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Gesammelte

STALINWERKE :

 

 

 

 

BAND 8

1926 Januar - November

Seite 209 - 265

 

 

ÜBER DIE SOZIALDEMOKRATISCHE ABWEICHUNG
IN UNSERER PARTEI

Referat auf der XV. Unionskonferenz der KPdSU(B)
1. November 1926

„Prawda“ Nr. 256 und 266
5. und 6. November 1926

[79]

 

 

 

I
DIE ETAPPEN IN DER ENTWICKLUNG DES
OPPOSITIONSBLOCKS

 

Genossen!

Die erste Frage, die in meinem Referat berührt werden muss, ist die Frage der Entstehung des Oppositionsblocks, der Etappen seiner Entwicklung und schließlich die Frage seines bereits begonnenen Zerfalls. Dieses Thema ist meiner Ansicht nach notwendig als Einführung in das Wesen der Thesen über den Oppositionsblock.

Bereits auf dem XIV. Parteitag gab Sinowjew das Signal zur Sammlung aller oppositionellen Strömungen und zu ihrem Zusammenschluss zu einer einheitlichen Kraft. Die Genossen Konferenzdelegierten dürften sich dieser Rede Sinowjews erinnern. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass eine derartige Aufforderung in den Reihen der Trotzkisten Widerhall finden musste, die von Anfang an die Auffassung vertraten, dass es mehr oder weniger frei stehe, Gruppierungen zu bilden, und dass diese Gruppierungen sich mehr oder weniger eng zusammenschließen müssen, um den Kampf gegen die Grundlinie der Partei zu führen, die Trotzki schon längst nicht mehr befriedigt.

Das war sozusagen die Vorbereitungsarbeit zur Formierung des Blocks.

1. Die erste Etappe

Den ersten ernstlichen Schritt zur Formierung des Blocks unternahm die Opposition während des Aprilplenums des ZK[80] im Zusammenhang mit den Thesen Rykows über die wirtschaftliche Lage. Damals herrschte noch kein volles Einvernehmen zwischen der „neuen Opposition” und den Trotzkisten, dass aber der Block im Rohbau bereits fertig war - darüber konnten schon keine Zweifel mehr bestehen. Die Genossen, die die Stenogramme des Aprilplenums gelesen haben, werden wissen, dass das absolut zutrifft. Im wesentlichen hatten sich beide Gruppen bereits geeinigt, es gab aber noch Vorbehalte, die sie bewogen, zu Rykows Thesen keine gemeinsamen, von der gesamten Opposition ausgehenden Abänderungsanträge, sondern zwei parallele Reihen von Abänderungsanträgen einzubringen. Die eine Reihe von Abänderungsanträgen stammte von der „neuen Opposition” mit Kamenew an der Spitze, während die andere Reihe von Abänderungsanträgen von der Gruppe der Trotzkisten stammte. Dass sie jedoch im Wesentlichen in die gleiche Kerbe hieben und dass das Plenum schon damals feststellte, es handle sich bei ihnen um eine Wiederherstellung des Augustblocks in neuer Form - das ist eine unbestreitbare Tatsache.

Worin bestanden damals die erwähnten Vorbehalte? Folgendes führte Trotzki damals aus:

 

„Der Mangel der Abänderungsanträge des Genossen Kamenew besteht meiner Ansicht nach darin, dass in ihnen die Frage der Differenzierung im Dorfe gewissermaßen als eine bis zu einem bestimmten Grade von der Industrialisierung unabhängige Frage behandelt wird. Die Bedeutung und das soziale Gewicht sowie das Tempo der bäuerlichen Differenzierung werden indes durch das Wachstum und das Tempo der Industrialisierung in ihrem Verhältnis zum Dorfe als Gesamtheit bestimmt.”

 

Das ist kein geringfügiger Vorbehalt.

In Erwiderung darauf machte Kamenew seinerseits einen Vorbehalt gegenüber den Trotzkisten.

 

„Es ist mir unmöglich”, sagte er, „mich ihnen in dem Teil (d. h. dem Teil der Abänderungsanträge Trotzkis zu Rykows Resolutionsentwurf) anzuschließen, der eine Einschätzung der bisherigen Wirtschaftspolitik der Partei enthält, für die ich mich hundertprozentig eingesetzt habe.”

 

Der „neuen Opposition” gefiel es nicht, dass Trotzki die Wirtschaftspolitik kritisierte, die Kamenew in der vorangegangenen Periode geleitet hatte. Trotzki wiederum gefiel es nicht, dass die „neue Opposition” die Fragen der Differenzierung der Bauernschaft von der Frage der Industrialisierung trennte.

2. Die zweite Etappe

Die zweite Etappe ist das Juliplenum des ZK

[Gemeint ist das vereinigte Plenum des ZK und der ZKK der KPdSU(B), das vom 14. bis zum 23. Juli 1926 tagte.]

Auf diesem Plenum haben wir bereits einen in aller Form zusammengezimmerten Block, einen Block ohne Vorbehalte. Trotzki hat seine Vorbehalte fallenlassen und ad acta gelegt, ebenso wie Kamenew seine Vorbehalte hat fallenlassen und ad acta gelegt hat. Sie haben jetzt bereits eine gemeinsame „Deklaration”, die, Genossen, Ihnen allen als parteifeindliches Dokument wohlbekannt ist. Das sind die charakteristischen Merkmale der zweiten Etappe in der Entwicklung des Oppositionsblocks.

Die Zusammenzimmerung und Formierung des Blocks erfolgte in dieser Periode nicht nur auf dem Boden gegenseitigen Verzichts auf Abänderungsanträge, sondern auch auf dem Boden gegenseitiger „Amnestie”. Wir besitzen aus dieser Periode eine interessante Erklärung Sinowjews, in der es heißt, die Opposition, ihr Hauptkern vom Jahre 1923, das heißt, die Trotzkisten hätten in der Frage der Entartung der Partei recht gehabt, das heißt in der Hauptfrage der praktischen Position des Trotzkismus, die sich aus seiner prinzipiellen Position ergibt. Anderseits besitzen wir die nicht weniger interessante Erklärung Trotzkis, in der es heißt, seine „Lehren des Oktober”, die speziell gegen Kamenew und Sinowjew als Vertreter des „rechten Flügels” der Partei, der jetzt seine im Oktober begangenen Fehler wiederholt, gerichtet waren, seien ein Irrtum gewesen, der Beginn der rechten Abweichung in der Partei und der Entartung der Partei sei nicht auf Kamenew und auf Sinowjew, sondern, sagen wir, auf Stalin zurückzuführen.

Folgendes sagte Sinowjew im Juli dieses Jahres:

 

„Wir sagen, dass jetzt bereits kein Zweifel darüber bestehen kann, dass der Hauptkern der Opposition von 1923, wie das die Evolution in der maßgeblichen Linie der Fraktion (d. h. der ZK-Mehrheit) gezeigt hat, mit seiner ‘Warnung vor den Gefahren der Abweichung von der proletarischen Linie und vor dem bedrohlichen Anwachsen des bürokratischen Regimes des Apparats recht hatte.“

 

Mit anderen Worten: Wenn Sinowjew unlängst behauptet hat und wenn die Resolution des XIII. Parteitags

[Gemeint ist die Resolution „Über die Ergebnisse der Diskussion und über die kleinbürgerliche Abweichung in der Partei”, die von der XIII. Konferenz der KPR(B) angenommen, vom XIII. Parteitag der KPR(B) bestätigt und in die Beschlüsse des Parteitags aufgenommen wurde. (Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil I, 1941, S. 540-545, russ.)]

festgestellt hat, dass Trotzki den Leninismus revidiert, dass der Trotzkismus eine kleinbürgerliche Abweichung darstellt - so ist das alles ein Irrtum, ein Missverständnis gewesen, nicht im Trotzkismus liegt die Gefahr, sondern im ZK.

Das ist eine ganz prinzipienlose „Amnestie” für den Trotzkismus.

Anderseits erklärt Trotzki im Juli:

 

„Zweifellos habe ich in den ‚Lehren des Oktober’ die opportunistischen Wandlungen in der Politik mit den Namen Sinowjews und Kamenews in Verbindung gebracht. Wie die Erfahrungen des ideologischen Kampfes im ZK beweisen, war das ein grober Fehler. Dieser Fehler erklärt sich daraus, dass ich keine Möglichkeit hatte, den ideologischen Kampf innerhalb der Siebenmannkörperschaft zu verfolgen, um rechtzeitig feststellen zu können, dass die opportunistischen Wandlungen von der Gruppe ausgingen, an deren Spitze Genosse Stalin steht und die sich im Gegensatz zu den Genossen Sinowjew und Kamenew befindet.”

 

Das bedeutet, dass Trotzki seine „Lehren des Oktober”, die viel von sich reden machten, offen preisgibt und damit Kamenew und Sinowjew „amnestiert”, als Gegenleistung für jene „Amnestie”, die ihm von Kamenew und Sinowjew gewährt wurde.

Ein direkter und unverhohlener prinzipienloser Kuhhandel.

Also Verzicht auf die im April gemachten Vorbehalte und gegenseitige „Amnestie” unter Preisgabe der Prinzipien der Partei - das sind die Elemente, die für die endgültige Formierung des Blocks als eines gegen die Partei gerichteten Blocks bestimmend waren.

3. Die dritte Etappe

Die dritte Etappe in der Entwicklung des Blocks bildeten die offenen Vorstöße der Opposition gegen die Partei in Moskau und Leningrad Ende September und Anfang Oktober dieses Jahres; es war zu der Zeit, als die Führer des Blocks, nachdem sie sich dort, im Süden, erholt und Kräfte gesammelt hatten, ins Zentrum zurückkehrten und zum direkten Angriff gegen die Partei übergingen. Bevor sie von den illegalen Formen des Kampfes gegen die Partei zu offenen Kampfformen übergingen, erklärten sie, wie sich herausstellt, hier im Politbüro (ich war damals nicht in Moskau): „Wir werden es euch schon zeigen, wir werden in die Arbeiterversammlungen gehen, mögen die Arbeiter sagen, wer recht hat; wir werden es euch schon zeigen.” Und sie begannen, von einer Zelle zur andern zu wandern. Die Ergebnisse dieses Vorstoßes waren, wie Ihnen bekannt ist, für die Opposition kläglich. Sie wissen, dass sie eine Niederlage erlitten hat. Aus der Presse ist bekannt, dass sich der Oppositionsblock sowohl in Leningrad als auch in Moskau, sowohl in den Industriebezirken als auch in den nichtindustriellen Bezirken der Sowjetunion bei den Massen der Parteimitglieder eine entschiedene Abfuhr geholt hat. Wieviel Stimmen die Oppositionellen erhielten, wieviel Parteimitglieder sich für das ZK aussprachen, will ich nicht wiederholen, das ist aus der Presse bekannt. Fest steht, dass der Oppositionsblock sich verrechnet hatte. Mit diesem Augenblick tritt bei der Opposition eine Wendung ein, eine Wendung in Richtung auf den Frieden innerhalb der Partei. Die Niederlage der Opposition war offenbar nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Am 4. Oktober gab die Opposition eine Friedenserklärung im ZK ab, und zum erstenmal hörten wir nach den Beschimpfungen und Anrempelungen von der Opposition Worte, wie man sie von Parteimitgliedern erwarten kann: Es sei an der Zeit, den „innerparteilichen Hader” zu beenden und eine „gemeinsame Arbeit” in die Wege zu leiten.

Die Opposition war also durch ihre Niederlage gezwungen, das zu tun, wozu das ZK sie wiederholt aufgefordert hatte - sich der Frage des Friedens in der Partei zuzuwenden.

Natürlich erklärte sich das ZK, getreu den vom XIV. Parteitag gegebenen Direktiven über die Notwendigkeit der Einheit, mit dem Vorschlag der Opposition gern einverstanden, auch wenn es wusste, dass der Vorschlag der Opposition nicht ganz aufrichtig war.

4. Die vierte Etappe

Die vierte Etappe ist die Periode, in der die bekannte „Erklärung” der Oppositionsführer vom 16. Oktober dieses Jahres ausgearbeitet wurde. Sie wird gewöhnlich als Kapitulation eingeschätzt. Ich will zu ihrer Einschätzung keine scharfen Ausdrücke gebrauchen, aber klar ist, dass diese Erklärung nicht von Siegen des Oppositionsblocks, sondern von seiner Niederlage zeugt. Die Geschichte unserer Verhandlungen will ich nicht erzählen, Genossen. Die Verhandlungen wurden mitstenographiert, und Sie haben die Möglichkeit, sich an Hand des Stenogramms einen Einblick zu verschaffen. Ich möchte nur auf einen Zwischenfall eingehen. Der Oppositionsblock schlug vor, im ersten Absatz der „Erklärung” zum Ausdruck zu bringen, dass er an seinen Auffassungen festhält, und zwar nicht schlechthin an ihnen festhält, sondern dass er „voll und ganz” auf seinem alten Standpunkt verharrt. Wir suchten den Oppositionsblock davon zu überzeugen, dass er nicht hierauf bestehen solle. Weshalb? Aus zwei Gründen.

Erstens, wenn die Oppositionellen sich mit ihrem Verzicht auf die Fraktionsmacherei zugleich auch von der Theorie und Praxis der Fraktionsfreiheit losgesagt, sich von Ossowski, von der „Arbeiteropposition”, von der Gruppe Maslow-Urbahns abgegrenzt haben, so bedeutet das, dass die Opposition sich damit nicht nur von den fraktionellen Kampfmethoden losgesagt, sondern auch gewisse politische Positionen preisgegeben hat. Kann man hiernach noch sagen, der Oppositionsblock halte „voll und ganz” an seinen falschen Auffassungen fest, er verharre auf seinem ideologischen Standpunkt? Natürlich kann man das nicht.

Zweitens haben wir der Opposition gesagt, dass es für sie selbst nicht vorteilhaft ist, in alle Welt hinauszuposaunen, dass sie, die Oppositionellen, auf ihrem alten Standpunkt verharren, ja sogar „voll und ganz” verharren, denn die Arbeiter werden mit vollem Recht sagen: „Also wollen die Oppositionellen den Kampf auch weiterhin führen, also haben sie nicht genug Prügel bekommen, also muss man sie noch weiter prügeln.” (Heiterkeit, Zurufe: „Richtig!”) Dennoch erklärten sich die Oppositionellen nicht mit uns einverstanden und nahmen nur den Vorschlag an, die Worte „voll und ganz” zu streichen, während sie den Satz, dass sie auf ihrem alten Standpunkt verharren, aufrechterhielten. Mögen sie nun die Suppe, die sie sich eingebrockt haben, selbst auslöffeln. (Zurufe: „Richtig!“)

5. Lenin und die Trage des Blocks innerhalb der Partei

Sinowjew sagte vor kurzem, das ZK habe keinen Grund, über ihren Block herzufallen, da Iljitsch Blöcke in der Partei überhaupt gutgeheißen habe. Ich muss feststellen, Genossen, dass Sinowjews Behauptung mit Lenins Standpunkt nichts gemein hat. Lenin hat niemals jegliche beliebige Blocks in der Partei gutgeheißen. Lenin war nur für Blocks auf prinzipieller Grundlage, für revolutionäre Blocks, die sich gegen die Menschewiki, die Liquidatoren, die Otsowisten richteten. Lenin hat gegen prinzipienlose und parteifeindliche Blocks innerhalb der Partei stets gekämpft. Wer wüsste nicht, dass Lenin gegen Trotzkis Augustblock als parteifeindlichen und prinzipienlosen Block drei Jahre lang, bis zum vollständigen Sieg über ihn, gekämpft hat? Iljitsch war niemals für jegliche beliebige Blocks. Iljitsch war nur für solche Blocks innerhalb der Partei, die erstens eine prinzipielle Grundlage haben und zweitens den Zweck verfolgen, die Partei im Kampf gegen die Liquidatoren, gegen die Menschewiki, gegen die schwankenden Elemente zu stärken. Die Geschichte unserer Partei kennt die Erfahrungen eines solchen Blocks der Leninisten mit den Anhängern Plechanows (das war in den Jahren 1910-1912) gegen den Block der Liquidatoren, als der parteifeindliche Augustblock entstand, dem Potressow und sonstige Liquidatoren, Alexinski und andere Otsowisten angehörten und an dessen Spitze Trotzki stand. Es gab somit einen parteifeindlichen Block, den prinzipienlosen, abenteuerlichen Augustblock, und es gab einen anderen Block, den Block der Leninisten mit den Anhängern Plechanows, das heißt mit den revolutionären Menschewiki (damals war Plechanow ein revolutionärer Menschewik). Solche Blocks ließ Lenin gelten, und wir alle lassen solche Blocks gelten.

