W. B. Bland



Revisionismus in Russland:


Trotzki gegen die Bolschewiki (Teil 1: bis 1914)




Vorwort



Trotzki spricht:


"Unter den russischen Genossen gab es nicht einen, von dem ich irgendetwas

lernen konnte. ...Die Irrtümer, die ich begangen habe, ... bezogen sich stets

auf Fragen, die nicht grundlegender oder strategischer Natur waren. ... Bei aller

Gewissenhaftigkeit kann ich mir, was die Einschätzung der politischen Situa-

tion und ihrer revolutionären Perspektiven angeht, keine Fehleinschätzungen

gravierenden Natur zum Vorwurf machen.


Als Lenin zwei Jahre nach der Revolution zurückblickte, sagte er:

'In dem Moment, als der Bolschewismus die Macht ergriff und die sowjetische

Republik schuf, zog er die besten Kräfte in den sozialistischen Gedankenstrom,

die, die ihm am nächsten waren.'

Kann es auch nur den leisesten Zweifel daran geben, dass, als er so bewusst

von den besten Vertretern der Strömungen, die dem Bolschewismus am näch-

sten standen, sprach, Lenin zuallererst an das, was heute 'historischer Trotz-

kismus' genannt wird, gedacht haben muss? ... Was sonst sollte er im Sinn

gehabt haben?"

(L. Trotzki: 'Mein Leben', New York 1970, SS. 184f, 353).


Lenin:


"Trotzki ist sehr daran gelegen, historische Ereignisse zu erklären..mit pom-

pösen und wohlklingenden Sätzen, in einer Art, die ihm schmeichelt."

(W. I. Lenin: 'Die Verletzung der Einheit unter dem Deckmantel von Rufen

nach Einheit', in: 'Ausgewählte Werke', Band 4, London 1943, S. 194).


"Was für ein Hund dieser Trotzki ist - linke Phrasen und einen Block mit den

Rechten..! Man sollte ihn entlarven."

(W. I. Lenin: Brief an Alexandra Kollontai, 17. Februar 1917, in: 'Gesammelte

Werke', Band 35, Moskau 1966, S. 285).



Einleitung



Revisionismus ist die Entstellung des Marxismus-Leninismus, um den Bedürfnissen

der herrschenden Klassen entgegenzukommen, deren Liquidierung der Marxismus-Leni-

nismus anstrebt.


Eine Untersuchung des Revisionismus in Russland ist von besonderer Wichtigkeit für

Marxisten-Leninisten, da durch den Revisionismus die sozialistische Gesellschaft, die

dort aufgebaut worden war, durch eine im Wesentlichen kapitalistische Gesellschaft er-

setzt wurde.


Es gehört zu den Legenden des Trotzkismus, dass in den Jahren vor 1917 Trotzki

Seite an Seite mit Lenin von revolutionären Positionen aus kämpfte und dass erst als

Stalin 1922 Generalsekretär der Russischen Kommunistischen Partei wurde, sich ein

politischer Spalt entwickelte zwischen Trotzki und seinen Anhängern auf der einen

und der Parteiführung auf der anderen Seite.


Die Tatsachen, die in diesem Bericht dokumentiert werden, zeigen, dass diese Theorie

kaum weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte. Zwischen 1903 und 1917 bekämpfte

Trotzki Lenin Jahr um Jahr zusammen mit anderen politischen Persönlichkeiten in fast

jeder politischen Frage, die sich ergab - Persönlichkeiten, denen wir im Zusammenhang

mit dem revisionistischen Kampf zur Verhinderung des Aufbaus des Sozialismus nach

der Revolution und zur Zerstörung desselben, als er errichtet worden war, wiederbegeg-

nen werden: Es handelt sich um Leute wie Leo Kamenjew (Trotzkis Schwager), Grigori

Sinowjew, Juri Pjatakow, Grigori Sokolnikow, Nikolai Bucharin, Aleksej Rykow, Chris-

tian Rakowski, Adolf Warski, David Rjasanow, Jewgeni Preobraschenski, Salomon Lo-

sowski und Dimitri Manuilski.


Der erste Teil dieses Berichts behandelt den Zeitabschnitt bis zum Ausbruch des

ersten imperialistischen Krieges 1914; der zweite den von 1914 bis zur Oktober-Revo-

lution von 1917. ..



1879-1895: Kindheit



Leo Davidowitsch Bronstein, später Leo Trotzki, wurde am 7. November 1879 ge-

boren.


Sein Vater, David Leontjewitsch Bronstein, war ein wohlhabender Landwirt jüdischer

Herkunft. Der Religion gleichgültig gegenüberstehend, bewirtschaftete er mit Hilfe von

Lohnarbeitern einen größeren Hof namens Janowka in der Nähe der Kleinstadt Bobri-

netz in der Provinz Kherson in der südlichen Ukraine.


Seine Mutter, Anna Bronstein, war eine gebildete, kleinbürgerliche, in der Stadt

aufgewachsene Frau jüdischer Abstammung, die der orthodoxen Religion anhing.


Leo war das fünfte Kind der Bronsteins und als er geboren wurde, waren sie wohl-

habend genug, um sich für ihn ein Kindermädchen leisten zu können.


Im Alter von sieben Jahren schickten ihn seine Eltern zu einem 'kheder', einer pri-

vaten jüdischen Schule in Gromokla, einer deutsch-jüdischen Kolonie, die sich in etwa

drei Kilometer Entfernung befand. Dort war er bei Verwandten untergebracht. Der Unter-

richt fand jedoch auf Jiddisch statt und der Junge lernte dort nur wenig, außer ein biss-

chen Lesen und Schreiben auf Russisch. Nach ein paar Monaten nahmen ihn die Eltern

wieder von der Schule und der Junge kehrte heim.


Im Herbst 1888, als Leo fast neun Jahre alt war, wurde er nach Odessa zu anderen

Verwandten geschickt, um dort eine Schule zu besuchen. Diese Verwandten - Moissei

Filipowitsch Spentzer, ein liberaler Verleger und seine Frau, Schulleiterin einer weltlichen

Schule für jüdische Mädchen, gaben dem Junge die erste Einführung in die große Welt-

literatur. Sie brachten ihn auf die 'Realschule' von St. Paul's, eine fortschrittliche, kosmo-

politische Schule, wo auf Russisch unterrichtet wurde.


Im Verlaufe der sieben Jahre an der 'Realschule' zeichnete er sich in seinen Fächern

aus, wurde sehr eigen betreffs seiner äußeren Erscheinung und seiner Kleidung und ent-

wickelte, wie er sich ausdrückte, ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber seinen Mit-

schülern.



1896-1899: Jugend


Im Jahre 1896, im Alter von siebzehn Jahren, schloss er seine Ausbildung an der

Schule in Odessa ab und begab sich nach Nikolajew, um dort an einer ähnlichen Schule

die Reifeprüfung abzulegen.


Hier war er bei einer Familie untergebracht, deren Söhne bereits mit sozialistischen

Ideen in Berührung gekommen waren und die gegen seine konservativen Ansichten ar-

gumentierten. Sechs Monate später war er für den Sozialismus und fand Zugang zu radi-

kalen Diskussionszirkeln, die in der Hütte eines Gärtners außerhalb der Stadt abgehalten

wurden. Die meisten Mitglieder dieser Gruppe waren Narodnikis, Anhänger einer intellek-

tualistischen, individualistischen und unbestimmt sozialistischen Strömung, die sich

nicht auf die Arbeiterklasse, sondern auf die Bauernschaft stützte und die in der ersten

Zeit auf Trotzki großen Einfluss ausübte. ... Ein Mitglied der Gruppe jedoch, ein Mäd-

chen namens Alexandra Sokolowskaja, die ein paar Jahre älter war als Trotzki und spä-

ter seine erste Frau wurde, war eine Marxistin und beeinflusste stark seine Ideen.


Als sich sein Vater gegen seine Verbindung zu diesem radikalen Zirkel aussprach,

wies Trotzki die finanzielle Unterstützung, die er von zu Hause erhalten hatte, zurück,

gab Nachhilfeunterricht und zog aus seiner Wohnung aus, um fortan in der Hütte des

Gärtners als Mitglied der 'Kommune' der Narokniki zu wohnen.


Im Frühjahr 1897 hatte er führenden Anteil an der Bildung einer illegalen Gewerk-

schaft, der Südrussischen Arbeitergewerkschaft, die vor Jahresende auf fast 200 Mit-

glieder angewachsen war und ihre eigene Zeitung, 'Nasche Delo' (Unsere Sache) druckte

und herausgab.


