DEUTSCH

 


 

 


Der II. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands


Die Annahme des Programms und des Statuts und die Schaffung einer einheitlichen Partei
Die Meinungsverschiedenheiten auf dem Parteitag und die Entstehung zweier Strömungen in der Partei: der bolschewistischen und der menschewistischen

Auszug aus:

GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL II
Die Bildung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands. Die Entstehung der Fraktionen der Bolschewiki und der Menschewiki innerhalb der Partei
(1901-1904)

 

 

Somit hatten der Sieg der Leninschen Prinzipien und der erfolgreiche Kampf der „Iskra“ für den Leninschen Organisationsplan alle grundlegenden Bedingungen vorbereitet, die notwendig waren, um eine Partei zu schaffen oder - wie man damals sagte - eine wirkliche Partei zu schaffen. Die „Iskra“-Richtung hatte in den sozialdemokratischen Organisationen in Russland den Sieg davongetragen. Jetzt konnte man den II. Parteitag einberufen.

Am 17. (30.) Juli 1903 wurde der II. Parteitag der SDAPR eröffnet. Der Parteitag trat im Auslande geheim zusammen. Zuerst fanden die Sitzungen in Brüssel statt. Dann forderte jedoch die belgische Polizei die Parteitagsdelegierten auf, Belgien zu verlassen. Der Parteitag wurde daraufhin nach London verlegt.

Zum Parteitag trafen insgesamt 43 Delegierte von 26 Organisationen ein. Jedes Komitee hatte das Recht, zwei Delegierte zum Parteitag zu entsenden, manche Komitees entsandten jedoch nur einen Delegierten. Auf diese Weise hatten die 43 Delegierten 51 beschließende Stimmen.

Die Hauptaufgabe des Parteitags bestand „in der Schaffung einer wirklichen Partei auf denjenigen prinzipiellen und organisatorischen Grundlagen, die von der ‚Iskra’ vorgeschlagen und ausgearbeitet worden waren“. (Lenin, Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S. 329.)

Die Zusammensetzung des Parteitags war nicht gleichartig. Die offenkundigen „Ökonomisten“ waren infolge der Niederlage, die sie erlitten hatten, auf dem Parteitag nicht vertreten. Seitdem jedoch hatten sich die „Ökonomisten“ so geschickt verstellt, dass es ihnen gelang, einige Delegierte durchzuschmuggeln. Außerdem unterschieden sich die Delegierten des „Bund“ nur in Worten von den „Ökonomisten“, in Wirklichkeit waren sie jedoch für die „Ökonomisten“.

Auf dem Parteitag waren somit nicht nur Anhänger, sondern auch Gegner der „Iskra“ anwesend. Anhänger der „Iskra“ gab es 33, sie hatten also die Mehrheit. Aber nicht alle, die sich zu den „Iskra“-Leuten zählten, waren wirkliche „Iskra“-Leute, Leninisten. Die Delegierten zerfielen in einige Gruppierungen. Die Anhänger Lenins oder die standhaften „Iskra“-Leute hatten 24 Stimmen, 9 „Iskra“-Leute gingen mit Martow. Das waren die unbeständigen „Iskra“-Leute. Ein Teil der Delegierten schwankte zwischen der „Iskra“ und deren Gegnern; diese Delegierten hatten auf dem Parteitag 10 Stimmen. Das war das Zentrum. Die offenen Gegner der „Iskra“ hatten 8 Stimmen (3 „Ökonomisten“ und 5 Bundisten). Es genügte, dass sich die „Iskra“-Leute spalteten, und die Feinde der „Iskra“ konnten die Oberhand gewinnen.

Hieraus ist zu ersehen, wie kompliziert die Situation auf dem Parteitag war. Lenin wandte viel Kraft auf, um den Sieg der „Iskra“ auf dem Parteitag sicherzustellen.

Die wichtigste Angelegenheit des Parteitags war die Annahme des Parteiprogramms. Die Hauptfrage, die bei der Erörterung des Programms bei dem opportunistischen Teil des Parteitags auf Einwände stieß, war die Frage der Diktatur des Proletariats. Die Opportunisten waren auch in einer Reihe anderer Programmfragen mit dem revolutionären Teil des Parteitags nicht einverstanden. Sie entschlossen sich jedoch, hauptsächlich in der Frage der Diktatur des Proletariats eine Schlacht zu liefern, wobei sie sich darauf beriefen, dass eine Reihe sozialdemokratischer Parteien des Auslands keinen Punkt über die Diktatur des Proletariats in ihrem Programm habe und dass man ihn daher auch nicht in das Programm der Sozialdemokratie Russlands aufzunehmen brauche.

Die Opportunisten erhoben auch Einwände gegen die Aufnahme von Forderungen zur Bauernfrage in das Parteiprogramm. Diese Leute wollten nicht die Revolution, deshalb verhielten sie sich dem Bundesgenossen der Arbeiterklasse, der Bauernschaft, gegenüber fremd und feindselig.

Die Bundisten und die polnischen Sozialdemokraten erhoben Einwände gegen das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung. Lenin lehrte stets, dass die Arbeiterklasse verpflichtet ist, gegen die nationale Unterdrückung zu kämpfen. Einwände gegen diese Programmforderung waren gleichbedeutend mit dem Vorschlag, auf den proletarischen Internationalismus zu verzichten, zum Helfershelfer der nationalen Unterdrückung zu werden.

Lenin führte einen vernichtenden Schlag gegen alle diese Einwände.

Der Parteitag nahm das von der „Iskra“ vorgeschlagene Programm an.

