DEUTSCH

 

 

Gesammelte

STALINWERKE :

 

 

 

 BAND 5

1921

Seite 53 - 75

 

 

ÜBER DIE POLITISCHE STRATEGIE UND TAKTIK
DER RUSSISCHEN KOMMUNISTEN

Entwurf zu einer Broschüre

Juli 1921

Zum erstenmal veröffentlicht

(Der vorliegende Entwurf zu einer Broschüre wurde vom Verfasser für die Schrift "Über die Grundlagen des Leninismus" benutzt, die 1924 erschien und in Band 6 der Werke J.W. Stalins enthalten ist. Der erste Teil des Entwurfs wurde für den Aufsatz "Zur Frage der Strategie und Taktik der russischen Kommunisten" verwendet, der 1923 veröffentlicht wurde und in Band 5 der Werke J. W. Stalins enthalten ist, während einige seiner Thesen vom Verfasser für den Artikel "Die Partei vor und nach der Machtergreifung" verwendet wurden, der im August 1921 veröffentlicht wurde und in Band 5 der Werke J. W. Stalins enthalten ist. Die Red.)

 

 

I.
TERMINOLOGISCHE DEFINITIONEN UND
UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND

 

1. Der Wirksamkeitsbereich der politischen Strategie und Taktik, ihr Anwendungsgebiet. Erkennt man an, dass die Bewegung des Proletariats zwei Seiten hat, eine objektive und eine subjektive, so beschränkt sich der Wirksamkeitsbereich der Strategie und Taktik zweifellos auf die subjektive Seite der Bewegung. Die objektive Seite bilden diejenigen Entwicklungsprozesse, die außerhalb des Proletariats und rings um das Proletariat unabhängig von seinem Willen und dem Willen seiner Partei vor sich gehen, Prozesse, die in letzter Instanz die Entwicklung der ganzen Gesellschaft bestimmen. Die subjektive Seite bilden diejenigen Prozesse, die innerhalb des Proletariats als Widerspiegelung der objektiven Prozesse im Bewusstsein des Proletariats vor sich gehen, Prozesse, die den Gang der letzteren beschleunigen oder verlangsamen, sie aber keineswegs bestimmen.

2. Die Theorie des Marxismus, die vor allem die objektiven Prozesse in ihrer Entwicklung und in ihrem Absterben erforscht, bestimmt die Tendenz der Entwicklung, weist auf die Klasse oder die Klassen hin, die unausbleiblich zur Macht aufsteigen oder die unausbleiblich stürzen, stürzen müssen.

3. Das Programm des Marxismus, das auf den Schlussfolgerungen der Theorie beruht, bestimmt das Ziel der Bewegung der aufsteigenden Klasse, in diesem Fall des Proletariats, im Verlauf einer bestimmten Periode in der Entwicklung des Kapitalismus oder während der ganzen kapitalistischen Periode (Minimalprogramm und Maximalprogramm).

4. Die Strategie , die sich von den Programmdirektiven leiten lässt und sich auf die Einschätzung der inneren (nationalen) und internationalen kämpfenden Kräfte stützt, legt den allgemeinen Weg , die allgemeine Richtung fest, in die die revolutionäre Bewegung des Proletariats gelenkt werden muss, damit bei dem sich herausbildenden und entwickelnden Kräfteverhältnis die besten Resultate erzielt werden können. Dementsprechend stellt sie das Schema der Verteilung der Kräfte des Proletariats und seiner Verbündeten an der sozialen Front auf ( allgemeine Dislokation ). Die "Aufstellung des Schemas der Verteilung der Kräfte" darf nicht verwechselt werden mit der eigentlichen (konkret-praktischen) Arbeit, die in der Verteilung - Bereitstellung - der Kräfte besteht und von Taktik und Strategie gemeinsam bewerkstelligt wird. Das bedeutet nicht, dass die Strategie sich auf die Festlegung des Weges und die Aufstellung des Schemas der Verteilung der Kampfkräfte im Lager des Proletariats beschränkt, im Gegenteil, die Strategie lenkt den Kampf und nimmt während der ganzen Periode der Wendung an der jeweiligen Taktik Korrekturen vor, wobei sie die ihr zur Verfügung stehenden Reserven geschickt ausnutzt und mit ihnen manövriert, um die Taktik zu unterstützen.

5. Die Taktik , die sich von den Direktiven der Strategie und den Erfahrungen der revolutionären Bewegung sowohl im eigenen Lande als auch in den benachbarten Ländern leiten lässt, die in jedem gegebenen Moment den Zustand der Kräfte sowohl innerhalb des Proletariats und seiner Verbündeten (ein höheres oder niedrigeres Kulturniveau, ein höherer oder geringerer Grad der Organisiertheit und Bewusstheit, das Vorhandensein dieser oder jener Traditionen, das Vorhandensein dieser oder jener Formen der Bewegung, Formen der Organisation, Grund- Grund - und Hilfs formen) als auch im Lager des Gegners berücksichtigt und die Uneinigkeit und jede Verwirrung im Lager des Gegners ausnutzt - die Taktik umreißt (zur Verwirklichung des auf Grund des strategischen Planes aufgestellten Schemas der Verteilung der Kräfte) die konkreten Wege, die beschritten werden müssen, um die breiten Massen für das revolutionäre Proletariat zu gewinnen und sie an die Kampfpositionen der sozialen Front heranzuführen, die Wege, die am sichersten die Erfolge der Strategie vorbereiten. Dementsprechend werden von ihr die Losungen und Direktiven der Partei ausgegeben beziehungsweise abgeändert.

6. Die Strategie ändert sich in Momenten historischer Wendungen, historischen Umschwungs, sie umfasst die Periode von einer Wendung (von einem Umschwung) bis zur andern; darum lenkt sie die Bewegung auf ein bestimmtes gemeinsames Ziel hin, das die Interessen des Proletariats während dieser ganzen Periode widerspiegelt, sie strebt danach, den Krieg zwischen den Klassen, der diese ganze Periode ausfüllt, zu gewinnen , und bleibt infolgedessen während dieser Periode unverändert.

