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Gesammelte

STALINWERKE :

 

 

 

 

BAND 8

1926 Januar - November

Seite 266 - 318

 

 

SCHLUSSWORT ZU DEM REFERAT
„ÜBER DIE SOZIALDEMOKRATISCHE ABWEICHUNG
IN UNSERER PARTEI”

3. November 1926

„Prawda” Nr. 262,
12. November 1926.

 

 

I
ÜBER EINIGE ALLGEMEINE FRAGEN

 

1. Der Marxismus ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln

Genossen! In meinem Referat habe ich gesagt, dass der Marxismus kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln ist, dass die bekannte Formel von Engels aus den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts seinerzeit richtig war, dass sie aber jetzt nicht mehr genügt. Ich habe gesagt, dass sie deshalb durch die Formel Lenins ersetzt werden muss, die besagt, dass unter den neuen Entwicklungsbedingungen des Kapitalismus und des Klassenkampfs des Proletariats der Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern durchaus möglich und wahrscheinlich ist.

Gegen meine Ausführungen wurden im Verlauf der Diskussion Einwände erhoben. Besonders befleißigte sich hierin Sinowjew. Ich sehe mich daher gezwungen, erneut auf diese Frage einzugehen und sie ausführlicher zu behandeln.

Ich glaube, Sinowjew hat die „Grundsätze des Kommunismus“ von Engels nicht gelesen, und wenn er sie gelesen hat, so hat er sie nicht verstanden, sonst hätte er keine Einwände erhoben, sonst hätte er der Tatsache Rechnung getragen, dass es die Sozialdemokratie ist, die sich jetzt in ihrem Kampf gegen den Leninismus an die alte Formel von Engels klammert, sonst hätte Sinowjew begriffen, dass man, wenn man in die Fußtapfen der Sozialdemokratie tritt, sich gewissen Gefahren der „Entartung” aussetzt.

Folgendes sagt Engels in seinen „Grundsätzen des Kommunismus” [94], in denen die einzelnen Thesen in Form von Fragen und Antworten behandelt werden:

 

„Frage: Wird die Abschaffung des Privateigentums mit einem Schlage möglich sein?

Antwort: Nein, eben sowenig wie sich mit einem Schlag die schon bestehenden Produktivkräfte soweit werden vervielfältigen lassen, als zur Herstellung der Gemeinschaft nötig ist. Die aller Wahrscheinlichkeit nach eintretende Revolution des Proletariats wird also nur allmählich die jetzige Gesellschaft umgestalten und erst dann das Privateigentum abschaffen können, wenn die dazu nötige Masse von Produktionsmitteln geschaffen ist.

Frage: Welchen Entwicklungsgang wird diese Revolution nehmen?

Antwort: Sie wird vor allen Dingen eine demokratische Staatsverfassung, und damit direkt oder indirekt die politische Herrschaft des Proletariats herstellen.“

 

Es handelt sich hier offensichtlich um den Sturz der Bourgeoisie und die Erkämpfung der Diktatur des Proletariats. Sie wissen, Genossen, dass dieser Punkt bei uns bereits verwirklicht worden ist, verwirklicht in weitestem Maße. (Zurufe: „Das stimmt!”, „Sehr richtig!”)

Ferner:

 

„Die Demokratie würde dem Proletariat ganz nutzlos sein, wenn sie nicht sofort als Mittel zur Durchsetzung weiterer, direkt das Privateigentum angreifender und die Existenz des Proletariats sicherstellender Maßregeln benutzt würde. Die hauptsächlichsten dieser Maßregeln, wie sie sich schon jetzt als notwendige Folgen der bestehenden Verhältnisse ergeben, sind folgende:

1. Beschränkung des Privateigentums durch Progressivsteuern, starke Erbschaftssteuern, Abschaffung der Erbschaft der Seitenlinien (Brüder, Neffen usw.), Zwangsanleihen usw.”

 

Sie wissen, dass diese Maßnahmen bei uns durchgeführt worden sind, beziehungsweise in weitestem Maße durchgeführt werden. Ferner:

 

„2. Allmähliche Expropriation der Grundeigentümer, Fabrikanten, Eisenbahnbesitzer und Schiffsreeder, teils durch Konkurrenz der Staatsindustrie, teils direkt gegen Entschädigung in Assignaten.”

 

Sie wissen, dass diese Maßnahmen bei uns gleichfalls schon in den ersten Jahren unserer Revolution durchgeführt worden sind. Ferner:

 

„3. Konfiskation der Güter aller Emigranten und Rebellen gegen die Majorität des Volks.”

 

Sie wissen, dass wir bereits genug und übergenug konfisziert haben, so dass man gar nicht weiter gehen kann. (Heiterkeit.) Ferner:

 

„4. Organisation der Arbeit oder Beschäftigung der Proletarier auf den Nationalgütern, Fabriken und Werkstätten, wodurch die Konkurrenz der Arbeiter unter sich beseitigt, und die Fabrikanten, solange sie noch bestehen, genötigt werden, denselben erhöhten Lohn zu zahlen wie der Staat.”

 

Es ist bekannt, dass wir uns auf diesem Wege befinden, dass wir auf diesem Wege eine Reihe von Siegen erringen und dass dieser Punkt im Wesentlichen bereits erfolgreich verwirklicht wird.

Ferner:

 

„5. Gleicher Arbeitszwang für alle Mitglieder der Gesellschaft bis zur vollständigen Aufhebung des Privateigentums. Bildung industrieller Armeen besonders für die Agrikultur.”

 

Sie wissen, dass wir in der Periode des Kriegskommunismus durch Organisierung von Arbeitsarmeen versucht haben, diesen Weg zu gehen. Doch haben wir auf diesem Wege keine bedeutenden Ergebnisse erzielt. Wir haben dann versucht, dieses Ziel auf Umwegen zu erreichen, und es besteht kein Grund, daran zu zweifeln, dass wir auf diesem Gebiet entscheidende Erfolge erzielen werden.

Weiter:

 

„6. Zentralisierung des Kreditsystems und Geldhandels in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und Unterdrückung aller Privatbanken und Bankiers.”

 

Auch das, Genossen, ist, wie Sie sehr wohl wissen, bei uns im wesentlichen bereits verwirklicht.

Weiter:

 

„7. Vermehrung der Nationalfabriken, Werkstätten, Eisenbahnen und Schiffe, Urbarmachung aller Ländereien und Verbesserung der schon urbargemachten, in demselben Verhältnis, in welchem sich die der Nation zur Verfügung stehenden Kapitalien und Arbeiter vermehren.”

 

Sie wissen, dass auch diese Sache bei uns verwirklicht wird und voranschreitet, wozu sowohl die Nationalisierung des Grund und Bodens, als auch die Nationalisierung der Hauptzweige der Industrie entscheidend beitragen.

Ferner:

 

„8. Erziehung sämtlicher Kinder, von dem Augenblicke an, wo sie der ersten mütterlichen Pflege entbehren können, in Nationalanstalten und auf Nationalkosten.”

 

Dieser Punkt wird bei uns verwirklicht, ist aber bei weitem noch nicht restlos verwirklicht, da wir infolge der Verwüstungen durch Krieg und Intervention noch nicht in der Lage sind, die Erziehung aller Kinder im Lande auf Kosten des Staates zu übernehmen.

Ferner:

 

„9. Errichtung großer Paläste auf den Nationalgütern als gemeinschaftliche Wohnungen für Gemeinden von Staatsbürgern, welche sowohl Industrie wie Ackerbau treiben und die Vorteile sowohl des städtischen wie des Landlebens in sich vereinigen, ohne die Einseitigkeiten und Nachteile Beider Lebensweisen zu teilen.”

 

Es handelt sich offenbar um die Wohnungsfrage in großem Maßstab. Sie wissen, dass wir diese Sache vorantreiben, und wenn die Frage im Wesentlichen noch nicht gelöst ist und so bald wohl auch nicht gelöst werden wird, so aus dem Grunde, weil wir eine zerrüttete Industrie als Erbe übernommen haben und noch nicht genügend Mittel für einen groß angelegten Wohnungsbau aufgebracht haben noch aufbringen konnten.

Ferner:

 

„10. Zerstörung aller ungesunden und schlecht gebauten Wohnungen und Stadtviertel.”

 

Dieser Punkt gehört mit zum vorangegangenen Punkt, und daher gilt das, was über den vorangegangenen Punkt gesagt wurde, auch für diesen Punkt.

Ferner:

 

„11. Gleiches Erbrecht für uneheliche wie für eheliche Kinder.”

 

Mir scheint, dass diese Angelegenheit bei uns sozusagen zufrieden stellend erledigt wird.

Schließlich der letzte Punkt:

 

„12. Konzentration alles Transportwesens in den Händen der Nation.” Sie wissen, dass diese Sache bei uns bereits vollständig verwirklicht ist. Das, Genossen, ist das Programm der proletarischen Revolution, das Engels in seinen „Grundsätzen des Kommunismus” aufgestellt hat.

Sie sehen, Genossen, dass unsere Revolution dieses Programm bereits zu neun Zehntel verwirklicht hat.

Ferner:

 

„Frage: Wird diese Revolution (von der oben gesprochen wurde. J. St.) in einem einzigen Lande allein vor sich gehen können?

Antwort: Nein. Die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung miteinander gebracht, dass jedes einzelne Volk davon abhängig ist, was bei einem andern geschieht. Sie hat ferner in allen zivilisierten Ländern die gesellschaftliche Entwicklung soweit gleich gemacht, dass in allen diesen Ländern Bourgeoisie und Proletariat die beiden entscheidenden Klassen der Gesellschaft, der Kampf zwischen Beiden der Hauptkampf des Tages geworden. Die kommunistische Revolution wird daher keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern, d. h. wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein.“ ... (Siehe F. Engels, „Grundsätze des Kommunismus“.)

 

So liegen also die Dinge, Genossen.

Engels sagte, dass die proletarische Revolution, die das oben angeführte Programm zu verwirklichen hat, in einem einzelnen Lande nicht vor sich gehen könne. Die Tatsachen aber beweisen, dass wir unter den neuen Bedingungen des Klassenkampfs des Proletariats, unter den Bedingungen des Imperialismus, eine solche Revolution in einem einzelnen Lande, in unserem Lande, im Wesentlichen bereits durchgeführt und ihr Programm zu neun Zehntel verwirklicht haben.

Sinowjew mag sagen, dass wir mit der Durchführung dieses Programms, mit der Durchführung dieser Punkte einen Fehler begangen haben. (Heiterkeit.) Es ist sehr wohl möglich, dass wir uns mit der Durchführung dieser Punkte eine gewisse „nationale Beschränktheit” zuschulden kommen ließen. (Heiterkeit.) Das ist sehr wohl möglich. Eins steht jedoch fest, dass das, was Engels in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, unter den Verhältnissen des vormonopolistischen Kapitalismus, für ein einzelnes Land für undurchführbar und unmöglich hielt, unter den Verhältnissen des Imperialismus, in unserem Lande, durchführbar und möglich geworden ist.

Engels würde sich, wenn er noch lebte, natürlich nicht an die alte Formel klammern, sondern er würde im Gegenteil unsere Revolution aus vollem Herzen begrüßen und sagen: „Zum Teufel mit allen alten Formeln, es lebe die siegreiche Revolution in der UdSSR!” (Beifall.)

Nicht so die Herren aus dem Lager der Sozialdemokraten. Sie klammern sich an die alte Formel von Engels und verschanzen sich hinter ihr, um sich den Kampf gegen unsere Revolution, gegen die Bolschewiki zu erleichtern. Das ist natürlich ihre Sache. Schlecht ist nur, dass Sinowjew sich befleißigt, diese Herrschaften nachzuahmen, und dabei den Weg der Sozialdemokratie beschreitet.

Wenn ich die Formel von Engels zitiert und sie ausführlich dargelegt habe, so bin ich von drei Erwägungen ausgegangen:

Erstens wollte ich durch die Gegenüberstellung der Formel Lenins von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande und der Formel von Engels, die in der extremsten und schärfsten Form den Standpunkt der Marxisten der alten Periode zum Ausdruck bringt, größtmögliche Klarheit in der Frage schaffen;

zweitens wollte ich den Reformismus und Antirevolutionarismus der Sozialdemokratie, die ihren Opportunismus mit der Berufung auf die alte Formel von Engels zu bemänteln sucht, entlarven;

drittens wollte ich beweisen, dass Lenin der erste war, der die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande gelöst hat.

Man muss anerkennen, Genossen, dass gerade Lenin und kein anderer es war, der die Wahrheit entdeckte, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich ist. Man darf Lenin nicht absprechen, was ihm zu Recht gebührt. Man darf die Wahrheit nicht fürchten, man muss den Mut haben, die Wahrheit auszusprechen, man muss den Mut haben, offen auszusprechen, dass Lenin der erste Marxist war, der die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande auf neue Art gestellt und sie in positivem Sinne gelöst hat.

Ich will damit keineswegs sagen, dass Lenin als Denker über Engels oder Marx gestanden habe. Ich will damit nur zwei Dinge sagen.

Erstens : Man darf von Engels oder Marx, so geniale Denker sie auch gewesen sind, nicht verlangen, dass sie in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus alle Möglichkeiten des Klassenkampfs des Proletariats und der proletarischen Revolution, die erst ein halbes Jahrhundert später, in der Periode des entwickelten monopolistischen Kapitalismus, zutage traten, hätten voraussehen sollen.

Zweitens: Es ist nicht zu verwundern, dass Lenin als genialer Schüler von Engels und Marx die neuen Möglichkeiten der proletarischen Revolution unter den neuen Entwicklungsbedingungen des Kapitalismus zu erkennen vermochte und somit die Wahrheit entdeckte, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich ist.

Man muss es verstehen, zwischen Buchstaben und Wesen des Marxismus, zwischen einzelnen Lehrsätzen und der Methode des Marxismus zu unterscheiden. Lenin ist es deshalb gelungen, die Wahrheit zu entdecken, dass der Sozialismus in einem Lande siegen kann, weil er den Marxismus nicht für ein Dogma hielt, sondern für eine Anleitung zum Handeln, weil er nicht sklavisch am Buchstaben hing, sondern es verstand, das Wesentliche, das Grundlegende im Marxismus zu erfassen.

In seiner Schrift „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus” sagt Lenin darüber folgendes:

 

„Unsere Theorie ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln, pflegten Marx und Engels zu sagen, und der schwerste Fehler, das schwerste Verbrechen solcher ‚patentierten’ Marxisten wie Karl Kautsky, Otto Bauer u. a. besteht darin, dass sie das nicht begriffen, dass sie in den wichtigsten Augenblicken der Revolution des Proletariats nicht verstanden, nicht vermocht haben, diese Theorie anzuwenden.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 52 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 716].)

 

Das ist der Weg, der Weg von Marx, Engels und Lenin, den wir gehen und den wir auch in Zukunft gehen müssen, wenn wir konsequente Revolutionäre bleiben wollen.

