Franz Mehring:

Karl Marx - Geschichte seines Lebens

 

 

Erstes Kapitel: Junge Jahre

1. Haus und Schule

 

|7| Karl Heinrich Marx wurde am 5. Mai 1818 in Trier geboren. Über seine Abstammung ist wenig bekannt, dank der Verwirrung und Verwüstung, die die kriegerischen Zeitläufte um die Wende des Jahrhunderts in den rheinischen Standesregistern angerichtet haben. Wird doch heute noch um das Geburtsjahr Heinrich Heines gestritten!

Ganz so schlimm steht es nun freilich mit Karl Marx nicht, der in ruhigeren Zeiten geboren wurde. Aber als vor fünfzig Jahren eine Schwester seines Vaters gestorben war, mit Hinterlassung eines ungültigen Testaments, gelang es allen gerichtlichen Nachforschungen nach den Intestaterben doch nicht mehr, die Geburts- und Todestage ihrer Eltern festzustellen, also der Großeltern von Karl Marx. Der Großvater hieß Marx Levi, nannte sich später aber nur Marx und war Rabbiner in Trier; er soll 1798 gestorben sein und war 1810 jedenfalls nicht mehr am Leben. Seine Ehefrau Eva, geborene Moses, war 1810 noch am Leben und soll 1825 gestorben sein.

Von den zahlreichen Kindern dieses Paares widmeten sich zwei gelehrten Berufen: Samuel und Hirschel. Samuel wurde als Rabbiner in Trier der Nachfolger seines Vaters, während sein Sohn Moses als Rabbinatskandidat nach Gleiwitz in Schlesien verschlagen wurde. Samuel war 1781 geboren und starb 1829. Hirschel, der Vater von Karl Marx, war 1782 geboren. Er wandte sich der Jurisprudenz zu, wurde Advokatanwalt und später Justizrat in Trier, ließ sich 1824 als Heinrich Marx taufen und starb 1838. Er war mit Henriette Preßburg verheiratet, einer holländischen Jüdin, deren Ahnen nach Angabe ihrer Enkelin Eleanor Marx eine jahrhundertlange Reihe von Rabbinern aufweisen. Sie starb 1863. Beide hinterließen ebenfalls eine zahlreiche Familie, doch lebten zur Zeit jener Erbschaftsregulierung, deren Akten diese genealogischen Notizen verdankt sind, nur noch vier von ihren Kindern: Karl Marx und drei Töchter, Sophie als Witwe des Anwalts Schmalhausen in Maastricht, Emilie als Ehefrau des Ingenieurs Conrady in Trier und Luise als Ehefrau des Kaufmanns Juta in der Kapstadt.

Seinen Eltern, deren Ehe überaus glücklich war, verdankte Karl Marx, |8| nächst der Schwester Sophie ihr ältestes Kind, eine heitere und sorgenfreie Jugend. Wenn seine »herrlichen Naturgaben« in dem Vater die Hoffnung weckten, daß sie dereinst zum Wohle der Menschheit dienen würden, so hieß ihn die Mutter ein Glückskind, dem alles wohl unter den Händen gerate. Doch ist Karl Marx weder, wie Goethe, der Sohn seiner Mutter, noch, wie Lessing und Schiller, der Sohn seines Vaters gewesen. Die Mutter ging, bei all ihrer zärtlichen Sorge für ihren Gatten und ihre Kinder, ganz in dem Frieden des Hauses auf; sie hat all ihr Lebtag nur ein mangelhaftes Deutsch gesprochen und an den geistigen Kämpfen ihres Sohnes keinen Anteil genommen, es sei denn mit der mütterlichen Bekümmernis, was aus ihrem Karl wohl hätte werden können, wenn er den rechten Weg eingeschlagen hätte. In späteren Jahren scheint Karl Marx seinen mütterlichen Verwandten in Holland näher gestanden zu haben, namentlich einem »Onkel« Philips; er spricht von diesem »famosen alten Jungen«, der sich ihm auch in den Nöten des Lebens hilfreich erwies, wiederholt mit großer Sympathie.

Jedoch auch der Vater blickte manches Mal mit geheimer Angst auf den »Dämon« in dem Lieblingssohne, obgleich er schon wenige Tage nach Karls zwanzigstem Geburtstage starb. Nicht die kleinliche und peinliche Sorge des Hausmütterchens um das gedeihliche Fortkommen des Sohnes quälte ihn, sondern die dumpfe Ahnung von der granitenen Härte eines Charakters, die seinem weichen Wesen völlig fremd war. Jude, Rheinländer, Rechtsgelehrter, so daß er gegen alle Liebreize des ostelbischen Junkertums dreifach hätte gepanzert sein müssen, war Heinrich Marx doch preußischer Patriot, nicht in dem faden Sinne, den dies Wort heute hat, sondern preußischer Patriot etwa von dem Schlage, wie ihn die älteren von uns noch in den Waldeck und Ziegler gekannt haben: mit bürgerlicher Bildung gesättigt, in gutem Glauben an die altfritzige Aufklärung, ein »Ideologe«, wie sie Napoleon nicht ohne Grund haßte. Was dieser unter »dem tollen Ausdruck von Ideologie« verstand, schürte zumal den Haß des Vaters Marx gegen den Eroberer, der den rheinischen Juden die bürgerliche Gleichberechtigung und den rheinischen Landen den Code Napoléon geschenkt hatte, ihr eifersüchtig behütetes, aber von der altpreußischen Reaktion unablässig angefeindetes Kleinod.

Sein Glaube an den »Genius« der preußischen Monarchie ist auch nicht dadurch erschüttert worden, daß ihn die preußische Regierung gezwungen hätte, um seines Amtes willen seine Religion zu wechseln. Das ist wiederholt behauptet worden und auch von sonst unterrichteter Seite, anscheinend um zu rechtfertigen oder doch zu entschuldigen, was weder einer Rechtfertigung noch auch nur einer Entschuldigung bedarf. Selbst |9| vom rein religiösen Standpunkt hatte ein Mann, der mit Locke und Leibniz und Lessing seinen »reinen Glauben an Gott« bekannte, nichts mehr in der Synagoge zu suchen und fand noch am ehesten einen Unterschlupf in der preußischen Landeskirche, in der damals ein duldsamer Rationalismus herrschte, eine sogenannte Vernunftreligion, die selbst auf das preußische Zensuredikt von 1819 abgefärbt hatte.

Aber die Lossagung vom Judentum war unter den damaligen Zeitläuften nicht nur ein Akt religiöser, sondern auch - und vornehmlich - ein Akt sozialer Emanzipation. An der ruhmvollen Geistesarbeit unserer großen Denker und Dichter war das Judentum nicht beteiligt gewesen; das bescheidene Licht eines Moses Mendelssohn hatte seiner »Nation« vergebens den Weg in das deutsche Geistesleben zu erhellen gesucht. Und als just in den Jahren, wo Heinrich Marx zum Christentum übertrat, ein Kreis junger Juden in Berlin die Bestrebungen Mendelssohns wieder aufnahm, geschah es mit dem gleichen Mißerfolge, obgleich sich Männer wie Eduard Gans und Heinrich Heine unter ihnen befanden. Gans, der dies Schifflein steuerte, strich sogar zuerst die Flagge und ging zum Christentum über, und wenngleich Heine ihm zunächst einen derben Fluch nachsandte - »Gestern noch ein Held gewesen, Ist man heute schon ein Schurke« -, so war er doch bald darauf selbst gezwungen, den »Eintrittsschein zur europäischen Kultur« zu lösen. Beide haben ihren historischen Anteil an der deutschen Geistesarbeit des Jahrhunderts erworben, während die Namen ihrer Gefährten, die treuer als sie an der Kultivierung des Judentums arbeiteten, vergessen und verschollen sind.

So ist manches lange Jahrzehnt hindurch der Übertritt zum Christentum für die freien Köpfe des Judentums ein zivilisatorischer Fortschritt gewesen. Und nicht anders ist der Religionswechsel zu verstehen, den Heinrich Marx im Jahre 1824 mit seiner Familie vollzog. Möglich, daß auch äußere Umstände nicht die Tat selbst, aber den Zeitpunkt der Tat bestimmt haben. Die jüdische Güterschlächterei, die in der landwirtschaftlichen Krisis der zwanziger Jahre einen heftigen Aufschwung nahm, hatte einen ebenso heftigen Judenhaß auch in den Rheinlanden erregt, und diesen Haß mitzutragen hatte ein Mann von der unantastbaren Redlichkeit des alten Marx weder die Pflicht, noch auch nur - im Hinblick auf seine Kinder - das Recht. Oder der Tod seiner Mutter, der in diese Zeit gefallen sein muß, hat ihn von einer Rücksicht der Pietät befreit, die ganz seinem Charakter entsprochen hätte, oder es mag auch mitgesprochen haben, daß im Jahre des Übertritts sein ältester Sohn das schulpflichtige Alter erreicht hatte.

|10| Mag dem so oder anders sein, so besteht daran kein Zweifel, daß Heinrich Marx sich die freimenschliche Bildung erarbeitet hatte, die ihn von aller jüdischen Befangenheit befreite, und diese Freiheit hat er seinem Karl als wertvolles Erbe hinterlassen. Nichts in den immerhin zahlreichen Briefen, die er an den jungen Studenten gerichtet hat, verrät eine Spur von jüdischer Art oder Unart, sie sind in einem altväterischen, sentimental-weitläufigen Tone gehalten, im Briefstil noch des achtzehnten Jahrhunderts, wo der echte deutsche Mann schwärmte, wenn er liebte, und polterte, wenn er zürnte. Ohne jede spießbürgerliche Beschränktheit gehen sie willig auf die geistigen Interessen des Sohnes ein, nur mit entschiedener und durchaus berechtigter Abneigung gegen dessen Gelüste, sich als »gemeines Poetlein« aufzutun. Bei allem Schwelgen in den Gedanken an die Zukunft seines Karl kann sich freilich der alte Herr mit »seinen gebleichten Haaren und ein wenig gebeugtem Gemüt« doch nicht ganz des Gedankens entschlagen, ob das Herz dem Kopfe des Sohnes entspreche, ob es Raum für die irdischen, aber sanfteren Gefühle habe, die in diesem Jammertale den Menschen so wesentlich trostreich seien.

In seinem Sinne waren seine Zweifel wohl berechtigt; die echte Liebe, womit er den Sohn »im Innersten seines Herzens« trug, machte ihn nicht blind, sondern hellseherisch. Aber wie der Mensch niemals die letzten Folgen seines Tuns zu überblicken vermag, so hat Heinrich Marx nicht daran gedacht und nicht daran denken können, wie er durch das reiche Maß bürgerlicher Bildung, das er dem Söhne als kostbare Mitgift fürs Leben gab, doch nur den gefürchteten »Dämon« entbinden half, von dem er zweifelte, ob er »himmlischer« oder »faustischer« Natur sei. Wieviel hat Karl Marx im Elternhause schon spielend überwunden, was einem Heine oder einem Lassalle die ersten und schwersten Lebenskämpfe gekostet hat, Kämpfe, deren Wunden bei beiden niemals völlig verharscht sind!

Was die Schule dem heranwachsenden Knaben mitgegeben hat, läßt sich weniger klar erkennen. Karl Marx hat niemals von einem seiner Schulkameraden gesprochen, und so liegt auch von keinem dieser Kameraden eine Kunde über ihn vor. Früh genug hat er das Gymnasium seiner Vaterstadt durchlaufen; sein Abiturientenzeugnis ist vom 24. September [bei Mehring: 25. August] 1835 datiert. Es begleitet den hoffnungsvollen Jüngling in üblicher Weise mit seinen Segenswünschen, mit schablonenhaften Urteilen über die Leistungen in den einzelnen Fächern. Jedoch hebt es besonders hervor, daß Karl Marx häufig auch die schwierigeren Stellen der alten Klassiker zu übersetzen und zu erklären |11| gewußt habe, besonders solche, wo die Schwierigkeit nicht so sehr in der Eigentümlichkeit der Sprache, als in der Sache und dem Gedankenzusammenhange bestehe; sein lateinischer Aufsatz zeige in sachlicher Hinsicht Reichtum an Gedanken und tieferes Eindringen in den Gegenstand, sei aber häufig mit Ungehörigem überladen.

In der eigentlichen Prüfung wollte es mit der Religion nicht gehen, aber auch mit der Geschichte nicht. Im deutschen Aufsatze jedoch fand sich ein Gedanke, der den prüfenden Lehrern schon als »interessant« erschien und uns noch viel interessanter erscheinen muß. Als Thema war gestellt »Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl eines Berufs«. Das Urteil lautete, die Arbeit empfehle sich durch Gedankenreichtum und gute planmäßige Anordnung, sonst verfalle der Verfasser auch hier in den ihm gewöhnlichen Fehler, ein übertriebenes Suchen nach einem seltenen, bilderreichen Ausdruck. Dann aber wird wörtlich der Satz hervorgehoben: »Wir können nicht immer den Stand ergreifen, zu dem wir uns berufen glauben; unsere Verhältnisse in der Gesellschaft haben einigermaßen schon begonnen, ehe wir sie zu bestimmen imstande sind.« So kündigte sich in dem Knaben das erste Wetterleuchten des Gedankens an, den allseitig zu entwickeln das unsterbliche Verdienst des Mannes werden sollte.

 

2. Jenny von Westphalen

Im Herbste 1833 bezog Karl Marx die Universität Bonn, wo er ein Jahr lang vielleicht weniger Rechtswissenschaft studiert, als sich »Studierens halber« aufgehalten hat.

Unmittelbare Kunde liegt auch über diese Zeit nicht vor, aber so wie sie sich in den Briefen des Vaters spiegelt, scheint sich das junge Blut ein wenig ausgeschäumt zu haben. Von einem »wilden Toben« schrieb der Alte erst später in einer sehr ärgerlichen Stunde; zur Zeit klagte er nur über die »Rechnungen à la Karl, ohne Zusammenhang, ohne Resultat«, und mit diesen Rechnungen hat es auch später bei dem klassischen Theoretiker des Geldes nie recht stimmen wollen.

Nach dem lustigen Jahre in Bonn sah es vollends einem studentischen Geniestreiche gleich, als sich Karl Marx, in dem gesegneten Alter von achtzehn Jahren, mit einer Gespielin seiner Kinderjahre verlobte, einer vertrauten Freundin seiner älteren Schwester Sophie, die dem Bunde der jungen Merzen die Wege ebnen half. In der Tat aber war es der erste und schönste Sieg, den dieser geborene Herrscher über Menschen |12| davontrug; ein Sieg, der dem eigenen Vater ganz »unbegreiflich« erschien, bis er ihm erklärlicher wurde durch die Entdeckung, daß die Braut auch »etwas Genialisches« hätte und Opfer zu bringen verstünde, deren gewöhnliche Mädchen nicht fähig wären.

Wirklich war Jenny von Westphalen ein Mädchen nicht nur von ungewöhnlicher Schönheit, sondern auch von ungewöhnlichem Geist und ungewöhnlichem Charakter. Vier Jahre älter als Karl Marx, stand sie doch erst im Anfange der zwanziger Jahre; im vollen Schmelz ihre jungen Schönheit war sie viel gefeiert und viel umworben, und als die Tochter eines hochgestellten Beamten einer glänzenden Zukunft sicher. Alle diese Aussichten opferte sie, wie der alte Marx meinte, einer »gefahrvollen und unsicheren Zukunft«, und er glaubte mitunter auch an ihr die ahnungsschwere Furcht zu beobachten, die ihn beunruhigte. Aber er war des »Engelsmädchens«, der »Zauberin« so sicher, daß er den Sohne zuschwor, kein Fürst werde sie ihm abwenden.

Die Zukunft gestaltete sich viel gefahrvoller und unsicherer, als Heinrich Marx in seinen bängsten Träumen vorhergesehen hatte, jedoch Jenny von Westphalen, deren Jugendbildnis von kindlicher Anmut strahlt, hat mit dem unbeugsamen Mut einer Heldin zu dem Mann ihrer Wahl gehalten, mitten in den furchtbarsten Leiden und Qualen. Nicht vielleicht im hausbackenen Sinne des Wortes hat sie ihm die schwere Last seines Lebens erleichtert, denn, ein verwöhntes Kind des Glückes, war sie den kleinen Miseren des täglichen Lebens nicht immer so gewachsen, wie es eine wetterfeste Proletarierin gewesen sein würde, aber in dem hohen Sinne, womit sie das Werk seines Lebens erfaßte, ist sie ihm eine ebenbürtige Gefährtin geworden. In allen ihren Briefen soviel ihrer erhalten sind, weht ein Hauch echter Weiblichkeit; sie war eine Natur im Sinne Goethes, gleich wahr in jeder Stimmung ihres Gemüts, in dem entzückenden Plauderton heiterer Tage wie in dem tragischen Schmerz der Niobe, der das Elend ein Kind entriß, ohne daß sie ihm auch nur ein bescheidenes Grab betten konnte. Ihre Schönheit war der Stolz ihres Mannes, und als ihre Geschicke nahezu schon ein Menschenalter verkettet waren, schrieb er ihr 1863 aus Trier, wo er zum Begräbnis seiner Mutter weilte: »Ich bin täglich zum alten Westphalenhause gewallfahrtet (in der Römerstraße), das mich mehr interessiert hat als alle römischen Altertümer, weil es mich an die glückliche Jugendzeit erinnert und meinen besten Schatz barg. Außerdem fragt man mich täglich, links und rechts, nach dem quondam ›schönsten Mädchen von Trier‹ und der ›Ballkönigin‹. Es ist verdammt angenehm für einen Mann, wenn seine Frau in der Phantasie einer ganzen Stadt so als ›verwunschene |13|* Prinzessin‹ fortlebt.« So auch hat der sterbende Mann, wie fremd ihm immer alle Sentimentalität geblieben ist, in wehmütig erschütterndem Ton von dem schönsten Teil seines Lebens gesprochen, der ihm in dieser Frau beschlossen gewesen sei.

Die jungen Leute verlobten sich zunächst, ohne die Eltern der Braut zu fragen, was seinem gewissenhaften Vater nicht geringe Bedenken erregte. Aber nicht lange danach gaben auch sie ihre Zustimmung. Der Geheime Regierungsrat Ludwig von Westphalen gehörte trotz seines Namens und Titels weder zum ostelbischen Junkertum noch zur altpreußischen Bürokratie. Sein Vater war jener Philipp Westphalen, der zu den merkwürdigsten Gestalten der Kriegsgeschichte zählt. Bürgerlicher Geheimsekretär des Herzogs Ferdinand von Braunschweig, der im siebenjährigen Kriege an der Spitze eines bunt zusammengewürfelten, von englischem Gelde besoldeten Heeres das westliche Deutschland erfolgreich vor den Eroberungsgelüsten Ludwigs XV. und seiner Pompadour schützte, hatte sich Philipp Westphalen zum tatsächlichen Generalstabschef des Herzogs zu machen verstanden, allen deutschen und englischen Generalen des Heeres zum Trotz. Seine Verdienste waren so anerkannt, daß ihn der König von England zum Generaladjutanten von der Armee ernennen wollte, was Philipp Westphalen jedoch ablehnte. Nur soweit mußte er seinen bürgerlichen Sinn zähmen, daß er den Adel »genehmigte«: aus ähnlichen Gründen, wie sich ein Herder oder Schiller zu dieser Erniedrigung bequemen mußte: um die Tochter einer schottischen Baronsfamilie heiraten zu können, die im Feldlager des Herzogs Ferdinand erschienen war, zum Besuch ihrer mit einem General der englischen Hilfstruppen vermählten Schwester.

Ein Sohn dieses Paares war Ludwig von Westphalen. Hatte er von seinem Vater einen historischen Namen geerbt, so reichte auch die Ahnenreihe der Mutter zu großen historischen Erinnerungen herauf; einer ihrer Vorfahren in gerade aufsteigender Linie hatte im Kampfe für die Einführung der Reformation in Schottland den Scheiterhaufen bestiegen, ein anderer, der Earl Archibald Argyle, war als Rebeller im Freiheitskampfe gegen Jakob II. auf dem Marktplatze in Edinburgh enthauptet worden. Mit solchen Familienüberlieferungen entwuchs Ludwig von Westphalen von vornherein den Dunstkreisen des bettelstolzen Junkertums und der dünkelhaften Bürokratie. Ursprünglich in braunschweigischen Diensten, hatte er sich nicht bedacht, diese Dienste fortzusetzen, als das kleine Herzogtum von Napoleon zum Königreich Westfalen geschlagen worden war, da ihm offenbar weniger an dem angestammten Welfen lag als an den Reformen, mit denen die französische |14| Eroberung die verrotteten Zustände seines Heimatländchens heilte. Der Fremdherrschaft selbst blieb er deshalb nicht weniger abgeneigt und hatte im Jahre 1813 die harte Hand des Marschalls Davoust zu spüren. Vor Landrat in Salzwedel, wo ihm seine Tochter Jenny am 12. Februar 1814 geboren wurde, war er dann zwei Jahre später als Rat an die Regierung in Trier versetzt worden; im ersten Eifer besaß der preußische Staatskanzler Hardenberg noch die Erkenntnis, daß die tüchtigsten, von junkerlichen Schrullen freiesten Köpfe in die neugewonnenen Rheinland geworfen werden müßten, die mit ihrem Herzen immer noch an Frankreich hingen.

Karl Marx hat Zeit seines Lebens von diesem Manne mit größter Anhänglichkeit und Dankbarkeit gesprochen. Nicht nur als sein Schwiegersohn, hat er ihn seinen »teuren, väterlichen Freund« genannt und ihn seiner »kindlichen Liebe« versichert. Westphalen konnte ganze Gesänge Homers vom Anfang bis zum Ende hersagen; er kannte die meisten Dramen Shakespeares englisch wie deutsch auswendig; aus dem »alten Westphalenhause« holte sich Karl Marx viele Anregungen, die ihm das eigne Haus nicht bieten konnte und noch viel weniger die Schule. Er selbst ist schon von früh auf ein Liebling Westphalens gewesen, der seine Einwilligung in die Verlobung auch in der Erinnerung an die glücklich Ehe der eignen Eltern gegeben haben mag; im Sinne der Welt hatte die Tochter der altadeligen Baronsfamilie ebenfalls eine schlechte Partie gemacht, als sie sich mit dem armen bürgerlichen Geheimsekretär verband.

In dem ältesten Sohne Ludwig von Westphalens ist die Gesinnung des Vaters nicht lebendig geblieben. Er war ein bürokratischer Streber und schlimmeres als das; in der Reaktionszeit der fünfziger Jahre hat er als preußischer Minister des Innern die feudalen Ansprüche des verstocktesten Zaunjunkertums sogar gegen den Ministerpräsidenten Manteuffel vertreten, der immerhin ein gewitzter Bürokrat war. Mit seiner Schwester Jenny hat dieser Ferdinand von Westphalen in keinen engeren Beziehungen gestanden, zumal da er fünfzehn Jahre älter als sie und auch nur, als Sohn aus einer ersten Ehe des Vaters, ihr Halbbruder war.

Ihr echter Bruder war dagegen Edgar von Westphalen, der nach links von den Pfaden des Vaters abwich wie Ferdinand nach rechts. Er ha gelegentlich die kommunistischen Kundgebungen seines Schwagers Marx mitunterzeichnet. Ein steter Gefährte ist er ihm freilich nicht geworden; er ging über das große Wasser, hatte dort wechselnde Schicksale, kehrte zurück, tauchte bald hier, bald dort auf, ein rechter Wildling, wo man von ihm hört. Aber ein treues Herz hat er immer für Jenny und Karl Marx gehabt, und sie haben ihren ersten Sohn nach ihm genannt.

 

 

 

Zweites Kapitel:

Der Schüler Hegels

 

1. Das erste Jahr in Berlin

|15| Schon ehe Karl Marx sich verlobte, hatte sein Vater bestimmt, daß er seine Studien in Berlin fortsetzen solle; vom 1. Juli 1836 ist der noch erhaltene Schein datiert, worin Heinrich Marx nicht nur die Erlaubnis erteilt, sondern es auch für seinen Willen erklärt, daß sein Sohn Karl im nächsten Semester die Universität Berlin beziehe, um die in Bonn angefangenen Studien der Rechts- und Kameralwissenschaft fortzusetzen.

Die Verlobung selbst wird diesen Entschluß des Vaters eher bestärkt als geschwächt haben; bei ihren langen Aussichten hat sein bedächtiges Wesen vorläufig wohl eine weite Trennung der Liebenden als ratsam erwogen. Sonst mag er bei der Wahl Berlins durch seinen preußischen Patriotismus bestimmt worden sein und auch dadurch, daß die Berliner Universität die alte Burschenherrlichkeit nicht kannte, die Karl Marx nach der vorsorglichen Meinung des Alten genügend in Bonn ausgekostet hatte; »wahre Kneipen sind andere Universitäten gegen das hiesige Arbeitshaus«, meinte Ludwig Feuerbach.

Keinesfalls hat der junge Student selbst sich für Berlin entschieden. Karl Marx liebte seine sonnige Heimat, und die preußische Hauptstadt ist ihm all sein Lebtag widrig gewesen. Am wenigsten konnte ihn die Philosophie Hegels anziehen, die nach dem Tode ihres Stifters die Berliner Universität noch unumschränkter beherrschte als schon bei dessen Lebzeiten, denn sie war ihm vollkommen fremd. Dazu kam die weite Entfernung von der Geliebten. Er hatte zwar versprochen, sich mit ihrem Jawort für die Zukunft zu begnügen und allen äußeren Liebeszeichen für die Gegenwart zu entsagen. Aber selbst unter ihresgleichen genießen solche Schwüre der Liebenden den besonderen Vorzug, ins Wasser geschrieben zu sein; seinen Kindern hat Karl Marx später erzählt, er sei damals in der Liebe zu ihrer Mutter ein wahrer rasender Roland gewesen, und so ruhte das junge glühende Herz nicht eher, bis ihm gestattet wurde, Briefe mit seiner Braut zu wechseln.

Allein den ersten Brief von ihr erhielt er doch erst, als er bereits ein Jahr in Berlin geweilt hatte, und über dies Jahr sind wir in gewisser |16| Beziehung genauer unterrichtet, als über irgendeines seiner früheren oder späteren Lebensjahre: durch einen umfangreichen Brief, den er am 10. November 1837 an seine Eltern richtete, um ihnen »am Schlusse eines hier verlebten Jahres einen Blick auf die Zustände desselben« zu gewähren. Die merkwürdige Urkunde zeigt uns im Jüngling schon den ganzen Mann, der bis zur völligen Erschöpfung seiner geistigen und körperlichen Kräfte um die Wahrheit ringt: seinen unersättlichen Wissensdurst, seine unerschöpfliche Arbeitskraft, seine unerbittliche Selbstkritik und jenen kämpfenden Geist, der das Herz, wo es geirrt zu haben schien, doch nur übertäubte.

Am 22. Oktober 1836 war Karl Marx immatrikuliert worden. Um die akademischen Vorlesungen hat er sich nicht viel gekümmert; in neun Semestern hat er ihrer nicht mehr als zwölf belegt, hauptsächlich juristische Pflichtkollegien, und selbst von ihnen vermutlich wenige gehört. Von den offiziellen Universitätslehrern hat wohl nur Eduard Gans einigen Einfluß auf seine geistige Entwicklung gehabt. Er hörte bei Gans Kriminalrecht und Preußisches Landrecht, und Gans selbst hat den »ausgezeichneten Fleiß« bezeugt, womit Karl Marx die beiden Vorlesungen besucht habe. Beweiskräftiger als solche Zeugnisse, bei denen es sehr menschlich herzugehen pflegt, ist die schonungslose Polemik, die Marx in seinen ersten Schriften gegen die Historische Rechtsschule führte, gegen deren Enge und Dumpfheit, gegen deren schädlichen Einfluß auf Gesetzgebung und Rechtsentwicklung der philosophisch gebildete Jurist Gans seine beredte Stimme erhoben hatte.

Jedoch betrieb Marx nach seiner eigenen Angabe das Fachstudium der Jurisprudenz nur als untergeordnete Disziplin neben Geschichte und Philosophie, und in diesen beiden Fächern hat sich Marx überhaupt um keine Vorlesungen gekümmert, sondern nur das übliche Pflichtkolleg über Logik wenigstens belegt, bei Gabler, dem offiziellen Nachfolger Hegels, aber dem mittelmäßigsten unter dessen mittelmäßigen Nachbetern. Als denkender Kopf hat Marx schon auf der Universität selbständig gearbeitet, und in zwei Semestern einen Wissensstoff bewältigt, den in der langsamen Stallfütterung der akademischen Vorlesungen zu verarbeiten nicht zwanzig Semester genügt haben würden.

Nach seiner Ankunft in Berlin verlangte zunächst die »neue Welt der Liebe« ihr Recht. »Sehnsuchtstrunken und hoffnungsleer« entlud sie sich in drei Heften Gedichte, die alle »meiner teuren, ewig geliebten Jenny von Westphalen« gewidmet wurden. In deren Händen waren sie schon im Dezember 1836, mit »Tränen der Wonne und des Schmerzes begrüßt«, wie Schwester Sophie nach Berlin meldete. Der Dichter selbst |17| urteilte ein Jahr später, in dem großen Briefe an die Eltern, sehr respektlos über diese Kinder seiner Muse. »Breit und formlos geschlagenes Gefühl, nichts Naturhaftes, alles aus dem Mond konstruiert, der völlige Gegensatz von dem, was da ist und dem, was sein soll, rhetorische Reflektionen statt poetischer Gedanken«: dies ganze Sündenregister entrollte der junge Dichter selbst, und wenn er »vielleicht auch eine gewisse Wärme der Empfindung und Ringen nach Schwung« als mildernden Umstand geltend machen möchte, so trafen diese löblicheren Eigenschaften doch nur etwa in dem Sinn und Umfange zu wie bei den Lauraliedern Schillers.

Im allgemeinen atmen seine jugendlichen Gedichte eine triviale Romantik, durch die selten ein echter Ton klingt. Dabei ist die Technik des Verses so unbeholfen und ungelenk, wie sie eigentlich nicht mehr sein durfte, nachdem Heine und Platen gesungen hatten. Auf so seltsamen Irrwegen begann sich das künstlerische Vermögen zu entwickeln, das Marx in reichem Maße besaß und gerade auch in seinen wissenschaftlichen Werken bekundete. Wie er in der Bildkraft seiner Sprache an die ersten Meister der deutschen Literatur heranreichte, so legte er hohen Wert auf das ästhetische Gleichmaß seiner Schriften, ungleich den dürftigen Geistern, denen lederne Langeweile die erste Bürgschaft gelehrten Schaffens ist. Aber unter den mannigfachen Spenden, die ihm die Musen in seine Wiege gelegt hatten, befand sich doch nicht die Gabe der gebundenen Rede.

Allein, wie er seinen Eltern in dem großen Briefe vom 10. November 1837 schrieb: die Poesie durfte nur Begleitung sein; er mußte Jurisprudenz studieren und fühlte vor allem Drang, mit der Philosophie zu ringen. Er nahm Heineccius, Thibaut und die Quellen durch, übersetzte die beiden ersten Pandektenbücher ins Deutsche und suchte eine Rechtsphilosophie auf dem Gebiete des Rechts zu begründen. Dies »unglückliche Opus« wollte er bis auf beinahe dreihundert Bogen geführt haben, was vielleicht doch nur auf einem Schreibfehler beruht. Am Schlusse sah er die »Falschheit des Ganzen« ein und warf sich der Philosophie in die Arme, um ein neues metaphysisches System zu entwerfen, an dessen Schlusse er abermals seiner bisherigen Bestrebungen Verkehrtheit einzusehen gezwungen war. Daneben hatte er die Gewohnheit, sich Auszüge aus allen Büchern zu machen, die er las, so aus Lessings »Laokoon«, Solgers »Erwin«, Winckelmanns »Kunstgeschichte«, Ludens »Deutscher Geschichte«, und so nebenbei Reflektionen niederzukritzeln. Zugleich übersetzte er die »Germania« des Tacitus, die »Trauergesänge« des Ovid und fing privatim, das heißt aus Grammatiken, Englisch und Italienisch zu |18| lernen an, worin er noch nichts erreichte, las Kleins »Kriminalrecht« und seine Annalen und alles Neueste der Literatur, doch dies nur nebenhin. Den Schluß des Semesters bildeten dann wieder »Musentänze und Satyrmusik«, wobei ihm plötzlich das Reich der wahren Poesie wie ein ferner Feenpalast entgegenblitzte und alle seine Schöpfungen in nichts zerfielen.

Danach war das Ergebnis dieses ersten Semesters, daß »viele Nächte durchwacht, viele Kämpfe durchstritten, viele innere und äußere Anregung erduldet«, aber doch nicht viel gewonnen, Natur, Kunst, Welt vernachlässigt und Freunde abgestoßen worden waren. Auch litt der jugendliche Körper unter der Überanstrengung, und auf ärztlichen Rat siedelte Marx nach Stralau über, das damals noch ein ruhiges Fischerdorf war. Hier erholte er sich schnell, und nun begann das geistige Ringen von neuem. Auch im zweiten Semester wurden Massen des verschiedenartigsten Wissensstoffes durchgenommen, jedoch immer deutlicher zeichnete sich Hegels Philosophie als der ruhende Pol in der Flucht der Erscheinungen ab. Als Marx sie zuerst in Fragmenten kennenlernte, wollte ihm ihre »groteske Felsenmelodie« nicht behagen, aber während einer neuen Erkrankung studierte er sie von Anfang bis zu Ende und geriet zudem in einen »Doktorklub« von jungen Hegelianern, wo er sich im Streite der Meinungen immer fester »an die jetzige Weltphilosophie» kettete, freilich nicht ohne daß alles Klangreiche in ihm verstummte und ihn »eine wahre Ironiewut nach so viel Negiertem« befiel.

Alles das offenbarte Karl Marx seinen Eltern und schloß mit der Bitte, sofort - und nicht erst zu Ostern des nächsten Jahres, wie ihm der Vater schon erlaubt hatte - nach Hause kommen zu dürfen. Er wollte sich mit dem Vater aussprechen über die »vielfach hin- und hergeworfene Gestaltung« seines Gemüts; nur in der »lieben Nähe« der Eltern würde er die »aufgeregten Gespenster« besänftigen können.

So wertvoll uns heute dieser Brief ist als ein Spiegel, worin wir den jungen Marx leibhaftig erblicken, so schlecht wurde er in dem elterlichen Hause empfangen. Der schon kränkelnde Vater sah den »Dämon« vor sich, den er immer in dem Sohne gefürchtet hatte, den er doppelt fürchtete, seitdem er eine »gewisse Person« wie sein eigenes Kind liebte, seitdem eine sehr ehrwürdige Familie veranlaßt war, ein Verhältnis gutzuheißen, das anscheinend und nach dem gewöhnlichen Weltenlauf für dieses geliebte Kind voller Gefahren und trüber Aussichten war. Er war nie so eigensinnig gewesen, dem Sohne den Lebensweg vorzuschreiben, wenn es anders nur ein Weg war, der dazu führen konnte, »heilige Verpflichtungen« zu erfüllen; aber was er nun vor sich sah, war eine stürmisch bewegte See ohne jeden sicheren Ankergrund.

|19| So entschloß er sich, trotz seiner »Schwäche«, die er selbst am besten kannte, »einmal hart« zu sein, und wurde in seiner Antwort vom 1. [bei Mehring: 9.] Dezember »hart« nach seiner Weise, maßlos übertreibend und dazwischen wehmütig seufzend. Er fragte, wie der Sohn seine Aufgabe gelöst habe, und antwortete selbst: »Das sei Gott geklagt!!! Ordnungslosigkeit, dumpfes Herumschweben in allen Teilen des Wissens, dumpfes Brüten bei der düsteren Öllampe; Verwilderung im gelehrten Schlafrock und ungekämmten Haaren statt der Verwilderung bei dem Bierglase; zurückscheuchende Ungeselligkeit mit Hintansetzung alles Anstandes und selbst aller Rücksicht gegen den Vater - die Kunst, mit der Welt zu verkehren, auf die schmutzige Stube beschränkt, wo vielleicht in der klassischen Unordnung die Liebesbriefe einer Jenny und die wohlgemeinten, und vielleicht mit Tränen geschriebenen Ermahnungen des Vaters zum Fidibus verwandt werden, was übrigens besser wäre, als wenn sie durch noch unverantwortlichere Unordnung in die Hände Dritter kämen.« Dann übermannt ihn die Wehmut, und er stärkt sich durch die Pillen, die ihm der Arzt verschrieben hat, um unbarmherzig zu bleiben. Die schlechte Wirtschaft Karls wird schwer getadelt. »Als wären wir Goldmännchen, verfügt der Herr Sohn in einem Jahre für beinahe 700 Taler, gegen alle Abrede, gegen alle Gebräuche, während die Reichsten keine 500 ausgeben.« Gewiß sei Karl kein Prasser und kein Verschwender, aber wie könne ein Mann, der alle acht oder vierzehn Tage neue Systeme erfinden und die alten zerreißen müsse, sich mit solchen Kleinigkeiten abgeben? Jeder habe die Hand in seiner Tasche und jeder hintergehe ihn.

In dieser Art ging es noch eine gute Strecke weiter, und zuletzt lehnte der Vater unerbittlich den Besuch Karls ab. »In diesem Augenblick hierher zu kommen, wäre Unsinn. Ich weiß zwar, daß Du Dir wenig aus Vorlesungen machst - wahrscheinlich doch bezahlst -, aber ich will wenigstens das Dekorum beobachten. Ich bin gewiß kein Sklave der Meinung, aber ich liebe auch nicht, daß auf meine Kosten geklatscht werde.« Zu den Osterferien dürfe Karl kommen, oder auch zehn Tage früher, denn so pedantisch wolle der Vater nicht sein.

Durch alle seine Klagen klang der Vorwurf, daß es dem Sohne an Herz fehle, und wie dieser Vorwurf wieder und wieder gegen Karl Marx erhoben worden ist, so mag hier, wo er zum erstenmal ertönt und noch am ehesten ertönen durfte, gleich das Wenige gesagt werden, was darüber gesagt werden kann. Mit dem modischen Schlagwort vom »Rechte des Auslebens«, das eine verzärtelte Kultur erfunden hat, um eine feige Eigenliebe zu beschönigen, ist natürlich nichts gesagt; und |20| nicht viel mehr auch mit dem älteren Worte von dem »Rechte des Genius«, der sich mehr erlauben dürfe als gewöhnliche Menschenkinder. Bei Karl Marx entsprang das unablässige Ringen um die höchste Erkenntnis vielmehr der tiefsten Empfindung des Herzens; er war nicht, wie er sich einmal derb ausgedrückt hat, Ochse genug, um den »Menschheitsqualen« den Rücken zu kehren, oder wie schon Hutten den gleichen Gedanken ausgedrückt hat: Gott hatte ihn mit dem Gemüt beschwert, daß ihm gemeiner Schmerz weher tue und tiefer zu Herzen gehe als anderen. Kein einzelner hat je soviel geleistet, die Wurzeln der »Menschheitsqualen« zu zerstören als Karl Marx. Wie sein Lebensschiff auf hoher See kreuzte, im Sturm und Wetter und im ewigen Kugelregen der Feinde, so hat seine Fahne immer hoch am Maste geflattert, aber ein behagliches Leben an Bord ist es nicht gewesen, weder für den Kapitän, noch für die Mannschaft.

Deshalb war Marx nicht gefühllos gegen die Seinen. Der kämpfende Geist konnte die Empfindungen des Herzens wohl übertäuben, aber niemals ersticken, und oft hat noch der reife Mann schmerzlich beklagt, daß die ihm am nächsten standen, unter den ehernen Losen seines Lebens schwerer zu leiden hätten als er selbst. Auch der junge Student war nicht taub gegen die Notschreie seines Vaters; er verzichtete nicht nur auf den sofortigen Besuch in Trier, sondern auch auf die Osterreise, zum Kummer der Mutter, aber zur großen Genugtuung des Vaters, dessen Groll sich nun schnell zu besänftigen begann. Er hielt zwar an seinen Klagen fest, aber ihre Übertreibungen gab er preis; in der Kunst, abstrakt zu räsonieren, könne er es mit Karl doch nicht aufnehmen, und um die Terminologie zu studieren, bevor er nun gar ins Heiligtum eindringen könne, dazu sei er zu alt. Nur in einem Punkte wolle alles Transzendente nicht helfen, und da beobachte der Sohn klugerweise ein vornehmes Schweigen, nämlich über das lumpige Geld, dessen Wert für einen Familienvater er immer noch nicht zu kennen scheine. Aber aus Müdigkeit wollte der Vater die Waffen niederlegen, und das Wort hatte einen ernsteren Sinn, als es nach dem leisen Humor zu haben schien, der schon wieder durch die Zeilen dieses Briefes spielte.

Er ist vom 10. Februar 1838 datiert, als Heinrich Marx sich eben von einem fünfwöchigen Krankenlager erhoben hatte. Es war keine dauernde Besserung; die Krankheit, anscheinend ein Leberleiden, kehrte wieder und nahm zu, bis gerade ein Vierteljahr später, am 10. Mai 1838, der Tod eintrat. Er kam zur rechten Zeit, um diesem Vaterherzen die Enttäuschungen zu ersparen, an denen es Stück für Stück zerbrochen wäre.

|21| Karl Marx aber hat immer dankbar empfunden, was ihm sein Vater gewesen war. Wie dieser ihn im Innersten des Herzens getragen hatte, so trug er ein Bild des Vaters auf seinem Herzen, bis er es mit ins eigene Grab nahm.

 

2. Die Junghegelianer

Vom Frühjahr 1838, wo er den Vater verlor, hat Karl Marx noch drei Jahre in Berlin verlebt, in dem Kreise des Doktorklubs, dessen geistiges Leben ihm die Geheimnisse der Hegelschen Philosophie erschlossen hatte.

Diese Philosophie galt damals noch als preußische Staatsphilosophie. Der Kultusminister Altenstein und sein Geheimrat Johannes Schulze hatten sie unter ihren besonderen Schutz genommen. Hegel verherrlichte den Staat als die Wirklichkeit der sittlichen Idee, als das absolut Vernünftige und den absoluten Selbstzweck, daher als das höchste Recht gegen die einzelnen, deren höchste Pflicht es sei, Mitglieder des Staats zu sein. Diese Lehre vom Staat schmeichelte sich der preußischen Bürokratie ausnehmend ein; warf sie doch einen verklärenden Schein selbst auf die Sünden der Demagogenjagd!

Hegel beging mit ihr auch keineswegs eine Heuchelei, denn es erklärte sich aus seiner politischen Entwicklung, daß ihm die Monarchie, in der die Staatsdiener das Beste tun müßten, als die idealste Staatsform galt; allenfalls eine gewisse mittelbare Mitherrschaft der herrschenden Klassen hielt er daneben für notwendig, doch nur in ständischer Beschränkung; von einer allgemeinen Volksvertretung im modern-konstitutionellen Sinne wollte er so wenig wissen wie der preußische König und dessen Orakel Metternich.

Aber das System, das sich Hegel für seine Person zurechtgemacht hatte, stand in unversöhnlichem Widerspruch mit der dialektischen Methode, die er als Philosoph vertrat. Mit dem Begriffe des Seins ist auch der Begriff des Nichts gegeben, und aus dem Kampfe beider entsteht der höhere Begriff des Werdens. Alles ist und ist zugleich nicht, denn alles fließt, ist in steter Veränderung, in stetem Werden und Vergehen begriffen. So war die Geschichte ein in ewiger Umwälzung begriffener, von Niederem zu Höherem aufsteigender Entwicklungsprozeß, den Hegel mit seiner universalen Bildung in den verschiedensten Fächern der historischen Wissenschaft nachzuweisen unternahm, wenn auch nur in der seiner idealistischen Anschauung entsprechenden Form, daß sich |22| in allem geschichtlichen Geschehen die absolute Idee auswirke, die Hegel für die belebende Seele der ganzen Welt erklärte, ohne sonst etwas von ihr auszusagen.

Danach konnte das Bündnis zwischen der Philosophie Hegels und dem Staat der Friedrich Wilhelme nur eine Vernunftehe sein, die gerade so lange währte, wie sich beide Teile gegenseitig ihre Vernunft bescheinigten. Das ging etwa an in den Tagen der Karlsbader Beschlüsse und der Demagogenverfolgungen, aber schon die Julirevolution von 1830 gab der europäischen Entwicklung einen so starken Stoß nach vorwärts, daß Hegels Methode sich ungleich waschechter erwies als sein System. Sobald die immerhin noch schwachen Wirkungen der Julirevolution auf Deutschland erstickt worden waren und die Ruhe des Kirchhofs wieder über dem Volke der Dichter und Denker lag, beeilte sich das preußische Junkertum, den alten verschlissenen Kram der mittelalterlichen Romantik nochmals gegen die moderne Philosophie auszuspielen. Das wurde ihm um so leichter, als die Bewunderung Hegels weniger seine Sache, als die Sache der halbwegs aufgeklärten Bürokratie gewesen war, und Hegel, bei aller Verherrlichung des Beamtenstaats, doch gar nichts dazu getan hatte, dem Volke die Religion zu erhalten, was nun einmal das A und O der feudalen Überlieferung war und im letzten Grunde aller ausbeutenden Klassen ist.

Auf religiösem Gebiete erfolgte dann auch der erste Zusammenstoß. Hatte Hegel gemeint, die heiligen Geschichten der Bibel seien wie profane zu betrachten, den Glauben gehe das Wissen gemeiner, wirklicher Geschichten nichts an, so machte David Strauß, ein junger Schwabe, nun vollen Ernst mit dem Worte des Meisters. Er forderte, daß die evangelische Geschichte der historischen Kritik preiszugeben sei, und bewies die Berechtigung seiner Forderung durch sein »Leben Jesu«, das 1835 erschien und ungeheures Aufsehen erregte. Strauß knüpfte damit an die bürgerliche Aufklärung an, über deren »Aufkläricht« sich Hegel allzu verächtlich ausgesprochen hatte. Aber die Gabe des dialektischen Denkens gestattete ihm die Frage ungleich tiefer zu fassen als der alte Reimarus, der »Ungenannte« Lessings, sie gefaßt hatte. Strauß sah nicht mehr in der christlichen Religion ein Produkt des Betruges oder in den Aposteln eine Rotte von Gaunern, sondern erklärte die mythischen Bestandteile der Evangelien aus dem bewußtlosen Schaffen der ersten christlichen Gemeinden. Vieles aber aus den Evangelien erkannte er noch als geschichtlichen Bericht über das Leben Jesu und Jesus selbst als geschichtliche Person an, wie er überhaupt in den wichtigsten Punkten immer noch einen geschichtlichen Kern voraussetzte.

|23| Politisch war Strauß vollkommen harmlos und ist es all sein Lebtag geblieben. Ein wenig schärfer klang die politische Note in den »Hallischen Jahrbüchern« an, die Arnold Ruge und Theodor Echtermeyer im Jahre 1838 als Organ der Junghegelianer gründeten. Sie gingen zwar auch von der Literatur und Philosophie aus und wollten zunächst nicht mehr sein als ein Gegengewicht gegen die Berliner Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik, das eingerostete Organ der Althegelianer. Aber Arnold Ruge, hinter den der früh verstorbene Echtermeyer bald zurücktrat, hatte doch schon in der Burschenschaft mitgetan und den Wahnsinn der Demagogenjagd mit sechsjährigem Gefängnis in Köpenick und Kolberg gebüßt. Er hatte dies Schicksal freilich nicht tragisch genommen und sich als Privatdozent in Halle durch glückliche Heiraten eine behagliche Existenz geschaffen, die ihn das preußische Staatswesen trotz alledem für frei und gerecht erklären ließ. Er hätte nichts dagegen einzuwenden gehabt, wenn sich an ihm die boshafte Rede der altpreußischen Mandarinen erfüllt hätte, wonach im Preußischen niemand eine so schnelle Karriere mache wie ein bekehrter Demagoge. Jedoch eben hieran haperte es.

Ruge war kein selbständiger Denker und am wenigsten ein revolutionärer Geist, aber er besaß gerade genug Bildung, Ehrgeiz, Fleiß und Kampflust, um eine wissenschaftliche Zeitung gut zu leiten. Er selbst hat sich einmal nicht unzutreffend einen Großkaufmann des Geistes genannt. Er machte aus seinen »Hallischen Jahrbüchern« einen Sammelplatz aller unruhigen Geister, die nun einmal den - im Interesse aller staatlichen Ordnung leidigen - Vorzug besitzen, das meiste Leben in die Bude der Presse zu bringen. David Strauß fesselte als Mitarbeiter ungleich mehr, als sämtliche Theologen, die mit Spießen und Stangen für die gottgegebene Unfehlbarkeit der Evangelien fochten, die Leser hätten fesseln können. Zwar versicherte Ruge, seine Jahrbücher blieben »Hegelsche Christen und Hegelsche Preußen«, aber der Kultusminister Altenstein, der ohnehin schon von der romantischen Reaktion arg an die Wand gedrückt wurde, traute dem Frieden nicht und ließ sich auf die flehentliche Bitte Ruges um eine staatliche Anstellung als Anerkennung seiner Leistungen nicht ein. So dämmerte den »Hallischen Jahrbüchern« die Erkenntnis auf, daß die Bande gelöst werden müßten, die die preußische Freiheit und Gerechtigkeit gefangen hielten.

Zu den Mitarbeitern der »Hallischen Jahrbücher« gehörten nun auch die Berliner Junghegelianer, in deren Mitte Karl Marx drei Jugendjahre verlebt hat. Der Doktorklub bestand aus Dozenten, Lehrern, Schriftstellern in der ersten Blüte des Mannesalters. Rutenberg, den |24| Karl Marx anfangs in einem Briefe an seinen Vater den »intimsten« seiner Berliner Freunde nannte, hatte am Berliner Kadettenkorps in Geographie unterrichtet, war aber entlassen worden, angeblich weil er eines Morgens betrunken im Rinnstein gelegen hatte, tatsächlich weil er in den Verdacht geraten war, »böswillige« Artikel in Hamburger oder Leipziger Zeitungen veröffentlicht zu haben. Eduard Meyen war an einer kurzlebigen Zeitschrift beteiligt, in der Marx zwei seiner Gedichte veröffentlicht hat, die einzigen glücklicherweise, die je das Licht der Welt erblickt haben. Ob Max Stirner, der an einer Mädchenschule unterrichtete, schon zur Zeit, wo Marx in Berlin studierte, diesem Verein angehört hat, läßt sich nicht sicher feststellen; ein Beweis dafür, daß beide sich persönlich gekannt haben, liegt nicht vor. Auch entbehrt die Frage eines tieferen Interesses, da irgendwelche geistigen Zusammenhänge zwischen Marx und Stirner nicht bestanden haben. Um so stärker ist der Einfluß gewesen, den die geistig hervorragendsten Mitglieder des Doktorklubs auf Marx gehabt haben: Bruno Bauer, der Privatdozent an der Berliner Universität, und Karl Friedrich Köppen, der Lehrer an der Dorotheenstädtischen Realschule war.

Karl Marx zählte kaum zwanzig Jahre, als er sich dem Doktorklub anschloß, aber wie so oft in seinem späteren Leben, wenn er in einen neuen Kreis eintrat, wurde er der belebende Mittelpunkt. Auch Bauer und Köppen, die ihm um etwa zehn Lebensjahre voraus waren, haben in ihm früh die geistig überlegene Kraft erkannt und sich keinen lieberen Kampfgefährten ersehnt als diesen Jüngling, der doch noch viel von ihnen lernen konnte und auch gelernt hat. »Seinem Freunde Karl Heinrich Marx aus Trier« widmete Köppen die ungestüme Kampfschrift, die er im Jahre 1840 zum hundertsten Geburtstage des Königs Friedrich von Preußen veröffentlichte.

Köppen besaß historisches Talent in ungewöhnlich hohem Maße, wovon heute noch seine Beiträge in den »Hallischen Jahrbüchern« zeugen; ihm verdanken wir die erste wirklich geschichtliche Würdigung der roten Schreckenszeit in der großen französischen Revolution. Er wußte die Träger der zeitgenössischen Geschichtsschreibung, die Leo, Ranke, Raumer, Schlosser, der glücklichsten und treffendsten Kritik zu unterziehen. Er selbst hat sich auf den mannigfachsten Gebieten geschichtlicher Forschung versucht, von einer Literarischen Einleitung in die nordische Mythologie, die sich neben die Forschungen Jacob Grimms und Ludwig Uhlands stellen durfte, bis zu einem großen Werk über Buddha, das selbst die Anerkennung Schopenhauers fand, der dem alten Hegelianer sonst nicht grün war. Wenn nun ein Kopf wie Köppen, den ärgsten |25| Despoten der preußischen Geschichte als »wiedergeborenen Geist« herbeiwünschte, um »alle Widersacher, die uns den Eintritt ins Land der Verheißung verwehren, mit flammendem Schwerte zu vertilgen«, so wird man dadurch am schnellsten in die eigentümliche Umwelt versetzt, in der diese Berliner Junghegelianer lebten.

Man darf dabei gewiß zweierlei nicht übersehen. Die romantische Reaktion und alles was ihr anhing, arbeitete mit aller Kraft daran, das Andenken des alten Fritz anzuschwärzen. Es war, wie Köppen meinte, eine »greuliche Katzenmusik: alt- und neutestamentliche Trompeten, moralische Maultrommeln, erbauliche Dudelsäcke, historische Sackpfeifen und andere Schnurrpfeifereien, dazwischen Freiheitshymnen, gebrüllt in urteutonischem Bierbaß«. Ferner aber gab es noch keine kritisch-wissenschaftliche Untersuchung, die dem Leben und den Taten des preußischen Königs einigermaßen gerecht geworden wäre, und konnte es noch nicht geben, da die entscheidend wichtigen Quellen zu seiner Geschichte noch nicht eröffnet waren. Er stand in dem Rufe einer »Aufklärung«, um derentwillen ihn die einen haßten und die andern bewunderten.

In der Tat wollte Köppen mit seiner Schrift wieder der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts aufhelfen; Ruge sagte von Bauer, Köppen und Marx, ihr Kennzeichen sei die Anknüpfung an die bürgerliche Aufklärung; sie schrieben, eine philosophische Bergpartei, das Mene Mene Tekel Upharsin an den deutschen Gewitterhimmel. Köppen wies die »schalen Deklamationen« gegen die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts zurück; trotz ihrer Langweiligkeit verdankten wir den deutschen Aufklärern sehr viel; ihr Mangel sei nur gewesen, daß sie nicht aufgeklärt genug gewesen seien. Das gab Köppen vornehmlich den gedankenlosen Nachbetern Hegels zu bedenken, »den einsamen Büßern des Begriffs«, den »alten Brahmanen der Logik«, die, mit untergeschlagenen Beinen in ewiger Ruhe dasitzend, mit eintönigem Geschnarr die heiligen drei Vedas wieder und wieder läsen und nur dann und wann einen lüsternen Blick hinüberwürfen in die tanzende Bajaderenwelt. In dem Organ der Althegelianer wies denn auch Varnhagen die Schrift Köppens als »ekelhaft« und »widerwärtig« zurück; er mochte sich noch besonders getroffen fühlen durch die derben Worte Köppens über die »Kröten des Sumpfs«, jenes Gewürm ohne Religion, ohne Vaterland, ohne Überzeugung, ohne Gewissen, ohne Herz, ohne Wärme und Kälte, ohne Freude und Schmerz, ohne Liebe und Haß, ohne Gott und Teufel, jene Elenden, die vor den Toren der Hölle umherirrten und selbst für diese zu schlecht seien.

|26| Köppen feierte den »großen König« nur als »großen Philosophen«. Allein dabei geriet er doch tiefer in die Brüche, als selbst nach dem Stande der damaligen Erkenntnis erlaubt war. Er meinte: »Friedrich hatte nicht wie Kant, eine doppelte Vernunft, eine theoretische, die ziemlich aufrichtig und keck mit ihren Bedenklichkeiten und Zweifeln und Negationen hervortritt, und eine praktische, vormundschaftliche, öffentlich angestellte, die wieder gut macht, was jene gesündigt hat und deren Studentenstreiche vertuscht. Nur die schülerhafteste Unreife kann behaupten, daß seine philosophisch-theoretische Vernunft der königlich-praktischen gegenüber als sehr transzendent erscheine, und daß der alte Fritz sich oft des Einsiedlers von Sanssouci wenig erinnert habe. Nie ist vielmehr in ihm der König hinter dem Philosophen zurückgeblieben.« Heute würde jeder, der diese Behauptung Köppens zu wiederholen wagte, sich selbst bei der preußischen Geschichtsschreibung den Vorwurf der schülerhaftesten Unreife zuziehen, aber auch für das Jahr 1840 war es doch schon ein starkes Stück, das aufklärende Lebenswerk eines Mannes wie Kant, unter die aufklärerischen Scherze zu stellen, die der borussische Despot mit den französischen Schöngeistern getrieben hatte, die sich zu seinen Hofnarren hergaben.

Was sich darin kundgab, war die absonderliche Dürftigkeit und Leere des Berliner Lebens, die den dortigen Junghegelianern überhaupt verhängnisvoll geworden ist. Gerade an Köppen, der sich ihrer schließlich noch am ehesten erwehren sollte, trat sie am auffallendsten hervor, zumal in einer Kampfschrift, die mit dem ganzen Herzen geschrieben war. In Berlin fehlte noch der kräftige Rückhalt, den die schon reich entwickelte Industrie der Rheinlande dem bürgerlichen Selbstbewußtsein bot, aber nicht nur hinter Köln, sondern auch hinter Leipzig und selbst Königsberg trat die preußische Hauptstadt zurück, sobald der Kampf der Zeit praktisch zu werden begann. »Sie glauben ungeheuer frei zu sein«, schrieb der Ostpreuße Walesrode von den damaligen Berlinern, »wenn sie Cerf, die Hagen, den König, die Tagesereignisse usw. usw., in den Kaffeehäusern bewitzeln, auf Eckenstehermanier, in der bekannten Tonart.« Berlin war erst eine Militär- und Residenzstadt, deren kleinbürgerliche Bevölkerung sich durch ein boshaft-kleinliches Mundwerk für die feige Unterwürfigkeit entschädigte, die sie öffentlich vor jeder Hofequipage bekundete. Eine rechte Stätte dieser Opposition war der Klatschsalon desselben Varnhagen, der sich schon vor der friderizianischen Aufklärung bekreuzigte, so wie Köppen sie verstand.

Es liegt kein Grund vor, daran zu zweifeln, daß der junge Marx die Auffassungen der Schrift geteilt hat, die seinen Namen der Öffentlichkeit |27|* zuerst in ehrenvoller Weise nannte. Er stand mit Köppen im nächsten Verkehr und hat viel von der schriftstellerischen Art des älteren Kameraden übernommen. Auch sind sie gute Freunde geblieben, obgleich sich ihre Lebenswege schnell trennten; als Marx zwanzig Jahre später einen Besuch in Berlin abstattete, fand er in Köppen »ganz den alten«, und sie feierten frohe Stunden eines ungetrübten Wiedersehens. Nicht lange darauf, im Jahre 1863, ist Köppen gestorben.

 

3. Die Philosophie des Selbstbewußtseins

Das eigentliche Haupt der Berliner Junghegelianer war jedoch nicht Köppen, sondern Bruno Bauer. Als berufener Schüler des Meisters wurde er auch anerkannt, zumal als er sich mit spekulativem Hochmut gegen das schwäbische »Leben Jesu« erklärt und sich von Strauß eine derbe Abfuhr geholt hatte. Der Kultusminister Altenstein hielt seine schützende Hand über dieser hoffnungsvollen Kraft. Bei alledem war Bruno Bauer kein Streber, und Strauß hatte schlecht prophezeit, als er ihn bei der »verknöcherten Scholastik« des orthodoxen Häuptlings Hengstenberg landen sah. Vielmehr geriet Bauer im Sommer 1839 mit Hengstenberg, der den alttestamentarischen Gott der Rache und des Zornes zum Gotte des Christentums erheben wollte, in eine literarische Fehde, die sich zwar noch in den Grenzen einer akademischen Streitfrage hielt, aber doch den altersschwachen und schwer geängstigten Altenstein veranlaßte, seinen Schützling den argwöhnischen Blicken der so rachsüchtigen wie rechtgläubigen Orthodoxie zu entziehen. Er sandte Bruno Bauer im Herbst 1839 an die Universität Bonn, zunächst als Privatdozenten, aber mit der Absicht, ihn binnen Jahresfrist als Professor anzustellen.

Um diese Zeit war Bruno Bauer aber schon, wie namentlich aus seinen Briefen an Marx hervorgeht, mitten in einer geistigen Entwicklung, die ihn weit über Strauß hinausführen sollte. Er begann eine »Evangelienkritik«, die ihn dazu führte, mit den letzten Trümmern aufzuräumen, die Strauß noch erhalten hatte. Bruno Bauer wies nach, daß auch nicht ein einziges geschichtliches Atom in den Evangelien enthalten, daß alles in ihnen freie schriftstellerische Tätigkeit der Evangelisten sei; er wies nach, daß die christliche Religion als Weltreligion der antiken, der griechisch-römischen Welt nicht aufgedrängt worden, sondern das eigenste Produkt dieser Welt sei. Er schlug damit den einzigen Weg ein, |28| auf dem die Entstehung des Christentums wissenschaftlich erforscht werden konnte. Es hat schon seinen guten Sinn, wenn der Hof-, Mode- und Salontheologe Harnack, der gegenwärtig im Interesse der herrschenden Klassen die Evangelien zurechtmacht, kürzlich das Fortschreiten auf dem Wege, den Bruno Bauer eröffnet hat, als »miserabel« zu beschimpfen suchte.

Während diese Gedanken in Bruno Bauer zu reifen begannen, war Karl Marx sein unzertrennlicher Gefährte, und Bauer selbst sah in dem um neun Jahre jüngeren Freunde den fähigsten Kampfgenossen. Er war kaum in Bonn warm geworden, als er Marx durch sehnsüchtige Briefe nachzulocken suchte. Ein Professorenklub in Bonn sei die »reine Philisterei« gegenüber dem Berliner Doktorklub, durch den doch immer ein geistiges Interesse gegangen sei; er lache auch viel in Bonn, was man so lachen nenne, aber so habe er noch nie wieder gelacht wie in Berlin, wenn er mit Marx nur über die Straße gegangen sei. Marx möge doch nur mit dem »lumpigen Examen« fertig werden, für das nur Aristoteles, Spinoza, Leibniz und weiter nichts erforderlich sei; er solle doch aufhören, einen solchen Unsinn, eine bloße Farce saumselig zu behandeln. Mit den Bonner Philosophen werde er leichtes Spiel haben; unaufschiebbar sei aber vor allem eine radikale Zeitschrift, die sie gemeinsam herausgeben müßten. Das Berliner Gewäsch und die Mattigkeit der »Hallischen Jahrbücher« seien nicht mehr zu ertragen; Ruge tue ihm leid, aber weshalb jage er das Gewürm nicht aus seinem Blatt heraus?

Es klingt manchmal revolutionär genug aus diesen Briefen, doch war immer nur eine philosophische Revolution gemeint, bei der Bauer weit eher auf die Hilfe als auf den Widerstand der Staatsgewalt zählte. Kaum hatte er an Marx im Dezember 1839 geschrieben, daß Preußen dazu bestimmt scheine, nur durch eine Jenaer Schlacht vorwärtszukommen, die ja freilich nicht gerade auf einem Leichenfelde ausgefochten werden müsse, als er wenige Monate später - zur Zeit, wo sein Beschützer Altenstein und der alte König ziemlich gleichzeitig gestorben waren - die höchste Idee unseres Staatslebens beschwor, den Familiengeist des fürstlichen Hauses Hohenzollern, der seit vier Jahrhunderten seine besten Kräfte daran gesetzt habe, das Verhältnis von Kirche und Staat zu ordnen. Zugleich verhieß Bauer, daß die Wissenschaft nicht ermüden werde, die Idee des Staates gegen die Anmaßungen der Kirche zu verteidigen; der Staat könne sich wohl einmal irren, gegen die Wissenschaft argwöhnisch werden und zu Zwangsmaßregeln greifen, aber die Vernunft gehöre ihm zu innig an, als daß er lange irren könne. Auf |29| diese Huldigung antwortete der neue König damit, als Nachfolger Altensteins den orthodoxen Reaktionär Eichhorn zu ernennen, der sich bemühte, die Freiheit der Wissenschaft, soweit sie mit der Idee des Staates verknüpft war, das heißt die akademische Lehrfreiheit, den Anmaßungen der Kirche zu opfern.

Die politische Haltlosigkeit war bei Bauer viel größer als bei Köppen, der sich wohl an einem einzelnen Hohenzollern irren konnte, der das Familienmaß übertraf, aber nicht an dem »Familiengeist« dieses fürstlichen Hauses. Köppen war lange nicht so tief in der Hegelschen Ideologie untergetaucht wie Bauer. Aber man darf nicht übersehen, daß dessen politische Kurzsichtigkeit doch eben nur die Kehrseite seines philosophischen Scharfblickes war. Er hatte in den Evangelien den geistigen Niederschlag der Zeit entdeckt, worin sie entstanden waren, und so meinte er vom rein ideologischen Standpunkt aus nicht so uneben, wenn es schon der christlichen Religion mit ihrer trüben Gärung griechisch-römischer Philosophie möglich gewesen sei, die antike Bildung zu überwinden, so werde es der freien und klaren Kritik der modernen Dialektik um so leichter gelingen, den Alp der christlich-germanischen Bildung abzuschütteln.

Was ihm diese imponierende Sicherheit gab, war die Philosophie des Selbstbewußtseins. Unter ihrem Namen hatten sich einst die griechischen Philosophenschulen zusammengefaßt, die aus dem nationalen Verfall des griechischen Lebens entstanden waren und am meisten dazu beigetragen hatten, die christliche Religion zu befruchten, die Skeptiker, die Epikureer und die Stoiker. Sie konnten sich an spekulativer Tiefe weder mit Plato noch an universalem Wissen mit Aristoteles messen, und waren von Hegel ziemlich verächtlich behandelt worden. Ihr gemeinsames Ziel war, den einzelnen Menschen, der durch einen furchtbaren Zusammenbruch von allem getrennt war, was ihn bis dahin gebunden und getragen hatte, nun auch von allem Äußeren unabhängig zu machen und auf sein inneres Leben zurückzuführen, sein Glück zu suchen in der Ruhe des Geistes und Gemüts, die unerschütterlich widerstehe, auch wenn eine Welt über ihr zusammenstürze.

Aber auf den Trümmern einer untergegangenen Welt habe, so führte Bauer aus, dem ausgemergelten Ich als einzige Macht vor sich selber gegraut; es habe sein Selbstbewußtsein entfremdet und veräußert, indem es seine allgemeine Macht als eine fremde sich gegenübergestellt, dem Weltherrn in Rom, der alle Rechte in sich verschlossen halte, der Leben und Tod auf seinen Lippen trage, in dem Herrn der evangelischen Geschichte, der mit einem Hauche seines Mundes den Widerstand |30|* der Natur bezwinge oder seine Feinde niederschlage, der sich schon auf Erden als den Weltherrn und Weltrichter ankündige, einen feindlichen Bruder zwar, aber doch einen Bruder geschaffen habe. Unter der Knechtschaft der christlichen Religion sei jedoch die Menschheit erzogen worden, damit sie um so gründlicher die Freiheit vorbereite und sie um so inniger umfasse, wenn sie endlich gewonnen sei; das zu sich selbst gekommene, das sich selbst verstehende, das sein Wesen erfassende unendliche Selbstbewußtsein habe die Macht über die Geschöpfe seiner Selbstentäußerung.

Verzichtet man auf die Einkleidung der damaligen Philosophensprache, so läßt sich einfacher und verständlicher sagen, was Bauer, Köppen und Marx an die griechische Philosophie des Selbstbewußtseins fesselte. Im Grunde knüpften sie auch damit an die bürgerliche Aufklärung an. Die altgriechischen Schulen des Selbstbewußtseins hatten nicht entfernt so geniale Träger aufzuweisen wie die älteren Naturphilosophen in Demokrit und Heraklit oder die späteren Begriffsphilosophen in Plato und Aristoteles, aber sie hatten doch eine große geschichtliche Existenz gehabt. Sie hatten dem menschlichen Geiste neue Fernsichten eröffnet, die nationale Schranke des Hellenentums und die soziale Schranke der Sklaverei zerbrochen, worin Plato und Aristoteles noch ganz befangen gewesen waren; sie hatten das Urchristentum entscheidend befruchtet, die Religion der Leidenden und Unterdrückten, die erst als ausbeutende und unterdrückende Herrscherkirche zu Plato und Aristoteles überging. Wie unwirsch Hegel sonst über die Philosophie des Selbstbewußtseins abgesprochen hatte, so hatte doch auch er nachdrücklich darauf hingewiesen, was die innere Freiheit des Subjekts bedeutet habe in dem vollkommenen Unglück des römischen Weltreichs, wo alles Edle und Schöne der geistigen Individualität mit rauher Hand verwischt worden sei. So hatte denn auch schon die bürgerliche Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts die griechischen Philosophen des Selbstbewußtseins mobil gemacht, den Zweifel der Skeptiker, den Religionshaß der Epikureer, die republikanische Gesinnung der Stoiker.

Köppen schlug dieselbe Note an, wenn er in seiner Schrift über seinen Helden der Aufklärung, über König Friedrich sagte: »Epikureismus, Stoizismus und Skepsis sind die Nervenmuskeln und Eingeweidesysteme des antiken Organismus, deren unmittelbare, natürliche Einheit die Schönheit und Sittlichkeit des Altertums bedingte und die beim Absterben desselben auseinanderfielen. Alle drei hat Friedrich mit wunderbarer Kraft in sich aufgenommen und durchgeführt. Sie sind Hauptmomente seiner Weltanschauung, seines Charakters, seines Lebens geworden |31|*.« Wenigstens was Köppen in diesen Sätzen über den Zusammenhang der drei Systeme mit dem griechischen Leben sagt, hat Marx als eine tiefere Bedeutung« anerkannt.

Er selbst freilich griff das Problem, das ihn nicht minder beschäftigte als die älteren Freunde, anders an als sie. Er suchte das menschliche Selbstbewußtsein als »oberste Gottheit«, neben der keiner sein solle, weder in dem verzerrenden Hohlspiegel der Religion zu erkennen, noch indem philosophischen Müßiggange eines Despoten, sondern er ging auf die geschichtlichen Quellen dieser Philosophie zurück, deren Systeme auch für ihn die Schlüssel zur wahren Geschichte des griechischen Geistes waren.

 

4. Die Doktordissertation

Als Bruno Bauer im Herbst 1839 auf Marx einsprach, dieser möge doch endlich das »lumpige Examen« abmachen, hatte er insofern einigen Grund zur Ungeduld, als Marx bereits acht Semester hinter sich hatte. Aber eine Examenangst im leidigen Sinne des Wortes hat er bei Marx gleichwohl nicht vorausgesetzt, sonst hätte er ihm nicht zugetraut, die Bonner Philosophieprofessoren gleich beim ersten Anlauf über den Haufen zu rennen.

Es war einmal die Art von Marx, und sie ist es bis an sein Lebensende geblieben, daß sein unersättlicher Wissensdrang ihn ebenso zwang, die schwierigsten Probleme schnell aufzugreifen, wie seine unerbittliche Selbstkritik ihn hinderte, gleich schnell mit ihnen abzuschließen. Nach der Art seines Arbeitens wird er sich in die grauesten Tiefen der griechischen Philosophie eingelassen haben, und die Darstellung auch nur jener drei Systeme des Selbstbewußtseins war keine Sache, die sich in ein paar Semestern erledigen ließ. Dafür hatte Bauer, der ungemein schnell produzierte, viel zu schnell für die Dauer seiner Werke, nur ein geringes Verständnis, ein viel geringeres als später Friedrich Engels, der doch auch manches Mal ungeduldig wurde, wenn Marx kein Maß und Ziel seiner Selbstkritik finden konnte.

Das »lumpige Examen« hatte aber auch sonst seine Haken, wenn nicht für Bauer, so doch für Marx. Er hatte sich schon bei Lebzeiten seines Vaters für die akademische Laufbahn entschieden, ohne daß jedoch die Wahl eines praktischen Berufs deshalb völlig im Hintergrunde verschwunden wäre. Nun aber begann mit dem Tode Altensteins die lockendste Seite des »Professorierens« zu verschwinden, die am ehesten |32| über seine mannigfachen Schattenseiten hinweghelfen konnte: die verhältnismäßige Freiheit, die dem Philosophieren auf den Kathedern der Universitäten gestattet war. Wie wenig sich sonst mit den akademischen Perücken anfangen ließ, wußte ja Bauer aus Bonn nicht beweglich genug zu schildern.

Alsbald hatte Bauer selbst die erste Erfahrung zu machen, daß es mit der wissenschaftlichen Forschung des preußischen Professors sein besonderes Bewenden habe. Nach Altensteins Tode im Mai 1840 verwaltete der Ministerialdirektor Ladenberg einige Monate das Kultusministerium, und er besaß Pietät genug für das Andenken seines alten Vorgesetzten, um dessen Versprechen einzulösen und Bauers »Fixierung« in Bonn zu versuchen. Aber sobald Eichhorn zum Kultusminister ernannt worden war, lehnte die theologische Fakultät in Bonn die Ernennung Bauers zum Professor ab, angeblich, weil er ihre Einigkeit stören würde, tatsächlich mit jenem Heldenmut, den der deutsche Professor stets bewährt, wenn er der heimlichen Zustimmung seiner hohen Oberen sicher sein darf.

Bauer erhielt die Entscheidung, als er eben aus den Herbstferien, die er in Berlin verlebt hatte, nach Bonn zurückkehren wollte. Im Kreise seiner Freunde wurde nun überlegt, ob nicht schon ein unheilbarer Bruch zwischen der religiösen und der wissenschaftlichen Richtung bestehe, ob ein Anhänger dieser Richtung es noch mit seinem Gewissen vereinbaren könne, der theologischen Fakultät anzugehören. Aber Bauer selbst beharrte bei seiner optimistischen Auffassung des preußischen Staatswesens und lehnte auch den offiziösen Vorschlag ab, sich mit schriftstellerischen Arbeiten zu beschäftigen, wobei er aus staatlichen Mitteln unterstützt werden sollte. Er kehrte voll Kampfeslust nach Bonn zurück, wo er gemeinsam mit Marx, der ihm bald nachfolgen sollte, die Krisis in ihren wichtigsten Momenten herbeizuführen hoffte.

An dem Plane einer radikalen Zeitschrift, die beide herausgeben wollten, hielten sie fest, aber mit der akademischen Laufbahn an der rheinischen Universität sah es für Marx nunmehr sehr übel aus. Als Freund und Helfer Bauers hatte er auf den feindseligsten Empfang durch den Bonner Professorenklüngel zu rechnen, und nichts lag ihm ferner, als sich bei Eichhorn oder Ladenberg einzuschmeicheln, wie Bauer ihm riet, in der an sich durchaus wahrscheinlichen Erwartung, daß dann in Bonn »alles kaduk« sein werde. In solchen Dingen hat Marx stets mit äußerster Strenge gedacht. Aber selbst wenn er geneigt gewesen wäre, sich auf diesen schlüpfrigen Pfad zu begeben, so war mit Sicherheit vorauszusehen, daß er darauf ausgleiten würde. Denn Eichhorn fackelte |33| nicht lange, um zu zeigen, wes Geistes Kind er war. Er berief den alten Schelling, der offenbarungsgläubig geworden war, an die Berliner Universität, um die altersschwache Schar der verknöcherten Hegelianer noch extra totzuschlagen und ließ die Halleschen Studenten maßregeln, die in einer ehrerbietigen Eingabe an den König als ihren Rektor um Berufung Straußens nach Halle gebeten hatten.

Unter solchen Aussichten hat Marx mit seinen junghegelianischen Anschauungen überhaupt darauf verzichtet, ein preußisches Examen zu machen. Wenn es ihn aber nicht gelüstete, sich von den willigen Helfern eines Eichhorn hudeln zu lassen, so wich er deshalb nicht dem Kampfe aus. Im Gegenteil! Er entschloß sich, an einer kleinen Universität den Doktorhut zu erwerben, gleichzeitig seine Dissertation als einen Beweis seiner Fähigkeiten und seines Fleißes mit einem herausfordernd kühnen Vorwort zu veröffentlichen, dann aber sich in Bonn niederzulassen, um mit Bauer die geplante Zeitschrift herauszugeben. Auch die Universität war ihm dann nicht völlig verschlossen; nach ihren Statuten wenigstens brauchte er als Doctor promotus einer »ausländischen« Universität nur noch einige Formalitäten zu erfüllen, um als Privatdozent zugelassen zu werden.

Diesen Plan hat Marx ausgeführt; am 15. April 1841 ist er in Jena abwesend zum Doktor ernannt worden, auf Grund einer Abhandlung, die sich mit der Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie beschäftigte. Es war ein vorweggenommener Teil der größeren Schrift, in der Marx den gesamten Zyklus der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie in deren Zusammenhange mit der ganzen griechischen Spekulation darstellen wollte. Zunächst sollte nur an einem Beispiel dies Verhältnis entwickelt werden, und auch nur in Beziehung auf die ältere Spekulation.

Unter den älteren Naturphilosophen Griechenlands hatte Demokrit den Materialismus am strengsten durchgeführt. Aus Nichts wird Nichts; Nichts, was ist, kann vernichtet werden. Alle Veränderung ist nur Verbindung und Trennung von Teilen. Nichts geschieht zufällig, sondern alles aus einem Grunde und mit Notwendigkeit. Nichts existiert als die Atome und der leere Raum, alles andere ist Meinung. Die Atome sind unendlich an Zahl und von unendlicher Verschiedenheit der Form. In ewiger Fallbewegung durch den unendlichen Raum prallen die größeren, die schneller fallen, auf die kleineren; die dadurch entstehenden Seitenbewegungen und Wirbel sind der Anfang der Weltbildung. Unzählige Welten bilden sich und vergehen wieder, nebeneinander und nacheinander.

|34| Epikur hatte nun diese Naturauffassung Demokrits übernommen, aber mit gewissen Änderungen. Die berufenste dieser Änderungen bestand in der sogenannten »Deklination der Atome«; Epikur behauptete, daß die Atome im Fall »deklinierten«, das heißt, nicht senkrecht fielen, sondern ein wenig von der geraden Linie abwichen. Er ist wegen dieser physikalischen Unmöglichkeit weidlich verspottet worden, von Cicero und Plutarch bis auf Leibniz und Kant: als ein Nachbeter Demokrits, der sein Vorbild nur zu verschlechtern verstanden habe. Daneben ging aber eine andere Strömung, die in Epikurs Philosophie das vollendetste materialistische System des Altertums erblickte, dank dem Umstande, daß sie in dem Lehrgedichte des Lukrez erhalten geblieben ist, während sich von der Philosophie Demokrits nur geringe Trümmer aus dem Strom und Sturm der Jahrhunderte gerettet haben. Derselbe Kant, der die Deklination der Atome als eine »unverschämte« Erfindung abfertigte, sah in Epikur gleichwohl den vornehmsten Philosophen der Sinnlichkeit, im Gegensatze zu Plato, dem vornehmsten Philosophen des Intellektuellen.

Marx bestritt nun keineswegs die physikalische Unvernunft Epikurs; er gab dessen »grenzenlose Fahrlässigkeit in der Erklärung physischer Phänomene« zu; er führte aus, daß für Epikur die sinnliche Wahrnehmung der einzige Prüfstein der Wahrheit gewesen sei; die Sonne habe er für zwei Fuß groß gehalten, weil sie zwei Fuß groß zu sein scheine. Aber Marx ließ sich nicht daran genügen, diese handgreiflichen Torheiten mit irgendeinem Ehrentitel zu erledigen; er spürte vielmehr der philosophischen Vernunft in der physikalischen Unvernunft nach. Er verfuhr dem schönen Worte gemäß, das er in einer Anmerkung seiner Abhandlung zu Ehren seines Meisters Hegel äußerte, daß nämlich die Schule eines Philosophen, der eine Akkommodation begangen habe, nicht den Lehrer verdächtigen, sondern seine Akkommodation aus der Unzulänglichkeit des Prinzips, worin sie wurzeln müsse, erklären und somit zu einem Fortschritt des Wissens machen solle, was als Fortschritt des Gewissens erscheine.

Was für Demokrit der Zweck war, das war für Epikur nur das Mittel zum Zweck. Ihm war es nicht um die Erkenntnis der Natur zu tun, sondern um eine Ansicht der Natur, die sein philosophisches System stützen konnte. Wenn die Philosophie des Selbstbewußtseins, so wie sie das Altertum gekannt hatte, in drei Schulen zerfallen war, so vertraten nach Hegel die Epikureer das abstrakt-einzelne und die Stoiker das abstrakt-allgemeine Selbstbewußtsein, beide als einseitige Dogmatismen, denen um dieser Einseitigkeit willen sogleich der Skeptizismus entgegengetreten |35|* sei. Oder wie ein neuerer Historiker der griechischen Philosophie denselben Zusammenhang ausgedrückt hat: im Stoizismus und Epikureismus traten sich die individuelle und die allgemeine Seite des subjektiven Geistes, die atomistische Isolierung des Individuums und seine pantheistische Hingebung an das Ganze, mit gleichen Ansprüchen unversöhnt gegenüber, während sich dieser Gegensatz im Skeptizismus zur Neutralität aufgehoben habe.

Trotz ihres gemeinsamen Zieles wurden Epikureer und Stoiker durch die Verschiedenheit ihrer Ausgangspunkte weit auseinandergeführt. Ihre Hingebung an das Ganze machte die Stoiker philosophisch zu Deterministen, denen die Notwendigkeit alles Geschehens sich von selbst verstand, und politisch zu entschiedenen Republikanern, während sie auf religiösem Gebiete sich nicht von einer abergläubischen und unfreien Mystik befreien konnten. Sie lehnten sich an Heraklit, für den die Hingebung an das Ganze die Form des schroffsten Selbstbewußtseins angenommen hatte, und mit dem sie übrigens ebenso ungeniert umsprangen wie die Epikureer mit Demokrit. Dagegen die Epikureer machte ihr Prinzip des isolierten Individuums philosophisch zu Indeterministen, zu Bekennern der Willensfreiheit für jeden Einzelnen, und politisch zu leidsamen Duldern - der Bibelspruch: Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat, ist ein Erbe Epikurs -, während es sie von allen Banden der Religion befreite.

In einer Reihe feiner Untersuchungen legte nun Marx dar, wie sich die »Differenz zwischen der demokritischen und der epikureischen Naturphilosophie« erkläre. Für Demokrit handle es sich nur um die materielle Existenz des Atoms, dagegen habe Epikur daneben den Begriff des Atoms geltend gemacht, neben seiner Materie auch seine Form, neben seiner Existenz auch sein Wesen; er habe in dem Atom nicht nur die materielle Grundlage der Erscheinungswelt, sondern auch das Sinnbild des isolierten Individuums, das formale Prinzip des abstrakt-einzelnen Selbstbewußtseins erblickt. Folgerte Demokrit aus dem senkrechten Fall der Atome die Notwendigkeit alles Geschehens, so ließ Epikur sie ein wenig von der geraden Linie abweichen, denn wo bliebe sonst - wie Lukrez, der berufenste Ausleger der epikureischen Philosophie, in seinem Lehrgedicht sagt - der freie Wille, der dem Schicksal entrissene Wille der lebenden Wesen? Dieser Widerspruch zwischen dem Atom als Erscheinung und als Wesen zieht sich durch die ganze Philosophie Epikurs und treibt sie zu jener grenzenlos-willkürlichen Erklärung der physischen Phänomene, die schon in den Tagen des Altertums verspottet wurde. Erst in den Himmelskörpern lösen sich alle Widersprüche der |36| epikureischen Naturphilosophie, aber an ihrer allgemeinen und ewigen Existenz scheitert auch das Prinzip des abstrakt-einzelnen Selbstbewußtseins. So wirft es alle materielle Vermummung von sich und als »größter griechischer Aufklärer«, wie Marx ihn nennt, kämpft Epikur gegen die Religion, die mit dräuendem Blick aus den Höhen des Himmels die sterblichen Menschen schrecke.

In seiner ersten Schrift offenbarte sich Marx schon als schöpferischer Geist, auch dann und gerade dann, wenn man seine Auslegung Epikurs im einzelnen bestreiten sollte. Denn dieser Einspruch könnte sich nur dagegen richten, daß Marx das Grundprinzip Epikurs schärfer durchdacht und klarere Schlüsse aus ihm gezogen habe als Epikur selbst. Hegel hatte die epikureische Philosophie die Gedankenlosigkeit im Prinzip genannt, und sicherlich hat ihr Urheber, der als Autodidakt immer großes Gewicht auf die gewöhnliche Sprache des Lebens legte, sie nicht in den spekulativen Wendungen der Hegelschen Philosophie begründet, mit denen Marx sie erläuterte. Es ist das Zeugnis der Reife, das sich der Schüler Hegels in dieser Abhandlung selbst ausgestellt hat; mit sicherer Hand beherrscht er die dialektische Methode, und die Sprache bekundet jene markige Kraft, die dem Meister Hegel trotz alledem eigen, aber dem Troß seiner Jünger längst abhanden gekommen war.

Jedoch steht Marx in dieser Schrift auch noch ganz auf dem idealistischen Boden der Hegelschen Philosophie. Was den heutigen Leser auf den ersten Blick am meisten befremdet, ist ihr ungünstiges Urteil über Demokrit. Von ihm wird gesagt, daß er nur eine Hypothese aufgestellt habe, die das Ergebnis der Erfahrung, nicht ihr energisches Prinzip sei, die daher ebensowohl ohne Verwirklichung bleibe, wie die reale Naturforschung nicht weiter von ihr bestimmt werde. Im Gegensatz zu Demokrit wird von Epikur gerühmt, daß er die Wissenschaft der Atomistik geschaffen habe, trotz seiner Willkür in der Erklärung der Naturerscheinungen und trotz seines abstrakt-einzelnen Selbstbewußtseins, das, wie Marx selbst einräumt, alle wahre und wirkliche Wissenschaft insoweit aufhebe, als nicht die Einzelheit in der Natur der Dinge selbst herrsche.

Heute braucht nicht noch erst bewiesen zu werden, daß, soweit es eine Wissenschaft der Atomistik gibt, soweit die Lehre von den Elementarkörperchen und der Entstehung aller Erscheinungen durch ihre Bewegung zur Grundlage der modernen Naturforschung geworden ist, aus ihr die Gesetze des Schalles, des Lichtes, der Wärme, der chemischen und physikalischen Veränderungen in den Dingen erklärt worden sind, Demokrit ihr erster Bahnbrecher gewesen ist, nicht aber Epikur. Allein für den damaligen Marx war die Philosophie oder genauer die Begriffsphilosophie |37|* noch dermaßen die Wissenschaft, daß er zu einer Auffassung kommen konnte, die wir heute kaum noch verstehen würden, wenn sich in ihr nicht auch seines Wesens Wesenheit offenbart hätte.

Leben hieß ihm immer Arbeiten, und Arbeiten hieß ihm immer Kämpfen. Was ihn von Demokrit entfernte, war der Mangel eines »energischen Prinzips«, war, wie er es später ausdrückte, der »Hauptmangel alles bisherigen Materialismus«[1], daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, die Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt werde, nicht subjektiv, nicht als Praxis, nicht als menschlich-sinnliche Tätigkeit. Was ihn an Epikur anzog, war das »energische Prinzip«, womit sich dieser Philosoph gegen die lastende Wucht der Religion erhob und ihr zu trotzen wagte,

Weder von Blitzen geschreckt, noch durch das Geraune von Göttern,
Oder des Himmels murrenden Groll ...

Prachtvoll lodert eine unbändige Kampflust in der Vorrede auf, mit der Marx seine Abhandlung zu veröffentlichen und seinem Schwiegervater zu widmen gedachte. »Die Philosophie, solange noch ein Blutstropfen in ihrem weltbezwingenden, absolut freien Herzen pulsiert, wird stets den Gegnern mit Epikur zurufen: Gottlos ist nicht, wer die Götter der Menge verachtet, sondern wer den Meinungen der Menge von den Göttern anhängt.«[2] Die Philosophie verheimlicht nicht das Bekenntnis des Prometheus:

Mit schlichtem Wort, den Göttern allen heg' ich Haß.

Denen aber, die über ihre anscheinend verschlechterte bürgerliche Stellung klagen, erwidert sie, was Prometheus dem Götterbedienten Hermes erwiderte:

Für deinen Frondienst gäb' ich mein unselig Los,
Das sei versichert, nimmermehr zum Tausche dar.

Prometheus ist der vornehmste Heilige und Märtyrer im philosophischen Kalender: so schloß Marx dies trotzige Vorwort, das selbst seinen Freund Bauer erschreckte. Was diesen »ein überflüssiger Mutwille« dünkte, war jedoch nur ein schlichtes Bekenntnis des Mannes, der ein anderer Prometheus werden sollte, im Kämpfen wie im Leiden.

 

5. »Anekdota« und »Rheinische Zeitung«

|38| Kaum hatte Marx das Diplom seiner neuen Würde in der Tasche, als die Lebenspläne, die er daran geknüpft hatte, durch neue Gewaltakte der romantischen Reaktion zusammenfielen.

Zunächst bot Eichhorn im Sommer 1841 die theologischen Fakultäten zu einem schmählichen Kesseltreiben gegen Bruno Bauer auf, wegen dessen Evangelienkritik; mit Ausnahme von Halle und Königsberg verrieten alle das Prinzip der protestantischen Lehrfreiheit, und Bauer mußte weichen. Damit war aber auch für Marx jede Aussicht genommen, an der Bonner Universität festen Fuß zu fassen.

Zugleich fiel der Plan einer radikalen Zeitschrift ins Wasser. Der neue König war ein Freund der Preßfreiheit, und er ließ eine gemilderte Zensurinstruktion ausarbeiten, die am Ende des Jahres 1841 auch wirklich das Licht der Welt erblickte. Aber er stellte dabei die Bedingung, daß die Preßfreiheit sich begnüge, im Rahmen einer romantischen Laune zu bleiben. Wie er die Sache verstand, zeigte er, ebenfalls im Sommer 1841, in einer Kabinettsorder, durch die Ruge angewiesen wurde, seine bei Wigand in Leipzig verlegten und gedruckten Jahrbücher unter preußischer Zensur zu redigieren oder sich ihres Verbots in den preußischen Staaten gewärtig zu halten. Dadurch wurde Ruge über sein »freies und gerechtes Preußen« genügend aufgeklärt, um nach Dresden überzusiedeln, wo er vom 1. Juli 1841 ab seine Zeitschrift als »Deutsche Jahrbücher« herausgab. Er schlug nun von selbst jene schärferen Töne an, die Bauer und Marx bisher an ihm vermißt hatten, und beide entschlossen sich, seine Mitarbeiter zu werden, statt eine eigene Zeitschrift zu gründen.

Seine Doktorschrift hat Marx nicht veröffentlicht. Ihr unmittelbarer Zweck war hinfällig geworden und nach einer späteren Andeutung ihres Verfassers sollte sie nun erst ihren eigentlichen Platz abwarten in der Gesamtdarstellung der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie, an deren Ausführung ihn »politische und philosophische Beschäftigungen ganz anderer Art« nicht denken ließen.

Zu diesen Beschäftigungen gehörte in erster Reihe der Nachweis, daß nicht nur der alte Epikur, sondern auch der alte Hegel ein ausbündiger Atheist gewesen sei. Im November 1841 erschien bei Wigand ein »Ultimatum« unter dem Titel: Die Posaune des jüngsten Gerichts über Hegel den Atheisten und Antichristen. Unter der Maske eines rechtgläubigen Verfassers jammerte dies anonyme Pamphlet in biblischen Prophetenton über Hegels Atheismus, wies diesen Atheismus aber aus Hegels Werken in überzeugendster Weise nach. Das Ding machte großes Aufsehen |39|*, zumal da die orthodoxe Maske anfangs nicht durchschaut wurde, selbst von Ruge nicht. Tatsächlich war die »Posaune« von Bruno Bauer verfaßt, der sie nun, gemeinsam mit Marx, fortzusetzen gedachte, um auch an Hegels Ästhetik, Rechtsphilosophie usw. den Nachweis zu führen, daß nicht die Alt-, sondern die Junghegelianer den wahren Geist des Meisters geerbt hätten.

Inzwischen war die »Posaune« verboten worden, und Wigand machte Schwierigkeiten wegen der Fortsetzung; dazu erkrankte Marx, und sein Schwiegervater lag drei Monate auf dem Krankenbette, bis er am 3. März 1842 starb. So war es für Marx »unmöglich, was Rechtes zu tun«. Einen »kleinen Beitrag« sandte er aber doch am 10. Februar 1842 an Ruge und stellte sich, soviel er nach seinen Kräften vermöge, zur Verfügung der »Deutschen Jahrbücher«. Der Beitrag beschäftigte sich mit der neuesten Zensurinstruktion, worin der König eine mildere Handhabung der Zensur angeordnet hatte. Mit diesem Artikel begann Marx seine politische Laufbahn; mit einschneidender Kritik deckte er Punkt für Punkt den logischen Widersinn auf, den die Instruktion unter romantisch verschwommener Hülle barg, im schroffsten Gegensatz zu dem Jubel der »scheinliberalen« Philister und selbst mancher Junghegelianer, die schon »die Sonne hoch am Himmel stehen sahen«, wegen der »königlichen Gesinnung«, die sich in der Instruktion ausspräche.

In seinem Begleitschreiben bat Marx um Beschleunigung des Druckes, »wenn nicht die Zensur meine Zensur zensiert«, und die bange Ahnung trog ihn nicht. Ruge antwortete am 25. Februar, die schwerste Zensurnot sei über die »Deutschen Jahrbücher« hereingebrochen; »Ihr Aufsatz ist eine Unmöglichkeit geworden«. An zurückgewiesenen Aufsätzen habe er »so eine Elite hübscher und pikanter Sachen« zusammen, die er als »Anecdota philosophica« in der Schweiz veröffentlichen möchte. Auf diesen Plan ging Marx am 5. März mit großem Eifer ein. »Bei der plötzlichen Wiedergeburt« der sächsischen Zensur werde von vornherein der Druck seiner Abhandlung über christliche Kunst, die als zweiter Teil der »Posaune« erscheinen sollte, ganz unmöglich sein. Er bot sie in geänderter Redaktion für die »Anekdota« an, ebenso eine Kritik des Hegelschen Naturrechts, soweit es innere Verfassung betreffe, mit der Tendenz, die konstitutionelle Monarchie als ein durch und durch sich widersprechendes und aufhebendes Zwitterding zu bekämpfen. Ruge ging auf alles ein, aber außer dem Aufsatze über die Zensurinstruktion hat er nichts erhalten.

Am 20. März wollte Marx den Aufsatz über christliche Kunst aus dem Posaunenton und der lästigen Gefangenschaft in Hegels Darstellung befreien |40|* und mit einer freieren, daher gründlicheren Darstellung vertauschen und versprach nun bis Mitte April fertig zu sein. Am 27. April war er »beinahe fertig«; Ruge solle »nur wenige Tage noch verzeihen«; den Aufsatz über christliche Kunst werde er nur in einem Auszuge erhalten, da die Sache unter der Hand beinahe zu einem Buche herangewachsen sei. Dann wollte Marx am 9. Juli den Versuch einer Entschuldigung aufgeben, wenn ihn die Ereignisse, »unangenehme Äußerlichkeiten«, nicht entschuldigten, indessen wollte er nichts anrühren, bis er die Beiträge für die »Anekdota« beendigt habe. Endlich meldete Ruge am 21. Oktober, die »Anekdota« seien nun durch und würden vom Literarischen Kontor in Zürich verlegt werden; er halte noch immer einen Platz für Marx offen, wenngleich ihn dieser bisher mehr mit Hoffnungen als mit Erfüllungen beglückt habe; er sehe sehr wohl, wieviel Marx erfüllen könne, wenn er einmal daran komme.

Wie Bruno Bauer und Köppen, hatte der selbst um sechzehn Jahre ältere Ruge die größte Achtung vor dieser jungen Kraft, die seine Geduld als Redakteur auf eine so harte Probe gestellt hatte. Ein bequemer Autor ist Marx nie gewesen, weder für seine Mitarbeiter noch für seine Verleger, aber keiner von ihnen hat je daran gedacht, auf Nachlässigkeit oder Saumseligkeit zurückzuführen, was doch nur die überströmende Fülle der Gedanken und eine Selbstkritik verschuldete, die sich nie genug tun konnte.

In diesem besonderen Falle kam noch ein Umstand hinzu, Marx zu rechtfertigen, auch in den Augen Ruges; ein ungleich mächtigeres Interesse begann ihn jetzt zu fesseln als das philosophische. Mit seinem Aufsatz über die Zensurinstruktion hatte er den politischen Kampf begonnen, den er nun in der »Rheinischen Zeitung« fortsetzte, statt in den »Anekdotis« den philosophischen Faden fortzuspinnen.

Die »Rheinische Zeitung« erschien seit dem 1. Januar 1842 in Köln. In ihrem Ursprunge war sie kein Oppositions-, eher ein Regierungsblatt. Seit den Kölner Bischofswirren der dreißiger Jahre vertrat die »Kölnische Zeitung« mit achttausend Abonnenten die Ansprüche der ultramontanen Partei, die am Rhein übermächtig war und der Gendarmenpolitik der Regierung viel zu schaffen machte. Es geschah nicht aus heiliger Begeisterung für die katholische Sache, sondern aus geschäftlicher Rücksicht auf die Leser, die nun einmal von den Segnungen der Berliner Vorsehung nichts wissen wollten. Das Monopol der »Kölnischen Zeitung« war so stark, daß es ihrem Besitzer regelmäßig gelang, alle auftauchenden Konkurrenzblätter durch Ankauf zu beseitigen, auch wenn sie von Berlin her gefördert wurden. Dasselbe Schicksal drohte der |41| »Rheinischen Allgemeinen Zeitung«, die im Dezember 1839 von den Zensurministern die damals notwendige Konzession erhalten hatte, eben um die Alleinherrschaft der Kölnischen Zeitung« zu brechen. Jedoch im letzten Augenblick tat sich eine Gesellschaft wohlhabender Bürger zusammen, um ein Kapital auf Aktien zur gründlichen Umgestaltung des Blattes aufzubringen. Die Regierung begünstigte das Vorhaben und ließ provisorisch für die nunmehrige »Rheinische Zeitung« die Konzession gelten, die sie ihrer Vorläuferin erteilt hatte.

In der Tat war die Kölner Bourgeoisie weit davon entfernt, der preußischen Herrschaft, die in den Massen der rheinischen Bevölkerung immer noch als Fremdherrschaft betrachtet wurde, irgendwelche Unbequemlichkeiten zu bereiten. Da die Geschäfte gut gingen, hatte sie ihre französischen Sympathien aufgegeben, und nach Gründung des Zollvereins verlangte sie geradezu die preußische Vorherrschaft über Deutschland. Ihre politischen Ansprüche waren äußerst gemäßigt und standen hinter ihren wirtschaftlichen Forderungen zurück, die auf eine Erleichterung der am Rhein schon hoch entwickelten, kapitalistischen Produktionsweise abzielten: sparsame Verwaltung der Staatsfinanzen, Ausbau des Eisenbahnnetzes, Ermäßigung der Gerichtssporteln und Postgebühren, eine gemeinsame Flagge und gemeinsame Konsuln für den Zollverein und was sonst auf solchen Wunschzetteln der Bourgeoisie zu stehen pflegt.

Es zeigte sich nun aber, daß zwei ihrer jungen Leute, denen sie die Einrichtung der Redaktion überlassen hatte, der Referendar Georg Jung und der Assessor Dagobert Oppenheim, begeisterte Junghegelianer waren und namentlich unter dem Einfluß von Moses Heß standen, ebenfalls eines rheinischen Kaufmannssohnes, der sich neben der Hegelschen Philosophie bereits mit dem französischen Sozialismus vertraut gemacht hatte. Sie warben unter ihren Gesinnungsgenossen die Mitarbeiter des Blattes, und namentlich auch unter den Berliner Junghegelianern, von denen Rutenberg sogar die Redaktion des deutschen Artikels übernahm: auf Empfehlung von Marx, der damit keine besondere Ehre einlegen sollte.

Marx selbst muß dem Unternehmen von früh an nahegestanden haben. Er wollte Ende März von Trier nach Köln übersiedeln, aber das Leben war ihm dort zu geräuschvoll; er schlug seine Stätte einstweilen in Bonn auf, von wo Bruno Bauer inzwischen verschwunden war; »es wäre auch schade, wenn niemand hier bliebe, an dem die Heiligen ein Ärgernis nehmen«. Von hier aus begann er seine Beiträge für die »Rheinische Zeitung« zu schreiben, durch die er bald alle anderen Mitarbeiter überflügeln sollte.

|42| Wenngleich die persönlichen Beziehungen Jungs und Oppenheims den ersten Anstoß dazu gegeben haben mögen, das Blatt zum Tummelplatz der Junghegelianer zu machen, so ist doch schwer anzunehmen, daß diese Wendung sich ohne Billigung oder gar wider Wissen der eigentlichen Aktionäre vollzogen haben sollte. Sie werden pfiffig genug gewesen sein, zu erkennen, daß sie fähigere Geistesarbeiter in dem damaligen Deutschland nicht finden konnten. Preußenfreundlich waren die Junghegelianer selbst bis zum Überschwange, und was der Kölner Bourgeoisie sonst an deren Treiben unverständlich oder verdächtig sein mochte, wird sie als unschädliche Schrullen betrachtet haben. Jedenfalls schritt sie nicht ein, als schon in den ersten Wochen aus Berlin Klagen über die »subversive Tendenz« des Blattes einliefen und sein Verbot für das Ende des ersten Quartals drohte. Namentlich durch die Berufung Rutenbergs war die Berliner Vorsehung erschreckt worden; er galt als fürchterlicher Revolutionär und stand unter strenger politischer Aufsicht; noch in den Märztagen von 1848 hat Friedrich Wilhelm IV. vor ihm als dem eigentlichen Anstifter der Revolution gezittert. Wenn der tötende Blitzstrahl einstweilen von dem Blatte abgelenkt wurde, so war es in erster Reihe dem Kultusminister geschuldet; bei aller reaktionären Gesinnung vertrat Eichhorn die Notwendigkeit, der ultramontanen Tendenz der »Kölnischen Zeitung« entgegenzuwirken; möge die Richtung der »Rheinischen Zeitung« »fast noch bedenklicher« sein, so spiele sie doch nur mit Ideen, die für keinen, der irgend festen Fuß im Leben habe, verlockend sein könnten.

Dies war nun freilich am wenigsten der Fehler der Beiträge, die Marx für die »Rheinische Zeitung« lieferte, und die praktische Art, womit er die Dinge angriff, wird die Aktionäre des Blattes gründlicher mit dem Junghegelianismus versöhnt haben als etwa die Beiträge Bruno Bauers oder Max Stirners. Sonst wäre es nicht zu begreifen, daß sie ihn wenige Monate, nachdem er seinen ersten Beitrag eingesandt hatte, im Oktober 1842 bereits an die Spitze des Blattes stellten.

Marx bewährte hier zum ersten Male sein unvergleichliches Geschick, an die Dinge anzuknüpfen, wie sie nun einmal lagen, und versteinerte Zustände zum Tanzen zubringen, indem er ihnen ihre eigene Melodie vorsang.

 

6. Der rheinische Landtag

|43| In einer Reihe von fünf großen Abhandlungen unternahm Marx, die Verhandlungen des rheinischen Provinziallandtags zu beleuchten, der gerade ein Jahr früher neun Wochen lang in Düsseldorf getagt hatte. Die Provinziallandtage waren ohnmächtige Scheinvertretungen, durch deren Einrichtung die preußische Krone den Bruch ihres Verfassungsversprechens von 1815 zu verdecken gesucht hatte; sie tagten bei verschlossenen Türen und hatten höchstens in kleinlichen kommunalen Angelegenheiten ein wenig mitzureden. Seitdem im Jahre 1837 die Wirren mit der katholischen Kirche in Köln und Posen ausgebrochen waren, wurden sie überhaupt nicht mehr einberufen; vom rheinischen und vom posenschen Landtage war noch am ehesten eine Opposition zu erwarten, wenn auch nur eine Opposition in ultramontanem Sinne.

Vor allen liberalen Abwandlungen waren diese würdigen Körperschaften hinlänglich dadurch geschützt, daß Grundbesitz die unerläßliche Bedingung ihrer Mitgliedschaft war, und zwar sollte der ritterschaftliche Grundbesitz die Hälfte, der städtische ein Drittel und der bäuerliche ein Sechstel aller Mitglieder stellen. In seiner ganzen Schönheit ließ sich dies erbauliche Prinzip nicht in allen Provinzen durchführen, und namentlich in den neuerworbenen Rheinlanden mußten dem modernen Geiste einige Zugeständnisse gemacht werden; immer aber blieb es dabei, daß die Ritterschaft mehr als ein Drittel aller Stimmen besaß, so daß, da die Beschlüsse mit Zweidrittelmehrheit gefaßt werden mußten, nichts gegen ihren Willen geschehen konnte. Dem städtischen Grundbesitz war noch die Beschränkung auferlegt, daß er zehn Jahre in derselben Hand gewesen sein mußte, ehe er wählbar machte, und zudem durfte die Regierung die Wahl jedes städtischen Beamten ablehnen.

Diese Landtage genossen die allgemeinste Verachtung, doch hatte sie Friedrich Wilhelm IV. nach Antritt seiner Regierung wieder für das Jahr 1841 einberufen. Er hatte sogar ihre Rechte ein wenig erweitert, freilich nur zu dem Zweck, den Staatsgläubigern, denen sich die Krone im Jahre 1820 verpflichtet hatte, neue Darlehen nur mit Zustimmung und Garantie der künftigen reichsständischen Versammlung aufzunehmen, ein X für ein U zu machen. In einer berühmten Flugschrift forderte Johann Jacoby die Provinziallandtage auf, die Einlösung des königlichen Verfassungsversprechens als ihr Recht zu beanspruchen, aber er predigte damit tauben Ohren.

Selbst der rheinische Landtag versagte, und gerade auch in der kirchenpolitischen Frage, wegen deren die Regierung ihn am meisten |44| gefürchtet hatte. Mit Zweidrittelmehrheit lehnte er den vom liberalen wie vom ultramontanen Standpunkt gleich selbstverständlichen Antrag ab, den widerrechtlich verhafteten Erzbischof von Köln entweder vor die Gerichte zu stellen oder wieder in sein Amt einzusetzen. An die Verfassungsfrage rührte der Landtag überhaupt nicht, und eine mit mehr als tausend Unterschriften bedeckte Petition, die ihm aus Köln zuging und freien Zutritt zu den Sitzungen des Landtages, die tägliche und unverkürzte Wiedergabe seiner Verhandlungen, ihre sowie aller inneren Landesangelegenheiten freie Besprechung in den öffentlichen Blättern und endlich ein Preßgesetz an Stelle der Zensur verlangte, war von ihm in der kümmerlichsten Weise erledigt worden. Er bat den König nur darum, die Namen der Redner in den Landtagsprotokollen veröffentlichen zu dürfen und beanspruchte daneben nicht ein Preßgesetz mit Abschaffung der Zensur, sondern nur ein den Willkürlichkeiten der Zensoren vorbeugendes Zensurgesetz. Gemäß dem verdienten Schicksal aller Feigheit blitzte er auch damit bei der Krone ab.

Lebendig wurde dieser Landtag nur, wenn es die Interessen des Grundbesitzes zu vertreten galt. Freilich konnte er nicht daran denken, die feudale Herrlichkeit wiederherzustellen. Alle Versuche dazu waren den Rheinländern so in den Tod verhaßt, daß sie darin schlechterdings keinen Spaß verstanden, wie auch die aus den östlichen Provinzen herübergeschickten Beamten nach Berlin berichteten. Insbesondere an der freien Teilbarkeit des Grund und Bodens ließ die rheinische Bevölkerung nicht rütteln, weder zugunsten des »Ritterstandes«, noch zugunsten des »Bauernstandes«, mochte die Parzellierung des Grundbesitzes ins Unendliche auch schon zu seiner förmlichen Zerstäubung geführt haben, wie die Regierung nicht mit Unrecht sagte. Aber ihr Vorschlag, der Parzellierung »zur Erhaltung eines kräftigen Bauernstandes« gewisse Schranken zu setzen, wurde vom Landtage, der darin einig mit der Provinz war, mit 49 gegen 8 Stimmen abgelehnt. Umsomehr erfrischte er sich an einigen Gesetzen über Holzdiebstahl, Jagd-, Forst- und Feldfrevel, die ihm die Regierung vorgelegt hatte; hier machte das Privatinteresse des Grundbesitzes die gesetzgeberische Gewalt zu seiner feilen Dirne, ohne Gram wie ohne Scham.

Nach einem umfassenden Plane ging Marx mit dem Landtag ins Gericht. In der ersten Abhandlung, die sechs lange Artikel umfaßte, behandelte er die Debatten über Preßfreiheit und Veröffentlichung der landständischen Verhandlungen. Die Erlaubnis zu dieser Veröffentlichung, ohne daß die Namen der Redner genannt werden durften, war eine der kleinen Reformen gewesen, durch die der König die Landtage |45| aufzumuntern versucht hatte, jedoch in den Landtagen selbst stieß er damit auf heftigen Widerstand. Soweit wie der brandenburgische und der pommersche Landtag, die sich einfach weigerten, ihre Protokolle zu veröffentlichen, ging der rheinische zwar nicht, aber auch in ihm spielte sich jene alberne Anmaßung auf, die aus dem Gewählten eine Art höheren Wesens macht, das vor allem vor der Kritik der eigenen Wähler geschützt werden müsse. »Der Landtag verträgt den Tag nicht. In der Nacht des Privatlebens ist uns heimlicher zumute. Wenn die ganze Provinz das Vertrauen hat, ihre Rechte einzelnen Individuen anzuvertrauen, so versteht es sich von selbst, daß diese einzelnen Individuen so herablassend sind, das Vertrauen der Provinz zu akzeptieren, aber es wäre wirkliche Überspanntheit, zu verlangen, sie sollten nun Gleiches mit Gleichem vergelten und vertrauensvoll sich selbst, ihre Leistungen, ihre Persönlichkeiten, dem Urteil der Provinz hingeben, die ihnen erst ein Urteil von Konsequenz gegeben hat.«[3] Mit köstlichem Humor verspottete Marx beim ersten Auftauchen schon das, was er später als »parlamentarischen Kretinismus« taufen sollte und all sein Lebtag nicht ausstehen konnte.

Für die Preßfreiheit aber schlug er eine Klinge, wie sie gleich glänzend und scharf weder früher noch später geschlagen worden ist. Neidlos gestand Ruge: »Es ist noch nichts Tieferes und es läßt sich auch nichts Gründlicheres über und für Preßfreiheit sagen. Wir dürfen uns Glück wünschen zu der Durchbildung, der Genialität und der souveränen Beherrschung ordinärer Gedankenverwirrung, welche hiermit in unserer Publizistik auftritt.« Marx sprach in diesen Artikeln einmal von dem freien heiteren Klima seiner Heimat, und heute noch liegt auf ihnen ein leichter Glanz wie der Sonnenschein auf den Rebenhügeln des Rheins. Hatte Hegel von der »elenden, alles auflösenwollenden Subjektivität der schlechten Presse« gesprochen, so ging Marx auf die bürgerliche Aufklärung zurück, wie er denn in der »Rheinischen Zeitung« die Kantische Philosophie als die deutsche Theorie der Französischen Revolution anerkannte [4], aber er ging darauf zurück, bereichert mit allen politischen und sozialen Fernsichten, die ihm Hegels historische Dialektik erschloß. Man braucht seine Artikel in der »Rheinischen Zeitung« nur mit Jacobys »Vier Fragen« zu vergleichen, um zu erkennen, was damit erreicht war; das königliche Verfassungsversprechen von 1815, auf das Jacoby immer wieder als auf das A und O der ganzen Verfassungsfrage zurückkam, hat Marx nicht einmal einer beiläufigen Erwähnung für wert gehalten.

Allein so sehr er die freie Presse als das offene Auge des Volksgeistes |46| feierte, gegenüber der zensierten Presse mit ihrem Grundlaster der Heuchelei, aus dem alle ihre anderen Gebrechen, ihre, selbst ästhetisch betrachtet, ekelhaften Laster der Passivität flössen, so verkannte er doch nicht die Gefahren, die auch der freien Presse drohten. Ein Redner aus dem Städtestande hatte die Preßfreiheit als einen Teil der Gewerbefreiheit gefordert, worauf Marx antwortete: »Ist die Presse frei, die sich zum Gewerbe herabwürdigt? Der Schriftsteller muß allerdings erwerben, um existieren und schreiben zu können, aber er muß keineswegs existieren und schreiben, um zu erwerben ... Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein. Dem Schriftsteller, der sie zum materiellen Mittel herabsetzt, gebührt als Strafe dieser inneren Unfreiheit die äußere, die Zensur, oder vielmehr ist schon seine Existenz seine Strafe.«[5] Und Marx hat durch sein ganzes Leben bekräftigt, was er von dem Schriftsteller fordert, seine Arbeiten müßten immer Selbstzweck sein; sie seien so wenig Mittel für ihn selbst und für andere, daß er ihrer Existenz seine Existenz opfere, wenns not tue.

Die zweite Abhandlung über den rheinischen Landtag beschäftigte sich mit der »erzbischöflichen Geschichte«, wie Marx an Jung schrieb. Sie ist von der Zensur gestrichen und auch später nicht veröffentlicht worden, obgleich Ruge sich erbot, sie in die »Anekdota« aufzunehmen. An Ruge schrieb Marx am 9. Juli 1842: »Glauben Sie übrigens nicht, daß wir am Rhein in einem politischen Eldorado leben. Es gehört die konsequenteste Zähigkeit dazu, um eine Zeitung wie die ›Rheinische‹ durchzuschlagen. Mein zweiter Artikel über den Landtag, betreffend die kirchlichen Wirren, ist gestrichen. Ich habe darin nachgewiesen, wie die Verteidiger des Staats sich auf kirchlichen und die Verteidiger der Kirche sich auf staatlichen Standpunkt gestellt. Dieser Inzident ist der ›Rheinischen‹ um so unlieber, als die dummen kölnischen Katholiken in die Falle gelaufen und die Verteidigung des Erzbischofs Abonnenten gelockt hätte. Sie haben übrigens schwerlich eine Vorstellung, wie niederträchtig die Gewaltleute und wie dumm zugleich sie mit dem orthodoxen Dickkopf umgesprungen sind. Aber der Erfolg hat das Werk gekrönt; Preußen hat dem Papst vor aller Welt den Pantoffel geküßt, und unsre Regierungsmaschinen gehn über die Straße, ohne zu erröten.« Der Schlußsatz bezieht sich darauf, daß Friedrich Wilhelm IV., gemäß seinen romantischen Neigungen, sich in Friedensverhandlungen mit der Kurie eingelassen hatte, die ihn zum Dank dafür nach allen Regeln vatikanischer Kunst übers Ohr hieb.

