DEUTSCH

 

 

Gesammelte

STALINWERKE :

 

 

 

 

Band 11

1928 - März 1929

Seite 123 - 174

 

PLENUM DES ZK DER KPdSU(B).

4. - 12. Juli 1928

Zum erstenmal veröffentlicht.

[39]

 

 

 

ÜBER DAS PROGRAMM DER KOMINTERN

Rede am 5. Juli 1928

 

 

Vor allem, Genossen, muss die Frage des Umfangs des Entwurfs für das Programm der Komintern [40] geprüft werden.

Man sagt, der Programmentwurf sei zu groß, zu umfangreich. Man fordert, er solle auf die Hälfte, auf ein Drittel reduziert werden. Man fordert, das Programm solle einige allgemeine Formeln enthalten, man solle sich hierauf beschränken und diese Formeln als Programm bezeichnen.

Ich denke, dass diese Forderungen jeder Grundlage entbehren. Wer eine Reduzierung des Programms auf die Hälfte oder sogar auf ein Drittel fordert, versteht nicht die Aufgaben, vor denen die Verfasser des Programmentwurfs standen. Es handelt sich darum, dass das Programm der Komintern nicht das Programm der Partei irgendeines einzelnen Landes oder, sagen wir, ein Programm nur für „zivilisierte“ Nationen sein kann. Das Programm muss alle kommunistischen Parteien der Welt, alle Nationen, alle Völker, sowohl Weiße als auch Farbige umfassen. Das ist der grundlegende und charakteristischste Zug des Programmentwurfs. Wie kann man aber die wichtigsten Erfordernisse und die Grundlinien der Arbeit aller Sektionen der Komintern, sowohl der östlichen als auch der westlichen, erfassen, wenn man das Programm auf die Hälfte oder auf ein Drittel reduziert? Mögen die Genossen versuchen, diese unlösbare Aufgabe zu lösen. Daher denke ich, dass, wenn man das Programm auf die Hälfte oder auf ein Drittel reduzierte, dies schon kein Programm mehr wäre, sondern eine leere Aneinanderreihung abstrakter Formeln, die den Sektionen der Komintern nichts bieten können.

Die Verfasser des Programms standen vor einer zweifachen Aufgabe: einerseits, das Hauptsächliche und Grundlegende in allen kommunistischen Parteien der Welt zu erfassen, anderseits, dieses Hauptsächliche und Grundlegende so zu erfassen, dass die einzelnen Thesen des Programms keine leere Formeln sind, sondern praktische Leitsätze für die verschiedenartigsten Länder und Völker, für die verschiedenartigsten kommunistischen Parteien und kommunistischen Gruppen. Sie werden zugeben, dass es völlig undenkbar ist, diese zweifache Aufgabe in einem kurzen und gedrängten Programmentwurf zu lösen.

Am kuriosesten ist, dass dieselben Genossen, die eine Reduzierung des Programms auf die Hälfte oder sogar auf ein Drittel vorschlagen, zugleich solche Vorschläge machen, die die Tendenz haben, den vorliegenden Programmentwurf auf das Doppelte, wenn nicht auf das Dreifache zu erweitern. In der Tat, wenn man in dem Programmentwurf ausführliche Formulierungen über die Gewerkschaften, über die Genossenschaften, über Kultur, über die nationalen Minderheiten in Europa usw. gibt, ist es dann nicht klar, dass sich daraus keinerlei Reduzierung des Programms ergeben kann? Der vorliegende Programmentwurf müsste auf das Doppelte, wenn nicht auf das Dreifache erweitert werden.

Dasselbe muss man von den Genossen sagen, die entweder fordern, dass das Programm eine konkrete Instruktion für die kommunistischen Parteien sein soll oder dass in ihm alles und jedes, einschließlich der einzelnen Thesen des Programms, erläutert werden soll. Erstens kann man nicht verlangen, dass das Programm nur eine Instruktion oder hauptsächlich eine Instruktion sein soll. Das ist falsch. Eine solche Forderung kann man an ein Programm nicht stellen, schon ganz abgesehen davon, dass die Erfüllung einer solchen Forderung den Umfang des Programms unglaublich erweitern würde. Zweitens kann in einem Programm nicht alles und jedes, einschließlich der einzelnen deklarativen oder theoretischen Thesen des Programms, erläutert werden. Hierfür gibt es Kommentare zum Programm. Man darf ein Programm nicht mit Kommentaren verwechseln.

Die zweite Frage betrifft die Struktur des Programms und die Anordnung der einzelnen Kapitel innerhalb des Programmentwurfs.

Einige Genossen fordern, man solle das Kapitel über das Endziel der Bewegung, über den Kommunismus, an den Schluss des Programms stellen, Ich denke, dass diese Forderung gleichfalls unbegründet ist. Zwischen dem Kapitel über die Krise des Kapitalismus und dem Kapitel über die Übergangsperiode befindet sich im Programmentwurf das Kapitel über den Kommunismus, über das kommunistische Wirtschaftssystem. Ist eine solche Anordnung der Kapitel richtig? Ich denke, dass sie völlig richtig ist. Man kann nicht von der Übergangsperiode sprechen, ohne vorher von jenem Wirtschaftssystem, in diesem Fall vom kommunistischen Wirtschaftssystem, zu sprechen, zu dem im Programm der Übergang gefordert wird. Es wird von der Übergangsperiode gesprochen, von dem Übergang vom Kapitalismus zu einem anderen Wirtschaftssystem. Aber Übergang wozu, zu was für einem System - davon muss die Rede sein, bevor die Übergangsperiode selbst charakterisiert wird. Das Programm muss vom Unbekannten zum Bekannten, vom weniger Bekannten zum mehr Bekannten führen. Von der Krise des Kapitalismus und dann von der Übergangsperiode zu sprechen, ohne vorher darauf einzugehen, zu welchem System der Übergang vollzogen werden soll, bedeutet, den Leser zu verwirren und eine elementare Forderung der Pädagogik, der auch der Programmaufbau entsprechen muss, zu verletzen. Ein Programm aber soll die Heranführung des Lesers vom weniger Bekannten zum mehr Bekannten erleichtern und nicht erschweren.

Andere Genossen sind der Meinung, dass der Absatz über die Sozialdemokratie nicht in das zweite Kapitel des Programmentwurfs aufgenommen werden solle, in dem von der ersten Phase der proletarischen Revolution und der teilweisen Stabilisierung des Kapitalismus die Rede ist. Sie glauben, dass sie damit eine Frage aufwerfen, die die Struktur des Programms betrifft. Das ist falsch, Genossen. In Wirklichkeit haben wir es hier mit einer politischen Frage zu tun. Aus dem zweiten Kapitel den Absatz über die Sozialdemokratie herauszunehmen, bedeutet, einen politischen Fehler in einer der wichtigsten, die Ursachen der teilweisen Stabilisierung des Kapitalismus betreffenden Fragen zu begehen. Das ist keine Frage der Struktur des Programms, sondern der Einschätzung der politischen Lage in der Periode der teilweisen Stabilisierung, der Einschätzung der konterrevolutionären Rolle der Sozialdemokratie als eines der Faktoren dieser Stabilisierung. Diese Genossen müssen wissen, dass wir in dem Kapitel über die teilweise Stabilisierung des Kapitalismus den Absatz über die Sozialdemokratie nicht auslassen können, denn diese Stabilisierung selbst kann nicht erklärt werden, ohne die Rolle der Sozialdemokratie als eines der wichtigsten Faktoren der Stabilisierung zu charakterisieren. Andernfalls müsste man auch den Absatz über den Faschismus aus diesem Kapitel herausnehmen und diesen Absatz ebenso wie auch den Absatz über die Sozialdemokratie in das Kapitel über die Parteien aufnehmen. Diese beiden Absätze, die Absätze über den Faschismus und über die Sozialdemokratie, aus dem Kapitel herauszunehmen, das von der teilweisen Stabilisierung des Kapitalismus handelt, bedeutet aber, sich selbst zu entwaffnen und sich jede Möglichkeit zu nehmen, die kapitalistische Stabilisierung zu erklären. Es ist klar, dass wir uns hierauf nicht einlassen können.

Die Frage der NÖP und des Kriegskommunismus. Die NÖP ist die Politik der proletarischen Diktatur, die gerichtet ist auf die Überwindung der kapitalistischen Elemente und den Aufbau der sozialistischen Wirtschaft durch Ausnutzung des Marktes, vermittels des Marktes, nicht aber durch direkten Produktenaustausch, ohne Markt, unter Ausschluss des Marktes. Können die kapitalistischen Länder, zumindest die entwickeltesten von ihnen, beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ohne die NÖP auskommen? Ich denke, sie können das nicht. In diesem oder jenem Grade ist die Neue Ökonomische Politik mit ihren Marktbeziehungen und der Ausnutzung dieser Marktbeziehungen in der Periode der Diktatur des Proletariats für jedes kapitalistische Land absolut unerlässlich.

Bei uns gibt es Genossen, die diese These in Abrede stellen. Was bedeutet es aber, diese These in Abrede zu stellen?

Das bedeutet erstens, davon auszugehen, dass wir unmittelbar nach Machtantritt des Proletariats bereits über hundertprozentig fertige, den Austausch zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und Kleinproduktion vermittelnde Verteilungs- und Versorgungsapparate verfügen würden, die es ermöglichen, sofort einen direkten Produktenaustausch ohne Markt, ohne Warenumsatz, ohne Geldwirtschaft herzustellen. Man braucht diese Frage nur zu stellen, um zu begreifen, wie absurd eine solche Annahme wäre.

Das bedeutet zweitens, davon auszugehen, dass die proletarische Revolution nach der Machtergreifung durch das Proletariat den Weg der Expropriation der mittleren und kleinen Bourgeoisie beschreiten und sich die ungeheuerliche Last aufbürden müsse, den künstlich geschaffenen Millionen neuer Arbeitslosen Arbeit zu beschaffen und für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Man braucht diese Frage nur zu stellen, um zu begreifen, wie unsinnig und töricht eine solche Politik der proletarischen Diktatur wäre. Ein Vorzug der NÖP ist es unter anderem gerade, dass sie die proletarische Diktatur von diesen und ähnlichen Schwierigkeiten befreit.

Hieraus aber folgt, dass die NÖP in allen Ländern eine unvermeidliche Phase der sozialistischen Revolution bildet.

Gilt dasselbe auch für den Kriegskommunismus? Kann man sagen, dass der Kriegskommunismus eine unvermeidliche Phase der proletarischen Revolution bilde? Nein, das kann man nicht. Der Kriegskommunismus ist eine durch Kriegssituation und Intervention diktierte Politik der proletarischen Diktatur, darauf berechnet, nicht vermittels des Markten, sondern unter Ausschluss des Marktes, durch Maßnahmen hauptsächlich außerökonomischen und teilweise militärischen Charakters den direkten Produktenaustausch zwischen Stadt und Land herzustellen, mit dem Ziel, die Verteilung der Produkte so zu organisieren, dass die Versorgung der revolutionären Armeen an der Front sowie der Arbeiter im Hinterland gewährleistet ist. Wenn nicht die Kriegssituation und die Intervention gewesen wären, so ist klar, dass es auch keinen Kriegskommunismus gegeben hätte. Daher darf man nicht behaupten, der Kriegskommunismus bilde eine ökonomisch unvermeidliche Entwicklungsphase der proletarischen Revolution.

Es wäre falsch, wollte man glauben, die proletarische Diktatur in der UdSSR habe ihre wirtschaftliche Tätigkeit mit dem Kriegskommunismus begonnen. Auf diesen Standpunkt gleiten einige Genossen ab. Dieser Standpunkt aber ist falsch. Im Gegenteil, die proletarische Diktatur begann bei uns ihre Aufbauarbeit nicht mit dem Kriegskommunismus, sondern mit der Verkündung der Grundlagen der so genannten Neuen Ökonomischen Politik. Alle kennen die Anfang 1918 erschienene Broschüre Lenins über „Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht“ [41], in der Lenin zum erstenmal die Prinzipien der Neuen Ökonomischen Politik begründete. Diese Politik wurde zwar durch die Interventionsverhältnisse zeitweilig unterbrochen, und erst drei Jahre später, nach Beendigung des Krieges und der Intervention, konnten wir zu ihr zurückkehren. Die Tatsache aber, dass die proletarische Diktatur in der UdSSR zu den schon Anfang 1918 verkündeten Prinzipien der Neuen Ökonomischen Politik zurückkehren musste, diese Tatsache zeigt ganz deutlich, womit die proletarische Diktatur ihre Aufbauarbeit am Tage nach der Revolution beginnen und worauf sie ihre Aufbauarbeit begründen muss, wenn man natürlich von wirtschaftlichen Erwägungen ausgeht.

Mitunter wird der Kriegskommunismus mit dem Bürgerkrieg verwechselt, wird der erste mit dem zweiten identifiziert. Das ist natürlich falsch. Die Machtergreifung durch das Proletariat im Oktober 1917 war unbedingt eine Form des Bürgerkriegs. Es wäre aber falsch, zu sagen, wir hätten gleich im Oktober 1917 mit der Einführung des Kriegskommunismus begonnen. Man kann sich durchaus vorstellen, dass der Zustand eines Bürgerkriegs besteht, ohne dass Methoden des Kriegskommunismus angewandt werden, ohne dass auf die Grundlagen der Neuen Ökonomischen Politik verzichtet wird, wie das bei uns Anfang 1918, bis zur Intervention der Fall war.

Man sagt, die proletarischen Revolutionen würden isoliert verlaufen und deshalb könne keine einzige proletarische Revolution ohne Intervention, also auch ohne Kriegskommunismus auskommen. Das ist falsch. Nachdem wir die Festigung der Sowjetmacht in der UdSSR, ein Anwachsen der kommunistischen Parteien in den ausschlaggebenden Ländern des Kapitalismus und eine Stärkung der Komintern erreicht haben, kann und darf es schon keine isolierten proletarischen Revolutionen mehr geben. Man darf solche Faktoren wie die sich verschärfende Krise des Weltkapitalismus, wie die Existenz der Sowjetunion und das Anwachsen des Kommunismus in allen Ländern nicht außer acht lassen. (Zwischenruf: „In Ungarn war aber die Revolution isoliert.“) Das war im Jahre 1919. [42] Jetzt aber schreiben wir 1928. Es genügt, sich an die Revolution in Deutschland im Jahre 1923 [43] zu erinnern, als die proletarische Diktatur in der UdSSR sich auf eine direkte Unterstützung der deutschen Revolution vorbereitete, um die ganze Relativität und Bedingtheit der Argumentation einiger Genossen zu begreifen. (Zwischenruf: „Isolierte Revolution in Deutschland, Isoliertheit zwischen Frankreich und Deutschland.“) Sie verwechseln die räumliche Entfernung mit der politischen Isoliertheit. Natürlich ist die räumliche Entfernung von Bedeutung. Trotzdem aber darf man sie nicht mit der politischen Isoliertheit verwechseln.