Die Taktik hingegen wird durch die Flut und Ebbe auf Grund der gegebenen Wendung, der gegebenen strategischen Periode, durch das Wechselverhältnis der kämpfenden Kräfte, durch die Formen des Kampfes (der Bewegung), durch das Tempo der Bewegung, durch den Schauplatz des Kampfes in jedem gegebenen Moment, an jedem gegebenen Ort bestimmt, und da sich diese Faktoren je nach Ort und Zeit von einer Wendung zur andern ändern, so ändert sich im Verlauf der strategischen Periode mehrmals die Taktik (oder kann sich ändern); denn sie umfasst nicht den ganzen Krieg, sondern nur einzelne Schlachten, die zum Siege oder zur Niederlage im Kriege führen. Die strategische Periode ist länger als die taktische. Die Taktik ist den Interessen der Strategie untergeordnet. Die taktischen Erfolge bereiten, allgemein gesprochen, die Erfolge der Strategie vor. Die Aufgabe der Taktik besteht darin, die Masse so in den Kampf zu führen, solche Losungen auszugeben, die Massen so an die neuen Positionen heranzuführen, dass durch die Summe aller Kämpfe der Krieg gewonnen, das heißt ein strategischer Erfolg erzielt wird. Es kommt jedoch vor, dass ein taktischer Erfolg den strategischen Erfolg untergräbt oder hinausschiebt, so dass in solchen Fällen auf taktische Erfolge verzichtet werden muss.

Ein Beispiel. Unsere Antikriegsagitation unter den Arbeitern und Soldaten Anfang 1917 unter Kerenski ergab unzweifelhaft ein taktisches Minus, denn die Menge holte unsere Redner vom Rednerpult herunter, verprügelte sie, riss sie mitunter in Stücke, die Masse strömte nicht der Partei zu, sondern strömte von ihr weg. Doch bereitete diese Agitation, ungeachtet ihres taktischen Misserfolgs, einen großen strategischen Erfolg vor, denn die Massen sahen bald ein, dass unsere Agitation gegen den Krieg richtig war, und dies beschleunigte und erleichterte nachher ihren Übergang auf die Seite der Partei.

Oder weiter. Die Forderung der Komintern, sich in Erfüllung der 21 Bedingungen [14] von den Reformisten und Zentristen abzugrenzen, eine Forderung, die unzweifelhaft ein gewisses taktisches Minus in sich birgt, denn sie vermindert bewusst die Zahl der "Anhänger" der Kornintern und schwächt die letztere zeitweilig, bringt dafür aber ein großes strategisches Plus ein, da sich die Komintern von unzuverlässigen Elementen säubert, was zweifellos zu einer Festigung der Komintern, zur Verstärkung ihres inneren Zusammenhalts, das heißt zur Verstärkung ihrer Macht überhaupt führen wird.

7. Agitationslosung und Aktionslosung . Sie beide zu verwechseln ist unzulässig, gefährlich. Die Losung "Alle Macht den Sowjets" war eine Agitationslosung in dem Zeitabschnitt vom April bis zum Oktober 1917; im Oktober wurde sie zur Aktionslosung, nachdem das Zentralkomitee der Partei Anfang Oktober (am 10. X.) die "Machtergreifung" beschlossen hatte. Die Gruppe Bagdatjew ließ sich in ihrem Auftreten in Petrograd im April eine derartige Verwechslung der Losungen zuschulden kommen.

8. Die (allgemeine) Direktive ist der direkte Appell zur Aktion zu der und der Zeit , an dem und dem Ort , verpflichtend für die Partei. Wenn die Losung. "Alle Macht den Sowjets" Anfang April ("die Thesen" [15]) eine Propagandalosung war, im Juni zur Agitationslosung und im Oktober (am 10. X.) zur Aktionslosung wurde, so wurde sie Ende Oktober zur unmittelbaren Direktive. Ich spreche von einer allgemeinen Direktive für die gesamte Partei, wobei ich der Ansicht bin, dass es in Entfaltung der allgemeinen Direktive außerdem örtliche Direktiven geben muss.

9. Die Schwankungen des Kleinbürgertums insbesondere bei der Verschärfung der politischen Krisen (in Deutschland während der Reichstagswahlen, in Rußland unter Kerenski im April, im Juni, im August, und wiederum in Rußland zur Zeit von Kronstadt 1921 [16]), Schwankungen, die sorgfältig studiert, ausgenutzt und berücksichtigt werden müssen, denen nachzugeben aber für die Sache des Proletariats gefährlich, verderblich ist. Man darf nicht auf Grund dieser Schwankungen die Agitationslosungen ändern, man kann und muss mitunter diese oder jene Direktive und vielleicht auch ( Aktions- )Losung ändern oder hinausschieben. Die Taktik "in 24 Stunden" ändern heißt eben, die Direktive oder sogar die Aktionslosung , keineswegs aber die Agitationslosung andern. (Siehe die Absage der Demonstration am 9. Juni 1917 und ähnliche Tatsachen.)

10. Die Kunst des Strategen und Taktikers besteht darin, geschickt und rechtzeitig aus der Agitationslosung eine Aktionslosung zu machen und die Aktionslosung ebenso rechtzeitig und geschickt zu bestimmten konkreten Direktiven zu formen.

 

 

II.
DIE HISTORISCHEN WENDUNGEN IN DER
ENTWICKLUNG RUSSLANDS

 

1. Die Wendung in den Jahren 1904-1905 (der Russisch-Japanische Krieg deckte die ganze Brüchigkeit der Selbstherrschaft einerseits Lind die Macht der proletarischen und bäuerlichen Bewegung anderseits auf) und die "Zwei Taktiken" [17] Lenins als der Wendung entsprechender strategischer Plan der Marxisten. Wendung zur bürgerlich-demokratischen Revolution ( darin lag das Wesen der Wendung ). Nicht bürgerlich-liberaler Kompromiss mit dem Zarismus unter der Hegemonie der Kadetten, sondern bürgerlich-demokratische Revolution unter der Hegemonie des Proletariats. ( Darin lag das Wesen des strategischen Planes. ) Dieser Plan ging davon aus, dass die bürgerlich-demokratische Revolution in Rußland der sozialistischen Bewegung im Westen einen Anstoß geben, dort die Revolution auslösen und den Übergang Rußlands von der bürgerlichen zur sozialistischen Revolution erleichtern werde (siehe auch die Protokolle des III. Parteitags, die Reden Lenins auf dem Parteitag [18] sowie ferner die Analyse des Begriffs Diktatur sowohl auf dem Parteitag als auch in der Broschüre "Ein Sieg der Kadetten" [19]). Unbedingte Berücksichtigung der inneren und internationalen kämpfenden Kräfte und Analyse der Ökonomie und Politik der Wendeperiode überhaupt . Die Februarrevolution brachte durch Verwirklichung von mindestens zwei Dritteln des strategischen Planes der "Zwei Taktiken" diese Periode zum Abschluss.

2. Die Wendung zur Sowjetrevolution im Februar und März 1917 (der imperialistische Krieg, der das absolutistische Regime aus den Angeln gehoben hatte, deckte die völlige Unhaltbarkeit des Kapitalismus auf und offenbarte die direkte Unvermeidlichkeit des sozialistischen Umsturzes als des einzigen Auswegs aus der Krise).

