W.B. Bland


Revisionismus in Deutschland

Teil eins: bis 1922



Erschienen in: COMpass -theoretisches Organ der Communist League

of Britain, Januar 1977




Einführung



Nach Erscheinen einer Reihe von Berichten zu der Entwicklung des Revisionismus inner-

halb der internationalen kommunistischen Bewegung, beschäftigt sich der folgende Bericht

mit Deutschland in der Zeit bis Ende 1922.


Zu den wichtigeren Aspekten, die in diesem Bericht abgehandelt werden, gehören u.a.:


1. Der Einfluss von Rosa Luxemburg auf die Kommunistische Partei Deutschlands in ihren

frühen Jahren, deren Ideen zu einer ganzen Reihen von politischen Fragen denen Leo Trotz-

sehr verwandt waren;


2. Die Gegnerschaft der KPD, unter dem Einfluss der antisowjetischen Ansichten Luxem-

burgs, zur Bildung der Kommunistischen Internationale;


3. Die starken 'linken' Strömungen in der Führung der KPD in ihren frühen Jahren, die zum

Ausdruck kamen in der Weigerung, in den Massengewerkschaften zu arbeiten, in ihrem Boy-

kott der Wahlen zur Konstituierenden Versammlung im Jahre 1919, in ihrem anfänglichen

Widerstand, dem Kapp-Putsch 1920 entgegenzutreten, in ihrer Übernahme der 'Theorie der

allgemeinen revolutionären Offensive' sowie in der Umsetzung dieser Theorie im Rahmen

der 'März-Aktion' im Jahre 1921;


4. Die unter dem Einfluss von Leo Trotzki 1921 erfolgte Übernahme des rechts-revisionisti-

schen Konzeptes durch die Kommunistische Internationale, dass eine 'Arbeiterregierung' -

eine Koalitionsregierung aus Kommunisten und sozialdemokratischen Parteien - die die

'Interessen der Arbeiterklasse' repräsentiere, durch parlamentarische Mittel gebildet werden

und dazu übergehen könne, die Kontrolle der Produktion zu übernehmen und den kapitalis-

tischen Staat in einen 'Arbeiterstaat' zu verwandeln.



1871 bis 1917



Der deutsche Einheitsstaat entstand im Januar 1871 durch die militärische Aktion der

adeligen Landbesitzer Preußens (der Junker) unter der Führung von Graf Otto von Bismarck.

Die Bourgeoisie unterstützte diese Bewegung, führte sie jedoch nicht an.


Formell war das Zweite Deutsche Reich ( Kaiserrreich) - das Erste Reich war das mittel-

alterliche Heilige Römische Reich - ein Bundesstaat, der vier Königreiche (Preußen, Bayern,

Sachsen und Württemberg), sechs Großherzogtümer, fünf Herzogtümer, sieben Fürstentü-

mer, drei 'freie Städte' und das 'Reichsland' von Elsass-Lothringen umfasste.


Aufgrund der Art seines Zustandekommens war der neue Staat jedoch eine Autokratie, wel-

che viele Merkmale eines feudalen Staates beibehielt, der von den preußischen Junkern

beherrscht wurde und in dem das Wahlrecht auf die Bessergestellten beschränkt war. Diese

herrschende Klasse war eng mit dem Offizierskorps der deutschen Armee (im Wesentlichen

die preußische Armee) sowie mit dem Königshaus verbunden (der König von Preußen war

nach der Verfassung der Kaiser von Deuschland). Der Kaiser war der oberste Befehlshaber

der Armee sowie der Marine. Das Parlament (Reichstag) ging aus allgemeinen Wahlen her-

vor - wobei nur die Männer das Wahlrecht besaßen - seine Rolle jedoch war im Wesentli-

chen nur eine 'beratende'.


Zu dieser Zeit existierte kein deutsches Kabinett. Der einzige Minister war der Reichskanz-

ler, der vom Kaiser ernannt wurde und gleichzeitig preußischer Ministerpräsident war. Der

Reichskanzler - Bismarck bis März 1890 - ernannte die Spitzen der Regierungsbehörden und

hatte den Vorsitz im Bundesrat.


Die erste Partei in Deutschland, die den Anspruch besaß, die Interessen der Arbeiterklasse

zu vertreten, war der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein - ADAV, der im Mai 1863 unter der

Führung von Ferdinand Lassalle gebildet wurde.


Wie Marx und Engels richtig erkannten, hatte Lassalle mit Bismarck eine Vereinbarung ge-

troffen, derzufolge er sich verpflichtet hatte, die Arbeiterklasse in ein Bündnis mit den preu-

ßischen Landbesitzern einzubringen, in eine


" ...Allianz mit absolutistischen und feudalen Gegnern der Bourgeoisie", ...

(K. Marx, 'Kritik des Gothaer Programms', in: 'Ausgewählte Werke', Band 2, London,

1943, S. 570).


...so dass


" ...Lassalles Organisation nichts anderes ist als eine sektiererische Organisation

und als solche der Organisierung der echten Arbeiterbewegung feindlich gegenüber-

steht."

(K. Marx, Brief an A. Bolte, 23. November 1871, in: ebenda, S. 616f.).


Unter diesen Umständen wurde im August 1869 eine rivalisierende Partei gegründet, die den

Anspruch erhob, die Interessen der Arbeiterklasse zu vertreten - die Sozialdemokratische

Arbeiterpartei (SDAP) unter der Führung von Wilhelm Liebknecht und August Bebel - eine

Partei, die von Marx und Engels beeinflusst wurde.


Im Mai 1875 schlossen sich die beiden Parteien auf dem Vereinigungsparteitag in Gotha

zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) zusammen. Der Wunsch der Füh-

rer der SDAP nach Vereinigung mit dem ADAV war so stark, dass sie dem opportunisti-

schen Programm, das auf dem Parteitag verabschiedet wurde (bekannt unter dem Namen

'Das Gothaer Programm') zustimmten. Es war eine Mischung aus lassallschen und entstell-

ten marxistischen Ideen, wobei die ersten dominierten und wurde stark von Marx kritisiert,

der es beschrieb als


" ...ein durch und durch ablehnenswertes Programm, das geeignet ist, die Partei zu

demoralisieren. ...Das Programm taugt nichts, auch was die Teile, die nicht Las-

salles Glaubensartikel heiligsprechen, angeht."

