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Gesammelte

STALINWERKE :

 

 

 

 BAND 5

1921

Seite 27 - 42

 

DER X. PARTEITAG DER KPR(B)

8. - 16. März 1921

Der zehne Parteitag der
Kommunistischen Partei Rußlands.
Stenografischer Bericht.
Moskau 1921.

 

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1. REFERAT ÜBER DIE NÄCHSTEN AUFGABEN
DER PARTEI IN DER NATIONALEN FRAGE

10. März

Bevor ich unmittelbar zu den nächsten konkreten Aufgaben der Partei in der nationalen Frage übergehe, ist es notwendig, zunächst einige Voraussetzungen festzuhalten, ohne die es unmöglich ist, die nationale Frage zu lösen. Diese Voraussetzungen betreffen die Entstehung der Nationen, den Ursprung der nationalen Unterdrückung, die Formen der nationalen Unterdrückung im Verlauf der historischen Entwicklung, ferner die Formen der Lösung der nationalen Frage in den verschiedenen Entwicklungsperioden.

Solcher Perioden gibt es drei.

Die erste Periode ist die Periode der Beseitigung des Feudalismus im Westen und des Sieges des Kapitalismus. Der Zusammenschluss der Menschen zu Nationen fällt in diese Periode. Ich meine Länder wie England (ohne Irland), Frankreich, Italien. Im Westen - in England, Frankreich, Italien und teilweise in Deutschland - fiel die Periode der Beseitigung des Feudalismus und des Zusammenschlusses der Menschen zu Nationen zeitlich im großen und ganzen mit der Periode der Entstehung von zentralisierten Staaten zusammen, so dass sich hier die Nationen bei ihrer Entwicklung in staatliche Formen hüllten. Da nun in diesen Staaten andere irgendwie beträchtliche nationale Gruppen nicht vorhanden waren, gab es hier auch keine nationale Unterdrückung.

Im Osten Europas dagegen fiel der Prozess der Bildung von Nationen und der Liquidierung der feudalen Zersplitterung zeitlich nicht mit dem Prozess der Bildung von zentralisierten Staaten zusammen. Ich meine Ungarn, Österreich, Rußland. In diesen Ländern gab es noch keine kapitalistische Entwicklung, diese hatte vielleicht erst ihren Anfang genommen, während anderseits die Interessen der Verteidigung gegen die Invasion der Türken, Mongolen und anderer Völker des Ostens die unverzügliche Bildung von zentralisierten Staaten erheischten, die fähig waren, dem Ansturm der Invasion standzuhalten. Da nun im Osten Europas der Prozess der Entstehung von zentralisierten Staaten schneller vor sich ging als der Prozess des Zusammenschlusses der Menschen zu Nationen, so bildeten sich hier gemischte Staaten, aus mehreren Völkern bestehend, die sich noch nicht zu Nationen formiert hatten, aber bereits in einem gemeinsamen Staat vereinigt waren.

Somit wird die erste Periode gekennzeichnet durch die Entstehung von Nationen in der Morgenröte des Kapitalismus, wobei im Westen Europas reine Nationalstaaten ohne nationale Unterdrückung entstehen, während im Osten Nationalitätenstaaten entstehen mit einer Nation, der stärker entwickelten, an der Spitze und anderen, weniger entwickelten Nationen, die in politischer und dann auch in ökonomischer Hinsicht der herrschenden Nation untergeordnet sind. Diese Nationalitätenstaaten des Ostens wurden zur Heimat der nationalen Unterdrückung, die nationale Konflikte, nationale Bewegungen, die nationale Frage und die verschiedenen Methoden der Lösung dieser Frage hervorbrachte.

