DEUTSCH

 


Stalin

DER XV. PARTEITAG DER KPdSU(B)

2. - 19. Dezember 1927

Band 10, Seite 233 - 323

 

 

 

 

Der XV. Parteitag der KPdSU(B) tagte in Moskau vom 2. bis zum 19. Dezember 1927. Der Parteitag erörterte den politischen und den organisatorischen Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees, die Rechenschaftsberichte der Zentralen Revisionskommission, der ZKK - Arbeiter- und Bauerninspektion, der Delegation der KPdSU(B) im Exekutivkomitee der Komintern, die Direktiven für die Ausarbeitung eines Fünfjahrplans zur Entwicklung der Volkswirtschaft, einen Bericht über die Arbeit auf dem Lande sowie ein Referat der Parteitagskommission über die Frage der Opposition und wählte die Zentralinstanzen der Partei. J. W. Stalin erstattete am 3. Dezember den politischen Rechenschaftsbericht des ZK der KPdSU(B) und hielt am 7. Dezember das Schlusswort. Am 12. Dezember wählte der Parteitag J.W. Stalin in die Kommission, die eine Resolution zu dem Bericht über die Tätigkeit der Delegation der KPdSU(B) im Exekutivkomitee der Komintern ausarbeiten sollte. Der Parteitag billigte die politische und die organisatorische Linie des Zentralkomitees der Partei und erteilte diesem den Auftrag, auch weiterhin eine Politik des Friedens und der Festigung der Wehrkraft der UdSSR durchzuführen, die sozialistische Industrialisierung des Landes in ungeschwächtem Tempo fortzusetzen, den sozialistischen Sektor in Stadt und Land zu erweitern und zu festigen sowie auf die Liquidierung der kapitalistischen Elemente in der Volkswirtschaft hinzusteuern. Der Parteitag fasste den Beschluss über die allseitige Entfaltung der Kollektivierung der Landwirtschaft, er legte einen Plan zur Erweiterung der Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften fest und gab Anweisungen über die Methoden zum Kampfe für die Kollektivierung der Landwirtschaft. Der XV. Parteitag der KPdSU(B) ist in die Geschichte der Partei als der Parteitag der Kollektivierung eingegangen. Der Parteitag erteilte die Direktive zur Ausarbeitung des ersten Fünfjahrplans der Volkswirtschaft der UdSSR. In seinen Beschlüssen über die Opposition, die auf die Liquidierung des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks gerichtet waren, konstatierte der Parteitag, dass die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Partei und der Opposition in programmatische Meinungsverschiedenheiten umgeschlagen sind, dass die trotzkistische Opposition den Weg des antisowjetischen Kampfes betreten hat, und erklärte die Zugehörigkeit zur trotzkistischen Opposition und die Propagierung ihrer Anschauungen für unvereinbar mit dem Verbleiben in den Reihen der bolschewistischen Partei. Der Parteitag billigte den gemeinsamen Beschluss des ZK und der ZKK der KPdSU(B) (vom November 1927) über den Ausschluss Trotzkis und Sinowjews aus der Partei und beschloss, alle aktiven Teilnehmer des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks aus der Partei auszuschließen. (über den XV. Parteitag der KPdSU(B) siehe „Geschichte der KPdSU(B), Kurzer Lehrgang“, S. 2751276 [deutsche Ausgabe, Berlin 1951, S.359-3611. Die Resolutionen und Beschlüsse des Parteitags siehe in „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK“, Teil II, 1941, S. 222-262, russ.)

 

 

 

POLITISCHER RECHENSCHAFTSBERICHT
DES ZENTRALKOMITEES

3. Dezember

 

I
DIE ANWACHSENDE KRISE DES WELTKAPITALISMUS
UND DIE AUSSENPOLITISCHE STELLUNG DER UdSSR

 

Genossen, unser Land lebt und entwickelt sich inmitten einer kapitalistischen Umwelt. Seine außenpolitische Stellung hängt nicht nur von seinen inneren Kräften ab, sondern auch von dem Zustand dieser kapitalistischen Umwelt, von der Lage in den kapitalistischen Ländern, die unser Land umgeben, von ihrer Stärke und Schwäche, von der Stärke und Schwäche der unterdrückten Klassen in der ganzen Welt, von der Stärke und Schwäche der revolutionären Bewegung dieser Klassen. Ich rede schon gar nicht davon, dass unsere Revolution ein Teil der internationalen revolutionären Bewegung der unterdrückten Klassen ist.

Deshalb glaube ich, dass der Bericht des ZK mit einer Skizzierung der internationalen Stellung unseres Landes, mit einer Skizzierung der Lage in den kapitalistischen Ländern und des Zustands der revolutionären Bewegung in allen Ländern beginnen muss.

1. Die Wirtschaft des Weltkapitalismus und die Verschärfung
des Kampfes um die Auslandsmärkte

a) Die erste Frage ist die nach dem Zustand der Produktion und des Handels in den größten kapitalistischen Ländern.

Genossen, die grundlegende Tatsache auf diesem Gebiet besteht darin, dass die Produktion der kapitalistischen Länder in diesen zwei Jahren, in der Berichtsperiode, über den Vorkriegsstand hinausgegangen ist, die Vorkriegsnormen überschritten hat.

Hier einige Zahlen darüber.

Der Index der Weltproduktion von Roheisen lag 1925 bei 97,6 Prozent und 1926 bereits bei 100,5 Prozent der Vorkriegsleistung; für das Jahr 1927 gibt es keine vollständigen Unterlagen; vorhanden sind Angaben über das erste Halbjahr, und diese sprechen von einem weiteren Anwachsen der Roheisenproduktion.

Der Index der Weltproduktion von Stahl lag 1925 bei 118,5 Prozent und 1926 bei 122,6 Prozent der Vorkriegsleistung.

Der Index der Weltproduktion von Kohle lag 1925 bei 97,9 Prozent, 1926 gab es einen gewissen Rückgang - auf 96,8 Prozent. Hier hat sich offenbar der Einfluss des englischen Streiks geltend gemacht.

Der Weltverbrauch von Baumwolle erreichte im Jahre 1925/26 108,3 Prozent und 1926/27 112,5 Prozent des Vorkriegsverbrauchs.

Die Welternte von fünf Getreidearten belief sich im Jahre 1925 auf 107,2 Prozent, 1926 auf 110,5 Prozent und 1927 auf 112,3 Prozent der Vorkriegsernte.

Gemeint sind die Getreidearten: Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Mais.

So kommt der Gesamtindex der Weltproduktion langsam, in kleinen Schrittchen, voran und gelangt über das Vorkriegsniveau hinaus.

Dafür gibt es aber einige kapitalistische Länder, die nicht vorwärts schreiten, sondern vorwärts springen und das Vorkriegsniveau weit hinter sich lassen, so zum Beispiel die Vereinigten Staaten von Nordamerika und in geringerem Maße auch Japan. Einige Angaben über die Vereinigten Staaten von Nordamerika: Die Produktion der verarbeitenden Industrie war 1925 auf 148 Prozent, im Jahre 1926 auf 152 Prozent, die der Grundstoffindustrie 1925 auf 143 Prozent und 1926 auf 154 Prozent des Vorkriegsstandes gestiegen.

Das Wachstum des internationalen Handels. Der Welthandel wächst nicht so rasch wie die Produktion, er bleibt gewöhnlich hinter der Produktion zurück, aber er ist trotzdem seinem Vorkriegsstand nahe gekommen. Der Index des Außenhandelsumsatzes in der ganzen Welt bzw. in den wichtigsten Ländern lag 1925 bei 98,1 Prozent, 1926 bei 97,1 Prozent des Vorkriegsumsatzes. Von den einzelnen Ländern erreichten die Vereinigten Staaten von Nordamerika 1925 134,3 und 1926 143 Prozent ihres Vorkriegsumsatzes; Frankreich 98,2 bzw. 99,2 Prozent; Deutschland 74,8 bzw. 73,6 Prozent; Japan 176,9 bzw. 170,1 Prozent.

Im Großen und Ganzen ist der Welthandel bereits dem Vorkriegsstand nahe gekommen, in einigen Ländern aber, zum Beispiel in Nordamerika und Japan, hat er den Vorkriegsstand bereits überschritten.

Schließlich eine dritte Reihe von Tatsachen, die von dem technischen Fortschritt, von der Rationalisierung der kapitalistischen Industrie, von der Schaffung neuer Wirtschaftszweige, von verstärkter Vertrustung, von verstärkter Kartellierung der Industrie im internationalen Maßstab sprechen. Diese Tatsachen sind, glaube ich, allen bekannt. Deshalb will ich mich nicht weiter darüber verbreiten. Ich stelle nur fest, dass das Kapital Erfolge aufzuweisen hat nicht nur hinsichtlich des Wachstums der Produktion wie des Handels, sondern auch auf dem Gebiet der Verbesserung der Produktionstechnik, auf dem Gebiet des technischen Fortschritts, auf dem Gebiet der Rationalisierung der Produktion, wobei dies alles zu einer weiteren Stärkung der größten Truste und zur Gründung neuer, mächtiger monopolistischer Kartelle geführt hat.

Das sind die Tatsachen, Genossen, die man feststellen und von denen man ausgehen muss.

Bedeutet das alles, dass die Stabilisierung des Kapitalismus damit fest, dass sie dauerhaft geworden wäre? Natürlich nicht! Bereits auf dem XIV. Parteitag hieß es im Bericht,

J.W. Stalin, Politischer Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees an den XIV. Parteitag der KPdSU(B) am 18. Dezember 1925 (siehe „Werke“, Bd.7, S. 261-352 [deutsche Ausgabe S. 227-3051).

dass der Kapitalismus bis zum Vorkriegsstand gelangen, dass er diesen Vorkriegsstand überschreiten, dass er seine Produktion rationalisieren kann, was aber noch nicht - bei weitem noch nicht - bedeutet, dass die Stabilisierung des Kapitalismus dadurch zu einer dauerhaften werden, dass der Kapitalismus die einstige Vorkriegsfestigkeit wiedererlangen könnte. Im Gegenteil, aus der Stabilisierung selbst, aus der Tatsache, dass die Produktion wächst, dass der Handel wächst, dass der technische Fortschritt und die Produktionsmöglichkeiten wachsen, während der Weltmarkt, die Grenzen dieses Marktes und die Einflusssphären der einzelnen imperialistischen Gruppen mehr oder weniger stabil bleiben - gerade daraus erwächst die tiefste und schärfste Krise des Weltkapitalismus, die mit neuen Kriegen schwanger geht und das Bestehen jeder wie immer gearteten Stabilisierung bedroht.

Aus der teilweisen Stabilisierung erwächst eine Verschärfung der Krise des Kapitalismus, die anwachsende Krise legt die Stabilisierung in Trümmer - das ist die Dialektik der Entwicklung des Kapitalismus im gegebenen historischen Moment.

b) Am charakteristischsten an diesem Wachstum der Produktion und des Handels des Weltkapitalismus ist die Tatsache, dass die Entwicklung ungleichmäßig vor sich geht. Die Entwicklung verläuft nicht so, dass die kapitalistischen Länder eins nach dem anderen vorwärts eilen, ruhig und gleichmäßig, ohne einander zu stören und niederzurennen, sondern umgekehrt - auf dem Wege der Verdrängung und des Niedergangs der einen Länder, auf dem Wege des Vorrückens und Emporkommens der anderen, als ein Kampf auf Leben und Tod, der von den Kontinenten und Ländern uni die Vorherrschaft auf dem Markt geführt wird.

Das Zentrum der Wirtschaft verlagert sich von Europa nach Amerika, vom Atlantischen nach dem Großen Ozean. Dadurch wächst der relative Anteil Amerikas und Asiens am Welthandelsumsatz auf Kosten Europas.

Einige Zahlen: waren 1913 Europa am Welthandel mit 58,5 Prozent, Amerika mit 21,2 Prozent und Asien mit 12,3 Prozent beteiligt, so ist 1925 der Anteil Europas auf 50 Prozent gesunken, dagegen der Anteil Amerikas auf 26,6 Prozent und der Asiens auf 16 Prozent gestiegen. Neben den Ländern mit vorwärts stürmendem Kapitalismus (Vereinigte Staaten von Nordamerika und in geringerem Maße Japan) haben wir Länder des wirtschaftlichen Niedergangs (England). Neben dem erstarkenden kapitalistischen Deutschland und den in den letzten Jahren emporgekommenen und weiter aufsteigenden Ländern (Kanada, Australien, Argentinien, China, Indien) haben wir Länder eines sich stabilisierenden Kapitalismus (Frankreich, Italien). Es wächst die Zahl der Prätendenten auf Absatzmärkte, es wachsen die Produktionsmöglichkeiten, es wächst das Angebot, der Umfang der Märkte aber und die Grenzen der Einflusssphären bleiben mehr oder weniger stabil.

Das ist die Grundlage für die wachsenden unversöhnlichen Widersprüche des modernen Kapitalismus.

c) Dieser Widerspruch zwischen dem Wachstum der Produktionsmöglichkeiten und der relativen Stabilität der Märkte ist der Grund dafür, dass das Problem der Märkte jetzt das Hauptproblem des Kapitalismus ist. Verschärfung des Problems der Absatzmärkte im Allgemeinen, Verschärfung des Problems der Auslandsmärkte im Besonderen, Verschärfung des Problems der Märkte für Kapitalexport im Einzelnen - das ist der jetzige Zustand des Kapitalismus.

Hieraus erklärt sich denn auch, weshalb die Unterbelastung der Industriebetriebe zu einer gewöhnlichen Erscheinung wird. Mit der Verstärkung der Zollschranken wird nur Öl ins Feuer gegossen. Es wird dem Kapitalismus zu eng im Rahmen der jetzigen Märkte und Einflusssphären. Versuche, das Problem der Märkte friedlich zu lösen, blieben ergebnislos und mussten ergebnislos bleiben. Die bekannte Deklaration der Bankiers vom Jahre 1926 über die Freiheit des Handels endete bekanntlich mit einem Fiasko.

Gemeint ist eine im Oktober 1926 veröffentlichte Deklaration von Bankiers, Industriellen und Kaufleuten der USA, Englands und anderer Länder. Die Deklaration verlangte die Aufhebung der von den europäischen Staaten eingeführten Zollbeschränkungen und war im Grunde ein Versuch des englisch-amerikanischen Finanzkapitals, seine Hegemonie in Europa zu errichten.

Die Wirtschaftskonferenz des Völkerbunds im Jahre 1927, die sich die „Vereinigung der wirtschaftlichen Interessen“ der kapitalistischen Länder zur Aufgabe stellte, hat ebenfalls mit einem Fiasko geendet. Der friedliche Weg zur Lösung des Problems der Märkte bleibt dem Kapitalismus verschlossen. Es bleibt für den Kapitalismus ein einziger „Ausweg“: eine Neuverteilung der Kolonien und Einflusssphären auf dem Wege der Gewalt, auf dem Wege militärischer Zusammenstöße, auf dem Wege neuer imperialistischer Kriege.

Aus der Stabilisierung entspringt das Anwachsen der Krise des Kapitalismus.

2. Die internationale Politik des Kapitalismus
und die Vorbereitung neuer imperialistischer Kriege

a) Im Zusammenhang damit ist jetzt die Frage der Neuaufteilung der Welt und der Einflusssphären, die die Basis der Auslandsmärkte bilden, in der Politik des Weltkapitalismus die Hauptfrage. Ich sagte bereits, dass die jetzige Verteilung der Kolonien und Einflusssphären, die im Ergebnis des letzten imperialistischen Krieges festgesetzt wurde, schon wieder veraltet ist. Sie befriedigt jetzt weder Nordamerika, das in Asien (vor allem in China) einzudringen sucht und sich nicht mit Südamerika begnügt, noch England, dessen Händen die Dominions und eine Reihe wichtigster Märkte im Osten entgleiten, noch Japan, das in China dauernd von England und Amerika „gestört“ wird, noch Italien und Frankreich, zwischen denen unzählige „Streitfragen“ bestehen, sowohl in den Donauländern als auch im Mittelmeer, und um so weniger Deutschland, das noch immer keine Kolonien hat.

Daher der „allgemeine“ Drang nach einer Neuaufteilung der Märkte und Rohstoffquellen. Es braucht nicht erst bewiesen zu werden, dass die asiatischen Märkte und die Wege dahin die Hauptarena des Kampfes sind. Daher eine Reihe von Schlüsselproblemen, die Herde für neue Zusammenstöße bilden. Daher das so genannte Pazifikproblem (Antagonismus Amerika - Japan - England) als Ursache des Kampfes um die Vorherrschaft in Asien und auf den Wegen dahin. Daher das Mittelmeerproblem (Antagonismus England - Frankreich - Italien) als Ursache des Kampfes um die Vorherrschaft an den Küsten des Mittelmeers, des Kampfes um die kürzesten Wege nach dem Osten. Daher die Verschärfung des Erdölproblems (Antagonismus England --- Amerika), denn ohne Erdöl kann man nicht Krieg führen, wer aber auf dem Gebiet des Erdöls überlegen ist, der hat auch Siegeschancen im kommenden Krieg.

Vor kurzem ist in der englischen Presse der „jüngste“ Plan Chamberlains veröffentlicht worden, der das Mittelmeerproblem „regulieren“ soll. Ich kann mich nicht dafür verbürgen, dass dieser Plan authentisch ist. Dass aber die Veröffentlichung des Chamberlainschen Planes symptomatisch ist, daran kann nicht gezweifelt werden. Er, dieser Plan, besteht darin, dass das „Mandat“ über Syrien Frankreich genommen und Italien übergeben wird, dass Tanger gegen eine finanzielle Abfindung Spaniens Frankreich übergeben wird, dass Deutschland Kamerun zurückerhält, dass Italien sich verpflichtet, nicht mehr auf dem Balkan „herumzurumoren“ usw.

All das geschieht unter der Flagge des Kampfes gegen die Sowjets. Bekanntlich wird jetzt überhaupt keine einzige Gemeinheit verübt, ohne dass man mit diesem Schmutz die Sowjets in Verbindung bringt.

Worin besteht jedoch der wirkliche Sinn dieses Planes? Der Sinn des Planes besteht darin, die französische Bourgeoisie aus Syrien zu verdrängen. Syrien ist von alters her das Tor nach dem Osten, nach Mesopotamien, nach Ägypten usw. Von Syrien aus kann man England sowohl am Suezkanal als auch in Mesopotamien schaden. Und nun will Chamberlain offenbar dieser unangenehmen Sache ein Ende machen. Wie nicht erst gesagt zu werden braucht, ist es kein Zufall, dass dieser Plan in die Presse gelangt ist. Der Wert dieser Tatsache besteht darin, dass sie eine krasse Charakteristik jener Zänkereien, Konflikte und militärischen Zusammenstöße gibt, mit denen die jetzigen Beziehungen der so genannten „Großmächte“ geladen sind.

Was den jetzigen Zustand des Erdölproblems und den Kampf um das Erdöl betrifft, so spricht darüber in recht beredter Weise die bekannte amerikanische Zeitschrift „World’s Work“in ihrer Oktobernummer wie folgt:

„World’s Work“ - eine in Garden City (Staat New York) von 1899 bis 1932 erschienene Zeitschrift, die die Ansichten der herrschenden Kreise der Großbourgeoisie der USA zum Ausdruck brachte.

„Darin liegt eine sehr reale Gefahr für den Frieden und das gegenseitige Verständnis zwischen den angelsächsischen Völkern ... Das Staatsdepartement wird die amerikanischen Geschäftsleute unweigerlich immer stärker unterstützen, je mehr das Bedürfnis danach zunimmt. Wenn die britische Regierung sich mit der britischen Erdölindustrie identifiziert, so wird auch die amerikanische Regierung sich früher oder später mit der amerikanischen Erdölindustrie identifizieren. Der Kampf kann nicht an die Regierungen übergehen, ohne dass die Kriegsgefahr gewaltig gesteigert wird.“

Zweifel sind unmöglich: Es handelt sich um die Organisierung neuer Mächtekoalitionen zwecks Vorbereitung neuer Kriege um die Auslandsmärkte, um die Rohstoffquellen und um die Wege zu ihnen.

b) Gab es in der Berichtsperiode Versuche zu einer „friedlichen Bereinigung“ der heranreifenden militärischen Konflikte? Ja, es gab sie. Es gab ihrer mehr, als man erwarten konnte. Aber diese Versuche haben zu nichts, zu rein gar nichts geführt. Noch mehr, diese Versuche erwiesen sich lediglich als ein Deckmantel für die Vorbereitungen der „Mächte“ zu neuen Kriegen, als ein Deckmantel, um das Volk, die „öffentliche Meinung“ zu betrügen.

Nehmen wir den Völkerbund, der nach Meinung der verlogenen bürgerlichen Presse und der nicht weniger verlogenen sozialdemokratischen Presse ein Instrument des Friedens ist. Wozu hat das Geschwätz des Völkerbunds von Frieden, Abrüstung und Rüstungseinschränkung geführt? Zu nichts Gutem, zu nichts anderem als zum Betrug an den Massen, als zu neuen fieberhaften Rüstungen, als zu einer neuen Verschärfung der heranreifenden Konflikte. Kann man es etwa als Zufall betrachten, dass der Völkerbund drei Jahre lang über Frieden und Abrüstung schwätzt, dass dieses verlogene Geschwätz drei Jahre lang von der so genannten II. Internationale unterstützt wird, während die „Nationen“ immer weiter rüsten und rüsten, die alten Konflikte zwischen den „Mächten“ ausweiten, neue Konflikte auftürmen und auf diese Weise den Frieden untergraben?

Was anders besagt das Fiasko der Dreierkonferenz über die Einschränkung der Flottenrüstungen (England, Amerika und Japan),

Die Dreierkonferenz über die Einschränkung der Flottenrüstungen tagte vom 20. Juni bis zum 4. August 1927 in Genf (Schweiz).

als dass dem Pazifikproblem neue imperialistische Kriege entspringen, dass die „Mächte“ weder abrüsten noch die Rüstungen einschränken wollen? Was hat der Völkerbund getan, um diese Gefahr abzuwenden?

Oder nehmen wir zum Beispiel die von der Sowjetdelegation unlängst in Genf unternommenen Schritte für eine wirkliche (und nicht bloß dekorative) Abrüstung.

Am 30. November 1927 wurde in Genf die IV. Session der Völkerbundkommission eröffnet, die die bevorstehende Abrüstungskonferenz vorbereiten sollte. Die Sowjetdelegation verlas in der Kommission eine Deklaration, in der beantragt wurde, ein Programm allgemeiner und vollständiger Abrüstung zu verwirklichen. Das sowjetische Abrüstungsprojekt wurde abgelehnt.

Womit lässt es sich erklären, dass die gradsinnige und aufrichtige Erklärung des Genossen Litwinow über die völlige Abrüstung den Völkerbund in einen Zustand der Lähmung versetzt hat und für ihn „völlig unerwartet“ kam? Beweist diese Tatsache nicht, dass der Völkerbund kein Instrument des Friedens und der Abrüstung, sondern ein. Instrument zur Tarnung neuer Rüstungen, zur Tarnung der Vorbereitung neuer Kriege ist?

Die käufliche bürgerliche Presse aller Länder, von Japan bis England, von Frankreich bis Amerika, schreit aus vollem Halse über die „Unaufrichtigkeit“ der sowjetischen Abrüstungsvorschläge. Warum stellt man in einem solchen Fall nicht die Aufrichtigkeit der sowjetischen Vorschläge auf die Probe und schreitet nicht auf der Stelle praktisch zur Abrüstung oder wenigstens zu einer ernstlichen Einschränkung der Rüstungen? Was steht dem im Wege?

Oder nehmen wir zum Beispiel das jetzige System von „Freundschaftsverträgen“ der kapitalistischen Staaten, den Vertrag Frankreichs mit Jugoslawien, den Vertrag Italiens mit Albanien, den „Freundschaftsvertrag“ zwischen Polen und Litauen, den Pilsudski vorbereitet, das „Locarno-System“,

  • „Locarno-System“ - ein System von Verträgen und Abkommen, die auf der Konferenz in Locarno (Schweiz) vom 5. bis zum 16. Oktober 1925 von den imperialistischen Staaten abgeschlossen wurden, um die durch den Versailler Friedensvertrag festgesetzte Nachkriegsordnung in Europa zu verankern und Deutschland gegen die Sowjetunion auszunutzen. (über die Konferenz von Locarno siehe J. W. Stalin, „Werke“, Bd. 7, S. 271, 273-274 [deutsche Ausgabe, S. 236, 237/238].)

 

den „Geist von Locarno“ usw. - was ist dies alles, wenn nicht ein System der Vorbereitung neuer Kriege und der Gruppierung der Kräfte für künftige militärische Konflikte?

Oder nehmen wir zum Beispiel folgende Tatsachen: von 1913 bis 1927 ist die Stärke der Armeen Frankreichs, Englands, Italiens, der Vereinigten Staaten von Nordamerika und Japans von 1888000 auf 2262000 Mann angewachsen; in der gleichen Periode sind die Militärhaushalte derselben Länder von 2345 Millionen auf 3948 Millionen Goldrubel angewachsen; die Zahl der in diesen fünf Ländern vorhandenen einsatzbereiten Flugzeuge ist von 1923 bis 1927 von 2655 auf 4340 angewachsen, die Tonnage der Kreuzer dieser fünf Mächte von 724000 Tonnen im Jahre 1922 auf 864000 Tonnen im Jahre 1926; die Lage hinsichtlich des Gaskrieges wird durch die bekannte Erklärung des Chefs des kriegschemischen Dienstes der Vereinigten Staaten von Nordamerika, des Generals Fries, illustriert: „Eine 450 Kilogramm schwere, mit Lewisit geladene chemische Fliegerbombe kann zehn Häuserblocks von New York unbewohnbar machen, während 100 Tonnen Lewisit, von 50 Flugzeugen abgeworfen, ganz New York zumindest auf eine Woche unbewohnbar machen können.“

Wovon sprechen diese Tatsachen, wenn nicht davon, dass die Vorbereitung eines neuen Krieges mit Volldampf betrieben wird?

Das sind die Ergebnisse der „Friedenspolitik“ und der „Abrüstungs“-politik der bürgerlichen Staaten überhaupt, des Völkerbunds im Besonderen und der sozialdemokratischen Liebedienerei vor dem Kapital im Einzelnen.

Früher versuchte man, das Wachstum der Rüstungen mit dem Vorhandensein des bis an die Zähne bewaffneten Deutschlands zu rechtfertigen. Jetzt fällt diese „Rechtfertigung“ fort, da Deutschland entwaffnet ist.

Ist es etwa nicht klar, dass das Anwachsen der Rüstungen eine gebieterische Folge der Unvermeidlichkeit neuer imperialistischer Kriege zwischen den „Mächten“ ist, dass der „Geist des Krieges“ der Hauptinhalt des „Geistes von Locarno“ ist?