Wenn ein Block innerhalb der Partei die Kampffähigkeit der Partei steigert und die Partei vorwärts bringt, dann sind wir für ihn, dann sind wir für einen solchen Block. Nun, aber Ihr Block, verehrte Oppositionelle, steigert dieser Ihr Block etwa die Kampffähigkeit unserer Partei, hat dieser Ihr Block etwa eine prinzipielle Grundlage? Welche Prinzipien verbinden Sie zum Beispiel mit der Gruppe Medwedews? Welche Prinzipien verbinden Sie zum Beispiel mit der Souvarine-Gruppe in Frankreich oder mit der Maslow-Gruppe in Deutschland? Welche Prinzipien verbinden Sie selbst, die „neue Opposition”, die noch vor kurzem den Trotzkismus für eine Abart des Menschewismus hielt, mit den Trotzkisten, die noch vor kurzem die Führer der „neuen Opposition” für Opportunisten hielten?

Und ferner, dient etwa Ihr Block der Partei, gereicht er ihr zum Nutzen, oder ist er nicht vielmehr gegen die Partei gerichtet? Hat er etwa die Kampffähigkeit und den revolutionären Elan unserer Partei auch nur um ein Jota gesteigert? Alle Welt weiß doch heute, dass Sie während des acht oder sechs Monate langen Bestehens Ihres Blocks bemüht waren, die Partei zurückzuzerren zur „revolutionären” Phrase, zur Prinzipienlosigkeit, dass Sie bemüht waren, die Partei zu zersetzen, sie zu lähmen und zu spalten.

Nein, Genossen, der Oppositionsblock hat nichts mit dem Block gemein, den Lenin im Jahre 1910 mit den Anhängern Plechanows gegen den Augustblock der Opportunisten geschlossen hat. Im Gegenteil, der heutige Oppositionsblock erinnert im wesentlichen an den Augustblock Trotzkis, sowohl was seine Prinzipienlosigkeit als auch was seine opportunistische Grundlage betrifft.

Durch die Organisierung eines solchen Blocks haben sich die Oppositionellen von der Grundlinie abgekehrt, die Lenin durchzuführen bestrebt war. Lenin hat uns stets gesagt, dass die richtigste Politik die prinzipienfeste Politik ist. Die Opposition dagegen hat sich dadurch, dass sie sich zu einer Gruppe zusammenschloss, auf den Standpunkt gestellt, dass die richtigste Politik eine prinzipienlose Politik sei.

Daher kann die Existenz des Oppositionsblocks nicht von langer Dauer sein, seine Zersetzung und sein Zerfall sind unausbleiblich. Das sind die Etappen in der Entwicklung des Oppositionsblocks.

6. Der Zersetzungsprozess innerhalb des Oppositionsblocks

Wie lässt sich der gegenwärtige Zustand des Oppositionsblocks charakterisieren? Man könnte ihn als Zustand des allmählichen Zerfalls des Blocks, als Zustand des allmählichen Abfalls seiner Bestandteile, als Zustand der Zersetzung des Blocks charakterisieren. Nur so kann man den gegenwärtigen Zustand des Oppositionsblocks charakterisieren. Das kann auch gar nicht anders sein, denn ein prinzipienloser Block, ein opportunistischer Block kann in unserer Partei nicht lange bestehen. Wir wissen bereits, dass die Gruppe Maslow und Urbahns vom Oppositionsblock abfällt. Wir haben gestern schon gehört, dass Medwedew und Schljapnikow die von ihnen begangenen Sünden abgeschworen haben und dem Block den Rücken kehren. Bekannt ist außerdem, dass auch innerhalb des Blocks, das heißt zwischen der „neuen” und der „alten” Opposition, Unstimmigkeiten bestehen, die auf dieser Konferenz werden zum Ausdruck kommen müssen.

Es stellt sich also heraus, dass die Oppositionellen wohl einen Block gebildet, ihn mit großem Pomp gebildet haben, dass das Ergebnis aber gerade das Gegenteil davon ist, was sie von dem Block erwartet hatten. Den Regeln der Arithmetik zufolge hätten sie natürlich ein Plus erzielen müssen, denn die Addition der Kräfte ergibt ein Plus, die Oppositionellen haben aber nicht berücksichtigt, dass es außer der Arithmetik noch die Algebra gibt, dass in der Algebra nicht jede Addition der Kräfte ein Plus ergibt (Heiterkeit), denn die Sache hängt nicht nur von der Addition der Kräfte ab, sondern auch davon, welche Zeichen vor den Summanden stehen. (Anhaltender Beifall.) So kam es, dass sie, die in der Arithmetik stark sind, sich in der Algebra als schwach erwiesen und durch die Zusammenlegung ihrer Kräfte ihre Armee nicht nur nicht vergrößert, sondern sie im Gegenteil auf ein Minimum reduziert, sie an den Rand des Zusammenbruchs gebracht haben.

Worin bestand die Stärke der Sinowjew-Gruppe?

Sie bestand darin, dass sie einen entschiedenen Kampf gegen die Grundlagen des Trotzkismus führte. Sobald aber die Sinowjew-Gruppe auf ihren Kampf gegen den Trotzkismus verzichtete, entmannte sie sich sozusagen selbst, beraubte sie sich ihrer eigenen Kraft.

Worin bestand die Stärke der Trotzki-Gruppe?

Sie bestand darin, dass sie einen entschiedenen Kampf gegen die Fehler Sinowjews und Kamenews im Oktober 1917 und gegen ihren Rückfall in diese Fehler in der Gegenwart führte. Sobald aber diese Gruppe auf den Kampf gegen Sinowjews und Kamenews Abweichung verzichtete, entmannte sie sich selbst, beraubte sie sich ihrer eigenen Kraft.

So ergab sich denn eine Zusammenlegung der Kräfte von Kastraten. (Heiterkeit, anhaltender Beifall.)

Es ist klar, dass hieraus nichts als Blamage entstehen konnte. Es ist klar, dass die ehrlichsten Elemente der Sinowjew-Gruppe hiernach Sinowjew ebenso den Rücken kehren mussten, wie die besten Elemente unter den Trotzkisten Trotzki verlassen mussten.

7. Worauf spekuliert der Oppositionsblock?

Welches sind die Perspektiven der Opposition? Worauf spekulieren die Oppositionellen? Ich glaube, sie spekulieren auf eine Verschlechterung der Lage im Lande und in der Partei. Sie stellen jetzt ihre Fraktionstätigkeit ein, weil heutzutage „schlechte” Zeiten für sie sind. Wenn sie sich aber nicht von ihren grundsätzlichen Anschauungen lossagen, wenn sie beschlossen haben, auf ihrem alten Standpunkt zu verharren, so folgt daraus, dass sie abwarten, auf „bessere Zeiten” warten werden, wo es ihnen, nachdem sie Kräfte gesammelt haben, möglich sein wird, erneut den Kampf gegen die Partei aufzunehmen. Darüber kann es keinerlei Zweifel geben.

Vor kurzem hat einer der Oppositionellen, der auf die Seite der Partei übergegangen ist, der Arbeiter Andrejew, interessante Dinge über die Pläne der Opposition mitgeteilt, die meiner Meinung nach auf der Konferenz erwähnt werden müssen. Folgendes hat uns hierüber Genosse Jaroslawski in seinem Referat auf dem Oktoberplenum des ZK und der ZKK berichtet:

 

„Andrejew, der ziemlich lange in der Opposition arbeitete, kam schließlich zu der Überzeugung, dass er nicht länger mit ihr arbeiten könne. Zu dieser Erkenntnis gelangte er hauptsächlich dadurch, dass er von der Opposition zwei Dinge zu hören bekam: erstens, dass die Opposition bei der Arbeiterklasse auf eine ‚reaktionäre’ Stimmung gestoßen sei, und zweitens, dass die ökonomische Lage nicht so schlecht sei, wie sie es angenommen hatte.”

 

Ich glaube, dass Andrejew, der ehedem Oppositioneller war, jetzt aber zur Partei zurückgekehrt ist, das ausgesprochen hat, was die Opposition im Innersten denkt, was sie aber nicht offen auszusprechen wagt. Die Oppositionellen merken offenbar, dass die ökonomische Lage jetzt besser ist, als sie angenommen hatten und dass die Stimmung der Arbeiter nicht so schlecht ist, wie sie es gewünscht hätten. Daher die Politik der zeitweiligen Einstellung ihrer „Tätigkeit”. Es ist klar, wenn die ökonomische Lage sich später etwas zuspitzt - wovon die Oppositionellen überzeugt sind - und wenn sich im Zusammenhang damit die Stimmung der Arbeiter verschlechtert - wovon sie gleichfalls überzeugt sind - dass sie dann nicht zögern werden, ihre „Tätigkeit” zu entfalten, ihre ideologischen Positionen, die sie nicht aufgegeben haben, auszubauen und den offenen Kampf gegen die Partei aufzunehmen.

Das, Genossen, sind die Perspektiven des Oppositionsblocks, der zerfällt, aber noch nicht zerfallen ist und wohl auch nicht so bald zerfallen wird, wenn die Partei nicht einen entschiedenen und schonungslosen Kampf gegen ihn führt.

Da aber die Oppositionellen einmal zum Kampf rüsten und „bessere Zeiten” abwarten, um den offenen Kampf gegen die Partei wieder aufzunehmen, darf auch die Partei nicht untätig zusehen. Daraus erwachsen für die Partei die Aufgaben: einen entschiedenen ideologischen Kampf gegen die falschen Anschauungen der Opposition zu führen, auf denen diese beharrt, das opportunistische Wesen dieser Ideen zu entlarven, in welch „revolutionäre” Phrasen sie auch immer gekleidet werden mögen, und es dahin zu bringen, dass die Opposition gezwungen ist, sich von ihren Fehlern loszusagen, wenn sie nicht endgültig zerschlagen werden will.

 

 

II
DER GRUNDLEGENDE FEHLER DES
OPPOSITIONSBLOCKS

Ich komme zur zweiten Frage, Genossen, zu dem grundlegenden Fehler des Oppositionsblocks in der grundlegenden Frage, der Frage des Charakters und der Perspektiven unserer Revolution.

Die grundlegende Frage, die die Partei vom Oppositionsblock trennt, ist die Frage, ob der Sieg des Sozialismus in unserem Lande möglich ist oder, was das gleiche bedeutet, welchen Charakter unsere Revolution trägt und welche Perspektiven sie hat.

Diese Frage ist nicht neu, sie wurde unter anderem auf der Aprilkonferenz des Jahres 1925, auf der XIV. Parteikonferenz, mehr oder weniger ausführlich behandelt. Sie ist jetzt, in einer neuen Situation, erneut aufgetaucht, und wir werden uns mit dieser Frage sehr eingehend beschäftigen müssen, wobei ich angesichts der Tatsache, dass Trotzki und Kamenew kürzlich auf der gemeinsamen Plenartagung des ZK und der ZKK die Beschuldigung erhoben haben, ihre Anschauungen seien in den Thesen über den Oppositionsblock falsch wiedergegeben worden, gezwungen bin, in meinem Referat eine Reihe von Dokumenten und Zitaten anzuführen, die die in den Thesen über den Oppositionsblock enthaltenen Grundsätze bestätigen. Ich bitte im Voraus um Entschuldigung, Genossen, aber ich bin gezwungen, so vorzugehen.

Wir stehen vor drei Fragen:

1. Ist der Sieg des Sozialismus in unserem Lande möglich, wenn man in Betracht zieht, dass unser Land vorläufig das einzige Land der Diktatur des Proletariats ist, das die proletarische Revolution in anderen Ländern noch nicht gesiegt, dass sich das Tempo der Weltrevolution verlangsamt hat?

2. Wenn dieser Sieg möglich ist, kann er dann als voller, als endgültiger Sieg bezeichnet werden?

3. Wenn dieser Sieg nicht als endgültig bezeichnet werden kann, welcher Voraussetzungen bedarf es dann, damit er ein endgültiger Sieg werde?

Das sind die drei Fragen, die sich unter der allgemeinen Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande, das heißt in unserem Lande, zusammenfassen lassen.

1. Vorbemerkungen

Wie entschieden die Marxisten diese Frage früher, sagen wir in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, in den 50er und 60er Jahren, überhaupt in der Periode, als es noch keinen monopolistischen Kapitalismus gab, als das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus noch nicht entdeckt war und noch nicht entdeckt sein konnte, als infolgedessen die Frage des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern noch nicht unter dem Gesichtswinkel gestellt wurde, unter dem sie späterhin gestellt wurde? Wir alle, wir Marxisten, angefangen von Marx und Engels, vertraten damals die Ansicht, dass der Sieg des Sozialismus in einem einzeln genommenen Lande unmöglich sei, dass zum Siege des Sozialismus eine gleichzeitige Revolution in einer Reihe von Ländern, zumindest in einer Reihe der entwickeltsten und zivilisiertesten Länder notwendig sei. Und das war damals richtig. Zur Charakterisierung dieser Anschauungen möchte ich ein bezeichnendes Zitat aus Engels’ Entwurf „Grundsätze des Kommunismus” anführen, worin diese Frage mit aller Schärfe gestellt wird. Dieser Entwurf diente später als Grundlage für das „Kommunistische Manifest”. Er wurde im Jahre 1847 geschrieben. In diesem, erst vor einigen Jahren veröffentlichten Entwurf sagt Engels folgendes:

 

„Wird diese Revolution (d. h. die Revolution des Proletariats. J. St.) in einem einzigen Lande allein vor sich geben können?

Antwort: Nein. Die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung mit einander gebracht, dass jedes einzelne Volk davon abhängig ist, was bei einem andern geschieht. Sie hat ferner in allen zivilisierten Ländern die gesellschaftliche Entwicklung soweit gleich gemacht, dass in allen diesen Ländern Bourgeoisie und Proletariat die beiden entscheidenden Klassen der Gesellschaft, der Kampf zwischen Beiden der Hauptkampf des Tages geworden. Die kommunistische Revolution wird daher keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern, d. h. wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland gleichzeitig vor sich gebende Revolution sein. Sie wird sich in jedem dieser Länder rascher oder langsamer entwickeln, je nachdem das eine oder andre Land eine ausgebildetere Industrie, einen größeren Reichtum, eine bedeutendere Masse von Produktivkräften besitzt. Sie wird daher in Deutschland am langsamsten und schwierigsten, in England am raschesten und leichtesten durchzuführen sein. Sie wird auf die übrigen Länder der Welt ebenfalls eine bedeutende Rückwirkung ausüben und ihre bisherige Entwicklungsweise gänzlich verändern und sehr beschleunigen. Sie ist eine universelle Revolution und wird daher auch ein universelles Terrain haben.“ (F. Engels, „Grundsätze des Kommunismus”, siehe. „Manifest der Kommunistischen Partei”, Staatsverlag, 1923, S. 317 [deutsch in Marx-Engels „Gesamtausgabe”, Berlin 1932, Erste Abteilung, Bd. 6, S. 516].)

 

Das wurde in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts geschrieben, als es noch keinen monopolistischen Kapitalismus gab. Charakteristisch ist, dass Rußland hier nicht einmal erwähnt wird, dass Rußland überhaupt fehlt. Und das ist durchaus verständlich, da Rußland mit seinem revolutionären Proletariat, Rußland als revolutionäre Kraft damals noch nicht existierte, ja auch nicht existieren konnte.

War das richtig, was hier, in diesem Zitat, unter den Bedingungen des vormonopolistischen Kapitalismus gesagt wurde, war das in der Periode, in der Engels darüber schrieb, richtig? Ja, es war richtig.

Ist diese These heute, unter den neuen Bedingungen, den Bedingungen des monopolistischen Kapitalismus und der proletarischen Revolution, richtig? Nein, sie ist bereits nicht mehr richtig.

In der alten Periode, in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus, in der vorimperialistischen Periode, als der Erdball noch nicht unter die Finanzgruppen aufgeteilt war, als die gewaltsame Neuaufteilung des bereits Aufgeteilten noch keine Lebensfrage für den Kapitalismus war, als die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen Entwicklung noch nicht so scharf ausgeprägt war und es auch nicht sein konnte, wie sie es später wurde, als die Widersprüche des Kapitalismus noch nicht jene Entwicklungsstufe erreicht hatten, auf der sie den blühenden Kapitalismus in den sterbenden Kapitalismus verwandeln und die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern eröffnen - in dieser alten Periode war Engels’ Formel unbestreitbar richtig. In der neuen Periode, in der Periode der Entwicklung des Imperialismus, da die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der kapitalistischen Länder zum entscheidenden Faktor der imperialistischen Entwicklung geworden ist, da die zwischen den Imperialisten unvermeidlichen Konflikte und Kriege die Front des Imperialismus schwächen und eine Durchbrechung dieser Front in einzelnen Ländern ermöglichen, da das von Lenin entdeckte Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung zum Ausgangspunkt der Theorie vom Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern geworden ist - unter diesen Bedingungen ist die alte Formel von Engels bereits nicht mehr richtig, unter diesen Bedingungen muss sie unbedingt durch eine andere Formel ersetzt werden, die besagt, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich ist.