Im Sommer 1897 bestand Trotzki mit Auszeichnung seine Abschlussprüfung und

am Ende des Jahres wurde er zusammen mit einigen anderen führenden Mitgliedern

der Gewerkschaft verhaftet. Er verbrachte mehrere Monate in einer kleinen Zelle im Ge-

fängnis von Kerson und kam dann Mitte 1898 in das Gefängnis von Odessa. Er be-

schäftigte sich hier damit, eine Abhandlung über das Freimaurertum zu verfassen und

las marxistische Bücher, die von außerhalb hineingeschmuggelt wurden.


Gegen Ende 1899 erhielt Trotzki sein Urteil (ohne Gerichtsverfahren): Deportation

nach Sibirien für vier Jahre. Zuerst jedoch wurde er in ein Übergangsgefängnis nach

Moskau verlegt, wo er auf ältere und erfahrenere Revolutionäre aus ganz Russland

stieß und machte erste Bekanntschaft mit den Schriften Lenins. Im Frühjahr oder Som-

mer des Jahres 1900 heiratete er im Moskauer Gefängnis Alexandra Sokolowskaja

und wenig später begab er sich mit seiner Frau zusammen auf die Reise ins Exil.



1900-1902: Exil



Sie erreichten den Ort ihres Exils - die Siedlung von Werkholensk in den Bergen

am Baikalsee - im Spätherbst des Jahres 1900.


Nachdem er in den vorangegangenen Jahren zum Marxismus gestoßen war, iden-

tifizierte er sich jetzt mit der Arbeiterbewegung und wurde führendes Mitglied in der

Sibirischen Sozialdemokratischen Arbeiterunion.


Im Dezember 1900 fing er an, für die 'Wostotschnoje Obosrenije' (Östliche Rund-

schau), eine fortschrittliche Zeitung, die in Irkutsk herausgegeben wurde, unter dem

Pseudonym von 'Antid Oto' zu schreiben. Seine Beiträge bestanden hauptsächlich

aus Reportagen über die Lebensbedingungen der sibierischen Bauern sowie aus Li-

teraturkritiken.


Im Sommer 1902 gelang ihm die Flucht aus Siberien. Er ließ seine Frau und ihre

beiden Kinder zurück und ging nach Samara. Hier erhielt er eine Botschaft von Lenin,

der ihn bat, so schnell wie möglich nach London ins Hauptbüro der 'Iskra' (Funke) zu

kommen.



1902-1903: Trotzki wird 'Iskrist'



Im Oktober 1902 traf Trotzki in London ein, wo Lenin ihm ein Quartier besorgte. Er

fing an, im November 1902 für die 'Iskra' zu schreiben und erwarb sich schon bald den

Namen eines brillianten Autors und Redners.


Von Zeit zu Zeit besuchte er Frankreich, die Schweiz und Belgien und es war an-

lässlich eines Besuchs in Paris, dass er seine zweite 'Frau' - er hatte sich nie formell

von Alexandra Sokolowskaja scheiden lassen - traf: eine russische Revolutionärin

adliger Herkunft namens Natalja Sedowa, die an der Pariser Sarbonne Kunstgeschichte

studierte.



1903: Die Auseinandersetzungen auf dem Zweiten Parteitag



Der Zweite Parteitag der Russischen Sozialdemokratischen Partei, von 43 Delegier-

ten besucht, wurde im Juli/August 1903 zuerst in Brüssel und dann in London abgehal-

ten. Der Haupttagesordnungspunkt war die Annahme eines Programms und eines Sta-

tuts. Trotzki nahm als Delegierter der Sibirischen Sozialdemokratischen Arbeiterver-

einigung teil.


Die heftigste Kontroverse des Parteitags rankte sich um den ersten Paragraphen

des Parteistatutsentwurfs, in dem umschrieben war, was unter dem Begriff 'Parteimit-

glied' zu verstehen sei. In Übereinstimmung mit den Prinzipien, die er schon seit eini-

ger Zeit in der 'Iskra' vorgelegt hatte, schlug Lenin den folgenden Wortlaut für Paragraph

eins vor:


"Mitglied der R.S.D.R.P. ist jemand, der ihr Programm anerkennt und die Par-

tei finanziell sowie durch seine persönliche Mitarbeit in einer der Organisationen

der Partei unterstützt."


Juli Martow brachte folgenden Antrag ein, um die unterstrichenen Worte zu ersetzen

durch:


"seine Arbeit unter der Kontrolle und Anleitung einer der Organisationen der

Partei unterstützt"


Lenin argumentierte gegen Martows Formulierung wie folgt:


1. In der Praxis sei es nicht möglich, eine wirksame 'Kontrolle und Anleitung'

über bzw. von Parteimitgliedern, die nicht persönlich in einer der Organisa-

tionen der Partei mitarbeiteten, auszuüben.


2. Sie gäbe die Sichtweise nicht der Arbeiterklasse, die sich nicht vor Organi-

sation und Disziplin fürchte, sondern die der kleinbürgerlichen Intelligenz wie-

der, die dazu neige, individualistisch und organisations- und disziplinscheu

zu sein.


3. Dies würde den Umfang der Mitgliedschaft in einer Weise ausweiten, dass

auch Sympathisanten zur Partei gehören könnten und so würde die wichtige

Trennlinie zwischen der Arbeiterklasse und ihrer organisierten, disziplinier-

ten Avantgarde aufgehoben werden, was zur Folge hätte, dass die Avant-

garde in der Arbeiterklasse insgesamt verschwinden würde, was den Inter-

essen der Feinde der Arbeiterklasse diene.


Trotzki stellte sich auf die Seite von Martow, dessen Formulierung mit 28 gegen

22 Stimmen bei einer Enthaltung angenommen wurde.


Später veränderte sich das Kräfteverhältnis wieder zu Lenins Gunsten und dem

seiner Anhänger, als sieben seiner Opponenten sich vom Parteitag zurückzogen.

Lenin schlug dann vor, dass die Redaktion der 'Iskra', die aus sechs Mitgliedern be-

stand, durch eine aus drei Mitgliedern ersetzt werden solle. Trotzki konterte das Ma-

növer durch einen Antrag, der die alte, amtierende Redaktion bestätigen sollte, was

jedoch mit einer Mehrheit von zwei Stimmen abgelehnt wurde, woraufhin sich die

Antileninisten weiterer Abstimmungen enthielten. In den Wahlen, die dann folgten,

wurden drei Antileninisten (Axelrod, Potresow und Vera Sassulitsch) aus der Redaktion

abgewählt, womit nur noch Lenin, Plechanow und Martow übrigblieben. Darüberhinaus

wurden drei Anhänger Lenins als Zentralkomiteemitglieder gewählt.


Das bedeutete, dass auf dem Zweiten Parteitag sich die Partei in zwei Lager ge-

spalten sah. Seitdem wurden die Parteimitglieder, die Lenins politische Linie unter-

stützten, Bolschewiki genannt (von 'bolschinstwo' - Mehrheit), während jene, die

gegen Lenins Linie waren, unter dem Namen Menschewiki (von 'menschinstwo' -

Minderheit) bekannt wurden.


Die bolschewistische Strömung war eine marxistische, die die Interessen der Ar-

beiterklasse innerhalb der Arbeiterbewegung vertrat; die menschewistische dagegen

stellte eine revisionistische Strömung dar, welche die Interessen der kapitalistischen

Klasse innerhalb der Arbeiterbewegung repräsentierte.



Der 'Bericht der sibirischen Delegation'


Später gestand Trotzki seinen Fehler, dass er gegen Lenin auf dem Zweiten Par-

teitag in der Frage der Parteiorganisation aufgetreten war, ein. In seiner Autobiogra-

phie sagt Trotzki über Lenins Haltung auf dem Parteitag:


"Seine Verhalten schien mir unverzeihlich - schrecklich und abscheulich und

doch war es vom Standpunkt der Organisation aus betrachtet politisch richtig

und notwendig.


Mein Bruch mit Lenin fand auf einer, wie man es nennen könnte, 'moralischen'

oder sogar perönlichen Ebene statt. Aber dies war eher äußerlich. Im Grunde

war die Trennung politischer Natur und äußerte sich nur in der Sphäre organi-

satorischer Methoden.


Ich sah mich als Zentristen. Aber es besteht kein Zweifel, dass zu jener Zeit

ich nicht vollständig erkannte, welch einen intensiven und mächtigen Zentra-

lismus die revolutionäre Partei nötig haben würde, um Millionen von Menschen

in einen Krieg gegen die alte Ordnung zu führen. ... Zur Zeit des Londoner Par-

teitags 1903 war die Revolution für mich in erster Linie noch eine theoretische

Abstraktion. Allein konnte ich noch nicht Lenins Zentralismus als logische

Schlussfolgerung eines klaren revolutionären Konzepts erkennen."

(L. Trotzki: 'Mein Leben', New York 1971, S. 162).