Der Leninismus hat sich als Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution behauptet, weil er diesen Weg ging und diesen Weg auch weiter verfolgt. Von diesem Wege abweichen heißt in den Sumpf des Opportunismus geraten. Von diesem Wege abgleiten heißt in das Schlepptau der Sozialdemokratie geraten, was auch im vorliegenden Fall mit Sinowjew geschehen ist.

Sinowjew sagte hier, Marx und Engels hätten später die alte Formel von Engels abgeschwächt und die Möglichkeit gelten lassen, dass die proletarische Revolution auch in einzelnen Ländern beginnen könne. Er führte das Zitat von Engels an, dass „der Franzose anfangen und der Deutsche das Werk zu Ende führen werde” [95]. Das alles ist richtig. Das weiß heutzutage bereits jeder Schüler einer Partei- und Verwaltungsschule. Aber nicht darum handelt es sich jetzt. Eine Sache ist es zu sagen: Fange mit der Revolution an, in der allernächsten Zeit wird dich die siegreiche Revolution in anderen Ländern unterstützen, wobei du im Falle eines Sieges in den anderen Ländern auf den Sieg rechnen kannst. Das ist eine Sache. Eine ganz andere Sache ist es zu sagen: Fange mit der Revolution an und führe sie weiter in dem Bewusstsein, dass, selbst wenn der Sieg der Revolution in anderen Ländern in der nächsten Zeit ausbleibt, die Kampfbedingungen jetzt, in der Periode des entwickelten Imperialismus, derart sind, dass du dennoch siegen kannst, um dann die Revolution in anderen Ländern zu entfachen. Das ist eine andere Sache.

Und wenn ich die alte Formel von Engels zitiert habe, so habe ich das nicht getan, um an der Tatsache vorüberzugehen, dass Engels und Marx diese scharfe und extreme Formel später abgeschwächt haben, sondern

a) um durch die Gegenüberstellung der beiden gegensätzlichen Formeln Klarheit in der Frage zu schaffen;

b) um den Opportunismus der Sozialdemokratie bloßzulegen, die sich hinter der alten Formel von Engels zu verschanzen sucht;

c) um zu zeigen, dass Lenin der erste gewesen ist, der die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande auf neue Art gestellt und sie in positivem Sinne gelöst hat.

Wie Sie sehen, Genossen, hatte ich Recht, als ich sagte, dass Sinowjew die „Grundsätze des Kommunismus” nicht gelesen hat, und wenn er sie gelesen hat, dass er sie nicht verstanden hat, da er die alte Formel von Engels auf sozialdemokratische Weise behandelt und somit auf den Weg des Opportunismus hinab geglitten ist.

2. Einige Bemerkungen Lenins über die Diktatur des Proletariats

Ich sagte ferner in meinem Referat, dass wir in der Frage der Diktatur des Proletariats unter den Verhältnissen des entwickelten Imperialismus einen mehr oder minder analogen Fall haben. Ich sagte, dass Marx in der Frage der Diktatur des Proletariats, worunter die Zerschlagung des alten, bürgerlichen Staatsapparats und der Aufbau eines neuen, proletarischen Apparats zu verstehen ist, seinerzeit (in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts) eine Ausnahme gelten ließ für England und wohl auch für Amerika, wo Militarismus und Bürokratismus damals noch wenig entwickelt waren und wo damals die Möglichkeit bestehen konnte, die politische Herrschaft des Proletariats auf anderen, auf „friedlichen” Wegen zu erringen. Ich sagte, dass es damals richtig war, wenn Marx diese Ausnahme oder Einschränkung für England und Amerika gelten ließ, dass es Lenins Ansicht nach aber falsch und unangebracht wäre, wenn man sie auch heute noch, unter den Bedingungen des entwickelten Imperialismus, da Militarismus und Bürokratie in England und Amerika ebenso ins Kraut geschossen sind wie in anderen Ländern, gelten ließe.

Gestatten Sie, Genossen, dass ich mich auf Marx berufe. In einem seiner Briefe an Kugelmann schrieb Marx im April 1871:

 

„...Wenn Du das letzte Kapitel meines ,Achtzehnten Brumaire’ nachsiehst, wirst Du finden, dass ich als nächsten Versuch der französischen Revolution ausspreche, nicht mehr wie bisher die bürokratisch-militärische Maschinerie aus einer Hand in die andre zu übertragen, sondern sie zu zerbrechen..., und dies ist die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinents. Dies ist auch der Versuch unsrer heroischen Pariser Parteigenossen.” (Ich zitiere aus dem Buch Lenins „Staat und Revolution”, Bd. XXI, S. 394 [4. Ausgabe, Bd. 25, S. 3861387, deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 185].)

 

So schrieb Marx im Jahre 1871.

An dieses Zitat haben sich bekanntlich die Sozialdemokraten aller Schattierungen geklammert und in erster Linie Kautsky, der behauptete, dass die gewaltsame Revolution des Proletariats gar nicht die unbedingt erforderliche Methode der Entwicklung zum Sozialismus sei, dass unter der Diktatur des Proletariats nicht unbedingt die Zerschlagung des alten, bürgerlichen Staatsapparats und der Aufbau eines neuen, proletarischen Apparats zu verstehen sei, dass der friedliche Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus eben der Weg sei, für den das Proletariat kämpfen müsse.

Wie reagierte Genosse Lenin darauf? Er schrieb darüber in seinem Buch „Staat und Revolution” folgendes:

 

„Es ist von Interesse, zwei Stellen aus der angeführten Betrachtung von Marx besonders hervorzuheben. Erstens beschränkt er seine Schlussfolgerung auf den Kontinent. Das war 1871 verständlich, als England noch das Muster eines rein kapitalistischen Landes war, aber eines Landes ohne Militarismus und in hohem Grade ohne Bürokratie. Marx schloss daher England aus, wo eine Revolution und selbst eine Volksrevolution ohne die Vorbedingung der Zerstörung der ‚fertigen Staatsmaschine’ damals möglich zu sein schien und möglich war.

Jetzt, im Jahre 1917, in der Epoche des ersten großen imperialistischen Krieges, fällt diese Einschränkung von Marx fort. Sowohl England als auch Amerika, die größten und letzten Vertreter angelsächsischer ‚Freiheit’ in der Welt, im Sinne des Fehlens von Militarismus und Bürokratismus, sind vollständig in den allgemeinen europäischen, schmutzigen, blutigen Sumpf der bürokratisch-militärischen Institutionen hinab gesunken, die sich alles unterordnen, die alles erdrücken. Jetzt bildet sowohl für England als auch für Amerika die Zerbrechung, die Zerstörung der ‚fertigen Staatsmaschine’ (die dort in den Jahren 1914 bis 1917 die ‚europäische’ allgemein-imperialistische Vollkommenheit erreicht hat) die ‚Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution’.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 25, S. 387 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 186].)

 

Sie sehen, dass wir es hier mit einem Fall zu tun haben, der dem Fall mehr oder weniger analog ist, über den ich im Zusammenhang mit der alten Formel von Engels über den Sieg des Sozialismus berichtet habe.

Die Einschränkung beziehungsweise Ausnahme, die Marx für England und Amerika gelten ließ, hatte ihre Berechtigung, solange es in diesen Ländern keinen entwickelten Militarismus und keine entwickelte Bürokratie gab. Diese Einschränkung fiel Lenins Ansicht nach unter den neuen Verhältnissen des monopolistischen Kapitalismus fort, als sich Militarismus und Bürokratie in England und Amerika nicht weniger, wenn nicht gar mehr entwickelt hatten als in den Ländern des europäischen Kontinents.

Daher ist die gewaltsame Revolution des Proletariats, die Diktatur des Proletariats, in ausnahmslos allen imperialistischen Staaten die unumgängliche und unbedingte Voraussetzung für die Entwicklung zum Sozialismus.

Daher verteidigen die Opportunisten aller Länder, die sich an die von Marx bedingt gemachte Einschränkung klammern und gegen die Diktatur des Proletariats ins Feld ziehen, nicht den Marxismus, sondern ihre eigene, opportunistische Sache.

Lenin kam zu dieser Schlussfolgerung, weil er es verstand, zwischen Buchstaben des Marxismus und Wesen des Marxismus zu unterscheiden, weil er den Marxismus nicht als Dogma, sondern als Anleitung zum Handeln betrachtete.

Es wäre sonderbar, wollte man verlangen, dass Marx alle und jegliche Möglichkeiten der zukünftigen Entwicklung des Kapitalismus und des Klassenkampfs auf Jahrzehnte hinaus hätte voraussehen sollen. Es wäre aber noch sonderbarer, wollte man sich darüber wundern, dass Lenin diese Möglichkeiten unter den neuen Entwicklungsbedingungen des Kapitalismus, als diese Möglichkeiten zutage getreten waren und sich in einem mehr als ausreichenden Maße entwickelt hatten, erkannte und verallgemeinerte.

Hier wurde, ich glaube, von Rjasanow eingeworfen, die von Marx für England und Amerika gemachte Einschränkung sei nicht nur unter den gegenwärtigen Bedingungen des Klassenkampfs falsch, sondern sie sei auch unter den Bedingungen falsch gewesen, als Marx diese Einschränkung machte. Ich bin mit Rjasanow nicht einverstanden. Ich denke, Rjasanow irrt sich. Jedenfalls ist Lenin hierüber anderer Meinung, da er ganz eindeutig erklärte, dass Marx Recht hatte, als er für das England und Amerika der 70er Jahre eine solche Einschränkung gelten ließ.

In seiner Schrift „über die Naturalsteuer” schreibt Genosse Lenin darüber folgendes:

 

„Als wir im ZEK mit Bucharin stritten, bemerkte er unter anderem: In der Frage der hohen Gehälter für die Spezialisten stehen ,wir’ ,rechts von Lenin’, denn wir sehen hier keinerlei Abweichung von den Prinzipien, eingedenk der Worte von Marx, dass es unter gewissen Umständen für die Arbeiterklasse am zweckmäßigsten wäre, ,die ganze Bande auszukaufen’ (nämlich die Bande der Kapitalisten, d. h. bei der Bourgeoisie das Land, die Fabriken, die Werke und sonstigen Produktionsmittel auszukaufen). Das ist eine außerordentlich interessante Bemerkung.” „...Man versuche, sich in den Gedanken von Marx hineinzudenken. Die Rede war von dem England der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, von der Kulminationsperiode des vormonopolistischen Kapitalismus, von einem Lande, das damals am wenigsten Militarismus und Bürokratie kannte, einem Land, in dem damals die Möglichkeit eines ,friedlichen’ Sieges des Sozialismus im Sinne des ,Auskaufs’ der Bourgeoisie durch die Arbeiter am meisten vorhanden war. Und Marx sagte: Unter gewissen Umständen werden es die Arbeiter keineswegs ablehnen, die Bourgeoisie auszukaufen. Marx band sich - und den künftigen Führern der sozialistischen Revolution - nicht die Hände in bezug auf die Formen, die Methoden, die Art und Weise der Umwälzung, denn er wusste sehr gut, was für eine Unmenge neuer Probleme dann erstehen wird, wie sich im Laufe der Umwälzung die gesamte Situation ändern, wie oft und wie stark sie sich im Laufe der Umwälzung ändern wird. Nun, und ist es denn in Sowjetrußland nach der Eroberung der Macht durch das Proletariat, nach der Unterdrückung des militärischen Widerstandes und der Sabotage der Ausbeuter nicht augenscheinlich, dass einige Bedingungen sich nach der Art gestaltet haben, wie sie vor einem halben Jahrhundert in England möglich gewesen wären, wenn es damals friedlich begonnen hätte, zum Sozialismus überzugehen? Die Unterordnung der Kapitalisten unter die Arbeiter hätte damals in England durch folgende Umstände gewährleistet werden können: 1. durch das völlige überwiegen der Arbeiter, der Proletarier in der Bevölkerung, da eine Bauernschaft nicht vorhanden war (in England waren in den 70er Jahren Anzeichen vorhanden, die auf außerordentlich rasche Erfolge des Sozialismus unter den Landarbeitern hoffen ließen); 2. durch die ausgezeichnete Organisiertheit des Proletariats in den Gewerkschaften (England war damals in dieser Hinsicht das erste Land der Welt); 3. durch das verhältnismäßig hohe Kulturniveau des Proletariats, das durch die Schule einer jahrhundertelangen Entwicklung der politischen Freiheit gegangen war; 4. durch die lange Gewohnheit der ausgezeichnet organisierten Kapitalisten Englands - damals waren sie die bestorganisierten Kapitalisten der Welt (jetzt hat Deutschland dieses Primat übernommen) -, politische und wirtschaftliche Fragen durch Kompromisse zu lösen. Infolge eben dieser Umstände konnte damals der Gedanke entstehen, dass eine friedliche Unterordnung der Kapitalisten Englands unter seine Arbeiter möglich sei... Marx hatte im höchsten Grade recht, als er die Arbeiter lehrte, dass es wichtig sei, die Organisation der Großproduktion gerade im Interesse der Erleichterung des Übergangs zum Sozialismus zu erhalten, und dass der Gedanke durchaus zulässig sei, die Kapitalisten gut zu bezahlen, sie auszukaufen, wenn (als Ausnahme: England war damals eine Ausnahme) die Umstände sich so gestalten, dass sie die Kapitalisten zwingen, sich friedlich zu fügen und in kultivierter, organisierter Weise, unter der Bedingung des Auskaufs, zum Sozialismus überzugehen.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 315-317 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 832-834].)

 

Offensichtlich hat hier Lenin Recht und nicht Rjasanow.

3. Über die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung
der kapitalistischen Länder

Ich sagte in meinem Referat, dass Lenin das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der kapitalistischen Länder entdeckt und begründet hat, dass Lenin, ausgehend von diesem Gesetz, ausgehend von der Tatsache der Zunahme und Verschärfung der Ungleichmäßigkeit, zur Idee der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande gekommen ist. Trotzki und Sinowjew wandten sich gegen diesen Leitsatz. Trotzki sagte, dieser Leitsatz Lenins sei theoretisch falsch. Und Sinowjew erklärte im Verein mit Trotzki, dass die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung früher, in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus, größer gewesen sei als heute, in der Periode des monopolistischen Kapitalismus, dass man die Idee der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande nicht mit dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der kapitalistischen Entwicklung in Zusammenhang bringen dürfe.

Dass sich Trotzki gegen Lenins bekannten theoretischen Satz von dem Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung wendet, nimmt nicht wunder, denn es ist bekannt, dass dieses Gesetz Trotzkis Theorie der permanenten Revolution über den Haufen wirft.

