DEUTSCH

 

 

Gesammelte

STALINWERKE :

 

 

 

 

BAND 8

1926 Januar - November

Seite 103 - 131

 

 

ÜBER DIE
WIRTSCHAFTLICHE LAGE DER SOWJETUNION
UND DIE POLITIK DER PARTEI

Referat über die Arbeit des Plenums des ZK der KPdSU(B)
vor dem Aktiv der Leningrader Organisation

13. April 1926

„Leningrads Prawda”
(Leningrader Prawda) Nr. 89,
18. April 1926

[51]

 

 

Genossen!

Gestatten Sie, dass ich mit dem Referat beginne.

Auf der Tagesordnung des Aprilplenums des ZK unserer Partei standen vier Punkte.

Der erste Punkt: Die wirtschaftliche Lage unseres Landes und die Wirtschaftspolitik unserer Partei.

Der zweite Punkt: Die Reorganisierung unserer Getreidebeschaffungsapparate im Sinne ihrer Vereinfachung und Verbilligung.

Der dritte Punkt: Der Arbeitsplan des Politbüros unseres ZK und des ZK-Plenums für das Jahr 1926 unter dem Gesichtswinkel der Herausarbeitung der zentralen Fragen unseres Wirtschaftsaufbaus.

Der vierte Punkt: Die Ersetzung des Sekretärs des ZK Jewdokimow durch einen anderen Kandidaten, durch Genossen Schwernik.

Wenn man von der letzten Frage, der Ersetzung eines Sekretärs durch einen andern, absieht, so ließen sich alle übrigen Fragen, um die sich hauptsächlich die Diskussion auf dem ZK-Plenum drehte, in einer Frage zusammenfassen, der Frage der wirtschaftlichen Lage unseres Landes und der Politik der Partei. Darum werde ich in meinem Referat nur die eine Hauptfrage behandeln, die Frage der wirtschaftlichen Lage unseres Landes

 

I
ZWEI PERIODEN DER NÖP

 

Die wichtigste Tatsache, die für unsere Politik bestimmend ist, besteht darin, dass unser Land in seiner wirtschaftlichen Entwicklung in eine neue Periode der NÖP, in eine neue Periode der Neuen Ökonomischen Politik eingetreten ist, in die Periode der unmittelbaren Industrialisierung.

Fünf Jahre sind vergangen, seit Wladimir Iljitsch die Neue Ökonomische Politik proklamiert hat. Die Hauptaufgabe, die damals vor uns, vor der Partei, stand, war, unter den Verhältnissen der Neuen Ökonomischen Politik, unter den Verhältnissen des entfalteten Warenumsatzes das sozialistische Fundament unserer Volkswirtschaft zu errichten. Diese strategische Aufgabe steht auch jetzt als unsere Hauptaufgabe vor uns. An die Lösung dieser Hauptaufgabe gingen wir damals, in der ersten Periode der NÖP, angefangen mit dem Jahre 1921, unter dem Gesichtswinkel heran, dass vor allem die Landwirtschaft entwickelt werden musste. Genosse Lenin sagte: Unsere Aufgabe ist es, das sozialistische Fundament der Volkswirtschaft zu errichten; um aber dieses Fundament errichten zu können, müssen wir eine entwickelte Industrie haben, denn die Industrie ist die Grundlage, das A und O des Sozialismus, des sozialistischen Aufbaus; um aber die Industrie entwickeln zu können, müssen wir das Werk mit der Landwirtschaft beginnen.

Warum?

Aus folgendem Grunde: Um die Industrie unter den Verhältnissen der wirtschaftlichen Zerrüttung, die wir damals durchmachten, entwickeln zu können, mussten für die Industrie vor allem gewisse Voraussetzungen auf dem Gebiet des Absatzes sowie der Rohstoff- und Lebensmittelversorgung geschaffen werden. Eine Industrie lässt sich nicht aus dem Nichts heraus entwickeln, eine Industrie lässt sich nicht entwickeln, wenn es im Lande keine Rohstoffe gibt, wenn keine Lebensmittel für die Arbeiter da sind und wenn keine auch nur einigermaßen entwickelte Landwirtschaft vorhanden ist, die den Hauptmarkt für die Industrie bildet. Um also die Industrie entwickeln zu können, mussten mindestens drei Voraussetzungen gegeben sein: erstens ein innerer Markt, der bei uns einstweilen vorwiegend ein bäuerlicher Markt ist; zweitens musste man über eine mehr oder weniger entwickelte Rohstoffproduktion in der Landwirtschaft (Zuckerrüben, Flachs, Baumwolle usw.) verfügen; und drittens musste die Möglichkeit geschaffen werden, dass das Dorf ein bestimmtes Minimum landwirtschaftlicher Produkte für die Versorgung der Industrie, für die Versorgung der Arbeiter abgibt. Darum eben sagte Lenin, dass wir die Errichtung des sozialistischen Fundaments unserer Wirtschaft, den Aufbau der Industrie mit der Landwirtschaft beginnen müssen.

Damals glaubten viele nicht an dieses Werk. Diese Politik stieß damals besonders auf den Widerspruch der so genannten „Arbeiteropposition”. Wie ist denn das möglich, fragten sie, unsere Partei nennt sich eine Arbeiterpartei und beginnt die Entwicklung der Wirtschaft mit der Landwirtschaft? Wie soll man denn das verstehen? Diese Politik stieß damals auch bei anderen Oppositionellen auf Widerspruch, die der Meinung waren, man könne die Industrie unter beliebigen Verhältnissen, selbst aus dem Nichts heraus aufbauen, ohne den realen Möglichkeiten Rechnung zu tragen. Aber die Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes in dieser Periode hat anschaulich bewiesen, dass die Partei im Recht war, dass man, um das sozialistische Fundament unserer Wirtschaft errichten, um die Industrie entwickeln zu können, das Werk mit der Landwirtschaft beginnen musste.

Solcherart war die erste Periode der Neuen Ökonomischen Politik.

Jetzt sind wir in die zweite Periode der NÖP eingetreten. Das Wichtigste und Charakteristischste für den Zustand unserer Wirtschaft ist jetzt, dass sich der Schwerpunkt nunmehr zur Industrie hin verschoben hat. Wenn wir damals, in der ersten Periode der Neuen Ökonomischen Politik, mit der Landwirtschaft beginnen mussten, da die Landwirtschaft den Angelpunkt für die Entwicklung der gesamten Volkswirtschaft bildete, so muss jetzt, um den Aufbau des sozialistischen Fundaments unserer Wirtschaft weiterführen, um die Wirtschaft als Ganzes vorantreiben zu können, die Aufmerksamkeit gerade auf die Industrie konzentriert werden. Jetzt kann sich die Landwirtschaft selbst nicht weiterentwickeln, wenn man ihr nicht rechtzeitig landwirtschaftliche Maschinen, Traktoren, Industrieerzeugnisse usw. liefert. Wenn daher damals, in der ersten Periode der Neuen Ökonomischen Politik, die Landwirtschaft den Angelpunkt für die Entwicklung der Volkswirtschaft als Ganzes bildete, so ist es jetzt die unmittelbare Entfaltung der Industrie, die diesen Angelpunkt bildet und ohne die die Volkswirtschaft als Ganzes in eine Sackgasse gerät.

 

II
DER KURS AUF DIE INDUSTRIALISIERUNG

 

Darin besteht das Wesen und der eigentliche Sinn der vom XIV. Parteitag verkündeten Losung, die jetzt in die Tat umgesetzt wird, des Kurses auf die Industrialisierung des Landes. Diese Hauptlosung machte die Plenartagung des Zentralkomitees im April dieses Jahres zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Folglich besteht jetzt die nächste und wichtigste Aufgabe darin, das Entwicklungstempo unserer Industrie zu beschleunigen, unsere Industrie mit aller Macht und unter Ausnutzung der vorhandenen Hilfsquellen voranzutreiben und dadurch die Entwicklung der gesamten Wirtschaft zu beschleunigen.

Diese Aufgabe wird gerade jetzt, im gegebenen Augenblick, unter anderem deshalb besonders akut, weil sich bei uns infolge der bekannten Entwicklung der Wirtschaft ein gewisses Missverhältnis zwischen der Nachfrage nach Industrieerzeugnissen in Stadt und Land und dem Angebot an diesen Erzeugnissen durch die Industrie herausgebildet hat, weil die Nachfrage nach Industrieerzeugnissen schneller wächst als die Industrie selbst, weil der bei uns herrschende Warenhunger mit allen seinen Folgeerscheinungen der Ausdruck und das Ergebnis dieses Missverhältnisses ist. Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass die schnelle Entwicklung unserer Industrie das sicherste Mittel ist, um dieses Missverhältnis zu beseitigen und den Warenhunger zu überwinden.

