bedeutet noch nicht, dass sie immer und unter allen Bedingungen gebildet werden sollen. Als Chrustalew, der erste Vorsitzende der Sowjets der Arbeiterdeputierten in Petersburg, im Sommer 1906 beim Abebben der Revolution die Frage der Bildung von Sowjets der Arbeiterdeputierten aufwarf, entgegnete ihm Lenin, dass es in der gegebenen Situation, da die Nachhut (Bauernschaft) der Vorhut (Proletariat) noch nicht nachgerückt war, unzweckmäßig ist, Sowjets der Arbeiterdeputierten zu schaffen. Und Lenin hatte völlig Recht. Warum? Weil die Sowjets der Arbeiterdeputierten nicht eine einfache Organisation der Arbeiter sind. Die Sowjets der Arbeiterdeputierten sind Organe des Kampfes der Arbeiterklasse gegen die bestehende Macht, Organe des Aufstands, Organe der neuen revolutionären Macht, und nur als solche können sie sich entwickeln und erstarken. Und wenn für den unmittelbaren Massenkampf gegen die bestehende Macht, für den Massenaufstand gegen die gegebene Macht, für die Organisierung einer neuen, revolutionären Macht keine Voraussetzungen vorhanden sind, so ist die Schaffung von Arbeitersowjets unzweckmäßig, da sie ohne diese Voraussetzungen Gefahr laufen, sich zu zersetzen und sich in bloße Schwatzbuden zu verwandeln.

Lenin sagte über die Sowjets der Arbeiterdeputierten:

„Die Sowjets der Arbeiterdeputierten sind Organe des unmittelbaren Massenkampfes“ ... „Nicht irgendeine Theorie, nicht irgend jemands Aufrufe, nicht eine von irgend jemand erdachte Taktik, nicht eine Parteidoktrin, sondern die Wucht der Tatsachen hat diese parteilosen Massenorgane von der Notwendigkeit des Aufstands überzeugt und sie zu Organen des Aufstands gemacht. Auch in der gegenwärtigen Zeit bedeutet die Schaffung solcher Organe die Schaffung von Organen des Aufstandst, bedeutet die Aufforderung zu ihrer Schaffung die Aufforderung zum Aufstands. Das zu vergessen oder vor den breiten Volksmassen zu vertuschen, wäre ganz unverzeihliche Kurzsichtigkeit und die allerschlechteste Politik.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 11, S. 103, 104, russ.)

Oder weiter:

„Die ganze Erfahrung der beiden Revolutionen, sowohl vom Jahre 1905 als auch vom Jahre 1917 wie auch alle Beschlüsse der Partei der Bolschewiki, alle ihre politischen Erklärungen seit vielen Jahren laufen auf die Feststellung hinaus, dass der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten nur als Organ des Aufstandst, nur als Organ der revolutionären Macht real ist. Außerhalb dieser Aufgabe sind die Sowjets ein bloßes Spielzeug, das unvermeidlich zur Apathie, Gleichgültigkeit und Enttäuschung der Massen führt, denen die endlose Wiederholung von Resolutionen und Protesten mit vollem Recht zuwider geworden ist.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 26, S. 117, russ.)

Was bedeutet es, wenn die Dinge so liegen, zur sofortigen Bildung von Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten im jetzigen Südchina aufzurufen, im Gebiet, sagen wir, der Regierung von Wuhan, wo jetzt die revolutionäre Kuomintang an der Macht ist, wo sich jetzt eine Bewegung unter der Losung „Alle Macht der revolutionären Kuomintang“ entwickelt? Jetzt zur Schaffung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in diesem Gebiet aufrufen - das bedeutet zum Aufstand gegen die Macht der revolutionären Kuomintang aufrufen. Wäre das zweckmäßig? Es ist klar, dass das nicht zweckmäßig wäre. Es ist klar: Wer jetzt zur sofortigen Bildung von Sowjets der Arbeiterdeputierten in diesem Gebiet aufruft, der versucht, die Kuomintangphase der chinesischen Revolution zu überspringen, der läuft Gefahr, die Revolution in China in eine äußerst schwierige Lage zu bringen.

So ist es, Genosse Martschulin, um die Frage der sofortigen Bildung von Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten in China bestellt.

Auf dem II. Kongress der Komintern wurde eine spezielle Resolution angenommen mit der Überschrift „Wann und unter welchen Bedingungen können Sowjets der Arbeiterdeputierten gebildet werden?“ Diese Resolution wurde in Lenins Anwesenheit angenommen. Ich würde Ihnen raten, diese Resolution zu lesen. Sie ist nicht uninteressant. (Siehe II. Kongress der Komintern, stenographischer Bericht, S. 580-583, russ.)

 

4. Wann wird man in China Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten bilden müssen? Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten wird man in China unbedingt in dem Augenblick bilden müssen, wenn die siegreiche Agrarrevolution mit aller Kraft zur Entfaltung kommt, wenn die Kuomintang als Block der revolutionären Volkstümler Chinas (linke Kuomintang) und der Kommunistischen Partei sich zu überleben beginnt, wenn die bürgerlich-demokratische Revolution, die noch nicht gesiegt hat und die so bald auch nicht siegen wird, beginnt, ihre negativen Züge zu offenbaren, wenn es erforderlich wird, von dem gegenwärtigen Typus der staatlichen Organisation, vorn Typus der Kuomintang, Schritt für Schritt zu einem neuen, zum proletarischen Typus der Organisation des Staates überzugehen.

Gerade so ist auch die bekannte Stelle über die Arbeiter- und Bauernsowjets in den „Ergänzungsthesen“ Roys zu verstehen, die vom II. Kongress der Komintern angenommen wurden.

Ist dieser Augenblick schon gekommen?

Es braucht nicht bewiesen zu werden, dass dieser Augenblick noch nicht gekommen ist.

Was aber soll man jetzt tun? Man muss die Agrarrevolution in China erweitern und vertiefen. Man muss aller Art Massenorganisationen der Arbeiter und Bauern, von den Gewerkschaftsräten und Streikkomitees bis zu den Bauernbünden und revolutionären Bauernkomitees, bilden und sie festigen, um sie in dem Maße, wie die revolutionäre Bewegung wächst und ihre Erfolge zunehmen, in organisatorische und politische Stützpunkte für die künftigen Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten zu verwandeln.

Darin besteht jetzt die Aufgabe.

9. Mai 1927.

Zeitschrift „ Derewenski Kommunist“ (Der Dorfkommunist),
Nr. 10, 15. Mai 1927. Unterschrift: J. Stalin.

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

EINE BESPRECHUNG MIT
STUDENTEN DER SUN-YAT-SEN-UNIVERSITÄT

13. Mai 1927

 

Genossen!

Leider stehen mir für unsere heutige Besprechung nur zwei bis drei Stunden zur Verfügung. Vielleicht können wir das nächste Mal ein längeres Gespräch führen. Heute aber, denke ich, könnten wir uns auf die Behandlung der Fragen beschränken, die Sie schriftlich gestellt haben. Ich habe insgesamt zehn Fragen erhalten. Und diese will ich bei unserer heutigen Besprechung beantworten. Wenn es zusätzliche Fragen gibt - und wie man sagt, gibt es solche -, so werde ich mich bemühen, sie bei unserem nächsten Gespräch zu beantworten. Kommen wir also zur Sache.

 

 

ERSTE FRAGE

„Warum ist Radeks Behauptung, dass der Kampf der Bauernschaft im chinesischen Dorf nicht so sehr gegen die Überreste des Feudalismus als vielmehr gegen die Bourgeoisie gerichtet sei, falsch?

Kann man behaupten, dass in China der Handelskapitalismus herrscht, oder herrschen dort die Überreste des Feudalismus?

Warum sind die chinesischen Militaristen als Besitzer großer Industriebetriebe gleichzeitig Vertreter des Feudalismus?“

Radek behauptet tatsächlich etwas Derartiges, wie es in dieser Frage zum Ausdruck gebracht wird. Soweit ich mich erinnere, hat Radek in seinen Ausführungen vor dem Aktiv der Moskauer Organisation das Vorhandensein von Überresten des Feudalismus entweder überhaupt verneint, oder er hat die ernste Bedeutung der Überreste des Feudalismus im chinesischen Dorf nicht anerkannt.

Das ist natürlich ein großer Fehler Radeks.

Wenn es in China keine Überreste des Feudalismus gäbe, wenn diese Überreste für das chinesische Dorf nicht von ernstester Bedeutung wären, dann gäbe es keinen Boden für die Agrarrevolution, dann wäre es sinnlos, von der Agrarrevolution als einer der Hauptaufgaben der Kommunistischen Partei in der gegenwärtigen Etappe der chinesischen Revolution zu sprechen.

Besteht im chinesischen Dorf Handelskapital? Ja, es besteht, und es besteht nicht nur, sondern es saugt den Bauern nicht minder aus als jeder Feudalherr. Aber dieses Handelskapital vom Typ der ursprünglichen Akkumulation verflicht sich im chinesischen Dorf in eigenartiger Weise mit der Herrschaft des Feudalherrn, mit der Herrschaft des Gutsbesitzers, indem es bei diesem die mittelalterlichen Methoden der Ausbeutung und Unterdrückung der Bauern entlehnt. Darum handelt es sich, Genossen.

Radeks Fehler besteht darin, dass er diese Eigenart, diese Verflechtung der Herrschaft der feudalen Überreste mit dem Bestehen des Kaufmannskapitals im chinesischen Dorf unter Beibehaltung der mittelalterlich-feudalen Methoden der Ausbeutung und Unterdrückung der Bauernschaft nicht verstanden hat.

Militarismus, Dsudsunen, allerlei Gouverneure und die gesamte gegenwärtige hartherzige, räuberische, militärische und nichtmilitärische Bürokratie bilden den Überbau über diese Eigenart in China.

Der Imperialismus unterstützt und festigt diese ganze feudal-bürokratische Maschine.

Dass einige Militaristen als Besitzer von Gütern zugleich Besitzer von Industriebetrieben sind - dieser Umstand ändert im Wesentlichen nichts an der Sachlage. Viele russische Gutsbesitzer besaßen seinerzeit ebenfalls Fabriken und andere Industriebetriebe, was sie jedoch nicht hinderte, Vertreter der feudalen Überreste zu bleiben.

Wenn in einer Reihe von Bezirken 70 Prozent der Einnahmen des Bauern an die Gentry, an den Gutsherrn abgehen; wenn der Gutsherr sowohl auf ökonomischem Gebiet als auch auf dem Gebiet der Verwaltung und der Gerichtsbarkeit die faktische Macht ausübt; wenn es in einer Reihe von Provinzen bis heute noch Kauf und Verkauf von Frauen und Kindern gibt - so muss man zugeben, dass die herrschende Kraft in diesen mittelalterlichen Verhältnissen die Kraft der feudalen Überreste, die Kraft der Gutsherren, die Kraft der gutsherrlichen Bürokratie, der militärischen und der nichtmilitärischen, ist, die sich in eigenartiger Weise mit der Kraft des Handelskapitals verflicht.

Diese eigenartigen Bedingungen schaffen eben den Boden für die Agrarbewegung der Bauernschaft, die in China wächst und weiter wachsen wird.

Ohne diese Bedingungen, ohne die feudalen Überreste und ohne das feudale Joch gäbe es in China die Frage der Agrarrevolution, der Konfiskation der Ländereien der Gutsbesitzer usw. nicht.

Ohne diese Bedingungen wäre die Agrarrevolution in China nicht zu verstehen.

 

 

ZWEITE FRAGE

„Inwiefern hat Radek Unrecht, wenn er behauptet, dass, da die Marxisten eine Partei mehrerer Klassen nicht anerkennen, die Kuomintang eine kleinbürgerliche Partei sei?“

Zu dieser Frage sind einige Bemerkungen zu machen.

Erstens. Diese Frage ist nicht richtig gestellt. Wir haben keineswegs gesagt noch sagen wir, dass die Kuomintang eine Partei mehrerer Klassen sei. Das stimmt nicht. Wir haben gesagt und wir sagen, dass die Kuomintang eine Partei des Blocks mehrerer unterdrückter Klassen ist. Das ist nicht ein und dasselbe, Genossen. Wenn die Kuomintang eine Partei mehrerer Klassen wäre, so würde die Sache darauf hinauslaufen, dass keine der Klassen, die in der Kuomintang vertreten sind, außerhalb der Kuomintang eine eigene Partei hätte, die Kuomintang selbst aber eine gemeinsame und die einzige Partei all dieser Klassen darstellte. Aber ist dem denn wirklich so? Hat etwa das chinesische Proletariat, das in der Kuomintang vertreten ist, nicht gleichzeitig eine eigene, besondere Partei, die Kommunistische Partei, die sich von der Kuomintang unterscheidet und ein eigenes, besonderes Programm, eine eigene, besondere Organisation hat? Es ist klar, dass die Kuomintang nicht eine Partei mehrerer unterdrückter Klassen ist, sondern eine Partei des Blocks mehrerer unterdrückter Klassen, die ihre eigenen Parteiorganisationen haben. Folglich ist diese Frage nicht richtig gestellt. In Wirklichkeit kann im heutigen China von der Kuomintang nur als von einer Partei des Blocks der unterdrückten Klassen die Rede sein.

Zweitens. Es trifft nicht zu, dass der Marxismus eine Partei des Blocks von unterdrückten, revolutionären Klassen prinzipiell nicht anerkennt, dass es für Marxisten prinzipiell unzulässig sei, einer solchen Partei anzugehören. Das, Genossen, trifft absolut nicht zu. In Wirklichkeit hielt (und hält) der Marxismus die Zugehörigkeit von Marxisten zu einer solchen Partei nicht nur prinzipiell für zulässig, sondern hat unter bestimmten historischen Bedingungen diese Zugehörigkeit auch praktisch verwirklicht. Ich könnte mich auf ein Beispiel berufen wie dasjenige, das Marx im Jahre 1848 während der deutschen Revolution selbst gab, als Marx und seine Gesinnungsgenossen der bekannten bürgerlich-demokratischen Gesellschaft

 

Gemeint ist die Kölner Demokratische Gesellschaft, die in Deutschland in der Periode der bürgerlichen Revolution von 1848 entstand. Dieser Gesellschaft gehörten neben bürgerlich-demokratischen Elementen auch Arbeiter an. K. Marx wurde zum Mitglied des Kreisvorstandes der demokratischen Gesellschaften in Rheinland und Westfalen gewählt und war dort leitend tätig.

 

in Deutschland angehörten und dort mit den Vertretern der revolutionären Bourgeoisie zusammenarbeiteten. Bekanntlich gehörten dieser bürgerlich-demokratischen Gesellschaft, dieser bürgerlich revolutionären Partei außer Marxisten auch Vertreter der revolutionären Bourgeoisie an. Die „Neue Rheinische Zeitung“,

 

Die „Neue Rheinische Zeitung“ wurde vom 1. Juni 1848 bis zum 19. Mai 1849 in Köln herausgegeben. Die Leiter der Zeitung waren K. Marx und F. Engels, Chefredakteur war K. Marx. Über die „Neue Rheinische Zeitung“ siehe K. Marx und F. Engels, „Werke“, Bd. XVI, Teil 1, 1937, S. 165 bis 173 [deutsch in „Ausgewählte Schriften“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 305 bis 313].

 

deren Chefredakteur Marx damals war, war das Organ dieser bürgerlich-demokratischen Gesellschaft. Erst im Frühjahr 1849, als die Revolution in Deutschland abzuebben begann, traten Marx und seine Gesinnungsgenossen aus dieser bürgerlich-demokratischen Gesellschaft aus, nachdem sie beschlossen hatten, eine vollkommen selbständige Organisation der Arbeiterklasse mit einer selbständigen Klassenpolitik ins Leben zu rufen.

Wie Sie sehen, ging Marx sogar weiter als die chinesischen Kommunisten unserer Zeit, die der Kuomintang eben als selbständige proletarische Partei mit eigener, besonderer Organisation angehören.

Man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob es zweckmäßig war, dass Marx und seine Gesinnungsgenossen im Jahre 1848, als es darum ging, gemeinsam mit der revolutionären Bourgeoisie den revolutionären Kampf gegen den Absolutismus zu führen, der bürgerlich-demokratischen Gesellschaft Deutschlands angehörten. Das ist eine Frage der - Taktik. Dass aber Marx es prinzipiell für zulässig hielt, einer solchen Partei anzugehören - daran kann es keinen Zweifel geben.

Drittens. Es wäre grundfalsch zu sagen, dass die Kuomintang in Wuhan eine kleinbürgerliche Partei sei, und es dabei bewenden zu lassen. So kann die Kuomintang nur jemand charakterisieren, der weder etwas vom Imperialismus in China noch vom Charakter der chinesischen Revolution begriffen hat. Die Kuomintang ist keine „gewöhnliche“ kleinbürgerliche Partei. Es gibt verschiedene kleinbürgerliche Parteien. Menschewiki und Sozialrevolutionäre in Rußland waren auch kleinbürgerliche Parteien, aber sie waren zugleich imperialistische Parteien, denn sie hatten mit den französischen und englischen Imperialisten ein Kampfbündnis und eroberten und unterdrückten mit ihnen zusammen andere Länder - die Türkei, Persien, Mesopotamien und Galizien.

Kann man sagen, dass die Kuomintang eine imperialistische Partei ist? Es ist klar, dass man das nicht sagen kann. Die Kuomintang ist eine antiimperialistische Partei, ebenso wie auch die Revolution in China eine antiimperialistische Revolution ist. Hier gibt es einen grundlegenden Unterschied. Diesen Unterschied nicht sehen und die antiimperialistische Kuomintang mit den Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki, die imperialistische Parteien waren verwechseln - bedeutet von der national-revolutionären Bewegung Chinas nichts verstehen.

Wenn die Kuomintang eine imperialistische kleinbürgerliche Partei wäre, so würden die chinesischen Kommunisten natürlich keinen Block mit ihr bilden, sondern sie zum Teufel jagen. Aber das ist es ja gerade, dass die Kuomintang eine antiimperialistische Partei ist, die einen revolutionären Kampf gegen die Imperialisten und ihre Agenten in China führt. In diesem Sinne überragt die Kuomintang turmhoch alle und jegliche imperialistischen „Sozialisten“ vom Schlage eines Kerenski und Zereteli.

Sogar Tschiang Kai-schek, der rechte Vertreter der Kuomintang, der Tschiang Kai-schek aus der Zeit vor seinem Umsturz, der gegen die linken Kuomintangleute und die Kommunisten alle nur erdenklichen Ränke schmiedete - sogar Tschiang Kai-schek stand damals höher als die Kerenski und Zereteli, denn die Kerenski und Zereteli führten Krieg für die Unterjochung der Türkei, Persiens, Mesopotamiens und Galiziens und stärkten damit den Imperialismus, während Tschiang Kai-schek - ob schlecht oder recht, das sei dahingestellt - gegen die Unterjochung Chinas Krieg führte und damit den Imperialismus schwächte.

Radeks Fehler - und der Fehler der Opposition überhaupt - besteht darin, dass er die halbkoloniale Stellung Chinas ignoriert, den antiimperialistischen Charakter der chinesischen Revolution nicht sieht und nicht bemerkt, dass die Kuomintang in Wuhan, die Kuomintang ohne rechte Kuomintangleute, das Zentrum des Kampfes der chinesischen werktätigen Massen gegen den Imperialismus ist.

 

 

DRITTE FRAGE

„Besteht nicht ein „Widerspruch zwischen der von Ihnen gegebenen Einschätzung der Kuomintang (Rede in der Versammlung der Studenten der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens vom 18. Mai 1925), als eines Blocks von zwei Kräften - der Kommunistischen Partei und der Kleinbourgeoisie - und der in der Resolution der Komintern gegebenen Einschätzung der Kuomintang als eines Blocks von vier Klassen, darunter auch der Großbourgeoisie?

Ist es möglich, dass die chinesische Kommunistische Partei bei Bestehen der Diktatur des Proletariats in China der Kuomintang angehört?“

Erstens ist zu bemerken, dass die von der Komintern im Dezember 1926 (VII. erweitertes Plenum) gegebene Einschätzung der tatsächlichen Lage in der Kuomintang in Ihrer „Frage“ nicht richtig, nicht ganz genau wiedergegeben worden ist. In der „Frage“ heißt es: „darunter auch der Großbourgeoisie“. Aber die Kompradoren gehören ebenfalls zur Großbourgeoisie. Bedeutet das, dass die Komintern im Dezember 1926 die Kompradorenbourgeoisie als Mitglied des Blocks in der Kuomintang betrachtete? Es ist klar, dass es das nicht bedeutet, denn die Kompradorenbourgeoisie war und bleibt ein erbitterter Feind der Kuomintang. In der Resolution der Komintern wird nicht von der Großbourgeoisie überhaupt, sondern von einem „Teil der kapitalistischen Bourgeoisie“ gesprochen. Also handelt es sich hier nicht um jede beliebige Großbourgeoisie, sondern um die nationale Bourgeoisie, die nicht zum Typus der Kompradorenbourgeoisie gehört.

Zweitens muss ich sagen, dass ich zwischen diesen beiden Einschätzungen der Kuomintang keinen Widerspruch erblicke. Ich erblicke keinen Widerspruch, da wir es hier mit der Einschätzung der Kuomintang von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus zu tun haben, von denen keiner als falsch bezeichnet werden kann, denn sie sind beide richtig.

Als ich im Jahre 1925 von der Kuomintang als einer Partei des Blocks der Arbeiter und der Bauern sprach, lag es keineswegs in meiner Absicht, den faktischen Stand der Dinge in der Kuomintang zu charakterisieren, zu charakterisieren, welche Klassen im Jahre 1925 der Kuomintang tatsächlich angehörten. Als ich von der Kuomintang sprach, meinte ich damals die Kuomintang lediglich als Typus für den Aufbau einer eigenartigen revolutionären Volkspartei in den unterdrückten Ländern des Ostens, besonders in Ländern wie China und Indien, als Typus für den Aufbau einer revolutionären Volkspartei, die sich auf den revolutionären Block der Arbeiter und der Kleinbourgeoisie in Stadt und Land stützen muss. Ich sagte damals direkt: „Von der Politik der nationalen Einheitsfront müssen die Kommunisten solcher Länder zur Politik eines revolutionären Blocks der Arbeiter und der Kleinbourgeoisie übergehen.“ (Siehe Stalin, „Über die politischen Aufgaben der Universität der Völker des Ostens“ - „Fragen des Leninismus“, S. 264, russ.)

 

Siehe J. W. Stalin, „Werke“, Bd. 7, S. 147 [deutsche Ausgabe S. 127].

 

Ich meinte also nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft der revolutionären Volksparteien im Allgemeinen, der Kuomintang im Besonderen. Und hierbei hatte ich völlig Recht. Denn Organisationen wie die Kuomintang können nur dann eine Zukunft haben, wenn sie bestrebt sind, sich auf einen Block der Arbeiter und der Kleinbourgeoisie zu stützen, wobei man, wenn man von der Kleinbourgeoisie spricht, hauptsächlich die Bauernschaft im Auge haben muss, die die Hauptkraft der Kleinbourgeoisie in den kapitalistisch zurückgebliebenen Ländern darstellt.

Die Komintern hingegen interessierte eine andere Seite der Frage. Auf der VII. erweiterten Plenartagung behandelte sie die Kuomintang nicht vom Gesichtspunkt ihrer Zukunft, nicht von dem Gesichtspunkt, was sie werden soll, sondern vom Gesichtspunkt der Gegenwart, von dem Gesichtspunkt, wie die faktische Lage innerhalb der Kuomintang ist und welche Klassen es sind, die im Jahre 1926 in der Kuomintang tatsächlich vertreten waren. Und die Komintern hatte völlig recht, als sie sagte, dass die Kuomintang zu jenem Zeitpunkt, einem Zeitpunkt, als es in der Kuomintang noch keine Spaltung gab, tatsächlich einen Block der Arbeiter, der Kleinbourgeoisie (in Stadt und Land) und der nationalen Bourgeoisie bildete. Hier könnte man hinzufügen, dass sich die Kuomintang nicht nur im Jahre 1926, sondern auch 1925 auf den Block gerade dieser Klassen stützte. In der Resolution der Komintern, an deren Ausarbeitung ich aktiv teilgenommen habe, wird direkt gesagt, dass das „Proletariat einen Block mit der Bauernschaft, die aktiv den Kampf für ihre Interessen aufnimmt, mit der städtischen Kleinbourgeoisie und einem Teil der kapitalistischen Bourgeoisie bildet“, dass „diese Kombination der Kräfte in einer entsprechenden Gruppierung innerhalb der Partei der Kuomintang und der Kantoner Regierung ihren politischen Ausdruck gefunden hat“. (Siehe Resolution.)

 

Gemeint ist die Resolution des VII. erweiterten Plenums des Exekutivkomitees der Komintern über die Lage in China, die am 16. Dezember 1926 angenommen wurde. Die Resolution des Plenums siehe in dem Buch „Thesen und Resolutionen des siebenten erweiterten Plenums des Exekutivkomitees der Komintern“, Moskau/Leningrad 1927.

 

 

Da sich aber die Komintern nicht auf den faktischen Stand der Dinge vom Jahre 1926 beschränkte, sondern auch auf die Zukunft der Kuomintang einging, konnte sie nicht umhin festzustellen, dass dieser Block nur ein zeitweiliger Block ist, dass dieser Block in der nächsten Zeit durch einen Block des Proletariats und der Kleinbourgeoisie ersetzt werden muss. Gerade darum wird in der Resolution der Komintern auch weiter gesagt, dass „sich die Bewegung gegenwärtig an der Schwelle zu einem dritten Stadium befindet und vor einer neuen Umgruppierung der Klassen steht“, dass „in diesem Entwicklungsstadium die Hauptkraft der Bewegung ein Block von noch revolutionärerem Charakter sein wird - der Block des Proletariats, der Bauernschaft und der städtischen Kleinbourgeoisie bei Ausschaltung1 des größten Teils der kapitalistischen Großbourgeoisie“. (Ebenda.)

Das eben ist derselbe Block der Arbeiter und der Kleinbourgeoisie (der Bauernschaft), auf den sich die Kuomintang stützen musste, der sich nach der Spaltung der Kuomintang und dem Ausscheiden der nationalen Bourgeoisie in Wuhan bereits herausbildet und von dem ich in meinem Referat in der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens im Jahre 1925 (siehe oben) gesprochen habe.

Somit haben wir folglich eine Einschätzung der Kuomintang unter zwei verschiedenen Gesichtswinkeln:

a) unter dem Gesichtswinkel ihrer Gegenwart, unter dem Gesichtswinkel des faktischen Standes der Dinge in der Kuomintang im Jahre 1926, und

b) unter dem Gesichtswinkel ihrer Zukunft, unter dem Gesichtswinkel, was die Kuomintang als Typus für den Aufbau einer revolutionären Volkspartei in den Ländern des Ostens darstellen soll.

Beide Einschätzungen sind berechtigt und richtig, denn sie betrachten die Kuomintang unter zwei verschiedenen Gesichtswinkeln und vermitteln im Endergebnis ein erschöpfendes Bild.

Es fragt sich: Wo ist denn hier ein Widerspruch?

Nehmen wir, um es noch klarer zu machen, die „Arbeiterpartei“ in England (die „Labour Party“). Bekanntlich besteht in England eine besondere Partei der Arbeiter, die sich auf die Gewerkschaftsorganisationen der Arbeiter und Angestellten stützt. Niemand wird Zweifel hegen, diese Partei als Arbeiterpartei zu bezeichnen. So wird sie nicht nur in der englischen, sondern in jeder anderen marxistischen Literatur bezeichnet.

Kann man aber sagen, dass diese Partei wirklich eine Arbeiterpartei, eine Klassenpartei der Arbeiter ist, die sich der Bourgeoisie entgegenstellt? Kann man sagen, dass sie tatsächlich die Partei einer Klasse, der Klasse der Arbeiter, ist und nicht eine Partei, sagen wir, von zwei Klassen? Nein, das kann man nicht sagen. In Wirklichkeit ist die Arbeiterpartei in England eine Partei des Blocks der Arbeiter und der städtischen Kleinbourgeoisie. In Wirklichkeit ist diese Partei eine Partei des Blocks von zwei Klassen, und wenn man davon spricht, wessen Einfluss in dieser Partei stärker ist, der Einfluss der Arbeiter, die sich der Bourgeoisie entgegenstellen, oder der Einfluss der Kleinbourgeoisie, so muss man sagen, dass der Einfluss der Kleinbourgeoisie in dieser Partei vorherrschend ist.

Daraus erklärt sich denn auch, dass die Arbeiterpartei in England in Wirklichkeit ein Anhängsel der liberal-bürgerlichen Partei ist. Indes wird sie in der marxistischen Literatur als Arbeiterpartei bezeichnet. Wie erklärt sich dieser „Widerspruch“? Er erklärt sich daraus, dass man bei der Qualifizierung dieser Partei, als Partei der Arbeiter, gewöhnlich nicht den faktischen gegenwärtigen Stand der Dinge in dieser Partei im Auge hat, sondern den Typus für den Aufbau einer Arbeiterpartei, kraft dessen sie sich unter bestimmten Bedingungen in der Zukunft in eine wirkliche Klassenpartei der Arbeiter verwandeln soll, die sich der bürgerlichen Welt entgegenstellt. Das schließt nicht aus, sondern setzt im Gegenteil voraus, dass diese Partei in Wirklichkeit vorläufig eine Partei des Blocks der Arbeiter und der städtischen Kleinbourgeoisie ist.

Hier gibt es ebensowenig einen Widerspruch, wie es in all dem einen Widerspruch gibt, was ich soeben in Bezug auf die Kuomintang gesagt habe.

Ist es möglich, dass die chinesische Kommunistische Partei bei Bestehen der Diktatur des Proletariats in China der Kuomintang angehört?

Ich glaube, dass das unzweckmäßig und deshalb unmöglich ist. Nicht nur bei Bestehen der Diktatur des Proletariats ist es für sie unzweckmäßig, der Kuomintang anzugehören, sondern auch bei Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten. Denn was bedeutet die Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China? Das bedeutet die Schaffung einer Doppelherrschaft. Das bedeutet den Kampf zwischen der Kuomintang und den Sowjets um die Macht. Die Bildung von Arbeiter- und Bauernsowjets bedeutet die Vorbereitung zum Übergang von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution, zur sozialistischen Revolution. Kann man diese Vorbereitung unter der Führung von zwei Parteien durchführen, die einer gemeinsamen revolutionär-demokratischen Partei angehören? Nein, das kann man nicht. Die Geschichte der Revolution lehrt, dass die Vorbereitung der Diktatur des Proletariats und der Übergang zur sozialistischen Revolution nur unter der Führung einer Partei, der Partei der Kommunisten, vollbracht werden können, vorausgesetzt natürlich, dass es sich um eine wirkliche proletarische Revolution handelt. Die Geschichte der Revolution lehrt, dass die Diktatur des Proletariats nur unter der Führung einer Partei, der Partei der Kommunisten, errungen und entfaltet werden kann. Ohne das gibt es unter den Bedingungen des Imperialismus keine wirkliche und vollständige Diktatur des Proletariats und kann es sie nicht geben.

Daher wird die Kommunistische Partei nicht nur bei Bestehen der Diktatur des Proletariats, sondern sogar vor dem Bestehen dieser Diktatur, bei Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten, aus der Kuomintang ausscheiden müssen, um den chinesischen Oktober unter ihrer ausschließlichen Führung vorzubereiten.

Ich glaube, dass die Kommunistische Partei Chinas in der Periode der Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China und der Vorbereitung des chinesischen Oktober den gegenwärtigen Block innerhalb der Kuomintang durch einen Block außerhalb der Kuomintang ersetzen muss, nach der Art des Blocks, den wir, sagen wir, in der Periode des Übergangs zum Oktober mit den linken Sozialrevolutionären hatten.

 

 

VIERTE FRAGE

„Ist die Wuhaner Regierung eine demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft, und wenn nicht, welches sind dann die weiteren Wege des Kampfes um die Erringung der demokratischen Diktatur?

Ist Martynows Behauptung richtig, dass der Übergang zur Diktatur des Proletariats ohne eine ‚zweite’ Revolution möglich sei, und wenn ja, wo liegt dann die Grenze zwischen der demokratischen Diktatur und der Diktatur des Proletariats in China?“

Die Wuhaner Regierung ist noch keine demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. Sie kann es werden. Sie wird ganz bestimmt eine demokratische Diktatur werden, wenn die Agrarrevolution mit aller Kraft zur Entfaltung kommt, aber sie ist noch nicht das Organ einer solchen Diktatur.

Was ist notwendig, damit die Wuhaner Regierung zum Organ der demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft wird? Dazu sind mindestens zwei Dinge notwendig:

Erstens ist notwendig, dass die Wuhaner Regierung eine Regierung der Agrarrevolution der Bauern in China wird, eine Regierung, die diese Revolution mit allen Mitteln unterstützt.

Zweitens ist notwendig, dass die Kuomintang ihre führende Spitzengruppe durch neue Führer der Agrarbewegung aus den Reihen der Bauern und Arbeiter ergänzt und ihre unteren Organisationen erweitert, indem sie die Bauernbünde, die Räte der Arbeitergewerkschaften und die übrigen revolutionären Organisationen in Stadt und Land in sie aufnimmt.

Jetzt vereinigt die Kuomintang an die 500000 Mitglieder. Das ist wenig, für China furchtbar wenig. Es ist notwendig, dass die Kuomintang die Millionen revolutionärer Bauern und Arbeiter in ihre Reihen aufnimmt und somit zu einer revolutionär-demokratischen Millionenorganisation wird.

Nur unter diesen Bedingungen wird es der Kuomintang möglich sein, eine revolutionäre Regierung zu bilden, die zum Organ der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft wird.

Ob Genosse Martynow wirklich von einem friedlichen Übergang zur Diktatur des Proletariats gesprochen hat, weiß ich nicht. Ich habe den Artikel des Genossen Martynow nicht gelesen, habe ihn nicht gelesen, weil ich unmöglich unsere gesamte Tagesliteratur verfolgen kann. Aber wenn er wirklich von der Möglichkeit eines friedlichen Übergangs von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution in China gesprochen hat, so ist das ein Fehler.

Mich hat Tschugunow einmal gefragt: „Wie ist das eigentlich, Genosse Stalin, lässt es sich nicht so einrichten, dass man mittels der Kuomintang sogleich, ohne irgendwelche Umschweife, auf friedlichem Wege zur Diktatur des Proletariats übergeht?“ Ich habe ihn meinerseits gefragt: „Wie liegen denn die Dinge bei Ihnen in China, Genosse Tschugunow? Gibt es bei Ihnen rechte Kuomintangleute, eine kapitalistische Bourgeoisie, Imperialisten?“ Er antwortete bejahend. „Nun, dann wird es ohne Kampf nicht abgehen“, sagte ich ihm.

Das war noch vor dem Umsturz Tschiang Kai-scheks. Grundsätzlich kann man natürlich die Frage nach der Möglichkeit einer friedlichen Entwicklung der Revolution in China stellen. Lenin hielt zum Beispiel eine Zeitlang eine friedliche Entwicklung der Revolution in Rußland mittels der Sowjets für möglich. Das war in der Periode von April bis Juli 1917. Aber nach der Juliniederlage war Lenin der Meinung, dass ein friedlicher Übergang zur proletarischen Revolution als ausgeschlossen anzusehen ist. Ich glaube, dass man in China den friedlichen Übergang zur proletarischen Revolution umso mehr für ausgeschlossen halten müsste.

Warum?

Erstens, weil die Feinde der chinesischen Revolution, sowohl die inneren (Tschang Tso-lin, Tschiang Kai-schek, die Großbourgeoisie, die Gentry, die Gutsbesitzer usw.) als auch die äußeren (die Imperialisten), zu zahlreich und zu stark sind, als dass man annehmen könnte, die Sache könne bei der weiteren Entwicklung der Revolution ohne ernstliche Klassenschlachten und ohne ernstliche Abspaltungen und Fälle des Überlaufens abgehen.

Zweitens, weil kein Grund vorliegt, die Kuomintangform der staatlichen Organisation als zweckmäßige Form für den Übergang von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution anzusehen.

Und schließlich: Wenn zum Beispiel in Rußland der friedliche Übergang zur proletarischen Revolution mittels der Sowjets, die die klassische Form der proletarischen Revolution darstellen, nicht gelungen ist, welcher Grund liegt dann zu der Annahme vor, dass ein solcher Übergang mittels der Kuomintang gelingen könnte?

Daher bin ich der Meinung, dass ein friedlicher Übergang zur proletarischen Revolution in China als ausgeschlossen anzusehen ist.

 

 

FÜNFTE FRAGE

„Warum unternimmt die Wuhaner Regierung keine Offensive gegen Tschiang Kai-schek, sondern rückt gegen Tschiang Tso-lin vor?

Wird nicht durch die gleichzeitige Offensive der Wuhaner Regierung und Tschiang Kai-scheks gegen den Norden die Kampffront gegen die chinesische Bourgeoisie vertuscht?“

Nun, Genossen, Sie verlangen von der Wuhaner Regierung zuviel. Natürlich wäre es sehr schön, gleichzeitig Tschiang Tso-lin und Tschiang Kai-schek und Li Ti-sin und Yan Sen zu schlagen. Aber die Wuhaner Regierung befindet sich gegenwärtig in einer Lage, die ihr nicht gestattet, gleich an allen vier Fronten zur Offensive überzugehen. Die Wuhaner Regierung hat die Aktion gegen die Mukdener aus mindestens zwei Gründen unternommen.

Erstens, weil die Mukdener gegen Wuhan vorrücken und es liquidieren wollen; in Anbetracht dessen ist die Aktion gegen die Mukdener eine absolut unaufschiebbare Verteidigungsmaßnahme.

Zweitens, weil sich die Wuhaner mit den Truppen Feng Ju-hsiangs vereinigen und weiter vorrücken wollen, um die Basis der Revolution zu erweitern, was wiederum eine für Wuhan gegenwärtig äußerst wichtige militärisch-politische Angelegenheit ist.

Eine gleichzeitige Offensive an zwei so wichtigen Fronten wie der Front gegen Tschiang Kai-schek und der Front gegen Tschiang Tso-lin ist eine Sache, die gegenwärtig über die Kräfte der Wuhaner Regierung geht. Ich spreche schon gar nicht von einer Offensive im Westen gegen Yan Sen und im Süden gegen Li Ti-sin.

Während des Bürgerkriegs waren wir Bolschewiki stärker, und dennoch gelang es uns nicht, erfolgreiche Angriffsoperationen an allen Fronten zu entfalten. Mit welcher Berechtigung könnte man von der Regierung in Wuhan im gegebenen Augenblick mehr verlangen?

Und weiter: Was bedeutet es, jetzt gegen Schanghai eine Offensive zu unternehmen, da von Norden her die Mukdener und die Anhänger Wu Pei-fus gegen Wuhan vorrücken? Das bedeutet, den Mukdenern die Sache zu erleichtern und die Vereinigung mit den Truppen Fengs auf unbestimmte Zeit hinauszuschieben, ohne im Osten etwas zu gewinnen. Soll sich schon lieber Tschiang Kai-schek vorläufig im Gebiet Schanghai abzappeln und sich dort mit den Imperialisten einlassen.

Um Schanghai wird es noch Kämpfe geben und nicht solche, wie sie jetzt um Tschangtschou usw. geführt werden. Nein, dort wird es ernstere Kämpfe geben. Der Imperialismus wird Schanghai als Knotenpunkt von Weltbedeutung, wo sich die wichtigsten Interessen der imperialistischen Gruppen kreuzen, nicht so leicht hergeben.

Wäre es nicht zweckmäßiger, sich zunächst mit Feng zu vereinigen, in militärischer Hinsicht genügend Stärke zu erlangen, die Agrarrevolution mit aller Kraft zur Entfaltung zu bringen, eine verstärkte Arbeit zur Zersetzung des Hinterlands und der Front Tschiang Kai-scheks zu leisten und dann anschließend die Frage Schanghai in ihrem ganzen Umfang aufzuwerfen? Ich glaube, das wäre zweckmäßiger.

