DEUTSCH

 

 

Gesammelte

STALINWERKE :

 

 

 

 

BAND 7

1925

Seite 77 - 114

 

 

ZU DEN ERGEBNISSEN DER ARBEITEN DER
XIV. KONFERENZ DER KPR(B)

Referat vor dem Aktiv der Moskauer Organisation der KPR(B)

9. Mai 1925

„Prawda” Nr. 106 und 107,
12. und 13. Mai 1925.

 

 

 

 

Genossen!

Ich glaube, es hat keinen Sinn, hier die von der XIV. Konferenz unserer Partei [25] angenommenen Resolutionen ausführlich zu analysieren. Das würde viel Zeit in Anspruch nehmen und ist auch gar nicht notwendig. Ich glaube, wir könnten uns darauf beschränken, die Hauptlinien aufzuzeigen, die sich wie ein roter Faden durch diese Resolutionen ziehen. Das würde uns ermöglichen, die sich aus den angenommenen Resolutionen ergebenden grundlegenden Schlussfolgerungen hervorzuheben. Und dies wiederum würde fernerhin das Studium dieser Resolutionen erleichtern.

Wenn wir uns den Resolutionen zuwenden, so ließen sich die in ihnen berührten mannigfaltigen Fragen in sechs grundlegenden Fragengruppen zusammenfassen. Die erste Fragengruppe bilden die Fragen, die die internationale Lage betreffen. Die zweite Fragengruppe bilden die Fragen, die die nächsten Aufgaben der kommunistischen Parteien der kapitalistischen Länder betreffen. Die dritte Fragengruppe bilden die Fragen, die die nächsten Aufgaben der kommunistischen Elemente der kolonialen und abhängigen Länder betreffen. Die vierte Fragengruppe bilden die Fragen, die das Schicksal des Sozialismus in unserem Lande im Zusammenhang mit der gegenwärtigen internationalen Lage betreffen. Die fünfte Fragengruppe bilden die Fragen, die unsere Parteipolitik im Dorfe und die Aufgaben der Parteiführung unter den neuen Verhältnissen betreffen. Und die sechste Fragengruppe bilden schließlich die Fragen, die den Hauptnerv unserer ganzen Industrie, nämlich die Metallindustrie, betreffen.

 

I
DIE INTERNATIONALE LAGE

 

Worin besteht das Neue und Besondere in der internationalen Lage, das im Wesentlichen den Charakter der gegenwärtigen Situation bestimmt?

Das Neue, das in der letzten Periode in Erscheinung getreten ist und der internationalen Lage seinen Stempel aufgedrückt hat, besteht darin, dass in Europa eine Ebbe der Revolution, eine gewisse Stille eingesetzt hat - das, was wir als zeitweilige Stabilisierung des Kapitalismus bezeichnen - bei gleichzeitigem Fortschreiten der wirtschaftlichen Entwicklung und Wachstum der politischen Macht der Sowjetunion.

Was bedeutet Ebbe der Revolution, Stille? Ist das nicht der Anfang vom Ende der Weltrevolution, der Beginn der Liquidierung der proletarischen Weltrevolution? Lenin hat gesagt, dass nach dem Siege des Proletariats in unserem Lande eine neue Epoche begonnen hat, die Epoche der Weltrevolution, eine Epoche voll von Konflikten und Kriegen, Angriffen und Rückzügen, Siegen und Niederlagen, eine Epoche, die zum Siege des Proletariats in den wichtigsten Ländern des Kapitalismus führt. Wenn nun in Europa eine Ebbe der Revolution begonnen hat, bedeutet das nicht, dass die These Lenins von einer neuen Epoche, der Epoche der Weltrevolution, demnach ihre Gültigkeit verliert? Bedeutet das nicht, dass es demnach mit der proletarischen Revolution im Westen vorbei ist?

Nein, das bedeutet es nicht.

Die Epoche der Weltrevolution ist eine neue Etappe der Revolution, eine ganze strategische Periode, die eine ganze Reihe von Jahren, wahrscheinlich sogar eine Reihe von Jahrzehnten, umfasst. Im Verlauf dieser Periode kann und muss es wiederholt Ebbe und Flut der Revolution geben.

Unsere Revolution hat in ihrer Entwicklung zwei Etappen, zwei strategische Perioden zurückgelegt und ist nach dem Oktober in die dritte Etappe, in die dritte strategische Periode eingetreten. Die erste Etappe (1900-1917) dauerte über 15 Jahre. Sie hatte zum Ziel den Sturz des Zarismus, den Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution. Während dieser Periode hatten wir einen wiederholten Wechsel von Ebbe und Flut der Revolution. Wir hatten eine Flut im Jahre 1905. Diese Flut endete mit einer zeitweiligen Niederlage der Revolution. Sodann hatten wir eine Ebbe, die eine ganze Reihe von Jahren dauerte (1907-1912). Wir hatten ferner eine neue Flut, die mit den Ereignissen an der Lena (1912) einsetzte und sodann von einer neuen Ebbe während des Krieges abgelöst wurde. Das Jahr 1917 (Februar) leitete eine neue Flut ein, die durch den Sieg des Volkes über den Zarismus, durch den Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution gekrönt wurde. Bei jeder Ebbe versicherten die Liquidatoren, dass es mit der Revolution aus sei. Die Revolution führte jedoch nach einem mehrmaligen Wechsel von Ebbe und Flut im Februar 1917 zum Siege.

Die zweite Etappe der Revolution begann mit dem Februar 1917. Sie hatte zum Ziel das Ausscheiden aus dem imperialistischen Krieg, den Sturz der Bourgeoisie und den Sieg der Diktatur des Proletariats. Diese Etappe oder diese strategische Periode dauerte insgesamt 8 Monate. Das waren aber 8 Monate der tiefsten revolutionären Krise, da Krieg und Zerrüttung die Revolution vorwärts trieben, ihren Lauf bis zum äußersten beschleunigten. Eben deshalb können und müssen diese 8 Monate revolutionärer Krise mindestens 8 Jahren normaler konstitutioneller Entwicklung gleichgestellt werden. Diese strategische Periode ist ebenso wie die vorangegangene strategische Periode nicht durch einen stetigen Aufstieg der Revolution in gerader aufsteigender Linie gekennzeichnet, wie sich dies die Spießbürger der Revolution gewöhnlich vorstellen, sondern dadurch, dass es in ihr Zeiten der Ebbe und der Flut gab. Wir hatten in dieser Periode ein gewaltiges Anschwellen der revolutionären Bewegung in den Tagen der Julidemonstration. Wir hatten ferner eine Ebbe der Revolution nach der Juliniederlage der Bolschewiki. Diese Ebbe wurde unmittelbar nach dem Kornilowputsch von einer neuen Flut abgelöst, einer Flut, die mit dem Siege der Oktoberrevolution endete. Die Liquidatoren dieser Periode schwätzten von einer vollständigen Liquidierung der Revolution nach der Juliniederlage. Die Revolution wurde jedoch nach einer Reihe von Prüfungen und mehrmaliger Ebbe bekanntlich durch den Sieg der proletarischen Diktatur gekrönt.

Nach dem Siege des Oktober sind wir in die dritte strategische Periode, in die dritte Etappe der Revolution eingetreten, die die Überwindung der Bourgeoisie im Weltmaßstab zum Ziel hat. Wie lange sich diese Periode hinziehen wird, ist schwer zu sagen. Jedenfalls steht außer Zweifel, dass sie lange dauern wird, ebenso wie auch außer Zweifel steht, dass während dieser Periode Flut und Ebbe wechseln werden. Die internationale revolutionäre Bewegung ist gegenwärtig in eine Phase der Ebbe der Revolution eingetreten, wobei diese Ebbe aus einer Reihe von Gründen, auf die ich noch zu sprechen komme, von einer Flut abgelöst werden muss, die mit dem Siege des Proletariats enden kann; es ist aber auch möglich, dass diese Flut nicht mit einem Siege endet, sondern von einer neuen Ebbe abgelöst wird, die ihrerseits von einer neuen Flut der Revolution abgelöst werden muss. Die Liquidatoren der gegenwärtigen Periode sagen, dass die eingetretene Stille das Ende der Weltrevolution bedeute. Sie irren sich aber ebenso, wie sie sich früher, während der ersten und zweiten Etappe unserer Revolution, geirrt haben, als sie jede Ebbe der revolutionären Bewegung als Zerschlagung der Revolution ansahen.

Das sind die Schwankungen innerhalb einer jeden Etappe der Revolution, innerhalb einer jeden strategischen Periode.

Wovon zeugen diese Schwankungen? Zeugen sie davon, dass die These Lenins über die neue Epoche der Weltrevolution ihre Bedeutung verloren hat oder verlieren kann? Natürlich nicht! Sie zeugen nur davon, dass sich die Revolution gewöhnlich nicht in einer geraden aufsteigenden Linie entwickelt, in einem ununterbrochenen Ansteigen des Aufschwungs, sondern im Zickzack, durch Angriffe und Rückzüge, durch Flut und Ebbe, die im Laufe der Entwicklung die Kräfte der Revolution stählen und den endgültigen Sieg der Revolution vorbereiten.

Das ist der historische Sinn der eingetretenen Phase der Ebbe der Revolution, der historische Sinn der gegenwärtigen Stille.

Die Ebbe ist aber nur die eine Seite der Sache. Die andere Seite der Sache besteht darin, dass wir neben der Ebbe der Revolution in Europa ein stürmisches Fortschreiten der wirtschaftlichen Entwicklung der Sowjetunion und ein Anwachsen ihrer politischen Macht zu verzeichnen haben.

Mit anderen Worten, wir haben nicht nur eine Stabilisierung des Kapitalismus. Wir haben zugleich eine Stabilisierung der Sowjetordnung. Wir haben somit zwei Stabilisierungen: eine zeitweilige Stabilisierung des Kapitalismus und die Stabilisierung der Sowjetordnung. Die Erreichung eines gewissen zeitweiligen Gleichgewichts zwischen diesen zwei Stabilisierungen - das ist der charakteristische Zug der gegenwärtigen internationalen Lage.

Was bedeutet aber Stabilisierung? Bedeutet das nicht eine Stagnation, und wenn die Stabilisierung eine Stagnation ist, kann dieser Begriff dann auf die Sowjetordnung angewandt werden? Nein. Stabilisierung ist keine Stagnation. Stabilisierung bedeutet Festigung der gegebenen Lage und Weiterentwicklung. Der Weltkapitalismus hat sich nicht nur auf Grund der gegebenen Lage gefestigt. Er schreitet voran und entwickelt sich weiter, erweitert seine Einflusssphäre und vermehrt seinen Reichtum. Es stimmt nicht, dass sich der Kapitalismus nicht entwickeln kann, dass die von Lenin in seinem „Imperialismus“ [26] aufgestellte Theorie des Verfaulens des Kapitalismus angeblich eine Entwicklung des Kapitalismus ausschließt. Lenin hat in seiner Schrift über den „Imperialismus” schlagend bewiesen, dass das Wachstum des Kapitalismus das fortschreitende Verfaulen des Kapitalismus nicht ausschließt, sondern voraussetzt und vorbereitet.