Manche Genossen glauben, Industrialisierung bedeute überhaupt Entwicklung irgendeiner beliebigen Industrie. Es gibt sogar Sonderlinge, die da meinen, dass bereits Iwan Grosny, der dereinst daranging, gewisse Keimformen einer Industrie zu schaffen, ein Industrialist gewesen sei. Wenn man diesen Weg weiter verfolgt, dann müsste man Peter den Großen einen Industrialisten ersten Ranges nennen. Das trifft natürlich nicht zu. Nicht jede beliebige Entwicklung der Industrie bedeutet Industrialisierung. Den Schwerpunkt der Industrialisierung, ihre Grundlage bildet die Entwicklung der Schwerindustrie (Brennstoffe, Metall und dergleichen), die Entwicklung letzten Endes der Produktion von Produktionsmitteln, die Entwicklung eines eigenen Maschinenbaus. Die Industrialisierung hat nicht nur die Aufgabe, eine Vergrößerung des Anteils der Industrie an der Volkswirtschaft als Ganzem herbeizuführen, sondern sie hat darüber hinaus die Aufgabe, bei dieser Entwicklung unserem von kapitalistischen Staaten umringten Lande die wirtschaftliche Selbständigkeit zu sichern, es davor zu bewahren, dass es sich in ein Anhängsel des Weltkapitalismus verwandelt. Ein Land der Diktatur des Proletariats kann angesichts der kapitalistischen Umkreisung wirtschaftlich nicht selbständig bleiben, wenn es nicht im eigenen Lande selbst Produktionsinstrumente und -mittel produziert, wenn es auf einer Entwicklungsstufe stecken bleibt, bei der seine Volkswirtschaft zwangsläufig an die kapitalistisch entwickelten Länder gefesselt bleibt, die Produktionsinstrumente und -mittel produzieren und ausführen. Auf einer solchen Stufe stecken bleiben heißt sich dem Weltkapital unterwerfen.

Nehmen Sie Indien. Jedermann weiß, dass Indien eine Kolonie ist. Gibt es in Indien eine Industrie? Zweifellos. Entwickelt sie sich? Ja, sie entwickelt sich. Aber dort entwickelt sich eine Industrie, die keine Produktionsinstrumente und -mittel produziert. Dort werden die Produktionsinstrumente aus England eingeführt. Aus diesem Grunde (wenn auch natürlich nicht nur aus diesem Grunde) ist die Industrie dort ganz und gar der englischen Industrie unterworfen. Es ist dies eine besondere Methode des Imperialismus, in den Kolonien eine Industrie zu entwickeln, derart, dass diese an die Metropole, an den Imperialismus gefesselt bleibt.

Daraus folgt aber, dass sich die Industrialisierung unseres Landes nicht in der Entwicklung irgendeiner beliebigen Industrie, sagen wir der Leichtindustrie, erschöpfen kann, wenn auch die Leichtindustrie und ihre Entwicklung für uns absolut notwendig sind. Daraus folgt, dass unter Industrialisierung vor allem die Entwicklung unserer Schwerindustrie und insbesondere die Entwicklung unseres eigenen Maschinenbaus, dieses Hauptnervs der Industrie überhaupt, zu verstehen ist. Ohne das kann von einer Sicherung der ökonomischen Selbständigkeit unseres Landes gar keine Rede sein.

 

III
FRAGEN DER SOZIALISTISCHEN AKKUMULATION

 

Um aber die Industrialisierung voranzutreiben, Genossen, ist es notwendig, die alte Ausrüstung unserer Werke zu erneuern und neue Werke zu errichten. Die gegenwärtige Periode der Entwicklung unserer Industrie ist dadurch gekennzeichnet, dass wir die alten, uns von den Kapitalisten der Zarenzeit hinterlassenen Werke und Fabriken bereits ausgelastet haben, voll ausgelastet haben und dass wir jetzt, um Weiterschreiten zu können, die Technik verbessern, die alten Werke neu ausrüsten und neue Werke errichten müssen. Ohne das ist es jetzt unmöglich, voranzuschreiten.

Um aber unsere Industrie auf der Grundlage der modernen Technik erneuern zu können, dazu, Genossen, sind große, sehr große Kapitalien erforderlich. Kapitalien aber gibt es, wie Ihnen allen bekannt ist, bei uns wenig. In diesem Jahr wird es uns gelingen, für die Hauptausgaben der Industrie etwas über 800 Millionen Rubel anzulegen. Das ist natürlich wenig. Aber es ist immerhin etwas. Das ist unsere erste bedeutsame Investition in unserer Industrie. Ich sage, das ist wenig, weil unsere Industrie bequem ein Mehrfaches dieser Summe aufnehmen könnte. Wir müssen unsere Industrie vorwärts bringen. Wir müssen unsere Industrie in möglichst schnellem Tempo ausbauen, die Zahl der Arbeiter verdoppeln und verdreifachen. Wir müssen unser Land aus einem Agrarland in ein Industrieland verwandeln, und zwar je schneller, desto besser. Dazu sind aber große Kapitalien erforderlich.

Darum gewinnt die Frage der Akkumulation für die Entwicklung der Industrie, die Frage der sozialistischen Akkumulation für uns jetzt erstrangige Bedeutung.

Sind wir, auf uns selbst gestellt, imstande und in der Lage, ohne Anleihen von außen mit den inneren Kräften unseres Landes unserer Industrie die Akkumulation und die Reserven zu sichern, die notwendig sind, um den Kurs auf die Industrialisierung bis zu Ende verfolgen zu können, um dem sozialistischen Aufbau in unserem Lande zum Siege zu verhelfen?

Das ist eine ernste Frage, der wir besondere Aufmerksamkeit schenken müssen.

Die Geschichte kennt verschiedene Methoden der Industrialisierung.

England verdankt seine Industrialisierung dem Umstand, dass es jahrzehnte- und jahrhunderte lang Kolonien ausplünderte, dort „zusätzliche” Kapitalien zusammenraffte, sie in seiner Industrie anlegte und so das Tempo der Industrialisierung beschleunigte. Das ist die eine Methode der Industrialisierung.

Deutschland beschleunigte seine Industrialisierung im Ergebnis des siegreichen Krieges gegen Frankreich in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als es den Franzosen eine Kontribution von fünf Milliarden Franken abpresste und diese seiner Industrie zuführte. Das ist die zweite Methode der Industrialisierung.

Beide Methoden kommen für uns nicht in Betracht, denn wir sind das Land der Sowjets, denn die Ausplünderung von Kolonien und militärische Eroberungen zum Zwecke der Ausplünderung sind mit dem Wesen der Sowjetmacht unvereinbar.

Russland, das alte Russland, erteilte Konzessionen zu knechtenden Bedingungen und nahm knechtende Anleihen auf in dem Bestreben, auf diese Weise allmählich auf den Weg der Industrialisierung zu gelangen. Das ist die dritte Methode. Aber das ist der Weg der Knechtschaft oder der halben Knechtschaft, der Weg der Verwandlung Russlands in eine Halbkolonie. Dieser Weg kommt für uns gleichfalls nicht in Betracht, denn nicht darum haben wir drei Jahre lang einen Bürgerkrieg geführt und alle und jegliche Interventionisten zurückgeschlagen, um uns dann, nach dem Siege über die Interventionisten, freiwillig in imperialistische Knechtschaft zu begeben.

Bleibt der vierte Weg der Industrialisierung, der Weg eigener Ersparnisse für die Industrie, der Weg der sozialistischen Akkumulation, auf den Genosse Lenin wiederholt als auf den einzigen Weg der Industrialisierung unseres Landes hingewiesen hat.

Ist also die Industrialisierung unseres Landes auf der Grundlage der sozialistischen Akkumulation möglich?

Verfügen wir über die Quellen einer solchen Akkumulation, Quellen, die ausreichen, um die Industrialisierung zu gewährleisten?

Ja, die Industrialisierung ist möglich. Ja, wir verfügen über solche Quellen.