Dieses Programm bestand aus zwei Teilen: aus dem Maximalprogramm und dem Minimalprogramm. Im Maximalprogramm wurde von der Hauptaufgabe der Partei der Arbeiterklasse gesprochen: von der sozialistischen Revolution, vom Sturz der Macht der Kapitalisten, von der Errichtung der Diktatur des Proletariats. Im Minimalprogramm wurde von den nächsten Aufgaben der Partei gesprochen, die noch vor dem Sturz der kapitalistischen Ordnung, vor der Errichtung der Diktatur des Proletariats durchzuführen sind: vom Sturz der zaristischen Selbstherrschaft, von der Errichtung der demokratischen Republik, von der Einführung des achtstündigen Arbeitstags für die Arbeiter, von der Liquidierung aller Überreste der Leiheigenschaft auf dem Lande, von der Rückgabe des Bodens an die Bauern, den ihnen die Gutsbesitzer geraubt hatten (der Boden,,abschnitte“, der „Otreski“).

Später ersetzten die Bolschewiki die Forderung nach Rückgabe der Boden,,abschnitte“ durch die Forderung nach Konfiskation des gesamten Bodens der Gutsbesitzer.

Das auf dem II. Parteitag angenommene Programm war ein revolutionäres Programm der Partei der Arbeiterklasse.

Es bestand bis zum VIII. Parteitag, als unsere Partei nach dem Siege der proletarischen Revolution ein neues Programm annahm.

Nach Annahme des Programms schritt der II. Parteitag zur Erörterung des Entwurfs des Parteistatuts. Nachdem der Parteitag das Programm angenommen und die Grundlage der ideologischen Vereinigung der Partei geschaffen hatte, musste er auch ein Parteistatut annehmen, um der Handwerklerei und dem Zirkelwesen, der organisatorischen Zersplitterung und dem Fehlen einer straffen Disziplin in der Partei ein Ende zu bereiten.

War jedoch die Annahme des Programms verhältnismäßig glatt verlaufen, so löste die Frage des Parteistatuts auf dem Parteitag heftige Auseinandersetzungen aus. Die schärfsten Meinungsverschiedenheiten kamen wegen der Formulierung des ersten Paragraphen des Statuts, über die Parteimitgliedschaft, zum Ausbruch. Wer Mitglied der Partei sein kann, wie die Zusammensetzung der Partei sein soll, was die Partei in organisatorischer Beziehung darstellen soll - ein organisiertes Ganzes oder irgend etwas Ungeformtes -, das waren die Fragen, die im Zusammenhang mit dem ersten Paragraphen des Statuts auftauchten. Zwei Formulierungen kämpften miteinander: die Formulierung Lenins, die von Plechanow und den standhaften „Iskra“-Leuten unterstützt wurde, und die Formulierung Martows, die von Axelrod, Sassulitsch, den unbeständigen „Iskra“-Leuten, von Trotzki und dem gesamten offen opportunistischen Teil des Parteitags unterstützt wurde.

Die Formulierung Lenins besagte, dass Mitglied der Partei jeder sein kann, der das Parteiprogramm anerkennt, die Partei in materieller Hinsicht unterstützt und Mitglied einer ihrer Organisationen ist. Die Formulierung Martows dagegen betrachtete zwar die Anerkennung des Programms und die materielle Unterstützung der Partei als notwendige Bedingungen, um Mitglied der Partei zu sein, sah jedoch die Beteiligung an einer der Parteiorganisationen nicht als Bedingung der Parteimitgliedschaft an, da sie den Standpunkt vertrat, dass ein Parteimitglied nicht auch Mitglied einer der Parteiorganisationen zu sein brauche.

Lenin betrachtete die Partei als Trupp, dessen Mitglied man nicht dadurch wird, dass man sich selber zur Partei zählt, sondern dessen Mitglieder von einer der Parteiorganisationen in die Partei aufgenommen werden und sich folglich der Parteidisziplin unterwerfen, während Martow die Partei als etwas organisatorisch Ungeformtes betrachtete, dessen Mitglied man wird, wenn man sich selber zur Partei zählt, und dessen Mitglieder folglich nicht verpflichtet sind, sich der Parteidisziplin zu unterwerfen, da sie keiner Parteiorganisation angehören.

Somit öffnete die Formulierung Martows zum Unterschied von der Leninschen Formulierung unbeständigen, nichtproletarischen Elementen die Tore der Partei sperrangelweit. Am Vorabend der bürgerlich-demokratischen Revolution gab es unter der bürgerlichen Intelligenz Leute, die vorübergehend mit der Revolution sympathisierten. Sie konnten hin und wieder der Partei sogar einen kleinen Dienst erweisen. Diese Leute wären jedoch nicht gewillt gewesen, einer Parteiorganisation beizutreten, sich der Parteidisziplin zu unterwerfen, Parteiaufträge auszuführen und sich den damit verbundenen Gefahren auszusetzen. Und solche Leute sollten nach dem Vorschlag Martows und anderer Menschewiki als Parteimitglieder betrachtet werden, ihnen sollte das Recht und die Möglichkeit gegeben werden, auf die Parteiangelegenheiten Einfluss zu nehmen. Sie machten sogar den Vorschlag, jedem Streikenden das Recht zu geben, sich zu den Parteimitgliedern zu „zählen“, obwohl sich an den Streiks auch Nichtsozialisten, Anarchisten, Sozialrevolutionäre beteiligten.

Es ergab sich somit, dass die Martowleute an Stelle einer Kampfpartei aus einem Guss, an Stelle einer straff organisierten Partei, für die Lenin und die Leninisten auf dem Parteitag kämpften, eine buntscheckige und verschwommene, eine ungeformte Partei haben wollten, die schon deswegen keine Kampfpartei sein konnte, weil sie buntscheckig gewesen wäre und einer festen Disziplin entbehrt hätte.