Ich glaube, dass man die jetzigen „friedlichen Beziehungen“ vergleichen könnte mit einem alten, abgetragenen Hemd, bestehend nur noch aus Flicken, die durch ein dünnes Fädchen zusammengehalten werden. Man braucht bloß mehr oder weniger ernstlich an diesem Fädchen zu zerren, es an dieser oder jener Stelle zu zerreißen, und das ganze Hemd fällt auseinander, es bleibt nichts übrig als die Lappen. Man braucht nur irgendwo in Albanien oder in Litauen, in China oder in Nordafrika an den jetzigen „friedlichen Beziehungen“ zu rütteln, und das ganze „Gebäude der friedlichen Beziehungen“ fällt in Trümmer.

So war es vor dem letzten imperialistischen Krieg, als der Mord in Sarajewozum Kriege führte.

 

Gemeint ist die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand durch einen serbischen Nationalisten am 28. Juni 1914 in Sarajewo (Bosnien). Dieser Mord diente als äußerer Anlass zur Entfesselung des imperialistischen Weltkriegs von 1914-1918.

So steht es auch jetzt.

Aus der Stabilisierung erwächst die Unvermeidlichkeit neuer imperialistischer Kriege.

3. Der Zustand der internationalen revolutionären Bewegung
und die Vorboten eines neuen revolutionären Aufschwungs

a) Zur Kriegführung genügt nicht das Wachstum der Rüstungen, genügt nicht die Organisierung neuer Koalitionen. Dazu bedarf es noch der Stärkung des Hinterlands in den Ländern des Kapitalismus. Kein einziges kapitalistisches Land kann einen ernsten Krieg führen, ohne vorher sein eigenes Hinterland gestärkt, ohne den „eigenen“ Arbeitern, ohne den „eigenen“ Kolonien den Zaum angelegt zu haben. Daher die allmähliche Faschisierung der Politik der bürgerlichen Regierungen.

Es kann nicht als Zufall bezeichnet werden, dass jetzt in Frankreich der Rechtsblock, in England der Block Hicks - Deterding - Urquhart, in Deutschland der Bürgerblock, in Japan die Kriegspartei, in Italien und Polen faschistische Regierungen an der Macht sind.

Daher der Druck auf die Arbeiterklasse, das Gewerkschaftsgesetz in England,

Das von der konservativen Regierung Englands im Jahre 1927 angenommene Gewerkschaftsgesetz begünstigte das Streikbrechertum, behinderte die Gewerkschaften bei der Sammlung von Mitteln für politische Zwecke und verbot den Staatsangestellten den Eintritt in die dem Trade-Unions-Kongress und der Labourpartei angeschlossenen Gewerkschaften. Das Gesetz gewährte der Regierung das Recht, jeden Streik für ungesetzlich zu erklären.

das Gesetz über die „Bewaffnung der Nation“ in Frankreich,

Das von der Deputiertenkammer Frankreichs im März 1927 beschlossene Gesetz über die „Bewaffnung der Nation“ war Teil eines allgemeinen Planes zur Reorganisierung der Kriegsmaschinerie des französischen Imperialismus und zur Vorbereitung eines neuen Krieges. Das Gesetz sah vor: Militarisierung des politischen und wirtschaftlichen Lebens im Lande, Mobilisierung der gesamten Bevölkerung sowohl der Metropole als auch der Kolonien im Kriegsfall, Militarisierung der Gewerkschaften und anderer Arbeiterorganisationen, Abschaffung des Streikrechts, Vergrößerung des stehenden Heeres und seine Ausnutzung zur Unterdrückung revolutionärer Aktionen des Proletariats in Frankreich und der unterdrückten Völker in den Kolonien.

die Abschaffung des Achtstundentags in einer Reihe von Ländern, die überall zu beobachtende Offensive der Bourgeoisie gegen das Proletariat.

Daher der gesteigerte Druck auf die Kolonien und die abhängigen Länder, die Verstärkung der imperialistischen Truppenkontingente in diesen Ländern auf rund 1 Million Mann, wobei mehr als 700000 Soldaten davon in den britischen „Einflusssphären“ und „Besitzungen“ stehen.

b) Es lässt sich unschwer begreifen, dass dieser bestialische Druck der faschisierten Regierungen nicht ohne eine Gegenbewegung der unterdrückten Völker in den Kolonien und der Arbeiterklasse in den Metropolen bleiben konnte. Solche Tatsachen wie das Anwachsen der revolutionären Bewegung in China, in Indonesien, in Indien usw. müssen für die Geschicke des Weltimperialismus unweigerlich von entscheidender Bedeutung sein.

Urteilen Sie selbst. Von 1905 Millionen Bewohnern des gesamten Erdballs leben 1134 Millionen in den Kolonien und abhängigen Ländern, 143 Millionen leben in der UdSSR, 264 Millionen in den Ländern mit einer Zwischenstellung und nur 363 Millionen in den großen imperialistischen Ländern, die die Kolonien und abhängigen Länder unterdrücken.

Es ist klar, dass das revolutionäre Erwachen der kolonialen und abhängigen Länder das Ende des Weltimperialismus ankündigt. Die Tatsache, dass die chinesische Revolution noch nicht zum direkten Sieg über den Imperialismus geführt hat, diese Tatsache kann für die Perspektiven der Revolution keine entscheidende Bedeutung haben. Große Volksrevolutionen siegen nie vollständig im ersten Turnus ihrer Aktionen. Sie wachsen und erstarken im Wechsel von Flut und Ebbe. So war es überall, auch in Rußland. Ebenso wird es in China sein.

Das wichtigste Resultat der chinesischen Revolution ist die Tatsache, dass sie Hunderte Millionen von Ausgebeuteten und Unterdrückten aus jahrhundertelangem Schlaf gerüttelt und in Bewegung gebracht, den konterrevolutionären Charakter der Generalscliquen vollends entlarvt, den Kuomintanglakaien der Konterrevolution die Maske abgerissen, die Autorität der Kommunistischen Partei bei den unteren Schichten des Volkes gestärkt, die Bewegung in ihrer Gesamtheit auf eine höhere Stufe gebracht und bei den Millionen Menschen der unterdrückten Klassen Indiens, Indonesiens usw. neue Hoffnungen erweckt hat. Höchstens Blinde und Kleinmütige können daran zweifeln, dass die chinesischen Arbeiter und Bauern einem neuen revolutionären Aufschwung entgegengehen.

Was die revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse in Europa betrifft, so haben wir auch hier, auch auf diesem Gebiet, unverkennbare Anzeichen einer Linksentwicklung der Massen der einfachen Arbeiter und einer revolutionären Belebung. Solche Tatsachen wie der Generalstreik und der Bergarbeiterstreik in England, die revolutionäre Erhebung der Arbeiter in Wien, die revolutionären Demonstrationen in Frankreich und Deutschland aus Anlass der Ermordung Saccos und Vanzettis, die Wahlerfolge der deutschen und der polnischen Kommunistischen Partei, die unverkennbare Differenzierung der Arbeiterbewegung in England, kraft deren die Arbeiter nach links gehen, die Führer aber nach rechts, in den Schoß des offenen Sozialimperialismus, wie die Entartung der II. Internationale zu einem direkten Anhängsel des imperialistischen Völkerbunds, das Sinken der Autorität der sozialdemokratischen Parteien unter den breiten Massen der Arbeiterklasse, das überall zu beobachtende Wachstum des Einflusses und der Autorität der Komintern und ihrer Sektionen unter den Proletariern aller Länder, das Wachstum der Autorität der UdSSR unter den unterdrückten Klassen der ganzen Welt, der „Kongress der Freunde der Sowjetunion“usw.

Der Weltkongress der Freunde der Sowjetunion tagte in Moskau vom 10. bis zum 12. November 1927. Einberufen wurde der Kongress auf Initiative ausländischer Arbeiterdelegationen, die anlässlich der 10. Jahresfeier der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution die Sowjetunion besuchten. Dem Kongress wohnten 947 Delegierte aus 43 Ländern bei. Es wurden Referate gehalten über die Ergebnisse des zehnjährigen sozialistischen Aufbaus in der UdSSR und über die Verteidigung des ersten proletarischen Staates der Welt gegen die Kriegsgefahr. Ein von dem Kongress beschlossener Aufruf endete mit dem folgenden Appell an die Werktätigen der ganzen Welt: „Kämpft, schützt und verteidigt mit allen Mitteln, mit allen Methoden die Sowjetunion, das Vaterland der Werktätigen, das Bollwerk des Friedens, die Heimstätte der Befreiung, die Festung des Sozialismus!“

- alle diese Tatsachen sprechen unzweifelhaft dafür, dass Europa in eine neue Phase revolutionären Aufschwungs eintritt.

Wenn eine Tatsache wie die Ermordung Saccos und Vanzettis Demonstrationen der Arbeiterklasse auszulösen vermochte, so ist das zweifellos ein Beweis dafür, dass sich in den Tiefen der Arbeiterklasse eine revolutionäre Energie angesammelt hat, die nach einem Anlass, einer Gelegenheit, mitunter sogar nach einer anscheinend ganz unbedeutenden Gelegenheit sucht und suchen wird, um zum Durchbruch zu kommen und sich gegen das kapitalistische Regime zu entladen.

Wir leben am Vorabend eines neuen revolutionären Aufschwungs sowohl in den Kolonien als auch in den Metropolen.

Aus der Stabilisierung erwächst ein neuer revolutionärer Aufschwung.

4. Die kapitalistische Welt und die UdSSR

a) Wir haben also alle Anzeichen der schwersten Krise und wachsender Labilität des Weltkapitalismus.

Wenn die zeitweilige Nachkriegskrise der Wirtschaft von 1920 und 1921 mit ihrem Chaos im Innern der kapitalistischen Länder und dem Zerfall der äußeren Verbindungen dieser Länder als überwunden gelten kann, weswegen ja die Periode der teilweisen Stabilisierung eintrat, so ist die allgemeine und grundlegende Krise des Kapitalismus, die sich infolge des Sieges der Oktoberrevolution und des Ausscheidens der UdSSR aus dem kapitalistischen Weltsystem abzeichnete, nicht nur nicht überwunden, sondern im Gegenteil, sie vertieft sich immer mehr und mehr und erschüttert die Existenzgrundlagen des Weltkapitalismus.

Die Stabilisierung hat die Entwicklung dieser allgemeinen und grundlegenden Krise nicht nur nicht behindert, sondern im Gegenteil, sie hat den Nährboden und die Quelle geliefert für deren weitere Entwicklung. Der zunehmende Kampf um die Märkte, die Notwendigkeit einer Neuaufteilung der Welt und der Einflusssphären, das Fiasko des bürgerlichen Pazifismus und des Völkerbunds, die fieberhafte Arbeit an der Bildung neuer Koalitionen und an der Umgruppierung der Kräfte angesichts eines möglichen neuen Krieges, das tollwütige Anwachsen der Rüstungen, der bestialische Druck auf die Arbeiterklasse und die kolonialen Länder, das Ansteigen der revolutionären Bewegung in den Kolonien und in Europa, das Wachstum der Autorität der Komintern in der ganzen Welt, schließlich die Festigung der Macht der Sowjetunion und die Stärkung ihrer Autorität unter den Arbeitern Europas und den werktätigen Massen der Kolonien - all das sind Tatsachen, die unweigerlich den internationalen Kapitalismus in seinen Grundfesten erschüttern müssen.

Die Stabilisierung des Kapitalismus wird immer fauler und unsicherer.

Konnte und musste man vor zwei Jahren von einem Abebben der revolutionären Wogen in Europa sprechen, so haben wir jetzt allen Grund zu der Behauptung, dass Europa eindeutig in die Phase eines neuen revolutionären Aufschwungs eintritt. Ich rede schon gar nicht von den kolonialen und abhängigen Ländern, wo die Stellung der Imperialisten immer katastrophaler wird.

b) Die Hoffnungen der Kapitalisten, die UdSSR kirre machen zu können, die Hoffnungen auf eine kapitalistische Entartung der UdSSR, auf ein Sinken ihrer Autorität unter den Arbeitern Europas und den werk-tätigen Massen der Kolonien sind zusammengebrochen. Die UdSSR wächst und entwickelt sich gerade als das Land des im Aufbau befindlichen Sozialismus. Ihr Einfluss unter den Arbeitern und Bauern der ganzen Welt wächst und erstarkt. Schon allein die Existenz der UdSSR als eines Landes des im Aufbau befindlichen Sozialismus trägt als einer der mächtigsten Faktoren dazu bei, den Weltimperialismus zu zersetzen und seine Stabilität sowohl in Europa als auch in den Kolonien zu untergraben. Die UdSSR wird unverkennbar zum Banner der Arbeiterklasse Europas und der unterdrückten Völker der Kolonien.

Um sich daher die Bahn frei zu machen für künftige imperialistische Kriege, um zwecks Festigung des kapitalistischen Hinterlands der „eigenen“ Arbeiterklasse die Daumenschrauben noch fester anzuziehen und den „eigenen“ Kolonien den Zaum anzulegen, muss man, so glauben die bürgerlichen Machthaber, vor allem die UdSSR zügeln, diesen Herd und Nährboden der Revolution, der überdies einen der größten Absatzmärkte für die kapitalistischen Länder darstellt. Daher das Aufleben der Interventionstendenzen unter den Imperialisten, die Politik der Isolierung der UdSSR, die Politik der Einkreisung der UdSSR, die Politik der Vorbereitung der Bedingungen für einen Krieg gegen die UdSSR.

Die Verstärkung der Interventionstendenzen im Lager der Imperialisten und die Gefahr eines Krieges (gegen die UdSSR) ist einer der Hauptfaktoren der jetzigen Lage.

Als der angesichts der sich entwickelnden Krise des Kapitalismus am meisten „gefährdete“ und „in Mitleidenschaft gezogene“ Teil gilt die englische Bourgeoisie. Sie ist es auch, die die Initiative ergriffen hat bei der Stärkung der Interventionstendenzen. Es ist klar, dass die Unterstützung der englischen Bergarbeiter durch die sowjetischen Arbeiter und die Sympathie der Arbeiterklasse der UdSSR für die revolutionäre Bewegung in China unweigerlich Öl ins Feuer sein mussten. Alle diese Umstände bedingten den Bruch Englands mit der UdSSR und die Verschlechterung der Beziehungen zu einer Reihe anderer Staaten.

c) Der Kampf zweier Tendenzen in den Beziehungen zwischen der kapitalistischen Welt und der UdSSR, der Tendenz militärischer Aggression (England vor allem) und der Tendenz der Fortsetzung friedlicher Beziehungen (eine Reihe anderer kapitalistischer Länder), ist infolgedessen im gegenwärtigen Moment die grundlegende Tatsache im System unserer auswärtigen Beziehungen.

Tatsachen, die die Tendenz friedlicher Beziehungen in der Berichtsperiode kennzeichnen: der Nichtangriffsvertrag mit der Türkei; der Garantievertrag mit Deutschland; das Zollabkommen mit Griechenland; das Kreditabkommen mit Deutschland; der Garantievertrag mit Afghanistan; der Garantievertrag mit Litauen; die Paraphierung eines Garantievertrags mit Lettland; der Handelsvertrag mit der Türkei; die Beilegung des Konflikts mit der Schweiz; der Neutralitätsvertrag mit Persien; die Besserung der Beziehungen zu Japan; der Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen zu Amerika und Italien.

Tatsachen, die die Tendenz militärischer Aggression in der Berichtsperiode kennzeichnen: die englische Note anlässlich der finanziellen Unterstützung der streikenden Bergarbeiter; der Überfall auf die sowjetischen diplomatischen Vertreter in Peking, Tientsin und Schanghai; der Überfall auf die Arcos; der Bruch Englands mit der UdSSR; die Ermordung Wojkows; die Terrorakte englischer Söldlinge in der UdSSR; die Verschärfung der Beziehungen zu Frankreich in der Frage der Abberufung Rakowskis.

Konnte und musste man vor zwei Jahren von der Periode eines gewissen Gleichgewichts und „friedlichen Zusammenlebens“ zwischen der UdSSR und den kapitalistischen Ländern sprechen, so haben wir jetzt allen Grund zu der Behauptung, dass die Periode „friedlichen Zusammenlebens“ der Vergangenheit anzugehören beginnt und einer Periode imperialistischer Anrempelungen und der Interventionsvorbereitungen gegen die UdSSR Platz macht.

Allerdings sind die Versuche Englands, eine Einheitsfront gegen die UdSSR zustande zu bringen, zunächst noch nicht gelungen. Die Ursachen dieses Fehlschlags sind: der Interessengegensatz im Lager der Imperialisten, die Interessiertheit bestimmter Länder an wirtschaftlichen Beziehungen zur UdSSR, die Friedenspolitik der UdSSR, der Widerstand der Arbeiterklasse Europas, die Furcht der Imperialisten, im Falle eines Krieges gegen die UdSSR die Revolution bei sich zu Hause zu entfachen. Das bedeutet aber noch nicht, dass England seine Bemühungen um die Bildung einer Einheitsfront gegen die UdSSR aufgeben wird, dass es ihm nicht gelingen wird, eine solche Front zu organisieren. Die Gefahr eines Krieges bleibt trotz des zeitweiligen Misserfolgs Englands bestehen.

Daher die Aufgabe, die Widersprüche im Lager der Imperialisten in Rechnung zu stellen, den Krieg hinauszuzögern, sich zu diesem Zweck von den Kapitalisten „loszukaufen“ und alle Maßnahmen zu ergreifen zur Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen.

Wir dürfen die Worte Lenins nicht vergessen, dass sehr viel für unseren Aufbau davon abhängt, ob es uns gelingen wird, den Krieg mit der kapitalistischen Welt hinauszuzögern, der unvermeidlich ist, den man aber hinauszögern kann, entweder bis zu dem Moment, da die proletarische Revolution in Europa herangereift ist, oder bis zu dem Moment, da die kolonialen Revolutionen vollständig reif geworden sind, oder endlich bis zu dem Moment, da die Kapitalisten einander wegen der Aufteilung der Kolonien in die Haare geraten.

Deshalb ist für uns die Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen zu den kapitalistischen Ländern eine unerlässliche Aufgabe.

Die Grundlage unserer Beziehungen zu den kapitalistischen Ländern besteht darin, dass wir ein Nebeneinanderbestehen der beiden entgegengesetzten Systeme für möglich halten. Die Praxis hat das vollständig gerechtfertigt. Der Stein des Anstoßes ist mitunter die Frage der Schulden und Kredite. Unsere Politik ist hier klar. Sie basiert auf der Formel: „Gibst du, dann gebe auch ich.“ Gibt man uns Kredite, mit denen wir unsere Industrie befruchten können, so bezahlen wir dafür einen gewissen Teil der Vorkriegsschulden, den wir als zusätzliche Zinsen für die Kredite betrachten. Gibt man uns nichts, so geben auch wir nichts. Die Tatsachen beweisen, dass wir in der Erlangung von Industriekrediten gewisse Erfolge verbuchen können. Ich denke dabei nicht nur an Deutschland, sondern auch an Amerika und England. Worin besteht hier das Geheimnis? Darin, dass unser Land ein ganz gewaltiger Markt für die Einfuhr von Maschinen ist und dass die kapitalistischen Länder einen Markt gerade für solche Erzeugnisse benötigen.

5. Schlußfolgerungen

Als Ergebnis haben wir:

Erstens das Anwachsen der Widersprüche innerhalb der kapitalistischen Umwelt; die für den Kapitalismus bestehende Notwendigkeit einer Neuaufteilung der Welt durch einen Krieg; die Interventionstendenzen eines Teils der kapitalistischen Welt mit England an der Spitze; die Abgeneigtheit eines anderen Teils der kapitalistischen Welt, sich in einen Krieg mit der UdSSR verwickeln zu lassen, da er es vorzieht, wirtschaftliche Beziehungen zu ihr anzubahnen; der Kampf dieser beiden Tendenzen und eine gewisse Möglichkeit für die UdSSR, diese Widersprüche zwecks Aufrechterhaltung des Friedens in Rechnung zu stellen.

Zweitens die zerbröckelnde Stabilisierung; das Ansteigen der revolutionären Bewegung in den Kolonien; die Anzeichen eines neuen revolutionären Aufschwungs in Europa; das Anwachsen der Autorität der Komintern und ihrer Sektionen in der ganzen Welt; das unverkennbare Anwachsen der Sympathien der Arbeiterklasse Europas für die UdSSR; die wachsende Stärke der UdSSR und die sich festigende Autorität der Arbeiterklasse unseres Landes unter den unterdrückten Klassen der ganzen Welt.

Daher die Aufgaben für die Partei:

1. Auf dem Gebiet der internationalen revolutionären Bewegung:

  • Kampf für die Entwicklung der kommunistischen Parteien in der ganzen Welt;

  • Kampf für die Stärkung der revolutionären Gewerkschaften und der Einheitsfront der Arbeiter gegen die Offensive des Kapitals;

  • Kampf für die Festigung der Freundschaft zwischen der Arbeiterklasse der UdSSR und der Arbeiterklasse der kapitalistischen Länder;

  • Kampf für die Festigung des Zusammenschlusses zwischen der Arbeiterklasse der UdSSR und der Befreiungsbewegung in den kolonialen und abhängigen Ländern.

2. Auf dem Gebiet der Außenpolitik der UdSSR:

  • Kampf gegen die Vorbereitung neuer imperialistischer Kriege;

  • Kampf gegen die Interventionstendenzen Englands und Steigerung der Verteidigungsfähigkeit der UdSSR;

  • eine Politik des Friedens und Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen zu den kapitalistischen Ländern;

  • Erweiterung unseres Warenaustauschs mit dem Ausland auf der Grundlage der Festigung des Außenhandelsmonopols;

  • Annäherung an die so genannten „schwachen“ und „nicht gleich-berechtigten“ Staaten, die von den herrschenden imperialistischen Mächten unterjocht und ausgebeutet werden.

 

 

II
DIE ERFOLGE DES SOZIALISTISCHEN AUFBAUS
UND DIE INNERE LAGE DER UdSSR

 

Gestatten Sie mir, Genossen, zur inneren Lage unseres Landes, zu den Erfolgen unseres sozialistischen Aufbaus, zur Frage nach dem Schicksal der Diktatur des Proletariats, nach ihrer Entwicklung, nach ihrer Festigung überzugehen.

Unser XIV. Parteitag beauftragte das Zentralkomitee, unsere Volkswirtschaft unter dem Gesichtspunkt folgender Hauptaufgaben zu entwickeln:

erstens, dass unsere Politik ein fortschreitendes Anwachsen der Produktion der gesamten Volkswirtschaft fördert;

zweitens, dass die Politik der Partei das Entwicklungstempo der Industrie beschleunigt und dieser die führende Rolle in der gesamten Volkswirtschaft sichert;

drittens, dass im Zuge der Entwicklung der Volkswirtschaft dafür gesorgt wird, dass der Anteil des sozialistischen Sektors der Volkswirtschaft, der sozialistischen Wirtschaftsformen immer mehr anwächst auf Kosten des Sektors der privaten Warenwirtschaft und des kapitalistischen Sektors;

viertens, dass unsere ganze wirtschaftliche Entwicklung, die Organisierung neuer Industriezweige, die Entwicklung bestimmter Rohstoffindustrien usw. derart betrieben wird, dass die Gesamtentwicklung unserem Lande die ökonomische Unabhängigkeit garantiert, dass unser Land sich nicht in ein Anhängsel des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems verwandelt;

fünftens, dass die Diktatur des Proletariats, der Block der Arbeiter-klasse und der Bauernmassen und die führende Rolle der Arbeiterklasse in diesem Block gestärkt werden;

sechstens, dass die materielle und kulturelle Lage der Arbeiterklasse und der Dorfarmut ständig gebessert wird.

Was hat unsere Partei, was hat das Zentralkomitee unserer Partei in der Berichtsperiode getan, um diese Aufgaben zu erfüllen?

1. Die Volkswirtschaft in ihrer Gesamtheit

Die erste Frage ist die Entwicklung der Volkswirtschaft in ihrer Gesamtheit. ich werde hier einige grundlegende Zahlen anführen zu der Frage, wie die Volkswirtschaft in ihrer Gesamtheit, die Industrie und die Landwirtschaft im Einzelnen während der Berichtsperiode gewachsen sind. Ich entnehme diese Zahlen den bekannten Aufstellungen der Staatlichen Plankommission. Ich habe die Kontrollzahlen der Staatlichen Plankommission für das Jahr 1927/28 und den Rohentwurf des Fünfjahrplans im Auge.

a) Das Wachstum der gesamten volkswirtschaftlichen Produktion der UdSSR in den letzten zwei Jahren. Lag die Bruttoproduktion der Landwirtschaft nach den neuen Berechnungen der Staatlichen Plankommission im Jahre 1924/25 bei 87,3 Prozent des Vorkriegsstandes, die Produktion der gesamten Industrie aber bei 63,7 Prozent der Vorkriegsleistung, so haben wir jetzt, zwei Jahre später, im Jahre 1926/27, bereits eine landwirtschaftliche Produktion von 108,3 Prozent und eine industrielle Produktion von 100,9 Prozent. In den Kontrollzahlen der Staatlichen Plankommission ist für 1927/28 eine weitere Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion auf 111,8 Prozent, der industriellen auf 114,4 Prozent des Vorkriegsstandes vorgesehen.

Das Wachstum des Handelsumsatzes im Lande in den letzten zwei Jahren. Setzt man den Umsatz von 1924/25 gleich 100 (14613 Millionen Rubel Tscherwonez-Währung), so haben wir im Jahre 1926/27 eine Steigerung um 97 Prozent (28775 Millionen Rubel), während für 1927/28 eine weitere Erhöhung auf mehr als 116 Prozent (33440 Millionen Rubel) geplant ist.

Die Entwicklung unseres Kreditsystems in den letzten zwei Jahren. Setzt man die Bilanzsummen aller unserer Kreditanstalten am 1. Oktober 1925 gleich 100 (5343 Millionen Rubel Tscherwonez-Währung), so hatten wir am 1. Juli 1927 eine Erhöhung um 53 Prozent (8175 Millionen Rubel). Es besteht kein Grund, daran zu zweifeln, dass das Jahr 1927/28 uns ein weiteres Anwachsen unseres nationalisierten Kreditsystems bringen wird.

Die Entwicklung des Eisenbahnwesens in den letzten zwei Jahren. Hatten wir 1924/25 für unser gesamtes Eisenbahnnetz einen Güterumschlag von 63,1 Prozent der Vorkriegszeit, so haben wir jetzt, im Jahre 1926/27, 99,1 Prozent und werden im Jahre 1927/28 111,6 Prozent haben. Ich rede gar nicht davon, dass in diesen zwei Jahren unser Eisenbahnnetz sich von 74400 Kilometer auf 76200 Kilometer vergrößert hat, was eine Vergrößerung von 30,3 Prozent gegenüber der Vorkriegszeit und von 8,9 Prozent gegenüber dem Jahre 1917 ergibt.

Das Wachstum des Staatshaushalts in den letzten zwei Jahren. War unser Gesamthaushalt (der einheitliche Staatshaushalt zuzüglich der lokalen Haushalte) 1925/26 gleich 72,4 Prozent des Vorkriegshaushalts (5024 Millionen Rubel), so muss der Gesamthaushalt gegenwärtig, das heißt für 1927/28, 110-112 Prozent des Vorkriegshaushalts (mehr als 7 Milliarden Rubel) ausmachen. Er ist in den letzten zwei Jahren um 41,5 Prozent gewachsen.