Außerdem gleitet Trotzki hier unverkennbar auf einen philisterhaften Standpunkt ab. Er verwechselt hier die ökonomische Ungleichheit der einzelnen Länder in der Vergangenheit - eine Ungleichheit, die nicht immer eine sprunghafte Entwicklung dieser Länder zur Folge hatte und auch nicht zur Folge haben konnte - mit der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung in der Periode des Imperialismus, in der die ökonomische Ungleichheit zwischen den Ländern geringer ist, als sie in der Vergangenheit war, die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung aber unvergleichlich größer ist als früher und schärfer zutage tritt als früher, wobei diese Ungleichmäßigkeit un-bedingt und unvermeidlich zu einer Sprunghaftigkeit der Entwicklung führt, dazu führt, dass die industriell zurückgebliebenen Länder in mehr oder weniger kurzer Zeit die vorausgeeilten Länder überholen und somit zwangsläufig die Voraussetzungen für gewaltige imperialistische Kriege und für die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande geschaffen werden.

Es braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden, dass eine derartige Vermengung zweier verschiedenartiger Begriffe nicht von einem hohen „theoretischen” Niveau Trotzkis zeugt noch zeugen kann.

Ich kann aber Sinowjew nicht begreifen, der doch ein Bolschewik war und einige Ahnung vom Bolschewismus hatte. Wie kann man behaupten, die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung sei früher größer gewesen als jetzt, unter den Bedingungen des monopolistischen Kapitalismus, ohne Gefahr zu laufen, in den Sumpf des Ultraimperialismus und des Kautskyanertums zu geraten? Wie kann man behaupten, die Idee des Sieges des Sozialismus in einem Lande hänge nicht mit dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung zusammen? Ist denn etwa nicht bekannt, dass Lenin diese Idee gerade aus dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung herleitete? Wovon zeugen zum Beispiel folgende Worte Lenins:

 

„Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 311 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. I, S. 753].)

 

Wovon geht das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung aus? Es geht von folgendem aus:

1. Der alte, vormonopolistische Kapitalismus hat sich zum monopolistischen Kapitalismus, zum Imperialismus, entwickelt, ist in diesen umgeschlagen;

2. die Aufteilung der Welt in Einflusssphären der imperialistischen Gruppen und Mächte ist bereits beendet;

3. die Entwicklung der Weltwirtschaft vollzieht sich unter den Bedingungen eines verzweifelten, auf Tod und Leben geführten Kampfes der imperialistischen Gruppen um Märkte, um Rohstoffe, um die Erweiterung der alten Einflusssphären;

4. diese Entwicklung geht nicht gleichmäßig, sondern sprunghaft vor sich, so, dass die vorausgeeilten Mächte von den Märkten verdrängt werden und neue Mächte in den Vordergrund rücken;

5. diese Entwicklungsweise wird dadurch bedingt, dass die einen imperialistischen Gruppen die Möglichkeit haben, in schnellstem Tempo ihre Technik zu entwickeln, ihre Waren zu verbilligen und Märkte an sich zu reißen, was auf Kosten der anderen imperialistischen Gruppen geht;

6. periodische Neuaufteilungen der bereits aufgeteilten Welt werden somit zu einer absoluten Notwendigkeit;

7. diese Neuaufteilungen können somit nur auf gewaltsamem Wege vorgenommen werden, durch Überprüfung der Macht dieser oder jener imperialistischen Gruppe mittels Gewalt;

8. dieser Umstand muss zwangsläufig zu verstärkten Konflikten und zu gewaltigen Kriegen zwischen den imperialistischen Gruppen führen;

9. eine solche Lage führt unvermeidlich zur gegenseitigen Schwächung der Imperialisten und ermöglicht die Durchbrechung der imperialistischen Front in einzelnen Ländern;

10. die Möglichkeit der Durchbrechung der imperialistischen Front in einzelnen Ländern schafft günstige Voraussetzungen für den Sieg des Sozialismus in einem Lande.

Was ist für die Verschärfung der Ungleichmäßigkeit und die entscheidende Bedeutung der ungleichmäßigen Entwicklung unter den Bedingungen des Imperialismus bestimmend?

Zwei Hauptumstände:

erstens, dass die Aufteilung der Welt unter den imperialistischen Gruppen beendet ist, dass es auf der Welt keine „freien” Gebiete mehr gibt und dass zur Herstellung eines ökonomischen „Gleichgewichts” die Neuaufteilung des Aufgeteilten vermittels imperialistischer Kriege eine absolute Notwendigkeit ist;

zweitens, dass die noch nie dagewesene kolossale Entwicklung der Technik im weitesten Sinne des Wortes es den einen imperialistischen Gruppen erleichtert, andere imperialistische Gruppen im Kampf um die Eroberung von Märkten, im Kampf um die Besitzergreifung von Rohstoffquellen usw. zu überholen und ihnen den Rang abzulaufen.

Aber erst in der Periode des entwickelten Imperialismus gelangten diese Umstände zu voller Entwicklung und erreichten ihren Höhepunkt. Und es konnte ja auch gar nicht anders sein, denn erst in der Periode des Imperialismus konnte die Aufteilung der Welt beendet werden, und die kolossalen technischen Möglichkeiten stellten sich erst in der Periode des entwickelten Imperialismus ein.

Dadurch ist auch die Tatsache zu erklären, dass, wenn früher England in industrieller Hinsicht an der Spitze aller Staaten stehen und den ersten Platz jahrhundertelang behaupten konnte, Deutschland später, in der Periode des monopolistischen Kapitalismus, nur etwa zwei Jahrzehnte brauchte, um damit zu beginnen, England den Rang abzulaufen, während Amerika noch weniger Zeit brauchte, um die europäischen Staaten zu überholen.

Wie kann man nach alledem behaupten, die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung sei früher größer gewesen als jetzt, die Idee der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande stehe nicht mit dem Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus in der Periode des Imperialismus im Zusammenhang?

Ist etwa nicht klar, dass nur theoretisierende Philister die frühere ökonomische Ungleichheit der Industrieländer mit dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung verwechseln können, das erst in der Periode des entwickelten monopolistischen Kapitalismus mit besonderer Kraft und Schärfe wirkt?

Ist etwa nicht klar, dass nur völlige Ignoranz auf dem Gebiet des Leninismus Sinowjew und seine Freunde zu den mehr als sonderbaren Einwänden gegen Lenins bekannte Leitsätze veranlassen konnte, die mit dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der kapitalistischen Länder im Zusammenhang stehen?

 

II
KAMENEW SÄUBERT TROTZKI DEN WEG

 

Was ist der eigentliche Sinn der Ausführungen Kamenews auf dieser Konferenz? Wenn man von einigen Bagatellen und von Kamenews üblicher Diplomatie absieht, so liegt der Sinn seiner Ausführungen darin, Trotzki die Verteidigung seines Standpunkts, den Kampf gegen den Leninismus in der grundlegenden Frage, der Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande, zu erleichtern.

Zu diesem Zweck hat sich Kamenew der „Mühe” unterzogen, den Beweis zu führen, dass Lenins grundlegender Artikel (1915), der von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande handelt, sich angeblich nicht auf Rußland beziehe, dass Lenin, als er von dieser Möglichkeit sprach, nicht Rußland, sondern andere kapitalistische Länder im Auge gehabt habe. Kamenew hat sich dieser zweifelhaften „Mühe” unterzogen, um Trotzki, dessen „Schema” der Artikel Lenins aus dem Jahre 1915 vernichtet und vernichten musste, den Weg zu säubern.

Grob gesagt, hat Kamenew sozusagen die Rolle eines Hausknechts Trotzkis übernommen (Heiterkeit), der ihm den Weg säubert. Der Direktor des Lenin-Instituts in der Rolle eines Hausknechts Trotzkis - das ist natürlich ein trauriger Anblick, nicht weil die Arbeit eines Hausknechts etwas Schlechtes wäre, sondern weil Kamenew, der zweifelsohne ein Mann von Bildung ist, glaube ich, sich mit einer anderen, qualifizierteren Arbeit befassen könnte. (Heiterkeit.) Er hat jedoch diese Rolle freiwillig übernommen, was natürlich sein volles Recht ist, und dagegen lässt sich nichts machen.

Wir wollen nun sehen, ob Kamenew dieser mehr als sonderbaren Rolle gerecht geworden ist.

Kamenew erklärte in seiner Rede, dass die von Lenin in seinem Artikel vom Jahre 1915 aufgestellte Grundthese, die These, die für die gesamte Linie unserer Revolution und unseres Aufbaus bestimmend war, dass diese These von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande sich nicht auf Rußland beziehe und auch nicht beziehen könne und dass Lenin, als er von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande sprach, nicht Rußland, sondern nur andere kapitalistische Länder im Auge gehabt habe. Das ist unglaublich und ungeheuerlich, das sieht einer direkten Verleumdung des Genossen Lenin sehr ähnlich, aber Kamenew kümmert es augenscheinlich nicht, wie die Partei über eine derartige Verfälschung Lenins urteilt. Er ist nur um eins besorgt: Trotzki um jeden Preis den Weg zu säubern.

Wie versucht er nun, diese sonderbare Behauptung zu begründen?

Er erklärt, Genosse Lenin habe zwei Wochen nach dem erwähnten Artikel die bekannten Thesen [96] über den Charakter der bevorstehenden Revolution in Rußland aufgestellt, worin er gesagt habe, die Aufgabe der Marxisten erschöpfe sich darin, den Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland zu erringen; Lenin sei, als er dies sagte, davon ausgegangen, die Revolution in Rußland müsse in ihrer bürgerlichen Phase stecken bleiben und könne nicht in die sozialistische Revolution hinüberwachsen. Nun, da aber Lenins Artikel über die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande nicht von der bürgerlichen Revolution, sondern von der sozialistischen Revolution handelt, so sei es klar, dass Lenin in diesem Artikel nicht Rußland im Auge haben konnte.

Demnach hat also Lenin Kamenew zufolge den Schwung der russischen Revolution wie ein linker bürgerlicher Revolutionär oder wie ein Reformist vom Schlage der Sozialdemokraten aufgefasst, die der Meinung sind, dass die bürgerliche Revolution nicht in die sozialistische Revolution hinüberwachsen dürfe, die der Meinung sind, dass zwischen der bürgerlichen und der sozialistischen Revolution eine lange geschichtliche Zwischenzeit, eine lange Pause, eine Zeitspanne von wenigstens einigen Jahrzehnten liegen müsse, in deren Verlauf der Kapitalismus weiter gedeihen, das Proletariat aber dahinvegetieren werde.

Demnach wäre es so, dass Lenin im Jahre 1915, als er seinen Artikel schrieb, nicht daran dachte, nicht gewillt war und nicht danach strebte, nach dem Siege der bürgerlichen Revolution unverzüglich von dieser zur sozialistischen Revolution überzugehen.

Sie werden sagen, dass dies unglaublich und ungeheuerlich ist. Ja, diese Behauptung Kamenews ist tatsächlich unglaublich und ungeheuerlich. Aber Kamenew lässt sich dadurch nicht beirren.

Gestatten Sie, dass ich einige Dokumente anführe, die davon zeugen, dass Kamenew die Auffassung des Genossen Lenin in dieser Frage gröblich verfälscht.

Schon im Jahre 1905, als der Schwung der russischen Revolution noch nicht so mächtig war noch sein konnte, wie er späterhin, im Ergebnis des imperialistischen Krieges, im Februar 1917 wurde, schrieb Genosse Lenin über den Charakter der russischen Revolution folgendes:

 

„Von der demokratischen Revolution werden wir sofort, und zwar nach Maßgabe unserer Kraft, der Kraft des klassenbewussten und organisierten Proletariats, den Übergang zur sozialistischen Revolution beginnen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 9, S. 213 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. I, S. 541].)

 

Dieses Zitat ist einem Artikel Lenins entnommen, der im September 1905 erschien.

Hat Kamenew von der Existenz dieses Artikels Kenntnis? Ich denke, der Direktor des Lenin-Instituts muss von seiner Existenz Kenntnis haben.

Es ergibt sich somit, dass Lenin sich den Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution nicht als Abschluss des Kampfes des Proletariats und der Revolution überhaupt vorstellte, sondern als erste Etappe und Übergangsstufe zur sozialistischen Revolution.

Aber vielleicht hat Lenin späterhin seine Auffassung über den Charakter und den Schwung der russischen Revolution geändert? Nehmen wir ein anderes Dokument. Ich denke an einen Artikel Lenins, der im November 1915 erschien, drei Monate nach Erscheinen des grundlegenden Artikels des Genossen Lenin über die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande. Darin heißt es:

 

„Das Proletariat kämpft - und wird selbstlos weiterkämpfen - für die Eroberung der Macht, für die Republik, für die Konfiszierung der Ländereien, das heißt für die Heranziehung der Bauernschaft, für die Ausschöpfung ihrer revolutionären Kräfte, für die Beteiligung der ,nichtproletarischen Volksmassen’ an der Befreiung des bürgerlichen Rußlands vom militärisch-feudalen ,Imperialismus’ (= Zarismus). Und diese Befreiung des bürgerlichen Rußlands vom Zarismus, von der Herrschaft der Gutsbesitzer über den Boden, wird das Proletariat unverzüglich, ausnutzen, nicht um den wohlhabenden Bauern in ihrem Kampf gegen die Landarbeiter zu helfen, sondern um die sozialistische Revolution, im Bunde mit den Proletariern Europas zu vollbringen,” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 382/383, russ.)

 

Wie Sie sehen, ging Lenin sowohl hier als auch in dem vorhergehenden Zitat, sowohl im Jahre 1905 als auch im Jahre 1915, in gleicher Weise davon aus, dass die bürgerliche Revolution in Rußland in die sozialistische Revolution hinüberwachsen muss, dass der Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland die erste Etappe der russischen Revolution ist, die notwendig ist, um unverzüglich zu ihrer zweiten Etappe, zur sozialistischen Revolution, übergehen zu können.

Nun, und wie ist es um die Thesen Lenins vom Jahre 1915 bestellt, auf die sich Kamenew in seiner Rede berief und in denen von den Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland die Rede ist? Widersprechen nicht diese Thesen der Idee des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die sozialistische Revolution? Natürlich nicht. Im Gegenteil, diesen Thesen liegt gerade die Idee des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die sozialistische Revolution, die Idee des Hinüberwachsens der ersten Etappe der russischen Revolution in die zweite Etappe, zugrunde. Erstens sagt Lenin in diesen Thesen gar nicht, dass der Schwung der russischen Revolution und die Aufgaben der Marxisten in Rußland mit dem Sturz des Zaren und der Gutsbesitzer, mit den Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution erschöpft seien. Zweitens beschränkt sich Lenin in diesen Thesen auf die Kennzeichnung der Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution, weil er diese Revolution als erste Etappe und als nächste Aufgabe der russischen Marxisten betrachtet. Drittens geht Lenin davon aus, dass die russischen Marxisten die Lösung ihrer Aufgaben nicht mit der zweiten Etappe beginnen sollen (wie das Trotzki nach dem Schema „Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung” vorgeschlagen hat), sondern mit der ersten Etappe, mit der Etappe der bürgerlich-demokratischen Revolution.

