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Die Februarrevolution

Auszug aus der Geschichte der KPdSU (B) - Kurzer Lehrgang

 

KAPITEL VI
Die Partei der Bolschewiki in der Periode des imperialistischen Krieges. Die zweite Revolution in Russland
(1914 bis März 1917)

- AUSZUG -

 

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Theorie und Taktik der bolschewistischen Partei in den Fragen des Krieges, des Friedens und der Revolution

Die Bolschewiki waren keine einfachen Pazifisten (Friedensanhänger), die rührselig nach Frieden seufzen und sich auf Friedenspropaganda beschränken, wie das die meisten linken Sozialdemokraten taten. Die Bolschewiki waren für einen aktiven revolutionären Kampf um den Frieden bis zum Sturz der Macht der kriegslüsternen imperialistischen Bourgeoisie. Die Bolschewiki verbanden die Sache des Friedens mit der Sache des Sieges der proletarischen Revolution; sie hielten für das sicherste Mittel zur Beendigung des Krieges und zur Erreichung eines gerechten Friedens, eines Friedens ohne Annexionen und Kontributionen, den Sturz der Macht der imperialistischen Bourgeoisie.

Der menschewistischen und sozialrevolutionären Absage an die Revolution, der verräterischen Losung von der Einhaltung des „Burgfriedens“ während des Krieges stellten die Bolschewiki die Losung der „Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg“ entgegen. Diese Losung bedeutete, dass die Werktätigen, darunter die in den Soldatenrock gesteckten bewaffneten Arbeiter und Bauern, die Gewehre gegen ihre eigene Bourgeoisie kehren und deren Macht stürzen müssen, wenn sie den Krieg loswerden und einen gerechten Frieden erreichen wollen.

Der menschewistischen und sozialrevolutionären Politik der Verteidigung des bürgerlichen Vaterlandes stellten die Bolschewiki die Politik der „Niederlage der eigenen Regierung im imperialistischen Kriege“ entgegen. Dies bedeutete, dass es notwendig ist, gegen die Kriegskredite zu stimmen, illegale revolutionäre Organisationen in der Armee zu schaffen, die Verbrüderung der Soldaten an der Front zu unterstützen und revolutionäre Aktionen der Arbeiter und Bauern gegen den Krieg zu organisieren, um diese Aktionen in den Aufstand gegen die eigene imperialistische Regierung überzuleiten.

Die Bolschewiki waren der Meinung, dass im imperialistischen Krieg die militärische Niederlage der zaristischen Regierung für das Volk das geringste Übel wäre, denn sie würde den Sieg des Volkes über den Zarismus und den erfolgreichen Kampf der Arbeiterklasse für die Befreiung von kapitalistischer Sklaverei und imperialistischen Kriegen erleichtern. Hierbei vertrat Lenin die Auffassung, dass die Politik der Niederlage der eigenen imperialistischen Regierung nicht nur von den russischen Revolutionären, sondern von den revolutionären Parteien der Arbeiterklasse aller kriegführenden Länder durchgeführt werden müsse.

Die Bolschewiki waren nicht gegen jeden Krieg. Sie waren nur gegen den Eroberungskrieg, gegen den imperialistischen Krieg. Die Bolschewiki waren der Meinung, dass es zwei Arten von Kriegen gibt:

a) einen gerechten Krieg, der kein Eroberungskrieg, sondern ein Befreiungskrieg ist, der das Ziel hat, entweder das Volk gegen einen äußeren Überfall und gegen Unterjochungsversuche zu verteidigen, oder das Ziel der Befreiung des Volkes von der Sklaverei des Kapitalismus, oder endlich das Ziel der Befreiung der Kolonien und abhängigen Länder vom Joche der Imperialisten, und

b) einen ungerechten, einen Eroberungskrieg, der das Ziel hat, fremde Länder zu erobern, fremde Völker zu versklaven.

Einen Krieg der ersten Art unterstützten die Bolschewiki. Was den Krieg der zweiten Art betrifft, so waren die Bolschewiki der Auffassung, dass man gegen ihn einen entschiedenen Kampf bis zur Revolution und bis zum Sturz der eigenen imperialistischen Regierung führen muss.

Gewaltige Bedeutung für die Arbeiterklasse der ganzen Welt hatten Lenins theoretische Arbeiten während der Kriegszeit. Im Frühjahr 1916 schrieb Lenin das Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“. Lenin zeigte in diesem Buch, dass der Imperialismus das höchste Stadium des Kapitalismus ist, in welchem dieser bereits aus dem „fortschrittlichen“ Kapitalismus umgeschlagen ist in den parasitären Kapitalismus, in den faulenden Kapitalismus, dass der Imperialismus sterbender Kapitalismus ist. Dies bedeutete natürlich nicht, dass der Kapitalismus von selbst absterben werde, ohne die Revolution des Proletariats, dass er, faul bis ins Mark, von selbst ein-stürzen werde. Lenin hat immer gelehrt, dass es ohne die Revolution der Arbeiterklasse unmöglich ist, den Kapitalismus zu stürzen. Darum wies Lenin, als er den Imperialismus als sterbenden Kapitalismus bezeichnete, in diesem Buche zugleich nach, dass der „Imperialismus der Vorabend der sozialen Revolution des Proletariats ist“.

Lenin zeigte, dass das kapitalistische Joch in der Epoche des Imperialismus immer schwerer wird, dass unter den Bedingungen des Imperialismus die Empörung des Proletariats gegen die Grundlagen des Kapitalismus wächst, dass sich innerhalb der kapitalistischen Länder Elemente einer revolutionären Explosion anhäufen.

Lenin zeigte, dass sich in der Epoche des Imperialismus die revolutionäre Krise in den kolonialen und abhängigen Ländern verschärft, dass die Kräfte der Empörung gegen den Imperialismus, dass die Elemente des Befreiungskrieges gegen den Imperialismus anwachsen.

Lenin zeigte, dass sich unter den Bedingungen des Imperialismus die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung und die Widersprüche des Kapitalismus besonders verschärft haben, dass der Kampf um die Märkte für Warenabsatz und Kapitalausfuhr, der Kampf um Kolonien, um Rohstoffquellen - periodische imperialistische Kriege um eine Neuaufteilung der Welt unvermeidlich macht.

Lenin zeigte, dass es gerade infolge dieser Ungleichmäßigkeit der Entwicklung des Kapitalismus zu imperialistischen Kriegen kommt, die die Kräfte des Imperialismus schwächen und es möglich machen, die Front des Imperialismus an dem Punkt zu durchbrechen, der sich als der schwächste erweist.

