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Wilhelm Liebknecht

Zum Tod von Friedrich Engels

(10. August 1895)

Rede Wilhelm Liebknechts im Namen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands am 10. August 1895 in London bei den Trauerfeierlichkeiten für Friedrich Engels[1*].
Vorwärts, Nr. 189 vom 15. August 1895.

 

 

Als Engels' ältestem Freund in Deutschland ist es mir zugefallen, hier für die deutsche Sozialdemokratie zu reden und unserem Schmerz Ausdruck zu geben über den Verlust, der uns betroffen. Seit Karl Marx uns genommen ward, ist kein solcher Schlag auf uns niedergefallen. In Friedrich Engels ist Marx zum zweiten Mal gestorben. Und er selbst hat seinesgleichen nicht mehr unter den Lebenden. Klein ist die Zahl derer, die hier am Sarge stehen. Wären alle im Körper anwesend, die es im Geiste sind - Millionen und Millionen wären hier, und ganz London wäre nicht groß genug, sie alle aufzunehmen. Der schlichte Sinn des Toten verbot jede öffentliche Kundgebung, und so sind nur wenige hier, aber diese wenigen vertreten Millionen, vertreten eine Welt, die Friedrich Engels mit Karl Marx zusammen entdeckt und erobert hat und die der Welt des Kapitalismus den Untergang bereiten wird. Friedrich Engels hat mit Karl Marx, von dem er nicht zu trennen ist, mit dem er - der Geistesriese mit dem Geistesriesen - zu einem zusammengewachsen ist, den wissenschaftlichen Sozialismus geschaffen; er hat den Sozialismus aus dem Wolkenheim der Träume, der philanthropischen Utopie auf den harten Boden der Tatsachen gestellt und das Geheimnis der Entwicklungsgesetze enthüllt, deren Kenntnis, jeden Irrweg ausschließend, den sicheren Weg zum Siege zeigt. Schon als Dreiundzwanzigjähriger, vor länger als einem halben Jahrhundert ward er dem Proletariat ein Wegweiser in seiner „Lage der arbeitenden Klasse in England“. Von der hohen internationalen Warte des die ökonomische Welt und den Weltmarkt beherrschenden England übersah er - gleich Karl Marx - den Gang und das Getriebe der wirtschaftlichen Entwicklung und, die Schranken der Nationalitäten überspringend, erfasste er die Internationalität der Arbeiterbewegung. Der Klassenkampf hat die Welt in zwei feindliche Lager getrennt - es gibt in Wahrheit nur zwei Völker: das Volk der Kapitalisten und das Volk der Proletarier.

Ein halbes Jahrhundert hat Friedrich Engels gearbeitet, und wie gearbeitet! Ein halbes Jahrhundert der Aussaat und der Ernte. Dieses halbe Jahrhundert ist die Geschichte der internationalen Sozialdemokratie. Und als Friedrich Engels vor 2 Jahren Deutschland und Österreich besuchte[2*], da konnte er Heerschau halten über einen Teil der gewaltigen Armee, die er mit seinem Karl Marx aufgerufen. Von seinen Freunden hat Engels einst im Scherz den Beinamen General erhalten und ihn auch später behalten. Aber er war ein General, ein wirklicher Heerführer. Hätten die Dinge sich zu einem wirklichen großen Kampf auf dem Schlachtfelde zugespitzt, er hätte als General an unserer Spitze gestanden. Er war ein Wegweiser und ein Wegführer, ein Vorkämpfer und ein Mitkämpfer, Theorie und Praxis waren in ihm vereinigt. Er stand als geistiger Leiter an unserer Spitze und in seinem Denken und Fühlen in der Aktion in unserer Mitte.

Er war eine wunderbar vielseitige und zugleich fest abgeschlossene Persönlichkeit, eine Persönlichkeit im Großen und im Kleinen - des Größten fähig, das Kleinste nicht vernachlässigend. Selbstlos, sich stets der Sache unterordnend, bis zu Marx' Tod und noch nach Marx' Tod seine Person dem großen Freund aufopfernd, hat er stets der Pflicht gelebt, stets an sich selbst die höchsten Anforderungen stellend. Von einem uns politisch fern stehenden Mitglied seiner Familie ward uns soeben gesagt, wie er in der Familie seine Pflicht getan. Das kennzeichnet ihn. über der Menschheit hat er die Familie nicht vergessen - nichts Menschliches war ihm fremd, immer und überall tat er seine Schuldigkeit und war liebevoll und heiter - heiter auch in den ernstesten Kämpfen. Lächelnd, scherzend vertauschte er 1849 die Feder mit der Muskete, und lächelnd und scherzend stand er im Feuer. Bis zuletzt bewahrte er sich diese Heiterkeit. Der Tod, der Allbezwinger, konnte ihn wohl fällen, nicht überwinden.

Ich kann sein Leben nicht erzählen. Er und Marx gaben uns das Kommunistische Manifest; er und Karl Marx gründeten die Internationale Arbeiterassoziation, die, tot in der alten Form, heute weit, weit mehr ist, als die Gründer in ihrem kühnsten Hoffen erhofft - das organisierte Proletariat der Welt. Die Arbeiter aller Länder sind vereinigt, and nichts kann ihren Siegeslauf mehr aufhalten.

Den Amerikanern in ihrem Kampf gegen die Sklaverei und die Sklavenbarone zog der Geist John Browns voran. Dem Proletariat der Welt zieht Dein Geist voran, Friedrich Engels! Dein Geist und der Geist Deines und unseres Karl Marx, zusammen wie ein flammendes Doppelgestirn uns zum Siege führend!

Wir trauern um Dich, wie wir um Karl Marx getrauert - aber wir verzehren uns nicht in untätiger Trauer! Wir setzen Dir und Euch beiden kein Denkmal von Erz und Stein. Ihr seid zu groß für ein solches Denkmal. Und Ihr seid nicht tot. Ihr lebt in uns, und die ungeheure Schuld der Dankbarkeit, die wir an Euch beide haben, können wir nur abtragen, indem wir Eure Lehre in die Tat umsetzen. Wir werden Euren Willen vollstrecken! Das geloben wir hier an Deinem Sarg, Friedrich Engels.

 

 

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Anmerkungen der Herausgeber

[1*] Friedrich Engels starb wenige Monate vor Vollendung seines 75. Lebensjahres am 5. August 1895 in London. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch nahmen nur seine engsten Freunde, Schüler und Kampfgefährten an der Trauerfeier teil. Unter ihnen befanden sich August Bebel, Eduard Bernstein, Karl Kautsky, Friedrich Leßner, Wilhelm Liebknecht und Paul Singer.

 

[2*] Friedrich Engels reiste vom 1. August bis 29. September 1893 nach Deutschland, in die Schweiz und nach Österreich. Er nahm am 12. August an der letzten Sitzung des Internationalen Arbeiterkongresses in Zürich teil und hielt die Schlussansprache in englischer, französischer und deutscher Sprache. Am 22. September sprach er auf einer von 4000 Sozialdemokraten besuchten Festveranstaltung in Berlin.

 

 

 

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