Die Größe Lenins, als des Fortsetzers des Werkes von Marx und Engels, besteht gerade darin, dass er niemals sklavisch am Buchstaben des Marxismus gehangen hat. Bei seinen Untersuchungen folgte er der Weisung von Marx, der wiederholt gesagt hat, dass der Marxismus kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln ist. Lenin wusste das, er unterschied streng zwischen dem Buchstaben und dem Wesen des Marxismus und betrachtete den Marxismus nie als Dogma, sondern war bemüht, den Marxismus als grundlegende Methode auf die neuen Verhältnisse der kapitalistischen Entwicklung anzuwenden. Darin eben besteht die Größe Lenins, dass er offen und ehrlich, ohne zu schwanken, die Frage der Notwendigkeit einer neuen Formel gestellt hat, die besagt, dass der Sieg der proletarischen Revolution in einzelnen Ländern möglich ist, ohne zu fürchten, dass sich die Opportunisten aller Länder im Bestreben, ihr opportunistisches Werk mit den Namen von Marx und Engels zu rechtfertigen, an die alte Formel klammern werden.

Anderseits wäre es auch sonderbar, von Marx und Engels, so geniale Denker sie auch waren, verlangen zu wollen, dass sie 50-60 Jahre vor dem entwickelten Monopolkapitalismus alle Möglichkeiten des proletarischen Klassenkampfs, die in der Periode des monopolistischen, imperialistischen Kapitalismus zutage traten, genau voraussehen sollten.

Und das ist nicht der einzige Fall, wo Lenin, ausgehend von der Marxschen Methode, das Werk von Marx und Engels fortsetzt, ohne sich an den Buchstaben des Marxismus zu klammern. Ich denke an einen anderen, analogen Fall, nämlich an die Frage der Diktatur des Proletariats. Bekanntlich hat Marx in dieser Frage den Gedanken ausgesprochen, dass die Diktatur des Proletariats, als Zerschlagung des alten Staatsapparats und Schaffung eines neuen Apparats, des neuen proletarischen Staates, in den Ländern des Kontinents eine notwendige Etappe in der Entwicklung zum Sozialismus ist; dabei ließ er eine Ausnahme für England und Amerika gelten, wo, wie Marx erklärte, der Militarismus und Bürokratismus schwach oder überhaupt nicht entwickelt waren und daher ein anderer Weg, ein „friedlicher” Weg des Übergangs zum Sozialismus möglich gewesen wäre. Das war völlig richtig in den 70er Jahren. (Rjasanow: „Auch damals war das nicht richtig.”) Ich glaube, dass diese These in den 70er Jahren, als der Militarismus in England und Amerika nicht so entwickelt war wie später, völlig richtig war. Dass diese These richtig war, davon hätten Sie sich an Hand des bekannten Kapitels aus der Schrift des Genossen Lenin „Über die Naturalsteuer” 1831 überzeugen können, wo Lenin für das England der 70er Jahre die Entwicklung des Sozialismus auf dem Wege eines Übereinkommens zwischen Proletariat und Bourgeoisie nicht für ausgeschlossen hält, als für ein Land, wo das Proletariat die Mehrheit bildet, wo die Bourgeoisie gewohnt ist, Kompromisse zu schließen, wo Militarismus und Bürokratismus schwach waren. Diese These jedoch, die in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts richtig war, ist nach dem 19. Jahrhundert, in der Periode des Imperialismus, da England nicht weniger bürokratisch und nicht weniger militaristisch, wenn nicht militaristischer als jedes beliebige andere Land des Kontinents geworden ist, bereits nicht mehr richtig. Im Zusammenhang damit sagt Genosse Lenin in seiner Broschüre „Staat und Revolution”, dass die Einschränkung, die Marx hinsichtlich des Kontinents gemacht hat, heute wegfällt

[Siehe W. I. Lenin, „Werke”, 4. Ausgabe, Bd. 25, S. 387 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.186]].

, da neue Bedingungen eingetreten sind, die die für England zugestandene Ausnahme gegenstandslos machen.

Darin eben besteht die Größe Lenins, dass er sich nicht vom Buchstaben des Marxismus gefangen nehmen ließ, dass er es verstand, das Wesen des Marxismus zu erfassen und, von seinem Wesen ausgehend, die Lehren von Marx und Engels weiterzuentwickeln.

So, Genossen, stand es um die Frage des Sieges der sozialistischen Revolution in einzelnen Ländern in der vorimperialistischen Periode, in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus.

2. Leninismus oder Trotzkismus

Von allen Marxisten war Lenin der erste, der den Imperialismus als eine neue, als die letzte Phase des Kapitalismus einer wirklich marxistischen Analyse unterzog, die Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen kapitalistischen Ländern auf neue Art stellte und sie in positivem Sinne entschied. Ich denke an Lenins Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus”. Ich denke an Lenins Artikel „Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa”, der im Jahre 1915 erschien. Ich denke an die Polemik zwischen Trotzki und Lenin über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa oder der ganzen Welt, als Lenin zum erstenmal die These von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande aufstellte.

Folgendes schrieb Lenin damals in diesem Artikel:

„Als selbständige Losung wäre jedoch die Losung Vereinigte Staaten der Welt kaum richtig, denn erstens fällt sie mit dem Sozialismus zusammen; zweitens könnte sie die falsche Auffassung von der Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande und eine falsche Auffassung von den Beziehungen eines solchen Landes zu den übrigen entstehen lassen. Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein un-bedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist. Das siegreiche Proletariat dieses Landes würde sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen und würde die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen, in ihnen den Aufstand gegen die Kapitalisten entfachen und im Notfall sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten vorgehen“... Denn, „die freie Vereinigung der Nationen im Sozialismus ist unmöglich ohne einen mehr oder weniger langwierigen, hartnäckigen Kampf der sozialistischen Republiken gegen die rückständigen Staaten”. (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 311 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. I, S.753].)

So schrieb Lenin im Jahre 1915.

Was ist das für ein Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus, das, unter den Bedingungen des Imperialismus wirkend, den Sieg des Sozialismus in einem Lande ermöglicht?

Als Lenin von „diesem Gesetz sprach, ging er davon aus, dass der alte, vormonopolistische Kapitalismus bereits in den Imperialismus hinüber gewachsen ist; dass sich die Weltwirtschaft unter den Bedingungen eines wütenden Kampfes der wichtigsten imperialistischen Gruppen um Territorien, um Märkte, um Rohstoffe usw. entwickelt; dass die Aufteilung der Welt in Einflusssphären der imperialistischen Gruppen bereits beendet ist; dass die Entwicklung der kapitalistischen Länder nicht gleichmäßig vor sich geht, nicht so, dass ein Land dem andern folgt oder eine parallele Entwicklung durchmacht, sondern sprunghaft, so dass einzelne Länder, die früher vorausgeeilt waren, verdrängt werden und neue Länder an die erste Stelle treten; dass eine solche Entwicklungsweise der kapitalistischen Länder unvermeidlich zu Konflikten und Kriegen zwischen den kapitalistischen Staaten um die Neuaufteilung der bereits aufgeteilten Welt führt; dass diese Konflikte und Kriege zur Schwächung des Imperialismus führen; dass die Weltfront des Imperialismus im Zusammenhang damit leicht verwundbar wird und in dem einen oder anderen Lande durchbrochen werden kann; dass infolgedessen der Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern möglich wird.

Bekannt ist, dass England noch vor ganz kurzer Zeit allen anderen imperialistischen Staaten voranschritt. Bekannt ist ebenfalls, dass Deutschland späterhin England zu überholen begann und auf Kosten anderer Staaten, vor allem auf Kosten Englands, einen Platz „an der Sonne” für sich forderte. Bekannt ist, dass der imperialistische Krieg (1914-1918) gerade im Zusammenhang mit diesem Umstand ausbrach. Jetzt, nach dem imperialistischen Krieg, ist Amerika weit vorausgeeilt und hat sowohl England als auch die anderen europäischen Staaten hinter sich gelassen. Es lässt sich kaum bezweifeln, dass dieser Umstand die Gefahr neuer großer Konflikte und Kriege in sich birgt.

Der Umstand, dass im Zusammenhang mit dem imperialistischen Krieg die imperialistische Front in Rußland durchbrochen wurde, dieser Umstand zeugt davon, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen der Entwicklung des Kapitalismus die Kette der imperialistischen Front nicht unbedingt in dem Lande reißen wird, wo die Industrie am stärksten entwickelt ist, sondern dort, wo diese Kette am schwächsten ist, wo das Proletariat im Kampf gegen die imperialistische Macht einen ernst zu nehmenden Verbündeten, zum Beispiel die Bauernschaft, hat, wie dies in Rußland der Fall war.

Es ist durchaus möglich, dass künftig die Kette der imperialistischen Front in einem solchen Lande wie, sagen wir, Indien reißen wird, wo das Proletariat in der machtvollen revolutionären Befreiungsbewegung einen ernst zu nehmenden Verbündeten hat.

Als Lenin von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande sprach, polemisierte er bekanntlich vor allem gegen Trotzki wie auch gegen die Sozialdemokratie.

Wie reagierte Trotzki auf Lenins Artikel und Lenins These von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande?

Als Antwort auf Lenins Artikel schrieb Trotzki damals (1915) folgendes:

 

„Das einzige einigermaßen konkrete historische Argument gegen die Losung der Vereinigten Staaten”, sagt Trotzki, „wurde im schweizerischen ‚Sozialdemokrat’ (dem damaligen Zentralorgan der Bolschewiki, in dem auch der oben erwähnte Artikel Lenins veröffentlicht wurde. J. St.) in folgendem Satz formuliert: ‚Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus.’ Daraus zog der ‚Sozialdemokrat’ den Schluss, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich sei und dass es deshalb nicht notwendig sei, die Diktatur des Proletariats in jedem einzelnen Staat von der Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa abhängig zu machen. Dass die kapitalistische Entwicklung der verschiedenen Länder ungleichmäßig ist, ist ein völlig unbestreitbares Argument. Aber diese Ungleichmäßigkeit selbst ist überaus ungleichmäßig. Das kapitalistische Niveau Englands, Osterreichs, Deutschlands oder Frankreichs ist nicht ein und dasselbe. Aber im Vergleich zu Afrika und Asien stellen alle diese Länder das kapitalistische ‚Europa’ dar, das für die soziale Revolution reif ist. Dass kein einziges Land in seinem Kampfe auf die anderen ,warten’ soll, ist ein elementarer Gedanke, den zu wiederholen nützlich und notwendig ist, damit nicht die Idee der parallelen internationalen Tat durch die Idee der abwartenden internationalen Untätigkeit ersetzt werde. Ohne auf die anderen“ zu warten, beginnen wir den Kampf auf nationalem Boden und setzen ihn hier fort, in der vollen Überzeugung, dass unsere Initiative dem Kampf in den anderen Ländern einen Anstoß geben wird; wenn das aber nicht geschehen sollte, dann wäre es aussichtslos, zu glauben - davon zeugen sowohl die geschichtlichen Erfahrungen als auch theoretische Erwägungen -, dass zum Beispiel ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten oder ein sozialistisches Deutschland in der kapitalistischen Welt isoliert bleiben könnte.“‘ (Siehe Bd. III der Schriften Trotzkis, Teil 1, S.89/90.)

 

So schrieb Trotzki im Jahre 1915 in der Pariser Zeitung „Nasche Slowo”

[„Nasche Slowo” (Unser Wort) - menschewistisch-trotzkistische Zeitung, die von Januar 1915 bis September 1916 in Paris erschien.]

, wobei dieser Artikel später in einem Sammelband von Trotzkis Artikeln, der im August 1917 unter dem Titel „Das Friedensprogramm” zum erstenmal erschien, in Rußland neu veröffentlicht wurde.

Sie sehen, dass sich in diesen beiden Zitaten von Lenin und Trotzki zwei völlig verschiedene Thesen gegenüberstehen. Während Lenin der Ansicht ist, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich ist, dass das Proletariat nach der Eroberung der Macht diese nicht nur behaupten, sondern noch weitergehen, die Kapitalisten enteignen und die sozialistische Wirtschaft organisieren kann, um den Proletariern der kapitalistischen Länder tatkräftig Hilfe zu leisten - ist Trotzki im Gegenteil der Meinung, dass, wenn die siegreiche Revolution in einem Lande nicht in allernächster Zeit den Sieg der Revolution in anderen Ländern nach sich zieht, das Proletariat des siegreichen Landes nicht einmal imstande sein werde, die Macht zu behaupten (geschweige denn die sozialistische Wirtschaft zu organisieren), denn, sagt Trotzki, es wäre aussichtslos, zu glauben, dass eine revolutionäre Macht in Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten könnte.

Das sind zwei grundverschiedene Standpunkte, zwei grundverschiedene Stellungnahmen. Lenin zufolge stellt das Proletariat, das die Macht erobert hat, eine Kraft dar, die überaus aktiv auftritt und größte Initiative entwickelt, die die sozialistische Wirtschaft organisiert und noch weiter schreitet, den Proletariern der anderen Länder zu Hilfe eilt. Trotzki zufolge verwandelt sich das Proletariat, das die Macht erobert hat, dagegen in eine halbpassive Kraft, die einer sofortigen Hilfe bedarf, die ihr nur der sofortige Sieg des Sozialismus in anderen Ländern gewähren kann, und die, in steter Angst um ihre Macht, sich wie im Biwak fühlt. Nun, wenn aber der sofortige Sieg der Revolution in anderen Ländern ausbleibt - was dann? Dann wirf die Arbeit hin. (Zuruf: „Und schlag dich seitwärts in die Büsche.”) Ja, schlag dich seitwärts in die Büsche. Das trifft ganz und gar zu. (Heiterkeit.)

Man mag sagen, diese Differenz zwischen Lenin und Trotzki gehöre der Vergangenheit an, diese Differenz hätte sich später, im Verlauf der Arbeit, auf ein Minimum verringern oder hätte sogar völlig verschwinden können. Ja, sie hätte sich auf ein Minimum verringern oder hätte sogar ganz verschwinden können. Aber leider geschah weder das eine noch das andere. Im Gegenteil, diese Differenz blieb bis zum Tode des Genossen Lenin in aller Schärfe bestehen. Sie besteht, wie Sie selbst sehen, auch heute noch. Im Gegenteil, ich behaupte, dass diese Differenz zwischen Lenin und Trotzki und die auf diesem Boden geführte Polemik die ganze Zeit hindurch andauerten, wobei die entsprechenden Artikel Lenins und Trotzkis nacheinander erschienen und eine versteckte Polemik, allerdings ohne Namensnennung, geführt wurde.

Hierzu einige Tatsachen.

Im Jahre 1921, als wir die NÖP einführten, geht Lenin erneut auf die Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus ein, diesmal bereits in konkreterer Form, er behandelt die Frage der Möglichkeit der Errichtung des sozialistischen Fundaments unserer Ökonomik auf den Bahnen der NÖP. Sie werden sich erinnern, dass im Jahre 1921 bei der Einführung der NÖP ein Teil unserer Partei, insbesondere die „Arbeiteropposition”, Lenin beschuldigte, durch die Einführung der NÖP weiche er vom Wege des Sozialismus ab. Offenbar als Antwort darauf hat Lenin damals in seinen Reden und Artikeln mehrfach erklärt, dass wir mit der Einführung der NÖP nicht beabsichtigen, von unserem Wege abzuweichen, sondern ihn unter den neuen Bedingungen fortzusetzen, mit dem Ziel, das „sozialistische Fundament unserer Ökonomik”, „zusammen mit der Bauernschaft”, „unter Führung der Arbeiterklasse” zu errichten.

(Siehe „Über die Naturalsteuer” und andere Artikel Lenins zur Frage der NÖP.)

Gewissermaßen als Antwort darauf veröffentlicht Trotzki im Januar 1922 das „Vorwort” zu seinem Buch „Das Jahr 1905“, in dem er zum Ausdruck bringt, dass es ein Ding der Unmöglichkeit sei, in unserem Lande den Sozialismus zusammen mit der Bauernschaft aufzubauen, da, solange das Proletariat im Westen nicht gesiegt hat, das Leben unseres

Landes sich in feindlichen Zusammenstößen zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft abwickeln werde.