Auf Grund von alledem kam Lenin zu der Schlussfolgerung, dass die Durchbrechung der imperialistischen Front durch das Proletariat an irgendeiner Stelle oder einigen Stellen durchaus möglich ist, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in einigen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist, dass der gleichzeitige Sieg des Sozialismus in allen Ländern infolge der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung des Kapitalismus in diesen Ländern - unmöglich ist, dass der Sozialismus vorerst in einem Lande oder einigen Ländern siegen wird, während die übrigen Länder für eine gewisse Zeit bürgerliche Länder bleiben werden.

Hier die Formulierung, die Lenin dieser genialen Schlussfolgerung in zwei verschiedenen, in der Periode des imperialistischen Krieges geschriebenen Artikeln gegeben hat:

1. „Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist. Das siegreiche Proletariat dieses Landes würde sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen und würde die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen ...“ (Aus dem Artikel „über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa“, geschrieben im August 1915.) (Lenin, Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S.753.)

2. „Die Entwicklung des Kapitalismus geht in den verschiedenen Ländern höchst ungleichmäßig vor sich. Anders kann es auch nicht sein bei der Warenproduktion. Daher die unumgängliche Schlussfolgerung: der Sozialismus kann nicht gleichzeitig in allen Ländern siegen. Er wird vorerst in einem Lande oder einigen Ländern siegen, die übrigen aber werden für eine gewisse Zeit bürgerlich oder vorbürgerlich bleiben. Das muss nicht nur Reibungen hervorrufen, sondern auch das direkte Bestreben der Bourgeoisie anderer Länder, das siegreiche Proletariat des sozialistischen Staates niederzuwerfen. In diesen Fällen wäre ein Krieg von unserer Seite rechtmäßig und gerecht. Dies wäre ein Krieg für den Sozialismus, für die Befreiung anderer Völker von der Bourgeoisie.“ (Aus dem Artikel „Das Militärprogramm der proletarischen Revolution“, geschrieben im Herbst 1916.) (Lenin, Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S. 878.)

Das war eine neue, eine abgeschlossene Theorie der sozialistischen Revolution, eine Theorie von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern, von den Bedingungen seines Sieges, von den Perspektiven seines Sieges, eine Theorie, die Lenin in ihrem Grundriss schon im Jahre 1905 in der Broschüre „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ dargelegt hatte.

Sie unterschied sich von Grund aus von der Konzeption, die bei den Marxisten in der Periode des vorimperialistischen Kapitalismus im Schwange war, als die Marxisten der Meinung waren, dass der Sieg des Sozialismus in irgendeinem einzelnen Lande unmöglich sei, dass der Sieg des Sozialismus in allen zivilisierten Ländern gleichzeitig erfolgen werde. Lenin hat auf Grund der vorhandenen Daten über den imperialistischen Kapitalismus, die er in seinem vortrefflichen Buch „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ darlegte, diese Konzeption als veraltet verworfen, sie umgekehrt, und eine neue theoretische Konzeption aufgestellt, die den gleichzeitigen Sieg des Sozialismus in allen Ländern als unmöglich ansieht, den Sieg des Sozialismus in einem einzeln genommenen kapitalistischen Lande hingegen als möglich anerkennt.

Die unabschätzbare Bedeutung der Leninschen Theorie der sozialistischen Revolution besteht nicht nur darin, dass sie den Marxismus um eine neue Theorie bereichert und ihn weitergeführt hat. Ihre Bedeutung besteht auch noch darin, dass sie den Proletariern der einzelnen Länder eine revolutionäre Perspektive gibt, ihre Initiative für den Ansturm gegen die eigene nationale Bourgeoisie auslöst, sie lehrt, die Kriegssituation zur Organisierung eines solchen Ansturms auszunutzen, und ihren Glauben an den Sieg der proletarischen Revolution festigt.

Das war die theoretische und taktische Einstellung der Bolschewiki zu den Fragen des Krieges, des Friedens und der Revolution.

Auf Grund dieser Einstellung führten die Bolschewiki ihre praktische Arbeit in Russland durch.

Trotz grausamer Polizeiverfolgungen unternahmen die Dumadeputierten - die Bolschewiki Badajew, Petrowski, Muranow, Samoilow und Schagow - zu Anfang des Krieges eine Rundreise durch eine Reihe von Organisationen und hielten Referate über die Stellung der Bolschewiki zum Kriege und zur Revolution. Im November 1914 wurde eine Beratung der bolschewistischen Fraktion der Reichsduma zur Erörterung der Frage der Stellung zum Kriege veranstaltet. Am dritten Tage wurden sämtliche Teilnehmer dieser Beratung verhaftet. Das Gericht verurteilte alle Deputierten zur Aberkennung der Rechte und zur Verbannung nach Ostsibirien. Die zaristische Regierung beschuldigte die bolschewistischen Deputierten der Reichsduma des „Hochverrats“.

Vor Gericht entrollte sich ein Bild der Tätigkeit der Dumadeputierten, das unserer Partei Ehre machte. Die bolschewistischen Deputierten benahmen sich vor dem zaristischen Gericht mutig und verwandelten es in eine Tribüne zur Entlarvung der Eroberungspolitik des Zarismus.

Anders benahm sich der in diesem Prozess mitangeklagte Kamenew. Infolge seiner Feigheit sagte er sich schon bei der ersten Gefahr von der Politik der bolschewistischen Partei los. Kamenew erklärte vor Gericht, dass er mit den Bolschewiki in der Frage des Krieges nicht einverstanden sei, und bat, zum Beweise dessen den Menschewik Jordanski als Zeugen vorzuladen.