Die Abspaltung der unbeständigen „Iskra“-Leute von den standhaften „Iskra“-Leuten, ihr Bündnis mit dem Zentrum und der Anschluss der offenen Opportunisten an sie, gaben Martow in dieser Frage das übergewicht. Der Parteitag nahm mit einer Mehrheit von 28 gegen 22 Stimmen bei einer Stimmenthaltung den ersten Paragraphen des Statuts in der Martowschen Formulierung an.

Nach der Spaltung der „Iskra“-Leute in der Frage des ersten Paragrafen des Statuts verschärfte sich der Kampf auf dem Parteitag noch mehr. Der Parteitag näherte sich seinem Ende, den Wahlen der leitenden Parteiinstitutionen: der Redaktion des Zentralorgans der Partei („Iskra“) und des Zentralkomitees. Bevor jedoch der Parteitag zu den Wahlen schritt, kam es zu einigen Ereignissen, die das Kräfteverhältnis auf dem Parteitag änderten.

Im Zusammenhang mit dem Parteistatut hatte sich der Parteitag mit dem „Bund“ zu befassen. Der „Bund“ erhob Anspruch auf eine Sonderstellung in der Partei. Er verlangte, dass man ihn als einzigen Vertreter der jüdischen Arbeiter in Russland anerkenne. Auf diese Forderung des „Bund“ einzugehen, hätte bedeutet, die Arbeiter in den Parteiorganisationen nach ihrer Nationalität zu trennen, auf einheitliche territoriale Klassenorganisationen der Arbeiterklasse zu verzichten. Der Parteitag lehnte den organisatorischen Nationalismus des „Bund“ ab. Daraufhin verließen die Bundisten den Parteitag. Den Parteitag verließen auch zwei „Ökonomisten“, als der Parteitag es ablehnte, ihren Auslandsverband als Vertretung der Partei im Auslande anzuerkennen.

Dadurch, dass sieben Opportunisten den Parteitag verließen, veränderte sich das Kräfteverhältnis zugunsten der Leninisten.

Die Frage der Zusammensetzung der zentralen Parteiinstitutionen stand von Anfang an im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit Lenins. Lenin hielt es für notwendig, dass in das Zentralkomitee standhafte und konsequente Revolutionäre gewählt werden. Die Martowleute strebten danach, ein Übergewicht, der unbeständigen, opportunistischen Elemente im Zentralkomitee herbeizuführen. Die Mehrheit des Parteitags ging in dieser Frage mit Lenin. In das Zentralkomitee wurden Anhänger Lenins gewählt.

Auf Antrag Lenins wurden in die Redaktion der „Iskra“ Lenin, Plechanow und Martow gewählt. Martow forderte auf dem Parteitag, dass alle sechs alten Redakteure der „Iskra“, deren Mehrheit aus seinen Anhängern bestand, in die Redaktion der „Iskra“ gewählt werden. Der Parteitag lehnte diese Forderung mit Stimmenmehrheit ab. Gewählt wurde die von Lenin vorgeschlagene Dreiergruppe. Darauf erklärte Martow, dass er in die Redaktion des Zentralorgans nicht eintreten werde.

Somit bekräftigte der Parteitag durch seine Abstimmung in der Frage der zentralen Parteiinstitutionen die Niederlage der Anhänger Martows und den Sieg der Anhänger Lenins.

Von diesem Zeitpunkt an nannte man die Anhänger Lenins, die auf dem Parteitag bei den Wahlen die Mehrheit (russisch: Bolschinstwo) der Stimmen erhalten hatten, Bolschewiki, und die Gegner Lenins, die die Minderheit (russisch: Menschinstwo) der Stimmen erhalten hatten, nannte man Menschewiki.

Die Ergebnisse der Arbeit des II. Parteitags zusammenfassend, können folgende Schlussfolgerungen gezogen werden:

 

1. der Parteitag verankerte den Sieg des Marxismus über den „Ökonomismus“, über den offenen Opportunismus;

 

2. der Parteitag nahm das Programm und das Statut an, schuf die sozialdemokratische Partei und fügte auf diese Weise den Rahmen für eine einheitliche Partei;

 

3. der Parteitag deckte das Vorhandensein ernster organisatorischer Meinungsverschiedenheiten auf, die die Partei in zwei Teile trennten, in Bolschewiki und Menschewiki, von denen die ersteren die organisatorischen Prinzipien der revolutionären Sozialdemokratie verfochten, die letzteren aber in den Sumpf der organisatorischen Verschwommenheit, in den Sumpf des Opportunismus hinab sanken;

 

4. der Parteitag zeigte, dass die Stelle der alten, bereits von der Partei geschlagenen Opportunisten, die Stelle der „Ökonomisten“, in der Partei neue Opportunisten einzunehmen begannen - die Menschewiki;

 

5. der Parteitag stand auf dem Gebiet der Organisationsfragen nicht auf der Höhe seiner Aufgaben, machte Schwankungen durch, gab den Menschewiki zuweilen sogar das Übergewicht, und obwohl zum Schluss eine Wendung zum Bessern eintrat, vermochte der Parteitag nicht, den Opportunismus der Menschewiki in Organisationsfragen zu entlarven und sie in der Partei zu isolieren, ja, er vermochte nicht einmal der Partei diese Aufgabe zu stellen.

Der letztgenannte Umstand war eine der Hauptursachen, dass der Kampf zwischen Bolschewiki und Menschewiki nach dem Parteitag nicht nur nicht abflaute, sondern im Gegenteil sich noch mehr verschärfte.