Seine unmittelbare Reaktion auf den Parteitag bestand jedoch darin, die Schrift

'Zweiter Kongress der R.S.D.R.P. - Bericht der sibirischen Delegation' zu verfassen,

die 1903 in Genf veröffentlicht wurde.


Darin verdeidigte er seine Opposition gegen Lenin und die seiner Delegation und

seiner Anhänger auf dem Parteitag:


"Hinter Lenin stand die neue kampakte Mehrheit der 'harten' 'Iskra'-Leute,

die in Opposition zu den 'weichen' standen. Wir, die Delegierten der Sibieri-

schen Union, schlossen uns den 'weichen' an und ... wir sind nicht der Ansicht,

dass wir dadurch unserem revolutionären Ansehen geschadet haben."

(L. Trotzki: 'Wtaroj Sjesd R.S.D.R.P. - Otschjot Sibirskij Delegatskij', Genf

1903, S. 21).


Auf dem Parteitag erklärte Trotzki, dass Lenin


" ... mit der Energie und dem Talent, das ihm eigen sei, die Rolle eines Des-

organisators der Partei gespielt"

(L. Trotzki: Ebenda, S. 11).


und wie ein neuer Robespierre versucht habe,


" ...den bescheidenen Parteirat in ein allmächtiges Komitee für Öffentliche Si-

cherheit zu verwandeln",

(Ebenda, S. 21).


womit er den Boden für die


"Thermidorianer des sozialistischen Opportunismus" (Thermidorianer - Anhän-

ger der großbürgerlichen Konterrevolution in Frankreich zur Zeit der Franzö-

sischen Revolution - Übers.).

(Ebenda, S. 30).


vorbereitet habe.


In einem Nachsatz fügte er hinzu, dass Lenin Robespierre ähnele, jedoch nur so wie


"eine vulgäre Farce einer historischen Tragödie ähnelt"..

(Ebenda, S. 33).



Der Parteitag der Menschewiki von 1903



Nach dem Parteitag boykottierten die Menschewiki, einschließlich Trotzki, die

'Iskra' und weigerten sich, Beiträge zu liefern.


Im September 1903 hielten sie einen fraktionistischen Parteitag in Genf ab, um sich

auf künftige Aktionen vorzubereiten. Es wurde ein alternatives 'Zentralkomitee' gebildet,

das sich aus Pawel Axelrod, Fjodor Dan, Juli Martow, Alexander Potressow und Trotzki

zusammensetzte, um den Kampf gegen die Bolschewiki zu führen.


Trotzki zufolge sollte es das Nahziel der Kampagne sein, die Bolschewiki zu

zwingen, die entfernten Menschewisten wieder in ihre alten einflussreichen Positionen

einzusetzen, sowohl im Zentralkomitee als auch in der Redaktion. Eine von Trotzki

und Martow entworfene Resolution wurde von der Konferenz gebilligt:


"Wir betrachten es als unsere moralische und politische Pflicht, den Kampf

mit allen Mitteln darum zu führen, dass, ohne uns außerhalb der Partei zu stel-

len und ohne die Partei und ihre zentralen Einrichtungen zu diskreditieren, ein

Wandel in der Zusammensetzung der leitenden Organe eintritt, damit der Par-

tei die Möglichkeit erhalten bleibt, dass sie ungehindert in Richtung ihrer eige-

nen Aufklärung arbeiten kann."

(P. B. Axelrod und J. O. Martow: 'Briefe von P. B. Axelrod und J. O. Martow'

- Pisma P. B. Axelroda i J. Martowa - Berlin 1924, S. 24).



Die 'neue' Iskra



Kurz nach dem Zweiten Parteitag gab Plechanow dem Druck der Menschewiki

nach. Die Beschlüsse des Parteitags verletzend, beanspruchte und übte er das 'Recht'

aus, als Mitherausgeber die ehemaligen menschewistischen Redakteure wieder in die

Redaktion der 'Iskra' aufzunehmen. Lenin wies diesen Schritt energisch zurück und

verließ die Redaktion.


Die neue Redaktion verwandelte die 'Iskra' in ein menschewistisches Organ, das

gegen Lenin und seine Anhänger sowie gegen das bolschewistische Zentralkomitee

der Partei einen ständigen Kampf führte. So wurde die 'Iskra' von ihrer 52. Nummer

an in der Partei zur 'neuen' 'Iskra' im Unterschied zur 'alten' leninistischen 'Iskra'. Sie

setzte ihr Erscheinen bis zum Oktober 1905 fort.


Trotzki entwickelte sich zu einem prominenten Beitragschreiber der 'neuen' 'Iskra'

und gab eine Broschüre heraus, in der er die politische Linie der Menschewiki ent-

wickelte. Dazu Lenin:


"Kürzlich kam eine neue Broschüre von Trotzki heraus, im Namen der 'Iskra'

wie es hieß. Dadurch wird sie zum 'Credo' sozusagen der 'neuen' 'Iskra'. Die

Broschüre ist nichts als ein Haufen unverschämter Lügen, eine Entstellung

von Fakten. ... Der Zweite Parteitag sei nach seinen Worten der reaktionäre

Versuch gewesen, sektiererische Organisationsmethoden zu verankern."

(W. I. Lenin: Brief an Jelena Stassowa, F. W. Lengnik und anderen, Oktober

1904, in: 'Gesammelte Werke', Band 43, Moskau 1969, S. 129).



1904: Der Russisch-Japanische Krieg



Im Februar 1904 begann der Russisch-Japanische Krieg mit dem japanischen An-

griff gegen die russische Festung Port Arthur. Die russische Armee erlitt eine Nieder-

lage und fast die gesamte russische Marine wurde in der Straße von Tsuschima zer-

stört, wodurch die zaristische Regierung gezwungen wurde, im September 1905 einen

für sie schmählichen Friedensvertrag abzuschließen.


1904: 'Unsere politischen Aufgaben'



Zwischen Februar und Mai 1904 widmete sich Lenin seiner Schrift 'Einen Schritt

vorwärts - zwei Schritte zurück'. Darin entwickelte er ausführlich die Prinzipien der

Parteiorganisation, die er auf dem Zweiten Parteitag vorgetragen hatte und analysier-

te den Charakter der menschewistischen Opposition.


Im August 1904 wurde Trotzkis Antwort auf Lenins Buch in Genf unter dem Titel

'Unsere politischen Aufgaben' herausgegeben. Es enthielt eine Widmung für 'Meinen

lieben Lehrer Pawel B. Axelrod'.


In 'Unsere politischen Aufgaben' greift Trotzki Lenin an, den er als 'Maximillian

Lenin' (Anspielung auf Maximillian Robespierre, den Revolutionsführer der französi-

schen Revolution - Übers.) bezeichnet und als


" ... einen pfiffigen Statistiker und schlampigen Rechtsanwalt"

(L. Trotzki: 'Unsere politischen Aufgaben' - Naschi polititscheski sadatschi -,

Genf 1904, S. 95).


mit einer


" ... abscheulichen, ausschweifenden und demagogischen"

(Ebenda, S. 75).


Art, dessen


"böswilliges, moralisch abstoßendes, misstrauisches Wesen, eine flache Ka-

rikatur jakobinischer (Jakobiner - französische Revolutionäre des Kleinbürger-

tums, zu denen auch Robespierre gehörte - Übers.) Unduldsamkeit, um jeden

Preis ausgeschaltet werden muss, will die Partei sich nicht der Bedrohung

durch den moralischen und theoretischen Verfall ausgesetzt sehen."

(L. Trotzki: Ebenda, S. 95).


Er attackierte die leninschen Prinzipien der Parteiorganisation mit der Behauptung,

dass sie zur Errichtung nicht der Diktatur der Arbeiterklasse, sondern einer Diktatur

über die Arbeiterklasse führen würden, einer Diktatur, die letzten Endes in der eines

einzelnen Individuums enden würde, was für die Arbeiterklasse unerträglich wäre:


"Hierzu führen Lenins Methoden: Die Parteiorganisation wird sich zunächst an

die Stelle der Partei als Ganzer setzen; dann wird sich das Zentralkomitee an

die Stelle der Organisation setzen; und schließlich wird ein einzelner 'Diktator'

sich an die Stelle des Zentralkomitees setzen. ... Ein Proletariat, das in der

Lage ist, seine Diktatur über die Gesellschaft auszuüben, wird keinerlei Diktatur

über sich selbst hinnehmen."

(Ebenda, SS. 54, 105).


Er erklärte außerdem, dass Lenins Organisationsprinzipien in jedem Fall undurch-

führbar seien, da jede ernsthafte Fraktion sich der Disziplin widersetzen würde:


"Ist es denn so schwer einzusehen, dass jede Gruppe eines ernstzunehmen-

den Umfangs und von Bedeutung, wenn sie vor der Alternative steht, sich heim-

lich still und leise selbst zu zerstören oder ohne Rücksicht auf Disziplin um ihre

Existenz zu kämpfen, zweifelsohne den letzteren Weg gehen würde?"