Und die Arbeiter in den Ländern der Interventen - glauben Sie, dass diese bei einer Intervention zum Beispiel gegen die deutsche Revolution schweigen und den Interventen nicht in den Rücken fallen werden?

Und die UdSSR und ihr Proletariat - glauben Sie, dass die proletarische Revolution in der UdSSR dem Treiben der Interventen ruhig zusehen wird?

Um den Interventen zu schaden, ist es keineswegs erforderlich, dass man mit dem Lande der Revolution unbedingt räumlich verbunden ist. Hierzu genügt es, die Interventen an den verwundbarsten Punkten ihres eigenen Territoriums zu treffen, damit sie die Gefahr spüren und die ganze Realität der proletarischen Solidarität begreifen. Angenommen. wir würden dem bürgerlichen England im Gebiet von Leningrad zu nahe treten und ihm erheblichen Schaden zufügen. Folgt daraus, dass sich England dafür unbedingt in Leningrad an uns rächen muss? Nein, das folgt nicht daraus. Es könnte sich dafür irgendwo in Batum, in Odessa, in Baku oder, sagen wir, in Wladiwostok an uns rächen. Dasselbe gilt für die Formen der Hilfe und Unterstützung, die die proletarische Diktatur der proletarischen Revolution in einem der Länder, sagen wir, Europas gegen die imperialistischen Interventen zuteil werden lässt.

Wenn man aber nicht gelten lassen kann, dass die Intervention und also auch der Kriegskommunismus eine für alle Länder unerlässliche Erscheinung sind, so kann und muss man dennoch gelten lassen, dass sie mehr oder weniger wahrscheinlich sind. Daher bin ich, ohne der Argumentation dieser Genossen zuzustimmen, einverstanden mit ihrer Schlussfolgerung, dass man im Programmentwurf die Formel, dass der Kriegskommunismus für die Länder der proletarischen Revolution bei einer bestimmten internationalen Situation möglich ist, durch die Formel ersetzen könnte, dass die Intervention und der Kriegskommunismus mehr oder weniger wahrscheinlich sind.

Die Frage der Nationalisierung des Bodens. Ich bin mit den Genossen nicht einverstanden, die vorschlagen, für die kapitalistisch entwickelten Länder die Formel von der Nationalisierung des Bodens zu ändern, und die fordern, in diesen Ländern die Nationalisierung des gesamten Bodens gleich am ersten Tage der proletarischen Revolution zu verkünden.

Ich bin ferner mit den Genossen nicht einverstanden, die vorschlagen, über die Nationalisierung des gesamten Bodens in den kapitalistisch entwickelten Ländern überhaupt nichts zu sagen. Meiner Meinung nach wäre es besser, über die spätere Nationalisierung des gesamten Bodens zu sprechen, wie es im Programmentwurf auch getan wird, mit dem Zusatz, dass den Klein- und Mittelbauern das Recht auf Bodennutzung gewährleistet wird.

Unrecht haben die Genossen, die glauben, die Nationalisierung des gesamten Bodens könne umso leichter durchgeführt werden, je stärker ein Land in kapitalistischer Hinsicht entwickelt ist. Im Gegenteil, je stärker ein Land in kapitalistischer Hinsicht entwickelt ist, um so schwieriger ist es, die Nationalisierung des gesamten Bodens durchzuführen, denn um so stärker sind dort die Traditionen des Privateigentums an Grund und Boden, und um so schwieriger ist es folglich, gegen diese Traditionen zu kämpfen.

Lesen Sie Lenins Thesen über die Agrarfrage auf dem II. Kongress der Komintern [44], in denen er direkt vor übereilten und unvorsichtigen Schritten in dieser Richtung warnt - und Sie werden begreifen, wie falsch die Behauptung dieser Genossen ist. In den kapitalistisch entwickelten Ländern besteht das Privateigentum an Grund und Boden Hunderte von Jahren, was man von den kapitalistisch weniger entwickelten Ländern, in denen der Bauernschaft das Prinzip des Privateigentums an Grund und Boden noch nicht in Fleisch und Blut übergehen konnte, nicht sagen kann. Bei uns, in Rußland, sagten die Bauern sogar eine Zeitlang, dass der Boden niemandem gehöre, dass er Gottes Boden sei. Daraus erklärt sich denn auch, dass Lenin schon im Jahre 1906, in Erwartung der bürgerlich-demokratischen Revolution, bei uns die Losung der Nationalisierung des gesamten Bodens bei Gewährleistung des Rechts auf Bodennutzung für die Klein- und Mittelbauern aufstellte, davon ausgehend, dass die Bauernschaft das begreifen und dafür Verständnis haben wird.

Ist es nicht charakteristisch, dass derselbe Lenin im Jahre 1920 auf dem II. Kongress der Komintern die kommunistischen Parteien der kapitalistisch entwickelten Länder davor warnte, sofort die Losung der Nationalisierung des gesamten Bodens aufzustellen, da diese Losung für die von Eigentümerinstinkt durchdrungene Bauernschaft dieser Länder nicht sogleich annehmbar sein würde. Können wir diesen Unterschied außer acht lassen und die Weisungen Lenins nicht beachten? Es ist klar, dass wir das nicht können.

Die Frage des inneren Gehalts des Programmentwurfs. Es stellt sich heraus, dass einige Genossen der Meinung sind, der Programmentwurf sei, was seinen inneren Gehalt betrifft, nicht durch und durch international, da er, wie sie sagen, einen „zu russischen“ Charakter trage. Ich habe hier derartige Einwände nicht gehört. Solche Einwände werden aber, wie sich herausstellt, in manchen Kreisen rund um die Komintern gemacht.

Was konnte den Anlass zu solchen Äußerungen geben?

Vielleicht die Tatsache, dass es im Programmentwurf ein spezielles Kapitel über die UdSSR gibt? Aber was kann daran schlecht sein? Ist etwa unsere Revolution ihrem Charakter nach eine nationale und nur eine nationale Revolution, und nicht hauptsächlich eine internationale Revolution? Warum nennen wir sie dann die Basis der revolutionären Bewegung der ganzen Welt, den Hebel der revolutionären Entwicklung aller Länder, das Vaterland des Weltproletariats?

Bei uns hat es Leute gegeben, zum Beispiel unsere Oppositionellen, die die Revolution in der UdSSR für eine ausschließlich oder hauptsächlich nationale Revolution hielten. Sie haben sich dabei das Genick gebrochen. Seltsam, dass es, wie sich herausstellt, um die Komintern herum Leute gibt, die bereit sind, in die Fußtapfen der Oppositionellen zu treten.

Vielleicht ist unsere Revolution ihrem Typ nach eine nationale und nur eine nationale Revolution? Aber unsere Revolution ist eine sowjetische Revolution, die Sowjetform des proletarischen Staates aber ist eine mehr oder weniger obligatorische Form auch für die Diktatur des Proletariats in den anderen Ländern. Nicht umsonst sagte Lenin, dass die Revolution in der UdSSR eine neue Ära im Geschichtsverlauf, die Ära der Sowjets, eröffnet hat. Folgt daraus nicht, dass unsere Revolution nicht nur ihrem Charakter, sondern auch ihrem Typ nach hauptsächlich eine internationale Revolution ist, die ein Bild dessen vermittelt, was im Wesentlichen die proletarische Revolution in jedem Lande darstellen soll?

Es besteht kein Zweifel, dass der internationale Charakter unserer Revolution der proletarischen Diktatur in der UdSSR bestimmte Verpflichtungen gegenüber den Proletariern und unterdrückten Massen der ganzen Welt auferlegt. Lenin ging hiervon aus, als er sagte, dass der Sinn der Existenz der proletarischen Diktatur in der UdSSR darin besteht, alles nur Mögliche für die Entwicklung und den Sieg der proletarischen Revolution in anderen Ländern zu tun. Was aber folgt daraus? Daraus folgt zumindest, dass unsere Revolution ein Teil der Weltrevolution, die Basis und das Werkzeug der revolutionären Bewegung der ganzen Welt ist.

Es besteht ebenfalls kein Zweifel, dass nicht nur die Revolution in der UdSSR Verpflichtungen gegenüber den Proletariern aller Länder hat und sie erfüllt, sondern dass auch die Proletarier aller Länder bestimmte, recht ernste Verpflichtungen gegenüber der proletarischen Diktatur in der UdSSR haben. Ihre Pflicht ist es, das Proletariat der UdSSR in seinem Kampf gegen innere und äußere Feinde zu unterstützen, gegen einen auf die Erdrosselung der proletarischen Diktatur in der UdSSR gerichteten Krieg zu kämpfen, den direkten Übergang der Armeen des Imperialismus auf die Seite der proletarischen Diktatur in der UdSSR im Falle eines Überfalls auf die UdSSR zu propagieren. Folgt daraus nicht, dass die Revolution in der UdSSR mit der revolutionären Bewegung in anderen Ländern untrennbar verbunden ist, dass der Triumph der Revolution in der UdSSR ein Triumph der Revolution in der ganzen Welt ist?

Kann man etwa nach alldem von der Revolution in der UdSSR als von einer lediglich nationalen Revolution, als von einer isolierten, nicht mit der revolutionären Bewegung in der ganzen Welt verbundenen Revolution sprechen?

Und umgekehrt, kann man etwa nach alldem außerhalb des Zusammenhangs mit der proletarischen Revolution in der UdSSR irgendetwas von der revolutionären Bewegung der Welt verstehen?

Was für einen Wert hätte ein Programm der Komintern, das von der proletarischen Weltrevolution handelt, wenn es die Grundfrage, die Frage des Charakters und der Aufgaben der proletarischen Revolution in der UdSSR, die Frage ihrer Pflichten gegenüber den Proletariern aller Länder und der Pflichten der Proletarier aller Länder gegenüber der proletarischen Diktatur in der UdSSR, überginge?

Daher bin ich der Meinung, dass die Einwände hinsichtlich des „russischen Charakters“ des Programmentwurfs der Komintern ein, wie soll man das möglichst gelinde sagen..., unschönes Gepräge, einen unangenehmen Beigeschmack haben.

Gehen wir zu einzelnen Bemerkungen über.

Ich bin der Ansicht, dass die Genossen Recht haben, die vorschlagen, auf Seite 55 des Programmentwurfs den Satz hinsichtlich der werktätigen Schichten des Dorfes, „die der Diktatur des Proletariats folgen“, zu ändern. Dieser Satz ist ein offensichtliches Missverständnis oder vielleicht ein Korrekturfehler. Man muss ihn ändern.

Aber diese Genossen haben völlig Unrecht, wenn sie vorschlagen, in den Programmentwurf alle Definitionen der Diktatur des Proletariats aufzunehmen, die Lenin gegeben hat. (Heiterkeit.) Auf Seite 52 wird folgende Definition der Diktatur des Proletariats gegeben, die im Wesentlichen Lenin entnommen ist:

„Die Diktatur des Proletariats ist die Fortsetzung seines Klassenkampfs unter neuen Bedingungen. Die Diktatur des Proletariats ist ein zäher Kampf, ein blutiger und unblutiger, gewaltsamer und friedlicher, militärischer und wirtschaftlicher, pädagogischer und administrativer Kampf gegen die Mächte und Traditionen der alten Gesellschaft, gegen die äußeren kapitalistischen Feinde, gegen die Überreste der Ausbeuterklassen innerhalb des Landes, gegen die auf Grund der noch nicht überwundenen Warenproduktion entstehenden Keime einer neuen Bourgeoisie.“ [45]

Der Programmentwurf enthält noch eine Reihe anderer Definitionen der Diktatur entsprechend diesen oder jenen Aufgaben der Diktatur in den verschiedenen Stadien der proletarischen Revolution. Ich denke, dass das vollauf genügt. (Zwischenruf: „Eine der Formulierungen Lenins ist ausgelassen.“) Bei Lenin gibt es ganze Seiten über die Diktatur des Proletariats. Wenn wir all das in den Programmentwurf aufnehmen, so fürchte ich, dass dessen Umfang sich mindestens auf das Dreifache vergrößern würde.

Falsch ist auch der Einwand einiger Genossen hinsichtlich der These von der Neutralisierung der Mittelbauernschaft. Lenin sagt in seinen Thesen auf dem II. Kongress der Komintern direkt, dass die kommunistischen Parteien am Vorabend der Machtergreifung und im ersten Stadium der Diktatur des Proletariats in den kapitalistischen Ländern nicht auf mehr rechnen können als auf eine Neutralisierung der Mittelbauernschaft. Lenin sagt direkt, dass die kommunistischen Parteien erst nach der Festigung der Diktatur des Proletariats darauf rechnen können, ein festes Bündnis mit dem Mittelbauern herzustellen. Es ist klar, dass wir bei der Aufstellung des Programmentwurfs diese Weisung Lenins nicht unberücksichtigt lassen konnten, ganz abgesehen davon, dass diese Weisung den Erfahrungen unserer Revolution auf das genaueste entspricht.

Falsch ist auch die Bemerkung einer Reihe von Genossen hinsichtlich der nationalen Frage. Diese Genossen haben keinen Grund zu behaupten, dass der Programmentwurf die nationalen Momente der revolutionären Bewegung nicht berücksichtige. Die Frage der Kolonien ist im Wesentlichen eine nationale Frage. Im Programmentwurf wird prägnant genug von der imperialistischen Unterdrückung, von der Unterdrückung in den Kolonien, von der nationalen Selbstbestimmung, vom Recht der Nationen und der Kolonien auf Lostrennung usw. gesprochen.

Wenn diese Genossen die nationalen Minderheiten in Mitteleuropa meinen, so kann man diese Frage im Programmentwurf erwähnen, ich bin aber dagegen, dass im Programmentwurf die nationale Frage in Mitteleuropa speziell behandelt wird.

Schließlich über die Bemerkungen einer Reihe von Genossen hinsichtlich Polens als eines Landes, das den zweiten Typ der Entwicklung zur proletarischen Diktatur verkörpert. Diese Genossen glauben, dass die Klassifizierung der Länder in drei Typen, in Länder mit hoch entwickeltem Kapitalismus (Amerika, Deutschland, England), in Länder mit mittelmäßig entwickeltem Kapitalismus (Polen, Rußland vor der Februarrevolution usw.) und in koloniale Länder, falsch sei. Sie behaupten, dass man Polen zum ersten Typ der Länder rechnen müsse, dass man nur von zwei Typen von Ländern, von kapitalistischen und von kolonialen Ländern, sprechen könne.