Daher handelt es sich hier keineswegs um eine „Vertuschung“ der Kampffront gegen die chinesische Bourgeoisie, denn man kann sie sowieso nicht vertuschen, wenn sich die Agrarrevolution entfaltet, und dass sie sich entfaltet und noch weiter entfalten wird - daran kann es jetzt wohl kaum einen Zweifel geben. Es handelt sich, wie gesagt, nicht um eine „Vertuschung“, sondern darum, eine zweckmäßige Kampftaktik auszuarbeiten.

Manche Genossen glauben, eine Offensive an allen Fronten sei jetzt das Hauptkennzeichen revolutionärer Gesinnung. Nein, Genossen, das stimmt nicht. Eine Offensive an allen Fronten wäre im gegebenen Augenblick eine Dummheit und hätte nichts mit revolutionärer Gesinnung zu tun. Man darf eine Dummheit nicht mit revolutionärer Gesinnung verwechseln.

 

 

SECHSTE FRAGE

„Ist eine kemalistische Revolution in China möglich“

Ich halte sie in China für unwahrscheinlich und daher für unmöglich.

Eine kemalistische Revolution ist nur in Ländern wie in der Türkei, in Persien und Afghanistan möglich, wo es kein oder fast kein Industrieproletariat gibt und wo keine machtvolle Agrarrevolution der Bauern im Gange ist. Die kemalistische Revolution ist die Revolution einer Oberschicht, die Revolution der nationalen Handelsbourgeoisie, zu der es im Verlauf des Kampfes gegen die fremdländischen Imperialisten kam und die sich in ihrer weiteren Entwicklung im Grunde genommen gegen die Bauern und Arbeiter, ja gegen die Möglichkeiten einer Agrarrevolution richtet.

Eine kemalistische Revolution ist in China unmöglich:

a) weil dort, in China, ein bestimmtes Minimum an kämpferischem und aktivem Industrieproletariat vorhanden ist, das unter den Bauern gewaltige Autorität besitzt;

b) weil dort eine entfaltete Agrarrevolution im Gange ist, die auf ihrem Wege die Überreste des Feudalismus hinwegfegt.

Die viele Millionen zählende Bauernschaft, die in einer ganzen Reihe von Provinzen bereits von Grund und Boden Besitz ergreift und die in ihrem Kampf vom revolutionären Proletariat Chinas geführt wird - das ist das Gegengift gegen die Möglichkeit einer so genannten kemalistischen Revolution.

Man darf die Partei der Kemalisten und die Partei der linken Kuomintang in Wuhan nicht auf eine Stufe stellen, ebensowenig wie man die Türkei und China auf eine Stufe stellen darf. In der Türkei gibt es keine Zentren wie Schanghai, Wuhan, Nanking, Tientsin usw. Angora kann sich keinesfalls mit Wuhan messen, ebenso wie sich die Partei der Kemalisten nicht mit der linken Kuomintang messen kann.

Man darf auch den Unterschied nicht außer acht lassen, der zwischen China und der Türkei vom Standpunkt der internationalen Lage aus besteht. Was die Türkei betrifft, so hat der Imperialismus bereits eine ganze Reihe seiner Hauptforderungen durchgesetzt, indem er der Türkei Syrien, Palästina, Mesopotamien und andere für die Imperialisten wichtige Gebiete weggenommen hat. Die Türkei ist jetzt auf die Ausmaße eines kleinen Staates mit 10-12 Millionen Einwohnern reduziert. Sie stellt für den Imperialismus weder einen ernsthaften Markt noch ein entscheidendes Anlagegebiet dar. Das konnte unter anderem deshalb geschehen, weil die alte Türkei ein Konglomerat von Nationalitäten darstellte und eine kompakte türkische Bevölkerung nur in Anatolien vorhanden war.

Anders verhält es sich mit China. China stellt ein in nationaler Hinsicht kompaktes Land mit einigen hundert Millionen Einwohnern dar, das den wichtigsten Absatzmarkt und wichtigsten Markt für Kapitalausfuhr in der ganzen Welt bildet. Während sich der Imperialismus dort, in der Türkei, mit der Losreißung einer Reihe überaus wichtiger Gebiete im Osten begnügen konnte, wobei er sich die nationalen Antagonismen zwischen Türken und Arabern innerhalb der alten Türkei zunutze machte, muss der Imperialismus hier, in China, das Messer in den lebendigen Leib des nationalen Chinas stoßen, es in Stücke zerschneiden und ihm ganze Provinzen wegnehmen, wenn er seine alten Positionen wahren oder wenigstens einen Teil dieser Positionen halten will.

Während dort, in der Türkei, der Kampf gegen den Imperialismus mit einer kümmerlichen antiimperialistischen Revolution der Kemalisten enden konnte, muss daher hier, in China, der Kampf gegen den Imperialismus einen wahren Volkscharakter, einen ausgesprochen nationalen Charakter annehmen, sich Schritt für Schritt vertiefen, zu erbitterten Schlachten gegen den Imperialismus führen und die Grundfesten des Imperialismus selbst in der ganzen Welt erschüttern.

Der größte Fehler der Opposition (Sinowjew, Radek, Trotzki) besteht darin, dass sie diesen ganzen Unterschied zwischen der Türkei und China nicht sieht, die kemalistische Revolution mit der Agrarrevolution vermengt und alles wahllos in einen Topf wirft.

Ich weiß, dass es unter den chinesischen Nationalisten Leute gibt, die der Idee des Kemalismus huldigen. Prätendenten auf die Rolle Kemals gibt es dort jetzt nicht wenig. Der erste unter ihnen ist Tschiang Kai-schek. Ich weiß, dass manche japanische Journalisten geneigt sind, Tschiang Kai-schek als chinesischen Kemal anzusehen. Aber all das sind Träume, Illusionen erschreckter Bourgeois. In China müssen entweder die chinesischen Mussolini wie Tschang Tso-lin und Tschang Tsun-tschan siegen, um dann durch den Schwung der Agrarrevolution gestürzt zu werden, oder Wuhan.

Tschiang Kai-schek und seine Parteigänger, die bemüht sind, die Mitte zwischen diesen beiden Lagern zu halten, müssen unweigerlich stürzen und werden das Schicksal Tschang Tso-lins und Tschang Tsun-tschans teilen.

 

 

SIEBENTE FRAGE

„Muss man jetzt die Losung der unverzüglichen Besitzergreifung des Bodens durch die Bauernschaft in China aufstellen, und wie sind die Tatsachen der Besitzergreifung des Bodens in Hunan einzuschätzen?“

Ich glaube, man muss sie aufstellen. Faktisch wird die Losung der Konfiskation des Bodens in einigen Gebieten bereits verwirklicht. In einer ganzen Reihe von Gebieten wie Hunan, Hupe usw. ergreifen die Bauern bereits von sich aus vom Boden Besitz, organisieren eigene Gerichte, rechnen selbst mit ihren Feinden ab und bauen einen eigenen Selbstschutz auf. Ich glaube, dass in der nächsten Zeit die gesamte Bauernschaft Chinas zur Verwirklichung der Losung der Konfiskation des Bodens übergehen wird. Darin liegt die Stärke der chinesischen Revolution.

Wenn Wuhan siegen will, wenn es sowohl gegen Tschang Tso-lin als auch gegen Tschiang Kai-schek, als auch gegen die Imperialisten eine wirkliche Macht schaffen will, so muss es die Agrarrevolution der Bauern für die Besitzergreifung der Ländereien der Gutsbesitzer mit allen Mitteln unterstützen.

Es wäre töricht, wollte man glauben, man könne den Feudalismus und den Imperialismus in China allein mit militärischen Kräften zu Boden werfen. Ohne Agrarrevolution und ohne aktive Unterstützung der Wuhaner Truppen durch die Millionenmassen der Bauern und Arbeiter ist es unmöglich, solche Kräfte zu Boden zu werfen.

Der Umsturz Tschiang Kai-scheks wird von der Opposition vielfach als Niedergang der chinesischen Revolution eingeschätzt. Das ist ein Fehler. Wer den Umsturz Tschiang Kai-scheks als Niedergang der chinesischen Revolution einschätzt, der setzt sich in Wirklichkeit für Tschiang Kai-schek ein, der setzt sich in Wirklichkeit dafür ein, dass man Tschiang Kai-schek in die Wuhaner Kuomintang zurückholt. Diese Leute glauben offenbar, die Revolution ginge besser voran, wenn Tschiang Kai-schek nicht abtrünnig geworden wäre. Das ist dumm und unrevolutionär. Der Umsturz Tschiang Kai-scheks hat in Wirklichkeit dazu geführt, dass sich die Kuomintang von Unrat gesäubert und der Kern der Kuomintang sich nach links verlagert hat. Natürlich konnte der Umsturz Tschiang Kai-scheks nicht vor sich gehen, ohne dass die Arbeiter in einer Reihe von Gebieten eine Teilniederlage erlitten. Aber das ist nur eine Teilniederlage, nur eine zeitweilige Niederlage. In Wirklichkeit ist die Revolution im Ganzen mit dem Umsturz Tschiang Kai-scheks in eine höhere Phase ihrer Entwicklung eingetreten, in die Phase der Agrarbewegung.

Darin liegen die Stärke und die Macht der chinesischen Revolution.

Die Bewegung der Revolution darf man nicht als eine Bewegung in ununterbrochen aufsteigender Linie betrachten. Das ist eine lebensfremde, nicht reale Vorstellung von der Revolution. Die Revolution verläuft stets im Zickzack; in einigen Gebieten ist sie in der Offensive und zerschlägt die alte Ordnung, in anderen Gebieten erleidet sie Teilniederlagen und zieht sich zurück. Der Umsturz Tschiang Kai-scheks ist ein solcher Zickzack im Verlauf der chinesischen Revolution, der erforderlich war, um die Revolution von Unrat zu säubern und sie auf dem Wege einer machtvollen Agrarbewegung voranzutreiben.

Damitaber diese Agrarbewegung feste Formen annehmen kann, muss sie ihre allgemeingültige Losung haben. Diese Losung ist die Konfiskation der Ländereien der Gutsbesitzer.

 

 

ACHTE FRAGE

„Warum ist die Losung der Organisierung von Sowjets gegenwärtig falsch?

Droht der chinesischen Kommunistischen Partei angesichts der Tatsache, dass in Honan Arbeitersowjets organisiert worden sind, nicht die Gefahr, hinter der Bewegung zurückzubleiben?“

Von welchen Sowjets ist die Rede, von proletarischen oder von nicht-proletarischen Sowjets, von „Bauern“sowjets, Sowjets der „Werktätigen“, „Volks“sowjets? Lenin sprach in seinen Thesen auf dem II. Kongress der Komintern von der Bildung von „Bauernsowjets“, „Sowjets der Werk-tätigen“ in den rückständigen Ländern des Ostens. Er meinte damit Länder wie Mittelasien, wo es „kein oder fast kein Industrieproletariat gibt“. Er meinte Länder wie Persien, Afghanistan usw. Daraus erklärt sich denn auch, dass in Lenins Thesen kein einziges Wort über die Organisierung von Arbeitersowjets in diesen Ländern gesagt wird.

Daraus ist aber ersichtlich, dass sich Lenins Thesen nicht auf China bezogen, von dem man nicht sagen kann, dass es dort „kein oder fast kein Industrieproletariat gibt“, sondern auf andere, rückständigere Länder des Ostens.

Folglich ist von der sofortigen Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China die Rede. Folglich sind bei der Lösung dieser Frage nicht Lenins Thesen, sondern die ebenfalls vom II. Kongress der Komintern angenommenen Thesen Roys zu berücksichtigen, in denen von der Bildung von Arbeiter- und Bauernsowjets in Ländern wie China und Indien die Rede ist. Dort heißt es aber, dass Arbeiter- und Bauernsowjets. in diesen Ländern beim Übergang von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution zu bilden sind.

Was sind die Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten? Die Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten sind hauptsächlich Organe des Aufstands gegen die bestehende Macht, Organe des Kampfes für die neue revolutionäre Macht, Organe der neuen revolutionären Macht. Die Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten sind zugleich Zentren der Organisierung der Revolution.

Aber die Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten können nur dann Zentren der Organisierung der Revolution sein, wenn sie Organe zum Sturz der bestehenden Macht, wenn sie Organe der neuen revolutionären Macht sind. Wenn sie nicht Organe der neuen revolutionären Macht sind, können sie auch nicht Zentren der Organisierung der revolutionären Bewegung sein. Das will die Opposition nicht begreifen, die gegen die Leninsche Auffassung von den Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten zu Felde zieht.

Was bedeutet es, jetzt im Aktionsbereich, sagen wir, der Wuhaner Regierung Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten zu bilden? Das bedeutet, eine Doppelherrschaft ins Leben zu rufen, Organe des Aufstands gegen die Wuhaner Regierung zu bilden. Sollen die chinesischen Kommunisten die Wuhaner Regierung jetzt stürzen? Es ist klar, dass sie das nicht sollen. Im Gegenteil, sie müssen sie unterstützen und in ein Organ des Kampfes gegen Tschang Tso-lin, gegen Tschiang Kai-schek, gegen die Gutsherren und die Gentry, gegen den Imperialismus verwandeln.

Wenn aber die Kommunistische Partei die Wuhaner Regierung jetzt nicht stürzen darf, wozu sollten dann jetzt Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten gebildet werden?

Eins von beiden:

Entweder werden jetzt gleich Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten gebildet, um die Wuhaner Regierung zu stürzen, was in der gegenwärtigen Situation falsch und unzulässig wäre,

oder die Kommunisten nehmen jetzt, wenn sie Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten bilden, nicht Kurs auf den Sturz der Wuhaner Regierung, die Sowjets verwandeln sich nicht in Organe der neuen revolutionären Macht - und dann sterben sie ab und werden zu einer Parodie auf die Sowjets.

Davor hat Lenin stets gewarnt, wenn er von der Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten sprach.

In Ihrer „Frage“ heißt es, dass in Honan Arbeitersowjets entstanden seien und dass die Kommunistische Partei Gefahr laufe, hinter der Bewegung zurückzubleiben, wenn sie sich nicht mit der Losung der Bildung von Sowjets an die Massen wendet. Das ist Unsinn, Genossen. Es gibt jetzt in Honan keinerlei Sowjets der Arbeiterdeputierten. Das ist eine Ente, die von der englischen Presse losgelassen wurde. Es gibt dort „rote Lanzen“,

 

„Rote Lanzen“ - bewaffnete Selbstschutzabteilungen im chinesischen Dorf, die gegen das Joch der Gutsbesitzer und Militaristen kämpften. In der Periode der chinesischen Revolution 1925-1927 leisteten die „Roten Lanzen“ und ähnliche Bauernorganisationen („Gelbe Lanzen“, „Schwarze Lanzen“, „Große Messer“, „Leere Bäuche“ u. a.) der national-revolutionären Armee im Kampf um die Unabhängigkeit Chinas bedeutende Hilfe.

 

es gibt dort Bauernbünde, aber von Sowjets der Arbeiterdeputierten ist vorläufig keine Spur da.

Natürlich kann man Arbeitersowjets bilden. Das ist nicht sehr schwer. Es geht aber nicht um die Bildung von Arbeitersowjets, sondern darum, sie in Organe der neuen revolutionären Macht zu verwandeln. Ohne das sind die Sowjets leerer Schall, eine Parodie auf die Sowjets. Vorzeitig Arbeitersowjets bilden, die dann Fiasko erleiden und zu leerem Schall werden - das eben bedeutet dazu beitragen, dass die Kommunistische Partei Chinas aus dem Führer der bürgerlich-demokratischen Revolution zu einem Anhängsel wird, zu einem Mittel für alle möglichen „ultralinken“ Experimente mit Sowjets.

Chrustalew, der erste Vorsitzende des Sowjets der Arbeiterdeputierten in Petersburg im Jahre 1905, forderte im Sommer 1906 ebenfalls die Wiederherstellung und folglich die Bildung von Sowjets der Arbeiterdeputierten in der Annahme, die Sowjets seien fähig, von sich aus, unabhängig von der Situation, das Verhältnis der Klassenkräfte von Grund aus zu verändern. Lenin trat damals gegen Chrustalew auf und sagte, dass man im Sommer 1906 keine Sowjets der Arbeiterdeputierten bilden solle, da die Nachhut (Bauernschaft) der Vorhut (Proletariat) noch nicht nachgerückt war, und dass es gewagt und unzweckmäßig ist, unter solchen Bedingungen Sowjets zu bilden und damit die Losung des Aufstands aufzustellen.

Daraus aber folgt, dass man erstens die Rolle der Sowjets als solcher nicht überschätzen darf und dass man zweitens bei der Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten der jeweiligen Situation Rechnung tragen muss.

Muss man überhaupt in China Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten bilden?

Ja, man muss sie bilden. Man wird sie nach der Festigung der revolutionären Wuhaner Regierung, nach der Entfaltung der Agrarrevolution, beim Übergang von der Agrarrevolution, von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution bilden müssen.

Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten bilden bedeutet die Grundlagen der Sowjetmacht in China legen. Die Grundlagen der Sowjetmacht legen bedeutet aber die Grundlagen einer Doppelherrschaft legen und auf die Ablösung der gegenwärtigen Macht, der Macht der Wuhaner Kuomintang, durch die Sowjetmacht Kurs halten.

Ich denke, dafür ist die Zeit noch nicht gekommen.

In Ihrer „Frage“ wird von der Hegemonie des Proletariats und der Kommunistischen Partei in China gesprochen.

Was aber ist erforderlich, um dem chinesischen Proletariat die Rolle des Führers, die Rolle des Hegemons in der gegenwärtigen bürgerlich-demokratischen Revolution zu erleichtern?

Dazu ist vor allem erforderlich, dass die chinesische Kommunistische Partei eine festgefügte Organisation der Arbeiterklasse mit einem eigenen Programm, mit einer eigenen Plattform, mit ihrer eigenen Organisation, mit ihrer eigenen Linie darstellt.

Dazu ist zweitens erforderlich, dass die chinesischen Kommunisten in den ersten Reihen der Agrarbewegung der Bauern stehen, dass sie die Bauern, besonders die armen Bauern lehren, sich in revolutionären Verbänden und Komitees zu organisieren und auf die Konfiskation der Ländereien der Gutsbesitzer Kurs zu halten.

Dazu ist drittens erforderlich, dass die chinesischen Kommunisten ihre Positionen in der Armee festigen, dass sie die Armee revolutionieren, sie umgestalten und aus einem Instrument einzelner Abenteurer in ein Instrument der Revolution verwandeln.

Dazu ist schließlich erforderlich, dass die chinesischen Kommunisten in den örtlichen und zentralen Organen der Wuhaner Regierung, in den örtlichen und zentralen Organen der Wuhaner Kuomintang mitarbeiten und dort eine entschiedene Politik für die weitere Entfaltung der Revolution sowohl gegen die Gutsbesitzer als auch gegen den Imperialismus durchführen.

Die Opposition glaubt, die Selbständigkeit der chinesischen Kommunistischen Partei könne dadurch gewahrt werden, dass diese sich von den revolutionär-demokratischen Kräften loslöst und aus der Kuomintang und der Wuhaner Regierung austritt. Aber das wäre eine solche ziemlich zweifelhafte „Selbständigkeit“ wie die, von der bei uns die Menschewiki im Jahre 1905 redeten. Bekanntlich sagten die Menschewiki, als sie damals gegen Lenin auftraten: „Wir brauchen nicht Hegemonie, sondern Selbständigkeit der Arbeiterpartei.“ Lenin antwortete damals richtig, dass das eine Verneinung der Selbständigkeit ist, denn Selbständigkeit und Hegemonie einander entgegenstellen bedeutet das Proletariat in ein Anhängsel der liberalen Bourgeoisie verwandeln.

Ich denke, die Opposition, die jetzt von Selbständigkeit der chinesischen Kommunistischen Partei redet und zugleich fordert, beziehungsweise die Forderung durchblicken lässt, dass die chinesische Kommunistische Partei aus der Kuomintang und aus der Wuhaner Regierung austritt, gleitet auf den Weg der menschewistischen „Selbständigkeit“ der Periode von 1905 ab. Die tatsächliche Selbständigkeit und die tatsächliche Hegemonie kann die Kommunistische Partei nur dann wahren, wenn sie sowohl innerhalb der Kuomintang als auch außerhalb der Kuomintang, unter den breiten Massen der Werktätigen, zur führenden Kraft wird.

Nicht Austritt aus der Kuomintang, sondern Sicherung der führenden Rolle der Kommunistischen Partei sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kuomintang - das wird jetzt von der chinesischen Kommunistischen Partei verlangt, wenn sie wirklich selbständig sein will.

 

 

NEUNTE FRAGE

„Kann man gegenwärtig die Frage der Bildung einer regulären Roten Armee in China auf die Tagesordnung setzen?“

Ich glaube, dass man in der Perspektive diese Frage unbedingt in Betracht ziehen muss. Wenn man aber die Frage der praktischen Durchführung aufwirft, so erweist es sich als unmöglich, die gegenwärtige Armee jetzt, im gegebenen Augenblick, durch eine neue Armee, durch eine Rote Armee, zu ersetzen, und zwar einfach deshalb, weil vorläufig nichts da ist, was sie ersetzen könnte.

Die Hauptsache besteht jetzt darin, die bestehende Armee mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verbessern und zu revolutionieren und dadurch schon jetzt die Grundlagen für neue revolutionäre Regimenter und Divisionen revolutionärer Bauern, die die Schule der Agrarrevolution hinter sich haben, und revolutionärer Arbeiter zu legen, eine Reihe neuer, wirklich zuverlässiger Korps mit zuverlässigen Kommandeurkadern zu bilden und sie zum Bollwerk der revolutionären Regierung in Wuhan zu machen.

Diese Korps werden eben der Kern der neuen Armee sein, die sich dann zur Roten Armee entwickelt.

Das ist sowohl für den Kampf an den Fronten als auch insbesondere für den Kampf im Hinterland gegen alle möglichen konterrevolutionären Abenteurer notwendig.

Ohne das gibt es keine Garantie gegen Fehlschläge im Hinterland und an der Front, gegen Überlaufen und Verrat.

Ich denke, dass dieser Weg vorläufig der einzig mögliche und zweckmäßige Weg ist.

 

 

ZEHNTE FRAGE

„Ist es möglich, jetzt, im Augenblick des Kampfes gegen die Bourgeoisie, die Losung der Besitzergreifung der chinesischen Betriebe aufzustellen?

Unter welchen Bedingungen ist die Besitzergreifung der ausländischen Fabriken in China möglich, und wird das zur gleichzeitigen Besitzergreifung der chinesischen Betriebe führen?“

Ich denke, dass die Dinge, allgemein gesprochen, noch nicht soweit gediehen sind, um zur Besitzergreifung der chinesischen Betriebe übergehen zu können: Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass die hartnäckige Sabotage chinesischer Unternehmer, die Schließung einer ganzen Reihe dieser Betriebe und die künstliche Schaffung von Arbeitslosigkeit die Wuhaner Regierung zwingen kann, bereits jetzt damit zu beginnen, einige dieser Betriebe zu nationalisieren und sie mit Kräften der Wuhaner Regierung in Gang zu setzen.

Es ist möglich, dass die Wuhaner Regierung schon jetzt gezwungen sein wird, in einzelnen Fällen eine solche Maßnahme als Vorbeugungsmaßnahme gegen besonders böswillige und konterrevolutionäre chinesische Unternehmer zu ergreifen.

Was die ausländischen Betriebe angeht, so ist die Nationalisierung dieser Betriebe eine Frage der Zukunft. Die Nationalisierung dieser Betriebe ist eine direkte Kriegserklärung an die Imperialisten. Zu einer solchen Kriegserklärung bedarf es aber einer etwas anderen, günstigeren Situation als jetzt.

Ich denke, dass eine solche Maßnahme im gegenwärtigen Stadium der Revolution, da die Revolution noch nicht erstarkt ist, verfrüht und daher unzweckmäßig wäre.

Nicht darin besteht jetzt die Aufgabe, sondern darin, die Flamme der Agrarrevolution mit aller Kraft zu entfachen, die Hegemonie des Proletariats in dieser Revolution zu sichern, Wuhan zu stärken und es in ein Zentrum des Kampfes gegen alle und jegliche Feinde der chinesischen Revolution zu verwandeln.

Man darf sich nicht alle Aufgaben zugleich aufbürden und sich der Gefahr aussetzen, dass man sich überhebt. Zumal die Kuomintang und ihre Regierung nicht geeignet sind, solche kardinalen Aufgaben wie die Enteignung der Bourgeoisie, der chinesischen wie der ausländischen, zu lösen.

Für die Lösung solcher Aufgaben bedarf es einer anderen Situation, einer anderen Phase der Revolution, anderer Organe der revolutionären Macht.

 

J. Stalin, Die Revolution in China
und die Fehler der Opposition.
Moskau / Leningrad 1927.

 

 

 

 


 

 

 

 

 

DIE REVOLUTION IN CHINA
UND DIE AUFGABEN DER KOMINTERN

Rede in der X. Sitzung des VIII. Plenums des EKKI
24. Mai 1927

 

Das VIII. Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale tagte vom 18. bis zum 30. Mai 1927 in Moskau. Das Plenum behandelte die Aufgaben der Komintern im Kampf gegen den Krieg und die Kriegsgefahr, die Aufgaben der Kommunistischen Partei Englands, die Fragen der chinesischen Revolution u. a. J. W. Stalin hielt am 24. Mai in der zehnten Sitzung des Plenums die Rede „Die Revolution in China und die Aufgaben der Komintern“. Das Plenum gab eine Einschätzung der internationalen Lage, legte das Kampfprogramm gegen die drohende Kriegsgefahr fest und nahm im Zusammenhang mit dem Abbruch der diplomatischen und Handelsbeziehungen zur UdSSR durch England den Aufruf an: „An die Arbeiter und Bauern der ganzen Welt. An alle unterdrückten Völker. An die Soldaten und Matrosen“. Die Führer des parteifeindlichen trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks nutzten die Zuspitzung der internationalen Lage der UdSSR aus und machten auf der Plenartagung verleumderische Ausfälle gegen die Führung der Komintern und der KPdSU(B). In einem besonderen Beschluss verurteilte das Plenum scharf die Spaltertätigkeit der Oppositionsführer und warnte sie, dass sie im Falle der Fortsetzung ihres fraktionellen Kampfes aus dem Exekutivkomitee der Komintern ausgeschlossen würden.

 

 

I
EINIGE KLEINE FRAGEN

Genossen! Ich muss mich entschuldigen, dass ich mich heute zur Sitzung des Exekutivkomitees verspätet habe und die Rede, die Trotzki hier im Exekutivkomitee verlesen hat, nicht ganz anhören konnte.

Ich glaube jedoch, dass Trotzki dem Exekutivkomitee in den letzten Tagen eine solche Menge von Literatur, Thesen und Briefen über die chinesische Frage geliefert hat, dass es uns an Material für eine Kritik an der Opposition nicht mangeln kann.

Ich werde daher bei meiner Kritik an Trotzkis Fehlern von diesen Dokumenten ausgehen und zweifle nicht daran, dass diese Kritik zugleich eine Kritik an den Grundlagen der heutigen Rede Trotzkis sein wird.

Ich werde bemüht sein, in der Polemik das persönliche Element nach Möglichkeit auszuschalten. Die persönlichen Angriffe Trotzkis und Sinowjews auf einzelne Mitglieder des Politbüros des ZK der KPdSU(B) und des Präsidiums des EKKI sind es nicht wert, dass man sich bei ihnen aufhält.

Trotzki möchte offenbar in den Sitzungen des Exekutivkomitees der Komintern die Rolle eines Helden spielen, um zu erreichen, dass sich das Exekutivkomitee nicht mit den Fragen der Kriegsgefahr, der chinesischen Revolution usw. befasst, sondern einzig mit der Frage Trotzki. Ich bin der Meinung, Trotzki ist so viel Beachtung nicht wert. (Zwischenruf: „Richtig!“) Um so mehr, als er eher an einen Komödianten erinnert als an einen Helden und man einen Komödianten keinesfalls mit einem Helden verwechseln darf.

Ich spreche schon gar nicht davon, dass es für Bucharin oder Stalin gar keine Beleidigung sein kann, wenn Leute wie Trotzki und Sinowjew, die vom VII. erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der sozialdemokratischen Abweichung überführt worden sind, die Bolschewiki beschimpfen. Im Gegenteil, es wäre für mich die größte Beleidigung, wenn Halbmenschewiki vorn Schlage eines Trotzki und Sinowjew mich lobten und nicht auf mich schimpften.

Ich werde mich auch nicht darüber verbreiten, ob die Opposition durch ihr gegenwärtiges fraktionelles Auftreten gegen die von ihr am 16.Oktober 1926 übernommenen Verpflichtungen verstoßen hat. Trotzki versichert, dass er auf Grund der Deklaration der Opposition vom 16.Oktober 1926 das Recht habe, seine Auffassungen zu verteidigen. Das trifft natürlich zu. Wenn Trotzki aber behaupten will, dass sich die Deklaration darin erschöpfe, so kann man dies nur als Sophismus bezeichnen.

In der Deklaration der Opposition vom 16.Oktober ist nicht nur von dem Recht der Opposition, ihre Auffassungen zu verteidigen, die Rede, sondern auch davon, dass diese Auffassungen nur in einem solchen Rahmen, den die Partei für zulässig hält, verteidigt werden dürfen, dass mit der Fraktionsmacherei Schluss gemacht und aufgeräumt werden muss, dass die Opposition verpflichtet ist, sich dem Willen der Partei und den Beschlüssen des ZK „vorbehaltlos zu unterwerfen“, dass die Opposition sich diesen Beschlüssen nicht nur unterwerfen, sondern sie auch gewissenhaft „durchführen“ muss.

Bedarf es da nach alledem noch eines Beweises, dass die Opposition gegen ihre Deklaration vom 16. Oktober 1926 verstoßen und sie in gröblichster Weise in Fetzen gerissen hat?

Ich werde mich auch nicht über die ungehörigen und grob verleumderischen Entstellungen des Standpunkts des ZK der KPdSU(B) und der Komintern in der chinesischen Frage verbreiten, wie sie in den zahlreichen Thesen, Aufsätzen und Reden der Opposition enthalten sind. Trotzki und Sinowjew behaupten in einem fort, dass das ZK der KPdSU(B) und die Komintern sich angeblich für eine Politik der „Unterstützung“ der nationalen Bourgeoisie in China eingesetzt haben und einsetzen.

Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass diese Behauptung Trotzkis und Sinowjews ein Hirngespinst, eine Verleumdung, eine bewusste Entstellung der Tatsachen ist. In Wirklichkeit setzten sich das ZK der KPdSU(B) und die Komintern nicht für eine Politik der Unterstützung der nationalen Bourgeoisie, sondern für eine Politik der Ausnutzung der nationalen Bourgeoisie ein, solange die Revolution in China eine Revolution der vereinigten gesamtnationalen Front war, und ersetzten diese Politik dann durch die Politik des bewaffneten Kampfes gegen die nationale Bourgeoisie, als die Revolution in China zu einer Agrarrevolution wurde und die nationale Bourgeoisie sich von der Revolution abzuwenden begann.

Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur solche Dokumente durchzusehen wie die Resolution des VII. erweiterten Plenums, den bekannten Aufruf des Exekutivkomitees der Komintern,

 

  • Gemeint ist der Aufruf des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale vom 14. April 1927 „An die Proletarier und Bauern der ganzen Welt. An alle unterdrückten Völker“. Der Aufruf wurde in Nr. 85 der „Prawda“ vom 15. April 1927 veröffentlicht.

 

 

Stalins Thesen für Propagandisten und schließlich die dieser Tage dem Präsidium des Exekutivkomitees der Komintern unterbreiteten Thesen Bucharins.

Das ist ja eben das Unglück der Opposition, dass sie ohne Verleumdungen und Entstellungen nicht auskommen kann.

Kommen wir zur Sache.

 

 

II
DIE AGRARREVOLUTION DER BAUERN ALS
GRUNDLAGE DER BÜRGERLICH-DEMOKRATISCHEN
REVOLUTION

Der Grundfehler Trotzkis besteht darin, dass er Sinn und Charakter der chinesischen Revolution nicht begreift. Die Komintern geht davon aus, dass gegenwärtig der dominierende Faktor der Unterdrückung in China, der die Agrarrevolution antreibt, die Überreste des Feudalismus sind. Die Komintern geht davon aus, dass die Überreste des Feudalismus im chinesischen Dorf und der ganze militaristisch-bürokratische Überbau über diesen Überresten mit all den Dsudsunen, Gouverneuren, Generalen, allerlei Tschang Tso-lins usw. die Grundlage bilden, auf der die jetzige Agrarrevolution entstanden ist und auf der sie sich entfaltet.

Wenn in einer ganzen Reihe von Provinzen 70 Prozent der Einkünfte des Bauern dem Gutsherrn und der Gentry gehören, wenn die Gutsherren, die bewaffneten wie die nicht bewaffneten, nicht nur auf ökonomischem Gebiet, sondern auch auf dem Gebiet der Verwaltung und der Gerichtsbarkeit die Macht verkörpern, wenn bis auf den heutigen Tag in einer Reihe von Provinzen noch der mittelalterliche Kauf und Verkauf von Frauen und Kindern gang und gäbe ist - so kann man nicht umhin anzuerkennen, dass die feudalen Überreste die Grundform der Unterdrückung in den chinesischen Provinzen bilden.

Gerade weil die feudalen Überreste mit ihrem gesamten militaristisch-bürokratischen Überbau die Grundform der Unterdrückung in China bilden - gerade darum macht China gegenwärtig eine in ihrer Kraft und ihrem Schwung gewaltige Agrarrevolution durch.

Was aber ist eine Agrarrevolution? Sie ist gerade die Grundlage und der Inhalt der bürgerlich-demokratischen Revolution.

Eben deshalb sagt auch die Komintern, dass China gegenwärtig eine bürgerlich-demokratische Revolution durchmacht.

Die bürgerlich-demokratische Revolution in China richtet sich jedoch nicht nur gegen die feudalen Überreste. Sie richtet sich zugleich gegen den Imperialismus.

Warum?

Weil der Imperialismus mit seiner gesamten finanziellen und militärischen Macht in China die Kraft ist, die die feudalen Überreste mit ihrem ganzen bürokratisch-militaristischen Überbau stützt, inspiriert, kultiviert und konserviert.

Weil man die feudalen Überreste in China nicht beseitigen kann, ohne zugleich einen revolutionären Kampf gegen den Imperialismus in China zu führen.

Weil derjenige, der die feudalen Überreste in China vernichten will, die Hand unbedingt gegen den Imperialismus und die imperialistischen Gruppen in China erheben muss.

Weil man, ohne einen entschlossenen Kampf gegen den Imperialismus zu führen, die feudalen Überreste in China nicht zerschlagen und beseitigen kann.

Eben deshalb sagt auch die Komintern, dass die bürgerlich-demokratische Revolution in China zugleich eine antiimperialistische Revolution ist.

Somit ist die gegenwärtige Revolution in China eine Vereinigung zweier Ströme der revolutionären Bewegung, der Bewegung gegen die feudalen Überreste und der Bewegung gegen den Imperialismus. Die bürgerlich-demokratische Revolution in China ist eine Vereinigung des Kampfes gegen die feudalen Überreste mit dem Kampf gegen den Imperialismus.

Das ist der Ausgangspunkt für die gesamte Linie der Komintern (und folglich auch des ZK der KPdSU(B)) in Bezug auf die Fragen der chinesischen Revolution.

Welches ist aber der Ausgangspunkt für Trotzkis Position in der chinesischen Frage? Er ist dem soeben dargelegten Standpunkt der Komintern diametral entgegengesetzt. Entweder erkennt Trotzki das Vorhandensein feudaler Überreste in China überhaupt nicht an, oder er misst ihnen keine entscheidende Bedeutung bei. Trotzki (und folglich auch die Opposition) unterschätzt die Stärke und die Bedeutung der feudal-bürokratischen Unterdrückung in China und ist der Meinung, dass die Hauptursache der chinesischen nationalen Revolution die staatliche Zollabhängigkeit Chinas von den Ländern des Imperialismus ist.

Gestatten Sie mir, auf Trotzkis bekannte, dem ZK der KPdSU(B) und dem Exekutivkomitee der Komintern vor einigen Tagen zugestellte Thesen zu verweisen. Die Überschrift dieser Thesen Trotzkis lautet: „Die chinesische Revolution und die Thesen Stalins“.

Folgendes schreibt Trotzki in diesen Thesen:

„Völlig unhaltbar ist der Versuch Bucharins, die opportunistische, kompromisslerische Linie durch Berufung auf die in der chinesischen Ökonomik angeblich dominierende Rolle der ‚Überreste des Feudalismus’ zu rechtfertigen. Selbst wenn sich Bucharins Beurteilung der chinesischen Wirtschaft auf eine ökonomische Analyse gründete und nicht auf scholastische Definitionen, könnten die ‚Überreste des Feudalismus’ dennoch die Politik nicht rechtfertigen, die den Umsturz im April so offenkundig erleichtert hat. Die chinesische Revolution hat national-bürgerlichen Charakter, und die Hauptursache hierfür ist, dass die Entwicklung der Produktivkräfte des chinesischen Kapitalismus auf die Schranke der staatlichen Zollabbängigkeit Chinas von den imperialistischen Ländern stößt.“ (Siehe Trotzki, „Die chinesische Revolution und die Thesen Stalins“.)

Bei einer oberflächlichen Betrachtung dieses Zitats könnte man meinen, Trotzki ziehe nicht gegen die Linie der Komintern in der Frage des Charakters der chinesischen Revolution zu Felde, sondern gegen die „kompromisslerische Politik Bucharins“. Aber das trifft natürlich nicht zu. In Wirklichkeit handelt es sich in diesem Zitat um die Leugnung der „dominierenden Rolle“ der feudalen Überreste in China. In Wirklichkeit handelt es sich hier darum, die sich gegenwärtig entfaltende Agrarrevolution in China als eine Revolution der Oberschichten, sozusagen als eine Antizollrevolution, hinzustellen.

Das Geschwätz von einer „kompromisserischen Politik“ Bucharins brauchte Trotzki hier, um seinen Abfall von der Linie der Komintern zu bemänteln. Das ist - ich spreche es offen aus - die übliche Spitzbubenmanier Trotzkis.

Trotzki zufolge wären also die feudalen Überreste in China mit ihrem ganzen militaristisch-bürokratischen Überbau gegenwärtig nicht die Haupttriebfeder der chinesischen Revolution, sondern eine zweitrangige und unbedeutende Kraft, die es lediglich verdient, in Anführungszeichen gesetzt zu werden.

Trotzki zufolge wäre also die „Hauptursache“ der nationalen Revolution in China die Zollabhängigkeit Chinas von den Imperialisten, und die Revolution in China wäre demzufolge in der Hauptsache sozusagen eine Antizollrevolution.

Das ist der Ausgangspunkt der Konzeption Trotzkis.

Das ist die Ansicht Trotzkis über den Charakter der chinesischen Revolution.

Gestatten Sie mir zu bemerken, dass dieser Standpunkt der Standpunkt eines Staatsrats „Seiner Hoheit“ Tschang Tso-lin ist.

Wenn Trotzkis Standpunkt richtig ist, dann muss man zugeben, dass Tschang Tso-lin und Tschiang Kai-schek Recht haben, die weder eine Agrarrevolution noch eine Arbeiterrevolution wollen und lediglich die Aufhebung der ungleichen Verträge und die Herstellung der Zollautonomie Chinas zu erreichen suchen.

Trotzki ist auf den Standpunkt eines Kanzleibeamten Tschang Tsolins und Tschiang Kai-scheks hinab geglitten.

Wenn die Überreste des Feudalismus in Anführungszeichen zu setzen sind; wenn die Komintern, die erklärt, dass die Überreste des Feudalismus im gegenwärtigen Stadium der Revolution dominierende Bedeutung haben, Unrecht hat; wenn die Grundlage der chinesischen Revolution die Zollabhängigkeit ist, nicht aber der Kampf gegen die feudalen Überreste und den sie stutzenden Imperialismus - was bleibt denn dann von der Agrarrevolution in China übrig?

Wie ist es dann zur Agrarrevolution in China und zu deren Forderung nach Konfiskation der Ländereien der Gutsbesitzer gekommen? Mit welcher Berechtigung hält man in einem solchen Fall die chinesische Revolution für eine bürgerlich-demokratische Revolution? Ist es etwa nicht Tatsache, dass die Agrarrevolution die Grundlage der bürgerlich-demokratischen Revolution ist? Konnte die Agrarrevolution etwa vom Himmel fallen?

