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STALIN

 

ÜBER ARMENIEN

 

[die SSR Armenien wurde gegründet am 29. November 1920]

 

 

 

Stalin über Armenien

 

Zitatensammlung

zusammengestellt von

Wolfgang Eggers

 

aus Anlass des 100. Jahrestages des Völkermords an den Armeniern

22. April 1915





Band 1

Seite 30

Die schonungslosen Angriffe der georgischen Marxisten, besonders aber die machtvollen Klassenaktionen, die die russischen, armenischen, georgischen und anderen Proletarier zu einer einzigen sozialistischen Truppe zusammenschlossen, versetzten unseren bürgerlichen Nationalisten einen vernichtenden Schlag und vertrieben sie vom Kampffeld.

 

Seite 31

Welche Auffassung hat die Sozialdemokratie von der nationalen Frage ?

 

In der Arena des Kampfes trat eine neue Klasse, das Proletariat, - und zugleich mit ihm entstand auch eine neue "nationale Frage", die "nationale Frage" des Proletariats. So sehr sich das Proletariat von dem Adel und der Bourgeoisie unterscheidet, so sehr unterscheidet sich auch die vom Proletariat aufgeworfene "nationale Frage" von der "nationalen Frage" des Adels und der Bourgeoisie.

Das Proletariat Russlands hat schon vom Kampf zu sprechen begonnen. Das Ziel jedes Kampfes ist bekanntlich der Sieg. Für den Sieg des Proletariats aber bedarf es der Vereinigung aller Arbeiter ohne Unterschied der Nationalität. Es ist klar, dass die Niederreißung der nationalen Schranken und der enge Zusammenschluss der russischen, georgischen, armenischen, polnischen, jüdischen und anderen Proletarier einer notwendige Voraussetzung für den Sieg des Proletariats Russlands bilden.

 

Seite 32 - 36

Wie lassen sich die nationalen Schranken niederreißen, die zwischen den Nationen errichtet worden sind, wie lässt sich die nationale Abgeschlossenheit aufheben, damit es möglich wird, die Proletarier Russlands einander möglichst nahe zu bringen und sie fester zusammenzuschließen?

Das ist der Inhalt der "nationalen Frage" in der Sozialdemokratie.

Sich in einzelne nationale Parteien teilen und aus ihnen einen "freien Bund" schaffen, - antworten die sozialdemokratischen Föderalisten.

Dasselbe sagt auch die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation"

[Anmerkung: Die "armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" wurde bald nach dem II. Parteitag der SDAPR von armenischen nationalföderalistischen Elementen gegründet. W. I. Lenin vermerkte die enge Verbindung dieser Organisation mit dem "Bund": "Das ist eine Kreatur des 'Bund', nicht mehr, eigens ersonnen zwecks Nährung des kaukasischen Bundismus ... Die kaukasischen Genossen sind alle gegen diese Bande von Litaraten und Desorganisatoren", schrieb Lenin am 7. September (n.St.) 1905 an die Mitglieder des Zentralkomitees (siehe Lenin-Sammelband V, Seite 493, russ.)]

 

Wie man sieht, wird uns geraten, uns nicht zu einer einzigen Partei Russlands mit einer einheitlichen Zentrale an der Spitze zusammenzuschließen, sondern uns in mehrere Parteien mit mehreren leitenden Zentralen zu teilen, und alles das zur Stärkung der Klasseneinheit! Wir wollen die Proletarier der verschiedenen Nationen einander näher bringen. Was sollen wir dazu unternehmen? - Entfernt die Proletarier voneinander und ihr erreicht das Ziel! antworten die sozialdemokratischen Föderalisten. Wir wollen die Proletarier zu einer Partei zusammenschließen. Was sollen wir dazu unternehmen? - Zersplittert das Proletariat Russlands in einzelne Parteien und ihr erreicht das Ziel! antworten die sozialdemokratischen Föderalisten. Wir wollen die nationalen Schranken niederreißen. Welche Maßnahmen sollen wir ergreifen? - Verstärkt die nationalen Schranken durch organisatorische Schranken und ihr erreicht das Ziel! antworten sie. Und alles das rät man uns, den Proletariern Russlands, die ihren Kampf unter den gleichen politischen Bedingungen führen, die ein und denselben gemeinsamen Feind haben! Mit einem Wort, man sagt uns: Handelt zur Freude der Feinde und begrabt euer gemeinsames Ziel mit euren eigenen Händen!

Aber erklären wir uns für einen Augenblick mit den sozialdemokratischen Föderalisten einverstanden und folgen wir ihnen, - sehen wir zu, wohin sie uns führen werden! Es heißt ja: Verfolgt den Lügner bis zur Schwelle der Lüge.

Nehmen wir an, wir hätten auf unsere Föderalisten gehört und einzelne nationale Parteien gegründet. Welche Resultate würden die Folge sein?

Dies ist nicht schwer zu erkennen. Wandten wir bisher, solange wir Zentralisten waren, die Hauptaufmerksamkeit den gemeinsamen Bedingungen der Lage der Proletarier, der Einheit ihrer Interessen zu und sprachen wir von ihren "nationalen Unterschieden" nur insoweit, als dies ihren gemeinsamen Interessen nicht widersprach, war bisher die erste Frage für uns die Frage, worin die Proletarier der Nationalitäten Russlands miteinander übereinstimmen, was es Gemeinsames zwischen ihnen gibt - um auf dem Boden dieser gemeinsamen Interessen eine einzige zentralisierte Partei der Arbeiter ganz Russlands aufzubauen -, so lenkt heute, wo "wir" Föderalisten geworden sind, eine neue höchst wichtige Frage unsere Aufmerksamkeit auf sich: worin sich die Proletarier der Nationalitäten Russlands voneinander unterscheiden, welcher Unterschied zwischen ihnen besteht, um auf dem Boden des "nationalen Unterschiedes" gesonderte nationale Parteien aufzubauen. Auf diese Weise werden die für den Zentralisten zweitrangigen "nationalen Unterschiede" für den Föderalisten zum Fundament der nationalen Parteien.

Beschreiten wir diesen Weg weiter, so werden wir früher oder später zu dem Schlusse genötigt sein, dass die "nationalen" und noch irgendwelche anderen "Unterschiede", z.B. des armenischen Proletariers, die gleichen sind wie die der armenischen Bourgeoisie auch, dass der armenische Proletarier und der armenische Bourgeois ein und dieselben Sitten und Gebräuche, ein und denselben Charakter haben, dass sie ein Volk, eine unteilbare "Nation" [1] bilden.

 

[ 1 ]

Die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" hat soeben diesen löblichen Schritt getan. Sie erklärt in ihrem "Manifest" entschieden, dass man das "Proletariat (das armenische) nicht von der Gesellschaft (der armenischen) trennen darf: das vereinigte (armenische) Proletariat muss das vernünftigste und stärkste Organ des armenischen Volkes sein", dass das "armenische Proletariat, in einer sozialistischen Partei vereinigt, bestrebt sein muss, das armenische gesellschaftliche Denken zu bestimmen, dass das armenische Proletariat der leibliche Sohn seines Stammes sein wird" u. dgl. m. (siehe Artikel 3 des "Manifests" der "Armenischen Sozialdemokratischen Arbeiterorganisation").

Erstens ist es unbegreiflich, weshalb man "das armenische Proletariat nicht von der armenischen Gesellschaft trennen darf", wenn diese "Trennung" auf Schritt und Tritt erfolgt. Hat sich denn etwa nicht das vereinigte armenische Proletariat von der armenischen Gesellschaft "getrennt", als es im Jahre 1900 (in Tiflis) der armenischen Bourgeoisie und den bürgerlich denkenden Armeniern den Kampf ansagte?! Was stellt denn die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" eigentlich vor, wenn nicht eine Klassenorganisation der armenischen Proletarier, die sich von den anderen Klassen der armenischen Gesellschaft "getrennt" haben? Oder ist vielleicht die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" eine Organisation aller Klassen!? Und kann sie denn das kämpfende armenische Proletariat darauf beschränken, "das armenische gesellschaftliche Denken" zu bestimmen, ist es nicht verpflichtet vorwärtszuschreiten, diesem bis aufs Mark bürgerlichen "gesellschaftlichen Denken" den Kampf anzusagen und ihm revolutionären Geist einzuhauchen? Die Tatsachen besagen, dass es hierzu verpflichtet ist. Ist das aber der Fall, so ist es von selbst klar, dass das "Manifest" die Aufmerksamkeit des Lesers nicht auf die "Bestimmung des gesellschaftlichen Denkens" lenken durfte, sondern sie auf die Bekämpfung dieses Denkens lenken musste, auf die Notwendigkeit seiner Revolutionierung: damit würde es die Pflichten des "sozialistischen Proletariats" besser charakterisieren. Und schließlich, kann etwa das armenische Proletariat "der leibliche Sohn seines Stammes" sein, wenn ein Teil dieses Stammes - die armenische Bourgeoisie - wie eine Spinne sein Blut saugt, und ein anderer Teil - die armenische Geistlichkeit - nicht nur das Blut der Arbeiter saugt, sondern auch systematisch sein Bewusstsein korrumpiert? Alle diese Fragen sind einfach und unvermeidlich, wenn man die Sache vom Standpunkt des Klassenkampfes aus ansieht. Die Verfasser des "Manifests" aber bemerken diese Fragen nicht, weil sie die Sache von einem föderalistisch-nationalistischen Standpunkt aus betrachten, den sie vom "Bund" (dem jüdischen Arbeiterverband) übernommen haben. Überhaupt haben sich die Verfasser des "Manifests" gleichsam das Ziel gesteckt, in allem dem "Bund" nachzuahmen. Sie haben in ihr "Manifest" auch Artikel 2 der vom .V. Kongress des "Bund" beschlossenen Resolution "Über die Stellung des ´Bund‘ in der Partei" aufgenommen. Sie nennen die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" die einzige Verteidigerin der Interessen des armenischen Proletariats (siehe Artikel 3 des erwähnten "Manifests"). Die Verfasser des "Manifests" haben vergessen, dass die kaukasischen Komitees unserer Partei nun schon mehrere Jahre als die Vertreter der armenischen (und der anderen) Proletarier in Kaukasien gelten dass sie durch mündliche und gedruckte Propaganda und Agitation in armenischer Sprache in ihnen das Klassenbewusstsein entwickeln, sie während des Kampfes leiten usw., während die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" erst vorgestern geboren worden ist. Alles dies haben sie vergessen, und es ist zu hoffen, dass sie noch vieles vergessen werden, nur um die organisatorischen und politischen Ansichten des "Bund" genauestens zu übernehmen.

 

Von hier aus ist es nicht weit bis zu dem "einheitlichen Boden gemeinsamen Handelns", den sowohl die Bourgeois als auch die Proletarier betreten, auf dem sie einander als Mitglieder ein und derselben "Nation" die Hand reichen sollen. Hierbei kann die pharisäische Politik des absolutistischen Zaren als "neuer" Beweis einer solchen Freundschaft erscheinen, und Reden über Klassenantagonismus werden als "unangebrachter Doktrinarismus" erscheinen. Dann aber wird noch irgendeine poetische Hand "kühner" in die vorläufig noch unter den Proletariern der Nationalitäten Russlands vorhandene engnationale Saiten greifen und sie auf die entsprechende Art zum Tönen bringen. Der chauvinistischen Scharlatanerie wird Kredit (Vertrauen) eingeräumt, die Freunde erscheinen als Feinde, die Feinde als Freunde, eine Verwirrung greift Platz und das Klassenbewusstsein des Proletariats Russlands stumpft ab.

Auf diese Weise würden wir, anstatt die nationalen Schranken niederzureißen, sie dank der Gnade der Föderalisten durch organisatorische Schranken noch mehr stärken; anstatt das Klassenbewusstsein des Proletariats zu fördern, werden wir es zurückwerfen und es gefährlichen Prüfungen aussetzen. Und "freuen wird sich das Herz" des absolutistischen Zaren, denn ihm wäre es niemals gelungen, unbezahlte Gehilfen wie uns zu bekommen.

Haben wir etwa danach gestrebt?

Und schließlich, während wir eine einheitliche, elastische, zentralisierte Partei brauchen, deren Zentralkomitee die Arbeiter ganz Russlands blitzschnell auf die Beine bringen und sie zum entscheidenden Sturmangriff gegen Selbstherrschaft und Bourgeoisie führen kann - steckt man uns einen missgestalteten, in einzelne Parteien zersplitterten "föderalistischen Bund" in die Hand! An Stelle einer scharfen gibt man uns eine verrostete Waffe und versichert uns: Damit werdet ihr mit euren Erzfeinden schneller Schluss machen!

Dahin führen uns die sozialdemokratischen Föderalisten!

Aber da wir nicht "die Verstärkung der nationalen Schranken", sondern ihre Niederreißung anstreben, da wir keine verrostete, sondern eine scharfe Waffe brauchen, um die jetzige Ungerechtigkeit mit der Wurzel auszureißen, da wir dem Feinde nicht Freude, sondern Leid bereiten und ihm den Garaus machen wollen, so ist es klar, dass unsere Pflicht darin besteht, uns von den Föderalisten abzuwenden und zur Lösung der "nationalen Frage" eine bessere Antwort zu finden.

 

 

ES LEBE DIE INTERNATIONALE BRÜDERLICHKEIT!

Bürger! Die Bewegung des revolutionären Proletariats greift um sich, und die nationalen Schranken fallen! Die Proletarier der Nationalitäten Rußlands vereinigen sich zu einer internationalen Armee, die einzelnen Bäche der proletarischen Bewegung fließen zusammen zu einem gemeinsamen revolutionären Strom. Immer höher steigen die Wogen dieses Stromes, immer stärker schlagen sie an den Zarenthron, und die morsch gewordene Zarenregierung wankt. Weder Gefängnis noch Zwangsarbeit noch Galgen - nichts hält die proletarische Bewegung auf: sie greift immer weiter um sich!

Um ihren Thron zu festigen, hat die Zarenregierung nun ein „neues" Mittel ausgeheckt. Sie sät Feindschaft zwischen den Nationalitäten Rußlands, sie hetzt sie gegeneinander, sie bemüht sich, die gemeinsame Bewegung des Proletariats in einzelne kleine Bewegungen zu zerschlagen und sie gegeneinander zu lenken, sie veranstaltet Pogrome gegen Juden, Armenier usw. Und alles das, um die Nationalitäten Rußlands durch einen brudermörderischen Krieg voneinander zu trennen und sie dann, nachdem sie entkräftet sind, mühelos einzeln zu besiegen!

Entzweie und herrsche - das ist die Politik der Zarenregierung. So handelt sie in den Städten Rußlands (erinnert euch der Pogrome in Gomel, Kischinew und anderen Städten), das gleiche wiederholt sie auch in Kaukasien. Die Elende! Mit dem Blut und den Leichen der Bürger will sie ihren verächtlichen Thron festigen! Das Stöhnen der sterbenden Armenier und Tataren in Baku; die Tränen der Frauen, Mütter und Kinder; das Blut, das unschuldige Blut ehrlicher, aber unaufgeklärter Bürger; die erschreckten Gesichter der fliehenden, vor dem Tode Rettung suchenden schutzlosen Menschen; die zerstörten Häuser, die geplünderten Läden und das furchtbare, nicht verstummende Schwirren der Kugeln, - das ist es, womit der Zar, der Mörder ehrlicher Bürger, seinen Thron festigt.

Jawohl, Bürger! Sie sind es, die Agenten der Zarenregierung, die unaufgeklärte Elemente unter den Tataren gegen die friedlichen Armenier gehetzt haben! Sie sind es, die Lakaien der Zarenregierung, die Waffen und Patronen an sie ausgegeben, die Polizisten und Kosaken in tatarische Kleidung gesteckt und sie gegen die Armenier losgelassen haben! Zwei Monate haben sie, die Lakaien des Zaren, diesen brudermörderischen Krieg vorbereitet, - und jetzt haben sie endlich ihr barbarisches Ziel erreicht. Fluch und Tod auf das Haupt der Zarenregierung!

Jetzt bemühen sich diese kläglichen Sklaven eines kläglichen Zaren, auch bei uns, in Tiflis, einen brudermörderischen Krieg anzuzetteln! Sie verlangen euer Blut, sie wollen euch entzweien und über euch herrschen! Aber seid wachsam! Ihr Armenier, Tataren, Georgier, Russen! Reicht einander die Hände, schließt euch enger zusammen und gebt auf die Versuche der Regierung, euch zu entzweien, die einmütige Antwort: Nieder mit der Zarenregierung! Es lebe die Brüderlichkeit der Völker!

Reicht einander die Hände und, vereint, schart euch um das Proletariat, den wirklichen Totengräber der Zarenregierung - dieses einzigen Schuldigen an den Bakuer Mordtaten.

Möge euer Ruf sein:

Nieder mit der nationalen Zwietracht!

Nieder mit der Zarenregierung!

Es lebe die Brüderlichkeit der Völker!

Es lebe die demokratische Republik!

13. Februar 1905.

 

Band 3

VII. KONFERENZ (APRILKONFERENZ)
DER SDAPR (BOLSCHEWIKI)

24.-29. April 1917

 

2. REFERAT ÜBER DIE NATIONALE FRAGE

29. April

 

Eigentlich müsste zur nationalen Frage ein ausführliches Referat gehalten werden, da aber die Zeit knapp ist, muss ich mein Referat kurz fassen.

Bevor ich mich dein Resolutionsentwurf zuwende, müssen einige Feststellungen vorausgeschickt werden.

Was ist nationale Unterdrückung? Nationale Unterdrückung ist jenes System der Ausbeutung und Ausplünderung der unterdrückten Völker, sind jene Maßnahmen zur gewaltsamen Beschränkung der Rechte der unterjochten Völkerschaften, die von den imperialistischen Kreisen durchgeführt werden. Das alles zusammen ergibt das Bild der Politik, die man Politik der nationalen Unterdrückung zu nennen pflegt.

Erste Frage: Auf welche Klassen stützt sich diese oder jene Macht bei der Durchführung ihrer Politik der nationalen Unterdrückung? Um diese Frage zu entscheiden, muss man begreifen, weshalb es in verschiedenen Staaten verschiedene Formen der nationalen Unterdrückung gibt, weshalb die nationale Unterdrückung in dem einen Staate schwerer und brutaler ist als in dem anderen. In England und Österreich-Ungarn zum Beispiel hat die nationale Unterdrückung niemals pogromartigen Charakter angenommen, sie bestand aber in Form von Einschränkungen der nationalen Rechte der unterdrückten Völkerschaften. In Rußland hingegen nimmt sie häufig die Form von Pogromen und Massakern an. In manchen Staaten wiederum gibt es überhaupt keine speziellen Maßnahmen gegen die nationalen Minderheiten. So gibt es zum Beispiel keine nationale Unterdrückung in der Schweiz, wo Franzosen, Italiener und Deutsche frei nebeneinander leben.

Wodurch ist nun diese verschiedene Behandlung der Nationalitäten in den verschiedenen Staaten zu erklären?

Durch den verschiedenen Grad des Demokratismus dieser Staaten. In früheren Jahren, als an der Spitze der Staatsmacht in Rußland die alte Landaristokratie stand, konnte die nationale Unterdrückung die abscheulichsten Formen, die Formen von Massakern und Pogromen, annehmen und nahm sie auch tatsächlich an. In England, wo es einen gewissen Grad von Demokratismus und politischer Freiheit gibt, trägt die nationale Unterdrückung einen weniger brutalen Charakter. Was die Schweiz betrifft, so kommt sie einer demokratischen Gesellschaft nahe, und die Nationen genießen dort mehr oder weniger vollständige Freiheit. Mit einem Wort: Je demokratischer ein Land ist, desto schwächer ist die nationale Unterdrückung, und umgekehrt. Und da wir unter Demokratisierung verstehen, dass sich bestimmte Klassen an der Macht befinden, so lässt sich von diesem Gesichtspunkt aus behaupten: Je näher die alte Landaristokratie dem Staatsruder steht, wie dies im alten zaristischen Rußland der Fall war, um so stärker ist die Unterdrückung, um so abscheulicher sind ihre Formen.

Die nationale Unterdrückung wird jedoch nicht nur von der Landaristokratie aufrechterhalten. Neben ihr besteht noch eine andere Kraft - die imperialistischen Gruppen, die ihre in den Kolonien erlernten Methoden der Versklavung der Völkerschaften auch auf das eigene Land übertragen und somit zu natürlichen Bundesgenossen der Landaristokratie werden. Ihnen folgen das Kleinbürgertum, ein Teil der Intelligenz und ein Teil der Oberschicht der Arbeiterschaft, die ebenfalls an den Früchten der Ausplünderung teilhaben. So entsteht ein ganzer Chor von sozialen Kräften, die, mit der Land- und Finanzaristokratie an der Spitze, die nationale Unterdrückung aufrechterhalten. Um wirklich demokratische Zustände herbeizuführen, muss man vor allem den Boden säubern und diesen Chor von der politischen Bühne hinwegfegen. (Verliest den Wortlaut der Resolution.)

Erste Frage: Wie ist das politische Leben der unterdrückten Nationen zu gestalten? Diese Frage ist dahingehend zu beantworten, dass den zu Rußland gehörenden unterdrückten Völkern das Recht eingeräumt werden muss, die Frage selbst zu entscheiden, ob sie dem Russischen Staat weiter angehören oder sich als selbständige Staaten aussondern wollen. Wir sind gegenwärtig Zeugen eines konkreten Konflikts zwischen dem finnischen Volke und der Provisorischen Regierung. Die Vertreter des finnischen Volkes, die Vertreter der Sozialdemokratie fordern von der Provisorischen Regierung die Rückgabe der Rechte an das finnische Volk, die es vor der Angliederung an Rußland genoss. Die Provisorische Regierung lehnt dies ab und erkennt damit das finnische Volk nicht als souverän an. Auf wessen Seite müssen wir uns stellen? Offenbar auf die Seite des finnischen Volkes, denn es ist undenkbar, dass wir uns mit dem gewaltsamen Festhalten irgendeines Volkes im Rahmen eines einheitlichen Staates einverstanden erklären. Durch die Aufstellung des Prinzips des Selbstbestimmungsrechts der Völker heben wir den Kampf gegen die nationale Unterdrückung auf das Niveau des Kampfes gegen den Imperialismus, unseren gemeinsamen Feind. Tun wir das nicht, so können wir in die Lage von Leuten geraten, die Wasser auf die Mühle der Imperialisten leiten. Wollten wir Sozialdemokraten dem finnischen Volk das Recht verweigern, seinen Willen zur Lostrennung kundzugeben, wollten wir ihm das Recht verweigern, diesen Willen durchzusetzen, so gerieten wir damit in die Lage von Leuten, die die vorn Zarismus betriebene Politik fortsetzen.

Die Frage des Rechts der Nationen auf freie Lostrennung darf nicht mit der Frage verwechselt werden, ob sich eine Nation zu diesem oder jenem Zeitpunkt unbedingt lostrennen muss. Diese Frage muss von der Partei des Proletariats in jedem einzelnen Fall vollkommen selbständig, je nach der gegebenen Situation entschieden werden. Wenn wir den unterdrückten Völkerschaften das Recht auf Lostrennung zuerkennen, das Recht, über ihr politisches Schicksal zu entscheiden, so entscheiden wir damit noch nicht über die Frage, ob sich bestimmte Nationen zu einem gegebenen Zeitpunkt vom Russischen Staat lostrennen müssen. Ich kann einer Nation das Recht zuerkennen, sich loszutrennen, das besagt aber noch nicht, dass ich sie damit verpflichtet habe, dies zu tun. Ein Volk hat das Recht, sich loszutrennen, es kann aber auch, je nach den Umständen, von diesem Recht keinen Gebrauch machen. Uns bleibt somit die Freiheit der Agitation für oder gegen die Lostrennung, je nachdem, was im Interesse des Proletariats, im Interesse der proletarischen Revolution liegt. Die Frage der Lostrennung wird also in jedem einzelnen Fall selbständig, je nach der Situation, entschieden, und gerade deshalb darf die Frage der Anerkennung des Rechts auf Lostrennung nicht mit der Frage der Zweckmäßigkeit der Lostrennung unter diesen oder jenen Umständen verwechselt werden. Ich für mein Teil würde mich zum Beispiel, mit Rücksicht auf die allgemeine Entwicklung in Transkaukasien und in Rußland, auf bestimmte Bedingungen für den Kampf des Proletariats usw., gegen eine Lostrennung Transkaukasiens aussprechen. Wenn aber die Völker Transkaukasiens die Lostrennung dennoch verlangten, so würden sie sich natürlich lostrennen und von unserer Seite nicht auf Widerstand stoßen. (Verliest den Wortlaut der Resolution weiter.)

Ferner. Was soll mit den Völkern geschehen, die im Rahmen des Russischen Staates bleiben wollen? Wenn die Völker Misstrauen gegen Rußland hegten, so wurde das Misstrauen vor allem durch die Politik des Zarismus genährt. Da es nun keinen Zarismus, keine zaristische Unterdrückungspolitik mehr gibt, so muss das Misstrauen nachlassen und die Hinneigung zu Rußland zunehmen. Ich glaube, dass sich neun Zehntel der Völkerschaften nach dem Sturz des Zarismus nicht werden lostrennen wollen. Die Partei schlägt deshalb vor, für die Gebiete, die sich nicht lostrennen wollen und bestimmte Eigenarten der Lebensweise, der Sprache aufweisen, wie zum Beispiel Transkaukasien, Turkestan, die Ukraine, eine Gebietsautonomie einzuführen. Die geographischen Grenzen solcher autonomen Gebiete werden durch die Bevölkerung selbst entsprechend den Wirtschafts- und Lebensverhältnissen usw. bestimmt.

Der Gebietsautonomie steht ein anderer Plan gegenüber, der schon seit langem vom "Bund" und vor allem von Springer und Bauer empfohlen wird, die das Prinzip einer national-kulturellen Autonomie aufstellen. Ich bin der Auffassung, dass dieser Plan für die Sozialdemokratie unannehmbar ist. Sein Wesen besteht in folgendem: Rußland verwandelt sich in einen Bund von Nationen und jede Nation in einen Verband von Personen, die, ganz unabhängig davon, in welchen Gebieten des Staates sie leben mögen, zu einer einheitlichen Gesellschaft zusammengefasst werden. Alle Russen, alle Armenier usw. organisieren sich unabhängig vom Territorium in ihren besonderen nationalen Verbänden, und erst dann treten sie dem Bund der Nationen von Rußland bei. Dieser Plan ist in höchstem Grade unpraktisch und unzweckmäßig. Die Sache ist nämlich die, dass die Entwicklung des Kapitalismus ganze Personengruppen zersprengt, von ihren Nationen losgerissen und über ganz Rußland verstreut hat. Die einzelnen Angehörigen der Nation zusammenzufassen bedeutet, sich angesichts der durch die wirtschaftlichen Verhältnisse hervorgerufenen nationalen Verstreutheit mit der künstlichen Organisierung einer Nation, mit der Konstruierung einer Nation zu befassen. Sich aber mit einer künstlichen Zusammenfassung von Menschen zu Nationen befassen heißt den Standpunkt des Nationalismus beziehen. Dieser vom "Bund" aufgestellte Plan kann von der Sozialdemokratie nicht gutgeheißen werden. Er wurde auf der Konferenz unserer Partei im Jahre 1912 abgelehnt und erfreut sich überhaupt in sozialdemokratischen Kreisen, mit Ausnahme des "Bund", keiner Popularität. Dieser Plan wird auch als kulturelle Autonomie bezeichnet, weil er aus den mannigfaltigen Fragen, die für eine Nation von Interesse sind, den Komplex der Kulturfragen aussondert und diese den nationalen Verbänden überträgt. Den Ausgangspunkt einer solchen Aussonderung bildet die These, es sei die Kultur, die die Nationen zu einem einheitlichen Ganzen vereinige. Es wird vorausgesetzt, dass im Schoße einer Nation einerseits Interessen walten, die die Nation spalten, wie zum Beispiel die wirtschaftlichen Interessen, und anderseits solche, die sie zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfassen, und das seien eben die Fragen der Kultur.

Schließlich bleibt noch die Frage der nationalen Minderheiten. Ihre Rechte müssen besonders geschützt werden. Die Partei fordert deshalb volle Gleichberechtigung in Schul-, Religionsfragen usw. sowie Aufhebung aller Einschränkungen für die nationalen Minderheiten.

Da ist Paragraph 9, in dem die Gleichberechtigung der Nationen festgelegt wird. Die zu seiner Durchführung notwendigen Bedingungen können erst mit der vollen Demokratisierung der gesamten Gesellschaft eintreten.

Wir müssen noch über die Frage entscheiden, wie das Proletariat verschiedener Nationen in einer gemeinsamen Partei organisiert werden soll. Der eine Plan sieht die Organisierung der Arbeiter nach Nationalitäten vor - so viele Nationen, so viele Parteien. Dieser Plan wurde von der Sozialdemokratie abgelehnt. Die Praxis hat bewiesen, dass die Organisierung des Proletariats eines bestimmten Staates nach Nationalitäten lediglich zum Untergang der Idee der Klassensolidarität führt. Alle Proletarier aller Nationen des betreffenden Staates organisieren sich zu einem untrennbaren proletarischen Kollektiv.

Unser Standpunkt in der nationalen Frage lässt sich also in folgenden Sätzen zusammenfassen:

a) Anerkennung des Rechts der Völker auf Lostrennung;

b) für die Völker, die im Rahmen des betreffenden Staates bleiben, Gebietsautonomie;

c) für die nationalen Minderheiten besondere Gesetze, die ihnen freie Entwicklung sichern;

d) für die Proletarier aller Nationalitäten des betreffenden Staates ein einheitliches untrennbares proletarisches Kollektiv, eine einheitliche Partei.

 

3. SCHLUSSWORT ZUR NATIONALEN FRAGE

29. April

 

Im großen und ganzen stimmen beide Resolutionen überein. Pjatakow hat von unserer Resolution alle Punkte abgeschrieben, bis auf den einen: die "Anerkennung des Rechts auf Lostrennung". Hier kann es nur eins geben: Entweder bestreiten wir den Nationen das Recht auf Lostrennung, und das muss man geradeheraus sagen, oder wir bestreiten ihnen dieses Recht nicht. Es gibt jetzt in Finnland eine Bewegung, die auf die Sicherung der nationalen Freiheit gerichtet ist, und diese Bewegung wird von der Provisorischen Regierung bekämpft. Es erhebt sich die Frage, wen wir unterstützen sollen. Entweder sind wir für die Politik der Provisorischen Regierung, für ein gewaltsames Festhalten Finnlands, für die Beschneidung seiner Rechte auf ein Minimum, und dann sind wir Annexionisten, da wir Wasser auf die Mühle der Provisorischen Regierung leiten, oder wir sind für die Unabhängigkeit Finnlands. Hier muss man sich ganz eindeutig für das eine oder das andere erklären, man kann sich nicht auf eine bloße Konstatierung der Rechte beschränken.

Es gibt eine Bewegung für die Unabhängigkeit Irlands. Für wen sind wir, Genossen? Entweder sind wir für Irland, oder wir sind für den englischen Imperialismus. Und ich frage: Sind wir für die Völker, die gegen die Unterdrückung kämpfen, oder sind wir für die Klassen, die diese Völker unterdrücken? Wir sagen: Da die Sozialdemokratie Kurs auf die sozialistische Revolution hält, muss sie die revolutionäre Bewegung der Völker unterstützen, die sich gegen den Imperialismus richtet.

Entweder sind wir der Auffassung, dass wir aus den Völkern, die sich gegen die nationale Unterdrückung erheben, ein Hinterland für die Avantgarde der sozialistischen Revolution bilden müssen - und dann schlagen wir eine Brücke zwischen West und Ost, dann halten wir tatsächlich Kurs auf die sozialistische Weltrevolution, oder wir tun das nicht - und dann stehen wir isoliert da, dann verzichten wir auf die Taktik, alle und jede revolutionäre Bewegung innerhalb der unterdrückten Nationalitäten auszunutzen, um den Imperialismus zu vernichten.

Wir müssen jede Bewegung unterstützen, die gegen den Imperialismus gerichtet ist. Was würden uns andernfalls die finnischen Arbeiter sagen? Pjatakow und Dzierzynski sagen uns, dass jede nationale Bewegung reaktionär sei. Das stimmt nicht, Genossen. Ist etwa die Bewegung in Irland gegen den englischen Imperialismus keine demokratische Bewegung, kein Schlag gegen den Imperialismus? Und sollen wir etwa diese Bewegung nicht unterstützen?...

Zuerst veröffentlicht in dem Buch:
Die Petrograder Stadtkonferenz und
die Allrussische Konferenz der SDAPR(B)
im April 1917.
Moskau / Leningrad 1925.

 

 

 

Resolution zur nationalen Frage

 

beschlossen von der VII. Allrussischen (April) Konferenz der SDAPR im April (Mai) 1917

 

Diese Resolution ist nicht in den Stalinwerken enthalten - Anmerkung der Komintern (SH)

 

Die Politik der nationalen Unterdrückung, ein Erbstück der Selbstherrschaft und der Monarchie, wird von den Gutsbesitzern, den Kapitalisten und dem Kleinbürgertum aufrechterhalten, um ihre Klassenprivilegien zu wahren und die Arbeiter der verschiedenen Völkerschaften zu entzweien. Der modeme Imperialismus, der die Bestrebungen zur Unterwerfung schwacher Völker verstärkt, ist ein neuer Faktor der Verschärfung der nationalen Unterdrückung.

Soweit die Beseitigung der nationalen Unterdrückung in der kapitalistischen Gesellschaft erreichbar ist, ist sie nur möglich bei einer konsequent-demokratischen republikanischen Staatsordnung und Staatsverwaltung, die die völlige Gleichberechtigung aller Nationen und Sprachen sichert.

Allen Nationen, die zu Rußland gehören, muß das Recht auf freie Lostrennung und Bildung eines selbständigen Staates zuerkannt werden. Die Verneinurig dieses Rechtes und die Unterlassung von Maßnahmen, die seine praktische Durchführbarkeit verbürgen, ist gleichbedeutend mit der Unterstützung der Eroberungs- oder Annexionspolitik. Nur die Anerkennung des Rechtes der Nationen auf Lostrennung seitens des Proletariats siehert die volle Solidarität der Arbeiter der verschiedenen Nationen und fördert die wirklich, demokratische Annäherung der Nationen.

Der gegenwärtig zwischen Finnland und der russischen Provisorischen Regierung ausgebrochene Konflikt zeigt besonders anschaulich, daß die Verneinung des Rechtes auf freie Lostrennung zur direkten Fortsetzung der Politik des Zarismus führt.

Die Frage des Rechtes der Nationen auf freie Lostrennung darf nicht verwechselt werden mit der Frage der Zweckmäßigkeit der Lostrennung dieser oder jener Nation in diesem oder jenem Augenblick.

Diese letztere Frage muß von der Partei des Proletariats in jedem einzelnen Fall vollkommen selbständig gelöst werden, und zwar vom Standpunkt der Interessen der ganzen gesellschaftlichen lEntwicklung und des Klassenkampfes des Proletariats für den Sozialismus.


Die Partei fordert eine weitgehende Gebietsautonomie, die Beseitigung der Überwachung von oben, die Abschaffung der obligatorischen Staatssprache und die Festlegung der Grenzen der Selbstverwaltungsgebiete und der autonomen Gebiete auf Grund der von der örtlichen Bevölkerung selbst festzustellenden Wirtschafts- und Lebensverhältnisse, der nationalen Zusammensetzung der Bevölkerung usw.


Die Partei des Proletariats lehnt die sogenannte "national-kulturelle Autonomie" entschieden ab, bei der das Schulwesen usw. der Zuständigkeit·des.Staates entzogen und in die Hände einer Art nationaler Landtage geIegt wird. Die Arbeiter, die an ein und demselben Ort wohnen und sogar in ein und denselben Betrieben arbeiten, werden durch die national-kulturelle Autonomie nach ihrer Zugehörigkeit zu dieser oder jener "nationalen Kultur" künstlich abgesondert, das heißt die Verbindung der Arbeiter mit der bürgerlichen Kultur der einzelnen Nationen wird gestärkt, während doch die Aufgabe der Sozialdemokratie darin besteht, die internationale Kultur des Weltproletariats zu stärken.

Die Partei fordert die Aufnahme eines grundlegenden Gesetzes in- die Verfassung, wonach alle wie immer gearteten Privilegien einer oder der anderen.Nation, alle wie immer gearteten Verstöße gegen die Rechte der nationalen Minderheiten für ungültig erklärt werden.

Die Interessen der Arbeiterklasse erfordern den Zusarnmenschluß der Arbeiter aller Nationalitäten Rußlands in einheitlichen proletarischen Organisationen, politischen, gewerkschaftlichen, genossenschaftlichen Bildungsorganisationen usw, Nur ein solcher Zusammenschluß der Arbeiter der verschiedenen Nationalitäten in einheitlichen Organisationen gibt dem Proletariat die Möglichkeit, einen siegreichen Kampf gegen das internationale Kapital und gegen den bürgerlichen Nationalismus zu führen.

 

 

 

 


 

 

ERKLÄRUNG DER VÖLKER RUSSLANDS

 

Anmerkung der Komintern (SH):

Text nicht in den Stalinwerken enthalten.

 

Wir haben diesen Text aus dem Russischen übersetzt:

http://ciml.250x.com/archive/stalin/russian/stalin_ukraine_russian.html

 

Die Oktober- Revolution der Arbeiter und Bauern begann unter dem Banner der Befreiung.

Die Bauern haben sich von der Macht der Grundbesitzer befreit, der Grundbesitz ist abgeschafft. Die Soldaten und Matrosen haben sich von der Macht der autokratischen Generäle befreit, Generäle werden künftig gewählt und gegebenfalls wieder abgesetzt. Die Arbeiter haben sich von willkürlichen Launen der Kapitalisten befreit. Von nun an stehen die Fabriken und Werke unter der Kontrolle der Arbeiter/innen. Alle haben sichvon den Fesseln des verhassten Systems befreit.

Russische Volk wurde geboren in Unterdrückung und Tyrannei., Die Befreiung muss sofort beginnen, entschlossen und unwiderruflich.

In der Ära des zaristischen Russland wurden die Nationen systematisch Nationen gegeneinander aufgehetzt. Die Ergebnisse dieser Politik sind bekannt: Massaker und Pogrome , Sklaverei der Völker .

Diese schändliche Politik darf nicht wieder zugelassen werden. Von nun an sollte diese Politik durch eine Politik durch eine freiwillige und ehrlich Vereinigung der Völker Russlands ersetzt werden.

In der Zeit des Imperialismus , nach der Februarrevolution , als die Macht in die Hände der bürgerlichen Kadettengelang, gab es eklatante Anstiftungen zur feigen Politik des Misstrauens gegenüber den Völkern von Russland, politische Schikane und Provokation - verhüllt mit Slogans wie "Freiheit" und "Gleichheit" der Nationen. Die Ergebnisse dieser Politik sind bekannt: die Stärkung der nationalen Feindschaft , das Untergraben gegenseitigen Vertrauens
Dieses unwürdige Politik der Lügen und des Misstrauens , diese Schikanen und Provokationen müssen aufhören. Von nun an sollte dies durch eine offene und ehrliche Politik ersetzt werden, was zu einer kompletten gegenseitige Vertrauen der Völker Russlands beiträgt.

Nur als Folge eines solchen Vertrauen kann sich eine ehrliche und dauerhafte Vereinigung der Völker Russlands entwickeln.

Nur als Ergebnis einer solchen Vereinigung der Arbeiter und Bauern Russlands, beruhend auf ihre revolutionäre Kraft, kann jeder Angriff der imperialistischen Bourgeoisie und ihre Annexionsgelüste zurück geschlagen werden.

Auf der Grundlage dieser Bestimmungen verkündete der erste Kongress der Sowjets im Juni dieses Jahres das Recht der Völker Russlands auf Selbstbestimmung .

Der zweite Kongress der Sowjets, im Oktober dieses Jahres, bestätigt dieses unveräußerliche Recht der Völker Russlands.

Dem Willen dieser Kongresse entsprechend beschloss der Rat der Volkskommissare in der Frage der Nationalitäten Russlands:

1 . Gleichheit und Souveränität der Völker Russlands.

2 . Das Recht der Völker auf Selbstbestimmung Russlands, einschließlich des Rechts aif Lostrennung und die Bildung eines unabhängigen Staates.

3 . Abbrechen jeglicher nationalen und national-religiösen Privilegien und Einschränkungen.

4 . Kostenlose Entwicklung der nationalen Minderheiten und ethnographischen Gruppen, die das Gebiet von Russland bewohnen .

Daraus resultierende spezifische Verordnungen werden sofort nach der Schaffung einer Kommission für Nationalitäten entwickelt werden.

Im Namen der russischen Republik
Volkskommissar für Nationalitäten
Joseph Dschugaschwili - Stalin

Vorsitzender des Rates der Volkskommissare
V. Uljanow (Lenin)

2. November 1917

"Truth » № 178
3 (16) November 1917

 

 

 

 

 

 

 

REDEN AUF DEM III. ALLRUSSISCHEN KONGRESS
DER SOWJETS DER ARBEITER-, SOLDATEN-
UND BAUERNDEPUTIERTEN

10.-18. Januar 1918

 

Der III. Altrussische Kongress der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten fand vom 10. bis zum 18. Januar 1918 in Petrograd statt. Auf dem Kongress waren 1046 Delegierte anwesend. Den Bericht über die Tätigkeit des Rates der Volkskommissare gab W. I. Lenin, über die Tätigkeit des ZEK der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten sprach J. M. Swerdlow. J. W. Stalin hielt auf dem Kongress das Referat zur nationalen Frage. Der Kongress nahm eine Resolution an, die die Politik des ZEK und des Rates der Volkskommissare billigte, er bestätigte die von W.I. Lenin unter Mitwirkung von J.W. Stalin verfasste "Deklaration der Rechte des werktätigen und ausgebeuteten Volkes", die Dekrete des Rates der Volkskommissare über die Unabhängigkeit Finnlands und Armeniens sowie die von J. W. Stalin eingebrachte Resolution über die föderalen Einrichtungen der Russischen Republik.

 

1. REFERAT ZUR NATIONALEN FRAGE

15. Januar
(Zeitungsbericht)

 

Eine der Rußland gegenwärtig besonders bewegenden Fragen ist, wie der Referent zeigt, die nationale Frage. Diese Frage gewinnt eine um so ernstere Bedeutung, als die Großrussen nicht die absolute Mehrheit der Bevölkerung Rußlands ausmachen und von einem Ring anderer, "nicht herrschender" Völker umgeben sind, die Rußlands Randgebiete bewohnen.

Die zaristische Regierung war mit Rücksicht auf die große Bedeutung der nationalen Frage bestrebt, die nationalen Angelegenheiten mit eiserner Faust anzupacken. Sie betrieb eine Politik gewaltsamer Russifizierung der Völker der Randgebiete, die Methode ihres Vorgehens waren Verbot der Muttersprache, Pogrome und andere Verfolgungen.

Die Koalitionsregierung Kerenskis beseitigte diese nationalen Schranken, vermochte jedoch infolge ihres Klassencharakters nicht, die nationale Frage in ihrem ganzen Umfang zu lösen. Die Regierung der ersten Periode der Revolution unterließ es nicht nur, den Weg der vollen Befreiung der Nationen einzuschlagen, sondern schreckte in vielen Fällen nicht einmal davor zurück, zur Unterdrückung der nationalen Bewegung Repressalien anzuwenden, wie das gegenüber der Ukraine und Finnland der Fall war.

Einzig und allein die Sowjetmacht proklamierte offen das Recht aller Nationen auf Selbstbestimmung bis zur völligen Lostrennung von Rußland. Die neue Staatsmacht zeigte sich in dieser Hinsicht radikaler als selbst die nationalen Gruppen innerhalb mancher Nationen.

Und trotzdem kam es zu einer ganzen Reihe von Konflikten zwischen dem Rat der Volkskommissare und den Randgebieten. Diese Konflikte drehten sich jedoch nicht um Fragen nationalen Charakters, sondern eben um die Machtfrage. Der Redner führt eine ganze Reihe von Beispielen dafür an, wie die in aller Hast aus Vertretern der Oberschichten der besitzenden Klassen zusammengeschusterten bürgerlich-nationalistischen Regierungen der Randgebiete bestrebt waren, unter dem Deckmantel der Lösung ihrer nationalen Fragen einen eindeutigen Kampf gegen die sowjetischen und anderen revolutionären Organisationen zu führen. Der Ursprung aller Konflikte, die zwischen den Randgebieten und der zentralen Sowjetmacht entstanden sind, liegt in der Frage der Macht. Und wenn die bürgerlichen Kreise der einen oder anderen Gebiete diesen Konflikten einen nationalen Anstrich zu geben bestrebt waren, so nur deshalb, weil das für sie vorteilhaft war, weil es bequem war, den Kampf gegen die Macht der werktätigen Massen innerhalb des betreffenden Gebiets unter einem nationalen Gewand zu verbergen.

Der Redner verweilt eingehend bei dem Beispiel der Rada und weist überzeugend nach, auf welche Art und Weise das Prinzip der Selbstbestimmung von den bürgerlich-chauvinistischen Kreisen der Ukraine für ihre imperialistischen Klassenziele ausgenutzt wurde.

All dies weist auf die Notwendigkeit hin, das Prinzip der Selbstbestimmung nicht als Recht der Bourgeoisie, sondern als Recht der werktätigen Massen der gegebenen Nation auf Selbstbestimmung auszulegen. Das Prinzip der Selbstbestimmung muss ein Mittel im Kampf für den Sozialismus sein und den Prinzipien des´ Sozialismus untergeordnet werden.

Zur Frage des föderalen Aufbaus der Russischen Republik führt der Redner aus, dass das oberste Organ der Sowjetföderation der Sowjetkongress sein muss. In den Zeiträumen zwischen den Kongressen werden die Funktionen des Kongresses vom ZEK wahrgenommen.

 

2. ENTWURF EINER RESOLUTION
ÜBER DIE FÖDERALEN EINRICHTUNGEN
DER RUSSISCHEN REPUBLIK

1.

Die Russische Sozialistische Sowjetrepublik wird auf der Grundlage eines freiwilligen Bündnisses der Völker Rußlands als Föderation der Sowjetrepubliken dieser Völker konstituiert.

 

2.

Das höchste Machtorgan in der Föderation ist der Allrussische Kongress der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten, der mindestens einmal in drei Monaten einberufen wird.

 

3.

Der Allrussische Kongress der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten wählt das Allrussische Zentralexekutivkomitee. In den Zeiträumen zwischen den Kongressen ist das Allrussische Zentralexekutivkomitee das oberste Machtorgan.

 

4.

Die Regierung der Föderation, der Rat der Volkskommissare, wird im ganzen wie im einzelnen vom Allrussischen Sowjetkongress oder vom Allrussischen Zentralexekutivkomitee gewählt und abgesetzt.

 

5.

Unmittelbar nach der Bildung der Sowjetrepubliken der Gebiete wird vom Allrussischen Zentralexekutivkomitee und den Zentralexekutivkomitees dieser Republiken der Modus festgelegt, nach dem die Sowjetrepubliken der einzelnen Gebiete, der Gebiete, die sich durch eine besondere Lebensweise und nationale Zusammensetzung der Bevölkerung unterscheiden, an der föderalen Regierung teilnehmen und nach dem die Tätigkeitsbereiche der föderalen und der Gebietseinrichtungen der Russischen Republik voneinander abgegrenzt werden.

 

3. SCHLUSSWORT
ZUM REFERAT UBER DIE NATIONALE FRAGE

15. Januar
(Zeitungsbericht)

 

Das Schlusswort zu der eingebrachten Resolution über die föderalen Einrichtungen der Russischen Republik hält Genosse Stalin.

Er weist darauf hin, dass die eingebrachte Resolution kein Gesetz ist, sondern nur die allgemeinen Grundlagen der künftigen Verfassung der Russischen Föderativen Republik umreißt.

Solange der Kampf zwischen den beiden politischen Strömungen: der nationalistischen Konterrevolution einerseits und der Sowjetmacht anderseits, nicht beendet ist, solange kann von einer endgültig ausgefeilten Verfassung, die alle Einzelheiten des staatlichen Aufbaus der Sowjetrepubliken klar und genau festlegt, keine Rede sein.

Die Resolution enthält nur die allgemeinen Grundlagen der Verfassung, die dem Zentralexekutivkomitee zur eingehenden Ausarbeitung überwiesen und dem nächsten Sowjetkongress zur endgültigen Bestätigung vorgelegt werden sollen.

Hierauf geht der Redner auf die Selbstbestimmung des Kaukasus ein und weist auf Grund genauer Angaben nach, dass das Kaukasische Kommissariat

 

Das Kaukasische oder Transkaukasische Kommissariat wurde im November 1917 in Tiflis von Menschewiki, Sozialrevolutionären, Daschnaken und Mussawatisten gebildet; es bestand bis zum 26. Mai 1918.

 

eine offensichtlich aggressive Politik gegen die Sowjetorganisationen des Kaukasus und gegen den Frontsowjet führt, wobei es gleichzeitig mit dem Helden der konterrevolutionären Bewegung im Kaukasus, dem General Prshewalski, Kontakt aufrechterhält.

Von all dem ausgehend, muss der so genannte Bürgerkrieg weitergeführt werden, der im Grunde genommen ein Kampf zwischen derjenigen Strömung ist, die die Durchsetzung der Koalitions- und Paktierermacht in den Randgebieten anstrebt, und der anderen Strömung, die für die Durchsetzung der sozialistischen Macht kämpft, für die Macht der Sowjets der werktätigen Massen, der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten.

Das ist der Inhalt und der historische Sinn jener heftigen Konflikte, die zwischen dem Rat der Volkskommissare einerseits und den bürgerlich-nationalistischen Koalitionsregierungen in den Randgebieten anderseits entstehen. Wenn sich diese Regierungen darauf berufen, dass sie für die Verteidigung ihrer nationalen Unabhängigkeit kämpfen, so ist das nichts anderes als eine heuchlerische Bemäntelung des Feldzugs, der gegen das werktätige Volk geführt wird. (Stürmischer Beifall.)

Auf Martows Vorwurf an die Adresse der Sowjetmacht, dass diese sich widerspreche, wenn sie in den russischen Randgebieten die proletarische Macht fordert und sich für Kurland, Litauen, Polen usw. mit dem von Trotzki in Brest vertretenen Referendum begnügt, antwortet Genosse Stalin mit der Bemerkung, dass es ein völliger Unsinn wäre, in den westlichen Gebieten die Sowjetmacht zu fordern, da dort noch keine Sowjets existieren, da es dort noch keine sozialistische Revolution gibt.

Wollte man nach dem Rezept Martows verfahren, sagt der Redner, so müsste man dort Sowjets erfinden, wo es nicht nur keine gibt, sondern wo auch der Weg zu ihnen noch nicht freigelegt ist. Unter diesen Bedingungen von Selbstbestimmung durch die Sowjets zu reden, wäre im höchsten Maße absurd.

Zum Schluss geht der Redner noch einmal auf die grundlegende Meinungsverschiedenheit zwischen dem rechten und dem linken Flügel der Demokratie ein. Während der linke Flügel die Diktatur der unteren Schichten, die Macht der Mehrheit über die Minderheit erstrebt, empfiehlt der rechte Flügel, zu der schon durchschrittenen Etappe des bürgerlichen Parlamentarismus zurückzukehren. Die Erfahrung des Parlamentarismus in Frankreich und Amerika hat augenfällig gezeigt, dass die nach außen hin demokratisch scheinende Macht, die aus dem allgemeinen Wahlrecht hervorgeht, sich in Wirklichkeit als eine Koalition mit dem Finanzkapital entpuppt, die vom wirklichen Demokratismus sehr weit entfernt und ihm fremd ist. In Frankreich, diesem Lande des bürgerlichen Demokratismus, werden die Deputierten vom ganzen Volk gewählt, die Minister jedoch stellt die Lyoner Bank. In Amerika gibt es allgemeine Wahlen, an die Macht gelangen jedoch die Kreaturen des Milliardärs Rockefeller.

Ist das etwa nicht Tatsache? fragt der Redner. Ja, wir haben den bürgerlichen Parlamentarismus begraben, und vergeblich wollen uns die Martows zur Märzperiode (Wortspiel: "mart" ist das russische Wort für März. Der Übers.) der Revolution zurückzerren. (Heiterkeit, Beifall.) Für uns, Vertreter der Arbeiter, kommt es darauf an, dass das Volk nicht nur abstimmt, sondern auch regiert. Die Macht haben nicht diejenigen, die wählen und abstimmen, sondern diejenigen, die regieren. (Stürmischer Beifall.)

 

"Prawda" Nr. 12 und 13,
17. und 18. Januar 1918 

 

 

 

DIE LAGE IM KAUKASUS

 

"Prawda" Nr. 100,
23. Mai 1918.

 


I
TRANSKAUKASIEN


Die Lage Transkaukasiens wird immer bedrohlicher. Die Ausrufung der Unabhängigkeit Transkaukasiens durch den Sejm (am 22. April), die der Tifliser "Regierung" die Hände frei machen sollte, hat diese in Wirklichkeit in die Falle der internationalen Räuber getrieben. Womit die so genannten "Friedensverhandlungen" in Batum[18] enden werden, wird die nächste Zukunft zeigen. Eins steht außer Zweifel: Die Unabhängigkeit der Tifliser Menschewiki und ihrer Regierung von der russischen Revolution wird sich unvermeidlich in ihre sklavische Abhängigkeit von den türkisch-deutschen "zivilisierten" Räubern verwandeln. Das wird ein Bündnis der am Ruder stehenden Tifliser Menschewiki mit den türkisch-deutschen Imperialisten gegen die russische Revolution sein. Der Menschewik Tschchenkeli in der Rolle des künftigen kaukasischen Golubowitsch... nicht wahr, meine Herren Martow und Dan, ein lehrreiches Bild...

Das Sejmmitglied Kartschikian teilt aus Tiflis mit:

"In Tiflis herrscht Erregung, die Armenier sind aus dem Kabinett ausgetreten, die Arbeiter und Bauern organisieren wegen der Ausrufung der Unabhängigkeit Transkaukasiens Straßendemonstrationen gegen die Regierung. In Kutais, Choni, Letschchum, Gori, Duscheta finden Demonstrationen statt, die ein Referendum über die Frage der Unabhängigkeit fordern."

Ganz Armenien protestiert gegen das Usurpatorentum der Tifliser "Regierung" von eigenen Gnaden und fordert den Rücktritt der Sejmdeputierten. Das Zentrum der Mohammedaner aber, Baku, die Zitadelle der Sowjetmacht in Transkaukasien, das den ganzen Osten Transkaukasiens von Lenkoran und Kuba bis nach Jelisawetpol um sich geschart hat, tritt mit der Waffe in der Hand für die Rechte der Völker Transkaukasiens ein, die mit allen Kräften danach streben, die Verbindung mit Sowjetrußland aufrechtzuerhalten. Wir sprechen schon gar nicht von dem heldenhaften Abchasien[19] an der Küste des Schwarzen Meeres, das sich einmütig gegen die schwarzen Banden der Tifliser "Regierung" erhoben hat und mit der Waffe in der Hand Suchum gegen sie verteidigt. "Ganz Abchasien, jung und alt, hat sich gegen die zweitausend Mann starke vom Süden kommende Bande der Eroberer erhoben und verteidigt nun schon acht Tage lang 20 Werst südlich von Suchum die Zugänge zu Suchum", schreibt uns der Vorsitzende des revolutionären Militärkomitees Eschba. Nach einigen Angaben wird der Angriff der transkaukasischen Abteilungen von See her durch eine Flottille bewaffneter Transporter und eine Gruppe Zerstörer unterstützt. Wir hingegen dürfen, wie sich herausstellt, laut dem Brester Frieden und seiner deutschen Auslegung nicht nur keine Seeoffensive zum Schutze Suchums unternehmen, sondern haben nicht einmal das Recht, uns zu verteidigen. Das ist eine reale Unterstützung, die die deutschen "Friedensstifter" den transkaukasischen Eroberern erweisen. Angesichts einer solchen Sachlage wird nun unschwer begreifen, dass das Schicksal Suchums schon fast besiegelt ist. Die transkaukasische Bevölkerung ist gegen die Tifliser "Regierung". Die transkaukasische Bevölkerung ist gegen die Lostrennung von Rußland. Die transkaukasischen Arbeiter und Bauern sind gegen den Willen des Häufleins von Sejmmännern für ein Referendum, denn niemand, absolut niemand hat den Sejm bevollmächtigt, Transkaukasien von Rußland loszutrennen.

So ist die Lage.

Nicht umsonst wuschen die Menschewiki, die noch etwas Gewissen haben, nämlich Jordania, Zereteli und sogar (sogar!) Gegetschkori, ihre Hände in Unschuld und überließen diese schmutzige Arbeit den Skrupellosesten unter den Menschewiki.

Aus Tiflis wird uns mitgeteilt, dass der Korpskommandeur der Türken vor Kars bei der Auslieferung von Kars durch die Armenier erklärt habe, er halte die Entsendung türkischer Truppen zur Besetzung Bakus und zur Rettung der Mohammedaner im Bakuer Bezirk für unerlässlich, falls es der transkaukasischen Regierung nicht gelingen sollte, dies in nächster Zeit selber zu tun, wobei gleichzeitig "in einem Brief Wehib-Paschas an den Vorsitzenden der transkaukasischen Regierung zu verstehen gegeben wurde, dass dies unvermeidlich sei".