Das ist falsch, Genossen. Außer den kapitalistisch entwickelten Ländern, in denen der Sieg der Revolution sofort zur proletarischen Diktatur führen wird, gibt es noch Länder, die kapitalistisch wenig entwickelt sind, Länder mit feudalen Überresten, mit einer speziellen Agrarfrage antifeudalen Typs (Polen, Rumänien usw.), in denen die Kleinbourgeoisie, besonders die Bauernschaft, im Falle eines revolutionären Ausbruchs unbedingt ein gewichtiges Wort sprechen wird und in denen der Sieg der Revolution, um zur proletarischen Diktatur zu führen, gewisse Zwischenstufen, sagen wir die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft, erforderlich machen kann und gewiss auch machen wird.

Bei uns hat es ebenfalls Leute gegeben, wie zum Beispiel Trotzki, die vor der Februarrevolution behaupteten, der Bauernschaft käme keine ernsthafte Bedeutung zu, die Losung des Augenblicks sei die Losung „Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung“. Sie wissen, dass Lenin sich entschieden von einer derartigen Losung abgrenzte, dass er sich gegen die Unterschätzung der Rolle und des spezifischen Gewichts der Kleinbourgeoisie, besonders der Bauernschaft, wandte. Manch einer glaubte bei uns damals, nach dem Sturz des Zarismus werde das Proletariat sofort die herrschende Stellung einnehmen. Was aber geschah in Wirklichkeit? In Wirklichkeit traten gleich nach der Februarrevolution die Millionen der kleinbürgerlichen Massen auf den Plan und gaben den kleinbürgerlichen Parteien, den Sozialrevolutionären und den Menschewiki, das Übergewicht. Die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki, die bis dahin gänzlich unbedeutende Parteien waren, wurden „plötzlich“ zur herrschenden Kraft im Lande. Woher kam das? Das kam daher, dass die Millionenmassen der Kleinbourgeoisie in der ersten Zeit die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki unterstützten.

Daraus erklärt sich unter anderem auch die Tatsache, dass die proletarische Diktatur bei uns als Ergebnis eines mehr oder weniger schnellen Hinüberwachsens der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische Revolution errichtet wurde.

Es besteht kaum ein Grund, daran zu zweifeln, dass Polen und Rumänien zu den Ländern gehören, die auf dem Wege zur Diktatur des Proletariats mehr oder weniger schnell gewisse Zwischenstufen zurücklegen müssen.

Daher denke ich, dass diese Genossen Unrecht haben, wenn sie das Vorhandensein von drei Typen der revolutionären Entwicklung auf dem Wege zur Diktatur des Proletariats abstreiten. Polen und Rumänien sind Vertreter des zweiten Typs.

Das, Genossen, sind meine Bemerkungen zum Entwurf des Programms der Komintern.

Was den Stil des Programmentwurfs oder einige einzelne Formulierungen betrifft, so kann ich nicht behaupten, dass der Programmentwurf in dieser Beziehung vollkommen wäre. Es wird sich wohl als notwendig erweisen, einige Verbesserungen, Präzisierungen vorzunehmen, den Stil vielleicht zu vereinfachen usw. Aber das ist Sache der Programmkommission des VI. Kongresses der Komintern. [46]

 

 

ÜBER DIE
INDUSTRIALISIERUNG UND DAS GETREIDEPROBLEM

Rede am 9. Juli 1928

Genossen! Bevor ich zu der konkreten Frage unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront übergehe, gestatten Sie mir, einige allgemeine Fragen zu berühren, die von theoretischem Interesse sind und die hier während der Diskussion auf der Plenartagung auftauchten.

Vor allem die allgemeine Frage nach den Hauptquellen für die Entwicklung unserer Industrie, nach den Wegen zur Sicherung des gegenwärtigen Tempos der Industrialisierung.

Diese Frage schnitten, vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein, Ossinski und nach ihm Sokolnikow an. Diese Frage ist von erstrangiger Bedeutung.

Ich denke, dass wir zwei Hauptquellen haben, aus denen unsere Industrie schöpft: erstens die Arbeiterklasse und zweitens die Bauernschaft.

In den kapitalistischen Ländern erfolgte gewöhnlich die Industrialisierung hauptsächlich durch die Ausplünderung fremder Länder, durch die Ausplünderung der Kolonien oder der besiegten Länder oder durch bedeutende, mehr oder weniger knechtende Auslandsanleihen.

Sie wissen, dass England Hunderte von Jahren in allen Kolonien, in allen Teilen der Welt Kapitalien zusammenraffte und auf diese Weise zusätzliche Investitionen in seiner Industrie machen konnte. Daraus erklärt sich unter anderem auch, dass England eine Zeitlang die „Werkstätte der Welt“ war.

Sie wissen ferner, dass Deutschland seine Industrie unter anderem mit Hilfe einer 5-Milliarden-Kontribution entwickelte, die es nach dem Deutsch-Französischen Krieg von Frankreich erhob.

Unser Land unterscheidet sich unter anderem gerade dadurch von den kapitalistischen Ländern, dass es keine Ausraubung von Kolonien und überhaupt keine Ausplünderung fremder Länder betreiben kann und darf. Dieser Weg ist uns also verschlossen.

Unser Land hat aber auch keine knechtenden Auslandsanleihen aufgenommen und will sie nicht aufnehmen. Folglich ist uns auch dieser Weg verschlossen.

Was bleibt dann übrig? Es bleibt nur das eine: mit Hilfe der inneren Akkumulation die Industrie zu entwickeln, das Land zu industrialisieren.

Unter dem bürgerlichen Regime wurden die Industrie, das Verkehrswesen usw. in unserem Lande gewöhnlich mit Hilfe von Anleihen entwickelt. Ob man die Errichtung neuer Werke oder die Neuausrüstung alter Werke, ob man die Anlage neuer Eisenbahnlinien oder die Errichtung großer Kraftwerke nimmt - kein einziges dieser Unternehmen kam ohne Auslandsanleihen aus. Dies aber waren knechtende Anleihen.

Völlig anders ist es bei uns unter der Sowjetordnung. Wir bauen die Turkestan-Eisenbahn mit einer Länge von 1400 Werst, die Hunderte Millionen Rubel erfordert. Wir bauen die Dnjepr-Kraftwerke, die gleichfalls Hunderte Millionen erfordern. Haben wir hierfür irgendeine knechtende Anleihe aufgenommen? Nein, das haben wir nicht getan. All das geschieht bei uns mit Hilfe der inneren Akkumulation.

Wo aber sind die Hauptquellen dieser Akkumulation? Es gibt, wie ich bereits sagte, zwei dieser Quellen: erstens die Arbeiterklasse, die Werte schafft und die Industrie voranbringt; zweitens die Bauernschaft.

Mit der Bauernschaft verhält es sich bei uns in dieser Hinsicht folgendermaßen: Sie zahlt dem Staat nicht nur die üblichen Steuern, direkte und indirekte, sondern sie muss außerdem überzahlen durch verhältnismäßig hohe Preise für Industriewaren - das als erstes -, und sie wird mehr oder minder unterbezahlt durch die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse - das als zweites.

Das ist eine zusätzliche Besteuerung der Bauernschaft im Interesse der Hebung der Industrie, die für das ganze Land, darunter auch für die Bauernschaft, arbeitet. Das ist eine Art „Tribut“, eine Art Mehrsteuer, zu deren zeitweiliger Erhebung wir gezwungen sind, um das gegenwärtige Entwicklungstempo der Industrie aufrechtzuerhalten und weiter zu steigern, die Industrieproduktion für das ganze Land zu sichern, den Wohlstand des Dorfes weiter zu heben und dann diese zusätzliche Steuer, diese „Schere“ zwischen Stadt und Land überhaupt zu beseitigen.

Das ist ohne Zweifel eine unangenehme Sache. Aber wir wären keine Bolschewiki, wollten wir diese Tatsache vertuschen und die Augen davor verschließen, dass unsere Industrie und unser Land bedauerlicherweise ohne diese zusätzliche Besteuerung der Bauernschaft einstweilen noch nicht auskommen können.

Warum spreche ich darüber? Weil manche Genossen diese nicht zu bestreitende Sache offenbar nicht begreifen. Sie bauten ihre Reden darauf auf, dass die Bauernschaft die Waren überbezahlt, was absolut zutrifft, und dass die Bauernschaft durch die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse unterbezahlt wird, was ebenfalls zutrifft. Und was verlangen sie? Sie verlangen, dass Wiederherstellungspreise für Getreide eingeführt werden, dass diese „Schere“, diese Unter- und Überbezahlungen jetzt sofort beseitigt werden. Was bedeutet es aber, die „Schere“, sagen wir, in diesem oder im nächsten Jahr zu beseitigen? Das bedeutet, die Industrialisierung des Landes, darunter auch die Industrialisierung der Landwirtschaft, zu hemmen, unsere noch nicht erstarkte junge Industrie zu unterminieren und somit der gesamten Volkswirtschaft einen Schlag zu versetzen. Können wir uns hierauf einlassen? Es ist klar, dass wir das nicht können. Muss man die „Schere“ zwischen Stadt und Land, alle diese Unter- und Überbezahlungen beseitigen? Ja, man muss sie unbedingt beseitigen. Können wir sie aber jetzt sofort beseitigen, ohne unsere Industrie und also auch unsere Volkswirtschaft zu schwächen? Nein, das können wir nicht.

Worin muss in diesem Fall unsere Politik bestehen? Sie muss darin bestehen, diese „Schere“ allmählich zu schließen, sie von Jahr zu Jahr mehr zu schließen durch Herabsetzung der Preise für Industriewaren und Verbesserung der Technik in der Landwirtschaft, was zu einer Verbilligung der Getreideerzeugung führen muss, um dann, nach einer Reihe von Jahren, diese zusätzliche Besteuerung der Bauernschaft überhaupt zu beseitigen.

Kann die Bauernschaft diese Bürde tragen? Unbedingt, sie kann es: erstens, weil diese Bürde von Jahr zu Jahr leichter wird, zweitens, weil die Erhebung dieser zusätzlichen Steuer nicht unter kapitalistischen Entwicklungsbedingungen erfolgt, unter denen die Massen der Bauernschaft zu Verelendung und Ausbeutung verurteilt sind, sondern unter den Bedingungen der Sowjetordnung, wo der sozialistische Staat eine Ausbeutung der Bauernschaft ausschließt und wo mit der Zahlung dieser zusätzlichen Steuer eine stetige Verbesserung der materiellen Lage der Bauernschaft einhergeht.

So ist es um die Frage der Hauptquellen für die Entwicklung der Industrialisierung unseres Landes im gegenwärtigen Augenblick bestellt.

Die zweite Frage betrifft das Problem des Zusammenschlusses mit dem Mittelbauern, das Problem der Ziele dieses Zusammenschlusses und der Mittel und Wege hierzu.

Manche Genossen stellen die Dinge so hin, als ob der Zusammenschluss zwischen Stadt und Land, zwischen der Arbeiterklasse und den Hauptmassen der Bauernschaft ausschließlich auf der Linie der Textilien, auf der Linie der Befriedigung des persönlichen Bedarfs der Bauernschaft erfolge. Ist das richtig? Das ist völlig falsch, Genossen. Natürlich hat die Befriedigung der persönlichen Bedürfnisse der Bauernschaft, ihre Versorgung mit Textilien, gewaltige Bedeutung. Damit haben wir auch begonnen bei der Herstellung des Zusammenschlusses mit der Bauernschaft unter den neuen Bedingungen. Wenn man auf Grund dessen aber sagt, im Zusammenschluss mittels Textilien erschöpfe sich das ganze Problem, im Zusammenschluss mittels Befriedigung der persönlichen Bedürfnisse der Bauernschaft erschöpfe sich das wirtschaftliche Bündnis zwischen Arbeiter-klasse und Bauernschaft oder bestehe die Hauptgrundlage dieses Bündnisses, so bedeutet das, einen schwerwiegenden Fehler zu begehen. In Wirklichkeit erfolgt der Zusammenschluss zwischen Stadt und Land nicht nur auf der Linie der Befriedigung der persönlichen Bedürfnisse der Bauernschaft, nicht nur auf der Linie der Textilien, sondern auch auf der Linie der Befriedigung der wirtschaftlichen Bedürfnisse der Bauernschaft als des Produzenten landwirtschaftlicher Erzeugnisse.

Wir liefern der Bauernschaft nicht nur Kattun. Wir liefern ihr außerdem Maschinen jeder Art, Saatgut, Pflüge, Kunstdünger usw., die für die Hebung und die sozialistische Umgestaltung der Bauernwirtschaft von größter Bedeutung sind.

Der Zusammenschluss beruht somit nicht nur auf Textilien, sondern auch auf dem Metall. Ohne dieses wäre der Zusammenschluss mit der Bauernschaft nicht von Dauer.

Wodurch unterscheidet sich der Zusammenschluss auf der Grundlage der Textilien von dem Zusammenschluss auf der Grundlage des Metalls? Vor allem dadurch, dass der Zusammenschluss auf der Grundlage der Textilien hauptsächlich die persönlichen Bedürfnisse der Bauernschaft betrifft, die Produktion der Bauernwirtschaft aber gar nicht oder nur verhältnismäßig wenig berührt, während der Zusammenschluss auf der Grundlage des Metalls hauptsächlich die Produktion der Bauernwirtschaft betrifft, diese Wirtschaft verbessert, sie mit Maschinen ausrüstet, ihre Rentabilität hebt und den Boden vorbereitet für die Vereinigung der zersplitterten und kleinen Bauernwirtschaften zu gesellschaftlichen Großwirtschaften.

Es wäre falsch zu glauben, dass das Ziel des Zusammenschlusses in der Aufrechterhaltung der Klassen, insbesondere in der Aufrechterhaltung der Bauernklasse bestehe. Das ist falsch, Genossen. Das Ziel des Zusammenschlusses besteht keineswegs hierin. Das Ziel des Zusammenschlusses besteht darin, die Bauernschaft der Arbeiterklasse als dem Führer unserer gesamten Entwicklung näher zu bringen, das Bündnis der Bauernschaft mit der Arbeiterklasse als der leitenden Kraft dieses Bündnisses zu festigen, die Bauernschaft, ihre Mentalität, ihre Produktion allmählich im Geiste des Kollektivismus umzumodeln und so die Voraussetzungen für die Aufhebung der Klassen zu schaffen.