Was Marx an Ruge über diesen Artikel schrieb, wird man nicht dahin mißverstehen dürfen, daß er ernsthaft die Verteidigung des Erzbischofs |47|* geführt habe, um die Kölner Katholiken in eine Falle zu locken. Er blieb sich vielmehr durchaus konsequent, wenn er die vollkommen ungesetzliche Verhaftung des Erzbischofs wegen kirchlicher Handlungen und die Forderung der Katholiken nach einem gerichtlichen Verfahren gegen den widerrechtlich Verhafteten dahin erläuterte, daß sich die Verteidiger des Staats auf kirchlichen und die Verteidiger der Kirche auf staatlichen Boden gestellt hätten. In dieser verkehrten Welt die richtige Stellung zu nehmen, war allerdings eine entscheidende Frage für die »Rheinische Zeitung«, gerade auch aus den Gründen, die Marx weiterhin in seinem Brief an Ruge angab, weil die ultramontane Partei, die von der Zeitung lebhaft bekämpft wurde, am Rhein die gefährlichste war und die Opposition sich zu sehr daran gewöhnt hatte, innerhalb der Kirche zu opponieren.

Die dritte Abhandlung, die fünf lange Aufsätze umfaßte, beleuchtete die Verhandlungen, die der Landtag über ein Holzdiebstahlsgesetz geführt hatte. Mit ihr kam Marx auf die »ebene Erde« oder wie er ein andermal den gleichen Gedanken ausgedrückt hat: er kam in die Verlegenheit, über materielle Interessen sprechen zu müssen, die in Hegels ideologischem System nicht vorgesehen waren. In der Tat hat er das Problem, das mit diesem Gesetze gestellt war, noch nicht so scharf gefaßt, wie er in späteren Jahren getan haben würde. Es handelte sich um den Kampf der aufkommenden kapitalistischen Ära gegen die letzten Reste des Gemeineigentums am Grund und Boden, um einen grausamen Enteignungskrieg gegen die Volksmassen; von 207.478 strafgerichtlichen Untersuchungen, die 1836 im preußischen Staat geführt wurden, bezogen sich gegen 150.000, also nahe an drei Viertel, auf Holzdiebstähle, Forst-, Jagd- und Hutungsvergehen.

Bei der Beratung des Holzdiebstahlsgesetzes hatte sich im rheinischen Landtage das ausbeuterische Interesse des privaten Grundbesitzes in der unbeschämtesten Weise durchgesetzt, noch über den Entwurf der Regierung hinaus. Hiergegen trat nun Marx mit schneidender Kritik »für die arme politisch und sozial besitzlose Menge« ein, aber noch nicht mit ökonomischen, sondern mit rechtlichen Gründen. Er forderte für die bedrohten Armen die Wahrung ihrer Gewohnheitsrechte, deren Grundlage er in dem schwankenden Charakter eines gewissen Eigentums fand, der es nicht entschieden zum Privat-, aber auch nicht entschieden zum Gemeineigentum stempele, in einer Mischung von Privatrecht und öffentlichem Rechte, die uns in allen Einrichtungen des Mittelalters entgegentrete. Der Verstand habe diese zwitterhaften, schwankenden Bildungen des Eigentums aufgehoben, indem er die dem römischen |48|* Recht entnommenen Kategorien des abstrakten Privatrechts auf sie anwandte, aber in den Gewohnheitsrechten der armen Klasse lebe ein instinktmäßiger Rechtssinn; ihre Wurzel sei positiv und legitim.

Wenn die historische Erkenntnis dieser Abhandlung noch einen »gewissen schwankenden Charakter« trägt, so zeigt sie nichtsdestoweniger oder vielmehr eben dadurch, was im letzten Grunde diesen großen Vorkämpfer der »armen Klassen« erweckt hat, überall aus der Schilderung der Bübereien, durch die das Privatinteresse der Waldeigentümer Logik und Vernunft, Gesetz und Recht und nicht zuletzt die Interessen des Staates zerstampfte, um sich an den Armen und Elenden zu befriedigen, tönt das Knirschen des ganzen inneren Menschen hervor. »Um sich der Forstfrevler zu versichern, hat der Landtag dem Rechte nicht nur Arme und Beine gebrochen, sondern sogar das Herz durchbohrt.«[6] An diesem Beispiele wollte Marx erweisen, was von einer Ständeversammlung der Sonderinteressen zu erwarten sei, wenn sie einmal ernstlich zur Gesetzgebung berufen würde.

Dabei hielt Marx noch an der Hegelschen Rechts- und Staatsphilosophie fest. Nicht zwar, indem er wie die wortgläubigen Nachbeter Hegels den preußischen Staat als den idealen Staat feierte, sondern indem er den preußischen Staat an dem idealen Staat maß, der sich aus den philosophischen Voraussetzungen Hegels ergab. Marx betrachtete den Staat als den großen Organismus, worin die rechtliche, sittliche und politische Freiheit ihre Verwirklichung zu erhalten habe und der einzelne Staatsbürger in den Staatsgesetzen nur den Naturgesetzen seiner eigenen Vernunft, der menschlichen Vernunft gehorche. Von diesem Standpunkt aus wurde Marx noch mit den Debatten des Landtags über das Holzdiebstahlgesetz fertig, und wäre auch wohl noch mit der vierten Abhandlung fertig geworden, die ein Gesetz über Jagd-, Forst- und Feldfrevel behandeln, nicht aber mehr mit der fünften, die den ganzen Bau krönen und die »irdische Frage in Lebensgröße«, die Parzellierungsfrage erörtern sollte.

Wie das bürgerliche Rheinland vertrat Marx die freie Teilbarkeit des Grund und Bodens; dem Bauern die Parzellierungsfreiheit beschränken, hieße seiner physischen Armut die rechtliche Armut hinzufügen. Aber mit diesem rechtlichen Gesichtspunkt war die Frage nicht erledigt; der französische Sozialismus hatte längst darauf hingewiesen, daß die freie Teilbarkeit des Grund und Bodens ein hilfloses Proletariat schaffe, und sie mit der atomistischen Isolierung des Handwerks auf eine Stufe gestellt. Wollte Marx sie behandeln, so mußte er sich mit dem Sozialismus auseinandersetzen.

|49| Sicherlich hatte er diese Notwendigkeit erkannt, und er am wenigsten wäre ihr ausgewichen, wenn er die geplante Reihe seiner Abhandlungen vollendet hätte. Jedoch dazu ist es nicht gekommen. Als die dritte Abhandlung in der »Rheinischen Zeitung« veröffentlicht wurde, war Marx schon ihr Redakteur, und nun trat das sozialistische Rätsel an ihn heran, noch ehe er es lösen konnte.

 

7. Fünf Kampfmonate

Im Laufe des Sommers hatte sich die »Rheinische Zeitung« ein paar kleine Streifzüge ins soziale Gebiet gestattet; vermutlich ist Moses Heß ihr Urheber gewesen. Einmal hatte sie einen Artikel aus einer Zeitschrift Weitlings über die Berliner Familienhäuser als einen Beitrag zu einer »wichtigen Zeitfrage« nachgedruckt und ihrem Bericht über einen Straßburger Gelehrtenkongreß, auf dem auch sozialistische Fragen verhandelt worden waren, die ganz nichtssagende Bemerkung hinzugefügt, wenn der nichtsbesitzende Stand nach den Reichtümern der Mittelklasse trachte, so lasse sich das mit dem Kampfe der Mittelklassen gegen den Adel im Jahre 1789 vergleichen, aber diesmal werde sich eine friedliche Lösung finden.

Die harmlosen Anlässe genügten der »Allgemeinen Zeitung« in Augsburg, die »Rheinische Zeitung» auf Liebäugeln mit dem Kommunismus anzuklagen. Sie selbst besaß in diesem Punkte kein reines Gewissen und hatte aus der Feder Heines viel brenzlichere Sachen über den französischen Sozialismus und Kommunismus veröffentlicht, aber sie war das einzige deutsche Blatt von nationaler und selbst internationaler Bedeutung, und diese Stellung begann durch die »Rheinische Zeitung« gefährdet zu werden. So wenig erhebende Ursachen also ihr heftiger Angriff hatte, so war er doch nicht ohne boshaftes Geschick angelegt; neben allerlei Anspielungen auf die reichen Kaufmannssöhne, die in unschuldiger Einfalt mit sozialistischen Ideen spielten, ohne jeden Gedanken daran, mit den Kölner Domwerkleuten und Hafenträgern ihre Habe zu teilen, trumpfte er namentlich darauf, daß es doch nur eine kindliche Verirrung sei, in einem ökonomisch noch so weit zurückgebliebenen Lande, wie Deutschland sei, der Mittelklasse, die kaum schon frei zu atmen wage, mit dem Lose des französischen Adels von 1789 zu drohen.

Die Abwehr des bissigen Ergusses war die erste redaktionelle Aufgabe, die Marx zu lösen hatte, und sie war für ihn unbequem genug. |50| Er wollte nicht Dinge decken, die er selbst als » Stümpereien« empfand, aber er konnte auch nicht sagen, wie es ihn um den Kommunismus dünke. So spielte er zwar nach Möglichkeit den Krieg ins Lager der Gegnerin, indem er ihr selbst kommunistische Gelüste unterschob, gestand aber ehrlich ein, daß es der »Rheinischen Zeitung« nicht gegeben sei, mit einer Phrase Probleme zu bändigen, an deren Bezwingung zwei Völker arbeiteten. Sie werde die kommunistischen Ideen, denen sie in ihrer jetzigen Gestalt nicht einmal theoretische Wirklichkeit zugestehen, also noch weniger ihre praktische Verwirklichung wünschen oder auch nur für möglich halten könne, einer gründlichen Kritik unterwerfen, »nach langanhaltenden und tiefgehenden Studien«, denn Schriften, wie die von Leroux, Considérant und vor allem das scharfsinnige Werk Proudhons könnten nicht durch oberflächliche Einfälle des Augenblicks abgetan werden.

Später hat Marx wohl gemeint, dieser Streit habe ihm die Tätigkeit an der »Rheinischen Zeitung« verleidet, und er habe »begierig« die Gelegenheit ergriffen, sich in die Studierstube zurückzuziehen. Dabei hat sich ihm aber, wie es in der Erinnerung zu geschehen pflegt, Ursache und Wirkung zu unmittelbar aneinandergerückt. Einstweilen war Marx noch mit Leib und Leben bei der Sache, die ihm viel zu wichtig erschien, als daß er um ihretwillen nicht mit den alten Berliner Genossen gebrochen hätte. Mit denen war gar kein Staat mehr zu machen, seitdem die gemilderte Zensurinstruktion den Doktorklub, durch den doch immer »ein geistiges Interesse ging«, in eine Gesellschaft der sogenannten Freien gewandelt hatte, in der sich so ziemlich alle vormärzlichen Literaten der preußischen Hauptstadt zusammenfanden, um die politischen und sozialen Revolutionäre in der Gestalt wild gewordener Philister zu spielen. Marx wurde schon im Sommer durch dies Treiben beunruhigt; er sagte, ein anderes sei es, seine Emanzipation erklären, was Gewissenhaftigkeit sei, ein anderes, sich im voraus als renommistische Propaganda auszuschreien. Aber er meinte, zum Glück sei Bruno Bauer in Berlin; dieser werde dafür sorgen, daß wenigstens keine »Dummheiten« begangen würden.

Darin irrte Marx leider. Nach einer glaubwürdigen Mitteilung hat sich zwar Köppen von dem Treiben der Freien ferngehalten, nicht aber Bruno Bauer, der sich nicht einmal genierte, den Fähnchenführer bei ihren Eulenspiegeleien zu spielen. Ihre Bettelaufzüge in den Straßen, ihre Skandalszenen in Bordellen und Kneipen, ihr abgeschmacktes Hänseln eines wehrlosen Geistlichen, dem Bruno Bauer bei Stirners Trauung die messingenen Ringe seiner gehäkelten Geldbörse mit dem Bemerken |51| überreichte, als Trauringe seien sie gut genug - alles das machte die Freien zum Gegenstande halb der Bewunderung und halb des Grauens für alle zahmen Philister, stellte aber unheilbar die Sache bloß, die sie angeblich vertraten.

Natürlich wirkte dies gassenjungenhafte Treiben auch verheerend auf die geistige Produktion der Freien, und Marx hatte mit ihren Beiträgen für die »Rheinische Zeitung« seine liebe Not. Viele davon verfielen dem Rotstifte des Zensors, aber - so schrieb Marx an Ruge - »ebensoviel wie der Zensor erlaubte ich mir selbst zu annullieren, indem Meyen und Konsorten weltumwälzungsschwangre und gedankenleere Sudeleien in saloppem Stil, mit etwas Atheismus und Kommunismus (den die Herrn nie studiert haben) versetzt, haufenweise uns zusandten, bei Rutenbergs gänzlichem Mangel an Kritik, Selbständigkeit und Fähigkeit sich gewöhnt hatten, die ›Rh[einische] Z[eitung]‹ als ihr willenloses Organ zu betrachten, ich aber nicht weiter dies Wasserabschlagen in alter Weise gestatten zu dürfen glaubte«. Dies war der erste Grund zur »Verfinsterung des Berliner Himmels«, wie Marx sagte.

Zum Bruche kam es, als im November 1842 Herwegh und Ruge einen Besuch in Berlin machten. Herwegh befand sich damals auf seiner berühmten Triumphfahrt durch Deutschland, auf der er auch mit Marx in Köln schnelle Freundschaft geschlossen hatte; in Dresden war er mit Ruge zusammengetroffen und mit ihm zusammen nach Berlin gereist. Hier vermochten sie begreiflicherweise dem Unfug der Freien keinen Geschmack abzugewinnen; Ruge kam hart mit seinem Mitarbeiter Bruno Bauer aneinander, weil ihm dieser »die lächerlichsten Dinge auf die Nase binden« wollte, so die Behauptung, daß Staat, Eigentum und Familie im Begriff aufgelöst werden müßten, ohne daß man sich um die positive Seite der Sache weiter zu bekümmern habe. Ebenso geringes Wohlgefallen fand Herwegh an den Freien, die sich für diese Mißachtung dafür rächten, daß sie die bekannte Audienz des Dichters beim König und seine Verlobung mit einem reichen Mädchen in ihrer Weise durchhechelten.

Die streitenden Teile wandten sich beide an die »Rheinische Zeitung«. Herwegh, im Einverständnis mit Ruge, bat um die Aufnahme einer Notiz, worin den Freien zwar zugestanden war, daß sie einzeln meistens treffliche Leute seien, aber hinzugefügt wurde, daß sie, wie Herwegh und Ruge ihnen offen erklärt hätten, durch ihre politische Romantik, Geniesucht und Renommage die Sache und die Partei der Freiheit kompromittierten. Marx veröffentlichte diese Notiz, wurde nun aber mit |52| groben Briefen von Meyen überfallen, der sich zum Sprachrohr der Freien machte.

Marx antwortete zunächst ganz sachlich, indem er die Mitarbeit der Freien auf den richtigen Weg zu leiten suchte. »Ich forderte auf, weniger vages Räsonnement, großklingende Phrasen, selbstgefällige Bespiegelungen und mehr Bestimmtheit, mehr Eingehn in die konkreten Zustände, mehr Sachkenntnis an den Tag zu fördern. Ich erklärte, daß ich das Einschmuggeln kommunistischer und sozialistischer Dogmen, also einer neuen Weltanschauung, in beiläufigen Theaterkritiken etc. für unpassend, ja für unsittlich halte und eine ganz andere und gründlichere Besprechung des Kommunismus, wenn er einmal besprochen werden solle, verlange. Ich begehrte dann, die Religion mehr in der Kritik der politischen Zustände, als die politischen Zustände in der Religion zu kritisieren, da diese Wendung mehr dem Wesen einer Zeitung und der Bildung des Publikums entspricht, da die Religion, an sich inhaltlos, nicht vom Himmel, sondern von der Erde lebt, und mit der Auflösung der verkehrten Realität, deren Theorie sie ist, von selbst stürzt. Endlich wollte ich, daß, wenn einmal von Philosophie gesprochen, weniger mit der Firma: ›Atheismus‹ getändelt (was den Kindern ähnlich sieht, die jedem, der's hören will, versichern, sie fürchteten sich nicht vor dem Bautzenmann) als vielmehr ihr Inhalt unters Volk gebracht würde.« Diese Ausführungen gewähren zugleich einen lehrreichen Blick in die Grundsätze, nach denen Marx die »Rheinische Zeitung« leitete.

Ehe indessen seine Ratschläge an ihr Ziel gelangt waren, erhielt er einen »insolenten Brief« von Meyen, worin dieser nicht mehr und nicht weniger forderte, als die Zeitung solle nicht »temperieren«, sondern das »Äußerste tun«, das heißt, um der Freien willen sich unterdrücken lassen. Nun wurde auch Marx ungeduldig und schrieb an Ruge: »Aus alledem leuchtet eine schreckliche Dosis Eitelkeit heraus, die nicht begreift, wie man, um ein politisches Organ zu retten, einige Berliner Windbeuteleien preisgeben kann, die an überhaupt nichts denkt, als an ihre Cliquengeschichten ... Da wir nun von morgens bis abends die schrecklichsten Zensurquälereien, Ministerialschreibereien, Oberpräsidialbeschwerden, Landtagsklagen, Schreien der Aktionäre etc. etc. zu tragen haben und ich bloß auf dem Posten bleibe, weil ich es für Pflicht halte, der Gewalt die Verwirklichung ihrer Absichten, so viel an mir liegt, zu vereiteln, so können Sie denken, daß ich etwas gereizt bin und dem M[eyen] ziemlich derb geantwortet habe.« In der Tat war es der Bruch mit den Freien, die politisch alle ein mehr oder minder trauriges |53|* Ende genommen haben; von Bruno Bauer, dem späteren Mitarbeiter der »Kreuzzeitung« und der »Post«, bis zu Eduard Meyen, der als Redakteur der »Danziger Zeitung« starb und über sein verlorenes Leben mit dem kläglichen Witze quittierte, er dürfe nur die protestantischen Orthod-oxen verhöhnen, denn den päpstlichen Syllabus zu kritisieren, habe ihm der liberale Besitzer des Blattes aus Rücksicht auf die katholischen Abonnenten verboten. Andere der Freien sind bei der offiziösen oder gar offiziellen Presse untergekrochen wie Rutenberg, der einige Jahrzehnte später als Redakteur des »Preußischen Staats-Anzeigers« gestorben ist.

Damals aber, im Herbst 1842, war er noch der gefürchtete Mann, und die Regierung verlangte seine Entfernung. Sie hatte den Sommer über das Blatt zwar durch die Zensur aufs äußerste gequält, aber noch sein Leben geschont, in der Hoffnung, daß es von selbst eingehen werde; am 8. August berichtete der rheinische Oberpräsident von Schaper nach Berlin, die Zahl der Abonnenten beliefe sich nur auf 885. Aber am 15. Oktober hatte Marx die Redaktion übernommen, und am 10. November meldete Schaper, die Abonnentenzahl nehme unaufhaltsam zu; sie habe sich von 885 auf 1.820 gehoben, und die Tendenz des Blattes werde immer feindseliger und frecher. Dazu kam, daß der »Rheinischen Zeitung« ein äußerst reaktionärer Ehegesetzentwurf auf den Tisch geflogen war, dessen vorzeitige Veröffentlichung den König um so mehr erbitterte, als die beabsichtigte Erschwerung der Ehescheidung einen heftigen Widerstand in der Bevölkerung fand. Er verlangte, die Zeitung mit sofortiger Unterdrückung zu bedrohen, falls sie den Einsender des Entwurfs nicht nenne, doch wollten die Minister dem verhaßten Blatte, von dem sie wußten, daß es ein so entwürdigendes Ansinnen zurückweisen würde, keine Märtyrerkrone flechten. Sie begnügten sich, Rutenberg aus Köln zu entfernen, und bei Strafe des Verbots die Ernennung eines verantwortlichen Redakteurs zu verlangen, der an Stelle des Verlegers Renard das Blatt zu zeichnen habe. Zugleich wurde statt des bisherigen, wegen seiner Beschränktheit verrufenen Zensors Dolleschall ein Assessor Wiethaus ernannt.

Marx meldete am 30. November an Ruge: »Rutenberg, dem schon der deutsche Artikel (an dem seine Tätigkeit hauptsächlich im Interpunktieren bestand) gekündigt, dem nur auf mein Verwenden der französische provisorisch übertragen worden, Rutenberg hatte bei der ungeheuern Dummheit unserer Staatsvorsehung das Glück, für gefährlich zu gelten, obgleich er niemandem gefährlich war als der ›Rheinischen Zeitung‹ und sich selbst. Rut[enbergs] Entfernung wurde gewaltsam |54| verlangt. Die preußische Vorstehung, dieser despotisme prussien, le plus hypocrite, le plus fourbe, ersparte dem Geranten [Renard] einen unangenehmen Auftritt, und der neue Märtyrer, der schon in Physiognomie, Haltung und Sprache das Märtyrerbewußtsein mit einiger Virtuosität darzustellen weiß, Rutenberg beutet diese Gelegenheit aus, schreibt in alle Welt, schreibt nach Berlin, er sei das exilierte Prinzip der ›Rh[einischen] Z[eitung]‹, die eine andere Stellung zur Regierung entriert.« Marx erwähnt den Zwischenfall unter dem Gesichtspunkt, daß sein Zerwürfnis mit den Berliner Freien dadurch geschärft worden sei, aber es scheint fast, als ob er mit dem Spott über den »Märtyrer« Rutenberg dem armen Teufel doch ein wenig zu viel getan habe.

Seine Bemerkung, daß die Entfernung Rutenbergs »gewaltsam verlangt« und dem Verleger Renard dadurch ein »unangenehmer Auftritt« erspart worden sei, läßt sich nicht wohl anders auslegen, als daß man sich der »Gewalt« gefügt und auf jeden Versuch verzichtet hat, Rutenberg zu halten. Ein solcher Versuch wäre ohne allen Zweifel aussichtslos gewesen und man hatte auch wohl Grund, dem Verleger jeden unangenehmen Auftritt« zu ersparen, das will sagen, jede protokollarische Vernehmung, für die der gänzlich unpolitische Buchhändler nicht taugte. Ein schriftlicher Protest gegen das angedrohte Verbot der Zeitung ist von ihm auch nur unterzeichnet, aber wie der handschriftliche Entwurf bezeugt, der sich im Kölner Stadtarchiv befindet, von Marx verfaßt worden.

Hierin wird, »der Gewalt nachgebend«, die einstweilige Entfernung Rutenbergs zugestanden und die Anstellung eines verantwortlichen Redakteurs verheißen. Auch will die »Rheinische Zeitung« gern alles tun, um sich vor dem Untergange zu bewahren, soweit es mit dem Beruf eines unabhängigen Blattes vereinbar sei. Sie will sich in der Form eine größere Mäßigung auferlegen als bisher, nämlich soweit es der Inhalt gestatte. Das Schreiben ist mit einer diplomatischen Vorsicht abgefaßt, von der sich aus dem Leben seines Verfassers kein zweites Beispiel beibringen läßt, aber wenn es unbillig sein würde, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, so würde es nicht minder unbillig sein, zu sagen, daß der junge Marx darin seinen damaligen Überzeugungen merkliche Gewalt angetan habe. Auch nicht in dem, was er über die preußenfreundlichen Gesinnungen der Zeitung sagt. Neben ihren polemischen Artikeln gegen die preußenfeindlichen Bestrebungen der Augsburger »Allgemeinen Zeitung« und neben ihrer Agitation für die Ausdehnung des Zollvereins auf das nordwestliche Deutschland hätten sich ihre preußischen Sympathien vor allem in ihrem steten Hinweisen auf |55| norddeutsche Wissenschaft im Gegensatze zu der Oberflächlichkeit der französischen und auch der süddeutschen Theorien gezeigt. Die »Rheinische Zeitung« sei das erste »rheinische und überhaupt süddeutsche Blatt«, das hier den norddeutschen Geist einführe und damit zu der geistigen Einigung der getrennten Stämme beitrage.

Auf diese Eingabe antwortete der Oberpräsident von Schaper ziemlich ungnädig; selbst wenn Rutenberg sofort entlassen und ein durchaus geeigneter Redakteur namhaft gemacht würde, hinge es von der weiteren Haltung des Blattes ab, ob es eine endgültige Konzession erhielte. Nur für die Bestellung des neuen Redakteurs wurde ein Spielraum bis zum 12. Dezember eingeräumt. Es ist nicht dazu gekommen, denn in der Mitte Dezember war schon ein neuer Krieg im Gange. Zwei Korrespondenzen der Zeitung aus Bernkastel über die elende Lage der Moselbauern veranlaßten Schaper zu zwei Berichtigungen, die inhaltlich ebenso nichtig, wie formell ungezogen waren. Die »Rheinische Zeitung« machte zunächst noch einmal gute Miene zum bösen Spiel und lobte die »ruhige Würde« dieser Berichtigungen, die die Männer des geheimen Polizeistaats beschäme und die geeignet sei, »das Mißtrauen ebenso zu vernichten, als das Vertrauen zu befestigen«. Aber nachdem sie das nötige Material gesammelt hatte, brachte sie von Mitte Januar ab in fünf Artikeln [7] eine Fülle urkundlicher Beweise dafür bei, daß die Regierung die Notschreie der Moselbauern mit grausamer Härte unterdrückt hatte. Der oberste Beamte der Rheinprovinz war dadurch bis auf die Knochen blamiert. Jedoch wurde ihm der süße Trost, daß die Unterdrückung der Zeitung bereits am 21. Januar 1843 durch den Ministerrat im Beisein des Königs beschlossen worden war. Um die Jahreswende hatte eine Reihe von Vorkommnissen den Zorn des Königs gereizt: ein sentimental-trotziger Brief, den Herwegh aus Königsberg an ihn gerichtet und den die »Leipziger Allgemeine Zeitung« ohne Wissen und wider Willen des Verfassers veröffentlicht hatte, die Freisprechung Johann Jacobys von der Anklage des Hochverrats und der Majestätsbeleidigung durch den obersten Gerichtshof, endlich auch das Neujahrsbekenntnis der »Deutschen Jahrbücher« »zur Demokratie mit ihren praktischen Problemen«. Sie wurden daraufhin sofort verboten, und so auch - für Preußen - die »Leipziger Allgemeine Zeitung«; nun sollte in einem Aufwaschen auch die Hurenschwester vom Rhein« daran, zumal da sie die Unterdrückung der beiden Blätter scharf gegeißelt hatte.

Zur formellen Handhabe des Verbots diente der angebliche Mangel einer Konzession - »als wenn in Preußen, wo kein Hund leben darf ohne seine Polizeimarke, die ›Rh[einische Zeitung]‹ auch nur einen Tag |56| ohne die offiziellen Lebensbedingungen hätte erscheinen können«, wie Marx meinte - und als »sachlicher Grund« wurde der alt- wie neupreußische Schwatz von der ruchlosen Tendenz angegeben - »der alte Larifari von schlechter Gesinnung, hohler Theorie, Dideldumdey usw.«, wie Marx spottete. Aus Rücksicht auf die Aktionäre wurde das Erscheinen der Zeitung bis zum Ablauf des Vierteljahrs gestattet. »Während dieser Galgenfrist hat sie Doppelzensur. Unser Zensor, ein ehrenwerter Mann, ist unter die Zensur des hiesigen Regierungspräsidenten von Gerlach, eines passiv gehorsamen Dummkopfs, gestellt, und zwar muß unser fertiges Blatt der Polizeinase zum Riechen präsentiert werden, und wenn sie was Unchristliches, Unpreußisches riecht, darf die Zeitung nicht erscheinen.« So Marx an Ruge. In der Tat war der Assessor Wiethäus ehrenwert genug, auf die Zensur zu verzichten, wofür ihn die Kölner Liedertafel durch ein Ständchen ehrte. An seine Stelle wurde aus Berlin der Ministerialsekretär Saint-Paul gesandt, der den Henkersdienst so eifrig versah, daß die Doppelzensur bereits am 18. Februar aufgehoben werden konnte.

Das Verbot der Zeitung wurde von der ganzen Rheinprovinz als eine ihr zugefügte Schmach empfunden. Die Zahl der Abonnenten schnellte auf 3.200 empor, und Petitionen, die sich mit Tausenden von Unterschriften bedeckten, gingen nach Berlin, um den drohenden Schlag noch abzuwenden. Auch eine Deputation von Aktionären machte sich auf den Weg, wurde beim Könige aber nicht erst vorgelassen, wie denn die Petitionen aus der Bevölkerung spurlos in den Papierkörben des Ministeriums verschwunden wären, wenn sie nicht energische Rüffel an die Beamten veranlaßt hätten, die sie unterschrieben hatten. Bedenklicher war, daß die Aktionäre durch eine schwächere Haltung des Blattes zu erreichen suchten, was ihren beweglichen Vorstellungen nicht gelungen war; wesentlich dieser Umstand veranlaßte Marx, schon am 17. März die Redaktion niederzulegen, was ihn natürlich nicht hinderte, der Zensur bis zum letzten Augenblick das Leben so sauer wie möglich zu machen.

Saint-Paul war ein jugendlicher Bohemien, der in Berlin mit den Freien kneipte, wie er sich vor den Kölner Bordellen mit den Nachtwächtern prügelte. Aber er war ein verschmitzter Bursche, der bald entdeckte, wo der »doktrinäre Mittelpunkt« der »Rheinischen Zeitung« und der »lebendige Quell« ihrer Theorien war. In seinen Berichten nach Berlin sprach er mit unwillkürlicher Achtung von Marx, dessen Charakter wie Geist ihm offenbar mächtig imponiert hatten, trotz des »tiefen, spekulativen Irrtums«, den er an ihm entdeckt haben wollte. Am |57| 2. März konnte Saint-Paul nach Berlin melden, daß Marx sich entschlossen habe, »unter den jetzigen Umständen« jede Verbindung mit der »Rheinischen Zeitung« aufzugeben und Preußen zu verlassen, was die Berliner Neunmalweisen veranlaßte, in ihren Akten zu vermerken, es sei kein Verlust, wenn Marx auswandere, da seine »ultrademokratischen Gesinnungen mit dem Prinzip des preußischen Staats in völligem Widerspruch ständen«, was sich gewiß nicht bestreiten ließ. Am 18. jubelte dann der würdige Zensor: »Der spiritus rector des ganzen Unternehmens, Dr. Marx, ist gestern definitiv ausgetreten, und Oppenheim, ein wirklich im ganzen gemäßigter, übrigens unbedeutender Mann, hat die Redaktion übernommen ... Ich befinde mich dabei sehr wohl und habe heute kaum ein Viertel der sonstigen Zeit auf die Zensur verwandt.« Er machte dem scheidenden Marx das schmeichelhafte Kompliment, in Berlin vorzuschlagen, daß man nunmehr die »Rheinische Zeitung« ruhig weiter bestehen lassen solle. Indessen übertrafen ihn seine Auftraggeber an feiger Gesinnung; er wurde angewiesen, den Redakteur der »Kölnischen Zeitung«, einen gewissen Hermes, heimlich zu kaufen und den Verleger dieses Blattes einzuschüchtern, dem die »Rheinische Zeitung« die Möglichkeit einer gefährlichen Konkurrenz bewiesen hatte, und dies Schelmenstück gelang.

Marx selbst aber schrieb schon am 25. Januar an Ruge, demselben Tage, an dem das Verbot der »Rheinischen Zeitung« nach Köln gelangt war: »Mich hat nichts überrascht. Sie wissen, was ich gleich von der Zensurinstruktion hielt. Ich sehe hier nur eine Konsequenz, ich sehe in der Unterdrückung der ›Rh[einischen] Z[eitung]‹ einen Fortschritt des politischen Bewußtseins und resigniere daher. Außerdem war mir die Atmosphäre so schwül geworden. Es ist schlimm, Knechtsdienste, selbst für die Freiheit zu verrichten und mit Nadeln statt mit Kolben zu fechten. Ich bin der Heuchelei, der Dummheit, der rohen Autorität und unseres Schmiegens, Biegens, Rückendrehens und Wortklauberei müde gewesen. Also die Regierung hat mich wieder in Freiheit gesetzt ... In Deutschland kann ich nichts mehr beginnen. Man verfälscht sich hier selbst.«

 

8. Ludwig Feuerbach

In eben diesem Briefe bestätigte Marx den Empfang der Sammlung, in die er seinen politischen Erstling gestiftet hatte. Sie war in zwei Bänden unter dem Titel »Anekdota zur neuesten deutschen Philosophie |58| und Publizistik« von dem Literarischen Kontor in Zürich, das Julius Fröbel als Heimstätte für deutsche Zensurflüchtlinge gegründet hatte, im Anfang März 1843 herausgegeben worden.

In ihnen marschierte noch einmal die alte Garde der Junghegelianer auf, doch schon in wankenden Reihen, und in ihrer Mitte der kühne Denker, der die ganze Philosophie Hegels zu den Toten warf, der den »absoluten Geist« für den abgeschiedenen Geist der Theologie und somit für den reinen Gespensterglauben erklärte, der alle Geheimnisse der Philosophie gelöst sah im Anschauen der Menschen und der Natur. Die »Vorläufigen Thesen zur Reform der Philosophie«, die Ludwig Feuerbach in den »Anekdotis« veröffentlichte, sind auch für Marx eine Offenbarung gewesen.

In späteren Jahren hat Engels den großen Einfluß Feuerbachs auf die geistige Entwicklung des jungen Marx vom »Wesen des Christentums« datiert, der berühmtesten Schrift Feuerbachs, die bereits im Jahre 1841 erschienen war. Von der »befreienden Wirkung« dieses Buchs, die man selbst erlebt haben müsse, um sich eine Vorstellung davon zu machen, sagte Engels: »Die Begeisterung war allgemein; Wir waren alle momentan Feuerbachianer.«[8] Allein in dem, was Marx in der »Rheinischen Zeitung« veröffentlicht hat, läßt sich der Einfluß Feuerbachs noch nicht spüren; »enthusiastisch begrüßt« hat Marx die neue Auffassung, trotz aller kritischen Vorbehalte, erst in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern«, die im Februar 1844 erschienen und schon im Titel einen gewissen Anklang an die Gedankengänge Feuerbachs verrieten.

Nun sind die »Vorläufigen Thesen« gewiß schon im »Wesen des Christentums« enthalten, und insofern scheint der Irrtum, dem Engels in der Erinnerung unterlegen ist, recht gleichgültig zu sein. Er ist es jedoch insofern nicht, als er die geistigen Zusammenhänge zwischen Feuerbach und Marx verschleiert. Feuerbach war deshalb nicht weniger ein Kämpfer, weil ihm immer nur in ländlicher Einsamkeit wohl war. Er dachte mit Galilei, die Stadt sei gleichsam ein Gefängnis spekulativischer Gemüter, hingegen das freie Landleben sei ein Buch der Natur, das einem jeden unmittelbar vor Augen liege, der mit seinem Verstande darin zu lesen beliebe. Mit solchen Worten hat Feuerbach sein einsames Leben in Bruckberg stets gegen alle Anfechtungen verteidigt; er liebte die ländliche Einsamkeit, nicht im Sinne des alten friedseligen Wortes: wohl dem, der im Verborgenen gelebt hat, sondern weil er aus ihr die Kraft zum Kampfe schöpfte, in dem Bedürfnis des Denkers, sich zu sammeln und durch das lärmende Geräusch des Tages sich nicht dem |59| Anschauen der Natur entreißen zu lassen, die ihm der große Urquell alles Lebens und seiner Geheimnisse war.

Trotz seiner ländlichen Verborgenheit kämpfte Feuerbach den großen Krieg der Zeit in vorderster Reihe mit. Seine Aufsätze gaben den Zeitschriften Ruges die schärfste Schneide und Spitze. Im »Wesen des Christentums« wies er nach, daß der Mensch die Religion mache, nicht aber die Religion den Menschen, daß die höheren Wesen, die unsere Phantasie erschaffe, nur die phantastische Rückspiegelung unseres eigenen Wesens seien. Gerade aber zur Zeit, wo dies Buch erschien, wandte sich Marx dem politischen Kampfe zu, der ihn mitten in das Getümmel des öffentlichen Marktes führte, soweit davon überhaupt schon gesprochen werden konnte; für diesen taugten die Waffen nicht, die Feuerbach in seiner Schrift gerüstet hatte. Nun aber, da die Hegelsche Philosophie sich unfähig erwiesen hatte, die materiellen Fragen zu lösen, die ihm in der »Rheinischen Zeitung« entgegengetreten waren, erschienen just die »Vorläufigen Thesen« Feuerbachs zur Reform der Philosophie, die der Hegelschen Philosophie als dem letzten Zufluchtsort, der letzten rationellen Stütze der Theologie den Todesstoß gaben. So machten sie einen tiefen Eindruck auf Marx, wenngleich er sich sofort seine Kritik vorbehielt.

In seinem Briefe vom 13. März schrieb er an Ruge: »Feuerbachs Aphorismen sind mir nur in dem Punkte nicht recht, daß er zu sehr auf die Natur und zu wenig auf die Politik hinweist. Das ist aber das einzige Bündnis, wodurch die jetzige Philosophie eine Wahrheit werden kann. Doch wird's wohl gehen wie im sechzehnten Jahrhundert, wo den Naturenthusiasten eine andere Reihe von Staatsenthusiasten entsprach.« In der Tat hatte Feuerbach in seinen »Thesen« die Politik nur mit einer sehr dürftigen Bemerkung gestreift, die eher hinter Hegel zurück-, als über ihn hinausging. In diesem Punkte setzte Marx ein, um Hegels Rechts- und Staatsphilosophie so gründlich zu untersuchen, wie Feuerbach die Natur- und Religionsphilosophie des Meisters untersucht hatte.

Noch an einer Stelle verriet der Brief an Ruge vom 13. März, wie stark Marx damals durch Feuerbach beeinflußt wurde. Sobald er sich darüber klar geworden war, daß er nicht unter preußischer Zensur schreiben oder in preußischer Luft leben könne, war auch sein Entschluß gefaßt, Deutschland nicht ohne seine Braut zu verlassen. Er fragte schon am 25. Januar bei Ruge an, ob er am »Deutschen Boten«, den Herwegh damals in Zürich. erscheinen lassen wollte, eine Tätigkeit finden würde, doch wurde die Absicht Herweghs, noch ehe sie ausgeführt werden konnte, durch seine Ausweisung aus Zürich zerstört. Ruge machte nun |60| andere Vorschläge eines gemeinsamen Wirkens, unter anderem die gemeinsame Redaktion der umgestalteten und umgetauften Jahrbücher; Marx möge nach Schluß seiner Kölner »Redaktionsqual« zur mündlichen Verhandlung über den »Ort unserer Wiedergeburt« nach Leipzig kommen.

Darauf ging Marx am 13. März ein, äußerte aber doch »vorläufig« seine Überzeugung über »unseren Plan« wie folgt: »Als Paris erobert war, schlugen einige den Sohn Napoleons mit Regentschaft, andre den Bernadotte, andre endlich den Louis-Philippe zur Herrschaft vor. Talleyrand aber antwortete: Louis XVIII. oder Napoleon. Das ist ein Prinzip, alles andere ist Intrige. Und so möchte ich auch fast alles andere außer Straßburg (oder höchstens der Schweiz) kein Prinzip, sondern eine Intrige nennen. Bücher über zwanzig Bogen sind keine Schriften fürs Volk. Das Höchste, was man da wagen kann, sind Monatshefte. Würden nun gar die ›Deutschen Jahrbücher‹ wieder gestattet, so brächten wir es zum Allerhöchsten auf einen schwachen Abklatsch der selig Entschlafenen, und das genügt heutzutage nicht mehr. Dagegen ›Deutsch-Französische Jahrbücher‹, das wäre ein Prinzip, ein Ereignis von Konsequenzen, ein Unternehmen, für das man sich enthusiasmieren kann.« Man spürt hier den Nachhall von Feuerbachs »Thesen«, in denen es heißt, der wahre, der mit dem Leben, dem Menschen identische Philosoph müsse gallo-germanischen Geblüts sein. Das Herz müsse französisch, der Kopf deutsch sein. Der Kopf reformiere, aber das Herz revolutioniere. Nur wo Bewegung, Wallung, Leidenschaft, Blut, Sinnlichkeit, da sei auch Geist. Nur der Esprit Leibnizens, sein sanguinisches, materialistisch-idealistisches Prinzip habe zuerst die Deutschen aus ihrem Pedantismus und Scholastizismus herausgerissen.

Mit diesem »gallo-germanischen Prinzip« erklärte sich Ruge in seiner Antwort vom 19. März vollkommen einverstanden, doch zog sich die geschäftliche Regelung der Dinge noch eine Reihe von Monaten hin.

 

9. Hochzeit und Verbannung

In dem bewegten Jahre seiner ersten öffentlichen Kämpfe hat Marx auch mit manchen häuslichen Schwierigkeiten zu ringen gehabt. Er sprach darüber nicht gern und immer nur, wenn ihn eine herbe Notwendigkeit dazu zwang, im schroffsten Gegensatze zu dem kläglichen Lose des Philisters, der über seinem kleinen Kram Gott und die Welt vergißt, |61| war ihm gegeben, sich an der »Menschheit großen Gegenständen« auch über die bitterste Not zu erheben. Sich in dieser Fähigkeit zu üben, hat ihm sein Leben nur allzu reichliche Gelegenheit geboten.

Gleich in der ersten Äußerung, die sich von ihm über seine »Privatlumpereien« erhalten hat, spricht sich seine Auffassung solcher Dinge in sehr bezeichnender Weise aus. Um sich bei Ruge wegen des Ausbleibens von Beiträgen zu entschuldigen, die er für die »Anekdota« versprochen hatte, schrieb er am 9. Juli 1842 nach Aufzählung anderer Hindernisse: »Die übrige Zeit war zerstückelt und verstimmt durch die allerwidrigste Familienkontroverse. Meine Familie legte mir Schwierigkeiten in den Weg, die mich, trotz ihres Wohlstandes, momentan den drückendsten Verhältnissen aussetzten. Ich kann Sie unmöglich mit der Erzählung dieser Privatlumpereien belästigen; es ist ein wahres Glück, daß die öffentlichen Lumpereien jede mögliche Irritabilität für das Private einem Menschen von Charakter unmöglich machen.« Es ist eben auch dieser Beweis einer ungewöhnlichen Charakterstärke, der die Philister bei ihrer »Irritabilität für das Private« von jeher gegen den »herzlosen« Marx aufgebracht hat.

Näheres über die »allerwidrigsten Familienkontroversen« ist sonst nicht bekannt geworden; ganz im allgemeinen kam Marx nur noch einmal darauf zurück, als es sich um die Gründung der »Deutsch-Französischen Jahrbücher« handelte. Er schrieb an Ruge, sobald der Plan feste Gestalt angenommen habe, wolle er nach Kreuznach reisen, wo die Mutter seiner Braut seit dem Tode ihres Gatten lebte, und dort heiraten, dann aber einige Zeit bei seiner Schwiegermutter bleiben, »da wir doch jedenfalls, ehe wir ans Werk gehn, einige Arbeiten fertig haben müßten ... Ich kann Ihnen ohne alle Romantik versichern, daß ich von Kopf bis zu Fuß und zwar allen Ernstes liebe. Ich bin schon über sieben Jahre verlobt, und meine Braut hat die härtesten, ihre Gesundheit fast untergrabenden Kämpfe für mich gekämpft, teils mit ihren pietistisch-aristokratischen Verwandten, denen der ›Herr im Himmel‹ und der ›Herr in Berlin‹ gleiche Kultusobjekte sind, teils mit meiner eigenen Familie, in der einige Pfaffen und andre Feinde von mir sich eingenistet haben. Ich und meine Braut haben daher mehr unnötige und angreifende Konflikte jahrelang durchgekämpft, als manche andre, die dreimal älter sind und beständig von ihrer ›Lebenserfahrung‹ sprechen.« Außer dieser kargen Andeutung ist auch über die Kämpfe der Brautzeit nichts überliefert worden.

Nicht ohne Mühe, aber doch verhältnismäßig schnell, und auch ohne daß Marx sich nach Leipzig begab, ist das Erscheinen der neuen Zeitschrift |62|* gesichert worden. Fröbel entschloß sich, den Verlag zu übernehmen, nachdem der wohlhabende Ruge sich bereit erklärt hatte, als Kommanditär mit 6.000 Talern in das Literarische Kontor einzutreten. Als Redaktionsgehalt für Marx wurden 500 Taler ausgeworfen. Auf diese Aussicht hin heiratete er seine Jenny am 19. Juni 1843.

Noch blieb der Ort zu bestimmen, wo die »Deutsch-Französischen Jahrbücher« erscheinen sollten. Die Wahl schwankte zwischen Brüssel, Paris und Straßburg. Die elsässische Stadt hätte den Wünschen des jungen Paares Marx am meisten entsprochen, doch fiel die Entscheidung schließlich für Paris, nachdem Fröbel und Ruge sich dort und in Brüssel persönlich umgetan hatten. In Brüssel hatte die Presse zwar freieren Spielraum als in Paris mit seinen Kautionen und Septembergesetzen, aber dem deutschen Leben war man in der französischen Hauptstadt viel näher als in der belgischen. Mit 3.000 Franken oder etwas mehr könne Marx in Paris leben, schrieb Ruge ermunternd.

Seinem Plane gemäß hatte Marx die ersten Monate seiner Ehe im Hause seiner Schwiegermutter verlebt; im November hat er seinen jungen Hausstand nach Paris verlegt. Als letztes Lebenszeichen in der Heimat hat sich ein Brief erhalten, den er am 23. Oktober 1843 aus Kreuznach an Feuerbach richtete, um von ihm einen Beitrag für das erste Heft der neuen Jahrbücher zu erbitten, und zwar eine Kritik Schellings: »Ich glaube fast aus Ihrer Vorrede zur 2. Auflage des ›Wesens des Christentums‹ schließen zu können, daß Sie manches über diesen Windbeutel in petto hätten. Sehen Sie, das wäre ein herrliches Debüt. Wie geschickt hat Herr Schelling die Franzosen zu ködern gewußt, vorerst den schwachen, eklektischen Cousin, später sogar den genialen Leroux. Dem Pierre Leroux und seinesgleichen gilt Schelling immer noch als der Mann, der an die Stelle des transzendenten Idealismus den vernünftigen Realismus, der an die Stelle des abstrakten Gedankens den Gedanken mit Fleisch und Blut, der an die Stelle der Fachphilosophie die Weltphilosophie gesetzt hat ... Sie würden unserem Unternehmen, aber noch mehr der Wahrheit, daher einen großen Dienst leisten, wenn Sie gleich zu dem ersten Hefte eine Charakteristik Schellings lieferten. Sie sind gerade dazu der Mann, weil Sie der umgekehrte Schelling sind. Der - wir dürfen das Gute von unserem Gegner glauben - der aufrichtige Jugendgedanke Schellings, zu dessen Verwirklichung er indessen kein Zeug hatte als die Imagination, keine Energie als die Eitelkeit, keinen Treiber als das Opium, kein Organ als die Irritabilität eines weiblichen Rezeptionsvermögens, dieser aufrichtige Jugendgedanke Schellings, der bei ihm ein phantastischer Jugendtraum |63| geblieben ist, er ist Ihnen zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zu männlichem Ernst geworden ... Ich halte Sie daher für den notwendigen, natürlichen, also durch Ihre Majestäten, die Natur und die Geschichte, berufenen Gegner Schellings.« Wie liebenswürdig ist dieser Brief geschrieben und wie hell leuchtet aus ihm die frohe Hoffnung eines großen Kampfes hervor!

Feuerbach aber zauderte. Er hatte schon gegenüber Ruge das neue Unternehmen erst gelobt, dann aber abgelehnt; auch die Berufung auf sein »gallo-germanisches Prinzip« hatte ihn nicht bekehrt. In erster Reihe seine Schriften hatten den Zorn der Machthaber gereizt, so daß sie mit dem Polizeistock niederschlugen, was es in Deutschland noch an Freiheit des Philosophierens gab und die philosophische Opposition ins Ausland flüchten mußte, wenn sie sich nicht feige ergeben wollte.

Das Ergeben war nicht die Sache Feuerbachs, aber so war es auch nicht der kecke Sprung in die Wogen, die um das deutsche Totenland brandeten. Der Tag, an dem Feuerbach die feurigen Worte, womit Marx um ihn warb, voll freundlichen Interesses zwar, aber doch ablehnend beantwortete, ist der schwarze Tag seines Lebens gewesen. Er vereinsamte nun auch geistig.

 

Anmerkungen


[1] Karl Marx: Thesen über Feuerbach, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 3, S. 5 ff.

[2] Karl Marx: Doktordissertation, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Ergänzungsband, 1. Teil (Band 40), S. 262.

[3] Karl Marx: Debatten über Preßfreiheit und Publikation der Landständischen Verhandlungen, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 45.

[4] Karl Marx: Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 80/81.

[5] Karl Marx: Debatten über Preßfreiheit und Publikation der Landständischen Verhandlungen, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 70/71.

[6] Karl Marx: Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 145.

[7] Karl Marx: Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 172.

[8] Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 21, S. 272.

 

 

 

 

Drittes Kapitel:

Das Pariser Exil

 

 

1. Die »Deutsch-Französischen Jahrbücher«

 

|64| Die neue Zeitschrift hatte nicht Glück und Stern; es ist nur ein Doppelheft von ihr Ende Februar 1844 erschienen.

Das »gallo-germanische Prinzip« oder wie es von Ruge umgetauft war; die »intellektuelle Allianz zwischen Deutschen und Franzosen«, ließ sich nicht verwirklichen: das »politische Prinzip Frankreichs« wollte nichts wissen von der deutschen Mitgift, dem »logischen Scharfblick« der Hegelschen Philosophie, die ihm als sicherer Kompaß in den metaphysischen Regionen dienen sollte, in denen Ruge die Franzosen ohne Steuer vor Wind und Wellen treiben sah.

Freilich, wenn nach seinem Zeugnis zunächst Lamartine, Lamennais, Louis Blanc, Leroux und Proudhon gewonnen werden sollten, so war diese Liste an sich schon bunt gewürfelt genug. Eine Ahnung von deutscher Philosophie hatten von ihnen nur Leroux und Proudhon, von denen dieser in der Provinz lebte und jener die Schriftstellerei einstweilen an den Nagel gehängt hatte, um über der Erfindung einer Setzmaschine zu grübeln. Die anderen aber lehnten aus diesen oder jenen religiösen Mucken ab, selbst Louis Blanc, der die Anarchie in der Politik aus dem Atheismus in der Philosophie entstehen sah.

An deutschen Mitarbeitern gewann die Zeitschrift freilich einen ansehnlichen Stab: neben den Herausgebern selbst waren Heine, Herwegh, Johann Jacoby Namen ersten Ranges, und auch in zweiter Reihe konnten sich Moses Heß und F. C. Bernays, ein junger rheinpfälzischer Jurist, wohl sehen lassen, ganz zu geschweigen des jüngsten von allen, Friedrich Engels, der hier zuerst, nach manchen schriftstellerischen Anläufen, mit offenem Visier und in glänzendem Harnisch zum Kampf antrat. Aber auch diese Schar war bunt genug; manche darunter verstanden wenig von Hegelscher Philosophie und noch weniger von deren »logischem Scharfblick«; vor allem zwischen den beiden Herausgebern selbst tat sich alsbald ein Zwiespalt auf, der ein Zusammenarbeiten zwischen ihnen unmöglich machte.

Eröffnet wurde das erste Doppelheft der Zeitschrift, das ihr einziges |65| bleiben sollte, durch einen »Briefwechsel« zwischen Marx, Ruge, Feuerbach und Bakunin, einem jungen Russen, der sich in Dresden an Ruge angeschlossen und einen viel bemerkten Aufsatz in den »Deutschen Jahrbüchern« veröffentlicht hatte. Es sind im ganzen acht Briefe, die mit den Anfangsbuchstaben der Verfassernamen gezeichnet sind, wonach je drei von Marx und Ruge, je einer von Bakunin und Feuerbach herrühren. Ruge hat diesen Briefwechsel später als eine dramatische Szene bezeichnet, die von ihm verfaßt sei, obgleich er »wirkliche Briefstellen teilweise« benutzt habe, und er hat ihn auch in seine »Sämtliche Werke« aufgenommen, bezeichnenderweise aber nur unter arger Verstümmelung, mit Unterdrückung des letzten Briefes, der von Marx gezeichnet ist und die Pointe des ganzen Briefwechsels enthält. Der Inhalt der Briefe läßt keinen Zweifel zu, daß sie von den Verfassern herrühren, deren Initialen sie tragen, und soweit sie eine einheitliche Komposition darstellen, spielt Marx die erste Geige in diesem Konzert, womit nicht bestritten zu werden braucht, daß Ruge an seinen Briefen sowie an den Briefen Bakunins und Feuerbachs herumgebastelt haben mag.

Wie Marx den Briefwechsel schließt, so eröffnet er ihn mit einem kurzen stimmungsvollen Anschlage: die romantische Reaktion führt zur Revolution, der Staat ist ein zu ernstes Ding, um zur Harlekinade gemacht zu werden; man könnte vielleicht ein Schiff voll Narren eine gute Weile vor dem Winde treiben lassen, aber seinem Schicksal trieb' es entgegen, eben weil die Narren dies nicht glaubten. Darauf antwortet Ruge mit einer langen Jeremiade über die unvergängliche Schafsgeduld der deutschen Philister, »anklagend und hoffnungslos«, wie er später selbst gesagt hat oder wie Marx ihm sofort höflicher erwidert: »Ihr Brief ist eine gute Elegie, ein atemversetzender Grabgesang, aber politisch ist er ganz und gar nicht.«[1] Gehöre dem Philister die Welt, so lohne es sich, diesen Herrn der Welt zu studieren. Herr der Welt sei er nur, indem er sie, wie die Würmer einen Leichnam, mit seiner Gesellschaft ausfülle; so lange er das Material der Monarchie sei, könne auch der Monarch nur der König der Philister sein. Aufgeweckter und munterer als sein Vater, habe der neue König von Preußen den Philisterstaat auf seiner eigenen Basis aufheben wollen, aber so lange sie blieben, was sie seien, habe er weder sich noch seine Leute zu freien wirklichen Menschen machen können. So sei die Rückkehr zum alten verknöcherten Diener- und Sklavenstaat erfolgt. Aber diese verzweifelte Lage erfülle mit neuer Hoffnung. Marx weist auf die Unfähigkeit der Herren und die Trägheit der Diener und Untertanen hin, die alles gehen ließen, wie es Gott gefalle, und doch reiche beides zusammen schon hin, eine Katastrophe herbeizuführen. |66| Er weist auf die Feinde des Philistertums, auf alle denkenden und leidenden Menschen hin, die zu einer Verständigung gelangt seien, selbst auf das passive Fortpflanzungssystem der alten Untertanen, das jeden Tag Rekruten für den Dienst der neuen Menschheit werbe. Noch viel schneller führe das System des Erwerbes und Handels, des Besitzes und der Ausbeutung der Menschen zu einem Bruche innerhalb der jetzigen Gesellschaft, den das alte System nicht zu heilen vermöge, weil es überhaupt nicht heile und schaffe, sondern nur existiere und genieße. So sei die Aufgabe, die alte Welt vollkommen ans Tageslicht zu ziehen und die neue positiv auszubilden.

Bakunin und Feuerbach schreiben, jeder in seiner Art, ebenfalls ermunternd an Ruge. Darauf bekennt dieser sich »durch den neuen Anacharsis und den neuen Philosophen« für überzeugt. Hatte Feuerbach den Untergang der »Deutschen Jahrbücher« mit dem Untergang Polens verglichen, wo die Anstrengungen weniger Menschen umsonst waren in dem allgemeinen Sumpf eines verfaulten Volkslebens, so sagt nun Ruge in einem Brief an Marx: »Ja! Wie Polen der katholische Glaube und die adelige Freiheit nicht rettet, so konnte uns die theologische Philosophie und die vornehme Wissenschaft nicht befreien. Wir können unsere Vergangenheit nicht anders fortführen, als durch den entschiedensten Bruch mit ihr. Die ›Jahrbücher‹ sind untergegangen, die Hegelsche Philosophie gehört der Vergangenheit an. Wir wollen in Paris ein Organ gründen, indem wir uns selbst und ganz Deutschland völlig frei und mit unerbittlicher Aufrichtigkeit beurteilen.« Er verspricht, sich um das Merkantilische zu bemühen und ersucht Marx, sich über den Plan der Zeitschrift zu äußern.

Wie das erste, so hat Marx das letzte Wort. Es sei klar, daß ein neuer Sammelpunkt für die wirklich denkenden und unabhängigen Köpfe geschaffen werden müsse. Aber wenn auch kein Zweifel über das Woher, so herrsche desto größere Konfusion über das Wohin. »Nicht nur, daß eine allgemeine Anarchie unter den Reformern ausgebrochen ist, so wird jeder sich selbst gestehen müssen, daß er keine exakte Anschauung von dem hat, was werden soll. Indessen ist das gerade wieder der Vorzug der neuen Richtung, dar wir nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen. Bisher hatten die Philosophen die Auflösung aller Rätsel in ihrem Pulte liegen, und die dumme exoterische Welt hatte nur das Maul aufzusperren, damit ihr die gebratenen Tauben der absoluten Wissenschaft in den Mund flogen. Die Philosophie hat sich verweltlicht, und der schlagendste Beweis dafür ist, daß das philosophische Bewußtsein selbst in die Qual des |67| Kampfes nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich hineingezogen ist. Ist die Konstruktion der Zukunft und das Fertigwerden für alle Zeiten nicht unsere Sache, so ist desto gewisser, was wir gegenwärtig zu vollbringen haben, ich meine die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden, rücksichtslos sowohl in dem Sinne, daß die Kritik sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebensowenig vor dem Konflikte mit den vorhandenen Mächten.«[2] Marx will keine dogmatische Fahne aufpflanzen, und der Kommunismus, wie ihn Cabet, Dézamy, Weitling lehren, ist ihm auch nur eine dogmatische Abstraktion. Das Hauptinteresse des jetzigen Deutschlands sei einmal die Religion, dann die Politik; ihnen sei nicht irgendein System wie die Reise nach Ikarien entgegenzusetzen, vielmehr müsse an sie, wie sie auch seien, angeknüpft werden.

Marx verwirft die Meinung der »krassen Sozialisten«, daß die politischen Fragen unter aller Würde seien. Aus dem Konflikt des politischen Staats, aus dem Widerspruch seiner ideellen Bestimmung mit seinen realen Voraussetzungen, lasse sich überall die soziale Wahrheit entwickeln. »Es hindert uns also nichts, unsre Kritik an die Kritik der Politik, an die Parteinahme in der Politik, also an wirkliche Kämpfe anzuknüpfen. Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: Laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug, wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschrein. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch nicht will.« So faßt Marx das Programm der neuen Zeitschrift dahin zusammen: Selbstverständigung (kritische Philosophie) der Zeit über ihre Kämpfe und Wünsche.

Zu dieser »Selbstverständigung« ist es nur für Marx gekommen, aber nicht für Ruge. Schon der »Briefwechsel« zeigte, daß Marx der Treiber war, Ruge aber nur der Getriebene. Es kam hinzu, daß Ruge nach seiner Ankunft in Paris erkrankte und sich wenig an der Redaktion beteiligen konnte. Er war dadurch in seiner wesentlichsten Fähigkeit lahmgelegt, für die ihm Marx »zu umständlich« erschien. Er konnte der Zeitschrift nicht die Form und Haltung geben, die er für die passendste hielt, und selbst nicht einmal eine eigene Arbeit in ihr veröffentlichen. Gleichwohl stand er der ersten Lieferung noch nicht völlig ablehnend gegenüber. Er fand »ganz merkwürdige Sachen darin, die in Deutschland viel Aufsehen machen würden«, wenn er auch tadelte, daß »einige ungehobelte Sachen mit aufgetischt« seien, die er gebessert haben würde, aber die nun so in der Eile mitgegangen seien. Es wäre wohl noch zu einer Fortsetzung |68|* des Unternehmens gekommen, wenn es nicht an äußeren Hindernissen gescheitert wäre.

Zunächst versiegten sehr schnell die Mittel des Literarischen Kontors, und Fröbel erklärte, das Unternehmen nicht fortführen zu können. Dann aber machte die preußische Regierung schon auf die erste Kunde vom Erscheinen der »Deutsch-Französischen Jahrbücher« gegen sie mobil.

Sie fand damit allerdings nicht einmal bei Metternich, geschweige denn bei Guizot besondere Gegenliebe; sie mußte sich begnügen, am 18. April 1844 die Oberpräsidenten aller Provinzen zu benachrichtigen, daß die »Jahrbücher« den Tatbestand des versuchten Hochverrats und Majestätsverbrechens darstellten; die Oberpräsidenten sollten, ohne dadurch Aufsehen zu erregen, die Polizeibehörden anweisen, Ruge, Marx, Heine und Bernays, sobald sie preußischen Boden beträten, unter Beschlagnahme ihrer Papiere zu verhaften. Das war auch noch recht harmlos, sintemalen die Nürnberger keinen henken, sie hätten ihn denn zuvor. Aber gefährlich wurde das böse Gewissen des preußischen Königs dadurch, daß es mit boshafter Angst die Grenzen zu bewachen verstand. Auf einem Rheindampfer wurden 100, bei Bergzabern an der französisch-pfälzischen Grenze weit über 200 Exemplare aufgefangen; das waren sehr empfindliche Nackenschläge bei der verhältnismäßig geringen Zahl der Auflage, mit der überhaupt gerechnet werden konnte.

Wo aber einmal innere Reibungen vorhanden sind, pflegen sie durch äußere Schwierigkeiten leicht verbittert und verschärft zu werden. Nach Angabe Ruges haben sie auch seinen Bruch mit Marx beschleunigt oder gar hervorgerufen, woran insoweit etwas Wahres sein mag, als Marx in Geldsachen von einer souveränen Gleichgültigkeit, Ruge aber von krämerhaftem Argwohn war. Er scheute sich nicht, das Gehalt, das Marx zu beanspruchen hatte, nach dem Muster des Trucksystems in Exemplaren der »Jahrbücher« auszuzahlen, geriet aber in große Aufregung über die angebliche Zumutung, sein Vermögen an die Fortsetzung der Zeitschrift zu wagen, da er doch ohne alle Kenntnis des Buchhandels sei. Eine solche Zumutung hat Marx in ähnlicher Lage allerdings an sich selbst gestellt, schwerlich aber an Ruge. Er mag dazu geraten haben, die Flinte nicht gleich nach dem ersten Mißlingen ins Korn zu werfen, und darin mag Ruge, der schon über das Ansinnen »zornig« wurde, ein paar Franken für die Drucklegung von Weitlings Schriften springen zu lassen, ein gefährliches Attentat auf seinen Geldbeutel gewittert haben.

Obendrein deutet Ruge selbst auf die wirkliche Ursache des Bruchs hin, wenn er als seinen unmittelbaren Anlaß einen Streit über Herwegh angibt, den er, »allerdings vielleicht zu heftig«, einen Lumpen« genannt, |69|* wogegen Marx Herweghs »große Zukunft« betont habe. In der Sache hat Ruge recht behalten; Herwegh hat keine »große Zukunft« gehabt, und die Lebensweise, die er damals in Paris führte, scheint in der Tat sehr anfechtbar gewesen zu sein; selbst Heine hat sie scharf gegeißelt und Ruge gibt zu, daß auch Marx keine Freude daran gehabt habe. Gleichwohl ehrte den »bissigen« und »galligen« Marx sein hochherziger Irrtum mehr, als sich der »honette« und »noble« Ruge auf seinen unheimlichen Instinkt einbilden durfte. Denn dem einen kam es auf den revolutionären Dichter, dem andern aber auf den untadeligen Spießbürger an.

Dies war der tiefere Zusammenhang des unbedeutenden Zwischenfalls, der beide Männer für immer trennte. Für Marx hatte der Bruch mit Ruge nicht die sachliche Bedeutung, wie etwa seine späteren Auseinandersetzungen mit Bruno Bauer oder Proudhon. Als Revolutionär wird er sich lange an Ruge geärgert haben, bis ihm der Streit wegen Herweghs, wenn er sich wirklich nach Ruges Schilderung abgespielt haben sollte, die Galle überlaufen ließ.

Will man Ruge von seiner besten Seite kennenlernen, so muß man die »Denkwürdigkeiten« lesen, die er zwanzig Jahre später veröffentlicht hat. Die vier Bände reichen bis zum Untergange der »Deutschen Jahrbücher«, bis zur Zeit, wo das Leben Ruges vorbildlich war für jene literarische Vorhut von Schulmeistern und Studenten, die für ein Bürgertum sprachen, das von kleinem Schacher und großen Illusionen lebte. Sie enthalten eine Fülle anmutiger Genrebilder aus der Kindheit Ruges, der auf dem platten Lande in Rügen und Vorpommern aufgewachsen war, und sie geben ein so lebendiges Bild der frischen Burschenschaftszeit und der ruchlosen Demagogenjagd, wie es sonst in der deutschen Literatur nicht existiert. Ihr Verhängnis war nur, daß sie zu einer Zeit erschienen, wo das deutsche Bürgertum die großen Illusionen verabschiedete, um den großen Schacher zu beginnen. So blieben Ruges »Denkwürdigkeiten« fast unbeachtet, während ein gleichartiges, aber nicht nur historisch, sondern auch literarisch ungleich minderwertiges Buch, Reuters »Festungstid«, wahre Beifallsstürme entfesselte. Ruge war wirklicher Burschenschafter gewesen, während Reuter nur als lustiger Bruder von ungefähr in die Burschenschaft geraten war; der Bourgeoisie aber, die schon mit den preußischen Bajonetten liebäugelte, gefiel der »goldene Humor«, mit dem Reuter über die infame Rechtsverhöhnung der Demagogenjagd scherzte, ungleich besser, als der »dreiste Humor«, womit Ruge nach Freiligraths treffendem Worte schilderte, daß ihn die Schufte nicht untergekriegt und die Kasematten ihn frei gemacht hätten.

|70| Aber gerade in der anschaulichen Schilderung Ruges empfindet man lebhaft, daß der vormärzliche Liberalismus trotz aller großen Worte doch nur das reine Philistertum war und seine Wortführer am letzten Ende immer Philister bleiben mußten. Unter diesen Philistern war Ruge noch der temperamentvollste, und innerhalb der ideologischen Schranken hatte er tapfer genug gekämpft. Jedoch dasselbe Temperament riß ihn um so schneller herum, als ihm in Paris die großen Gegensätze des modernen Lebens entgegentraten.

Hatte er sich mit dem Sozialismus als einer Spielerei philosophischer Menschenfreunde abgefunden, so schlug ihn der Kommunismus der Pariser Handwerkerkreise mit der panischen Angst des Spießers, nicht einmal um seine Haut, sondern nur um seinen Beutel. Hatte er in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« der Philosophie Hegels den Totenschein ausgestellt, so begrüßte er noch im Laufe desselben Jahres 1844 den schrullenhaftesten Ausläufer dieser Philosophie, das Buch Stirners, als Befreiung von dem Kommunismus, der dümmsten aller Dummheiten, dem neuen Christentum, das die Einfältigen predigen und dessen Verwirklichung ein niederträchtiges Schafstalleben sein würde.

Zwischen Marx und Ruge war das Tischtuch für immer zerschnitten.

 

2. Eine philosophische Fernsicht

Demnach waren die »Deutsch-Französischen Jahrbücher« ein totgeborenes Kind. Konnten ihre Herausgeber unmöglich auf die Dauer zusammengehen, so kam wenig darauf an, wann und wie sie sich trennten und ein früherer Bruch war sogar einem späteren vorzuziehen. Genug, daß Marx in seiner »Selbstverständigung« einen großen Schritt vorwärts getan hatte.

Er hat zwei Aufsätze in der Zeitschrift veröffentlicht, die »Einleitung« zu einer »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie« und eine Anzeige zweier Schriften, die Bruno Bauer zur Judenfrage veröffentlicht hatte. Trotz der sehr verschiedenen Gebiete ihres Stoffs hängen sie ihrem gedanklichen Inhalt nach eng zusammen; wenn Marx später seine »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie« dahin zusammengefaßt hat, daß nicht in dem von Hegel gepriesenen Staat, sondern in der von ihm mißachteten Gesellschaft der Schlüssel zum Verständnis der geschichtlichen Entwicklung zu suchen sei, so wird darüber in dem zweiten Aufsatz sogar eingehender gehandelt als in dem ersten.

|71| Unter einem andern Gesichtspunkte verhalten sich die beiden Aufsätze wie Mittel und Zweck zueinander. Der erste gibt einen philosophischen Grundriß des proletarischen Klassenkampfes, der zweite einen philosophischen Grundriß der sozialistischen Gesellschaft. Aber weder der eine noch der andere erscheinen wie aus der Pistole geschossen, sondern beide zeigen die geistige Entwicklung des Verfassers in streng logischer Folge. Der erste knüpft unmittelbar an Feuerbach an, der die Kritik der Religion, die Voraussetzung aller Kritik, im wesentlichen beendet habe. Der Mensch mache die Religion, die Religion mache nicht den Menschen. Aber so setzt Marx ein, der Mensch ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät, die die Religion als ein verkehrtes Weltbewußtsein produzieren, weil sie eine verkehrte Welt sind. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist. So wird es zur Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit geschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.

Für Deutschland kann diese geschichtliche Aufgabe aber nur durch die Philosophie gelöst werden. Verneint man die deutschen Zustände von 1843, so steht man, nach französischer Zeitrechnung, kaum im Jahre 1789, noch weniger im Brennpunkt der Gegenwart. Soll die moderne politisch-soziale Wirklichkeit der Kritik unterworfen werden, so befindet sie sich außerhalb der deutschen Wirklichkeit, oder sie würde ihren Gegenstand unter ihrem Gegenstande greifen. Als Beispiel dafür, daß die deutsche Geschichte, gleich einem ungeschickten Rekruten, bisher nur die Aufgabe hatte, abgedroschene Geschichten nachzuexerzieren, bezieht sich Marx auf ein »Hautproblem der modernen Zeit«, auf das Verhältnis der Industrie, überhaupt der Welt des Reichtums, zu der politischen Welt.

Dies Problem beschäftigt die Deutschen in der Form der Schutzzölle, des Prohibitivsystems der Nationalökonomie. Man beginnt in Deutschland anzufangen, womit man in Frankreich und England zu enden beginnt. Der alte faule Zustand, gegen den diese Länder theoretisch im Aufruhr sind, und den sie nur noch ertragen, wie man Ketten erträgt, wird in Deutschland als die aufgehende Morgenröte einer schönen Zukunft begrüßt. Während das Problem in Frankreich und England lautet: Politische Ökonomie oder Herrschaft der Sozietät über den Reichtum, lautet es in Deutschland: Nationalökonomie oder Herrschaft des Privateigentums |72|* über die Nationalität. Dort handelt es sich um die Lösung und hier handelt es sich erst um die Schürzung des Knotens.

Aber wenn nicht historische, so sind die Deutschen doch philosophische Zeitgenossen der Gegenwart. Mitten in deren brennende Fragen führt die Kritik der deutschen Rechts- und Staatsphilosophie, die durch Hegel ihre konsequenteste Ausbildung erhalten hat. Marx nimmt hier entschiedene Stellung sowohl zu den beiden Richtungen, die in der »Rheinischen Zeitung« nebeneinander gegangen waren, als auch zu Feuerbach. Hatte dieser die Philosophie zum alten Eisen geworfen, so sagt Marx, wenn man an wirkliche Lebenskeime anknüpfen wolle, so dürfe man nicht vergessen, daß der wirkliche Lebenskeim des deutschen Volkes bisher nur unter seinem Hirnschädel gewuchert habe. Den »Baumwollrittern und Eisenhelden« aber sagte er: Ihr habt ganz recht, die Philosophie aufzuheben, aber ihr könnt sie nicht aufheben, ohne sie zu verwirklichen, und umgekehrt dem alten Freunde Bauer und dessen Gefolge: Ihr habt ganz recht, die Philosophie zu verwirklichen, aber ihr könnt sie nicht verwirklichen, ohne sie aufzuheben.

Die Kritik der Rechtsphilosophie verläuft in Aufgaben, für deren Lösung es nur ein Mittel gibt: die Praxis. Wie kann Deutschland zu einer Praxis auf der Höhe des Prinzips gelangen, das heißt zu einer Revolution, die es nicht nur auf die gleiche Stufe mit den modernen Völkern erhebt, sondern auf die menschliche Höhe, die die nächste Zukunft dieser Völker sein wird? Wie soll es mit einem Salto mortale nicht nur über seine eigenen Schranken hinwegsetzen, sondern zugleich über die Schranken der modernen Völker, die es in der Wirklichkeit als Befreiung von seinen wirklichen Schranken empfinden und erstreben muß?

Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift, und sie ergreift die Massen, sobald sie radikal wird. Jedoch eine radikale Revolution bedarf eines passiven Elements, einer materiellen Grundlage; die Theorie wird in einem Volke immer nur soweit verwirklicht, als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist. Es genügt nicht, daß der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen. Daran aber scheint es in Deutschland zu fehlen, wo die verschiedenen Sphären sich nicht dramatisch, sondern episch zueinander verhalten, wo sogar das moralische Selbstgefühl der Mittelklasse nur auf dem Bewußtsein beruht, die allgemeine Repräsentantin von der philisterhaften Mittelmäßigkeit aller übrigen Klassen zu sein, wo jede Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft |73| ihre Niederlage erlebt, bevor sie ihren Sieg gefeiert hat, ihr engherziges Wesen geltend macht, bevor sie ihr großmütiges Wesen geltend machen kann, so daß jede Klasse, bevor sie den Kampf mit der über ihr stehenden Klasse beginnt, in den Kampf mit der unter ihr stehenden verwickelt wird.

Dadurch wird jedoch nicht bewiesen, daß die radikale, die allgemeinmenschliche, sondern nur daß die halbe, die nur politische Revolution, die Revolution, die die Pfeiler des Hauses stehen läßt, in Deutschland unmöglich ist. Hier fehlen ihre Vorbedingungen: auf der einen Seite eine Klasse, die von ihrer besonderen Situation aus die allgemeine Emanzipation der Gesellschaft unternimmt und die ganze Gesellschaft befreit, wenn auch nur unter der Voraussetzung, daß die ganze Gesellschaft sich in der Situation dieser Klasse befindet, also zum Beispiel Geld oder Bildung besitzt oder beliebig erwerben kann: auf der andern Seite eine Klasse, in der sich alle Mängel der Gesellschaft konzentrieren, eine besondere soziale Sphäre, die für das notorische Verbrechen der ganzen Gesellschaft gelten muß, so daß die Befreiung von dieser Sphäre als die allgemeine Selbstbefreiung erscheint. Die negativ-allgemeine Bedeutung des französischen Adels und der französischen Klerisei bedingte die positiv-allgemeine Bedeutung der zunächst angrenzenden und entgegenstehenden Bourgeoisie.

Aus der Unmöglichkeit der halben schließt nun Marx die »positive Möglichkeit« der radikalen Revolution. Auf die Frage, wo diese Möglichkeit bestehe, antwortet er: »In der Bildung einer Klasse mit radikalen Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes, welcher die Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden besitzt und kein besonderes Recht in Anspruch nimmt, weil kein besonderes Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird, welche nicht mehr auf einen historischen, sondern nur noch auf den menschlichen Titel provozieren kann, welche in keinem einseitigen Gegensatz zu den Konsequenzen, sondern in einem allseitigen Gegensatz zu den Voraussetzungen des deutschen Staatswesens steht, einer Sphäre endlich, welche sich nicht emanzipieren kann, ohne sich von allen übrigen Sphären der Gesellschaft und damit alle übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren, welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand ist das Proletariat.«[3] Es beginne erst durch die hereinbrechende industrielle Bewegung für |74| Deutschland zu werden, denn nicht die naturwüchsig entstandene, sondern die künstlich produzierte Armut, nicht die mechanische durch die Schwere der Gesellschaft niedergedrückte, sondern die aus ihrer akuten Auflösung, vorzugsweise aus der Auflösung des Mittelstandes hervorgehende Menschenmasse bilde das Proletariat, obgleich allmählich, wie sich von selbst verstehe, auch die naturwüchsige Armut und die christlich-germanische Leibeigenschaft in seine Reihen treten.

Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehen. Die Emanzipation des Deutschen ist die Emanzipation des Menschen. Die Philosophie kann nicht verwirklicht werden ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie. Wenn alle inneren Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns.

Nach Form und Inhalt steht dieser Aufsatz in der ersten Reihe der Jugendarbeiten, die sich von Marx erhalten haben; eine magere Skizze seiner Grundgedanken kann nicht einmal einen entfernten Begriff von der überströmenden Gedankenfülle geben, die er in einer epigrammatisch knappen Form zu bändigen weiß. Die deutschen Professoren, die darin Fratzenhaftigkeit des Stils und Höhe der Geschmacklosigkeit entdecken wollten, haben nur ihrer eigenen Fratzenhaftigkeit und Geschmacklosigkeit ein unrühmliches Zeugnis ausgestellt. Freilich fand auch Ruge schon die »Epigramme« des Aufsatzes »zu künstlich»; er tadelte diese »Unform und Überform«, aber entdeckte darin auch ein »kritisches Talent, das bisweilen in Übermut ausartende Dialektik« werde. Dies Urteil ist nicht unbillig. Denn der junge Marx hat manches Mal schon am Klirren seiner scharfen und schweren Waffen seine Freude gehabt. Übermut ist die Mitgift jeder genialen Jugend.

Noch ist es nur eine philosophische Fernsicht, die der Aufsatz in die Zukunft eröffnet. Niemand hat schlüssiger als der spätere Marx nachgewiesen, daß keine Nation mit einem Salto mortale über notwendige Stufen ihrer geschichtlichen Entwicklung hinwegsetzen kann. Aber es sind nicht sowohl unrichtige als dämmernde Umrisse, die seine sichere Hand zeichnet. Im einzelnen sind die Dinge anders gekommen, aber im ganzen doch so wie er vorher gesagt hat. Das bezeugt ihm die Geschichte der deutschen Bourgeoisie sowohl wie die Geschichte des deutschen Proletariats.

 

3. Zur Judenfrage

|75| Nicht so packend in der Form, aber in der Fähigkeit kritischer Zergliederung fast noch überlegen, ist der zweite Aufsatz, den Marx in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« veröffentlicht hat. Er untersuchte in ihm den Unterschied zwischen menschlicher und politischer Emanzipation, an der Hand zweier Abhandlungen Bruno Bauers über die Judenfrage.

Diese Frage war damals noch nicht so in den Niederungen anti- und philosemitischen Geredes verkommen wie heutzutage. Eine Klasse der Bevölkerung, die als hervorragendste Trägerin des Kaufmanns- und Wucherkapitals eine immer größere Macht gewann, entbehrte um ihrer Religion willen aller bürgerlichen Rechte, es sei denn, daß ihr um ihres Wuchers willen besondere Vorrechte eingeräumt wurden; der berühmteste Vertreter des »aufgeklärten Absolutismus«, der Philosoph von Sanssouci, gab das erbauliche Vorbild, daß er den Geldjuden, die ihm bei seinen Münzfälschungen und sonstigen zweifelhaften Finanzoperationen halfen, die »Freiheit von christlichen Bankiers« gewährte, während er den Philosophen Moses Mendelssohn nur eben in seinen Staaten duldete, aber nicht etwa, weil er ein Philosoph war und sich bemühte, seine »Nation« in das deutsche Geistesleben einzuführen, sondern weil er die Stelle eines Buchhalters bei einem privilegierten Geldjuden bekleidete. Entließ ihn dieser, so war er vogelfrei.

Aber auch die bürgerlichen Aufklärer nahmen - mit einzelnen Ausnahmen - keinen besonderen Anstoß an der Ächtung einer Bevölkerungsklasse um ihrer Religion willen. Der israelitische Glaube war ihnen widerlich als Vorbild der religiösen Unduldsamkeit, von dem das Christentum erst die »Menschenmäkelei« gelernt hatte, und die Juden selbst zeigten nicht das geringste Interesse für die bürgerliche Aufklärung. Sie ergötzten sich an der aufklärerischen Kritik der christlichen Religion, die sie selbst von jeher verflucht hatten, aber sie schrien über einen Verrat an der Menschheit, wenn die gleiche Kritik an die jüdische Religion herantrat. So forderten sie die politische Emanzipation des Judentums, aber nicht im Sinne der Gleichberechtigung, nicht in der Absicht, ihre Sonderstellung preiszugeben, sondern vielmehr in der Absicht, sie zu befestigen, allemal bereit, die liberalen Grundsätze preiszugeben, sobald sie einem jüdischen Sonderinteresse widerstritten.

Die Kritik der Religion durch die Junghegelianer hatte sich natürlich auch auf das Judentum erstreckt, das sie als eine Vorstufe des Christentums behandelten. Feuerbach hatte das Judentum als die Religion des |76| Egoismus zergliedert. »Die Juden haben sich in ihrer Eigentümlichkeit bis auf den heutigen Tag erhalten. Ihr Prinzip, ihr Gott ist das praktischste Prinzip der Welt - der Egoismus in der Form der Religion. Der Egoismus sammelt, konzentriert den Menschen auf sich, aber er macht ihn theoretisch borniert, weil gleichgültig gegen alles, was nicht unmittelbar auf das Wohl des Selbst sich bezieht.« Ähnlich Bruno Bauer, der den Juden nachsagte, daß sie sich in den Spalten und Ritzen der bürgerlichen Gesellschaft eingenistet hätten, um ihre unsicheren Elemente auszubeuten, gleich den Göttern Epikurs, die in den Zwischenräumen der Welt wohnten, wo sie der bestimmten Arbeit überhoben seien. Ihre Religion sei tierische Schlauheit und List, womit sich das sinnliche Bedürfnis befriedige; sie hätten sich von jeher dem geschichtlichen Fortschritt widersetzt und sich in ihrem Hasse aller Völker das abenteuerlichste und beschränkteste Volksleben gestiftet.

Allein wenn Feuerbach das Wesen der jüdischen Religion aus dem Wesen der Juden erklärte, so sah Bauer trotz der Gründlichkeit, Kühnheit und Schärfe, die Marx seinen Abhandlungen über die Judenfrage nachrühmte, diese Frage doch nur erst durch die theologische Brille. Wie die Christen, so können die Juden zur Freiheit nur durchdringen, indem sie ihre Religion überwinden. Der christliche Staat könne seinem religiösen Wesen nach die Juden nicht emanzipieren, aber so könnten auch die Juden ihrem religiösen Wesen nach nicht emanzipiert werden. Christen und Juden müßten aufhören, Christen und Juden zu sein, wenn sie frei sein wollten. Da aber das Judentum als Religion von dem Christentum als Religion überholt worden sei, so habe der Jude einen beschwerlicheren und weiteren Weg zur Freiheit als der Christ. Nach Bauers Ansicht mußten die Juden erst das Christentum und die Hegelsche Philosophie nachexerzieren, ehe sie frei werden konnten.

Dagegen warf Marx ein, daß es nicht genüge, zu untersuchen, wer emanzipieren und wer emanzipiert werden solle, sondern die Kritik habe zu fragen, um welche Art von Emanzipation es sich handle, ob um die politische oder die menschliche Emanzipation. Die Juden wie die Christen seien in verschiedenen Staaten politisch vollständig emanzipiert, ohne deshalb menschlich emanzipiert zu sein. Es müsse also zwischen der politischen und der menschlichen Emanzipation ein Unterschied bestehen.

Das Wesen der politischen Emanzipation sei der ausgebildete moderne Staat, und dieser Staat sei auch der vollendete christliche Staat, denn der christlich-germanische Staat, der Staat der Privilegien, sei erst der unvollkommene, noch theologische, noch nicht in politischer Reinheit |77| ausgebildete Staat. Der politische Staat in seiner höchsten Ausbildung verlange aber weder vom Juden die Aufhebung des Judentums, noch vom Menschen überhaupt die Aufhebung der Religion; er habe die Juden emanzipiert und müsse sie seinem Wesen nach emanzipieren. Wo die Staatsverfassung ausdrücklich die Ausübung politischer Rechte für unabhängig vom religiösen Glauben erkläre, da halte man gleichwohl einen Menschen ohne Religion für keinen anständigen Menschen. Das Dasein der Religion widerspreche also der Vollendung des Staates nicht. Die politische Emanzipation des Juden, des Christen, überhaupt des religiösen Menschen, sei die Emanzipation des Staats vom Judentum, vom Christentum, überhaupt von der Religion. Der Staat könne sich von einer Schranke befreien, ohne daß der Mensch wirklich von ihr frei wäre, und darin zeige sich die Grenze der politischen Emanzipation.

Marx spinnt nun diesen Gedanken noch weiter aus. Der Staat als Staat verneine das Privateigentum; der Mensch erkläre auf politische Weise das Privateigentum für aufgehoben, sobald er den Zensus für aktive und passive Wählbarkeit aufhebe, wie es in vielen nordamerikanischen Freistaaten geschehen sei. Der Staat hebe den Unterschied der Geburt, des Standes, der Bildung, der Beschäftigung in seiner Weise auf, wenn er Geburt, Stand, Bildung, Beschäftigung für unpolitische Unterschiede erkläre, wenn er ohne Rücksicht auf diese Unterschiede jedes Glied des Volks zum gleichmäßigen Teilnehmer der Volkssouveränität ausrufe. Nichtsdestoweniger lasse der Staat das Privateigentum, die Bildung, die Beschäftigung auf ihre Weise, das heißt als Privateigentum, als Bildung, als Beschäftigung wirken und ihr besonderes Wesen geltend machen. Weit entfernt, diese faktischen Unterschiede aufzuheben, existiere er vielmehr nur unter ihrer Voraussetzung, empfinde er sich vielmehr nur als politischer Staat und mache er seine Allgemeinheit geltend nur im Gegensatz zu diesen seinen Elementen. Der vollendete politische Staat sei seinem Wesen nach das Gattungsleben der Menschheit im Gegensatz zu seinem materiellen Leben. Alle Voraussetzungen dieses egoistischen Lebens blieben außerhalb der Staatssphäre in der bürgerlichen Gesellschaft bestehen, aber als Eigenschaften der bürgerlichen Gesellschaft. Das Verhältnis des politischen Staats zu seinen Voraussetzungen, mögen dies nun materielle Elemente sein wie das Privateigentum oder aber geistige Elemente wie die Religion, sei der Widerstreit zwischen dem allgemeinen und dem Privatinteresse. Der Konflikt, worin sich der Mensch als Bekenner einer besonderen Religion mit seinem Staatsbürgertum, mit den anderen Menschen als Gliedern des Gemeinwesens befinde, reduziere |78| sich auf die Spaltung zwischen dem politischen Staat und der bürgerlichen Gesellschaft.

Die bürgerliche Gesellschaft ist die Grundlage des modernen Staats, wie die antike Sklaverei die Grundlage des antiken Staats war. Der moderne Staat erkannte seine Geburtsstätte durch die Verkündung der allgemeinen Menschenrechte an, deren Genuß den Juden ebenso zusteht wie der Genuß der politischen Rechte. Die allgemeinen Menschenrechte erkennen das egoistische, bürgerliche Individuum und die zügellose Bewegung der geistigen und materiellen Elemente an, die den Inhalt seiner Lebenslage, den Inhalt des heutigen bürgerlichen Lebens bilden. Sie befreien den Menschen nicht von der Religion, sondern geben ihm Religionsfreiheit; sie befreien ihn nicht vom Eigentum, sondern geben ihm die Freiheit des Eigentums; sie befreien ihn nicht vom Schmutze des Erwerbes, sondern geben ihm Gewerbefreiheit. Die politische Revolution hat die bürgerliche Gesellschaft geschaffen, indem sie das buntscheckige Feudalwesen zertrümmerte, alle die Stände, Korporationen, Innungen, die ebenso viele Ausdrücke der Trennung des Volks von seinem Gemeinwesen waren; sie schuf den politischen Staat als allgemeine Angelegenheit, als wirklichen Staat.

Demnach faßt Marx zusammen: »Die politische Emanzipation ist die Reduktion des Menschen, einerseits auf das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, auf das egoistische unabhängige Individuum, andrerseits auf den Staatsbürger, auf die moralische Person. Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen, Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine ›forces propres‹ [Mehring übersetzt: eigenen Kräfte] als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.«[4]

Es blieb noch die Behauptung zu prüfen, daß der Christ emanzipationsfähiger sei als der Jude, eine Behauptung, die Bauer aus der jüdischen Religion zu erklären gesucht hatte. Marx knüpft an Feuerbach an, der die jüdische Religion aus dem Juden, nicht aber den Juden aus der jüdischen Religion erklärt hatte. Allein er geht auch über Feuerbach hinaus, indem er das besondere gesellschaftliche Element ermittelt, das sich in der jüdischen Religion widerspiegelt. Welches sei der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches sei der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches sein |79| weltlicher Gott? Das Geld. »Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum, wäre die Selbstemanzipation unsrer Zeit. Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzungen des Schachers, also die Möglichkeit des Schachers aufhöbe, hätte den Juden unmöglich gemacht. Sein religiöses Bewußtsein würde wie ein fader Dunst in der wirklichen Lebensluft der Gesellschaft sich auflösen. Andrerseits: wenn der Jude dies sein praktisches Wesen als nichtig erkennt und an seiner Aufhebung arbeitet, arbeitet er aus seiner bisherigen Entwicklung heraus, an der menschlichen Emanzipation schlechthin und kehrt sich gegen den höchsten praktischen Ausdruck der menschlichen Selbstentfremdung.«[5] Marx erkennt im Judentum ein allgemeines, gegenwärtiges, antisoziales Element, das durch die geschichtliche Entwicklung, an der die Juden in dieser schlechten Beziehung eifrig mitgearbeitet haben, auf seine jetzige Höhe getrieben worden sei, wo es sich notwendig auflösen müsse.

Was Marx mit diesem Aufsatz erreichte, war ein zwiefacher Gewinn. Er sah dem Zusammenhange zwischen Gesellschaft und Staat auf den Grund. Der Staat ist nicht, wie Hegel meinte, die Wirklichkeit der sittlichen Idee, das absolut Vernünftige und der absolute Selbstzweck, sondern er muß sich mit der ungleich bescheideneren Aufgabe begnügen, die Anarchie der bürgerlichen Gesellschaft zu schützen, die ihn zu ihrem Wächter bestellt hat: den allgemeinen Kampf von Mann wider Mann, Individuum wider Individuum, den Krieg aller nur mehr durch ihre Individualität voneinander abgeschlossenen Individuen gegeneinander, die allgemeine zügellose Bewegung der aus den feudalen Fesseln befreiten elementarischen Lebensmächte, die tatsächliche Sklaverei, wenn auch scheinbare Freiheit und Unabhängigkeit des Individuums, das die zügellose Bewegung seiner entfremdeten Lebenselemente wie Eigentum, Industrie, Religion für seine eigene Freiheit nimmt, während sie vielmehr seine vollendete Knechtschaft und Unmenschlichkeit ist.

Dann aber hatte Marx erkannt, daß die religiösen Tagesfragen nur noch eine gesellschaftliche Bedeutung haben. Die Entwicklung des Judentums wies er nicht in der religiösen Theorie, sondern in der industriellen und kommerziellen Praxis nach, die in der jüdischen Religion einen phantastischen Reflex findet. Das praktische Judentum ist nichts als die vollendete christliche Welt. Da die bürgerliche Gesellschaft durchaus kommerziellen jüdischen Wesens ist, so gehört der Jude notwendig zu ihr und kann die politische Emanzipation beanspruchen wie den Genuß der allgemeinen Menschenrechte. Die menschliche Emanzipation jedoch ist eine neue Organisation der gesellschaftlichen Kräfte, die den Menschen |80|* zum Herrn seiner Lebensquellen macht; in dämmernden Umrissen erscheint hier das Bild der sozialistischen Gesellschaft.

In den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« ackerte Marx noch auf philosophischem Felde, aber in den Furchen, die sein kritischer Pflug zog, sproßten die Keime einer materialistischen Geschichtsauffassung auf, die im Lichte der französischen Zivilisation rasch in die Halme schossen.

 

4. Französische Zivilisation

Bei der Art, wie Marx arbeitete, ist es sehr wahrscheinlich, daß er die beiden Aufsätze über die Hegelsche Rechtsphilosophie und die Judenfrage wenigstens in ihren Grundrissen schon entworfen hatte, als er noch in Deutschland lebte, in den ersten Monaten seiner glücklichen Ehe. Wenn sie sich aber schon um die große französische Revolution bewegten, so lag es um so näher, daß Marx sich in die Geschichte dieser Revolution stürzte, sobald ihm der Aufenthalt in Paris gestattete, ihre Quellen zu erforschen, sowie nicht minder die Quellen ihrer Vorgeschichte, des französischen Materialismus wie ihrer Nachgeschichte, des französischen Sozialismus.

Paris durfte sich damals mit Recht rühmen, an der Spitze der bürgerlichen Zivilisation zu marschieren. In der Julirevolution von 1830 hatte die französische Bourgeoisie nach einer Reihe weltgeschichtlicher Illusionen und Katastrophen endlich gesichert, was sie in der großen Revolution von 1789 begonnen hatte. Ihre Talente reckten sich behaglich aus, aber wenn der Widerstand der alten Mächte noch längst nicht gebrochen war, so meldeten sich neue Mächte an, und in unablässigem Hin und Her wogte ein Kampf der Geister, wie nirgends sonst in Europa, und am wenigsten in dem grabesstillen Deutschland.

In dies stählende Wellenbad hat sich Marx mit breiter Brust geworfen. Nicht in lobendem Sinn, aber um so beweiskräftiger, schrieb Ruge im Mai 1844 an Feuerbach, Marx lese sehr viel und arbeite mit ungemeiner Intensivität, aber er vollende nichts, breche überall ab und stürze sich immer von neuem in ein endloses Büchermeer. Er sei gereizt und heftig, am meisten wenn er sich krank gearbeitet und drei, ja vier Nächte hintereinander nicht ins Bett gekommen sei. Die »Kritik der Hegelschen Philosophie« lasse er nun wieder liegen und wolle seinen Pariser Aufenthalt dazu benutzen, was Ruge sehr richtig fand, eine Geschichte |81|* des Konvents zu schreiben, wozu er das Material aufgehäuft und sehr fruchtbare Gesichtspunkte gefaßt habe.

Marx hat die Geschichte des Konvents nicht geschrieben, aber die Angaben Ruges werden dadurch nicht widerlegt, sondern vielmehr um so glaubhafter. Je tiefer Marx in das historische Wesen der Revolution von 1789 eindrang, um so eher konnte er auf die Kritik der Hegelschen Philosophie als ein Mittel zur »Selbstverständigung« über die Kämpfe und Wünsche der Zeit verzichten, jedoch um so weniger konnte er sich an der Geschichte des Konvents genügen lassen, der zwar ein Maximum der politischen Energie, der politischen Macht und des politischen Verstandes dargestellt, aber sich der gesellschaftlichen Anarchie gegenüber ohnmächtig erwiesen hatte.

Außer den spärlichen Andeutungen Ruges hat sich leider kein Zeugnis erhalten, woraus sich im einzelnen auf den Gang der Studien schließen läßt, die Marx im Frühling und Sommer des Jahres 1844 getrieben hat. Aber im ganzen läßt sich wohl erkennen, wie sich die Dinge gestaltet haben. Das Studium der Französischen Revolution führte Marx auf jene Geschichtsliteratur des »dritten Standes«, die unter der bourbonischen Restauration entstanden und von großen Talenten gepflegt worden war, um die historische Existenz ihrer Klasse bis ins elfte Jahrhundert zu verfolgen und die französische Geschichte seit dem Mittelalter als eine ununterbrochene Reihe von Klassenkämpfen darzustellen. Diesen Historikern - er nennt namentlich Guizot und Thierry - verdankte Marx die Kenntnis von dem geschichtlichen Wesen der Klassen und ihrer Kämpfe, deren ökonomische Anatomie er dann aus den bürgerlichen Ökonomen lernte, von denen er namentlich Ricardo nennt. Er selbst hat stets abgelehnt, die Theorie des Klassenkampfs entdeckt zu haben; was er für sich beanspruchte, war nur, nachgewiesen zu haben, daß die Existenz der Klassen an bestimmte historische Entwicklungskämpfe der Produktion gebunden sei, daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führe und daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bilde. Diese Gedankenreihen haben sich in Marx während seines Pariser Exils entwickelt.

Die glänzendste und schärfste Waffe, womit der »dritte Stand« gegen die herrschenden Klassen kämpfte, war im achtzehnten Jahrhundert die materialistische Philosophie. Auch sie hat Marx eifrig zur Zeit seines Pariser Exils studiert, weniger in derjenigen ihrer beiden Richtungen, die von Descartes ausging und sich in die Naturwissenschaft verlief, als in derjenigen, die an Locke anknüpfte und in die Gesellschaftswissenschaft |82|* mündete. Helvétius und Holbach, die den Materialismus ins gesellschaftliche Leben übertragen, die natürliche Gleichheit der menschlichen Intelligenzen, die Einheit zwischen dem Fortschritt der Vernunft und dem Fortschritt der Industrie, die natürliche Güte der Menschheit, die Allmacht der Erziehung zu Hauptgesichtspunkten ihres Systems gemacht hatten, waren ebenfalls Sterne, die den Pariser Arbeiten des jungen Marx geleuchtet haben. Er taufte ihre Lehre als »realen Humanismus«, sowie er auch Feuerbachs Philosophie taufte; nur daß der Materialismus der Helvétius und Holbach die »soziale Basis des Kommunismus« geworden war.

Den Kommunismus und Sozialismus zu studieren, wie Marx schon in der »Rheinischen Zeitung« angekündigt hatte, bot Paris nun vollends die reichlichste Gelegenheit. Was sich hier seinen Blicken darstellte, war ein Bild von einer fast verwirrenden Fülle der Gedanken und Gestalten. Die geistige Luft war mit sozialistischen Keimen gesättigt, und selbst das »Journal des Débats«, das klassische Blatt der herrschenden Geldaristokratie, das von der Regierung mit einer beträchtlichen Jahresspende unterstützt wurde, konnte sich dieser Strömung nicht entziehen, wenn es auch nur die sozusagen sozialistischen Schauerromane Eugène Sues in seinem Feuilleton veröffentlichte. Den Gegenpol dazu bildeten geniale Denker wie Leroux, die schon das Proletariat gebar. Dazwischen standen die Trümmer der Saint-Simonisten und die rührige Sekte der Fourieristen, die in Considérant ihren Führer und in der »Friedlichen Demokratie« ihr Organ hatte, christliche Sozialisten, wie der katholische Priester Lamennais oder der ehemalige Carbonari Buchez, kleinbürgerliche Sozialisten wie Sismondi, Buret, Pecqueur, Vidal, nicht zuletzt auch die schöne Literatur, in deren oft hervorragendsten Schöpfungen wie den Liedern Bérangers oder den Romanen der George Sand, sozialistische Lichter und Schatten spielten.

Eigentümlich aber war allen diesen sozialistischen Systemen, daß sie auf die Einsicht und das Wohlwollen der besitzenden Klassen rechneten, die durch eine friedliche Propaganda von der Notwendigkeit gesellschaftlicher Reformen oder Umwälzungen überzeugt werden müßten. Wenn sie selbst aus den Enttäuschungen der großen Revolution geboren waren, so verschmähten sie den politischen Weg, der zu diesen Enttäuschungen geführt hatte; den leidenden Massen sollte geholfen werden, da sie sich selbst nicht helfen konnten. Die Arbeiteraufstände der dreißiger Jahre waren gescheitert, und in der Tat hatten ihre entschlossensten Führer, Männer wie Barbès und Blanqui, weder eine sozialistische Theorie noch bestimmte praktische Mittel einer sozialen Umwälzung gekannt.

|83| Allein deshalb wuchs die Arbeiterbewegung nur um so schneller an, und mit dem Seherblick des Dichters kennzeichnete Heinrich Heine das Problem, das daraus entstand, mit den Worten: »Die Kommunisten sind die einzige Partei in Frankreich, die eine entschlossene Beachtung verdient. Ich würde für die Trümmer des Saint-Simonismus, dessen Bekenner unter seltsamen Aushängeschildern noch immer am Leben sind, sowie auch für die Fourieristen, die noch frisch und rührig wirken, dieselbe Aufmerksamkeit beanspruchen, aber diese ehrenwerten Männer bewegt doch nur das Wort, die soziale Frage als Frage, der überlieferte Begriff, und sie werden nicht getrieben von dämonischer Notwendigkeit, sie sind nicht die prädestinierten Knechte, womit der höchste Weltwille seine ungeheuren Beschlüsse durchsetzt. Früh oder spät wird die zerstreute Familie Saint-Simons und der ganze Generalstab der Fourierischen zu dem wachsenden Heere des Kommunismus übergehen, und, dem rohen Bedürfnis das gestaltende Wort verleihend, gleichsam die Rolle der Kirchenväter übernehmen.« So schrieb Heine am 15. Juni 1843, und noch hatte sich das Jahr nicht gewendet, als der Mann nach Paris kam, der das vollbrachte, was Heine in seiner dichterischen Sprache von den Saint-Simonisten und Fourieristen beanspruchte, der dem rohen Bedürfnis das gestaltende Wort verlieh.

Vermutlich schon auf deutscher Erde und jedenfalls noch vom philosophischen Standpunkte aus hatte sich Marx gegen die Konstruktion der Zukunft und das Fertigwerden für alle Zeiten, gegen das Aufpflanzen einer dogmatischen Fahne, gegen die Ansicht der krassen Sozialisten erklärt, daß die Beschäftigung mit den politischen Fragen unter aller Würde sei. Und wenn er gemeint hatte, es genüge nicht, daß der Gedanke zur Wirklichkeit dränge, die Wirklichkeit müsse sich selbst zum Gedanken drängen, so erfüllte sich ihm auch diese Bedingung. Seitdem im Jahre 1839 der letzte Arbeiteraufstand niedergeschlagen worden war, begannen sich Arbeiterbewegung und Sozialismus in drei Richtungen zu nähern.

Zunächst in der demokratisch-sozialistischen Partei. Mit ihrem Sozialismus war es schwach bestellt, denn sie setzte sich aus kleinbürgerlichen und proletarischen Elementen zusammen, und die Schlagworte, die sie auf ihre Fahne schrieb: Organisation der Arbeit und Recht auf Arbeit, waren kleinbürgerliche Utopien, die sich in der kapitalistischen Gesellschaft nicht verwirklichen ließen. In ihr ist die Arbeit so organisiert, wie sie nach den Lebensbedingungen dieser Gesellschaft organisiert sein muß, nämlich als Lohnarbeit, die das Kapital voraussetzt und nur mit dem Kapital aufgehoben werden kann. Nicht anders steht es mit |84| dem Recht auf Arbeit, das sich nur verwirklichen läßt durch das Gemeineigentum an den Arbeitswerkzeugen, also durch Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft, an deren Wurzeln die Axt zu legen die Häupter dieser Partei, Louis Blanc, Ledru-Rollin, Ferdinand Flocon, feierlich ablehnten. Sie wollten weder Kommunisten noch Sozialisten sein.

Aber so utopisch die sozialen Ziele dieser Partei waren, so vollzog sie doch einen entscheidenden Fortschritt, indem sie den politischen Weg zu ihnen einschlug. Sie erklärte jede soziale Reform für unmöglich ohne politische Reform; die Eroberung der politischen Macht sei der einzige Hebel, womit die leidenden Massen sich retten könnten. Sie forderte das allgemeine Stimmrecht, und diese Forderung fand einen lebhaften Widerhall innerhalb des Proletariats, das, der Handstreiche und Verschwörungen müde, nach wirksameren Waffen seines Klassenkampfes suchte.

Noch größere Scharen sammelten sich um die Fahne des Arbeiterkommunismus, die Cabet entfaltete. Er war ursprünglich Jakobiner, aber auf literarischem Wege, namentlich durch die Utopie Thomas Mores, zum Kommunismus bekehrt worden. Er bekannte ihn ebenso offen, wie ihn die demokratisch-sozialistische Partei verwarf, aber er stimmte insoweit mit ihr überein, als er die politische Demokratie für ein notwendiges Übergangsstadium erklärte. Dadurch wurde die »Reise nach Ikarien«, worin Cabet die Gesellschaft der Zukunft zu zeichnen versuchte, ungleich volkstümlicher als die genialen Zukunftsphantasien Fouriers, mit denen sie sich in ihrem engbrüstigen Zuschnitt sonst nicht entfernt messen konnte.

Endlich erhoben sich aus dem Schoße des Proletariats helle Stimmen, die unzweideutig bekundeten, daß diese Klasse mündig zu werden begann. Marx kannte Leroux und Proudhon, die beide als Schriftsetzer der Arbeiterklasse angehörten, schon aus der »Rheinischen Zeitung« und hatte damals versprochen, ihre Schriften gründlich zu studieren. Das lag ihm um so näher, als Leroux wie Proudhon an die deutsche Philosophie anzuknüpfen versuchten, beide freilich mit großen Mißverständnissen. Von Proudhon hat Marx selbst bezeugt, daß er ihn in langen, oft übernächtigen Unterhaltungen über die Hegelsche Philosophie aufzuklären gesucht habe. Sie sind zusammengekommen, um sich alsbald wieder zu trennen, aber nach dem Tode Proudhons hat Marx willig den großen Anstoß anerkannt, den dessen erstes Auftreten gegeben habe und den auch er zweifellos empfangen hat. In Proudhons Erstlingsschrift, die unter Verzicht auf alle Utopien das Privateigentum als die Ursache aller sozialen Übel einer gründlichen und rücksichtslosen Kritik |85| unterwarf, sah Marx das erste wissenschaftliche Manifest des modernen Proletariats.

Alle diese Richtungen bahnten die Verschmelzung zwischen der Arbeiterbewegung und dem Sozialismus an, aber wie sie untereinander in Widerspruch standen, so verlief sich jede nach den ersten Schritten in neue Widersprüche. Für Marx kam es nun zunächst nach dem Studium des Sozialismus auf das Studium des Proletariats an. Im Juli 1844 schrieb Ruge an einen gemeinsamen Freund in Deutschland: »Marx hat sich in den deutschen hiesigen Kommunismus gestürzt - gesellig heißt das, denn unmöglich kann er das traurige Treiben politisch wichtig finden. Eine so partielle Wunde, als die Handwerksburschen und nun wieder diese anderthalb hier eroberten zu machen imstande sind, kann Deutschland aushalten, ohne viel daran zu doktern.« Alsbald sollte Ruge belehrt werden, weshalb Marx das Treiben der anderthalb Handwerksburschen wichtig nahm.

 

5. Der »Vorwärts!« und die Ausweisung

Über das persönliche Leben, das Marx in seinem Pariser Exil geführt hat, liegen nicht allzu viele Nachrichten vor. Seine Gattin schenkte ihm das erste Töchterchen und reiste dann in die Heimat, um es den Verwandten vorzustellen. Mit den Freunden in Köln dauerte der alte Verkehr fort; durch eine Spende von tausend Talern haben sie wesentlich dazu beigetragen, daß dies Jahr für Marx so fruchtbar werden konnte.

In nahem Verkehr stand Marx mit Heinrich Heine, und er hatte seinen Anteil daran, wenn das Jahr 1844 einen Höhepunkt in diesem Dichterleben bezeichnete. Das »Wintermärchen« und das »Weberlied«, so auch die unsterblichen Satiren auf die deutschen Despoten hat Marx aus der Taufe heben helfen. Er hat nur wenige Monde mit dem Dichter verkehrt, aber auch ihm die Treue gehalten, selbst als das Geschrei der Philister noch ärger über Heine erscholl als über Herwegh; Marx hat selbst großmütig geschwiegen, als Heine auf seinem Krankenlager ihn wider die Wahrheit als Zeugen aufrief für die Unverfänglichkeit der Jahrespension, die der Dichter vom Ministerium Guizot bezogen hatte. Hatte Marx, als halber Knabe noch, auch vergeblich nach dem dichterischen Lorbeer getrachtet, so bewahrte er der Poetenzunft doch immer eine lebhafte Sympathie und große Nachsicht mit ihren kleinen Schwächen. Er meinte wohl, Dichter seien wunderliche Käuze, die man |86| ihre Wege gehen lassen müsse, die man nicht mit dem Maße gewöhnlicher oder selbst ungewöhnlicher Menschen messen dürfe; sie wollten geschmeichelt sein, wenn sie singen sollten, mit einer scharfen Kritik dürfe man ihnen nicht kommen.

In Heine sah Marx aber zudem nicht nur den Dichter, sondern auch den Kämpfer. In dem Streit zwischen Börne und Heine, der in jener Zeit sich zu einer Art Prüfstein der Geister ausgebildet hatte, trat er mit aller Entschiedenheit für Heine ein. Er meinte, eine tölpelhaftere Behandlung, als Heines Schrift über Börne von den christlich-germanischen Eseln erfahren habe, sei noch in keiner Periode der deutschen Literatur anzutreffen gewesen, obgleich es keiner an Tölpeln gefehlt habe. Durch den Lärm über Heines angeblichen Verrat, durch den sich selbst Engels und Lassalle, beide freilich in sehr jungen Jahren, anfechten ließen, ist Marx niemals beirrt worden. »Wir brauchen ja wenige Zeichen, uns zu verstehen«, schrieb Heine einmal an ihn, um das »verworrene Gekritzel« seiner Handschrift zu entschuldigen, aber das Wort hatte einen tieferen Sinn als den äußerlichen, worin es gemeint war.

Marx saß noch auf der Schulbank, als Heine im Jahre 1834 schon entdeckte, daß der »Freiheitssinn« unserer klassischen Literatur »unter den Gelehrten, Dichtern und Literaten viel minder« als »in der großen, aktiven Masse, unter Handwerkern und Gewerbsleuten« sich ausspreche, und zehn Jahre später, zur Zeit, wo Marx in Paris lebte, entdeckte er, daß »die Proletarier in ihrem Ankampfe gegen das Bestehende die fortgeschrittensten Geister, die großen Philosophen als Führer« besäßen. Die Freiheit und Sicherheit dieses Urteils versteht man vollends, wenn man erwägt, daß Heine dazwischen den beißendsten Spott über das beständige Kannegießern in den kleinen Flüchtlingskonventikeln ergoß, in denen Börne den großen Tyrannenhasser spielte. Heine erkannte, daß es zwei ganz verschiedene Dinge waren, ob sich Börne oder Marx mit »anderthalb Handwerksburschen« abgab.

Was ihn mit Marx verband, war der Geist der deutschen Philosophie und der Geist des französischen Sozialismus, war die gründliche Abneigung gegen die christlich-germanische Bärenhäuterei, das falsche Teutonentum, das mit seinen radikalen Schlagworten das Kostüm altdeutscher Narrheit ein wenig modernisierte. Die Maßmann und Venedey, die in Heines Satire fortleben, stapften doch nur in den Spuren Börnes, so hoch dieser an Geist und Witz über ihnen stehen mochte. Ihm fehlte jeder Sinn für Kunst und Philosophie, gemäß seinem berufenen Worte, daß Goethe ein gereimter und Hegel ein ungereimter Knecht |87| gewesen sei, aber wenn er mit den großen Überlieferungen der deutschen Geschichte brach, so gewann er kein geistesverwandtes Verhältnis zu den neuen Mächten der westeuropäischen Kultur. Heine dagegen konnte auf Goethe und Hegel nicht verzichten, ohne sich selbst aufzugeben, und stürzte sich auf den französischen Sozialismus mit heißer Begier als eine neue Quelle geistigen Lebens. Seine Schriften leben fort und fort; sie erregen den Zorn der Enkel noch ebenso, wie sie den Zorn der Großväter erregt haben, während die Schriften Börnes vergessen sind, wegen des »kurzen Hundetrabs« ihres Stils viel weniger als ihres Inhalts.

So abgeschmackt, fade und kleinlich habe er sich Börne doch nicht vorgestellt, meinte Marx gegenüber den heimlichen Klatschereien, die Börne schon gegen Heine verbreitet hatte, als beide noch Schulter an Schulter standen, und die Börnes literarische Erben unklug genug waren, aus dessen Nachlaß zu veröffentlichen. An dem unbestreitbar ehrlichen Charakter des Klätschers würde Marx deshalb doch nicht gezweifelt haben, wenn er über den Streit geschrieben hätte, wie es seine Absicht war. Es gibt im öffentlichen Leben nicht leicht ärgere Jesuiten als die beschränkten und buchstabengläubigen Radikalen, die im fadenscheinigen Mantel ihrer Tugendhaftigkeit vor keinen Verdächtigungen der feineren und freieren Geister zurückscheuen, denen es gegeben ist, die tieferen Zusammenhänge des geschichtlichen Lebens zu erkennen. Marx hat es immer mit diesen gehalten, niemals mit jenen, zumal da er die tugendsame Rasse aus eigener Erfahrung gründlich kannte.

