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Gesammelte

STALINWERKE :

 

 

 

 

Band 15

Mai 1945 - Dezember 1952

Seite 163 - 225

 

DER MARXISMUS UND DIE FRAGEN DER SPRACHWISSENSCHAFT

29. Juni 1950

"Prawda", 4. Juli 1950.

 

 

 

ÜBER DEN MARXISMUS IN DER SPRACHWISSENSCHAFT

 

Eine Gruppe jüngerer Genossen hat sich an mich mit der Bitte gewandt, in der Presse meine Meinung über Fragen der Sprachwissenschaft zu äußern, insbesondere was den Marxismus in der Sprachwissenschaft betrifft. Ich bin kein Sprachforscher und kann die Genossen natürlich nicht völlig zufrieden stellen. Was freilich den Marxismus in der Sprachwissenschaft wie auch in anderen Gesellschaftswissenschaften betrifft, so habe ich damit direkt zu tun. Daher habe ich mich bereit erklärt, eine Reihe von Fragen, die von den Genossen gestellt wurden, zu beantworten.

 

Frage: Ist es richtig, dass die Sprache ein Überbau der Basis ist?

Antwort: Nein, das ist nicht richtig.

Die Basis ist die ökonomische Struktur der Gesellschaft in der gegebenen Etappe ihrer Entwicklung. Der Überbau - das sind die politischen, juristischen, religiösen, künstlerischen, philosophischen Anschauungen der Gesellschaft und die ihnen entsprechenden politischen, juristischen und anderen Institutionen.

Jede Basis hat ihren eigenen, ihr entsprechenden Überbau. Die Basis der Feudalordnung hat ihren Überbau, ihre politischen, juristischen und sonstigen Anschauungen und die ihnen entsprechenden Institutionen, die kapitalistische Basis hat ihren Überbau, die sozialistische den ihrigen. Ändert sich die Basis und wird sie beseitigt, so ändert sich anschließend ihr Überbau und wird beseitigt; entsteht eine neue Basis, so entsteht anschließend auch ein ihr entsprechender Überbau.

Die Sprache unterscheidet sich in dieser Hinsicht grundlegend vom Überbau. Man nehme zum Beispiel die russische Gesellschaft und die russische Sprache. Im Laufe der letzten 30 Jahre wurde in Rußland die alte, die kapitalistische Basis beseitigt und eine neue, die sozialistische Basis geschaffen. Dementsprechend wurde der Überbau der kapitalistischen Basis beseitigt und ein neuer, der sozialistischen Basis entsprechender Überbau errichtet. Die alten politischen, juristischen und sonstigen Institutionen sind folglich durch neue, sozialistische ersetzt worden. Aber dessen ungeachtet ist die russische Sprache im Wesentlichen die gleiche geblieben, die sie vor der Oktoberumwälzung war.

Was hat sich in dieser Periode in der russischen Sprache verändert? Verändert hat sich in einem bestimmten Maße der Wortbestand der russischen Sprache; er hat sich in dem Sinne verändert, dass er durch eine beträchtliche Anzahl neuer Wörter und Ausdrücke ergänzt wurde, die im Zusammenhang mit dem Aufkommen der neuen, sozialistischen Produktion, mit der Entstehung des neuen Staats, der neuen, sozialistischen Kultur, des neuen gesellschaftlichen Lebens, der neuen Moral und schließlich im Zusammenhang mit dem Wachstum der Technik und der Wissenschaft entstanden sind; verändert hat sich der Sinn einer Reihe von Wörtern und Ausdrücken, die eine neue Bedeutung erhalten haben; eine bestimmte Anzahl veralteter Wörter ist aus dem Wortbestand verschwunden. Was jedoch den grundlegenden Wortschatz und den grammatikalischen Bau der russischen Sprache betrifft, die die Grundlage der Sprache bilden, so wurden sie nach der Beseitigung der kapitalistischen Basis nicht nur nicht beseitigt und durch einen neuen grundlegenden Wortschatz und einen neuen grammatikalischen Sprachbau ersetzt, sondern sind im Gegenteil unversehrt erhalten geblieben und haben keine irgendwie ernstlichen Veränderungen erfahren - sie sind erhalten geblieben eben als Grundlage der gegenwärtigen russischen Sprache.

Ferner. Der Überbau wird von der Basis hervorgebracht, aber das bedeutet keineswegs, dass er die Basis lediglich widerspiegelt, dass er passiv, neutral, gleichgültig ist gegenüber dem Schicksal seiner Basis, dem Schicksal der Klassen, dem Charakter der Gesellschaftsordnung. Im Gegenteil, einmal auf die Welt gekommen, wird er zu einer gewaltigen aktiven Kraft, trägt er aktiv dazu bei, dass seine Basis ihre bestimmte Form annimmt und sich festigt, trifft er alle Maßnahmen, um der neuen Gesellschaftsordnung zu helfen, der alten Basis und den alten Klassen den Rest zu geben und sie zu beseitigen.

Anders kann es auch nicht sein. Der Überbau wird von der Basis ja gerade dazu geschaffen, um ihr zu dienen, um ihr aktiv zu helfen, ihre bestimmte Form anzunehmen und sich zu festigen, um aktiv für die Beseitigung der alten, überlebten Basis samt ihrem alten Überbau zu kämpfen. Der Überbau braucht nur diese seine dienende Rolle aufzugeben, der Überbau braucht nur von der Position der aktiven Verteidigung seiner Basis auf die Position einer gleichgültigen Einstellung zu ihr, auf die Position einer undifferenzierten Einstellung zu den Klassen überzugehen, und er büßt seine Eigenschaft ein und hört auf, Überbau zu sein.

Die Sprache unterscheidet sich in dieser Hinsicht grundlegend vom Überbau. Die Sprache ist nicht durch diese oder jene Basis, durch eine alte oder neue Basis, innerhalb einer gegebenen Gesellschaft, hervorgebracht worden, sondern durch den ganzen Gang der Geschichte der Gesellschaft und der Geschichte der Basen im Verlauf von Jahrhunderten. Sie ist nicht von irgendeiner Klasse allein geschaffen worden, sondern von der ganzen Gesellschaft, von allen Klassen der Gesellschaft, durch die Bemühungen Hunderter von Generationen. Sie ist geschaffen worden, um die Bedürfnisse nicht irgendeiner Klasse allein, sondern die Bedürfnisse der ganzen Gesellschaft, aller Klassen der Gesellschaft zu befriedigen. Eben darum ist sie als eine für die Gesellschaft einheitliche und allen Mitgliedern der Gesellschaft gemeinsame Sprache des gesamten Volkes geschaffen worden. Infolgedessen besteht die dienende Rolle der Sprache als eines Mittels des menschlichen Verkehrs nicht darin, dass sie einer Klasse zum Schaden anderer Klassen dient, sondern darin, dass sie der ganzen Gesellschaft, allen Klassen der Gesellschaft in gleicher Weise dient. Daraus erklärt sich denn auch, dass die Sprache sowohl einer alten, sterbenden Gesellschaftsordnung als auch einer neuen, aufsteigenden Gesellschaftsordnung, sowohl einer alten als auch einer neuen Basis, sowohl den Ausbeutern als auch den Ausgebeuteten in gleicher Weise dienen kann.

Für niemand ist die Tatsache ein Geheimnis, dass die russische Sprache vor der Oktoberumwälzung dem russischen Kapitalismus und der russischen bürgerlichen Kultur ebenso gut diente, wie sie heute der sozialistischen Ordnung und der sozialistischen Kultur der russischen Gesellschaft dient.

Dasselbe muss gesagt werden von der ukrainischen, bjelorussischen, usbekischen, kasachischen, georgischen, armenischen, estnischen, lettischen, litauischen, moldauischen, tatarischen, aserbaidshanischen, baschkirischen, turkmenischen Sprache und den anderen Sprachen der sowjetischen Nationen, die der alten, bürgerlichen Ordnung dieser Nationen ebenso gut dienten, wie sie der neuen, sozialistischen Ordnung dienen.

Anders kann es auch nicht sein. Die Sprache ist ja gerade dazu da, sie ist ja gerade dazu geschaffen, der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit als Werkzeug des menschlichen Verkehrs zu dienen, eine für die Mitglieder der Gesellschaft gemeinsame und für die Gesellschaft einheitliche Sprache zu sein, die den Mitgliedern der Gesellschaft, unabhängig von deren Klassenlage, in gleicher Weise dient. Die Sprache braucht nur von dieser Position, der Position einer Sprache des gesamten Volkes, abzugehen, die Sprache braucht nur die Position der Bevorzugung und Unterstützung irgendeiner sozialen Gruppe zum Schaden anderer sozialer Gruppen der Gesellschaft zu beziehen, und sie büßt ihre Eigenschaft ein, sie hört auf, ein Mittel des Verkehrs der Menschen in der Gesellschaft zu sein, sie wird zum Jargon irgendeiner sozialen Gruppe, sie degradiert und verurteilt sich zum Verschwinden.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Sprache, die sich grundsätzlich vom Überbau unterscheidet, jedoch nicht von den Produktionsinstrumenten, sagen wir, von den Maschinen, die den Klassen gegenüber ebenso gleichgültig sind wie die Sprache und die sowohl der kapitalistischen als auch der sozialistischen Gesellschaftsordnung in gleicher Weise dienen können.

Weiter. Der Überbau ist das Produkt einer Epoche, in deren Verlauf die gegebene ökonomische Basis besteht und wirkt. Daher besteht der Überbau nicht lange, er wird beseitigt und verschwindet mit der Beseitigung und dem Verschwinden der gegebenen Basis.

Die Sprache dagegen ist das Produkt einer ganzen Reihe von Epochen, in deren Verlauf sie sich formt, bereichert, entwickelt, ihren Schliff erhält. Daher lebt die Sprache unvergleichlich länger als jede beliebige Basis und jeder beliebige Überbau. Daraus erklärt sich denn auch, dass die Entstehung und die Beseitigung nicht nur einer einzigen Basis und ihres Überbaus, sondern auch mehrerer Basen und der ihnen entsprechenden Überbauten in der Geschichte nicht zur Beseitigung der gegebenen Sprache, zur Beseitigung ihrer Struktur und zur Geburt einer neuen Sprache mit neuem Wortschatz und neuem grammatikalischem Bau führen.

Seit dem Tode Puschkins sind über hundert Jahre vergangen. In dieser Zeit wurden in Rußland die Feudalordnung sowie die kapitalistische Ordnung beseitigt, und es entstand eine dritte, die sozialistische. Ordnung. Folglich wurden zwei Basen mitsamt ihren Überbauten beseitigt, und es entstand eine neue, die sozialistische Basis mit ihrem neuen Überbau. Nimmt man aber zum Beispiel die russische Sprache, so hat sie in dieser langen Zeitspanne keine Umwälzung erfahren, und die heutige russische Sprache unterscheidet sich ihrer Struktur nach kaum von der Sprache Puschkins.

Was hat sich in dieser Zeit in der russischen Sprache verändert? In dieser Zeit hat sich der Wortbestand der russischen Sprache erheblich ergänzt; eine große Anzahl veralteter Wörter ist aus dem Wortbestand verschwunden; die Bedeutung einer beträchtlichen Anzahl von Wörtern hat sich verändert; der grammatikalische Bau der Sprache hat sich verbessert. Was die Struktur der Sprache Puschkins samt ihrem grammatikalischen Bau und ihrem grundlegenden Wortschatz betrifft, so ist sie als Grundlage der heutigen russischen Sprache in allem Wesentlichen erhalten geblieben.

Das ist auch durchaus begreiflich. In der Tat, wozu ist es nötig, dass nach jeder Umwälzung die bestehende Struktur der Sprache, ihr grammatikalischer Bau und grundlegender Wortschatz vernichtet und durch neue ersetzt werden, wie das gewöhnlich mit dem Überbau geschieht? Wem ist damit gedient, wenn „Wasser“, „Erde“, „Berg“, „Wald“, „Fisch“, „Mensch“, „gehen“, „tun“, „herstellen“, „kaufen“ usw. nicht Wasser, Erde, Berg usw. heißen, sondern irgendwie anders? Wem ist damit gedient, wenn die Beugung der Wörter in der Sprache und die Verbindung der Wörter im Satz nicht nach der vorhandenen, sondern nach einer ganz anderen Grammatik erfolgen? Welchen Nutzen hätte die Revolution von einer derartigen Umwälzung in der Sprache? Die Geschichte tut überhaupt nichts Wesentliches, ohne dass dafür eine besondere Notwendigkeit vorliegt. Es fragt sich, welche Notwendigkeit für eine solche sprachliche Umwälzung vorliegt, wenn erwiesen ist, dass die bestehende Sprache mit ihrer Struktur im wesentlichen durchaus geeignet ist, die Bedürfnisse der neuen Gesellschaftsordnung zu befriedigen. Man kann und muss im Laufe einiger Jahre den alten Überbau vernichten und ihn durch einen neuen ersetzen, um der Entwicklung der Produktivkräfte der Gesellschaft freie Bahn zu geben; wie aber könnte man die bestehende Sprache vernichten und im Laufe einiger Jahre an ihrer Stelle eine neue Sprache aufbauen, ohne in das gesellschaftliche Leben Anarchie hineinzutragen, ohne die Gefahr eines Zerfalls der Gesellschaft heraufzubeschwören? Wer außer einem Don Quichotte könnte sich eine solche Aufgabe stellen?