Das Ziel des Zusammenschlusses besteht nicht in der Aufrechterhaltung der Klassen, sondern in ihrer Aufhebung. Während der Zusammenschluss auf der Grundlage der Textilien die Produktion der Bauernwirtschaft wenig berührt und daher, allgemein gesprochen, nicht die Ummodelung der Bauernschaft im Geiste des Kollektivismus und nicht die Aufhebung der Klassen zur Folge haben kann, betrifft der Zusammenschluss auf der Grundlage des Metalls umgekehrt vor allem die Produktion der Bauernwirtschaft, ihre Maschinisierung, ihre Kollektivierung und muss eben deshalb die allmähliche Ummodelung der Bauernschaft, die allmähliche Beseitigung der Klassen, darunter auch der Bauernklasse, zur Folge haben.

Wie kann man überhaupt den Bauern, seine Mentalität, seine Produktion im Geiste einer Annäherung an die Mentalität der Arbeiterklasse, im Geiste des sozialistischen Produktionsprinzips umgestalten und ummodeln? Was ist dazu erforderlich?

Dazu ist vor allem eine umfassende Agitation unter den Bauernmassen im Geiste des Kollektivismus erforderlich.

Dazu sind zweitens die Entfaltung des Genossenschaftswesens und eine ständig zunehmende Erfassung der Millionen Bauernwirtschaften durch unsere genossenschaftlichen Einkaufs- und Verkaufsorganisationen erforderlich. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass wir ohne die weitgehende Entwicklung unserer Genossenschaften nicht jenen Umschwung unter den Bauern zugunsten der Kollektivwirtschaftsbewegung zu verzeichnen hätten, den wir gegenwärtig beobachten, denn die Entwicklung der Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften ist unter unseren Verhältnissen die Vorbereitung des Übergangs der Bauernschaft zum Kollektivismus.

Aber all das ist für die Ummodelung der Bauernschaft bei weitem noch nicht ausreichend. Die Hauptkraft für die Ummodelung des Bauern im Geiste des Sozialismus ist die neue landwirtschaftliche Technik, die Maschinisierung der Landwirtschaft, die kollektive Arbeit des Bauern, die Elektrifizierung unseres Landes.

Man beruft sich hier auf Lenin und zitiert die bekannte Stelle aus Lenins Werken über den Zusammenschluss mit der bäuerlichen Wirtschaft. Lenin aber in einem Teil zunehmen, ohne ihn im Ganzen nehmen zu wollen - das bedeutet, Lenin zu entstellen. Lenin verstand durchaus, dass der Zusammenschluss mit der Bauernschaft auf der Linie der Textilwaren eine sehr wichtige Sache ist. Aber er blieb hierbei nicht stehen, denn er bestand zugleich darauf, dass der Zusammenschluss mit der Bauernschaft auch auf der Linie des Metalls, auf der Linie der Versorgung der Bauernschaft mit Maschinen, auf der Linie der Elektrifizierung des Landes hergestellt wird, das heißt auf all den Linien, die die Ummodelung und Umgestaltung der bäuerlichen Wirtschaft im Geiste des Kollektivismus fördern.

Hören Sie bitte zum Beispiel folgendes Lenin-Zitat an:

„Die Ummodelung des kleinen Landwirts, die Umgestaltung seiner ganzen Mentalität und seiner Gepflogenheiten ist eine Sache, die Generationen erfordert. Diese Frage in Bezug auf den kleinen Landwirt lösen, sozusagen seine ganze Mentalität gesund machen, kann nur die materielle Basis, die Technik, die massenhafte Anwendung von Traktoren und Maschinen in der Landwirtschaft, die weitgehende Elektrifizierung. Das würde den kleinen Landwirt von Grund aus und mit riesiger Geschwindigkeit ummodeln.“ (4. Ausgabe, Bd. 32, S. 194, russ.)

Es ist klar: Das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft kann nicht fest und dauerhaft sein, der Zusammenschluss kann nicht fest und dauerhaft sein, und er kann sein Ziel, die allmähliche Ummodelung des Bauern, seine Annäherung an die Arbeiterklasse und seine Überführung auf die Bahnen des Kollektivismus nicht erreichen, wenn der Zusammenschluss auf der Grundlage der Textilien nicht durch den Zusammenschluss auf der Grundlage des Metalls ergänzt wird.

So fasste Genosse Lenin den Zusammenschluss auf.

Die dritte Frage betrifft die Frage der Neilen Ökonomischen Politik (NÖP) und des Klassenkampfes unter den Bedingungen der NÖP.

Man muss vor allem festhalten, dass unsere Partei die Grundlagen der NÖP nicht erst nach dem Kriegskommunismus darlegte, wie das manchmal einige Genossen behaupten, sondern vor ihm, schon Anfang 1918, als wir erstmalig die Möglichkeit erhielten, mit dem Aufbau der neuen, sozialistischen Wirtschaft zu beginnen. Ich könnte mich auf die bekannte Broschüre von Iljitsch „Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht“ berufen, die Anfang 1918 herausgegeben wurde und in der die Grundlagen der NÖP dargelegt sind. Als die Partei nach dem Ende der Intervention die NÖP einführte, bezeichnete sie diese als Neue Ökonomische Politik, weil sie, diese Politik, durch die Intervention unterbrochen worden war und wir erst nach der Intervention, nach dem Kriegskommunismus, im Vergleich zu dem die NÖP wirklich eine neue ökonomische Politik war, die Möglichkeit erhielten, diese durchzuführen. Zur Bestätigung dessen halte ich es für notwendig, mich auf die bekannte Resolution zu berufen, die auf dem IX. Sowjetkongress angenommen wurde und in der schwarz auf weiß geschrieben steht, dass die Grundlagen der Neuen Ökonomischen Politik schon vor dem Kriegskommunismus dargelegt wurden. In dieser Resolution „Über die vorläufigen Ergebnisse der Neuen Ökonomischen Politik“ heißt es:

„Die so genannte Neue Ökonomische Politik, deren grundlegende Prinzipien schon während der ersten Atempause, im Frühjahr 1918, genau festgelegt wurden, gründet sich auf die strenge Berücksichtigung der ökonomischen Kräfte Sowjetrußlands. Die Verwirklichung dieser Politik, die durch den kombinierten Überfall der konterrevolutionären Kräfte der russischen Gutsbesitzer und Bourgeois und des europäischen Imperialismus auf den Arbeiter- und Bauernstaat unterbrochen worden war, wurde erst nach der militärischen Liquidierung der Anschläge der Konterrevolution, Anfang 1921, möglich.“ (Siehe die „Beschlüsse des IX. Allrussischen Sowjetkongresses“, S. 16 [47].)

Sie sehen also, wie unrecht einige Genossen haben, wenn sie behaupten, die Partei hätte die Notwendigkeit des Aufbaus des Sozialismus unter den Bedingungen des Marktes und der Geldwirtschaft, das heißt auch unter den Bedingungen der Neuen Ökonomischen Politik, angeblich erst nach dem Kriegskommunismus erkannt.

Was aber folgt daraus?

Daraus folgt vor allem, dass man die NÖP nicht lediglich als Rückzug ansehen darf.

Daraus folgt weiter, dass die NÖP die siegreiche und systematische Offensive des Sozialismus gegen die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft voraussetzt.

Die Opposition, vertreten durch Trotzki, glaubt, dass uns nach Einführung der NÖP nur eins übrig bleibt - Schritt für Schritt zurückzuweichen, wie wir zu Beginn der NÖP zurückwichen, die NOP „zu erweitern“ und unsere Positionen preiszugeben. Auf dieser falschen Auffassung von der NÖP basiert auch die Behauptung Trotzkis, die Partei habe dadurch, dass sie auf dem Lande die Bodenpacht und die Lohnarbeit zugelassen hat, die NÖP angeblich „erweitert“ und sei von der Position Lenins abgewichen. Es ist vielleicht von Interesse, die Worte Trotzkis zu hören:

„Was aber bedeuten die letzten Maßnahmen der Sowjetmacht auf dem Lande - die Genehmigung zur Pachtung von Boden, zur Einstellung von Arbeitskräften - alles das, was wir Erweiterung der NÖP auf dem Lande nennen... War es aber möglich, die NÖP auf dem Lande nicht zu erweitern? Nein, weil dann die Bauernwirtschaft verkümmern würde, weil der Markt eingeengt, weil die Industrie gehemmt worden wäre.“ (Trotzki, „Acht Jahre“, S. 16/17.)

Sehen Sie, wie weit man sich versteigen kann, wenn man sich den falschen Gedanken in den Kopf setzt, dass die NÖP ein Rückzug und nur ein Rückzug sei.

Kann man behaupten, die Partei habe dadurch, dass sie auf dem Lande die Lohnarbeit und die Bodenpacht zuließ, die NÖP „erweitert“, sie sei von Lenin „abgewichen“ usw.? Nein, das kann man natürlich nicht! Leute, die einen solchen Unsinn behaupten, haben mit Lenin und dem Leninismus nichts gemein.

Ich könnte mich hier auf den bekannten Brief Lenins an Ossinski vom 1. April 1922 stützen, in dem er direkt von der Notwendigkeit der Anwendung der Lohnarbeit und der Bodenpacht auf dem Lande spricht. Das war am Ende des XI. Parteitags, als unter den Delegierten die Frage der Arbeit auf dem Lande, die Frage der NÖP und ihrer Folgen eingehend erörtert wurde.

Hier ein Zitat aus diesem Brief, der einen Resolutionsentwurf für die Delegierten des Parteitags darstellt:

„Was die Bedingungen für die Anwendung der Lohnarbeit in der Landwirtschaft und die Bodenpacht betrifft, empfiehlt der Parteitag allen auf diesem Gebiet tätigen Funktionären, weder das eine noch das andere durch überflüssige Formalitäten zu erschweren und sich darauf zu beschränken, den Beschluss des letzten Sowjetkongresses durchzuführen, und ferner zu studieren, durch welche praktischen Maßnahmen Extreme und schädliche Übertreibungen in der erwähnten Hinsicht zweckmäßig begrenzt werden können.“ (Siehe Lenin-Sammelband IV, S. 396 [48].)

Sie sehen, wie dumm und haltlos das Geschwätz von einer „Erweiterung“ der NÖP, von einem „Abweichen“ von Lenin bei der Zulassung der Bodenpacht und der Lohnarbeit auf dem Lande usw. ist.

Warum spreche ich hierüber?

Weil die Leute, die von einer „Erweiterung“ der NÖP schwatzen, in diesem Geschwätz eine Rechtfertigung für ihr Zurückweichen vor den kapitalistischen Elementen auf dem Lande suchen.

Weil bei uns innerhalb der Partei und um die Partei herum Leute aufgetaucht sind, die in einer „Erweiterung“ der NOP die „Rettung“ des Zusammenschlusses der Arbeiter und Bauern sehen, die in Anbetracht der Aufhebung der außerordentlichen Maßnahmen den Verzicht auf die Einschränkung des Kulakentums fordern, die fordern, den kapitalistischen Elementen auf dem Lande freie Hand zu lassen... im Interesse des Zusammenschlusses.

Weil man die Partei gegen solche antiproletarischen Stimmungen mit allen Kräften, mit allen Mitteln sichern muss.

Um nicht weit zu greifen, verweise ich auf die Notiz eines Genossen, eines Mitarbeiters der „Bednota“ [49], Ossip Tschernows, der dort eine ganze Reihe von Erleichterungen für das Kulakentum fordert, die nichts anderes bedeuten als eine wirkliche und unverhohlene „Erweiterung“ der NÖP. Ich weiß nicht, ob er Kommunist oder parteilos ist. Und dieser Genosse, Ossip Tschernow, der für die Sowjetmacht und für das Bündnis der Arbeiter mit der Bauernschaft ist, hat sich in der Bauernfrage derart verheddert, dass es schwer ist, ihn von einem Ideologen der Dorfbourgeoisie zu unterscheiden. Worin sieht er die Ursachen unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront? „Die erste Ursache“, sagt er, „ist unbedingt das System der progressiven Einkommensteuer... Die zweite Ursache sind die juristischen Abänderungen der Wahlinstruktion, die Unklarheiten in der Instruktion darüber, wer als Kulak zu gelten hat.“

Was muss man tun, um die Schwierigkeiten zu beseitigen? „Vor allem ist notwendig“, sagt er, „das jetzt bestehende System der progressiven Einkommensteuer aufzuheben und durch ein System der Besteuerung nach Grund und Boden zu ersetzen, Arbeitsvieh und große landwirtschaftliche Geräte leicht zu besteuern... Die zweite, nicht weniger wichtige Maßnahme muss sein, die Wahlinstruktion zu revidieren, bei der Festlegung der Merkmale, die angeben, wo die kulakische, die Ausbeuterwirtschaft beginnt, großzügiger vorzugehen.“

Das ist sie - die „Erweiterung“ der NÖP. Wie Sie sehen, ist die Saat Trotzkis nicht ohne Früchte geblieben. Die falsche Auffassung von der NÖP bringt das Geschwätz von der „Erweiterung“ der NÖP hervor, das Geschwätz von der „Erweiterung“ der NÖP aber ruft alle möglichen Notizen, Artikel, Briefe und Anträge hervor mit der Forderung, dem Kulaken Freiheit zu lassen, ihn von den Einschränkungen zu befreien und ihm die Möglichkeit zu geben, sich ungehindert zu bereichern.

In dieser Hinsicht, in Bezug auf die Frage der NÖP und des Klassenkampfes unter den Bedingungen der NOP, möchte ich noch eins festhalten. Ich denke dabei an die Erklärung eines der Genossen, dass der Klassenkampf unter den Bedingungen der NÖP in Verbindung mit der Getreidebeschaffung angeblich nur drittrangige Bedeutung habe, dass er, dieser Klassenkampf, angeblich keinerlei ernsthafte Bedeutung im Hinblick auf unsere Schwierigkeiten bei der Getreidebeschaffung habe noch haben könne.

Ich muss sagen, Genossen, dass ich dieser Erklärung keineswegs zustimmen kann. Ich denke, dass es bei uns unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats kein einziges politisches oder wirtschaftliches Geschehnis von Bedeutung gibt noch geben kann, das nicht das Vorhandensein des Klassenkampfes in der Stadt oder auf dem Lande widerspiegelt. Hebt etwa die NÖP die Diktatur des Proletariats auf? Natürlich nicht! Im Gegenteil, die NÖP ist ein eigentümlicher Ausdruck und ein Werkzeug der Diktatur des Proletariats. Ist aber die Diktatur des Proletariats nicht die Fortsetzung des Klassenkampfes? (Zurufe: „Richtig!“) Wie kann man danach behaupten, dass der Klassenkampf bei solch bedeutenden politischen und wirtschaftlichen Geschehnissen wie dem Vorgehen des Kulakentums gegen die Sowjetpolitik während der Getreidebeschaffung, wie den Gegenmaßnahmen und den Offensivhandlungen der Sowjetmacht gegen die Kulaken und Spekulanten im Zusammenhang mit der Getreidebeschaffung eine drittrangige Rolle spiele?