Wir haben also zwei Stabilisierungen. Auf dem einen Pol stabilisiert sich der Kapitalismus, der die erreichte Stellung festigt und sich weiterentwickelt. Auf dem anderen Pol stabilisiert sich die Sowjetordnung, die die eroberten Positionen festigt und auf dem Wege zum Sieg vorwärts schreitet.

Wer - wen? - das ist der springende Punkt.

Weshalb verläuft die eine Stabilisierung parallel zur anderen, wieso sind diese zwei Pole entstanden? Weil es in der Welt schon keinen einheitlichen und allumfassenden Kapitalismus mehr gibt. Weil sich die Welt in zwei Lager gespalten hat - in das Lager des Kapitalismus mit dem englisch-amerikanischen Kapital an der Spitze, und in das Lager des Sozialismus mit der Sowjetunion an der Spitze. Weil die internationale Lage immer mehr durch das gegenseitige Kräfteverhältnis dieser beiden Lager bestimmt wird.

Charakteristisch ist also für den gegenwärtigen Moment nicht nur, dass sich der Kapitalismus und die Sowjetordnung stabilisiert haben, sondern auch, dass die Kräfte dieser beiden Lager ein gewisses zeitweiliges Gleichgewicht erreicht haben, mit einem gewissen Plus für das Kapital und folglich mit einem gewissen Minus für die revolutionäre Bewegung, denn die eingetretene Stille bedeutet im Vergleich zum revolutionären Aufschwung zweifelsohne ein, wenn auch nur zeitweiliges, Minus für den Sozialismus. Welcher Art ist der Unterschied zwischen diesen beiden Stabilisierungen? Wohin führt die eine und wohin die andere Stabilisierung? Die Stabilisierung unter den Verhältnissen des Kapitalismus, die das Kapital zeitweilig stärkt, führt zugleich unbedingt zur Verschärfung der Widersprüche des Kapitalismus, der Widersprüche: a) zwischen den imperialistischen Gruppen der verschiedenen Länder; b) zwischen den Arbeitern und Kapitalisten eines jeden Landes; c) zwischen dem Imperialismus und den Kolonialvölkern aller Länder. Die Stabilisierung unter den Verhältnissen der Sowjetordnung hingegen, die den Sozialismus stärkt, führt zugleich unbedingt zur Milderung der Gegensätze und zur Besserung der gegenseitigen Beziehungen: zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft unseres Landes; zwischen dem Proletariat und den Kolonialvölkern der unterdrückten Linder; c) zwischen der Diktatur des Proletariats und den Arbeitern aller Länder. Es handelt sich darum, dass sich der Kapitalismus nicht entwickeln kann ohne Verstärkung der Ausbeutung der Arbeiterklasse, ohne die Mehrheit der Werktätigen zu einem Hungerdasein zu verdammen, ohne Verstärkung der Unterdrückung der kolonialen und abhängigen Länder, ohne Konflikte und Zusammenstöße zwischen den verschiedenen imperialistischen Gruppen der Weltbourgeoisie. Die Sowjetordnung und die Diktatur des Proletariats dagegen können sich nur entwickeln bei einer ständigen Hebung des materiellen und kulturellen Niveaus der Arbeiterklasse, bei einer ständigen Besserung der Lage aller Werktätigen des Sowjetlandes, bei einer fortschreitenden Annäherung und Einigung der Arbeiter aller Länder, beim Zusammenschluss der unterdrückten Völker der kolonialen und abhängigen Länder um die revolutionäre Bewegung des Proletariats. Der Weg der Entwicklung des Kapitalismus ist der Weg der Verelendung und des Hungerdaseins der gewaltigen Mehrheit der Werktätigen, wobei eine unbedeutende Oberschicht dieser Werktätigen bestochen und besser gestellt wird. Der Weg der Entwicklung der Diktatur des Proletariats dagegen ist der Weg der stetigen Hebung des Wohlstands der gewaltigen Mehrheit der Werktätigen. Gerade deshalb muss die Entwicklung des Kapitalismus zwangsläufig Verhältnisse erzeugen, die die Widersprüche des Kapitalismus verschärfen. Gerade deshalb ist der Kapitalismus unfähig, diese Widersprüche zu lösen. Gewiss, wenn das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der kapitalistischen Entwicklung, das zu Konflikten und Kriegen zwischen den kapitalistischen Ländern wegen Kolonien führt, nicht bestände; wenn sich der Kapitalismus ohne Kapitalausfuhr in die rückständigen Länder, in die Länder der billigen Rohstoffe und Arbeitskräfte, entwickeln könnte; wenn die Überschüsse der kapitalistischen Akkumulation der „Mutterländer” nicht für die Kapitalausfuhr, sondern für eine ernstliche Entwicklung der Landwirtschaft und für die Besserung der materiellen Lage der Bauernschaft verwandt würden; wenn diese Überschüsse schließlich zur Hebung des Lebensniveaus der gesamten Masse der Arbeiterklasse verwandt würden - dann wäre von einer Verstärkung der Ausbeutung der Arbeiterklasse, von einer Verelendung der Bauernschaft unter den Verhältnissen des Kapitalismus, von einer Verstärkung der Unterdrückung in den kolonialen und abhängigen Ländern, von Konflikten und Kriegen zwischen den Kapitalisten gar keine Rede. Dann wäre aber der Kapitalismus kein Kapitalismus. Das ist es ja eben, dass sich der Kapitalismus nicht entwickeln kann, ohne alle diese Widersprüche zu verschärfen und dadurch in immer größerem Maße die Bedingungen zu schaffen, die letzten Endes den Sturz des Kapitalismus erleichtern.

Das ist es ja eben, dass sich die Diktatur des Proletariats dagegen nicht weiterentwickeln kann, ohne die Bedingungen zu schaffen, die die revolutionäre Bewegung aller Länder auf eine höhere Stufe heben und den endgültigen Sieg des Proletariats vorbereiten.

Das ist der Unterschied zwischen den beiden Stabilisierungen.

Das ist der Grund, warum die Stabilisierung des Kapitalismus weder dauerhaft noch fest sein kann.

Betrachten wir die Frage der Stabilisierung des Kapitalismus konkret. Worin kommt die Stabilisierung des Kapitalismus konkret zum Ausdruck?

Erstens darin, dass es Amerika, England und Frankreich gelungen ist, zeitweilig über die Methoden und über den Umfang der Ausplünderung Deutschlands handelseinig zu werden. Mit anderen Worten, es ist ihnen gelungen, eine Abmachung zu treffen, die sie die Dawesierung Deutschlands nennen. Kann man diese Abmachung als einigermaßen dauerhaft bezeichnen? Nein, das kann man nicht. Erstens, weil die Rechnung ohne den Wirt, das heißt ohne das deutsche Volk gemacht wurde; zweitens, weil diese Abmachung ein doppeltes Joch für das deutsche Volk bedeutet - das Joch der nationalen Bourgeoisie und das Joch der ausländischen Bourgeoisie. Anzunehmen, dass eine kulturell so entwickelte Nation wie die deutsche und ein kulturell so entwickeltes Proletariat wie das deutsche sich ohne eine Reihe ernstlicher Versuche, eine revolutionäre Explosion herbeizuführen, damit abfinden würde, ein doppeltes Joch zu tragen - hieße an Wunder glauben. Selbst eine solche dem Wesen nach reaktionäre Tatsache, wie die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten [27], lässt keinen Zweifel darüber, dass die zeitweilige Abmachung der Entente gegen Deutschland nicht dauerhaft, dass sie lächerlich unbeständig ist.

Zweitens kommt die Stabilisierung des Kapitalismus darin zum Ausdruck, dass es dem englischen, amerikanischen und japanischen Kapital gelungen ist, zeitweilig über die Festlegung der Einflusssphären in China, diesem ausgedehntesten Markt des internationalen Kapitals, über die Methoden seiner Ausplünderung handelseinig zu werden. Kann man diese Abmachung als einigermaßen dauerhaft betrachten? Das kann man ebenfalls nicht. Erstens, weil die Partner dieser Abmachung wegen des Anteils an der Ausplünderung auf Leben und Tod gegeneinander kämpfen und kämpfen werden; zweitens, weil diese Abmachung hinter dem Rücken des chinesischen Volkes zustande gekommen ist, das sich den Gesetzen der fremdländischen Räuber nicht unterwerfen will und nicht unterwerfen wird. Zeugt denn das Anwachsen der revolutionären Bewegung in China nicht davon, dass die Machenschaften der fremdländischen Imperialisten zum Scheitern verurteilt sind?

Drittens kommt die Stabilisierung des Kapitalismus darin zum Ausdruck, dass es den imperialistischen Gruppen der fortgeschrittenen Länder gelungen ist, zeitweilig über eine gegenseitige Nichteinmischung bei der Ausplünderung und Unterdrückung der „eigenen” Kolonien handelseinig zu werden. Kann man diese Abmachung oder diesen Versuch, handelseinig zu werden, als einigermaßen dauerhaft betrachten? Nein, das kann man nicht. Erstens, weil jede der imperialistischen Gruppen bemüht ist und bemüht sein wird, ein Stückchen der fremden Kolonien zu ihrem Vorteil an sich zu reißen; zweitens, weil der Druck und die Unterjochungspolitik der imperialistischen Gruppen in den Kolonien diese Kolonien nur stählen und revolutionieren, wodurch die revolutionäre Krise verschärft wird. Die Imperialisten versuchen, Indien „zur Ruhe zu bringen”, Ägypten im Zaum zu halten, Marokko zu zähmen, Indochina, Indonesien an Händen und Füßen zu knebeln, und greifen zu allen nur möglichen Schlichen und Machenschaften. Es ist möglich, dass es ihnen gelingen wird, in dieser Hinsicht einige „Resultate” zu erzielen. Aber es lässt sich wohl kaum bezweifeln, dass diese Machenschaften nicht für lange herhalten werden noch herhalten können.