 

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Die Spaltungstätigkeit der menschewistischen Führer und die Verschärfung des Kampfes innerhalb der Partei nach dem II. Parteitag
Der Opportunismus der Menschewiki
Lenins Werk „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“
Die organisatorischen Grundlagen der marxistischen Partei

Nach dem II. Parteitag verschärfte sich der Kampf innerhalb der Partei noch mehr. Die Menschewiki waren aus allen Kräften bemüht, die Beschlüsse des II. Parteitags zu durchkreuzen und sich der Parteizentren zu bemächtigen. Die Menschewiki forderten, dass in die Redaktion der „Iskra“ und in das Zentralkomitee ihre Vertreter in einer Anzahl aufgenommen werden, dass sie in der Redaktion die Mehrheit und im Zentralkomitee ebensoviel Mitglieder hätten wie die Bolschewiki. Da dies den direkten Beschlüssen des II. Parteitags widersprach, lehnten die Bolschewiki die Forderung der Menschewiki ab. Daraufhin gründeten die Menschewiki unter Geheimhaltung vor der Partei ihre parteifeindliche fraktionelle Organisation, an deren Spitze Martow, Trotzki und Axelrod standen, und „begannen“, wie Martow schrieb, „den Aufstand gegen den Leninismus“. Als Kampfmethode gegen die Partei wählten sie „die Desorganisierung der gesamten Parteiarbeit, Schadenstiftung, Sabotage auf Schritt und Tritt“ (Ausspruch Lenins). Sie verschanzten sich in der „Auslandsliga“ der russischen Sozialdemokraten, die zu neun Zehnteln aus emigrierten, von der Arbeit in Russland losgelösten Intellektuellen bestand, und eröffneten von hier aus das Feuer gegen die Partei, gegen Lenin und die Leninisten.

Die Menschewiki fanden große Hilfe bei Plechanow. Auf dem II. Parteitag war Plechanow mit Lenin gegangen. Nach dem II. Parteitag jedoch ließ sich Plechanow von den Menschewiki durch die Drohung mit der Spaltung einschüchtern. Er fasste den Entschluss, sich um jeden Preis mit den Menschewiki „auszusöhnen“. Zu den Menschewiki wurde Plechanow durch den Ballast seiner früheren opportunistischen Fehler hingezogen. Aus einem Versöhnler gegenüber den menschewistischen Opportunisten wurde Plechanow bald selbst zu einem Menschewik. Plechanow forderte die Aufnahme aller alten, vom Parteitag abgelehnten menschewistischen Redakteure in die Redaktion der „Iskra“. Lenin konnte sich natürlich damit nicht einverstanden erklären und trat aus der Redaktion der „Iskra“ aus, um sich im Zentralkomitee der Partei eine feste Position zu sichern und von hier aus die Opportunisten zu bekämpfen. Plechanow kooptierte eigenmächtig, unter Verletzung des Willens des Parteitags, die früheren menschewistischen Redakteure in die Redaktion der „Iskra“. Von diesem Zeitpunkt an, von Nummer 52 der „Iskra“ angefangen, verwandelten die Menschewiki die „Iskra“ in ihr Organ und begannen durch die „Iskra“ ihre opportunistischen Anschauungen zu propagieren.

Seit dieser Zeit spricht man in der Partei von der alten „Iskra“ als der Leninschen, bolschewistischen „Iskra“ und von der neuen „Iskra“ als der menschewistischen, opportunistischen „Iskra“.

Mit dem Übergang der „Iskra“ in die Hände der Menschewiki wurde sie zum Organ des Kampfes gegen Lenin, gegen die Bolschewiki, zum Organ der Propaganda des menschewistischen Opportunismus, vor allem auf dem Gebiete der Organisationsfragen. Die Menschewiki schlossen sich mit den „Ökonomisten“ und Bundisten zusammen und eröffneten in den Spalten der „Iskra“ einen Feldzug gegen den - wie sie sagten - Leninismus. Plechanow konnte nicht in der Position des Versöhnlertums verharren und schloss sich nach einiger Zeit ebenfalls dem Feldzug an. Der Logik der Dinge nach musste es auch so kommen: wer auf dem Versöhnlertum gegenüber Opportunisten besteht, der muss zum Opportunismus hinabsinken. Aus den Spalten der neuen „Iskra“ ergossen sich wie aus einem Kübel Erklärungen und Artikel, dass die Partei kein organisiertes Ganzes sein solle, dass man in der Partei freie Gruppen und Einzelgänger zulassen müsse, die nicht verpflichtet sind, sich den Beschlüssen der Parteiorgane unterzuordnen, dass es jedem Intellektuellen, jedem mit der Partei Sympathisierenden ebenso wie „jedem Streikenden“ und „jedem Demonstranten“ gestattet werden müsse, sich für ein Mitglied der Partei zu erklären, dass die Forderung nach Unterordnung unter alle Parteibeschlüsse ein „formal-bürokratisches“ Verhalten sei, dass die Forderung nach Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit eine „mechanische Unterdrückung“ des Willens der Parteimitglieder sei, dass die Forderung nach gleichmäßiger Unterordnung aller Parteimitglieder, der Führer wie der einfachen Mitglieder, unter die Parteidisziplin die Einführung einer „Leibeigenschaft“ in der Partei bedeute, dass „wir“ in der Partei keinen Zentralismus, sondern einen anarchischen „Autonomismus“ brauchen, der einzelnen Personen und Parteiorganisationen das Recht gibt, die Parteibeschlüsse nicht durchzuführen.

Das war eine hemmungslose Propaganda für die organisatorische Verlotterung, für die Untergrabung des Parteiprinzips und der Parteidisziplin, für die Verherrlichung des Intellektuellen-Individualismus, für die Rechtfertigung der anarchischen Undiszipliniertheit.