Ist es etwa nicht Tatsache, dass Millionen und Dutzende von Millionen Bauern in die gewaltige Agrarrevolution in solchen Provinzen wie Hunan, Hupe, Honan usw. hineingezogen sind, wo die Bauern eine eigene Macht, ein eigenes Gericht, einen eigenen Selbstschutz aufbauen, die Gutsbesitzer davonjagen und mit ihnen „auf plebejische Art“ abrechnen?

Wie konnte es zu einer so machtvollen Agrarbewegung kommen, wenn die feudal-militaristische Unterdrückung nicht die dominierende Form der Unterdrückung in China wäre?

Wie konnte diese machtvolle Bewegung Dutzender von Millionen Bauern zugleich antiimperialistischen Charakter annehmen, wenn man nicht anerkennt, dass der Imperialismus der Hauptverbündete der feudal-militaristischen Unterdrücker des chinesischen Volkes ist?

Ist es etwa nicht Tatsache, dass allein in Hunan der Bauernbund gegenwärtig mehr als zweieinhalb Millionen Mitglieder zählt? Und wieviel Mitglieder zählt er jetzt in Hupe, in Honan, und wieviel wird er in allernächster Zeit in den anderen Provinzen Chinas zählen?

Und die „Roten Lanzen“, die „Verbände der leeren Bäuche“ usw. - ist das alles etwa nur ein Hirngespinst und keine Realität?

Kann man etwa ernstlich behaupten, die Agrarrevolution Dutzender von Millionen Bauern mit der Losung der Konfiskation der Gutsbesitzerländereien sei nicht gegen wirkliche und offensichtliche Überreste des Feudalismus gerichtet, sondern gegen eingebildete, nur in Anführungszeichen zu setzende Überreste des Feudalismus?

Ist es etwa nicht klar, dass Trotzki auf den Standpunkt eines Kanzleibeamten „Seiner Hoheit“ Tschang Tso-lin hinab geglitten ist? Somit haben wir zwei Grundlinien:

a) die Linie der Komintern, die dem Vorhandensein feudaler Überreste in China als der dominierenden Form der Unterdrückung, der entscheidenden Bedeutung der machtvollen Agrarbewegung, der Verknüpfung der feudalen Überreste mit dem Imperialismus, dem bürgerlich-demokratischen Charakter der chinesischen Revolution, deren Kampf gegen den Imperialismus zugespitzt ist, Rechnung trägt;

b) die Linie Trotzkis, die die dominierende Bedeutung der feudal-militaristischen Unterdrückung leugnet, die entscheidende Bedeutung der revolutionären Agrarbewegung in China nicht sieht und den antiimperialistischen Charakter der chinesischen Revolution lediglich mit den Interessen des die Zollautonomie Chinas fordernden chinesischen Kapitalismus erklärt.

Der Grundfehler Trotzkis (und folglich auch der Opposition) besteht in der Unterschätzung der Agrarrevolution in China, im Nichtbegreifen des bürgerlich-demokratischen Charakters dieser Revolution, in der Leugnung der Voraussetzungen für die viele Millionen umfassende Agrarbewegung in China, in der Unterschätzung der Rolle der Bauernschaft in der chinesischen Revolution.

Dieser Fehler ist bei Trotzki nicht neu. Er bildet den charakteristischen Zug für die ganze Linie, die Trotzki während der ganzen Periode seines Kampfes gegen den Bolschewismus verfolgte.

Die Unterschätzung der Rolle der Bauernschaft in der bürgerlich-demokratischen Revolution ist der Fehler, der Trotzki seit 1905 anhaftet, der vor der Februarrevolution 1917 besonders krass in Erscheinung trat und den er bis auf den heutigen Tag nicht losgeworden ist.

Gestatten Sie mir, auf einige Tatsachen aus dem Kampfe Trotzkis gegen den Leninismus zu verweisen, zum Beispiel aus der Zeit am Vorabend der Februarrevolution 1917, als wir dem Siege der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland entgegen schritten.

Trotzki behauptete damals, dass, da sich die Differenzierung in der Bauernschaft verstärkt habe, da wir jetzt die Herrschaft des Imperialismus haben und das Proletariat sich der bürgerlichen Nation entgegenstelle, die Rolle der Bauernschaft immer geringer werden und die Agrarrevolution nicht die Bedeutung haben werde, die man ihr im Jahre 1905 beigemessen hat.

Was antwortete Lenin darauf? Gestatten Sie mir, ein Zitat aus einem Artikel Lenins vom Jahre 1915 über die Rolle der Bauernschaft in der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland anzuführen:

„Die originelle Theorie Trotzkis“ (es handelt sich um Trotzkis „permanente Revolution“. J.St.) „übernimmt von den Bolschewiki den Appell zum entschlossenen revolutionären Kampf des Proletariats und zur Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, von den Menschewiki aber die ‚Negierung’ der Rolle der Bauernschaft. Die Bauernschaft sei in Schichten zerfallen, habe sich differenziert; ihre mögliche revolutionäre Rolle sei immer geringer geworden; in Rußland sei eine ‚nationale’ Revolution unmöglich: ‚Wir leben in der Epoche des Imperialismus’, ‚der Imperialismus’ aber ‚stellt nicht die bürgerliche Nation dem alten Regime, sondern das Proletariat der bürgerlichen Nation entgegen’.

Da haben wir ein kurioses Beispiel für ein ‚Spiel mit dem Wörtchen’ Imperialismus! Wenn in Rußland das Proletariat bereits ‚der bürgerlichen Nation’ gegenübersteht, dann heißt das: Rußland steht direkt vor der sozialistischen Revolution!! Dann ist die (von der Januarkonferenz 1912 aufgestellte und danach von Trotzki 1915 wiederholte) Losung ‚Konfiskation der Ländereien der Gutsbesitzer’ falsch, dann muss man nicht von ‚revolutionärer Arbeiter’regierung, sondern von ‚sozialistischer Arbeiter’regierung sprechen!! Wie weit das Durcheinander bei Trotzki geht, ersieht man aus seinem Satz, das Proletariat werde durch seine Entschlossenheit auch die ‚nichtproletarischen (!) Volksmassen’ mit sich reißen (Nr. 217)!! Trotzki hat sich nicht überlegt, dass, wenn es dem Proletariat gelingt, die nichtproletarischen ländlichen Massen zur Konfiskation der Gutsbesitzerländereien mit sich zu reißen und die Monarchie zu stürzen, dies eben die Vollendung der ‚nationalen bürgerlichen Revolution’ in Rußland, dies eben die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft sein wird!

Das ganze Jahrzehnt 1905 bis 1915 - dieses große Jahrzehnt - hat das Vorhandensein von zwei und von nur zwei Klassenlinien der russischen Revolution erwiesen. Die Differenzierung der Bauernschaft hat den Klassenkampf innerhalb der Bauernschaft verstärkt, hat sehr viele politisch schlummernde Elemente wachgerüttelt und das Landproletariat dem städtischen Proletariat näher gebracht (auf einer besonderen Organisation des Landproletariats bestanden die Bolschewiki seit 1906, und sie brachten diese Forderung in die Resolution des Stockholmer, menschewistischen, Parteitags hinein). Aber der Antagonismus zwischen der ‚Bauernschaft’ und den Markow - Romanow - Chwostow ist stärker geworden, ist gewachsen, hat sich verschärft. Das ist eine so offensichtliche Wahrheit, dass sogar Tausende von Phrasen in Dutzenden von Pariser Trotzki-Artikeln sie nicht ‚zu widerlegen’ vermögen. In Wirklichkeit hilft Trotzki den liberalen Arbeiterpolitikern in Rußland, die unter der ‚Negierung’ der Rolle der Bauernschaft den mangelnden Willen verstehen, die Bauern zur Revolution aufzurütteln! Das aber ist jetzt der Angelpunkt.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 381/382, russ.)

 

Und diese Besonderheit des Schemas Trotzkis, die darin besteht, dass er die Bourgeoisie sieht, das Proletariat sieht, die Bauernschaft jedoch nicht bemerkt und ihre Rolle in der bürgerlich-demokratischen Revolution nicht begreift - eben diese Besonderheit bildet den Grundfehler der Opposition in der chinesischen Frage.

Darin besteht ja gerade der „Halbmenschewismus“ Trotzkis und der Opposition in der Frage des Charakters der chinesischen Revolution.

Diesem Grundfehler entspringen alle übrigen Fehler der Opposition, der ganze Wirrwarr in den Thesen der Opposition zur chinesischen Frage.

 

 

III
DIE KUOMINTANG DER RECHTEN IN NANKING,
DIE DIE KOMMUNISTEN HINMORDET, UND DIE
KUOMINTANG DER LINKEN IN WUHAN, DIE EIN
BÜNDNIS MIT DEN KOMMUNISTEN UNTERHÄLT

Nehmen wir beispielsweise die Frage Wuhan. Die Einstellung der Komintern zur Frage der revolutionären Rolle Wuhans ist bekannt und klar. Da China eine Agrarrevolution durchmacht; da ein Sieg der Agrarrevolution ein Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution, ein Sieg der revolutionären Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft ist; da Nanking das Zentrum der nationalen Konterrevolution, Wuhan aber das Zentrum der revolutionären Bewegung in China ist - so ist es notwendig, die Wuhaner Kuomintang zu unterstützen, ist es notwendig, dass die Kommunisten dieser Kuomintang angehören und an ihrer revolutionären Regierung teilnehmen - unter der Bedingung, dass die führende Rolle des Proletariats und seiner Partei sowohl innerhalb der Kuomintang als auch außerhalb der Kuomintang gewährleistet wird.

Ist die gegenwärtige Wuhaner Regierung ein Organ der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft? Nein, vorläufig ist sie es nicht und wird es so bald auch nicht werden. Sie hat aber alle Chancen, sich bei der weiteren Entwicklung der Revolution, bei Erfolgen dieser Revolution, zu einem solchen Organ zu entwickeln.

Das ist die Einstellung der Komintern.

Ganz anders betrachtet Trotzki die Dinge. Er ist der Meinung, Wuhan sei eine „Fiktion“ und nicht das Zentrum der revolutionären Bewegung. Auf die Frage, was die linke Kuomintang gegenwärtig darstelle, erwidert Trotzki: „Zunächst noch nichts oder fast nichts.“

Nehmen wir einmal an, Wuhan sei eine Fiktion. Wenn aber Wuhan eine Fiktion ist, warum fordert Trotzki dann nicht einen entschiedenen Kampf gegen diese Fiktion? Seit wann unterstützen Kommunisten eine Fiktion, beteiligen sich an einer Fiktion, stehen an der Spitze einer Fiktion usw.? Ist es etwa nicht Tatsache, dass Kommunisten verpflichtet sind, gegen Fiktionen zu kämpfen? Ist es etwa nicht Tatsache, dass es Betrug am Proletariat und an der Bauernschaft ist, wenn Kommunisten es ablehnen, gegen Fiktionen zu kämpfen? Warum schlägt Trotzki nicht vor, gegen diese Fiktion zu kämpfen, und sei es durch unverzüglichen Austritt der Kommunisten aus der Wuhaner Kuomintang und der Wuhaner Regierung? Warum schlägt Trotzki vor, in dieser Fiktion zu verbleiben und nicht aus ihr auszutreten? Wo ist hier die Logik?

Erklärt sich diese „logische“ Ungereimtheit nicht dadurch, dass Trotzki, nachdem er gegen Wuhan zum Schlage ausgeholt und es als Fiktion bezeichnet hat, es dann mit der Angst zu tun bekam und sich nicht entschließen konnte, in seinen Thesen die entsprechende Schlussfolgerung zu ziehen?

Oder nehmen wir beispielsweise Sinowjew. In seinen auf der Plenartagung des ZK der KPdSU(B) im April dieses Jahres verteilten Thesen qualifiziert Sinowjew die Kuomintang in Wuhan als Kemalistenregierung aus der Periode des Jahres 1920. Die Kemalistenregierung ist aber eine Regierung des Kampfes gegen Arbeiter und Bauern, eine Regierung, in der für Kommunisten kein Platz ist noch sein kann. Man sollte meinen, aus einer solchen Qualifizierung Wuhans könne nur eine Schlussfolgerung gezogen werden: entschiedener Kampf gegen Wuhan, Sturz der Wuhaner Regierung.

So können aber nur gewöhnliche Menschen mit gewöhnlicher menschlicher Logik denken.

Sinowjew denkt anders. Er qualifiziert die Wuhaner Regierung in Hankou als Kemalistenregierung, schlägt aber zugleich vor, dieser selben Regierung tatkräftigste Unterstützung zu erweisen, schlägt vor, dass die Kommunisten nicht aus ihr austreten und der Kuomintang in Wuhan nicht den Rücken kehren sollen usw. Er sagt direkt:

„Man muss Hankou tatkräftigste und allseitige Unterstützung erweisen und von dort aus die Abwehr der Cavaignac organisieren. In der nächsten Zeit müssen die Kräfte gerade darauf konzentriert werden, den Hankouern zu helfen, sich zu organisieren und zu konsolidieren.“ (Siehe Sinowjews Thesen.)

Das verstehe, wer kann!

Trotzki sagt, Wuhan, das heißt Hankou, sei eine Fiktion. Sinowjew dagegen behauptet, Wuhan sei eine Kemalistenregierung. Daraus müsste die Schlussfolgerung gezogen werden: Kampf gegen die Fiktion oder Kampf für den Sturz der Wuhaner Regierung. Indes schrecken sowohl Trotzki als auch Sinowjew davor zurück, die sich aus ihren Voraussetzungen zwangsläufig ergebende Schlussfolgerung zu ziehen, Sinowjew aber geht sogar noch weiter und schlägt vor, „Hankou tatkräftigste und allseitige Unterstützung zu erweisen“.

Wovon zeugt das alles? Es zeugt davon, dass sich die Opposition in Widersprüche verstrickt hat. Sie hat die Fähigkeit eingebüßt, logisch zu denken, und hat alle Perspektiven verloren.

Wirrwarr in den Anschauungen, Verlust jeder Perspektive in der Frage Wuhan - das ist der Standpunkt Trotzkis und der Opposition, wenn man Wirrwarr überhaupt als Standpunkt bezeichnen kann.

 

 

IV
ÜBER DIE SOWJETS DER
ARBEITER- UND BAUERNDEPUTIERTEN IN CHINA

Oder nehmen wir weiter beispielsweise die Frage der Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China.

Zur Frage der Organisierung von Sowjets haben wir drei Resolutionen, die auf dem II. Kongress der Komintern angenommen wurden: Lenins Thesen über die Bildung von nichtproletarischen Sowjets, von Bauernsowjets in rückständigen Ländern, Roys Thesen über die Bildung von .Arbeiter- und Bauernsowjets in Ländern wie China und Indien und die speziellen Thesen „Wann und unter welchen Bedingungen können Sowjets der Arbeiterdeputierten gebildet werden“.

Lenins Thesen handeln von der Bildung von „Bauern“sowjets, von „Volks“sowjets, von nichtproletarischen Sowjets in Ländern wie denen in Mittelasien, wo es kein oder fast kein Industrieproletariat gibt. Lenins Thesen enthalten kein Wort über die Bildung von Sowjets der Arbeiterdeputierten in diesen Ländern. Dabei wird in Lenins Thesen als eine der notwendigen Voraussetzungen für die Entwicklung und Bildung von „Bauern“sowjets, von „Volks„sowjets in den rückständigen Ländern die direkte Unterstützung der Revolution in diesen Ländern seitens des Proletariats der UdSSR bezeichnet. Es ist klar, dass diese Thesen sich nicht auf China oder Indien beziehen, wo es ein gewisses Minimum an Industrieproletariat gibt und wo die Bildung von Arbeitersowjets unter gewissen Bedingungen die Voraussetzung für die Bildung von Bauernsowjets ist, sondern auf andere, rückständigere Länder wie Persien usw.

Roys Thesen beziehen sich hauptsächlich auf China und Indien, wo es ein Industrieproletariat gibt. In diesen Thesen wird vorgeschlagen, unter bestimmten Bedingungen, in der Übergangsperiode von der bürgerlichen zur proletarischen Revolution, Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten zu bilden. Es ist klar, dass diese Thesen sich direkt auf China beziehen.

In den besonderen Thesen des II. Kongresses, betitelt: „Wann und unter welchen Bedingungen können Sowjets der Arbeiterdeputierten gebildet werden“, wird von der Rolle der Sowjets der Arbeiterdeputierten auf Grund der Erfahrung aus der Revolution in Rußland und Deutschland gesprochen. In diesen Thesen wird festgestellt, dass die „Sowjets ohne proletarische Revolution sich unabwendbar in eine Parodie auf Sowjets verwandeln“. Es ist klar, dass wir bei der Behandlung der Frage der sofortigen Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China auch diese Thesen berücksichtigen müssen.

Wie ist es um die Frage der sofortigen Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China bestellt, wenn man dabei sowohl die gegenwärtige Situation in China und das Bestehen der Wuhaner Kuomintang, als des Zentrums der revolutionären Bewegung, wie auch die Direktiven in den beiden letzten Thesen des 11. Kongresses der Komintern berücksichtigt?

Jetzt beispielsweise im Aktionsbereich der Wuhaner Regierung Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten zu bilden, bedeutet, eine Doppelherrschaft ins Leben zu rufen, bedeutet, die Losung des Kampfes für den Sturz der linken Kuomintang und für die Bildung einer neuen Macht, der Sowjetmacht, in China auszugeben.

Die Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten sind Organe des Kampfes für den Sturz der bestehenden Macht, Organe des Kampfes für eine neue Macht. Die Bildung von Sowjets der Arbeiter -und Bauerndeputierten muss eine Doppelherrschaft ins Leben rufen, eine Doppelherrschaft aber muss zu einer Zuspitzung der Frage führen, wem die gesamte Macht gehören soll.

Wie lagen die Dinge in Rußland im März, April, Mai, Juni 1917? Damals bestand die Provisorische Regierung, die die Hälfte der Macht in ihren Händen hatte, doch muss man wohl sagen die realere Macht, da sie noch immer von den Truppen unterstützt wurde. Daneben bestanden die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, die gleichfalls etwa die Hälfte der Macht in ihren Händen hatten, wenn auch keine so reale Macht wie die Provisorische Regierung. Die Losung der Bolschewiki war damals Beseitigung der Provisorischen Regierung und Übergabe der gesamten Macht an die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Niemand von den Bolschewiki dachte damals daran, in die Provisorische Regierung einzutreten, denn man kann nicht in eine Regierung eintreten, wenn man auf den Sturz dieser Regierung hinarbeitet.

Kann man sagen, die Situation in Rußland von März bis Juni 1917 sei der jetzigen Situation in China analog gewesen? Nein, das kann man nicht sagen. Man kann es nicht sagen, nicht nur, weil Rußland damals vor der proletarischen Revolution stand, während China jetzt vor der bürgerlich-demokratischen Revolution steht, sondern auch, weil die Provisorische Regierung in Rußland damals eine konterrevolutionäre und imperialistische Regierung war, während die jetzige Regierung in Wuhan eine antiimperialistische und revolutionäre Regierung im bürgerlich-demokratischen Sinne dieses Wortes ist.

Was schlägt uns die Opposition im Zusammenhang damit vor?

Sie schlägt die sofortige Bildung von Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten in China als Zentren der Organisierung der revolutionären Bewegung vor. Die Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten sind aber nicht nur Zentren der Organisierung der revolutionären Bewegung. Sie sind vor allem und hauptsächlich Organe des Aufstands gegen die bestehende Macht, Organe zur Bildung einer neuen, revolutionären Macht. Die Opposition begreift nicht, dass die Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten nur als Organe des Aufstands, nur als Organe der neuen Macht in Zentren der revolutionären Bewegung verwandelt werden können. Ohne das werden die Sowjets der Arbeiterdeputierten zu einer Fiktion, zu einem Anhängsel der bestehenden Macht, wie dies in Deutschland im Jahre 1918 und in Rußland im Juli 1917 der Fall war.

Begreift die Opposition, dass die Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China jetzt die Errichtung einer Doppelherrschaft, einer Herrschaft der Sowjets und der Wuhaner Regierung, bedeutet und zwangsläufig und unvermeidlich zur Losung des Sturzes der Wuhaner Regierung führt?

Ich bezweifle sehr, dass Sinowjew diese einfache Sache begreift. Trotzki aber begreift sie sehr wohl, denn er sagt in seinen Thesen direkt: „Die Losung der Sowjets bedeutet den Aufruf zur Bildung wirklicher Machtorgane mittels des Übergangsregimes der Doppelherrschaft.“ (Siehe Trotzkis Thesen „Die chinesische Revolution und die Thesen Stalins“.)

Wenn wir in China Sowjets bilden, so bedeutet dies also, dass wir zugleich ein „Regime der Doppelherrschaft“ aufrichten, die Wuhaner Regierung stürzen und eine neue, revolutionäre Macht ins Leben rufen. Trotzki nimmt hierbei offenbar die Ereignisse aus der Geschichte der Revolution in Rußland während der Periode vor dem Oktober 1917 als Vorbild. Damals bestand bei uns tatsächlich eine Doppelherrschaft, und wir arbeiteten damals tatsächlich auf den Sturz der Provisorischen Regierung hin.

Ich habe aber bereits gesagt, dass niemand damals daran dachte, in die Provisorische Regierung einzutreten. Warum schlägt Trotzki denn jetzt nicht den sofortigen Austritt der Kommunisten aus der Kuomintang und aus der Wuhaner Regierung vor? Wie kann man Sowjets bilden, ein Regime der Doppelherrschaft aufrichten und zugleich derselben Wuhaner Regierung angehören, die man stürzen will? Trotzkis Thesen geben keine Antwort auf diese Frage.

Indes ist klar, dass sich Trotzki hier im Wirrsal seiner eigenen Widersprüche hoffnungslos verstrickt hat. Er hat die bürgerlich-demokratische Revolution mit der proletarischen Revolution verwechselt. Er hat „vergessen“, dass die bürgerlich-demokratische Revolution in China nicht nur nicht vollendet ist und bisher nicht nur nicht gesiegt hat, sondern sich erst in der ersten Phase ihrer Entwicklung befindet. Trotzki begreift nicht, dass man, wenn man der Wuhaner Regierung die Unterstützung verweigert, wenn man die Losung der Doppelherrschaft ausgibt und die Wuhaner Regierung jetzt durch sofortige Bildung von Sowjets stürzt, damit Tschiang Kai-schek und Tschang Tso-lin eine direkte und eindeutige Unterstützung erweist.

Man entgegnet uns: Wie ist dann aber die Bildung von Sowjets der Arbeiterdeputierten im Jahre 1905 in Rußland zu verstehen - war damals die Revolution bei uns etwa keine bürgerlich-demokratische Revolution?

Nun, erstens gab es damals nur zwei Sowjets - in Petersburg und in Moskau, und das Bestehen von zwei Sowjets schuf in Rußland noch kein System der Sowjetmacht.

Zweitens waren der Petersburger und der Moskauer Sowjet damals Organe des Aufstands gegen die alte, zaristische Macht, ein Umstand, der ein übriges Mal bestätigt, dass man die Sowjets nicht lediglich als Zentren der Organisierung der Revolution betrachten darf, dass die Sowjets solche Zentren nur sein können, wenn sie Organe des Aufstands und Organe der neuen Macht sind.

Drittens lehrt die Geschichte der Arbeitersowjets, dass solche Sowjets nur dann existieren und sich weiterentwickeln können, wenn günstige Bedingungen für einen direkten Übergang von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution vorhanden sind, wenn also günstige Bedingungen für den Übergang von der bürgerlichen Macht zur Diktatur des Proletariats vorhanden sind.

Sind etwa die Arbeitersowjets in Petersburg und in Moskau im Jahre 1905 ebenso wie die Arbeiterräte in Deutschland im Jahre 1918 nicht deshalb zugrunde gegangen, weil damals diese günstigen Bedingungen fehlten?

Möglicherweise hätte es im Jahre 1905 in Rußland keine Sowjets gegeben, wenn damals in Rußland eine breite revolutionäre Organisation bestanden hätte in der Art der jetzigen linken Kuomintang in China. Eine solche Organisation konnte jedoch damals in Rußland nicht bestehen, denn den russischen Arbeitern und Bauern gegenüber gab es keine Elemente der nationalen Unterdrückung, vielmehr unterdrückten die Rußen selbst die anderen Nationalitäten; eine Organisation, wie es die linke Kuomintang ist, kann aber nur unter Verhältnissen der nationalen Unterdrückung durch die ausländischen Imperialisten entstehen, die die revolutionären Elemente eines Landes zu einer breiten Organisation zusammenschließt.

Nur Blinde können leugnen, dass die linke Kuomintang die Rolle eines Organs des revolutionären Kampfes, die Rolle eines Organs des Aufstands gegen die feudalen Überreste und den Imperialismus in China spielt.

Was folgt aber daraus?

Daraus folgt, dass die linke Kuomintang in China für die gegenwärtige bürgerlich-demokratische Revolution in China annähernd die gleiche Rolle spielt, wie sie die Sowjets im Jahre 1905 für die bürgerlich-demokratische Revolution in Rußland gespielt haben.

Etwas anderes wäre es, wenn es in China keine so populäre und revolutionär-demokratische Organisation wie die linke Kuomintang gäbe. Da es aber eine solche spezifische revolutionäre Organisation gibt, die den Besonderheiten der chinesischen Verhältnisse angepasst ist und die ihre Eignung für die Weiterentwicklung der bürgerlich-demokratischen Revolution in China bewiesen hat, so wäre es töricht und unvernünftig, wollte man diese in langen Jahren geschaffene Organisation jetzt zerstören, da die bürgerlich-demokratische Revolution, die erst begonnen hat, noch lange nicht gesiegt hat und auch so bald nicht siegen wird.

Davon ausgehend, ziehen einige Genossen die Schlussfolgerung, man werde die Kuomintang auch in Zukunft, beim Übergang zur proletarischen Revolution, als Form der staatlichen Organisation der Diktatur des Proletariats benutzen können, und sie sehen darin die Möglichkeit eines friedlichen Übergangs von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution.

Die Möglichkeit einer friedlichen Entwicklung der Revolution ist im Allgemeinen natürlich nicht ausgeschlossen. Bei uns in Rußland sprach man zu Beginn des Jahres 1917 ebenfalls von der Möglichkeit einer friedlichen Entwicklung der Revolution mittels der Sowjets.

Aber erstens ist die Kuomintang nicht dasselbe wie die Sowjets, und wenn sie auch für die Entwicklung der bürgerlich-demokratischen Revolution geeignet ist, so bedeutet das noch nicht, dass sie sich für die Entwicklung der proletarischen Revolution eignen kann, während die Sowjets der Arbeiterdeputierten die geeignetste Form der Diktatur des Proletariats sind.

Zweitens hat sich selbst bei Bestehen der Sowjets in Rußland im Jahre 1917 ein friedlicher Übergang zur proletarischen Revolution in Wirklichkeit als unmöglich erwiesen.

Drittens gibt es in China so wenig proletarische Zentren, die Feinde der chinesischen Revolution aber sind so stark und so zahlreich, dass jedes Vorwärtsschreiten der Revolution und jeder Vorstoß seitens der Imperialisten unvermeidlich von neuen Abspaltungen von der Kuomintang und von einer erneuten Stärkung der Kommunistischen Partei auf Kosten der Autorität der Kuomintang begleitet sein werden.

Ich bin der Meinung, dass man einen friedlichen Entwicklungsweg der chinesischen Revolution für ausgeschlossen halten muss.

Ich bin der Meinung, dass man Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China in der Übergangsperiode von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution wird bilden müssen. Denn unter den gegenwärtigen Bedingungen ist ein solcher Übergang ohne Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten unmöglich.

Man muss zuerst die Agrarbewegung sich über ganz China entfalten lassen, man muss Wuhan stärken und es in seinem Kampf gegen das feudal-bürokratische Regime unterstützen, man muss Wuhan helfen, den Sieg über die Konterrevolution zu erringen, man muss allerorts auf breiter Grundlage Bauernbünde, Arbeitergewerkschaften und andere revolutionäre Organisationen entwickeln als Basis für die künftigen Sowjets, man muss der chinesischen Kommunistischen Partei die Möglichkeit geben, ihren Einfluss in der Bauernschaft und in der Armee zu verstärken - und erst dann kann man Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten bilden als Organe des Kampfes für eine neue Macht, als Faktoren der Doppelherrschaft, als Faktoren für die Vorbereitung des Übergangs von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution.

Die Bildung von Arbeitersowjets in China ist kein leeres Wort, keine leere „revolutionäre“ Deklamation. An diese Frage darf man nicht so leichtfertig herangehen, wie Trotzki es tut.

Arbeiter- und Bauernsowjets bilden, das heißt vor allem, aus der Kuomintang austreten, denn man kann nicht Sowjets bilden und die Frage der Doppelherrschaft vorantreiben, indem man die Arbeiter und Bauern zur Schaffung einer neuen Macht aufruft, gleichzeitig aber in der Kuomintang und in ihrer Regierung verbleiben.

Sowjets der Arbeiterdeputierten bilden, das heißt ferner, den jetzigen Block innerhalb der Kuomintang durch einen Block außerhalb der Kuomintang ersetzen, durch einen Block, dem analog, den die Bolschewiki im Oktober 1917 mit den linken Sozialrevolutionären bildeten.

Warum?

Aus folgendem Grunde: Während es sich dort, bei der bürgerlich-demokratischen Revolution, um die Errichtung der revolutionären Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft handelt - und dem entspricht durchaus die Politik des Blocks innerhalb der Kuomintang - wird es sich hier, bei der Bildung von Sowjets und beim Übergang zur proletarischen Revolution, um die Errichtung der Diktatur des Proletariats, um die Errichtung der Sowjetmacht, handeln; eine solche Macht kann aber lediglich unter der Führung einer Partei, der Partei der Kommunisten, vorbereitet und errichtet werden.

Weiter. Die Sowjets der Arbeiterdeputierten verpflichten. Zurzeit verdienen die Arbeiter in China monatlich 8-15 Rubel, sie leben in ganz unmöglichen Verhältnissen und arbeiten übermäßig viel. Dem muss und kann sofort ein Ende gemacht werden durch Erhöhung des Arbeitslohns, durch Einführung des Achtstundentags, durch Verbesserung der Wohnverhältnisse der Arbeiterklasse usw. Die Arbeiter werden aber, wenn Sowjets der Arbeiterdeputierten bestehen, dabei nicht haltmachen. Sie werden den Kommunisten sagen (und zwar mit vollem Recht): Wenn wir Sowjets haben - die Sowjets aber sind Organe der Macht -, kann man da der Bourgeoisie nicht etwas auf den Leib rücken und sie „ein bisschen“ expropriieren? Die Kommunisten wären leere Schwätzer, wenn sie bei Bestehen von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten nicht den Weg der Expropriation der Bourgeoisie beschritten.

Es fragt sich: Kann man und soll man diesen Weg jetzt, in der gegebenen Phase der Revolution, einschlagen?

Nein, das soll man nicht.

Kann man und soll man in Zukunft, bei Bestehen von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten, von einer Expropriation der Bourgeoisie absehen? Nein, das soll man nicht. Wer jedoch glaubt, man könne dabei den Block der Kommunisten innerhalb der Kuomintang erhalten - der gibt sich einer Illusion hin und begreift nicht die Mechanik des Kampfes der Klassenkräfte in der Periode des Übergangs von der bürgerlichen Revolution zur proletarischen Revolution.

So ist es um die Frage der Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China bestellt.

Wie Sie sehen, ist diese Frage nicht so einfach, wie sie uns einige über alle Maßen leichtfertige Leute vom Schlage Trotzkis und Sinowjews hinstellen wollen.

Ist es vom prinzipiellen Standpunkt aus überhaupt zulässig, dass Marxisten mit der revolutionären Bourgeoisie einer gemeinsamen revolutionär-demokratischen Partei oder einer gemeinsamen revolutionär-demokratischen Regierung angehören und dort mit ihr zusammenarbeiten?

Einige Oppositionelle meinen, das sei nicht zulässig. Die Geschichte des Marxismus lehrt aber, dass dies unter bestimmten Bedingungen und für eine bestimmte Zeit durchaus zulässig ist.

Ich könnte mich auf ein Beispiel berufen wie dasjenige, das uns Marx im Jahre 1848 in Deutschland während der Revolution gegen den deutschen Absolutismus gab, als Marx und seine Gesinnungsgenossen der bürgerlich-demokratischen Gesellschaft in der Rheinprovinz angehörten und Marx der Chefredakteur des Organs dieser revolutionär-demokratischen Partei, der „Neuen Rheinischen Zeitung“, war.

Während Marx und seine Gesinnungsgenossen dieser bürgerlich-demokratischen Gesellschaft angehörten und die revolutionäre Bourgeoisie vorwärts drängten, kritisierten sie in jeder Weise die Halbheit ihrer rechten Verbündeten, ebenso wie die Kommunistische Partei in China, die der Kuomintang angehört, die Schwankungen und die Halbheit ihrer Verbündeten, der linken Kuomintangleute, in jeder Weise kritisieren muss.

Es ist bekannt, dass Marx und seine Gesinnungsgenossen erst im Frühjahr 1849 diese bürgerlich-demokratische Gesellschaft verließen und an die Schaffung einer selbständigen Organisation der Arbeiterklasse mit völlig selbständiger Klassenpolitik schritten.

Wie Sie sehen, ging Marx sogar weiter als die chinesische Kommunistische Partei, die der Kuomintang als selbständige Klassenpartei des Proletariats angehört.

Man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob es zweckmäßig war, dass Marx und seine Gesinnungsgenossen dieser bürgerlich-demokratischen Gesellschaft im Jahre 1848 angehörten. Rosa Luxemburg war beispielsweise der Meinung, dass Marx dieser bürgerlich-demokratischen Gesellschaft nicht hätte beitreten dürfen. Das ist eine Frage der Taktik. Dass es aber Marx und Engels prinzipiell für zulässig und zweckmäßig hielten, in der Periode der bürgerlich-demokratischen Revolution unter bestimmten Bedingungen und für eine bestimmte Zeit einer bürgerlich-revolutionären Partei anzugehören - darüber kann keinerlei Zweifel bestehen. Was die Teilnahme von Marxisten an einer revolutionär-demokratischen Regierung und die Zusammenarbeit mit der revolutionären Bourgeoisie in dieser Regierung unter bestimmten Bedingungen und in einer bestimmten Situation betrifft, so besitzen wir hierzu die Hinweise solcher Marxisten wie Engels und Lenin. Bekanntlich hat sich Engels in seiner Schrift „Die Bakunisten an der Arbeit“

 

Siehe K. Marx und F. Engels, „Werke“, Bd. XV, 1935, S. 105-124 (russ.).
 

für eine solche Teilnahme ausgesprochen. Bekanntlich hat sich Lenin im Jahre 1905 ebenfalls für die Zulässigkeit einer solchen Teilnahme an einer bürgerlich-demokratischen revolutionären Regierung ausgesprochen.

 

 

V
ZWEI LINIEN

Wir haben es also in der chinesischen Frage mit zwei völlig verschiedenen Linien zu tun, der Linie der Komintern und der Linie Trotzkis und Sinowjews.

Die Linie der Komintern. Die feudalen Überreste und der auf ihnen beruhende bürokratisch-militaristische Überbau, der von den Imperialisten aller Länder in jeder Weise gestützt wird, sind das Grundfaktum des heutigen Chinas.

China macht gegenwärtig eine Agrarrevolution durch, die gegen die feudalen Überreste wie auch gegen den Imperialismus gerichtet ist.

Die Agrarrevolution bildet die Grundlage und den Inhalt der bürgerlich-demokratischen Revolution in China.

Die Kuomintang in Wuhan und die Wuhaner Regierung sind das Zentrum der bürgerlich-demokratischen revolutionären Bewegung.

Nanking und die Nankinger Regierung stellen das Zentrum der nationalen Konterrevolution dar.

Die Politik der Unterstützung Wuhans ist zugleich eine Politik der Entfaltung der bürgerlich-demokratischen Revolution mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen. Daher die Beteiligung der Kommunisten an der Wuhaner Kuomintang und an der revolutionären Wuhaner Regierung, eine Beteiligung, die die allseitige Kritik der Kommunisten an der Halbheit und an den Schwankungen ihrer Verbündeten in der Kuomintang nicht ausschließt, sondern voraussetzt.

Diese Beteiligung der Kommunisten muss dazu ausgenutzt werden, dem Proletariat die Rolle des Hegemons in der chinesischen bürgerlich-demokratischen Revolution zu erleichtern und den Übergang zur proletarischen Revolution schneller herbeizuführen.

Zu dem Zeitpunkt, da sich die bürgerlich-demokratische Revolution dem vollen Siege nähert und da im Verlauf der bürgerlichen Revolution die Wege für den Übergang zur proletarischen Revolution sichtbar werden - zu diesem Zeitpunkt müssen Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten gebildet werden, als Faktoren der Doppelherrschaft, als Organe des Kampfes für eine neue Macht, als Organe der neuen Macht, der Macht der Sowjets.

Zu diesem Zeitpunkt muss der Block der Kommunisten innerhalb der Kuomintang durch einen Block außerhalb der Kuomintang ersetzt werden, und die Kommunistische Partei muss die alleinige Führerin der neuen Revolution in China werden.

Wenn man jetzt vorschlüge, wie Trotzki und Sinowjew es tun, sofort Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten zu bilden und sofort eine Doppelherrschaft ins Leben zu rufen, jetzt, da die bürgerlich-demokratische Revolution sich noch in der Anfangsphase ihrer Entwicklung befindet, da die Kuomintang die geeignetste und den spezifischen Besonderheiten Chinas am meisten entsprechende Organisationsform der national-demokratischen Revolution ist - so würde das bedeuten, die revolutionäre Bewegung zu desorganisieren, Wuhan zu schwächen, dessen Sturz zu er-leichtern und Tschang Tso-lin und Tschiang Kai-schek zu helfen.

Die Linie Trotzkis und Sinowjews. Die Überreste des Feudalismus in China sind ein Hirngespinst Bucharins. Entweder gibt es sie in China überhaupt nicht, oder sie sind so geringfügig, dass sie keinerlei ernsthafte Bedeutung haben können.

Eine Agrarrevolution soll es jetzt, wie man erfährt, in China geben. Wie es aber dazu gekommen ist, das weiß kein Teufel. (Heiterkeit.)

Da sie nun aber einmal im Gange ist, diese Agrarrevolution, so wird man sie natürlich auf die eine oder andere Weise unterstützen müssen.

Die Hauptsache ist aber jetzt nicht die Agrarrevolution, sondern die Revolution für die Zollautonomie Chinas, sozusagen die Antizollrevolution.

Die Wuhaner Kuomintang und die Wuhaner Regierung sind entweder eine „Fiktion“ (Trotzki) oder Kemalismus (Sinowjew).

Einerseits muss man durch sofortige Bildung von Sowjets eine Doppelherrschaft ins Leben rufen, um die Wuhaner Regierung zu stürzen (Trotzki). Anderseits muss man die Wuhaner Regierung stärken, muss man der Wuhaner Regierung tatkräftige und allseitige Unterstützung erweisen, und das ebenfalls, wie man erfährt, durch sofortige Bildung von Sowjets (Sinowjew).

Eigentlich müssten die Kommunisten sofort aus dieser „Fiktion“, aus der Wuhaner Regierung und aus der Wuhaner Kuomintang, austreten. Übrigens wäre es aber besser, wenn sie in dieser „Fiktion“, das heißt sowohl in der Wuhaner Regierung als auch in der Wuhaner Kuomintang, verblieben. Wozu sie aber in Wuhan verbleiben sollen, wenn Wuhan eine „Fiktion“ ist - das weiß offenbar nur Gott allein. Und wer damit nicht einverstanden ist, der ist ein Abtrünniger und ein Verräter.

Das ist die so genannte Linie Trotzkis und Sinowjews.

Man kann sich schwerlich etwas Ungereimteres und Konfuseres vorstellen als diese so genannte Linie.