Gibt es hier irgendeinen Widerspruch, oder auch nur die Spur eines Widerspruchs zu der Idee des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die sozialistische Revolution? Es ist klar, dass das nicht der Fall ist.

Es ergibt sich, dass Kamenew ganz offensichtlich Lenins Standpunkt verfälscht hat.

Wir haben aber außer den von Lenin verfassten Dokumenten noch andere Zeugen, die gegen Kamenew sprechen. Wir haben außerdem lebende Zeugen, wie zum Beispiel Trotzki, wie unsere XIV. Parteikonferenz und schließlich, so sonderbar das auch klingen mag, wie Kamenew und Sinowjew selbst.

Bekanntlich erschien Lenins Artikel über die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande im Jahre 1915. Bekanntlich beantwortete Trotzki, der damals gegen Genossen Lenin in der Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande polemisierte, diesen Artikel sogleich, das heißt auch noch im Jahre 1915, mit einem speziellen kritischen Artikel. Was sagte Trotzki damals, im Jahre 1915, in seinem kritischen Artikel? Wie beurteilte er den Artikel des Genossen Lenin? Fasste er ihn so auf, dass Lenin, als er vom Siege des Sozialismus in einem Lande sprach, nicht Rußland im Auge gehabt habe, oder aber fasste er ihn irgendwie anders auf, sagen wir, so wie wir ihn heute alle auffassen? Hier eine Stelle aus diesem Artikel Trotzkis:

 

„Das einzige einigermaßen konkrete historische Argument gegen die Losung der Vereinigten Staaten wurde im schweizerischen ‚Sozialdemokrat’ (dem damaligen Zentralorgan der Bolschewiki, in dem auch der oben erwähnte Artikel Lenins veröffentlicht wurde. J. St.) in folgendem Satz formuliert: ‚Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus.’ Daraus zog der ‚Sozialdemokrat’ den Schluss, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich sei und dass es deshalb nicht notwendig sei, die Diktatur des Proletariats in jedem einzelnen Staat von der Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa abhängig zu machen... Dass kein einziges Land in seinem Kampfe auf die anderen ‚warten’ soll, ist ein elementarer Gedanke, den zu wiederholen nützlich und notwendig ist, damit nicht die Idee der parallelen internationalen Tat durch die Idee der abwartenden internationalen Untätigkeit ersetzt werde. Ohne auf die anderen zu warten, beginnen wir den Kampf auf nationalem Boden und setzen ihn hier fort, in der vollen Überzeugung, dass unsere Initiative dem Kampf in den anderen Ländern einen Anstoß geben wird; wenn das aber nicht geschehen sollte, dann wäre es aussichtslos, zu glauben - davon zeugen sowohl die geschichtlichen Erfahrungen als auch theoretische Erwägungen -, dass zum Beispiel ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten’ oder ein sozialistisches Deutschland in der kapitalistischen Welt isoliert bleiben könnte.“ (Siehe Trotzkis Schriften, Bd. III, Teil 1, S.89190.)

 

Es ergibt sich, dass Trotzki Lenins Artikel damals nicht so auffasste, wie Kamenew ihn jetzt „aufzufassen” bemüht ist, sondern so, wie er von Lenin gemeint war, wie ihn die Partei auffasst und wie wir alle ihn auffassen, sonst hätte Trotzki seine Polemik gegen Lenin nicht mit dem Argument bezüglich Rußlands bekräftigt.

Es ergibt sich, dass Trotzki hier, in diesem Zitat, gegen seinen jetzigen Bundesgenossen, gegen Kamenew, Zeugnis ablegt.

Warum aber ist er dann auf dieser Konferenz nicht gegen Kamenew aufgetreten? Warum hat Trotzki hier nicht offen und ehrlich erklärt, dass Kamenew Lenin ganz offensichtlich verfälscht? Glaubt Trotzki denn, dass sein Stillschweigen in diesem Fall als Beispiel ehrlicher Polemik gelten kann? Trotzki ist hier eben deshalb nicht gegen Kamenew aufgetreten, weil er offenbar nicht in das zweifelhafte „Geschäft” einer direkten Verleumdung Lenins verstrickt werden wollte - diese schmutzige Arbeit hat er Kamenew überlassen.

Welche Stellung aber nimmt die Partei, zum Beispiel die XIV. Parteikonferenz, zu dieser Frage ein? In der Resolution der XIV. Parteikonferenz, in der die Frage der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande behandelt wird, heißt es hierzu:

 

„Aus der ,Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung, die ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus ist’, folgerte Genosse Lenin mit Recht zweierlei: a) die Möglichkeit des ,Sieges des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande’, und b) die Möglichkeit, dass diese wenigen Länder oder sogar dieses eine Land nicht unbedingt die Länder des am stärksten entwickelten Kapitalismus sein werden (siehe insbesondere die Aufzeichnungen über Suchanow). Die Erfahrung der russischen Revolution hat bewiesen’, dass dieser ursprüngliche Sieg in einem Lande nicht nur möglich ist, sondern dass bei einer Reihe günstiger Umstände dieses erste Land der siegreichen proletarischen Revolution sich (bei gewisser Unterstützung durch das internationale Proletariat) auf lange Zeit behaupten und festigen kann, auch dann, wenn diese Unterstützung nicht die Form direkter proletarischer Revolutionen in anderen Ländern annimmt.” (Aus der Resolution der XIV. Parteikonferenz „über die Aufgaben der Komintern und der KPR(B) im Zusammenhang mit dem erweiterten Plenum des EKKI“ [97].)

 

Es ergibt sich, dass die Partei als Ganzes, vertreten durch ihre XIV. Konferenz, gegen Kamenew Zeugnis ablegt, gegen seine Behauptung, Lenin habe in seinem Artikel über den Sieg des Sozialismus in einem Lande nicht Rußland im Auge gehabt. Sonst hätte die Konferenz nicht gesagt, „die Erfahrung der russischen Revolution hat bewiesen”, dass Lenins bekannter Artikel über den Sieg des Sozialismus in einem Lande richtig ist.

Es ergibt sich, dass die XIV. Parteikonferenz den Artikel des Genossen Lenin so aufgefasst hat, wie er von Lenin gemeint war, wie ihn Trotzki auffasste und wie wir ihn alle auffassen.

Wie aber verhielten sich Kamenew und Sinowjew zu dieser Resolution der XIV. Parteikonferenz? Ist es etwa nicht Tatsache, dass der Resolutionsentwurf von einer Kommission, der Sinowjew und Kamenew angehörten, ausgearbeitet und einstimmig angenommen wurde? Ist es etwa nicht Tatsache, dass Kamenew auf der XIV. Parteikonferenz, die die oben erwähnte Resolution einstimmig annahm, den Vorsitz führte und dass Sinowjew das Referat zu dieser Resolution hielt? Wie konnte es geschehen, dass Kamenew und Sinowjew für diese Resolution in allen ihren Punkten stimmten? Ist denn nicht klar, dass Kamenew Lenins Artikel, aus dem ein Zitat direkt in die Resolution der XIV. Parteikonferenz aufgenommen wurde, damals anders auffasste, als er ihn jetzt „aufzufassen” bemüht ist? Welchem Kamenew soll man nun glauben: dem, der als Vorsitzender der XIV. Parteikonferenz für die Resolution der XIV. Parteikonferenz gestimmt hat, oder dem, der jetzt auf der XV. Parteikonferenz die Rolle des Hausknechts Trotzkis spielt?

Es ergibt sich, dass der Kamenew der XIV. Parteikonferenz gegen den Kamenew der XV. Parteikonferenz Zeugnis ablegt.

Weshalb aber schweigt Sinowjew und versucht nicht, Kamenew zu korrigieren, der ganz offensichtlich sowohl Lenins Artikel vom Jahre 1915 als auch die Resolution der XIV. Parteikonferenz verfälscht? Ist es etwa nicht Tatsache, dass kein anderer als Sinowjew die Resolution über den Sieg des Sozialismus in einem Lande auf der XIV. Parteikonferenz verteidigte?

Es ergibt sich, dass Sinowjew hier keine ganz saubere Weste hat. (Zurufe: „Eine ganz und gar unsaubere.”) Wo bleibt denn hier die ehrliche Polemik?

Es ergibt sich, dass Kamenew und Sinowjew jetzt nichts an einer ehrlichen Polemik gelegen ist.

Und die Schlussfolgerung? Die Schlussfolgerung ist die, dass Kamenew es nicht verstanden hat, die Rolle eines Hausknechts Trotzkis zu spielen. Er hat die Hoffnungen Trotzkis getäuscht.

 

III
HEILLOSES DURCHEINANDER,
ODER SINOWJEW ÜBER REVOLUTIONÄREN
GEIST UND INTERNATIONALISMUS

 

Ich komme zu Sinowjew. Während Kamenew sich in seiner ganzen Rede befleißigt, Trotzki den Weg zu säubern, übernahm Sinowjew die Aufgabe, den Beweis dafür zu erbringen, dass die Führer der Opposition die einzigen Revolutionäre und einzigen Internationalisten auf der ganzen Welt seien.

Untersuchen wir seine „Argumente”.

Er knüpft an die Worte Bucharins an, dass man bei der Behandlung von Fragen inneren Charakters (Aufbau des Sozialismus) methodologisch von den Fragen äußeren Charakters absehen müsse; er vergleicht dann diesen Satz Bucharins mit den Thesen über den Oppositionsblock, in denen von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in unserem Lande die Rede ist und gelangt zu dem Schluss, dass Bucharin und das ZK, das die Thesen im wesentlichen bestätigt hat, somit die internationalen Aufgaben unserer Revolution, die Interessen der internationalen Revolution angeblich außer acht lassen.

Stimmt das alles? Das alles ist Unsinn, Genossen. Das ganze Geheimnis besteht darin, dass Sinowjew in Fragen der Methodologie schwach ist, dass er die einfachsten Dinge nicht auseinander halten kann und seine eigene Verworrenheit für die Wirklichkeit ausgibt. Bucharin sagt, man dürfe die Fragen des Aufbaus des Sozialismus nicht mit den Fragen der Schaffung einer Garantie gegen Interventionen in unser Land, die inneren Fragen nicht mit den äußeren Fragen verwechseln. Bucharin sagt keineswegs, dass die inneren Fragen mit den äußeren, den internationalen Fragen, nicht im Zusammenhang stünden. Er sagt lediglich, dass man die Fragen der ersten Kategorie nicht mit den Fragen der zweiten Kategorie durcheinander bringen darf. Das ist eine grundlegende und elementare Forderung der Methodologie. Wen trifft denn die Schuld, wenn Sinowjew die elementaren Fragen der Methodologie nicht begreift?

Wir gehen davon aus, dass unser Land zwei Gruppen von Gegensätzen aufweist: innere Gegensätze und äußere Gegensätze. Die inneren Gegensätze bestehen vor allem im Kampf zwischen den sozialistischen und den kapitalistischen Elementen. Wir sagen, dass wir diese Gegensätze aus eigener Kraft überwinden können, dass wir die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft besiegen, die Hauptmassen der Bauernschaft in den sozialistischen Aufbau einbeziehen und die sozialistische Gesellschaft errichten können.

Die äußeren Gegensätze bestehen im Kampf zwischen dem Land des Sozialismus und der kapitalistischen Umwelt. Wir sagen, dass wir diese Gegensätze nicht aus eigener Kraft beseitigen können, dass zur Beseitigung dieser Gegensätze der Sieg des Sozialismus, zumindest in einigen Ländern, notwendig ist. Eben deshalb sagen wir auch, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande nicht Selbstzweck ist, sondern Stütze, Mittel und Instrument für den Sieg der proletarischen Revolution in allen Ländern.

Ist das alles richtig? Möge Sinowjew den Beweis erbringen, dass das falsch ist.

Es ist Sinowjews Pech, dass er den Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen von Gegensätzen nicht sieht, dass er sie heillos durcheinanderbringt und seine eigene Verworrenheit für „wahren” Internationalismus ausgibt, in der Meinung, dass man, wenn man bei der Untersuchung von Fragen inneren Charakters methodologisch von den Fragen äußeren Charakters absieht, die Interessen der internationalen Revolution außer acht lässt.

Das ist lächerlich genug, aber man muss sich darüber klar werden, dass es nicht überzeugend ist.

Was die Thesen betrifft, die angeblich das internationale Moment unserer Revolution außer acht lassen, so braucht man diese Thesen nur durchzulesen, um zu erkennen, dass sich Sinowjew wiederum verheddert hat. In den Thesen wird folgendes gesagt:

„Die Partei geht davon aus, dass unsere Revolution eine sozialistische Revolution ist, dass die Oktoberrevolution nicht nur Signal, Anstoß und Ausgangspunkt für die sozialistische Revolution im Westen ist, sondern dass sie gleichzeitig erstens die Basis für die weitere Entfaltung der internationalen revolutionären Bewegung ist und zweitens die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus in der UdSSR (Diktatur des Proletariats) eröffnet, in deren Verlauf das Proletariat, bei einer richtigen Politik gegenüber der Bauernschaft, die vollendete sozialistische Gesellschaft erfolgreich aufbauen kann und wird, vorausgesetzt natürlich, dass die Macht der internationalen revolutionären Bewegung einerseits und die Macht des Proletariats der ‘UdSSR anderseits groß genug sein werden, um die UdSSR vor einer militärischen Intervention des Imperialismus zu schützen.“

 

Sie sehen, dass dem internationalen Moment in den Thesen voll und ganz Rechnung getragen worden ist.

Ferner: Sinowjew, und im Verein mit ihm Trotzki, führen Zitate aus Lenins Werken an, in denen es heißt, dass der „vollständige Sieg der sozialistischen Revolution in einem Lande undenkbar ist, dass er die aktivste Zusammenarbeit zumindest einiger fortgeschrittener Länder erfordert”, und gelangen sonderbarerweise zu dem Schluss, dass die Errichtung des Sozialismus in einem Lande über die Kräfte des Proletariats unseres Landes gehe. Aber das ist doch ein heilloses Durcheinander, Genossen! Hat die Partei jemals gesagt, dass der vollständige Sieg, der endgültige Sieg des Sozialismus in unserem Lande möglich sei und von den Kräften des Proletariats eines Landes errungen werden könne? Wo und wann wurde das gesagt - das möge man uns zeigen. Sagt denn die Partei nicht, und hat sie nicht stets ebenso wie Lenin gesagt, dass der vollständige, endgültige Sieg des Sozialismus nur nach dem Siege des Sozialismus in einigen Ländern möglich ist? Hat denn die Partei nicht Dutzende und Hunderte Male erklärt, dass man den Sieg des Sozialismus in einem Lande nicht mit dem vollständigen, endgültigen Sieg des Sozialismus verwechseln darf?