In diesem „Vorwort” sagt Trotzki folgendes:

 

„Das Proletariat, das die Macht erobert hat, wird in feindliche Zusammenstößel nicht nur mit allen Gruppierungen der Bourgeoisie geraten, die es im Anfang seines revolutionären Kampfes unterstützt haben, sondern auch mit den breiten Massen der Bauernschaft, mit deren Beihilfe es zur Macht gekommen ist. Die Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung in einem rückständigen Lande mit einer erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung werden nur im internationalen Maßstab, in der Arena der Weltrevolution des Proletariats ihre Lösung finden können.” (Trotzki: „Vorwort” zu dem Buch „1905”, geschrieben. 1922.)

 

Auch hier stehen sich, wie Sie sehen, zwei verschiedene Thesen gegenüber. Während Lenin es für möglich hält, das sozialistische Fundament unserer Ökonomik zusammen mit der Bauernschaft und unter Führung der Arbeiterklasse aufzubauen, ergibt sich dagegen bei Trotzki, dass die Führung der Bauernschaft durch das Proletariat und der gemeinsame Aufbau des sozialistischen Fundaments ein Ding der Unmöglichkeit sei, da sich das politische Leben des Landes in feindlichen Zusammenstößen zwischen der Arbeitermacht und der Mehrheit der Bauernschaft abwickeln werde, diese Zusammenstöße aber nur in der Arena der Weltrevolution aus der Welt geschafft werden könnten.

Weiter. Wir haben die Rede Lenins, die er ein Jahr später, im Jahre 1922 in der Plenarsitzung des Moskauer Sowjets hielt und in der er nochmals auf die Frage der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande zurückkommt. Er sagt:

 

„Der Sozialismus ist jetzt bereits keine Frage der fernen Zukunft oder irgendeines abstrakten Schemas oder irgendeines Heiligenbildes. Hinsichtlich der Heiligenbilder sind wir bei der alten, sehr schlechten Meinung geblieben. Wir haben den Sozialismus in das Alltagsleben einbezogen, und hier müssen wir uns zurechtfinden. Das eben ist die Aufgabe unserer Tage, das eben ist die Aufgabe unserer Epoche. Gestatten Sie mir, mit dem Ausdruck der Überzeugung zu schließen, dass wir, so schwer diese Aufgabe auch sein mag, so neu sie im Vergleich zu unserer früheren Aufgabe auch ist und so viele Schwierigkeiten sie uns auch bereiten mag - dass wir alle zusammen nicht morgen, wohl aber in einigen Jahren diese Aufgabe um jeden Preis lösen werden, so dass aus dem Rußland der NÖP das sozialistische Rußland werden wird.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 405, russ.)

 

Gewissermaßen als Antwort darauf oder vielleicht als eine Erläuterung dessen, was Trotzki in seinem oben erwähnten Zitat gesagt hat, veröffentlicht Trotzki im Jahre 1922 das „Nachwort” zu seiner Schrift „Das Friedensprogramm”, worin er sagt:

 

„Die im ‚Friedensprogramm’ sich mehrere Male wiederholende Behauptung, dass die proletarische Revolution im nationalen Rahmen nicht siegreich zu Ende geführt werden kann, wird wohl manchen Lesern durch die fast fünfjährige Erfahrung unserer Sowjetrepublik als widerlegt erscheinen. Eine solche Schlussfolgerung wäre aber unbegründet. Die Tatsache, dass der Arbeiterstaat sich in einem, und zwar überdies rückständigen Lande gegen die ganze Welt behaupten konnte, zeugt von der kolossalen Macht des Proletariats, die in anderen, fortgeschritteneren, zivilisierteren Ländern fähig sein wird, wahrhaft Wunder zu vollbringen. Aber wenn wir uns politisch und militärisch als Staat behauptet haben, so sind wir doch noch nicht zur Schaffung einer sozialistischen Gesellschaft gekommen, ja nicht einmal an sie herangekommen... Solange in den übrigen europäischen Staaten die Bourgeoisie an der Macht steht, sind wir gezwungen, im Kampf gegen die ökonomische Isolierung eine Verständigung mit der kapitalistischen Welt zu suchen; gleichzeitig kann mit Bestimmtheit gesagt werden, dass diese Verständigung uns bestenfalls helfen kann, die einen oder die anderen ökonomischen Wunden zu heilen, den einen oder den anderen Schritt vorwärts zu tun, dass aber ein wirklieber Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in Rußland erst nach dem Siegel des Proletariats in den wichtigsten Ländern Europas möglich sein wird.“ (Siehe Bd. III der Schriften Trotzkis, Teil 1, S. 92/93.)

 

Auch hier stehen sich, wie Sie sehen, zwei entgegengesetzte Thesen gegenüber, die These Lenins und die These Trotzkis. Während Lenin der Ansicht ist, dass wir den Sozialismus bereits in das Alltagsleben einbezogen haben und dass wir ungeachtet der Schwierigkeiten alle Möglichkeiten haben, aus dem Rußland der NOP ein sozialistisches Rußland zu machen, glaubt Trotzki dagegen, dass wir vor dem Siege des Proletariats in anderen Ländern nicht nur nicht imstande sein werden, das heutige Rußland in ein sozialistisches Rußland zu verwandeln, sondern dass wir nicht einmal einen wirklichen Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft erzielen können.

Schließlich haben wir die schriftlichen Ausführungen des Genossen Lenin in den Artikeln „Über das Genossenschaftswesen” und „Über unsere Revolution” (gegen Suchanow), die Lenin kurz vor seinem Tode schrieb und die er uns als sein politisches Vermächtnis hinterließ. Diese Ausführungen sind besonders deshalb bemerkenswert, weil Lenin in ihnen erneut auf die Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in unserem Lande eingeht und Formulierungen gibt, die keinen Raum für irgendwelche Zweifel lassen. Folgendes sagt er in seinen Ausführungen „über unsere Revolution”:

 

„Unendlich schablonenhaft ist ... ihr Argument (der Helden der II. Internationale. J. St.), das sie im Verlauf der Entwicklung der westeuropäischen Sozialdemokratie auswendig gelernt haben und das darin besteht, dass wir für den Sozialismus noch nicht reif seien, dass uns, wie sich die verschiedenen ,gelehrten’ Herren unter ihnen ausdrücken, die objektiven ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus fehlen. Und keinem kommt es in den Sinn, sich zu fragen: Könnte nicht ein Volk, das auf eine revolutionäre Situation gestoßen ist, eine Situation, wie sie sich im ersten imperialistischen Kriege ergeben hat, könnte sich dieses Volk, infolge der Aussichtslosigkeit seiner Lage, nicht in einen Kampf stürzen, der ihm doch wenigstens irgendwelche Aussichten eröffnete, sich nicht ganz gewöhnliche Bedingungen für eine Weiterentwicklung der Zivilisation zu erringen.”...

 

„Wenn zur Schaffung des Sozialismus ein bestimmtes Kulturniveau notwendig ist (obwohl niemand sagen kann, wie dieses bestimmte ‚Kulturniveau’ aussieht), warum sollten wir also nicht damit anfangen, auf revolutionärem Wege die Voraussetzungen für dieses bestimmte Niveau zu erringen, und dann schon, auf der Grundlage der Arbeiter- und Bauernmacht und der Sowjetordnung, vorwärts schreiten und die anderen Völker einholen.“...

 

„Für die Schaffung des Sozialismus, sagt ihr, ist Zivilisiertheit erforderlich. Ausgezeichnet. Nun, warum aber konnten wir nicht zuerst solche Voraussetzungen der Zivilisiertheit bei uns schaffen, wie es die Vertreibung der Gutsbesitzer und die Vertreibung der russischen Kapitalisten ist, um dann schon mit der Vorwärtsbewegung zum Sozialismus zu beginnen? In welchen Büchern habt ihr denn gelesen, dass derartige Modifikationen der üblichen historischen Ordnung unzulässig oder unmöglich seien?” (Siehe Lenin, 4. Ausgabe, Bd. 33, S.437-439 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.997 bis 999].)

 

Und in seinen Artikeln „ Über das Genossenschaftswesen” sagt Lenin folgendes:

 

„In der Tat, die Verfügungsgewalt des Staates über alle großen Produktionsmittel, die Staatsmacht in den Händen des Proletariats, das Bündnis dieses Proletariats mit den vielen Millionen Klein- und Zwergbauern, die Sicherung der Führerstellung dieses Proletariats gegenüber der Bauernschaft usw. - ist das nicht alles, was notwendig ist, um aus den Genossenschaften, allein aus den Genossenschaften, die wir früher geringschätzig als Krämerei behandelt haben und die wir in gewisser Hinsicht jetzt, unter der NÖP, ebenso zu behandeln berechtigt sind, ist das nicht alles, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten? Das ist noch nicht die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft, aber es ist alles, was zu dieser Errichtung notwendig und hinreichend ist.“‘ (Siehe Lenin, 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 428 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 989J.)

Wir haben also zwei Linien in der grundlegenden Frage, in der Frage der Möglichkeit des siegreichen Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande, der Möglichkeit des Sieges der sozialistischen Elemente unserer Wirtschaft über die kapitalistischen Elemente, denn, Genossen, die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in unserem Lande bedeutet nichts anderes als die Möglichkeit des Sieges der sozialistischen Elemente unserer Wirtschaft über die kapitalistischen Elemente - erstens die Linie Lenins und des Leninismus und zweitens die Linie Trotzkis und des Trotzkismus. Der Leninismus entscheidet diese Frage positiv. Der Trotzkismus dagegen verneint die Möglichkeit, dass der Sozialismus auf Grund der inneren Kräfte unserer Revolution in unserem Lande siegt. Während die erste Linie die Linie unserer Partei ist, stellt die zweite Linie eine Annäherung an die Anschauungen der Sozialdemokratie dar.

Deshalb heißt es auch im Entwurf zu den Thesen über den Oppositionsblock, dass der Trotzkismus eine sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei ist.

Daraus ergibt sich aber auch als unbestreitbare Tatsache, dass unsere Revolution eine sozialistische Revolution ist, dass sie nicht nur Signal, Anstoß und Ausgangspunkt für die Weltrevolution ist, sondern dass sie auch eine Basis darstellt, die Basis, die für die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in unserem Lande notwendig und hinreichend ist.

Wir können und müssen also die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft besiegen, wir können und müssen die sozialistische Gesellschaft in unserem Lande errichten. Kann dieser Sieg aber als voller, als endgültiger Sieg bezeichnet werden? Nein, das kann er nicht. Wir können unsere Kapitalisten besiegen, wir vermögen den Sozialismus aufzubauen und ihn zu errichten, das bedeutet aber noch nicht, dass wir damit das Land der Diktatur des Proletariats vor Gefahren von außen, vor den Gefahren einer Intervention und der mit ihr verbundenen Restauration, der Wiederherstellung der alten Ordnung zu sichern vermögen, Wir leben nicht auf einer Insel. Wir leben in kapitalistischer Umkreisung. Der Umstand, dass wir den Sozialismus aufbauen und dadurch die Arbeiter der kapitalistischen Länder revolutionieren, muss uns den Hass und die Feindschaft der ganzen kapitalistischen Welt zuziehen. Anzunehmen, dass die kapitalistische Welt unseren Erfolgen an der Wirtschaftsfront, Erfolgen, die die Arbeiterklasse der ganzen Welt revolutionieren, gleichgültig zusehen könne, hieße sich einer Illusion hingeben. Solange wir uns in kapitalistischer Umkreisung befinden, solange das Proletariat nicht wenigstens in einer Reihe von Ländern gesiegt hat, können wir daher unseren Sieg nicht als endgültig betrachten, können wir folglich das Land der Diktatur des. Proletariats, welche Erfolge wir bei unserem Aufbau auch aufzuweisen haben mögen, nicht als gesichert gegen Gefahren von außen betrachten. Daher muss man, um endgültig zu siegen, erreichen, dass die gegenwärtige kapitalistische Umkreisung von einer sozialistischen Umgebung abgelöst wird, muss man erreichen, dass das Proletariat zum mindesten noch in einigen Ländern siegt. Erst dann kann unser Sieg als endgültig betrachtet werden.

Daher betrachten wir den Sieg des Sozialismus in unserem Lande nicht als Selbstzweck, nicht als etwas sich selbst Genügendes, sondern als Stütze, als Mittel, als Weg zum Sieg der proletarischen Revolution in anderen Ländern.

Genosse Lenin schrieb hierüber folgendes:

 

„Wir leben”, sagt Lenin, „nicht nur in einem Staat, sondern in einem Staatensystem, und die Existenz der Sowjetrepublik neben den imperialistischen Staaten ist auf die Dauer undenkbar. Am Ende wird entweder das eine oder das andere siegen. Aber bis dieses Ende eintritt, ist eine Reihe furchtbarster Zusammenstöße zwischen der Sowjetrepublik und den bürgerlichen Staaten unvermeidlich. Das heißt, dass die herrschende Klasse, das Proletariat, wenn es herrschen will und herrschen wird, dies auch durch seine militärische Organisation beweisen muss.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 29, S. 133, russ.)

 

Daraus geht hervor, dass die Gefahr einer militärischen Intervention besteht und noch lange bestehen wird.

Eine andere Frage ist, ob die Kapitalisten jetzt eine ernsthafte Intervention gegen die Republik der Sowjets unternehmen können. Das ist noch eine Frage. Hier hängt vieles vom Verhalten der Arbeiter in den kapitalistischen Ländern ab, von ihrer Sympathie für das Land der proletarischen Diktatur, vom Grad ihrer Ergebenheit für die Sache des Sozialismus. Dass die Arbeiter der kapitalistischen Länder jetzt unsere Revolution nicht durch eine Revolution gegen ihre eigenen Kapitalisten unterstützen können, ist einstweilen eine Tatsache. Dass die Kapitalisten aber nicht imstande sind, „ihre” Arbeiter in einen Krieg gegen unsere Republik zu hetzen, ist ebenfalls eine Tatsache. Und ohne die Arbeiter kann man heutzutage keinen Krieg gegen das Land der Diktatur des Proletariats führen, wenn der Kapitalismus nicht einer tödlichen Gefahr ausgesetzt werden soll. Davon zeugen die zahllosen Arbeiterdelegationen, die unser Land besuchen, um unsere sozialistische Aufbauarbeit zu prüfen. Davon zeugt die gewaltige Sympathie, die die Arbeiterklasse der ganzen Welt für die Republik der Sowjets hegt. Auf dieser Sympathie beruht denn auch gegenwärtig die internationale Lage unserer Republik. Ohne diese Sympathie hätten wir jetzt eine Reihe neuer Interventionsversuche, eine Unterbrechung unserer Aufbauarbeit und keine „Atempause” für eine ganze Periode.

Wenn aber die kapitalistische Welt jetzt nicht imstande ist, eine militärische Intervention gegen unser Land zu unternehmen, so besagt das noch nicht, dass sie niemals dazu imstande sein wird. Jedenfalls schlafen die Kapitalisten nicht, und sie bieten alles auf, um die internationalen Positionen unserer Republik zu schwächen und die Voraussetzungen für eine Intervention zu schaffen. Daher darf man weder Interventionsversuche noch die mit ihnen verbundene Möglichkeit einer Restauration der alten Ordnung in unserem Lande als ausgeschlossen betrachten.

Lenin hat daher Recht, wenn er sagt:

 

„Solange unsere Sowjetrepublik ein allein stehendes Randgebiet der ganzen kapitalistischen Welt bleibt, wäre es eine absolut lächerliche Phantasterei und Utopie, ... an das Verschwinden dieser oder jener Gefahren zu denken. Solange diese grundlegenden Gegensätze bestehen bleiben, bleiben natürlich auch die Gefahren bestehen, und man kann ihnen nicht entrinnen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 462, russ.)

 

Deshalb sagt Lenin auch:

 

„Endgültig siegen kann man nur im Weltmaßstab und nur durch die gemeinsamen Anstrengungen der Arbeiter aller Länder.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 27, S. 336, russ.)

 

Was bedeutet also der Sieg des Sozialismus in unserem Lande?

Er bedeutet die Erkämpfung der Diktatur des Proletariats und die Errichtung des Sozialismus, mithin die Überwindung der kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft durch die inneren Kräfte unserer Revolution.

Was bedeutet der endgültige Sieg des Sozialismus in unserem Lande?

Er bedeutet die Schaffung einer vollständigen Garantie gegen Intervention und Restaurationsversuche auf Grund des Sieges der sozialistischen Revolution wenigstens in einigen Ländern.

Wenn die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande die Möglichkeit bedeutet, die inneren Gegensätze zu überwinden, die ein Land (wir denken dabei natürlich an unser Land) durchaus überwinden kann, so bedeutet die Möglichkeit des endgültigen Sieges des Sozialismus die Möglichkeit, die äußeren Gegensätze, die Gegensätze zwischen dem Lande des Sozialismus und den Ländern des Kapitalismus, zu überwinden - Gegensätze, die nur durch die Kräfte der proletarischen Revolution in einigen Ländern überwunden werden können.