Man gewinnt den Eindruck, dass wir es nicht mit Marxisten zu tun haben, sondern mit irgendwelchen lebensfremden Kanzleimenschen oder, besser gesagt, mit „revolutionären“ Touristen, die Suchum und Kislowodsk und ähnliche Orte bereist haben, das VII. erweiterte Plenum des Exekutivkomitees der Komintern, das eine grundsätzliche Stellungnahme zur chinesischen Revolution ausgearbeitet hat, verpasst und hinterher aus den Zeitungen erfahren haben, dass in China tatsächlich irgendeine Revolution - man weiß nicht recht, ist es eine Agrar- oder eine Antizollrevolution - ausgebrochen ist, und die nun beschlossen, man müsse einen ganzen Haufen Thesen zusammenstellen - im April die ersten Thesen, Anfang Mai die nächsten Thesen, Ende Mai wiederum andere Thesen -, und wenn man einen ganzen Haufen Thesen beisammen hat, damit das Exekutivkomitee der Komintern überschütten, offenbar in der Annahme, die Fülle konfuser und sich widersprechender Thesen sei das entscheidende Mittel für die Rettung der chinesischen Revolution.

Das, Genossen, sind die zwei Linien in Bezug auf die Fragen der chinesischen Revolution.

Sie werden zwischen diesen zwei Linien die Wahl zu treffen haben. Ich komme zum Schluss, Genossen.

Zuletzt möchte ich noch einige Worte über den politischen Sinn und die Bedeutung des fraktionellen Auftretens Trotzkis und Sinowjews im gegenwärtigen Augenblick sagen. Sie beschweren sich, dass man ihnen nicht genügend Freiheit lässt, das ZK der KPdSU(B) und das EKKI in beispielloser und ungehörigster Weise zu beschimpfen und zu schmähen. Sie beschweren sich über das „Regime“ in der Komintern und in der KPdSU(B). Im Grunde genommen wollen sie die Freiheit, die Komintern und die KPdSU(B) zu desorganisieren. Im Grunde genommen wollen sie die Gepflogenheiten von Maslow und Konsorten in die Komintern und in die KPdSU(B) verpflanzen.

Ich muss sagen, Genossen, dass Trotzki für seine Angriffe gegen die Partei und die Komintern den allerungeeignetsten Moment gewählt hat. Soeben habe ich die Nachricht erhalten, dass die englische konservative Regierung beschlossen hat, die Beziehungen zur UdSSR abzubrechen. Es bedarf keines Beweises, dass nunmehr ein allgemeiner Feldzug gegen die Kommunisten unternommen wird. Dieser Feldzug hat bereits begonnen. Die einen drohen der KPdSU(B) mit Krieg und Intervention. Die andern - mit Spaltung. Es bildet sich eine Art Einheitsfront von Chamberlain bis Trotzki.

Möglicherweise will man uns damit einschüchtern. Es bedarf aber wohl kaum des Beweises, dass die Bolschewiki nicht zu denen gehören, die sich einschüchtern lassen. Die Geschichte des Bolschewismus kennt nicht wenige solcher „Fronten“. Die Geschichte des Bolschewismus zeigt, dass solche „Fronten“ stets durch die revolutionäre Entschlossenheit und den beispiellosen Mut der Bolschewiki zerschlagen wurden.

Sie können überzeugt sein, dass wir es verstehen werden, auch diese neue „Front“ zu zerschlagen. (Beifall.)

 

„Bolschewik“ Nr. 10,
31. Mai 1927.

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

AN DIE STUDENTEN
DER KOMMUNISTISCHEN UNIVERSITÄT
DER WERKTÄTIGEN DES OSTENS

 

Werte Genossen!

Als ich vor zwei Jahren anlässlich des vierjährigen Bestehens der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens bei Ihnen sprach, behandelte ich die Aufgaben der Universität sowohl hinsichtlich der Sowjetrepubliken als auch hinsichtlich der unterdrückten Länder des Ostens.

 

Siehe J. W. Stalin, „Über die politischen Aufgaben der Universität der Völker des Ostens“, „Werke“, Bd. 7, S. 133-152 [deutsche Ausgabe S.115 bis 131].

 

 

Ihre Aufgaben erfüllend, entsendet die Universität jetzt neue Kader von Kämpfern in das Feuer des Kampfes, die Absolventen des vierten Lehrgangs der Universität, Vertreter von 74 Nationalitäten, Genossen, die mit der mächtigen Waffe des Leninismus ausgerüstet sind.

Die Genossen beginnen ihre Kampfesarbeit in einem der verantwortungsschwersten Augenblicke der Geschichte, in einem Augenblick, da der Weltimperialismus und vor allem der englische Imperialismus versucht, die chinesische Revolution an der Gurgel zu packen, und gleichzeitig den ersten proletarischen Staat der Welt, die Sowjetunion, herausfordert, in der Hoffnung, das unerschütterliche und mächtige Bollwerk der Proletarier aller Länder zu vernichten.

Ich grüße die Genossen Absolventen und gebe der festen Überzeugung Ausdruck, dass sie ihre Pflicht gegenüber dem Proletariat in Ehren erfüllen und alle ihre Kräfte und Kenntnisse für die Sache der Befreiung der Werktätigen des Ostens vom Joch des Imperialismus hergeben werden.

 

„Prawda“ Nr. 121,
31. Mai 1927.

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

NOTIZEN ÜBER GEGENWARTSTHEMEN

 

I
ÜBER DIE KRIEGSGEFAHR

Es lässt sich wohl kaum bezweifeln, dass die grundlegende Frage der Gegenwart die Frage der Gefahr eines neuen imperialistischen Krieges ist. Es handelt sich nicht um irgendeine unbestimmte, nicht greifbare „Gefahr“ eines neuen Krieges. Es handelt sich um die reale und wirkliche Gefahr eines neuen Krieges überhaupt, eines Krieges gegen die UdSSR im Besonderen.

Die im Ergebnis des letzten imperialistischen Krieges vorgenommene Neuaufteilung der Welt und der Einflusssphären ist bereits „veraltet“. Einige neue Länder sind in den Vordergrund getreten (Amerika, Japan). Einige alte Länder (England) treten in den Hintergrund. Das kapitalistische Deutschland, das, wie es schien, in Versailles bereits zu Grabe getragen worden war, lebt auf, entwickelt sich und gewinnt immer mehr an Kraft, Das bürgerliche Italien, das neiderfüllt auf Frankreich blickt, drängt empor.

Ein wütender Kampf um die Absatzmärkte, um Märkte für Kapital- ausfuhr, um die See- und Landwege zu diesen Märkten, um eine abermalige Neuaufteilung der Welt ist im Gange. Es wachsen die Gegensätze zwischen Amerika und England, zwischen Japan und Amerika, zwischen England und Frankreich, zwischen Italien und Frankreich.

Es wachsen die Gegensätze innerhalb der kapitalistischen Länder, die von Zeit zu Zeit in Form offener revolutionärer Aktionen des Proletariats (England, Österreich) zum Durchbruch kommen.

Es wachsen die Gegensätze zwischen der imperialistischen Welt und den abhängigen Ländern, die immer wieder in Form offener Konflikte und revolutionärer Explosionen (China, Indonesien, Nordafrika, Südamerika) zum Durchbruch kommen.

Aber das Anwachsen all dieser Gegensätze bedeutet, ungeachtet der Tatsache der Stabilisierung, eine Verstärkung der Krise des Weltkapitalismus, einer Krise, die unvergleichlich tiefer ist als die Krise vor dem letzten imperialistischen Kriege. Das Bestehen und Gedeihen der UdSSR, des Landes der proletarischen Diktatur, vertieft und verschärft diese Krise nur.

Kein Wunder, dass der Imperialismus zu einem neuen Krieg rüstet, da er in ihm den einzigen Weg zur Überwindung dieser Krise erblickt. Das beispiellose Anwachsen der Rüstungen, der allgemeine Kurs der bürgerlichen Regierungen auf faschistische „Regierungs“methoden, der Kreuzzug gegen die Kommunisten, die wüste Hetze gegen die UdSSR, die direkte Intervention in China - das alles sind verschiedene Seiten ein und derselben Erscheinung: der Vorbereitung zu einem neuen Krieg für eine abermalige Neuaufteilung der Welt.

Sie, die Imperialisten, wären schon längst einander in die Haare geraten, gäbe es nicht die kommunistischen Parteien, die einen entschiedenen Kampf gegen die imperialistischen Kriege führen, gäbe es nicht die UdSSR, deren Friedenspolitik den Anstiftern eines neuen Krieges im höchsten Maße hinderlich ist, fürchteten die Imperialisten nicht, einander zu schwächen und damit eine neue Durchbrechung der imperialistischen Front zu erleichtern.

Ich denke, dass der letzte Umstand, das heißt die Furcht, einander zu schwächen und damit eine neue Durchbrechung der imperialistischen Front zu erleichtern, einer der wichtigen Faktoren ist, der die Imperialisten zunächst davor zurückhält, einander in die Haare zu geraten.

Daher das „natürliche“ Bestreben gewisser Kreise der Imperialisten, die Gegensätze in ihrem eigenen Lager zurückzudrängen, sie zeitweilig zu verkleistern, eine Einheitsfront der Imperialisten zu schaffen und gegen die UdSSR zu Felde zu ziehen, um die sich vertiefende Krise des Kapitalismus wenigstens teilweise, wenigstens zeitweilig auf Kosten der UdSSR zu überwinden.

Die Tatsache, dass die englische Bourgeoisie und ihr Kampfstab, die Partei der Konservativen, die Initiative hierzu, die Initiative zur Schaffung einer Einheitsfront der Imperialisten gegen die UdSSR, ergriffen haben - diese Tatsache darf uns nicht überraschen. Der englische Kapitalismus war, ist und bleibt stets der schlimmste Würger der Volksrevolutionen. Angefangen von der großen französischen bürgerlichen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts bis zu der jetzt vor sich gehenden chinesischen Revolution, stand und steht die englische Bourgeoisie stets in den ersten Reihen der Unterdrücker der Befreiungsbewegung der Menschheit. Die Sowjetmenschen werden nie jene Gewalttaten, Raubzüge und militärischen Überfälle vergessen, denen unser Land durch die Schuld der englischen Kapitalisten vor einigen Jahren ausgesetzt war. Kann es da wundernehmen, wenn sich das englische Kapital und seine Konservative Partei aufs Neue anschicken, sich an die Spitze eines Krieges gegen den internationalen Hort der proletarischen Revolution, gegen die UdSSR, zu stellen?

Die englische Bourgeoisie führt aber nicht gern mit eigenen Händen Krieg. Sie hat es stets vorgezogen, andere für sich Krieg führen zu lassen. Und es ist ihr zuweilen wirklich gelungen, Dummköpfe zu finden, die bereit waren, für sie die Kastanien aus dem Feuer zu holen.

So war es während der großen französischen bürgerlichen Revolution, als es der englischen Bourgeoisie gelang, einen Bund der europäischen Staaten gegen das revolutionäre Frankreich zustande zu bringen.

So war es nach der Oktoberrevolution in der UdSSR, als die englische Bourgeoisie nach ihrem Überfall auf die UdSSR versuchte, einen „Bund der vierzehn Staaten“ zustande zu bringen, und als sie dessen ungeachtet aus dem Bereich der UdSSR hinausgeworfen wurde.

So ist es auch jetzt in China, wo die englische Bourgeoisie eine Einheitsfront gegen die chinesische Revolution zu schaffen versucht.

Es ist durchaus verständlich, dass die Partei der Konservativen, die zum Kriege gegen die UdSSR rüstet, nunmehr schon einige Jahre mit den Vorbereitungen für die Schaffung einer „Heiligen Allianz“ der großen und kleinen Staaten gegen die UdSSR beschäftigt ist.

Wenn diese Vorbereitungen der Konservativen früher, bis in die letzte Zeit hinein, mehr oder weniger versteckt betrieben wurden, so sind die Konservativen jetzt, in der letzten Zeit, zu „direkten Aktionen“ übergegangen, indem sie offen gegen die UdSSR Schläge führen und die berüchtigte „Heilige Allianz“ vor aller Augen zusammenzuzimmern versuchen.

Den ersten offenen Schlag führte die konservative Regierung Englands in Peking beim Überfall auf die Sowjetbotschaft. Dieser Überfall verfolgte zumindest zwei Ziele. Er sollte „grauenerregende“ Dokumente über die „Zerstörungs“arbeit der UdSSR zutage fördern, die eine Atmosphäre allgemeiner Entrüstung und den Boden für eine Einheitsfront gegen die UdSSR schaffen sollten. Er sollte ferner einen militärischen Konflikt mit der Pekinger Regierung herbeiführen und die UdSSR in einen Krieg mit China verwickeln.

Dieser Schlag ging bekanntlich fehl.

Der zweite offene Schlag erfolgte in London beim Überfall auf die Arcos und beim Abbruch der Beziehungen zur UdSSR. Dieser Schlag hatte den Zweck, eine Einheitsfront gegen die UdSSR zu schaffen, in ganz Europa eine diplomatische Blockade gegen die UdSSR zu verhängen und den serienweisen Abbruch der vertraglichen Beziehungen zur Sowjetunion zu provozieren.

Dieser Schlag ging bekanntlich ebenfalls fehl.

Der dritte offene Schlag erfolgte in Warschau durch Organisierung der Ermordung Wojkows. Der durch Agenten der Konservativen Partei organisierte Mord an Wojkow sollte nach dem Plan seiner Urheber die Rolle des Mordes von Sarajewo spielen und die UdSSR in einen militärischen Konflikt mit Polen verwickeln.

Dieser Schlag ging, so scheint es, ebenfalls fehl.

Woraus ist zu erklären, dass diese Schläge bisher nicht die Wirkung hatten, die sich die Konservativen von ihnen erhofften?

Aus den gegensätzlichen Interessen der verschiedenen bürgerlichen Staaten, von denen viele an der Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Beziehungen zur UdSSR interessiert sind.

Aus der Friedenspolitik der UdSSR, die fest und unerschütterlich von der Sowjetregierung durchgeführt wird.

Daraus, dass die von England abhängigen Staaten - ganz gleich, ob es sich um den Staat Tschang Tso-lins oder um den Staat Pilsudskis handelt -, nicht gewillt sind, zum Nachteil ihrer eigenen Interessen als willenloses Werkzeug der Konservativen zu dienen.

Die ehrbaren Lords wollen offenbar nicht begreifen, dass ein jeder Staat, und sei er noch so unbedeutend, geneigt ist, sich als eine gewisse Einheit zu betrachten, die darauf bedacht ist, ihr eigenes Leben zu führen, und die ihr Dasein nicht um der schönen Augen der Konservativen willen aufs Spiel setzen möchte. Die englischen Konservativen haben vergessen, alle diese Umstände in Rechnung zu stellen.

Bedeutet das, dass keine weiteren derartigen Schläge erfolgen werden? Nein, das bedeutet es nicht. Im Gegenteil, das bedeutet nur, dass die Schläge sich mit neuer Kraft wiederholen werden.

Diese Schläge darf man nicht als Zufall betrachten. Sie ergeben sich naturgemäß aus der gesamten internationalen Situation, aus der Stellung der englischen Bourgeoisie sowohl im „Mutterland“ als auch in den Kolonien, aus der Stellung der Konservativen Partei als Regierungspartei.

Die gesamte gegenwärtige internationale Situation, alle Tatsachen auf dem Gebiet der „Operationen“ der englischen Regierung gegen die UdSSR, sowohl die Tatsache, dass sie eine Finanzblockade gegen die UdSSR organisiert, als auch die Tatsache, dass sie mit den Großmächten Geheimbesprechungen über eine gegen die UdSSR gerichtete Politik führt, sowohl die Tatsache, dass sie die Emigranten,,regierungen“ der Ukraine, Georgiens, Aserbaidshans, Armeniens usw. zwecks Organisierung von Aufständen in diesen Ländern der UdSSR finanziell unterstützt, als auch die Tatsache, dass sie Spionage- und Terrorgruppen finanziert, die Brücken sprengen, Fabriken in Brand stecken und diplomatische Vertreter der UdSSR terrorisieren - all das zeugt zweifellos davon, dass die englische konservative Regierung fest und entschlossen den Weg der Organisierung eines Krieges gegen die UdSSR betreten hat. Hierbei darf man keinesfalls für ausgeschlossen halten, dass es den Konservativen unter bestimmten Bedingungen gelingen kann, diesen oder jenen Kriegsblock gegen die UdSSR zusammenzuzimmern.

Welches sind unsere Aufgaben?

Die Aufgabe besteht darin, in allen Ländern Europas wegen der Gefahr eines neuen Krieges Alarm zu schlagen, die Wachsamkeit der Arbeiter und Soldaten der kapitalistischen Länder zu erhöhen und die Massen darauf vorzubereiten, unablässig darauf vorzubereiten, allen und jeglichen Versuchen der bürgerlichen Regierungen zur Organisierung eines neuen Krieges wohl gerüstet, mit revolutionärem Kampf zu begegnen.

Die Aufgabe besteht darin, alle jene Führer der Arbeiterbewegung anzuprangern, die die Gefahr eines neuen Krieges „für ein Hirngespinst halten“, die die Arbeiter mit pazifistischen Lügen einlullen, die die Augen davor verschließen, dass die Bourgeoisie einen neuen Krieg vorbereitet, denn diese Leute wollen, dass der Krieg die Arbeiter überrasche.

Die Aufgabe besteht darin, dass die Sowjetregierung auch fernerhin fest und unerschütterlich eine Politik des Friedens, eine Politik der friedlichen Beziehungen betreibt, ungeachtet der provokatorischen Ausfälle unserer Feinde, ungeachtet der Nadelstiche gegen unser Prestige.

Die Provokateure aus dem feindlichen Lager wollen uns reizen und werden uns auch weiterhin reizen wollen, indem sie behaupten, dass sich unsere Friedenspolitik aus unserer Schwäche, aus der Schwäche unserer Armee erkläre. Dies bringt mitunter den einen oder anderen unserer Genossen auf, der sich leicht provozieren lässt und „entschiedene“ Maßnahmen fordert. Das ist Nervenschwäche. Das ist Mangel an Selbstbeherrschung. Wir können und dürfen nicht nach der Pfeife unserer Gegner tanzen. Wir müssen unseren eigenen Weg gehen, die Sache des Friedens verteidigen, unseren Friedenswillen demonstrieren, die räuberischen Absichten unserer Feinde entlarven und sie als Kriegstreiber an den Pranger stellen.

Denn nur eine solche Politik kann uns die Möglichkeit geben, die werktätigen Massen der UdSSR zu einem einzigen Kampflager zusammenzuschließen, wenn der Feind uns einen Krieg aufzwingt oder, richtiger gesagt, sobald der Feind uns einen Krieg aufzwingt.

Was unsere „Schwäche“ beziehungsweise die „Schwäche“ unserer Armee anbelangt, so ist es nicht das erste Mal, dass sich unsere Feinde in dieser Beziehung verrechnen. Vor etwa acht Jahren, als die englische Bourgeoisie eine Intervention gegen die UdSSR unternahm und Churchill mit einem Feldzug der „vierzehn Staaten“ drohte, da war die bürgerliche Presse ebenfalls voll Geschrei über die „Schwäche“ unserer Armee, doch weiß die ganze Welt, dass von unserer siegreichen Armee sowohl die englischen Interventen als auch ihre Verbündeten mit Schmach und Schande aus dem Lande gejagt wurden.

Es dürfte den Herren Brandstiftern eines neuen Krieges nicht schaden, dessen eingedenk zu sein.

Die Aufgabe besteht darin, die Wehrfähigkeit unseres Landes zu erhöhen, unsere Volkswirtschaft zu heben, unsere Industrie, die Kriegsindustrie wie auch die Friedensindustrie, zu verbessern, die Wachsamkeit der Arbeiter, Bauern und Rotarmisten unseres Landes zu erhöhen, indem man ihren Willen zur Verteidigung des sozialistischen Vaterlandes stählt und den Schlendrian ausmerzt, der leider bei weitem noch nicht ausgemerzt ist.

Die Aufgabe besteht darin, unser Hinterland zu festigen und von Unrat zu säubern, ohne uns zu scheuen, mit den „erlauchten“ Terroristen und Brandstiftern, die unsere Fabriken und Werke anstecken, kurzen Prozess zu machen, denn die Verteidigung unseres Landes ist ohne ein starkes revolutionäres Hinterland unmöglich.

Vor einiger Zeit erging an uns ein Protest bekannter Führer der englischen Arbeiterbewegung, Lansbury, Maxton und Brockway, anlässlich der Erschießung von zwanzig Terroristen und Brandstiftern aus den Reihen der russischen Fürsten und Adligen. Ich kann diese Führer der englischen Arbeiterbewegung nicht für Feinde der UdSSR halten. Aber sie sind schlimmer als Feinde.

Sie sind schlimmer als Feinde, da sie, die sich Freunde der UdSSR nennen, nichtsdestoweniger durch ihren Protest es den russischen Gutsbesitzern und englischen Spionen erleichtern, auch fernerhin die Ermordung von Vertretern der UdSSR zu organisieren.

Sie sind schlimmer als Feinde, da sie mit ihrem Protest die Sache dahin treiben, dass die Arbeiter der UdSSR ihren geschworenen Feinden gegenüber wehrlos dastünden.

Sie sind schlimmer als Feinde, da sie nicht begreifen wollen, dass die Erschießung der zwanzig „Erlauchten“ eine unerlässliche Maßnahme der Selbstverteidigung der Revolution ist.

Nicht umsonst heißt es: „Gott schütze uns vor solchen Freunden, mit unseren Feinden werden wir schon selber fertig.“

Was die Erschießung der zwanzig „Erlauchten“ betrifft, so mögen die Feinde der UdSSR, die inneren Feinde wie auch die äußeren Feinde, wissen, dass die proletarische Diktatur in der UdSSR voller Lebenskraft ist und eine feste Hand hat.

Was soll man nach all dem zu unserer unglückseligen Opposition sagen, die angesichts der Gefahr eines neuen Krieges neue Angriffe gegen die Partei unternimmt? Was soll man dazu sagen, dass diese selbe Opposition es für angebracht hielt, anlässlich der Kriegsgefahr ihre Angriffe gegen die Partei zu verstärken? Was kann Gutes daran sein, dass sie, anstatt sich gegen die äußere Gefahr um die Partei zusammenzuschließen, es für angebracht hält, die Schwierigkeiten in der Lage der UdSSR zu neuen Angriffen gegen die Partei auszunutzen? Ist die Opposition wirklich gegen den Sieg der UdSSR in den bevorstehenden Kämpfen gegen den Imperialismus, ist sie gegen die Erhöhung der Wehrfähigkeit der Sowjetunion, gegen die Festigung unseres Hinterlandes? Oder ist das vielleicht Feigheit gegenüber den neuen Schwierigkeiten, Desertion, der hinter einem Schwall linker Phrasen verborgene Wunsch, sich der Verantwortung zu entziehen?...

 

 

II
ÜBER CHINA

Jetzt, da die Revolution in China in eine neue Phase der Entwicklung getreten ist, können wir eine gewisse Bilanz des zurückgelegten Weges ziehen und die Frage der Überprüfung der Linie der Komintern in China untersuchen.

Es gibt bestimmte taktische Prinzipien des Leninismus, ohne deren Berücksichtigung weder die richtige Führung der Revolution noch die Überprüfung der Linie der Komintern in China möglich ist. Diese Prinzipien haben unsere Oppositionellen schon lange vergessen. Aber gerade deshalb, weil die Opposition an Vergesslichkeit leidet, muss man immer und immer wieder an diese Prinzipien erinnern.

Ich denke da an solche taktischen Prinzipien des Leninismus wie:

a) das Prinzip der unbedingten Berücksichtigung des national Besonderen und des national Spezifischen in jedem einzelnen Lande bei der Ausarbeitung der leitenden Weisungen der Komintern für die Arbeiterbewegung dieser Länder;

b) das Prinzip der unbedingten Ausnutzung der geringsten Möglichkeit durch die Kommunistische Partei eines jeden Landes, dem Proletariat einen Massenverbündeten zu sichern, und sei es auch ein zeitweiliger, schwankender, unsicherer, unzuverlässiger Verbündeter;

c) das Prinzip der unbedingten Berücksichtigung der Wahrheit, dass Propaganda und Agitation allein für die politische Erziehung der Millionenmassen nicht ausreichen, dass hierfür die eigene politische Erfahrung der Massen selbst notwendig ist.

Ich bin der Meinung, dass die Berücksichtigung dieser taktischen Prinzipien des Leninismus die unentbehrliche Voraussetzung ist, ohne die eine marxistische Überprüfung der Linie der Komintern in der chinesischen Revolution nicht möglich ist.

Betrachten wir die Fragen der chinesischen Revolution im Lichte dieser taktischen Prinzipien.

Ungeachtet des ideologischen Wachstums unserer Partei gibt es bei uns in der Partei bedauerlicherweise noch eine gewisse Sorte von „Führern“, die tatsächlich glauben, man könne die Revolution in China sozusagen auf telegraphischem Wege, auf Grund der bekannten, von allen anerkannten, allgemeinen Leitsätze der Komintern leiten, ohne die nationalen Besonderheiten der chinesischen Ökonomik, des politischen Systems in China, der chinesischen Kultur, der chinesischen Bräuche und Traditionen zu berücksichtigen. Diese „Führer“ unterscheiden sich ja gerade dadurch von wirklichen Führern, dass sie stets zwei, drei fertige Formeln in der Tasche haben, die für alle Länder „geeignet“ und unter allen Bedingungen „obligatorisch“ sind. Für sie existiert nicht die Frage, dass das national Besondere und das national Spezifische in jedem Lande berücksichtigt werden müssen. Für sie existiert nicht die Frage, dass die allgemeinen Leitsätze der Komintern mit den nationalen Besonderheiten der revolutionären Bewegung in jedem Lande in Einklang gebracht, dass die allgemeinen Leitsätze der Komintern den national-staatlichen Besonderheiten der einzelnen Länder angepasst werden müssen.

Sie begreifen nicht, dass die Hauptaufgabe der Führung jetzt, da die kommunistischen Parteien gewachsen und zu Massenparteien geworden sind, darin besteht, die besonderen, nationalen Züge der Bewegung in jedem Lande herauszufinden, zu erfassen und die allgemeinen Leitsätze der Komintern geschickt mit ihnen zu verbinden, um so die praktische Verwirklichung der Hauptziele der kommunistischen Bewegung zu er-leichtern und zu ermöglichen.

Daher die Versuche, die Führung für alle Länder zu schablonisieren. Daher die Versuche, bestimmte allgemeine Formeln mechanisch anzuwenden, ohne die konkreten Bedingungen der Bewegung in den einzelnen Ländern zu berücksichtigen. Daher die ewigen Konflikte zwischen Formeln und revolutionärer Bewegung in den einzelnen Ländern als Hauptresultat der Führungstätigkeit dieser jämmerlichen Führer.

Unsere Oppositionellen gehören zur Kategorie eben dieser jämmerlichen Führer.

Die Opposition hatte gehört, dass in China eine bürgerliche Revolution im Gange ist. Nun weiß sie, dass sich die bürgerliche Revolution in Rußland gegen die Bourgeoisie vollzogen hat. Daher die fertige Formel für China: Fort mit allen gemeinsamen Aktionen mit der Bourgeoisie, es lebe der sofortige Austritt der Kommunisten aus der Kuomintang (April 1926).

Die Opposition hat jedoch vergessen, dass China zum Unterschied von dem Rußland des Jahres 1905 ein halbkoloniales, vom Imperialismus unterdrücktes Land ist, dass die Revolution in China daher nicht einfach eine bürgerliche Revolution ist, sondern eine bürgerliche Revolution von antiimperialistischem Typus, dass der Imperialismus in China die Hauptfäden der Industrie, des Handels und des Verkehrswesens in der Hand hat, dass das Joch des Imperialismus nicht nur auf den werktätigen Massen Chinas, sondern auch auf bestimmten Schichten der chinesischen Bourgeoisie lastet, dass die chinesische Bourgeoisie infolgedessen unter bestimmten Bedingungen und für eine bestimmte Zeit die chinesische Revolution unterstützen kann.

In Wirklichkeit ist es bekanntlich auch so gekommen. Wenn wir die Kantoner Periode der chinesischen Revolution betrachten, die Periode, als die nationalen Truppen zum Jangtse vorrückten, die Periode vor der Spaltung der Kuomintang, so muss man zugeben, dass die chinesische Bourgeoisie die Revolution in China unterstützt hat, dass die von der Komintern vertretene Linie der Zulässigkeit gemeinsamer Aktionen mit dieser Bourgeoisie für eine bestimmte Zeit und unter bestimmten Bedingungen sich als völlig richtig erwiesen hat.

Das Ergebnis war, dass die Opposition von ihrer alten Formel abrückte und eine „neue“ Formel verkündete: Gemeinsame Aktionen mit der chinesischen Bourgeoisie sind notwendig, die Kommunisten dürfen nicht aus der Kuomintang austreten (April 1927).

Das war die erste Lektion, die der Opposition dafür erteilt wurde, dass sie die nationalen Besonderheiten der chinesischen Revolution nicht berücksichtigen will.

Die Opposition hatte gehört, dass sich die Pekinger Regierung wegen der Frage der Zollautonomie Chinas mit den Vertretern der imperialistischen Staaten herumstreitet. Die Opposition weiß, dass vor allem die chinesischen Kapitalisten die Zollautonomie brauchen. Daher die fertige Formel: Die chinesische Revolution ist eine nationale, antiimperialistische Revolution, weil ihr Hauptziel die Erringung der Zollautonomie Chinas ist.

Die Opposition hat aber vergessen, dass die Stärke des Imperialismus in China in der Hauptsache nicht in den Zollbeschränkungen für China liegt, sondern darin, dass er dort Fabriken, Werke, Bergwerke, Eisenbahnen, Dampfschiffe, Banken, Handelskontore besitzt, wo die Arbeiter und Bauern der viele Millionen zählenden Bevölkerung Chinas bis aufs Blut ausgesaugt werden.

Die Opposition hat vergessen, dass sich der revolutionäre Kampf des chinesischen Volkes gegen den Imperialismus vor allem und in der Hauptsache daraus erklärt, dass der Imperialismus in China die Kraft ist, die die direkten Ausbeuter des chinesischen Volkes - Feudalherren, Militaristen, Kapitalisten, Bürokraten usw. - unterstützt und inspiriert, dass die chinesischen Arbeiter und Bauern diese ihre Ausbeuter nicht niederringen können, ohne zugleich den revolutionären Kampf gegen den Imperialismus zu führen.

Die Opposition vergisst, dass gerade dieser Umstand einer der wichtigsten Faktoren ist, die das Hinüberwachsen der bürgerlichen Revolution in China in die sozialistische Revolution ermöglichen.

Die Opposition vergisst, dass derjenige, der erklärt, die chinesische antiimperialistische Revolution sei eine Revolution für die Zollautonomie, die Möglichkeit des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in China in die sozialistische Revolution leugnet, denn er liefert die chinesische Revolution der Führung der chinesischen Bourgeoisie aus.

Und wirklich, die Tatsachen haben dann gezeigt, dass die Zollautonomie im Grunde genommen die Plattform der chinesischen Bourgeoisie darstellt, denn selbst solche Erzreaktionäre wie Tschang Tso-lin und Tschiang Kai-schek sprechen sich jetzt für die Abschaffung der ungleichen Verträge und für die Herstellung der Zollautonomie in China aus.

Daher der Zwiespalt bei der Opposition, ihre Versuche, sich um die eigene Formel, die Formel der Zollautonomie, herumzudrücken, ihre Versuche, stillschweigend auf sie zu verzichten und sich der Position der Komintern anzuschließen, die besagt, dass das Hinüberwachsen der bürgerlichen Revolution in China in die sozialistische Revolution möglich ist.

Das ist die zweite Lektion, die der Opposition dafür erteilt wurde, dass sie die nationalen Besonderheiten der chinesischen Revolution nicht ernsthaft studieren will.

Die Opposition hatte gehört, dass die Kaufmannsbourgeoisie ins chinesische Dorf eingedrungen ist und den besitzlosen Bauern Boden in Pacht gibt. Die Opposition weiß, dass der Kaufmann kein Feudalherr ist. Daher die fertige Formel: Die Überreste des Feudalismus und folglich auch der Kampf der Bauernschaft gegen die Überreste des Feudalismus haben für die chinesische Revolution keine ernsthafte Bedeutung, die Hauptsache in China sei jetzt nicht die Agrarrevolution, sondern die Frage der staatlichen Zollabhängigkeit Chinas von den Ländern des Imperialismus.

Die Opposition sieht aber nicht, dass die Eigenart der chinesischen Ökonomik nicht im Eindringen des Kaufmannskapitals ins Dorf besteht, sondern in der Verflechtung der Herrschaft der feudalen Überreste mit dem Bestehen des Kaufmannskapitals im chinesischen Dorfe unter Beibehaltung der mittelalterlich-feudalen Methoden der Ausbeutung und Unterdrückung der Bauernschaft.

Die Opposition begreift nicht, dass die ganze gegenwärtige militärisch-bürokratische Maschine in China, die die chinesische Bauernschaft in unmenschlicher Weise ausplündert und unterdrückt, im Grunde genommen der politische Überbau über dieser Verflechtung der Herrscbaft der feudalen Überreste und der feudalen Ausbeutungsmethoden mit dem Bestehen des Kaufmannskapitals im Dorfe ist.

Und wirklich, die Tatsachen haben dann gezeigt, dass sich in China eine grandiose Agrarrevolution entfaltet hat, die vor allem und in der Hauptsache gegen die kleinen und großen Feudalherren Chinas gerichtet ist.

Die Tatsachen haben gezeigt, dass diese Revolution Dutzende Millionen von Bauern ergriffen hat und die Tendenz zeigt, sich über ganz China auszubreiten.

Die Tatsachen haben gezeigt, dass in China Feudalherren, wirkliche und lebendige Feudalherren, nicht nur existieren, sondern in einer ganzen Reihe von Provinzen die Macht in den Händen halten, den Kommandobestand der Armee ihrem Willen unterwerfen, die Leitung der Kuomintang unter ihren Einfluss bringen und der chinesischen Revolution einen Schlag nach dem andern versetzen.

Nach alledem das Vorhandensein feudaler Überreste und des feudalen Ausbeutungssystems als Hauptform der Unterdrückung im chinesischen Dorfe zu leugnen, in Abrede zu stellen, dass die Agrarrevolution das Grundfaktum der chinesischen revolutionären Bewegung im gegenwärtigen Augenblick ist - das hieße sich über offenkundige Tatsachen hinwegsetzen.

Daher rückt die Opposition in der Frage der feudalen Überreste und der Agrarrevolution von ihrer alten Formel ab. Daher versucht die Opposition, sich von ihrer alten Formel wegzustehlen und stillschweigend die Richtigkeit der Position der Kornintern anzuerkennen.

Das ist die dritte Lektion, die die Opposition dafür erhielt, dass sie die nationalen Besonderheiten der chinesischen Ökonomik nicht berücksichtigen will.

Und so weiter und so fort.

Der Widerstreit zwischen Formeln und Wirklichkeit - das ist das Schicksal der jämmerlichen Führer aus den Reihen der Opposition. Dieser Widerstreit aber ist das direkte Resultat des Bruchs der Opposition mit dem bekannten taktischen Prinzip des Leninismus, dem Prinzip der unbedingten Berücksichtigung des national Besonderen und des national Spezifischen in der revolutionären Bewegung jedes einzelnen Landes.

Lenin formuliert dieses Prinzip folgendermaßen:

„Alles kommt jetzt darauf an, dass die Kommunisten eines jeden Landes sowohl die grundlegenden prinzipiellen Aufgaben des Kampfes gegen den Opportunismus und den ,linken’ Doktrinarismus als auch die konkreten Besonderheiten ganz klar einschätzen, die dieser Kampf in jedem einzelnen Lande entsprechend der Eigenart seiner Ökonomik, Politik und Kultur, seiner nationalen Zusammensetzung (Irland usw.), seiner Kolonien, seiner religiösen Gliederung usw. usf. annimmt und unvermeidlich annehmen muss. Überall zeigt sich, verbreitet sich und wächst die Unzufriedenheit mit der II. Internationale sowohl wegen ihres Opportunismus als auch wegen ihrer Ohnmacht oder ihrer Unfähigkeit, eine wirklich zentralisierte, wirklich leitende Zentralstelle zu schaffen, die fähig wäre, die internationale Taktik des revolutionären Proletariats in seinem Kampf für die Weltsowjetrepublik zu leiten. Man muss sich klar Rechenschaft darüber geben, dass eine solche leitende Zentralstelle keinesfalls auf einer Schablonisieruug, einer mechanischen Gleichsetzung und Identifizierung der taktischen Kampfregeln aufgebaut werden kann. Solange nationale und staatliche Unterschiede zwischen den Völkern und Ländern bestehen - diese Unterschiede werden sich aber noch sehr, sehr lange sogar nach der Verwirklichung der Diktatur des Proletariats im Weltmaßstab erhalten -, erfordert die Einheitlichkeit der internationalen Taktik der kommunistischen Arbeiterbewegung aller Länder nicht die Beseitigung der Mannigfaltigkeit, nicht die Aufhebung der nationalen Unterschiede (das wäre im gegenwärtigen Augenblick eine sinnlose Phantasterei), sondern eine solche Anwendung der grundlegenden Prinzipien des Kommunismus (Sowjetmacht und Diktatur des Proletariats), bei der diese Prinzipien im einzelnen richtig modifiziert und den nationalen und nationalstaatlichen Verschiedenheiten richtig angepasst, auf sie richtig angewendet werden. Das national Besondere, das national Spezifische beim konkreten Herangehen jedes Landes an die Lösung der einheitlichen internationalen Aufgabe-Sieg über den Opportunismus und den linken Doktrinarismus innerhalb der Arbeiterbewegung, Sturz der Bourgeoisie, Errichtung der Sowjetrepublik und der proletarischen Diktatur - zu erforschen, zu studieren, herauszufinden, zu erraten und zu erfassen, - das ist die Hauptaufgabe des historischen Augenblicks, den alle fortgeschrittenen (und nicht allein die fortgeschrittenen) Länder gegenwärtig durchmachen.“ (Siehe „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“, 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 71/72 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S.735/736].)

Die Linie der Komintern ist die Linie der unbedingten Berücksichtigung dieses taktischen Prinzips des Leninismus.

Die Linie der Opposition dagegen ist die Linie des Bruchs mit diesem taktischen Prinzip.

In diesem Bruch liegt auch die Wurzel der Kalamitäten der Opposition in den Fragen des Charakters und der Perspektiven der chinesischen Revolution.

*

Kommen wir zum zweiten taktischen Prinzip des Leninismus.

Aus dem Charakter und den Perspektiven der chinesischen Revolution ergibt sich die Frage nach den Verbündeten des Proletariats in seinem Kampf um den Sieg der Revolution.

Die Frage nach den Verbündeten des Proletariats ist eine der grundlegenden Fragen der chinesischen Revolution. Dem chinesischen Proletariat stehen mächtige Gegner gegenüber: die kleinen und großen Feudalherren, die militärisch-bürokratische Maschine der alten und neuen Militaristen, die konterrevolutionäre nationale Bourgeoisie, die Imperialisten des Ostens und des Westens, die die wichtigsten Fäden des Wirtschaftslebens Chinas in den Händen halten und ihrem Recht auf Ausbeutung des chinesischen Volkes durch Truppen und Kriegsschiffe Nachdruck verleihen.

Um diese mächtigen Gegner zu schlagen, braucht das Proletariat neben allem anderen eine elastische und gut durchdachte Politik, muss es das Proletariat verstehen, jeden Riss im Lager der Gegner auszunützen, muss es verstehen, sich Verbündete zu suchen, mögen es auch schwankende, unsichere Verbündete sein, vorausgesetzt, dass sie Massenverbündete sind, dass sie die revolutionäre Propaganda und Agitation der Partei des Proletariats nicht hemmen, dass sie die Arbeit dieser Partei zur Organisierung der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen nicht hemmen.

Eine solche Politik ist die Grundforderung des zweiten taktischen Prinzips des Leninismus. Ohne eine solche Politik ist der Sieg des Proletariats unmöglich.

Die Opposition hält eine solche Politik für falsch, für nicht leninistisch. Das beweist aber nur, dass sie sich auch der letzten Reste des Leninismus entledigt hat, dass sie vom Leninismus himmelweit entfernt ist.

Hatte das chinesische Proletariat in jüngster Vergangenheit solche Verbündeten?

Ja, es hatte sie.

In der Periode der ersten Etappe der Revolution, als die Revolution eine Revolution der vereinigten gesamtnationalen Front war (Kantoner Periode), waren die Verbündeten des Proletariats die Bauernschaft, die städtische Armut, die kleinbürgerliche Intelligenz, die nationale Bourgeoisie.