Ich könnte auf eine Tatsache verweisen wie die Enteignung der Gutsbesitzer und Kapitalisten in unserem Lande als Ergebnis der Oktoberrevolution, die Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden, Fabriken, Werken usw. und deren Übergang in das Eigentum des gesamten Volkes. Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass diese Tatsache eine ziemlich solide Quelle der Akkumulation bedeutet.

Ich könnte ferner auf eine Tatsache verweisen wie die Annullierung der Zarenschulden, die unsere Volkswirtschaft von einer Schuldenlast von Milliarden Rubel befreit hat. Es darf nicht vergessen werden, dass wir bei Weiterbestehen dieser Schulden jährlich einige Hundert Millionen Rubel allein an Zinsen hätten zahlen müssen, auf Kosten der Industrie, auf Kosten unserer gesamten Volkswirtschaft. Es braucht nicht betont zu werden, dass dieser Umstand das Werk unserer Akkumulation bedeutend erleichtert hat.

Ich könnte auf unsere nationalisierte Industrie hinweisen, die wiederhergestellt worden ist, die sich entwickelt und die gewisse, für die weitere Entwicklung der Industrie notwendige Gewinne abwirft. Auch dies ist eine Quelle der Akkumulation.

Ich könnte auf unseren nationalisierten Außenhandel hinweisen, der einen gewissen Gewinn abwirft und folglich eine bestimmte Quelle der Akkumulation bildet.

Man könnte auf unseren mehr oder weniger organisierten staatlichen Innenhandel verweisen, der gleichfalls einen gewissen Gewinn abwirft und somit eine bestimmte Quelle der Akkumulation bildet.

Man könnte auf einen Hebel der Akkumulation hinweisen wie unser nationalisiertes Banksystem, das einen bestimmten Gewinn abwirft und unsere Industrie nach Kräften nährt.

Schließlich besitzen wir eine Waffe wie die Staatsmacht, die über den Staatshaushalt verfügt und ein kleines Sümmchen Geld für die weitere Entwicklung der Volkswirtschaft überhaupt und unserer Industrie im Besonderen aufbringt.

Dies sind im Wesentlichen die wichtigsten Quellen unserer inneren Akkumulation.

Sie sind insofern von Interesse, als sie uns die Möglichkeit geben, die notwendigen Reserven zu schaffen, ohne die die Industrialisierung unseres Landes unmöglich ist.

Aber Möglichkeit ist noch nicht Wirklichkeit, Genossen. Wenn man ungeschickt zu Werke geht, kann es sich erweisen, dass von der Möglichkeit der Akkumulation bis zur tatsächlichen Akkumulation ein ziemlich weiter Weg ist. Darum können wir uns mit dem Vorhandensein bloßer Möglichkeiten nicht zufrieden geben. Wir müssen die Möglichkeit der sozialistischen Akkumulation in eine tatsächliche Akkumulation verwandeln, wenn wir wirklich beabsichtigen, die für unsere Industrie notwendigen Reserven zu schaffen.

Daraus ergibt sich die Frage: Wie muss die Akkumulation ins Werk gesetzt werden, damit dies der Industrie zum Nutzen gereicht, an welchen Knotenpunkten des Wirtschaftslebens müssen wir vor allem den Hebel ansetzen, um die Möglichkeit der Akkumulation in eine tatsächliche sozialistische Akkumulation zu verwandeln?

Es gibt eine Reihe von Kanälen der Akkumulation, von denen wenigstens die wichtigsten vermerkt werden müssten.

Erstens. Die Überschüsse der Akkumulation im Lande dürfen nicht verzettelt werden, sondern müssen in unseren Kreditanstalten, den genossenschaftlichen wie den staatlichen, sowie mittels innerer Anleihen konzentriert werden, damit sie vor allem für die Bedürfnisse der Industrie verwandt werden können. Natürlich müssen die Deponenten dafür bestimmte Zinsen erhalten. Man kann nicht sagen, dass es damit bei uns auch nur einigermaßen befriedigend bestellt wäre. Aber die Aufgabe, unser Kreditnetz zu verbessern, die Aufgabe, das Ansehen der Kreditanstalten in den Augen der Bevölkerung zu heben, die Aufgabe, die inneren Anleihen zu organisieren, steht zweifellos als dringliche Aufgabe vor uns, die wir um jeden Preis lösen müssen.

Zweitens. All die Rinnen und Ritzen müssen sorgfältig dicht gemacht werden, durch die ein Teil der Akkumulationsüberschüsse des Landes zum Schaden der sozialistischen Akkumulation in die Taschen des Privatkapitals fließt. Dazu muss eine Preispolitik betrieben werden, die keine Kluft zwischen Großhandels- und Einzelhandelspreisen aufkommen lässt. Es müssen alle Maßnahmen getroffen werden, um die Einzelhandelspreise für Industrieerzeugnisse und landwirtschaftliche Produkte zu senken und dadurch dem Abfluss der Akkumulationsüberschüsse in die Taschen der Privatkapitalisten Einhalt zu gebieten oder ihn wenigstens auf ein Mindestmaß zu beschränken. Das ist eine der wichtigsten Fragen unserer Wirtschaftspolitik. Hier liegt der Ausgangspunkt einer der ernstesten Gefahren sowohl für unsere Akkumulation als auch für den Tscherwonez.

Drittens. In der Industrie selbst, in jedem ihrer Zweige müssen bestimmte Reserven zur Amortisation der Betriebe, zu ihrer Erweiterung, zu ihrer weiteren Entwicklung zurückgelegt werden. Das ist notwendig, das ist absolut unerlässlich, wir müssen damit um jeden Preis vorankommen.

Viertens. In den Händen des Staates müssen bestimmte Reserven angehäuft werden, die notwendig sind, um das Land gegen alle möglichen Eventualitäten (Missernte) zu sichern, um die Industrie zu versorgen, um die Landwirtschaft zu unterstützen, um die Kultur zur Entfaltung zu bringen usw. Ohne Reserven kann man heutzutage nicht leben und nicht arbeiten. Selbst der Bauer mit seiner kleinen Wirtschaft kann heutzutage nicht ohne bestimmte Vorräte auskommen. Umso weniger kann der Staat eines großen Landes ohne Reserven auskommen.

Vor allem müssen wir auf der Linie des Außenhandels eine Reserve haben. Wir müssen unsere Ausfuhr und unsere Einfuhr so organisieren, dass der Staat eine bestimmte Reserve in der Hand behält, über einen bestimmten Aktivsaldo im Außenhandel verfügt. Das ist unbedingt notwendig, nicht nur, um uns gegen unvorhergesehene Ereignisse auf den Auslandsmärkten zu sichern, sondern auch als Mittel, um unseren Tscherwonez zu stützen, der einstweilen stabil ist, der aber ins Schwanken geraten kann, wenn wir nicht eine aktive Außenhandelsbilanz erzielen. Verstärkung unseres Exports, Anpassung unseres Imports an die Exportmöglichkeiten - das ist die Aufgabe.

Wir können nicht sagen, was man früher sagte: „Wir selbst werden uns nicht satt essen, aber ausführen werden wir.” Wir können das nicht sagen, denn die Arbeiter und Bauern wollen menschenwürdig essen, und wir unterstützen sie darin voll und ganz. Aber dennoch könnten wir, ohne dass der Konsum des Volkes darunter leidet, alle Maßnahmen ergreifen, um unseren Export zu steigern und dem Staat eine bestimmte Valutareserve in die Hand zu geben. Wenn wir im Jahre 1923 vermocht haben, vom Papierrubel zur festen Valuta überzugehen, so unter anderem deshalb, weil wir damals auf Grund unserer aktiven Außenhandelsbilanz über eine bestimmte Valutareserve verfügten. Wenn wir unseren Tscherwonez stützen wollen, so müssen wir den Außenhandel auch in Zukunft so organisieren, dass wir eine Valutareserve als eine der Grundlagen für unseren Tscherwonez in der Hand behalten.

Ferner brauchen wir gewisse Reserven auf der Linie des Innenhandels. Ich denke hauptsächlich an die Schaffung von Getreidereserven, über die der Staat verfügen muss, um in die Angelegenheiten des Getreidemarktes eingreifen und das Kulakentum sowie die sonstigen Getreidespekulanten bekämpfen zu können, die die Preise für landwirtschaftliche Produkte maßlos in die Höhe treiben. Dies ist schon allein dazu notwendig, um der Gefahr einer künstlichen Verteuerung der Lebenshaltung in den Industriezentren und einer Untergrabung des Lohnes der Arbeiter vorzubeugen.