(Ebenda, S. 72).


In der Zwischenzeit hatten sich die Leser der 'neuen' 'Iskra' über Trotzkis böswillige

Angriffe gegen Lenin in den Spalten der Zeitung stark beschwert und im April 1904 war

er gezwungen auf Verlangen Plechanows zurückzutreten.


Die Kampagne zur Abhaltung eines Parteitags



Im Juli 1904 brachen zwei Mitglieder des Zentralkomitees der Partei, Krassin und

Noskow, mit den Bolschewiki, wodurch die Menschewiki im ZK eine Mehrheit erhielten.

Die Bolschewiki begannen daraufhin mit einer Kampagne innerhalb der Partei für die

Abhaltung eines neuen Parteitags.


Im August 1904 leitete Lenin eine Konferenz von zweiundzwanzig Bolschewiki, die

in der Schweiz stattfand und die die Partei aufforderte, einen Dritten Parteitag einzu-

berufen. Gleichzeitig fanden in Russland zahlreiche Konferenzen statt, aus denen sich

im Dezember 1904 ein 'Büro der Mehrheitskomitees' entwickelte, das zum Organisa-

tionszentrum für die Abhaltung eines neuen Parteitags wurde.


Im Herbst 1904 schufen die Bolschewiki ihren eigenen Verlag und gegen Ende des

Jahres gründeten sie ihre eigene Zeitung, den 'Wperjod' (Vorwärts), dessen erste Num-

mer im Januar 1904 erschien.



1904-1905: Parvus legt die Grundlagen für Trotzkis 'Theorie der Permanten Re-

volution'



Im November und Dezember 1904 schrieb Trotzki eine Broschüre über die Notwen-

digkeit, dass die Arbeiterklasse in der kaptitalistischen Revolution in Russland die füh-

rende Rolle spielen müsse, die er mit 'Vor dem 9. Januar' überschrieb - das Datum, an

dem nach dem alten russischen Kalender die Erste Russische Revolution mit der Nie-

derschießung der unbewaffneten Demonstration von Arbeitern durch zaristische Solda-

ten begann.


Als er sich in München aufhielt, fand Trotzki stets Unterkunft bei Alexander Hel-

fand, einem russischen Juden, der sich zu dieser Zeit als Marxist ausgab. Helfand

gab seine eigene politische Rundschau heraus, die er 'Weltpolitik' nannte und schrieb

auch Artikel für andere Zeitschriften, besonders für Kautskys 'Neue Zeit' sowie für die

'neue' 'Iskra' - unter dem Pseudonym 'Parvus'.


Als Trotzki München im Januar 1905 besuchte, hatte er den Probeabzug für die

Broschüre bei sich. Parvus war von dem Inhalt beeindruckt und beschloss, das Ge-

wicht seiner Autorität hinter Trotzki zu stellen, indem er ein Vorwort dazu verfasste.

In diesem Vorwort kam er zu einer Schlussfolgerung, die Trotzki noch zögerte zu zie-

hen:


"In Russland sind nur die Arbeiter in der Lage eine revolutionäre Erhebung

durchzuführen. ... Die provisorische revolutionäre Regierung wird eine Regie-

rung der Arbeiterdemokratie sein."

(Parvus: Vorwort zu: L. Trotzki, 'Vor dem 9. Januar' , Genf 1905).


Im April 1905 schrieb Lenin einen Kommentar zu Parvus Theorie, dass die kapi-

talistische Revolution in Russland zu einer Regierung der Arbeiterklasse führen kön-

ne, wie dies von dem


"Schwätzer Trotzki"

(W. I. Lenin: 'Die Sozialdemokratie und die Provisorische Revolutionäre Re-

gierung', in: 'Ausgewählte Werke', Band 3, London 1946, S. 35).


in der Broschüre vertreten worden war:


"Dies ist unmöglich. ... Dies ist unmöglich, weil nur eine revolutionäre Dikta-

tur, die sich auf die überwältigende Mehrheit des Volkes stützt, von Dauer

sein kann. ... Das russische Proletariat macht jedoch zur Zeit nur eine Min-

derheit der russischen Bevölkerung aus. Es kann nur dadurch zu einer über-

wältigenden Mehrheit werden, wenn es sich mit den Massen von Halbprole-

tariern, mit den Kleineigentümern, d.h. mit der Masse des städtischen Klein-

bürgertums und der Landarmut zusammenschließt. Und eine solche Zusam-

mensetzung der sozialen Basis einer möglichen und wünschenswerten revolu-

tionär-demokratischen Diktatur wird natürlich auch ihre Widerspiegelung in

der Zusammensetzung der Revolutionsregierung finden. Bei einer solchen Zu-

sammensetzung wird die Beteiligung oder sogar die Vorherrschaft der unter-

schiedlichsten Vertreter der revolutionären Demokratie in solch einer Regierung

unvermeidlich."

(Ebenda, S. 35).



1905: Der Beginn der Revolution von 1905



Am 22. Januar 1905 wurde eine friedliche Demonstration unbewaffneter Arbeiter,

die von einem Polizeispitzel, einem Priester namens Georgi Gapon, angeführt wurde,

von Soldaten beschossen als sie sich auf dem Weg zum Winderpalast des Zaren in

St. Petersburg befand, um ihm eine Bittschrift zu überbringen. Über ein tausend Arbei-

ter wurden getötet, mehr als zwei tausend verletzt.


Das Massacker war die Lehre für Zehntausende von Arbeitern, dass sie ihre Rechte

nur durch den Kampf erlangen konnten. In den Wochen und Monaten, die dann folgten,

verwandelten sich ökonomische Streiks in politische, in Demonstrationen und an be-

stimmten Orten in Zusammenstöße mit zaristischen Truppen.


Lenin schrieb in einem Brief, den er in Genf verfasste, drei Tage nach dem 'Blut-

sonntag':


"Das russische Proletariat wird diese Lehre nicht vergessen. Selbst die unge-

bildesten, rückständigsten Schichten der Arbeiterklasse, die dem Zaren auf

naive Weise vertrauten und aufrichtig wünschten, die Bittschrift einer gemar-

terten Nation auf friedliche Weise dem 'Zaren persönlich' vorzulegen, wurden

alle durch die Truppen des Zaren und des Zarenonkels, des Großherzogs Wla-

dimir,.. eines Besseren belehrt.


Die Bewaffnung des Volkes wird zu einer der dringendsten Aufgaben der revolu-

tionären Bewegung. ...Die sofortige Bewaffnung der Arbeiter und aller Bürger

im Allgemeinen, die Vorbereitung und Organisierung von revolutionären Einhei-

ten zum Sturz der Regierung und ihrer Institutionen - dies ist die praktische

Grundlage, auf der sich alle Revolutionäre vereinigen können und müssen, um

einen gemeinsamen Schlag zu führen. ...


Lang lebe die Revolution!

Lang lebe das revoltierende Proletariat!"

(W. I. Lenin: 'Der Beginn der Revolution in Russland', in: 'Ausgewählte Werke',

Band 3, London 1946, SS. 289, 291f).



'Kein Zar, sondern eine Arbeiterregierung'



Im Februar 1905 kehrte Trotzki nach Russland zurück und ließ sich zunächst in

der Ukraine, in der Stadt Kiew, nieder. Hier nahm er Kontakt zu einem Mitglied des

Zentralkomitees der Partei auf, der im vorangegangen Juli eine verräterische Rolle da-

durch gespielt hatte, dass er den Menschewiki half, das Zentralkomitee zu erobern:

Leonid Krassin. Krassin besaß eine illegale Druckerei, die er nun Trotzki zur Verfügung

stellte.


Ein paar Wochen später begab sich Trotzki nach Petersburg, wo er Führer der

Stadtgruppe der Menschewiki wurde.


Er vertrat hier die Ansicht, die Parvus in seinem Vorwort zur Broschüre 'Vor dem

9. Januar' bereits vertreten hatte, dass nämlich die kapitalistische Revolution in Russ-

land zu einer Arbeiterregierung führen müsse:


"Die Zusammensetzung der Provisorischen Regierung wird hauptsächlich

vom Proletariat abhängen. Wenn die Erhebung mit einem entscheidenden

Sieg endet, werden jene, die die Arbeiteklasse bei dem Aufstand angeführt

haben an die Macht gelangen."

(L. Trotzki: 'Artikel in der 'Iskra', Nr. 93, 17. März, 1905).