Unterschied zwischen der vom Volk, von der Bourgeoisie und vom englisch-französischen Kapital vollzogenen "glorreichen" Februarrevolution (in internationaler Hinsicht hat diese Revolution, da sie die Macht den Kadetten übergab, zu keinen irgendwie nennenswerten Veränderungen in der Lage geführt, denn sie war eine Fortsetzung der Politik des englisch-französischen Kapitals) und der Oktoberrevolution, die alles umgewälzt hat.

Lenins "Thesen" als der neuen Wendung entsprechender strategischer Plan. Diktatur des Proletariats als Ausweg. Dieser Plan geht davon aus, dass "wir die sozialistische Revolution in Rußland beginnen, unsere eigene Bourgeoisie stürzen, auf diese Weise die Revolution im Westen auslösen werden, und dann werden die westlichen Genossen uns helfen, unsere Revolution zu Ende zu führen" . Unumgängliche Analyse der inneren und internationalen Ökonomie und Politik in dieser Wendeperiode (Periode der "Doppelherrschaft", Koalitionskombinationen, der Kornilowputsch als Todessymptom des Kerenskiregimes, die Gärung in den Ländern des Westens auf Grund der Unzufriedenheit mit dem Kriege).

3. Die Wendung im Oktober 1917 (eine Wendung nicht nur in der russischen, sondern auch in der Weltgeschichte), Errichtung der Diktatur des Proletariats in Rußland (Oktober - November - Dezember 1917 und erstes Halbjahr 1918) als Durchbruch der internationalen sozialen Front gegen den Weltimperialismus, der eine Wendung in Richtung auf die Liquidierung des Kapitalismus und auf die Errichtung der sozialistischen Ordnung im Weltmaßstab statuiert , und als Ära, die den Bürgerkrieg einleitete, der an Stelle des Imperialistischen Krieges trat (Dekret über den Frieden, Dekret über den Grund und Boden, Dekret über die Nationalitäten, Veröffentlichung der Geheimverträge, das Programm der Aufbauarbeit, Lenins Reden auf dem 11. Sowjetkongress [20], Lenins Schrift "Die Aufgabe der Sowjetmacht" [21], der Wirtschaftsaufbau).

Notwendig ist eine allseitige Analyse des Unterschieds zwischen der Strategie und Taktik des Kommunismus, der nicht an der .Macht, sondern in Opposition steht, und der Strategie und Taktik des Kommunismus, der an der Macht steht.

Internationale Lage: fortdauernder Krieg der beiden imperialistischen Cliquen als günstige Bedingung (nach Abschluss des Brester Friedens) für das Bestehen und die Entwicklung der Sowjetmacht in Rußland.

4. Der Kurs auf militärische Operationen gegen die Interventen (Sommer 1918 bis Ende 1920), der nach einer kurzen Periode des friedlichen Aufbaus, das heißt nach dem Brester Frieden, begann. Dieser Kurs begann nach dem Brester Frieden, der die militärische Schwäche Sowjetrußlands widerspiegelte und die Notwendigkeit unterstrich, in Rußland eine Rote Armee als wichtigste Stütze der Sowjetrevolution zu schaffen. Die Aktion der Tschechoslowaken, die Okkupation von Murmansk, Archangelsk, Wladiwostok und Baku durch Truppen der Entente, die Kriegserklärung der Entente an Sowjetrußland - das alles bedingte endgültig die Wendung von dem begonnenen friedlichen Aufbau zu militärischen Operationen, zur Verteidigung des Herdes der Weltrevolution gegen Überfälle innerer und äußerer Feinde. ( Lenins Reden über den Brester Frieden und anderes.) Da die soziale Revolution lange auf sich warten lässt und wir, insbesondere nach der Okkupation der oben genannten Gebiete, die die Proletarier des Westens nicht zu ernstlichen Protesten veranlasst hat, uns selbst überlassen sind, sind wir gezwungen, den schändlichen Brester Frieden zu schließen, um eine Atempause zum Aufbau unserer eigenen Roten Armee zu erlangen und mit unseren eigenen Kräften die Sowjetrepublik behaupten zu können.

"Alles für die Front, alles für die Verteidigung der Republik." Daher die Schaffung des Verteidigungsrats usw. Das ist die Kriegsperiode, die dem ganzen inneren und äußeren Leben Rußlands den Stempel aufgedrückt hat.

5. Der Kurs auf den friedlichen Aufbau seit Anfang 1921 nach der Zerschmetterung Wrangels, Friede mit einer Reihe bürgerlicher Staaten, Vertrag mit England und anderes.

Der Krieg ist zu Ende, da aber die Sozialisten des Westens einstweilen noch außerstande sind, uns bei der Wiederherstellung unserer Wirtschaft zu helfen, so sehen wir, die wir von industriell höher entwickelten bürgerlichen Staaten ökonomisch umringt sind, uns gezwungen, auf Konzessionen, auf Handelsverträge mit einzelnen bürgerlichen Staaten und Konzessionsverträge mit einzelnen kapitalistischen Gruppen einzugehen, sind wir auch auf diesem (wirtschaftlichem) Gebiet uns selbst überlassen, sind wir gezwungen zu lavieren. Alles für die Wiederherstellung der Volkswirtschaft. (Siehe Lenins bekannte Reden und Schriften.) Umwandlung des Verteidigungsrats in den Rat für Arbeit und Verteidigung.

6. Die Entwicklungsetappen der Partei vor 1917:

a) Schaffung des Grundkerns, insbesondere der Gruppe "Iskra" usw. Kampf gegen den Ökonomismus. Credo [22].

b) Herausbildung von Parteikadern als Grundlage der zukünftigen Arbeiterpartei im gesamtrussischen Maßstab (1895-1903). II. Parteitag.

c) Entwicklung der Kader zur Arbeiterpartei und Auffüllung der Partei mit neu mobilisierten Parteiarbeitern im Verlauf der proletarischen Bewegung (1903-1904). III. Parteitag.

d) Kampf der Menschewiki gegen die Parteikader, für deren Auflösung in einer parteilosen Masse ("Arbeiterkongress") und Kampf der Bolschewiki für die Erhaltung der Parteikader als Grundlage der Partei. Londoner Parteitag und Niederlage der Anhänger des Arbeiterkongresses.

e) Liquidatoren und Parteianhänger. Niederlage der Liquidatoren (1908-1910).

f) 1908 bis einschließlich 1916. Periode der Verbindung der illegalen und der legalen Formen der Arbeit und Wachstum der Parteiorganisationen in allen Arbeitsbereichen.