Wir brauchen schließlich eine Steuerpolitik, die die Steuerlast den besitzenden Schichten aufbürdet und zugleich auf der Linie des Staatshaushalts dem Staat eine bestimmte Reserve in die Hand gibt. Wie der Verlauf der Realisierung unseres staatlichen Haushaltsplans, der sich auf 4 Milliarden beläuft, zeigt, können wir erreichen, dass die Einnahmen die Ausgaben um etwa 100 Millionen und mehr übersteigen. Dem einen oder anderen Genossen scheint dies eine kolossale Ziffer zu sein. Aber diese Genossen haben offenbar ein schwaches Sehvermögen, sonst würden sie bemerken, dass eine Reserve von 100 Millionen für ein Land wie das unsere ein Tropfen ins Meer ist. Manch einer glaubt, wir hätten diese Reserve überhaupt nicht nötig. Was soll aber werden, wenn in diesem Jahr eine Missernte oder irgendeine andere Katastrophe über uns hereinbricht? Woher sollen wir die Mittel nehmen, um Abhilfe zu schaffen? Umsonst hilft man uns doch nicht und wird man uns nicht helfen. Also muss man selbst einige Reserven haben. Und wenn in diesem Jahr nichts Unvorhergesehenes passiert, so werden wir diese Reserve der Volkswirtschaft und vor allem der Industrie zuführen. Keine Angst, diese Reserven gehen nicht verloren.

Das, Genossen, sind im allgemeinen die Knotenpunkte unseres Wirtschaftslebens, an denen wir vor allem den Hebel ansetzen müssen, um die Möglichkeit der inneren Akkumulation in unserem Lande zum Zwecke seiner Industrialisierung in eine tatsächliche sozialistische Akkumulation zu verwandeln.

 

IV
DIE RICHTIGE
VERWENDUNG DER AKKUMULIERTEN MITTEL.
DAS SPARSAMKEITSREGIME

 

Aber mit der Akkumulation allein ist die Frage nicht erschöpft und kann sie nicht erschöpft sein. Darüber hinaus muss man es verstehen, die angehäuften Reserven mit Verstand, mit Berechnung zu verausgaben, so, dass nicht eine einzige Kopeke des Volksvermögens vergeudet wird, dass die akkumulierten Mittel entsprechend der von uns verfolgten grundlegenden Linie für die Befriedigung der dringendsten Erfordernisse der Industrialisierung unseres Landes verwandt werden. Ohne diese Voraussetzungen laufen wir Gefahr, plötzlich feststellen zu müssen, dass die akkumulierten Mittel veruntreut, dass sie für alle möglichen kleinen und großen Ausgaben verzettelt werden, die weder mit der Entwicklung der Industrie noch mit der Weiterentwicklung der Volkswirtschaft als Ganzes etwas gemein haben. Es verstehen, die Mittel mit Verstand, mit Berechnung zu verausgaben - das ist eine überaus wichtige Kunst, die man nicht auf einmal erlernt. Man kann nicht sagen, dass sich unsere Genossen, unsere Sowjet- und Genossenschaftsorgane, in dieser Beziehung durch große Geschicklichkeit auszeichnen. Im Gegenteil, alles zeugt davon, dass es bei uns in dieser Beziehung keineswegs zum Besten bestellt ist. Es fällt einem schwer, das zuzugeben, Genossen, aber das ist eine Tatsache, die sich durch keinerlei Resolutionen hinwegleugnen lässt. Es gibt Fälle, wo unsere leitenden Organe in die Lage jenes Bauern geraten, der sich ein bisschen Geld gespart hat und, statt dafür seinen Pflug zu reparieren und Neuanschaffungen für seine Wirtschaft zu machen, ein Riesengrammophon kauft und ... Pleite macht. Ich schweige ganz von Fällen direkter Veruntreuung angehäufter Reserven, von Fällen der Gefräßigkeit einer ganzen Reihe von Organen unseres Staatsapparats, von Fällen des Diebstahls usw.

Daher muss eine Reihe von Maßnahmen getroffen werden, um zu verhindern, dass unsere akkumulierten Mittel verzettelt, veruntreut, über unnütze Kanäle verschleudert und dem Aufbau unserer Industrie, der unsere grundlegende Linie bildet, entzogen werden.

Erstens dürfen unsere Industriepläne nicht das Produkt bürokratischer Erfindungen sein, sondern sie müssen in engem Zusammenhang mit dem Zustand unserer Volkswirtschaft und unter Berücksichtigung der Hilfsquellen, der Reserven unseres Landes aufgestellt werden. Man darf in der Planung des Industrieaufbaus nicht hinter der Entwicklung der Industrie zurückbleiben. Man darf aber auch nicht vorauseilen, sich von der Landwirtschaft loslösen und das Tempo der Akkumulation in unserem Lande außer Acht lassen.

Die Bedürfnisse unseres inneren Marktes und der Umfang unserer Hilfsquellen - das bildet die Basis für die Entfaltung unserer Industrie. Unsere Industrie basiert auf dem inneren Markt. In dieser Beziehung erinnert die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes an die Entwicklung der Vereinigten Staaten von Nordamerika, deren Industrie auf der Basis des inneren Marktes erwachsen ist, zum Unterschied von England, dessen Industrie vor allem auf den Auslandsmärkten basiert. In England gibt es eine Reihe von Industriezweigen, die zu 40-50 Prozent für Auslandsmärkte arbeiten. Amerika dagegen stützt sich immer noch auf seinen inneren Markt und exportiert nicht mehr als 10-20 Prozent seiner Produktion nach Auslandsmärkten. Die Industrie unseres Landes wird sich in noch höherem Maße als die Industrie Amerikas auf den inneren Markt stützen, vor allem auf den bäuerlichen Markt. Das bildet die Grundlage für den Zusammenschluss der Industrie mit der bäuerlichen Wirtschaft.

Das gleiche gilt für das Tempo unserer Akkumulation, für die Reserven, die uns für die Entwicklung unserer Industrie zur Verfügung stehen. Bisweilen stellt man bei uns gern phantastische Industriepläne auf, ohne unseren Hilfsquellen Rechnung zu tragen. Man vergisst bisweilen, dass sich ohne ein bestimmtes Minimum an Mitteln, ohne ein bestimmtes Minimum an Reserven weder Industriepläne aufstellen noch irgendwelche „groß angelegten” und „allumfassenden” Betriebe aufbauen lassen. Man vergisst das und eilt voraus. Was heißt aber bei der Industrieplanung vorauseilen? Das heißt über die Mittel hinaus bauen wollen. Das heißt, mit viel Geschrei groß angelegte Pläne ankündigen, neue Tausende und Zehntausende von Arbeitern einstellen, viel Lärm machen und dann, wenn sich herausstellt, dass die Mittel nicht reichen, die Arbeiter entlassen, ihnen die Papiere geben, dabei kolossale Verluste erleiden, Enttäuschung über das Aufbauwerk hervorrufen und einen politischen Skandal verursachen. Ist uns damit gedient? Nein, Genossen, damit ist uns nicht gedient. Wir dürfen weder hinter der Entwicklung der Industrie zurückbleiben, noch ihr vorauseilen. Wir müssen mit der Entwicklung Schritt halten, wir müssen die Industrie vorwärts bringen, ohne sie von ihrer Basis loszulösen.

Unsere Industrie ist das führende Element im Gesamtsystem der Volkswirtschaft, sie reißt unsere Volkswirtschaft, darunter auch die Landwirtschaft, mit sich und treibt sie voran. Sie reorganisiert unsere gesamte Volkswirtschaft nach ihrem Vorbild und Ebenbild, sie veranlasst die Landwirtschaft, ihr zu folgen, indem sie die Bauernschaft durch die Genossenschaften in den Strom des sozialistischen Aufbaus einbezieht. Aber unsere Industrie kann diese führende und umgestaltende Rolle nur dann in Ehren erfüllen, wenn sie sich von der Landwirtschaft nicht loslöst, wenn sie das Tempo unserer Akkumulation sowie die uns zur Verfügung stehenden Hilfsquellen und Reserven nicht außer Acht lässt. Ein Kommandeurkorps in der Armee, das sich von seiner Armee loslöst und die Verbindung zu ihr verliert, ist kein Kommandeurkorps. Ebenso wenig kann eine Industrie, die sich von der Volkswirtschaft als Ganzem loslöst und die Verbindung zu ihr verliert, das führende Element der Volkswirtschaft sein.