Die Partei ist stets davon ausgegangen, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande die Möglichkeit bedeutet, den Sozialismus in diesem Lande zu errichten, wobei diese Aufgabe mit den Kräften eines Landes gelöst werden kann, dass der vollständige Sieg des Sozialismus dagegen die Garantie gegen Intervention und Restauration bedeutet, wobei diese Aufgabe nur unter der Voraussetzung des Sieges der Revolution in einigen Ländern gelöst werden kann. Wie kann man nach alledem die eine und die andere Aufgabe so heillos durcheinander bringen? Wen trifft denn da die Schuld, wenn Sinowjew, und im Verein mit ihm Trotzki, den Sieg des Sozialismus in einem Lande und den vollständigen, endgültigen Sieg des Sozialismus so heillos durcheinander bringen? Sie sollten doch wenigstens die bekannte Resolution der XIV. Parteikonferenz durchlesen, worin diese Frage mit einer Genauigkeit behandelt wird, die selbst schon für einen Schüler der Partei- und Verwaltungsschule befriedigend sein dürfte.

Sinowjew, und im Verein mit ihm Trotzki, führen aus Lenins Werken eine Reihe von Zitaten aus der Periode des Brester Friedens an, in denen es heißt, dass der äußere Feind unsere Revolution niederschlagen kann. Aber ist es denn so schwer zu begreifen, dass diese Zitate nichts mit der Frage der Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande zu tun haben? Genosse Lenin sagt, dass wir gegen die Möglichkeit von Interventionen nicht gesichert sind, und das trifft absolut zu. Hat denn aber unsere Partei jemals gesagt, dass wir unser Land allein aus eigener Kraft vor der Interventionsgefahr zu sichern vermögen? Hat denn die Partei nicht behauptet, und behauptet sie nicht auch weiterhin, dass nur der Sieg der proletarischen Revolution in einigen Ländern uns eine Garantie gegen eine Intervention zu bieten vermag? Wie kann man auf Grund dessen behaupten, die Errichtung des Sozialismus in unserem Lande gehe über die Kräfte des Proletariats unseres Landes? Ist es nicht an der Zeit, damit aufzuhören, die äußeren Fragen, die Fragen des direkten Kampfes gegen die Weltbourgeoisie, mit den Fragen des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande, mit den Fragen des Sieges über die kapitalistischen Elemente in unserem eigenen Lande bewusst zu vermengen?

Ferner. Sinowjew führt ein Zitat aus dem „Kommunistischen Manifest” an: „Vereinigte Aktion, wenigstens der zivilisierten Länder, ist eine der ersten Bedingungen seiner Befreiung” [d. h. des Proletariats. Der Übers.], vergleicht dieses Zitat mit dem Zitat aus einem Manuskript des Genossen Lenin, dass „für den Sieg des Sozialismus die gemeinsamen Anstrengungen der Arbeiter einiger fortgeschrittener Länder notwendig sind”, und gelangt zu dem Schluss, dass unsere Partei angeblich gegen diese allgemein gültigen und unbestreitbaren Sätze verstoßen und die internationalen Voraussetzungen für den Sieg der proletarischen Revolution außer acht gelassen habe. Nun, ist das etwa nicht lächerlich, Genossen? Wo und wann hätte unsere Partei die entscheidende Bedeutung der internationalen Anstrengungen der Arbeiterklasse und die internationalen Voraussetzungen für den Sieg der Revolution in unserem Lande jemals unterschätzt? Was ist denn die Komintern anderes als der Ausdruck der Vereinigung der Anstrengungen der Proletarier nicht nur der fortgeschrittenen Länder, sondern auch aller Länder der Welt sowohl im Interesse der Weltrevolution als auch im Interesse der Entwicklung unserer Revolution? Und wer anders als unsere Partei hat die Initiative zur Gründung der Komintern ergriffen, und wer anders als unsere Partei ist ihr Vortrupp? Und was ist die Politik der Einheitsfront der Gewerkschaften anderes als die Vereinigung der Anstrengungen der Arbeiter nicht nur der fortgeschrittenen Länder, sondern überhaupt aller Länder? Wer kann bestreiten, dass unsere Partei bei der Durchführung der Politik der Einheitsfront der Gewerkschaften der ganzen Welt eine Rolle von erstrangiger Bedeutung spielt? Ist es etwa nicht Tatsache, dass unsere Revolution die Entwicklung der Revolution in allen Ländern stets unterstützt hat und auch weiterhin unterstützt? Ist es etwa nicht Tatsache, dass die Arbeiter aller Länder durch ihre Sympathie für unsere Revolution und durch ihren Kampf gegen die Interventionsversuche unsere Revolution unterstützt haben und auch weiterhin unterstützen? Was ist das anderes als die Vereinigung der Anstrengungen der Arbeiter aller Länder im Interesse des Sieges unserer Revolution? Und der Kampf der englischen Arbeiter gegen Curzon im Zusammenhang mit der bekannten Note [98]? Und die Unterstützung der englischen Bergarbeiter durch die Arbeiter der UdSSR? Ich könnte, Genossen, nötigenfalls noch eine Reihe bekannter Tatsachen dieser Art anführen.

Wo werden hier die internationalen Aufgaben unserer Revolution außer Acht gelassen?

Worin besteht nun das ganze Geheimnis? Das ganze Geheimnis besteht hier darin, dass Sinowjew versucht, an die Stelle der Kardinalfrage, der Frage der Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande ohne staatliche Unterstützung durch das europäische Proletariat, der Kardinalfrage, ob die proletarische Macht in Rußland unter den gegenwärtigen internationalen Bedingungen einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten kann - die Frage der gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier aller Länder im Interesse des Sieges des Sozialismus in unserem Lande zu setzen.

Trotzki, Sinowjews gegenwärtiger Lehrmeister, sagt:

 

„Es wäre aussichtslos, zu glauben..., dass zum Beispiel ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten könnte.” (Trotzki, Bd. III, Teil 1, S. 90.)

 

Trotzki, Sinowjews gegenwärtiger Lehrmeister, sagt:

 

„Ohne direkte staatliche Unterstützung durch das europäische Proletariat wird die Arbeiterklasse Rußlands nicht imstande sein, die Macht zu behaupten und ihre zeitweilige Herrschaft in eine dauernde sozialistische Diktatur zu verwandeln. Daran darf man nicht einen Augenblick zweifeln.” (Siehe „Unsere Revolution”, S. 278.)

 

Folglich setzt Sinowjew an die Stelle der Frage des Sieges des Sozialismus in unserem Lande unter der Voraussetzung des Sieges des Proletariats in Europa („staatliche Unterstützung durch das europ. Proletariat“) die Frage der gemeinsamen Anstrengungen der Arbeiter Europas und Rußlands.

Darum handelt es sich, und darum geht unser Streit.

Sinowjew versucht, durch Anführung von Zitaten aus Lenins Werken und aus dem „Kommunistischen Manifest” an die Stelle der einen Frage eine andere Frage zu setzen.

Das ist das ganze Geheimnis der Sinowjewschen Exerzitien bezüglich des „Außerachtlassens” der internationalen Aufgaben unserer Revolution durch unsere Partei.

Das ist das ganze Geheimnis der Sinowjewschen Taschenspielertricks, des Wirrwarrs und Durcheinanders, das in seinem Kopfe herrscht.

Und diesen heillosen Wirrwarr, diese Verworrenheit und dieses Durcheinander in seinem Kopf gibt Sinowjew in seiner „Bescheidenheit“ für den dem Oppositionsblock eigenen „wahren” revolutionären Geist und „wahren” Internationalismus aus.

Ist das alles nicht lächerlich, Genossen?

Nein, um in unserer Zeit ein Internationalist und Revolutionär zu sein, muss man als Mitglied der Partei unsere Partei, die zugleich der Vortrupp der Komintern ist, mit allen Mitteln stärken und mit aller Kraft unterstützen. Die Oppositionellen aber richten sie zugrunde und diskreditieren sie.

Um in unserer Zeit ein Internationalist zu sein, muss man die Kommunistische Internationale mit allen Mitteln stärken und mit aller Kraft unterstützen. Die Oppositionellen aber zersetzen sie und richten sie zugrunde, indem sie die Maslow und Souvarine, und wie sie alle heißen, unterstützen und instruieren.

Es ist an der Zeit zu begreifen, dass man nicht Revolutionär und Internationalist sein kann, wenn man mit unserer Partei, die der Vortrupp der Kommunistischen Internationale ist, auf dem Kriegsfuß steht. (Beifall.)

Es ist an der Zeit zu begreifen, dass die Oppositionellen, nachdem sie der Komintern den Krieg erklärt haben, aufgehört haben, Revolutionäre und Internationalisten zu sein. (Beifall.)

Es ist an der Zeit zu begreifen, dass die Oppositionellen keine Revolutionäre und Internationalisten sind, sondern nur von Revolution und Internationalismus schwätzen. (Beifall.)

Es ist an der Zeit zu begreifen, dass sie keine Revolutionäre der Tat sind, sondern Revolutionäre der marktschreierischen Phrasen und der Filmleinwand. (Heiterkeit, Beifall.)

Es ist an der Zeit zu begreifen, dass sie keine Revolutionäre der Tat sind, sondern Kinorevolutionäre. (Heiterkeit, Beifall.)

 

IV
TROTZKI FÄLSCHT DEN LENINISMUS

 

1. Trotzkis Taschenspielertricks oder die Frage der
„permanenten Revolution”

Ich komme zu Trotzkis Rede.

Trotzki hat erklärt, die Theorie der permanenten Revolution habe mit der zur Erörterung stehenden Frage nach dem Charakter und den Perspektiven unserer Revolution überhaupt nichts zu tun.

Das ist, gelinde gesagt, sehr sonderbar. Wieso? Ist etwa die Theorie der permanenten Revolution nicht die Theorie von den Triebkräften der Revolution? Trifft es etwa nicht zu, dass die Theorie der permanenten Revolution vor allem von den Triebkräften unserer Revolution handelt? Was aber ist die Frage nach dem Charakter und den Perspektiven unserer Revolution anderes als die Frage nach den Triebkräften dieser Revolution? Wie kann man behaupten, die Theorie der permanenten Revolution habe mit der zur Erörterung stehenden Frage überhaupt nichts zu tun? Das trifft nicht zu, Genossen. Das ist ein Kniff, ein Taschenspielertrick. Das ist ein Versuch, die Spuren zu verwischen. Das ist ein Versuch, Versteck zu spielen. Vergebliches Bemühen! Versuchen Sie nicht, Versteck zu spielen - sich zu verstecken wird Ihnen doch nicht gelingen!

An einer anderen Stelle seiner Rede versuchte Trotzki darauf „anzuspielen”, dass er der Theorie der permanenten Revolution schon längst keine ernste Bedeutung mehr beimesse. Und Kamenew hat in seiner Rede „zu verstehen gegeben”, dass Trotzki wahrscheinlich gar nicht abgeneigt sei, sich von der Theorie der permanenten Revolution abzukehren, sofern er sich nicht bereits von ihr abgekehrt habe.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder.

Wollen wir die Frage untersuchen: Trifft es zu, dass die Theorie der permanenten Revolution nichts mit der zur Erörterung stehenden Frage zu tun hat, und wenn das nicht zutrifft, kann man dann Kamenew glauben, dass Trotzki der Theorie der permanenten Revolution keine Bedeutung beimesse und sich schier von ihr losgesagt habe?

Wenden wir uns den Dokumenten zu. Ich habe vor allem einen 1925 in der Presse veröffentlichten Brief Trotzkis an Genossen Olminski vom Dezember 1921 im Auge - einen Brief, von dem Trotzki niemals abzurücken versucht hat, von dem er bis auf den heutigen Tag weder direkt noch indirekt abgerückt ist und der infolgedessen volle Gültigkeit behält. Was aber wird in diesem Brief über die permanente Revolution gesagt?

Hören Sie bitte:

 

„Ich bin keineswegs der Meinung, dass ich in meinen Differenzen mit den Bolschewiki in allem Unrecht hatte. Ich hatte Unrecht - und zwar gründlich - in der Einschätzung der menschewistischen Fraktion, als ich ihre revolutionären Möglichkeiten überschätzte und hoffte, dass es gelingen werde, ihren rechten Flügel zu isolieren und unschädlich zu machen. Dieser fundamentale Fehler rührte jedoch daher, dass ich an beide Fraktionen, sowohl an die bolschewistische als auch an die menschewistische, vom Standpunkt der Idee der permanenten Revolution und der Diktatur des Proletariats heranging, während in jener Periode sowohl die Bolschewiki als auch die Menschewiki den Standpunkt der bürgerlichen Revolution und der demokratischen Republik vertraten. Ich nahm an, dass die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Fraktionen grundsätzlich nicht allzu tiefe Wurzeln hätten, und hoffte (diese Hoffnung habe ich wiederholt in Briefen und in Referaten zum Ausdruck gebracht), dass der Verlauf der Revolution selbst beide Fraktionen zu dem Standpunkt der permanenten Revolution und der Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse gelangen lassen werde, was im Jahre 1905 zum Teil auch geschehen ist. (Vorwort des Genossen Lenin zu Kautskys Artikel über die Triebkräfte der russischen Revolution und die ganze Richtung der Zeitung ,Natschalo’.)

Ich glaube, dass meine Einschätzung der Triebkräfte der Revolution unbedingt richtig war, wohingegen die Schlussfolgerungen, die ich daraus in bezug auf die beiden Fraktionen zog, unbedingt falsch waren. Nur der Bolschewismus konzentrierte in seinen Reihen dank seiner unversöhnlichen Linie die wirklich revolutionären Elemente sowohl der alten Intelligenz als auch der fortgeschrittenen Schicht der Arbeiterklasse. Nur dank der Tatsache, dass es dem Bolschewismus gelang, diese revolutionär zusammengeschlossene Organisation zu schaffen, wurde eine so rasche Wendung von der revolutionär-demokratischen Position zur revolutionär-sozialistischen Position möglich.

Auch jetzt könnte ich mühelos meine polemischen Artikel gegen die Menschewiki und Bolschewiki in zwei Kategorien einteilen: Die einen sind der Analyse der inneren Kräfte der Revolution, ihren Perspektiven gewidmet (im polnischen theoretischen Organ Rosa Luxemburgs, ‚Neue Zeit’), und die anderen sind der Einschätzung der Fraktionen der russischen Sozialdemokraten, ihrem Kampf u. a. gewidmet. Die Artikel der ersten Kategorie könnte ich, ohne eine Korrektur an ihnen vorzunehmen, auch jetzt herausgeben, da sie mit der Position unserer Partei, beginnend mit dem Jahre 1917, voll und ganz übereinstimmen. Die Artikel der zweiten Kategorie sind augenscheinlich fehlerhaft, und es würde sich nicht lohnen, sie neu herauszugeben.” (Siehe „Lenin über Trotzki”, 1925, mit einem Vorwort des Genossen Olminski.)

 

Und was ergibt sich demnach?