Das Wachstum des Außenhandels in den letzten zwei Jahren. Hatte unser Außenhandel im Jahre 1924/25 einen Gesamtumsatz von 1282 Millionen Rubel, das heißt ungefähr 27 Prozent des Vorkriegsbetrags, so haben wir jetzt, im Jahre 1926/27, einen Umsatz von 1483 Millionen Rubel, das heißt 35,6 Prozent des Vorkriegsbetrags, während im Jahre 1927/28 ein Umsatz von 1626 Millionen Rubel vorgesehen ist, das heißt 37,9 Prozent des Vorkriegsbetrags.

Die Ursachen der verzögerten Außenhandelsentwicklung sind:

erstens die Tatsache, dass die bourgeoisen Staaten unserem Außenhandel häufig Hindernisse in den Weg legen, die zuweilen in eine versteckte Blockade übergehen;

zweitens die Tatsache, dass wir nicht nach der bourgeoisen Formel Handel treiben können: „Selbst nicht satt, aber dennoch ausführen“.

Ein Plus ist hier der Aktivsaldo des Außenhandelskommissariats für das Jahr 1926/27 in Höhe von 57 Millionen Rubel. Es ist das erste Mal seit 1923/24, dass die Außenhandelsbilanz mit einem Aktivsaldo abschließt.

Als Ergebnis haben wir folgendes Bild des allgemeinen Wachstums des gesamten Nationaleinkommens in den letzten zwei Jahren: Nimmt man das Nationaleinkommen der UdSSR im Jahre 1924/25 mit 15589 Millionen Rubel Tscherwonez-Währung an, so hatten wir im Jahre 1925/26 20252 Millionen Rubel, das heißt einen Jahreszuwachs um 29,9 Prozent, und im Jahre 1926/27 22 560 Millionen Rubel, das heißt einen Jahreszuwachs um 11,4 Prozent. Nach den Kontrollzahlen der Staatlichen Plankommission werden wir im Jahre 1927/28 24208 Millionen Rubel haben, das heißt einen Zuwachs um 7,3 Prozent.

Berücksichtigt man, dass die durchschnittliche Jahreszunahme des Nationaleinkommens der Vereinigten Staaten 3-4 Prozent nicht überschreitet (nur einmal in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten die Vereinigten Staaten eine Zunahme des Nationaleinkommens von ungefähr 7 Prozent), die Jahreszunahme des Nationaleinkommens der anderen Länder dagegen, zum Beispiel Englands und Deutschlands, 1 bis 3 Prozent nicht überschreitet, so muss man zugeben, dass das Nationaleinkommen der UdSSR in den letzten Jahren in einem Rekordtempo gewachsen ist im Vergleich mit den großen kapitalistischen Ländern Europas und Amerikas.

Schlussfolgerung: Die Volkswirtschaft unseres Landes wächst in raschem Tempo.

Die Aufgabe der Partei: die Entwicklung der Volkswirtschaft unseres Landes, die Entwicklung aller Produktionszweige weiter voranzutreiben.

b) Das Wachstum der Volkswirtschaft erfolgt bei uns nicht ins Blaue hinein, es ist kein bloß quantitatives Wachstum der Produktion, sondern es verläuft in einer bestimmten, streng festgesetzten Richtung. Die entscheidenden Faktoren für die Entwicklung der Volkswirtschaft in den letzten zwei Jahren sind zwei Hauptumstände.

Erstens steht die Entwicklung unserer Volkswirtschaft im Zeichen der Industrialisierung des Landes, im Zeichen der wachsenden Rolle der Industrie gegenüber der Landwirtschaft.

Zweitens entwickelt sich die Volkswirtschaft, entwickelt sich die Industrialisierung des Landes in Richtung auf ein Anwachsen des Anteils und der vorherrschenden Rolle der sozialistischen Wirtschaftsformen, sowohl in der Produktion als auch im Warenumsatz, auf Kosten des Sektors der privaten Warenwirtschaft und des kapitalistischen Sektors.

Die Zunahme des Anteils der Industrie im System der Volkswirtschaft (ohne Verkehrswesen und Elektrifizierung) zeigen folgende Zahlen. Entfielen 1924/25, in Vorkriegspreisen berechnet, auf die Bruttoproduktion der Industrie 32,4 Prozent, auf die Landwirtschaft aber 67,6 Prozent der Gesamtproduktion der Volkswirtschaft, so ist 1926/27 der Anteil der Industrie auf 38 Prozent gestiegen, während der Anteil der Landwirtschaft auf 62 Prozent zurückgegangen ist. Im Jahre 1927/28 soll der Anteil der Industrie bis auf 40,2 Prozent anwachsen, während der Anteil der Landwirtschaft auf 59,8 Prozent zurückgehen soll.

Die Zunahme des Anteils der Produktion von Produktionsinstrumenten und -mitteln - dieses Rückgrats der Industrie - im System der gesamten Industrie in den letzten zwei Jahren zeigen folgende Zahlen: im Jahre 1924/25 betrug der Anteil der Produktion von Produktionsmitteln 34,1 Prozent, im Jahre 1926/27 37,6 Prozent, im Jahre 1927/28 aber soll er auf 38,6 Prozent gebracht werden.

Die Zunahme des Anteils der Produktion von Produktionsmitteln in der staatlichen Großindustrie in den letzten zwei Jahren zeigen folgende Zahlen: im Jahre 1924/25 42,0 Prozent, im Jahre 1926/27 44,0 Prozent, im Jahre 1927/28 aber soll er auf 44,9 Prozent gebracht werden.

Was die Warenproduktion der Industrie und ihren Anteil an der gesamten Warenmenge betrifft, so ist der Anteil der Industrie in den letzten zwei Jahren von 53,1 Prozent im Jahre 1924/25 auf 59,5 Prozent im Jahre 1926/27 angewachsen, und im Jahre 1927/28 soll er 60,7 Prozent erreichen, während der Anteil der Warenproduktion der Landwirtschaft im Jahre 1924/25 46,9 Prozent betrug, im Jahre 1926/27 auf 40,5 Prozent zurückging und im Jahre 1927/28 auf 39,3 Prozent zurückgehen soll.

Schlussfolgerung: Unser Land wird zu einem Industrieland.

Die Aufgabe der Partei: mit allen Mitteln die Industrialisierung unseres Landes voranzutreiben.

Das Anwachsen des Anteils und der vorherrschenden Rolle der sozialistischen Wirtschaftsformen auf Kosten des Sektors der privaten Warenwirtschaft und des kapitalistischen Sektors in den letzten zwei Jahren zeigen folgende Zahlen. Während die Kapitalinvestitionen des vergesellschafteten Sektors der Volkswirtschaft (Staats- und Genossenschaftsindustrie, Verkehrswesen, Elektrifizierung usw.) von 1231 Millionen Rubel im Jahre 1924/25 auf 2683 Millionen im Jahre 1926/27 stiegen und im Jahre 1927/28 auf 3456 Millionen anwachsen sollen, was einen Zuwachs der Investitionen von 43,8 Prozent im Jahre 1924/25 auf 65,3 Prozent im Jahre 1927/28 ausmacht, sind die Investitionen des nicht vergesellschafteten Sektors der Volkswirtschaft die ganze Zeit über relativ zurückgegangen und in absoluten Zahlen nur unbedeutend angewachsen: von 1577 Millionen im Jahre 1924/25 auf 1717 Millionen im Jahre 1926/27, und 1927/28 sollen sie 1836 Millionen erreichen, was eine Verringerung des Anteils der Investitionen des nicht vergesellschafteten Sektors von 56,2 Prozent im Jahre 1924/25 auf 34,7 Prozent im Jahre 1927/28 ergibt.

Während die Bruttoproduktion des vergesellschafteten Sektors der Industrie von 81 Prozent der gesamten Industrieproduktion im Jahre 1924/25 auf 86 Prozent im Jahre 1926/27 angewachsen ist und sich im Jahre 1927/28 auf 86,9 Prozent erhöhen wird, sank der Anteil des nicht vergesellschafteten Sektors der Industrie von Jahr zu Jahr: von 19 Prozent der Produktion der Gesamtindustrie im Jahre 1924/25 auf 14 Prozent im Jahre 1926/27, und im Jahre 1927/28 soll er auf 13,1 Prozent zurückgehen.

Was die Rolle des Privatkapitals in der Großindustrie (Zensusindustrie) betrifft, so sinkt sie nicht nur relativ (3,9 Prozent im Jahre 1924/25 und 2,4 Prozent im Jahre 1926/27), sondern auch absolut (169 Millionen Vorkriegsrubel im Jahre 1924/25 und 165 Millionen Vorkriegsrubel im Jahre 1926127).

Dieselbe Verdrängung der privatkapitalistischen Elemente haben wir auch im Warenumsatz des Landes. Während der Anteil des vergesellschafteten Sektors am gesamten Handelsumsatz im Jahre 1924/25 72,6 Prozent, am Großhandel 90,6 Prozent, am Kleinhandel dagegen 57,3 Prozent betrug, wuchs im Jahre 1926/27 der Anteil des vergesellschafteten Sektors am Gesamtumsatz auf 81,9 Prozent, am Großhandel auf 94,9 Prozent, am Kleinhandel auf 67,4 Prozent, während der Anteil des privaten Sektors am gesamten Handelsumsatz in dieser Zeit von 27,4 Prozent auf 18,1 Prozent zurückging, am Großhandel von 9,4 Prozent auf 5,1 Prozent, am Kleinhandel von 42,7 auf 32,6 Prozent, wobei für 1927/28 ein weiterer Rückgang des Anteils des privaten Sektors auf allen Gebieten des Handels vorgesehen ist.

Schlussfolgerung: Unser Land schreitet unbeirrt und rasch zum Sozialismus, die kapitalistischen Elemente in den Hintergrund schiebend und sie Schritt für Schritt aus der Volkswirtschaft verdrängend.

Diese Tatsache enthüllt uns die Grundlage der Frage „Wer - wen“. Diese Frage stellte Lenin im Jahre 1921 nach Einführung der Neuen Ökonomischen Politik. Werden wir es verstehen, unsere sozialisierte Industrie mit der bäuerlichen Wirtschaft zu verbinden, den Privathändler, den Privatkapitalisten zu verdrängen und selbst den Handel zu erlernen, oder wird das Privatkapital uns unterkriegen, eine Spaltung zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft zuwege bringen? - das war damals die Frage. Jetzt können wir sagen, dass wir auf diesem Gebiet im Großen und Ganzen bereits entscheidende Erfolge zu verzeichnen haben. Höchstens Blinde oder Narren können das leugnen.

Jetzt aber gewinnt die Frage „Wer - wen“ schon einen anderen Charakter. Jetzt wird diese Frage hinübergetragen aus dem Gebiet des Handels auf das Gebiet der Produktion, auf das Gebiet der handwerklichen Produktion, auf das Gebiet der landwirtschaftlichen Produktion, wo das Privatkapital ein bestimmtes Gewicht hat und von wo man es systematisch verdrängen muss.

Die Aufgabe der Partei: unsere sozialistischen Kommandohöhen in allen Zweigen der Volkswirtschaft, sowohl in der Stadt als auch im Dorfe, zu erweitern und zu festigen und auf die Liquidierung der kapitalistischen Elemente in der Volkswirtschaft hinzusteuern.

2. Das Tempo der Entwicklung unserer sozialistischen Großindustrie

a) Das Wachstum der Produktion der nationalisierten Großindustrie, deren Anteil an der gesamten Industrie im Lande 77 Prozent übersteigt. War die Produktion der nationalisierten Großindustrie (in Vorkriegsrubeln) gegenüber dem Vorjahr im Jahre 1925/26 um 42,2 Prozent und 1926/27 um 18,2 Prozent gewachsen und wird sie 1927/28 um 15,8 Prozent wachsen, so wird nach den viel zu niedrigen Ansätzen des von der Staatlichen Plankommission ausgearbeiteten Fünfjahrplanentwurfs der Gesamtzuwachs in fünf Jahren 76,7 Prozent betragen, was im arithmetischen Durchschnitt einen jährlichen Produktionszuwachs von 15 Prozent bedeutet, so dass sich die Industrieproduktion 1931/32 gegenüber der Vorkriegsproduktion verdoppelt haben wird.

Nimmt man die Bruttoproduktion der gesamten Industrie des Landes, der großen (staatlichen und privaten) wie der kleinen, so wächst nach dem Fünfjahrplanentwurf der Staatlichen Plankommission die Produktion im arithmetischen Jahresdurchschnitt um ungefähr 12 Prozent, was bis 1931/32 eine Gesamtsteigerung der industriellen Produktion gegenüber der Vorkriegszeit um fast 70 Prozent ergibt.

In Amerika betrug die jährliche Zunahme der gesamten industriellen Produktion in den fünf Jahren 1890-1895 8,2 Prozent, in den fünf Jahren 1895-1900 5,2 Prozent, in den fünf Jahren 1900-1905 2,6 Prozent und in den fünf Jahren 1905-1910 3,6 Prozent. In Rußland betrug die durchschnittliche Jahreszunahme in den zehn Jahren 1895-1905 10,7 Prozent, in den acht Jahren 1905-1913 8,1 Prozent.

Der Prozentsatz der jährlichen Produktionssteigerung unserer sozialistischen Industrie wie auch der gesamten Industrie ist ein Rekordsatz, wie ihn kein einziges großes kapitalistisches Land in der Welt aufzuweisen hat.

Und das alles, obgleich sowohl die amerikanische als auch besonders die russische Industrie vor dem Kriege durch einen mächtigen Zustrom von ausländischem Kapital reichlich befruchtet wurde, während unsere nationalisierte Industrie auf ihre eigenen Akkumulationen angewiesen ist.

Und das alles, obgleich unsere nationalisierte Industrie bereits in die Periode der Rekonstruktion eingetreten ist, in der die Neuausrüstung der alten Betriebe und die Errichtung neuer die entscheidende Bedeutung erlangt für die Zunahme der industriellen Produktion.

Was das Entwicklungstempo betrifft, so holt unsere Industrie überhaupt, unsere sozialistische Industrie im Besonderen, die Industrie der kapitalistischen Länder ein, ja überholt sie.

b) Wodurch ist dieses beispiellose Entwicklungstempo unserer Großindustrie zu erklären?

Erstens dadurch, dass sie eine nationalisierte Industrie ist, also frei ist von den eigennützigen und gesellschaftsfeindlichen Interessen der privat-kapitalistischen Gruppen und die Möglichkeit hat, sich im Interesse der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit zu entwickeln.

Zweitens dadurch, dass sie die größte und konzentrierteste Industrie der ganzen Welt ist, weshalb sie alle Möglichkeiten hat, die privatkapitalistische Industrie zu schlagen.

Drittens dadurch, dass der Staat, der das nationalisierte Verkehrswesen, das nationalisierte Kreditwesen, den nationalisierten Außenhandel, den gesamten Staatshaushalt in seinen Händen hält, alle Möglichkeiten hat, die nationalisierte Industrie planmäßig als einheitliche industrielle Wirtschaft zu leiten, was gegenüber jeder anderen Industrie einen gewaltigen Vorzug bietet und ihr Entwicklungstempo um ein Vielfaches beschleunigt.

Viertens dadurch, dass die nationalisierte Industrie als die größte und leistungsfähigste Industrie alle Möglichkeiten hat, eine Politik ständiger Senkung der Selbstkosten, der Herabsetzung ihrer Lieferpreise und der Verbilligung ihrer Produktion durchzuführen, wodurch sie den Markt für ihre Erzeugnisse erweitert, die Aufnahmefähigkeit des inneren Marktes steigert und sich eine immer reichlicher fließende Quelle der weiteren Produktionsentwicklung schafft.

Fünftens dadurch, dass sich die nationalisierte Industrie aus vielen Gründen, unter anderem auch, weil sie eine Politik der Preissenkung treibt, unter Bedingungen entwickeln kann, wie sie die allmähliche Annäherung zwischen Stadt und Land, zwischen Proletariat und Bauernschaft ihr bietet, im Gegensatz zur kapitalistischen Industrie, die sich in einer Atmosphäre wachsender Feindseligkeit zwischen der bourgeoisen Stadt, die der Bauernschaft das Mark aussaugt, und dem dem Ruin verfallenden Dorfe entwickelt.

Schließlich dadurch, dass die nationalisierte Industrie sich auf die Arbeiterklasse, als den Hegemon unserer gesamten Entwicklung, stützt, so dass sie die Möglichkeit hat, die Technik überhaupt, die Arbeitsproduktivität insbesondere leichter zu heben, die Produktion und die Verwaltung mit Unterstützung der breitesten Massen der Arbeiterklasse zu rationalisieren, was beim kapitalistischen Industriesystem nicht der Fall ist und nicht der Fall sein kann.

Ein unanfechtbarer Beweis für all dies ist die rasche Entwicklung unserer Technik in den letzten zwei Jahren und die rasche Entwicklung neuer Industriezweige (Maschinenbau, Werkbankbau, Turbinenbau, Automobil- und Flugzeugbau, chemische Industrie usw.).

Ein Beweis dafür ist auch die bei uns durchgeführte Rationalisierung der Produktion bei gleichzeitiger Verkürzung des Arbeitstages (Siebenstundentag) und bei ständiger Hebung der materiellen und kulturellen Lage der Arbeiterklasse, was unter dem kapitalistischen Wirtschaftssystem nicht der Fall ist und nicht der Fall sein kann.

Das beispiellose Entwicklungstempo unserer sozialistischen Industrie ist ein direkter, unbestreitbarer Beweis dafür, dass das sowjetische System der Produktion dem kapitalistischen System überlegen ist.

Lenin hatte recht, als er schon im September 1917, vor der Eroberung der Macht durch die Bolschewiki, erklärte, wir könnten und müssten nach Errichtung der Diktatur des Proletariats „die fortgeschrittenen Länder auch ökonomisch einholen und überholen“. (4. Ausgabe, Bd. 25, S. 338 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 130].)

Die Aufgabe der Partei: das erreichte Entwicklungstempo der sozialistischen Industrie zu halten und es in nächster Zukunft weiter zu steigern, damit die günstigen Vorbedingungen geschaffen werden, die notwendig sind, um die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder einholen und überholen zu können.

3. Das Tempo der Entwicklung unserer Landwirtschaft

a) Auf dem Lande haben wir dagegen ein verhältnismäßig langsames Anwachsen der Produktion. War die Bruttoproduktion (in Vorkriegsrubeln) gegenüber dem Vorjahr im Jahre 1925/26 um 19,2 Prozent und 1926/27 um 4,1 Prozent gewachsen und wird sie 1927/28 um 3,2 Prozent wachsen, so wird nach den viel zu niedrigen Ansätzen des von der Staatlichen Plankommission ausgearbeiteten Fünfjahrplanentwurfs der Produktionszuwachs in fünf Jahren 24 Prozent betragen, was im arithmetischen Durchschnitt einen jährlichen Produktionszuwachs von 4,8 Prozent bedeutet, so dass die landwirtschaftliche Produktion, 1931/32 um 28-30 Prozent über der Vorkriegsproduktion liegen wird.

Das ist ein mehr oder weniger leidlicher Jahreszuwachs der landwirtschaftlichen Produktion. Er kann jedoch weder als eine Rekordleistung im Vergleich mit den kapitalistischen Ländern bezeichnet werden noch als hinreichend, um in Zukunft das notwendige Gleichgewicht zwischen der Landwirtschaft und unserer nationalisierten Industrie aufrechtzuerhalten.

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika betrug der jährliche Zuwachs der landwirtschaftlichen Bruttoproduktion in den zehn Jahren 1890-1900 9,3 Prozent, in den zehn Jahren 1900-1910 3,1 Prozent und in den zehn Jahren 1910-1920 1,4 Prozent. Im Rußland der Vorkriegszeit betrug der jährliche Zuwachs der landwirtschaftlichen Produktion in dem Jahrzehnt 1900-1911 3,2 bis 3,5 Prozent.

Allerdings wird der jährliche Zuwachs unserer landwirtschaftlichen Produktion in den fünf Jahren 1926/27 bis 1931/32 4,8 Prozent betragen, wobei, wie zu ersehen ist, die prozentuale Zunahme der landwirtschaftlichen Produktion unter sowjetischen Verhältnissen größer ist als in der Periode des kapitalistischen Rußlands. Man darf jedoch nicht vergessen, dass, während die Bruttoproduktion der nationalisierten Industrie im Jahre 1931/32 gegenüber der Vorkriegsproduktion verdoppelt sein und die gesamte Industrieproduktion im Jahre 1931/32 das Vorkriegsniveau um ungefähr 70 Prozent überschreiten wird, die landwirtschaftliche Produktion zu diesem Zeitpunkt die Vorkriegsproduktion erst um 28-30 Prozent, das heißt um weniger als ein Drittel, überschritten haben wird.

Infolgedessen kann das Entwicklungstempo unserer Landwirtschaft nicht als hinlänglich zufrieden stellend bezeichnet werden.

b) Wodurch ist ein solches, im Vergleich zu dem Entwicklungstempo unserer nationalisierten Industrie relativ langsames Entwicklungstempo der Landwirtschaft zu erklären?

Es erklärt sich sowohl durch die außerordentliche Rückständigkeit unserer landwirtschaftlichen Technik als auch durch das zu niedrige Kulturniveau des Dorfes, ferner aber besonders dadurch, dass unsere zersplitterte landwirtschaftliche Produktion nicht über die Vorzüge verfügt, die unsere vereinigte nationalisierte Großindustrie besitzt. Vor allem ist die landwirtschaftliche Produktion nicht nationalisiert und nicht zusammengefasst, sondern in durcheinander gewürfelte Stücke zersplittert. Sie wird nicht planmäßig betrieben und unterliegt vorläufig noch zum größten Teil der Anarchie der Kleinproduktion. Sie ist nicht zusammengeschlossen und nicht durch Kollektivierung zu größeren Einheiten zusammengefasst, weshalb sie noch einen günstigen Boden für die Ausbeutung durch kulakische Elemente bietet. Diese Umstände berauben die zersplitterte Landwirtschaft jener kolossalen Vorzüge einer zusammengefassten, planmäßig betriebenen Großproduktion, wie sie unsere nationalisierte Industrie besitzt.

Wo ist der Ausweg für die Landwirtschaft? Vielleicht in der Verlangsamung des Entwicklungstempos unserer Industrie überhaupt, unserer nationalisierten Industrie im Besonderen? Auf keinen Fall! Das wäre die reaktionärste antiproletarische Utopie. (Zurufe: „Sehr richtig!“) Die nationalisierte Industrie muss und wird sich in beschleunigtem Tempo entwickeln. Darin liegt die Garantie für unseren Vormarsch zum Sozialismus. Darin liegt die Garantie dafür, dass unsere Landwirtschaft selbst schließlich industrialisiert werden wird.

Wo ist nun der Ausweg? Der Ausweg liegt im Übergang der kleinen, zersplitterten Bauernwirtschaften zu großen, zusammengeschlossenen Wirtschaften auf der Grundlage der gesellschaftlichen Bodenbestellung, im Übergang zur kollektiven Bodenbestellung auf der Grundlage der modernen, höheren Technik.

Der Ausweg liegt darin, die bäuerlichen Klein- und Zwergwirtschaften allmählich, aber unentwegt, nicht durch Zwang, sondern durch Beispiel und Überzeugung zu Großwirtschaften zusammenzuschließen auf der Grundlage der gesellschaftlichen, gemeinschaftlichen, kollektiven Bodenbestellung, unter Anwendung landwirtschaftlicher Maschinen und Traktoren, unter Anwendung wissenschaftlicher Methoden zur Intensivierung der Landwirtschaft.

Andere Auswege gibt es nicht.

Anders wird unsere Landwirtschaft nie imstande sein, die in landwirtschaftlicher Beziehung am weitesten fortgeschrittenen kapitalistischen Länder (Kanada usw.) einzuholen oder gar zu überholen.

Alle unsere Maßnahmen zur Einschränkung der kapitalistischen Elemente der Landwirtschaft, zur Entwicklung der sozialistischen Elemente im Dorfe, zur Einbeziehung der Bauernwirtschaften in den Strom der Genossenschaftsentwicklung, zur planmäßigen Einwirkung des Staates auf das Dorf mit dem Ziel, die bäuerliche Wirtschaft sowohl hinsichtlich der Versorgung und des Absatzes als auch hinsichtlich der Produktion zu erfassen - alle diese Maßnahmen sind zwar entscheidende, aber doch nur vorbereitende Maßnahmen für die Hinüberleitung der Landwirtschaft in die Bahnen des Kollektivismus.

c) Was hat die Partei in den letzten zwei Jahren in dieser Richtung getan? Nicht wenig. Aber bei weitem noch nicht alles, was getan werden konnte.

Was die Erfassung der Landwirtschaft sozusagen von außen betrifft, die Versorgung der Landwirtschaft mit den notwendigen Waren und den Absatz der landwirtschaftlichen Erzeugnisse, so haben wir folgende Errungenschaften zu verzeichnen: Die landwirtschaftlichen Genossenschaften vereinigen jetzt ungefähr ein Drittel aller Bauernhöfe; die Konsumgenossenschaften haben ihren Anteil an der Versorgung des Dorfes von 25,6 Prozent im Jahre 1924/25 auf 50,8 Prozent im Jahre 1926/27 vergrößert; die genossenschaftlichen und staatlichen Organe haben ihren Anteil am Absatz der landwirtschaftlichen Produktion von 55,7 Prozent im Jahre 1924/25 auf 63 Prozent im Jahre 1926/27 erhöht.

Was die Erfassung der Landwirtschaft sozusagen von innen, die landwirtschaftliche Produktion, betrifft, so haben wir auf diesem Gebiet erschreckend wenig getan. Es genügt zu sagen, dass die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften gegenwärtig nur etwas über 2 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Produktion liefern und etwas über 7 Prozent der Warenproduktion.

Hierfür gibt es natürlich nicht wenig Ursachen, sowohl objektive als auch subjektive. Ungeschicktes Herangehen an die Sache, ungenügende Aufmerksamkeit unserer Funktionäre für diese Aufgabe, Konservatismus und Rückständigkeit der Bauern, Mangel an Mitteln, die notwendig sind, um die Umstellung der Bauern auf gesellschaftliche Bodenbestellung finanzieren zu können usw. Und hier sind nicht wenig Mittel erforderlich.

Lenin sagte auf dem X. Parteitag, dass wir noch nicht die Fonds besitzen, die notwendig sind, um die Landwirtschaft dem staatlichen oder kollektiven Prinzip unterordnen zu können. Ich glaube, dass wir jetzt diese Fonds haben werden, und sie müssen mit der Zeit anwachsen. Indessen nimmt die Sache nun eine derartige Wendung, dass es ohne Zusammenfassung der zersplitterten Bauernwirtschaften, ohne Umstellung dieser Wirtschaften auf gesellschaftliche Bodenbestellung unmöglich ist, die Intensivierung und Maschinisierung der Landwirtschaft ernstlich vorwärtszutreiben, dass es unmöglich ist, die Sache derart zu organisieren, dass unsere Landwirtschaft imstande wäre, in ihrem Entwicklungstempo solche kapitalistischen Länder wie zum Beispiel Kanada einzuholen.