Darum ist die richtige und vernünftige Planung der Industrie eine der unerlässlichen Voraussetzungen für die zweckmäßige Verwendung der akkumulierten Mittel.

Zweitens ist es notwendig, unseren Staats- und Genossenschaftsapparat, die Institutionen unserer Volkskommissariate und die Institutionen mit wirtschaftlicher Rechnungsführung von unten bis oben einzuschränken und zu vereinfachen, zu verbilligen und zu verbessern. Die aufgeblähten Stellenpläne und die beispiellose Gefräßigkeit unserer Verwaltungsorgane sind bereits sprichwörtlich geworden. Nicht umsonst hat Lenin dutzende- und hundertemal betont, dass die Schwerfälligkeit und die Kostspieligkeit unseres Staatsapparats für die Arbeiter und die Bauern unerträglich sind, dass man ihn um jeden Preis, auf jede nur mögliche Art und mit allen Mitteln einschränken und verbilligen muss. Man muss hier endlich allen Ernstes auf bolschewistische Art ans Werk gehen und ein ganz strenges Sparsamkeitsregime einführen. (Beifall.) Man muss endlich ans Werk gehen, wenn wir nicht auch in Zukunft eine Verzettelung der von uns akkumulierten Mittel zum Schaden der Industrie dulden wollen.

Hier ein Beispiel aus dem Leben. Man sagt, die Ausfuhr unseres Getreides sei unvorteilhaft, unrentabel. Aber warum ist sie unvorteilhaft? Weil der Beschaffungsapparat für die Aufbringung des Getreides mehr verausgabt, als zulässig ist. Von allen unseren Planungsorganen ist festgestellt worden, dass zur Beschaffung eines Puds Getreide 8 Kopeken ausreichen. In Wirklichkeit stellte sich jedoch heraus, dass statt 8 Kopeken 13 Kopeken pro Pud, also 5 Kopeken zu viel, verausgabt wurden. Wie aber konnte das passieren? Dies passierte eben deshalb, weil jeder mehr oder weniger selbständige Mitarbeiter des Beschaffungsapparats - ganz gleich, ob Kommunist oder Parteiloser -, bevor er mit der Beschaffung des Getreides beginnt, es für nötig befindet, seinen Mitarbeiterstab aufzublähen, sich mit einem Heer von Stenographinnen und Maschinenschreiberinnen umgibt, sich unbedingt ein Auto verschafft, einen Haufen unproduktiver Ausgaben macht, und dann, wenn man alles zusammenrechnet, stellt sich heraus, dass der Export bei uns unrentabel ist. Wenn man berücksichtigt, dass wir Hunderte von Millionen Pud Getreide aufbringen und für jedes Pud fünf Kopeken zuviel bezahlen, so kommen Dutzende von Millionen hinausgeworfener Rubel zusammen. Da sieht man, wohin die von uns akkumulierten Mittel gehen und noch gehen werden, wenn wir nicht strengste Maßnahmen gegen die Gefräßigkeit unseres Staatsapparats treffen.

Ich habe hier nur ein einziges Beispiel angeführt. Aber wem ist nicht bekannt, dass es bei uns Hunderte und Tausende solcher Beispiele gibt?

Das Plenum des Zentralkomitees unserer Partei hat beschlossen, unseren Beschaffungsapparat zu vereinfachen und zu verbilligen. Die entsprechende Resolution des Plenums [52] haben Sie sicher bereits gelesen, sie ist in der Presse veröffentlicht worden. Diese Resolution werden wir mit aller Strenge durchführen. Aber das genügt nicht, Genossen. Das ist nur ein Teil unseres Staatsapparats, der Unordnung aufweist und mit Mängeln behaftet ist. Wir müssen weitergehen und Maßnahmen treffen, um den gesamten Staatsapparat, den Apparat der Volkskommissariate und die Institutionen mit wirtschaftlicher Rechnungsführung, den gesamten Genossenschaftsapparat und das gesamte Warenverteilungsnetz von unten bis oben einzuschränken und zu verbilligen.

Drittens müssen wir einen entschiedenen Kampf gegen jede Art überflüssigen Aufwands in unseren Verwaltungsorganen und in unserem täglichen Leben führen, gegen das verbrecherische Umgehen mit Volkseigentum und staatlichen Reserven, das bei uns in der letzten Zeit zu beobachten ist. Bei uns feiert man jetzt Bacchanalien, man schwelgt in allen möglichen Feierlichkeiten, Festversammlungen, Jubiläen, Denkmalsenthüllungen usw. Zehntausende und Hunderttausende Rubel werden für derartige „Beschäftigungen” vergeudet. Bei uns gibt es eine solche Unmenge aller möglichen Jubilare und Liebhaber von Feierlichkeiten und eine so erstaunliche Bereitwilligkeit, ein halbjähriges, einjähriges, zweijähriges usw. Jubiläum zu feiern, dass wahrhaft Dutzende von Millionen Rubel erforderlich sind, um die Nachfrage zu befriedigen. Genossen, mit diesen eines Kommunisten unwürdigen Maßlosigkeiten muss Schluss gemacht werden. Es gilt, endlich zu begreifen, dass wir, auf deren Schultern die Sorge für die Bedürfnisse unserer Industrie liegt und die wir solche Tatsachen vor Augen haben wie die Masse Arbeitsloser und obdachloser Kinder, derartige Gelage und Bacchanalien der Verschwendungssucht nicht dulden können noch dulden dürfen.

Am bemerkenswertesten ist der Umstand, dass Parteilose, wie man beobachten kann, mit den Mitteln unseres Staates bisweilen sorgsamer umgehen als Parteimitglieder. Ein Kommunist handelt in solchen Fällen dreister und resoluter. Es kommt ihm nicht darauf an, einer Reihe von Angestellten eine Unterstützung zu geben, die er Tantieme nennt, obgleich hier von einer Tantieme gar keine Rede sein kann. Es kommt ihm nicht darauf an, sich über ein Gesetz hinwegzusetzen, es zu umgehen, es zu übertreten. Ein Parteiloser ist hier vorsichtiger und zurückhaltender. Das erklärt sich wohl daraus, dass der Kommunist die Gesetze, den Staat und dergleichen bisweilen als eine Familienangelegenheit betrachtet. (Heiterkeit.) Eben deshalb kostet es manchen Kommunisten bisweilen keine große Mühe, einem Schweine gleich (entschuldigen Sie bitte den Ausdruck, Genossen) in den Garten des Staates einzudringen und dort zu stibitzen oder seine auf Kosten des Staates gehende Freigebigkeit zu zeigen. (Heiterkeit.) Diesem Übelstand muss ein Ende gemacht werden, Genossen. Der Vergnügungssucht und der Verschwendung unserer Verwaltungsorgane sowie in unserem täglichen Leben muss ein entschiedener Kampf angesagt werden, wenn wir die von uns akkumulierten Mittel tatsächlich für die Bedürfnisse unserer Industrie zusammenhalten wollen.