Ist es etwa nicht Tatsache, dass wir während der Getreidebeschaffungskrise erstmalig unter den Bedingungen der NÖP ein ernsthaftes Vorgehen der kapitalistischen Elemente des Dorfes gegen die Sowjetpolitik zu verzeichnen hatten?

Gibt es etwa auf dem Lande keine Klassen und keinen Klassenkampf mehr?

Trifft es etwa nicht zu, dass die Losung Lenins, sich auf die Dorfarmut zu stützen, sich mit dem Mittelbauern zu verbünden und gegen die Kulaken zu kämpfen, unter den heutigen Bedingungen die Grundlosung unserer Arbeit auf dem Lande ist? Was aber ist diese Losung anderes als ein Ausdruck des Klassenkampfes auf dem Lande?

Natürlich darf man unsere Politik keineswegs als eine Politik der Schürung des Klassenkampfes ansehen. Warum? Weil die Schürung des Klassenkampfes zum Bürgerkrieg führt. Weil wir, sobald wir an der Macht sind, sobald wir diese Macht gefestigt und die Kommandohöhen in den Händen der Arbeiterklasse konzentriert haben, nicht daran interessiert sind, dass der Klassenkampf die Formen eines Bürgerkrieges annimmt. Das heißt aber keineswegs, dass dadurch der Klassenkampf aufgehoben ist oder dass er, dieser Klassenkampf, sich nicht verschärfen wird. Das heißt noch weniger, dass der Klassenkampf nicht die entscheidende Kraft unserer Vorwärtsentwicklung ist. Nein, das heißt es nicht.

Wir sagen oft, dass wir die sozialistischen Wirtschaftsformen auf dem Gebiet des Handels entwickeln. Was aber bedeutet das? Das bedeutet, dass wir dadurch Tausende und aber Tausende kleiner und mittlerer Händler aus dem Handel verdrängen. Kann man annehmen, dass diese aus der Handelssphäre verdrängten Händler sich still verhalten, dass sie nicht versuchen werden, Widerstand zu organisieren? Es ist klar, dass man das nicht kann.

Wir sagen oft, dass wir die sozialistischen Wirtschaftsformen auf dem Gebiet der Industrie entwickeln. Was aber bedeutet das? Das bedeutet, dass wir, vielleicht ohne das selbst zu bemerken, durch unseren Vormarsch zum Sozialismus Tausende und aber Tausende kleiner und mittlerer kapitalistischer Unternehmer verdrängen und ruinieren. Kann man annehmen, dass diese ruinierten Leute sich still verhalten, dass sie nicht versuchen werden, Widerstand zu organisieren? Natürlich kann man das nicht.

Wir sagen oft, dass man die Ausbeutergelüste des Kulakentums auf dem Lande einschränken, dass man das Kulakentum mit hohen Steuern belegen, dass man das Pachtrecht beschränken muss, dass man den Kulaken das Recht der Wahl in die Sowjets nicht zugestehen darf usw. usf. Was aber bedeutet das? Das bedeutet, dass wir die kapitalistischen Elemente des Dorfes unter Druck setzen und allmählich einengen, dass wir sie manchmal zum Ruin bringen. Kann man annehmen, dass die Kulaken uns dafür dankbar sein werden, dass sie nicht versuchen werden, einen Teil der Dorfarmut oder der Mittelbauern gegen die Politik der Sowjetmacht zu organisieren? Natürlich kann man das nicht.

Ist es nicht klar, dass unser ganzes Vorwärtsschreiten, jeder irgendwie bedeutsame Erfolg auf dem Gebiet des sozialistischen Aufbaus Ausdruck und Resultat des Klassenkampfes in unserem Lande ist?

Aber aus all dem ergibt sich, dass in dem Maße, wie wir vorwärts schreiten, der Widerstand der kapitalistischen Elemente wachsen, dass der Klassenkampf sich verschärfen wird; die Sowjetmacht aber, deren Kräfte mehr und mehr wachsen werden, wird eine Politik der Isolierung dieser Elemente, eine Politik der Zersetzung der Feinde der Arbeiterklasse und schließlich eine Politik der Unterdrückung des Widerstands der Ausbeuter durchführen und so die Basis für das weitere Vorwärtsschreiten der Arbeiterklasse und der Hauptmassen der Bauernschaft schaffen.

Man darf sich die Sache nicht so vorstellen, dass die sozialistischen Formen sich entwickeln und die Feinde der Arbeiterklasse verdrängen werden, die Feinde aber stillschweigend zurückweichen und unserem Vormarsch den Weg freigeben werden, dass wir dann weiter vorwärts schreiten, sie aber weiter zurückweichen werden, und dass dann „unerwartet“ ausnahmslos alle sozialen Gruppen, sowohl die Kulaken als auch die Dorfarmut, sowohl die Arbeiter als auch die Kapitalisten, „plötzlich“, „unmerklich“, ohne Kampf und Erschütterungen, im Schoße der sozialistischen Gesellschaft angelangt sein werden. Solche Märchen gibt es nicht und kann es überhaupt nicht geben, besonders nicht unter den Verhältnissen der Diktatur des Proletariats.

Es war niemals so und wird niemals so sein, dass die überlebten Klassen ihre Positionen freiwillig aufgeben, ohne zu versuchen, Widerstand zu organisieren. Es war niemals so und wird niemals so sein, dass der Vormarsch der Arbeiterklasse zum Sozialismus in der Klassengesellschaft ohne Kampf und Erschütterungen vor sich gehen kann. Im Gegenteil, der Vormarsch zum Sozialismus führt zwangsläufig dazu, dass die Ausbeuterelemente diesem Vormarsch Widerstand entgegensetzen, der Widerstand der Ausbeuter aber führt zwangsläufig zur Verschärfung des Klassenkampfes.

Darum darf man die Arbeiterklasse nicht durch das Geschwätz von einer zweitrangigen Rolle des Klassenkampfes einschläfern.

Die vierte Frage betrifft das Problem der außerordentlichen Maßnahmen gegen die Kulaken und Spekulanten.

Die außerordentlichen Maßnahmen dürfen nicht als etwas Absolutes und ein für allemal Gegebenes betrachtet werden. Außerordentliche Maßnahmen sind notwendig und zweckmäßig unter gewissen, außerordentlichen Verhältnissen, wenn wir keine anderen Maßnahmen Zum Zwecke des Manövrierens anwenden können. Außerordentliche Maßnahmen sind nicht notwendig, sondern schädlich unter anderen Verhältnissen, wenn wir andere, elastische Maßnahmen zum Zwecke des Manövrierens auf dem Markt anwenden können. Im Unrecht sind diejenigen, die glauben, dass außerordentliche Maßnahmen unter allen Verhältnissen schlecht seien. Gegen solche Leute muss ein systematischer Kampf geführt werden. Im Unrecht sind aber auch diejenigen, die glauben, dass außerordentliche Maßnahmen immer notwendig und zweckmäßig seien. Auch gegen solche Leute muss ein entschiedener Kampf geführt werden.

War die Anwendung außerordentlicher Maßnahmen unter den Verhältnissen der Getreidebeschaffungskrise ein Fehler? Heute erkennen alle an, dass das kein Fehler war, dass die außerordentlichen Maßnahmen im Gegenteil unser Land vor einer Krise der gesamten Wirtschaft gerettet haben. Was zwang uns, diese Maßnahmen anzuwenden? Das Defizit von 128 Millionen Pud Getreide im Januar dieses Jahres, das wir, bevor die Wege wegen der Schneeschmelze schlecht befahrbar wurden, ausgleichen mussten, und die Notwendigkeit, zugleich ein normales Tempo der Getreidebeschaffung herzustellen. Konnten wir auf die Anwendung außerordentlicher Maßnahmen verzichten in einer Lage, da wir die Getreidereserve von, sagen wir, 100 Millionen Pud nicht hatten, die notwendig gewesen wäre, um abwarten und auf dem Markt im Sinne einer Senkung der Getreidepreise intervenieren zu können, und da wir keine genügenden Valutareserven hatten, die notwendig gewesen wären, um größere Getreidemengen aus dem Ausland einführen zu können? Es ist klar, dass wir nicht darauf verzichten konnten. Was aber wäre gewesen, wenn wir dieses Defizit nicht ausgeglichen hätten? Wir hätten jetzt eine überaus ernste Krise der gesamten Volkswirtschaft, Hunger in den Städten, Hunger in der Armee.

Wenn wir eine Getreidereserve von 100 Millionen Pud gehabt hätten, um abwarten und dann durch ein Intervenieren auf dem Markt mit dem Ziel der Senkung der Getreidepreise den Kulaken mürbe machen zu können, hätten wir natürlich nicht zu außerordentlichen Maßnahmen gegriffen. Aber Sie wissen ja, dass wir eine solche Reserve nicht hatten.

Wenn wir damals eine Valutareserve von 100-150 Millionen Rubel gehabt hätten, um Getreide aus dem Ausland einzuführen, so hätten wir wohl nicht zu außerordentlichen Maßnahmen gegriffen. Aber Sie wissen ja, dass wir diese Reserve nicht hatten.

Heißt das, dass wir auch weiterhin ohne Reserven bleiben und erneut zu außerordentlichen Maßnahmen Zuflucht nehmen sollen? Nein, das heißt es nicht. Im Gegenteil, wir müssen alle von uns abhängenden Maßnahmen ergreifen, um Reserven anzusammeln und zu erreichen, dass keine Notwendigkeit für die Anwendung außerordentlicher Maßnahmen, welcher Art sie auch seien, besteht. Leute, die die außerordentlichen Maßnahmen zu einem ständigen oder dauernden Kurs unserer Partei machen wollen, sind gefährlich, denn sie spielen mit dem Feuer und gefährden den Zusammenschluss.

Ergibt sich nun hieraus, dass wir auf die Anwendung außerordentlicher Maßnahmen ein für allemal verzichten müssen? Nein, keineswegs. Wir haben keine Veranlassung, zu behaupten, dass nicht irgendwann erneut außerordentliche Verhältnisse eintreten können, die die Anwendung außerordentlicher Maßnahmen erforderlich machen. Eine solche Behauptung wäre leeres Geschwätz.

Lenin, der die Neue Ökonomische Politik begründete, hielt es jedoch selbst unter den Bedingungen der NÖP nicht für möglich, bei bestimmten Verhältnissen und unter bestimmten Umständen auf die Methoden der Komitees der Dorfarmut zu verzichten. Umso weniger können wir ein für allemal auf die Anwendung außerordentlicher Maßnahmen verzichten, die mit einer solch scharfen Maßnahme des Kampfes gegen das Kulakentum wie den Methoden der Komitees der Dorfarmut nicht auf die gleiche Stufe gestellt werden können.

Es ist vielleicht nicht überflüssig, an eine Episode mit Preobrashenski auf dem XI. Parteitag unserer Partei zu erinnern, die direkte Beziehung hierzu hat. Es ist bekannt, dass Preobrashenski auf dem XI. Parteitag in seinen Thesen über die Arbeit auf dem Lande den Versuch machte, die Politik der Anwendung von Methoden der Komitees der Dorfarmut im Kampf gegen das Kulakentum unter den Bedingungen der NÖP „ein für allemal“ abzulehnen. Preobrashenski schrieb in seinen Thesen: „Eine Politik der Zurückweisung dieser Schicht (des Kulakentums und der wohlhabenden Bauernschaft) und ihrer groben außerökonomischen Unterdrückung mit Methoden der Komitees der Dorfarmut aus dem Jahre 1918 wäre ein überaus schädlicher Fehler“ (§2).

Es ist bekannt, dass Lenin hierauf folgendermaßen antwortete:

„Der zweite Satz des zweiten Paragraphen (gegen die ‚Methoden der Komitees der Dorfarmut’) ist schädlich und falsch, denn ein Krieg zum Beispiel kann zur Anwendung der Methoden der Komitees der Dorfarmut zwingen. Der Gedanke muss vollkommen anders ausgedrückt werden, zum Beispiel so: In Anbetracht der überragenden Bedeutung, die die Hebung der Landwirtschaft und die Vermehrung ihrer Produkte hat, muss die Politik des Proletariats gegenüber dem Kulakentum und der wohlhabenden Bauernschaft im gegenwärtigen Augenblick hauptsächlich auf die Einschränkung ihrer Ausbeuterbestrebungen usw. gerichtet sein. Wie unser Staat diese Bestrebungen einschränken, wie er die Dorfarmut schützen soll und kann, das ist der springende Punkt. Das muss man studieren und unbedingt in der Praxis studieren, allgemeine Phrasen aber sind sinnlos.“ (Siehe Lenin-Sammelband IV, S. 391 [50].)

Es ist klar, dass man die außerordentlichen Maßnahmen dialektisch betrachten muss, denn alles hängt von den Bedingungen der Zeit und des Ortes ab.

So ist es, Genossen, um die Fragen allgemeinen Charakters bestellt, die während der Diskussion aufgetaucht sind.

Gestatten Sie jetzt, zum Getreideproblem und zur Frage nach den Grundlagen unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront überzugehen.

Ich denke, dass eine Reihe von Genossen in dieser Hinsicht einen Fehler gemacht haben, dass sie die verschiedenartigen Ursachen unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront in einen Topf geworfen, dass sie zeitweilig wirkende und durch die Wirtschaftslage bedingte (spezifische) Ursachen mit lange wirkenden und grundlegenden Ursachen verwechselt haben. Es gibt zweierlei Ursachen für die Getreideschwierigkeiten: lange wirkende, grundlegende Ursachen, für deren Beseitigung eine ganze Reihe von Jahren erforderlich ist, und spezifische, durch die Wirtschaftslage bedingte Ursachen, die man sofort beseitigen kann, wenn man eine Reihe notwendiger Maßnahmen ergreift und durchführt. Alle diese Ursachen in einen Topf werfen heißt die ganze Frage verwirren.

Worin bestehen der grundlegende Sinn und die grundlegende Bedeutung unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront? Darin, dass sie das Getreideproblem, das Problem der Erzeugung von Brotgetreide, das Problem der Landwirtschaft im Allgemeinen, das Problem der Getreideerzeugung im Besonderen, in seinem ganzen Umfang vor uns aufwerfen.