(K. Marx, Brief an Wilhelm Bracke, 5. Mai 1875, in: ebenda, S. 552).


Auch Engels bemerkte, dass


"dieses Programm ...solcher Natur ist, dass falls es verabschiedet wird, Marx und

ich niemals der neuen Partei, die auf dieser Grundlage errichtet wird, unsere Unter-

stützung geben können und uns ernsthaft überlegen müssen, welche unsere Halt-

ung ihr gegenüber - auch in der Öffentlichkeit - zu sein habe."

(F. Engels: Brief an A. Bebel, 18.-28. März, 1875, in: K. Marx, ebenda, S. 593).


Zwei Anschläge auf das Leben des Kaisers im Mai und Juni 1878 lieferten im Oktober des

Jahres den offiziellen Vorwand für die Verabschiedung eines Anti-Sozialistengesetzes, das

alle sozialistischen Parteien, ihre Zeitungen und ihre Treffen verbot. Diese repressive Ge-

setzgebung wurde in regelmäßigen Abständen solange erneuert, bis mit dem wachsenden

Einfluss der kapitalistischen Klasse beim Amtsantritt von Wilhelm II als Nachfolge des Kai-

sers im Jahre 1888, die Behörden entschieden, die Politik der versuchten Unterdrückung der

Arbeiterpartei durch eine Politik zu ersetzen, die darauf abzielte, diese in ein Instrument der

herrschenden Klasse in der Arbeiterschaft zu verwandeln. Bismarck musste als Reichskanz-

ler 1890 zurücktreten und die antisozialistische Gesetzgebung wurde fallengelassen.


Die langen Jahre der Repression hatten jedoch viele Illusionen über den Charakter des Staa-

tes zerstört und die einfachen Mitglieder (der sozialdemokratischen Partei - Übers.) für re-

volutionäres Gedankengut empfänglich gemacht. Das Ergebnis war, dass das Parteipro-

gramm, das vom Zweiten Parteitag, der im Oktober 1891 in Erfurt stattfand, verabschiedet

wurde, deutlich marxistische Züge trug. Auf diesem Parteitag wurde der Name der Partei in

Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) geändert.


Mit der Aufkommen des deutschen Monopolkapitalismus im letzten Jahrzehnt des 19. Jahr-

hunderts initiierte der führende sozialdemokratische Politiker Eduard Bernstein eine Bewe-

gung, die zum Ziel hatte, den Marxismus durch die Beseitigung seines revolutionären Inhalts

zu revidieren.


Obwohl der Revisionismus theoretisch auf dem Dresdner Parteitag 1903 zurückgewiesen

wurde, entwickelte sich die Partei in der Praxis zunehmend in die revisionistische Richtung.

Das wurde am deutlichsten an der Haltung der SPD-Führer, die in der Gewerkschaftsbewe-

gung wichtige Positionen innehatten. Unter ihrem Einfluss wurden die Gewerkschaften immer

weniger zu Organen des Kampfes der Arbeiterklasse und in zunehmenden Maße Instrumen-

te der Monopolkapitalisten, um friedliche 'sozialpartnerschaftliche Beziehungen' zu entwick-

eln.


Unter diesen Umständen wuchs die Mitgliederzahl der SPD von 348.000 im Jahre 1906 auf

1.1 Millionen 1914 an. Zu dieser Zeit war sie die stärkste Partei im Reichstag mit 110 Abge-

ordneten und gab 110 Tageszeitungen heraus, mit dem 'Vorwärts' an der Spitze, der in Ber-

lin erschien.


Als sich die Wolken des ersten imperialistischen Krieges zusammenzuziehen begannen,

nahm der Siebte Kongress der Zweiten Internationale in Stuttgart im August 1907 eine von

Lenin und Rosa Luxemburg eingebrachte Resolution an - letztere vertrat damals die polni-

schen Sozialdemokraten - , welche an die Sozialisten appellierte,


" ...alle Anstrengungen zu unternehmen, um den Ausbruch des Krieges durch die-

jenigen Mittel, die am wirkungsvollsten anzusehen sind, zu verhindern ...


Für den Fall, dass der Krieg ausbricht, ist es ihre Pflicht, sich für seine sofortige

Beendigung einzusetzen und mit allen Kräften unter Ausnutzung der wirtschaftli-

chen und politischen Krise, die durch den Krieg hervorgerufen wurde, die Massen

zu mobilisieren und dadurch den Sturz der kapitalistischen Klassenherrschaft zu

beschleunigen."

(Resolution des Siebten Internationalen Sozialistenkongresses, zitiert nach:

W. I. Lenin, 'Ausgewählte Werke', Band 18, London, 1930, S. 468).


Die Stuttgarter Anti-Kriegsresolution wurde auf einem außerordentlichen Kongress der

Zweiten Internationale, der in Basel im November 1912 abgehalten wurde, bestätigt. Im

Manifest hieß es außerdem:


"Mit Genugtuung registriert der Kongress die vollständige Einmütigkeit der sozia-

listischen Parteien und der Gewerkschaften aller Länder im Krieg gegen den

Krieg."

(Manifest des Außerordentlichen Internationalen Sozialistenkongresses, zitiert

nach: W. I. Lenin, ebenda, S. 469).


Als jedoch am 4. August 1914 der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann-Holl-

weg im Reichstag verkündete, dass deutsche Truppen in Belgien einmarschiert seien,

stimmten die SPD-Abgeordneten für die Bewilligung der Kriegskredite für einen 'Krieg zur

nationalen Verteidigung'.


Am gleichen Abend organisierte Rosa Luxemburg eine Handvoll linksgerichteter Freun-

de zu dem Kern, der kurzer Zeit darauf 'Internationale Gruppe' genannt wurde, um die

Linie der Opposition gegen den Krieg, die auf internationaler Ebene in Stuttgart und

Basel gebilligt worden war, fortzusetzen. Der Gruppe schloss sich schon bald der SPD-

Abgeordnete Karl Liebknecht an, der sehr schnell seine Zustimmung zu den Kriegskre-

diten bereute. Als dann die zweite Vorlage zur Bewilligung der Kriegskredite vor den

Reichstag kam, stimmte Liebknecht gegen sie.