Viertens kann die Stabilisierung des Kapitalismus darin zum Ausdruck kommen, dass die imperialistischen Gruppen der fortgeschrittenen Länder versuchen werden, über eine Einheitsfront gegen die Sowjetunion handelseinig zu werden. Nehmen wir an, es würde gelingen, eine solche Abmachung zuwege zu bringen. Nehmen wir an, es würde ihnen gelingen, mit Hilfe aller nur möglichen Machenschaften, bis zu den schurkischen Fälschungen in Verbindung mit der Sofioter Explosion [28] usw., so etwas wie eine Einheitsfront zustande zu bringen. Gibt es einen Grund zu der Annahme, dass eine Abmachung gegen unser Land oder eine Stabilisierung auf diesem Gebiet einigermaßen dauerhaft, einigermaßen erfolgreich sein kann? Ich glaube, solche Gründe gibt es nicht. Warum? Erstens, weil die Gefahr einer Einheitsfront und eines vereinigten Angriffs der Kapitalisten dazu führen würde, dass sich das ganze Land wie ein gewaltiger Ring fester denn je zuvor um die Sowjetmacht zusammenschließen und sich in eine unbesiegbare Festung verwandeln würde, und das in einem noch größeren Maße, als dies zum Beispiel während der Invasion der „14 Staaten” der Fall war. Denken Sie an die Drohung des sattsam bekannten Churchill mit der Invasion von 14 Staaten. Sie wissen, dass er diese Drohung nur auszusprechen brauchte, und schon schloss sich das ganze Land um die Sowjetmacht gegen die imperialistischen Räuber zusammen. Zweitens, weil ein Feldzug gegen das Sowjetland unbedingt die Kräfte einer ganzen Reihe revolutionärer Knotenpunkte im Hinterland der Gegner entfesseln und die Reihen des Imperialismus zersetzen und demoralisieren würde. Dass sich in der letzten Zeit eine Unmenge solcher Knotenpunkte gebildet hat und dass sie dem Imperialismus nichts Gutes verheißen, daran dürfte es wohl kaum einen Zweifel geben. Drittens, weil unser Land schon nicht mehr allein steht, weil es in den Arbeitern des Westens und in den unterdrückten Völkern des Ostens Verbündete hat. Es lässt sich wohl kaum bezweifeln, dass ein Krieg gegen die Sowjetunion einen Krieg des Imperialismus gegen seine eigenen Arbeiter und Kolonien bedeuten würde. Ich brauche nicht den Beweis zu führen, dass wir, falls man unser Land überfiele, nicht die Hände in den Schoß legen, sondern alle Maßnahmen ergreifen würden, um in allen Ländern der Welt den Löwen der Revolution zu wecken. Den führenden Männern der kapitalistischen Länder kann es nicht unbekannt sein, dass wir diesbezüglich schon einige Erfahrung haben.

Das sind die Tatsachen und Erwägungen, die davon zeugen, dass die Stabilisierung des Kapitalismus nicht dauerhaft sein kann, dass diese Stabilisierung die Schaffung von Bedingungen bedeutet, die zur Niederlage des Kapitalismus führen, dass die Stabilisierung der Sowjetordnung hingegen eine fortwährende Anhäufung von Bedingungen bedeutet, die zur Festigung der Diktatur des Proletariats, zur Steigerung der revolutionären Bewegung aller Länder und zum Sieg des Sozialismus führen.

Dieser prinzipielle Gegensatz zwischen den beiden Stabilisierungen, der kapitalistischen und der sowjetischen, ist der Ausdruck des Gegensatzes zwischen den beiden Wirtschafts- und Regierungssystemen, zwischen dem System des Kapitalismus und dem System des Sozialismus.

Wer diesen Gegensatz nicht begriffen hat, der wird das eigentliche Wesen der gegenwärtigen internationalen Lage nie begreifen.

Das ist das allgemeine Bild der internationalen Lage im gegenwärtigen Moment.

 

II
DIE NÄCHSTEN AUFGABEN
DER KOMMUNISTISCHEN PARTEIEN DER
KAPITALISTISCHEN LÄNDER

 

Ich gehe zur zweiten Fragengruppe über.

Das Neue und Besondere in der Lage der kommunistischen Parteien der kapitalistischen Länder besteht gegenwärtig darin, dass die Periode der Flut der Revolution von einer Periode der Ebbe der Revolution, einer Periode der Stille abgelöst worden ist. Die Aufgabe besteht darin, die gegenwärtige Periode der Stille auszunützen zur Festigung der kommunistischen Parteien, zu ihrer Bolschewisierung, zu ihrer Verwandlung in wirkliche Massenparteien, die sich auf die Gewerkschaften stützen, zum Zusammenschluss der werktätigen Elemente der nichtproletarischen Klassen und vor allem der Bauernschaft um das Proletariat, schließlich zur Erziehung der Proletarier im Geiste der Revolution und der Diktatur des Proletariats.

Ich werde nicht alle aktuellen Aufgaben aufzählen, vor denen die kommunistischen Parteien des Westens stehen. Wenn Sie die entsprechenden Resolutionen, besonders die Resolution des erweiterten Plenums der Komintern über die Bolschewisierung [29] durchlesen, wird es Ihnen nicht schwer sein, zu begreifen, worin eben diese Aufgaben konkret bestehen.

Ich möchte auf die grundlegende Aufgabe eingehen, auf diejenige Aufgabe der kommunistischen Parteien des Westens, deren Klärung die Lösung aller übrigen aktuellen Aufgaben erleichtert.

Was ist das für eine Aufgabe?

Diese Aufgabe besteht darin, eine enge Verbindung zwischen den kommunistischen Parteien des Westens und den Gewerkschaften herzustellen. Diese Aufgabe besteht darin, die Kampagne für die Einheit der Gewerkschaftsbewegung zu entfalten und zu Ende zu führen, allen Kommunisten zur unbedingten Pflicht zu machen, in die Gewerkschaften einzutreten, dort eine systematische Arbeit für den Zusammenschluss der Arbeiter zu einer Einheitsfront gegen das Kapital zu leisten und dadurch die Bedingungen zu schaffen, die es den kommunistischen Parteien er-möglichen, sich auf die Gewerkschaften zu stützen.

Ohne die Durchführung dieser Aufgabe ist weder die Verwandlung der kommunistischen Parteien in wirkliche Massenparteien noch die Vorbereitung der für den Sieg des Proletariats notwendigen Bedingungen möglich.

Die Gewerkschaften und die Parteien im Westen sind etwas anderes als die Gewerkschaften und die Partei bei uns in Rußland. Die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Gewerkschaften und den Parteien im Westen stimmen bei weitem nicht mit den gegenseitigen Beziehungen überein, die sich bei uns in Rußland herausgebildet haben. Die Gewerkschaften sind bei uns später als die Partei und um die Partei der Arbeiter-klasse entstanden. Bei uns gab es noch keine Gewerkschaften, als die Partei und ihre Organisationen bereits nicht nur den politischen, sondern auch den wirtschaftlichen Kampf der Arbeiterklasse, die kleinen und kleinsten Streiks mit inbegriffen, leiteten. Dadurch erklärt sich hauptsächlich jene außergewöhnliche Autorität, die unsere Partei unter den Arbeitern vor der Februarrevolution im Vergleich zu jenen Keimen der Gewerkschaften besaß, die bei uns damals hie und da bestanden. Wirkliche Gewerkschaften sind bei uns erst nach dem Februar 1917 entstanden. Vor dem Oktober hatten wir bereits ausgebaute Gewerkschaftsorganisationen, die unter den Arbeitern gewaltige Autorität besaßen. Lenin sagte schon damals, dass ohne eine solche Stütze, wie es die Gewerkschaften sind, die Diktatur des Proletariats weder erkämpft noch behauptet werden kann. Die stärkste Entwicklung nahmen die Gewerkschaften bei uns nach der Machteroberung, besonders unter den Verhältnissen der NÖP. Es unterliegt keinem Zweifel, dass unsere machtvollen Gewerkschaften heute eine der Hauptstützen der Diktatur des Proletariats darstellen. Das Charakteristischste an der Entwicklungsgeschichte unserer Gewerkschaften besteht darin, dass sie später als die Partei, um die Partei und in Freundschaft mit der Partei entstanden, sich entwickelten und erstarkten.

Unter ganz anderen Verhältnissen entwickelten sich die Gewerkschaften im Westen Europas. Erstens sind sie dort lange vor der Partei der Arbeiterklasse entstanden und erstarkt. Zweitens haben sich dort die Gewerkschaften nicht um die Partei der Arbeiterklasse entwickelt, sondern umgekehrt, die Parteien der Arbeiterklasse sind selbst aus den Gewerkschaften hervorgegangen. Drittens mussten sich die Parteien, da das Gebiet des wirtschaftlichen Kampfes, das der Arbeiterklasse am nächsten liegt, von den Gewerkschaften sozusagen bereits erobert war, hauptsächlich mit dem politisch-parlamentarischen Kampf befassen, was auf den Charakter ihrer Arbeit und auf ihr Ansehen in den Augen der Arbeiter-klasse zurückwirken musste. Und gerade weil die Parteien dort später als die Gewerkschaften entstanden, gerade weil die Gewerkschaften lange vor den Parteien geschaffen wurden und eigentlich auch die Hauptfestungen des Proletariats in seinem Kampf gegen das Kapital darstellten - gerade deshalb sahen sich die Parteien, die sich nicht auf die Gewerkschaften stützten, als selbständige Kraft in den Hintergrund gedrängt.

Hieraus folgt aber, dass die kommunistischen Parteien, wenn sie zu einer wirklichen Massenkraft werden wollen, die fähig ist, die Revolution voranzutreiben, eine enge Verbindung mit den Gewerkschaften herstellen und sich auf sie stützen müssen.

Diese Besonderheit der Lage im Westen nicht in Betracht ziehen heißt ganz bestimmt die Sache der kommunistischen Bewegung zugrunde richten.

Dort im Westen gibt es heute noch immer einzelne „Kommunisten”, die diese Besonderheit nicht begreifen wollen und die nach wie vor für die antiproletarische und antirevolutionäre Losung „Heraus aus den Gewerkschaften!” Reklame machen. Es muss gesagt werden, dass niemand der kommunistischen Bewegung im Westen so viel Schaden zufügen kann wie diese und ähnliche „Kommunisten”. Diese Leute gedenken, die Gewerkschaften von außen her „zu attackieren”, da sie diese für ein feindliches Lager halten. Sie begreifen nicht, dass bei einer solchen Politik die Arbeiter diese Leute eben als Feinde betrachten werden. Sie begreifen nicht, dass die Arbeiter in ihrer Masse die Gewerkschaften - ob sie nun gut oder schlecht sind - dennoch als ihre Festungen betrachten, die ihnen helfen, den Arbeitslohn, den Arbeitstag usw. zu wahren. Sie begreifen nicht, dass eine solche Politik das Eindringen der Kommunisten in die Millionenmassen der Arbeiterklasse nicht erleichtert, sondern ihm Abbruch tut.

„Ihr attackiert meine Festung”, kann der Durchschnittsarbeiter aus der Masse solchen „Kommunisten” sagen. „Ihr wollt das Werk zerstören, an dem ich jahrzehntelang gebaut habe, und mir beweisen, dass der Kommunismus besser ist als der Trade-Unionismus. Ich weiß nicht, vielleicht habt ihr auch recht in euren theoretischen Berechnungen bezüglich des Kommunismus - wie soll ich einfacher Arbeiter mich auskennen in euren Theorien - ich weiß aber das eine, dass ich meine Festungen, die Gewerkschaften, habe. Sie haben mich in den Kampf geführt, sie haben mich - recht und schlecht - gegen die Angriffe der Kapitalisten verteidigt, und jeder, der diese Festungen zu zerstören gedenkt, zerstört mein eigenes Arbeiterwerk. Hört auf, meine Festungen zu attackieren, tretet in die Gewerkschaften ein, arbeitet dort fünf Jahre oder noch länger, helft, sie zu verbessern und zu festigen, und ich werde dann sehen, was ihr für Kerle seid, und wenn ihr euch wirklich als tüchtige Kerle erweist, so werde ich mich natürlich nicht weigern, euch zu unterstützen” usw.