Wir haben keine Möglichkeit, diese Mitteilungen dokumentarisch nachzuprüfen. Eins steht jedoch außer Zweifel: Sollten die türkischen "Retter" wirklich gegen Baku losmarschieren, so werden sie auf den machtvollen Widerstand breiter Bevölkerungsschichten und vor allem der mohammedanischen Arbeiter und Bauern stoßen.

Es braucht gar nicht erwähnt zu werden, dass die Sowjetmacht in diesem Fall die unveräußerlichen Rechte der werktätigen Massen Transkaukasiens mit aller Kraft gegen die annexionistischen Anschläge verteidigen wird.


 

 

ÜBER DAS DONGEBIET UND DEN NORDKAUKASUS

(Tatsachen und Machenschaften)

 

 

Also wie sind die mysteriösen "Regieringen" im Süden Rußlands entstanden?

"Am 21. Oktober 1917", heißt es in einer "Note" der Don-Regierung", "wurde in Wladikawkas ein Vertrag über die Bildung eines neuen föderativen Staates, des Südostbundes, unterzeichnet, dem die Bevölkerung in den Gebieten der Kosakenheere des Dons, des Kubans und Astrachans, die Bergvölker des Nordkaukasus und der Schwarzmeerküste sowie die freien Völker des Südostens Rußlands beigetreten sind."

Fast dasselbe besagt auch ein Funkspruch der Vertreter der nordkaukasischen "Regierung" Tschermojew und Bammatow, der uns am 16. Mai zugestellt wurde.

"Die Völker des Kaukasus haben eine rechtmäßige Nationalversammlung gewählt, die im Mai und September 1917 zusammentrat und die Bildung eines Bundes der Bergvölker des Kaukasus proklamierte", worauf "der Bund der Bergvölker des Kaukasus beschließt, sich von Rußland loszutrennen und einen unabhängigen Staat zu bilden; die Grenzen des neuen Staatsgebiets werden im Norden die bisherigen geographischen Grenzen der Gebiete und Provinzen Daghestans, des Tereks, Stawropols, des Kubans und des Schwarzen Meeres im ehemaligen Russischen Reich sein, im Westen - das Schwarze Meer, im Osten - das Kaspische."

Es stellt sich also heraus, dass sich am Vorabend des Sieges der Oktoberrevolution, durch die die Kerenskiregierung gestürzt wurde, einige mit dieser Regierung verbundene Häuflein von Abenteurern in Wladikawkas versammelten, sich zu "bevollmächtigten" Regierungen erklärten und die Lostrennung des Südens von Rußland verkündeten, wobei sie sich nicht einmal die Mühe machten, die Bevölkerung um ihre Zustimmung zu befragen. Natürlich ist es in einem freien Land wie Rußland niemandem verwehrt, sich separatistischen Träumereien hinzugeben, wobei leicht zu begreifen ist, dass die Sowjetmacht sich auf die abenteuerlichen Erklärungen von Träumern, mit denen die Völker des Südens Rußlands auch nicht das geringste zu tun haben, nicht einlassen konnte und durfte. An einem zweifeln wir nicht: Wenn Deutschland seinen Bürgern dieselbe Freiheit gewährte, die man heutzutage in Rußland genießt, dann würden sich Posen, Elsass-Lothringen, Polen, Kurland, Estland und andere mit einem Netz nationaler Regierungen bedecken, die weit mehr Grund hätten, sich als Regierungen zu bezeichnen, als die von ihren eigenen Völkern vertriebenen und jetzt in der Emigration befindlichen Bogajewski und Krasnow, Bammatow und Tschermojew...

So sind die mysteriösen "Regierungen" im Süden Rußlands entstanden.

In der "Note" der Don"regierung" und dem Funkspruch Tschermojews ist die Rede von der Vergangenheit, vom September und Oktober des Jahres 1917 und von Wladikawkas als Zufluchtsort der abgedankten Generale. Aber seitdem ist ungefähr ein Jahr vergangen. In dieser Zeit haben sich die regionalen Volkssowjets des Don-, des Kuban- Schwarzmeer- und des Terekgebiets gebildet, die Millionen Einwohner, Kosaken und Zugewanderte, Abchasen und Russen, Tschetschenen und Inguschen, Osseten und Kabardiner, Georgier und Armenier um sich vereinigen. Die Bevölkerung dieser Gebiete hat schon seit langem die Sowjetmacht anerkannt und so von dem ihr gewährten Selbstbestimmungsrecht weitgehend Gebrauch gemacht. Und Wladikawkas, die ehemalige Residenz der Karaulow und Bogajewski, der Tschermojew und Bammatow, hat sich schon längst zum Sitz des Tereker Volkssowjets erklärt. Es fragt sich, welche Bedeutung die aus der Mottenkiste hervorgeholten Generale und ihre abenteuerlichen Erklärungen vom Sommer 1917 angesichts dieser allbekannten Tatsachen haben können? Im September und Oktober existierte in Rußland noch die Regierung Kerenskis, die damals gegen die in die Illegalität getriebene bolschewistische Partei, die heute an der Macht ist, Blitz und Donner schleuderte. Wenn die Monate September und Oktober 1917 für die ukrainische Delegation und die deutsche Regierung solch eine sakramentale Bedeutung haben, warum sollten sie dann nicht auch die Überreste der Kerenskiregierung, die zu jener Zeit noch wohlauf war, zur Friedenskonferenz laden, wie sie das mit den Überresten der "Regierung" der Tschermojew und Karaulow tun, die ebenfalls im September und Oktober 1917 noch wohlauf waren?

Oder weiter: Warum ist eigentlich der September 1917 dem April 1918 vorzuziehen, als die Ukrainische Rada, eben dabei, eine Delegation zu Verhandlungen mit der Sowjetmacht zu entsenden, "auf Grund" der deutschen "Auslegung" des Prinzips der Selbstbestimmung der Völker mit einem Stoß in das politische Nichts geschleudert wurde?...

 

Welche Stellung beziehen nun die Völker des Südens Rußlands selber zur Frage der Unabhängigkeit, auf die (die Völker) sich die Herren Selbstbestimmer berufen?

 

Und schließlich das Terekgebiet. Es ist für niemanden ein Geheimnis, dass am Terek der Tereker regionale Volkssowjet existiert, der alle oder fast alle (95 Prozent) Aule und Stanizas, Dörfer und Ortschaften, von den Städten schon ganz zu schweigen, um sich vereinigt. Schon auf dem ersten Gebietskongress im Januar dieses Jahres sprachen sich ausnahmslos alle Delegierten für die Sowjetmacht und für die unlösbare Verbundenheit mit Rußland aus. Der zweite Kongress im April, der auf breiterer Grundlage organisiert war und mehr Delegierte zählte als der erste, hat die Verbundenheit mit Rußland feierlich bekräftigt und das Gebiet zu einer autonomen Sowjetrepublik der Russischen Föderation erklärt. Der jetzt stattfindende dritte Gebietskongress macht einen Schritt vorwärts, indem er vom Wort zur Tat übergeht und die Bürger zu den Waffen ruft, um den Terek, und nicht nur den Terek, gegen die Anschläge ungebetener Gäste zu verteidigen. Die so genannte Note der so genannten Donregierung redet sehr viel von den "freien Völkern des Südostens", die angeblich nach Lostrennung von Rußland streben. Da wir der Ansicht sind, dass Tatsachen die beste Widerlegung von "Erklärungen" sind, wollen wir die Tatsachen sprechen lassen. Hören wir vor allem die Resolution des Tereker Volkssowjets:

"Dem Tereker Volkssowjet ist aus Telegrammen bekannt geworden, dass Delegierte des Nordkaukasus, die sich in Konstantinopel befinden, die Unabhängigkeit des Nordkaukasus verkündet und entsprechende Noten an die kaiserlich-türkische Regierung und an andere Mächte geschickt haben.

Der Tereker Volkssowjet, bestehend aus den Fraktionen der Tschetschenen, Kabardiner, Osseten, Inguschen, Kosalten und der Zugewanderten, dokumentiert, dass die Völker des Terekgebiets niemals irgend jemand zu dem oben angegebenen Zweck irgendwohin delegiert haben und dass, wenn sich Privatpersonen, die sich jetzt in Konstantinopel aufhalten, als Delegierte der Völker des Terekgebiets ausgeben und im Namen dieser Völker auftreten, dies ihrerseits nichts anderes als Usurpatoren- und Abenteurertum ist.

Der Tereker Volkssowjet bringt seine Verwunderung über die politische Kurzsichtigkeit und Naivität der türkischen Regierung zum Ausdruck, die sich von Gaunern hat irreführen lassen.

Der aus den aufgezählten Fraktionen bestehende Tereker Volkssowjet erklärt, dass die Völker des Terekgebiets einen unabtrennbaren Bestandteil der Russischen Föderativen Republik bilden.

Der Tereker Volkssowjet protestiert dagegen, dass der Nordkaukasus von der transkaukasischen Regierung in die Unabhängigkeitserklärung Transkaukasiens einbezogen wird" (siehe "Narodnaja Wlastj", Organ des Tereker Volkssowjets).

(Die Resolution wurde einstimmig angenommen. 9. Mai.)

Mögen jetzt die von den Usurpatoren und deren Schirmherren verleumdeten Tschetschenen und Inguschen zu Worte kommen. Hier ist die Resolution ihrer Fraktion, um die sich alle oder fast alle Inguschen und Tschetschenen zusammenschließen.

"Die außerordentliche Sitzung der tschetschenisch-inguschischen Fraktion des Tereker Volkssowjets hat nach Erörterung der Mitteilung über die Unabhängigkeitserklärung des Nordkaukasus einstimmig folgende Resolution angenommen: Die Erklärung der Unabhängigkeit des Nordkaukasus ist ein ankerordentlich wichtiger Akt, der mit Wissen und Einverständnis der gesamten daran interessierten Bevölkerung vor sich gehen muss.

Die tschetschenisch-inguschische Fraktion stellt fest, dass das Volk der Tschetschenen und Inguschen keine Delegierten zu irgendwelchen Verhandlungen mit der ottomanischen Delegation in Trapezunt oder mit der ottomanischen Regierung in Konstantinopel entsandt hat und dass die Frage der Unabhängigkeit niemals in irgendwelchen Körperschaften und Versammlungen, die den Willen des tschetschenisch-inguschischen Volkes zum Ausdruck bringen, erörtert worden ist.

Deshalb sieht die tschetschenisch-inguschische Fraktion in Personen, die es wagen, im Namen des Volkes zu sprechen, das sie nicht gewählt hat, Usurpatoren und Volksfeinde.

Die tschetschenisch-inguschische Fraktion erklärt, dass die einzige Rettung aller Bergvölker des Nordkaukasus und der durch die Revolution errungenen Freiheiten in einer engen Vereinigung mit der russischen revolutionären Demokratie liegt.

Dies wird ihnen nicht nur von der angeborenen Freiheitsliebe diktiert, sondern auch von den Wirtschaftsbeziehungen, die den Nordkaukasus und Zentralrußland in den letzten Jahrzehnten zu einem unzerreißbaren Ganzen fest zusammengeschweißt haben."

(Angenommen am 9. Mai. Siehe "Narodnaja Wlastj", Organ des Tereker Volkssowjets.)

Und hier ein Auszug aus der flammenden Rede des Sprechers der Inguschen und Tschetschenen, des Genossen Scheripow, in der Sitzung des Tereker Volkssowjets, die eindeutig genug ist, um allen Vorwürfen gegen die Daghestaner ein Ende zu machen:

"Dank der großen russischen Revolution haben wir diese herrliche Freiheit erhalten, für die sich unsere Ahnen jahrhundertelang geschlagen und sich, auch wenn besiegt, noch gegen die Bajonette geworfen haben. Jetzt, da wir die Garantie des Rechts auf Selbstbestimmung bekommen haben, wird das Volk dieses Recht niemals und niemandem abtreten. Heute reden von der Unabhängigkeit des Nordkaukasus Gutsbesitzer, Fürsten, Provokateure und Spione und alle diejenigen, gegen die Schamil 50 Jahre lang einen Kampf auf Leben und Tod geführt hat. Es gibt einzelne Versuche dieser Volksfeinde, die Unabhängigkeit des Kaukasus zu proklamieren und das Imamat auszurufen. Ich behaupte aber, dass Schamil den Vorfahren dieser Fürsten die Köpfe abgehauen hat und dass er jetzt das gleiche tun würde. Unsere Fraktion, die das Volk der Inguschen und Tschetschenen vertritt, hat in einer außerordentlichen Sitzung ihre Meinung zur Frage der Unabhängigkeitserklärung des Nordkaukasus in der bekannten Resolution zum Ausdruck gebracht." (Siehe oben. Entnommen der "Narodnaja Wlastj".)

Das sind die Tatsachen.

Ist das alles den deutsch-ukrainisch-türkischen Selbstbestimmern bekannt? Natürlich! Denn die Gebietssowjets Südrußlands wirken ganz offen, vor aller Augen, und die Agenten jener Herren lesen unsere Zeitungen aufmerksam genug, um allbekannte Tatsachen nicht zu übersehen.

Worauf läuft dann also die oben erwähnte Erklärung der ukrainischen Delegation über die mysteriösen "Regierungen" hinaus, eine Erklärung, die von den Deutschen und Türken mit Rat und Tat unterstützt wird?

Nur auf eins: die Schein,,regierungen" als Deckmantel für Eroberungen und für die Unterjochung neuer Länder auszunutzen.

Die Sowjetmacht würde sich lebendigen Leibes begraben, wenn sie nicht ausnahmslos alle Kräfte zur Abwehr der Eroberer und Unterjocher mobilisierte.

Und das wird sie tun.

 

Volkskommissar J. Stalin

 

"Prawda" Nr. 108
1. Juni 1918.

 

 

 

 

 

 

 

 

DER OKTOBERUMSTURZ UND DIE
NATIONALE FRAGE

Die nationale Frage darf nicht als Selbstzweck, als etwas ein für allemal Gegebenes betrachtet werden. Als bloßer Teil des Gesamtproblems der Umgestaltung der bestehenden Ordnung wird die nationale Frage in vollem Umfang durch die Gegebenheiten der sozialen Verhältnisse, durch den Charakter der Macht im Lande und überhaupt durch den ganzen Gang der gesellschaftlichen Entwicklung bestimmt. Dies offenbart sich besonders krass in der Periode der Revolution in Rußland, in der die nationale Frage und die nationale Bewegung in den Randgebieten Rußlands je nach dem Gang und dem Ausgang der Revolution rasch und vor aller Augen ihren Inhalt ändern.

 

I
DIE FEBRUARREVOLUTION UND DIE
NATIONALE FRAGE

In der Epoche der bürgerlichen Revolution in Rußland (im Februar 1917) trug die nationale Bewegung in den Randgebieten den Charakter einer bürgerlichen Befreiungsbewegung. Die jahrhundertelang vom "alten Regime" unterdrückten und ausgebeuteten Nationalitäten Rußlands spürten zum ersten Mal ihre Kraft und stürzten sich in den Kampf gegen die Unterdrücker. "Beseitigung der nationalen Unterdrückung!" - das war die Losung der Bewegung. Im Nu bedeckten sich die Randgebiete Rußlands mit "gesamtnationalen" Institutionen. An der Spitze der Bewegung marschierte die nationale, bürgerlich-demokratische Intelligenz. Die "nationalen Räte" in Lettland, Estland, Litauen, Georgien, Armenien, Aserbaidshan, im Nordkaukasus, in Kirgisien und an der Mittleren Wolga, die "Rada" in der Ukraine und in Bjelorußland, der "Sfatul-Tsärii" in Bessarabien, der "Kurultai" auf der Krim und in Baschkirien, die "autonome Regierung" in Turkestan - das waren die "gesamtnationalen" Institutionen, um die die nationale Bourgeoisie ihre Kräfte scharte. Es ging um die Befreiung vom Zarismus als der "Hauptursache" der nationalen Unterdrückung und um die Bildung bürgerlicher Nationalstaaten. Das Selbstbestimmungsrecht der Nationen wurde ausgelegt als Recht der nationalen Bourgeoisie der Randgebiete, die Macht in ihre Hände zu nehmen und die Februarrevolution zu benutzen, um einen "eigenen" Nationalstaat zu bilden. Eine weitere Entwicklung der Revolution entsprach nicht den Absichten der oben erwähnten bürgerlichen Institutionen und konnte ihnen auch nicht entsprechen. Dabei wurde außer acht gelassen, dass an Stelle des Zarismus der unverhüllte, nicht mehr maskierte Imperialismus tritt, dass er, dieser Imperialismus, ein noch stärkerer und gefährlicherer Feind der Nationalitäten ist und die Grundlage einer neuen nationalen Unterdrückung bildet.

Die Vernichtung des Zarismus und der Machtantritt der Bourgeoisie führten jedoch nicht zur Beseitigung der nationalen Unterdrückung. Die alte grobe Form der nationalen Unterdrückung wurde durch eine neue, verfeinerte, dafür aber gefährlichere Form der Unterdrückung abgelöst. Nicht nur, dass die Regierung Lwow-Miljukow-Kerenski nicht mit der Politik der nationalen Unterdrückung brach, sie organisierte sogar einen neuen Feldzug gegen Finnland (Auseinanderjagung des Landtags im Sommer 1917) und gegen die Ukraine (Zertrümmerung der Kultureinrichtungen der Ukraine). Noch mehr: Diese ihrer Natur nach imperialistische Regierung rief die Bevölkerung zur Fortführung des Krieges um die Unterwerfung neuer Gebiete, neuer Kolonien und Nationalitäten auf. Sie wurde dazu nicht nur durch die innere Natur des Imperialismus angetrieben, sondern auch durch das Vorhandensein alter imperialistischer Staaten im Westen, die mit aller Macht nach der Unterwerfung neuer Gebiete und Nationalitäten strebten und die Einflusssphäre dieser imperialistischen Regierung einzuengen drohten. Kampf der imperialistischen Staaten um die Unterwerfung der kleinen Nationalitäten als Existenzbedingung dieser Staaten - das ist das Bild, das sich im Verlauf des imperialistischen Krieges enthüllt hatte. Die Vernichtung des Zarismus und das Auftauchen der Regierung Miljukow-Kerenski machten dieses unerfreuliche Bild nicht um einen Deut anziehender. Es ist nur natürlich, dass die "gesamtnationalen" Institutionen in den Randgebieten, insofern sie eine Tendenz zur staatlichen Selbständigkeit an den Tag legten, bei der imperialistischen Regierung Rußlands auf unüberwindlichen Widerstand stießen. Da sie aber bei der Errichtung der Macht der nationalen Bourgeoisie taube Ohren hatten für die grundlegenden Interessen "ihrer" Arbeiter und Bauern, riefen sie bei diesen Murren und Unzufriedenheit hervor. Die so genannten "nationalen Regimenter" gossen nur noch Öl ins Feuer: gegen die Gefahr von oben waren sie ohnmächtig, die Gefahr von unten aber wurde durch sie nur verstärkt und vertieft. Die "gesamtnationalen" Institutionen blieben gegen Schläge von außen ebenso wenig gefeit wie gegen eine Explosion von innen. Die im Entstehen begriffenen bürgerlich-nationalen Staaten begannen zu welken, noch ehe sie erblüht waren.

So verwandelte sich die alte bürgerlich-demokratische Auslegung des Selbstbestimmungsprinzips in eine Fiktion, sie verlor ihren revolutionären Sinn. Es war klar, dass unter solchen Bedingungen von einer Beseitigung der nationalen Unterdrückung und von einer Errichtung selbständiger kleiner Nationalstaaten gar keine Rede sein konnte. Es wurde offensichtlich, dass die Befreiung der werktätigen Massen der unterdrückten Nationalitäten und die Beseitigung der nationalen Unterdrückung undenkbar sind ohne den Bruch mit dem Imperialismus, ohne den Sturz der "eigenen" nationalen Bourgeoisie und ohne die Machtergreifung durch die werktätigen Massen selbst.

Besonders klar trat dies nach dem Oktoberumsturz zutage.

 

II
DIE OKTOBERREVOLUTION UND DIE
NATIONALE FRAGE

Die Februarrevolution barg unversöhnliche innere Widersprüche in sich Vollbracht worden war die Revolution durch die Bemühungen der Arbeiter und Bauern (der Soldaten), das Ergebnis der Revolution aber war, dass die Macht nicht an die Arbeiter und Bauern, sondern an die Bourgeoisie überging. Die Arbeiter und Bauern hatten die Revolution durchgeführt, um mit dem Krieg Schluss zu machen und Frieden zu erlangen, während die ans Ruder gekommene Bourgeoisie danach strebte, den revolutionären Elan der Massen für die Fortsetzung des Krieges, gegen den Frieden auszunutzen. Die wirtschaftliche Zerrüttung des Landes und die Ernährungskrise erforderten die Expropriation der Kapitalien und der Industriebetriebe zugunsten der Arbeiter, die Konfiskation der Gutsländereien zugunsten der Bauern, während die bürgerliche Regierung Miljukow-Kerenski die Interessen der Gutsbesitzer und Kapitalisten hütete und sie entschieden vor Zugriffen der Arbeiter und Bauern schützte. Es war eine bürgerliche Revolution, vollbracht mit den Händen der Arbeiter und Bauern zugunsten der Ausbeuter.

Inzwischen schmachtete das Land weiter unter der Last des imperialistischen Krieges, des wirtschaftlichen Verfalls und der Zerrüttung des Ernährungswesens. Die Front zerbröckelte und löste sich auf. Fabriken und Werke wurden stillgelegt. Im Lande wuchs die Hungersnot. Die Februarrevolution mit ihren inneren Widersprüchen erwies sich offenkundig als unzulänglich für die "Rettung des Landes". Die Regierung Miljukow-Kerenski erwies sich offenkundig als unfähig, die Kernprobleme der Revolution zu lösen.

Es war eine neue, eine sozialistische Revolution notwendig, um das Land aus der Sackgasse des imperialistischen Krieges und des wirtschaftlichen Verfalls herauszuführen.

Diese Revolution kam als Resultat des Oktoberumsturzes.

Der Oktoberumsturz löste mit einem Schlag die Widersprüche der Februarrevolution, indem er die Macht der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie stürzte und die Regierung der Arbeiter und Bauern an ihre Stelle setzte. Die Aufhebung der Allmacht der Gutsbesitzer und Kulaken und die Übergabe des Grund und Bodens zur Nutznießung an die werktätigen Massen des Dorfes; die Expropriation der Fabriken und Werke und ihre Übergabe zur Leitung an die Arbeiter; der Bruch mit dem Imperialismus und die Beendigung des Raubkrieges; die Veröffentlichung der Geheimverträge und die Entlarvung der Politik der Annexion fremder Gebiete; schließlich die Proklamierung des Selbstbestimmungsrechts der werktätigen Massen der unterdrückten Völker und die Anerkennung der Unabhängigkeit Finnlands - das sind die Hauptmaßnahmen, die von der Sowjetmacht zu Beginn der sowjetischen Revolution getroffen wurden.

Das war eine wirklich sozialistische Revolution.

Die Revolution, die im Zentrum begonnen hatte, konnte nicht lange auf den Rahmen dieses engen Gebiets beschränkt bleiben. Nachdem sie im Zentrum gesiegt hatte, musste sie sich unvermeidlich auf die Randgebiete ausdehnen. Und in der Tat überflutete die revolutionäre Welle, vom Norden her kommend, gleich in den ersten Tagen des Umsturzes ganz Rußland und erfasste ein Randgebiet nach dem anderen. Doch stieß sie hier auf einen Damm in Gestalt der schon vor dem Oktober entstandenen "nationalen Räte" und regionalen "Regierungen" (Don, Kuban, Sibirien). Diese "nationalen Regierungen" wollten nämlich von einer sozialistischen Revolution nichts hören. Ihrer Natur nach bürgerlich, waren sie durchaus nicht gewillt, die alte, bürgerliche Ordnung zu zerstören; sie hielten es im Gegenteil für ihre Pflicht, sie mit aller Macht aufrechtzuerhalten und zu festigen. Ihrem Wesen nach imperialistisch, waren sie durchaus nicht gewillt, mit dem Imperialismus zu brechen; sie waren im Gegenteil niemals abgeneigt, Stücke und Stückchen der Gebiete "fremder" Nationalitäten an sich zu reißen und zu unterwerfen, wenn sich dazu eine Möglichkeit bot. Kein Wunder, dass die "nationalen Regierungen" der Randgebiete der sozialistischen Regierung im Zentrum den Krieg erklärten. Sobald sie aber den Krieg erklärt hatten, wurden sie natürlicherweise zu Brutstätten der Reaktion, die alle konterrevolutionären Elemente Rußlands um sich sammelten. Es ist für niemand ein Geheimnis, dass alle aus Rußland hinausgejagten Konterrevolutionäre sich dorthin, nach diesen Brutstätten, begaben, dass sie sich dort, im Bereich dieser Brutstätten, zu weißgardistischen "nationalen" Regimentern formierten.

Doch gibt es in den Randgebieten außer den "nationalen Regierungen" auch noch nationale Arbeiter und Bauern. Sie waren schon vor dem Oktoberumsturz nach dem Vorbild der Deputiertensowjets im Zentrum Rußlands in ihren revolutionären Deputiertensowjets organisiert und haben nie die Verbindung mit ihren Brüdern im Norden abgebrochen. Auch sie strebten danach, den Sieg über die Bourgeoisie zu erringen, auch sie kämpften für den Triumph des Sozialismus. Kein Wunder, dass sich ihr Konflikt mit den "eigenen" nationalen Regierungen von Tag zu Tag zuspitzte. Der Oktoberumsturz festigte nur noch das Bündnis der Arbeiter und Bauern der Randgebiete mit den Arbeitern und Bauern Rußlands und beseelte sie mit dem Glauben an den Triumph des Sozialismus. Der Krieg der "nationalen Regierungen" gegen die Sowjetmacht steigerte nun den Konflikt der nationalen Massen mit diesen "Regierungen" bis zum vollständigen Bruch mit ihnen, bis zum offenen Aufstand gegen sie.

So bildete sich das sozialistische Bündnis der Arbeiter und Bauern ganz Rußlands gegen das konterrevolutionäre Bündnis der bürgerlichen nationalen "Regierungen" der Randgebiete Rußlands.

Manche Leute stellen den Kampf der "Regierungen" der Randgebiete als einen Kampf für die nationale Befreiung gegen den "starren Zentralsinus" der Sowjetmacht hin. Doch das trifft absolut nicht zu. Keine Staatsmacht der Welt hat eine so weitgehende Dezentralisation zugelassen, keine Regierung der Welt hat den Völkern eine solche Fülle nationaler Freiheit eingeräumt, wie die Sowjetmacht es in Rußland getan hat. Der Kampf der "Regierungen" der Randgebiete war und bleibt ein Kampf der bürgerlichen Konterrevolution gegen den Sozialismus. Die nationale Flagge wird da nur zum Betrug der Massen geschwungen, da sie populär und gut geeignet ist, die konterrevolutionären Absichten der nationalen Bourgeoisie zu verdecken.

Doch erwies sich der Kampf der "nationalen" und regionalen "Regierungen" als ein ungleicher Kampf. Von zwei Seiten attackiert: von außen durch die Sowjetmacht Rußlands und von innen durch "ihre eigenen" Arbeiter und Bauern, sahen sich die "nationalen Regierungen" sofort nach den ersten Kämpfen zum Rückzug gezwungen. Der Aufstand der finnischen Arbeiter und Torppari

 

Torppari - landlose Bauern in Finnland, die zu knechtenden Bedingungen Boden von den Grundbesitzern pachteten.

 

und die Flucht des bürgerlichen "Senats"; der Aufstand der ukrainischen Arbeiter und Bauern und die Flucht der bürgerlichen "Rada"; der Aufstand der Arbeiter und Bauern am Don, am Kuban und in Sibirien sowie der Zusammenbruch Kaledins, Kornilows und der sibirischen "Regierung"; der Aufstand der armen Bauern in Turkestan und die Flucht der "autonomen Regierung"; die Agrarrevolution im Kaukasus und die totale Hilflosigkeit der "nationalen Räte" Georgiens, Armeniens und Aserbaidshans - das sind die allbekannten Tatsachen, die die völlige Entfremdung der "Regierungen" der Randgebiete von "ihren" werktätigen Massen vor Augen führten. Aufs Haupt geschlagen, waren die "nationalen Regierungen" "gezwungen", gegen ihre "eigenen" Arbeiter und Bauern Hilfe bei den Imperialisten des Westens zu suchen, die seit Jahrhunderten die Nationalitäten der ganzen Welt unterdrückt und ausgebeutet hatten.

So begann die Periode der ausländischen Einmischung und der Okkupation der Randgebiete - eine Periode, die ein übriges Mal den kontere revolutionären Charakter der "nationalen" und regionalen "Regierungen" entlarvte.

Jetzt erst wurde es für alle klar, dass die nationale Bourgeoisie nicht die Befreiung des "eigenen Volkes" von der nationalen Unterdrückung anstrebt, sondern die Freiheit, Profite aus ihm herauszupressen, di Freiheit, ihre Privilegien und Kapitalien zu behalten.

Jetzt erst wurde es klar, dass die Befreiung der unterdrückten Nationalitäten ohne den Bruch mit dem Imperialismus, ohne den Sturz der Bourgeoisie der unterdrückten Nationalitäten, ohne den Übergang der Macht in die Hände der schaffenden Massen dieser Nationalitäten undenkbar ist.

So wurde die alte bürgerliche Auffassung des Selbstbestimmungsprinzips mit der Losung "Alle Macht der nationalen Bourgeoisie" durch den Verlauf der Revolution selbst entlarvt und hinweggefegt. Die sozialistische Auffassung des Selbstbestimmungsprinzips mit der Losung "Alle Macht den schaffenden Massen der unterdrückten Nationalitäten" gewann alle Rechte und Anwendungsmöglichkeiten.

Auf diese Weise hat der Oktoberumsturz, der mit der alten, bürgerlichen nationalen Befreiungsbewegung Schluss gemacht hat, die Ära einer neuen, der sozialistischen Bewegung der Arbeiter und Bauern der unterdrückten Nationalitäten eröffnet, einer Bewegung, die sich gegen jedwede - folglich auch gegen die nationale - Unterdrückung, gegen die Macht der Bourgeoisie, der "eigenen" wie der fremden, gegen den Imperialismus überhaupt richtet.

 

III
WELTBEDEUTUNG DES OKTOBERUMSTURZES

Nachdem die Oktoberrevolution im Zentrum Rußlands gesiegt und sich einer Reihe von Randgebieten bemächtigt hatte, konnte sie sich nicht auf den territorialen Rahmen Rußlands beschränken. In der Atmosphäre des imperialistischen Weltkriegs und der allgemeinen Unzufriedenheit, in den unteren Volksschichten herrschte, musste sie notwendigerweise auf die Nachbarländer übergreifen. Der Bruch mit dem Imperialismus und die Erlösung Rußlands von dem Raubkrieg; die Veröffentlichung der Geheimverträge und die feierliche Verwerfung der Politik Annexion fremden Bodens; die Proklamierung der nationalen Freiheit und die Anerkennung der Unabhängigkeit Finnlands; die Ausrufung Rußlands zu einer "Föderation nationaler Sowjetrepubliken" und der zier Sowjetmacht in die Welt hinaus gesandte Streitruf zum entschiedenen Kampf gegen den Imperialismus - all das konnte nicht ohne bedeutsamen Einfluss auf den versklavten Osten und den verblutenden Westen bleiben.

Und in der Tat, die Oktoberrevolution ist die erste Revolution Welt, die die arbeitenden Massen der unterjochten Völker des Ostens aus ihrem jahrhundertelangen Schlummer geweckt und sie in den Kampf gegen den Weltimperialismus einbezogen hat. Die Bildung von Arbeit und Bauernräten in Persien, China und Indien nach dem Vorbild der Sowjets in Rußland ist ein hinreichend überzeugender Beweis dafür.

Die Oktoberrevolution ist die erste Revolution der Welt, die den Arbeitern und Soldaten des Westens ein lebendiges, rettendes Vorbild ward und sie veranlasst hat, den Weg der wirklichen Befreiung vom Joch des Krieges und des Imperialismus einzuschlagen. Der Aufstand der Arbeiter und Soldaten in Österreich-Ungarn und in Deutschland, die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten, der revolutionäre Kampf der nichtvollberechtigten Völker Österreich-Ungarns gegen die nationale Unterdrückung sind ein hinreichend beredter Beweis dafür.

Es handelt sich ja gar nicht darum, dass der Kampf im Osten selbst im Westen sich noch nicht von den bürgerlich-nationalistischen Schlacken befreien konnte - es handelt sich darum, dass der Kampf gegen den Imperialismus seinen Anfang genommen hat, dass er fortgeführt wird und unvermeidlich zu seinem logischen Abschluss gelangen muss.

Die Einmischung des Auslands und die Okkupationspolitik der "äußeren" Imperialisten verschärfen nur die revolutionäre Krise, ziehen neue Völker in den Kampf hinein und erweitern den Schauplatz der revolutionären Zusammenstöße mit dem Imperialismus.

So stellt der Oktoberumsturz die Verbindung her zwischen den Völkern des rückständigen Ostens und des fortgeschrittenen Westens schließt sie zu einem gemeinsamen Lager des Kampfes gegen Imperialismus zusammen.

So wird die nationale Frage aus einer Teilfrage, der Frage Kampfes gegen das nationale Joch, zu der allgemeinen Frage der Befreiung der Nationen, der Kolonien und der Halbkolonien vom Imperialismus.

Die Todsünde der II. Internationale und ihres Oberhauptes Kautsky besteht unter anderem gerade darin, dass sie ständig zur bürgerlichen Auffassung der nationalen Selbstbestimmung abglitten und den revolutionären Sinn der nationalen Selbstbestimmung nicht begriffen, dass ihnen entweder die Fähigkeit oder der Wille abging, die nationale Frage auf den revolutionären Boden des offenen Kampfes gegen den Imperialismus zu stellen, dass ihnen entweder die Fähigkeit oder der Wille abging, die nationale Frage mit der Frage der Befreiung der Kolonien zu verbinden.

Die Engstirnigkeit der Sozialdemokraten Österreichs vom Schlage eines Bauer oder Renner besteht eigentlich gerade darin, dass sie den untrennbaren Zusammenhang der nationalen Frage mit der Machtfrage nicht begriffen und versuchten, die nationale Frage von der Politik zu trennen und in den Rahmen der Kultur- und Bildungsfragen zu zwängen, wobei sie die Existenz solcher "Kleinigkeiten" wie des Imperialismus und der von ihm versklavten Kolonien übersahen.

Man sagt, dass in der Situation der aufsteigenden sozialistischen Revolution die Prinzipien der Selbstbestimmung und der "Vaterlands-Verteidigung" durch den Gang der Ereignisse selbst aufgehoben worden seien. In Wirklichkeit aber sind nicht die Prinzipien der Selbstbestimmung und der "Vaterlandsverteidigung" aufgehoben worden, sondern ihre bürgerliche Auslegung. Es genügt, einen Blick auf die okkupierten Gebiete zu werfen, die unter dem Joch des Imperialismus ächzen und stürmisch nach Befreiung streben; es genügt, einen Blick auf Rußland zu werfen, das einen revolutionären Krieg zur Verteidigung des sozialistischen Vaterlandes gegen die imperialistischen Räuber führt; es genügt, über die Ereignisse nachzudenken, die sich jetzt in Osterreich-Ungarn abspielen; es genügt, einen Blick auf die versklavten Kolonien und Halbkolonien zu werfen, die in ihren Ländern bereits Räte organisiert haben (Indien, Persien, China) - es genügt, einen Blick auf all das zu werfen, um die ganze revolutionäre Bedeutung des Selbstbestimmungsprinzips in seiner sozialistischen Auslegung zu begreifen.

Die gewaltige Weltbedeutung des Oktoberumsturzes besteht ja hauptsächlich gerade darin, dass er

1. den Rahmen der nationalen Frage erweitert und sie aus einer Teilfrage, der Frage des Kampfes gegen die nationale Unterdrückung in Europa, in die allgemeine Frage der Befreiung der unterjochten Völker, Kolonien und Halbkolonien vom Imperialismus verwandelt hat;

2. weitgehende Möglichkeiten und wirkliche Wege für diese Befreiung eröffnet hat, so dass er den unterdrückten Völkern des Westens, und Ostens ihre Befreiung bedeutend erleichtert hat, indem er sie in den allgemeinen Strom des siegreichen Kampfes gegen den Imperialismus. einbezog;

3. hierdurch eine Brücke zwischen dem sozialistischen Westen und, dem versklavten Osten geschlagen und eine neue Front der Revolutionen aufgebaut hat, eine Front von den Proletariern des Westens über die Revolution in Rußland bis zu den unterjochten Völkern des Ostens, eine Front gegen den Weltimperialismus.

Dadurch erklärt sich eigentlich auch jener nicht wiederzugebende. Enthusiasmus, den die werktätigen und ausgebeuteten Massen des Ostens und des Westens gegenwärtig dem Proletariat Rußlands entgegenbringen.

Dadurch hauptsächlich erklärt sich auch die blinde Wut, mit der die imperialistischen Räuber der ganzen Welt jetzt über Sowjetrußland hergefallen sind.

 

"Prawda" Nr. 241 und 250,
6. und 19. November 1918.


Unterschrift: J. Stalin.

 

 

 

 

DIE KONTERREVOLUTIONÄRE TRANSKAUKASIENS
UNTER DER MASKE DES SOZIALISMUS

Von allen Randgebieten der Russischen Föderation ist Transkaukasien im Hinblick auf die Fülle und Mannigfaltigkeit der nationalen Zusammensetzung wohl der charakteristischste Winkel. Georgier und Russen, Armenier und aserbaidshanische Tataren, Türken und Lesghier, Osseten und Abchasen - das ist das weitaus noch nicht vollständige Bild der nationalen Vielfalt der Siebenmillionenbevölkerung Transkaukasiens.

Nicht eine dieser nationalen Gruppen hat ein klar umgrenztes nationales Territorium, sie alle leben verstreut und miteinander vermischt, und das nicht nur in den Städten, sondern auch in den Dörfern. Das bietet denn auch die Erklärung dafür, dass der gemeinsame Kampf der nationalen Gruppen Transkaukasiens gegen das Zentrum in Rußland immer wieder durch ihren erbitterten gegenseitigen Kampf überschattet wird. Und das wiederum schafft eine äußerst "günstige" Atmosphäre für den Versuch, den Klassenkampf mit nationalen Flaggen und nationalem Wortgeprassel zu verdecken.

Ein anderer, nicht minder charakteristischer Zug Transkaukasiens ist seine wirtschaftliche Rückständigkeit. Abgesehen von Baku, dieser hauptsächlich von ausländischem Kapital betriebenen Industrie-Oase in diesem Gebiet, ist Transkaukasien ein Agrarland mit mehr oder weniger entwickeltem Handelsleben an der Peripherie, an den Meeresküsten und mit noch starken Überresten einer rein fronherrschaftlichen Ordnung im Innern. Die Gouvernements Tiflis, Jelisawetpol, Baku wimmeln bis heute noch von fronherrlichen tatarischen Begs und feudalen georgischen Fürsten, die riesige Latifundien besitzen, über eigene bewaffnete Banden verfügen und die Geschicke der tatarischen, armenischen und georgischen Bauern in ihren Händen halten. Daraus sind eigentlich auch die schroffen Formen der agrarischen "Unruhen" zu erklären, in die die Unzufriedenheit der Bauern dort nicht selten ausmündet. Hier ist auch die Ursache dafür zu suchen, dass (von Baku abgesehen) die Arbeiterbewegung in Transkaukasien, auf Schritt und Tritt von agrarischen "Unruhen" überschattet, noch schwach ist und sich nicht herauskristallisiert hat. All dies schafft einen günstigen Boden für eine politische Koalition der besitzenden Klassen und der in ihrer Mehrheit aus dem Adel stammenden so genannten "sozialistischen" Intelligenz gegen die jetzt im Lande vor sich gehende Arbeiter- und Bauernrevolution.

Die Februarrevolution hatte die Lage der werktätigen Klassen dieses Landes nicht wesentlich geändert. Die Soldaten, diese revolutionärsten Elemente des Dorfes, waren noch an der Front. Und die infolge der ökonomischen Rückständigkeit des Landes als Klasse überhaupt schwachen und als organisierte Einheit noch nicht erstarkten Arbeiter waren von den errungenen politischen Freiheiten berauscht und dachten offenbar nicht an den weiteren Vormarsch. Die gesamte Macht blieb in den Händen der besitzenden Klassen. Diese klammerten sich zäh an die Macht und nahmen eine abwartende Haltung ein, wobei sie es den sozialrevolutionär-menschewistischen Strategen gern überließen, die Arbeiter und Bauern mit weisen Reden über den bürgerlichen Charakter der russischen Revolution, über die Unmöglichkeit der Durchführung des sozialistischen Umsturzes und anderes einzuschläfern.

Die Oktoberrevolution führte eine schroffe Änderung der Lage herbei. Sie wälzte mit einem Schlage alle Verhältnisse um, indem sie die Frage des Übergangs der Macht in die Hände der werktätigen Klassen aufwarf. Der Kampfruf "Alle Macht den Arbeitern und Bauern!" rollte wie ein Donner über das ganze Land und brachte die unterdrückten Massen auf die Beine. Und als dieser Kampfruf, der vom Norden Rußlands ausging, dort Wirklichkeit zu werden begann, sahen die besitzenden Klassen Transkaukasiens mit eigenen Augen, dass die Oktoberrevolution und die Sowjetmacht ihnen unvermeidlich den Tod bringen. Für sie wurde der Kampf gegen die Sowjetmacht deshalb zu einer Frage von Sein oder Nichtsein. Und die "sozialistische" sozialrevolutionär-menschewistische Intelligenz, die schon vom Baume der Erkenntnis der Macht gegessen hatte und sich jetzt vor die Perspektive gestellt sah, die Macht zu verlieren, geriet automatisch in ein Bündnis mit den besitzenden Klassen.

So entstand in Transkaukasien eine antisowjetische Koalition.

 

 

 

 

 

 

 

DIE POLITIK DER REGIERUNG IN DER
NATIONALEN FRAGE

Vor einem Jahr, noch vor der Oktoberrevolution, bot Rußland als Staat ein Bild des Zerfalls. Das alte "ausgedehnte Russische Reich" und neben ihm eine ganze Reihe neuer kleiner "Staaten", die nach verschiedenen Seiten strebten - das war das Bild.

Die Oktoberrevolution und der Brester Frieden haben den Zerfallsprozess nur vertieft und weiterentwickelt. Man redete nicht mehr von Rußland, sondern von Großrußland, wobei die in den Randgebieten aufgekommenen bürgerlichen Regierungen, von Feindschaft gegen die sozialistische Sowjetregierung im Zentrum erfüllt, dieser den Krieg erklärten.

Zweifellos bestanden daneben in den Randgebieten starke Bestrebungen der Arbeiter- und Bauernsowjets nach Einheit mit dem Zentrum. Aber diese Bestrebungen wurden von den entgegenwirkenden Tendenzen der ausländischen Imperialisten, die sich in die inneren Angelegenheiten einmischten, überwuchert und dann auch unterdrückt.

Die österreichischen und deutschen Imperialisten, die damals die Hauptrolle übernommen hatten, schlugen geschickt aus dem Zerfall des alten Rußlands Kapital; sie versorgten die Regierungen der Randgebiete reichlich mit allem, was diese für den Kampf gegen das Zentrum brauchten, okkupierten stellenweise die Randgebiete und trugen überhaupt zum endgültigen Zerfall Rußlands bei. Die Entente-Imperialisten, die hinter den Österreichern und Deutschen nicht zurückstehen wollten, beschritten denselben Weg.

Die Gegner der Partei der Bolschewiki wälzten die Schuld an dem Zerfall natürlich (natürlich!) auf die Sowjetmacht ab. Es lässt sich jedoch unschwer begreifen, dass die Sowjetmacht dem unvermeidlichen Prozess des zeitweiligen Zerfalls nicht entgegenwirken konnte und auch nicht wollte. Die Sowjetmacht war sich darüber im Klaren, dass die gewaltsame, von den imperialistischen Bajonetten aufrechterhaltene Einheit Rußlands mit dem Sturz des russischen Imperialismus unvermeidlich zerfallen musste: die Sowjetmacht konnte die Einheit nicht mit den Methoden des russischen Imperialismus aufrechterhalten, ohne Verrat an ihrer innersten Natur zu begehen. Die Sowjetmacht war sich bewusst, dass der Sozialismus nicht jede beliebige Einheit, sondern eine brüderliche Einheit braucht, dass eine solche Einheit nur als freiwilliges Bündnis der werktätigen Klassen der Nationalitäten Rußlands zustande kommen kann oder überhaupt nicht zustande kommt...

Die Zerschlagung des österreichisch-deutschen Imperialismus ließ ein neues Bild erstehen. Einerseits entstand in den Randgebieten, die alle Schrecken der Okkupation durchgemacht hatten, ein sehr starker Drang zum russischen Proletariat und zu seinen Formen des Staatsaufbaus, ein Drang, vor dem die separatistischen Anstrengungen der Regierungen in den Randgebieten versagen. Anderseits war es mit der äußeren bewaffneten Macht (dem österreichisch-deutschen Imperialismus), die die werktätigen Massen der okkupierten Gebiete daran gehindert hatte, ihr eigenes politisches Gesicht zu zeigen, nun vorbei. Der darauf beginnende mächtige revolutionäre Aufschwung in den okkupierten Gebieten und die Bildung einer Reihe nationaler Arbeiter- und Bauernrepubliken ließen keinen Zweifel über die politischen Bestrebungen der okkupierten Gebiete übrig. Auf das Ansuchen der nationalen Sowjetregierungen um ihre Anerkennung antwortete die Sowjetmacht Rußlands mit der bedingungslosen Anerkennung der völligen Unabhängigkeit der gebildeten Sowjetrepubliken. Damit folgte die Sowjetmacht ihrer alten, erprobten Politik, die jede Gewalt gegenüber den Nationalitäten ablehnt und die volle Freiheit für die Entwicklung der werktätigen Massen der Nationalitäten fordert. Die Sowjetmacht war sich darüber klar, dass es nur auf der Grundlage des gegenseitigen Vertrauens zu einem gegenseitigen Verstehen kommen kann, dass nur auf der Grundlage des gegenseitigen Verstehens ein festes, unzerstörbares Bündnis der Völker aufgebaut werden kann.

Die Gegner der Sowjetmacht verabsäumten es nicht, ihr noch einmal die Beschuldigung ins Gesicht zu schleudern, sie hätte einen "neuen Versuch" unternommen, Rußland zu zerstückeln. Als sie gemerkt hatten, dass sich die Randgebiete zum Zentrum hingezogen fühlen, proklamierten die reaktionärsten unter ihnen die "neue" Losung der Wiederherstellung "Großrußlands", natürlich mit Feuer und Schwert, durch den Sturz der Sowjetmacht. Die Krasnow und Denikin, die Koltschak und Tschaikowski, die gestern noch versucht hatten, Rußland in eine Reihe selbständiger Herde der Konterrevolution zu zerschlagen, huldigen heute plötzlich der "Idee" eines "allrussischen Staates". Die Agenten des englisch-französischen Kapitals, denen man politische Witterung nicht absprechen kann und die gestern noch auf den Zerfall Rußlands setzten, haben heute dem Spiel eine so jähe Wendung gegeben, dass sie gleich volle zwei "allrussische" Regierungen (in Sibirien und im Süden) gebildet haben. All dies zeugt zweifellos davon, dass es die Randgebiete unüberwindlich zum Zentrum zieht, was heute die in- und ausländischen Konterrevolutionäre auszunutzen bemüht sind.

Es braucht auch nicht gesagt zu werden, dass die konterrevolutionären Gelüste der Wiederhersteller des "alten Rußlands" (natürlich mit dem alten Regime) nach dem anderthalbjährigen revolutionären Wirken der werktätigen Massen der Nationalitäten Rußlands zum Scheitern verurteilt sind. Aber je utopischer die Pläne unserer Konterrevolutionäre sind, als desto realer erweist sich die Politik der Sowjetmacht, die sich voll und ganz auf das gegenseitige brüderliche Vertrauen der Völker Rußlands stützt. Mehr noch, diese Politik ist in der jetzigen internationalen Situation die einzig reale, die einzig revolutionäre Politik.

Ein beredtes Zeugnis hierfür ist zum Beispiel die letzte Deklaration des Sowjetkongresses der Bjelorussischen Republik

 

Der I. Sowjetkongress Bjelorußlands wurde am 2. Februar 1919 in Minsk eröffnet. Auf dem Kongress waren 230 Delegierte anwesend. Der Kongress rief Bjelorußland zur unabhängigen Sozialistischen Sowjetrepublik aus, gab der Bjelorussischen SSR eine Verfassung und wählte ein Zentralexekutivkomitee. An den Arbeiten des Kongresses nahm der Vorsitzende des Allrussischen ZEK, J. M. Swerdlow, teil, der die vom Allrussischen ZEK beschlossene Anerkennung der Unabhängigkeit der Bjelorussischen Sozialistischen Sowjetrepublik bekannt gab.

 

über die Herstellung einer föderativen Verbindung mit der Russischen Sowjetrepublik. Es handelt sich darum, dass die Bjelorussische Sowjetrepublik, die vor kurzem als unabhängig anerkannt wurde, heute auf dem Kongress ihrer Sowjets freiwillig das Bündnis mit der Russischen Republik proklamiert. Der Sowjetkongress Bjelorußlands erklärt in seiner Deklaration vom 3. Februar, "dass nur ein freies, freiwilliges Bündnis der Werktätigen aller heute unabhängigen Sowjetrepubliken den Triumph der Arbeiter und Bauern in ihrem Kampf gegen die ganze übrige kapitalistische Welt sichern wird".

"Freiwilliges Bündnis der Werktätigen aller unabhängigen Sowjetrepubliken" ... Das ist gerade der Weg der Vereinigung der Völker, von dem die Sowjetmacht immer wieder gesprochen hat und der jetzt seine vortrefflichen Ergebnisse zeitigt.

Der Sowjetkongress Bjelorußlands hat außerdem beschlossen, sich mit der Litauischen Republik zu vereinigen, und hat eine föderative Verbindung beider Republiken mit der Russischen Sowjetrepublik für notwendig befunden. Der Telegraf brachte die Nachricht, dass die Sowjetregierung Litauens auf demselben Standpunkt steht, wobei, wie es sich zeigt, die Parteikonferenz der litauischen Kommunisten, der einflussreichsten aller Parteien Litauens, der Haltung der Sowjetregierung Litauens beipflichtet. Es besteht aller Grund zu der Hoffnung, dass der jetzt anberaumte Sowjetkongress Litauens

 

Der I. Sowjetkongress Litauens fand vom 18. bis zum 20. Februar 1919 in Wilna statt. Auf dem Kongress waren 220 Delegierte anwesend. Der Kongress erörterte den Rechenschaftsbericht der Provisorischen Arbeiter- und Bauernregierung Litauens, die Frage der Vereinigung mit Bjelorußland und andere Fragen. Der Kongress bezeichnete es als notwendig, die Litauische und die Bjelorussische Sowjetrepublik miteinander zu vereinigen und föderative Verbindungen mit der Russischen Sowjetrepublik herzustellen. Hierzu erklärte er in seiner Resolution: "Der Kongress, der lebhaft die unlösbare Verbundenheit mit allen sozialistischen Sowjetrepubliken empfindet, beauftragt die Arbeiter- und Bauernregierung der Sozialistischen Sowjetrepublik Litauen und Bjelorußland, sofort Verhandlungen mit den Arbeiter- und Bauernregierungen der RSFSR, Lettlands, der Ukraine und Estlands aufzunehmen, um alle diese Republiken zu einer einheitlichen RSFSR zusammenzufassen."

 

denselben Weg beschreiten wird.

Das ist noch eine Bestätigung für die Richtigkeit der Politik der Sowjetmacht in der nationalen Frage.

So gelangen die Völker Rußlands vom Zerfall der alten imperialistischen Einheit über die unabhängigen Sowjetrepubliken zu einer neuen freiwilligen brüderlichen Einheit.

Dieser Weg ist zweifellos nicht gerade der leichteste, aber er ist der einzige Weg, der zu einem festen, unzerstörbaren sozialistischen Bündnis der werktätigen Massen der Nationalitäten Rußlands führt.

 

"Iswestija" Nr. 30,
9. Februar 1919.


Unterschrift: J. Stalin.

 


 

 

 

 

ZWEI LAGER

Die Welt hat sich entschieden und unwiderruflich in zwei Lager gespalten: in das Lager des Imperialismus und in das Lager des Sozialismus.

Dort, in ihrem Lager, stehen Amerika und England, Frankreich und Japan mit ihren Kapitalien, Kriegsmaterialien, erprobten Agenten und erfahrenen Verwaltungsbeamten.

Hier, in unserem Lager, steht Sowjetrußland mit den jungen Sowjetrepubliken, unterstützt von der anschwellenden proletarischen Revolution in den Ländern Europas, aber ohne Kapitalien, ohne erprobte Agenten, ohne erfahrene Verwaltungsfunktionäre, dafür aber mit erfahrenen Agitatoren, die es verstehen, in den Herzen der Werktätigen das Feuer des Freiheitskampfes zu entzünden.

Um den Kampf dieser beiden Lager dreht sich das gesamte gegenwärtige Leben; er bildet den ganzen Inhalt der jetzigen Innen- und Außenpolitik aller maßgebenden Männer der alten und der neuen Welt.

Estland und Litauen, die Ukraine und die Krim, Turkestan und Sibirien, Polen und der Kaukasus, schließlich Rußland selbst sind nicht Selbstzweck, sondern nur der Schauplatz eines Kampfes auf Leben und Tod, des Kampfes zweier Mächte: des Imperialismus, der bestrebt ist, das Joch der Sklaverei zu festigen, und des Sozialismus, der für die Befreiung von der Sklaverei kämpft.

Die Stärke des Imperialismus besteht darin, dass er die Volksmassen, die ihre Herren bereichern und sich selbst die Ketten der Unterdrückung schmieden, in Finsternis hält. Aber die Finsternis der Massen ist nichts Bleibendes, sie hat die Tendenz, im Laufe der Zeit, mit dem Anwachsen der Unzufriedenheit der Massen, mit der Ausdehnung der revolutionären Bewegung unvermeidlich zu verschwinden. Die Kapitalien der Imperialisten ..., aber wem wäre nicht bekannt, dass die Kapitalien gegenüber dem Unvermeidlichen ohnmächtig sind? Gerade deswegen ist die Herrschaft des Imperialismus nicht von Dauer, nicht stabil.

Die Schwäche des Imperialismus besteht in seinem Unvermögen, mit dem Krieg ohne Katastrophe, ohne Verstärkung der Massenarbeitslosigkeit, ohne neue Ausplünderung seiner eigenen Arbeiter und Bauern, ohne neue Annexionen fremden Bodens Schluss zu machen. Es handelt sich nicht um die Beendigung des Krieges und nicht einmal um den Sieg über Deutschland, sondern darum, wem die Milliarden zählenden Kriegskosten aufgebürdet werden sollen. Rußland ist aus dem imperialistischen Krieg erneuert hervorgegangen, weil es mit dem Krieg auf Kosten der Imperialisten, der inneren wie der äußeren, Schluss gemacht, weil es die Kriegskosten den direkten Kriegsschuldigen auferlegt hat, und zwar durch Enteignung dieser letzteren. Die Imperialisten können nicht so verfahren, sie können sich nicht selbst enteignen, sonst wären sie keine Imperialisten. Um mit dem Krieg auf imperialistische Weise Schluss machen zu können, sind sie "gezwungen", die Arbeiter zum Hunger zu verdammen (Massenarbeitslosigkeit infolge der Schließung "unrentabler" Unternehmen, neue indirekte Steuern und rasendes Ansteigen der Lebensmittelpreise), sind sie "gezwungen", Deutschland, Österreich-Ungarn, Rumänien, Bulgarien, die Ukraine, den Kaukasus, Turkestan, Sibirien auszuplündern.

Muss noch gesagt werden, dass dies alles die Basis der Revolution erweitert, die Grundpfeiler des Imperialismus erschüttert und die unvermeidliche Katastrophe beschleunigt?

Vor drei Monaten rasselte der Imperialismus siegestrunken mit dem Säbel und drohte, Rußland mit seinen Heerhaufen zu überschwemmen. Wie kann das "armselige", "wilde" Sowjetrußland der "disziplinierten" Armee der Engländer und Franzosen, die "sogar" die Deutschen mit ihrer viel gerühmten Technik geschlagen haben, standhalten? So dachten sie. Aber sie ließen eine "Kleinigkeit" außer acht, sie berücksichtigten nicht, dass der Frieden, auch wenn er "schändlich" ist, unvermeidlich die "Disziplin" des Heeres untergräbt und ihm Abscheu gegen einen neuen Krieg einflößt, die Arbeitslosigkeit und die Verteuerung der Lebenshaltung aber unvermeidlich die revolutionäre Bewegung der Arbeiter gegen ihre Imperialisten verstärken.