Im Januar 1915 begann die Internationale Gruppe damit, eine Serie von Rundschreiben

herauszubringen, in denen sie den Charakter des Krieges sowie den Verrat der Führung

der SPD wegen ihrer Unterstützung des Krieges entlarvte.


Im April 1915 veröffentlichte sie die erste und einzige Ausgabe der Zeitschrift 'Die Inter-

nationale' unter der redaktionellen Leitung von Franz Mehring. Sie wurde umgehend ver-

boten und Mehring inhaftiert.


In dem Bemühen, die wachsende Unterstützung, die die Internationale Gruppe unter den

politisch bewussteren Arbeitern gewann, zu kontrollieren, nahm eine Gruppe führender

Mitglieder der SPD, angeführt von Karl Kautsky, Hugo Haase und Eduard Bernstein, im

Juni 1915 eine zentristische Position in Bezug auf den Krieg ein und brachte ein Mani-

fest unter dem Titel 'Die Forderung der Stunde' heraus, in dem behauptet wurde, dass

der Krieg seinen Charakter gewandelt haben könnte von einem 'Krieg der nationalen Ver-

teidigung' hin zu einem Krieg der Eroberungen, so dass Sozialdemokraten ihre Haltung

der Unterstützung möglicherweise ändern müssten.


Im September 1915 wurde eine internationale Konferenz sozialistischer Parteien und Grup-

pierungen, die gegen den Krieg waren, in Zimmerwald (Schweiz) auf Anregung der italieni-

schen und der schweizer sozialdemokratischen Partei abgehalten. Zur bolschewistischen

Delegation gehörte auch Lenin, der damals in der Schweiz lebte und zur deutschen Georg

Ledebour (der mit der unter der Führung von Kautsky gegründeten zentristischen Gruppe

in Verbindung gebracht wurde). Hinzukamen zwei Anhänger der Internationalen Gruppe

sowie zwei Mitglieder einer kleineren Gruppe, die den Namen 'Internationale Sozialisten

Deutschlands' trug und von Karl Radek geführt wurde.


Auf der Konferenz konnte man sich auf keine gemeinsame Haltung zum Krieg einigen und

auch Lenins Aufruf, den Krieg in einen Bürgerkrieg gegen 'die eigenen' Imperialisten umzu-

wandeln, wurde von der Mehrheit der Delegierten abgelehnt. Da die zentristischen Gruppen

auf der Konferenz in der Mehrheit waren, billigte sie nur ein Manifest, das Kompromiss-

charakter trug und das die Sozialisten dazu aufrief,


" ...diesen Kampf für ... einen Frieden ohne Gebietsabtretungen oder Kriegsent-

schädigungen" und ...


" ...für das heilige Ziel des Sozialismus, für die Befreiung der unterdrückten Na-

tionen sowie für die der versklavten Klassen durch den unversöhnlichen proletari-

schen Klassenkampf aufzunehmen."

(Manifest der Internationalen Sozialistenkonferenz in Zimmerwald, zitiert nach:

W. I. Lenin, in: ebenda, S. 475).


Die Konferenz von Zimmerwald gründete ein Internationales Sozialistisches Komitee

mit Sitz in Bern, Schweiz.


Im Januar 1916 änderte die Internationale Gruppe ihren Namen und nannte sich fortan

'Spartacus-Gruppe' nach dem Führer einer römischen Sklavenrevolte.


Als die sechste Gesetzesvorlage für die Bewilligung neuer Kriegskredite im März 1916

vor den Reichstag kam, stimmten 18 Abgeordnete, die zur SPD-Mitte und zur Linken

in der SPD gehörten, dagegen und 14 weitere enthielten sich der Stimme. Die rechtsge-

richtete Führung der SPD schloss daraufhin die 18 Abgeordneten, die gegen die offizi-

elle Politik der Partei gestimmte hatten, aus der Parlamentsfraktion aus. Diese Gruppe

formierte sich dann als neue parlamentarische Fraktion unter dem Namen 'Sozialdemo-

kratische Arbeitsgemeinschaft'. Die Spartacus-Gruppe bildete den linken Flügel inner-

halb dieser Arbeitsgemeinschaft.


Im April 1916 wurde eine zweite internationale Konferenz sozialistischer Parteien und

Gruppierungen, die gegen den Krieg waren, in Kienthal in der Schweiz abgehalten.

Die deutsche Vertretung bestand aus vier Zentristen, zwei Spartakisten und einem Ver-

treter einer kleineren Gruppe - der Bremer Linken. Erneut waren die Zentristen in der

Mehrheit und die angenommenen Resolutionen trugen Kompromisscharakter. Dennoch

waren die Kienthal-Resolutionen in gewisser Weise verbindlicher als die von Zimmer-

wald und hinzukam, dass die Konferenz in scharfer Form die Führer der Zweiten Inter-

nationale kritisierte, ohne allerdings den Bruch mit der Rechten zu verlangen.


Nach den erfolgreichen militärischen Operationen an der Ostfront im August 1916 wurde

Feldmarschall Paul von Hindenburg zum Generalstabschef ernannt und General Erich

von Ludendorff stieg auf zum Generalquartiermeister. Obwohl jedoch Ludendorff Hinden-

burg untergeordnet war, entwickelte er sich nicht nur im Militär, sondern auch im zivilen

Bereich zur beherrschenden Figur und war in den letzten beiden Jahren des Krieges

faktisch Chef einer deutschen Militärdiktatur.