Es ist deshalb unsere Aufgabe, die Aufmerksamkeit unserer Funktionäre im Dorf auf diese wichtige Sache zu konzentrieren.

Ich glaube, dass die Ausleihstellen bei den Organen der Landwirtschaftskommissariate und der landwirtschaftlichen Genossenschaften hier die größte Rolle spielen müssen.

Hier ein Beispiel dafür, wie die Sowjetwirtschaften mitunter den Bauern helfen, zum gewaltigen Vorteil für die Bauern, zur kollektiven Bodenbestellung überzugehen. Ich denke dabei an die Vereinigung ukrainischer Sowjetwirtschaften, die die Bauern des Odessaer Bezirks mit Traktoren unterstützte, und an den unlängst in den „Iswestija“ erschienenen Dankbrief dieser Bauern für die erwiesene Hilfe. Gestatten Sie mir, diesen Brief im Wortlaut vorzulesen. (Zurufe: „Bitte!“)

„Wir Neusiedler der Dörfer ,Scwetschenko’, ,Krassin’, ,Kalinin’, ,Tscherwona Sirka’ [Morgenröte] und Woßchodjaschtscheje’ [Aufgehende Sonne] sprechen der Sowjetmacht unseren tiefsten Dank aus für die große Unterstützung, die uns beim Wiederaufbau unserer Wirtschaft erwiesen worden ist. Die meisten von uns sind arme Bauern, die keine Pferde und kein Inventar besitzen. Wir waren daher nicht imstande, den uns zugeteilten Boden zu bearbeiten, und mussten ihn den altansässigen Kulaken gegen Überlassung eines Teils der Ernte verpachten. Die Ernte war durchweg schlecht, da bekanntlich kein Pächter fremden Boden sorgfältig bearbeitet. Die geringfügigen Darlehen, die wir vom Staat bekamen, verzehrten wir, und wir wurden von Jahr zu Jahr ärmer.

In diesem Jahr kam zu uns ein Vertreter der Vereinigung ukrainischer Sowjetwirtschaften und schlug uns vor, statt Gelddarlehen zu nehmen, unseren Boden mit Traktoren bearbeiten zu lassen. Alle Neusiedler, die paar Kulaken ausgenommen, gaben ihre Zustimmung, obwohl sie kaum glaubten, dass die Arbeit wirklich sorgsam ausgeführt werden wird. Zu unserer größten Freude und zum Ärger der Kulaken pflügten die Traktoren das gesamte Neuland und Brachland um, zwecks Reinigung von Unkraut wurde fünf-, sechsmal nachgepflügt und geeggt, und schließlich wurde das ganze Feld mit einer reinen Weizensorte besät. Jetzt lachen die Kulaken nicht mehr über die Arbeit der Traktorenkolonne. In diesem Jahre hatten die Bauern in unserem Bezirk, da Regenfälle ausblieben, fast kein Wintergetreide gesät, und auf dem Boden, wo gesät wurde, ist noch nichts aufgegangen. Bei unseren Neusiedlern aber grünt auf Hunderten Deßjatinen [Deßjatine entspricht ca. 1,1 ha] Brache prächtiger Weizen, wie man ihn nicht einmal in den reichsten deutschen Kolonien antrifft.

Die Traktoren haben nicht nur die Winterweizenfläche bestellt, sondern auch auf der ganzen für Sommergetreide vorgesehenen Fläche den Herbststurz gepflügt. letzt gibt es bei uns nicht eine einzige Deßjatine ungeackerten oder verpachteten Landes mehr. Es gibt bei uns keinen einzigen armen Bauern, der nicht mehrere Deßjatinen Winterweizen auf Brache hätte.

Nachdem wir diese Arbeit der Traktoren gesehen haben, wollen wir nicht mehr als Dorfarme unseren Kleinbetrieb weiterführen, sondern haben beschlossen, eine vergesellschaftete Traktorenwirtschaft zu organisieren, in der es nicht mehr abgesonderte bäuerliche Landfetzen geben wird. Die Organisierung einer solchen Traktorenwirtschaft besorgt uns die Sowjetwirtschaft ‚Taras Schewtschenko’, mit der wir einen Vertrag abgeschlossen haben.“ („Iswestija“ Nr. 267 vom 22. November 1927.)

So schreiben die Bauern.

Recht viele solche Beispiele, Genossen, und wir könnten das Werk der Kollektivierung des Dorfes weit voranbringen.

Die Aufgabe der Partei: verstärkte Erfassung der bäuerlichen Wirtschaft durch die Genossenschaften und Staatsorgane auf dem Gebiet des Absatzes und der Versorgung und als nächste praktische Aufgabe unseres Aufbaus im Dorfe die allmähliche Hinüberleitung der zersplitterten Bauernwirtschaften in die Bahnen vereinigter Großwirtschaften, die Umstellung auf gesellschaftliche, kollektive Bodenbestellung auf Basis der Intensivierung und Maschinisierung des Ackerbaus mit Rücksicht darauf, dass dieser Entwicklungsweg das wichtigste Mittel ist zur Beschleunigung des Entwicklungstempos der Landwirtschaft und zur Überwindung der kapitalistischen Elemente im Dorfe.

*

Das sind im Großen und Ganzen unsere Ergebnisse und Errungenschaften auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Aufbaus.

Das bedeutet nicht, dass bei uns alles gut bestellt wäre auf diesem Gebiet. Nein, Genossen, bei uns ist bei weitem nicht alles gut bestellt.

Es gibt bei uns zum Beispiel Elemente des Warenhungers. Das ist ein Minus in unserer Wirtschaft. Aber dieses Minus ist einstweilen leider noch unvermeidlich. Denn die Tatsache, dass wir die Produktion von Produktionsinstrumenten und -mitteln schneller entwickeln als die Leichtindustrie - schon diese Tatsache bedingt es, dass wir in den nächsten paar Jahren noch Elemente des Warenhungers haben werden. Wir können aber nicht anders handeln, wenn wir die Industrialisierung des Landes in jeder Weise vorwärts bringen wollen.

Es gibt Leute, zum Beispiel unsere Opposition, die das Material für ihre Ideologie aus den von Schleichhändlern gebildeten Käuferschlangen schöpfen und über Warenhunger schreien, gleichzeitig aber die Durchführung einer Politik der „Überindustrialisierung“ fordern. Aber das ist natürlich Unsinn, Genossen. So können nur Ignoranten reden. Wir können und dürfen die Schwerindustrie nicht um einer mit allen Kräften vorangetriebenen Entwicklung der Leichtindustrie willen einschränken. Ja, und außerdem kann auch die Leichtindustrie ohne eine beschleunigte Entwicklung der Schwerindustrie nicht in genügendem Maße entwickelt werden.

Man könnte die Einfuhr von Fertigwaren steigern und auf diese Weise den Warenhunger mildern, wie das die Opposition eine Zeitlang nachdrücklich verlangte. Aber das war eine Dummheit, von der die Opposition abrücken musste. Eine andere Frage ist es, wie geschickt bei uns an der Milderung der Elemente des Warenhungers gearbeitet wird, was unter unseren Verhältnissen durchaus möglich ist und von der Partei stets gefordert wurde. Ich glaube, dass gerade auf diesem Gebiet bei uns nicht alles zum Besten bestellt ist.

Ferner haben wir eine solche Tatsache wie die verhältnismäßig beträchtliche Zahl von Kapitalisten sowohl in der Industrie als auch im Handel. Das spezifische Gewicht dieser Elemente ist keineswegs so gering, wie manche Genossen es bei uns mitunter darstellen. Das ist ebenfalls ein Minus in der Bilanz unserer Wirtschaft.

Unlängst habe ich ein in jeder Beziehung interessantes Büchlein des Genossen Larin, „Das Privatkapital in der UdSSR“, gelesen. Ich möchte den Genossen empfehlen, dieses Buch zu lesen. Sie werden aus diesem Buch ersehen, wie listig und geschickt sich der Kapitalist unter der Flagge der Gewerbegenossenschaft, unter der Flagge der landwirtschaftlichen Genossenschaften, unter der Flagge dieser oder jener staatlichen Handelsorgane versteckt. Wird nun alles getan, um die kapitalistischen Elemente einzuschränken, zu vermindern und schließlich aus der Sphäre der Volkswirtschaft zu verdrängen? Ich glaube, nicht alles. Ich weiß zum Beispiel, dass es im Kleingewerbe überhaupt und im Leder- und Textilgewerbe im Besonderen nicht wenige neue Millionäre gibt, die Handwerker und überhaupt Kleinproduzenten unterjochen. Wird nun alles getan, um diese Ausbeuterelemente ökonomisch einzukreisen und zu verdrängen, dadurch, dass die Kleingewerbetreibenden mit den Genossenschaften oder mit den Staatsorganen in Verbindung gebracht werden? Man kann wohl kaum daran zweifeln, dass auf diesem Gebiet bei weitem nicht alles getan wird. Indessen ist diese Frage für uns von ernstester Bedeutung.

Wir haben ferner ein gewisses Wachstum des Kulakentums im Dorfe. Das ist ein Minus in der Bilanz unserer Wirtschaft. Wird nun alles getan, um das Kulakentum ökonomisch einzuschränken und zu isolieren? Ich glaube, nicht alles. Unrecht haben die Genossen, die da glauben, man könnte und müsste mit dem Kulaken durch administrative Maßnahmen, durch die GPU Schluss machen: befohlen, gestempelt und basta. Das ist ein leichtes, aber bei weitem nicht wirksames Mittel. Der Kulak muss durch wirtschaftliche Maßnahmen und auf dem Boden der sowjetischen Gesetzlichkeit angepackt werden. Die sowjetische Gesetzlichkeit aber ist keine leere Phrase. Das schließt natürlich die Anwendung gewisser notwendiger administrativer Maßnahmen gegen den Kulaken nicht aus. Aber die administrativen Maßnahmen dürfen nicht an die Stelle der wirtschaftlichen Maßnahmen treten. Es gilt, die ernsteste Aufmerksamkeit zu richten auf die Entstellung der Parteilinie im Kampf gegen das Kulakentum in der Praxis unserer Genossenschaftsorgane, insbesondere im landwirtschaftlichen Kreditwesen.

Wir haben ferner eine solche Tatsache wie das außerordentlich langsame Tempo der Senkung der Selbstkosten in der Industrie, der Lieferpreise für Industriewaren und besonders der Einzelhandelspreise für städtische Waren. Das ist ebenfalls ein Minus in der Bilanz unseres wirtschaftlichen Aufbaus. Es muss festgestellt werden, dass wir hier beim Apparat, beim Staats-, Genossenschafts- und Parteiapparat, auf gewaltigen Widerstand stoßen. Unsere Genossen scheinen nicht zu verstehen, dass die Politik der Herabsetzung der Preise für Industriewaren einer der wichtigsten Hebel ist zur Verbesserung unserer Industrie, zur Erweiterung des Marktes und zur Stärkung jener Quelle, dank der allein die Entfaltung unserer Industrie möglich ist. Es kann wohl kaum daran gezweifelt werden, dass nur durch rücksichtslose Bekämpfung dieser Trägheit des Apparats, seines Widerstands gegen die Durchführung der Preissenkungspolitik dieses Minus liquidiert werden kann.

Schließlich haben wir solche Minusposten wie den Wodka im Staatshaushalt, wie das außerordentlich langsame Entwicklungstempo unseres Außenhandels und den Mangel an Reserven. Ich glaube, man könnte mit einem allmählichen Abbau der Wodkaerzeugung anfangen und an Stelle des Wodkas solche Einnahmequellen wie Radio und Kino setzen. In der Tat, warum sollten wir nicht diese überaus wichtigen Mittel in die Hände nehmen und tüchtige Leute, wirkliche Bolschewiki, auf diesem Gebiet arbeiten lassen, die mit Erfolg die Sache entwickeln könnten, so dass schließlich der Abbau der Wodkaerzeugung möglich wird?

Was den Außenhandel betrifft, so scheint mir, dass eine ganze Reihe von Schwierigkeiten, die wir bei uns in der Wirtschaft haben, in dem ungenügenden Export wurzeln. Können wir den Export steigern? Ich glaube, ja. Wird nun alles getan, um den Export voll in Gang zu bringen? Ich glaube, nicht alles.

Dasselbe gilt für die Reserven. Unrecht haben die Genossen, die mitunter aus Leichtsinn, mitunter aus Unkenntnis der Dinge behaupten, wir hätten keine Reserven. Nein, Genossen, wir haben schon einige kleine Reserven. Alle Organe unseres Staates, von den Kreis- und Gouvernementsorganen bis zu den Gebiets- und Zentralorganen, bemühen sich, gewisse Reserven für den Fall der Not zusammenzubekommen. Aber diese Reserven sind gering. Das muss man zugeben. Deshalb besteht unsere Aufgabe darin, die Reserven soweit wie möglich zu vergrößern, sogar auf Kosten einiger Bedürfnisse des heutigen Tages, die mitunter eingeschränkt werden müssten.

Das, Genossen, sind die Schattenseiten unseres wirtschaftlichen Aufbaus, auf die wir unsere Aufmerksamkeit richten und die wir um jeden Preis liquidieren müssen, um in schnellerem Tempo vorwärts marschieren zu können.

4. Die Klassen, der Staatsapparat,
die kulturelle Entwicklung des Landes

Kommen wir nun von den Fragen der Wirtschaftslage des Landes zu den Fragen der politischen Lage.

a) Die Arbeiterklasse. Das zahlenmäßige Anwachsen der Arbeiterklasse und der Lohn- und Gehaltsempfänger überhaupt geht aus folgenden Zahlen hervor: 1924/25 gab es 8215000 Lohn- und Gehaltsempfänger (ohne Arbeitslose), 1926/27 10346000. Ein Zuwachs um 25 Prozent. Von diesen waren Handarbeiter, landwirtschaftliche und Saisonarbeiter eingeschlossen, im Jahre 1924/25 5448000, im Jahre 1926/27 7060000. Ein Zuwachs um 29,6 Prozent. Von diesen waren Arbeiter der Großindustrie im Jahre 1924/25 1794000, im Jahre 1926127 2388000. Ein Zu-wachs um 33 Prozent.

Die materielle Lage der Arbeiterklasse. Auf die Lohn- und Gehaltsempfänger entfielen 1924/25 24,1 Prozent des Nationaleinkommens, im Jahre 1926127 stieg dieser Anteil auf 29,4 Prozent, was den Vorkriegsanteil der Lohn- und Gehaltsempfänger am Nationaleinkommen um 30 Prozent überschreitet, während der Anteil der anderen sozialen Gruppen am Nationaleinkommen, darunter auch der Bourgeoisie, in dieser Periode zurückgegangen ist (zum Beispiel fiel der Anteil der Bourgeoisie von 5,5 auf 4,8 Prozent). Der Reallohn der Arbeiter in der gesamten Staatsindustrie belief sich 1924/25 ohne die Zuschläge auf 25,18 Moskauer Indexrubel monatlich, im Jahre 1926/27 auf 32,14 Rubel, was eine Erhöhung in zwei Jahren um 27,6 Prozent bedeutet und das Vorkriegsniveau um 5,4 Prozent überschreitet. Mit den Zuschlägen (für Sozialversicherung, kulturelle Bedürfnisse, kommunale Dienste usw.) war der Arbeitslohn 1924/25 gleich 101,5 Prozent, im Jahre 1926/27 dagegen gleich 128,4 Prozent des Vorkriegslohns. Die Sozialversicherungsfonds stiegen von 461 Millionen Rubel im Jahre 1924/25 auf 852 Millionen Rubel im Jahre 1926/27, das heißt um 85 Prozent, was die Möglichkeit bot, 513000 Personen in Erholungsheimen und Sanatorien unterzubringen, 460000 Arbeitslose und 700000 Rentner (Arbeits- und Bürgerkriegsinvaliden) zu unterstützen und kranken Arbeitern während ihrer Krankheit den vollen Arbeitslohn weiterzuzahlen.

Die Ausgaben, das heißt die Aufwendungen für den Bau von Arbeiterwohnungen betrugen vor zwei Jahren, im Jahre 1924/25, über 132 Millionen Rubel, im Jahre 1925/26 über 230 Millionen, im Jahre 1926127 282 Millionen und im Jahre 1927128 werden sie über 391 Millionen betragen, einschließlich der 50 Millionen, die auf Grund des Manifests des Zentralexekutivkomitees für diesen Zweck ausgeworfen worden sind. Insgesamt wurden in den verflossenen drei Jahren für den Bau von Arbeiterwohnungen, ohne den Bau von Eigenheimen, von der Industrie, dem Verkehrswesen, den Exekutivkomitees der Sowjets und den Genossenschaften 644,7 Millionen Rubel ausgegeben, zusammen mit den für 1927/28 bewilligten Summen aber 1036 Millionen Rubel. Diese Bewilligungen machten es möglich, in den letzten drei Jahren Wohnungen mit 4594000 Quadratmeter Wohnfläche fertig zu stellen und 257000 Arbeiter unterzubringen, zusammen mit den Familien ungefähr 900000 Personen.

Die Frage der Arbeitslosigkeit. Ich muss feststellen, dass hier eine Differenz zwischen dem Zentralrat der Gewerkschaften der Sowjetunion und dem Volkskommissariat für Arbeit besteht. Ich nehme die Zahlen des Volkskommissariats für Arbeit, weil sie das wirklich arbeitslose Element erfassen, das bei den Arbeitsnachweisen gemeldet ist. Nach den Angaben des Volkskommissariats für Arbeit ist die Zahl der Arbeitslosen in den letzten zwei Jahren von 950000 auf 1048000 gestiegen. Davon sind 16,5 Prozent Industriearbeiter, dagegen 74 Prozent geistige Arbeiter und nicht qualifizierte Arbeiter. Die Hauptquelle unserer Arbeitslosigkeit ist also in der Übervölkerung des Dorfes zu suchen, und nur eine Nebenquelle liegt in dem Umstand, dass ein bestimmtes minimales Kontingent von Industriearbeitern noch nicht in unserer Industrie untergekommen ist.

Das Fazit: eine unzweifelhafte Hebung des materiellen Niveaus der gesamten Arbeiterklasse.

Die Aufgabe der Partei: Fortsetzung der Linie, die auf die weitere Verbesserung der materiellen und kulturellen Lage der Arbeiterklasse, auf die weitere Erhöhung des Verdienstes der Arbeiterklasse gerichtet ist.

b) Die Bauernschaft. Ich glaube, zur Frage der Differenzierung der Bauernschaft brauche ich keine Zahlen anzuführen, da mein Bericht sich sowieso schon in die Länge gezogen hat, die Zahlen aber allgemein bekannt sind. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Differenzierung, die unter der proletarischen Diktatur vor sich geht, nicht gleichgesetzt werden darf mit der Differenzierung unter dem kapitalistischen Regime. Unter dem Kapitalismus wachsen die Extreme: Dorfarmut und Kulakentum, der Mittelbauer aber wird hinweggeschwemmt. Bei uns dagegen wächst die Mittelbauernschaft auf Kosten eines gewissen Teils der Dorfarmut, der zu Mittelbauern wird, es wächst der Kulak, die Dorfarmut aber vermindert sich. Diese Tatsache ist ein Beweis dafür, dass der Mittelbauer die Zentralfigur in der Landwirtschaft war und bleibt. Der Block mit den Mittelbauern, wobei die Dorfarmut unsere Stütze bildet, ist von ausschlaggebender Bedeutung für das Schicksal unseres gesamten Aufbaus, für die Diktatur des Proletariats.

Die allgemeine Hebung der materiellen Lage des Dorfes. Wir haben Zahlen über die Steigerung des Einkommens der Bauernbevölkerung. Das Einkommen der bäuerlichen Bevölkerung betrug vor zwei Jahren, im Jahre 1924/25, 3548 Millionen Rubel, 1926/27 wuchs dieses Einkommen auf 4792 Millionen Rubel, das heißt um 35,1 Prozent, während die Bauernbevölkerung in dieser Periode nur um 2,38 Prozent angewachsen ist. Das ist ein untrüglicher Gradmesser dafür, dass die materielle Lage des Dorfes sich bessert.

Dies bedeutet nicht, dass die Bauernschaft ihre materielle Lage in allen Gebieten des Landes gebessert hätte. Bekanntlich hatten wir in diesen zwei Jahren hier und da recht verschiedene Ernten, und die Folgen der Missernte von 1924 sind noch nicht völlig überwunden. Daher die staatliche Unterstützung für die werktätige Bauernschaft überhaupt und die bäuerliche Armut insbesondere. Die staatliche Unterstützung für die werktätige Bauernschaft betrug im Jahre 1925/26 373 Millionen Rubel, im Jahre 1926/27 427 Millionen Rubel. Die Sonderunterstützung für die Dorfarmut betrug im Jahre 1925/26: Bewilligungen für die ärmsten Wirtschaften 38 Millionen Rubel, Steuervergünstigungen für die armen Bauernwirtschaften 44 Millionen Rubel, Versicherungsvergünstigungen für die arme Bauernschaft 9 Millionen Rubel, insgesamt 91 Millionen Rubel. Im Jahre 1926/27 betrug die Sonderunterstützung für die arme Bauernschaft nach denselben Rubriken 39 Millionen, 52 Millionen und 9 Millionen Rubel, insgesamt rund 100 Millionen Rubel.

Das Fazit: die Verbesserung der materiellen Lage der Hauptmassen der Bauernschaft.

Die Aufgabe der Partei: Fortsetzung der Linie, die auf die weitere Verbesserung der materiellen und kulturellen Lage der Hauptmassen der Bauernschaft und vor allen Dingen der armen Bauern gerichtet ist, Stärkung des Bündnisses der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft, Hebung der Autorität der Arbeiterklasse und ihrer Partei im Dorfe.

c) Die neue Bourgeoisie. Die Intelligenz. Ein charakteristischer Zug der neuen Bourgeoisie ist der, dass sie, im Gegensatz zur Arbeiterklasse und zur Bauernschaft, keinen Grund hat, mit der Sowjetmacht zufrieden zu sein. Ihre Unzufriedenheit ist keine zufällige Erscheinung. Sie hat ihre Wurzeln im Leben.

Ich sprach vorhin über das Wachstum unserer Volkswirtschaft, ich sprach über das Wachstum unserer Industrie, über das Wachstum der sozialistischen Elemente der Volkswirtschaft, über den Rückgang der relativen Bedeutung des Privatunternehmers, über die Verdrängung der Kleinhändler. Was bedeutet das aber? Das bedeutet, dass, während unsere Industrie und unsere Handelsorgane wachsen, Zehntausende von kleinen und mittleren Kapitalisten ruiniert werden. Wie viele kleine und mittlere Läden sind in diesen Jahren geschlossen worden? Tausende. Und wie viele kleine Industrielle wurden proletarisiert? Tausende. Und wie viele Angestellte wurden beim Personalabbau aus unserem Staatsapparat entlassen? Hunderte und Tausende.

Die Vorwärtsentwicklung unserer Industrie, die Vorwärtsentwicklung unserer Handels- und Genossenschaftsorgane, die Verbesserung unseres Staatsapparats ist eine Vorwärtsentwicklung und eine Verbesserung mit einem Plus für die Arbeiterklasse, mit einem Plus für die Hauptmassen der Bauernschaft, aber mit einem Minus für die neue Bourgeoisie, mit einem Minus für die Mittelschichten überhaupt, für die städtischen Mittelschichten im besonderen. Ist es da verwunderlich, dass die Unzufriedenheit mit der Sowjetmacht unter diesen Schichten wächst? Daher die konterrevolutionären Stimmungen in diesen Kreisen. Daher die Smena-Wech-Ideologie als Modeware auf dem politischen Markt der neuen Bourgeoisie.

Es wäre jedoch falsch, wollte man glauben, dass die gesamte Angestelltenschaft, die ganze Intelligenz sich in einem Zustand der Unzufriedenheit mit der Sowjetmacht, in einem Zustand des Murrens und der Gärung befindet. Neben steigender Unzufriedenheit innerhalb der neuen Bourgeoisie haben wir die Tatsache der Differenzierung der Intelligenz, die Tatsache des Abrückens vom Smenowechismus, des Übergangs von Hunderten und Tausenden werktätiger Intellektueller zur Sowjetmacht. Diese Tatsache, Genossen, ist eine zweifellos positive Tatsache, die hervorgehoben werden muss.

Bahnbrecherin ist hier die technische Intelligenz, denn sie, die aufs engste mit dem Produktionsprozess verknüpft ist, kann nicht umhin zu sehen, dass die Bolschewiki unser Land vorwärts bringen, die Sache zum Besseren wenden. So gigantische Unternehmungen wie Wolchowstroi, Dnjeprostroi, Swirstroi, die Turkestanische Eisenbahn, der Wolga-Don-Kanal, jene ganze Reihe neuer gigantischer Betriebe, mit denen das Schicksal ganzer Schichten der technischen Intelligenz verknüpft ist, können nicht ohne einen gewissen wohltuenden Einfluss auf diese Schichten bleiben. Das ist für sie nicht nur eine Brotfrage. Das ist für sie gleichzeitig eine Sache der Ehre, eine Sache des Schöpfertums, die sie auf natürliche Weise der Arbeiterklasse, der Sowjetmacht näher bringt.

Ich rede schon gar nicht von der werktätigen Intelligenz auf dem Lande, insbesondere von der Dorflehrerschaft, die sich längst der Sowjetmacht zugewandt hat und nicht umhinkann, die Entwicklung des Schulwesens auf dem Lande zu begrüßen.

Deshalb haben wir neben steigender Unzufriedenheit unter gewissen Schichten der Intelligenz die Tatsache des Zusammenschlusses der werk-tätigen Intelligenz mit der Arbeiterklasse zu verzeichnen.

Die Aufgabe der Partei besteht darin, die auf Isolierung der neuen Bourgeoisie gerichtete Linie fortzusetzen und den Zusammenschluss der Arbeiterklasse mit der sowjetischen werktätigen Intelligenz in Stadt und Land zu festigen.

d) Der Staatsapparat und der Kampf gegen den Bürokratismus. Vom Bürokratismus wird so viel gesprochen, dass ich mich nicht weiter darüber auszulassen brauche. Dass Elemente des Bürokratismus bei uns im Staatsapparat, im Genossenschaftsapparat und im Parteiapparat vorhanden sind, darüber kann kein Zweifel bestehen. Dass die Elemente des Bürokratismus bekämpft werden müssen und dass wir so lange vor dieser Aufgabe stehen werden, als wir eine Staatsmacht haben, als ein Staat existiert - das ist ebenfalls eine Tatsache.

Man muss aber doch Grenzen kennen. Den Kampf gegen den Bürokratismus im Staatsapparat so weit treiben, bis der Staatsapparat völlig unmöglich gemacht, bis er diskreditiert ist, es bis zu Versuchen treiben, den Staatsapparat zu zerbrechen - heißt gegen den Leninismus angehen, heißt vergessen, dass unser Apparat ein Sowjetapparat ist, der im Vergleich mit allen anderen in der Welt vorhandenen Staatsapparaten den höchsten Typus des Staatsapparats darstellt.