In späteren Jahren hat Marx von »russischen Aristokraten« gesprochen, die ihn in seinem Pariser Exil auf Händen getragen hätten, freilich mit dem Hinzufügen, das sei nicht hoch anzuschlagen gewesen. Die russische Aristokratie werde auf deutschen Universitäten erzogen und verlebe in Paris ihre Jünglingszeit. Sie hasche immer nach dem Extremsten, was der Westen liefere; das hindere aber dieselben Russen nicht, Halunken zu werden, sobald sie in den Staatsdienst getreten seien. Marx scheint dabei an einen Grafen Tolstoi, einen heimlichen Agenten der russischen Regierung, oder sonst wen gedacht zu haben; nicht jedoch hat er dabei ein Auge gehabt oder konnte ein Auge haben auf den russischen Aristokraten, auf dessen geistige Entwicklung er in jenen Tagen großen Einfluß gehabt hat: nämlich Michail Bakunin. Dieser hat sich dazu noch in einer Zeit bekannt, wo sich die Wege beider Männer weit getrennt hatten; auch in dem Streit zwischen Marx und Ruge nahm Bakunin sehr entschieden Partei, für Marx und gegen Ruge, der bis dahin sein Beschützer gewesen war.

|88| Dieser Streit flammte im Sommer 1844 noch einmal auf, und nunmehr öffentlich. In Paris erschien seit Neujahr 1844, zweimal in der Woche, der »Vorwärts!«, der nicht eben den feinsten Ursprung hatte. Ein gewisser Heinrich Börnstein, der in Theater- und sonstigen Reklamegeschäften machte, hatte ihn für die Zwecke seines Geschäftsbetriebs gegründet, und zwar mit einem reichlichen Trinkgelde, das ihm der Komponist Meyerbeer gespendet hatte; man weiß ja aus Heine, wie sehr dieser königlich-preußische Generalmusikdirektor, der mit Vorliebe in Paris lebte, auf eine weitverzweigte Reklame versessen und auch wohl angewiesen war. Als geriebener Geschäftsmann hing Börnstein dem »Vorwärts!« aber ein patriotisches Mäntelchen um und ließ das Blatt von Adalbert von Bornstedt redigieren, einem ehemals preußischen Offizier und nunmehrigen Allerweltsspitzel, der sowohl »Konfident« Metternichs war als auch von der Berliner Regierung bezahlt wurde. In der Tat wurden die »Deutsch-Französischen Jahrbücher« sofort nach ihrem Erscheinen vom »Vorwärts!« mit einer Schimpfsalve begrüßt, von der schwer zu sagen ist, ob sie alberner oder pöbelhafter war.

Bei alledem aber wollte das Geschäft nicht glücken. Im Interesse einer fingerfertigen Übersetzungsfabrik, die Börnstein eingerichtet hatte, um neue Stücke der Pariser Bühne mit unglaublicher Fixigkeit an die deutschen Theaterdirektionen zu vertreiben, mußte er die jungdeutschen Dramatiker auszustechen suchen, und wieder, um diesen Zweck bei den nun einmal rebellisch gewordenen Spießern zu erreichen, mußte er einiges vom »gemäßigten Fortschritt« faseln und dem »Ultrawesen« nicht nur nach links, sondern auch nach rechts absagen. In derselben Notwendigkeit befand sich Bornstedt, wenn er die Flüchtlingskreise nicht kopfscheu machen wollte, in denen unverdächtig zu verkehren ja die Vorbedingung seines Sündensoldes war. Allein die preußische Regierung war so verblendet, daß sie ihre eigenen staatsretterischen Notwendigkeiten nicht begriff und den »Vorwärts!« in ihren Staaten verbot, worauf andere deutsche Regierungen das gleiche taten.

Bornstedt gab nun das Spiel im Anfang Mai als hoffnungslos auf, aber nicht so Börnstein. Er wollte seine Geschäfte machen, so oder so, und sagte sich mit der Kaltblütigkeit eines geriebenen Spekulanten, daß der »Vorwärts!«, wenn er nun einmal in Preußen verboten bleiben solle, auch alle Würze eines verbotenen Blattes erhalten müsse, so daß es dem preußischen Spießbürger lohne, ihn auf Schleichwegen zu beziehen. Es war ihm deshalb sehr willkommen, als ihm der jugendliche Heißsporn Bernays einen gepfefferten Artikel für den »Vorwärts!« anbot, und nach einigem Geplänkel erhielt Bernays die redaktionelle Leitung des |89| Blatts an der Stelle Bornstedts. Nunmehr beteiligten sich auch andere Flüchtlinge am »Vorwärts!«, aus jeglichem Mangel an einem andern Organ, unabhängig von der Redaktion und jeder auf eigene Verantwortung.

Unter den ersten befand sich Ruge. Auch er plänkelte erst unter seinem Namen mit Börnstein, wobei er sogar, als wäre er noch völlig einverstanden mit Marx, dessen Aufsätze in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« verteidigte. Ein paar Monate darauf veröffentlichte er zwei neue Artikel, ein paar kurze Bemerkungen über die preußische Politik und einen langen Klatschartikel über die preußische Dynastie, worin vom »trinkenden König« und der »hinkenden Königin«, von ihrer »rein spirituellen« Ehe usw. gesprochen wurde, beide aber nicht mehr unter seinem Namen, sondern mit der Unterschrift: Ein Preuße, was auf Marx als Verfasser hindeutete. Ruge selbst war Dresdner Stadtverordneter und als solcher bei der sächsischen Gesandtschaft in Paris angemeldet; Bernays war bayrischer Rheinpfälzer und Börnstein ein geborener Hamburger, der später viel in Österreich, aber niemals in Preußen gelebt hatte.

Was Ruge mit der irreführenden Unterschrift seiner Artikel bezweckt hat, wird sich heute nicht mehr feststellen lassen. Er hatte sich inzwischen, wie seine Briefe an seine Freunde und Verwandten zeigen, in einen wütenden Haß gegen Marx als einen »ganz gemeinen Kerl« und »unverschämten Juden« hineingeredet, und es ist auch unbestreitbar, daß er zwei Jahre später in einer reumütigen Bittschrift an den preußischen Minister des Innern seine Pariser Exilsgenossen verraten und diesen »namenlosen jungen Leuten« wider besseres Wissen die Sünden aufgebürdet hat, die er selbst im »Vorwärts!« begangen hatte. Es ist immerhin aber auch möglich, daß Ruge, um den von preußischen Dingen handelnden Artikeln einen stärkeren Nachdruck zu geben, sie als von einem Preußen herrührend bezeichnet hat. Dann handelte er aber äußerst leichtfertig, und es war sehr begreiflich, daß Marx sich beeilte, den Streich des angeblichen »Preußen« zu parieren.

Es geschah natürlich in einer seiner würdigen Weise. Er knüpfte an die paar sozusagen sachlichen Bemerkungen Ruges über die preußische Politik an und erledigte den langen Klatschartikel über die preußische Dynastie mit der Fußnote, die er seiner Erwiderung beigab: »Spezielle Gründe veranlassen mich zu der Erklärung, daß der vorstehende Aufsatz der erste ist, den ich dem ›Vorwärts!‹ habe zukommen lassen.«[6] Es ist beiläufig auch der letzte geblieben.

In der Sache handelte es sich um den schlesischen Weberaufstand von |90| 1844, den Ruge als eine gleichgültige Sache behandelt hatte; ihm habe die politische Seele gefehlt und ohne eine politische Seele sei eine soziale Revolution unmöglich. Was Marx dagegen einwandte, hatte er im Grunde schon im Aufsatze zur Judenfrage gesagt. Die politische Gewalt kann keine sozialen Übel heilen, weil der Staat nicht Zustände aufheben kann, deren Produkt er ist. Marx wandte sich scharf gegen den Utopismus, indem er sagte, daß sich der Sozialismus nicht ohne Revolution ausführen lasse, aber er wandte sich nicht minder scharf gegen den Blanquismus, indem er ausführte, daß der politische Verstand den sozialen Instinkt betrüge, wenn er durch kleine nutzlose Putsche vorwärts zu kommen suche. Mit epigrammatischer Schärfe erklärte Marx das Wesen der Revolution: »jede Revolution löst die alte Gesellschaft auf; insofern ist sie sozial. Jede Revolution stürzt die alte Gewalt; insofern ist sie politisch.«[7] Die soziale Revolution mit einer politischen Seele, die Ruge verlange, sei sinnlos, dagegen vernünftig sei eine politische Revolution mit einer sozialen Seele. Die Revolution überhaupt - der Umsturz der bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse - sei ein politischer Akt. Der Sozialismus bedürfe dieses politischen Akts, soweit er der Zerstörung und Auflösung bedürfe. Wo aber seine organisierende Tätigkeit beginne, wo sein Selbstzweck, seine Seele hervortrete, da schleudere der Sozialismus die politische Hülle weg.

Knüpfte Marx mit diesen Gedanken an den Aufsatz zur Judenfrage an, so hatte der schlesische Weberaufstand schnell bestätigt, was er über die Mattigkeit des Klassenkampfs in Deutschland gesagt hatte. In der »Kölnischen Zeitung« sei jetzt mehr Kommunismus als weiland in der »Rheinischen«, hatte ihm sein Freund Jung aus Köln geschrieben; sie eröffne eine Subskription für die Familien der gefallenen oder gefangenen Weber; für den gleichen Zweck seien bei einem Abschiedsdiner für den Regierungspräsidenten von den höchsten Beamten und reichsten Kaufleuten der Stadt hundert Taler gesammelt worden; überall in der Bourgeoisie rege sich Sympathie für die gefährlichen Rebellen; »was bei Ihnen vor wenigen Monaten eine kühne, völlig neue Aufstellung war, ist schon fast zur Gewißheit des Gemeinplatzes geworden.« Die allseitige Teilnahme für die Weber machte Marx gegen die Unterschätzung des Aufstandes durch Ruge geltend, »aber der geringe Widerstand der Bourgeoisie gegen soziale Tendenzen und Ideen« täuschte ihn nun doch nicht. Er sah voraus, daß die Arbeiterbewegung die politischen Antipathien und Gegensätze innerhalb der herrschenden Klassen ersticken und die ganze Feindschaft der Politik gegen sich lenken werde, sobald sie eine entschiedene Macht erlangt habe. Marx deckte |91| den tiefsten Unterschied zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Emanzipation auf, indem er jene als ein Produkt gesellschaftlichen Wohlbefindens, diese als ein Produkt gesellschaftlicher Not nachwies. Die Isolierung vom politischen Gemein-, vom Staatswesen sei die Ursache der bürgerlichen, die Isolierung vom menschlichen Wesen, vom wahren Gemeinwesen des Menschen, sei die Ursache der proletarischen Revolution. Wie die Isolierung von diesem Wesen unverhältnismäßig allseitiger, unerträglicher, fürchterlicher, widerspruchsvoller sei als die Isolierung vom politischen Gemeinwesen, so sei ihre Aufhebung, selbst als partielle Erscheinung wie in dem schlesischen Weberaufstande, um so viel unendlicher, wie der Mensch unendlicher sei als der Staatsbürger und das menschliche Leben als das politische Leben.

Hieraus ergibt sich, daß Marx über diesen Aufstand ganz anders urteilte als Ruge. »Zunächst erinnere man sich an das Weberlied, an diese kühne Parole des Kampfes, worin ... das Proletariat sogleich seinen Gegensatz gegen die Gesellschaft des Privateigentums in schlagender, scharfer, rücksichtsloser, gewaltsamer Weise herausschreit. Der schlesische Aufstand beginnt grade damit, womit die französischen und englischen Aufstände enden, mit dem Bewußtsein über das Wesen des Proletariats. Die Aktion selbst trägt diesen überlegenen Charakter. Nicht nur die Maschinen, diese Rivalen des Arbeiters, werden zerstört, sondern auch die Kaufmannsbücher, diese Titel des Eigentums, und während alle anderen Bewegungen sich zunächst nur gegen den Industrieherrn, den sichtbaren Feind kehrten, kehrt sich diese Bewegung zugleich gegen den Bankier, den versteckten Feind. Endlich ist kein einziger englischer Arbeiteraufstand mit gleicher Tapferkeit, Überlegung und Ausdauer geführt worden.«[8]

Im Anschluß daran erinnerte Marx an die genialen Schriften Weitlings, die in theoretischer Hinsicht oft selbst über Proudhon hinausgingen, sosehr sie in der Ausführung nachständen. »Wo hätte die Bourgeoisie - ihre Philosophen und Schriftgelehrten eingerechnet - ein ähnliches Werk- wie Weitlings ›Garantien der Harmonie und Freiheit‹ in bezug auf die Emanzipation der Bourgeoisie - die politische Emanzipation - aufzuweisen? Vergleicht man die nüchterne, kleinlaute Mittelmäßigkeit der deutschen politischen Literatur mit diesem maßlosen und brillanten literarischen Debüt der deutschen Arbeiter; vergleicht man diese riesenhaften Kinderschuhe des Proletariats mit der Zwerghaftigkeit der ausgetretenen politischen Schuhe der deutschen Bourgeoisie, so muß man dem deutschen Aschenbrödel eine Athletengestalt prophezeien.« Marx nennt das deutsche Proletariat den Theoretiker des |92| europäischen Proletariats, wie das englische Proletariat sein Nationalökonom und das französische Proletariat sein Politiker sei.

Was er über Weitlings Schriften sagt, ist durch das Urteil der Nachwelt bestätigt worden. Sie waren für ihre Zeit geniale Leistungen, um so genialer, als der deutsche Schneidergeselle noch vor Louis Blanc, Cabet und Proudhon, und wirksamer als sie, die Verständigung zwischen Arbeiterbewegung und Sozialismus angebahnt hatte. Seltsamer erscheint heute, was Marx über die geschichtliche Bedeutung des schlesischen Weberaufstandes sagt. Er legt ihm Tendenzen unter, die ihm gewiß ganz fremd gewesen sind, und Ruge scheint die Rebellion der Weber als bloßen Hungeraufruhr ohne tiefere Bedeutung viel richtiger eingeschätzt zu haben. Jedoch wie bei ihrem früheren Streit über Herwegh, so zeigte sich auch hier und noch schlagender, daß alles Unrecht der Philister gegenüber dem Genie darin besteht, Recht zu haben. Nur daß am letzten Ende ein großes Herz immer den Sieg davonträgt über einen kleinen Verstand!

Die »anderthalb Handwerksburschen«, auf die Ruge verächtlich herabsah, während Marx sie eifrig studierte, waren im Bunde der Gerechten organisiert, der sich während der dreißiger Jahre im Anschluß an die französischen Geheimbünde entwickelt hatte und in deren letzte Niederlage im Jahre 1839 verwickelt worden war. Es war ihm insofern zum Heil gewesen, als sich seine versprengten Elemente nicht nur in dem alten Mittelpunkte Paris wieder gesammelt, sondern auch den Bund nach England und der Schweiz verbreitet hatten, wo ihm die Vereins- und Versammlungsfreiheit breiteren Spielraum bot, so daß diese Absenker sich kräftiger entwickelten als der alte Stamm. Die Pariser Organisation stand unter der Leitung des Danzigers Hermann Ewerbeck, der, wie er Cabets Utopie ins Deutsche übersetzte, auch noch in Cabets moralisierendem Utopismus befangen war. Ihm geistig überlegen erwies sich Weitling, der die Agitation in der Schweiz leitete, und mindestens an revolutionärer Entschlossenheit wurde Ewerbeck auch durch die Londoner Führer des Bundes übertroffen, den Uhrmacher Josef Moll, den Schuhmacher Heinrich Bauer und Karl Schapper, einen ehemaligen Studenten der Forstwissenschaft, der sich bald als Schriftsetzer, bald als Sprachlehrer durchs Leben schlug.

Von dem »imponierenden Eindruck« dieser »drei wirklichen Männer« wird Marx zuerst durch Friedrich Engels gehört haben, der ihn im September 1844 bei einer Durchreise in Paris aufsuchte und zehn Tage mit ihm verkehrte. Sie fanden nun vollauf die weitgehende Übereinstimmung ihrer Gedanken bestätigt, die schon ihre Beiträge zu den |93| »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« verraten hatten. Gegen diese Auffassung hatte sich inzwischen ihr alter Freund Bruno Bauer in einer von ihm gegründeten »Literaturzeitung« gekehrt, und seine Kritik kam just während ihres Zusammenseins zu ihrer Kenntnis. Sie entschlossen sich kurzer Hand, ihm zu antworten, und Engels schrieb sofort nieder, was er zu sagen hatte. Marx aber ging nach seiner Weise tiefer auf die Sache ein, als ursprünglich beabsichtigt war, und stellte in angestrengter Arbeit während der nächsten Monate zwanzig Druckbogen her, mit deren Abschluß im Januar 1845 zugleich sein Aufenthalt in Paris abschloß.

Seitdem Bernays die Redaktion des »Vorwärts!« übernommen hatte, ging er gegen die »christlich-germanischen Pinsel« in Berlin scharf ins Zeug und ließ es auch an »Majestätsbeleidigungen« nicht fehlen. Zumal Heine sandte einen seiner zündenden Pfeile nach dem andern gegen den »neuen Alexander« im Berliner Schloß. Das legitime Königtum petitionierte daraufhin beim Polizeiknüppel des illegitimen Bürgerkönigtums um einen Gewaltstreich gegen den »Vorwärts!«. Guizot erwies sich jedoch als harthörig; er war bei aller reaktionären Gesinnung ein gebildeter Mann und wußte zudem, welches Gaudium er der heimischen Opposition machen würde, wenn er sich als Büttel der preußischen Despoten erwiese. Er wurde erst etwas willfähriger, als der »Vorwärts!« einen »verruchten Artikel« über das Attentat des Bürgermeisters Tschech auf Friedrich Wilhelm IV. veröffentlicht hatte. Nach einer Beratung im Ministerrat erklärte sich Guizot bereit, gegen den »Vorwärts!« einzuschreiten, und gleich in zweifacher Weise: einmal auf zuchtpolizeilichem Wege, indem man den verantwortlichen Redakteur wegen mangelnder Kautionsleistung belangte, dann aber auch auf strafrechtlichem Wege, indem man ihn wegen Aufforderung zum Königsmord vor die Geschworenen stellte.

Mit dem ersten Vorschlage war man in Berlin einverstanden, doch erwies er sich bei seiner Ausführung als ein Schlag ins Wasser: Bernays wurde zu zwei Monaten Gefängnis und dreihundert Franken Geldstrafe verurteilt, weil er die gesetzlich erforderliche Kaution nicht gestellt hatte, jedoch der »Vorwärts!« erklärte sofort, daß er fortan als Monatsschrift erscheinen würde, wozu er keiner Kaution bedurfte. Von dem zweiten Vorschlage Guizots wollte man in Berlin aber ganz und gar nichts wissen, in der vermutlich sehr berechtigten Angst, daß Pariser Geschworene für den König von Preußen ihrem Gewissen keinen Zwang antun würden. Man quengelte also weiter, Guizot möge die Redakteure und Mitarbeiter des »Vorwärts!« ausweisen.

Nach längeren Verhandlungen ließ sich der französische Minister |94| endlich breitschlagen: wie man damals annahm und wie Engels noch in seiner Grabrede auf Frau Marx betont hat, durch die unschöne Vermittlung Alexander von Humboldts, der mit dem preußischen Minister des Auswärtigen verschwägert war. Neuerdings ist Humboldts Andenken von dieser Beschuldigung zu entlasten versucht worden durch die Angabe, daß die preußischen Archive nichts darüber enthielten. Das ist aber kein Gegenbeweis, denn erstens sind die Akten über die traurige Affäre nur unvollständig erhalten, und zweitens werden solche Dinge nie schriftlich abgemacht. Was wirklich Neues aus den Archiven beigebracht worden ist, beweist vielmehr nur, daß sich ein entscheidender Akt hinter den Kulissen abgespielt hat. In Berlin war man am wütendsten auf Heine, der elf seiner schärfsten Satiren auf die preußische Wirtschaft und namentlich auch auf den König im »Vorwärts!« veröffentlicht hatte. Aber auf der andern Seite war Heine für Guizot der kitzlichste Punkt der kitzlichen Sache. Er war ein Dichter von europäischem Namen und galt den Franzosen fast als ein nationaler Dichter. Dies schwerste Bedenken Guizots muß - da er selbst nicht wohl darüber sprechen konnte - irgendein Vogel dem preußischen Gesandten in Paris in die Ohren gezwitschert haben, denn am 4. Oktober meldete er urplötzlich nach Berlin, es sei sehr zweifelhaft, ob Heine, von dem nur zwei Gedichte im »Vorwärts!« gestanden hätten, zur Redaktion des Blattes gehöre, und nunmehr verstand man auch in Berlin.

Heine blieb unbehelligt, dagegen erging gegen eine Reihe anderer deutscher Flüchtlinge, die für den »Vorwärts!« geschrieben hatten oder im Verdacht standen, es getan zu haben, am 11. Januar 1845 der Ausweisungsbefehl; unter ihnen Marx, Ruge, Bakunin, Börnstein und Bernays. Ein Teil von ihnen rettete sich: Börnstein, indem er sich verpflichtete, auf die Herausgabe des »Vorwärts!« zu verzichten, Ruge, indem er sich beim sächsischen Gesandten und bei französischen Deputierten die Stiefel ablief, um zu versichern, ein wie loyaler Staatsbürger er sei. Für dergleichen war Marx natürlich nicht zu haben; er siedelte nach Brüssel über.

Sein Pariser Exil hatte wenig über ein Jahr gewährt, aber es war die bedeutsamste Zeit seiner Lehr- und Wanderjahre gewesen: reich an Anregungen und Erfahrungen, reicher durch den Gewinn eines Waffengefährten, den er je länger, je notwendiger brauchte, um das große Werk seines Lebens zu vollbringen.

 

Anmerkungen:


[1] Karl Marx: Briefe aus den »Deutsch-Franzoesischen Jahrbüchern«, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 338.

[2] Karl Marx: Briefe aus den »Deutsch-Franzoesischen Jahrbüchern«, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 344.

[3] Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 390.

[4] Karl Marx: Zur Judenfrage, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 370.

[5] Karl Marx: Zur Judenfrage, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 372.

[6] Karl Marx: Kritische Randglossen zu dem Artikel »Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen«, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 392.

[7] Karl Marx: Kritische Randglossen zu dem Artikel »Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen«, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 409.

[8] Karl Marx: Kritische Randglossen zu dem Artikel »Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen«, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 404/405.





Viertes Kapitel:

Friedrich Engels

 

1. Kontor und Kaserne

|95| Friedrichs Engels wurde am 28. November 1820 in Barmen geboren. Sowenig wie Marx brachte er revolutionäre Anschauungen aus seinem Elternhause mit, und ebensowenig wie bei Marx war es persönliche Not, sondern hohe Intelligenz, die ihn auf die revolutionäre Bahn trieb. Sein Vater war ein wohlhabender Fabrikant von konservativer und auch orthodoxer Gesinnung; in religiöser Beziehung hat Engels mehr zu überwinden gehabt als Marx.

Er widmete sich dem kaufmännischen Berufe, nachdem er das Gymnasium in Elberfeld bis ein Jahr vor dem Abiturientenexamen besucht hatte. Ähnlich wie Freiligrath, ist er ein sehr tüchtiger Kaufmann geworden, ohne daß je sein Herz bei dem »verfluchten Kommerz« gewesen wäre. Von Angesicht zu Angesicht sieht man ihn zuerst in den Briefen, die der achtzehnjährige Lehrling aus dem Kontor des Konsuls Leupold in Bremen an die Brüder Graeber richtete, zwei Schulfreunde und nunmehrige Studenten der Theologie. In ihnen wird vom Handel und von Handelsgeschäften wenig gesprochen, es sei denn, daß es einmal heißt: »Gegeben auf unsrem Kontorbock, zur Zeit da wir nicht den Katzenjammer hatten.« Ein fröhlicher Zecher ist schon der junge Engels gewesen wie noch der alte; wenn er im Bremer Ratskeller auch nicht wie Hauff geträumt und wie Heine gesungen hat, so weiß er doch mit derbem Humor von der »großen Knüllität« zu erzählen, die er sich wohl einmal in diesen geweihten Räumen geholt hat.

Wie Marx versuchte er sich zunächst als Dichter, aber nicht minder schnell als Marx erkannte er, daß in diesem Garten keine Lorbeeren für ihn gewachsen waren. In einem Briefe, der vom 17. September 1838 datiert, also vor Vollendung seines achtzehnten Lebensjahres geschrieben ist, erklärte er durch Goethes Ratschläge »für junge Dichter«, vom Glauben an seinen Poetenberuf bekehrt zu sein. Es sind die beiden kleinen Aufsätze Goethes gemeint, worin der Altmeister auseinandersetzt, die deutsche Sprache sei auf einen so hohen Grad der |96| Ausbildung gelangt, daß es jedem gegeben sei, sich in Rhythmen und Reimen gefällig auszudrücken, worauf sich also niemand etwas Besonderes einbilden dürfe; Goethe schließt seine Ratschläge mit dem »Reimwort«:

Jüngling, merke dir in Zeiten,
Wo sich Geist und Sinn erhöht,
Daß die Muse zu begleiten
Doch zu leiten nicht versteht.

In diesen Ratschlägen fand der junge Engels sich so trefflich gezeichnet, wie es nur möglich sei; aus ihnen sei ihm klar geworden, daß durch seine Reimereien nichts für die Kunst getan sei. Nur als »angenehme Zugabe«, wie Goethe sage, wolle er sie beibehalten und auch wohl ein Gedicht in ein Journal einrücken lassen, »weil andre Kerls, die ebensolche, auch wohl noch größere Esel sind, als ich bin, es auch tun, und weil ich dadurch die deutsche Literatur weder heben noch senken werde«. Der burschikose Ton, den Engels immer geliebt hat, barg aber auch in seiner Jugend nichts Leichtfertiges: in demselben Briefe bat er seine Freunde, ihm Volksbücher aus Köln zu besorgen, Siegfried, Eulenspiegel, Helena, Oktavian, Schildbürger, Heymonskinder, Doktor Faust, und bekannte sich zum Studium Jakob Böhmes. »Es ist eine dunkle, aber eine tiefe Seele. Das meiste aber muß entsetzlich studiert werden, wenn man etwas davon kapieren will.«

Das Dringen in die Tiefe verleidete dem jungen Engels denn auch früh die flache Literatur des jungen Deutschlands. In einem wenig späteren Briefe, vom 10. Januar 1839, geht es über diese »saubere Kompagnie« her, und zwar hauptsächlich, weil sie Dinge in die Welt hinausschreibe, die nicht da seien. »Dieser Theodor Mundt sudelt da was in die Welt hinein von der Demoiselle Taglioni, die ›Goethe tanzt‹, schmückt sich mit Floskeln aus Goethe, Heine, der Rahel und der Stieglitz, sagt den köstlichsten Unsinn über Bettina, aber alles so modern, so modern, daß es eine Lust sein muß für einen Schnipulanten oder für eine junge, eitle, lüsterne Dame, dergleichen zu lesen ... Und dieser Heinrich Laube! Der Kerl schmiert in einem fort Charaktere, die nicht existieren, Reisenovellen, die keine sind, Unsinn über Unsinn, es ist schrecklich.« Den »neuen Geist« in der Literatur datierte der junge Engels von dem »Donnerschlag der Julirevolution«, der »schönsten Äußerung des Volkswillens seit dem Befreiungskriege«. Zu den Vertretern dieses Geistes rechnete er die Beck, Grün und Lenau, die Immermann und Platen, die Börne und Heine und auch Gutzkow, den er mit sicherm Urteil über die |97| sonstigen Leuchten des Jungen Deutschlands stellte. In den »Telegraphen«, einer von diesem »ganz ausgezeichnet ehrenwerten Kerl« herausgegebenen Zeitschrift, hat Engels nach einem Briefe vom 1. Mai 1839 einen Aufsatz gestiftet, doch bat er um strengste Diskretion, da er sonst in »höllische Schwulitäten« kommen würde.

Ließ sich der junge Engels durch die Freiheitstiraden des jungen Deutschlands nicht über den ästhetischen Unwert von dessen Schriften täuschen, so war er freilich auch weit entfernt, um dieses ästhetischen Unwerts willen die orthodoxen und reaktionären Angriffe auf das junge Deutschland nachsichtiger zu beurteilen. Da nahm er durchaus die Partei der Verfolgten, unterzeichnete sich wohl selbst als »Junger Deutscher« und drohte dem Freunde: »Das sage ich Dir, Fritz, so Du einmal Pastor wirst, Du magst so orthodox werden, wie Du willst, aber wirst Du mir ein Pietist ..., Du hast's mit mir zu tun.« Mit ähnlichen Reflexen hing auch wohl seine auffallende Vorliebe für Börne zusammen, dessen Schrift gegen den Denunzianten Menzel der junge Engels stilistisch für das erste Werk Deutschlands erklärte, während Heine sich gelegentlich mit einem »Schweinigel« abfinden mußte; es waren die Tage der großen Empörung gegen den Dichter, als auch der junge Lassalle in sein Tagebuch schrieb: »Und dieser Mann ist abgefallen von der Sache der Freiheit! Und dieser Mann hat die Jakobinermütze von seinem Haupte gerissen und einen Tressenhut auf die edlen Locken gedrückt!«

Doch weder Börne noch Heine, noch sonst ein Dichter, haben dem jungen Engels die Wege seines Lebens gewiesen, sondern sein Schicksal hat ihn zum Manne geschmiedet. Er kam aus Barmen, der einen, und lebte in Bremen, der andern Hochburg des norddeutschen Pietismus; die Befreiung aus diesen Banden war der Anfang des großen Befreiungskampfes, der sein ruhmreiches Leben füllt. Wo er mit dem Glauben seiner Kindheit ringt, spricht er mit einer, ihm sonst ungewohnten Weichheit. »Ich bete täglich, ja fast den ganzen Tag um Wahrheit, habe es getan, sobald ich anfing zu zweifeln, und komme doch nicht zu Eurem Glauben zurück ... Die Tränen kommen mir in die Augen, indem ich dies schreibe, ich bin durch und durch bewegt, aber ich fühle es, ich werde nicht verloren gehen, ich werde zu Gott kommen, zu dem sich mein ganzes Herz sehnt. Und das ist auch ein Zeugnis des heiligen Geistes, darauf leb' ich und sterb' ich, ob auch zehntausendmal in der Bibel das Gegenteil steht.« In diesen Seelenkämpfen gelangte der junge Engels von den Hengstenberg und Krummacher, den Häuptern der damaligen Orthodoxie, mit augenblicklichem mehr Stutzen als Verweilen |98|* bei Schleiermacher, zu David Strauß, und nun gesteht er seinen theologischen Freunden, es gäbe für ihn keine Rückkehr mehr. Ein rechter Rationalist könne wohl von seiner natürlichen Wundererklärung und seiner seichten Moralsucht in die orthodoxe Zwangsjacke zurückkriechen, aber die philosophische Spekulation könne nicht wieder von ihren »morgenrotbestrahlten Firnen« in die »nebligen Täler« der Orthodoxie herabsteigen. »Ich bin nämlich auf dem Punkte, ein Hegelianer zu werden. Ob ich's werde, weiß ich freilich noch nicht, aber Strauß hat mir Lichter über Hegel angesteckt, die mir das Ding ganz plausibel darstellen. Seine (Hegels) Geschichtsphilosophie ist mir ohnehin wie aus der Seele geschrieben.« Der Bruch mit dem Kirchentum führte dann unmittelbar in die politische Ketzerei. Eine pfäffische Lobrede auf den damaligen preußischen König, den Mann der Demagogenjagd, ließ diesen Percy Heißsporn ausrufen: »Ich erwarte bloß von dem Fürsten etwas Gutes, dem die Ohrfeigen seines Volks um den Kopf schwirren, und dessen Palastfenster von den Steinwürfen der Revolution zerschmettert werden.«

Mit solchen Anschauungen war Engels über Gutzkows »Telegraphen« hinaus in die Region der »Deutschen Jahrbücher« und der »Rheinischen Zeitung« gewachsen. Für beide Organe hat er gelegentlich gearbeitet, als er vom Oktober 1841 bis Oktober 1842 sein Freiwilligenjahr abdiente, bei der Gardeartillerie in Berlin, in der Kaserne am Kupfergraben, unfern dem Hause, wo Hegel gelebt hatte und gestorben war. Seinen schriftstellerischen Kriegsnamen Friedrich Oswald, den er anfangs wohl aus Rücksicht auf seine konservativ und orthodox gesinnte Familie gewählt hatte, mußte er »in des Königs Rock« aus noch zwingenderen Gründen beibehalten. Einem Schriftsteller, den er in den »Deutschen Jahrbüchern« scharf kritisiert hatte, schrieb Gutzkow tröstend am 6. Dezember 1842: »Das traurige Verdienst, den F. Oswald in die Literatur eingeführt zu haben, gebührt leider mir. Vor Jahren schickte mir ein Handlungsbeflissener, namens Engels, aus Bremen Briefe über das Wuppertal. Ich korrigierte sie, strich die Persönlichkeiten, die zu grell waren, und druckte sie ab. Seither schickte er manches, das ich regelmäßig umarbeiten mußte. Plötzlich verbat er sich diese Korrekturen, studierte Hegel und ging zu andern Organen über. Noch kurz vor dem Erscheinen der Kritik über Sie hatte ich ihm 15 Taler nach Berlin geschickt. So sind diese Neulinge fast alle. Uns verdanken sie, daß sie denken und schreiben können, und ihre erste Tat ist geistiger Vatermord. Natürlich würde all diese Schlechtigkeit nichts sein, wenn ihr nicht die ›Rheinische Zeitung‹ und Ruges Blatt entgegenkäme.« So stöhnt nun freilich nicht der |99| alte Moor im Hungerturm, sondern so gackert die Henne, der das von ihr ausgebrütete Entlein von dannen schwimmt.

Wie Engels im Kontor ein tüchtiger Kaufmann geworden war, so wurde er in der Kaserne ein tüchtiger Soldat; fortan und bis ans Ende seines Lebens hat die Militärwissenschaft zu seinen Lieblingsstudien gehört. In dieser engen und steten Berührung mit der Praxis des täglichen Lebens glich sich glücklich, aus, was seinem philosophischen Bewußtsein an spekulativer Tiefe fehlen mochte. Er hat in seinem Freiwilligenjahr wacker mit den Berliner Freien gezecht und auch mit ein paar Schriftchen an ihren Kämpfen teilgenommen, freilich zu einer Zeit, wo ihr Treiben noch nicht entartet war. Schon im April 1842 erschien anonym in einem Leipziger Verlage seine kleine 55 Seiten lange Schrift »Schelling und die Offenbarung«, worin er »den neuesten Reaktionsversuch gegen die freie Philosophie« kritisierte, den Versuch des an die Berliner Universität berufenen Schelling, durch seinen Offenbarungsglauben die Hegelsche Philosophie aus dem Felde zu schlagen. Ruge, der die Schrift für ein Werk Bakunins hielt, begrüßte sie mit dem schmeichelhaften Lobe: »Dieser liebenswürdige junge Mensch überholt all die alten Esel in Berlin.« In der Tat vertrat sie den noch philosophischen Junghegelianismus in seinen äußersten Konsequenzen, doch hatten auch andere Kritiker nicht ganz unrecht, die in ihr weniger scharfe Kritik als poetisch-philosophischen Überschwang fanden.[1]

Etwa zu gleicher Zeit, unter dem frischen Eindruck von Bruno Bauers Absetzung, hat Engels in Neumünster bei Zürich, ebenfalls anonym, ein »Christliches Heldengedicht« in vier Gesängen veröffentlicht, eine Satire auf den »Triumph des Glaubens« über den »Oberteufel«, der »kräftiglich entsetzet ist«[2]. Es machte auch reichlichen Gebrauch von dem Vorrecht der Jugend, mäkelnde Kritik zu verachten; eine Probe seiner Art mögen die Verse geben, in denen Engels sich selbst und den ihm persönlich noch unbekannten Marx schilderte:

Doch der am weitsten links mit langen Beinen toset,
Ist Oswald, grau berockt und pfefferfarb behoset,
Auch innen pfefferhaft, Oswald der Montagnard,
Der wurzelhafteste mit Haut und auch mit Haar.
Er spielt ein Instrument, das ist die Guillotine,
Auf ihr begleitet er stets eine Cavatine;
Stets tönt das Höllenlied, laut brüllt er den Refrain:
Formez vos bataillons! aux armes, citoyens!

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|100| Wer jaget hinterdrein mit wildem Ungestüm?
Ein schwarzer Kerl aus Trier, ein markhaft Ungetüm.
Er gehet, hüpfet nicht, er springet auf den Hacken
Und raset voller Wut und gleich, als wollt' er packen
Das weite Himmelszelt, und zu der Erde ziehn.
Streckt er die Arme sein weit in die Lüfte hin.
Geballt die böse Faust, so tobt er sonder Rasten,
Als wenn ihn bei dem Schopf zehntausend Teufel faßten.[3]

Nach Ablauf seiner Militärdienstzeit, Ende September 1842, kehrte Engels in sein elterliches Haus zurück, und von hier ging er zwei Monate später nach Manchester als Kommis der Großspinnerei Ermen & Engels, deren Teilhaber sein Vater war. Auf der Durchreise besuchte er die Redaktion der »Rheinischen Zeitung« in Köln und sah hier Marx zum ersten Male. Doch war ihre Begrüßung sehr kühl, denn sie fiel gerade in die Tage, wo Marx mit den Freien brach. Engels war durch Briefe der Brüder Bauer gegen Marx eingenommen, und Marx sah in Engels einen Gesinnungsgenossen der Berliner Freien.

 

2. Englische Zivilisation

Einundzwanzig Monate hat Engels nunmehr in England verlebt, und diese Zeit hat für ihn eine ähnliche Bedeutung gehabt wie für Marx das Pariser Jahr. Beide kamen aus der Schule der deutschen Philosophie, von der aus sie im Auslande zu ganz gleichen Ergebnissen gelangten, aber wenn Marx sich an der Französischen Revolution über die Kämpfe und Wünsche der Zeit verständigt hat, so Engels an der englischen Industrie.

Auch England hatte seine bürgerliche Revolution gehabt, sogar schon ein Jahrhundert vor Frankreich, aber eben deshalb unter ungleich weniger entwickelten Verhältnissen. Sie war schließlich in ein Kompromiß zwischen Aristokratie und Bourgeoisie verlaufen, die sich ein gemeinsames Königtum schufen. Die englische »Mittelklasse« hatte dem Königtum und dem Adel nicht den hartnäckigen und langwierigen Kampf zu machen, wie der »dritte« Stand in Frankreich. Aber wenn es der französischen Geschichtsschreibung erst aus rückschauender Betrachtung klar wurde, daß der Kampf des »dritten Standes« ein Klassenkampf sei, so schoß der Gedanke des Klassenkampfes in England sozusagen aus |101| frischer Wurzel empor, als das Proletariat zur Zeit der Reformbill von 1832 zum Kampfe mit den herrschenden Klassen antrat.

Der Unterschied erklärte sich daraus, daß die große Industrie den englischen Boden viel tiefer aufgewühlt hatte als den französischen. Sie hatte in einem fast handgreiflichen Entwicklungsprozesse alte Klassen vernichtet und neue Klassen geschaffen. Die innere Struktur der modernen bürgerlichen Gesellschaft war in England viel durchsichtiger als in Frankreich. Aus der Geschichte und dem Wesen der englischen Industrie lernte Engels, daß die ökonomischen Tatsachen, die in der bisherigen Geschichtsschreibung gar keine oder eine verachtete Rolle spielten, wenigstens in der modernen Welt eine entscheidende geschichtliche Macht seien, daß sie die Grundlage bildeten für die Entstehung der heutigen Klassengegensätze, daß diese Klassengegensätze, wo sie vermöge der großen Industrie sich vollständig entwickelt hätten, wieder die Grundlage der politischen Parteibildung, der Parteikämpfe und damit der ganzen politischen Geschichte seien.

Ohnehin hing es mit seinem Berufe zusammen, daß Engels seinen Blick in erster Reihe auf das ökonomische Gebiet lenkte. In den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« begann er mit einer »Kritik der Nationalökonomie«[4], wie Marx mit einer »Kritik der Rechtsphilosophie« begonnen hatte. Der kleine Aufsatz ist noch mit jugendlichem Ungestüm geschrieben, aber er bekundet doch auch schon eine seltene Reife des Urteils. Ihn ein »reichlich konfuses Werklein« zu nennen, blieb dem deutschen Professor vorbehalten; Marx hat ihn treffend eine »geniale Skizze« genannt. Eine »Skizze«, denn was Engels über die Ökonomie der Adam Smith und Ricardo sagt, ist keineswegs erschöpfend und nicht einmal immer richtig, und was er gegen sie im einzelnen einwandte, mochte von englischen oder französischen Sozialisten bereits gesagt sein. Jedoch genial war der Versuch, alle Widersprüche der bürgerlichen Ökonomie aus ihrem wirklichen Quell, dem Privateigentum als solchem abzuleiten; damit ging Engels schon über Proudhon hinaus, der das Privateigentum nur vom Boden des Privateigentums aus zu bekämpfen wußte. Was Engels über die entmenschenden Wirkungen der kapitalistischen Konkurrenz zu sagen hatte, über die Bevölkerungstheorie des Malthus, über die immer steigende Fieberhitze der kapitalistischen Produktion, über die Handelskrisen, über das Lohngesetz, über die Fortschritte der Wissenschaft, die unter der Herrschaft des Privateigentums aus Mitteln zur Befreiung der Menschheit vielmehr Mittel zur immer stärkeren Knechtung der Arbeiterklasse würden usw., das enthielt die fruchtbaren Wurzeln des wissenschaftlichen Kommunismus |102|* nach der ökonomischen Seite, die Engels in der Tat zuerst als solche entdeckt hat.

Er selbst hat darüber allzu bescheiden gedacht. Wenn er einmal meinte, seinen ökonomischen Sätzen habe Marx erst »die schließliche scharfe Fassung« gegeben oder ein andermal: »Marx stand höher, sah weiter, überblickte mehr und rascher als wir andern alle«[5], oder ein drittes Mal, was er gefunden habe, würde Marx am Ende auch selbst gefunden haben, so ist in ihrer Frühzeit doch auf dem Gebiete, auf dem zuletzt die entscheidende Schlacht geschlagen werden mußte und geschlagen worden ist, Engels der Gebende und Marx der Empfangende gewesen. Sicherlich war Marx damals der philosophisch begabtere und vor allem geschultere Kopf, und wenn man sich an einem kindlichen Wenn- und Aberspiel, das mit geschichtlicher Forschung nichts zu tun hat, anders erlustigen will, so mag man darüber spintisieren, ob Engels das Problem, das beide Männer gelöst haben, in seiner französischen verwickelteren Form so gelöst haben würde wie Marx. Aber - und dies ist mit Unrecht verkannt worden - in seiner einfacheren englischen Form hat es Engels nicht minder glücklich gelöst. Gerade wenn man seine »Kritik der Nationalökonomie« vom einseitig ökonomischen Standpunkt betrachtet, wird man manches an ihr aussetzen können; was sie auszeichnet und was sie zu einem wesentlichen Fortschritt der Erkenntnis machte, das verdankte ihr Verfasser der dialektischen Schule Hegels.

Auch nach außen hin greifbar tritt der philosophische Ausgangspunkt in dem zweiten Aufsatz hervor, den Engels in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« veröffentlichte. Er schilderte die Lage Englands an der Hand einer Schrift Carlyles, die er als das einzig lesenswerte Buch aus der literarischen Ernte eines ganzen Jahres bezeichnete, eine Armut, die wieder in bezeichnendem Gegensatz zu dem französischen Reichtum stand. Engels knüpfte daran eine Betrachtung über die geistige Erschöpfung der englischen Aristokratie und Bourgeoisie; der gebildete Engländer, nach dem man auf dem Festlande den englischen Nationalcharakter beurteile, sei der verächtlichste Sklave unter der Sonne, der unter Vorurteilen, namentlich religiösen Vorurteilen ersticke. »Nur der auf dem Kontinent unbekannte Teil der englischen Nation, nur die Arbeiter, die Parias Englands, die Armen sind wirklich respektabel, trotz all ihrer Roheit und all ihrer Demoralisation. Von ihnen geht die Rettung Englands aus, in ihnen liegt noch bildsamer Stoff; sie haben keine Bildung, aber auch keine Vorurteile; sie haben noch Kraft aufzuwenden für eine große nationale Tat, sie haben noch eine Zukunft.«[6] Engels wies darauf hin, wie, um mit Marx zu sprechen, die Philosophie sich in |103| diesem »naiven Volksboden« einzuwurzeln beginne; das »Leben Jesu« von Strauß, das kein anständiger Schriftsteller zu übersetzen und kein angesehener Buchhändler zu drucken gewagt habe, sei von einem sozialistischen Lekturer übersetzt worden und werde in Pennyheften unter den Arbeitern in London, Birmingham und Manchester vertrieben.

Engels übersetzte die »schönsten« der »oft wunderbar schönen Stellen« aus Carlyles Schrift, die die Lage Englands in den düstersten Farben schilderten. Gegen die Rettungsvorschläge aber, die Carlyle macht: eine neue Religion, einen pantheistischen Heroenkultus und dergleichen mehr, berief er sich auf Bruno Bauer und Feuerbach. Alle Möglichkeiten der Religion seien erschöpft, auch der Pantheismus, den Feuerbachs Thesen in den »Anekdotis« für immer abgetan hätten. »Die Frage ist bisher immer gewesen: Was ist Gott? und die deutsche Philosophie hat die Frage dahin gelöst: Gott ist der Mensch. Der Mensch hat sich nur selbst zu erkennen, alle Lebensverhältnisse an sich selbst zu messen, nach seinem Wesen zu beurteilen, die Welt nach den Forderungen seiner Natur wahrhaft menschlich einzurichten, so hat er das Rätsel unserer Zeit gelöst.«[7] Und wie Marx den Menschen Feuerbachs sofort als das Wesen des Menschen, Staat, Sozietät erläuterte, so sah Engels in dem Wesen des Menschen die Geschichte, die »unser Eins und Alles« sei und »von uns« höher gehalten werde als irgend von einer anderen, früheren, philosophischen Richtung, höher selbst als von Hegel, dem sie am Ende auch nur als Probe auf sein logisches Rechenexempel habe dienen sollen.

Es ist ungemein reizvoll, in den je zwei Aufsätzen, die Engels und Marx für die »Deutsch-Französischen Jahrbücher« gestiftet haben, bis ins einzelne hinein zu verfolgen, wie die gleichen Gedanken aufkeimen, anders gefärbt hier im Lichte der Französischen Revolution und dort im Lichte der englischen Industrie, der beiden großen historischen Umwälzungen, von denen die Geschichte der modernen bürgerlichen Gesellschaft datiert, aber im Wesen der Sache doch gleich. Hatte Marx aus den Menschenrechten das anarchische Wesen der bürgerlichen Gesellschaft herausgelesen, so erläuterte Engels die Konkurrenz, »die Hauptkategorie des Ökonomen, seine liebste Tochter«: »Was soll man von einem Gesetze denken, das sich nur durch periodische Revolutionen durchsetzen kann? Es ist eben eine Naturgesetz, das auf der Bewußtlosigkeit der Beteiligten beruht.«[8] War Marx zu der Erkenntnis gelangt, daß die menschliche Emanzipation erst vollbracht sei, wenn der Mensch durch die Organisation seiner eigenen Kräfte als gesellschaftlicher Kräfte zum Gattungswesen geworden sei, so sagte Engels: Produziert mit Bewußtsein, als Menschen, nicht als zersplitterte Atome ohne |104| Gattungsbewußtsein, und ihr seid über alle diese künstlichen und unhaltbaren Gegensätze hinaus.

Man sieht, wie die Übereinstimmung fast bis auf den Wortlaut reicht.

 

3. »Die heilige Familie«

Ihre erste gemeinsame Arbeit war die Abrechnung mit ihrem philosophischen Gewissen, und sie kleidete sich in eine Polemik gegen die »Allgemeine Literatur-Zeitung«, die Bruno Bauer mit seinen Brüdern Edgar und Egbert seit dem Dezember 1843 in Charlottenburg herausgab.

In diesem Organe versuchten die Berliner Freien ihre Weltanschauung, oder was sie so nannten, zu begründen. Bruno Bauer war zwar durch Fröbel zur Mitarbeit an den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« aufgefordert worden, aber er hatte sich schließlich doch nicht entschließen können mitzutun, und im Grunde hielt er nicht bloß deshalb an seinem philosophischen Selbstbewußtsein fest, weil sein persönliches Selbstbewußtsein durch Marx und Ruge empfindlich verletzt worden war. Seine spitzen Bemerkungen über die »›Rheinische Zeitung‹ seligen Angedenkens«, die »Radikalen«, die »Klugen von Anno 1842« hatten bei alledem einen sachlichen Hintergrund. Die Gründlichkeit und Schnelligkeit, womit die romantische Reaktion die »Deutschen Jahrbücher« und die »Rheinische Zeitung« vernichtet hatte, sobald sie sich von der Philosophie zur Politik wandten, und die vollkommene Gleichgültigkeit, in der die »Masse« bei dieser »Niedermetzelung« des »Geistes« geblieben war, hatten ihn überzeugt, daß auf diesem Wege nicht vorwärts zu kommen sei. Er sah alles Heil nur in der Rückkehr zur reinen Philosophie, zur reinen Theorie, zur reinen Kritik, aus der im Gebiete der ideologischen Wolkenwelt einen allmächtigen Herrscher der Welt zu machen denn freilich keine besondere Schwierigkeit bot.

Das Programm der »Allgemeinen Literatur-Zeitung«, soweit es überhaupt noch greifbar war, sprach Bruno Bauer mit den Worten aus: »Alle großen Aktionen der bisherigen Geschichte waren deshalb von vornherein verfehlt und ohne eingreifenden Erfolg, weil die Masse sich für sie interessiert oder enthusiasmiert hatte, oder sie mußten ein klägliches Ende nehmen, weil die Idee, um die es sich in ihnen handelte, von der Art war, daß sie sich mit einer oberflächlichen Auffassung begnügen, also auch auf den Beifall der Masse rechnen mußte.« Der Gegensatz zwischen »Geist« und »Masse« zog sich wie ein roter Faden durch die |105| »Allgemeine Literatur-Zeitung«; sie sagte, der Geist wisse jetzt, wo er seinen einzigen Widersacher zu suchen habe, nämlich in den Selbsttäuschungen und in der Kernlosigkeit der Masse.

Dementsprechend urteilte die Zeitschrift Bauers mit absprechender Herablassung über alle »massenhaften« Bewegungen der Zeit, über Christentum und Judentum, Pauperismus und Sozialismus, französische Revolution und englische Industrie. Es war fast noch zu höflich, wenn Engels ihr ins Stammbuch schrieb: »Sie ist und bleibt ein altes Weib, die verwelkte und verwitwete Hegelsche Philosophie, die ihren zur widerlichsten Abstraktion ausgedörrten Leib schminkt und aufputzt und in ganz Deutschland nach einem Freier umherschielt.«[9] Denn die Hegelsche Philosophie wurde ins Absurde getrieben. Indem Hegel den absoluten Geist als schöpferischen Weltgeist immer erst nachträglich im Philosophen zum Bewußtsein kommen ließ, sagte er im Grunde nur, daß der absolute Geist zum Schein in der Einbildung die Geschichte mache, und er hatte sich sehr nachdrücklich gegen die Mißdeutung verwahrt, als ob das philosophische Individuum selbst der absolute Geist sei. Dagegen betrachteten die Bauers und ihre Jünger sich als die persönlichen Inkarnationen der Kritik, des absoluten Geistes, der durch sie mit Bewußtsein im Gegensatze zur übrigen Menschheit die Rolle des Weltgeistes spiele. Dieser Dunst mußte sich selbst in der philosophischen Atmosphäre Deutschlands schnell verflüchtigen, sogar im Kreise der Freien fand die »Allgemeine Literatur-Zeitung« eine sehr laue Aufnahme; weder Köppen, der sich ohnehin zurückhielt, arbeitete mit, noch Stirner, der sich vielmehr heimlich rüstete, sie abzutun, aber auch Meyen und Rutenberg waren nicht zu haben, und die Bauers mußten sich mit der einzigen Ausnahme Fauchers, an einer dritten Garnitur der Freien genügen lassen, einem gewissen Jungnitz und dem pseudonymen Szeliga, einem preußischen Leutnant von Zychlinski, der erst im Jahre 1900 als General der Infanterie gestorben ist. Der ganze Spuk war denn auch binnen Jahresfrist sang- und klanglos verschollen; die »Allgemeine Literatur-Zeitung« war nicht nur tot, sondern auch schon vergessen, als Marx und Engels gegen sie auf den öffentlichen Plan traten.

Das ist ihrer ersten gemeinsamen Schrift nicht förderlich gewesen, der »Kritik der kritischen Kritik«, wie sie selbst sie tauften, oder der »Heiligen Familie«, dem Namen, den sie ihr nach einem Vorschlage des Verlegers gaben. Die Gegner spotteten sofort, sie renne offene Türen ein, und auch Engels meinte, als er das fertige Buch erhielt, das Ding sei ganz famos, aber bei alledem zu groß; die souveräne Verachtung, womit die kritische Kritik behandelt werde, stehe zu den zweiundzwanzig Bogen |106|* der Schrift im argen Gegensatze; das meiste werde dem größeren Publikum unverständlich sein und auch nicht allgemein interessieren. Das trifft heute noch ungleich mehr zu als damals, dagegen hat sie inzwischen einen Reiz gewonnen, der zur Zeit ihres Erscheinens nicht genossen werden konnte, wenigstens nicht so, wie er heute genossen werden kann. Ein neuerer Kritiker sagt gleichwohl, nachdem er die Silbenstechereien, Wortklaubereien und selbst ungeheuerlichen Gedankenverrenkungen der Schrift getadelt hat, sie enthalte einige der schönsten Offenbarungen des Genies, die auch in der meisterhaften Form, in der ehernen Gedrungenheit der Sprache zu dem Herrlichsten gehörten, was Marx je geschrieben habe.

Marx zeigt sich in diesen Partien der Schrift als Meister jener produktiven Kritik, die die ideologische Einbildung durch die positive Tatsache schlägt, die zugleich schafft, indem sie zerstört, zugleich aufbaut, indem sie einreißt. Den kritischen Redensarten Bruno Bauers über den französischen Materialismus und die französische Revolution setzte Marx glänzende Abrisse dieser historischen Erscheinungen entgegen. Auf das Gerede Bruno Bauers von dem Gegensatze zwischen »Geist« und »Masse«, »Idee« und »Interesse«, antwortete Marx kühl: »Die ›Idee‹ blamierte sich immer, soweit sie von dem ›Interesse‹ unterschieden war.«[10] Jedes massenhafte Interesse, das sich geschichtlich durchsetze, pflege beim Betreten der Weltbühne in der Idee weit über seine wirklichen Schranken hinauszugehen und sich mit dem menschlichen Interesse schlechthin zu verwechseln. Es sei die Illusion, die Fourier den Ton einer jeden Geschichtsepoche nenne. »Das Interesse der Bourgeoisie in der Revolution von 1789, weit entfernt ›verfehlt‹ zu sein, hat alles ›gewonnen‹ und hat den ›eingreifendsten Erfolg‹ gehabt, so sehr der ›Pathos‹ verraucht und so sehr die ›enthusiastischen‹ Blumen, womit dieses Interesse seine Wiege bekränzte, verwelkt sind. Dieses Interesse war so mächtig, daß es die Feder eines Marat, die Guillotine der Terroristen, den Degen Napoleons wie das Kruzifix und das Vollblut der Bourbonen siegreich überwand.«[11] In dem Jahre 1830 habe die Bourgeoisie ihre Wünsche vom Jahre 1789 verwirklicht, nur mit dem Unterschiede, daß ihre politische Aufklärung beendet gewesen sei, sie erstrebe in dem konstitutionellen Repräsentativstaat nicht mehr das Ideal des Staats, nicht mehr das Heil der Welt und allgemein menschliche Zwecke, sondern habe ihn als den offiziellen Ausdruck ihrer ausschließlichen Macht und als die politische Anerkennung ihres besonderen Interesses erkannt. Verfehlt sei die Revolution nur für die Masse gewesen, die in der politischen Idee nicht die Idee ihres wirklichen Interesses besessen habe, |107| deren wahres Lebensprinzip also mit dem Lebensprinzip der Revolution nicht zusammengefallen sei, deren reale Bedingungen der Emanzipation wesentlich verschieden seien von den Bedingungen, innerhalb deren die Bourgeoisie sich und die Gesellschaft emanzipieren konnte.

Der Behauptung Bruno Bauers, daß der Staat die Atome der bürgerlichen Gesellschaft zusammenhalte, setzte Marx entgegen, was sie zusammenhalte, sei dies, daß sie Atome nur in der Vorstellung seien, im Himmel ihrer Einbildung, in Wirklichkeit aber gewaltig von den Atomen unterschiedene Wesen, nämlich keine göttlichen Egoisten, sondern egoistische Menschen. »Nur der politische Aberglaube bildet sich noch heutzutage ein, daß das bürgerliche Leben vom Staat zusammengehalten werden müsse, während umgekehrt in der Wirklichkeit der Staat von dem bürgerlichen Leben zusammengehalten wird.«[12] Und verächtlichen Äußerungen Bruno Bauers über die Bedeutung von Industrie und Natur für die geschichtliche Erkenntnis begegnete Marx mit der Frage, ob die kritische Kritik in der Erkenntnis der geschichtlichen Wirklichkeit auch nur zum Anfange gekommen zu sein glaube, solange sie das theoretische und praktische Verhalten der Menschen zur Natur, die Naturwissenschaft und die Industrie, aus der geschichtlichen Bewegung ausschließe. »Wie sie das Denken von den Sinnen, die Seele vom Leibe ... trennt, so trennt sie die Geschichte von der Naturwissenschaft und Industrie, so sieht sie nicht in der grob-materiellen Produktion auf der Erde, sondern in der dunstigen Wolkenbildung am Himmel die Geburtsstätte der Geschichte.«[13]

Wie sich Marx der französischen Revolution gegenüber der kritischen Kritik annahm, so Engels der englischen Industrie. Er hatte es dabei mit dem jungen Faucher zu tun, der von den Mitarbeitern der »Allgemeinen Literatur-Zeitung« noch am ehesten die irdische Wirklichkeit beachtete; es ist ergötzlich zu lesen, wie trefflich er damals jenes kapitalistische Lohngesetz auseinanderzusetzen wußte, das er zwanzig Jahre später, bei Lassalles Auftreten, als ein »faules Ricardosches Gesetz« in die Tiefen der Hölle verfluchen sollte. Bei allen groben Schnitzern, die Engels ihm nachwies - Faucher wußte im Jahre 1844 noch nichts davon, daß im Jahre 1824 die englischen Koalitionsverbote aufgehoben worden waren - fehlte es doch nicht ganz an Silbenstechereien, und in einem wesentlichen Punkt irrte auch Engels, wenngleich nach anderer Seite als Faucher. Hatte dieser die Zehnstundenbill Lord Ashleys als eine »schlappe Milieu-Maßregel« verspottet, die kein Axthieb in die Baumwurzel sein würde, so nahm sie Engels mit »der ganzen Massenhaftigkeit Englands« für den allerdings möglichst gelinden Ausdruck eines durchaus |108|* radikalen Prinzips, da sie die Axt an die Wurzel des auswärtigen Handels und damit an die Wurzel des Fabriksystems nicht nur legen, sondern tief hineinhauen würde. Engels, und mit ihm Marx, sah damals in der Bill Lord Ashleys einen Versuch, der großen Industrie eine reaktionäre Fessel anzulegen, die auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaft immer wieder zerrissen werden würde.

Ihre philosophische Vergangenheit haben Engels und Marx noch nicht völlig abgestreift; gleich mit dem ersten Worte der Vorrede kehren sie den realen Humanismus« Feuerbachs gegen den spekulativen Idealismus Bruno Bauers heraus. Rückhaltlos erkennen sie die genialen Entwicklungen Feuerbachs an, sein Verdienst, die großen und meisterhaften Grundzüge zur Kritik aller Metaphysik geliefert, den Menschen an die Stelle des alten Plunders, auch des unendlichen Selbstbewußtseins gesetzt zu haben. Aber sie schreiten über den Humanismus Feuerbachs immer wieder vor zum Sozialismus, vom abstrakten zum historischen Menschen, und in der chaotisch durcheinanderflutenden Welt des Sozialismus finden sie sich mit bewundernswertem Scharfsinn zurecht. Sie enthüllten das Geheimnis der sozialistischen Spielereien, in denen sich die satte Bourgeoisie gefiel. Das menschliche Elend selbst, die unendliche Verworfenheit, die das Almosen empfangen muß, dienen der Aristokratie des Geldes und der Bildung zum Amüsement, zur Befriedigung ihrer Selbstliebe, zum Kitzel ihres Übermuts: einen anderen Sinn haben die vielen Wohltätigkeitsvereine in Deutschland, die vielen wohltätigen Gesellschaften in Frankreich, die zahlreichen wohltätigen Donquichotterien in England, die Konzerte, Bälle, Schauspiele, Essen für Arme, selbst die öffentlichen Subskriptionen für Verunglückte nicht.

Von den großen Utopisten hat Fourier am meisten beigesteuert zu dem gedanklichen Inhalt der »Heiligen Familie«. Doch unterscheidet Engels schon zwischen Fourier und Fourierismus; er sagt, der verwässerte Fourierismus, wie ihn die »Friedliche Demokratie« predige, sei nichts als die soziale Lehre eines Teils der philanthropischen Bourgeoisie. Er wie Marx betonen immer wieder, was auch die großen Utopisten niemals verstanden hatten: die geschichtliche Entwicklung, die selbständige Bewegung der Arbeiterklasse. Gegen Edgar Bauer schreibt Engels: »Die kritische Kritik schafft Nichts, der Arbeiter schafft Alles, ja so sehr Alles, daß er die ganze Kritik auch in seinen geistigen Schöpfungen beschämt; die englischen und französischen Arbeiter können davon Zeugnis ablegen.«[14] Und den angeblichen ausschließenden Gegensatz zwischen »Geist« und »Masse« beseitigte Marx unter anderem auch durch die Bemerkung, daß der kommunistischen Kritik der Utopisten praktisch |109| sogleich die Bewegung der großen Masse entsprochen habe; man müsse das Studium, die Wißbegierde, die sittliche Energie, den rastlosen Entwicklungstrieb der französischen und englischen Ouvriers kennengelernt haben, um sich von dem menschlichen Adel dieser Bewegung eine Vorstellung machen zu können.

Danach ist es leicht zu begreifen, daß Marx sich mit besonderem Eifer gegen die abgeschmackte Übersetzung und den noch abgeschmackteren Kommentar wandte, womit Edgar Bauer sich in der »Allgemeinen Literatur-Zeitung« an Proudhon versündigt hatte. Es ist natürlich eine akademische Finte, daß Marx in der »Heiligen Familie« denselben Proudhon verherrlicht haben soll, den er ein paar Jahre später scharf kritisieren sollte. Marx wehrte sich nur dagegen, daß Proudhons wirkliche Leistung durch Edgar Bauers verwaschenes Gerede verdunkelt würde, und diese Leistung erkannte er auf nationalökonomischem Gebiete für ebenso bahnbrechend an wie Bruno Bauers Leistung auf theologischem Gebiete. Aber wie gegen Bruno Bauers theologische, so wandte sich Marx auch gegen Proudhons nationalökonomische Beschränktheit.

Behandelte Proudhon das Eigentum vom Boden der bürgerlichen Ökonomie als einen inneren Widerspruch, so sagte Marx: »Das Privateigentum als Privateigentum, als Reichtum, ist gezwungen, sich selbst und damit seinen Gegensatz, das Proletariat, im Bestehen zu erhalten. Es ist die positive Seite des Gegensatzes, das in sich selbst befriedigte Privateigentum. Das Proletariat ist umgekehrt als Proletariat gezwungen, sich selbst und damit seinen bedingenden Gegensatz, der es zum Proletariat macht, das Privateigentum, aufzuheben. Es ist die negative Seite des Gegensatzes, seine Unruhe in sich, das aufgelöste und sich auflösende Privateigentum ... Innerhalb des Gegensatzes ist der Privateigentümer also die konservative, der Proletarier die destruktive Partei. Von jenem geht die Aktion des Erhaltens des Gegensatzes, von diesem die Aktion seiner Vernichtung aus. Das Privateigentum treibt allerdings sich selbst in seiner nationalökonomischen Bewegung zu seiner eignen Auflösung fort, aber nur durch eine von ihm unabhängige, bewußtlose, wider seinen Willen stattfindende, durch die Natur der Sache bedingte Entwicklung, nur indem es das Proletariat als Proletariat erzeugt, das seines geistigen und physischen Elends bewußte Elend, die ihrer Entmenschung bewußte und darum sich selbst aufhebende Entmenschung. Das Proletariat vollzieht das Urteil, welches das Privateigentum durch die Erzeugung des Proletariats über sich selbst verhängt, wie es das Urteil vollzieht, welches die Lohnarbeit über sich selbst verhängt, indem |110| sie den fremden Reichtum und das eigne Elend erzeugt. Wenn das Proletariat siegt, so ist es dadurch keineswegs zur absoluten Seite der Gesellschaft geworden, denn es siegt nur, indem es sich selbst und sein Gegenteil aufhebt. Alsdann ist ebensowohl das Proletariat wie sein bedingender Gegensatz, das Privateigentum, verschwunden.«[15]

Ausdrücklich verwahrte sich Marx dagegen, daß er die Proletarier für Götter erklären wolle, indem er ihnen diese weltgeschichtliche Rolle zuschreibe. »Vielmehr umgekehrt! Weil die Abstraktion von aller Menschlichkeit, selbst von dem Schein der Menschlichkeit, im ausgebildeten Proletariat praktisch vollendet ist, weil in den Lebensbedingungen des Proletariats alle Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft in ihrer unmenschlichsten Spitze zusammengefaßt sind, weil der Mensch in ihm sich selbst verloren, aber zugleich nicht nur das theoretische Bewußtsein dieses Verlustes gewonnen hat, sondern auch unmittelbar durch die nicht mehr abzuweisende, absolut gebieterische Not - den praktischen Ausdruck der Notwendigkeit - zur Empörung gegen diese Unmenschlichkeit gezwungen ist, darum kann und muß das Proletariat sich selbst befreien. Es kann sich aber nicht selbst befreien, ohne seine eigenen Lebensbedingungen aufzuheben. Es kann seine eigenen Lebensbedingungen nicht aufheben, ohne alle unmenschlichen Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft, die sich in seiner Situation zusammenfassen, aufzuheben. Es macht nicht vergebens die harte, aber stählende Schule der Arbeit durch. Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eigenen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft sinnfällig, unwiderruflich vorgezeichnet.«[16] Und immer wieder betonte Marx, daß ein großer Teil des englischen und französischen Proletariats sich seiner geschichtlichen Aufgabe schon bewußt sei und beständig daran arbeite, dies Bewußtsein zur vollständigen Klarheit herauszubilden.

Neben mancher frischen Quelle, aus der das Wasser des Lebens sprudelt, enthält die »Heilige Familie« freilich auch manche Strecke dürren Landes. Namentlich die beiden langen Kapitel, die sich mit der unglaublichen Weisheit des würdigen Szeliga befassen, stellen die Geduld des Lesers auf eine harte Probe. Man wird der Schrift am gerechtesten, wenn man sie als eine Improvisation betrachtet, wie sie es augenscheinlich auch gewesen ist. Just in den Tagen, wo Engels und Marx sich persönlich kennenlernten, traf in Paris das achte Heft der »Allgemeinen |111| Literatur-Zeitung« ein, worin Bruno Bauer in versteckter zwar, aber zugleich bissiger Weise die Auffassung bekämpfte, zu der beide in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« gelangt waren.

Da mag in ihnen der Gedanke aufgetaucht sein, dem alten Freunde in lustig-spöttischer Weise zu antworten, mit einer kleinen Flugschrift, die schnell erscheinen sollte. Darauf deutet hin, daß Engels seinen Beitrag, der wenig über einen Druckbogen umfaßte, sofort niederschrieb und sehr verwundert war, als er hörte, daß Marx die Schrift auf zwanzig Druckbogen ausdehne; er empfand es als »kurios« und komisch«, daß bei dem geringen Umfange seines Anteils sein Name mit auf dem Titel stände und gar an erster Stelle. Marx wird die Arbeit in seiner gründlichen Weise angefaßt und dabei wird es ihm nach dem bekannten nur allzu wahren Wort an Zeit gefehlt haben, kurz zu sein; vielleicht hat er den Stoff auch ausgereckt, um die Zensurfreiheit zu gewinnen, die Büchern über zwanzig Druckbogen zustand.

Im übrigen kündigten die Verfasser diese Polemik nur als Vorläufer der selbständigen Schriften an, worin sie - jeder für sich - ihre Stellung zu den neueren philosophischen und sozialen Doktrinen nehmen würden. Wie ernst es ihnen damit war, zeigte die Tatsache, daß Engels die erste dieser selbständigen Schriften bereits im Manuskript vollendet hatte, als er das erste gedruckte Exemplar der »Heiligen Familie« erhielt.

 

4. Eine sozialistische Grundlegung

Diese Schrift war »Die Lage der arbeitenden Klasse in England«[17], die im Sommer 1845 bei Wigand in Leipzig erschien, dem ehemaligen Verleger der »Deutschen Jahrbücher«, der einige Monate vorher Stirners »Einzigen« verlegt hatte. War Stirner als ein letzter Ausläufer der Hegelschen Philosophie in die platte Weisheit der kapitalistischen Konkurrenz übergeschnappt, so legte Engels in seinem Buche den Grund für diejenigen deutschen Theoretiker, die - und es waren fast alle - durch die Feuerbachsche Auflösung der Hegelschen Spekulation zum Kommunismus und Sozialismus gekommen waren. Er schilderte die Zustände der englischen Arbeiterklasse in ihrer grauenerregenden, aber für die Herrschaft der Bourgeoisie typischen Wirklichkeit.

Als Engels seine Arbeit fast fünfzig Jahre später von neuem herausgab, nannte er sie eine Phase in der embryonalen Entwicklung des modernen internationalen Sozialismus. Er fügte hinzu: wie der menschliche |112| Embryo in seinen frühesten Entwicklungsstufen die Kiemenbögen unserer Vorfahren, der Fische, noch immer reproduziere, so verrate sein Buch überall die Spuren der Abstammung des modernen Sozialismus von einem seiner Vorfahren, der deutschen klassischen Philosophie. Das ist aber nur mit der Einschränkung richtig, daß diese Spuren viel schwächer sind als noch in den Aufsätzen, die Engels in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« veröffentlicht hatte; weder Bruno Bauer noch Feuerbach werden mehr erwähnt, und »Freund Stirner« nur ein paar Mal, um ihn ein wenig aufzuziehen. Nicht in noch rückständigem, sondern in entschieden fortschreitendem Sinne kann man von einem wesentlichen Einfluß der deutschen Philosophie auf das Buch sprechen.

Sein eigentlicher Schwerpunkt lag nicht in der Schilderung des proletarischen Elends, wie es in England unter der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise entstanden war. Darin hatte Engels manche Vorläufer gehabt, Buret, Gaskell und andere, die er reichlich zitiert. Auch die echte Empörung gegen ein soziales System, das die furchtbarsten Leiden über die arbeitenden Massen verhängte, die erschütternd wahre Schilderung dieser Leiden, das tiefe und wahre Mitgefühl mit ihren Opfern gab der Schrift nicht die eigentümliche Note. Das Bewundernswerteste und zugleich historisch Bedeutendste an ihr war die Schärfe, womit der vierundzwanzigjährige Verfasser den Geist der kapitalistischen Produktionsweise begriff und aus ihm nicht nur den Aufstieg, sondern auch den Verfall der Bourgeoisie, nicht nur das Elend, sondern auch die Rettung des Proletariats zu erklären verstand. Der Kern der Schrift war, zu zeigen, wie die große Industrie die moderne Arbeiterklasse schafft, als eine entmenschte, intellektuell und moralisch zur Bestialität herabgewürdigte, körperlich zerrüttete Rasse, aber wie die moderne Arbeiterklasse sich kraft einer historischen Dialektik, deren Gesetze im einzelnen aufgezeigt werden, zum Sturze ihres Schöpfers entwickelt und entwickeln muß. In der Verschmelzung der Arbeiterbewegung mit dem Sozialismus sah sie die Herrschaft des Proletariats über England.

Einer solchen Leistung war aber nur fähig, wer die Dialektik Hegels in sein Fleisch und Blut aufgenommen hatte, und sie von dem Kopfe, worauf sie stand, auf die Füße zu stellen wußte. Hierdurch wurde die Schrift eine sozialistische Grundlegung, wie sie nach den Absichten ihres Verfassers werden sollte. Jedoch der große Eindruck, den sie bei ihrem Erscheinen hervorrief, beruhte nicht hierauf, sondern auf ihrem rein stofflichen Interesse; wenn sie - wie eine akademische Perücke mit komischer Selbstüberhebung meint - den Sozialismus »universitätsfähig« |113| gemacht hat, so doch nur in dem Sinne, daß dieser oder jener Professor eine rostige Lanze an ihr zerbrach. Vor allem blähte sich die gelehrte Kritik auf, als die Revolution nicht eintrat, die Engels schon vor den englischen Toren sah. Er selbst durfte fünfzig Jahre später gelassen sagen, das Wunderbare sei, nicht daß diese und andere Prophezeiungen, die er in »jugendlicher Hitze« gemacht habe, fehlgegangen, sondern daß so viele eingetroffen seien, wenn er sie auch erst in »viel zu naher Zukunft« gesehen habe.

Heute ist die »jugendliche Hitze«, die manches in »viel zu naher Zukunft« sah, nicht der geringste Reiz der bahnbrechenden Schrift. Ohne diesen Schatten wäre ihr Licht nicht denkbar. Der geniale Blick, der aus der Gegenwart die Zukunft zu erkennen weiß, sieht die kommenden Dinge schärfer, aber deshalb auch näher, als der gesunde Menschenverstand, der sich schwerer an die Vorstellung gewöhnt, daß ihm just nicht immer um zwölf Uhr die Suppe auf den Tisch gesetzt zu werden braucht. Auf der anderen Seite sahen damals außer Engels noch viele andere Leute die englische Revolution vor der Tür wie selbst die »Times«, das Hauptblatt der englischen Bourgeoisie, aber die Angst des bösen Gewissens fürchtete in der Revolution nur Brand und Mord, während der soziale Seherblick neues Leben aus den Ruinen sprossen sah.

Nicht jedoch nur in dieser Schrift wurde Engels während des Winters von 1844 auf 1845 von »jugendlicher Hitze« umgetrieben; während er sie noch auf dem Amboß schmiedete, hatte er schon neue Eisen im Feuer: neben ihrer Fortsetzung, denn sie sollte nur ein einzelnes Kapitel aus einer umfassenderen Arbeit über die soziale Geschichte Englands sein, auch noch eine sozialistische Monatsschrift, die er mit Moses Heß gemeinsam herausgeben wollte, eine Bibliothek sozialistischer Schriftsteller des Auslandes, eine Kritik Lists und anderes mehr. Unermüdlich trieb er Marx, mit dem er sich in seinen Plänen mehrfach begegnete, zu gleich regem Schaffen an. »Mach, daß Du mit Deinem nationalökonomischen Buch fertig wirst, wenn Du selbst auch mit vielem unzufrieden bleiben solltest, es ist einerlei, die Gemüter sind reif, und wir müssen das Eisen schmieden, weil es warm ist ... jetzt ist aber hohe Zeit. Darum mach, daß Du vor April fertig wirst, mach's wie ich, setz Dir eine Zeit, bis wohin Du positiv fertig sein willst, und sorge für einen baldigen Druck. Kannst Du es nicht da drucken lassen, so laß es in Mannheim, Darmstadt oder so drucken. Aber heraus muß es bald.« Selbst über die »verwunderliche« Ausdehnung der »Heiligen Familie« tröstete sich Engels damit, es sei ganz gut so; »es kommt so vieles schon jetzt an den Mann, was sonst wer weiß wie lange noch in Deinem Sekretär gelegen |114| hätte«. Wie oft noch sollte er im Laufe der kommenden Jahrzehnte ähnliche Rufe erheben!

Aber ein ungeduldiger Mahner, war er zugleich der geduldigste Helfer, wenn der Genius in seinem schweren Ringen mit sich selbst noch durch die elenden Nöte des gemeinen Lebens bedrängt wurde. Sobald die Nachricht nach Barmen kam, daß Marx aus Paris vertrieben sei, hielt Engels es für nötig, gleich eine Subskription zu eröffnen, »um die Dir dadurch verursachten Extrakosten auf uns alle kommunistisch zu repartieren«. Seinen Bericht über den »guten Fortgang« der Zeichnungen fügte er hinzu: »Da ich übrigens nicht weiß, ob das genügen wird, um Dir Deine Einrichtung in Brüssel zustandezubringen, so versteht es sich von selbst, daß mein Honorar für das erste englische Ding, was ich hoffentlich bald wenigstens teilweise ausgezahlt bekomme und für den Augenblick entbehren kann, da mein Alter mir pumpen muß, Dir mit dem größten Vergnügen zur Disposition steht. Die Hunde sollen wenigstens das Pläsier nicht haben, Dich durch ihre Infamie in pekuniäre Verlegenheit zu bringen.« Und auch im Schutze des Freundes vor »diesem Pläsier der Hunde« ist Engels ein Menschenalter hindurch unermüdlich gewesen.

Leichtfertig wie Engels in diesen jugendlichen Briefen erscheint, war er doch nichts weniger als leichtfertig. Das »erste englische Ding«, von dem er so obenhin sprach, haben nunmehr sieben Jahrzehnte als schwerlötig gewogen; es war ein epochemachendes Werk, die erste große Urkunde des wissenschaftlichen Sozialismus. Engels zählte vierundzwanzig Jahre, als er sie schrieb und damit sogar den Staub aus den akademischen Perücken aufwirbelte. Aber er war kein frühreifes Talent, das in der schwülen Luft des Treibhauses schnell gedieh, um schneller zu verwelken; seine »jugendliche Hitze« entstammte dem echten Sonnenfeuer eines großen Gedankens, das sein Alter noch erwärmte wie seine Jugend.

Derweil lebte er im Hause seiner Eltern »ein stilles, geruhiges Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit«, wie es »der glänzendste Philister« nur verlangen konnte. Aber es war ihm bald leid, und nur durch die »trübseligen Gesichter« seiner Alten ließ er sich bestimmen, noch einen Versuch mit dem Schacher zu machen. Zum Frühjahr wollte er auf jeden Fall fort, zunächst nach Brüssel. Seine »Familienhäkeleien« steigerten sich bedeutend durch eine kommunistische Propaganda in Barmen-Elberfeld, an der er sich lebhaft beteiligte. Er berichtete an Marx von drei kommunistischen Versammlungen, von denen die erste 40, die zweite 130, die dritte 200 Teilnehmer gezählt habe. »Das Ding |115| zieht ungeheuer. Man spricht von nichts als vom Kommunismus, und jeden Tag fallen uns neue Anhänger zu. Der Wuppertaler Kommunismus ist une vérité, ja beinahe schon eine Macht.« Diese Macht zerstob freilich auf einen einfachen Befehl der Polizei, und es sah auch sonst sonderlich genug mit ihr aus; Engels selbst berichtete, nur das Proletariat habe sich von dieser kommunistischen Bewegung ausgeschlossen, für die das dümmste, indolenteste, philisterhafteste Volk, das sich für nichts in der Welt interessiere, beinahe zu schwärmen beginne.

Das stimmte schlecht zu dem, was Engels gleichzeitig über die Aussichten des englischen Proletariats schrieb. Aber so war er einmal: ein Prachtkerl vom Scheitel bis zur Sohle, immer auf der Vorhut, frisch, scharfäugig, unermüdlich und nicht ohne jene holde Torheit, die einer begeisterten und tapferen Jugend so wohl ansteht.

 

 

Anmerkungen:


[1] Friedrich Engels: Schelling und die Offenbarung. Kritik des neuesten Reaktionsversuchs gegen die freie Philosophie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Ergänzungsband, 2. Teil, S. 173 ff.

[2] Friedrich Engels: Die frech bedräute, jedoch wunderbar befreite Bibel. Oder: der Triumph des Glaubens. Das ist: Schreckliche, jedoch wahrhafte und erkleckliche Historia von dem weiland Licentiaten Bruno Bauer; wie selbiger vom Teufel verführet, vom reinen Glauben abgefallen, Oberteufel geworden und endlich kräftiglich entsetzet ist. Christliches Heldengedicht in vier Gesängen, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Ergänzungsband, 2. Teil, S. 283 ff.

[3] Friedrich Engels: Die frech bedräute, jedoch wunderbar befreite Bibel. Oder: der Triumph des Glaubens. Das ist: Schreckliche, jedoch wahrhafte und erkleckliche Historia von dem weiland Licentiaten Bruno Bauer; wie selbiger vom Teufel verführet, vom reinen Glauben abgefallen, Oberteufel geworden und endlich kräftiglich entsetzet ist. Christliches Heldengedicht in vier Gesängen, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Ergänzungsband, 2. Teil, S. 300/301.

[4] Friedrich Engels: Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 499-524.

[5] Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 21, S. 291, Fußnote.

[6] Friedrich Engels: Die Lage Englands. Thomas Carlyles »Past and Present«, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 526.

[7] Friedrich Engels: Die Lage Englands. Thomas Carlyles »Past and Present«, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 546.

[8] Friedrich Engels: Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 515.

[9] Karl Marx/Friedrich Engels: Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, S. 20.

[10] Karl Marx/Friedrich Engels: Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, S. 85.

[11] Karl Marx/Friedrich Engels: Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, S. 85/86.

[12] Karl Marx/Friedrich Engels: Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, S. 128.

[13] Karl Marx/Friedrich Engels: Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, S. 159.

[14] Karl Marx/Friedrich Engels: Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, S. 20.

[15] Karl Marx/Friedrich Engels: Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, S. 37/38.

[16] Karl Marx/Friedrich Engels: Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, S. 38.

[17] Friedrich Engels: Die Lage der arbeitenden Klasse in England, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, S. 225-506.







Fünftes Kapitel:

Das Brüsseler Exil

 

 

1. »Die deutsche Ideologie«

 

|116| Aus Paris vertrieben, war Marx mit seiner Familie nach Brüssel übergesiedelt. Engels befürchtete, man werde ihn am Ende auch in Belgien belästigen, und es geschah sogar schon im Anfange.

Wie Marx an Heine schrieb, mußte er gleich nach seiner Ankunft in Brüssel auf der Administration de la sûreté publique die Verpflichtung unterzeichnen, nichts über Tagespolitik in Belgien drucken zu lassen. Das konnte er mit ruhigem Gewissen tun, denn er hatte dazu weder die Absicht noch die Möglichkeit. Da jedoch die preußische Regierung fortfuhr, das belgische Ministerium wegen seiner Ausweisung zu behelligen, so nahm Marx noch in demselben Jahre, am 1. Dezember 1845, seine Entlassung aus dem preußischen Staatsverbande.

Jedoch hat er weder damals noch später das Bürgerrecht eines fremden Staates angenommen, das ihm im Frühjahr 1848 von der provisorischen Regierung der französischen Republik sogar in ehrenvoller Weise angeboten wurde. Wie Heine, hat sich Marx dazu nicht entschließen können, obgleich Freiligrath, der als kerndeutscher Mann so oft als prunkendes Gegenstück zu den beiden »vaterlandslosen Gesellen« ausgespielt worden ist, durchaus keinen Anstand nahm, sich im Exil als Engländer naturalisieren zu lassen.

Im Frühjahr 1845 kam auch Engels nach Brüssel, und die Freunde machten eine gemeinsame Studienreise nach England, die sich auf sechs Wochen ausdehnte. Auf ihr gewann Marx, der schon in Paris begonnen hatte, sich mit MacCulloch und Ricardo zu beschäftigen, tiefere Einblicke in die ökonomische Literatur des Inselreichs, wenn er nur auch erst »die in Manchester aufzutreibenden Bücher« einsehen konnte, neben den Auszügen und Schriften, die Engels besaß. Engels, der schon bei seinem ersten Aufenthalt in England sowohl für die »New Moral World«, das Organ Owens, wie für den »Northern Star«, das Organ der Chartisten, gearbeitet hatte, frischte die alten Beziehungen auf, und so wurden auch von beiden Freunden neue Verbindungen angeknüpft, mit den Chartisten sowohl wie mit den Sozialisten.

|117| Nach dieser Reise machten sie sich zunächst wieder an eine gemeinsame Arbeit. »Wir beschlossen«, wie Marx später lakonisch genug gesagt hat, »den Gegensatz unsrer Ansicht gegen die ideologische der deutschen Philosophie gemeinschaftlich auszuarbeiten, in der Tat mit unserm ehemaligen philosophischen Gewissen abzurechnen. Der Vorsatz ward ausgeführt in der Form einer Kritik der nachhegelschen Philosophie. Das Manuskript, zwei starke Oktavbände, war längst an seinem Verlagsort in Westfalen angelangt, als wir die Nachricht erhielten, daß veränderte Umstände den Druck nicht erlaubten. Wir überließen das Manuskript der nagenden Kritik der Mäuse um so williger, als wir unsern Hauptzweck erreicht hatten - Selbstverständigung.«[1] Die Mäuse haben an dem Manuskript nun auch im wörtlichsten Sinne des Worts ihr Werk getan; aber die Trümmer, die sich davon erhalten haben, machen es erklärlich, daß die Verfasser über das Mißgeschick nicht allzu betrübt gewesen sind,

War ihre gründliche und selbst allzu gründliche Abrechnung mit den Bauers schon eine harte Nuß für die Leser, so, wären diese zwei starken Bände von zusammen fünfzig Druckbogen noch eine viel härtere Nuß für sie gewesen. Der Titel des Werkes lautete »Die deutsche Ideologie, Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner, und des deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten«[2]. Engels hat später aus der Erinnerung gesagt, die Kritik Stirners allein sei nicht weniger umfangreich gewesen als das Buch Stirners selbst, und die Proben, die inzwischen davon veröffentlicht worden sind, lassen diese Erinnerung als durchaus glaubhaft erscheinen. Es ist eine noch weitläufigere Überpolemik, als schon die »Heilige Familie« in ihren dürrsten Kapiteln aufzeigt, dafür sind die Oasen in der Wüste viel spärlicher gesäet, wenn sie auch keineswegs völlig fehlen. Und wo immer sich dialektische Schärfe zeigt, artet sie alsbald in Haarspaltereien und Wortklaubereien mitunter recht kleinlicher Art aus.

Gewiß ist in diesen Dingen der heutige Geschmack viel heikler, als der damalige Geschmack war. Aber damit ist nicht alles erklärt, zumal da Marx und Engels vorher und nachher und selbst gleichzeitig gezeigt haben, daß sie über eine epigrammatisch scharfe Kritik geboten, wie denn ihr Stil zum wenigsten an Weitschweifigkeit litt. Entscheidend war, daß sich diese Geisteskämpfe in einem ganz kleinen Kreise abspielten, wozu dann noch die meist große Jugend der Kämpfer kam. Es war eine Erscheinung, wie sie ähnlich die Literaturgeschichte an Shakespeare und seinen dramatischen Zeitgenossen beobachtet hat; eine Redewendung |118|* totzuhetzen, der Rede des Gegners durch buchstäbliche oder mißverständliche Deutung einen möglichst törichten Sinn unterzustellen, die Neigung zum Gesteigerten und Grenzenlosen im Ausdruck - alles das war nicht auf das große Publikum, sondern auf das verfeinerte Verständnis der Fachgenossen berechnet. Was uns heute an Shakespeares Witz ungenießbar oder selbst unverständlich erscheint, erklärt sich daraus, daß ihn bei seinem Schaffen bewußt oder unbewußt der Gedanke begleitete, wie Greene und Marlowe, wie Jones, Fletcher und Beaumont darüber urteilen würden.

So etwa mag man sich den Ton erklären, in den Marx und Engels bewußt oder unbewußt verfielen, wenn sie es mit den Bauer und Stirner und sonst alten Kumpanen der reinen Hirnweberei zu tun hatten. Lehrreicher würde ohne Zweifel gewesen sein, was ihr Werk über Feuerbach zu sagen gehabt hätte, denn dabei hätte es sich nicht nur um eine wesentlich negative Kritik gehandelt, aber dieser Abschnitt ist leider nicht vollendet worden. Einige Aphorismen, die Marx 1845 über Feuerbach niedergeschrieben und Engels einige Jahrzehnte später veröffentlicht hat, geben immerhin deutliche Fingerzeige.[3] Marx vermißte an Feuerbachs Materialismus, was er als Student schon an Demokrit, dem bahnbrechenden Vertreter des Materialismus, vermißt hatte: nämlich das »energische Prinzip«; er nannte es den Hauptmangel alles bisherigen Materialismus, die Sinnlichkeit und Wirklichkeit nur unter der Form der Anschauung oder des Objekts zu fassen, nicht aber als menschliche sinnliche Tätigkeit, nicht als Praxis, nicht subjektiv. Daher sei es geschehen, daß die tätige Seite, im Gegensatze zum Materialismus, vom Idealismus entwickelt worden sei -, aber nur abstrakt, da der Idealismus natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit nicht kenne. Mit andern Worten: indem Feuerbach den ganzen Hegel fortwarf, hatte er zu viel fortgeworfen; es kam darauf an, Hegels weltumwälzende Dialektik aus dem Reiche der Gedanken in das Reich der Wirklichkeit zu übertragen.

In seiner kecken Art hatte Engels schon von Barmen aus an Feuerbach geschrieben, um ihn für den Kommunismus zu werben. Feuerbach hatte freundlich, aber - wenigstens vorläufig - ablehnend geantwortet. Womöglich wolle er im Sommer an den Rhein kommen und dann wollte Engels ihm schon »beibringen«, daß er auch nach Brüssel müsse. Einstweilen schickte er Hermann Kriege, einen Schüler Feuerbachs, als »famosen Agitator« an Marx.

Allein Feuerbach kam nicht an den Rhein, und seine nächsten Veröffentlichungen zeigten, daß er aus dem »alten Stiefel« nicht mehr herauskam. Auch sein Schüler Kriege bewährte sich nicht; er trug zwar die |119| kommunistische Propaganda über den großen Teich, richtete aber in New York heillosen Unfug an, der auch zerstörend auf die kommunistische Kolonie zurückwirkte, die sich in Brüssel um Marx zu sammeln begann.

 

2. Der »wahre« Sozialismus

Der zweite Teil des geplanten Werks sollte sich mit dem deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten befassen, die »gesamte fade und geschmacklose Literatur des deutschen Sozialismus« kritisch auflösen.

Es waren damit Männer wie Moses Heß, Karl Grün, Otto Lüning, Hermann Püttmann und andere gemeint, die sich eine ganz ansehnliche, namentlich auch an Zeitschriften reiche Literatur geschaffen hatten: den »Gesellschaftsspiegel«, der vom Sommer 1845 bis zum Sommer 1846 als Monatsschrift erschien, dann die »Rheinischen Jahrbücher« und das »Deutsche Bürgerbuch«, von denen 1845 und 1846 je zwei Jahrgänge herauskamen, weiter »Das Westphälische Dampfboot«, eine Monatsschrift, die auch im Jahre 1845 begann, aber ihr Leben bis in die deutsche Revolution erstreckte, endlich einzelne Tagesblätter wie die »Trier'sche Zeitung«.

Die wunderliche Erscheinung, die Grün einmal als »wahren« Sozialismus getauft hatte, was von Marx und Engels in spöttischem Sinne aufgegriffen wurde, besaß ein sehr kurzes Leben. Sie war im Jahre 1848 schon spurlos verschwunden; als der erste Schuß der Revolution fiel, löste sie sich von selbst auf. Für die geistige Entwicklung von Marx hat sie irgendeine Bedeutung nicht gehabt; er stand ihr von vornherein als ein überlegener Kritiker gegenüber. Aber das schroffe Urteil, das er im »Kommunistischen Manifest« über sie fällt, gibt doch nicht erschöpfend seine Stellung zu diesem Sozialismus wieder; er hat ihn zeitweise für einen Most gehalten, der bei allem absurden Gebärden doch wohl einen Wein geben könne. Dasselbe galt, und in noch höherem Grade, von Engels.

Engels gab mit Moses Heß gemeinsam den »Gesellschaftsspiegel« heraus, in den auch Marx einen Beitrag stiftete. Mit Heß haben beide in der Brüsseler Zeit mannigfach zusammengearbeitet, und es hatte fast den Anschein, als habe er sich ganz in ihre Anschauungen eingelebt. Für die »Rheinischen Jahrbücher« hat Marx wiederholt um Heines Mitarbeit geworben, und wenn nicht von ihm, so hat diese Zeitschrift, ebenso |120| wie das »Deutsche Bürgerbuch«, die beide von Püttmann herausgegeben wurden, Aufsätze von Engels veröffentlicht.[4] Im »Westphälischen Dampfboot« haben Marx wie Engels mitgearbeitet; Marx hat hier das einzige Stück aus dem zweiten Teile der »Deutschen Ideologie« veröffentlicht, das bisher ans Tageslicht gekommen ist: eine gründlich scharfe Kritik einer feuilletonistischen Schrift, die Karl Grün über die soziale Bewegung in Frankreich und Belgien veröffentlicht hatte.[5]

Die Tatsache, daß der »wahre« Sozialismus sich ebenfalls aus der Auflösung der Hegelschen Philosophie entwickelt hatte, hat zu der Behauptung geführt, Engels und Marx hätten ihm anfangs auch angehört und hätten ihn deshalb später um so schärfer kritisiert. Das trifft aber in keiner Weise zu. Das wirkliche Verhältnis war vielmehr dies, daß beide Teile allerdings von Hegel und Feuerbach zum Sozialismus gekommen waren, aber daß Marx und Engels das Wesen dieses Sozialismus an der Französischen Revolution und der englischen Industrie studiert hatten, während die »wahren« Sozialisten sich daran genügen ließen, die sozialistischen Formeln und Schlagworte in »verdorbenes Hegeldeutsch« zu übersetzen. Sie über diesen Standpunkt zu erheben, bemühten sich Marx und Engels, wobei sie billig genug dachten, die ganze Richtung als Produkt der deutschen Geschichte anzuerkennen. Es war schmeichelhaft genug für die Grün und Genossen, wenn ihre Erläuterung des Sozialismus als einer müßigen Spekulation über die Verwirklichung des menschlichen Wesens damit verglichen wurde, daß Kant die Willensäußerungen der großen französischen Revolution auch nur als Gesetze des wahrhaft menschlichen Willens verstanden habe.

In ihrem pädagogischen Bemühen um den »wahren« Sozialismus haben es Engels und Marx weder an Nachsicht noch an Strenge fehlen lassen. Im »Gesellschaftsspiegel« von 1845 hat Engels als Mitherausgeber dem guten Heß noch manches durchgehen lassen, was ihm selbst sehr gegen den Strich laufen mußte; im »Deutschen Bürgerbuch« von 1846 aber machte er den »wahren« Sozialisten doch schon die Hölle heiß. »Etwas ›Menschentum‹, wie man das Dings neuerlich tituliert, etwas ›Realisierung‹ dieses Menschentums oder vielmehr Ungetüms, etwas Weniges über das Eigentum aus Proudhon - dritte oder vierte Hand -, etwas Proletariatsjammer, Organisation der Arbeit, die Vereinsmisere zur Hebung der niederen Volksklassen, nebst einer grenzenlosen Unwissenheit über die politische Ökonomie und die wirkliche Gesellschaft - das ist die ganze Geschichte, die noch dazu durch die theoretische Unparteilichkeit, die ›absolute Ruhe des Gedankens‹, den letzten Tropfen Blut, die letzte Spur von Energie und Spannkraft verliert. Und mit dieser |121| Langeweile will man Deutschland revolutionieren, das Proletariat in Bewegung setzen, die Massen denken und handeln machen?«[6] Die Rücksicht auf das Proletariat und die Massen bestimmte in erster Reihe die Stellung, die Marx und Engels zu dem »wahren« Sozialismus genommen haben. Wenn sie von all seinen Vertretern Karl Grün am heftigsten bekämpften, so nicht nur weil er in der Tat die meisten Blößen bot, sondern auch, weil er, in Paris lebend, unter den dortigen Arbeitern heillose Verwirrung anrichtete und auf Proudhon einen verhängnisvollen Einfluß gewann. Und wenn sie im »Kommunistischen Manifest« mit äußerster Schärfe und selbst mit deutlicher Anspielung auf ihren bisherigen Freund Heß vom »wahren« Sozialismus abrückten, so aus dem Grunde, weil sie damit eine praktische Agitation des internationalen Proletariats einleiteten.

Damit hing dann auch zusammen, daß sie dem »wahren« Sozialismus etwa noch die »pedantische Unschuld« verzeihen wollten, womit er seine »unbeholfenen Schulübungen so ernst und feierlich nahm und so marktschreierisch ausposaunte«, aber nicht seine angebliche Unterstützung der Regierungen. Der Kampf der Bourgeoisie gegen den vormärzlichen Absolutismus und Feudalismus sollte ihm die »erwünschte Gelegenheit« geboten haben, der liberalen Opposition in den Rücken zu fallen. »Er diente den deutschen absoluten Regierungen mit ihrem Gefolge von Pfaffen, Schulmeistern, Krautjunkern und Bürokraten als erwünschte Vogelscheuche gegen die drohend aufstrebende Bourgeoisie. Er bildete die süßliche Ergänzung zu den bittern Peitschenhieben und Flintenkugeln, womit dieselben Regierungen die deutschen Arbeiteraufstände bearbeiteten.«[7] Das war arg übertrieben, soweit es auf die Sache, und ganz ungerecht, soweit es auf die Personen ankam.

Marx selbst hatte in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« auf die Eigentümlichkeit der deutschen Zustände hingewiesen, wo sich die Bourgeoisie nicht gegen die Regierungen erheben konnte, ohne daß sich das Proletariat schon gegen die Bourgeoisie erhob. Die Aufgabe des Sozialismus war danach, den Liberalismus zu unterstützen, wo er noch revolutionär, und ihn zu bekämpfen, wo er schon reaktionär war. Im einzelnen war diese Aufgabe nicht leicht zu lösen; auch Marx und Engels haben den Liberalismus gelegentlich als noch revolutionär verteidigt, wo er schon reaktionär war. Nach der umgekehrten Richtung haben es dann freilich die »wahren« Sozialisten oft versehen und den Liberalismus in Grund und Boden verurteilt, was den Regierungen nur angenehm sein konnte, am meisten Karl Grün, aber auch Moses Heß, am wenigsten Otto Lüning, der das »Westphälische Dampfboot« leitete. Aber was |122| sie in dieser Beziehung gesündigt haben mögen, das ist aus Torheit und Unverstand geschehen, nicht jedoch in der Absicht, die Regierungen zu unterstützen. In der Revolution, die das Todesurteil über ihre ganzen Einbildungen verhängte, haben sie durchaus auf dem linken Flügel der Bourgeoisie gestanden; ganz zu geschweigen von Heß, der noch in Reih und Glied der deutschen Sozialdemokratie gekämpft hat, ist auch kein anderer der »wahren« Sozialisten zur Regierung übergelaufen; von allen Schattierungen des bürgerlichen Sozialismus, den damaligen und nun gar den heutigen, haben die »wahren« Sozialisten in diesem Punkt geradezu das reinste Gewissen.

Sie hatten auch allen möglichen Respekt vor Marx und Engels, denen sie ihre Zeitschriften gern offenhielten, sogar wenn sie selbst dabei ein wenig gekämmt wurden; nicht heimliche Tücke, sondern offenbare Unklarheit verschuldete, daß sie aus ihrer Haut nicht heraus konnten. Mit besonderer Vorliebe sangen sie das alte liebe Philisterlied: Stille, Stille, kein Geräusch gemacht; in einer jungen Partei dürfe man es nicht so genau nehmen und bei etwa notwendigen Auseinandersetzungen wenigstens den guten Ton nicht verletzen, nicht gar zu bitter und abstoßend werden; Renommeen, wie Bauer, Ruge, Stirner, müßten geschont werden. Damit kamen sie bei Marx freilich gerade an den Rechten; er meinte einmal: »Charakteristisch bleibt es für diese alten Weiber, daß sie jeden wirklichen Parteikampf vertuschen und verzuckern möchten.« Doch fand er mit dieser gesunden Auffassung auch unter den »wahren« Sozialisten hier und da Verständnis; namentlich in Josef Weydemeyer, der mit Lüning verschwägert war und sich an der Redaktion des »Westphälischen Dampfbootes« beteiligte, gewannen Marx und Engels einen ihrer treuesten Anhänger.

Weydemeyer, ursprünglich preußischer Artillerieleutnant, hatte um seiner politischen Überzeugungen willen den Militärdienst quittiert und war als Unterredakteur der »Trier'schen Zeitung«, die unter dem Einfluß Karl Grüns stand, in die Kreise des »wahren« Sozialismus geraten. Ob er im Frühling 1846 nach Brüssel aus einem andern Anlaß kam oder schon um Marx und Engels kennenzulernen, ist unbekannt; jedenfalls wurde er mit beiden schnell vertraut und ein abgesagter Gegner der Heulmeierei über ihre rücksichtslose Kritik, in die selbst sein Schwager Lüning einstimmte. Ein geborener Westfale, hatte Weydemeyer etwas von der ruhigen und selbst schwerfälligen, aber treuen und zähen Art, die man seinem Stamme nachsagt. Ein Schriftsteller von großen Gaben ist er nicht gewesen; als er nach Deutschland zurückgekehrt war, nahm er eine Stelle als Geometer beim Bau der Köln-Mindener Eisenbahn |123| an und half nur nebenbei am »Westphälischen Dampfboot« mit. Aber in seiner praktischen Art suchte er einer anderen Not abzuhelfen, die für Marx und Engels je länger je fühlbarer wurde, der Not um einen Verleger.

Das Literarische Kontor in Zürich wurde ihnen durch Ruges Gehässigkeit verschlossen; obgleich Ruge anerkannte, daß Marx nicht leicht etwas Schlechtes schreiben werde, setzte er doch seinem Sozius Fröbel die Pistole auf die Brust, um ihn an jeder geschäftlichen Verbindung mit Marx zu hindern. Wigand in Leipzig, der Hauptverleger der Junghegelianer, hatte aber in einem andern Falle schon eine Kritik der Bauer, Feuerbach und Stirner abgelehnt. So eröffnete es eine sehr willkommene Aussicht, als Weydemeyer in seiner westfälischen Heimat ein paar reiche Kommunisten auftrieb, sie hießen Julius Meyer und Rempel, die sich bereit erklärten, das nötige Kapital für ein Verlagsunternehmen vorzuschießen. Es sollte gleich in umfassender Weise angelegt werden und mit nicht weniger als drei Produktionen beginnen: der »Deutschen Ideologie«, einer Bibliothek sozialistischer Schriftsteller und einer Vierteljahrsschrift, als deren Redakteur neben Marx und Engels auch Heß vorgesehen war.

Jedoch als es zum Zahlen kam, versagten die beiden Kapitalisten, trotz der mündlichen Abmachungen, die sie nicht nur mit Weydemeyer, sondern auch mit Heß getroffen hatten. »Geschäftliche Schwierigkeiten« stellten sich zur rechten Zeit ein, um ihre kommunistische Opferfreudigkeit zu lähmen. So gab es eine bittere Enttäuschung, die Weydemeyer noch dadurch verschärfte, daß er das Manuskript der »Deutschen Ideologie« andern Verlegern ohne Erfolg anbot und unter den westfälischen Gesinnungsgenossen einige hundert Franken sammelte, um die ärgste Not von Marx zu kehren. Es zeugt für die grundehrliche Art des Mannes, daß er diese kleinen Tölpeleien zwar verschuldete, aber doch bei Marx und Engels in schnelle Vergessenheit geraten ließ.

Allein das Manuskript der »Deutschen Ideologie« war nunmehr endgültig der nagenden Kritik der Mäuse ausgeliefert.

 

3. Weitling und Proudhon

Menschlich ungleich ergreifender und sachlich ungleich bedeutsamer als die Kritik der nachhegelschen Philosophen und der »wahren« Sozialisten gestalteten sich die Auseinandersetzungen, in die Marx mit den |124| beiden genialen Proletariern geriet, die seine Anfänge bedeutsam beeinflußt haben.

Weitling und Proudhon waren in den Tiefen der Arbeiterklasse geboren, gesunde und kräftige Naturen, reich begabt und von den Umständen so begünstigt, daß es ihnen wohl möglich gewesen wäre, zu jenen seltenen Ausnahmen zu gehören, von denen sich die Spießbürgerweisheit nährt, daß jedem Talent der arbeitenden Klasse der Aufstieg in die Reihen der besitzenden Klasse eröffnet sei. Beide haben diesen Weg verschmäht und freiwillig die Armut erwählt, um für ihre Klassen- und Leidensgenossen zu kämpfen.

Stattliche Männer, voll markiger Kraft, wie geschaffen für jeden Genuß des Lebens, legten sie sich die härtesten Entbehrungen auf, um ihren Zielen zu folgen. »Ein schmales Nachtlager, oft zu dreien im engen Zimmer, ein Stück Brett als Schreibtisch und mitunter eine Tasse schwarzen Kaffees« - so lebte Weitling, als sein Name bereits die Großen der Erde schreckte, und ähnlich hauste Proudhon, als sein Name schon europäischen Ruf hatte, »gekleidet in ein gestricktes wollenes Wams und an den Füßen die klappernden Holzschuhe«, in seinem Pariser Kämmerchen.

In beiden Männern mischte sich deutsche und französische Kultur. Weitling war der Sohn eines französischen Offiziers und eilte nach Paris, als er zu seinen Jahren gekommen war, um aus den Quellen des französischen Sozialismus zu schöpfen. Proudhon stammte aus der alten Freigrafschaft Burgund, die einst durch Ludwig XIV. an Frankreich gekommen war; man hat ihm immer den deutschen Kopf oder auch den deutschen Querkopf ansehen wollen. In jedem Falle zog es ihn, als er zu geistigem Selbstbewußtsein erwacht war, zur deutschen Philosophie, in deren Vertretern Weitling nur unklare »Nebler« sah, während wieder Proudhon nicht scharf genug über die großen Utopisten urteilen konnte, denen Weitling sein Bestes verdankte.

Gemeinsam war ihnen vor allem ihr Ruhm und ihr Verhängnis. Sie waren die ersten modernen Proletarier, die den historischen Beweis des Geistes und der Kraft lieferten, den historischen Beweis, daß die moderne Arbeiterklasse sich selbst befreien könne, die zuerst den fehlerhaften Kreis zerbrachen, worin sich Arbeiterbewegung und Sozialismus bewegten. Insoweit haben sie Epoche gemacht, insoweit ist ihr Schaffen und Wirken vorbildlich gewesen, hat es befruchtend auf die Entstehung des wissenschaftlichen Sozialismus gewirkt. Niemand hat die Anfänge Weitlings und Proudhons mit reicherem Lobe überschüttet als Marx. Was ihm zunächst die kritische Auflösung der Hegelschen Philosophie |125| als spekulatives Denkergebnis geliefert hatte, das sah er im wirklichen Leben vor allem andern bestätigt durch Proudhon und Weitling.

Aber wie den gleichen Ruhm, so teilten beide Männer auch das gleiche Verhängnis. Trotz aller Einsicht und Fernsicht ist Weitling nie über den deutschen Handwerksburschen, Proudhon nie über den französischen Kleinbürger hinausgekommen. So trennten sie sich von dem Manne, der glorreich zu vollenden wußte, was sie glänzend begonnen hatten. Es ist nicht in persönlicher Eitelkeit, nicht in verbissener Rechthaberei geschehen, wenn beides dann auch mehr oder minder hervorgetreten sein mag, je mehr sie sich durch den Strom der geschichtlichen Entwicklung auf den Sand gesetzt fühlten. Ihre Auseinandersetzungen mit Marx zeigen, daß sie schlechterdings nicht verstanden, wohinaus dieser wollte. Sie wurden die Opfer eines beschränkten Klassenbewußtseins, das deshalb nur um so wirksamer war, weil es unbewußt in ihnen wirken mochte.

Weitling kam im Anfange des Jahres 1846 nach Brüssel. Nachdem seine Agitation in der Schweiz an ihren inneren Widersprüchen erlahmt und danach das Opfer brutaler Gewalt geworden war, hatte er sich nach London gewandt, wo er schon mit den Leuten vom Bunde der Gerechten nicht fertig werden konnte. Er verfiel seinem grausamen Schicksal gerade dadurch, daß er sich vor ihm in einen Prophetendünkel zu retten suchte. Statt sich in die englische Arbeiterbewegung zu stürzen, zu einer Zeit, wo die chartistische Agitation hohe Wellen schlug, arbeitete er an einer Denk- und Sprachlehre, um eine Weltsprache zu schaffen, die von nun an mehr und mehr seine Lieblingsmarotte wurde. Er wagte sich jetzt unbedenklich an Aufgaben, denen seine Fähigkeiten und Kenntnisse in keiner Weise gewachsen waren, und geriet dadurch in eine geistige Isolierung, die ihn immer weiter von der eigentlichen Quelle seiner Kraft trennte, von dem Leben seiner Klasse.

Seine Übersiedelung nach Brüssel war immerhin das Gescheiteste, was er tun konnte, denn wenn er geistig noch zu retten war, so war Marx der Mann, ihn zu heilen. Daß Marx ihn in gastlichster Weise willkommen geheißen hat, ist nicht nur von Engels bezeugt, sondern auch von Weitling selbst anerkannt worden. Aber eine geistige Verständigung erwies sich als unmöglich; in einer Versammlung Brüsseler Kommunisten, die am 30. März 1846 stattfand, stießen Marx und Weitling heftig aufeinander; daß Marx von Weitling aufs empfindlichste gereizt worden war, berichtet Weitling selbst in einem Brief an Heß. Damals schwebten gerade die Verhandlungen wegen des neuen Verlagsunternehmens, und Weitling hatte unterstellt, man wolle ihn von den »Geldquellen« trennen und sich selbst an »wohlbezahlten Übersetzungen« gütlich tun. Allein |126| auch danach tat Marx für Weitling, was er konnte; wiederum auf einen eigenen Bericht Weitlings hin schrieb Heß am 6. Mai aus Verviers an Marx: »Es war von Dir zu erwarten, daß sich Deine Feindseligkeiten gegen ihn nicht bis zum hermetischen Verschluß Deines Geldbeutels erstrecken werden, so lange Du noch etwas darin hast.« Und Marx selbst hatte verzweifelt wenig darin.

Wenige Tage darauf trieb es Weitling aber zum unheilbaren Bruch. Die amerikanische Propaganda Krieges hatte nicht die Hoffnungen erfüllt, die auch von Marx und Engels auf sie gesetzt worden waren. Der »Volks-Tribun«, eine Wochenschrift, die Kriege in New York herausgab, trieb in kindisch-pomphafter Weise eine phantastische Gefühlsschwärmerei, die mit kommunistischen Grundsätzen nichts zu tun hatte und die Arbeiter im höchsten Grade demoralisieren mußte. Noch schlimmer war, daß Kriege in grotesken Bettelbriefen von amerikanischen Millionären einige Dollars für sein Blatt zu schnappen suchte. Dabei gebärdete er sich als literarischer Vertreter des deutschen Kommunismus in Amerika, so daß für dessen wirkliche Vertreter aller Anlaß vorlag, gegen diese kompromittierende Gemeinschaft zu protestieren.

Einen solchen Protest unter eingehender Begründung in einem Rundschreiben an ihre Gesinnungsgenossen zu erheben und zunächst an Krieges Blatt zur Veröffentlichung einzusenden, beschlossen am 16. Mai Marx, Engels und ihre Freunde.[8] Einzig und allein Weitling schloß sich aus unter nichtssagenden Vorwänden: »Der Volks-Tribun« sei ein kommunistisches Organ, das den amerikanischen Verhältnissen vollkommen entspreche; die kommunistische Partei habe in Europa so mächtige und zahlreiche Feinde, daß sie ihre Waffen nicht nach Amerika zu richten brauche, und am wenigsten gegen sich selbst. Daran ließ sich Weitling aber nicht genügen, sondern richtete noch einen Brief an Kriege, um ihn vor den Protestierenden als »ausgefeimte Intriganten« zu warnen. »Im Kopfe der ungeheuren geldbeschwerten Ligue von vielleicht zwölf oder zwanzig Mann spukt nichts als Kampf gegen mich Reaktionär. Ich kriege zuerst den Kopf heruntergeschlagen, dann die andern und zuletzt ihre Freunde und ganz zuletzt schneiden sie sich selbst den Hals ab ... Und diesem Treiben öffnen sich jetzt ungeheure Summen, für mich aber kein Verleger. Ich stehe von dieser Seite ganz allein mit Heß, aber Heß ist wie ich in die Acht erklärt.« Nunmehr gab auch Heß den verblendeten Mann auf.

Kriege druckte den Protest der Brüsseler Kommunisten ab, der danach auch von Weydemeyer im »Westphälischen Dampfboot« wiedergegeben wurde, fügte aber den Brief Weitlings oder doch dessen ärgste Stellen |127| als Gegengift bei und veranlaßte die Sozialreform-Assoziation, eine deutsche Arbeiterorganisation, die seine Wochenschrift zu ihrem Organ erkoren hatte, Weitling als Redakteur zu berufen und ihm das nötige Reisegeld zu senden. So verschwand Weitling aus Europa.

In denselben Maitagen bahnte sich auch der Bruch zwischen Marx und Proudhon an. Um dem Mangel eines eigenen Organs zu steuern, halfen sich Marx und seine Freunde mit gedruckten oder lithographierten Rundschreiben wie im Falle Krieges; daneben aber bemühten sie sich, ständige Korrespondenzverbindungen zwischen den Hauptorten herzustellen, wo Kommunisten saßen. Solche Korrespondenzbüros gab es in Brüssel und in London, und auch in Paris sollte eins eingerichtet werden. Marx hatte an Proudhon geschrieben und um dessen Beteiligung ersucht. Proudhon sagte zwar zu, in einem aus Lyon vom 17. Mai 1846 datierten Briefe, wenn er auch weder oft noch viel zu schreiben versprechen konnte. Aber er benutzte zugleich die Gelegenheit, eine große Moralpauke an Marx zu richten, die diesem die Kluft offenbaren mußte, die sich zwischen beiden aufgetan hatte.

Proudhon bekannte sich jetzt zu einem fast absoluten »Anti-Dogmatismus« in ökonomischen Fragen. Marx solle nicht in den Widerspruch seines Landsmanns Martin Luther fallen, der nach dem Umsturz der katholischen Theologie sich sogleich unter großem Aufwand von Anathemen und Exkommunikationen darangemacht habe, eine protestantische Theologie zu gründen. »Schaffen wir dem menschlichen Geschlechte nicht neue Arbeit durch neuen Wirrwarr, geben wir der Welt das Beispiel einer weisen und weitsichtigen Duldung, spielen wir uns nicht als die Apostel einer neuen Religion auf, und sei es selbst die Religion der Logik und der Vernunft.« Proudhon wollte also, ganz ähnlich wie die »wahren« Sozialisten, die gemütliche Konfusion erhalten, deren Beseitigung für Marx die erste Vorbedingung einer kommunistischen Propaganda war.