Dazu Lenin:


"Trotzkismus: 'Kein Zar, aber eine Arbeiterregierung' - Dies ist ganz sicher

falsch. Es gibt eine Kleinbourgeoisie. Daran kann man nicht vorbeigehen."

(W. I. Lenin: Bericht zur politischen Lage, Stadtkonferenz der RSDRP in

Petrograd, in: 'Gesammelte Werke', Band 20, Buch 1, London 1929, S. 207).


Trotzi dagegen erklärte, dass diese Formulierung seiner politischen Linie von Par-

vus, nicht von ihm, formuliert worden sei:


"Ich habe zu keiner Zeit und an keinem Ort jemals eine solche Parole wie

'Kein Zar - aber eine Arbeiterregierung' weder geschrieben noch geäußert

noch vorgeschlagen. Die Tatsache ist die, dass die Erklärung mit dem Titel

'Kein Zar - aber eine Arbeiterregierung' im Sommer 1905 im Ausland von

Parvus geschrieben und veröffentlicht wurde."

(L. Trotzki: 'Die permanente Revolution', New York 1970, S. 222).



Der Dritte Parteitag



Im Frühjahr 1905 gab das Zentralkomitee dem wachsenden Druck innerhalb der

Partei nach und war bereit, mit dem Büro der Mehrheitskomitees zusammenzuar-

beiten und einen Dritten Parteitag einzuberufen.


Der Parteitag fand im April/Mai in London statt, also in der Zeit der aufsteigenden

Flut der Revolution von 1905. Er wurde von den Menschewiki boykottiert und von 24

Delegierten besucht.


Der Parteitag billigte eine Resolution, die die Partei dazu aufrief, sofort alle politi-

schen und technischen Vorbereitungen für einen bewaffneten Aufstand zu treffen und

den bewaffneten Widerstand gegen die Gewalt der von der Regierung unterstützten

reaktionären Organisationen zu organisieren. Er änderte auch die Formulierung von

Paragraph eins des Parteistatuts, die auf dem Zweiten Parteitag angenommen wor-

den war, um eine Überstimmung mit den leninschen Organisationsprinzipien für die

Partei herzustellen. Außerdem schuf der Parteitag die doppelte Führung durch das

Zentralkomitee und die Redaktion der Zeitung ab und beschloss, dass das Zentral-

komitee das führende Organ der Partei zu sein habe.


Der Parteitag schuf ein neues Zentralorgan der Partei, den 'Proletarier' (Proletari).

Lenin, der den Vorsitz führte, wurde ins Zentralkomitee gewählt, das auf seiner ers-

ten Sitzung ihn zum Herausgeber der Zeitung ernannte. Sie erschien zuerst im Mai

1905 und wurde in regelmäßigen Abständen in Genf herausgegeben, bis Lenin im

November 1905 nach Russland zurückkehrte.



Der Parteitag der Menschewiki im Jahre 1905



Die Menschiwiki, die den Dritten Parteitag boykottierten, hielten zur gleichen

Zeit ihren eigenen in Genf ab. Der Parteitag billigte die menschewistische Linie

zur bürgerlichen Revolution (siehe unten) und unterließ es, über Resolutionen zu

diskutieren, die - obwohl dem Parteitag vorgelegt - sich mit der Bewaffnung der

Massen und der Arbeit unter den Soldaten befassten.



Lenins 'Zwei Taktiken der Sozialdemokratie'



Im Juli 1905 veröffentlichte Lenin eine umfangreiche Schrift: 'Zwei Taktiken der

Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution', in der er die Resolution, die

auf dem Dritten Parteitag zur Frage der bürgerlichen Revolution verabschiedet wor-

den war zusammen mit der, die auf dem Parteitag der Menschiwiki gebilligt wurde,

untersuchte.


Lenins Vorstellungen von der kapitalistischen (oder 'bürgerlichen' - Übers.) Re-

volution bestanden in Folgendem:


1. Die kapitalistische Revolution ist für die Arbeiterklasse von Vorteil:


"Die bürgerliche Revolution ist in höchstem Maße für das Proletariat von

Vorteil. Die bürgerliche Revolution ist im Interesse des Proletariats absolut

notwendig. Je vollständiger, entschlossener und konsequenter die bürger-

liche Revolution ist, umso zielstrebiger wird der proletarische Kampf gegen

die Bourgeoisie und für den Sozialismus."

(W. I. Lenin: 'Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen

Revolution', in: 'Ausgewählte Werke', Band 3, London 1946, S. 75).


2. Die Arbeiterklasse ist, objektiv gesehen, in der Tat stärker an einer vollständig

zuende geführten kapitalistischen Revolution interessiert als die kapitalisti-

sche Klasse:


"In gewissem Sinne ist die bürgerliche Revolution für das Proletariat vorteil-

hafter als für die Bourgeoisie. Diese Behauptung ist zweifellos richtig in dem

folgenden Sinne: Es ist für die Bourgeoisie von Vorteil, sich auf bestimmte

Überbleibsel aus der Vergangenheit gegen das Proletariat zu stützen, zum

Beispiel auf eine Monarchie, ein stehendes Heer usw. Es ist für die Bourgeoi-

sie von Nutzen, wenn die bürgerliche Revolution nicht allzu energisch die Res-

te der Vergangenheit hinwegfegt, sondern einige bestehen lässt. ... Es ist für

die Bourgeoisie von Vorteil, wenn die nötigen bürgerlich-demokratischen Ver-

änderungen eher langsam, allmählich, behutsam, mit weniger Entschlossen-

heit, mehr durch Reformen und weniger durch Revolution stattfinden. Es ist

für sie von Vorteil, wenn diese Veränderungen die 'ehrwürdigen' Institutionen

des Feudalismus (wie die Monarchie) verschonen, wenn diese Reformen so

wenig wie möglich die revolutionäre Initiative der einfachen Leute, d.h. der Bau-

ernschaft und besonders der Arbeiter entwickeln, denn andernfalls wird es für

die Arbeiter, wie die Franzosen sagen, einfacher, 'das Gewehr von einer Schul-

ter zur anderen zu reichen', d.h. die Gewehre, die die bürgerliche Revolution in

ihre Hände legen wird, umzudrehen und demokratische Institutionen werden

aus dem Boden schießen, die nichts Feudalistisches mehr an sich haben und

sie werden gegen die Bourgeoisie gerichtet sein.


Auf der anderen Seite ist es für die Arbeiterklasse von Vorteil, wenn die notwen-

digen bürgerlich-demokratischen Veränderungen in Form einer Revolution und

nicht durch Reformen erfolgen. Es ist die Lage des Proletariats, die es als eine

Klasse einnimmt, die es zwingt, konsequent demokratisch zu sein.


Die Bougeoisie wendet den Blick zurück, fürchtet sich vor demokratischem

Fortschritt, der das Proletariat zu stärken droht. Das Proletariat hat nichts zu

verlieren als seine Ketten, aber durch die Demokratie hat es eine Welt zu ge-

winnen."

(W. I. Lenin: Ebenda, S. 75ff).


3. Deshalb muss sich die Arbeiterklasse darum bemühen, sich zur führenden Kraft

in der kapitalistischen Revolution zu entwickeln, mit der Bauernschaft als ihrem

Verbündeten:

"Nur das Proletariat kann ein konsequenter Verfechter der Demokratie sein. Es

kann nur zu einem siegreichen Kämpfer für die Demokratie werden, wenn die

bäuerlichen Massen sich ihm in seinem revolutionären Kampf anschließen.

Wenn das Proletariat dafür nicht stark genug ist, wird sich die Bourgeoisie an

die Spitze der demokratischen Revolution stellen und wird ihr den Charakter

von Inkonsequenz und Egoismus verleihen.


Das Proletariat muss die demokratische Revolution zu Ende führen und dabei

die Massen der Bauern an sich ziehen, um gewaltsam den Widerstand der Selbst-

herrschaft zu brechen und die Unbeständigkeit der Bourgeoisie zu unterdrücken.

An der Spitze des gesamten Volkes und besonders der Bauernschaft - für die

ganze Freiheit, für eine konsequente demokratische Revolution, für eine Republik!"

(W. I. Lenin: Ebenda, SS. 86, 110f, 114).


4. Die provisorische Regierung, die im Ergebnis der demokratischen Revolution ge-

bildet werden wird, und unter der Führung der Arbeiterklasse steht, wird die 'de-

mokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft sein':


"Die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauern-

schaft stellt 'einen entscheidenden Sieg der Revolution über den Zarismus'

dar. ... Sie wird eine demokratische, nicht aber eine sozialistische Diktatur

sein."

(W. I. Lenin: Ebenda, S. 82).