Im Januar 1917 beschloss der Parteivorstand der SPD, der von rechten Sozialchauvi-

nisten beherrscht war, dass eine Opposition gegen den Krieg mit einer Mitgliedschaft

in der Partei unvereinbar sei. Daraufhin wurde im April in Gotha eine Konferenz von Zen-

tristen und linksgerichteten oppositionellen Mitgliedern abgehalten, auf der - gegen den

Widerstand von Kautsky und anderen zentristischen Führern - sich eine Mehrheit für

die Bildung einer neuen Partei, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutsch-

lands (USPD) aussprach. Die Gründungskonferenz der USPD billigte die Resolutionen,

die in Zimmerwald und Kienthal verabschiedet worden waren, die Führung jedoch hielt

weiter an einem späteren Wiederanschluss an die SPD fest:


"Diese Partei hat Angst, die nötigen Konsequenzen zu ziehen, predigt 'Einheit'

mit den Sozialchauvinisten auf internationaler Ebene, betrügt weiter die Massen

der Arbeiter mit der Hoffnung, diese Einheit in Deutschland wiederherzustellen

und behindert die einzig richtige proletarische Taktik des revolutionären Kamp-

fes gegen die 'eigene' Regierung."

(W. I. Lenin, 'Die Stockholmer Konferenz', in: W. I. Lenin & J. W. Stalin, '1917 -

Ausgewählte Schriften und Reden', Moskau, 1938, S. 325).


Die Bildung der USPD, in der die Spartacus-Gruppe den linken Flügel bildete, war be-

gleitet von einem deutlichen Rückgang des Einflusses der SPD: Die Zahl der Mitglieder

ging von 243.000 im März 1917 auf 150.000 im September zurück, zu einer Zeit, als

die USPD nach eigenen Angaben 120.000 Mitglieder besaß.


Um 1917 gab es deshalb drei organisierte politische Strömungen in der deutschen Ar-

beiterbewegung, die Lenin so charakterisierte:


"Im Verlaufe der zweieinhalb Kriegsjahre hat die internationale sozialistische

und Arbeiterbewegung in jedem Land drei Strömungen hervorgebracht ...Diese

drei Strömungen sind folgende:

1) Die Sozialchauvinisten, d.h. Sozialisten in Worten und Chauvinisten in Taten;

Leute, die für die 'nationale Verteidigung' in einem imperialistischen Krieg sind

(und besonders im gegenwärtigen imperialistischen Krieg).

Diese Leute sind unsere Klassenfeinde. Sie sind auf die Seite der Bourgeoisie

übergegangen.

Sie umfassen die Mehrheit der offiziellen Führer der offiziellen sozialdemokrati-

schen Parteien in allen Ländern ...die Scheidemanns in Deutschlands ...

2) Die zweite Strömung ist die unter dem Namen 'Zentrum' bekannt gewordene,

die aus Leuten besteht, die zwischen den Sozialchauvinisten und den echten

Internationalisten hin und her schwanken.

All jene, die zum 'Zentrum' gehören, schwören, dass sie Marxisten und Interna-

tionalisten sind, ...dass sie für einen Frieden ohne Gebietsabtretungen sind usw.

...und für einen Frieden mit den Sozialchauvinisten. Das 'Zentrum' ist für 'Einheit',

das 'Zentrum' ist gegen eine Spaltung ...

Tatsache ist, dass das 'Zentrum' nicht davon überzeugt ist, dass eine Revolution

gegen die eigene Regierung eine Notwendigkeit ist. Es tritt nicht für die Revolu-

tion ein.

Aus historischer und ökonomischer Sicht kann man sagen, dass sie (die Zentris-

ten - Verf.) keine eigene Kraft sind, sondern einen Übergang von einer zurücklie-

genden hin ... zu einer neuen Phase verkörpern, eine Phase, die objektiv gesehen

mit dem Ausbruch des ersten imperialistischen Weltkrieges notwendig wurde, der

die Ära der sozialistischen Revolution eröffnete.

Der wichtigste Führer und Vertreter des 'Zentrums' ist Karl Kautsky, ...


3) Die dritte Strömung, die wahrhaften Internationalisten, vertritt am getreuesten die

'Zimmerwalder Linke' . ...

Sie zeichnet sich hauptsächlich dadurch aus, dass sie vollständig nicht nur mit dem

Sozialchauvinismus, sondern auch mit dem 'Zentrismus' gebrochen hat und durch

ihren schonungslosen Kampf gegen die eigene imperialistische Regierung sowie

gegen ihre eigene imperialistische Bourgeoisie. ...

Die herausragendste Vertreterin dieser Strömung in Deutschland ist die Spartacus-

Gruppe oder die Internationale Gruppe, zu der Karl Liebknecht gehört. ...

Eine weitere Gruppe von wahrhaften Internationalisten in Deutschland hat sich um

die Bremer Zeitung 'Arbeiterpolitik' gebildet."

(W. I. Lenin, 'Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution', in, 'Ausgewählte

Werke', Band 6, London, 1946, SS. 63-66, 67).


Die russische bürgerlich demokratische Revolution vom März 1917, gefolgt von der Bildung

der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei im April, zwang die deutschen Imperialis-

ten, einige Scheinzugeständnisse an die Emotionen zu machen, die im wachsenden Ein-

fluss der USPD zum Ausdruck kamen. Diese Manöver wurden angeführt von Mathias Erz-

berger, dem Führer des liberalen Flügels der Zentrumspartei (bürgerlich-klerikale Partei -

Übers.), in der Hoffnung, dass Regierungsversprechen, nur noch einen 'defensiven' Krieg

ohne Gebiets- oder Wiedergutmachungsforderungen zu führen und eine demokratische Re-

form der preußischen Verfassung einzuführen, dazu beitragen könnten, den Einfluss der

rechtsgerichteten SPD-Führung in der Arbeiterschaft zu erhalten. Als Ergebniss dieser Ma-

növer versprach eine königliche Proklamation vom 12. Juli 1917 die Einführung des unmit-

telbaren, geheimen und gleichen Wahlrechts in Preußen und am 19. Juli nahm der Reichs-

tag mit 214 gegen 116 Stimmen seine berühmte demagogische 'Friedenserklärung' an, in

der erklärt wurde, dass


"der Reichstag sich um einen Verständigungsfrieden und um eine dauerhafte Ver-

söhnung der Nationen bemüht. Solch ein Frieden ist unvereinbar mit gewaltsamen

Annexionen von Gebieten oder mit anderen Gewaltmaßnahmen politischen, wirt-

schaftlichen oder finanziellen Charakters."

(Zitiert nach: K. A. Pinson, 'Modernes Deutschland. Seine Geschichte und Zivilisa-

tion', New York, 1966, S. 334).