Die Menschewiki zerrten offenkundig die Partei vom II. Parteitag zur organisatorischen Zersplitterung, zum Zirkelwesen, zur Handwerklerei zurück.

Den Menschewiki musste eine entschiedene Abfuhr erteilt werden.

Diese Abfuhr erteilte ihnen Lenin in seinem berühmten Werk „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“, das im Mai 1904 erschien.

Die grundlegenden organisatorischen Leitsätze, die Lenin in diesem Buch entwickelte und die in der Folge die Organisationsgrundlagen der bolschewistischen Partei wurden, bestehen in folgendem:

 

1. Die marxistische Partei ist ein Teil, ein Trupp der Arbeiterklasse. Die Arbeiterklasse hat jedoch viele Trupps, folglich kann nicht jeder Trupp der Arbeiterklasse als Partei der Arbeiterklasse bezeichnet werden. Die Partei unterscheidet sich von anderen Trupps der Arbeiterklasse vor allem dadurch, dass sie keinen einfachen Trupp, sondern den Vortrupp, den bewussten Trupp, den marxistischen Trupp der Arbeiterklasse darstellt, der mit der Kenntnis des gesellschaftlichen Lebens, mit der Kenntnis der Entwicklungsgesetze des gesellschaftlichen Lebens, mit der Kenntnis der Gesetze des Klassenkampfes gewappnet und infolgedessen fähig ist, die Arbeiterklasse zu führen, ihren Kampf zu leiten. Daher darf man die Partei und die Arbeiterklasse nicht verwechseln, wie man den Teil und das Ganze nicht verwechseln darf, man darf nicht fordern, dass sich jeder Streikende für ein Mitglied der Partei erklären kann, denn wer Partei und Klasse verwechselt, der setzt das Niveau der Bewusstheit der Partei auf das Niveau „jedes Streikenden“ herab, der liquidiert die Partei als bewussten Vortrupp der Arbeiterklasse. Die Aufgabe der Partei besteht nicht darin, ihr Niveau auf das Niveau „jedes Streikenden“ zu senken, sondern darin, die Massen der Arbeiter zu heben, „jeden Streikenden“ auf das Niveau der Partei zu heben.

„Wir sind die Partei der Klasse“, schrieb Lenin, „und deshalb muss fast die gesamte Klasse (und in Kriegszeiten, in der Epoche des Bürgerkrieges, restlos die gesamte Klasse) unter der Leitung unserer Partei handeln, sie muss sich unserer Partei so eng wie möglich anschließen, doch wäre es ,Manilowerei’ [Manilowerei - müßige Gefühlsduselei und leere Träumerei; Manilow - Gestalt aus Gogols Werk „Die toten Seelen“. Der Übers.] und ‚Nachtrabpolitik’, wollte man glauben, dass irgendwann unter der Herrschaft des Kapitalismus fast die gesamte Klasse oder die gesamte Klasse imstande wäre, sich bis zu der Bewusstheit und der Aktivität zu erheben, auf der ihr Vortrupp, ihre sozialdemokratische Partei steht. Kein vernünftiger Sozialdemokrat hat je daran gezweifelt, dass unter dem Kapitalismus selbst die Gewerkschaftsorganisation (die primitiver, dem Bewusstsein der unentwickelten Schichten zugänglicher ist) außerstande ist, fast die gesamte oder die gesamte Arbeiterklasse zu erfassen. Es würde bedeuten, nur sich selbst zu betrügen, die Augen vor der gewaltigen Größe unserer Aufgaben zu verschließen, diese Aufgaben einzuengen, wollte man den Unterschied zwischen dem Vortrupp und all den Massen, die sich zu ihm hingezogen fühlen, vergessen, wollte man die ständige Pflicht des Vortrupps vergessen, immer breitere Schichten auf das Niveau dieses Vortrupps zu heben.“ (Lenin, Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I. S.356.)

 

2. Die Partei ist nicht nur der Vortrupp, der bewusste Trupp der Arbeiterklasse, sondern zugleich auch der organisierte Trupp der Arbeiterklasse, der seine Disziplin besitzt, die für alle seine Mitglieder verbindlich ist. Deshalb müssen die Parteimitglieder unbedingt Mitglieder einer der Organisationen der Partei sein. Wäre die Partei kein organisierter Trupp der Klasse, kein Organisationssystem, sondern eine einfache Summe von Menschen, die sich selbst für Parteimitglieder erklären, aber keiner der Organisationen der Partei angehören und daher nicht organisiert, folglich auch nicht verpflichtet sind, sich den Parteibeschlüssen unterzuordnen, so würde die Partei niemals einen einheitlichen Willen haben, würde sie niemals die Aktionseinheit ihrer Mitglieder verwirklichen können und würde infolgedessen nicht die Möglichkeit haben, den Kampf der Arbeiterklasse zu leiten. Die Partei kann nur dann den Kampf der Arbeiterklasse praktisch leiten und die Arbeiterklasse auf ein Ziel hinlenken, wenn alle ihre Mitglieder in einem einheitlichen gemeinsamen Trupp organisiert sind, der durch die Einheit des Willens, die Einheit der Aktionen, die Einheit der Disziplin zusammengeschweißt ist.