7. Die Kommunistische Partei als eine Art Schwertträger orden innerhalb des Sowjetstaates, der die Organe des letzteren lenkt und ihre Tätigkeit beseelt.

Bedeutung der alten Garde innerhalb dieses mächtigen Ordens. Auffüllung der alten Garde mit neuen, in den letzten drei bis vier Jahren gestählten Funktionären.

Hatte Lenin recht, wenn er einen unversöhnlichen Kampf gegen die Versöhnler führte? Jawohl, denn sonst wäre die Partei verwässert worden und wäre nicht ein Organismus, sondern ein Konglomerat verschiedenartiger Elemente, sonst würde die Partei nicht über den inneren Zusammenhalt und die Geschlossenheit, die beispiellose Disziplin und die unübertroffene Elastizität verfügen, ohne die sie und die von ihr geleitete Sowjetmacht nicht imstande gewesen wären, sich gegen den Weltimperialismus zu behaupten. "Eine Partei stärkt sich, indem sie sich purifiziert" , sagt mit Recht Lassalle. Vor allem Qualität, und erst dann Quantität.

8. Die Frage nach der Notwendigkeit oder Entbehrlichkeit der Partei des Proletariats und nach ihrer Rolle. Die Partei ist das Kommandeurkorps und der Stab des Proletariats, der alle Formen des Kampfes des Proletariats in ausnahmslos allen Zweigen des Kampfes leitet und den Kampf in seinen verschiedenartigsten Formen zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfasst. Davon reden, die Kommunistische Partei sei nicht notwendig, heißt vom Kampf des Proletariats ohne Stab, ohne führenden Kern reden, der speziell die Kampfbedingungen studiert und die Kampfmethoden ausarbeitet, heißt behaupten, dass sich ohne Stab besser kämpfen lasse als mit einem Stab - was töricht ist.

 

 

III.
FRAGEN

 

1. Die Rolle der Selbstherrschaft vor und nach dem Russisch-Japanischen Kriege . Der Russisch-Japanische Krieg deckte die ganze Fäulnis und Schwäche der russischen Selbstherrschaft auf. Der erfolgreiche politische Generalstreik im Oktober 1905 zeigte diese Schwäche schon in völliger Klarheit (ein Koloss auf tönernen Füßen). Ferner deckte das Jahr 1905 nicht nur die Schwäche der Selbstherrschaft, die Kraftlosigkeit der liberalen Bourgeoisie und die Stärke des russischen Proletariats auf, sondern widerlegte auch die früher weit verbreitete Meinung, die russische Selbstherrschaft sei der Gendarm Europas, sie sei angeblich imstande, der Gendarm Europas zu sein. Die Tatsachen haben gezeigt, dass die russische Selbstherrschaft ohne Hilfe des europäischen Kapitals nicht einmal imstande war, mit der eigenen Arbeiterklasse fertig zu werden. Solange die Arbeiterklasse Rußlands schlief und die russische Bauernschaft sich nicht regte, da sie nach wie vor an Väterchen Zar glaubte, war die russische Selbstherrschaft tatsächlich in der Lage, der Gendarm Europas zu sein, aber das Jahr 1905 und vor allem die Schüsse vom 9. Januar 1905 weckten das russische Proletariat, und die Agrarbewegung des gleichen Jahres untergrub den Glauben des Bauern an den Zaren. Heute hat sich der Schwerpunkt der europäischen Konterrevolution von den russischen Gutsbesitzern zu den englisch-französischen imperialistischen Bankiers verlagert. Die deutschen Sozialdemokraten, die ihren Verrat am Proletariat im Jahre 1914 durch die Ausrede zu rechtfertigen suchten, der Krieg gegen die russische Selbstherrschaft, als gegen den Gendarmen Europas, wäre fortschrittlich gewesen, spielten eigentlich einen Schatten der Vergangenheit als Trumpf aus, was natürlich ein Falschspiel war, denn die wahren Gendarmen Europas, die über genügend Kräfte und Mittel verfügten, um Gendarmen sein zu können, saßen nicht in Petrograd, sondern in Berlin, Paris und London.

Jetzt sind sich alle darüber klar geworden, dass Europa nicht nur den Sozialismus, sondern auch die Konterrevolution in Gestalt von Anleihen ein den Zaren usw. nach Rußland ausführt, während Rußland außer den politischen Emigranten die Revolution nach Europa ausführt. (Rußland hat jedenfalls 1905 den Generalstreik als Kampfmittel des Proletariats nach Europa ausgeführt.)

2. Über die "Reife der Frucht". Wie ist der Eintritt eines Moments revolutionärer Explosionen zu bestimmen?

Wann kann man sagen, dass "die Frucht reif geworden", dass die Vorbereitungsperiode zu Ende sei und dass man zu handeln beginnen könne?

--a) Wenn die revolutionäre Stimmung der Massen anschwillt und überschäumt, während unsere Aktionslosungen und Direktiven hinter der Bewegung der Massen zurückbleiben (siehe Lenin "Für Beteiligung an der Duma", die Periode vor dem Oktober 1905), wenn wir die Massen nur mit Mühe und nicht immer mit Erfolg zurückhalten, so zum Beispiel während der Juliaktion der Putilowarbeiter und der Maschinengewehrschützen 1917 (siehe auch Lenin "Der ´linke Radikalismus´..." [23]).

--b) Wenn die Unsicherheit und die Verwirrung, die Zersetzung und der Zerfall im Lager des Gegners ihren Höhepunkt erreicht haben, wenn die Zahl der Überläufer und Abtrünnigen aus dem Lager des Gegners mit jedem Tag, ja mit jeder Stunde wächst, wenn die so genannten neutralen Elemente, diese ganze städtische und ländliche viele Millionen zählende kleinbürgerliche Masse beginnt, dem Gegner (der Selbstherrschaft oder der Bourgeoisie) eindeutig den Rücken zu kehren, und ein Bündnis mit dem Proletariat sucht, wenn infolge alles dessen die feindlichen Verwaltungsapparate mitsamt den Unterdrückungsapparaten außer Funktion geraten, gelähmt, unbrauchbar werden usw. und den Weg für das Eroberungsrecht des Proletariats öffnen.

--c) Wenn diese beiden Momente (Punkt a und b) zeitlich zusammenfallen, was gewöhnlich auch wirklich der Fall ist.

Es gibt Leute, die glauben, es genüge, den objektiven Prozess des Absterbens der an der Macht stehenden Klasse zu konstatieren, um den Angriff zu beginnen. Das ist aber falsch. Es ist außerdem notwendig, auch die für erfolgreiche Angriffe notwendigen subjektiven Bedingungen vorzubereiten. Die Aufgabe der Strategie und Taktik besteht ja eigentlich darin, geschickt, ohne Verspätung die Arbeit zur Vorbereitung der subjektiven Bedingungen für die Angriffe so voranzutreiben, dass sie mit den objektiven Prozessen des Absterbens der Macht der herrschenden Klasse Schritt hält.