Worin besteht die Stärke unseres Staatsapparats? Darin, dass er die Staatsmacht durch die Sowjets mit den Millionenmassen der Arbeiter und Bauern verbindet. Darin, dass die Sowjets eine Schule der Verwaltung für Zehntausende und Hunderttausende Arbeiter und Bauern sind. Darin, dass der Staatsapparat sich nicht von den Millionenmassen des Volkes abschließt, sondern mit ihnen durch eine Unzahl von Massenorganisationen, allen möglichen Kommissionen, Sektionen, Beratungen, Delegiertenversammlungen usw. verschmilzt, die die Sowjets umgeben und auf diese Weise eine Stütze der Organe der Staatsmacht bilden.

Worin besteht die Schwäche unseres Staatsapparats? Im Vorhandensein bürokratischer Elemente, die seine Arbeit verderben und entstellen. Um den Bürokratismus aus dem Staatsapparat zu vertreiben - und man kann ihn nicht in ein, zwei Jahren vertreiben -, muss man den Staatsapparat systematisch verbessern, ihn den Massen näher bringen, ihn durch neue, der Sache der Arbeiterklasse ergebene Leute auffrischen, ihn im Geiste des Kommunismus umgestalten, nicht aber ihn zerbrechen, nicht aber ihn diskreditieren. Lenin hatte tausendmal recht, als er sagte: „Ohne den ‚Apparat’ wären wir längst zugrunde gegangen. Ohne den systematischen und beharrlichen Kampf für die Verbesserung des Apparats werden wir zugrunde gehen, bevor wir noch die Grundlage für den Sozialismus geschaffen haben.“

  • W.I. Lenin, „Plan und Konspekte für die Broschüre ‚Über die Naturalsteuer’ (siehe „Werke“, 3. Ausgabe, Bd. XXVI, S.312, 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 301, russ.).

 

Ich will mich nicht über diejenigen Mängel unseres Staatsapparats verbreiten, die auch so schon ins Auge stechen. Ich denke vor allen Dingen an den „guten alten Amtsschimmel“. In meinen Händen befindet sich eine ganze Mappe voll Material über den Amtsschimmel, worin die verbrecherische Fahrlässigkeit einer Reihe von Organisationen im Gerichtswesen, in der Verwaltung, im Versicherungswesen, in den Genossenschaften und auf anderen Gebieten enthüllt wird.

Da haben wir einen Bauern, der 21mal in eine Versicherungsstelle fuhr, um sein Recht durchzusetzen, und dennoch nichts erreicht hat.

Da haben wir einen anderen Bauern, einen alten Mann von 66 Jahren, der 600 Werst zu Fuß zurücklegte, um bei der Kreisfürsorgestelle eine klare Entscheidung zu erreichen, und dennoch nichts erreicht hat.

Da haben wir eine alte Bäuerin von 56 Jahren, die auf Vorladung des Volksgerichts 500 Werst zu Fuß und 600 Werst zu Wagen zurückgelegt hat, und dennoch nicht zu ihrem Recht gekommen ist.

Solche Tatsachen gibt es in Mengen. Es lohnt nicht, sie aufzuzählen. Aber das ist eine Schmach für uns, Genossen! Wie kann man solche Schändlichkeiten dulden?

Schließlich die Tatsache der „Rückbeförderten“. Es stellt sich heraus, dass wir außer den beförderten Arbeitern, die auf verantwortliche Posten gestellt wurden, auch noch „Rückbeförderte“ haben, die von ihren eigenen Kollegen in den Hintergrund gedrängt werden, nicht weil sie unfähig wären oder nicht zu arbeiten verstünden, sondern wegen ihrer Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit in der Arbeit.

Da haben wir einen Arbeiter, einen Werkzeugschlosser, der auf einen bestimmten Posten im Betrieb befördert wurde, weil er ein fähiger und unbestechlicher Mensch ist. Er arbeitet ein, zwei Jahre, arbeitet ehrlich, schafft Ordnung, beseitigt Misswirtschaft und Verschwendung. Aber dieses sein Wirken berührt die Interessen einer bestimmten trauten Kumpanei von „Kommunisten“, es stört ihre Ruhe. Und was geschieht? Die traute Kumpanei von „Kommunisten“ wirft ihm Knüppel zwischen die Beine und zwingt ihn auf diese Weise zur „Rückbeförderung“. „Du wolltest klüger sein als wir, wolltest nicht, dass wir in Ruhe leben und unser Schäfchen ins trockne bringen - zurück mit dir, mein Lieber!“

Da haben wir einen anderen Arbeiter, ebenfalls Werkzeugschlosser, Einrichter von Bolzenschneidemaschinen, der auf einen bestimmten Posten im Betrieb befördert worden ist. Er arbeitet eifrig und ehrlich. Aber durch diese Arbeit stört er manchen in seiner Ruhe. Und was geschah? Man fand einen Anlass, den „unruhigen“ Genossen loszuwerden. Wie ist nun diesem, auf verantwortliche Arbeit beförderten Genossen beim Abgang zumute, welches Gefühl erfüllt ihn? Das folgende: „überall, wo man mich hingestellt hat, war ich bemüht, das mir erwiesene Vertrauen zu rechtfertigen. Aber diese Beförderung hier, die mir so übel mitgespielt hat, die werde ich nie vergessen. Man hat mich mit Schmutz beworfen. Mein Wunsch, alles ans Tageslicht zu bringen, ist ein frommer Wunsch geblieben. Weder das Betriebskomitee noch die Werkverwaltung, noch die Zelle wollten mich auch nur anhören. Für eine Beförderung bin ich nicht mehr zu haben, und wenn man mich mit Gold überschüttete - ich gehe nirgends mehr hin.“ („Trud“Nr. 128 vom 9. Juni 1927.)

„Trud“ (Die Arbeit) - Organ des Zentralrats der Gewerkschaften der Sowjetunion, erscheint seit dem 19. Februar 1921 als Tageszeitung in Moskau.

Aber das ist doch eine Schmach für uns, Genossen! Wie kann man solche Schändlichkeiten dulden?

Die Aufgabe der Partei besteht darin, im Kampf gegen den Bürokratismus und für die Verbesserung des Staatsapparats solche Schändlichkeiten, von denen ich eben gesprochen habe, mit glühendem Eisen aus unserer Praxis auszubrennen.

e) Über die Leninsche Losung der Kulturrevolution. Das sicherste Mittel gegen den Bürokratismus ist die Hebung des Kulturniveaus der Arbeiter und Bauern. Man kann den Bürokratismus im Staatsapparat schelten und heruntermachen, soviel man will, man kann den Bürokratismus in unserer Praxis brandmarken und an den Schandpfahl nageln, aber wenn es den breiten Arbeitermassen an einem bestimmten Kulturniveau fehlt, das die Möglichkeit, den Wunsch, die Fähigkeit schafft, den Staatsapparat von unten her, durch die Arbeitermassen selbst zu kontrollieren, dann wird der Bürokratismus trotz allem bestehen bleiben. Deshalb ist die kulturelle Entwicklung der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen der Bauernschaft, nicht nur im Sinne weiterer Entwicklung der Schulbildung, wenn auch die Schulbildung die Grundlage einer jeden Kultiviertheit ist, sondern vor allem im Sinne der Erlangung von Fertigkeiten und der Fähigkeit, sich in die Verwaltung des Landes einzuarbeiten, der Haupthebel zur Verbesserung des staatlichen und jedes anderen Apparats. Darin besteht der Sinn und die Bedeutung der Leninschen Losung von der Kulturrevolution.

Lenin sagte darüber im März 1922 vor Eröffnung unseres XI. Parteitags in seinem an Genossen Molotow adressierten Schreiben an das ZK folgendes :

„Das Wichtigste, was uns fehlt, ist Kultiviertheit, ist die Kunst, zu verwalten... Ökonomisch und politisch sichert uns die NÖP vollauf die Möglichkeit, das Fundament der sozialistischen Ökonomik zu errichten. Es kommt ‚nur’ auf die kulturellen Kräfte des Proletariats und seiner Avantgarde an.“

  • W.I. Lenin, Brief an W. M. Molotow über den Plan des politischen Referats auf dem XI. Parteitag (siehe „Werke“, 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 223/224, russ.).

 

Diese Worte Lenins dürfen wir nicht vergessen, Genossen. (Zurufe: „Sehr richtig!“)

Daher die Aufgabe der Partei: den Kampf für den kulturellen Aufschwung der Arbeiterklasse und der werktätigen Schichten der Bauernschaft zu verstärken.

*

Welches Fazit können wir nun in Bezug auf die innerpolitische Lage unseres Landes ziehen?

Das Fazit ist, dass die Sowjetmacht die stabilste Staatsmacht der Welt ist. (Stürmischer Beifall.)

Aber wenn die Sowjetmacht die festeste Staatsmacht der Welt ist, um die jede beliebige bürgerliche Regierung uns beneiden kann, so heißt das noch nicht, dass bei uns auf diesem Gebiet alles gut bestellt ist. Nein, Genossen, bei uns gibt es manches Minus auch auf diesem Gebiet, das wir als Bolschewiki nicht verbergen können und dürfen.

Wir haben erstens die Arbeitslosigkeit. Das ist ein ernstes Minus, das wir um jeden Preis überwinden oder wenigstens auf ein Minimum reduzieren müssen.

Zweitens haben wir ernste Mängel im Bau von Wohnungen für Arbeiter, eine Wohnungskrise, die wir ebenfalls in den nächsten Jahren überwinden oder wenigstens auf ein Minimum reduzieren müssen.

Wir haben gewisse Ansätze des Antisemitismus nicht nur in bestimmten Kreisen der Mittelschichten, sondern auch unter einem gewissen Teil der Arbeiterschaft und sogar an manchen Stellen in unserer Partei. Gegen dieses Übel müssen wir, Genossen, mit aller Unerbittlichkeit ankämpfen.

Wir haben ferner ein solches Minus wie die Abschwächung des antireligiösen Kampfes.

Wir haben schließlich eine schreckliche kulturelle Rückständigkeit, nicht nur im weiteren Sinne dieses Wortes, sondern auch im engeren Sinne, im Sinne der elementaren Schulbildung, denn der Prozentsatz der Analphabeten ist in der UdSSR immer noch nicht gering.

Alle diese und ähnliche Mängel, Genossen, müssen beseitigt werden, wenn wir in mehr oder weniger beschleunigtem Tempo vorwärts schreiten wollen.

Um mit diesem Abschnitt meines Berichts zu Ende zu kommen, gestatten Sie mir, einige Worte über die charakteristischsten Ernennungen in der Berichtsperiode zu sagen. Die Ernennung der Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare der UdSSR will ich nicht berühren. Nicht berühren will ich auch die Ernennung der Volkskommissare für den Obersten Volkswirtschaftsrat, für das Handelskommissariat und für die Vereinigte Staatliche Politische Verwaltung der UdSSR. Kurz erwähnen möchte ich drei Ernennungen, die sehr bezeichnend sind. Sie wissen, dass zum Vorsitzenden des Obersten Volkswirtschaftsrates der RSFSR Lobow ernannt worden ist. Er ist Metallarbeiter. Sie wissen, dass zum Vorsitzenden des Moskauer Sowjets an Stelle von Kamenew der Metallarbeiter Uchanow gewählt worden ist. Sie wissen ferner, dass zum Vorsitzenden des Leningrader Sowjets an Stelle von Sinowjew ebenfalls ein Metallarbeiter, Komarow, gewählt worden ist. Also bei uns sind die „Lord-Mayors“ beider Hauptstädte Metallarbeiter. (Beifall.) Allerdings sind sie keine Adligen, aber sie leiten die Wirtschaft der Hauptstädte besser als irgendein Adliger. (Beifall.) Sie werden sagen, das sei eine Tendenz zur Metallisierung. Ich glaube, daran ist nichts Schlechtes. (Zurufe: „Im Gegenteil, das ist sehr gut!“)

Wünschen wir den kapitalistischen Ländern, wünschen wir London, wünschen wir Paris, dass sie uns endlich einholen und ihre Metallarbeiter zu „Lord-Mayors“ machen. (Beifall.)

 

 

III
DIE PARTEI UND DIE OPPOSITION

 

1. Der Zustand der Partei

Genossen, ich werde mich nicht über das zahlenmäßige und ideologische Wachstum unserer Partei auslassen, ich werde keine Zahlen anführen, denn Kossior wird Ihnen ausführlich darüber berichten.

Ich will auch nicht über die soziale Zusammensetzung unserer Partei und über die entsprechenden Zahlen reden, da Kossior in seinem Bericht Ihnen erschöpfende Angaben darüber machen wird.

Ich möchte einige Worte sagen über das höhere Niveau, über die qualitative Besserung der leitenden Arbeit unserer Partei auf dem Gebiet der Wirtschaft wie auch auf dem Gebiet der Politik. Es gab eine Zeit, Genossen, etwa vor zwei oder drei Jahren, wo ein Teil der Genossen, anscheinend mit Trotzki an der Spitze (Heiterkeit, Zurufe: „Anscheinend?“), gegen unsere Gouvernementskomitees, unsere Gebietskomitees, unser ZK den Vorwurf erhoben, die Parteiorganisationen seien nicht kompetent und mischten sich unnützerweise in die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Landes ein. Ja, eine solche Zeit gab es. Jetzt wird wohl kaum jemand einen solchen Vorwurf gegen die Parteiorganisationen über die Lippen bringen. Dass die Gouvernementskomitees und Gebietskomitees die Führung der Wirtschaft gemeistert haben, dass die Parteiorganisationen an der Spitze des wirtschaftlichen Aufbaus stehen und nicht hinter ihm hertraben, das ist eine so ins Auge stechende Tatsache, dass höchstens Blinde oder Narren sie leugnen können. Schon die Tatsache, dass wir uns entschlossen haben, vor diesen Parteitag die Frage eines Fünfjahrplans des volkswirtschaftlichen Aufbaus zu bringen, schon diese Tatsache beweist, dass die Partei weit vorangekommen ist in der planmäßigen Leitung unseres wirtschaftlichen Aufbaus, sowohl draußen im Lande als auch im Zentrum.

Manche glauben, das sei gar nichts Besonderes. Nein, Genossen. Das ist etwas Besonderes und Wichtiges, das hervorgehoben werden muss. Man beruft sich mitunter auf amerikanische, auf deutsche Wirtschaftsorgane, die angeblich ebenfalls planmäßig die Volkswirtschaft leiten. Nein, Genossen, dort hat man das noch nicht erreicht und wird es auch nicht erreichen, solange dort die kapitalistische Ordnung besteht. Um planmäßig leiten zu können, braucht man ein anderes, ein sozialistisches und kein kapitalistisches Industriesystem, braucht man zumindest eine nationalisierte Industrie, ein nationalisiertes Kreditsystem, nationalisierten Grund und Boden, einen sozialistischen Zusammenschluss mit dem Dorf, die Macht der Arbeiterklasse im Lande usw.

Allerdings, auch sie haben so etwas wie Pläne. Aber das sind bloße Plan-Prognosen, Plan-Vermutungen, die für niemand verbindlich sind und auf Grund deren man die Wirtschaft des Landes nicht leiten kann. Anders bei uns. Unsere Pläne sind keine Plan-Prognosen, keine Plan-Vermutungen, sondern Plan-Direktiven, die für die leitenden Organe verbindlich sind und die Richtung unserer wirtschaftlichen Entwicklung in der Zukunft für das ganze Land bestimmen.

Sie sehen, dass wir hier einen prinzipiellen Unterschied haben.

Deshalb sage ich, schon die einfache Tatsache, dass die Frage eines Fünfjahrplans der volkswirtschaftlichen Entwicklung vor den Parteitag gebracht wird, schon diese Tatsache ist ein Zeichen für die qualitative Besserung unserer leitenden Planarbeit.

Ich will mich auch nicht über das Wachstum der innerparteilichen Demokratie in unserer Partei verbreiten. Höchstens Blinde sehen nicht, dass die innerparteiliche Demokratie, die wirkliche innerparteiliche Demokratie, der wirkliche Aufschwung der Aktivität der Parteimassen, bei uns wächst und sich entwickelt. Man schwätzt über Demokratie. Aber was ist die Demokratie in der Partei? Eine Demokratie für wen? Versteht man unter Demokratie die Freiheit für ein paar von der Revolution losgelöste Intellektuelle, ohne Ende zu schwätzen, ein eigenes Presseorgan zu besitzen usw., so brauchen wir eine solche „Demokratie“ nicht, denn sie ist eine Demokratie für eine verschwindende Minderheit, die den Willen der großen Mehrheit durchbricht. Versteht man dagegen unter Demokratie die Freiheit für die Parteimassen, über die Fragen unseres Aufbaus zu entscheiden, den Aufschwung der Aktivität der Parteimassen, ihre Heranziehung zur Führung der Partei, die Entwicklung ihres Gefühls, Herr in der Partei zu sein, so haben wir eine solche Demokratie, wir brauchen sie, und wir werden sie unbeirrbar weiterentwickeln, was auch kommen mag. (Beifall.)

Ich will mich auch nicht darüber verbreiten, Genossen, dass gleichzeitig mit der innerparteilichen Demokratie bei uns Schritt für Schritt die Kollegialität in der Führung zunimmt. Nehmen wir unser ZK und unsere ZKK. Sie bilden zusammen ein leitendes Zentrum von 200 bis 250 Genossen, das regelmäßig zusammentritt und über die wichtigsten Fragen unseres Aufbaus entscheidet. Dies ist eins der demokratischsten und am kollegialsten arbeitenden Zentren, die unsere Partei jemals gehabt hat. Und was zeigt sich? Ist es denn nicht Tatsache, dass die Entscheidung über die wichtigsten Fragen unserer Arbeit immer mehr und mehr aus den Händen einer engen führenden Gruppe in die Hände dieses breiten Zentrums übergeht, das mit allen Zweigen des Aufbaus und mit allen Bezirken unseres riesigen Landes aufs engste verbunden ist?

Ich will mich auch nicht über das Wachstum unserer Parteikader auslassen. Es ist unbestreitbar, dass in diesen letzten Jahren die alten Kader unserer Partei von neuen emporsteigenden Kadern durchsetzt worden sind, die hauptsächlich aus Arbeitern bestehen. Wenn wir früher unsere Kader nach Hunderten und Tausenden zählten, so müssen wir sie jetzt nach Zehntausenden zählen. Ich glaube, wenn wir bei den untersten Organisationen, bei den Organisationen in den einzelnen Werkabteilungen, bei den untersten Zellen anfangen und in der gesamten Union bis ganz hinauf fortschreiten, so zählen unsere Parteikader, deren gewaltige Mehrheit aus Arbeitern besteht, jetzt nicht weniger als 100000 Funktionäre. Das ist ein gewaltiges Wachstum unserer Partei. Das ist ein gewaltiges Wachstum unseres Kaderbestandes, ein Wachstum seiner ideologisch-organisatorischen Erfahrungen, ein Wachstum seiner kommunistischen Kultur.

Schließlich noch eine Frage, über die wir uns nicht zu verbreiten brauchen, die wir aber vermerken müssen. Es ist die Frage des Wachstums der Autorität der Partei unter den parteilosen Arbeitern und überhaupt unter den werktätigen Massen in unserem Lande, unter den Arbeitern und überhaupt unter den unterdrückten Klassen in der ganzen Welt. Jetzt kann man wohl kaum noch daran zweifeln, dass unsere Partei zum Banner der Befreiung für die werktätigen Massen der ganzen Welt, der Name Bolschewik aber zu einem Ehrennamen für die Besten der Arbeiterklasse wird.

Das ist, Genossen, in großen Zügen das Bild unserer Errungenschaften auf dem Gebiet des Parteiaufbaus.

Das bedeutet nicht, Genossen, dass wir keine Mängel in der Partei hätten. Nein, es sind Mängel vorhanden, ernste Mängel. Gestatten Sie mir, ein paar Worte über diese Mängel zu sagen.

Nehmen wir zum Beispiel die Leitung der wirtschaftlichen und sonstigen Organisationen durch die Parteiorganisationen. Ist hier alles bei uns gut bestellt? Nein, nicht alles. Bei uns werden die Fragen nicht nur draußen im Lande, sondern auch im Zentrum nicht selten sozusagen familiär, auf Gevatterart, entschieden. Iwan Iwanowitsch, Mitglied der leitenden Spitze irgendeiner Organisation, hat, sagen wir, einen sehr schweren Fehler begangen und der Sache geschadet. Aber Iwan Fjodorowitsch will nicht Kritik an ihm üben, seine Fehler bloßlegen, seine Fehler korrigieren. Er will das nicht, denn er möchte sich keine „Feinde machen“. Es ist ein Fehler passiert, der Sache ist geschadet worden - was ist schon dabei! Wer von uns macht keine Fehler? Heute schone ich, Iwan Fjodorowitsch, ihn. Morgen wird er, Iwan Iwanowitsch, mich schonen. Denn woher habe ich die Garantie, dass ich nicht ebenfalls einen Fehler machen werde? Alles in bester Ordnung. Friede und Wohlgefallen. Man sagt, ein vernachlässigter Fehler schade unserer großen Sache? Wenn schon! Irgendwie werden wir das Ding schon deichseln.

So, Genossen, pflegen einige unserer verantwortlichen Funktionäre zu urteilen.

Aber was bedeutet das? Wenn wir Bolschewiki, die alle Welt kritisieren, die, um mit Marx zu reden, den Himmel stürmen, wenn wir um der Ruhe dieser oder jener Genossen willen auf Selbstkritik verzichten - ja, ist es da nicht klar, dass wir nichts als den Untergang unserer großen Sache zu erwarten hätten? (Zurufe: „Sehr richtig!“ Beifall.)

Marx sagte, die proletarische Revolution unterscheidet sich unter anderem dadurch von jeder anderen Revolution, dass sie sich selbst kritisiert und sich durch die Selbstkritik stärkt.

  • K. Marx, „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ (siehe K. Marx und F. Engels, „Ausgewählte Schriften“ in zwei Bänden, Bd. I, 1948, S. 215 [deutsche Ausgabe S. 229]).

 

Das ist ein sehr wichtiger Hinweis von Marx. Wenn wir, die Vertreter der proletarischen Revolution, vor unseren Mängeln die Augen verschließen, wenn wir Fragen auf familiäre Art entscheiden, unsere Fehler gegenseitig decken und die Krankheit in das Innere unseres Parteiorganismus treiben - wer wird dann diese Fehler, diese Mängel korrigieren?

Ist es etwa nicht klar, dass wir aufhören würden, proletarische Revolutionäre zu sein, und dass wir dem sicheren Untergang verfallen würden, wenn wir nicht aus unserer Mitte dieses Spießertum, diese Vetternwirtschaft bei der Entscheidung wichtiger Fragen unseres Aufbaus ausmerzten?

Ist es etwa nicht klar, dass wir, wenn wir ehrliche und aufrechte Selbstkritik ablehnten, wenn wir auf eine ehrliche und offene Korrektur unserer Fehler verzichteten, uns den Weg für den Vormarsch, den Weg zur Besserung unserer Sache, zu neuen Erfolgen unserer Sache versperren würden?

Unsere Entwicklung vollzieht sich ja nicht in der Form eines reibungslosen allgemeinen Aufschwungs. Nein, Genossen, wir haben Klassen, wir haben Widersprüche innerhalb des Landes, wir haben eine Vergangenheit, wir haben eine Gegenwart und eine Zukunft, wir haben Widersprüche zwischen ihnen, und durch geruhsames Schaukeln auf den Wellen des Lebens können wir nicht vorwärtskommen. Unser Vormarsch erfolgt im Kampf, durch Entwicklung der Widersprüche, durch Überwindung dieser Widersprüche, durch Bloßlegung und Liquidierung dieser Widersprüche.

Niemals, solange es Klassen gibt, wird sich ein Zustand herbeiführen lassen, wo man wird sagen können: Nun, Gott sei Dank, jetzt ist alles gut. Niemals wird das bei uns der Fall sein, Genossen.

Stets wird bei uns im Leben irgendetwas absterben. Was aber stirbt, will nicht einfach sterben, sondern es kämpft um seine Existenz, es verteidigt seine überlebte Sache.

Stets wird bei uns im Leben irgendetwas Neues geboren. Was aber geboren wird, wird nicht einfach geboren, sondern es kreischt, es schreit, es verteidigt sein Recht auf Existenz. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Beifall.)

Kampf zwischen dem Alten und dem Neuen, zwischen dem Absterbenden und dem zur Welt Kommenden - das ist die Grundlage unserer Entwicklung. Wenn wir nicht offen und ehrlich, wie es Bolschewiki geziemt, die Fehler und Mängel unserer Arbeit feststellen und aufdecken, dann versperren wir uns selbst den Weg nach vorn. Wir wollen aber vorwärts schreiten. Und gerade, weil wir vorwärts schreiten wollen, müssen wir die ehrliche und revolutionäre Selbstkritik zu einer unserer wichtigsten Aufgaben machen. Ohne das gibt es keinen Vormarsch. Ohne das gibt es keine Entwicklung.

Aber gerade in dieser Hinsicht hinkt die Sache bei uns immer noch. Ja noch mehr, es genügen einige Erfolge, um Mängel vergessen zu machen, um sich zu beruhigen und zu überheben. Zwei, drei große Erfolge, und schon dünkt man sich ein Goliath. Noch zwei, drei große Erfolge, und schon ist man überheblich geworden: „Das machen wir mit dem kleinen Finger!“ Aber die Fehler bleiben, die Mängel bestehen weiter, die Krankheit wird in das Innere des Parteiorganismus getrieben, und die Partei wird krank.

Ein zweiter Mangel. Er besteht in der Übertragung der Methoden des Administrierens in die Partei, in der Ersetzung der Methode des Überzeugens, die in der Partei von entscheidender Bedeutung ist, durch die Methode des Administrierens. Dieser Mangel ist eine nicht weniger erhebliche Gefahr als der erste Mangel. Weshalb? Weil er die Gefahr in sich birgt, dass unsere Parteiorganisationen, Organisationen mit lebendiger Initiative, sich in öde Kanzleiinstitutionen verwandeln. Wenn man in Betracht zieht, dass die Zahl unserer aktivsten Funktionäre sich auf mindestens 60000 beläuft und dass sie über alle möglichen wirtschaftlichen, genossenschaftlichen und staatlichen Institutionen verstreut sind und dort gegen den Bürokratismus kämpfen, so muss man zugeben, dass ein Teil von ihnen, der in diesen Institutionen gegen den Bürokratismus kämpft, mitunter selbst vom Bürokratismus infiziert wird und ihn in die Parteiorganisation hineinträgt. Und das, Genossen, ist nicht unsere Schuld, sondern unser Unglück, denn solange der Staat besteht, wird dieser Prozess in höherem oder geringerem Grade fortdauern. Und gerade weil dieser Prozess gewisse Wurzeln im Leben hat, gerade deshalb müssen wir uns zum Kampf gegen diesen Mangel rüsten, indem wir die Aktivität der Parteimassen heben, sie zur Entscheidung über die von der Parteiführung zu regelnden Fragen heranziehen, systematisch die innerparteiliche Demokratie pflegen und nicht zulassen, dass in unserer Parteipraxis die Methode der Überzeugung ersetzt werde durch die Methode des Administrierens.