Die zweite Periode in der Entwicklung der nationalen Unterdrückung und der Methoden ihrer Bekämpfung entspricht der Periode des Aufkommens des Imperialismus im Westen, da der Kapitalismus auf der Suche nach Absatzmärkten, nach Roh- und Brennstoffen und billigen Arbeitskräften, im Kampf um den Kapitalexport und um die Sicherung der großen Eisenbahnlinien und Seewege den Rahmen des Nationalstaates sprengt und sein Territorium auf Kosten der Nachbarn, der nahen wie der fernen, erweitert. In dieser zweiten Periode hören die alten Nationalstaaten des Westens - England, Italien, Frankreich - auf, Nationalstaaten zu sein, das heißt, sie verwandeln sich, infolge der Annexion neuer Territorien, in Nationalitätenstaaten, in Kolonialstaaten, und werden dadurch zum Schauplatz der gleichen nationalen und kolonialen Unterdrückung, die es im Osten Europas schon früher gab. Im Osten Europas ist diese Periode dadurch gekennzeichnet, dass die unterworfenen Nationen (Tschechen, Polen, Ukrainer) erwachen und erstarken, was im Ergebnis des imperialistischen Krieges zum Zerfall der alten bürgerlichen Nationalitätenstaaten und zur Bildung neuer Nationalstaaten geführt hat, die von den so genannten Großmächten geknechtet werden.

Die dritte Periode ist die Sowjetperiode, die Periode der Vernichtung des Kapitalismus und der Beseitigung der nationalen Unterdrückung, eine Periode, da die Frage: herrschende und unterworfene Nationen, Kolonien und Metropole, in das Archiv der Geschichte wandert, da wir es auf dem Territorium der RSFSR mit Nationen zu tun haben, die die gleichen Rechte auf Entwicklung besitzen, die aber infolge ihrer wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Rückständigkeit eine gewisse historisch ererbte Ungleichheit bewahrt haben. Das Wesen dieser nationalen Ungleichheit besteht darin, dass wir, kraft der geschichtlichen Entwicklung, von der Vergangenheit einen Erbteil übernommen haben, demzufolge eine Nation, nämlich die großrussische, in politischer und industrieller Hinsicht entwickelter ist als die anderen Nationen. Daher die faktische Ungleichheit, die nicht in einem Jahr überwunden werden kann, die aber überwunden werden muss durch die Gewährung wirtschaftlicher, politischer und kultureller Hilfe an die rückständigen Nationen und Völkerschaften.

Das sind die drei Entwicklungsperioden der nationalen Frage, wie sie an uns historisch vorübergezogen sind.

Die ersten beiden Perioden haben einen gemeinsamen Zug aufzuweisen. Dieser besteht darin, dass die Nationen in beiden Perioden Unterdrückung und Versklavung zu erdulden haben; infolgedessen geht der nationale Kampf weiter, bleibt die nationale Frage ungelöst. Aber es gibt auch einen Unterschied zwischen ihnen. Dieser besteht darin, dass die nationale Frage in der ersten Periode auf einzelne Nationalitätenstaaten beschränkt bleibt und nur wenige, hauptsächlich europäische Nationen erfasst, während die nationale Frage in der zweiten Periode aus einer innerstaatlichen zu einer zwischenstaatlichen Frage wird, zur Frage des Krieges zwischen den imperialistischen Staaten, eines Krieges mit dem Ziel, die nicht vollberechtigten Nationalitäten weiter in ihrer Macht zu behalten und neue Völkerschaften und Stämme außerhalb Europas ihrem Einfluss zu unterwerfen.

So verliert die nationale Frage, die früher nur in Kulturländern von Bedeutung war, in dieser Periode ihren isolierten Charakter und verschmilzt mit der allgemeinen Frage der Kolonien.

Die Entwicklung der nationalen Frage zur allgemeinen Kolonialfrage ist kein geschichtlicher Zufall. Diese Entwicklung erklärt sich erstens daraus, dass sich während des imperialistischen Krieges die imperialistischen Gruppen der kriegführenden Staaten selbst genötigt sahen, an die Kolonien zu appellieren, aus denen sie das Menschenmaterial zur Aufstellung von Armeen schöpften. Es steht außer Zweifel, dass dieser Prozess, der Prozess des unvermeidlichen Appellierens der Imperialisten an die rückständigen Völkerschaften der Kolonien, diese Stämme und Völkerschaften zur Befreiung, zum Kampf aufrütteln musste. Dann führte ein zweiter Faktor dazu, dass sich die nationale Frage ausdehnte und zu der all-gemeinen Kolonialfrage ausweitete, die den ganzen Erdball ergriffen hat, zuerst durch Fünkchen und dann durch Flammen der Befreiungsbewegung. Das war der Versuch der imperialistischen Gruppen, die Türkei aufzuteilen und ihrer staatlichen Existenz ein Ende zu machen. Die Türkei, die unter den mohammedanischen Völkern ein in staatlicher Hinsicht höher entwickeltes Land ist, konnte sich mit einer solchen Perspektive nicht abfinden, sie erhob das Banner des Kampfes und scharte die Völker des Ostens gegen den Imperialismus um sich. Der dritte Faktor ist die Entstehung Sowjetrußlands, das im Kampf gegen den Imperialismus eine Reihe von Erfolgen zu verzeichnen hatte und naturgemäß die unterdrückten Völker des Ostens mit Begeisterung erfüllt, sie wachgerüttelt, sie zum Kampf angespornt und dadurch die Herstellung einer gemeinsamen Front der unterdrückten Nationen von Irland bis Indien ermöglicht hat.