3. Die Wahl des Zeitpunkts. Soweit der Zeitpunkt für den Schlag tatsächlich von der Partei gewählt und ihr nicht von den Ereignissen aufgezwungen wird, setzt die Wahl des Zeitpunkts zwei Bedingungen voraus, die einen günstigen Ausgang gewährleisten: a) die "Reife der Frucht" und b) das Vorhandensein irgendeines augenfälligen Ereignisses, eines Regierungsakts oder irgendeiner spontanen Aktion lokalen Charakters, das einen passenden, für die breiten Massen verständlichen Anlass bietet, um zum Schlag auszuholen, den Schlag einzuleiten. Wenn diese beiden Bedingungen außer acht gelassen werden, kann es dahin kommen, dass der Schlag nicht nur nicht zum Ausgangspunkt anwachsender und sich steigernder allgemeiner Angriffe auf den Gegner wird, dass er sich nicht nur zu keinem wuchtigen vernichtenden Schlag entwickelt (darin besteht eigentlich gerade der Sinn und Zweck einer geschickten Wahl des Zeitpunkts), sondern im Gegenteil in einen lächerlichen Putsch ausarten kann, der der Regierung und allgemein dem Gegner erwünscht und vorteilhaft ist, um sein Prestige zu heben und der zum Anlass und Ausgangspunkt für die Zerschlagung der Partei oder jedenfalls für ihre Demoralisierung werden kann. So war zum Beispiel der Antrag eines Teils des ZK, die Demokratische Beratung [24] verhaften zu lassen, ein Antrag, der vom ZK abgelehnt wurde, da er die zweite Forderung (siehe oben) nicht erfüllte (absolut nicht erfüllte), unter dem Gesichtswinkel der Wahl des richtigen Zeitpunkts verfehlt.

Überhaupt muss man sich davor hüten, dass sich der erste Schlag (Wahl des Zeitpunkts) nicht in einen Putsch verwandelt, weshalb die zwei oben genannten Bedingungen streng eingehalten werden müssen.

4. Die "Kraftprobe". Mitunter hält es die Partei, nachdem sie die Vorarbeit für die entscheidenden Aktionen geleistet und ihrer Meinung nach genügend starke Reserven angesammelt hat, für zweckmäßig, eine Probeaktion vorzunehmen, die Kräfte des Gegners zu sondieren, die Kampfbereitschaft ihrer Kräfte zu überprüfen, wobei eine solche Kraftprobe entweder von der Partei bewusst, aus eigener Wahl vorgenommen wird (die Demonstration, die für den 10. Juni 1917 angesetzt und dann abgesagt und durch die Demonstration vom 18. Juni des gleichen Jahres ersetzt wurde), oder ihr durch die Situation, durch eine verfrühte Aktion der Gegenseite und überhaupt durch irgendein unvorhergesehenes Ereignis aufgezwungen wird (die Kornilowaktion im August 1917 und als Antwort die Gegenaktion der Kommunistischen Partei, eine Aktion, die als glänzende Kraftprobe diente). Die "Kraftprobe" darf nicht als einfache Demonstration betrachtet werden, etwa wie eine Maidemonstration, darum kann die Kraftprobe nicht als einfache Musterung der Kräfte angesehen werden, sie ist ihrem Gewicht und ihren eventuellen Resultaten nach zweifellos mehr als eine einfache Demonstration, wenn auch weniger als ein Aufstand, sie ist eine Art Mittelding zwischen Demonstration und Aufstand oder Generalstreik. Unter günstigen Bedingungen kann sie sich zum ersten Schlag (Wahl des Zeitpunkts), zum Aufstand entwickeln (die Aktion unserer Partei Ende Oktober), unter ungünstigen Bedingungen hingegen kann sie die Partei mit einer direkten Niederlage bedrohen (die Demonstration vom 3.-4. Juli 1917). Darum ist es am zweckmäßigsten, die Kraftprobe vorzunehmen, wenn "die Frucht reif geworden ist", wenn das Lager des Gegners genügend demoralisiert ist, wenn die Partei gewisse Reserven angesammelt hat, kurzum: wenn die Partei zur Offensive bereit ist, wenn die Partei keine Angst davor zu haben braucht, dass die Kraftprobe vielleicht infolge der Situation zum ersten Schlag und dann zur allgemeinen Offensive gegen den Feind wird. Wenn die Partei eine Kraftprobe vornimmt, so muss sie zu allem bereit sein.

5. Die "Musterung der Kräfte" . Die Musterung der Kräfte ist eine einfache Demonstration, die fast in jeder beliebigen Situation vorgenommen werden kann (zum Beispiel eine Maidemonstration mit oder ohne Streik). Wird die Musterung der Kräfte nicht in einer Situation bevorstehender direkter Explosion, sondern in einer mehr oder weniger "friedlichen" Zeit vorgenommen, so kann sie höchstens auf ein Scharmützel mit der durch die Polizei vertretenen Staatsmacht oder mit einigen Truppenteilen hinauslaufen ohne besonderen Verlust sowohl für die Partei als auch für den Gegner. Wird sie jedoch in der glühendheißen Atmosphäre bevorstehender Explosionen vorgenommen, so kann sie die Partei in einen verfrühten entscheidenden Zusammenstoß mit dem Gegner verwickeln, wobei der Gegner, wenn die Partei noch schwach und für derartige Zusammenstöße noch nicht gerüstet ist, sich eine solche "Musterung der Kräfte" mit Erfolg zunutze machen und die Kräfte des Proletariats zerschmettern kann (daher die wiederholten Aufrufe der Partei im September 1917, "sich nicht provozieren lassen"). Darum muss man in einer Atmosphäre der bereits herangereiften revolutionären Krise mit der Anwendung der Methode der Kräftemusterung sehr vorsichtig sein und daran denken, dass sie, wenn die Partei Schwäche zeigt, vom Gegner in ein Werkzeug verwandelt werden kann, mit dem er das Proletariat zerschlägt oder doch jedenfalls ernstlich schwächt. Und umgekehrt, wenn die Partei kampfbereit ist und die Reihen des Gegners offenkundig demoralisiert sind, darf man die Gelegenheit nicht verpassen, mit einer "Musterung der Kräfte" zu beginnen, um danach zur "Kraftprobe" überzugehen (vorausgesetzt, dass die Bedingungen dafür - "Reife der Frucht" usw. - günstig sind) und dann den allgemeinen Sturmangriff zu eröffnen.