Große Arbeit leisteten die Bolschewiki gegen die Kriegsindustriekomitees, die mit der Kriegsversorgung beschäftigt waren, und gegen die Versuche der Menschewiki, die Arbeiter dem Einfluss der imperialistischen Bourgeoisie zu unterwerfen. Die Bourgeoisie hatte ein Lebensinteresse daran, den imperialistischen Krieg vor der Allgemeinheit als einen Krieg des ganzen Volkes hinzustellen. Die Bourgeoisie erlangte während des Krieges durch die Schaffung ihrer allrussischen Organisation, der Semstwo- und Stadtverbände, großen Einfluss auf die Staatsangelegenheiten. Notwendig war es für sie, auch die Arbeiter ihrer Führung, ihrem Einfluss zu unterwerfen. Die Bourgeoisie ersann hierfür ein Mittel - die Schaffung von „Arbeitergruppen“ bei den Kriegsindustriekomitees. Die Menschewiki griffen diese Idee der Bourgeoisie auf. Es war für die Bourgeoisie vorteilhaft, in diese Kriegsindustriekomitees Arbeitervertreter hineinzuziehen, die unter den Arbeitermassen für die Notwendigkeit einer Erhöhung der Arbeitsproduktivität in den Munition, Geschütze, Gewehre, Patronen herstellenden Fabriken und anderen Rüstungsbetrieben agitieren sollten. „Alles für den Krieg, alles in den Krieg“, das war die Losung der Bourgeoisie. In Wirklichkeit bedeutete diese Losung: „Bereichere dich, was das Zeug hält, an den Kriegslieferungen und an dem Raub fremder Territorien.“ Die Menschewiki nahmen aktiv an dieser pseudopatriotischen, von der Bourgeoisie eingefädelten Sache teil. Sie halfen den Kapitalisten durch gesteigerte Agitation für die Teilnahme der Arbeiter an der Wahl von „Arbeitergruppen“ bei den Kriegsindustriekomitees. Die Bolschewiki waren gegen diese Mache. Sie waren für den Boykott der Kriegsindustriekomitees und führten diesen Boykott erfolgreich durch. Ein Teil der Arbeiter jedoch nahm trotzdem an der Tätigkeit der Kriegsindustriekomitees unter Leitung des bekannten Menschewiks Gwosdew und des Provokateurs Abrossimow teil. Als jedoch die Arbeiterbevollmächtigten im September 1915 zwecks endgültiger Wahl der „Arbeitergruppen“ der Kriegsindustriekomitees zusammentraten, da stellte sich heraus, dass die Mehrheit der Bevollmächtigten gegen die Beteiligung an diesen war. Die Mehrheit der Arbeitervertreter nahm eine scharfe Resolution gegen die Beteiligung an den Kriegsindustriekomitees an und erklärte, dass die Arbeiter sich die Aufgabe stellen, für den Frieden, für den Sturz des Zarismus zu kämpfen.

Große Arbeit entfalteten die Bolschewiki auch in Armee und Flotte. Sie erklärten den Massen der Soldaten und Matrosen, wer an den unerhörten Greueln des Krieges und den Leiden des Volkes schuld ist, sie machten ihnen klar, dass die Revolution für das Volk der einzige Ausweg aus dem imperialistischen Gemetzel ist. Die Bolschewiki schufen Zellen in Armee und Flotte, an der Front und in der Etappe, und verbreiteten Flugblätter mit Aufrufen gegen den Krieg.

In Kronstadt schufen die Bolschewiki das „Hauptkollektiv der Kronstädter Militärorganisation“, das mit dem Petrograder Parteikomitee enge Verbindung unterhielt. Beim Petrograder Parteikomitee wurde eine militärische Organisation zur Arbeit in der Garnison geschaffen. Im August 1916 meldete der Leiter der Petrograder Geheimpolizei, dass in dem „Kronstädter Kollektiv die Sache sehr ernst, konspirativ betrieben wird und dass die Teilnehmer lauter verschwiegene und vorsichtige Leute sind. Auch an Land hat dieses Kollektiv seine Vertreter“.

Die Partei betrieb an der Front Agitation für die Verbrüderung zwischen den Soldaten der kriegführenden Armeen und hob hervor, dass der Feind die Weltbourgeoisie ist und dass man den Krieg nur durch Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg beendigen kann, dadurch, dass man die Gewehre gegen seine eigene Bourgeoisie und ihre Regierung richtet. Immer mehr häuften sich die Fälle, dass einzelne Truppenteile sich weigerten, zum Angriff vorzugehen. Solche Tatsachen waren schon 1915 und besonders 1916 zu verzeichnen.

Besonders große Arbeit entfalteten die Bolschewiki in den Armeen der Nordfront im Ostseegebiet. Der Oberbefehlshaber der Nordfront General Russki erstattete Anfang 1917 im Instanzenwege Meldung über die gewaltige revolutionäre Arbeit, die die Bolschewiki an dieser Front entfaltet hatten.

Der Krieg bedeutete den größten Umschwung im Leben der Völker, im Leben der internationalen Arbeiterklasse. Er setzte das Schicksal der Staaten, das Schicksal der Völker, das Schicksal der sozialistischen Bewegung auf eine Karte. Darum war er zugleich der Prüfstein, die Probe für alle Parteien und Strömungen, die sich sozialistisch nannten. Bleiben diese Parteien und Strömungen der Sache des Sozialismus, der Sache des Internationalismus treu, oder werden sie es vorziehen, die Arbeiterklasse zu verraten, ihre Banner einzurollen und sie der eigenen, der nationalen Bourgeoisie zu Füßen zu legen? So stand damals die Frage.

Der Krieg zeigte, dass die Parteien der II. Internationale die Probe nicht bestanden, dass sie die Arbeiterklasse verrieten und vor der eigenen nationalen, imperialistischen Bourgeoisie die Banner einzogen.

Diese Parteien konnten auch nicht anders handeln, sie, die in ihrer Mitte den Opportunismus groß gezüchtet hatten und in der Praxis der Zugeständnisse an die Opportunisten, an die Nationalisten erzogen waren.

Der Krieg zeigte, dass die Partei der Bolschewiki die einzige Partei war, die die Prüfung in Ehren bestand und der Sache des Sozialismus, der Sache des proletarischen Internationalismus bis zu Ende treu blieb.

Das ist auch verständlich: nur eine Partei von neuem Typus, nur eine im Geiste des unversöhnlichen Kampfes gegen den Opportunismus erzogene Partei, nur eine von Opportunismus und Nationalismus freie Partei, nur eine solche Partei konnte die große Prüfung bestehen und der Sache der Arbeiterklasse, der Sache des Sozialismus und des Internationalismus, treu bleiben.

Die bolschewistische Partei war gerade eine solche Partei.