Das Deutsche Oberkommando widersetzte sich vehement diesen Schritten. Ludendorff

forderte und erreichte den Rücktritt von Bethmann-Hollweg als Reichskanzler. Dieser wur-

de im Juli 1917 durch den Beamten Dr. Georg Michaelis ersetzt, der wiederum im Novem-

ber zugunsten von Graf Georg von Hertling, dem Führer des rechten Flügels der Zentrums-

partei, zurücktrat. Beide waren bereit, sich vollkommen dem Oberkommando unterzuord-

nen.



1918



Der Streik vom Januar 1918


Im Winter 1917/18 wurde die Anti-Kriegsstimmung unter den politisch bewussteren Arbei-

tern stark durch die sozialistische Revolution vom November 1917 in Russland angefacht

sowie durch den Aufruf der neuen sowjetischen Regierung für einen Frieden ohne Annexio-

nen und Reparationen.


Im Januar 1918 brachte eine Gruppe von militanten Vertrauensleuten, die mit der Unabhän-

gigen Sozialdemokratischen Partei in Verbindung gebracht und von Richard Müller ange-

führt wurde, ein Manifest heraus, das zu einem politischen Streik aller deutschen Arbeiter

für Frieden, mehr Brot, die Abschaffung des Kriegsrechts und die Errichtung einer 'parlamen-

tarischen Demokratie' aufrief. Der Streik begann am 28. Januar und mehr als eine Million

Arbeiter befolgten ihn. Jedoch schon nach einer Woche wurde er von den Streikführern wie-

der für beendet erklärt (gegen den Widerstand der Spartakisten), nachdem die Regierung

ihre Bereitschaft kundgetan hatte, eine Abordnung des Streikkomitees zu empfangen. Müller

wurde zum Militär eingezogen und die Führung der 'Revolutionären Vertrauensleute', wie sie

sich selbst nannten, ging auf Emil Barth, ein weiteres führendes Mitglied der USPD, über.


Die Bildung der Regierung Prinz Max von Baden


Im Frühjahr und Sommer des Jahres 1918 führte das Leiden, der Hunger und die Verluste

an Menschenleben in Folge des Krieges dazu, dass sich die Anti-Kriegsstimmung in wei-

ten Teile der deutschen Armee, der Arbeiterklasse und des Kleinbürgertums hinein ausbrei-

tete.


Gegen Ende September war eine Mehrheit im Oberkommando davon überzeugt, dass ein

deutscher Sieg nicht möglich war. Sie verlangte die Bildung einer 'breiter angelegten' Regier-

ung, die sofort in Verhandlungen mit den Alliierten eintreten sollte. Am 3. Oktober wurde

Prinz Max von Baden, ein Cousin des Kaisers (Wilhelm II - Übers.) zum Reichskanzler

ernannt und er ergriff sofort die Initiative zu Waffenstillstandsverhandlungen.


Die Kieler Revolte


Am 27. Oktober, während die Waffenstillstandsverhandlungen schon im Gang waren, gab

die Admiralität der Flotte den Befehl, in See zu stechen, um die britische Kriegsmarine an-

zugreifen. Die Kieler und Wilhelmshavener Matrosen verweigerten den Gehorsam. Die Ver-

haftung einiger dieser Matrosen in Kiel hatte am 3. November eine Massendemonstration

zur Folge, die von Soldaten beschossen wurde, die jedoch später auf die Seite der meutern-

den Matrosen übergingen. Diese befreiten ihre verhafteten Genossen, hissten die rote Fah-

ne und begannen damit, Matrosenräte in Anlehnung an die russischen Sowjets zu wählen.


Die bürgerlich demokratische Revolution


Die Bewegung der Revolte verbreitete sich von Kiel aus und erfasste ganz Deutschland.

In allen größeren Städten wurde bei Massenstreiks und auf riesigen Demonstrationen die

Abdankung des Kaisers und eine Demokratisierung des Landes gefordert. An allen Orten

übernahmen spontan gewählte Arbeiter- und Soldatenräte die Aufgaben der kommunalen

Verwaltungen. Die Soldaten und die Polizei machten sich entweder davon oder schlossen

sich den revolutionären Massen an. In Hamburg übernahmen Spartakisten die SPD-Zeitung

und tauften sie um in 'Die Rote Fahne'.


Die Kapitalisten sahen jetzt die Notwendigkeit, diese spontane revolutionäre Bewegung da-

zu zu benutzen, um die bürgerlich demokratische Revolution in Deutschland zu vollenden,

in der Hoffnung, dass durch die Opferung des Kaisers und die Annahme unbedeutender

Verfassungsreformen der revolutionäre Prozess im Rahmen der 'parlamentarischen Demo-

kratie' gehalten werden könnte. Sie hatten auch die Hoffnung, dass durch diese Maßnah-

men die von den Alliierten zu erwartenden Friedensbedingungen milder ausfallen würden.


Am 7. November traf sich Prinz Max von Baden heimlich mit dem Führer der sozialdemo-

kratischen Partei Friedrich Ebert und ließ sich von ihm versichern, dass die SPD alles

in ihren Kräften Stehende tun würde, um die 'Gefahr des Bolschewismus' zu bannen.

(Prinz Max von Baden, 'Memoiren', Band 2, London, 1928, S. 312). Der Reichskanzler

dazu später:


"Ich sagte mir, dass die Revolution dabei war zu siegen, dass sie nicht nieder-

geschlagen werden kann, aber vielleicht abgewürgt werden könnte. Jetzt ist es

Zeit mit der Abdankung, mit Eberts Ernennung zum Kanzler, mit einem Appell

an die Menschen, sich ihre eigene Verfassung in einer Verfassungsgebenden

Nationalversammlung zu geben. Wenn Ebert mir als Volkstribun durch die Mas-

sen präsentiert werden kann, haben wir die Republik; falls es Liebknecht ist,

haben wir auch den Bolschewismus. Aber sollte Ebert durch den Kaiser zum

Reichskanzler im Moment seiner Abdankung ernannt werden, ...dann könnte

es uns vielleicht gelingen, die revolutionäre Energie in die legalen Bahnen eines

Wahlkampfes zu kanalisieren."

(Prinz Max von Baden, ebenda, S. 351).