Und was geschah? Die "disziplinierte" Armee erwies sich für die Intervention als untauglich: sie wurde von einer unvermeidlichen Krankheit, der Zersetzung, befallen. Der hochgepriesene "Burgfrieden" und die "Ordnung" haben sich in ihr Gegenteil, in den Bürgerkrieg, verwandelt. Die in aller Hast zusammengestellten bürgerlichen "Regierungen" in den Randgebieten Rußlands haben sich als Seifenblasen erwiesen, ungeeignet, eine Hülle für die Intervention abzugeben, mit der man natürlich (natürlich!) Ziele der "Humanität" und der "Zivilisation" verfolgt. Was aber Sowjetrußland betrifft, so hat man, weit davon entfernt, es mit dem kleinen Finger erledigen zu können, sogar einen kleinen Rückzieher für nötig befunden und es zu einer "Beratung" auf die Prinzeninseln

 

Es handelt sich um die vom Ententerat für Februar 1919 anberaumte Konferenz auf den Prinzeninseln (im Marmarameer), zu der Vertreter der Sowjetregierung und der konterrevolutionären Regierungen Koltschaks, Denikins und anderer eingeladen werden sollten. Als Ziel der Konferenz wurde die Wiederherstellung des Friedens in Rußland bezeichnet. Die Konferenz kam nicht zustande.

 

eingeladen, mussten doch die Erfolge der Roten Armee, das Aufkommen neuer, die Nachbarländer mit dem Geist der Revolution ansteckender nationaler Sowjetrepubliken, das Anwachsen der Revolution im Westen und die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten in den Ententeländern mehr als überzeugend wirken. Und mehr noch. Es ist sogar so weit gekommen, dass der "unversöhnliche" Clemenceau, der gestern noch die Pässe zur Berner Konferenz

 

Berner Konferenz - internationale Konferenz der sozialchauvinistischen und zentristischen Parteien der II. Internationale, die vom 3. bis zum 10. Februar 1919 in Bern (Schweiz) stattfand.

 

 

verweigerte und sich anschickte, das "anarchische" Rußland zu verschlingen, jetzt, von der Revolution etwas mitgenommen, es nicht verschmäht, die Dienste des ehrlichen "marxistischen" Maklers, des alten Kautsky, in Anspruch zu nehmen und ihn zu Verhandlungen ... will sagen zu einer "Untersuchung" nach Rußland zu schicken.

Nicht wahr:

"Wo blieb denn dein so trutzig Wort,
Deine stolze Kraft und dein Herrschermut?..."

Aus dem Gedicht "Der Wald" von A. W. Kolzow (siehe A. W. Kolzow, Sämtliche Gedichte, Leningrad 1939, S. 90, russ.).

 

 

Dieser ganze Wechsel vollzog sich in der kurzen Zeit von rund drei Monaten.

Wir haben allen Grund zu behaupten, dass die weitere Entwicklung in derselben Richtung verlaufen wird, denn man muss zugeben, dass im gegenwärtigen Augenblick "der Stürme und des Ungemachs" Rußland das einzige Land ist, in dem das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben "normal", ohne Streiks und ohne regierungsfeindliche Demonstrationen verläuft, und dass die Sowjetregierung die stabilste aller jetzt in Europa existierenden Regierungen ist, wobei die Kraft und das Gewicht Sowjetrußlands sowohl im Innern als auch außerhalb des Landes von Tag zu Tag im direkten Verhältnis zum Sinken der Kraft und des Gewichts der imperialistischen Regierungen wachsen.

Die Welt hat sich in zwei unversöhnliche Lager gespalten: in das Lager des Imperialismus und in das Lager des Sozialismus. Der verendende Imperialismus klammert sich an das letzte Mittel, an den "Völkerbund", und bemüht sich, die Lage dadurch zu retten, dass er die Räuber aller Länder zu einem einheitlichen Bund vereinigt. Aber seine Anstrengungen sind vergeblich, denn die Verhältnisse und die Zeit arbeiten gegen ihn, sie arbeiten für den Sozialismus. Die Wogen der sozialistischen Revolution wachsen unaufhaltsam und branden an die Festungen des Imperialismus. Ihr Tosen hallt in den Ländern des unterdrückten Ostens wider. Dem Imperialismus beginnt der Boden unter den Füßen zu brennen. Der Imperialismus ist zum unvermeidlichen Untergang verurteilt.

 

"Iswestija" Nr. 41,
22. Februar 1919.


Unterschrift: J. Stalin.

 

 

 

 

 

DIE RESERVEN DES IMPERIALISMUS

Der Krieg zwischen Imperialismus und Sozialismus geht weiter. Der nationale "Liberalismus" und die "Inschutznahme" der "kleinen" Völker, die "Friedensliebe" der Entente und der "Verzicht" auf die Intervention, die Forderung nach "Abrüstung" und die "Bereitschaft" zu Verhandlungen, die "Sorgen" um das "russische Volk" und der "Wunsch", ihm mit allen "zu Gebote stehenden Mitteln" "zu helfen" - all das und viel Ähnliches dient nur als Deckmantel, der den verstärkten Nachschub von Tanks und Munition für die Feinde des Sozialismus verbirgt, ist nur der übliche diplomatische Kunstgriff, dazu bestimmt, die "Suche" nach neuen, für die "öffentliche Meinung" "annehmbaren" Formen der Erdrosselung des Sozialismus, der Erdrosselung der "kleinen" Völker, der Kolonien und Halbkolonien vor der Welt zu verhehlen.

Vor vier Monaten setzte der alliierte Imperialismus nach dem Sieg über seine österreichischen und deutschen Rivalen mit aller Schärfe und Bestimmtheit die bewaffnete Einmischung (Intervention!) in die "russischen Angelegenheiten" auf die Tagesordnung. Keine Verhandlungen mit dem "anarchischen" Rußland! Einen Teil der "frei gewordenen" Truppen auf das Territorium Rußlands zu werfen, sie in die weißgardistischen Truppen der Skoropadski und Krasnow, der Denikin und Bitscherachow, der Koltschak und Tschaikowski einzureihen und den Herd der Revolution, Sowjetrußland, in einem "eisernen Ring" zu erdrücken - das war der Plan der Imperialisten. Aber dieser Plan zerschellte an den Wogen der Revolution. Von der revolutionären Bewegung erfasst, eröffneten die Arbeiter Europas eine erbitterte Kampagne gegen die bewaffnete Einmischung. Wie sich zeigte, waren die "frei gewordenen Truppen" für einen bewaffneten Kampf gegen die Revolution offensichtlich nicht zu gebrauchen. Mehr noch, durch die Berührung mit den aufständischen Arbeitern wurden sie selbst vorn Bolschewismus "angesteckt". Die Einnahme Chersons und Nikolajews durch die Sowjettruppen - dort weigerten sich die Ententetruppen, gegen die Arbeiter Krieg zu führen - ist ein besonders beredtes Zeugnis hierfür. Was den geplanten "eisernen Ring" anbelangt, so war er keineswegs "tödlich", sondern erhielt vielmehr eine Anzahl Risse. Der Plan der direkten, unverhüllten Intervention erwies sich also offensichtlich als "unzweckmäßig". Damit erklären sich eigentlich auch die letzten Äußerungen Lloyd Georges und Wilsons über die "Zulässigkeit" von Verhandlungen mit den Bolschewiki und die "Nichteinmischung" in die inneren Angelegenheiten Rußlands, die Entsendung der Berner Kommission

 

Berner Kommission - von der Berner Konferenz der Sozialchauvinisten eingesetzte Kommission "zur Untersuchung der sozialen und politischen Lage in Rußland". Der Kommission sollten Kautsky, Hilferding, Longuet und andere angehören. Auf die Bitte, der Kommission die Einreise zu genehmigen, erklärte die Sowjetregierung am 19. Februar 1919, dass sie, obgleich sie die Berner Konferenz weder als eine sozialistische noch als eine in irgendeinem Maße die Arbeiterklasse vertretende Konferenz ansehe, der Kommission die Einreise nach Sowjetrußland dennoch gestatte. Die Reise der "prominenten Revisoren aus Bern", wie W. I. Lenin die Mitglieder der Kommission nannte, kam nicht zustande.

 

nach Rußland und schließlich die geplante (wiederholte!) Einladung aller "faktischen" Regierungen in Rußland zu einer "Friedens"konferenz.

 

Gemeint sind die Ende Februar 1919 in der englischen Presse erschienenen Mitteilungen über die Absichten des Ententerats, die Einladung zu einer Konferenz auf den Prinzeninseln zu wiederholen.

 

Aber der Verzicht auf die unverhüllte Intervention wurde nicht nur von diesem Umstand diktiert. Er erklärt sich ferner daraus, dass im Verlauf des Kampfes eine neue Kombination, eine neue, verhüllte Form der bewaffneten Einmischung angebahnt wurde, die zwar komplizierter als die offene Einmischung, dafür aber für die "zivilisierte" und "humane" Entente "bequemer" ist. Wir meinen das vom Imperialismus in aller Hast zusammengezimmerte Bündnis der bürgerlichen Regierungen Rumäniens, Galiziens, Polens, Deutschlands, Finnlands gegen Sowjetrußland. Zwar lagen sich diese Regierungen gestern noch wegen der "nationalen" Interessen und der nationalen "Freiheit" in den Haaren. Zwar schrie man gestern noch an allen Straßenecken von einem "vaterländischen Krieg" Rumäniens gegen Galizien, Galiziens gegen Polen, Polens gegen Deutschland. Aber was bedeutet schon das "Vaterland" gegen den Geldsack der Entente, die den Befehl gegeben hat, den "Bruderzwist" einzustellen. Die Entente hat befohlen, eine Einheitsfront gegen Sowjetrußland zu bilden - mussten sie, die Söldlinge des Imperialismus, da nicht "strammstehen". Sogar die von der Entente bespiene und in den Schmutz getretene deutsche Regierung, sogar sie hat das elementare Gefühl der eigenen Würde verloren und sich das Recht erbettelt, an dem Kreuzzug gegen den Sozialismus im Interesse ... derselben Entente teilnehmen zu dürfen! Ist es denn nicht klar, dass die Entente allen Grund hat, sich die Hände zu reiben, während sie über die "Nichteinmischung" in die russischen Angelegenheiten und über die "friedlichen" Verhandlungen mit den Bolschewiki große Worte macht? Wozu die für den Imperialismus "gefährliche" offene Intervention, die dazu noch große Opfer erfordert, wenn die Möglichkeit besteht, eine mit der nationalen Flagge verhüllte und "völlig ungefährliche" Intervention auf fremde Kosten, auf Kosten der "kleinen" Völker zu organisieren? Krieg Rumäniens und Galiziens, Polens und Deutschlands gegen Rußland? Aber das ist doch ein Krieg um die "nationale Existenz", um den "Schutz der Ostgrenze" gegen den bolschewistischen "Imperialismus", ein Krieg, der von den Rumänen und Galiziern, den Polen und Deutschen "selbst" geführt wird - was hat denn die Entente hiermit zu tun? Sie werden allerdings von ihr mit Geld und Waffen versorgt, aber das ist doch ein einfaches Finanzgeschäft, wie es durch das Völkerrecht der "zivilisierten" Welt geheiligt wird. Ist es denn nicht klar, dass die Entente rein wie eine Taube dasteht, dass sie "gegen" die Intervention ist?...

So ist der Imperialismus gezwungen, von der Politik des Säbelrasselns, der Politik der offenen Intervention überzugehen zur Politik der verhüllten Intervention, zur Politik der Einbeziehung der kleinen und großen abhängigen Nationen in den Kampf gegen den Sozialismus.

Die Politik der offenen Intervention hat durch das Anwachsen der revolutionären Bewegung in Europa, durch die Sympathie der Arbeiter aller Länder für Sowjetrußland eine Niederlage erlitten. Sie, diese Politik, wurde vom revolutionären Sozialismus voll und ganz zur Entlarvung des Imperialismus ausgenutzt.

Zweifellos wird die Politik des Appellierens an die letzten Reserven, an die so genannten "kleinen" Völker, die Politik der Einbeziehung dieser letzteren in den Krieg gegen den Sozialismus, schließlich mit der gleichen Niederlage enden. Nicht nur, weil die anwachsende Revolution im Westen trotz allem die Grundfesten des Imperialismus unterhöhlt, und nicht nur, weil im Schoße der "kleinen" Völker selbst die revolutionäre Bewegung unentwegt wächst, sondern auch weil die "Streitkräfte" dieser Völker durch die Berührung mit den revolutionären Arbeitern Rußlands unvermeidlich mit dem Bazillus des Bolschewismus "infiziert" werden. Der Sozialismus nutzt alle Möglichkeiten aus, um den Arbeitern und Bauern dieser Völker die Augen über den räuberischen Charakter der "väterlichen Sorgen" des Imperialismus zu öffnen.

Die Einbeziehung der "kleinen" Völker in die Sphäre der Revolution, die Erweiterung der Basis des Sozialismus - das ist das unvermeidliche Ergebnis der imperialistischen Politik der verhüllten Intervention.

 

"Iswestija" Nr. 58,
16. März 1919.


Unterschrift: J. Stalin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ZUR MILITÄRISCHEN LAGE IM SÜDEN

I
DIE GESCHEITERTEN PLÄNE DER ENTENTE

Im Frühjahr 1919 wurde der kombinierte Feldzug Koltschaks, Denikins und Judenitschs gegen Sowjetrußland ausgeheckt. Der Hauptschlag sollte von Koltschak geführt werden, mit dem sich Denikin in Saratow zu vereinigen hoffte, um gemeinsam vorn Osten her gegen Moskau vorzurücken. Der Nebenschlag gegen Petrograd wurde Judenitsch überlassen.

Das Ziel des Feldzugs wurde in dem Bericht Gutschkows an Denikin dahingehend formuliert, "den Bolschewismus durch Wegnahme seiner Hauptlebenszentren, Moskau und Petrograd, mit einem Schlag zu erdrosseln".

Der Plan des Feldzugs selbst war in einem Brief Denikins an Koltschak entworfen worden, der uns mitsamt dem Stab Grischins-Almasows im Frühjahr 1919 in die Hände fiel. "Die Hauptsache ist, nicht an der Wolga haltzumachen", schrieb Denikin an Koltschak, "sondern weiter vorzustoßen nach dem Herzen des Bolschewismus, nach Moskau. Ich hoffe, mich mit Ihnen in Saratow zu treffen ... Die Polen werden das ihrige tun; was Judenitsch anbelangt, so ist er bereit und wird nicht zögern, gegen Petrograd loszuschlagen..."

So schrieb Denikin im Frühjahr, als die Offensive Koltschaks gegen die Wolga in vollem Gange war.

Dieser Plan scheiterte jedoch. Koltschak wurde hinter den Ural zurückgeworfen. Denikin wurde auf der Linie Sejmfluß-Liski-Balaschow zum Stehen gebracht, Judenitsch hinter Jamburg zurückgedrängt. Sowjetrußland blieb heil und unversehrt.

Aber die Ententekannibalen ließen nicht locker. Zum Herbst 1919 hatten sie einen neuen Plan für einen Vernichtungsfeldzug ausgeheckt. Koltschak wurde natürlich abgeschrieben. Sie verlagerten den Schwerpunkt vorn Osten nach dem Süden, von wo aus Denikin den Hauptschlag führen sollte. Wie im Frühjahr wurde Judenitsch der Nebenschlag, ein neuer Feldzug gegen Petrograd, überlassen. Der ehemalige Befehlshaber der Freiwilligenarmee, General Maj-Majewski, sagte in seiner Rede am Tag nach der Einnahme von Orel, dass er "spätestens Ende Dezember, zu Weihnachten 1919", mit seinen Truppen in Moskau zu sein habe.

Die Anmaßung der Denikinleute ging so weit, dass die Kapitalisten des Donezbeckens schon im Oktober den Preis von einer Million (in Nikolausnoten) für dasjenige Regiment der Freiwilligenarmee aussetzten, das als erstes in Moskau einziehen würde...

Aber das Schicksal wollte es, dass auch dieser Plan scheiterte. Die Truppen Denikins wurden hinter Poltawa, Kupjansk und Tschertkowo zurückgeworfen. Judenitsch wurde vernichtend geschlagen und über die Narwa zurückgejagt. Was Koltschak anbelangt, so besteht seine Armee nach ihrer vernichtenden Niederlage bei Nowo-Nikolajewsk nur noch in der Erinnerung.

Rußland blieb auch diesmal heil und unversehrt.

Das Fiasko der Konterrevolution war diesmal derart unerwartet und plötzlich, dass die Sieger über das imperialistische Deutschland, die alten Wölfe der Entente, gezwungen waren, in aller Öffentlichkeit zu erklären: "Der Bolschewismus ist nicht mit Waffengewalt zu besiegen." Und die Kopflosigkeit der Fakire des Imperialismus ging so weit, dass sie, die die Fähigkeit verloren haben, die wirklichen Ursachen der Niederlage der Konterrevolution zu erkennen, Rußland bald mit "Flugsand" verglichen, wo "selbst der beste Heerführer" unvermeidlich scheitern müsse, bald mit einer "unermesslichen Wüste", wo einer beliebigen, selbst der "besten Truppe" der Tod gewiss sei.

II
ÜBER DIE URSACHEN DER NIEDERLAGE
DER KONTERREVOLUTION

Welches sind die Ursachen der Niederlage der Konterrevolution, vor allem Denikins?

A) Die Unzuverlässigkeit des Hinterlands der konterrevolutionären Truppen. Keine Armee der Welt kann ohne ein festes Hinterland siegen. Nun, und das Hinterland Denikins (und auch Koltschaks) ist absolut nicht fest. Diese Tatsache der Unzuverlässigkeit des Hinterlands der konterrevolutionären Truppen erklärt sich aus dem sozialen Charakter der Regierung Denikin-Koltschak, die diese Truppen aufgestellt hat. Denikin und Koltschak bringen nicht nur das Joch des Gutsbesitzers und des Kapitalisten, sondern auch das Joch des englisch-französischen Kapitals mit sich. Ein Sieg Denikins und Koltschaks würde den Verlust der Selbständigkeit Rußlands, die Verwandlung Rußlands in eine Melkkuh der englischen und französischen Geldsäcke bedeuten. In diesem Sinne ist die Regierung Denikin-Koltschak die volksfeindlichste, die antinationalste Regierung. In diesem Sinne ist die Sowjetregierung die einzige Volksregierung und die einzige nationale Regierung im besten Sinne dieses Wortes, denn sie bringt nicht nur die Befreiung der Werktätigen vom Kapital, sondern auch die Befreiung ganz Rußlands vom Joch des Weltimperialismus, die Verwandlung Rußlands aus einer Kolonie in ein selbständiges freies Land.

Ist es nicht klar, dass die Regierung Denikin-Koltschak und ihre Truppen weder die Achtung noch die Unterstützung der breiten Schichten der russischen Bevölkerung genießen können?

Ist es nicht klar, dass es in den Truppen Denikins und Koltschaks nicht den leidenschaftlichen Siegeswillen und die Begeisterung geben kann, ohne die der Sieg überhaupt unmöglich ist?

Das Hinterland Denikins und Koltschaks kracht in seinen Fugen, es untergräbt die Grundpfeiler der Front, weil die Regierung Denikin-Koltschak eine Regierung der Versklavung des russischen Volkes ist, eine Regierung, die im höchsten Maße das Misstrauen der breiten Schichten der Bevölkerung hervorruft.

Das Hinterland der Sowjettruppen erstarkt, es nährt mit seinen Säften die rote Front, weil die Sowjetregierung eine Regierung der Befreiung des russischen Volkes ist, eine Regierung, die im höchsten Maße das Vertrauen der breiten Schichten der Bevölkerung genießt.

B) Die peripherische Lage der Konterrevolution. Schon zu Beginn der Oktoberumwälzung zeichnete sich eine gewisse geographische Grenze zwischen Revolution und Konterrevolution ab. Im Verlauf der weiteren Entwicklung des Bürgerkriegs haben sich die Gebiete der Revolution und die der Konterrevolution endgültig herausgebildet. Das innere Rußland mit seinen industriellen und kulturpolitischen Zentren, Moskau und Petrograd, mit seiner in nationaler Hinsicht gleichartigen, vorwiegend russischen Bevölkerung wurde zur Basis der Revolution. Die Randgebiete Rußlands hingegen, hauptsächlich das südliche und das östliche Randgebiet, die keine wichtigen industriellen und kulturpolitischen Zentren und in nationaler Hinsicht eine höchst verschiedenartige Bevölkerung haben, die einerseits aus privilegierten kosakischen Kolonisatoren und anderseits aus rechtlich benachteiligten Tataren, Baschkiren, Kirgisen (im Osten), aus Ukrainern, Tschetschenen, Inguschen und anderen mohammedanischen Völkern besteht, wurden zur Basis der Konterrevolution.

Es lässt sich unschwer begreifen, dass an einer solchen geographischen Verteilung der kämpfenden Kräfte Rußlands nichts Unnatürliches ist. In der Tat: Wer anders kann denn die Basis der Sowjetregierung sein, wenn nicht das Proletariat von Petrograd und Moskau? Wer anders kann denn das Bollwerk der Konterrevolution Denikins und Koltschaks sein, wenn nicht das altüberlieferte Instrument des russischen Imperialismus, das Privilegien genießt und als militärischer Stand organisiert ist - die Kosakenschaft, die von jeher die nichtrussischen Völker in den Randgebieten ausbeutet?

Ist es nicht klar, dass es gar keine andere "geographische Verteilung" geben konnte?

Aber dieser Umstand brachte (und bringt auch weiterhin) eine ganze Reihe verhängnisvoller unvermeidlicher Nachteile für die Konterrevolution und ebenso viele unvermeidliche Vorteile für die Revolution mit sich.

Für den Erfolg der Truppen, die in der Epoche eines erbitterten Bürgerkriegs operieren, ist die Einheit und Geschlossenheit desjenigen lebendigen menschlichen Milieus absolut notwendig, mit dessen Elementen diese Truppen genährt werden und dank dessen Säften sie bei Kräften bleiben, wobei die Einheit national (besonders zu Beginn des Bürgerkriegs) oder klassenmäßig (besonders wenn der Bürgerkrieg sich entfaltet hat) sein kann. Ohne eine solche Einheit sind dauerhafte militärische Erfolge undenkbar. Aber darum handelt es sich ja gerade, dass die Randgebiete Rußlands (das östliche und südliche) für die Truppen Denikins und Koltschaks sowohl in nationaler als auch in klassenmäßiger Hinsicht nicht einmal das Minimum an Einheit des lebendigen Milieus darstellen noch darstellen können, ohne das (wie ich oben gesagt habe) ein ernstlicher Sieg unmöglich ist.

In der Tat, welche nationale Einheit kann es geben zwischen den nationalen Bestrebungen der Tataren, Baschkiren, Kirgisen (im Osten), der Kalmücken, Tschetschenen, Inguschen, Ukrainer (im Süden) einerseits und den echt russischen selbstherrlichen Verwaltungsbehörden Koltschaks und Denikins anderseits?

Oder weiter: Welche klassenmäßige Einheit kann es geben zwischen der privilegierten Kosakenschaft des Urals, Orenburgs, des Dons, des Kubans einerseits und der gesamten übrigen Bevölkerung der Randgebiete, die russischen "Zugewanderten" nicht ausgenommen, die von alters her von den umwohnenden Kosalten unterdrückt und ausgebeutet werden?

Ist es nicht klar, dass Truppen, die aus so verschiedenartigen Elementen zusammengesetzt sind, beim ersten ernstlichen Schlag der Sowjetarmeen unvermeidlich zerfallen müssen, dass ein jeder solcher Schlag unvermeidlich den Drang der nichtkosakischen Elemente in den Randgebieten Rußlands nach der Sowjetregierung, die von Grund aus Großmachtgelüste ablehnt und den nationalen Bestrebungen dieser Elemente bereitwillig entgegenkommt, verstärken muss?

Im Gegensatz zu den Randgebieten bietet das innere Rußland ein völlig anderes Bild. Erstens ist es in nationaler Hinsicht einheitlich und geschlossen, denn neun Zehntel seiner Bevölkerung bestehen aus Großrussen. Zweitens wird die Erreichung der klassenmäßigen Einheit des lebendigen Milieus, das die Front und das rückwärtige Gebiet der Sowjettruppen nährt, dadurch erleichtert, dass zu diesem Milieu das Proletariat Petrograds und Moskaus gehört, das unter der Bauernschaft Popularität genießt und sie fest um die Sowjetregierung zusammenschließt.

Daraus erklärt sich unter anderem auch der erstaunliche Kontakt zwischen dem Hinterland und der Front in Sowjetrußland, womit die Regierung Koltschak-Denikin niemals glänzen konnte: die Sowjetregierung brauchte nur den Ruf um Hilfe für die Front ergehen zu lassen, und Rußland stellt im Nu einen ganzen Reigen neuer Regimenter.

Hierin muss auch die Quelle der erstaunlichen Kraft und der beispiellosen Elastizität gesucht werden, die Sowjetrußland gewöhnlich in kritischen Momenten offenbart.

Hier muss auch die Ursache für die den aufgeklärten Schamanen der Entente unverständliche Tatsache gesucht werden, dass "die konterrevolutionären Truppen, wenn sie bestimmte Grenzen erreicht haben (die Grenzen des inneren Rußlands!), unvermeidlich eine Katastrophe er-leiden..."

Aber außer den oben angeführten tiefen Ursachen der Niederlage der Konterrevolution, vor allem Denikins, gibt es noch andere, unmittelbare Ursachen (wir haben hauptsächlich die Südfront im Auge).

Das sind:

1. die Verbesserung des Reserve- und Ersatzwesens an der sowjetischen Südfront;

2. die Verbesserung des Versorgungswesens;

3. der Zustrom aus Petrograd, Moskau, Twer, Iwanowo-Wosnessensk an die Front kommender kommunistischer Arbeiter, die in unsere südlichen Regimenter eintraten und diese völlig umwandelten;

4. das Ingangkommen der Verwaltungsapparate, die früher durch die Überfälle Mamontows ganz desorganisiert worden waren;

5. die geschickte Anwendung des Systems offensiver Flankenstöße durch das Oberkommando der Südfront;

6. der methodische Charakter der Offensive selbst.

III
DIE JETZIGE LAGE AN DER SÜDFRONT

Von allen Truppen Denikins muss man als ernsteste Kraft ansehen: die Freiwilligenarmee (Infanterie), da diese am qualifiziertesten ist und eine große Reserve von aktiven Offizieren bei den Regimentern besitzt, und die Reiterkorps Schkuros und Mamontows (Kavallerie). Die Freiwilligenarmee hatte die Aufgabe, Moskau einzunehmen, die Kavallerie Schkuros und Mamontows hingegen - Einbrüche ins rückwärtige Gebiet unserer südlichen Armeen zu erzielen und dort Zerstörungen anzurichten.

Die ersten entscheidenden Erfolge unserer Infanterie zeigten sich in den Kämpfen bei Orel, im Gebiet Kromy-Dmitrowsk_ Hier hat unsere Infanterie das erste Korps (das beste Korps) der Freiwilligenarmee zerschlagen, das Korps des Generals Kutepow, bestehend aus der Kornilowschen, der Drosdowschen, der Markowschen und der Alexejewschen Division.

Die ersten entscheidenden Erfolge unserer Kavallerie hingegen zeigten sich in den Kämpfen bei Woronesh, im Gebiet der Flüsse Ikorez, Usman, Woronesh und Don. Hier stieß unsere von Genossen Budjonny geführte Reitergruppe zum erstenmal mit den vereinigtest Korps Schkuros und Mamontows zusammen und rannte sie über den Haufen.

Durch unsere Erfolge bei Orel und Woronesh wurde das Fundament für das gesamte weitere Vorrücken unserer Armeen nach Süden gelegt. Die Erfolge bei Kiew, Charkow, Kupjansk und Liski sind nur eine Folge und eine Weiterentwicklung der Haupterfolge bei Orel und Woronesh. Jetzt befindet sich die Freiwilligenarmee auf einem ungeordneten Rückzug vor unseren Truppen, ohne Verbindung und Führung, wobei sie an Toten, Verwundeten und Gefangenen nicht weniger als die Hälfte ihres alten Bestands eingebüßt hat. Man kann mit Bestimmtheit sagen, dass sie bald jede Kampffähigkeit verliert, wenn sie nicht ins Hinterland zurückgenommen und ernstlich aufgefrischt wird.

Was die Reitergruppe Schkuros und Mamontows anbelangt, so kann sie trotz ihrer Verstärkung durch zwei neue Kubankorps (die Korps der Generale Ulagai und Naumenko) und durch die gemischte Ulanendivision des Generals Tschesnokow doch keine ernstliche Gefahr für unsere Kavallerie darstellen. Ein Beweis hierfür sind die vor kurzem ausgefochtenen Kämpfe bei Lissitschansk, wo die verstärkte Gruppe Schkuros und Mamontows von unserer Reiterei vernichtend geschlagen wurde und siebzehn Geschütze, achtzig Maschinengewehre und mehr als tausend Niedergesäbelte zurückließ.

Natürlich kann man nicht sagen, dass die Armeen Denikins schon zerschmettert seien. Die Zersetzung in den Armeen Denikins ist noch nicht so weit gegangen wie die in den Armeen Koltschaks. Denikin kann uns vorläufig noch gewisse taktische und vielleicht auch gewisse strategische Streiche spielen. Man sollte auch nicht vergessen, dass wir Denikin innerhalb von zehn Wochen nur rund 150 Geschütze, 600 Maschinengewehre, 14 Panzerzüge, 150 Lokomotiven, 10000 Waggons und 16000 Mann an Gefangenen abnehmen konnten. Aber eins steht immerhin fest: Die Armeen Denikins rollen unaufhaltsam auf den Bahnen der Armeen Koltschaks in den Abgrund, während unsere Armeen qualitativ und quantitativ von lag zu 7ag stärker werden.

Darin besteht das Unterpfand für die endgültige Zerschlagung Denikins.

 

Serpuchow,
26. Dezember 1919.

"Prawda" Nr. 293,
28. Dezember 1919.


Unterschrift: J. Stalin

 

PS:

Das Nachwort zu dem Artikel "Zur militärischen Lage im Süden" schrieb J. W. Stalin anlässlich der Veröffentlichung dieses Artikels in der Zeitschrift "Rewuoluzionny Front" (Die revolutionäre Front), dem Organ des Revolutionären Kriegsrats der Südwestfront und des Ukrainischen Rats der Arbeitsarmee.

 

Dieser Artikel wurde geschrieben, bevor unsere Truppen die Denikinfront bei Taganrog durchbrochen hatten. Daraus erklärt sich denn auch sein vorsichtiger Charakter. Jetzt jedoch, da die Front Denikins durchbrochen ist, da die Freiwilligendivisionen von der Don- und der Kaukasusarmee Denikins abgeschnitten sind, da unsere Truppen in zweitägigen Kämpfen im Vorgelände von Taganrog (am 1. und 2. Januar) dem Gegner über zweihundert Geschütze, sieben Panzerzüge, vier Tanks und eine Masse anderen Materials abgenommen haben, da unsere Truppen nach der Befreiung Taganrogs die Brutstätten der Konterrevolution - Nowotscherkassk und Rostow - belagern, jetzt kann mit Bestimmtheit gesagt werden, dass die Zerschlagung der Armeen Denikins mit Volldampf vorangeht.

Noch ein Schlag - und der vollständige Sieg ist gesichert.

 

Kursk,
7. Januar 1920.

Zeitschrift "Rewoluzionny Front"
(Die revolutionäre Front) Nr. 1,
15. Februar 1920.


Unterschrift: J. Stalin

 

 

 

 

 

 

 

DIE POLITIK DER SOWJETMACHT IN DER
NATIONALEN FRAGE IN RUSSLAND

 

Drei Jahre Revolution und Bürgerkrieg in Rußland haben gezeigt, dass ohne die wechselseitige Unterstützung Zentralrußlands und seiner Randgebiete der Sieg der Revolution unmöglich ist, die Befreiung Rußlands aus den Fängen des Imperialismus unmöglich ist. Zentralrußland, dieser Herd der Weltrevolution, kann sich nicht lange ohne die Hilfe der Randgebiete halten, die Roh- und Brennstoffe sowie Lebens-mittel in Hülle und Fülle haben. Die Randgebiete Rußlands sind ihrerseits ohne die politische, militärische und organisatorische Hilfe des höher entwickelten Zentralrußlands unausbleiblich zu imperialistischer Knechtung verurteilt. Wenn die These zutrifft, dass der höher entwickelte proletarische Westen ohne die Hilfe des weniger entwickelten, aber an Roh- und Brennstoffen reichen bäuerlichen Ostens der Weltbourgeoisie nicht den Garaus machen kann, so ist die andere These ebenso zutreffend, dass das höher entwickelte Zentralrußland ohne die Hilfe der weniger entwickelten, aber an den notwendigen Hilfsquellen reichen Randgebiete Rußlands die Sache der Revolution nicht zu Ende führen kann.

Von den ersten Tagen des Bestehens der Sowjetregierung an hat die Entente diesen Umstand zweifellos in Rechnung gestellt, als sie (die Entente) ihren Plan der ökonomischen Einkreisung Zentralrußlands durch die Losreißung seiner wichtigsten Randgebiete durchzuführen suchte. Im Weiteren bleibt der Plan der ökonomischen Einkreisung Rußlands die unveränderliche Grundlage aller Feldzüge der Entente gegen Rußland von 1918 bis 1920, ihre jetzigen Machenschaften in der Ukraine, in Aserbaidshan und in Turkestan nicht ausgenommen.

Umso größeres Interesse gewinnt die Sicherung eines dauerhaften Bündnisses zwischen dem Zentrum und den Randgebieten Rußlands.

Daher die Notwendigkeit, bestimmte Beziehungen, bestimmte Verbindungen zwischen dem Zentrum und den Randgebieten Rußlands herzustellen, die ein festes, unzerstörbares Bündnis zwischen ihnen sichern.

Welcher Art müssen nun diese Beziehungen sein, welche Formen müssen sie annehmen?

Mit anderen Worten: Worin besteht die Politik der Sowjetmacht in der nationalen Frage in Rußland?

Die Forderung nach Lostrennung der Randgebiete von Rußland, als Form der Beziehungen zwischen dem Zentrum und den Randgebieten, muss nicht nur deshalb ausgeschlossen werden, weil sie der Fragestellung an und für sich widerspricht, bei der es um die Herstellung eines Bündnisses zwischen dem Zentrum und den Randgebieten geht, sondern vor allem deshalb, weil sie in krassem Gegensatz zu den Interessen der Volksmassen sowohl des Zentrums als auch der Randgebiete steht. Schon ganz zu schweigen davon, dass eine Lostrennung der Randgebiete die revolutionäre Macht Zentralrußlands untergraben würde, die den Ansporn für die Befreiungsbewegung im Westen und im Osten bildet, würden die Randgebiete selbst nach ihrer Lostrennung unvermeidlich in die Knechtschaft des internationalen Imperialismus geraten. Es genügt, einen Blick auf Georgien, Armenien, Polen, Finnland usw. zu werfen, die nach ihrer Lostrennung von Rußland nur noch den Schein einer Unabhängigkeit bewahrt, sich aber in Wirklichkeit in unbedingte Vasallen der Entente verwandelt haben; es genügt schließlich, sich die jüngste Geschichte der Ukraine und Aserbaidshans in Erinnerung zu rufen, wo jene vom deutschen Kapital und dieses von der Entente ausgeplündert wurde, um zu begreifen, wie konterrevolutionär die Forderung nach Lostrennung der Randgebiete unter den gegenwärtigen internationalen Verhältnissen ist. In einer Situation, da zwischen dem proletarischen Rußland und der imperialistischen Entente ein Kampf auf Leben und Tod entbrennt, gibt es für die Randgebiete nur zwei Wege:

entweder zusammen mit Rußland, und dann - Befreiung der schaffenden Massen der Randgebiete von der imperialistischen Unterdrückung;

oder zusammen mit der Entente, und dann - unvermeidlich das imperialistische Joch.

Einen dritten Weg gibt es nicht.

Die so genannte Unabhängigkeit der so genannten unabhängigen Länder Georgien, Armenien, Polen, Finnland usw. ist nur ein trügerischer Schein, der die vollständige Abhängigkeit dieser, mit Verlaub zu sagen, Staaten von der einen oder der anderen Imperialistengruppe bemäntelt.

Natürlich haben die Randgebiete Rußlands, die Nationen und Volksstämme, die diese Randgebiete bevölkern, ebenso wie alle anderen Nationen, das unveräußerliche Recht auf Lostrennung von Rußland, und wenn irgendeine dieser Nationen in ihrer Mehrheit beschließen sollte, sich von Rußland loszutrennen, wie das mit Finnland 1917 der Fall war, so hätte Rußland wahrscheinlich nur die Tatsache zu konstatieren und die Lostrennung zu sanktionieren. Aber hier geht es nicht um die Rechte der Nationen, die unbestreitbar sind, sondern um die Interessen der .Volksmassen sowohl des Zentrums als auch der Randgebiete; es geht um den durch diese Interessen bestimmten Charakter der Agitation, die unsere Partei durchzuführen verpflichtet ist, wenn sie (die Partei) sich nicht selbst verleugnen will, wenn sie den Willen der schaffenden Massen der Nationalitäten in einer bestimmten Richtung beeinflussen will. Nun, die Interessen der Volksmassen besagen aber, dass die Forderung nach Lostrennung der Randgebiete im gegenwärtigen Stadium der Revolution eine durch und durch konterrevolutionäre Forderung ist.

Ebenso muss die so genannte national-kulturelle Autonomie als Form des Bündnisses zwischen dem Zentrum und den Randgebieten Rußlands ausgeschlossen werden. Die Praxis Österreich-Ungarns (der Heimat der national-kulturellen Autonomie) in den letzten zehn Jahren hat die ganze Kurzlebigkeit und Lebensunfähigkeit der national-kulturellen Autonomie als einer Form des Bündnisses zwischen den schaffenden Massen der Nationalitäten eines Nationalitätenstaates gezeigt. Springer und Bauer, diese Schöpfer der national-kulturellen Autonomie, die jetzt vor dem Scherbenhaufen ihres schlau ausgeklügelten nationalen Programms stehen, sind der lebendige Beweis dafür. Schließlich hat sich sogar der Herold der national-kulturellen Autonomie in Rußland, der weiland berühmte "Bund", selbst unlängst gezwungen gesehen, offiziell die Zwecklosigkeit der national-kulturellen Autonomie zuzugeben, als er offen erklärte:

"Die im Rahmen der kapitalistischen Ordnung erhobene Forderung nach national-kultureller Autonomie verliert unter den Verhältnissen der sozialistischen Revolution ihren Sinn" (siehe. "XII. Konferenz des ´Bund´, S. 21, 1920).

So bleibt die Gebietsautonomie der Randgebiete, die sich durch besondere Lebensweise und nationale Zusammensetzung unterscheiden, als die einzig zweckmäßige Form des Bündnisses zwischen dem Zentrum und den Randgebieten - eine Autonomie, die die Randgebiete Rußlands durch das Band föderativer Beziehungen mit dem Zentrum verbinden soll, also eben die sowjetische Autonomie, die die Sowjetmacht schon in den ersten Tagen ihres Entstehens verkündet hat und die gegenwärtig in den Randgebieten in Gestalt von administrativen Kommunen und autonomen Sowjetrepubliken verwirklicht wird.

Die Sowjetautonomie ist nicht etwas Erstarrtes und ein für allemal Gegebenes; sie lässt die verschiedenartigsten Formen und Stufen ihrer Entwicklung zu. Von der engen, administrativen Autonomie (Wolgadeutsche, Tschuwaschen, Karelier) geht sie zu der umfassenderen, politischen Autonomie über (Baschkiren, Wolgatataren, Kirgisen), von der umfassenden, politischen Autonomie zu ihrer noch breiteren Form (Ukraine, Turkestan) und schließlich vom ukrainischen Typus der Autonomie zur höchsten Form der Autonomie, zum Vertragsverhältnis (Aserbaidshan). Diese Elastizität der sowjetischen Autonomie ist einer ihrer Hauptvorzüge, denn sie (die Elastizität) ermöglicht es, die ganze Mannigfaltigkeit der Randgebiete Rußlands zu erfassen, die auf den verschiedensten kulturellen und ökonomischen Entwicklungsstufen stehen. Die drei Jahre sowjetischer Politik in der nationalen Frage in Rußland haben gezeigt, dass die Sowjetmacht auf dem richtigen Wege ist, wenn sie die sowjetische Autonomie in ihren mannigfaltigen Formen verwirklicht; denn nur dank dieser Politik ist es der Sowjetmacht gelungen, sich den Weg in die entlegensten Winkel der Randgebiete Rußlands zu bahnen, die rückständigsten und in nationaler Hinsicht verschiedenartigsten Massen zu politischem Leben zu erwecken, diese Massen mit dem Zentrum durch die verschiedenartigsten Fäden zu verbinden - eine Aufgabe, die sich keine einzige Regierung der Welt jemals auch nur gestellt (davor fürchtete man sich!), geschweige denn gelöst hat. Die administrative Neueinteilung Rußlands nach den Grundsätzen der sowjetischen Autonomie ist noch nicht beendet; die Nordkaukasier, die Kalmücken, die Tscheremissen, die Wotjaken, die Burjaten und andere warten noch auf die Regelung der Frage, aber wie auch die administrative Karte des künftigen Rußlands aussehen wird und welche Mängel in dieser Beziehung auch unterlaufen sein mögen - und manche Mängel gab es tatsächlich -, man muss anerkennen, dass Rußland mit der Durchführung der administrativen Neueinteilung nach den Grundsätzen der Gebietsautonomie einen gewaltigen Schritt vorwärts getan hat auf dem Wege des Zusammenschlusses der Randgebiete um das proletarische Zentrum, auf dem Wege der Annäherung der Staatsmacht an die breiten Volksmassen der Randgebiete.

Aber die Verkündung dieser oder jener Form der sowjetischen Autonomie, der Erlass entsprechender Dekrete und Beschlüsse, ja sogar die Schaffung von Regierungen der Randgebiete in Gestalt von regionalen Räten der Volkskommissare für die autonomen Republiken sind bei weitem nicht ausreichend zur Festigung des Bündnisses zwischen den Randgebieten und dem Zentrum. Um dieses Bündnis zu festigen, gilt es vor allem, die Entfremdung und Abgeschlossenheit der Randgebiete, die patriarchalischen Zustände und die Kulturlosigkeit sowie das Misstrauen gegen das Zentrum zu überwinden, die die bestialische Politik des Zarismus in den Randgebieten als Erbe hinterlassen hat. Der Zarismus kultivierte in den Randgebieten vorsätzlich die patriarchalisch-feudale Unterdrückung, um die Massen in Sklaverei und Unwissenheit zu halten. Der Zarismus siedelte vorsätzlich an den besten Stellen der Randgebiete kolonisatorische Elemente an, um die einheimischen nationalen Massen in die schlechteren Gebiete abzudrängen und den nationalen Hader zu verstärken. Der Zarismus bedrängte die einheimische Schule, das Theater, die Bildungsstätten, ja mitunter beseitigte er sie einfach, um die Massen in Finsternis zu halten. Der Zarismus erstickte jede Initiative der besten Elemente der einheimischen Bevölkerung. Schließlich tötete der Zarismus jede Aktivität der Volksmassen der Randgebiete. Durch all dies rief der Zarismus unter den einheimischen nationalen Massen tiefstes Misstrauen gegenüber allem Russischen hervor, ein Misstrauen, das zuweilen in Feindseligkeit überging. Um das Bündnis zwischen Zentralrußland und den Randgebieten zu festigen, muss dieses Misstrauen beseitigt, muss eine Atmosphäre des gegenseitigen Verständnisses und des brüderlichen Vertrauens geschaffen werden. Um aber das Misstrauen zu beseitigen, gilt es vor allem, den Volksmassen der Randgebiete zu helfen, sich von den Überresten des feudal-patriarchalischen Jochs zu befreien, gilt es, alle und jedwede Privilegien der kolonisatorischen Elemente in der Tat, und nicht nur in Worten, abzuschaffen, gilt es, die Volksmassen in den Genuss der materiellen Güter der Revolution zu setzen.

Kurzum: Man muss den Massen beweisen, dass das proletarische Zentralrußland ihre und nur ihre Interessen vertritt, und zwar muss man dies nicht allein durch Repressalien gegen die Kolonisatoren und die bürgerlichen Nationalisten beweisen, die den Massen mitunter ganz unverständlich sind, sondern vor allem durch eine konsequente und durchdachte Wirtschaftspolitik.

Die von den Liberalen erhobene Forderung nach allgemeiner Schulpflicht ist allen bekannt. Die Kommunisten in den Randgebieten können nicht rechts von den Liberalen stehen; sie müssen dort die allgemeine Schulpflicht durchführen, wenn sie die Unwissenheit des Volkes aus der Welt schaffen, wenn sie das Zentrum und die Randgebiete Rußlands geistig einander näher bringen wollen. Dazu müssen aber die einheimische nationale Schule, das nationale Theater, die nationalen Bildungsstätten entwickelt und das Kulturniveau der Volksmassen in den Randgebieten gehoben werden, denn es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass Kulturlosigkeit und Unwissenheit der gefährlichste Feind der Sowjetmacht sind. Wir wissen nicht, mit welchem Erfolg unsere Arbeit im allgemeinen in dieser Richtung vor sich geht, doch wird uns mitgeteilt, dass das Gebietsvolkskommissariat für Bildungswesen in einem der wichtigsten Randgebiete für die einheimischen Schulen insgesamt nur zehn Prozent seiner Kredite verausgabt. Wenn das zutrifft, so muss man zugeben, dass wir uns auf diesem Gebiet vom "alten Regime" leider nicht weit entfernt haben.

Die Sowjetmacht darf nicht als eine vom Volk losgelöste Macht betrachtet werden - im Gegenteil, sie ist eine in ihrer Art einzig dastehende, aus den russischen Volksmassen hervorgegangene, ihnen vertraute und nahe stehende Macht. Daraus erklärt sich ja auch die unerhörte Kraft und Geschmeidigkeit, die die Sowjetmacht in kritischen Augenblicken zu offenbaren pflegt.

Es ist notwendig, dass die Sowjetmacht den Volksmassen der Randgebiete Rußlands ebenso vertraut wird und ihnen ebenso nahe kommt. Um ihnen aber vertraut zu werden, muss ihnen die Sowjetmacht vor allem verständlich werden. Daher ist es notwendig, dass alle Sowjetorgane in den Randgebieten, das Gericht, die Verwaltung, die Wirtschaftsorgane, die unmittelbaren Machtorgane (und auch die Parteiorgane) nach Möglichkeit aus Einheimischen bestehen, die die Lebensweise, die Sitten und Gebräuche, die Sprache der einheimischen Bevölkerung kennen, dass in diese Institutionen die besten Vertreter der einheimischen Volksmassen hineingezogen werden, dass die einheimischen schaffenden Massen auf allen Gebieten zur Verwaltung des Landes herangezogen werden, das Gebiet militärischer Formationen eingeschlossen, damit die Massen sehen, dass die Sowjetmacht und ihre Organe das Werk ihrer eigenen Bemühungen, die Verkörperung ihrer Hoffnungen sind. Nur auf diese Weise kann ein unzerstörbares geistiges Band zwischen den Massen und der Staatsmacht geknüpft werden, nur auf diese Weise kann man die Sowjetmacht den werktätigen Massen der Randgebiete verständlich machen und sie ihnen nahe bringen.

Manche Genossen betrachten die autonomen Republiken Rußlands und die sowjetische Autonomie überhaupt als ein vorübergehendes, wenn auch notwendiges Übel, das in Anbetracht bestimmter Umstände zugelassen werden musste, das man aber bekämpfen muss, um es mit der Zeit zu beseitigen. Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass diese Auffassung grundfalsch ist und jedenfalls mit der Politik der Sowjetmacht in der nationalen Frage nichts gemein hat. Die sowjetische Autonomie darf nicht als etwas Abstraktes und Ausgeklügeltes betrachtet werden, noch weniger als ein leeres deklaratives Versprechen. Die sowjetische Autonomie ist die realste, konkreteste Form des Zusammenschlusses der Randgebiete mit Zentralrußland. Niemand wird leugnen wollen, dass die Ukraine, Aserbaidshan, Turkestan, Kirgisien, Baschkirien, Tatarien und die anderen Randgebiete, da sie doch das kulturelle und materielle Gedeihen der Volksmassen anstreben, ohne Schulen in der Muttersprache, ohne vorwiegend aus der einheimischen Bevölkerung bestehende Gerichte, Verwaltungs- und Machtorgane nicht auskommen können. Mehr noch: Die wirkliche Sowjetisierung dieser Gebiete, ihre Verwandlung in sowjetische Länder, die mit Zentralrußland fest zu einem staatlichen Ganzen verbunden sind, ist undenkbar ohne umfassende Organisierung von einheimischen Schulen, ohne dass Gerichte, Verwaltungs- und Machtorgane usw. aus Menschen gebildet werden, die die Lebensweise und die Sprache der Bevölkerung kennen. Aber die Tätigkeit der Schule, des Gerichts, der Verwaltung, der Machtorgane in der Muttersprache bedeutet ja eben, die sowjetische Autonomie in der Praxis zu verwirklichen, denn die sowjetische Autonomie ist nichts anderes als die Summe all dieser in ukrainische, turkestanische, kirgisische usw. Form gekleideten Institutionen.

Wie kann man nach alledem ernsthaft von einer Kurzlebigkeit der sowjetischen Autonomie, von der Notwendigkeit ihrer Bekämpfung und dergleichen reden?

Eins von beiden:

Entweder sind die ukrainische, die aserbaidshanische, die kirgisische, die usbekische, die baschkirische und andere Sprachen wirklich eine Realität, wobei es in diesen Gebieten folglich absolut notwendig ist, die in der Muttersprache tätige Schule, das Gericht, die Verwaltung, die Machtorgane aus der einheimischen Bevölkerung zu bilden, und dann muss die sowjetische Autonomie in diesen Gebieten restlos, ohne jeden Vorbehalt durchgeführt werden;

oder die ukrainische, die aserbaidshanische und andere Sprachen sind ein Hirngespinst, die Schulen und sonstige Institutionen in der Muttersprache sind folglich nicht notwendig, und dann muss die sowjetische Autonomie als überflüssiges Gerümpel beiseite geworfen werden.

Das Suchen nach einem dritten Weg ist die Folge einer Unkenntnis der Dinge oder einer bedauerlichen Gedankenarmut.

Ein ernstes Hindernis auf dem Wege zur Durchführung der sowjetischen Autonomie ist der große Mangel an intellektuellen Kräften aus den Reihen der einheimischen Bevölkerung in den Randgebieten, der Mangel an Instrukteuren für ausnahmslos alle Zweige der Sowjet- und Parteiarbeit. Dieser Mangel muss unvermeidlich sowohl die Bildungsarbeit als auch die revolutionäre Aufbauarbeit in den Randgebieten hemmen. Gerade deshalb wäre es aber unvernünftig und für die Sache verhängnisvoll, diese zahlenmäßig ohnehin schwachen Gruppen einheimischer Intellektueller von sich zu stoßen, die vielleicht den guten Willen hätten, den Volksmassen zu dienen, dies aber nicht können, vielleicht darum nicht, weil sie sich als Nichtkommunisten von einer Atmosphäre des Misstrauens umgeben glauben und eventuelle Repressalien befürchten. Gegenüber diesen Gruppen kann mit Erfolg die Politik ihrer Einbeziehung in die Sowjetarbeit angewendet werden, die Politik ihrer Heranziehung zu Funktionen in der Industrie, der Landwirtschaft, im Ernährungswesen usw., zum Zwecke ihrer allmählichen Sowjetisierung. Denn man kann wohl schwerlich behaupten, dass diese Intellektuellengruppen weniger zuverlässig seien als, sagen wir, die konterrevolutionären Militärfachleute, die trotz ihrer konterrevolutionären Gesinnung dennoch zur Arbeit herangezogen und dann auf den wichtigsten Posten sowjetisiert wurden.

Der Einsatz der nationalen Intellektuellengruppen reicht jedoch noch bei weitem nicht aus, um den Bedarf an Instrukteuren zu decken. Gleichzeitig muss in den Randgebieten ein umfassendes Netz von Kursen und Schulen für alle Verwaltungszweige eingerichtet werden, um Kader von Instrukteuren aus der einheimischen Bevölkerung zu schaffen. Denn es ist klar, dass ohne solche Kader die Organisierung von einheimischen Schulen, Gerichten, Verwaltungsorganen und anderen Institutionen in der Muttersprache aufs äußerste erschwert wird.

Ein nicht weniger ernstes Hindernis auf dem Wege zur Verwirklichung der sowjetischen Autonomie ist die oftmals in grobe Taktlosigkeit ausartende Hast, die manche Genossen bei der Sowjetisierung der Randgebiete an den Tag legen. Wenn diese Genossen in Gebieten, die um eine ganze geschichtliche Periode hinter Zentralrußland zurückgeblieben sind, in Gebieten, in denen die mittelalterlichen Lebensformen noch nicht völlig liquidiert sind, sich entschließen, "heroische Anstrengungen" zur Durchführung des "reinen Kommunismus" zu machen, dann kann man mit Sicherheit sagen, dass aus einem solchen Husarenritt, aus einem solchen "Kommunismus" nichts Gutes herauskommen wird. Diesen Genossen möchten wir den bekannten Punkt unseres Programms in Erinnerung bringen, der folgendermaßen lautet:

"Die KPR nimmt den historisch-klassenmäßig bedingten Standpunkt ein und berücksichtigt, auf welcher geschichtlichen Entwicklungsstufe die betreffende Nation steht: auf dem Wege vom Mittelalter zur bürgerlichen Demokratie oder von der bürgerlichen Demokratie zur sowjetischen oder proletarischen Demokratie usw."

Und weiter:

"Jedenfalls muss das Proletariat derjenigen Nationen, die Unterdrückernationen waren, besondere Vorsicht und besondere Aufmerksamkeit gegenüber den Reminiszenzen nationaler Gefühle bei den werktätigen Massen der unterdrückten oder nichtvollberechtigten Nationen walten lassen" (siehe "Programm der KPR").

Das heißt, wenn zum Beispiel der direkte Weg der Wohnungsaufteilung in Aserbaidshan die aserbaidshanischen Massen, die die Wohnung, den häuslichen Herd, als unantastbar, als geheiligt betrachten, von uns abstößt, dann ist es klar, dass wir den direkten Weg der Wohnungsaufteilung durch einen indirekten, durch einen Umweg ersetzen müssen, um dasselbe Ziel zu erreichen. Oder wenn zum Beispiel die daghestanischen Massen, die stark von religiösen Vorurteilen angesteckt sind, "auf Grund des Scharias" den Kommunisten folgen, so ist es klar, dass der direkte Weg des Kampfes gegen die religiösen Vorurteile in diesem Lande durch indirekte, vorsichtigere Wege ersetzt werden muss usw. usf.

Kurzum: Von den Husarenritten, die die "sofortige Kommunisierung" der rückständigen Volksmassen bezwecken, muss man zu einer besonnenen und durchdachten Politik allmählicher Hinüberleitung dieser Massen in die gemeinsame Bahn der sowjetischen Entwicklung übergehen.

Das sind im Großen und Ganzen die praktischen Bedingungen für die Verwirklichung der sowjetischen Autonomie, Bedingungen, deren Durchführung die geistige Annäherung und das dauerhafte revolutionäre Bündnis zwischen dem Zentrum und den Randgebieten Rußlands verbürgt.

Sowjetrußland unternimmt den in der Welt noch nicht dagewesenen Versuch, die Zusammenarbeit einer ganzen Reihe von Nationen und Volksstämmen im Rahmen eines einheitlichen proletarischen Staates auf der Grundlage des gegenseitigen Vertrauens, auf der Grundlage des freiwilligen, brüderlichen Einvernehmens zu organisieren. Die drei Jahre Revolution haben gezeigt, dass dieser Versuch alle Aussichten auf Erfolg hat. Aber er, dieser Versuch, kann nur in dem Fall auf einen vollen Erfolg rechnen, wenn unsere praktische Politik in der nationalen Frage draußen im Lande nicht von den Erfordernissen der verkündeten sowjetischen Autonomie in ihren verschiedenartigen Formen und Stufen ab weicht, wenn ein jeder unserer praktischen Schritte draußen im Lande dazu beiträgt, dass die Volksmassen der Randgebiete der höheren geistigen und materiellen proletarischen Kultur teilhaftig werden, und zwar in Formen, die der Lebensweise und dem nationalen Gepräge dieser Massen entsprechen.

Darin liegt das Unterpfand der Festigung jenes revolutionären Bündnisses zwischen Zentralrußland und den Randgebieten Rußlands, vor dem alle und jedwede Machenschaften der Entente in Staub zerfallen werden.

 

"Prawda" Nr. 226,
10. Oktober 1920.


Unterschrift: J. Stalin.

 

 

 

 

 

 

VOM VERFASSER

Vorwort zu dem 1920 herausgegebenen Sammelband von

 

Aufsätzen
zur nationalen Frage

 

In der vorliegenden Broschüre haben nur drei Aufsätze zur nationalen Frage Aufnahme gefunden. Der Verlag hat sich bei der Aufnahme eben dieser Aufsätze sichtlich von der Erwägung leiten lassen, dass sich in den ausgewählten drei Aufsätzen die für die Lösung der nationalen Frage in unserer Partei wichtigsten drei Perioden widerspiegeln, wobei die Broschüre im ganzen offenbar den Zweck hat, ein mehr oder weniger geschlossenes Bild von der Politik unserer Partei in der nationalen Frage zu geben.