 

 

4
Die Niederlage der zaristischen Truppen an der Front
Die wirtschaftliche Zerrüttung
Die Krise des Zarismus

 

Der Krieg dauerte schon drei Jahre. Der Krieg raffte Millionen Menschen dahin, die getötet oder verwundet wurden oder an Kriegsepidemien zugrunde gingen. Die Bourgeoisie und die Gutsbesitzer bereicherten sich am Krieg. Aber die Arbeiter und Bauern litten immer mehr Not und Entbehrung. Der Krieg zerstörte die Volkswirtschaft Russlands. Etwa 14 Millionen gesunde Arbeitskräfte waren zur Armee eingezogen, von der Wirtschaft losgerissen. Fabriken und Werke wurden stillgelegt. Der Getreideanbau ging zurück, es fehlte an Arbeitskräften. Die Bevölkerung und die Soldaten an der Front hungerten, sie waren barfuß und abgerissen. Der Krieg verschlang alle Vorräte und Hilfsquellen des Landes.

Die zaristische Armee erlitt Niederlage auf Niederlage. Die deutsche Artillerie überschüttete die zaristischen Truppen mit einem Geschosshagel. In der zaristischen Armee fehlte es an Kanonen, fehlte es an Geschossen, fehlte es sogar an Gewehren. Zuweilen kam ein Gewehr auf drei Soldaten. Noch während des Krieges wurde der Verrat des zaristischen Kriegsministers Suchomlinow aufgedeckt, der, wie sich herausstellte, mit deutschen Spionen in Verbindung stand. Suchomlinow führte den Auftrag des deutschen Spionagedienstes durch - die Versorgung der Front mit Geschossen zu hintertreiben, keine Kanonen und Gewehre an die Front zu liefern. Einige zaristische Minister und Generale arbeiteten selbst insgeheim für den Erfolg der deutschen Armee: gemeinsam mit der Zarin, die mit den Deutschen in Verbindung stand, verrieten sie den Deutschen militärische Geheimnisse. Es kann nicht wundernehmen, dass die zaristische Armee eine Niederlage erlitt und zum Rückzug gezwungen war. Im Jahre 1916 war es den Deutschen bereits gelungen, Polen und einen Teil des Ostseegebiets zu besetzen.

All das rief unter den Arbeitern, Bauern, Soldaten, unter der Intelligenz Hass und Erbitterung gegen die zaristische Regierung hervor, verstärkte und verschärfte die revolutionäre Bewegung der Volksmassen gegen den Krieg, gegen den Zarismus, sowohl im Hinterland als auch an der Front, sowohl im Zentrum als auch in den Randgebieten.

Die Unzufriedenheit begann auch die russische imperialistische Bourgeoisie zu erfassen. Sie war erbost durch den Umstand, dass am Zarenhofe Scharlatane vom Schlage Rasputins schalteten und walteten, die offenkundig auf den Abschluss eines Separatfriedens mit den Deutschen hinsteuerten. Sie überzeugte sich immer mehr, dass die zaristische Regierung unfähig war, den Krieg erfolgreich zu führen. Sie fürchtete, dass der Zarismus, um seine Stellung zu retten, sich zu einem Separatfrieden mit den Deutschen entschließen könnte. Darum beschloss die russische Bourgeoisie, eine Palastrevolution durchzuführen, um Zar Nikolaus II. abzusetzen und an seiner Stelle den mit der Bourgeoisie verbundenen Michael Romanow auf den Zarenthron zu setzen. Dadurch wollte sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: erstens an die Macht gelangen und die Weiterführung des imperialistischen Krieges sichern, zweitens durch eine kleine Palastrevolution dem Herannahen der großen Volksrevolution vorbeugen, deren Flut immer mehr anschwoll.

Die russische Bourgeoisie wurde in ihrem Vorhaben in vollem Umfang von der englischen und der französischen Regierung unterstützt. Diese sahen, dass der Zar unfähig war, den Krieg fortzusetzen. Sie fürchteten, dass der Zar die Sache durch einen Separatfrieden mit den Deutschen beenden werde. Würde die zaristische Regierung einen Separatfrieden schließen, so würden die Regierungen Englands und Frankreichs an Russland einen Bundesgenossen im Kriege verlieren, der nicht nur an seinen Fronten Kräfte des Gegners fesselte, sondern auch Frankreich Zehntausende auserlesener russischer Soldaten zur Verfügung stellte. Daher unterstützten sie die russische Bourgeoisie bei ihren Versuchen, die Palastrevolution durchzuführen.

So kam es, dass der Zar isoliert dastand.

Während die Misserfolge an der Front nicht aufhörten, griff die wirtschaftliche Zerrüttung immer weiter um sich. In den Januar- und Februartagen des Jahres 1917 hatte die Zerrüttung der Lebensmittel-, Rohstoff- und Brennstoffversorgung ihren Höhepunkt und ihre größte Schärfe erreicht. Die Lebensmittelzufuhr nach Petrograd und Moskau hatte nahezu aufgehört. Ein Betrieb nach dem andern wurde geschlossen. Die Schließung der Betriebe vergrößerte die Arbeitslosigkeit. Besonders unerträglich wurde die Lage der Arbeiter. Immer breitere Massen des Volkes kamen zu der Überzeugung, dass es nur einen Ausweg aus der unerträglichen Lage gab - den Sturz der zaristischen Selbstherrschaft.

Der Zarismus durchlebte offenkundig seine Todeskrise.

Die Bourgeoisie gedachte die Krise durch eine Palastrevolution zu lösen.

Aber das Volk löste sie auf seine Weise.

 

 

 

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Die Februarrevolution
Der Sturz des Zarismus


Die Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten
Die Bildung der Provisorischen Regierung
Die Doppelherrschaft

Das Jahr 1917 begann mit einem Streik am 9. (22.) Januar. Während des Streiks kam es zu Demonstrationen in Petrograd, in Moskau, in Baku, in Nishnij-Nowgorod, wobei in Moskau am 9. (22.) Januar etwa ein Drittel aller Arbeiter am Streik teilnahm. Eine zweitausendköpfige Demonstration auf dem Twerskoj-Boulevard wurde von berittener Polizei auseinander getrieben. Auf der Wiborger Chaussee in Petrograd schlossen sich Soldaten den Demonstranten an.

„Die Idee des Generalstreiks“, berichtete die Petrograder Polizei, „gewinnt von Tag zu Tag neue Anhänger und wird ebenso populär wie im Jahre 1905.“

Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre bemühten sich, die ausgebrochene revolutionäre Bewegung in den der liberalen Bourgeoisie erwünschten Rahmen zu zwängen. Die Menschewiki kamen mit dem Vorschlag, am Tage der Eröffnung der Reichsduma, am 14. (27.) Februar, einen Aufmarsch der Arbeiter vor der Reichsduma zu organisieren. Aber die Arbeitermassen folgten den Bolschewiki, nicht zur Duma, sondern zur Demonstration.