Schließlich besteht noch ein grundlegender Unterschied zwischen dem Überbau und der Sprache. Der Überbau ist nicht unmittelbar mit der Produktion, mit der Produktionstätigkeit des Menschen verbunden. Er ist mit der Produktion nur indirekt, vermittels der Ökonomik, vermittels der Basis verbunden. Daher spiegelt der Überbau die Veränderungen im Entwicklungsniveau der Produktivkräfte nicht sofort und nicht direkt wider, sondern nach den Veränderungen in der Basis, indem die Veränderungen in der Produktion ihre Reflexion in den Veränderungen in der Basis gefunden haben. Dies bedeutet, dass der Wirkungsbereich des Überbaus eng und begrenzt ist.

Die Sprache dagegen ist mit der Produktionstätigkeit des Menschen unmittelbar verbunden, und nicht nur mit der Produktionstätigkeit, sondern auch mit jeder anderen Tätigkeit des Menschen in allen Bereichen seiner Arbeit, von der Produktion bis zur Basis, von der Basis bis zum Überbau. Daher spiegelt die Sprache Veränderungen in der Produktion sofort und unmittelbar wider, ohne die Veränderungen in der Basis abzuwarten. Daher ist der Wirkungsbereich der Sprache, die alle Tätigkeitsgebiete des Menschen umfasst, viel weiter und vielseitiger als der Wirkungsbereich des Überbaus. Mehr noch, er ist nahezu unbegrenzt.

Hieraus erklärt sich vor allem auch, dass sich die Sprache, eigentlich ihr Wortbestand, im Zustand einer fast ununterbrochenen Veränderung befindet. Das ununterbrochene Wachstum der Industrie und Landwirtschaft, des Handels und Verkehrs, der Technik und Wissenschaft erfordert von der Sprache die Ergänzung ihres Wortbestandes durch neue Wörter und Ausdrücke, deren sie für ihr Wirken bedürfen. Und die Sprache, die diese Bedürfnisse unmittelbar widerspiegelt, ergänzt ihren Wortbestand durch neue Wörter und vervollkommnet ihren grammatikalischen Bau.

Also :

a) Ein Marxist kann die Sprache nicht als Überbau der Basis betrachten;

b) die Sprache mit dem Überbau verwechseln, heißt einen ernsten Fehler begehen.

 

Frage: Ist es richtig, dass die Sprache stets eine Klassensprache war und bleibt, dass es keine für die Gesellschaft gemeinsame und einheitliche, nicht klassengebundene Sprache des gesamten Volkes gibt?

Antwort: Nein, das ist nicht richtig.

Es ist nicht schwer zu begreifen, dass in einer Gesellschaft, in der es keine Klassen gibt, von einer Klassensprache nicht einmal die Rede sein kann. Die Gentilordnung der Urgemeinschaft kannte keine Klassen, folglich konnte es dort auch keine Klassensprache geben - die Sprache war dort gemeinsam und einheitlich für das ganze Kollektiv. Der Einwand, dass unter Klasse jedes Kollektiv von Menschen, darunter auch das Kollektiv der Urgemeinschaft, zu verstehen sei, ist kein Einwand, sondern ein Spiel mit Worten, das keiner Widerlegung bedarf.

Was die weitere Entwicklung von den Gentilsprachen zu den Stammessprachen, von den Stammessprachen zu den Sprachen der Völkerschaften und von den Sprachen der Völkerschaften zu den Nationalsprachen betrifft, so war die Sprache als Mittel des Verkehrs der Menschen in der Gesellschaft überall, in allen Entwicklungsetappen, eine für die Gesellschaft gemeinsame und einheitliche Sprache, die den Mitgliedern der Gesellschaft, unabhängig von ihrer sozialen Stellung, in gleicher Weise diente.

Ich habe hier nicht die Reiche aus der Periode der Sklaverei und des Mittelalters, sagen wir, das Reich des Cyrus oder Alexanders des Großen, das Reich Cäsars oder Karls des Großen, im Auge, die keine eigene ökonomische Basis besaßen und zeitweilige, nicht stabile militärisch-administrative Vereinigungen darstellten. Diese Reiche besaßen nicht nur keine für das Reich einheitliche und allen Angehörigen des Reichs verständliche Sprache, sondern konnten sie auch gar nicht besitzen. Sie stellten ein Konglomerat von Stämmen und Völkerschaften dar, die ihr Eigenleben führten und ihre eigenen Sprachen besaßen. Nicht diese und ähnliche Reiche habe ich also im Auge, sondern diejenigen Stämme und Völkerschaften, die zu einem Reiche gehörten, ihre eigene ökonomische Basis hatten und ihre von alters her herausgebildeten Sprachen besaßen. Die Geschichte zeigt, dass die Sprachen dieser Stämme und Völkerschaften keine Klassensprachen, sondern Sprachen des gesamten Volkes waren, gemeinsam für die Stämme und Völkerschaften und ihnen verständlich.

Natürlich gab es daneben Dialekte, lokale Mundarten, doch die einheitliche und gemeinsame Sprache des Stammes beziehungsweise der Völkerschaft war vorherrschend und ordnete sich diese unter.

Später, mit dem Aufkommen des Kapitalismus, mit der Beseitigung der feudalen Zersplitterung und mit der Bildung eines nationalen Marktes entwickelten sich die Völkerschaften zu Nationen und die Sprachen der Völkerschaften zu Nationalsprachen. Die Geschichte zeigt, dass die Nationalsprachen keine Klassensprachen, sondern Sprachen des gesamten Volkes sind, gemeinsam für die Angehörigen der Nationen und einheitlich für die Nation.

Oben wurde gesagt, dass die Sprache als Mittel des Verkehrs der Menschen in der Gesellschaft allen Klassen der Gesellschaft in gleicher Weise dient und in dieser Hinsicht den Klassen gewissermaßen gleichgültig gegenübersteht.

Aber die Menschen, die einzelnen sozialen Gruppen, die Klassen stehen der Sprache bei weitem nicht gleichgültig gegenüber. Sie sind bestrebt, die Sprache in ihrem Interesse auszunutzen und ihr ihren besonderen Wortschatz, ihre besonderen Termini, ihre besonderen Ausdrücke aufzuzwingen. In dieser Hinsicht zeichnen sich besonders die Oberschichten der besitzenden Klassen aus, die sich vom Volk losgelöst haben und das Volk hassen: die Adelsaristokratie, die Oberschichten der Bourgeoisie. Es werden „Klassen“dialekte, Jargons, Salon“sprachen“ geschaffen. In der Literatur werden diese Dialekte und Jargons nicht selten fälschlich als Sprachen qualifiziert: als „Adelssprache“, als „Bourgeoissprache“ im Gegensatz zur „Proletariersprache“, zur „Bauernsprache“. Auf dieser Grundlage sind einige unserer Genossen, so sonderbar das auch ist, zu dem Schluss gelangt, dass die Nationalsprache eine Fiktion sei, dass real nur Klassensprachen beständen.

Ich glaube, dass nichts fehlerhafter ist als ein solcher Schluss. Darf man diese Dialekte und Jargons für Sprachen halten? Auf keinen Fall. Erstens nicht, weil diese Dialekte und Jargons keinen eigenen grammatikalischen Bau und keinen eigenen grundlegenden Wortschatz haben - sie entlehnen beides der Nationalsprache. Zweitens nicht, weil die Dialekte und Jargons einen engen Anwendungsbereich unter den Angehörigen der Oberschicht dieser oder jener Klasse haben und für die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit als Mittel des Verkehrs der Menschen in der Gesellschaft völlig unbrauchbar sind. Was haben nun die Dialekte und Jargons? Sie haben eine Anzahl gewisser spezifischer Wörter, die die spezifischen Geschmacksrichtungen der Aristokratie oder der Oberschichten der Bourgeoisie widerspiegeln, eine gewisse Anzahl von Ausdrücken und Redewendungen, die sich durch Gesuchtheit, Galanterie auszeichnen und frei sind von den „groben“ Ausdrücken und Wendungen der Nationalsprache; sie haben schließlich eine gewisse Anzahl von Fremdwörtern. Alles Wesentliche aber, das heißt die überwältigende Mehrheit der Wörter und der grammatikalische Bau, ist der Sprache des gesamten Volkes, der Nationalsprache, entnommen. Folglich stellen die Dialekte und Jargons Abzweigungen von der Sprache des gesamten Volkes, der Nationalsprache, dar, die jeder sprachlichen Selbständigkeit entbehren und zum Dahinvegetieren verurteilt sind. Zu glauben, Dialekte und Jargons könnten sich zu selbständigen Sprachen entwickeln, die imstande wären, die Nationalsprache zu verdrängen und zu ersetzen, heißt, die historische Perspektive verlieren und die Position des Marxismus verlassen.

Man beruft sich auf Marx, man zitiert eine Stelle aus seiner Schrift „Sankt Max“, wo gesagt wird, dass der Bourgeois „seine Sprache“ besitzt, dass diese Sprache ein „Produkt der Bourgeoisie ist“, dass sie vom Geiste des Merkantilismus und des Schachers durchdrungen ist. Mit diesem Zitat wollen einige Genossen beweisen, dass Marx angeblich für den „Klassencharakter“ der Sprache gewesen sei, dass er die Existenz einer einheitlichen Nationalsprache in Abrede gestellt habe. Wären diese Genossen objektiv an die Frage herangegangen, so hätten sie auch ein anderes Zitat aus der gleichen Schrift „Sankt Max“ anführen müssen, wo Marx die Frage der Entstehungswege einer einheitlichen Nationalsprache berührt und von „auf ökonomischer und politischer Konzentration beruhender Konzentration der Dialekte innerhalb einer Nation zur Nationalsprache“ spricht.

Folglich erkannte Marx die Notwendigkeit einer einheitlichen Nationalsprache als einer höheren Form an, der die Dialekte als die niedrigeren Formen untergeordnet sind.

Was kann denn dann die Sprache des Bourgeois darstellen, die nach Marx ein „Produkt der Bourgeoisie ist“? Hielt Marx sie für eine ebensolche Sprache, wie es die Nationalsprache ist, für eine Sprache mit einer eigenen, besonderen Sprachstruktur? Konnte er sie für eine solche Sprache halten? Natürlich nicht! Marx wollte einfach sagen, dass die Bourgeois mit ihrem Krämerlexikon die einheitliche Nationalsprache verschandelt haben, dass also die Bourgeois ihren eigenen Krämerjargon haben.

Daraus ergibt sich, dass diese Genossen die Auffassung von Marx entstellt haben. Und sie haben sie entstellt, weil sie Marx nicht wie Marxisten, sondern wie Buchstabengelehrte zitierten, ohne in das Wesen der Sache einzudringen.

Man beruft sich auf Engels, man zitiert aus der Broschüre „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ die Worte von Engels, dass die englische „...arbeitende Klasse allmählich ein ganz anderes Volk geworden ist als die englische Bourgeoisie“, „die Arbeiter sprechen andre Dialekte, haben andre Ideen und Vorstellungen, andre Sitten und Sittenprinzipien, andre Religion und Politik als die Bourgeoisie“. Ausgehend von diesem Zitat ziehen einige Genossen den Schluss, dass Engels die Notwendigkeit einer Sprache des gesamten Volkes, einer Nationalsprache in Abrede gestellt habe, dass er also für den „Klassencharakter“ der Sprache eingetreten sei. Engels spricht hier zwar nicht von der Sprache, sondern vom Dialekt, da er sich durchaus darüber im Klaren ist, dass der Dialekt als Abzweigung von der Nationalsprache die Nationalsprache nicht ersetzen kann. Aber diese Genossen haben offenbar für das Bestehen eines Unterschiedes zwischen Sprache und Dialekt nicht viel übrig...

Offensichtlich ist das angeführte Zitat fehl am Platz, da Engels hier nicht von „Klassensprachen“ spricht, sondern hauptsächlich von klassenbedingten Ideen, Vorstellungen, Sitten, Sittenprinzipien, Religion und Politik. Es ist vollkommen richtig, dass die Ideen, Vorstellungen, Sitten und Sittenprinzipien, die Religion und Politik der Bourgeois und der Proletarier einander direkt entgegengesetzt sind. Was hat das aber mit der Nationalsprache oder dem „Klassencharakter“ der Sprache zu tun? Kann etwa das Vorhandensein von Klassengegensätzen in der Gesellschaft als ein Argument zugunsten des „Klassencharakters“ der Sprache oder gegen die Notwendigkeit einer einheitlichen Nationalsprache dienen? Der Marxismus besagt, dass die Gemeinschaft der Sprache eines der wichtigsten Merkmale der Nation ist, wobei er sehr gut weiß, dass innerhalb der Nation Klassengegensätze bestehen. Erkennen die erwähnten Genossen diese marxistische These an?