Es ergibt sich demnach, dass sich Trotzki in Organisationsfragen geirrt hat, dass er aber in Fragen der Einschätzung unserer Revolution, in der Frage der permanenten Revolution, Recht hatte und Recht behält.

Es kann Trotzki allerdings nicht unbekannt sein, dass Lenin bis zu seinem Lebensende gegen die Theorie der permanenten Revolution gekämpft hat. Aber dadurch lässt er sich nicht beirren.

Es ergibt sich demnach ferner, dass beide Fraktionen, sowohl die Menschewiki als auch die Bolschewiki, zur Theorie der permanenten Revolution hätten gelangen müssen, dass aber in Wirklichkeit nur die Bolschewiki zu dieser Theorie gelangt sind, da sie über eine revolutionär zusammengeschlossene Organisation der Arbeiter und der alten Intelligenz verfügten, und sie sind auch nicht sofort zu dieser Theorie gelangt, sondern erst „beginnend mit dem Jahre 1917”.

Es ergibt sich demnach schließlich, dass die Theorie der permanenten Revolution „mit der Position unserer Partei, beginnend mit dem Jahre 1917, voll und ganz übereinstimmte”.

Urteilen Sie nun selbst: Sieht das danach aus, als ob Trotzki der Theorie der permanenten Revolution keine große Bedeutung beimisst? Nein, es sieht nicht danach aus. Im Gegenteil, wenn die Theorie der permanenten Revolution tatsächlich, „beginnend mit dem Jahre 1917”, mit der Position der Partei übereinstimmte, so kann man daraus nur die eine Schlussfolgerung ziehen, dass Trotzki dieser Theorie entscheidende Bedeutung für unsere gesamte Partei beimaß und weiter beimisst.

Was aber heißt „übereinstimmte”? Wie konnte Trotzkis Theorie der permanenten Revolution mit der Position unserer Partei übereinstimmen, wenn feststeht, dass unsere Partei, vertreten durch Lenin, die ganze Zeit hindurch gegen diese selbe Theorie gekämpft hat?

Eins von beiden: Entweder hatte unsere Partei keine eigene Theorie und wurde erst später, durch den Lauf der Dinge, gezwungen, Trotzkis Theorie der permanenten Revolution zu übernehmen, oder sie hatte ihre eigene Theorie, diese Theorie aber wurde, „beginnend mit dem Jahre 1917”, durch Trotzkis Theorie der permanenten Revolution, ohne dass man es merkte, verdrängt.

Diese „Unklarheit” hat Trotzki dann später in seinem „Vorwort” zu dem im Jahre 1922 geschriebenen Buch „Das Jahr 1905” geklärt. Nachdem Trotzki das Wesen der Theorie der permanenten Revolution dargelegt und die Einschätzung unserer Revolution unter dem Gesichtswinkel der Theorie der permanenten Revolution analysiert hat, gelangt er zu folgendem Schluss:

 

„Diese Einschätzung hat, wenn auch mit einer Unterbrechung von 12 Jahren, ihre volle Bestätigung gefunden.” (Trotzki, „1905”, „Vorwort“.)

 

Mit anderen Worten: Die von Trotzki im Jahre 1905 „konstruierte” Theorie der permanenten Revolution hat im Jahre 1917, 12 Jahre später, „ihre volle Bestätigung gefunden”.

Wie aber konnte sie ihre Bestätigung finden? Und die Bolschewiki - was ist aus ihnen geworden? Sollten sie wirklich in die Revolution gezogen sein, ohne überhaupt eine eigene Theorie gehabt zu haben, sollten sie zu nichts weiter fähig gewesen sein, als die revolutionäre Intelligenz, die revolutionären Arbeiter zusammenzuschließen? Und außerdem, auf welcher Grundlage haben sie die Arbeiter zusammengeschlossen, auf Grund welcher Prinzipien? Die Bolschewiki hatten doch wohl irgendeine Theorie, eine Einschätzung der Revolution, eine Einschätzung der Triebkräfte der Revolution aufzuweisen? Sollte unsere Partei wirklich keine andere Theorie als die Theorie der permanenten Revolution gehabt haben?

Urteilen Sie selbst: Da haben wir Bolschewiki nun gelebt und uns entwickelt ohne Perspektiven und ohne eine revolutionäre Theorie; so haben wir gelebt von 1903 bis 1917; dann aber, „beginnend mit dem Jahre 1917”, haben wir, ohne es selbst zu merken, die Theorie der permanenten Revolution geschluckt und sind auf die Beine gekommen. Zweifelsohne - eine interessante Mär. Wie aber konnte das geschehen, ohne dass wir es merkten, ohne Kampf, ohne Erschütterung innerhalb der Partei? Wie konnte das so einfach, so mir nichts, dir nichts geschehen? Zumal, da bekannt ist, dass Lenin und seine Partei gegen die Theorie der permanenten Revolution seit dem ersten Tage ihres Entstehens gekämpft haben?

Übrigens klärt Trotzki diese „Unklarheit” in einem anderen Dokument. Ich meine Trotzkis „Anmerkung” zu seinem im Jahre 1922 geschriebenen Artikel „Unsere Meinungsverschiedenheiten”.

Die entsprechende Stelle aus diesem Artikel Trotzkis lautet:

 

„Wenn die Menschewiki, ausgehend von der Abstraktion: ,’Unsere Revolution ist eine bürgerliche Revolution’ zu der Idee der Anpassung der gesamten Taktik des Proletariats an das Verhalten der liberalen Bourgeoisie, die Eroberung der Staatsmacht durch sie einbegriffen, gelangen - so gelangen die Bolschewiki, ausgehend ebenfalls von der reinen Abstraktion: ,demokratische, und nicht sozialistische Diktatur’ zu der Idee der bürgerlich-demokratischen Selbstbeschränkung des Proletariats, in dessen Händen sich die Staatsmacht befindet. Allerdings besteht zwischen ihnen in dieser Frage ein sehr bedeutsamer Unterschied: Während die antirevolutionären Seiten des Menschewismus sich bereits jetzt in aller Schärfe geltend machen, drohen die antirevolutionären Züge des Bolschewismus erst im Falle des revolutionären Sieges zu einer gewaltigen Gefahr zu werden.” (Trotzki, „1905”, S.285.)

 

Es stellt sich heraus, dass nicht nur der Menschewismus seine antirevolutionären Seiten hatte, sondern dass auch der Bolschewismus nicht frei von „antirevolutionären Zügen” war, die „erst im Falle des revolutionären Sieges zu einer gewaltigen Gefahr zu werden” drohten.

Haben denn die Bolschewiki sich später von den „antirevolutionären Zügen” des Bolschewismus frei gemacht, und wenn ja, auf welche Weise?

Diese „Unklarheit” klärt Trotzki in der „Anmerkung” zu dem Artikel „Unsere Meinungsverschiedenheiten”.

Hören Sie bitte:

„Das war bekanntlich nicht der Fall, da der Bolschewismus unter der Führung des Genossen Lenin (nicht ohne inneren Kampf) die Auswechslung seines ideologischen Rüstzeugs in dieser wichtigen Frage im Frühjahr 1917, d. h. vor .der Eroberung der Macht, vornahm.” (Trotzki, „1905”, 5.285.)

 

Also „Auswechslung des Rüstzeugs” der Bolschewiki, „beginnend mit dem Jahre 1917”, auf Grund der Theorie der permanenten Revolution, dadurch Rettung der Bolschewiki vor den „antirevolutionären Zügen des Bolschewismus”, endlich die Tatsache, dass die Theorie der permanenten Revolution somit „ihre volle Bestätigung gefunden hat” - das ist Trotzkis Schlussfolgerung.

Was aber ist aus dem Leninismus geworden, aus der Theorie des Bolschewismus, aus der bolschewistischen Einschätzung unserer Revolution, ihrer Triebkräfte usw.? Entweder haben sie nicht „ihre volle Bestätigung gefunden”, oder sie haben überhaupt keine „Bestätigung gefunden”, oder aber sie sind in Dunst und Rauch aufgegangen und haben zwecks „Auswechslung des Rüstzeugs” der Partei der Theorie der permanenten Revolution Platz gemacht.

Also, es waren einmal Bolschewiki, die „beginnend” mit dem Jahre 1903, die Partei schlecht und recht „zusammenschlossen”, die aber keine revolutionäre Theorie hatten, die, „beginnend” mit dem Jahre 1903, durch viele Irrungen und Wirrungen gingen und sich irgendwie bis zum Jahre 1917 durchschlugen; dann aber, als sie Trotzki mit der Theorie der permanenten Revolution in der Hand erblickten, beschlossen sie, ihr „Rüstzeug auszuwechseln”, und büßten nach „Auswechslung des Rüstzeugs” die letzten Reste des Leninismus, der Leninschen Revolutionstheorie, ein und erreichten damit eine „völlige Übereinstimmung” der Theorie der permanenten Revolution mit der „Position” unserer Partei.

Das ist eine sehr interessante Mär, Genossen. Das ist, wenn Sie wollen, einer jener erstklassigen Taschenspielertricks, wie man sie im Zirkus sehen kann. Wir befinden uns aber nicht im Zirkus, sondern auf einer Konferenz unserer Partei. Und wir haben Trotzki doch nicht als Zirkuskünstler engagiert. Was sollen also all diese Taschenspielertricks?

Wie beurteilte Genosse Lenin Trotzkis Theorie der permanenten Revolution? In einem seiner Artikel, in dem er sich über diese Theorie lustig macht und sie „originell” und „wunderbar” nennt, schreibt er folgendes:

 

„Die Klassenverhältnisse in der bevorstehenden Revolution klarzustellen, ist die Hauptaufgabe einer revolutionären Partei... Diese Aufgabe wird von Trotzki in ‚Nasche Slowo’ nicht richtig gelöst; er wiederholt seine ‚originelle’ Theorie aus dem Jahre 1905 und will sich keine Gedanken darüber machen, aus welchen Gründen das Leben volle zehn Jahre an dieser wunderbaren Theorie vorbeigegangen ist.

Die originelle Theorie Trotzkis übernimmt von den Bolschewiki den Appell zum entschlossenen revolutionären Kampf des Proletariats und zur Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, von den Menschewiki aber die ,Negierung’ der Rolle der Bauernschaft” ... Dadurch „hilft Trotzki in Wirklichkeit den liberalen Arbeiterpolitikern in Rußland, die unter der ,Negierung’ der Rolle der Bauernschaft den mangelnden ‘Willen verstehen, die Bauern zur Revolution aufzurütteln!” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 3811382, russ.)

 

Es ergibt sich somit, dass Lenin in der Theorie der permanenten Revolution eine halbmenschewistische Theorie sah, die die revolutionäre Rolle der Bauernschaft in der russischen Revolution ignoriert.

Unbegreiflich ist nur, wie diese halbmenschewistische Theorie mit der Position unserer Partei, wenn auch erst „beginnend mit dem Jahre 1917”, „voll und ganz übereinstimmen” konnte.

Und wie beurteilt unsere Partei die Theorie der permanenten Revolution? In der bekannten Resolution der XIV. Parteikonferenz wird darüber folgendes gesagt:

 

„Ein Bestandteil der trotzkistischen Theorie der permanenten Revolution ist die Behauptung, dass ‚ein wirklicher Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in Rußland erst nach dem Siege des Proletariats in den wichtigsten Ländern Europas möglich sein wird’ (Trotzki 1922) - eine Behauptung, die das Proletariat der UdSSR in der jetzigen Periode zu fatalistischer Passivität verurteilt. Gegen derartige ,Theorien’ schrieb Genosse Lenin: ,Unendlich schablonenhaft ist ihr Argument, das sie im Verlauf der Entwicklung der westeuropäischen Sozialdemokratie auswendig gelernt haben und das darin besteht, dass wir für den Sozialismus noch nicht reif seien, dass uns, wie sich die verschiedenen ,gelehrten’ Herren unter ihnen ausdrücken, die objektiven ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus fehlen.” (Aufzeichnungen über Suchanow.) (Resolution der XIV. Parteikonferenz [99].)

 

Es ergibt sich somit, dass die Theorie der permanenten Revolution mit der gleichen Suchanow-Richtung zusammenfällt, die Genosse Lenin in seinen Aufzeichnungen „über unsere Revolution” als Sozialdemokratismus brandmarkt.

Unbegreiflich ist nur, wie es geschehen konnte, dass unsere bolschewistische Partei ihr Rüstzeug zugunsten einer solchen Theorie „auswechseln” konnte.

Kamenew hat in seiner Rede „zu verstehen gegeben”, dass Trotzki im Begriff sei, sich von seiner Theorie der permanenten Revolution abzukehren, und hat zur Erhärtung dessen folgende mehr als zweideutige Stelle aus Trotzkis jüngstem Brief an die Oppositionellen vom September 1926 zitiert:

„Wir gehen davon aus, dass Wladimir Iljitsch, wie die Erfahrung unwiderlegbar gezeigt hat, in allen nur halbwegs grundsätzlichen Fragen, in denen jemand von uns mit Lenin Differenzen hatte, unbedingt recht gehabt hat.”

Kamenew hat jedoch verschwiegen, dass Trotzki gleich danach in demselben Brief folgendes erklärte, was seine vorhergegangene Erklärung vollständig umstößt:

 

„Die Leningrader Opposition hat sich energisch gegen die Theorie des Sozialismus in einem Lande, als gegen eine theoretische Rechtfertigung der nationalen Beschränktheit, gewandt.” (Siehe Trotzkis Brief, September 1926. - Anlage zum stenographischen Protokoll der Sitzungen des Politbüros des ZK der KPdSU(B) vom B. und 11. Oktober 1926.)

 

Welche Bedeutung kann die erste, zweideutige und absolut unverbindliche Erklärung Trotzkis haben in Anbetracht seiner zweiten Erklärung, die die erste vollständig umstößt?

Was ist die Theorie der permanenten Revolution? Die Verneinung der Leninschen „Theorie des. Sozialismus in einem Lande”.

Was ist die Leninsche „Theorie des Sozialismus in einem Lande”? Die Verneinung der Trotzkischen Theorie der permanenten Revolution.

Ist es nicht klar, dass Kamenew, indem er die erste Stelle aus Trotzkis Brief zitierte und die zweite verschwieg, versuchte, unsere Partei irrezuführen und zu betrügen?

Unsere Partei lässt sich aber nicht so leicht betrügen.