Der erste Aufsatz ("Marxismus und nationale Frage", siehe die Zeitschrift "Prosweschtschenije", 1913)

 
Der Artikel "Marxismus und nationale Frage" (siehe J. W. Stalin, "Werke", Bd. 2, S. 290-367 [deutsche Ausgabe, S. 266-333]) wurde von J.W. Stalin Ende 1912 bis Anfang 1913 in Wien geschrieben; zum ersten Mal veröffentlicht wurde er mit der Unterschrift K. Stalin in den Nummern 3 bis 5 der Zeitschrift "Prosweschtschenije", Jahrgang 1913, unter dem Titel "Nationale Frage und Sozialdemokratie".
"Prosweschtschenije" (Die Aufklärung) - bolschewistische Monatsschrift, die von Dezember 1911 bis zu ihrem Verbot durch die Zarenregierung im Juni 1914 in Petersburg erschien. Im Herbst 1917 wurde noch eine Doppelnummer herausgegeben. Die Arbeit der Zeitschrift wurde von W.I. Lenin geleitet. Während seines Aufenthalts in Petersburg gehörte J. W. Stalin zu den nächsten Mitarbeitern der Zeitschrift.

 

widerspiegelt die Periode der prinzipiellen Diskussionen über die nationale Frage in den Reihen der Sozialdemokratie Rußlands in der Epoche der gutsherrlich-zaristischen Reaktion, anderthalb Jahre vor Ausbruch des imperialistischen Krieges, in der Epoche des Heranwachsens der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland. Zwei Theorien von der Nation und dementsprechend zwei nationale Programmlinien kämpften damals miteinander: die österreichische, die vom "Bund" und den Menschewiki unterstützt wurde, und die russische, die bolschewistische. Eine Charakteristik beider Strömungen findet der Leser in dem Aufsatz selbst. Die nachfolgenden Ereignisse, insbesondere der imperialistische Krieg und der Zerfall Österreich-Ungarns in einzelne Nationalstaaten, zeigten augenfällig, auf wessen Seite die Wahrheit liegt. Jetzt, da Springer und Bauer vor dem Scherbenhaufen ihres nationalen Programms stehen, dürfte kaum noch ein Zweifel darüber bestehen, dass die Geschichte über die "österreichische Schule" den Stab gebrochen hat. Sogar der "Bund" musste zugeben, dass die "im Rahmen der kapitalistischen Ordnung erhobene Forderung nach national-kultureller Autonomie (das heißt die Forderung des österreichischen nationalen Programms. J. St.) unter den Verhältnissen der sozialistischen Revolution ihren Sinn verliert" (siehe "XII. Konferenz des ´Bund´, 1920). Der "Bund" ahnt gar nicht, dass er damit die prinzipielle Unhaltbarkeit der theoretischen Grundlagen des österreichischen nationalen Programms, die prinzipielle Unhaltbarkeit der österreichischen Theorie der Nation zugegeben (unversehens zugegeben) hat.

Der zweite Aufsatz ("Der Oktoberumsturz und die nationale Frage", siehe "Shisn Nazionalnostej", 1918)

 

Der Artikel "Der Oktoberumsturz und die nationale Frage" (siehe den vorliegenden Band) wurde in Nr. 1 der "Shisn Nazionalnostej" vom 9. November 1918 veröffentlicht.
Die Zeitung ´Shisn Nazionalnostej" (Das Leben der Nationalitäten), das Organ des Volkskommissariats für die Angelegenheiten der Nationalitäten, erschien wöchentlich vom 9. November 1918 bis zum 16. Februar 1922 in Moskau. Ab 25. Februar 1922 wurde die Zeitung zu einer Zeitschrift umgestaltet, die unter demselben Titel bis Januar 1924 erschien.

 

spiegelt die Periode nach der Oktoberrevolution wider, als die Sowjetmacht nach ihrem Sieg über die Konterrevolution in Zentralrußland in den Randgebieten mit den bürgerlich-nationalistischen Regierungen, den Brutstätten der Konterrevolution, zusammenstieß, als die Entente, durch den wachsenden Einfluss der Sowjetmacht auf ihre (der Entente) Kolonien beunruhigt, damit begann, die bürgerlich-nationalistischen Regierungen offen zu unterstützen, um Sowjetrußland zu erdrosseln, als sich im Verlauf des siegreichen Kampfes gegen die bürgerlich-nationalistischen Regierungen vor uns die praktische Frage der konkreten Formen der sowjetischen Gebietsautonomie erhob, die Frage der Organisierung autonomer Sowjetrepubliken in den Randgebieten, der Ausbreitung des Einflusses Sowjetrußlands auf die unterdrückten Länder des Ostens über die östlichen Randgebiete Rußlands hinaus, die Frage der Schaffung einer revolutionären Einheitsfront des Westens und des Ostens gegen den Weltimperialismus. Der Aufsatz verweist auf den untrennbaren Zusammenhang der nationalen Frage mit der Machtfrage und behandelt die nationale Politik als einen Teil des Gesamtproblems der unterdrückten Völker und der Kolonien, das heißt, er verweist eben darauf, wogegen die "österreichische Schule", die Menschewiki, die Reformisten, die II. Internationale gewöhnlich Einspruch erhoben und was dann durch den gesamten Verlauf der Ereignisse bestätigt wurde.

Der dritte Aufsatz ("Die Politik der Sowjetmacht in der nationalen Frage in Rußland", siehe "Shisn Nazionalnostej", Oktober 1920)

 

Siehe den vorliegenden Band.

 

bezieht sich auf die jetzige Periode, da die administrative Neueinteilung Rußlands auf der Grundlage der sowjetischen Gebietsautonomie noch nicht beendet ist, auf die Periode, da in den Randgebieten administrative Kommunen und autonome Sowjetrepubliken als Bestandteile der RSFSR organisiert werden. Der Schwerpunkt des Aufsatzes liegt in der Frage der faktischen Verwirklichung der sowjetischen Autonomie, das heißt in der Frage der Sicherung des revolutionären Bündnisses zwischen dem Zentrum und den Randgebieten als Garantie gegen interventionistische Unternehmungen des Imperialismus.

Es mag seltsam erscheinen, dass der Aufsatz die Forderung nach Lostrennung der Randgebiete von Rußland entschieden als konterrevolutionäres Unterfangen ablehnt. Im Grunde genommen ist aber hieran nichts Seltsames. Wir sind für die Lostrennung Indiens, Arabiens, Ägyptens, Marokkos und der übrigen Kolonien von der Entente, denn Lostrennung bedeutet in diesem Fall Befreiung dieser unterdrückten Länder vom Imperialismus, bedeutet Schwächung der Positionen des Imperialismus und Stärkung der Positionen der Revolution. Wir sind gegen die Lostrennung der Randgebiete von Rußland, denn Lostrennung bedeutet in diesem Fall imperialistische Knechtschaft für die Randgebiete, bedeutet Schwächung der revolutionären Macht Rußlands und Stärkung der Positionen des Imperialismus. Eben deswegen kämpft die Entente zwar gegen die Lostrennung Indiens, Ägyptens, Arabiens und der übrigen Kolonien, zugleich aber kämpft sie für die Lostrennung der Randgebiete von Rußland. Gerade deswegen können die Kommunisten, die für die Lostrennung der Kolonien von der Entente kämpfen, nicht anders, als zugleich damit gegen die Lostrennung der Randgebiete von Rußland zu kämpfen. Die Frage der Lostrennung ist offenbar je nach den konkreten internationalen Bedingungen, je nach den Interessen der Revolution zu entscheiden.

Aus dem ersten Aufsatz hätte man einige Stellen von lediglich historischem Interesse streichen können, aber im Hinblick auf den polemischen Charakter des Aufsatzes musste er vollständig und ohne Änderungen gebracht werden. Der zweite und der dritte Aufsatz werden ebenfalls ohne Änderungen veröffentlicht.

 

1920, Oktober.

J. Stalin, Sammelband von Aufsätzen.
Staatsverlag, Tula 1920.

 

 

 

 

 

 

Band 4

 

DIE LAGE IM KAUKASUS

 

 

Die Zerschlagung Armeniens durch die Kemalisten bei absoluter "Neutralität" der Entente, die Gerüchte über die geplante Rückgabe Thraziens und Smyrnas an die Türkei, die Gerüchte über Verhandlungen zwischen den Kemalisten und dem Sultan, dem Agenten der Entente, sowie über die geplante Räumung Konstantinopels und schließlich die Ruhe an der türkischen Westfront - all das sind Symptome, die davon zeugen, dass die Entente ernstlich mit den Kemalisten kokettiert und dass sich eine gewisse Rechtsschwenkung der Kemalisten vollzieht.

Womit das Kokettieren der Entente enden wird und wie weit die Kemalisten bei ihrer Rechtsschwenkung gehen werden - ist schwer zu sagen. Aber eins steht immerhin außer Zweifel, nämlich dass sich der Kampf für die Befreiung der Kolonien, der vor einigen Jahren begann, trotz allem verstärken wird, dass Rußland als anerkannter Bannerträger dieses Kampfes mit allen Kräften und mit allen Mitteln die Anhänger dieses Kampfes unterstützen wird, dass dieser Kampf zum Siege führen wird, entweder zusammen mit den Kemalisten, sofern sie nicht die Sache der Befreiung der unterdrückten Völker verraten, oder entgegen den Kemalisten, wenn sie im Lager der Entente landen.

Davon zeugen die auflodernde Revolution im Westen und die wachsende Macht Sowjetrußlands.

"Prawda" Nr. 269,
30. November 1920.

 

 

ÜBER "TÜRKISCH-ARMENIEN"

"Prawda" Nr. 227,
31. Dezember 1917.

 

Das so genannte "Türkisch-Armenien" ist wohl das einzige Land, das von Rußland "nach Kriegsrecht" besetzt wurde. Es ist jener "paradiesische Winkel", der lange Jahre Gegenstand heftiger diplomatischer Gelüste des Westens und blutiger administrativer Exerzitien des Ostens war (und auch jetzt noch ist). Armenierpogrome und -massaker einerseits, pharisäische "Fürbitten" der Diplomaten aller Länder als Bemäntelung eines neuen Massakers anderseits, das Ergebnis aber ein blutüberströmtes, betrogenes und versklavtes Armenien - wer kennt nicht diese "gewohnten" Bilder diplomatischer "Künste" der "zivilisierten" Mächte?

Die Söhne Armeniens, die heldenhafte Verteidiger ihrer Heimat, aber durchaus keine weitsichtigen Politiker sind und sich wiederholt von den Räubern der imperialistischen Diplomatie betrügen ließen, müssen jetzt erkennen, dass der alte Weg der diplomatischen Kombinationen nicht der Weg zur Befreiung Armeniens ist. Es wird klar, dass der Weg zur Befreiung der unterdrückten Völker über die Arbeiterrevolution führt, die in Rußland im Oktober begonnen hat. Jetzt ist es allen klar, dass das Schicksal der Völker Rußlands, besonders aber das Schicksal des armenischen Volkes, mit dem Schicksal der Oktoberrevolution eng verbunden ist. Die Oktoberrevolution hat die Fesseln der nationalen Unterdrückung zerschlagen. Sie hat die Geheimverträge des Zaren zerrissen, mit denen die Völker an Händen und Füßen gefesselt waren. Sie, und nur sie, wird das Werk der Befreiung der Völker Rußlands zu Ende führen können.

Von diesen Erwägungen ausgehend, hat der Rat der Volkskommissare beschlossen, ein besonderes Dekret über die freie Selbstbestimmung "Türkisch-Armeniens" zu erlassen. Das ist besonders jetzt notwendig, da die deutschen und türkischen Machthaber, ihrer imperialistischen Natur getreu, kein Hehl aus ihrem Wunsch machen, die okkupierten Gebiete mit Gewalt unter ihrer Herrschaft festzuhalten. Mögen die Völker Rußlands wissen, dass der russischen Revolution und ihrer Regierung Eroberungsbestrebungen fremd sind. Mögen alle wissen, dass der Rat der Volkskommissare der imperialistischen Politik der nationalen Unterdrückung die Politik der völligen Befreiung der unterdrückten Völker entgegenstellt.

 

Volkskommissar J. Stalin

"Prawda" Nr. 227,
31. Dezember 1917.

 

ES LEBE SOWJETARMENIEN!

 

Armenien, das geplagte und schwergeprüfte, das durch der Entente und der Daschnaken Gnaden dein Hunger, dem Ruin preisgegeben und zur Massenflucht verurteilt ist, dieses von allen "Freunden" betrogene Armenien hat heute seine Rettung darin gefunden, dass es sich zum Sowjetland erklärt hat.

Weder die lügenhaften Versicherungen Englands, "des uraltem Beschützers" der armenischen Interessen, noch die berüchtigten vierzehn Punkte Wilsons, noch die marktschreierischen Versprechungen des Völkerbunds mit seinem "Mandat" für die Verwaltung Armeniens konnten Armenien vor den Massakern und der physischen Vernichtung retten (und hätten es auch nicht retten können!). Nur die Idee der Sowjetmacht hat Armenien den Frieden und die Möglichkeit der nationalen Erneuerung gebracht.

Hier einige Tatsachen, die zur Sowjetisierung Armeniens geführt haben. Die verderbliche Politik der Daschnaken, der Agenten der Entente, führt das Land in die Anarchie und ins Elend. Der von den Daschnaken angezettelte Krieg gegen die Türkei verschlechtert die schwere Lage Armeniens aufs äußerste. Die von Hunger und Entrechtung gepeinigten Nordprovinzen Armeniens erheben sich Ende November und bilden das Revolutionäre Militärkomitee Armeniens mit dem Genossen Kasjan an der Spitze. Am 30. November läuft vom Vorsitzenden des Revolutionären Komitees Armeniens ein an Genossen Lenin gerichtetes Begrüßungstelegramm ein, in dem mitgeteilt wird, dass Sowjetarmenien geboren ist und dass das Revolutionäre Komitee die Stadt Delishan eingenommen hat. Am 1. Dezember verzichtet Sowjetaserbaidshan freiwillig auf die umstrittenen Provinzen und proklamiert die Übergabe Sangesurs, Nachitschewans und Berg-Karabachiens an Sowjetarmenien. Am 1. Dezember erhält das Revolutionäre Komitee eine Begrüßung vom türkischen Kommando. Am 2. Dezember läuft eine Mitteilung des Genossen Ordshonikidse ein, dass die Daschnakenregierung aus Eriwan vertrieben ist und dass sich die Truppen Armeniens dem Revolutionären Komitee zur Verfügung stellen.

Heute ist Eriwan, die Hauptstadt Armeniens, in den Händen der Sowjetmacht Armeniens.

Der jahrhundertealten Feindschaft zwischen Armenien und den umwohnenden Mohammedanern wurde durch die Herstellung der brüderlichen Solidarität zwischen den Werktätigen Armeniens, der Türkei, Aserbaidshans mit einem Schlag jeglicher Boden entzogen.

Mögen alle, die es angeht, wissen, dass nur die Sowjetmacht in der Lage war, das so genannte armenische "Problem" zu lösen, über das sich die alten Wölfe der imperialistischen Diplomatie vergeblich den Kopf zerbrochen haben.

Es lebe Sowjetarmenien!

 

"Prawda" Nr. 273,
4. Dezember 1920.

 

 

 

 

ÜBER DIE NÄCHSTEN AUFGABEN DER PARTEI
IN DER NATIONALEN FRAGE

Thesen zum X. Parteitag der KPR(B),
bestätigt vom ZK der Partei

 

Die Thesen "Über die nächsten Aufgaben der Partei in der nationalen Frage" wurden in der Sitzung des Politbüros des ZK der KPR(B) am 5. Februar 1921 behandelt. Zur endgültigen Redaktion der Thesen wurde eine Kommission mit W. I. Lenin und J. W. Stalin an der Spitze eingesetzt. Die Thesen wurden in Nr.29 der "Prawda" vom 10. Februar veröffentlicht und als Sonderbroschüre im Jahre 1921 herausgegeben.

 

 

I
KAPITALISTISCHES SYSTEM
UND NATIONALE UNTERDRÜCKUNG

1. Die modernen Nationen stellen das Produkt einer bestimmten Epoche dar, der Epoche des aufsteigenden Kapitalismus. Der Prozess der Liquidierung des Feudalismus und der Entwicklung des Kapitalismus ist gleichzeitig der Prozess des Zusammenschlusses der Menschen zu Nationen. Während der siegreichen Entwicklung des über die feudale Zersplitterung triumphierenden Kapitalismus formierten sich die Engländer, Franzosen, Deutschen, Italiener zu Nationen.

 

2. Dort, wo die Bildung von Nationen zeitlich im großen und ganzen mit der Bildung von zentralisierten Staaten zusammenfiel, legten sich die Nationen natürlicherweise eine staatliche Hülle um und entwickelten sich zu selbständigen bürgerlichen Nationalstaaten. So geschah es in England (ohne Irland), Frankreich, Italien. Im Osten Europas vollzog sich dagegen die Bildung von zentralisierten Staaten, durch die Erfordernisse der Selbstverteidigung (Invasion der Türken, Mongolen usw.) beschleunigt, vor der Beseitigung des Feudalismus, folglich vor der Bildung von Nationen. Infolgedessen entwickelten sich die Nationen hier nicht zu Nationalstaaten und konnten sich nicht dazu entwickeln, sondern bildeten mehrere gemischte, bürgerliche Nationalitätenstaaten, in denen es gewöhnlich eine starke, herrschende Nation und mehrere schwache, unterworfene Nationen gab. Solche Staaten waren Österreich, Ungarn, Rußland.

 

3. Nationalstaaten, wie Frankreich und Italien, die sich in der ersten Zeit hauptsächlich auf ihre eigenen nationalen Kräfte stützten, kannten eigentlich keine nationale Unterdrückung. Im Gegensatz dazu bilden die Nationalitätenstaaten, die auf der Herrschaft einer Nation - genauer: deren herrschender Klasse - über die übrigen Nationen aufgebaut sind, die Urheimat und den Hauptschauplatz nationaler Unterdrückung und nationaler Bewegungen. Die Gegensätze zwischen den Interessen der herrschenden Nation und denen der unterworfenen Nationen sind jene Gegensätze, ohne deren Lösung die stabile Existenz eines Nationalitätenstaates unmöglich ist. Die Tragödie des bürgerlichen Nationalitätenstaates besteht darin, dass er außerstande ist, diese Gegensätze zu überwinden, dass jeder seiner Versuche - unter Beibehaltung des Privateigentums und der Klassenungleichheit -, die Nationen "gleichzustellen" und die nationalen Minderheiten "zu beschützen", gewöhnlich mit einem neuen Misserfolg, einer neuen Verschärfung der nationalen Konflikte endet.

 

4. Das weitere Wachstum des Kapitalismus in Europa, das Bedürfnis nach neuen Absatzmärkten, die Suche nach Roh- und Brennstoffen, schließlich die Entwicklung des Imperialismus, der Kapitalexport und die Notwendigkeit, sich die großen Seewege und Eisenbahnlinien zu sichern, führten einerseits zur Annexion neuer Territorien durch die alten Nationalstaaten und zu ihrer Verwandlung in Nationalitäten(Kolonial)staaten mit der ihnen eigenen nationalen Unterdrückung und mit nationalen Konflikten (England, Frankreich, Deutschland, Italien); anderseits verstärkten sie unter den herrschenden Nationen der alten Nationalitätenstaaten das Streben nicht nur nach Aufrechterhaltung der alten Staatsgrenzen, sondern auch nach ihrer Ausdehnung, nach Unterwerfung neuer (schwacher) Nationalitäten auf Kosten der Nachbarstaaten. Dadurch wurde die nationale Frage erweitert und schließlich durch den Gang der Dinge selbst mit der allgemeinen Frage der Kolonien verschmolzen; die nationale Unterdrückung wurde aus einer innerstaatlichen zu einer zwischenstaatlichen Frage, zur Frage des Kampfes (und des Krieges) der imperialistischen "Groß"mächte um die Unterwerfung der schwachen, nicht vollberechtigten Nationalitäten.

 

5. Der imperialistische Krieg, der die unversöhnlichen nationalen gegensätze und die innere Haltlosigkeit der bürgerlichen Nationalitätenstaaten bis auf die Wurzel aufdeckte, führte zur äußersten Verschärfung der nationalen Konflikte innerhalb der siegreichen Kolonialstaaten (England, Frankreich, Italien), zum völligen Zerfall der besiegten alten Nationalitätenstaaten (Österreich, Ungarn, Rußland von 1917) und schließlich - als "radikalste" Lösung der nationalen Frage durch die Bourgeoisie- zur Bildung neuer bürgerlicher Nationalstaaten (Polen, Tschechoslowakei, Jugoslawien, Finnland, Georgien, Armenien und andere). Die Bildung der neuen selbständigen Nationalstaaten führte aber nicht zum friedlichen Zusammenleben der Nationalitäten und konnte auch nicht dazu führen; sie beseitigte weder die nationale Ungleichheit noch die nationale Unterdrückung und konnte sie auch nicht beseitigen, denn die neuen Nationalstaaten, die auf Privateigentum und Klassenungleichheit beruhen, können nicht existieren.

 

a) ohne Unterdrückung ihrer eigenen nationalen Minderheiten (Polen unterdrückt die Bjelorussen, die Juden, die Litauer, die Ukrainer; Georgien unterdrückt die Osseten, die Abchasen, die Armenier; Jugoslawien unterdrückt die Kroaten, die Bosnier usw.);

 

b) ohne Erweiterung ihres Territoriums auf Kosten der Nachbarn, was Konflikte und Kriege hervorruft (Polen gegen Litauen, die Ukraine, Russland; Jugoslawien gegen Bulgarien; Georgien gegen Armenien, die Türkei usw.);

 

c) ohne finanzielle, ökonomische und militärische Unterordnung unter die imperialistischen "Groß"mächte.

 

6. So bietet die Nachkriegsperiode ein trostloses Bild nationaler Feindschaft, Ungleichheit, Unterdrückung, ein Bild von Konflikten, Kriegen, imperialistischen Bestialitäten der Nationen der zivilisierten Länder sowohl in ihren Beziehungen zueinander als auch zu den nicht vollberechtigten Völkern. Einerseits ein paar "Groß"mächte, die die gesamte Masse der abhängigen und "unabhängigen" (faktisch völlig abhängigen) Nationalstaaten unterdrücken und ausbeuten, und Kampf dieser Mächte untereinander um das Monopol der Ausbeutung der Nationalstaaten. Anderseits Kampf der Nationalstaaten, der abhängigen wie der "unabhängigen", gegen das unerträgliche Joch der "Groß"mächte; Kampf der Nationalstaaten untereinander um die Erweiterung ihres nationalen Territoriums; Kampf jedes einzelnen Nationalstaates gegen seine unterdrückten nationalen Minderheiten. Schließlich Verstärkung der Befreiungsbewegung der Kolonien gegen die "Groß"mächte und Verschärfung der nationalen Konflikte sowohl innerhalb dieser Mächte als auch innerhalb der Nationalstaaten, deren Staatsgefüge in der Regel eine Anzahl nationaler Minderheiten angehört.

Das ist das "Bild der Welt", das der imperialistische Krieg als Erbe hinterlassen hat.

Die bürgerliche Gesellschaft hat in der Lösung der nationalen Frage vollständig Bankrott gemacht.

II
SOWJETSYSTEM UND NATIONALE FREIHEIT

1. Bringen Privateigentum und Kapital die Menschen unweigerlich auseinander, entfachen sie nationale Zwietracht und verstärken sie die nationale Unterdrückung, so bringen Kollektiveigentum und Arbeit ebenso unweigerlich die Menschen einander näher, entziehen der nationalen Zwietracht den Boden und schaffen die nationale Unterdrückung aus der Welt. Der Kapitalismus kann ohne nationale Unterdrückung ebensowenig existieren, wie der Sozialismus ohne Befreiung der unterdrückten Nationen, ohne nationale Freiheit existieren kann. Chauvinismus und nationaler Hader sind unvermeidlich, unabwendbar, solange die Bauernschaft (und das Kleinbürgertum überhaupt), von nationalistischen Vorurteilen erfüllt, der Bourgeoisie folgt, und umgekehrt können nationale Eintracht und nationale Freiheit als gesichert gelten, wenn die Bauernschaft dem Proletariat folgt, das heißt, wenn die Diktatur des Proletariats gesichert ist. Der Sieg der Sowjets und die Errichtung der Diktatur des Proletariats bilden daher die grundlegende Voraussetzung für die Beseitigung der nationalen Unterdrückung, für die Herstellung der nationalen Gleichheit, für die Sicherung der Rechte der nationalen Minderheiten.

 

2. Die Erfahrungen der Sowjetrevolution bestätigen diese These vollauf. Die Errichtung der Sowjetordnung in Rußland und die Verkündung des Rechts der Nationen auf staatliche Lostrennung haben die Beziehungen zwischen den werktätigen Massen der Nationalitäten Rußlands umgewälzt, die alte nationale Feindschaft untergraben, der nationalen Unterdrückung den Boden entzogen und den russischen Arbeitern das Vertrauen ihrer Brüder aus anderen Nationalitäten nicht nur in Rußland, sondern auch in Europa und Asien erobert, haben dieses Vertrauen gesteigert bis zum Enthusiasmus, bis zu der Bereitschaft, für die gemeinsame Sache zu kämpfen. Die Bildung von Sowjetrepubliken in Aserbaidshan und Armenien zeitigte dieselben Resultate; sie beseitigte die nationalen Konflikte und schaffte die "Erb"feindschaft zwischen den türkischen und den armenischen, zwischen den armenischen und den aserbaidshanischen werktätigen Massen aus der Welt. Das gleiche gilt für den zeitweiligen Sieg der Räte in Ungarn, in Bayern, in Lettland. Anderseits kann man mit Bestimmtheit sagen, dass die russischen Arbeiter Koltschak und Denikin nicht hätten besiegen, dass die Aserbaidshanische und die Armenische Republik nicht fest hätten Fuß fassen können, wenn sie nicht bei sich zu Hause die nationale Feindschaft und die nationale Unterdrückung beseitigt hätten, wenn sie nicht des Vertrauens und der Begeisterung der werktätigen Massen der Nationalitäten des Westens und des Ostens sicher gewesen wären. Festigung der Sowjetrepubliken und Beseitigung der nationalen Unterdrückung bilden zwei Seiten eines und desselben Prozesses der Befreiung der Werktätigen aus der imperialistischen Knechtschaft.

 

3. Das Bestehen der Sowjetrepubliken, selbst der an Umfang unbedeutendsten, stellt aber für den Imperialismus eine tödliche Bedrohung dar. Diese Bedrohung besteht nicht nur darin, dass die Sowjetrepubliken nach ihrem Bruch mit dem Imperialismus sich aus Kolonien und Halbkolonien in wirklich selbständige Staaten verwandelt und dadurch den Imperialisten ein zusätzliches Stück Territorium und zusätzliche Einkünfte genommen haben, sondern vor allem darin, dass allein schon das Bestehen der Sowjetrepubliken, jeder Schritt dieser Republiken auf dem Wege zur Niederhaltung der Bourgeoisie und zur Festigung der Diktatur des Proletariats die stärkste Agitation gegen Kapitalismus und Imperialismus darstellt - eine Agitation für die Befreiung der abhängigen Länder aus der imperialistischen Knechtschaft und einen unüberwindlichen Faktor der Zersetzung und Desorganisation des Kapitalismus in allen seinen Formen. Daher die Unvermeidlichkeit des Kampfes der imperialistischen ",Groß"mächte gegen die Sowjetrepubliken, das Bestreben der "Groß"mächte, diese Republiken zu vernichten. Die Geschichte des Kampfes der "Groß"mächte gegen Sowjetrußland, die eine bürgerliche Randstaatenregierung nach der andern, eine Gruppe konterrevolutionärer Generale nach der andern gegen Sowjetrußland auf die Beine bringen, es unter einer strengen Blockade halten und überhaupt bemüht sind, es ökonomisch zu isolieren, zeugt bereits davon, dass angesichts der gegebenen internationalen Verhältnisse, in kapitalistischer Umkreisung, keine einzige Sowjetrepublik, einzeln genommen, sich vor wirtschaftlicher Erschöpfung und militärischer Zerschlagung durch den Weltimperialismus sicher fühlen kann.

 

4. Deshalb ist das isolierte Bestehen einzelner Sowjetrepubliken angesichts der Gefährdung ihrer Existenz durch die kapitalistischen Staaten labil, unsicher. Die gemeinsamen Interessen der Verteidigung der Sowjetrepubliken einerseits, die Aufgabe der Wiederherstellung der durch den Krieg zerstörten Produktivkräfte anderseits, sowie drittens die notwendige Unterstützung der getreidearmen Sowjetrepubliken mit Lebensmitteln durch die getreidereichen Sowjetrepubliken diktieren gebieterisch ein staatliches Bündnis der einzelnen Sowjetrepubliken als einzigen Weg der Rettung vor imperialistischer Knechtung und nationaler Unterdrückung. Befreit von ihrer "eigenen" und der "fremden" Bourgeoisie, können die nationalen Sowjetrepubliken ihre Existenz nur dann behaupten und die vereinigten Kräfte des Imperialismus nur dann besiegen, wenn sie sich zu einem fest gefügten Staatsverband vereinigen - oder sie werden überhaupt nicht siegen.

 

5. Eine Föderation der Sowjetrepubliken, begründet auf der Gemeinsamkeit des Heereswesens und der Wirtschaft, ist jene allgemeine Form des Staatsverbands, die es ermöglicht,

 

a) die Integrität und die wirtschaftliche Entwicklung sowohl der einzelnen Republiken als auch der ganzen Föderation zu sichern;

 

b) die ganze Mannigfaltigkeit der Lebensformen, der Kultur und des ökonomischen Zustands der verschiedenen Nationen und Völkerschaften, die auf verschiedenen Entwicklungsstufen stehen, zu umfassen und dementsprechend die eine oder andere Art der Föderation anzuwenden;

 

c) das friedliche Zusammenleben und die brüderliche Zusammenarbeit der Nationen und Völkerschaften zu gestalten, die ihr Schicksal auf die eine oder andere Weise mit dem Schicksal der Föderation verknüpft haben.

Die Erfahrungen, die Rußland mit der Anwendung verschiedener Arten der Föderation gemacht hat - Übergang von der auf Sowjetautonomie begründeten Föderation (Kirgisien, Baschkirien, Tatarien, die Bergvölker, Daghestan) zu der auf Vertragsbeziehungen mit unabhängigen Sowjetrepubliken begründeten Föderation (die Ukraine, Aserbaidshan) und Zulassung von Mittelstufen zwischen ihnen (Turkestan, Bjelorußland) - hat die ganze Zweckdienlichkeit und Elastizität der Föderation als der allgemeinen Form des Staatsverbands der Sowjetrepubliken vollauf bestätigt.

 

6. Die Föderation kann aber nur dann von Dauer und die Resultate der Föderierung können nur dann wirksam sein, wenn sie sich auf das gegenseitige Vertrauen und das freiwillige Einvernehmen der zu ihr gehörenden Länder stützt. Wenn die RSFSR das einzige Land der Welt ist, wo der Versuch des friedlichen Zusammenlebens und der brüderlichen Zusammenarbeit einer ganzen Reihe von Nationen und Völkerschaften geglückt ist, so deshalb, weil es hier weder herrschende noch unterworfene Nationalitäten, weder eine Metropole noch Kolonien, weder Imperialismus noch nationale Unterdrückung gibt - die Föderation beruht hier auf dem gegenseitigen Vertrauen und dem freiwilligen Bündnisbestreben der werktätigen Massen der verschiedenen Nationen. Dieser freiwillige Charakter der Föderation muss unbedingt auch künftighin beibehalten werden, denn nur eine solche Föderation kann die Übergangsform sein zu jener höheren Einheit der Werktätigen aller Länder in einer einheitlichen Weltwirtschaft, deren Notwendigkeit immer greifbarer wird.

III
DIE NÄCHSTEN AUFGABEN DER KPR

1. Die RSFSR und die mit ihr verbundenen Sowjetrepubliken haben eine Bevölkerung von etwa 140 Millionen. Von diesen sind etwa 65 Millionen Nichtgroßrussen (Ukrainer, Bjelorussen, Kirgisen, Usbeken, Turkmenen, Tadshiken, Aserbaidshaner, Wolgatataren, Krimtataren, Bucharen, Chiwaner, Baschkiren, Armenier, Tschetschenen, Kabardiner, Osseten, Tscherkessen, Inguschen, Karatschaier, Balkaren (Die zuletzt genannten sieben Völkerschaften werden zu der Gruppe der "Bergvölker" zusammengefasst.) , Kalmücken, Karelier, Awaren, Darginier, Kasikumuchen, Kjuriner, Kumücken (Die zuletzt genannten fünf Völkerschaften werden zu der Gruppe der "Daghestaner" zusammengefaßt.), Mari, Tschuwaschen, Wotjaken, Wolgadeutsche, Burjaten, Jakuten und andere).

Die Politik des Zarismus, die Politik der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie gegenüber diesen Völkern bestand darin, alle Ansätze zu einem Staatswesen bei ihnen zu ertöten, ihre Kultur zu verstümmeln, ihrer Sprache Beschränkungen aufzuerlegen, sie in Unwissenheit zu halten und sie schließlich nach Möglichkeit zu russifizieren. Das Ergebnis einer solchen Politik waren ein niedriges Entwicklungsniveau und politische Rückständigkeit dieser Völker.

Jetzt, da die Gutsbesitzer und die Bourgeoisie gestürzt sind und die Volksmassen auch in diesen Ländern die Sowjetmacht proklamiert haben, besteht die Aufgabe der Partei darin, den werktätigen Massen der nichtgroßrussischen Völker zu helfen, das vorangeschrittene Zentralrußland einzuholen, ihnen zu helfen,

 

a) im eigenen Lande das sowjetische Staatswesen in Formen zu entwickeln und zu festigen, die dem nationalen Gepräge dieser Völker entsprechen;

 

b) im eigenen Lande Gerichte, Verwaltungskörperschaften, Wirtschaftssorgane, Machtorgane aufzubauen, die sich der Muttersprache bedienen und aus Einheimischen zusammengesetzt sind, die die Lebensweise und die Mentalität der einheimischen Bevölkerung kennen;

 

c) im eigenen Lande Presse, Schulen, Theater, Klubs und überhaupt Kultur- und Bildungsstätten in der Muttersprache zu entwickeln.

 

2. Zieht man von den 65 Millionen nichtgroßrussischen Einwohnern die Bevölkerung der Ukraine, Bjelorußlands, eines unbedeutenden Teils von Aserbaidshan und schließlich Armeniens ab, die in diesem oder jenem Grade die Periode des Industriekapitalismus durchgemacht haben, so bleiben ungefähr 25 Millionen übrig - eine vorwiegend turkische Bevölkerung (Turkestan, der größere Teil Aserbaidshans, Daghestan, die Bergvölker, die Tataren, Baschkiren, Kirgisen und andere) -, die nicht dazu bekommen waren, die kapitalistische Entwicklung durchzumachen, die kein oder fast kein eigenes Industrieproletariat besitzen, in den meisten Fällen eine auf der Viehzucht beruhende Wirtschaft und die patriarchalische Gentilverfassung beibehalten haben (Kirgisien, Baschkirien, Nordkaukasus) oder über die primitiven Formen halbpatriarchalischer, halbfeudaler Lebensweise nicht hinausgekommen (Aserbaidshan, die Krim und andere), aber bereits in den allgemeinen Strom der Sowjetentwicklung einbezogen sind.

Die Aufgabe der Partei gegenüber den arbeitenden Massen dieser Völker besteht (abgesehen von der in Punkt 1 genannten Aufgabe) darin, ihnen zu helfen, die Überreste der patriarchalisch-feudalen Verhältnisse zu liquidieren und sich in den Aufbau der sowjetischen Wirtschaft auf der Grundlage der Sowjets der werktätigen Bauern einzuschalten. Das wird dadurch erreicht, dass man unter diesen Völkern starke kommunistische Organisationen schafft, die fähig sind, die von den russischen Arbeitern und Bauern beim Sowjet- und Wirtschaftsaufbau gemachten Erfahrungen zu verwerten, und die es verstehen, gleichzeitig in ihrer Aufbauarbeit alle Besonderheiten der konkreten ökonomischen Lage, der Klassenstruktur, der Kultur und der Lebensweise jeder einzelnen Nationalität zu berücksichtigen, ohne die ökonomischen Maßnahmen Zentralrußlands, die sich nur für eine andere, höhere Stufe wirtschaftlicher Entwicklung eignen, mechanisch auf sie zu übertragen.

 

3. Zieht man von den 25 Millionen der vorwiegend turkischen Einwohner die Bevölkerung Aserbaidshans, des größeren Teils Turkestans, die Tataren (Wolga- und Krimtataren), die Bevölkerung Bucharas, Chiwas, Daghestans, einen Teil der Bergvölker (Kabardiner, Tscherkessen, Balkaren) und einige andere Nationalitäten ab, die bereits sesshaft geworden sind und ein bestimmtes Territorium fest besetzt haben, so bleiben ungefähr 6 Millionen Kirgisen, Baschkiren, Tschetschenen, Osseten und Inguschen übrig, deren Ländereien bis in die letzte Zeit hinein als Kolonisationsobjekt für russische Siedler dienten, die bereits von dem besten Ackerland Besitz ergriffen haben und die einheimische Bevölkerung systematisch in unfruchtbare Wüsteneien verdrängen.

Die Politik des Zarismus, die Politik der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie bestand darin, in diesen Gebieten möglichst viele Kulakenelemente aus den Reihen der russischen Bauern und der Kosaken anzusiedeln und die letzteren in eine zuverlässige Stütze ihrer Großmachtbestrebungen zu verwandeln. Das Ergebnis dieser Politik war, dass die in die Einöde verdrängten Einheimischen (Kirgisen, Baschkiren) allmählich ausstarben.

Die Aufgabe der Partei gegenüber den arbeitenden Massen dieser Völkerschaften besteht (abgesehen von den in den Punkten 1 und 2 genannten Aufgaben) darin, deren Anstrengungen mit den Anstrengungen der arbeitenden Massen der örtlichen russischen Bevölkerung zu vereinigen im Kampf um die Befreiung von der Kulakenschaft im allgemeinen, von der raubgierigen großrussischen Kulakenschaft im besonderen, ihnen mit allen Kräften und mit allen Mitteln zu helfen, die kulakischen Kolonisatoren von sich abzuschütteln und ihnen auf diese Weise den für ein menschenwürdiges Dasein erforderlichen nutzbaren Boden zu sichern.

 

4. Außer den oben genannten Nationen und Völkerschaften, die eine bestimmte Klassenstruktur haben und ein bestimmtes Territorium bewohnen, gibt es in der RSFSR noch einzelne lose nationale Gruppen, nationale Minderheiten, die in kompakte Mehrheiten anderer Nationen eingesprenkelt sind und in den meisten Fällen weder eine bestimmte Klassenstruktur noch ein bestimmtes Territorium besitzen (Letten, Esten, Polen, Juden und andere nationale Minderheiten). Die Politik des Zarismus bestand darin, diese Minderheiten mit allen Mitteln - selbst Pogrome (Judenpogrome) nicht ausgenommen - auszutilgen.

Jetzt, da die nationalen Privilegien aufgehoben sind, die Gleichberechtigung der Nationen praktisch verwirklicht und das Recht der nationalen Minderheiten auf freie nationale Entwicklung durch den Charakter der Sowjetordnung selbst gewährleistet ist, besteht die Aufgabe der Partei gegenüber den arbeitenden Massen dieser nationalen Gruppen darin, ihnen zu helfen, von diesem ihnen gewährleisteten Recht auf freie Entwicklung voll und ganz Gebrauch zu machen.

 

5. Die kommunistischen Organisationen in den Randgebieten entwickeln sich unter etwas eigenartigen Verhältnissen, die das normale Wachstum der Partei in diesen Gebieten hemmen. Einerseits unterschätzen die in den Randgebieten arbeitenden großrussischen Kommunisten, die unter den Existenzbedingungen einer "Herrscher"nation aufgewachsen sind und keine nationale Unterdrückung erfahren haben, mitunter die Bedeutung, die die nationalen Besonderheiten für die Parteiarbeit haben, oder sie berücksichtigen sie überhaupt nicht, ziehen die Besonderheiten der Klassenstruktur, der Kultur, der Lebensweise, der historischen Vergangenheit der betreffenden Nationalität nicht in Betracht und vulgarisieren und verzerren somit die Politik der Partei in der nationalen Frage. Dieser Umstand führt zu einer Abweichung vom Kommunismus in der Richtung zur Großmachtkonzeption, zur Kolonisationspolitik, zum großrussischen Chauvinismus. Anderseits übertreiben die aus der einheimischen Bevölkerung stammenden Kommunisten, die die schwere Periode der nationalen Unterjochung miterlebt und sich von diesem Alpdruck noch nicht ganz befreit haben, mitunter die Bedeutung, die die nationalen Besonderheiten für die Parteiarbeit haben, und lassen somit die Klasseninteressen der Werktätigen zurücktreten, oder sie verwechseln einfach die Interessen der Werktätigen der betreffenden Nation mit den "gesamt-nationalen" Interessen der gleichen Nation, ohne zu verstehen, die einen von den anderen zu scheiden und die Parteiarbeit auf der Grundlage der ersteren aufzubauen. Dieser Umstand führt seinerseits zu einer Abweichung vom Kommunismus in der Richtung zum bürgerlich-demokratischen Nationalismus, der (im Osten) mitunter die Form des Panislamismus, des Panturkismus annimmt.

 

Der Panislamismus, eine religiös-politische Ideologie, predigt die Vereinigung aller sich zum Islam (der mohammedanischen Religion) bekennenden Völker zu einem einzigen Ganzen. Er war Ende des 19. Jahrhunderts unter den Ausbeuterklassen der Länder des Orients weit verbreitet und wurde von der Türkei ausgenutzt, um die Mohammedaner der ganzen Welt dem türkischen Sultan, als dem "Kalifen aller Rechtgläubigen", zu unterwerfen. W. I. Lenin betrachtete den Panislamismus als eine der Strömungen, die die "Befreiungsbewegung gegen den europäischen und amerikanischen Imperialismus mit einer Stärkung der Positionen der Khans, der Gutsbesitzer, Mullahs usw. verknüpfen" wollen (siehe W. I. Lenin, "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 127 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S.7741).
Der Panturkismus, der sich zum Ziel setzt, alle Turkvölker der türkischen Herrschaft zu unterwerfen, entstand in der Periode der Balkankriege (1912-1913). Während des Krieges von 1914 bis 1918 entwickelte er sich zu einer äußerst aggressiven und chauvinistischen Ideologie. In Rußland wurden der Panislamismus und der Panturkismus nach der sozialistischen Oktoberrevolution von den konterrevolutionären Elementen zum Kampf gegen die Sowjetmacht ausgenutzt.

 

 

Der Parteitag verurteilt entschieden diese beiden Abweichungen als für die Sache des Kommunismus schädlich und gefährlich und hält es für notwendig, auf die besondere Gefährlichkeit und Schädlichkeit der ersten Abweichung, der Abweichung in der Richtung zur Großmachtkonzeption, zur Kolonisationspolitik, hinzuweisen. Der Parteitag erinnert daran, dass es ohne die Überwindung der kolonisatorischen und nationalistischen Überreste in den Reihen der Partei unmöglich ist, in den Randgebieten feste und mit den Massen verbundene, wirklich kommunistische Organisationen zu schaffen, die in ihren Reihen die proletarischen Elemente der einheimischen und der russischen Bevölkerung auf dem Boden des Internationalismus zusammenschließen. Der Parteitag ist deshalb der Ansicht, dass die Liquidierung der nationalistischen und in erster Linie der kolonisatorischen Schwankungen innerhalb des Kommunismus eine der wichtigsten Aufgaben der Partei in den Randgebieten ist.

 

6. Im Zusammenhang mit den Erfolgen an den militärischen Fronten, besonders aber nach der Erledigung Wrangels, hat sich in einigen rück-ständigen Randgebieten, in denen es kein oder fast kein Industrieproletariat gibt, der Drang kleinbürgerlich-nationalistischer Elemente verstärkt, aus karrieristischen Gründen in die Partei einzutreten. In Anbetracht der Stellung der Partei als der faktisch regierenden Kraft geben sich diese Elemente gewöhnlich den Anstrich von Kommunisten und drängen mitunter in ganzen Gruppen in die Partei, in die sie den Geist eines schlecht verhüllten Chauvinismus, den Geist der Zersetzung tragen, wobei die Parteiorganisationen, die in den Randgebieten an sich schwach sind, nicht immer die Kraft aufbringen, der Versuchung zu widerstehen, die Partei durch neue Mitglieder "zu erweitern".

Der Parteitag ruft zum entschiedenen Kampf gegen alle pseudokommunistischen Elemente auf, die sich an die Partei des Proletariats anbiedern, und warnt die Partei vor einer "Erweiterung" durch kleinbürgerlich-nationalistische Intellektuellenelemente. Der Parteitag ist der Ansicht, dass die Partei in den Randgebieten hauptsächlich aus den Reihen der Proletarier, der Dorfarmut und der werktätigen Bauern dieser Randgebiete aufgefüllt werden muss, wobei gleichzeitig daran gearbeitet werden muss, die Parteiorganisationen der Randgebiete durch Verbesserung ihrer qualitativen Zusammensetzung zu festigen.

 

"Prawda" Nr. 29,
10. Februar 1921

 

 

 

 

 

DER X. PARTEITAG DER KPR(B

)

Der X. Parteitag der KPR(B) tagte vom 8. bis zum 16. März 1921. Der Parteitag behandelte die Berichte des ZK und der ZKK sowie die Referate über die Gewerkschaften und ihre Rolle im Wirtschaftsleben des Landes, über die Naturalsteuer, über den Parteiaufbau, über die nächsten Aufgaben der Partei in der nationalen Frage, über die Einheit der Partei und die anarcho-syndikalistische Abweichung und andere. W. I. Lenin erstattete den politischen Bericht des ZK und hielt die Referate über die Naturalsteuer sowie über die Einheit der Partei und die anarcho-syndikalistische Abweichung. Der Parteitag zog das Fazit der Diskussion über die Gewerkschaften und billigte mit erdrückender Stimmenmehrheit die Leninsche Plattform. In der von W. I. Lenin verfassten Resolution "Über die Einheit der Partei" verurteilte der Parteitag alle fraktionellen Gruppen, gab die strikte Anweisung, sie sofort aufzulösen, und wies darauf hin, dass die Einheit der Partei die Grundbedingung für den Erfolg der Diktatur des Proletariats ist. Der Parteitag nahm die von W. I. Lenin vorgeschlagene Resolution "Über die syndikalistische und anarchistische Abweichung in unserer Partei" an, in der er die sogenannte "Arbeiteropposition" verurteilte und die Propaganda der Ideen der anarcho-syndikalistischen Abweichung für unvereinbar erklärte mit der Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei. Der X. Parteitag beschloss den Übergang von der Ablieferungspflicht zur Naturalsteuer, den Übergang zur Neuen Ökonomischen Politik. J. W. Stalin hielt das Referat "Über die nächsten Aufgaben der Partei in der nationalen Frage" am 10. März. Der Parteitag nahm J. W. Stalins Thesen einstimmig als Grundlage an und wählte eine Kommission zu ihrer weiteren Ausarbeitung. Über die Ergebnisse der Arbeit der Kommission berichtete J. W. Stalin in der Abendsitzung vom 15. März. Die von J. W. Stalin im Namen der Kommission unterbreitete Resolution wurde vom Parteitag einstimmig angenommen. Der Parteitag verurteilte die parteifeindlichen Abweichungen in der nationalen Frage: den Großmachtchauvinismus (den großrussischen Chauvinismus) und den lokalen Nationalismus, als für den Kommunismus und den proletarischen Internationalismus schädlich und gefährlich. Der Parteitag führte den Hauptschlag gegen den Großmachtchauvinismus als gegen die Hauptgefahr. (Über den X. Parteitag der KPR(B) siehe "Geschichte der KPdSU(B), Kurzer Lehrgang", S.242-.246 [deutsche Ausgabe, Berlin 1951, S. 316-322]. Die Resolutionen des Parteitags siehe in "Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", Teil I, 1941, S. 356-395, russ.)

 

1. REFERAT ÜBER DIE NÄCHSTEN AUFGABEN
DER PARTEI IN DER NATIONALEN FRAGE

10. März

 

Bevor ich unmittelbar zu den nächsten konkreten Aufgaben der Partei in der nationalen Frage übergehe, ist es notwendig, zunächst einige Voraussetzungen festzuhalten, ohne die es unmöglich ist, die nationale Frage zu lösen. Diese Voraussetzungen betreffen die Entstehung der Nationen, den Ursprung der nationalen Unterdrückung, die Formen der nationalen Unterdrückung im Verlauf der historischen Entwicklung, ferner die Formen der Lösung der nationalen Frage in den verschiedenen Entwicklungsperioden.

Solcher Perioden gibt es drei.

Die erste Periode ist die Periode der Beseitigung des Feudalismus im Westen und des Sieges des Kapitalismus. Der Zusammenschluss der Menschen zu Nationen fällt in diese Periode. Ich meine Länder wie England (ohne Irland), Frankreich, Italien. Im Westen - in England, Frankreich, Italien und teilweise in Deutschland - fiel die Periode der Beseitigung des Feudalismus und des Zusammenschlusses der Menschen zu Nationen zeitlich im großen und ganzen mit der Periode der Entstehung von zentralisierten Staaten zusammen, so dass sich hier die Nationen bei ihrer Entwicklung in staatliche Formen hüllten. Da nun in diesen Staaten andere irgendwie beträchtliche nationale Gruppen nicht vorhanden waren, gab es hier auch keine nationale Unterdrückung.

Im Osten Europas dagegen fiel der Prozess der Bildung von Nationen und der Liquidierung der feudalen Zersplitterung zeitlich nicht mit dem Prozess der Bildung von zentralisierten Staaten zusammen. Ich meine Ungarn, Österreich, Rußland. In diesen Ländern gab es noch keine kapitalistische Entwicklung, diese hatte vielleicht erst ihren Anfang genommen, während anderseits die Interessen der Verteidigung gegen die Invasion der Türken, Mongolen und anderer Völker des Ostens die unverzügliche Bildung von zentralisierten Staaten erheischten, die fähig waren, dem Ansturm der Invasion standzuhalten. Da nun im Osten Europas der Prozess der Entstehung von zentralisierten Staaten schneller vor sich ging als der Prozess des Zusammenschlusses der Menschen zu Nationen, so bildeten sich hier gemischte Staaten, aus mehreren Völkern bestehend, die sich noch nicht zu Nationen formiert hatten, aber bereits in einem gemeinsamen Staat vereinigt waren.

Somit wird die erste Periode gekennzeichnet durch die Entstehung von Nationen in der Morgenröte des Kapitalismus, wobei im Westen Europas reine Nationalstaaten ohne nationale Unterdrückung entstehen, während im Osten Nationalitätenstaaten entstehen mit einer Nation, der stärker entwickelten, an der Spitze und anderen, weniger entwickelten Nationen, die in politischer und dann auch in ökonomischer Hinsicht der herrschenden Nation untergeordnet sind. Diese Nationalitätenstaaten des Ostens wurden zur Heimat der nationalen Unterdrückung, die nationale Konflikte, nationale Bewegungen, die nationale Frage und die verschiedenen Methoden der Lösung dieser Frage hervorbrachte.

Die zweite Periode in der Entwicklung der nationalen Unterdrückung und der Methoden ihrer Bekämpfung entspricht der Periode des Aufkommens des Imperialismus im Westen, da der Kapitalismus auf der Suche nach Absatzmärkten, nach Roh- und Brennstoffen und billigen Arbeitskräften, im Kampf um den Kapitalexport und um die Sicherung der großen Eisenbahnlinien und Seewege den Rahmen des Nationalstaates sprengt und sein Territorium auf Kosten der Nachbarn, der nahen wie der fernen, erweitert. In dieser zweiten Periode hören die alten Nationalstaaten des Westens - England, Italien, Frankreich - auf, Nationalstaaten zu sein, das heißt, sie verwandeln sich, infolge der Annexion neuer Territorien, in Nationalitätenstaaten, in Kolonialstaaten, und werden dadurch zum Schauplatz der gleichen nationalen und kolonialen Unterdrückung, die es im Osten Europas schon früher gab. Im Osten Europas ist diese Periode dadurch gekennzeichnet, dass die unterworfenen Nationen (Tschechen, Polen, Ukrainer) erwachen und erstarken, was im Ergebnis des imperialistischen Krieges zum Zerfall der alten bürgerlichen Nationalitätenstaaten und zur Bildung neuer Nationalstaaten geführt hat, die von den so genannten Großmächten geknechtet werden.

Die dritte Periode ist die Sowjetperiode, die Periode der Vernichtung des Kapitalismus und der Beseitigung der nationalen Unterdrückung, eine Periode, da die Frage: herrschende und unterworfene Nationen, Kolonien und Metropole, in das Archiv der Geschichte wandert, da wir es auf dem Territorium der RSFSR mit Nationen zu tun haben, die die gleichen Rechte auf Entwicklung besitzen, die aber infolge ihrer wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Rückständigkeit eine gewisse historisch ererbte Ungleichheit bewahrt haben. Das Wesen dieser nationalen Ungleichheit besteht darin, dass wir, kraft der geschichtlichen Entwicklung, von der Vergangenheit einen Erbteil übernommen haben, demzufolge eine Nation, nämlich die großrussische, in politischer und industrieller Hinsicht entwickelter ist als die anderen Nationen. Daher die faktische Ungleichheit, die nicht in einem Jahr überwunden werden kann, die aber überwunden werden muss durch die Gewährung wirtschaftlicher, politischer und kultureller Hilfe an die rückständigen Nationen und Völkerschaften.

Das sind die drei Entwicklungsperioden der nationalen Frage, wie sie an uns historisch vorübergezogen sind.

Die ersten beiden Perioden haben einen gemeinsamen Zug aufzuweisen. Dieser besteht darin, dass die Nationen in beiden Perioden Unterdrückung und Versklavung zu erdulden haben; infolgedessen geht der nationale Kampf weiter, bleibt die nationale Frage ungelöst. Aber es gibt auch einen Unterschied zwischen ihnen. Dieser besteht darin, dass die nationale Frage in der ersten Periode auf einzelne Nationalitätenstaaten beschränkt bleibt und nur wenige, hauptsächlich europäische Nationen erfasst, während die nationale Frage in der zweiten Periode aus einer innerstaatlichen zu einer zwischenstaatlichen Frage wird, zur Frage des Krieges zwischen den imperialistischen Staaten, eines Krieges mit dem Ziel, die nicht vollberechtigten Nationalitäten weiter in ihrer Macht zu behalten und neue Völkerschaften und Stämme außerhalb Europas ihrem Einfluss zu unterwerfen.

So verliert die nationale Frage, die früher nur in Kulturländern von Bedeutung war, in dieser Periode ihren isolierten Charakter und verschmilzt mit der allgemeinen Frage der Kolonien.

Die Entwicklung der nationalen Frage zur allgemeinen Kolonialfrage ist kein geschichtlicher Zufall. Diese Entwicklung erklärt sich erstens daraus, dass sich während des imperialistischen Krieges die imperialistischen Gruppen der kriegführenden Staaten selbst genötigt sahen, an die Kolonien zu appellieren, aus denen sie das Menschenmaterial zur Aufstellung von Armeen schöpften. Es steht außer Zweifel, dass dieser Prozess, der Prozess des unvermeidlichen Appellierens der Imperialisten an die rückständigen Völkerschaften der Kolonien, diese Stämme und Völkerschaften zur Befreiung, zum Kampf aufrütteln musste. Dann führte ein zweiter Faktor dazu, dass sich die nationale Frage ausdehnte und zu der all-gemeinen Kolonialfrage ausweitete, die den ganzen Erdball ergriffen hat, zuerst durch Fünkchen und dann durch Flammen der Befreiungsbewegung. Das war der Versuch der imperialistischen Gruppen, die Türkei aufzuteilen und ihrer staatlichen Existenz ein Ende zu machen. Die Türkei, die unter den mohammedanischen Völkern ein in staatlicher Hinsicht höher entwickeltes Land ist, konnte sich mit einer solchen Perspektive nicht abfinden, sie erhob das Banner des Kampfes und scharte die Völker des Ostens gegen den Imperialismus um sich. Der dritte Faktor ist die Entstehung Sowjetrußlands, das im Kampf gegen den Imperialismus eine Reihe von Erfolgen zu verzeichnen hatte und naturgemäß die unterdrückten Völker des Ostens mit Begeisterung erfüllt, sie wachgerüttelt, sie zum Kampf angespornt und dadurch die Herstellung einer gemeinsamen Front der unterdrückten Nationen von Irland bis Indien ermöglicht hat.

Das sind all die Faktoren, die im zweiten Entwicklungsstadium der nationalen Unterdrückung bewirkt haben, dass die bürgerliche Gesellschaft die nationale Frage nicht nur nicht gelöst, nicht nur keinen Frieden zwischen den Völkern herbeigeführt, sondern, im Gegenteil, den Funken des nationalen Kampfes zur Flamme des Kampfes der unterjochten Völker, der Kolonien und Halbkolonien gegen den Weltimperialismus entfacht hat.

Offensichtlich ist das einzige Regime, das imstande ist, die nationale Frage zu lösen, das heißt das Regime, das die Bedingungen für das friedliche Zusammenleben und die brüderliche Zusammenarbeit verschiedener Nationen und Volksstämme zu schaffen vermag, das Regime der Sowjetmacht, das Regime der Diktatur des Proletariats.