Wilhelm zögerte jedoch, den Thron aufzugeben und kurz vor der Mittagszeit am 9. No-

vember gab der Reichskanzler, ohne die Zustimmung des Kaisers abzuwarten, die fol-

gende Erklärung ab:


"Der Kaiser und König hat beschlossen, auf den Thron zu verzichten. Der Kanz-

ler bleibt solange im Amt, bis die Fragen im Zusammenhang mit der Abdank-

ung des Kaisers, dem Rücktritt des Kronprinzen des Deutschen Reiches und

Preußens sowie die der Einrichtung der Regentschaft geklärt sind. Er beab-

sichtigt der Regentschaft die Ernennung von Herrn Ebert für das Amt des Kanz-

lers vorzuschlagen und eine Gesetzesvorlage einzubringen, damit die rechtli-

che Grundlage für die sofortige Herausgabe eines Wahlerlasses für die Wahl

einer Deutschen Verfassungsgebenden Versammlung geschaffen wird."

(Zitiert nach: Prinz Max von Baden, ebenda, S. 353).


Der Kaiser begab sich sofort in sein holländisches Exil.


Der Zeitfaktor machte es unmöglich, die Anträge für die Ernennung eines Regenten zu

stellen, der dann seinerseits Ebert zum Kanzler ernennen würde und die Übergabe der

Kanzlerschaft von Prinz Max von Baden an Ebert blieb der einzige nicht verfassungskon-

forme Akt der Revolution von 1918.


Ebert gab sofort ein vage formuliertes Kommuniqué heraus, das er als 'Reichskanzler'

unterzeichnet hatte, in dem er erklärte, dass


"die neue Regierung eine Regierung des Volkes sein wird. Ihr Anliegen besteht

darin, dem deutschen Volk so schnell wie möglich den Frieden zu bringen und

die Freiheit, die es erlangt hat, fest zu verankern. ...


Mitbürger! Ich richte die dringende Bitte an Euch, sofort die Straße zu verlassen

und Ruhe und Ordnung zu bewahren!"

(Zitiert nach: K. S. Pinson, 'Modernes Deutschland. Seine Geschichte und Zivi-

lisation', New York, 1966, S. 362).


In der Zwischenzeit hatte Karl Liebknecht im Auftrag der Spartakisten um vier Uhr nach-

mittags über dem königlichen Palast die rote Fahne gehisst und vor einer begeisterten

Menge verkündet, dass Deutschland eine sozialistische Republik sein werde.


Am 10. November fand ein Geheimtreffen zwischen Ebert und General Wilhelm Groener

statt, der das Oberkommando vertrat, auf dem Ebert die volle Unterstützung der Armee

'für die Verhinderung der Ausbreitung des terroristischen Bolschewismus' erhielt. (D. Groe-

ner-Geyer, 'General Groener. Soldat und Staatsmann', Frankfurt, 1955, SS. 190-201).


Die Versammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte


Am jenem Abend (des 10. November) trafen sich etwa 3.000 Mitglieder der Arbeiter- und

Soldatenräte im 'Zirkus Busch', einer großen Halle in Berlin. Sie verabschiedeten eine

Resolution, wonach Deutschland eine 'sozialistische Republik' sei und die Macht in den

Händen der Arbeiter- und Soldatenräte liegen solle. Es wurde darin dazu aufgerufen, die

Produktionsmittel zügig zu vergesellschaften und mit stolz werde man dem Beispiel der

Russischen Revolution folgen und diplomatische Beziehungen mit Sowjetrussland auf-

nehmen.


Sie wählten einen 'Vollzugsrat', der äußerlich dem in Sowjetrussland entsprach, und sich

aus 14 Arbeitern und 14 Soldaten zusammensetzte; die Hälfte kam aus der SPD, die an-

dere aus der USPD. Sie wählten auch ein neues Kabinett, das sich in Anlehnung an das

in Sowjetrussland 'Rat der Volksbeauftragten' nannte mit jeweils drei Mitgliedern aus SPD

und USPD, wobei Ebert von der SPD den Vorsitz führte.


Die Gründung des Spartakusbundes


Auf einer Konferenz im Berliner Excelsior am 11. November 1918 änderte die Spartakus-

gruppe ihren Namen und nannte sich fortan 'Spartakusbund'.


Die Konferenz wählte eine Zentrale mit folgenden Mitgliedern: Willi Budich, Hermann Dun-

cker, Käte Duncker, Hugo Eberlein, Leo Jogiches, Paul Lange, Paul Levi, Karl Liebknecht,

Rosa Luxemburg, Franz Mehring, Ernst Meyer, Wilhelm Pieck und August Thalheimer.


Die ersten Dekrete des 'Rats der Volksbeauftragten'


Am 12. November schaffte der 'Rat der Volksbeauftragten' Kriegsrecht und Zensur zusam-

men mit den kriegsbedingten Arbeitseinsätzen ab; er amnestierte alle politischen Gefan-

genen und führte das Arbeitslosengeld ein. Auf der anderen Seite teilte er dem Oberkom-

mando mit, dass er die Befehlsgewalt des Offizierskorps über die Streitkräfte anerkenne

und erklärte, dass die Soldatenräte ihre wichtigste Aufgabe darin sehen würden, die mili-

tärische Disziplin aufrechtzuhalten.


Am 18. November setzte diese Regierung eine Kommission unter der Führung von Karl

Kautsky ein, um zu untersuchen, welche Industriebereiche 'für die Verstaatlichung reif'

seien.


Der erste Nationalkongress der Arbeiter- und Soldatenräte


Am 16. Dezember 1918 traf sich der 'Erste Nationalkongress der Arbeiter- und Soldaten-

räte' in Berlin. Das Treffen dauerte fünf Tage. An ihm nahmen 489 Delegierte teil, von

denen 291 (60%) zur SPD gehörten, 90 (20%) zur USPD und nur 10 (2%) zu den Sparta-

kisten. Weder Karl Liebknecht noch Rosa Luxemburg waren als Delegierte gewählt wor-

den.


Das Organisationskomitee für den Kongress hatte eine sowjetische Delegation eingela-

den, die jedoch an der Grenze auf Anordnung des 'Rats der Volksbeauftragten' wieder

umkehren musste.