Wer diese zwei Reihen von Gegensätzen miteinander verwechselt, der ist entweder ein hoffnungsloser Wirrkopf oder ein unverbesserlicher Opportunist.

Das ist die Grundlinie unserer Partei.

3. Die Resolution der XIV. Konferenz der KPR(B)

Zum erstenmal fand diese Linie unserer Partei ihren offiziellen Ausdruck in der bekannten Resolution der XIV. Parteikonferenz über die internationale Lage, die Stabilisierung des Kapitalismus und den Aufbau des Sozialismus in einem Lande. Ich glaube, dass diese Resolution eins der wichtigsten Parteidokumente in der Geschichte unserer Partei ist, nicht nur, weil sie eine großartige Demonstration für die Leninsche Linie in der Frage des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande darstellt, sondern auch, weil sie gleichzeitig eine direkte Verurteilung des Trotzkismus bedeutet. Ich glaube, es dürfte nicht überflüssig sein, die wichtigsten Punkte dieser Resolution zu zitieren, die, so seltsam dies auch klingen mag, zu Sinowjews Referat angenommen wurde. (Bewegung im Saal.)

In dieser Resolution wird über den Sieg des Sozialismus in einem Lande folgendes ausgeführt:

 

„Überhaupt ist der Sieg des Sozialismus (nicht im Sinne eines endgültigen Sieges) in einem Lande unbedingt möglich.“

[Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil II, 1941, S. 29 (russ.).]

 

Zur Frage des endgültigen Sieges des Sozialismus wird in der Resolution gesagt:

 

„Das Bestehen zweier diametral entgegengesetzter gesellschaftlicher Systeme ruft die ständige Gefahr der kapitalistischen Blockade, anderer Formen des ökonomischen Druckes, der bewaffneten Intervention und der Restauration hervor. Die einzige Garantie für den endgültigen Sieg des Sozialismus, das heißt die Garantie gegen die Restauration, ist folglich die siegreiche sozialistische Revolution in einer Reihe von Ländern.”

[Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teint 1941, S.29 (russ.).]

 

Zur Frage der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft und zur Frage des Trotzkismus wird in der Resolution folgendes gesagt:

 

„Daraus folgt keineswegs, dass die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in einem so rückständigen Lande wie Rußland ohne ‚staatliche Hilfe’ (Trotzki) der in technischer und ökonomischer Hinsicht entwickelteren Länder unmöglich sei. Ein Bestandteil der trotzkistischen Theorie der permanenten Revolution ist die Behauptung, dass ‚ein wirklicher Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in Rußland erst nach dem Siege des Proletariats in den wichtigsten Ländern Europas möglich sein wird’ (Trotzki 1922) - eine Behauptung, die das Proletariat der UdSSR in der jetzigen Periode zu fatalistischer Passivität verurteilt. Gegen derartige ‚Theorien’ schrieb Genosse Lenin: ‚Unendlich schablonenhaft ist ihr Argument, das sie im Verlauf der Entwicklung der westeuropäischen Sozialdemokratie auswendig gelernt haben und das darin besteht, dass wir für den Sozialismus noch nicht reif seien, dass uns, wie sich die verschiedenen „gelehrten” Herren unter ihnen ausdrücken, die objektiven ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus fehlen.’” (Aufzeichnungen über Suchanow.) (Resolution der XIV. Konferenz der KPR(B) „über die Aufgaben der Komintern und der KPR(B) im Zusammenhang mit dem erweiterten Plenum des EKKI“.)

[Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil II, 1941, S. 29/30 (russ.).]

 

Ich glaube, dass diese grundlegenden Punkte der Resolution der XIV. Konferenz keiner Erläuterung bedürfen. Klarer und präziser kann man sich gar nicht ausdrücken. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Stelle der Resolution, wo zwischen Trotzkismus und Suchanow-Richtung ein Gleichheitszeichen gesetzt wird. Was aber stellt die Suchanow-Richtung dar? Wir wissen aus Lenins bekannten Artikeln gegen Suchanow, dass diese Richtung eine Abart des Sozialdemokratismus, des Menschewismus darstellt. Das muss besonders betont werden, wenn man verstehen will, warum Sinowjew, der auf der XIV. Konferenz für diese Resolution

eintrat, sich sodann von ihr abkehrte und sich dem Standpunkt Trotzkis anschloss, mit dem er sich gegenwärtig in einem Block befindet.

Im Zusammenhang mit der internationalen Lage stellt die Resolution ferner zwei Abweichungen von der grundlegenden Linie der Partei fest, die Gefahren für die Partei heraufbeschwören können.

In der Resolution wird über diese Gefahren folgendes gesagt:

 

„Im Zusammenhang mit der in der internationalen Arena entstandenen Lage können unserer Partei in der gegenwärtigen Periode zwei Gefahren drohen: 1. die Abweichung zur Passivität, eine Abweichung, die einer zu weit gehenden Auslegung der manchenorts eingetretenen Stabilisierung des Kapitalismus und des verlangsamten Tempos der internationalen Revolution entspringt und die darin zum Ausdruck kommt, dass nicht genügend Impulse vorhanden sind, um trotz des verlangsamten Tempos der internationalen Revolution eine energische und systematische Arbeit zur Errichtung der sozialistischen Gesellschaft in der UdSSR zu leisten, und 2. die Abweichung zur nationalen Beschränktheit, die darin zum Ausdruck kommt, dass die Verpflichtungen, die wir als internationale proletarische Revolutionäre haben, vergessen werden, dass die enge Abhängigkeit des Geschicks der UdSSR von der sich, wenn auch nur langsam, entwickelnden internationalen proletarischen Revolution unbewusst missachtet wird, dass nicht verstanden wird, dass nicht nur die internationale Bewegung die Existenz, die Festigung und Stärkung der Macht des ersten proletarischen Staates der Welt braucht, sondern dass auch die Diktatur des Proletariats in der UdSSR die Unterstützung des internationalen Proletariats braucht.“ (Resolution der XIV. Konferenz der KPR(B) „Über die Aufgaben der Komintern und der KPR(B) im Zusammenhang mit dem erweiterten Plenum des EKKI“.)

 

Aus diesem Zitat ist ersichtlich, dass die XIV. Konferenz, wenn sie von der ersten Abweichung sprach, die Abweichung meinte, die im Unglauben an den Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande zum Ausdruck kommt und die unter den Trotzkisten verbreitet ist. Wenn sie hingegen von der zweiten Abweichung sprach, meinte sie die Abweichung, die im Außerachtlassen der internationalen Perspektiven unserer Revolution zum Ausdruck kommt. Diese Abweichung ist bei einigen Funktionären, die auf dem Gebiet der internationalen Politik arbeiten und mitunter auf den Standpunkt der Schaffung von „Einflusssphären” in den abhängigen Ländern hinab gleiten, in gewissem Maße verbreitet.

Dadurch, dass die Partei als Ganzes und ihr Zentralkomitee beide Abweichungen gebrandmarkt haben, haben sie den von diesen Abweichungen ausgehenden Gefahren den Krieg erklärt.

Das sind die Tatsachen.

Wie konnte es geschehen, dass Sinowjew, der in einem speziellen Referat für die Resolution der XIV. Konferenz eintrat, sich sodann von der Linie dieser Resolution, die zugleich die Linie des Leninismus ist, abkehrte? Wie es geschehen konnte, dass er, der sich vom Leninismus abkehrte, zugleich gegen die Partei die lächerliche Beschuldigung der nationalen Beschränktheit erhob, um seine Abkehr vom Leninismus mit dieser Beschuldigung zu bemänteln - über dieses Kunststück, Genossen, will ich Ihnen jetzt berichten.

4. Der Übergang der „neuen Opposition” zum Trotzkismus

Die Differenzen der jetzigen Führer der „neuen Opposition”, Kamenew und Sinowjew, mit dem Zentralkomitee unserer Partei in der Frage des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande nahmen erstmalig kurz vor der XIV. Konferenz offene Form an. Ich denke dabei an eine Sitzung des Politbüros des ZK kurz vor der Konferenz, wo Kamenew und Sinowjew den Versuch machten, in dieser Frage einen eigenartigen Standpunkt zu vertreten, der mit der Linie der Partei nichts gemein hat und sich im wesentlichen mit dem Standpunkt Suchanows deckt.

Hierüber schrieb das Moskauer Komitee der KPR(B) in seiner Antwort auf die bekannte Erklärung der ehemaligen Leningrader Spitzengruppe im Dezember 1925, das heißt 7 Monate später, folgendes:

 

„Noch vor kurzem haben Kamenew und Sinowjew im Politbüro den Standpunkt vertreten, dass wir infolge unserer technischen und ökonomischen Rückständigkeit nicht imstande wären, mit den inneren Schwierigkeiten fertig zu werden, es sei denn, dass uns die internationale Revolution rette. Wir aber sind, zusammen mit der Mehrheit des ZK, der Meinung, dass wir den Sozialismus bauen können, dass wir ihn bauen und den Aufbau zu Ende führen werden, ungeachtet unserer technischen Rückständigkeit, und ihr zum Trotz. Wir sind der Meinung, dass dieser Aufbau natürlich viel langsamer vor sich gehen wird, als es bei einem Sieg im Weltmaßstab der Fall wäre, aber dennoch schreiten wir vorwärts und werden vorwärts schreiten. Ebenso sind wir der Ansicht, dass der Standpunkt Kamenews und Sinowjews den Unglauben an die inneren Kräfte unserer Arbeiterklasse und der ihr folgenden Bauernmassen zum Ausdruck bringt. Wir sind der Ansicht, dass dieser Standpunkt eine Abkehr von der Leninschen Position bedeutet.” (Siehe „Antwort“.)

 

Ich muss bemerken, Genossen, dass Kamenew und Sinowjew nicht einmal versucht haben, diese Erklärung des Moskauer Komitees, die zur Zeit der ersten Sitzungen des XIV. Parteitags in der „Prawda” veröffentlicht wurde, zu widerlegen, und somit stillschweigend zugegeben haben, dass die vom Moskauer Komitee erhobenen Beschuldigungen den Tatsachen entsprechen.

Auf der XIV. Parteikonferenz selbst hatten Kamenew und Sinowjew die Richtigkeit der Parteilinie in der Frage des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande formell anerkannt. Sie waren dazu offenbar durch den Umstand gezwungen, dass ihre Auffassungen bei den ZK-Mitgliedern keinen Anklang gefunden hatten. Darüber hinaus hat Sinowjew, wie ich bereits erwähnte, die bekannte Resolution der XIV. Parteikonferenz, die, wie Sie sich überzeugen konnten, die Linie unserer Partei zum Ausdruck bringt, sogar in einem speziellen Referat auf der XIV. Konferenz vertreten. Die nachfolgenden Ereignisse haben jedoch gezeigt, dass Sinowjew und Kamenew auf der XIV. Konferenz die Linie der Partei nur formell, nach außen hin, vertreten hatten, während sie in Wirklichkeit auf ihrem Standpunkt verharrten. Das Erscheinen von Sinowjews Buch „Der Leninismus” im September 1925 war in dieser Hinsicht ein „Ereignis”, das den Trennungsstrich zwischen jenem Sinowjew zog, der auf der XIV. Konferenz die Linie der Partei vertrat, und dem Sinowjew, der sich von der Parteilinie, vom Leninismus abkehrte und auf die ideologische Position des Trotzkismus überging.

In seinem Buch schreibt Sinowjew:

 

„Unter dem endgültigen Sieg des Sozialismus ist mindestens zu verstehen: 1. die Aufhebung der Klassen und folglich 2. die Abschaffung der Diktatur einer Klasse, im gegebenen Fall der Diktatur des Proletariats...” „Um noch genauer klarzustellen”, sagt Sinowjew weiter, „wie die Frage bei uns in der UdSSR im Jahre 1925 steht, muss man zweierlei unterscheiden: 1. die gesicherte Möglichkeit, den Sozialismus zu bauen - diese Möglichkeit, den Sozialismus zu bauen, ist natürlich auch im Rahmen eines Landes durchaus vorstellbar, und 2. die endgültige Errichtung und Festigung des Sozialismus, das heißt die Verwirklichung der sozialistischen Ordnung, der sozialistischen Gesellschaft.” (Siehe „Der Leninismus” von Sinowjew, S.291 und 293.)

 

Sie sehen, dass hier alles durcheinander gebracht und das Unterste zuoberst gekehrt worden ist. Sinowjews Ansicht nach bedeutet siegen, im Sinne des Sieges des Sozialismus in einem Lande, die Möglichkeit, den Sozialismus zu bauen, ohne die Möglichkeit zu haben, ihn wirklich aufzubauen. Ihn zu bauen, in der Überzeugung, dass man ihn doch nicht aufbauen wird. Das nennt sich also bei Sinowjew Sieg des Sozialismus in einem Lande. (Heiterkeit.) Was die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft betrifft, so vermengt er sie mit der Frage des endgültigen Sieges und beweist dadurch, dass er die Frage des Sieges des Sozialismus in unserem Lande in ihrer Gesamtheit überhaupt nicht versteht. Die sozialistische Wirtschaft bauen, mit dem Bewusstsein, dass man sie doch nicht aufbauen wird - so weit hat es Sinowjew gebracht.

Es braucht nicht betont zu werden, dass ein derartiger Standpunkt mit der Grundlinie des Leninismus in der Frage des Aufbaus des Sozialismus nichts gemein hat. Es braucht nicht betont zu werden, dass ein derartiger Standpunkt, der den Willen des Proletariats zum Aufbau des Sozialismus in unserem Lande schwächt und dadurch die Auslösung der Revolution in anderen Ländern hemmt, die eigentlichen Grundlagen des Internationalismus über den Haufen wirft. Das ist ein Standpunkt, der direkt an die ideologische Position des Trotzkismus heranführt und sich ihr anschließt.

Das gleiche muss über Sinowjews Reden auf dem XIV. Parteitag im Dezember 1925 gesagt werden. Jakowlew kritisierend, sagte er auf dem XIV. Parteitag folgendes:

 

„Man sehe nur, wie weit sich zum Beispiel Genosse Jakowlew auf der letzten Kursker Gouvernementsparteikonferenz verstiegen hat. ,Können wir’, fragt er, ,in einem Lande, wo uns von allen Seiten kapitalistische Feinde umgeben, können wir unter solchen Verhältnissen in einem Lande den Sozialismus errichten?’ Und er antwortet: ‚Auf Grund des Gesagten haben wir das Recht zu behaupten, dass wir nicht nur den Sozialismus bauen, sondern dass wir, obwohl wir einstweilen allein sind, obwohl wir einstweilen das einzige Sowjetland in der Welt, der einzige Sowjetstaat sind, den Sozialismus errichten werden.’ („Kurskaja Prawda”, Nr.279 vom 8. Dezember 1925.) Ist das etwa eine leninistische Fragestellung“, fragt Sinowjew, „riecht das etwa nicht nach nationaler Beschränktheit?” (Sinowjew, Schlusswort auf dem XIV. Parteitag.)

 

Demnach verdient Jakowlew, der im Wesentlichen die Linie der Partei und des Leninismus vertrat, den Vorwurf der nationalen Beschränktheit. Demnach verfällt man in nationale Beschränktheit, wenn man die in der bekannten Resolution der XIV. Konferenz verankerte Linie der Partei vertritt. Da kann man wirklich sagen: Weit hat er’s gebracht! Das ist eigentlich auch das ganze Kunststück, das Sinowjew vorführt und das darin besteht, dass er seine Abkehr vorn Leninismus mit lächerlichen, gegen die Leninisten gerichteten Beschuldigungen der nationalen Beschränktheit zu bemänteln sucht.

Daher ist es die reine Wahrheit, wenn in den Thesen über den Oppositionsblock festgestellt wird, dass die „neue Opposition” in der grundlegenden Frage, in der Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in unserem Lande oder - was ein und dasselbe ist - in der Frage des Charakters und der Perspektiven unserer Revolution auf die Seite des Trotzkismus übergegangen ist.