Der dritte Mangel. Dieser Mangel besteht darin, dass eine Anzahl unserer Genossen leicht und ruhig mit dem Strom schwimmen wollen, ohne Perspektiven, ohne in die Zukunft zu blicken, auf solche Art, dass ringsum eine festliche und feierliche Stimmung herrsche, dass jeden Tag bei uns feierliche Sitzungen stattfinden, dass nur ja überall Beifall geklatscht und womöglich jeder von uns der Reihe nach als Ehrenmitglied in alle möglichen Präsidien gewählt werde. (Heiterkeit, Beifall.)

Eben dieser unbezwingliche Wunsch, überall eine festliche Stimmung zu finden, dieser Drang nach Aufmachung, nach allen möglichen Jubiläen, nötigen und unnötigen, dieser Wunsch, dahin zu gleiten, wohin es eben geht, ohne Ausschau zu halten, wohin wir getrieben werden (Heiterkeit, Beifall) - alles das ist es, was das Wesen des dritten Mangels in unserer Parteipraxis, die Grundlage unserer Mängel in unserem Parteileben bildet.

Haben Sie schon einmal Ruderer gesehen, die sich rechtschaffen, im Schweiße ihres Angesichts, in die Riemen legen, aber nicht sehen, wohin die Strömung sie treibt? Ich habe solche Ruderer auf dem Jenissej gesehen. Das sind rechtschaffene und unermüdliche Ruderer. Aber ihr Unglück besteht darin, dass sie nicht sehen und nicht sehen wollen, wie die Woge sie an einen Felsen schleudern kann, wo ihnen der Untergang droht.

Dasselbe gilt von einigen unserer Genossen. Sie rudern rechtschaffen, unermüdlich, sie gleiten glatt dahin, sie überlassen sich der Strömung, aber wohin sie getrieben werden, das wissen sie nicht und wollen sie nicht einmal wissen. Eine Arbeit ohne Perspektiven, eine Arbeit ohne Steuer und Segel - dazu führt der Wunsch, unbedingt mit der Strömung zu schwimmen.

Und die Resultate? Die Resultate sind klar: Zuerst schimmeln sie an, dann werden sie ganz grau, dann bleiben sie im Schlamm des Spießertums stecken und schließlich verwandeln sie sich in echte Spießer. Das eben ist der Weg wirklicher Entartung.

Da haben Sie, Genossen, einige Mängel in unserer Parteipraxis und unserem Parteileben, von denen ich Ihnen ein paar bittere Worte sagen wollte.

Jetzt aber gestatten Sie mir, zu den Fragen der Diskussion und unserer so genannten Opposition überzugehen.

2. Die Ergebnisse der Diskussion

Hat die Parteidiskussion irgendeinen Sinn, irgendeinen Wert?

Manchmal sagt man: Weshalb zum Teufel habt ihr eine Diskussion angefacht, wer hat sie nötig, wäre es nicht besser, die strittigen Fragen intern zu erledigen, ohne sie an die große Glocke zu hängen? Das ist nicht richtig, Genossen. Eine Diskussion ist mitunter absolut notwendig und unbedingt nützlich. Fragt sich nur, was für eine Diskussion. Wenn die Diskussion im Rahmen der Kameradschaftlichkeit, im Parteirahmen geführt wird, wenn sie sich ehrliche Selbstkritik, wenn sie sich die Kritik der Parteimängel zum Ziel setzt, wenn sie also unser Werk bessert und die Arbeiterklasse wappnet, dann ist eine solche Diskussion notwendig und nützlich.

Es gibt aber auch eine anders geartete Diskussion, die sich nicht die Besserung unseres gemeinsamen Werks zum Ziel setzt, sondern seine Verschlechterung, nicht die Stärkung unserer Partei, sondern ihre Zersetzung und Diskreditierung. Eine solche Diskussion führt gewöhnlich nicht dazu, das Proletariat zu wappnen, sondern es zu entwaffnen. Eine solche Diskussion brauchen wir nicht. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Beifall.)

Als die Opposition verlangte, in der ganzen Sowjetunion solle drei Monate vor dem Parteitag, vor der Ausarbeitung der Thesen des ZK, vor der Veröffentlichung dieser Thesen, eine Diskussion eingeleitet werden, da versuchte sie, uns eine Diskussion von einer Art aufzuzwingen, die unweigerlich unseren Feinden, den Feinden der Arbeiterklasse, den Feinden unserer Partei ihr Werk erleichtert hätte. Gerade deshalb widersetzte sich das ZK den Plänen der Opposition. Und gerade weil es sich den Plänen der Opposition widersetzte, gelang es uns, die Diskussion in die richtigen Bahnen zu leiten, da wir ihr in den Parteitagsthesen des ZK eine Basis gaben. Jetzt können wir ohne Schwanken sagen, dass die Diskussion im Ganzen ein Plus ergeben hat.

Dass man die strittigen Fragen an die große Glocke hänge, das sind Redereien, Genossen. Wir haben uns nie davor gefürchtet und werden uns nie davor fürchten, uns und unsere Fehler vor der ganzen Partei offen zu kritisieren. Die Stärke des Bolschewismus besteht eben darin, dass er Kritik nicht fürchtet und aus der Kritik seiner Mängel Energie schöpft für den weiteren Vormarsch. Die jetzige Diskussion ist also ein Zeichen der Stärke unserer Partei, ein Zeichen ihrer Kraft.

Man sollte nicht vergessen, dass in jeder großen Partei, besonders in einer Partei wie die unsrige, die an der Macht steht und in der es einen gewissen Teil Bauern und Angestelltenelemente gibt, sich im Laufe einer bestimmten Zeit gewisse indifferente, den Fragen der Parteipraxis gleichgültig gegenüberstehende Elemente ansammeln, die mit geschlossenen Augen stimmen und mit dem Strom schwimmen. Das Vorhandensein einer großen Zahl solcher Elemente ist ein Übel, gegen das man kämpfen muss. Diese Elemente bilden den Sumpf unserer Partei.

Die Diskussion ist ein Appell an diesen Sumpf. An ihn appellieren die Oppositionellen, um einen gewissen Teil von ihm loszureißen. Und sie reißen wirklich seinen schlechteren Teil weg. Die Partei appelliert an ihn, um den besseren Teil von ihm loszureißen und ihn in das aktive Parteileben einzugliedern. Das Ergebnis ist, dass der Sumpf trotz seiner Passivität zur Entscheidung gezwungen wird. Und er entscheidet sich wirklich infolge dieser Appelle, er gibt einen Teil an die Opposition ab, den andern an die Partei, und auf diese Weise hört er als Sumpf zu bestehen auf. In der gesamten Entwicklungsbilanz unserer Partei ist das ein Plus. Ein Ergebnis der jetzigen Diskussion ist die Verminderung des Sumpfes, der entweder ganz zu bestehen aufgehört hat oder doch aufzuhören im Begriff steht. Das ist das Plus der Diskussion.

Die Ergebnisse der Diskussion? Die Ergebnisse sind bekannt. Bis zum gestrigen Tage stimmten, wie sich herausstellt, für die Partei 724000 Genossen, für die Opposition etwas über 4000. Da haben Sie das Ergebnis. Die Oppositionellen bei uns wetterten, das ZK habe sich von der Partei losgelöst, die Partei habe sich von der Klasse losgelöst, und wenn das Wenn und das Aber nicht wäre, dann flögen gebratene Tauben daher, dann hätten sie, die Oppositionellen, unfehlbar 99 Prozent auf ihrer Seite. Da ihr aber die gebratenen Tauben nicht in den Mund fliegen, hat die Opposition nicht einmal 1 Prozent der Stimmen bekommen. Das ist das Ergebnis.

Wie konnte es kommen, dass die Partei in ihrer Gesamtheit und mit ihr die Arbeiterklasse die Opposition so unsanft isoliert hat? Dort, an der Spitze der Opposition, stehen doch bekannte Leute mit Namen, Leute, die es verstehen, Reklame für sich zu machen (Zurufe: „Sehr richtig!“), Leute, die nicht an Bescheidenheit kranken (Beifall), die es verstehen, sich anzupreisen und die Ware von der vorteilhaften Seite zu zeigen.

Das geschah deshalb, weil die führende Gruppe der Opposition sich als eine Gruppe kleinbürgerlicher Intellektueller entpuppte, losgerissen vom Leben, losgerissen von der Revolution, losgerissen von der Partei, von der Arbeiterklasse. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Beifall.)

Ich sprach vorhin über die Erfolge unserer Arbeit, über unsere Errungenschaften auf dem Gebiet der Industrie, auf dem Gebiet des Handels, auf dem Gebiet der gesamten Wirtschaft, auf dem Gebiet der Außenpolitik. Aber die Opposition kümmert sich nicht um diese Errungenschaften. Sie sieht sie nicht oder will sie nicht sehen. Sie will diese Erfolge nicht sehen, teilweise aus Ignoranz, teilweise kraft einer gewissen Halsstarrigkeit vom Leben losgerissener Intellektueller.

3. Die Hauptdifferenzen zwischen der Partei und der Opposition

Sie werden fragen, worin denn nun schließlich die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Partei und der Opposition bestehen, auf welche Fragen sich diese Meinungsverschiedenheiten erstrecken.

Auf alle Fragen, Genossen. (Zurufe: „Sehr richtig!“)

Unlängst las ich die Erklärung eines parteilosen Arbeiters in Moskau, der im Begriff ist, in die Partei einzutreten, oder schon eingetreten ist. Er formuliert die Frage der Meinungsverschiedenheiten zwischen der Partei und der Opposition folgendermaßen:

„Früher suchten wir nach, worin die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Partei und der Opposition bestehen. Jetzt aber findet man nichts mehr, worin sie mit der Partei einverstanden ist. (Heiterkeit, Beifall.) Die Opposition ist gegen die Partei in allen Fragen, also würde ich, wenn ich Anhänger der Opposition wäre, nicht in die Partei eintreten.“ (Heiterkeit, Beifall.) (Siehe „Iswestija“ Nr.264.)

So kurz und treffend drücken sich die Arbeiter mitunter aus. Ich glaube, dies ist die treffendste und richtigste Charakteristik der Beziehungen der Opposition zur Partei, zu ihrer Ideologie, zu ihrem Programm, zu ihrer Taktik.

Eben weil die Opposition mit der Partei in allen Fragen auseinander geht, eben darum ist die Opposition eine Gruppe mit eigener Ideologie, mit eigenem Programm, mit eigener Taktik, mit eigenen Organisationsprinzipien.

Alles, was für eine neue Partei notwendig ist, alles das findet sich bei der Opposition. Es fehlt bloß eine „Kleinigkeit“, es fehlt ihr die Kraft dazu. (Heiterkeit, Beifall.)

Ich könnte sieben Hauptfragen aufzählen, auf die sich die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Partei und der Opposition erstrecken.

Erstens. Die Frage der Möglichkeit des siegreichen sozialistischen Aufbaus in unserem Lande. Ich werde mich nicht auf die Dokumente und Erklärungen der Opposition in dieser Frage berufen. Sie sind allgemein bekannt, und es hat keinen Sinn, sie zu wiederholen. Für alle ist es klar, dass die Opposition die Möglichkeit eines siegreichen Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande leugnet. Indem sie aber diese Möglichkeit leugnet, rutscht sie direkt und ganz offen zum Standpunkt der Menschewiki hinab.

Diese Einstellung der Opposition in der gegebenen Frage ist für ihre jetzigen Führer nichts Neues. Von dieser Einstellung gingen Kamenew und Sinowjew aus, als sie den Oktoberaufstand ablehnten. Sie erklärten damals direkt, dass wir, wenn wir den Aufstand beginnen, dem Untergang entgegengehen, man müsse die Konstituierende Versammlung abwarten, die Verhältnisse seien für den Sozialismus noch nicht reif und würden nicht sobald heranreifen.

Von derselben Einstellung ging Trotzki aus, als er dem Aufstand zustimmte. Denn er erklärte direkt, wenn uns nicht in einer mehr oder weniger nahen Zukunft die siegreiche proletarische Revolution im Westen zu Hilfe komme, so wäre es eine Dummheit, zu glauben, dass das revolutionäre Rußland imstande sei, sich gegen ein konservatives Europa zu behaupten.

In der Tat, wie standen damals auf der einen Seite Kamenew und Sinowjew, auf der anderen Seite Trotzki und auf der dritten Seite Lenin und die Partei zum Aufstand? Das ist eine sehr interessante Frage, Genossen, und es lohnt sich, darüber ein paar Worte zu sagen.

Sie wissen, dass Kamenew und Sinowjew den Aufstand mitmachten, weil man ihnen mit dem Stock drohte. Lenin trieb sie mit dem Stock an, drohte er ihnen doch mit dem Ausschluss aus der Partei (Heiterkeit, Beifall.), und so mussten sie sich denn zum Aufstand bequemen. (Heiterkeit, Beifall.)

Trotzki machte den Aufstand freiwillig mit. Aber er machte nicht einfach mit, sondern mit einem kleinen Vorbehalt, der ihn bereits damals Kamenew und Sinowjew nahe brachte. Es ist interessant, dass Trotzki es gerade vor dem Oktober, im Juni 1917, für angebracht hielt, in Petrograd seine alte Broschüre „Das Friedensprogramm“ neu herauszugeben, als ob er damit sagen wollte, dass er den Aufstand unter seiner eigenen Flagge mitmache. Was sagt er nun in dieser Broschüre? Er polemisiert dort gegen Lenin in der Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande, er hält diesen Gedanken Lenins für unrichtig und behauptet, man werde zwar die Macht ergreifen müssen, wenn aber die siegreichen westeuropäischen Arbeiter uns nicht rechtzeitig zu Hilfe kämen, dann wäre es aussichtslos, zu glauben, dass ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich werde behaupten können, und wer nicht an Trotzkis Kritik glaube, der kranke an nationaler Beschränktheit.

Hier eine Stelle aus der damaligen Broschüre Trotzkis:

„Ohne auf die anderen zu warten, beginnen wir den Kampf auf nationalem Boden und setzen ihn hier fort in der vollen Überzeugung, dass unsere Initiative dem Kampf in den anderen Ländern einen Anstoß geben wird; wenn das aber nicht geschehen sollte, dann wäre es aussichtslos, zu glauben - davon zeugen sowohl die geschichtlichen Erfahrungen als auch theoretische Erwägungen -, dass zum Beispiel ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten... könnte.“ „Die Perspektiven der sozialen Revolution im nationalen Rahmen zu betrachten, würde bedeuten, ein Opfer jener nationalen Beschränktheit zu werden, die das Wesen des Sozialpatriotismus ist.“ (Trotzki, „Das Jahr 1917“, Bd. III, Teil 1, S.90.)

Hier, Genossen, haben Sie den kleinen trotzkistischen Vorbehalt, der uns in vieler Hinsicht die Ursachen und Hintergründe seines jetzigen Blocks mit Kamenew und Sinowjew klarmacht.

Wie aber schritt Lenin, wie schritt die Partei zum Aufstand? Ebenfalls mit einem kleinen Vorbehalt? Nein, Lenin und seine Partei schritten ohne jeden Vorbehalt zum Aufstand. Hier eine Stelle aus Lenins trefflichem Artikel „Das Militärprogramm der proletarischen Revolution“, der im September 1917 im Ausland veröffentlicht wurde:

„Der in einem Lande zum Siege gelangte Sozialismus schließt keineswegs auf einmal alle Kriege überhaupt aus. Im Gegenteil, er setzt sie voraus. Die Entwicklung des Kapitalismus geht in den verschiedenen Ländern höchst ungleichmäßig vor sich. Anders kann es auch nicht sein bei der Warenproduktion. Daher die unumgängliche Schlussfolgerung: der Sozialismus kann nicht gleichzeitig in allen Ländern siegen. Er wird vorerst in einem Lande, oder einigen Ländern siegen, die übrigen aber werden für eine gewisse Zeit bürgerlich oder vorbürgerlich bleiben. Das muss nicht nur Reibungen hervorrufen, sondern auch das direkte Bestreben der Bourgeoisie anderer Länder, das siegreiche Proletariat des sozialistischen Staates niederzuwerfen. In diesen Fällen wäre ein Krieg von unserer Seite rechtmäßig und gerecht. Dies wäre ein Krieg für den Sozialismus, für die Befreiung anderer Völker von der Bourgeoisie.“ (Lenin, „Das Militärprogramm der proletarischen Revolution“, „Blätter des Lenin-Instituts“, Lieferung II, S.7.)

 

Siehe W. I. Lenin, „Werke“, 3. Ausgabe, Bd. XIX, S. 3241325 und 4. Ausgabe, Bd. 23, S. 67 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. 1, S. 878].

Sie sehen, hier haben wir eine ganz andere Einstellung. Wenn Trotzki den Aufstand mit einem Vorbehalt mitmachte, der ihn Kamenew und Sinowjew nahe brachte, indem er behauptete, die proletarische Macht könne an und für sich nicht etwas Besonderes darstellen, wenn man ihr nicht rechtzeitig von außen zu Hilfe komme, so schritt umgekehrt Lenin ohne Vorbehalte zum Aufstand und behauptete, dass die proletarische Macht in unserem Lande die Basis werden muss, die den Proletariern der anderen Länder helfen wird, sich vom Joch der Bourgeoisie zu befreien.

So also schritten die Bolschewiki zum Oktoberaufstand, und deshalb haben Trotzki und Kamenew samt Sinowjew im zehnten Jahre der Oktoberrevolution eine gemeinsame Sprache gefunden.

Man könnte die Unterhaltung, die Trotzki einerseits und Kamenew und Sinowjew anderseits bei der Bildung des Oppositionsblocks miteinander führten, etwa in der Form des folgenden Dialogs darstellen.

Kamenew und Sinowjew zu Trotzki: „Sie sehen, werter Genosse, wir haben zu guter Letzt recht behalten, als wir sagten, dass der Oktoberaufstand nicht gemacht werden durfte, dass die Konstituierende Versammlung abgewartet werden musste usw. Jetzt sehen alle, dass das Land entartet, dass die Staatsmacht entartet, dass wir dem Untergang entgegengehen und dass es keinen Sozialismus bei uns geben wird. Man hätte nicht zum Aufstand schreiten sollen. Sie aber machten den Aufstand freiwillig mit. Sie haben einen großen Fehler begangen.“

Trotzki antwortete ihnen: „Nein, werte Kollegen, Sie tun mir Unrecht. Ich habe zwar den Aufstand mitgemacht, aber wie ich ihn mitgemacht habe, das haben Sie wohl vergessen. Ich habe doch den Aufstand nicht ohne weiteres, sondern mit einem Vorbehalt mitgemacht. (Allgemeine Heiterkeit.) Und da sich jetzt herausgestellt hat, dass wir äußere Hilfe von nirgendsher zu erwarten haben, so ist es klar, dass wir dem Untergang entgegengehen, wie ich das seinerzeit im ‚Friedensprogramm’ auch vorausgesagt habe.“

Sinowjew und Kamenew: „Es scheint wirklich so zu sein. Wir haben den kleinen Vorbehalt vergessen. Jetzt ist es klar, dass unser Block ideologisch fundiert ist.“ (Allgemeine Heiterkeit, Beifall.)

So kam es zu der negativen Einstellung der Opposition zur Frage der Möglichkeit des siegreichen sozialistischen Aufbaus in unserem Lande.

Was aber bedeutet diese Einstellung? Sie bedeutet Kapitulantentum. Vor wem? Offenbar vor den kapitalistischen Elementen unseres Landes. Vor wem noch? Vor der Weltbourgeoisie. Und die linken Phrasen, die revolutionären Gesten - wo sind sie geblieben? Sie sind in alle Winde verflogen. Rütteln Sie unsere Opposition tüchtig, schütteln Sie ihr die revolutionäre Phraseologie ab - und Sie werden sehen, wie bei ihr das Kapitulantentum zum Vorschein kommt. (Beifall.)

Zweitens. Die Frage der Diktatur des Proletariats. Haben wir die Diktatur des Proletariats oder haben wir sie nicht? Die Frage klingt etwas seltsam. (Heiterkeit.) Trotzdem kommt die Opposition in jeder ihrer Erklärungen mit dieser Frage. Die Opposition sagt, bei uns gebe es eine thermidorianische Entartung. Was aber bedeutet das? Das bedeutet, dass wir keine Diktatur des Proletariats haben, dass Wirtschaft wie Politik bei uns versagen und zurückgehen, dass wir nicht dem Sozialismus entgegen schreiten, sondern zum Kapitalismus zurückkehren. Das ist natürlich grotesk und dumm. Aber die Opposition bleibt bei ihrer Leier.

Hier, Genossen, haben Sie noch eine Differenz. Hierauf gründet sich die bekannte These Trotzkis von Clemenceau. Wenn die Staatsmacht entartet ist oder entartet, lohnt es sich da, sie zu schonen, zu schützen, zu verteidigen? Natürlich nicht. Wenn eine günstige Gelegenheit eintritt, diese Macht „abzusetzen“, sagen wir, wenn der Feind auf 80 Kilometer an Moskau herankommt - ist es dann nicht klar, dass die Situation ausgenutzt werden müsste, um diese Regierung wegzufegen und eine neue, eine Clemenceau-Regierung, das heißt eine trotzkistische Regierung, einzusetzen?

Es ist klar, dass es in dieser „Einstellung“ nichts Leninsches gibt. Das ist Menschewismus von reinstem Wasser. Die Opposition ist beim Menschewismus gelandet.

Drittens. Die Frage des Blocks der Arbeiterklasse mit dem Mittelbauern. Die Opposition hat die ganze Zeit hindurch ihr ablehnendes Verhalten zur Idee dieses Blocks verhehlt. Ihre Plattform, ihre Gegenthesen sind nicht so sehr bemerkenswert durch das, was dort gesagt ist, als durch das, was die Opposition der Arbeiterklasse zu verhehlen versucht hat. Nun aber hat sich ein Mann gefunden, I. N. Smirnow, ebenfalls ein Führer der Opposition, der den Mut hatte, die Wahrheit über die Opposition zu sagen, sie ans Tageslicht zu zerren. Und was stellte sich heraus? Es stellte sich heraus, dass wir „dem Untergang entgegengehen“ und dass wir, wenn wir uns „retten“ wollen, es auf ein Zerwürfnis mit dem Mittelbauern ankommen lassen müssen. Nicht sehr klug. Aber dafür klar.

Auch hier haben sich schließlich die menschewistischen Eselsohren der Opposition vor aller Welt gezeigt.

Viertens. Die Frage nach dem Charakter unserer Revolution. Wenn die Möglichkeit der siegreichen Errichtung des Sozialismus in unserem Lande geleugnet wird, wenn das Vorhandensein der Diktatur des Proletariats geleugnet wird, wenn die Notwendigkeit eines Blocks der Arbeiterklüse mit der Bauernschaft geleugnet wird - was bleibt dann von unserer Revolution, von ihrem sozialistischen Charakter übrig? Natürlich nichts, einfach gar nichts. Das Proletariat ist zur Macht gekommen, es hat die bürgerliche Revolution zu Ende geführt, die Bauernschaft kann jetzt mit der Revolution nichts mehr anfangen, da sie bereits den Boden erhalten hat - also kann das Proletariat abtreten und anderen Klassen das Feld räumen.

Da haben Sie die Einstellung der Opposition, wenn man bis zu den Wurzeln der oppositionellen Anschauungen vordringt.

Da haben Sie alle Wurzeln des Kapitulantentums unserer Opposition. Nicht umsonst wird sie von dem Kapitulanten Abramowitsch aus dem „Bund“ gelobt.

Fünftens. Die Frage der Leninschen Einstellung bei der Führung kolonialer Revolutionen. Lenin ging aus von dem Unterschied zwischen imperialistischen und unterdrückten Ländern, zwischen der Politik des Kommunismus in den Ländern des Imperialismus und der Politik des Kommunismus in den Kolonialländern. Von diesem Unterschied ausgehend, sagte er schon während des Krieges, dass die Idee der Vaterlandsverteidigung, die in imperialistischen Ländern für den Kommunismus unannehmbar und konterrevolutionär ist, in unterdrückten Ländern, die einen Befreiungskrieg gegen den Imperialismus führen, vollauf annehmbar und gerechtfertigt ist.

Gerade deshalb hielt Lenin in einem bestimmten Stadium und für eine bestimmte Frist die Möglichkeit eines Blocks und sogar eines Bündnisses mit der nationalen Bourgeoisie der Kolonialländer für zulässig, wenn diese gegen den Imperialismus Krieg führt und wenn sie die Kommunisten nicht daran hindert, die Arbeiter und die bäuerliche Armut im Geiste des Kommunismus zu erziehen.

Der Sündenfall der Opposition besteht hier darin, dass sie mit dieser Einstellung Lenins endgültig bricht und zur Einstellung der II. Internationale hinabsinkt, die die Zweckmäßigkeit einer Unterstützung revolutionärer Kriege der Kolonialländer gegen den Imperialismus verneint. Eben daraus erklärt es sich, dass unsere Opposition in der Frage der chinesischen Revolution so sehr in die Patsche geraten ist.

Da haben Sie eine weitere Meinungsverschiedenheit.

Sechstens. Die Frage der Einheitsfronttaktik in der internationalen Arbeiterbewegung. Der Sündenfall der Opposition besteht hier darin, dass sie mit der Leninschen Taktik in der Frage der allmählichen Gewinnung der Millionenmassen der Arbeiterklasse für den Kommunismus bricht. Damit die Millionenmassen der Arbeiterklasse für den Kommunismus gewonnen werden, ist es nicht nur notwendig, dass die Politik der Partei richtig ist. Eine richtige Politik der Partei ist eine große Sache, aber bei weitem noch nicht alles. Damit die Millionenmassen der Arbeiterklasse auf die Seite des Kommunismus übergehen, ist es notwendig, dass sich die Massen selbst an Hand eigener Erfahrungen von der Richtigkeit der Politik des Kommunismus überzeugen. Damit sich aber die Massen davon überzeugen, dazu bedarf es Zeit, dazu ist es notwendig, dass die Partei kundig und geschickt daran arbeite, die Massen an ihre Positionen heranzubringen, dass die Partei kundig und geschickt daran arbeite, die Millionenmassen von der Richtigkeit der Politik der Partei zu überzeugen.

Wir waren im April 1917 völlig im Recht, denn wir wussten, dass es zum Sturz der Bourgeoisie und zur Errichtung der Sowjetmacht kommen werde. Aber damals riefen wir die breiten Massen der Arbeiterklasse noch nicht zum Aufstand gegen die Macht der Bourgeoisie auf. Warum? Weil die Massen noch nicht die Möglichkeit gehabt hatten, sich von der Richtigkeit unserer unbedingt richtigen Politik zu überzeugen. Erst als sich die kleinbürgerlichen Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki in den Hauptfragen der Revolution vollends blamiert hatten, erst als die Massen sich von der Richtigkeit unserer Politik zu überzeugen begannen, erst dann führten wir sie zum Aufstand. Und eben weil wir die Massen zur rechten Zeit zum Aufstand führten, eben deshalb trugen wir damals den Sieg davon.