Das sind all die Faktoren, die im zweiten Entwicklungsstadium der nationalen Unterdrückung bewirkt haben, dass die bürgerliche Gesellschaft die nationale Frage nicht nur nicht gelöst, nicht nur keinen Frieden zwischen den Völkern herbeigeführt, sondern, im Gegenteil, den Funken des nationalen Kampfes zur Flamme des Kampfes der unterjochten Völker, der Kolonien und Halbkolonien gegen den Weltimperialismus entfacht hat.

Offensichtlich ist das einzige Regime, das imstande ist, die nationale Frage zu lösen, das heißt das Regime, das die Bedingungen für das friedliche Zusammenleben und die brüderliche Zusammenarbeit verschiedener Nationen und Volksstämme zu schaffen vermag, das Regime der Sowjetmacht, das Regime der Diktatur des Proletariats.

Es bedarf wohl kaum des Beweises, dass die Gleichberechtigung der Nationen nicht gewährleistet werden kann, solange das Kapital herrscht, solange Privateigentum an den Produktionsmitteln besteht und solange es Klassen gibt; dass es eine Gleichberechtigung der Nationen ebensowenig geben kann wie eine Zusammenarbeit zwischen den arbeitenden Massen der Nationen, solange die Macht des Kapitals fortbesteht, solange um den Besitz der Produktionsmittel gekämpft wird. Die Geschichte besagt, dass das einzige Mittel zur Vernichtung der nationalen Nichtgleichberechtigung, das einzige Mittel zur Errichtung eines Regimes brüderlicher Zusammenarbeit der werktätigen Massen der unterdrückten wie der nichtunterdrückten Völker die Liquidierung des Kapitalismus und die Errichtung der Sowjetordnung ist.

Wie die Geschichte ferner gezeigt hat, können einzelne Völker, auch wenn es ihnen gelingt, sich von ihrer eigenen nationalen Bourgeoisie sowie von der "fremden" Bourgeoisie zu befreien, das heißt, auch wenn sie im eigenen Lande die Sowjetordnung errichtet haben, solange der Imperialismus besteht, kein Einzeldasein führen und einzeln ihre Existenz nicht erfolgreich verteidigen ohne die wirtschaftliche und militärische Unterstützung durch die benachbarten Sowjetrepubliken. Ungarn ist ein beredtes Beispiel dafür, dass es ohne einen Staatsverband der Sowjetrepubliken, ohne deren Zusammenschluss zu einer einheitlichen militärischen und wirtschaftlichen Macht unmöglich ist, den vereinigten Kräften des Weltimperialismus an den militärischen wie an den wirtschaftlichen Fronten standzuhalten.

Die Föderation der Sowjetrepubliken ist die gesuchte Form des Staatsverbands, deren lebendige Verkörperung die RSFSR ist.

Genossen, das sind die Voraussetzungen, über die ich hier zuerst sprechen wollte, um nunmehr die Notwendigkeit bestimmter Schritte unserer Partei bei der Lösung der nationalen Frage im Rahmen der RSFSR zu begründen.