6. Die Taktik der Offensive (Taktik der Befreiungskriege, wenn das Proletariat die Macht bereits ergriffen hat).

7. Die Taktik des geordneten Rückzugs . Wie man sich bei offenkundiger Überlegenheit der Kräfte des Gegners geschickt ins Landesinnere zurückzieht, um, wenn nicht den größten Teil der Armee, so doch wenigstens ihre Kader zu retten (siehe Lenin "Der ´linke Radikalismus´..."). Wie wir uns als Letzte zurückziehen, zum Beispiel bei dem Boykott der Duma Witte-Dubassow. Unterschied zwischen der Taktik des Rückzugs und der "Taktik" der Flucht (vergleiche die Menschewiki).

8. Die Taktik der Verteidigung als unumgängliches Mittel zur Erhaltung der Kader und Sammlung der Kräfte in Erwartung kommender Kämpfe. Sie verpflichtet die Partei, auf ausnahmslos allen Kampfgebieten die Positionen zu besetzen, alle Waffengattungen, das heißt alle Formen der Organisation in Bereitschaft zu versetzen, ohne auch nur eine von ihnen, selbst die scheinbar unbedeutendste, zu vernachlässigen, denn niemand weiß im voraus, welches Gebiet gerade die erste Kampfarena sein wird und welche Bewegungsform oder Organisationsform bei Einleitung der entscheidenden Schlachten gerade als Ausgangspunkt und wirksame Waffe in den Händen des Proletariats dienen wird. Mit anderen Worten: In Erwartung der entscheidenden Schlachten während der Periode der Verteidigung und Sammlung der Kräfte muss die Partei in jeder Hinsicht völlig gerüstet sein. In Erwartung der Schlachten... Das bedeutet aber nicht, dass die Partei mit verschränkten Armen abwarten und zu einem müßigen Zuschauer werden, aus einer Partei der Revolution (wenn sie in Opposition ist) zu einer Partei des Abwartens entarten soll - nein, in einer solchen Periode muss sie Schlachten vermeiden, darf sie diese nicht aufnehmen, falls sie noch nicht Zeit hatte, die nötigen Kräfte zu sammeln, oder falls die Situation für sie ungünstig ist; sie darf aber , natürlich bei günstigen Bedingungen, keine Gelegenheit verpassen , dem Gegner die Schlacht aufzuzwingen, wenn dies für ihn unvorteilhaft ist, den Gegner in ständiger Spannung zu halten, Schritt um Schritt dessen Kräfte zu desorganisieren und zu demoralisieren, Schritt um Schritt die Kräfte des Proletariats in den seine Tagesinteressen angehenden Kämpfen zu üben und dadurch die eigenen Kräfte zu mehren.

Nur in diesem Fall kann die Verteidigung eine wirklich aktive Verteidigung sein, wird die Partei imstande sein, alle Merkmale einer wirklichen Aktionspartei zu bewahren und nicht zu einer Partei beschaulichen Abwartens zu werden, nur in diesem Fall wird die Partei den Zeitpunkt der entscheidenden Aktionen nicht verpassen, nicht vorübergehen lassen, wird sie von den Ereignissen nicht überrumpelt werden. Der Fall Kautsky und Konsorten, die infolge ihrer Taktik eines "weisen", beschaulichen Abwartens und der noch "weiseren" Passivität den Zeitpunkt des Eintretens der proletarischen Revolution im Westen haben vorübergehen lassen, ist eine direkte Warnung. Oder weiter: Der Fall mit den Menschewiki und den Sozialrevolutionären, die infolge ihrer Taktik des endlosen Abwartens in der Frage des Friedens und des Grund und Bodens die Macht verpasst haben, sollte ebenfalls als Warnung dienen. Anderseits ist es gleichfalls klar, dass die Taktik der aktiven Verteidigung, die Taktik des Handelns (der Aktion) nicht missbraucht werden darf, denn in diesem Fall besteht die Gefahr, dass man die Taktik der revolutionären Aktionen der kommunistischen Partei in eine Taktik "revolutionärer" Gymnastik verwandelt, das heißt in eine Taktik, die nicht zur Sammlung der Kräfte des Proletariats und zur Stärkung seiner Kampfbereitschaft, also nicht zur Beschleunigung der Revolution, sondern zur Zerstreuung der Kräfte des Proletariats, zur Schwächung seiner Kampfbereitschaft und folglich zur Verzögerung der Sache der Revolution führt.

9. Die allgemeinen Grundlagen der kommunistischen Strategie und Taktik. Dieser Grundlagen gibt es drei:

a) Als Grundlage muss die durch die Theorie des Marxismus gewonnene und durch die revolutionäre Praxis bestätigte Schlussfolgerung angenommen werden, dass in den kapitalistischen Staaten das Proletariat die einzige konsequent revolutionäre Klasse ist, die an der völligen Befreiung der Menschheit vom Kapitalismus interessiert und infolgedessen berufen ist, der Führer aller unterdrückten und ausgebeuteten Massen im Kampf für den Sturz des Kapitalismus zu sein, so dass die ganze Arbeit darauf eingestellt werden muss, die Errichtung der Diktatur des Proletariats sicherzustellen.

b) Als Grundlage muss die durch die Theorie des Marxismus gewonnene und durch die revolutionäre Praxis bestätigte Schlussfolgerung angenommen werden, dass die Strategie und Taktik der kommunistischen Partei eines jeden beliebigen Landes nur dann richtig sein können, wenn sie sich nicht im Interessenkreis "ihres" Landes, "ihrer" Heimat, "ihres" Proletariats abschließen, sondern im Gegenteil, unter Berücksichtigung der Verhältnisse und der Lage ihres eigenen Landes, die Interessen des internationalen Proletariats, die Interessen der Revolution in den anderen Ländern zum Angelpunkt machen, das heißt, wenn sie ihrem Wesen, Ihrem Geiste nach internationalistisch sind, wenn sie "ein Höchstmaß des-heil durchführen, was in einem" (dem eigenen) "Lande für die Entwicklung, Unterstützung, Entfachung der Revolution in allen Ländern durchführbar ist" (siehe Lenin "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky" [25]).

c) Als Ausgangspunkt muss bei der Änderung der Strategie und Taktik, bei der Ausarbeitung neuer strategischer Pläne und taktischer Linien, jede Art von Doktrinarismus (der rechte und der linke) verworfen werden (Kautsky, Axelrod, Bogdanow, Bucharin), muss die beschauliche Methode und die Methode der Zitate und historischer Parallelen, ausgeklügelter Pläne und toter Formeln (Axelrod, Plechanow) verworfen werden, muss erkannt werden, dass es gilt, auf dem Standpunkt des Marxismus nicht "zu liegen", sondern zu stehen, die "Welt nicht nur zu interpretieren", sondern sie "zu verändern", nicht "den Hintern des Proletariats zu betrachten" und hinter den Ereignissen einher zutrotten, sondern das Proletariat zu führen und ein bewusster Ausdruck des unbewussten Prozesses zu sein (siehe "Spontaneität und Bewusstheit" [26] von Lenin und die bekannte Stelle aus dem "Kommunistischen Manifest" [27] von Marx darüber, dass die Kommunisten der weitblickendste, immer weiter treibende Teil des Proletariats sind).