Hier liegen die Wurzeln der Einheitsfrontidee. Lenin setzte die Einheitsfronttaktik ja gerade deswegen in Aktion, um es den von den Vor-urteilen des sozialdemokratischen Paktierertums infizierten Millionenmassen der Arbeiterklasse der kapitalistischen Länder zu erleichtern, sich an Hand eigener Erfahrungen von der Richtigkeit der Politik der Kommunisten zu überzeugen und auf die Seite des Kommunismus überzugehen.

Der Sündenfall der Opposition besteht darin, dass sie diese Taktik glattweg ablehnt. Eine Zeitlang war sie Feuer und Flamme, war sie albern und unvernünftig für die Einheitsfronttaktik begeistert und begrüßte in jeder Weise das Abkommen mit dem Generalrat in England, hielt dieses Abkommen für „eine der ernstlichsten Friedensgarantien“, „eine der ernstlichsten Garantien gegen die Intervention“, eines der ernstlichsten Mittel „zur Unschädlichmachung des Reformismus in Europa“ (siehe das Referat Sinowjews auf dem XIV. Parteitag der KPdSU(B)). Als sie sich aber bitter enttäuscht sah in ihren Hoffnungen, den Reformismus mit Hilfe der Purcell und Hicks „unschädlich machen“ zu können, da verfiel sie in das andere Extrem und lehnte die Idee der Einheitsfronttaktik in Bausch und Bogen ab.

Hier, Genossen, haben Sie noch eine Meinungsverschiedenheit, die die völlige Abkehr der Opposition von der Leninschen Einheitsfronttaktik demonstriert.

Siebentens. Die Frage des Leninschen Parteiprinzips, der Leninschen Einheit in der KPdSU(B) und in der Komintern. Die Opposition bricht hier glattweg mit der Leninschen organisatorischen Einstellung und betritt den Weg der Bildung einer zweiten Partei, den Weg der Bildung einer neuen Internationale.

Da haben Sie die sieben Hauptfragen, die zeigen, dass die Opposition in allen diesen Fragen zum Menschewismus hinabgesunken ist.

Kann man diese menschewistischen Auffassungen der Opposition für vereinbar halten mit der Ideologie unserer Partei, mit dem Programm unserer Partei, mit ihrer Taktik, mit der Taktik der Komintern, mit der organisatorischen Einstellung des Leninismus?

Auf keinen Fall, für keinen Augenblick!

Sie werden sagen: Wie konnte bei uns eine solche Opposition aufkommen, wo sind ihre sozialen Wurzeln? Ich glaube, die sozialen Wurzeln der Opposition liegen im Ruin der kleinbürgerlichen Stadtschichten angesichts unserer Entwicklung, in der Unzufriedenheit dieser Schichten mit dem Regime der Diktatur des Proletariats, in dem Streben dieser Schichten nach Änderung dieses Regimes, nach seiner „Verbesserung“ im Geiste der Einführung der bürgerlichen Demokratie.

Ich habe bereits gesagt, dass infolge unseres Vormarsches, infolge des Wachstums unserer Industrie, infolge des steigenden Anteils der sozialistischen Wirtschaftsformen ein Teil der Kleinbourgeoisie, besonders der städtischen Bourgeoisie, ruiniert wird und untergeht. Die Opposition widerspiegelt das Murren und die Unzufriedenheit dieser Schichten mit dem Regime der proletarischen Revolution.

Da stecken die sozialen Wurzeln der Opposition.

4. Was nun weiter?

Was soll mit der Opposition weiter geschehen?

Bevor wir zu dieser Frage übergehen, möchte ich Ihnen die Geschichte des Versuchs einer Zusammenarbeit mit Trotzki erzählen, den Kamenew im Jahre 1910 unternahm. Das ist eine sehr interessante Frage. Umso mehr, als sie einen gewissen Schlüssel liefern kann zur richtigen Lösung der gestellten Frage. Im Jahre 1910 fand eine Plenarsitzung unseres ZK im Ausland statt. Behandelt wurde die Frage der Beziehungen der Bolschewiki zu den Menschewiki, insbesondere zu Trotzki (wir waren damals Teil einer gemeinsamen Partei, der auch die Menschewiki angehörten, und bezeichneten uns als Fraktion). Die Plenarsitzung sprach sich für eine Versöhnung mit den Menschewiki, also auch mit Trotzki aus, trotz Lenin und gegen Lenin. Lenin blieb in der Minderheit. Und was tat Kamenew? Kamenew nahm es auf sich, die Zusammenarbeit mit Trotzki zustande zu bringen. Und er brachte die Zusammenarbeit zustande, nicht ohne Wissen und Zustimmung Lenins, denn Lenin wollte, dass Kamenew sich durch Erfahrungen überzeuge von der Schädlichkeit und Unzulässigkeit einer Zusammenarbeit mit Trotzki gegen den Bolschewismus.

Hören wir, was Kamenew darüber erzählt:

„Im Jahre 1910 unternahm die Mehrheit unserer Fraktion den Versuch einer Versöhnung und Verständigung mit Gen. Trotzki. Wladimir Iljitsch stand diesem Versuch scharf ablehnend gegenüber, und gewissermaßen ‚zur Strafe’ für die Hartnäckigkeit, mit der ich versuchte, eine Verständigung mit Trotzki herbeizuführen, bestand er darauf, dass gerade ich vom Zentralkomitee als dessen Vertreter in die Redaktion der Zeitung des Gen. Trotzki delegiert würde. Im Herbst 1910, nachdem ich einige Monate in dieser Redaktion gearbeitet hatte, überzeugte ich mich davon, dass Wladimir Iljitsch recht gehabt hatte mit seiner ablehnenden Einstellung zu meiner ,versöhnlichen’ Linie, und mit seinem Einverständnis trat ich aus der Redaktion des Organs des Gen. Trotzki aus. Unser damaliger Bruch mit Gen. Trotzki fand seinen Niederschlag in einer Reihe von scharfen Artikeln im Zentralorgan der Partei. Gerade damals schlug Wladimir Iljitsch mir vor, eine Broschüre zu schreiben, die die Bilanz unserer Meinungsverschiedenheiten mit den liquidatorischen Menschewiki und mit Gen. Trotzki ziehen sollte. ‚Sie haben eine Verständigung mit dem linkesten (dem trotzkistischen) Flügel der antibolschewistischen Gruppierungen versucht, Sie haben sich von der Unmöglichkeit einer Verständigung überzeugt, also müssen Sie eine zusammenfassende Broschüre schreiben’, sagte mir Wladimir Iljitsch. Natürlich bestand Wladimir Iljitsch besonders darauf, dass gerade auf dem Gebiet der Beziehungen zwischen dem Bolschewismus und dem, was wir damals Trotzkismus nannten, alles ausgesprochen werde... bis zu Ende.“ (Vorwort L. Kamenews zu seiner Broschüre „Zwei Parteien“.)

Und das Resultat? Hören Sie weiter:

„Der Versuch einer gemeinsamen Arbeit mit Trotzki - ich wage zu behaupten, ein von mir ehrlich angestellter Versuch, wie ja meine von Trotzki heute missbrauchten Briefe und privaten Äußerungen beweisen - hat gezeigt, dass das Versöhnlertum unweigerlich zur Verteidigung des Liquidatorentums hinabsinkt, dass es entschieden auf dessen Seite tritt.“ (L. Kamenew, „Zwei Parteien“.)

Und weiter:

„Oh, wenn der ‚Trotzkismus’ als Stimmung in der Partei gesiegt hätte, was für ein herrliches Leben für das Liquidatorentum, für den Otsowismus, für alle sich gegen die Partei stemmenden Strömungen hätte dann begonnen.“ (Ebenda.)

Da haben Sie, Genossen, die Erfahrungen eines Versuchs, mit Trotzki zusammenzuarbeiten. (Zuruf: „Lehrreiche Erfahrungen.“) Kamenew legte die Ergebnisse dieses Versuchs damals in einer besonderen Broschüre dar, die im Jahre 1911 unter dem Titel „Zwei Parteien“ erschienen ist. Ich zweifle nicht daran, dass diese Broschüre von großem Nutzen gewesen ist für alle die Genossen, die sich noch Illusionen machten über eine Zusammenarbeit mit Trotzki.

Und nun stelle ich die Frage: Würde Kamenew nicht noch einmal den Versuch machen, eine Broschüre zu schreiben, ebenfalls unter dem Titel „Zwei Parteien“, und zwar über die jetzigen Erfahrungen seiner Zusammenarbeit mit Trotzki? (Allgemeines Gelächter, Beifall.) Vielleicht wäre das nicht unnützlich. Natürlich kann ich Kamenew nicht die Garantie geben, dass Trotzki jetzt nicht, ebenso wie damals, seine Briefe und intimen Äußerungen gegen ihn ausnutzen wird. (Allgemeine Heiterkeit.) Aber davor sollte man sich nicht fürchten. Auf jeden Fall muss hier die Wahl getroffen werden: entweder Furcht davor, dass Trotzki die Briefe Kamenews ausnutzt und dessen geheime Unterredungen mit Trotzki bekannt gibt - und dann die Gefahr, sich außerhalb der Partei zu stellen, oder Abschütteln jeder Furcht und Verbleiben in der Partei.

So ist die Frage jetzt gestellt, Genossen: entweder das eine oder das andere.

Man sagt, die Opposition habe eine Erklärung, die sie dem Parteitag zu unterbreiten beabsichtigt, wonach sie, die Opposition, sich allen Beschlüssen der Partei unterwirft und unterwerfen wird (Zuruf: „Ebenso wie im Oktober 1926?“), ihre Fraktion auflöst (Zuruf: „Das haben wir schon zweimal gehört!“) und ihre Ansichten, auf die sie nicht verzichtet (Zurufe: „Hört, hört!“ „Nein, wir lösen sie lieber selber auf!“), im Rahmen des Parteistatuts vertreten wird. (Zurufe: „Mit allerlei Vorbehalten.“ „Unsere Rahmen sind nicht aus Gummi.“)

Ich glaube, Genossen, dieser Trick wird nicht ziehen. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Anhaltender Beifall.) Auch wir haben, Genossen, gewisse Erfahrungen in Bezug auf Erklärungen (Beifall), gewisse Erfahrungen in Bezug auf zwei Erklärungen (Zurufe: „Sehr richtig!“), nämlich die vom 16.Oktober 1926 und vom 8. August 1927. Wozu hat dieser Versuch geführt? Ich schicke mich zwar nicht an, eine Broschüre über „Zwei Parteien“ zu schreiben, wage es aber zu erklären, dass dieser Versuch zu den negativsten Resultaten geführt hat (Zurufe: „Sehr richtig!“), zu einem zweimaligen Betrug an der Partei, zur Schwächung der Parteidisziplin. Welchen Grund hat jetzt die Opposition, von uns zu fordern, dass wir, der Parteitag der großen Partei, der Parteitag der Partei Lenins, ihnen nach diesen Erfahrungen aufs Wort glauben sollen? (Zurufe: „Das wäre eine Dummheit.“ „Wer’s glaubt, fällt herein.“)

Es heißt, die Opposition rege auch die Wiederaufnahme der Ausgeschlossenen in die Partei an. (Zurufe: „Kommt nicht in Frage.“ „Die können in den menschewistischen Sumpf gehen.“) Ich glaube, Genossen, dass auch daraus nichts werden wird. (Anhaltender Beifall.)

Warum hat die Partei Trotzki und Sinowjew ausgeschlossen? Weil sie die Organisatoren des ganzen Werks der parteifeindlichen Opposition sind (Zurufe: „Sehr richtig!“), weil sie sich das Ziel gesteckt haben, die Gesetze der Partei zu brechen, weil sie sich eingebildet haben, man werde sich nicht erkühnen, sie anzutasten, weil sie sich in der Partei eine Adelsstellung verschaffen wollten.

Aber wollen wir etwa Adlige in der Partei haben, die Privilegien genießen, und Bauern, die solche Privilegien nicht haben? Glaubt man denn wirklich, wir Bolschewiki, die wir den Adelsstand mit den Wurzeln ausgerodet haben, würden ihn jetzt in unserer Partei wiederherstellen? (Beifall.)

Sie fragen: Warum haben wir Trotzki und Sinowjew aus der Partei ausgeschlossen? Weil wir in der Partei keine Adligen haben wollen. Weil bei uns in der Partei nur ein Gesetz gilt und alle Mitglieder der Partei gleiche Rechte haben. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Anhaltender Beifall.)

Wenn die Opposition in der Partei bleiben will, so soll sie sich dem Willen der Partei, ihren Gesetzen, ihren Direktiven ohne Vorbehalt, ohne Zweideutigkeiten fügen. Will sie das nicht, dann mag sie dahin gehen, wo sie sich wohler fühlt. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Beifall.) Neue Gesetze, die der Opposition Vergünstigungen gewähren, wollen und werden wir nicht schaffen. (Beifall.)

Man fragt nach den Bedingungen. Wir stellen nur eine Bedingung: Die Opposition muss völlig die Waffen strecken, sowohl in ideologischer als auch in organisatorischer Beziehung. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Anhaltender Bei f all.)

Sie muss ihre antibolschewistischen Ansichten offen und ehrlich widerrufen, vor aller Welt. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Anhaltender Beifall.)

Sie muss die Fehler, die sie begangen hat, Fehler, die zu einem Verbrechen gegen die Partei geworden sind, offen und ehrlich brandmarken, vor aller Welt.

Sie muss uns ihre Zellen übergeben, damit die Partei die Möglichkeit hat, sie restlos aufzulösen. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Anhaltender Beifall.)

Entweder sie nimmt das an oder sie verlässt die Partei. Geht sie aber nicht selber, dann werden wir sie hinausjagen. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Anhaltender Beifall.)

So, Genossen, ist es um die Opposition bestellt.

 

 

 

IV
DAS GESAMTERGEBNIS

 

Ich komme zum Schluss, Genossen.

Welches ist das Gesamtergebnis der Berichtsperiode? Das Ergebnis ist folgendes:

  1. Wir haben den Frieden mit den Staaten, die uns umgeben, trotz größter Schwierigkeiten, trotz provokatorischer Ausfälle der Bourgeoisie der „Großmächte“ behauptet;

  2. wir haben den Zusammenschluss der Arbeiterklasse der ‘UdSSR mit den Arbeitern der imperialistischen Länder und der Kolonien trotz einer Unmasse von Hindernissen, trotz eines Meeres von Verleumdungen der korrupten, hundertzüngigen bürgerlichen Presse gefestigt;

  3. wir haben die Autorität der proletarischen Diktatur unter den werktätigen Millionenmassen in allen Weltteilen erhöht;

  4. wir als Partei haben der Komintern und ihren Sektionen geholfen, ihren Einfluss in allen Ländern der ‘Welt zu stärken;

  5. wir haben alles getan, was eine Partei nur tun kann, um die internationale revolutionäre Bewegung weiterzuentwickeln und zu beschleunigen;

  6. wir haben unsere sozialistische Industrie hochgebracht, indem wir sie in einem Rekordtempo entwickelten und ihre Hegemonie in der ganzen Volkswirtschaft sicherstellten;

  7. wir haben den Zusammenschluss der sozialistischen Industrie mit der bäuerlichen Wirtschaft hergestellt;

  8. wir haben, auf die Dorfarmut gestützt, das Bündnis der Arbeiterklasse mit dem Mittelbauern gefestigt;

  9. wir haben in unserem Lande trotz der feindlichen internationalen Einkreisung die Diktatur des Proletariats gefestigt und dadurch den Arbeitern aller Länder gezeigt, dass das Proletariat nicht nur den Kapitalismus zu zerstören, sondern auch den Sozialismus aufzubauen versteht;

  10. wir haben die Partei gefestigt, den Leninismus behauptet und die Opposition vernichtend geschlagen.

Das ist das Gesamtergebnis.

Welche Schlussfolgerung ergibt sich? Eine einzige: Wir befinden uns auf dem richtigen Wege, die Politik unserer Partei ist richtig. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Beifall.)

Daraus aber folgt, dass wir, wenn wir auf diesem Wege weiter schreiten, unbedingt zum Siege des Sozialismus in unserem Lande, zum Siege des Sozialismus in allen Ländern gelangen werden. (Anhaltender Beifall.)

Das bedeutet noch nicht, dass wir auf unserem Wege keine Schwierigkeiten finden werden. Schwierigkeiten wird es geben. Aber wir fürchten sie nicht, denn wir sind Bolschewiki, gestählt im Feuer der Revolution.

Schwierigkeiten wird es geben. Aber wir werden sie überwinden, wie wir sie bisher überwunden haben, denn wir sind Bolschewiki, von der ehernen Partei Lenins gestählt, damit wir gegen die Schwierigkeiten ankämpfen und sie überwinden, nicht aber jammern und seufzen.

Und eben weil wir Bolschewiki sind, werden wir unbedingt siegen.

Genossen! Vorwärts zum Siege des Kommunismus in unserem Lande, zum Siege des Kommunismus in der ganzen Welt! (Stürmischer und anhaltender Beifall. Alle erheben sich und bereiten dem genossen Stalin eine Ovation. Man singt die „Internationale“.)

 

 

 

SCHLUSSWORT ZUM
POLITISCHEN RECHENSCHAFTSBERICHT DES ZK

7. Dezember

 

Genossen!

Nach den Reden einer ganzen Reihe von Delegierten bleibt mir wenig zu sagen. Zu den Reden Jewdokimows und Muralows habe ich nichts Wesentliches zu bemerken, da sie hierfür keinen Stoff bieten. Über sie ließe sich nur eins sagen: Allah vergebe ihnen ihre Sünden, denn sie wissen nicht, was sie schwätzen. (Heiterkeit, Beifall.) Eingehen möchte ich auf die Rede Rakowskis und vor allem auf die Rede Kamenews, die pharisäischste und verlogenste von allen Reden der Oppositionellen. (Zurufe: „Sehr richtig!“)

I
ÜBER RAKOWSKIS REDE

a) Über Außenpolitik. Ich glaube, Rakowski hätte die Frage des Krieges und der Außenpolitik hier lieber nicht anschneiden sollen. Ein jeder weiß, dass Rakowski auf der Moskauer Konferenz in der Kriegsfrage eine Dummheit gemacht hat. Er ist hierher gekommen und hat das Wort ergriffen, vermutlich, um die begangene Dummheit wieder gutzumachen. Was herauskam, war noch dümmer. (Heiterkeit.) Ich glaube, es wäre für Rakowski besser gewesen, über die Außenpolitik zu schweigen.

b) Über Links und Rechts. Rakowski behauptet, die Opposition sei der linke Sektor unserer Partei. Da lachen ja die Hühner, Genossen! Derartige Erklärungen geben politische Bankrotteure offenbar zu ihrem eigenen Troste ab. Es ist erwiesen, dass die Opposition ein menschewistischer Flügel in unserer Partei ist, dass die Opposition beim Menschewismus gelandet ist, dass die Opposition objektiv zu einem Werkzeug der bürgerlichen Elemente geworden ist. Alles das ist bewiesen und hundertfach erhärtet. Wie kann man da sagen, die Opposition stehe links? Wo hat man je gehört, dass eine menschewistische Gruppe, die objektiv zum Werkzeug einer „dritten Kraft“, der bürgerlichen Elemente, geworden ist, dass so eine Gruppe linker wäre als die Bolschewiki? Liegt es nicht klar auf der Hand, dass die Opposition den rechten, menschewistischen Flügel in de, KPdSU(B) bildet?

Rakowski hat sich offenbar endgültig verheddert, kann rechts und links nicht mehr unterscheiden. Erinnern Sie sich Gogols Selifan: „Ach, du Schwarzfüßige... Weiß nicht, wo rechts und wo links ist!“

c) Über die Hilfe der Opposition. Rakowski erklärt, die Opposition sei bereit, die Partei zu unterstützen, falls die Imperialisten uns angreifen sollten. Sehe einer an, wie gnädig! Sie, eine kleine Gruppe, die nicht einmal ein halbes Prozent unserer Partei ausmacht, bietet uns huldvoll ihre Hilfe an für den Fall, dass die Imperialisten unser Land angreifen sollten. Wir glauben nicht an eure Hilfe, und wir brauchen sie nicht! Wir bitten euch nur um eins: Stört uns nicht, hört auf, uns zu stören! Alles andere werden wir allein besorgen, davon könnt ihr überzeugt sein. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Beifall.)

d) Über „Signalisierer“. Rakowski erklärt weiter, die Opposition signalisiere uns Gefahren, Schwierigkeiten, den „Untergang“ unseres Landes. Das sind mir die rechten „Signalisierer“, die die Partei vor dem „Untergang“ retten wollen, wo sie doch selbst untergehen und tatsächlich der Rettung bedürfen! Sie halten sich selber kaum auf den Beinen und wollen andere retten! Ist das nicht lächerlich, Genossen? (Heiterkeit.)

Stellen Sie sich einen kleinen Kahn auf dem Meere vor, der sich mit Mühe oben hält und jeden Augenblick untergehen muss, und stellen Sie sich einen prächtigen Dampfer vor, der kraftvoll die Wellen durchschneidet und zuversichtlich vorwärts zieht. Was würden Sie sagen, wenn dieser kleine Kahn den großen Dampfer retten wollte? (Heiterkeit.) Nicht wahr, das wäre doch mehr als lächerlich? In genau derselben Lage befinden sich aber gegenwärtig unsere „Signalisierer“ aus der Opposition. Sie signalisieren uns Gefahren, Schwierigkeiten, den „Untergang“, alles, was Sie wollen, wo sie doch selbst untergehen und nicht merken, dass sie bereits Schiffbruch erlitten haben.

Wenn die Oppositionellen sich selbst als „Signalisierer“ bezeichnen, so erheben sie damit Anspruch auf die Führung der Partei, der Arbeiterklasse, des Landes. Fragt sich mit welcher Berechtigung? Haben denn sie, die Oppositionellen, praktisch bewiesen, dass sie überhaupt irgendetwas leiten können, geschweige denn eine Partei, eine Klasse, ein Land? Ist es denn nicht Tatsache, dass die Opposition, geführt von Leuten wie Trotzki, Sinowjew, Kamenew, ihre Gruppe nun bereits seit zwei Jahren leitet und dass die Führer der Opposition ihre Gruppe zum endgültigen Bankrott geführt haben? Ist es nicht Tatsache, dass die Opposition in diesen zwei Jahren ihre Gruppe von Niederlage zu Niederlage geführt hat? Was beweist dies anders, als dass die Oppositionsführer ihre totale Unfähigkeit bekundet haben, dass ihre Leitung sich als eine Leitung zur Niederlage und nicht zum Sieg erwiesen hat? Wenn aber die Oppositionsführer sich im Kleinen als unfähig erwiesen haben, welcher Grund liegt dann vor zu der Annahme, dass sie im Großen mehr Befähigung zeigen werden? Ist es nicht klar, dass niemand sich entschließen wird, die Leitung einer so großen Sache, wie die Partei, die Arbeiterklasse, das Land, Leuten anzuvertrauen, die bei der Leitung einer kleinen Gruppe völlig Bankrott gemacht haben?

Das ist es, was unsere „Signalisierer“ nicht verstehen wollen.

 

 

II
ÜBER KAMENEWS REDE

 

Ich komme zu Kamenews Rede. Diese Rede ist die verlogenste, pharisäischste, betrügerischste und gaunerischste aller Oppositionsreden, die von dieser Tribüne herab gehalten worden sind. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Beifall.)

a) Zwei Gesichter bei einem Wesen. Das erste, womit Kamenew sich in seiner Rede befasste, war, die Spuren zu verwischen. Die Vertreter der Partei sprachen hier von den Errungenschaften unserer Partei, von den Erfolgen unseres Aufbaus, von der Verbesserung unserer Arbeit usw. Sie sprachen weiter von dem menschewistischen Sündenfall der Oppositionellen, sie sprachen davon, dass diese beim Menschewismus gelandet sind, da sie die Möglichkeit eines erfolgreichen Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande leugnen, da sie das Vorhandensein der proletarischen Diktatur in der UdSSR leugnen, da sie die Zweckmäßigkeit der Politik des Bündnisses der Arbeiterklasse mit dem Mittelbauern leugnen, da sie Verleumdungen hinsichtlich eines Thermidor verbreiten usw. Die Vertreter der Partei sagten schließlich, dass solche Ansichten der Opposition unvereinbar sind mit der Zugehörigkeit zu unserer Partei, dass die Opposition diese menschewistischen Ansichten widerrufen muss, wenn sie in der Partei bleiben will.

Und was zeigt sich? Kamenew hat nichts Besseres gefunden, als diese Fragen zu umgehen, die Spuren zu verwischen und daran vorbeizugehen. Man befragt ihn über die wichtigsten Fragen unseres Programms, unserer Politik, unseres Aufbaus. Er aber umgeht sie, als ob ihn das nichts anginge. Kann man ein solches Verhalten Kamenews als ernste. Einstellung zur Sache bezeichnen? Wodurch ist eine solche Haltung der Opposition zu erklären? Sie lässt sich nur durch eins erklären: durch den Wunsch, die Partei zu täuschen, ihre Wachsamkeit einzuschläfern, die Partei noch einmal zu hintergehen.

Die Opposition hat zwei Gesichter: das eine ist pharisäisch-freundlich, das andere menschewistisch-antirevolutionär. Sie zeigt der Partei ihr pharisäisch-freundliches Gesicht, wenn die Partei sie unter Druck setzt und von ihr verlangt, sie solle die Fraktionstätigkeit, die Spaltungspolitik aufgeben. Sie zeigt ihr menschewistisch-antirevolutionäres Gesicht, wenn sie darangeht, an die nichtproletarischen Kräfte zu appellieren, wenn sie darangeht, gegen die Partei, gegen die Sowjetmacht an die „Straße“ zu appellieren. Jetzt wendet sie uns, wie Sie sehen, ihr pharisäisch-freundliches Gesicht zu, da sie die Partei noch einmal betrügen möchte. Das ist der Grund, weshalb Kamenew versucht hat, die Spuren zu verwischen, indem er die wichtigsten Fragen unserer Meinungsverschiedenheiten umging. Kann dieses Doppelspiel, dieses Januswesen noch weiter geduldet werden?

Eins von beiden: Entweder will die Opposition im Ernst mit der Partei reden - und dann muss sie ihre Maske abwerfen; oder aber sie denkt auch weiterhin zwei Gesichter zu behalten - dann aber wird sie außerhalb der Partei bleiben müssen. (Zurufe: „Sehr richtig!“)

b) Von den Traditionen des Bolschewismus. Kamenew versichert, es gehöre nicht zu den Traditionen unserer Partei, zu den Traditionen des Bolschewismus, von einem Parteimitglied zu fordern, er solle gewisse, mit unserer Parteiideologie, mit unserem Programm unvereinbare Ansichten widerrufen. Stimmt das? Natürlich stimmt es nicht. Noch mehr - es ist eine Lüge, Genossen!

Ist es denn nicht Tatsache, dass wir alle, Kamenew inbegriffen, Mjasnikow und die Mjasnikowanhänger aus der Partei ausgeschlossen haben? Weswegen schlossen wir sie aus? Gerade weil ihre menschewistischen Ansichten sich als unvereinbar erwiesen hatten mit den Ansichten der Partei.