Max Cohn-Reuss, der für die SPD sprach, warnte den Kongress davor, den Versuch zu

unternehmen, die 'parlamentarische Demokratie' durch eine Regierung der Arbeiter- und

Soldatenräte zu ersetzen, da dies 'unweigerlich den Bürgerkrieg zur Folge' haben würde.

Seine Resolution, derzufolge die Zukunft der Arbeiterräte nur im wirtschaftlichen, nicht

aber im politischen Bereich liegen würde, und dass die Räte ihre 'Macht' auf den 'Rat der

Volksbeauftragten' übertragen sollten, wurde von 400 gegen 50 Stimmen angenommen.

Im weiteren Verlauf legte der Kongress den Wahltermin für die Wahlen zur Verfassungs-

gebenden Versammlung auf den 19. Januar 1919 fest.


Am dritten Tag des Kongresses legte der Vorsitzende des Hamburger Soldatenrates,

ein SPD-Mitglied namens Lampl, Forderungen der Soldaten auf den Tisch, die als 'Ham-

burger-Punkte' bekannt wurden. Sie beinhalteten Forderungen wie die, dass der Oberbe-

fehl für die Streitkräfte vom Oberkommando auf den 'Rat der Volksbeauftragten' überge-

hen sollte; dass alle Rangabzeichen abgeschafft werden, die Soldatenräte für die militä-

rische Disziplin zuständig sein und sämtliche Offiziere von den Mannschaften gewählt

werden sollten.


Ein neuer Zentraler Arbeiter- und Soldatenrat wurde gebildet, um den Vollzugsrat (der

überwiegend für Berlin repräsentativ gewesen war) abzulösen. Als beschlossen wurde,

dass die Aufgaben dieses Zentralrates bloß beratender Natur sein sollten, wurde er

von den USPD-Leuten boykottiert, so dass nur noch die SPD-Mitglieder in ihm vertreten

waren.


Am 20. Dezember erschien eine Abordnung des Oberkommandos vor dem 'Rat der

Volksbeauftragten' , die aus Wilhelm Groener und Kurt von Schleicher bestand, und mach-

te starke Einwände gegen die Hamburger Punkte geltend. Ihnen wurde versichert, dass

sie nicht verwirklicht werden würden.


Gegen Ende des Kongresses wurde deutlich, dass das Ziel der deutschen Kapitalisten,

die kapitalistische Gesellschaft durch das Instrument der Sozialdemokratischen Partei

Deutschlands zu retten, zumindest für den Moment erreicht worden war.


Die Beschießung des königlichen Palastes


In der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember 1918 nahmen Matrosen der Volksmarine-

abteilung, deren Sold nicht ausgezahlt worden war, Otto Wels (SPD), den Komman-

danten von Berlin, gefangen und hielten ihn im königlichen Palast, wo sie sich ein-

quartiert hatten, als Geisel fest.


Ebert gab der Armee die Erlaubnis, Wels zu befreien und Truppen unter dem Befehl von

Generalleutnant Arnold Lequis begannen, den Palast mit Granaten zu beschießen.

Später jedoch meuterten die angreifenden Truppen und es wurde ein Waffenstillstand

vereinbart. Den Matrosen wurde freies Geleit aus dem Palast zugesagt. Ihr rückständi-

ger Sold wurde ausgezahlt.


Am darauffolgenden Tag, am 1. Weihnachtsfeiertag, nahmen 30.000 Arbeiter und Sol-

daten, von Spartakisten angeführt, an einer Protestdemonstration gegen die Attacken

auf die Matrosen teil und besetzten das Gebäude der bedeutendsten SPD-Zeitung 'Vor-

wärts'. Die Redaktion wurde gezwungen, einen ganzseitigen Artikel auf der ersten Seite

zu veröffentlichen, in dem die Ebert-Regierung verurteilt wurde.


Der Rücktritt der USPD-Minister


Am 29. Dezember 1918 traten die USPD-Minister unter dem Druck ihrer Partei aus der

Regierung aus - aus Protest gegen die Attacke auf die Matrosen. Sie wurden durch Mit-

glieder der SPD ersetzt.


Die Gründung der Kommunistischen Partei


Am 29. Dezember beschloss eine geschlossene Sitzung des Spartakusbundes in Ber-

lin, aus der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei auszuscheiden und eine neue

Partei zu gründen.


Vom 30. Dezember 1918 bis 1. Januar 1919 wurde eine gemeinsame Konferenz mit

etwa 100 Delegierten des Spartakusbundes und der Internationalen Kommunisten

Deutschlands - einer kleinen sozialistischen Gruppe aus Bremen, die bis November 1918

den Namen 'Bremer Linksradikale' trug - im Saal der Preußischen Abgeordnetenkammer

abgehalten. Die Konferenz beschloss, sich zum Ersten Parteitag der Kommunistischen

Partei Deutschlands (Spartakusbund), KPD, zu konstituieren.


Karl Radek hielt eine Grußansprache als Delegierter der Russischen Kommunistischen

Partei und der Parteitag ließ Grüße an die Sowjetrepublik übermitteln.


Der Parteitag verurteilte die Ebert-Regierung als 'Todfeind des Proletariats'; er verurteilte

ebenso die Politik der Zweiten Internationale und rief zur Gründung einer neuen Interna-

tionale auf.


Rose Luxemburg legte das Parteiprogramm, größtenteils von ihr selbst verfasst, vor, das

bereits vorher in der 'Roten Fahne' vom 14. Dezember 1918 veröffentlicht worden war und

erklärte dazu:


"Die unmittelbare Aufgabe des Proletariats ist keine andere als die, ...den Sozialis-

mus zu errichten und den Kapitalismus mit Stumpf und Stiel auszurotten."

(Bericht zum Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands,

Spartakusbund, Berlin, 1919, S. 25).


Das Programm enthielt eine ganze Reihe von Rosa Luxemburgs anti-marxistisch-leninis-

tischen Ansichten: Vertrauen auf die Spontaneität, Unterschätzung der führenden Rolle

der Partei, Überschätzung des Streiks als revolutionäre Waffe:


"Der Kampf für den Sozialismus kann nur von den Massen geführt werden. ...