Der Einwand der Menschewiki, dass in diesem Falle viele Intellektuelle, zum Beispiel Professoren, Studenten, Gymnasiasten u. dgl., außerhalb der Partei verbleiben würden, da sie keiner Parteiorganisation beitreten wollen, entweder deswegen, weil ihnen die Parteidisziplin beschwerlich ist, oder deswegen, wie Plechanow auf dem II. Parteitag sagte, weil sie es „als erniedrigend betrachten, in diese oder jene Ortsorganisation einzutreten“, - dieser Einwand der Menschewiki schlägt ihnen selbst ins Gesicht, denn die Partei braucht keine Mitglieder, denen die Parteidisziplin beschwerlich ist und die sich fürchten, in eine Parteiorganisation einzutreten. Die Arbeiter fürchten die Disziplin und die Organisation nicht und treten gerne einer Organisation bei, wenn sie sich entschlossen haben, Mitglieder der Partei zu werden. Die Disziplin und die Organisation fürchten individualistisch gesinnte Intellektuelle, und diese werden wirklich außerhalb der Partei bleiben. Das ist aber gerade gut, denn die Partei wird von dem Zustrom unbeständiger Elemente befreit werden, der besonders jetzt, in der Periode des beginnenden Aufschwungs der bürgerlich-demokratischen Revolution, zugenommen hat.

„Wenn ich sage“, schrieb Lenin, „dass die Partei die Summe (nicht die einfache arithmetische Summe, sondern ein Komplex) von Organisationen sein muss, so ... bringe ich damit ganz klar und genau meinen Wunsch, meine Forderung zum Ausdruck, dass die Partei als Vortrupp der Klasse etwas möglichst Organisiertes darstelle, dass die Partei nur solche Elemente in sich aufnehme, die wenigstens ein Mindestmaß an Organisiertheit ermöglichen.“ (Ebenda, S.353/54.)

Und ferner:

In Worten verteidigt Martows Formel die Interessen der breiten Schichten des Proletariats; in der Tat wird diese Formel den Interessen der bürgerlichenIntelligenz dienen, die sich vor der proletarischen Disziplin und Organisation scheut. Niemand wird zu leugnen wagen, dass die Intelligenz als besondere Schicht der modernen kapitalistischen Gesellschaft im Großen und Ganzen gerade durch den Individualismus und die Unfähigkeit zur Disziplin und Organisation gekennzeichnet ist.“ (Ebenda, S.362.)

Und schließlich:

„Das Proletariat fürchtet die Organisation und die Disziplin nicht... Das Proletariat wird keinen Finger dafür rühren, dass die Herren Professoren und Gymnasiasten, die keiner Organisation beitreten wollen, als Parteimitglieder anerkannt werden, nur weil sie unter der Kontrolle einer Organisation arbeiten ... Nicht dem Proletariat, sondern manchenIntellektuellen in unserer Partei mangelt es an Selbsterziehung im Geiste der Organisation und der Disziplin.“ (Ebenda, S. 392.)

 

3. Die Partei ist nicht einfach ein organisierter Trupp, sondern unter allen Organisationen der Arbeiterklasse „die höchste Form der Organisation“, die berufen ist, alle anderen Organisationen der Arbeiterklasse zu leiten. Die Partei als höchste Form der Organisation, die aus den besten Menschen der Klasse besteht, die mit der fortgeschrittenen Theorie, mit der Kenntnis der Gesetze des Klassenkampfes und mit der Erfahrung der revolutionären Bewegung gewappnet sind, hat alle Möglichkeiten - und ist verpflichtet-, alle anderen Organisationen der Arbeiterklasse zu leiten. Das Bestreben der Menschewiki, die leitende Rolle der Partei zu verkleinern und herabzusetzen, führt zur Schwächung aller anderen, von der Partei geleiteten Organisationen des Proletariats, folglich zur Schwächung und Entwaffnung des Proletariats, denn „das Proletariat besitzt keine andere Waffe im Kampf um die Macht als die Organisation“ (ebenda, S.415).

 

4. Die Partei ist die Verkörperung der Verbindung des Vortrupps der Arbeiterklasse mit den Millionenmassen der Arbeiterklasse. Mag die Partei der beste Vortrupp sein und mag sie noch so gut organisiert sein, sie kann dennoch ohne Verbindung mit den parteilosen Massen, ohne Mehrung dieser Verbindungen, ohne Festigung dieser Verbindungen nicht leben und sich entwickeln. Eine Partei, die sich abgekapselt hat, die sich von den Massen abgesondert und die Verbindungen mit ihrer Klasse verloren oder auch nur abgeschwächt hat, muss das Vertrauen und die Unterstützung der Massen verlieren und folglich unvermeidlich untergehen. Um ein vollkräftiges Leben zu führen und sich zu entwickeln, muss die Partei die Verbindungen mit den Massen mehren und das Vertrauen der Millionenmassen ihrer Klasse erlangen.

„Um eine sozialdemokratische Partei zu sein“, sagte Lenin, „muss man die Unterstützung gerade der Klasse erlangen.“ (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. VI, S. 208 russ.)

 

5. Die Partei muss - um richtig zu funktionieren und die Massen planmäßig zu leiten - auf der Grundlage des Zentralismus organisiert sein, ein einheitliches Statut, eine einheitliche Parteidisziplin, ein einheitliches leitendes Organ in Gestalt des Parteitags und in der Zeit zwischen den Parteitagen in Gestalt des Zentralkomitees der Partei an der Spitze haben, wobei sich die Minderheit der Mehrheit, die einzelnen Organisationen dem Zentrum, die unteren Organisationen den höheren unterordnen müssen. Ohne diese Vorbedingungen kann die Partei der Arbeiterklasse keine wirkliche Partei sein, kann sie ihre Aufgaben bei der Führung der Klasse nicht erfüllen.