So oder ungefähr so begegnet der heutige Durchschnittsarbeiter des Westens den Antigewerkschaftlern.

Wer diese Besonderheit in der Psychologie des europäischen Durchschnittsarbeiters nicht begriffen hat, der wird auch nichts von der gegenwärtigen Lage unserer kommunistischen Parteien begreifen.

Worin liegt die Stärke der Sozialdemokratie im Westen?

Darin, dass sie sich auf die Gewerkschaften stützt.

Worin liegt die Schwäche unserer kommunistischen Parteien im Westen?

Darin, dass sie noch keine enge Verbindung mit den Gewerkschaften hergestellt haben und dass gewisse Elemente dieser kommunistischen Parteien gar keine enge Verbindung mit den Gewerkschaften herstellen wollen.

Daher besteht die Hauptaufgabe der kommunistischen Parteien des Westens im gegenwärtigen Moment darin, die Kampagne für die Einheit der Gewerkschaftsbewegung zu entfalten und zu Ende zu führen, ausnahmslos allen Kommunisten zur Pflicht zu machen, in die Gewerkschaften einzutreten, dort eine systematische geduldige Arbeit im Interesse des Zusammenschlusses der Arbeiterklasse gegen das Kapital zu leisten und dadurch zu erreichen, dass die kommunistischen Parteien sich auf die Gewerkschaften stützen können.

Das ist der Sinn der Beschlüsse des erweiterten Plenums der Komintern über die nächsten Aufgaben der kommunistischen Parteien des Westens im gegenwärtigen Moment.

 

III
DIE NÄCHSTEN AUFGABEN DER
KOMMUNISTISCHEN ELEMENTE DER KOLONIALEN
UND ABHÄNGIGEN LÄNDER

 

Ich gehe zur dritten Fragengruppe über.

Das Neue auf diesem Gebiet besteht in folgendem:

a) die verstärkte Kapitalausfuhr aus den fortgeschrittenen in die rückständigen Länder, die durch die Stabilisierung des Kapitalismus gefördert wird, hat zur Folge, dass sich der Kapitalismus in den Kolonialländern in schnellem Tempo entwickelt und entwickeln wird, wobei er die alten Formen der sozialpolitischen Verhältnisse sprengt und neue schafft;

b) das Proletariat in diesen Ländern wächst und wird in zunehmendem Tempo wachsen;

c) die revolutionäre Arbeiterbewegung und die revolutionäre Krise in den Kolonien wächst und wird weiter wachsen;

d) im Zusammenhang damit treten bestimmte Schichten der nationalen Bourgeoisie, die reichsten und mächtigsten, hervor und werden verstärkt hervortreten, die eine Revolution im eigenen Lande mehr fürchten als den Imperialismus und darum ein Übereinkommen mit dem Imperialismus der Befreiung ihres Landes vom Imperialismus vorziehen und somit ihre eigene Heimat verraten werden (Indien, Ägypten usw.);

e) infolgedessen kann die Befreiung dieser Länder vom Imperialismus nur im Kampf gegen die paktiererische nationale Bourgeoisie erreicht werden;

f) hieraus folgt aber, dass die Frage des Bündnisses der Arbeiter und Bauern und der Hegemonie des Proletariats in den industriell entwickelten und sich entwickelnden Kolonien zu einer aktuellen Frage werden muss, ebenso wie sie vor der ersten Revolution in Rußland im Jahre 1905 aktuell wurde.

Bisher war es so, dass man vom Osten als von etwas Geschlossenem und Gleichartigem zu sprechen pflegte. Jetzt ist es für jeden klar, dass es einen einheitlichen, gleichartigen Osten nicht mehr gibt, dass es jetzt kapitalistisch entwickelte und sich entwickelnde Kolonien, anderseits aber rückständige und zurückbleibende Kolonien gibt, die nicht mit gleichem Maßstab gemessen werden können.

Bisher stellte man sich die nationale Befreiungsbewegung so vor, dass man sie als eine geschlossene Front aller nationalen Kräfte der kolonialen und abhängigen Länder - von den allerreaktionärsten Bourgeois bis zu den allerrevolutionärsten Proletariern - betrachtete. Jetzt, nach der Spaltung der nationalen Bourgeoisie in einen revolutionären und einen antirevolutionären Flügel, bietet die nationale Bewegung ein etwas anderes Bild. Neben den revolutionären Elementen der nationalen Bewegung gehen aus der Bourgeoisie paktiererische, reaktionäre Elemente hervor, die ein Übereinkommen mit dem Imperialismus der Befreiung ihres Landes vorziehen.

Hieraus ergibt sich für die kommunistischen Elemente der Kolonialländer die Aufgabe, sich mit den revolutionären Elementen der Bourgeoisie und vor allem mit der Bauernschaft gegen den Block des Imperialismus und der paktiererischen Elemente der „eigenen” Bourgeoisie zusammenzuschließen, um, mit dem Proletariat an der Spitze, einen wirklichen revolutionären Kampf für die Befreiung vom Imperialismus zu führen.

Daraus ergibt sich nur die eine Schlussfolgerung: Für eine ganze Reihe von Kolonialländern rückt jetzt ihr Jahr 1905 heran.

Die Aufgabe besteht darin, die fortgeschrittenen Elemente der Arbeiter der Kolonialländer zu einer einheitlichen kommunistischen Partei zusammenzuschließen, die fähig ist, die Führung der heranreifenden Revolution zu übernehmen.

Folgendes sagte Lenin schon im Jahre 1922 über die ansteigende revolutionäre Bewegung in den Kolonialländern:

„Die gegenwärtigen ‚Sieger’ des ersten imperialistischen Gemetzels sind nicht einmal imstande, das winzig kleine Irland zu besiegen, sind nicht einmal imstande, den Wirrwarr, der unter ihnen selbst in Finanz- und Valutafragen entstanden ist, zu überwinden. Und in Indien und China brodelt es. Das sind mehr als 700 Millionen Menschen. Das ist, wenn wir die an sie grenzenden und ihnen ganz ähnlichen asiatischen Länder hinzuzählen, die größere Hälfte der Bevölkerung der Welt. Dort rückt, unaufhaltsam und immer rascher, das Jahr 1905 heran, mit dem wesentlichen und riesengroßen Unterschied, dass im Jahre 1905 die Revolution in Rußland (wenigstens anfangs) sich noch isoliert abspielen konnte, das heißt ohne unverzüglich andere Länder in die Revolution hineinzuziehen. Die in Indien und China heranwachsende Revolution aber wird und ist schon jetzt in den revolutionären Kampf, in die revolutionäre Bewegung, in die internationale Revolution hineingezogen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 313, russ.)

Die Kolonialländer stehen vor ihrem Jahr 1905 - das ist die Schlussfolgerung.

Das ist der Sinn der vom erweiterten Plenum der Komintern zur Kolonialfrage angenommenen Resolutionen.

 

IV
ÜBER DAS SCHICKSAL DES SOZIALISMUS
IN DER SOWJETUNION

 

Ich gehe zur vierten Fragengruppe über.

Bisher sprach ich über die von unserer Parteikonferenz angenommenen Resolutionen zu den Fragen, die unmittelbar die Komintern angehen. Jetzt gehen wir zu den Fragen über, die sich sowohl auf die Komintern als auch auf die KPR(B) direkt beziehen und daher das Bindeglied zwischen den äußeren und inneren Fragen bilden.

Wie muss sich die zeitweilige Stabilisierung des Kapitalismus auf das Schicksal des Sozialismus in unserem Lande auswirken? Bedeutet diese Stabilisierung nicht das Ende oder den Anfang vom Ende des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande?

Kann man den Sozialismus in unserem in technisch-ökonomischer Hinsicht rückständigen Lande überhaupt aus eigener Kraft errichten, wenn der Kapitalismus in den anderen Ländern für eine mehr oder minder lange Periode bestehen bleibt?

Kann man eine volle Garantie gegen die Interventionsgefahr und folglich auch gegen die Restauration der alten Ordnung in unserem Lande schaffen, wenn die kapitalistische Umkreisung fortbesteht und der Kapitalismus überdies sich gegenwärtig noch stabilisiert hat?

All dies sind Fragen, die im Zusammenhang mit der auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen entstandenen neuen Situation unvermeidlich vor uns auftauchen und die wir nicht umgehen können, auf die wir eine genaue und bestimmte Antwort geben müssen.

Unser Land weist zwei Gruppen von Gegensätzen auf. Die eine Gruppe von Gegensätzen - das sind die inneren Gegensätze, die zwischen Proletariat und Bauernschaft bestehen. Die andere Gruppe von Gegensätzen - das sind die äußeren Gegensätze, die zwischen unserem Lande, als dem Lande des Sozialismus, und allen übrigen Ländern, als den Ländern des Kapitalismus, vorhanden sind.

Betrachten wir nun diese beiden Gruppen von Gegensätzen gesondert.

Dass gewisse Gegensätze zwischen Proletariat und Bauernschaft bestehen, lässt sich natürlich nicht leugnen. Man braucht sich nur all das ins Gedächtnis zu rufen, was bei uns im Zusammenhang mit der Preispolitik in bezug auf landwirtschaftliche Erzeugnisse, im Zusammenhang mit der Festsetzung von Höchstpreisen, im Zusammenhang mit der Kampagne für die Herabsetzung der Preise für Industriewaren usw. vor sich ging und vor sich geht, um die ganze Realität dieser Gegensätze zu begreifen. Wir haben zwei Hauptklassen vor uns: die Klasse der Proletarier und die Klasse der Privateigentümer, das heißt der Bauernschaft. Daher die Unvermeidlichkeit von Gegensätzen zwischen ihnen. Die ganze Frage ist die, ob wir diese Gegensätze, die zwischen Proletariat und Bauernschaft bestehen, aus eigener Kraft überwinden können. Wenn man fragt, ob es möglich ist, den Sozialismus aus eigener Kraft zu errichten, so ist damit die Frage gemeint: Ist es möglich, die zwischen Proletariat und Bauernschaft in unserem Lande bestehenden Gegensätze zu überwinden oder nicht?

Der Leninismus beantwortet diese Frage bejahend: Ja, wir können den Sozialismus errichten, und wir werden ihn zusammen mit der Bauernschaft, unter der Führung der Arbeiterklasse aufbauen.

Worin ist eine solche Antwort begründet, womit ist sie motiviert?