Am 18. Februar (3. März) 1917 begann der Streik der Putilow-Arbeiter in Petrograd. Am 22. Februar (7. März) streikten die Arbeiter der meisten Großbetriebe. Am Internationalen Frauentag, am 23. Februar (8. März), gingen die Arbeiterinnen gemäß dem Aufruf des Petrograder Komitees der Bolschewiki auf die Straße, um gegen Hunger, Krieg und Zarismus zu demonstrieren. Die Demonstration der Arbeiterinnen wurde von den Arbeitern durch eine allgemeine Streikaktion in ganz Petrograd unterstützt. Der politische Streik begann in eine allgemeine politische Demonstration gegen die Zarenherrschaft umzuschlagen.

Am 24. Februar (9. März) erneuert sich die Demonstration mit größerer Kraft. Es streiken bereits etwa 200000 Arbeiter.

Am 25. Februar (10. März) erfasst die revolutionäre Bewegung das gesamte proletarische Petrograd. Die politischen Streiks in den einzelnen Stadtteilen gehen über in den politischen Generalstreik von ganz Petrograd. Überall Demonstrationen und Zusammenstöße mit der Polizei. Über den Kolonnen der Arbeitermassen rote Banner mit den Losungen: „Nieder mit dem Zaren!“, „Nieder mit dem Krieg!“, „Brot!“

Am Morgen des 26. Februar (11. März) beginnen der politische Streik und die Demonstrationen in Aufstandsversuche überzugehen. Die Arbeiter entwaffnen die Polizei und Gendarmerie und bewaffnen sich selbst. Die bewaffneten Zusammenstöße mit der Polizei enden aber mit einem Blutbad unter den Demonstranten auf dem Snamenskaja-Platz.

General Chabalow, der Befehlshaber des Petrograder Militärkreises, macht bekannt, dass die Arbeiter am 28. Februar (13. März) die Arbeit aufnehmen sollen, widrigenfalls sie an die Front geschickt werden. Am 25. Februar (10. März) gibt der Zar dem General Chabalow den Befehl: „Ich ordne an, mit den Unruhen in der Hauptstadt schon morgen Schluss zu machen.“

Aber mit der Revolution „Schluss zu machen“ war schon nicht mehr möglich.

Am 26. Februar (11. März) um die Mittagszeit eröffnete die 4. Kompanie des Reservebataillons des Pawlowsk-Regiments das Feuer, aber nicht auf die Arbeiter, sondern auf Abteilungen berittener Polizisten, die mit den Arbeitern in ein Feuergefecht eingetreten waren. Es entwickelte sich ein äußerst energischer und hartnäckiger Kampf um die Wehrmacht, im Besonderen von Seiten der Arbeiterinnen, die sich unmittelbar an die Soldaten wandten, sich mit ihnen verbrüderten und sie aufforderten, dem Volke zu helfen, die verhasste zaristische Selbstherrschaft zu stürzen.

Die Leitung der praktischen Arbeit der bolschewistischen Partei lag damals in der Hand des in Petrograd befindlichen Büros des Zentralkomitees unserer Partei mit Genossen Molotow an der Spitze. Das Büro des ZK erließ am 26. Februar (11. März) ein Manifest mit der Aufforderung, den bewaffneten Kampf gegen den Zarismus fortzusetzen und eine provisorische revolutionäre Regierung zu bilden.

Am 27, Februar (12. März) weigerten sich die Petrograder Truppen, auf die Arbeiter zu schießen, und begannen auf die Seite des aufständischen Volkes überzugehen. Noch am Morgen des 27. Februar (12. März) gab es nur 10000 aufständische Soldaten, am Abend aber waren es schon über 60000.

Die aufständischen Arbeiter und Soldaten gingen dazu über, die zaristischen Minister und Generale zu verhaften, die Revolutionäre aus den Gefängnissen zu befreien. Die befreiten politischen Gefangenen reihten sich in den revolutionären Kampf ein.

Auf den Straßen gab es noch Schießereien mit Polizisten und Gendarmen, die sich mit Maschinengewehren auf Dachböden festgesetzt hatten. Aber der rasche Übergang der Truppen auf die Seite der Arbeiter entschied das Schicksal der zaristischen Selbstherrschaft.

Als die Kunde vom Siege der Revolution in Petrograd sich in den anderen Städten und an der Front verbreitete, begannen die Arbeiter und Soldaten überall die zaristischen Bürokraten aus den Ämtern hinauszuwerfen.

Die bürgerlich-demokratische Februarrevolution hatte gesiegt.

Die Revolution siegte, weil die Arbeiterklasse Vorkämpfer der Revolution war und die Bewegung der Millionenmassen der Bauern im Waffenrock - „für Frieden, für Brot, für Freiheit“ - leitete. Die Hegemonie des Proletariats bedingte den Erfolg der Revolution.

„Die Revolution war das Werk des Proletariats, das Proletariat hat heldenmütig gekämpft, das Proletariat hat sein Blut vergossen, es hat die breitesten Massen der Werktätigen und der armen Bevölkerung mit sich gerissen ...“, schrieb Lenin in den ersten Tagen der Revolution. (Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XX, S. 23/24 russ.)

Die erste Revolution von 1905 hatte den raschen Sieg der zweiten Revolution von 1917 vorbereitet.

„Ohne die drei Jahre von 1905 bis 1907, drei Jahre gewaltigster Klassenschlachten und größter revolutionärer Energie des russischen Proletariats, wäre eine so rasche zweite Revolution, so rasch im Sinne des Durchlaufens ihrer Anfangsetappe in wenigen Tagen, unmöglich gewesen“, erklärte Lenin. (Lenin/Stalin, Das Jahr 1917, Dietz Verlag, Berlin 1950, S.S.)

Gleich in den ersten Revolutionstagen entstanden Sowjets. Die siegreiche Revolution stützte sich auf die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Die aufständischen Arbeiter und Soldaten bildeten Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Die Revolution von 1905 hatte gezeigt, dass die Sowjets Organe des bewaffneten Aufstands und zu gleicher Zeit die Keime einer neuen, einer revolutionären Macht sind. Die Idee der Sowjets lebte im Bewusstsein der Arbeitermassen, und sie verwirklichten diese Idee gleich am Tage nach dem Sturz des Zarismus, jedoch mit dem Unterschied, dass im Jahre 1905 nur Sowjets der Arbeiterdeputierten gebildet wurden, im Februar 1917 aber auf Initiative der Bolschewiki Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten entstanden.