Obwohl das Sowjetregime in Rußland und in den mit Rußland verbundenen Republiken weder herrschende noch rechtlose Nationen, weder eine Metropole noch Kolonien, weder Ausgebeutete noch Ausbeuter kennt, gibt es dennoch eine nationale Frage in Rußland. In der RSFSR besteht das Wesen der nationalen Frage darin, die faktische (wirtschaftliche, politische, kulturelle) Rückständigkeit einiger Nationen zu beseitigen, die sie von der Vergangenheit geerbt haben, damit den rück-ständigen Völkern die Möglichkeit gegeben wird, Zentralrußland sowohl in staatlicher als auch in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht einzuholen.

Unter dem alten Regime strebte die Zarenmacht nicht danach und konnte nicht danach streben, in der Ukraine, in Aserbaidshan, in Turkestan und anderen Randgebieten ein Staatswesen zu entwickeln; sie bekämpfte die Entwicklung eines Staatswesens in den Randgebieten ebenso wie deren kulturelle Entwicklung; sie war bestrebt, die einheimische Bevölkerung gewaltsam zu assimilieren.

Ferner hatte der alte Staat, hatten die Gutsbesitzer und Kapitalisten derart niedergedrückte Völkerschaften als Erbe hinterlassen wie die Kirgisen, Tschetschenen, Osseten, deren Ländereien von den Kosaken- und Kulakenelementen Rußlands kolonisiert wurden. Diese Völkerschaften waren zu unsagbaren Leiden und zum Aussterben verurteilt.

Ferner hat die Stellung der großrussischen Nation, die die herrschende Nation war, Spuren ihres Einflusses sogar bei den russischen Kommunisten hinterlassen, die es nicht verstehen oder nicht willens sind, den arbeitenden Massen der einheimischen Bevölkerung näher zukommen, auf ihre Nöte einzugehen und ihnen zu helfen, aus der Rückständigkeit und Kulturlosigkeit herauszukommen. Ich spreche von den nicht zahlreichen Gruppen russischer Kommunisten, die in ihrer Arbeit die Besonderheiten der Lebensweise und der Kultur in den Randgebieten ignorieren und zuweilen nach der Seite des russischen Großmachtchauvinismus hin abweichen.

Ferner ist die Lage der nichtrussischen Nationalitäten, die die nationale Unterdrückung durchgemacht haben, nicht ohne Einfluss auf die ein-heimischen Kommunisten geblieben, die zuweilen die Klasseninteressen der werktätigen Massen ihres Volkes nicht von den so genannten "gesamtnationalen" Interessen zu unterscheiden verstehen. Ich meine die Abweichung nach der Seite des lokalen Nationalismus hin, die zuweilen in den Reihen der nichtrussischen Kommunisten zu beobachten ist und die sich im Osten zum Beispiel im Panislamismus, im Panturkismus äußert.

Schließlich ist es notwendig, die Kirgisen, die Baschkiren und gewisse Stämme der Bergvölker vor dem Aussterben zu retten und ihnen auf Kosten der kulakischen Kolonisatoren den nötigen Grund und Boden zuzuteilen.

Das sind die Fragen und Aufgaben, die zusammen das Wesen der nationalen Frage in unserem Lande ausmachen.

Nachdem ich diese nächsten Aufgaben der Partei in der nationalen Frage geschildert habe, möchte ich zu der allgemeinen Aufgabe übergehen, zu der Aufgabe, unsere kommunistische Politik in den Randgebieten jenen besonderen Bedingungen der Wirtschaftsverfassung anzupassen, wie wir sie hauptsächlich im Osten antreffen.