Die Motive für diese Antwort bestehen darin, dass zwischen Proletariat und Bauernschaft nicht nur Gegensätze bestehen, sondern dass sie in den grundlegenden Fragen der Entwicklung auch gemeinsame Interessen haben, die diese Gegensätze aufwiegen oder zumindest aufwiegen können und die die Basis, die Grundlage des Bündnisses der Arbeiter und Bauern bilden.

Worin bestehen diese gemeinsamen Interessen?

Die Sache ist die, dass es zwei Entwicklungswege der Landwirtschaft gibt: den kapitalistischen Weg und den sozialistischen Weg. Der kapitalistische Weg bedeutet eine Entwicklung, die zur Verelendung der Mehrheit der Bauernschaft im Interesse der Bereicherung der oberen Schichten der städtischen und ländlichen Bourgeoisie führt. Der sozialistische Weg hingegen bedeutet eine Entwicklung, die zur fortwährenden Hebung des Wohlstands der Mehrheit der Bauernschaft führt. Wie das Proletariat, so ist auch die Bauernschaft, und diese ganz besonders, daran interessiert, dass die Entwicklung den zweiten, den sozialistischen Weg geht. Denn nur auf diesem Wege kann die Bauernschaft vor Verelendung und Hungerdasein gerettet werden. Es braucht nicht betont zu werden, dass die Diktatur des Proletariats, die die Hauptfäden der Wirtschaft in ihren Händen hält, alle Maßnahmen ergreifen wird, um dem zweiten, dem sozialistischen Wege, zum Siege zu verhelfen. Anderseits ist es selbstverständlich, dass die Bauernschaft zutiefst daran interessiert ist, dass die Entwicklung diesen zweiten Weg geht.

Hieraus entspringt die Gemeinsamkeit der Interessen des Proletariats und der Bauernschaft, die die Gegensätze zwischen ihnen aufwiegt.

Deshalb sagt der Leninismus, dass wir zusammen mit der Bauernschaft, auf der Grundlage des Bündnisses der Arbeiter und Bauern die vollendete sozialistische Gesellschaft errichten können und errichten müssen.

Deshalb sagt der Leninismus, ausgehend von den gemeinsamen Interessen der Proletarier und Bauern, dass wir die zwischen Proletariat und Bauernschaft bestehenden Gegensätze aus eigener Kraft überwinden können und überwinden müssen.

Das ist der Standpunkt des Leninismus zu dieser Frage. Augenscheinlich sind aber nicht alle Genossen mit dem Leninismus

einverstanden. Trotzki zum Beispiel schreibt über die Gegensätze zwischen Proletariat und Bauernschaft folgendes:

„Die Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung in einem rückständigen Lande mit einer erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung werden nur - im internationalen Maßstab, in der Arena der Weltrevolution des Proletariats ihre Lösung finden können.” (Siehe Vorwort zum Buch Trotzkis „Das Jahr 1905“.)

Mit anderen Worten, wir vermögen nicht, sind nicht imstande, die inneren Gegensätze in unserem Lande, die Gegensätze zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft aus eigener Kraft zu überwinden und aufzuheben, denn, so erfährt man, nur im Ergebnis der Weltrevolution und nur auf der Grundlage der Weltrevolution werden wir diese Gegensätze aufheben und den Sozialismus schließlich errichten können.

Es erübrigt sich zu sagen, dass diese These mit dem Leninismus nichts gemein hat.

Derselbe Trotzki fährt dann fort:

„Ohne direkte staatliche Unterstützung durch das europäische Proletariat wird die Arbeiterklasse Rußlands nicht imstande sein, die Macht zu behaupten und ihre zeitweilige Herrschaft in eine dauernde, sozialistische Diktatur zu verwandeln. Daran darf man nicht einen Augenblick zweifeln.” (Siehe Trotzki „Unsere Revolution”, S. 278.)

Mit anderen Worten, solange das westliche Proletariat nicht die Macht ergreift und uns keine staatliche Unterstützung gewährt, dürfen wir nicht einmal davon träumen, die Macht für eine auch nur einigermaßen lange Periode zu behaupten.

Weiter:

„Aussichtslos, zu glauben..., dass zum Beispiel ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten könnte” (siehe Trotzkis Schriften, Bd. III, Teil I, S. 90).

Mit anderen Worten, wir können, so erfährt man, den Sozialismus nicht nur nicht errichten, sondern wir können uns auch nicht einmal für eine kurze Zeit, „einem konservativen Europa gegenüber” behaupten, obwohl die ganze Welt weiß, dass wir uns nicht nur behauptet, sondern dass wir auch eine Reihe wütender Attacken des konservativen Europas auf unser Land zurückgeschlagen haben.

Und schließlich:

„Ein wirklicher Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in Rußland”, sagt Trotzki, „wird erst nach dein Siege - des Proletariats in den wichtigsten Ländern Europas möglich sein” (ebenda S. 93).

Das ist wohl klar.

Ich habe diese Zitate angeführt, Genossen, um sie Zitaten aus den Werken Lenins gegenüberzustellen und Ihnen auf diese Weise zu ermöglichen, den Grundkern der Frage der Möglichkeit der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in einem von kapitalistischen Staaten umgebenen Lande der proletarischen Diktatur zu erfassen.

Wenden wir uns nun Zitaten aus den Werken Lenins zu.

Schon im Jahre 1915, während des imperialistischen Krieges, schrieb Lenin:

„Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist. Das siegreiche Proletariat dieses Landes würde sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen und würde die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen, in ihnen den Aufstand gegen die Kapitalisten entfachen und im Notfall sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten vorgehen"... Denn „die freie Vereinigung der Nationen im Sozialismus ist unmöglich ohne einen mehr oder weniger langwierigen, hartnäckigen Kampf der sozialistischen Republiken gegen die rückständigen Staaten”. (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S.311 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. I, S. 753].)

Mit anderen Worten, das Land der proletarischen Diktatur, von Kapitalisten umgeben, ist, wie es sich erweist, nicht nur imstande, die inneren Gegensätze zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft aus eigener Kraft aufzuheben, sondern es kann und muss auch den Sozialismus errichten, eine sozialistische Wirtschaft im eigenen Lande organisieren und eine bewaffnete Macht aufstellen, um den Proletariern der Nachbarländer in ihrem Kampfe um den Sturz des Kapitals zu Hilfe zu eilen.

Das ist die Grundthese des Leninismus über den Sieg des Sozialismus in einem Lande.

Das gleiche sagt Lenin, wenn auch in etwas anderer Form, im Jahre 1920 auf dem VIII. Sowjetkongress in Verbindung mit der Frage der Elektrifizierung unseres Landes:

„Kommunismus - das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes. Sonst wird das Land ein kleinbäuerliches Land bleiben, und das müssen wir klar erkennen. Wir sind schwächer als der Kapitalismus, nicht nur im Weltmaßstab, sondern auch im Innern unseres Landes. Das ist allbekannt. Wir haben das erkannt, und wir werden es dahin bringen, dass die wirtschaftliche Grundlage aus einer kleinbäuerlichen zu einer großindustriellen wird. Erst dann, wenn das Land elektrifiziert ist, wenn die Industrie, die Landwirtschaft und das Verkehrswesen eine moderne großindustrielle technische Grundlage erhalten, erst dann werden wir endgültige gesiegt haben.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 484, russ.)

Mit anderen Worten, Lenin ist sich über die technischen Schwierigkeiten der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande durchaus im klaren, aber er zieht daraus keineswegs die absurde Schlussfolgerung, dass „ein wirklicher Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in Rußland erst nach dem Siege des Proletariats in den wichtigsten Ländern Europas möglich sein wird”, sondern er ist der Auffassung, dass wir diese Schwierigkeiten aus eigener Kraft überwinden können und den „endgültigen Sieg” erringen, das heißt den vollendeten Sozialismus errichten können.

Und ein Jahr später, im Jahre 1921, sagt Lenin:

„10-20 Jahre richtiger Beziehungen zur Bauernschaft, und der Sieg ist im Weltmaßstab (sogar bei einer Verzögerung der proletarischen Revolutionen, die anwachsen) gesichert.” („Plan und Konspekte für die Broschüre ‚Über die Naturalsteuer’“, 1921 - siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 302/303, russ.)

Mit anderen Worten, Lenin ist sich über die politischen Schwierigkeiten der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande durchaus im klaren, aber er zieht daraus keineswegs die falsche Schlussfolgerung, dass „ohne direkte staatliche Unterstützung durch das europäische Proletariat die Arbeiterklasse Rußlands nicht imstande sein wird, die Macht zu behaupten”, sondern er ist der Auffassung, dass wir bei einer richtigen Politik gegenüber der Bauernschaft den „Sieg im Weltmaßstab” durchaus erringen, das heißt den vollendeten Sozialismus errichten können.

Was bedeutet aber eine richtige Politik gegenüber der Bauernschaft? Eine richtige Politik gegenüber der Bauernschaft ist etwas, was voll und ganz von uns und nur von uns abhängt, von der Partei, die die führende Kraft bei der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande ist.

Dasselbe, aber mit noch größerer Bestimmtheit, sagt Lenin im Jahre 1922 in seinen Bemerkungen über das Genossenschaftswesen:

„In der Tat, die Verfügungsgewalt des Staates über alle großen Produktionsmittel, die Staatsmacht in den Händen des Proletariats, das Bündnis dieses Proletariats mit den vielen Millionen Klein- und Zwergbauern, die Sicherung der Führerstellung dieses Proletariats gegenüber der Bauernschaft usw. - ist das nicht alles, was notwendig ist, um aus den Genossenschaften, allein aus den Genossenschaften, die wir früher geringschätzig als Krämerei behandelt haben und die wir in gewisser Hinsicht jetzt, unter der NÖP, ebenso zu behandeln berechtigt sind, ist das nicht alles, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten? Das ist noch nicht die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft, aber es ist alles, was zu dieser Errichtung notwendig und hinreichend ist.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 428 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 989].)

Mit anderen Worten, unter der Diktatur des Proletariats sind bei uns, wie es sich erweist, alle Vorbedingungen gegeben, die notwendig sind, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten, wobei alle und jegliche inneren Schwierigkeiten überwunden werden, denn wir können und müssen sie aus eigener Kraft überwinden. Das ist wohl klar.

Dem Einwand, dass die verhältnismäßige ökonomische Rückständigkeit unseres Landes die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus ausschließe, tritt Lenin aufs entschiedenste entgegen und verwirft ihn als etwas, was sich mit dem Sozialismus nicht vereinbaren lässt:

„Unendlich schablonenhaft ist... ihr Argument“, sagt Lenin, „das sie im Verlauf der Entwicklung der westeuropäischen Sozialdemokratie auswendig gelernt haben und das darin besteht, dass wir für den Sozialismus noch nicht reif seien, dass uns, wie sich die verschiedenen ‚gelehrten’ Herren unter ihnen ausdrücken, die objektiven ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus fehlen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 437 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 997].)