Gibt es bei uns überhaupt ein Getreideproblem als aktuelle Frage? Ja, unbedingt. Nur Blinde können daran zweifeln, dass das Getreideproblem jetzt in alle Poren des sowjetischen gesellschaftlichen Organismus eindringt. Wir können nicht leben wie Zigeuner - ohne Getreidereserven, ohne gewisse Reserven für den Fall einer Missernte, ohne Reserven für ein Manövrieren auf dem Markt, ohne Reserven für den Fall eines Krieges, schließlich ohne gewisse Reserven für den Export. Sogar ein Kleinbauer kommt bei aller Dürftigkeit seiner Wirtschaft nicht ohne Reserven, ohne einige Vorräte aus. Ist es denn nicht klar, dass ein großer Staat, der ein Sechstel der Erde umfasst, nicht ohne Getreidereserven für den inneren Bedarf und für den Export auskommen kann?

Gesetzt den Fall, die Winteraussaat in der Ukraine wäre nicht zugrunde gegangen und wir hätten das Getreidebeschaffungsjahr „gerade so“ abgeschlossen - kann man behaupten, dass das für uns ausreichend wäre? Nein, das kann man nicht. Wir können nicht weiterhin „gerade so“ leben. Wir müssen ein gewisses Minimum an Reserven zur Verfügung haben, wenn wir die Positionen der Sowjetmacht sowohl im Innern als auch nach außen hin behaupten wollen.

Erstens haben wir keine Garantie gegen einen militärischen Überfall. Glauben Sie aber, dass man das Land verteidigen kann, wenn man keinerlei Getreidereserven für die Armee hat? Die Genossen, die vor mir sprachen, hatten völlig recht, wenn sie sagten, dass der Bauer von heute bereits nicht mehr der ist, der er vor sechs Jahren war, als er fürchtete, den Grund und Boden an den Gutsbesitzer zu verlieren. Den Gutsbesitzer vergisst der Bauer bereits. Jetzt fordert er neue, bessere Lebensbedingungen. Können wir im Falle eines Überfalls der Feinde Krieg führen sowohl gegen den äußeren Feind an der Front als auch, um schleunigst Getreide für die Armee zu bekommen, gegen den Bauern im Hinterland? Nein, das können und dürfen wir nicht. Um das Land zu verteidigen, müssen wir gewisse Vorräte für die Versorgung der Armee haben, wenigstens für die ersten sechs Monate. Wozu sind diese sechs Monate Atempause notwendig? Um dem Bauern Gelegenheit zu geben, zur Besinnung zu kommen, sich mit der Gefahr des Krieges vertraut zu machen, sich in den Ereignissen zurechtzufinden und seine Kräfte anzuspannen für die gemeinsame Sache der Verteidigung des Landes. Wenn wir uns damit zufrieden geben werden, „gerade so“ auszukommen, werden wir niemals irgendwelche Reserven für den Fall eines Krieges haben.

Zweitens haben wir keine Garantie gegen Komplikationen auf dem Getreidemarkt. Wir brauchen unbedingt eine gewisse Reserve, um auf dem Getreidemarkt intervenieren, um unsere Preispolitik durchführen zu können. Denn wir können und dürfen nicht jedesmal zu außerordentlichen Maßnahmen greifen. Wir werden aber niemals solche Reserven haben, wenn wir jedesmal am Rande des Abgrunds wandeln und uns damit zufrieden geben, dass wir die Möglichkeit haben, das Beschaffungsjahr „gerade so“ abzuschließen.

Drittens haben wir keine Garantie gegen eine Missernte. Wir brauchen unbedingt eine gewisse Getreidereserve, um im Falle einer Missernte die hungernden Bezirke zu versorgen, wenigstens in gewissem Maße, wenigstens für eine gewisse Frist. Wir werden aber eine solche Reserve nicht haben, wenn wir die Produktion von Warengetreide nicht erhöhen und uns nicht ein für allemal und entschieden von der alten Gewohnheit losmachen, ohne Vorräte zu leben.

Endlich brauchen wir unbedingt eine Reserve für den Getreideexport. Wir müssen Ausrüstungen für die Industrie einführen. Wir müssen landwirtschaftliche Maschinen, Traktoren und die nötigen Ersatzteile einführen. Aber das alles ist nicht möglich, wenn wir nicht Getreide ausführen, wenn wir nicht durch den Export von Getreide gewisse Valutareserven ansammeln. In der Vorkriegszeit führten wir 500 bis 600 Millionen Pud Getreide jährlich aus. Wir konnten deshalb so viel ausführen, weil wir uns selbst nicht satt aßen. Das stimmt. Man muss sich aber klar darüber sein, dass es immerhin in der Vorkriegszeit bei uns doppelt soviel Warengetreide gab als jetzt. Und eben weil wir jetzt nur halb soviel Warengetreide haben, eben deshalb fällt jetzt das Getreide für den Export aus. Was bedeutet aber der Ausfall des Getreides für den Export? Das bedeutet den Verlust der Quelle, mit deren Hilfe bei uns Ausrüstungen für die Industrie, Traktoren und Maschinen für die Landwirtschaft eingeführt wurden und eingeführt werden müssen. Kann man so, ohne Getreidereserven für den Export anzusammeln, weiterleben? Nein, das kann man nicht.

Sie sehen, wie unsicher und labil der Zustand unserer Getreidereserven ist.

Ich spreche schon gar nicht davon, dass wir nicht nur in dieser vierfachen Hinsicht keine Getreidereserven haben, sondern dass uns auch das bestimmte Minimum an Reserven fehlt, das notwendig ist, um reibungslos von einem Beschaffungsjahr zum anderen übergehen und die Städte in solch schwierigen Monaten wie Juni-Juli regelmäßig versorgen zu können.

Kann man nach all dem die Schärfe des Getreideproblems und den ernsten Charakter unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront leugnen?

Im Zusammenhang mit den Getreideschwierigkeiten traten bei uns aber auch Schwierigkeiten politischen Charakters auf. Das darf man auf keinen Fall vergessen, Genossen. Ich denke dabei an die Unzufriedenheit unter einem gewissen Teil der Bauernschaft, unter einem gewissen Teil der Dorfarmut wie auch der Mittelbauern, die bei uns zu verzeichnen war und die eine gewisse Gefahr für den Zusammenschluss heraufbeschwor.

Natürlich wäre es völlig falsch, zu sagen, dass wir schon eine Entzweiung hätten, wie Frumkin in seinem Schreiben behauptet. Das stimmt nicht, Genossen. Eine Entzweiung ist eine ernste Angelegenheit. Entzweiung - das ist der Beginn des Bürgerkriegs, wenn nicht der Bürgerkrieg selbst. Man soll nicht durch „schreckliche“ Worte sich selbst Angst einjagen. Man soll nicht in Panik verfallen. Das ist eines Bolschewik unwürdig. Entzweiung - das bedeutet Bruch der Bauernschaft mit der Sowjetmacht. Wenn der Bauer aber wirklich mit der Sowjetmacht, die der Hauptabnehmer des bäuerlichen Getreides ist, gebrochen hätte, würde er die Anbauflächen nicht erweitern. Indes sehen wir, dass der Acker für Sommersaat in diesem Jahr in ausnahmslos allen Getreidegebieten erweitert wurde. Sieht das nach Entzweiung aus? Kann man etwa einen solchen Zustand als „Perspektivlosigkeit“ der Bauernwirtschaft bezeichnen, wie das zum Beispiel Frumkin tut? Sieht das nach „Perspektivlosigkeit“ aus?

Worin besteht die Grundlage unserer Getreideschwierigkeiten, wenn man von den lange wirkenden und grundlegenden Ursachen der Schwierigkeiten, und nicht von den zeitweiligen, durch die Wirtschaftslage bedingten Ursachen spricht?

Die Grundlage unserer Getreideschwierigkeiten besteht in der wachsenden Zerbröckelung und Zersplitterung der Landwirtschaft. Es ist eine Tatsache, dass die Landwirtschaft, besonders die Getreidewirtschaft, in immer kleinere Wirtschaften zerbröckelt, dass sie immer weniger rentabel und der Warenteil ihrer Produktion immer geringer wird. Wenn wir vor der Revolution etwa 15-16 Millionen Bauernwirtschaften hatten, so haben wir jetzt 24-25 Millionen, wobei der Zerbröckelungsprozess die Tendenz hat, sich weiter zu verstärken.

Es stimmt, dass die Anbauflächen, die wir jetzt haben, nur wenig hinter dem Umfang der Anbauflächen der Vorkriegszeit zurückbleiben, dass die Bruttoproduktion von Getreide insgesamt nur um etwa 5 Prozent geringer ist als in der Vorkriegszeit. Das Unglück ist aber, dass ungeachtet all dessen die Produktion von Warengetreide bei uns nur die Hälfte, das heißt etwa 50 Prozent, der Vorkriegsproduktion ausmacht. Das ist der Kernpunkt der Frage.

Worum handelt es sich? Es handelt sich eben darum, dass die Kleinwirtschaft weniger rentabel ist, dass sie weniger Waren liefert, dass sie weniger stabil ist als die Großwirtschaft. Die bekannte These des Marxismus, dass der Kleinbetrieb weniger vorteilhaft ist als der Großbetrieb, behält auch in der Landwirtschaft volle Gültigkeit. Daher liefert die kleine Bauernwirtschaft von derselben Bodenfläche weit weniger Warengetreide als die Großwirtschaft.

Wo ist der Ausweg aus dieser Lage?

Wir haben drei Auswege, wie in der Resolution des Politbüros gesagt wird.

1. Der Ausweg besteht darin, die Produktivität der kleinen und der mittleren Bauernwirtschaft möglichst zu steigern, den Hakenpflug durch den Eisenpflug zu ersetzen, diesen Wirtschaften kleine und mittlere Maschinen zu liefern, Kunstdünger zu liefern, sie mit Saatgut zu versorgen, sie in agronomischer Hinsicht zu unterstützen, die Bauernschaft in Genossenschaften zusammenzuschließen, Kontrakte mit ganzen Dörfern abzuschließen, ihnen dabei das beste Saatgut als Darlehen zur Verfügung zu stellen und somit ein kollektives Kreditieren der Bauernschaft zu gewährleisten, und schließlich ihnen über die Ausleihstationen große Maschinen zu leihen.

Unrecht haben die Genossen, die behaupten, die kleine Bauernwirtschaft habe die Möglichkeiten ihrer weiteren Entwicklung erschöpft und es lohne also nicht, sie weiter zu unterstützen. Das ist völlig falsch. Die individuelle Bauernwirtschaft hat nicht wenig weitere Entwicklungsmöglichkeiten. Man muss nur verstehen, ihr zu helfen, diese Möglichkeiten zu realisieren.

Unrecht hat auch die „Krasnaja Gaseta“ [51], wenn sie behauptet, die Politik der Zusammenfassung der individuellen Bauernwirtschaften in Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften habe sich nicht bewährt. Das ist völlig falsch, Genossen. Im Gegenteil, die Politik der Zusammenfassung in Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften hat sich voll und ganz bewährt, sie hat eine reale Basis für einen Umschwung unter der Bauernschaft zugunsten der Kollektivwirtschaftsbewegung geschaffen. Zweifellos hätten wir ohne Entwicklung der Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften nicht jenen Umschwung in der Einstellung der Bauernschaft zu den Kollektivwirtschaften, den wir jetzt zu verzeichnen haben und der uns hilft, den kollektivwirtschaftlichen Aufbau weiter voranzuführen.

2. Der Ausweg besteht weiter darin, der Dorfarmut und den Mittelbauern zu helfen, auf der Basis der modernen Technik und kollektiver Arbeit ihre zersplitterten Kleinwirtschaften allmählich zu kollektiven Großwirtschaften zu vereinigen, die vorteilhafter sind und mehr Waren liefern. Ich meine alle Formen der Vereinigung der Kleinwirtschaften zu gesellschaftlichen Großwirtschaften, von den einfachen Gemeinschaften bis zu den Artels, die unvergleichlich mehr Waren liefern und unvergleichlich produktiver sind als die zersplitterten kleinen Bauernwirtschaften.

Das ist die Grundlage für die Lösung des Problems.

Unrecht haben die Genossen, die, indem sie für die Kollektivwirtschaften eine Lanze brechen, uns der „Rehabilitierung“ der kleinen Bauernwirtschaft beschuldigen. Sie sind offenbar der Meinung, man solle die individuelle Bauernwirtschaft bekämpfen und vernichten, nicht aber sie unterstützen und zu sich heranziehen. Das ist völlig falsch, Genossen. Die individuelle Bauernwirtschaft bedarf keineswegs einer „Rehabilitierung“. Sie ist wenig rentabel, das ist wahr. Das bedeutet aber noch nicht, dass sie völlig unvorteilhaft wäre. Wir würden den Zusammenschluss zunichte machen, wenn wir uns auf den Standpunkt der Bekämpfung und Vernichtung der individuellen Bauernwirtschaft stellten, wenn wir von der Leninschen Position der tagtäglichen Förderung und Unterstützung der individuellen Bauernwirtschaften durch die Kollektivwirtschaften abgingen.

Noch mehr im Unrecht sind diejenigen, die, indem sie die Kollektivwirtschaften lobpreisen, erklären, die individuelle Bauernwirtschaft sei unser „Fluch“. Das riecht schon direkt nach Krieg gegen die Bauernwirtschaft. Wie kommen sie dazu? Wenn die Bauernwirtschaft ein „Fluch“ ist, wie soll man dann das Bündnis der Arbeiterklasse mit den Hauptmassen der Bauernschaft erklären? Bündnis der Arbeiterklasse mit einem „Fluch“ - gibt es auf der Welt solche Ungereimtheiten? Wie kann man so etwas sagen, wenn man zugleich den Zusammenschluss predigt? Man beruft sich auf die Worte Lenins, dass wir uns allmählich von dem Bauernklepper auf das stählerne Ross der Industrie setzen müssen. Das ist sehr gut. Aber setzt man sich denn so von einem Pferd auf ein anderes? Die Bauernwirtschaft zu einem „Fluch“ zu erklären, ohne vorher eine breite und mächtige Basis in Gestalt eines weit verzweigten Netzes von Kollektivwirtschaften geschaffen zu haben - bedeutet das nicht, überhaupt ohne Ross, überhaupt ohne Basis zu bleiben? (Zurufe: „Richtig, sehr richtig!“) Der Fehler dieser Genossen besteht darin, dass sie die Kollektivwirtschaften den individuellen Bauernwirtschaften entgegenstellen. Wir aber wollen, dass diese zwei Wirtschaftsformen nicht einander entgegengestellt werden, sondern dass sie sich miteinander zusammenschließen, dass in diesem Zusammenschluss die Kollektivwirtschaft dem individuellen Bauern Unterstützung erweist und ihm hilft, nach und nach auf die Bahnen des Kollektivismus überzugehen. Ja, wir wollen, dass die Bauernschaft die Kollektivwirtschaften nicht als ihren Feind betrachtet, sondern als ihren Freund, der ihr hilft und helfen wird, sich von der Armut zu befreien. (Zurufe: „Das stimmt!“) Wenn das stimmt, dann darf man nicht von einer „Rehabilitierung“ der individuellen Bauernwirtschaft sprechen oder davon, dass die Bauernwirtschaft für uns ein „Fluch“ sei.