Während die Bolschewiki den unmittelbaren Kampf der Massen auf der Straße leiteten, besetzten die Paktiererparteien, Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die Deputiertensitze in den Sowjets, in denen sie die Mehrheit bildeten. Dies wurde teilweise durch den Umstand begünstigt, dass die meisten Führer der bolschewistischen Partei sich in den Gefängnissen und Verbannungsorten befanden (Lenin befand sich in der Emigration, Stalin und Swerdlow in sibirischer Verbannung), während die Menschewiki und Sozialrevolutionäre auf den Straßen Petrograds frei umherspazierten. So kam es, dass an der Spitze des Petrograder Sowjets und seines Exekutivkomitees Vertreter der Paktiererparteien, Menschewiki und Sozialrevolutionäre, standen. Dasselbe war der Fall in Moskau und in einer Reihe anderer Städte. Nur in Iwanowo-Wosnessensk, Krasnojarsk und einigen anderen Städten gehörte von Anfang an die Mehrheit in den Sowjets den Bolschewiki.

Das bewaffnete Volk - die Arbeiter und Soldaten - betrachtete den Sowjet, in den es seine Vertreter entsandte, als ein Organ der Volksmacht. Sie dachten und glaubten, dass der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten alle Forderungen des revolutionären Volkes erfüllen werde und dass in erster Linie Friede geschlossen werden würde.

Aber ihre übergroße Vertrauensseligkeit spielte den Arbeitern und Soldaten einen schlimmen Streich. Die Sozialrevolutionäre und Menschewiki dachten gar nicht daran, den Krieg zu beendigen und Frieden zu erkämpfen. Sie gedachten die Revolution auszunutzen, um den Krieg fortzusetzen. Was die Revolution und die revolutionären Forderungen des Volkes betrifft, so waren die Sozialrevolutionäre und Menschewiki der Ansicht, dass die Revolution bereits beendet sei und dass die Aufgabe jetzt darin bestehe, sie zu verankern und in die Bahnen eines „normalen“, verfassungsmäßigen Zusammenlebens mit der Bourgeoisie überzugehen. Darum traf die sozialrevolutionär-menschewistische Leitung des Petrograder Sowjets alle ihr zu Gebote stehenden Maßnahmen, um die Frage der Beendigung des Krieges, die Frage des Friedens zu vertuschen und der Bourgeoisie die Macht auszuliefern.

Am 27. Februar (12. März) 1917 bildeten die liberalen Deputierten der Reichsduma, gemäß einer hinter den Kulissen getroffenen Verabredung mit den sozialrevolutionär-menschewistischen Führern, ein Provisorisches Komitee der Reichsduma mit dem Vorsitzenden der IV. Duma, dem Gutsbesitzer und Monarchisten Rodsjanko, an der Spitze. Wenige Tage danach aber verständigten sich das Provisorische Komitee der Reichsduma und die sozialrevolutionär-menschewistischen Führer des Exekutivkomitees des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten hinter dem Rücken der Bolschewiki über die Bildung einer neuen Regierung für Russland, einer bürgerlichen Provisorischen Regierung mit dem Fürsten Lwow an der Spitze, den Zar Nikolaus II. noch vor der Februarumwälzung als Premierminister seiner Regierung ausersehen hatte. Der Provisorischen Regierung gehörten der Führer der Kadetten Miljukow, der Führer der Oktobristen Gutschkow und andere prominente Vertreter der Kapitalistenklasse an, als Vertreter der „Demokratie“ wurde der Sozialrevolutionär Kerenski hineingenommen.

So kam es dazu, dass die sozialrevolutionär-menschewistischen Führer des Exekutivkomitees des Sowjets die Macht an die Bourgeoisie auslieferten; der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten aber billigte, nachdem er hiervon Kenntnis erhalten hatte, durch Mehrheitsbeschluss die Handlungen der sozialrevolutionär-menschewistischen Führer, trotz der Proteste der Bolschewiki.

So wurde eine neue Staatsmacht in Russland gebildet, die, wie Lenin sagte, aus Vertretern der „Bourgeoisie und der verbürgerlichten Gutsbesitzer“ bestand.

Aber neben der bürgerlichen Regierung existierte eine andere Macht - der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Die Soldatendeputierten im Sowjet waren in der Hauptsache Bauern, die für den Krieg mobilisiert worden waren. Der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten war das Organ des Bündnisses der Arbeiter und der Bauern gegen die zaristische Macht und zugleich das Organ ihrer eigenen Macht, das Organ der Diktatur der Arbeiterklasse und der Bauernschaft.

Somit ergab sich eine eigenartige Verflechtung von zwei Gewalten, zwei Diktaturen: der Diktatur der Bourgeoisie in Gestalt der Provisorischen Regierung und der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft in Gestalt des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten.

Es ergab sich eine Doppelherrschaft.

Wodurch ist es zu erklären, dass die Mehrheit in den Sowjets anfangs den Menschewiki und Sozialrevolutionären zugefallen war?

Wodurch ist es zu erklären, dass die siegreichen Arbeiter und Bauern freiwillig die Macht an die Vertreter der Bourgeoisie abtraten?

Lenin erklärte dies damit, dass Millionen von Menschen erweckt und in die Politik hineingezogen wurden, die in der Politik nicht er-fahren waren. Sie waren größtenteils Kleinbesitzer, Bauern, Arbeiter, die noch unlängst Bauern gewesen waren, Menschen, die zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat in der Mitte standen. Russland war damals das kleinbürgerlichste Land unter allen großen europäischen Ländern. Und in diesem Lande „hat die riesige kleinbürgerliche Woge alles überflutet, sie hat das klassenbewusste Proletariat nicht nur durch ihre zahlenmäßige Stärke, sondern auch ideologisch überwältigt, das heißt, sie hat sehr breite Arbeiterkreise mit kleinbürgerlichen politischen Ansichten angesteckt, ergriffen“. (Lenin/Stalin, Das Jahr 1917, S. 49.)

Diese Woge kleinbürgerlicher Elementargewalt war es auch, die die kleinbürgerlichen Parteien der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre an die Oberfläche brachte.