Andernfalls hätte es ja keinen Sinn gehabt, im Oktober die Macht zu ergreifen und die Oktoberrevolution durchzuführen. Denn wenn die Möglichkeit und die Notwendigkeit der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft aus diesen oder jenen Erwägungen ausgeschlossen wird, so verliert damit auch die Oktoberrevolution ihren Sinn. Wer die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in einem Lande leugnet, der muss auch zwangsläufig die Rechtmäßigkeit der Oktoberrevolution leugnen. Und umgekehrt: Wer nicht an den Oktober glaubt, der kann auch die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus unter den Verhältnissen der kapitalistischen Umkreisung nicht anerkennen. Es besteht ein enger und unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Unglauben an den Oktober und der Nichtanerkennung der sozialistischen Möglichkeiten in unserem Lande.

„Ich weiß”, sagt Lenin, „dass es natürlich Neunmalweise gibt, die sich für sehr gescheit halten und sich sogar Sozialisten nennen, die behaupten, man hätte die Macht nicht ergreifen dürfen, solange die Revolution nicht in allen Ländern ausgebrochen wäre. Diese Leute ahnen nicht, dass sie mit diesem Gerede der Revolution den Rücken kehren und auf die Seite der Bourgeoisie übergehen. Zu warten, bis die werktätigen Klassen die Revolution im internationalen Maßstab durchführen, hieße, dass alle in Erwartung zu erstarren hätten. Das ist Unsinn.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 27, S. 336, russ.)

So verhält es sich mit der ersten Gruppe von Gegensätzen, mit den Gegensätzen innerer Natur, mit der Frage der Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus unter den Verhältnissen der kapitalistischen Umkreisung.

Gehen wir nun zur zweiten Gruppe von Gegensätzen über, zu den äußeren Gegensätzen, die zwischen unserem Lande, als dem Lande des Sozialismus, und allen übrigen Ländern, als den Ländern des Kapitalismus, bestehen.

Worin bestehen diese Gegensätze?

Sie bestehen darin, dass, solange die kapitalistische Umkreisung besteht, auch die Gefahr der Intervention seitens der kapitalistischen Länder bestehen muss und dass, solange eine solche Gefahr besteht, auch die Gefahr der Restauration, die Gefahr der Wiederherstellung der kapitalistischen Ordnung in unserem Lande bestehen muss.

Kann man annehmen, dass diese Gegensätze durch ein Land völlig überwunden werden können? Nein, das kann man nicht. Denn die Anstrengungen eines Landes, selbst wenn dieses Land das Land der proletarischen Diktatur ist, genügen nicht, um es gegen die Gefahr einer Intervention völlig zu sichern. Eine volle Garantie gegen die Intervention und folglich auch der endgültige Sieg des Sozialismus ist infolgedessen nur im internationalen Maßstab, nur als Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier einer Reihe von Ländern oder, noch richtiger gesagt, nur als Ergebnis des Sieges der Proletarier einiger Länder möglich.

Was bedeutet endgültiger Sieg des Sozialismus?

Der endgültige Sieg des Sozialismus ist die volle Garantie gegen Interventions- und folglich auch gegen Restaurationsversuche, denn ein einigermaßen ernsthafter Restaurationsversuch kann nur mit ernster Unterstützung von außen, nur mit Unterstützung des internationalen Kapitals erfolgen. Deshalb ist die Unterstützung unserer Revolution durch die Arbeiter aller Länder, und noch mehr der Sieg dieser Arbeiter zum mindesten in einigen Ländern die unerlässliche Vorbedingung für die volle Sicherung des ersten siegreichen Landes gegen Interventions- und Restaurationsversuche, die unerlässliche Vorbedingung für den endgültigen Sieg des Sozialismus.

„Solange unsere Sowjetrepublik”, sagt Lenin, „ein allein stehendes Randgebiet der ganzen kapitalistischen Welt bleibt, wäre es eine absolut lächerliche Phantasterei und Utopie,... an das Verschwinden dieser oder jener Gefahren zu denken. Solange diese grundlegenden Gegensätze bestehen bleiben, bleiben natürlich auch die Gefahren bestehen, und man kann ihnen nicht entrinnen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 462, russ.)

Und weiter:

„Wir leben nicht nur in einem Staat, sondern in einem Staatensystem, und die Existenz der Sowjetrepublik neben den imperialistischen Staaten ist auf die Dauer undenkbar. Am Ende wird entweder das eine oder das andere siegen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 29, S. 133, russ.)

Deshalb sagt Lenin:

„Endgültig siegen kann man nur im Weltmaßstab und nur durch die gemeinsamen Anstrengungen der Arbeiter aller Länder.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 27, S. 336, russ.)

So verhält es sich mit der zweiten Gruppe von Gegensätzen.

Wer die erste Gruppe von Gegensätzen, die durchaus mit den Kräften eines Landes überwunden werden können, mit der zweiten Gruppe von Gegensätzen verwechselt, die zu ihrer Überwindung die Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder erfordern, der verstößt aufs gröblichste gegen den Leninismus, der ist entweder ein Wirrkopf oder ein unverbesserlicher Opportunist.

In gewissem Sinne als Musterbeispiel einer solchen Verwirrung könnte der Brief eines Genossen zur Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande dienen, den ich im Januar dieses Jahres erhielt. Er schreibt voller Bestürzung:

„Sie sagen, die Leninsche Theorie... bestehe darin, dass der Sozialismus in einem einzelnen Lande siegen kann. Ich habe leider an den entsprechenden Stellen bei Lenin keine Hinweise auf den Sieg des Sozialismus in einem Lande gefunden.”

Das Schlimme hierbei ist natürlich nicht, dass dieser Genosse, den ich für einen der besten Genossen unter unserer studierenden Jugend halte, „an den entsprechenden Stellen bei Lenin keine Hinweise auf den Sieg des Sozialismus in einem Lande gefunden” hat. Es wird die Zeit kommen, wo er mehr gelesen und endlich solche Hinweise gefunden haben wird. Das Schlimme ist, dass er die inneren Gegensätze und die äußeren Gegensätze durcheinander gebracht und sich in diesem Durcheinander vollends verstrickt hat. Es wird wohl nicht überflüssig sein, Ihnen meine Antwort auf den Brief dieses Genossen mitzuteilen. Sie lautet:

„Es handelt sich nicht um den vollständigen Sieg des Sozialismus, sondern um den Sieg des Sozialismus überhaupt, das heißt darum, die Gutsbesitzer und Kapitalisten zu verjagen, die Macht zu ergreifen, die Attacken des Imperialismus abzuschlagen und den Aufbau der sozialistischen Wirtschaft zu beginnen. All dies kann dem Proletariat in einem Lande durchaus gelingen, eine vollständige Garantie gegen die Restauration kann jedoch nur das Ergebnis ‚gemeinsamer Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder’ sein.

Es wäre töricht gewesen, die Oktoberrevolution in Rußland zu beginnen, wenn man überzeugt gewesen wäre, dass sich das siegreiche Proletariat Rußlands bei offenkundiger Sympathie von seiten der Proletarier der anderen Länder, aber ohne den Sieg in mehreren Ländern ‚einem konservativen Europa gegenüber nicht behaupten kann’. Das ist kein Marxismus, sondern ganz gewöhnlicher Opportunismus, Trotzkismus, alles, was Sie nur wollen. Wenn die Theorie Trotzkis richtig wäre, so hätte Iljitsch unrecht gehabt, als er behauptete, dass wir das Rußland der NÖP in ein sozialistisches Rußland verwandeln werden, dass wir ,alles haben, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten (siehe ‚Über das Genossenschaftswesen’)...

Das Gefährlichste in unserer politischen Praxis ist, wenn man das siegreiche proletarische Land als etwas Passives zu betrachten sucht, das, solange nicht die siegreichen Proletarier anderer Länder zu Hilfe kommen, zu nichts weiter fähig ist, als auf der Stelle zu treten. Nehmen wir an, dass es in den nächsten fünf bis zehn Jahren Sowjetordnung in Rußland im Westen noch nicht zur Revolution kommt; nehmen wir an, dass unsere Republik während dieser Periode ihre Existenz trotzdem behauptet als Sowjetrepublik, die unter den Verhältnissen der NÖP die sozialistische Wirtschaft aufbaut - glauben Sie, dass sich unser Land während dieser fünf bis zehn Jahre damit beschäftigen wird, Wasser ins Meer zu tragen, und nicht damit, die sozialistische Wirtschaft zu organisieren? Man braucht diese Frage nur zu stellen, um zu begreifen, wie gefährlich die Theorie der Leugnung des Sieges des Sozialismus in einem Lande ist.

Bedeutet das aber, dass dieser Sieg vollständig, dass er endgültig sein wird? Nein, das bedeutet es nicht..., da, solange die kapitalistische Umkreisung besteht, die Gefahr einer militärischen Intervention ständig vorhanden sein wird.“ (Januar 1925.)

So verhält es sich mit der Frage des Schicksals des Sozialismus in unserem Lande, vom Standpunkt der bekannten Resolution der XIV. Konferenz unserer Partei aus betrachtet.

 

V
DIE POLITIK DER PARTEI AUF DEM LANDE

 

Ich gehe zur fünften Fragengruppe über.

Bevor wir uns den Resolutionen der XIV. Konferenz zuwenden, die sich mit der Politik der Partei auf dem Lande befassen, möchte ich einige Worte über den Lärm sagen, den die bürgerliche Presse anlässlich der von unserer Partei an den Mängeln unserer Arbeit auf dem Lande geübten Kritik erhob. Die bürgerliche Presse lässt alle Künste spielen, um jedermann einzureden, dass die offene Kritik an unseren eigenen Mängeln ein Zeichen der Schwäche der Sowjetmacht, ein Zeichen ihrer Zersetzung und ihres Zerfalls sei. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, dass bei diesem ganzen Lärm alles erfunden und erlogen ist.

Selbstkritik ist ein Zeichen der Stärke, nicht aber der Schwäche unserer Partei. Nur eine starke Partei, die im Leben verwurzelt ist und deren Weg zum Siege führt, kann sich eine so schonungslose Kritik an ihren eigenen Mängeln erlauben, wie sie sich unsere Partei vor dem ganzen Volk erlaubte und immer erlauben wird. Eine Partei, die die Wahrheit vor dem Volk verheimlicht, eine Partei, die das Tageslicht und die Kritik scheut, ist keine Partei, sondern eine Clique von Betrügern, die zum Untergang verurteilt sind. Die Herren Bourgeois messen uns mit ihrem Maß. Sie scheuen das Tageslicht und geben sich alle Mühe, die Wahrheit vor dem Volk zu verbergen, indem sie ihre Mängel mit dem Parademäntelchen des Wohlbefindens zu verdecken suchen. Und nun glauben sie, dass auch wir Kommunisten die Wahrheit vor dem Volk verbergen müssten. Sie scheuen das Tageslicht, denn sie brauchen nur eine einigermaßen ernsthafte Selbstkritik, eine einigermaßen freie Kritik an ihren eigenen Mängeln zuzulassen, und schon würde von der bürgerlichen Ordnung kein Stein auf dem andern bleiben. Und nun glauben sie, dass, wenn wir Kommunisten Selbstkritik üben, dies ein Zeichen dafür sei, dass wir keinen Boden unter den Füßen haben und in der Luft hängen. Sie messen uns mit ihrem Maß, die verehrten Bourgeois und Sozialdemokraten. Nur Parteien, deren Zeit abläuft und die zum Untergang verurteilt sind, können das Tageslicht und die Kritik scheuen. Wir scheuen weder das eine noch das andere, weil wir eine aufsteigende Partei sind, deren Weg zum Siege führt. Deshalb ist die Selbstkritik, die schon seit einigen Monaten geübt wird, ein Zeichen der größten Stärke, nicht aber der Schwäche unserer Partei, ein Mittel ihrer Festigung, nicht aber ihrer Zersetzung.