Es handelt sich darum, dass eine ganze Reihe, hauptsächlich turkischer, Völkerschaften - sie zählen ungefähr 25 Millionen Menschen - die Periode des Industriekapitalismus nicht durchgemacht haben, noch nicht dazu gekommen waren, sie durchzumachen, und deshalb kein oder fast kein Industrieproletariat aufzuweisen haben, so dass sie von primitivsten Formen der Wirtschaft zum Stadium der sowjetischen Wirtschaft übergehen und den Industriekapitalismus überspringen müssen. Um diese schwere, aber keineswegs unmögliche Operation vorzunehmen, müssen alle Besonderheiten der ökonomischen Verfassung, ja selbst der historischen Vergangenheit, der Lebensweise und der Kultur dieser Völkerschaften berücksichtigt werden. Es wäre undenkbar und gefährlich, auf das Territorium dieser Völkerschaften die Maßnahmen zu übertragen, die hier, im Zentrum Rußlands, Geltung und Bedeutung hatten. Es ist klar, dass bei der Durchführung der Wirtschaftspolitik der RSFSR unbedingt alle jene Besonderheiten der ökonomischen Verfassung, der Klassenstruktur, der historischen Vergangenheit in Betracht gezogen werden müssen, die wir in diesen Randgebieten angetroffen haben. Ich spreche schon gar nicht von der Beseitigung solcher Widersinnigkeiten wie zum Beispiel der Forderung des Volkskommissariats für Ernährungswesen, auf dem Wege der Ablieferungspflicht Schweine in Kirgisien einzutreiben, wo die mohammedanische Bevölkerung niemals Schweine gehalten hat. Aus diesem Beispiel kann man ersehen, wie wenig manche den Besonderheiten der Lebensweise, die dem ersten besten Reisenden auffallen, Rechnung tragen wollen.

 

Soeben hat man mir einen Zettel überreicht mit der Bitte, auf die Artikel des Genossen Tschitscherin zu antworten. Genossen, ich bin der Meinung, dass Tschitscherins Artikel, die ich aufmerksam gelesen habe, nichts weiter als Literatengeschreibsel sind. Sie enthalten vier Fehler oder Missverständnisse.

Erstens ist Genosse Tschitscherin geneigt, die Gegensätze zwischen den imperialistischen Staaten zu leugnen, indem er die internationale Vereinigung der Imperialisten überschätzt, dagegen die inneren Gegensätze zwischen den imperialistischen Gruppen und Staaten, die fortbestehen und zum Kriege führen (Frankreich, Amerika, England, Japan und andere), übersieht und unterschätzt. Er hat das Moment der Vereinigung der imperialistischen Spitzen überschätzt und die Gegensätze unterschätzt, die innerhalb dieses "Trusts" bestehen. Diese Gegensätze sind aber da, und auf sie stützt sich die Tätigkeit des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten.

Dann begeht Genosse Tschitscherin einen zweiten Fehler. Er unterschätzt die Gegensätze zwischen den herrschenden Großmächten und den unlängst entstandenen Nationalstaaten (der Tschechoslowakei, Polen, Finnland und anderen), die finanziell und militärisch von diesen Großmächten abhängig sind. Genosse Tschitscherin hat völlig außer acht gelassen, dass trotz oder, richtiger, infolge der Unterordnung dieser Nationalstaaten unter die Großmächte Gegensätze zwischen den Großmächten und diesen Staaten bestehen, die zum Beispiel bei den Verhandlungen mit Polen, Estland und anderen in Erscheinung getreten sind. Das Bestehen des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten hat ja gerade den Sinn, alle diese Gegensätze in Rechnung zu ziehen, sich auf sie zu stützen, im Rahmen dieser Gegensätze zu lavieren. Es ist höchst erstaunlich, dass Genosse Tschitscherin dieses Moment unterschätzt hat.

Der dritte Fehler des Genossen Tschitscherin besteht darin, dass er allzuviel von der nationalen Selbstbestimmung redet, die tatsächlich zu einer leeren Losung geworden ist, zu einer bequemen Ausflucht für die Imperialisten. Genosse Tschitscherin hat seltsamerweise vergessen, dass wir diese Losung schon vor zwei Jahren haben fallenlassen. Diese Losung steht nicht mehr in unserem Programm. Wir sprechen in unserem Programm nicht von der nationalen Selbstbestimmung - die eine gänzlich verschwommene Losung ist -, sondern von einer schärfer geprägten und eindeutig definierten Losung - vom Recht der Völker auf staatliche Lostrennung. Das sind zwei verschiedene Dinge. Merkwürdigerweise lässt Genosse Tschitscherin dieses Moment in seinen Artikeln außer acht; daher gleichen alle seine Einwände gegen die Losung, die zu einer verschwommenen Losung geworden ist, einem blinden Schuss, denn weder in meinen Thesen noch im Programm der Partei wird auch nur mit einem Wort die "Selbstbestimmung" erwähnt. Dort ist nur vom Recht der Völker auf staatliche Lostrennung die Rede. Diese Losung aber ist für uns im gegenwärtigen Moment, da die Befreiungsbewegung in den Kolonien um sich greift, eine revolutionäre Losung. Da die Sowjetstaaten sich nach dem Grundsatz der Freiwilligkeit zu einer Föderation vereinigen, machen die zur RSFSR gehörenden Völker aus eigenem Willensentschluss vom Recht auf Lostrennung keinen Gebrauch. Wenn es sich aber um Kolonien handelt, die von England, Frankreich, Amerika, Japan unterjocht werden, wenn wir es mit unterworfenen Ländern zu tun haben wie Arabien, Mesopotamien, der Türkei, Hindostan, das heißt Ländern, die Kolonien oder Halbkolonien sind, dann ist das Recht der Völker auf Lostrennung eine revolutionäre Losung, und ein Verzicht auf sie würde bedeuten, den Imperialisten in die Hände zu arbeiten.