Natürlich konnten die Parteiorganisationen zu jenen Zeiten infolge der Illegalität der Partei unter dem Regime der zaristischen Selbstherrschaft nicht auf der Grundlage der Wählbarkeit von unten aufgebaut sein; die Partei war gezwungen, einen streng konspirativen Charakter zu tragen. Lenin war jedoch der Auffassung, dass diese vorübergehende Erscheinung im Leben unserer Partei schon in den ersten Tagen nach der Beseitigung des Zarismus wegfallen wird, wo die Partei zu einer offen auftretenden und legalen Partei werden wird und die Parteiorganisationen auf der Grundlage demokratischer Wahlen, auf der Grundlage des demokratischen Zentralismus aufgebaut sein werden.

Früher“, schrieb Lenin, „war unsere Partei kein formal organisiertes Ganzes, sondern nur die Summe vereinzelter Gruppen, und darum konnte es auch keine anderen Beziehungen zwischen diesen Gruppen geben als die ideologische Beeinflussung. Jetzt sind wir eine organisierte Partei geworden, und dies eben bedeutet die Schaffung einer Macht, die Verwandlung der Autorität der Ideen in eine Autorität der Macht, die Unterordnung der unteren Parteikörperschaften unter die höheren.“ (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. VI, S. 291 russ.)

Lenin beschuldigte die Menschewiki des organisatorischen Nihilismus und des Edelanarchismus, der die Macht der Partei und ihre Disziplin über sich nicht duldet, und schrieb:

„Dem russischen Nihilisten ist dieser Edelanarchismus besonders eigen. Die Parteiorganisation erscheint ihm als eine ungeheuerliche ‚Fabrik’, die Unterordnung des Teiles unter das Ganze und der Minderheit unter die Mehrheit erscheint ihm als ,Hörigkeit’ ... die Arbeitsteilung unter der Leitung des Zentrums ruft bei ihm ein tragikomisches Gezeter gegen die Verwandlung der Menschen in ‚Rädchen und Schraubchen’ hervor (wobei als besonders mörderische Art dieser Verwandlung die Verwandlung von Redakteuren in Mitarbeiter betrachtet wird), die Erwähnung des Organisationsstatuts der Partei ruft eine verächtliche Grimasse und die geringschätzige Bemerkung (an die Adresse der ,Formalisten’) hervor, dass es ja auch ganz ohne Statut gehen könnte.“ (Lenin, Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S. 395.)

 

6. Will die Partei die Einheit ihrer Reihen bewahren, so muss sie in ihrer Praxis eine einheitliche proletarische Disziplin durchsetzen, die für alle Parteimitglieder gleicherweise verbindlich ist, sowohl für die Führer als auch für die einfachen Mitglieder. Daher darf es in der Partei keine Teilung geben in „Auserwählte“, für die die Disziplin nicht verbindlich ist, und „Nichtauserwählte“, die sich der Disziplin fügen müssen. Ohne diese Vorbedingung kann die Unversehrtheit der Partei und die Einheit ihrer Reihen nicht gewahrt werden.

„Das vollständige Fehlen vernünftiger Argumente“, schrieb Lenin, „gegen die vom Parteitag eingesetzte Redaktion bei Martow und Konsorten wird am besten durch das von ihnen selber geprägte Sprüchlein beleuchtet: ‚Wir sind keine Leibeigenen!’... Die Mentalität des bürgerlichen Intellektuellen, der sich zu den ‚erwählten Geistern’ zählt, die über der Massenorganisation und der Massendisziplin stehen, tritt hier mit ausgezeichneter Prägnanz hervor … Dem Intellektuellen-Individualismus ... erscheint jede proletarische Organisation und Disziplin als Leibeigenschaft.“ (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. VI, S. 282 russ.)

Und ferner:

„In dem Maße, wie sich bei uns eine wirkliche Partei herausbildet, muss der klassenbewusste Arbeiter lernen, die Mentalität eines Soldaten der proletarischen Armee von der Mentalität eines bürgerlichen Intellektuellen zu unterscheiden, der mit anarchistischen Phrasen prunkt; er muss lernen, die Erfüllung der Pflichten eines Parteimitglieds nicht nur von den einfachen Mitgliedern, sondern auch von den ‚Leuten an der Spitze’ zu fordern.“ (Lenin, Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S.398.)

Die Ergebnisse der Analyse der Meinungsverschiedenheiten zusammenfassend und die Position der Menschewiki als „Opportunismus in Organisationsfragen“ kennzeichnend, hielt Lenin es für eine der Hauptsünden des Menschewismus, dass dieser die Bedeutung der Parteiorganisation als Waffe des Proletariats im Kampfe um seine Befreiung unterschätzt. Die Menschewiki waren der Auffassung, dass die Parteiorganisation des Proletariats keine ernsthafte Bedeutung für den Sieg der Revolution habe. Entgegen den Menschewiki war Lenin der Auffassung, dass die ideologische Vereinigung des Proletariats allein für den Sieg nicht genügt - um zu siegen, muss man die ideologische Einheit durch die „materielle Einheit der Organisation“ des Proletariats „verankern“. Lenin war der Auffassung, dass das Proletariat nur unter dieser Bedingung eine unbesiegbare Kraft werden kann.

„Das Proletariat“, schrieb Lenin, „besitzt keine andere Waffe im Kampf um die Macht als die Organisation. Das Proletariat, das durch die Herrschaft der anarchischen Konkurrenz in der bürgerlichen Welt gespalten wird, das durch die unfreie Arbeit für das Kapital niedergedrückt wird, das ständig in die Tiefe völliger Verelendung, der Verwilderung und Entartung geworfen wird, kann und wird unbedingt nur dadurch eine unbesiegbare Kraft werden, dass seine ideologische Vereinigung auf Grund der Prinzipien des Marxismus durch die materielle Einheit der Organisation gefestigt wird, die Millionen Werktätiger zur Armee der Arbeiterklasse zusammenschließt. Dieser Armee wird weder die morsche Macht der russischen Selbstherrschaft, noch die immer morscher werdende Macht des internationalen Kapitals standhalten.“ (Ebenda, S. 415.)