Eine der Besonderheiten der chinesischen revolutionären Bewegung besteht darin, dass die Vertreter dieser Klassen mit den Kommunisten in einer bürgerlich-revolutionären Organisation, die Kuomintang heißt, zusammenarbeiteten.

Diese Verbündeten waren nicht in gleichem Maße zuverlässig und konnten es auch nicht sein. Die einen von ihnen waren mehr oder weniger zuverlässige Verbündete (die Bauernschaft, die städtische Armut), die anderen weniger zuverlässig, schwankend (die kleinbürgerliche Intelligenz), die dritten ganz und gar unzuverlässig (die nationale Bourgeoisie).

Die Kuomintang war damals unbestreitbar mehr oder weniger eine Massenorganisation. Die Politik der Kommunisten innerhalb der Kuomintang bestand darin, die Vertreter der nationalen Bourgeoisie (die Rechten) zu isolieren und sie im Interesse der Revolution auszunutzen, die kleinbürgerliche Intelligenz (die Linken) nach links zu drängen und die Bauernschaft und die städtische Armut um das Proletariat zusammenzuschließen.

War Kanton damals das Zentrum der revolutionären Bewegung in China? Ja, unbedingt. Das können heute höchstens Narren leugnen.

Welches waren die Errungenschaften der Kommunisten in dieser Periode? Die Erweiterung des Territoriums der Revolution, da die Kantoner Truppen bis zum Jangtse vorgestoßen waren; die Möglichkeit der offenen Organisierung des Proletariats (Gewerkschaften, Streikkomitees); die Formierung der kommunistischen Organisationen zu einer Partei; die Gründung der ersten Zellen von Bauernorganisationen (Bauernbünde); das Eindringen der Kommunisten in die Armee.

Es zeigt sich also, dass die Führung durch die Komintern in dieser Periode völlig richtig war.

In der Periode der zweiten Etappe der Revolution, als Tschiang Kai-schek und die nationale Bourgeoisie in das Lager der Konterrevolution übergingen und das Zentrum der revolutionären Bewegung sich von Kanton nach Wuhan verschob, waren die Verbündeten des Proletariats die Bauernschaft, die städtische Armut und die kleinbürgerliche Intelligenz.

Woraus ist der Übergang der nationalen Bourgeoisie in das Lager der Konterrevolution zu erklären? Erstens aus der Furcht der nationalen Bourgeoisie vor dem Schwung der revolutionären Bewegung der Arbeiter, zweitens aus dem Druck der Imperialisten in Schanghai auf die nationale Bourgeoisie.

Die nationale Bourgeoisie ging somit für die Revolution verloren. Das war ein teilweiser Verlust für die Revolution. Dafür aber trat die Revolution in eine höhere Phase ihrer Entwicklung, in die Phase der Agrarrevolution, und zog die breiten Massen der Bauernschaft näher zu sich heran. Das war ein Plus für die Revolution.

War die Kuomintang damals, in der Periode der zweiten Etappe der Revolution, eine Massenorganisation? Ja, unbedingt. Sie war unbestreitbar in stärkerem Maße eine Massenorganisation als die Kuomintang der Kantoner Periode.

War Wuhan damals das Zentrum der revolutionären Bewegung? Ja, unbedingt. Das können heute höchstens Blinde leugnen. Andernfalls wäre das Territorium von Wuhan (Hupe, Hunan) damals nicht die Basis der maximalen Entwicklung der von der Kommunistischen Partei geführten Agrarrevolution gewesen.

Die Politik der Kommunisten gegenüber der Kuomintang bestand damals darin, sie nach links zu drängen und sie in den Kern der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft umzuwandeln.

Bestand damals die Möglichkeit einer solchen Umwandlung? Ja, sie bestand. Jedenfalls lag keine Veranlassung vor, eine solche Möglichkeit für ausgeschlossen zu halten. Wir sagten damals direkt, dass zumindest zwei Voraussetzungen unerlässlich sind, um die Wuhaner Kuomintang in den Kern der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft umzuwandeln: die radikale Demokratisierung der Kuomintang und die direkte Unterstützung der Agrarrevolution durch die Kuomintang. Es wäre töricht von den Kommunisten, auf den Versuch einer solchen Umwandlung zu verzichten.

Welches waren die Errungenschaften der Kommunisten in dieser Periode?

Die Kommunistische Partei entwickelte sich in dieser Periode aus einer kleinen Partei mit 5000-6000 Mitgliedern zu einer großen Massenpartei mit 50000-60000 Mitgliedern.

Die Arbeitergewerkschaften entwickelten sich zu einer gewaltigen allchinesischen Vereinigung mit rund 3 Millionen Mitgliedern.

Die ursprünglichen Bauernorganisationen entwickelten sich zu gewaltigen Vereinigungen mit mehreren Dutzend Millionen Mitgliedern. Die Agrarbewegung der Bauernschaft nahm grandiose Ausmaße an und bildete den Mittelpunkt der chinesischen revolutionären Bewegung. Die Kommunistische Partei hat sich die Möglichkeit der offenen Organisierung der Revolution erkämpft. Die Kommunistische Partei wird zum Führer der Agrarrevolution. Die Hegemonie des Proletariats beginnt sich aus einem Wunsch in eine Tatsache zu verwandeln.

Zwar verstand es die chinesische Kommunistische Partei nicht, alle Möglichkeiten dieser Periode auszunutzen. Zwar beging das ZK der chinesischen Kommunistischen Partei in dieser Periode eine Reihe ernstester Fehler. Es wäre aber lächerlich zu glauben, dass die chinesische Kommunistische Partei sozusagen mit einem Schlage, auf Grund der Direktiven der Komintern zu einer wirklich bolschewistischen Partei werden könne. Man vergegenwärtige sich nur die Geschichte unserer Partei, die durch eine Reihe von Spaltungen, Abspaltungen, Verrätereien usw. hindurchging, und man wird begreifen, dass wirklich bolschewistische Parteien nicht mit einem Schlage entstehen.

Es zeigt sich also, dass die Führung durch die Komintern auch in dieser Periode völlig richtig war.

Hat das chinesische Proletariat heute Verbündete?

Ja, es hat Verbündete.

Diese Verbündeten sind die Bauernschaft und die städtische Armut.

Die gegenwärtige Periode ist gekennzeichnet durch den Übergang der Wuhaner Führung der Kuomintang in das Lager der Konterrevolution, durch die Abkehr der kleinbürgerlichen Intelligenz von der Revolution.

Diese Abkehr erklärt sich erstens aus der Furcht der kleinbürgerlichen Intelligenz vor der anschwellenden Agrarrevolution und aus dem Druck der Feudalherren auf die Wuhaner Führung, zweitens aus dem Druck der Imperialisten im Gebiet Tientsin, die von der Kuomintang als Preis für den freien Durchmarsch nach Norden den Bruch mit den Kommunisten fordern.

Die Opposition bezweifelt das Vorhandensein feudaler Überreste in China. Es ist aber jetzt jedem klar, dass feudale Überreste in China nicht nur existieren, sondern dass sie sich sogar als stärker erwiesen haben als der Ansturm der Revolution im gegenwärtigen Moment. Und gerade weil sich die Imperialisten und Feudalherren in China vorläufig als stärker erwiesen haben, hat die Revolution eine zeitweilige Niederlage erlitten.

Diesmal ging die kleinbürgerliche Intelligenz für die Revolution verloren.

Das eben ist ein Kennzeichen der zeitweiligen Niederlage der Revolution.

Dafür hat sie die breiten Massen der Bauernschaft und der städtischen Armut enger um das Proletariat zusammengeschlossen und damit den Boden für die proletarische Hegemonie geschaffen.

Das ist ein Plus für die Revolution.

Die Opposition will die zeitweilige Niederlage der Revolution aus der Politik der Komintern erklären. So kann aber nur sprechen, wer mit dem Marxismus gebrochen hat. Nur wer mit dem Marxismus gebrochen hat, kann verlangen, dass eine richtige Politik stets und unter allen Umständen unmittelbar zum Sieg über den Gegner führe.

War die Politik der Bolschewiki während der Revolution von 1905 richtig? Ja, sie war richtig. Warum erlitt dann die Revolution von 1905 eine Niederlage, obwohl Sowjets bestanden, obwohl die Politik der Bolschewiki richtig war? Weil sich die feudalen Überreste und die Selbstherrschaft damals als stärker erwiesen als die revolutionäre Bewegung der Arbeiter.

War die Politik der Bolschewiki im Juli 1917 richtig? Ja, sie war richtig. Warum erlitten dann die Bolschewiki eine Niederlage, obwohl wiederum Sowjets bestanden, von denen die Bolschewiki damals verraten wurden, obwohl die Politik der Bolschewiki richtig war? Weil sich der russische Imperialismus damals als stärker erwies als die revolutionäre Bewegung der Arbeiter.

Eine richtige Politik muss keineswegs stets und unter allen Umständen unmittelbar zum Sieg über den Gegner führen. Der unmittelbare Sieg über den Gegner wird nicht nur durch eine richtige Politik bestimmt, sondern außerdem, vor allem und hauptsächlich, durch das Verhältnis der Klassenkräfte, durch ein offensichtliches Übergewicht der Kräfte auf seiten der Revolution, durch Zerfall im Lager des Gegners, durch eine günstige internationale Situation.

Nur unter diesen Voraussetzungen kann eine richtige Politik des Proletariats unmittelbar zum Sieg führen.

Es gibt aber eine unerlässliche Forderung, der eine richtige Politik stets und unter allen Umständen entsprechen muss. Diese Forderung besteht darin, dass die Politik der Partei die Kampffähigkeit des Proletariats steigern, seine Verbindungen mit den werktätigen Massen erweitern, die Autorität des Proletariats unter diesen Massen erhöhen, das Proletariat zum Hegemon der Revolution machen muss.

Kann man behaupten, dass die abgelaufene Periode ein Maximum an günstigen Bedingungen für den unmittelbaren Sieg der Revolution in China aufwies? Natürlich kann man das nicht.

Kann man behaupten, dass die kommunistische Politik in China die Kampffähigkeit des Proletariats nicht gesteigert, seine Verbindungen mit den breiten Massen nicht erweitert und die Autorität des Proletariats unter diesen Massen nicht erhöht habe? Natürlich kann man das nicht.

Nur Blinde können nicht sehen, dass es dem chinesischen Proletariat in dieser Zeit gelungen ist, die breiten Massen der Bauernschaft sowohl von der nationalen Bourgeoisie als auch von der kleinbürgerlichen Intelligenz loszulösen, um diese Massen um sein Banner zusammenzuschließen.

In der ersten Etappe der Revolution ging die Kommunistische Partei einen Block mit der nationalen Bourgeoisie in Kanton ein, um das Territorium der Revolution zu erweitern, sich zu einer Massenpartei zu formieren, sich die Möglichkeit der offenen Organisierung des Proletariats zu schaffen und sich den Weg zur Bauernschaft zu bahnen.

In der zweiten Etappe der Revolution ging die Kommunistische Partei einen Block mit der kleinbürgerlichen Intelligenz der Wuhaner Kuomintang ein, um ihre Kräfte zu vermehren, die Organisation des Proletariats zu verbreitern, die breiten Massen der Bauernschaft von der Kuomintangführung loszulösen und die Voraussetzungen für die Hegemonie des Proletariats zu schaffen.

Die nationale Bourgeoisie ging in das Lager der Konterrevolution über und verlor die Verbindungen mit den breiten Volksmassen.

Der nationalen Bourgeoisie folgend, machte sich die kleinbürgerliche Intelligenz der Wuhaner Kuomintang, die vor der Agrarrevolution erschrak, davon und diskreditierte sich endgültig in den Augen der Millionenmassen der Bauernschaft.

Dafür schlossen sich die Millionenmassen der Bauernschaft enger um das Proletariat zusammen, in dem sie ihren einzigen zuverlässigen Führer und Leiter sehen.

Ist es nicht klar, dass nur eine richtige Politik zu solchen Ergebnissen führen konnte?

Ist es nicht klar, dass nur eine solche Politik die Kampffähigkeit des Proletariats steigern konnte?

Wer außer den jämmerlichen Führern aus den Reihen unserer Opposition kann leugnen, dass eine solche Politik richtig und revolutionär war?

Die Opposition behauptet, das Abschwenken der Wuhaner Kuomintangführung zur Konterrevolution beweise, dass die Politik des Blocks mit der Wuhaner Kuomintang in der zweiten Etappe der Revolution falsch war.

Aber so kann nur sprechen, wer die Geschichte des Bolschewismus vergessen und sich der letzten Reste des Leninismus entledigt hat.

War die bolschewistische Politik des revolutionären Blocks mit den linken Sozialrevolutionären im Oktober und nach dem Oktober, bis zum Frühjahr 1918, richtig? Ich glaube, es hat noch niemand gewagt, die Richtigkeit dieses Blocks zu bestreiten. Womit endete dieser Block? Mit dem Aufstand der linken Sozialrevolutionäre gegen die Sowjetmacht. Kann man deswegen behaupten, dass die Politik des Blocks mit den Sozialrevolutionären falsch war? Natürlich kann man das nicht.

War die Politik des revolutionären Blocks mit der Wuhaner Kuomintang in der zweiten Etappe der chinesischen Revolution richtig? Ich glaube, es hat noch niemand gewagt, die Richtigkeit eines solchen Blocks während der zweiten Etappe der Revolution zu bestreiten. Die Opposition selbst hat damals (im April 1927) behauptet, dass ein solcher Block richtig ist. Wie kann man jetzt, nach der Abkehr der Wuhaner Kuomintangführung von der Revolution, auf Grund dieser Abkehr behaupten, dass der revolutionäre Block mit der Wuhaner Kuomintang falsch war?

Ist es nicht klar, dass nur charakterlose Menschen mit solchen „Argumenten“ operieren können?

Hat denn irgendjemand behauptet, dass der Block mit der Wuhaner Kuomintang immer und ewig währen wird? Gibt es überhaupt auf der Welt immer und ewig währende Blocks? Ist es nicht klar, dass die Opposition von dem zweiten taktischen Prinzip des Leninismus, dem Prinzip des revolutionären Blocks des Proletariats mit den nichtproletarischen Klassen und Gruppen, nichts, aber auch gar nichts verstanden hat?

Lenin formuliert dieses taktische Prinzip folgendermaßen:

„Einen mächtigeren Gegner kann man nur unter größter Anspannung der Kräfte und nur dann besiegen, wenn man unbedingt aufs sorgfältigste, sorgsamste, vorsichtigste, geschickteste sowohl jeden, selbst den kleinsten ,Riss’ zwischen den Feinden, jeden Interessengegensatz zwischen der Bourgeoisie der verschiedenen Länder, zwischen den verschiedenen Gruppen oder Schichten der Bourgeoisie innerhalb der einzelnen Länder als auch jede, selbst die kleinste Möglichkeit ausnutzt, um einen Massenverbündeten zu gewinnen, mag das auch ein zeitweiliger, schwankender, unsicherer, unzuverlässiger, bedingter Verbündeter sein. Wer das nicht begriffen hat, der hat auch nicht einen Deut vom Marxismus und vom wissenschaftlichen, modernen, Sozialismus überhaupt begriffen. Wer nicht während einer recht beträchtlichen Zeitspanne und in recht verschiedenartigen politischen Situationen praktisch bewiesen hat, dass er es versteht, diese Wahrheit in der Tat anzuwenden, der hat es noch nicht gelernt, der revolutionären Klasse in ihrem Kampf um die Befreiung der gesamten werktätigen Menschheit von den Ausbeutern zu helfen. Und das Gesagte gilt in gleicher Weise für die Periode vor und nach der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat.“ (Siehe „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“, 4. Ausgabe, Bd. 31, S.52 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S.716].)

Ist es nicht klar, dass die Linie der Opposition eine Linie des Bruchs mit diesem taktischen Prinzip des Leninismus ist?

Ist es nicht klar, dass die Linie der Komintern im Gegensatz dazu die Linie der unbedingten Berücksichtigung dieses taktischen Prinzips ist?

*

Kommen wir zum dritten taktischen Prinzip des Leninismus.

Dieses taktische Prinzip betrifft die Frage des Wechsels der Losungen, der Wege und Methoden dieses Wechsels. Es betrifft die Frage, auf welche Weise die Losungen für die Partei in Losungen für die Massen verwandelt werden können, die Frage, wie und auf welche Weise die Massen an die revolutionären Positionen herangeführt werden können, damit die Massen sich selbst an Hand ihrer eigenen politischen Erfahrung von der Richtigkeit der Parteilosungen überzeugen.

Die Massen überzeugen kann man jedoch nicht durch Propaganda und Agitation allein. Dazu bedarf es der eigenen politischen Erfahrung der Massen selbst. Dazu ist notwendig, dass die breiten Massen selbst am eigenen Leibe die Unvermeidlichkeit, sagen wir, des Sturzes der bestehenden Gesellschaftsordnung, die Unvermeidlichkeit der Errichtung einer neuen politischen und sozialen Ordnung spüren.

Es ist gut, wenn sich die Vorhut, die Partei, von der Unvermeidlichkeit des Sturzes, sagen wir, der Provisorischen Regierung Miljukow-Kerenski im April 1917 bereits überzeugt hat. Aber das reicht noch nicht aus, um zum Sturz dieser Regierung aufzurufen, um die Losung des Sturzes der Provisorischen Regierung und der Errichtung der Sowjetmacht als Tageslosung aufzustellen. Um die Formel „Alle Macht den Sowjets“, die als Perspektive für die nächste Periode galt, in eine Tageslosung, in eine unmittelbare Aktionslosung zu verwandeln, dazu bedurfte es noch eines entscheidenden Umstands, nämlich, dass die Massen selbst sich von der Richtigkeit dieser Losung überzeugten und die Partei auf die eine oder andere Art bei ihrer Verwirklichung unterstützten.

Man muss streng unterscheiden zwischen einer Formel als Perspektive für die nächste Zukunft und einer Formel als Tageslosung. Gerade daran scheiterte im April 1917 die Gruppe der Bolschewiki in Petrograd mit Bagdatjew an der Spitze, als sie vorzeitig die Losung aufstellte „Nieder mit der Provisorischen Regierung, alle Macht den Sowjets“. Lenin qualifizierte damals diesen Versuch der Gruppe Bagdatjews als gefährliches Abenteurertum und brandmarkte ihn öffentlich [69].

Warum?

Weil die breiten Massen der Werktätigen im Hinterland und an der Front noch nicht bereit waren, sich diese Losung zu Eigen zu machen. Weil diese Gruppe die Formel „Alle Macht den Sowjets“ als Perspektive mit der Losung „Alle Macht den Sowjets“ als Tageslosung durcheinander brachte. Weil sie vorauseilte und damit die Partei der Gefahr der völligen Isolierung von den breiten Massen, von den Sowjets aussetzte, die damals noch an den revolutionären Charakter der Provisorischen Regierung glaubten.

Durften die chinesischen Kommunisten, sagen wir, vor einem halben Jahr die Losung „Nieder mit der Kuomintangführung in Wuhan“ aufstellen? Nein, das durften sie nicht.

Sie durften es nicht, weil das ein gefährliches Vorauseilen gewesen wäre, weil es den Kommunisten den Zugang zu den breiten Massen der Werktätigen, die noch an die Kuomintangführung glaubten, erschwert, weil es die Kommunistische Partei von den breiten Bauernmassen isoliert hätte.

Sie durften es nicht, weil die Wuhaner Kuomintangführung, das Wuhaner ZK der Kuomintang als bürgerlich-revolutionäre Regierung ihre Möglichkeiten noch nicht erschöpft, sich in den Augen der breiten Massen der Werktätigen noch nicht durch ihren Kampf gegen die Agrarrevolution, durch ihren Kampf gegen die Arbeiterklasse, durch ihr Abschwenken zur Konterrevolution kompromittiert und diskreditiert hatte.

Wir haben stets gesagt, dass man nicht auf die Diskreditierung und Ablösung der Wuhaner Kuomintangführung Kurs nehmen darf, solange sie als bürgerlich-revolutionäre Regierung ihre Möglichkeiten noch nicht erschöpft hat, dass man sie zuerst ihre Möglichkeiten erschöpfen lassen muss, um dann die Frage ihrer Ablösung praktisch zu stellen.

Sollen die chinesischen Kommunisten jetzt die Losung „Nieder mit der Kuomintangführung in Wuhan“ aufstellen? Ja, sie sollen es, unbedingt sollen sie es.

Jetzt, da sich die Kuomintangführung durch ihren Kampf gegen die Revolution bereits kompromittiert und sich die Feindschaft der breiten Arbeiter- und Bauernmassen zugezogen hat, wird diese Losung einen machtvollen Widerhall bei den Volksmassen finden.

Jetzt wird jeder Arbeiter und jeder Bauer begreifen, dass die Kommunisten richtig gehandelt haben, als sie aus der Wuhaner Regierung und dem Wuhaner ZK der Kuomintang austraten und die Losung „Nieder mit der Kuomintangführung in Wuhan“ aufstellten.

Denn jetzt stehen die Bauern- und Arbeitermassen vor der Wahl: entweder die jetzige Kuomintangführung, und damit Verzicht auf die Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse dieser Massen, Verzicht auf die Agrarrevolution; oder Agrarrevolution und radikale Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse, und dann wird die Ablösung der Kuomintangführung in Wuhan zur Tageslosung für die Massen.

Das sind die Erfordernisse des dritten taktischen Prinzips des Leninismus, das die Frage des Wechsels der Losungen, die Frage der Methoden und Wege zur Heranführung der breiten Massen an die neuen revolutionären Positionen betrifft, die Frage, wie wir durch unsere Politik, durch unsere Aktionen, durch die rechtzeitige Ersetzung der einen Losung durch andere Losungen den breiten Massen der Werktätigen helfen müssen, die Richtigkeit der Linie der Partei an Hand ihrer eigenen Erfahrung zu erkennen.

Lenin formuliert dieses taktische Prinzip folgendermaßen:

„Mit der Avantgarde allein kann man nicht siegen. Die Avantgarde allein in den entscheidenden Kampf werfen, solange die ganze Klasse, solange die breiten Massen nicht eine Position eingenommen haben, wo sie die Avantgarde entweder direkt unterstützen oder wenigstens wohlwollende Neutralität ihr gegenüber üben und eine völlige Unfähigkeit, ihren Gegner zu unterstützen, an den Tag gelegt haben, wäre nicht nur eine Dummheit, sondern auch ein Verbrechen. Damit aber wirklich die ganze Klasse, damit wirklich die breiten Massen der Werktätigen und vom Kapital Unterdrückten zu dieser Position gelangen, dazu ist Propaganda allein, Agitation allein zuwenig. Dazu bedarf es der eigenen politischen Erfahrung dieser Massen. Das ist das grundlegende Gesetz aller großen Revolutionen, das sich jetzt mit überraschender Kraft und Anschaulichkeit nicht nur in Rußland, sondern auch in Deutschland bestätigt hat. Nicht nur die auf niedriger Kulturstufe stehenden, oft des Lesens und Schreibens unkundigen Massen Rußlands, sondern auch die auf hoher Kulturstufe stehenden, durchweg des Lesens und Schreibens kundigen Massen Deutschlands mussten am eigenen Leibe die ganze Ohnmacht, die ganze Charakterlosigkeit, die ganze Hilflosigkeit, die ganze Liebedienerei gegenüber der Bourgeoisie, die ganze Gemeinheit der Regierung der Ritter der II. Internationale, die ganze Unvermeidlichkeit der Diktatur der äußersten Reaktionäre (Kornilow in Rußland, Kapp und Konsorten in Deutschland) erfahren als einzige Alternative gegenüber der Diktatur des Proletariats, um sich entschieden dem Kommunismus zuzuwenden. Die nächste Aufgabe der klassenbewussten Vorhut der internationalen Arbeiterbewegung, d. h. der kommunistischen Parteien, Gruppen, Strömungen, besteht darin, es zu verstehen, die breiten (jetzt meistenteils noch schlummernden, apathischen, in althergebrachten Vorstellungen befangenen, trägen, noch nicht erweckten) Massen an diese ihre neue Position heranzuführen oder, richtiger gesagt, es zu verstehen, nickt nur die eigene Partei, sondern auch diese Massen zu leiten, während sie sich der neuen Position nähern, diese Position beziehen.“ (Siehe „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“, 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 73 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. 11, S. 737])

Der Hauptfehler der Opposition besteht darin, dass sie Sinn und Bedeutung dieses taktischen Prinzips des Leninismus nicht begreift, dass sie es nicht anerkennt, dass sie es systematisch verletzt.

Die Opposition (die Trotzkisten) verletzte dieses taktische Prinzip Anfang 1917, als sie versuchte, die noch unvollendete Agrarbewegung zu „überspringen“ (siehe Lenin).

Die Opposition (Trotzki-Sinowjew) verletzte es, als sie versuchte, den reaktionären Charakter der Gewerkschaften zu „überspringen“, als sie die Zweckmäßigkeit der Arbeit der Kommunisten in den reaktionären Gewerkschaften nicht anerkannte und die Notwendigkeit zeitweiliger Blocks mit ihnen leugnete.

Die Opposition (Trotzki-Sinowjew-Radek) verletzte es, als sie versuchte, die nationalen Besonderheiten der chinesischen revolutionären Bewegung (Kuomintang), die Rückständigkeit der chinesischen Volksmassen zu „überspringen“, als sie im April 1926 den sofortigen Austritt der Kommunisten aus der Kuomintang forderte und im April 1927 die Losung der sofortigen Organisierung von Sowjets in einer Situation aufstellte, in der die Kuomintangphase der Entwicklung noch nicht abgeschlossen, noch nicht überholt war.

Die Opposition glaubt, dass es vollauf genüge, wenn sie die Halbheit, das Schwanken, die Unzuverlässigkeit der Kuomintangführung begriffen und erkannt, wenn sie den zeitweiligen und bedingten Charakter des Blocks mit der Kuomintang erkannt hat (und dies zu erkennen dürfte einem qualifizierten politischen Funktionär nicht schwer fallen) - sie glaubt, dass dies vollauf genüge, um mit „entschiedenen Aktionen“ gegen die Kuomintang, gegen die Macht der Kuomintang zu beginnen, dass dies vollauf genüge, damit die Massen, die breiten Massen der Arbeiter und Bauern „uns“ und „unsere“ „entschiedenen Aktionen“ „sofort“ unterstützen.

Die Opposition vergisst, dass, wenn „wir“ das erkennen, dies bei weitem noch nicht genügt, damit die chinesischen Kommunisten die Massen für sich gewinnen. Die Opposition vergisst, dass dazu außerdem erforderlich ist, dass die Massen selbst an Hand ihrer eigenen Erfahrung die Unzuverlässigkeit, den reaktionären und konterrevolutionären Charakter der Kuomintangführung erkennen.

Die Opposition vergisst, dass die Revolution nicht nur von der Vorhut, nicht nur von der Partei, nicht nur von einzelnen, wenn auch „hohen“, „Persönlichkeiten“ „gemacht“ wird, sondern vor allem und hauptsächlich von den Millionenmassen des Volkes.

Es ist merkwürdig, dass die Opposition den Zustand, das Bewusstsein der Millionenmassen des Volkes, ihre Bereitschaft zu entschiedenen Aktionen außer acht lässt.

Wussten wir, die Partei, Lenin, im April 1917, dass man die Provisorische Regierung Miljukow-Kerenski wird stürzen müssen, dass das Bestehen der Provisorischen Regierung unvereinbar ist mit der Tätigkeit der Sowjets, dass die Macht in die Hände der Sowjets übergehen muss? Ja, wir wussten es.

Warum brandmarkte Lenin dann im April 1917 die bekannte Gruppe der Petrograder Bolschewiki mit Bagdatjew an der Spitze als Abenteurer, als diese Gruppe die Losung aufstellte: „Nieder mit der Provisorischen Regierung, alle Macht den Sowjets!“ und als sie versuchte, die Provisorische Regierung zu stürzen?

Weil breite Massen der Werktätigen, ein gewisser Teil der Arbeiter, Millionen Bauern, breite Massen der Armee und schließlich auch die Sowjets selbst noch nicht bereit waren, sich diese Losung als Tageslosung zu eigen zu machen.

Weil die Provisorische Regierung und die kleinbürgerlichen Parteien, die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki, noch nicht abgewirtschaftet, sich in den Augen der Millionenmassen der Werktätigen noch nicht genügend diskreditiert hatten.

Weil Lenin wusste, dass zum Sturz der Provisorischen Regierung und zur Errichtung der Sowjetmacht die Erkenntnis, das Bewusstsein der Vorhut des Proletariats, der Partei des Proletariats, nicht genügt, dazu ist außerdem notwendig, dass sich die Massen selbst an Hand ihrer eigenen Erfahrung von der Richtigkeit einer solchen Linie überzeugen.

Weil die Millionenmassen der Werktätigen das ganze Koalitionsbacchanal, den Verrat der kleinbürgerlichen Parteien im Juni, Juli und August 1917 erleben mussten, weil sie die schmähliche Offensive an der Front im Juni 1917, die „ehrenwerte“ Koalition der kleinbürgerlichen Parteien mit den Kornilow und Miljukow, den Kornilowaufstand usw. erleben mussten, um sich von der Unvermeidlichkeit des Sturzes der Provisorischen Regierung und der Errichtung der Sowjetmacht zu überzeugen.

Weil nur unter diesen Voraussetzungen die Losung Sowjetmacht als Perspektive in die Losung Sowjetmacht als Tageslosung umgewandelt werden konnte.

Es ist das Pech der Opposition, dass sie auf Schritt und Tritt denselben Fehler begeht, den seinerzeit die Gruppe Bagdatjew beging, dass sie den Weg Lenins verlässt und es vorzieht, in den Bahnen Bagdatjews zu „wandeln“.

Wussten wir, die Partei, Lenin, dass die Konstituierende Versammlung mit dem System der Sowjetmacht unvereinbar ist, als wir uns an den Wahlen zur Konstituierenden Versammlung beteiligten und als wir sie nach Petrograd einberiefen? Ja, wir wussten es.

Wozu beriefen wir sie dann ein? Wie konnte es geschehen, dass die Bolschewiki als Feinde des bürgerlichen Parlamentarismus sich nach Errichtung der Sowjetmacht nicht nur an den Wahlen beteiligten, sondern die Konstituierende Versammlung auch selbst einberiefen? War das nicht „Nachtrabpolitik“, ein Zurückbleiben hinter den Ereignissen, ein „Zurückhalten der Massen“, eine Durchbrechung der Taktik „auf lange Sicht“? Natürlich nicht.

Die Bolschewiki entschlossen sich zu diesem Schritt, um es den rückständigen Volksmassen zu erleichtern, sich mit eigenen Augen von der Untauglichkeit der Konstituierenden Versammlung, von ihrem reaktionären und konterrevolutionären Charakter zu überzeugen. Nur so konnte man die Millionenmassen der Bauern gewinnen und sich die Auseinanderjagung der Konstituierenden Versammlung erleichtern.

Lenin schreibt darüber folgendes:

„Wir haben uns im September-November 1917 an den Wahlen zum bürgerlichen Parlament Rußlands, zur Konstituierenden Versammlung, beteiligt. War unsere Taktik richtig oder nicht?... Hatten wir russischen Bolschewiki im September-November 1917 nicht mehr als jeder beliebige Kommunist im Westen das Recht, anzunehmen, dass der Parlamentarismus in Rußland sich politisch überlebt habe? Natürlich hatten wir es, denn es kommt ja nicht darauf an, ob die bürgerlichen Parlamente lange oder kurze Zeit bestehen, sondern darauf, wieweit die breiten Massen der Werktätigen (ideologisch, politisch, praktisch) dazu bereit sind, die Sowjetordnung anzuerkennen und das bürgerlich-demokratische Parlament auseinanderzujagen (oder seine Auseinanderjagung zuzulassen). Dass in Rußland im September-November 1917 die Arbeiterklasse der Städte, die Soldaten und die Bauern infolge einer Reihe von besonderen Umständen für die Anerkennung der Sowjetordnung und die Auseinanderjagung selbst des demokratischsten bürgerlichen Parlaments außerordentlich gut vorbereitet waren, das ist eine ganz unbestreitbare und durchaus feststehende historische Tatsache. Und trotzdem haben die Bolschewiki die Konstituierende Versammlung nicht boykottiert, sondern haben sich sowohl vor als auch nach der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat an den Wahlen beteiligt...

Daraus ergibt sich eine ganz unbestreitbare Schlussfolgerung: Es ist bewiesen, dass sogar einige Wochen vor dem Siege der Sowjetrepublik, ja sogar nach diesem Siege die Beteiligung am bürgerlich-demokratischen Parlament dem revolutionären Proletariat nicht nur nicht schadet, sondern es ihm erleichtert, den rückständigen Massen zu beweisen, weshalb solche Parlamente es verdienen, auseinandergejagt zu werden, es ihm erleichtert, sie mit Erfolg auseinanderzujagen, und dazu beiträgt, dass der bürgerliche Parlamentarismus sich ,politisch überlebt’.“ (Siehe „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“, 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 41/42 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. 1I, S. 705/706].)

So wandten die Bolschewiki in der Praxis das dritte taktische Prinzip des Leninismus an.

So muss man die Taktik des Bolschewismus in China anwenden, ganz

gleich, ob es sich um die Agrarrevolution, um die Kuomintang oder um die Losung der Sowjets handelt.

Die Opposition neigt anscheinend zu der Ansicht, dass die Revolution in China schon völlig zusammengebrochen sei. Das trifft natürlich nicht zu. Dass die Revolution in China eine zeitweilige Niederlage erlitten hat, darüber kann kein Zweifel bestehen. Die Frage ist jetzt nur, was das für eine Niederlage ist und wie schwer sie ist.

Es ist möglich, dass es sich um eine Niederlage von annähernd der gleichen Dauer handelt wie 1905 in Rußland, als die Revolution für ganze zwölf Jahre eine Unterbrechung erfuhr, um dann, im Februar 1917, mit neuer Wucht auszubrechen, die Selbstherrschaft hinwegzufegen und der neuen, der Sowjetrevolution die Bahn frei zu machen.

Diese Perspektive darf man nicht für ausgeschlossen halten. Das ist noch lange keine vollständige Niederlage der Revolution, ebensowenig wie man die Niederlage von 1905 als endgültige Niederlage ansehen konnte. Das ist keine vollständige Niederlage, weil die Grundaufgaben der chinesischen Revolution in der gegenwärtigen Phase der Entwicklung - Agrarrevolution, revolutionäre Vereinigung Chinas, Befreiung vom Joch des Imperialismus - noch der Lösung harren. Und falls diese Perspektive Wirklichkeit würde, könnte von einer sofortigen Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten in China natürlich keine Rede sein, denn Sowjets entstehen und gedeihen nur in einer Situation des revolutionären Aufschwungs.

Aber man kann diese Perspektive wohl kaum für wahrscheinlich halten. Jedenfalls liegt vorläufig keine Veranlassung vor, sie für wahrscheinlich zu halten. Es liegt hierzu keine Veranlassung vor, da sich die Konterrevolution noch nicht geeinigt hat und sich nicht so bald einigen wird, wenn es ihr überhaupt beschieden ist, sich jemals zu einigen.

Denn der Krieg, den die alten und die neuen Militaristen gegeneinander führen, entbrennt mit neuer Kraft. Er muss die Kraft der Konterrevolution zwangsläufig schwächen und gleichzeitig die Bauernschaft ruinieren und erbittern.

Denn es gibt in China noch keine Gruppe beziehungsweise Regierung, die sich zu einer Art Stolypinscher Reform entschließen könnte, welche als Blitzableiter für die herrschenden Gruppen dienen könnte.

Denn es wird nicht leicht sein, die Millionen Bauern, die an den Grund und Boden der Gutsbesitzer schon Hand angelegt haben, zu zügeln und zu Boden zu werfen.

Denn die Autorität, die das Proletariat in den Augen der werktätigen Massen hat, wächst von Tag zu Tag, und seine Kräfte sind noch bei weitem nicht zerschlagen.

Möglich, dass die Niederlage der chinesischen Revolution, was den Grad der Niederlage betrifft, mit der Niederlage vergleichbar ist, die die Bolschewiki im Juli 1917 erlitten, als sie von den menschewistisch-sozialrevolutionären Sowjets verraten wurden und gezwungen waren, in die Illegalität zu gehen, und als dann einige Monate später die Revolution von neuem in die Straßen flutete, um die imperialistische Regierung Rußlands hinwegzuspülen.

Die Analogie ist hier natürlich bedingt. Ich lasse sie nur mit all den Vorbehalten gelten, die gemacht werden müssen, wenn man sich die Verschiedenartigkeit der Situation im heutigen China und im Rußland des Jahres 1917 vergegenwärtigt. Ich greife nur deshalb zu einer solchen Analogie, um den Grad der Niederlage der chinesischen Revolution annähernd zu umreißen.

Ich glaube, dass diese Perspektive wahrscheinlicher ist. Und wenn sie, diese Perspektive, Wirklichkeit wird, wenn in nächster Zeit - nicht unbedingt in zwei Monaten, aber in einem halben Jahr, in einem Jahr - ein neuer Aufschwung der Revolution Tatsache wird, dann kann die Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten, als Gegengewicht gegen die bürgerliche Regierung, als Tageslosung akut werden.

Warum?

Weil unter den Bedingungen eines neuen Aufschwungs der Revolution in dieser Phase ihrer Entwicklung die Frage der Bildung von Sowjets völlig herangereift sein wird.

Gestern, vor einigen Monaten durften die Kommunisten in China die Losung der Bildung von Sowjets nicht aufstellen, denn das wäre Abenteurertum gewesen, wie es für unsere Opposition charakteristisch ist, da die Kuomintangführung sich noch nicht als Gegner der Revolution diskreditiert hatte.

Jetzt dagegen kann die Losung der Bildung von Sowjets zu einer wirklich revolutionären Losung werden, wenn (wenn!) in nächster Zeit ein neuer und machtvoller revolutionärer Aufschwung einsetzt.

Daher muss man schon jetzt, noch vor Beginn dieses Aufschwungs, neben dem Kampf für die Ablösung der jetzigen Kuomintangführung durch eine revolutionäre Führung unter den breiten Massen der Werk-tätigen eine umfassende Propaganda für die Idee der Sowjets entfalten, ohne vorauszueilen und ohne schon jetzt Sowjets zu bilden, eingedenk dessen, dass die Sowjets nur unter den Bedingungen eines machtvollen revolutionären Aufschwungs gedeihen können.

Die Opposition könnte sagen, sie habe das „als erste“ gesagt, dies sei gerade das, was sie Taktik „auf lange Sicht“ nennt.

Falsch, meine Verehrtesten. Völlig falsch! Das ist nicht eine Taktik „auf lange Sicht“, sondern eine Taktik des Umherirrens, eine Taktik des ständigen Zu-weit-Schießens und Zu-kurz-Schießens.

Als die Opposition im April 1926 den sofortigen Austritt der Kommunisten aus der Kuomintang forderte, war das eine Taktik des Zu-weit-Schießens, denn die Opposition musste später selbst zugeben, dass die Kommunisten in der Kuomintang bleiben müssen.

Als die Opposition die chinesische Revolution zu einer Revolution für die Zollautonomie erklärte, war das eine Taktik des Zu-kurz-Schießens, denn die Opposition musste sich später von ihrer eigenen Formel wegstehlen.

Als die Opposition im April 1927 erklärte, man übertreibe die Bedeutung der feudalen Überreste in China, und dabei das Vorhandensein einer die Massen umfassenden Agrarbewegung vergaß, war das eine Taktik des Zu-kurz-Schießens, denn die Opposition musste später selbst stillschweigend ihren Fehler anerkennen.

Als die Opposition im April 1927 die Losung der sofortigen Bildung von Sowjets aufstellte, war das eine Taktik des Zu-weit-Schießens, denn die Oppositionellen mussten dann selbst die Widersprüche in ihrem Lager zugeben, wo der eine (Trotzki) verlangte, auf den Sturz der Wuhaner Regierung Kurs zu nehmen, während der andere (Sinowjew) die „allseitige Unterstützung“ der gleichen Wuhaner Regierung forderte.

Seit wann nennen wir aber die Taktik des Umherirrens, die Taktik des ständigen Zu-weit-Schießens und Zu-kurz-Schießens Taktik „auf lange Sicht“?