Viertens müssen wir einen systematischen Kampf gegen den Diebstahl, gegen den so genannten „frischfröhlichen” Diebstahl in den Organen unseres Staates, in den Genossenschaften, in den Gewerkschaften usw. führen. Es gibt einen verschämten, versteckten Diebstahl, und es gibt einen dreisten, „frischfröhlichen” Diebstahl, wie man ihn in der Presse nennt. Vor kurzem las ich in der „Komsomolskaja Prawda” eine Notiz Okunews über den „frischfröhlichen” Diebstahl. Es gab da, so erfährt man, einen Stutzer, einen jungen Mann mit einem Schnurrbärtchen, der in einer unserer Institutionen frischfröhlich drauflos stahl, systematisch, ohne Unterlass stahl und immer mit Erfolg stahl. Hier verdient nicht so sehr der Dieb selbst Aufmerksamkeit als vielmehr die Tatsache, dass seine Umgebung, die von dem Diebe wusste, ihn nicht nur nicht bekämpfte, sondern im Gegenteil nicht abgeneigt war, ihm auf die Schulter zu klopfen und ihn seiner Geschicklichkeit wegen zu loben, so dass der Dieb in den Augen dieser Leute als eine Art Held dastand. Das ist es, Genossen, was Aufmerksamkeit verdient und was am gefährlichsten ist. Wenn man einen Spion oder einen Verräter erwischt, kennt die Empörung der Öffentlichkeit keine Grenzen, sie verlangt seine Erschießung. Wenn aber ein Dieb vor aller Augen sein Wesen treibt und Staatsvermögen stiehlt, beschränkt sich seine Umgebung auf gutmütiges Grinsen und klopft ihm auf die Schulter. Indes ist klar, dass ein Dieb, der Volksvermögen stiehlt und den Interessen der Volkswirtschaft Abbruch tut, nicht minder ein Spion und Verräter ist, wenn er nicht noch schädlicher ist. Dieses Bürschchen, diesen Stutzer mit dem Schnurrbärtchen, hat man natürlich schließlich und endlich verhaftet. Aber was bedeutet schon die Verhaftung eines einzelnen „frischfröhlichen” Diebes? Solcher Diebe gibt es bei uns Hunderte und Tausende. Man kann nicht alle mit Hilfe der GPU hinwegräumen. Hier ist eine andere Maßnahme erforderlich, eine wirksamere und ernsthaftere. Diese Maßnahme besteht darin, um solche Diebsgesellen eine Atmosphäre des allgemeinen moralischen Boykotts zu schaffen und sie mit Hass zu umgeben. Diese Maßnahme besteht darin, eine solche Kampagne einzuleiten und eine solche moralische Atmosphäre unter den Arbeitern und Bauern zu schaffen, dass die Möglichkeit des Diebstahls ausgeschlossen und den Dieben und Defraudanten des Volksvermögens, den „frischfröhlichen” wie den „nicht frischfröhlichen”, das Leben und Dasein unmöglich gemacht wird. Kampf gegen den Diebstahl als eins der Mittel, die von uns akkumulierten Reserven vor Veruntreuung zu schützen - das ist die Aufgabe.

Schließlich müssen wir eine Kampagne führen, um dem Bummelantentum in den Werken und Fabriken ein Ende zu machen, um die Arbeitsproduktivität zu steigern, um die Arbeitsdisziplin in unseren Betrieben zu festigen. Zehntausende und Hunderttausende von Arbeitstagen gehen der Industrie infolge von Bummelantentum verloren. Hunderttausende und Millionen Rubel gehen dadurch verloren, zum Schaden unserer Industrie, zum Schaden unserer Betriebe. Wir können unsere Industrie nicht vorwärts bringen, wir können den Arbeitslohn nicht erhöhen, wenn das Bummelantentum nicht aufhört, wenn die Arbeitsproduktivität auf einem Punkte stehen bleibt. Den Arbeitern, besonders denen, die erst vor kurzem in die Betriebe gekommen sind, muss klargemacht werden, dass sie der gemeinsamen Sache schaden, der gesamten Arbeiterklasse schaden, unserer Industrie schaden, wenn sie sich des Bummelantentums schuldig machen und die Arbeitsproduktivität nicht steigern. Kampf gegen das Bummelantentum, Kampf für die Steigerung der Arbeitsproduktivität im Interesse unserer Industrie, im Interesse der gesamten Arbeiterklasse - das ist die Aufgabe.

Das sind die Mittel und Wege, um die von uns akkumulierten Mittel und unsere Reserven vor Verzettelung, vor Veruntreuung zu bewahren, um diese Mittel und Reserven für die Industrialisierung unseres Landes nutzbar zu machen.

 

V
KADER VON BAUMEISTERN DER INDUSTRIE
MÜSSEN HERANGEBILDET WERDEN

 

Ich habe vom Kurs auf die Industrialisierung gesprochen. Ich habe von den Wegen zur Akkumulation von Reserven für die Entfaltung der Industrialisierung gesprochen. Ich habe schließlich von den Mitteln gesprochen, die wir haben, um die akkumulierten Reserven rationell für die Bedürfnisse der Industrie verwenden zu können. Aber all das reicht noch nicht aus, Genossen. Um die Direktive der Partei über die Industrialisierung unseres Landes durchführen zu können, ist neben allem anderen erforderlich, Kader neuer Menschen, Kader neuer Baumeister der Industrie heranzubilden.

Keine Aufgabe, und insbesondere keine so große Aufgabe wie die Industrialisierung unseres Landes, kann ohne lebendige Menschen durchgeführt werden, ohne neue Menschen, ohne Kader neuer Baumeister. Früher, in der Periode des Bürgerkriegs, brauchten wir besonders Kommandeurkader zum Aufbau der Armee und zur Führung des Krieges, Regiments- und Brigadekommandeure, Divisions- und Korpskommandeure. Ohne diese neuen Kommandeurkader, die aus der Masse des Volkes gekommen und dank ihren Fähigkeiten emporgestiegen sind, hätten wir keine Armee aufbauen können, hätten wir unsere zahlreichen Feinde nicht besiegen können. Sie, diese neuen Kommandeurkader, haben damals unsere Armee und unser Land gerettet, natürlich mit der allgemeinen Unterstützung der Arbeiter und Bauern. Aber jetzt leben wir in der Periode des Aufbaus der Industrie. Jetzt sind wir von den Fronten des Bürgerkriegs zur Front der Industrie übergegangen. Dementsprechend brauchen wir jetzt neue Kommandeurkader für die Industrie, tüchtige Fabrik- und Werkdirektoren, tüchtige Trustleiter, sachkundige Kaufleute, gescheite Planwirtschaftler für den Aufbau der Industrie. Jetzt müssen wir neue Regiments- und Brigadekommandeure, Divisions- und Korpskommandeure für die Wirtschaft, für die Industrie heranbilden. Ohne diese Kader können wir keinen Schritt vorankommen.

Daher besteht die Aufgabe darin, zahlreiche Kader von Baumeistern der Industrie aus den Reihen der Arbeiter und der Sowjetintelligenz heranzubilden, derselben Sowjetintelligenz, die ihr Geschick mit dem Geschick der Arbeiterklasse verbunden hat und gemeinsam mit uns das sozialistische Fundament unserer Wirtschaft aufbaut.

Die Aufgabe besteht darin, solche Kader heranzubilden und in den Vordergrund zu rücken, wobei ihnen jede nur mögliche Unterstützung erwiesen werden muss.

Bei uns ist es in der letzten Zeit üblich geworden, auf die Wirtschaftler als auf korrupte Elemente einzuhauen, wobei man häufig geneigt ist, Einzelerscheinungen negativer Art auf alle Kader der Wirtschaftler auszudehnen. Manch einer, dem es gerade einfällt, hält es des Öfteren für nötig, den Wirtschaftlern Hiebe zu versetzen, sie aller möglichen Todsünden zu bezichtigen. Diese hässliche Angewohnheit muss man ablegen, Genossen, ein für allemal. Man muss begreifen, dass es überall schwarze Schafe gibt. Man muss begreifen, dass die Aufgabe der Industrialisierung unseres Landes und der Förderung neuer Kader von Baumeistern der Industrie nicht erheischt, dass man die Wirtschaftler prügelt, sondern im Gegenteil, dass man sie beim Aufbau unserer Industrie mit allen Mitteln unterstützt. Die Wirtschaftler mit einer Atmosphäre des Vertrauens und der Unterstützung zu umgeben, ihnen zu helfen, neue Menschen, Baumeister der Industrie, heranzubilden, und den Posten eines Baumeisters der Industrie zu einem Ehrenposten im sozialistischen Aufbau zu machen - das ist die Richtung, in der unsere Parteiorganisationen jetzt arbeiten müssen.