5. Die Arbeiterklasse muss versuchen, die kapitalistische Revolution fortzusetzen,

um sie, ohne Halt zu machen, in eine Revolution der Arbeiterklasse, in eine

sozialistische Revolution zu verwandeln, wodurch die Arbeiterklasse zur herr-

schenden Klasse werden wird:


"Von der demokratischen Revolution werden wir sofort, unseren Kräften ent-

sprechend, den Kräften des klassenbewussten und organisierten Proletariats,

zur sozialistischen Revolution übergehen. Wir stehen für die ununterbrochene

Revolution. Wir werden nicht auf halbem Wege stehenbleiben."

(W. I. Lenin: 'Die Haltung der Sozialdemokratie gegenüber der Bauernbewegung',

in: Ebenda, S. 145).


6. Die Arbeiterklasse wird die führende Kraft in der sozialistischen Revolution sein,

mit den ärmeren Schichten der Bauernschaft und des städtischen Kleinbürger-

tums als ihre Verbündeten:


"Das Proletariat muss die sozialistische Revolution durchführen und dabei sich

mit der Masse der halbproletarischen Teile der Bevölkerung vereinigen, um ge-

waltsam den Widerstand der Bourgeoisie zu brechen und die Unbeständigkeit

der Bauernschaft und des Kleinbürgertums zu neutralisieren. ..An der Spitze

aller Arbeitenden und Ausgebeuteten - für den Sozialismus!"

(W. I. Lenin: 'Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revo-

lution', in: Ebenda, SS. 111, 124).


Die menschewistische Auffassung von der kapitalistischen Revolution:


1. Wie in vorangegangenen kapitalistischen Revolutionen der Geschichte wird die

kapitalistische Revolution in Russland die Kapitalisten zur herrschenden Klasse

machen:


"Es ist offensichtlich, dass die bevorstehende Revolution keine politischen For-

men gegen den Willen der gesamten Bourgeoisie annehmen kann, weil diese

die Herrscherin von morgen sein wird."

(M. Martynow: 'Zwei Diktaturen', zitiert nach W. I. Lenin: 'Die Sozialdemokratie

und die Provisorische Revolutionäre Regierung', in: Ebenda, S. 26).


2. Deshalb besteht die Aufgabe der Arbeiterklasse in der kapitalistischen Revolution

darin, Druck auf die kapitalistische Klasse auszuüben, um die Revolution zu

einem erfolgreichen Ende zu bringen:


"Die Hegemonie des Proletariats ist eine schädliche Utopie. Das Proletariat muss

der äußersten bürgerlichen Opposition folgen."

(Ebenda).


"Der Kampf darum, den Verlauf und das Ergebnis der bürgerlichen Revolution zu

beeinflussen, kann sich nur in der Tatsache ausdrücken, dass das Proletariat re-

volutionären Druck auf den Willen der liberalen und radikalen Bourgeoisie ausübt

und dass die demokratischere 'unter Schicht' der Gesellschaft die 'obere Schicht'

dazu bringt, die bürgerliche Revolution zu ihrem logischen Ende zu führen."

(Ebenda, S. 28).


3. Es wird eine relativ lange Zeitspanne zwischen der kapitalistischen und der folgen-

den sozialistischen Revolution einsetzen:


"Der Triumph des Sozialismus kann nicht mit dem Sturz des Absolutismus zu-

sammenfallen. Diese beiden Bewegungen werden notwendigerweise durch eine

beträchtliche Zeitspanne voneinander getrennt sein."

(G. Plechanow, in: 'Sarja' (Morgenrot), Nr. 2/3, Dezember 1901).


4. Die kapitalistische Revolution kann auch ohne den revolutionären Sturz der zaristi-

schen Selbstherrschaft einen entscheidenden Sieg über diese Autokratie davon-

tragen:


"Ein entscheidender Sieg der Revolution über den Zarismus kann entweder da-

durch erzielt werden, dass eine provisorische Regierung geschaffen wird, die

aus einem siegreichen Volksaufstand hervorgeht 'oder durch die revolutionäre

Initiative dieses oder jenes Vertretungsorgans', welches unter dem unmittelbaren

Druck des revolutionären Volkes sich dazu entschließt, eine 'Verfassungsgeben-

de Versammlung' einzuberufen."

(Resolution des Parteitags der Menschiwiki von 1905, zitiert nach: W. I. Lenin:

'Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution', in: Ebd.,

S. 57).


5. Sozialdemokraten (eigentlich: 'Revisionisten' - Übers.) dürfen sich nicht an der provi-

sorischen Regierung beteiligen, falls eine solche an Stelle der Selbstherrschaft ein-

gesetzt werden sollte, weil dies eine kapitalistische Regierung seine werde und

die Teilnahme von Sozialdemokraten an einer kapitalistischen Regierung wider-

spräche sozialistischen Prinzipien und weil ein Versuch, dies zu tun, die kapita-

listische Klasse verschrecken und zur Wiederherstellung der Selbstherrschaft

führen würde:


"Die Sozialdemokraten müssen im gesamten Verlauf der Revolution darum be-

müht sein, eine Haltung zu bewahren, die sie bestenfalls ...davor bewahrt, von

der bürgerlichen Demokratie vereinnahmt zu werden. ... Deshalb darf Sozialde-

mokraten nicht daran gelegen sein, in der provisorischen Regierung die Macht

an sich zu reißen oder sich an ihr zu beteiligen, sondern sie muss die Partei

der extrem revolutionären Opposition bleiben."

(Ebenda, S. 69).


"Der Parteitag ist der Auffassung, dass die Bildung einer sozialdemokratischen

provisorischen Regierung oder der Eintritt in die Regierung auf der einen Seite

dazu führen würde, dass sich die Massen des Proletariats enttäuscht von der

Sozialdemokratischen Partei abwenden und sie verlassen würden, ...weil die

Sozialdemokraten, trotz der Tatsache, dass sie die Macht ergriffen hätten,

nicht in der Lage sein würden, die dringenden Bedürfnisse der Arbeiterklasse

zu befriedigen, einschließlich des Aufbaus des Sozialismus und auf der ande-

ren Seite die bürgerliche Klasse dazu veranlassen würde, sich von der Sache

der Revolution abzuwenden und so ihren Schwung vermindern."

(Ebenda, S. 104).


"Durch die Verschreckung der Mehrheit der bürgerlichen Kräfte kann der re-

volutionäre Kampf des Proletariats nur zu einem Ergebnis führen: zur Wieder-

herstellung des Absolutismus in seiner ursprünglichen Form."

(M. Martyrow: 'Zwei Diktaturen', zitiert nach: W. I. Lenin: 'Die Sozialdemokra-

tie und die Provisorische Revolutionäre Regierung', in: Ebenda, S. 27).


6. Nur für den Fall einer Revolution der Arbeiterklasse in Westeuropa würde die

Sozialdemokratische Partei von diesem Prinzip wieder abgehen und sich an

einer provisorischen Regierung beteiligen, denn nur dann wäre es in Russland

möglich, zur proletarischen, zur sozialistischen Revolution voranzuschreiten:


"Nur in einem Fall sollte die Sozialdemokratie durch eigene Initiative ihre Be-

mühungen auf die Ergreifung der Macht und ihre längstmögliche Bewahrung

richten, nämlich in dem Fall, dass die Revolution sich auf die fortgeschrittenen

Länder Westeuropas ausdehnt, dort wo die Bedingungen für den Aufbau des

Sozialismus bereits einen bestimmten Reifegrad erreicht haben. In diesem

Fall kann die eingeschränkte historische Sphäre der Russischen Revolution

beträchtlich ausgeweitet werden und die Möglichkeit, den Weg der sozialisti-

schen Reformen zu beschreiten, wird entstehen."

(Resolution des Parteitags der Menschewiki von 1905, zitiert nach: W. I. Le-

nin: 'Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution',

in: Ebenda, S. 96).


Der St. Petersburger Sowjet in der Revolution von 1905



Im Mai 1905 ging Trotzki nach Finnland. Als er im Oktober nach St. Petersburg

zurückkehrte, war ein Generalstreik in der Stadt ausgebrochen. Die streikenden Ar-

beiter wählten Delegierte für ein Streikkomitee, das sich schnell zum ersten wichtigen

'Sowjet der Arbeiterdeputierten' entwickelte und seine eigene Zeitung, die 'Iswestija'

(Nachrichten) herausbrachte. Die Menschewiki unterstützten den Sowjet von Anfang

an und betrachteten ihn als ein Organ örtlich demokratischer Regierung. Die St. Pe-

tersburger Bolschewiki, angeführt von Bogdan Knunjantz, verhielten sich jedoch zu-

nächst abwartend und sahen ihn als Gegenstück zur Partei an und verlangten seinen

Anschluss an die Partei, bevor sie ihn unterstützen könnten.