Was die Sowjets betrifft, so muss gesagt werden, dass die Komintern lange vor der Opposition in ihren Dokumenten von Sowjets in China als Perspektive gesprochen hat. Was die Sowjets als Tageslosung betrifft, wie sie die Opposition im Frühjahr dieses Jahres als Gegengewicht gegen die revolutionäre Kuomintang aufstellte (die Kuomintang war damals revolutionär, sonst hätte Sinowjew wohl nicht mit solchem Stimmaufwand eine „allseitige Unterstützung“ der Kuomintang gefordert), so war das ein Abenteuer, ein auf Effekt berechnetes Vorauseilen, ein ebensolches Abenteuer und ein ebensolches Vorauseilen wie bei Bagdatjew im April 1917.

Daraus, dass die Losung der Sowjets in China in nächster Zukunft zur Tageslosung werden kann, folgt noch lange nicht, dass die Aufstellung der Losung der Sowjets durch die Opposition im Trübjahr dieses Jahres kein gefährliches und schädliches Abenteuer war.

Ebenso wie daraus, dass Lenin im September 1917 die Losung „Alle Macht den Sowjets“ für notwendig und zeitgemäß hielt (der bekannte Beschluss des ZK über den Aufstand) [70], noch lange nicht folgt, dass die Aufstellung dieser Losung durch Bagdatjew im April 1917 kein schädliches und gefährliches Abenteuer war.

Bagdatjew hätte im September 1917 auch sagen können, er habe „als erster“ schon im April 1917 von der Macht der Sowjets gesprochen. Bedeutet das aber, dass Bagdatjew recht hatte und Lenin im Unrecht war, als er Bagdatjews Auftreten im April 1917 als Abenteurertum qualifizierte?

Anscheinend lassen die „Lorbeeren“ Bagdatjews unsere Opposition nicht schlafen.

Die Opposition begreift nicht, dass es gar nicht darum geht, etwas „als erster“ auszusprechen, wenn man damit vorauseilt und der Sache der Revolution Schaden zufügt, sondern darum, es zur rechten Zeit zu sagen, es so zu sagen, dass es von den Massen aufgegriffen und in die Tat umgesetzt wird.

Das sind die Tatsachen.

Die Abkehr der Opposition von der Leninschen Taktik, die Politik des „ultralinken“ Abenteurertums - das ist die Bilanz.

 

„Prawda“ Nr. 169,
28. Juli 1927.
Unterschrift: J. Stalin.

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

VEREINIGTES PLENUM DES ZK UND DER ZKK
DER KPdSU(B)

 

Das vereinigte Plenum des ZK und der ZKK der KPdSU(B) tagte vom 29. Juli bis zum 9. August 1927. Das Plenum behandelte die Fragen: über die internationale Lage, über die wirtschaftlichen Direktiven für das Jahr 1927/28, über die Arbeit der ZKK - Arbeiter- und Bauerninspektion, über den XV. Parteitag, über die Verletzung der Parteidisziplin durch Sinowjew und Trotzki. In der Sitzung des Plenums am 1. August hielt J. W. Stalin die Rede „Die internationale Lage und die Verteidigung der UdSSR“. Am 2. August wählte das Plenum J. W. Stalin zum Mitglied der Kommission für die Ausarbeitung einer Resolution über die internationale Lage. Nachdem das Plenum die Verstärkung der Gefahr eines neuen kriegerischen Überfalls auf die Sowjetunion festgestellt hatte, verurteilte es die defätistische Position des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks und stellte die Aufgabe, die Wehrkraft der Sowjetunion mit allen Mitteln zu festigen. Das Plenum gab die wirtschaftlichen Direktiven für das Jahr 1927/28 und konstatierte den völligen Bankrott der Kapitulantenlinie der Opposition auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik. In dem Beschluss über die Arbeit der ZKK - Arbeiter- und Bauerninspektion umriss das Plenum das Programm zur weiteren Verbesserung der Arbeit des Staatsapparats. Bei der Erörterung des Berichts von G. K. Ordshonikidse über die Verletzung der Parteidisziplin durch Sinowjew und Trotzki hielt J. W. Stalin in der Sitzung des Plenums am 5. August eine Rede. Am 6. August wählte das Plenum J. W. Stalin in die Kommission für die Ausarbeitung eines Resolutionsentwurfs zum Bericht G. K. Ordshonikidses. Das Plenum entlarvte die verbrecherische Tätigkeit der Führer des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks und stellte die Frage des Ausschlusses Trotzkis und Sinowjews aus dem ZK der KPdSU(B). Erst danach überreichten die Führer der Opposition dein Plenum am 8. August eine „Erklärung“, in der sie doppelzünglerisch ihr Verhalten verurteilten und die Fraktionstätigkeit abschworen. In der Sitzung des Plenums am 9. August ergriff J. W. Stalin anlässlich der „Erklärung“ der Opposition das Wort. Das Plenum erteilte Trotzki und Sinowjew eine strenge Rüge mit Verwarnung, verpflichtete die Führer des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks, die Fraktion sofort aufzulösen und rief alle Organisationen und alle Mitglieder der Partei auf, die Einheit und die eiserne Disziplin in der Partei zu verteidigen. (Die Resolutionen des Plenums des ZK und der ZKK der KPdSU(B), siehe in „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK“, Teil II, 1941, S. 170-194, russ.)

 

DIE INTERNATIONALE LAGE
UND DIE VERTEIDIGUNG DER UdSSR

 

 

 

 

II
Über China

Gehen wir zur Chinafrage über.

Ich werde nicht weiter auf die Fehler der Opposition in der Frage des Charakters und der Perspektiven der chinesischen Revolution eingehen. Und zwar deshalb nicht, weil darüber ausführlich genug und überzeugend genug gesprochen wurde und es hier keiner Wiederholung bedarf. Ich werde auch nicht darauf eingehen, dass die chinesische Revolution in ihrem jetzigen Stadium angeblich eine Revolution für die Zollautonomie sein soll (Trotzki). Es lohnt sich auch nicht, darauf einzugehen, dass in China angeblich keine feudalen Überreste existieren und dass sie, falls sie doch existieren, keinerlei ernsthafte Bedeutung haben, so dass die Agrarrevolution in China völlig unbegreiflich wird (Trotzki und Radek). Über diese und ähnliche Fehler der Opposition in der chinesischen Frage sind Sie sicherlich bereits durch unsere Parteipresse unterrichtet.

Wenden wir uns der Frage zu, welches die Hauptausgangspunkte des Leninismus bei der Entscheidung der Fragen der Revolution in den kolonialen und abhängigen Ländern sind.

Worin besteht der Ausgangspunkt der Komintern und der kommunistischen Parteien überhaupt beim Herangehen an die Fragen der revolutionären Bewegung in den kolonialen und abhängigen Ländern?

Er besteht in der strengen Unterscheidung zwischen der Revolution in den imperialistischen Ländern, in Ländern, die andere Völker unterdrücken, und der Revolution in den kolonialen und abhängigen Ländern, in Ländern, auf denen das imperialistische Joch anderer Staaten lastet. Die Revolution in den imperialistischen Ländern, das ist eine Sache - dort ist die Bourgeoisie die Unterdrückerin anderer Völker, dort ist sie in allen Stadien der Revolution konterrevolutionär, dort fehlt das nationale Moment als Moment des Befreiungskampfes. Etwas anderes ist die Revolution in den kolonialen und abhängigen Ländern - hier ist die Unterjochung durch den Imperialismus anderer Staaten einer der Faktoren der Revolution, hier ist dieses Joch, wie es nicht anders sein kann, auch für die nationale Bourgeoisie fühlbar, hier kann die nationale Bourgeoisie in einem bestimmten Stadium und für eine bestimmte Zeit die revolutionäre Bewegung ihres Landes gegen den Imperialismus unterstützen, hier ist das nationale Moment als Moment des Befreiungskampfes ein Faktor der Revolution.

Diese Unterscheidung nicht machen, diesen Unterschied nicht begreifen, die Revolution in den imperialistischen Ländern der Revolution in den Kolonialländern gleichsetzen heißt den Weg des Marxismus, den

Weg des Leninismus verlassen, den Weg der Anhänger der II. Internationale beschreiten.

Folgendes führte Lenin darüber in seinem Referat über die nationale und koloniale Frage auf dem II. Kongress der Komintern aus:

„Was ist der wichtigste, der grundlegende Gedanke unserer Thesen? Die Unterscheidung zwischen unterdrückten und unterdrückenden Völkern. Wir heben diesen Unterschied hervor - im Gegensatz zur II. Internationale und zur bürgerlichen Demokratie.“ (4. Ausgabe, Bd. 31, S. 215, russ.)

Der Grundfehler der Opposition besteht darin, dass sie diesen Unterschied zwischen der Revolution des einen Typus und der Revolution des anderen Typus nicht begreift und nicht anerkennt.

Der Grundfehler der Opposition besteht darin, dass sie die Revolution von 1905 in Rußland, in einem imperialistischen Land, das andere Völker unterdrückte, der Revolution in China gleichsetzt, der Revolution in einem unterdrückten, halbkolonialen Land, das gezwungen ist, gegen das imperialistische Joch anderer Staaten zu kämpfen.

Bei uns in Rußland, im Jahre 1905, vollzog sich die Revolution gegen die Bourgeoisie, gegen die liberale Bourgeoisie, obwohl es eine bürgerlich-demokratische Revolution war. Warum? Weil die liberale Bourgeoisie eines imperialistischen Landes nicht anders als konterrevolutionär sein kann. Eben deshalb war damals bei den Bolschewiki keine Rede von zeitweiligen Blocks und Abkommen mit der liberalen Bourgeoisie und konnte auch keine Rede davon sein. Davon ausgehend, behauptet die Opposition, dieselbe Linie müsse in China in allen Stadien der revolutionären Bewegung verfolgt werden, zeitweilige Abkommen und Blocks mit der nationalen Bourgeoisie seien in China niemals und unter keinen Umständen zulässig. Die Opposition vergisst aber, dass so nur Leute reden können, die den Unterschied zwischen einer Revolution in unterdrückten Ländern und einer Revolution in Unterdrückerländern nicht begreifen und nicht anerkennen, dass so nur Leute reden können, die mit dem Leninismus brechen und zu den Anhängern der II. Internationale hinabsinken.

Über die Zulässigkeit zeitweiliger Abkommen und Blocks mit der bürgerlichen Befreiungsbewegung in den kolonialen Ländern führt Lenin folgendes aus:

„Die Kommunistische Internationale muss ein zeitweiliges Bündnis mit der bürgerlichen Demokratie der Kolonien und der rückständigen Länder eingehen, darf sich aber nicht mit ihr verschmelzen, sondern muss unbedingt die Selbständigkeit der proletarischen Bewegung - sogar in ihrer Keimform - wahren“ (4. Ausgabe, Bd. 31, S. 127 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 775]) ... „wir als Kommunisten müssen und werden die bürgerlichen Befreiungsbewegungen in den kolonialen Ländern nur dann unterstützen, wenn diese Bewegungen wirklich revolutionär sind, wenn ihre Vertreter uns nicht hindern, die Bauernschaft und die breiten Massen der Ausgebeuteten in revolutionärem Geist zu erziehen und zu organisieren“ (4. Ausgabe, Bd. 31, S. 217, russ.).

Wie konnte es „passieren“, dass Lenin, der mit äußerster Schärfe gegen Abkommen mit der Bourgeoisie in Rußland auftrat, solche Abkommen und Blocks in China für zulässig hält? Vielleicht hat sich Lenin geirrt? Vielleicht hat er eine Wendung von der revolutionären Taktik zur opportunistischen Taktik vollzogen? Natürlich nicht! Das ist deshalb „passiert“, weil Lenin sich des Unterschieds zwischen der Revolution in einem unterdrückten Land und der Revolution in einem Unterdrückerland bewusst war. Das ist deshalb „passiert“, weil Lenin sich dessen bewusst war, dass in den kolonialen und abhängigen Ländern die nationale Bourgeoisie in einem bestimmten Stadium ihrer Entwicklung die revolutionäre Bewegung ihres Landes gegen das Joch des Imperialismus unterstützen kann. Die Opposition will das nicht begreifen, und zwar will sie es deshalb nicht begreifen, weil sie mit der revolutionären Taktik Lenins bricht, weil sie mit der revolutionären Taktik des Leninismus bricht.

Haben Sie beachtet, wie die Führer der Opposition in ihren Reden diese Weisungen Lenins geflissentlich umgingen, wie sie sich scheuten, sie zu berühren? Weshalb umgehen sie denn diese jedermann bekannten taktischen Weisungen Lenins für die kolonialen und abhängigen Länder? Weshalb fürchten sie diese Weisungen? Weil sie die Wahrheit fürchten. Weil die taktischen Weisungen Lenins die gesamte ideologisch-politische Konzeption des Trotzkismus in den Fragen der chinesischen Revolution über den Haufen werfen.

Über die Etappen der chinesischen Revolution. Die Opposition hat sich dermaßen verrannt, dass sie jetzt überhaupt leugnet, dass es in der Entwicklung der chinesischen Revolution irgendwelche Etappen gibt. Aber gibt es denn eine Revolution ohne bestimmte Etappen ihrer Entwicklung? Hatte unsere Revolution etwa nicht ihre Entwicklungsetappen? Nehmen Sie Lenins Aprilthesen,

 

W.I. Lenin, „Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution“ (siehe „Werke“, 4. Ausgabe, Bd. 24, S.1-7 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S.7-11]).

 

und Sie werden sehen, dass Lenin zwei Etappen in unserer Revolution unterschied: Die erste Etappe war die bürgerlich-demokratische Revolution mit der Agrarbewegung als ihrer Hauptachse; die zweite Etappe war die Oktoberrevolution mit der Machtergreifung durch das Proletariat als ihrer Hauptachse.

Welches sind die Etappen der chinesischen Revolution? Es gibt meiner Meinung nach drei:

Die erste Etappe ist die Revolution der vereinigten gesamtnationalen Front, die Kantoner Periode, als die Revolution ihren Stoß vorwiegend gegen den ausländischen Imperialismus richtete und als die nationale Bourgeoisie die revolutionäre Bewegung unterstützte;

die zweite Etappe ist die bürgerlich-demokratische Revolution, nachdem die nationalen Truppen bis zum Jangtse vorgestoßen waren, als die nationale Bourgeoisie sich von der Revolution abwandte und die Agrarbewegung sich zu einer mächtigen Revolution von Dutzenden von Millionen Bauern entwickelte (gegenwärtig steht die chinesische Revolution in der zweiten Etappe ihrer Entwicklung);

die dritte Etappe ist die Sowjetrevolution, die noch nicht eingetreten ist, aber eintreten wird.

Wer nicht begriffen hat, dass es keine Revolution ohne bestimmte Entwicklungsetappen gibt, wer nicht begriffen hat, dass die chinesische Revolution drei Etappen in ihrer Entwicklung zu durchlaufen hat, der hat weder vom Marxismus noch von der chinesischen Frage etwas begriffen.

Welches ist das charakteristische Merkmal der ersten Etappe der chinesischen Revolution?

Das charakteristische Merkmal der ersten Etappe der chinesischen Revolution ist erstens, dass sie eine Revolution der vereinigten gesamtnationalen Front war, und zweitens, dass sie hauptsächlich gegen das äußere imperialistische Joch gerichtet war (Hongkonger Streikund dgl.).

 

Der Hongkonger Streik der chinesischen Arbeiter, der am 19. Juni 1925 begann, dauerte 16 Monate. Der Streik trug politischen Charakter und war gegen das Joch des ausländischen Imperialismus gerichtet.

 

War Kanton damals das Zentrum, das Aufmarschgebiet der revolutionären Bewegung in China? Zweifellos. Das können jetzt höchstens noch Blinde leugnen.

Ist es richtig, dass die erste Etappe einer kolonialen Revolution eben diesen Charakter tragen muss? Ich glaube, es ist richtig. In den „Ergänzungsthesen“ des II. Kongresses der Komintern, die von der Revolution in China und Indien handeln, heißt es direkt, dass in diesen Ländern „die Fremdherrschaft die freie Entwicklung des sozialen Lebens dauernd hemmt“, dass „deshalb der erste Schritt der Revolution in den Kolonien der Sturz des ausländischen Kapitalismus sein muss“. (Siehe stenographischen Bericht des II. Kongresses der Komintern, S. 605.)

Charakteristisch für die chinesische Revolution ist die Tatsache, dass sie diesen „ersten Schritt“ getan, die erste Etappe ihrer Entwicklung, die Periode der Revolution der vereinigten gesamtnationalen Front, zurückgelegt hat und in die zweite Etappe ihrer Entwicklung, in die Periode der Agrarrevolution, eingetreten ist.

Charakteristisch beispielsweise für die türkische Revolution (Kemalisten) ist umgekehrt die Tatsache, dass sie bei dem „ersten Schritt“, in der ersten Etappe ihrer Entwicklung, in der Etappe der bürgerlichen Befreiungsbewegung, stecken geblieben ist, ohne auch nur zu versuchen, zur zweiten Etappe ihrer Entwicklung, zur Etappe der Agrarrevolution, überzugehen.

Was stellten die Kuomintang

 

Kuomintang - politische Partei in China, im Jahre 1912 von Sun Yat-sen zum Kampf für die Republik und die nationale Unabhängigkeit des Landes gegründet. Der Eintritt der Kommunistischen Partei Chinas in die Kuomintang (1924) trug zur Verwandlung der Kuomintang in eine revolutionäre Massenpartei des Volkes bei. In der ersten Entwicklungsetappe der chinesischen Revolution von 1925 bis 1927, als die Revolution eine antiimperialistische Revolution der vereinigten gesamtnationalen Front war, war die Kuomintang eine Partei des Blocks des Proletariats, der Kleinbourgeoisie in Stadt und Land sowie eines Teils der nationalen Großbourgeoisie. In der zweiten Etappe, in der Periode der Agrarrevolution, der bürgerlich-demokratischen Revolution, nachdem die nationale Bourgeoisie ins Lager der Konterrevolution übergegangen war, stellte die Kuomintang einen Block des Proletariats, der Bauernschaft und der städtischen Kleinbourgeoisie dar und führte eine antiimperialistische revolutionäre Politik durch. Die Entfaltung der Agrarrevolution und der Druck der Feudalherren auf die Kuomintang einerseits und anderseits der Druck der Imperialisten, die von der Kuomintang den Bruch mit den Kommunisten forderten, erschreckten die kleinbürgerliche Intelligenz (die Linken in der Kuomintang), die sich der Konterrevolution zuwandte. Als die linken Kuomintangleute von der Revolution abzuschwenken begannen (Sommer 1927), traten die Kommunisten aus der Kuomintang aus, die Kuomintang aber verwandelte sich in ein Zentrum des Kampfes gegen die Revolution. (Über die Kuomintang siehe J. W. Stalin, „Werke“, Bd. 9, S. 242-251, 340-348 [deutsche Ausgabe S. 209-217, 293-301].)

 

und ihre Regierung in der ersten Etappe der Revolution, in der Kantoner Periode, dar? Sie stellten damals einen Block der Arbeiter, der Bauern, der bürgerlichen Intelligenz und der nationalen Bourgeoisie dar. War Kanton damals das Zentrum der revolutionären Bewegung, das Aufmarschgebiet der Revolution? War damals die Politik der Unterstützung der Kantoner Kuomintang als einer Regierung des Befreiungskampfes gegen den Imperialismus richtig? Hatten wir Recht, wenn wir Kanton in China und, sagen wir, Angora in der Türkei unterstützten, als Kanton und Angora den Kampf gegen den Imperialismus führten? Ja, wir hatten Recht. Wir hatten Recht, und wir handelten damals im Sinne Lenins, denn der Kampf Kantons und Angoras zersplitterte die Kräfte des Imperialismus, schwächte den Imperialismus, untergrub sein Ansehen und erleichterte dadurch die Entwicklung des Herdes der Weltrevolution, die Entwicklung der UdSSR. Stimmt es, dass die jetzigen Führer unserer Opposition damals gemeinsam mit uns sowohl Kanton als auch Angora unterstützt, ihnen einen gewissen Beistand erwiesen haben? Ja, das stimmt. Möge jemand versuchen, das zu widerlegen.

Wie ist aber die Einheitsfront mit der nationalen Bourgeoisie in der ersten Etappe der kolonialen Revolution aufzufassen? Bedeutet das, dass die Kommunisten den Kampf der Arbeiter und Bauern gegen die Gutsherren und die nationale Bourgeoisie nicht verschärfen dürfen, dass das Proletariat, und sei es auch nur im geringsten Maße, sei es auch nur für einen Augenblick, seine Selbständigkeit opfern soll? Nein, das bedeutet es nicht. Die Einheitsfront kann nur in dem Fall und nur unter der Bedingung revolutionäre Bedeutung haben, wenn sie die Kommunistische Partei nicht daran hindert, ihre selbständige politische und organisatorische Arbeit zu leisten, das Proletariat zu einer selbständigen politischen Kraft zu organisieren, die Bauernschaft gegen die Gutsherren zu mobilisieren, offen die Revolution der Arbeiter und Bauern zu organisieren und so die Vorbedingungen für die Hegemonie des Proletariats zu schaffen. Mir scheint, der Referent hat auf Grund der allen bekannten Dokumente den vollen Beweis erbracht, dass die Komintern die chinesische Kommunistische Partei eben diese Auffassung von der Einheitsfront gelehrt hat.

Kamenew und Sinowjew haben sich hier auf ein einziges Telegramm nach Schanghai vom Oktober 1926 berufen, in dem es heißt, dass man vorläufig, bis zur Einnahme Schanghais, die Agrarbewegung nicht verschärfen solle. Es liegt mir fern, dieses Telegramm als richtig zu bezeichnen. Ich habe die Komintern niemals für unfehlbar gehalten und tue das auch jetzt nicht. Einzelne Fehler kommen vor, und dieses Telegramm ist zweifellos ein Fehler. Aber erstens wurde dieses Telegramm wenige Wochen später (im November 1926) von der Komintern selbst widerrufen, ohne dass die Opposition irgendwelche Einwände erhoben oder ein Signal gegeben hätte. Zweitens, warum hat die Opposition bis jetzt darüber geschwiegen, warum fällt ihr dieses Telegramm erst nach neun Monaten ein, und warum verheimlicht sie der Partei, dass dieses Telegramm von der Komintern vor neun Monaten widerrufen worden ist? Deshalb wäre es eine böswillige Verleumdung, wollte man die Meinung vertreten, dieses Telegramm habe die Linie unserer Führung bestimmt. In Wirklichkeit war das ein einzelnes, episodisches Telegramm, das für die Linie der Komintern, für die Linie unserer Führung absolut nicht charakteristisch ist. Das ist, wie gesagt, schon daraus ersichtlich, dass es wenige Wochen später durch eine Reihe von Dokumenten widerrufen wurde, die die Linie festlegten und für unsere Führung unbedingt charakteristisch sind.

Gestatten Sie mir, mich auf diese Dokumente zu berufen.

Da ist zum Beispiel ein Auszug aus der Resolution des VII. Plenums der Komintern, das im November 1926 stattfand, das heißt einen Monat nach dem oben erwähnten Telegramm:

„Die spezifische Besonderheit der gegenwärtigen Lage ist ihr Übergangscharakter: Das Proletariat muss wählen zwischen der Perspektive eines Blocks mit erheblichen Schichten der Bourgeoisie und der Perspektive einer weiteren Festigung seines Bündnisses mit der Bauernschaft. ‘Wenn das Proletariat kein radikales Agrarprogramm aufstellt, wird es die Bauernschaft nicht in den revolutionären Kampf hineinziehen können und wird die Hegemonie in der nationalen Befreiungsbewegung verlieren.“

Und weiter:

„Die Kantoner Volksregierung wird in der Revolution die Macht nicht behaupten können, wird den vollen Sieg über den fremdländischen Imperialismus und über die einheimische Reaktion nicht erringen können, solange die Sache der nationalen Befreiung nicht mit der Agrarrevolution gleichgesetzt wird.“ (Siehe Resolution des VII. erweiterten Plenums des EKKI.)

Hier haben Sie ein Dokument, das tatsächlich die Linie der Kominternführung bestimmt.

Es ist höchst seltsam, dass die Führer der Opposition dieses allen bekannte Dokument der Komintern übergehen.

Ich denke, es wird nicht unbescheiden sein, wenn ich auf die Rede verweise, die ich in der chinesischen Kommission der Komintern im November des gleichen Jahres 1926 gehalten habe, von der, natürlich nicht ohne meine Teilnahme, die Resolution des VII. erweiterten Plenums zur chinesischen Frage ausgearbeitet wurde. Diese Rede erschien dann als Einzelbroschüre unter dem Titel „Über die Perspektiven der Revolution in China“. Hier einige Stellen aus dieser Rede:

„Ich weiß, dass es unter den Kuomintangleuten und selbst unter den chinesischen Kommunisten Leute gibt, die eine Entfaltung der Revolution im Dorfe nicht für möglich halten, da sie befürchten, dass die Hereinziehung der Bauernschaft in die Revolution die antiimperialistische Einheitsfront untergraben werde. Das ist ein gewaltiger Irrtum, Genossen. Die antiimperialistische Front in China wird umso stärker und mächtiger sein, je schneller und gründlicher die chinesische Bauernschaft in die Revolution hineingezogen wird.“

Und weiter:

„Ich weiß, dass es unter den chinesischen Kommunisten Genossen gibt, die die Streiks der Arbeiter für die Verbesserung ihrer materiellen und rechtlichen Lage als unerwünscht ansehen und den Arbeitern abraten, in den Streik zu treten. (Zuruf: „Das war in Kanton und Schanghai der Fall.“) Das ist ein großer Fehler, Genossen. Das ist eine schwerwiegende Unterschätzung der Rolle und des spezifischen Gewichts des Proletariats in China. Das muss in den Thesen als unbedingt negative Erscheinung festgehalten werden. Es wäre ein großer Fehler, wenn die chinesischen Kommunisten die gegenwärtige günstige Situation nicht dazu benutzen würden, um den Arbeitern zu helfen, ihre materielle und rechtliche Lage zu verbessern, und sei es auch durch Streiks. Wozu haben wir denn eine Revolution in China?“ (Siehe Stalin, „Über die Perspektiven der Revolution in China“.)

 

Siehe J. W. Stalin, „Werke“, Bd. 8, S. 368, 372 [deutsche Ausgabe S. 329, 332].

 

 

Und hier ein drittes Dokument, vom Dezember 1926, aus der Zeit, als man die Komintern aus allen Städten Chinas mit Versicherungen überhäufte, die Entfaltung des Kampfes der Arbeiter führe zu Krise, Arbeitslosigkeit, zur Stilllegung der Fabriken und Werke:

„Eine allgemeine Politik des Rückzugs in den Städten und der Einschränkung des Kampfes der Arbeiter für die Verbesserung ihrer Lage ist falsch. Den Kampf in den Dörfern muss man entfalten, aber gleichzeitig muss man den günstigen Moment für die Verbesserung der materiellen und rechtlichen Lage der Arbeiter ausnutzen und auf jede Weise bestrebt sein, dem Kampf der Arbeiter einen organisierten Charakter zu verleihen, der Exzesse und übermäßiges Vorauseilen ausschließt. Es gilt, besonders danach zu streben, dass sich der Kampf in den Städten gegen die Schichten der Großbourgeoisie und vor allem gegen die Imperialisten richte, damit die chinesische Klein- und Mittelbourgeoisie nach Möglichkeit im Rahmen der Einheitsfront gegen den gemeinsamen Feind bleibt. Wir halten das System der Schlichtungskammern, der Schiedsgerichte usw. für zweckmäßig, mit der Maßgabe, dass eine richtige Arbeiterpolitik in diesen Institutionen gewährleistet wird. Gleichzeitig halten wir es für notwendig, von vornherein zu erklären, dass Dekrete gegen die Streikfreiheit, gegen Arbeiterversammlungen usw. absolut unzulässig sind.“

Ein viertes Dokument, das anderthalb Monate vor dem Umsturz Tschiang Kai-scheks

 
Gemeint ist der konterrevolutionäre Umsturz in China, der von den rechten Kuomintangleuten mit Tschiang Kai-schek an der Spitze am 12. April 1927 vollzogen wurde. Im Ergebnis des Umsturzes wurde eine konterrevolutionäre Regierung in Nanking gebildet. (Über den Umsturz Tschiang Kai-scheks siehe J. W. Stalin, „Werke“, Bd. 9, S.225-227 [deutsche Ausgabe S. 195-197].)

 

verfasst wurde:

„Die Arbeit der Kuomintangzellen und der kommunistischen Zellen in der Armee muss verstärkt werden, dort, wo keine Zellen bestehen, ihre Organisierung jedoch möglich ist, müssen sie organisiert werden; dort aber, wo die Organisierung kommunistischer Zellen unmöglich ist, muss mit Hilfe verborgen tätiger Kommunisten eine intensive Arbeit entfaltet werden.

Es muss Kurs genommen werden auf die Bewaffnung der Arbeiter und Bauern, auf die Umwandlung der örtlichen Bauernkomitees in faktische Machtorgane mit bewaffnetem Selbstschutz usw.

Die Kommunistische Partei muss überall und stets als solche auftreten; eine Politik der freiwilligen Halblegalität ist unzulässig; die Kommunistische Partei darf nicht die Rolle eines Hemmschuhs der Massenbewegung spielen; die Kommunistische Partei darf die verräterische und reaktionäre Politik der rechten Kuomintangleute nicht verschweigen, sie muss, um die Rechten zu entlarven, die Massen um die Kuomintang und die chinesische Kommunistische Partei mobilisieren.

Die Aufmerksamkeit aller der Revolution ergebenen Funktionäre muss darauf gelenkt werden, dass die chinesische Revolution gegenwärtig im Zusammenhang mit der Umgruppierung der Klassenkräfte und der Konzentration der imperialistischen Armeen eine kritische Periode durchmacht und dass weitere Siege nur möglich sind, wenn man entschieden auf die Entfaltung der Massenbewegung Kurs nimmt. Andernfalls droht der Revolution eine ungeheure Gefahr. Die Durchführung der Direktiven ist daher notwendiger als je zuvor.“

Aber schon vorher, schon im April 1926, ein Jahr vor dem Umsturz der rechten Kuomintangleute und Tschiang Kai-scheks, warnte die Komintern die chinesische Kommunistische Partei und gab ihr die Weisung, dass man „es dahin bringen muss, dass die Rechten aus der Kuomintang ausscheiden oder ausgeschlossen werden“.

So fasste und fasst die Komintern auch weiterhin die Taktik der Einheitsfront gegen den Imperialismus in der ersten Etappe der kolonialen Revolution auf.

Sind der Opposition diese richtungweisenden Dokumente bekannt?

Natürlich sind sie ihr bekannt. Warum verschweigt sie dann diese richtungweisenden Dokumente? Weil sie nicht die Wahrheit sucht, sondern auf Quertreibereien aus ist.

Und dabei gab es eine Zeit, da die jetzigen Führer der Opposition, besonders Sinowjew und Kamenew, einiges vom Leninismus verstanden und im wesentlichen für die gleiche Politik in der chinesischen revolutionären Bewegung eintraten, die die Komintern durchführte und die uns Genosse Lenin in seinen Thesen

 

W.I. Lenin, „Ursprünglicher Entwurf der Thesen zur nationalen und kolonialen Frage“ (siehe „Werke“, 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 122-128 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 770-776]).

 

vorgezeichnet hat. Ich denke an das VI. Plenum der Kommunistischen Internationale im Februar-März 1926, als Sinowjew Vorsitzender der Komintern war, als er noch Leninist war und noch nicht in das Lager Trotzkis hinübergewechselt war. Ich erwähne das VI. Plenum der Kommunistischen Internationale deshalb, weil es eine Resolution dieses Plenums über die chinesische Revolution

 

Die von der Ostkommission des VI. erweiterten Plenums des Exekutivkomitees der Komintern ausgearbeitete Resolution zur chinesischen Frage wurde in der Plenarsitzung vom 13. März 1926 angenommen. (Siehe „Das VI. erweiterte Plenum des Exekutivkomitees der Komintern. Thesen und Resolutionen“, Moskau/Leningrad 1926, S. 131-136, russ.)

 

gibt, die im Februar-März 1926 einstimmig angenommen wurde und in der ungefähr die gleiche Einschätzung der ersten Etappe der chinesischen Revolution, der Kantoner Kuomintang und der Kantoner Regierung gegeben wird, wie sie die Komintern und die KPdSU(B) geben und von der die Opposition jetzt nichts wissen will. Ich erwähne diese Resolution deshalb, weil Sinowjew damals für sie stimmte und von den Mitgliedern des ZK, Trotzki, Kamenew und die anderen Führer der jetzigen Opposition nicht ausgenommen, niemand Einwände gegen sie erhob.

Gestatten Sie mir, einige Stellen aus dieser Resolution anzuführen. Über die Kuomintang heißt es in dieser Resolution:

„Die politischen Streiks der chinesischen Arbeiter in Schanghai und Hongkong (Juni-September 1925) haben einen Wendepunkt im Befreiungskampf des chinesischen Volkes gegen die ausländischen Imperialisten herbeigeführt... Die politische Aktion des Proletariats gab einen mächtigen Anstoß zur weiteren Entwicklung und Festigung aller revolutionär-demokratischen Organisationen des Landes und in erster Linie der revolutionären Volkspartei, der Kuomintang, und der revolutionären Regierung in Kanton. Die Kuomintangpartei, deren Hauptkern im Bündnis mit den chinesischen Kommunisten handelte, ist ein revolutionärer Block der Arbeiter, der Bauern, der Intelligenz und der städtischen Demokratie auf dem Boden der Gemeinsamkeit der Klasseninteressen dieser Schichten im Kampf gegen die ausländischen Imperialisten und die gesamten militaristisch-feudalen Lebensverhältnisse, für die Unabhängigkeit des Landes und eine einheitliche revolutionär-demokratische Staatsmacht.“ (Siehe Resolution des VI. Plenums des EKKI.)

Also, die Kantoner Kuomintang als Bündnis von vier „Klassen“. Sie sehen, das ist beinahe eine „Martynowiade“,

 

  • In einem seiner Artikel über die Entwicklung der chinesischen Revolution von 1925-1927 stellte A. Martynow (ehemaliger Menschewik, der auf dem XII. Parteitag in die KPR(B) aufgenommen worden war) die These auf, dass in China ein friedlicher Übergang von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur proletarischen Revolution möglich sei. Die Verantwortung für diese falsche These Martynows versuchte der antisowjetische trotzkistisch-sinowjewistische Block auf die Führung der Komintern und der KPdSU(B) zu wälzen.

 

 

sanktioniert durch niemand anders als den damaligen Vorsitzenden der Komintern, Sinowjew.

Über die Kantoner Kuomintangregierung:

„Die von der Kuomintangpartei in Kanton geschaffene revolutionäre Regierunge hat es bereits verstanden, zu den breitesten Massen der Arbeiter, der Bauern und der städtischen Demokratie Verbindung herzustellen, sie hat, auf diese gestützt, die von den Imperialisten unterstützten konterrevolutionären Banden zerschlagen (und arbeitet an der radikalen Demokratisierung des gesamten politischen Lebens der Provinz Kuangtung). Die Kantoner Regierung, die somit die Vorhut im Kampf des chinesischen Volkes um seine Unabhängigkeit ist, ist das Vorbild für den künftigen revolutionär-demokratischen Aufbau im Lande.“ (Ebenda.)

Hieraus ergibt sich, dass die Kantoner Kuomintangregierung, die einen Block von vier „Klassen“ verkörperte, eine revolutionäre Regierung war, und nicht allein eine revolutionäre Regierung, sondern sogar das Vorbild für die künftige revolutionär-demokratische Regierung in China.

Über die Einheitsfront der Arbeiter, der Bauern und der Bourgeoisie:

„Angesichts der neuen Gefahren müssen die chinesische Kommunistische Partei und die Kuomintang die umfassendste politische Arbeit entfalten, Massenaktionen zur Unterstützung des Kampfes der Volksarmeen organisieren, die inneren Widersprüche im Lager der Imperialisten ausnutzen und ihnen die national-revolutionäre Einheitsfront der breitesten Schichten der Bevölkerung (Arbeiter, Bauern, Bourgeoisie) unter Führung der revolutionär-demokratischen Organisationen entgegenstellen.“ (Ebenda.)

Zeitweilige Blocks und Abkommen mit der Bourgeoisie sind also in den Kolonialländern in einer bestimmten Etappe der kolonialen Revolution nicht nur zulässig, sondern auch direkt notwendig.

Nicht wahr, das ist dem sehr ähnlich, was uns Lenin in seinen bekannten Richtlinien über die Taktik der Kommunisten in den kolonialen und abhängigen Ländern lehrt. Schade nur, dass Sinowjew das bereits vergessen hat.

Die Frage des Austritts aus der Kuomintang:

„Einzelne Schichten der chinesischen Großbourgeoisie, die sich zeitweilig um die Kuomintangpartei gruppiert hatten, rückten im letzten Jahr von ihr ab, was dazu führte, dass sich auf dem rechten Flügel der Kuomintang eine kleine Gruppe bildete, die offen gegen das enge Bündnis der Kuomintang mit den Massen der Werktätigen, für den Ausschluss der Kommunisten aus der Kuomintang und gegen die revolutionäre Politik der Kantoner Regierung auftrat. Die Verurteilung dieses rechten Flügels auf dem II. Kongress der Kuomintang (Januar 1926) und die Bestätigung der Notwendigkeit des Kampfbündnisses der Kuomintang mit den Kommunisten festigen die revolutionäre Richtung in der Tätigkeit der Kuomintang und der Kantoner Regierung und sichern der Kuomintang die revolutionäre Unterstützung des Proletariats.“ (Ebenda.)

Hieraus ergibt sich, dass der Austritt der Kommunisten aus der Kuomintang in der ersten Etappe der chinesischen Revolution ein ernster Fehler gewesen wäre. Schade nur, dass Sinowjew, der für diese Resolution gestimmt hat, dies knapp einen Monat später bereits vergessen hatte. Denn bereits im April 1926 (einen Monat später) verlangte Sinowjew den sofortigen Austritt der Kommunisten aus der Kuomintang.

Über die Abweichungen in der chinesischen Kommunistischen Partei und über die Unzulässigkeit des Überspringens der Kuomintangphase der Revolution:

„Die politische Selbstbestimmung der chinesischen Kommunisten wird sich im Kampf gegen zwei gleich schädliche Abweichungen entwickeln: gegen das rechte Liquidatorentum, das die selbständigen Klassenaufgaben des chinesischen Proletariats ignoriert und zu einer formlosen Verschmelzung mit der allgemeinen demokratischen nationalen Bewegung führt, und gegen die extrem linken Stimmungen, die über die revolutionär-demokratische Etappe der Bewegung unmittelbar zu den Aufgaben der proletarischen Diktatur und der Sowjetmacht hinüber springen wollen und dabei die Bauernschaft, diesen grundlegenden und entscheidenden Faktor der chinesischen nationalen Befreiungsbewegung, vergessen.“ (Ebenda.)

Hier ist, wie Sie sehen, alles enthalten, um die Opposition jetzt zu überführen, dass sie sowohl die Kuomintangphase der Entwicklung in China überspringt als auch die Bauernbewegung unterschätzt, als auch in der Frage der Sowjets vorauseilt. Es trifft den Kern der Sache.

Ist diese Resolution Sinowjew, Kamenew und Trotzki bekannt?

Man muss annehmen, dass sie ihnen bekannt ist. Auf jeden Fall muss sie Sinowjew bekannt sein, unter dessen Vorsitz diese Resolution vom VI. Plenum der Komintern beschlossen wurde und der selbst für sie gestimmt hat. Warum umgehen dann jetzt die Führer der Opposition diese Resolution der höchsten Instanz der kommunistischen Weltbewegung? Warum versuchen sie, sie totzuschweigen? Weil sich diese Resolution in allen Fragen der chinesischen Revolution gegen sie kehrt. Weil sie die gesamte gegenwärtige trotzkistische Konzeption der Opposition über den Haufen wirft. Weil sie sich von der Komintern abgekehrt haben, weil sie sich vom Leninismus abgekehrt haben und jetzt, aus Furcht vor der eigenen Vergangenheit, aus Furcht vor dem eigenen Schatten, gezwungen sind, die Resolution des VI. Plenums der Komintern feige zu umgehen.