Man beruft sich auf Lafargue und weist darauf hin, dass Lafargue in seiner Broschüre „Die französische Sprache vor und nach der Revolution“ den „Klassencharakter“ der Sprache anerkenne und angeblich die Notwendigkeit einer Sprache des gesamten Volkes, einer Nationalsprache leugne. Das ist falsch. Lafargue spricht tatsächlich von einer „Adelssprache“ oder „Sprache der Aristokratie“ und von „Jargons“ verschiedener Gesellschaftsschichten. Diese Genossen vergessen jedoch, dass Lafargue, der sich für die Frage des Unterschiedes zwischen Sprache und Jargon nicht interessierte und der die Dialekte bald als „gekünstelte Sprache“, bald als „Jargon“ bezeichnete, in seiner Broschüre mit Bestimmtheit erklärt: „Die gekünstelte Sprache, die den Aristokraten kennzeichnete ... wurde abgeleitet aus der Volkssprache, die Bourgeois und Handwerker, Stadt und Land sprachen.“

Lafargue erkennt also das Bestehen und die Notwendigkeit einer Sprache des gesamten Volkes an, da er sich über den untergeordneten Charakter und die Abhängigkeit der „Sprache der Aristokratie“ sowie der anderen Dialekte und Jargons von der Sprache des gesamten Volkes durchaus im Klaren ist.

Die Berufung auf Lafargue trifft also daneben.

Man beruft sich darauf, dass einst in England die englischen Feudalherren „jahrhundertelang“ französisch sprachen, während das englische Volk englisch sprach, und dass dieser Umstand angeblich ein Argument zugunsten des „Klassencharakters“ der Sprache und gegen die Notwendigkeit einer Sprache des gesamten Volkes sei. Das ist jedoch kein Argument, sondern geradezu ein Witz. Erstens sprachen damals nicht alle Feudalherren französisch, sondern nur eine unbedeutende Oberschicht der englischen Feudalherren am königlichen Hof und in den Grafschaften. Zweitens sprachen sie nicht irgendeine „Klassensprache“, sondern die gewöhnliche, vom ganzen französischen Volk gesprochene Sprache. Drittens ist bekanntlich die Manier, französisch zu sprechen, dann spurlos verschwunden und hat der vom ganzen Volk gesprochenen englischen Sprache Platz gemacht. Glauben diese Genossen denn, die englischen Feudalherren hätten sich mit dem englischen Volk „jahrhundertelang“ nur durch Dolmetscher verständigt, die englischen Feudalherren hätten sich nicht der englischen Sprache bedient, es habe damals keine Sprache des gesamten englischen Volkes gegeben, die französische Sprache sei damals in England mehr gewesen als eine ausschließlich im engen Kreis der Oberschicht der englischen Aristokratie gebräuchliche Salonsprache? Wie kann man auf Grund solcher anekdotenhafter „Argumente" das Vorhandensein und die Notwendigkeit einer Sprache des gesamten Volkes in Abrede stellen?

Auch die russischen Aristokraten hatten eine Zeitlang am Zarenhof und in den Salons die Manier, französisch zu sprechen. Sie taten sich etwas darauf zugute, beim Russischsprechen zu französeln und Russisch nur mit französischem Akzent sprechen zu können. Bedeutet dies, dass es in Rußland damals keine vom ganzen Volk gesprochene russische Sprache gegeben hätte, dass die Sprache des gesamten Volkes damals eine Fiktion, die „Klassensprachen“ aber eine Realität gewesen wären?

Unsere Genossen begehen hierbei zumindest zwei Fehler.

Der erste Fehler besteht darin, dass sie die Sprache mit dem Überbau verwechseln. Sie glauben, wenn der Überbau einen Klassencharakter hat, müsse auch die Sprache keine Sprache des gesamten Volkes, sondern eine Klassensprache sein. Ich sagte aber bereits oben, dass Sprache und Überbau zwei verschiedene Begriffe sind, dass ein Marxist ihre Verwechslung nicht zulassen kann.

Der zweite Fehler besteht darin, dass diese Genossen die Gegensätzlichkeit der Interessen der Bourgeoisie und des Proletariats, ihren erbitterten Klassenkampf als einen Zerfall der Gesellschaft, als einen Abbruch jedweder Beziehungen zwischen den feindlichen Klassen auffassen. Sie sind der Ansicht, da die Gesellschaft nun einmal zerfallen sei und es keine einheitliche Gesellschaft mehr gebe, sondern nur Klassen, sei auch keine einheitliche Sprache der Gesellschaft, keine Nationalsprache nötig. Was bleibt aber, wenn die Gesellschaft zerfallen ist und wenn es keine Sprache des gesamten Volkes, keine Nationalsprache mehr gibt? Es bleiben Klassen und „Klassensprachen“. Es versteht sich, dass jede „Klassensprache“ ihre eigene „Klassen“grammatik haben wird, ihre „proletarische“ Grammatik oder ihre „bürgerliche“ Grammatik. Allerdings gibt es solche Grammatiken in Wirklichkeit nicht, aber das stört diese Genossen nicht: sie glauben, dass solche Grammatiken entstehen werden.

Es gab bei uns einmal „Marxisten“, die behaupteten, die in unserem Lande nach der Oktoberumwälzung verbliebenen Eisenbahnen seien bürgerliche Eisenbahnen, es stehe uns Marxisten nicht an, sie zu benutzen, man müsse sie abtragen und neue, „proletarische“ Bahnen bauen. Sie erhielten dafür den Spitznamen „Troglodyten“...

Es versteht sich, dass diese primitiv anarchistische Auffassung von der Gesellschaft, den Klassen und der Sprache mit Marxismus nichts zu tun hat. Zweifellos aber besteht und lebt sie noch in den Hirnen einiger unserer Genossen, die sich verheddert haben.

Natürlich trifft es nicht zu, dass die Gesellschaft infolge des Bestehens des erbitterten Klassenkampfes in ökonomisch nicht mehr miteinander in einer Gesellschaft verbundene Klassen zerfallen sei. Im Gegenteil. Solange der Kapitalismus besteht, werden Bourgeois und Proletarier als Teile der einheitlichen kapitalistischen Gesellschaft durch alle Fäden der Wirtschaft miteinander verbunden sein. Die Bourgeois können nicht leben und sich bereichern, ohne Lohnarbeiter zu ihrer Verfügung zu haben, die Proletarier können nicht existieren, ohne sich den Kapitalisten zu verdingen. Der Abbruch jedweder wirtschaftlichen Beziehungen zwischen ihnen bedeutet die Einstellung jedweder Produktion, die Einstellung jedweder Produktion aber führt zum Untergang der Gesellschaft, zum Untergang der Klassen selbst. Es versteht sich, dass sich keine Klasse der Vernichtung aussetzen will. Daher kann der Klassenkampf, wie scharf er auch sein mag, nicht zum Zerfall der Gesellschaft führen. Nur Ignoranz in Fragen des Marxismus und völliges Verkennen der Natur der Sprache konnten einige unserer Genossen auf das Märchen vom Zerfall der Gesellschaft, von „Klassen“sprachen, von „Klassen“grammatiken bringen.

Man beruft sich ferner auf Lenin und erinnert daran, dass Lenin das Vorhandensein zweier Kulturen im Kapitalismus, der bürgerlichen und der proletarischen, anerkannt hat und dass die Losung der nationalen Kultur im Kapitalismus eine nationalistische Lösung ist. All das ist richtig, und Lenin hat hier absolut Recht. Was hat das aber mit dem „Klassencharakter“ der Sprache zu tun? Mit dem Hinweis auf Lenins Worte von den zwei Kulturen im Kapitalismus wollen diese Genossen dem Leser offenbar einreden, das Vorhandensein zweier Kulturen in der Gesellschaft, der bürgerlichen und der proletarischen, bedeute, dass es auch zwei Sprachen geben müsse, da die Sprache mit der Kultur zusammenhängt, dass Lenin folglich die Notwendigkeit einer einheitlichen Nationalsprache in Abrede stelle, dass Lenin folglich für „Klassen“sprachen sei. Der Fehler dieser Genossen besteht hier darin, dass sie Sprache und Kultur identifizieren und miteinander verwechseln. Indessen sind Kultur und Sprache zwei verschiedene Dinge. Die Kultur kann sowohl eine bürgerliche als auch eine sozialistische Kultur sein, die Sprache aber als Mittel des Verkehrs ist stets Sprache des gesamten Volkes und kann sowohl der bürgerlichen als auch der sozialistischen Kultur dienen. Ist es denn nicht Tatsache, dass die russische, die ukrainische, die usbekische Sprache heute der sozialistischen Kultur dieser Nationen ebenso gut dienen, wie sie vor der Oktoberumwälzung ihren bürgerlichen Kulturen gedient haben? Diese Genossen irren sich also gründlich, wenn sie behaupten, das Vorhandensein zweier verschiedener Kulturen führe zur Bildung zweier verschiedener Sprachen und zur Verneinung der Notwendigkeit einer einheitlichen Sprache.

Als Lenin von den zwei Kulturen sprach, ging er gerade von der These aus, dass das Vorhandensein zweier Kulturen nicht zur Verneinung einer einheitlichen Sprache und zur Bildung zweier Sprachen führen kann, dass die Sprache einheitlich sein muss. Als die Bundisten Lenin beschuldigten, er verneine die Notwendigkeit einer Nationalsprache und behandle die Kultur als „nichtnational“, protestierte Lenin bekanntlich scharf dagegen und erklärte, er kämpfe gegen die bürgerliche Kultur, nicht aber gegen die Nationalsprache, deren Notwendigkeit er für unbestreitbar halte. Es ist sonderbar, dass einige unserer Genossen in den Fußtapfen der Bundisten wandeln.

Was die einheitliche Sprache betrifft, deren Notwendigkeit Lenin angeblich verneint, so sollte man sich folgende Worte Lenins anhören:

„Die Sprache ist das wichtigste Mittel des menschlichen Verkehrs; die Einheit der Sprache und ihre ungehinderte Entwicklung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen wahrhaft freien und umfassenden, dem modernen Kapitalismus entsprechenden Handelsverkehr, für eine freie und umfassende Gruppierung der Bevölkerung nach all den einzelnen Klassen.“

Es ergibt sich, dass die verehrten Genossen die Anschauungen Lenins entstellt haben.

Man beruft sich schließlich auf Stalin. Man führt ein Zitat aus Stalin an, wonach „die Bourgeoisie und ihre nationalistischen Parteien in dieser Periode die leitende Hauptkraft dieser Nationen waren und bleiben“. Das alles ist richtig. Die Bourgeoisie und ihre nationalistische Partei leiten tatsächlich die bürgerliche Kultur, genau wie das Proletariat und seine internationalistische Partei die proletarische Kultur leiten. Was hat das aber mit dem „Klassencharakter“ der Sprache zu tun? Ist diesen Genossen denn nicht bekannt, dass die Nationalsprache die Form der nationalen Kultur ist, dass die Nationalsprache sowohl der bürgerlichen als auch der sozialistischen Kultur dienen kann? Kennen unsere Genossen wirklich nicht die bekannte Formel der Marxisten, dass die heutige russische, ukrainische, bjelorussische Kultur und andere Kulturen dem Inhalt nach sozialistisch und der Form, das heißt der Sprache nach national sind? Sind sie mit dieser marxistischen Formel einverstanden?

Der Fehler unserer Genossen besteht hier darin, dass sie den Unterschied zwischen Kultur und Sprache nicht sehen und nicht verstehen, dass sich die Kultur ihrem Inhalt nach mit jeder neuen Entwicklungsperiode der Gesellschaft verändert, während die Sprache mehrere Perioden lang im wesentlichen die gleiche Sprache bleibt und sowohl der neuen als auch der alten Kultur in gleicher Weise dient.

Also :

a) Die Sprache als Mittel des Verkehrs war und bleibt stets eine für die Gesellschaft einheitliche und für ihre Mitglieder gemeinsame Sprache;

b) das Vorhandensein von Dialekten und Jargons ist keine Verneinung, sondern eine Bestätigung des Vorhandenseins einer Sprache des gesamten Volkes, deren Abzweigungen sie darstellen und der sie untergeordnet sind;

c) die Formel vom „Klassencharakter“ der Sprache ist eine fehlerhafte, unmarxistische Formel.

 

Frage: Welches sind die charakteristischen Merkmale der Sprache?

Antwort: Die Sprache gehört zu den gesellschaftlichen Erscheinungen, die während der ganzen Zeit des Bestehens der Gesellschaft wirksam sind. Sie entsteht und entwickelt sich mit dem Entstehen und der Entwicklung der Gesellschaft. Sie stirbt mit dem Zeitpunkt des Todes der Gesellschaft. Außerhalb der Gesellschaft gibt es keine Sprache. Daher kann man die Sprache und ihre Entwicklungsgesetze nur dann verstehen, wenn man sie in unlösbarem Zusammenhang mit der Geschichte der Gesellschaft, mit der Geschichte des Volkes studiert, dem die zu studierende Sprache gehört und das der Schöpfer und Träger dieser Sprache ist.

Die Sprache ist ein Mittel, ein Werkzeug, mit dessen Hilfe die Menschen miteinander verkehren, ihre Gedanken austauschen und eine gegenseitige Verständigung anstreben. Mit dem Denken unmittelbar verbunden, registriert und fixiert die Sprache in Wörtern und in der Verbindung von Wörtern zu Sätzen die Ergebnisse der Denktätigkeit, die Erfolge der Erkenntnistätigkeit des Menschen und ermöglicht somit den Gedankenaustausch in der menschlichen Gesellschaft.