Lenin wies darauf hin, dass eine andere Ursache in der veränderten Zusammensetzung des Proletariats während des Krieges und in der ungenügenden Bewusstheit und Organisiertheit des Proletariats zu Beginn der Revolution lag. Während des Krieges waren bedeutende Veränderungen in der Zusammensetzung des Proletariats selbst vor sich gegangen. Etwa 40 Prozent der Stammarbeiter waren zur Armee eingezogen. In die Betriebe waren in den Kriegsjahren viele Kleineigentümer, Kleingewerbetreibende, Ladenbesitzer hineingeraten, die sich dadurch vor der Einberufung drücken wollten und denen die proletarische Denkart fremd war.

Diese kleinbürgerlichen Arbeiterschichten waren denn auch der Nährboden für die kleinbürgerlichen Politiker, die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre.

Das war der Grund, warum die in der Politik unerfahrenen breiten Volksmassen, überflutet von der Woge kleinbürgerlicher Elementargewalt und trunken von den ersten Erfolgen der Revolution, in den ersten Monaten der Revolution in den Bann der Paktiererparteien gerieten und sich dazu verstanden, der Bourgeoisie die Staatsmacht zu überlassen, in der naiven Meinung, dass die bürgerliche Macht die Sowjets an ihrer Arbeit nicht hindern werde.

Die bolschewistische Partei stand vor der Aufgabe, durch geduldige Aufklärungsarbeit in den Massen den imperialistischen Charakter der Provisorischen Regierung aufzudecken, den Verrat der Sozialrevolutionäre und Menschewiki zu entlarven und zu zeigen, dass es ohne Ersetzung der Provisorischen Regierung durch eine Regierung der Sowjets unmöglich sei, Frieden zu erlangen.

Und die Partei der Bolschewiki machte sich mit aller Energie an diese Arbeit.

Sie stellt ihre legalen Presseorgane wieder her. Bereits fünf Tage nach der Februarrevolution beginnt die Zeitung „Prawda“ in Petrograd zu erscheinen, einige Tage danach der „Sozialdemokrat“ in Moskau. Die Partei tritt nun an der Spitze der Massen auf, die sich von ihrem Vertrauen zur liberalen Bourgeoisie, von ihrem Vertrauen zu den Menschewiki und Sozialrevolutionären frei machen. Sie erklärt den Soldaten, den Bauern geduldig die Notwendigkeit gemeinsamer Aktionen mit der Arbeiterklasse. Sie erklärt ihnen, dass die Bauern ohne Weiterentwicklung der Revolution, ohne Ersetzung der bürgerlichen Provisorischen Regierung durch eine Regierung der Sowjets weder Frieden noch Boden erhalten würden.

 

 

 

 

 

Kurze Zusammenfassung

Der imperialistische Krieg entstand infolge der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder, infolge der Störung des Gleichgewichts zwischen den ausschlaggebenden Mächten, infolge der Notwendigkeit für die Imperialisten, die Welt durch Krieg neu aufzuteilen und ein neues Gleichgewicht der Kräfte zu schaffen.

Der Krieg hätte keinen so verheerenden Charakter gehabt und hätte vielleicht überhaupt nicht mit solcher Gewalt um sich gegriffen, wenn die Parteien der II. Internationale nicht die Sache der Arbeiterklasse verraten hätten, wenn sie nicht die Beschlüsse der Kongresse der II. Internationale gegen den Krieg gebrochen hätten, wenn sie sich entschlossen hätten, aktiv aufzutreten und die Arbeiterklasse gegen ihre imperialistischen Regierungen, gegen die Kriegsbrandstifter in den Kampf zu führen.

Die bolschewistische Partei erwies sich als die einzige proletarische Partei, die der Sache des Sozialismus und des Internationalismus treu blieb und den Bürgerkrieg gegen die imperialistische Regierung des eigenen Landes organisierte. Alle übrigen Parteien der II. Internationale, durch ihre leitenden Spitzen mit der Bourgeoisie verbunden, gaben sich dem Imperialismus gefangen, liefen auf die Seite der Imperialisten über.

Der Krieg, der ein Ausdruck der allgemeinen Krise des Kapitalismus war, verschärfte diese Krise und schwächte den Weltkapitalismus. Die Arbeiter Russlands und die Partei der Bolschewiki waren die ersten in der Welt, die die Schwäche des Kapitalismus erfolgreich ausnutzten, die Front des Imperialismus durchbrachen, den Zaren stürzten und Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten schufen.

Trunken von den ersten Erfolgen der Revolution und eingeschläfert durch die Beteuerungen der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, dass von nun an alles gut gehen werde, schenkten breite Massen der Kleinbourgeoisie, der Soldaten, aber auch der Arbeiter, der Provisorischen Regierung Vertrauen und ließen ihr Unterstützung angedeihen.

Vor der bolschewistischen Partei erstand die Aufgabe, den von den ersten Erfolgen trunkenen Arbeiter- und Soldatenmassen klarzumachen, dass es noch weit sei bis zum vollen Sieg der Revolution; dass das Volk weder Frieden noch Boden noch Brot erhalten werde, solange die Macht sich in der Hand der bürgerlichen Provisorischen Regierung befindet und solange in den Sowjets die Paktierer, die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, schalten und walten; dass es zum vollen Sieg notwendig sei, noch einen Schritt vorwärts zu machen und den Sowjets die Macht zu übergeben.

 

 

 

KAPITEL VII
Die Partei der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung und Durchführung der sozialistischen Oktoberrevolution
(April 1917-1918)

1
Die Lage im Lande nach der Februarrevolution
Die Partei tritt aus der Illegalität hervor und geht zu offener politischer Arbeit über

Die Ereignisse und die Haltung der Provisorischen Regierung bestätigten tagtäglich die Richtigkeit der Linie der Bolschewiki. Sie zeigten immer klarer, dass die Provisorische Regierung nicht für das Volk, sondern gegen das Volk, nicht für den Frieden, sondern für den Krieg war, dass sie weder Frieden noch Boden noch Brot geben wollte und geben konnte. Die Aufklärungstätigkeit der Bolschewiki fand einen günstigen Boden.