So verhält es sich mit der ersten Etappe der chinesischen Revolution.

Wenden wir uns jetzt der zweiten Etappe der chinesischen Revolution zu.

War die erste Etappe dadurch gekennzeichnet, dass sich die Revolution mit ihrer Spitze hauptsächlich gegen den ausländischen Imperialismus richtete, so ist das charakteristische Merkmal der zweiten Etappe die Tatsache, dass sich die Revolution mit ihrer Spitze hauptsächlich gegen die inneren Feinde und vor allem gegen die Feudalherren, gegen das feudale Regime richtet.

Hat die erste Etappe ihre Aufgabe, den Sturz des ausländischen Imperialismus, gelöst? Nein, sie hat sie nicht gelöst. Sie hat die Durchführung dieser Aufgabe der zweiten Etappe der chinesischen Revolution als Erbe hinterlassen. Sie hat die revolutionären Massen gegen den Imperialismus nur in Bewegung gebracht, um dann ihren Lauf zu beenden und dies Werk der Zukunft zu überlassen.

Es ist anzunehmen, dass es auch der zweiten Etappe der Revolution nicht gelingen wird, die Aufgabe der Vertreibung der Imperialisten vollständig zu lösen. Sie wird die Bewegung der breiten Massen der chinesischen Arbeiter und Bauern gegen den Imperialismus weiterführen, aber sie wird dies nur tun, um die Vollendung dieses Werkes der nachfolgenden Etappe der chinesischen Revolution, der Sowjetetappe, zu überlassen.

Das ist auch nicht verwunderlich. Ist es etwa nicht bekannt, dass in der Geschichte unserer Revolution analoge Tatsachen zu verzeichnen waren, wenn auch in einer anderen Situation und unter anderen Umständen? Ist es etwa nicht bekannt, dass die erste Etappe unserer Revolution ihre Aufgabe, die Vollendung der Agrarrevolution, nicht vollständig gelöst, sondern diese Aufgabe der nachfolgenden Etappe der Revolution, der Oktoberrevolution, überlassen hat, die dann die Aufgabe der Ausrottung der feudalen Überreste vollständig und restlos löste. Deshalb wird es auch nicht verwunderlich sein, wenn es in der zweiten Etappe der chinesischen Revolution nicht gelingt, die Agrarrevolution restlos zu vollenden, und wenn die zweite Etappe der Revolution, nachdem sie die Millionenmassen der Bauernschaft in Bewegung gebracht und gegen die feudalen Überreste mobilisiert hat, die Vollendung dieses Werkes der nachfolgenden Etappe der Revolution, der Sowjetetappe, überlassen wird. Und das wird für die künftige Sowjetrevolution in China nur ein Plus sein.

Worin bestand die Aufgabe der Kommunisten in der zweiten Etappe der Revolution in China, als das Zentrum der revolutionären Bewegung sich offenkundig von Kanton nach Wuhan verschob und als sich neben dem revolutionären Zentrum in Wuhan ein konterrevolutionäres Zentrum in Nanking bildete?

Sie bestand darin, die Möglichkeit der offenen Organisierung der Partei, des Proletariats (Gewerkschaften), der Bauernschaft (Bauernbünde), der Revolution überhaupt restlos auszunutzen.

Sie bestand darin, die Wuhaner Kuomintangleute nach links, zur Agrarrevolution zu drängen.

Sie bestand darin, die Wuhaner Kuomintang zum Zentrum des Kampfes gegen die Konterrevolution und zum Kern der künftigen revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft zu machen.

War diese Politik richtig?

Die Tatsachen haben gezeigt, dass das die einzig richtige Politik war, die die breiten Massen der Arbeiter und Bauern im Geiste der weiteren Entwicklung der Revolution zu erziehen vermochte.

Die Opposition verlangte damals die sofortige Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten. Aber das war Abenteurertum, ein abenteuerliches Vorauseilen, denn die sofortige Bildung von Sowjets zu dem damaligen Zeitpunkt hätte bedeutet, eine Entwicklungsphase, die Phase der linken Kuomintang, zu überspringen.

Warum?

Weil die Kuomintang in Wuhan, die ein Bündnis mit den Kommunisten unterhielt, sich in den Augen der breiten Massen der Arbeiter und Bauern noch nicht diskreditiert und bloßgestellt hatte, weil sie als bürgerlich-revolutionäre Organisation ihre Möglichkeiten noch nicht erschöpft hatte.

Weil zu einem Zeitpunkt, da die Massen sich noch nicht an Hand ihrer eigenen Erfahrung von der Untauglichkeit dieser Regierung, von der Notwendigkeit ihres Sturzes überzeugt haben, die Aufstellung der Losung der Sowjets und des Sturzes der Wuhaner Regierung bedeutet, vorauszueilen, sich von den Massen loszulösen, sich der Unterstützung der Massen zu berauben und damit das begonnene Werk zum Scheitern zu bringen.

Die Opposition glaubt, dass es vollauf genüge, wenn sie die Unzuverlässigkeit, die Labilität, die revolutionäre Unzulänglichkeit der Kuomintang in Wuhan erkannt hat (und das zu erkennen dürfte einem politisch qualifizierten Funktionär nicht schwer fallen), sie glaubt, dass dies vollauf genüge, damit auch die Massen dies alles erkennen, dass dies vollauf genüge, um die Kuomintang durch Sowjets zu ersetzen und die Massen für sich zu gewinnen. Das ist jedoch der übliche „ultralinke“ Fehler der Opposition, die ihr eigenes Bewusstsein und ihre eigene Erkenntnis für das Bewusstsein und die Erkenntnis der Millionenmassen der Arbeiter und Bauern hält.

Die Opposition hat Recht, wenn sie sagt, dass die Partei voranschreiten muss. Das ist ein elementarer marxistischer Leitsatz, ohne dessen Befolgung es eine wirkliche kommunistische Partei weder gibt noch geben kann. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Die ganze Wahrheit besteht darin, dass die Partei nicht nur voranschreiten, sondern auch die Millionenmassen mit sich vorwärts führen muss. Voranschreiten, ohne die Millionenmassen mit sich vorwärts zu führen, bedeutet in Wirklichkeit, sich von der Bewegung loslösen. Voranschreiten, sich dabei von der Nachhut loslösen und es nicht verstehen, die Nachhut mit sich vorwärts zu führen - heißt vorauspreschen, was die Vorwärtsbewegung der Massen für eine gewisse Zeit vereiteln kann. Die Leninsche Führung besteht ja gerade darin, dass die Vorhut es verstehen muss, die Nachhut mit sich vorwärts zu führen, dass die Vorhut voranschreiten muss, ohne sich von den Massen loszulösen. Um aber zu erreichen, dass sich die Vorhut nicht von den Massen loslöst, dass die Vorhut die Millionenmassen tatsächlich mit sich vorwärts führen kann, dazu bedarf es einer entscheidenden Voraussetzung, nämlich, dass sich die Massen selbst an Hand ihrer eigenen Erfahrung von der Richtigkeit der Weisungen, Direktiven und Losungen der Vorhut überzeugen.

Das ist ja gerade das Unglück der Opposition, dass sie diese einfache Leninsche Regel für die Führung der Millionenmassen nicht anerkennt und nicht begreift, dass die Partei allein, die Vorhut allein, ohne die Unterstützung der Millionenmassen nicht imstande ist, die Revolution durchzuführen, dass die Revolution in letzter Instanz von den Millionenmassen der Werktätigen „gemacht“ wird.

Warum haben wir Bolschewiki im April 1917 nicht die Losung des Sturzes der Provisorischen Regierung und der Errichtung der Sowjetmacht in Rußland als Losung der Praxis aufgestellt, obwohl wir überzeugt waren, dass wir in nächster Zukunft vor der Notwendigkeit stehen würden, die Provisorische Regierung zu stürzen und die Sowjetmacht zu errichten?

Weil die breiten Massen der Werktätigen sowohl im Hinterland als auch an der Front, weil schließlich die Sowjets selbst noch nicht bereit waren, sich eine solche Losung zu Eigen zu machen, weil sie noch an den revolutionären Charakter der Provisorischen Regierung glaubten.

Weil sich die Provisorische Regierung noch nicht durch die Unterstützung der Konterrevolution im Hinterland und an der Front kompromittiert und diskreditiert hatte.

Warum brandmarkte Lenin im April 1917 die Gruppe Bagdatjews in Petrograd, die die Losung des sofortigen Sturzes der Provisorischen Regierung und der Errichtung der Sowjetmacht aufgestellt hatte?

Weil der Versuch Bagdatjews ein gefährliches Vorauspreschen war, das die Gefahr heraufbeschwor, dass sich die bolschewistische Partei von den Millionenmassen der Arbeiter und Bauern loslöste.

Abenteurertum in der Politik, Bagdatjew-Politik in den Fragen der chinesischen Revolution - das ist es, was unserer trotzkistischen Opposition jetzt den Rest gibt.

Sinowjew erklärt, ich identifizierte, wenn ich von Bagdatjew-Politik spreche, die jetzige chinesische Revolution mit der Oktoberrevolution. Das ist natürlich Unsinn. Erstens habe ich selbst in meinem Artikel „Notizen über Gegenwartsthemen“ den Vorbehalt gemacht, dass „die Analogie hier bedingt ist“, dass „ich sie nur mit all den Vorbehalten gelten lasse, die gemacht werden müssen, wenn man sich die Verschiedenartigkeit der Situation im heutigen China und im Rußland des Jahres 1917 vergegenwärtigt“

 

  • Siehe J. W. Stalin, „Werke“, Bd.9, S. 358 [deutsche Ausgabe S. 309/310].

 

 

. Zweitens wäre es eine Dummheit zu behaupten, man könne bei der Charakterisierung dieser oder jener Strömungen, dieser oder jener Fehler in der Revolution eines bestimmten Landes überhaupt keine Analogien mit den Revolutionen anderer Länder aufstellen. Lernt etwa die Revolution eines Landes nicht aus den Revolutionen anderer Länder, selbst wenn diese Revolutionen nicht von gleichem Typus sind? Worauf läuft denn dann die Wissenschaft von der Revolution hinaus?

Sinowjew leugnet im Grunde genommen, dass eine Wissenschaft von der Revolution möglich ist. Ist es etwa nicht Tatsache, dass Lenin in der Periode vor der Oktoberrevolution Tschcheidse, Zereteli, Steklow und andere der „Louis-Blanc-Politik“ aus der Zeit der französischen Revolution von 1848 beschuldigte? Lesen Sie Lenins Artikel „Louis-Blanc-Politik“

 

Siehe W. I. Lenin, „Werke“, 4. Ausgabe, Bd. 24, S. 15-18 (russ.).

 

, und Sie werden sehen, dass Lenin zur Charakterisierung von Fehlern dieser oder jener Politiker vor dem Oktober weitgehend von Analogien aus der französischen Revolution von 1848 Gebrauch machte, obwohl Lenin sehr wohl wusste, dass die französische Revolution von 1848 und unsere Oktoberrevolution nicht Revolutionen von gleichem Typus sind. Wenn man aber von einer „Louis-Blanc-Politik“ Tschcheidses und Zeretelis in der Periode vor der Oktoberrevolution sprechen kann, warum sollte man dann nicht von einer „Bagdatjew-Politik“ Sinowjews und Trotzkis in der Periode der Agrarrevolution in China sprechen?

Die Opposition versichert, Wuhan sei nicht das Zentrum der revolutionären Bewegung gewesen. Aber warum hat denn dann Sinowjew behauptet, dass man der Wuhaner Kuomintang „allseitige Unterstützung erweisen muss“, um sie zum Zentrum des Kampfes gegen die chinesischen Cavaignac zu machen? Warum wurde das Wuhaner Territorium und nicht irgendein anderes zum Zentrum der maximalen Entwicklung der Agrarbewegung? Ist es etwa nicht Tatsache, dass gerade das Wuhaner Territorium (Hunan, Hupe) zu Beginn dieses Jahres das Zentrum der maximalen Entwicklung der Agrarbewegung war? Warum konnte man Kanton, wo es keine die Massen erfassende Agrarbewegung gab, „Aufmarschgebiet der Revolution“ nennen (Trotzki), während man Wuhan, auf dessen Territorium die Agrarrevolution begonnen und sich entwickelt hat, nicht als Zentrum, als „Aufmarschgebiet“ der revolutionären Bewegung betrachten darf? Wie ist es dann zu erklären, dass die Opposition das Verbleiben der Kommunistischen Partei in der Wuhaner Kuomintang und in der Wuhaner Regierung verlangte? Sollte die Opposition im April 1927 etwa für einen Block mit einer „konterrevolutionären“ Wuhaner Kuomintang eingetreten sein? Woher diese „Vergesslichkeit“ und Kopflosigkeit bei der Opposition?

Die Opposition ist voller Schadenfreude darüber, dass der Block mit der Wuhaner Kuomintang nicht von langer Dauer war, und behauptet dabei, die Komintern habe die chinesischen Kommunisten nicht vor der Möglichkeit eines Scheiterns der Wuhaner Kuomintang gewarnt. Es bedarf wohl kaum eines Beweises, dass die Schadenfreude der Opposition nur von ihrem politischen Bankrott zeugt. Die Opposition glaubt offenbar, dass Blocks mit der nationalen Bourgeoisie in den Kolonialländern von langer Dauer sein müssen. So können aber nur Leute denken, die sich auch der letzten Reste des Leninismus entledigt haben. Wenn sich die Feudalherren und der Imperialismus in China im gegenwärtigen Stadium als stärker erwiesen haben als die Revolution, wenn der Druck dieser feindlichen Kräfte eine Rechtsschwenkung der Wuhaner Kuomintang und eine zeitweilige Niederlage der chinesischen Revolution bewirkt hat, dann können darüber nur Leute, die von Defätismus verseucht sind, Schadenfreude empfinden. Was die Behauptung der Opposition anbelangt, die Komintern habe die Kommunistische Partei Chinas nicht vor einem möglichen Scheitern der Wuhaner Kuomintang gewarnt, so ist das eine der üblichen Verleumdungen, die die Opposition jetzt so reichlich in Vorrat hat.

Gestatten Sie mir, einige Dokumente zur Widerlegung der oppositionellen Verleumdungen zu zitieren.

Das erste Dokument, vom Mai 1927:

„Das Wichtigste in der Innenpolitik der Kuomintang ist jetzt die systematische Entfaltung der Agrarrevolution unter der Losung ‚Alle Macht den Bauernbünden und -komitees im Dorfe’ in allen Provinzen, darunter auch besonders in Kuangtung. Das ist die Grundlage für die Erfolge der Revolution und der Kuomintang. Das ist die Grundlage, auf der in China eine umfassende und mächtige politische und militärische Armee gegen den Imperialismus und seine Agenten geschaffen werden muss. Praktisch ist die Losung der Bodenkonfiskation durchaus aktuell für die von einer starken Agrarbewegung erfaßten Provinzen, wie Hunan, Kuangtung usw. Ohne dies ist die Entfaltung der .Agrarrevolution unmögliche...

Man muss sofort beginnen, acht oder zehn Divisionen aus revolutionären Bauern und Arbeitern mit einem absolut zuverlässigen Kommandobestand zu organisieren. Das wird sowohl an den Fronten als auch im Hinterland die Garde Wuhans zur Entwaffnung unzuverlässiger Truppenteile sein. Damit darf man nicht zögern.

Man muss die Zersetzungsarbeit im Hinterland und unter den Truppen Tschiang Kai-scheks verstärken und den aufständischen Bauern in Kuangtung, wo die Herrschaft der Gutsherren besonders unerträglich ist, Hilfe leisten.“

Das zweite Dokument, vom Mai 1927:

„Ohne Agrarrevolution ist der Sieg unmöglich. Ohne sie wird sich das ZK der Kuomintang in einen Spielball unzuverlässiger Generale verwandeln. Gegen Exzesse muss man kämpfen, aber nicht mit Hilfe von Truppen, sondern mit Hilfe der Bauernbünde. Wir sind entschieden für die faktische Inbesitznahme des Bodens von unten. Die Befürchtungen bezüglich der Reise Tan Ping-schans haben gewisse Berechtigung. Man darf sich nicht von der Arbeiter- und Bauernbewegung loslösen, sondern muss sie allseitig unterstützen. Andernfalls richten Sie die Sache zugrunde.

Einige alte Führer des ZK der Kuomintang haben Furcht vor den Ereignissen, schwanken, gehen Kompromisse ein. Es gilt, in das ZK der Kuomintang mehr neue Bauern- und Arbeiterführer von unten aufzunehmen. Ihre kühne Stimme wird den Alten Entschlossenheit verleiben, oder aber sie werden zum alten Eisen geworfen. Die jetzige Struktur der Kuomintang muss geändert werden. Die Spitze der Kuomintang muss unbedingt aufgefrischt und durch neue Führer ergänzt werden, die sich in der Agrarrevolution hervorgetan haben; die Peripherie aber muss erweitert, durch Angehörige der Millionen Mitglieder zählenden Arbeiter- und Bauernverbände ergänzt werden. Geschieht dies nicht, läuft die Kuomintang Gefahr, sich vom Geben loszulösen und jede Autorität einzubüßen.

Mit der Abhängigkeit von den unzuverlässigen Generalen muss Schluss gemacht werden. Mobilisieren Sie etwa 20000 Kommunisten, dazu etwa 50000 revolutionäre Arbeiter und Bauern aus Hunan und Hupe, stellen Sie einige neue Korps auf, nutzen Sie die Kursanten der Kommandeurschule aus und organisieren Sie, solange es nicht zu spät ist, eine eigene zuverlässige Armee. Geschieht dies nicht, gibt es keine Garantie gegen Niederlagen. Das ist eine schwierige Sache, aber einen anderen Weg gibt es nicht.

Organisieren Sie ein Revolutionäres Kriegstribunal mit prominenten nicht-kommunistischen Kuomintangleuten an der Spitze. Bestrafen Sie die Offiziere, die mit Tschiang Kai-schek in Verbindung stehen oder die Soldaten gegen das Volk, gegen die Arbeiter und Bauern, aufhetzen. Man darf es nicht bei bloßen Ermahnungen bewenden lassen. Es ist Zeit, zu handeln. Schurken müssen bestraft werden. Wenn die Kuomintangleute es nicht lernen, revolutionäre Jakobiner zu sein, werden sie für das Volk und die Revolution verloren sein.“

Sie sehen, dass die Komintern die Ereignisse vorausgesehen, die Gefahren rechtzeitig signalisiert und den chinesischen Kommunisten vorausgesagt hat, dass die Wuhaner Kuomintang zugrunde geht, wenn die Kuomintangleute es nicht vermögen, revolutionäre Jakobiner zu werden.

Kamenew hat erklärt, an der Niederlage der chinesischen Revolution sei die Politik der Komintern schuld, wir hätten die „Cavaignac in China großgezogen“. Genossen, so kann über unsere Partei nur ein Mensch reden, der bereit ist, ein Verbrechen gegen die Partei zu begehen. So haben die Menschewiki in der Periode der Juliniederlage von 1917 über die Bolschewiki geredet, als die russischen Cavaignac auf den Plan traten. Lenin schrieb in seinem Artikel „Zu den Losungen“,

 

Siehe W. I. Lenin, „Werke“, 4. Ausgabe, Bd. 25, S.164-170 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 68-75].

 

dass die Juliniederlage ein „Sieg der Cavaignac“ ist. Die Menschewiki tobten damals und behaupteten, am Aufkommen der russischen Cavaignac sei die Politik Lenins schuld. Glaubt etwa Kamenew, dass am Aufkommen der russischen Cavaignac in der Periode der Juliniederlage von 1917 die Politik Lenins, die Politik unserer Partei schuld war, nicht aber etwas anderes? Ziemt es sich für Kamenew, hier die Herren Menschewiki nachzuahmen? (Heiterkeit.) Ich habe nicht geglaubt, dass die Genossen von der Opposition so tief sinken können...

Bekanntlich erlitt die Revolution von 1905 eine Niederlage, wobei diese Niederlage schwerer war als die gegenwärtige Niederlage der chinesischen Revolution. Die Menschewiki behaupteten damals, an der Niederlage der Revolution von 1905 sei die extreme revolutionäre Taktik der Bolschewiki schuld. Gedenkt Kamenew nicht auch hier, sich die menschewistische Auslegung der Geschichte unserer Revolution zum Vorbild zu nehmen und Steine auf die Bolschewiki zu werfen?

Wodurch ist denn die Niederlage der Bayrischen Räterepublik zu erklären? Vielleicht durch die Politik Lenins und nicht durch das Verhältnis der Klassenkräfte?

Wodurch ist die Niederlage der Ungarischen Räterepublik zu erklären? Vielleicht durch die Politik der Komintern und nicht durch das Verhältnis der Klassenkräfte?

Wie kann man behaupten, dass die Taktik dieser oder jener Partei das Verhältnis der Klassenkräfte aufheben oder umkehren könne? War unsere Politik im Jahre 1905 richtig oder nicht? Warum haben wir damals eine Niederlage erlitten? Sind die Tatsachen nicht ein Beweis dafür, dass die Revolution in China, wäre die Politik der Opposition durchgeführt worden, noch schneller eine Niederlage erlitten hätte, als es in Wirklichkeit der Fall war? Wie soll man Leute nennen, die das Verhältnis der

Klassenkräfte während der Revolution außer acht lassen und alles und jedes lediglich durch die Taktik dieser oder jener Partei zu erklären suchen? Von solchen Leuten kann man nur eins sagen - dass sie mit dem Marxismus gebrochen haben.

Die Schlussfolgerungen. Die Hauptfehler der Opposition:

  1. Die Opposition versteht nicht den Charakter und die Perspektiven der chinesischen Revolution.

  2. Die Opposition sieht nicht den Unterschied zwischen der Revolution in China und der Revolution in Rußland, zwischen einer Revolution in Kolonialländern und einer Revolution in imperialistischen Ländern.

  3. Die Opposition bricht mit der Leninschen Taktik in der Frage des Verhältnisses zur nationalen Bourgeoisie in den Kolonialländern während der ersten Etappe der Revolution.

  4. Die Opposition versteht nicht die Frage der Teilnahme der Kommunisten an der Kuomintang.

  5. Die Opposition verletzt die Grundlagen der Leninschen Taktik in der Frage des Verhältnisses zwischen der Vorhut (der Partei) und der Nachhut (den Millionenmassen der Werktätigen).

  6. Die Opposition bricht mit den Resolutionen des VI. und des VII. Plenums des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale.

Die Opposition preist mit großem Stimmaufwand ihre Politik in der chinesischen Frage und behauptet, dass es, wäre diese Politik durchgeführt worden, jetzt um China besser stünde. Es bedarf wohl kaum eines Beweises, dass die chinesische Kommunistische Partei in Anbetracht der groben Fehler, die die Opposition begangen hat, endgültig in eine Sackgasse geraten wäre, wenn sie sich die antileninistische Abenteurerpolitik der Opposition zu Eigen gemacht hätte.

Wenn sich die Kommunistische Partei in China in kurzer Zeit aus einer kleinen Gruppe von 5000-6000 Personen zu einer Massenpartei mit 60000 Mitgliedern entwickelt hat; wenn es der chinesischen Kommunistischen Partei in dieser Zeit gelungen ist, etwa 3 Millionen Proletarier gewerkschaftlich zu organisieren; wenn es der chinesischen Kommunistischen Partei gelungen ist, die viele Millionen zählende Bauernschaft aus ihrem Schlummer zu erwecken und Dutzende Millionen von Bauern in den revolutionären Bauernbünden zu erfassen; wenn es der chinesischen Kommunistischen Partei in dieser Zeit gelungen ist, ganze Regimenter und Divisionen der nationalen Truppen auf ihre Seite zu ziehen; wenn es der chinesischen Kommunistischen Partei in dieser Zeit gelungen ist, die Idee der Hegemonie des Proletariats aus einem Wunsch zur Wirklichkeit werden zu lassen - wenn es der chinesischen Kommunistischen Partei gelungen ist, in kurzer Zeit alle diese Errungenschaften zu erzielen, so ist das unter anderem daraus zu erklären, dass sie den von Lenin vorgezeichneten Weg, den von der Komintern gewiesenen Weg gegangen ist.

Es erübrigt sich zu sagen, dass es bei der Politik der Opposition, bei ihren Fehlern, bei ihrem antileninistischen Kurs in den Fragen der kolonialen Revolution diese Errungenschaften der chinesischen Revolution entweder überhaupt nicht gäbe oder dass sie minimal wären.

Daran zweifeln können höchstens „ultralinke“ Renegaten und Abenteurer.

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

VEREINIGTES PLENUM DES ZK UND DER ZKK
DER KPdSU(B)

 

Das vereinigte Plenum des ZK und der ZKK der KPdSU(B) tagte vom 29. Juli bis zum 9. August 1927. Das Plenum behandelte die Fragen: über die internationale Lage, über die wirtschaftlichen Direktiven für das Jahr 1927/28, über die Arbeit der ZKK - Arbeiter- und Bauerninspektion, über den XV. Parteitag, über die Verletzung der Parteidisziplin durch Sinowjew und Trotzki. In der Sitzung des Plenums am 1. August hielt J. W. Stalin die Rede „Die internationale Lage und die Verteidigung der UdSSR“. Am 2. August wählte das Plenum J. W. Stalin zum Mitglied der Kommission für die Ausarbeitung einer Resolution über die internationale Lage. Nachdem das Plenum die Verstärkung der Gefahr eines neuen kriegerischen Überfalls auf die Sowjetunion festgestellt hatte, verurteilte es die defätistische Position des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks und stellte die Aufgabe, die Wehrkraft der Sowjetunion mit allen Mitteln zu festigen. Das Plenum gab die wirtschaftlichen Direktiven für das Jahr 1927/28 und konstatierte den völligen Bankrott der Kapitulantenlinie der Opposition auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik. In dem Beschluss über die Arbeit der ZKK - Arbeiter- und Bauerninspektion umriss das Plenum das Programm zur weiteren Verbesserung der Arbeit des Staatsapparats. Bei der Erörterung des Berichts von G. K. Ordshonikidse über die Verletzung der Parteidisziplin durch Sinowjew und Trotzki hielt J. W. Stalin in der Sitzung des Plenums am 5. August eine Rede. Am 6. August wählte das Plenum J. W. Stalin in die Kommission für die Ausarbeitung eines Resolutionsentwurfs zum Bericht G. K. Ordshonikidses. Das Plenum entlarvte die verbrecherische Tätigkeit der Führer des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks und stellte die Frage des Ausschlusses Trotzkis und Sinowjews aus dem ZK der KPdSU(B). Erst danach überreichten die Führer der Opposition dein Plenum am 8. August eine „Erklärung“, in der sie doppelzünglerisch ihr Verhalten verurteilten und die Fraktionstätigkeit abschworen. In der Sitzung des Plenums am 9. August ergriff J. W. Stalin anlässlich der „Erklärung“ der Opposition das Wort. Das Plenum erteilte Trotzki und Sinowjew eine strenge Rüge mit Verwarnung, verpflichtete die Führer des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks, die Fraktion sofort aufzulösen und rief alle Organisationen und alle Mitglieder der Partei auf, die Einheit und die eiserne Disziplin in der Partei zu verteidigen. (Die Resolutionen des Plenums des ZK und der ZKK der KPdSU(B), siehe in „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK“, Teil II, 1941, S. 170-194, russ.)

 

 

REDE AM 5. AUGUST

Genossen! Sinowjew hat sich diesem Plenum gegenüber höchst illoyal verhalten, als er in seiner Rede auf die bereits entschiedene Frage der internationalen Lage zurückkam.

Wir behandeln jetzt den vierten Punkt der Tagesordnung, „Über die Verletzung der Parteidisziplin durch Trotzki und Sinowjew“. Sinowjew indes umgeht den zur Diskussion stehenden Punkt, kommt auf die Frage der internationalen Lage zurück und versucht, eine bereits entschiedene Frage erneut zur Diskussion zu stellen. Dabei richtet er in seiner Rede die Frage mit ihrer Spitze gegen Stalin und vergisst, dass wir nicht über Stalin diskutieren, sondern über die Verletzung der Parteidisziplin durch Sinowjew und Trotzki.

Ich sehe mich daher veranlasst, in meiner Rede auf einige Seiten der bereits entschiedenen Frage zurückzukommen, um die Haltlosigkeit der Ausführungen Sinowjews aufzuzeigen.

Ich bitte um Entschuldigung, Genossen, aber ich werde auch einige Worte zu den Ausfällen Sinowjews gegen Stalin sagen müssen. (Zurufe: „Wir bitten darum!“)

Erstens. Sinowjew hat in seiner Rede aus irgendeinem Grunde an die Schwankungen Stalins im März 1917 erinnert und dabei ganze Märchen zusammengedichtet. Ich habe niemals geleugnet, dass bei mir im März 1917 gewisse Schwankungen aufgetreten waren, dass diese Schwankungen insgesamt ein bis zwei Wochen anhielten, dass diese Schwankungen mit der Ankunft Lenins im April 1917 aufhörten, und auf der Aprilkonferenz im Jahre 1917 stand ich in einer Front mit Genossen Lenin gegen Kamenew und seine oppositionelle Gruppe. Über alles das habe ich mehrmals in unserer Parteipresse geschrieben. (Siehe „Auf dem Wege zum Oktober“, „Trotzkismus oder Leninismus?“ u.a.)

Ich habe mich niemals für unfehlbar gehalten und halte mich nicht für unfehlbar. Nicht nur meine Fehler, auch flüchtige Schwankungen habe ich nie verheimlicht. Aber man darf auch nicht verheimlichen, dass ich nie auf meinen Fehlern beharrt und nie, von meinen flüchtigen Schwankungen ausgehend, eine Plattform, eine besondere Gruppe usw. geschaffen habe.

Aber was hat diese Frage mit der zur Diskussion stehenden Frage der Verletzung der Parteidisziplin durch Sinowjew und Trotzki zu tun? Weshalb umgeht Sinowjew die zur Diskussion stehende Frage und greift auf Erinnerungen an den März 1917 zurück? Sollte er wirklich seine eigenen Fehler, seinen Kampf gegen Lenin und seine besondere Plattform gegen die Partei Lenins im August, im September, Oktober, November 1917 vergessen haben? Oder glaubt Sinowjew vielleicht, durch Erinnerungen an die Vergangenheit die jetzt zur Diskussion stehende Frage der Verletzung der Parteidisziplin durch Sinowjew und Trotzki in den Hintergrund drängen zu können? Nein, dieser Trick wird Sinowjew nicht gelingen.

Zweitens. Sinowjew hat ferner ein Zitat aus meinem Brief angeführt, den ich ihm im Sommer 1923, einige Monate vor der deutschen Revolution von 1923, geschrieben hatte. Ich erinnere mich nicht an die Geschichte dieses Briefes. Eine Kopie dieses Briefes besitze ich nicht und kann deshalb nicht mit Sicherheit sagen, dass Sinowjew ihn richtig zitiert hat. Ich habe ihn, glaube ich, Ende Juli oder Anfang August 1923 geschrieben. Aber ich muss sagen, dass dieser Brief zweifellos von Anfang bis Ende richtig ist. Mit der Berufung auf diesen Brief will Sinowjew offenbar sagen, dass ich mich gegenüber der deutschen Revolution von 1923 überhaupt skeptisch verhalten habe. Das ist natürlich Unsinn.

In dem Brief wurde vor allem die Frage der sofortigen Nachtergreifung durch die Kommunisten berührt. Im Juli oder Anfang August 1923 bestand in Deutschland noch nicht jene tiefe revolutionäre Krise, die Millionenmassen auf die Beine bringt, das Paktierertum der Sozialdemokratie entlarvt, die Bourgeoisie vollends desorganisiert und die Frage der sofortigen Machtergreifung durch die Kommunisten auf die Tagesordnung setzt. Natürlich konnte bei der Lage im Juli-August in Deutschland keine Rede sein von einer sofortigen Machtergreifung durch die Kommunisten, die noch dazu in den Reihen der Arbeiterklasse in der Minderheit waren.

Ist ein solcher Standpunkt richtig? Ich denke, er ist richtig. Denselben Standpunkt vertrat damals das Politbüro.

Die zweite in dem Brief berührte Frage betrifft die Demonstration der kommunistischen Arbeiter in dem Augenblick, als die bewaffneten Faschisten danach trachteten, die Kommunisten zu einer vorzeitigen Aktion zu provozieren. Ich trat damals dafür ein, dass die Kommunisten sich nicht provozieren lassen dürfen. Und nicht nur ich, sondern das gesamte Politbüro vertrat diesen Standpunkt.

Aber zwei Monate später vollzieht sich in Deutschland eine schroffe Veränderung der Lage in der Richtung, dass sich die revolutionäre Krise verschärft. Poincare unternimmt einen militärischen Angriff auf Deutschland; die Finanzkrise in Deutschland nimmt katastrophalen Charakter an; innerhalb der deutschen Regierung beginnen Zerfall und ständiger Ministerwechsel; die revolutionäre Welle steigt und droht die Sozialdemokratie zu sprengen; es beginnt ein Massenübertritt der Arbeiter von der Sozialdemokratie zu den Kommunisten; die Frage der Machtergreifung durch die Kommunisten tritt auf die Tagesordnung. In dieser Situation trat ich, ebenso wie die anderen Mitglieder der Kommission der Komintern, entschieden und bestimmt für die sofortige Machtergreifung durch die Kommunisten ein.

Bekanntlich gab es in der damals geschaffenen deutschen Kommission der Komintern, der Sinowjew, Bucharin, Stalin, Trotzki, Radek und eine Reihe deutscher Genossen angehörten, eine Anzahl konkreter Beschlüsse über die direkte Hilfe für die deutschen Genossen bei der Machtergreifung.

Stimmten die Mitglieder dieser Kommission in jener Zeit in allem miteinander überein? Nein, das war nicht der Fall. Die Meinungsverschiedenheiten gingen damals um die Frage der Organisierung von Sowjets in Deutschland. Ich und Bucharin behaupteten, dass die Betriebsräte die Sowjets nicht ersetzen können, und schlugen die sofortige Organisierung proletarischer Sowjets in Deutschland vor. Trotzki und Radek, sowie auch einige deutsche Genossen, waren gegen die Organisierung von Sowjets, da sie glaubten, dass die Betriebsräte für die Übernahme der Macht ausreichen würden. Sinowjew schwankte zwischen diesen beiden Gruppen.

Beachten Sie, Genossen, damals war nicht von China die Rede, wo es insgesamt nur einige Millionen Proletarier gibt, sondern von Deutschland, einem industriell hochentwickelten Land, wo es damals etwa 15 Millionen Proletarier gab.

Womit endeten damals diese Meinungsverschiedenheiten? Damit, dass Sinowjew auf die Seite Trotzkis und Radeks überlief und die Frage der Sowjets negativ entschieden wurde.

Sinowjew hat zwar diese seine Sünden später reumütig zugegeben. Aber das schafft nicht die Tatsache aus der Welt, dass Sinowjew damals in einer der grundlegenden Fragen der deutschen Revolution auf dem rechten, dem opportunistischen Flügel stand, während Bucharin und Stalin auf dem revolutionären, dem kommunistischen Flügel standen.

Folgendes hat Sinowjew später darüber gesagt:

„In der Frage der Sowjets“ (in Deutschland. J. St.) „haben wir einen Fehler begangen, als wir Trotzki und Radek nachgaben. Jedesmal, wenn man in diesen Fragen nachgibt, überzeugt man sich davon, dass man einen Fehler begeht. Damals konnten keine Arbeitersowjets geschaffen werden, aber dies war der Prüfstein, um festzustellen, ob es sich um eine sozialdemokratische oder um eine kommunistische Einstellung handelte. Wir hätten in dieser Frage nicht nachgeben dürfen. Das Nachgeben war ein Fehler unserseits. So verhält es sich mit dieser Sache, Genossen.“ (Stenographisches Protokoll der 5. Sitzung des Präsidiums des EKKI mit den Vertretern der KP Deutschlands am 19. Januar 1924, S.70.)

Sinowjew spricht in diesem Zitat davon, dass „wir einen Fehler begingen“. Wer ist das „wir“? Es gab damals kein „wir“ und konnte es nicht geben. Einen Fehler begangen hat, um es genau zu sagen, Sinowjew, der auf die Seite Trotzkis und Radeks überlief und ihre falsche Position bezog.

Das sind die Tatsachen.

Sinowjew sollte lieber nicht an die deutsche Revolution von 1923 erinnern und sich vor dem Plenum blamieren, um so mehr, als die von ihm aufgeworfene Frage der deutschen Revolution, wie Sie sehen, gar nichts mit dem vierten Punkt der Tagesordnung des Plenums, den wir jetzt behandeln, zu tun hat.

Die Chinafrage. Sinowjew stellt die Dinge so hin, als habe Stalin in seinem Rechenschaftsbericht an den XIV. Parteitag angeblich China mit Amerika identifiziert. Das ist natürlich Unsinn. Von einer Identifizierung Chinas mit Amerika war in meinem Bericht überhaupt nicht die Rede und konnte keine Rede sein. In Wirklichkeit war in meinem Bericht lediglich vom Recht des chinesischen Volkes auf nationale Vereinigung und nationale Befreiung vom ausländischen Joch die Rede. Ich hatte die Frage mit ihrer Spitze gegen die imperialistische Presse gerichtet und gesagt: Wenn Sie, meine Herren Imperialisten, den nationalen Krieg in Italien, den nationalen Krieg in Amerika, den nationalen Krieg in Deutschland für die Vereinigung und für die Befreiung vom ausländischen Joch, zumindest in Worten, für richtig halten, inwiefern ist China schlechter als diese Länder, und warum hat das chinesische Volk kein Recht auf seine nationale Vereinigung und Befreiung?

Das habe ich in meinem Bericht gesagt, ohne dabei die Frage der Perspektiven und der Aufgaben der chinesischen Revolution vom Standpunkt des Kommunismus überhaupt zu berühren.

Ist eine solche Fragestellung im Kampf gegen die bürgerliche Presse berechtigt? Natürlich ist sie berechtigt. Sinowjew begreift diese einfache Sache nicht, aber daran ist schon seine eigene Begriffsstutzigkeit schuld, und sonst nichts.

Wie sich herausstellt, hält Sinowjew die Politik für falsch, die darauf gerichtet war, die Wuhaner Kuomintang zu einer Zeit, da sie revolutionär war, zum Kern der künftigen revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft zu machen. Es fragt sich, was ist denn hieran falsch? Ist es etwa nicht Tatsache, dass die Wuhaner Kuomintang zu Beginn dieses Jahres revolutionär war? Warum ist denn Sinowjew so lärmend für eine „allseitige Unterstützung“ der Wuhaner Kuomintang eingetreten, wenn die Wuhaner Kuomintang nicht revolutionär war? Warum hat denn die Opposition geschworen, dass sie für das Verbleiben der Kommunistischen Partei in der Wuhaner Kuomintang ist, wenn diese damals nicht revolutionär war? Was wären denn Kommunisten wert, die der Wuhaner Kuomintang angehören und dort Einfluss haben, aber nicht versuchten, die Mitläufer aus den Reihen der Kuomintang voranzutreiben, und nicht den Versuch unternähmen, die Wuhaner Kuomintang zum Kern der revolutionär-demokratischen Diktatur zu machen? Ich würde sagen, dass solche Kommunisten keinen Groschen wert sind.

Dieser Versuch ist zwar nicht gelungen, da die Imperialisten und die Feudalherren Chinas sich im gegebenen Stadium als stärker erwiesen haben als die Revolution und die chinesische Revolution infolgedessen eine zeitweilige Niederlage erlitt. Aber folgt daraus etwa, dass die Politik der Kommunistischen Partei falsch war?

Im Jahre 1905 versuchten die russischen Kommunisten ebenfalls, die damals bestehenden Sowjets zum Kern der künftigen revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft zu machen. Dieser Versuch gelang jedoch damals ebenfalls nicht, da das Verhältnis der Klassenkräfte ungünstig war, da sich der Zarismus und die Feudalherren als stärker erwiesen als die Revolution. Folgt daraus etwa, dass die Politik der Bolschewiki falsch war? Natürlich folgt das nicht daraus.

Sinowjew behauptet ferner, Lenin sei für die sofortige Organisierung von Sowjets der Arbeiterdeputierten in China gewesen. Dabei beruft sich Sinowjew auf Lenins Thesen zur kolonialen Frage, die auf dem II. Kongress der Komintern angenommen wurden. Aber hier führt Sinowjew die Partei einfach irre.