Von einer Revolution, an die er lange geglaubt hatte, wollte Proudhon nichts mehr wissen: »Ich ziehe vor, das Eigentum bei kleinem Feuer zu verbrennen, statt ihm durch eine Bartholomäusnacht der Eigentümer eine neue Kraft zu geben.« Wie dies Problem zu lösen sei, versprach er in einem schon halb gedruckten Werk ausführlich auseinanderzusetzen, und sich der Geißel, die Marx darüber schwingen könnte, mit guter Miene zu unterwerfen, in Erwartung seiner Revanche. »Im Vorbeigehen muß ich Ihnen sagen, daß mir die Absichten der französischen Arbeiterklasse ebenso zu sein scheinen; unsere Proletarier haben einen so großen Durst nach Wissenschaft, daß man sehr schlecht von ihnen empfangen |128| werden würde, wenn man ihnen nichts zum Trinken bieten könnte als Blut.« Zum Schluß brach Proudhon eine Lanze für Karl Grün, vor dessen mißverstandener Hegelei Marx ihn gewarnt hatte. Bei seiner Unkenntnis der deutschen Sprache sei er auf Grün und Ewerbeck angewiesen, um Hegel und Feuerbach, um Marx und Engels zu studieren. Grün wolle sein neuestes Werk ins Deutsche übersetzen und Marx möge beim Vertriebe dieser Übersetzung helfen; das werde für alle ehrenvoll sein.

Der Schluß klingt fast wie Hohn, wenn er es auch wohl nicht hat sein sollen. Aber erbaulich konnte es für Marx unmöglich sein, sich in dem hochtrabenden Kauderwelsch Proudhons als Bluttrinker dargestellt zu sehen. Das Treiben Grüns mußte um so schlimmeren Argwohn erwecken, und es hing damit zusammen, wenn auch noch andere Beweggründe dazukamen, daß sich Engels im August 1846 entschloß, zeitweise nach Paris zu übersiedeln und die Berichterstattung aus dieser Stadt zu übernehmen, die für die kommunistische Propaganda immer noch der wichtigste Ort war. Über den Bruch mit Weitling, über die westfälische Verlagsgeschichte und was sonst noch diesen oder jenen Staub aufgewirbelt haben mochte, mußten die Pariser Kommunisten unterrichtet werden, zumal da sie an Ewerbeck keinen festen Halt hatten und noch viel weniger an Bernays.

Anfangs lauteten die Berichte, die Engels teils an das Brüsseler Korrespondenzbüro, teils an Marx persönlich erstattete, noch ganz hoffnungsvoll, aber nach und nach ergab sich doch, daß Grün die Sache gründlich »versaut« hatte. Und als Proudhons im Herbst erscheinende Schrift in der Tat nur den Weg in die Sümpfe verfolgte, die sein Brief bereits angedeutet hatte, so ließ Marx die Geißel darauf fallen, gemäß dem Wunsche Proudhons, aber ohne daß dieser sein Versprechen einer Revanche anders eingelöst hätte als durch einige grobe Schimpfworte.

 

4. Der historische Materialismus

Proudhon hatte seinem Buche den Titel gegeben »Das System der ökonomischen Widersprüche« und den Nebentitel »Die Philosophie des Elends«. Danach benannte Marx seine Gegenschrift »Das Elend der Philosophie« und schrieb sie in französischer Sprache, um den Gegner desto sicherer zu treffen. Das ist ihm nun nicht gelungen, denn Proudhons Einfluß auf die französische Arbeiterklasse und das Proletariat der romanischen Länder überhaupt stieg vielmehr, statt daß er sank, und |129| Marx hat noch jahrzehntelang mit dem Proudhonismus zu schaffen gehabt.

Der Wert seiner Gegenschrift wird dadurch jedoch in keiner Weise verringert und nicht einmal ihre historische Bedeutung. Sie bildet einen Markstein, wie im Leben ihres Verfassers, so in der Geschichte der Wissenschaft. In ihr sind die entscheidenden Gesichtspunkte des historischen Materialismus zuerst wissenschaftlich entwickelt worden. Blitzen sie in früheren Schriften wie einzelne Lichtfunken auf, so hat Marx sie später in epigrammatischer Form zusammengefaßt, aber in der Schrift gegen Proudhon entfalten sie sich in der überzeugenden Klarheit einer siegreichen Polemik. Und die Entwicklung des historischen Materialismus ist die größte wissenschaftliche Tat, die Marx vollbracht hat; sie leistete für die Geschichtswissenschaften, was Darwins Theorie für die Naturwissenschaften geleistet hat.

Engels hat seinen Anteil daran, und auch einen größeren Anteil, als er selbst in seiner Bescheidenheit zugeben wollte, aber die klassische Formgebung des Grundgedankens hat er wohl mit Recht seinem Freunde ausschließlich zugeschrieben. Nach seiner Erzählung hat ihm, als er im Frühjahr 1845 nach Brüssel kam, Marx den Grundgedanken des historischen Materialismus fertig ausgearbeitet vorgelegt, den Grundgedanken nämlich: daß die ökonomische Produktion und die aus ihr mit Notwendigkeit folgende gesellschaftliche Gliederung einer jeden Geschichtsperiode die Grundlage bilde für die politische und intellektuelle Geschichte dieser Periode; daß demgemäß die ganze Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen gewesen sei, Kämpfen zwischen ausgebeuteten und ausbeutenden, beherrschten und beherrschenden Klassen auf verschiedenen Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung; daß dieser Kampf aber jetzt eine Stufe erreicht habe, wo die ausgebeutete und unterdrückte Klasse, das Proletariat, sich nicht mehr von der sie ausbeutenden und unterdrückenden Klasse, der Bourgeoisie, befreien könne, ohne zugleich die ganze Gesellschaft für immer von Ausbeutung und Unterdrückung zu befreien.

Es ist eben dieser Grundgedanke, der sich in der Schrift gegen Proudhon auseinanderlegt wie ein Brennpunkt in der Fülle der Lichtstrahlen, die in ihm zusammenschießen. In schroffem Gegensatze zu der Weitschweifigkeit, die in den Polemiken mit Bruno Bauer und Stirner so manchesmal ermüdet, ist die Darstellung von einer unvergleichlichen Klarheit und Knappheit; das Boot wird nicht mehr durch einen Sumpf gestoßen und gezogen, sondern segelt unter frischem Winde auf bewegter Flut.

Die Schrift zerfällt in zwei Teile, in deren erstem sich Marx, um ein |130| Wort Lassalles anzuziehen, als Sozialist gewordener Ricardo, in dem zweitem aber als Ökonom gewordener Hegel zeigt. Ricardo hatte nachgewiesen, daß der Austausch der Waren in der kapitalistischen Gesellschaft gemäß der in ihnen enthaltenen Arbeitszeit erfolge; diesen »Wert« der Waren wollte Proudhon »konstituiert« wissen, so daß sich bei gleicher Arbeitsmenge das Produkt des einen gegen das Produkt des anderen austauschen sollte; die Gesellschaft sollte dadurch reformiert werden, daß sich alle Menschen in unmittelbare, gleiche Arbeitsmengen austauschende Arbeiter verwandelten. Diese »egalitäre« Schlußfolgerung aus der Theorie Ricardos hatten schon englische Sozialisten gezogen und sie auch praktisch zu verwirklichen gesucht, aber ihre »Tauschbanken« waren alsbald bankerott geworden.

Marx wies nun nach, daß die »revolutionäre Theorie«, die Proudhon für die Emanzipation des Proletariats entdeckt haben wollte, nur die Formel für die moderne Sklaverei der Arbeiterklasse sei. Aus seinem Wertgesetz hatte Ricardo logischerweise sein Lohngesetz gefolgert; der Wert der Ware Arbeitskraft bemißt sich nach der Arbeitszeit, die notwendig ist zur Herstellung der Gegenstände, die der Arbeiter braucht, um sein Leben zu fristen und seine Rasse fortzupflanzen. Es ist eine bürgerliche Illusion, sich den individuellen Austausch ohne Klassengegensatz vorzuspiegeln, um in der bürgerlichen Gesellschaft einen Zustand der Harmonie und ewigen Gerechtigkeit zu erblicken, der niemandem erlaube, sich auf Kosten der anderen zu bereichern.

Wie sich die Dinge wirklich vollziehen, sagte Marx mit den Worten: »Mit dem Augenblick, wo die Zivilisation anfängt, beginnt die Produktion sich aufzubauen auf den Gegensatz der Berufe, der Stände, der Klassen, schließlich auf den Gegensatz zwischen angehäufter und unmittelbarer Arbeit. Ohne Gegensatz kein Fortschritt: diesem Gesetz ist die Zivilisation bis heute gefolgt. Bisher haben sich die Produktivkräfte auf Grund dieser Herrschaft des Klassengegensatzes entwickelt.«[9] Wenn Proudhon durch seinen »konstituierten Wert« dem Arbeiter das immer größere Produkt sichern wollte, das er an jedem Arbeitstage durch den Fortschritt der gemeinschaftlichen Arbeit erziele, so wies Marx darauf hin, daß die Entwicklung der Produktivkräfte, die dem englischen Arbeiter im Jahre 1840 ermöglichte, siebenundzwanzigmal mehr zu produzieren als im Jahre 1770, von historischen Bedingungen abhängig gewesen sei, die auf dem Klassengegensatze beruhten: Anhäufung von Privatkapitalien, moderner Arbeitsteilung, anarchischer Konkurrenz, Lohnsystem. Um einen Arbeitsüberschuß zu erlangen, mußte es Klassen geben, die profitierten, und Klassen, die verkamen.

|131| Als erste Proben seines »konstituierten Werts« hatte Proudhon Gold und Silber angegeben; aus der souveränen Weihe, die ihnen das Siegel er Souverän aufgedrückt habe, seien sie als Geld hervorgegangen. Mitnichten, erwiderte Marx. Das Geld ist keine Sache, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis; wie der individuelle Austausch, entspricht es einer bestimmten Produktionsweise. »In der Tat, man muß jeder historischen Erkenntnis bar sein, um nicht zu wissen, daß die Souveräne sich zu allen Zeiten den wirtschaftlichen Verhältnissen fügen mußten, aber ihnen niemals das Gesetz diktiert haben. Sowohl die politische, wie die bürgerliche Gesetzgebung proklamieren, protokollieren nur den Willen der ökonomischen Verhältnisse ... Das Recht ist nur die offizielle Anerkennung der Tatsache.«[10] Das Siegel der Souveräne drückte dem Golde nicht den Wert, sondern das Gewicht auf; auf den »konstituierten Wert« passen Gold und Silber wie die Faust aufs Auge; gerade in ihrer Eigenschaft als Wertzeichen sind sie von allen Waren die einzigen, die nicht durch ihre Produktionskosten bestimmt werden, wie sie denn in der Zirkulation durch Papier ersetzt werden können, was längst von Ricardo klargestellt sei.

Auf das kommunistische Endziel deutete Marx durch den Nachweis, daß die »richtige Proportion zwischen Angebot und Nachfrage«, nach der Proudhon suche, nur möglich gewesen sei in jenen Zeiten, wo die Produktionsmittel beschränkt gewesen seien, wo der Austausch sich in außerordentlich engen Grenzen vollzogen, wo die Nachfrage das Angebot, die Konsumtion die Produktion beherrscht habe. Sie sei unmöglich geworden mit dem Entstehen der Großindustrie, die schon durch Ihre Werkzeuge gezwungen sei, in beständig größerem Maße zu produzieren, die nicht auf die Nachfrage warten könne, die mit Naturnotwendigkeit in beständiger Aufeinanderfolge den Wechsel von Prosperität und Depression, Krisis, Stockung, neuer Prosperität und so fort durchmachen müsse. »In der heutigen Gesellschaft, in der auf dem individuellen Austausch basierten Industrie, ist die Produktionsanarchie, die Quelle so vieles Elends, gleichzeitig die Ursache alles Fortschritts. Demnach von zwei Dingen eins: Entweder man will die richtigen Proportionen früherer Jahrhunderte mit den Produktionsmitteln unserer Zeit, und dann ist man Reaktionär und Utopist in einem. Oder man will den Fortschritt ohne Anarchie; und dann verzichte man, um die Produktivkräfte beizubehalten, auf den individuellen Austausch.«[11]

Wichtiger noch als das erste Kapitel der Schrift gegen Proudhon ist das zweite. Hatte Marx es in jenem mit Ricardo zu tun, dem er noch nicht mit völliger wissenschaftlicher Unbefangenheit gegenüberstand - |132| unter anderem erkannte er noch Ricardos Lohngesetz unumwunden an -, so in dem zweiten mit Hegel, wo der Fisch so recht in seinem Elemente schwamm. Proudhon hatte die dialektische Methode Hegels gröblich mißverstanden. Er hielt fest an ihrer bereits reaktionär gewordenen Seite, wonach die Welt der Wirklichkeit sich ableitet aus der Welt der Idee, während er ihre revolutionäre Seite verleugnete: die Selbsttätigkeit der Idee, die sich setzt und entgegensetzt, um in diesem Kampfe jene höhere Einheit zu entfalten, die den sachlichen Inhalt beider Seiten aufbewahrt, indem sie ihre widersprechende Form auflöst. Proudhon unterschied vielmehr in jeder ökonomischen Kategorie eine gute und eine schlechte Seite, um nach einer Synthese, einer wissenschaftlichen Formel zu suchen, die die gute Seite erhielte und die schlechte Seite vernichtete. Er sah die gute Seite von den bürgerlichen Ökonomen hervorgehoben und die schlechte Seite von den Sozialisten angeklagt; mit seinen Formeln und Synthesen glaubte er sich über die Ökonomen und die Sozialisten gleichmäßig zu erheben.

Marx hat diesem Anspruch entgegengehalten: »Herr Proudhon schmeichelt sich, die Kritik sowohl der politischen Ökonomie als des Kommunismus gegeben zu haben - er steht tief unter beiden. Unter dem Ökonomen, weil er als Philosoph, der eine magische Formel bei der Hand hat, sich erlassen zu können glaubt, in die rein ökonomischen Details einzugehen, unter dem Sozialisten, weil er weder genug Einsicht, noch genug Mut besitzt, um sich, und sei es nur spekulativ, über den Bourgeoishorizont zu erheben. Er will die Synthese sein, und er ist ein zusammengesetzter Irrtum; er will als Mann der Wissenschaft über Bourgeois und Proletariern schweben; er ist nur der Kleinbürger, der beständig zwischen dem Kapital und der Arbeit, zwischen der politischen Ökonomie und dem Kommunismus hin- und hergeworfen wird.«[12] Wobei man freilich den Kleinbürger nicht mit dem Spießbürger zusammenwerfen darf, denn einen geistreichen Kopf hat Marx immer in Proudhon gesehen, nur einen Kopf, der mit seinen Vorstellungen nicht über die Grenzen der kleinbürgerlichen Gesellschaft hinaus kam.

Es war für Marx nicht schwer, die Hinfälligkeit der von Proudhon befolgten Methode aufzudecken. Zerschnitt man den dialektischen Prozeß in eine gute und eine schlechte Seite und verabreichte man eine Kategorie als Gegengift gegen die andere, so war kein Leben mehr in der Idee; sie funktionierte nicht mehr; weder setzte noch zersetzte sie sich in Kategorien. Als echter Schüler Hegels wußte Marx sehr genau, daß gerade die schlechte Seite, die Proudhon überall ausmerzen wollte, die Geschichte macht, indem sie den Kampf zeitigt. Hätte man die |133| schönen Seiten des Feudalismus erhalten wollen, das patriarchalische Leben der Städte, die Blüte der ländlichen Hausindustrie, die Entwicklung des städtischen Handwerks, und sich nur die Aufgabe gestellt, alles auszurotten, was einen Schatten auf dies Bild wirft - Leibeigenschaft, Privilegien, Anarchie -, so hätte man alle Elemente vernichtet, die den Kampf hervorriefen, und die Bourgeoisie im Keim erstickt; man hätte sich die absurde Aufgabe gestellt, die Geschichte auszustreichen.

Marx stellte das Problem richtig wie folgt: »Will man somit die feudale Produktion richtig beurteilen, so muß man sie als eine auf dem Gegensatz basierte Produktionsweise betrachten. Man muß zeigen, wie der Reichtum innerhalb dieses Gegensatzes produziert wurde, wie die Produktivkräfte sich gleichzeitig mit dem Widerstreit der Klassen entwickelten, wie die eine dieser Klassen, die schlechte Seite, das gesellschaftliche Übel, stets anwuchs, bis die materiellen Bedingungen ihrer Emanzipation zur Reife gediehen waren.«[13] Denselben geschichtlichen Entwicklungsprozeß wies er an der Bourgeoisie auf. Die Produktionsverhältnisse, in denen sie sich bewegt, haben keinen einfachen und einheitlichen, sondern einen zwieschlächtigen Charakter; in den gleichen Verhältnissen wie der Reichtum, wird auch das Elend produziert; in dem Maße, wie sich die Bourgeoisie entwickelt, entwickelt sich in ihrem Schoße das Proletariat und alsbald auch der Kampf zwischen diesen Klassen. Die Ökonomen sind die Theoretiker der Bourgeoisie, die Kommunisten und Sozialisten die Theoretiker des Proletariats. Diese sind Utopisten, die Systeme ausdenken und nach einer heilenden Wissenschaft suchen, um den Bedürfnissen der unterdrückten Klassen abzuhelfen, solange das Proletariat noch nicht genügend entwickelt ist, um sich als Klasse zu konstituieren, und solange die Produktivkräfte im Schoße der Bourgeoisie noch nicht genügend entwickelt sind, um die materiellen Bedingungen durchscheinen zu lassen, die notwendig sind zur Befreiung des Proletariats und zur Bildung einer neuen Gesellschaft. »Aber in dem Maße, wie die Geschichte vorschreitet und mit ihr der Kampf des Proletariats sich deutlicher abzeichnet, haben sie nicht mehr nötig, die Wissenschaft in ihrem Kopfe zu suchen; sie haben nur sich Rechenschaft abzulegen von dem, was sich vor ihren Augen abspielt, und sich zum Organ desselben zu machen. Solange sie die Wissenschaft suchen und nur Systeme machen, solange sie im Beginn des Kampfes sind, sehen sie im Elend nur das Elend, ohne die revolutionäre umstürzende Seite darin zu erblicken, welche die alte Gesellschaft über den Haufen werfen wird. Von diesem Augenblick an wird die Wissenschaft bewußtes Erzeugnis |134| der historischen Bewegung, und sie hat aufgehört, doktrinär zu sein, sie ist revolutionär geworden.«[14]

Die ökonomischen Kategorien sind für Marx nur die theoretischen Ausdrücke, die Abstraktionen der gesellschaftlichen Verhältnisse. »Die sozialen Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften. Mit der Erwerbung neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre Produktionsweise, ... mit der Art, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse ... Aber dieselben Menschen, welche die sozialen Verhältnisse gemäß ihrer materiellen Produktionsweise gestalten, gestalten auch die Prinzipien, die Ideen, die Kategorien gemäß ihren gesellschaftlichen Verhältnissen.«[15] Marx verglich die bürgerlichen Ökonomen, die von den »ewigen und natürlichen Einrichtungen« der bürgerlichen Gesellschaft sprechen, mit den orthodoxen Theologen, denen die eigene Religion eine Offenbarung Gottes, jede andere Religion aber eine menschliche Erfindung ist.

Marx wies nun noch an einer Reihe ökonomischer Kategorien: Arbeitsteilung und Maschine, Konkurrenz und Monopol, Grundeigentum oder Rente, Streiks und Arbeiterkoalitionen, an denen Proudhon seine Methode probiert hatte, die Hinfälligkeit dieser Methode nach. Die Arbeitsteilung ist nicht, wie Proudhon annahm, eine ökonomische, sondern eine historische Kategorie, die in den verschiedenen Perioden der Geschichte die verschiedensten Formen angenommen hat. Im Sinne der bürgerlichen Ökonomie ist die Fabrik ihre Existenzbedingung. Aber die Fabrik ist nicht nach Proudhons Annahme durch freundschaftliche Vereinbarungen der Arbeitsgenossen und selbst nicht einmal im Schoße der alten Zünfte entstanden; der Kaufmann wurde der Prinzipal der modernen Werkstatt und nicht der alte Zunftmeister.

So sind Konkurrenz und Monopol nicht natürliche, sondern gesellschaftliche Kategorien. Die Konkurrenz ist nicht der industrielle, sondern der kommerzielle Wetteifer; sie kämpft nicht um das Produkt, sondern um den Profit, sie ist keine Notwendigkeit der menschlichen Seele wie Proudhon meinte, sondern, aus historischen Bedürfnissen im achtzehnten Jahrhundert entstanden, könne sie im neunzehnten Jahrhundert aus historischen Bedürfnissen verschwinden.

Ebenso irrig war Proudhons Meinung, das Grundeigentum habe keinen ökonomischen Ursprung; es beruhe in Erwägungen der Psychologie und Moral, die in sehr entferntem Zusammenhange mit der Produktion der Reichtümer ständen; die Grundrente solle den Menschen stärker an die Natur fesseln. »In jeder historischen Epoche hat sich das Eigentum anders und unter ganz verschiedenen gesellschaftlichen Verhältnissen |135|* entwickelt. Das bürgerliche Eigentum definieren heißt somit nichts anderes, als alle gesellschaftlichen Verhältnisse der bürgerlichen Produktion darstellen. Eine Definition des Eigentums als eines unabhängigen Verhältnisses ... kann nichts anderes sein als eine Illusion der Metaphysik oder der Jurisprudenz.«[16] Die Grundrente - der Überschuß des Preises der Ackerbauprodukte über ihre Produktionskosten, einschließlich des landläufigen Kapitalgewinns und Kapitalzinses - ist unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen entstanden und konnte nur unter ihnen entstehen. Sie ist das Grundeigentum in seiner bürgerlichen Gestalt: das feudale Eigentum, das sich den Bedingungen der bürgerlichen Produktion unterworfen hat.

Endlich wies Marx die historische Bedeutung der Streiks und Koalitionen nach, von denen Proudhon nichts hatte wissen wollen. Mögen Ökonomen und Sozialisten, sei es auch aus entgegengesetzten Gründen, die Arbeiter vor dem Gebrauch dieser Waffen warnen, so entwickeln sich Streiks und Koalitionen dennoch auf gleicher Stufe mit der großen Industrie. In ihren Interessen durch die Konkurrenz gespalten, haben die Arbeiter dennoch das gemeinsame Interesse, ihren Lohn aufrechtzuerhalten; der gemeinsame Gedanke des Widerstandes vereinigt sie in der Koalition, die alle Elemente einer kommenden Schlacht enthält, ähnlich wie die Bourgeoisie mit partiellen Koalitionen gegen die Feudalherren begann, um sich als Klasse zu konstituieren und als konstituierte Klasse die feudale in die bürgerliche Gesellschaft umzuwandeln.

Der Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie ist ein Kampf von Klasse gegen Klasse, ein Kampf, der, auf seinen höchsten Ausdruck gebracht, eine totale Revolution bedeutet. Die gesellschaftliche Bewegung schließt die politische nicht aus, denn es gibt keine politische Bewegung, die nicht gleichzeitig auch eine gesellschaftliche wäre. Nur in einer Gesellschaft ohne Klassen werden die gesellschaftlichen Evolutionen aufhören, politische Revolutionen zu sein. Bis dahin wird am Vorabend jeder allgemeinen Neugestaltung der Gesellschaft das letzte Wort der sozialen Wissenschaft stets lauten: »Kampf oder Tod; blutiger Krieg oder das Nichts. So ist die Frage unerbittlich gestellt.«[17] Mit diesem Worte der George Sand schloß Marx seine Schrift.

Indem er in ihr den historischen Materialismus unter einer Reihe der wesentlichsten Gesichtspunkte entwickelte, setzte er sich zugleich endgültig mit der deutschen Philosophie auseinander. Er ging über Feuerbach hinaus, indem er auf Hegel zurückging. Gewiß, die offizielle Schule Hegels hatte völlig abgewirtschaftet. Sie hatte die Dialektik des Meisters |136| zur reinen Schablone gemacht, die sie auf alles und jedes anwandte, und oft genug mit größtem Ungeschick. Man konnte von diesen Hegelianern sagen und sagte es wirklich von ihnen, daß sie von nichts etwas verständen, aber über alles schrieben.

Ihre Stunde hatte geschlagen, als Feuerbach dem spekulativen Begriff aufkündigte; der positive Inhalt der Wissenschaft überwog wieder die formale Seite. Aber dem Materialismus Feuerbachs fehlte das »energische Prinzip«; er blieb rein naturwissenschaftlich und schloß den historischen Prozeß aus. Wenn sich Marx damit nicht zufriedengab, so hat er nur zu sehr recht behalten, als die Reiseprediger dieses Materialismus erstanden, die Büchner und Vogt, deren bornierte Philisterdenkweise auch Feuerbach veranlaßte zu erklären, er stimme diesem Materialismus zwar rückwärts zu, aber nicht vorwärts. »Der steife Karrengaul des bürgerlichen Alltagsverstandes stockt natürlich verlegen vor dem Graben, der Wesen von Erscheinung, Ursache von Wirkung trennt; wenn man aber auf das sehr kupierte Terrain des abstrakten Denkens par force jagen geht, so muß man eben keine Karrengäule reiten.«[18] Es ist ein Vergleich, den Engels einmal gezogen hat.

Nun waren die Hegelianer aber nicht Hegel; wenn sie auf ihre Ignoranz pochten, so hatte er zu den gelehrtesten Köpfen aller Zeiten gehört. Vor allen anderen Philosophen lag seiner Denkweise ein historischer Sinn zugrunde, der ihm eine großartige Auffassung der Geschichte gestattet hatte, wenn auch nur in rein idealistischer Form, die die Dinge sozusagen im Hohlspiegel sah, indem sie die Geschichte der Welt nur als eine praktische Probe auf die Entwicklung des Gedankens auffaßte. Mit diesem realen Inhalt der Hegelschen Philosophie war Feuerbach nicht fertig geworden, und die Hegelianer selbst hatten ihn fallenlassen.

Indem Marx ihn wieder aufnahm, aber insofern umkehrte, als er nicht vom »reinen Denken«, sondern von den hartnäckigen Tatsachen der Wirklichkeit ausging, gab er dem Materialismus die historische Dialektik und damit ein »energisches Prinzip«, dem es nicht nur darauf ankam, die Gesellschaft zu erklären, sondern auch sie umzuwälzen.

 

5. »Deutsche-Brüsseler-Zeitung«

Wenn Marx für seine wenig umfangreiche Schrift gegen Proudhon je einen deutschen Verleger in Brüssel und in Paris gefunden hatte, freilich unter Zahlung der Druckkosten, so hatte er zur Zeit, als sie im Hochsommer |137|* 1847 erschien, in der »Deutschen-Brüsseler-Zeitung« auch ein Preßorgan, das ihm eine öffentliche Wirksamkeit ermöglichte.

Das Blatt wurde seit Beginn des Jahres zweimal wöchentlich von jenem Adalbert von Bornstedt herausgegeben, der ehedem den »Vorwärts!« Börnsteins redigiert und im Solde der österreichischen wie preußischen Regierung gestanden hatte. Diese Tatsache ist heute aus den Berliner wie Wiener Archiven bekannt geworden und kann keinem Zweifel unterliegen; es fragt sich höchstens, ob Bornstedt sein Spitzeln noch in Brüssel fortgesetzt hat. Verdacht hat damals auch gegen ihn bestanden, aber er wurde niedergeschlagen durch die Denunziationen, mit denen die preußische Gesandtschaft in Brüssel das Blatt Bornstedts bei den belgischen Behörden verfolgte. Das konnte freilich auch nur ein Augenverblenden sein, um Bornstedt bei den revolutionären Elementen zu beglaubigen, die sich in Brüssel gesammelt hatten; in der Wahl der Mittel für ihre erhabenen Zwecke sind die Verteidiger von Thron und Altar ohne alle Bedenken.

Marx hat jedenfalls an eine Judasrolle Bornstedts nicht geglaubt. Er meinte, dessen Blatt habe trotz seiner vielen Schwächen immer einiges Verdienstliche; finde man es nicht genügend, so solle man es genügend machen, statt des bequemen Vorwandes, an dem Namen Bornstedt Anstoß zu nehmen. Bitter genug schrieb Marx am 8. August an Herwegh: »Das eine Mal taugt der Mann nichts, das andere Mal die Frau, ein andermal die Tendenz, ein andermal der Stil, ein andermal das Format oder auch die Verbreitung ist mit mehr oder weniger Gefahr verbunden ... Unsere Deutschen haben immer tausend Weisheitssprüche in petto, um zu zeigen, warum sie die Gelegenheit ungenützt vorübergehen lassen müssen. Eine Gelegenheit, etwas zu tun, bringt sie nur in Verlegenheit.« Es folgte noch der Stoßseufzer, daß es mit seinen Manuskripten ähnlich gehe, wie mit der Brüsseler Zeitung und ein kräftiger Fluch über die Esel, die ihm vorwürfen, lieber französisch als gar nichts geschrieben zu haben.

Sollte man danach annehmen, daß Marx die Bedenken gegen Bornstedt ein wenig auf die leichte Achsel genommen habe, um »die Gelegenheit nicht ungenützt« vorübergehen zu lassen, so würde ihm deshalb gleichwohl kein Vorwurf zu machen sein. Denn die Gelegenheit war sehr günstig, und es wäre töricht gewesen, sie sich um eines bloßen Verdachts willen entschlüpfen zu lassen. Im Frühjahr 1847 hatte die drängende Finanznot den preußischen König gezwungen, den Vereinigten Landtag einzuberufen, eine Zusammenfassung der bisherigen Provinziallandtage, also eine feudal-ständische Körperschaft, ähnlich wie sie Ludwig XVI. |138| im Frühjahr 1789 unter gleichem Zwange einberufen hatte. Nun waren die Dinge in Preußen nicht so schnell vor sich gegangen wie ehedem in Frankreich, aber immerhin hatte der Vereinigte Landtag den Daumen auf dem Geldbeutel gehalten und der Regierung kurzerhand erklärt, er bewillige keine Mittel, ehe nicht seine Rechte erweitert und namentlich nicht seine periodische Einberufung gesichert wäre. Damit waren die Dinge in Fluß gekommen, denn die Finanznot ließ nicht mit sich spaßen; über kurz oder lang mußte der Tanz von neuem beginnen, und je eher, dazu aufgespielt wurde, um so besser!

In diesem Gedankenkreise bewegen sich die Beiträge, die Marx und Engels für die »Deutsche-Brüsseler-Zeitung« geliefert haben. An die Debatten des Vereinigten Landtags über Freihandel und Schutzzoll knüpfte ein Artikel an, der zwar anonym erschien, aber nach Inhalt und Sprache augenscheinlich von Engels verfaßt ist. Er war damals von der Überzeugung durchdrungen, daß die deutsche Bourgeoisie hoher Schutzzölle bedürfe, um nicht von der ausländischen Industrie zerquetscht zu werden, sondern vielmehr die nötige Kraft zur Überwindung des Absolutismus und des Feudalismus zu gewinnen. Aus diesem Grunde empfahl Engels dem Proletariat, die schutzzöllnerische Agitation zu unterstützen, wenn auch nur aus diesem Grunde. Er meinte zwar, List, die Autorität der Schutzzöllner, habe immer noch das Beste der deutschen bürgerlich-ökonomischen Literatur produziert, aber er fügte hinzu, dessen ganzes glorioses Werk sei von dem Franzosen Ferrier abgeschrieben, dem theoretischen Urheber des Kontinentalsystems, und er warnte die Arbeiter, sich durch die Redensart vom »Wohl der arbeitenden Klasse« narren zu lassen, das die Freihändler wie die Schutzzöllner als prunkendes Aushängeschild ihrer eigennützigen Agitation vor sich hertrügen.[19] Der Lohn der Arbeiterklasse bleibe derselbe, unter dem Freihandels- wie dem Schutzzollsystem. Nur als »progressive Bourgeoisiemaßregel« verteidigte Engels die Schutzzölle, und so auch sah sie Marx an.

Gemeinsam von Marx und Engels verfaßt ist ein längerer Aufsatz, der einen Vorstoß des christlich-feudalen Sozialismus zurückwies.[20] Dieser Vorstoß erfolgte in dem »Rheinischen Beobachter«, einem Organ, das die Regierung neuerdings in Köln gegründet hatte, um die rheinischen Arbeiter gegen die rheinische Bourgeoisie aufzuhetzen. In seinen Spalten verdiente sich der junge Hermann Wagener die Sporen, wie er selbst in seinen Denkwürdigkeiten berichtet. Marx und Engels müssen bei ihren nahen Beziehungen zu Köln davon gewußt haben, da der Spott über den »glattgescheitelten Konsistorialrat« sozusagen der Kehrreim ihrer Antwort ist. Wagener war damals Konsistorialassessor in Magdeburg.

|139| Für dieses Mal hatte sich der »Rheinische Beobachter« das Scheitern des Vereinigten Landtags zum Vorwurfe genommen, um die Arbeiter zu ködern. Indem die Bourgeoisie alle Geldforderungen der Regierung abgelehnt habe, habe sie gezeigt, daß es ihr nur darum zu tun sei, die Staatsgewalt an sich zu reißen; das Volkswohl sei ihr gleichgültig; sie schiebe das Volk nur vor, um die Regierung einzuschüchtern; das Volk sei ihr nur Kanonenfutter in dem großen Sturm gegen die Regierungsgewalt. Was Marx und Engels darauf erwiderten, liegt heute auf der Hand. Das Proletariat täusche sich über die Bourgeoisie so wenig wie über die Regierung; es frage sich nur, was seinen eigenen Zwecken diene, die Herrschaft der Bourgeoisie oder die Herrschaft der Regierung, und diese Frage zu beantworten, genüge ein einfacher Vergleich zwischen der Lage der deutschen und der Lage der englischen wie französischen Arbeiter.

Auf die demagogische Redewendung des »Rheinischen Beobachters«: »Glückseliges Volk! Du hast doch die Prinzipienfrage gewonnen. Und wenn du nicht verstehst, was das für ein Ding ist, so lass' es dir von deinen Repräsentanten erklären, während der langen Rede wirst du vielleicht deinen Hunger vergessen«, antworteten Marx und Engels zunächst mit dem beißenden Hohn, man könne aus dem straflosen Gebrauch dieser aufhetzenden Wendung erkennen, daß die deutsche Presse wirklich frei sei. Dann aber führten sie aus, das Proletariat habe die Prinzipienfrage so gut verstanden, daß es dem Vereinigten Landtage nicht vorwerfe, sie gewonnen, sondern sie nicht gewonnen zu haben. Hätte er sich nicht bloß darauf beschränkt, die Erweiterung seiner ständischen Rechte zu beanspruchen, sondern Geschworenengerichte, Gleichheit vor dem Gesetze, Aufhebung der Frondienste, Preßfreiheit, Assoziationsfreiheit und eine wirkliche Volksvertretung verlangt, so hätte er die kräftigste Unterstützung des Proletariats gefunden.

Dann wurde das frömmelnde Gerede von den sozialen Prinzipien des Christentums, vor denen der Kommunismus verschwinden müsse, gründlich abgetan. »Die sozialen Prinzipien des Christentums haben jetzt achtzehnhundert Jahre Zeit gehabt, sich zu entwickeln, und bedürfen keiner ferneren Entwicklung durch preußische Konsistorialräte. Die sozialen Prinzipien des Christentums haben die antike Sklaverei gerechtfertigt, die mittelalterliche Leibeigenschaft verherrlicht und verstehen sich ebenfalls im Notfall dazu, die Unterdrückung des Proletariats, wenn auch mit etwas jämmerlicher Miene, zu verteidigen. Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen die Notwendigkeit einer herrschenden und einer unterdrückten Klasse und haben für die letztere |140| nur den frommen Wunsch, die erstere möge wohltätig sein. Die sozialen Prinzipien des Christentums setzen die konsistorialrätliche Ausgleichung aller Infamien in den Himmel und rechtfertigen dadurch die Fortdauer dieser Infamien auf der Erde. Die sozialen Prinzipien des Christentums erklären alle Niederträchtigkeiten der Unterdrücker gegen die Unterdrückten entweder für gerechte Strafe der Erbsünde und sonstiger Sünden oder für Prüfungen, die der Herr über die Erlösten nach seiner unendlichen Weisheit verhängt. Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen die Feigheit, die Selbstverachtung, die Erniedrigung, die Unterwürfigkeit, die Demut, kurz alle Eigenschaften der Kanaille, und das Proletariat, das sich nicht als Kanaille behandeln lassen will, hat seinen Mut, sein Selbstgefühl, seinen Stolz und seinen Unabhängigkeitssinn noch viel nötiger als sein Brot. Die sozialen Prinzipien des Christentums sind duckmäuserisch, und das Proletariat ist revolutionär.«[21] Eben dies revolutionäre Proletariat führten Marx und Engels ins Feld gegen alles Blendwerk der monarchischen Sozialreform. Das Volk, das sich für einen Fußtritt und einen Silbergroschen mit tränendem Auge bedanke, existiere nur in der Phantasie des Königs; das wirkliche Volk, das Proletariat, sei nach dem Worte des Hobbes ein robuster und bösartiger Knabe; wie es mit Königen verfahre, die es zum besten haben wollten, zeige das Schicksal Karls I. von England und Ludwigs XVI. von Frankreich.

Wie ein Hagelwetter brach dieser Aufsatz über die feudal-sozialistische Saat herein, doch fielen einzelne Schloßen auch daneben. Mit wie großem Recht immer Marx und Engels das Verfahren des Vereinigten Landtags verteidigten, einer liederlichen und reaktionären Regierung alle Geldmittel zu verweigern, so taten sie ihm doch zu große Ehre an, wenn sie die Ablehnung einer von der Regierung vorgeschlagenen Einkommensteuer unter den gleichen Gesichtspunkt stellten. Es handelte sich hier vielmehr um eine Falle, die der Bourgeoisie von der Regierung gestellt worden war. Die Forderung, die für die Arbeiter der großen Städte äußerst drückende Mahl- und Schlachtsteuer abzuschaffen und den finanziellen Ausfall in erster Reihe durch eine den besitzenden Klassen aufzuerlegende Einkommensteuer zu ersetzen, ging ursprünglich von der rheinischen Bourgeoisie aus, die sich dabei von ähnlichen Gründen leiten ließ wie die englische Bourgeoisie bei ihrem Kampf gegen die Getreidezölle.

Der Regierung war diese Forderung durchaus verhaßt, schon weil sie dem Großgrundbesitz ins Fleisch schnitt, ohne daß diese Klasse - da die Mahl- und Schlachtsteuer nur in den großen Städten erhoben |141| wurde - von deren Aufhebung ein Sinken der Löhne des von ihr ausgebeuteten Proletariats erwarten durfte. Wenn die Regierung dennoch einen entsprechenden Gesetzentwurf an den Vereinigten Landtag brachte, so geschah es mit dem Hintergedanken, diesen unpopulär und sich selbst populär zu machen, denn sie rechnete damit, daß eine feudalständische Körperschaft nimmermehr auf eine Steuerreform eingehen werde, die die arbeitenden Klassen auch nur vorübergehend auf Kosten der besitzenden Klassen zu entlasten geeignet war. Wie sicher sie dieser Rechnung sein durfte, zeigte schon die Abstimmung über ihren Gesetzentwurf, in der fast alle Prinzen, fast alle Junker und fast alle Beamten mit Nein stimmten. Dabei blühte ihr aber noch das besondere Glück, daß ein Teil der Bourgeoisie, nun da es zum Klappen kam, mit Glanz umfiel.

Danach wurde die Ablehnung der Einkommensteuer von den offiziösen Federn als ein schlagender Beweis für das Lug- und Trugspiel der Bourgeoisie ausgebeutet, und besonders der »Rheinische Beobachter« wurde nicht müde, diesen Gaul zu reiten, Wenn dagegen Marx und Engels ihrem »Konsistorialrat« bemerkten, er sei »der größte und unverschämteste Ignorant in ökonomischen Dingen«, indem er behaupte, daß eine Einkommensteuer auch nur ein Haarbreit sozialen Elends beseitige, so hatten sie vollkommen recht, aber sie hatten unrecht, die Ablehnung der Einkommensteuer als einen berechtigten Schlag gegen die Regierung zu verteidigen. Dieser Schlag traf die Regierung gar nicht, sie war finanziell viel mehr gekräftigt als geschwächt, wenn sie ihre einträgliche und ganz genau funktionierende Mahl- und Schlachtsteuer in der Tasche behielt, statt sich mit einer Einkommensteuer abzuplagen, die, wenn sie den besitzenden Klassen auferlegt werden soll, nach alten und neuen Erfahrungen ihre besonderen Mucken hat. Marx und Engels haben in diesem Fall die Bourgeoisie für noch revolutionär gehalten, wo sie schon reaktionär war.

Umgekehrt verfuhren oft genug die »wahren« Sozialisten, und es ist begreiflich genug, daß in einem Augenblick, wo die Bourgeoisie ihre Lenden zu gürten begann, Marx und Engels noch einmal gegen diese Richtung vorstießen. Es geschah in einer Reihe von Feuilletons, die Marx in der »Deutschen-Brüsseler-Zeitung« gegen den »deutschen Sozialismus in Versen und Prosa« drucken ließ [22], und einem noch ungedruckten Aufsatz, der von Engels niedergeschrieben, aber vielleicht von beiden verfaßt worden ist.[23] In beiden Arbeiten wird vornehmlich mit dem ästhetisch-literarischen Konto des wahren Sozialismus abgerechnet, das ja auch seine schwächste oder, je nachdem man will, stärkste Seite |142| war. Indem Marx und Engels dieser künstlerischen Verbildung entgegentraten, haben sie die Rechte der Kunst nicht immer genügend geachtet; namentlich in dem handschriftlichen Aufsatze wird Freiligraths prächtiges »Ça ira« mit unbilliger Schärfe beurteilt.[24] Aber auch Karl Becks »Lieder vom armen Manne« betrachtete Marx in der »Deutschen-Brüsseler-Zeitung« etwas streng unter dem Gesichtspunkt »kleinbürgerlicher Illusionen«; immerhin sagte er dem anspruchsvollen Naturalismus, der fünfzig Jahre später kommen sollte, sein trauriges Schicksal voraus, indem er schrieb: »Beck besingt die feige kleinbürgerliche Misère, den ›armen Mann‹, den pauvre honteux mit seinen armen, frommen und inkonsequenten Wünschen .... nicht den stolzen, drohenden und revolutionären Proletarier.«[25] Neben Karl Beck muß noch einmal der unglückliche Grün heran, der in einem, heute längst verschollenen Buch »vom menschlichen Standpunkt« Goethe mißhandelt, das heißt aus allen kleinlichen, langweiligen und philisterhaften Seiten des großen Dichters den »wahren Menschen« konstruiert hatte.

Wichtiger als diese Plänkeleien war eine größere Abhandlung, worin Marx mit dem landläufigen Radikalismus der Phrase nicht minder scharf ins Gericht ging als mit dem phrasenhaften Sozialismus der Regierung. In einer Polemik gegen Engels hatte Karl Heinzen die Ungerechtigkeit in den Eigentumsverhältnissen aus der Gewalt erklärt; er hatte jeden einen Feigling und einen Toren genannt, der einen Bourgeois wegen seines Gelderwerbs anfeinde und einen König wegen seines Gewalterwerbs in Ruhe lasse. Heinzen war ein gewöhnlicher Schreihals, der keine besondere Beachtung verdiente, aber die Meinung, die er vertrat, war sehr nach dem Geschmack des »aufgeklärten« Philisters. Die Monarchie verdanke ihr Dasein nur der Tatsache, daß die Menschen jahrhundertelang des gesunden Menschenverstandes und der moralischen Menschenwürde entbehrt hätten, nun aber, da sie wieder im Besitze dieser kostbaren Güter seien, verschwänden alle sozialen Fragen vor der Frage: Monarchie oder Republik. Diese geistreiche Auffassung war das richtige Gegenspiel zu der geistreichen Ansicht der Fürsten, wonach revolutionäre Bewegungen nur durch den bösen Willen von Demagogen hervorgerufen werden.

Marx wies nun nach und in erster Reihe an der deutschen Geschichte, daß die Geschichte die Fürsten macht, nicht aber die Fürsten die Geschichte.[26] Er wies die ökonomischen Ursprünge der absoluten Monarchie auf, die in den Übergangsperioden erscheine, wo die alten Feudalstände untergingen und der mittelalterliche Bürgerstand zur modernen Bourgeoisklasse heranwüchse. Daß sie in Deutschland sich später ausgebildet |143|* habe und länger währe, sei verschuldet durch den verkrüppelten Entwicklungsgang der deutschen Bürgerklasse. So erkläre sich die gewaltsam reaktionäre Rolle, in der sich die Fürsten gefielen, aus ökonomischen Gründen. Den Handel und die Industrie, und gleichzeitig das Aufkommen der Bürgerklasse früher begünstigend als notwendige Bedingungen sowohl der nationalen Macht wie des eigenen Glanzes, trete die absolute Monarchie jetzt dem Handel und der Industrie, die immer gefährlichere Waffen in den Händen einer schon mächtigen Bourgeoisie geworden seien, überall in den Weg. Von der Stadt, der Geburtsstätte ihrer Erhebung, werfe sie den ängstlich und stumpf gewordenen Blick auf das Land, das mit den Leichen seiner alten reckenhaften Gegner gedüngt sei.

Die Abhandlung ist reich an fruchtbaren Gesichtspunkten, aber der »gesunde Menschenverstand« des biederen Spießers ließ sich so leicht nicht foppen. Dieselbe Gewalttheorie, die Marx für Engels gegen Heinzen verfocht, hat ein volles Menschenalter später Engels für Marx gegen Dühring verfechten müssen.

 

6. Der Bund der Kommunisten

Im Jahre 1847 war die kommunistische Kolonie in Brüssel ganz stattlich angewachsen.

Freilich fand sich kein Geist darunter, der sich mit Marx oder Engels hätte messen können. Manchmal schien es, als ob Moses Heß oder Wilhelm Wolff, die beide an der »Deutschen-Brüsseler-Zeitung« mitarbeiteten, der Dritte im Bunde werden würde. Aber schließlich ist es doch keiner von beiden geworden. Heß konnte sich niemals von den philosophischen Spinnweben befreien, und die verletzend scharfe Art, womit das »Kommunistische Manifest« seine Schriften beurteilte, führte zu seinem völligen Bruch mit Marx und Engels.

Jünger war ihre Freundschaft mit Wilhelm Wolff, der erst im Frühling 1846 nach Brüssel gekommen war, aber sie hat sich als wetterfest erwiesen, bis der allzufrühe Tod Wolffs sie löste. Aber Wolff war kein selbständiger Denker, und als Schriftsteller hatte er nicht nur die Lichtseiten der »populären Manier« vor Marx und Engels voraus. Er stammte aus der erbuntertänigen Bauernschaft Schlesiens und hatte sich unter unsäglichen Mühsalen zum Universitätsstudium emporgearbeitet, wo er an den großen Denkern und Dichtern des Altertums den glühenden |144| Haß gegen die Unterdrücker seiner Klasse nährte. Als Demagoge war er einige Jahre auf schlesischen Festungen herumgeschleppt worden und hatte dann als Privatlehrer in Breslau einen unermüdlichen Kleinkrieg mit der Bürokratie und der Zensur geführt, bis ihn die Einleitung neuer Prozesse veranlaßte, ins Ausland zu gehen, statt in preußischen Gefängnissen zu versauern.

Aus seiner Breslauer Zeit war er mit Lassalle befreundet wie später mit Marx und Engels, und alle drei haben sein Grab mit unverwelklichen Lorbeeren geschmückt. Wolff gehörte zu den edlen Naturen, die nach dem Worte des Dichters mit dem zahlen, was sie sind; sein eichenfester Charakter, seine unverbrüchliche Treue, seine peinliche Gewissenhaftigkeit, seine unantastbare Uneigennützigkeit, seine nie zu beirrende Bescheidenheit machten ihn zum Muster eines revolutionären Kämpfers und erklärten die hohe Achtung, womit neben aller Liebe oder allem Haß seine politischen Freunde wie seine politischen Gegner von ihm zu sprechen pflegten.

Etwas weiter ab, als Wilhelm Wolff, stand in dem Kreise um Marx und Engels sein Namensvetter Ferdinand Wolff, und auch Ernst Dronke, der ein treffliches Buch über das vormärzliche Berlin geschrieben hatte und wegen einer angeblich darin enthaltenen Majestätsbeleidigung zu zweijähriger Festungshaft verurteilt worden war, traf erst auf seiner Flucht aus den Kasematten von Wesel in zwölfter Stunde ein. Zu dem engeren Kreise gehörte dann namentlich noch Georg Weerth, den Engels schon aus der Zeit kannte, wo er in Manchester lebte, und Weerth, ebenfalls als Kommis einer deutschen Firma, in Bradford. Weerth war ein echter Dichter und ebendeshalb frei von allem Zopf der Poetenzunft; auch er ist eines allzufrühen Todes verblieben, und noch hat keine pietätvolle Hand die Verse gesammelt, die er aus dem Geiste des kämpfenden Proletariats gesungen und achtlos verstreut hat.

Zu diesen Geistesarbeitern gesellten sich dann fähige Handarbeiter, allen voran Karl Wallau und Stephan Born, die beiden Setzer der »Deutschen-Brüsseler-Zeitung«.

Auch war Brüssel, die Hauptstadt eines Staats, der sich als Muster der bürgerlichen Monarchie aufspielte, der geeignetste Ort, internationale Beziehungen anzuknüpfen, namentlich so lange als Paris, das noch immer als Brennpunkt der Revolution galt, unter dem Druck der berüchtigten Septembergesetze litt. In Belgien selbst hatten Marx und Engels gute Beziehungen zu Männern der Revolution von 1830; in Deutschland, zumal in Köln, zählten sie alte und neue Freunde, neben Georg Jung besonders die Ärzte d'Ester und Daniels; in Paris knüpfte |145| Engels mit der sozialistisch-demokratischen Partei an, namentlich mit ihren literarischen Vertretern, mit Louis Blanc und mit Ferdinand Flocon, der das Organ dieser Partei, die »Réforme« redigierte. Noch engere Beziehungen bestanden mit der revolutionären Fraktion der Chartisten, mit Julian Harney, dem Redakteur des »Northern Star«, und mit Ernest Jones, der seine Bildung und Erziehung in Deutschland erhalten hatte. Unter dem geistigen Einfluß dieser Chartistenführer lebten die Fraternal Democrats, eine internationale Organisation, in der auch der Bund der Gerechten durch Karl Schapper, Josef Moll und andere Mitglieder vertreten war.

Von diesem Bunde ging nun im Januar 1847 ein entscheidender Anstoß aus. Als »kommunistisches Korrespondenz-Komitee in London« verkehrte er mit dem »Korrespondenz-Komitee in Brüssel«, doch waren die gegenseitigen Beziehungen recht kühl. Auf der einen Seite herrschte Mißtrauen gegen die »Gelehrten«, die doch nicht wissen könnten, wo die Arbeiter der Schuh drücke, auf der andern Seite Mißtrauen gegen die »Straubinger«, das heißt gegen die handwerksmäßig-zünftlerische Beschränktheit, die unter den damaligen deutschen Arbeitern noch stark vorherrschte. Engels, der in Paris seine liebe Not hatte, die dortigen »Straubinger« dem Einfluß Proudhons und Weitlings zu entziehen, hielt zwar die Londoner »Straubinger« für die einzigen, mit denen sich verhandeln ließe, erklärte aber doch eine Adresse, die der Bund der Gerechten im Herbst 1846 in der schleswig-holsteinischen Sache erlassen hatte, einfach für »Schund«: ihre Vertreter hätten von den Engländern gerade den Unsinn gelernt: die totale Ignorierung aller wirklich vorliegenden Verhältnisse und die Unfähigkeit, eine historische Entwicklung aufzufassen.

Marx hat sich ein reichliches Jahrzehnt später über seine damalige Stellung zum Bunde der Gerechten so ausgelassen: »Wir veröffentlichten gleichzeitig eine Reihe teils gedruckter, teils lithographierter Pamphlets, worin das Gemisch von französisch-englischem Sozialismus oder Kommunismus und von deutscher Philosophie, das damals die Geheimlehre des ›Bundes‹ bildete, einer unbarmherzigen Kritik unterworfen, statt dessen die wissenschaftliche Einsicht in die ökonomische Struktur der bürgerlichen Gesellschaft als einzig haltbare theoretische Grundlage aufgestellt und endlich in populärer Form auseinandergesetzt ward, wie es sich nicht um Durchführung irgendeines utopistischen Systems handle, sondern um selbstbewußte Teilnahme an dem unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Umwälzungsprozeß der Gesellschaft.«[27] Der Wirksamkeit dieser Kundgebungen schrieb Marx zu, daß der Bund |146| der Kommunisten im Januar 1847 ein Mitglied seiner Zentralbehörde, den Uhrmacher Josef Moll, nach Brüssel sandte, um ihn und Engels zum Eintritt in den Bund aufzufordern, der ihre Auffassung anzunehmen beabsichtige.

Leider hat sich keine der Flugschriften erhalten [28], von denen Marx spricht, bis auf das Rundschreiben gegen Kriege, der unter anderm als Emissär und Prophet eines geheimen Essäerbundes, des »Bundes der Gerechtigkeit« verspottet wird. Kriege mystifiziere die wirkliche geschichtliche Entwicklung des Kommunismus in den verschiedenen Ländern Europas dadurch, daß er ihren Ursprung und ihre Fortschritte auf fabelhafte und romanhafte, aus der Luft gegriffene Intrigen dieses Essäerbundes schreibe und die wahnwitzigsten Phantasien über dessen Macht verbreite.

Hat dies Rundschreiben auf den Bund der Gerechten eingewirkt, so hat er eben dadurch bewiesen, daß seine Mitglieder doch mehr waren als »Straubinger«, und daß sie aus der englischen Geschichte besseres gelernt hatten, als Engels annahm. Sie haben das Rundschreiben, so unfreundlich ihr »Essäerbund« darin erwähnt war, besser zu würdigen gewußt als Weitling, der gar nicht darin gekränkt war, aber sich gleichwohl auf Krieges Seite schlug. In der Tat hatte sich der Bund der Gerechten in dem Weltverkehr Londons frischer und kräftiger erhalten als in Zürich und selbst in Paris. Zunächst für die Propaganda unter deutschen Arbeitern bestimmt, hatte er in der Weltstadt einen internationalen Charakter angenommen. Im regen Verkehr mit Flüchtlingen aus aller Herren Ländern und im Angesicht der chartistischen Bewegung, die immer höhere Wellen schlug, gewannen seine Leiter den Blick in eine Ferne, die weit über handwerksmäßige Vorstellungen hinausging. Neben den alten Führern Schapper, Bauer und Moll und über sie hinaus taten sich der Miniaturmaler Karl Pfänder aus Heilbronn und der Schneider Georg Eccarius aus Thüringen durch die Gabe theoretischer Erkenntnis hervor.

Die von Schappers Hand geschriebene und vom 20. Januar 1847 datierte Vollmacht, womit Moll in Brüssel bei Marx und danach bei Engels in Paris erschien, ist noch sehr vorsichtig abgefaßt; sie ermächtigt den Überbringer, über die Lage des Bundes zu berichten und genaue Auskunft über alle Gegenstände von Wichtigkeit zu geben. Mündlich ging Moll freier aus sich heraus. Er forderte Marx auf, in den Bund einzutreten und schlug dessen anfängliche Bedenken durch die Eröffnung nieder, daß die Zentralbehörde einen Bundeskongreß nach London zu berufen beabsichtige, um die von Marx und Engels geltend gemachten |147| kritischen Ansichten in einem öffentlichen Manifest als Bundeslehre aufzustellen, jedoch müßten Marx und Engels den veralteten und widerstrebenden Elementen gegenüber mitwirken, und zu diesem Zwecke müßten sie in den Bund eintreten.

So entschlossen sie sich dazu. Doch kam es auf dem Kongreß, der im Sommer 1847 stattfand, zunächst nur zu einer demokratischen Organisation des Bundes, wie sie einer Propagandagesellschaft entsprach, die zwar im geheimen wirken mußte, aber sich allem verschwörerischen Treiben fernhielt. Der Bund organisierte sich in Gemeinden, die nicht unter drei und nicht über zehn Mitglieder zählen durften, Kreisen, leitenden Kreisen, Zentralbehörde und Kongreß. Für seinen Zweck wurde erklärt der Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Proletariats, die Aufhebung der alten, auf Klassengegensätzen beruhenden Gesellschaft, die Gründung einer neuen Gesellschaft ohne Klassen und Privateigentum.[29]

Es entsprach dem demokratischen Charakter des Bundes, der sich von nun an Bund der Kommunisten nannte, daß die neuen Statuten zunächst den einzelnen Gemeinden zur Beratung vorgelegt wurden. Der endgültige Beschluß über sie wurde auf einen zweiten Kongreß verschoben, der noch vor Schluß des Jahres stattfinden und zugleich das neue Programm des Bundes beraten sollte. Dem ersten Kongreß hat Marx noch nicht beigewohnt, wohl aber Engels als Vertreter der Pariser und Wilhelm Wolff als Vertreter der Brüsseler Gemeinden.

 

7. Propaganda in Brüssel

Der Bund der Kommunisten sah seine Aufgabe zunächst darin, deutsche Arbeiterbildungsvereine zu stiften, die ihm eine öffentliche Propaganda ermöglichten, wie er sich aus ihren brauchbarsten Mitgliedern ergänzen und erweitern konnte.

Die Einrichtung dieser Vereine war überall dieselbe. Ein Tag in der Woche wurde zur Diskussion bestimmt, ein anderer für gesellige Unterhaltung (Gesang, Deklamation usw.). Überall wurden Vereinsbibliotheken eingerichtet und wenn möglich Klassen für den Unterricht der Arbeiter in Elementarkenntnissen.

Nach diesem Muster wurde dann auch der Deutsche Arbeiterverein eingerichtet, der Ende August in Brüssel entstand und bald gegen hundert Mitglieder zählte. Vorsitzende waren Moses Heß und Wallau, Schriftführer war Wilhelm Wolff. Der Verein kam am Mittwoch- und |148| Sonntagabend zusammen. Am Mittwoch wurden wichtige Fragen erörtert, die die Interessen des Proletariats berührten, am Sonntagabend pflegte Wolff seine politische Wochenübersicht zu geben, wofür er bald ein besonderes Geschick entfaltete; danach folgte gesellige Unterhaltung, woran sich auch die Frauen beteiligten.

Am 27. September veranstaltete dieser Verein ein internationales Bankett, um zu zeigen, daß die Arbeiter verschiedener Länder brüderliche Gesinnungen gegeneinander hegten. Man wählte damals mit Vorliebe die Form von Banketts für die politische Propaganda, um den polizeilichen Einmischungen in öffentlichen Versammlungen zu entgehen. Das Bankett vom 27. September hatte aber noch einen besonderen Ursprung und Zweck. Es wurde von Bornstedt und anderen unzufriedenen Elementen der deutschen Kolonie veranstaltet, wie der gerade anwesende Engels an den gerade abwesenden Marx schrieb, »der uns zu einer sekundären Rolle gegenüber Imbert und den belgischen Demokraten herabdrücken und eine viel großartigere, universellere Gesellschaft ins Leben rufen sollte als unsren lumpigen Arbeiterverein«. Engels jedoch wußte die Intrige rechtzeitig zu hintertreiben; er wurde sogar, trotz seines Sträubens, weil er so »schrecklich jung aussehe«, neben dem Franzosen Imbert zu einem der beiden Vizepräsidenten gewählt, während der Ehrenvorsitz des Banketts dem General Mellinet und der wirkliche Vorsitz dem Advokaten Jottrand übertragen wurde, alten Kämpfern der belgischen Revolution von 1830.

An der Festtafel saßen 120 Gäste, Belgier, Deutsche, Schweizer, Franzosen, Polen, Italiener, auch ein Russe. Nach mancherlei Reden beschloß man, einen Verein von Reformfreunden in Belgien nach dem Muster der Fraternal Democrats zu gründen. In die vorbereitende Kommission wurde auch Engels gewählt. Da er alsbald Brüssel wieder verließ, so empfahl er in einem Briefe an Jottrand, Marx an seine Stelle zu berufen, der unzweifelhaft gewählt worden wäre, wenn er der Versammlung vom 27. September hätte beiwohnen können. »Es wäre daher nicht Herr Marx, der in der Kommission an meine Stelle treten würde, sondern ich war es vielmehr, der in der Versammlung Herrn Marx vertrat.« In der Tat wurden, als sich am 7. und 15. November die »Demokratische Gesellschaft für Vereinigung aller Länder« endgültig auftat, Imbert und Marx zu Vizepräsidenten gewählt, während Mellinet als Ehren- und Jottrand als wirklicher Präsident bestätigt wurden. Das Statut war von belgischen, deutschen, französischen, polnischen Demokraten unterzeichnet, im ganzen etwa 60 Namen; an Deutschen fanden sich darunter neben Marx namentlich |149|* Moses Heß, Georg Weerth, die beiden Wolff, Stephan Born, auch Bornstedt.

Die erste größere Kundgebung der Demokratischen Gesellschaft war die Jahresfeier der polnischen Revolution am 29. November. Für die Deutschen sprach Stephan Born, der großen Beifall erntete. Marx aber sprach als offizieller Vertreter der Gesellschaft auf dem Meeting, das die Fraternal Democrats in London am gleichen Tage und aus gleichem Anlaß veranstalteten. Er stimmte seine Rede durchaus auf den proletarisch-revolutionären Ton. »Das alte Polen ist allerdings verloren, und wir wären die letzten, seine Wiederherstellung zu wünschen. Aber nicht nur das alte Polen ist verloren. Das alte Deutschland, das alte Frankreich, das alte England, die ganze alte Gesellschaft ist verloren. Der Verlust der alten Gesellschaft ist aber kein Verlust für die, die nichts in der alten Gesellschaft zu verlieren haben, und in allen jetzigen Ländern ist dies der Fall für die große Mehrzahl.«[30] In dem Siege des Proletariats über die Bourgeoisie sah Marx das Befreiungssignal für alle unterdrückten Nationen und in dem Siege der englischen Proletarier über die englische Bourgeoisie den entscheidenden Schlag für den Sieg aller Unterdrückten über ihre Unterdrücker. Polen sei nicht in Polen, sondern in England zu befreien. Schlügen die Chartisten ihre inländischen Feinde, so würden sie die ganze Gesellschaft geschlagen haben.

In der Antwort auf die Adresse, die Marx überreicht hatte, schlugen die Fraternal Democrats denselben Ton an. »Euer Vertreter, unser Freund und Bruder Marx, wird euch erzählen, mit welchem Enthusiasmus wir sein Erscheinen und die Verlesung eurer Adresse begrüßt haben. Alle Augen strahlten vor Freude, alle Stimmen riefen Willkommen, alle Hände streckten sich brüderlich eurem Vertreter entgegen ... Wir nehmen mit den Gefühlen der lebhaftesten Freude das Bündnis an, das ihr uns anbietet. Unser Verein besteht seit mehr als zwei Jahren mit der Devise: Alle Menschen sind Brüder. Bei Gelegenheit unseres letzten Stiftungsfestes haben wir die Bildung eines demokratischen Kongresses aller Nationen empfohlen, und wir sind erfreut zu hören, daß ihr die gleichen Vorschläge öffentlich kundgegeben habt. Die Verschwörung der Könige muß bekämpft werden durch die Verschwörung der Völker ... Wir sind überzeugt, daß man sich an das wirkliche Volk wenden muß, an die Proletarier, an die Männer, die täglich ihr Blut und ihren Schweiß unter dem Druck der gegenwärtigen Gesellschaftssysteme vergießen, um die allgemeine Brüderlichkeit durchzusetzen ... Aus der Hütte, der Dachstube oder dem Keller, vom Pfluge, von der Fabrik, vom Amboß weg wird man sehen können, ja sieht man |150| schon die gleiche Straße daherkommen die Träger der Brüderlichkeit und die auserwählten Retter der Menschheit.« Die Fraternal Democrats schlugen vor, den allgemeinen Demokratenkongreß im September 1848 in Brüssel abzuhalten, gewissermaßen als Gegenstück zu dem Freihandelskongreß, der im September 1847 ebenda stattgefunden hatte.

Die Begrüßung der Fraternal Democrats war jedoch nicht der einzige Zweck, der Marx nach London geführt hatte. Unmittelbar nach dem Polenmeeting, in demselben Raume, dem Versammlungssaale des Kommunistischen Arbeiterbildungsvereins, der im Jahre 1840 von Schapper, Bauer und Moll gegründet worden war, fand der Kongreß statt, den der Bund der Kommunisten berufen hatte, um die neuen Statuten endgültig zu genehmigen und das neue Programm zu diskutieren. Engels wohnte auch diesem Kongreß bei, er war von Paris aus am 27. November in Ostende mit Marx zusammengetroffen, und sie hatten zusammen die Reise übers Wasser gemacht. Nach mindestens zehntägigen Debatten erhielten beide den Auftrag, die kommunistischen Grundsätze in einem öffentlichen Manifest zusammenzufassen.

Um die Mitte Dezember kehrte Marx nach Brüssel und Engels über Brüssel nach Paris zurück. Mit der Ausführung ihres Auftrages scheinen sie es nicht allzu eilig gehabt zu haben; wenigstens erließ die Zentralbehörde in London am 24. Januar 1848 eine sehr energische Mahnung an die Kreisbehörde Brüssel, wonach dem Bürger Marx bedeutet werden sollte, daß weitere Maßregeln gegen ihn ergriffen werden würden, wenn nicht das »Manifest der Kommunistischen Partei«, dessen Abfassung er übernommen habe, bis zum 1. Februar in London angekommen sei. Was die Verzögerung veranlaßt hat, wird sich kaum noch feststellen lassen: die gründliche Art, wie Marx arbeitete, oder die räumliche Trennung von Engels; vielleicht sind auch die Londoner ungeduldig geworden, auf die Nachricht hin, daß Marx seine Propaganda in Brüssel eifrig weitertreibe.

Am 9. Januar 1848 hielt Marx in der Demokratischen Gesellschaft eine Rede über den Freihandel.[31] Er hatte dieselbe Rede schon auf dem Brüsseler Freihandelskongreß halten wollen, war damals aber nicht zum Worte gekommen. Was er darin nach- und zurückwies, war der Schwindel, den die Freihändler mit dem »Wohl der Arbeiter« trieben, von dem sie behaupteten, daß es die Triebfeder ihrer Agitation sei. Wenn aber der Freihandel durchaus das Kapital zum Nachteil der Arbeiter begünstigte, so verkannte Marx doch nicht - und ebendeshalb nicht - daß er den Grundsätzen der bürgerlichen Ökonomie entspräche. Er sei die |151| Freiheit des Kapitals, das die nationalen Schranken, durch die es noch beengt werde, behufs völliger Entfesselung seiner Tätigkeit niederreiße. Er zersetze die früheren Nationalitäten und treibe den Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat auf die Spitze. Damit beschleunige er die soziale Revolution, und in diesem revolutionären Sinne stimmte Marx für das System der Handelsfreiheit.

Zugleich verwahrte er sich gegen den Verdacht schutzzöllnerischer Tendenzen, und er geriet mit seiner Befürwortung des Freihandels auch keineswegs in Widerspruch mit seiner Anerkennung deutscher Schutzzölle als einer »progressiven Bourgeoisiemaßregel«. Wie Engels betrachtete Marx die ganze Freihandels- und Schutzzollfrage rein vom revolutionären Standpunkt. Die deutsche Bourgeoisie brauche Schutzzölle als Waffen gegen den Absolutismus und Feudalismus, als Mittel, ihre Kräfte zu konzentrieren, den Freihandel im Innern des Landes zu verwirklichen, die große Industrie aufzuziehen, die alsbald vom Weltmarkt, das heißt mehr oder weniger vom Freihandel abhängig werden müßte. Im übrigen fand die Rede den lebhaften Beifall der Demokratischen Gesellschaft, die sie auf ihre Kosten in französischer und flämischer Sprache drucken zu lassen beschloß.

Bedeutender und wichtiger als diese Rede, waren die Vorträge, die Marx im Deutschen Arbeiterverein über Lohnarbeit und Kapital hielt. Marx ging davon aus, daß der Arbeitslohn nicht ein Anteil des Arbeiters an der von ihm produzierten Ware, sondern der Teil der schon vorhandenen Waren sei, womit der Kapitalist eine bestimmte Summe produktiver Arbeit an sich kaufe. Der Preis der Arbeit werde bestimmt wie der Preis jeder anderen Ware: durch ihre Produktionskosten. Die Produktionskosten der einfachen Arbeit beliefen sich auf die Existenz- und Fortpflanzungskosten des Arbeiters. Der Preis dieser Kosten bilde den Arbeitslohn, der durch die Schwankungen der Konkurrenz wie der Preis jeder anderen Ware bald über, bald unter den Produktionskosten stehe, aber innerhalb dieser Schwankungen sich zum Lohnminimum ausgleiche.

Marx untersuchte dann das Kapital. Auf die Erklärung der bürgerlichen Ökonomen, Kapital sei aufgehäufte Arbeit, antwortete er: »Was ist ein Negersklave? Ein Mensch von der schwarzen Race. Die eine Erklärung ist die andere wert. Ein Neger ist ein Neger. In bestimmten Verhältnissen wird er erst zum Sklaven. Eine Baumwollspinnmaschine ist eine Maschine zum Baumwollspinnen. Nur in bestimmten Verhältnissen wird sie zu Kapital. Aus diesen Verhältnissen herausgerissen, ist sie so wenig Kapital wie Gold an und für sich Geld oder der Zucker der Zuckerpreis |152|* ist.«[32] Das Kapital ist ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis, ein Produktionsverhältnis der bürgerlichen Gesellschaft. Eine Summe von Waren, von Tauschwerten wird dadurch zu Kapital, daß sie als selbständige gesellschaftliche Macht, das heißt als die Macht eines Teils der Gesellschaft sich erhält und vermehrt durch den Austausch gegen die unmittelbare lebendige Arbeitskraft. »Die Existenz einer Klasse, die nichts besitzt als die Arbeitsfähigkeit, ist eine notwendige Voraussetzung des Kapitals. Die Herrschaft der aufgehäuften, vergangenen, vergegenständlichten Arbeit über die unmittelbare, lebendige Arbeit macht die aufgehäufte Arbeit erst zum Kapital. Das Kapital besteht nicht darin, daß aufgehäufte Arbeit der lebendigen Arbeit als Mittel zu neuer Produktion dient. Es besteht darin, daß die lebendige Arbeit der aufgehäuften Arbeit als Mittel dient, ihren Tauschwert zu erhalten und zu vermehren.«[33] Kapital und Arbeit bedingen sich gegenseitig, sie bringen sich gegenseitig hervor.

Wenn die bürgerlichen Ökonomen daraus folgern, das Interesse des Kapitalisten und des Arbeiters sei dasselbe, so geht der Arbeiter allerdings zugrunde, wenn ihn das Kapital nicht beschäftigt, und das Kapital geht zugrunde, wenn es den Arbeiter nicht ausbeutet. Je rascher sich das produktive Kapital vermehrt, je blühender daher die Industrie ist, je mehr sich die Bourgeoisie bereichert, um so mehr Arbeiter braucht der Kapitalist, um so teurer verkauft sich der Arbeiter. Die unerläßliche Bedingung für eine passable Lage des Arbeiters ist also möglichst rasches Wachsen des produktiven Kapitals.

Marx führte aus, daß in diesem Falle ein merkliches Zunehmen des Arbeitslohns ein um so rascheres Wachsen des produktiven Kapitals voraussetze. Wachse das Kapital, so möge der Arbeitslohn steigen, um so schneller steige der Profit des Kapitals. Die materielle Lage des Arbeiters habe sich verbessert, aber auf Kosten seiner gesellschaftlichen Lage: die gesellschaftliche Kluft, die ihn vom Kapitalisten trenne, habe sich erweitert. Günstigste Bedingung für die Lohnarbeit ist möglichst rasches Wachstum des Kapitals, heiße nur: Je rascher die Arbeiterklasse die ihr feindliche Macht, den fremden, über sie gebietenden Reichtum vermehrt und vergrößert, unter desto günstigeren Bedingungen wird ihr erlaubt, von neuem an der Vergrößerung der Kapitalmacht zu arbeiten, zufrieden, sich selbst die goldenen Ketten zu schmieden, woran die Bourgeoisie sie hinter sich herschleift.

Nun sind aber gar nicht einmal, führt Marx weiter aus, Wachstum des Kapitals und Steigen des Arbeitslohns so unzertrennlich verbunden, wie die bürgerlichen Ökonomen behaupten. Es ist nicht wahr, daß je |153| feister das Kapital, desto besser sein Sklave gemästet wird. Das Anwachsen des produktiven Kapitals begreift die Akkumulation und Konzentration der Kapitalien in sich. Ihre Zentralisation führt eine größere Arbeitsteilung und eine größere Anwendung von Maschinen mit sich. Die größere Teilung der Arbeit zerstört die besondere Geschicklichkeit des Arbeiters; indem sie an die Stelle dieser besonderen Geschicklichkeit eine Arbeit setzt, die jedermann verrichten kann, vermehrt sie die Konkurrenz unter den Arbeitern.

Diese Konkurrenz wird um so stärker, je mehr die Arbeitsteilung dem einzelnen Arbeiter ermöglicht, die Arbeit von dreien zu verrichten. Das gleiche Ergebnis haben die Maschinen in noch viel höherem Grade. Das Anwachsen des produktiven Kapitals zwingt die industriellen Kapitalisten, mit stets wachsenden Mitteln zu arbeiten; es ruiniert damit die kleinen Industriellen und wirft sie ins Proletariat. Ferner, da der Zinsfuß in dem Maße fällt, worin die Kapitalien sich aufhäufen, werden die kleinen Rentner, die von ihren Renten nicht mehr leben können, sich der Industrie zuwenden und die Zahl der Proletarier vermehren.

Endlich, je mehr das produktive Kapital wächst, desto mehr wird es gezwungen, für einen Markt zu produzieren, dessen Bedürfnisse es nicht kennt. Um so mehr geht die Produktion dem Bedarf voraus, um so mehr sucht das Angebot die Nachfrage zu erzwingen, um so mehr nehmen an Häufigkeit und Heftigkeit die Krisen zu, jene industriellen Erdbeben, in denen die Handelswelt sich nur dadurch erhält, daß sie einen Teil des Reichtums, der Produkte und selbst der Produktivkräfte den Göttern der Unterwelt opfert. Das Kapital lebt nicht nur von der Arbeit. Ein zugleich vornehmer und barbarischer Herr, zieht es mit sich in die Gruft die Leichen seiner Sklaven, ganze Arbeiterhekatomben, die in den Krisen untergehen. Und so faßt sich Marx zusammen: Wächst das Kapital rasch, so wächst ungleich rascher die Konkurrenz unter den Arbeitern, das heißt, desto mehr nehmen verhältnismäßig die Beschäftigungsmittel, die Lebensmittel für die Arbeiterklasse ab, und nichtsdestoweniger ist das rasche Wachsen des Kapitals die günstigste Bedingung für die Lohnarbeit.

Leider ist nur dies Bruchstück aus den Vorträgen erhalten, die Marx den deutschen Arbeitern in Brüssel hielt. Aber es genügt, um zu zeigen, mit welchem Ernst und welcher Tiefe des Denkens er diese Propaganda trieb. Anders urteilte darüber freilich Bakunin, der, aus Frankreich ausgewiesen, wegen einer Rede, die er zur Jahresfeier der polnischen Revolution gehalten hatte, eben in diesen Tagen nach Brüssel kam. Er schrieb am 28. Dezember 1847 einem russischen Freunde: »Marx treibt |154| hier dieselbe eitle Wirtschaft wie vorher, verdirbt die Arbeiter, indem er Räsoneure aus ihnen macht. Dieselbe theoretische Verrücktheit und unbefriedigte Selbstzufriedenheit«, und noch ärger ging es in einem Brief an Herwegh über Marx und Engels her: »Mit einem Wort, Lüge und Dummheit, Dummheit und Lüge. In dieser Gesellschaft ist keine Möglichkeit, einen freien vollen Atemzug zu tun. Ich halte mich fern von ihnen und habe ganz entschieden erklärt, ich gehe in ihren kommunistischen Handwerkerverein nicht und will mit ihm nichts zu tun haben.«

Diese Äußerungen Bakunins sind bemerkenswert, nicht wegen ihrer etwaigen persönlichen Gereiztheit - denn Bakunin hat früher und auch später ganz anders über Marx geurteilt - sondern weil sich in ihnen ein Gegensatz ankündigte, der zu heftigen Kämpfen zwischen diesen beiden Revolutionären führen sollte.

 

 

8. »Das Kommunistische Manifest«

Inzwischen war nun auch das Manuskript des »Kommunistischen Manifestes« zum Druck nach London gesandt worden.

An Vorarbeiten dazu hatte es schon nach dem ersten Kongreß nicht gefehlt, der die Beratung eines kommunistischen Programms dem zweiten Kongreß übertragen hatte. Es lag nahe, daß die Theoretiker der Bewegung sich mit dieser Aufgabe beschäftigten. Marx und Engels, auch Heß haben solche ersten Entwürfe gemacht.

Erhalten davon hat sich aber nur der Entwurf, über den Engels am 24. November 1847, also kurz vor dem zweiten Kongreß, an Marx schrieb: »Überleg Dir doch das Glaubensbekenntnis etwas. Ich glaube, wir tun am besten, wir lassen die Katechismusform weg und titulieren das Ding: ›Kommunistisches Manifest‹. Da darin mehr oder weniger Geschichte erzählt werden muß, paßt die bisherige Form gar nicht. Ich bringe das hiesige mit, das ich gemacht habe, es ist einfach erzählend, aber miserabel redigiert, in fürchterlicher Eile.«[34] Engels fügte hinzu, der Entwurf sei den Pariser Gemeinden noch nicht vorgelegt worden, aber bis auf einige ganz kleine Kleinigkeiten hoffe er ihn durchzusetzen.

Er ist noch ganz in der Katechismusform abgefaßt, die jedenfalls seine große Gemeinverständlichkeit eher gefördert als gefährdet hätte. Für die Zwecke der augenblicklichen Agitation wäre er geeigneter gewesen, als das spätere »Manifest«, mit dem er in seinem gedanklichen Inhalt vollkommen übereinstimmt. Wenn Engels gleichwohl seine 25 Fragen |155| und Antworten von vornherein opferte zugunsten einer historischen Darstellung, so gab er damit einen Beweis seiner Gewissenhaftigkeit; das Manifest, worin sich der Kommunismus als weltgeschichtliche Erscheinung ankündigte, mußte - nach dem Worte des griechischen Geschichtsschreibers - ein Werk von bleibender Bedeutung, und keine Streitschrift für den flüchtigen Leser sein.

Es ist denn auch die klassische Form, die dem »Kommunistischen Manifest« seinen dauernden Platz in der Weltliteratur gesichert hat. Nicht zwar als ob damit jenen seltsamen Käuzen ein Zugeständnis gemacht werden soll, die durch Herausreißen einzelner Sätze haben beweisen wollen, daß die Verfasser des »Manifestes« Carlyle oder Gibbon oder Sismondi oder wen sonst bestohlen hätten. Das ist reines Augenverblenden, und in dieser Beziehung ist das »Manifest« so selbständig und ursprünglich, wie nur je ein Schriftwerk gewesen ist. Aber allerdings enthält es keinen Gedanken, den Marx oder Engels nicht schon in ihren bisherigen Schriften geäußert hatten. Das »Manifest« war keine neue Offenbarung; es faßte nur die neue Weltanschauung seiner Verfasser in einem Spiegel zusammen, dessen Glas nicht klarer und dessen Rahmen nicht enger sein konnte. An der endgültigen Formgebung hat, soweit der Stil ein Urteil gestattet, Marx den größeren Anteil gehabt, obgleich Engels, wie sein Entwurf zeigt, auf keiner niedrigeren Stufe der Erkenntnis stand und als Mitverfasser von gleichem Recht gelten muß.

Seit dem Erscheinen des »Manifestes« sind zwei Drittel eines Jahrhunderts vergangen, und diese sechs bis sieben Jahrzehnte waren eine Zeit der gewaltigsten, ökonomischen und politischen Umwälzungen, die an dem »Manifest« nicht spurlos vorübergegangen ist. In mancher Beziehung hat sich die geschichtliche Entwicklung anders, und vor allem hat sie sich viel langsamer vollzogen, als seine Verfasser annahmen.

Je weiter ihr Blick in die Ferne reichte, um so näher erschien sie ihnen. Man kann sagen, daß ohne diesen Schatten das Licht nicht zu haben war. Es ist eine psychologische Erscheinung, wie sie Lessing schon an den Menschen bemerkt hat, die »sehr richtige Blicke in die Zukunft« tun: »Wozu sich die Natur Jahrtausende Zeit nimmt, soll in dem Augenblick ihres Daseins reifen.« Nun haben sich Marx und Engels freilich nicht um Jahrtausende, aber doch um reichliche Jahrzehnte geirrt. Bei Abfassung des »Manifestes« sahen sie die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise auf einer Höhe, die sie heute kaum erreicht hat. Schärfer noch als das »Manifest« selbst sprach es Engels in seinem Entwurfe aus, wo es heißt, daß in den zivilisierten Ländern fast alle Arbeitszweige fabrikmäßig betrieben würden, daß fast in allen Arbeitszweigen |156|* das Handwerk und die Manufaktur durch die große Industrie verdrängt worden seien.

In eigentümlichem Gegensatze dazu standen die verhältnismäßig dürftigen Ansätze von Arbeiterparteien, die das »Kommunistische Manifest« erst zu verzeichnen wußte. Selbst die bedeutendste, der englische Chartismus, war noch stark von kleinbürgerlichen Elementen durchsetzt, geschweige denn die sozialistisch-demokratische Partei Frankreichs. Die Radikalen in der Schweiz und diejenigen polnischen Revolutionäre, denen die bäuerliche Emanzipation als Vorbedingung der nationalen Befreiung galt, waren doch erst nur Schattenbilder an der Wand. Später haben die Verfasser selbst darauf hingewiesen, einen wie beschränkten Umfang das Verbreitungsgebiet der damaligen proletarischen Bewegung hatte, und namentlich das Fehlen Rußlands wie der Vereinigten Staaten betont. »Es war die Zeit, wo Rußland die letzte große Reserve der europäischen Reaktion bildete, und wo die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten die überschüssigen Kräfte des europäischen Proletariats absorbierte. Beide Länder versorgten Europa mit Rohstoff und dienten gleichzeitig als Märkte seiner Industrieprodukte. Beide erschienen also, in dieser oder jener Weise, als Stützen der europäischen gesellschaftlichen Ordnung.«[35] Wie hatte sich das alles schon nach einem Menschenalter geändert, und vollends heute! Aber ist es wirklich eine Widerlegung des »Manifestes«, wenn die »höchst revolutionäre Rolle«, die es der kapitalistischen Produktionsweise zuschreibt, einen noch viel längeren Atem hatte, als seine Verfasser annahmen?

Es hängt damit zusammen, daß die packende und prächtige Schilderung, die der erste Abschnitt des »Manifestes« von dem Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat entwirft, in seinen Grundzügen zwar von unübertrefflicher Wahrheit ist, aber den Gang dieses Kampfes allzu summarisch behandelt. Man kann heute nicht so ganz im allgemeinen die Tatsache hinstellen, daß der moderne Arbeiter - im Unterschiede von den früheren unterdrückten Klassen, denen die Bedingungen gesichert gewesen seien, innerhalb deren sie wenigstens ihre knechtische Existenz sichern konnten - statt sich mit dem Fortschritt der Industrie zu heben, immer tiefer unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse herabsinke. So sehr die kapitalistische Produktionsweise diese Tendenz hat, so haben sich doch breite Schichten der Arbeiterklasse auch auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaft eine Existenz zu sichern gewußt, die sie sogar über die Existenz kleinbürgerlicher Schichten hinaushebt.

Man wird sich freilich hüten müssen, daraus mit den bürgerlichen Kritikern die Hinfälligkeit der »Verelendungstheorie« zu folgern, die |157| das »Kommunistische Manifest« verkündet haben soll. Diese Theorie, die Behauptung, daß die kapitalistische Produktionsweise die Massen der Nationen verelende, in denen sie herrsche, war lange aufgestellt worden, ehe das »Kommunistische Manifest« erschien, ja ehe Marx und Engels den ersten Federstrich taten. Sie war aufgestellt worden von sozialistischen Denkern, von radikalen Politikern, ja zu allererst von bürgerlichen Ökonomen. Das Bevölkerungsgesetz des Malthus bemühte sich, die »Verelendungstheorie« als ewiges Naturgesetz zu beschönigen. Die »Verelendungstheorie« spiegelte eine Praxis wider, über die sogar die Gesetzgebung der herrschenden Klassen stolperte. Man fabrizierte Armengesetze und erbaute Armenbastillen, worin die Verelendung als die Schuld der Verelendeten betrachtet und als solche bestraft wurde. Diese »Verelendungstheorie« haben Marx und Engels so wenig erfunden, daß sie ihr vielmehr von Anbeginn entgegengetreten sind, insofern als sie zwar keineswegs die an sich unanfechtbare und allgemein anerkannte Tatsache der Massenverelendung bestritten, wohl aber nachwiesen, daß diese Verelendung kein ewiges Naturgesetz, sondern eine geschichtliche Erscheinung sei, die beseitigt werden könne und werde, durch die Wirkungen derselben Produktionsweise, die sie hervorgerufen habe.

Will man unter diesem Gesichtspunkte eine Anklage gegen das »Kommunistische Manifest« richten, so kann sie nur dahin gehen, daß es sich noch nicht hinlänglich von den Anschauungen der bürgerlichen »Verelendungstheorie« frei gemacht hatte. Es stand noch auf dem Standpunkt des Lohngesetzes, wie es Ricardo an der Hand der Malthusischen Bevölkerungstheorie entwickelt hatte; es urteilte deshalb zu geringschätzig über die Lohnkämpfe und gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiter, in denen es wesentlich nur die Exerzierplätze und Manöverfelder des politischen Klassenkampfes sah. In der englischen Zehnstundenbill erkannten Marx und Engels damals noch nicht wie später den »Sieg eines Prinzips«; unter kapitalistischen Voraussetzungen war sie in ihren Augen nur eine reaktionäre Fessel der großen Industrie. Genug, das »Manifest« kannte noch nicht Fabrikgesetze und Gewerkschaftsorganisationen als Etappen des proletarischen Emanzipationskampfs, der die kapitalistische in die sozialistische Gesellschaft umwälzen und bis an sein letztes Ziel durchgekämpft werden muß, wenn nicht auch die ersten, mühsam eroberten Erfolge verlorengehen sollen.

Demgemäß betrachtete das »Manifest« die Reaktion des Proletariats gegen die verelendenden Tendenzen der kapitalistischen Produktionsweise zu einseitig im Lichte einer politischen Revolution. Ihm schwebten |158| die Muster der englischen und der französischen Revolution vor; es erwartete einige Jahrzehnte Bürgerkriege und Völkerkämpfe, in deren Treibhauswärme die politische Mündigkeit des Proletariats schnell heranreifen würde. Mit voller Klarheit trat die Ansicht der Verfasser in den Sätzen hervor, die von den Aufgaben der kommunistischen Partei in Deutschland handeln. Das »Manifest« befürwortete hier den gemeinsamen Kampf des Proletariats mit der Bourgeoisie, sobald diese revolutionär auftrete, gegen die absolute Monarchie, das feudale Grundeigentum und die Kleinbürgerei, wobei jedoch keinen Augenblick unterlassen werden dürfe, bei den Arbeitern ein möglichst klares Bewußtsein über den feindlichen Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat herauszuarbeiten.

Es heißt dann weiter: »Auf Deutschland richten die Kommunisten ihre Hauptaufmerksamkeit, weil Deutschland am Vorabend einer bürgerlichen Revolution steht und weil es diese Umwälzung unter fortgeschrittneren Bedingungen der europäischen Zivilisation überhaupt, und mit einem viel weiter entwickelten Proletariat vollbringt als England im siebenzehnten und Frankreich im achtzehnten Jahrhundert, die deutsche bürgerliche Revolution also nur das unmittelbare Vorspiel einer proletarischen Revolution sein kann.«[36] Die bürgerliche Revolution in Deutschland folgte dem »Manifest« nun zwar auf dem Fuße, aber die Bedingungen, unter denen sie sich vollzog, hatten gerade die umgekehrte Wirkung: sie ließen die bürgerliche Revolution auf halbem Wege stehen, bis wenige Monate später die Pariser Junischlacht der Bourgeoisie und namentlich der deutschen Bourgeoisie alle revolutionären Gelüste austrieb.

So hat der Zahn der Zeit hier und da an den wie in Marmor gemeißelten Sätzen des »Manifestes« genagt. Schon im Jahre 1872 haben die Verfasser selbst, in der Vorrede zu einer neuen Auflage, anerkannt, daß es »stellenweise veraltet« sei, aber sie durften mit gleichem Rechte hinzufügen, daß die in dem »Manifest« entwickelten Grundsätze im großen und ganzen ihre volle Richtigkeit behalten hätten. Das wird gelten, solange bis der weltgeschichtliche Kampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat ausgekämpft worden ist. Die entscheidenden Gesichtspunkte dieses Kampfes sind in dem ersten Abschnitt mit unübertrefflicher Meisterschaft entwickelt, so auch im zweiten Abschnitt die leitenden Gedanken des modernen wissenschaftlichen Kommunismus, und wenn im dritten Abschnitt die Kritik der sozialistischen und kommunistischen Literatur auch nur bis zum Jahre 1847 reicht, so blickt sie den Dingen doch so auf den Grund, daß seitdem keine sozialistische oder kommunistische |159|* Richtung aufgetaucht ist, die in diesem Abschnitt nicht schon mit kritisiert wurde. Aber selbst die Vorhersage des vierten und letzten Abschnitts über die deutsche Entwicklung ist in anderem Sinne, als ihre Verfasser meinten, doch wahr geworden; die bürgerliche Revolution in Deutschland, schon im Keime verkümmert, ist nur ein Vorspiel für die mächtige Entfaltung des proletarischen Klassenkampfs geworden.

Unerschütterlich in seinen Grundwahrheiten und lehrreich noch in seinen Irrtümern, ist das »Kommunistische Manifest« eine weltgeschichtliche Urkunde geworden, und durch die Weltgeschichte hallt der Schlachtruf, mit dem es schließt:

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

 

 

Anmerkungen:

 


[1] Karl Marx: Kritik der politischen Ökonomie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 13, S. 10.

[2] Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner, und des deutschen Sozialismus in seinen ve3schiedenen Propheten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 3, S. 9-532.

[3] Karl Marx: Thesen über Feuerbach, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 3, S. 533 ff.

[4] Friedrich Engels: Beschreibung der in neuester Zeit entstandenen und noch bestehenden kommunistischen Ansiedlungen, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, S. 521 ff.

Friedrich Engels: Zwei Reden in Elberfeld, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, S. 536 ff.

Friedrich Engels: Ein Fragment Fouriers über den Handel, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, S. 604 ff.

Friedrich Engels: Das Fest der Nationen in London, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, S. 611 ff.

[5] Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner, und des deutschen Sozialismus in seinen ve3schiedenen Propheten, Kapitel IV, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 3, S. 473-520.

Friedrich Engels: Nachträgliches über die Lage der arbeitenden Klassen in England, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, S. 591 ff.

[6] Friedrich Engels: Ein Fragment Fouriers über den Handel, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, S. 608.

[7] Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der kommunistischen Partei, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 487.

[8] Karl Marx/Friedrich Engels: Zirkular gegen Kriege, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 3-17.

[9] Karl Marx: Das Elend der Philosophie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 91/92.

[10] Karl Marx: Das Elend der Philosophie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 109, 112.

[11] Karl Marx: Das Elend der Philosophie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 97.

[12] Karl Marx: Das Elend der Philosophie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 143/144.

[13] Karl Marx: Das Elend der Philosophie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 140.

[14] Karl Marx: Das Elend der Philosophie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 143.

[15] Karl Marx: Das Elend der Philosophie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 130.

[16] Karl Marx: Das Elend der Philosophie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 165.

[17] Karl Marx: Das Elend der Philosophie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 182.

[18] Friedrich Engels: Karl Marx - »Zur Kritik der politischen Ökonomie«, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 13, S. 473.

[19] Friedrich Engels: Schutzzoll oder Freihandels-System, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 58-61.

Friedrich Engels: Karl Marx - »Zur Kritik der politischen Ökonomie«, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 13, S. 469.

[20] Karl Marx: Der Kommunismus des »Rheinischen Beobachters«, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 191-203.

[21] Karl Marx: Der Kommunismus des »Rheinischen Beobachters«, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 200.

[22] Friedrich Engels: Deutscher Sozialismus in Versen und Prosa, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 207-247.

[23] Friedrich Engels: Die wahren Sozialisten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 248-290.

[24] Friedrich Engels: Die wahren Sozialisten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 278/279.

[25] Friedrich Engels: Deutscher Sozialismus in Versen und Prosa, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 207.

[26] Karl Marx: Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral. Beitrag zur Deutschen Kulturgeschichte. Gegen Karl Heinzen, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 331-359. <=

[27] Karl Marx: Herr Vogt, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 14, S. 439.

[28] Friedrich Engels: Der Status quo in Deutschland, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 40-57.

[29] Statuten des Bundes der Kommunisten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 596-601.

[30] Karl Marx/Friedrich Engels: Reden über Polen, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 416/417.

[31] Karl Marx: Rede über die Frage des Freihandels, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 444-458.

[32] Karl Marx:Lohnarbeit und Kapital, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, S. 407.

[33] Karl Marx:Lohnarbeit und Kapital, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, S. 409.

[34] Friedrich Engels: Grundsätze des Kommunismus, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 361-380.

[35] Karl Marx/Friedrich Engels: [Vorrede zur zweiten russischen Ausgabe des »Manifests der Kommunistischen Partei«], in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 19, S. 295.

[36] Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der kommunistischen Partei, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 493.





 

Sechstes Kapitel:

Revolution und Gegenrevolution

 

1. Februar- und Märztage

 

|160| Am 24. Februar 1848 hatte die Revolution das französische Bürgerkönigtum gestürzt. Sie übte ihren Rückschlag auch auf Brüssel, doch wußte sich der König Leopold, ein mit allen Hunden gehetzter Coburger, geschickter aus der Klemme zu ziehen als sein Schwiegervater in Paris. Er versprach seinen liberalen Ministern, Abgeordneten und Bürgermeistern, die Krone niederzulegen, wenn die Nation es wünsche, und rührte dadurch die gemütvollen Staatsmänner der Bourgeoisie so sehr, daß sie auf alle rebellischen Gedanken verzichteten.

Danach ließ der König die Volksversammlungen auf den öffentlichen Plätzen durch seine Soldaten auseinandertreiben und eine polizeiliche Hetze gegen die fremden Flüchtlinge eröffnen. Gegen Marx wurde dabei mit besonderer Roheit verfahren; man verhaftete nicht nur ihn, sondern auch seine Frau, die man für eine Nacht mit öffentlichen Dirnen zusammensperrte. Der Polizeikommissar, der die Infamie verschuldet hatte, wurde später abgesetzt, und die Haft mußte sofort aufgehoben werden, doch blieb es bei der Ausweisung, die im übrigen eine überflüssige Mißhandlung war.

Denn Marx stand ohnehin auf dem Sprunge, nach Paris abzureisen. Sofort nach Ausbruch der Februarrevolution hatte die Londoner Zentralbehörde des Kommunistenbundes ihre Befugnisse auf die Brüsseler Kreisbehörde übertragen. Diese aber übertrug unter dem Belagerungszustande, der tatsächlich schon in Brüssel bestand, am 3. März ihre Befugnisse auf Marx mit der Vollmacht, eine neue Zentralbehörde in Paris zusammenzusetzen,[1] wohin Marx durch ein für ihn ehrenvolles, von Flocon gezeichnetes Schreiben der provisorischen Regierung vom 1. März zurückgerufen worden war.

Bereits am 6. März konnte Marx hier seine überlegene Einsicht bewähren, indem er sich in einer großen Versammlung der in Paris lebenden Deutschen dem abenteuerlichen Plan widersetzte, mit bewaffneter Hand nach Deutschland einzubrechen, um es zu revolutionieren. Ausgeheckt |161|* war der Plan durch den zweideutigen Bornstedt, dem es leider gelang, Herwegh dafür zu gewinnen. Auch Bakunin, der es später bereut hat, war damals dafür. Die provisorische Regierung unterstützte den Plan, nicht aus revolutionärer Begeisterung, sondern mit dem Hintergedanken, bei der herrschenden Arbeitslosigkeit die fremden Arbeiter loszuwerden; sie bewilligte ihnen Marschquartiere und eine Marschzulage von täglich 50 Centimes bis zur Grenze. Herwegh täuschte sich selbst nicht über ihr »egoistisches Motiv, viele tausend Handwerker, die den Franzosen Konkurrenz machen, loszuwerden«, aber bei seinem Mangel an politischem Blick trieb er das Abenteuer bis zum kläglichen Ende bei Niederdossenbach.

Indem Marx sich dieser Revolutionsspielerei entschieden widersetzte, die vollends sinnlos geworden war, nachdem die Revolution am 13. März in Wien und am 18. März in Berlin gesiegt hatte, schuf er die Mittel, in wirksamer Weise die deutsche Revolution zu fördern, auf die die Kommunisten ihr Hauptaugenmerk gerichtet hatten. Gemäß seiner Vollmacht bildete er eine neue Zentralbehörde, die halb aus ehemaligen Brüsselern (Marx, Engels, Wolff), halb aus ehemaligen Londonern (Bauer, Moll, Schapper) bestand. Sie erließ einen Aufruf, der siebenzehn Forderungen »im Interesse des deutschen Proletariats, des kleinen Bürger- und Bauernstandes« enthielt, darunter die Erklärung des ganzen Deutschlands zu einer einigen und unteilbaren Republik, allgemeine Volksbewaffnung, Verstaatlichung der fürstlichen und anderen feudalen Landgüter, Bergwerke, Gruben, Transportmittel, Errichtung von Nationalwerkstätten, allgemeine unentgeltliche Volkserziehung usw.[2] Selbstverständlich sollten diese Forderungen der kommunistischen Propaganda nur die allgemeinen Richtlinien vorzeichnen; daß sie nicht von heut auf morgen, sondern nur in einem langen revolutionären Entwicklungsprozeß verwirklicht werden konnten, wußte niemand besser als Marx.

Der Bund der Kommunisten war viel zu schwach, um als geschlossene Organisation die revolutionäre Bewegung zu beschleunigen. Es zeigte sich, daß seine Reorganisation auf dem Kontinent noch in den ersten Anfängen steckte. Doch kam darauf umsoweniger an, als seine Existenzberechtigung verschwunden war, nachdem die Revolution der Arbeiterklasse die Mittel und die Möglichkeit einer öffentlichen Propaganda verschafft hatten. Unter diesen Umständen stifteten Marx und Engels in Paris einen deutschen kommunistischen Klub, worin sie den Arbeitern rieten, sich von dem Zuge Herweghs fernzuhalten, dagegen einzeln in die Heimat zurückzukehren und für die revolutionäre Bewegung zu |162| wirken. So beförderten sie einige hundert Arbeiter nach Deutschland, für die sie durch Vermittlung Flocons dieselben Vergünstigungen erhielten, die der Freischar Herweghs von der provisorischen Regierung gewährt worden waren.

Auf diese Weise gelangte auch die große Mehrzahl der Bundesglieder nach Deutschland, und durch sie bewährte sich der Bund als eine treffliche Vorschule der Revolution. Wo die Bewegung irgendeinen kräftigen Aufschwung nahm, waren Bundesglieder ihre treibenden Kräfte: Schapper in Nassau, Wolff in Breslau, Stephan Born in Berlin, andere anderswo. Treffend schrieb Born an Marx: »Der Bund ist aufgelöst - überall und nirgends.« Als Organisation war er nirgends, als Propaganda überall, wo schon die realen Bedingungen des proletarischen Emanzipationskampfs gegeben waren, was freilich nur für einen verhältnismäßig kleinen Teil Deutschlands zutraf.

Marx und seine näheren Freunde warfen sich ins Rheinland als den fortgeschrittensten Teil Deutschlands, wo ihnen der Code Napoléon obendrein ein größeres Maß von Bewegungsfreiheit sicherte als das preußische Landrecht in Berlin. Es gelang ihnen, sich der Vorbereitungen zu bemächtigen, die in Köln von demokratischer und teilweise kommunistischer Seite für ein großes Blatt getroffen worden waren. Freilich blieben noch mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden; namentlich Engels erlebte jetzt die Enttäuschung, daß der Wuppertaler Kommunismus noch lange keine Wirklichkeit, geschweige denn eine Macht, sondern seitdem die Revolution sich leibhaftig gezeigt hatte, nur noch ein Gespenst von vorgestern war. Am 25. April schrieb er aus Barmen an Marx in Köln: »Auf Aktien von hier ist verdammt wenig zu rechnen ... Die Leute scheuen sich alle wie die Pest vor der Diskussion der gesellschaftlichen Fragen; das nennen sie Aufwiegelei ... Aus meinem Alten ist vollends nichts herauszubeißen. Für den ist schon die Kölner Zeitung ein Ausbund von Wühlerei, und statt 1.000 Talern schickt er uns lieber 1.000 Kartätschkugeln auf den Hals.« Immerhin brachte auch Engels noch vierzehn Aktien auf, und vom 1. Juni ab konnte die »Neue Rheinische Zeitung« erscheinen.

Als ihr leitender Redakteur zeichnete Marx, und zu ihrem Redaktionsstabe gehörten Engels, Dronke, Weerth und die beiden Wolff.

 

2. Junitage

|163| Die »Neue Rheinische Zeitung« nannte sich ein »Organ der Demokratie«, doch war sie es nicht im Sinne irgendeiner parlamentarischen Linken. Nach dieser Ehre geizte sie nicht, vielmehr hielt sie die Überwachung der Demokraten für dringend notwendig; ihr Ideal, schrieb sie, sei so wenig die schwarzrotgoldene Republik, daß auf deren Boden erst ihre Opposition beginnen werde.

Ganz im Geiste des »Kommunistischen Manifestes« suchte sie die revolutionäre Bewegung voranzutreiben, so wie sie nun einmal war. Die Aufgabe war um so dringlicher, als der revolutionäre Boden, den die Märztage erobert hatten, im Juni halb und halb schon wieder verloren war. In Wien mit seinen noch unentwickelten Klassengegensätzen herrschte eine gemütliche Anarchie; in Berlin hatte die Bourgeoisie das Heft nur in der Hand, um es wieder den besiegten Mächten des Vormärz zuzuschanzen; in den Mittel- und Kleinstaaten paradierten liberale Minister, die sich von ihren feudalen Vorgängern keineswegs durch Männerstolz vor Königsthronen, sondern nur durch eine größere Biegsamkeit des Rückgrats unterschieden, und die Frankfurter Nationalversammlung, die aus souveräner Machtvollkommenheit die deutsche Einheit schaffen sollte, erwies sich, sobald sie am 18. Mai zusammentraf, von vornherein als hoffnungsloser Schwatzklub.

Mit diesem Schattenwesen rechnete die »Neue Rheinische Zeitung« gleich in der ersten Nummer ab, und zwar so gründlich, daß die Hälfte ihrer wenig zahlreichen Aktionäre den Rückzug antrat.[3] Sie stellte dabei keineswegs übertriebene Ansprüche an die Einsicht und den Mut der parlamentarischen Helden. Indem sie den föderativen Republikanismus kritisierte, den die Linke des Frankfurter Parlaments vertrat, führte sie aus, daß eine Föderation von konstitutionellen Monarchien, Fürstentümchen und Republikchen mit einer republikanischen Regierung an der Spitze nicht die schließliche Verfassung Deutschlands sein könne, fügte aber hinzu: »Wir stellen nicht das utopistische Verlangen, daß a priori eine einige unteilbare deutsche Republik proklamiert werde, aber wir verlangen von der sogenannten radikal-demokratischen Partei, den Ausgangspunkt des Kampfes und der revolutionären Bewegung nicht mit ihrem Zielpunkt zu verwechseln. Die deutsche Einheit, wie die deutsche Verfassung können nur als Resultat aus einer Bewegung hervorgehen, worin ebensosehr die inneren Konflikte als der Krieg mit dem Osten zur Entscheidung treiben werden. Die definitive Konstituierung kann nicht dekretiert werden; sie fällt zusammen mit der Bewegung |164|*, die wir zu durchlaufen haben. Es handelt sich daher auch nicht um die Verwirklichung dieser oder jener Meinung, dieser oder jener politischen Idee; es handelt sich um die Einsicht in den Gang der Entwicklung. Die Nationalversammlung hat nur die zunächst praktisch möglichen Schritte zu tun.«[4] Die Nationalversammlung tat aber, was nach allen Gesetzen der Logik für praktisch unmöglich hätte gelten sollen; sie wählte den österreichischen Erzherzog Johann zum Reichsverweser und spielte dadurch an ihrem Teil die Bewegung in die Hände der Fürsten.

Wichtiger als die Frankfurter waren die Berliner Vorgänge. Innerhalb der deutschen Grenzen war der preußische Staat der gefährlichste Gegner der Revolution. Sie hatte ihn zwar am 18. März niedergeworfen, aber die Früchte des Sieges fielen nach der historischen Lage der Dinge zunächst der Bourgeoisie zu, und diese beeilte sich, die Revolution zu verraten. Um die »Kontinuität des Rechtszustandes« zu erhalten, das will sagen, um seinen revolutionären Ursprung zu verleugnen, berief das bürgerliche Ministerium Camphausen-Hansemann den Vereinigten Landtag ein, um durch diese feudal-ständische Körperschaft die Grundlagen einer bürgerlichen Verfassung feststellen zu lassen. Es geschah durch die Gesetze vom 6. und 8. April, von denen jenes eine Reihe bürgerlicher Rechte als Grundzüge der neuen Verfassung aufs Papier schrieb, dieses aber das allgemeine, gleiche, geheime und indirekte Wahlrecht anordnete für eine Versammlung, die durch Vereinbarung mit der Krone die neue Staatsverfassung feststellen sollte.

Mit dem famosen Prinzip der »Vereinbarung« war tatsächlich der Sieg eskamotiert, den das Berliner Proletariat am 18. März über die preußischen Garde-Regimenter erfochten hatte. Bedurften die Beschlüsse der neuen Versammlung der Genehmigung durch die Krone, so war diese wieder obenauf; sie diktierte ihren Willen oder mußte durch eine zweite Revolution gebändigt werden, deren Möglichkeit zu verhindern das Ministerium Camphausen-Hansemann alles tat, was in seinen Kräften stand. Es schikanierte die Versammlung, die am 22. Mai zusammentrat, in der kleinlichsten Weise, stellte sich aber als »Schild vor die Dynastie« und gab der einstweilen noch kopflosen Gegenrevolution einen Kopf, indem es den Prinzen von Preußen, den durch und durch reaktionären Thronfolger, aus England zurückberief, wohin ihn am 18. März der Zorn der Massen vertrieben hatte.

Die Berliner Versammlung stand nun freilich auch nicht auf revolutionärer Höhe, wenngleich sie sich nicht so völlig im Luftreich des Traumes bewegen konnte wie das Frankfurter Parlament. Sie ließ sich dazu |165| herbei, das Prinzip der »Vereinbarung« anzuerkennen, das ihr das Mark aus den Knochen sog, raffte sich dann aber noch einmal zu einer halbwegs entschlossenen Haltung auf, als die Berliner Bevölkerung am 14. Juni durch den Sturm auf das Zeughaus ein drohendes Wort gesprochen hatte. Darüber stürzte Camphausen, aber noch nicht Hansemann. Beide unterschieden sich dadurch, daß Camphausen noch mit einem Reste bürgerlicher Ideologie geplagt war, während Hansemann sich ohne Gram und Scham den nacktesten Profitinteressen der Bourgeoisie verschrieben hatte. Er glaubte diese Interessen durchzusetzen, indem er dem König- und Junkertum noch mehr hofierte, die Versammlung noch mehr korrumpierte und die Massen noch mehr brutalisierte, als bisher schon geschehen war. Die Gegenrevolution ließ ihn aus guten Gründen einstweilen gern gewähren.

Dieser verhängnisvollen Entwicklung stemmte sich nun die »Neue Rheinische Zeitung« mit aller Entschiedenheit entgegen. Sie legte dar, daß Camphausen die Reaktion säe im Sinne der großen Bourgeoisie, aber daß er sie ernte im Sinne der Feudalpartei. Sie peitschte die Berliner Versammlung und namentlich auch die Linke zu entschlossener Haltung auf; gegenüber deren Entrüstung über die Zerstörung etwelcher Fahnen und Waffen bei dem Zeughaussturm lobte sie den sehr richtigen Takt des Volkes, das nicht nur gegen seine Unterdrücker, sondern auch gegen die glänzenden Illusionen seiner eigenen Vergangenheit revolutionär auftrete. Sie warnte die Linke vor dem täuschenden Schein parlamentarischer Siege, die ihr die alte Macht gern gönne, wenn sie selbst nur alle wirklich entscheidenden Positionen besitze.

Dem Ministerium Hansemann sagte die Zeitung ein elendes Ende voraus. Es wolle die Herrschaft der Bourgeoisie begründen, indem es gleichzeitig mit dem alten Feudal- und Polizeistaat ein Kompromiß abschließe. »In dieser doppelschlächtigen widerspruchsvollen Aufgabe sieht es jeden Augenblick die erst zu gründende Herrschaft der Bourgeoisie, und seine eigne Existenz von der Reaktion im absolutistischen, im Feudalsinn überflügelt - und es wird ihr unterliegen. Die Bourgeoisie kann ihre eigne Herrschaft nicht erkämpfen, ohne vorläufig das gesamte Volk zum Bundesgenossen zu haben, ohne daher mehr oder minder demokratisch aufzutreten.«[5] Mit schneidendem Hohne übergoß die Zeitung auch die Bemühungen der Bourgeoisie, die Bauernbefreiung, diese legitimste Aufgabe einer bürgerlichen Revolution, zu einem gaukelnden Schein zu machen. »Die deutsche Bourgeoisie von 1848 verrät ohne allen Anstand diese Bauern, die ihre natürlichsten Bundesgenossen, die Fleisch von ihrem Fleisch sind, und ohne die sie |166| machtlos ist gegenüber dem Adel.«[6] So sei die deutsche Revolution von 1848 nur eine Parodie auf die Französische Revolution von 1789.

Sie war es noch in anderem Sinne. Die deutsche Revolution hatte nicht aus eigener Kraft gesiegt, sondern im Gefolge einer französischen Revolution, die schon dem Proletariat einen Anteil an der Regierung verschafft hatte. Dadurch wurde der Verrat der Bourgeoisie an der deutschen Revolution zwar nicht gerechtfertigt oder auch nur entschuldigt, aber allerdings erklärt. Nun aber schien fast in denselben Junitagen, wo das Ministerium Hansemann seine Totengräberarbeit begann, dieser Alp von ihrer Brust zu sinken. In einer furchtbaren Straßenschlacht von vier Tagen wurde das Pariser Proletariat niedergeschlagen, in einem gemeinsamen Henkersdienste, den alle bürgerlichen Klassen und Parteien dem Kapital leisteten.

In Deutschland aber hob die »Neue Rheinische Zeitung« das Banner der »siegenden Geschlagenen« aus dem Staube. Wohin die Demokratie in dem Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat gehörte, sprach Marx mit den mächtigen Worten aus: »Man wird uns fragen, ob wir keine Träne, keinen Seufzer, kein Wort für die Opfer haben, welche vor der Wut des Volkes fielen, für die Nationalgarde, die Mobilgarde, die republikanische Garde, die Linie? Der Staat wird ihre Witwen und Waisen pflegen, Dekrete werden sie verherrlichen, feierliche Leichenzüge werden ihre Reste zur Erde bestatten, die offizielle Presse wird sie unsterblich erklären, die europäische Reaktion wird ihnen huldigen vom Osten bis zum Westen. Aber die Plebejer, vom Hunger zerrissen, von der Presse geschmäht, von den Ärzten verlassen, von den Honetten Diebe gescholten, Brandstifter, Galeerensklaven, ihre Weiber und Kinder in noch grenzenloseres Elend gestürzt, ihre besten Lebenden über die See deportiert - ihnen den Lorbeer um die drohend finstere Stirn zu winden, das ist das Vorrecht, das ist das Recht der demokratischen Presse.«[7]

Dieser herrliche Artikel, aus dem heute noch die Flammen revolutionärer Leidenschaft emporlodern, kostete der »Neuen Rheinischen Zeitung« die andere Hälfte ihrer Aktionäre.

 

3. Der Krieg gegen Rußland

In der auswärtigen Politik war der Krieg gegen Rußland der Angelpunkt, um den sich die »Neue Rheinische Zeitung« bewegte. In Rußland sah sie den einen Feind der Revolution, der wirklich furchtbar sei |167| und unfehlbar in den Kampf eintreten werde, wenn die Bewegung europäische Ausdehnung annehme.

Sie war damit durchaus auf dem richtigen Wege. Zur selben Zeit, wo sie den revolutionären Krieg gegen Rußland forderte, bot der Zar, was sie nicht wissen konnte, aber was heute urkundlich bekannt ist, dem Prinzen von Preußen die Hilfe des russischen Heeres zur gewaltsamen Wiederherstellung des Despotismus an, und ein Jahr später hat der russische Bär den österreichischen Despotismus gerettet, indem er mit seinen plumpen Pranken die ungarische Revolution niederschlug. Die deutsche Revolution konnte nicht siegen, ohne den preußischen und den österreichischen Zwangsstaat zu zerstören, und dieses Ziel war unerreichbar, wenn nicht vorher die Macht des Zaren gebrochen wurde.