Der Gedankenaustausch ist eine ständige und lebenswichtige Notwendigkeit, da es ohne ihn nicht möglich ist, ein gemeinsames Handeln der Menschen im Kampf gegen die Naturkräfte, im Kampf für die Erzeugung der notwendigen materiellen Güter zustande zu bringen, da es ohne ihn nicht möglich ist, Erfolge in der Produktionstätigkeit der Gesellschaft zu erzielen, und folglich das Bestehen einer gesellschaftlichen Produktion selbst nicht möglich ist. Ohne eine der Gesellschaft verständliche und ihren Mitgliedern gemeinsame Sprache stellt die Gesellschaft folglich die Produktion ein, zerfällt und hört auf, als Gesellschaft zu bestehen. In diesem Sinne ist die Sprache als Werkzeug des Verkehrs gleichzeitig ein Werkzeug des Kampfes und der Entwicklung der Gesellschaft.

Bekanntlich bilden alle Wörter, die es in einer Sprache gibt, zusammen den so genannten Wortbestand der Sprache. Das Wichtigste im Wortbestand der Sprache ist der grundlegende Wortschatz, dessen Kern alle Wurzelwörter bilden. Er ist von viel geringerem Umfang als der Wortbestand der Sprache, aber er lebt sehr lange, jahrhundertelang und liefert der Sprache die Grundlage für die Bildung neuer Wörter. Der Wortbestand spiegelt den Zustand der Sprache wider: je reicher und vielseitiger der Wortbestand ist, desto reicher und entwickelter ist die Sprache.

Aber der Wortbestand an sich macht noch nicht die Sprache aus - er ist vielmehr nur das Baumaterial für die Sprache. Ähnlich wie im Bauwesen das Baumaterial noch kein Gebäude ausmacht, obgleich es unmöglich ist, ohne Baumaterial ein Gebäude zu errichten, genauso macht der Wortbestand der Sprache noch nicht die Sprache selbst aus, obgleich ohne ihn keine Sprache denkbar ist. Der Wortbestand der Sprache gewinnt jedoch größte Bedeutung, wenn er der Grammatik der Sprache zugeführt wird, die die Regeln für die Beugung der Wörter, die Regeln für die Verbindung der Wörter zum Satz bestimmt und auf diese Weise der Sprache einen harmonischen, sinnvollen Charakter verleiht. Die Grammatik (Morphologie, Syntax) ist eine Sammlung von Regeln für die Beugung der Wörter und für die Verbindung der Wörter zum Satz. Folglich erhält die Sprache eben gerade durch die Grammatik die Möglichkeit, die menschlichen Gedanken in eine materielle sprachliche Hülle zu kleiden.

Die charakteristische Besonderheit der Grammatik besteht darin, dass sie die Regeln für die Beugung der Wörter gibt, wobei sie nicht konkrete Wörter, sondern die Wörter überhaupt, ohne jede Konkretheit im Auge hat, sie gibt die Regeln für die Bildung von Sätzen, wobei sie nicht irgendwelche konkreten Sätze, sagen wir ein konkretes Subjekt, ein konkretes Prädikat und dergleichen, im Auge hat, sondern überhaupt alle beliebigen Sätze, unabhängig von der konkreten Form dieses oder jenes Satzes. Folglich nimmt die Grammatik, die sowohl bei den Wörtern als auch bei den Sätzen vom Besonderen und Konkreten abstrahiert, das Allgemeine, das den Beugungen der 'Wörter und der Verbindung der Wörter zu Sätzen zugrunde liegt, und leitet daraus grammatikalische Regeln, grammatikalische Gesetze ab. Die Grammatik ist das Ergebnis einer langen, abstrahierenden Arbeit des menschlichen Denkens, ein Gradmesser für die gewaltigen Erfolge des Denkens.

In dieser Hinsicht erinnert die Grammatik an die Geometrie, die eigene Gesetze aufstellt, indem sie von den konkreten Gegenständen abstrahiert, die Gegenstände als Körper betrachtet, die von allem Konkreten losgelöst sind, und die Beziehungen zwischen ihnen nicht als konkrete Beziehungen zwischen den und den konkreten Gegenständen definiert, sondern als Beziehungen zwischen den Körpern schlechthin, die von allem Konkreten losgelöst sind.

Zum Unterschied vom Überbau, der mit der Produktion nicht direkt, sondern vermittels der Ökonomik verbunden ist, ist die Sprache unmittelbar mit der Produktionstätigkeit des Menschen ebenso wie mit jeder anderen Tätigkeit in ausnahmslos allen Bereichen seiner Arbeit verbunden.

Deswegen befindet sich der Wortbestand der Sprache, da er für Veränderungen am empfänglichsten ist, im Zustand einer fast ununterbrochenen Veränderung; dabei braucht die Sprache zum Unterschied vom Überbau nicht die Beseitigung der Basis abzuwarten, sie nimmt vor der Beseitigung der Basis und unabhängig vom Zustand der Basis Veränderungen an ihrem Wortbestand vor.

Der Wortbestand der Sprache verändert sich jedoch nicht wie der Überbau, nicht durch die Beseitigung des Alten und den Aufbau des Neuen, sondern durch die Ergänzung des bestehenden Wortbestandes durch neue Wörter, die im Zusammenhang mit den Veränderungen der sozialen Ordnung, mit der Entwicklung der Produktion, mit der Entwicklung der Kultur, der Wissenschaft usw. entstanden sind. Hierbei kommt, obgleich gewöhnlich eine gewisse Anzahl veralteter Wörter aus dem Wortbestand der Sprache verschwindet, eine viel größere Anzahl neuer Wörter hinzu. Was aber den grundlegenden Wortschatz betrifft, so bleibt er in allem Wesentlichen erhalten und wird als Grundlage des Wortbestandes der Sprache benutzt.

Das ist auch verständlich. Es besteht keinerlei Notwendigkeit, den grundlegenden Wortschatz zu vernichten, wenn er während einer Reihe von historischen Perioden mit Erfolg benutzt werden kann, ganz zu schweigen davon, dass die Vernichtung des im Laufe von Jahrhunderten angesammelten grundlegenden Wortschatzes angesichts der Unmöglichkeit, innerhalb einer kurzen Zeit einen neuen grundlegenden Wortschatz zu schaffen, zur Lähmung der Sprache, zur völligen Zerrüttung des Verkehrs der Menschen untereinander führen würde.

Der grammatikalische Bau der Sprache verändert sich noch langsamer als ihr grundlegender Wortschatz. Der im Laufe der Epochen herausgearbeitete und der Sprache in Fleisch und Blut übergegangene grammatikalische Bau verändert sich noch langsamer als der grundlegende Wortschatz. Er erfährt natürlich mit der Zeit Veränderungen, er vervollkommnet sich, er verbessert und präzisiert seine Regeln und bereichert sich durch neue Regeln, aber die Grundlagen des grammatikalischen Baus bleiben über eine sehr lange Zeit hin erhalten, da sie, wie die Geschichte zeigt, der Gesellschaft während einer Reihe von Epochen mit Erfolg zu dienen vermögen.

Somit bilden der grammatikalische Bau der Sprache und ihr grundlegender Wortschatz die Grundlage der Sprache, ihr spezifisches Wesen.

Die Geschichte zeigt eine große Stabilität und kolossale Widerstandsfähigkeit der Sprache gegen gewaltsame Assimilation. Statt diese Erscheinung zu erklären, beschränken sich manche Historiker darauf, sich darüber zu wundern. Zur Verwunderung liegt hier jedoch kein Grund vor. Die Stabilität der Sprache erklärt sich aus der Stabilität ihres grammatikalischen Baus und ihres grundlegenden Wortschatzes. Jahrhundertelang bemühten sich die türkischen Assimilatoren, die Sprachen der Balkanvölker zu verstümmeln, zu zerstören und zu vernichten. In dieser Periode erfuhr der Wortbestand der Balkansprachen bedeutsame Veränderungen, es wurden nicht wenige türkische Wörter und Ausdrücke entlehnt, es gab sowohl „Verbindungen“ als auch „Trennungen“, aber die Balkansprachen hielten stand und blieben am Leben. Warum?

Weil der grammatikalische Bau und der grundlegende Wortschatz dieser Sprachen im wesentlichen erhalten blieben.

Aus alledem folgt, dass man die Sprache und ihre Struktur nicht als Produkt irgendeiner Epoche allein betrachten darf. Die Struktur der Sprache, ihr grammatikalischer Bau und ihr grundlegender Wortschatz sind das Produkt einer Reihe von Epochen.

Es ist anzunehmen, dass die Elemente der modernen Sprache schon im grauesten Altertum, vor der Epoche der Sklaverei, gebildet wurden. Das war eine unkomplizierte Sprache mit einem sehr dürftigen Wortschatz, aber mit einem eigenen grammatikalischen Bau, der zwar primitiv, aber doch ein grammatikalischer Bau war.

Die weitere Entwicklung der Produktion, das Aufkommen von Klassen, das Aufkommen der Schrift, die Entstehung des Staates, der für die Verwaltung einen mehr oder minder geregelten Schriftverkehr brauchte, die Entwicklung des Handels, der einen geregelten Schriftverkehr noch mehr brauchte, das Aufkommen der Druckerpresse, die Entwicklung der Literatur - all das führte in der Entwicklung der Sprache zu großen Veränderungen. Während dieser Zeit haben sich die Stämme und Völkerschaften zersplittert und voneinander geschieden, vermischt und gekreuzt, und in der Folgezeit kamen Nationalsprachen und Nationalstaaten auf, vollzogen sich revolutionäre Umwälzungen, wurden alte Gesellschaftsordnungen durch neue abgelöst. All das führte zu noch größeren Veränderungen in der Sprache und in ihrer Entwicklung.

Es wäre jedoch grundfalsch, wollte man annehmen, dass die Entwicklung der Sprache ebenso vor sich gegangen sei wie die Entwicklung des Überbaus: durch die Vernichtung des Bestehenden und den Aufbau des Neuen. In Wirklichkeit vollzog sich die Entwicklung der Sprache nicht durch die Vernichtung der bestehenden und durch den Aufbau einer neuen Sprache, sondern durch die Entfaltung und Vervollkommnung der Grundelemente der bestehenden Sprache. Hierbei vollzog sich der Übergang von einer Qualität der Sprache zu einer anderen Qualität nicht durch eine Explosion, nicht durch die schlagartige Vernichtung des Alten und den Aufbau des Neuen, sondern durch allmähliche und lang währende Ansammlung von Elementen einer neuen Qualität, einer neuen Sprachstruktur, durch das allmähliche Absterben der Elemente der alten Qualität.

Man sagt, die Theorie der stadialen Entwicklung der Sprache sei eine marxistische Theorie, da sie die Notwendigkeit plötzlicher Explosionen als Voraussetzung für den Übergang der Sprache von einer alten zu einer neuen Qualität anerkennt. Das ist natürlich falsch, denn in dieser Theorie wird man schwerlich etwas Marxistisches finden. Und wenn die Theorie der Stadialität wirklich plötzliche Explosionen in der Entwicklungsgeschichte der Sprache anerkennt - umso schlimmer für sie. Der Marxismus anerkennt keine plötzlichen Explosionen in der Entwicklung der Sprache, keinen plötzlichen Tod einer bestehenden Sprache und keinen plötzlichen Aufbau einer neuen Sprache. Lafargue hatte Unrecht, als er von einer „plötzlichen Sprachrevolution zwischen 1789 und 1794“ in Frankreich sprach (siehe die Broschüre von Lafargue „Die französische Sprache vor und nach der Revolution“). Es gab damals in Frankreich keinerlei Sprachrevolution, geschweige denn eine plötzliche. Freilich ergänzte sich in dieser Periode der Wortbestand der französischen Sprache mit neuen Wörtern und Ausdrücken, eine gewisse Anzahl veralteter Wörter kam in Fortfall, die Bedeutung gewisser Wörter veränderte sich – aber das war auch alles. Solche Veränderungen entscheiden jedoch in keiner Weise das Schicksal einer Sprache. Das Wichtigste in der Sprache sind ihr grammatikalischer Bau und ihr grundlegender Wortschatz. Der grammatikalische Bau und der grundlegende Wortschatz der französischen Sprache aber sind in der Periode der französischen bürgerlichen Revolution nicht nur nicht verschwunden, sondern sind ohne wesentliche Veränderungen erhalten geblieben, und sie sind nicht nur erhalten geblieben, sondern sie leben bis auf den heutigen Tag in der modernen französischen Sprache fort. Ich spreche schon gar nicht davon, dass für die Beseitigung einer bestehenden Sprache und für den Aufbau einer neuen Nationalsprache („plötzliche Sprachrevolution“!) fünf bis sechs Jahre eine lächerlich geringe Zeitspanne sind - dazu sind Jahrhunderte nötig.

Der Marxismus ist der Auffassung, dass der Übergang der Sprache von einer alten zu einer neuen Qualität nicht durch eine Explosion, nicht durch eine Vernichtung der bestehenden und die Schaffung einer neuen Sprache erfolgt, sondern durch eine allmähliche Ansammlung von Elementen der neuen Qualität, folglich durch ein allmähliches Absterben der Elemente der alten Qualität.