Das vierte Missverständnis besteht darin, dass die Artikel des Genossen Tschitscherin keinerlei praktische Fingerzeige enthalten. Es ist natürlich ein leichtes, Artikel zu schreiben; um sie aber betiteln zu können: "Gegen die Thesen des Genossen Stalin", muss man etwas Ernsthaftes vorbringen, und seien es auch nur praktische Gegenvorschläge. Indessen habe ich in seinen Artikeln nicht einen einzigen praktischen Vorschlag gefunden, auf den es sich einzugehen verlohnte.

 

Ich komme zum Schluss, Genossen. Wir sind zu folgenden Ergebnissen gelangt. Die bürgerliche Gesellschaft hat sich nicht nur als unfähig erwiesen, die nationale Frage zu lösen, sondern hat, im Gegenteil, bei ihren Versuchen, sie "zu lösen", die nationale Frage zur Kolonialfrage ausgeweitet und eine neue Front gegen sich geschaffen, die von Irland bis Hindostan reicht. Der einzige Staat, der die nationale Frage anzupacken und zu lösen vermag, ist der Staat, der auf dem Kollektiveigentum an den Produktionsmitteln und -instrumenten beruht - der Sowjetstaat. Im föderativen Sowjetstaat gibt es weder unterdrückte noch herrschende Nationen mehr, die nationale Unterdrückung ist beseitigt, aber infolge der von der alten bürgerlichen Ordnung ererbten faktischen (kulturellen, wirtschaftlichen, politischen) Ungleichheit zwischen den kulturell höher- und den kulturell tieferstehenden Nationen nimmt die nationale Frage eine Form an, die besondere Maßnahmen erheischt, damit den arbeitenden Massen der rückständigen Nationen und Völkerschaften das wirtschaftliche, politische und kulturelle Vorwärtskommen erleichtert, damit ihnen die Möglichkeit gegeben wird, das vorangeschrittene - proletarische - Zentralrußland einzuholen. Hieraus ergeben sich die praktischen Vorschläge, die der dritte Abschnitt der von mir vorgelegten Thesen zur nationalen Frage enthält. (Beifall.)

 

 

 

2. SCHLUSSWORT

10. März

Genossen!

Am bezeichnendsten für die Diskussion dieses Parteitags über die nationale Frage ist, dass wir von Deklarationen in der nationalen Frage, auf dem Wege über die administrative Neueinteilung Rußlands, dazu übergegangen sind, die Frage praktisch anzupacken. Zu Beginn der Oktoberrevolution beschränkten wir uns darauf, die Rechte der Völker auf Lostrennung zu deklarieren. In den Jahren 1918 und 1920 ging unsere Arbeit dahin, eine administrative Neueinteilung Rußlands nach den nationalen Merkmalen durchzuführen im Interesse der Annäherung der arbeitenden Massen der rückständigen Völker und des Proletariats Rußlands. Jetzt aber, auf diesem Parteitag, packen wir die Frage rein praktisch an: Welche Politik muss die Partei gegenüber den arbeitenden Massen und den kleinbürgerlichen Elementen in den autonomen Gebieten und unabhängigen Republiken, die mit Rußland verbunden sind, betreiben? Deshalb hat mich die Erklärung Satonskis, die Ihnen vorgelegten Thesen seien abstrakter Natur, überrascht. Ich habe seine eigenen Thesen in der Hand, die er aus irgendeinem Grunde nicht dem Parteitag zur Beachtung unterbreitet hat, in denen ich keinen einzigen Vorschlag praktischer Natur habe finden können, buchstäblich keinen einzigen, allerdings mit Ausnahme des einen Vorschlags, man solle die Bezeichnung "RSFSR" durch das Wort "Osteuropäische" und das Wort "Rußlands" durch "Russische" beziehungsweise "Großrussische" ersetzen. Andere praktische Vorschläge habe ich in diesen Thesen nicht gefunden.