Es bedarf wohl kaum des Beweises, dass die Gleichberechtigung der Nationen nicht gewährleistet werden kann, solange das Kapital herrscht, solange Privateigentum an den Produktionsmitteln besteht und solange es Klassen gibt; dass es eine Gleichberechtigung der Nationen ebensowenig geben kann wie eine Zusammenarbeit zwischen den arbeitenden Massen der Nationen, solange die Macht des Kapitals fortbesteht, solange um den Besitz der Produktionsmittel gekämpft wird. Die Geschichte besagt, dass das einzige Mittel zur Vernichtung der nationalen Nichtgleichberechtigung, das einzige Mittel zur Errichtung eines Regimes brüderlicher Zusammenarbeit der werktätigen Massen der unterdrückten wie der nichtunterdrückten Völker die Liquidierung des Kapitalismus und die Errichtung der Sowjetordnung ist.

Wie die Geschichte ferner gezeigt hat, können einzelne Völker, auch wenn es ihnen gelingt, sich von ihrer eigenen nationalen Bourgeoisie sowie von der "fremden" Bourgeoisie zu befreien, das heißt, auch wenn sie im eigenen Lande die Sowjetordnung errichtet haben, solange der Imperialismus besteht, kein Einzeldasein führen und einzeln ihre Existenz nicht erfolgreich verteidigen ohne die wirtschaftliche und militärische Unterstützung durch die benachbarten Sowjetrepubliken. Ungarn ist ein beredtes Beispiel dafür, dass es ohne einen Staatsverband der Sowjetrepubliken, ohne deren Zusammenschluss zu einer einheitlichen militärischen und wirtschaftlichen Macht unmöglich ist, den vereinigten Kräften des Weltimperialismus an den militärischen wie an den wirtschaftlichen Fronten standzuhalten.

Die Föderation der Sowjetrepubliken ist die gesuchte Form des Staatsverbands, deren lebendige Verkörperung die RSFSR ist.

Genossen, das sind die Voraussetzungen, über die ich hier zuerst sprechen wollte, um nunmehr die Notwendigkeit bestimmter Schritte unserer Partei bei der Lösung der nationalen Frage im Rahmen der RSFSR zu begründen.

Obwohl das Sowjetregime in Rußland und in den mit Rußland verbundenen Republiken weder herrschende noch rechtlose Nationen, weder eine Metropole noch Kolonien, weder Ausgebeutete noch Ausbeuter kennt, gibt es dennoch eine nationale Frage in Rußland. In der RSFSR besteht das Wesen der nationalen Frage darin, die faktische (wirtschaftliche, politische, kulturelle) Rückständigkeit einiger Nationen zu beseitigen, die sie von der Vergangenheit geerbt haben, damit den rück-ständigen Völkern die Möglichkeit gegeben wird, Zentralrußland sowohl in staatlicher als auch in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht einzuholen.

Unter dem alten Regime strebte die Zarenmacht nicht danach und konnte nicht danach streben, in der Ukraine, in Aserbaidshan, in Turkestan und anderen Randgebieten ein Staatswesen zu entwickeln; sie bekämpfte die Entwicklung eines Staatswesens in den Randgebieten ebenso wie deren kulturelle Entwicklung; sie war bestrebt, die einheimische Bevölkerung gewaltsam zu assimilieren.

Ferner hatte der alte Staat, hatten die Gutsbesitzer und Kapitalisten derart niedergedrückte Völkerschaften als Erbe hinterlassen wie die Kirgisen, Tschetschenen, Osseten, deren Ländereien von den Kosaken- und Kulakenelementen Rußlands kolonisiert wurden. Diese Völkerschaften waren zu unsagbaren Leiden und zum Aussterben verurteilt.

Ferner hat die Stellung der großrussischen Nation, die die herrschende Nation war, Spuren ihres Einflusses sogar bei den russischen Kommunisten hinterlassen, die es nicht verstehen oder nicht willens sind, den arbeitenden Massen der einheimischen Bevölkerung näher zukommen, auf ihre Nöte einzugehen und ihnen zu helfen, aus der Rückständigkeit und Kulturlosigkeit herauszukommen. Ich spreche von den nicht zahlreichen Gruppen russischer Kommunisten, die in ihrer Arbeit die Besonderheiten der Lebensweise und der Kultur in den Randgebieten ignorieren und zuweilen nach der Seite des russischen Großmachtchauvinismus hin abweichen.

Ferner ist die Lage der nichtrussischen Nationalitäten, die die nationale Unterdrückung durchgemacht haben, nicht ohne Einfluss auf die ein-heimischen Kommunisten geblieben, die zuweilen die Klasseninteressen der werktätigen Massen ihres Volkes nicht von den so genannten "gesamtnationalen" Interessen zu unterscheiden verstehen. Ich meine die Abweichung nach der Seite des lokalen Nationalismus hin, die zuweilen in den Reihen der nichtrussischen Kommunisten zu beobachten ist und die sich im Osten zum Beispiel im Panislamismus, im Panturkismus äußert.

Schließlich ist es notwendig, die Kirgisen, die Baschkiren und gewisse Stämme der Bergvölker vor dem Aussterben zu retten und ihnen auf Kosten der kulakischen Kolonisatoren den nötigen Grund und Boden zuzuteilen.

Das sind die Fragen und Aufgaben, die zusammen das Wesen der nationalen Frage in unserem Lande ausmachen.

Nachdem ich diese nächsten Aufgaben der Partei in der nationalen Frage geschildert habe, möchte ich zu der allgemeinen Aufgabe übergehen, zu der Aufgabe, unsere kommunistische Politik in den Randgebieten jenen besonderen Bedingungen der Wirtschaftsverfassung anzupassen, wie wir sie hauptsächlich im Osten antreffen.

Es handelt sich darum, dass eine ganze Reihe, hauptsächlich turkischer, Völkerschaften - sie zählen ungefähr 25 Millionen Menschen - die Periode des Industriekapitalismus nicht durchgemacht haben, noch nicht dazu gekommen waren, sie durchzumachen, und deshalb kein oder fast kein Industrieproletariat aufzuweisen haben, so dass sie von primitivsten Formen der Wirtschaft zum Stadium der sowjetischen Wirtschaft übergehen und den Industriekapitalismus überspringen müssen. Um diese schwere, aber keineswegs unmögliche Operation vorzunehmen, müssen alle Besonderheiten der ökonomischen Verfassung, ja selbst der historischen Vergangenheit, der Lebensweise und der Kultur dieser Völkerschaften berücksichtigt werden. Es wäre undenkbar und gefährlich, auf das Territorium dieser Völkerschaften die Maßnahmen zu übertragen, die hier, im Zentrum Rußlands, Geltung und Bedeutung hatten. Es ist klar, dass bei der Durchführung der Wirtschaftspolitik der RSFSR unbedingt alle jene Besonderheiten der ökonomischen Verfassung, der Klassenstruktur, der historischen Vergangenheit in Betracht gezogen werden müssen, die wir in diesen Randgebieten angetroffen haben. Ich spreche schon gar nicht von der Beseitigung solcher Widersinnigkeiten wie zum Beispiel der Forderung des Volkskommissariats für Ernährungswesen, auf dem Wege der Ablieferungspflicht Schweine in Kirgisien einzutreiben, wo die mohammedanische Bevölkerung niemals Schweine gehalten hat. Aus diesem Beispiel kann man ersehen, wie wenig manche den Besonderheiten der Lebensweise, die dem ersten besten Reisenden auffallen, Rechnung tragen wollen.

 

Soeben hat man mir einen Zettel überreicht mit der Bitte, auf die Artikel des Genossen Tschitscherin zu antworten. Genossen, ich bin der Meinung, dass Tschitscherins Artikel, die ich aufmerksam gelesen habe, nichts weiter als Literatengeschreibsel sind. Sie enthalten vier Fehler oder Missverständnisse.

Erstens ist Genosse Tschitscherin geneigt, die Gegensätze zwischen den imperialistischen Staaten zu leugnen, indem er die internationale Vereinigung der Imperialisten überschätzt, dagegen die inneren Gegensätze zwischen den imperialistischen Gruppen und Staaten, die fortbestehen und zum Kriege führen (Frankreich, Amerika, England, Japan und andere), übersieht und unterschätzt. Er hat das Moment der Vereinigung der imperialistischen Spitzen überschätzt und die Gegensätze unterschätzt, die innerhalb dieses "Trusts" bestehen. Diese Gegensätze sind aber da, und auf sie stützt sich die Tätigkeit des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten.

Dann begeht Genosse Tschitscherin einen zweiten Fehler. Er unterschätzt die Gegensätze zwischen den herrschenden Großmächten und den unlängst entstandenen Nationalstaaten (der Tschechoslowakei, Polen, Finnland und anderen), die finanziell und militärisch von diesen Großmächten abhängig sind. Genosse Tschitscherin hat völlig außer acht gelassen, dass trotz oder, richtiger, infolge der Unterordnung dieser Nationalstaaten unter die Großmächte Gegensätze zwischen den Großmächten und diesen Staaten bestehen, die zum Beispiel bei den Verhandlungen mit Polen, Estland und anderen in Erscheinung getreten sind. Das Bestehen des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten hat ja gerade den Sinn, alle diese Gegensätze in Rechnung zu ziehen, sich auf sie zu stützen, im Rahmen dieser Gegensätze zu lavieren. Es ist höchst erstaunlich, dass Genosse Tschitscherin dieses Moment unterschätzt hat.

Der dritte Fehler des Genossen Tschitscherin besteht darin, dass er allzuviel von der nationalen Selbstbestimmung redet, die tatsächlich zu einer leeren Losung geworden ist, zu einer bequemen Ausflucht für die Imperialisten. Genosse Tschitscherin hat seltsamerweise vergessen, dass wir diese Losung schon vor zwei Jahren haben fallenlassen. Diese Losung steht nicht mehr in unserem Programm. Wir sprechen in unserem Programm nicht von der nationalen Selbstbestimmung - die eine gänzlich verschwommene Losung ist -, sondern von einer schärfer geprägten und eindeutig definierten Losung - vom Recht der Völker auf staatliche Lostrennung. Das sind zwei verschiedene Dinge. Merkwürdigerweise lässt Genosse Tschitscherin dieses Moment in seinen Artikeln außer acht; daher gleichen alle seine Einwände gegen die Losung, die zu einer verschwommenen Losung geworden ist, einem blinden Schuss, denn weder in meinen Thesen noch im Programm der Partei wird auch nur mit einem Wort die "Selbstbestimmung" erwähnt. Dort ist nur vom Recht der Völker auf staatliche Lostrennung die Rede. Diese Losung aber ist für uns im gegenwärtigen Moment, da die Befreiungsbewegung in den Kolonien um sich greift, eine revolutionäre Losung. Da die Sowjetstaaten sich nach dem Grundsatz der Freiwilligkeit zu einer Föderation vereinigen, machen die zur RSFSR gehörenden Völker aus eigenem Willensentschluss vom Recht auf Lostrennung keinen Gebrauch. Wenn es sich aber um Kolonien handelt, die von England, Frankreich, Amerika, Japan unterjocht werden, wenn wir es mit unterworfenen Ländern zu tun haben wie Arabien, Mesopotamien, der Türkei, Hindostan, das heißt Ländern, die Kolonien oder Halbkolonien sind, dann ist das Recht der Völker auf Lostrennung eine revolutionäre Losung, und ein Verzicht auf sie würde bedeuten, den Imperialisten in die Hände zu arbeiten.

Das vierte Missverständnis besteht darin, dass die Artikel des Genossen Tschitscherin keinerlei praktische Fingerzeige enthalten. Es ist natürlich ein leichtes, Artikel zu schreiben; um sie aber betiteln zu können: "Gegen die Thesen des Genossen Stalin", muss man etwas Ernsthaftes vorbringen, und seien es auch nur praktische Gegenvorschläge. Indessen habe ich in seinen Artikeln nicht einen einzigen praktischen Vorschlag gefunden, auf den es sich einzugehen verlohnte.

 

Ich komme zum Schluss, Genossen. Wir sind zu folgenden Ergebnissen gelangt. Die bürgerliche Gesellschaft hat sich nicht nur als unfähig erwiesen, die nationale Frage zu lösen, sondern hat, im Gegenteil, bei ihren Versuchen, sie "zu lösen", die nationale Frage zur Kolonialfrage ausgeweitet und eine neue Front gegen sich geschaffen, die von Irland bis Hindostan reicht. Der einzige Staat, der die nationale Frage anzupacken und zu lösen vermag, ist der Staat, der auf dem Kollektiveigentum an den Produktionsmitteln und -instrumenten beruht - der Sowjetstaat. Im föderativen Sowjetstaat gibt es weder unterdrückte noch herrschende Nationen mehr, die nationale Unterdrückung ist beseitigt, aber infolge der von der alten bürgerlichen Ordnung ererbten faktischen (kulturellen, wirtschaftlichen, politischen) Ungleichheit zwischen den kulturell höher- und den kulturell tieferstehenden Nationen nimmt die nationale Frage eine Form an, die besondere Maßnahmen erheischt, damit den arbeitenden Massen der rückständigen Nationen und Völkerschaften das wirtschaftliche, politische und kulturelle Vorwärtskommen erleichtert, damit ihnen die Möglichkeit gegeben wird, das vorangeschrittene - proletarische - Zentralrußland einzuholen. Hieraus ergeben sich die praktischen Vorschläge, die der dritte Abschnitt der von mir vorgelegten Thesen zur nationalen Frage enthält. (Beifall.)

 

 

2. SCHLUSSWORT

10. März

 

Genossen! Am bezeichnendsten für die Diskussion dieses Parteitags über die nationale Frage ist, dass wir von Deklarationen in der nationalen Frage, auf dem Wege über die administrative Neueinteilung Rußlands, dazu übergegangen sind, die Frage praktisch anzupacken. Zu Beginn der Oktoberrevolution beschränkten wir uns darauf, die Rechte der Völker auf Lostrennung zu deklarieren. In den Jahren 1918 und 1920 ging unsere Arbeit dahin, eine administrative Neueinteilung Rußlands nach den nationalen Merkmalen durchzuführen im Interesse der Annäherung der arbeitenden Massen der rückständigen Völker und des Proletariats Rußlands. Jetzt aber, auf diesem Parteitag, packen wir die Frage rein praktisch an: Welche Politik muss die Partei gegenüber den arbeitenden Massen und den kleinbürgerlichen Elementen in den autonomen Gebieten und unabhängigen Republiken, die mit Rußland verbunden sind, betreiben? Deshalb hat mich die Erklärung Satonskis, die Ihnen vorgelegten Thesen seien abstrakter Natur, überrascht. Ich habe seine eigenen Thesen in der Hand, die er aus irgendeinem Grunde nicht dem Parteitag zur Beachtung unterbreitet hat, in denen ich keinen einzigen Vorschlag praktischer Natur habe finden können, buchstäblich keinen einzigen, allerdings mit Ausnahme des einen Vorschlags, man solle die Bezeichnung "RSFSR" durch das Wort "Osteuropäische" und das Wort "Rußlands" durch "Russische" beziehungsweise "Großrussische" ersetzen. Andere praktische Vorschläge habe ich in diesen Thesen nicht gefunden.

Nun zur nächsten Frage.

Ich muss sagen, dass ich von den Delegierten, die hier aufgetreten sind, mehr erwartet hätte. In Rußland gibt es zweiundzwanzig Randgebiete; einige dieser Randgebiete sind in hohem Grade von der industriellen Entwicklung erfasst und unterscheiden sich in industrieller Hinsicht nur wenig von Zentralrußland; andere haben das Stadium des Kapitalismus nicht durchgemacht und unterscheiden sich grundlegend von Zentralrußland, wieder andere sind völlig zurückgeblieben. Es ist unmöglich, diese ganze Verschiedenartigkeit der Randgebiete in allen ihren konkreten Formen in Thesen zu erfassen. Man kann nicht verlangen, dass Thesen, die für die ganze Partei in ihrer Gesamtheit von Bedeutung sind, nur auf Turkestan, nur auf Aserbaidshan oder nur auf die Ukraine zugeschnitten sein sollen. Es gilt, die allen Randgebieten gemeinsamen Charakterzüge zu erfassen, sie in die Thesen aufzunehmen und von Einzelheiten abzusehen. Andere Methoden zur Abfassung von Thesen gibt es nun einmal nicht.

Die nichtgroßrussischen Nationen müssen in mehrere Gruppen eingeteilt werden, wie das in den Thesen auch geschehen ist. Die nichtrussischen Nationen zählen etwa 65 Millionen Menschen. Der allen diesen nicht-russischen Nationen gemeinsame Zug besteht darin, dass sie in der Entwicklung ihres Staatswesens hinter Zentralrußland zurückgeblieben sind. Unsere Aufgabe ist es, alle Kräfte aufzubieten, um diesen Nationen, ihren proletarischen, ihren arbeitenden Elementen zu helfen, in ihrem Lande das sowjetische staatliche Leben in ihrer Muttersprache zu entwickeln. Dieses Gemeinsame ist in den Thesen, in ihrem praktischen Teil festgehalten.

Weiter, wollte man die Besonderheiten der Randgebiete näher konkretisieren, so müsste man aus der Gesamtsumme der etwa 65 Millionen Angehörigen nichtrussischer Nationalität ungefähr 25 Millionen Angehörige von Turkvölkern ausscheiden, die den Kapitalismus nicht durchgemacht haben. Genosse Mikojan hat Unrecht, wenn er sagt, Aserbaidshan stehe in mancher Hinsicht höher als die russischen Provinzen. Er verwechselt offenbar Baku mit Aserbaidshan. Baku ist nicht aus dem Schoße Aserbaidshans hervorgewachsen, sondern ihm durch die Nobel, Rothschild, Whishaw und andere von oben aufgepfropft worden. Was Aserbaidshan selbst betrifft, so ist es ein Land der rückständigsten patriarchalisch-feudalen Verhältnisse. Deshalb rechne ich Aserbaidshan als Ganzes zur Gruppe derjenigen Randgebiete, die den Kapitalismus nicht durchgemacht haben und denen gegenüber Methoden angewendet werden müssen, die ihrer Eigenart entsprechen, damit diese Randgebiete auf die Bahnen der Sowjetwirtschaft gelenkt werden. Darüber wird in den Thesen gesprochen.

Ferner gibt es eine dritte Gruppe, die höchstens 6 Millionen Menschen umfasst - vorwiegend Viehzucht treibende Stämme, in denen die Gentilverfassung noch lebendig ist und die noch nicht zum Ackerbau übergegangen sind. Das sind in der Hauptsache die Kirgisen, der nördliche Teil Turkestans, die Baschkiren, Tschetschenen, Osseten und Inguschen. Dieser Gruppe von Nationalitäten muss vor allen Dingen Boden zugeteilt werden. Hier sind die Kirgisen und Baschkiren nicht zu Wort gekommen, die Diskussion wurde geschlossen. Sie hätten noch mehr davon erzählen können, welche Qualen das baschkirische Hochland, Kirgisien und die Bergvölker erdulden, die aussterben, weil sie keinen Boden haben. Was aber Safarow zu dieser Frage gesagt hat, betrifft nur eine Bevölkerungsgruppe von 6 Millionen. Deshalb ist es undenkbar, die praktischen Vorschläge Safarow auf alle Randgebiete auszudehnen, denn für den übrigen Teil der nichtrussischen Nationalitäten - und zu ihnen gehören etwa 60 Millionen Menschen - haben diese Abänderungsanträge keinerlei Bedeutung. Das ist der Grund, weshalb ich, ohne mich gegen die von Safarow beantragten und bestimmte Nationalitätengruppen betreffenden Konkretisierungen, Ergänzungen und Verbesserungen zu einzelnen Punkten zu wenden, betonen muss, dass diese Abänderungsanträge nicht verallgemeinert werden dürfen. Ferner muss ich zu einem Abänderungsantrag Safarows eine Bemerkung machen. In einem seiner Abänderungsanträge ist ihm ein Satz von der "national-kulturellen Selbstbestimmung" unterlaufen:

"Vor der Oktoberrevolution", heißt es dort, "waren die kolonialen und Halbkolonialen Völker der östlichen Randgebiete Rußlands infolge der imperialistischen Politik jedweder Möglichkeit beraubt, der kulturellen Errungenschaften der kapitalistischen Zivilisation auf dem Wege ihrer eigenen national-kulturellen Selbstbestimmung, der Bildungsarbeit in ihrer Muttersprache teilhaftig zu werden" usw.

Ich muss sagen, dass ich diesen Abänderungsantrag nicht annehmen kann, denn er hat einen bundistischen Beigeschmack. National-kulturelle Selbstbestimmung ist eine bundistische Formulierung. Wir haben die nebelhaften Losungen der Selbstbestimmung längst fallenlassen, sie dürfen nicht wieder aufgenommen werden. Außerdem stellt dieser ganze Satz ein höchst unnatürliches Wortgefüge dar.

Ich habe hier ferner einen Zettel, auf dem es heißt, dass wir Kommunisten die bjelorussische Nationalität angeblich künstlich züchten. Das trifft nicht zu, denn die bjelorussische Nation existiert, sie besitzt ihre, sich von der russischen unterscheidende Sprache, so dass man die Kultur des bjelorussischen Volkes nur in dessen eigener Sprache heben kann. Die gleichen Reden konnte man vor etwa fünf Jahren über die Ukraine, über die ukrainische Nation hören. Und noch vor kurzem wurde behauptet, die ukrainische Republik und die ukrainische Nation seien eine Erfindung der Deutschen. Indessen ist es klar, dass die ukrainische Nation existiert, und es ist die Pflicht der Kommunisten, deren Kultur zu entwickeln. Man kann nicht gegen die Geschichte anrennen. Es ist klar: Wenn auch in den Städten der Ukraine bis jetzt noch die russischen Elemente überwiegen, so werden doch. diese Städte im Laufe der Zeit unvermeidlich ukrainisiert werden. Vor etwa vierzig Jahren war Riga eine deutsche Stadt, da aber die Städte auf Kosten der Dörfer wachsen und das Dorf der Hort der Nationalität ist, so ist Riga jetzt eine rein lettische Stadt. Vor etwa fünfzig Jahren trugen alle Städte Ungarns deutschen Charakter, jetzt sind sie madjarisiert. Dasselbe wird mit Bjelorußland geschehen, in dessen Städten immer noch die Nichtbjelorussen überwiegen.

Am Ende. meines Schlussworts schlage ich dem Parteitag vor, eine aus Vertretern. der verschiedenen Gebiete bestehende Kommission zu wählen, um diejenigen praktischen Vorschläge der Thesen, die alle unsere Randgebiete interessieren, weiter zu konkretisieren. (Beifall.)

 

 

ZUR BEHANDLUNG DER NATIONALEN FRAGE

Die Art und Weise, wie die Kommunisten die nationale Frage anpacken, unterscheidet sich wesentlich von der Fragestellung der Politiker der II. Internationale und der Internationale II½

Die Internationale IIA - "Internationale Arbeitervereinigung sozialistischer Parteien" - wurde im Februar 1921 in Wien auf der Gründungskonferenz von den zentristischen Parteien und Gruppen gebildet, die unter dem Druck der revolutionär gesinnten Arbeitermassen zeitweilig aus der II. Internationale ausgeschieden waren. Die Führer der Internationale II½ (F. Adler, O. Bauer, L. Martow und andere), die in Worten die II. Internationale kritisierten, trieben in Wirklichkeit in allen wichtigsten Fragen der proletarischen Bewegung eine opportunistische Politik und waren bestrebt, die geschaffene Vereinigung auszunutzen, um dem wachsenden Einfluss der Kommunisten auf die Arbeitermassen entgegenzuwirken. Im Jahre 1923 vereinigte sich die Internationale II½ wieder mit der II. Internationale. sowie aller und jedweder "sozialistischen", "sozialdemokratischen", menschewistischen, sozialrevolutionären und ähnlichen Parteien.

Besonders wichtig sind vier grundlegende Momente, da sie die neue Art und Weise, die nationale Frage anzupacken, am besten charakterisieren und zwischen der alten und der neuen Auffassung der nationalen Frage einen Grenzstrich ziehen.

Das erste Moment ist die Verschmelzung der nationalen Frage als einer Teilfrage mit der allgemeinen Frage der Befreiung der Kolonien als Gesamtfrage. In der Epoche der II. Internationale beschränkte sich die nationale Frage gewöhnlich auf einen engen Kreis von Fragen, die ausschließlich die "zivilisierten" Nationen betrafen. Die Iren, Tschechen, Polen, Finnen, Serben, Armenier, Juden und einige andere Nationalitäten Europas - das war der Kreis der nicht vollberechtigten Nationen, für deren Schicksal sich die II. Internationale interessierte. Die nach Dutzenden und Hunderten von Millionen zählenden asiatischen und afrikanischen Völker, die unter der nationalen Unterdrückung in ihrer brutalsten und grausamsten Form leiden, blieben gewöhnlich außerhalb des Gesichtsfeldes der "Sozialisten". Weiße und Farbige, die "unzivilisierten" Neger und die "zivilisierten" Iren, die "rückständigen" Inder und die "aufgeklärten" Polen in eine Reihe zu stellen, getraute man sich nicht.

Es wurde stillschweigend vorausgesetzt, dass, wenn man schon für die Befreiung der nicht vollberechtigten europäischen Nationen kämpfen müsse, es sich für "anständige Sozialisten" keineswegs gezieme, von der Befreiung der für die "Erhaltung" der "Zivilisation" "unentbehrlichen" Kolonien ernstlich zu reden. Diese, mit Verlaub zu sagen, Sozialisten dachten nicht einmal daran, dass die Beseitigung der nationalen Unterdrückung in Europa undenkbar ist ohne die Befreiung der Kolonialvölker Asiens und Afrikas vom Joch des Imperialismus, dass das eine mit dem andern organisch verbunden ist. Die Kommunisten haben als erste den Zusammenhang der nationalen Frage mit der Frage der Kolonien aufgedeckt, ihn theoretisch begründet und ihrer revolutionären Praxis zugrunde gelegt. Dadurch wurde die Scheidewand zwischen den Weißen und den Farbigen, zwischen den "zivilisierten" und den "unzivilisierten" Sklaven des Imperialismus niedergerissen. Dieser Umstand war eine erhebliche Erleichterung für die Koordinierung des Kampfes der rückständigen Kolonien mit dem Kampf des fortgeschrittenen Proletariats gegen den gemeinsamen Feind, gegen den Imperialismus.

Das zweite Moment ist die Ersetzung der verschwommenen Losung des Rechts der Nationen auf Selbstbestimmung durch die klare revolutionäre Losung des Rechts der Nationen und der Kolonien auf staatliche Lostrennung, auf Bildung eines selbständigen Staates. Wenn die Politiker der II. Internationale von Selbstbestimmungsrecht sprachen, pflegten sie kein Sterbenswörtchen über das Recht auf staatliche Lostrennung zu verlieren; das Recht auf Selbstbestimmung wurde bestenfalls als das Recht auf Autonomie im allgemeinen ausgelegt. Die "Fachleute" in der nationalen Frage, Springer und Bauer, gingen sogar so weit, dass sie aus dem Selbstbestimmungsrecht ein Recht der unterdrückten Nationen Europas auf kulturelle Autonomie machten, das heißt das Recht, ihre eigenen Kultureinrichtungen zu besitzen, unter Belassung der gesamten politischen (und ökonomischen) Macht in den Händen der herrschenden Nation. Mit anderen Worten, das Recht der nicht vollberechtigten Nationen auf Selbstbestimmung wurde in das Vorrecht der herrschenden Nationen auf den Besitz der politischen Macht verwandelt, wobei die Frage der staatlichen Lostrennung ausgeschaltet wurde. Der ideologische Führer der II. Internationale, Kautsky, schloss sich in der Hauptsache dieser im Grunde genommen imperialistischen Auslegung der Selbstbestimmung durch Springer und Bauer an. Kein Wunder, dass die Imperialisten, die diese ihnen so genehme Eigenart der Selbstbestimmungslosung erfassten, sie zu ihrer eigenen Losung erklärten. Bekanntlich wurde der imperialistische Krieg, der das Ziel verfolgte, die Völker zu versklaven, unter der Flagge der Selbstbestimmung geführt. So wurde die verschwommene Losung der Selbstbestimmung aus einem Werkzeug der Befreiung der Nationen, der Gleichberechtigung der Nationen, in ein Werkzeug der Gefügigmachung der Nationen verwandelt, in ein Werkzeug, mit dem die Nationen in der Botmäßigkeit des Imperialismus gehalten werden sollen. Der Gang der Dinge in der ganzen Welt während der letzten Jahre, die Logik der Revolution in Europa, schließlich das Anwachsen der Befreiungsbewegung in den Kolonien erheischten es, dass diese reaktionär gewordene Losung verworfen und durch eine andere, eine revolutionäre Losung ersetzt wurde, geeignet, die Atmosphäre des Misstrauens der werktätigen Massen der nicht vollberechtigten Nationen gegenüber den Proletariern der herrschenden Nationen zu zerstreuen, geeignet, den Weg zur Gleichberechtigung der Nationen und zur Einheit der Werktätigen dieser Nationen zu ebnen. Eine solche Losung ist die von den Kommunisten aufgestellte Losung des Rechts der Nationen und der Kolonien auf staatliche Lostrennung.

Der Vorzug dieser Losung besteht darin, dass sie

1. jeden Anlass beseitigt, die Werktätigen der einen Nation irgendwelcher Eroberungsgelüste in bezug auf die Werktätigen einer anderen Nation zu verdächtigen, also den Boden für gegenseitiges Vertrauen und freiwillige Vereinigung vorbereitet;

2. den Imperialisten, die verlogen von Selbstbestimmung schwatzen, aber bestrebt sind, die nicht vollberechtigten Völker und die Kolonien in Botmäßigkeit zu halten, sie weiter im Rahmen ihres imperialistischen Staates festzuhalten, die Maske vom Gesicht reißt und somit den Befreiungskampf der nicht vollberechtigten Völker und der Kolonien gegen den Imperialismus verstärkt.

Es ist wohl kaum nötig nachzuweisen, dass die russischen Arbeiter nicht die Sympathien ihrer Genossen aus anderen Nationen des Westens und Ostens gewonnen hätten, wenn sie nicht nach der Machtergreifung das Recht der Völker auf staatliche Lostrennung proklamiert, wenn sie nicht durch die Tat ihre Bereitschaft bewiesen hätten, dieses unveräußerliche Recht der Völker in die Wirklichkeit umzusetzen, wenn sie nicht ihrem "Recht", sagen wir, auf Finnland entsagt (1917), wenn sie nicht die Truppen aus Nordpersien zurückgezogen (1917), wenn sie nicht die Ansprüche auf einen bestimmten Teil der Mongolei, Chinas usw. usf. aufgegeben hätten.

Ebenso unzweifelhaft ist es, dass, wenn die geschickt mit der Flagge der Selbstbestimmung verdeckte Politik der Imperialisten in letzter Zeit trotzdem einen Misserfolg nach dem andern im Osten erleidet, so unter anderem deshalb, weil sie dort auf eine immer stärker werdende Befreiungsbewegung gestoßen ist, die auf Grund der Agitation im Geiste der Losung des Rechts der Völker auf staatliche Lostrennung erwachsen ist. Das begreifen die Helden der II. Internationale und der Internationale II½ nicht, die den Bakuer "Aktions- und Propagandarat"

Der "Aktions- und Propagandarat der Völker des Ostens" wurde auf Beschluss des I. Kongresses der Völker des Ostens gebildet, der im September 1920 in Baku stattfand. Der Rat setzte sich zum Ziel, die Befreiungsbewegung im Osten zu unterstützen und zu vereinigen; er bestand etwa ein Jahr.

wegen einiger unwesentlicher Missgriffe, die er beging, eifrig begeifern; doch wird das ein jeder begreifen, der sich die Mühe nimmt, sich mit der Tätigkeit des erwähnten "Rates" in dem einen Jahr seines Bestehens und mit der Befreiungsbewegung der asiatischen und afrikanischen Kolonien während der letzten zwei, drei Jahre vertraut zu machen.

Das dritte Moment ist die Aufdeckung des organischen Zusammenhangs zwischen der nationalen und kolonialen Frage und der Frage der Herrschaft des Kapitals, des Sturzes des Kapitalismus, der Diktatur des Proletariats. In der Epoche der II. Internationale pflegte man die auf einen minimalen Umfang eingeengte nationale Frage an und für sich, außerhalb des Zusammenhangs mit der kommenden proletarischen Revolution, zu behandeln. Man setzte stillschweigend voraus, dass die nationale Frage "auf natürliche Weise", noch vor der proletarischen Revolution, durch eine Reihe von Reformen im Rahmen des Kapitalismus gelöst werden würde, dass die proletarische Revolution ohne eine kardinale Lösung der nationalen Frage durchgeführt und, umgekehrt, die nationale Frage ohne den Sturz der Macht des Kapitals, ohne den Sieg und vor dem Siege der proletarischen Revolution gelöst werden könnte. Diese im Grunde genommen imperialistische Auffassung der Dinge zieht sich wie ein roter Faden durch die bekannten Schriften Springers und Bauers über die nationale Frage. Das letzte Jahrzehnt hat jedoch den Beweis erbracht, wie falsch, wie faul eine solche Auffassung der nationalen Frage ist. Der imperialistische Krieg hat gezeigt, und die revolutionäre Praxis der letzten Jahre hat ein übriges Mal bestätigt, dass

1. die nationale und die koloniale Frage von der Frage der Befreiung von der Macht des Kapitals nicht zu trennen sind;

2. der Imperialismus (die höchste Form des Kapitalismus) ohne die politische und ökonomische Versklavung der nicht vollberechtigten Nationen und der Kolonien nicht bestehen kann;

3. die nicht vollberechtigten Nationen und die Kolonien ohne den Sturz der Macht des Kapitals nicht befreit werden können;

4. der Sieg des Proletariats ohne die Befreiung der nicht vollberechtigten Nationen und der Kolonien vorn Joch des Imperialismus nicht von Dauer sein kann.

Wenn man Europa und Amerika als die Front, den Schauplatz der entscheidenden Kämpfe zwischen Sozialismus und Imperialismus bezeichnen kann, so muss man die nicht vollberechtigten Nationen und die Kolonien mit ihren Rohstoffen, Brennstoffen, Lebensmitteln, mit ihrem gewaltigen Bestand an Menschenmaterial als das Hinterland, die Reserve des Imperialismus bezeichnen. Um den Krieg zu gewinnen, muss man nicht nur an der Front siegen, sondern auch das Hinterland des Gegners, seine Reserven revolutionieren. Deshalb kann der Sieg der proletarischen Weltrevolution nur dann als gesichert betrachtet werden, wenn das Proletariat es versteht, seinen eigenen revolutionären Kampf mit der Befreiungsbewegung der werktätigen Massen der nicht vollberechtigten Nationen und der Kolonien gegen die Macht der Imperialisten, für die Diktatur des Proletariats zu verbinden. Diese "Kleinigkeit" haben die Politiker der II. Internationale und der Internationale II½ außer acht gelassen, als sie die nationale und koloniale Frage von der Frage der Macht in der Epoche der anwachsenden proletarischen Revolution im Westen trennten.

Das vierte Moment ist das Hineintragen eines neuen Elements in die nationale Frage, des Elements der faktischen (und nicht nur rechtlichen) Gleichstellung der Nationen (Hilfe, Beistand für die rückständigen Nationen, damit sie das kulturelle und wirtschaftliche Niveau der vorangeschrittenen Nationen erreichen können), als eine der Bedingungen für die Herstellung brüderlicher Zusammenarbeit zwischen den werktätigen Massen der verschiedenen Nationen. In der Epoche der II. Internationale pflegte man sich auf die Verkündung der "nationalen Gleichberechtigung" zu beschränken. Auch im besten Fall ging man nicht über die Forderung nach Verwirklichung einer solchen Gleichberechtigung hinaus. Die nationale Gleichberechtigung, an und für sich eine sehr wichtige politische Errungenschaft, läuft jedoch Gefahr, leerer Schall zu bleiben, wenn nicht genügende Hilfsmittel und Möglichkeiten zur Ausnutzung dieses äußerst wichtigen Rechts vorhanden sind. Zweifellos sind die arbeitenden Massen der rückständigen Völker außerstande, von den ihnen durch die "nationale Gleichberechtigung" zugebilligten Rechten in dem Maße Gebrauch zu machen, wie es die arbeitenden Massen der fortgeschrittenen Nationen tun können: die von der Vergangenheit ererbte (kulturelle und wirtschaftliche) Rückständigkeit einiger Nationen, die sich nicht in ein, zwei Jahren aus der Welt schaffen lässt, macht sich fühlbar. Dieser Umstand wird auch in Rußland fühlbar, wo eine ganze Reihe von Völkern nicht dazu gekommen war, den Kapitalismus durchzumachen, ja einige den Weg des Kapitalismus überhaupt nicht betreten hatten und kein oder fast kein eigenes Proletariat besitzen, wo die arbeitenden Massen dieser Nationalitäten, trotz der bereits verwirklichten vollen nationalen Gleichberechtigung, infolge ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Rückständigkeit nicht imstande sind, die von ihnen errungenen Rechte in genügendem Maße auszunutzen. Noch stärker wird sich dieser Umstand "am Tage nach" dem Siege des Proletariats im Westen fühlbar machen, wenn zahlreiche rückständige Kolonien und Halbkolonien, die auf den verschiedensten Entwicklungsstufen stehen, unausbleiblich auf den Plan treten. Gerade deshalb ist es notwendig, dass das siegreiche Proletariat der fortgeschrittenen Nationen ihm werktätigen Massen der rückständigen Nationen Hilfe, wirkliche und dauernde Hilfe bei ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung leistet, dass es ihnen hilft, auf eine höhere Entwicklungsstufe zu gelangen, die vorangeschrittenen Nationen einzuholen. Ohne diese Hilfe ist es unmöglich, jenes friedliche Zusammenleben und brüderliche Zusammenwirken der Werktätigen der verschiedenen Nationen und Völkerschaften in einer einheitlichen Weltwirtschaft zustande zu bringen, die für den endgültigen Triumph des Sozialismus so notwendig sind.

Daraus folgt aber, dass man sich nicht auf die bloße "nationale Gleichberechtigung" beschränken darf, dass man von der "nationalen Gleichberechtigung" zu Maßnahmen übergehen muss, die eine faktische Gleichstellung der Nationen bedeuten, dass man zur Ausarbeitung und Durchführung praktischer Maßnahmen schreiten muss, wie

1. Erforschung der wirtschaftlichen Verfassung, der Lebensweise, der Kultur der rückständigen Nationen und Völkerschaften;

2. Entfaltung ihrer Kultur;

3. ihre politische Aufklärung;

4. ihre allmähliche und schmerzlose Einordnung in höhere Wirtschaftsformen;

5. Herstellung einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den Werktätigen der rückständigen und denen der fortgeschrittenen Nationen.

Das sind die vier grundlegenden Momente, die die neue Art und Weise charakterisieren, wie die russischen Kommunisten die nationale Frage anpacken.

 

2. Mai 1921.

"Prawda" Nr. 98,
8. Mai 1921.


Unterschrift: J. Stalin.

 

 

 

DIE OKTOBERREVOLUTION UND DIE NATIONALE
POLITIK DER RUSSISCHEN KOMMUNISTEN

 

Die Kraft der Oktoberrevolution besteht unter anderem darin, dass sie, zum Unterschied von den Revolutionen des Westens, das vielmillionenköpfige Kleinbürgertum und vor allem seine mächtigsten und zahlreichsten Schichten, die Bauernschaft, um das russische Proletariat zusammengeschlossen hat. Dadurch wurde die russische Bourgeoisie isoliert, ohne Armee gelassen, und das russische Proletariat wurde zum Gebieter über die Geschicke des Landes. Ohne das hätten die russischen Arbeiter die Macht nicht behaupten können.

Frieden, Agrarumwälzung und Freiheit der Nationalitäten - das sind die drei grundlegenden Momente, die die Bauern von mehr als zwanzig Nationalitäten des unermesslichen Rußlands um das rote Banner des russischen Proletariats gesammelt haben.

Es liegt keine Notwendigkeit vor, hier über die ersten zwei Momente zu sprechen; in der Literatur ist über sie schon zur Genüge gesprochen worden, und außerdem sprechen sie ja für sich selbst. Was das dritte Moment betrifft, die nationale Politik der russischen Kommunisten, so scheint seine Wichtigkeit noch nicht völlig erkannt zu sein. Es wird deshalb nicht überflüssig sein, mit einigen Worten darauf einzugehen.

Zunächst sei festgestellt, dass von der 140-Millionen-Bevölkerung der RSFSR (ohne Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen) die Großrussen nicht mehr als 75 Millionen ausmachen, die übrigen 65 Millionen aber nichtgroßrussischen Nationen angehören.

Ferner bevölkern diese Nationen hauptsächlich die Randgebiete, Gegenden, die in militärischer Hinsicht am leichtesten verwundbar sind; dabei sind diese Randgebiete überreich an Rohstoffen, Brennstoffen und Lebensmitteln.

Schließlich sind diese Randgebiete in industrieller und militärischer Hinsicht weniger entwickelt als Zentralrußland (oder überhaupt nicht entwickelt), so dass sie außerstande sind, ihre selbständige Existenz ohne die militärische und wirtschaftliche Hilfe Zentralrußlands zu behaupten, ebenso wie Zentralrußland außerstande ist, ohne die Unterstützung mit Brennstoffen, Rohstoffen und Lebensmitteln durch die Randgebiete seine militärische und wirtschaftliche Macht aufrechtzuerhalten.

Diese Umstände nebst den bekannten Grundsätzen. des nationalen Programms des Kommunismus haben den Charakter der nationalen Politik der russischen Kommunisten bestimmt.

Das Wesen dieser Politik lässt sich in wenigen Worten ausdrücken: Aufgabe aller und jedweder "Ansprüche" und "Rechte" auf Gebiete, die von nichtrussischen Nationen bevölkert sind; Anerkennung (nicht in Worten, sondern in der Tat) des Rechts dieser Nationen auf selbständige staatliche Existenz; freiwilliges militärisch-wirtschaftliches Bündnis dieser Nationen mit Zentralrußland; Unterstützung der rückständigen Nationen in ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung, da sonst die so genannte "nationale Gleichberechtigung" zu leerem Schall wird; all das auf der Grundlage einer völligen Befreiung der Bauern und der Konzentrierung der gesamten Staatsmacht in den Händen der arbeitenden Elemente der Nationen der Randgebiete - das ist die nationale Politik der russischen Kommunisten.

Man braucht kein Wort darüber zu verlieren, dass die zur Macht gelangten russischen Arbeiter die Sympathien und das Vertrauen ihrer Genossen aus anderen Nationen und vor allem der unterdrückten Massen der nicht vollberechtigten Nationen nicht gewonnen hätten, wenn sie nicht durch die Tat bewiesen hätten, dass sie bereit sind, diese nationale Politik durchzuführen, wenn sie nicht ihrem "Recht" auf Finnland entsagt, wenn sie nicht ihre Truppen aus Nordpersien zurückgezogen, wenn sie nicht die Ansprüche der russischen Imperialisten auf bestimmte Gebiete der Mongolei und Chinas für null und nichtig erklärt, wenn sie nicht den zurückgebliebenen Nationen des ehemaligen Russischen Reichs geholfen hätten, eine eigene Kultur und ein eigenes Staatswesen in ihrer Muttersprache zu entwickeln.

Nur auf der Grundlage dieses Vertrauens konnte denn auch jenes unlösbare Bündnis der Völker der RSFSR entstehen, gegen das sich alle und jegliche "diplomatischen" Ränke und sorgfältig durchgeführten "Blockaden" als ohnmächtig erwiesen haben.

Noch mehr. Ohne diese Sympathie und dieses Vertrauen der unterdrückten Massen der Randgebiete des ehemaligen Rußlands hätten die russischen Arbeiter Koltschak, Denikin, Wrangel nicht besiegen können. Es darf nicht vergessen werden, dass sich das Aktionsgebiet dieser aufrührerischen Generale auf die Randgebiete beschränkte, die vornehmlich von nichtrussischen Nationen bevölkert sind, und dass diese Nationen Koltschak, Denikin, Wrangel wegen ihrer imperialistischen, ihrer Russifizierungspolitik hassen mussten. Die Entente, die sich in die Sache eingemischt hatte und diesen Generalen Beistand leistete, konnte sich nur auf die die Russifizierung betreibenden Elemente der Randgebiete stützen. Dadurch entfachte sie in den Randgebieten nur den Hass der Bevölkerung gegen die aufrührerischen Generale und vertiefte ihre Sympathie für die Sowjetmacht.

Dieser Umstand bedingte die innere Schwäche des Hinterlands Koltschaks, Denikins und Wrangels, folglich auch die Schwäche ihrer Fronten, also in letzter Instanz ihre Niederlage.

Doch beschränken sich die wohltuenden Auswirkungen der nationalen Politik der russischen Kommunisten nicht auf die Grenzen der RSFSR und der mit ihr verbundenen Sowjetrepubliken. Sie wirken sich, allerdings indirekt, auch auf die Beziehungen der Nachbarländer zur RSFSR aus. Die grundlegende Verbesserung der Beziehungen der Türkei, Persiens, Afghanistans, Indiens und anderer östlicher Länder zu Rußland, das früher der Schrecken dieser Länder war, ist eine Tatsache, die sogar ein so forscher Politiker wie Lord Curzon heute nicht mehr zu bestreiten wagt. Es erübrigt sich wohl, den Nachweis zu führen, dass ohne die systematische Verwirklichung der oben umrissenen nationalen Politik innerhalb der RSFSR während der vier Jahre des Bestehens der Sowjetmacht die erwähnte grundlegende Wandlung in den Beziehungen der Nachbarländer zu Rußland undenkbar gewesen wäre.

Das sind im großen und ganzen die Ergebnisse der nationalen Politik der russischen Kommunisten. Diese Ergebnisse treten gerade heute, am vierten Jahrestag der Sowjetmacht, besonders deutlich in Erscheinung, wo der schwere Krieg beendet ist und eine großzügige Aufbauarbeit begonnen hat, und wo man unwillkürlich auf den Weg zurückschaut, der hinter uns liegt, um ihn mit einem Blick zu erfassen.

"Prawda" Nr. 251,
6.-7. November 1921.


Unterschrift: J. Stalin.

 

 

ÜBER DIE VEREINIGUNG DER SOWJETREPUBLIKEN

Referat auf dem X. Allrussischen Sowjetkongress

26. Dezember 1922

 

Der X. Allrussische Sowjetkongress tagte vom 23. bis zum 27. Dezember 1922 in Moskau. An dem Kongress nahmen 2215 Delegierte teil, darunter von den Vertragsrepubliken - der Transkaukasischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik, der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik und der Bjelorussischen Sozialistischen Sowjetrepublik - 488 Delegierte, die nach Moskau gekommen waren, um am I. Sowjetkongress der UdSSR teilzunehmen, und als Ehrengäste zum X. Allrussischen Kongress eingeladen worden waren. Der X. Allrussische Sowjetkongress behandelte den Rechenschaftsbericht des Allrussischen ZEK und des Rates der Volkskommissare über die Innen- und Außenpolitik der Republik, den Bericht über den Zustand der Industrie, den Bericht des Volkskommissariats für Landwirtschaft (Ergebnisse der Arbeiten zur Hebung der bäuerlichen Wirtschaft), den Bericht des Volkskommissariats für Bildungswesen, den Bericht des Volkskommissariats für Finanzen und den Antrag der sowjetischen Vertragsrepubliken auf Bildung einer Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Das Referat über die Vereinigung der Sowjetrepubliken hielt am 26. Dezember J. W. Stalin. Die von J. W. Stalin eingebrachte Resolution wurde vom Kongress einstimmig angenommen. Nach dem Referat J. W. Stalins ergriffen Vertreter der Ukraine, Aserbaidshans, Georgiens, Armeniens und Bjelorußlands das Wort und begrüßten im Namen ihrer Völker die Vereinigung der Sowjetrepubliken zu einem einheitlichen Bundesstaat, der UdSSR.

 

Genossen! Vor einigen Tagen, noch vor Eröffnung dieses Kongresses, erhielt das Präsidium des Allrussischen ZEK eine Reihe von Entschließungen der Sowjetkongresse der transkaukasischen Republiken, der Ukraine und Bjelorußlands, in denen die Vereinigung dieser Republiken zu einem Bundesstaat als erwünscht und notwendig bezeichnet wird. Das Präsidium des Allrussischen ZEK hat zu dieser Frage Stellung genommen und sich dahingehend ausgesprochen, dass die Vereinigung zeitgemäß ist. Entsprechend diesem Beschluss ist die Vereinigung der Republiken auf die Tagesordnung des gegenwärtigen Kongresses gesetzt worden.

Die Kampagne für die Vereinigung der sozialistischen Sowjetrepubliken hat bereits vor drei, vier Monaten eingesetzt. Die Initiative ging von der Aserbaidshanischen, der Armenischen und der Georgischen Republik aus; ihnen schlossen sich dann die Ukrainische und die Bjelorussische Republik an. Der Sinn der Kampagne ist darin zu suchen, dass sich das alte Vertragsverhältnis - das Verhältnis einer Konvention zwischen der RSFSR und den übrigen Sowjetrepubliken - überlebt hat, als unzureichend erwiesen hat. Der Sinn der Kampagne ist der, dass wir von dem alten Vertragsverhältnis unweigerlich zu einem engeren Zusammenschluss übergehen müssen, zu Beziehungen also, die die Schaffung eines einheitlichen Bundesstaates mit entsprechenden Unionsorganen vollziehenden und gesetzgebenden Charakters, mit einem ZEK und einem Rat der Volkskommissare der Union voraussetzen. Kurzum: Was früher episodisch, im Rahmen von Konventionsbeziehungen, entschieden wurde soll jetzt, wie in der Kampagne vorgeschlagen wird, zu einer ständigen Einrichtung gemacht werden.

Welches sind die Ursachen, die die Republiken auf den Weg der Vereinigung drängen? Welches sind die Umstände, die die Vereinigung notwendig gemacht haben?

Es gibt drei Gruppen von Umständen, die die Vereinigung der Sowjetrepubliken zu einem Bundesstaat unerlässlich machen.

Die erste Gruppe von Umständen betrifft unseren inneren Wirtschaftszustand.

Erstens ist es die Kärglichkeit unserer wirtschaftlichen Hilfsquellen, die den Republiken nach einem siebenjährigen Krieg noch zur Verfügung stehen, eine Kärglichkeit, die uns zwingt, diese kärglichen Mittel zusammenzufassen, um sie rationeller auszunutzen und die wichtigsten Wirtschaftszweige zu entwickeln, die das Rückgrat der Sowjetmacht in allen Republiken bilden.

Zweitens die geschichtlich entstandene natürliche Arbeitsteilung, die wirtschaftliche Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen Bezirken und Republiken unserer Föderation. Der Norden zum Beispiel versorgt den Süden und den Osten mit Textilien; der Süden und der Osten versorgen den Norden mit Baumwolle, Brennstoffen usw. Diese Arbeitsteilung nun, wie sie sich zwischen den einzelnen Gebieten herausgebildet hat, kann nicht mit einem Federstrich aufgehoben werden; der ganze Gang der wirtschaftlichen Entwicklung der Föderation hat sie historisch hervorgebracht. Und diese Arbeitsteilung, die, wenn die Republiken gesondert bestehen, die volle Entwicklung der einzelnen Bezirke unmöglich macht, gebietet den Republiken, sich zu einem einheitlichen wirtschaftlichen Ganzen zusammenzuschließen.

Drittens die Einheit der wichtigsten Verkehrsmittel in der gesamten Föderation, die den Nerv und das Fundament jeder möglichen Vereinigung bilden. Selbstverständlich kann es nicht zugelassen werden, dass die Verkehrsmittel von den einzelnen Republiken getrennt verwaltet werden und nur den Interessen dieser Republiken dienen, denn das würde den Hauptnerv des Wirtschaftslebens - das Verkehrswesen - in einen Haufen planlos verwendeter Einzelteilchen verwandeln. Dieser Umstand macht die Republiken ebenfalls geneigt, sich zu einem Staat zu vereinigen.

Schließlich die Kärglichkeit unserer finanziellen Mittel. Es sei offen ausgesprochen, Genossen, dass unsere finanzielle Lage jetzt, im sechsten Jahr nach der Errichtung der Sowjetmacht, bedeutend weniger Möglichkeiten einer großzügigen Entwicklung bietet, als sie zum Beispiel das alte Regime hatte mit seinem Branntwein - was wir nicht haben werden -, er warf jährlich 500 Millionen Rubel ab, und seinen ausländischen Krediten in Höhe von einigen Hundert Millionen, die wir gleichfalls nicht haben. All das zeugt davon, dass es uns bei so kärglichen finanziellen Entwicklungsmöglichkeiten ohne Zusammenschluss der Kräfte, ohne Zusammenfassung der finanziellen Kräfte der einzelnen Republiken zu einem Ganzen nicht gelingen wird, die Grund- und Tagesaufgaben der Finanzwirtschaft unserer Republiken zu bewältigen.

Das ist die erste Gruppe von Umständen, die unsere Republiken auf den Weg der Vereinigung drängen.

Die zweite Gruppe von Umständen, die die Vereinigung der Republiken gebieten, hängt mit unserer äußeren Lage zusammen. Ich meine unsere militärische Lage. Ich meine unsere vom Außenhandelskommissariat unterhaltenen Beziehungen zum ausländischen Kapital. Ich meine schließlich unsere diplomatischen Beziehungen zu den bürgerlichen Staaten. Wir dürfen nicht vergessen, Genossen, dass, obwohl unsere Republiken aus dem Zustand des Bürgerkriegs glücklich herausgekommen sind, die Gefahr eines Überfalls von außen bei weitem nicht gebannt ist. Diese Gefahr erfordert, dass unsere militärische Front absolut einheitlich ist, dass unsere Armee unbedingt einheitlich ist, besonders jetzt, da wir den Weg der Abrüstung, natürlich nicht der moralischen Abrüstung, sondern der faktischen materiellen Einschränkung der Rüstungen beschritten haben. Gerade jetzt, da wir die Stärke unserer Truppen auf 600000 Mann herabgesetzt haben, brauchen wir eine einheitliche unzerreißbare militärische Front, die die äußere Sicherheit der Republik zu garantieren vermag.

Außer einer militärischen Gefahr besteht noch die Gefahr einer wirtschaftlichen Isolierung unserer Föderation. Sie wissen, dass es nach Genua und Haag und nach dem Fall Urquhart

 
Gemeint sind die Verhandlungen der Sowjetregierung mit dem englischen Industriellen Urquhart über den Abschluss eines Konzessionsvertrags zur Erschließung der Bodenschätze im Ural und in Kasachstan. Der Entwurf des Vertrags wurde am 6. Oktober 1922 vom Rat der Volkskommissare in Anbetracht der von Urquhart vorgeschlagenen knechtenden Bedingungen sowie der feindseligen Politik der englischen konservativen Regierung gegenüber Sowjetrußland abgelehnt. Die Ablehnung des Vertrags mit Urquhart durch die Sowjetregierung diente als Anlass zur Verstärkung der antisowjetischen Kampagne in der bürgerlichen Presse.

 

zwar nicht gelungen ist, unsere Republik zu boykottieren, aber ein großer Zustrom von Kapitalien für die Bedürfnisse unserer Wirtschaft ist nicht zu spüren. Es besteht die Gefahr, dass unsere Republiken wirtschaftlich isoliert werden. Diese neue Form der Intervention, die nicht weniger gefährlich ist als die militärische Intervention, kann angesichts der kapitalistischen Umkreisung nur dadurch beseitigt werden, dass unsere Sowjetrepubliken eine einheitliche Wirtschaftsfront herstellen.

Schließlich unsere diplomatische Lage. Sie waren Zeugen, wie sich die Ententestaaten kürzlich, unmittelbar vor Eröffnung der Lausanner Konferenz

 
Die Konferenz von Lausanne (vom 20. November 1922 bis zum 24. Juli 1923) wurde auf Initiative Frankreichs, Englands und Italiens zur Beratung des Problems des Nahen Ostens einberufen. (Abschluss eines Friedensvertrags zwischen Griechenland und der Türkei, Festlegung der türkischen Grenzen, Annahme einer Konvention über die Meerengen usw.) Außer den genannten Ländern nahmen an der Konferenz Japan, Rumänien, Jugoslawien, Griechenland, Bulgarien und die Türkei teil (Vertreter der USA waren als Beobachter anwesend). Sowjetrußland wurde zur Konferenz nur zur Beratung der Frage der Meerengen (Bosporus, Dardanellen) eingeladen. Auf der Konferenz wandte sich die Sowjetdelegation in der Kommission zur Frage der Meerengen gegen das Projekt, die Meerengen für Kriegsschilfe sowohl in Friedens- als auch in Kriegszeiten offen zuhalten, und brachte ihr eigenes Projekt ein, laut dem die Meerengen für Kriegsschiffe, welchem Staat sie auch gehören, die Türkei ausgenommen, vollständig geschlossen werden sollten. Das Projekt der Sowjetdelegation wurde von der Kommission abgelehnt.

 

, auf jede Art bemühten, unsere Föderation zu isolieren. Auf diplomatischem Wege ist ihnen das nicht gelungen. Der gegen unsere Föderation gerichtete organisierte diplomatische Boykott wurde durchbrochen. Die Entente sah sich gezwungen, mit unserer Föderation zu rechnen und zurückzuweichen, sich etwas zurückzuziehen. Es besteht kein Grund, darauf zu hoffen, dass sich diese und ähnliche Versuche, unsere Föderation diplomatisch zu isolieren, nicht wiederholen werden. Daher die Notwendigkeit einer vereinigten Front, und zwar diesmal auf diplomatischem Gebiet.