 

VI
DIE AKTIVITÄT DER ARBEITERKLASSE MUSS
GEHOBEN WERDEN

 

Das sind die nächsten Aufgaben, vor denen wir im Zusammenhang mit dem Kurs auf die Industrialisierung unseres Landes stehen. Lassen sich diese Aufgaben ohne die direkte Unterstützung, ohne die direkte Hilfe der Arbeiterklasse verwirklichen? Nein, keineswegs. Unsere Industrie vorwärts zubringen, ihre Produktivität zu steigern, neue Kader von Baumeistern der Industrie heranzubilden, die sozialistische Akkumulation richtig zu betreiben, die akkumulierten Mittel vernünftig für die Bedürfnisse der Industrie zu verwenden, ein strenges Sparsamkeitsregime einzuführen, den Staatsapparat zu disziplinieren, ihn zu verbilligen und zu einem ehrlich arbeitenden Apparat zu machen, ihn von dem Unrat und Schmutz zu säubern, der ihm in der Periode unseres Aufbaus anzuhaften begann, einen systematischen Kampf gegen Diebe und Verschwender von Staatsvermögen zu führen - all das sind Aufgaben, die keine Partei ohne die direkte und systematische Unterstützung durch die Millionenmassen der Arbeiterklasse zu bewältigen vermag. Darum besteht die Aufgabe darin, die Millionenmassen der parteilosen Arbeiter allerorts in unsere Aufbauarbeit einzubeziehen. Jeder Arbeiter, jeder ehrliche Bauer muss der Partei und der Regierung helfen, das Sparsamkeitsregime durchzuführen, gegen die Veruntreuung und Verzettelung von staatlichen Reserven zu kämpfen, Diebe und Gauner hinwegzujagen, unter welcher Maske sie auch immer auftreten mögen, unseren Staatsapparat zu verbessern und zu verbilligen. In dieser Beziehung könnten die Produktionsberatungen unschätzbare Dienste leisten. Eine Zeitlang waren die Produktionsberatungen bei uns in Schwung. Jetzt ist es um sie recht still geworden. Das ist ein großer Fehler, Genossen. Die Produktionsberatungen müssen um jeden Preis belebt werden. In den Produktionsberatungen dürfen nicht nur kleine Fragen, sagen wir, Fragen der sanitären Einrichtungen behandelt werden. Das Programm der Produktionsberatungen muss umfassender und reichhaltiger gestaltet werden. In den Produktionsberatungen müssen die grundlegenden Fragen des Aufbaus der Industrie behandelt werden. Nur auf diesem Wege wird es möglich sein, die Aktivität der Millionenmassen der Arbeiterklasse zu heben und sie zu bewussten Teilnehmern am Aufbau der Industrie zu machen.

 

VII
DAS BÜNDNIS DER ARBEITER UND BAUERN
MUSS GEFESTIGT WERDEN

 

Wenn man aber von der Hebung der Aktivität der Arbeiterklasse spricht, darf man auch die Bauernschaft nicht vergessen. Lenin hat uns gelehrt, dass das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft das Grundprinzip der Diktatur des Proletariats ist. Das dürfen wir nicht vergessen. Die Entwicklung der Industrie, die sozialistische Akkumulation, das Sparsamkeitsregime - all das sind Aufgaben, ohne deren Lösung wir das Privatkapital nicht überwinden und die Schwierigkeiten unseres Wirtschaftslebens nicht beseitigen können. Keine einzige dieser Aufgaben jedoch kann ohne das Vorhandensein der Sowjetmacht, ohne die Diktatur des Proletariats gelöst werden. Die Diktatur des Proletariats aber stützt sich auf das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft. Darum würden alle unsere Aufgaben in der Luft hängen, wenn wir das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft untergrüben oder schwächten.

Wir haben in der Partei Leute, die die werktätigen Massen der Bauernschaft als Fremdkörper betrachten, als Ausbeutungsobjekt für die Industrie, als eine Art Kolonie für unsere Industrie. Diese Leute sind gefährliche Leute, Genossen. Die Bauernschaft kann für die Arbeiterklasse weder Ausbeutungsobjekt noch Kolonie sein. Die bäuerliche Wirtschaft bildet den Markt für die Industrie, ebenso wie die Industrie den Markt für die bäuerliche Wirtschaft bildet. Aber die Bauernschaft bildet nicht nur den Markt. Die Bauernschaft ist darüber hinaus Verbündeter der Arbeiterklasse. Eben deshalb sind die Hebung der bäuerlichen Wirtschaft, der massenhafte genossenschaftliche Zusammenschluss der Bauernschaft, die Besserung ihrer materiellen Lage die Voraussetzung, ohne die keine auch nur einigermaßen ernsthafte Entwicklung unserer Industrie gewährleistet werden kann. Und umgekehrt, die Entwicklung der Industrie, die Produktion von landwirtschaftlichen Maschinen und Traktoren, die massenweise Versorgung der Bauernschaft mit Industrieerzeugnissen sind die Voraussetzung, ohne die die Landwirtschaft nicht vorangebracht werden kann. Dies ist eine der wichtigsten Grundlagen des Bündnisses der Arbeiterklasse und der Bauernschaft. Wir können daher jenen Genossen nicht zustimmen, die immer wieder eine Verstärkung des Drucks auf die Bauernschaft fordern, in der Richtung, dass die Steuern aufs äußerste gesteigert, dass die Preise für Industrieerzeugnisse erhöht werden sollen usw. Wir können ihnen nicht zustimmen, da sie, ohne dies selbst zu bemerken, das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft untergraben, die Diktatur des Proletariats erschüttern. Wir aber wollen das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft festigen und nicht untergraben.

Wir treten jedoch nicht für jedes beliebige Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft ein. Wir sind für ein Bündnis, bei dem der Arbeiterklasse die führende Rolle gehört. Warum? Weil ohne die führende Rolle der Arbeiterklasse im System des Bündnisses der Arbeiter und Bauern ein Sieg der werktätigen und ausgebeuteten Massen über die Gutsbesitzer und Kapitalisten unmöglich ist. Ich weiß, dass einige Genossen damit nicht einverstanden sind. Sie sagen: Das Bündnis ist eine gute Sache, aber wozu noch die Führung durch die Arbeiterklasse? Diese Genossen sind sehr im Irrtum. Sie sind im Irrtum, weil sie nicht begreifen, dass das Bündnis der Arbeiter und Bauern nur dann zum Siege führen kann, wenn die führende Rolle in diesem Bündnis der erprobtesten und revolutionärsten Klasse, der Klasse der Arbeiter, gehört.

Warum scheiterte der Bauernaufstand unter Pugatschow oder unter Stepan Rasin? Warum vermochten es die Bauern damals nicht, die Vertreibung der Gutsbesitzer zu erzwingen? Weil sie solch einen revolutionären Führer wie die Arbeiterklasse damals nicht hatten noch haben konnten. Warum endete die französische Revolution mit dem Sieg der Bourgeoisie und mit der Rückkehr der zunächst vertriebenen Gutsbesitzer? Weil die französischen Bauern solch einen revolutionären Führer wie die Arbeiterklasse damals nicht hatten noch haben konnten - die Bauernschaft wurde damals von bürgerlichen Liberalen geführt. Unser Land ist das einzige Land der Welt, in dem das Bündnis der Arbeiter und Bauern den Sieg über die Gutsbesitzer und Kapitalisten davongetragen hat. Und woraus erklärt sich das? Daraus, dass an der Spitze der revolutionären Bewegung in unserem Lande die kampferprobte Arbeiterklasse stand und weiterhin steht. Man braucht nur bei uns die Idee von der führenden Rolle der Arbeiterklasse zu untergraben, und vom Bündnis der Arbeiter und Bauern bliebe kein Stein auf dem andern, die Kapitalisten und Gutsbesitzer aber würden in ihre alten Nester zurückkehren.

Darum müssen wir das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft in unserem Lande erhalten und festigen.

Darum müssen wir die führende Rolle der Arbeiterklasse im System dieses Bündnisses erhalten und festigen.

 

VIII
DIE INNERPARTEILICHE DEMOKRATIE MUSS
VERWIRKLICHT WERDEN

 

Ich habe von der Hebung der Aktivität der Arbeiterklasse gesprochen, ich habe davon gesprochen, dass die Millionenmassen der Arbeiterklasse in das Werk des Aufbaus unserer Wirtschaft, in das Werk des Aufbaus der Industrie einbezogen werden müssen. Die Hebung der Aktivität der Arbeiterklasse aber ist eine ernste und große Aufgabe. Um die Aktivität der Arbeiterklasse heben zu können, muss vor allem die Partei selbst aktiviert werden. Die Partei selbst muss fest und entschlossen den Weg der innerparteilichen Demokratie beschreiten, unsere Organisationen müssen die breiten Massen der Parteimitglieder, die das Geschick unserer Partei gestalten, zur Erörterung der Fragen unseres Aufbaus heranziehen. Ohne das kann von einer Aktivierung der Arbeiterklasse gar keine Rede sein.