Von dem Kriege gegen Rußland erwartete die Zeitung eine ähnliche Entfesselung revolutionärer Kräfte, wie sie der Französischen Revolution von 1789 durch den Krieg mit dem feudalen Deutschland beschieden gewesen war. Wenn sie nach einem Worte Weerths die deutsche Nation en canaille behandelte, so war daran richtig, daß sie in aller Bitterkeit die Bütteldienste geißelte, womit sich die Deutschen seit siebzig Jahren an der Freiheit und Unabhängigkeit anderer Völker versündigt hatten: in Amerika und Frankreich, in Italien und Polen, in Holland und Griechenland und wo sonst noch. »Jetzt, wo die Deutschen das eigene Joch abschütteln, muß sich auch ihre ganze Politik dem Auslande gegenüber ändern, oder in den Fesseln, womit wir fremde Völker umketten, nehmen wir unsere eigene junge, fast nur erst geahnte Freiheit gefangen. Deutschland macht sich in demselben Maße frei, worin es die Nachbarvölker freiläßt.«[8] Die Zeitung denunzierte die machiavellistische Politik, die, während sie im Innern Deutschlands in ihren Grundfesten schwanke, einen engherzigen, dem kosmopolitischen Charakter des Deutschen widerstrebenden Stammhaß heraufbeschwöre, um die demokratische Energie zu lähmen, die Aufmerksamkeit von sich abzulenken, der revolutionären Glutlava einen Abzugskanal zu schaffen, und so die Waffe der inneren Unterdrückung zu schmieden.

Sie trat, »trotz des patriotischen Geheuls und Getrommels fast der ganzen deutschen Presse«, vom ersten Augenblick an in Posen für die Polen, in Italien für die Italiener, in Ungarn für die Ungarn ein. Sie spottete über »die Tiefe der Kombination«, über »das geschichtliche Paradoxon«, in demselben Augenblick, wo die Deutschen mit ihren Regierungen kämpften, unter dem Kommando derselben Regierungen einen Kreuzzug gegen die Freiheit Polens, Ungarns, Italiens zu unternehmen. »Nur der Krieg mit Rußland ist ein Krieg des revolutionären |168| Deutschlands, ein Krieg, worin es die Sünden der Vergangenheit abwaschen, worin es sich ermannen, worin es seine eigenen Autokraten besiegen kann, worin es, wie einem die Ketten langer, träger Sklaverei abschüttelnden Volke geziemt, die Propaganda der Zivilisation mit dem Opfer seiner Söhne erkauft und sich nach innen frei macht, indem es nach außen befreit.«[9]

Daraus ergab sich, daß die Zeitung für keine der unterdrückten Nationen so leidenschaftlich eintrat wie für die Polen. Die polnische Bewegung des Jahres 1848 beschränkte sich auf die preußische Provinz Posen, da Russisch-Polen noch durch die Revolution von 1830 und Österreichisch-Polen noch durch den Aufstand von 1846 entkräftet war. Sie trat bescheiden genug auf und verlangte kaum so viel, wie ihr durch die Verträge von 1815 versprochen, aber nicht gehalten worden war: die Umwandlung der militärischen Besatzung durch einheimische Truppen und die Besetzung aller Ämter mit Eingeborenen. In der ersten Angst nach dem 18. März versprach man in Berlin eine »nationale Reorganisation«, aber natürlich mit dem Hintergedanken, sie nicht auszuführen. Während die Polen gutgläubig genug waren, an den guten Willen in Berlin zu glauben, wurde von hier aus die deutsche und jüdische Bevölkerung der Provinz Posen aufgehetzt und planmäßig ein Bürgerkrieg geschürt, dessen Anstiftung durchaus und dessen Greuel fast durchweg aufs preußische Schuldkonto fielen. Die gewaltsam in gewaltsamen Widerstand getriebenen Polen schlugen sich sehr tapfer und warfen mehr als einmal, so namentlich am 30. April bei Miloslaw, den an Waffen und Zahl überlegenen Feind in völlige Flucht, aber auf die Dauer war der Kampf der polnischen Sensen mit den preußischen Schrapnells natürlich aussichtslos.

In der polnischen Frage benahm sich die deutsche Bourgeoisie wie immer, ebenso kopf- wie treulos. Im Vormärz hatte sie ganz gut begriffen, wie eng die deutsche und die polnische Sache zusammenhingen, und noch nach dem 18. März hatten ihre Weisen auf dem sogenannten Vorparlament in Frankfurt feierlich erklärt, daß die Wiederherstellung Polens eine heilige Pflicht der deutschen Nation sei. Aber dadurch ließ sich Camphausen nicht hindern, auch in dieser Frage den Büttel des preußischen Junkertums zu spielen. In schmählicher Weise löste er das Versprechen der »nationalen Reorganisation« ein, indem er der Provinz Posen ein Stück nach dem andern, im ganzen mehr als zwei Drittteile ihres Bestandes abriß, und durch den Bundestag, der unter der Wucht der allgemeinen Verachtung verendete, mit seinem letzten Röcheln in den Deutschen Bund aufnehmen ließ. Die Frankfurter Nationalversammlung |169|* hatte sich nunmehr mit der Frage zu beschäftigen, ob sie die in den abgerissenen Teilen der Provinz Posen gewählten Abgeordneten als ihre rechtmäßigen Mitglieder anerkennen solle oder nicht. Nach dreitägiger Debatte entschied sie sich, wie von ihr nicht anders zu erwarten war: dies entartete Kind der Revolution segnete die Missetat der Gegenrevolution.

Wie nahe diese Frage der »Neuen Rheinischen Zeitung« ging, zeigt die Ausführlichkeit, womit sie die Frankfurter Verhandlungen in acht oder neun, zum Teil sehr langen Aufsätzen glossierte,[10] ganz im Gegensatz zu der verächtlichen Kürze, womit sie sonst das parlamentarische Geschwätz abtat. Es ist überhaupt die umfangreichste Arbeit, die in ihren Spalten erschienen ist. Soweit Inhalt und Stil eine Vermutung zulassen, ist sie von Marx und Engels gemeinsam verfaßt worden; jedenfalls ist Engels stark daran beteiligt gewesen, sie trägt sehr deutliche Spuren seiner Art.

Was zunächst an ihr auffällt und ihr in der Tat die größte Ehre macht, ist die erfrischende Offenheit, womit sie das nichtsnutzige Spiel aufdeckte, das mit den Polen getrieben wurde. Aber die sittliche Empörung, deren Marx und Engels fähig waren -, viel fähiger, als der biedere Philister auch nur zu ahnen vermag - hatte nichts zu tun mit dem sentimentalen Mitleid, wie es etwa Robert Blum in Frankfurt den mißhandelten Polen gespendet hatte: »allertrivialste Kannegießerei, wenn auch - was wir gern zugeben - Kannegießerei auf großem Fuß und in erhabener Arbeit« [11], mußte sich der gefeierte Redner der Linken sagen lassen, und nicht ohne Grund. Er begriff nicht, daß der Verrat an Polen zugleich der Verrat an der deutschen Revolution war, die dadurch die unentbehrliche Waffe gegen den zarischen Todfeind verlor.

Zu der »allertrivialsten Kannegießerei« rechneten Marx und Engels auch die »allgemeine Völkerverbrüderung«, die ohne Rücksicht auf die historische Stellung, auf die gesellschaftliche Entwicklungsstufe der Völker nichts weiter wollte als verbrüdern ins Blaue hinein; »Gerechtigkeit«, »Menschlichkeit«, »Freiheit«, »Gleichheit«, »Brüderlichkeit«, »Unabhängigkeit« waren für sie mehr oder weniger moralische Phrasen, die sehr schön klängen, aber in historischen und politischen Fragen durchaus nichts bewiesen. Diese »moderne Mythologie« ist ihnen allezeit ein Greuel gewesen. Und zumal in den heißen Tagen der Revolution galt ihnen nur die Parole: Für oder Wider?

So waren die Polenartikel der »Neuen Rheinischen Zeitung« von einer echt revolutionären Leidenschaft beseelt, die sie hoch auch über das polenfreundliche Gerede der landläufigen Demokratie erhob. Als |170| beredte Zeugnisse eines durchdringenden politischen Scharfblicks dauern sie heute noch fort. Nicht jedoch sind sie frei von mancherlei Irrtümern über die polnische Geschichte. So wichtig es war zu sagen, daß der Kampf für die Unabhängigkeit Polens nur siegreich sein könne, wenn er zugleich ein Sieg der agrarischen Demokratie über den patriarchalisch-feudalen Absolutismus sei, so war es doch unrichtig anzunehmen, daß die Polen seit der Konstitution von 1791 diesen Zusammenhang erkannt hätten. Ebensowenig stimmte es, daß im Jahre 1848 das alte Polen der Adelsdemokratie längst tot und begraben sein, aber einen robusten Sohn hinterlassen haben sollte, das Polen der Bauerndemokratie. In den polnischen Junkern, die mit glänzender Tapferkeit auf den westeuropäischen Barrikaden fochten, um ihr Volk aus der klammernden Umarmung der Ostmächte zu befreien, erblickten Marx und Engels die Vertreter des polnischen Adels, während die Lelewel und Mieroslawski sich doch nur, im Feuer des Kampfes gehärtet und geläutert, über ihre Klasse erhoben, wie ehedem die Hutten und Sickingen über das deutsche Ritterturn oder in frischerer Vergangenheit die Clausewitz und Gneisenau über das preußische Junkertum.

Von diesem Irrtum sind auch Marx und Engels bald zurückgekommen, dagegen hat Engels immer an dem wegwerfenden Urteil der »Neuen Rheinischen Zeitung« über die Unabhängigkeitskämpfe der südslawischen Nationen und Natiönchen festgehalten. Engels hat sich darüber im Jahre 1882 nicht anders ausgelassen als in der Polemik, die er 1849 deshalb mit Bakunin führte. Der russische Revolutionär war im Juli 1848 in der Zeitung von ihrem Pariser Korrespondenten Ewerbeck, dessen Behauptung durch eine gleichartige und gleichzeitige Mitteilung des Havas-Büros bestätigt wurde, als Agent der russischen Regierung verdächtigt worden, jedoch hatte sich die Nachricht sofort als falsch herausgestellt, und sie war von der Redaktion in aller Form zurückgenommen worden. Dann hatte Marx, als er Ende August und Anfang September eine Reise nach Berlin und Wien unternahm, in Berlin seine alten freundlichen Beziehungen zu Bakunin erneuert und seine Ausweisung aus Preußen im Oktober scharf bekämpft. Auch Engels leitete seine Polemik gegen einen Aufruf Bakunins an die Slawen mit der Versicherung ein, daß Bakunin »unser Freund« sei, ging dann aber mit sachlicher Schärfe gegen die panslawistischen Tendenzen der kleinen Schrift vor.[12]

Zunächst entschied auch hier das Interesse der Revolution. In dem Kampfe der Wiener Regierung gegen die revolutionären Deutschen und Ungarn, hatten sich die österreichischen Slawen - mit Ausnahme der |171| Polen - auf die reaktionäre Seite geschlagen. Sie hatten das aufständische Wien gestürmt und der erbarmungslosen Rache der k. k. Gewalthaber ausgeliefert; zur Zeit, wo Engels gegen Bakunin schrieb, standen sie gegen das aufständische Ungarn im Felde, dessen Revolutionskrieg Engels mit großer Sachkenntnis in der »Neuen Rheinischen Zeitung« verfolgte und dabei mit einer leidenschaftlichen Teilnahme, die ihn die Magyaren nach der Höhe ihrer historischen Entwicklung ebenso überschätzen ließ wie die Polen. Auf die Forderung Bakunins, den österreichischen Slawen ihre Selbständigkeit zu sichern, antwortete Engels: »Wir denken nicht daran. Auf die sentimentalen Brüderschaftsphrasen, die uns hier im Namen der kontrerevolutionärsten Nationen Europas dargeboten werden, antworten wir, daß der Russenhaß die erste revolutionäre Leidenschaft bei den Deutschen war und noch ist; daß seit der Revolution der Tschechen- und Kroatenhaß hinzugekommen ist und daß wir, in Gemeinschaft mit Polen und Magyaren, nur durch den entschiedensten Terrorismus gegen diese slawischen Völker die Revolution sicherstellen können. Wir wissen jetzt, wo die Feinde der Revolution konzentriert sind: in Rußland und den östreichischen Slawenländern; und keine Phrasen, keine Anweisungen auf eine unbestimmte demokratische Zukunft dieser Länder werden uns abhalten, unsere Feinde als Feinde zu behandeln.«[13] Und so kündigte Engels dem »revolutionsverräterischen Slawentum« unerbittlichen Kampf auf Leben und Tod an.

Das war jedoch nicht oder nicht nur in einer Aufwallung heißen Zorns über die Knechtsdienste geschrieben, die die österreichischen Slawen der europäischen Reaktion leisteten. Engels sprach den slawischen Völkern - mit Ausnahme der Polen, der Russen und etwa der Slawen in der Türkei - jede geschichtliche Zukunft ab, »aus dem einfachen Grunde, weil allen übrigen Slawen die ersten historischen, geographischen, politischen und industriellen Bedingungen der Selbständigkeit und Lebensfähigkeit fehlen«.[14] Der Kampf um ihre nationale Unabhängigkeit mache sie zu willenlosen Werkzeugen des Zarentums, woran die gutgemeinten Selbsttäuschungen der demokratischen Panslawisten nichts ändern könnten. Das historische Recht der großen Kulturvölker auf eine revolutionäre Entwicklung gehe dem Kampfe dieser kleinen, verkrüppelnden, ohnmächtigen Natiönchen um Unabhängigkeit voran, selbst wenn dabei manch sanftes Nationenblümlein gewaltsam zerknickt würde; sie würden dadurch nur befähigt, an einer geschichtlichen Entwicklung teilzunehmen, der sie, sich überlassen, gänzlich fremd bleiben müßten. Und so sagte Engels noch 1882, wenn der Befreiungsdrang |172|* der Balkanslawen mit den Interessen des westeuropäischen Proletariats zusammenstieße, so könnten ihm diese Handlanger des Zarentums gestohlen werden; in die Politik gehörten poetische Sympathien nicht hinein.

Engels irrte, wenn er den kleinen slawischen Nationen die geschichtliche Zukunft absprach, aber sein Grundgedanke war unzweifelhaft richtig, und die »Neue Rheinische Zeitung« vertrat ihn auch mit aller Entschiedenheit in einem Falle, wo er mit den »poetischen Sympathien« des Philister zusammentraf.

 

4. Septembertage

Es handelte sich um den Krieg, den die preußische Regierung nach dem 18. März im Auftrag des Deutschen Bundes mit Dänemark begonnen hatte, und zwar wegen der schleswig-holsteinischen Frage.

Holstein war ein deutsches Land und gehörte zum Deutschen Bunde; Schleswig stand außerhalb dieses Bundes und war, wenigstens in seinen nördlichen Bezirken, überwiegend dänisch. Beide Herzogtümer verband seit manchem Jahrhundert die Gemeinsamkeit des Herrscherhauses mit dem nur um weniges größeren und volkreicheren Königreich Dänemark, so jedoch, daß in Dänemark auch die weibliche, in Schleswig-Holstein aber nur die männliche Erbfolge galt. Untereinander waren die beiden Herzogtümer durch eine strenge Realunion verknüpft und besaßen in dieser Untrennbarkeit staatliche Selbständigkeit.

So war das Verhältnis Dänemarks zu den Herzogtümern nach den völkerrechtlichen Verträgen. Tatsächlich gestaltete es sich so, daß bis an die Schwelle des neunzehnten Jahrhunderts der deutsche Geist in Kopenhagen überwog, die deutsche Sprache die amtliche Sprache des dänischen Königreichs war und schleswig-holsteinische Edelleute den maßgebenden Einfluß in den dänischen Kanzleien besaßen. In den napoleonischen Kriegen verschärften sich die nationalen Gegensätze; Dänemark mußte die Treue, die es dem Erben der Französischen Revolution bis zuletzt bewahrt hatte, in den Wiener Verträgen mit dem Verlust Norwegens büßen und wurde im Ringen um seine staatliche Existenz auf die Annexion Schleswig-Holsteins gedrängt, zumal da das allmähliche Erlöschen des Mannesstammes in seinem Königshause den Anheimfall der Herzogtümer an eine Nebenlinie und damit ihre völlige Trennung von Dänemark in absehbare Nähe rückte. So emanzipierte sich Dänemark nach seinen Kräften vom deutschen Einfluß und pflegte |173| dafür, da es zur Erzeugung eines eigenen Nationalgeistes zu klein war, einen künstlichen Skandinavismus, für den es sich mit Norwegen und Schweden zu einer eigenen Kulturwelt zu verbinden suchte.

Die Versuche der dänischen Regierung, sich der Elbherzogtümer völlig zu bemächtigen, fanden in ihnen selbst einen zähen Widerstand, der bald zur deutschen Nationalsache wurde. Das ökonomisch aufblühende Deutschland erkannte, besonders nach der Gründung des Zollvereins, die Bedeutung, die die schleswig-holsteinische, zwischen zwei Meeren hingestreckte Halbinsel für seinen Handels- und Seeverkehr hatte, und begrüßte mit immer wachsendem Beifall die schleswig-holsteinische Opposition gegen die dänische Propaganda. Seit dem Jahre 1844 wurde das Lied »Schleswig-Holstein meerumschlungen, deutscher Sitte hohe Wacht« eine Art Nationalhymne. Aus dem langweiligen und schläfrigen Tempo einer vormärzlichen Agitation kam die Bewegung freilich nicht heraus, aber ganz vermochten die deutschen Regierungen sich ihrem Einfluß nicht zu entziehen. Als der dänische König Christian VIII. im Jahre 1847 einen entscheidenden Gewaltschritt vorbereitete durch den Offenen Brief, worin er das Herzogtum Schleswig und selbst einen Teil des Herzogtums Holstein als integrierende Teile des dänischen Gesamtstaats ansprach, raffte sich sogar der Bundestag zu einem lahmen Protest auf, statt sich für unzuständig zu erklären, wie es seine Gewohnheit war, wenn es den Schutz deutscher Volksstämme vor fürstlichen Gewalttaten galt.

Nun fühlte die »Neue Rheinische Zeitung« nicht die geringste Stammverwandtschaft mit dem meerumschlungenen bürgerlichen Schoppenenthusiasmus; sie sah in ihm nur den Gegenpol des Skandinavismus, den sie geißelte als »die Begeisterung für die brutale, schmutzige, seeräuberische, altnordische Nationalität, für jene tiefe Innerlichkeit, die ihre überschwenglichen Gedanken und Gefühle nicht in Worte bringen kann, wohl aber in Taten, nämlich in Roheit gegen Frauenzimmer, permanente Betrunkenheit und mit tränenreicher Sentimentalität abwechselnde Berserkerwut«.[15] Die ganze Lage der Dinge verschob sich in der eigentümlichen Weise, daß unter dem reaktionären Banner des Skandinavismus gerade die bürgerliche Opposition in Dänemark focht, die Partei der sogenannten Eiderdänen, die nach der Dänisierung des Herzogtums Schleswig, nach der Ausdehnung des dänischen Wirtschaftsgebiets lechzte, um den Gesamtstaat dann durch eine moderne Verfassung zu befestigen, während der Kampf der Herzogtümer für ihr altes und verbrieftes Recht mehr oder weniger ein Kampf für feudale Privilegien und dynastische Schnurrpfeifereien war.

|174| Im Januar 1848 gelangte in Dänemark Friedrich VII. als letzter Sproß des Mannesstammes zur Regierung und begann nach dem Rate seines sterbenden Vaters, eine liberale Gesamtverfassung für Dänemark und die Herzogtümer vorzubereiten. Einen Monat später rief die Februarrevolution in Kopenhagen eine stürmische Volksbewegung wach. Sie brachte die eiderdänische Partei ans Ruder, die sofort mit rastlosem Ungestüm an die Ausführung ihres Programms ging, an die Einverleibung Schleswigs bis zur Eider. Darauf sagten sich die Herzogtümer von dem dänischen Könige los, voran ihr 7.000 Mann starkes Heer, und bildeten in Kiel eine provisorische Regierung. In ihr hatte der Adel die Oberhand, aber anstatt die Kräfte des Landes zu entfesseln, die sich ganz wohl mit der dänischen Macht hätten messen können, wandte er sich hilfeflehend an den Bundestag und die preußische Regierung, von denen er keine Gefahr für feudale Privilegien zu besorgen hatte.

Er fand bereitwilliges Entgegenkommen bei beiden, denen die »Wahrung der deutschen Sache« als willkommene Handhabe erschien, sich von den zerschmetternden Schlägen der Revolution zu erholen. Namentlich der preußische König hatte ein dringendes Bedürfnis, das Ansehen seiner Garde, die am 18. März von den Berliner Barrikadenkämpfern aufs Haupt geschlagen worden war, auf einem militärischen Spaziergang gegen das schwache Dänemark wiederherzustellen. Er haßte die eiderdänische Partei als revolutionäre Ausgeburt, aber auch in den Schleswig-Holsteinern sah er Rebellen gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit und befahl seinen Generalen, den »Knechtesdienst für die Revolution« so schlapp wie möglich zu tun; durch einen geheimen Abgesandten, den Major von Wildenbruch, ließ er in Kopenhagen wissen, er wünsche vor allen Dingen, die Elbherzogtümer ihrem König-Herzog zu erhalten; er schreite nur ein, um die radikalen und republikanischen Elemente an unheilbringender Einmischung zu hindern.

Damit ließ sich Dänemark aber nicht ködern. Es rief seinerseits den Schutz der Großmächte an, und England wie Rußland waren nur zu bereit, ihn zu gewähren. Ihre Hilfe gestattete dem kleinen Dänemark, das große Deutschland wie einen Schulbuben zu zausen. Während die dänischen Kriegsschiffe dem deutschen Handel die empfindlichsten Wunden schlugen, wurde das deutsche Bundesheer, das unter dem Befehl des preußischen Generals Wrangel in die Elbherzogtümer eingerückt war und trotz seiner elenden Kriegführung die um so viel schwächeren dänischen Truppen vor sich hergejagt hatte, durch die diplomatische Intervention der Großmächte völlig lahmgelegt. Ende Mai erhielt Wrangel aus Berlin den Befehl, sich aus Jütland zurückzuziehen, worauf die |175| Nationalversammlung am 9. Juni beschloß, daß die Sache der Herzogtümer als eine Angelegenheit deutscher Nation zu ihrem Wirkungskreise gehöre und daß sie die Ehre Deutschlands wahren werde.

In der Tat wurde der Krieg im Namen des Deutschen Bundes geführt, und ihn zu leiten, wäre die Sache der Nationalversammlung und des habsburgischen Prinzen gewesen, den sie am 28. Juni als Reichsverweser eingesetzt hatte. Daran kehrte sich aber die preußische Regierung nicht, sondern schloß am 28. August unter englischem und russischem Druck mit Dänemark auf sieben Monate den Waffenstillstand von Malmö, unter völliger Mißachtung der vom Reichsverweser gestellten Bedingungen und ihres Überbringers. Die einzelnen Bestimmungen des Waffenstillstandes waren für Deutschland überaus schimpflich; die provisorische Regierung Schleswig-Holsteins wurde aufgelöst und während des Waffenstillstands einem dänischen Parteigänger die oberste Leitung anvertraut; die Verordnungen der bisherigen provisorischen Regierung wurden aufgehoben und die schleswigschen von den holsteinischen Truppen getrennt. Ebenso geriet Deutschland militärisch ins Hintertreffen, indem die Waffenruhe für die Wintermonate beschlossen wurde, wo die dänische Flotte zur Blockade der deutschen Küste nutzlos wurde, aber der Frost den Deutschen erlaubt hätte, über das Eis des Kleinen Belt zu rücken, Fünen zu erobern und Dänemark auf Seeland zu beschränken.

Die Nachricht von dem Abschluß des Waffenstillstandes fiel in den ersten Septembertagen wie ein Donnerschlag auf die Frankfurter Nationalversammlung, die »waschweiberredselig wie die Scholastiker des Mittelalters«, die papierenen »Grundrechte« einer künftigen Reichsverfassung bis zur Bewußtlosigkeit diskutierte. In der ersten Bestürzung beschloß sie am 5. September, die Ausführung des Waffenstillstandes zu sistieren, und veranlaßte dadurch den Rücktritt des Reichsministeriums.

Diesen Beschluß begrüßte die »Neue Rheinische Zeitung« mit lebhafter Genugtuung, wenn auch ohne alle Illusionen. Über das Recht der Verträge hinaus forderte sie den Krieg gegen Dänemark als ein Recht der geschichtlichen Entwicklung. »Die Dänen sind ein Volk, das in der unbeschränktesten kommerziellen, industriellen, politischen und literarischen Abhängigkeit von Deutschland steht. Es ist bekannt, daß die faktische Hauptstadt von Dänemark nicht Kopenhagen, sondern Hamburg ist, ... daß Dänemark alle seine literarischen Lebensmittel, ebensogut wie seine materiellen, über Deutschland bezieht und daß die dänische Literatur - mit Ausnahme Holbergs - ein matter Abklatsch der deutschen ist ... |176| Mit demselben Recht, mit dem die Franzosen Flandern, Lothringen und Elsaß genommen haben und Belgien früher oder später nehmen werden, mit demselben Recht nimmt Deutschland Schleswig: mit dem Recht der Zivilisation gegen die Barbarei, des Fortschritts gegen die Stabilität ... Der Krieg, den wir in Schleswig-Holstein führen, ist also ein wirklicher Revolutionskrieg. Und wer ist von Anfang an auf Seite Dänemarks gewesen? Die drei kontrerevolutionärsten Mächte Europas: Rußland, England und die preußische Regierung. Die preußische Regierung hat solange sie konnte, einen bloßen Scheinkrieg geführt - man denke an Wildenbruchs Note, an die Bereitwilligkeit, mit der sie auf englisch-russische Vorstellungen hin den Rückzug aus Jütland befahl, und schließlich an den zweimaligen Waffenstillstand! Preußen, England und Rußland sind die drei Mächte, die die deutsche Revolution und ihre erste Folge, die deutsche Einheit, am meisten zu fürchten haben: Preußen, weil es dadurch aufhört zu existieren, England, weil der deutsche Markt dadurch seiner Exploitation entzogen wird, Rußland, weil die Demokratie dadurch nicht nur an die Weichsel, sondern selbst bis an die Düna und an den Dnjepr vorrücken muß. Preußen, England und Rußland haben komplottiert gegen Schleswig-Holstein, gegen Deutschland und gegen die Revolution. Der Krieg, der möglicherweise jetzt aus den Beschlüssen in Frankfurt entstehen kann, würde ein Krieg Deutschlands gegen Preußen, England und Rußland sein. Und gerade solch ein Krieg tut der einschlummernden deutschen Bewegung not - ein Krieg gegen die drei Großmächte der Kontrerevolution, ein Krieg, der Preußen in Deutschland wirklich aufgehn, der die Allianz mit Polen zum unumgänglichsten Bedürfnis macht, der die Freilassung Italiens sofort herbeiführt, der gerade gegen die alten kontrerevolutionären Alliierten Deutschlands von 1792 bis 1815 gerichtet ist, ein Krieg, der ›das Vaterland in Gefahr‹ bringt und gerade dadurch rettet, indem er den Sieg Deutschlands vom Siege der Demokratie abhängig macht.«[16]

Was die »Neue Rheinische Zeitung« in diesen Sätzen klar und scharf aussprach, empfand auch der Instinkt der revolutionären Massen; Tausende strömten aus fünfzig Meilen in der Runde nach Frankfurt, bereit zu neuem revolutionären Kampfe. Aber wie die Zeitung mit Recht gesagt hatte, dieser neue Kampf würde die Nationalversammlung selbst weggefegt haben, und dem Selbstmord aus Heroismus zog sie den Selbstmord aus Feigheit vor. Am 16. September genehmigte sie den Waffenstillstand von Malmö und auch ihre Linke mit Ausnahme weniger Mitglieder lehnte ab, sich als revolutionärer Konvent aufzutun. Es kam nur zu einem kleinen Barrikadenkampf in Frankfurt selbst, den |177| der biedere Reichsverweser absichtlich heranwachsen ließ, um dann eine überwältigende Truppenmacht aus der Bundesfestung Mainz heranzuziehen und das souveräne Parlament unter die Gewalt der Bajonette zu stellen.

Zu gleicher Zeit wurde das Ministerium Hansemann in Berlin von dem elenden Ende ereilt, das ihm die »Neue Rheinische Zeitung« vorhergesagt hatte. Indem es die »Staatsmacht« gegen die »Anarchie« stärkte, half es dem altpreußischen Beamten-, Militär- und Polizeistaat, der am 18. März zusammengebrochen war, wieder auf die Beine, ohne ihm selbst nur die nackten Profitinteressen der Bourgeoisie abtrotzen zu können, um derentwillen es die Revolution verriet. Vor allem bestand noch, wie ein Mitglied der Berliner Versammlung seufzte, das »alte Militärsystem, mit dem der Bruch in den Märztagen stattgefunden hatte, in der allervollständigsten Vollständigkeit«, und seit den Pariser Junitagen rasselte ihm von selbst die Plempe in der Scheide. Es war ein offenes Geheimnis, daß der Waffenstillstand mit Dänemark nicht zuletzt deshalb von der preußischen Regierung betrieben wurde, um Wrangel mit der Garde in die Umgegend Berlins zurückzurufen und den entscheidenden Schlag der Gegenrevolution vorzubereiten. Deshalb raffte sich die Berliner Versammlung am 7. September zu dem Beschlusse auf, von dem Kriegsminister einen Erlaß zu fordern, der die Offiziere des Heeres vor allen reaktionären Bestrebungen warnen und ihnen den Austritt aus dem Heere zur Ehrenpflicht machen sollte, falls ihre politische Überzeugung sich nicht mit dem konstitutionellen Rechtszustande vertrüge.

Damit war wenig genug getan, zumal da ähnliche Erlasse schon ohne jede Wirkung an die bürgerliche Bürokratie ergangen waren, aber es war doch viel mehr, als sich der Militarismus von einem bürgerlichen Ministerium bieten ließ. Das Ministerium Hansemann stürzte, und der General Pfuel bildete ein neues, rein bürokratisches Ministerium, das in aller Gemütlichkeit den von der Versammlung geforderten Erlaß an das Offizierkorps verfügte, aller Welt zum Zeugnis, daß der Militarismus die bürgerliche Herrlichkeit nicht mehr fürchte, sondern ihrer nur noch spotte.

So erfüllte sich an der »quengelnden, klugtuenden, entschlußunfähigen« Versammlung in Berlin die Vorhersage der »Neuen Rheinischen Zeitung«, die Linke könnte an einem schönen Morgen finden, daß ihr parlamentarischer Sieg und ihre wirkliche Niederlage zusammenfielen. Auf den Lärm der kontrerevolutionären Presse aber darüber, daß der Sieg der Linken nur durch den Druck der Berliner Volksmassen auf die |178| Versammlung zu erklären sei, lehnte sie die lahmen Ableugnungsversuche der liberalen Blätter ab und erklärte offen: »Das Recht der demokratischen Volksmassen, durch ihre Anwesenheit auf die Haltung konstituierender Versammlungen moralisch einzuwirken, ist ein altes revolutionäres Volksrecht, das seit der englischen und französischen Revolution in keiner stürmischen Zeit entbehrt werden konnte. Diesem Recht verdankt die Geschichte fast alle energischen Schritte solcher Versammlungen.«[17] Ein Wink an den »parlamentarischen Kretinismus«, der in den Septembertagen von 1848 die Frankfurter Versammlung ebenso traf wie die Berliner.

 

5. Die Kölner Demokratie

Die Septemberkrisen in Berlin und Frankfurt übten einen starken Rückschlag auch auf Köln aus.

Die Rheinlande waren die schwerste Sorge der Gegenrevolution. Sie wurden mit Truppen überhäuft, die sich aus den östlichen Provinzen rekrutierten; etwa der dritte Teil des preußischen Heeres stand in der Rheinprovinz und Westfalen. Dagegen ließ sich mit kleinen Aufständen nichts machen; desto notwendiger war eine stramme und straffe Organisation der Demokratie für den Tag, wo aus der halben eine ganze Revolution werden konnte.

Die demokratische Organisation, die im Juni auf einem, von 88 demokratischen Vereinen beschickten Kongreß in Frankfurt a.M. beschlossen worden war, gewann nur in Köln ein festes Knochengerüst, während sie überall sonst in Deutschland ein sehr loses Gebilde blieb. Die Kölner Demokratie gliederte sich in drei große Vereine, deren jeder mehrere tausend Mitglieder zählte: die Demokratische Gesellschaft, die von Marx und dem Advokaten Schneider geleitet wurde, den Arbeiter-Verein, an dessen Spitze Moll und Schapper standen, und den Verein für Arbeitgeber und Arbeiter, den namentlich der Referendar Hermann Becker vertrat. Diese Vereine taten sich, als Köln von dem Frankfurter Kongresse zum Vorort für Rheinland und Westfalen gewählt worden war, zu einem Zentralausschuß zusammen, der Mitte August einen Kongreß der rheinischen und westfälischen Vereine von demokratischer Tendenz nach Köln einberief. Es kamen 40 Abgeordnete, die 17 Vereine vertraten und den Zentralausschuß der drei Kölner Vereine als Kreisausschuß für Rheinland und Westfalen bestätigten.

|179| Die Seele dieser Organisation war Marx, wie er die Seele der »Neuen Rheinischen Zeitung« war. Er besaß die Gabe, über Menschen zu herrschen, was ihm die landläufige Demokratie nun freilich am wenigsten verzieh. Auf dem Kölner Kongreß sah ihn Karl Schurz zum ersten Male, zur Zeit ein junger Student von neunzehn Jahren, und schilderte ihn noch aus später Erinnerung: »Marx war damals dreißig Jahre alt und bereits das anerkannte Haupt einer sozialistischen Schule. Der untersetzte, kräftige Mann mit der breiten Stirn, dem pechschwarzen Haupthaar und Vollbart und den dunkeln, blitzenden Augen, zog sofort die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Er besaß den Ruf eines in seinem Fach sehr bedeutenden Gelehrten, und was er sagte, war in der Tat gehaltreich, logisch und klar. Aber niemals habe ich einen Menschen von so verletzender, unerträglicher Arroganz des Auftretens kennengelernt.« Und immer hat dieser Held der Bourgeoisie sich des schneidend höhnischen, des sozusagen ausspuckenden Tons erinnert, womit Marx das Wort »Bourgeois« aussprach.

Es war dieselbe Melodie, die zwei Jahre später der Leutnant Techow anschlug, der nach einer Unterhaltung mit Marx schrieb: »Marx hat mir den Eindruck nicht nur einer seltenen Überlegenheit, sondern auch einer bedeutenden Persönlichkeit gemacht. Hätte er ebensoviel Herz wie Verstand, ebensoviel Liebe wie Haß, dann würde ich für ihn durchs Feuer gehen, obgleich er mir seine vollständigste Geringschätzung nicht nur verschiedentlich angedeutet, sondern zuletzt ganz unumwunden ausgesprochen hat. Er ist der erste und einzige unter uns allen, dem ich das Zeug zutraue zu herrschen, das Zeug, auch unter großen Verhältnissen sich nicht ins kleine zu verlieren.« Und dann kommt die Litanei, daß der gefährlichste persönliche Ehrgeiz in Marx alles zerfressen habe.

Anders urteilte Albert Brisbane, der amerikanische Apostel Fouriers, der im Sommer 1848 sich als Korrespondent der »New-York Daily Tribune« in Köln aufhielt, zugleich mit Charles Dana, dem Herausgeber dieses Blattes: »Ich sah dort Karl Marx, den Führer der volkstümlichen Bewegung. Damals war er gerade im Aufstieg zur Höhe begriffen, ein Mann in den Dreißigern, von untersetztem stämmigen Körperbau mit einem feinen Gesicht und dichtem schwarzen Haar. Seine Züge hatten den Ausdruck großer Energie, und hinter seiner maßvollen Zurückhaltung konnte man das leidenschaftliche Feuer einer kühnen Seele entdecken.« In der Tat - mit besonnener Kühnheit hat Marx damals die Kölner Demokratie geleitet.

So groß die Aufregung war, die die Septemberkrisen in ihren Reihen hervorriefen, so wagte die Frankfurter Versammlung keine Revolution |180|* und das Ministerium Pfuel noch keine Gegenrevolution. Damit war jeder örtliche Aufstand aussichtslos, aber um so mehr lag den Kölner Behörden daran, einen Putsch hervorzurufen, der mit leichter Mühe blutig niedergeschlagen werden konnte. Auf erdichtete und bald von ihnen selbst fallengelassene Vorwände hin gingen sie mit gerichtlichen und polizeilichen Prozeduren gegen die Mitglieder des Demokratischen Kreisausschusses und die Redakteure der »Neuen Rheinischen Zeitung« vor. Marx warnte vor der lauernden Hinterlist der Gegner; in einem Augenblick, wo keine große Frage die Gesamtbevölkerung in den Kampf treibe und jeder Putsch daher scheitern müsse, sei ein Aufstandsversuch um so zweckloser, als in naher Zukunft gewaltige Ereignisse eintreten könnten und man sich vor dem Tage der Entscheidung nicht kampfunfähig machen dürfe. Wenn die Krone eine Gegenrevolution wage, dann schlage für das Volk die Stunde einer neuen Revolution.

Dennoch kam es zu einem kleinen Tumulte, als am 25. September Becker, Moll, Schapper und Wilhelm Wolff verhaftet werden sollten. Es wurden sogar einige Barrikaden gebaut, auf die Nachricht, daß Militär anrücke, um eine Volksversammlung zu sprengen, die auf dem Alten Markte stattfand, aber das Militär kam nicht, und erst als danach wieder völlige Ruhe hergestellt war, hatte der Kommandant den Mut, den Belagerungszustand über Köln zu verhängen. Dadurch wurde die »Neue Rheinische Zeitung« unterdrückt; am 27. September hörte sie auf zu erscheinen. Sie tödlich zu treffen, war wohl der eigentliche Zweck des sinnlosen Gewaltstreiches, den das Ministerium Pfuel schon nach wenigen Tagen aufhob. Und sie wurde auch schwer genug getroffen, so daß sie erst am 12. Oktober wieder auf dem Kampfplatz erscheinen konnte.

Ihre Redaktion wurde gesprengt, da die meisten Redakteure, um Verhaftsbefehlen zu entgehen, über die Grenze gingen, nach Belgien wie Dronke und Engels oder nach der Pfalz wie Wilhelm Wolff, und erst allmählich wieder zurückkehren konnten; Engels war noch Anfang Januar 1849 in Bern, wohin er durch Frankreich meist zu Fuß gewandert war. Vor allem aber waren die Finanzen der Zeitung völlig zerrüttet. Nach dem Abfall ihrer Aktionäre hatte sie sich Dank ihrer wachsenden Verbreitung mühsam durchgefristet; nach diesem neuen Schlage aber war sie nur dadurch zu halten, daß Marx sie als »persönliches Eigentum« übernahm, das will sagen, ihr das bißchen Vermögen opferte, das er von seinem Vater geerbt hatte, oder auf sein künftiges Erbteil flüssig zu machen verstand. Er selbst hat nie ein Wort darüber verloren, aber durch briefliche Äußerungen seiner Frau ist die Tatsache festgestellt und auch durch öffentliche Erklärungen seiner Freunde, in |181| denen auf etwa 7.000 Taler beziffert wird, was Marx in dem Revolutionsjahre der Agitation und dem Blatte geopfert hat. Doch kommt es natürlich nicht auf die Höhe der Summe an, sondern darauf an, ob er die Festung bis auf die letzte Munition zu halten versuchte.

Noch in anderer Beziehung lebte er von der Hand in den Mund. Nach Ausbruch der Revolution hatte der Bundesrat am 30. März beschlossen, wahlberechtigt und wählbar zur deutschen Nationalversammlung sollten auch die deutschen Flüchtlinge sein, wenn sie nach Deutschland zurückkehrten und ihr Bürgerrecht wieder antreten zu wollen erklärten. Dieser Beschluß war von der preußischen Regierung ausdrücklich anerkannt worden. Marx hatte die Bedingung erfüllt, die ihm das Reichsbürgerrecht sicherte, und konnte um so mehr beanspruchen, daß ihm das preußische Indigenat nicht verweigert würde. In der Tat gewährte es ihm der Kölner Stadtrat sofort, als er sich im April 1848 darum bewarb, und der Kölner Polizeidirektor Müller, dem Marx vorstellte, daß er seine Familie nicht aufs Ungewisse von Trier nach Köln übersiedeln lassen könne, versicherte ihn, daß seine Renaturalisation auch von der Bezirksregierung genehmigt werden würde, die den Beschluß des Stadtrats nach einem alten preußischen Gesetze zu bestätigen hatte. Inzwischen begann die »Neue Rheinische Zeitung« zu erscheinen, und am 3. August erhielt Marx ein amtliches Schreiben des kommissarischen Polizeidirektors Geiger, worin ihn dieser benachrichtigte, daß die Königliche Regierung nach Lage seiner Verhältnisse von ihrer Befugnis, einem Ausländer die Eigenschaft als preußischem Untertan zu verleihen, zu seinen Gunsten »für jetzt« keinen Gebrauch gemacht habe, er daher nach wie vor als Ausländer zu betrachten sei. Eine geharnischte Beschwerdeschrift, die Marx daraufhin am 22. August an das Ministerium des Innern richtete, wurde zurückgewiesen.

Seine Familie aber hatte er, der zärtlichste Gatte und Vater, auch aufs »Ungewisse« nach Köln kommen lassen. Sie war inzwischen angewachsen; auf das erste Töchterchen, das nach der Mutter Jenny hieß, und im Mai 1844 geboren wurde, war im September 1845 ein zweites Töchterchen Laura und nach vermutlich nicht längerem Zwischenraume ein Söhnchen Edgar gefolgt, das einzige dieser und der späteren Kinder, dessen Geburtsjahr und Geburtsmonat nicht mehr genau festgestellt werden kann. Als treuer Hausgeist begleitete Helene Demuth die Familie schon seit den Pariser Tagen.

Marx gehörte nicht zu den Menschen, die ihre Hand durch die Begrüßung von jedem neugeheckten Bruder härten, aber wohl zu denen, die Treu' erzeigen und Freundschaft halten können. Auf demselben |182| Kongresse, wo er durch seine unerträgliche Anmaßung auch die zurückgestoßen haben sollte, die ihm willig entgegenkamen, gewann er in dem Advokaten Schily aus Trier und dem Lehrer Imandt aus Krefeld Freunde fürs Leben, und wenn die strenge Geschlossenheit seines Wesens halben Revolutionären, wie Schurz und Techow, unheimlich erschien, so zwang sie, gerade in diesen Kölner Tagen, echte Revolutionäre, wie Freiligrath und Lassalle, um so unwiderstehlicher in seinen geistigen und gemütlichen Bann.

 

6. Freiligrath und Lassalle

Ferdinand Freiligrath war acht Jahre älter als Marx. Er hatte in jungen Jahren reichlich von der Milch frommer Denkungsart getrunken, und die Schläge der alten »Rheinischen Zeitung« empfunden, als er nach Herweghs Ausweisung aus Preußen ein Spottlied auf die mißlungene Triumphfahrt dieses Dichters angestimmt hatte. Bald aber hatte die vormärzliche Reaktion aus dem Paulus einen Saulus gemacht, und im Brüsseler Exil war er sich zwar flüchtig nur, aber freundlich mit Marx begegnet, einem »interessanten, netten, anspruchslos auftretenden Kerl«, wie er meinte, und darin hatte Freiligrath ein Urteil. Denn obgleich oder vielmehr weil er frei war von aller Eitelkeit, besaß er eine feine Empfindung für alles, was nur entfernt nach Anmaßung schmeckte.

Eine wirkliche Freundschaft haben beide Männer erst im Sommer und Herbst 1848 geschlossen. Was sie verband, war die gegenseitige Achtung vor dem kühnen und starken Charakter, mit dem jeder von beiden das gemeinsame revolutionäre Prinzip in der rheinischen Bewegung vertrat. »Er ist ein wirklicher Revolutionär und ein durch und durch ehrlicher Mann, ein Lob, das ich wenigen zuteilen möchte«, schrieb Marx mit auf richtigem Respekt in einem Briefe an Weydemeyer, den er gleichwohl ermunterte, dem Dichter ein wenig um den Bart zu gehen, denn das Völklein der Poeten wolle nun einmal gestreichelt sein, wenn es singen solle. Und so schrieb Marx, der sonst sein Herz nicht auf der Zunge trug, in einer Stunde der Spannung an Freiligrath selbst: »Ich sage Dir unumwunden, daß ich mich nicht entschließen kann, einen der wenigen Männer, die ich im eminenten Sinne des Worts als Freunde geliebt habe, wegen irrelevanter [Mehring übersetzt: unwesentlicher] Mißverständnisse zu verlieren.« In der Zeit der schwersten Not hat Marx nächst Engels keinen treueren Freund gehabt als Freiligrath.

|183| Weil diese Freundschaft so echt und einfach war, ist sie den Philistern von jeher ein Ärgernis und eine Torheit gewesen. Bald soll die überhitzte Einbildungskraft des Dichters ihm einen schändlichen Streich gespielt und ihn in eine Gesellschaft dunkler Ehrenmänner verlockt, bald soll ein dämonischer Demagoge einen harmlosen Sänger giftig angehaucht und zum Verstummen gebracht haben. Es würde sich nicht lohnen, darüber auch nur ein Wort zu verlieren, wenn man als Gegengift gegen den Unsinn nicht das falsche Heilmittel verabreicht hätte, aus Freiligrath einen modernen Sozialdemokraten zu machen, was ihn nun doch auch in ein schiefes Licht rückt. Er war ein Revolutionär aus dichterischer Anschauung, nicht aus wissenschaftlicher Erkenntnis; er sah in Marx einen revolutionären Vorkämpfer und im Bunde der Kommunisten eine revolutionäre Vorhut, die ihresgleichen nicht in ihrer Zeit hatten, aber die historischen Gedankengänge des »Kommunistischen Manifestes« blieben ihm mehr oder minder fremd, und mit dem oft so elenden und nüchternen Kleinkram der Agitation durfte man seiner glühenden Phantasie nicht kommen.

Von ganz anderm Schlage war Ferdinand Lassalle, der sich zu gleicher Zeit eng an Marx anschloß. Er war sieben Jahre jünger als dieser und hatte sich bisher nur durch einen eifrigen Kampf für die von ihrem Gatten mißhandelte und von ihrer Kaste verratene Gräfin Hatzfeldt bekannt gemacht; im Februar 1848 wegen angeblicher Verleitung zum Diebstahl einer Kassette verhaftet, war er am 11. August nach einer glänzenden Verteidigung von den Kölner Geschworenen freigesprochen worden und konnte sich nun erst an den revolutionären Kämpfen beteiligen, als deren Leiter ihm, bei seiner »unendlichen Sympathie für jede große Kraft«, Marx nicht anders als imponieren konnte.

Lassalle hatte die Schule Hegels durchlaufen und beherrschte völlig die Methode des Meisters, ohne schon an ihrer Unfehlbarkeit zu zweifeln, aber auch ohne epigonenhafte Verkümmerung; bei einem Besuch in Paris hatte er den französischen Sozialismus kennengelernt und von Heines Seherblick die Weihe einer großen Zukunft empfangen. Allein die großen Erwartungen, die dieser Jüngling erregte, wurden gedämpft durch manche Zwiespältigkeit seines Wesens, die er im Kampf mit dem niederziehenden Erbe einer unterdrückten Rasse noch nicht ausgeglichen hatte; in seinem elterlichen Hause hatte noch ganz und gar der fade Dunst des polnischen Judentums geherrscht. Und in seiner Schilderhebung für die Gräfin Hatzfeldt vermochten auch freiere Geister nicht immer zu erkennen, was er selbst behauptete und von seinem Standpunkt aus auch mit Recht behaupten konnte, daß er in dem einzelnen Falle die |184| soziale Misere einer zu Grabe keuchenden Zeit bekämpfe. Sogar Freiligrath, der ihn überhaupt nie sehr gern gemocht hat, sprach wegwerfend von dem »Familiendreck«, um den sich nach Lassalles Meinung die ganze Weltgeschichte drehe.

Sieben Jahre später hat sich Marx ganz ähnlich geäußert: Lassalle halte sich für weltbezwingend, weil er rücksichtslos in einer Privatintrige gewesen sei, als ob ein wirklich bedeutender Mensch zehn Jahre einer solchen Bagatelle opfern würde. Und noch ein paar Jahrzehnte später hat Engels gemeint, Marx habe von Anfang an eine starke Antipathie gegen Lassalle gehegt; die »Neue Rheinische Zeitung« habe geflissentlich sowenig als möglich von Lassalles Hatzfeldtprozessen Notiz genommen, weil man sich nicht den Anschein einer Gemeinsamkeit mit Lassalle in diesen Dingen habe geben wollen. Hierin ist aber Engels durch seine Erinnerung getäuscht worden. Die »Neue Rheinische Zeitung« hat sehr ausführlich über den Prozeß wegen des Kassettendiebstahls berichtet, bis zum Tage ihrer Unterdrückung am 27. September, und aus diesen Berichten kann man freilich ersehen, daß der Prozeß seine minder schönen Seiten hatte. Auch hat Marx, wie er selbst in einem Briefe an Freiligrath angibt, der Gräfin Hatzfeldt in ihrer damaligen Bedrängnis aus seinen bescheidenen Mitteln mit Darlehen ausgeholfen, und als er selbst gleich nach seiner Kölner Zeit in arge Bedrängnis geriet, hat er neben Freiligrath in einer Stadt, wo er manchen alten Freund besaß, Lassalle zu seinem Vertrauten erwählt.

Sicherlich hat Engels darin recht, daß Marx nach dem volkstümlichen Ausdruck nun mal die Antipathie hatte, wie Engels selbst und auch Freiligrath, jene Antipathie, die über oder auch unter allen Vernunftgründen steht. Aber es liegen Zeugnisse genug dafür vor, daß Marx sich nicht von vornherein von seiner Antipathie so habe beherrschen lassen, um selbst nur den bei alledem tieferen Sinn der Hatzfeldtischen Händel zu verkennen, geschweige denn die glühende Begeisterung Lassalles für die Sache der Revolution, seine hervorragenden Gaben für den Klassenkampf des Proletariats und zuletzt auch die hingebende Freundschaft, die ihm der jüngere Kampfgenosse entgegentrug.

Es ist nicht um Lassalles willen, dessen historisches Recht längst gesichert worden ist, wenn man sorgsam abwägen muß, wie sich der Verkehr zwischen beiden Männern schon von Anfang an gestaltet hat. Mehr kommt darauf an, Marx vor jedem falschen Schein zu sichern, denn sein Verhältnis zu Lassalle ist das schwierigste psychologische Problem, das sein Leben bietet.

 

7. Oktober- und Novembertage

|185| Als die »Neue Rheinische Zeitung« am 12. Oktober wieder zu erscheinen begann, mit der Ankündigung, daß Freiligrath in ihre Redaktion eingetreten sei, hatte sie das Glück, eine neue Revolution zu begrüßen. Am 6. Oktober war das Wiener Proletariat mit derber Faust in den tückischen Plan der habsburgischen Gegenrevolution gefahren, nach den Siegen Radetzkys in Italien mit Hilfe der slawischen Völkerschaften erst die rebellischen Ungarn und danach die rebellischen Deutschen niederzuwerfen.

Marx hatte sich vom 28. August bis 7. September in Wien aufgehalten, um die dortigen Massen aufzuklären. Nach den sehr spärlichen Zeitungsnotizen, die darüber vorliegen, war es ihm damit nicht gelungen; erklärlich genug, da sich die Wiener Arbeiter noch auf einer verhältnismäßig niedrigen Stufe der Entwicklung befanden. Um so höher war der echt revolutionäre Instinkt zu schätzen, womit sie sich dem Marsch der Regimenter widersetzten, die zur Bekämpfung der Ungarn befohlen worden waren. Sie lenkten damit den ersten Stoß der Gegenrevolution auf sich selbst, eine hochherzige Aufopferung, deren der ungarische Adel nicht in gleichem Maße fähig war. Er wollte den Kampf für die Unabhängigkeit seines Landes auf Grund seiner verbrieften Rechte führen, und das ungarische Heer wagte nur einen halben und zaghaften Vorstoß, der den Todeskampf des Wiener Aufstandes nicht erleichtert, sondern erschwert hat.

Nicht besser benahm sich die deutsche Demokratie. Sie erkannte wohl, wieviel auch für sie von dem Gelingen des Wiener Aufstandes abhing. Siegte die Gegenrevolution in der österreichischen Hauptstadt, so führte sie auch in der preußischen Hauptstadt, wo sie längst auf der Lauer lag, den entscheidenden Streich. Aber die deutsche Demokratie berauschte sich nur in sentimentalen Klagen, in unfruchtbaren Sympathien, in Hilferufen an den hilflosen Reichsverweser. Der Demokratische Kongreß, der Ende Oktober zum zweiten Male in Berlin tagte, erließ einen von Ruge verfaßten Aufruf, zugunsten des belagerten Wiens, von dem die »Neue Rheinische Zeitung« treffend sagte, daß er den Mangel an revolutionärer Energie durch ein predigerartiges Heulerpathos ersetze, hinter dem sich der entschiedenste Mangel an Gedanken und Leidenschaft verberge. Ihre leidenschaftlichen Aufrufe, von Marx in wuchtiger Prosa, von Freiligrath in prachtvollen Versen erlassen, den Wienern die einzige Hilfe zu bringen, die sie retten könne: die Besiegung der Gegenrevolution im eigenen Hause, verhallten in die leere Luft.

|186| Damit war das Schicksal der Wiener Revolution besiegelt. Verraten auch von der Bourgeoisie und den Bauern im eigenen Hause, unterstützt nur von den Studenten und einem Teil des Kleinbürgertums, leisteten die Wiener Arbeiter heldenmütigen Widerstand. Aber am Abend des 31. Oktober gelang der Sturm der belagernden Truppen; am 1. November wehte eine riesige schwarzgelbe Fahne vom Stephansturme.

Der erschütternden Tragödie in Wien folgte die groteske Tragikomödie in Berlin auf dem Fuße. Das Ministerium Pfuel wurde abgelöst durch das Ministerium Brandenburg, das der Versammlung befahl, sich in die Provinzstadt Brandenburg zurückzuziehen, und Wrangel rückte mit den Garderegimentern in Berlin ein, um diesen Befehl mit Waffengewalt durchzusetzen. Brandenburg, ein illegitimer Hohenzoller, verglich sich selbst allzu schmeichelhaft mit einem Elefanten, der die Revolution zerstampfen solle; treffender meinte die »Neue Rheinische Zeitung«, Brandenburg und sein Mitschuldiger Wrangel seien »zwei Menschen ohne Kopf, ohne Herz, ohne Tendenz, reiner Schnurrbart«, jedoch als solche der richtige Gegensatz zu der würdigen Vereinbarerversammlung.

In der Tat genügte der »reine Schnurrbart«, sie einzuschüchtern. Sie weigerte sich zwar, ihren verfassungsmäßigen Sitz Berlin zu verlassen, und als nun Schlag auf Schlag eine Gewalttat der anderen folgte, die Auflösung der Bürgerwehr, die Verhängung des Belagerungszustandes, erklärte sie die Minister für Hochverräter, die sie dem - Staatsanwalt denunzierte. Aber sie lehnte die Aufforderung des Berliner Proletariats ab, mit den Waffen in der Hand das zertretene Recht des Landes wiederherzustellen, und verkündete den »passiven Widerstand«, will sagen den edlen Entschluß, die Hiebe des Gegners mit dem Rücken aufzufangen. Dann ließ sie sich von Wrangels Truppen aus einem Saal in den andern jagen und sprach schließlich in einer augenblicklichen Temperamentsaufwallung, gegenüber den schon in ihre Sitzung dringenden Bajonetten, dem Ministerium Brandenburg das Recht ab, über Staatsgelder zu verfügen und Steuern zu erheben, solange sie ihre Sitzungen nicht frei in Berlin halten könne. Kaum aber war sie auseinandergejagt, als ihr Präsident von Unruh, in banger Sorge um seinen teuren Leichnam, das Büro zusammenrief, um protokollarisch festzustellen, daß der Steuerverweigerungsbeschluß, den er sonst ruhig ins Land gehen ließ, wegen eines Formfehlers gar nicht rechtskräftig gefaßt sei.

Es blieb der »Neuen Rheinischen Zeitung« vorbehalten, dem Gewaltstreich der Regierung in historisch würdiger Weise entgegenzutreten. Für sie war jetzt der entscheidende Augenblick gekommen, wo die Gegenrevolution durch eine zweite Revolution bekämpft werden müsse, und |187| jeden neuen Tag rief sie die Massen auf, der Gewalt jede Art von Gewalt entgegenzusetzen. Der passive Widerstand müsse den aktiven zu seiner Grundlage haben, sonst gleiche er dem Sträuben eines Kalbes gegen seinen Schlächter. Rücksichtslos wurden alle juristischen Spitzfindigkeiten der Vereinbarungstheorie weggefegt, hinter denen sich die Feigheit der Bourgeoisie verstecken wollte. »Die preußische Krone ist in ihrem Rechte, indem sie der Versammlung als absolute Krone gegenübertritt. Aber die Versammlung ist im Unrechte, weil sie der Krone nicht gegenübertritt als absolute Versammlung ... die alte Bürokratie will nicht zur Dienerin einer Bourgeoisie herabsinken, deren despotische Schulmeisterin sie bisher war. Die feudale Partei will ihre Auszeichnungen und ihre Interessen nicht auf dem Altar des Bürgertums auflodern lassen. Und die Krone endlich, sie erblickt in den Elementen der alten feudalen Gesellschaft, deren höchster Auswuchs sie ist, ihren wahren einheimischen gesellschaftlichen Boden, während sie in der Bourgeoisie eine fremde künstliche Erde erblickt, von der sie nur getragen wird, unter der Bedingung, zu verkümmern. Die berauschende ›Gnade Gottes‹ verwandelt die Bourgeoisie in einen ernüchternden Rechtstitel, die Herrschaft des Bluts in die Herrschaft des Papiers, die königliche Sonne in eine bürgerliche Astrallampe. Das Königtum ließ sich daher nicht beschwatzen von der Bourgeoisie. Es antwortete ihrer halben Revolution mit einer ganzen Kontrerevolution. Es stürzte die Bourgeoisie zurück in die Arme der Revolution, des Volkes, indem es ihr zurief: Brandenburg in der Versammlung, und die Versammlung in Brandenburg.«[18] Die »Neue Rheinische Zeitung« übersetzte diese Losung der Gegenrevolution treffend: Die Wachtstube in der Versammlung und die Versammlung in der Wachtstube. Sie hoffte, mit dieser Parole werde das Volk siegen, sie las in ihr die Grabschrift des Hauses Brandenburg.

Als die Berliner Versammlung die Steuerverweigerung beschlossen hatte, forderte der Demokratische Kreisausschuß in einem von Marx, Schapper und Schneider [II] gezeichneten Aufruf vom 18. November die demokratischen Vereine der Rheinprovinz auf, die Durchführung folgender Maßregeln zu bewerkstelligen: die gewaltsame Eintreibung der Steuern wird überall durch jede Art des Widerstandes zurückgewiesen; der Landsturm zur Abwehr des Feindes wird überall organisiert; für die Unbemittelten werden Waffen und Munition auf Gemeindekosten oder durch freiwillige Beiträge beschafft; falls sich die Behörden weigern, die Beschlüsse der Versammlung anzuerkennen und auszuführen, werden Sicherheitsausschüsse niedergesetzt, womöglich im Einverständnis mit den Gemeinderäten; der gesetzgebenden Versammlung widerstrebende |188| Gemeinderäte werden durch Volkswahl erneuert.[19] Der Demokratische Vereinsausschuß tat damit das, was die Berliner Versammlung hätte tun müssen, wenn es ihr mit dem Beschluß der Steuerverweigerung ernst gewesen wäre. Aber diese Helden zitterten alsbald vor ihrem eigenen Heldenmut; sie eilten in ihre Wahlkreise, um die Ausführung ihres Beschlusses zu hintertreiben, und trollten sich dann nach Brandenburg, um ihre Beratungen fortzusetzen. Damit hatte sich die Versammlung so entwürdigt, daß die Regierung sie am 5. Dezember mit einem Fußtritt auseinanderjagen konnte, unter Oktroyierung einer neuen Verfassung und eines neuen Wahlgesetzes.

Dadurch war auch der Rheinische Kreisausschuß in seiner von Waffen starrenden Provinz lahmgelegt. Am 22. November wurde Lassalle, der dem Aufrufe begeisterte Heeresfolge geleistet hatte, in Düsseldorf verhaftet, und in Köln schritt der Staatsprokurator gegen die Unterzeichner des Aufrufs ein, wenn er sie auch nicht zu verhaften wagte. Am 8. Februar standen sie wegen Aufforderung zum bewaffneten Widerstande gegen das Militär und die Beamten vor den Kölner Geschworenen.

In schlagender Rede wies Marx den Versuch des Staatsprokurators zurück, aus den Gesetzen vom 6. und 8. April, aus denselben Gesetzen, die die Regierung durch ihren Staatsstreich zerrissen hatte, das Unrecht der Versammlung und in noch höherem Grade das Unrecht der Angeklagten zu folgern. Wer eine Revolution glücklich vollbringe, könne seine Gegner henken, aber nicht verurteilen, als besiegte Feinde aus dem Wege räumen, aber nicht als Verbrecher richten. Es sei eine feige Heuchelei der Gesetzlichkeit, nach vollendeter Revolution oder Gegenrevolution die umgestoßenen Gesetze gegen die Verteidiger derselben Gesetze anzuwenden. Die Frage, wer im Rechte gewesen sei, die Krone oder die Versammlung, sei eine geschichtliche Frage, die nur die Geschichte und keine Jury entscheiden könne.

Aber Marx ging weiter und lehnte überhaupt ab, die Gesetze vom 6. und 8. April anzuerkennen. Sie seien willkürliche Machwerke des Vereinigten Landtags, die der Krone das Eingeständnis ihrer im Märzkampf erlittenen Niederlage hätten ersparen sollen. Nach den Gesetzen einer feudalen Körperschaft könne nicht eine Versammlung gerichtet werden, die die moderne bürgerliche Gesellschaft vertrete. Es sei eine juristische Einbildung, daß die Gesellschaft auf dem Gesetze beruhe. Vielmehr beruhe das Gesetz auf der Gesellschaft. »Hier, der Code Napoléon, den ich in der Hand habe, er hat nicht die moderne bürgerliche Gesellschaft erzeugt. Die im 18. Jahrhundert entstandene, im 19. Jahrhundert fortentwickelte bürgerliche Gesellschaft findet vielmehr im Code |189| nur einen gesetzlichen Ausdruck. Sobald er den gesellschaftlichen Verhältnissen nicht mehr entspricht, ist er nur noch ein Ballen Papier. Sie können die alten Gesetze nicht zur Grundlage der neuen Gesellschaft machen, so wenig, als diese alten Gesetze die alten gesellschaftlichen Zustände gemacht haben.«[20] Die Berliner Versammlung habe ihre historische Stellung nicht begriffen, wie sie aus der Märzrevolution hervorgegangen sei. Der Vorwurf des Staatsprokurators, daß sie keine Vermittlung gewollt habe, treffe sie so wenig, daß ihr Unglück und ihr Unrecht gerade darin bestehen, sich aus einem revolutionären Konvent zu einer zweideutigen Gesellschaft von Vereinbarern herabgewürdigt zu haben. »Was hier vorlag, das war kein politischer Konflikt zweier Fraktionen auf dem Boden einer Gesellschaft, das war der Konflikt zweier Gesellschaften selbst, ein sozialer Konflikt, der eine politische Gestalt angenommen hatte, es war der Kampf der alten feudal-bürokratischen mit der modernen bürgerlichen Gesellschaft, der Kampf zwischen der Gesellschaft der freien Konkurrenz und der Gesellschaft des Zunftwesens, zwischen der Gesellschaft des Grundbesitzes mit der Gesellschaft der Industrie, zwischen der Gesellschaft des Glaubens mit der Gesellschaft des Wissens.«[21] Zwischen diesen Gesellschaften gebe es keinen Frieden, sondern nur Kampf auf Leben und Tod. Die Steuerverweigerung erschüttere nicht die Grundfesten der Gesellschaft, wie der Staatsprokurator lustigerweise behauptet hatte, sondern sie sei eine Notwehr der Gesellschaft gegen die Regierung, die die Gesellschaft in ihren Grundfesten bedrohe.

Mit der Steuerverweigerung habe die Versammlung nicht ungesetzlich gehandelt, wohl aber nicht gesetzlich mit der Verkündung des passiven Widerstandes. »Wenn die Eintreibung der Steuern einmal für ungesetzlich erklärt ist, muß ich die gewaltsame Ausübung der Ungesetzlichkeit nicht gewaltsam zurückweisen?«[22] Wenn die Herren Steuerverweigerer den revolutionären Weg verschmähten, um nicht ihre Köpfe zu riskieren, so mußte sich das Volk in Ausübung der Steuerverweigerung auf revolutionären Boden stellen. Das Verhalten der Versammlung sei für das Volk nicht maßgebend. »Die Nationalversammlung hat keine Rechte für sich, das Volk hat ihr nur die Behauptung seiner eigenen Rechte übertragen. Vollführt sie ihr Mandat nicht, so ist es erloschen. Das Volk selbst tritt dann in eigener Person auf die Bühne und handelt aus eigener Machtvollkommenheit ... Wenn die Krone eine Kontrerevolution macht, so antwortet das Volk mit Recht durch eine Revolution.«[23] Marx schloß damit zu sagen, daß erst der erste Akt des Dramas beendet sei. Die Folge sei entweder vollständiger Sieg der Gegenrevolution |190|* oder neue siegreiche Revolution. Vielleicht sei der Sieg der Revolution erst möglich nach vollendeter Gegenrevolution.

Nach dieser Rede voll revolutionären Stolzes sprachen die Geschworenen die Angeklagten frei, und ihr Obmann dankte obendrein dem Redner für die lehrreiche Auseinandersetzung.

 

8. Ein Streich aus dem Hinterhalte

Mit dem Siege der Gegenrevolution in Wien und Berlin waren die entscheidenden Würfel für Deutschland gefallen. Was an revolutionären Errungenschaften noch übrigblieb, war die Frankfurter Versammlung, die längst allen politischen Kredit verloren hatte und sich in endlosem Wortschwall an einer papiernen Verfassung abarbeitete, von der nur noch zweifelhaft blieb, ob sie auf den österreichischen oder den preußischen Degen gespießt werden würde.

Nachdem die »Neue Rheinische Zeitung« im Dezember noch einmal in einer Reihe glänzender Artikel die Geschichte der preußischen Revolution und Gegenrevolution geschrieben hatte, richtete sie für das neue Jahr 1849 ihren hoffenden Blick auf die Erhebung der französischen Arbeiterklasse, von der sie einen Weltkrieg erwartete. »Das Land aber, das ganze Nationen in seine Proletarier verwandelt, das mit seinen Riesenarmen die ganze Welt umspannt hält, das mit seinem Gelde schon einmal die Kosten der europäischen Restauration bestritten hat, in dessen eigenem Schoße die Klassengegensätze sich zur ausgeprägtesten, schamlosesten Form fortgetrieben haben - England scheint der Fels, an dem die Revolutionswogen scheitern, das die neue Gesellschaft schon im Mutterschoße aushungert. England beherrscht den Weltmarkt. Eine Umwälzung der national-ökonomischen Verhältnisse in jedem Lande des europäischen Kontinents, auf dem gesamten europäischen Kontinente ohne England, ist der Sturm in einem Glase Wasser. Die Verhältnisse der Industrie und des Handels innerhalb jeder Nation sind beherrscht durch ihren Verkehr mit andern Nationen, sind bedingt durch ihr Verhältnis zum Weltmarkt. England aber beherrscht den Weltmarkt, und die Bourgeoisie beherrscht England.«[24] So wird jede französisch-soziale Umwälzung an der englischen Bourgeoisie scheitern, an der industriellen und kommerziellen Weltherrschaft Großbritanniens. Jede partielle soziale Reform in Frankreich, und auf dem europäischen Kontinente überhaupt, ist und bleibt, soweit sie definitiv sein soll, ein hohler frommer |191| Wunsch. Und das alte England wird nur gestürzt durch einen Weltkrieg, der allein der Chartistenpartei, der organisierten englischen Arbeiterpartei, die Bedingungen zu einer erfolgreichen Erhebung gegen ihre riesenhaften Unterdrücker bietet. Die Chartisten an der Spitze der englischen Regierung - erst mit diesem Augenblicke tritt die soziale Revolution aus dem Reiche der Utopie in das Reich der Wirklichkeit.

Die Voraussetzung dieser Zukunftshoffnungen blieb aus; seit den Junitagen noch immer aus tausend Wunden blutend, war die französische Arbeiterklasse einer neuen Erhebung unfähig. Seit dem Rundgange, den die europäische Gegenrevolution von den Pariser Junitagen über Frankfurt, Wien und Berlin angetreten hatte, um ihn vorläufig mit der am 10. Dezember erfolgten Wahl des falschen Bonaparte zum Präsidenten der französischen Republik zu beschließen, lebte die Revolution nur noch in Ungarn und fand in Engels, der inzwischen nach Köln zurückgekehrt war, den beredtesten und sachkundigsten Anwalt. Sonst mußte sich die »Neue Rheinische Zeitung« auf den Kleinkrieg gegen die hereinbrechende Gegenrevolution beschränken, und sie kämpfte in ihm so kühn und trotzig, wie in den großen Feldschlachten des Vorjahres. Ein Bündel Preßprozesse, das ihr das Reichsministerium als der schlechtesten Zeitung der schlechten Presse widmete, begrüßte sie mit der spöttischen Bemerkung, daß die Reichsgewalt die komischste aller komischen Gewalten sei. Dem prahlenden Heraushängen des »Preußentums«, worin sich die ostelbischen Junker nach dem Berliner Staatsstreiche gefielen, setzte sie den verdienten Hohn entgegen: »Wir Rheinländer haben das Glück, bei dem großen Menschenschacher zu Wien einen ›Großherzog‹ vom Niederrhein gewonnen zu haben, der die Bedingungen nicht erfüllt hat, unter denen er ›Großherzog‹ wurde. Ein ›König von Preußen‹ existiert für uns erst durch die Berliner Nationalversammlung, und da für unsern ›Großherzog‹ vom Niederrhein keine Berliner Nationalversammlung existiert, so existiert für uns kein ›König von Preußen‹. Dem Großherzoge vom Niederrhein sind wir durch den Völkerschacher anheimgefallen! Sobald wir weit genug sind, die Seelenverkäuferei nicht mehr anzuerkennen, werden wir den ›Großherzog vom Niederrhein‹ nach seinem ›Besitztitel‹ fragen.«[25] Das wurde mitten in den wildesten Orgien der Gegenrevolution geschrieben.

Eins freilich vermißt man auf den ersten Blick in den Spalten der »Neuen Rheinischen Zeitung«, was man darin in erster Reihe zu finden vermuten möchte: eine ausführliche Berichterstattung über die gleichzeitige Arbeiterbewegung in Deutschland. Sie war bis in die ostelbischen Gefilde hinein gar nicht so unbedeutend, hatte ihre Kongresse, ihre |192| Organisationen, ihre Zeitungen; und ihr fähigster Kopf, Stephan Born, war von Brüssel und Paris her mit Engels und Marx befreundet; er arbeitete auch jetzt von Berlin und Leipzig aus für die »Neue Rheinische Zeitung«. Born verstand das »Kommunistische Manifest« sehr gut, wenn er es dem in den weitaus größten Teil Deutschlands noch ganz unentwickelten Klassenbewußtsein des Proletariats auch nur unvollkommen anzupassen wußte; erst in späterer Zeit hat Engels mit unbilliger Schärfe über die damalige Tätigkeit Borns geurteilt.[26] Es ist durchaus glaubhaft, wenn Born in seinen Denkwürdigkeiten erzählt, daß Marx und Engels in den Revolutionsjahren nie ein Wort der Unzufriedenheit über seine damalige Tätigkeit geäußert hätten, womit nicht ausgeschlossen zu sein brauchte, daß sie im einzelnen mit manchem unzufrieden gewesen sind. Jedenfalls vollzogen sie selbst im Frühjahr 1849 eine Annäherung an die Arbeiterbewegung, die unabhängig von ihrem Einfluß entstanden war.

Die geringe Beachtung, die die »Neue Rheinische Zeitung« dieser Bewegung zunächst geschenkt hatte, erklärte sich zum Teil daraus, daß ein besonderes Organ des Kölner Arbeitervereins unter der Leitung Molls und Schappers zweimal wöchentlich erschien, zum Teil, und zwar zum größeren Teil dadurch, daß sie vorerst ein »Organ der Demokratie« sein, das heißt die gemeinsamen Interessen der Bourgeoisie und des Proletariats gegenüber dem Absolutismus und dem Feudalismus sichern wollte. Das war wirklich auch das Notwendigste, indem es den Boden schuf, worauf das Proletariat seinen Tanz mit der Bourgeoisie beginnen konnte. Allein der bürgerliche Bestandteil dieser Demokratie zermürbte je länger desto mehr; bei jeder auch nur halbwegs ernsten Probe brach er zusammen. In dem fünfköpfigen Zentralausschuß, der von dem ersten Demokratischen Kongresse im Juni 1848 gewählt worden war, befanden sich Leute wie Meyen und der aus Amerika zurückgekehrte Kriege; unter solcher Leitung geriet diese Organisation in schnellen Verfall, der sich erschreckend offenbarte, als sie am Vorabend des preußischen Staatsstreichs zum zweiten Male in Berlin tagte. Wenn jetzt ein neuer Zentralausschuß gewählt wurde, dem auch d'Ester angehörte, der mit Marx persönlich und politisch befreundet war, so war damit doch nur erst ein Wechsel auf die Zukunft gezogen. Die parlamentarische Linke der Berliner Versammlung hatte in der Novemberkrise versagt, und die Frankfurter Linke versank immer mehr in dem Sumpf kläglicher Kompromisse.

In dieser Lage der Dinge erklärten Marx, Wilhelm Wolff, Schapper und Hermann Becker am 13. April ihren Austritt aus dem Demokratischen Kreisausschuß. Sie begründeten ihren Entschluß mit den Worten: »Wir erachten, daß die jetzige Organisation der demokratischen Vereine |193| zu viele heterogene Elemente in sich schließt, als daß eine dem Zweck der Sache gedeihliche Tätigkeit möglich wäre. Wir sind vielmehr der Ansicht, daß eine engere Verbindung der Arbeitervereine, da dieselben aus gleichen Elementen bestehen, vorzuziehen ist.«[27] Gleichzeitig schied der Kölner Arbeiterverein aus dem Verbande der rheinischen Demokratenvereine aus und berief demnächst sämtliche Arbeiter- sowie alle anderen Vereine, die den Grundsätzen der sozialen Demokratie anhingen, zu einem Provinzialkongresse für den 6. Mai.[28] Dieser Kongreß sollte über eine Organisation der rheinisch-westfälischen Arbeitervereine sowie darüber entscheiden, ob der von der Leipziger Arbeiterverbrüderung, der von Born geleiteten Organisation, für den Monat Juni nach Leipzig einberufene Kongreß sämtlicher deutscher Arbeitervereine zu beschicken sei.

Vor diesen Erklärungen hatte die »Neue Rheinische Zeitung« schon am 20. März mit den flammenden, das ländliche Proletariat aufstürmenden Aufsätzen Wilhelm Wolffs über die Schlesische Milliarde begonnen und Marx selbst am 5. April mit dem Abdruck der Vorträge, die er im Brüsseler Arbeiterverein über Lohnarbeit und Kapital gehalten hatte. Nachdem die Zeitung an den kolossalen Massenkämpfen des Jahres 1848 nachgewiesen hatte, daß jede revolutionäre Erhebung, möge ihr Ziel noch so fernliegend dem Klassenkampfe scheinen, scheitern müsse, bis die revolutionäre Arbeiterklasse siege, wollte sie nunmehr auf die ökonomischen Verhältnisse näher eingehen, worauf die Existenz der Bourgeoisie sich gründe wie die Sklaverei der Arbeiter.

Die aussichtsreiche Entwicklung wurde jedoch unterbrochen durch die Kämpfe um die papierene Reichsverfassung, die die Frankfurter Versammlung endlich zurechtfabriziert hatte. An und für sich war sie nicht wert, daß auch nur ein Tropfen Blut um sie vergossen wurde; die erbliche Kaiserkrone, die sie auf das Haupt des preußischen Königs stülpen wollte, glich auf ein Haar einer Narrenkappe. Der König nahm sie nicht an, aber er lehnte sie auch nicht ab; er wollte mit den deutschen Fürsten über die Reichsverfassung verhandeln, in der geheimen Hoffnung, daß sie ihm die preußische Hegemonie zugestehen würden, wenn er mit dem preußischen Schwerte niederwürfe, was in den deutschen Mittel- und Kleinstaaten noch an revolutionärer Kraft vorhanden war.

Es war ein Leichenraub an der Revolution, der noch einmal die revolutionäre Flamme schürte. Er rief eine Reihe von Aufständen hervor, denen die Reichsverfassung den Namen, wenn auch nicht den Inhalt gab. Sie verkörperte trotz alledem die Souveränität der Nation, die in ihr abgemeuchelt werden sollte, um von neuem die Souveränität der |194| Fürsten herzustellen. Im Königreich Sachsen, im Großherzogtum Baden und in der bayrischen Pfalz wurde mit den Waffen um die Reichsverfassung gekämpft, und überall spielte der preußische König den Henker, um dann freilich von den Potentaten, die er gerettet hatte, um den Lohn des Henkersdienstes geprellt zu werden. Auch in der Rheinprovinz kam es zu einzelnen Aufständen, doch sie wurden im Keime erstickt durch die Übermacht der Heeresmassen, womit die Regierung die gefürchtete Provinz überschwemmt hatte.

Nun gewann man auch die Courage zu einem vernichtenden Schlage gegen die »Neue Rheinische Zeitung«. Je mehr sich die Anzeichen einer neuen revolutionären Erhebung mehrten, um so heller loderten die Flammen revolutionärer Leidenschaft in ihren Spalten auf; ihre Extrablätter im April und Mai waren ebenso viele Aufrufe an das Volk, sich zum Losschlagen bereit zu halten; damals erwarb sich das Blatt von der »Kreuzzeitung« das ehrenvolle Lob der Chimborassofrechheit, gegen die der »Moniteur« von 1793 matt erscheine. Die Regierung wollte ihm längst an den Kragen, aber der Mut, der Mut! Mit zwei Prozessen gegen Marx hatte man ihm bei der Stimmung der rheinischen Geschworenen nur neue Triumphe bereitet; der Berliner Anregung, abermals den Belagerungszustand über Köln zu verhängen, wich die ängstliche Festungskommandantur aus. Sie wandte sich vielmehr an die Polizeidirektion mit der Aufforderung, Marx als »gefährlichen Menschen« auszuweisen.

Diese Behörde wieder wandte sich in ihrer Not an die Kölner Bezirksregierung, die an ihrem Teil ihren Schmerz in den Busen Manteuffels aushauchte, der als Minister des Innern ihr Vorgesetzter war. Sie berichtete am 10. März, Marx weile immer noch in Köln ohne Aufenthaltserlaubnis, und die von ihm redigierte Zeitung fahre in ihren destruktiven Tendenzen fort, zum Umsturz der bestehenden Verfassungen und zur Herstellung der sozialen Republik aufzureizen, unter Verhöhnung und Verspottung alles dessen, was sonst der Mensch achte und heilig, halte; sie werde um so schändlicher, als die Frechheit und die Laune, womit sie geschrieben werde, ihren Leserkreis immer mehr vergrößere. Die Polizeidirektion aber habe Bedenken gegen die Aufforderung der Festungskommandantur, Marx auszuweisen, und die Regierung könne diesen Bedenken nur beipflichten; eine Ausweisung »ohne besondere äußere Veranlassung«, »lediglich der Tendenz und Gefährlichkeit der Zeitung wegen« könne möglicherweise eine Demonstration der demokratischen Partei hervorrufen.

Auf diesen Bericht wandte sich Manteuffel an Eichmann, den Oberpräsidenten der Rheinprovinz, um auch dessen Meinung zu hören. Eichmann |195|* antwortete am 29. März, daß die Ausweisung zwar berechtigt, aber nicht unbedenklich sei, bevor sich Marx nicht weiteres zuschulden kommen lasse. Danach verfügte Manteuffel am 7. April, daß er gegen die Ausweisung nichts einzuwenden habe, aber ihren Zeitpunkt der Regierung überlassen müsse; wünschenswert sei allerdings, daß sie im Anschluß an eine Verschuldung erfolge. Sie erfolgte dann am 11. Mai, nicht wegen einer besonderen Verschuldung, sondern wegen der gefährlichen Tendenz der »Neuen Rheinischen Zeitung«. Mit andern Worten, die Regierung fühlte sich am 11. Mai stark genug für einen hinterhältigen Streich, den zu verüben sie am 29. März und am 7. April noch zu feige gewesen war.

Der preußische Professor, der diesen urkundlichen Hergang der Dinge jüngst aus den Archiven aufgedeckt hat, wollte damit offenbar den dichterischen Seherblick Freiligraths feiern, der unter dem frischen Eindruck der Ausweisung sang:

Kein offner Hieb in offner Schlacht -
Es fällen die Nücken und Tücken,
Es fällt mich die schleichende Niedertracht
Der schmutzigen Westkalmücken.

 

9. Noch ein feiger Streich

Marx befand sich auswärts, als der Ausweisungsbefehl erfolgte. Obgleich die Zeitung in fortwährendem Aufsteigen begriffen war und gegen 6.000 Abonnenten zählte, so waren ihre finanziellen Schwierigkeiten doch noch nicht überwunden; mit der Zunahme der Abonnenten wuchsen die baren Auslagen, während die Einnahmen nur nachträglich erhoben werden konnten. In Hamm verhandelte Marx mit Rempel, einem der beiden Kapitalisten, die im Jahre 1846 bereit gewesen waren, einen kommunistischen Verlag zu begründen, doch war der Wackere auch jetzt ein Mann mit zugeknöpften Taschen und wies Marx an den ehemaligen Leutnant Hentze, der in der Tat der Zeitung 300 Taler vorschoß, deren Rückzahlung Marx als persönliche Verpflichtung übernahm. Hentze, der sich später als Lockspitzel entpuppte, wurde damals von der Polizei verfolgt und reiste mit Marx nach Köln, wo dieser den »Regierungswisch« vorfand.

Damit war das Schicksal der Zeitung besiegelt. Ein paar andere Redakteure konnten ebenfalls als »Ausländer« ausgewiesen werden, der |196| Rest stand unter gerichtlicher Verfolgung. Am 19. Mai erschien die letzte rote Nummer mit dem berühmten Abschiedsliede Freiligraths und einem trotzigen Abschiedsworte, worin Marx hageldicht seine Hiebe auf den Rücken der Regierung sausen ließ. »Wozu diese albernen Phrasen, diese offiziellen Lügen! ... Wir sind rücksichtslos, wir verlangen keine Rücksicht von euch. Wenn die Reihe an uns kömmt, wir werden den Terrorismus nicht beschönigen. Aber die royalistischen Terroristen, die Terroristen von Gottes- und Rechtsgnaden, in der Praxis sind sie brutal, verächtlich, gemein, in der Theorie feig, versteckt, doppelzüngig, in beiden Beziehungen ehrlos.«[29] Die Zeitung warnte die Kölner Arbeiter vor jedem Putsch; nach der militärischen Lage Kölns wären sie rettungslos verloren. Die Redakteure dankten ihnen für ihre Teilnahme, »ihr letztes Wort wird überall und immer sein: Emanzipation der arbeitenden Klasse!«[30]

Daneben erfüllte Marx die Pflichten, die ihm als Kapitän des scheiternden Schiffs oblagen. Die 300 Taler, die ihm Hentze geborgt hatte, 1.500 Taler Abonnementsgelder, die er von der Post erhielt, die ihm gehörige Schnellpresse usw. wurden sämtlich verwandt, um die Schulden der Zeitung an Setzer, Drucker, Papierhändler, Kontoristen, Korrespondenten, Redakteurpersonal usw. abzutragen. Für sich behielt er nur das Silberzeug seiner Frau, das ins Frankfurter Pfandhaus wanderte. Die paar hundert Gulden, die dafür erlöst wurden, waren der Zehrpfennig der Familie, als sie von neuem, wie unsere Altvorderen zu sagen pflegten, ins »Elend« wandern mußte.

Von Frankfurt aus begab sich Marx mit Engels auf den Schauplatz des badisch-pfälzischen Aufstandes. Sie gingen erst nach Karlsruhe, dann nach Kaiserslautern, wo sie d'Ester antrafen, der die Seele der provisorischen Regierung war. Von ihm erhielt Marx ein Mandat des Demokratischen Zentralausschusses, um in Paris die deutsche revolutionäre Partei bei der Montagne der Nationalversammlung zu vertreten, der damaligen, aus kleinbürgerlichen und proletarischen Elementen gemischten Sozialdemokratie, die einen großen Schlag gegen die Ordnungsparteien und deren Vertreter, den falschen Bonaparte, vorbereitete. Auf der Rückreise wurden sie von den hessischen Truppen als der Teilnahme am Aufstande verdächtig verhaftet, nach Darmstadt und von da nach Frankfurt transportiert, wo sie wieder freigegeben wurden. Marx ging nun nach Paris, während Engels nach Kaiserslautern zurückkehrte, um als Adjutant in die Freischar einzutreten, die der ehemalige preußische Leutnant Willich gebildet hatte.

Am 7. Juni schrieb Marx aus Paris, daß dort eine royalistische Reaktion |197|* herrsche, schauerlicher als unter Guizot, aber daß auch ein kolossaler Ausbruch des Revolutionskraters nie näher bevorgestanden habe. Diese Erwartung täuschte ihn jedoch; der Schlag, den die Montagne plante, scheiterte, und nicht einmal in sehr erhebender Weise. Ihn selbst traf einen Monat später die Rache der Sieger; am 19. Juli ließ ihm der Minister des Innern durch den Polizeipräfekten anbefehlen, seinen Wohnsitz im Departement Morbihan zu nehmen. Es war ein feiger Streich, »die Infamie der Infamien«, wie Freiligrath auf die Nachricht hin an Marx schrieb. »Daniels erklärt Morbihan für den ungesundesten Strich Frankreichs, schwammig und fieberhauchend: die pontinischen Sümpfe der Bretagne.« Marx ließ sich denn auch nicht auf diesen »verkleideten Mordversuch« ein; vorläufig gelang ihm, die Ausführung durch eine Berufung an den Minister des Innern aufzuschieben.

Er befand sich in der bittersten Notlage, da seine spärlichen Mittel völlig aufgezehrt waren, und wandte sich an Freiligrath und Lassalle um Hilfe. Beide taten ihr möglichstes, so jedoch, daß sich Freiligrath über die Indiskretion beklagte, womit Lassalle die Sache betreibe und zum Kneipengespräch gemacht habe. Marx war davon peinlich berührt; am 31. Juli antwortete er: »Die größte Verlegenheit ist mir lieber als eine öffentliche Bettelei. Ich habe ihm deshalb geschrieben. Die Geschichte irritiert [Mehring übersetzt: ärgert] mich ganz unaussprechlich.« Doch wußte Lassalle die Verstimmung zu beseitigen durch einen Brief, der von gutem Willen überfloß, wenngleich die Versicherungen des Verfassers, die Sache »mit äußerster Delikatesse« betrieben zu haben, doch manchen Zweifel zuließen.

Am 23. August meldete Marx an Engels, daß er Frankreich verlasse und am 5. September an Freiligrath, seine Frau werde ihm am 15. September folgen; er wisse nicht, wie er die zu ihrer Abreise und zu ihrer Ansiedlung nötigen Mittel auftreiben solle. In sein drittes Exil geleitete ihn die schwarze Sorge, und sie ist ihm hier eine nur allzu getreue Begleiterin geblieben.

 

 

Anmerkungen:


[1] Beschluß und Vollmacht in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 607.

[2] Karl Marx/Friedrich Engels: Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 5, S. 3-5.

[3] Die Frankfurter Versammlung, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 5, S. 14-17.

[4] Programme der radikal-demokratischen Partei und der Linken in Frankfurt, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 5, S. 42.

[5] Der Bürgerwehrgesetzentwurf, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 5, S. 249.

[6] Der Gesetzentwurf über die Aufhebung der Feudallasten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 5, S. 283.

[7] Die Junirevolution, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 5, S. 136/137. <=

[8] Auswärtige deutsche Politik, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 5, S. 155.

[9] Die auswärtige deutsche Politik und die letzten Ereignisse zu Prag, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 5, S. 202.

[10] Friedrich Engels: Die Polendebatte in Frankfurt, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 5, S. 319-353.

[11] Friedrich Engels: Die Polendebatte in Frankfurt, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 5, S. 340.

[12] Friedrich Engels: Der demokratische Panslawismus, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, S. 270-286.

[13] Friedrich Engels: Der demokratische Panslawismus, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, S. 286.

[14] Friedrich Engels: Der demokratische Panslawismus, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, S. 275.

[15] Der dänisch-preußische Waffenstillstand, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 5, S. 394.

[16] Der dänisch-preußische Waffenstillstand, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 5, S. 394, 395, 396.

[17] Die Freiheit der Beratungen in Berlin, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 5, S. 406.

[18] Die Konterrevolution in Berlin, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, S. 8/9.

[19] [Aufforderung des Rheinischen Kreisausschusses der Demokraten zur Steuerverweigerung], in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, S. 33.

[20] Der Prozeß gegen den Rheinischen Kreisausschuß der Demokraten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, S. 245.

[21] Der Prozeß gegen den Rheinischen Kreisausschuß der Demokraten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, S. 252/253.

[22] Der Prozeß gegen den Rheinischen Kreisausschuß der Demokraten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, S. 256.

[23] Der Prozeß gegen den Rheinischen Kreisausschuß der Demokraten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, S. 256/257.

[24] Die revolutionäre Bewegung, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, S. 149.

[25] Das Organ Manteuffel und Johannes - Die Rheinprovinz und der König von Preußen, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, S. 76.

[26] Friedrich Engels: Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 21, S. 219.

[27] Erklärung, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, 426.

[28] Die Beschlüsse der Generalversammlung des Arbeitervereins vom 16. April 1849, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, 584.

[29] [Die standrechtliche Beseitigung der »Neuen Rheinischen Zeitung«], in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, 504/505.

[30] An die Arbeiter Kölns, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, 519.

 

 

 

Siebentes Kapitel:

Das Londoner Exil

 

 

 

1. »Neue Rheinische Revue«

|198| In dem letzten Briefe, den Marx aus Paris an Engels richtete, teilte er mit, er habe alle Aussicht, in London ein deutsches Journal zu stiften; ein Teil der Gelder sei ihm schon sicher. Er bat Engels, der nach dem Scheitern des badisch-pfälzischen Aufstandes als Flüchtling in der Schweiz lebte, sofort nach London zu kommen. Engels folgte dem Rufe, indem er die Fahrt von Genua aus mit einem Segelschiff machte.

Woher die Mittel für das geplante Unternehmen geflossen sind, läßt sich nicht mehr feststellen. Reichlich können sie nicht gewesen sein, und auf eine lange Dauer der Zeitschrift war auch nicht gerechnet; Marx hoffte, daß nach drei bis vier Monaten der Weltbrand dazwischen kommen werde. Die »Einladung zur Aktienzeichnung« auf die »Neue Rheinische Zeitung. Politisch-Ökonomische Revue, Redigiert von Karl Marx«, ist aus London vom 1. Januar 1850 datiert und von Konrad Schramm als Geranten des Unternehmens gezeichnet. Es heißt darin, die Redakteure der »Neuen Rheinischen Zeitung« hätten sich, nachdem sie, sei es in Süddeutschland, sei es in Paris, an den revolutionären Bewegungen des letzten Sommers teilgenommen hätten, in London wieder zusammengefunden und beschlossen, von hier aus die Zeitung fortzusetzen. Sie könne zunächst nur als Revue in monatlichen Heften von etwa fünf Bogen erscheinen; sobald es die Mittel erlaubten, solle sie jedoch alle vierzehn Tage in gleichem Umfange oder womöglich als großes wöchentliches Blatt nach Art der amerikanischen und englischen Wochenblätter herausgegeben werden, um sich, sobald die Verhältnisse die Rückkehr nach Deutschland gestatteten, sofort wieder in eine Tageszeitung zu verwandeln. Schließlich wurde zur Zeichnung von Aktien zu je 50 Franken aufgefordert.

Es werden nicht viele Aktien untergebracht worden sein. Gedruckt wurde die Zeitung in Hamburg, wo eine buchhändlerische Firma ihren Kommissionsverlag übernommen hatte; sie beanspruchte dafür 50 Prozent von den 25 Silbergroschen vierteljährigen Ladenpreises. Viele |199| Mühe hat sie sich mit der Sache nicht gegeben, zumal da ihr die preußische Besatzung in Hamburg den Atem beklemmte. Es wäre aber kaum besser gewesen, wenn sie größeren Eifer entwickelt hätte. Lassalle trieb in Düsseldorf keine 50 Abonnenten auf, und Weydemeyer, der sich 100 Exemplare zum Vertrieb nach Frankfurt kommen ließ, hatte nach einem halben Jahre erst 51 Gulden eingenommen; »ich trete die Leute zwar genug, aber trotz aller Mahnungen beeilt sich niemand mit dem Zahlen.« Mit berechtigter Bitterkeit schrieb ihm Frau Marx, das Geschäft sei durch nachlässigen und unordentlichen Betrieb gänzlich ruiniert worden, und man wisse nicht, ob die Verschleppung des Buchhändlers oder der Geschäftsführer und Bekannten in Köln oder das Benehmen der Demokratie am schädlichsten gewesen sei.

Ganz ohne Schuld war auch nicht die ungenügende redaktionelle Vorbereitung des Unternehmens, das im wesentlichen auf Marx und Engels allein angewiesen war. Das Manuskript für das Januarheft traf erst am 6. Februar in Hamburg ein. Aber die Nachlebenden haben allen Grund, dankbar zu sein, daß der Plan überhaupt ausgeführt wurde, denn wäre er nur wenige Monate verzögert worden, so hätte ihn das schnelle Verrinnen der revolutionären Flut überhaupt unmöglich gemacht. So sind uns in den sechs Heften der Revue kostbare Zeugnisse dafür erhalten, wie Marx nach den Worten seiner Frau durch »seine ganze Energie, das ganze ruhige, klare, stille Selbstbewußtsein seines Wesens« sich über die kleinlichen Sorgen des Lebens zu erheben wußte, die täglich und stündlich »in empörender Form« an ihn herantraten.

Marx und ebenso Engels - dieser noch mehr als jener - haben namentlich in ihrer Jugend die kommenden Dinge immer in viel zu naher Ferne gesehen, oft schon die Frucht pflücken zu können gehofft, wo sich kaum erst die Blüte zu entfalten begann; wie oft sind sie deshalb falsche Propheten gescholten worden! Und ein falscher Prophet zu sein, gilt nicht eben als der feinste Ruhm eines Politikers. Aber man muß dabei unterscheiden, ob falsche Prophezeiungen aus der kühnen Zuversicht eines klaren und scharfen Denkens entspringen oder aus der eitlen Selbstbespiegelung in frommen Wünschen. In diesem Falle wirkt die Enttäuschung entnervend, indem ein Blendwerk spurlos verschwindet, in jenem anderen Falle aber stärkend, indem der denkende Geist den Ursachen seines Irrtums nachspürt und dadurch neue Erkenntnis gewinnt.

Vielleicht niemals hat es Politiker gegeben, die in dieser Selbstkritik von so unerbittlicher Wahrhaftigkeit gewesen sind wie Marx und Engels. Von jener elenden Rechthaberei, die sich der herbsten Enttäuschung |200|* gegenüber noch selbst zu täuschen sucht, indem sie sich vorspiegelt, daß sie doch recht behalten hätte, wenn nur dies oder jenes anders gekommen wäre, wie es tatsächlich gekommen ist, waren sie völlig frei. Ebenso frei waren sie aber von allem wohlfeil weisen Absprechen, von allem unfruchtbaren Pessimismus; sie lernten aus der Niederlage, um mit verstärkter Kraft den Sieg vorzubereiten.

Mit dem Fehlschlage des 13. Juni in Paris, dem Scheitern der Reichsverfassungskampagne in Deutschland und der Niederwerfung der ungarischen Revolution durch den Zaren, hatte ein großer Abschnitt der Revolution seinen Abschluß gefunden. Ihr Wiedererwachen war nur noch möglich in Frankreich, wo die entscheidenden Würfel trotz alledem noch nicht gefallen waren. An dieser Hoffnung hielt Marx fest, aber das hinderte ihn nicht, sondern trieb ihn dazu an, den bisherigen Verlauf der französischen Revolution einer rücksichtslosen, jeder Illusion spottenden Kritik zu unterziehen. Es geschah so, daß er das wirre Durcheinander ihrer Kämpfe, das ideologischen Politikern mehr oder minder als unentwirrbar erscheinen mußte, von ihrem inneren Springpunkt her beleuchtete, von den ökonomischen Gegensätzen, die in ihnen aufeinanderstießen.

So gelang es ihm, in dieser Darstellung, die sich durch die drei ersten Hefte der Revue zog, oft genug, die verworrensten Tagesfragen durch ein paar epigrammatische Sätze zu schlichten! Was hatten die erleuchteten Köpfe der Bourgeoisie und selbst doktrinäre Sozialisten in der Pariser Nationalversammlung über das Recht auf Arbeit zusammengeredet, und wie völlig schöpfte Marx den historischen Sinn wie Unsinn dieses Schlagwortes in den wenigen Sätzen aus: »In dem ersten Konstitutionsentwurf, verfaßt vor den Junitagen, befand sich noch das ›droit à travail‹, das Recht auf Arbeit, erste unbeholfene Formel, worin sich die revolutionären Ansprüche des Proletariats zusammenfassen. Es wurde verwandelt in das droit à l'assistance, in das Recht auf öffentliche Unterstützung, und welcher moderne Staat ernährt nicht in der einen oder der andern Form seine Paupers? Das Recht auf Arbeit ist im bürgerlichen Sinn ein Widersinn, ein elender, frommer Wunsch, aber hinter dem Rechte auf Arbeit steht die Gewalt über das Kapital, hinter der Gewalt über das Kapital die Aneignung der Produktionsmittel, ihre Unterwerfung unter die assoziierte Arbeiterklasse, also die Aufhebung der Lohnarbeit, des Kapitals und ihres Wechselverhältnisses.«[1] Hatte Marx an der französischen Geschichte zuerst den Klassenkampf als treibendes Rad der historischen Entwicklung erkannt, wie er denn auch in ihr seit den Tagen des Mittelalters in besonders klaren und klassischen |201|* Formen hervorgetreten ist, so erklärt sich leicht seine besondere Vorliebe für die französische Geschichte. Diese Abhandlung, wie später die andere über den bonapartistischen Staatsstreich und die noch spätere über die Pariser Kommune, sind die glänzendsten Steine in dem Juwelenschrein seiner kleineren historischen Schriften.

Als lustiges Gegenbild, doch nicht ohne tragischen Ausgang, gab sich daneben in den drei ersten Heften der Revue das Bild einer kleinbürgerlichen Revolution, das Engels von der deutschen Reichsverfassungskampagne entwarf.[2] Gemeinsam von beiden verfaßt waren die Monatsübersichten, worin sie vor allem dem ökonomischen Gange der Dinge nachspürten. Schon im Februarhefte wiesen sie auf die Entdeckung der kalifornischen Goldgruben hin, als auf eine Tatsache, die »noch wichtiger als die Februarrevolution« sei und noch großartigere Resultate haben werde als die Entdeckung Amerikas. »Eine Küste von 30 Breitengraden Länge, eine der schönsten und fruchtbarsten der Welt, bisher so gut wie unbewohnt, verwandelt sich zusehends in ein reiches, zivilisiertes Land, dichtbevölkert von Menschen aller Stämme, vom Yankee zum Chinesen, vom Neger zum Indianer und Malaien, vom Kreolen und Mestizen zum Europäer. Das kalifornische Gold ergießt sich in Strömen über Amerika und die asiatische Küste des Stillen Ozeans und reißt die widerspenstigsten Barbarenvölker in den Welthandel, in die Zivilisation. Zum zweiten Male bekommt der Welthandel eine neue Richtung ... Dank dem kalifornischen Golde und der unermüdlichen Energie der Yankees werden beide Küsten des Stillen Meers bald ebenso bevölkert, ebenso offen für den Handel, ebenso industriell sein, wie es jetzt die Küste von Boston bis New Orleans ist. Dann wird der Stille Ozean die selbe Rolle spielen wie jetzt das Atlantische und im Altertum und Mittelalter das Mittelländische Meer - die Rolle der großen Wasserstraße des Weltverkehrs; und der Atlantische Ozean wird herabsinken zu der Rolle eines Binnensees, wie sie jetzt das Mittelmeer spielt. Die einzige Chance, daß die europäischen zivilisierten Länder dann nicht in dieselbe industrielle, kommerzielle und politische Abhängigkeit fallen, in der Italien, Spanien und Portugal sich jetzt befinden, liegt in einer gesellschaftlichen Revolution, die, solange es noch Zeit ist, die Produktions- und Verkehrsweise nach den aus den modernen Produktivkräften hervorgehenden Bedürfnissen der Produktion selbst umwälzt und dadurch die Erzeugung neuer Produktivkräfte möglich macht, welche die Superiorität [Mehring übersetzt: Überlegenheit] der europäischen Industrie sichern und so die Nachteile der geographischen Lage ausgleichen.«[3] Nur daß, wie die Verfasser dieser großartigen Aussicht |202|* alsbald erkennen sollten, die gegenwärtige Revolution an der Entdeckung der kalifornischen Goldgruben versandete.

Ebenso gemeinsam von Marx und Engels verfaßt sind die Kritiken einiger Schriften, in denen sich vormärzliche Leuchten mit der Revolution auseinanderzusetzen gesucht hatten; der deutsche Philosoph Daumer, der französische Historiker Guizot und das englische Originalgenie Carlyle. Wenn Daumer der Schule Hegels entstammte, so hatte Guizot auf Marx, Carlyle auf Engels bedeutenden Einfluß geübt. Nunmehr hieß es von allen dreien: Gewogen auf der Waage der Revolution und zu leicht befunden. Die unglaublichen Gemeinplätze, in denen Daumer »die Religion des neuen Weltalters« predigte, werden in dem »rührenden Bilde« zusammengefaßt: Die deutsche Philosophie ringt die Hände und wehklagt am Sterbebette ihres Nährvaters, des deutschen Spießbürgertums. An Guizot wird nachgewiesen, wie selbst die tüchtigsten Leute des ancien régime, sogar Leute, denen in ihrer Weise historisches Talent keineswegs abzusprechen sei, durch das fatale Februarereignis so vollständig in Verwirrung gebracht worden seien, daß ihnen alles geschichtliche Verständnis, daß ihnen sogar das Verständnis ihrer eigenen früheren Handlungsweise abhanden gekommen sei. Endlich, wenn die Schrift Guizots zeigte, daß die Kapazitäten der Bourgeoisie im Untergehen begriffen waren, so zeigten ein paar Flugschriften Carlyles den Untergang des literarischen Genies an den akut gewordenen geschichtlichen Kämpfen, gegen die es seine verkannten, unmittelbaren, prophetischen Inspirationen geltend zu machen suchte.

Indem Marx und Engels in diesen glänzenden Kritiken die verheerenden Wirkungen der Revolution auf die literarischen Größen der vormärzlichen Zeit nachwiesen, waren sie doch weit davon entfernt, an irgendeine mystische Kraft der Revolution zu glauben, wie ihnen mitunter nachgeredet worden ist. Die Revolution schuf nicht das Bild, das die Daumer, Guizot und Carlyle bis auf den Tod erschreckte, sondern riß nur den Schleier von diesem Bilde. In den Revolutionen nimmt die historische Entwicklung nicht einen anderen, sondern nur einen schnelleren Gang; in diesem Sinne hat Marx sie wohl einmal »Lokomotiven der Geschichte« [4] genannt. Der dumme Philisterglaube an die »friedliche und gesetzliche Reform«, die allen revolutionären Ausbrüchen überlegen sei, ist Männern, wie Marx und Engels, natürlich immer ferngeblieben; ihnen war die Gewalt auch eine ökonomische Potenz, die Geburtshelferin jeder neuen Gesellschaft.

 

2. Der Fall Kinkel

|203| Mit ihrem vierten Heft, im April 1850, hörte die »Neue Rheinische Revue« auf, regelmäßig zu erscheinen, und einiges dazu beigetragen hat wohl ein kleiner Artikel dieses Hefts, von dem die Verfasser vorhersagten, daß er »die allgemeine Entrüstung der sentimentalen Schwindler und demokratischen Deklamatoren« erregen würde: eine kurze, aber vernichtende Kritik der Verteidigungsrede, die Gottfried Kinkel am 7. August 1849 als gefangener Freischärler vor dem Kriegsgerichte in Rastatt gehalten und Anfang April 1850 in einem Berliner Blatte veröffentlicht hatte.

An sich war diese Kritik vollkommen berechtigt. Kinkel hatte vor dem Kriegsgericht die Revolution und seine Waffengefährten verleugnet; er hatte dem »Kartätschenprinzen« gehuldigt und »das Kaisertum Hohenzollern« hochleben lassen, vor denselben Kriegsgerichten, die 26 seiner Kameraden auf den Sandhaufen geschickt hatten, wo sie alle tapfer gestorben waren. Aber Kinkel saß im Zuchthause, als Marx und Engels ihn angriffen; wie man allgemein annahm als ein ausgesuchtes Opfer der königlichen Rachsucht, die das auf Festungsstrafe lautende Urteil des Kriegsgerichts durch einen Akt der Kabinettsjustiz in die entehrende Zuchthausstrafe umgewandelt haben sollte. Ihn in solcher Lage noch an einen politischen Pranger zu stellen, konnte nicht bloß bei »sentimentalen Schwindlern und demokratischen Deklamatoren« starkes Bedenken erregen.

Seitdem haben sich die Archive über den Fall Kinkel geöffnet, der sich danach als ein wahres Nest tragikomischer Verwechslungen darstellt. Kinkel war ursprünglich Theologe und zwar orthodoxer Theologe; durch seinen Abfall vom rechten Glauben, der durch die Verheiratung mit einer geschiedenen Katholikin begleitet oder auch gefördert wurde, hatte er einen unversöhnlichen Haß der Rechtgläubigen hervorgerufen, der ihm einen, weit über Verdienst und Würdigkeit hinausgehenden Ruf als »Freiheitshelden« verschaffte. In dieselbe Partei mit Marx und Engels war er in der Tat nur durch ein »Mißverständnis« geraten; politisch kam er nicht über die Schlagworte der landläufigen Demokratie hinaus, wobei ihn die - nach einem Worte Freiligraths - »verfluchte Schönrednerei«, die ihm noch aus seiner theologischen Zeit anhing, gelegentlich ebenso weit nach links reißen mochte wie in der Rastatter Rede nach rechts. Eine bescheidene, dichterische Begabung diente dazu, ihn bekannter zu machen, als andere Demokraten seines Schlages waren.

|204| In der Reichsverfassungskampagne war Kinkel in die Freischar Willichs eingetreten, in der auch Engels und Moll kämpften; hier hielt er sich tapfer und wurde in den letzten Gefechten an der Murg, wo Moll fiel, durch einen Streifschuß am Kopf verwundet und dann gefangengenommen. Das Kriegsgericht verurteilte ihn zu lebenslänglicher Festungsstrafe, aber damit war dem »Kartätschenprinzen« oder, wie sich Kinkel in seiner Verteidigung preislicher ausgedrückt hatte, »der Königlichen Hoheit unseres Thronfolgers« nicht gedient, und das Generalauditoriat in Berlin beantragte beim Könige, das kriegsgerichtliche Urteil aufzuheben, da Kinkel die Todesstrafe verwirkt habe, und von neuem kriegsgerichtlich über ihn erkennen zu lassen.

Hiergegen erhob sich nunmehr das gesamte Ministerium, indem es zwar anerkannte, daß die Strafe des Hochverräters zu milde sei, aber die Bestätigung des Urteils aus Rücksicht auf die öffentliche Meinung »aus Gnaden« anriet. Zugleich erschien es ihm »geraten«, die Vollstreckung der Strafe in einer »Zivilanstalt« anzuordnen, da es »große Sensation« erregen würde, wenn Kinkel als Festungssträfling behandelt werden würde. Der König genehmigte diese Anträge des Ministeriums, erregte dadurch aber gerade die »große Sensation«, die vermieden werden sollte. Die »öffentliche Meinung« empfand es als blutigen Hohn, daß ein König »aus Gnaden« einen Hochverräter, den selbst ein Kriegsgericht nur auf die Festung schicken wollte, ins Zuchthaus sandte.

Sie war jedoch im Irrtum, weil sie sich auf die Feinheiten preußischer Strafvollstreckung nicht verstand. Kinkel war nicht zu militärischem Festungsarrest, sondern zu militärischer Festungsstrafe verurteilt worden, einer Strafe, die noch in viel härteren und widerlicheren Formen vollzogen wurde, als die Zuchthausstrafe. Die Festungssträflinge wurden in engen Löchern zu zehn oder zwanzig zusammengepfercht, hatten nur eine harte Pritsche als Lager, wurden karg und schlecht beköstigt, mußten die niedrigsten Arbeiten verrichten wie Abtrittausräumen, Straßenkehren usw., und beim geringsten Versehen bekamen sie die Peitsche zu kosten. Vor diesem Hundeleben wollte das Ministerium, aus Angst vor der »öffentlichen Meinung«, den gefangenen Kinkel bewahren, aber als die »öffentliche Meinung« die Sache umgekehrt verstand, wagte es es doch nicht, aus Angst vor dem »Kartätschenprinzen« und dessen rachsüchtiger Partei, sich offen zu seiner »humanen« Absicht zu bekennen, und ließ den König lieber unter einem Verdacht, der ihn auch in den Augen der Gutgesinnten schwer schädigen mußte und geschädigt hat.

Unter dem fatalen Eindruck dieser mißlungenen Aktion wollte das Ministerium nicht neue »Sensationen« durch die Erlebnisse Kinkels im |205| Zuchthause hervorrufen, wagte sich aber nur zu dem Befehl aufzuschwingen, daß auf keinen Fall die Strafe der körperlichen Züchtigung an ihm vollstreckt werden dürfe. Auch seine Befreiung von körperlicher Zwangsarbeit hätte es gern gesehen und legte dem Zuchthausdirektor in Naugard nahe, wo Kinkel zuerst saß, die Verantwortung auf die eigene Kappe zu nehmen. Aber der stramme Bürokrat hielt sich an seine Instruktion und setzte Kinkel ans Spulrad. Darob wieder gewaltige Aufregung; ein »Lied vom Spulen« entstand und wurde viel deklamiert, Bilder des »spulenden Dichters« überschwemmten Deutschland, und Kinkel selbst schrieb an seine Gattin: »Das Spiel des Schicksals und der Parteiwut geht ins Wahnwitzige, daß die Hand, die der deutschen Nation ›Otto den Schütz‹ schrieb, jetzt die Spule dreht.« Jedoch bestätigte sich alsbald die alte Erfahrung, daß die »sittliche Entrüstung« des Philisters in einer großen Lächerlichkeit zu enden pflegt. Erschreckt durch den Lärm und mutiger als das Ministerium, aber freilich auch sofort wegen »demokratischer Anschauungen« denunziert, ordnete die Stettiner Bezirksregierung die Beschäftigung Kinkels mit schriftlichen Arbeiten an, worauf Kinkel selbst erklärte, er wünsche beim Spulrade zu bleiben, da eine leichte körperliche Anstrengung ihm gestatte, sich frei mit seinen Gedanken zu beschäftigen, während tagelanges Kopieren seine Brust angreife und ihn krank mache.

Die weitverbreitete Meinung, als werde Kinkel im Zuchthause auf den Befehl des Königs mit besonderer Bosheit behandelt, traf nicht zu, wenn er auch mancherlei zu leiden hatte. Schnuchel, der Naugarder Direktor, war ein strammer Bürokrat, aber kein Unmensch: er duzte Kinkel, aber gewährte ihm viele Bewegung in freier Luft und hatte menschliches Verständnis für die rastlosen Bemühungen der Frau Kinkel, ihren Mann zu befreien. In Spandau dagegen, wohin Kinkel im Mai 1850 kam, wurde er Sie genannt, mußte sich aber Bart und Haupthaar scheren lassen; der Direktor Jeserich, ein frömmelnder Reaktionär, quälte ihn mit Bekehrungsversuchen und begann mit der »verehelichten Kinkel« sofort die widerlichsten Zänkereien. Immerhin machte auch dieser Seelenverkäufer keine großen Schwierigkeiten, als ihn das Ministerium zum Bericht über den Antrag der Frau Kinkel aufforderte, falls man ihren Mann nach Amerika entlasse, so werde er sich durch sein Ehrenwort verpflichten, auf jede politische Tätigkeit zu verzichten und nie nach Europa zurückzukehren. Jeserich meinte sogar, soweit er den Kinkel kennengelernt habe, werde eine gründliche Heilung seines innersten Menschen noch am ehesten in Amerika erlangt werden. Aber mindestens ein Jahr müsse er im Kerker verbüßt haben, damit das Schwert der |206| Obrigkeit nicht gar so stumpf und schartig werde; dann könne ihm die Auswanderung gestattet werden, es sei denn, daß Kinkels Gesundheit unter der längeren Haft litte, wovon jedoch nichts zu spüren wäre. Dieser Bericht Jeserichs ging an den König, der sich nun freilich rachsüchtiger erwies als die Minister und der Zuchthausdirektor; »Allerhöchstdieselben« entschieden, dem p. Kinkel könne nach Ablauf eines Jahres noch nicht die Auswanderung gestattet werden, da er noch ganz anders gedemütigt werden müsse, als bisher geschehen sei.