Nun zur nächsten Frage.

Ich muss sagen, dass ich von den Delegierten, die hier aufgetreten sind, mehr erwartet hätte. In Rußland gibt es zweiundzwanzig Randgebiete; einige dieser Randgebiete sind in hohem Grade von der industriellen Entwicklung erfasst und unterscheiden sich in industrieller Hinsicht nur wenig von Zentralrußland; andere haben das Stadium des Kapitalismus nicht durchgemacht und unterscheiden sich grundlegend von Zentralrußland, wieder andere sind völlig zurückgeblieben. Es ist unmöglich, diese ganze Verschiedenartigkeit der Randgebiete in allen ihren konkreten Formen in Thesen zu erfassen. Man kann nicht verlangen, dass Thesen, die für die ganze Partei in ihrer Gesamtheit von Bedeutung sind, nur auf Turkestan, nur auf Aserbaidshan oder nur auf die Ukraine zugeschnitten sein sollen. Es gilt, die allen Randgebieten gemeinsamen Charakterzüge zu erfassen, sie in die Thesen aufzunehmen und von Einzelheiten abzusehen. Andere Methoden zur Abfassung von Thesen gibt es nun einmal nicht.

Die nichtgroßrussischen Nationen müssen in mehrere Gruppen eingeteilt werden, wie das in den Thesen auch geschehen ist. Die nichtrussischen Nationen zählen etwa 65 Millionen Menschen. Der allen diesen nicht-russischen Nationen gemeinsame Zug besteht darin, dass sie in der Entwicklung ihres Staatswesens hinter Zentralrußland zurückgeblieben sind. Unsere Aufgabe ist es, alle Kräfte aufzubieten, um diesen Nationen, ihren proletarischen, ihren arbeitenden Elementen zu helfen, in ihrem Lande das sowjetische staatliche Leben in ihrer Muttersprache zu entwickeln. Dieses Gemeinsame ist in den Thesen, in ihrem praktischen Teil festgehalten.

Weiter, wollte man die Besonderheiten der Randgebiete näher konkretisieren, so müsste man aus der Gesamtsumme der etwa 65 Millionen Angehörigen nichtrussischer Nationalität ungefähr 25 Millionen Angehörige von Turkvölkern ausscheiden, die den Kapitalismus nicht durchgemacht haben. Genosse Mikojan hat Unrecht, wenn er sagt, Aserbaidshan stehe in mancher Hinsicht höher als die russischen Provinzen. Er verwechselt offenbar Baku mit Aserbaidshan. Baku ist nicht aus dem Schoße Aserbaidshans hervorgewachsen, sondern ihm durch die Nobel, Rothschild, Whishaw und andere von oben aufgepfropft worden. Was Aserbaidshan selbst betrifft, so ist es ein Land der rückständigsten patriarchalisch-feudalen Verhältnisse. Deshalb rechne ich Aserbaidshan als Ganzes zur Gruppe derjenigen Randgebiete, die den Kapitalismus nicht durchgemacht haben und denen gegenüber Methoden angewendet werden müssen, die ihrer Eigenart entsprechen, damit diese Randgebiete auf die Bahnen der Sowjetwirtschaft gelenkt werden. Darüber wird in den Thesen gesprochen.