Das ist die zweite Gruppe von Umständen, die die sozialistischen Sowjetrepubliken auf den Weg der Vereinigung drängen.

Sowohl die erste als auch die zweite Gruppe von Umständen wirkten und galten bis zum heutigen Tage, ununterbrochen seit der Errichtung der Sowjetmacht. Sowohl unsere wirtschaftlichen Bedürfnisse, von denen ich soeben sprach, als auch unsere militärisch-diplomatischen Erfordernisse auf außenpolitischem Gebiet haben zweifellos auch schon früher bestanden. Aber erst jetzt, nach Beendigung des Bürgerkriegs, haben diese Umstände außerordentliche Bedeutung gewonnen, seitdem die Republiken zum erstenmal die Möglichkeit erhalten haben, zum wirtschaftlichen Aufbau zu schreiten, seit sie zum erstenmal die ganze Kärglichkeit ihrer Wirtschaftlichen Mittel und die ganze Notwendigkeit der Vereinigung sowohl im Innern, auf wirtschaftlichem Gebiet, als auch nach außen hin gewahr geworden sind. Das ist der Grund, warum jetzt, im sechsten Jahr seit Errichtung der Sowjetmacht, die Vereinigung der unabhängigen sozialistischen Sowjetrepubliken zu einer aktuellen Frage geworden ist.

Schließlich eine dritte Gruppe von Tatsachen, die ebenfalls die Vereinigung erforderlich machen und mit dem Charakter der Struktur der Sowjetmacht, mit der Klassennatur der Sowjetmacht zusammenhängen. Die Sowjetmacht ist so aufgebaut, dass sie, die ihrem inneren Wesen nach international ist, in den Massen auf jede Weise die Idee der Vereinigung fördert, sie selbst auf den Weg der Vereinigung drängt. Wenn Kapital Privateigentum und Ausbeutung die Menschen trennen, sie in einander feindlich gegenüberstehende Lager spalten - als Beispiel dafür können Großbritannien, Frankreich und sogar solche kleinen Nationalitätenstaaten wie Polen und Jugoslawien mit ihren unversöhnlichen inneren nationalen Gegensätzen dienen, die die Grundlage dieser Staaten selbst zerfressen -, wenn, sage ich, dort, im Westen, wo die kapitalistische Demokratie herrscht und wo die Staaten auf dem Privateigentum beruhen, die ganze Grundlage des Staates nationalen Hader, Konflikte und Kampf stimuliert, so ist es hier, in der Welt der Sowjets, wo die Macht nicht au dem Kapital, sondern auf der Arbeit beruht, wo die Macht nicht auf dem Privateigentum, sondern auf dem Kollektiveigentum beruht, wo die Macht nicht auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, sondern auf dem Kampf gegen diese Ausbeutung beruht, so ist es hier im Gegenteil die Natur der Staatsmacht selbst, die die werktätigen Massen natürlicherweise anregt, die Vereinigung in einer sozialistischen Familie anzustreben.

Ist es denn nicht kennzeichnend, dass wir dort, im Westen, in der Welt der bürgerlichen Demokratie, beobachten, wie die Nationalitätenstaaten allmählich verfallen, wie sie in ihre Bestandteile zerfallen (zu Beispiel in Großbritannien, von dem ich nicht weiß, wie es mit Indien, Ägypten, Irland zurechtkommen wird, oder wie zum Beispiel in Polen von dem ich ebenfalls nicht weiß, wie es mit den eigenen Bjelorussen und Ukrainern zurechtkommen wird), dass wir dagegen hier, in unser Föderation, die nicht weniger als 30 Nationalitäten vereinigt, umgekehrt einen Prozess des Erstarkens der staatlichen Bindungen zwischen den unabhängigen Republiken sehen, einen Prozess, der zu einer immer engeren Annäherung der unabhängigen Nationalitäten in einem unabhängigen Staat führt! Da haben Sie zwei Typen staatlicher Vereinigung, von denen der erste, der kapitalistische Typus, zum Zerfall des Staates führt, während der zweite, der Sowjettypus, umgekehrt zur allmählichen, aber dauerhaften Annäherung der früher unabhängigen Nationalitäten in einem unabhängigen Staat führt.

Das ist die dritte Gruppe von Tatsachen, die die einzelnen Republiken auf den Weg der Vereinigung drängen.

Welches muss nun die Form der Vereinigung der Republiken sein? Die Grundlagen der Vereinigung sind in den Resolutionen umrissen, die dem Präsidium des Allrussischen ZEK von den Sowjetrepubliken der Ukraine, Bjelorußlands und Transkaukasiens zugingen.

Es vereinigen sich vier Republiken: die RSFSR als ungeteiltes föderales Gebilde, die Transkaukasische Republik, gleichfalls als ungeteiltes föderales Gebilde, die Ukraine und Bjelorußland. Zwei unabhängige Sowjetrepubliken, Choresm und Buchara, die nicht sozialistische Republiken, sondern sowjetische Volksrepubliken sind, bleiben einstweilen außerhalb dieser Vereinigung, und zwar deshalb und ausschließlich deshalb, weil diese Republiken noch keine sozialistischen Republiken sind. Ich zweifle nicht daran und hoffe, Genossen, auch Sie zweifeln nicht daran, dass diese Republiken in dem Maße, wie sie sich innerlich zum Sozialismus hin entwickeln, ebenfalls in den Bundesstaat eintreten werden, der jetzt gebildet wird.

Man könnte meinen, es wäre zweckmäßiger, nicht die RSFSR als ungeteiltes föderales Gebilde, sondern die einzelnen der RSFSR angehörenden Republiken in die Union der Republiken eintreten zu lassen, wobei die RSFSR offenbar vorher in ihre Bestandteile aufgelöst werden müsste. Ich glaube, dass dieser Weg unrationell, unzweckmäßig ist und durch den ganzen Verlauf der Kampagne ausgeschlossen wird. Erstens würde er dazu führen, dass wir zugleich mit dem Prozess, der zur Vereinigung der Republiken führt, einen Prozess der Auflösung der bereits bestehenden föderalen Gebilde hätten, einen Prozess, der den begonnenen revolutionären Prozess der Vereinigung der Republiken in sein Gegenteil verkehren würde. Zweitens würden wir auf diesem verfehlten Wege dahin gelangen, dass wir, abgesehen von den acht autonomen Republiken, aus der RSFSR auch noch ein besonderes russisches ZEK und einen russischen Rat der Volkskommissare hervorgehen lassen müssten. Das würde zu einer beträchtlichen organisatorischen Umstellung führen, die jetzt durchaus unangebracht und von Schaden wäre und weder durch die innere noch durch die äußere Lage irgendwie erheischt wird. Deshalb bin ich der Ansicht, dass die Einheiten, die sich zu einer Union vereinigen, die vier Republiken sein müssen: die RSFSR, die Transkaukasische Föderation, die Ukraine und Bjelorußland.

Die Grundlagen, die dem Vereinigungsvertrag zugrunde gelegt werden sollen, müssen folgende sein: Kommissariate für Außenhandel, für Heer und Marine, für Auswärtige Angelegenheiten, für Verkehrswesen, für Post- und Fernmeldewesen werden nur im Rate der Volkskommissare der Union gebildet. Die Volkskommissariate für Finanzen, Wirtschaft, Ernährungswesen, Arbeit und Inspektion verbleiben in den vertragsschließenden Republiken, jedoch unter der Bedingung, dass sie nach den Direktiven der entsprechenden zentralen Unionskommissariate arbeiten. Das ist notwendig, damit die Kräfte der arbeitenden Massen der Republiken auf der Linie des Ernährungswesens, des Obersten Volkswirtschaftsrats und des Volkskommissariats für Finanzen oder für Arbeit unter der Führung des Unionszentrums zusammengefaßt werden. Schließlich sollen die übrigen Kommissariate: für Innere Angelegenheiten, Justiz, Bildung, Landwirtschaft usw. - es gibt ihrer insgesamt sechs -, die unmittelbar mit der Lebensweise, den Sitten, den besonderen Formen der Agrarverfassung, den besonderen Formen der Rechtspflege, mit der Sprache und der Kultur der zu den betreffenden Republiken gehörenden Völker zu tun haben, als selbständige Kommissariate erhalten bleiben, die von den Zentralexekutivkomitees und den Räten der Volkskommissare der vertragsschließenden Republiken geleitet werden. Das ist notwendig als reale Vorbedingung für die Sicherung der Freiheit der nationalen Entwicklung der zu den Sowjetrepubliken gehörenden Völker.

Diese Grundlagen müssen, meiner Meinung nach, zum Fundament des Vertrags gemacht werden, der in den nächsten Tagen zwischen unseren Republiken abgeschlossen werden wird.

Dementsprechend bringe ich folgenden, vom Präsidium des Allrussischen ZEK gebilligten Resolutionsentwurf ein:

1. Die Vereinigung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik, der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, der Transkaukasischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik und der Bjelorussischen Sozialistischen Sowjetrepublik zur Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken ist als zeitgemäß zu erachten.

2. Der Vereinigung ist das Prinzip der Freiwilligkeit und der Gleichberechtigung der Republiken zugrunde zu legen, unter Beibehaltung des Rechts einer jeden von ihnen auf freien Austritt aus der Union der Republiken.

3. Eine Delegation der RSFSR wird beauftragt, gemeinsam mit den Delegationen der Ukraine, der Transkaukasischen Republik und Bjelorußlands den Entwurf einer Deklaration über die Gründung der Union der Republiken auszuarbeiten und die Umstände darzulegen, die die Vereinigung der Republiken zu einem Bundesstaat notwendig machen.

4. Die Delegation wird beauftragt, die Bedingungen für den Eintritt der RSFSR in die Union der Republiken auszuarbeiten, und wird verpflichtet, bei der Beratung über den Bundesvertrag folgende Grundsätze zu vertreten:

a) Bildung entsprechender gesetzgebender und vollziehender Unionsorgane;

b) Verschmelzung der Kommissariate: für Heer und Marine, Verkehrswesen, Auswärtige Angelegenheiten, Außenhandel sowie Post- und Fernmeldewesen;

c) Unterordnung der Kommissariate der vertragsschließenden Republiken für Finanzen, Ernährungswesen, Volkswirtschaft, Arbeit sowie Arbeiter- und Bauerninspektion unter die Direktiven der entsprechenden Kommissariate der Union der Republiken;

d) volle Sicherung der Interessen der nationalen Entwicklung der Völker der vertragsschließenden Republiken.

5. Bevor der Vertragsentwurf dem ersten Kongress der Union der Republiken unterbreitet wird, ist er dem Allrussischen ZEK, vertreten durch sein Präsidium, zur Genehmigung vorzulegen.

6. Die Delegation ist zu bevollmächtigen, auf Grund der vom Allrussischen ZEK gebilligten Vereinigungsbedingungen den Vertrag der RSFSR mit den sozialistischen Sowjetrepubliken der Ukraine, Transkaukasiens und Bjelorußlands über die Bildung einer Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken abzuschließen.

7. Der Vertrag ist dem I. Kongress der Union der Republiken zur Bestätigung vorzulegen.

Das ist der Resolutionsentwurf, den ich Ihnen zur Beratung unterbreite.

Genossen! Seit der Bildung der Sowjetrepubliken haben sich die Staaten der Welt in zwei Lager gespalten: in das Lager des Sozialismus und in das Lager des Kapitalismus. Im Lager des Kapitalismus sehen wir imperialistische Kriege, nationale Zwietracht, Unterdrückung, Kolonialsklaverei und Chauvinismus. Im Lager der Sowjets, im Lager des Sozialismus dagegen, haben wir gegenseitiges Vertrauen, nationale Gleichberechtigung, friedliches Zusammenleben und brüderliche Zusammenarbeit der Völker. Seit Jahrzehnten bemüht sich die kapitalistische Demokratie, die nationalen Widersprüche so zu lösen, dass sie die Interessen einer freien Entwicklung der Nationalitäten mit dem System der Ausbeutung zu vereinbaren sucht. Das ist aber bisher nicht gelungen und wird auch nicht gelingen. Im Gegenteil, der Knäuel der nationalen Widersprüche verwirrt sich immer mehr und wird zu einer tödlichen Gefahr für den Kapitalismus. Nur hier, in der Welt der Sowjets, im Lager des Sozialismus, ist es gelungen, die nationale Unterdrückung mit Stumpf und Stiel auszurotten, zwischen den Völkern gegenseitiges Vertrauen zu schaffen und eine brüderliche Zusammenarbeit zuwege zu bringen. Und erst nachdem dies den Sowjets gelungen war, wurde es uns möglich, unsere Föderation aufzubauen und sie gegen den Überfall innerer wie äußerer Feinde zu behaupten.

Vor fünf Jahren ist es der Sowjetmacht gelungen, die Grundlagen für das friedliche Zusammenleben und die brüderliche Zusammenarbeit der Völker zu schaffen. Jetzt, da wir hier über die Vereinigung, die wünschenswert und notwendig ist, Beschluss fassen, stehen wir vor der Aufgabe, das Werk durch ein neues Gebäude, durch die Gründung eines neuen mächtigen Bundesstaats der Arbeit zu krönen. Der Wille der Völker unserer Republiken, die kürzlich zu ihren Kongressen zusammengetreten sind und einmütig die Bildung der Union der Republiken beschlossen haben, zeugt unzweifelhaft davon, dass die Sache der Vereinigung auf dem richtigen Wege ist, dass sie auf dem großen Prinzip der Freiwilligkeit und Gleichberechtigung der Völker beruht. Hoffen wir, Genossen, dass wir durch die Bildung unserer Bundesrepublik ein sicheres Bollwerk gegen den internationalen Kapitalismus errichten werden, dass der neue Bundesstaat ein neuer entscheidender Schritt auf dem Wege zur Vereinigung der Werktätigen der ganzen Welt zur Sozialistischen Weltrepublik der Sowjets rein wird. (Lang anhaltender Beifall. Gesang der "Internationale".)

Prawda" Nr. 295,
28. Dezember 1922.

 

 

 

DIE FRAGE DER VEREINIGUNG
DER UNABHÄNGIGEN NATIONALEN REPUBLIKEN

Unterredung mit einem Korrespondenten der "Prawda"

Auf Fragen unseres Korrespondenten, die der Bildung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken galten, gab Genosse Stalin folgende Erläuterungen:

 

J. W. Stalin leitete die Kommission, die vom Plenum des ZK der KPR(B) am 6. Oktober 1922 zur Ausarbeitung eines Gesetzentwurfs über die Vereinigung der RSFSR, der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, der Transkaukasischen Föderation und der Bjelorussischen Sozialistischen Sowjetrepublik zur Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken eingesetzt worden war. Die Kommission leitete die gesamte Vorarbeit für den I. Sowjetkongress der UdSSR.

 

Auf wessen Initiative begann die Bewegung für die Vereinigung der unabhängigen Republiken?

Die Initiative der Bewegung liegt bei den Republiken selbst. Schon vor drei Monaten wurde von leitenden Kreisen der transkaukasischen Republiken die Schaffung einer einheitlichen Wirtschaftsfront der sozialistischen Sowjetrepubliken und ihre Vereinigung zu einem Bundesstaat angeregt. Schon damals wurde die Frage in einigen Bezirken Aserbaidshans, Georgiens und Armeniens breiten Parteiversammlungen vorgelegt und, wie aus den betreffenden Resolutionen zu ersehen ist, mit unerhörtem Enthusiasmus aufgenommen. Fast gleichzeitig damit wurde in der Ukraine und in Bjelorußland die Frage der Vereinigung angeregt und fand auch hier in breiten Parteikreisen, ebenso wie in Transkaukasien, einen ausgesprochen begeisterten Anklang.

Diese Umstände zeugen zweifellos von der Lebenskraft der Bewegung und davon, dass die Vereinigung der Republiken eine unbedingt spruchreife Frage ist.

 

Wodurch wurde diese Bewegung ausgelöst, welches sind ihre Grundmotive?

Diese Motive sind hauptsächlich wirtschaftlicher Natur. Hilfe für die bäuerliche Wirtschaft, Hebung der Industrie, Verbesserung des Verkehrs-, Post- und Fernmeldewesens, Finanzfragen, Fragen der Konzessionen und sonstiger Wirtschaftsverträge, gemeinsames Auftreten als Warenkäufer oder -verkäufer auf den Auslandsmärkten - das sind die Fragen, die die Bewegung zugunsten einer Union der Republiken hervorriefen. Die Erschöpfung der inneren Wirtschaftsressourcen unserer Republiken infolge des Bürgerkriegs einerseits, das Fehlen eines einigermaßen bedeutsamen Zustroms ausländischen Kapitals anderseits haben eine Situation geschaffen, die es keiner unserer Sowjetrepubliken möglich macht, ihre Wirtschaft aus eigener Kraft wiederherzustellen. Dieser Umstand macht sich besonders jetzt fühlbar, da die Sowjetrepubliken zum erstenmal nach Beendigung des Bürgerkriegs die Lösung der Wirtschaftsfragen ernstlich in Angriff genommen und dabei im Verlauf der Arbeit zum erstenmal voll empfunden haben, wie unzulänglich die isolierten Bemühungen einzelner Republiken sind, dass die Vereinigung dieser Bemühungen und der wirtschaftliche Zusammenschluss der Republiken als einziger Weg zu einer wirklichen Wiederherstellung von Industrie und Landwirtschaft absolut unvermeidlich sind.

Um aber die wirtschaftlichen Bemühungen der einzelnen Republiken tatsächlich zu vereinigen, ja die letzteren zu einem einheitlichen Wirtschaftsverband zusammenzuschließen, muss man dementsprechende ständig funktionierende Unionsorgane schaffen, die fähig sind, das Wirtschaftsleben dieser Republiken auf einen bestimmten Weg zu lenken. Das ist der Grund, warum die alten Wirtschafts- und Handelsverträge, die diese Republiken untereinander geschlossen hatten, sich nunmehr als unzureichend erwiesen haben. Das ist der Grund, warum die Bewegung für eine Union der Republiken über diese Verträge hinausgewachsen ist und die Vereinigung der Republiken auf die Tagesordnung gesetzt hat.

 

Halten Sie diese Vereinigungstendenz für eine völlig neue Erscheinung, oder hat sie ihre Geschichte?

Die Vereinigungsbewegung der unabhängigen Republiken ist nichts Unerwartetes und "Niedagewesenes". Sie hat ihre Geschichte. Diese Vereinigungsbewegung hat bereits zwei Entwicklungsphasen hinter sich und ist jetzt in die dritte Phase eingetreten.

Die erste Phase - die Jahre 1918 bis 1921 - war die Etappe der Intervention und des Bürgerkriegs, in der die Existenz der Republiken von einer tödlichen Gefahr bedroht war und diese Republiken gezwungen waren, sich auf militärischem Gebiet zu vereinigen, um ihre Existenz zu behaupten. Diese Phase endete mit der militärischen Vereinigung, dem militärischen Bündnis der Sowjetrepubliken.

Die zweite Phase - Ende 1921 und Anfang 1922 - war die Etappe von Genua und Haag, in der die kapitalistischen Westmächte, enttäuscht von der Unwirksamkeit der Intervention, den Versuch machten, die Wiederherstellung des kapitalistischen Eigentums in den Sowjetrepubliken nun nicht mehr auf militärischem, sondern auf diplomatischem Wege zu erreichen, als die diplomatische Einheitsfront der Sowjetrepubliken das unumgängliche Mittel bildete, ohne das es unmöglich war, dem Druck der Westmächte standzuhalten. Auf dieser Grundlage entstand das bekannte Abkommen der acht unabhängigen befreundeten Republiken mit der RSFSR

 

Gemeint ist das Abkommen, das am 22. Februar 1922 in Moskau von bevollmächtigten Vertretern der unabhängigen Republiken Aserbaidshan, Armenien, Georgien, Bjelorußland, Ukraine, Choresm, Buchara, der Fernöstlichen Republik und der RSFSR unterzeichnet wurde, wonach die Vertretung der genannten Republiken auf der allgemeinen europäischen Wirtschaftskonferenz in Genua der RSFSR übertragen wurde.

 

, das vor Eröffnung der Genueser Konferenz abgeschlossen wurde und nicht anders als eine diplomatische Vereinigung der Sowjetrepubliken genannt werden kann. So endete die zweite Phase, die Phase des diplomatischen Bündnisses unserer Republiken.

Jetzt ist die Vereinigungsbewegung der nationalen Republiken in die dritte Phase eingetreten, in die Phase der wirtschaftlichen Vereinigung. Es ist leicht zu begreifen, dass die dritte Phase die zwei vorangegangenen Phasen der Vereinigungsbewegung zum Abschluss bringt.

 

Aber folgt daraus nicht, dass die Vereinigung der Republiken in eine Wiedervereinigung mit Rußland, in eine Verschmelzung mit Rußland ausmünden wird, etwa so, wie das mit der Fernöstlichen Republik der Fall ist?

Nein, das bedeutet es nicht! Zwischen der Fernöstlichen Republik

 

Die Fernöstliche Republik bestand von April 1920 bis November 1922. Der Fernöstlichen Republik gehörten an: Baikalien, Transbaikalien, das Amurgebiet, das Küstengebiet, Kamtschatka und der nördliche Teil von Sachalin.

 

und den oben genannten nationalen Republiken besteht ein prinzipieller Unterschied:

a) Während die erstere künstlich gebildet wurde (als Pufferstaat), aus taktischen Rücksichten (man glaubte, die bürgerlich-demokratische Form würde eine zuverlässige Garantie gegen die imperialistischen Gelüste Japans und anderer Mächte bieten) und keineswegs nach dem nationalen Merkmal - entstanden die letzteren, im Gegenteil, als natürliches Ergebnis der Entwicklung der entsprechenden Nationalitäten, wobei ihnen hauptsächlich das nationale Merkmal zugrunde lag.

b) Während die Fernöstliche Republik abgeschafft werden kann, ohne dass die nationalen Interessen des überwiegenden Teils ihrer Bevölkerung auch nur im geringsten verletzt werden (denn sie besteht genauso aus Russen wie die Mehrheit der Bevölkerung Rußlands auch), würde eine Abschaffung der nationalen Republiken ein reaktionäres Absurdum bedeuten, das die Abschaffung der nichtrussischen Nationalitäten, ihre Russifizierung erfordern würde, das heißt eine reaktionäre Donquichotterie, gegen die selbst solche Dunkelmänner des russischen Chauvinismus wie der Schwarzhunderter Schulgin Einwände erheben würden.

Daraus ist es auch zu erklären, dass sich die Fernöstliche Republik selbst auflösen konnte, sobald sie sich davon überzeugt hatte, dass die bürgerlich-demokratische Form als Garantie gegen die Imperialisten unbrauchbar ist, und zu einem Bestandteil Rußlands wurde, zu einem Gebiet, ähnlich wie der Ural oder Sibirien, ohne eigenen Rat der Volkskommissare und ohne eigenes ZEK, die nationalen Republiken hingegen, die auf einer ganz anderen Basis aufgebaut sind, können nicht aufgelöst werden, man kann ihnen ihr ZEK und ihren Rat der Volkskommissare, ihre nationalen Grundlagen nicht nehmen, solange die Nationalitäten bestehen, die sie ins Leben gerufen haben, solange es nationale Sprache, nationale Kultur, nationale Lebensformen, Sitten und Gebräuche gibt. Das ist der Grund, warum die Vereinigung der nationalen Sowjetrepubliken zu einem Bundesstaat nicht in ihre Wiedervereinigung mit Rußland, in ihre Verschmelzung mit Rußland, ausmünden kann.

 

Welches sind Ihrer Meinung nach der Charakter und die Form der Vereinigung der Republiken zu einer einheitlichen Union?

Der Charakter der Vereinigung muss freiwillig, ausschließlich freiwillig sein, wobei jeder nationalen Republik das Recht zugesprochen wird, aus der Union auszutreten. Das Prinzip der Freiwilligkeit muss somit zur Grundlage eines Vertrags über die Bildung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken gemacht werden.

Der Vertrag über die Vereinigung umfasst: die RSFSR (als ungeteiltes föderales Gebilde), die Transkaukasische Föderation

 
Die Transkaukasische Föderation - die Föderative Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken Transkaukasiens wurde am 12. März 1922 von der bevollmächtigten Konferenz der Vertreter der zentralen Exekutivkomitees Georgiens, Aserbaidshans und Armeniens gegründet. Im Dezember 1922 wurde die Föderative Union zur Transkaukasischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (TSFSR) umgebildet. Die Transkaukasische Föderation bestand bis zum Jahre 1936. Laut Verfassung der Union der SSR von 1936 gehören die Armenische, Aserbaidshanische und Georgische Sozialistische Sowjetrepublik der UdSSR als Unionsrepubliken an. (Über die Transkaukasische Föderation siehe den vorliegenden Band, 5.227-232, 251-257 [deutsche Ausgabe S. 199--203, 219-225].)

(ebenfalls als ungeteiltes föderales Gebilde), die Ukraine und Bjelorußland. Buchara und Choresm

 
Die sowjetischen Volksrepubliken Buchara und Choresm wurden 1920 als Ergebnis der siegreichen Volksaufstände auf dem Territorium der früheren Khanate Buchara und Chiwa gebildet. Ende 1924 und Anfang 1925 wurden im Zusammenhang mit der staatlichen Einteilung Mittelasiens nach dem nationalen Merkmal die Territorien der Republiken Buchara und Choresm in die neugebildeten Unionsrepubliken, nämlich die Turkmenische und die Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik, in die Tadshikische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik und in das Kara-Kalpakische Autonome Gebiet eingegliedert.

 

als nicht sozialistische Republiken, sondern als lediglich sowjetische Volksrepubliken werden womöglich so lange außerhalb dieser Vereinigung bleiben, bis die natürliche Entwicklung sie zu sozialistischen Republiken gemacht hat.

Die höchsten Organe der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken sind: das ZEK der Union, das von den zur Union gehörenden Republiken proportional der von ihnen vertretenen Bevölkerung gewählt wird, und der Rat der Volkskommissare der Union, der vom ZEK der Union als sein Vollzugsorgan gewählt wird.

Die Funktionen des ZEK der Union sind: Ausarbeitung der grundlegenden Prinzipien für das politische und wirtschaftliche Leben der Republiken und Föderationen, die zur Union gehören.

Die Funktionen des Rates der Volkskommissare der Union sind:

a) die unmittelbare und ungeteilte Leitung des Militärwesens, der auswärtigen Angelegenheiten, des Außenhandels, des Eisenbahnwesens, des Post- und Fernmeldewesens der Union;

b) die Leitung der Tätigkeit der Kommissariate der zur Union gehörenden Republiken und Föderationen, der Kommissariate für Finanzen, für Ernährung, der Volkswirtschaftsräte, der Kommissariate für Arbeit und für Inspektion, wobei die Republiken und Föderationen uneingeschränkt und unmittelbar für die Kommissariate für Innere Angelegenheiten, für Landwirtschaft, Bildung, Justiz, soziale Fürsorge und Volksgesundheit dieser Republiken und Föderationen zuständig bleiben werden.

Das ist meiner Meinung nach die allgemeine Form der Vereinigung zu einer Union der Republiken, soweit sie sich auf Grund der Vereinigungsbewegung der nationalen Republiken umreißen lässt.

Es besteht die Auffassung, dass außer den beiden Unionsorganen (dem ZEK und dem Rat der Volkskommissare) noch ein drittes Unionsorgan geschaffen werden müsse, als Zwischenglied zwischen ihnen, sozusagen, als obere Kammer, in der jede Nationalität mit einer gleichen Anzahl von Deputierten vertreten sein soll, doch wird diese Auffassung zweifellos keine Sympathie in den nationalen Republiken finden, schon allein deshalb nicht, weil ein Zweikammersystem mit einer oberen Kammer unvereinbar ist mit dem Sowjetaufbau, wenigstens im gegebenen Stadium seiner Entwicklung.

 

Wie schnell kann Ihrer Meinung nach die Union der Republiken zustande kommen und welches ist ihre internationale Bedeutung?

Ich glaube, dass der Tag, an dem eine Union der Republiken gebildet werden wird, nicht mehr fern ist. Es ist durchaus möglich, dass die Bildung der Union mit der bevorstehenden Einberufung des X. Sowjetkongresses der RSFSR zusammenfallen wird.

Was die internationale Bedeutung dieser Union betrifft, so bedarf sie wohl kaum besonderer Erläuterungen. Wenn das militärische Bündnis der Sowjetrepubliken in der Periode des Bürgerkriegs uns die Möglichkeit geboten hat, die militärische Einmischung unserer Feinde abzuwehren, und das diplomatische Bündnis dieser Republiken in der Periode von Genua und Haag uns den Kampf gegen den diplomatischen Druck der Entente erleichtert hat, so wird die Vereinigung der Sowjetrepubliken zu einem Bundesstaat zweifellos eine Form allseitiger militärisch-wirtschaftlicher Zusammenarbeit schaffen, die das wirtschaftliche Gedeihen der Sowjetrepubliken von Grund aus erleichtern und sie in eine Feste gegen die Anschläge des internationalen Kapitals verwandeln wird.

"Prawda" Nr.261,
18. November 1922.

 

 

 

ÜBER DIE BILDUNG DER UNION
DER SOZIALISTISCHEN SOWJETREPUBLIKEN

Referat auf dem I. Sowjetkongress der UdSSR

30. Dezember 1922

 
Der I. Sowjetkongress der UdSSR tagte am 30. Dezember 1922 in Moskau. Auf dem Kongress waren 1727 Delegierte von der RSFSR, 364 Delegierte von der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, 91 Delegierte von der Transkaukasischen Föderation und 33 Delegierte von der Bjelorussischen Sozialistischen Sowjetrepublik anwesend. Der Kongress behandelte das Referat J. W. Stalins über die Bildung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, bestätigte die Deklaration und den Bundesvertrag über die Bildung der UdSSR und wählte das Zentralexekutivkomitee der Union der SSR.

 

Genossen! Der heutige Tag bedeutet einen Wendepunkt in der Geschichte der Sowjetmacht. Dieser Tag setzt einen Markstein zwischen der alten, nunmehr hinter uns liegenden Periode, da die Sowjetrepubliken zwar gemeinsam handelten, aber, vor allem mit der Frage ihrer Existenz in Anspruch genommen, getrennt marschierten, und der neuen, bereits begonnenen Periode, da dem gesonderten Bestehen der Sowjetrepubliken ein Ende gemacht wird, da die Republiken sich zu einem einheitlichen Bundesstaat vereinigen, um die wirtschaftliche Zerrüttung erfolgreich bekämpfen zu können, da die Sowjetmacht bereits nicht mehr bloß auf ihre Existenz bedacht ist, sondern auch darauf, sich zu einer bedeutsamen internationalen Kraft zu entwickeln, die imstande ist, auf die internationale Lage einzuwirken, sie im Interesse der Werktätigen zu verändern.

Was war die Sowjetmacht vor fünf Jahren? Eine geringfügige, kaum bemerkbare Größe, von allen ihren Feinden verspottet und von viele ihrer Freunde bedauert. Das war die Periode der militärischen Zerrüttung da die Sowjetmacht sich nicht so sehr auf ihre eigenen Kräfte als auf die Ohnmacht ihrer Gegner stützte, da die Feinde der Sowjetmacht, in zwei Koalitionen - die österreichisch-deutsche Koalition und die englisch-französische Koalition - gespalten, durch den Krieg gegeneinander in Anspruch genommen waren und nicht die Möglichkeit hatten, ihre Waffe gegen die Sowjetmacht zu kehren. Es war die Periode der militärischen Zerrüttung in der Geschichte der Sowjetmacht. Aber im Kampf gegen Koltschak und Denikin schuf die Sowjetmacht die Rote Armee und überwand erfolgreich die Periode der militärischen Zerrüttung.

Dann setzte die zweite Periode in der Geschichte der Sowjetmacht ein, die Periode des Kampfes gegen die wirtschaftliche Zerrüttung. Diese Periode ist bei weitem noch nicht zu Ende, sie hat aber bereits ihre Resultate gezeitigt, denn wir haben in dieser Periode den erfolgreichen Kampf der Sowjetmacht gegen die Hungersnot, die das Land im vergangenen Jahr heimgesucht hat, zu verzeichnen. Wir haben in dieser Periode einen bedeutenden Aufschwung der Landwirtschaft, eine bedeutende Belebung der Leichtindustrie zu verzeichnen. Es haben sich bereits Kader führender Kräfte in der Industrie herausgebildet, die unsere Hoffnung, unsere Zuversicht sind. Das alles reicht aber zur Überwindung der wirtschaftlichen Zerrüttung bei weitem noch nicht aus. Um der Zerrüttung zu Leibe gehen und sie überwinden zu können, müssen alle Sowjetrepubliken ihre Kräfte zusammenfassen, alle finanziellen und ökonomischen Möglichkeiten der Republiken in den Dienst der Wiederherstellung der Hauptzweige unserer Industrie gestellt werden. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Sowjetrepubliken zu einem Bundesstaat zu vereinigen. Der heutige Tag ist der Tag der Vereinigung unserer Republiken zu einem Staat zwecks Zusammenfassung der Kräfte zur Wiederherstellung unserer Wirtschaft.

Die Periode des Kampfes gegen die militärische Zerrüttung hat uns die Rote Armee gegeben, eine der Existenzgrundlagen der Sowjetmacht. Die darauf folgende Periode, die Periode des Kampfes gegen die wirtschaftliche Zerrüttung, liefert uns einen neuen Rahmen für unsere staatliche Existenz - die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, die die Wiederherstellung der Sowjetwirtschaft ohne Zweifel vorwärts bringen wird.

Was ist die Sowjetmacht jetzt? Eine Großmacht der Arbeit, die bei den Feinden nicht mehr Spott, sondern Zähneknirschen hervorruft.

Das ist die Entwicklungsbilanz der Sowjetmacht nach ihrer fünfjährigen Existenz.

Aber der heutige Tag, Genossen, ist nicht nur ein Tag der Bilanz, er ist zugleich ein Tag des Triumphs des neuen Rußlands über das alte Rußland, über jenes Rußland, das der Gendarm Europas und der Henker Asiens war. Der heutige Tag ist ein Tag des Triumphs des neuen Rußlands, das die Ketten der nationalen Unterdrückung gesprengt, den Sieg über das Kapital organisiert, die Diktatur des Proletariats geschaffen, die Völker des Ostens erweckt hat, das die Arbeiter des Westens begeistert, das das rote Banner aus einer Parteifahne zur Fahne eines Staates gemacht und um diese Fahne die Völker der Sowjetrepubliken geschart hat, um sie zu einem Staat, der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, dem Vorbild der kommenden Sozialistischen Weltrepublik der Sowjets zu vereinigen.

Wir Kommunisten werden oft gescholten, wir seien unfähig aufzubauen. Möge die fünfjährige Geschichte der Sowjetmacht als Beweis dafür dienen, dass die Kommunisten auch aufzubauen verstehen. Möge der heutige Sowjetkongress, der berufen ist, die Deklaration und den Vertrag über die Union der Republiken zu bestätigen - die gestern von der Konferenz der bevollmächtigten Delegationen beschlossen wurden -, möge dieser Unionskongress all denen, die das Erkenntnisvermögen noch nicht eingebüßt haben, den Beweis liefern, dass die Kommunisten ebensogut Neues aufzubauen verstehen, wie sie das Alte zu zerstören verstehen.

Genossen, hier ist die Deklaration, die gestern von der Konferenz der bevollmächtigten Delegationen

 

Die Konferenz der bevollmächtigten Delegationen der RSFSR, der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, der Bjelorussischen Sozialistischen Sowjetrepublik und der Transkaukasischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik tagte am 29. Dezember 1922. Die Konferenz erörterte und beschloss die Deklaration und den Vertrag über die Bildung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. J. W. Stalin teilte in einer Rede der Konferenz die Tagesordnung des I. Sowjetkongresses der UdSSR mit. Die Konferenz beauftragte J. W. Stalin, auf dem Kongress das Referat über die Bildung der UdSSR zu halten. Am Morgen des 30. Dezember unterzeichneten die bevollmächtigten Delegationen die Deklaration und den Vertrag über die Bildung der UdSSR.

 

beschlossen wurde. Ich verlese sie (siehe Beilage Nr. 1).

Ich lasse nun den Wortlaut des auf der gleichen Konferenz beschlossenen Vertrags folgen. Ich verlese ihn (siehe Beilage Nr. 2).

Genossen! Im Auftrage der Konferenz der bevollmächtigten Delegationen der Sowjetrepubliken habe ich Ihnen die Bestätigung der soeben verlesenen Texte der Deklaration und des Vertrags über die Bildung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken vorzuschlagen.

Ich schlage vor, Genossen, sie mit der Kommunisten eigenen Einmütigkeit anzunehmen und damit in die Geschichte der Menschheit ein neues Kapitel einzutragen. (Beifall.)

"Prawda" Nr. 298,
31. Dezember 1922.

 

 

DER XII. PARTEITAG DER KPR(B)

3. REFERAT ÜBER DIE NATIONALEN MOMENTE
IM PARTEI- UND STAATSAUFBAU

23. April

 

Genossen! Seit der Oktoberrevolution behandeln wir die nationale Frage zum dritten Mal: das erste Mal auf dem VIII. Parteitag, das zweite Mal auf dem X. und das dritte Mal auf dem XII. Parteitag. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass sich in unseren Anschauungen über die nationale Frage manches prinzipiell geändert hat? Nein, unser prinzipieller Standpunkt in der nationalen Frage ist derselbe geblieben, der er vor und nach dem Oktober war. Aber die internationale Lage hat sich seit dem X. Parteitag geändert, insofern, als jene gewichtigen Reserven der Revolution, die die Länder des Ostens heutzutage darstellen, ein stärkeres Gewicht erhalten haben. Das zum ersten. Zweitens hat unsere Partei seit dem X. Parteitag in der inneren Lage durch die NÖP ebenfalls einige Veränderungen erfahren. Es gilt nun, alle diese neuen Faktoren zu berücksichtigen, die Bilanz aus ihnen zu ziehen. In diesem Sinne eben kann davon gesprochen werden, dass die nationale Frage auf dem XII. Parteitag auf neue Weise behandelt wird.

Die internationale Bedeutung der nationalen Frage. Es ist Ihnen bekannt, Genossen, dass wir, als Sowjetföderation, jetzt durch die Fügung der historischen Geschicke den Vortrupp der Weltrevolution darstellen. Es ist Ihnen bekannt, dass wir zum erstenmal die kapitalistische Gesamtfront durchbrochen haben und durch die Fügung der Geschicke an der Spitze aller marschieren. Es ist Ihnen bekannt, dass wir bei unserem Vormarsch Warschau erreicht hatten, uns aber dann zurückzogen und in Stellungen befestigten, die wir für die solidesten hielten. Seit diesem Zeitpunkt sind wir zur NÖP übergegangen, und seit diesem Zeitpunkt haben wir auch die Verlangsamung des Tempos der internationalen revolutionären Bewegung in Rechnung gestellt, seit diesem Zeitpunkt ist unsere Politik nicht mehr offensiv, sondern hat defensiven Charakter angenommen. Weiter vorstoßen, nachdem wir vor Warschau einen Misserfolg erlitten hatten (wir wollen die Wahrheit nicht verhehlen), weiter vorstoßen konnten wir nicht, denn wir liefen Gefahr, uns vom Hinterland zu lösen - dies aber besteht bei uns aus Bauern -, und schließlich liefen wir Gefahr, jenen Reserven der Revolution, die uns durch die Fügung der Geschicke gegeben sind, den Reserven im Westen und im Osten allzu weit vorauszueilen. Das ist der Grund, warum wir innenpolitisch die Wendung zur NÖP und außenpolitisch die Wendung zu einem verlangsamten Vormarsch vornahmen, als wir erkannt hatten, dass es gilt, Atem zu holen, unsere Wunden, die Wunden des Vortrupps, des Proletariats, zu heilen, den Kontakt mit dem bäuerlichen Hinterland herzustellen, weiter unter den Reserven zu arbeiten, die hinter uns zurückgeblieben sind - den westlichen Reserven und den gewichtigen Reserven des Ostens, die das wichtigste Hinterland des Weltkapitalismus bilden. Eben um diese Reserven, die gewichtigen Reserven des Ostens, die zugleich das Hinterland des Weltimperialismus bilden, handelt es sich bei der Erörterung der nationalen Frage.

Eins von beiden: Entweder rütteln wir das tiefe Hinterland des Imperialismus - die kolonialen und halbkolonialen Länder des Ostens - auf, revolutionieren es und beschleunigen dadurch den Zusammenbruch des Imperialismus, oder wir versagen hier und stärken dadurch den Imperialismus, schwächen die Kraft unserer Bewegung. So ist es um die Frage bestellt.

Es handelt sich darum, dass der ganze Osten in unserer Union der Republiken ein Versuchsfeld sieht. Entweder gelangen wir im Rahmen dieser Union zu einer richtigen praktischen Lösung der nationalen Frage, entweder stellen wir hier, im Rahmen dieser Union, wirklich brüderliche Beziehungen zwischen den Völkern, eine wirkliche Zusammenarbeit her - und dann wird der ganze Osten sehen, dass er in Gestalt unserer Föderation ein Banner der Befreiung, einen Vortrupp besitzt, dem er folgen muss, und das wird der Beginn des Zusammenbruchs des Weltimperialismus sein. Oder wir begehen hier einen Fehler, untergraben das Vertrauen der ehemals unterjochten Völker zum Proletariat Rußlands, nehmen der Union der Republiken die Anziehungskraft, die sie im Osten besitzt - und dann wird der Imperialismus gewinnen, dann werden wir verlieren.

Darin besteht die internationale Bedeutung der nationalen Frage.

Die nationale Frage ist für uns auch vom Standpunkt der inneren Lage von Bedeutung, nicht nur, weil die ehemalige Herrschernation zahlenmäßig etwa 75 Millionen Menschen zählt, während die übrigen Nationen 65 Millionen umfassen (das ist immerhin nicht wenig), und nicht nur, weil die ehemals unterdrückten Nationalitäten die für die wirtschaftliche Entwicklung unentbehrlichsten Gebiete und die vom Standpunkt der militärischen Strategie wichtigsten Gegenden besiedeln, sondern vor allem, weil wir in diesen zwei Jahren die sogenannte NÖP eingeführt haben, und im Zusammenhang damit der großrussische Nationalismus zu wachsen, zu erstarken begonnen hat, die Idee der Smena-Weck aufgekommen ist und der Wunsch auftritt, auf friedlichem Wege das zustande zu bringen, was Denikin nicht zustande zu bringen vermochte, das heißt das sogenannte "Einheitliche und Unteilbare" zu schaffen.

So kommt im Zusammenhang mit der NÖP im inneren Leben unseres Landes eine neue Kraft auf: der großrussische Chauvinismus, der in unseren Institutionen nistet, der nicht nur in die Sowjet-, sondern auch in die Parteiinstitutionen eindringt, der an allen Ecken und Enden unserer Föderation spukt und dazu führt, dass wir, wenn wir dieser neuen Kraft nicht entschieden entgegentreten, wenn wir sie nicht an der Wurzel treffen - die Verhältnisse der NÖP züchten sie aber heran -, dass wir dann Gefahr laufen, uns vor die Tatsache eines Bruchs zwischen dem Proletariat der ehemaligen Herrschernation und den Bauern der ehemals unterdrückten Nationen gestellt zu sehen, was einer Unterhöhlung der Diktatur des Proletariats gleichkäme.

Aber die NÖP züchtet nicht allein den großrussischen Chauvinismus, sie züchtet auch den lokalen Chauvinismus, besonders in denjenigen Republiken, die von mehreren Nationalitäten bewohnt sind. Ich denke an Georgien, Aserbaidshan, Buchara, teilweise auch an Turkestan, wo wir mehrere Nationalitäten haben, deren fortgeschrittene Elemente womöglich bald untereinander um die Vorrangstellung zu konkurrieren beginnen werden. Dieser lokale Chauvinismus stellt seiner Stärke nach natürlich keine solche Gefahr dar wie der großrussische Chauvinismus. Aber er bedeutet trotzdem eine Gefahr und droht, gewisse Republiken in einen Schauplatz nationaler Händel zu verwandeln und die Bande des Internationalismus dort zu lockern.

Das sind die internationalen und innerpolitischen Gründe, die davon zeugen, welch wichtige, erstrangige Bedeutung die nationale Frage überhaupt und im gegenwärtigen Moment im besonderen hat.

Worin besteht das Klassenwesen der nationalen Frage? Das Klassenwesen der nationalen Frage besteht angesichts der gegenwärtigen sowjetischen Entwicklung in der Herstellung richtiger Wechselbeziehungen zwischen dem Proletariat der ehemaligen Herrschernation und der Bauernschaft der ehemals unterdrückten Nationalitäten. Die Frage des Zusammenschlusses von Proletariat und Bauernschaft wurde hier genug und übergenug erörtert, doch hatte man, als man auf Grund der Referate Kamenews, Kalinins, Sokolnikows, Rykows und Trotzkis die Frage des Zusammenschlusses erörterte, hauptsächlich das Verhältnis des russischen Proletariats zur russischen Bauernschaft im Auge. Hier, auf nationalem Gebiet, haben wir es mit einem komplizierteren Getriebe zu tun. Hier handelt es sich um die Herstellung richtiger Wechselbeziehungen zwischen dem Proletariat der ehemaligen Herrschernation, das die kulturell am höchsten stehende Schicht des Proletariats unserer gesamten Föderation darstellt, und der Bauernschaft, vorwiegend der Bauernschaft der ehemals unterdrückten Nationalitäten. Darin besteht das Klassenwesen der nationalen Frage. Gelingt es dem Proletariat, zu der Bauernschaft der anderen Nationalitäten Beziehungen herzustellen, die sämtliche Überreste des Misstrauens gegenüber allem, was russisch ist, aus der Welt zu schaffen vermögen, eines Misstrauens, das jahrzehntelang durch die Politik des Zarismus gezüchtet und aufgepfropft wurde, gelingt es dem russischen Proletariat darüber hinaus, zu einem vollen gegenseitigen Verständnis und Vertrauen zu gelangen, ein wirkliches Bündnis nicht nur zwischen dem Proletariat und der russischen Bauernschaft, sondern auch zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft der ehemals unterdrückten Nationalitäten herzustellen - dann wird die Aufgabe gelöst sein. Dazu ist es notwendig, dass die Bauernschaft der anderen Nationalitäten die proletarische Staatsmacht ebenso als ihre eigene Staatsmacht betrachtet wie die russische Bauernschaft. Damit die Sowjetmacht auch von der Bauernschaft der anderen Nationalitäten als eigene Staatsmacht empfunden wird, ist es notwendig, dass sie ihr verständlich ist, dass sie ihre Tätigkeit in deren Muttersprache ausübt, dass in den Schulen und Regierungsorganen Ein-heimische tätig sind, die die Sprache, die Sitten und Gebräuche sowie die Lebensweise der nichtrussischen Nationalitäten kennen. Die Sowjetmacht, die bis in die letzte Zeit hinein eine russische Staatsmacht war, wird nur dann und nur insoweit nicht bloß eine russische, sondern eine alle Nationen erfassende Staatsmacht sein, von den Bauern der ehemals unterdrückten Nationalitäten als eigene Staatsmacht empfunden werden, wenn man in den Institutionen und Regierungsorganen dieser Republiken dazu übergeht, die Muttersprache der einheimischen Bevölkerung zu sprechen und in dieser Sprache zu arbeiten.

Das ist eine der Grundlagen der nationalen Frage überhaupt und unter Sowjetverhältnissen im besonderen.

Wodurch ist die Lösung der nationalen Frage gegenwärtig, im Jahre 1923, gekennzeichnet? Welche Form haben die Fragen, die auf nationalem Gebiet Lösung heischen, im Jahre 1923 angenommen? Die Form eines Zusammenwirkens zwischen den Völkern unserer Föderation auf wirtschaftlichem Gebiet, auf militärischem Gebiet, auf politischem Gebiet. Ich habe die Beziehungen zwischen den Nationalitäten im Auge. Die nationale Frage, der die Aufgabe zugrunde liegt, richtige Beziehungen zwischen dem Proletariat der ehemaligen Herrschernation und der Bauernschaft der anderen Nationalitäten herzustellen, nimmt gegenwärtig eine besondere Form an, die Form des Zusammenwirkens und des brüderlichen Zusammenlebens früher voneinander getrennter, jetzt aber im Rahmen eines einheitlichen Staates vereinigter Völker.

Das ist der Kern der nationalen Frage in der Form, die sie im Jahre 1923 angenommen hat.

Die konkrete Form dieser staatlichen Vereinigung ist die Union der Republiken, von der wir bereits Ende des vorigen Jahres auf dem Sowjetkongress sprachen und die wir damals gegründet haben.

Die Grundlage dieser Union ist die Freiwilligkeit und die rechtliche Gleichheit der Mitglieder der Union. Freiwilligkeit und Gleichheit deshalb - weil den Ausgangspunkt unseres nationalen Programms der Punkt über das Recht der Nationen auf selbständige staatliche Existenz bildet, das, was man früher Selbstbestimmungsrecht nannte. Davon ausgehend, müssen wir klipp und klar aussprechen, dass keine Union der Völker, keine Vereinigung der Völker zu einem einheitlichen Staat von Dauer sein kann, wenn sie nicht auf völliger Freiwilligkeit beruht, wenn sich die Völker nicht selbst vereinigen wollen. Die zweite Grundlage ist die rechtliche Gleichheit der Völker, die der Union beitreten. Auch das ist begreiflich. Ich spreche nicht von faktischer Gleichheit, davon werde ich später reden, denn die Herstellung der faktischen Gleichheit zwischen den vorgeschrittenen Nationen und den rückständigen Nationen ist eine sehr komplizierte, sehr schwierige Sache, die eine Reihe von Jahren erfordert. Ich spreche hier von der rechtlichen Gleichheit. Die Gleichheit kommt hier darin zum Ausdruck, dass alle Republiken, die der Union angehören, im vorliegenden Falle die vier Republiken: Transkaukasien, Bjelorußland, die Ukraine und die RSFSR, in gleichem Maße der Segnungen der Union teilhaftig werden und zugleich in gleichem Maße auf einige ihrer Unabhängigkeitsrechte zugunsten der Union verzichten. Wenn die RSFSR, die Ukraine, Bjelorußland, die Transkaukasische Republik keine Volkskommissariate für Auswärtige Angelegenheiten haben werden, dann ist es klar, dass durch die Abschaffung dieser Volkskommissariate und durch die Bildung eines für die Union der Republiken gemeinsamen Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten eine gewisse Beschränkung der Unabhängigkeit erfolgen wird, die diese Republiken besaßen und die nun gleichmäßig für alle zur Union gehörenden Republiken eingeschränkt wird. Wenn diese Republiken früher eigene Volkskommissariate für Außenhandel besaßen, und wenn diese Volkskommissariate jetzt sowohl in der RSFSR als auch in den anderen Republiken zugunsten eines gemeinsamen Außenhandelskommissariats der Union der Republiken abgeschafft werden, so ist es klar, dass auch hier eine gewisse Beschränkung der Unabhängigkeit erfolgt, die früher vollständig war und die jetzt zugunsten der gemeinsamen Union vermindert worden ist, usw. usw. Manche stellen die rein scholastische Frage: Wie ist es, bleiben die Republiken nach der Vereinigung unabhängig? Das ist eine scholastische Frage. Ihre Unabhängigkeit wird beschränkt, denn jede Vereinigung bedeutet eine gewisse Beschränkung der vorher bestehenden Rechte derer, die sich vereinigt haben. Aber die grundlegenden Elemente der Unabhängigkeit bleiben fraglos für jede Republik erhalten, hat doch jede Republik das Recht auf einseitigen Austritt aus der Union.

Die nationale Frage in ihrer konkreten Form läuft also in unseren gegenwärtigen Verhältnissen auf die Herbeiführung des wirtschaftlichen, außenpolitischen und militärischen Zusammenwirkens der Völker hinaus. Auf diesen Gebieten müssen wir diese Republiken zu einem einheitlichen Bund vereinigen, der den Namen UdSSR trägt. Darauf läuft gegenwärtig die nationale Frage in ihren konkreten Formen hinaus.

Jedoch ist das leichter gesagt als getan. Die Sache ist die, dass wir es in unserer Lage nicht nur mit einer ganzen Reihe von Faktoren zu tun haben, die die Vereinigung der Völker zu einem Staat fördern, sondern auch mit solchen, die diese Vereinigung hemmen.

Die fördernden Faktoren sind Ihnen bekannt: Vor allem die wirtschaftliche Annäherung der Völker, die bereits vor der Sowjetmacht herbeigeführt und durch die Sowjetmacht gefestigt wurde, eine gewisse Arbeitsteilung zwischen den Völkern, die bereits vor uns bestand und durch uns, durch die Sowjetmacht, verstärkt wurde - das ist der Hauptfaktor, der die Vereinigung der Republiken zur Union fördert. Als zweiter Faktor, der die Vereinigung fördert, ist die Natur der Sowjetmacht anzusehen. Das ist begreiflich. Die Sowjetmacht ist die Macht der Arbeiter, die Diktatur des Proletariats, die ihrer Natur nach die werktätigen Elemente der zur Union gehörenden Republiken und Völker geneigt macht, sich freundschaftlich aufeinander einzustellen. Das ist begreiflich. Und der dritte Faktor, der die Vereinigung fördert, ist die imperialistische Umwelt, die das Milieu bildet, in dem die Union der Republiken zu handeln hat.

Es gibt aber auch Faktoren, die diese Vereinigung hindern, die diese Vereinigung hemmen. Die hauptsächliche Kraft, die den Zusammenschluss der Republiken zu einem einheitlichen Bund hemmt, ist eine Kraft, die, wie ich schon ausführte, unter den Verhältnissen der NÖP in unserem Lande heranwächst: der großrussische Chauvinismus. Es ist durchaus kein Zufall, Genossen, dass die Smena-Wech-Leute unter bürokratischen Sowjetfunktionären eine Masse von Anhängern gewonnen haben. Das ist durchaus kein Zufall. Es ist auch kein Zufall, dass die Smena-Wech-Herren die Kommunisten, die Bolschewiki loben, als wollten sie ihnen sagen: Redet von Bolschewismus, soviel euch beliebt, schwatzt über eure internationalistischen Tendenzen, soviel euch beliebt, wir aber wissen ja, dass ihr das, was Denikin nicht zustande zu bringen vermochte, zustande bringen werdet, dass ihr Bolschewiki der russischen Großmachtidee wieder zu Ehren verholfen habt oder jedenfalls verhelfen werdet. Das alles ist kein Zufall. Es ist auch kein Zufall, dass diese Idee sogar in manche unserer Parteiinstitutionen eingedrungen ist. Ich war Zeuge, wie auf dem Februarplenum, wo die Frage einer zweiten Kammer zum erstenmal angeschnitten wurde, innerhalb des ZK Äußerungen fielen, die mit dem Kommunismus nicht in Einklang zu bringen sind, Äußerungen, die mit Internationalismus nichts gemein haben. Das alles sind Zeichen der Zeit, das alles ist eine Seuche. Die Hauptgefahr, die hieraus entspringt, besteht darin, dass bei uns jeden Tag, ja jede Stunde im Zusammenhang mit der NÖP der Großmachtchauvinismus wächst, der alles Nichtrussische auszulöschen, alle Fäden der Verwaltung um das russische Element herum zusammenzufassen und das Nichtrussische niederzudrücken strebt. Die Hauptgefahr besteht darin, dass wir bei einer derartigen Politik Gefahr laufen, das Vertrauen zu verlieren, das die ehemals unterdrückten Völker zu den russischen Proletariern in den Oktobertagen gefasst haben, als die russischen Proletarier die Gutsbesitzer, die russischen Kapitalisten stürzten, als sie das nationale Joch in Rußland zerschlugen, die Truppen aus Persien und der Mongolei zurückzogen, die Unabhängigkeit Finnlands und Armeniens proklamierten und überhaupt die nationale Frage auf eine völlig neue Basis stellten. Das Vertrauen, das wir damals erworben haben, können wir bis auf den letzten Rest verlieren, wenn wir nicht alle gewappnet gegen diesen neuen, wie gesagt, großrussischen Chauvinismus vorgehen, der schleichend um sich greift, Tropfen um Tropfen in Ohren und Augen eindringt und Schritt um Schritt unsere Funktionäre zersetzt. Dieser Gefahr, Genossen, müssen wir um jeden Preis vollständig Herr werden, denn sonst droht uns die Perspektive, dass wir das Vertrauen der Arbeiter und Bauern der ehemals unterdrückten Völker verlieren, droht uns die Perspektive, dass die Bande zwischen diesen Völkern und dem russischen Proletariat reißen, und damit droht uns die Gefahr, dass wir das Entstehen eines Risses im System unserer Diktatur zulassen.