Es ist mehrmals in der Presse darüber gesprochen worden und muss hier wiederholt werden, dass in Lenins Thesen kein einziges Wort über Sowjets der Arbeiterdeputierten in China steht.

Es ist in der Presse mehrmals darüber gesprochen worden und muss hier wiederholt werden, dass Lenin in seinen Thesen nicht Sowjets der Arbeiterdeputierten meinte, sondern „Bauernsowjets“, „Volkssowjets“, „Sowjets der Werktätigen“, wobei er ausdrücklich den Vorbehalt machte, dass es sich um solche Länder handelt, „in denen es kein oder fast kein Industrieproletariat gibt“.

Kann man China zur Kategorie der Länder zählen, in denen es „kein oder fast kein Industrieproletariat gibt“? Natürlich kann man das nicht. Kann man in China Bauernsowjets, Sowjets der Werktätigen, Volkssowjets bilden, ohne vorher Klassensowjets der Arbeiterklasse zu bilden? Natürlich kann man das nicht. Wozu also betrügt die Opposition die Partei mit der Berufung auf Lenins Thesen?

Die Frage der Atempause. Lenin sagte im Jahre 1921, nach Beendigung des Bürgerkriegs, dass wir nunmehr eine gewisse Atempause vom Krieg hätten, eine Atempause, die zum Aufbau des Sozialismus benutzt werden müsse. Sinowjew hat jetzt an Stalin herumzunörgeln und behauptet, Stalin habe aus dieser Atempause eine Periode der Atempause gemacht, was angeblich der These von der Gefahr eines Krieges zwischen der UdSSR und den Imperialisten widerspricht.

Es braucht nicht betont zu werden, dass dies eine dumme und alberne Nörgelei von Sinowjew ist. Aber ist es etwa nicht Tatsache, dass wir nun schon seit sieben Jahren keine kriegerischen Zusammenstöße zwischen den Imperialisten und der UdSSR haben? Kann man diese siebenjährige Periode eine Periode der Atempause nennen? Natürlich kann und muss man sie so nennen. Lenin sprach wiederholt von der Periode des Brester Friedens, indes weiß ein jeder, dass diese Periode nicht länger als ein Jahr währte. Warum kann man die einjährige Periode des Brester Friedens eine Periode nennen, während man die siebenjährige Periode der Atempause nicht eine Periode der Atempause nennen darf? Wie kann man das vereinigte Plenum des ZK und der ZKK mit einer so albernen und dummen Nörgelei aufhalten?

Über die Diktatur der Partei. Mehrmals ist in unserer Parteipresse darüber gesprochen worden, dass Sinowjew den Leninschen Begriff der „Diktatur“ der Partei entstellt, indem er die Diktatur des Proletariats mit der Diktatur der Partei identifiziert. Mehrmals ist in unserer Parteipresse darüber gesprochen worden, dass Lenin unter „Diktatur“ der Partei die Führung der Partei in Bezug auf die Arbeiterklasse verstand, das heißt nicht Gewaltanwendung seitens der Partei gegenüber der Arbeiterklasse, sondern Führung durch Überzeugung, durch politische Erziehung der Arbeiterklasse, und zwar Führung durch eine Partei, die die Führung mit anderen Parteien weder teilt noch teilen will.

Sinowjew begreift das nicht, er entstellt die Leninsche Auffassung. Durch die Entstellung der Leninschen Auffassung von der „Diktatur“ der Partei aber macht Sinowjew, vielleicht ohne es selbst zu begreifen, den Weg frei für das Eindringen von „Araktschejewtum“ in die Partei, für die Rechtfertigung der Verleumdung Lenins durch Kautsky, wonach Lenin angeblich eine „Diktatur der Partei über die Arbeiterklasse“ errichtet hat. Kann man das gutheißen? Natürlich kann man das nicht. Aber wer ist denn schuld daran, wenn Sinowjew diese einfachen Dinge nicht begreift?

Über die nationale Kultur. Das, was Sinowjew hier über nationale Kultur zusammengeredet hat, sollte für alle Zeiten festgehalten werden, damit die Partei weiß, dass Sinowjew ein Gegner der Entwicklung der nationalen Kultur der Völker der UdSSR auf sowjetischer Grundlage, dass er in Wirklichkeit ein Anhänger der Kolonisationspolitik ist.

Wir hielten und halten die Losung der nationalen Kultur in einem Nationalitätenstaat in der Epoche der Herrschaft der Bourgeoisie für eine bürgerliche Losung. Warum? Weil die Losung der nationalen Kultur in einem solchen Staat in der Periode der Herrschaft der Bourgeoisie die geistige Unterwerfung der werktätigen Massen aller Nationalitäten unter die Führung der Bourgeoisie, unter ihre Herrschaft, unter ihre Diktatur bedeutet.

Nach der Machtergreifung durch das Proletariat haben wir die Losung der Entwicklung der nationalen Kultur der Völker der UdSSR auf der Grundlage der Sowjets proklamiert. Was heißt das? Das heißt, dass wir die Entwicklung der nationalen Kultur unter den Völkern der UdSSR den Interessen und Erfordernissen des Sozialismus, den Interessen und Erfordernissen der proletarischen Diktatur, den Interessen und Bedürfnissen der Werktätigen aller Nationalitäten der UdSSR anpassen.

Heißt das, dass wir jetzt gegen die nationale Kultur überhaupt sind? Nein, das heißt es nicht. Das heißt lediglich, dass wir jetzt für die Entwicklung der nationalen Kultur der Völker der UdSSR, der nationalen Sprache, der Schule, der Presse usw. auf der Grundlage der Sowjets sind. Aber was bedeutet der Vorbehalt „auf der Grundlage der Sowjets“? Er bedeutet, dass die Kultur der Völker der UdSSR, die die Sowjetmacht entwickelt, ihrem Inhalt nach eine allen Werktätigen gemeinsame Kultur, eine sozialistische Kultur sein muss, während sie ihrer Form nach eine für jedes Volk der UdSSR unterschiedliche Kultur ist und sein wird, eine nationale Kultur, eine für die Völker der UdSSR entsprechend der Verschiedenheit in der Sprache und in den nationalen Besonderheiten unter-schiedliche Kultur. Darüber habe ich auch in meiner Rede in der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens vor ungefähr drei Jahren gesprochen.

 

J.W. Stalin, „Über die politischen Aufgaben der Universität der Völker des Ostens“ (siehe „Werke“, Bd.7, S. 133-152 [deutsche Ausgabe S. 115 bis 1311).

 

In diesem Geiste hat unsere Partei auch die ganze Zeit hindurch gehandelt, indem sie die Entwicklung der nationalen Sowjetschulen, der nationalen Sowjetpresse und anderer kultureller Einrichtungen, die „Nationalisierung“ des Parteiapparats, die „Nationalisierung“ des Sowjetapparats usw. usf. förderte.

Eben deshalb hat Lenin in seinen Briefen an die in den nationalen Gebieten und Republiken tätigen Genossen dazu aufgefordert, die nationale Kultur dieser Gebiete und Republiken auf der Grundlage der Sowjets zu entwickeln.

Eben deshalb sind wir nach der Machtergreifung durch das Proletariat immer diesen Weg gegangen, eben deshalb ist es uns gelungen, ein internationales Gebäude zu errichten, das ohne Beispiel in der Welt dasteht und den Namen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken trägt.

Und Sinowjew glaubt nun, all das über den Haufen werfen, auslöschen, begraben zu können, indem er der nationalen Kultur den Krieg erklärt. Und dieses Kolonisatorengerede über die nationale Frage nennt er Leninismus! Ist das nicht lächerlich, Genossen!

Über den Aufbau des Sozialismus in einem Lande. Sinowjew und die Opposition überhaupt (Trotzki, Kamenew) klammern sich trotz einer Reihe schwerer Niederlagen in dieser Frage immer und immer wieder an diese Frage und stehlen dem Plenum die Zeit. Sie versuchen, die Sache so darzustellen, als wäre die These von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in der UdSSR keine Theorie Lenins, sondern eine „Theorie“ Stalins.

Es braucht wohl kaum nachgewiesen zu werden, dass eine solche Behauptung der Opposition einen Versuch der Opposition darstellt, die Partei zu betrügen. Ist es etwa nicht Tatsache, dass gerade Lenin, und niemand anders, bereits im Jahre 1915 den Sieg des Sozialismus in einem Lande für möglich erklärte?

 

W. I. Lenin, „Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa“ (siehe „Werke“, 3. Ausgabe, Bd. XVIII, S. 232/233 und 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 311 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. I, S. 753]).

 

Ist es etwa nicht Tatsache, dass gerade Trotzki, und niemand anders, gleich damals gegen Lenin auftrat und die Erklärung Lenins als „nationale Beschränktheit“ bezeichnete? Was hat denn das mit einer „Theorie“ Stalins zu tun?

Ist es etwa nicht Tatsache, dass gerade Kamenew und Sinowjew, und niemand anders, im Jahre 1925 hinter Trotzki einher trotteten und Lenins Lehre von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande als „nationale Beschränktheit“ bezeichneten? Ist es etwa nicht Tatsache, dass unsere Partei auf ihrer XIV. Konferenz eine besondere Resolution über die Möglichkeit des siegreichen Aufbaus des Sozialismus in der UdSSR

 

Gemeint ist die Resolution „Über die Aufgaben der Komintern und der KPR(B) im Zusammenhang mit dem erweiterten Plenum des EKKI“, angenommen von der XIV. Konferenz der KPR(B), die vom 27. bis zum 29. April 1925 tagte. (Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK“, Teil II, 1941, S.25-31, russ.)

 

angenommen hat, entgegen der halbmenschewistischen Theorie Trotzkis?

Warum übergehen Trotzki, Sinowjew und Kamenew diese Resolution der XIV. Parteikonferenz?

Ist es etwa nicht Tatsache, dass unsere Partei die Entschließung der XIV. Konferenz auf ihrem XIV. Parteitag bestätigt und diese Bestätigung mit ihrer Spitze gegen Kamenew und Sinowjew gerichtet hat?

 

Es handelt sich um die Resolution zum Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees, angenommen vom XIV. Parteitag der KPdSU(B), der vom 18. bis zum 31. Dezember 1925 tagte. (Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK“, Teil II, 1941, S. 47-53, russ.)

 

 

Ist es etwa nicht Tatsache, dass unsere XV. Parteikonferenz eine eingehend begründete Entschließung über die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in der UdSSR

 

Gemeint ist die Resolution „über den Oppositionsblock in der KPdSU(B)“, angenommen von der XV. Konferenz der KPdSU(B), die vom 26. Oktober bis zum 3. November 1926 tagte. (Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK“, Teil II, 1941, S. 148-155, russ.)

 

angenommen und sie mit ihrer Spitze gegen den Oppositionsblock und dessen Haupt, Trotzki, gerichtet hat?

Ist es etwa nicht Tatsache, dass das VII. erweiterte Plenum des EKKI diese Resolution der XV. Konferenz der KPdSU(B) bestätigt und Trotzki, Sinowjew und Kamenew der sozialdemokratischen Abweichung überführt hat?

 

Gemeint ist die Resolution zur russischen Frage, angenommen vom VII. erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der Komintern, das vom 22. November bis zum 16. Dezember 1926 tagte. (Siehe „Thesen und Resolutionen des VII. erweiterten Plenums des Exekutivkomitees der Komintern“, Moskau/ Leningrad 1927, S.60-70, russ.)

 

 

Es fragt sich, was hat denn das mit einer „Theorie“ Stalins zu tun?

Hat denn Stalin jemals etwas anderes von der Opposition verlangt, als dass sie die Richtigkeit dieser Beschlüsse der höchsten Instanzen unserer Partei und der Komintern anerkennt?

Warum übergehen die Führer der Opposition alle diese Tatsachen, wenn sie ein reines Gewissen haben? Worauf spekulieren sie? Darauf, die Partei zu betrügen? Aber ist es etwa schwer, zu begreifen, dass es niemand gelingen wird, unsere bolschewistische Partei zu betrügen?

Das sind die Fragen, Genossen, die mit dem zur Diskussion stehenden Punkt über die Verletzung der Parteidisziplin durch Trotzki und Sinowjew eigentlich gar nichts zu tun haben, die Sinowjew aber trotzdem wieder hervorgeholt hat, um uns Sand in die Augen zu streuen und die zur Diskussion stehende Frage zu vertuschen.

Ich bitte nochmals um Entschuldigung, dass ich Ihre Zeit in Anspruch genommen und diese Fragen analysiert habe. Aber ich konnte nicht anders handeln, denn es gibt keinen anderen Weg, um unseren Oppositionellen die Lust auszutreiben, die Partei zu betrügen.

Jetzt aber, Genossen, gestatten Sie mir, von der „Verteidigung“ zum Angriff überzugehen.

Das eigentliche Unglück der Opposition besteht darin, dass sie bis zum heutigen Tage noch nicht begreifen kann, wodurch sie „es so weit gebracht hat“.

In der Tat, warum sind ihre Führer, die gestern noch zu den Führern der Partei zählten, „plötzlich“ Renegaten geworden? Wodurch ist das zu erklären? Die Opposition selbst möchte diese Tatsache gern mit Gründen persönlicher Art erklären: Stalin „hat nicht geholfen“, Bucharin „hat ein Bein gestellt“, Rykow „hat nicht unterstützt“, Trotzki „hat es verpasst“, Sinowjew „hat es übersehen“ und ähnliches. Aber diese billige ‘ „Erklärung“ enthält auch nicht die Spur einer Erklärung. Die Tatsache, dass die heutigen Führer der Opposition von der Partei isoliert sind, ist keine unbedeutende Tatsache. Noch weniger kann man sie als Zufall bezeichnen. Die Tatsache, dass die jetzigen Führer der Opposition der Partei abtrünnig geworden sind, hat tief liegende Ursachen. Offenbar sind Sinowjew, Trotzki und Kamenew durch irgend etwas auf die schiefe Bahn geraten, haben sie sich durch irgend etwas ernstlich versündigt - sonst hätte sich die Partei nicht von ihnen abgewandt, als von Renegaten. Und da erhebt sich die Frage: Wodurch sind die Führer der jetzigen Opposition auf die schiefe Bahn geraten, wodurch erklärt es sich, dass sie „es so weit gebracht haben“?

Die erste grundlegende Frage, in der sie auf die schiefe Bahn geraten sind, ist die Frage des Leninismus, die Frage der leninistischen Ideologie unserer Partei. Sie sind dadurch auf die schiefe Bahn geraten, dass sie versuchten und weiter versuchen, den Leninismus durch den Trotzkismus zu ergänzen, im Grunde genommen den Leninismus durch den Trotzkismus zu ersetzen. Das aber, Genossen, ist eine schwere Sünde der Führer der Opposition, die ihnen die Partei nicht verzeihen konnte noch verzeihen kann. Es ist klar, dass die Partei ihnen bei diesem Versuch, eine Wendung vom Leninismus zum Trotzkismus herbeizuführen, nicht folgen konnte, und infolgedessen sahen sich die Führer der Opposition von der Partei isoliert.

Was ist der jetzige Block der Trotzkisten mit den ehemaligen Leninisten aus der Opposition? Ihr jetziger Block ist der materielle Ausdruck des Versuchs, den Leninismus durch den Trotzkismus zu ergänzen. Das Wort „Trotzkismus“ ist nicht von mir erfunden. Es wurde erstmalig von Genossen Lenin gebraucht als etwas dem Leninismus Entgegengesetztes.

Worin besteht die Hauptsünde des Trotzkismus? Die Hauptsünde des Trotzkismus besteht darin, dass er nicht an die Kraft und an die Fähigkeit des Proletariats der UdSSR glaubt, die Bauernschaft, die Hauptmassen der Bauernschaft, zu führen sowohl im Kampf für die Festigung der Macht des Proletariats als auch insbesondere im Kampf für den Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande.

Die Hauptsünde des Trotzkismus besteht darin, dass er die Leninsche Idee der Hegemonie des Proletariats (in Bezug auf die Bauernschaft) beider Erkämpfung und Festigung der Diktatur des Proletariats, bei der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft in den einzelnen Ländern nicht begreift und, im Grunde genommen, nicht anerkennt.

Waren diese organischen Mängel des Trotzkismus den früheren Leninisten Sinowjew und Kamenew bekannt? Ja, sie waren ihnen bekannt. Gestern noch haben sie an allen Ecken und Enden geschrieen, der Leninismus sei eins und der Trotzkismus etwas anderes. Gestern noch haben sie geschrieen, der Trotzkismus sei unvereinbar mit dem Leninismus. Aber sie brauchten nur mit der Partei in Konflikt zu geraten und in der Minderheit zu bleiben, und schon vergaßen sie das alles und wandten sich dem Trotzkismus zu, um gemeinsam mit ihm gegen die Leninsche Partei, gegen ihre Ideologie, gegen den Leninismus zu kämpfen.

Sie erinnern sich wahrscheinlich unseres Streits auf dem XIV. Parteitag. Worüber stritten wir damals mit der so genannten „neuen Opposition“? Über die Rolle und Bedeutung des Mittelbauern, über die Rolle und Bedeutung der Hauptmassen der Bauernschaft, über die Möglichkeit, dass das Proletariat ungeachtet der technischen Rückständigkeit unseres Landes die Hauptmassen der Bauernschaft beim sozialistischen Aufbau führt.

Mit anderen Worten: Wir stritten mit ihnen darüber, worüber unsere Partei seit langem mit dem Trotzkismus streitet. Sie wissen, dass das Ergebnis des Streits auf dem XIV. Parteitag für die „neue Opposition“ kläglich war. Sie wissen, dass die „neue Opposition“ im Ergebnis dieses Streits in der grundlegenden Frage, in der Frage der Leninschen Idee der Hegemonie des Proletariats in der Epoche der proletarischen Revolution, ins Lager des Trotzkismus hinüberwechselte. Auf diesem Boden entstand auch der so genannte Oppositionsblock der Trotzkisten mit den ehemaligen Leninisten aus der Opposition.

War der „neuen Opposition“ bekannt, dass der V. Kongress der Komintern den Trotzkismus als kleinbürgerliche Abweichung charakterisiert hat

 

Es handelt sich um die Resolution zur russischen Frage, angenommen vom V. Kongress der Kommunistischen Internationale, der vom 17. Juni bis zum 8. Juli 1924 tagte. (Siehe „Der V. Weltkongress der Kommunistischen Internationale. Thesen, Resolutionen und Beschlüsse“, Moskau 1924, S. 175-186, russ.)

 

Natürlich war ihr das bekannt. Mehr noch, sie selbst setzte sich auf dem V. Kongress der Komintern für die Annahme einer entsprechenden Resolution ein. Wusste die „neue Opposition“, dass Leninismus und kleinbürgerliche Abweichung unvereinbar sind? Natürlich wusste sie das. Mehr noch, vor den Augen der gesamten Partei schrie sie darüber an allen Ecken und Enden.

Jetzt urteilen Sie selbst: Konnte die Partei anders handeln, als sich von solchen Führern abzuwenden, die heute verbrennen, was sie gestern verehrten, die heute verleugnen, wozu sie die Partei gestern mit lauter Stimme aufriefen, die versuchen, den Leninismus durch den Trotzkismus zu ergänzen, obwohl sie einen solchen Versuch gestern noch Verrat am Leninismus nannten? Es ist klar, dass die Partei sich von solchen Führern abwenden musste.

In ihrer Sucht, alles auf den Kopf zu stellen, ging die Opposition sogar so weit, die Tatsache zu leugnen, dass Trotzki in der Periode vor der Oktoberrevolution zu den Menschewiki gehörte. Wundern Sie sich nicht, Genossen - sie erklärt direkt, Trotzki sei seit dem Jahre 1904 niemals Menschewik gewesen. Verhält sich das wirklich so? Wenden wir uns Lenin zu.

Lenin sagte im Jahre 1914, dreieinhalb Jahre vor der Oktoberrevolution, folgendes über Trotzki:

„Die alten Teilnehmer an der marxistischen Bewegung in Rußland kennen die Figur Trotzkis genau, und für sie lohnt es nicht, von ihr zu sprechen. Aber die junge Arbeitergeneration kennt sie nicht, und man muss von ihr sprechen, denn dies ist eine Figur, die typisch ist für alle jene fünf ausländischen Grüppchen, die faktisch ebenfalls zwischen den Liquidatoren und der Partei schwanken.

In den Zeiten der alten ‚Iskra (1901 bis 1903) gab man diesen Schwankenden und von den ‚Ökonomisten’ zu den ‚Iskra’-Leuten und umgekehrt Überlaufenden den Namen ‚Tuschinoer Überläufer’ (so nannte man in der Zeit der Wirren in Rußland die Krieger, die von dem einen Lager ins andere überliefen)...

Die ‚Tuschinoer Überläufer’ erklären sich als über den Fraktionen stehend, und das aus dem einzigen Grunde, weil sie ihre Ideen heute der einen, morgen der anderen Fraktion ‚entlehnen’. Trotzki war in den Jahren 1901 bis 1903 ein eifriger ‚Iskra’-Anhänger, und Rjasanow bezeichnete seine Rolle auf dem Parteitag von 1903 als die Rolle des ,Leninschen Knüppels’. Ende 1903 ist Trotzki eifriger Menschewik, das heißt, er ist von den Iskra-Leuten zu den ,Ökonomisten’ übergelaufen; er verkündet: ,Zwischen der alten und der neuen „Iskra“ liegt ein Abgrund’. Im Jahre 1904/05 rückt er von den Menschewiki ab und nimmt eine schwankende Haltung ein, wobei er bald mit Martynow (dem ‚Ökonomisten’) zusammenarbeitet, bald die absurd linke ‚permanente Revolution’ verkündet. Im Jahre 1906/07 nähert er sich den Bolschewiki, und im Frühjahr 1907 erklärt er sich mit Rosa Luxemburg solidarisch.

In der Periode des Zerfalls geht er, nach langen ‚nichtfraktionellen’ Schwankungen, wiederum nach rechts, und im August 1912 geht er einen Block mit den Liquidatoren ein. Jetzt rückt er wiederum von ihnen ab, wobei er jedoch dem ‘Wesen der Sache nach ihre armseligen Gedanken wiederholt...

Derartige Typen sind charakteristisch als Trümmer geschichtlicher Gestaltungen und Formationen von gestern, als die proletarische Massenbewegung in Rußland noch schlief und ein beliebiges Grüppchen ,genügend Platz’ hatte, um sich als Strömung, als Gruppe, als Fraktion, mit einem Wort, als eine ,Macht’ hinzustellen, die von Vereinigung mit anderen redet.

Es ist notwendig, dass die junge Arbeitergeneration genau wisse, mit wem sie es zu tun hat, wenn mit unglaublichen Ansprüchen Leute auftreten, die weder den Parteibeschlüssen, die seit dem Jahre 1908 das Verhältnis zum Liquidatorentum bestimmt und festgelegt haben, auch nur im geringsten Rechnung tragen wollen noch der Erfahrung der modernen Arbeiterbewegung Rußlands, die in der Tat die Einheit der Mehrheit auf dem Boden der restlosen Anerkennung der genannten Beschlüsse hergestellt hat.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 20, S.321/322 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. I, S. 631/632].)

Daraus geht hervor, dass sich Trotzki in der Zeit nach 1903 dauernd außerhalb des bolschewistischen Lagers aufhielt, wobei er bald ins Lager der Menschewiki überlief, bald von ihnen abrückte, sich jedoch niemals den Bolschewiki anschloss, sondern im Jahre 1912 den Block mit den menschewistischen Liquidatoren gegen Lenin und seine Partei organisierte und mit den Menschewiki in einem Lager blieb.

Ist es da verwunderlich, wenn eine solche „Figur“ unserer bolschewistischen Partei kein Vertrauen einflößt?

Ist es da verwunderlich, wenn sich der von eben dieser „Figur“ geführte Oppositionsblock als isoliert erwies und von der Partei beiseite geschleudert wurde?

Die zweite grundlegende Frage, in der die Führer der Opposition auf die schiefe Bahn geraten sind, ist die Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande in der Periode des Imperialismus. Der Fehler der Opposition besteht darin, dass sie versucht hat, die Lehre Lenins von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande unmerklich zu liquidieren.

Für niemand ist heute die Tatsache ein Geheimnis, dass Lenin bereits im Jahre 1915, zwei Jahre vor der Oktoberrevolution, ausgehend vom Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung unter den Bedingungen des Imperialismus, die These aufstellte, dass „der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist“. (Lenin, 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 311 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. 1, S. 753].)

Für niemand ist heute die Tatsache ein Geheimnis, dass gerade Trotzki, und niemand anders, in dem gleichen Jahr 1915 in der Presse gegen diese These Lenins auftrat und erklärte, die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern anerkennen, „würde bedeuten, ein Opfer jener nationalen Beschränktheit zu werden, die das Wesen des Sozialpatriotismus ist“ (Trotzki, „Das Jahr 1917“, Bd. III, Teil 1, S. 89190, russ.).

Ebenso ist die allbekannte Tatsache kein Geheimnis, dass diese Polemik zwischen Lenin und Trotzki in der Folge eigentlich nicht abriss bis zum Erscheinen von Lenins letzter Schrift „Über das Genossenschaftswesen“

 

Siehe W. I. Lenin, „Werke“, 4. Ausgabe, Bd. 33, S.427-435 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 988-995].
 

im Jahre 1923, in der er immer wieder von neuem die Möglichkeit der Errichtung der „vollendeten sozialistischen Gesellschaft“ in unserem Lande verkündet.

Welche Veränderungen traten im Zusammenhang mit dieser Frage nach Lenins Tod in der Geschichte unserer Partei ein? Auf unserer XIV. Parteikonferenz im Jahre 1925 erkannten Kamenew und Sinowjew nach einer Reihe von Schwankungen Lenins Lehre von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande an und grenzten sich zusammen mit der Partei in dieser Frage vom Trotzkismus ab. Aber einige Monate später, vor dem XIV. Parteitag, als sie im Kampf gegen die Partei in der Minderheit blieben und sich genötigt sahen, mit Trotzki einen Block zu bilden - schwenkten sie „plötzlich“ zum Trotzkismus ab, brachen mit der Resolution der XIV. Konferenz unserer Partei und kehrten sich von der Leninschen Lehre von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande ab. Das Ergebnis ist, dass die Opposition das halbmenschewistische Geschwätz Trotzkis über die nationale Beschränktheit der Theorie Lenins als Nebelschleier benutzt, hinter dem sie ihre Arbeit zur Liquidierung des Leninismus in der Frage des sozialistischen Aufbaus zu verbergen sucht.

Es fragt sich: Ist es da verwunderlich, wenn die im Geiste des Leninismus erzogene und zusammengeschweißte Partei es für nötig hielt, sich nach alledem von solchen Liquidatoren abzuwenden, und die Führer der Opposition sich von der Partei isoliert sahen?

Die dritte grundlegende Frage, in der die Führer der Opposition auf die schiefe Bahn geraten sind, ist die Frage unserer Partei, die Frage ihrer Geschlossenheit, die Frage ihrer ehernen Einheit.

Der Leninismus lehrt, dass die Partei des Proletariats einheitlich und aus einem Guss sein muss, ohne Fraktionen, ohne fraktionelle Zentren, mit einem einheitlichen Parteizentrum, mit einem einheitlichen Willen. Der Leninismus lehrt, dass die Interessen der proletarischen Partei eine bewusste Erörterung der Fragen der Parteipolitik erfordern, ein bewusstes Verhältnis der Mitgliedermassen der Partei zur Parteiführung, Kritik an den Mängeln der Partei, Kritik an ihren Fehlern. Aber der Leninismus fordert gleichzeitig, dass die Parteibeschlüsse von allen Parteimitgliedern widerspruchslos durchgeführt werden, sobald diese Beschlüsse von den leitenden Organen der Partei angenommen und gebilligt sind.

Der Trotzkismus hat eine andere Auffassung hiervon. Für den Trotzkismus ist die Partei eine Art Föderation fraktioneller Gruppen mit einzelnen fraktionellen Zentren. Für den Trotzkismus ist die proletarische Disziplin der Partei unerträglich. Der Trotzkismus kann das proletarische Regime in der Partei nicht ausstehen. Der Trotzkismus begreift nicht, dass die Ausübung der Diktatur des Proletariats ohne eiserne Parteidisziplin unmöglich ist.

Waren diese organischen Defekte des Trotzkismus den ehemaligen Leninisten aus der Opposition bekannt? Natürlich waren sie ihnen bekannt. Mehr noch, sie schrien an allen Ecken und Enden, dass das „Organisationsschema“ des Trotzkismus mit den Organisationsprinzipien des Leninismus unvereinbar ist. Die Tatsache, dass die Opposition sich in ihrer Erklärung vom 16. Oktober 1926 von der Auffassung, nach der die Partei eine Föderation von Gruppen ist, lossagte, diese Tatsache bestätigt ein übriges Mal, dass die Opposition auf diesem Gebiet auf beiden Beinen hinkte und hinkt. Aber dieses Lossagen erfolgte nur in Worten, es war unaufrichtig. In Wirklichkeit haben die Trotzkisten niemals ihre Versuche aufgegeben, unserer Partei die trotzkistische Organisationslinie aufzuzwingen, Sinowjew und Kamenew aber helfen ihnen bei diesem unrühmlichen Werk. Sinowjew und Kamenew brauchten in ihrem Kampf gegen die Partei nur in der Minderheit zu bleiben, und schon schwenkten sie zu dem trotzkistischen, halbmenschewistischen Organisationsplan ab und verkündeten zusammen mit den Trotzkisten den Kampf gegen das proletarische Regime in der Partei als Tageslosung.

Kann es da wundernehmen, wenn unsere Partei es nicht für möglich erachtete, die Organisationsprinzipien des Leninismus zu begraben, wenn sie die jetzigen Führer der Opposition beiseite schleuderte?

Das, Genossen, sind die drei grundlegenden Fragen, in denen die jetzigen Führer der Opposition auf die schiefe Bahn geraten sind und mit dem Leninismus gebrochen haben.

Kann man sich danach wundern, dass die Leninsche Partei ihrerseits mit diesen Führern gebrochen hat?

Aber leider fand das Hinabsinken der Opposition damit kein Ende. Die Opposition sank noch tiefer und erreichte eine Grenze, über die man nicht hinausgehen darf, ohne Gefahr zu laufen, sich außerhalb der Reihen der Partei zu stellen.

Urteilen Sie selbst.

Bisher konnte man schwerlich annehmen, dass die Opposition, wie tief sie auch gesunken sein mag, in der Frage der bedingungslosen Verteidigung unseres Landes schwanken würde. Aber jetzt muss man nicht nur annehmen, sondern sogar behaupten, dass die Position der jetzigen Führer der Opposition eine defätistische Position ist. Wie anders kann man die dumme und absurde These Trotzkis von dem Clemenceauschen Experiment im Falle eines neuen Krieges gegen die UdSSR verstehen? Kann es etwa einen Zweifel geben, dass dies ein Symptom für das weitere Hinabsinken der Opposition ist?

Bisher konnte man schwerlich annehmen, dass die Opposition jemals die dumme und absurde Beschuldigung des Thermidorianertums gegen unsere Partei erheben würde. Im Jahre 1925, als Saluzki zum erstenmal von thermidorianischen Tendenzen in unserer Partei zu sprechen begann, grenzten sich die jetzigen Führer der Opposition entschieden von ihm ab. Aber jetzt ist die Opposition so tief gesunken, dass sie weiter geht als Saluzki und die Partei des Thermidorianertums beschuldigt. Unbegreiflich ist mir nur, wie Leute, die behaupten, unsere Partei sei thermidorianisch geworden, in unserer Partei bleiben können.

Bisher war die Opposition „lediglich“ darauf aus, einzelne fraktionelle Gruppierungen in den Sektionen der Komintern zu organisieren. Aber jetzt ist sie so weit gegangen, dass sie in Deutschland als Gegengewicht zu der dort bestehenden deutschen Kommunistischen Partei vor aller Augen eine neue Partei organisiert hat, die Partei der konterrevolutionären Spitzbuben Maslow und Ruth Fischer. Das aber ist eine Position der direkten Spaltung der Komintern. Von fraktionellen Gruppierungen in den Sektionen der Komintern zur Spaltung der Komintern - das ist der Weg des Hinabsinkens der Oppositionsführer.

Es ist charakteristisch, dass Sinowjew in seiner Rede die Tatsache des Vorhandenseins einer Spaltung in Deutschland nicht geleugnet hat. Dass aber diese selbe antikommunistische Partei von unserer Opposition organisiert worden ist, das ist schon allein daraus ersichtlich, dass die parteifeindlichen Artikel und Reden der Führer unserer Opposition von Maslow und Ruth Fischer als Sonderbroschüren gedruckt und verbreitet werden. (Zwischenruf: „Eine Schande!“)

Was aber bedeutet die Tatsache, dass der Oppositionsblock in unserer Presse Wujowitsch das Wort gegeben hat zur politischen Verteidigung dieser zweiten Partei in Deutschland, der Partei Maslows und Ruth Fischers? Das bedeutet, dass unsere Opposition Maslow und Ruth Fischer offen unterstützt, unterstützt gegen die Komintern, gegen ihre proletarischen Sektionen. Das aber ist schon nicht mehr einfach Fraktionsmacherei, Genossen. Das ist eine Politik der offenen Spaltung der Komintern. (Zurufe: „Sehr richtig!“)

Früher forderte die Opposition Freiheit für fraktionelle Gruppierungen in unserer Partei. Jetzt ist ihr das zuwenig. Jetzt beschreitet sie den Weg der direkten Spaltung, indem sie in der UdSSR eine neue Partei mit einem eigenen ZK, mit eigenen Ortsorganisationen gründet. Von der Politik der Fraktionsmacherei zur Politik der direkten Spaltung, zur Politik der Gründung einer neuen Partei, zu einer Politik, die der Ossowski-“Konzeption“

 

Ossowskitum“ - konterrevolutionäre „Theorie“, die die Bildung einer trotzkistischen Partei in der UdSSR zu begründen versuchte. Der Urheber dieser „Theorie“, der Trotzkist Ossowski, wurde im August 1926 aus der KPdSU(B) ausgeschlossen.

 

entspricht - so tief sind die Führer unserer Opposition gesunken.

Das sind die Marksteine, die den Weg des weiteren Hinabsinkens der Opposition kennzeichnen, den Weg des Abfalls von der Partei und der Komintern, den Weg der Spaltungspolitik in der Komintern und der KPdSU(B).

Kann man eine solche Lage länger dulden? Es ist klar, dass man das nicht kann. Man kann eine Spaltungspolitik weder in der Komintern noch in der KPdSU(B) zulassen. Dieses Übel muss unverzüglich ausgerottet werden, wenn uns die Interessen der Partei und der Komintern, die Interessen ihrer Einheit, am Herzen liegen.

Das sind die Umstände, die das ZK gezwungen haben, die Frage des Ausschlusses Trotzkis und Sinowjews aus dem ZK zu stellen. Wo ist nun der Ausweg? - werden Sie fragen.

Die Opposition hat sich in eine Sackgasse verrannt. Die Aufgabe besteht darin, einen letzten Versuch zu machen und der Opposition zu helfen, aus dieser Sackgasse herauszukommen. Das, was Genosse Ordshonikidse hier im Namen der ZKK vorgeschlagen hat, ist das Verfahren und ist das Maximum an Zugeständnissen, auf das die Partei eingehen könnte, um die Sache des Friedens in der Partei zu erleichtern.

Erstens muss die Opposition entschieden und unwiderruflich das „thermidorianische“ Geschwätz und die absurde Losung hinsichtlich des Clemenceauschen Experiments aufgeben. Die Opposition muss begreifen, dass man mit solchen Anschauungen und mit solchen Tendenzen unser Land angesichts der drohenden Kriegsgefahr nicht verteidigen kann. Die Opposition muss begreifen, dass man mit solchen Anschauungen und mit solchen Tendenzen nicht länger im Zentralkomitee unserer Partei verbleiben kann. (Zurufe: „Sehr richtig!“)

Zweitens muss die Opposition offen und unumwunden die antileninistische Spaltergruppe Maslow-Ruth Fischer in Deutschland verurteilen und jede Verbindung mit ihr abbrechen. Die Unterstützung der Spaltungspolitik in der Komintern kann nicht länger geduldet werden. (Zurufe: „Sehr richtig!“)

Man kann die UdSSR nicht verteidigen, wenn man die Spaltung in der Komintern unterstützt und die Sektionen der Komintern desorganisiert.

Drittens muss die Opposition sich entschieden und unwiderruflich von jeglicher Fraktionsmacherei und von allem lossagen, was zur Schaffung einer neuen Partei in der KPdSU(B) führen kann. Eine Spaltungspolitik darf in unserer Partei weder zwei Monate noch zwei Stunden vor dem Parteitag zugelassen werden. (Zurufe: „Sehr richtig!“)

Das, Genossen, sind die drei grundlegenden Bedingungen, ohne deren Annahme wir ein weiteres Verbleiben Trotzkis und Sinowjews im ZK unserer Partei nicht zulassen können.

Man wird sagen, das sei eine Repressalie. Ja, das ist eine Repressalie. Repressalien galten im Arsenal unserer Partei niemals als ausgeschlossen. Wir handeln hier auf der Grundlage der bekannten Resolution des X. Parteitags, auf der Grundlage der Resolution, die von Genossen Lenin verfasst und auf dem X. Parteitag von ihm zur Annahme gebracht wurde

 

Gemeint ist die Resolution „Über die Einheit der Partei“, angenommen vom X. Parteitag der KPR(B), der vom B. bis zum 16. März 1921 tagte. (Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK“, Teil I, 1941, S. 364-366, russ.)

 

. Punkt 6 und 7 dieser Resolution lauten:

Punkt 6: „Der Parteitag ordnet die sofortige Auflösung ausnahmslos aller Gruppen an, die sich auf der einen oder der anderen Plattform gebildet haben, und beauftragt alle Organisationen, strengstens darüber zu wachen, dass keinerlei fraktionelle Kundgebungen zugelassen werden. Die Nichterfüllung dieses Parteitagsbeschlusses zieht den unbedingten und sofortigen Ausschluss aus der Partei nach sich.“

Punkt 7: „Um innerhalb der Partei und in der gesamten Sowjetarbeit strenge Disziplin herbeizuführen und die größte Einheit bei Ausmerzung jeglicher Fraktionsmacherei zu erzielen, bevollmächtigt der Parteitag das ZK, im Falle (in Fällen) eines Disziplinbruchs oder des Wiederauflebens oder der Zulassung der Fraktionsmacherei, alle Disziplinarmaßnahmen der Partei, bis zum Ausschluss aus der Partei, und gegenüber Mitgliedern des ZK ihre Überführung in den Kandidatenstand und, als äußerste Maßnahme, sogar den Ausschluss aus der Partei in Anwendung zu bringen. Die Anwendung dieser äußersten Maßnahme (gegen Mitglieder des ZK, Kandidaten des ZK und Mitglieder der Kontrollkommission) kann nur unter der Bedingung erfolgen, dass ein Plenum des ZK einberufen wird, zu dem alle Kandidaten des ZK sowie alle Mitglieder der Kontrollkommission geladen werden. Erachtet diese gemeinsame Tagung der verantwortlichsten Leiter der Partei mit Zweidrittelmehrheit der Stimmen die Überführung eines ZK-Mitglieds in den Kandidatenstand oder den Ausschluss aus der Partei für notwendig, so muss diese Maßregel unverzüglich durchgeführt werden.“

Zurufe. Das muss sofort durchgeführt werden.

Stalin. Warten Sie, Genossen, beeilen Sie sich nicht. Das hat Lenin geschrieben und uns als Vermächtnis hinterlassen, denn er wusste, was das heißt eiserne Parteidisziplin, was das heißt Diktatur des Proletariats. Denn er wusste, dass die Diktatur des Proletariats durch die Partei verwirklicht wird, dass es ohne einheitliche und aus einem Guss geformte Partei keine Diktatur des Proletariats geben kann.

Das sind die Bedingungen, ohne deren Annahme ein weiteres Verbleiben Trotzkis und Sinowjews im ZK unserer Partei unmöglich ist. Nimmt die Opposition diese Bedingungen an, so ist es gut. Nimmt sie sie nicht an - umso schlimmer für sie. (Beifall.)