Überblickt man den Kultus, der damals mit Kinkel getrieben wurde, so begreift man den Widerwillen, den er bei Männern wie Marx und Engels erregen mußte. Dergleichen spießbürgerliche Spektakelstücke sind ihnen immer unausstehlich gewesen. Schon in seiner Darstellung der Reichsverfassungskampagne hatte sich Engels sehr bitter über das viele Wesen ausgelassen, das mit den »gebildeten Opfern« der Maiaufstände gemacht würde, während niemand von den Hunderten und Tausenden von Arbeitern spräche, die in der Schlacht gefallen wären oder in den Rastatter Kasematten verfaulten oder im Auslande allein von allen Flüchtlingen das Exil bis auf die Hefen des Elends zu durchkosten hätten. Allein wenn man auch davon absah, so gab es auch unter den »gebildeten Opfern« viele, die ungleich Schwereres zu tragen hatten und es ungleich männlicher trugen als Kinkel, ohne daß ein Hahn danach krähte. Es sei nur an August Röckel erinnert, der als Künstler mindestens ebenso hoch stand als Kinkel, er wurde im Zuchthause von Waldheim aufs grausamste bis zur körperlichen Züchtigung mißhandelt, war aber nach zwölf Jahren unerträglicher Foltern nicht zu bewegen, auch nur mit dem Zucken einer Augenwimper um Gnade zu bitten, so daß die an seinem Stolz verzweifelnde Reaktion ihn schließlich sozusagen gewaltsam aus dem Zuchthause werfen mußte. Und Röckel war nicht der einzige seiner Art. Vielmehr war Kinkel der einzige, der schon nach wenigen Monaten einer immerhin erträglichen Haft durch Veröffentlichung seiner Rastatter Rede vor aller Welt Reu' und Leid tat. Da war die derbe und herbe Kritik, die Marx und Engels an dieser Rede übten, durchaus angebracht; sie konnten mit Recht sagen, daß sie die Lage des gefangenen Kinkel dadurch nicht verschlechterten, sondern verbesserten.

Der Verlauf des Falles Kinkel gab ihnen dann auch sonst recht. Die Schwärmerei für Kinkel löste die Schnüre bürgerlicher Geldbeutel so weit, daß ein Beamter des Spandauer Zuchthauses bestochen und Kinkel im November 1850 durch Karl Schurz befreit werden konnte. Das hatte nun der König von seiner Rachsucht. Hätte er Kinkel gegen dessen ehrenwörtliches Versprechen, keine Politik mehr zu treiben, nach Amerika |207|* auswandern lassen, so würde Kinkel schnell vergessen worden sein, wie sogar der Zuchthausdirektor Jeserich begriffen hatte; nun wurde Kinkel durch seine gelungene Flucht ein dreimal gefeierter Agitator, und der König hatte zum Schaden noch den Spott zu tragen.

Doch wußte er sich in seiner königlichen Art zu fassen. Der Bericht über Kinkels Flucht regte in ihm einen Gedanken an, den er selbst ehrlich genug war, als unlauter zu bezeichnen. Er befahl seinem Manteuffel, durch die »kostbare Persönlichkeit« des Stieber ein Komplott aufdecken und bestrafen zu lassen. Stieber war damals schon so allgemein verachtet, daß sich selbst der Berliner Polizeipräsident Hinckeldey, der in der Verfolgung politischer Gegner ein sehr weites Gewissen hatte, heftig gegen seine Wiederanstellung im Polizeidienst sträubte. Half aber alles nichts, und Stieber inszenierte nun als seine Probearbeit das Diebstahls- und Meineidsstück des Kölner Kommunistenprozesses.

An mancherlei Schurkerei übertraf es dutzendfach den Fall Kinkel, aber man hat nicht gehört, daß sich auch nur ein biederer Bürgersmann darüber aufgeregt hätte. Vielleicht wollte diese angenehme Klasse damit beweisen, daß Marx und Engels sie von vornherein richtig durchschaut hatten.

 

3. Die Spaltung des Kommunistenbundes

Im übrigen hatte der Fall Kinkel mehr eine symptomatische als eine tatsächliche Bedeutung. Das Wesen des Streits, in den Marx und Engels mit der Londoner Emigration gerieten, läßt sich daran am genauesten erkennen, aber seine wichtigste Erscheinung war er nicht, geschweige denn, daß er seine Ursache gewesen wäre.

Was Marx und Engels mit der sonstigen Emigration verband und was sie von ihr trennte, zeigen die beiden Schöpfungen, denen sie neben der Herausgabe der »Neuen Rheinischen Revue« im Jahre 1850 ihre Arbeit widmeten: auf der einen Seite das Flüchtlingskomitee, das sie mit Bauer, Pfänder und Willich gründeten, um den Emigranten zu helfen, die um so massenhafter nach London strömten, je mehr die Schweiz die rauhe Seite gegen die Flüchtlinge herauszukehren begann, auf der andern Seite die Wiederherstellung des Kommunistenbundes, die um so notwendiger wurde, je rücksichtsloser die siegreiche Gegenrevolution der Arbeiterklasse Preß- und Versammlungsfreiheit und überhaupt alle Mittel öffentlicher Propaganda entriß. Man mag sagen, daß Marx und Engels sich menschlich mit der Emigration solidarisch erklärten, |208| aber nicht politisch; daß sie ihre Leiden teilten, aber nicht ihre Einbildungen; daß sie ihr den letzten Pfennig opferten, aber nicht das kleinste Bruchteilchen ihrer Überzeugungen.

Die deutsche und nun gar die internationale Flüchtlingsschaft stellte eine verworrene Masse der allerverschiedensten Elemente dar. Sie alle hofften auf ein Wiedererwachen der Revolution, die sie in die Heimat zurückführen würde, und sie alle arbeiteten auf dies Ziel hin, womit eine einheitliche Aktion gegeben zu sein schien. Jedoch jeder Anlauf dazu scheiterte regelmäßig; er gedieh höchstens zu papierenen Kundgebungen, die destoweniger besagten, je pomphafter sie klangen. Sobald gehandelt werden sollte, entstanden die unerbaulichsten Zänkereien. Sie wurden nicht verschuldet durch die Personen und höchstens verschärft durch die trostlose Lage, in der sich diese Personen befanden; ihre wirkliche Ursache waren die Klassenkämpfe, die den Gang der Revolution bestimmt hatten und in der Emigration fortdauerten, trotz aller Versuche, sie wegzuphantasieren. Die Fruchtlosigkeit dieser Versuche sahen Marx und Engels von vornherein ein und beteiligten sich nicht daran, was alle Fraktionen und Fraktiönchen der Emigration wenigstens in der einen Ansicht vereinigte, daß Marx und Engels die eigentlichen und unverbesserlichen Störenfriede seien.

An ihrem Teil setzten sie den proletarischen Klassenkampf fort, den sie schon vor der Revolution begonnen hatten. Die alten Mitglieder des Kommunistenbundes hatten sich seit dem Herbst 1849 fast vollzählig in London wieder zusammengefunden, bis auf Moll, der in den Kämpfen an der Murg gefallen war, sowie Schapper, der erst im Sommer 1850 eintraf, und endlich Wilhelm Wolff, der noch ein Jahr später aus der Schweiz übersiedelte. Dazu waren manche neue Kräfte gewonnen: August Willich, der ehemalige preußische Offizier, der sich im badisch-pfälzischen Feldzuge als umsichtiger Freischarenführer bewährt hatte und von seinem damaligen Adjutanten Engels geworben worden war: eine tüchtige Persönlichkeit, aber theoretisch ein unklarer Kopf. Dann allerlei junges Volk, der Kaufmann Konrad Schramm, der Lehrer Wilhelm Pieper und namentlich Wilhelm Liebknecht, der auf deutschen Universitäten studiert, aber seine Examina in den badischen Aufständen und im schweizerischen Exil bestanden hatte. Sie alle waren in diesen Jahren viel um Marx, am anhänglichsten und treuesten wohl Liebknecht. Auf die anderen beiden ist Marx nicht immer gut zu sprechen gewesen, da sie ihm manche Unruhe machten, doch darf man nicht jedes ärgerliche Wort, das er gelegentlich über sie äußerte, wörtlich nehmen. Als Konrad Schramm noch in jungen Jahren von der Schwindsucht dahingerafft |209|* worden war, rühmte Marx ihn als den »Percy Heißsporn« der Partei; auch von Pieper meinte er, daß er »bei alledem ein bon garçon« sei. Durch Pieper kam der Göttinger Advokat Johannes Miquel in brieflichen Verkehr mit Marx und trat in den Bund der Kommunisten ein. Marx schätzte in ihm offenbar einen Mann von Geist, und Miquel hat auch eine Reihe von Jahren bei der Fahne ausgehalten, bis er sich wie sein Freund Pieper ins liberale Lager rückwärts wandte.

Ein Rundschreiben der Zentralbehörde, vom März 1850 datiert, von Marx und Engels verfaßt und von Heinrich Bauer als Emissär nach Deutschland gebracht, war bestimmt, den Bund der Kommunisten wiederherzustellen. Es ging von der Auffassung aus, daß eine neue Revolution bevorstände, »sei es, daß sie hervorgerufen wird durch eine selbständige Erhebung des französischen Proletariats oder durch die Invasion der Heiligen Allianz gegen das revolutionäre Babel«.[5] Wie die Märzrevolution die Bourgeoisie, so würde die neue Revolution das Kleinbürgertum zum Siege führen, das die Arbeiterklasse abermals verraten würde. Das Verhältnis der revolutionären Arbeiterpartei zu den kleinbürgerlichen Demokraten wurde dahin zusammengefaßt: »Sie geht mit ihr zusammen gegen die Fraktion, deren Sturz sie bezweckte; sie tritt ihnen gegenüber in allem, wodurch sie sich für sich selbst festsetzen wollen.«[6] Die Kleinbürger würden eine für sie siegreiche Revolution dazu ausnützen, die kapitalistische Gesellschaft soweit zu reformieren, daß sie für ihre eigene Klasse und bis zu einem gewissen Grade auch für die Arbeiter bequemer und erträglicher gemacht würde. Damit könnte aber das Proletariat keineswegs zufrieden sein. Während die demokratischen Kleinbürger möglichst rasch nach Durchführung ihrer beschränkten Forderungen auf Abschluß der Revolution drängen würden, wäre es vielmehr die Aufgabe der Arbeiter, die Revolution permanent zu machen, »so lange, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft verdrängt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert und die Assoziation der Proletarier nicht nur in einem Lande, sondern in allen herrschenden Ländern der ganzen Welt so weit vorgeschritten ist, daß die Konkurrenz der Proletarier in diesen Ländern aufgehört hat und daß wenigstens die entscheidenden produktiven Kräfte in den Händen der Proletarier konzentriert sind.«[7]

Demgemäß warnte das Rundschreiben die Arbeiter davor, sich durch die Einigungs- und Versöhnungspredigten der kleinbürgerlichen Demokraten täuschen und zum Anhängsel der bürgerlichen Demokratie herabdrücken zu lassen. Sie müßten im Gegenteil sich möglichst fest und stark organisieren, um nach dem Siege der Revolution, den sie wie |210| bisher immer durch ihre Kraft und ihren Mut erkämpfen würden, dem Kleinbürgertum solche Bedingungen zu diktieren, daß die Herrschaft der bürgerlichen Demokraten den Keim des Untergangs in sich trüge und ihre spätere Verdrängung durch die Herrschaft des Proletariats; bedeutend erleichtert würde. »Die Arbeiter müssen vor allen Dingen während des Konfliktes und unmittelbar nach dem Kampfe, soviel nur irgend möglich, der bürgerlichen Abwiegelung entgegenwirken und die Demokraten zur Ausführung ihrer jetzigen terroristischen Phrasen zwingen ... Weit entfernt, den sogenannten Exzessen, den Exempeln der Volksrache an verhaßten Individuen oder öffentlichen Gebäuden, an die sich nur gehässige Erinnerungen knüpfen, entgegenzutreten, muß, man diese Exempel nicht nur dulden, sondern ihre Leitung selbst in die Hand nehmen.«[8] Bei den Wahlen für eine Nationalversammlung müßten die Arbeiter überall selbständige Kandidaten aufstellen, selbst wo gar keine Aussicht für ihren Sieg vorhanden wäre, unbekümmert um alle demokratischen Redensarten. Natürlich könnten die Arbeiter im Anfange der Bewegung noch keine direkt kommunistischen Maßregeln vorschlagen, aber sie könnten die Demokraten dazu zwingen, nach möglichst vielen Seiten in die bisherige Gesellschaftsordnung einzugreifen, ihren regelmäßigen Gang zu stören und sich selbst zu kompromittieren sowie möglichst viele Produktivkräfte, Transportmittel, Fabriken, Eisenbahnen usw. in den Händen des Staats zu kompensieren. Vor allem sollten die Arbeiter nicht dulden, daß bei Aufhebung des Feudalismus, die feudalen Ländereien, wie in der großen französischen Revolution, den Bauern als freies Eigentum gegeben, somit das Landproletariat erhalten und eine kleinbürgerliche Bauernklasse gebildet würde, die denselben Kreislauf der Verarmung und Verschuldung durchmachte wie der französische Bauer. Vielmehr müßten die Arbeiter verlangen, daß die konfiszierten Feudalländereien Staatsgut blieben und zu Arbeiterkolonien verwandelt würden, die das assoziierte Landproletariat mit allen Mitteln des großen Ackerbaus zu bearbeiten habe. Dadurch erlange das Prinzip des gemeinsamen Eigentums sogleich eine feste Grundlage mitten in den wankenden bürgerlichen Eigentumsverhältnissen.

Bewaffnet mit diesem Rundschreiben, hatte Bauer mit seiner Missionsreise nach Deutschland großen Erfolg. Es gelang ihm, zerrissene Fäden wieder anzuknüpfen und neue Fäden zu spinnen, namentlich großen Einfluß auf die Reste der Arbeiter-, Bauern-, Tagelöhner- und Turnvereine zu gewinnen, die sich noch in allem Wüten der Gegenrevolution erhalten hatten. Auch die einflußreichsten Mitglieder der |211| von Stephan Born gegründeten Arbeiterverbrüderung schlossen sich dem Bunde an, der »alle brauchbaren Kräfte für sich gewonnen« habe, wie Karl Schurz nach Zürich berichtete, als er zu gleicher Zeit im Auftrage einer schweizerischen Flüchtlingsorganisation Deutschland bereiste. In einer zweiten, vom Juni 1850 datierten Ansprache konnte die Zentralbehörde berichten, daß der Bund in einer Reihe deutscher Städte festen Fuß gefaßt und sich leitende Kreise gebildet hätten, in Hamburg für Schleswig-Holstein, in Schwerin für Mecklenburg, in Breslau für Schlesien, in Leipzig für Sachsen und Berlin, in Nürnberg für Bayern, in Köln für Rheinland und Westfalen.

In eben dieser Ansprache wurde der Kreis London als der stärkste des ganzen Bundes bezeichnet, der fast ausschließlich für die Kosten aufkomme. Er leite fortwährend den deutschen Arbeiterbildungsverein in London, wie den entschiedenen Teil der dortigen Flüchtlinge; auch stehe die Zentralbehörde in naher Verbindung mit der revolutionären Partei der Engländer, Franzosen und Ungarn. Aber in anderer Beziehung war der Kreis London doch auch wieder die schwächste Seite des Bundes, insofern als er ihn in die immer hitzigeren, aber auch immer hoffnungsloseren Kämpfe der Emigration verwickelte.

Im Laufe des Sommers 1850 entschwand sichtlich die Hoffnung auf ein baldiges Wiedererwachen der Revolution. In Frankreich wurde das allgemeine Stimmrecht vernichtet, ohne daß sich die Arbeiterklasse erhob; die Entscheidung stand nur noch zwischen dem Prätendenten Louis Bonaparte und der monarchistisch-reaktionären Nationalversammlung. In Deutschland zog sich das demokratische Kleinbürgertum von der politischen Bühne zurück, während die liberale Bourgeoisie sich an dem Leichenraub beteiligte, den Preußen an der deutschen Revolution versuchte. Dabei wurde Preußen von den deutschen Mittel- und Kleinstaaten geprellt, die alle nach der österreichischen Pfeife tanzten, während der Zar über diese ganze deutsche Gesellschaft die drohende Knute schwang. In dem Maße aber, wie die wirkliche Revolution verebbte, steigerten sich die fieberhaften Anstrengungen der Emigration, eine künstliche Revolution zu fabrizieren; sie täuschte sich über alle drohenden Anzeichen fort und setzte ihre Hoffnung auf Wundertaten, die sie durch ihren entschlossenen Willen erreichen könnte. In demselben Maße wurde sie mißtrauischer gegen jede Selbstkritik aus ihren eigenen Reihen. So gerieten Marx und Engels, die mit klarem und kühlem Blick den wirklichen Hergang der Dinge beobachteten, in immer schrofferen Gegensatz zur Emigration. Aber wie hätte die Stimme der Logik und Vernunft den Sturm der Leidenschaften in einer mehr und mehr verzweifelnden Masse |212| bändigen können! Sie vermochte es so wenig, daß der allgemeine Taumel auch in den Londoner Kreis des Kommunistenbundes eindrang und seine Zentralbehörde innerlich zerrüttete.

In ihrer Sitzung vom 15. September 1850 kam es zur offenen Spaltung. Sechs Mitglieder standen gegen vier: Marx und Engels, dann Bauer, Eccarius, Pfänder von der alten Garde und von dem jungen Nachwuchs Konrad Schramm gegen Willich, Schapper, Fränckel und Lehmann, unter denen nur einer vom alten Stamm war: Schapper, ein Urrevolutionär, wie Engels ihn wohl genannt hat, den die revolutionäre Leidenschaft fortriß, nachdem er die Greuel der Gegenrevolution ein Jahr lang aus nächster Nähe mit angesehen hatte und eben erst in England gelandet war.

In der entscheidenden Sitzung kennzeichnete Marx den Gegensatz mit den Worten: »An die Stelle der kritischen Anschauung setzt die Minorität eine dogmatische, an die Stelle der materialistischen eine idealistische. Statt der wirklichen Verhältnisse wird ihr der bloße Wille zum Triebrade der Revolution. Während wir den Arbeitern sagen: Ihr habt 15, 20, 50 Jahre Bürgerkriege und Völkerkämpfe durchzumachen, nicht nur um die Verhältnisse zu ändern, sondern um euch selbst zu ändern und zur politischen Herrschaft zu befähigen, sagt ihr im Gegenteil: ›wir müssen gleich zur Herrschaft kommen, oder wir können uns schlafen legen.‹ Während wir speziell die deutschen Arbeiter auf die unentwickelte Gestalt des deutschen Proletariats hinweisen, schmeichelt ihr aufs plumpste dem Nationalgefühl und dem Standesvorurteil der deutschen Handwerker, was allerdings populärer ist. Wie von den Demokraten das Wort Volk zu einem heiligen Wesen gemacht wird, so von euch das Wort Proletariat.«[9] Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen, sogar zu einer - übrigens von Marx mißbilligten - Duellforderung Schramms an Willich, die bei Antwerpen ausgetragen wurde und zu einer leichten Verwundung Schramms führte. Aber eine Einigung der Geister erwies sich als unmöglich.

Die Mehrheit suchte den Bund zu retten, indem sie seine Leitung nach Köln verlegte; der Kreis Köln sollte eine neue Zentralbehörde wählen und an die Stelle des einen bisherigen Kreises London sollten zwei Kreise treten, die, von einander unabhängig, nur mit der gemeinsamen Zentralbehörde verkehrten. Der Kreis Köln ging darauf ein und wählte eine neue Zentralbehörde, aber die Minderheit weigerte sich, sie anzuerkennen. Sie besaß den stärkeren Anhang in dem Kreise London und namentlich in dem deutschen Arbeiterbildungsverein, aus dem Marx und seine näheren Freunde ausschieden. Willich und Schapper |213| stifteten einen Sonderbund, der sich alsbald in eine abenteuerliche Revolutionsspielerei verlor.

Umfassender als in der Sitzung vom 15. September begründeten Marx und Engels ihre Auffassung in dem fünften und sechsten Heft ihrer »Revue«, einem Doppelheft, womit sie im November 1850 ihr Dasein beschloß. Neben einer großen Abhandlung, in der Engels den Bauernkrieg von 1525 nach historisch-materialistischen Gesichtspunkten darstellte, enthielt es einen Aufsatz von Eccarius über die Schneiderei in London, den Marx mit dein frohen Rufe begrüßte: »Ehe das Proletariat seine Siege auf Barrikaden und in Schlachtlinien erficht, kündet es die Ankunft seiner Herrschaft durch eine Reihe intellektueller Siege an.«[10] Eccarius, selbst in einem der Londoner Schneidershops tätig, begriff das Erliegen des Handwerks vor der großen Industrie als geschichtlichen Fortschritt, während er gleichzeitig in den Ergebnissen und Leistungen der großen Industrie die von der Geschichte selbst hervorgebrachten und täglich sich neu erzeugenden realen Bedingungen der proletarischen Revolution erkannte. An dieser rein materialistischen Auffassung, die von keinen Gefühlsmucken gestört, der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Bewegung gegenübertrat, rühmte Marx den großen Fortschritt über die sentimentale, moralische und psychologische Kritik hinaus, wie sie Weitling und andere schriftstellernde Arbeiter gegen die bestehenden Zustände geltend gemacht hätten. Es war eine Frucht seiner ruhelosen Arbeit und die ihm willkommenste Frucht.

Das Schwergewicht dieses letzten Heftes aber lag in der ökonomisch-politischen Übersicht der Monate Mai bis Oktober. In einer umfassenden Untersuchung legten Marx und Engels die ökonomischen Ursachen der politischen Revolution und Gegenrevolution dar, wie jene aus einer schweren wirtschaftlichen Krise entstanden sei und diese ihre Wurzel in einem neuen Aufschwunge der Produktion habe. Sie kamen zu dem Ergebnis: »Bei dieser allgemeinen Prosperität, worin die Produktivkräfte der bürgerlichen Gesellschaft sich so üppig entwickeln, wie dies innerhalb der bürgerlichen Verhältnisse überhaupt möglich, ist, kann von einer wirklichen Revolution keine Rede sein. Eine solche Revolution ist nur in den Perioden möglich, wo diese beiden Faktoren, die modernen Produktivkräfte und die bürgerlichen Produktionsformen, miteinander in Widerspruch geraten. Die verschiedenen Zänkereien, in denen sich jetzt die Repräsentanten der einzelnen Fraktionen der kontinentalen Ordnungspartei ergehn und gegenseitig kompromittieren, weit entfernt zu neuen Revolutionen Anlaß zu geben, sind im Gegenteil nur möglich, weil die Grundlage der Verhältnisse momentan so sicher und, was die |214| Reaktion nicht weiß, so bürgerlich ist. Am ihr werden alle die bürgerliche Entwickelung aufhaltenden Reaktionsversuche ebensosehr abprallen wie alle sittliche Entrüstung und alle begeisterten Proklamationen der Demokraten. Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese.«[11]

Dieser klaren und überzeugenden Darlegung ward dann zum Schluß der Übersicht der Aufruf eines europäischen Zentralkomitees gegenübergestellt, der von Mazzini, Ledru-Rollin, Darasz und Ruge unterzeichnet, alle Illusionen der Emigration auf knappem Raume zusammenfaßte, der das Scheitern der Revolution auf die ehrgeizige Eifersucht der einzelnen Führer und die feindlich entgegenstehenden Meinungen der verschiedenen Volkslehrer zurückführte und sein Glaubensbekenntnis ablegte in dem Glauben an die Freiheit, die Gleichheit, die Brüderlichkeit, an die Familie, die Gemeinde, den Staat, das Vaterland, kurzum an einen sozialen Zustand, der Gott und sein Gesetz zur Spitze und das Volk zur Basis habe.

Datiert ist diese Übersicht vom 1. November 1850. Mit ihr hatte das örtliche Zusammenwirken der Verfasser auf zwei Jahrzehnte ein Ende; Engels ging nach Manchester, um wieder als Kommis in die Großspinnerei Ermen & Engels einzutreten, während Marx in London blieb, um sich mit voller Kraft seiner wissenschaftlichen Arbeit zu widmen.

 

4. Flüchtlingsleben

Wie diese Novembertage fast genau in die Hälfte seines Lebens fallen, so erscheinen sie nicht bloß äußerlich als eine bedeutsame Wendung des Lebenswerks, das Marx vollbracht hat. Er selbst hatte eine lebhafte Empfindung davon, und in vielleicht noch höherem Grade hatte sie Engels.

»Man sieht mehr und mehr ein«, schrieb er im Februar 1851 an Marx, »daß die Emigration ein Institut ist, worin jeder notwendig ein Narr, ein Esel und ein gemeiner Schurke wird, der sich nicht ganz von ihr zurückzieht und dem die Stellung des unabhängigen Schriftstellers, der auch nach der sogenannten revolutionären Partei den Teufel fragt, nicht genügt.« Und darauf antwortete Marx: »Mir gefällt sehr die öffentliche, authentische Isolation, worin wir zwei, Du und ich, uns jetzt befinden. Sie entspricht ganz unsrer Stellung und unsern Prinzipien. Das System wechselseitiger Konzessionen, aus Anstand geduldeter Halbheiten |215|*, und die Pflicht, vor dem Publikum seinen Teil Lächerlichkeit in der Partei mit all diesen Eseln zu nehmen, das hat jetzt aufgehört.« Und abermals Engels: »Wir haben jetzt endlich wieder einmal - seit langer Zeit zum erstenmal - Gelegenheit, zu zeigen, daß wir keine Popularität, keinen support von irgendeiner Partei irgendwelches Landes brauchen und daß unsre Position von dergleichen Lumpereien total unabhängig ist. Wir sind von jetzt an nur noch für uns selbst verantwortlich ... Wir können uns übrigens im Grund nicht einmal sehr beklagen, daß die petits grands hommes uns scheuen; haben wir nicht seit soundsoviel Jahren getan, als wären Krethi und Plethi unsre Partei, wo wir gar keine Partei hatten und wo die Leute, die wir als zu unsrer Partei gehörig rechneten, wenigstens offiziell, ... auch nicht die Anfangsgründe unsrer Sachen verstanden?« Man braucht die »Narren« und »Schurken« nicht auf die Goldwaage zu legen und kann auch sonst manches von diesen leidenschaftlichen Äußerungen abziehen: soviel bleibt sicherlich, daß Marx und Engels mit Recht einen rettenden Entschluß darin sahen, sich mit scharfem Schnitt von den unfruchtbaren Streitereien der Emigration zu trennen und, wie Engels sich ausdrückte, in »gewisser Einsamkeit« wissenschaftlich zu forschen, bis die Menschen und die Zeiten kamen, die ihre Sachen verstanden.

Nur vollzog sich der Schnitt weder so scharf noch so schnell noch so lief, wie es dem rückblickenden Beobachter wohl erscheinen mag. In den Briefen, die Engels und Marx während der nächsten Jahre wechselten, fanden die Kämpfe mit der Emigration immer noch ein allzu vielstimmiges Echo. Das ergab sich schon aus den unausgesetzten Reibungen zwischen den beiden Fraktionen, in die sich der Bund der Kommunisten gespalten hatte. Auch beabsichtigten die beiden Freunde keineswegs, auf alle Beteiligung an den politischen Kämpfen zu verzichten, indem sie sich nicht mehr in die Krakeele der Emigration mischten. Wenn sie schon ihre Mitarbeit an den chartistischen Organen nicht aufgaben, so gedachten sie es nicht einmal an dem Untergange der »Neuen Rheinischen Revue« bewenden zu lassen.

Der Verleger Schabelitz in Basel wollte ihre Fortsetzung übernehmen, doch ist nichts daraus geworden; mit Hermann Becker, der sich in Köln gehalten hatte und erst die »Westdeutsche Zeitung«, nach deren Unterdrückung aber einen kleinen Schriftenverlag leitete, verhandelte Marx über die Herausgabe seiner gesammelten Schriften und dann auch über eine Vierteljahrsschrift, die in Lüttich erscheinen sollte. Diese Pläne scheiterten an der Verhaftung Beckers im Mai 1851, doch ist von den »Gesammelten Aufsätzen, herausgegeben von Hermann Becker«, wenigstens |216|* ein Heft erschienen. Sie sollten zwei Bände von je 25 Bogen umfassen. Wer bis zum 15. Mai auf diese Bände subskribierte, erhielt sie in 10 Heften zu je 8 Silbergroschen; danach sollte der Ladenpreis von 1 Taler 15 Silbergroschen für jeden Band eintreten. Das erste Heft hatte raschen Absatz gefunden, doch muß die Angabe Weydemeyers, daß es in 15.000 Exemplaren verbreitet worden sei, auf irgendeinem Irrtum beruhen; schon der zehnte Teil dieser Ziffer würde nach den damaligen Verhältnissen einen sehr beträchtlichen Erfolg dargestellt haben.

Bei diesen Plänen spielte für Marx auch die »gebieterische Notwendigkeit einer Erwerbsarbeit« mit. Er lebte in den kümmerlichsten Verhältnissen. Im November 1849 wurde ihm das vierte Kind geboren, ein Söhnchen Guido. Die Mutter nährte das Kind selbst, worüber sie schrieb: »Der arme kleine Engel trank mir so viel Sorgen und stillen Kummer ab, daß er beständig kränkelte, Tag und Nacht in heftigen Schmerzen lag. Seit er auf der Welt ist, hat er noch keine Nacht geschlafen, höchstens zwei bis drei Stunden.« Das arme Kind starb ein Jahr nach seiner Geburt.

Aus ihrer ersten Wohnung in Chelsea wurde die Familie in brutaler Weise exmittiert, da sie die Miete zwar der Vermieterin, aber diese nicht dem Landlord gezahlt hatte. Mit Mühe und Not gewann sie ein neues Unterkommen in einem deutschen Hotel in Leicester Street, Leicester Square, von wo sie bald nach der Deanstreet 28, Soho Square, übersiedelte. Hier fand sie für ein halbes Dutzend Jahre in zwei Stübchen eine bleibende Statt.

Aber die Not war damit nicht gebannt. Sie stieg höher und höher; Ende Oktober 1850 schrieb Marx an Weydemeyer in Frankfurt a.M., dieser möge die in dem dortigen Pfandhause versetzten Silbersachen einlösen und verkaufen; nur ein Kinderbesteck, das der kleinen Jenny gehöre, solle unter allen Umständen gerettet werden. »Meine Lage ist jetzt so, daß ich unter allen Umständen Geld beitreiben muß, selbst um fortarbeiten zu können.« In eben diesen Tagen siedelte Engels nach Manchester über, um sich dem »hündischen Kommerz« zu ergeben, sicherlich schon in der Absicht, dadurch vor allem dem Freunde zu helfen.

Sonst machten sich freilich die Freunde rar in der Not. »Was mich wirklich bis ins Innerste vernichtet und mein Herz bluten macht«, schrieb Frau Marx 1850 an Weydemeyer, »das ist, daß mein Mann so viel Kleinliches durchzumachen hat, daß ihm mit so wenigem zu helfen gewesen wäre, und daß er, der so vielen gern und freudig geholfen hat, hier so hilflos stand. Glauben Sie nicht, lieber Herr Weydemeyer, daß wir an irgend jemand Ansprüche machen. Das einzige, was mein Mann |217| wohl von denen verlangen konnte, die manchen Gedanken, manche Erhebung, manchen Halt an ihm hatten, war, bei seiner ›Revue‹ mehr geschäftliche Energie, mehr Teilnahme zu entwickeln. Das bin ich so stolz und kühn zu behaupten. Das Wenige war man ihm schuldig. Ich glaube, es war dabei niemand betrogen. Das schmerzt mich, aber mein Mann denkt anders. Er hat noch nie, selbst in den schrecklichsten Momenten, die Sicherheit der Zukunft, selbst nicht den heitersten Humor verloren und war ganz zufrieden, wenn er mich heiter sah und unsere lieblichen Kinder ihr liebes Mütterchen umschmeichelten.« Und wie sie um ihn sorgte, wenn die Freunde schwiegen, so sorgte er um sie, wenn die Feinde nur allzu laut lärmten.

Ebenfalls an Weydemeyer schrieb Marx im August 1851: »Du kannst Dir denken, daß meine Lage sehr trüb ist. Meine Frau geht unter, wenn es lange so fortdauert. Die beständigen Sorgen, der allerkleinlichste bürgerliche Kampf reiben sie auf. Und dazu noch die Infamien meiner Gegner, die noch nie auch nur versucht haben, mich sachlich anzugreifen, und sich für ihre Ohnmacht dadurch zu rächen suchen, daß sie mich bürgerlich verdächtigen und die unsagbarsten Infamien über mich verbreiten ... Natürlich, ich würde lachen über den ganzen Dreck; ich lasse mich dadurch auch keinen Augenblick in meiner Arbeit stören, aber Du begreifst, daß meine Frau, die leidend ist und in dem unerfreulichsten bürgerlichen Elend vom Morgen bis zum Abend sitzt und deren Nervensystem angegriffen ist, nicht dadurch erfrischt wird, daß jeden Tag dumme Zwischenträger ihr die Ausdünstungen der demokratischen Pestkloaken zuführen. Die Taktlosigkeit einzelner Leute ist darin oft kolossal.« Als einige Monate früher (im März) ein Töchterchen Franziska eingekehrt war, hatte Frau Marx trotz der leichten Entbindung schwer krank daniedergelegen, »mehr aus bürgerlichen als aus physischen Gründen«; nicht ein Pfennig war im Hause gewesen »und dabei hat man noch die Arbeiter exploitiert! [Mehring übersetzt: ausgebeutet] und strebt nach der Diktatur!«, schrieb Marx in bitterster Stimmung an Engels.

Für seine Person fand Marx einen nie versiegenden Trost in der wissenschaftlichen Arbeit. Er saß von 9 Uhr morgens bis abends 7 Uhr auf dem Britischen Museum. Im Hinblick auf das leere Treiben der Kinkel und Willich meinte er: »Die demokratischen Simpletons, denen die Erleuchtung ›von oben‹ kommt, haben natürlich derartige Anstrengungen nicht nötig. Wofür sollten sie sich mit ökonomischem und historischem Material plagen, diese Sonntagskinder! Es ist ja alles so einfach, pflegte der wackere Willich mir zu sagen. Alles so einfach! In diesen |218| wüsten Köpfen. Höchst einfache Kerls!« Marx hoffte damals, binnen weniger Wochen mit seiner »Kritik der politischen Ökonomie« fertig zu werden, und begann schon nach einem Verleger zu suchen, ein Bemühen, das ihm wiederum nur eine Enttäuschung nach der andern einbrachte.

Im Mai 1851 kam dann ein treuer Freund nach London, auf den Marx sicher zählen konnte und mit dem er in den nächsten Jahren engsten Umgang pflog: Ferdinand Freiligrath. Aber auch ihm folgte eine Hiobspost auf dem Fuße. Am 10. Mai war der Schneider Nothjung auf einer Agitationsreise als Abgesandter des Kommunistenbundes in Leipzig verhaftet und durch die Papiere, die er bei sich trug, war die Existenz des Bundes der Polizei verraten worden. Alsbald wurden die Mitglieder der Zentralbehörde in Köln verhaftet; Freiligrath war gerade nur mit knapper Not, ohne Ahnung der ihm drohenden Gefahr, dem gleichen Schicksal entgangen. Bei seiner Ankunft in London rissen sich die verschiedenen Fraktiönchen der deutschen Emigration um den berühmten Dichter, aber Freiligrath erklärte, er halte sich nur zu Marx und dessen engstem Kreise. So lehnte er auch die Beteiligung an einer Versammlung ab, die am 14. Juli 1851 stattfinden und noch einmal den Versuch machen sollte, die deutsche Emigration unter einen Hut zu bringen. Der Versuch scheiterte wie alle früheren und rief nur neuen Zwist hervor. Am 20. Juli wurde der »Agitationsverein« unter der geistigen Leitung Ruges, am 27. Juli der »Emigrationsklub« unter der geistigen Leitung Kinkels gestiftet. Beide Vereine führten alsbald eine wütende Fehde gegeneinander, namentlich auch in der deutsch-amerikanischen Presse.

Marx hatte natürlich nur beißenden Spott übrig für diesen »Froschmäuslerkrieg«, dessen Häuptlinge ihm, ihrer ganzen Denkweise nach, so ziemlich gleich zuwider waren. Die Versuche Ruges, im Jahre 1848 »die Vernunft der Ereignisse zu redigieren«, waren in der »Neuen Rheinischen Zeitung« mit einer Art künstlerischer Vorliebe behandelt worden, doch fehlte es auch nicht an gröberem Geschütz gegen »Arnold Winkelried Ruge«, den »pommerschen Denker«, dessen Schriften »die Gosse« seien, worin »aller Phrasenunrat und alle Widersprüche der deutschen Demokratie zusammenflössen«.[12] Bei aller politischen Konfusion Ruges war er immerhin ein anderer Mann als Kinkel, der seit seiner Flucht aus dem Spandauer Zuchthause in London den interessanten Löwen zu spielen versuchte, »bald für die Kneipe, bald für den Salon«, wie Freiligrath spottete. Für Marx hatte er im Augenblick gleichwohl ein näheres Interesse, da sich Willich mit Kinkel verbündete für den höheren Schwindel einer neuen, auf Aktien zu gründenden Revolution. Am 14. September 1851 landete Kinkel in New York mit der Mission, geachtete |219|* Flüchtlinge als Bürgen einer deutschen Nationalanleihe zu gewinnen »im Betrage von zwei Millionen Dollars zur Beförderung der bevorstehenden republikanischen Revolution« und Sammlung eines vorläufigen Fonds von 20.000 Talern. Allerdings war Kossuth zuerst auf den genialen Gedanken verfallen, mit dem revolutionären Klingelbeutel über den großen Teich zu fahren. Aber auf kleinerem Fuße betrieb Kinkel das Geschäft nicht minder eifrig und unbedenklich; der Meister wie der Schüler predigten in den Nordstaaten gegen und in den Südstaaten für die Sklaverei.

Gegenüber diesen Possenspielen gewann Marx ernstere Beziehungen zur Neuen Welt. In seiner wachsenden Bedrängnis - »es ist fast impossible [Mehring übersetzt: unmöglich], so fortzuleben«, schrieb er am 31. Juli an Engels - wollte er eben, zusammen mit Wilhelm Wolff, eine Lithographische Korrespondenz für amerikanische Zeitungen herausgeben, als er wenige Tage darauf von der »New-York Daily Tribune«, der verbreitetsten Zeitung in Nordamerika, die Aufforderung zu regelmäßiger Mitarbeit erhielt, durch ihren Herausgeber Dana, den er aus seiner Kölner Zeit kannte. Da er die englische Sprache noch nicht geläufig genug handhabte, um in ihr zu schreiben, so sprang zunächst Engels für ihn ein und schrieb eine Reihe von Aufsätzen über die deutsche Revolution und Gegenrevolution.[13] Marx selbst aber konnte gleich darauf eine deutsche Schrift auf amerikanischem Boden veröffentlichen.

 

5. »Der achtzehnte Brumaire«

Josef Weydemeyer, der alte Freund von Brüssel, hatte die Revolutionsjahre als Redakteur eines demokratischen Blattes in Frankfurt a.M. tapfer durchkämpft. Indessen war dies Blatt von der immer frecher auftretenden Gegenrevolution unterdrückt worden, und seit der polizeilichen Entdeckung des Kommunistenbundes, zu dessen eifrigsten Mitgliedern Weydemeyer gehörte, waren die Spürhunde auf seiner Fährte.

Anfangs verbarg er sich »in einer stillen Kneipe in Sachsenhausen«; er wollte den Sturm vorübergehen lassen und derweil eine populäre Nationalökonomie für das Volk schreiben, aber die Luft wurde immer schwüler und »der Teufel mag das Herumlungern und Verborgenhalten auf die Dauer ertragen«. Als Gatte und Vater von zwei kleinen Kindern sah er keine Aussicht, sich in der Schweiz oder in London durchzuschlagen; so entschloß er sich, nach Amerika auszuwandern.

|220| Marx und Engels verloren den treuen Mann ungern. Vergebens mühte Marx sein Gehirn mit Plänen ab, ihm eine Stelle als Ingenieur, Eisenbahnvermesser oder dergleichen zu verschaffen; »denn einmal drüben, wer bürgt denn dafür, daß Du Dich nicht nach dem far west [Mehring übersetzt: fernen Westen] verlierst. Und wir haben so wenige Kräfte und müssen so ökonomisch mit unseren Kapazitäten umgehen.« Indessen wenn es einmal nicht anders ging, so hatte es auch seine Vorteile, einen tüchtigen Vertreter der kommunistischen Sache in der Metropole der Neuen Welt zu wissen. »Ein solider Bursche wie er hat uns in New York gerade gefehlt, und am Ende ist New York auch nicht aus der Welt und bei W[eydemeyer] ist man sicher, daß er le cas échéant [Mehring übersetzt: im nötigen Falle] doch gleich bei der Hand ist«, meinte Engels. So gaben sie ihren Segen zu dem Plane Weydemeyers, der am 29. September von Havre absegelte und nach einer stürmischen Überfahrt von ziemlich 40 Tagen in New York eintraf.

Marx hatte ihm schon am 31. Oktober einen Brief nachgesandt, worin er ihm vorschlug, sich als Buchhändler aufzutun und die besten Sachen aus der »Neuen Rheinischen Zeitung« und deren »Revue« als besondere Schriften herauszugeben. Er war nun sofort Feuer und Flamme, als Weydemeyer, unter etlichen Flüchen über die Krämerwirtschaft, die einem nirgendwo in ekelhafterer Nacktheit entgegentrete als in der Neuen Welt, die Meldung sandte, er hoffe schon zum Anfang Januar ein Wochenblatt unter dem Titel der Revolution herauszugeben, und um schleunige Einsendung von Beiträgen bat. Marx beeilte sich, alle kommunistischen Federn anzuspannen, Engels vor allem, dann Freiligrath, von dem Weydemeyer besonders ein Gedicht gewünscht hatte, Eccarius und Weerth, die beiden Wolff; er tadelte, daß Weydemeyer in der Ankündigung seiner Wochenschrift nicht auch Wilhelm Wolff genannt habe: »Keiner von uns allen hat seine populäre Manier. Er ist außerordentlich bescheiden. Man muß um so mehr allen Schein vermeiden, als halte man seine Mitwirkung für überflüssig.« Für sich selbst kündigte er - neben einer längeren Abhandlung über ein neues Werk Proudhons - namentlich einen Aufsatz über den »Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte« an, den bonapartistischen Staatsstreich vom 2. Dezember, der zur Zeit das große Ereignis der europäischen Politik war und unzählige Schriften hervorrief.

Berühmt davon wurden namentlich zwei und trugen ihren Verfassern reichen Lohn ein, deren Unterschied von der seinigen Marx später so erläutert hat: »Viktor Hugos [Mehring fügt ein: ›Napoleon le Petit‹] beschränkt sich auf bittere und geistreiche Invektive gegen den verantwortlichen |221|* Herausgeber des Staatsstreichs. Das Ereignis selbst erscheint bei ihm wie ein Blitz aus heitrer Luft. Er sieht darin nur die Gewalttat eines einzelnen Individuums. Er merkt nicht, daß er dies Individuum groß statt klein macht, indem er ihm eine persönliche Gewalt der Initiative zuschreibt, wie sie beispiellos in der Weltgeschichte dastehen würde. Proudhons [Mehring fügt ein: ›Coup d'État‹] seinerseits sucht den Staatsstreich als Resultat einer vorhergegangenen geschichtlichen Entwicklung darzustellen. Unterderhand verwandelt sich ihm jedoch die geschichtliche Konstruktion des Staatsstreichs in eine geschichtliche Apologie des Staatsstreichshelden. Er verfällt so in den Fehler unserer sogenannten objektiven Geschichtsschreiber. Ich weise dagegen nach, wie der Klassenkampf in Frankreich Umstände und Verhältnisse schuf, welche einer mittelmäßigen und grotesken Personage das Spiel der Heldenrolle ermöglichen.«[14] Wie ein Aschenbrödel erschien diese Schrift neben ihren glücklicheren Schwestern, aber während diese längst in Asche und Staub versunken sind, strahlt sie heute noch in unvergänglicher Frische.

Mit einer vorher kaum noch je erreichten Meisterschaft wußte Marx in dieser von Geist und Witz funkelnden Arbeit ein zeitgeschichtliches Ereignis an der Hand der materialistischen Geschichtsauffassung bis auf den tiefsten Grund zu erklären. Die Form ist so kostbar wie der Inhalt. Von dem prachtvollen Vergleich des Anfangs: »Bürgerliche Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts, stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich, Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt, die Ekstase ist der Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt. Proletarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eignen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen: Hic Rhodus, hic salta! Hier ist die Rose, hier tanze!«[15] - bis zu dem sichern Prophetenworte des Schlusses: »Wenn der Kaisermantel endlich |222| auf die Schultern des Louis Bonaparte fällt, wird das eherne Standbild Napoleons von der Höhe der Vendômesäule herabstürzen.«[16]

Und unter welchen Umständen wurde diese herrliche Schrift verfaßt! Es war noch das wenigste, daß Weydemeyer seine Wochenschrift schon nach der ersten Nummer aus Mangel an Mitteln »stoppen« mußte; er schrieb darüber: »Die Arbeitslosigkeit, die seit dem Herbste hier in ungekanntem Maße herrscht, setzt allen neuen Unternehmungen bedeutende Hindernisse in den Weg. Und nun all die verschiedenen Manieren, in denen die Arbeiter seit einiger Zeit hier ausgebeutet werden: erst Kinkel, dann Kossuth, und die Mehrzahl ist eselhaft genug, für alle ihr feindliche Propaganda eher einen Dollar herzugeben, als für die Vertretung ihrer Interessen einen Cent. Der amerikanische Boden wirkt äußerst korrumpierend auf die Leute und gibt ihnen noch gleichzeitig die Anmaßung, als übersähen sie ihre Genossen in der Alten Welt bei weitem.« Doch verzweifelte Weydemeyer noch nicht daran, seine Wochenschrift als Monatsschrift zu neuem Leben zu erwecken; mit 200 lumpigen Dollars hoffte er, die Sache machen zu können.

Schwerer fiel ins Gewicht, daß Marx gleich nach dem 1. Januar erkrankte und nur unter großen Beschwerden arbeiten konnte; »seit Jahren hat mich nichts so niedergeworfen, wie diese verdammte Hämorrhoidalkrankheit, selbst die beste französische Blamage nicht«. Vor allem aber wurde er von dem »Gelddreck« gehetzt, der ihm jeden ruhigen Augenblick trübte; »seit einer Woche habe ich«, schrieb er am 27. Februar, »den angenehmen Punkt erreicht, wo ich aus Mangel an den im Pfandhaus untergebrachten Röcken nicht mehr ausgehe und aus Mangel an Kredit kein Fleisch mehr essen kann«. Endlich am 25. März konnte er den letzten Stoß Manuskript an Weydemeyer senden, zugleich mit einem Glückwunsch zur Geburt eines kleinen Revolutionärs, die Weydemeyer ihm angezeigt hatte: »Man kann in keiner famoseren Zeit auf die Welt kommen als heutzutage. Wenn man in sieben Tagen von London nach Kalkutta fährt, werden wir beide längst geköpft sein oder Wackelköpfe haben. Und Australien und Kalifornien und der Stille Ozean! Die neuen Weltbürger werden nicht mehr begreifen, wie klein unsere Welt war.« Im Hinblick auf die gewaltigen Aussichten der menschheitlichen Entwicklung bewahrte Marx das heitere Gleichgewicht der Seele mitten in allem persönlichen Ungemach.

Aber traurige Tage standen ihm unmittelbar bevor. In einem Schreiben vom 30. März muß ihm Weydemeyer jede Aussicht auf den Druck der Schrift genommen haben. Das Schreiben selbst hat sich nicht erhalten, wohl aber sein Echo: ein heftiger Brief Wilhelm Wolffs vom |223| 16. April, geschrieben am Tage, wo ein Kind von Marx begraben wurde, geschrieben »in allseitigem Pech und horribelster Bedrängnis fast aller Bekannten«, voll bitterer Vorwürfe für Weydemeyer, der auch nicht auf Rosen gebettet war und immer sein Bestes tat.

Es waren furchtbare Ostern für Marx und seine Familie. Das Kind, das sie verloren, war das ein Jahr zuvor geborene Töchterchen; auf einem Tagebuchblatt der Mutter fanden sich die ergreifenden Worte: »Ostern 1852 erkrankte unsere arme kleine Franziska an einer schweren Bronchitis. Drei Tage rang das arme Kind mit dem Tode. Es litt so viel. Sein kleiner entseelter Körper ruhte in dem kleinen hinteren Stübchen, wir alle wanderten zusammen in das vordere, und wie die Nacht heranrückte, betteten wir uns auf die Erde. Da lagen die drei lebenden Kinder mit uns, und wir weinten um den kleinen Engel, der kalt und erblichen neben uns ruhte. Der Tod des lieben Kindes fiel in die Zeit unserer bittersten Armut. Da lief ich zu einem französischen Flüchtling, der in der Nähe wohnte und der uns kurz vorher besucht hatte. Er gab mir gleich mit der freundlichsten Teilnahme zwei Pfund Sterling. Mit ihnen wurde der kleine Sarg bezahlt, in dem mein armes Kind nun in Frieden schlummert. Es hatte keine Wiege, als es zur Welt kam, und auch die letzte kleine Behausung war ihm lange versagt. Wie war uns, als es hinausgetragen wurde zu seiner letzten Ruhestätte.« Und an diesem schwarzen Tage traf der Unheilsbrief Weydemeyers ein. Marx hatte die größte Sorge um seine Frau, die seit zwei Jahren alle seine Unternehmungen fehlschlagen sah.

Jedoch in diesen unglücklichen Stunden schwamm schon seit einer Woche ein neuer Brief Weydemeyers auf dem Wasser, der, vom 9. April, datiert, also begann: »Eine unerwartete Hilfe hat schließlich die Schwierigkeiten beseitigt, die sich dem Druck der Broschüre entgegenstellten. Nach Absendung meines letzten Briefes traf ich einen von unsern Frankfurter Arbeitern, einen Schneider, der ebenfalls in diesem Sommer hierhergekommen war. Er stellte mir sofort seine ganzen Ersparnisse, vierzig Dollars, zur Verfügung.« Diesem Arbeiter ist es zu danken, daß damals, der »Achtzehnte Brumaire« das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat. Weydemeyer nannte nicht einmal den Braven - und was wäre auch daran gelegen, ob er so oder so hieß? Was ihn leitete, war das Klassenbewußtsein des Proletariats, das nicht müde wird in hochherzigen Opfern für seine Emanzipation.

Der »Achtzehnte Brumaire« bildete nun das erste Heft der Monatsschrift »Revolution«, die Weydemeyer herauszugeben versuchte; das zweite und letzte Heft enthielt zwei poetische Sendschreiben Freiligraths |224|* an Weydemeyer, in denen mit prächtigem Humor namentlich die amerikanischen Bettelfahrten Kinkels gegeißelt wurden. Dann hatte die Sache ein Ende; einige Beiträge, die Engels geliefert hatte, waren auf der Fahrt verlorengegangen.

Von dem »Achtzehnten Brumaire« ließ Weydemeyer tausend Exemplare abziehen, von denen etwa der dritte Teil nach Europa, wenn auch nicht in den europäischen Buchhandel gelangte; diese Exemplare wurden von Parteifreunden in England und namentlich am Rhein vertrieben. Auch »radikale« Buchhändler waren nicht zu bewegen, den Vertrieb einer so »zeitwidrigen« Schrift zu übernehmen und ebensowenig konnte eine englische Übersetzung, die Pieper entwarf und Engels glättete, an den Mann gebracht werden.

Wenn aber die Not um Verleger für Marx noch gesteigert werden konnte, so geschah es dadurch, daß dem bonapartistischen Staatsstreich der Kölner Kommunistenprozeß folgte.

 

6. Der Kölner Kommunistenprozeß

Seit den Verhaftungen im Mai 1851 hatte Marx den Lauf der Untersuchung mit reger Teilnahme verfolgt, doch da sie alle Augenblicke stockte, aus Mangel an »objektivem Tatbestand für die Anklage«, wie sogar der Anklagesenat des Kölner Appellhofes feststellte, so war zunächst wenig zu tun. Den elf Angeklagten war nichts nachzuweisen als die Teilnahme an einer geheimen Propagandagesellschaft, und darüber verhängte der Code pénal keine Strafe.

Aber nach dem Willen des Königs sollte die »kostbare Persönlichkeit« des Stieber ihr »Probestück« machen und dem preußischen Publikum das lange und gerecht ersehnte Schauspiel eines entdeckten und (vor allem) bestraften Komplotts geben, und Stieber war ein zu guter Patriot, um nicht dem Willen seines angestammten Herrn und Königs gerecht zu werden. Er begann in würdiger Weise mit einem Einbruchsdiebstahl, indem er durch eines seiner Werkzeuge den Schreibtisch eines gewissen Oswald Dietz erbrechen ließ, der Schriftführer in dem Sonderbunde Willichs war. Mit richtigem Polizeiblick erkannte Stieber, daß ihm das unbesonnene und unvorsichtige Treiben dieses Bundes Aussichten auf das Gelingen seiner erhabenen Mission eröffnete, die er bei der »Partei Marx« vergebens suchen würde.

In der Tat gelang es ihm, mit Hilfe der gestohlenen Schriftstücke |225| sowie mit Hilfe allerlei Lockspitzeleien und sonstiger Polizeistreiche, wobei ihm die bonapartische Polizei am Vorabend des Staatsstreichs hilfreiche Hand leistete, ein sogenanntes »deutsch-französisches Kompott in Paris« zu fabrizieren, das im Februar 1852 zur Verurteilung einiger armer Teufel von deutschen Arbeitern zu längeren oder kürzeren Freiheitsstrafen durch die Pariser Geschworenen führte. Aber was durch alle Stieberschen Künste nicht hergestellt werden konnte, war irgendein Zusammenhang mit den Kölner Angeklagten; gegen sie ergab sich aus dem »deutsch-französischen Komplott« nicht einmal der Schatten eines Beweises.

Vielmehr wurde der Gegensatz zwischen der »Partei Marx« und der »Partei Willich-Schapper« dadurch nur geschärft. Im Frühjahr und Sommer 1852 kam es zu verstärkten Reibungen, zumal da Willich nach wie vor gemeinsame Sache mit Kinkel machte, dessen Rückkehr aus Amerika auch den sonstigen Flüchtlingshader wieder in helleren Flammen auflodern ließ. Es war nicht gelungen, die 20.000 Taler aufzubringen, die als Grundstock der revolutionären Nationalanleihe dienen sollten, sondern nur etwa die Hälfte davon, und was damit begonnen werden sollte, wurde eine Frage, über die sich die demokratischen Flüchtlinge die Köpfe nicht nur zerbrachen, sondern auch schon zerschlugen. Schließlich wurden 1.000 Pfund Sterling - der Rest war in Reisekosten und sonstigen Spesen draufgegangen - in der Westminsterbank als Handgeld für die erste provisorische Regierung niedergelegt. Für diesen Zweck haben sie zwar nie gedient, aber der ganze Unfug hatte immerhin das leidlich versöhnende Ende, daß diese Gelder fünfzehn Jahre später geholfen haben, der Presse der deutschen Sozialdemokratie in ihren Anfängen über manche Schwierigkeiten fortzuhelfen.

Derweil der Hader über diesen Nibelungenhort noch tobte, haben Marx und Engels die kämpfenden Helden in einigen Federzeichnungen konterfeit, die leider nicht auf die Nachwelt gekommen sind. Sie wurden dazu veranlaßt durch den ungarischen Obersten Banya, der sich bei ihnen durch ein eigenhändig von Kossuth ausgefertigtes Patent als Polizeipräsident der ungarischen Emigration beglaubigt hatte. Tatsächlich war Banya ein Allerweltspitzel, der sich als solcher gerade bei diesem Anlaß entpuppte, indem er das ihm von Marx für einen Berliner Buchhändler anvertraute Manuskript an die preußische Regierung auslieferte. Marx nagelte den Patron sofort durch eine von ihm unterzeichnete Denunziation in der »New-Yorker Criminalzeitung« fest, doch sein Manuskript blieb verloren und ist bis auf diesen Tag verschollen.[17] Hatte die preußische Regierung es etwa zu erlangen gesucht, um damit |226| Material für den Kölner Prozeß zu gewinnen, so ist ihrer Liebe Müh' umsonst gewesen.

In ihrer Verzweiflung, Beweismaterial gegen die Angeklagten aufzutreiben, hatte sie die öffentliche Verhandlung des Prozesses von Assise zu Assise verschoben und dadurch die Spannung des verehrlichen Publikums aufs höchste gesteigert, bis sie sich im Oktober 1852 endlich entschließen mußte, den Vorhang über dem Spektakelstücke aufzuziehen. Da nun mit allen krampfhaften Meineiden des Polizeigesindels nicht bewiesen werden konnte, daß die Angeklagten etwas mit dem »deutsch-französischen Komplott« zu tun hatten, das heißt mit einem Komplott, das von polizeilichen Lockspitzeln während ihrer Untersuchungshaft in einer Organisation angestiftet worden war, mit der sie in heller Feindschaft gelebt hatten, so rückte Stieber endlich mit dem »Originalprotokollbuch der Partei Marx« heraus, einer Reihe fortlaufender Protokolle über die Verhandlungen, in denen Marx und seine Gesinnungsgenossen ihre ruchlosen Weltumstürzungspläne erörtert haben sollten. Das Buch war eine infame Fälschung, die in London unter der Leitung des Polizeileutnants Greif durch die Lockspitzel Charles Fleury und Wilhelm Hirsch zusammengeschustert worden war. Es trug die Spuren der Fälschung schon äußerlich an der Stirn, ganz abgesehen von dem blödsinnigen Inhalt, aber Stieber rechnete mit dem bürgerlichen Stumpfsinn der sorgfältig ausgesiebten Geschworenen und der strengen Überwachung der Post, womit man jede Aufklärung von London her abschneiden zu können hoffte.

Der nichtswürdige Plan scheiterte jedoch an der Energie und Umsicht, womit Marx ihm zu begegnen wußte, so wenig er für einen aufreibenden und wochenlangen Kampf gerüstet war. Am 8. September hatte er an Engels geschrieben: »Meine Frau ist krank, Jennychen ist krank, Lenchen hat eine Art Nervenfieber. Den Doktor kann und konnte ich nicht rufen, weil ich kein Geld für Medizin habe. Seit acht bis zehn Tagen habe ich die Familie mit Brot und Kartoffeln durchgefüttert, von denen es noch fraglich ist, ob ich sie heute auftreiben kann ... Artikel für Dana schrieb ich nicht, weil ich nicht den Penny hatte, um Zeitungen lesen zu gehn ... Das Beste und Wünschenswerteste, was passieren könnte, wäre, wenn mich die landlady zum Haus hinauswürfe. Ich wäre dann wenigstens die Summe von 22 £ St. quitt. Aber so viel Gefälligkeit ist ihr kaum zuzutrauen. Dazu Bäcker, Milchmann, Teekerl, greengrocer [Mehring übersetzt: Gemüsehändler], alte Metzgerschuld noch. Wie soll ich mit all dem Teufelsdreck fertig werden? Endlich, in den letzten acht bis zehn Tagen, habe ich einige Schillinge und Pence, was |227| mir das Fatalste ist, aber es war nötig, um nicht zu verrecken, von Knoten [Mehring übersetzt: Arbeitern] gepumpt.« In dieser verzweifelten Lage mußte er den Kampf mit übermächtigen Gegnern aufnehmen, und im Kampf vergaß er, wie auch seine tapfere Frau, die häusliche Sorge.

Noch war der Sieg nicht entschieden, als Frau Marx an einen amerikanischen Freund schrieb: »Von hier aus mußten sämtliche Beweise der Fälschung beigebracht werden, mein Mann hatte also den ganzen Tag bis in die Nacht hinein zu arbeiten. Dann mußten sämtliche Sachen, sechs- bis achtmal abgeschrieben, auf den verschiedensten Wegen nach Deutschland spediert werden, über Frankfurt, Paris usw., da alle Briefe an meinen Mann, sowie alle Briefe von hier nach Köln erbrochen und unterschlagen werden. Das Ganze ist jetzt ein Kampf zwischen der Polizei einerseits und meinem Manne andererseits, dem man alles, selbst die Leitung des Prozesses, in die Schuhe schiebt. - Entschuldigen Sie mein konfuses Schreiben, aber ich habe auch etwas in der Intrigue mitgewirkt und abgeschrieben, daß mir die Finger brennen. Daher das Durcheinander. Eben kommen von Weerth und Engels ganze Packe von Kaufmannsadressen und kaufmännischen Scheinbriefen an, um die Aktenstücke usw. sicher zu befördern. Bei uns ist jetzt ein ganzes Büro etabliert. Zwei, drei schreiben, andere laufen, die dritten schrapen die Pennies zusammen, damit die Schreiber fortexistieren und Beweise des unerhörtesten Skandals gegen die ganze offizielle Welt beibringen können. Dazwischen singen und pfeifen meine drei fidelen Kinder und werden oft hart angerannt von ihrem Herrn Papa. Das ist ein Treiben.«

Marx siegte in diesem Kampfe; die Fälschung Stiebers wurde noch vor den Assisen aufgedeckt, und der Staatsprokurator selbst mußte das »unselige Buch« als Beweismittel preisgeben. Aber der Sieg wurde zum Verhängnis für den größeren Teil der Angeklagten. Die fünfwöchigen Verhandlungen hatten ein solches Übermaß polizeilicher, von den höchsten Behörden des preußischen Staats geförderter Schandtaten aufgedeckt, daß die völlige Freisprechung aller Angeklagten diesen Staat vor aller Welt gebrandmarkt haben würde. Ehe sie es darauf ankommen ließen, vergewaltigten die Geschworenen lieber ihre Ehre und ihr Gewissen und verurteilten 7 von den 11 Angeklagten wegen versuchten Hochverrats: den Zigarrenarbeiter Röser, den Schriftsteller Bürgers, den Schneidergesellen Nothjung zu 6, den Arbeiter Reiff, den Chemiker Otto, den ehemaligen Referendar Becker zu 5 und den Schneidergesellen Leßner zu 3 Jahren Festungshaft. Freigesprochen wurden der Kommis Ehrhardt und die Ärzte Daniels, Jacoby und Klein. Doch wurde |228| einer von den Freigesprochenen am härtesten von allen getroffen: Daniels starb wenige Jahre später an der Schwindsucht, die er sich in der Zellenhaft der anderthalbjährigen Untersuchung zugezogen hatte, tief betrauert von Marx, dem Frau Daniels in einem erschütternden Briefe die letzten Grüße ihres Gatten sandte.

Die anderen Opfer dieses schändlichen Prozesses haben ihn lange überlebt und sich zum Teil in die bürgerliche Welt zurückgefunden, wie Bürgers, der es zum fortschrittlichen Reichstagsabgeordneten brachte, und Becker, der Oberbürgermeister von Köln und Mitglied des preußischen Herrenhauses wurde, um seiner hochpatriotischen Gesinnung willen bei Hofe und der Regierung wohl angesehen. Von den Verurteilten, die treu zur Fahne hielten, sind Nothjung und Röser noch in den Anfängen der neuerwachenden Arbeiterbewegung tätig gewesen, und Leßner hat lange Marx und Engels überlebt, zu deren treuesten Gefährten er im Exil gehörte.

Nach dem Kölner Prozesse löste sich der Bund der Kommunisten auf, und ihm folgte bald der Sonderbund Willich-Schapper. Willich wanderte nach Amerika aus, wo er sich als General der Nordstaaten in dem Sezessionskriege verdienten Ruhm erworben hat, und Schapper kehrte reumütig zu den alten Genossen zurück.

Marx aber schritt zur moralischen Stäupung des Systems, das vor den Kölner Assisen einen schimpflichen Sieg erfochten hatte. Er verfaßte die »Enthüllungen über den Kölner Kommunisten-Prozeß«, die er in der Schweiz und wenn möglich auch in Amerika erscheinen lassen wollte. Am 7. Dezember schrieb er amerikanischen Freunden: »Ihr werdet den Humor der Broschüre zu schätzen wissen, wenn Ihr erwägt, daß ihr Verfasser durch Mangel an hinreichender Hinterer- und Fußbedeckung so gut wie interniert ist und außerdem wirklich widrige Misere über seine Familie jeden Augenblick hereinbrechen zu sehen bedroht war und ist. Der Prozeß brachte mich auch hierfür in die Patsche, indem ich fünf Wochen, statt fürs Brot zu arbeiten, für die Partei gegen die Regierungsmachinationen arbeiten mußte. Außerdem hat er mir deutsche Buchhändler, mit denen ich hoffte, wegen meiner Ökonomie abzuschließen, total abspenstig gemacht.« Am 11. Dezember aber schrieb Schabelitz' Sohn, der den Verlag übernommen hatte, aus Basel an Marx, er lese bereits den ersten Korrekturbogen. »Ich bin überzeugt, daß die Broschüre ungeheures Aufsehen machen wird, denn sie ist ein Meisterwerk.« Schabelitz wollte 2.000 Exemplare abziehen und den Preis des Exemplars auf 10 Silbergroschen festsetzen, in der Annahme, daß jedenfalls ein Teil der Auflage beschlagnahmt werden würde.

|229| Leider wurde die ganze Auflage beschlagnahmt, als sie aus dem badischen Grenzdorfe, wo sie sechs Wochen gelagert hatte, ins Innere Deutschlands verschickt werden sollte. Am 10. März meldete Marx die Hiobspost an Engels mit den bitteren Worten: »Soll einem unter solchen Umständen nicht die Lust zum Schreiben vergehn? Immer zu arbeiten pour le roi de Prusse!« Wie die Sache ausgekommen war, ließ sich nicht mehr feststellen; der Argwohn, den Marx anfänglich gegen den Verleger hegte, erwies sich bald als ungerecht. Schabelitz wollte sogar 500 Exemplare, die er zurückbehalten hatte, noch in der Schweiz verbreiten, aber daraus scheint nicht viel geworden zu sein, und für Marx hatte die Sache noch den bitteren Nachgeschmack, daß ein Vierteljahr später zwar nicht Schabelitz selbst, aber dessen Sozius Amberger von ihm den Ersatz der Druckkosten in Höhe von 424 Franken beanspruchte.

Was in der Schweiz mißlungen war, gelang dann wenigstens in Amerika, wo freilich das Erscheinen der »Enthüllungen« die preußische Regierung nicht sehr zu beunruhigen brauchte. Die »New England Zeitung« in Boston druckte sie ab, und Engels ließ auf seine Kosten 440 Sonderabzüge herstellen, die mit Lassalles Hilfe in der Rheinprovinz verbreitet werden sollten. Frau Marx korrespondierte deshalb mit Lassalle, der eifrig genug war, doch läßt sich aus diesem Briefwechsel nicht feststellen, ob der erstrebte Zweck wirklich erreicht worden ist.

Ein lebhafteres Echo fand die Schrift in der deutsch-amerikanischen Presse, wo namentlich Willich gegen sie mobilmachte, was Marx wieder zu einer kleinen Schrift gegen Willich veranlaßte, die gegen Ende des Jahres 1853 unter dem Titel »Der Ritter vom edelmütigen Bewußtsein«[18] erschien. Sie der Vergangenheit zu entreißen, der sie längst anheimgefallen ist, lohnt sich heute kaum. Wie immer in solchen Kämpfen, so ist damals hüben und drüben gesündigt worden, und als Sieger in der Sache hat Marx gern auf den Triumph über den Besiegten verzichtet. Schon im Jahre 1860 erklärte er von den ersten Jahren der Emigration, ihre glänzendste Verteidigung sei ein Vergleich ihrer Geschichte mit der gleichzeitigen Geschichte der Regierungen und der bürgerlichen Gesellschaft; einige wenige Personen ausgenommen, könne ihr nichts vorgeworfen werden als Illusionen, die durch die Zeitverhältnisse mehr oder weniger berechtigt waren, und Narrheiten, die aus den außerordentlichen Umständen, worin sie sich unerwartet gestellt fand, notwendig hervorwuchsen.

Und als Marx im Jahre 1875 eine zweite Auflage der »Enthüllungen« |230| veranstaltete, schwankte er einen Augenblick, ob er den Abschnitt über die Fraktion Willich-Schapper nicht streichen solle. Er ließ ihn zwar stehen, aber nur, weil ihm bei näherem Erwägen jede Verstümmelung des Textes als Fälschung eines historischen Dokuments erschien, und fügte hinzu: »Der gewaltsame Niederschlag einer Revolution läßt in den Köpfen ihrer Mitspieler, namentlich der vom heimischen Schauplatz ins Exil geschleuderten, eine Erschütterung zurück, welche selbst tüchtige Persönlichkeiten für kürzere oder längere Zeit sozusagen unzurechnungsfähig macht. Sie können sich nicht in den Gang der Geschichte finden, sie wollen nicht einsehen, daß sich die Form der Bewegung verändert hat. Daher Konspirations- und Revolutionsspielerei, gleich kompromittierlich für sie selbst und die Sache, in deren Dienst sie stehen; daher auch die Fehlgriffe Schappers und Willichs. Willich hat im nordamerikanischen Bürgerkrieg gezeigt, daß er mehr als ein Phantast ist, und Schapper, lebenslang Vorkämpfer der Arbeiterbewegung, erkannte und bekannte, bald nach Ende des Kölner Prozesses, seine augenblickliche Verirrung. Viele Jahre später, auf seinem Sterbebett, einen Tag vor seinem Tode, sprach er mir noch mit beißender Ironie von jener Zeit der ›Flüchtlingstölpelei‹. Andererseits erklären die Umstände, in denen die ›Enthüllungen‹ verfaßt wurden, die Bitterkeit des Angriffs auf die unfreiwilligen Helfershelfer des gemeinsamen Feindes. In Augenblicken der Krise wird Kopflosigkeit zum Verbrechen an der Partei, das öffentliche Sühne herausfordert.«[19] Goldne Worte, zumal in Tagen, wo die Pflege des »guten Tons« hoch über die Wahrung der Prinzipienklarheit gestellt wird.

War die Schlacht geschlagen und der Sieg erfochten, so war Marx am wenigsten der Mann kleinlichen Nachtragens. Er gab mehr zu als er zuzugeben brauchte, wenn er im Jahre 1860 gegenüber unwirschen Bemerkungen Freiligraths über die »zweideutigen und verworfenen Elemente«, die sich in den Bund gedrängt hätten, an seinem Teil einräumte: »Daß Dreck aufgeworfen wird in Stürmen, daß keine revolutionäre Zeit nach Rosenöl riecht, daß hie und da selbst allerlei Unrat an einen anfliegt - ist sicher. Aut, aut [Mehring übersetzt: Entweder, oder].« Aber er durfte mit Recht hinzufügen: »Übrigens wenn man die ungeheuren Anstrengungen der ganzen offiziellen Welt gegen uns bedenkt, die, um uns zu ruinieren, den Code pénal nicht etwa anstreifte, sondern tief durchwatete; wenn man das Lästermaul der ›Demokratie der Dummheit‹ bedenkt, die unserer Partei nie verzeihen konnte, mehr Verstand und Charakter zu haben als sie selbst; wenn man die gleichzeitige Geschichte aller andren Parteien kennt; und wenn man sich endlich fragt, |231| was denn nun tatsächlich gegen die ganze Partei vorgebracht werden kann, kommt man zum Schluß, daß sie in diesem neunzehnten Jahrhundert durch ihre Reinheit ausgezeichnet dasteht.«

Indem der Bund der Kommunisten sich auflöste, zerrissen die letzten Fäden, die Marx mit dem öffentlichen Leben Deutschlands verknüpften. Das Exil, »die Heimat der Guten«, wurde ihm von nun an zur zweiten Heimat.

 

 

 

Anmerkungen:


[1] Karl Marx: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S. 41/42.

[2] Friedrich Engels: Die deutsche Reichsverfassungskampagne, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S. 109-197.

[3] Karl Marx/Friedrich Engels: Revue, Januar/Februar 1950, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S. 220/221.

[4] Karl Marx: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S. 85.

[5] Karl Marx/Friedrich Engels: Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S. 245.

[6] Karl Marx/Friedrich Engels: Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1650, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S. 246/247.

[7] Karl Marx/Friedrich Engels: Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S. 248.

[8] Karl Marx/Friedrich Engels: Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S. 249. <=

[9] Karl Marx: Enthüllungen über den Kommunistenprozeß zu Köln, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 8, S. 412.

[10] Karl Marx/Friedrich Engels [Redaktionelle Anmerkung zu dem Artikel »Die Schneiderei in London oder der Kampf des großen und des kleinen Capitals« von J. G. Eccarius], in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S. 416.

[11] Karl Marx/Friedrich Engels: Revue, Mai bis Oktober 1850, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S. 440.

[12] Karl Marx/Friedrich Engels: Revue, Mai bis Oktober 1850, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S. 440.

[13] Friedrich Engels: Revolution und Konterrevolution in Deutschland, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 8, S. 3-108.

[14] Karl Marx: Vorwort [zur Zweiten Ausgabe (1869) »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte«], in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 358/359.

[15] Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 8, S. 118.

[16] Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 8, S. 207.

[17] Karl Marx/Friedrich Engels: Die großen Männer des Exils, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 8, S. 233-333.

[18] Karl Marx: Der Ritter vom edelmütigen Bewußtsein, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 9, S. 489-518.

[19] Karl Marx: Nachwort [zu »Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln«], in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 18, S. 568/569.







Achtes Kapitel:

Engels - Marx

 

1. Genie und Gesellschaft

|232| Hatte Marx in England eine zweite Heimat gefunden, so darf man den Begriff der Heimat freilich nicht zu weit ausdehnen. Er ist niemals wegen seiner revolutionären Agitation, die sich nicht zuletzt gegen den englischen Staat richtete, auf englischem Boden behelligt worden. Die Regierung des »habgierigen, neidischen Krämervolks« besaß ein größeres Maß von Selbstachtung und Selbstbewußtsein, als diejenigen festländischen Regierungen besitzen, die in der Angst des bösen Gewissens mit Spießen und Stangen der Polizei hinter ihren Gegnern herjagen, auch wenn diese sich nur auf dem Gebiete der Diskussion und der Propaganda bewegen.

Allein in anderem und tieferem Sinne hat Marx keine Heimat mehr gefunden, seitdem er mit genialem Blick der bürgerlichen Gesellschaft in Herz und Nieren geschaut hatte. Das Schicksal des Genies in dieser Gesellschaft ist ein weitläufiges Kapitel, über das die verschiedensten Meinungen laut geworden sind; von dem harmlosen Gottvertrauen des Philisters, das jedem Genie den endgültigen Sieg prophezeit, bis zu Fausts melancholischem Worte:

Die Wenigen, die was davon erkannt,
Die töricht gnug ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.

Die historische Methode, die Marx entwickelt hat, gestattet auch in dieser Frage tiefere Einblicke in den Zusammenhang der Dinge. Der Philister prophezeit jedem Genie den endgültigen Sieg, eben weil er ein Philister ist; wenn aber ein Genie einmal nicht gekreuzigt oder verbrannt wird, so nur, weil es sich am letzten Ende bescheidet, ein Philister zu werden. Ohne den Zopf, der ihnen hinten hing, wären die Goethe und die Hegel nie anerkannte Größen der bürgerlichen Gesellschaft geworden.

Die bürgerliche Gesellschaft, die in dieser Hinsicht nur die ausgeprägteste Form aller Klassengesellschaft ist, mag sonst Verdienste haben, |233| so viele sie will, aber eine gastliche Heimat für das Genie ist sie nie gewesen. Sie kann es auch nicht sein, denn gerade darin besteht das innerste Wesen des Genies, den schöpferischen Drang einer ursprünglichen Menschenkraft ins Spiel zu setzen gegen das überlieferte Herkommen und an den Schranken zu rütteln, innerhalb deren die Klassengesellschaft nur bestehen kann. Der einsame Friedhof auf der Insel Sylt, der die unbekannten Toten beherbergt, die das Meer an den Strand spült, trägt die fromme Inschrift: Es ist das Kreuz auf Golgatha Heimat für Heimatlose. Darin ist unbewußt, aber deshalb nicht weniger treffend das Los des Genies in der Klassengesellschaft gezeichnet: heimatlos wie es in ihr ist, findet es seine Heimat nur am Kreuze auf Golgatha.

Es sei denn, daß sich das Genie so oder so mit der Klassengesellschaft abfindet. Wenn es sich in den Dienst der bürgerlichen Gesellschaft stellte, um die feudale Gesellschaft zu stürzen, so gewann es scheinbar eine unermeßliche Macht, doch zerrann diese Macht in dem Augenblick, wo es sich selbstherrlich gebärden wollte: immerhin durfte es auf dem Felsen von St. Helena enden. Oder das Genie hüllte sich in den Bratenrock des Spießbürgers und mochte es dann zum großherzoglich sächsischen Staatsminister in Weimar oder zum königlich preußischen Professor in Berlin bringen. Aber wehe dem Genie, das sich in stolzer Unabhängigkeit und Unnahbarkeit der bürgerlichen Gesellschaft gegenüberstellt, das aus ihrem innersten Gefüge ihren nahenden Untergang zu deuten weiß, das die Waffen schmiedet, die ihr den Todesstoß versetzen werden. Für solch Genie hat die bürgerliche Gesellschaft nur Foltern und Qualen, die äußerlich weniger roh erscheinen mögen, aber innerlich grausamer sind, als das Marterholz der antiken und der Scheiterhaufen der mittelalterlichen Gesellschaft war.

Von den genialen Menschen des neunzehnten Jahrhunderts hat niemand schwerer unter diesem Lose gelitten als der genialste von allen, als Karl Marx. Schon im ersten Jahrzehnte seiner öffentlichen Wirksamkeit mußte er mit der alltäglichen Misere ringen, und bei seiner Übersiedelung nach London hatte ihn das Exil mit allen Schrecken empfangen, aber was man sein wahrhaft prometheisches Los nennen darf, begann doch erst, als er nun, nach mühseligem Aufstieg zur Höhe, in der Fülle seiner männlichen Kraft, jahre- und jahrzehntelang an jedem neuen Tage von der gemeinen Not des Lebens, von der niederziehenden Sorge um das tägliche Brot gepackt wurde. Bis zum Tage seines Todes ist es ihm nicht gelungen, sich eine noch so bescheidene Existenz auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern.

Dabei war er weit entfernt von dem, was der Philister in dem landläufig-liederlichen |234|* Sinn eine »geniale« Lebensführung zu nennen pflegt. Seiner Riesenkraft entsprach sein Riesenfleiß; die Überarbeit seiner Tage und Nächte begann schon früh, seine ursprünglich eisenfeste Gesundheit zu zerrütten. Er nannte die Arbeitsunfähigkeit das Todesurteil jedes Menschen, der kein Vieh sei, und es war ihm bitterer Ernst mit diesem Worte; als er einst mehrere Wochen schwer erkrankt war, schrieb er an Engels: »In dieser Zeit, wo ich ganz arbeitsunfähig, gelesen: Carpenters, Physiology, Lord dito, Kölliker, Gewebelehre, Spurzheim, Anatomie des Hirns- und Nervensystems, Schwann und Schleiden über die Zellenschmiere.« Und bei aller Unersättlichkeit des Dranges zu forschen blieb Marx sich immer dessen bewußt, was er schon als Jüngling gesagt hatte, daß der Schriftsteller nicht arbeiten dürfe, um zu erwerben, aber daß er erwerben müsse, um zu arbeiten; »die gebieterische Notwendigkeit einer Erwerbsarbeit« hat Marx niemals verkannt.

Aber alle seine Anstrengungen scheiterten an dem Argwohn oder dem Hasse oder im günstigsten Falle der Angst einer feindlichen Welt. Auch solche deutschen Verleger, die sich sonst etwas auf ihre Unabhängigkeit zugute zu tun pflegten, scheuten vor dem Namen des verrufenen Demagogen zurück. Alle deutschen Parteien verleumdeten ihn gleichmäßig, und wo immer die reinen Umrisse seiner Gestalt unter den künstlichen Nebeln hervorschimmerten, tat die boshafte Heimtücke des systematischen Totschweigens ihr infames Werk. So lange und so völlig ist sonst nie der größte Denker einer Nation ihrem Gesichtskreise entschwunden wie in diesem Falle.

Die einzige Verbindung, durch die Marx sich in London halbwegs sicheren Boden unter den Füßen hätte schaffen können, war seine Tätigkeit für die »New-York Daily Tribune«, die von 1851 ab ein reichliches Jahrzehnt währte. Die »Tribune« war mit ihren 200.000 Abonnenten damals das gelesenste und reichste Blatt der Vereinigten Staaten, und durch ihre Agitation für den amerikanischen Fourierismus hatte sie sich immerhin über die platte Geldmacherei eines rein kapitalistischen Unternehmens erhoben. An und für sich waren die Bedingungen, unter denen Marx für sie arbeiten sollte, auch nicht gerade ungünstig; er sollte wöchentlich je zwei Artikel schreiben und jeder Artikel sollte mit je 2 Pfund Sterling (40 Mark) honoriert werden. Das wäre ein Jahreseinkommen von 4.000 Mark gewesen, wodurch sich Marx auch in London notdürftig hätte über Wasser halten können. Freiligrath, der sich immer doch noch rühmte, das »Beefsteak des Exils« zu essen, bezog für seine kaufmännische Tätigkeit anfangs auch nicht mehr.

Selbstverständlich handelte es sich in keiner Weise um die Frage, ob |235| das Honorar, das Marx von dem amerikanischen Blatte bezog, dem literarischen und wissenschaftlichen Wert seiner Beiträge irgend entsprochen hätte. Ein kapitalistisches Zeitungsunternehmen rechnet nur mit Marktpreisen, und das ist in der bürgerlichen Gesellschaft sein gutes Recht. Mehr hat auch Marx nicht beansprucht, aber was er selbst in der bürgerlichen Gesellschaft hätte beanspruchen können, war die Innehaltung des einmal abgeschlossenen Arbeitsvertrags und vielleicht auch einige Achtung vor seiner Arbeit. Daran ließ es die »New-York Daily Tribune« und ihr Herausgeber aber ganz und gar fehlen. Dana war zwar theoretisch ein Fourierist, aber praktisch ein hartgesottener Yankee; sein Sozialismus laufe auf die lausigste Kleinbürgerprellsucht hinaus, meinte Engels in einem zornigen Augenblick. Obgleich Dana sehr gut wußte, was er an einem Mitarbeiter wie Marx besaß und damit nicht wenig vor seinen Abonnenten renommierte, wenn er nicht gar die Briefe, die Marx ihm schrieb, als eigene redaktionelle Arbeit eskamotierte, was zum berechtigten Ärger ihres Verfassers nur allzuoft geschah, so ließ er es doch an keiner Rücksichtslosigkeit fehlen, deren sich ein kapitalistischer Ausbeuter gegen eine von ihm ausgebeutete Arbeitskraft erdreisten zu dürfen glaubt.

Nicht nur, daß er bei schlechterem Geschäftsgang Marx sofort auf Halbsold setzte, so zahlte er überhaupt nur die Artikel, die er wirklich druckte, und er war nicht blöde, alles unter den Tisch zu werfen, was ihm gerade nicht in seinen Kram paßte. Es kam vor, daß drei, daß sechs Wochen lang die Aufsätze, die Marx sandte, in den Papierkorb wanderten. Freilich machten es die paar deutschen Blätter, in denen Marx ein vorübergehendes Unterkommen fand, wie die Wiener Presse, nicht besser. So konnte er mit Recht sagen, bei seiner Arbeit für Zeitungen käme er schlechter fort als der erste beste Zeilenreißer.

Schon im Jahre 1853 sehnte er sich nach ein paar Monaten Einsamkeit, um wissenschaftlich, zu arbeiten: »Es scheint, ich soll nicht dazu kommen. Das beständige Zeitungsschmieren ennuyiert [Mehring übersetzt: langweilt] mich. Es nimmt mir viel Zeit weg, zersplittert und ist doch nichts. Unabhängig soviel man will - man ist an das Blatt und dessen Publikum gebunden, speziell wenn man Barzahlung erhält wie ich. Rein wissenschaftliche Arbeiten sind etwas total anderes.« Aus einer ganz anderen Tonart noch klang es, als Marx einige Jahre länger unter Danas mildem Szepter gearbeitet hatte: »Es ist in der Tat ekelhaft, daß man verdammt ist, es als ein Glück zu betrachten, wenn ein solches Löschpapier einen mit in sein Boot aufnimmt. Knochen stampfen, mahlen und Suppe draus kochen wie die Paupers im Workhaus, darauf |236| reduziert sich die politische Arbeit, zu der man reichlich in solchem concern [Mehring übersetzt: Unternehmen] verdammt ist.« In der Kärglichkeit des Lebensunterhalts nicht nur, sondern namentlich auch in der völligen Unsicherheit der ganzen Existenz hat Marx das Los des modernen Proletariers geteilt.

Was man früher doch nur ganz im allgemeinen wußte, zeigen seine Briefe an Engels in der ergreifendsten Form; wie er einmal das Haus hüten mußte, weil er keinen Rock oder keinen Schuh für die Straße besaß, wie er ein andermal der Pfennige entbehrte, um sich Schreibpapier zu kaufen oder Zeitungen zu lesen, wie er ein drittes Mal nach ein paar Briefmarken jagte, um ein Manuskript an den Verleger senden zu können. Dazu der ewige Zank mit den Hökern und Krämern, denen er die notwendigsten Lebensmittel nicht zu zahlen vermochte, des Landlords zu geschweigen, der ihm alle Augenblicke den Pfänder ins Haus zu setzen drohte, und als ständige Zuflucht das Pfandhaus, dessen Wucherzinsen dann noch das letzte verschlangen, was die Schattengestalt der Sorge von der Schwelle seines Hauses hätte scheuchen können.

Und sie hockte nicht nur an der Schwelle, sondern saß mit an seinem Tische. Von früh auf an ein sorgloses Leben gewöhnt, wankte seine hochsinnige Frau wohl unter den Pfeilen und Schleudern eines wütenden Geschicks und wünschte sich mit ihren Kindern ins Grab. Es fehlt in seinen Briefen nicht an Spuren häuslicher Szenen, und er meinte gelegentlich, es gebe keine größere Eselei für Leute mit allgemeinen Strebungen als zu heiraten, und sich so an die kleinen Nöte des privaten Lebens zu verraten. Immer aber, wenn ihre Klagen ihn ungeduldig machten, entschuldigte und rechtfertigte er sie; sie habe ungleich schwerer als er an den unbeschreiblichen Demütigungen, Qualen und Schrecken zu tragen, die in ihrer Lage durchzumachen seien, zumal da ihr die Flucht in die Hallen der Wissenschaft verschlossen sei, die ihn doch immer wieder rettete. Ihren Kindern die unschuldigen Freuden der Jugend verkürzt zu sehen, traf beide Eltern gleich schwer.

So traurig dies Schicksal eines großen Geistes war, so erhob es sich doch zur tragischen Höhe erst dadurch, daß Marx die quälende Marter von Jahrzehnten freiwillig auf sich nahm und jede Versuchung abwies, sich in den Hafen eines bürgerlichen Berufs zu retten, den er mit allen Ehren hätte aufsuchen können. Was darüber zu sagen ist, sagte er einfach und schlicht, ohne alle hochtrabenden Worte: »Ich muß meinen Zweck durch dick und dünn verfolgen und darf der bürgerlichen Gesellschaft nicht erlauben, mich in eine money-making machine [Mehring übersetzt: geldmachende Maschine] zu verwandeln.« Diesen Prometheus |237|* schmiedeten nicht die Keile des Hephästos an den Felsen, sondern ein eherner Wille, der mit der Sicherheit einer Magnetnadel auf die höchsten Ziele der Menschheit wies. Sein ganzes Wesen ist biegsamer Stahl. Nichts bewundernswerter, als wenn er, in einem und demselben Briefe oft, scheinbar erdrückt von der kläglichsten Misere, mit wunderbarer Elastizität emporschnellt, um die schwierigsten Probleme mit der Seelenruhe eines Weisen zu erörtern, dem nicht die leiseste Sorge die sinnende Stirn furcht.

Aber freilich - empfunden hat Marx die Streiche, womit die bürgerliche Gesellschaft ihn verfolgte. Es wäre ein törichter Stoizismus, zu fragen: Was bedeuten solche Qualen, wie Marx sie erduldet hat, gerade für den Genius, der sein Recht doch nur von der Nachwelt empfängt? So geckenhaft jenes eitle Literatentum ist, das seinen Namen womöglich jeden Tag in der Zeitung gedruckt sehen will, so notwendig ist es für jede produktive Kraft, den nötigen Spielraum für ihre Entfaltung zu finden, und aus dem Echo, das sie erweckt, neue Kraft für neue Schöpfungen zu gewinnen. Marx war kein tugendstelziger Schwätzer, wie sie in schlechten Dramen und Romanen umgehen, sondern ein weltfreudiger Mensch, wie Lessing einer war, und so ist ihm die Stimmung nicht fremd geblieben, worin der sterbende Lessing an seinen ältesten Jugendfreund schrieb: »Ich glaube nicht, daß Sie mich als einen Menschen kennen, der nach Lobe heißhungrig ist. Aber die Kälte, mit der die Welt gewissen Leuten zu bezeugen pflegt, daß sie ihr auch gar nichts recht machen, ist, wenn nicht tötend, so doch erstarrend.« Es ist dieselbe Bitterkeit, womit Marx am Vorabend seines fünfzigsten Geburtstags schrieb: Ein halbes Jahrhundert auf dem Rücken und immer noch Pauper! So wünschte er sich einmal lieber hundert Klafter tief unter die Erde, als so fortzuvegetieren, oder der Schrei der Verzweiflung rang sich aus seinem Herzen, seinem ärgsten Feinde gönne er nicht durch den Morast zu waten, worin er seit acht Wochen sitze, mit der größten Wut dabei, daß sein Intellekt durch die Lumpereien kaputt gemacht und seine Arbeitskraft gebrochen werde.

Gewiß ist Marx deshalb kein »verdammt trübseliger Hund« geworden, wie er gelegentlich spottete, und insoweit mochte Engels mit Recht sagen, daß sein Freund niemals Trübsal geblasen habe. Aber wie sich Marx mit Vorliebe eine harte Natur nannte, so ist er doch in des Unglücks Esse härter und härter gehämmert worden. Der heitere Himmel, der sich über seinen Jugendarbeiten wölbte, bedeckte sich mehr und mehr mit schweren Gewitterwolken, aus denen seine Gedanken wie zündende Blitze fuhren, und seine Urteile über Feinde, und oft genug |238| auch Freunde, gewannen eine schneidende Schärfe, die nicht bloß schwache Seelen verletzen konnte.

Die ihn deshalb einen eisig kalten Demagogen schelten, sind nicht weniger - wenn auch freilich nicht mehr - auf dem Holzwege als die wackeren Unteroffiziersseelen, die in diesem großen Kämpfer nur eine blanke Puppe des Paradeplatzes erblicken.

2. Ein Bund ohnegleichen

Jedoch hatte Marx den Sieg seines Lebens nicht allein seiner gewaltigen Kraft zu danken. Nach allem menschlichen Ermessen wäre er endlich doch unterlegen, auf die eine oder die andere Weise, wenn ihm nicht in Engels ein Freund beschieden gewesen wäre, von dessen aufopfernder Treue man sich erst seit der Veröffentlichung ihres Briefwechsels ein zutreffendes Bild machen kann.

Ein Bild, das seinesgleichen nicht hat in aller überlieferten Geschichte. Es hat niemals an historischen Freundespaaren gefehlt, auch in der deutschen Geschichte nicht, deren Lebenswerk so eng verschmolzen ist, daß es sich nicht in ein Mein und Dein scheiden läßt, aber immer blieb ein spröder Rest des Eigenwillens oder des Eigensinns oder selbst nur ein geheimes Widerstreben, die eigene Persönlichkeit aufzugeben, die nach dem Worte des Dichters »das höchste Glück der Erdenkinder« ist. Luther sah in Melanchthon schließlich nur den schwachherzigen Gelehrten und Melanchthon in Luther schließlich nur den rohen Bauer, und man muß schon an stumpfen Sinnen leiden, um in dem Briefwechsel Goethes und Schillers nicht den geheimen Mißton zwischen dem großen Geheimderat und dem kleinen Hofrat zu hören. Der Freundschaft, die Marx und Engels verband, fehlte diese letzte Spur menschlicher Bedürftigkeit; je mehr sich ihr Denken und Schaffen verwob, um so mehr blieb doch jeder von ihnen ein ganzer Mann.

Schon im Äußern unterschieden sie sich. Engels, der blonde Germane, hoch aufgeschossen, mit englischen Manieren, wie ein Beobachter von ihm sagte: immer sorgsam gekleidet, straff zusammengenommen in der Disziplin nicht nur der Kaserne, sondern auch des Kontors; er wollte mit sechs Kommis einen Verwaltungszweig tausendmal einfacher und übersichtlicher einrichten als mit sechzig Regierungsräten, die nicht einmal leserlich schreiben könnten und einem alle Bücher versauten, so daß kein Teufel daraus klug werde: bei aller Respektabilität des Börsenmitgliedes |239|* von Manchester aber, in den Geschäften und Vergnügungen der englischen Bourgeoisie, ihren Fuchsjagden und ihren Weihnachtsschmäusen, der geistige Arbeiter und Kämpfer, der im Häuschen fern am Ende der Stadt seinen Schatz barg, ein irisches Volkskind, in dessen Armen er sich erholte, wenn er des Menschenpacks allzu müde wurde.

Dagegen Marx, stämmig, untersetzt, mit den funkelnden Augen und der ebenholzschwarzen Löwenmähne, die den semitischen Ursprung nicht verleugneten: lässig in seiner äußeren Haltung: ein geplagter Familienvater, der allem gesellschaftlichen Treiben der Weltstadt fern lebte: hingegeben aufreibender Geistesarbeit, die ihm kaum gestattete, ein schnelles Mittagsmahl einzunehmen, und bis tief in die Nacht auch seine Körperkraft verzehrte: ein rastloser Denker, dem das Denken der höchste Genuß war: darin der rechte Erbe eines Kant, eines Fichte und namentlich eines Hegel, dessen Wort er gern wiederholte: »Selbst der verbrecherische Gedanke eines Bösewichts ist erhabener und großartiger als die Wunder des Himmels«, nur daß sein Gedanke unablässig zur Tat drängte: unpraktisch in kleinen, aber praktisch in großen Dingen: viel zu unbeholfen, einen kleinen Haushalt zu ordnen, aber unvergleichlich in der Fähigkeit, ein Heer zu werben und zu führen, das eine Welt umwälzen soll.

Wenn anders der Stil der Mensch ist, so unterschieden sich beide auch als Schriftsteller. Jeder war in seiner Weise ein Meister der Sprache und jeder auch ein Sprachgenie, das viele Gebiete fremder Sprachen und selbst Dialekte beherrschte. Engels leistete darin noch mehr als Marx, aber wenn er in seiner Muttersprache schrieb, nahm er sich, selbst in seinen Briefen, geschweige denn in seinen Schriften, straff zusammen und hielt ihr Kleid von allen Fasern und Fäserchen des Auslandes frei, ohne deshalb den Schrullen der teutschtümelnden Sprachreiniger zu verfallen. Er schrieb leicht und licht, so durchsichtig und klar, daß man dem Strom seiner bewegten Rede stets bis auf den Grund blicken kann.

Marx schrieb lässiger zugleich und schwerer. In seinen jugendlichen Briefen ist, wie in den Jugendbriefen Heines, noch ein Ringen mit der Sprache deutlich zu spüren, und in den Briefen seiner reiferen Jahre, namentlich seit seinem Aufenthalt in England, kauderwelschte er deutsch, englisch und französisch arg durcheinander. Auch in seinen Schriften gibt es mehr Fremdwörter als gerade unvermeidlich sind, und es fehlt weder an Anglizismen noch an Gallizismen, aber er ist so sehr Meister der deutschen Sprache, daß er nicht ohne schwere Einbußen übersetzt werden kann. Als Engels ein Kapitel des Freundes in einer französischen Übersetzung las, an der Marx selbst mühsam gefeilt hatte, meinte er |240| gleichwohl, Kraft und Saft und Leben seien zum Teufel. Wenn Goethe einmal an Frau von Stein schrieb: »In Gleichnissen laufe ich mit Sancho Pansas Sprüchwörtern um die Wette«, so konnte Marx in der schlagenden Bildlichkeit der Sprache mit den größten »Gleichnismachern«, einem Lessing, einem Goethe, einem Hegel um die Wette laufen. Er hatte Lessings Wort begriffen, daß in einer vollkommenen Darstellung Begriff und Bild zusammengehören wie Mann und Weib, wofür ihn denn die Universitätsgelehrsamkeit, von dem Altmeister Wilhelm Roscher bis zum jüngsten Privatdozenten, gebührend abgestraft hat durch den niederschmetternden Vorwurf, er habe sich nur in ganz unbestimmter, »mit Bildern zusammengeflickter Weise« verständlich machen können. Marx erschöpfte die Fragen, die er behandelte, immer nur soweit, daß dem Leser das fruchtbarste Nachdenken übrigblieb; seine Rede ist ein Wellenspiel auf der purpurnen Tiefe des Meeres.

Engels hat in Marx stets den überlegenen Genius anerkannt; neben ihm wollte er immer nur die zweite Violine gespielt haben. Doch ist er niemals nur sein Ausleger und Helfer gewesen, sondern sein selbständiger Mitarbeiter, ein ihm nicht gleicher, aber ihm ebenbürtiger Geist. Wie Engels in den Anfängen ihrer Freundschaft auf einem entscheidenden Gebiete mehr gegeben als empfangen hat, so schrieb ihm Marx zwanzig Jahre später: »Du weißt, daß alles 1. bei mir spät kommt, und 2. ich immer in Deinen Fußstapfen nachfolge.« In seiner leichteren Rüstung bewegte Engels sich leichter, und wenn sein Blick scharf genug war, den entscheidenden Punkt einer Frage oder Lage zu erkennen, so drang er nicht tief genug, um sofort all die Wenn und Aber zu überblicken, mit denen auch die notwendigste Entscheidung bepackt ist. Dieser Mangel ist für den handelnden Menschen freilich ein großer Vorzug, und Marx faßte keinen politischen Entschluß, ohne sich vorher Rat bei Engels zu holen, der gleich den Nagel auf den Kopf zu treffen pflegte.

Es entsprach diesem Verhältnis, daß sich der Rat, den Marx auch in theoretischen Fragen von Engels erbat, nicht ebenso ausgiebig erwies, wie in politischen. Hier war Marx gewöhnlich schon im Vorsprunge. Und ganz harthörig war er gegen einen Rat, den ihm Engels oft erteilte, um ihn zur schnellen Beendigung seines wissenschaftlichen Hauptwerkes anzutreiben. »Sei endlich einmal etwas weniger gewissenhaft Deinen eignen Sachen gegenüber; es ist immer noch viel zu gut für das Lausepublikum. Daß das Ding geschrieben wird und erscheint, ist die Hauptsache; die Schwächen, die Dir auffallen, finden die Esel doch nicht heraus.« Dieser Rat war echter Engels, wie seine Mißachtung echter Marx war.

|241| Aus alledem erhellt, daß Engels für die publizistische Tagesarbeit besser gerüstet war als Marx; »ein wahres Universallexikon«, wie dieser ihn einem gemeinsamen Freunde schildert, »arbeitsfähig zu jeder Stunde des Tages und der Nacht, voll oder nüchtern, quick im Schreiben und begriffen wie der Teufel.« Es scheint auch, daß beide nach dem Eingehen der »Neuen Rheinischen Revue« im Herbst 1850 zunächst noch ein gemeinsames Unternehmen in London ins Auge gefaßt hatten; wenigstens schrieb Marx im Dezember 1853 an Engels: »Hätten wir - Du und ich - zur rechten Zeit in London das englische Korrespondenzgeschäft angefangen, so säßest Du nicht in Manchester, Kontorgequält, und ich nicht Schuldengequält.« Wenn Engels den Aussichten dieses »Geschäfts« die Kommisstelle in der väterlichen Firma vorzog, so ist es wohl aus Rücksicht auf die trostlose Lage geschehen, in der sich Marx befand, und im Hinblick auf bessere Zeiten, nicht aber schon in der Absicht, sich dauernd dem »verfluchten Kommerz« zu ergeben. Noch im Frühjahr 1854 hat Engels den Gedanken erwogen, zur schriftstellerischen Tätigkeit nach London zurückzukehren, aber allerdings zum letzten Male; um diese Zeit muß er den Entschluß gefaßt haben, dauernd das verhaßte Joch auf sich zu nehmen, nicht nur um dem Freunde zu helfen, sondern auch um der Partei ihre erste geistige Kraft zu erhalten. Nur unter dieser Begründung konnte Engels das Opfer bringen und Marx es annehmen; zum Anbieten wie zum Annehmen gehörte ein gleich großer Sinn.

Ehe Engels im Laufe der Jahre zum Teilhaber der Firma aufrückte, war er als einfacher Kommis auch nicht gerade auf Rosen gebettet, aber vom ersten Tage seiner Übersiedelung nach Manchester an hat er geholfen und ist niemals müde geworden zu helfen. Unaufhörlich wanderten die Ein-, die Fünf-, die Zehn-, später dann auch die Hundertpfundnoten nach London. Engels verlor niemals die Geduld, auch wenn sie von Marx und seiner Frau, deren haushälterischer Sinn nicht übermäßig beschieden gewesen zu sein scheint, gelegentlich auf eine härtere Probe gesetzt wurde, als notwendig gewesen wäre. Er schüttelte kaum den Kopf, als Marx einmal den Betrag eines Wechsels vergessen hatte, der auf ihn lief, und nun am Verfalltage unangenehm überrascht wurde. Oder wenn Frau Marx bei einer abermaligen Sanierung des Haushalts einen dicken Posten aus falscher Rücksicht verschwieg, um ihn von ihrem Wirtschaftsgeld allmählich abzusparen und so bei aller guten Absicht das alte Elend von neuem zu beginnen, so überließ Engels dem Freunde den etwas pharisäischen Genuß, über die »Narrheit der Weiber« zu schelten, die »offenbar stets der Vormundschaft bedürften«, und begnügte |242|* sich mit der gutmütigen Mahnung: Sorge nur dafür, daß so etwas in Zukunft nicht wieder vorkommt.

Jedoch nicht nur am Tage schanzte Engels für den Freund im Kontor und auf der Börse, sondern er opferte ihm auch zum großen Teil die Mußestunden des Abends bis tief in die Nacht hinein. Wenn es zunächst geschah, um für Marx, solange dieser die englische Sprache noch nicht für schriftstellerische Zwecke handhaben konnte, die Briefe für die »New-York Daily Tribune« zu verfassen oder zu übersetzen, so blieb es doch bei dieser stillen Mitarbeit, auch als ihr ursprünglicher Grund fortgefallen war.

Alles das erscheint aber doch nur geringfügig gegenüber dem größten Opfer, das Engels gebracht hat: dem Verzicht auf das Maß wissenschaftlicher Leistung, das ihm nach seiner unvergleichlichen Arbeitskraft und seinen reichen Fähigkeiten beschieden gewesen wäre. Auch hiervon bekommt man einen rechten Begriff doch erst aus dem Briefwechsel zwischen beiden Männern, selbst wenn man sich nur auf die sprach- und militärwissenschaftlichen Studien beschränkt, die Engels mit besonderer Vorliebe trieb, aus »alter Inklination« sowohl als auch aus den praktischen Bedürfnissen des proletarischen Emanzipationskampfes heraus. Denn so sehr ihm alles »Autodidaktentum« verhaßt - »es ist überall Unsinn«, meinte er verächtlich - und so gründlich seine Methode der wissenschaftlichen Arbeit war, so war er doch ebensowenig wie Marx ein bloßer Stubengelehrter, und jede neue Erkenntnis war ihm doppelt wertvoll, wenn sie sofort helfen konnte, die Ketten des Proletariats zu lüften.

So begann er mit dem Studium der slawischen Sprachen, aus der »Konsideration« heraus, daß »wenigstens einer von uns« bei der nächsten Haupt- und Staatsaktion die Sprache, die Geschichte, die Literatur, die sozialen Einrichtungen gerade derjenigen Nationen kenne, mit denen man sofort in Konflikt kommen werde. Die orientalischen Wirren führten ihn auf die orientalischen Sprachen; vor dem Arabischen schreckte er zurück mit seinen viertausend Wurzeln, aber »das Persische ist ein wahres Kinderspiel von einer Sprache«; in drei Wochen wollte er damit fertig sein. Dann kamen die germanischen Sprachen daran: »ich sitze jetzt tief im Ulfilas, ich mußte doch endlich einmal mit dem verdammten Gotischen fertig werden, das ich immer bloß so desultorisch trieb. Zu meiner Verwunderung finde ich, daß ich viel mehr weiß, als ich dachte; wenn ich noch ein Hilfsmittel bekomme, so denk' ich in vierzehn Tagen komplett fertig damit zu sein. Dann geht's ans Altnordische und Angelsächsische, mit denen ich auch immer so auf halbem Fuße gestanden. Bis |243| jetzt arbeite ich ohne Lexikon oder andre Hilfsmittel, bloß gotischen Text und den Grimm, der alte Kerl ist aber wirklich famos.« Als die schleswig-holsteinische Frage in den sechziger Jahren auftauchte, trieb Engels »etwas friesisch-englisch-jütisch-skandinavische Philologie und Archäologie«, beim neuen Aufflammen der irischen Frage »etwas Keltisch-Irisches« und so fort. Im Generalrat der Internationalen sind ihm später seine umfassenden Sprachkenntnisse trefflich zustatten gekommen; »Engels stottert in zwanzig Sprachen«, hieß es wohl, da er in Augenblicken erregten Sprechens leicht mit der Zunge anstieß.

So auch verdiente er sich den Spitznamen des »Generals« durch seine noch eifrigere und eindringlichere Beschäftigung mit den Kriegswissenschaften. Auch hier wurde eine »alte Inklination« durch die praktischen Bedürfnisse der revolutionären Politik genährt. Engels rechnete mit der »enormen Wichtigkeit, die die partie militaire bei der nächsten Bewegung bekommen müsse«. Mit den Offizieren, die sich in den Revolutionsjahren auf die Seite des Volkes geschlagen hatten, waren nicht die besten Erfahrungen gemacht worden. »Dies Soldatenpack«, meinte Engels, »hat einen unbegreiflich schmutzigen Korpsgeist. Sie hassen einander bis auf den Tod, beneiden sich gegenseitig wie Schuljungen die kleinste Auszeichnung, aber gegen die Leute vom ›Zivil‹ sind sie alle einig.« Engels wollte es nun so weit bringen, daß er theoretisch einigermaßen mitsprechen könne, ohne sich zu sehr zu blamieren.

Er war kaum in Manchester warm geworden, als er »Militaria zu ochsen« begann. Er begann mit dem »Allerplattesten und Ordinärsten, was im Fähnrichs- und Leutnantsexamen gefordert und was ebendeswegen überall als bekannt vorausgesetzt wird«. Er studierte das gesamte Heerwesen bis in alle technischen Einzelheiten: Elementartaktik, Befestigungssystem von Vauban bis auf das moderne System der detachierten Forts, Brückenbau und Feldverschanzungen, Waffenkunde bis auf die verschiedene Konstruktion der Feldlafetten, das Verpflegungswesen der Lazarette und anderes mehr; endlich ging er zur allgemeinen Kriegsgeschichte über, wo er den Engländer Napier, den Franzosen Jomini und den Deutschen Clausewitz mit eindringendem Fleiß durcharbeitete.

Weit entfernt im Sinne einer seichten Aufklärung gegen die moralische Unvernunft der Kriege zu eifern, suchte Engels vielmehr ihre historische Vernunft zu erkennen, wodurch er mehr als einmal den gewaltigen Zorn der deklamierenden Demokratie erregt hat. Wenn einst ein Byron die Schalen glühenden Zorns über die beiden Heerführer ausgoß, die in der Schlacht bei Waterloo als Fahnenträger des feudalen |244| Europas dem Erben der Französischen Revolution den Todesstoß gegeben hatten, so fügte es ein bezeichnender Zufall, daß Engels in seinen Briefen an Marx von Blücher sowohl wie von Wellington historische Bildnisse entwarf, die in knappem Rahmen so klar und scharf umrissen sind, daß sie selbst bei dem heutigen Stande der Kriegswissenschaft schwerlich nur in einem Striche geändert zu werden brauchen.

Auch auf einem dritten Gebiet, auf dem Engels gern und viel arbeitete, auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, ist es ihm nicht vergönnt gewesen, die letzte Hand an seine Forschungen in den Jahrzehnten zu legen, in denen er sich in kaufmännische Fron begab, um der wissenschaftlichen Arbeit eines Größeren freien Raum zu schaffen.

Alles das war auch ein tragisches Schicksal. Aber Engels hat darüber niemals gegreint; denn alle Sentimentalität war ihm so fremd wie seinem Freunde. Er hat es immer als das große Glück seines Lebens betrachtet, vierzig Jahre neben Marx zu stehen, auch um den Preis, daß dessen mächtigere Gestalt ihn überschattete. Er hat es nicht einmal als eine verspätete Genugtuung empfunden, daß er nach dem Tode des Freundes noch über ein Jahrzehnt der erste Mann der internationalen Arbeiterbewegung sein, unbestritten in ihr die erste Violine spielen durfte; er meinte im Gegenteil, ihm werde ein größeres Verdienst zugeschrieben, als ihm zukomme.

Indem jeder der beiden Männer völlig in der gemeinsamen Sache aufging und jeder von beiden ihr nicht dasselbe, aber ein gleich großes Opfer brachte, ohne jeden peinlichen Rest des Murrens oder des Prahlens, wurde ihre Freundschaft ein Bund, der in aller Geschichte seinesgleichen nicht gehabt hat.



 

 

Neuntes Kapitel:

Krimkrieg und Krise

 

1. Europäische Politik

 

|245| Etwa zur selben Zeit, Ende 1853, als Marx durch das kleine Pamphlet gegen Willich seinen Kampf mit der »demokratischen Emigrationsschwindelei und Revolutionsmacherei« abschloß, begann mit dem Krimkriege eine neue Periode der europäischen Politik, die für die nächsten Jahre in erster Reihe seine Aufmerksamkeit fesselte.

Was er darüber zu sagen hatte, ist vornehmlich in seinen Aufsätzen für die »New-York Daily Tribune« niedergelegt. So sehr ihn dies Blatt auf die Stufe eines gewöhnlichen Zeitungskorrespondenten herabzudrücken suchte, so durfte Marx mit Recht sagen, daß er sich mit »eigentlicher Zeitungskorrespondenz nur ausnahmsweise befaßt« habe. Er blieb nur sich selber treu, wenn er auch die literarische Erwerbsarbeit zu adeln wußte, indem er sie auf mühsamen Studien aufbaute und ihr dadurch einen dauernden Wert verlieh.

Diese Schätze sind zum großen Teil noch ungehoben, und es wird einige Mühe kosten, sie ans Tageslicht zu fördern. Indem die »New-York Daily Tribune« die Beiträge, die Marx ihr lieferte, sozusagen als Rohmaterial behandelte, sie nach ihrem Belieben dem Papierkorb überantwortete oder auch unter ihrer eigenen Flagge veröffentlichte und oft nur, wie Marx zornig sagte, den »Schund« unter seinem Namen wiedergab, wird sich Marxens ganze Arbeit für das amerikanische Blatt nicht mehr herstellen lassen, und soweit es noch möglich ist, wird es einer sorgsamen Prüfung bedürfen, um ihre Grenzen genau festzustellen.

Eine unentbehrliche Handhabe dafür ist erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit durch die Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Engels und Marx gegeben. Aus ihm geht zum Beispiel hervor, daß die Artikelreihe über die deutsche Revolution und Gegenrevolution, als deren Verfasser Marx seit langem gegolten hat, überwiegend von Engels verfaßt worden ist, sowie daß dieser nicht nur die militärischen Aufsätze für die »New-York Daily Tribune« verfaßt hat, was längst bekannt war, sondern auch sonst in umfassender Weise für das Blatt mitgearbeitet |246|* hat. Außer der erwähnten Artikelreihe sind bisher die Aufsätze über die orientalische Frage aus den Spalten der »New-York Daily Tribune« gesammelt worden, aber diese Sammlung ist sowohl in dem, was sie enthält als auch in dem, was sie nicht enthält, noch viel anfechtbarer als die andere, bei der doch nur ein unrichtiger Verfasser vorausgesetzt worden ist.

Mit dieser kritischen Prüfung wäre aber nur der leichtere Teil der Arbeit getan. So hoch Marx die publizistische Tagesarbeit zu heben wußte, so konnte er sie doch nicht über sich selbst herausheben. Auch das größte Genie kann nicht zweimal in der Woche, just mit dem fälligen Dampfer am Dienstag oder Freitag, neue Entdeckungen machen oder neue Gedanken gebären. Dabei läuft immer, wie Engels einmal sagte, »reine Ärmelschüttelei und Aushelferei mit dem bloßen Gedächtnis« mitunter. Zudem ist die Tagesarbeit immer von Tagesnachrichten und Tagesstimmungen abhängig, von denen sie sich nicht einmal befreien darf, ohne langweilig und ledern zu werden. Was wären die vier starken Bände des Briefwechsels zwischen Engels und Marx ohne die hundert Widersprüche, in denen sich die großen Richtlinien ihres Denkens und Kämpfens entwickeln!

Die großen Richtlinien ihrer europäischen Politik, wie sie mit dem Krimkriege einsetzten, sind aber heute schon vollkommen klar, auch ohne das massenhafte Material, das noch in den Spalten der »New-York Daily Tribune« seiner Auferstehung harrt. Man kann sie im gewissen Sinne eine Umkehr nennen. Die Verfasser des »Kommunistischen Manifestes« richteten ihr Hauptaugenmerk auf Deutschland und so auch die »Neue Rheinische Zeitung«. Dann trat diese Zeitung begeistert für die Unabhängigkeitskämpfe der Polen, der Italiener, der Ungarn ein, und endlich verlangte sie den Krieg gegen Rußland als die starke Reserve der europäischen Gegenrevolution, was sie dann mehr und mehr zuspitzte in den Weltkrieg gegen England, mit dem erst die soziale Revolution aus dem Reiche der Utopie in das Reich der Wirklichkeit trete.

Die »englisch-russische Sklaverei«, die auf Europa laste, war nun der Punkt, an den Marx seine europäische Politik zur Zeit des Krimkrieges anknüpfte. Er begrüßte diesen Krieg, insoweit er das europäische Übergewicht einzudämmen versprach, das der Zarismus durch die siegreiche Gegenrevolution gewonnen hatte, aber er war nichts weniger als einverstanden mit der Art und Weise, wie die Westmächte gegen Rußland kämpften. Ebenso dachte Engels, der den Krimkrieg eine einzige kolossale Komödie der Irrungen nannte, bei der man sich jeden Augenblick frage: Wer ist hier der Geprellte? Beide sahen in dem Kriege, soweit |247| ihn Frankreich und namentlich England führten, nur einen Scheinkrieg, trotz der Million Menschenleben und der ungezählten Millionen, die er an Geld kostete.