Man müsste sagen, dass die kleine Bauernwirtschaft im Vergleich zur großen Kollektivwirtschaft weniger vorteilhaft oder sogar am wenigsten vorteilhaft ist, dass sie aber dennoch einen gewissen nicht unerheblichen Nutzen bringt. Bei Ihnen aber ergibt sich, dass die kleine Bauernwirtschaft überhaupt unvorteilhaft und wohl sogar schädlich ist.

Lenin hatte eine andere Auffassung von der kleinen Bauernwirtschaft. Hören Sie, was er hierüber in seiner Rede „Über die Naturalsteuer“ sagte:

„Wenn die Bauernwirtschaft sich weiterentwickeln kann, so muss man auch den weiteren Übergang auf fester Basis sichern, der weitere Übergang aber besteht unweigerlich darin, dass die am wenigsten vorteilhafte und am meisten rückständige, zersplitterte bäuerliche Kleinwirtschaft sich durch allmählichen Zusammenschluss zur gesellschaftlichen Großlandwirtschaft organisiert. So haben sich die Sozialisten das alles von jeher vorgestellt. Das eben ist auch die Auffassung unserer Kommunistischen Partei.“ (4. Ausgabe, Bd. 32, S.264, russ.)

Es ergibt sich, dass die individuelle Bauernwirtschaft dennoch gewissen Nutzen bringt.

Eine Sache ist es, wenn die höhere Wirtschaftsform, die Großwirtschaft, die niedrigere bekämpft und ruiniert, wenn sie diese vernichtet. So ist es im Kapitalismus. Und etwas völlig anderes ist es, wenn die höhere Wirtschaftsform die niedrigere nicht ruiniert, sondern ihr hilft, aufzusteigen, auf die Bahnen des Kollektivismus überzugehen. So ist es in der Sowjetordnung.

Hören Sie, was Lenin über die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Kollektivwirtschaften und den individuellen Bauernwirtschaften sagt:

„Insbesondere muss man bestrebt sein zu erreichen, dass das Gesetz der Sowjetregierung (über die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften. J.St.), das von den Sowjetwirtschaften, den landwirtschaftlichen Kommunen und allen ähnlichen Vereinigungen eine unverzügliche und allseitige Unterstützung der benachbarten Mittelbauern fordert, wirklich und in vollem Umfang durchgeführt wird. Nur auf Grund einer solchen tatsächlichen Hilfe ist die Verständigung mit der Mittelbauernschaft möglich. Nur so kann und muss man ihr Vertrauen gewinnen.“ (4. Ausgabe, Bd. 29, S. 195, russ.)

Es ergibt sich also, dass die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften den Bauernwirtschaften eben als individuellen Wirtschaften helfen müssen. Schließlich ein drittes Lenin-Zitat:

„Nur in dem Falle, dass es gelingt, den Bauern die Vorzüge der gesellschaftlichen, kollektiven, gemeinschaftlichen, artelmäßigen Bodenbestellung in der Praxis vor Augen zu führen, nur wenn es gelingt, dem Bauern mittels der gemeinschaftlichen, der Artelwirtschaft zu helfen, nur dann wird die Arbeiterklasse, die die Staatsmacht in der Hand hat, den Bauern wirklich den Beweis erbringen, dass sie im Rechte ist, und die Millionenmassen der Bauern fest und wirklich auf ihre Seite ziehen.“ (4. Ausgabe, Bd. 30, S.173/174 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. 1I, S. 629].)

So hoch schätzte Lenin die Bedeutung der Kollektivwirtschaftsbewegung für die sozialistische Umgestaltung unseres Landes ein.

Es ist äußerst merkwürdig, dass einige Genossen in ihren großen Reden ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die Frage der individuellen Bauernwirtschaften konzentrierten, dass sie kein einziges, buchstäblich kein einziges Wort über die Entwicklung der Kollektivwirtschaften als die aktuelle und entscheidende Aufgabe unserer Partei sagten.

3. Der Ausweg besteht schließlich darin, die alten Sowjetwirtschaften zu festigen und neue, große Sowjetwirtschaften, als die rentabelsten und die meisten Waren liefernden Wirtschaftseinheiten, zu schaffen.

Das sind die drei grundlegenden Aufgaben, deren Erfüllung uns die Möglichkeit gibt, das Getreideproblem zu lösen und somit die Grundlage unserer Schwierigkeiten an der Getreidefront zu beseitigen.

Die Besonderheit der gegenwärtigen Lage besteht darin, dass die erste Aufgabe, die Hebung der individuellen Bauernwirtschaft, die immer noch die Hauptaufgabe unserer Arbeit ist, bereits nicht mehr genügt, um das Getreideproblem zu lösen.

Die Besonderheit der gegenwärtigen Lage besteht darin, dass die erste Aufgabe praktisch durch zwei neue Aufgaben, die Entwicklung der Kollektivwirtschaften und die Entwicklung der Sowjetwirtschaften, ergänzt werden muss.

Ohne Verknüpfung dieser Aufgaben, ohne beharrliche Arbeit in allen diesen drei Richtungen kann man das Getreideproblem weder im Sinne der Versorgung des Landes mit Warengetreide noch im Sinne der Umgestaltung unserer gesamten Volkswirtschaft auf den Grundlagen des Sozialismus lösen.

Wie stand Lenin zu dieser Sache? Wir haben ein bekanntes Dokument, das davon zeugt, dass die der Aufmerksamkeit des Plenums empfohlene Resolution des Politbüros voll und ganz mit dem praktischen Plan zur Entwicklung der Landwirtschaft übereinstimmt, den Lenin in diesem Dokument entwarf. Ich meine die von Lenin verfasste „Direktive des Rates für Arbeit und Verteidigung“. Sie wurde im Mai 1921 herausgegeben. In diesem Dokument untersucht Lenin drei Gruppen praktischer Fragen: die erste Gruppe betrifft Fragen des Warenumsatzes und der Industrie, die zweite Gruppe - Fragen der Hebung der Landwirtschaft, die dritte Gruppe - verschiedene Wirtschaftsberatungen [52] und Gebietsberatungen zur Regulierung der Wirtschaft.

Was wird dort, in diesem Dokument, über die Landwirtschaft gesagt? Hier ein Zitat aus der „Direktive des Rates für Arbeit und Verteidigung“ :

„Zweite Fragengruppe. Hebung der Landwirtschaft: a) bäuerliche Wirtschaft, b) Sowjetwirtschaften, c) Kommunen, d) Artels, e) Gemeinschaften, f) andere Arten gesellschaftlicher Wirtschaft.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 368, russ.)

Sie sehen, dass die praktischen Schlussfolgerungen der Resolution des Politbüros hinsichtlich der Lösung des Getreideproblems und überhaupt des landwirtschaftlichen Problems voll und ganz mit dem in der „Direktive des Rates für Arbeit und Verteidigung“ im Jahre 1921 dargelegten Plan Lenins übereinstimmen.

Es ist sehr interessant, festzustellen, mit welcher echt jugendlichen Freude Lenin, dieser Riese, der Berge versetzte, jede kleine Nachricht über die Gründung von ein oder zwei Kollektivwirtschaften oder über die Entsendung von Traktoren zu dieser oder jener Sowjetwirtschaft aufnahm. Hier zum Beispiel ein Auszug aus einem Brief „An die Gesellschaft für technische Unterstützung Sowjetrußlands“:

„Werte Genossen! In unseren Zeitungen erschienen außerordentlich erfreuliche Mitteilungen über die Arbeit der Mitglieder Ihrer Gesellschaft in Sowjetwirtschaften des Kreises Kirsanow, des Gouvernements Tambow und bei der Station Mitino im Gouvernement Odessa, sowie über die Arbeit einer Gruppe von Bergleuten des Donezbeckens... Ich werde beim Präsidium des Allrussischen ZEK beantragen, die hervorragendsten Wirtschaften als Musterwirtschaften anzuerkennen und ihnen alle für eine günstige Entwicklung ihrer Arbeit notwendige besondere und außerordentliche Unterstützung zu gewähren. Nochmals drücke ich Ihnen im Namen unserer Republik meine tiefe Dankbarkeit aus und bitte Sie, dessen eingedenk zu sein, dass Ihre Unterstützung bei der Bodenbestellung mit Traktoren für uns besonders aktuell und wichtig ist. Es ist mir ein besonderes Vergnügen, Ihnen anlässlich der von Ihnen geplanten Organisierung von 200 landwirtschaftlichen Kommunen gratulieren zu können.“ (4. Ausgabe, Bd. 33, S. 344, russ.)

Und hier noch ein Auszug aus einem Brief „An die Gesellschaft der Freunde Sowjetrußlands“ in Amerika:

„Werte Genossen! Ich habe soeben an Hand einer besonderen Umfrage des Permer Gouvernementsexekutivkomitees die in unseren Zeitungen erschienenen außerordentlich erfreulichen Mitteilungen überprüft über die Arbeit, die die Mitglieder Ihrer Gesellschaft, mit Harold Ware an der Spitze, mit der Traktorenabteilung des Permer Gouvernements in der Sowjetwirtschaft ‚Toikino’ geleistet haben... Ich werde beim Präsidium des Allrussischen ZEK beantragen, diese Sowjetwirtschaft als Musterwirtschaft anzuerkennen und ihr sowohl bei den Bauarbeiten als auch bei der Versorgung mit Benzin, Metall und anderen für die Einrichtung einer Reparaturwerkstatt notwendigen Materialien besondere und außerordentliche Unterstützung zu gewähren. Nochmals drücke ich Ihnen im Namen unserer Republik meine tiefe Dankbarkeit aus und bitte Sie, dessen eingedenk zu sein, dass keinerlei Unterstützung für uns so aktuell und so wichtig ist, wie die, die Sie uns erweisen.“ (4. Ausgabe, Bd. 33, S. 343, russ.)

Sie sehen, mit welcher Freude Lenin jede kleinste Nachricht über die Entwicklung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften aufnahm.

Möge das eine Lehre sein für diejenigen, die die Geschichte überlisten und bei dem siegreichen Aufbau des Sozialismus in unserem Lande ohne Kollektiv- und Sowjetwirtschaften auskommen wollen.

Ich schließe, Genossen. Ich denke, dass die Getreideschwierigkeiten für uns nicht ohne Nutzen sein werden. Unsere Partei hat gelernt und ist vorwärts geschritten, indem sie Schwierigkeiten und Krisen aller Art überwand. Ich denke, dass die gegenwärtigen Schwierigkeiten unsere bolschewistischen Reihen stählen und sie zwingen werden, energisch an die Lösung des Getreideproblems zu gehen. Dieses Problem lösen heißt aber eine der größten Schwierigkeiten beiseite räumen, die der sozialistischen Umgestaltung unseres Landes im Wege stehen.

 

ÜBER DEN ZUSAMMENSCHLUSS
DER ARBEITER UND BAUERN
UND ÜBER DIE SOWJETWIRTSCHAFTEN

Aus der Rede am 11. Juli 1928

 

Einige Genossen kamen in ihren Ausführungen über die Sowjetwirtschaften auf die gestrige Diskussion über die Frage der Getreidebeschaffung zurück. Nun denn, kommen wir auf die gestrige Diskussion zurück.

Worum ging bei uns gestern die Diskussion? Vor allem um die „Schere“ zwischen Stadt und Land. Es war davon die Rede, dass der Bauer immer noch die Industriewaren überbezahlt und für landwirtschaftliche Erzeugnisse unterbezahlt wird. Es war davon die Rede, dass diese Über- und Unterbezahlungen eine Mehrsteuer für die Bauernschaft darstellen, eine Art „Tribut“, eine zusätzliche Steuer zugunsten der Industrialisierung, eine Steuer, die wir unbedingt beseitigen müssen, die wir aber nicht jetzt sofort beseitigen können, wenn wir unsere Industrie nicht untergraben und das bestimmte Entwicklungstempo unserer Industrie, die für das ganze Land arbeitet und unsere Volkswirtschaft dem Sozialismus entgegenführt, nicht gefährden wollen.

Manchen hat das nicht gefallen. Diese Genossen fürchten sich offenbar, die Wahrheit anzuerkennen. Nun, das ist Geschmackssache. Manche glauben, es sei nicht angebracht, im Plenum des ZK die ganze Wahrheit zu sagen. Ich aber denke, dass wir verpflichtet sind, im Plenum des ZK unserer Partei die ganze Wahrheit zu sagen. Man darf nicht vergessen, dass das Plenum des ZK nicht als Massenmeeting betrachtet werden darf. Natürlich, die Worte „Mehrsteuer“, „zusätzliche Steuer“ sind unangenehme Worte, denn sie fallen einem auf die Nerven. Aber erstens geht es nicht um Worte. Zweitens entsprechen diese Worte durchaus der Wirklichkeit. Drittens sollen sie, diese unangenehmen Worte, ja gerade auf die Nerven fallen und die Bolschewiki veranlassen, mit allem Ernst an die Arbeit zu gehen, um diese „Mehrsteuer“ zu beseitigen, um die „Schere“ zu beseitigen.

Wie aber kann man diese unangenehmen Dinge beseitigen? Durch systematische Rationalisierung unserer Industrie und Senkung der Preise für Industriewaren. Durch systematische Verbesserung der Technik und Steigerung der Ertragsfähigkeit der Landwirtschaft und durch allmähliche Verbilligung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Durch systematische Rationalisierung unserer Handels- und Beschaffungsapparate. Usw., usf.

All das lässt sich natürlich nicht in ein oder zwei Jahren erreichen. Wir müssen es aber unbedingt im Verlauf einer Reihe von Jahren erreichen, wenn wir uns von unangenehmen Dingen und auf die Nerven fallenden Erscheinungen aller Art frei machen wollen.

Ein Teil der Genossen steuerte gestern auf die sofortige Beseitigung der „Schere“ los und forderte im Grunde genommen die Einführung von Wiederherstellungspreisen für landwirtschaftliche Produkte. Gemeinsam mit anderen Genossen wandte ich mich dagegen und sagte, dass diese Forderung gegenwärtig den Interessen der Industrialisierung des Landes und folglich den Interessen unseres Staates zuwiderläuft.

Darum ging gestern bei uns die Diskussion, Genossen.