Mit diesen prophetischen Worten schließt Lenin sein Werk.

Das sind die grundlegenden organisatorischen Leitsätze, die Lenin in seinem berühmten Werk „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“ entwickelt hat.

Die Bedeutung dieses Werkes besteht vor allem darin, dass es das Parteiprinzip gegen das Zirkelwesen und die Partei gegen die desorganisierenden Elemente behauptete, den menschewistischen Opportunismus in Organisationsfragen zerschlug und die Organisationsgrundlagen der bolschewistischen Partei schuf.

Damit ist jedoch seine Bedeutung nicht erschöpft. Seine historische Bedeutung besteht darin, dass Lenin in diesem Werke als erster in der Geschichte des Marxismus die Lehre von der Partei ausarbeitete als der führenden Organisation des Proletariats, als der Hauptwaffe in den Händen des Proletariats, ohne die man im Kampfe für die proletarische Diktatur nicht siegen kann.

Die Verbreitung des Werkes Lenins „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“ unter den Parteiarbeitern führte dazu, dass sich die Mehrheit der Ortsorganisationen um Lenin zusammenschloss.

Je enger sich aber die Organisationen um die Bolschewiki zusammenschlossen, umso gehässiger benahmen sich die menschewistischen Führer.

Im Sommer 1904 rissen die Menschewiki mit Hilfe Plechanows und durch den Verrat zweier demoralisierter Bolschewiki, Krassin und Noskow, die Mehrheit im Zentralkomitee an sich. Es war offenkundig, dass die Menschewiki auf eine Spaltung hinsteuerten. Der Verlust der „Iskra“ und des Zentralkomitees brachte die Bolschewiki in eine schwere Lage. Es war notwendig, eine eigene, bolschewistische Zeitung zu organisieren. Es war notwendig, einen neuen, den III. Parteitag zu organisieren, um ein neues Zentralkomitee der Partei zu schaffen und mit den Menschewiki abzurechnen.

An diese Aufgabe schritt Lenin, schritten die Bolschewiki.

Die Bolschewiki nahmen den Kampf für die Einberufung des III. Parteitags auf. Im August 1904 fand in der Schweiz unter Führung Lenins eine Beratung von 22 Bolschewiki statt. Diese Beratung nahm den Aufruf „An die Partei“ an, der für die Bolschewiki zum Kampfprogramm für die Einberufung des III. Parteitags wurde.

Auf drei Gebietskonferenzen bolschewistischer Komitees (des Südens, des Kaukasus und des Nordens) wurde ein Büro der Mehrheitskomitees gewählt, das die praktischen Vorbereitungen zum III. Parteitag in Angriff nahm.

Am 4. Januar 1905 erschien die erste Nummer der bolschewistischen Zeitung „Wperjod“ (Vorwärts).

Somit hatten sich in der Partei zwei gesonderte Fraktionen, die Fraktion der Bolschewiki und die der Menschewiki, mit eigenen Zentren, mit eigenen Presseorganen gebildet.

 

 

Kurze Zusammenfassung

In der Periode 1901-1904 wachsen und erstarken auf der Grundlage der ansteigenden revolutionären Arbeiterbewegung die marxistischen sozialdemokratischen Organisationen in Russland. In zähem prinzipiellem Kampf gegen die „Ökonomisten“ siegt die revolutionäre Linie der Leninschen „Iskra“, wird die ideologische Zerfahrenheit und „Handwerklerei“ überwunden.

Die „Iskra“ stellt die Verbindung zwischen den zersplitterten sozialdemokratischen Zirkeln und Gruppen her und bereitet den II. Parteitag vor. Auf dem II. Parteitag, 1903, wird die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands gebildet, werden das Programm und das Statut der Partei angenommen und die leitenden Zentralorgane der Partei geschaffen.

In dem Kampfe, der auf dem II. Parteitag für den endgültigen Sieg der „Iskra“-Richtung innerhalb der SDAPR geführt wurde, entstehen zwei Gruppen: die Gruppe der Bolschewiki und die Gruppe der Menschewiki.

Die wichtigsten Meinungsverschiedenheiten zwischen Bolschewiki und Menschewiki nach dem II. Parteitag kommen in den Organisationsfragen zur Entfaltung.

Die Menschewiki nähern sich den „Ökonomisten“ und treten in der Partei an deren Stelle. Der Opportunismus der Menschewiki äußert sich zunächst auf dem Gebiete der Organisationsfragen. Die Menschewiki sind gegen eine revolutionäre Kampfpartei vom Leninschen Typus. Sie sind für eine verschwommene, unorganisierte Nachtrabpartei. Sie verfolgen in der Partei eine Linie der Spaltung. Mit Hilfe Plechanows reißen sie die „Iskra“ sowie das Zentralkomitee an sich und nutzen diese Zentren für ihre Spaltungszwecke aus.

Die Bolschewiki, die die Gefahr der Spaltung von Seiten der Menschewiki sehen, treffen Maßnahmen zur Zügelung der Spalter, mobilisieren die Ortsorganisationen zur Einberufung des III. Parteitags, geben ihre Zeitung „Wperjod“ heraus.

Somit treten am Vorabend der ersten russischen Revolution, in der Periode des bereits ausgebrochenen Russisch-Japanischen Krieges, die Bolschewiki und die Menschewiki als zwei voneinander gesonderte politische Gruppen auf.

 


 

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