Zur Kenntnis der Genossen, die für Explosionen begeistert sind, muss überhaupt gesagt werden, dass das Gesetz des Übergangs von einer alten zu einer neuen Qualität vermittels einer Explosion nicht allein auf die Entwicklungsgeschichte der Sprache unanwendbar ist - es ist auch auf andere gesellschaftliche Erscheinungen, die die Basis oder den Überbau betreffen, nicht immer anwendbar. Es ist unbedingt gültig für eine in feindliche Klassen gespaltene Gesellschaft. Aber es ist gar nicht unbedingt gültig für eine Gesellschaft, in der es keine feindlichen Klassen gibt. Im Laufe von 8 bis 10 Jahren haben wir in der Landwirtschaft unseres Landes den Übergang von der bürgerlichen, auf Einzelbauern wirtschaften beruhenden Ordnung zur sozialistischen Kollektivwirtschaftsordnung vollzogen. Das war eine Revolution, die die alte bürgerliche Wirtschaftsordnung auf dem Lande liquidierte und eine neue, die sozialistische Ordnung schuf. Diese Umwälzung vollzog sich jedoch nicht durch eine Explosion, das heißt nicht durch den Sturz der bestehenden Macht und die Schaffung einer neuen Macht, sondern durch den allmählichen Übergang von der alten, bürgerlichen Ordnung auf dem Lande zu einer neuen Ordnung. Das aber konnte vollzogen werden, weil es eine Revolution von oben war, weil die Umwälzung auf Initiative der bestehenden Macht mit Unterstützung der Hauptmassen der Bauernschaft durchgeführt wurde.

Man sagt, die zahlreichen Fälle von Sprachkreuzungen, die in der Geschichte erfolgt sind, gäben Grund zu der Annahme, dass es bei der Kreuzung zur Bildung einer neuen Sprache komme, und zwar durch eine Explosion, durch den plötzlichen Übergang von einer alten Qualität zu einer neuen Qualität. Das ist völlig falsch.

Die Kreuzung von Sprachen darf nicht als einmaliger Akt eines entscheidenden Schlages betrachtet werden, der innerhalb einiger Jahre seine Ergebnisse zeitigt. Die Kreuzung von Sprachen ist ein langwieriger Prozess, der Jahrhunderte währt. Daher kann hier von keinerlei Explosionen die Rede sein.

Ferner. Es wäre völlig falsch, wollte man glauben, dass infolge einer Kreuzung beispielsweise zweier Sprachen eine neue, dritte Sprache entstehe, die keiner der gekreuzten Sprachen ähnlich sei und sich von jeder dieser Sprachen qualitativ unterscheide. In Wirklichkeit geht bei der Kreuzung gewöhnlich die eine der Sprachen als Sieger hervor, bewahrt ihren grammatikalischen Bau, bewahrt ihren grundlegenden Wortschatz und entwickelt sich nach den ihr innewohnenden Entwicklungsgesetzen weiter, während die andere Sprache allmählich ihre Eigenschaft einbüßt und allmählich abstirbt.

Folglich ergibt die Kreuzung keine neue, dritte Sprache, sondern sie läßt eine der Sprachen bestehen, sie läßt deren grammatikalischen Bau und grundlegenden Wortschatz bestehen und gibt ihr die Möglichkeit, sich nach den ihr innewohnenden Entwicklungsgesetzen zu entwickeln.

Hierbei erfolgt allerdings eine gewisse Bereicherung des Wortbestandes der siegreichen Sprache auf Kosten der besiegten Sprache, aber dadurch wird sie nicht geschwächt, sondern im Gegenteil gestärkt.

So war es zum Beispiel mit der russischen Sprache, mit der sich im Laufe der historischen Entwicklung die Sprachen einer Reihe anderer Völker kreuzten und die stets als Sieger hervorging.

Natürlich ergänzte sich hierbei der Wortbestand der russischen Sprache auf Kosten des Wortbestandes anderer Sprachen, aber die russische Sprache wurde dadurch nicht nur nicht geschwächt, sondern im Gegenteil bereichert und gestärkt.

Was die nationale Eigenart der russischen Sprache betrifft, so hat sie nicht den geringsten Schaden erlitten, denn da die russische Sprache ihren grammatikalischen Bau und ihren grundlegenden Wortschatz bewahrt hat, hat sie sich weiter nach den ihr innewohnenden Entwicklungsgesetzen entwickelt und vervollkommnet.

Es kann keinen Zweifel darüber geben, dass die Kreuzungstheorie der sowjetischen Sprachwissenschaft nichts Wesentliches zu vermitteln vermag. Wenn es zutrifft, dass es die Hauptaufgabe der Sprachwissenschaft ist, die der Sprache innewohnenden Entwicklungsgesetze zu erforschen, so muss man zugeben, dass die Kreuzungstheorie diese Aufgabe nicht nur nicht löst, sondern sie nicht einmal stellt - sie bemerkt diese Aufgabe einfach nicht oder versteht sie nicht.

 

Frage: Hat die „Prawda“ richtig gehandelt, als sie eine freie Diskussion über Probleme der Sprachwissenschaft eröffnete?

Antwort: Sie hat richtig gehandelt.

In welcher Richtung die Probleme der Sprachwissenschaft gelöst werden, wird am Ende der Diskussion klar werden. Schon jetzt aber kann man sagen, dass die Diskussion großen Nutzen gebracht hat.

Die Diskussion hat vor allem klargestellt, dass in den sprachwissenschaftlichen Organen sowohl im Zentrum als auch in den Republiken ein Regime herrschte, das weder der Wissenschaft noch Wissenschaftlern ansteht. Die leiseste Kritik am Stand der Dinge in der sowjetischen Sprachwissenschaft, selbst die zaghaftesten Versuche einer Kritik an der so genannten „neuen Lehre“ in der Sprachwissenschaft wurden von den führenden Kreisen der Sprachwissenschaft verfolgt und unterbunden. Wegen kritischer Einstellung zum Erbe N. J. Marrs, wegen der geringsten Missbilligung der Lehre N. J. Marrs wurden wertvolle Fachkräfte und Forscher auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft ihrer Posten enthoben oder auf niedrigere Posten versetzt. Die Sprachwissenschaftler wurden nicht nach ihrer fachlichen Eignung, sondern auf Grund der vorbehaltlosen Anerkennung der Lehre N. J. Marrs auf verantwortliche Posten befördert.

Es ist allgemein anerkannt, dass keine Wissenschaft ohne Kampf der Meinungen, ohne Freiheit der Kritik sich entwickeln und gedeihen kann. Aber diese allgemein anerkannte Regel wurde in unverfrorenster Weise ignoriert und mit Füßen getreten. Es bildete sich eine abgekapselte Gruppe unfehlbarer leitender Persönlichkeiten heraus, die, nachdem sie sich gegen jede Möglichkeit einer Kritik gesichert hatte, eigenmächtig zu wirtschaften und ihr Unwesen zu treiben begann.

Ein Beispiel: Der so genannte „Bakuer Lehrgang“ (Vorlesungen N. J. Marrs, gehalten in Baku), den der Verfasser dieses Buches selber verworfen und dessen Neuauflage er verboten hatte, wurde jedoch auf Anordnung der Kaste leitender Persönlichkeiten (Genosse Meschtschaninow nennt sie „Schüler“ N. J. Marrs) neu aufgelegt und unter anderen Lehrbüchern den Studenten ohne jeden Vorbehalt empfohlen. Das bedeutet, dass man die Studenten betrogen hat, indem man ihnen gegenüber den unbrauchbar befundenen „Lehrgang“ als vollwertiges Lehrbuch ausgab. Wäre ich nicht von der Ehrlichkeit des Genossen Meschtschaninow und der anderen Sprachwissenschaftler überzeugt, so würde ich sagen, dass ein derartiges Verhalten einer Schädlingsarbeit gleichkommt.

Wie konnte das geschehen? Es konnte geschehen, weil das in der Sprachwissenschaft errichtete Araktschejew-Regime Verantwortungslosigkeit kultiviert und einem derartigen Schalten und Walten Vorschub leistet?

(Araktschejew-Regime - nach dem Grafen Araktschejew, einem reaktionären russischen Staatsmann des ersten Viertels des 19. Jahrhunderts. Mit dem Namen Araktschejews ist eine ganze Epoche hemmungslosen Polizeidespotismus und grober Militärwillkür verbunden. Der Übers.)

Die Diskussion hat sich vor allem deshalb als sehr nützlich erwiesen, weil sie dieses Araktschejew-Regime ans Licht gebracht und in Trümmer geschlagen hat.

Aber damit erschöpft sich der Nutzen der Diskussion nicht. Die Diskussion hat nicht nur das alte Regime in der Sprachwissenschaft zerschlagen, sondern hat auch noch jene unglaubliche Verworrenheit der Anschauungen in den wichtigsten Problemen der Sprachforschung aufgedeckt, die in den führenden Kreisen dieses Wissenschaftszweiges herrscht. Bis zum Beginn der Diskussion hatten die „Schüler“ N. J. Marrs geschwiegen und die Missstände in der Sprachwissenschaft verhehlt. Nach Beginn der Diskussion aber wurde es unmöglich, weiter zu schweigen - sie sahen sich gezwungen, in der Presse Stellung zu nehmen. Und was geschah? Es zeigte sich, dass die Lehre N. J. Marrs eine ganze Reihe von Mängeln, Fehlern, nicht präzisierten Problemen, nicht ausgearbeiteten Thesen aufweist. Es fragt sich, warum haben die „Schüler“ N. J. Marrs erst jetzt, nach Eröffnung der Diskussion, davon zu reden begonnen? Warum haben sie sich nicht früher darum gekümmert? Warum haben sie seinerzeit nicht offen und ehrlich darüber gesprochen, wie es Wissenschaftlern geziemt?

Es zeigt sich, dass die „Schüler“ N. J. Marrs, nachdem sie „gewisse“ Fehler N. J. Marrs zugegeben haben, nun glauben, dass die sowjetische Sprachwissenschaft nur auf der Grundlage der „präzisierten“ Theorie N. J. Marrs weiterentwickelt werden könne, die sie für marxistisch halten. O nein, man verschone uns mit dem „Marxismus“ N. J. Marrs. N. J. Marr wollte wirklich Marxist sein und bemühte sich darum, aber er vermochte es nicht, Marxist zu werden. Er hat den Marxismus lediglich verflacht und vulgarisiert ähnlich wie die „Proletkultanhänger“ oder die „RAPP-Leute“

(RAPP - „Russische Assoziation Proletarischer Schriftsteller“ - eine sektiererisch eingestellte Schriftstellerorganisation, die den Marxismus vulgarisierte. Durch ihre der Parteilinie widersprechende Praxis spaltete sie die Reihen der Sowjetschriftsteller und hemmte die Entwicklung der Sowjetliteratur. Auf Beschluss des ZK der KPdSU(B) vom 23. April 1932 wurden diese und ähnliche Schriftstellerorganisationen aufgelöst und ein einheitlicher Verband Sowjetischer Schriftsteller geschaffen. Der Übers.)

N. J. Marr trug in die Sprachwissenschaft die falsche, unmarxistische Formel von der Sprache als Überbau hinein und verhedderte sich selbst, brachte die Sprachwissenschaft in Verwirrung. Es ist nicht möglich, die sowjetische Sprachwissenschaft auf der Grundlage einer falschen Formel zu entwickeln.

N. J. Marr trug in die Sprachwissenschaft noch die andere, ebenfalls falsche und unmarxistische Formel von dem „Klassencharakter` der Sprache hinein und verhedderte sich selbst, brachte die Sprachwissenschaft in Verwirrung. Es ist nicht möglich, die sowjetische Sprachwissenschaft auf der Grundlage einer falschen Formel zu entwickeln, die dem gesamten Ablauf der Geschichte der Völker und Sprachen widerspricht.

N. J. Marr trug in die Sprachwissenschaft einen dem Marxismus fremden unbescheidenen, großtuerischen, hochmütigen Ton hinein, der zu einer nackten und leichtfertigen Verneinung alles dessen führte, was in der Sprachwissenschaft vor N. J. Marr vorhanden war.

N. J. Marr diffamiert mit großem Lärm die historisch-vergleichende Methode als „idealistisch“. Man muss indessen sagen, dass die historisch-vergleichende Methode trotz ihrer ernstlichen Mängel immer noch besser ist als N. J. Marrs tatsächlich idealistische Vierelementeanalyse, denn die erstere spornt zur Arbeit, zum Studium der Sprachen an, während die letztere nur dazu anspornt, hinter dem Ofen zu sitzen und aus dem Kaffeesatz über die berüchtigten vier Elemente zu orakeln.

N. J. Marr verunglimpft hochmütig jeden Versuch, die Gruppen (Familien) von Sprachen zu erforschen, als eine Erscheinungsform der Theorie von der „Ursprache“. Es läßt sich indessen nicht leugnen, dass die sprachliche Verwandtschaft solcher Nationen, wie zum Beispiel der slawischen, keinem Zweifel unterliegt, dass die Erforschung der sprachlichen Verwandtschaft dieser Nationen der Sprachwissenschaft bei der Erforschung der Entwicklungsgesetze der Sprache großen Nutzen bringen könnte. Ich spreche schon gar nicht davon, dass die Theorie der „Ursprache“ damit nichts zu tun hat.