2. Jonglieren mit Zitaten, oder Trotzki fälscht den Leninismus

Haben Sie darauf geachtet, Genossen, dass Trotzkis ganze Rede mit den verschiedensten Zitaten aus Lenins Werken gespickt ist? Man liest diese aus verschiedenen Artikeln Lenins herausgerissenen Zitate, und man weiß nicht recht, worauf es Trotzki vor allem ankommt: darauf, mit ihnen seine eigene Position zu bekräftigen, oder darauf, Genossen Lenin bei „Widersprüchen zu ertappen”? Die eine Gruppe von Zitaten, die er aus Lenins Werken anführte, besagt, dass die Gefahr einer Intervention nur im Falle des Sieges der Revolution in einigen Ländern überwunden werden kann; damit glaubte er offenbar, die Partei „zu entlarven”. Er hat jedoch nicht begriffen oder will nicht begreifen, dass diese Zitate nicht gegen die Position der Partei, sondern für ihre Position und gegen Trotzkis Position sprechen, denn die Einschätzung, die die Partei der Bedeutung der äußeren Gefahr gibt, steht voll und ganz im Einklang mit Lenins Linie. Die andere Gruppe von Zitaten, die er anführte, besagt, dass der vollständige Sieg des Sozialismus ohne den Sieg der Revolution in einigen Ländern unmöglich ist; mit diesen Zitaten versucht er in jeder Weise zu jonglieren. Er hat jedoch nicht begriffen oder will nicht begreifen, dass man den vollständigen Sieg des Sozialismus (Garantie gegen eine Intervention) nicht in einen Topf werfen darf mit dem Sieg des Sozialismus überhaupt (Errichtung der sozialistischen Gesellschaft), er begreift nicht oder will nicht begreifen, dass diese Zitate aus Lenins Werken nicht gegen die Partei, sondern für die Partei und gegen Trotzkis Position sprechen.

Trotzki hat zwar eine Menge verschiedenster, gar nicht zur Sache gehörender Zitate angeführt, aber auf Lenins grundlegenden Artikel über die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande (1915) einzugehen, war er nicht gewillt, offenbar in der Meinung, dass Kamenew ihn durch seine Ausführungen vor einer Stellungnahme zu diesem Artikel glücklich bewahrt habe. Es kann jedoch jetzt als endgültig erwiesen gelten, dass es Kamenew nicht gelungen ist, seine Rolle mit Erfolg zu spielen, und dass der Artikel des Genossen Lenin seine uneingeschränkte Gültigkeit behält.

Trotzki hat ferner eine Stelle aus einem bekannten Artikel des Genossen Lenin zitiert, worin es heißt, dass es zwischen ihnen in der Bauernfrage, was die Tagespolitik anbetrifft, keine Meinungsverschiedenheiten gibt. Er hat aber vergessen zu sagen, dass dieser Artikel Lenins die Frage der Meinungsverschiedenheiten, die zwischen Trotzki und Lenin in der Frage der Bauernschaft im Zusammenhang mit der Möglichkeit der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in unserem Lande bestehen, nicht nur ungelöst lässt, sondern sie nicht einmal berührt.

Daraus erklärt sich denn auch, weshalb Trotzkis Operieren mit Zitaten zu einem leeren Jonglieren mit Zitaten geworden ist.

Trotzki hat versucht, den Beweis zu erbringen, dass seine Position mit Lenins Position in der Frage der Möglichkeit der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft in unserem Lande auf Grund der inneren Kräfte unserer Revolution „übereinstimmt”. Wie aber lässt sich Unbeweisbares beweisen?

Wie lässt sich Lenins These, dass „der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist” [100] mit Trotzkis These vereinbaren, dass es „aussichtslos wäre, zu glauben ..., dass zum Beispiel ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten könnte”?

Wie lässt sich ferner Lenins These, dass „das siegreiche Proletariat dieses Landes (eines Landes. J. St.) sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen würde“ [101], mit Trotzkis These vereinbaren, dass „ohne direkte staatliche Unterstützung durch das europäische Proletariat die Arbeiterklasse Rußlands nicht imstande sein wird, die Macht zu behaupten und ihre zeitweilige Herrschaft in eine dauernde sozialistische Diktatur zu verwandeln”?

Wie lässt sich schließlich Lenins These, dass „nur eine Verständigung mit der Bauernschaft die sozialistische Revolution in Rußland retten kann, solange die Revolution in den anderen Ländern nicht eingetreten ist” [102], mit Trotzkis These vereinbaren, dass „die Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung in einem rückständigen Lande mit einer erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung nur im internationalen Maßstab, in der Arena der Weltrevolution des Proletariats ihre Lösung werden finden können”?

Und weiter: Wodurch unterscheidet sich Trotzkis Position in der Frage des Sieges des Sozialismus in unserem Lande eigentlich von der Position des Menschewiks O. Bauer, nämlich, dass „in Rußland, wo das Proletariat nur eine kleine Minderheit der Nation darstellt, das Proletariat seine Herrschaft nur vorübergehend behaupten kann”, dass „es sie wieder verlieren muss, sobald die bäuerliche Masse der Nation kulturell reif genug wird, selbst die Herrschaft zu übernehmen”, dass „erst die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat des industriellen Westens die dauernde Herrschaft des industriellen Sozialismus” in Rußland „begründen kann”?

Ist etwa nicht klar, dass Trotzki Bauers Position näher steht als Lenins Position? Und trifft es etwa nicht zu, dass Trotzkis Position die Position der sozialdemokratischen Abweichung ist, dass Trotzki dem Wesen der Sache nach den sozialistischen Charakter unserer Revolution leugnet?

Trotzki hat versucht, seine These von der Unmöglichkeit, die proletarische Macht einem konservativen Europa gegenüber zu behaupten, mit Spekulationen solcher Art zu begründen, dass das gegenwärtige Europa nicht konservativ, sondern mehr oder weniger liberal sei und dass, wenn Europa wirklich konservativ wäre, das Proletariat unseres Landes die Macht nicht behaupten könnte. Aber ist es denn so schwer zu begreifen, dass sich Trotzki hier restlos und endgültig verheddert hat? Als was soll man zum Beispiel das heutige Italien oder England oder aber Frankreich bezeichnen - als konservativ oder als liberal? Was ist das heutige Nordamerika - ein konservatives oder ein liberales Land? Und welche Bedeutung kann diese „spitzfindige” und lächerliche Hervorhebung des Unterschieds zwischen einem konservativen und einem „liberalen” Europa für den Bestand und die Unversehrtheit unserer Republik haben? Haben etwa das republikanische Frankreich und das demokratische Amerika in der Periode Koltschaks und Denikins nicht ebenso an der Intervention gegen unser Land teilgenommen wie das monarchistische und konservative England?

Besonders viel Platz hat Trotzki der Frage des Mittelbauern eingeräumt. Er hat eine Stelle aus Lenins Werken aus der Periode von 1906 zitiert, worin Lenin die Möglichkeit voraussagt, dass ein Teil der Mittelbauern nach dem Siege der bürgerlichen Revolution zur Konterrevolution abschwenkt, womit Trotzki offenbar zu beweisen suchte, dass dieses Zitat mit seiner Position in der Frage der Bauernschaft nach dem Siege der sozialistischen Revolution „übereinstimmt”. Es ist nicht schwer zu begreifen, dass Trotzki hier Dinge miteinander vergleicht, die sich nicht miteinander vergleichen lassen. Trotzki ist geneigt, die Mittelbauernschaft als ein „Ding an sich”, als etwas Beständiges und ein für allemal Gegebenes zu betrachten. Die Bolschewiki haben jedoch niemals eine solche Ansicht gegenüber der Mittelbauernschaft vertreten.

Trotzki hat offenbar vergessen, dass die Bolschewiki in bezug auf die Hauptmasse der Bauernschaft über drei Pläne verfügen: Der erste Plan gilt für die Periode der bürgerlichen Revolution, der zweite Plan gilt für die Periode der proletarischen Revolution, und der dritte Plan gilt für die Periode nach der Festigung der Sowjetmacht.

In der ersten Periode sagten die Bolschewiki: Zusammen mit der gesamten Bauernschaft, gegen den Zaren und die Gutsbesitzer bei Neutralisierung der liberalen Bourgeoisie, für die bürgerlich-demokratische Revolution.

In der zweiten Periode sagten die Bolschewiki: Zusammen mit der armen Bauernschaft, gegen Bourgeoisie und Kulaken bei Neutralisierung der Mittelbauernschaft, für die sozialistische Revolution. Was aber bedeutet die Neutralisierung der Mittelbauernschaft? Das bedeutet, dass das Proletariat die politische Aufsicht über die Mittelbauernschaft hat, dass es ihr nicht traut und alle Maßnahmen trifft, damit sie sich nicht seiner Macht entzieht.

In der dritten Periode, in der Periode, in der wir jetzt leben, sagen die Bolschewiki: Zusammen mit der Dorfarmut, im festen Bündnis mit dem Mittelbauern, gegen die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft in Stadt und Land, für den Sieg des sozialistischen Aufbaus.

Wer diese drei Pläne, diese drei verschiedenen Linien, die drei verschiedene Perioden unserer Revolution widerspiegeln, miteinander vermengt, der versteht nichts von Bolschewismus.

Lenin hatte absolut Recht, als er sagte, dass nach dem Siege der bürgerlichen Revolution ein Teil der Mittelbauern zur Konterrevolution abschwenken werde. Und das war auch der Fall, zum Beispiel in der Periode der „Ufaer Regierung” [103], als ein Teil der Mittelbauern des Wolgagebiets zur Konterrevolution, zu den Kulaken, abschwenkte, während ein großer Teil der Mittelbauern zwischen Revolution und Konterrevolution hin und her schwankte. Und das konnte auch gar nicht anders sein. Der Mittelbauer wäre eben kein Mittelbauer, wenn er nicht abwartete und schwankte: „Wer kann wissen, wer siegen wird, da ist es schon besser, man wartet ab.” Erst nach den ersten ernstlichen Siegen über die innere Konterrevolution, und besonders nach der Festigung der Sowjetmacht, begann der Mittelbauer, sich entschieden der Sowjetmacht zuzuwenden, da er offenbar zu dem Schluss gekommen war, dass es ohne Staatsmacht nicht geht, die bolschewistische Staatsmacht aber stark und die Zusammenarbeit mit dieser Macht der einzige Ausweg ist. Gerade in dieser Periode sprach Genosse Lenin die prophetischen Worte: „Wir sind in das Stadium des sozialistischen Aufbaus eingetreten, wo es gilt, konkret, detailliert, auf Grund der Erfahrung der Arbeit im Dorfe überprüfte, grundlegende Regeln und Anweisungen auszuarbeiten, nach denen wir uns richten müssen, um uns in bezug auf den Mittelbauern auf den Boden eines festen Bündnisses zu stellen.“ (Rede auf dem VIII. Parteitag, 4. Ausgabe, Bd. 29, S. 1241125, russ.)

So ist es um die Frage der Mittelbauern bestellt.

Trotzkis Fehler besteht darin, dass er an die Frage der Mittelbauernschaft metaphysisch herangeht, dass er die Mittelbauernschaft als „Ding an sich” betrachtet und somit die Frage verwirrt, den Leninismus entstellt und fälscht.

Schließlich handelt es sich gar nicht darum, dass es zwischen Proletariat und einem bestimmten Teil der Mittelbauern noch Widersprüche und Konflikte geben kann und geben wird. Nicht darin bestehen die Meinungsverschiedenheiten zwischen Partei und Opposition. Es handelt sich bei unseren Meinungsverschiedenheiten darum, dass die Partei es für möglich hält, diese Widersprüche und möglichen Konflikte mit den eigenen Kräften unserer Revolution vollständig zu überwinden, während Trotzki und die Opposition der Ansicht sind, dass diese Widersprüche und Konflikte „nur im internationalen Maßstab, in der Arena der Weltrevolution des Proletariats” überwunden werden können.

Trotzki jongliert mit Zitaten und versucht, diese Meinungsverschiedenheiten irgendwo in einer Ecke verschwinden zu lassen. Ich habe aber bereits gesagt, dass es nicht gelingen wird, unsere Partei zu betrügen.

Und die Schlussfolgerung? Die Schlussfolgerung ist die, dass man Dialektiker und kein Gaukler sein soll. Sie hätten, verehrte Oppositionelle, bei Genossen Lenin Dialektik lernen sollen, Sie hätten seine Werke lesen sollen - das hätte Ihnen zum Nutzen gereicht. (Beifall, Heiterkeit.)

3. „Kleinigkeiten” und Kuriositäten

Trotzki hat mir, als Verfasser der Thesen, zum Vorwurf gemacht, dass darin von der Revolution „an und für sich”, als von einer sozialistischen Revolution gesprochen wird. Trotzki ist der Ansicht, dass eine solche Behandlung der Revolution Metaphysik sei. Ich kann dem keinesfalls beistimmen.

Weshalb wird in den Thesen von der Revolution „an und für sich”, als von einer sozialistischen Revolution gesprochen? Weil dadurch der ganze Unterschied hervorgehoben wird, der in der Einschätzung unserer Revolution zwischen den Ansichten unserer Partei und den Ansichten der Opposition besteht.

Worin besteht dieser Unterschied? Darin, dass die Partei unsere Revolution als sozialistische Revolution betrachtet, als eine Revolution, die eine gewisse selbständige Kraft darstellt und fähig ist, den Kampf gegen die kapitalistische Welt aufzunehmen, während die Opposition unsere Revolution als Gratisbeilage zu der künftigen proletarischen Revolution im Westen, einer Revolution, die noch nicht gesiegt hat, betrachtet, als „Zugabe” zur künftigen Revolution im Westen, als etwas, was keine selbständige Kraft besitzt. Man braucht nur die von Lenin gegebene Einschätzung der proletarischen Diktatur in unserem Lande mit der vom Oppositionsblock gegebenen Einschätzung zu vergleichen, um den ganzen Abgrund zwischen beiden zu erkennen. Während Lenin die proletarische Diktatur als eine Kraft einschätzt, die die größte Initiative zu entfalten vermag und die nach der Organisierung der sozialistischen Wirtschaft zur direkten Unterstützung des Weltproletariats, zum Kampf gegen die kapitalistische Welt übergehen muss, betrachtet die Opposition dagegen die proletarische Diktatur in unserem Lande als eine passive Kraft, die „einem konservativen Europa gegenüber” in steter Angst um ihre Macht lebt.

Ist etwa nicht klar, dass das Wort „Metaphysik” nur in Umlauf gesetzt wurde, um die Blöße der von der Opposition gegebenen sozialdemokratischen Einschätzung unserer Revolution zu verdecken?

Trotzki hat ferner davon gesprochen, dass ich die ungenaue und unrichtige Formulierung der Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande, die ich in meinem Buch „Über die Grundlagen des Leninismus” im Jahre 1924 gegeben habe, durch eine andere, genauere und richtigere Formulierung ersetzt habe. Darüber ist Trotzki offenbar unzufrieden.

Warum, aus welchem Grunde - das hat er allerdings nicht gesagt. Was kann denn Schlechtes daran sein, dass ich eine ungenaue Formulierung korrigiert und durch eine genaue ersetzt habe? Ich halte mich durchaus nicht für unfehlbar. Ich denke, es kann für die Partei nur ein Gewinn sein, wenn ein Fehler, den dieser oder jener Genosse begangen hat, von ihm anerkannt und danach korrigiert wird. Was will Trotzki eigentlich damit sagen, wenn er diese Tatsache betont? Vielleicht will er dem guten Beispiel folgen und sich endlich aufraffen, seine zahlreichen Fehler zu korrigieren? (Beifall, Heiterkeit.) Nun, ich bin bereit, ihm dabei zu helfen, wenn meine Hilfe hier gebraucht wird, ich bin bereit, ihm nachzuhelfen und ihn zu unterstützen. (Beifall, Heiterkeit.) Trotzki verfolgt aber offenbar hierbei ein anderes Ziel. Wenn das zutrifft, dann muss ich sagen, dass sein Versuch ein Versuch mit untauglichen Mitteln ist.

