J.W. Stalin
REDE BEI DER PARADE DER ROTEN ARMEE
Gehalten am 7. November 1941 auf dem Roten Platz in Moskau







Genossen Rotarmisten und Matrosen der Roten Flotte, Kommandeure und politische Funktionäre, Arbeiter und Arbeiterinnen, Kollektivbauern und Kollektivbäuerinnen, Kopfarbeiter, Brüder und Schwestern im Hinterland unseres Feindes, die ihr vorübergehend unter das Joch der deutschen Räuber geraten seid, und ihr, unsere ruhmreichen Partisanen und Partisaninnen, die ihr die rückwärtigen Einrichtungen und Dienste der deutschen Eindringlinge zerstört!

Im Namen der Sowjetregierung und unserer bolschewistischen Partei begrüße und beglückwünsche ich euch zum 24. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution.

Genossen! Unter schweren Verhältnissen müssen wir heute den 24. Jahrestag der Oktoberrevolution feiern. Der wortbrüchige Überfall der deutschen Räuber und der uns aufgezwungene Krieg haben eine Bedrohung für unser Land geschaffen. Wir haben zeitweilig eine Reihe von Gebieten verloren, der Feind steht vor den Toren Leningrads und Moskaus. Der Feind rechnete darauf, unsere Armee würde gleich nach dem ersten Schlag zerstreut und unser Land auf die Knie gezwungen sein. Aber der Feind hat sich gründlich verrechnet. Trotz zeitweiliger Mißerfolge schlagen unsere Armee und unsere Flotte die Angriffe des Feindes an der ganzen Front heldenhaft ab, wobei sie ihm schwere Verluste zufügen, und unser Land, unser ganzes Land, hat sich zu einem einigen Kampflager zusammengeschlossen, um gemeinsam mit unserer Armee und unserer Flotte die Zerschmetterung der deutschen Eindringlinge zu verwirklichen.

Es hat Tage gegeben, wo unser Land sich in einer noch schwereren Lage befunden hat. Erinnert euch des Jahres 1918, als wir den ersten Jahrestag der Oktoberrevolution feierten. Drei Viertel unseres Landes befanden sich damals in den Händen der ausländischen Interventen. Die Ukraine, der Kaukasus, Mittelasien, der Ural, Sibirien, der Ferne Osten waren uns zeitweilig verlorengegangen. Wir hatten keine Verbündeten, wir hatten keine Rote Armee - wir begannen sie eben erst zu organisieren -, es fehlte an Getreide, es fehlte an Waffen, es fehlte an Ausrüstung. Vierzehn Staaten bedrängten damals unser Land. Aber wir verzagten nicht, wir ließen den Mut nicht sinken. Im Feuer des Krieges organisierten wir damals unsere Rote Armee und verwandelten unser Land in ein Kriegslager. Der Geist des großen Lenin beseelte uns damals zum Krieg gegen die Interventen. Und was geschah? Wir schlugen die Interventen, gewannen alle verlorenen Gebiete zurück und errangen den Sieg.

Heute ist die Lage unseres Landes unvergleichlich besser als vor dreiundzwanzig Jahren. Unser Land ist heute an Industrie sowie an Lebensmitteln und Rohstoffen um ein Vielfaches reicher als vor dreiundzwanzig Jahren. Wir haben jetzt Verbündete, die zusammen mit uns in einer Einheitsfront gegen die deutschen Räuber stehen. Wir besitzen heute die Sympathie und die Unterstützung all der Völker Europas, die unter das Joch der Hitlertyrannei geraten sind. Wir haben jetzt eine vorzügliche Armee und eine vorzügliche Flotte, die die Freiheit und Unabhängigkeit unserer Heimat unter Einsatz ihres Lebens verteidigen. Bei uns herrscht weder an Lebensmitteln noch an Waffen und Ausrüstung ernsthafter Mangel. Unser ganzes Land, alle Völker unseres Landes unterstützen unsere Armee und unsere Flotte und helfen ihnen, die Räuberhorden der deutschen Faschisten zu schlagen. Unsere Menschenreserven sind unerschöpflich. Der Geist des großen Lenin und sein siegreiches Banner begeistern uns heute zum Vaterländischen Krieg ebenso wie vor dreiundzwanzig Jahren.

Läßt sich etwa bezweifeln, daß wir die deutschen Okkupanten besiegen können und besiegen müssen?

Der Feind ist nicht so stark, wie manche erschrockene Intelligenzler ihn hinstellen. Der Teufel ist nicht so furchtbar, wie man ihn an die Wand malt. Wer könnte leugnen, daß unsere Rote Armee die vielgepriesenen deutschen Truppen schon oftmals in panikartige Flucht geschlagen hat? Wenn man nicht nach den prahlerischen Erklärungen der deutschen Propagandisten, sondern nach der wirklichen Lage Deutschlands urteilt, so ist es nicht schwer zu verstehen, daß die faschistischen deutschen Eindringlinge vor einer Katastrophe stehen. In Deutschland herrschen jetzt Hunger und Elend, in vier Kriegsmonaten hat Deutschland viereinhalb Millionen Soldaten verloren. Deutschland verblutet, seine Menschenreserven versiegen, der Geist der Empörung ergreift nicht nur die Völker Europas, die unter das Joch der deutschen Landräuber geraten sind, sondern auch das deutsche Volk selbst, das kein Ende des Krieges sieht. Die deutschen Eindringlinge spannen ihre letzten Kräfte an. Es ist nicht zu bezweifeln, daß Deutschland eine solche Anspannung nicht lange aushalten kann. Noch ein paar Monate, noch ein halbes Jahr, vielleicht ein Jährchen - und Hitlerdeutschland muß unter der Last seiner Verbrechen zusammenbrechen.

Genossen Rotarmisten und Matrosen der Roten Flotte, Kommandeure und politische Funktionäre, Partisanen und Partisaninnen! Auf euch blickt die ganze Welt als auf die Macht, die fähig ist, die räuberischen Heerhaufen der deutschen Eindringlinge zu vernichten. Auf euch blicken die geknechteten Völker Europas, die unter das Joch der deutschen Räuber geraten sind, als auf ihre Befreier. Eine große Befreiungsmission ist euch übertragen worden. So seid denn dieser Mission würdig! Der Krieg, den ihr führt, ist ein Befreiungskrieg, ein gerechter Krieg. Möge euch in diesem Krieg das heldenmütige Vorbild eurer großen Vorfahren beseelen - Alexander Newskis, Dmitri Donskois, Kusma Minins, Dmitri Posharski, Alexander Suworows, Michail Kutusows! Möge euch das siegreiche Banner des großen Lenin Kraft verleihen!

Für die völlige Zerschmetterung der deutschen Eindringlinge!

Tod den deutschen Okkupanten!

Es lebe unsere ruhmreiche Heimat, ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit!

Unter dem Banner Lenins vorwärts zum Sieg!

Stalin: Werke, Bd. 14, KPD/ML, Verlag Roter Morgen, Dortmund 1976, S. 259 - 261