Hört man N. J. Marr, besonders aber seine „Schüler“, so könnte man meinen, vor N. J. Marr habe es überhaupt keine Sprachwissenschaft gegeben, die Sprachwissenschaft habe erst mit dem Aufkommen der „neuen Lehre“ N. J. Marrs begonnen. Marx und Engels waren viel bescheidener: sie waren der Ansicht, dass ihr dialektischer Materialismus ein Produkt der Entwicklung der Wissenschaften, darunter der Philosophie, in der vorhergegangenen Periode ist.

Somit hat die Diskussion der Sache auch in der Hinsicht gedient, als sie die ideologischen Mängel in der sowjetischen Sprachwissenschaft aufgedeckt hat.

Ich glaube, je schneller sich unsere Sprachwissenschaft von den Fehlern N. J. Marrs frei macht, desto schneller kann man sie aus der Krise herausbringen, die sie heute durchmacht.

Beseitigung des Araktschejew-Regimes in der Sprachwissenschaft, Abkehr von den Fehlern N. J. Marrs, Verankerung des Marxismus in der Sprachwissenschaft - das ist meiner Ansicht nach der Weg, auf dem man die sowjetische Sprachwissenschaft einer Gesundung entgegenführen könnte.

„Prawda“,
20. Juni 1950.

 

 

ZU EINIGEN FRAGEN DER SPRACHWISSENSCHAFT

Antwort an Genossin J. Krascheninnikowa

29. Juni 1950.

„Prawda“,
4. Juli 1950.

 

 

Genossin Krascheninnikowa!

Ich beantworte Ihre Fragen.

1. Frage: In Ihrem Artikel wird überzeugend nachgewiesen, dass die Sprache weder Basis noch Überbau ist. Wäre die Annahme berechtigt, dass die Sprache eine Erscheinung ist, die sowohl der Basis als auch dem Überbau eigen ist, oder wäre es richtiger, die Sprache für eine Zwischenerscheinung zu halten?

Antwort: Der Sprache als einer gesellschaftlichen Erscheinung ist natürlich jenes Gemeinsame eigen, was für alle gesellschaftlichen Erscheinungen, darunter für die Basis und den Überbau, kennzeichnend ist, nämlich sie dient der Gesellschaft ebenso, wie ihr alle anderen gesellschaftlichen Erscheinungen, darunter die Basis und der Überbau, dienen. Aber darin erschöpft sich eigentlich auch jenes Gemeinsame, was für alle gesellschaftlichen Erscheinungen kennzeichnend ist. Danach beginnen sehr wesentliche Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Erscheinungen.

Die Sache ist die, dass die gesellschaftlichen Erscheinungen außer diesem Gemeinsamen ihre spezifischen Besonderheiten haben, die sie voneinander unterscheiden und die für die Wissenschaft das Wichtigste sind. Die spezifischen Besonderheiten der Basis bestehen darin, dass sie der Gesellschaft ökonomisch dient. Die spezifischen Besonderheiten des Überbaus bestehen darin, dass er der Gesellschaft durch politische, juristische, ästhetische und andere Ideen dient und für die Gesellschaft die entsprechenden politischen, juristischen und anderen Institutionen schafft. Worin bestehen die spezifischen Besonderheiten der Sprache, die sie von den anderen gesellschaftlichen Erscheinungen unterscheiden? Sie bestehen darin, dass die Sprache der Gesellschaft als Mittel des menschlichen Verkehrs dient, als Mittel zum Austausch von Gedanken in der Gesellschaft, als Mittel, das den Menschen die Möglichkeit gibt, einander zu verstehen und die gemeinsame Arbeit in allen Bereichen der menschlichen Tätigkeit in Gang zu bringen, sowohl auf dem Gebiet der Produktion als auch auf dem Gebiet der ökonomischen Beziehungen, sowohl auf dem Gebiet der Politik als auch auf dem Gebiet der Kultur, sowohl im gesellschaftlichen als auch im täglichen Leben. Diese Besonderheiten sind nur der Sprache eigen, und eben weil sie nur der Sprache eigen sind, ist die Sprache das Forschungsobjekt einer selbständigen Wissenschaft, der Sprachwissenschaft. Ohne diese Besonderheiten der Sprache verlöre die Sprachwissenschaft das Recht auf selbständige Existenz.

Kurzum: Man kann die Sprache weder zur Kategorie der Basen noch zur Kategorie der Überbauten rechnen.

Man kann sie auch nicht zur Kategorie der „Zwischen“erscheinungen zwischen der Basis und dem Überbau rechnen, da es solche „Zwischen“erscheinungen nicht gibt.

Aber vielleicht könnte man die Sprache zur Kategorie der Produktivkräfte der Gesellschaft, zur Kategorie, sagen wir, der Produktionsinstrumente rechnen. In der Tat, zwischen der Sprache und den Produktionsinstrumenten besteht eine gewisse Analogie: Die Produktionsinstrumente stehen ebenso wie die Sprache den Klassen gewissermaßen gleichgültig gegenüber und können verschiedenen Klassen der Gesellschaft, sowohl den alten als auch den neuen, in gleicher Weise dienen. Gibt dieser Umstand Veranlassung dafür, die Sprache zur Kategorie der Produktionsinstrumente zu rechnen? Nein, das gibt er nicht.

Als N. J. Marr seinerzeit sah, dass seine Formel „Die Sprache ist ein Überbau über der Basis“ auf Einwände stieß, beschloss er, „sich umzustellen“, und erklärte, dass „die Sprache ein Produktionsinstrument ist“. Hatte N. J. Marr Recht, als er die Sprache zur Kategorie der Produktionsinstrumente rechnete? Nein, er hatte unbedingt Unrecht.

Die Sache ist die, dass sich die Ähnlichkeit zwischen der Sprache und den Produktionsinstrumenten in der Analogie, von der ich soeben sprach, erschöpft. Dafür aber besteht zwischen der Sprache und den Produktionsinstrumenten ein grundlegender Unterschied. Dieser Unterschied besteht darin, dass die Produktionsinstrumente materielle Güter erzeugen, während die Sprache nichts erzeugt, oder einzig und allein Worte „erzeugt“. Genauer gesagt, Menschen, die Produktionsinstrumente haben, können materielle Güter erzeugen, aber die gleichen Menschen, die wohl eine Sprache haben, aber keine Produktionsinstrumente, können keine materiellen Güter erzeugen. Es ist nicht schwer zu begreifen, dass, wenn die Sprache materielle Güter erzeugen könnte, die Schwätzer die reichsten Menschen in der Welt sein würden.

2. Frage: Marx und Engels definieren die Sprache als „unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens“, als „praktisches, ... tatsächliches Bewusstsein“. „Die Ideen“, sagt Marx, „existieren nicht losgelöst von der Sprache.“ Inwieweit muss sich die Sprachwissenschaft Ihrer Ansicht nach mit der den Sinn betreffenden Seite der Sprache, mit der Semantik und der historischen Semasiologie und Stilistik beschäftigen, oder soll nur die Form Gegenstand der Sprachwissenschaft sein?

Antwort: Die Semantik (Semasiologie) ist ein wichtiger Teil der Sprachwissenschaft. Die den Sinn betreffende Seite der Wörter und Ausdrücke ist für die Erforschung der Sprache von wesentlicher Bedeutung. Daher muss der Semantik (Semasiologie) der ihr gebührende Platz in der Sprachwissenschaft gesichert werden.

Wenn man die Probleme der Semantik bearbeitet und ihre Daten verwertet, darf man jedoch ihre Bedeutung in keiner Weise überschätzen, geschweige denn sie missbrauchen. Ich denke dabei an gewisse Sprachforscher, die in ihrer übermäßigen Begeisterung für die Semantik die Sprache als „unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens“, die mit dem Denken untrennbar verbunden ist, gering achten, das Denken von der Sprache trennen und behaupten, die Sprache überlebe sich, man könne auch ohne Sprache auskommen.

Beachten Sie folgende Worte N. J. Marrs:

„Die Sprache existiert nur, sofern sie sich in Lauten äußert; die Tätigkeit des Denkens geht auch ohne diese Äußerung vor sich ... Die Sprache (die Lautsprache) hat heute bereits begonnen, ihre Funktionen an die neuesten Erfindungen abzutreten, die den Raum unbeschränkt über-winden, das Denken aber gelangt durch die in der Vergangenheit angehäuften nicht ausgenutzten Errungenschaften und die neuen Erwerbungen zur Entfaltung und hat die Sprache vollständig zu verdrängen und zu ersetzen. Die Sprache der Zukunft ist ein Denken, das in einer von der natürlichen Materie freien Technik erwächst. Vor ihm wird keine Sprache standhalten, nicht einmal die Lautsprache, die immerhin mit den Normen der Natur verbunden ist.“ (Siehe „Ausgewählte Werke“ von N. J. Marr.)

Übersetzt man dieses Kauderwelsch über „Arbeitsmagie“ in eine einfache menschliche Sprache, so kann man zu dem Schluss gelangen, dass:

a) N. J. Marr das Denken von der Sprache trennt;

b) N. J. Marr die Ansicht vertritt, der Verkehr der Menschen könne auch ohne Sprache erfolgen, mit Hilfe des Denkens selbst, das frei ist von der „natürlichen Materie“ der Sprache, frei von den „Normen der Natur“;

c) N. J. Marr, indem er das Denken von der Sprache trennt und es von der sprachlichen „natürlichen Materie“ „befreit“, in den Sumpf des Idealismus gerät.

Man sagt, dass die Gedanken im Kopf des Menschen entstehen, bevor sie in der Rede ausgesprochen werden, dass sie ohne sprachliches Material, ohne sprachliche Hülle, sozusagen in nackter Gestalt entstehen. Aber das ist völlig falsch. Welche Gedanken im Kopf des Menschen auch immer entstehen mögen, sie können nur auf der Grundlage des sprachlichen Materials, auf der Grundlage der sprachlichen Termini und Sätze entstehen und existieren. Gedanken, frei vom sprachlichen Material, frei von der sprachlichen „natürlichen Materie“, gibt es nicht. „Die Sprache ist die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens“ (Marx). Die Realität des Gedankens offenbart sich in der Sprache. Nur Idealisten können von einem Denken, das mit der „natürlichen Materie“ der Sprache nicht verbunden ist, von einem Denken ohne Sprache sprechen.

Kurzum: Die Überschätzung der Semantik und ihr Missbrauch haben N. J. Marr zum Idealismus geführt.

Wenn man folglich die Semantik (Semasiologie) vor Übertreibungen und Missbräuchen, wie sie sich N. J. Marr und manche seiner „Schüler“ zuschulden kommen lassen, bewahrt, dann kann sie der Sprachwissenschaft großen Nutzen bringen.

3. Frage: Sie sagen ganz richtig, dass die Ideen, Vorstellungen, Sitten und Sittenprinzipien bei den Bourgeois und bei den Proletariern direkt entgegengesetzt sind. Der Klassencharakter dieser Erscheinungen hat sich unbedingt auf die semantische Seite der Sprache (und manchmal auch auf ihre Form, auf den Wortbestand, wie in Ihrem Artikel richtig bemerkt wird) ausgewirkt. Kann man, wenn man ein konkretes sprachliches Material und in erster Linie die den Sinn betreffende Seite einer Sprache analysiert, von einem Klassenwesen der durch sie ausgedrückten Begriffe sprechen, besonders in den Fällen, wo es sich um den sprachlichen Ausdruck nicht nur des Gedankens des Menschen, sondern auch seines Verhältnisses zur Wirklichkeit handelt, wo sich seine Klassenzugehörigkeit besonders deutlich offenbart?

Antwort: Kurz gesagt, Sie möchten wissen, ob die Klassen die Sprache beeinflussen, ob sie ihre spezifischen Wörter und Ausdrücke in die Sprache hineintragen, ob es Fälle gibt, dass die Menschen den gleichen Wörtern und Ausdrücken verschiedene Bedeutung, je nach ihrer Klassenzugehörigkeit, beimessen.

Ja, die Klassen beeinflussen die Sprache, sie tragen in die Sprache ihre spezifischen Wörter und Ausdrücke hinein, und zuweilen verstehen sie die gleichen Wörter und Ausdrücke verschieden. Das unterliegt keinem Zweifel.

Daraus folgt jedoch nicht, dass die spezifischen Wörter und Ausdrücke, ebenso wie die Verschiedenheit in der Semantik, ernsthafte Bedeutung für die Entwicklung einer einheitlichen Sprache des gesamten Volkes haben können, dass sie deren Bedeutung abzuschwächen oder ihren Charakter zu verändern vermögen.

Erstens sind solche spezifischen Wörter und Ausdrücke, wie auch die Fälle von Verschiedenheit in der Semantik, so selten in der Sprache, dass sie kaum ein Prozent des gesamten sprachlichen Materials ausmachen. Folglich ist die ganze übrige, überwältigende Masse der Wörter und Ausdrücke wie auch ihre Semantik für alle Klassen der Gesellschaft gemeinsam.

Zweitens werden die spezifischen Wörter und Ausdrücke, die eine klassenmäßige Nuancierung besitzen, in der Rede nicht nach den Regeln irgendeiner „Klassen“grammatik, die es in der Wirklichkeit nicht gibt, sondern nach den Regeln der Grammatik der bestehenden Sprache des gesamten Volkes verwendet.