Eine gewisse Sonderstellung nimmt in dieser Frage formell Kamenew ein, worauf hier hingewiesen sei. Es ist Tatsache, dass Kamenew, im Gegensatz zu Sinowjew, sowohl auf der XIV. Parteikonferenz als auch auf dem XIV. Parteitag offen seine Solidarität mit der Linie der Partei in der Frage des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande erklärt hat. Dessen ungeachtet nahm der XIV. Parteitag Kamenews Erklärung nicht ernst, er glaubte ihm nicht aufs Wort, und in seiner Resolution zum Rechenschaftsbericht des ZK zählte er ihn zu der Gruppe, die sich vom Leninismus abgekehrt hat. Warum? Weil Kamenew nicht gewillt war und es nicht für notwendig hielt, die Erklärung über seine Solidarität mit der Linie der Partei durch die Tat zu bekräftigen. Was aber heißt seine Erklärung durch die Tat bekräftigen? Das heißt mit jenen brechen, die gegen die Linie der Partei kämpfen. Der Partei sind nicht wenige Fälle bekannt, wo Leute, die ein Lippenbekenntnis über ihre Solidarität mit der Partei ablegten, gleichzeitig weiterhin politische Freundschaft mit Elementen pflegten, die gegen die Partei kämpfen. Lenin pflegte in solchen Fällen zu sagen, dass solche „Anhänger” der Parteilinie schlimmer sind als Gegner der Parteilinie. Es ist zum Beispiel bekannt, dass Trotzki sich während des imperialistischen Krieges wiederholt mit den Prinzipien des Internationalismus solidarisch erklärte und seine Treue zu diesen Prinzipien versicherte. Dennoch nannte Lenin ihn damals einen „Helfershelfer der Sozialchauvinisten”. Warum? Weil Trotzki nicht gewillt war, gleichzeitig mit seinem Bekenntnis zum Internationalismus mit Kautsky und Martow, Potressow und Tschcheidse zu brechen. Und Lenin hatte natürlich Recht. Willst du, dass deine Erklärung ernst genommen wird, dann bekräftige deine Erklärung durch die Tat und kündige den Leuten, die gegen die Linie der Partei kämpfen, die politische Freundschaft.

Daher bin ich der Meinung, dass Kamenews Erklärungen über seine Solidarität mit der Linie der Partei in der Frage des Aufbaus des Sozialismus nicht ernst genommen werden können, solange er seine Worte nicht durch die Tat bekräftigen will und weiterhin im Block mit den Trotzkisten verbleibt.

5. Trotzkis Ausflüchte. Smilga. Radek

Man mag sagen: All das ist gut und richtig. Aber gibt es nicht irgendwelche Unterlagen und Dokumente, die davon zeugen, dass die Führer des Oppositionsblocks nicht abgeneigt sind, eine Schwenkung von der sozialdemokratischen Abweichung zum Leninismus zu vollziehen? Da ist zum Beispiel Trotzkis Buch „Zum Sozialismus oder zum Kapitalismus?”. Ist dieses Büchlein nicht ein Zeichen dafür, dass Trotzki nicht abgeneigt ist, sich von seinen prinzipiellen Fehlern loszusagen? Manche sind sogar der Ansicht, Trotzki habe sich in diesem Büchlein wirklich von seinen prinzipiellen Fehlern losgesagt oder sei zumindest bemüht, sich von ihnen loszusagen. Ich sündiger Mensch werde im vorliegenden Fall von einem gewissen Unglauben geplagt (Heiterkeit) und muss sagen, dass derartige Annahmen der Wirklichkeit leider absolut nicht entsprechen.

Nehmen wir zum Beispiel die markanteste Stelle aus Trotzkis Buch „Zum Sozialismus oder zum Kapitalismus?”:

 

„Die Staatliche Plankommission (Gosplan) hat den Abschlussbericht zu den ‚Kontroll’ziffern der Volkswirtschaft der UdSSR für das Wirtschaftsjahr 1925/26 veröffentlicht. All das klingt sehr trocken und sozusagen bürokratisch. Doch aus diesen trockenen statistischen Aufstellungen und aus den fast ebenso trockenen und zurückhaltenden Erläuterungen klingt die großartige historische Musik des wachsenden Sozialismus. (L. Trotzki, „Zum Sozialismus oder zum Kapitalismus?”, Verlag „Planowoje Chosjaistwo”, 1925, S.1.)

 

Was ist das, die „großartige historische Musik des wachsenden Sozialismus”? Welch einen Sinn hat diese „großartige” Phrase, wenn sie überhaupt irgendeinen Sinn hat? Gibt sie eine Antwort oder wenigstens die Andeutung einer Antwort auf die Frage nach der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in unserem Lande? Von der historischen Musik des wachsenden Sozialismus konnte man sowohl im Jahre 1917 sprechen, als wir die Bourgeoisie stürzten, als auch im Jahre 1920, als wir die Interventionisten aus unserem Lande hinauswarfen, denn es war wirklich eine großartige historische Musik des wachsenden Sozialismus, als wir, nachdem wir die Bourgeoisie 1917 gestürzt und die Interventionisten hinausgejagt hatten, der ganzen Welt großartige, von der Kraft und Macht des wachsenden Sozialismus in unserem Lande zeugende Tatsachen vor Augen führten. Aber hat das irgendetwas mit der Frage der Möglichkeit des siegreichen Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande zu tun, oder kann das irgendetwas damit zu tun haben? Wir können - sagt Trotzki - zum Sozialismus schreiten. Können wir aber zum Sozialismus gelangen? - das ist doch die Frage. Zum Sozialismus schreiten, in dem Bewusstsein, dass man doch nicht zum Sozialismus gelangt - ist das etwa keine Dummheit? Nein, Genossen, die „großartige” Phrase Trotzkis von der Musik und dergleichen ist keine Antwort auf die Frage, sondern eine advokatenhafte Ausflucht und ein „musikalisches” Ausweichen vor der Frage. (Zurufe: „Sehr richtig!”)

Ich bin der Meinung, dass dieses großartige und musikalische Ausweichen Trotzkis vor der Frage auf eine Stufe gestellt werden könnte mit der ausweichenden Stellung, die Trotzki seinerzeit bei der Definition des Leninismus in seiner Schrift „Der neue Kurs” einnahm. Man höre nur:

 

„Der Leninismus als System des revolutionären Handelns setzt einen durch Denken und Erfahrungen anerzogenen revolutionären Instinkt voraus, der auf gesellschaftlichem Gebiet das gleiche ist, wie die Muskelreaktion in der physischen Arbeit. (L. Trotzki, „Der neue Kurs”, Verlag „Krasnaja Nowj”, 1924, S. 47.)

 

Der Leninismus als „Muskelreaktion in der physischen Arbeit”. Nicht wahr, das ist neu und originell und tiefgründig. Haben Sie etwas davon verstanden? (Heiterkeit.) Das ist alles farbenprächtig, musikalisch und, wenn Sie wollen, sogar großartig. Nur eine „Kleinigkeit” fehlt: eine einfache und allgemein verständliche Definition des Leninismus.

Lenin hatte gerade solche Fälle, in denen sich Trotzki an musikalischen Phrasen besonders berauschte, im Auge, als er über Trotzki zum Beispiel folgende bittere, aber wahre Worte schrieb:

 

„Es ist nicht alles Gold, was glänzt. In den Phrasen Trotzkis gibt es viel Glanz und Getue, aber Inhalt haben sie keinen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 20, S. 307 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd.!, S. 6181.)

 

So verhält es sich mit Trotzkis Buch „Zum Sozialismus oder zum Kapitalismus?”, das im Jahre 1925 erschien.

Was die spätere Zeit betrifft, zum Beispiel das Jahr 1926, so verfügen wir über ein von Trotzki unterzeichnetes Dokument vom September 1926, das keinerlei Zweifel darüber bestehen lässt, dass Trotzki auch weiterhin auf seinem von der Partei abgelehnten Standpunkt verharrt. Ich meine den Brief Trotzkis an die Oppositionellen.

In diesem Dokument heißt es:

„Die Leningrader Opposition schlug rechtzeitig Alarm wegen der Vertuschung der Differenzierung im Dorfe, wegen des Wachstums des Kulakentums und des zunehmenden Einflusses, den es nicht nur auf die elementaren Wirtschaftsprozesse, sondern auch auf die Politik der Sowjetmacht ausübt; wegen der Tatsache, dass sich in den Reihen unserer eigenen Partei unter Bucharins Schirmherrschaft eine theoretische Schule gebildet hat, die den Druck der kleinbürgerlichen Elementargewalt in unserer Wirtschaft offen zum Ausdruck bringt; die Leningrader Opposition bat sich energisch gegen die Theorie des Sozialismus in einem Lande, als gegen eine theoretische Rechtfertigung der nationalen Beschränktheit gewandt“... (Aus den Anlagen zum stenographischen Protokoll der Sitzungen des Politbüros des ZK der KPdSU(B) vom 8. und 11. Oktober 1926 zur Frage der innerparteilichen Lage.)

Hier, in diesem von Trotzki unterzeichneten Dokument ist alles gesagt: sowohl, dass die Führer der „neuen Opposition” vom Leninismus zum Trotzkismus übergegangen sind, als auch, dass Trotzki weiterhin auf seinen alten Positionen, die eine sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei darstellen, voll und ganz verharrt.

Und wie ist es nun um die anderen Führer des Oppositionsblocks, zum Beispiel um Smilga oder Radek bestellt? Ich denke, sie gehören ebenfalls zu den Führern des Oppositionsblocks. Smilga und Radek - warum sollten sie keine Führer des Oppositionsblocks sein? Wie beurteilen sie den Standpunkt der Partei, den Standpunkt des Leninismus in der Frage des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande?

Folgendes führte zum Beispiel Smilga im September 1926 in der Kommunistischen Akademie aus:

 

„Ich behaupte”, sagte er, „dass er (Bucharin. J. St.) gänzlich im Banne der Ideologie der Wiederherstellung steht, er hält es für erwiesen, dass die ökonomische Rückständigkeit unseres Landes kein Hindernis für die Errichtung der sozialistischen Ordnung in Rußland sei... Ich glaube, dass wir, wenn wir uns mit dem sozialistischen Aufbau befassen, zweifellos den Sozialismus bauen. Es fragt sich aber, ob die Wiederherstellungsperiode zur Überprüfung, zur Revision des zentralen Punktes des Marxismus und Leninismus berechtigen kann, der besagt, dass es in einem einzelnen, technisch rückständigen Lande unmöglich ist, den Sozialismus zu errichten.” (Smilga, Rede zur Frage der Kontrollziffern, gehalten in der Kommunistischen Akademie am 26. September 1926.)

 

Das ist, wie Sie sehen, ebenfalls eine „Position”, die sich mit der Position des Herrn Suchanow in der grundlegenden Frage, der Frage des Charakters und der Perspektiven unserer Revolution voll und ganz deckt. Trifft es etwa nicht zu, dass Smilgas Position der Position Trotzkis durchaus entspricht, die ich, und das mit vollem Recht, als Position der sozial-demokratischen Abweichung bezeichnete? (Zurufe: „Sehr richtig!”)

Kann man annehmen, dass der Oppositionsblock für derartige Reden Smilgas verantwortlich ist? Das kann man und das muss man. Hat der Oppositionsblock jemals versucht, sich von Smilga abzugrenzen? Nein, er hat das nicht versucht. Im Gegenteil, er hat Smilga bei seinen Reden in der Kommunistischen Akademie nach Kräften unterstützt.

Und da ist noch ein anderer Führer, Radek, der im Verein mit Smilga in der Kommunistischen Akademie auftrat und unsereins dort „in Grund und Boden” stampfte. (Heiterkeit.) Wir verfügen über ein Dokument, das davon zeugt, dass Radek über die Theorie der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande höhnte und spottete, dass er sie als Theorie des Aufbaus des Sozialismus „in einem Kreis” oder sogar „in einer Straße” bezeichnete, wobei er auf die ihm zugerufenen Einwände der Genossen, dass diese Theorie eine „Leninsche Idee” ist, antwortete:

 

„Sie haben Lenin schlecht gelesen; wenn Wladimir Iljitsch lebte, würde er sagen, dass dies eine Schtschedrinsche Idee ist. In Schtschedrins ‚Pompadouren’ (Pompadour - Typus eines bornierten und starrsinnigen Provinzgewaltigen aus dem Werk des berühmten russischen Satirikers Saltykow-Schtschedrin „Die Pompadoure und ihre Damen”. Der Übers.) gibt es einen einzigartigen Pompadour, der den Liberalismus in einem Kreis aufbaut.“ (Rede Radeks in der Kommunistischen Akademie.)

 

Kann man diese abgeschmackte, eines Liberalen würdige Verhöhnung der Idee des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande seitens Radeks etwas anderes nennen als einen vollständigen Bruch mit dem Leninismus? Ist der Oppositionsblock für diese Abgeschmacktheit Radeks verantwortlich? Ohne Zweifel. Warum grenzt er sich denn nicht von ihr ab? Weil der Oppositionsblock gar nicht daran denkt, seine Position der Abkehr vom Leninismus aufzugeben.

6. Die entscheidende Bedeutung der Frage der Perspektiven
unseres Aufbaus

Man mag fragen: Wozu all diese Streitigkeiten über den Charakter und die Perspektiven unserer Revolution, wozu die Streitigkeiten darüber, was in Zukunft sein wird oder was in Zukunft sein kann? Wäre es nicht besser, alle diese Streitigkeiten beiseite zu lassen und sich mit praktischer Arbeit zu befassen?

Ich bin der Meinung, Genossen, dass eine solche Fragestellung von Grund aus falsch ist.

Wir können nicht vorwärts schreiten, wenn wir nicht wissen, wohin wir schreiten müssen, wenn wir das Ziel der Bewegung nicht kennen. Wir können nicht ohne Perspektiven bauen, ohne die Gewissheit, dass wir, nachdem wir begonnen haben, unsere sozialistische Wirtschaft zu bauen, sie auch wirklich aufbauen können. Ohne klare Perspektiven, ohne klare Ziele kann die Partei den Aufbau nicht leiten. Wir können nicht nach Bernsteins Rezept leben: „Die Bewegung ist alles, das Ziel ist nichts.” Wir, als Revolutionäre, müssen im Gegenteil unseren Vormarsch, unsere praktische Arbeit dem wichtigsten Klassenziel, dem proletarischen Aufbau, unterordnen. Tun wir das nicht, dann geraten wir unvermeidlich und unbedingt in den Sumpf des Opportunismus.

Ferner. Ohne klare Perspektiven für unseren Aufbau, ohne die Gewissheit, dass der Sozialismus errichtet werden wird, können die Arbeitermassen nicht bewusst an diesem Aufbau teilnehmen, können sie die Bauernschaft nicht bewusst führen. Ohne die Gewissheit, dass der Sozialismus errichtet werden wird, kann es keinen Willen zum Aufbau des Sozialismus geben. Wer hätte Lust zu bauen, in dem Bewusstsein, dass der Bau doch nicht vollendet wird? Daher führt ein Fehlen der sozialistischen Perspektiven für unseren Aufbau dazu, dass der Wille des Proletariats zu diesem Aufbau unvermeidlich und unbedingt geschwächt wird.

Weiter. Wird der Wille des Proletariats zum Aufbau des Sozialismus geschwächt, so muss das ein Erstarken der kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft zur Folge haben. Denn was heißt den Sozialismus bauen anderes, als die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft niederzuringen. Verfallsstimmungen und defätistische Stimmungen innerhalb der Arbeiterklasse können die Hoffnungen der kapitalistischen Elemente auf eine Restauration der alten Ordnung nur neu beleben. Wer die entscheidende Bedeutung der sozialistischen Perspektiven unseres Aufbaus unterschätzt, der hilft den kapitalistischen Elementen unserer Wirtschaft, der züchtet Kapitulantentum.

Und schließlich: Wird der Wille des Proletariats zum Sieg über die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft geschwächt und dadurch der sozialistische Aufbau gehemmt, so muss das in allen Ländern die Auslösung der internationalen Revolution aufhalten. Es darf nicht außer acht gelassen werden, dass das internationale Proletariat unseren wirtschaftlichen Aufbau und unsere Erfolge an dieser Front verfolgt, voller Hoffnung, dass wir aus diesem Kampf als Sieger hervorgehen und dass es uns gelingt, den Sozialismus zu errichten. Die zahllosen Arbeiterdelegationen aus dem Westen, die uns besuchen und jeden Winkel unserer Aufbauarbeit durchforschen, zeugen davon, dass unser Kampf an der Front des Aufbaus wegen seines revolutionierenden Einflusses auf die Proletarier aller Länder von gewaltiger internationaler Bedeutung ist. Wer unserem Aufbau die sozialistischen Perspektiven zu nehmen versucht, der versucht, die Hoffnungen des internationalen Proletariats auf unseren Sieg zu zerstören, wer aber diese Hoffnungen zerstört, der vergeht sich gegen die elementarsten Forderungen des proletarischen Internationalismus. Lenin hatte tausendmal Recht, als er sagte:

 

„Jetzt wirken wir auf die internationale Revolution hauptsächlich durch unsere Wirtschaftspolitik ein. Auf die russische Sowjetrepublik sind die Augen aller gerichtet, aller Werktätigen in allen Ländern der Welt ohne jede Ausnahme und ohne jede Übertreibung... Der Kampf ist im Weltmaßstab auf dieses Gebiet übertragen. Lösen wir diese Aufgabe, dann haben wir im internationalen Maßstab bestimmt und endgültig gewonnen. Deshalb erlangen die Fragen des wirtschaftlichen Aufbaus für uns eine ganz außerordentliche Bedeutung. An dieser Front müssen wir durch eine langsame, allmähliche - rasch geht es nicht -, aber stetige Steigerung und Vorwärtsbewegung den Sieg davontragen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 413, russ.)