In der Zwischenzeit hatte Lenin, nachdem er Vorkehrungen für das Erscheinen

einer legalen bolschewistischen Zeitung ('Nowaja Schisn' - Neues Leben) in St. Pe-

tersburg getroffen hatte, im Oktober Genf verlassen, um nach Russland zurückzu-

kehren. Von Stockholm aus, wo er aufgehalten worden war, schrieb er:


"Genosse Radin ( d.h. Knunjantz - Verf.) geht fehl, wenn er die Frage in

der Nr. 5 von 'Nowaja Schisn' so stellt: 'Entweder Arbeiterdeputiertensowjet

oder Partei', da der Beschluss lauten muss: 'Sowohl Deputiertensowjet als

auch die Partei' ...


Der Deputiertensowjet ('Sowjet' = Rat - Übers.) muss als eine Einrichtung,

die alle Berufsstände vertritt, darauf aus sein, Abgeordnete aller Industrie-,

Büroarbeiter, der Intelligenz, der im Haushalt Beschäftigten, der Landararbei-

ter usw., aller, die willens und in der Lage sind, gemeinsam für ein besseres

Leben der arbeitenden Menschen zu kämpfen, einzubinden.


Ich denke, dass es nicht ratsam ist zu verlangen, dass die Sowjets der Arbei-

terdeputierten das sozialdemokratische Programm akzeptieren sollen und sich

der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei anschließen müssten. ...


Ich glaube - auf der Grundlage der unvollständigen und nur auf dem 'Papier'

stehenden Information, die zu meiner Verfügung steht - dass der Sowjet der

Arbeiterdeputierten als Keimform einer provisorischen revolutionären Regie-

ung angesehen werden sollte."

(W. I. Lenin: 'Unsere Aufgaben und der Sowjet der Arbeiterdeputierten', in:

'Gesammelte Werke', Band 10, Moskau 1962, S. 19ff).


Später, nach seiner Ankunft in St. Petersburg, machte Lenin eine klare Analyse

des Sowjets. Er könne solange noch kein Organ einer Regierung sein wie die Macht

des zaristischen Zentralstaats noch nicht zertrümmert worden sei, zumindest auf ört-

licher Ebene. Unter den gegebenen Bedingungen muss er seine Aufgabe darin sehen,

diesen revolutionären Kampf zu führen, um den zentralen Staatsapparat zu zerschla-

gen:


"Der Sowjet der Arbeiterdeputierten ist kein Parlament der Arbeit und kein

Organ einer proletarischen Selbstregierung. Es ist überhaupt kein Regierungs-

organ, sondern eine Kampfesorganisation für die Erreichung bestimmter Ziele. ..

Der Sowjet der Arbeiterdeputierten stellt ein unbestimmtes, breites Kampfbünd-

nis von Sozialisten und revolutionären Demokraten dar."

(W. I. Lenin: 'Sozialismus und Anarchismus', in: 'Ausgewählte Werke', Band 3,

London 1943, S. 343).


"Die Sowjets der Arbeiterdeputierten usw. waren faktisch die Keimformen einer

provisorischen Regierung. Die Macht wäre unweigerlich auf sie übergegangen,

wenn der Aufstand siegreich geendet hätte."

(W. I. Lenin: 'Die Auflösung der Duma und die Aufgaben des Proletariats', in:

Ebenda, S. 383).


Obwohl die Peterburger Bolschewiki ihre Haltung gegenüber dem Sowjet innerhalb

weniger Tage korrigierten, trug ihre Zögerlichkeit, ihn zu unterstützen, in beträchtlichem

Umfang dazu bei, dass die Mehrheit der Deputierten von vorneherein Menschewiki oder

Anhänger der Menschewiki waren. Am 30. Oktober wählte der Sowjet sein ausführendes

Organ, welches sich aus drei Menschewiki, drei Bolschewiki und drei Sozialrevolutionä-

ren zusammensetzte.


Nach einigen Tagen unter der Leitung des Menschewiki S. Sborowski wählte der Sow-

jet den Rechtsanwalt Georgi Nosar (besser unter dem Pseudonym 'Chrustalew' bekannt)

zu seinem Vorsitzenden, der zunächst noch parteiunabhängig war, sich jedoch später

den Menschewiki anschloss.


Trotzki, der sich mit den Petersburger Menschewiki nach seiner Ankunft in der Stadt

zusammengetan hatte, wurde in den Sowjet gewählt und spielte schnell eine führende

Rolle und vertrat die menschewistische Linie, die darin bestand, den revolutionären Enthu-

siasmus zu dämpfen und die Aktivitäten der Arbeiter herunterzuschrauben:


Am 2. November (1905 - Übers.)


" ... drängte Trotzki den Sowjet, den Generalstreik abzusagen."

(I. Deutscher: 'Der bewaffnete Prophet - Trotzki, 1879-1921', London 1970, S. 132).


..und er wurde dann tatsächlich am 3. November auch beendet.


Am 13. November führten die Arbeiter von sich aus in den Fabriken den Achtstundentag

ein und am 15. d. M. zwang die weitverbreitete Empörung über das Besatzungsregime, das

die zaristische Regierung über Polen verhängt hatte, den Sowjet, einen zweiten General-

streik in St. Petersburg auszurufen.


Am 18. November, also drei Tage später,


" ... schlug Trotzki vor, den zweiten Generalstreik abzubrechen" ..

(Ebenda, S. 134).


..unter dem Vorwand, dass


"die Regierung soeben bekanntgegeben hat, dass die Kronstädter Matrosen (die

sich an dem ersten Generalstreik beteiligt hatten - Verf.) von gewöhnlichen Militär-

gerichten abgeurteilt werden würden, nicht von Kriegsgerichten. Der Sowjet könne

sich mit erhobenem Haupt, wenn auch nicht siegreich zurückziehen."

(Ebenda).


Trotzkis Rede kommentierend, die er vor dem Sowjet hielt, in der er darauf drängte,

den zweiten Generalstreik zu beenden, meint sein Biograph:


"Während er versuchte, die Wogen des Zorns der Revolte zu glätten, stand er

vor dem Sowjet wie der personifizierte Trotz, leidenschaftlich und düster" ..

(Ebenda).


..und:


"Die Ereignisse arbeiten für uns und wir haben keinen Grund, die Dinge zu be-

schleunigen. Wir müssen die Phase der Vorbereitung auf entschiedene Aktionen

so lange wie möglich ausdehnen, etwa auf ein oder zwei Monate, bis wir wie eine

Armee auf den Plan treten können: so festgefügt und organisiert wie möglich. ..


Wenn uns die liberale Bourgeoisie sagt, so als ob sie sich ihres Verrats rühmen

würde: 'Ihr steht allein. Glaubt Ihr denn, Ihr könnt ohne uns kämpfen? Habt Ihr

etwa einen Pakt mit dem Sieg geschlossen?' - dann schleudern wir ihr unsere

Antwort ins Gesicht: 'Nein - wir haben einen Pakt mit dem Tod geschlossen'."

(L. Trotzki: Rede an den St. Petersburger Sowjet, 16. November 1905, in: Nr. 7,

20. November 1905).


Nachdem es ihm gelungen war, den Sowjet dazu zu bewegen, den zweiten General-

streik zu beenden, ging er


"..ein paar Tage später daran, dem Sowjet erneut seine eigene Schwäche ins

Bewusstsein zu rufen und ihn zu drängen, die Erzwingung des Achtstundenta-

ges zu beenden. ... Der Sowjet war gespalten, eine Minderheit forderte den Ge-

neralstreik, aber Trotzki setzte sich durch."

(I. Deutscher: Ebenda, S. 135).


Trotzki:

"Wir haben den Achtstundentag nicht bekommen, aber es ist uns gelungen,

die Arbeiterklasse für den Achtstundentag zu gewinnen."

(L. Trotzki: Rede an den St. Petersburger Sowjet, zitiert in: I. Deutscher: Ebd.,

S. 140).


Trotzki war jedoch nicht nur im Sowjet tätig, es gelang ihm auch zusammen mit Par-

vus (der ihm nach St. Petersburg gefolgt und Deputierter im Sowjet geworden war) die

Kontrolle über die Tageszeitung 'Russkaja Gaseta' (Russische Zeitung) zu erlangen.

Später im gleichen Jahr gründete er auch noch mit Parvus und Martow eine zweite Zei-

tung - Natschalo (Der Anfang), die zwischen Oktober und Dezember 1905 zu einem

Sprachrohr des Menschewismus wurde.


Anfang Dezember fühlte sich die Regierung stark genug, um wieder in die Offensive

zu gehen. Die Pressezensur wurde wieder eingeführt und am 5. Dezember wurde Chrus-

talew, der Vorsitzende des (St. Petersburger - Übers.) Sowjet, zusammen mit einigen

anderen führenden Mitgliedern verhaftet.