Nun aber wollen wir zur Frage der Politik der Partei auf dem Lande übergehen.

Welche neuen Momente wären auf dem Lande im Zusammenhang mit der neuen inneren und internationalen Lage festzustellen?

Ich glaube, dass vier grundlegende Tatsachen hervorzuheben wären:

1. Die Veränderung der internationalen Lage und das verlangsamte Tempo der Revolution, die uns veranlassen, einen möglichst schmerzlosen, wenn auch langwierigen Weg zu wählen, um die Bauernschaft in den sozialistischen Aufbau einzubeziehen, um zusammen mit der Bauernschaft den Sozialismus aufzubauen;

2. das wirtschaftliche Wachstum des Dorfes und der Prozess der Differenzierung der Bauernschaft, die die Beseitigung der Überreste des Kriegskommunismus auf dem Lande erheischen;

3. die politische Aktivität der Bauernschaft, die eine Änderung der alten Methoden der Führung und des Administrierens auf dem Lande erheischt;

4. die Neuwahlen der Sowjets, die die unbestreitbare Tatsache offenbart haben, dass in einer ganzen Reihe von Bezirken unseres Landes der Mittelbauer auf der Seite des Kulaken gegen den armen Bauern steht.

Worin besteht im Zusammenhang mit diesen neuen Tatsachen die grundlegende Aufgabe der Partei auf dem Lande?

Einige Genossen gelangen, von der Tatsache der Differenzierung des Dorfes ausgehend, zu der Schlussfolgerung, die grundlegende Aufgabe der Partei bestehe in der Schürung des Klassenkampfs im Dorfe. Das ist falsch. Das ist leeres Geschwätz. Nicht darin besteht jetzt unsere Hauptaufgabe. Das ist ein Nachleiern alter menschewistischer Lieder aus dem alten menschewistischen Liederschatz.

Das Wichtigste ist heute durchaus nicht die Schürung des Klassenkampfs im Dorfe. Das Wichtigste besteht jetzt darin, die Mittelbauern um das Proletariat zu scharen, sie erneut zu gewinnen. Das Wichtigste besteht jetzt darin, sich mit der Hauptmasse der Bauernschaft zusammen zuschließen, ihr materielles und kulturelles Niveau zu heben und zusammen mit dieser Hauptmasse auf dem Wege zum Sozialismus vorwärts zuschreiten. Das Wichtigste besteht darin, den Sozialismus zusammen mit der Bauernschaft aufzubauen, unbedingt zusammen mit der Bauernschaft und unbedingt unter der Führung der Arbeiterklasse, denn die Führung seitens der Arbeiterklasse ist die wichtigste Garantie dafür, dass der Aufbau den Weg zum Sozialismus gehen wird.

Das ist jetzt die grundlegende Aufgabe der Partei.

Es dürfte vielleicht nicht überflüssig sein, uns die sich darauf beziehenden Worte Iljitschs in Erinnerung zu rufen, die er zur Zeit der Einführung der NÖP sagte und die bis auf den heutigen Tag ihre volle Gültigkeit behalten haben:

„Der Kernpunkt liegt darin, dass man sich jetzt in ungleich größerer und gewaltigerer Masse vorwärts bewege, nicht anders als gemeinsam mit der Bauernschaft“ (siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S.291 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.9581).

Und weiter:

„Es gilt, sich eng mit der Bauernmasse, mit der einfachen, werktätigen Bauernschaft zusammenzuschließen und zu beginnen, sich vorwärts zu bewegen, zwar unvergleichlich, unendlich langsamer, als wir es geträumt haben, dafür aber so, dass die ganze Masse wirklich mit uns vorwärts schreitet. Dann wird auch zur gegebenen Zeit eine solche Beschleunigung dieser Bewegung einsetzen, von der wir augenblicklich nicht einmal träumen können.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 243 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.9201.)

Im Zusammenhang damit stehen wir vor zwei grundlegenden Aufgaben auf dem Lande.

1. Erstens müssen wir erreichen, dass die bäuerliche Wirtschaft in das allgemeine System der sowjetischen Wirtschaftsentwicklung einbezogen wird. Früher war es so, dass wir es mit zwei parallelen Prozessen zu tun hatten: die Stadt ging ihren Weg, das Dorf den seinen. Der Kapitalist war bestrebt, die bäuerliche Wirtschaft in das System der kapitalistischen Entwicklung einzubeziehen. Diese Einbeziehung erfolgte aber auf dem Wege der Verelendung der Bauernmassen und der Bereicherung einer Oberschicht der Bauernschaft. Es ist bekannt, dass dieser Weg sich als ein Weg erwies, der die Revolution förderte. Nach dem Siege des Proletariats erfolgt die Einbeziehung der bäuerlichen Wirtschaft in das allgemeine System der sowjetischen Wirtschaftsentwicklung dadurch, dass Bedingungen geschaffen werden, um die Volkswirtschaft auf der Grundlage einer allmählichen, aber stetigen Hebung des Wohlstands der Mehrheit der Bauern vorwärts zubringen, das heißt, dass ein Weg eingeschlagen wird, der demjenigen entgegengesetzt ist, auf dem die Kapitalisten die Bauernschaft vor der Revolution führten und den zu gehen sie die Bauernschaft aufforderten.

Wie kann aber die bäuerliche Wirtschaft in das System des Wirtschaftsaufbaus einbezogen werden? Durch die Genossenschaften. Durch die Kreditgenossenschaft, die landwirtschaftliche Genossenschaft, die Konsumgenossenschaft, die Gewerbegenossenschaft.

Das sind jene Wege und Pfade, die wir beschreiten müssen, um die bäuerliche Wirtschaft langsam aber gründlich in das allgemeine System des sozialistischen Aufbaus einzubeziehen.

2. Die zweite Aufgabe besteht darin, allmählich, aber beharrlich mit den alten Methoden des Administrierens und der Führung auf dem Lande aufzuräumen, die Sowjets zu beleben, die Sowjets in wirklich gewählte Organe zu verwandeln, die Grundsätze der Sowjetdemokratie auf dem Lande einzubürgern. Iljitsch sagte, dass die proletarische Diktatur der höchste Typus der Demokratie für die Mehrheit der Werktätigen ist. Iljitsch sagte, dass dieser höchste Typus der Demokratie nur nach der Eroberung der Macht durch das Proletariat eingeführt werden kann und nur, nachdem wir die Möglichkeit bekommen haben, diese Macht zu festigen. Nun, diese Phase der Festigung der Sowjetmacht und der Entfaltung der Sowjetdemokratie hat bereits begonnen. Wir müssen diesen Weg vorsichtig und ohne Hast gehen und dabei im Verlauf der Arbeit um die Partei ein zahlenmäßig starkes Aktiv aus parteilosen Bauern schaffen.

Wenn die erste Aufgabe, die Aufgabe der Einbeziehung der bäuerlichen Wirtschaft in das allgemeine System des Wirtschaftsaufbaus uns ermöglicht zu erreichen, dass die Bauernschaft bei der Errichtung des Sozialismus gemeinsam mit dem Proletariat am gleichen Strang zieht, so muss uns die zweite Aufgabe, die Aufgabe der Entfaltung der Sowjetdemokratie und der Belebung der Sowjets im Dorfe, ermöglichen, unseren Staatsapparat umzugestalten, ihn mit den Volksmassen zu verbinden, ihn zu einem gesunden und ehrlichen, einfachen und billigen Staatsapparat zu machen, um somit die Bedingungen zu schaffen, die den allmählichen Übergang von der Gesellschaft der Diktatur des Proletariats zur kommunistischen Gesellschaft erleichtern.

Das sind die Grundlinien der Resolutionen, die die XIV. Parteikonferenz zur Frage der Politik unserer Partei auf dem Lande angenommen hat.

Dementsprechend muss sich auch die Methode der Parteiführung auf dem Lande ändern.

Bei uns gibt es Leute in der Partei, die behaupten, da wir nun einmal die NÖP haben und der Kapitalismus sich zeitweilig zu stabilisieren beginnt, bestehe unsere Aufgabe darin, sowohl in der Partei als auch im Staatsapparat eine Politik des maximalen Drucks durchzuführen, dass alles nur so kracht. Ich muss sagen, dass das eine falsche und verhängnisvolle Politik wäre. Wir brauchen jetzt nicht maximalen Druck, sondern maximale Elastizität sowohl in der Politik als auch in der Organisation, maximale Elastizität sowohl in der politischen als auch in der organisatorischen Führung. Ohne dies werden wir unter den heutigen komplizierten Verhältnissen das Steuer nicht in der Hand behalten können. Wir brauchen eine maximale Elastizität, damit die Partei das Steuer in der Hand behält und ihr die volle Führung gesichert bleibt.

Weiter. Es ist notwendig, dass die Kommunisten auf dem Lande mit den abstoßenden Formen des Administrierens Schluss machen. Man darf bei der Bauernschaft nicht immer nur auf Verfügungen herumreiten. Man muss es lernen, den Bauern die Fragen, die sie nicht verstehen, geduldig zu erklären, man muss es lernen, die Bauern zu überzeugen, und darf dafür weder Zeit noch Mühe scheuen. Natürlich ist es viel leichter und einfacher, Verfügungen zu erlassen und sich damit zu begnügen, wie das häufig einige unserer Vorsitzenden der Exekutivkomitees der Amtsbezirke tun. Aber nicht alles ist gut, was einfach und leicht ist. Kürzlich antwortete der Sekretär einer der Amtsbezirkszellen auf die Frage eines Vertreters des Gouvernementskomitees, warum es im Amtsbezirk keine Zeitungen gibt: „Wozu brauchen wir Zeitungen? Ohne Zeitungen ist es ruhiger und besser, sonst fangen die Bauern noch an, zu lesen und alles Mögliche zu fragen, und die Scherereien mit ihnen nehmen dann kein Ende.” Und dieser Sekretär nennt sich Kommunist! Es bedarf wohl keines Beweises, dass das kein Kommunist, sondern ein Häufchen Unglück ist. Die Sache ist die, dass man heutzutage ohne „Scherereien” gar nicht leiten kann, und ohne Zeitungen noch viel weniger. Diese einfache Wahrheit müssen wir begreifen und beherzigen, wenn wir der Partei und der Sowjetmacht die Führerstellung auf dem Lande sichern wollen.