 

Daher bin ich der Meinung, dass unsere Diskussionen über die Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in unserem Lande von größter Bedeutung sind, denn in diesen Diskussionen wird eine eindeutige Lösung der Frage nach den Perspektiven unserer Arbeit, nach den Klassenzielen dieser Arbeit, nach dem Hauptziel dieser Arbeit für die nächste Periode erarbeitet.

Daher bin ich der Meinung, dass die Frage der sozialistischen Perspektiven unseres Aufbaus von erstrangiger Bedeutung für uns ist.

7. Die politischen Perspektiven des Oppositionsblocks

Die politischen Perspektiven des Oppositionsblocks ergeben sich aus seinem grundlegenden Fehler in der Frage des Charakters und der Perspektiven unserer Revolution.

Da sich die internationale Revolution verzögert, die Opposition aber an die inneren Kräfte unserer Revolution nicht glaubt, so gibt es für sie zwei Perspektiven:

entweder die Entartung der Partei und des Staatsapparats, das faktische Ausscheiden der „besten Elemente” des Kommunismus (das heißt der Opposition) aus den Machtorganen und die Bildung einer neuen, „rein proletarischen” Partei aus diesen Elementen, einer Partei, die zu der offiziellen, nicht „rein” proletarischen Partei in Opposition steht (die Perspektive Ossowskis);

oder der Versuch, seine eigene Ungeduld als Wirklichkeit auszugeben, die Leugnung der teilweisen Stabilisierung des Kapitalismus und „übermenschliche”, „heroische” Sprünge und Eingriffe sowohl auf dem Gebiet der Innenpolitik (Überindustrialisierung) als auch auf dem Gebiet der Außenpolitik („ultralinke“ Phrasen und Gesten).

Ich glaube, dass von allen Oppositionellen Ossowski der kühnste und mutigste ist. Wenn der Oppositionsblock genügend Mut und Konsequenz besäße, so müsste er Ossowskis Weg einschlagen. Dass aber dem Oppositionsblock sowohl an Konsequenz als auch an Mut gebricht, gleitet er auf den Weg hinab, den die zweite Perspektive weist, auf den Weg „über-menschlicher” Sprünge und „heroischer” Eingriffe auf dem Gebiet des objektiven Verlaufs der Dinge.

Daher die Leugnung der teilweisen Stabilisierung des Kapitalismus, für den Westen die Losung der Abkehr von den Gewerkschaften oder sogar des Austritts aus den Gewerkschaften, die Forderung, das Englisch-Russische Komitee zu sprengen, die Forderung, unser Land womöglich in einem halben Jahr zu industrialisieren usw.

Daher das Abenteurertum in der Politik des Oppositionsblocks.

In diesem Zusammenhang gewinnt die Theorie des Oppositionsblocks (die zugleich die Theorie des Trotzkismus ist) besondere Bedeutung, die Theorie des Überspringens der Bauernschaft bei uns, in unserem Lande, bei der Industrialisierung unseres Landes, die Theorie des Überspringens des reaktionären Charakters der Gewerkschaften dort, im Westen, besonders im Zusammenhang mit dem Streik in England.

Der Oppositionsblock glaubt, dass, wenn die Partei eine richtige Linie ausgearbeitet hat, dies vollauf genüge, damit die Partei augenblicks und unverzüglich zu einer Massenpartei werde, damit die Partei augenblicks und unverzüglich die Massen in entscheidende Kämpfe führen könne. Der Oppositionsblock begreift nicht, dass eine solche Auffassung von der Führung der Massen mit der Position des Leninismus nichts gemein hat.

Waren Lenins Aprilthesen vom Frühjahr 1917 über die Sowjetrevolution

[Siehe W. I. Lenin, „Werke”, 4. Ausgabe, Bd. 24, S.1-7 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.7-11]].

richtig? Ja, sie waren richtig. Warum aber hat Lenin damals nicht zum sofortigen Sturz der Kerenskiregierung aufgerufen? Warum bekämpfte er die „ultralinken” Gruppen in unserer Partei, die damals die Losung des sofortigen Sturzes der Provisorischen Regierung aufstellten? Weil Lenin wusste, dass es, um die Revolution durchführen zu können, nicht genügt, eine richtige Parteilinie zu haben. Weil Lenin wusste, dass, um die Revolution durchführen zu können, noch ein weiterer Umstand erforderlich ist, nämlich, dass sich die Massen, die breiten Arbeitermassen an Hand ihrer eigenen Erfahrung von der Richtigkeit der Linie der Partei überzeugen. Dazu aber wiederum ist Zeit erforderlich, dazu bedarf es einer unermüdlichen Arbeit der Partei unter den Massen, einer unermüdlichen Arbeit, um die Massen von der Richtigkeit der Parteilinie zu überzeugen. Eben darum gab Lenin gleichzeitig mit seinen revolutionären Aprilthesen die Losung heraus, diese Thesen „geduldig” unter den Massen zu propagieren, damit sich die Massen von ihrer Richtigkeit überzeugen konnten. Diese geduldige Arbeit nahm damals 8 Monate in Anspruch. Aber diese Monate waren revolutionäre Monate, die mindestens Jahren gewöhnlicher „konstitutioneller” Zeiten gleichkommen. Wir haben in der Oktoberrevolution gesiegt, weil wir es verstanden haben, zwischen der richtigen Linie der Partei und der Anerkennung der Richtigkeit dieser Linie durch die Massen zu unterscheiden. Das begreifen die Helden von der Opposition, die Anhänger von „übermenschlichen” Sprüngen, nicht und wollen es nicht begreifen.

War die Position der englischen Kommunistischen Partei während des Streiks in England richtig? Ja, sie war im Wesentlichen richtig. Warum ist es ihr dann nicht gelungen, die Millionenmassen der englischen Arbeiter sofort für sich zu gewinnen? Weil es ihr in der kurzen Zeit nicht gelungen ist und auch nicht gelingen konnte, die Massen von der Richtigkeit ihrer Linie zu überzeugen. Weil zwischen der Herausarbeitung der richtigen Linie der Partei und der Gewinnung der Millionenmassen für die Partei eine Zeitspanne, eine mehr oder minder lange Zeitspanne liegt, während der die Partei unermüdlich am Werke sein muss, um die Massen von der Richtigkeit ihrer Politik zu überzeugen. Diese Zeitspanne lässt sich nicht überspringen. Es ist eine Dummheit zu glauben, dass man sie überspringen könne. Nur durch geduldige politische Aufklärungsarbeit unter den Massen kann man über sie hinwegkommen und sie überwinden.

Dieses ABC der Leninschen Lehre von der Führung der Massen begreift der Oppositionsblock nicht, und hier ist eine der Quellen seiner politischen Fehler zu suchen.

Hier nur eins der zahlreichen Beispiele für die Politik der „übermenschlichen” Sprünge und verwegenen Gesten Trotzkis.

 

„Das russische Proletariat”, sagte seinerzeit Trotzki, „das, wenn auch nur infolge einer vorübergehenden Konjunktur unserer bürgerlichen Revolution, zur Macht gelangt ist, wird auf die organisierte Feindschaft der Weltreaktion und auf die Bereitschaft zu einer organisierten Unterstützung seitens des Weltproletariats stoßen. Die auf ihre eigene Kraft angewiesene Arbeiterklasse Rußlands wird in dem Augenblick, da sich die Bauernschaft von ihr abwendet, unvermeidlich von der Konterrevolution zerschmettert werden. Es wird ihr nichts anderes übrig bleiben, als das Schicksal ihrer politischen Herrschaft und folglich auch das Schicksal der gesamten russischen Revolution mit dem Schicksal der sozialistischen Revolution in Europa zu verbinden. Sie wird die gewaltige staatspolitische Kraft, die ihr die vorübergehende Konjunktur der russischen bürgerlichen Revolution verleiht, in die Waagschale des Klassenkampfes der gesamten kapitalistischen Welt werfen. Die Staatsmacht in der Hand, die Konterrevolution im Rücken, vor sich die europäische Reaktion, wird sie ihren Brüdern in der ganzen Welt den alten Appell zurufen, der diesmal der Appell zur letzten Attacke sein wird: ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch!’” (Trotzki, „Ergebnisse und Perspektiven”, S. 80.)

 

Wie gefällt Ihnen das: Das Proletariat muss, so erfährt man, die Macht in Rußland ergreifen, nach der Machtergreifung aber muss es sich unbedingt mit der Bauernschaft überwerfen, und nachdem sich das Proletariat nun mit der Bauernschaft überworfen hat, muss es sich in einen verzweifelten Kampf gegen die Weltbourgeoisie stürzen, „die Konterrevolution im Rücken” und vor sich „die europäische Reaktion”.

Dass dieses „Schema” Trotzkis nicht wenig „Musikalisches”, „Übermenschliches” und „verwegen Großartiges” enthält - das kann man noch zugeben. Dass es aber weder mit Marxismus etwas zu tun hat noch von revolutionärem Geist zeugt, dass wir es hier nur mit einer leeren Spielerei mit der Revolution und mit Abenteurertum in der Politik zu tun haben - darüber kann es ebenfalls keinen Zweifel geben.

Indes steht außer Zweifel, dass dieses „Schema” Trotzkis der unmittelbare Ausdruck der gegenwärtigen politischen Perspektiven des Oppositionsblocks, das Resultat und die Frucht der trotzkistischen Theorie des „Überspringens” noch nicht überholter Formen der Bewegung ist.

 

 

III
DIE POLITISCHEN UND ORGANISATORISCHEN
FEHLER DES OPPOSITIONSBLOCKS

 

Die politischen und organisatorischen Fehler des Oppositionsblocks sind eine direkte Weiterführung seines Hauptfehlers in der grundlegenden Frage, der Frage des Charakters und der Perspektiven unserer Revolution.

Wenn ich von den politischen und organisatorischen Fehlern der Opposition spreche, so habe ich dabei Fragen im Auge wie die Frage der Hegemonie des Proletariats beim Wirtschaftsaufbau, die Frage der Industrialisierung, die Frage des Parteiapparats und des „Regimes” in der Partei usw.

Die Partei geht davon aus, dass in ihrer Politik überhaupt und in ihrer Wirtschaftspolitik insbesondere die Industrie von der Landwirtschaft nicht getrennt werden darf, dass die Entwicklung dieser beiden wichtigsten Wirtschaftszweige auf einer Linie verlaufen muss, die zu ihrer Koordination, zu ihrem Zusammenschluss in der sozialistischen Wirtschaft führt.

Daher unsere sozialistische Methode der Industrialisierung des Landes, die mit einer ständigen Verbesserung der materiellen Lage der werktätigen Massen verbunden ist, darunter auch der Hauptmasse der Bauernschaft als der wichtigsten Grundlage für die Entfaltung der Industrialisierung. Ich spreche von der sozialistischen Methode der Industrialisierung zum Unterschied von der kapitalistischen Methode der Industrialisierung, die mit der Verelendung der Millionenmassen der werktätigen Schichten verbunden ist.

Welches ist das entscheidende Minus der kapitalistischen Industrialisierungsmethode? Sie führt dazu, dass die Interessen der Industrialisierung den Interessen der werktätigen Massen zuwiderlaufen, dass sich die inneren Widersprüche im Lande verschärfen, dass die Millionenmassen der Arbeiter und Bauern verelenden, dass die Profite nicht für die Verbesserung der materiellen und kulturellen Lage der breitesten Massen innerhalb des Landes verwandt werden, sondern für die Kapitalausfuhr und für die Erweiterung der Basis der kapitalistischen Ausbeutung innerhalb und außerhalb des Landes.

Welches ist das entscheidende Plus der sozialistischen Industrialisierungsmethode? Sie führt zur Einheit der Interessen der Industrialisierung und der Interessen der Hauptmassen der werktätigen Bevölkerungsschichten, sie führt nicht zur Verelendung der Millionenmassen, sondern zur Verbesserung der materiellen Lage dieser Massen, nicht zur Verschärfung der inneren Widersprüche, sondern zu ihrer Abschwächung und Überwindung, sie führt zur ständigen Erweiterung des inneren Marktes und zur Vergrößerung der Aufnahmefähigkeit dieses Marktes, wodurch eine solide innere Basis für die Entfaltung der Industrialisierung geschaffen wird.

Daher die unmittelbare Interessiertheit der Hauptmassen der Bauernschaft am sozialistischen Weg der Industrialisierung.

Daher die Möglichkeit und Notwendigkeit der Verwirklichung der Hegemonie des Proletariats gegenüber der Bauernschaft beim sozialistischen Aufbau überhaupt und bei der Industrialisierung unseres Landes im Besonderen.

Daher die Idee des Zusammenschlusses der sozialistischen Industrie mit der bäuerlichen Wirtschaft - vor allem durch den massenhaften genossenschaftlichen Zusammenschluss der Bauernschaft, die Idee der führenden Rolle der Industrie gegenüber der Landwirtschaft.

Daher unsere Steuerpolitik, die Politik der Senkung der Preise für Industriewaren usw., eine Politik, die im Interesse der Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Proletariat und Bauernschaft, im Interesse der Festigung des Bündnisses der Arbeiter und Bauern liegt.

Der Oppositionsblock dagegen geht davon aus, dass er die Industrie der Landwirtschaft entgegenstellt, und gelangt auf einen Weg, der zur Trennung der Industrie von der Landwirtschaft führt. Er begreift nicht und sieht nicht ein, dass man die Industrie nicht voranbringen kann, wenn man die Interessen der Landwirtschaft ignoriert, wenn man gegen diese Interessen verstößt. Er begreift nicht, dass, wenn die Industrie das führende Element der Volkswirtschaft ist, die Landwirtschaft ihrerseits die Basis bildet, auf der sich unsere Industrie entwickeln kann.

Daher die Betrachtung der bäuerlichen Wirtschaft als „Kolonie”, die der proletarische Staat „ausbeuten” müsse (Preobrashenski).

Daher die Furcht vor einer guten Ernte (Trotzki), die angeblich ein Faktor sei, der unsere Wirtschaft desorganisieren könnte.

Daher die eigenartige Politik des Oppositionsblocks, die auf die Verschärfung der inneren Widersprüche zwischen Industrie und Landwirtschaft, auf die Anwendung der kapitalistischen Methoden der Industrialisierung des Landes zusteuert.

Hören Sie sich doch zum Beispiel einmal Preobrashenski an, einen der Führer des Oppositionsblocks. In einem seiner Artikel führt er folgendes aus:

 

„Je rückständiger in ökonomischer Hinsicht, je kleinbürgerlicher, je bäuerlicher dieses oder jenes Land ist, das zu einer sozialistischen Organisierung der Produktion übergeht... - um so mehr wird sich die sozialistische Akkumulation auf die Ausbeutung der vorsozialistischen Wirtschaftsformen stützen müssen... Und umgekehrt, je entwickelter in ökonomischer und industrieller Hinsicht dieses oder jenes Land ist, in dem die soziale Revolution siegt... je notwendiger es für das Proletariat des betreffenden Landes ist, die Nichtäquivalenz des Austauschs seiner Produkte gegen die Produkte der Kolonien zu vermindern, das heißt, die Ausbeutung derselben einzuschränken, um so mehr wird sich das Schwergewicht der sozialistischen Akkumulation auf die Produktionsgrundlage der sozialistischen Formen hin verschieben, das heißt, um so mehr wird sich die sozialistische Akkumulation auf das Mehrprodukt der eigenen Industrie und der eigenen Landwirtschaft stützen.“ (J. Preobrashenski, Artikel „Das Grundgesetz der sozialistischen Akkumulation”, „Wjestnik Komakademii”, 1924, Nr. 8.)

 

Es braucht wohl nicht erst nachgewiesen zu werden, dass Preobrashenski auf den Weg der unversöhnlichen Widersprüche zwischen den Interessen unserer Industrie und den Interessen der bäuerlichen Wirtschaft unseres Landes, also auf den Weg der kapitalistischen Industrialisierungsmethoden hinab gleitet.

Ich bin der Meinung, dass Preobrashenski dadurch, dass er die bäuerliche Wirtschaft einer „Kolonie” gleichstellt und das Verhältnis zwischen Proletariat und Bauernschaft als Verhältnis der Ausbeutung zu gestalten trachtet, die Grundlagen jeglicher Möglichkeit einer sozialistischen Industrialisierung untergräbt, zu untergraben versucht, ohne das selbst zu begreifen.

Ich behaupte, dass diese Politik mit der Politik der Partei nichts gemein hat, die das Werk der Industrialisierung auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Proletariat und Bauernschaft gründet.