Ich betone das deshalb besonders, weil unsere Leningrader Organisation vor kurzem eine Periode durchgemacht hat, da einige Führer von der innerparteilichen Demokratie nicht anders als mit einem geringschätzigen Lächeln sprachen. Ich denke an die Periode vor dem Parteitag, während des Parteitags und unmittelbar nach dem Parteitag, als man den Parteikollektiven in Leningrad verwehrte, sich zu versammeln, als die Organisatoren einiger Kollektive - verzeihen Sie meine Geradheit - den Kollektiven gegenüber die Rolle eines Polizeiaufsehers spielten, als sie den Kollektiven verboten, sich zu versammeln. Das hat auch die so genannte „neue Opposition” mit Sinowjew an der Spitze zu Fall gebracht.

Wenn es den Mitgliedern unseres ZK mit Hilfe des Leningrader Aktivs gelungen ist, die Opposition, die bei Ihnen einen Kampf gegen die Beschlüsse des XIV. Parteitags führte, innerhalb von zwei Wochen zum Rückzug zu zwingen und zu isolieren, so deshalb, weil sich die Aufklärungskampagne über die Beschlüsse des Parteitags auf den Drang zum Demokratismus stützen konnte, der in der Leningrader Organisation vorhanden war, der sich geltend machte und der sich schließlich Bahn brach. Ich möchte, Genossen, dass Sie diese Lehre aus der jüngsten Vergangenheit beherzigen. Ich möchte, dass Sie diese Lehre beherzigen und ehrlich und entschieden die innerparteiliche Demokratie verwirklichen, die Aktivität der Massen der Parteimitglieder heben, sie zur Erörterung der grundlegenden Fragen des sozialistischen Aufbaus heranziehen und sie von der Richtigkeit der Beschlüsse überzeugen, die vom Aprilplenum des ZK unserer Partei gefasst wurden. Ich möchte, dass Sie die Massen der Parteimitglieder eben überzeugen, da die Methode der Überzeugung die Hauptmethode unserer Arbeit in den Reihen der Arbeiterklasse ist.

 

IX
DIE EINHEIT DER PARTEI MUSS GEWAHRT WERDEN

 

Manche Genossen glauben, innerparteiliche Demokratie bedeute Freiheit fraktioneller Gruppierungen. Nein, Genossen, auf keinen Fall! Das verstehen wir keineswegs unter innerparteilicher Demokratie. Innerparteiliche Demokratie und Freiheit fraktioneller Gruppierungen haben nichts miteinander gemein und können nichts miteinander gemein haben.

Was ist innerparteiliche Demokratie? Innerparteiliche Demokratie bedeutet Hebung der Aktivität der Parteimitgliedermassen und Festigung der Einheit der Partei, Festigung der bewussten proletarischen Disziplin in der Partei.

Was ist Freiheit fraktioneller Gruppierungen? Freiheit fraktioneller Gruppierungen bedeutet Zersetzung der Parteireihen, Aufsplitterung der Partei in einzelne Zentren, Schwächung der Partei, Schwächung der Diktatur des Proletariats.

Was können beide miteinander gemein haben?

Bei uns in der Partei gibt es Leute, die davon träumen, in der Partei habe eine allgemeine Diskussion begonnen. Es gibt bei uns Leute, die sich die Partei ohne Diskussionen nicht vorstellen können, die auf den Titel Berufsdiskutierer Anspruch erheben. Halten wir uns diese Berufsdiskutierer vom Leibe! Was wir jetzt brauchen, ist nicht eine ausgeklügelte Diskussion und nicht die Verwandlung unserer Partei in einen Diskussionsklub, sondern die Verstärkung unserer Aufbauarbeit im allgemeinen, die Verstärkung des Industrieaufbaus im besonderen, die Stärkung unserer geschlossenen, einheitlichen und fest gefügten Kampfpartei, die unsere Aufbauarbeit sicher und siegesgewiss leitet. Wer endlose Diskussionen anstrebt, wer die Freiheit fraktioneller Gruppierungen anstrebt - der untergräbt die Einheit der Partei, der unterhöhlt die Macht unserer Partei.

Worin lag unsere Stärke in der Vergangenheit, und worin liegt sie jetzt? In der richtigen Politik und der Einheit unserer Reihen. Die richtige Politik ist uns vom XIV. Parteitag unserer Partei vorgezeichnet worden. Jetzt besteht die Aufgabe darin, die Einheit unserer Reihen zu gewährleisten, die Einheit unserer Partei, die bereit ist, die Beschlüsse des Parteitags um jeden Preis durchzuführen.

Das ist im wesentlichen der Sinn der Beschlüsse des ZK-Plenums unserer Partei.

 

X
SCHLUSSFOLGERUNGEN

 

Gestatten Sie, dass ich jetzt zu den Schlussfolgerungen komme.

Erstens müssen wir die Industrie unseres Landes als die Grundlage des Sozialismus und als die führende Kraft, die die Volkswirtschaft als Ganzes vorwärts führt, voranbringen.

Zweitens müssen wir neue Kader von Baumeistern der Industrie heranbilden, die entsprechend dem eingeschlagenen Kurs die Industrialisierung direkt und unmittelbar durchführen.

Drittens müssen wir das Tempo unserer sozialistischen Akkumulation beschleunigen und Reserven für die Bedürfnisse unserer Industrie akkumulieren.

Viertens muss die richtige Verwendung der akkumulierten Reserven organisiert und ein strenges Sparsamkeitsregime eingeführt werden.

Fünftens müssen die Aktivität der Arbeiterklasse gehoben und die Millionenmassen der Arbeiter in das Werk des Aufbaus des Sozialismus einbezogen werden.

Sechstens muss das Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft gefestigt und die führende Rolle der Arbeiterklasse innerhalb dieses Bündnisses stärker zur Geltung gebracht werden.

Siebentens muss die Aktivität der Mitgliedermassen unserer Partei gehoben und die innerparteiliche Demokratie verwirklicht werden.

Achtens müssen wir die Einheit unserer Partei, die Geschlossenheit unserer Reihen wahren und festigen.

Werden wir imstande sein, diese Aufgaben zu erfüllen? Ja, wir werden dazu imstande sein, wenn wir es nur wollen. Und dass wir das wollen, sieht ein jeder. Ja, wir werden dazu imstande sein, denn wir sind Bolschewiki, denn wir fürchten keine Schwierigkeiten, denn Schwierigkeiten sind dazu da, um bekämpft und überwunden zu werden. Ja, wir werden dazu imstande sein, denn unsere Politik ist richtig, und wir wissen, wohin wir gehen. Und wir werden fest und siegesgewiss auf dem Wege zum Ziel schreiten, auf dem Wege zum Sieg des sozialistischen Aufbaus.

Genossen! Wir waren eine kleine Gruppe in Leningrad im Februar 1917, vor 9 Jahren. Die alten Parteigenossen werden sich daran erinnern, dass wir Bolschewiki damals eine unbeträchtliche Minderheit im Leningrader Sowjet bildeten. Die alten Bolschewiki erinnern sich wohl daran, dass die zahlreichen Feinde des Bolschewismus damals über uns spotteten. Aber wir schritten vorwärts und nahmen Position um Position, denn unsere Politik war richtig, und wir führten den Kampf geschlossen und einig. Dann wurde diese kleine Kraft zu einer gewaltigen Kraft. Wir schlugen die Bourgeoisie und stürzten Kerenski. Wir organisierten die Macht der Sowjets. Wir schlugen Koltschak und Denikin. Wir verjagten die englisch-französischen und amerikanischen Gewalttäter aus unserem Land. Wir überwanden die wirtschaftliche Zerrüttung. Schließlich stellten wir unsere Industrie und unsere Landwirtschaft wieder her. Jetzt stehen wir vor einer neuen Aufgabe, der Aufgabe der Industrialisierung unseres Landes. Die größten Schwierigkeiten liegen hinter uns. Kann es einen Zweifel geben, dass wir auch mit dieser neuen Aufgabe, der Industrialisierung unseres Landes, fertig werden? Natürlich kann es keinen Zweifel daran geben. Im Gegenteil, wir haben jetzt alle Voraussetzungen, um die Schwierigkeiten zu überwinden und die neuen Aufgaben zu erfüllen, die uns der XIV. Parteitag unserer Partei gestellt hat.

Darum glaube ich, Genossen, dass wir an der neuen Front, an der Front der Industrie, ganz bestimmt siegen werden. (Stürmischer Beifall.)

 

 

 

 

Anmerkungen - Band 8

zurück zum Stalin-Archiv

 

Stalin

deutsch