Er war es sicherlich insofern, als weder der falsche Bonaparte noch Lord Palmerston, der englische Minister des Auswärtigen, den russischen Koloß in seinem Lebensnerv zu treffen gedachten. Sobald sie sicher waren, daß Österreich die russische Hauptmacht an der Westgrenze in Schach hielt, verlegten sie den Krieg nach der Krim, um sich in die Festung Sewastopol zu verbeißen, deren eine Hälfte sie nach Jahr und Tag glücklich erobert hatten. An diesem dürftigen Lorbeer mußten sie sich genügen lassen und schließlich von dem »besiegten« Rußland die Erlaubnis »erbitten«, ihre Truppen ungestört nach Hause zu verschiffen.

An dem falschen Bonaparte war es erklärlich genug, weshalb er den Zaren nicht zu einem Kampf auf Leben und Tod herauszufordern wagte, weniger an Palmerston, den die festländischen Regierungen als revolutionären »Feuerbrand« fürchteten und die festländischen Liberalen als das Muster eines konstitutionell-liberalen Ministers bewunderten. Marx löste das Rätsel, indem er die Blaubücher und Parlamentsverhandlungen aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts, darüber hinaus dann aber auch eine Reihe diplomatischer, im Britischen Museum niedergelegter Berichte einer mühsamen Prüfung unterzog, um aus ihnen nachzuweisen, daß seit der Zeit Peters des Großen bis auf die Tage des Krimkrieges ein geheimes Zusammenwirken zwischen den Kabinetten von London und Petersburg stattgefunden habe und daß namentlich Palmerston ein feiles Werkzeug der zarischen Politik sei. Die Ergebnisse dieser Studien sind nicht unbestritten geblieben und werden auch heute noch bestritten, namentlich was Palmerston anbetrifft, dessen skrupellose Geschäftspolitik mit ihren Halbheiten und Widersprüchen Marx unzweifelhaft viel treffender beurteilt hat als die festländischen Regierungen und Liberalen, ohne daß sich daraus mit zwingender Notwendigkeit ergibt, daß Palmerston von Rußland gekauft gewesen sei. Aber wichtiger als die Frage, ob Marx diesen Bogen gelegentlich überspannt hat, ist die Tatsache, daß er ihn fortan stets gespannt hielt und als eine unerläßliche Aufgabe der Arbeiterklasse betrachtete, die Mysterien der internationalen Staatskunst zu durchdringen und die diplomatischen Streiche der Regierungen zu verhindern oder, wenn ihr das noch nicht möglich sein sollte, zu denunzieren.[1]

Vor allem kam es ihm auf den unversöhnlichen Kampf gegen die barbarische Macht an, deren Haupt er in Petersburg sitzen und deren Hände er in allen europäischen Kabinetten wühlen sah. Er sah in dem |248| Zarentum nicht nur die große Hauptfestung der europäischen Reaktion, deren bloße passive Existenz eine beständige Drohung und Gefahr sei, sondern auch den Hauptfeind, der durch seine unaufhörlichen Einmischungen in die Angelegenheiten des Westens die normale Entwicklung hemme und störe, zu dem Zwecke, sich geographische Stellungen zu erobern, die ihm die Herrschaft über Europa sichern sollten und damit die Befreiung des europäischen Proletariats unmöglich machen würden. Das entscheidende Gewicht, das Marx auf diesen Gesichtspunkt legte, hat von nun an in bedeutsamer Weise seine Arbeiterpolitik beeinflußt, viel stärker als schon in den Jahren der Revolution.

Spann Marx damit nur einen Faden weiter, den er schon in der »Neuen Rheinischen Zeitung« angeknüpft hatte, so traten für ihn und ebenso für Engels die Nationen, für deren Unabhängigkeitskämpfe sich dieses Blatt begeistert hatte, sehr in den Hintergrund. Nicht als ob beide je aufgehört hätten, die Unabhängigkeit Polens, Ungarns und Italiens sowohl als ein Recht dieser Länder, wie auch als das Interesse Deutschlands und Europas zu vertreten. Aber schon im Jahre 1851 gab Engels den alten Lieblingen den trockenen Laufpaß: »Den Italienern, Polen und Ungarn werde ich deutlich genug sagen, daß sie in allen modernen Fragen das Maul zu halten haben.« Einige Monate darauf sagte er den Polen, daß sie eine aufgelöste Nation seien, nur so lange noch brauchbar als Mittel, bis Rußland selbst in die Revolution hineingerissen sei. Die Polen hätten in der Geschichte nie etwas anderes getan, als tapfere krakeelsüchtige Dummheit gespielt. Selbst gegen Rußland hätten sie nie etwas von historischer Bedeutung getan, während Rußland wirklich progressiv gegen den Osten sei. Die russische Herrschaft mit all ihrer Gemeinheit, all ihrem slawischen Schmutz, sei zivilisierend für das Schwarze und Kaspische Meer und Zentralasien, für Baschkiren und Tataren, und Rußland habe viel mehr Bildungselemente und besonders industrielle Elemente in sich aufgenommen als das seiner ganzen Natur nach chevaleresk-bärenhäuternde Polen. Sätze, die freilich stark von der Leidenschaft der Emigrantenkämpfe gefärbt sind. Später hat Engels wieder viel milder über Polen geurteilt und noch in seinen letzten Lebensjahren anerkannt, daß es wenigstens zweimal die europäische Zivilisation gerettet habe: durch seine Erhebung in den Jahren 1792 bis 1793 und durch seine Revolution von 1830 bis 1831.

Marx selbst aber schrieb dem gefeierten Helden der italienischen Revolution ins Stammbuch: »Mazzini kennt nur die Städte mit ihrem liberalen Adel und ihren aufgeklärten Bürgern. Die materiellen Bedürfnisse des italienischen Landvolkes - so ausgesogen und systematisch |249| entnervt und verdummt wie das irische - liegen natürlich unter dem Phrasenhimmel seiner kosmopolitisch-neokatholisch-ideologischen Manifeste. Aber allerdings gehört Mut dazu, den Bürgern und dem Adel zu erklären, daß der erste Schritt zur Unabhängigkeit Italiens die völlige Emanzipation der Bauern und die Verwandlung ihres Halbpachtsystems in freies bürgerliches Eigentum ist.« Und dem prahlerisch in London sich aufspielenden Kossuth ließ Marx in einem Offenen Briefe seines Freundes Ernest Jones erklären, daß die europäischen Revolutionen den Kreuzzug der Arbeit gegen das Kapital bedeuteten. Sie könnten nicht auf das geistige und soziale Niveau eines obskuren, halb barbarischen Volkes wie die Magyaren herabgedrückt werden, die noch in der Halbzivilisation des sechzehnten Jahrhunderts steckten und sich tatsächlich einbildeten, sie dürften die große Erleuchtung Deutschlands und Frankreichs kommandieren und der Leichtgläubigkeit Englands ein erschwindeltes Hoch ablocken.

Am weitesten jedoch entfernte sich Marx von den Überlieferungen der »Neuen Rheinischen Zeitung«, indem er auf Deutschland nicht nur nicht mehr sein Hauptaugenmerk richtete, sondern es so ziemlich aus seinem politischen Gesichtskreise verbannte. Deutschland spielte damals freilich eine ungemein trübselige Rolle in der europäischen Politik und konnte als russisches Paschalik gelten, aber wenn es sich dadurch einigermaßen erklärt, so war es doch in mancher Beziehung verhängnisvoll, daß Marx - und dasselbe gilt von Engels - eine Reihe von Jahren jede engere Fühlung mit der deutschen Entwicklung verlor. Vor allem die Mißachtung, die beide als annektierte Rheinländer von jeher gegen den preußischen Staat empfunden hatten, steigerte sich in den Tagen Manteuffel-Westphalens auf einen Grad, der in starkem Mißverhältnis zu ihrem Scharfblick für die reale Lage der Dinge stand.

Ein beredtes Zeugnis dafür legt besonders auch der eine Ausnahmefall ab, wo Marx die preußischen Zustände der Zeit seiner Beachtung würdigte. Es geschah gegen Ende des Jahres 1856, als Preußen sich wegen des Neuenburger Handels mit der Schweiz in die Haare geriet. Der Zwischenfall veranlaßte Marx, wie er am 2. Dezember 1856 an Engels schrieb, seinen »höchst mangelhaften Kenntnissen von der preußischen Geschichte« nachzuhelfen, wobei er das Ergebnis seiner Studien dahin zusammenfaßte, etwas Lausigeres habe die Weltgeschichte nie produziert. Was er im Anschluß daran in dem Briefe selbst ausführte und einige Tage darauf im »Peoples Paper«, einem chartistischen Organ, ausführlicher wiederholte, zeigt ihn nicht entfernt auf der Höhe seiner sonstigen Geschichtsauffassung, streift vielmehr bedenklich an |250| jene historischen Niederungen biedermännisch scheltender Demokratie, die überwunden zu haben sonst gerade sein Verdienst ist.

Harter Bissen, wie der preußische Staat ohne Zweifel für jeden Kulturmenschen war, ließ er sich ebendeshalb doch nicht auflösen durch das Scheidewasser des Spotts über das »göttliche Recht der Hohenzollern«, über ihre drei immer wiederkehrenden »Charaktermasken«: Pietist, Unteroffizier, Hanswurst, über die preußische Geschichte als eine »unsaubere Familienchronik« verglichen mit dem »diabolischen Epos« der österreichischen Geschichte und ähnliches mehr, was höchstens doch nur das Warum erklärte, aber das Warum des Warum noch ganz im ungewissen ließ.

 

2. David Urquhart.

Harney und Jones

Zu gleicher Zeit und in gleichem Sinne wie an der »New-York Daily Tribune« arbeitete Marx an den urquhartistischen und den chartistischen Organen mit.

David Urquhart war ein englischer Diplomat, der sich durch die genaue Kenntnis und unablässige Bekämpfung der russischen Weltherrschaftspläne große Verdienste erworben, aber diese Verdienste durch einen fanatischen Russenhaß und eine fanatische Türkenschwärmerei wieder geschmälert hat. Marx ist oft ein Urquhartit genannt worden, aber sehr mit Unrecht; man kann eher sagen, daß er wie Engels sich mehr an den närrischen Übertreibungen des Mannes gestoßen als seine wirklichen Leistungen geschätzt habe. Gleich wo er zum ersten Male erwähnt wird, schrieb Engels im März 1853: »Ich habe jetzt den Urquhart zu Hause ... der den Palmerston für von Rußland bezahlt angibt. Die Sache erklärt sich einfach: der Kerl ist ein keltischer Schotte mit sächsisch-schottischer Bildung, der Tendenz nach Romantiker, der Bildung nach freetrader [Mehring übersetzt: Freihändler]. Dieser Kerl ging als Philhellene nach Griechenland, und nachdem er sich drei Jahre mit den Türken herumgeschlagen, ging er in die Türkei und begeisterte sich für ebendieselben Türken. Er schwärmt für den Islam und sein Prinzip ist: wenn ich nicht Kalvinist wäre, so könnte ich nur Mohammedaner sein.« Im ganzen fand Engels das Buch Urquharts freilich höchst amüsant.

Der Berührungspunkt zwischen Marx und Urquhart war der Kampf gegen Palmerston. Ein Artikel gegen diesen Minister, den Marx in der »New-York Daily Tribune« veröffentlicht und ein Glasgower Blatt nachgedruckt |251|* hatte, erregte die Aufmerksamkeit Urquharts, und er hatte im Februar 1854 eine Zusammenkunft mit Marx, wobei er diesen mit dem Kompliment empfing, seine Artikel seien so, als ob ein Türke sie geschrieben hätte. Als Marx darauf erklärte, daß er »Revolutionist« sei, fand sich Urquhart sehr enttäuscht, denn es gehörte zu seinen Schrullen, daß die europäischen Revolutionäre bewußte oder unbewußte Werkzeuge des Zarismus seien, um den europäischen Regierungen Schwierigkeiten zu bereiten. »Er ist ein kompletter Monoman«, schrieb Marx nach dieser Unterredung an Engels. Er stimme in nichts mit ihm überein, wie er ihm erklärt habe, außer Palmerston, und zu diesem Punkt habe Urquhart ihm nicht verholfen.

Man wird nun freilich diese vertraulichen Äußerungen nicht allzusehr pressen dürfen. Öffentlich hat Marx bei allen kritischen Vorbehalten die Verdienste Urquharts wiederholt anerkannt und auch kein Hehl daraus gemacht, daß er von Urquhart, wenn auch nicht überzeugt, so doch angeregt worden sei. Er nahm deshalb auch keinen Anstand, für die Organe Urquharts, namentlich die »Free Press« in London, gelegentliche Beiträge zu liefern und die Verbreitung mehrerer seiner Aufsätze aus der »New-York Daily Tribune« in Form von Flugschriften zu gestatten. Diese Palmerston-Pamphlets wurden in verschiedenen Auflagen zu 15.000 bis 30.000 Exemplaren vertrieben und erregten großes Aufsehen. Aber sonst hat Marx bei dem Schotten Urquhart so wenig Seide gesponnen wie bei dem Yankee Dana.

Eine dauernde Verbindung zwischen Marx und Urquhart war schon dadurch ausgeschlossen, daß Marx zum Chartismus hielt, den Urquhart doppelt haßte, als Freihändler und als Russenfeind, der in jeder revolutionären Bewegung den Rubel rollen hörte. Von der schweren Niederlage, die er am 10. April 1848 erlitten hatte, hat sich der Chartismus nicht mehr erholt, aber solange seine Reste noch um neues Leben rangen, haben Engels und Marx sie tapfer und treu unterstützt, namentlich uneigennützige Mitarbeit an den Organen geleistet, die George Julian Harney und Ernest Jones in den fünfziger Jahren herausgaben, Harney in rascher Folge hintereinander den »Red Republican«, den »Friend of the People« und die »Democratic Review«, Jones die »Notes to the People« und »The Peoples Paper«, das am längsten dauerte, bis zum Jahre 1858.

Harney und Jones gehörten zur revolutionären Fraktion der Chartisten und waren unter ihnen auch wohl am freiesten von aller insularen Beschränktheit; in der internationalen Verbindung der Fraternal Democrats galten sie als die leitenden Geister. Harney war ein Seemannskind |252|* und in proletarischen Verhältnissen aufgewachsen; er hatte sich selbst an der revolutionären Literatur Frankreichs geschult und sah namentlich in Marat sein Muster. Ein Jahr älter als Marx, saß er schon zur Zeit, wo dieser die »Rheinische Zeitung« leitete, in der Redaktion des »Northern Star«, des chartistischen Hauptorgans. Hier suchte ihn im Jahre 1843 Engels auf, »ein schlanker, junger Mann von fast knabenhafter Jugendlichkeit, der schon damals ein merkwürdig korrektes Englisch sprach«. 1847 lernte Harney auch Marx kennen und schloß sich ihm begeistert an.

In seinem »Red Republican« brachte er eine englische Übersetzung des »Kommunistischen Manifestes« mit der Randnote, es sei das revolutionärste Dokument, das der Welt je gegeben worden sei, und in seiner »Democratic Review« übersetzte er die Aufsätze der »Neuen Rheinischen Revue« über die französische Revolution als die »wahre Kritik« der französischen Affären. In den Emigrantenkämpfen kam er dann doch zu seiner alten Liebe zurück und geriet in heftigen Zwist mit Jones nicht minder als mit Marx und Engels. Bald darauf siedelte er nach der Insel Jersey und dann nach den Vereinigten Staaten über, wo ihn Engels noch im Jahre 1888 besucht hat. Gleich darauf kehrte Harney nach England zurück, und hier ist er in hohem Alter als letzter Zeuge einer großen Zeit gestorben.

Ernest Jones stammte aus einem alten normannischen Geschlecht, war aber in Deutschland geboren und erzogen, wo sein Vater als militärischer Begleiter des Herzogs von Cumberland lebte, des späteren Königs Ernst August von Hannover. Dieser erzreaktionäre Wüstling, dem die englische Presse jedes Verbrechen mit Ausnahme des Selbstmordes nachsagte, hat den kleinen Ernest aus der Taufe gehoben, ohne daß diese Patenschaft und die höfischen Beziehungen seiner Familie auf ihn abgefärbt hätten. Schon als Knabe bekundete er einen unbändigen Freiheitssinn, und als Mann hat er allen Versuchungen widerstanden, ihn in goldenen Ketten einzufangen. Er zählte etwa zwanzig Jahre, als seine Familie nach England zurückkehrte, wo er sich dem Rechtsstudium widmete und zur Advokatur zugelassen wurde. Er opferte aber alle Aussichten, die ihm seine glänzenden Fähigkeiten und die aristokratischen Verbindungen seiner Familie eröffneten, um sich der chartistischen Sache zu widmen, die er mit so glühendem Eifer vertrat, daß er im Jahre 1848 zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Zur Strafe für den Verrat an seiner Klasse wurde er in der Haft als gemeiner Sträfling behandelt, verließ den Kerker aber im Jahre 1850 gänzlich ungebessert und hat vom Sommer 1850 ab, ziemlich zwei Jahrzehnte |253|* lang, nahe mit Marx und Engels verkehrt, zwischen denen er im Alter stand.

Ganz ohne Trübungen ist freilich auch diese Freundschaft nicht geblieben: Trübungen ähnlicher Art, wie sie in der Freundschaft mit Freiligrath, mit dem Jones die dichterische Begabung teilte, oder auch mit Lassalle eintraten, über den Marx ähnlich, nur noch ungleich schärfer urteilte, wie wenn er von Jones 1855 schrieb: »Bei aller Energie, Ausdauer und Tätigkeit, die man an Jones anerkennen muß, verdirbt er alles durch Marktschreierei, taktloses Haschen nach Agitationsprätexten [Mehring übersetzt: -vorwänden] und Unruhe, die Zeit zu überspringen.« Auch später hat es an harten Zusammenstößen nicht gefehlt, als die chartistische Agitation unaufhaltsam versandete und Jones sich dem bürgerlichen Radikalismus näherte.

Aber im Grunde blieb es eine aufrichtige und echte Freundschaft. Jones lebte zuletzt als Advokat in Manchester und starb 1869 unerwartet, noch in der vollen Kraft des Mannesalters; auf einem eiligen Zettel sandte Engels die Trauerkunde nach London: »Das ist wieder einer von den Alten!« Marx antwortete: »Die Nachricht mit E. Jones hat bei uns im Haus natürlich tiefe Bestürzung erregt, da er einer der wenigen alten Freunde.« Engels meldete dann noch, Jones sei unter einer enormen Prozession auf demselben Kirchhof begraben worden, wo schon einer ihrer Getreuen, Wilhelm Wolff, ruhte. Es sei wirklich schade um ihn; seine bürgerlichen Phrasen seien doch nur Heuchelei, und unter den Politikern sei er der einzige gebildete Engländer gewesen, der im Grunde ganz auf ihrer Seite gestanden habe.

 

3. Familie und Freunde

Von allen politischen Verbindungen hielt sich Marx in diesen Jahren fern, ja fast von aller Gesellschaft. Er hatte sich völlig in die Studierstube zurückgezogen, die er nur verließ, um seiner Familie zu leben, die sich im Januar 1855 um ein Töchterchen Eleanor vermehrte.

Er war ein großer Kinderfreund wie Engels auch, und wenn er je seiner rastlosen Arbeit eine Stunde abzwackte, so war es, um mit seinen Kindern zu spielen. Sie hingen mit abgöttischer Liebe an ihm, obgleich oder auch weil er auf alle väterliche Autorität verzichtete; sie gingen mit ihm wie mit einem Kameraden um und nannten ihn »Mohr«, mit einem Spitznamen, den ihm seine dunkle Haar- und Hautfarbe eingetragen |254|* hatte. »Die Kinder müssen die Eltern erziehen«, pflegte er zu sagen. Vor allem verboten sie ihm alle Sonntagsarbeit; am Sonntag mußte er ihnen ganz gehören, und die sonntäglichen Ausflüge aufs Land, wo in einfachen Schenken gerastet wurde, um Ingwerbier zu trinken und Brot mit Käse zu verspeisen, waren die spärlichen Sonnenblicke zwischen den schweren Wolken, die immer über dem Hause hingen.

Mit besonderer Vorliebe richteten sich diese Ausflüge nach Hampstead Heath, der Heide von Hampstead, einem unbebauten, mit Baumgruppen und Stachelginster bewachsenen Hügelstrich im Norden Londons. Liebknecht hat diese Sonntagsfahrten sehr anmutig beschrieben. Die Heide ist heute nicht mehr das, was sie vor sechzig Jahren war, aber von dem alten Wirtshaus, Jack Straws Castle, an dessen Tische Marx oft gesessen hat, hat man noch immer einen prächtigen Blick über sie, mit ihrem malerischen Wechsel von Berg und Tal, namentlich wenn sie an Sonntagen von fröhlichen Menschen belebt ist. Im Süden die Riesenstadt mit ihren Häusermassen, überragt von der Kuppel der St. Paulskathedrale und den Westminstertürmen, in der dämmernden Ferne die Hügel von Surrey, im Norden ein dichtbevölkerter fruchtbarer Landstrich, mit zahlreichen Dörfern übersäet, im Westen der Schwesterhügel von Highgate, wo Marx den ewigen Schlaf schläft.

In sein bescheidenes Familienglück fuhr ihm nun aber ein zündender Blitz; am Karfreitag des Jahres 1855 wurde ihm sein einziger Sohn durch den Tod entrissen, der etwa neunjährige Edgar oder »Musch«, wie er mit einem Kosenamen in der Familie genannt wurde. Der Knabe, der schon eine reiche Begabung verriet, war der allgemeine Liebling. »Ein so trauriger, entsetzlicher Verlust, daß ich gar nicht sagen kann, wie mir der Fall ans Herz gegriffen hat«, schrieb Freiligrath in die Heimat.

Herzzerreißend klang es aus den Briefen, in denen Marx über Krankheit und Tod an Engels berichtete. Am 30. März schrieb er: »Meine Frau war seit einer Woche so krank wie nie vorher vor geistiger Erregung. Mir selbst blutet das Herz und brennt der Kopf, obgleich ich natürlich Haltung behaupten muß. Das Kind verleugnet während der Krankheit keinen Augenblick seinen originellen, gutmütigen und zugleich selbständigen Charakter.« Und am 6. April: »Der arme Musch ist nicht mehr. Er entschlief (im wörtlichen Sinne) in meinen Armen heute zwischen 5 und 6 Uhr. Ich werde nie vergessen, wie Deine Freundschaft diese schreckliche Zeit uns erleichtert hat. Meinen Schmerz um das Kind begreifst Du.« Und am 12. April: »Das Haus ist natürlich ganz verödet und verwaist seit dem Tode des teuren Kindes, das seine belebende |255|* Seele war. Es ist unbeschreiblich, wie das Kind uns überall fehlt. Ich habe schon allerlei Pech durchgemacht, aber erst jetzt weiß ich, was ein wirkliches Unglück ist ... Unter all den furchtbaren Qualen, die ich in diesen Tagen durchgemacht habe, hat mich immer der Gedanke an Dich und Deine Freundschaft aufrechtgehalten und die Hoffnung, daß wir noch etwas Vernünftiges in der Welt zusammen zu tun haben.«

Es dauerte lange, ehe die Wunde auch nur zu vernarben begann. Auf einen Trostbrief Lassalles antwortete Marx am 28. Juli: »Baco sagt, daß wirklich bedeutende Menschen so viel Relationen [Mehring übersetzt: Beziehungen] zur Natur und der Welt haben, so viele Gegenstände des Interesses, daß sie jeden Verlust leicht verschmerzen. Ich gehöre nicht zu diesen bedeutenden Menschen. Der Tod meines Kindes hat mir Herz und Hirn tief erschüttert, und ich fühle den Verlust noch so frisch wie am ersten Tag. Meine arme Frau ist auch völlig niedergebrochen.« Und Freiligrath schrieb am 6. Oktober an Marx: »Daß Dein Verlust Dich noch immer nicht losläßt, geht mir unendlich nahe. Da läßt sich nichts tun und nichts raten. Ich begreife und ich ehre Deinen Schmerz - aber suche ihn zu bemeistern, damit er Deiner nicht Meister wird. Du begehst damit keinen Verrat am Gedächtnis Deines lieben Kindes.«

Der Tod des kleinen Edgar war der Gipfel fortwährender Krankheiten, die seit ein paar Jahren in der Familie eingerissen waren, und seit dem Frühjahr auch Marx selbst ergriffen hatten, um ihn völlig nie wieder loszulassen. Hauptsächlich quälte ihn ein Leberleiden, das er von seinem Vater ererbt zu haben glaubte. Aber viel trug zu den immer schlechteren Gesundheitszuständen auch die elende Wohnung und das ungesunde Viertel bei, worin sie lag. Im Sommer 1854 wütete hier die Cholera besonders arg, angeblich weil die gleichzeitig gegrabenen Abfuhrkanäle durch die Schächte getrieben wurden, in denen die an der Pest von 1665 Gestorbenen begraben worden waren. Der Arzt drängte, »den Bannkreis von Soho Square« zu verlassen, dessen Luft Marx seit Jahren ununterbrochen eingeatmet hatte. Ein neuer Trauerfall in der Familie schuf die Möglichkeit dazu. Im Sommer 1856 war Frau Marx mit den drei Töchtern nach Trier gereist, um ihre alte Mutter noch einmal zu sehen. Sie kam aber gerade nur noch zur rechten Zeit, um ihr nach elftägigen Leiden die müden Augen zuzudrücken.

Ihre Hinterlassenschaft war gering, jedoch ein paar hundert Taler fielen auf den Anteil der Frau Marx, und dazu kam, wie es scheint, noch eine kleine Erbschaft von der schottischen Verwandtschaft her. So konnte die Familie im Herbst 1856 in ein Häuschen übersiedeln, nicht weit von |256| ihrem geliebten Hampstead Heath: 9 Graftonterrace, Maitlandpark, Haverstockhill. Die Jahresmiete betrug 36 Pfund. »Es ist eine wahrhaft prinzliche Wohnung, verglichen mit unseren früheren Löchern«, schrieb Frau Marx einer Freundin, »und obgleich die sämtlichen Einrichtungen vom Kopf bis zum Fuß nicht viel über 40 Pfund kamen (second hand rubbish spielte eine große Rolle dabei), so kam ich mir im Anfang in unserem jungen Parlour ganz großartig vor. Sämtliche Wäsche und sonstige Überreste früherer Größe wurden aus des ›Onkels‹ Händen befreit, und ich zählte mit Lust einmal wieder die Damastservietten, die noch alten schottischen Ursprungs waren. Obgleich die Herrlichkeit nicht lange dauerte, denn bald mußte ein Stück nach dem andern wieder ins ›Pop-Haus‹ wandern (so nennen die Kinder den geheimnisvollen Drei-Kugel-Shop), so freuten wir uns doch einmal recht in unserer bürgerlichen Behäbigkeit.« Es war ein nur allzu kurzes Aufatmen.

Auch unter den Freunden hielt der Tod seine Ernte. Daniels starb im Herbst 1855, Weerth im Januar 1856 in Haiti, Konrad Schramm Anfang 1858 auf der Insel Jersey. Ihnen allen wenigstens kurze Nachrufe in der Presse zu schaffen, bemühten sich Marx und Engels eifrig, aber ohne Erfolg. Sie klagten oft, daß die alte Garde zusammenschmelze und kein neuer Zufluß käme. So sehr ihnen ihre »öffentliche Isolation« anfangs gefallen hatte, und so felsenfest die Siegeszuversicht war, womit die beiden Einsamen an der europäischen Politik teilnahmen, als wären sie selbst eine europäische Macht, so waren sie doch viel zu leidenschaftliche Politiker, um nicht auf die Dauer den Mangel einer Partei zu empfinden, denn ihre wenigen Anhänger waren, wie Marx einmal selbst sagte, keine Partei. Und unter ihnen war keiner, der an den Hochwuchs ihrer Gedanken heranreichte, bis auf den einen, gegen den sie ihr Mißtrauen niemals ganz überwinden konnten.

In London war Liebknecht täglicher Gast bei Marx, namentlich solange dieser in der Deanstreet hauste, aber er hatte in seinem Dachkämmerchen hart mit der Not des Lebens zu kämpfen, und das gleiche galt von den alten Gefährten des Kommunistenbundes, von Leßner und dem Tischler Lochner, von Eccarius und dem »reuigen Sünder« Schapper. Andere waren zerstreut: Dronke als Kaufmann in Liverpool und dann in Glasgow, Imandt als Professor in Dundee, Schily als Advokat in Paris, wo auch Reinhardt, der Sekretär Heines in dessen letzten Lebensjahren, zum engeren Kreise der Getreuen zählte.

Aber auch unter den Allgetreuesten erlahmte der politische Kampf. Wilhelm Wolff, der sich in Manchester durch Stundengeben erträglich ernährte, blieb ganz der alte, wie Frau Marx einmal von ihm schrieb: |257| »die kreuzbrave, tüchtige, plebejische Natur«, nur daß mit den Jahren die Grillen des Junggesellen wuchsen und seine »Hauptkämpfe« seiner Wirtin um Tee und Zucker und Kohlen galten. Geistig ist er den alten Freunden im Exil nicht mehr viel gewesen. So auch blieb Freiligrath der alte zuverlässige Freund; ja seitdem er im Sommer 1856 die Londoner Agentur einer Schweizer Bank übertragen erhalten hatte, hat er die größere Möglichkeit finanzieller Hilfe für Marx um so reichlicher ausgenützt, ihm namentlich die Honorare der »New-York Daily Tribune«, die sich oft genug zum Überfluß noch als saumselige Zahlerin erwies, so rasch wie möglich flüssig gemacht. Auch in seinen revolutionären Überzeugungen blieb Freiligrath unerschüttert, aber dem Parteikampf entfremdete er sich mehr und mehr. Mochte er auch aus ehrlicher Überzeugung sagen, daß sich der Revolutionär nirgends mit Anstand begraben lassen könne als im Exil, so konnte der deutsche Dichter doch des Exils nicht froh werden. Da er des geliebten Weibes Heimweh sah und der Kinderschar den Weihnachtsbaum auf fremder Erde anzünden mußte, rann ihm der Quell der Dichtung selten und spärlich. Er litt darunter und empfand es wohltätig, daß die Heimat sich allmählich ihres berühmten Dichters wieder erinnerte.

Und nun die lange Reihe der »lebendig Verstorbenen«! Es traf sich, daß Marx in London mit manchen Genossen seiner philosophischen Frühzeit zusammentraf: mit Eduard Meyen, der immer noch die alte Giftkröte war, mit Faucher, der als Sekretär Cobdens freihändlerische »Geschichte zu machen« beanspruchte, mit Edgar Bauer, der umgekehrt den kommunistischen Agitator spielte, von Marx aber immer nur der »Clown« genannt wurde. Als Bruno Bauer zum Besuche des Bruders auf längere Zeit nach London kam, ist auch Marx wiederholt mit dem alten Jugendfreunde zusammengetroffen. Da Bruno Bauer für die russische Urkraft schwärmte, dagegen im Proletariat nur »Pöbel« sah, der mit Gewalt und List zu leiten sei und im äußersten Fall sich mit einem Silbergroschen Zulage abspeisen lasse, so war natürlich jede Verständigung ausgeschlossen. Marx fand ihn sichtbar gealtert, mit gewachsener Stirn und den Manieren eines pedantischen Professors, aber über seine Unterhaltungen mit dem »vergnüglichen alten Herrn« berichtete er doch ausführlich an Engels.

Allein auch aus einer jüngeren Vergangenheit waren der »lebendig Verstorbenen« gerade genug, und sie mehrten sich mit jedem Jahre. So die alten Freunde am Rheine: Georg Jung, Heinrich Bürgers, Hermann Becker und andere. Mancher von ihnen, wie Becker und nach ihm der brave Miquel, machten sich die Sache »wissenschaftlich« zurecht; erst |258| müsse die Bourgeoisie vollständig über das Junkertum siegen, ehe das Proletariat an seinen Sieg denken könne. Becker lehrte: »Soweit der Bohrwurm der Kanaille der materiellen Interessen dringt, soweit verwandelt sich das morsche Gerüst des Junkertums in Staub, und die Geschichte geht beim ersten Hauche des Weltgeistes über den ganzen äußeren Verputz zur höchst einfachen Tagesordnung über.« Eine sehr hübsche Theorie soweit, die auch heute noch manchen Schlaumeier bezaubern mag. Aber als Becker Oberbürgermeister von Köln und Miquel preußischer Finanzminister geworden war, hatten sie sich in die »Kanaille der materiellen Interessen« dermaßen verliebt, daß sie sich gegen »den ersten Hauch des Weltgeistes« zusamt seiner »höchst einfachen Tagesordnung« mit Händen und Füßen sträubten.

Für Männer wie Becker und Miquel, war es immerhin ein fragwürdiger Ersatz, als im Frühling 1856 ein Kaufmann Gustav Levy aus Düsseldorf bei Marx erschien, um ihm eine Fabrikinsurrektion in Iserlohn, Solingen usw. auf dem Präsentierteller anzubieten. Marx sprach sich derb gegen die gefährliche und nutzlose Narrheit aus; er ließ den Arbeitern, in deren angeblichem oder wirklichem Auftrage Levy gekommen war, durch diesen sagen, sie möchten in einiger Zeit wieder nach London senden, aber nichts tun ohne vorherige Verständigung.

Nicht ebenso ablehnend stellte sich Marx zu dem andern angeblichen Auftrage, den Levy von den Düsseldorfer Arbeitern haben wollte: nämlich vor Lassalle zu warnen als einem unsicheren Kantonisten, der nach dem siegreichen Ausgange der Hatzfeldtschen Prozesse unter dem schmählichen Joche der Gräfin lebe, sich von ihr unterhalten lasse, mit ihr nach Berlin gehen wolle, um ihr einen Hof von Literaten zu schaffen, die Arbeiter aber als verbrauchte Werkzeuge beiseite werfe, um zur Bourgeoisie überzugehen und was des Klatsches mehr war. Diesmal darf man mit allem Fug daran zweifeln, daß rheinische Arbeiter eine solche Botschaft an Marx gesandt haben, denn dieselben Arbeiter haben wenige Jahre später durch feierliche Adressen und jubelnde Zurufe bekundet, daß Lassalles Haus in Düsseldorf in der weißen Schreckenszeit der fünfziger Jahre »das treue Asyl der furchtlosesten und entschlossensten Parteihilfe« gewesen war. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß der Bote auf eigene Faust die Botschaft ersonnen hat: der Biedermann war aufs äußerste ergrimmt über Lassalle, weil dieser ihm ein Darlehen von 2.000 Talern nur in der Höhe von 500 Talern hatte bewilligen wollen.

Wäre Marx davon unterrichtet gewesen, so hätte er sicherlich gegenüber diesem Levy die größte Zurückhaltung beobachtet. Aber der Bericht selbst war schon geeignet, starkes Mißtrauen zu erwecken. Marx |259| war mit Lassalle nicht gerade in häufigem, aber doch fortlaufendem Briefwechsel geblieben, er hatte ihn immer, persönlich wie politisch, als zuverlässigen Freund und Parteigenossen befunden; ja, er hatte selbst das Mißtrauen bekämpft, das in den Tagen des Kommunistenbundes allerdings noch in den Kreisen der rheinischen Arbeiter gegen Lassalle wegen dessen Verstrickung in die Hatzfeldtschen Händel bestanden hatte. Noch vor kaum Jahresfrist, als ihm Lassalle aus Paris schrieb, hatte er in durchaus herzlicher Weise geantwortet: »Ich bin natürlich überrascht, Dich so nah bei London zu wissen, ohne daß Du auch nur für einige Tage herüberzukommen denkst. Ich hoffe, Du wirst noch in Dich gehen und entdecken, wie kurz und wohlfeil die Reise von Paris nach London ist. Wären mir die Tore Frankreichs nicht hermetisch verschlossen, so würde ich Dich in Paris überraschen.«

So läßt es sich schwer erklären, daß Marx das lose Gerede Levys am 5. März 1856 an Engels berichtete und hinzufügte: »Dies alles ist nur einzelnes, herausgehört und strichweise fixiert. Das Ganze hat auf mich und Freiligrath einen definitiven Eindruck gemacht, so sehr ich für Lassalle eingenommen war und so mißtrauisch ich gegen Arbeiterklatsch bin.« Er habe dem Levy gesagt, auf den Bericht einer einzigen Seite hin zu einem Schlusse zu kommen, sei unmöglich, aber Verdacht sei unter allen Umständen nützlich; man möge Lassalle überwachen, aber einstweilen jeden öffentlichen Eklat vermeiden. Dem stimmte Engels zu, mit einigen Bemerkungen, die aus seinem Munde weniger auffallen, da er Lassalle weniger kannte als Marx. Es sei schade um den Kerl, seines großen Talentes wegen, aber diese Sachen seien doch zu arg. Lassalle sei immer ein Mensch gewesen, dem man höllisch aufpassen mußte; als echter Jud von der slawischen Grenze sei er immer auf dem Sprunge, unter Parteivorwänden jeden für seine Privatzwecke auszubeuten.

Marx aber brach seinen Briefwechsel mit dem Manne ab, der ihm wenige Jahre später mit aller Wahrheit schreiben konnte: Du hast in Deutschland keinen Freund als mich.

 

4. Die Krise von 1857

Als sich Marx und Engels im Herbst 1850 aus den öffentlichen Kämpfen des Parteilebens zurückzogen, hatten sie erklärt: »Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese.«[2] Seitdem hatten sie, und mit jedem Jahre |260| ungeduldiger, nach den Anzeichen einer neuen Krise ausgespäht. Liebknecht erzählt, daß Marx sie manchmal daneben prophezeit habe und deshalb von den Freunden geneckt worden sei; als sie 1857 nun wirklich kam, ließ Marx in der Tat durch Engels an Wilhelm Wolff melden, er werde beweisen, daß sie normalerweise zwei Jahre früher hätte ausbrechen müssen.

Sie begann in den Vereinigten Staaten, und schon ihre Vorboten machten sich für Marx dadurch fühlbar, daß ihn die »New-York Daily Tribune« auf Halbsold setzte. Der Schlag traf ihn um so schwerer, als sich in der neuen Wohnung schon das alte oder selbst ein vermehrtes Elend eingestellt hatte. Marx konnte sich hier nicht »von Tag zu Tag durchklemmen wie in der Deanstreet«; ohne Aussicht und mit wachsenden Familienausgaben. »Ich weiß absolut nicht, was ich anfangen soll und bin in der Tat in einer verzweifelteren Situation als vor fünf Jahren«, schrieb er am 20. Januar 1857 an Engels. Diesen traf die Nachricht wie ein »Donnerschlag aus heiterem Himmel«, aber er eilte zu helfen und klagte nur, daß Marx nicht vierzehn Tage früher geschrieben hätte. Er hätte sich eben ein Pferd gekauft, für das ihm sein Alter das Geld als Weihnachtsgeschenk gesandt habe; »es ist mir höchst ärgerlich, daß ich hier ein Pferd halten soll, während Du in London mit Deiner Familie im Pech sitzest«. Hoch erfreut war er dann, als ein paar Monate später Dana bei Marx um Mitarbeit, namentlich auch wegen militärischer Artikel, für ein von ihm herausgegebenes Konversationslexikon anfragte. Die Sache komme ihm »ganz gepfiffen« und mache ihm «unendlichen Spaß«, da sie ein enormer Hebel sein werde, Marx aus den ewigen Geldnöten zu befreien; dieser möge nur so viele Artikel nehmen, als er kriegen könne, und allmählich ein Büro organisieren.

Daraus wurde nichts, schon aus Mangel an Leuten. Auch sonst erwies sich die Aussicht nicht so glänzend, wie Engels annahm; das Honorar lief schließlich nicht einmal auf einen Penny (81/2 Pfennig) für die Zeile hinaus, und wenn vieles auch bloße Füllarbeit zu sein brauchte, so war Engels doch viel zu gewissenhaft, um sie leichter Hand abzutun. Was davon in ihren Briefwechsel durchgesickert ist, rechtfertigt keineswegs das wegwerfende Urteil, das Engels später über diese, teils von ihm, teils von Marx verfaßten Artikel gefällt hat: »Reine Geschäftsarbeit, weiter nichts, können ruhig begraben bleiben.« Allmählich schlief diese immerhin nebensächliche Tätigkeit auch wieder ein, bis über den Buchstaben C hinaus scheint die regelmäßige Mitarbeit der beiden Freunde an dem Lexikon nicht gediehen zu sein.

Von vornherein wurde sie dadurch arg behindert, daß Engels im |261| Sommer 1857 von einem Drüsenleiden befallen wurde, das ihn zwang, längere Zeit an die See zu gehen. Auch bei Marx sah es trübe aus. Sein Leberleiden meldete sich in einem neuen Anfall so heftig, daß er nur mit äußerster Anstrengung das Notwendigste arbeiten konnte. Im Juli wurde seine Frau von einem nicht lebensfähigen Kinde entbunden, unter Umständen, die einen furchtbaren Eindruck auf seine Phantasie und ihm die Rückerinnerung qualvoll machten. »Es muß Dir hart kommen, ehe Du so schreibst«, antwortete der erschreckte Engels, doch verschob Marx alles auf mündliche Auskunft, schreiben könne er über diese Dinge nicht.

Alles persönliche Ungemach war aber sofort vergessen, als die Krisis im Herbst nach England und dann auch auf den Kontinent hinüberschlug. »So sehr ich selbst in financial distress [Mehring übersetzt: Finanznot], habe ich seit 1849 nicht so cosy gefühlt als bei diesem outbreak [Mehring übersetzt: Ausbruch]«, schrieb Marx am 13. November an Engels. Und dieser hatte am nächsten Tage nur die Besorgnis, daß die Entwicklung sich überstürzen könne. »Es wäre zu wünschen, daß erst diese ›Besserung‹ zur chronischen Krisis einträte, ehe ein zweiter und entscheidender Hauptschlag fällt. Der chronische Druck ist eine Zeitlang nötig, um die Bevölkerung warm zu machen. Das Proletariat schlägt dann besser, in beßrer connaissence de cause [Mehring übersetzt: Kenntnis der Dinge] und mit mehr Einklang; grade wie eine Kavallerieattacke viel besser ausfällt, wenn die Pferde erst eine 500 Schritt traben mußten, um an den Feind zur Carrieredistanz zu kommen. Ich möchte nicht, daß es zu früh etwas gäbe, ehe ganz Europa vollständig ergriffen ist, der Kampf nachher würde härter, langweiliger und mehr hin- und herwogend. Mai oder Juni wäre fast noch zu früh. Die Massen müssen durch die lange Prosperität verdammt lethargisch geworden sein. ... Mir geht es übrigens wie Dir. Seitdem der Schwindelzusammenbrach in New York, hatte ich keine Ruhe mehr in Jersey, und ich fühle mich enorm fidel in diesem general downbreak [Mehring übersetzt: allgemeinen Zusammenbruch]. Der bürgerliche Dreck der letzten sieben Jahre hatte sich doch einigermaßen an mich gehängt, jetzt wird er abgewaschen, ich werde wieder ein andrer Kerl. Die Krisis wird mir körperlich ebenso wohl tun wie ein Seebad, das merk' ich jetzt schon. 1848 sagten wir: jetzt kommt unsere Zeit, und sie kam in einem certain sense [Mehring übersetzt: gewissen Sinn], diesmal aber kommt sie vollständig, jetzt geht es um den Kopf.«

Um den Kopf ging es nun doch nicht. Die Krisis hatte in ihrer Art revolutionäre Wirkungen, aber sie waren anderer Art, als Marx und Engels annahmen. Nicht als ob sie sich utopischen Hoffnungen ins Blaue |262| hinein hingegeben hätten; sie studierten vielmehr mit äußerster Sorgfalt Tag und Tag den Verlauf der Krisis, und Marx schrieb am 18. Dezember: »Ich arbeite ganz kolossal, meist bis vier Uhr morgens. Die Arbeit ist nämlich eine doppelte: 1. Ausarbeitung der Grundzüge der Ökonomie. (Es ist durchaus nötig, für das Publikum au fond [Mehring übersetzt: auf den Grund] der Sache zu gehn und für mich, individually, to get rid of this night mare [Mehring übersetzt: persönlich, diesen Alp los zu werden].) 2. Die jetzige Krisis. Darüber - außer den Artikeln an die ›Tribune‹ - führe ich bloß Buch, was aber bedeutend Zeit wegnimmt. Ich denke, daß wir about [Mehring übersetzt: gegen] Frühling zusammen ein Pamphlet über die Geschichte machen, als Wiederankündigung beim deutschen Publico - daß wir wieder und noch da sind, always the same [Mehring übersetzt: immer dieselben].« Aus diesem Pamphlet ist nichts geworden, da die Krisis die Massen nicht aufwühlte, aber eben dadurch gewann Marx die Muße, den theoretischen Teil seines Planes auszuführen.

Zehn Tage früher hatte Frau Marx an den sterbenden Konrad Schramm in Jersey geschrieben: »Obgleich wir die amerikanische Krise an unserem Beutel sehr verspüren, indem Karl statt zweimal wöchentlich nur mehr einmal an die ›Tribune‹ schreibt, die allen europäischen Korrespondenten außer Bayard Tailor und Karl den Abschied gegeben, so können Sie sich doch wohl denken, wie obenauf der Mohr ist. Seine ganze frühere Arbeitsfähigkeit und Arbeitsleichtigkeit ist wiedergekehrt wie auch die Frische und Heiterkeit des Geistes, die seit Jahren gebrochen war, seit dem großen Leiden, dem Verlust unseres Herzenskindes, um das mein Herz ewig trauern wird. Karl arbeitet am Tage, um fürs tägliche Brot zu sorgen, nachts, um seine Ökonomie zur Vollendung zu bringen. Jetzt, wo diese Arbeit eine Notwendigkeit geworden, wird sich doch auch wohl ein elender Buchhändler finden.« Und er fand sich, dank den Bemühungen Lassalles.

Er hatte im April 1857 an Marx geschrieben, in der alten freundschaftlichen Weise, verwundert zwar, daß Marx den Briefwechsel so lange hatte einschlafen lassen, aber ohne zu ahnen, weshalb. Obgleich Engels dazu riet, hat Marx diesen Brief nicht beantwortet. Im Dezember desselben Jahres schrieb Lassalle dann wieder, aus einem äußeren Anlaß: sein Vetter Max Friedländer hatte ihn ersucht, Marx zur Mitarbeit an der »Wiener Presse« zu veranlassen, zu deren Redakteuren Friedländer gehörte. Nun antwortete Marx, indem er das Anerbieten Friedländers ablehnte, da er zwar »antifranzösisch«, aber nicht minder »antienglisch« sei und am allerwenigsten für Palmerston schreiben |263|* könne. Auf Lassalles Klage aber, so fremd ihm sonst Sentimentalität sei, es habe ihn geschmerzt, auf den Aprilbrief kein Wort der Erwiderung erhalten zu haben, antwortete Marx »kurz und kühl«, er habe aus Gründen, die schriftlich schwer mitzuteilen seien, nicht geantwortet. Sonst fügte er nur wenige Worte hinzu, darunter allerdings die Mitteilung, daß er ein ökonomisches Werk erscheinen zu lassen gedenke.

Im Januar 1858 traf ein Exemplar von Lassalles »Heraklit« in London ein, dessen Absendung der Verfasser in dem Dezemberbriefe angekündigt hatte, zugleich mit einigen Bemerkungen über die begeisterte Aufnahme, die sein Werk in der gelehrten Welt Berlins gefunden hatte. Schon die Portokosten von zwei Schilling »sicherten ihm einen schlechten Empfang«. Aber auch den Inhalt beurteilte Marx ziemlich abfällig. Die »enorme Schaustellung« von Gelehrsamkeit imponierte ihm nicht; er meinte, es sei wohlfeil, Zitate zu häufen, wenn man Geld und Zeit habe, und sich nach Belieben aus der Bonner Universitätsbibliothek Bücher ins Haus schicken lassen könne; in diesem philosophischen Flitterstaate bewege sich Lassalle ganz mit der Grazie eines Kerls, der zum ersten Male einen eleganten Anzug trage. Das hieß, über Lassalles wirkliche Gelehrsamkeit allzu unbillig urteilen, doch läßt sich sehr wohl erklären, daß Marx sich durch das Buch aus demselben Grunde unsympathisch berührt fühlte, aus dem nach seiner Meinung die professoralen Größen darüber erfreut sein mußten, nämlich solch altertümliches Wesen in einem jungen Menschen zu finden, der für einen großen Revolutionär gelte. Bekanntlich war der größte Teil des Werks mehr als zehn Jahre vor seinem Erscheinen niedergeschrieben worden.

Aus der »kurzen und kühlen« Antwort auf seinen klagenden Brief hatte Lassalle noch immer nicht gemerkt, daß irgend etwas nicht im Lote sei. Er mißverstand - offenbar gutgläubig und nicht etwa absichtlich wie Marx argwöhnte - die Notwendigkeit einer mündlichen Erörterung in dem harmlosen Sinne, daß Marx ihm einiges erzählen wolle, wozu Privatgelegenheit erforderlich sei. Er antwortete im Februar 1858 in aller Unbefangenheit, schilderte drastisch den Schwindel, worin sich die Berliner Bourgeoisie wegen der Vermählung des preußischen Kronprinzen mit einer englischen Prinzessin berauschte, und erbot sich übrigens, einen Verleger für das nationalökonomische Werk zu schaffen. Hierauf ging Marx ein, und nun hatte Lassalle den Kontrakt mit seinem eigenen Verleger, Franz Duncker, schon Ende März fertig, und zwar unter günstigeren Bedingungen noch, als Marx beansprucht hatte. Dieser wollte selbst, daß die Sache in Lieferungen erscheine, und war bereit, für die ersten Lieferungen auf jedes Honorar zu verzichten. |264| Lassalle sicherte ihm jedoch von vornherein drei Friedrichsdor - das gewöhnliche Professorenhonorar betrug nur zwei - für den Druckbogen. Der Verleger behielt sich nur vor, falls der Absatz sich nicht verlohne, bei der dritten Lieferung abzubrechen.

Es dauerte aber noch reichlich dreiviertel Jahre, bis Marx mit dem Manuskripte der ersten Lieferung fertig wurde. Neue Anfälle seiner Leber und häusliche Sorgen hinderten den Abschluß. Um Weihnachten 1858 sah es im Hause »düsterer und trostloser denn je« aus. Am 21. Januar 1859 war das »unglückliche Manuskript« fertig, aber nun war »kein Farthing« da, um es frei zu machen und zu versichern. »Ich glaube nicht, daß unter solchem Geldmangel je über das ›Geld‹ geschrieben worden ist. Die meisten Autoren über dies subjekt waren in tiefem Frieden mit dem subjekt of their researches [Mehring übersetzt: Gegenstand ihrer Forschungen].« So schrieb Marx an Engels, als er diesen um die Zusendung des nötigen Portos bat.

 

5. »Zur Kritik der politischen Ökonomie«

Der Plan eines großen nationalökonomischen Werkes, das der kapitalistischen Produktionsweise bis auf den Grund gehen sollte, war ziemlich fünfzehn Jahre alt, als Marx ihn praktisch auszuführen begann. Er hatte ihn schon in vormärzlicher Zeit erwogen, und die Schrift gegen Proudhon war eine erste Abschlagszahlung gewesen. Nach seiner Beteiligung an den Kämpfen der Revolutionsjahre hatte Marx ihn sofort wieder aufgenommen und schon am 2. April 1851 an Engels gemeldet: »Ich bin so weit, daß ich in fünf Wochen mit der ganzen ökonomischen Plackerei fertig bin. Und danach werde ich zu Haus die Ökonomie ausarbeiten und im Museum mich auf eine andre Wissenschaft werfen. Das beginnt mich zu langweiligen. Im Grunde hat diese Wissenschaft seit Adam Smith und David Ricardo keine Fortschritte mehr gemacht, so viel auch in einzelnen Untersuchungen, oft supradelikaten, geschehn ist.« Engels antwortete erfreut: »Ich bin froh, daß Du mit der Ökonomie endlich fertig bist. Das Ding zog sich wirklich zu sehr in die Länge«, aber als erfahrener Mann fügte er hinzu: »Solange Du noch ein für wichtig gehaltnes Buch ungelesen vor Dir hast, solange kommst Du doch nicht zum Schreiben.« Er neigte allemal zu der Ansicht, daß bei allen anderen Störungen »die Hauptverzögerung« immer in den »eigenen Skrupeln« des Freundes läge.

|265| Diese »Skrupel« waren nun freilich nicht - und so meinte es im Grunde auch Engels nicht - von der Oberfläche geschöpft. Wodurch Marx im Jahre 1851 bestimmt wurde, nicht abzuschließen, sondern von vorn anzufangen, hat er selbst - in der Vorrede des ersten Heftes - mit den Worten angegeben: »Das ungeheure Material für Geschichte der politischen Ökonomie, das im British Museum aufgehäuft ist, der günstige Standpunkt, den London für die Beobachtung der bürgerlichen Gesellschaft gewährt, endlich das neue Entwicklungsstadium, worin letztere mit der Entdeckung des kalifornischen und australischen Goldes einzutreten schien ...«[3] Wenn er hinzufügte, daß seine nunmehr achtjährige Tätigkeit für die »New-York Daily Tribune« eine außerordentliche Zersplitterung seiner Studien nötig gemacht habe, so wäre zu ergänzen, daß diese Tätigkeit ihn bis zu einem gewissen Grade in den politischen Kampf zurückführte, der ihm immer obenan stand. War es doch auch gerade die Aussicht auf das Wiedererwachen einer revolutionären Arbeiterbewegung, die ihn auf den Schreibsessel drückte, um nun endlich schriftlich niederzulegen, was er all die Jahre nicht aufgehört hatte, wieder und wieder zu erwägen.

Davon gibt beredtes Zeugnis sein Briefwechsel mit Engels, worin die Erörterung ökonomischer Fragen nicht abreißt und sich vielmehr zu Abhandlungen auswächst, die man ebenfalls »supradelikat« nennen darf. Wie sich dabei der Gedankenaustausch zwischen beiden Freunden gestaltet, zeigen ein paar ihrer gelegentlichen Äußerungen. Engels schrieb einmal von seiner »bekannten Trägheit en fait de théorie«, die sich bei dem inneren Knurren seines besseren Ich beruhige, ohne der Sache auf den Grund zu gehen, während Marx ein andermal den Stoßseufzer nicht unterdrücken konnte: »Wenn die Leute nur wüßten, wie wenig ich von all dem Zeug weiß«, als ihn ein Fabrikant mit der »amüsanten« Wendung begrüßte, er müsse selbst einmal Fabrikant gewesen sein.

Zieht man in beiden Fällen, wie billig, die humoristische Übertreibung ab, so bleibt das Ergebnis, daß Engels den inneren Mechanismus der kapitalistischen Gesellschaft genauer kannte, Marx aber mit schärferer Denkkraft ihren Bewegungsgesetzen nachzuspüren wußte. Als er dem Freunde den Plan des ersten Heftes entwickelte, antwortete Engels: »Es ist wirklich ein sehr abstrakter Abriß, wie bei der Kürze nicht anders zu vermeiden, und ich muß die dialektischen Übergänge oft mit Mühe suchen, da alles abstrakte Denken mir sehr fremd geworden ist.« Dagegen hatte Marx einige Mühe, sich in den Auskünften zurechtzufinden, die ihm von Engels auf seine Fragen über die Art, wie Fabrikanten und |266| Kaufleute den Teil des Einkommens berechnen, den sie selbst verzehren, oder über Abnutzung der Maschinerie oder die Umschlagsberechnung des vorgeschossenen zirkulierenden Kapitals erteilt wurden. Er klagte wohl, daß in der politischen Ökonomie das praktisch Interessante und das theoretisch Notwendige weit auseinandergingen.

Daß Marx erst in den Jahren 1857 und 1858 mit dem Ausarbeiten seines Werkes begonnen hat, geht auch daraus hervor, daß sich ihm der Plan unter der Hand änderte. Noch im April 1858 wollte er im ersten Heft »das Kapital im Allgemeinen« behandeln, aber obgleich das Heft auf das Doppelte oder gar Dreifache des geplanten Umfangs anwuchs, so enthielt es noch nichts über das Kapital, sondern nur zwei Kapitel über Ware und Geld. Marx sah darin den Vorteil, daß die Kritik sich nicht auf bloße Tendenzschimpferei beschränken können werde, wobei er nur übersah, daß ihr die wirksame Waffe des Totschweigens um so näher gelegt wurde.

In der Vorrede gab er eine Übersicht über seinen wissenschaftlichen Entwicklungsgang, und die berühmten Sätze, in denen er den historischen Materialismus zusammenfaßt, dürfen auch hier nicht fehlen. »Meine Untersuchung (Mehring fügt ein: der Hegelschen Rechtsphilosophie) mündete in dem Ergebnis, daß Rechtsverhältnisse wie Staatsformen weder aus sich selbst zu begreifen sind noch aus der sogenannten allgemeinen Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern vielmehr in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln, deren Gesamtheit Hegel, nach dem Vorgang der Engländer und Franzosen des 18. Jahrhunderts, unter dem Namen ›bürgerliche Gesellschaft‹ zusammenfaßt, daß aber die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft in der politischen Ökonomie zu suchen sei. ... Das allgemeine Resultat, das sich mir ergab und, einmal gewonnen, meinen Studien zum Leitfaden diente, kann kurz so formuliert werden: In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen |267| Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten. So wenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern muß vielmehr dies Bewußtsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären. Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind. In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden. Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.«[4]

In dem Hefte selbst, das er »Zur Kritik der politischen Ökonomie« betitelte, tat Marx den entscheidenden Schritt über die bürgerliche |268| Ökonomie hinaus, wie sie namentlich durch Adam Smith und David Ricardo entwickelt worden war. Sie gipfelte in der Bestimmung des Warenwerts durch die Arbeitszeit, aber indem sie die bürgerliche Produktion als die ewige Naturform gesellschaftlicher Produktion betrachtete, nahm sie das Wertschaffen als eine natürliche Eigenschaft der menschlichen Arbeit an, wie sie in der individuellen, konkreten Arbeit des einzelnen Menschen gegeben ist, und geriet dadurch in eine Reihe von Widersprüchen, die sie nicht zu lösen vermochte. Dagegen sah Marx in der bürgerlichen Produktion nicht die ewige Naturform, sondern nur eine bestimmte historische Form gesellschaftlicher Produktion, der eine ganze Reihe anderer Formen vorangegangen war. Von diesem Standpunkt aus unterwarf Marx die wertbildende Eigenschaft der Arbeit einer gründlichen Prüfung; er untersuchte, welche Arbeit und warum und wie sie Wert bildet, weshalb Wert nichts ist als festgeronnene Arbeit dieser Art.

So gelangte er an den »Springpunkt«, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht: den zwieschlächtigen Charakter, den die Arbeit in der bürgerlichen Gesellschaft hat. Die individuelle, konkrete Arbeit schafft Gebrauchs-, die unterschiedslose, gesellschaftliche Arbeit schafft Tauschwerte. Soweit die Arbeit Gebrauchswerte hervorbringt, ist sie allen Gesellschaftsformen eigentümlich; als zweckmäßige Tätigkeit zur Aneignung des Natürlichen in der einen oder der anderen Form ist die Arbeit Naturbedingung der menschlichen Existenz, eine von allen sozialen Formen unabhängige Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur. Diese Arbeit bedarf des Stoffes zu ihrer Voraussetzung und ist somit nicht die einzige Quelle des von ihr Hervorgebrachten, nämlich des stofflichen Reichtums. Mag das Verhältnis zwischen Arbeit und Naturstoff in den verschiedenen Gebrauchswerten sehr verschieden sein, so enthält der Gebrauchswert stets ein natürliches Substrat.

Anders der Tauschwert. Er enthält keinen Naturstoff, sondern die Arbeit ist seine einzige Quelle und damit auch die einzige Quelle des Reichtums, der aus Tauschwerten besteht. Als Tauschwert ist ein Gebrauchswert gerade so viel wert als der andere, vorausgesetzt, daß er in richtiger Proportion vorhanden ist. »Der Tauschwert eines Palastes kann in bestimmter Anzahl von Stiefelwichsbüchsen ausgedrückt werden. Londoner Stiefelwichsfabrikanten haben umgekehrt den Tauschwert ihrer multiplizierten Büchsen in Palästen ausgedrückt.«[5] Indem sich Waren austauschen, ganz gleichgültig gegen ihre natürliche Existenzweise und ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse, die sie befriedigen sollen, |269| stellen sie trotz ihres buntscheckigen Scheins dieselbe Einheit dar: sie sind Resultate gleichförmiger, unterschiedsloser Arbeit, »der es ebenso gleichgültig, ob sie in Gold, Eisen, Weizen, Seide erscheint, wie es dem Sauerstoff ist, ob er vorkommt im Rost des Eisens, der Atmosphäre, dem Saft der Traube oder dem Blut des Menschen«[6]. Entspringt die Verschiedenheit der Gebrauchswerte aus der Verschiedenheit der die Gebrauchswerte produzierenden Arbeit, so ist tauschwertsetzende Arbeit gleichgültig gegen den besonderen Stoff der Gebrauchswerte und auch gleichgültig gegen die besondere Form der Arbeit selbst. Sie ist gleiche, unterschiedslose, abstrakt allgemeine Arbeit, die sich nicht mehr in der Art, sondern nur noch im Maß unterscheidet, durch die verschiedenen Mengen,die sie in Tauschwerten von verschiedener Größe vergegenständlicht. Die verschiedenen Mengen von abstrakt allgemeiner Arbeit haben ihr einziges Maß an der Zeit, die ihren Maßstab an den natürlichen Zeitmaßen, Stunde, Tag, Woche usw. erhält. Arbeitszeit ist das lebendige Dasein der Arbeit, gleichgültig gegen ihre Form, ihren Inhalt, ihre Individualität. Als Tauschwerte sind alle Waren nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit. Die in den Gebrauchswerten vergegenständlichte Arbeitszeit ist ebenso die Substanz, die sie zu Tauschwerten macht und daher zu Waren, wie sie ihre bestimmte Wertgröße mißt.

Ihr zwieschlächtiger Charakter ist eine gesellschaftliche Form der Arbeit, die der Warenproduktion eigentümlich ist. In dem naturwüchsigen Kommunismus, der sich an der Schwelle der Geschichte aller Kulturvölker findet, war die einzelne Arbeit unmittelbar dem gesellschaftlichen Organismus eingereiht. In den Naturaldiensten und Naturallieferungen des Mittelalters bildete die Besonderheit, nicht die Allgemeinheit der Arbeit, ihr gesellschaftliches Band. In der ländlich-patriarchalischen Familie, wo für den Selbstbedarf der Familie die Frauen spannen und die Männer webten, waren Garn und Leinwand gesellschaftliche Produkte, Spinnen und Weben gesellschaftliche Arbeiten innerhalb der Grenzen der Familie. Der Familienzusammenhang mit seiner naturwüchsigen Teilung der Arbeit drückte dem Produkt der Arbeit seinen eigentümlichen Stempel auf: Garn und Leinwand tauschten sich nicht gegeneinander aus als gleich gültige und gleich geltende Ausdrücke derselben allgemeinen Arbeitszeit. Erst in der Warenproduktion wird die einzelne Arbeit dadurch gesellschaftliche Arbeit, daß sie die Form ihres unmittelbaren Gegensatzes, die Form der abstrakten Allgemeinheit annimmt.

Nun ist die Ware unmittelbare Einheit von Gebrauchs- und Tauschwert, und zugleich ist sie Ware nur in Beziehung auf die anderen |270| Waren. Die wirkliche Beziehung der Waren aufeinander ist der Austauschprozeß. In diesem Prozeß, den die voneinander unabhängigen Individuen eingehen, muß sich die Ware darstellen zugleich als Gebrauchs- und als Tauschwert, als besondere Arbeit, die besondere Bedürfnisse befriedigt und als allgemeine Arbeit, die austauschbar ist gegen gleiche Mengen allgemeiner Arbeit. Der Austauschprozeß der Waren muß den Widerspruch entwickeln und lösen, daß die individuelle Arbeit, die in einer besonderen Ware vergegenständlicht ist, unmittelbar den Charakter der Allgemeinheit haben soll.

Als Tauschwert wird jede einzelne Ware zum Maße der Werte aller anderen Waren. Umgekehrt aber wird jede einzelne Ware, in der alle andern Waren ihren Wert messen, adäquates Dasein des Tauschwerts, wird somit der Tauschwert eine besondere ausschließliche Ware, die durch Verwandlung aller anderen Waren in sie unmittelbar die allgemeine Arbeitszeit des Geldes vergegenständlicht. So ist in der einen Ware der Widerspruch gelöst, den die Ware als solche einschließt, als besonderer Gebrauchswert allgemeines Äquivalent und daher Gebrauchswert für jeden, allgemeiner Gebrauchswert zu sein. Und diese eine Ware ist - Geld.

Im Geld kristallisiert sich der Tauschwert der Waren als eine besondere Ware. Der Geldkristall ist ein notwendiges Produkt des Austauschprozesses, worin verschiedenartige Arbeitsprodukte einander tatsächlich gleichgesetzt und daher tatsächlich in Waren verwandelt werden. Er hat sich instinktartig auf historischem Wege entwickelt. Der unmittelbare Tauschhandel, die naturwüchsige Form des Austauschprozesses, stellt vielmehr die beginnende Umwandlung der Gebrauchswerte in Waren als der Waren in Geld dar. Je mehr sich der Tauschwert entwickelt und je mehr die Gebrauchswerte zu Waren werden, je mehr also der Tauschwert eine freie Gestalt gewinnt und nicht mehr unmittelbar an den Gebrauchswert gebunden ist, um so mehr drängt er zur Geldbildung. Zunächst spielen eine Ware oder auch mehrere Waren von allgemeinstem Gebrauchswert, Vieh, Getreide, Sklaven, die Rolle des Geldes. Sehr verschiedene, mehr oder weniger unpassende Waren haben abwechselnd die Funktion des Geldes verrichtet. Wenn diese Funktion schließlich an die edlen Metalle übergegangen ist, so aus dem Grunde, weil die edlen Metalle die notwendigen physischen Eigenschaften der besonderen Ware besitzen, worin sich das Geldsein aller Waren kristallisieren soll, soweit sie aus der Natur des Tauschwerts unmittelbar hervorgehen: Dauerbarkeit ihres Gebrauchswerts, beliebige Teilbarkeit, Gleichförmigkeit der Teile und Unterschiedslosigkeit aller Exemplare dieser Ware.

|271| Unter den edlen Metallen ist es wieder das Gold, das mehr und mehr zur ausschließlichen Geldware wird. Es dient als Maß der Werte und als Maßstab der Preise, es dient als Zirkulationsmittel der Waren. Durch den Salto mortale der Ware in Gold bewährt sich die in ihr aufgehäufte besondere Arbeit als abstrakt allgemeine, als gesellschaftliche Arbeit; gelingt ihr diese Transsubstantiation nicht, so hat sie ihr Dasein nicht nur als Ware, sondern auch als Produkt verfehlt, denn Ware ist sie nur, weil sie für ihren Besitzer keinen Gebrauchswert hat.

So wies Marx nach, wie und warum, kraft der ihr innewohnenden Werteigenschaft, die Ware und der Warenaustausch den Gegensatz von Ware und Geld erzeugen muß; in dem Gelde, das sich als ein Naturding mit bestimmten Eigenschaften darstellt, erkannte er ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis und leitete die verworrenen Erklärungen des Geldes durch die modernen Ökonomen daher ab, daß bald als gesellschaftliches Verhältnis erscheine, was sie eben plump als Ding festzuhalten meinten, und dann wieder als Ding sie necke, was sie kaum als gesellschaftliches Verhältnis fixiert hätten.

Die Fülle des Lichtes, die von dieser kritischen Untersuchung ausging, blendete zunächst mehr, als daß sie erleuchtete, selbst die Freunde des Verfassers. Liebknecht meinte, er sei noch von keiner Schrift so enttäuscht worden wie von dieser, und Miquel fand »wenig wirklich Neues« darin. Lassalle machte sehr schöne Bemerkungen über die künstlerische Darstellung des Heftes, die er neidlos über die Form des »Heraklit« stellte, aber wenn Marx aus diesen »Phrasen« den Verdacht schöpfte, daß Lassalle »vieles Ökonomische« nicht verstanden habe, so war er diesmal auf der richtigen Fährte. Lassalle zeigte alsbald, daß er gerade den »Springpunkt« nicht erkannt hatte, die Unterscheidung zwischen der Arbeit, die in Gebrauchs- und der Arbeit, die in Tauschwerten resultiert.

Wenn das am grünen Holze geschah, wie mußte es nun gar am dürren Holze ausschauen? Engels meinte zwar 1885, Marx habe die erste erschöpfende Theorie des Geldes aufgestellt, und sie sei stillschweigend allgemein angenommen, aber sieben Jahre später erschien im »Handwörterbuch der Staatswissenschaften«, dem Musterwerk bürgerlicher Ökonomie, ein Aufsatz über das Geld, der auf fünfzig Spalten das alte Kauderwelsch breittrat und, ohne Marx auch nur zu erwähnen, das Geldrätsel für ungelöst erklärte.

Wie sollte das Geld auch nicht unerforschlich sein für eine Welt, deren Gott es geworden ist?

 

 

 

Anmerkungen:


[1] Karl Marx: Lord Palmerston, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 9, S. 353-418.

[2] Karl Marx/Friedrich Engels: Revue, Mai bis Oktober 1850, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S. 440.

[3] Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 13, S. 10.

[4] Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 13, S. 8/9.

[5] Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 13, S. 16.

[6] Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 13, S. 17.





Zehntes Kapitel:

Dynastische Umwälzungen

 

 

1. Der italienische Krieg

 

|272| Die Krise von 1857 war nicht in die proletarische Revolution ausgelaufen, die Marx und Engels von ihr erhofft hatten. Aber sie entbehrte deshalb nicht der revolutionären Wirkungen, mochten sich diese auch nur in der Form dynastischer Umwälzungen vollziehen. Ein Königreich Italien entstand und danach ein deutsches Kaiserreich, während das französische Kaiserreich spurlos in der Versenkung verschwand.

Diese Wandlung der Dinge erklärte sich aus der doppelten Tatsache, daß die Bourgeoisie niemals selbst ihre revolutionären Schlachten schlägt, aber daß sie seit der Revolution von 1848 ein Haar darin gefunden hatte, sie durch das Proletariat schlagen zu lassen. In dieser Revolution und namentlich in den Pariser Junikämpfen, hatten die Arbeiter der althergebrachten Gewohnheit entsagt, bloß als Kanonenfutter der Bourgeoisie zu dienen, und mindestens einen Anteil an den Früchten des Sieges beansprucht, den sie mit ihrem Blut und ihren Knochen erfochten hatten.

So war die Bourgeoisie schon in den Revolutionsjahren auf den schlauen Gedanken verfallen, sich von einer anderen Macht, als dem mißtrauisch und unzuverlässig gewordenen Proletariat, die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen: zumal in Deutschland und in Italien, das heißt in denjenigen Ländern, in denen selbst nur erst der nationale Staat zu schaffen war, dessen die kapitalistischen Produktivkräfte für ihre wirksame Entfaltung bedürfen. Es lag nahe, einem Teilfürsten die Herrschaft über das ganze Land anzubieten, wenn er als Gegengabe der Bourgeoisie freien Spielraum für ihre Ausbeutungs- und Ausbreitungsbedürfnisse verschaffte. Allerdings mußte die Bourgeoisie dabei ihre politischen Ideale in den Rauchfang schreiben und sich an der Befriedigung ihrer nackten Profitinteressen genügen lassen, denn indem sie die Hilfe des Fürstentums anrief, unterwarf sie sich selbst seiner Herrschaft. Es waren denn auch die reaktionärsten Teilstaaten, mit denen die Bourgeoisie schon in den Revolutionsjahren zu liebäugeln versucht hatte: |273| in Italien das Königreich Sardinien, jener »militär-jesuitische« Teilstaat, wo nach dem Fluche des deutschen Dichters »Söldner und Pfaffen zumal saugten am Marke des Volks«, in Deutschland das Königreich Preußen, das unter dem dumpfen Druck des ostelbischen Junkertums stand. Zunächst kam man aber weder dort noch hier zum Ziele. Der König Karl Albert von Sardinien machte sich zwar zum »Schwerte Italiens«, allein auf dem Schlachtfelde unterlag er dem österreichischen Heere und starb als landflüchtiger Mann in der Fremde. In Preußen aber wies der vierte Friedrich Wilhelm die deutsche Kaiserkrone, die ihm die deutsche Bourgeoisie auf dem Präsentierteller anbot, als einen imaginären Reif zurück, der aus Dreck und Letten gebacken sei, und versuchte lieber einen unsauberen Leichenraub an der Revolution, was ihm dann freilich auch, nicht einmal durch das österreichische Schwert, sondern durch die österreichische Geißel, in Olmütz gründlich versalzen wurde.

Dieselbe industrielle Prosperität, an der sich die Revolution von 1848 erschöpft hatte, war nun aber ein mächtiger Hebel geworden, die Bourgeoisie in Deutschland und in Italien zu fördern und ihr die nationale Einheit zu einer immer dringlicheren Notwendigkeit zu machen. Als dann die Krise von 1857 an die Vergänglichkeit aller kapitalistischen Herrlichkeit erinnerte, kam die Kugel ins Rollen. Zunächst in Italien, was sich jedoch nicht daraus erklärt, daß hier die kapitalistische Entwicklung weiter vorgeschritten gewesen wäre als in Deutschland. Vielmehr im Gegenteil! In Italien war die große Industrie noch gar nicht vorhanden, und der Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat noch nicht so schroff ausgeprägt, um gegenseitiges Mißtrauen zu erwecken. Nicht minder schwer fiel in die Waagschale, daß die Zersplitterung Italiens auf einer Fremdherrschaft beruhte, deren Abschüttelung ein gemeinsames Ziel aller Klassen war. Österreich herrschte unmittelbar in der Lombardei und Venetien, mittelbar auch über Mittelitalien, dessen kleine Höfe den Befehlen der Wiener Hofburg gehorchten. Der Kampf gegen diese Fremdherrschaft hatte seit den zwanziger Jahren schon ununterbrochen gewährt und zu den grausamsten Unterdrückungsmaßregeln geführt, die die erbitterte Rache der Unterdrückten hervorriefen; der italienische Dolch war die unvermeidliche Folge des österreichischen Stocks.

Aber alle Attentate, Aufstände und Verschwörungen kamen nicht auf gegen die habsburgische Übermacht, und an ihr waren auch in den Revolutionsjahren die italienischen Erhebungen gescheitert. Die Verheißung, daß Italien sich selbständig machen werde (Italia fara da se), hatte sich als eine Illusion erwiesen. Italien bedurfte der auswärtigen |274| Hilfe, um sich von der österreichischen Fremdherrschaft zu befreien, und richtete sein Augenmerk auf die französische Schwesternation. Freilich bildete die Zersplitterung Italiens wie Deutschlands einen alten Grundsatz der französischen Politik, aber der Abenteurer, der zur Zeit auf dem französischen Throne saß, war ein Mann, der mit sich handeln ließ. Das zweite Kaiserreich wurde zur Posse, wenn es sich in den Grenzen hielt, die das Ausland nach dem Sturze des ersten Kaiserreichs dem französischen Gebiete gezogen hatte. Es bedurfte der Eroberungen, die der falsche Bonaparte nicht auf den Wegen des echten Bonaparte machen konnte. Er mußte sich daran genügen lassen, seinem angeblichen Oheim das sogenannte »Nationalitätsprinzip« abzumausen und sich als Messias der unterdrückten Nationen aufzuspielen, unter der Voraussetzung, daß seine guten Dienste mit reichlichen Trinkgeldern an Land und Leuten bezahlt werden würden.

Dabei durfte er, seiner ganzen Lage nach, keine großen Sprünge machen. Er konnte keinen europäischen, geschweige denn einen revolutionären Krieg führen, sondern höchstens mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung Europas auf den allgemeinen Sündenbock losschlagen, wie es im Anfang der fünfziger Jahre Rußland gewesen und an ihrem Ende Österreich war. Dessen Schandwirtschaft in Italien war zu einem europäischen Skandal ausgeartet, und mit den alten Genossen der Heiligen Allianz war das Haus Habsburg tödlich verfeindet, mit Preußen wegen Olmütz und mit Rußland wegen des Krimkriegs: namentlich der russischen Hilfe war Bonaparte bei einem Angriff auf Österreich sicher.

Dazu drängten die inneren Zustände Frankreichs zur Auffrischung des bonapartistischen Prestiges durch eine auswärtige Aktion. Die Handelskrise von 1857 hatte die französische Industrie gelähmt, und durch die Manöver der Regierung, den akuten Ausbruch der Krise zu hindern, war das Übel chronisch geworden, so daß sich die Stockung des französischen Handels jahrelang hinzog. Dadurch wurden Bourgeoisie wie Proletariat gleichermaßen rebellisch, und auch die bäuerliche Klasse, die eigentliche Stütze des Staatsstreichs, begann zu murren; der tiefe Fall der Getreidepreise von 1857 bis 1859 entriß ihr die Klage, daß der französische Ackerbau bei den niedrigen Preisen und den hohen, auf ihm ruhenden Lasten unmöglich werde.

In dieser Lage wurde Bonaparte eifrig umworben von Cavour, dem leitenden Minister des Königreichs Sardinien, der die Überlieferungen Karl Alberts wieder aufgenommen hatte, aber sie mit ungleich größerem Geschick zu vertreten wußte. Jedoch beschränkt auf die ohnmächtigen Mittel der Diplomatie, kam er nur langsam vom Flecke, zumal da der |275| brütend unentschlossene Charakter Bonapartes einen schnellen Entschluß erschwerte. Dagegen verstand es die italienische Aktionspartei, diesen Völkerbefreier schnell auf die Beine zu bringen. Am 14. Januar 1858 warfen Orsini und seine Mitverschworenen in Paris ihre Handgranaten auf den kaiserlichen Wagen, der von 76 Bombensplittern durchsiebt wurde. Die Insassen blieben zwar unverletzt, und nach Art solcher Leute antwortete der Dezembermann auf den Todesschrecken mit der Errichtung eines Schreckensregiments. Dadurch offenbarte er aber nur, daß seine Herrschaft nach siebenjähriger Dauer immer nur erst auf tönernen Füßen stand, und ein Brief, den Orsini aus dem Gefängnis an ihn richtete, jagte ihm neue Angst in die morschen Gebeine. Es hieß darin: »Vergessen Sie nicht, daß die Ruhe Europas und die Ihrige so lange nur eine Chimäre sein wird, solange Italien nicht unabhängig sein wird.« Noch deutlicher soll Orsini in einem zweiten Briefe geworden sein. Bonaparte war auf den Irrfahrten seines abenteuerlichen Lebens auch einmal unter die italienischen Verschwörer geraten und wußte wohl, daß mit deren Rache nicht zu spaßen sei.

So ließ er im Sommer 1858 Cavour in das Bad Plombieres kommen und verabredete mit ihm den Krieg gegen Österreich. Sardinien sollte die Lombardei und Venetien erhalten und sich zu einem oberitalienischen Königreich abrunden, wofür es Savoyen und Nizza an Frankreich abzutreten hatte. Es war ein diplomatischer Schacher, der mit der Freiheit und Unabhängigkeit Italiens im Grunde wenig zu tun hatte. Über Mittel- und Süditalien wurde gar nichts abgemacht, wenn auch beide Teile ihre Hintergedanken hatten. Bonaparte konnte die Überlieferungen der französischen Politik nicht soweit preisgeben, um ein einiges Italien zu fördern; er wünschte - schon mit Rücksicht auf die Erhaltung der päpstlichen Herrschaft - einen Bund der italienischen Dynastien, die sich gegenseitig lahmlegen und dadurch dem französischen Einfluß das Übergewicht sichern sollten, wobei er noch mit dem Gedanken spielte, seinem Vetter Jerôme ein mittelitalienisches Königreich zu schaffen. Cavour dagegen rechnete auf die nationale Bewegung, die ihm ermöglichen würde, alle dynastisch-partikularistischen Bestrebungen niederzuhalten, wenn erst einmal Oberitalien in eine größere Macht zusammengefaßt sei.

Am Neujahrstage des Jahres 1859 enthüllte Bonaparte durch eine Ansprache an den österreichischen Botschafter in Paris seine Pläne, und wenige Tage später erklärte der König von Sardinien, daß er gegen den Schmerzensschrei Italiens nicht taub sei. Die drohenden Worte wurden in Wien verstanden, und der Krieg trieb schnell voran, wobei die österreichische Regierung ungeschickt genug war, sich in die Rolle des Angreifers |276|* drängen zu lassen. Halb bankrott wie sie war, befand sie sich, von Frankreich angegriffen und von Rußland bedroht, in einer schwierigen Lage, aus der sie durch die laue Freundschaft der englischen Torys nicht befreit werden konnte. Wohl aber suchte sie den Deutschen Bund für sich zu gewinnen, der zwar vertragsmäßig nicht verpflichtet war, für die außerdeutschen Besitzungen eines Bundesstaats einzutreten, aber der durch das militärisch-politische Schlagwort geködert werden sollte, daß am Po der Rhein verteidigt werden müsse, mit anderen Worten, daß die Aufrechterhaltung der österreichischen Fremdherrschaft in Oberitalien ein nationales Lebensinteresse Deutschlands sei.

In Deutschland hatte ebenfalls seit der Krise von 1857 und ihren Wirkungen eine nationale Bewegung eingesetzt, die sich jedoch nicht zu ihrem Vorteil von der italienischen unterschied. Ihr fehlte der Stachel der Fremdherrschaft, und der deutschen Bourgeoisie steckte von 1848 eine heillose Angst vor dem Proletariat in den Knochen, das ihr damals doch noch recht wenig gefährlich geworden war. Allein die Pariser Junischlacht hatte sie belehrt. War bis 1848 die französische Entwicklung ihr Ideal gewesen, so schwor sie seitdem aufs Vorbild Englands, wo sich Bourgeoisie und Proletariat so hübsch gemütlich zu vertragen schienen. Die Vermählung des preußischen Thronfolgers mit einer englischen Prinzessin erregte schon ihr höchstes Entzücken, und als nun gar im Herbst 1858 der geistig erkrankte König die Regierung seinem Bruder übergeben mußte und dieser ein schwach liberales Ministerium einberief, aus nichts weniger als liberalen Gründen, brach jener »Krönungsochsenjubel« der Bourgeoisie aus, den Lassalle nicht bitter genug verspotten konnte. Diese würdige Klasse verleugnete ihre eigenen Helden von 1848, um den Prinzregenten nicht zu reizen, und sie drängte nicht etwa vorwärts, als das neue Ministerium so gut wie alles beim alten ließ, sondern gab vielmehr die famose Parole aus: Nur nicht drängeln!, aus reiner Angst, daß die Ungnade des neuen Herrn die »Neue Ära«, die nur von seinen Gnaden existierte, wie ein Schattenspiel an der Wand verschwinden lassen könne.

Mit dem Heraufziehen des Kriegsgewitters begannen nun in Deutschland die Wogen höher zu schlagen. Die Art wie Cavour die italienische Einheit betrieb, hatte für die deutsche Bourgeoisie viel Verlockendes, denn sie hatte die Rolle, die Sardinien übernahm, längst dem preußischen Staate zugedacht. Jedoch der Angriff des französischen Erbfeindes auf die Vormacht des Deutschen Bundes rief Besorgnisse und Erinnerungen wach, die sie wieder kopfscheu machten. Nahm dieser falsche Bonaparte nicht die Überlieferungen des echten auf? Sollten die Tage |277| von Austerlitz und Jena wiederkehren, sollten die Ketten der Fremdherrschaft abermals in Deutschland rasseln? Die österreichischen Soldfedern wurden nicht müde, diese Schreckgespenster an die Wand zu malen und das paradiesische Zukunftsbild einer »mitteleuropäischen Großmacht« zu entwerfen, die, unter dem vorwiegenden Einfluß Österreichs, den Deutschen Bund, Ungarn, die slawisch-rumänischen Donauländer, Elsaß-Lothringen, Holland und der Himmel weiß was noch umfassen sollte. Gegenüber dieser Propaganda ließ natürlich auch Bonaparte seine Tintenkulis los, die darauf schwören mußten, daß der arglosen Seele ihres Soldzahlers nichts fremder sei als ein Gelüste nach den Rheinufern, und daß er mit dem Kriege gegen Österreich nur die erhabensten Zwecke der Zivilisation verfolgte.

In solchem Wirrwarr der Meinungen fand sich der Spießbürger schwer zurecht, doch begann er allmählich den habsburgischen Lockungen ein geneigteres Ohr zu schenken als den bonapartistischen. Sie kamen seinem Bierbankpatriotismus schmeichelnd entgegen, während ein allzu robuster Glaube dazu gehörte, an den zivilisatorischen Beruf des Dezembermanns zu glauben. Indessen war die Sachlage doch so verwickelt, daß wirkliche und noch dazu revolutionäre Politiker, die in allen grundsätzlichen Fragen vollkommen übereinstimmten, sich nicht einigen konnten über die praktische Politik, die Deutschland gegenüber dem italienischen Kriege zu befolgen habe.

 

2. Der Streit mit Lassalle

Im Einverständnis mit Marx trat Engels zunächst auf den Plan mit seiner Flugschrift »Po und Rhein«[1], für die ihm Lassalle in Franz Duncker einen Verleger verschaffte. Zweck der Abhandlung war die Zerstörung der habsburgischen Parole, wonach der Rhein am Po verteidigt werden mußte. Engels wies nach, daß Deutschland kein Stück von Italien zu seiner Verteidigung brauche, und daß Frankreich, wenn bloß militärische Gründe gelten sollten, allerdings noch viel stärkere Ansprüche auf den Rhein habe, als Deutschland auf den Po. Wenn aber Engels die österreichische Herrschaft in Oberitalien militärisch als für Deutschland entbehrlich erklärte, so verwarf er sie politisch als für Deutschland überaus schädlich, da diesem die unerhörte Mißhandlung der italienischen Patrioten durch den österreichischen Stock den Haß und die fanatische Feindschaft von ganz Italien zuzöge.

|278| Allein, so meinte Engels, die Frage um den Besitz der Lombardei sei eine Frage zwischen Italien und Deutschland, nicht aber zwischen Louis-Napoleon und Österreich. Gegenüber einem Dritten wie Bonaparte, der sich um seiner eigenen, in anderer Beziehung antideutschen Interessen willen einmische handle es sich um die einfache Behauptung einer Provinz, die man nur gezwungen abtrete, einer militärischen Position, die man nur räume, wenn man sie nicht mehr halten könne. Gegenüber der bonapartistischen Drohungen habe also das habsburgische Stichwort seine volle Berechtigung. Wenn der Po für Louis-Napoleon der Vorwand sei, so müsse der Rhein unter allen Umständen sein Endziel sein. Nur die Eroberung der Rheingrenze könne die Herrschaft des Staatsstreichs in Frankreich dauernd sichern. Es sei der Fall des alten Sprichworts: man schlage den Sack und meine den Esel. Finde Italien sich veranlaßt, den Sack vorzustellen, so habe Deutschland doch diesmal keine Lust, den Esel abzugeben. Wenn es sich am letzten Ende um der Besitz des linken Rheinufers handle, so könne Deutschland in keiner Weise daran denken, den Po und damit eine seiner stärksten, ja geradezu seine stärkste Position ohne Schwertstreich aufzugeben. Am Vorabend des Krieges, wie im Kriege selbst, besetze man jede benutzbare Stellung, von der aus man den Feind bedrohen und ihm schaden könne, ohne moralische Reflexionen darüber anzustellen, ob dies mit der ewigen Gerechtigkeit und dem Nationalitätsprinzip vereinbar sei. Man wehre sich eben seiner Haut.

Marx war mit diesen Ausführungen vollkommen einverstanden. Als er das Manuskript der Flugschrift gelesen hatte, schrieb er dem Verfasser: »Außerordentlich tüchtig; auch das Politische famos behandelt, was verdammt schwer war. Das Pamphlet wird einen großen Erfolg haben.« Dagegen erklärte Lassalle, daß er diese Auffassung überhaupt nicht begreife. Er veröffentlichte gleich darauf, ebenfalls im Verlage Franz Dunckers, unter dem Titel »Der italienische Krieg und die Aufgabe Preußens«, eine Flugschrift, die von ganz anderen Voraussetzungen ausging und demgemäß zu ganz anderen Ergebnissen gelangte, von Marx aber als ein »ungeheurer Fehlschluß« betrachtet wurde.

Lassalle sah in der nationalen Bewegung Deutschlands, die unter den Anzeichen des drohenden Krieges entstand, nur »absolute Franzosenfresserei, Franzosenhaß (Napoleon nur Vorwand, die revolutionäre Entwicklung Frankreichs der wirkliche geheime Grund)«; ein deutsch-französischer Volkskrieg, worin sich die beiden großen Kulturvölker des Festlandes um nationaler Trugbilder willen zerfleischten, ein populärer |279| Krieg gegen Frankreich, der keine nationale Lebensfrage hinter sich hätte, sondern seine geistige Nahrung aus krankhaft überreiztem Nationalgefühl, aus verstiegenem Patriotismus und kindischer Franzosenfresserei söge, war in den Augen Lassalles die furchtbarste Gefahr für die europäische Kultur, für alle nationalen wie revolutionären Interessen, der weitaus ungeheuerste und unabsehbarste Sieg, den das reaktionäre Prinzip seit dem März 1848 erfochten habe. Einem solchen Kriege sich mit aller Gewalt entgegenzuwerfen, hielt Lassalle für eine Lebensaufgabe der Demokratie.

Eingehend legte er dar, daß der italienische Krieg keine ernstliche Bedrohung Deutschlands sei. An dem Gelingen der italienischen Einheitsbewegung habe die deutsche Nation das dringendste Interesse, und eine gute Sache werde dadurch noch nicht schlecht, daß ein schlechter Mann sie in die Hand nehme. Wolle Bonaparte sich durch den italienischen Krieg einige Pfennige Popularität erschleichen, so verweigere man ihm diese Pfennige und mache so die Leistung, zu der er sich aus persönlichen Zwecken entschließe, unnütz für diese Zwecke. Aber wie könne man deshalb kämpfen gegen das, was man bisher wollte und wünschte? Auf der einen Seite habe man einen schlechten Mann mit einer guten Sache. Auf der anderen Seite eine schlechte Sache und - »Nun ja, der Mann?« Lassalle erinnerte an die Ermordung Blums, an Olmütz, Holstein, Bronzell, an all die Frevel, womit sich nicht der bonapartistische, sondern der habsburgische Despotismus an Deutschland versündigt hatte. Eine Schwächung Österreichs zu hindern, habe das deutsche Volk um so geringeres Interesse, als vielmehr die gänzliche Zerschlagung Österreichs die erste Vorbedingung der deutschen Einheit sei. An dem Tage, wo Italien und Ungarn selbständig würden, seien die zwölf Millionen Deutsch-Österreicher dem deutschen Volke wiedergegeben, erst dann könnten sie sich als Deutsche fühlen, erst dann sei ein einiges Deutschland möglich.

Aus der ganzen historischen Lage Bonapartes entwickelte Lassalle, daß dieser beschränkte, in Europa so allgemein überschätzte Mensch gar nicht an Eroberungen denken könne, nicht einmal in Italien, geschweige denn in Deutschland. Würde er aber wirklich in phantastischen Eroberungsplänen schwelgen, weshalb läge dann für die Deutschen eine Ursache vor, sich so unanständig zu fürchten? Lassalle verhöhnte die wackeren Patrioten, die in den Tagen von Jena das normale Maß der nationalen Kraft erblickten und aus lauter Furcht tollkühn würden, die aus Angst vor einem höchst unwahrscheinlichen Angriff Frankreichs zum Angriff gegen Frankreich trieben. Es liege auf der Hand, daß Deutschland |280|* in der Abwehr eines französischen Angriffs ganz andere Kräfte entfalten könne und werde, als in einem Invasionskriege, der zudem die französische Nation um Bonaparte scharen und dessen Thron nur befestigen müsse.

Krieg gegen Frankreich forderte Lassalle für den Fall, daß Bonaparte die den Österreichern abgejagte Beute für sich behalten oder auch nur seinem Vetter einen mittelitalienischen Thron errichten wolle. Trete keiner dieser Fälle ein und die preußische Regierung wolle dennoch in einen völkerverhetzenden Krieg mit Frankreich treiben, so müsse sich die Demokratie dem widersetzen. Aber auch die bloße Neutralität genüge nicht. Die geschichtliche Aufgabe, die Preußen im Interesse der deutschen Nation zu lösen habe, bestehe vielmehr darin, sein Heer gegen Dänemark zu senden mit der Proklamation: »Ändert Napoleon die europäische Karte nach dem Prinzip der Nationalitäten im Süden, so tun wir dasselbe im Norden. Befreit Napoleon Italien, so nehmen wir Schleswig-Holstein.« Fahre Preußen fort, zu zaudern und nichts zu tun, so werde nur aber und aber bewiesen sein, daß die Monarchie in Deutschland einer nationalen Tat nicht mehr fähig sei.

Um dieses Programms willen ist Lassalle sozusagen als nationaler Prophet gefeiert worden, der die spätere Politik Bismarcks vorhergesagt habe. Jedoch hatte der dynastische Eroberungskrieg, den Bismarck im Jahre 1864 um Schleswig-Holstein führte, mit dem revolutionären Volkskriege, den Lassalle im Jahre 1859 um Schleswig-Holstein geführt wissen wollte, gar nichts zu tun oder ähnelte ihm höchstens wie ein Kamel dem Pferde. Lassalle wußte recht gut, daß der Prinzregent die Aufgabe nicht erfüllen werde, die er ihm stellte, allein deshalb war es doch sein gutes Recht, einen Vorschlag zu machen, der den nationalen Interessen entsprach, auch wenn dieser Vorschlag sofort in einen Vorwurf gegen die Regierung umschlug; es war sein gutes Recht, die aufgeregten Massen von einem falschen Wege abzurufen, indem er ihnen den richtigen Weg zeigte.

Allein außer dem, was er in seiner Schrift sagte, hatte Lassalle seine »unterirdischen Argumente«, die er in seinen Briefen an Marx und Engels aussprach. Er wußte, daß der Prinzregent drauf und dran war, in dem italienischen Kriege für Österreich einzutreten, und er hatte insofern auch nichts dagegen einzuwenden, als er annahm, daß der Krieg schlecht geführt werden würde, so daß sich aus seinen unvermeidlichen Wechselfällen revolutionäres Kapital schlagen ließe. Aber diese Möglichkeit war nur dann gegeben, wenn der Krieg des Prinzregenten von vornherein der nationalen Bewegung als ein dynastischer Kabinettskrieg |281|* erschien, der durch nationale Interessen in keiner Weise geboten wäre. Ein unpopulärer Krieg gegen Frankreich war nach Lassalles Auffassung ein »immenses Glück« für die Revolution, während er von einem populären Krieg unter dynastischer Leitung alle die konterrevolutionären Folgen voraussah, die er in seiner Schrift so beredt auseinandersetzte.

Danach mußte ihm aber die Taktik, die Engels in seiner Schrift empfohlen hatte, mehr oder weniger unverständlich sein. So glänzend der Nachweis war, daß Deutschland zu seiner militärischen Machtstellung des Po nicht bedürfe, so anfechtbar erschien die Schlußfolgerung, daß im Kriegsfall zunächst der Po gehalten werden müsse und also die deutsche Nation verpflichtet sei, Österreich gegen den französischen Angriff zu unterstützen. Denn es lag auf der Hand, daß die erfolgreiche Abwehr des bonapartistischen Angriffs durch Österreich nur konterrevolutionäre Folgen haben konnte. Siegte Österreich, gestützt auf seinen oberitalienischen Besitz und unterstützt durch den Deutschen Bund, so konnte es niemand daran hindern, auch ferner an seiner Herrschaft über Oberitalien festzuhalten, die Engels doch so scharf verurteilte; so wäre die habsburgische Hegemonie über Deutschland befestigt und die elende Bundestagswirtschaft galvanisiert worden, und selbst wenn Österreich den französischen Usurpator gestürzt hätte, so würde es an dessen Stelle das altbourbonische Regiment gesetzt haben, womit weder dem deutschen, noch dem französischen, und am allerwenigsten dem revolutionären Interesse gedient gewesen wäre.

Um die Auffassung, die Engels und Marx vertraten, richtig zu verstehen, muß man berücksichtigen, daß auch sie ihre »unterirdischen Argumente« hatten, so gut wie Lassalle, und beide aus dem gleichen Grunde, den Engels in einem Briefe an Marx angab: »Direkt politisch und polemisch in Deutschland selbst im Sinn unsrer Partei auftreten, ist rein unmöglich.« Nur liegen die »unterirdischen Argumente« der Londoner Freunde nicht so offen da, da zwar Lassalles Briefe an sie, aber nicht ihre Briefe an ihn, erhalten sind. Sie lassen sich jedoch erkennen, wenn man einen Gesamtblick auf ihre damalige publizistische Tätigkeit wirft. In der zweiten Flugschrift: »Savoyen, Nizza und der Rhein«[2], die Engels ein Jahr später herausgab, um die Annexion Savoyens und Nizzas durch Bonaparte zu bekämpfen, gab er deutlich die Voraussetzungen an, von denen er bei der ersten Flugschrift ausgegangen war. Es waren ihrer wesentlich zwei oder im Grunde drei.

Zunächst glaubten Marx und Engels, die nationale Bewegung in Deutschland sei von echtem Schrot und Korn; sie sei »naturwüchsig, |282| instinktiv, unmittelbar« entstanden und könne die widerstrebenden Regierungen mit sich fortreißen. Die österreichische Fremdherrschaft in Italien und die italienische Unabhängigkeitsbewegung sei ihr zunächst gleichgültig gewesen; der Volksinstinkt habe den Kampf gegen Louis-Napoleon, gegen die Überlieferungen des ersten französischen Kaiserreichs verlangt, und er habe Recht gehabt.

Dann aber nahmen Marx und Engels an, daß Deutschland durch das französisch-russische Bündnis ernstlich bedroht sei. Marx führte in der »New-York Daily Tribune« aus, daß die finanziellen und inneren politischen Zustände des zweiten Kaiserreichs auf einem kritischen Punkte angelangt seien, wo nur noch ein auswärtiger Krieg die Herrschaft des Staatsstreichs in Frankreich und damit die Gegenrevolution in Europa verlängern könne. Er befürchtete, daß die bonapartistische Befreiung Italiens nur ein Vorwand sei, Frankreich unterjocht zu halten, Italien dem Staatsstreich zu unterwerfen, die »natürlichen Grenzen« Frankreichs nach Deutschland zu verlegen, Österreich in ein russisches Instrument zu verwandeln, und die Völker in einen Krieg der legitimer und der illegitimen Gegenrevolution hineinzuzwingen. Engels aber sah, wie er in seiner zweiten Flugschrift ausführte, in dem Eintreten des Deutschen Bundes für Österreich den entscheidenden Augenblick, wo Rußland auf dem Schlachtfelde erscheinen werde, um für Frankreich das linke Rheinufer zu erobern und selbst freie Hand in der Türkei zu bekommen.

Endlich nahmen Marx und Engels an, daß die deutschen Regierungen und besonders die Berliner »Superklugheit«, die dem Baseler Frieden zugejubelt habe, der das linke Rheinufer an Frankreich abtrat, die in stillen die Hände gerieben habe, als die Österreicher bei Ulm und Austerlitz geschlagen wurden, Österreich im Stiche lassen würden. Nach ihrer Meinung mußten die deutschen Regierungen durch die nationale Bewegung vorangetrieben werden, und was sie dann erwarteten, sprach Engels in einem Briefe an Lassalle mit einem Satze aus, den dieser in seiner Antwort wörtlich wiederholte: »Es lebe der Krieg, wenn Franzosen und Russen zugleich uns angreifen, wenn wir dem Ertrinken nahe sind, dann in dieser verzweifeltsten Situation müssen sich alle Parteien von der jetzt herrschenden bis zu Zitz und Blum abnutzen und die Nation, um sich zu retten, sich endlich an die energischste Partei wenden.« Wozu Lassalle bemerkte, das sei sehr richtig, und er töte sich in Berlin ab zu beweisen, daß die preußische Regierung, wenn sie den Krieg mache, der Revolution in die Hände arbeite, aber freilich nur unter der Bedingung, daß der Krieg der Regierung vom Volk als konterrevolutionärer |283|* Heiliger-Allianz-Krieg verabscheut werde. Jedenfalls aber, wenn es kam, wie Engels meinte, so war die deutsche Bundeswirtschaft, die österreichische Fremdherrschaft in Oberitalien und der französische Staatsstreich gleichermaßen geliefert, und erst in diesem Zusammenhange wird die von ihm vorgeschlagene Taktik völlig verständlich.

Aus alledem ergibt sich, daß irgendwelche grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten zwischen den streitenden Teilen nicht bestanden, sondern nur »gegensätzliche Urteile über tatsächliche Voraussetzungen«, wie Marx ein Jahr später sagte. Weder in ihrer nationalen noch in ihrer revolutionären Gesinnung unterschieden sie sich irgendwie. Ihnen allen war die Emanzipation des Proletariats das oberste Ziel, und eine unentbehrliche Voraussetzung für dieses Ziel die Bildung großer Nationalstaaten. Als Deutschen lag ihnen die deutsche Einheit am nächsten, und deren unentbehrliche Voraussetzung war die Beseitigung der dynastischen Vielherrschaft. Deshalb hatten sie, eben um ihrer nationalen Gesinnung willen, für die deutschen Regierungen gar nichts übrig und wünschten deren Niederlage; der glorreiche Gedanke, daß im Fall eines zwischen den Regierungen entbrannten Krieges die Arbeiterklasse auf jede eigene Politik verzichten und ihr Schicksal unbesehen in die Hände der herrschenden Klassen zu befehlen habe, ist ihnen niemals auch nur von fern aufgedämmert. Ihre nationale Gesinnung war viel zu wurzelecht, um durch dynastische Schlagworte betört zu werden.

Schwierig wurde die Lage nur dadurch, daß sich das Erbe der Revolutionsjahre in dynastischen Umwälzungen zu liquidieren begann. In dieser Mischung revolutionärer und reaktionärer Ziele die richtige Scheidung zu finden, war keine Frage der Grundsätze, sondern eine Frage der Tatsachen. Eine praktische Probe ist weder auf das eine noch das andere Exempel gemacht worden, aber gerade die Entwicklung, die das verhinderte, zeigte deutlich genug, daß Lassalle die »tatsächlichen Voraussetzungen« im wesentlichen richtiger beurteilt hatte als Engels und Marx. An diesen rächte es sich nun doch, daß sie die deutschen Zustände einigermaßen aus den Augen verloren hatten und, wenn nicht die Eroberungsgelüste, so doch die Eroberungsmöglichkeiten des Zarismus einigermaßen überschätzten. Lassalle mochte übertreiben, wenn er die nationale Bewegung schlechthin auf den Franzosenhaß von Anno dazumal zurückführte, aber daß sie nichts weniger als revolutionär war, zeigte das Kindlein, mit dem sie endlich niederkam: die Mißgeburt des deutschen Nationalvereins.

Auch die russische Gefahr mochte Lassalle unterschätzen; er behandelte sie in seiner Schrift nur ganz nebensächlich. Allein daß sie noch in |284| weitem Felde stand, zeigte sich, als der Prinzregent von Preußen genau so, wie Lassalle vorausgesagt hatte, das preußische Heer mobilisierte und beim Deutschen Bunde die Mobilisierung der mittel- und kleinstaatlichen Truppenteile beantragte. Diese militärische Kundgebung genügte, um sowohl den Dezembermann wie den Zaren sehr friedlich zu stimmen. Unter der heftigen Ermunterung eines russischen Generaladjutanten, der sofort im französischen Hauptquartier erschien, bot Bonaparte dem besiegten Kaiser von Österreich den Frieden an, mit halbem Verzicht selbst auf sein öffentliches Programm; er begnügte sich mit der Lombardei, und Venetien blieb unter habsburgischem Zepter. Auf eigene Faust konnte er keinen europäischen Krieg führen, und Rußland war lahmgelegt durch die Gärung in Polen, die Schwierigkeiten der Leibeigenenemanzipation und die noch lange nicht überwundenen Nackenschläge des Krimkrieges.

Mit dem Frieden von Villafranca war der Streit über die revolutionäre Taktik gegenüber dem italienischen Kriege erledigt, doch kam Lassalle in seinen Briefen an Marx und Engels wiederholt darauf zurück, immer dabei beharrend, daß seine Ansicht richtig gewesen und durch den tatsächlichen Verlauf der Dinge bestätigt worden sei. Da die Antworten fehlen, auch Marx und Engels ihre Ansichten nicht, wie sie planten, in einem öffentlichen Manifest kundgegeben haben, so fehlt die Möglichkeit, Gründe und Gegengründe gegeneinander abzuwägen. Auf den tatsächlichen Verlauf der italienischen Einheitsbewegung, die Beseitigung der mittelitalienischen Dynastien durch die Erhebung ihrer mißhandelten »Untertanen«, die Eroberung Siziliens und Neapels durch Garibaldis Freischaren und den dicken Strich, den alles das durch die bonapartistischen Pläne machte, durfte Lassalle sich mit Recht berufen, wenn es auch am letzten Ende dabei blieb, daß die savoyische Dynastie den Rahm von der Milch schöpfte.

Leider wurde der Streit mit Lassalle einigermaßen verschärft durch die Unüberwindlichkeit des Mißtrauens, das Marx gegen ihn hegte. Nicht als ob Marx nicht gewünscht hätte, den »Mann mit Haut und Haaren« zu gewinnen! Er nannte ihn einen »energischen Kerl«, der mit der Bourgeoispartei nicht kramen könne; er meinte selbst, Lassalles »Heraklit«, obgleich ungeschlacht geschrieben, sei besser als irgend etwas, womit die Demokraten renommieren könnten. Aber so offen ihm Lassalle Herz und Hand entgegentrug, so glaubte Marx doch immer diplomatisieren zu müssen, eines »klugen Managements« zu bedürfen, um Lassalle bei der Stange zu halten, und der erste beste Zwischenfall genügte, um seinen Argwohn von neuem zu erwecken.

|285| Als Friedländer sein Angebot an Marx, für die »Wiener Presse« zu schreiben, und diesmal ohne alle Bedingungen, durch Lassalle wiederholen, aber die Sache dann einschlafen ließ, vermutete Marx, daß Lassalle ihm diese Aussicht vereitelt habe, und als sich die Drucklegung seiner »Politischen Ökonomie« vom Anfang Februar bis Ende Mai verschleppte, sah er darin einen »Streich« Lassalles, den er ihm nicht vergessen würde. Tatsächlich war die Verzögerung durch den saumseligen Verleger verschuldet worden, der sich immerhin noch damit entschuldigen konnte, daß er den Flugschriften von Engels und Lassalle um ihrer auf an den Tag berechneten Wirkung willen den Vortritt hätte gewähren müssen.

 

3. Neue Emigrantenkämpfe

Der zwiespältige Charakter des italienischen Krieges rief in der Emigration alte Gegensätze und neuen Wirrwarr hervor.

Während die italienischen und französischen Flüchtlinge die Verquickung der italienischen Einheitsbewegung mit dem französischen Staatsstreich bekämpften, war ein großer Teil der deutschen Flüchtlinge bereit, die Torheiten zu wiederholen, deren erste Auflage ihnen eine zehnjährige Verbannung eingetragen hatte. Von den Gesichtspunkten Lassalles waren sie dabei weit entfernt; sie schwärmten vielmehr für die Neue Ära von der Gnade des Prinzregenten, von der auch sie einen Strahl zu erhaschen hofften; sie barsten vor »Amnestiewütigkeit«, wie Freiligrath spottete, und waren zu jeder patriotischen Tat erbötig, wenn die »Königliche Hoheit« Deutschland mit dem Schwerte in Eins schmieden wollte, wie es Kinkel schon vor dem Kriegsgericht in Rastatt verheißen hatte.

Kinkel machte sich denn auch jetzt wieder zur Posaune dieser Richtung und gab seit dem 1. Januar 1859 den »Hermann« heraus, eine Wochenschrift, deren vorsintflutlicher Titel schon verriet, wes Geistes Kind sie sei. Sie wurde das richtige Organ der, um noch einmal Freiligrath zu zitieren, »Heimwehbläserei«, die nicht eilig genug in dem »liberalen Unteroffiziersschwindel« untertauchen konnte. Aber deshalb kam die Wochenschrift um so schneller auf und schlug alsbald »Die Neue Zeit« tot, ein kleines Arbeiterblatt, das Edgar Bauer im Auftrage des Arbeiterbildungsvereins herausgab. »Die Neue Zeit« lebte wesentlich vom Kredit des Druckers und war deshalb geliefert, als Kinkel diesem den profitableren und solideren Druckauftrag des »Hermann« anbot. |286| Der Streich fand jedoch selbst in der bürgerlichen Emigration nicht ungeteilten Beifall: sogar der Freihändler Faucher bildete ein Finanzkomitee, um »Die Neue Zeit« fortzusetzen, was denn auch geschah, indem sie sich in »Das Volk« umtaufte. Die Redaktion übernahm Elard Biscamp, ein kurhessischer Flüchtling, der von der Provinz aus an der »Neuen Zeit« mitgearbeitet hatte und jetzt seine Lehrerstelle aufgab, um seine Arbeitskraft dem wiedergeborenen Blatte zu widmen.

Gemeinsam mit Liebknecht suchte Biscamp alsbald Marx auf, um dessen Mitarbeit zu gewinnen. Marx stand seit dem Krache von 1850 in keiner Verbindung mit dem Arbeiterbildungsverein. Er war sogar unzufrieden, als Liebknecht für seine Person diese Verbindung wieder anknüpfte, obgleich Liebknechts Ansicht, daß eine Arbeiterpartei ohne Arbeiter schließlich ein Widerspruch in sich selbst sei, viel für sich hatte. Immerhin war es begreiflich genug, daß Marx über all die bösen Erinnerungen nicht so schnell hinwegkommen konnte und eine Deputation des Vereins durch die Erklärung »verblüffte«, er und Engels hätten ihre Bestellung als Vertreter der proletarischen Partei von niemand als sich selbst, und sie sei beglaubigt durch den allgemeinen und ausschließlichen Haß, den alle Parteien der alten Welt ihnen widmeten.

Auch der Aufforderung, am »Volk« mitzuarbeiten, stand Marx zunächst sehr zurückhaltend gegenüber. Er billigte zwar sehr, daß dem Treiben Kinkels nicht freie Bahn gelassen werden sollte und erklärte sich auch damit einverstanden, daß Liebknecht die redaktionelle Tätigkeit Biscamps unterstützen wollte. Aber er selbst mochte sich direkt weder an einem kleinen Blatte, noch überhaupt nur an einem Parteiblatt beteiligen, das nicht von Engels und ihm redigiert würde. Nur soviel versprach er, für die Verbreitung des Blattes tätig zu sein, ihm von Zeit zu Zeit gedruckte Tribune-Artikel zur Benutzung zu überlassen und ihm auch sonst mündliche Notizen und Winke über dies und jenes zu geben. An Engels schrieb er, er betrachte »Das Volk« als ein Bummelblättchen, wie es zu ihrer Zeit der Pariser »Vorwärts!« und die »Deutsche-Brüsseler-Zeitung« gewesen seien. Es könne aber ein Augenblick kommen, wo es entscheidend wichtig sei, daß sie über ein Londoner Blatt verfügten. Biscamp verdiene um so mehr Unterstützung, als er unentgeltlich arbeite.

Indessen war Marx eine viel zu unbändige Kampfnatur, um sich nicht für das »Bummelblättchen« ins Zeug zu legen, als es dem Treiben Kinkels unbequem zu werden begann. Er verwandte viel Kraft und Zeit daran, es über Wasser zu halten, weniger durch seine Mitarbeit, die sich nach seiner Angabe auf eine Anzahl kleinerer Notizen beschränkt zu |287| haben scheint, als durch seine Bemühungen, die materiellen Existenzbedingungen des - übrigens in großem Format vierseitig erscheinenden - Organs so weit sicherzustellen, daß es wenigstens von der Hand in den Mund leben konnte. Wer von den wenigen Parteifreunden ein Scherflein spenden konnte, wurde angespannt, in erster Reihe Engels, der auch fleißig mit der Feder mitarbeitete, militärische Artikel über den italienischen Krieg schrieb und namentlich eine wertvolle Abhandlung über das eben erschienene wissenschaftliche Werk seines Freundes beisteuerte, von der jedoch der dritte und letzte Artikel nicht mehr erschienen ist. Denn Ende August hatte das Blatt ausgeatmet und das praktische Ergebnis seiner Bemühungen war für Marx, daß der Drucker, ein gewisser Fidelio Hollinger, ihn für die noch fälligen Druckkosten haftbar machte. Es war eine grundlose Forderung, aber »da die Kinkelbande nur auf die Geschichte wartete, um öffentlich Skandal zu machen und das ganze Personal, was um die Zeitung herumhing, für Schaustellung vor Gericht unpassend war« so kaufte sich Marx mit etwa 5 Pfund los.

Ungleich größere Opfer und Sorgen sollte ihm eine andere Erbschaft kosten, die ihm »Das Volk« hinterließ. Am 1. April 1859 hatte Karl Vogt aus Genf an Londoner Flüchtlinge, darunter Freiligrath, ein politisches Programm über die Haltung der deutschen Demokratie in dem italienischen Kriege gesandt, mit der Aufforderung, im Sinne dieses Programms an einer neuen schweizerischen Wochenschrift mitzuarbeiten. Vogt, ein Schwestersohn der Gebrüder Follen, die in der Burschenschaftsbewegung eine namhafte Rolle gespielt hatten, war in der Frankfurter Nationalversammlung neben Robert Blum der Führer der Linken gewesen und im letzten Augenblick des sterbenden Parlaments zu einem der fünf Reichsregenten ernannt worden. Er lebte jetzt als Professor der Geologie in Genf, das er gemeinsam mit Fazy, dem Führer der Genfer Radikalen, im schweizerischen Ständerat vertrat. In Deutschland hielt er sein Andenken lebendig durch eine eifrige Agitation für einen beschränkt-naturwissenschaftlichen Materialismus, der sofort in die Irre taumelte, wenn er aufs historische Gebiet geriet. Obendrein vertrat Vogt ihn, wie Ruge nicht unzutreffend meinte, mit »ungezogener Jungenhaftigkeit«, er suchte durch zynische Schlagworte die Philister zu kitzeln, und als ihm das namentlich mit dem Satze gelang: »Die Gedanken stehen in demselben Verhältnis zu dem Gehirn, wie die Galle zur Leber oder der Urin zu den Nieren«, lehnte selbst sein engster Gesinnungsgenosse Ludwig Büchner diese Sorte von Volksaufklärung ab.