Jede dieser Grundlagen, insbesondere die zweite und die dritte, ist durch Tatsachen aus der Erfahrung der revolutionären Bewegung in Rußland und im Westen zu illustrieren.

10. Die Aufgaben:

a) Die Vorhut des Proletariats für den Kommunismus gewinnen (das heißt Kader bilden, eine kommunistische Partei schaffen, Programm und Grundlagen der Taktik ausarbeiten). Propaganda als Grundform der Arbeit.

b) Die breiten Massen der Arbeiter und der Werktätigen überhaupt für die Vorhut gewinnen (Heranführung der Massen an die Kampfpositionen). Grundform der Arbeit sind die praktischen Aktionen der Massen als Vorspiel zu den entscheidenden Gefechten.

11. Regeln:

a) Ausnahmslos alle Formen der Organisation des Proletariats und alle Formen (Gebiete) der Bewegung, des Kampfes müssen beherrscht werden. (Formen der Bewegung: parlamentarische und außerparlamentarische, legale und illegale.)

b) Man muss lernen, sich der schnellen Ablösung der einen Formen der Bewegung durch andere , oder der Ergänzung der einen Formen durch andere anzupassen, man muss lernen, die legalen Formen mit den illegalen, die parlamentarischen mit den außerparlamentarischen zu verbinden (Beispiel: der schnelle Übergang der Bolschewiki im Juli 1917 von den legalen Formen zu den illegalen, die Verbindung der außer-parlamentarischen Bewegung in den Lena-Tagen mit dem Auftreten in der Duma).

12. Die Strategie und Taktik der kommunistischen Partei vor und nach der Machteroberung. Vier Besonderheiten.

a) Das Wichtigste in der Situation, die nach dem Oktoberumsturz in Europa überhaupt und in Rußland im besonderen entstand, war der vom russischen Proletariat vollzogene Durchbruch der internationalen sozialen Front (als Ergebnis des Sieges über die russische Bourgeoisie) im Bereich Rußlands ( Bruch mit dem Imperialismus, Veröffentlichung der Geheimverträge, Bürgerkrieg an Stelle des imperialistischen Krieges, Verbrüderungsappell an die Soldaten, Aufruf an die Arbeiter, sich gegen ihre Regierungen zu erheben). Dieser Durchbruch leitete eine weltgeschichtliche Wende ein, indem er den Bestand des ganzen Gefüges des internationalen Imperialismus unmittelbar bedrohte und das Wechselverhältnis zwischen den kämpfenden Kräften im Westen grundlegend zugunsten der Arbeiterklasse Europas veränderte. Das aber bedeutet, dass das russische Proletariat und seine Partei aus einer nationalen Kraft zu einer internationalen Kraft wurden, wobei die alte Aufgabe, die eigene nationale Bourgeoisie zu stürzen, durch die neue Aufgabe, die internationale Bourgeoisie zu stürzen, abgelöst wurde, und da die internationale Bourgeoisie in Erkenntnis der tödlichen Gefahr sich die Liquidierung des russischen Durchbruchs zur nächsten Aufgabe machte und alle ihre freien Kräfte (Reserven) gegen Sowjetrußland konzentrierte, musste das letztere seinerseits alle seine Kräfte zur Verteidigung konzentrieren und war gezwungen, den Hauptschlag der internationalen Bourgeoisie auf sich zu nehmen. Dies alles war eine bedeutende Erleichterung für den Kampf der westlichen Proletarier gegen ihre Bourgeoisie und verzehnfachte ihre Sympathien für das russische Proletariat als den Vorkämpfer des internationalen Proletariats .

Die Realisierung der Aufgabe, die Bourgeoisie in einem Lande zu stürzen, führte auf diese Weise zu der neuen Aufgabe des Kampfes im internationalen Maßstab, des Kampfes auf einer anderen Ebene, des Kampfes des proletarischen Staates gegen die ihm feindlichen kapitalistischen Staaten, wobei das russische Proletariat, das bis dahin einen Trupp des internationalen Proletariats gebildet hatte, von nun an zum Vortrupp, zur Vorhut des internationalen Proletariats wurde.

Die Aufgabe, die Revolution im Westen auszulösen, um uns selbst, das heißt Rußland, die Vollendung der eigenen Revolution zu erleichtern, hat sich somit aus einem Wunsch in eine rein praktische Tagesaufgabe verwandelt. Diese Umwälzung in den Beziehungen (besonders den internationalen) wurde durch die Oktoberrevolution herbeigeführt und ist ganz und gar der Oktoberrevolution zu verdanken. Durch die Februarrevolution sind die internationalen Beziehungen nicht einmal berührt worden.

b) Der zweite wichtige Zug in der nach dem Oktober in Rußland entstandenen Situation besteht in der veränderten Stellung sowohl des Proletariats als auch seiner Partei innerhalb Rußlands. Früher, vor dem Oktober, bestand die Hauptsorge des Proletariats in der Organisierung sämtlicher Kampfkräfte zum Sturz der Bourgeoisie, also in einer Aufgabe vornehmlich Kritik übenden und zerstörenden Charakters. Jetzt, nach dem Oktober, da die Bourgeoisie schon nicht mehr an der Macht ist und der Staat ein proletarischer geworden ist, ist die alte Aufgabe hinfällig geworden, und an ihrer Stelle steht die neue Aufgabe der Organisierung sämtlicher Werktätigen Rußlands (der Bauernschaft, Handwerker, Heimarbeiter, Intellektuellen, der rückständigen Völkerschaften, die zur RSFSR gehören) zum Aufbau des neuen Sowjetrußlands , seiner Wirtschaftsund Militärapparate einerseits und zur Niederhaltung des Widerstands der gestürzten, aber noch nicht restlos vernichteten Bourgeoisie anderseits. (Dementsprechend sind auch einige alte Formen der Bewegung hinfällig geworden, wie Streiks, Aufstände usw., und demnach änderten sich auch der Charakter und die Formen (Funktionen) der Organisation der Arbeiterklasse (Partei, Sowjets, Gewerkschaften, Genossenschaften, Kultur- und Aufklärungsinstitutionen)).