Weiter. Um heutzutage führen zu können, muss man auch wirtschaften können, muss man die Wirtschaft kennen und etwas von ihr verstehen. Mit Wortgeprassel über „Weltpolitik“, über Chamberlain und MacDonald allein kommt man heutzutage nicht weit. Wir sind in die Periode des wirtschaftlichen Aufbaus eingetreten. Deshalb kann nur der führen, der sich in der Wirtschaft gründlich auskennt, der es versteht, dem Bauern nützliche Ratschläge in bezug auf die Entwicklung seiner Wirtschaft zu geben, der es versteht, dem Bauern beim Aufbau seiner Wirtschaft zu helfen. Sich mit der Wirtschaft eingehendst befassen, zur Wirtschaft engste Bindungen herstellen, in alle Einzelfragen des Wirtschaftsaufbaus eindringen - das ist jetzt die Aufgabe der Kommunisten im Dorfe. Ohne die Erfüllung dieser Aufgabe kann man von einer Führung nicht einmal träumen.

In der alten Art und Weise kann man heute nicht mehr führen, denn die politische Aktivität der Bauernschaft ist gewachsen, und es ist notwendig, dass diese Aktivität in den Sowjets zum Ausdruck kommt, dass sie ihren Weg über die Sowjets nimmt und nicht an den Sowjets vorbeigeht. Führen kann nur der, der die Sowjets belebt und um die Partei auf dem Lande ein Bauernaktiv schafft.

In der alten Art und Weise kann man heute nicht mehr führen, denn die wirtschaftliche Aktivität des Dorfes ist gewachsen, und es ist notwendig, dass diese Aktivität in den Genossenschaften zum Ausdruck kommt, dass sie ihren Weg über die Genossenschaften nimmt und nicht an den Genossenschaften vorbeigeht. Führen kann nur der, der das Genossenschaftswesen auf dem Lande entwickelt.

Das sind im Allgemeinen die konkreten Aufgaben der Parteiführung auf dem Lande.

 

VI
ÜBER DIE METALLINDUSTRIE

 

Ich gehe zur letzten Gruppe der auf der XIV. Konferenz unserer Partei behandelten Fragen über.

Worin besteht das Neue und Besondere in der Leitung unserer Wirtschaft?

Es besteht darin, dass unsere Wirtschaftspläne hinter der tatsächlichen Entwicklung unserer Wirtschaft zurückzubleiben beginnen, dass sie sich als unzureichend erweisen und durchweg nicht mit dem tatsächlichen Wachstum der Wirtschaft Schritt halten.

Diese Tatsache kommt unter anderem in unserem Staatshaushalt krass zum Ausdruck. Sie wissen, dass wir infolge des raschen Steigens der Einkünfte unseres Haushalts, das in unseren Voranschlägen nicht vorgesehen war, unsern Staatshaushalt im Verlauf eines halben Jahres dreimal ändern mussten. Mit anderen Worten, unsere Voranschläge und unsere Haushaltspläne sind hinter dem Anwachsen der Staatseinkünfte zurückgeblieben, so dass sich in der Staatskasse Überschüsse gebildet haben. Das bedeutet, dass die Säfte, die das Wirtschaftsleben unseres Landes nähren, mit unbändiger Kraft empor drängen und alle und jegliche wissenschaftlichen Pläne unserer Finanzspezialisten über den Haufen werfen. Das bedeutet, dass wir einen nicht geringeren, wenn nicht noch mächtigeren Arbeitsaufschwung in der Wirtschaft erleben, als es zum Beispiel in Amerika nach dem Bürgerkrieg der Fall war.

Diese neue Erscheinung im Leben unserer Wirtschaft kommt wohl am markantesten im Wachstum unserer Metallindustrie zum Ausdruck. Im vorigen Jahr hatte die Produktion der Metallindustrie einen Wert von 191 Millionen Vorkriegsrubel. Im November vorigen Jahres wurde der Plan für das Wirtschaftsjahr 1924/25 mit 273 Millionen Vorkriegsrubel festgesetzt. Im Januar dieses Jahres wurde dieser Plan abgeändert, da er dem Tempo des tatsächlichen Wachstums der Metallindustrie nicht entsprach, und auf die Summe von 317 Millionen erhöht. Im April dieses Jahres erwies sich dieser erweiterte Plan wiederum als unzureichend, so dass er auf 350 Millionen erhöht werden musste. Jetzt sagt man uns, dass auch dieser Plan sich als unzureichend erwiesen hat, denn er wird noch weiter, auf 360 bis 370 Millionen erhöht werden müssen.

Mit anderen Worten: Die Produktion der Metallindustrie hat sich in diesem Jahr im Vergleich zur vorjährigen Produktion fast verdoppelt. Ich spreche schon gar nicht von dem kolossalen Wachstum unserer Leichtindustrie, von der Entwicklung des Verkehrswesens, der Brennstoffindustrie usw.

Wovon zeugt dies alles? Davon, dass wir hinsichtlich des Ingangbringens unserer Industrie, die die Hauptbasis des Sozialismus darstellt, bereits die breite Straße der Entwicklung betreten haben. Was die Metallindustrie anbelangt, die die Haupttriebfeder der gesamten Industrie überhaupt ist, so haben wir den toten Punkt überwunden, und unsere Metallindustrie hat alle Aussichten, einen Aufschwung zu nehmen, zu voller Blüte zu gelangen. Genosse Dzierzynski hat Recht, wenn er sagt, dass unser Land ein Land des Metalls werden kann und muss.

Es bedarf wohl kaum eines Beweises, dass diese Tatsache sowohl für die innere Entwicklung unseres Landes als auch für die internationale Revolution von gewaltiger Bedeutung ist.

Es steht außer Zweifel, dass, vom Standpunkt der inneren Entwicklung aus gesehen, die Entwicklung unserer Metallindustrie, ihr Wachstum von kolossaler Bedeutung ist, da sie ein Wachstum unserer gesamten Industrie und unserer gesamten Wirtschaft bedeutet, da die Metallindustrie die Hauptbasis der Industrie überhaupt darstellt, da weder die Leichtindustrie noch das Verkehrswesen, noch die Brennstoffindustrie, noch die Elektrifizierung, noch die Landwirtschaft in die Höhe gebracht werden können ohne eine mächtige Entfaltung der Metallindustrie. Das Wachstum der Metallindustrie ist die Grundlage des Wachstums der gesamten Industrie und der Volkswirtschaft überhaupt.

Folgendes sagt Lenin über die „Schwerindustrie”, wobei er unter Schwerindustrie hauptsächlich die Metallindustrie versteht:

„Die Rettung für Rußland ist nicht nur eine gute Ernte in der Bauernwirtschaft - das ist zuwenig - und nicht nur ein guter Zustand der Leichtindustrie, die der Bauernschaft Gebrauchsgegenstände liefert - das ist ebenfalls zu-wenig - wir brauchen auch eine Schwerindustrie. Aber um sie auf einen guten Stand zu bringen, dazu bedarf es der Arbeit vieler Jahre.“

Und weiter:

„Ohne Rettung der Schwerindustrie, ohne ihre Wiederherstellung können wir keinerlei Industrie aufbauen, ohne diese aber werden wir überhaupt als selbständiges Land zugrunde gehen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 388/389 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.972].)

Was die internationale Bedeutung der Entwicklung unserer Metallindustrie anbelangt, so ist sie, man kann sagen, unermesslich. Denn was bedeutet das stürmische Wachstum der Metallindustrie unter der Diktatur des Proletariats anderes als den direkten Beweis dafür, dass das Proletariat fähig ist, nicht nur das Alte zu zerstören, sondern auch Neues zu erbauen, dass es fähig ist, aus eigener Kraft eine neue Industrie und eine neue Gesellschaft aufzubauen, eine Gesellschaft, die frei ist von der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen? Und das in der Praxis und nicht durch Bücher zu beweisen, heißt, die Sache der internationalen Revolution sicher und endgültig voranzutreiben. Die Pilgerfahrten der westeuropäischen Arbeiter in unser Land sind kein Zufall. Sie haben eine überragende agitatorische und praktische Bedeutung für die Entwicklung der revolutionären Bewegung in der ganzen Welt. Der Umstand, dass Arbeiter zu uns kommen und bei uns in den Fabriken und Werken jeden Winkel durchforschen - dieser Umstand zeugt davon, dass sie den Büchern nicht glauben und sich durch eigene Erfahrung von der Fähigkeit des Proletariats, eine neue Industrie aufzubauen, eine neue Gesellschaft zu schaffen, überzeugen wollen. Und wenn sie sich davon überzeugt haben werden, dann wird, dessen können Sie sicher sein, die Sache der internationalen Revolution mit Siebenmeilenstiefeln voranschreiten.

„Jetzt wirken wir auf die internationale Revolution”, sagt Lenin, „hauptsächlich durch unsere Wirtschaftspolitik ein. Auf die Russische Sowjetrepublik sind die Augen aller gerichtet, aller Werktätigen in allen Ländern der Welt ohne jede Ausnahme und ohne jede Übertreibung... Der Kampf ist im Weltmaßstab auf dieses Gebiet übertragen. Lösen wir diese Aufgabe, dann haben wir im internationalen Maßstab bestimmt und endgültig gewonnen. Deshalb erlangen die Fragen des wirtschaftlichen Aufbaus für uns eine ganz außerordentliche Bedeutung. An dieser Front müssen wir durch eine langsame, allmähliche - rasch geht es nicht -, aber stetige Steigerung und Vorwärtsbewegung den Sieg davontragen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S.413, russ.)

Darin liegt die internationale Bedeutung des Wachstums unserer Industrie überhaupt und der Metallindustrie im Besonderen.

Wir haben heute etwa 4 Millionen Industrieproletarier. Das ist natürlich wenig, aber immerhin etwas, um am Sozialismus zu bauen und die Verteidigung unseres Landes aufzubauen zum Schrecken aller Feinde des Proletariats. Wir können und wir dürfen aber dabei nicht stehen bleiben. Wir brauchen 15 bis 20 Millionen Industrieproletarier, wir brauchen die Elektrifizierung der wichtigsten Gebiete unseres Landes, eine genossenschaftlich organisierte Landwirtschaft und eine hoch entwickelte Metallindustrie. Und dann werden wir uns vor keiner Gefahr zu fürchten haben. Dann werden wir im internationalen Maßstab siegen.

Die historische Bedeutung der XIV. Konferenz besteht gerade darin, dass sie den Weg zu diesem großen Ziel klar vorgezeichnet hat.

Und dieser Weg ist der richtige Weg, denn er ist der Weg Lenins, der uns zum endgültigen Siege führt.

Das sind im Allgemeinen die Ergebnisse der Arbeiten der XIV. Konferenz unserer Partei.

 

 

 

Anmerkungen - Band 7

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