Vergessen Sie nicht, Genossen, wenn wir mit entrollten Fahnen gegen Kerenski marschieren und die Provisorische Regierung stürzen konnten, so unter anderem deshalb, weil wir das Vertrauen der unterdrückten Völker, die von den russischen Proletariern ihre Befreiung erwarteten, auf unserer Seite wussten. Vergessen Sie nicht solche Reserven wie die unterdrückten Völker, die schweigen, aber durch ihr Schweigen einen Druck ausüben und vieles entscheiden. Häufig spürt man das nicht, aber diese Völker leben, sie sind da, und sie dürfen nicht vergessen werden. Vergessen Sie nicht: Hätten wir nicht im Rücken von Koltschak, Denikin, Wrangel und Judenitsch die so genannten "Fremdstämmigen" gehabt, hätten wir nicht die ehemals unterdrückten Völker gehabt, die durch ihre stillschweigende Sympathie für die russischen Proletarier das Hinterland dieser Generale zermürbten - Genossen, das ist ein besonderer Faktor in unserer Entwicklung: die stillschweigende Sympathie, niemand sieht sie und niemand bemerkt sie, aber sie entscheidet alles -, wäre diese Sympathie nicht gewesen, so hätten wir keinem einzigen dieser Generale das Genick gebrochen. Während wir gegen sie marschierten, begann in ihrem Rücken die Auflösung. Weshalb? Weil sich diese Generale auf die kosakischen Kolonisatorenelemente stützten, weil die unterdrückten Völker von ihnen nichts als weitere Unterdrückung zu erwarten hatten und sich genötigt sahen, in unseren Armen Zuflucht zu suchen, während wir die Fahne der Befreiung dieser unterdrückten Völker entrollten. Das war es, was das Schicksal dieser Generale entschied, das ist die Summe der Faktoren, die durch die Erfolge unserer Armeen überschattet werden, die aber schließlich alles entschieden haben. Das darf nicht vergessen werden. Deshalb sind wir verpflichtet, eine schroffe Wendung vorzunehmen und gegen die neuen chauvinistischen Stimmungen anzukämpfen, sind wir verpflichtet, die Bürokraten in unseren Institutionen und jene Parteigenossen an den Pranger zu stellen, die vergessen, was wir im Oktober errungen haben, nämlich das Vertrauen der ehemals unterdrückten Völker, ein Vertrauen, das uns am Herzen liegen muss.

Es gilt zu begreifen: Wenn eine Kraft wie der großrussische Chauvinismus ins Kraut schießt und anfängt, sich breit zu machen, dann werden die ehemals unterdrückten Völker kein Vertrauen mehr zu uns haben, dann werden wir keine Zusammenarbeit in einem einheitlichen Bund zustande bringen, und dann werden wir keine Union der Republiken mehr haben.

Das ist der erste und gefährlichste Faktor, der das Werk der Vereinigung der Völker und Republiken zu einem einheitlichen Bund hemmt.

Der zweite Faktor, Genossen, der der Vereinigung der ehemals unterdrückten Völker um das russische Proletariat ebenfalls hinderlich ist, ist die faktische Ungleichheit der Nationen, die wir vorn Zarismus geerbt haben.

Die rechtliche Gleichheit haben wir proklamiert, und wir führen sie durch, aber von der rechtlichen Gleichheit, die in der Entwicklungsgeschichte der Sowjetrepubliken selbstverständlich außerordentliche Bedeutung hat, ist es immerhin noch weit bis zur faktischen Gleichheit. Alle rückständigen Nationalitäten und Völker haben formal dieselben Rechte wie alle übrigen, vorangeschrittenen Nationen unserer Föderation. Das Unglück ist aber, dass einige Nationalitäten keine eigenen Proletarier aufzuweisen haben, keine industrielle Entwicklung durchgemacht haben, dass sie in diese nicht einmal eingetreten und in kultureller Hinsicht schrecklich zurückgeblieben sind, dass sie völlig außerstande sind, von den Rechten Gebrauch zu machen, die ihnen die Revolution gegeben hat. Genossen, das ist eine wichtigere Frage als die Schulfrage. Manche unserer Genossen glauben da, man brauche nur die Frage der Schulen und der Sprache in den Vordergrund zu rücken, und man könne damit den Knoten schon durchhauen. Das stimmt nicht, Genossen, mit den Schulen kommt man hier nicht weit, die Schulen entwickeln sich, die Sprache entwickelt sich ebenfalls, aber die faktische Ungleichheit bleibt die Grundlage aller Unzufriedenheit und aller Reibungen. Darüber kommt man mit Schulen und Sprache nicht hinweg, hier bedarf es unserer wirklichen, systematischen, aufrichtigen, tatsächlichen proletarischen Hilfe für die werktätigen Massen der kulturell und wirtschaftlich zurückgebliebenen Nationalitäten. Das Proletariat Rußlands muss, abgesehen von Schule und Sprache, alle Maßnahmen treffen, damit in den Randgebieten, in den kulturell zurückgebliebenen Republiken - zurückgeblieben aber sind sie nicht durch ihre eigene Schuld, sondern weil sie früher als bloße Rohstoffquellen betrachtet wurden -, damit in diesen Republiken Industriestätten errichtet werden. Gewisse Versuche in dieser Richtung sind unternommen worden. Georgien hat eine Fabrik von Moskau übernommen, und sie wird wohl in Kürze zu arbeiten beginnen. Buchara hat eine Fabrik übernommen, hätte aber vier Fabriken übernehmen können. Turkestan übernimmt eine große Fabrik; somit sind alle Voraussetzungen dafür gegeben, dass diese Republiken, die in wirtschaftlicher Hinsicht zurückgeblieben sind und kein Proletariat besitzen, mit Hilfe des russischen Proletariats eigene Industriestätten schaffen, und seien es auch nur kleine, damit in diesen Industriestätten Gruppen von einheimischen Proletariern entstehen, die als Verbindungsbrücke von den russischen Proletariern und Bauern zu den werktätigen Massen dieser Republiken dienen können. Auf diesem Gebiet werden wir eben gründlich arbeiten müssen, das lässt sich mit Schulen allein nicht abmachen.

Es gibt aber noch einen dritten Faktor, der die Vereinigung der Republiken zu einem Bund hemmt - das ist der Nationalismus in den einzelnen Republiken. Die NÖP wirkt nicht nur auf die russische Bevölkerung, sondern auch auf die nichtrussische ein. Die NÖP entwickelt den privaten Handel und die private Industrie nicht nur im Zentrum Rußlands, sondern auch in den einzelnen Republiken. Eben diese NÖP und das mit ihr verbundene Privatkapital nähren und züchten den georgischen, den aserbaidshanischen, den usbekischen und sonstigen Nationalismus. Gewiss, gäbe es keinen großrussischen Chauvinismus, der sich offensiv betätigt, weil er stark ist, weil er auch früher stark war und weil er die Angewohnheiten des Unterdrückens und Niederhaltens beibehalten hat - gäbe es keinen großrussischen Chauvinismus, dann würde es vielleicht auch den lokalen Chauvinismus, der die Antwort auf den großrussischen Chauvinismus ist, sozusagen nur in minimaler, in Miniaturform geben, denn der antirussische Nationalismus ist in letzter Instanz eine Form der Abwehr, eine gewisse, verzerrte Form der Abwehr gegen den großrussischen Nationalismus, gegen den großrussischen Chauvinismus. Wenn dieser Nationalismus lediglich defensiv wäre, brauchte man seinetwegen noch keinen Lärm zu schlagen. Man könnte die ganze Kraft unseres Handelns und die ganze Kraft unseres Kampfes gegen den großrussischen Chauvinismus konzentrieren, in der Hoffnung, dass mit der Niederzwingung dieses starken Feindes zugleich auch der antirussische Nationalismus niedergezwungen wird, denn er, dieser Nationalismus, ist, wie gesagt, in letzter Instanz eine Reaktion auf den großrussischen Nationalismus, eine Antwort auf ihn, eine bestimmte Abwehr. Ja, so stünde es, wenn der lokale antirussische Nationalismus nicht über eine Reaktion auf den großrussischen Nationalismus hinausginge. Das Unglück ist aber, dass sich dieser defensive Nationalismus in einigen Republiken in einen offensiven Nationalismus verwandelt.

Nehmen wir Georgien. Dort besteht die Bevölkerung zu mehr als 30 Prozent aus Nichtgeorgiern, darunter Armeniern, Abchasen, Adsharen, Osseten, Tataren. An der Spitze stehen die Georgier. Bei einem Teil der georgischen Kommunisten entsprang und entwickelt sich die Idee, auf diese kleinen Nationalitäten brauche man keine besondere Rücksicht zu nehmen: sie seien ja weniger kultiviert, weniger entwickelt, deshalb brauche man auf sie auch keine Rücksicht zu nehmen. Das ist Chauvinismus, ein schädlicher und gefährlicher Chauvinismus, denn er kann die kleine Georgische Republik in einen Schauplatz der Zwistigkeiten verwandeln und hat sie übrigens schon in einen solchen Schauplatz verwandelt.

Aserbaidshan. Die Hauptnationalität ist die aserbaidshanische, aber es gibt dort auch Armenier. Bei einem Teil der Aserbaidshaner besteht ebenfalls eine derartige, manchmal ganz unverhüllte Tendenz, die dahin geht: Wir, nämlich die Aserbaidshaner, sind eben die Urbevölkerung, die andern dagegen, die Armenier, sind zugewandert, da könnte man sie doch ein wenig in den Hintergrund drängen, ihre Interessen unberücksichtigt lassen. Das ist ebenfalls Chauvinismus. Das untergräbt jene Gleichheit der Nationalitäten, auf deren Grundlage die Sowjetmacht aufgebaut wird.

Buchara. Dort, in Buchara, gibt es drei Nationalitäten: die Usbeken als Hauptnationalität, die Turkmenen, eine vom Standpunkt des bucharischen Chauvinismus aus "minder wichtige" Nationalität, und die Kirgisen. Ihrer gibt es dort wenige, und sie sollen "minder wichtig" sein.

In Choresm das gleiche: Turkmenen und Usbeken. Die Usbeken als Hauptnationalität, die Turkmenen aber "minder wichtig".

All das führt zu Konflikten, zur Schwächung der Sowjetmacht. Diese Tendenz zum lokalen Chauvinismus muss gleichfalls mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Gewiss, im Vergleich zum großrussischen Chauvinismus, der im Gesamtsystem der nationalen Frage drei Viertel des Ganzen ausmacht, ist der lokale Chauvinismus weniger von Belang, aber für die lokale Arbeit, für die einheimische Bevölkerung, für die friedliche Entwicklung der nationalen Republiken ist dieser Chauvinismus von größter Bedeutung.

Dieser Chauvinismus macht mitunter eine sehr interessante Evolution durch. Ich denke an Transkaukasien. Sie wissen, dass Transkaukasien aus drei Republiken besteht, die zehn Nationalitäten umfassen. Transkaukasien war von jeher ein Schauplatz der Metzeleien und der Zwietracht, und später, unter dem Menschewismus und den Daschnaken, war es ein Schauplatz des Krieges. Sie kennen den georgisch-armenischen Krieg. Die Metzeleien Anfang und Ende 1905 in Aserbaidshan sind Ihnen gleichfalls bekannt. Ich könnte Ihnen eine ganze Reihe von Rayons aufzählen, wo die armenische Mehrheit den ganzen übrigen, aus Tataren bestehenden Teil der Bevölkerung niedergemetzelt hat, zum Beispiel Sangesur. Ich kann auf eine andere Provinz, Nachitschewan, verweisen. Dort überwogen die Tataren, und sie haben alle Armenier niedergemetzelt. Das war gerade vor der Befreiung Armeniens und Georgiens vom Joch des Imperialismus. (Zwischenruf: "Die haben die nationale Frage auf ihre Art gelöst.") Das ist natürlich auch eine Form, die nationale Frage zu lösen. Aber das ist nicht die sowjetische Form, sie zu lösen. Mit dieser Atmosphäre gegenseitiger nationaler Feindschaft haben die russischen Arbeiter natürlich nichts zu tun, denn da befehden sich Tataren und Armenier, ohne die Russen. Deshalb bedarf es in Transkaukasien eines speziellen Organs, das die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Nationalitäten zu regeln vermag.

Man kann ohne weiteres sagen, dass die gegenseitigen Beziehungen zwischen dem Proletariat der ehemaligen Herrschernation und den Werktätigen aller übrigen Nationalitäten drei Viertel der gesamten nationalen Frage ausmachen. Ein Viertel dieser Frage jedoch entfällt auf die Beziehungen zwischen den ehemals unterdrückten Nationalitäten selbst.

Hätte nun die Sowjetmacht in dieser Atmosphäre gegenseitigen Misstrauens in Transkaukasien kein Organ des nationalen Friedens zu schaffen vermocht, das imstande ist, die Reibungen und Konflikte beizulegen, so wären wir zu den Zeiten des Zarismus oder zu der Zeit der Daschnaken, der Mussawatisten, der Menschewiki zurückgekehrt, da die Leute einander das Dach über dem Kopf anzündeten und einander niedermetzelten. Deshalb hat das Zentralkomitee auch dreimal die Notwendigkeit bestätigt, die Transkaukasische Föderation als ein Organ des nationalen Friedens aufrechtzuerhalten.

Es gibt bei uns nach wie vor eine Gruppe georgischer Kommunisten, die zwar nicht dagegen ist, dass sich Georgien mit der Union der Republiken vereinigt, wohl aber dagegen, dass diese Vereinigung über die Transkaukasische Föderation erfolgt. Sie möchten, sehen Sie wohl, enger mit der Union verbunden sein und meinen, man brauche zwischen ihnen, den Georgiern, und der Union der Republiken keine Zwischenwand in Gestalt der Transkaukasischen Föderation, man brauche keine Föderation. Das scheint sehr revolutionär zu klingen.

Aber hier liegt eine andere Absicht vor. Erstens zeugen diese Erklärungen davon, dass in Georgien das Verhältnis zu den Russen in der nationalen Frage eine untergeordnete Rolle spielt, denn diese Genossen Abweichler (so pflegt man sie zu nennen) haben nichts gegen eine direkte Vereinigung Georgiens mit der Union, das heißt, sie fürchten nicht den großrussischen Chauvinismus, weil sie meinen, er sei so oder so an der Wurzel getroffen oder habe keine entscheidende Bedeutung. Augenscheinlich fürchten sie die Föderation Transkaukasiens mehr. Warum? Warum sollen die drei wichtigsten Völker, die in Transkaukasien leben und die sich so lange Zeit miteinander geschlagen, einander niedergemetzelt, einander bekriegt haben - warum sollen diese Völker jetzt, da die Sowjetmacht endlich Bande des brüderlichen Bündnisses zwischen ihnen in Gestalt der Föderation geschlungen hat, da diese Föderation positive Ergebnisse gezeitigt hat, warum sollen sie jetzt diese föderativen Bande zerreißen? Worum geht es, Genossen?

Es geht darum, dass Georgien durch die Bande der Transkaukasischen Föderation jener teilweise privilegierten Stellung verlustig geht, die es auf Grund seiner geographischen Lage einnehmen könnte. Urteilen Sie selbst: Georgien hat einen eigenen Hafen, Batum, durch den Waren aus dem Westen kommen; Georgien hat einen Eisenbahnknotenpunkt wie Tiflis, den die Armenier nicht umgehen können, den Aserbaidshan, das seine Waren aus Batum erhält, nicht umgehen kann. Wenn Georgien eine Republik für sich wäre, wenn es nicht zur Transkaukasischen Föderation gehörte, könnte es gewissermaßen ein kleines Ultimatum richten sowohl an Armenien, das ohne Tiflis nicht auskommen kann, als auch an Aserbaidshan, das ohne Batum nicht auskommen kann. Daraus würden sich für Georgien gewisse Vorteile ergeben. Es ist kein Zufall, dass gerade in Georgien das allen bekannte, ungeheuerliche Dekret über die Grenzkordons ausgearbeitet wurde. Jetzt sucht man die Schuld daran auf Serebrjakow abzuwälzen. Angenommen, dem sei so. Aber das Dekret wurde doch in Georgien und nicht in Aserbaidshan oder Armenien ausgeheckt.

Ferner gibt es noch einen anderen Grund. Tiflis ist die Hauptstadt Georgiens, aber Georgier gibt es in Tiflis nicht mehr als 30 Prozent, Armenier nicht weniger als 35 Prozent, dann kommen alle übrigen Nationalitäten. So sieht es also in der Hauptstadt Georgiens aus. Wäre Georgien eine Republik für sich, dann könnte man eine gewisse Umsiedlung der Bevölkerung vornehmen, zum Beispiel Armenier aus Tiflis abschieben. Ist doch in Georgien das bekannte Dekret zur "Regulierung" der Bevölkerung in Tiflis angenommen worden, von dem Genosse Macharadse erklärte, dass es nicht gegen die Armenier gerichtet wäre. Man beabsichtigte, eine gewisse Bevölkerungsverschiebung vorzunehmen, und zwar so, dass die Zahl der Armenier im Vergleich zu der der Georgier in Tiflis von Jahr zu Jahr abnehmen und somit Tiflis in eine echte georgische Hauptstadt verwandelt würde. Zugegeben, sie haben das Aussiedlungsdekret zurückgezogen. Es verbleibt ihnen aber eine Unmenge von Möglichkeiten, eine Unmenge so elastischer Maßnahmen, wie zum Beispiel die "Entlastung" der Stadt, mit deren Hilfe man unter Wahrung eines Scheins von Internationalismus es so einrichten könnte, dass es weniger Armenier in Tiflis gäbe.

Diese Vorteile geographischer Art, die die georgischen Abweichler nicht einbüßen wollen, und die ungünstige Lage in bezug auf die Georgier in Tiflis selbst, wo es weniger Georgier als Armenier gibt, veranlassen eben unsere Abweichler, gegen die Föderation anzukämpfen. Die Menschewiki haben die Armenier und Tataren aus Tiflis einfach ausgewiesen. Jetzt, unter der Sowjetmacht, kann man sie nicht ausweisen, und deshalb möchte man aus der Föderation ausscheiden, dann würde man die juristische Möglichkeit haben, selbständig einige derartige Operationen vorzunehmen, die dazu führen sollen, die Vorzugsstellung der Georgier restlos gegen Aserbaidshan und Armenien auszunutzen. Und aus alledem würde sich eine privilegierte Stellung der Georgier innerhalb Transkaukasiens ergeben. Darin besteht die ganze Gefahr.

Dürfen wir denn unter Hinwegsetzung über die Interessen der nationalen Eintracht in Transkaukasien Verhältnisse schaffen, die die Georgier gegenüber der Armenischen und Aserbaidshanischen Republik in eine privilegierte Lage versetzen? Nein. Das dürfen wir nicht zulassen.

Es gibt ein altes spezielles System, die Nationen zu regieren, wonach die bürgerliche Staatsgewalt einige Nationalitäten näher an sich heranzieht, ihnen Privilegien gewährt und die anderen Nationen zurücksetzt, um sich mit ihnen nicht abgeben zu müssen. Indem sie also die eine Nationalität näher an sich heranzieht, übt sie mit deren Hilfe einen Druck auf die übrigen aus. So wurde zum Beispiel in Österreich regiert. Allen ist die Erklärung des österreichischen Ministers Beust in Erinnerung, der den ungarischen Minister kommen ließ und ihm sagte: "Regiere du über deine Horden, ich werde mit den meinigen fertig werden", mit anderen Worten: Unterdrücke und würge deine Nationalitäten in Ungarn, ich werde die meinigen in Österreich würgen. Du und ich - wir sind privilegierte Nationen, die anderen aber würgen wir.

Dasselbe war mit den Polen in Österreich selbst der Fall. Die Österreicher zogen die Polen näher an sich heran, gewährten ihnen Privilegien, damit die Polen den Österreichern halfen, ihre Positionen in Polen zu stärken; dafür gaben sie den Polen die Möglichkeit, Galizien zu würgen.

Das ist ein besonderes, rein österreichisches System, einige Nationalitäten herauszuheben und ihnen Privilegien zu gewähren, um dann mit den übrigen Nationalitäten aufzuräumen. Vom Standpunkt der Bürokratie ist das ein "sparsames" Verwaltungssystem, denn man braucht sich nur mit einer Nationalität abzugeben, aber vom politischen Standpunkt aus ist das der sichere Tod des Staates, denn die Prinzipien der Gleichheit der Nationalitäten verletzen und irgendwelche Privilegien für eine bestimmte Nationalität zulassen - das bedeutet die eigene nationale Politik dem Tode weihen.

Genauso wird jetzt Indien von England regiert. England hat, um vom Standpunkt der Bürokratie mit den Nationalitäten und Stämmen Indiens leichter fertig zu werden, Indien in Britisch-Indien (240 Millionen Einwohner) und die Eingeborenenstaaten (72 Millionen) geteilt. Aus welchem Grunde geschah das? Nun, weil England eine Gruppe von Nationenherausheben und ihr Privilegien gewähren wollte, um die übrigen Nationalitäten desto bequemer regieren zu können. In Indien selbst gibt es einige Hundert Nationalitäten, da sagte sich England: Warum soll ich mich mit diesen Nationalitäten abgeben, besser ist es, einige Nationen herauszuheben, ihnen gewisse Privilegien zu gewähren und mit ihrer Hilfe die übrigen zu regieren; denn erstens wird sich in diesem Fall die Unzufriedenheit der übrigen Nationen gegen diese privilegierten Nationen und nicht gegen England richten, und zweitens ist es billiger, sich mit zwei, drei Nationen "abzugeben".

Das ist auch ein Verwaltungssystem, das englische. Wohin führt es? Zur "Verbilligung" des Apparats - das stimmt. Aber, Genossen, abgesehen von der bürokratischen Bequemlichkeit, liegt darin der sichere Tod der englischen Herrschaft in Indien. Hierin, in diesem System, liegt, so sicher wie zwei mal zwei vier ist, der Tod des Systems der englischen Verwaltung und der englischen Herrschaft.

Auf diesen gefährlichen Weg wollen uns unsere Genossen, die georgischen Abweichler, bringen, wenn sie, unter Verletzung aller Gesetze der Partei, gegen die Föderation ankämpfen, wenn sie aus der Föderation ausscheiden wollen, um ihre Vorzugsstellung zu behalten. Sie wollen uns dahin bringen, dass wir ihnen gewisse Privilegien auf Kosten der Armenischen und der Aserbaidshanischen Republik gewähren. Auf diesen Weg können wir uns nicht begeben, denn das wäre der sichere Tod unserer gesamten Politik und der Sowjetnacht im Kaukasus.

Es ist kein Zufall, dass unsere Genossen in Georgien diese Gefahr gespürt haben. Dieser georgische Chauvinismus, der zu einer gegen die Armenier und Aserbaidshaner gerichteten Offensive übergegangen ist, hat die Kommunistische Partei Georgiens alarmiert. Es ist durchaus verständlich, dass die Kommunistische Partei Georgiens, die seit ihrem legalen Bestehen zwei Parteitage abgehalten hat, beidemal den Standpunkt der Genossen Abweichler einmütig verworfen hat, denn ohne die Transkaukasische Föderation kann unter den jetzigen Verhältnissen im Kaukasus weder der Frieden erhalten noch die Gleichheit hergestellt werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass eine Nation privilegierter sei als die andere. Das haben unsere Genossen gespürt. Deshalb stellt die Gruppe Mdiwani nach zwei Jahren Kampf ein kleines Häuflein dar, das in Georgien selbst immer wieder von der Partei beiseite geschleudert wird.

Es ist weiter kein Zufall, dass Genosse Lenin eine solche Eile an den Tag legte und so darauf drängte, dass die Föderation unverzüglich eingeführt werde. Kein Zufall ist es auch, dass unser ZK dreimal die Notwendigkeit der Föderation in Transkaukasien bestätigt hat, einer Föderation mit eigenem ZEK und eigener Exekutivgewalt, deren Beschlüsse für die Republiken verbindlich sind. Kein Zufall ist es ferner, dass beide Kommissionen, sowohl die des Genossen Dzierzynski als auch die Kamenews und Kujbyschews, nach ihrer Rückkehr nach Moskau erklärten, ohne Föderation werde man nicht auskommen können.

Schließlich ist es auch kein Zufall, dass die Menschewiki vom "Sozialistitscheski Wjestnik"

"Sozialistitscheski Wjestnik" (Der sozialistische Bote) - Organ der menschewistischen weißen Emigranten, das von Martow im Februar 1921 gegründet wurde; es erschien bis März 1933 in Berlin, von Mai 1933 bis Juni 1940 in Paris und später in Amerika. Der "Sozialistitscheski Wjestnik" ist ein Sprachrohr reaktionärster imperialistischer Kreise.
 

unsere Genossen Abweichler wegen ihres Kampfes gegen die Föderation loben, sie auf Händen tragen: Gleich und gleich gesellt sich gern.

Ich gehe zur Analyse der Mittel und Wege über, mit deren Hilfe wir diese drei Hauptfaktoren, die die Vereinigung hemmen, überwinden müssen: den großrussischen Chauvinismus, die faktische Ungleichheit der Nationen und den lokalen Nationalismus, besonders den, der in Chauvinismus übergeht. Von den Mitteln, die uns helfen können, dieses ganze Erbe der Vergangenheit, das die Annäherung der Völker hemmt, schmerzlos zu überwinden, erwähne ich drei.

Das erste Mittel: Alle Maßnahmen ergreifen, damit die Sowjetmacht in den Republiken Verständnis findet und zur ureigenen Sache der werktätigen Massen selbst wird, damit bei uns die Sowjetmacht nicht nur russisch ist, sondern alle Nationen umfasst. Dazu ist erforderlich, dass nicht nur die Schulen, sondern alle Institutionen, alle Organe, sowohl die Parteiorgane als auch die Sowjetorgane, Schritt für Schritt nationalisiert werden, dass sie in einer den Massen verständlichen Sprache arbeiten, dass sie unter Verhältnissen funktionieren, die der Lebensweise des gegebenen Volkes entsprechen. Nur unter dieser Bedingung werden wir die Möglichkeit erhalten, die Sowjetmacht aus einer russischen zu einer alle Nationen umfassenden Macht zu machen, einer Macht, die bei den werktätigen Massen aller Republiken und besonders der in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht zurückgebliebenen Verständnis findet, ihnen nahe und vertraut wird.

Das zweite Mittel, das uns die schmerzlose Überwindung des uns vom Zarismus und von der Bourgeoisie hinterlassenen Erbes erleichtern kann, ist ein solcher Aufbau der Kommissariate in der Union der Republiken, der es wenigstens den wichtigsten Nationalitäten ermöglicht, eigene Vertreter in den Kollegien zu haben, und der Verhältnisse schafft, unter denen die Erfordernisse und Bedürfnisse der einzelnen Republiken unbedingt befriedigt werden.

Das dritte Mittel: Zu unseren obersten Zentralorganen muss ein Organ gehören, das den Erfordernissen und Bedürfnissen ausnahmslos aller Republiken und Nationalitäten Rechnung trägt.

Auf dieses letztgenannte Mittel möchte ich Ihre Aufmerksamkeit besonders lenken.

Wenn wir innerhalb des ZEK der Union zwei gleichberechtigte Kammern schaffen könnten, von denen die erste durch den Unionskongress der Sowjets, ohne Rücksicht auf die Nationalität, die zweite Kammer aber von den Republiken und nationalen Gebieten (in gleicher Zahl von jeder Republik und in gleicher Zahl auch von jedem nationalen Gebiet) gewählt und durch denselben Sowjetkongress der Union der Republiken bestätigt würde, dann würden, glaube ich, unsere obersten Körperschaften in ihrer Zusammensetzung nicht nur die Klasseninteressen ausnahmslos aller Werktätigen, sondern auch die rein nationalen Bedürfnisse zum Ausdruck bringen. Wir hätten ein Organ, das den besonderen Interessen der Nationalitäten, Völker und Stämme, die das Territorium der Union der Republiken bewohnen, Rechnung trägt. Genossen, unter unseren Verhältnissen, wo in der Union insgesamt nicht weniger als 140 Millionen Menschen vereint sind, von denen etwa 65 Millionen Nichtrussen sind - kann ein solcher Staat nicht verwaltet werden, wenn nicht hier, in Moskau, im höchsten Organ Abgesandte dieser Nationalitäten sitzen, die nicht nur den dem gesamten Proletariat gemeinsamen Interessen, sondern auch den besonderen, speziellen, spezifischen, nationalen Interessen Rechnung tragen. Ohne das, Genossen, kann man nicht regieren. Ohne ein solches Barometer zur Hand zu haben, ohne Menschen, die fähig sind, diese speziellen Bedürfnisse der einzelnen Nationalitäten zu formulieren, kann man nicht regieren.

Es gibt zwei Methoden, ein Land zu regieren: Die eine Methode besteht darin, den Apparat "zu vereinfachen" und an seine Spitze, sagen wir, eine Gruppe oder einen einzelnen zu stellen, der überall im Lande seine Hände und Augen in Gestalt von Gouverneuren hat. Das ist eine sehr einfache Form des Regierens: Dabei nimmt das Oberhaupt, das das Land regiert, die Informationen entgegen, die von den Gouverneuren beschafft werden können, und wiegt sich in der Hoffnung, ehrlich und richtig zu regieren. Dann entstehen Reibungen, die Reibungen gehen in Konflikte, die Konflikte in Aufstände über. Dann werden die Aufstände unterdrückt. Dieses Regierungssystem ist nicht unser System, außerdem ist es zwar einfach, aber allzu kostspielig. Es gibt jedoch noch ein anderes Regierungssystem, das Sowjetsystem. Wir im Sowjetland verwirklichen ein anderes Regierungssystem, ein Regierungssystem, das uns ermöglicht, alle Veränderungen, alle Umstände mit aller Genauigkeit vorauszusehen, sowohl bei den Bauern als auch bei den nationalen Minderheiten, sowohl bei den so genannten "Fremdstämmigen" als auch bei den Russen; es muss im System der höchsten Organe eine Reihe von Barometern geben, die jede Veränderung anzeigen, die sowohl eine Basmatschenbewegung

 

Basmatschenbewegung - konterrevolutionäre nationalistische Bewegung in Mittelasien (Turkestan, Buchara, Choresm) in den Jahren 1918 bis 1924, die in Form eines offenen politischen Banditentums in Erscheinung trat; an ihrer Spitze standen Begs und Mullahs, deren Ziel es war, die mittelasiatischen Republiken von Sowjetrußland loszureißen und die Herrschaft der Ausbeuterklassen wiederherzustellen. Die Basmatschenbewegung wurde aktiv von den englischen Imperialisten unterstützt, die bestrebt waren, Mittelasien in ihre Kolonie zu verwandeln.

 

und eine Banditenbewegung als auch Kronstadt und alle möglichen Stürme und Unbilden in Rechnung stellen und ihnen vorbeugen. Das ist das sowjetische Regierungssystem. Es nennt sich deshalb Sowjetmacht, Macht des Volkes, weil es, auf die untersten Schichten gestützt, schnellstens jede Veränderung herausfühlt, die entsprechenden Maßnahmen trifft und die Linie rechtzeitig korrigiert, wenn sie verbogen worden ist, weil es sich selbst kritisiert und die Linie korrigiert. Dieses Regierungssystem ist das Sowjetsystem, und es erfordert, dass im System unserer höchsten Körperschaften Organe bestehen, die den nationalen Nöten und Bedürfnissen restlos Rechnung tragen.

Man erhebt den Einwand, dieses System mache die Verwaltung komplizierter, es bedeute eine Anhäufung neuer Organe. Das stimmt. Bis jetzt hatten wir das ZEK der RSFSR, dann schufen wir das ZEK der Union, jetzt wird das ZEK der Union in zwei Teile geteilt werden müssen. Da ist nichts zu machen. Ich habe schon ausgeführt, dass das einfachste Regierungssystem darin besteht, einen Menschen hinzusetzen und ihm Gouverneure beizugeben. Aber nach dem Oktober darf man sich mit solchen Experimenten nicht mehr abgeben. Das System ist komplizierter geworden, es erleichtert aber die Verwaltung und macht die gesamte Verwaltung von Grund aus sowjetisch. Deshalb meine ich, dass der Parteitag sich für die Einrichtung eines besonderen Organs, einer zweiten Kammer innerhalb des ZEK der Union als eines absolut notwendigen Organs entscheiden muss.

Ich will nicht behaupten, dass dies die vollkommene Form sei, die Zusammenarbeit zwischen den Völkern der Union zu regeln; ich will nicht behaupten, dass dies das letzte Wort der Wissenschaft sei. Wir werden die nationale Frage noch mehr als einmal behandeln, denn die nationalen und internationalen Verhältnisse ändern sich und können sich weiter ändern. Ich lege nicht die Hand dafür ins Feuer, dass wir nicht möglicherweise einige Kommissariate, die wir innerhalb der Union der Republiken verschmelzen, später wieder werden trennen müssen, falls die Erfahrung zeigen sollte, dass die Verschmelzung gewisser Kommissariate Nachteile gebracht hat. Eins ist jedoch klar: Unter den jetzigen Bedingungen und in der jetzigen Lage steht uns keine bessere Methode und kein anderes, passenderes Organ zur Verfügung. Einstweilen besitzen wir kein besseres Mittel und keinen anderen Weg zur Schaffung eines Organs, das alle Schwankungen und alle Veränderungen in den einzelnen Republiken anzuzeigen vermag, als die Einrichtung einer zweiten Kammer.

Selbstverständlich müssen nicht nur diese vier Republiken, die sich vereinigt haben, sondern alle Völker in der zweiten Kammer vertreten sein; denn hier geht es nicht nur um die Republiken, die sich formell vereinigt haben (ihrer sind vier), sondern um alle Völker und Völkerschaften der Union der Republiken überhaupt. Deshalb müssen wir eine Form haben, die die Bedürfnisse ausnahmslos aller Völkerschaften und Republiken zum Ausdruck bringt.

Ich fasse zusammen, Genossen.

Die Wichtigkeit der nationalen Frage wird also durch die neue Konstellation in der internationalen Lage bestimmt, dadurch, dass wir hier, in Rußland, in unserer Föderation, die nationale Frage richtig, vorbildlich lösen müssen, um dem Osten, der die gewichtigen Reserven der Revolution bildet, ein Beispiel zu geben und so das Vertrauen dieser Reserven, ihre Hinneigung zu unserer Föderation zu stärken.

Von der inneren Lage aus gesehen erwächst uns infolge der Verhältnisse der NÖP, des erstarkenden großrussischen Chauvinismus und des lokalen Chauvinismus ebenfalls die Pflicht, die besondere Wichtigkeit der nationalen Frage hervorzuheben.

Ich führte weiter aus, dass das Wesen der nationalen Frage in der Herstellung richtiger Beziehungen zwischen dem Proletariat der ehemaligen Herrschernation und der Bauernschaft der ehemals beherrschten Nationen besteht, dass unter diesem Gesichtspunkt die konkrete Form der nationalen Frage gegenwärtig darin besteht, Mittel und Wege ausfindig zu machen, um zu einer Zusammenarbeit der Völker in der Union der Republiken, in einem einheitlichen Staat, zu gelangen.

Ich sprach ferner von den Faktoren, die eine solche Annäherung der Völker fördern. Ich sprach von den Faktoren, die diese Vereinigung hemmen. Ich ging speziell auf den großrussischen Chauvinismus als erstarkende Kraft ein. Diese Kraft ist die Hauptgefahr, sie kann das Vertrauen der ehemals unterdrückten Völker zum russischen Proletariat untergraben. Das ist unser gefährlichster Feind, wir müssen ihn niederwerfen; denn haben wir ihn niedergeworfen, so haben wir zu neun Zehnteln auch den Nationalismus niedergeworfen, der sich in den einzelnen Republiken erhalten hat und weiterentwickelt.

Ferner. Wir stehen vor der Gefahr, von einigen Gruppen von Genossen dazu gedrängt zu werden, bestimmten Nationalitäten zum Schaden anderer Privilegien zu gewähren. Ich habe erklärt, dass wir uns nicht auf diesen Weg begeben können; denn das kann den nationalen Frieden untergraben und das Vertrauen der Massen der anderen Nationen zur Sowjetmacht ertöten.

Ich sprach ferner davon, dass das wichtigste Mittel, das uns die Überwindung dieser, die Vereinigung hindernden Faktoren auf dem schmerzlosesten Wege ermöglichen könnte, die Schaffung einer zweiten Kammer innerhalb des ZEK ist. Darüber habe ich auf dem Februarplenum des ZK offener gesprochen, darüber wird in den Thesen in verhüllterer Form gesprochen, damit die Genossen selbst die Möglichkeit haben, vielleicht eine andere, elastischere Form, ein anderes, passenderes Organ herauszufinden, das die Interessen der Nationalitäten zum Ausdruck bringen kann.

Das sind die Schlussfolgerungen.

Ich glaube, dass wir nur auf diesem Wege die nationale Frage richtig lösen können, dass wir es fertigbringen werden, das Banner der proletarischen Revolution breit zu entrollen und die Sympathien und das Vertrauen der Länder des Ostens, die die gewichtigen Reserven der Revolution bilden und eine entscheidende Rolle in den kommenden Schlachten des Proletariats gegen den Imperialismus spielen können, für dieses Banner zu gewinnen. (Beifall.)

 

 

 

4. SCHLUSSWORT ZUM REFERAT
ÜBER DIE NATIONALEN MOMENTE IM PARTEI-
UND STAATSAUFBAU

25. April

 

Genossen! Bevor ich dazu übergehe, über die Arbeit der Sektion für die nationale Frage zu berichten, gestatten Sie mir, in zwei grundlegenden Punkten den Rednern zu widersprechen, die zu meinem Referat das Wort ergriffen haben. Das wird alles in allem etwa 20 Minuten in Anspruch nehmen, nicht mehr.

Die erste Frage bezieht sich darauf, dass eine Gruppe von Genossen, mit Bucharin und Rakowski an der Spitze, die Bedeutung der nationalen Frage zu sehr aufgebauscht, sie übertrieben und über der nationalen Frage die soziale Frage, die Frage der Macht der Arbeiterklasse, übersehen hat.

Für uns als Kommunisten ist es klar, dass die Grundlage unserer gesamten Arbeit die Festigung der Arbeitermacht ist; erst danach erhebt sich vor uns die andere Frage, eine sehr wichtige, aber der ersten untergeordnete Frage - die nationale Frage. Man sagt uns, den nationalen Minderheiten dürfe nicht unrecht getan werden. Das ist völlig richtig, ich stimme dem zu - man darf ihnen nicht unrecht tun. Daraus aber die neue Theorie schaffen, man müsse das großrussische Proletariat gegenüber den ehemals unterdrückten Nationen rechtlich benachteiligen, heißt eine Ungereimtheit sagen. Was bei Genossen Lenin in seinem bekannten Artikel eine Redewendung ist, hat Bucharin in eine ganze Losung verwandelt. Indessen ist klar, dass die politische Grundlage der proletarischen Diktatur vor allem und hauptsächlich die zentralen Industriegebiete sind und nicht die Randgebiete, die Bauernländer darstellen. Überspannen wir den Bogen zugunsten der bäuerlichen Randgebiete, zum Schaden der proletarischen Gebiete, dann kann im System der Diktatur des Proletariats ein Riss entstehen. Das ist gefährlich, Genossen. In der Politik darf man des Guten nicht zuviel tun, ebenso auch nicht zuwenig.

Wir müssen daran denken, dass es außer dem Recht der Völker auf Selbstbestimmung auch ein Recht der Arbeiterklasse auf Festigung ihrer Macht gibt, und diesem Recht ist das Selbstbestimmungsrecht untergeordnet. Es gibt Fälle, wo das Selbstbestimmungsrecht in Widerspruch zu einem anderen, höheren Recht gerät, dem Recht der zur Macht gekommenen Arbeiterklasse auf Festigung ihrer Macht. In solchen Fällen - das muss man offen aussprechen - kann und darf das Selbstbestimmungsrecht nicht zum Hindernis für die Verwirklichung des Rechts der Arbeiterklasse auf ihre Diktatur werden. Das erste muss hinter dem zweiten zurücktreten. So lagen die Dinge zum Beispiel im Jahre 1920, als wir gezwungen waren, im Interesse der Verteidigung der Macht der Arbeiterklasse auf Warschau zu marschieren.

Wenn man daher den nationalen Minderheiten alle möglichen Versprechungen macht, wenn man vor den Vertretern der Nationalitäten katzbuckelt, wie dies einige Genossen auf diesem Parteitag taten, so darf man dabei nicht vergessen, dass unter unseren äußeren und inneren Verhältnissen die Wirkungssphäre der nationalen Frage und sozusagen die Reichweite ihrer Kompetenz begrenzt werden durch die Wirkungs- und Kompetenzsphäre der "Arbeiterfrage" als der Hauptfrage aller Fragen.

Viele Genossen beriefen sich hier auf Notizen und Artikel von Wladimir Iljitsch. Ich möchte nicht meinen Lehrer, Genossen Lenin zitieren, weil er hier nicht anwesend ist, und ich fürchte, mich vielleicht unrichtig und unangebracht auf ihn zu berufen. Trotzdem sehe ich mich gezwungen, eine Stelle, die geradezu ein Axiom ist und keinerlei Missverständnisse zulässt, anzuführen, damit bei den Genossen kein Zweifel über das spezifische Gewicht der nationalen Frage bestehe. Bei Behandlung eines Briefes von Marx zur nationalen Frage zieht Genosse Lenin in seinem Artikel über die Selbstbestimmung folgende Schlussfolgerung:

"Es unterlag für Marx keinem Zweifel, dass im Vergleich mit der ´Arbeiterfrage´ die nationale Frage von untergeordneter Bedeutung ist."

 

Siehe W. I. Lenin, "Über das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung", "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 20, S. 406 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S. 711].

 

Das sind nur zwei Zeilen, aber sie entscheiden alles. Das müssen sich manche übereifrige Genossen hinter die Ohren schreiben.

Die zweite Frage betrifft den großrussischen Chauvinismus und den lokalen Chauvinismus. Hier sprachen Rakowski und besonders Bucharin, der beantragte, den Punkt über die Schädlichkeit des lokalen Chauvinismus zu streichen. Es lohne sich nicht, meint er, sich mit so einem kleinen Wurm, wie es der lokale Chauvinismus ist, abzugeben, wenn es einen solchen "Goliath" wie den großrussischen Chauvinismus gibt. Überhaupt war Bucharin in einer bußfertigen Stimmung. Das ist begreiflich: Jahrelang hat er gegen die Nationalitäten gesündigt und das Selbstbestimmungsrecht verneint - nun ist es endlich an der Zeit, Buße zu tun. Aber in seiner Bußfertigkeit ist er in das entgegengesetzte Extrem verfallen. Es ist kurios, dass Bucharin die Partei auffordert, seinem Beispiel zu folgen und ebenfalls Buße zu tun, obwohl alle Welt weiß, dass die Partei hier gar nicht betroffen ist, denn sie hat seit ihrer Gründung (1898) das Selbstbestimmungsrecht anerkannt; folglich hat sie keinen Grund, Buße zu tun. Die Sache ist die, dass Bucharin das Wesen der nationalen Frage nicht begriffen hat. Wenn gesagt wird, man müsse in den Vordergrund der nationalen Frage den Kampf gegen den großrussischen Chauvinismus stellen, so- soll damit auf die Pflichten des russischen Kommunisten verwiesen werden, so ist damit gemeint, dass der russische Kommunist die Pflicht hat, den Kampf gegen den russischen Chauvinismus selber zu führen. Wenn nicht die russischen, sondern die turkestanischen oder georgischen Kommunisten den Kampf gegen den russischen Chauvinismus aufnähmen, so würde man diesen ihren Kampf als antirussischen Chauvinismus auffassen. Das würde die ganze Sache verwirren und den großrussischen Chauvinismus stärken. Nur die russischen Kommunisten können den Kampf gegen den großrussischen Chauvinismus aufnehmen und ihn zu Ende führen.

Was will man nun sagen, wenn man vorschlägt, gegen den lokalen Chauvinismus zu kämpfen? Damit will man auf die Pflicht der einheimischen Kommunisten, auf die Pflicht der nichtrussischen Kommunisten hinweisen, gegen ihren eigenen Chauvinismus anzukämpfen. Lässt sich etwa leugnen, dass es Abweichungen zum antirussischen Chauvinismus gibt? Der ganze Parteitag hat sich doch mit eigenen Augen davon überzeugen können, dass es einen lokalen, einen georgischen, einen baschkirischen und sonstigen Chauvinismus gibt, dass man ihn bekämpfen muss. Die russischen Kommunisten können nicht gegen den tatarischen, den georgischen, den baschkirischen Chauvinismus kämpfen; denn wenn der russische Kommunist die schwere Aufgabe auf sich nimmt, gegen den tatarischen oder georgischen Chauvinismus anzukämpfen, so wird dieser Kampf als Kampf eines großrussischen Chauvinisten gegen die Tataren oder die Georgier aufgefasst werden. Das würde die ganze Sache verwirren. Nur die tatarischen, georgischen und sonstigen Kommunisten können gegen den tatarischen, georgischen und sonstigen Chauvinismus kämpfen, nur die georgischen Kommunisten können mit Erfolg ihren eigenen georgischen Nationalismus oder Chauvinismus bekämpfen. Das ist Pflicht und Schuldigkeit der nichtrussischen Kommunisten. Deshalb ist es notwendig, diese zweifache Aufgabe der russischen Kommunisten (ich meine den Kampf gegen den großrussischen Chauvinismus) und der nicht-russischen Kommunisten (ich meine ihren Kampf gegen den antiarmenischen, antitatarischen, antirussischen Chauvinismus) in den Thesen festzulegen. Andernfalls würden die Thesen einseitig werden, andernfalls würde man weder im Staats- noch im Parteiaufbau zum Internationalismus gelangen.

Führen wir den Kampf nur gegen den großrussischen Chauvinismus, so wird dieser Kampf den Kampf der tatarischen und anderen Chauvinisten verdecken, der sich im Lande ausbreitet und der besonders jetzt, unter den Verhältnissen der NGP, gefährlich ist. Wir müssen unbedingt den Kampf an zwei Fronten führen, denn nur wenn wir den Kampf an zwei Fronten führen - auf der einen Seite gegen den großrussischen Chauvinismus, der die Hauptgefahr in unserer Aufbauarbeit bildet, und auf der anderen gegen den lokalen Chauvinismus - kann Erfolg erzielt werden; denn ohne diesen zweifachen Kampf wird der Zusammenschluss der russischen Arbeiter und Bauern mit den Arbeitern und Bauern anderer Nationalitäten nicht gelingen. Im entgegengesetzten Fall kann es zu einer Anspornung des lokalen Chauvinismus, zu einer Politik von Prämien für den lokalen Chauvinismus kommen, was wir nicht zulassen dürfen.

Gestatten Sie mir, mich auch hier auf Genossen Lenin zu berufen. Ich hätte das nicht getan, da aber auf unserem Parteitag viele Genossen anwesend sind, die Genossen Lenin kreuz und quer zitieren und ihn entstellen, gestatten Sie mir, einige Worte aus einem allbekannten Artikel des Genossen Lenin zu verlesen:

"Das Proletariat muss die Freiheit der politischen Lostrennung der von ´seiner´ Nation unterdrückten Kolonien und Nationen fordern. Andernfalls wird der Internationalismus des Proletariats zu einem leeren Wort; weder Vertrauen noch Klassensolidarität zwischen den Arbeitern der unterdrückten und denen der unterdrückenden Nation sind möglich."

 

W. I. Lenin, "Die sozialistische Revolution und das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung" (siehe "Werke", 4. Ausgabe, Bd. 22, S. 136, russ.).

 

Das sind sozusagen die Pflichten der Proletarier der herrschenden Nation oder der ehemals herrschenden Nation. Weiter spricht er dann von der Pflicht der Proletarier oder Kommunisten der ehemals unterdrückten Nationen:

"Anderseits müssen sich die Sozialisten der unterdrückten Nationen besonders für die vollständige und bedingungslose, auch organisatorische Einheit der Arbeiter der unterdrückten Nation mit denen der unterdrückenden Nation einsetzen und sie verwirklichen. Ohne das ist es unmöglich, die selbständige Politik des Proletariats sowie seine Klassensolidarität mit dem Proletariat der anderen Länder bei all den verschiedenen Streichen, Verrätereien und Gaunereien der Bourgeoisie aufrechtzuerhalten. Denn die Bourgeoisie der unterdrückten Nationen missbraucht ständig die Losungen der nationalen Befreiung, um die Arbeiter zu betrügen."

Wenn man schon in die Fußtapfen des Genossen Lenin treten will - und einige Genossen haben hier auf seinen Namen geschworen -, dann muss man, wie Sie sehen, beide Thesen, sowohl die über den Kampf gegen den großrussischen Chauvinismus als auch die über den Kampf gegen den lokalen Chauvinismus, in der Resolution stehen lassen, als zwei Seiten ein und derselben Erscheinung, als Thesen über den Kampf gegen den Chauvinismus überhaupt.

Damit schließe ich meine Erwiderungen an die Redner, die hier auftraten.

Ferner gestatten Sie mir, eine Mitteilung über die Arbeiten der Sektion für die nationale Frage zu machen. Die Sektion hat die Thesen des ZK als Grundlage angenommen. Die Sektion hat sechs Punkte dieser Thesen ohne jegliche Veränderungen stehengelassen: 1, 2, 3, 4, 5 und 6. In der Sektion wurde vor allem auch darum gekämpft, ob man vorher die autonomen Republiken aus der RSFSR und dann auch die unabhängigen Republiken des Kaukasus aus der Transkaukasischen Föderation aussondern solle, damit sie selbständig in die Union der Republiken eintreten, oder ob man das nicht tun solle. Das war der Antrag eines Teils der georgischen Genossen, ein Antrag, der bekanntlich bei der georgischen, der armenischen und der aserbaidshanischen Delegation keinen Anklang fand. Die Sektion hat diese Frage beraten und sich mit übergroßer Mehrheit dafür ausgesprochen, den in den Thesen entwickelten Grundsatz bestehen zu lassen, das heißt, die RSFSR bleibt ein geschlossenes Gebilde, wie auch die Transkaukasische Föderation ein geschlossenes Gebilde bleibt und in dieser Gestalt der Union der Republiken angehört. Nicht über alle Anträge dieses Teils der georgischen Genossen wurde abgestimmt, denn als die Verfasser dieser Anträge sahen, dass ihre Anträge keinen Anklang fanden, zogen sie sie zurück. Um diese Frage wurde ernstlich gekämpft.

Die zweite Frage, um die gekämpft wurde, war die Frage, wie die zweite Kammer konstruiert werden soll. Ein Teil der Genossen (die Minderheit) beantragte, die zweite Kammer nicht aus Vertretern aller Republiken, Nationalitäten und Gebiete zu bilden, sondern sie nach dem Prinzip der Vertretung der vier Republiken: der RSFSR, der Transkaukasischen Föderation, Bjelorußlands und der Ukraine zu bilden. Die Mehrheit hat diesen Antrag nicht angenommen, und die Sektion sprach sich gegen diesen Antrag aus, da sie es für zweckmäßiger erachtete, die zweite Kammer so zu konstruieren, dass dort nach dem Prinzip der Gleichheit alle Republiken (sowohl die unabhängigen als auch die autonomen) und alle nationalen Gebiete vertreten sind. Ich werde die Motive nicht anführen, denn der Vertreter der Minderheit Rakowski wird hier das Wort ergreifen, um seinen Antrag zu begründen, der in der Sektion verworfen wurde. Nachdem er seine Meinung geäußert hat, werde ich auch meine Erwägungen darlegen.

Einen nicht besonders erbitterten Kampf gab es noch in der Frage, ob an diesen Thesen eine Abänderung vorgenommen werden sollte, in der festgestellt würde, dass man sich bei der Lösung der nationalen Frage nicht nur auf den Osten, sondern auch auf den Westen orientieren müsse. Die Sektion hat über diesen Abänderungsantrag abgestimmt. Dieser Abänderungsantrag der Minderheit ist ein Antrag Rakowskis. Die Sektion hat diesen Abänderungsantrag abgelehnt. Auch zu dieser Frage werde ich noch sprechen, nachdem sich Rakowski geäußert hat.

Ich will die Abänderungsanträge verlesen, die bei uns angenommen wurden. Sechs Punkte wurden ohne Einwände angenommen. In Punkt 7, zweiter Absatz, dritte Zeile, soll vor den Worten "Deshalb ist die entschlossene Bekämpfung" folgendes eingefügt werden:

"Die Lage in einer Reihe nationaler Republiken (Ukraine, Bjelorußland, Aserbaidshan, Turkestan) wird dadurch kompliziert, dass ein erheblicher Teil der Arbeiterklasse, die die Hauptstütze der Sowjetmacht bildet, der großrussischen Nationalität angehört. In diesen Gebieten stößt der Zusammenschluss von Stadt und Land, von Arbeiterklasse und Bauernschaft auf ein äußerst starkes Hindernis in Gestalt der Überreste des großrussischen Chauvinismus sowohl in den Partei- als auch in den Sowjetorganen. Unter diesen Verhältnissen sind das Gerede von der Überlegenheit der russischen Kultur und die Aufstellung der These von der Unvermeidlichkeit des Sieges der höheren russischen Kultur über die Kulturen der rückständigeren Völker (die ukrainische, aserbaidshanische, usbekische, kirgisische und andere Kulturen) nichts anderes als ein Versuch, die Herrschaft der großrussischen Nationalität zu stärken."

Diesen Abänderungsantrag habe ich angenommen, weil er die Thesen verbessert.

Der zweite Abänderungsantrag bezieht sich ebenfalls auf Punkt 7. Vor dem Satz "Andernfalls besteht kein Grund... zu rechnen" soll folgende Ergänzung eingefügt werden:

"Diese Hilfe muss in erster Linie darin zum Ausdruck kommen, dass eine Reihe praktischer Maßnahmen getroffen wird, um in den Republiken der ehemals unterdrückten Nationalitäten Industriestätten zu schaffen und die einheimische Bevölkerung hierzu maximal heranzuziehen. Schließlich muss parallel mit dieser Hilfe, entsprechend der Resolution des X. Parteitags, der Kampf einhergehen, den die arbeitenden Massen gegen die im Zusammenhang mit der NÖP erstarkenden einheimischen und zugereisten oberen Ausbeuterschichten für die Festigung ihrer sozialen Positionen führen. Da diese Republiken vorwiegend landwirtschaftliche Gebiete sind, müssen die inneren sozialen Maßnahmen vor allem darin bestehen, dass den arbeitenden Massen aus dem freien Staatsfonds Boden zugeteilt wird."

Weiter soll danach in demselben Punkt 7, Absatz 2, in der Mitte, wo vom georgischen, aserbaidshanischen und anderen Chauvinismus die Rede ist, eingefügt werden: "der armenische Chauvinismus und dergleichen". Die armenischen Genossen wollten, dass die Armenier nicht zu kurz kommen, dass auch ihr Chauvinismus erwähnt wird.

Weiter soll in Punkt 8 der Thesen nach den Worten "´Einheitlichen Unteilbaren´ " eingefügt werden:

"Ebenso ist als ein Resultat des Erbes der Vergangenheit das Bestreben gewisser Ämter der RSFSR zu betrachten, sich die selbständigen Kommissariate der autonomen Republiken unterzuordnen und deren Liquidierung in die Wege zu leiten."

Weiter soll in Punkt 8 eingefügt werden:

"und die absolute Notwendigkeit des Bestehens und der Weiterentwicklung der nationalen Republiken proklamiert".

Ferner Punkt 9. Er soll so beginnen, wie ich verlese:

"Die Union der Republiken, die nach dem Grundsatz der Gleichheit und Freiwilligkeit der Arbeiter und Bauern der einzelnen Republiken gegründet wurde, bedeutet den ersten Versuch des Proletariats, die internationalen Beziehungen unabhängiger Länder zu regeln, und den ersten Schritt zur Schaffung einer künftigen Weltsowjetrepublik der Arbeit."

Punkt 10 hat einen Unterpunkt "a", davor soll ein Unterpunkt "a" in folgender Fassung eingefügt werden:

"a) Beim Aufbau der zentralen Organe der Union wird die Gleichheit der Rechte und Pflichten der einzelnen Republiken sowohl in ihren Beziehungen zueinander als auch in bezug auf die zentrale Macht der Union gewährleistet."

Weiter folgt der Unterpunkt "b" in der Fassung, die er früher als Unterpunkt "a" hatte:

"b) Im System der höchsten Organe der Union wird ein spezielles Organ geschaffen, in dem ausnahmslos alle nationalen Republiken und nationalen Gebiete nach dem Grundsatz der Gleichheit vertreten sind, wobei allen zu diesen Republiken gehörenden Nationalitäten nach Möglichkeit eine Vertretung zu geben ist."

Weiter folgt der frühere Unterpunkt "b", jetzt Unterpunkt "c", in folgender Fassung:

"c) Die vollziehenden Organe der Union werden nach Grundsätzen aufgebaut, die die reale Teilnahme der Vertreter der Republiken und die Befriedigung der Nöte und Bedürfnisse der Völker der Union gewährleisten."

Dann folgt der Unterpunkt "d" als Ergänzung:

"d) Den Republiken werden genügend weitgehende finanzielle und insbesondere Budgetrechte eingeräumt, die ihnen die Möglichkeit gewährleisten, auf staatlich-administrativem, kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet eigene Initiative zu entfalten."

Dann folgt Unterpunkt "c" als Unterpunkt "e":

"e) Die Organe der nationalen Republiken und Gebiete werden vorwiegend aus Einheimischen gebildet, denen die Sprache, die Lebensweise, die Sitten und Gebräuche der betreffenden Völker vertraut sind."

Ferner wurde ein zweiter Unterpunkt hinzugefügt. Dies wird Unterpunkt "f" sein:

"f) Es werden spezielle Gesetze erlassen, die den Gebrauch der Muttersprache in sämtlichen Staatsorganen und Institutionen gewährleisten, die für die einheimische und nationale Bevölkerung sowie die nationalen Minderheiten arbeiten - Gesetze, die mit aller revolutionären Härte alle diejenigen verfolgen und bestrafen, die die nationalen Rechte und im besonderen die Rechte der nationalen Minderheiten verletzen."