Das Vorhandensein spezifischer Wörter und Ausdrücke und die Fälle von Verschiedenheit in der Semantik der Sprache widerlegen also nicht das Vorhandensein und die Notwendigkeit einer einheitlichen Sprache des gesamten Volkes, sondern bestätigen sie im Gegenteil.

4. Frage: In Ihrem Artikel schätzen Sie Marr ganz richtig als einen Vulgarisator des Marxismus ein. Bedeutet das, dass die Linguisten, darunter auch wir jungen Menschen, das ganze linguistische Erbe Marrs beiseite werfen sollen, der immerhin eine Reihe wertvoller sprachlicher Forschungen aufzuweisen hat (worüber sich in der Diskussion die Genossen Tschikobawa, Sanshejew und andere geäußert haben)? Können wir, wenn wir kritisch an Marr herangehen, nicht doch Nützliches und Wertvolles von ihm übernehmen?

Antwort: Natürlich bestehen die Werke N. J. Marrs nicht nur aus Fehlern. N. J. Marr beging gröbste Fehler, als er in die Sprachwissenschaft Elemente des Marxismus in entstellter Form hineintrug, als er versuchte, eine selbständige Sprachtheorie zu schaffen. Aber es gibt von N. J. Marr einzelne gute und talentvoll geschriebene Werke, in denen er seine theoretischen Ambitionen vergisst und einzelne Sprachen gewissenhaft und, man muss sagen, sachkundig untersucht. In diesen Werken ist nicht wenig Wertvolles und Lehrreiches zu finden. Es versteht sich, dass man dieses 'Wertvolle und Lehrreiche von N. J. Marr übernehmen und verwerten muss.

5. Frage: Viele Linguisten halten den Formalismus für eine der wesentlichsten Ursachen der Stagnation in der sowjetischen Sprachwissenschaft. Ich würde sehr gern Ihre Meinung darüber hören, worin der Formalismus in der Sprachwissenschaft besteht und wie er zu überwinden ist.

Antwort: N. J. Marr und seine „Schüler“ erheben die Beschuldigung des „Formalismus“ gegen alle Sprachforscher, die mit der „neuen Lehre“ N. J. Marrs nicht einverstanden sind. Das ist natürlich unernst und unklug.

N. J. Marr hielt die Grammatik für eine leere „Formalität“ und die Leute, die den grammatikalischen Bau für die Grundlage der Sprache halten, für Formalisten. Das ist schon ganz töricht.

Ich glaube, dass der „Formalismus“ von den Urhebern der „neuen Lehre“ zur Erleichterung des Kampfes mit ihren Gegnern in der Sprachwissenschaft ersonnen worden ist.

Die Ursache der Stagnation in der sowjetischen Sprachwissenschaft ist nicht der von N. J. Marr und seinen „Schülern“ erfundene „Formalismus“, sondern das Araktschejew-Regime und die theoretischen Mängel in der Sprachwissenschaft. Das Araktschejew-Regime haben die „Schüler“ N. J. Marrs geschaffen. Das theoretische Durcheinander haben N. J. Marr und seine nächsten Mitarbeiter in die Sprachwissenschaft hineingebracht. Damit die Stagnation aufhört, muss das eine wie das andere beseitigt werden. Die Beseitigung dieser Übelstände wird die sowjetische Sprachwissenschaft wieder gesund machen, wird ihr volle Entwicklungsmöglichkeiten sichern und ihr dazu verhelfen, in der Sprachwissenschaft der Welt die erste Stelle einzunehmen.

29. Juni 1950.

„Prawda“,
4. Juli 1950.

 

 

ANTWORT AN GENOSSEN

 

An Genossen Sanshejew

 

Werter Genosse Sanshejew!

Ihren Brief beantworte ich mit großer Verspätung, da man mir erst gestern Ihren Brief aus dem Apparat des ZK zugestellt hat.

Sie legen meine Stellungnahme in der Frage der Dialekte unbedingt richtig aus.

Die „Klassen“dialekte, die man richtiger als Jargons bezeichnen sollte, dienen nicht den Volksmassen, sondern einer schmalen sozialen Oberschicht. Zudem haben sie keinen eigenen grammatikalischen Bau und keinen grundlegenden Wortschatz. Infolgedessen können sie sich keineswegs zu selbständigen Sprachen entwickeln.

Die lokalen („territorialen“) Dialekte dagegen dienen den Volksmassen und haben einen eigenen grammatikalischen Bau und einen eigenen grundlegenden Wortschatz. Infolgedessen können einige lokale Dialekte im Prozess der Bildung von Nationen zur Grundlage von Nationalsprachen werden und sich zu selbständigen Nationalsprachen entwickeln. So war es zum Beispiel in der russischen Sprache mit dem Kursker-Oreler Dialekt (der Kursker-Oreler „Sprache“), der zur Grundlage der russischen Nationalsprache wurde. Das gleiche muss man von dem Poltawaer-Kiewer Dialekt der ukrainischen Sprache sagen, der zur Grundlage der ukrainischen Nationalsprache wurde. Was die übrigen Dialekte solcher Sprachen betrifft, so verlieren sie ihre Selbständigkeit, gehen in diese Sprachen ein und verlieren sich in ihnen.

Es kommen auch umgekehrte Prozesse vor, wenn die einheitliche Sprache einer Völkerschaft, die infolge des Fehlens der notwendigen ökonomischen Entwicklungsbedingungen noch nicht zur Nation geworden ist, infolge des staatlichen Zerfalls dieser Völkerschaft zugrunde geht und lokale Dialekte, die noch nicht zu einer einheitlichen Sprache verarbeitet werden konnten, sich beleben und den Ausgangspunkt zur Bildung einzelner selbständiger Sprachen abgeben. Es ist möglich, dass die Dinge gerade so zum Beispiel bei der einheitlichen mongolischen Sprache lagen.

1950, 11. Juli.

„Prawda“,
2. August 1950.

 

 

 An die Genossen D. Belkin und S. Furer

 

Ihre Briefe habe ich erhalten.

Ihr Fehler besteht darin, dass Sie zwei verschiedene Dinge durcheinander gebracht und dem in meiner Antwort an Genossin Krascheninnikowa betrachteten Gegenstand einen anderen Gegenstand unterstellt haben.

1. Ich kritisiere in dieser Antwort N. J. Marr, der in seinen Ausführungen über die Sprache (Lautsprache) und über das Denken die Sprache vom Denken trennt und so in Idealismus verfällt. Es handelt sich also in meiner Antwort um normale Menschen, die der Sprache mächtig sind. Ich behaupte dabei, dass die Gedanken bei solchen Menschen nur auf der Grundlage des sprachlichen Materials entstehen können, dass es bloße Gedanken, die nicht mit dem sprachlichen Material verbunden sind, bei Menschen, die der Sprache mächtig sind, nicht gibt.

Anstatt diese These anzunehmen oder abzulehnen, unterstellen Sie anomale Menschen ohne Sprache, Taubstumme, die keine Sprache haben und deren Gedanken natürlich nicht auf der Grundlage des sprachlichen Materials entstehen können. Wie Sie sehen, ist dies ein vollkommen anderes Thema, das ich nicht berührt habe und nicht berühren konnte, da sich die Sprachwissenschaft mit normalen Menschen beschäftigt, die der Sprache mächtig sind, und nicht mit anomalen, taubstummen Menschen, die keine Sprache haben.

Sie haben dem erörterten Thema ein anderes Thema unterstellt, das nicht erörtert wurde.

2. Aus dem Brief des Genossen Belkin geht hervor, dass er die „Wortsprache“ (die Lautsprache) und die „Gebärdensprache“ (bei N. J. Marr „Hände“sprache) auf die gleiche Stufe stellt. Er glaubt offenbar, dass die Gebärdensprache und die Wortsprache gleichbedeutend sind, dass die menschliche Gesellschaft eine Zeitlang keine Wortsprache hatte und dass damals die „Hände“sprache die später aufgekommene Wortsprache ersetzte.

Wenn aber Genosse Belkin wirklich so denkt, dann begeht er einen ernsten Fehler. Die Lautsprache oder Wortsprache war stets die einzige Sprache der menschlichen Gesellschaft, die imstande war, als vollwertiges Mittel des menschlichen Verkehrs zu dienen. Die Geschichte kennt keine einzige menschliche Gesellschaft, und sei es auch die rückständigste, die nicht ihre Lautsprache gehabt hätte. Die Ethnographie kennt kein einziges rückständiges Völkchen und sei es ebenso urzeitlich oder noch urzeitlicher als, sagen wir, die Australier oder die Feuerländer des vorigen Jahrhunderts, das nicht eine eigene Lautsprache gehabt hätte. Die Lautsprache ist in der Geschichte der Menschheit eine jener Kräfte, die den Menschen halfen, sich aus dem Tierreich auszusondern, sich zu Gemeinschaften zu vereinigen, ihr Denken zu entwickeln, die gesellschaftliche Produktion zu organisieren, einen erfolgreichen Kampf mit den Naturkräften zu führen und zu dem Fortschritt zu gelangen, den wir gegenwärtig haben.

In dieser Hinsicht ist die Bedeutung der so genannten Gebärdensprache angesichts ihrer außerordentlichen Dürftigkeit und Begrenztheit nicht der Rede wert. Das ist eigentlich keine Sprache und sogar nicht einmal das Surrogat einer Sprache, das auf die eine oder andere Weise die Lautsprache ersetzen könnte, sondern ein Behelfsmittel mit äußerst begrenzten Mitteln, dessen sich der Mensch zuweilen bedient, um diese oder jene Momente in seiner Rede zu unterstreichen. Die Gebärdensprache kann man ebenso wenig der Lautsprache gleichsetzen, wie man nicht die urzeitliche hölzerne Hacke dem modernen Raupentraktor mit dem fünfscharigen Pflug und der Traktorendrillmaschine gleichsetzen kann.

3. Wie man sieht, interessieren Sie sich vor allem für Taubstumme und dann erst für Probleme der Sprachwissenschaft. Augenscheinlich hat Sie eben dieser Umstand veranlasst, sich mit einer Reihe von Fragen an mich zu wenden. Nun, wenn Sie darauf bestehen, bin ich nicht abgeneigt, Ihre Bitte zu erfüllen. Also, wie steht es mit den Taubstummen? Funktioniert bei ihnen das Denken, entstehen bei ihnen Gedanken? Ja, das Denken funktioniert bei ihnen, es entstehen Gedanken. Es ist klar, dass bei den Taubstummen, da sie ja der Sprache beraubt sind, die Gedanken nicht auf der Grundlage des sprachlichen Materials entstehen können. Bedeutet das nicht, dass die Gedanken der Taubstummen bloße, nicht mit den „Normen der Natur“ verbundene Gedanken sind (ein Ausdruck N. J. Marrs)? Nein, das bedeutet es nicht. Die Gedanken der Taubstummen können nur auf der Grundlage jener Bilder, Wahrnehmungen, Vorstellungen entstehen und existieren, die sich bei ihnen im täglichen Leben dank der Gesichts-, Tast-, Geschmacks- und Geruchsempfindungen über die Gegenstände der Außenwelt und über ihre Beziehungen untereinander herausbilden. Außerhalb dieser Bilder, Wahrnehmungen, Vorstellungen ist der Gedanke leer, jedweden Inhalts bar, das heißt, er existiert nicht.

22. Juli 1950.

„Prawda“,
2. August 1950.

 

 

An Genossen A. Cholopow

 

Ihren Brief habe ich erhalten.

Ich habe mich mit meiner Antwort infolge Arbeitsüberlastung etwas verspätet.

Ihr Brief geht stillschweigend von zwei Voraussetzungen aus: Von der Voraussetzung, dass es zulässig sei, die Werke dieses oder jenes Autors losgelöst von jener historischen Periode zu zitieren, auf die sich das Zitat bezieht, und zweitens von der Voraussetzung, dass diese oder jene Schlussfolgerungen und Formeln des Marxismus, die aus dem Studium einer der historischen Entwicklungsperioden gewonnen wurden, für alle Entwicklungsperioden richtig sind und daher unverändert bleiben müssen.

Ich muss sagen, dass diese beiden Voraussetzungen grundfalsch sind.

Einige Beispiele:

1. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als es noch keinen monopolistischen Kapitalismus gab, als der Kapitalismus sich mehr oder weniger stetig in aufsteigender Linie entwickelte und sich dabei auf neue, von ihm noch nicht besetzte Territorien ausdehnte, und das Gesetz von der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung noch nicht mit voller Kraft wirksam sein konnte, gelangten Marx und Engels zu der Schlussfolgerung, dass die sozialistische Revolution nicht in irgendeinem Lande allein siegen kann, dass sie nur im Ergebnis eines gemeinsamen Schlages in allen oder in der Mehrzahl der zivilisierten Länder siegen kann. Diese Schlussfolgerung wurde später zum Leitsatz für alle Marxisten.

Jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, besonders in der Periode des ersten Weltkriegs, als es allen klar wurde, dass der vormonopolistische Kapitalismus offensichtlich in den monopolistischen Kapitalismus hinüber gewachsen war, als sich der aufsteigende Kapitalismus in den sterbenden Kapitalismus verwandelt hatte, als der Krieg die unheilbaren Schwächen der imperialistischen Weltfront aufdeckte und das Gesetz von der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung das nicht gleichzeitige Heranreifen der proletarischen Revolution in den verschiedenen Ländern vorausbestimmte, gelangte Lenin, von der marxistischen Theorie ausgehend, zu der Schlussfolgerung, dass unter den neuen Entwicklungsbedingungen die sozialistische Revolution durchaus in einem einzeln genommenen Lande siegen kann, dass der gleichzeitige Sieg der sozialistischen Revolution in allen Ländern oder in der Mehrzahl der zivilisierten Länder in Anbetracht der Ungleichmäßigkeit des Heranreifens der Revolution in diesen Ländern unmöglich ist, dass die alte Formel von Marx und Engels den neuen historischen Bedingungen schon nicht mehr entspricht.

Wie man sieht, haben wir hier zwei verschiedene Schlussfolgerungen zur Frage des Sieges des Sozialismus, die nicht nur einander widersprechen, sondern auch einander ausschließen.

Irgendwelche Buchstabengelehrten und Talmudisten, die, ohne in das Wesen der Sache einzudringen, formal, losgelöst von den historischen Bedingungen zitieren, können sagen, dass eine von diesen Schlussfolgerungen als unbedingt falsch verworfen werden und die andere Schlussfolgerung als unbedingt richtig auf alle Entwicklungsperioden ausgedehnt werden müsse. Aber Marxisten müssen selbstverständlich wissen, dass die Buchstabengelehrten und Talmudisten sich irren, müssen selbstverständlich wissen, dass beide Schlussfolgerungen richtig sind, aber nicht unbedingt, sondern jede für ihre Zeit: Die Schlussfolgerung von Marx und Engels für die Periode des vormonopolistischen Kapitalismus und die Schlussfolgerung von Lenin für die Periode des monopolistischen Kapitalismus.

2. Engels sagte in seinem „Anti-Dühring“, dass der Staat nach dem Siege der sozialistischen Revolution absterben muss. Auf dieser Grundlage begannen nach dem Siege der sozialistischen Revolution in unserem Lande Buchstabengelehrte und Talmudisten aus unserer Partei zu fordern, die Partei solle Maßnahmen treffen zum schnellsten Absterben unseres Staates, zur Auflösung der Staatsorgane, zum Verzicht auf ein stehendes Heer.

Doch die sowjetischen Marxisten gelangten auf Grund des Studiums der Weltlage unserer Zeit zu dem Schluss, dass beim Vorhandensein der kapitalistischen Umkreisung, wenn die sozialistische Revolution nur in einem Lande gesiegt hat, in allen anderen Ländern aber der Kapitalismus herrscht, das Land der siegreichen Revolution seinen Staat, die Staatsorgane, die Organe des Abwehrdienstes, die Armee nicht schwächen darf, sondern sie mit allen Mitteln stärken muss, wenn dieses Land nicht durch die kapitalistische Umkreisung zertrümmert werden will. Die russischen Marxisten gelangten zu der Schlussfolgerung, dass sich die Formel von Engels auf den Sieg des Sozialismus in allen Ländern oder in der Mehrzahl der Länder bezieht, dass sie nicht anwendbar ist auf den Fall, wenn der Sozialismus in einem einzeln genommenen Lande siegt, während in allen anderen Ländern der Kapitalismus herrscht.

Wie man sieht, haben wir hier zwei verschiedene Formeln zur Frage des Schicksals des sozialistischen Staates, die einander ausschließen.

Die Buchstabengelehrten und Talmudisten können sagen, dass dieser Umstand eine untragbare Lage schaffe, dass eine der Formeln als unbedingt falsch verworfen und die andere als unbedingt richtig auf alle Entwicklungsperioden des sozialistischen Staates ausgedehnt werden müsse. Aber Marxisten müssen selbstverständlich wissen, dass die Buchstabengelehrten und Talmudisten sich irren, denn beide Formeln sind richtig, aber nicht absolut, sondern jede für ihre Zeit: Die Formel der sowjetischen Marxisten für die Periode des Sieges des Sozialismus in einem Lande oder einigen Ländern und die Formel von Engels für jene Periode, in der der aufeinander folgende Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern zum Siege des Sozialismus in der Mehrzahl der Länder führt und auf diese Weise die notwendigen Bedingungen für die Anwendung der Formel von Engels geschaffen werden.

Die Zahl solcher Beispiele ließe sich vermehren.

Dasselbe muss man über die zwei verschiedenen Formeln zur Frage der Sprache sagen, die verschiedenen Werken Stalins entnommen sind und die Genosse Cholopow in seinem Brief anführt.

Genosse Cholopow beruft sich auf das Werk Stalins „Über den Marxismus in der Sprachwissenschaft“, wo die Schlussfolgerung gezogen wird, dass infolge der Kreuzung von, sagen wir, zwei Sprachen, die eine der Sprachen gewöhnlich als Sieger her vorgeht, während die andere abstirbt, dass folglich die Kreuzung nicht irgendeine neue, dritte Sprache ergibt, sondern eine der Sprachen bestehen läßt. Ferner beruft er sich auf eine andere Schlussfolgerung, die dem Referat Stalins auf dem XVI. Parteitag der KPdSU(B) entnommen ist, wo es heißt, dass in der Periode des Sieges des Sozialismus im Weltmaßstabe, wenn der Sozialismus erstarkt und in das Alltagsleben eingeht, die Nationalsprachen unvermeidlich zu einer einzigen gemeinsamen Sprache verschmelzen müssen, die natürlich weder die großrussische noch die deutsche Sprache, sondern irgend etwas Neues sein wird. Genosse Cholopow, der diese beiden Formeln vergleicht und sieht, dass sie nicht nur nicht miteinander übereinstimmen, sondern einander ausschließen, gerät in Verzweiflung. „Aus Ihrem Artikel“, schreibt er in dem Brief, „habe ich entnommen, dass sich aus der Kreuzung von Sprachen niemals irgendeine neue Sprache ergeben kann, aber vor dem Artikel war ich auf Grund Ihrer Rede auf dem XVI. Parteitag der KPdSU(B) fest davon überzeugt, dass im Kommunismus die Sprachen zu einer gemeinsamen Sprache verschmelzen werden.“

Es ist augenscheinlich, dass Genosse Cholopow, der einen Widerspruch zwischen diesen beiden Formeln entdeckt hat und zutiefst davon überzeugt ist, dass der Widerspruch beseitigt werden muss, es für notwendig hält, sich einer dieser Formeln als falsch zu entledigen und sich an die andere Formel als die für alle Zeiten und Länder richtige zu klammern; aber an welche Formel er sich eigentlich klammern soll, weiß er nicht. Es ergibt sich so etwas wie eine ausweglose Lage. Genosse Cholopow kommt gar nicht auf den Gedanken, dass beide Formeln richtig sein können, jede für ihre Zeit.

So ergeht es Buchstabengelehrten und Talmudisten immer, die stets in eine ausweglose Lage geraten, weil sie in das Wesen der Sache nicht eindringen und formal zitieren, ohne Beziehung zu den historischen Bedingungen, von denen die Zitate handeln.

Wenn man sich indessen über das Wesen der Frage klar wird, besteht kein Grund für eine ausweglose Lage. Die Sache ist die, dass die Broschüre Stalins „über den Marxismus in der Sprachwissenschaft“ und die Rede Stalins auf dem XVI. Parteitag auf zwei ganz verschiedene Epochen Bezug nehmen, dass sich infolgedessen auch verschiedene Formeln ergeben.

Stalins Formel bezieht sich in dem Teil der Broschüre, der die Kreuzung von Sprachen betrifft, auf die Epoche vor dem Siege des Sozialismus im Weltmaßstab, wenn die Ausbeuterklassen die herrschende Kraft in der Welt sind, wenn die nationale und koloniale Unterdrückung bestehen bleibt, wenn die nationale Absonderung und das gegenseitige Misstrauen der Nationen durch die staatlichen Unterschiede besiegelt sind, wenn es noch keine nationale Gleichberechtigung gibt, wenn sich die Kreuzung von Sprachen auf dem Wege des Kampfes um die Herrschaft einer der Sprachen vollzieht, wenn noch keine Bedingungen für die friedliche und freundschaftliche Zusammenarbeit der Nationen und Sprachen vorhanden sind, wenn nicht die Zusammenarbeit und gegenseitige Bereicherung der Sprachen, sondern die Assimilierung der einen und der Sieg der anderen Sprachen auf der Tagesordnung stehen. Es ist verständlich, dass es unter solchen Bedingungen nur siegreiche und besiegte Sprachen geben kann. Gerade auf diese Bedingungen bezieht sich die Formel Stalins, wenn sie besagt, dass die Kreuzung, sagen wir, von zwei Sprachen nicht die Bildung einer neuen Sprache, sondern den Sieg der einen und die Niederlage der anderen Sprache zur Folge hat.

Was nun die andere Formel Stalins betrifft, die der Rede auf dem XVI. Parteitag entnommen ist, dem Teil, der die Verschmelzung der Sprachen zu einer gemeinsamen Sprache betrifft, so ist hier eine andere Epoche gemeint, nämlich die Epoche nach dem Siege des Sozialismus im Weltmaßstab, wenn es einen Weltimperialismus schon nicht mehr gibt, die Ausbeuterklassen gestürzt sind, die nationale und koloniale Unterdrückung beseitigt ist, die nationale Absonderung und das gegenseitige Misstrauen der Nationen durch gegenseitiges Vertrauen und durch die Annäherung der Nationen ersetzt sind, die nationale Gleichberechtigung verwirklicht, die Politik der Unterdrückung und Assimilierung von Sprachen liquidiert, die Zusammenarbeit der Nationen hergestellt ist und die Nationalsprachen die Möglichkeit haben, auf dem Wege der Zusammenarbeit einander frei zu bereichern. Es ist verständlich, dass unter diesen Bedingungen keine Rede sein kann von der Unterdrückung und Niederlage der einen und dem Siege der anderen Sprachen. Hier werden wir es nicht mit zwei Sprachen zu tun haben, von denen die eine eine Niederlage erleidet, die andere aber als Sieger aus dem Kampfe hervorgeht, sondern mit Hunderten von Nationalsprachen, aus denen sich im Ergebnis einer langen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenarbeit der Nationen zunächst die am meisten bereicherten einheitlichen zonalen Sprachen herausheben und dann die zonalen Sprachen zu einer gemeinsamen internationalen Sprache verschmelzen werden, die natürlich weder die deutsche noch die russische, noch die englische, sondern eine neue Sprache sein wird, die die besten Elemente der nationalen und zonalen Sprachen in sich aufgenommen hat.

Folglich entsprechen die beiden verschiedenen Formeln zwei verschiedenen Entwicklungsepochen der Gesellschaft, und gerade, weil sie ihnen entsprechen, sind beide Formeln richtig, jede für ihre Epoche.

Zu fordern, dass diese Formeln nicht in Widerspruch zueinander stehen, dass sie einander nicht ausschließen, ist ebenso absurd, wie es absurd wäre, zu fordern, dass die Epoche der Herrschaft des Kapitalismus nicht in Widerspruch stehe zu der Epoche der Herrschaft des Sozialismus, dass Sozialismus und Kapitalismus einander nicht ausschließen.

Die Buchstabengelehrten und Talmudisten betrachten den Marxismus, die einzelnen Schlussfolgerungen und Formeln des Marxismus, als eine Sammlung von Dogmen, die sich trotz der Veränderungen der Entwicklungsbedingungen der Gesellschaft „niemals“ verändern. Sie glauben, wenn sie diese Schlussfolgerungen und Formeln auswendig lernen und sie hin und her zitieren, dass sie imstande seien, beliebige Fragen zu lösen, da sie damit rechnen, dass die auswendig gelernten Schlussfolgerungen und Formeln ihnen für alle Zeiten und Länder, für alle Fälle des Lebens zustatten kommen werden. Aber so können nur solche Leute denken, die den Buchstaben des Marxismus, nicht aber sein Wesen sehen, die den Wortlaut der Schlussfolgerungen und Formeln des Marxismus auswendig lernen, ihren Inhalt aber nicht begreifen.

Der Marxismus ist die Wissenschaft von den Entwicklungsgesetzen der Natur und der Gesellschaft, die Wissenschaft von der Revolution der unterdrückten und ausgebeuteten Massen, die Wissenschaft vom Siege des Sozialismus in allen Ländern, die Wissenschaft vom Aufbau der kommunistischen Gesellschaft. Der Marxismus als Wissenschaft kann nicht auf der Stelle stehen bleiben - er entwickelt und vervollkommnet sich. In seiner Entwicklung muss sich der Marxismus selbstverständlich mit neuen Erfahrungen und neuen Kenntnissen bereichern - folglich müssen sich selbstverständlich seine einzelnen Formeln und Schlussfolgerungen im Laufe der Zeit verändern, müssen durch neue Formeln und Schlussfolgerungen ersetzt werden, die den neuen historischen Aufgaben entsprechen. Der Marxismus erkennt keine unveränderlichen Schlussfolgerungen und Formeln an, die für alle Epochen und Perioden obligatorisch wären. Der Marxismus ist ein Feind jeglichen Dogmatismus.

28. Juli 1950.

„Prawda“,
2. August 1950.

 

 

 

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