Während die Arbeiter und Soldaten die zaristische Regierung niederwarfen und die Grundlagen der Monarchie zerstörten, steuerte die Provisorische Regierung entschieden auf die Erhaltung der Monarchie hin. Sie entsandte am 2. März 1917 insgeheim Gutschkow und Schulgin zum Zaren. Die Bourgeoisie wollte die Macht dem Bruder Nikolai Romanows, Michael, übergeben. Als jedoch Gutschkow in einer Versammlung der Eisenbahner seine Rede mit dem Rufe „Es lebe der Imperator Michael“ schloss, forderten die Arbeiter die sofortige Verhaftung und Durchsuchung Gutschkows und erwiderten entrüstet mit dem Sprichwort: „Der Meerrettich ist nicht weniger bitter als der Rettich.“

Es war klar, dass die Arbeiter die Wiederherstellung der Monarchie nicht dulden würden.

Während die Arbeiter und Bauern, die die Revolution durchführten und ihr Blut vergossen, erwarteten, dass mit dem Krieg Schluss gemacht werde, Brot und Boden verlangten und entschiedene Maßnahmen zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Zerrüttung forderten, blieb die Provisorische Regierung gegenüber diesen lebenswichtigen Forderungen des Volkes taub. Diese Regierung, die sich aus den prominentesten Vertretern der Kapitalisten und Gutsbesitzer zusammensetzte, dachte gar nicht daran, die Forderungen der Bauern, dass man ihnen den Boden übergebe, zu erfüllen. Sie konnte den Werktätigen auch kein Brot geben, denn hierzu hätte man die Interessen der Getreidegroßhändler antasten, den Gutsbesitzern, den Kulaken mit allen möglichen Mitteln das Getreide wegnehmen müssen; dazu entschloss sich aber die Regierung nicht, da sie selbst mit den Interessen dieser Klassen verbunden war. Sie konnte auch nicht den Frieden geben. Die mit den englischen und französischen Imperialisten verbundene Provisorische Regierung dachte keineswegs an die Einstellung des Krieges, sie versuchte im Gegenteil, die Revolution zu einer noch aktiveren Teilnahme Russlands am imperialistischen Kriege auszunutzen, um ihre imperialistischen Pläne der Annexion Konstantinopels und der Meerengen, der Annexion Galiziens zu verwirklichen.

Es war klar, dass die vertrauensselige Einstellung der Volksmassen zur Politik der Provisorischen Regierung bald ein Ende nehmen musste.

Es wurde klar, dass sich die Doppelherrschaft, die sich nach der Februarrevolution herausgebildet hatte, nicht mehr lange halten konnte, denn der Verlauf der Ereignisse erforderte es, dass die Macht an einer einzigen Stelle konzentriert werde: entweder bei der Provisorischen Regierung oder in den Händen der Sowjets.

Allerdings fand die Paktiererpolitik der Menschewiki und Sozialrevolutionäre vorläufig noch Unterstützung bei den Volksmassen. Noch gab es nicht wenige Arbeiter und noch mehr Soldaten und Bauern, die daran glaubten, dass „bald die Konstituierende Versammlung kommen und alles in bester Weise ordnen werde“, die daran glaubten, dass der Krieg nicht um Eroberungen, sondern aus Notwendigkeit, zur Verteidigung des Staates geführt werde. Lenin nannte solche Leute - in gutem Glauben irrende „Vaterlandsverteidiger“. Von allen diesen Leuten wurde die sozialrevolutionäre und menschewistische Politik der Versprechungen und Beschwichtigungen vorläufig noch als eine richtige Politik betrachtet. Es war aber klar, dass es mit Versprechungen und Beschwichtigungen nicht lange weitergehen konnte, denn der Verlauf der Ereignisse und die Haltung der Provisorischen Regierung enthüllten und zeigten Tag für Tag, dass die Paktiererpolitik der Sozialrevolutionäre und Menschewiki eine Politik der Verschleppung und des Betruges an vertrauensseligen Leuten war.

Nicht immer beschränkte sich die Provisorische Regierung auf die Politik des versteckten Kampfes gegen die revolutionäre Massenbewegung, auf die Politik von Machenschaften, die hinter den Kulissen gegen die Revolution angezettelt wurden. Sie machte zuweilen Versuche, zum offenen Angriff gegen die demokratischen Freiheiten überzugehen, „die Disziplin wiederherzustellen“, besonders unter den Soldaten, „Ordnung zu schaffen“, das heißt die Revolution in den Rahmen zu zwängen, den die Bourgeoisie benötigte. Aber wie sehr sie sich auch in dieser Richtung bemühte, es gelang ihr nicht, und ungestüm setzten die Volksmassen die demokratischen Freiheiten, die Rede-, Presse-, Koalitions-, Versammlungs-, Demonstrationsfreiheit, in die Tat um. Die Arbeiter und Soldaten waren bestrebt, die von ihnen zum ersten Mal eroberten demokratischen Rechte voll auszunutzen, um am politischen Leben des Landes aktiv teilzunehmen, um die neue Lage zu begreifen, sich in ihr zurechtzufinden und die Entscheidung zu treffen, was weiter zu tun sei.

Nach der Februarrevolution traten die Organisationen der bolschewistischen Partei, die unter dem Zarismus in überaus schweren Verhältnissen illegal gearbeitet hatten, aus der Illegalität hervor und begannen, eine offene politische und organisatorische Arbeit zu entfalten. Die Mitgliederzahl der Organisationen der Bolschewiki betrug in dieser Zeit nicht mehr als 40000-45000. Das waren aber kampfgestählte Kader. Die Parteikomitees wurden auf der Grundlage des demokratischen Zentralismus reorganisiert. Die Wählbarkeit aller Parteiorgane von unten bis oben wurde festgelegt.

Der Übergang der Partei zur Legalität brachte Meinungsverschiedenheiten in der Partei an den Tag. Kamenew und einige Mitglieder der Moskauer Organisation, zum Beispiel Rykow, Bubnow und Nogin, vertraten den halbmenschewistischen Standpunkt der bedingten Unterstützung der Provisorischen Regierung und der Politik der „Vaterlandsverteidiger“. Stalin, der soeben aus der Verbannung zurückgekehrt war, Molotow und andere verfochten zusammen mit der Mehrheit der Partei die Politik des Misstrauens gegen die Provisorische Regierung, wandten sich gegen die Politik der „Vaterlandsverteidigung“ und riefen zum aktiven Kampf für den Frieden auf, zum Kampf gegen den imperialistischen Krieg. Ein Teil der Parteiarbeiter schwankte, und darin kam ihre politische Zurückgebliebenheit infolge langjähriger Gefängnishaft oder Verbannung zum Ausdruck.


 

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Stalin