Ferner gibt es eine dritte Gruppe, die höchstens 6 Millionen Menschen umfasst - vorwiegend Viehzucht treibende Stämme, in denen die Gentilverfassung noch lebendig ist und die noch nicht zum Ackerbau übergegangen sind. Das sind in der Hauptsache die Kirgisen, der nördliche Teil Turkestans, die Baschkiren, Tschetschenen, Osseten und Inguschen. Dieser Gruppe von Nationalitäten muss vor allen Dingen Boden zugeteilt werden. Hier sind die Kirgisen und Baschkiren nicht zu Wort gekommen, die Diskussion wurde geschlossen. Sie hätten noch mehr davon erzählen können, welche Qualen das baschkirische Hochland, Kirgisien und die Bergvölker erdulden, die aussterben, weil sie keinen Boden haben. Was aber Safarow zu dieser Frage gesagt hat, betrifft nur eine Bevölkerungsgruppe von 6 Millionen. Deshalb ist es undenkbar, die praktischen Vorschläge Safarow auf alle Randgebiete auszudehnen, denn für den übrigen Teil der nichtrussischen Nationalitäten - und zu ihnen gehören etwa 60 Millionen Menschen - haben diese Abänderungsanträge keinerlei Bedeutung. Das ist der Grund, weshalb ich, ohne mich gegen die von Safarow beantragten und bestimmte Nationalitätengruppen betreffenden Konkretisierungen, Ergänzungen und Verbesserungen zu einzelnen Punkten zu wenden, betonen muss, dass diese Abänderungsanträge nicht verallgemeinert werden dürfen. Ferner muss ich zu einem Abänderungsantrag Safarows eine Bemerkung machen. In einem seiner Abänderungsanträge

ist ihm ein Satz von der "national-kulturellen Selbstbestimmung" unterlaufen:

"Vor der Oktoberrevolution", heißt es dort, "waren die kolonialen und Halbkolonialen Völker der östlichen Randgebiete Rußlands infolge der imperialistischen Politik jedweder Möglichkeit beraubt, der kulturellen Errungenschaften der kapitalistischen Zivilisation auf dem Wege ihrer eigenen national-kulturellen Selbstbestimmung, der Bildungsarbeit in ihrer Muttersprache teilhaftig zu werden" usw.

Ich muss sagen, dass ich diesen Abänderungsantrag nicht annehmen kann, denn er hat einen bundistischen Beigeschmack. National-kulturelle Selbstbestimmung ist eine bundistische Formulierung. Wir haben die nebelhaften Losungen der Selbstbestimmung längst fallenlassen, sie dürfen nicht wieder aufgenommen werden. Außerdem stellt dieser ganze Satz ein höchst unnatürliches Wortgefüge dar.

Ich habe hier ferner einen Zettel, auf dem es heißt, dass wir Kommunisten die bjelorussische Nationalität angeblich künstlich züchten. Das trifft nicht zu, denn die bjelorussische Nation existiert, sie besitzt ihre, sich von der russischen unterscheidende Sprache, so dass man die Kultur des bjelorussischen Volkes nur in dessen eigener Sprache heben kann. Die gleichen Reden konnte man vor etwa fünf Jahren über die Ukraine, über die ukrainische Nation hören. Und noch vor kurzem wurde behauptet, die ukrainische Republik und die ukrainische Nation seien eine Erfindung der Deutschen. Indessen ist es klar, dass die ukrainische Nation existiert, und es ist die Pflicht der Kommunisten, deren Kultur zu entwickeln. Man kann nicht gegen die Geschichte anrennen. Es ist klar: Wenn auch in den Städten der Ukraine bis jetzt noch die russischen Elemente überwiegen, so werden doch. diese Städte im Laufe der Zeit unvermeidlich ukrainisiert werden. Vor etwa vierzig Jahren war Riga eine deutsche Stadt, da aber die Städte auf Kosten der Dörfer wachsen und das Dorf der Hort der Nationalität ist, so ist Riga jetzt eine rein lettische Stadt. Vor etwa fünfzig Jahren trugen alle Städte Ungarns deutschen Charakter, jetzt sind sie madjarisiert. Dasselbe wird mit Bjelorußland geschehen, in dessen Städten immer noch die Nichtbjelorussen überwiegen.

Am Ende. meines Schlussworts schlage ich dem Parteitag vor, eine aus Vertretern. der verschiedenen Gebiete bestehende Kommission zu wählen, um diejenigen praktischen Vorschläge der Thesen, die alle unsere Randgebiete interessieren, weiter zu konkretisieren. (Beifall.)

 

 

 

 

Anmerkungen - Band 5

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