c) Entsprechend der veränderten Stellung des Proletariats innerhalb Rußlands und gemäß der neuen Aufgabe hat sich auch die Politik des Proletariats in bezug auf die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Gruppen und Schichten der Bevölkerung Rußlands geändert. Früher (am Vorabend des Sturzes der Bourgeoisie) lehnte das Proletariat einzelne Vereinbarungen mit bürgerlichen Gruppen ab, denn eine derartige Politik führte zur Stärkung der am Ruder stehenden Bourgeoisie; jetzt ist das Proletariat im Gegenteil für einzelne Vereinbarungen, denn sie festigen seine Herrschaft, zersetzen die Bourgeoisie, erleichtern die Zähmung ihrer einzelnen Gruppen durch das Proletariat, erleichtern deren Assimilation. Der Unterschied zwischen dem "Reformismus" und der Politik einzelner Vereinbarungen (der erste lehnt unbedingt die Methode der revolutionären Aktionen ab, die zweite nicht, und wenn sie von Revolutionären angewandt wird, geht sie von der revolutionären Methode aus; der erste ist dem Umfang nach enger, die zweite weiter). (Siehe über "Reformismus" und die "Politik der Vereinbarungen".)

d) Entsprechend dem kolossalen Anwachsen der Kräfte und Mittel des Proletariats und der Kommunistischen Partei hat die strategische Arbeit der Kommunistischen Partei stärkeren Schwung erhalten. Früher beschränkte sich die Strategie der Kommunistischen Partei auf die Aufstellung des strategischen Planes, auf das Manövrieren zwischen den verschiedenen Formen der Bewegung und der Organisationen des Proletariats, ferner zwischen den verschiedenen Forderungen der Bewegung (Losungen), auf die Aufstellung dieser und die Zurückziehung jener Losungen, auf die Ausnutzung der kargen Reserven in Form von Widersprüchen zwischen den verschiedenen Klassen, wobei der Rahmen dieser Reserven eng und die Möglichkeit ihrer Ausnutzung infolge der Schwäche der Partei in der Regel stets sehr begrenzt waren; jetzt aber, nach dem Oktober, sind erstens die Reserven gewachsen (die Widersprüche zwischen den sozialen Gruppen in Rußland, die Widersprüche zwischen den Klassen und Nationalitäten in den benachbarten Staaten, die Widersprüche zwischen den benachbarten Staaten, die wachsende sozialistische Revolution im Westen, die wachsende revolutionäre Bewegung im Osten und in den Kolonien überhaupt usw.), zweitens haben sich die Mittel und Möglichkeiten des Manövrierens vermehrt (die alten Mittel wurden durch neue ergänzt, zum Beispiel die diplomatische Tätigkeit, die Anknüpfung von realeren Verbindungen sowohl mit der sozialistischen Bewegung des Westens als auch mit der revolutionären Bewegung des Ostens), drittens haben sich neue, breitere Möglichkeiten zur Ausnutzung der Reserven ergeben dank den gesteigerten Kräften und Mitteln des Proletariats, das in Rußland zur herrschenden politischen Kraft geworden ist und seine eigenen Streitkräfte besitzt, in der internationalen Welt aber zur Avantgarde der revolutionären Weltbewegung geworden ist.

13. Speziell: a) die Frage des Tempos der Bewegung und seiner Rolle bei der Festlegung der Strategie und Taktik, b) die Frage des Reformismus , der Politik der Vereinbarungen und ihrer Wechselbeziehungen.

14. "Reformismus" ("Paktierertum"), "Politik der Vereinbarungen" und "einzelne Vereinbarungen" - drei verschiedene Dinge (jedes von ihnen ist besonders zu behandeln). Die menschewistischen Vereinbarungen sind unannehmbar, denn sie gehen vom Reformismus , das heißt von der Negierung der revolutionären Aktionen aus, während die bolschewistischen Vereinbarungen von den Erfordernissen der revolutionären Aktionen ausgehen. Eben darum verwandeln sich die Vereinbarungen bei den Menschewiki in ein System, in eine Politik der Vereinbarungen , während die Bolschewiki bloß für einzelne, konkrete Vereinbarungen sind, ohne daraus eine besondere Politik der Vereinbarungen zu machen.

15. Drei Perioden in der Entwicklung der Kommunistischen Partei Rußlands:

a) die Periode der Formierung der Vorhut (d. h. der Partei) des Proletariats, die Periode des Zusammenschlusses der Parteikader (in dieser Periode ist die Partei schwach, verfügt über ein Programm und allgemeine Grundlagen der Taktik, ist aber als Partei der Massenaktionen schwach) ;

b) die Periode des revolutionären Massenkampfs unter Führung der Kommunistischen Partei. In dieser Periode verwandelt sich die Partei aus einer Organisation der Massenagitation in eine Organisation der Massenaktionen, die Periode der Vorbereitung wird von der Periode der revolutionären Aktionen abgelöst;

c) die Periode nach der Machtergreifung, nach der Verwandlung der Kommunistischen Partei in eine Regierungspartei.

16. Die politische Kraft der russischen proletarischen Revolution besteht darin, dass sich die Agrarrevolution der Bauernschaft (Sturz des Feudalismus) dort unter Führung des Proletariats (und nicht der Bourgeoisie) vollzog, dass infolgedessen die bürgerlich-demokratische Revolution als Prolog der proletarischen Revolution diente, dass die Verbindung der werktätigen Elemente der Bauernschaft mit dem Proletariat und die Unterstützung der ersteren durch das letztere nicht nur politisch gewährleistet, sondern auch organisatorisch in den Sowjets verankert war, was dem Proletariat die Sympathie der gewaltigen Mehrheit der Bevölkerung verschaffte (eben deshalb ist es nicht schlimm , wenn das Proletariat selbst nicht die Mehrheit im Lande ausmacht).

Die Schwäche der proletarischen Revolutionen in Europa (auf dem Kontinent) besteht darin, dass dort das Proletariat weder diese Verbindung mit dem Dorf hat, noch diese Unterstützung von ihm erhält, dort vollzog sich die Befreiung der Bauernschaft vom Feudalismus unter Führung der Bourgeoisie (und nicht des Proletariats, das damals schwach war), was angesichts der gleichgültigen Haltung der Sozialdemokratiegegenüber den Interessen des Dorfes für lange Zeit der Bourgeoisie die Sympathien der Mehrheit der Bauern sicherte.

Juli 1921.

Zum erstenmal veröffentlicht.

 

 

Anmerkungen - Band 5

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