Das gleiche oder fast das gleiche gilt für Trotzki, der eine „gute Ernte” fürchtet und offenbar glaubt, eine gute Ernte sei eine Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes. Auf dem Aprilplenum sagte er zum Beispiel folgendes:

 

„Unter diesen Verhältnissen (Trotzki spricht von der gegenwärtigen Disproportion. J. St.) kann eine gute Ernte, das heißt die potentielle Zunahme der Warenüberschüsse der Landwirtschaft zu einem Faktor werden, der das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung in der Richtung zum Sozialismus nicht beschleunigt, sondern umgekehrt die Ökonomik desorganisiert, der die Beziehungen zwischen Stadt und Land und, innerhalb der Stadt selbst, zwischen den Konsumenten und dem Staat zuspitzt. Praktisch kann eine gute Ernte - bei Mangel an Industriewaren - bedeuten, dass das Getreide in zunehmendem Maße für die Herstellung von Hausbranntwein verwandt wird und die Schlangen vor den Geschäften in der Stadt wachsen. Politisch wird das den Kampf des Bauern gegen das Außenhandelsmonopol, das heißt gegen die sozialistische Industrie bedeuten.“ (Stenographisches Protokoll der Sitzungen des Aprilplenums des ZK, Abänderungsanträge Trotzkis zu Rykows Resolutionsentwurf, S.164.)

 

Man braucht nur diese mehr als seltsam anmutende Erklärung Trotzkis mit der Erklärung des Genossen Lenin, dass eine gute Ernte die „Rettung des Staats” bedeutet

[Siehe W. I. Lenin, „Werke”, 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 204 (russ.).]

- eine Erklärung, die in die Zeit des größten Warenhungers fällt - zu vergleichen, um zu erkennen, wie falsch Trotzkis Erklärung ist.

Trotzki erkennt den Grundsatz offenbar nicht an, dass die Industrialisierung bei uns nur voranschreiten kann, wenn sie von einer allmählichen Verbesserung der materiellen Lage der werktätigen Massen des Dorfes begleitet ist.

Trotzki geht offenbar davon aus, dass die Industrialisierung bei uns sozusagen mittels einer „schlechten Ernte” durchgeführt werden müsse.

Daher die praktischen Vorschläge des Oppositionsblocks, die Verkaufspreise zu erhöhen, den Steuerdruck auf die Bauernschaft zu verstärken usw., Vorschläge, die nicht zur Festigung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Proletariat und Bauernschaft, sondern zu ihrer Zerrüttung, nicht zur Schaffung der Voraussetzungen für die Hegemonie des Proletariats auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Aufbaus, sondern zur Zerstörung dieser Voraussetzungen, nicht zum Zusammenschluss der Industrie mit der bäuerlichen Wirtschaft, sondern zu seinem Gegenteil führen.

Einige Worte über die Differenzierung der Bauernschaft. Es ist allgemein bekannt, dass die Opposition Lärm schlägt und in Panik verfällt wegen der wachsenden Differenzierung. Es ist allgemein bekannt, dass niemand wegen des Anwachsens des privaten Kleinkapitals im Dorfe soviel Panik gemacht hat wie die Opposition. Was sehen wir aber in Wirklichkeit? Wir sehen folgendes:

Erstens geht bei uns die Differenzierung innerhalb der Bauernschaft, wie das die Tatsachen beweisen, in ganz eigenartigen Formen vor sich, und zwar nicht so, dass der Mittelbauer „weggespült wird”, sondern so, dass er erstarkt, während die extremen Pole erheblich zusammenschrumpfen, wobei solche Faktoren, wie die Nationalisierung des Grund und Bodens, der massenhafte genossenschaftliche Zusammenschluss der Bauernschaft, unsere Steuerpolitik usw., der Differenzierung selbst zwangsläufig bestimmte Grenzen setzen, bestimmte Schranken auferlegen.

Zweitens - und das ist die Hauptsache - wird das Anwachsen des privaten Kleinkapitals im Dorfe durch ein so entscheidendes Moment aufgewogen und mehr als aufgewogen, wie es die Entwicklung unserer Industrie ist, die die Positionen des Proletariats und der sozialistischen Wirtschaftsformen festigt und das wirksamste Gegengift gegen alle und jegliche Formen des Privatkapitals darstellt.

Alle diese Umstände sind der „neuen Opposition” offenbar entgangen, die nach alter Gewohnheit fortfährt, über das Privatkapital im Dorfe Lärm zu schlagen und Panik zu machen.

Es dürfte vielleicht nicht überflüssig sein, die Opposition an die Worte zu erinnern, die Lenin hierüber gesagt hat. Genosse Lenin sagte folgendes:

 

„Jede Verbesserung der Lage der Großindustrie, die Möglichkeit, einige große Fabriken in Betrieb zu setzen, festigt die Lage des Proletariats derart, dass gar kein Grund besteht, die kleinbürgerliche Elementargewalt zu fürchten, selbst wenn sie wächst. Nicht das haben wir zu fürchten, dass Kleinbürgertum und Kleinkapital wachsen. Zu fürchten haben wir, dass der Zustand des ärgsten Hungers, der Not, des Mangels an Lebensmitteln zu lange andauert, weil dieser Zustand bereits zur völligen Entkräftung des Proletariats führt und es ihm unmöglich macht, der Elementargewalt kleinbürgerlicher Schwankungen und kleinbürgerlicher Verzweiflung zu widerstehen. Das ist viel schlimmer. Bei einer Vermehrung der Produktenmenge wird eine Entwicklung des Kleinbürgertums kein großes Minus bilden, da das zur Entwicklung der Großindustrie beiträgt.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 214, russ.)

 

Werden die Oppositionellen je begreifen, dass ihre Panik wegen der Differenzierung und des Privatkapitals im Dorfe die Kehrseite ihres Unglaubens an die Möglichkeit des siegreichen sozialistischen Aufbaus in unserem Lande ist?

Einige Worte über den Kampf der Opposition gegen den Parteiapparat und gegen das „Regime” in der Partei.

Worauf läuft der Kampf der Opposition gegen den Parteiapparat, der den führenden Kern unserer Partei bildet, in Wirklichkeit hinaus? Es braucht wohl nicht erst nachgewiesen zu werden, dass der Kampf der Opposition auf diesem Gebiet letzten Endes auf den Versuch hinausläuft, die Parteiführung zu desorganisieren und die Partei in ihrem Kampf um die Verbesserung des Staatsapparats, um die Ausmerzung des Bürokratismus in diesem Apparat und um die führende Rolle im Staatsapparat zu entwaffnen.

Worauf zielt der Kampf der Opposition gegen das „Regime” in der Partei ab? Er zielt auf die Zersetzung der eisernen Disziplin innerhalb der Partei ab, ohne die die Diktatur des Proletariats undenkbar ist, er zielt letzten Endes auf die Erschütterung der Grundlagen der Diktatur des Proletariats ab.

Die Partei hat deshalb Recht, wenn sie behauptet, dass sich in den politischen und organisatorischen Fehlern der Opposition der Druck der nichtproletarischen Elemente auf unsere Partei, auf die Diktatur des Proletariats widerspiegelt.

Das, Genossen, sind die politischen und organisatorischen Fehler des Oppositionsblocks.

 

 

 

IV
EINIGE SCHLUSSFOLGERUNGEN

 

[Vor kurzem erklärte Trotzki auf der Plenartagung des ZK und der ZKK

Gemeint ist das vereinigte Plenum des ZK und der ZKK der KPdSU(B), das am 23. und am 26. Oktober 1926 stattfand. Das Plenum behandelte die Frage der Ergänzung des ZK im Zusammenhang mit dem Tode F. E. Dzierzynskis, Fragen, die der XV. Unionsparteikonferenz zur Behandlung unterbreitet werden sollten, die Mitteilung des Politbüros des ZK und der ZKK im Zusammenhang mit dem Beschluss des Politbüros vom 4. Oktober über die Fraktionstätigkeit des trotzkistisch-sinowjewistischen Oppositionsblocks nach dem vereinigten Juliplenum des ZK und der ZKK der KPdSU(B) und die Thesen J. W. Stalins „Ober den Oppositionsblock in der KPdSU(B)”. Auf der Plenartagung ergriff J. W. Stalin am 26. Oktober das Wort zur Verteidigung der Thesen.]

, die Annahme der Thesen über den Oppositionsblock durch die Konferenz müsse unvermeidlich zum Ausschluss der Oppositionsführer aus der Partei führen. Ich muss feststellen, Genossen, dass diese Erklärung Trotzkis jeglicher Grundlage entbehrt und dass sie voller Fehler ist. Ich muss erklären, dass die Annahme der Thesen über den Oppositionsblock nur den einen Zweck haben kann: die energische Bekämpfung der prinzipiellen Fehler der Opposition bis zu ihrer restlosen Überwindung.

Es ist allgemein bekannt, dass der X. Parteitag unserer Partei eine Resolution über die anarcho-syndikalistische Abweichung

[Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil I, 1941, S. 366-368 (russ.).]

angenommen hat. Was ist aber über die anarcho-syndikalistische Abweichung zu sagen? Man kann nicht behaupten, dass die anarcho-syndikalistische Abweichung „besser” wäre als die sozialdemokratische Abweichung. Aus der Tatsache der Annahme der Resolution über die anarcho-syndikalistische Abweichung hat jedoch bisher noch niemand den Schluss gezogen, dass die Mitglieder der „Arbeiteropposition” unbedingt aus der Partei ausgeschlossen werden müssten.

Es kann Trotzki nicht unbekannt sein, dass der XIII. Parteitag unserer Partei den Trotzkismus für eine „klar ausgeprägte kleinbürgerliche Abweichung” erklärt hat. Bisher war jedoch noch niemand der Meinung, dass die Annahme dieser Resolution unbedingt den Ausschluss der Führer der trotzkistischen Opposition aus der Partei zur Folge haben müsste.

Die entsprechende Stelle der Resolution des XIII. Parteitags lautet:

 

„Bei der jetzigen ‚Opposition’ haben wir es nicht nur mit einem Versuch, den Bolschewismus zu revidieren, nicht nur mit einer direkten Abkehr vom Leninismus zu tun, sondern auch mit einer klar ausgeprägten kleinbürgerlichen Abweichung. Es unterliegt keinem Zweifel, dass diese ‚Opposition’ objektiv den Druck des Kleinbürgertums auf die Positionen der proletarischen Partei und auf ihre Politik widerspiegelt.” (Aus der Resolution des XIII. Parteitags.)

 

Möge uns Trotzki erklären, inwiefern die kleinbürgerliche Abweichung besser ist als die sozialdemokratische Abweichung. Ist es denn so schwer zu begreifen, dass die sozialdemokratische Abweichung eine Abart der kleinbürgerlichen Abweichung ist? Ist es denn so schwer zu begreifen, dass wir, wenn wir von einer sozialdemokratischen Abweichung sprechen, nur das präzisieren, was in unserer Resolution auf dem XIII. Parteitag gesagt wurde? Wir erklären keineswegs die Führer des Oppositionsblocks für Sozialdemokraten. Wir sagen nur, dass sich beim Oppositionsblock eine sozialdemokratische Abweichung geltend macht, wir machen die Opposition darauf aufmerksam, dass es noch nicht zu spät ist, sich von dieser Abweichung loszusagen, und fordern den Oppositionsblock hierzu auf.

Über den Trotzkismus wird in der bekannten Resolution des ZK und der ZKK vom Januar 1925

[Gemeint ist die Resolution, die auf der gemeinsamen Plenartagung des ZK und der ZKK der KPR(B) am 17. Januar 1925 zur Mitteilung J. W. Stalins über die Resolutionen der Ortsorganisationen der Partei im Zusammenhang mit dem Auftreten Trotzkis angenommen wurde. (Siehe „Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK”, Teil 1, 1941, S. 636-641; J. W. Stalin, „Werke”, Bd. 7, S. 6-10 [deutsche Ausgabe S. 5-8].)]

folgendes gesagt:

 

„Seinem Wesen nach ist der gegenwärtige Trotzkismus eine Falsifizierung des Kommunismus im Sinne einer Annäherung an die ‚europäischen’ Vorbilder des Pseudomarxismus, das heißt letzten Endes im Sinne der ‚europäischen’ Sozialdemokratie.” (Aus der Resolution des Plenums des ZK und der ZKK vom 17. Januar 1925.)

 

Ich muss erwähnen, dass beide Resolutionen im Wesentlichen der Feder Sinowjews entstammen. Aber weder die Partei als Ganzes noch Sinowjew insbesondere haben daraus den Schluss gezogen, dass die Führer der trotzkistischen Opposition aus der Partei ausgeschlossen werden müssten.

Es dürfte vielleicht nicht überflüssig sein zu erwähnen, was Kamenew über den Trotzkismus, den er dem Menschewismus gleichstellte, gesagt hat. Hören Sie bitte:

 

„Der Trotzkismus war immer die wohlanständigste, die verhüllteste und die zum Betrug gerade des revolutionär eingestellten Teils der Arbeiter geeignetste Form des Menschewismus.” (Sammelband von Artikeln „Für den Leninismus”. L. Kamenew, „Partei und Trotzkismus”, S.51.)

 

Alle diese Tatsachen sind Trotzki nicht weniger bekannt als jedem von uns. Es hat jedoch noch niemand die Frage aufgeworfen, Trotzki und seine Gesinnungsgenossen auf Grund der Resolutionen, sagen wir, des XIII. Parteitags auszuschließen.

Darum hin ich der Meinung, dass Trotzkis Erklärung auf der Plenartagung des ZK und der ZKK unaufrichtig und voller Falsch ist.

Als das Oktoberplenum des ZK und der ZKK die Thesen über den Oppositionsblock im wesentlichen billigte, hatte es damit nicht Repressalien im Auge, sondern die Notwendigkeit eines ideologischen Kampfes gegen die prinzipiellen Fehler der Opposition, von denen sich die Opposition immer noch nicht lossagt und die sie auch künftighin im Rahmen des Statuts zu verfechten gedenkt, wie sie in ihrer „Erklärung” vom 16.Oktober mitteilt. Die Plenartagung des ZK und der ZKK ging bei der Annahme der Thesen von dem Standpunkt aus, dass der Kampf gegen die prinzipiellen Fehler der Opposition das einzige Mittel zu ihrer Überwindung und die Überwindung dieser Fehler der einzige Weg zur wirklichen Einheit in unserer Partei ist. Dadurch, dass die Partei den Oppositionsblock zerschlagen und ihn gezwungen hat, seine Fraktionsmacherei aufzugeben, hat sie das Minimum dessen erreicht, was für die Einheit in der Partei erforderlich ist. Das ist gewiss nicht wenig. Aber das genügt noch nicht. Zur Erzielung der vollen Einheit muss noch ein weiterer Schritt getan und erreicht werden, dass sich der Oppositionsblock von seinen prinzipiellen Fehlern lossagt, damit die Partei und der Leninismus vor Angriffen und Revisionsversuchen bewahrt bleiben.

Das ist die erste Schlussfolgerung.

Nachdem die Mitgliedermassen der Partei die prinzipielle Position des Oppositionsblocks abgelehnt und die Versuche der Opposition, eine neue Diskussion zu entfachen, vereitelt haben, erklärten sie: Jetzt ist nicht die Zeit für Geschwätz, es ist an der Zeit, unmittelbar an die sozialistische Aufbauarbeit zu gehen. Daher die Schlussfolgerung: Weniger Geschwätz, mehr schöpferische, positive Arbeit, vorwärts, an die sozialistische Aufbauarbeit!

Das ist die zweite Schlussfolgerung.

Und die dritte Schlussfolgerung ist die, dass sich die Partei im Prozess des innerparteilichen Kampfes und bei der Abwehr der Angriffe der Opposition fester denn je auf der Grundlage der sozialistischen Perspektiven unseres Aufbaus zusammengeschlossen hat.

Das ist die dritte Schlussfolgerung.

Eine Partei, die sich auf der Grundlage der sozialistischen Perspektiven unseres Aufbaus zusammengeschlossen hat - das ist gerade der Hebel, den wir jetzt so nötig brauchen, um den sozialistischen Aufbau in unserem Lande voranbringen zu können.

Diesen Hebel haben wir uns im Kampf gegen den Oppositionsblock geschmiedet.

Der Kampf hat unsere Partei auf der Grundlage der sozialistischen Perspektiven unseres Aufbaus um ihr ZK zusammengeschlossen. Der Konferenz obliegt es, diese Geschlossenheit durch die, wie ich hoffe, einstimmige Annahme der ihr vom Zentralkomitee unterbreiteten Thesen in aller Form zu bekräftigen.

Ich zweifle nicht daran, dass die Konferenz ihre Aufgabe in Ehren erfüllen wird. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall, alle Delegierten erheben sich. Ovation.)

 

 

Anmerkungen - Band 8

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