Heute erklären diese Genossen, dass sie sich von der Politik der Wiederherstellungspreise lossagen. Nun, das ist sehr gut. Es erweist sich, dass die gestrige Kritik für diese Genossen nicht vergebens war.

Die zweite Frage betrifft die Kollektiv- und Sowjetwirtschaften. Ich stellte in meiner Rede fest, dass es unnatürlich und merkwürdig ist, dass manche Genossen in ihren Ausführungen über Maßnahmen zur Hebung der Landwirtschaft in Verbindung mit der Getreidebeschaffung mit keinem einzigen Wort solch bedeutsame Maßnahmen wie die Entwicklung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften berührt haben. Wie kann man etwas so Bedeutsames wie die Aufgabe der Entwicklung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften in der Landwirtschaft „vergessen“? Weiß man wirklich nicht, dass die Aufgabe der Entwicklung der individuellen Bauernwirtschaft bei all ihrer Bedeutung, die ihr gegenwärtig zukommt, bereits nicht mehr genügt, dass wir, wenn wir diese Aufgabe nicht praktisch durch neue Aufgaben, die Entwicklung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften, ergänzen, das Problem der Getreidewirtschaft nicht lösen und aus den Schwierigkeiten nicht herauskommen werden, und zwar weder im Sinne der sozialistischen Umgestaltung unserer gesamten Volkswirtschaft (und folglich auch der Bauernwirtschaft) noch im Sinne der Versorgung des Landes mit gewissen Reserven an Warengetreide.

Wie kann man die Frage der Entwicklung der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften nach all dem „vergessen“, übergehen und mit Schweigen abtun?

Gehen wir jetzt zur Frage der großen Sowjetwirtschaften über. Die Genossen haben Unrecht, die behaupten, in Nordamerika gebe es keine großen Getreidewirtschaften. In Wirklichkeit gibt es solche Wirtschaften sowohl in Nord- als auch in Südamerika. Ich könnte mich auf einen Zeugen wie Professor Tulaikow berufen, der in der Zeitschrift „Nishneje Powolshje“ [53] (Nr. 9) die Ergebnisse seiner Untersuchung der amerikanischen Landwirtschaft veröffentlicht hat.

Gestatten Sie mir, ein Zitat aus dem Artikel Tulaikows anzuführen.

„Eine Weizenwirtschaft in Montana gehört der Gesellschaft ‚Campbell Farming Corporation’. Ihre Bodenfläche beläuft sich auf 95000 Acres oder etwa 32000 Deßjatinen. Die Wirtschaft wird von einem Rain umschlossen und zur Bearbeitung in vier Sektionen, nach unseren Bezeichnungen Chutors, aufgeteilt, von denen jede von einem besonderen Leiter verwaltet wird, die gesamte Wirtschaft aber wird von einer Person geleitet - dem Direktor dieser Korporation, Thomas Campbell.

In diesem Jahr wird nach einer Zeitungsmitteilung, die natürlich von der gleichen Korporation eingeschickt wurde, von der gesamten Bodenfläche etwa die Hälfte bebaut, wobei eine Ernte von etwa 410000 Bushel Weizen (etwa 800000 Pud), 20000 Bushel Hafer und 70000 Bushel Leinsamen erwartet wird. Man rechnet mit einer Gesamteinnahme des Betriebs von 500000 Dollar.

Pferde und Maultiere sind in dieser Wirtschaft fast vollständig durch Traktoren, Lastkraftwagen und Personenwagen ersetzt. Das Pflügen, die Aussaat und überhaupt alle Feldarbeiten und insbesondere die Getreideernte werden bei Tage und bei Nacht durchgeführt, wobei nachts die Maschinen auf dem Feld bei Scheinwerferlicht arbeiten. Die gewaltigen Saatflächen erlauben es, dass die Maschinen auf einer sehr großen Strecke arbeiten, ohne umzuwenden. So legen die Mähdrescher, wenn die Beschaffenheit der Pflanzen ihre Anwendung erlaubt, in einer Breite von 24 Fuß eine Strecke von 20 Meilen, das heißt etwas über 30 Werst zurück. Früher waren für diese Arbeit 40 Pferde und Menschen notwendig. Der Traktor zieht zugleich vier Garbenbindemaschinen, die eine Fläche von 40 Fuß Breite auf einmal erfassen und 28 Meilen, das heißt eine Strecke von etwa 42 Werst, zurücklegen. Die Garbenbindemaschinen werden dann bei der Ernte angewandt, wenn das Getreide nicht genügend trocken ist, um gleichzeitig mit der Mahd auch gedroschen zu werden. In diesem Fall wird am Garbenbinder der Bindeapparat entfernt, und mit Hilfe eines besonderen Laufbandes wird das gemähte Getreide in Reihen gelegt. Das so ausgebreitete Getreide liegt 24 und 48 Stunden, während dieser Zeit trocknet es, und der Samen des gleichzeitig abgemähten Unkrauts fällt zu Boden. Dann wird ein Mähdrescher in Tätigkeit gesetzt, an dem an Stelle des Messers ein automatischer Zubringer läuft, der das getrocknete Getreide vom Boden direkt in die Trommel der Dreschmaschine befördert. Dabei arbeiten an dieser Maschine nur ein Traktorist und ein Mann an der Dreschmaschine. Weiter ist niemand an der Maschine. Das Getreide wird aus der Dreschmaschine unmittelbar in Wagen mit einer Ladekraft von 6 Tonnen geschüttet und in einem Zug von 10 solcher Wagen mit Traktoren in die Speicher befördert. In der Notiz wird darauf hingewiesen, dass bei solcher Arbeit täglich 16000 bis 20000 Buskiel Getreidekorn ausgedroschen werden.“ (Siehe „Nishneje Powolshje“ Nr. 9, September 1927, S. 38-39.)

Hier haben Sie die Beschreibung einer der gigantischen Weizenwirtschaften kapitalistischen Typs. Solche Wirtschaftsgiganten gibt es sowohl in Nord- als auch in Südamerika.

Einige Genossen sagten hier, dass die Entwicklungsbedingungen für solche gigantische Wirtschaften in den kapitalistischen Ländern nicht immer günstig oder nicht ganz günstig sind, so dass solche Wirtschaften mitunter in weniger große Einheiten von je 1000-5000 Deßjatinen aufgeteilt werden. Das ist völlig richtig.

Auf Grund dessen glauben diese Genossen, die großen Getreidewirtschaften hätten auch unter sowjetischen Verhältnissen keine Zukunft. Das aber ist völlig falsch.

Diese Genossen begreifen oder bemerken offensichtlich nicht den Unterschied zwischen den Verhältnissen der kapitalistischen Ordnung und den Verhältnissen der Sowjetordnung. Im Kapitalismus besteht das Privateigentum an Grund und Boden und folglich auch die absolute Bodenrente, was die Selbstkosten der landwirtschaftlichen Produktion verteuert und einem ernstlichen Fortschritt derselben unüberwindbare Schranken setzt. Unter der Sowjetordnung hingegen gibt es weder Privateigentum an Grund und Boden noch eine absolute Bodenrente, was die Produktion landwirtschaftlicher Produkte notwendig verbilligen und infolgedessen die fortschreitende Entwicklung des landwirtschaftlichen Großbetriebs auf dem Wege des technischen und jedes anderen Fortschritts erleichtern muss.

Weiter, im Kapitalismus ist es das Ziel der großen Getreidewirtschaften, ein Maximum an Profit zu erzielen oder jedenfalls einen solchen Profit, der der so genannten Durchschnittsprofitrate entspricht, denn sonst sind sie überhaupt nicht imstande, sich zu erhalten und zu bestehen. Dieser Umstand muss notwendig die Produktion verteuern und dadurch der Entwicklung der großen Getreidewirtschaften ernsteste Hindernisse in den Weg legen. Unter der Sowjetordnung hingegen bedürfen die großen Getreidewirtschaften, die zugleich Staatswirtschaften sind, für ihre Entwicklung keineswegs eines Maximums an Profit noch eines Durchschnittsprofits, sondern sie können sich mit einem Minimalgewinn begnügen (und mitunter können sie zeitweilig auch ohne jeden Gewinn auskommen). Hierdurch, wie auch durch den Fortfall der absoluten Bodenrente, entstehen außerordentlich günstige Bedingungen für die Entwicklung der großen Getreidewirtschaften.

Schließlich gibt es im Kapitalismus für die großen Getreidewirtschaften weder Vorzugskredite noch Steuervergünstigungen, während es unter der Sowjetordnung, die für eine allseitige Unterstützung der sozialistischen Wirtschaft sorgt, solche Vergünstigungen gibt und geben wird.

Alle diese und ähnliche Bedingungen schaffen unter der Sowjetordnung (zum Unterschied von der kapitalistischen Ordnung) die außerordentlich günstigen Voraussetzungen, die notwendig sind, um die Entwicklung der Sowjetwirtschaften als großer Getreidewirtschaften voranzutreiben.

Schließlich die Frage der Sowjet- und Kollektivwirtschaften als der Stützpunkte zur Festigung des Zusammenschlusses, als der Stützpunkte zur Sicherung der führenden Rolle der Arbeiterklasse. Kollektiv- und Sowjetwirtschaften brauchen wir nicht nur, um unsere Perspektivziele, die sozialistische Umgestaltung des Dorfes, zu verwirklichen. Kollektiv- und Sowjetwirtschaften brauchen wir auch, um auf dem Lande schon jetzt sozialistische wirtschaftliche Stützpunkte zu haben, die notwendig sind, um den Zusammenschluss zu festigen, um die führende Rolle der Arbeiterklasse bei diesem Zusammenschluss zu sichern. Können wir schon jetzt auf die Schaffung und Entwicklung solcher Stützpunkte rechnen? Ich zweifle nicht daran, dass wir hierauf rechnen können und müssen. Die Getreidezentrale [54] teilt mit, dass sie Verträge mit Kollektivwirtschaften, mit Artels und Gemeinschaften abgeschlossen hat, auf Grund deren sie von diesen etwa 40-50 Millionen Pud Getreide zu erhalten hat. Was die Sowjetwirtschaften betrifft, so geht aus den Angaben hervor, dass unsere alten und neuen Sowjetwirtschaften in diesem Jahr ebenfalls etwa 25 bis 30 Millionen Pud Warengetreide liefern sollen.

Wenn man die 30-35 Millionen Pud hinzuzählt, die die landwirtschaftlichen Genossenschaften von den mit ihnen im Vertragsverhältnis stehenden individuellen Bauernwirtschaften erhalten sollen, so werden wir über 100 Millionen Pud Getreide haben, das uns völlig sicher ist und das als gewisse Reserve, zumindest auf dem inneren Markt, dienen kann. Das ist doch immerhin etwas.

Hier haben Sie die ersten Ergebnisse unserer sozialistischen wirtschaftlichen Stützpunkte auf dem Lande.

Was aber folgt daraus? Daraus folgt, dass die Genossen im Unrecht sind, die glauben, die Arbeiterklasse finde bei der Behauptung ihrer sozialistischen Positionen keine Unterstützung auf dem Lande, ihr bleibe nur eins übrig: endlos zurückzuweichen und ihre Positionen fortwährend an die kapitalistischen Elemente abzutreten. Nein, Genossen, das ist falsch. Die Arbeiterklasse ist auf dem Lande keineswegs so schwach, wie es einem oberflächlichen Beobachter erscheinen könnte. Diese trübselige Philosophie hat mit dem Bolschewismus nichts gemein. Die Arbeiterklasse hat eine ganze Reihe wirtschaftlicher Stützpunkte auf dem Lande: die Sowjetwirtschaften, die Kollektivwirtschaften, die Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften, und sie kann, auf sie gestützt, den Zusammenschluss mit dem Dorf festigen, den Kulaken isolieren und ihre führende Rolle sichern. Die Arbeiterklasse hat schließlich eine Reihe politischer Stützpunkte auf dem Lande: die Sowjets, die organisierte Dorfarmut usw., und sie kann, auf sie gestützt, ihre Positionen auf dem Lande festigen.

Gestützt auf diese wirtschaftlichen und politischen Positionen auf dem Lande und unter Ausnutzung aller der proletarischen Diktatur zur Verfügung stehenden Mittel und Kräfte (der Kommandohöhen usw.), können Partei und Sowjetmacht die sozialistische Umgestaltung des Dorfes voller Zuversicht betreiben, indem sie das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft Schritt für Schritt festigen, indem sie die führende Stellung der Arbeiterklasse in diesem Bündnis Schritt für Schritt festigen.

Besondere Aufmerksamkeit muss hierbei der Arbeit unter der Dorfarmut gewidmet werden. Es muss als Regel gelten, dass die Autorität der Sowjetmacht auf dem Lande um so höher ist, je besser und erfolgreicher unsere Arbeit unter der Dorfarmut ist, und umgekehrt, dass die Autorität der Sowjetmacht um so geringer ist, je schlechter es bei uns um die Dorfarmut bestellt ist.

Wir sprechen oft vom Bündnis mit dem Mittelbauern. Um aber unter unseren Verhältnissen dieses Bündnis zu festigen, muss man einen entschiedenen Kampf gegen das Kulakentum, gegen die kapitalistischen Elemente auf dem Lande führen. Daher hatte der XV. Parteitag unserer Partei völlig Recht, als er die Losung ausgab, die Offensive gegen das Kulakentum zu verstärken. Kann man aber einen erfolgreichen Kampf gegen das Kulakentum führen, ohne unter der Dorfarmut verstärkt zu arbeiten, ohne die Dorfarmut gegen das Kulakentum zu mobilisieren, ohne der Dorfarmut systematisch zu helfen? Es ist klar, dass man das nicht kann! Der Mittelbauer ist eine schwankende Klasse. Wenn es um die Dorfarmut bei uns schlecht bestellt ist, wenn die Dorfarmut noch keine organisierte Stütze der Sowjetmacht darstellt, fühlt der Kulak sich stark, neigt der Mittelbauer nach der Seite des Kulaken hin. Und umgekehrt: Wenn es um die Dorfarmut bei uns gut bestellt ist, wenn die Dorfarmut eine organisierte Stütze der Sowjetmacht darstellt, fühlt sich der Kulak wie in einer belagerten Festung, neigt der Mittelbauer nach der Seite der Arbeiterklasse hin.

Daher denke ich, dass die Verstärkung der Arbeit unter der Dorfarmut, die Organisierung einer systematischen Unterstützung der Dorfarmut, schließlich die Umwandlung der Dorfarmut selbst in eine organisierte Stütze der Arbeiterklasse auf dem Lande eine der wesentlichsten aktuellen Aufgaben unserer Partei darstellt.

 

 

 

 

Anmerkungen - Band 11

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