Trotzki hat in seiner Rede versichert, dass er gar kein so schlechter Kommunist sei, als den ihn die Vertreter der Parteimehrheit hinzustellen pflegen. Er hat eine ganze Menge von Stellen aus seinen Artikeln zitiert, die davon zeugen, dass er, Trotzki, den „sozialistischen Charakter” unserer Arbeit anerkannt habe und weiterhin anerkennt, dass er den „sozialistischen Charakter” unserer staatlichen Industrie nicht in Abrede stelle usw. usf. Sieh mal einer an, was für eine Neuigkeit! Das fehlte gerade noch, dass Trotzki den sozialistischen Charakter unserer Arbeit, unserer staatlichen Industrie usw. in Abrede stellte. Diese Tatsachen werden heutzutage von allen anerkannt, sogar von der New-Yorker Börse, sogar von unseren NÖP-Leuten, ganz abgesehen von O. Bauer. Jetzt sieht ein jeder, Feind wie Freund, dass wir die Industrie nicht so aufbauen wie die Kapitalisten, dass wir in die Entwicklung unseres wirtschaftlichen und politischen Lebens gewisse neue Elemente hineinbringen, die mit dem Kapitalismus nichts gemein haben.

Nein, verehrte Oppositionelle, nicht darum handelt es sich jetzt.

Die Sache hat jetzt eine ernstere Bewandtnis, als es dem Oppositionsblock scheinen mag.

Es handelt sich jetzt nicht um den sozialistischen Charakter unserer Industrie, sondern darum, die sozialistische Wirtschaft als Ganzes zu errichten, trotz der kapitalistischen Umkreisung, trotz der inneren und äußeren Feinde, die auf den Untergang der proletarischen Diktatur lauern. Es handelt sich darum, dem Leninismus zum vollen Triumph in unserer Partei zu verhelfen.

Es geht jetzt nicht um Kleinigkeiten und Kuriositäten. Mit Kleinigkeiten und Kuriositäten kann man heute die Partei nicht abspeisen. Die Partei verlangt jetzt mehr von der Opposition.

Entweder Sie zeigen sich Manns genug und bringen es fertig, sich offen und ehrlich von Ihren prinzipiellen Fehlern loszusagen, oder Sie tun das nicht, und dann geschieht Ihnen recht, wenn die Partei Ihre Position als Position der sozialdemokratischen Abweichung qualifiziert.

Eins von beiden.

Die Oppositionellen haben die Wahl zu treffen. (Zurufe: „Richtig!” Beifall.)

 

V
DIE PRAKTISCHE PLATTFORM DER OPPOSITION
DIE FORDERUNGEN DER PARTEI

 

Nach dem Jonglieren mit Zitaten haben die Führer der Opposition sodann versucht, zu den Meinungsverschiedenheiten praktischer Natur überzugehen. Trotzki und Kamenew wie auch Sinowjew haben den Versuch gemacht, diese Meinungsverschiedenheiten zu formulieren, wobei sie zugleich behaupteten, dass nicht die theoretischen, sondern die praktischen Meinungsverschiedenheiten von Bedeutung seien. Ich muss jedoch feststellen, dass sich keine einzige der von der Opposition auf dieser Konferenz gegebenen Formulierungen unserer Meinungsverschiedenheiten durch Objektivität oder Vollständigkeit auszeichnet.

Sie wollen wissen, worin unsere praktischen Meinungsverschiedenheiten bestehen, Sie wollen wissen, was die Partei von Ihnen verlangt? So hören Sie:

1. Die Partei kann und wird nicht länger dulden, dass Sie jedesmal, wenn Sie in der Minderheit bleiben, auf die Straße laufen, eine Krise in der Partei ankündigen und Unruhe in der Partei stiften. Das wird die Partei nicht länger dulden. (Zurufe: „Richtig!” Beifall.)

2. Die Partei kann und wird nicht dulden, dass Sie, die Sie schon keine Hoffnung mehr haben, die Mehrheit in unserer Partei zu bekommen, allerlei unzufriedene Elemente auflesen und um sich sammeln, die Ihnen als Material für eine neue Partei dienen sollen. Das kann und wird die Partei nicht dulden. (Beifall.)

3. Die Partei kann und wird nicht dulden, dass Sie, die Sie den führenden Apparat der Partei verunglimpfen und das Regime in der Partei durchbrechen, die eiserne Disziplin in der Partei durchbrechen, alle und jegliche von der Partei verurteilten Strömungen unter der Flagge der Freiheit der Fraktionen um sich vereinigen und zu einer neuen Partei formieren. Die Partei wird das nicht dulden. (Beifall.)

4. Wir wissen, dass wir auf dem Wege des Aufbaus des Sozialismus auf große Schwierigkeiten stoßen. Wir sehen diese Schwierigkeiten, und wir haben die Möglichkeit, sie zu überwinden. Wir würden es nur begrüßen, wenn uns die Opposition bei der Überwindung dieser Schwierigkeiten in irgendeiner Weise helfen würde. Aber die Partei kann und wird nicht dulden, dass Sie diese Schwierigkeiten auszunutzen versuchen, um unsere Lage zu verschlechtern, um über die Partei herzufallen, um Attacken gegen die Partei zu reiten. (Beifall.)

5. Die Partei weiß besser als sämtliche Oppositionen zusammengenommen, dass das Fortschreiten der Industrialisierung und die Errichtung des Sozialismus nur möglich ist, wenn sich die materielle und kulturelle Lage der Arbeiterklasse ständig verbessert. Die Partei trifft alle Maßnahmen und wird alle Maßnahmen treffen, um die materielle und kulturelle Lage der Arbeiterklasse ständig zu verbessern. Aber die Partei kann und wird nicht dulden, dass die Opposition auf die Straße läuft und demagogisch erklärt, der Arbeitslohn müsse sofort um 30-40 Prozent erhöht werden, obwohl sie ganz genau weiß, dass die Industrie eine derartige Erhöhung des Arbeitslohnes gegenwärtig nicht verträgt, obwohl sie ganz genau weiß, dass derartige demagogische Erklärungen nicht den Zweck haben, die Lage der Arbeiterklasse zu verbessern, sondern den Zweck, unter den rückständigen Schichten der Werktätigen Unzufriedenheit zu schüren, Unzufriedenheit zu organisieren und sie gegen die Partei, gegen die Avantgarde der Arbeiterklasse, zu lenken. Die Partei kann und wird das nicht dulden. (Zurufe: „Richtig!” Beifall.)

6. Die Partei kann und wird nicht dulden, dass die Opposition auch weiterhin fortfährt, die Grundlagen des Zusammenschlusses der Arbeiter und Bauern, die Grundlagen des Bündnisses der Arbeiter und Bauern zu untergraben, indem sie die Idee der Erhöhung der Verkaufspreise und der Verstärkung des Steuerdrucks auf die Bauernschaft propagiert und das Verhältnis zwischen Proletariat und Bauernschaft nicht als Verhältnis der ökonomischen Zusammenarbeit, sondern als Verhältnis der Ausbeutung der Bauernschaft durch den proletarischen Staat „zu konstruieren” versucht. Die Partei kann und wird das nicht dulden. (Beifall.)

7. Die Partei kann und wird nicht dulden, dass die Oppositionellen auch weiterhin fortfahren, ideologische Verwirrung in der Partei zu stiften, unsere Schwierigkeiten zu übertreiben, defätistische Stimmungen zu nähren, die Idee der Unmöglichkeit der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande zu propagieren und dadurch die Grundlagen des Leninismus zu untergraben. Die Partei kann und wird das nicht dulden. (Zurufe: „Richtig!” Beifall.)

8. Die Partei kann und wird nicht dulden - wenn das auch nicht nur ihre Angelegenheit ist, sondern Angelegenheit aller Sektionen der Komintern -, dass Sie auch weiterhin fortfahren, die Arbeit der Komintern zu stören, ihre Sektionen zu zersetzen und die Führung der Komintern zu diskreditieren. Die Partei kann und wird das nicht dulden. (Beifall.)

Darin bestehen unsere praktischen Meinungsverschiedenheiten.

Das ist das Wesen der politischen und praktischen Plattform des Oppositionsblocks, und das ist es, wogegen unsere Partei heute kämpft.

Trotzki, der in seiner Rede einige Punkte dieser Plattform darlegte und sich über die anderen geflissentlich ausschwieg, fragte: Was ist denn hieran sozialdemokratisch? Eine sonderbare Frage! Ich aber frage: Was ist denn hieran, an dieser Plattform des Oppositionsblocks, kommunistisch? Was ist denn hieran nicht sozialdemokratisch? Ist etwa nicht klar, dass die praktische Plattform des Oppositionsblocks auf der Linie der Abkehr vom Leninismus, auf der Linie der Annäherung an die Sozialdemokratie liegt?

Sie wollten wissen, was die Partei von Ihnen verlangt, verehrte Oppositionelle - jetzt wissen Sie, was sie von Ihnen verlangt.

Entweder Sie erfüllen diese Bedingungen, die zugleich die Voraussetzungen für die völlige Einheit unserer Partei sind, oder Sie tun das nicht - und dann wird Sie die Partei, die Sie gestern geschlagen hat, morgen vollends zu zerschlagen beginnen. (Beifall.)

 

VI
DAS FAZIT

 

Was ist das Fazit, was sind die Ergebnisse unseres innerparteilichen Kampfes?

Ich bin im Besitze eines von Trotzki unterzeichneten Dokuments vom September 1926. Dieses Dokument ist insofern bemerkenswert, als hier gewissermaßen versucht wird, die Ergebnisse des innerparteilichen Kampfes vorwegzunehmen, als es eine gewisse Prognose und eine gewisse Skizzierung der Perspektiven unseres innerparteilichen Kampfes enthält. In diesem Dokument heißt es:

 

„Die vereinigte Opposition hat im April und im Juli gezeigt, und sie wird im Oktober zeigen, dass die Einheitlichkeit ihrer Anschauungen unter dem Einfluss der groben und unloyalen Hetze nur gefestigt wird, und die Partei wird begreifen, dass nur auf dem Boden der Anschauungen der vereinigten Opposition ein Ausweg aus der gegenwärtigen schweren Krise möglich ist.” (Siehe Trotzkis Brief an die Oppositionellen, September 1926. - Anlage zum stenographischen Protokoll der Sitzungen des Politbüros vom B. und 11. Oktober 1926.)

 

Sie sehen, das ist fast wie eine Wahrsagung. (Zuruf: „Aber nur - fast.”) Das ist fast wie eine Prophezeiung rein marxistischen Typs - eine Voraussage auf volle zwei Monate. (Heiterkeit.)

Natürlich enthält sie einige Übertreibungen. (Heiterkeit.) Es wird hier zum Beispiel von der gegenwärtigen schweren Krise unserer Partei gesprochen. Aber wir sind gottlob gesund und munter und haben die Krise nicht einmal bemerkt. Eine gewisse Krise ist allerdings vorhanden, aber keine Krise der Partei, sondern eine Krise einer gewissen Fraktion, genannt Fraktion des Oppositionsblocks. Man soll aber nicht die Krise einer kleinen Fraktion für die Krise einer Millionenpartei ausgeben.

In Trotzkis Dokument wird ferner gesagt, der Oppositionsblock festige sich und werde sich in Zukunft noch mehr festigen. Ich denke, dass hier ebenfalls einiges übertrieben ist. (Heiterkeit.) Die Tatsache lässt sich doch nicht leugnen, dass der Oppositionsblock in Zersetzung begriffen ist, dass sich die besten Elemente von ihm abspalten, dass er an seinen inneren Widersprüchen erstickt. Ist es etwa nicht Tatsache, dass sich zum Beispiel Genossin Krupskaja vom Oppositionsblock abkehrt? (Stürmischer Beifall.) Ist das Zufall?

In Trotzkis Dokument wird schließlich gesagt, nur auf dem Boden der Anschauungen der vereinigten Opposition sei ein Ausweg aus der gegenwärtigen Krise möglich. Ich denke, dass Trotzki hier ebenfalls einiges übertrieben hat. (Heiterkeit.) Es kann den Oppositionellen nicht unbekannt sein, dass die Partei sich nicht auf dem Boden der Anschauungen des Oppositionsblocks, sondern im Kampf gegen diese Anschauungen, auf dem Boden der sozialistischen Perspektiven unseres Aufbaus vereinigt und zusammengeschlossen hat. Die Übertreibung in Trotzkis Dokument ist ganz offensichtlich.

Wenn man aber von all diesen Übertreibungen, die sich Trotzki in seinem Dokument zuschulden kommen lässt, absieht, so bleibt, wie mir scheinen will, von der ganzen Prognose eigentlich nichts übrig, Genossen. (Allgemeine Heiterkeit.)

Wie Sie sehen, ist das Fazit gerade das Gegenteil von dem Fazit, das uns Trotzki in seiner Prognose skizziert hat.

Ich komme zum Schluss, Genossen.

Sinowjew prahlte eine Zeitlang damit, dass er es verstehe, sein Ohr an die Erde zu drücken (Heiterkeit), und wenn er es an die Erde drücke, dann vernehme er die Schritte der Geschichte. Es mag sehr wohl sein, dass dem wirklich so ist. Aber eins muss immerhin festgestellt werden, dass Sinowjew, der es versteht, sein Ohr an die Erde zu drücken und die Schritte der Geschichte zu vernehmen, manchmal einige „Kleinigkeiten” nicht vernimmt. Es mag sein, dass die Opposition es tatsächlich versteht, das Ohr an die Erde zu drücken und so großartige Dinge zu vernehmen wie die Schritte der Geschichte. Jedoch muss festgestellt werden, dass die Opposition, obwohl sie so großartige Dinge zu vernehmen versteht, es nicht verstanden hat, die „Kleinigkeit” zu vernehmen, dass die Partei der Opposition schon längst den Rücken gekehrt hat und dass die Opposition gestrandet ist. Das haben sie nicht vernommen. (Zurufe: „Richtig!”)

Was aber folgt daraus? Daraus folgt, dass die Ohren der Opposition augenscheinlich nicht in Ordnung sind. (Heiterkeit.)

Daher mein Ratschlag: Verehrte Oppositionelle, kurieren Sie Ihre Ohren! (Stürmischer, lang anhaltender Beifall. Die Konferenz bringt stehend dem Genossen Stalin eine Ovation dar.)

 

 

 

 

Anmerkungen - Band 8

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