Ist es denn nicht Tatsache, dass wir alle, Kamenew inbegriffen, einen Teil der „Arbeiteropposition“ aus der Partei ausgeschlossen haben? Weswegen schlossen wir ihn denn aus? Gerade weil seine menschewistischen Ansichten sich als unvereinbar erwiesen hatten mit den Ansichten unserer Partei.

Und weswegen wurden Ossowski, Daschkowski aus der Partei ausgeschlossen? Weswegen wurden Maslow, Ruth Fischer, Katz und andere aus der Komintern ausgeschlossen? Weil ihre Ansichten sich als unvereinbar erwiesen hatten mit der Ideologie der Komintern, mit der Ideologie der KPdSU(B).

Unsere Partei wäre keine Leninsche Partei, wenn sie das Bestehen antileninistischer Elemente im Rahmen unserer Organisationen für zulässig hielte. Warum sollten wir dann nicht auch Menschewiki in unsere Partei aufnehmen? Wie sollen wir mit Leuten verfahren, die als Mitglieder unserer Partei beim Menschewismus gelandet sind und für ihre antileninistischen Ansichten Propaganda machen? Was kann es Gemeinsames geben zwischen der Leninschen Partei und solchen Leuten? Kamenew verleumdet unsere Partei, er bricht mit den Traditionen unserer Partei, er bricht mit den Traditionen des Bolschewismus, wenn er behauptet, man könne in unserer Partei Leute dulden, die sich zum Menschewismus bekennen und menschewistische Ansichten predigen. Gerade weil Kamenew und mit ihm die ganze Opposition die revolutionären Traditionen unserer Partei mit Füßen treten - gerade darum fordert die Partei von der Opposition, dass sie ihre antileninistischen Ansichten widerrufe.

c) Die angebliche Prinzipientreue der Opposition. Kamenew beteuert, ihm und den anderen Oppositionellen falle es schwer, ihre Ansichten zu widerrufen, weil sie es gewohnt seien, auf bolschewistische Art ihre Ansichten zu verteidigen. Er sagt, es würde prinzipienlos von der Opposition sein, wenn sie ihre Ansichten widerriefe. Es scheint also fast, als wären die Oppositionsführer höchst prinzipientreue Leute. Stimmt das, Genossen? Legen die Oppositionsführer wirklich soviel Wert auf ihre Prinzipien, ihre Ansichten, ihre Überzeugungen? Es sieht nicht ganz danach aus, Genossen. Es sieht nicht danach aus, wenn man an die Geschichte der Bildung des Oppositionsblocks denkt. (Heiterkeit.) Gerade umgekehrt liegen die Dinge. Die Geschichte besagt, die Tatsachen besagen, dass noch niemand so leicht von den einen Prinzipien zu den anderen hinübergewechselt ist, dass noch niemand so leicht und hemmungslos seine Ansichten geändert hat wie die Führer unserer Opposition. Warum sollten sie nicht auch jetzt ihre Ansichten widerrufen, wenn die Parteiinteressen das fordern?

Hier einige Beispiele aus der Geschichte des Trotzkismus.

Bekanntlich berief Lenin, als er die Partei sammelte, im Jahre 1912 eine Konferenz der Bolschewiki in Prag ein. Bekanntlich hatte diese Konferenz größte Bedeutung in der Geschichte unserer Partei, denn sie zog den Trennungsstrich zwischen Bolschewiki und Menschewiki und vereinigte die bolschewistischen Organisationen im ganzen Lande zur einheitlichen bolschewistischen Partei.

Bekanntlich fand in demselben Jahr 1912 eine menschewistische Beratung des Augustblocks mit Trotzki an der Spitze statt. Bekannt ist weiter, dass diese Beratung der bolschewistischen Konferenz den Krieg erklärte und die Arbeiterorganisationen aufrief, die Leninsche Partei zu liquidieren. Wessen beschuldigte damals Trotzkis Augustblock auf seiner Beratung die bolschewistische Konferenz in Prag? Aller Todsünden. Sie bezichtigte sie des Usurpatorentums, des Sektierertums, der Organisation eines „Staatsstreichs“ in der Partei, und der Teufel weiß wessen noch.

Die Beratung des Augustblocks äußerte sich damals in ihrer an die II. Internationale gerichteten Erklärung über die bolschewistische Konferenz in Prag folgendermaßen:

„Die Beratung erklärt diese Konferenz (die Konferenz der Bolschewiki in Prag im Jahre 1912. J. St.) als einen offenen Versuch einer Gruppe von Personen, die mit vollem Bewusstsein die Partei zur Spaltung führten, die Parteifahne zu usurpieren, und spricht ihr tiefes Bedauern darüber aus, dass einige Parteiorganisationen und Genossen diesem Betrug zum Opfer gefallen sind und dadurch die Spaltungs- und Usurpationspolitik der Leninschen Koterie gefördert haben. Die Beratung spricht ihre Überzeugung aus, dass alle Parteiorganisationen in Rußland und im Auslande gegen den ausgeführten Staatsstreich entschieden protestieren, die von der Konferenz gewählten Zentralinstanzen nicht anerkennen werden und mit allen Mitteln die Wiederherstellung der Parteieinheit mittels Einberufung einer wirklich allgemeinen Parteikonferenz fördern werden.“ (Aus der Erklärung des Augustblocks an die II. Internationale, veröffentlicht im „Vorwärts“ vom 26. März 1912.)

Sie sehen, hier ist alles zu finden: Leninsche Koterie, Usurpation und „Staatsstreich“ in der Partei.

Und was weiter? Es vergingen einige Jahre, und Trotzki widerrief diese seine Ansichten über die bolschewistische Partei. Er widerrief sie nicht nur, sondern er kam zur bolschewistischen Partei auf dem Bauche gekrochen und trat in sie ein als eines ihrer aktiven Mitglieder. (Heiterkeit.)

Welchen Grund haben wir nach alledem zu der Annahme, dass Trotzki und die Trotzkisten es nicht fertig bringen werden, ihre Ansichten hinsichtlich Thermidortendenzen in unserer Partei, hinsichtlich Usurpation usw. noch einmal zu widerrufen?

Ein anderes Beispiel aus dem gleichen Gebiet.

Bekanntlich gab Trotzki Ende 1924 eine Broschüre heraus mit dem Titel „Die Lehren des Oktober“. Bekanntlich qualifizierte Trotzki in dieser Broschüre Kamenew und Sinowjew als rechten, halbmenschewistischen Flügel unserer Partei. Bekanntlich wurde diese Broschüre Trotzkis die Ursache einer ganzen Diskussion in unserer Partei. Und was weiter? Kaum war ein Jahr vergangen, da widerrief Trotzki seine Ansichten und erklärte, Sinowjew und Kamenew stellten nicht den rechten Flügel unserer Partei, sondern ihren linken, revolutionären Flügel dar.

Noch ein Beispiel, diesmal aus der Geschichte der Sinowjewgruppe. Bekanntlich haben Sinowjew und Kamenew einen ganzen Haufen Broschüren gegen den Trotzkismus geschrieben. Bekanntlich erklärten Sinowjew und Kamenew noch im Jahre 1925, gemeinsam mit der ganzen Partei, den Trotzkismus als mit dem Leninismus unvereinbar. Bekanntlich haben Sinowjew und Kamenew, gemeinsam mit der ganzen Partei, sowohl auf den Parteitagen unserer Partei als auch auf dem V. Kongress der Komintern Resolutionen über den Trotzkismus als kleinbürgerliche Abweichung zur Annahme gebracht. Und was weiter? Kaum war ein Jahr vergangen, da schworen sie ihre Ansichten ab, sagten sich von ihnen los und verkündeten, Trotzkis Gruppe sei eine wahrhaft Leninsche und revolutionäre Gruppe in unserer Partei. (Zuruf: „Gegenseitige Amnestie !“)

Das Genossen, sind die Tatsachen, deren Zahl auf Wunsch noch vergrößert werden könnte.

Geht aus alledem nicht klar hervor, dass die große Prinzipientreue der Oppositionsführer, von der uns Kamenew hier erzählt, ein Märchen ist, das mit der Wirklichkeit nichts gemein hat?

Ist es nicht klar, dass es in unserer Partei noch niemand zuwege gebracht hat, so leicht und hemmungslos seine Grundsätze abzuschwören wie Trotzki, Sinowjew und Kamenew? (Heiterkeit.)

Es fragt sich: Welchen Grund haben wir zu der Annahme, dass die Oppositionsführer, die schon mehrfach ihre Grundsätze, ihre Ansichten widerrufen haben, es nicht noch einmal über sich bringen werden, sie zu widerrufen?

Ist es nicht klar, dass unsere an die Opposition gerichteten Forderungen, sie möge ihre menschewistischen Ansichten widerrufen, für die Oppositionsführer nicht gar so schwer sind, wie Kamenew das darzustellen versucht? (Heiterkeit.) Sie stehen doch nicht zum erstenmal vor der Notwendigkeit, ihre Ansichten zu widerrufen - warum sollten sie es nicht noch einmal tun? (Heiterkeit.)

d) Entweder die Partei oder die Opposition. Kamenew beteuert, man könne von den Oppositionellen nicht die Aufgabe einiger ihrer Ansichten fordern, die unvereinbar geworden sind mit der Ideologie und mit dem Programm der Partei. Ich habe schon erwähnt, wie wenig ernst diese Behauptung Kamenews ist, wenn man sich die Vergangenheit und Gegenwart des Oppositionsblocks vor Augen führt. Nehmen wir jedoch für einen Augenblick an, Kamenew habe Recht. Was ergäbe sich dann? Kann eine Partei, kann unsere Partei ihren Ansichten, Überzeugungen, Prinzipien entsagen? Kann man von unserer Partei fordern, dass sie ihren Ansichten, ihren Prinzipien entsage? Die Partei hat die bestimmte Überzeugung gewonnen, dass die Opposition ihre antileninistischen Ansichten zu widerrufen verpflichtet ist, dass sie andernfalls aus der Partei hinausfliegen muss. Wenn man von der Opposition nicht den Widerruf ihrer Überzeugungen fordern kann, wieso darf man dann von der Partei fordern, sie solle auf ihre Ansichten und Überzeugungen hinsichtlich der Opposition verzichten? Nach Kamenew liegen die Dinge doch so, dass die Opposition auf ihre antileninistischen Ansichten nicht Verzicht leisten kann, während die Partei Verzicht leisten soll auf ihre Überzeugung, dass es unmöglich ist, die Opposition in unserer Partei zu belassen, wenn diese ihre antileninistischen Ansichten nicht widerruft. Wo bleibt hier die Logik? (Heiterkeit, Beifall.)

Kamenew beteuert, die Oppositionellen seien mutige Leute, die ihre Überzeugung bis zu Ende verfechten. Ich habe wenig Glauben an den Mut und die Prinzipienfestigkeit der Oppositionsführer. Besonders wenig

Mut traue ich zum Beispiel Sinowjew oder Kamenew zu (Heiterkeit), die noch gestern gegen Trotzki wetterten, während sie heute in seinen Armen liegen. (Zuruf: „Sie haben sich an das Bockspringen gewöhnt!“) Nehmen wir jedoch für einen Augenblick an, den Oppositionsführern sei noch etwas Mut und Prinzipienfestigkeit verblieben. Besteht irgendein Grund zu der Annahme, dass die Partei weniger Mut und Prinzipienfestigkeit besitzt als, sagen wir, Sinowjew, Kamenew oder Trotzki? Welcher Grund besteht zu der Annahme, dass es der Partei leichter fallen wird, Verzicht zu leisten auf ihre Überzeugung, dass die menschewistischen Ansichten der Opposition unvereinbar sind mit der Ideologie und dem Programm der Partei, als den Oppositionsführern der Widerruf ihrer Ansichten, die sie so schon dauernd wie Handschuhe wechseln? (Heiterkeit.)

Wird hieraus nicht klar, dass Kamenew von der Partei den Verzicht auf ihre Ansichten über die Opposition und ihre menschewistischen Fehler fordert? Nimmt sich Kamenew nicht zu viel heraus? Wird er nicht der Feststellung beipflichten müssen, dass es gefährlich ist, sich so viel herauszunehmen?

Die Frage ist so gestellt: entweder die Partei oder die Opposition. Entweder widerruft die Opposition ihre antileninistischen Ansichten, oder sie tut es nicht - und dann wird sie spurlos aus der Partei verschwinden. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Beifall.)

e) Die Opposition hat mit den Traditionen des Bolschewismus gebrochen. Kamenew behauptet, es entspräche nicht den bolschewistischen Traditionen, von Parteimitgliedern den Widerruf ihrer Ansichten zu fordern. Die Diskussionsredner haben überzeugend nachgewiesen, dass dies falsch ist. Die Tatsachen bestätigen, dass Kamenew die direkte Unwahrheit sagt.

Aber nun die Frage: Entspricht vielleicht das, was die Opposition sich herausgenommen hat und noch weiter herausnimmt, den bolschewistischen Traditionen? Die Opposition hat eine Fraktion organisiert und sie in eine Partei innerhalb unserer bolschewistischen Partei verwandelt. Wo aber hat man je gehört, dass die bolschewistischen Traditionen irgendjemand eine solche Schändlichkeit erlaubt hätten? Wie kann man von bolschewistischen Traditionen reden, wenn man gleichzeitig die Partei spaltet und in ihr eine neue, antibolschewistische Partei bildet?

Weiter. Die Opposition hat eine illegale Druckerei eingerichtet, nachdem sie einen Block mit bürgerlichen Intellektuellen eingegangen ist, die ihrerseits, wie sich gezeigt hat, einen Block mit unverhüllten Weißgardisten gebildet haben. Es fragt sich: Wie kann man von Traditionen des Bolschewismus reden, wenn man diese Schändlichkeiten verübt, die an direkten Verrat an der Partei und der Sowjetmacht grenzen?

Schließlich organisierte die Opposition eine parteifeindliche, antisowjetische Demonstration, womit sie an die „Straße“, an nichtproletarische Elemente appellierte. Wie aber kann man von bolschewistischen Traditionen reden, wenn man gegen seine Partei, gegen seine Sowjetmacht an die „Straße“ appelliert? Wo hat man je gehört, dass die bolschewistischen Traditionen derartige Schändlichkeiten zuließen, die an direkte Konterrevolution grenzen?

Ist es nicht klar, dass Kamenew von Traditionen des Bolschewismus redet, um im Interesse seiner antibolschewistischen Gruppe seinen Bruch mit diesen Traditionen zu verschleiern?

Aus dem Appell an die „Straße“ hat die Opposition nichts herausschlagen können, da sie sich als eine nichtige Gruppe erwiesen hat. Aber dass es so gekommen ist, das ist nicht ihr Verdienst, sondern ihr Malheur. Was aber, wenn die Opposition etwas stärker wäre? Ist es nicht klar, dass der Appell an die „Straße“ sich in einen richtigen Putsch gegen die Sowjetmacht verwandelt hätte? Ist es denn schwer zu begreifen, dass dieser Versuch der Opposition sich im Grunde durch nichts unterscheidet von dem bekannten Versuch der linken Sozialrevolutionäre im Jahre 1918? (Zurufe: „Sehr richtig!“) Von Rechts wegen hätten wir die aktiven Verfechter der Opposition wegen derartiger Versuche am 7. November sämtlich verhaften lassen müssen. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Anhaltender Beifall.) Wir haben davon abgesehen, nur weil sie uns leid taten, weil wir Großmut zeigten und ihnen die Möglichkeit geben wollten, zur Vernunft zu kommen. Sie aber deuteten unsere Großmut als Schwäche.

Ist es nicht klar, dass Kamenews Gerede über die bolschewistischen Traditionen leeres und falsches Geschwätz ist, das den Bruch der Opposition mit den Traditionen des Bolschewismus verdecken soll?

f) Über scheinbare und wahre Einheit. Kamenew sang uns hier Hymnen auf die Einheit. Er floss schier über, als er die Partei bat, zu Hilfe zu kommen und die Einheit „um jeden Preis“ herzustellen. Sie, die’ Oppositionsführer, sind auf einmal gegen eine Politik von zwei Parteien. Sie sind auf einmal für die Einheit der Partei „um jeden Preis“. Indessen wissen wir aber ganz genau, dass im selben Augenblick, da Kamenew hier die Parteieinheit besang, seine Gesinnungsgenossen in ihren illegalen Versammlungen Resolutionen fassten, denen zufolge die Einheitserklärung der Opposition ein Manöver ist, das die Erhaltung ihrer Kräfte und die Fortsetzung ihrer Spaltungspolitik sicherstellen soll. Auf der einen Seite - Einheitshymnen der Oppositionellen auf dem Parteitag der Leninschen Partei. Auf der anderen Seite - illegale Bemühungen der Oppositionellen um die Spaltung der Partei, um die Schaffung einer zweiten Partei, um Untergrabung der Parteieinheit. Das heißt bei ihnen Einheit „um jeden Preis“. Ist es nicht an der Zeit, mit diesem verbrecherischen, gaunerischen Spiel Schluss zu machen?

Kamenew sprach von Einheit. Einheit mit wem? Einheit mit der Partei oder mit Schtscherbakow? Ist es nicht an der Zeit, zu begreifen, dass es nicht angeht, die Leninisten und die Herren Schtscherbakow in ein und derselben Partei zu vereinigen?

Kamenew sprach von Einheit. Einheit mit wem? Mit Maslow und Souvarine oder mit der Komintern und der KPdSU(B)? Ist es nicht an der Zeit, zu begreifen, dass es nicht angeht, über Einheit mit der KPdSU(B) und der Komintern zu sprechen, während man die Einheit mit den Maslow und Souvarine aufrechterhält? Ist es nicht an der Zeit, zu begreifen, dass es unmöglich ist, die Leninschen Ansichten mit den menschewistischen Ansichten der Opposition zu vereinigen?

Lenin mit Abramowitsch vereinigen? Nein und abermals nein, Genossen! Es ist an der Zeit, mit diesem gaunerischen Spiel Schluss zu machen.

Das ist der Grund, warum ich glaube, dass Kamenews Gerede über Einheit „um jeden Preis“ ein pharisäisches Spiel ist, das die Partei täuschen soll.

Wir brauchen wirkliche Einheit, kein Spiel mit der Einheit. Haben wir die wahre Leninsche Einheit in unserer Partei? Ja, wir haben sie. Wenn 99 Prozent unserer Partei für die Partei und gegen die Opposition stimmen, so ist das eine wirkliche und wahrhaft proletarische Einheit, wie wir sie noch nie in unserer Partei hatten. Hier haben wir einen Parteitag ohne einen einzigen oppositionellen Delegierten. (Beifall.) Was ist das anders als die Einheit unserer Leninschen Partei? Das eben heißt bei uns Leninsche Einheit der bolschewistischen Partei.

g) „Die Opposition hat ausgespielt!“ Die Partei hat alles getan, was nur getan werden konnte, um die Opposition auf den Leninschen Weg zu bringen. Die Partei ließ die größte Milde und Großmut walten, um der Opposition die Möglichkeit zu bieten, zur Vernunft zu kommen und ihre Fehler zu korrigieren. Die Partei forderte die Opposition auf, offen und ehrlich vor der ganzen Partei ihre antileninistischen Ansichten zu widerrufen. Die Partei forderte die Opposition auf, ihre Fehler einzugestehen und sie zu brandmarken, um sich ein für allemal von ihnen frei zu machen. Die Partei forderte die Opposition auf, restlos die Waffen zu strecken, sowohl in ideologischer als auch in organisatorischer Beziehung.

Was bezweckt die Partei damit? Sie bezweckt damit, mit der Opposition Schluss zu machen und zur positiven Arbeit überzugehen. Sie will die Opposition endlich beseitigen, um unmittelbar unsere gewaltige Aufbauarbeit in Angriff nehmen zu können.

Lenin sagte auf dem X. Parteitag: „Wir brauchen jetzt keine Opposition... mit der Opposition ist es jetzt zu Ende, sie hat ausgespielt, wir haben jetzt von den Oppositionen genug!“

W.I. Lenin, Schlusswort zum Rechenschaftsbericht des ZK an den X. Parteitag der KPR(B) vom 9. März 1921 (siehe „Werke“, 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 177, russ.).

Die Partei will, dass diese Losung Lenins in den Reihen unserer Partei endlich verwirklicht werde. (Anhaltender Beifall.)

Wenn die Opposition die Waffen streckt - gut. Wenn sie nicht die Waffen strecken will - dann werden wir sie selbst entwaffnen. (Zurufe: „Sehr richtig!“ Beifall.)

 

 

III
SCHLUSSFOLGERUNGEN

 

Der Rede Kamenews ist zu entnehmen, dass die Opposition nicht gewillt ist, restlos die Waffen zu strecken. Dasselbe besagt die Erklärung der Opposition vom 3. Dezember. Die Opposition zieht es offenbar vor, außerhalb der Partei zu bleiben. Nun wohl, mag sie also außerhalb der Partei stehen. Darin, dass sie es vorziehen, außerhalb der Partei zu bleiben, dass sie sich von der Partei trennen, liegt nichts Schreckliches, nichts Besonderes, nichts Verwunderliches. Geht man die Geschichte unserer Partei durch, so wird einem klar, dass jedesmal bei bestimmten ernsten Wendungen unserer Partei ein gewisser Teil der alten Führer aus dem Wagen der bolschewistischen Partei hinauskippte und neuen Leuten Platz machte. Eine Wendung ist eine ernste Sache, Genossen. Eine Wendung ist gefährlich für Leute, die im Parteiwagen nicht fest sitzen. Bei einer Wendung kann nicht jeder das Gleichgewicht behalten. Man macht mit dem Wagen eine Wendung, man sieht sich um, und einer oder der andere ist aus ihm hinausgekippt. (Beifall.)

Nehmen wir das Jahr 1903, die Zeit des II. Parteitags unserer Partei. Das war eine Periode der Wendung der Partei von einem Übereinkommen mit den Liberalen zum Kampf auf Leben und Tod gegen die liberale Bourgeoisie, von der Vorbereitung des Kampfes gegen den Zarismus zum offenen Kampf gegen ihn, zum Kampf für die völlige Zerschlagung des Zarismus und Feudalismus. An der Spitze der Partei stand damals die Sechsergruppe Plechanow, Sassulitsch, Martow, Lenin, Axelrod, Potressow. Die Wendung erwies sich als verhängnisvoll für fünf Mitglieder dieser Sechsergruppe. Sie kippten aus dem Wagen. Lenin allein blieb. (Beifall.) Es kam so, dass alte Führer der Partei, Begründer der Partei (Plechanow, Sassulitsch, Axelrod) und zwei junge (Martow und Potressow) einem gleichfalls jungen Führer, Lenin, gegenüberstanden. Wenn Sie wüssten, wie damals geschrieen, gejammert und geheult wurde, die Partei werde zugrunde gehen, die Partei werde nicht standhalten, ohne die alten Führer werde nichts aus der Sache werden. Aber das Schreien und Klagen verhallte, die Tatsachen dagegen blieben. Die Tatsachen aber waren so beschaffen, dass gerade dank dem Abgang der Fünf die Partei auf den richtigen Weg gelangte. Jetzt ist es jedem Bolschewik klar, dass unsere Partei sich ohne den entschlossenen Kampf Lenins gegen die Fünf, ohne die Verdrängung der Fünf niemals hätte zusammenschließen können zur Partei der Bolschewiki, die imstande ist, die Proletarier zur Revolution gegen die Bourgeoisie zu führen. (Zurufe: „Sehr richtig!“)

Nehmen wir die nächste Periode, die Jahre 1907 und 1908. Dies war die Periode der Wendung unserer Partei vom offenen revolutionären Kampf gegen den Zarismus zu den Kampfmethoden der Umgehung, zur Ausnutzung aller und jeglicher legalen Möglichkeiten - von den Versicherungskassen bis zur Dumatribüne. Das war die Periode des Rückzugs, nachdem wir in der Revolution von 1905 geschlagen worden waren. Diese Wendung erforderte von uns die Aneignung neuer Kampfmethoden, um nach der Sammlung der Kräfte den offenen revolutionären Kampf gegen den Zarismus aufs Neue aufzunehmen. Aber diese Wendung erwies sich als verhängnisvoll für eine ganze Reihe alter Bolschewiki. Aus dem Wagen kippte Alexinski, der eine Zeitlang kein schlechter Bolschewik gewesen war. Hinaus kippte Bogdanow, der einer der am ernstesten zu nehmenden Führer unserer Partei gewesen war. Hinaus kippte Roshkow, ein ehemaliges Mitglied des ZK unserer Partei. Und so weiter. Wehgeschrei und Heulereien über einen Untergang der Partei gab es damals wohl nicht weniger als im Jahre 1903. Aber das Wehgeschrei verhallte, die Tatsachen dagegen blieben. Die Tatsachen aber besagten, dass unsere Partei nicht imstande gewesen wäre, unter den neuen Kampfbedingungen auf den richtigen Weg zu gelangen, wenn sie nicht von den schwankenden und das Werk der Revolution hemmenden Leuten gesäubert worden wäre. Was bezweckte Lenin damals? Nur eins: die Partei so rasch wie möglich von den schwankenden und lamentierenden Elementen zu befreien, damit sie die Partei nicht am Vorwärtskommen hinderten. (Beifall.)

So, Genossen, wuchs unsere Partei.

Unsere Partei ist ein lebender Organismus. Wie in jedem Organismus, so findet auch in ihr ein Stoffwechsel statt: Altes, Absterbendes fällt ab (Beifall), Neues, Wachsendes lebt und entwickelt sich (Beifall). Die einen gehen, sowohl oben wie unten. Es wachsen neue Kräfte heran, sowohl oben wie unten, und führen das Werk weiter. So wuchs unsere Partei, so wird sie auch in Zukunft wachsen.

Dasselbe ist über die gegenwärtige Periode unserer Revolution zu sagen. Wir durchleben jetzt eine Periode der Wendung von der Wiederherstellung der Industrie und der Landwirtschaft zur Rekonstruktion der ganzen Volkswirtschaft, zu ihrem Umbau auf neuer technischer Grundlage, da der Aufbau des Sozialismus nicht mehr eine Zukunftsperspektive ist, sondern eine aktuelle praktische Aufgabe, die die Überwindung der ernstesten Schwierigkeiten innerer und äußerer Natur erforderlich macht.

Sie wissen, dass diese Wendung sich als verhängnisvoll erwiesen hat für die Führer unserer Opposition, die vor den neuen Schwierigkeiten Angst bekamen und nun beabsichtigten, die Partei aufs Kapitulantentum hinzulenken. Und wenn jetzt einige Führer, die nicht fest im Wagen sitzen wollen, aus ihm hinauskippen sollten, so kann das nicht wundernehmen. Dies wird die Partei nur von Leuten befreien, die ihr an den Füßen hängen und sie am Vormarsch hindern. Diese Leute scheinen ernstlich aus unserem Parteiwagen hinaus zu wollen. Nun wohl, wenn diese oder jene alten Führer sich in Ballast verwandeln und aus dem Wagen kippen wollen, so ist das wohl der ihnen beschiedene Weg! (Stürmischer, anhaltender Beifall. Der ganze Saal erhebt sich und bereitet denn genossen Stalin eine Ovation.)