Trotzki antwortete darauf mit dem Vorschlag, dass


"Der Sowjet der Arbeiterdeputierten für eine Überganszeit einen neuen Vorsit-

zenden wählt und die Vorbereitung auf einen bewaffeten Aufstand fortsetzt."

(L. Trotzki: Resolution an den St. Petersburger Sowjet, zitiert nach: I. Deut-

scher, ebenda: S. 140).


Der Sowjet billigte den Vorschlag und wählte ein Präsidium aus drei Mitgliedern,

mit Trotzki an der Spitze.


Trotzkis Vorbereitungen auf einen 'bewaffneten Aufstand' waren jedoch praktisch

gleich null: Dazu I. Deutscher, Trotzkis Biograph:


"Die Vorbereitungen auf den Aufstand, die Trotzki erwähnt hatte, waren so-

weit kaum vorhanden gewesen: Zwei Delegierte waren losgeschickt worden,

um mit den Sowjets in den Provinzen Kontakt aufzunehmen. Der Motor für

einen Aufstand war nicht vorhanden."

(I. Deutscher: Ebenda, S. 140).


Trotzkis letzte Geste in der Revolution von 1905 bestand darin, ein 'Finanzielles

Manifesto', das zudem von Parvus geschrieben worden war, vorzulegen. Dieses appel-

lierte an die Menschen, die Zahlung der Steuern zurückzuhalten:


"Es gibt nur einen Weg, um die Regierung zu stürzen: ihr ... ihre Einnahmen

vorzuenthalten."

(Finanzielles Manifesto des St. Petersburger Sowjet, zitiert nach: I. Deutscher,

ebenda, S. 141).


Am 16. Dezember hielt Trotzki den Vorsitz eines Treffens der Leitung des St. Pe-

tersburger Sowjets, als eine Trupp von Soldaten und Polizei in den Versammlungs-

raum hineinstürmte, um die Mitglieder des Vorstandes zu verhaften.


Eine ganze Reihe von Vorwürfen wurde gegen sie vorgebracht; der wichtigste: die

Vorbereitung eines Aufstandes.


Die Rolle der Menschewiki im St. Petersburger Sowjet wurde später von J. W. Sta-

lin so zusammengefasst:


"Der St. Petersburger Sowjet der Arbeiterdeputierten, der Sowjet des wichtigs-

ten industriellen und revolutionären Zentrums Russlands, der Hauptstadt des

zaristischen Imperiums, hätte eine ausschlaggebende Rolle in der Revolution

von 1905 spielen müssen. Er wurde jedoch seiner Aufgabe nicht gerecht, was

an seiner schlechten menschewistischen Führung lag.


Wie wir wissen, war Lenin noch nicht in St. Petersburg angekommen. Er befand

sich immer noch im Ausland. Die Menschewiki machten sich Lenins Abwesen-

heit zunutze, um sich den Weg in den St. Petersburger Sowjet zu ebnen und

dort die Führung an sich zu reißen. Es kann deshalb nicht verwundern, wenn

es unter diesen Umständen den Menschewiki Chrustalew, Trotzki, Parvus und

anderen gelang, den St. Petersburger Sowjet von einer Politik des Aufstands

abzubringen. Statt die Soldaten nahe an den Sowjet heranzubringen und sie

mit in den gemeinsamen Kampf einzubeziehen, verlangten sie, dass sich die

Soldaten aus St. Petersburg zurückziehen sollten. Anstatt die Arbeiter zu

bewaffnen und sie auf einen Aufstand vorzubereiten, spielte er nur auf Zeit und

war gegen Vorbereitungen auf einen Aufstand."

('Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Bolschewiki', Mos-

kau 1941, S. 79f).


Der Moskauer Aufstand



Am 19. Dezember 1905 beschloss der Moskauer Sowjet der Arbeiterdeputierten,

der von Bolschewiki geführt wurde,


"zu versuchen, den Streik in einen bewaffneten Aufstand zu verwandeln."

(W. I. Lenin: 'Die Lehren des Moskauer Aufstands', in: 'Gesammelte Werke'

Band 3, London 1946, S. 346).


Am 22. Dezember wurden die ersten Barrikaden in den Straßen errichtet:


"Der 23te: Artilleriefeuer wird auf die Menge in den Straßen eröffnet. Barrika-

den werden zielstrebig aufgebaut, nicht nur mehr vereinzelt, sondern massen-

haft. Die ganze Bevölkerung befindet sich auf der Straße; alle wichtigsten

Zentren der Stadt werden von einem Netzwerk von Barrikaden bedeckt. Eini-

ge Tage lang hält der hartnäckige Guerillakampf zwischen den Aufständischen

und den Truppen an. Die Truppen sind ermüdet und Dubosow sieht sich ge-

zwungen, Verstärkung anzufordern. Erst am 28. Dezember erlangen die Re-

gierungseinheiten die vollständige Übermacht und am 30. Dezember stürmt das

Semjenowski-Regiment den Prosnja-Viertel, die letzte Bastion des Aufstands."

(Ebenda, S. 347).


Tatsächlich versetzte die Haltung der menschewistischen Führung des St. Peters-

burger Sowjet unter der Führung von Trotzki den Zar in die Lage, Truppen aus der Haupt-

stadt nach Moskau abzuziehen und dies war ein wichtiger Grund dafür, dass der Auf-

stand in Moskau niedergeschlagen werden konnte. Dazu Lenin:


"Der Höhepunkt der Revolution war im Dezember 1905 mit dem Aufstand in

Moskau erreicht. Eine kleine Zahl von Rebellen, d.h. von organisierten und be-

waffneten Arbeitern - sie zählten nicht mehr als achttausend - leisteten den

Truppen des Zaren neun Tage lang Widerstand. Die Regierung konnte kein Ver-

trauen in die Moskauer Garnison setzen. Im Gegenteil: Sie hatte hinter ver-

schlossenen Türen zu bleiben und erst mit der Ankunft des Semjenowski-Re-

giments aus St. Petersburg war sie in der Lage, den Aufstand zu unterdrücken."

(Ebenda, S. 16).


Sowjets von Arbeiterdeputierten entstanden auch in anderen Städten außer in St.

Petersburg und Moskau. An einigen Orten kam es sogar zu Sowjets von Arbeiter- und

Bauerndeputierten sowie zu Sowjets von Arbeiter- und Soldatendeputierten.


Einzelne Streiks, Aufstände und Meutereien setzten sich auch 1906 fort, so dass

man einige Monate lang kaum sagen konnte, ob die revolutionäre Flut dabei war abzu-

ebben oder nur zeitweilig zurückgegangen war, um sich auf die nächste Flut vorzube-

reiten.Tatsächlich war jedoch der Dezember 1905 der Höhepunkt der Revolution.



1906-1907: Der Prozess gegen die Führer des St. Petersburger Sowjet



Der Prozess gegen die Führer des St. Petersburger Sowjet, die im Hauptanklage-

punkt der Vorbereitung eines Aufstands beschuldigt wurden, begann fast ein Jahr nach-

dem die Revolution niedergeschlagen worden war: am 2. Oktober 1906.


Die Angeklagten bestritten, in die technischen Vorbereitungen einer Erhebung ver-

wickelt gewesen zu sein. Am 4. Oktober teilte Trotzki dem Gericht Folgendes mit:


"Eine Erhebung der Massen wird nicht gemacht, die Herren Richter. Sie ent-

steht ganz von selbst. Sie ist das Ergebnis von sozialen Beziehungen und Be-

dingungen, nicht aber das eines Plans, der auf dem Papier entworfen wird.

Eine Volkserhebung kann nicht inszeniert, sie kann nur vorausgesehen wer-

den. Aus Gründen, die weder vom Zarenreich noch von uns abhingen, war

ein offener Konflikt unvermeidlich geworden. Er rückte jeden Tag näher. Sich

auf ihn vorzubereiten, bedeutete für uns, alles zu tun, um die Zahl der Opfer

dieses unabwendbaren Konflikts auf ein Minimum zu reduzieren."

(L. Trotzki: Rede auf dem Prozess gegen die Führer des St. Petersburger

Sowjet, zitiert nach: I. Deutscher: 'Der bewaffnete Prophet - Trotzki, 1879-

1921', London 1970, S. 166).


Am 15. November wurde das Urteil gesprochen. Die Angeklagten wurde des Haupt-

anklagepunktes, einen Aufstand vorbereitet zu haben, für schuldig befunden, Trotzki

und vierzehn andere jedoch wurden wegen geringfügigerer Vorwürfe für schuldig befun-

den und zu lebenslanger Verbannung nach Sibirien sowie zur Aberkennung aller bür-

gerlicher Rechte verurteilt.


Schon im Februar 1907 konnte Trotzki nach Finnland fliehen.