Dann folgt Unterpunkt "g" als Ergänzung:

"g) Die Erziehungsarbeit in der Roten Armee im Geiste der Ideen der Brüderlichkeit und der Solidarität der Völker der Union wird verstärkt, und es werden praktische Maßnahmen zur Organisierung nationaler Truppenteile getroffen, unter Berücksichtigung aller für die Sicherung der vollen Wehrkraft der Republiken erforderlichen Maßnahmen."

Das sind all die Ergänzungen, die von der Sektion angenommen wurden und gegen die ich nichts einzuwenden habe, denn durch sie werden die Thesen konkreter.

Was den zweiten Abschnitt betrifft, so wurden keine einigermaßen ernstlichen Abänderungsanträge zu diesem Abschnitt eingebracht. Es gab einige unbeträchtliche Abänderungsanträge, die die von der Sektion zur nationalen Frage gewählte Kommission dem künftigen ZK zu unterbreiten beschlossen hat.

Somit bleibt der zweite Abschnitt in der Fassung bestehen, die er in dem zur Verteilung gelangten gedruckten Material hat.

 

 

 

5. ANTWORT AUF DIE ABÄNDERUNGSANTRÄGE
ZUR RESOLUTION

25. April

 

Obwohl Rakowski die Resolution, die er in der Sektion vorlegte, zu zwei Dritteln geändert und um drei Viertel gekürzt hat, so bin ich dennoch entschieden gegen seinen Abänderungsantrag, und zwar aus folgendem Grunde: Unsere Thesen zur nationalen Frage sind so aufgebaut, dass wir gleichsam das Gesicht dem Osten zuwenden, da wir die dort schlummernden gewichtigen Reserven im Auge haben. Wir haben die ganze nationale Frage im Zusammenhang mit dem Artikel Iljitschs behandelt, der, wie es scheint, kein einziges Wort über den Westen sagt, da nicht dort das Zentrum der nationalen Frage liegt, sondern in den Kolonien und Halbkolonien im Osten. Rakowski möchte, dass wir, das Gesicht dem Osten zugewandt, uns zugleich auch nach Westen wenden. Aber das ist unmöglich und unnatürlich, Genossen, denn allgemein wendet man das Gesicht entweder nach der einen oder nach der anderen Seite - sich gleichzeitig nach beiden Seiten wenden kann man nicht. Wir können und dürfen den allgemeinen Grundton der Thesen, ihren östlichen Grundton, nicht ändern. Darum bin ich der Meinung, dass Rakowskis Abänderungsantrag abgelehnt werden muss.

*

Ich bin der Ansicht, dass dieser Abänderungsantrag von kardinaler Bedeutung ist. Wenn der Parteitag ihn annimmt, so muss ich sagen, dass die Thesen völlig umgestürzt werden. Rakowski beantragt, die zweite Kammer so aufzubauen, dass sie die Vertreter der staatlichen Vereinigungen umfasst. Nach seiner Meinung ist die Ukraine eine staatliche Vereinigung, Baschkirien aber nicht. Warum? Wir beseitigen doch nicht die Räte der Volkskommissare in den Republiken. Ist denn etwa das baschkirische ZEK keine staatliche Institution?! Und warum ist Baschkirien kein Staat? Wird etwa die Ukraine aufhören, ein Staat zu sein, nachdem sie der Union beigetreten ist? Der Staatsfetischismus hat Rakowski irre gemacht. Wenn die Nationalitäten ihren Rechten nach gleich sind, wenn sie eine eigene Sprache, eigene Sitten, eigene Lebensgewohnheiten und Gepflogenheiten haben, wenn diese Nationalitäten ihre eigenen Staatsinstitutionen, das ZEK und den Rat der Volkskommissare, geschaffen haben, ist es dann nicht klar, dass alle diese nationalen Gebilde staatliche Vereinigungen sind? Ich glaube, wir dürfen den Standpunkt der Gleichheit der Republiken und Nationalitäten in der zweiten Kammer, besonders in bezug auf die östlichen Nationalitäten, nicht aufgeben.

Rakowski begeistert sich anscheinend für das preußische System des föderativen Aufbaus. Die deutsche Föderation ist so aufgebaut, dass es absolut keine Gleichheit zwischen den Staaten gibt. Ich schlage vor, die Sache so zu organisieren, dass wir neben der Klassenvertretung - das ist die erste Kammer, die auf dem Unionskongress der Sowjets gewählt wird - eine Vertretung der Nationalitäten nach dem Grundsatz der Gleichheit haben. Die östlichen Völker, die mit China, mit Indien organisch verbunden sind, verbunden durch die Sprache, die Religion, die Bräuche und anderes, sind für die Revolution vor allem wichtig. Diese kleinen Völkerschaften haben ein viel größeres Gewicht als die Ukraine.

Wenn wir in der Ukraine einen kleinen Fehler begehen, wird das für den Osten nicht so spürbar sein. Man braucht aber nur in einem kleinen Lande wie Adsharistan (120000 Einwohner) einen kleinen Fehler zu begehen, und schon wirkt sich das auf die Türkei und auf den ganzen Osten aus, denn die Türkei ist aufs engste mit dem Osten verbunden. Man braucht nur einen kleinen Fehler hinsichtlich des kleinen Gebiets der Kaimücken zu machen, die mit Tibet und China verbunden sind, und das wird sich viel schlimmer auf unsere Arbeit auswirken als ein Fehler gegenüber der Ukraine. Wir stehen vor der Perspektive einer machtvollen Bewegung im Osten und müssen unsere Arbeit vor allem auf die Erweckung des Ostens richten, dürfen nichts unternehmen, was auch nur im entferntesten, auch nur indirekt die Bedeutung irgendeiner einzelnen, selbst der kleinsten Völkerschaft in den östlichen Randgebieten schmälern könnte. Darum bin ich der Meinung, vom Standpunkt der Verwaltung eines so großen Landes wie der Union der Republiken mit einer Bevölkerung von 140 Millionen wäre es richtiger, zweckmäßiger und in revolutionärer Hinsicht vorteilhafter - wäre es besser, die Sache so einzurichten, dass dort, in der zweiten Kammer, alle Republiken und nationalen Gebiete in gleichem Maße vertreten wären. Wir haben 8 autonome Republiken, wir haben ebenfalls 8 unabhängige Republiken, Rußland wird als Republik aufgenommen werden, und wir haben 14 Gebiete, das wird eben die zweite Kammer sein, die alle Bedürfnisse und Nöte der Nationalitäten widerspiegeln und die Verwaltung eines so großen Landes erleichtern wird. Darum glaube ich, dass Rakowskis Abänderungsantrag abgelehnt werden muss.

 

 

6. ERGÄNZUNG ZUM BERICHT DER KOMMISSION
FÜR DIE NATIONALE FRAGE

25. April

 

Genossen, als ich Ihnen über die Arbeiten der Sektion zur nationalen Frage berichtete, vergaß ich, noch zwei kleine Ergänzungen zu erwähnen, die unbedingt erwähnt werden müssen. Zu Paragraph 10 in Punkt "b", wo davon gesprochen wird, ein spezielles Organ zu schaffen, in dem ausnahmslos alle nationalen Republiken und nationalen Gebiete nach dem Grundsatz der Gleichheit vertreten sind, muss hinzugefügt werden: "wobei alle zu diesen Republiken gehörenden Nationalitäten nach Möglichkeit zu berücksichtigen sind", da es in einigen Republiken, die in der zweiten Kammer vertreten sein werden, mehrere Nationalitäten gibt. Zum Beispiel Turkestan. Dort gibt es außer Usbeken auch Turkmenen, Kirgisen und andere Völkerschaften, und die Vertretung muss so aufgebaut werden, dass jede dieser Völkerschaften vertreten ist.

Die 2. Ergänzung zum 2. Abschnitt ganz am Schluss. Diese lautet:

"In Anbetracht der kolossalen Bedeutung, die der Tätigkeit der verantwortlichen Funktionäre in den autonomen und den unabhängigen Republiken, ja in den Randgebieten überhaupt zukommt (Herstellung der Verbindung der Werktätigen der betreffenden Republik mit den Werktätigen der gesamten übrigen Union), beauftragt der Parteitag das ZK, für eine besonders sorgfältige Auslese dieser Funktionäre Sorge zu tragen, damit sie die tatsächliche Durchführung der Parteibeschlüsse in der nationalen Frage restlos gewährleisten."

 

Nun ein paar Worte anlässlich einer Bemerkung Radeks in seiner Rede. Die armenischen Genossen bitten mich darum. Diese Bemerkung entspricht meiner Meinung nach nicht der Wirklichkeit. Radek sprach hier davon, dass die Armenier in Aserbaidshan die Aserbaidshaner unterdrücken oder unterdrücken könnten, und umgekehrt, dass die Aserbaidshaner die Armenier in Armenien unterdrücken könnten. Ich muss erklären, dass etwas Derartiges die Welt noch nicht gesehen hat. Wohl hat die Welt den umgekehrten Fall gesehen, dass in Aserbaidshan die Aserbaidshaner als Mehrheit die Armenier unterdrückt und massakriert haben, wie es in Nachitschewan der Fall war, wo sie fast alle Armenier niedergemetzelt haben, während die Armenier bei sich in Armenien fast alle Tataren niedergemetzelt haben. Das war in Sangesur der Fall. Dass aber die Minderheit in einem fremden Staat die Vertreter der Mehrheit unterdrückt - so etwas Absurdes ist noch nicht vorgekommen.

 

 

 

VIERTE BERATUNG DES ZK DER KPR(B)
MIT DEN VERANTWORTLICHEN FUNKTIONÄREN
DER NATIONALEN REPUBLIKEN UND GEBIETE

9.-12. Juni 1923

Vierte Beratung des ZK der KPR
mit den verantwortlichen Funktionären
der nationalen Republiken und Gebiete.
Stenographischer Bericht.
Moskau 1923.

Die auf Initiative J. W. Stalins einberufene vierte Beratung des ZK der KPR(B) mit den verantwortlichen Funktionären der nationalen Republiken und Gebiete tagte in Moskau vom 9. bis zum 12. Juni 1923. Außer den Mitgliedern und Kandidaten des ZK der KPR(B) nahmen an der Beratung 58 Vertreter der nationalen Republiken und Gebiete teil. Der Hauptpunkt der Tagesordnung der Beratung war das Referat J. W. Stalins "Die praktischen Maßnahmen zur Verwirklichung der Resolution des XII. Parteitags zur nationalen Frage". Vertreter von 20 Parteiorganisationen der nationalen Republiken und Gebiete erstatteten Berichte über die Lage in den Ortsorganisationen. Die Beratung behandelte ebenfalls den Bericht der ZKK über die partei- und sowjetfeindliche Tätigkeit Sultan-Galijews. (Die Resolutionen der Beratung siehe in "Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK", Teil I, 1941, S. 525-530, russ.)

( ....)

Ich gehe zur ersten Fragengruppe über, zu den Methoden der Heranbildung und Festigung marxistischer Kader aus der einheimischen Bevölkerung, die der Sowjetmacht als wichtigste und in letzter Instanz entscheidende Stütze in den Randgebieten dienen können. Wenn wir uns die Entwicklung unserer Partei vor Augen halten (ich nehme ihren russischen Teil, als den grundlegenden), die Hauptetappen ihrer Entwicklung verfolgen und uns dann analog dazu ein Bild von der nächsten Entwicklung unserer kommunistischen Organisationen in den Gebieten und Republiken machen, dann, denke ich, finden wir den Schlüssel zum Verständnis der Besonderheiten dieser Länder, vom Standpunkt der Entwicklung unserer Partei in den Randgebieten betrachtet.

In der ersten Entwicklungsperiode unserer Partei, nämlich ihres russischen Teils, bestand die Hauptaufgabe darin, Kader, marxistische Kader zu schaffen. Sie, diese marxistischen Kader, wurden bei uns im Kampf gegen den Menschewismus geschaffen und geschmiedet. Die Aufgabe dieser Kader bestand damals, in jener Periode - ich nehme die Periode von der Gründung der bolschewistischen Partei bis zum Moment der Vertreibung der Liquidatoren, als der vollendetsten Wortführer des Menschewismus, aus der Partei -, die grundlegende Aufgabe bestand darin, die lebendigsten, ehrlichsten und würdigsten Elemente der Arbeiterklasse für die Bolschewiki zu gewinnen, Kader zu schaffen, eine Vorhut zu schmieden. Hier ging der Kampf in erster Linie gegen die Strömungen bürgerlichen Charakters, besonders gegen den Menschewismus, die uns hinderten, die Kader zusammenzuschweißen, sie zu einem einheitlichen Ganzen, zum Grundkern der Partei zusammenzuschweißen. Damals stand die Partei noch nicht vor der Aufgabe, umfassende Verbindungen mit den Millionenmassen der Arbeiterklasse und der werktätigen Bauernschaft herzustellen - das war noch kein unmittelbares und lebensnotwendiges Erfordernis -, vor der Aufgabe, diese Massen zu gewinnen, vor der Aufgabe, die Mehrheit im Lande zu gewinnen. So weit war die Partei noch nicht.

Erst auf der folgenden Entwicklungsstufe unserer Partei, erst in ihrem zweiten Stadium, als diese Kader herangewachsen, als sie zum Grundkern unserer Partei geworden waren, als die Sympathien der besten Elemente der Arbeiterklasse bereits gewonnen oder fast gewonnen waren - erst danach erstand vor der Partei als unmittelbare und unaufschiebbare Notwendigkeit die Aufgabe, die Millionenmassen zu gewinnen, die Aufgabe, aus den Parteikadern eine wirklich proletarische Massenpartei zu machen. In dieser Periode hatte der Kern unserer Partei nicht so sehr gegen den Menschewismus als gegen die "linken" Elemente unserer Partei, gegen die "Otsowisten" jeder Spielart zu kämpfen, die, anstatt die Besonderheiten der neuen Verhältnisse nach 1905 ernstlich zu studieren, mit revolutionären Phrasen daherkamen, durch ihre simplifiziert "revolutionäre" Taktik die Umwandlung der Kader unserer Partei in eine wirkliche Massenpartei hemmten und durch ihre Tätigkeit die Gefahr einer Loslösung der Partei von den breiten Arbeitermassen heraufbeschworen. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass die Partei ohne den entschlossenen Kampf gegen diese "linke" Gefahr, ohne deren Überwindung die werktätigen Millionenmassen nicht hätte gewinnen können.

Das ist ungefähr das Bild des Kampfes an zwei Fronten, gegen die Rechten, das heißt gegen die Menschewiki, und die "Linken", das Bild der Entwicklung des grundlegenden, russischen Teils unserer Partei.

Genosse Lenin hat diese notwendige, unvermeidliche Entwicklung der kommunistischen Parteien überzeugend genug in seiner Schrift "Der ´linke Radikalismus´, die Kinderkrankheit im Kommunismus" geschildert. Genosse Lenin führte dort den Nachweis, dass die kommunistischen Parteien im Westen ungefähr die gleichen Entwicklungsstufen durchmachen müssen und bereits durchmachen. Wir können unserseits hinzufügen, dass das gleiche für die Entwicklung unserer kommunistischen Organisationen und kommunistischen Parteien in den Randgebieten gilt.

Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass trotz der Analogie zwischen dem, was die Partei in der Vergangenheit durchgemacht hat, und dem, was unsere Parteiorganisationen in den Randgebieten jetzt durchmachen, unsere Partei in den nationalen Republiken und Gebieten dennoch gewisse wesentliche Besonderheiten der Entwicklung aufzuweisen hat, die wir unbedingt berücksichtigen müssen, weil wir ohne deren sorgfältige Berücksichtigung Gefahr laufen, bei der Festlegung der sich auf dem Gebiet der Heranbildung marxistischer Kader aus der einheimischen Bevölkerung der Randgebiete ergebenden Aufgaben eine Reihe gröbster Fehler zu begehen.

Gehen wir zur Untersuchung dieser Besonderheiten über.

Der Kampf gegen die rechten und die "linken" Elemente unserer Organisationen in den Randgebieten ist notwendig und unerlässlich, denn sonst können wir keine marxistischen, eng mit den Massen verbundenen Kader heranbilden. Das ist begreiflich. Die Lage in den Randgebieten zeichnet sich aber durch eine Besonderheit aus, die sie von der Entwicklung unserer Partei in der Vergangenheit unterscheidet, dass nämlich das Schmieden von Kadern und deren Umwandlung in eine Massenpartei in den Randgebieten nicht unter dem bürgerlichen Regime vor sich geht, wie dies in der Geschichte unserer Partei der Fall war, sondern unter der Sowjetordnung, unter der Diktatur des Proletariats. Damals, unter dem bürgerlichen Regime, konnte und musste man, den Zeitumständen entsprechend, zuerst die Menschewiki schlagen (um marxistische Kader heranzubilden) und dann die Otsowisten (um jene Kader in eine Massenpartei zu verwandeln), wobei der Kampf gegen diese Abweichungen in der Geschichte unserer Partei volle zwei Perioden ausfüllte. Jetzt dürfen wir das, den Zeitumständen entsprechend, keinesfalls tun, denn jetzt ist die Partei an der Macht, und eine an der Macht stehende Partei braucht in den Randgebieten marxistisch zuverlässige Kader aus der einheimischen Bevölkerung, die zugleich mit den breiten Bevölkerungsmassen verbunden sind. Jetzt können wir nicht zuerst die rechte Gefahr mit Hilfe der "Linken" überwinden, wie das in der Geschichte unserer Partei der Fall war, und dann die "linke" Gefahr mit Hilfe der Rechten -, jetzt müssen wir den Kampf an beiden Fronten gleichzeitig führen und beide Gefahren zu überwinden suchen, um als Resultat in den Randgebieten mit den Massen verbundene, marxistisch geschulte Kader aus der einheimischen Bevölkerung zu erhalten. Damals konnte man von Kadern sprechen, die noch nicht mit den breiten Massen verbunden waren, sondern sich mit ihnen erst in der folgenden Entwicklungsperiode verbinden sollten - jetzt wäre es lächerlich, auch nur davon zu sprechen; denn unter der Sowjetmacht kann man sich keine marxistischen Kader vorstellen, die nicht auf die eine oder andere Art mit den breiten Massen verbunden wären. Das wären Kader, die weder mit dem Marxismus noch mit einer Massenpartei etwas gemein hätten. Alles das macht die Dinge bedeutend komplizierter und gebietet unseren Parteiorganisationen in den Randgebieten, gleichzeitig sowohl gegen die Rechten als auch gegen die "Linken" zu kämpfen. Daraus folgt die von unserer Partei bezogene Position des Kampfes an zwei Fronten, des Kampfes gegen beide Abweichungen gleichzeitig.

Es sei ferner auf den Umstand hingewiesen, dass sich unsere kommunistischen Organisationen in den Randgebieten nicht isoliert entwickeln, wie das in der Geschichte des russischen Teils unserer Partei der Fall war, sondern unter der unmittelbaren Einwirkung des Grundkerns unserer Partei, der nicht nur in der Formung marxistischer Kader erfahren ist, sondern auch in der Herstellung der Verbindung dieser Kader mit den breiten Bevölkerungsmassen, im revolutionären Manövrieren im Kampf um die Sowjetmacht. In dieser Hinsicht zeichnet sich die Lage in den Randgebieten durch die Besonderheit aus, dass unsere Parteiorganisationen in diesen Ländern, entsprechend den dortigen Entwicklungsbedingungen der Sowjetmacht, im Interesse der Festigung der Verbindungen mit den breiten Bevölkerungsmassen mit ihren Kräften manövrieren können und müssen; zu diesem Zweck müssen sie sich die reichen Erfahrungen unserer Partei aus der vergangenen Periode zunutze machen. Bis in die letzte Zeit pflegte das ZK der KPR in den Randgebieten unmittelbar, über den Kopf der dortigen kommunistischen Organisationen hinweg, ja manchmal sogar unter Umgehung dieser Organisationen zu manövrieren, indem es alle und jegliche mehr oder minder loyal gesinnten nationalen Elemente in die allgemeine Arbeit am Sowjetaufbau einbezog. Jetzt müssen die Parteiorganisationen der Randgebiete diese Arbeit selbst leisten. Sie können das tun und sie müssen das tun, eingedenk dessen, dass dieser Weg das beste Mittel ist, um die einheimischen marxistischen Kader in eine wirkliche Massenpartei umzuwandeln, die fähig ist, die Mehrheit der Bevölkerung im Lande zu führen.

Das sind die zwei Besonderheiten, die strikt beachtet werden müssen bei der Festlegung der Linie unserer Partei in den Randgebieten zur Heranbildung von marxistischen Kadern und zur Gewinnung der breiten Massen der Bevölkerung durch diese Kader.

 

 

 

Band 12

POLITISCHER RECHENSCHAFTSBERICHT
DES ZENTRALKOMITEES
AN DEN XVI. PARTEITAG DER KPdSU(B)

III
DIE PARTEI

(Auszug)

 

b) Das Bild des Kampfes gegen die Abweichungen in der Partei wäre unvollständig, wenn wir nicht die in der Partei vorhandenen Abweichungen in der nationalen Frage berührten. Ich denke dabei erstens an die Abweichung zum großrussischen Chauvinismus und zweitens an die Abweichung zum lokalen Nationalismus. Diese Abweichungen sind nicht so augenfällig und draufgängerisch wie die „linke“ oder die rechte Abweichung. Man könnte sie schleichende Abweichungen nennen. Dies bedeutet aber noch nicht, dass sie nicht existieren. Nein, sie existieren, und - was die Hauptsache ist - sie nehmen zu. Das kann keinem Zweifel unterliegen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, weil die ganze Atmosphäre zugespitzten Klassenkampfes zu einer bestimmten Verschärfung der nationalen Reibungen führen muss, die ihre Widerspiegelung in der Partei finden. Daher müsste man das Gepräge dieser Abweichungen aufdecken und in helles Licht rücken.

Worin besteht das Wesen der Abweichung zum großrussischen Chauvinismus unter unseren gegenwärtigen Verhältnissen?

Das Wesen der Abweichung zum großrussischen Chauvinismus besteht in dem Bestreben, die nationalen Unterschiede der Sprache, der Kultur, der Lebensweise unberücksichtigt zu lassen; in dem Bestreben, die Liquidierung der nationalen Republiken und Gebiete vorzubereiten; in dem Bestreben, das Prinzip der nationalen Gleichberechtigung zu untergraben und die auf Nationalisierung des Apparats, auf Nationalisierung der Presse, der Schulen und der anderen staatlichen und gesellschaftlichen Organisationen gerichtete Politik der Partei zu diskreditieren.

Die Abweichler dieser Art gehen dabei von der Auffassung aus, da die Nationen sich beim Sieg des Sozialismus in eins verschmelzen und ihre Nationalsprachen in einer einheitlichen Gemeinsprache aufgehen müssen, sei die Zeit gekommen, die nationalen Unterschiede zu beseitigen und auf die Politik zu verzichten, die die Entwicklung der nationalen Kultur der früher geknechteten Völker fördert.

Sie berufen sich dabei auf Lenin, indem sie ihn falsch zitieren, ja mitunter direkt entstellen und verleumden.

Lenin sagte, dass im Sozialismus die Interessen der Nationalitäten zu einem Ganzen verschmelzen werden - folgt daraus nicht, dass es an der Zeit wäre, mit den nationalen Republiken und Gebieten im Interesse ... des Internationalismus Schluss zu machen? Lenin sagte 1913 in der Polemik mit den Anhängern des „Bund“, dass die Losung der nationalen Kultur eine bürgerliche Losung ist - folgt daraus nicht, dass es an der Zeit wäre, mit der nationalen Kultur der Völker der UdSSR im Interesse ... des Internationalismus Schluss zu machen?

Lenin sagte, dass das nationale Joch und die nationalen Schranken unter dem Sozialismus beseitigt werden - folgt daraus nicht, dass es an der Zeit wäre, Schluss zu machen mit der Politik, die die nationalen Besonderheiten der Völker der UdSSR in Rechnung zieht, und überzugehen zur Politik der Assimilierung im Interesse ... des Internationalismus?

Und so weiter und dergleichen mehr.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass diese Abweichung in der nationalen Frage, die noch dazu mit der Maske des Internationalismus und dem Namen Lenins getarnt wird, die raffinierteste und daher gefährlichste Abart des großrussischen Nationalismus ist.

Erstens hat Lenin nie gesagt, dass die nationalen Unterschiede verschwinden und die Nationalsprachen in einer einheitlichen Sprache aufgehen müssen in den Grenzen eines Staates, vor dem Siege des Sozialismus im Weltmaßstab. Im Gegenteil, Lenin hat das direkte Gegenteil gesagt, und zwar, dass „nationale und staatliche Unterschiede zwischen den Völkern und Ländern... sich noch sehr, sehr lange sogar nach der Verwirklichung der Diktatur des Proletariats im Weltmaßstab erhalten werden“'. (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 72 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 736].)

Wie kann man sich auf Lenin berufen und dabei diesen seinen grundlegenden Hinweis vergessen?

Freilich, einer der früheren Marxisten, heute Renegat und Reformist, Herr Kautsky, behauptet das direkte Gegenteil von dem, was Lenin uns lehrt. Er behauptet entgegen Lenin, dass der Sieg der proletarischen Revolution in einem vereinigten österreichisch-deutschen Staat Mitte des vorigen Jahrhunderts zur Bildung einer gemeinsamen deutschen Sprache und zur Germanisierung der Tschechen geführt hätte, denn „ohne jegliche gewaltsame Germanisation musste einfach die Macht des entfesselten Verkehrs, die Macht der modernen Kultur, welche die Deutschen brachten, die rückständigen tschechischen Kleinbürger, Bauern und Proletarier, denen ihre verkümmerte Nationalität gar nichts zu bieten hatte, zu Deutschen machen“. (Siehe Vorwort zur deutschen Ausgabe von „Revolution und Konterrevolution“.)

Begreiflicherweise harmoniert eine solche „Konzeption“ durchaus mit dem Sozialchauvinismus Kautskys. Diese Auffassungen Kautskys waren es, die ich 1925 in meinem Vortrag an der Universität der Völker des Ostens

Gemeint ist die am 18. Mai 1925 in einer Studentenversammlung der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens gehaltene Rede „Über die politischen Aufgaben der Universität der Völker des Ostens“. (Siehe J. W. Stalin, „Werke“, Bd. 7, S. 138-140 [deutsche Ausgabe S. 119-121].)

 

bekämpft habe. Kann denn aber für uns Marxisten, die wir konsequente Internationalisten bleiben wollen, dieses antimarxistische Geschwätz eines wild gewordenen deutschen Sozialchauvinisten wirklich irgendeine positive Bedeutung haben?

Wer hat Recht, Kautsky oder Lenin?

Wenn Kautsky recht hat, wie läßt sich dann die Tatsache erklären, dass solche relativ rückständigen Nationalitäten wie die Bjelorussen und Ukrainer, die den Großrussen näher stehen als die Tschechen den Deutschen, durch den Sieg der proletarischen Revolution in der UdSSR nicht russifiziert wurden, sondern, umgekehrt, zu neuem Leben erwachten und sich als selbständige Nationen entwickelten? Wie läßt es sich erklären, dass Nationen wie die Turkmenen, Kirgisen, Usbeken, Tadshiken (gar nicht zu reden von den Georgiern, Armeniern, Aserbaidshanern usw.) im Zusammenhang mit dem Sieg des Sozialismus in der UdSSR trotz ihrer Rückständigkeit nicht nur nicht russifiziert wurden, sondern, umgekehrt, zu neuem Leben erwachten und sich zu selbständigen Nationen entwickelten? Ist es nicht klar, dass unsere verehrten Abweichler auf der Jagd nach einem Paradeinternationalismus in die Fänge des Kautskyschen Sozialchauvinismus geraten sind? Ist es nicht klar, dass sie, wenn sie sich für eine gemeinsame Sprache auf dem Territorium eines Staates, der UdSSR, einsetzen, im Grunde genommen die Wiederherstellung der Privilegien der früher herrschenden Sprache, nämlich der großrussischen, anstreben?

Wo bleibt da der Internationalismus?

Zweitens hat Lenin nie gesagt, dass die Beseitigung des nationalen Jochs und die Verschmelzung der Interessen der Nationalitäten zu einem einheitlichen Ganzen der Beseitigung der nationalen Unterschiede gleichkommen. Wir haben das nationale Joch beseitigt. Wir haben die nationalen Privilegien beseitigt und die nationale Gleichberechtigung eingeführt. Wir haben die staatlichen Grenzen im alten Sinne des Wortes, die Grenzpfähle und Zollschranken zwischen den Nationalitäten der UdSSR beseitigt. Wir haben die Einheit der ökonomischen und politischen Interessen der Völker der UdSSR herbeigeführt. Bedeutet dies aber, dass wir damit die nationalen Unterschiede in Sprache, Kultur, Lebensweise usw. beseitigt haben? Natürlich nicht. Wenn aber die nationalen Unterschiede in Sprache, Kultur, Lebensweise usw. bestehen bleiben, ist es dann nicht klar, dass die Forderung, die nationalen Republiken und Gebiete in der gegenwärtigen historischen Periode abzuschaffen, eine reaktionäre, gegen die Interessen der Diktatur des Proletariats gerichtete Forderung ist? Begreifen unsere Abweichler, dass die Abschaffung der nationalen Republiken und Gebiete im gegenwärtigen Augenblick nichts anderes bedeutet, als die Millionenmassen der Völker der UdSSR um die Möglichkeit zu bringen, sich Bildung in der Muttersprache anzueignen, sie um die Möglichkeit zu bringen, Schulen, Gerichte, Verwaltungsorgane, gesellschaftliche und andere Organisationen und Institutionen in der Muttersprache zu haben, sie um die Möglichkeit zu bringen, sich am sozialistischen Aufbau zu beteiligen? Ist es nicht klar, dass unsere Abweichler auf der Jagd nach einem Paradeinternationalismus in die Fänge der reaktionären großrussischen Chauvinisten geraten sind und die Losung der Kulturrevolution in der Periode der Diktatur des Proletariats, die für alle Völker der UdSSR, sowohl für die Großrussen als auch für die Nichtgroßrussen, die gleiche Geltung hat, vergessen, vollständig vergessen haben?

Drittens hat Lenin nie gesagt, die Losung der Entwicklung der nationalen Kultur unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats sei eine reaktionäre Losung. Im Gegenteil, Lenin trat stets dafür ein, dass man den Völkern der UdSSR helfen soll, ihre nationale Kultur zu entwickeln. Unter der Leitung Lenins und keines anderen wurde auf dem X. Parteitag die Resolution zur nationalen Frage abgefasst und angenommen, in der es direkt heißt:

„Die Aufgabe der Partei besteht darin, dass sie den werktätigen Massen der nichtgroßrussischen Völker hilft, das vorangeschrittene Zentralrußland einzuholen, dass sie ihnen hilft: a) bei sich ein sowjetisches Staatswesen zu entwickeln und zu festigen in Formen, die den nationalen Verhältnissen und der Lebensweise dieser Völker entsprechen; b) bei sich in der Muttersprache wirkende Gerichte, Verwaltungs-, Wirtschafts- und Machtorgane zu entwickeln und zu festigen, zusammengesetzt aus Einheimischen, die mit den Lebensgewohnheiten und der Denkart der einheimischen Bevölkerung vertraut sind; c) bei sich das Presse- und Schulwesen, das Theater- und Klubwesen und überhaupt in der Muttersprache wirkende Kultur- und Aufklärungsstätten zu entwickeln; d) ein umfassendes Netz von Kursen und Schulen in der Muttersprache zu organisieren und zu entwickeln, sowohl allgemein bildender als auch beruflich-technischer Art.“

 

Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK“, Teil I, 1941, S. 385 (russ.).

 

Ist es nicht klar, dass Lenin voll und ganz eintrat für die Losung der Entwicklung der nationalen Kultur unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats?

Ist es nicht klar, dass die Ablehnung der Losung der nationalen Kultur unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats soviel bedeutet wie die Verneinung der Notwendigkeit des kulturellen Aufstiegs der nicht-großrussischen Völker der UdSSR, wie die Verneinung der Notwendigkeit einer allgemein obligatorischen Bildung für diese Völker, wie die Auslieferung dieser Völker an reaktionäre Nationalisten zur geistigen Knechtung?

Lenin bezeichnete tatsächlich die Losung der nationalen Kultur unter der Heerschaft der Bourgeoisie als eine reaktionäre Losung. Aber konnte es anders sein?

Was heißt nationale Kultur unter der Herrschaft der nationalen Bourgeoisie? Bürgerlich ihrem Inhalt und national ihrer Form nach, hat diese Kultur das Ziel, die Massen mit Nationalismus zu vergiften und die Herrschaft der Bourgeoisie zu festigen.

Was heißt nationale Kultur unter der Diktatur des Proletariats? Sozialistisch ihrem Inhalt und national ihrer Form nach, hat diese Kultur das Ziel, die Massen im Geiste des Sozialismus und des Internationalismus zu erziehen.

Wie kann man diese beiden prinzipiell verschiedenen Erscheinungen verwechseln, ohne mit dem Marxismus zu brechen?

Ist es nicht klar, dass Lenin durch seinen Kampf gegen die Losung der nationalen Kultur unter dem bürgerlichen Regime Schläge führte gegen den bürgerlichen Inhalt der nationalen Kultur und nicht gegen ihre nationale Form?

Es wäre dumm, annehmen zu wollen, Lenin hätte die sozialistische Kultur als eine anationale Kultur, ohne diese oder jene nationale Form betrachtet. Die Anhänger des „Bund“ sagten Lenin allerdings eine Zeitlang einen solchen Unsinn nach. Aus Lenins Werken ist jedoch bekannt, dass er gegen eine solche Verleumdung scharf protestierte, sich von diesem Unsinn entschieden distanzierte. Sind denn tatsächlich unsere verehrten Abweichler in die Fußtapfen des „Bund“ getreten?

Was bleibt nach allem Gesagten von den Argumenten unserer Abweichler übrig?

Nichts als ein Jonglieren mit der Flagge des Internationalismus und eine Verleumdung Lenins.

Diejenigen, die zum großrussischen Chauvinismus abweichen, sind schwer im Irrtum, wenn sie glauben, die Periode des sozialistischen Aufbaus in der UdSSR sei eine Periode des Zerfalls und der Liquidierung der nationalen Kulturen. Die Sache verhält sich gerade umgekehrt. In Wirklichkeit ist die Periode der Diktatur des Proletariats und des sozialistischen Aufbaus in der UdSSR eine Periode des Aufblühens der nationalen Kulturen, die ihrem Inhalt nach sozialistisch und ihrer Form nach national sind, denn die Nationen selbst sind in der Sowjetordnung ja keine gewöhnlichen „modernen“ Nationen, sondern sozialistische Nationen, ebenso wie ihre nationalen Kulturen dem Inhalt nach keine gewöhnlichen, bürgerlichen Kulturen, sondern sozialistische Kulturen sind.

Sie begreifen offenbar nicht, dass sich die Entwicklung der nationalen Kulturen mit Einführung und Verankerung der allgemeinen Grundschulpflicht in der Muttersprache mit neuer Kraft entfalten muss. Sie begreifen nicht, dass man die rückständigen Nationalitäten nur unter der Bedingung in den sozialistischen Aufbau wirklich wird einbeziehen können, dass sich die nationalen Kulturen entwickeln.

Sie begreifen nicht, dass die Leninsche Politik der Förderung und 'Unterstützung der Völker der UdSSR bei der Entwicklung ihrer nationalen Kulturen gerade dies zur Grundlage hat.

Es mag sonderbar erscheinen, dass wir, die Anhänger der künftigen Verschmelzung der nationalen Kulturen zu einer (nach Form wie nach Inhalt) gemeinsamen Kultur, mit einer gemeinsamen Sprache, gleichzeitig Anhänger des Aufblühens der nationalen Kulturen im gegenwärtigen Augenblick, in der Periode der Diktatur des Proletariats, sind. Aber daran ist nichts Sonderbares. Man muss den nationalen Kulturen die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln und zu entfalten, alle ihre Potenzen zutage zu fördern, um die Voraussetzungen zu schaffen für ihre Verschmelzung zu einer gemeinsamen Kultur mit einer gemeinsamen Sprache in der Periode, da der Sozialismus in der ganzen Welt gesiegt haben wird. Das Aufblühen der ihrer Form nach nationalen und ihrem Inhalt nach sozialistischen Kulturen unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats in einem Lande zum Zwecke ihrer Verschmelzung zu einer (nach Form wie nach Inhalt) gemeinsamen sozialistischen Kultur mit gemeinsamer Sprache, wenn das Proletariat in der ganzen Welt gesiegt und der Sozialismus sich im Leben eingebürgert haben wird - darin besteht gerade das dialektische Wesen des Leninschen Herantretens an die Fragen der nationalen Kultur.

Man könnte sagen, ein solches Herantreten an die Frage sei „widerspruchsvoll“. Aber haben wir bei uns nicht den gleichen „Widerspruch“ in der Frage des Staates? Wir sind für das Absterben des Staates. Wir sind jedoch gleichzeitig für die Verstärkung der Diktatur des Proletariats, der stärksten und mächtigsten Staatsmacht, die jemals bestanden hat. Höchste Entwicklung der Staatsmacht zur Vorbereitung der Bedingungen für das Absterben der Staatsmacht - so lautet die marxistische Formel. Ist das „widerspruchsvoll“? Ja, es ist „widerspruchsvoll“. Aber dieser Widerspruch ist dem Leben eigen, und er widerspiegelt vollständig die Marxsche Dialektik.

Oder nehmen wir Lenins Herantreten an die Frage des Rechtes der Nationen auf Selbstbestimmung bis zur Lostrennung. Lenin brachte manchmal die These der nationalen Selbstbestimmung auf die einfache Formel „Trennung zwecks Vereinigung“. Man überlege sich das nur: Trennung zwecks Vereinigung. Das klingt sogar nach einem Paradoxon. Indessen widerspiegelt diese „widerspruchsvolle“ Formel jene Lebenswahrheit der Marxschen Dialektik, die den Bolschewiki die Möglichkeit gibt, auf dem Gebiet der nationalen Frage die unzugänglichsten Festungen einzunehmen.

Das gleiche muss gesagt werden von der Formel hinsichtlich der nationalen Kultur: Aufblühen der nationalen Kulturen (und Sprachen) in der Periode der Diktatur des Proletariats in einem Lande zwecks Vorbereitung der Bedingungen für ihr Absterben und ihre Verschmelzung zu einer gemeinsamen sozialistischen Kultur (und zu einer gemeinsamen Sprache) in der Periode des Sieges des Sozialismus in der ganzen Welt.

Wer diese Eigenart und diesen „Widerspruch“ unserer Übergangszeit nicht begriffen hat, wer diese Dialektik der historischen Prozesse nicht begriffen hat, der ist für den Marxismus verloren.

Das Malheur unserer Abweichler ist, dass sie die Marxsche Dialektik nicht verstehen und nicht verstehen wollen.

So verhält es sich mit der Abweichung zum großrussischen Chauvinismus.

Es ist nicht schwer zu begreifen, dass diese Abweichung das Bestreben der ablebenden Klassen der früher herrschenden großrussischen Nation widerspiegelt, die verlorenen Privilegien wiederzuerlangen.

Daher die Gefahr des großrussischen Chauvinismus als Hauptgefahr in der Partei auf dem Gebiet der nationalen Frage.

Worin besteht das Wesen der Abweichung zum lokalen Nationalismus?

Das Wesen der Abweichung zum lokalen Nationalismus besteht in dem Bestreben, sich abzusondern und sich im eigenen nationalen Schneckenhaus abzukapseln, in dem Bestreben, die Klassengegensätze innerhalb der eigenen Nation zu vertuschen, in dem Bestreben, sich vor dem großrussischen Chauvinismus durch die Abkehr vom gemeinsamen Strom des sozialistischen Aufbaus zu schützen, in dem Bestreben, nicht zu sehen, was die werktätigen Massen der Nationen der UdSSR einander näher bringt und vereinigt, und nur das zu sehen, was geeignet ist, sie voneinander zu entfernen.

Die Abweichung zum lokalen Nationalismus widerspiegelt die Unzufriedenheit der ablebenden Klassen der früher unterdrückten Nationen mit dem Regime der Diktatur des Proletariats, ihr Bestreben, sich zu einem eigenen bürgerlichen Nationalstaat abzusondern und dort die eigene Klassenherrschaft aufzurichten.

Die Gefahr dieser Abweichung besteht darin, dass sie den bürgerlichen Nationalismus kultiviert, die Einheit der Werktätigen der Völker der UdSSR schwächt und den Interventionisten in die Hände arbeitet.

Das ist das Wesen der Abweichung zum lokalen Nationalismus.

Die Aufgabe der Partei besteht darin, diese Abweichung entschieden zu bekämpfen und die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen für die internationale Erziehung der werktätigen Massen der Völker der UdSSR.

So verhält es sich mit den Abweichungen in unserer Partei, mit der „linken“ und der rechten Abweichung auf dem Gebiet der allgemeinen Politik, mit den Abweichungen auf dem Gebiet der nationalen Frage. Das ist unsere innerparteiliche Lage.

 

 

 

SCHLUSSWORT
ZUM POLITISCHEN RECHENSCHAFTSBERICHT
DES ZK AN DEN XVI. PARTEITAG DER KPdSU(B)

2. Juli 1930

(Auszug)

 

Der XVI. Parteitag der KPdSU(B) tagte in Moskau vom 26. Juni bis zum 13. Juli 1930. Der Parteitag erörterte den politischen und den organisatorischen Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees der Partei; die Rechenschaftsberichte der Zentralen Revisionskommission, der ZKK, der Delegation der KPdSU(B) im Exekutivkomitee der Komintern; ferner folgende Referate: über die Erfüllung des Fünfjahrplans der Industrie, über die Kollektivwirtschaftsbewegung und den Aufstieg der Landwirtschaft, über die Aufgaben der Gewerkschaften in der Rekonstruktionsperiode. Der Parteitag billigte einstimmig die politische Linie und die Tätigkeit des Zentralkomitees der Partei und gab dem ZK die Anweisung, auch in Zukunft ein bolschewistisches Tempo des sozialistischen Aufbaus zu sichern, die Erfüllung des Fünfjahrplans in vier Jahren zu erreichen und die voll entfaltete sozialistische Offensive an der ganzen Front sowie die Liquidierung des Kulakentums als Klasse auf Basis der durchgängigen Kollektivierung unentwegt durchzuführen. Der Parteitag stellte fest, dass der Umschwung in der Entwicklung der Landwirtschaft, durch den die Kollektivbauernschaft zur wirklichen und festen Stütze der Sowjetmacht wurde, von weltgeschichtlicher Bedeutung ist. Der Parteitag beauftragte das Zentralkomitee der Partei, auch fernerhin eine feste Friedenspolitik zu betreiben und die Verteidigungskraft der UdSSR zu stärken. Der Parteitag gab Weisung, die Schwerindustrie mit allen Mitteln zu entfalten und eine neue, starke Kohlen- und Hüttenbasis im Osten des Landes zu schaffen; die Arbeit aller Massenorganisationen umzustellen und die Rolle der Gewerkschaften beim sozialistischen Aufbau zu verstärken; alle Arbeiter und die übrigen werktätigen Massen in den sozialistischen Wettbewerb einzubeziehen. Der Parteitag entlarvte vollends den Rechtsopportunismus als Agentur des Kulakentums innerhalb der Partei und erklärte die Anschauungen der rechten Opposition für unvereinbar mit der Zugehörigkeit zur KPdSU(B). Der Parteitag wies die Parteiorganisationen an, den Kampf gegen die Abweichungen in der nationalen Frage - den groß-russischen Chauvinismus und den lokalen Nationalismus sowie das Versöhnlertum ihnen gegenüber - zu verstärken und die Leninsche nationale Politik unentwegt durchzuführen, die den Völkern der UdSSR eine großzügige Entwicklung ihrer der Form nach nationalen, dem Inhalt nach sozialistischen Kulturen sichert. Der XVI. Parteitag ist in die Geschichte der Partei eingegangen als der Parteitag der voll entfalteten Offensive des Sozialismus an der ganzen Front, der Liquidierung des Kulakentums als Klasse und der Verwirklichung der durchgängigen Kollektivierung. J. W. Stalin erstattete dem Parteitag am 27. Juni den politischen Rechenschaftsbericht des ZK der KPdSU(B) (siehe „Werke“, Bd. 12) und hielt am 2. Juli das Schlusswort. (Über den XVI. Parteitag der KPdSU(B) siehe „Geschichte der KPdSU(B), Kurzer Lehrgang“, S. 296-298 [deutsche Ausgabe, Berlin 1951, S. 386-389]). Die Resolutionen des Parteitags siehe in „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK“, Teil II, 1941, S. 394-436, russ.)

 

 

Die zweite Gruppe von Anfragen betrifft die nationale Frage. In einer dieser Anfragen, die ich für die interessanteste halte, wird ein Vergleich gezogen zwischen der Behandlung des Problems der Nationalsprachen in meinem Bericht an den XVI. Parteitag und der Behandlung der Frage in meinem Vortrag an der Universität der Völker des Ostens im Jahre 1925

J. W. Stalin, „Über die politischen Aufgaben der Universität der Völker des Ostens“ (siehe „Werke“, Bd. 7).

 

, und zwar wird behauptet, hier bestehe eine gewisse Unklarheit, die behoben werden müsse. „Sie haben sich damals“, so heißt es in der Anfrage, „gegen die Theorie (Kautskys) vom Absterben der Nationalsprachen und von der Schaffung einer einzigen, gemeinsamen Sprache in der Periode des Sozialismus (in einem Lande) gewandt, heute aber; in Ihrem Bericht an den XVI. Parteitag, erklären Sie, die Kommunisten seien Anhänger der Verschmelzung der nationalen Kulturen und der nationalen Sprachen zu einer gemeinsamen Kultur mit einer gemeinsamen Sprache (in der Periode des Sieges des Sozialismus im Weltmaßstab) - besteht hier nicht eine Unklarheit?“

Ich glaube, dass hier weder eine Unklarheit noch irgendein Widerspruch besteht. In meinem Vortrag von 1925 wandte ich mich gegen die national-chauvinistische Theorie Kautskys, nach welcher ein Sieg der proletarischen Revolution Mitte des vorigen Jahrhunderts in einem vereinigten österreichisch-deutschen Staat zum Aufgehen der Nationen in einer einheitlichen deutschen Nation mit einer deutschen Einheitssprache und zur Germanisierung der Tschechen hätte führen müssen. Ich lehnte diese Theorie als eine antimarxistische, antileninistische Theorie ab und berief mich dabei auf die Tatsachen aus dem Leben unseres Landes nach dem Siege des Sozialismus in der UdSSR, die diese Theorie widerlegen. Diese Theorie lehne ich, wie aus meinem Rechenschaftsbericht an diesen unseren XVI. Parteitag zu ersehen ist, auch heute ab. Ich lehne sie ab, weil die Theorie des Aufgehens aller Nationen, sagen wir der UdSSR, in einer einheitlichen großrussischen Nation mit einer großrussischen Einheitssprache eine national-chauvinistische Theorie, eine antileninistische Theorie ist, die einer Grundthese des Leninismus widerspricht, nämlich der These, dass die nationalen Unterschiede in der nächsten Periode nicht verschwinden können, dass sie noch lange Zeit sogar nach dem Siege der proletarischen Revolution im Weltmaßstab bestehen bleiben müssen.

Was eine entferntere Perspektive der nationalen Kulturen und nationalen Sprachen anbetrifft, so vertrat ich immer und vertrete auch weiter die Leninsche Ansicht, dass in der Periode des Sieges des Sozialismus im Weltmaßstab, wenn der Sozialismus bereits erstarkt sein und sich im Leben eingebürgert haben wird, die Nationalsprachen unweigerlich zu einer gemeinsamen Sprache verschmelzen müssen, die natürlich weder das Großrussische noch das Deutsche, sondern etwas Neues sein wird. Das habe ich ebenfalls unzweideutig in meinem Bericht an den XVI. Parteitag erklärt.

Wo ist denn da eine Unklarheit, und was bedarf hier eigentlich der Klärung?

Offensichtlich sind sich die Fragesteller mindestens über zwei Dinge nicht ganz klar geworden.

Vor allem sind sie sich nicht über die Tatsache klar geworden, dass wir in der UdSSR bereits in die Periode des Sozialismus eingetreten sind, wobei die Nationen, obgleich wir in diese Periode eingetreten sind, nicht etwa absterben, sondern im Gegenteil, sich entwickeln und aufblühen. In der Tat, sind wir bereits in die Periode des Sozialismus eingetreten? Unsere Periode wird gewöhnlich als Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus bezeichnet. Als Übergangsperiode wurde sie 1918 bezeichnet, als Lenin in seinem berühmten Artikel „Über ‚linke’ Kindereien und über Kleinbürgerlichkeit“

 

W.I. Lenin, „Werke“, 4. Ausgabe, Bd. 27, S.291-319 (russ.).

 

das erste Mal diese Periode mit ihren fünf Wirtschaftsformen charakterisierte. Sie wird auch gegenwärtig, im Jahre 1930, Übergangsperiode genannt, wo einige dieser Wirtschaftsformen als veraltete Formen bereits im Untergehen begriffen sind, während eine dieser Wirtschaftsformen, und zwar die neue Wirtschaftsform, in Industrie und Landwirtschaft mit beispielloser Geschwindigkeit wächst und sich entfaltet. Darf man sagen, dass diese beiden Übergangsperioden identisch sind, dass sie sich nicht von Grund aus voneinander unterscheiden? Natürlich nicht.

Was hatten wir 1918 in der Volkswirtschaft? Eine zerstörte Industrie und die berüchtigten Feuerzeuge, keine Kollektiv- und Sowjetwirtschaften als Massenerscheinung, ein Wachsen der „neuen“ Bourgeoisie in der Stadt und des Kulakentums auf dem Lande.

Was haben wir heute? Eine wiederhergestellte und in Rekonstruktion begriffene sozialistische Industrie, ein entwickeltes System von Sowjetwirtschaften und Kollektivwirtschaften, deren Frühjahrsaussaat allein mehr als 40 Prozent der gesamten Frühjahrsaussaatfläche der UdSSR umfasst, eine sterbende „neue“ Bourgeoisie in der Stadt, ein sterbendes Kulakentum auf dem Lande.

Damals eine Übergangsperiode und heute eine Übergangsperiode. Und doch sind sie voneinander grundlegend, sind sie himmelweit verschieden. Und doch kann niemand abstreiten, dass wir unmittelbar vor der Liquidierung der letzten ernst zu nehmenden kapitalistischen Klasse, der Klasse der Kulaken, stehen. Es ist klar, dass wir die Übergangsperiode im alten Sinne des Wortes bereits hinter uns haben und dass wir in die Periode des direkten und voll entfalteten sozialistischen Aufbaus an der ganzen Front eingetreten sind. Es ist klar, dass wir bereits in die Periode des Sozialismus eingetreten sind, denn der sozialistische Sektor hält jetzt alle wirtschaftlichen Hebel der gesamten Volkswirtschaft in seinen Händen, obwohl es noch weit ist bis zur Vollendung der sozialistischen Gesellschaft und bis zur Beseitigung der Klassenunterschiede. Und dennoch, dessen ungeachtet sterben die Nationalsprachen keineswegs ab und verschmelzen nicht zu einer gemeinsamen Sprache, ganz im Gegenteil, die nationalen Kulturen und die nationalen Sprachen entwickeln sich und blühen auf. Ist es nicht klar, dass die Theorie des Absterbens der Nationalsprachen und ihrer Verschmelzung zu einer gemeinsamen Sprache im Rahmen eines Staates in der Periode des entfalteten sozialistischen Aufbaus, in der Periode des Sozialismus in einem Lande, eine falsche, antimarxistische, antileninistische Theorie ist?

Die Fragesteller sind sich zweitens nicht darüber klar geworden, dass die Frage des Absterbens der Nationalsprachen und ihrer Verschmelzung zu einer gemeinsamen Sprache keine innerstaatliche Frage, keine Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande ist, sondern eine internationale Frage, eine Frage des Sieges des Sozialismus im internationalen Maßstab. Die Fragesteller haben nicht begriffen, dass man den Sieg des Sozialismus in einem Lande nicht mit dem Sieg des Sozialismus im internationalen Maßstab verwechseln darf. Nicht umsonst sagte Lenin, dass die nationalen Unterschiede noch lange Zeit sogar nach dem Siege der Diktatur des Proletariats im internationalen Maßstab bestehen bleiben werden.

Außerdem muss noch ein Umstand berücksichtigt werden, der eine Reihe von Nationen der UdSSR betrifft. Es gibt eine Ukraine innerhalb der UdSSR. Es gibt aber noch eine andere Ukraine im Gefüge anderer Staaten. Es gibt ein Bjelorußland innerhalb der UdSSR. Es gibt aber noch ein anderes Bjelorußland im Gefüge anderer Staaten. Glauben Sie denn, die Frage der ukrainischen und der bjelorussischen Sprache könnte ohne Berücksichtigung dieser eigenartigen Bedingungen gelöst werden?

Nehmen Sie weiter die Nationen der UdSSR, die an ihrer südlichen Grenze zu Hause sind - von Aserbaidsban bis nach Kasachstan und der Burjat-Mongolei. Sie alle befinden sich in derselben Lage wie die Ukraine und Bjelorußland. Selbstverständlich müssen auch hier die eigenartigen Entwicklungsbedingungen dieser Nationen in Betracht gezogen werden.

Ist es nicht klar, dass alle diese und ähnliche Fragen, die mit dem Problem der nationalen Kulturen und der nationalen Sprachen zusammenhängen, nicht im Rahmen eines Staates, im Rahmen der UdSSR, gelöst werden können?

So, Genossen, ist es um die nationale Frage im Allgemeinen und um die vorhin erwähnte Anfrage zur nationalen Frage im Besonderen bestellt.

 

 

 

 

Band 13

RECHENSCHAFTSBERICHT AN DEN XVII. PARTEITAG
ÜBER DIE ARBEIT DES ZK DER KPdSU(B)

III
DIE PARTEI

 

1. Fragen der ideologisch-politischen Leitung (Auszug)

 

Oder nehmen wir zum Beispiel die nationale Frage. Auch hier, in der nationalen Frage, besteht, ebenso wie in anderen Fragen, bei einem Teil der Partei ein Wirrwarr in den Ansichten, der eine gewisse Gefahr mit sich bringt. Ich habe von der Zählebigkeit der Überreste des Kapitalismus gesprochen. Zu bemerken ist, dass die Überreste des Kapitalismus im Bewusstsein der Menschen auf dem Gebiet der nationalen Frage viel zählebiger sind als auf irgendeinem anderen Gebiet. Sie sind zählebiger, weil sie die Möglichkeit haben, sich im nationalen Gewand gut zu maskieren. Viele glauben, dass der Sündenfall Skrypniks ein Einzelfall, eine Ausnahme von der Regel sei. Das stimmt nicht. Der Sündenfall Skrypniks und seiner Gruppe in der Ukraine ist keine Ausnahme. Genau solche Gehirnverrenkungen kann man bei einzelnen Genossen auch in anderen nationalen Republiken beobachten.

Was bedeutet die Abweichung zum Nationalismus - gleichviel, ob es sich um eine Abweichung zum großrussischen Nationalismus oder um eine Abweichung zum lokalen Nationalismus handelt? Die Abweichung zum Nationalismus ist eine Anpassung der internationalistischen Politik der Arbeiterklasse an die nationalistische Politik der Bourgeoisie. Die Abweichung zum Nationalismus spiegelt die Versuche der „eigenen“, „nationalen“ Bourgeoisie wider, das Sowjetsystem zu untergraben und den Kapitalismus wiederherzustellen. Die Wurzel beider Abweichungen ist, wie Sie sehen, die gleiche. Es ist die Abkehr vom Leninschen Internationalismus. Wenn man beide Abweichungen unter Feuer halten will, so muss man vor allem gegen diese Wurzel den Schlag führen, gegen diejenigen, die den Internationalismus aufgeben, gleichviel, ob es sich um eine Abweichung zum lokalen Nationalismus oder um eine Abweichung zum großrussischen Nationalismus handelt. (Stürmischer Beifall.)

Man streitet darüber, welche Abweichung die Hauptgefahr darstelle, die Abweichung zum großrussischen Nationalismus oder die Abweichung zum lokalen Nationalismus. Unter den jetzigen Verhältnissen ist das ein formaler und deshalb müßiger Streit. Es wäre eine Dummheit, ein für alle Zeiten und Verhältnisse brauchbares fertiges Rezept dafür geben zu wollen, welches die Hauptgefahr und welches nicht die Hauptgefahr sei. Solche Rezepte gibt es nun einmal in der Welt nicht. Die Hauptgefahr stellt diejenige Abweichung dar, gegen die man zu kämpfen aufgehört und die man dadurch zu einer staatsgefährlichen Erscheinung hat anwachsen lassen. (Anhaltender Beifall.)

In der Ukraine war noch vor ganz kurzem die Abweichung zum ukrainischen Nationalismus nicht die Hauptgefahr; als man aber aufhörte, gegen sie zu kämpfen, und sie so weit anwachsen ließ, dass sie mit den Interventionisten gemeinsame Sache machte, da wurde diese Abweichung zur Hauptgefahr. Die Frage nach der Hauptgefahr in der nationalen Frage wird nicht durch leere formale Diskussionen entschieden, sondern durch die marxistische Analyse der Lage der Dinge im gegebenen Augenblick und durch das Studium der Fehler, die auf diesem Gebiet begangen worden sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

Stalin