Der Sozialismus kann nicht und wird nicht befohlen werden können. ...Und wel-

ches ist die Art des Kampfes für den Sozialismus? Es ist der Streik."

(Ebenda, S. 33).


Ganz im Mittelpunkt des Parteitags stand die Frage, ob die Partei sich an den bevorste-

henden Wahlen zur Verfassungsgebenden Nationalversammlung beteiligen sollte. Gegen

den Widerstand von Liebknecht und Luxemburg nahm der Parteitag mit 62 gegen 23 Stim-

men eine 'linke' Resolution an, die Wahlen zu boykottieren.


Dazu Lenin im April 1920:


"Entgegen den Ansichten von solch herausragenden politischen Führern wie Rosa

Luxemburg und Karl Liebknecht, betrachteten die deutschen 'Linken' den Parlamen-

tarismus im Januar 1919 als 'politisch überholt'. Es ist allgemein bekannt, dass die

'Linken' sich irrten."

(W. I. Lenin, 'Der 'linke' Radikalismus - die Kinderkrankheit des Kommunismus', in:

'Ausgewählte Werke', Band 10, London, 1946, S. 98).


Obwohl über die Frage nicht abgestimmt wurde, stimmte eine Mehrheit des Parteitags der

Parole 'Raus aus den Gewerkschaften!' zu, die von der 'linken' Fraktion um Otto Rühle und

Paul Fröhlich ausgegeben wurde.


Der Parteitag wählte folgende Zentrale:


Hermann Duncker, Käte Duncker, Hugo Eberlein, Paul Fröhlich, Leo Jogiches, Paul

Lange, Paul Levi, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Ernst Meyer, Wilhelm Pieck

und August Thalheimer.


Der Berliner Januar-Aufstand


Am 3. Januar 1919 folgten die USPD-Minister in der Preußischen Staatsregierung dem

Beispiel ihrer Kollegen in der Zentralregierung und traten zurück. Dadurch verblieb nur ein

einziges Mitglied der USPD mit einer wichtigen Funktion: Emil Eichhorn als Polizeichef von

Berlin. Später, am gleichen Tage, entließ der preußische Innenminister Eichhorn aus sei-

nem Amt.


Am Sonntag, dem 5. Januar, füllte eine riesige Demonstration gegen die Entlassung Eich-

horns, die gemeinsam von den 'Revolutionären Vertrauensleuten' und der Berliner Leitung

von USPD und KPD organisiert worden war, die Straßen der Berliner Innenstadt. Im Ver-

lauf des Nachmittags besetzte erneut ein Teil der Demonstranten die Büroräume des 'Vor-

wärts', welcher bis zum 11. Januar das Organ der revolutionären Berliner Arbeiter war.


An jenem Abend ( des 5. Januar - Übers.) trafen sich Vertreter der neugegründeten Kom-

munistischen Partei und der USPD zusammen mit den 'Revolutionären Vertrauensleuten'

und bildeten einen Revolutionsausschuss aus 33 Mitgliedern, der die Ebert-Regierung für

abgesetzt erklärte und zum bewaffneten Kampf aufrief, um die politische Macht der Arbeiter-

klasse zu errichten:


"Genossen! Arbeiter!

Die Regierung Ebert-Scheidemann ... wird durch den unterzeichnenden Revolu-

tionsausschuss aus Vertretern revolutionär sozialistischer Arbeiter und Soldaten

für abgesetzt erklärt.

Der unterzeichnende Revolutionsausschuss hat vorrübergehend die Aufgaben der

Regierung übernommen.


Genossen! Arbeiter!

Beteiligt Euch an den Aktionen des Revolutionsausschuss!"

(Zitiert nach: G. Ledebour, Hrsg., 'Der Ledebour-Prozess', Berlin, 1919, S. 55).


Jedoch beteuerten die Matrosen ihre Neutralität und die Masse der Arbeiter war nicht

bereit, sich am bewaffneten Kampf zu beteiligen. Nur einige hundert Arbeiter folgten den

revolutionären Führern und besetzten eine Reihe von öffentlichen Gebäuden.


In der Zwischenzeit traf sich der 'Rat der Volksbeaufttragten' an einem geheimgehaltenen

Ort ( die Reichskanzlei war von einer wütenden Menge umzingelt) und ernannte den SPD-

Führer Gustav Noske zum Oberbefehlshaber von Berlin, dem die Aufgabe zuteil wurde,

die 'Ordnung wieder herzustellen'. Er errichtete sein Hauptquartier in einer Schule im

Ortsteil Dahlem, einem Berliner Vorort, und begann mit dem Aufbau und der Ausbildung

von 'Freikorps', die sich hauptsächlich aus reaktionären Offizieren und Unteroffizieren der

aufgelösten Armee zusammensetzten.


Am 9. Januar begannen Noskes Freikorps mit ihren Attacken gegen die berliner Arbeiter

sowie gegen das Zentralbüro der KPD, woraufhin die berliner Führung der USPD und die

'Revolutionären Vertrauensleute' einen gemeinsamen Aufruf für einen Generalstreik heraus-

brachten.


Der erste Erfolg der Regierung gegen die Revolutionäre war die Zurückeroberung der Bü-

roräume des 'Vorwärts' in der Nacht vom 10. auf den 11. Januar. Am 11. Januar führte

Noske 3.000 Freikorps-Soldaten in die Innenstadt von Berlin und nach blutigen Kämpfen

gelang die systematische Wiedereroberung der Stadt, die am Abend des 12. Januar

abgeschlossen war.


Die Bremer Räterepublik


Am 10. Januar 1919 forderte eine große Demontration in Bremen, die von der Kommunis-

tischen Partei organisiert wurde, die Übertragung der politischen Macht auf die Arbeiter-

und Soldatenräte, die darangingen, einen Rat der Volksbeauftragten, der sich aus je drei

Vertretern von KPD, USPD und dem Soldatenrat zusammensetzte, zu bilden, der sich

zur Regierung der Bremer Räterepublik erklärte.


Auf Befehl von Noske begann eine starke Truppeneinheit den Angriff auf Bremen und

beendete gegen Abend die Räterepublik.