Freiligrath erbat nun von Marx ein Urteil über das politische Programm |288|*, das ihm Vogt vorgelegt hatte, und erhielt die lakonische Antwort: Kannegießerei. Etwas ausführlicher schrieb darüber Marx an Engels: Deutschland gibt seine außerdeutschen Besitzungen auf. Unterstützt nicht Östreich. Der französische Despotismus ist vorübergehend, der österreichische bleibend. Man erlaubt beiden Despoten zu verbluten. (Sogar gewisse Hinneigung zu Bona[parte] sichtbar.) Deutschland bewaffnete Neutralität. An revolutionäre Bewegung in Deutschland ist, wie Vogt ›aus bester Quelle weiß‹, nicht zu denken, solange wir leben. Folglich, sobald Östreich ruiniert durch Bona[parte], beginnt von selbst eine reichsregentschaftlich gemäßigt liberalnationale Entwicklung in dem Vaterland, und Vogt wird vielleicht noch preußischer Hofnarr.« Der Argwohn, den Marx schon in diesen Zeilen andeutete, wurde ihm zur Gewißheit, als Vogt zwar noch nicht die geplante Wochenschrift, aber Studien zur gegenwärtigen Lage Europas herausgab, eine Schrift, deren geistiger Zusammenhang mit den bonapartistischen Schlagworten nicht mehr zu verkennen war.

Außer an Freiligrath hatte sich Vogt auch an Karl Blind gewandt, einen badischen Flüchtling, der mit Marx seit den Revolutionsjahren befreundet gewesen war und noch einen Beitrag in die »Neue Rheinische Revue« gestiftet hatte, aber doch nicht zu seinen engsten Gesinnungsgenossen gehörte. Blind zählte vielmehr zu jenen »ernschten« Republikanern, denen der »Kanton Badisch« immer noch der Nabel der Welt war. Namentlich Engels hatte seinen lustigen Spott mit diesen »Staatsmännern«, deren Gesinnung sich bei all ihrer düsteren Erhabenheit gewöhnlich in einer unermeßlichen Ehrfurcht vor dem eigenen Ich auflöste. Blind trat nun an Marx mit Enthüllungen über Vogts landesverräterische Umtriebe heran, für die er Beweise zu haben behauptete. Vogt erhalte bonapartistische Subvention für seine Agitation; er habe einen süddeutschen Schriftsteller mit 30.000 Gulden bestechen wollen; auch in London seien Bestechungsversuche vorgefallen; schon im Sommer 1858 sei in Genf, in einer Zusammenkunft zwischen dem Prinzen Jerôme Napoleon, Fazy und Konsorten, der italienische Krieg beraten und der russische Großfürst Konstantin als künftiger König von Ungarn bezeichnet worden.

Diese Mitteilungen erwähnte Marx gesprächsweise, als Biscamp ihn besuchte, um seine Mitarbeit für »Das Volk« zu gewinnen, indem er hinzufügte, es sei süddeutsche Manier, das Kolorit hoch aufzutragen. Ohne Marx zu fragen, benutzte Biscamp einige von Blinds Angaben, um in einem witzelnden Artikel des »Volks« den »Reichsregenten als Reichsverräter« zu denunzieren und ein Exemplar dieser Nummer an |289| Vogt zu senden. Vogt antwortete im »Bieler Handelscourier« mit einer »Warnung« der Arbeiter vor jener »Clique von Flüchtlingen«, die ehedem in der schweizerischen Emigration unter dem Namen der »Bürstenheimer« oder der »Schwefelbande« bekannt gewesen wären und sich nunmehr in London unter ihrem Chef Marx gesammelt hätten, um sich mit dem Anspinnen von Verschwörungen unter den deutschen Arbeitern zu beschäftigen, von Verschwörungen, die von Anfang an den geheimen Polizeien des Festlandes bekannt wären und die Arbeiter ins Unglück stürzten. Marx ließ sich dies »Sauartikelchen« nicht weiter anfechten und begnügte sich damit, es im »Volk« niedriger hängenzulassen.

Als er sich dann aber Anfang Juni nach Manchester begab, um unter den dortigen Parteifreunden für das »Volk« zu sammeln, fand Liebknecht in der Druckerei der Zeitung den Korrekturbogen eines anonymen, gegen Vogt gerichteten Flugblattes vor, das die Enthüllungen Blinds enthielt und, wie der Setzer Vögele bezeugte, von Blind in einem eigenhändigen Manuskript zum Druck übergeben worden war, wie denn auch die Korrekturen des Bogens Blinds Handschrift trugen. Von Hollinger selbst erhielt Liebknecht ein paar Tage darauf einen Abzug und sandte ihn der »Allgemeinen Zeitung« in Augsburg ein, für die er seit einigen Jahren korrespondierte. Er fügte hinzu, das Flugblatt habe einen der ehrbarsten deutschen Flüchtlinge zum Verfasser, und die darin vorgebrachten Tatsachen könnten sämtlich bewiesen werden.

Als das Flugblatt in der »Allgemeinen Zeitung« erschienen war, klagte Vogt wegen Verleumdung. Die Redaktion verlangte nun zu ihrer Verteidigung die verheißenen Beweise von Liebknecht, und dieser wandte sich an Blind. Aber Blind lehnte ab, sich in die Angelegenheiten einer ihm fremden Zeitung zu mischen, und bestritt überhaupt seine Verfasserschaft, wenn er auch zugeben mußte, den tatsächlichen Inhalt an Marx mitgeteilt und zum Teil auch in der »Free Press«, einem Organ Urquharts, veröffentlicht zu haben. Marx ging die Sache zunächst gar nichts an, und Liebknecht selbst war vollkommen darauf gefaßt, von ihm verleugnet zu werden. Gleichwohl glaubte Marx, sein Bestes tun zu sollen, um Vogt zu entlarven, der ihn bei den Haaren in die Sache gezogen hatte. Allein auch seine Versuche, Blind zum Geständnis zu bringen, scheiterten an dessen Hartnäckigkeit, und Marx mußte sich mit dem schriftlichem Zeugnis des Setzers Vögele begnügen, wonach das Manuskript des in der ihm bekannten Handschrift Blinds geschrieben und in Hollingers Druckerei gesetzt wie gedruckt worden sei. Für die Schuld Vogts war damit freilich noch nichts bewiesen.

Ehe es indessen zur gerichtlichen Verhandlung in Augsburg kam, |290| führte das Schillerfest, der hundertste Geburtstag des Dichters am 10. November 1859, zu neuem Streit in der Londoner Emigration. Man weiß, wie dieser Tag von den Deutschen in der Heimat und in der Fremde gefeiert wurde, um mit Lassalle zu sprechen, als ein Zeugnis für die »geistige Einheit« des deutschen Volkes und als »ein fröhliches Unterpfand seiner nationalen Auferstehung«. Auch in London wurde eine Feier geplant. Sie sollte im Kristallpalast stattfinden, und ihre Überschüsse waren bestimmt, eine Schilleranstalt zu gründen, mit einer Bibliothek und jährlichen Vorträgen, die immer an Schillers Geburtstag beginnen sollten. Leider aber wußte sich die Fraktion Kinkel der Vorbereitungen zu dem Feste zu bemächtigen und in gehässig-kleinlichem Sinne für sich auszubeuten. Während sie einen Beamten der preußischen Gesandtschaft, der sich in den Tagen des Kölner Kommunistenprozesses einen sehr üblen Namen gemacht hatte, zur Teilnahme aufforderte, suchte sie die proletarischen Elemente der Flüchtlingsschaft abzuschrecken; ein gewisser Bettziech, der sich als Schriftsteller Beta nannte und den literarischen Handlanger Kinkels spielte, machte in der »Gartenlaube« die geschmackloseste Reklame für seinen Herrn und Meister, während er in ebenso geschmackloser Weise die Mitglieder des Arbeiterbildungsvereins verhöhnte, die sich an dem Schillerfest zu beteiligen beabsichtigten.

Unter diesen Umständen empfanden es Marx und Engels peinlich, daß Freiligrath sich herbeiließ, bei der Feier im Kristallpalast neben oder nach dem Festredner Kinkel als Festdichter aufzutreten. Marx warnte den alten Freund vor jeder Beteiligung an der »Kinkeldemonstration«. Freiligrath gab nun auch zu, daß die Sache ihr Bedenkliches habe und möglicherweise irgendwelchen persönlichen Eitelkeiten dienen solle, aber er meinte, als deutscher Poet könne er sich füglich nicht ganz fernhalten. Das spreche doch für sich selbst. Bei der Schillerfeier komme es doch zuletzt nicht auf die Nebenzwecke einer Fraktion an, wenn sie überhaupt welche habe. In den Vorbereitungen des Festes machte er dann freilich »merkwürdige Erfahrungen« und glaubte (trotz seiner eingewurzelten Narrheit, Menschen und Dinge von der besseren Seite aufzufassen), daß Marx mit seiner Warnung recht haben möge. Aber er blieb dabei, durch seine Anwesenheit und das eine Zeichen seiner Beteiligung trüge er mehr zur Durchkreuzung gewisser Absichten bei, als wenn er sich fernhielte.

Damit war Marx jedoch nicht einverstanden und noch weniger Engels, der sich in sehr zornigen Worten über Freiligraths Poeteneitelkeit und Literatenzudringlichkeit, verbunden mit Pantoffelkriecherei« |291|* ausließ. Das hieß den Bogen überspannen. Die damalige Schillerfeier war in der Tat etwas anderes als einer der üblichen Festrummel, womit der deutsche Spießer die Denker und Dichter zu feiern pflegt, die wie die Kraniche über seine Schlafmütze geflogen sind. Sie fand auch in der äußersten Linken ihren Widerhall.

Als sich Marx bei Lassalle über Freiligrath beschwerte, antwortete Lassalle: »Es mag sein, daß Freiligrath besser getan hätte, dem Feste nicht beizuwohnen. Aber die Kantate zu dichten, hat er jedenfalls gut getan. Sie war von allem, was zu dieser Gelegenheit erschien, bei weitem das Schönste« In Zürich dichtete Herwegh das Festlied, und in Paris hielt Schily die Festrede. In London beteiligte sich auch der Arbeiterbildungsverein an der Feier im Kristallpalast, nachdem er am vorhergehenden Tage durch eine Robert-Blum-Feier, bei der Liebknecht sprach, sein politisches Gewissen salviert hatte. Ja, in Manchester betrieb Siebel, ein junger Poet aus dem Wuppertal, in erster Reihe die Feier, ohne daß Engels, der mit ihm entfernt verwandt war, daran besonderen Anstoß nahm. Er schrieb zwar an Marx, er habe mit der ganzen Sache nichts zu tun, jedoch Siebel mache den Epilog, »natürlich ordinäre Deklamation, aber in anständiger Form«; »außerdem dirigiert dieser Bummler die Aufführung von ›Wallensteins Lager‹; ich war zweimal in der Probe, wenn die Kerle frech sind, kann es passabel werden«. Später ist Engels selbst Vorsitzender der Schilleranstalt geworden, die bei diesem Anlaß in Manchester gegründet wurde, und Wilhelm Wolff hat dieselbe Anstalt in seinem Testament mit einem namhaften Legat bedacht.

In denselben Tagen nun, wo die gereizte Stimmung zwischen Freiligrath und Marx entstand, verhandelte das Bezirksgericht in Augsburg die Klage Vogts gegen die »Allgemeine Zeitung«. Vogt wurde kostenpflichtig abgewiesen, aber die juristische Niederlage gestaltete sich für ihn zu einem moralischen Triumph. Die angeklagten Redakteure vermochten nicht den geringsten Beweis für Vogts Bestechlichkeit beizubringen und ergingen sich, wie Marx allzu milde urteilte, in einem »politisch geschmacklosen Kauderwelsch«, das die schärfste Verurteilung nicht etwa nur vom politischen, sondern auch vom moralischen Standpunkt aus verdiente. Sie trumpften mit dem Satz auf, daß die persönliche Ehre eines politischen Gegners vogelfrei sei; wie könnten bayrische Richter einem Manne sein Recht geben, der die bayrische Regierung heftig angegriffen habe und wegen seiner revolutionären Umtriebe im Auslande leben müsse! Die ganze sozialistisch-demokratische Partei Deutschlands, die vor elf Jahren die Morgenträume ihrer Freiheit durch den Mord der |292| Generale Latour, Gagern und Auerswald und des Fürsten Lichnowskl eingeweiht habe, würde einen wahren Jubel aufschlagen, wenn die verklagten Redakteure verurteilt würden. Glücke der Versuch Vogts, so entstehe die tröstliche Aussicht, daß auch Klapka, Kossuth, Pulszki, Teleki, Mazzini vor dem Augsburger Bezirksgericht als Kläger erscheinen würden.

Trotz ihrer gemeinen Pfiffigkeit oder vielmehr gerade wegen ihrer imponierte diese Verteidigung den Richtern. Ihr juristisches Gewissen reichte zwar noch so weit, um die Verklagten nicht freizusprechen, die mit ihren Beweisen so ganz und gar ausgefallen waren, aber es reichte nicht weit genug, um einem Manne, der bei der bayrischen Regierung wie bei der bayrischen Bevölkerung äußerst verhaßt war, sein Recht zu geben. So ergriffen sie begierig den rettenden Gedanken, den ihnen der Staatsanwalt unter den Fuß gab: aus formalen Gründen verwiesen sie die Sache an das Schwurgericht, wo Vogt seiner Verurteilung um so sicherer sein konnte, als hier kein Beweis der Wahrheit zulässig war und die Geschworenen keine Gründe für ihr Urteil anzugeben brauchten.

Wenn sich Vogt auf dies ungleiche Spiel nicht einließ, so ließ sich ihm daraus kein Vorwurf machen. Im Gegenteil konnte er sich im Glanze des doppelten Märtyrers sonnen: er war nicht nur ins Blaue hinein verdächtigt, sondern ihm war auch sein Recht verweigert worden. Mancherlei Nebenumstände kamen hinzu, seinen Triumph zu erhöhen. Es machte einen sehr fatalen Eindruck, als seine Prozeßgegner einen Brief Biscamps vorzeigten, worin dieser erste öffentliche Ankläger Vogts, unter dem Eingeständnis, keine wirklichen Beweise zu haben, einige vage Vermutungen äußerte, die er mit der Frage krönte, ob ihn die »Allgemeine Zeitung« nach dem Eingehen des »Volks« nicht als zweiten Londoner Korrespondenten neben Liebknecht anstellen wolle. Auch die Redaktion der »Allgemeinen Zeitung« setzte noch nach Beendigung des Prozesses ihr Gefasel fort, Vogt sei ja von seinesgleichen gerichtet worden, von Marx und von Freiligrath; von alter Zeit her sei bekannt, daß Marx ein schärferer und konsequenterer Denker sei als Vogt und Freiligrath diesem an politischer Sittlichkeit überlegen sei.

Bereits in einer schriftlichen Verteidigung, die der Redakteur Kolb dem Gericht eingereicht hatte, war Freiligrath als Mitarbeiter des »Volks« und Ankläger Vogts genannt worden; Kolb hatte eine briefliche, nicht ganz klare Äußerung Liebknechts in diesem Sinne mißverstanden. Sobald der Bericht der »Allgemeinen Zeitung« über den Prozeß in London eingetroffen war, sandte ihr Freiligrath eine kurze Erklärung des Inhalts, daß er niemals Mitarbeiter des »Volks« gewesen und sein Name ohne sein Wissen und Willen unter die Ankläger Vogts |293| aufgenommen worden sei. Aus dieser Erklärung hat man unliebsame Schlußfolgerungen insoweit gezogen, als Vogt zu den Intimen Fazys gehörte, von dem Freiligraths Stellung an der Schweizer Bank abhing, aber diese Schlußfolgerungen wären erst dann berechtigt gewesen, wenn Freiligrath irgendwie verpflichtet gewesen wäre, gegen Vogt aufzutreten. Davon konnte gar keine Rede sein. Freiligrath hatte sich um die ganze Sache bis dahin durchaus nicht bekümmert, und er konnte sich mit allem Fug verbitten, daß Kolb sich hinter seinen Namen verstecken wollte, sobald der Karren schief ging. Freilich konnte man aus der lakonisch trockenen Form Freiligraths auch eine mittelbare Absage an Marx herauslesen; Marx selbst vermißte an der Erklärung eine noch so leise Andeutung, die ihr den Schein benommen hätte, als sei sie ein persönlicher Bruch mit ihm oder eine öffentliche Lossagung von der Partei. Und dieser Mangel mochte sich wohl aus einer gewissen Mißstimmung Freiligraths erklären: ihm wollte Marx von Parteiwegen verbieten, ein harmloses Gedicht zu Ehren Schillers zu veröffentlichen, aber er sollte sofort zum Einspringen bereit sein, wenn Marx einen Streit begonnen hatte, zu dem ihn niemand zwang.

Der böse Schein wurde noch dadurch verstärkt, daß gleichzeitig Blind eine Erklärung in der »Allgemeinen Zeitung« veröffentlichte, worin er zwar Vogts Politik »unbedingt verurteilte«, aber die Behauptung, daß er das gegen Vogt gerichtete Flugblatt verfaßt habe, für eine platte Unwahrheit erklärte. Er fügte zwei Zeugnisse bei, eins, worin Fidelio Hollinger die Behauptung des Setzers Vögele, als sei das Flugblatt in seiner Druckerei gedruckt und von Blind verfaßt worden, eine »böswillige Erdichtung« nannte, und ein anderes, worin der Setzer Wiehe dies Zeugnis Hollingers als richtig bestätigte.

Zudem häufte ein unglücklicher Zufall den Zündstoff, der sich zwischen Freiligrath und Marx zu sammeln begann. Eben jetzt erschien in der »Gartenlaube« ein Aufsatz Betas, worin der literarische Troßbube Kinkels in bombastischem Stil den Dichter Freiligrath verherrlichte, um mit einer pöbelhaften Schimpferei über Marx zu schließen. Dieser unglückselige Virtuose giftspritzenden Hasses habe Freiligrath um Stimme, um Freiheit, um Charakter gebracht; der Dichter habe nicht oft mehr gesungen, seitdem Marx ihn angehaucht habe.

Alle diese Dinge schienen jedoch nach einigen brieflichen Häkeleien zwischen Freiligrath und Marx mit dem bewegten Jahre 1859 ins Meer der Vergessenheit zu sinken. Aber mit dem neuen Jahre tauchten sie wieder auf, denn der biedere Vogt wollte durchaus das alte Sprichwort erhärten, daß der Esel aufs Eis geht, wenn ihm zu wohl wird.

 

4. Zwischenspiele

|294| Um die Jahreswende veröffentlichte Vogt eine Schrift unter dem Titel »Mein Prozeß gegen die Allgemeine Zeitung«. Sie enthielt den stenographischen Bericht über die Verhandlung vor dem Augsburger Bezirksgericht und eine Sammlung der Erklärungen oder sonstigen Urkunden, die bei dem Streit ans Licht gekommen waren, beides ganz vollständig und wortgetreu.

Dazwischen aber befand sich eine noch ausführlichere Wiedergabe des alten Klatsches über die »Schwefelbande«, den Vogt schon im »Bieler Handelscourier« niedergelegt hatte. Insbesondere wurde Marx als Haupt einer Erpresserbande geschildert, die davon lebe, »Leute im Vaterlande« so zu kompromittieren, daß sie das Schweigen der Bande durch Geld erkaufen müßten. »Nicht einer«, hieß es wörtlich, »Hunderte von Briefen sind von diesen Menschen nach Deutschland geschrieben worden, welche die unverhüllte Losung enthielten, daß man die Beteiligung an diesem oder jenem Akte der Revolution denunzieren werde, wenn nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine gewisse Summe an eine bezeichnete Adresse gelange.« Es war die ärgste, aber weitaus nicht die einzige Verleumdung, die Vogt gegen Marx schleuderte. Wie durch und durch verlogen aber die ganze Darstellung sein mochte, so war sie doch mit allerlei halbwahren Tatsachen aus der Geschichte der Emigration so gemischt, daß sie eine genaue Kenntnis aller Einzelheiten voraussetzte, um nicht auf den ersten Blick zu verblüffen und diese Kenntnis war am wenigsten bei dem deutschen Philister vorauszusetzen.

Die Schrift machte denn auch ein beträchtliches Aufsehen und wurde namentlich von der liberalen Presse in Deutschland mit lautem Jubel begrüßt. Die »Nationalzeitung« brachte zwei lange Leitartikel daraus, die, als sie Ende Januar in London eintrafen, auch im Hause von Marx großen Aufruhr erregten und namentlich seine Frau tief erschütterten. Da die Schrift selbst in London nicht zu haben war, so eilte Marx zu Freiligrath mit der Anfrage, ob dieser nicht von seinem »Freunde« Vogt ein Exemplar erhalten habe. Freiligrath antwortete verletzt, weder sei Vogt sein »Freund«, noch besitze er ein Exemplar der Schrift.

Über die Notwendigkeit einer Antwort war sich Marx von vornherein klar, sowenig er sonst geneigt sein mochte, auf noch so massenhafte Schimpfereien zu antworten; er meinte, die Presse besäße das Recht, Schriftsteller, Politiker, Komödianten und andere öffentliche Charakter zu beleidigen. Noch ehe die Schrift Vogts in London eintraf, entschloß |295| Marx, die »National-Zeitung« gerichtlich zu belangen. Sie beschuldigte ihn einer Reihe krimineller und infamierender Handlungen, und zwar vor einem Publikum, das, aus Parteivorurteilen ohnehin geneigt, die größte Ungeheuerlichkeit zu glauben, bei seiner elfjährigen Abwesenheit aus Deutschland, ohne den geringsten Anhaltspunkt zu seiner persönlichen Beurteilung war. Er schuldete es nicht nur politischen Rücksichten, sondern auch seiner Frau und seinen Kindern, die ehrenrührigen Anklagen der »National-Zeitung« einer gerichtlichen Prüfung zu unterwerfen, wobei er sich eine literarische Antwort auf Vogt vorbehielt.

Zunächst rechnete Marx mit Blind ab, von dem er immer noch annahm, daß Blind Beweise gegen Vogt in der Tasche habe und nur aus Gevatterschaftsrücksichten, wie sie am letzten Ende ein vulgärer Demokrat dem andern vulgären Demokraten schulde, nicht damit herausrücken wolle. Anscheinend hat Marx darin geirrt, und Engels war auf richtigerem Wege, wenn er annahm, Blind habe sich aus alberner Wichtigtuerei die Einzelheiten über Vogts Bestechungsversuche aus den Fingern gesogen und sich, sobald die Sache brenzlich wurde, aufs Ableugnen gelegt, wobei er immer tiefer in den Sumpf geriet. Am 4. Februar erließ Marx in englischer Sprache ein an den Redakteur der »Free Press« gerichtetes Rundschreiben, worin er öffentlich die Erklärung Blinds, Wiehes und Hollingers, wonach das anonyme Flugblatt nicht in Hollingers Geschäftslokal gedruckt worden sei, eine infame Lüge, und obgenannten Karl Blind somit einen infamen Lügner nannte, der sich, wenn er sich durch diese Beschuldigung beschwert fühle, bei einem englischen Gerichtshofe sein Recht holen könne. Davor hütete sich Blind wohlweislich und versuchte sich aus der Affäre zu ziehen, indem er ein langes Inserat in der »Allgemeinen Zeitung« erließ, worin er sich scharf gegen Vogt aussprach und ihn durch die Blume der Bestechlichkeit zieh, aber die Verfasserschaft des Flugblattes nach wie vor ableugnete.

Damit gab sich Marx keineswegs zufrieden. Es gelang ihm, den Setzer Wiehe vor das Polizeigericht zu stellen und zu einem Affidavit zu veranlassen (einer Erklärung an Eides Statt, die, wenn falsch, alle gesetzlichen Folgen des Meineids nach sich zog), worin Wiehe nunmehr bestätigte, daß er selbst den Satz des Flugblattes in Hollingers Druckerei für den Wiederabdruck im »Volk« umbrochen, auch auf dem Korrekturbogen mehrere Druckfehler in Blinds Handschrift verbessert gesehen habe, und daß ihm sein früheres entgegengesetztes Zeugnis durch Hollinger und Blind abgelockt worden sei, von Hollinger durch Geldversprechungen, von Blind durch Zusicherung künftigen Dankes. Damit |296| war Blind dem englischen Gerichtsbann verfallen, und Ernest Jones erklärte sich bereit, sofort auf Wiehes Affidavit hin einen Verhaftsbefehl gegen Blind zu erwirken, fügte jedoch hinzu, wenn die Sache einmal angezeigt sei, könne sie als kriminelle Aktion nicht rückgängig gemacht werden, und er selbst würde sich als Advokat strafbar machen, wenn er dann noch irgendeinen Ausgleich versuchen wollte.

Soweit wollte es Marx, aus Rücksicht auf Blinds Familie, nicht kommen lassen. Er sandte das Affidavit Wiehes an Louis Blanc, der mit Blind befreundet war, mit einem Brief, worin er sagte, nicht um Blinds willen, der es reichlich verdient hätte, sondern um Blinds Familie willen würde er bedauern, wenn er gezwungen werden sollte, eine Kriminaluntersuchung gegen Blind einzuleiten. Das wirkte. Am 15. Februar 1860 erschien im »Daily Telegraph«, der inzwischen die Schmähungen der »National-Zeitung« wiederholt hatte, eine Notiz, worin sich ein gewisser Schaible, ein Hausfreund Blinds, als Verfasser des Flugblatts nannte. Dabei ließ es Marx bewenden, so durchsichtig das Manöver war; er war jetzt frei von jeder Verantwortung für den Inhalt des Flugblatts.

Ehe er gegen Vogt selbst vorging, suchte er sich mit Freiligrath auszusöhnen, dem er sowohl das Rundschreiben gegen Blind, wie das Affidavit Wiehes zugesandt hatte, ohne eine Antwort zu erhalten. Er wandte sich zum letzten Male an ihn, um ihm darzulegen, welche Wichtigkeit der Fall Vogt für die geschichtliche Rechtfertigung der Partei und ihre spätere Stellung in Deutschland gewonnen habe. Er bemühte sich, die Beschwerden zu widerlegen, die Freiligrath etwa gegen ihn haben könne; »worin ich irgendwo gegen Dich gefehlt habe, so bin ich jeden Augenblick bereit, meine Fehler einzugestehn. Nihil humani a me alienum puto [Mehring übersetzt: Nichts Menschliches halte ich mir fremd]«. Er begreife wohl, daß für Freiligrath in dessen jetziger Stellung die Affäre nur widerwärtig sein könne, aber Freiligrath werde einsehen, daß es unmöglich sei, ihn ganz aus dem Spiele zu lassen. »Wenn wir beide das Bewußtsein haben, daß wir, jeder in seiner Weise, mit Hintansetzung aller Privatinteressen und aus den reinsten Motiven, jahrelang das Banner für die ›classe la plus laborieuse et la plus misérable‹ hoch über den Philisterköpfen schwangen, so würde ich es für eine kleinliche Sünde gegen die Geschichte halten, sollten wir uns wegen Lappalien - alle in Mißverständnisse auflösbar - entzweien.« Der Brief schloß mit der Versicherung der aufrichtigsten Freundschaft.

Freiligrath schlug in die dargebotene Hand ein, aber doch nicht so herzlich, wie der »herzlose« Marx sie geboten hatte. Er wollte der classe |297| la plus laborieuse et la plus misérable treu bleiben, wie er ihr stets treu geblieben sei, und ebenso seinem persönlichen Verhältnis zu Marx als einem Freunde und Gesinnungsgenossen. Aber, so fügte er hinzu: »Der Partei habe ich diese sieben Jahre hindurch (seit Aufhörung des Kommunistenbundes) fern gestanden, ihre Versammlungen sind von mir unbesucht, ihre Beschlüsse und Handlungen sind mir fremd geblieben. Faktisch also war mein Verhältnis zur Partei längst gelöst, wir haben uns gegenseitig darüber nie getäuscht, es war das eine Art stillschweigender Vereinbarung zwischen uns. Und ich kann nur sagen, daß ich mich wohl dabei befunden habe. Meiner, und der Natur jedes Poeten, tut die Freiheit not. Auch die Partei ist ein Käfig, und es singt sich, selbst für die Partei, besser draus als drin. Ich bin Dichter des Proletariats und der Revolution gewesen, bevor ich Mitglied des Bundes und Mitglied der Redaktion der ›Neuen Rheinischen Zeitung‹ war. So will ich denn auch ferner auf eigenen Füßen stehen, will nur mir selbst gehören und will selbst über mich disponieren.« Darin kam Freiligraths alte Abneigung gegen den Kleinkram der politischen Agitation zu lebhaftem Ausdruck; sie ließ ihn selbst Dinge sehen, die niemals gewesen waren; die Versammlungen, die er nicht besucht haben, die Beschlüsse und Reden, denen er immer fremd geblieben sein wollte, hatten niemals stattgefunden.

Darauf wies Marx in seiner Antwort hin und nachdem er abermals alle noch möglichen Mißverständnisse aufgelöst hatte, schrieb er, an ein Lieblingswort Freililgraths anknüpfend: »›Trotz alledem und alledem‹ wird Philister über mir für uns stets ein beßrer Wahlspruch sein, als Unter dem Philister. Ich habe offen meine Ansicht gesagt, die Du hoffentlich im wesentlichen teilst. Ich habe ferner das Mißverständnis zu beseitigen gesucht, als ob ich unter ›Partei‹ einen seit acht Jahren verstorbnen ›Bund‹ oder eine seit zwölf Jahren aufgelöste Zeitungsredaktion verstehe. Unter Partei verstand ich die Partei im großen historischen Sinn.« Es war ein so treffendes wie versöhnendes Wort, denn im großen historischen Sinne gehören beide Männer zusammen - trotz alledem und alledem. Das Wort ehrte Marx um so mehr, als er nach den bubenhaften Angriffen, die Vogt gegen ihn gerichtet hatte, wohl beanspruchen konnte, daß Freiligrath nunmehr öffentlich jeden Schein der Gemeinsamkeit mit Vogt zerstören würde. Jedoch Freiligrath begnügte sich damit, den freundschaftlichen Verkehr mit Marx wiederaufzunehmen; sonst beharrte er in seiner Zurückhaltung, die ihm Marx gerade dadurch erleichterte, daß er fortan nach Möglichkeit vermied, Freiligraths Namen in die Sache zu ziehen.

|298| Anders verlief eine Auseinandersetzung, in die Marx mit Lassalle wegen des Falles Vogt geriet. Marx hatte zuletzt im November des Vorjahres an Lassalle wegen ihrer italienischen Streitfrage geschrieben, und zwar, wie er selbst sagte, »bohnengrob«, so daß er sich das Schweigen Lassalles auf diesen Brief aus verletzter Empfindlichkeit erklärte. Nach den Angriffen der »National-Zeitung« wünschte Marx begreiflicherweise eine Verbindung in Berlin zu haben und bat Engels die Sache mit Lassalle wieder einzurenken, der doch, verglichen mit anderen, immer noch eine »Pferdekraft« sei. Das bezog sich darauf, daß ein preußischer Assessor Fischel sich bei Marx als Urquhartit eingeführt und zu allen guten Diensten in der deutschen Presse erboten hatte. Lassalle, dem Fischel Grüße von Marx überbracht hatte, wollte freilich von dem »unfähigen und unwissenden Subjekte« nichts wissen, und wie immer sich dieser bald darauf tödlich verunglückte Mann in London gebart haben mochte, so gehörte er in Deutschland jedenfalls zur literarischen Leibgarde des Herzogs von Coburg, die mit Recht den übelsten Ruf genoß.

Ehe jedoch Engels sein Gewerbe bei Lassalle anbringen konnte, schrieb dieser selbst an Marx, erklärte sein längeres Schweigen aus Mangel an Zeit und forderte lebhaft, daß in der »höchst fatalen Geschichte« mit Vogt etwas geschehe, da sie große Wirkung in der Öffentlichkeit mache; bei denen, die Marx kennten, werde diesem die Schilderung Vogts nicht schaden, wohl aber bei allem, die ihn nicht kennten, denn sie sei künstlich genug mit halben Tatsachen belegt, um jedem unscharfen Auge alles als ganze Wahrheit erscheinen zu lassen. Im besonderen hob Lassalle zwei Punkte hervor. Einmal sei Marx selbst nicht ohne Schuld, da er einen so erbärmlichen Lügner, als der sich Blind wenigstens nachträglich herausgestellt habe, die schwersten Beschuldigungen gegen Vogt aufs Wort geglaubt habe; besitze Marx sonst keine Beweise, so müsse er seine Verteidigung damit beginnen, die Anklage auf Bestechlichkeit gegen Vogt zurückzunehmen. Lassalle erkannte an, es gehöre eine wirklich starke Selbstüberwindung dazu, jemandem, von dem man so maßlos und ungerecht angegriffen worden sei, gerecht zu werden, aber Marx müsse diesen Beweis von gutem Glauben geben, wenn er seine Verteidigung nicht von vornherein unwirksam machen wolle. Dann aber nahm Lassalle den stärksten Anstoß an Liebknecht Tätigkeit für ein so reaktionäres Blatt, wie die »Allgemeine Zeitung« sei; das werde im Publikum einen Sturm von Verwunderung und Unwillen gegen die Partei erregen.

Marx besaß noch nicht die Schrift Vogts, als er diesen Brief erhielt, |299| und konnte deshalb die Sache noch nicht richtig übersehen. Aber es war begreiflich, daß ihn die Zumutung wenig erbaute, mit einer Ehrenerklärung für Vogt zu beginnen, für dessen bonapartistische Umtriebe er noch andere Zeugnisse hatte als Blinds Klatschereien. Auch dem scharfen Urteil über Liebknechts Tätigkeit für die »Allgemeine Zeitung« konnte er nicht beistimmen. Er war am wenigsten ein Freund dieses Blattes, mit dem er zur Zeit der beiden Rheinischen Zeitungen in heftigster Fehde gelegen hatte, aber kontrerevolutionär, wie die Augsburgerin sonst sein mochte, so ließ sie auf dem Gebiete der auswärtigen Politik die verschiedensten Standpunkte gelten. In dieser Beziehung nahm sie von jeher eine Ausnahmestellung in der deutschen Presse ein.

Marx antwortete also verdrießlich, die »Allgemeine Zeitung« sei in seinen Augen so gut wie die »Volks-Zeitung«; er werde die »National-Zeitung« verklagen und gegen Vogt schreiben, aber in der Vorrede erklären, er frage den Teufel nach dem Urteil des deutschen Publikums. Diese unwilligen Worte legte nun wieder Lassalle zu sehr auf die Waagschale; er verwahrte sich dagegen, daß ein vulgärdemokratisches Blatt, wie die »Volks-Zeitung« mit dem »verrufensten Schandblatt Deutschlands« in einem Atem genannt würde. In der Hauptsache aber warnte er vor der gerichtlichen Prozedur gegen die »National-Zeitung«, wenigstens solange bis die literarische Widerlegung Vogts da wäre, und sprach schließlich die Hoffnung aus, daß Marx aus diesem Briefe keinen verletzenden Eindruck, sondern nur den Eindruck »redlicher, herzlicher Freundschaft« empfangen würde.

Darin irrte Lassalle. Marx schrieb über den Brief in den stärksten Ausdrücken an Engels, und gegen Lassalle spielte er selbst die »offiziellen Anklagen« aus, die Levy seiner Zeit gegen Lassalle nach London gebracht hatte. Es geschah freilich in der Form, daß Marx seinen Mangel an vorzeitigem Mißtrauen dadurch beweisen wollte. Er wollte zeigen, daß er sich durch diese »offiziellen Anklagen« und ähnliches Gerede an Lassalle nicht habe irre machen lassen. Aber bei dem Kaliber der Denunziationen konnte Lassalle in ihrer Nichtbeachtung kein besonderes Verdienst entdecken, und er rächte sich in einer seiner würdigen Weise, indem er eine so schöne wie überzeugende Schilderung der Aufopferung und Treue entwarf, die er in den Tagen der wüstesten Reaktion den rheinischen Arbeitern erwiesen hatte.

Lassalle war von Marx anders behandelt worden als Freiligrath, aber so handelte er auch anders als dieser. Er riet nach seinem besten Wissen und Gewissen, aber er half nicht weniger mit der Tat, weil sein Rat mißachtet wurde.

 

5. »Herr Vogt«

|300| Alsbald bewährte sich die Warnung Lassalles vor der Anrufung der preußischen Gerichte. Durch die Vermittelung Fischels hatte Marx den Justizrat Weber beauftragt, seine Klage gegen die »National-Zeitung« bei dem dortigen Stadtgericht einzureichen, erreichte aber nicht einmal so viel, wie Vogt vor dem Augsburger Bezirksgerichte erreicht hatte, nämlich daß seine Klage überhaupt verhandelt wurde.

Das Stadtgericht erklärte, die Klage sei wegen »mangelnden Tatbestandes« abzuweisen, da die beleidigenden Äußerungen nicht von der »National-Zeitung« selbst gemacht worden wären, sondern nur in »bloßen Zitaten anderer Personen« beständen. Diesen platten Blödsinn wies nun allerdings das Kammergericht zurück, aber nur um ihn durch den höheren Blödsinn zu übertrumpfen, es sei überhaupt keine Beleidigung für Marx, wenn er als das »zügelnde und überlegene« Haupt einer Erpresser- und Falschmünzerbande dargestellt werde. In dieser famosen Auslegung vermochte das Obertribunal einen »Rechtsirrtum« nicht zu entdecken, und so war Marx mit seiner Klage bei allen Instanzen abgeblitzt.

Es blieb ihm noch die literarische Widerlegung Vogts, die ihn fast das ganze Jahr beschäftigte. Um all den Klatsch und Kram zu widerlegen, den Vogt aufgewühlt hatte, war ein weitläufiger Briefwechsel nötig, der sich über drei Weltteile erstreckte; erst am 17. November 1860 konnte Marx die Schrift abschließen, die er einfach »Herr Vogt« betitelte. Es ist die einzige seiner selbständigen Schriften, die bisher noch in keinem Neudruck erschienen [3] ist und nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden sein mag, was sich daraus erklärt, daß sie - an sich schon umfangreich: zwölf Bogen engen Drucks, so daß Marx selbst meinte, in gewöhnlichem Druck würde sie den doppelten Umfang haben - heute noch obendrein eines weitläufigen Kommentars bedürfte, um in allen Anspielungen und Beziehungen verstanden zu werden.

Das lohnt sich aber nicht durchweg. Viele der Emigrantengeschichten, auf die Marx eingehen mußte, weil der Angreifer ihn dazu zwang, sind heute mit Recht verschollen, und man wird schwer ein Gefühl des Unbehagens los, wenn man diesen Mann sich verteidigen hören muß gegen verleumderische Angriffe, die nicht einmal den Saum seiner Schuhsohlen beflecken konnten. Daneben bietet die Schrift dann freilich auch wieder für literarische Feinschmecker einen seltenen Genuß. Gleich auf der ersten Seite schlägt Marx das Thema an, das er mit dem Witz eines Shakespeare durchzuführen weiß, von »Karl Vogts Urtyp, dem unsterblichen |301|* Sir John Falstaff, der in seiner zoologischen Wiedergeburt keinesfalls an Stoff eingebüßt«[4] habe. Doch weiß er sich vor jeder Eintönigkeit zu hüten; seine gewaltige Belesenheit in alter und neuer Literatur lieferte ihm Pfeil auf Pfeil, um sie mit tödlicher Sicherheit auf den dreisten Verleumder abzuschnellen.

Die »Schwefelbande« entpuppte sich als eine kleine Gesellschaft lustiger Studenten, die nach dem Scheitern des badisch-pfälzischen Aufstandes im Winter von 1849 auf 1850 durch ihren Galgenhumor die Genfer Schönen bezaubert und die Genfer Spießer erschreckt hatte, aber seit zehn Jahren zerstoben war. Von ihrem harmlosen Treiben entwarf einer aus ihrer Mitte, der nun als wohlbestallter Kaufmann in der City von London lebte, Sigismund Borkheim, ein heiteres Bild, das Marx gleich im ersten Kapitel seiner Schrift ausstellte. Er gewann in Borkheim einen treuen Freund, wie er überhaupt die Genugtuung hatte, daß ihm viele Mitglieder der Emigration nicht nur in England, sondern auch in Frankreich und der Schweiz, mochten sie ihm sonst fernstehen oder selbst ganz unbekannt sein, ihre Hilfe gewährten, so namentlich auch Johann Philipp Becker, der kampferprobte Veteran der schweizerischen Arbeiterbewegung.

Doch es ist unmöglich, hier im einzelnen aufzuzählen, wie Marx die Ränke und Schwänke Vogts aufdeckte, so daß von ihnen auch nicht das armseligste Bröcklein übrigblieb. Wichtiger war ohnehin der vernichtende Gegenstoß, den er führte, indem er nachwies, daß Vogts Propaganda gleichermaßen in ihrer Perfidie wie in ihrer Unwissenheit ein Echo der Stichworte war, die der falsche Bonaparte ausgegeben hatte. In den Tuilerienpapieren, die nach dem Sturze des zweiten Kaiserreichs von der Regierung der nationalen Verteidigung herausgegeben worden sind, hat sich denn auch die Quittung über den Sündenlohn von 40.000 Franken gefunden, die Vogt im August 1859 aus den geheimen Fonds des Dezembermannes erhalten hatte: vermutlich durch Vermittelung ungarischer Revolutionäre, wenn man anders die für Vogt mildeste Auslegung gelten lassen will. Er war besonders mit Klapka befreundet und hatte nicht begriffen, daß die deutsche Demokratie anders zu Bonaparte stand als die ungarische. Dieser mochte erlaubt sein, was für jene ein schmählicher Verrat war.

Wie es aber immer um Vogts Antriebe stehen mochte, und selbst wenn er kein bares Geld aus den Tuilerien empfangen hätte, so hat Marx in der schlüssigsten und unwiderleglichsten Weise den Beweis geführt, daß Vogts Propaganda ganz auf die bonapartistischen Stichworte eingestellt war. Diese Kapitel sind mit den blendenden Schlaglichtern, die sie auf |302| die damaligen europäischen Zustände werfen, die wertvollsten Abschnitte der Schrift, die heute noch reiche Belehrung gewähren; Lothar Bucher, der damals eher feindliche als freundliche Beziehungen zu Marx hatte, nannte sie bei ihrem Erscheinen ein Kompendium der Zeitgeschichte. Lassalle aber bekannte in seiner ehrlichen und offenen Weise, indem er die Schrift »als ein in jeder Beziehung meisterhaftes Ding« begrüßte, er finde es jetzt ganz gerechtfertigt und in der Ordnung, daß Marx von Vogts Bestechlichkeit überzeugt sei. Marx habe den »inneren Beweis mit einer immensen Evidenz« geführt. Engels stellte die Schrift sogar über den »Achtzehnten Brumaire«; sie sei einfacher im Stil und wenn nötig, ebenso effektvoll, überhaupt die beste polemische Arbeit, die Marx geschrieben habe. Die historisch bedeutsamste seiner Polemiken ist sie jedenfalls nicht geworden; sie ist mehr und mehr im Schatten verschwunden, während der »Achtzehnte Brumaire« und nun gar die Streitschrift gegen Proudhon mehr und mehr ins Licht getreten sind. Zum Teil liegt das an dem Stoff, denn schließlich war der Fall Vogt doch nur eine verhältnismäßig unbedeutende Episode, zum Teil aber auch an Marx selbst, an seiner großen Art und auch an seinen kleinen Schwächen.

Es war ihm nicht gegeben, auf die niedrige Stufe der Polemik herabzusteigen, auf der man den Philister überzeugt, obgleich es sich in diesen Falle gerade doch auch darum handelte, die Vorurteile der Spießbürge auf den Kopf zu schlagen. Überzeugt hat die Schrift nur, wie es Frau Marx in einem Brief etwas naiv, aber um so treffender ausdrückte, »alle bedeutenden Leute«, das heißt mit anderen Worten, alle Leute, die gar nicht erst überzeugt zu werden brauchten, daß Marx nicht der Kujon sei, den Vogt aus ihm machen wollte, aber die Geschmack und Verstand genug besaßen, die literarischen Vorzüge der Schrift zu genießen; »selbe der alte Feind Ruge nannte sie eine gute Schnurre«, meinte Frau Marx. Aber für die vaterländischen Biedermänner war die Schrift viel zu hoch, und in ihre Kreise ist sie kaum gedrungen; noch in den Tagen des Sozialistengesetzes haben so anspruchsvolle Schriftsteller, wie Bamberger und Treitschke, die »Schwefelbande« Vogts gegen die deutsche Sozialdemokratie aufmarschieren lassen.

Dazu kam dann das ausgesuchte Pech, das Marx in allen geschäftliche Angelegenheiten, und wenigstens in diesem Falle nicht ohne eigene Schuld, hatte. Engels drängte darauf, die Schrift in Deutschland drucken und verlegen zu lassen, was unter den damaligen Preßverhältnissen schon möglich war, und Lassalle riet ebenfalls dazu. Dieser allerdings nur wegen der geringeren Kosten, während Engels noch triftigere Gründe ins Feld zu führen wußte: »Wir haben die Erfahrung mit der |303| Emigrationsliteratur nun schon hundertmal gemacht, immer dieselbe Effektlosigkeit, stets Geld und Arbeit in den Dreck geworfen, und den Arger dazu ... Was kann uns eine Antwort an Vogt nützen, die niemand zu sehen bekommt?« Marx aber bestand darauf, die Schrift einem jungen deutschen Verleger in London zu geben, auf Teilung von Gewinn und Verlust, und mit einem Vorschuß von 25 Pfund für die Druckkosten, zu dem Borkheim 12 und Lassalle 8 Pfund beisteuerten. Die neue Firma stand jedoch auf so schwachen Füßen, daß sie nicht nur den Vertrieb der Schrift nach Deutschland ungenügend besorgte, sondern sich alsbald selbst auflöste, und Marx hat nicht nur von seinem Vorschuß keinen Heller wiedergesehen, sondern auf eine gerichtliche Klage, die ein Sozius des Verlegers gegen ihn anstrengte, fast ebensoviel nachzahlen müssen, da er versäumt hatte, einen schriftlichen Vertrag abzufassen, und nun für die gesamten Unkosten des Unternehmens haftbar gemacht wurde.

Als der Streit mit Vogt begann, schrieb ihm sein Freund Imandt: »Ich möchte nicht dazu verurteilt sein, darüber zu schreiben, und ich werde mich höchlichst wundern, wenn es Dir möglich sein wird, in eine solche Sauce Deine Hand zu stecken.« Ähnliche Abmahnungen wurden von russischen und ungarischen Emigranten an Marx gerichtet. Heute wäre man versucht zu wünschen, daß er auf diese Stimmen gehört hätte. Der Teufelskrakeel hat ihm einige neue Freunde geworben und ihn namentlich wieder mit dem Londoner Arbeiterbildungsverein, der sofort mit aller Wucht für ihn eintrat, in freundliche Beziehungen gebracht. Aber das große Werk seines Lebens hat er eher gehemmt als gefördert, trotz oder vielmehr wegen der kostbaren Opfer an Kraft und Zeit, die er ohne rechten Gewinn verschlang, und auch im eigenen Hause hat er ihm schweres Ungemach geschaffen.

 

6. Häusliches und Persönliches

Härter als Marx selbst war seine Frau, die mit ihrer ganzen Seele an ihm hing, durch »den schrecklichen Ärger mit dem infamen Angriff« Vogts getroffen worden. Er kostete ihr viele schlaflose Nächte, und wie tapfer sie immer aushielt und das umfangreiche Manuskript für den Druck abschrieb, so brach sie doch zusammen, als sie kaum den letzten Federzug getan hatte. Der herbeigerufene Arzt erklärte, sie sei in den Pocken erkrankt und die Kinder müßten sofort das Haus verlassen.

|304| Es kamen furchtbare Tage. Die Kinder wurden von Liebknechts aufgenommen und Marx selbst übernahm mit Lenchen Demuth die Pflege seiner Frau. Sie litt Unsägliches an brennenden Schmerzen, an Schlaflosigkeit, an Todesangst um ihren Mann, der nicht von ihrem Bette wich, an dem Verlust aller äußeren Sinne, während ihr Bewußtsein stets klar blieb. Nach einer Woche erst trat die rettende Krisis ein. Dank dem Umstande, daß Frau Marx zweimal geimpft worden war. Und schließlich erklärte der Arzt die schreckliche Krankheit noch für ein Glück. Die nervöse Überreizung, in der Frau Marx seit vielen Monaten gelebt hatte, war die Ursache gewesen, daß sie das Gift in einem Laden oder Omnibus oder sonstwo aufgenommen hatte, aber ohne diese Krankheit hätte ihr Nervenzustand zu einem noch gefährlicheren Nervenfieber oder ähnlichem geführt.

Kaum begann sie zu genesen, als Marx selbst durch übergroße Angst, Sorge und Quälereien aller Art aufs Krankenlager geworfen wurde. Zum ersten Male trat sein chronisches Leberleiden in akuter Form auf. Auch hier sah der Arzt die Ursache in der ewigen Aufregung. Während Marx für die mühsame Arbeit an »Herrn Vogt« nicht einen Heller einnahm, setzte die »New-York Daily Tribune« ihn wieder einmal auf Halbsold, und die Gläubiger stürmten das Haus. Nach seiner Genesung entschloß sich Marx, wie seine Frau an Frau Weydemeyer schrieb, »einen Raubzug nach Holland, ins Land der Väter, des Tabaks und des Käses zu machen«; er wolle sehen, ob er seinem Onkel einige Spezies ablocken könne.

Dieser Brief ist vom 11. März 1861 datiert, und wie er von sonnigem Humor durchleuchtet ist, legt er beredtes Zeugnis ab für die »Schwungkraft der Natur«, die Jenny Marx in ihrer Art nicht weniger besaß als ihr Gatte. Weydemeyers, denen im amerikanischen Exil auch ihr Päckchen an Sorgen beschieden gewesen war, hatten sich nach langen Jahren des Schweigens wieder gemeldet, und Frau Marx schüttete »der tapferen, treuen Leidensgefährtin, Kämpferin und Dulderin« sofort ihr ganzes Herz aus. Was sie in allem Elend und Jammer aufrecht erhielt, »der Glanzpunkt unseres Daseins, die Lichtseite unseres Lebens«, war die Freude an ihren Kindern. Die siebzehnjährige Jenny ähnelte mehr dem Vater, »mit den dunkeln, glänzenden, reichen Haaren und den ebenso dunkeln, glänzenden, sanften Augen und dem dunkeln Kreolenteint, der aber echt englische blühende Tinten angenommen hat«. Die fünfzehnjährige Laura war mehr das Ebenbild der Mutter, »mit dem wellenförmigen, sich kräuselnden, kastanienbraunen Haar und den grünlich schillernden Augen, die wie ewige Freudenfeuer flackern«. »Ein wahrhaft |305|* blühendes Kolorit zeichnet beide Schwestern aus, die wirklich beide so wenig eitel sind, daß ich mich oft im stillen über sie wundere um so mehr, als ich von ihrer Frau Mama aus ihren jüngeren Jahren, als sie noch im Flügelkleide war, nichts gleiches berichten kann.«

Aber soviel Freude die beiden älteren Töchter den Eltern machten, so war »der Abgott und Verzug des ganzen Hauses« doch das jüngste Töchterchen Eleanor oder Tussy, wie ihr Kosename lautete. »Das Kind wurde gerade geboren, als mein armer lieber Edgar von uns schied, und alle Liebe zum Brüderchen, alle Zärtlichkeit für ihn wurde nun auf das kleine Schwesterchen übertragen, das die älteren Mädchen mit fast mütterlicher Sorgfalt gehegt und gepflegt haben. Es gibt aber auch wohl kaum ein lieblicheres Kind, bildhübsch und launigen Humors. Besonders zeichnet sich das Kind durch sein allerliebstes Sprechen und Erzählen aus. Das hat es von seinen Brüdern Grimm gelernt, die Tag und Nacht seine Begleiter sind. Wir alle lesen uns stumm und dumm an den Märchen, aber wehe uns, wenn im Rumpelstilzchen oder im König Drosselbart oder im Schneewittchen auch nur eine Silbe ausgelassen wird. Durch diese Märchen hat das Kind neben dem Englischen, das in der Luft liegt, auch das Deutsche gelernt, das es mit besonderer Regelrichtigkeit und Pünktlichkeit spricht. Das Kind ist Karls wahrer Liebling und lacht und schwatzt ihm manche Sorge weg.« Dann wird auch des treuen Hausgeistes Lenchen gedacht. »Fragen Sie Ihren lieben Mann nach ihr; er wird Ihnen sagen, welch einen Schatz ich an ihr habe. Sie ist seit sechzehn Jahren durch Sturm und Wetter mit uns gesegelt.« Der köstliche Brief schließt mit einem Bericht über die Freunde, die, wo sie sich ihrem Karl nicht ganz bewährt haben, nach echter Frauenart strenger beurteilt werden als von ihm selbst. »Ich liebe halbe Maßnahmen nicht«; so hat Frau Jenny mit dem weiblichen Teil der Familie Freiligrath ganz gebrochen.

Derweil war der »Raubzug« in Holland beim Onkel Philips leidlich geglückt. Von da ging Marx nach Berlin, um einen Plan zu verfolgen, den Lassalle wiederholt angeregt hatte, die Gründung eines eigenen Parteiorgans, dessen Notwendigkeit sich in der Krise des Jahres 1859 besonders fühlbar gemacht hatte und dessen Möglichkeit durch die Amnestie geschaffen worden war, die der nunmehrige König Wilhelm im Januar 1861 bei seiner Thronbesteigung erlassen hatte. Sie war schäbig genug, voller Falltüren und Hintertreppen, aber sie gestattete den ehemaligen Redakteuren der »Neuen Rheinischen Zeitung« immerhin die Heimkehr nach Deutschland.

In Berlin wurde Marx von Lassalle »mit großer Freundschaft« aufgenommen, allein der »Platz« blieb ihm »persönlich widrig«. Keine |306| hohe Politik, sondern nur Zank mit der Polizei und der Gegensatz zwischen Militär und Zivil. »Der Ton, der in Berlin herrscht, ist frech und frivol. Die Kammern sind verachtet.« Selbst im Vergleich mit der Vereinbarern von 1848, die sicher auch keine Titanen gewesen seien, sah Marx in dem preußischen Abgeordnetenhaus mit seinen Simsons und Vinckes »ein sonderbares Mixtum von Beamten- und Schulstube«; die einzigen wenigstens anständig aussehenden Figuren in diesem Pygmäenstall seien Waldeck auf der einen Seite, auf der anderen Wagener und Don Quichotte von Blankenburg. Immerhin aber glaubte Marx einen allgemeinen Aufklärungsduft und in einem großen Teil des Publikums große Unzufriedenheit mit der bürgerlichen Presse zu spüren; Leute von jedem Range betrachteten eine Katastrophe als unvermeidlich. Bei den im Herbst bevorstehenden Wahlen würden die ehemaligen Vereinbarer, die der König als rote Republikaner fürchte, unbedingt gewählt werden, und über die neuen Militärvorlagen könne es zum Klappen kommen. So hielt Marx diesen Zeitungsplan Lassalles an und für sich für erwägenswert.

Aber doch nicht in der Ausführung, wie sie Lassalle plante. Lassalle wollte neben Marx Chefredakteur sein und als dritten Chefredakteur auch Engels zulassen, unter der Bedingung, daß Marx und Engels nicht mehr Stimmen haben dürften als er, da er sonst jedesmal überstimmt werden würde. Vermutlich hat Lassalle diesen abenteuerlichen Plan, der die geplante Zeitung von vornherein zum totgeborenen Kinde gemacht hätte, nur im Laufe eines flüchtigen Gespräches hingeworfen, indessen kommt es darauf um so weniger an, als Marx überhaupt nicht geneigt war, ihm einen irgend bestimmenden Einfluß einzuräumen. Geblendet durch das Ansehen, das er in gewissen Gelehrtenkreisen durch seinen »Heraklit« und in einem andern Kreise von Schmarotzern durch guten Wein und Küche habe, wisse Lassalle - so urteilte Marx - natürlich nicht, daß er im großen Publikum verrufen sei. »Außerdem seine Rechthaberei; sein Stecken im ›spekulativen Begriff‹ (der Bursche träumt sogar von einer neuen hegelschen Philosophie auf der 2ten Potenz, die er schreiben will), seine Infektion mit altem französischem Liberalismus, seine breitspurige Feder, Zudringlichkeit, Taktlosigkeit usw. Lassalle könnte als einer der Redakteure, unter strenger Disziplin, Dienste leisten. Sonst nur blamieren.« So berichtete Marx an Engels über die Verhandlungen mit Lassalle, mit dem Hinzufügen, er habe, um den Gastfreund nicht zu kränken, seinen endgültigen Beschluß verschoben, bis er mit Engels und Wilhelm Wolff beraten habe. Engels hatte ähnliche Bedenken wie Marx und winkte ab.

|307| Im übrigen war der ganze Plan ein spanisches Luftschloß, wie ihn Lassalle einmal vorahnend genannt hatte. Zu den Tücken der preußischen Amnestie gehörte auch, daß sie den Flüchtlingen der Revolutionsjahre, soweit sie ihnen die straflose Heimkehr unter halbwegs annehmbaren Bedingungen gewährte, doch keineswegs das Heimatsrecht wiedergab, das sie nach den preußischen Gesetzen durch mehr als zehnjährigen Aufenthalt im Auslande verloren hatten. Wer von ihnen heute heimkehrte, konnte morgen wieder durch die üble Laune irgendeines Polizeipaschas über die Grenze gejagt werden. Für Marx kam noch hinzu, daß er schon mehrere Jahre vor der Revolution, allerdings unter dem Druck preußischer Polizeiplackereien, aber doch durch ausdrücklichen Antrag, seine Entlassung aus dem preußischen Staatsverbande genommen hatte. Als sein bevollmächtigter Vertreter setzte nun Lassalle Himmel und Hölle in Bewegung, um ihm das preußische Staatsbürgerrecht zu erwerben; er machte zu diesem Zweck dem Berliner Polizeipräsidenten von Zedlitz wie dem Grafen Schwerin, dem Minister des Innern, einer Hauptsäule der Neuen Ära, die schönsten Tänze, aber vergebens! Zedlitz erklärte, es läge kein anderer Grund gegen die Naturalisation von Marx vor, als dessen »republikanische oder mindestens nicht royalistische Gesinnung«, und Schwerin antwortete auf Lassalles nachdrückliche Vorstellungen, er möge doch nicht dieselbe »Gesinnungsinquisition und Verfolgung wegen politischen Gesinnungen« treiben, die er an seinen Vorgängern Manteuffel und Westphalen so scharf getadelt habe, mit dem trockenen Bescheide, es seien »zur Zeit wenigstens durchaus keine besonderen Gründe vorhanden, die für die Erteilung der Naturalisation an den p. Marx sprechen könnten«. Ein Staatswesen wie das preußische, konnte den p. Marx allerdings nicht ertragen; darin hatten diese obskuren Minister schon recht, der Graf Schwerin wie seine Vorgänger Kühlwetter und Manteuffel.

Von Berlin unternahm Marx noch einen Abstecher in die Rheinlande, besuchte alte Freunde in Köln und seine betagte Mutter in Trier, die ihrer Auflösung entgegenging; in den ersten Tagen des Mai war er wieder in London. Er hoffte jetzt, dem gehetzten Leben der Familie ein Ende zu machen und sein Buch zu vollenden. In Berlin war ihm die wiederholt gescheiterte Anknüpfung mit der »Wiener Presse« gelungen, die ihm den Leitartikel mit einem Pfund und die Korrespondenz mit der Hälfte zu honorieren versprach; auch die Verbindung mit der »New-York Daily Tribune« schien sich wieder zu beleben. Sie druckte wiederholt seine Artikel mit ausdrücklichen Hinweisen auf ihre Vortrefflichkeit ab; »sonderbare Manier dieser Yankees«, meinte Marx, »ihren eignen |308| correspondents testimonia zu erteilen«. Auch die »Wiener Presse« machte »großes Wesen von seinen Beiträgen«. Aber die alten Schulden waren nie ganz abgetragen worden, und der Ausfall aller Einnahmen in den Tagen der Krankheit und der deutschen Reise half »den alten Dreck wieder aufschwemmen«; den Neujahrsgruß an Engels kleidete Marx in den Fluch, für sein Teil wünsche er das neue Jahr zum Teufel, wenn es dem alten Jahre gleichen sollte.

Das Jahr 1862 glich seinem Vorgänger nicht nur, sondern übertraf ihn noch an Schrecknissen. Die »Wiener Presse« erwies sich trotz aller Reklame, die sie mit Marx trieb, womöglich noch ruppiger als das amerikanische Blatt. Bereits im März schrieb Marx an Engels: »Es ist mir gleichgültig, daß sie die besten Artikel nicht drucken (obgleich ich immer so schreibe, daß sie drucken können). Aber pekuniär geht das nicht, daß sie auf 4-5 Artikel einen drucken und nur einen zahlen. Das setzt mich tief unter die penny-a-liner [Mehring übersetzt: Zeilenreißer].« Mit der »New-York Daily Tribune« hörte im Laufe des Jahres überhaupt jede Verbindung auf, aus Gründen, die sich im einzelnen nicht mehr feststellen lassen, im allgemeinen aber auf den amerikanischen Sezessionskrieg zurückzuführen sind.

Obgleich ihn dieser Krieg so in das größte Pech brachte, begrüßte Marx ihn mit der lebhaftesten Sympathie. »Man muß sich nicht darüber täuschen«, schrieb er einige Jahre später in der Vorrede seines wissenschaftlichen Hauptwerks; »wie der amerikanische Unabhängigkeitskrieg des 18. Jahrhunderts die Sturmglocke für die europäische Mittelklasse läutete, so der amerikanische Bürgerkrieg d. 19. Jahrh. für die europäische Arbeiterklasse.«[5] In seinem Briefwechsel mit Engels verfolgte er den Verlauf des Krieges mit eingehendem Interesse. Über die militärischen Einzelheiten ließ er sich, da er sich nur als Laien in der Kriegswissenschaft betrachtete, gern von Engels belehren, und was Engels darüber zu sagen hatte, ist noch heute von hohem, nicht nur historischem, sondern auch politischem Interesse; so leuchtete er der Militär- und Milizfrage bis auf den Grund mit dem tiefen Worte: Erst eine kommunistisch eingerichtete und erzogene Gesellschaft kann sich dem Milizsystem sehr nähern, und auch da noch asymptotisch [Mehring übersetzt: ohne es zu erreichen].« Aber in anderem Sinne, wie es der Dichter gemeint hat, bewährte sich hier das Wort, daß sich in der Beschränkung erst der Meister zeige.

Die Meisterschaft, die Engels im militärischen Urteil besaß, schränkte seinen allgemeinen Gesichtskreis ein. Die elende Kriegführung der Nordstaaten ließ ihn mitunter an ihre Niederlage glauben. »Was mich |309| bei den Yankees an allem Erfolg irremacht«, schrieb er im Mai 1862, »ist nicht die militärische Sachlage an und für sich. Sie ist es nur als Resultat der Schlaffheit und Stumpfheit, die sich im ganzen Norden zeigt. Wo ist die revolutionäre Energie irgendwo im Volk? Sie lassen sich durchhauen und sind ordentlich stolz auf die Keile, die sie kriegen. Wo ist im ganzen Norden auch nur ein einziges Symptom, daß es den Leuten Ernst ist mit irgend etwas? Mir ist so was noch nicht vorgekommen, in Deutschland in der schlimmsten Zeit nicht. Die Yankees scheinen sich im Gegenteil am meisten schon darauf zu freuen, daß sie ihre Staatsgläubiger prellen werden.« So meinte er im Juli, es sei für den Norden alles aus, und im September, die Kerle im Süden, die wenigstens wüßten, was sie wollten, kämen ihm der schlappen Wirtschaft im Norden gegenüber wie Helden vor.

Dagegen hielt Marx unerschütterlich am Siege des Nordens fest. Er antwortete im September: »Was die Yankees angeht, so bin ich sicher nach wie vor der Ansicht, daß der Norden schließlich siegt ... Die Art, wie der Norden Krieg führt, nicht anders zu erwarten von einer bürgerlichen Republik, wo der Schwindel so lange souverän gethront hat. Der Süden, eine Oligarchie, paßt besser dazu, namentlich eine Oligarchie, wo die ganze produktive Arbeit den niggers zufällt und die 4 Millionen ›white trash‹ flibustiers [Mehring übersetzt: weiße Freibeuter] von Profession sind. Trotz alledem wollte ich meinen Kopf dagegen wetten, daß diese Burschen den Kürzern ziehn ...« Marx siegte mit der Auffassung, daß auch der Krieg in letzter Instanz durch die ökonomischen Zustände bestimmt wird, worin die Kriegführenden leben.

Diese wundervolle Klarheit war um so bewundernswerter, als derselbe Brief zeigt, in wie pressender Not Marx damals lebte. Wie er an Engels schrieb, hatte er sich zu einem Schritt entschlossen, zu dem er sich weder vor- noch nachher hat entschließen können: er hatte sich um einen bürgerlichen Beruf beworben und besaß einige Aussicht, in einem englischen Eisenbahnbüro angestellt zu werden. Die Sache zerschlug sich - er wußte nicht, ob er es ein Glück oder Unglück nennen sollte - an seiner undeutlichen Handschrift. Aber die Not stieg höher und höher. Marx selbst kränkelte fortwährend; neben neuen Anfällen seines alten Leberleidens begannen ihn, auf lange Jahre hinaus, schmerzhafte Karbunkeln und Furunkeln zu plagen, und seine Frau drohte, unter der gänzlichen Aussichtslosigkeit der Lage, wieder zusammenzubrechen. Den Kindern mangelten selbst die für den Schulbesuch nötigen Kleider und Schuhe; während ihre Kameradinnen sich in dem Jahre der Weltausstellung |310| amüsierten, ängstigten sie sich in ihrem Elende vor jedem Besuch. Die älteste Tochter, die nun erwachsen genug war, die ganzen Verhältnisse zu durchschauen, begann schwer zu leiden; hinter dem Rücken der Eltern machte sie den Versuch, sich fürs Theater ausbilden zu lassen.

So befreundete sich Marx mit einem Gedanken, den er schon lange erwogen, aber mit Rücksicht auf die Erziehung der Töchter immer wieder aufgeschoben hatte. Er wollte dem Landlord, der ihm schon den Pfänder ins Haus geschickt hatte, seine Möbel überlassen, allen übrigen Gläubigern gegenüber sich für bankrott erklären, den beiden älteren Töchtern durch die Vermittlung einer befreundeten englischen Familie Stellen als Gouvernanten besorgen, Lenchen Demuth in einen anderen Dienst entlassen, selbst aber mit seiner Frau und dem jüngsten Töchterchen in eine der Mietskasernen ziehen, die für die Bedürfnisse der armen Volksklassen eingerichtet waren.

Engels wandte dies Äußerste ab. Er hatte im Frühjahr 1860 seinen Vater verloren, danach eine günstigere Stellung, freilich auch mit größeren Repräsentationspflichten, in der Firma Ermen & Engels erhalten und dazu die Anwartschaft, später als Teilhaber einzutreten. Aber die amerikanische Krisis drückte schwer und beschränkte seine Einnahmen empfindlich. In den ersten Tagen des Jahres 1863 traf ihn das Unglück, Mary Burns zu verlieren, das irische Volkskind, dem er seit zehn Jahren durch freie Liebe verbunden war. Tief erschüttert schrieb er an Marx: »Ich kann Dir nicht sagen, wie mir zumute ist. Das arme Mädchen hat mich mit ihrem ganzen Herzen geliebt.« Marx aber antwortete - und das zeigte schlagender als alles andere, wie hoch ihm das Wasser bis an den Hals stand - nicht so teilnehmend, wie Engels erwarten durfte; er ging mit einigen, innerlich kühlen Worten über den Todesfall hinweg und schilderte eingehend die verzweifelte Lage, worin er sich befand; könne er keine größere Summe erheben, so dauere die Wirtschaft kaum zwei Wochen mehr. Freilich fand er es selbst »scheußlich egoistisch«, dem Freund in diesem Augenblick mit solchen Dingen zu kommen. »Und, au bout du compte [Mehring übersetzt: Aber schließlich], was soll ich machen? In ganz London ist kein einziger Mensch, gegen den ich mich auch nur frei aussprechen kann, und in meinem eignen Hause spiele ich den schweigsamen Stoiker, um den Ausbrüchen von der andern Seite das Gegengewicht zu halten.« Gleichwohl fühlte sich Engels durch die »frostige Auffassung« seines Unglücks durch Marx verletzt, und er machte kein Hehl daraus in seiner Antwort, die er um einige Tage verzögerte. Über eine größere Summe könne er nicht verfügen, doch machte er mehrere Vorschläge, Marx dem Pech zu entreißen.

|311| Dieser zögerte seine Erwiderung ebenfalls hin, doch nur, um die Gemüter sich beruhigen zu lassen, nicht weil er sich in seinem Unrecht versteifte. Er bekannte es vielmehr ehrlich und lehnte nur den Verdacht der »Herzlosigkeit« ab: was ihn den Kopf hatte wirbeln machen, sprach er in diesem und einem späteren Briefe offen aus und zugleich in taktvoll versöhnender Form, denn es lag nahe, daß Engels sich am tiefsten gekränkt fühlen mußte, weil Frau Marx ihm kein Wort der Teilnahme an dem Tode seiner Geliebten hatte zukommen lassen. »Die Weiber sind komische Kreaturen, selbst die mit viel Verstand ausgerüsteten. Morgens weinte meine Frau über die Marie und Deinen Verlust, so daß sie ihr eignes Pech, was grade an dem Tage kulminierte, ganz vergaß, und abends glaubte sie, daß außer uns kein Mensch in der Welt leiden könne, der nicht den broker [Mehring übersetzt: Pfänder] im Hause und Kinder habe.« Engels war aber schon durch das eine Wort der Reue versöhnt. »Man kann nicht solange Jahre mit einem Frauenzimmer zusammenleben, ohne ihren Tod furchtbar zu empfinden. Ich fühlte, daß ich mit ihr das letzte Stück meiner Jugend begrub. Als ich Deinen Brief erhielt, war sie noch nicht begraben. Ich sage Dir, der Brief lag mir eine Woche lang im Kopf, ich konnte ihn nicht vergessen. Never mind [Mehring übersetzt: Gleichviel]. Dein letzter Brief macht ihn wett, und ich bin froh, daß ich nicht auch mit der Mary gleichzeitig meinen ältesten und besten Freund verloren habe.« Es war die erste, aber auch die letzte Spannung in dem Verhältnis der beiden Männer.

Durch einen »höchst gewagten Streich« brachte Engels 100 Pfund Sterling auf, durch die Marx soweit über Wasser gehalten wurde, daß er auf die Übersiedlung in eine Mietskaserne verzichten konnte. Er schlug sich dann mühsam durch das Jahr 1863, gegen dessen Schluß seine Mutter starb. Was er von ihr erbte, mag freilich nicht bedeutend gewesen sein. Einige Ruhe verschafften ihm erst die 800 bis 900 Pfund, die ihm als Haupterben Wilhelm Wolff testamentarisch vermachte.

Wolff starb im Mai 1864, tief betrauert von Marx und Engels. Er zählte noch nicht 55 Jahre; im Sturm und Wetter eines bewegten Lebens hatte er sich nie geschont, und wie Engels klagte, durch eigensinnige Pflichttreue in seinem Lehrerberufe sein Ende beschleunigt. Durch seine große Beliebtheit bei den Deutschen in Manchester war er, nachdem ihm das Exil zunächst arg mitgespielt hatte, in ganz behagliche Lebensverhältnisse gekommen, und es scheint auch, daß ihm sein väterliches Erbe nicht lange vor seinem Tode zugekommen ist. Marx hat später »seinem unvergeßlichen Freunde, dem kühnen, treuen, edlen Vorkämpfer des Proletariats« [6] den ersten Band seines unsterblichen Meisterwerks |312|* gewidmet, an dem ungestört zu arbeiten ihm der letzte Freundschaftsdienst Wolffs wesentlich erleichtert hat.

Auf die Dauer war die Sorge freilich nicht verscheucht, aber in so herz- und hirnzerreißender Form wie in diesen letzten Jahren, trat sie an Marx nicht wieder heran, da Engels im September 1864 auf fünf Jahre mit den Ermens einen Kontrakt abschloß, der ihn zum Teilhaber der Firma machte, so daß er mit denselben nimmermüden, aber nun mehr volleren Händen helfen konnte, wo Hilfe not tat.

 

7. Die Agitation Lassalles

In den Tagen schwerster Bedrängnis, im Juli 1862, stattete Lassalle seinen Gegenbesuch in London ab.

»Um gewisse dehors dem Burschen gegenüber aufrechtzuerhalten hatte meine Frau alles nicht Niet- und Nagelfeste ins Pfandhaus zu bringen«, schrieb Marx an Engels. Lassalle hatte keine Ahnung von diesen traurigen Verhältnissen; er nahm den Schein, den Marx und seine Frau um sich verbreiteten, für Wirklichkeit; als sorgsame Schaffnerin des Hauses hat Lenchen Demuth den gesegneten Appetit dieses Besuchs niemals vergessen. So entstand eine »scheußliche Position«, und es wirf keinen Schatten auf Marx, wenn er sich, zumal bei Lassalles Auftreten, das niemals an übermäßiger Bescheidenheit litt, nicht völlig jene Stimmung ferngehalten hat, in der Schiller einmal von Goethe sagte: Wie leicht ist diesem Menschen alles geworden und wie schwer muß ich um alles ringen!

Erst beim Abschied, nach mehrwöchigem Aufenthalt, scheint Lassalle die Lage der Dinge durchschaut zu haben. Er bot seine Hilfe an und wollte bis zum Jahreswechsel 15 Pfund liefern; auch dürfe Marx bis zum beliebigen Betrage Wechsel auf ihn ziehen, wenn ihm die Zahlung von Engels oder anderen versprochen würde. Mit Hilfe Borkheims versuchte Marx sich auf diese Weise 400 Taler zu verschaffen, doch machte Lassalle nunmehr sein Akzept brieflich davon abhängig, daß »zur Ausschließung aller unvorhergesehenen Umstände und um Lebens oder Sterbens willen« Engels sich schriftlich verpflichten müsse, ihn acht Tage vor Verfall des Wechsels in den Besitz der Deckungssumme zu setzen. Das Mißtrauen an seiner persönlichen Versicherung konnte Marx nicht angenehm berühren, doch bat ihn Engels, sich nicht über »diese Eseleien« zu ereifern, und stellte sofort die gewünschte Bürgschaft aus.

|313| Der weitere Verlauf dieser finanziellen Angelegenheit ist nicht ganz klar; am 29. Oktober schrieb Marx an Engels, Lassalle, der »sehr erzürnt« auf ihn sei, verlange die Deckung an seine persönliche Adresse geschickt, da er keinen Bankier habe, und am 4. November, Freiligrath sei bereit, die 400 Taler an Lassalle zu übermitteln. Am nächsten Tage antwortete Engels, er werde »morgen« 60 Pfund an Freiligrath schicken. Zugleich aber sprachen beide von einer »Erneuerung« des Wechsels, und dabei muß es irgendwie gehapert haben; wenigstens äußerte Lassalle am 24. April 1864 gegen eine dritte Person, er schreibe seit zwei Jahren nicht mehr an Marx, weil er »aus finanzieller Veranlassung« mit ihm gespannt sei. In der Tat hat Lassalle Ende 1862 zuletzt an Marx geschrieben und ihm seine Flugschrift »Was nun?« übermittelt. Der Brief ist nicht erhalten, doch gab Marx in einem Schreiben an Engels 1863 als seinen Inhalt die Bitte um Rücksendung eines Buches an, und am 12. Juni schrieb er ebenfalls an Engels nach einer scharfen Kritik an Lassalles Agitation: »Ich habe mich seit Anfang dieses Jahrs nicht entschließen können, dem Kerl zu schreiben«, wonach Marx den Briefwechsel aus politischem Verdruß abgebrochen hat.

Deshalb braucht kein eigentlicher Widerspruch zwischen beiden Angaben zu sein; es mag eben eins zum anderen gekommen sein. Die äußerst unbehaglichen Umstände, unter denen die beiden Männer sich zum letzten Male persönlich begegnet sind, haben wohl beigetragen, politischen Meinungsverschiedenheiten zu verschärfen. Diese Meinungsverschiedenheiten waren ohnehin mindestens nicht geringer geworden seit dem Besuche, den Marx in Berlin abgestattet hatte.

Im Herbste 1861 hatte Lassalle eine Reise nach der Schweiz und Italien gemacht, war in Zürich mit Rüstow und auf der Insel Caprera mit Garibaldi bekannt geworden; auch in London suchte er Mazzini auf. Er scheint sich für einen etwas phantastischen und niemals ausgeführten Plan der italienischen Aktionspartei interessiert zu haben, wonach Garibaldi mit seinen Freischaren nach Dalmatien übersetzen und von hier aus Ungarn insurgieren sollte. Von Lassalle selbst liegt darüber nichts Urkundliches vor, und es kann sich im schlimmsten Falle nur um einen vorübergehenden Einfall gehandelt haben. Denn Lassalle trug ganz andere Dinge im Kopfe, mit deren Ausführung er schon, ehe er nach London kam, durch zwei Vorträge begonnen hatte.

Für diese Pläne in Marx einen Gefährten zu gewinnen, lag ihm ungleich mehr am Herzen als all die italienischen Geschichten. Aber Marx erwies sich noch unzugänglicher als im Vorjahre. Für ein Blatt, das Lassalle noch immer plante, wollte er wohl gegen gute Bezahlung als |314| englischer Korrespondent tätig sein, aber ohne irgendwie irgendeine Verantwortung oder politische Teilhaberschaft zu übernehmen, da er mit Lassalle in Nichts übereinstimme als einigen weit abliegenden Endzwecken. Nicht minder ablehnend stellte er sich zu dem Plan einer Arbeiteragitation, den ihm Lassalle entwickelte. Lassalle lasse sich zu sehr durch die unmittelbaren Zeitumstände beherrschen; er wolle einen Gegensatz gegen einen Zwerg wie Schulze-Delitzsch zum Zentralpunkt seiner Agitation machen: Staatshilfe gegen Selbsthilfe. Damit erneuere Lassalle die Parole, womit der katholische Sozialist Buchez in den vierziger fahren die wirkliche Arbeiterbewegung in Frankreich bekämpft habe. Wenn er den Chartistenruf des allgemeinen Wahlrechts wieder aufnehme, so übersehe er die Verschiedenheit zwischen den deutschen und den englischen Zuständen sowie die Lektionen des zweiten Kaiserreichs über dies Wahlrecht. Indem er allen natürlichen Zusammenhang mit der früheren Bewegung in Deutschland verleugne, verfalle er in die Fehler der Sektenstifter, den Fehler Proudhons, die reelle Basis nicht in den wirklichen Elementen der Klassenbewegung zu suchen, sondern dieser nach einem gewissen doktrinären Rezept ihren Verlauf vorschreiben zu wollen.

Lassalle ließ sich dadurch nicht abschrecken, sondern setzte seine Agitation fort, seit dem Frühjahr 1863 als ausgesprochene Arbeiteragitation. Er gab nicht einmal die Hoffnung auf, Marx dennoch von der Güte seiner Sache zu überzeugen, denn auch nachdem ihr Briefwechsel eingeschlafen war, sandte er seine Agitationsschriften regelmäßig an Marx. Sie fanden freilich eine Aufnahme, die Lassalle nicht erwartet haben mochte. Marx urteilte über sie in seinen Briefen an Engels mit einer Schärfe, die sich bis zur bittersten Ungerechtigkeit steigern konnte. Es erübrigt hier, in die unerfreulichen Einzelheiten einzugehen, die in dem Briefwechsel zwischen Marx und Engels nachgelesen werden können; genug, daß Marx diese Schriften, die seitdem Hunderttausenden von deutschen Arbeitern ein neues Leben geschenkt haben, als die Plagiate eines Sextaners abtat, wenn er sie las, oder wenn er sie nicht las, als Schülerpensa, mit deren Lesen sich nicht lohne, seine Zeit zu töten.

Nur ein flachköpfiges Pharisäertum kann darüber hinweggehen mit der albernen Redensart, als Lassalles Lehrer habe Marx so über Lassalle sprechen dürfen. Marx war kein Übermensch, und wollte selbst nicht mehr sein als ein Mensch, dem nichts Menschliches fremd war; gedankenlose Nachbeterei war gerade das, was er vertragen konnte! In seinem Sinne ehrt man ihn nicht minder, wenn man das Unrecht |315| das er getan hat, als wenn man das Unrecht sühnt, das ihm widerfahren ist. Und er selbst gewinnt mehr, wenn man seinem Verhältnis zu Lassalle mit unbefangener Kritik auf den Grund geht, als wenn man den buchstabengläubigen Nachbetern folgt, die, nach dem Lessingischen Vergleich, mit seinen Pantoffeln in der Hand, den von ihm gebahnten Weg daherschlendern.

Marx war der Lehrer Lassalles, und er war es auch wieder nicht. Unter einem bestimmten Gesichtspunkte hätte er von Lassalle sagen können, was Hegel auf seinem Sterbebett von seinen Schülern gesagt haben soll: Nur einer hat mich verstanden, und der eine hat mich mißverstanden. Lassalle war der unvergleichlich genialste Anhänger, den Marx und Engels gewonnen hatten, aber das A und O ihrer neuen Weltanschauung, den historischen Materialismus, hat er nie mit völliger Klarheit erfaßt. Er wurde in der Tat den »spekulativen Begriff« der Hegelschen Philosophie niemals los, und so sehr er die weltgeschichtliche Bedeutung des proletarischen Klassenkampfs begriff, so vollzog sich dies Begreifen doch erst in den idealistischen Denkformen, die in erster Reihe dem bürgerlichen Zeitalter eigentümlich waren, in den Denkformen der Philosophie und der Rechtswissenschaft.

Damit hing zusammen, daß er als Ökonom nicht entfernt an Marx heranreichte und dessen ökonomische Ansichten unzulänglich auffaßte oder auch ganz mißverstand. Marx selbst hat ihn darin gelegentlich zu milde, häufiger freilich zu scharf beurteilt. Wenn Marx in der Wiedergabe seiner Werttheorie durch Lassalle nur »bedeutende Mißverständnisse« fand, so könnte man eher sagen, daß Lassalle diese Theorie überhaupt nicht verstanden habe. Lassalle entnahm aus ihr nur das, was seiner rechtsphilosophischen Weltanschauung zusagte: den Nachweis, daß die allgemeine gesellschaftliche Arbeitszeit, die den Wert bildet, die gemeinsame Produktion der Gesellschaft notwendig mache, um dem Arbeiter den vollen Ertrag seiner Arbeit zu sichern. Für Marx aber war die von ihm entwickelte Werttheorie die Lösung aller Rätsel, die die kapitalistische Produktionsweise einschließt, ein Faden, woran sich die Wert- und Mehrwertbildung verfolgen ließ als ein weltgeschichtlicher Prozeß, der die kapitalistische in die sozialistische Gesellschaft umwälzen muß. Lassalle übersah den Unterschied zwischen der Arbeit, sofern sie in Gebrauchswerten, und der Arbeit, sofern sie in Tauschwerten resultiert, jene zwieschlächtige Natur der in den Waren enthaltenen Arbeit, die für Marx der Springpunkt war, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie drehte. In diesem entscheidenden Punkte tat sich der tiefste Unterschied auf, der zwischen Lassalle und Marx bestand, |316| der Unterschied zwischen rechtsphilosophischer und ökonomisch-materialistischer Auffassung.

In anderen ökonomischen Fragen hat Marx allzu scharf über Lassalles Schwächen geurteilt, so namentlich über die ökonomischen Hauptpfeiler, auf die Lassalle seine Agitation stützte: das von ihm so getauft eherne Lohngesetz und die Produktivassoziationen mit Staatskredit. Marx meinte, jenes habe Lassalle den englischen Ökonomen Malthus und Ricardo, diese aber dem französischen katholischen Sozialisten Buchez entlehnt. Tatsächlich hat Lassalle beides dem »Kommunistischen Manifest« entnommen.

Aus der Bevölkerungstheorie des Malthus, wonach die Menschen sich immer schneller vermehren als die Nahrungsmittel, hatte Ricardo das Gesetz abgeleitet, wonach sich der durchschnittliche Arbeitslohn auf die in einem Volk gewohnheitsmäßig zur Fristung der Existenz und zu Fortpflanzung erforderliche Lebensnotdurft beschränke. Diese Begründung des Lohngesetzes durch ein angebliches Naturgesetz hat Lassalle niemals übernommen; er hat die Bevölkerungstheorie des Malthus ebenso scharf bekämpft wie Engels und Marx. Nur für die kapitalistische Gesellschaft, »unter den heutigen Verhältnissen, unter der Herrschaft von Angebot und Nachfrage nach Arbeit«, betonte er den »ehernen« Charakter des Lohngesetzes, und darin folgte er den Spuren des »Kommunistischen Manifestes«.

Erst drei Jahre nach Lassalles Tode hat Marx den elastischen Charakter des Lohngesetzes nachgewiesen, wie es sich auf dem Höhepunkt der kapitalistischen Gesellschaft gestaltet, indem es seine Grenze nach oben hin in dem Verwertungsbedürfnis des Kapitals findet und nach unten hin in dem Maße an Elend, das der Arbeiter ertragen kann, ohne den augenblicklichen Hungertod zu sterben. Innerhalb dieser Schranken wird die Lohnhöhe nicht durch die natürliche Bewegung der Bevölkerung bestimmt, sondern durch den Widerstand, den die Arbeiter der steten Tendenz des Kapitals, möglichst viel unbezahlte Arbeit au ihrer Arbeitskraft zu quetschen, entgegensetzen. Dadurch gewinnt die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterklasse für den proletarischen Emanzipationskampf eine ganz andere Bedeutung, als Lassalle ihr zuerkennen wollte.

Blieb Lassalle in diesem Punkt an ökonomischer Einsicht nur hinter Marx zurück, so verfiel er mit seinen Produktivassoziationen einem argen Mißverständnis. Er hat sie nicht von Buchez übernommen und sie auch nicht als Allheilmittel betrachtet, sondern als einen Anfang zu. Vergesellschaftung der Produktion, unter welchem Gesichtspunkt die |317| Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats und die Einrichtung von Nationalfabriken im »Kommunistischen Manifest« genannt werden. Hier neben einer Reihe anderer Maßregeln, von denen allen es heißt, daß sie »ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Lauf der Bewegung über sich selbst hinaustreiben und als Mittel zur Umwälzung der ganzen Produktionsweise unvermeidlich« [7] seien. Lassalle dagegen sah in seinen Produktivassoziationen »das organische, unaufhaltsam zu aller weiteren Entwicklung treibende und sie aus sich selbst entfaltende Senfkorn«. Dadurch verriet Lassalle allerdings eine »Infektion mit französischem Sozialismus«, indem er annahm, daß sich die Gesetze der Warenproduktion auf dem Boden der Warenproduktion beseitigen ließen.

Die ökonomischen Schwächen Lassalles, die hier nur in ein paar Hauptpunkten angedeutet werden konnten, waren wohl geeignet, Marx zu verstimmen. Was er längst ins reine gebracht hatte, war wieder ins ungewisse gestellt. Einige unwirsche Worte darüber waren durchaus begreiflich. Aber in seinem verständlichen Arger verkannte Marx doch, daß es im Grunde seine Politik war, die Lassalle trieb, trotz aller Mißgriffe in der Theorie. An das äußerste Ende einer einmal vorhandenen Bewegung anzuknüpfen, um sie so voranzutreiben, war die Praxis, die Marx selbst stets empfohlen und im Jahre 1848 auch befolgt hatte. Lassalle ließ sich durch die »unmittelbaren Zeitumstände« nicht mehr beherrschen, als es Marx in den Revolutionsjahren getan hatte. Wenn Lassalle als Sektenstifter allen natürlichen Zusammenhang mit der früheren Bewegung verleugnet haben sollte, so ist daran soviel richtig, daß Lassalle in seiner Agitation niemals den Kommunistenbund und das »Kommunistische Minifest« erwähnt hat. Aber in den mehreren hundert Nummern der »Neuen Rheinischen Zeitung« wird man ebenso erfolglos nach einer Erwähnung des Bundes und des »Manifestes« suchen.

Nach dem Tode beider Männer hat Engels die Taktik Lassalles zwar nur mittelbar, aber um so durchschlagender gerechtfertigt. Als sich in den Jahren 1886 und 1887 eine proletarische Massenbewegung in den Vereinigten Staaten zu begann, mit sehr konfusem Programm, schrieb Engels an den alten Freund Sorge: »Der erste große Schritt, worauf es in jedem neu in die Bewegung eintretenden Land ankommt, ist immer die Konstituierung der Arbeiter als selbständige politische Partei, einerlei wie, sobald es nur eine distinkte [Mehring übersetzt: besondere] Arbeiterpartei ist.« Wenn das erste Programm dieser Partei noch konfus und äußerst mangelhaft sei, so seien das |318| unvermeidliche, aber auch nur vorübergehende Übelstände. Ähnlich an andere Parteifreunde in Amerika. Die marxistische Theorie sei kein alleinseligmachendes Dogma, sondern die Darstellung eines Entwicklungsprozesses; man solle die unvermeidliche Konfusion des ersten Aufmarsches nicht noch schlimmer machen, indem man die Leute zwänge, Sachen hinabzuwürgen, die sie augenblicklich noch nicht begreifen könnten, aber bald lernen würden.

Dabei berief sich Engels auf das Vorbild, das er und Marx in den Revolutionsjahren gegeben hätten. »Als wir im Frühling 1848 nach Deutschland zurückkehrten, haben wir uns der demokratischen Partei angeschlossen als einzige Möglichkeit, das Ohr der Arbeiterklasse zu gewinnen; wir waren der fortgeschrittenste Flügel der Partei, aber immerhin ihr Flügel.« Und wie die »Neue Rheinische Zeitung« von dem »Kommunistischen Manifest« geschwiegen hatte, so warnte Engels, es in die amerikanische Bewegung zu werfen; das »Manifest« wie fast alle kleineren Sachen von Marx und ihm seien für Amerika noch viel zu schwer verständlich; die dortigen Arbeiter kämen erst in die Bewegung hinein, seien noch ganz roh, namentlich theoretisch enorm zurück; »es muß da der Hebel unmittelbar an die Praxis angesetzt werden, und dazu ist eine ganz neue Literatur nötig ... Sind die Leute erst einigermaßen auf der richtigen Bahn, dann wird das ›Manifest‹ seine Wirkung nicht verfehlen, jetzt würde es nur bei wenigen wirken.« Und als Sorge einwandte, wie tief das »Manifest« bei seinem Erscheinen auf ihn schon als Knaben gewirkt habe, erwiderte Engels: »Ihr waret vor 40 Jahren Deutsche mit deutschem theoretischem Sinn und deshalb wirkte das ›Manifest‹ damals, während es, obwohl französisch, englisch, flämisch, dänisch usw. übersetzt, bei den anderen Völkern absolut wirkungslos blieb.« Von diesem theoretischen Sinn war 1863, nach den langen Jahren bleierner Unterdrückung, in der deutschen Arbeiterklasse wenig mehr übrig; auch sie bedurfte einer langen Erziehung, um das »Manifest« wieder zu verstehen.

In dem aber, was Engels, unter steter und vollkommen zutreffend Berufung auf Marx, als die »Hauptsache« einer neu beginnenden Arbeiterbewegung bezeichnete, war Lassalles Agitation untadelhaft. Wenn er als Ökonom weit hinter Marx zurückstand, so war er ihm als Revolutionär durchaus ebenbürtig, es sei denn, man wolle tadeln, daß in ihm das rastlose Ungestüm der revolutionären Tatkraft die unermüdliche Geduld des wissenschaftlichen Forschers überwog. Alle seine Schriften - mit einziger Ausnahme des »Heraklit« - waren auf unmittelbare praktische Wirksamkeit berechnet.

|319| So baute er seine Agitation auf der breiten und festen Grundlage des Klassenkampfs auf und steckte ihr als unverrückbares Ziel die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse. Er schrieb der Bewegung auch keineswegs, wie Marx ihm vorwarf, nach einem gewissen doktrinären Rezept ihren Verlauf vor, sondern knüpfte an die »wirklichen Elemente« an, die schon von selbst eine Bewegung unter den deutschen Arbeitern hervorgerufen hatten: das allgemeine Stimmrecht und die Assoziationsfrage. Das allgemeine Stimmrecht hat Lassalle als Hebel des proletarischen Klassenkampfs viel richtiger eingeschätzt als es, wenigstens zu seiner Zeit, Marx und Engels taten, und was sich sonst immer gegen seine Produktivassoziationen mit Staatskredit einwenden ließ, so beruhten sie doch auf dem richtigen Grundgedanken, daß - um einige Worte zu zitieren, die Marx selbst einige Jahre später geäußert hat - »die Kooperativarbeit, um die arbeitenden Massen zu retten, zu nationalen Dimensionen anwachsen und folgerichtig durch Staatsmittel gefördert werden müsse«.[8] Als »Sektenstifter« konnte Lassalle höchstens äußerlich erscheinen durch die mitunter überschwängliche Verehrung, die ihm seine Anhänger entgegenbrachten, aber daran trug er wenigstens nicht die eigentliche und ursprüngliche Schuld. Er hat sich Mühe gegeben zu vermeiden, daß »die Bewegung vor Schafsköpfen die Gestalt einer bloßen Person annehme«; er hat nicht nur Marx und Engels, sondern auch Bucher und Rodbertus und manchen anderen noch für seine Agitation zu werben gesucht; wenn er dennoch keinen geistig ebenbürtigen Gefährten gewann, so war es natürlich, daß die Dankbarkeit der Arbeiter die nicht immer geschmackvollen Formen eines Personenkultus annahm. Sein Licht unter den Scheffel zu stellen, war er freilich der Mann auch nicht; die Selbstverleugnung, womit Marx seine Person immer hinter die Sache zurücktreten ließ, hat Lassalle nicht besessen.

Dann ist noch ein entscheidender Gesichtspunkt zu erwägen: der scheinbar heftige Kampf der liberalen Bourgeoisie mit der preußischen Regierung, aus dem heraus sich die Agitation Lassalles entwickelte. Seit dem Jahre 1859 hatten Marx und Engels den deutschen Dingen ihre erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt, aber wie ihre Briefe bis zum Jahre 1866 in mannigfacher Weise zeigen, doch nicht die richtige Fühlung mit ihnen gewonnen. Trotz ihrer Erfahrungen aus den Revolutionsjahren rechneten sie immer noch mit der Möglichkeit einer bürgerlichen und sogar militärischen Revolution, und wie sie die deutsche Bourgeoisie überschätzten, so unterschätzten sie die großpreußische Politik. Sie haben niemals die Eindrücke ihrer Jugend überwunden, wo ihre rheinische |320| Heimat in dem stolzen Bewußtsein moderner Kultur verächtlich auf die altpreußischen Stammprovinzen herabsah, und je mehr sich ihre Hauptaufmerksamkeit auf die zarischen Weltherrschaftspläne richtete, um so mehr sahen sie in dem preußischen Staat schlechthin nur ein russisches Paschalik. In Bismarck waren sie selbst geneigt, nur das Werkzeug eines russischen Werkzeugs zu erblicken, jenes »geheimnisvollen Mannes in den Tuilerien«, von dem sie schon 1859 gesagt hatten, daß er nur nach der Pfeife der russischen Diplomatie tanze; der Gedanke, daß die großpreußische Politik bei aller sonstigen Anfechtbarkeit zu Ergebnissen führen könne, die in Paris wie Petersburg gleich unangenehm überraschten, lag ihnen vollkommen fern. Hielten sie aber eine bürgerliche Revolution in Deutschland noch für möglich, so mußte ihnen Lassalles Schilderhebung als durchaus unzeitig erscheinen, und wenn sie anders richtig geurteilt hätten, so hätte ihnen niemand bereitwilliger zugestimmt als Lassalle.

Aber er sah die Dinge aus der Nähe und beurteilte sie treffender. Er ging gerade davon aus und siegte auch in diesem Zeichen, daß die Philisterbewegung der fortschrittlichen Bourgeoisie niemals zu etwas führen könne, »und wenn wir Jahrhunderte, und wenn wir durch ganze geologische Erdperioden warten wollten«. Fiel aber die Möglichkeit einer bürgerlichen Revolution fort, so sah Lassalle voraus, daß die nationale Einigung Deutschlands, soweit sie dann überhaupt noch möglich war, das Werk einer dynastischen Umwälzung sein würde, in der nach seiner Ansicht die neue Arbeiterpartei als treibender Keil wirken sollte. Allerdings, wenn er selbst schon in seinen Verhandlungen mit Bismarck die großpreußische Politik aufs Glatteis zu locken versuchte, so überschritt er, ohne schon ein Prinzip zu verletzen, doch die Gebote des politischen Takts, woran Marx und Engels gerechten Anstoß nehmen konnten und nahmen.

Was sie in den Jahren 1863 und 1864 von Lassalle trennte, waren im letzten Grunde wie im Jahre 1859, »gegensätzliche Urteile über tatsächliche Voraussetzungen«, womit der Schein persönlicher Gehässigkeit entfällt, der den harten Urteilen anhaftet, die Marx gerade in dieser Zeit über Lassalle gefällt hat. Aber überwunden hat Marx doch niemals völlig seine Vorurteile gegen den Mann, den die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie immer in dem gleichen Atem mit ihm und Engels nennen wird. Selbst die versöhnende Macht des Todes hat hier nicht dauernd gewirkt.

Durch Freiligrath erhielt Marx die Nachricht vom Tode Lassalles und telegraphierte sie am 3. September 1864 an Engels, der am nächsten |321| Tage antwortete: »Du kannst Dir denken, wie mich die Nachricht überraschte. Lassalle mag sonst gewesen sein, persönlich, literarisch, wissenschaftlich, wer er war, aber politisch war er sicher einer der bedeutendsten Kerle in Deutschland. Er war für uns gegenwärtig ein sehr unsichrer Freund, zukünftig ein ziemlich sichrer Feind, aber einerlei, es trifft einen doch hart an, wenn man sieht, wie Deutschland alle einigermaßen tüchtigen Leute der extremen Partei kaputt macht. Welcher Jubel wird unter den Fabrikanten und unter den Fortschrittsschweinhunden herrschen, L[assalle] war doch der einzige Kerl in Deutschland selbst, vor dem sie Angst hatten.«

Marx ließ einige Tage verstreichen, ehe er am 7. September schrieb: »Das Unglück des L[assalle] ist mir dieser Tage verdammt durch den Kopf gegangen. Er war doch noch immer einer von der vieille souche [Mehring übersetzt: alten Garde] und der Feind unsrer Feinde ... With all that [Mehring übersetzt: Bei alledem] tut's mir leid, daß in den letzten Jahren das Verhältnis getrübt war, allerdings durch seine Schuld. Andrerseits ist's mir sehr lieb, daß ich den Anreizungen von verschiednen Seiten widerstand und ihn nie während seines ›Jubeljahrs‹ angegriffen habe. Der Teufel mag wissen, der Haufen wird immer kleiner, neu kommt nicht's zu.« An die Gräfin Hatzfeld schrieb Marx tröstend: »Er starb jung - im Kampfe - als Achilles.« Als bald nachher der Schwätzer Blind sich auf Lassalles Unkosten wichtig machen wollte, fertigte ihn Marx mit den derben Worten ab: »Es liegt mir durchaus fern, einen Mann wie Lassalle und die wirkliche Tendenz seiner Agitation einem grotesken Clown, hinter dem nichts steht als sein eigener Schatten, verständlich machen zu wollen. Ich bin im Gegenteil überzeugt, daß Herr Karl Blind nur seinen von Natur ihm auferlegten Beruf erfüllt, wenn er nach dem toten Löwen tritt.« Und noch einige Jahre später hat Marx in einem Briefe an Schweitzer das »unsterbliche Verdienst Lassalles« anerkannt, nach fünfzehnjährigem Schlummer die deutsche Arbeiterbewegung wieder wachgerufen zu haben, trotz »großer Fehler«, die er in seiner Agitation begangen habe.

Aber es kamen dann auch wieder Tage, wo Marx über den toten Lassalle noch bitterer und ungerechter urteilte als nur je über den lebenden. So bleibt ein peinlicher Rest, der sich erst löst in dem erhebenden Gedanken, daß die moderne Arbeiterbewegung viel zu gewaltig ist, als daß auch der gewaltigste Kopf sie erschöpfen könnte.

 

 

Anmerkungen:


[1] Friedrich Engels: Po und Rhein, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 13, S. 225-268.

[2] Friedrich Engels: Savoyen, Nizza und der Rhein, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 13, S. 571-612.

[3] Karl Marx: Herr Vogt, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 14, S. 381-686.

[4] Karl Marx: Herr Vogt, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 14, S. 390.

[5] Karl Marx: Das Kapital, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 23, S. 15.

[6] Karl Marx: Das Kapital, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 23.

[7] Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S. 481.

[8] Mehring zitiert hier nicht die Marxsche Übersetzung, die am 21. und 30. Dezember 1864 im »Social-Demokrat« veröffentlicht worden war und auch den neueren Ausgaben zugrunde gelegt ist, sondern benutzt die Übersetzung, die Wilhelm Eichoff in seinem 1868 erschienenen Buch »Die Internationale Arbeiterassoziation« veröffentlichte, nachdem er sie von Marx hat autorisieren lassen. In der »Inauguraladresse« lautet das Zitat: »Um die arbeitenden Massen zu befreien, bedarf das Kooperativsystem der Entwicklung auf nationaler Stufenleiter und der Förderung durch nationale Mittel.« Karl Marx: Die Inauguraladresse der Internationalen Arbeiterassoziation, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 12.



 

Elftes Kapitel:

Die Anfänge der Internationalen

 

 

1. Die Gründung

 

|322| Einige Wochen nach Lassalles Tode, am 28. September 1864, wurde in London, auf einem großen Meeting in St. Martins Hall, die Internationale Arbeiterassoziation gegründet.

Sie war nicht das Werk eines einzelnen, kein »kleiner Körper mit einem großen Kopfe«, keine heimatlose Verschwörerbande; sie war weder das nichtige Schattenbild noch das ungeheure Schrecknis, wie in holdem Wechsel die von bösem Gewissen gepeitschte Phantasie de kapitalistischen Herolde behauptete. Sie war vielmehr eine Durchgangsform des proletarischen Emanzipationskampfes, und ihr geschichtliches Wesen bedingte sowohl, daß sie notwendig, als auch daß sie vergänglich war.

Die kapitalistische Produktionsweise als der Widerspruch in sich selbst, erzeugt die modernen Staaten und zerstört sie zugleich. Sie treibt die nationalen Gegensätze auf die Spitze, aber sie schafft auch alle Nationen nach ihrem Bilde um. Auf ihrem Boden ist dieser Gegensatz unlöslich, und an ihm scheiterte immer jene Verbrüderung der Völker, von der die bürgerliche Revolution soviel zu singen und zu sagen wußte. Indem die große Industrie Freiheit und Frieden zwischen den Nationen predigte, machte sie aus diesem Erdball ein Kriegslager, wie es keine frühere Periode der Geschichte gesehen hat.

Jedoch mit der kapitalistischen Produktionsweise fällt auch ihr innerer Widerspruch. Wohl kann sich der proletarische Emanzipationskampf nur auf nationalem Boden entwickeln; da sich der kapitalistische Produktionsprozeß innerhalb nationaler Schranken vollzieht, so steht jedes Proletariat zunächst seiner Bourgeoisie gegenüber. Aber das Proletariat unterliegt nicht dem unerbittlichen Konkurrenzkampf, der allen internationalen Freiheits- und Friedensträumen der Bourgeoisie ein so jähe und rasches Ende bereitet. Sobald die Arbeiter erkennen - und diese Erkenntnis fällt schon mit dem ersten Erwachen ihres Klassenbewußtseins zusammen -, daß sie die Konkurrenz in ihren eigenen Reihen aufheben |323|* müssen, um der Übermacht des Kapitals überhaupt einen wirksamen Widerstand entgegenzusetzen, so ist nur noch ein Schritt zu der tieferen Erkenntnis, daß auch die Konkurrenz zwischen den Arbeiterklassen der verschiedenen Länder aufhören müsse, vielmehr ihr gemeinsames Zusammenwirken notwendig sei, um die internationale Herrschaft der Bourgeoisie zu brechen.

Demgemäß machte sich in der modernen Arbeiterbewegung die internationale Tendenz schon sehr früh geltend. Was der Verstand der Bourgeoisie, der durch ihr Profitinteresse verbarrikadiert ist, nur als unpatriotische Gesinnung, als einen Mangel an Bildung und Verstand aufzufassen vermochte, das war nichts anderes als eine Lebensbedingung des proletarischen Emanzipationskampfes. Allein wenn dieser Kampf auch den Zwiespalt zwischen nationaler und internationaler Tendenz, worin die Bourgeoisie sich ewig windet, lösen kann und muß, so gebietet er hier sowenig wie sonst irgendwo über eine Zauberrute, die seinen und steilen Aufstieg in eine ebene und glatte Bahn wandeln kann. Die moderne Arbeiterklasse kämpft unter Bedingungen, die ihr von der geschichtlichen Entwicklung gestellt sind, die nicht in einem gewaltigen Ansturm überrannt, sondern nur dadurch überwunden werden können, daß sie verstanden werden im Sinne des Hegelschen Worts: Verstehen heißt überwinden.

Erschwert wurde dies Verständnis in hohem Grade dadurch, daß die Anfänge der europäischen Arbeiterbewegung, in denen sich alsbald ihre internationale Richtung aussprach, mannigfach zusammenfielen und sich durchkreuzten mit der Gründung großer Nationalstaaten, eben durch die kapitalistische Produktionsweise. Wenige Wochen, nachdem das »Kommunistische Manifest« die vereinigte Aktion des Proletariats in allen zivilisierten Ländern als eine unerläßliche Voraussetzung seiner Emanzipation verkündet hatte, brach die Revolution von 1848 aus, die in England und Frankreich zwar schon Bourgeoisie und Proletariat als feindliche Mächte gegeneinander stellte, aber in Deutschland und Italien erst nationale Unabhängigkeitskämpfe entfachte. Allerdings hat damals das Proletariat, soweit es sich schon handelnd betätigte, vollkommen richtig erkannt, daß diese Unabhängigkeitskämpfe, wenn auch keineswegs sein letztes Ziel, so doch eine Station auf dem Wege zu diesem Ziele waren; es hat den nationalen Bewegungen in Deutschland und Italien die tapfersten Kämpfer gestellt, und nirgends sind diese Bewegungen besser beraten gewesen als in der »Neuen Rheinischen Zeitung«, die von den Verfassern des »Kommunistischen Manifestes« herausgegeben wurde. Aber der nationale Kampf drängte naturgemäß den |324| internationalen Gedanken zurück, zumal als sich die Bourgeoisie in Deutschland und Italien unter reaktionäre Bajonette zu flüchten begann. In Italien organisierten sich Hilfsvereine der Arbeiter unter dem nichts weniger als sozialistischen, aber wenigstens republikanischen Banner Mazzinis, und in dem entwickelteren Deutschland, dessen Arbeitern schon seit den Tagen Weitlings die internationalen Zusammenhänge ihrer Sache nicht fremd waren, kam es eben um der nationalen Frage willen zu einem zehnjährigen Bruderkriege.

Anders lagen die Dinge in Frankreich und England, wo die nationale Einheit längst gesichert war, als die proletarische Bewegung begann. Hier war schon in vormärzlicher Zeit der internationale Gedanke sehr lebendig: Paris galt als Hauptstadt der europäischen Revolution, und London war die Metropole des Weltmarkts. Jedoch trat er auch hier mehr oder minder zurück nach den proletarischen Niederlagen.

Der furchtbare Aderlaß der Junischlacht lähmte die französische Arbeiterklasse, und der eiserne Druck des bonapartistischen Despotismus hinderte ihre gewerkschaftliche wie ihre politische Organisation. Sie fiel in das vormärzliche Sektenwesen zurück, aus dessen Wirrwarr zwei Richtungen deutlicher hervortraten, in denen sich gewissermaßen das revolutionäre und das sozialistische Element schied. Die eine Richtung knüpfte an Blanqui an, der kein eigentlich sozialistisches Programm hatte, sondern die politische Gewalt durch den kühnen Handstreich einer entschlossenen Minderheit erobern wollte. Die andere Richtung - und sie war die ungleich stärkere - stand unter dem geistigen Einfluß Proudhons, der mit seinen Tauschbanken zur Herstellung eines unentgeltlichen Kredits und ähnlichen doktrinären Experimenten von der politischen Bewegung ablenkte; von dieser Bewegung hatte Marx schon im »Achtzehnten Brumaire« gesagt, daß sie darauf verzichte, die alte Welt mit ihren eignen großen Gesamtmitteln umzuwälzen, vielmehr hinter dem Rücken der Gesellschaft, auf Privatweise, innerhalb ihrer beschränkten Existenzbedingungen ihre Erlösung zu vollbringen suche.

Eine in manchen Beziehung ähnliche Entwicklung vollzog sich nach dem Scheitern des Chartismus in der englischen Arbeiterklasse. Der große Utopist Owen lebte zwar noch in hohen Jahren, aber seine Schule versandete in religiösem Freidenkertum. Daneben entstand der Christliche Sozialismus der Kingsley und Maurice, der - sowenig er mit seinen kontinentalen Zerrbildern in einen Topf geworfen werden durfte - mit seinen Bildungs- und Genossenschaftsbestrebungen doch auch von dem politischen Kampf nichts wissen wollte. Aber selbst die gewerkschaftlichen Verbände der Trade Unions, die England vor Frankreich voraushatte |325|*, verharrten in politischer Gleichgültigkeit und beschränkten sich auf die Befriedigung ihrer nächstliegenden Bedürfnisse, die ihnen durch die fieberhafte Industrietätigkeit der fünfziger Jahre und durch die englische Vorherrschaft auf dem Weltmarkt erleichtert wurde.

Trotz alledem war aber auf englischem Boden die internationale Arbeiterbewegung erst sehr allmählich eingeschlafen. Ihre letzten Spuren lassen sich bis in das Ende der fünfziger Jahre verfolgen. Die Fraternal Democrats hatten ihr Dasein bis in die Tage des Krimkrieges fortgeschleppt, und auch nach ihrem völligen Einschlafen war ein Internationales Komitee und danach eine Internationale Assoziation entstanden, um die sich namentlich Ernest Jones bemüht hatte. Große Bedeutung hatten sie freilich nicht gewonnen, aber sie zeigten doch, daß der internationale Gedanke nie völlig erloschen war, sondern in schwachen Funken fortlebte, die durch kräftigere Windstöße leicht wieder zu hellen Flammen angefacht werden konnten.

Als solche Windstöße wirkten nacheinander die Handelskrise von 1857, der Krieg von 1859 und namentlich der Bürgerkrieg, der seit 1860 zwischen den Nord- und den Südstaaten der nordamerikanischen Union entbrannt war. Hatte die Handelskrise von 1857 der bonapartistischen Herrlichkeit in Frankreich den ersten nachhaltigen Stoß gegeben, so war der Versuch, diesen Stoß durch ein glückliches Abenteuer der auswärtigen Politik zu parieren, keineswegs gelungen. Die Kugel, die der Dezembermann ins Rollen gebracht hatte, war ihm längst aus den Händen geglitten. Die italienische Einheitsbewegung wuchs ihm über den Kopf, und die französische Bourgeoisie ließ sich mit dem mageren Lorbeer der Schlachten von Magenta und Solferino nicht abspeisen. Um ihren wachsenden Übermut zu dämpfen, lag der Gedanke nahe, der Arbeiterklasse einen größeren Spielraum zu gewähren; die Existenzmöglichkeit des zweiten Kaiserreichs bestand ja recht eigentlich in der gelungenen Lösung der Aufgabe, Bourgeoisie und Proletariat gegenseitig in Schach zu halten.

Natürlich dachte Bonaparte nicht an politische Zugeständnisse, wohl aber an gewerkschaftliche. Proudhon, der in den französischen Arbeiterkreisen den verhältnismäßig größten Einfluß hatte, war ein Gegner des Kaiserreichs, obgleich manche seiner paradoxen Einfälle den Anschein des Gegenteils erwecken mochten, aber er war auch ein Gegner der Streiks. Hier aber schien die französischen Arbeiter der Schuh am meisten zu drücken. Trotz der Abmahnungen Proudhons und der strengen Koalitionsverbote wurden von 1853 bis 1866 nicht weniger als 3.909 Arbeiter wegen Beteiligung an 749 Koalitionen strafrechtlich verurteilt. |326| Der nachgemachte Cäsar begann damit, die Verurteilten zu begnadigen. Dann unterstützte er die Entsendung von französischen Arbeitern auf die Londoner Weltausstellung von 1862, und zwar, wie sich nicht bestreiten läßt, in viel gründlicherer Weise, als der deutsche Nationalverein denselben sinnreichen Gedanken zu gleicher Zeit verwirklichte. Die Delegierten sollten von ihren gewerblichen Fachgenossen gewählt werden; es wurden in Paris 50 Wahlbüros für 150 Fächer gebildet, die im ganzen 200 Vertreter nach London sandten; die Kosten bestritt - neben einer freiwilligen Subskription - die kaiserliche und die städtische Kasse mit je 20.000 Franken. Bei ihrer Rückkehr durften die Delegierten ausführliche Berichte, die meist schon weit über das fachliche Gebiet hinausgriffen, durch den Druck verbreiten. Unter den damaligen Verhältnissen war es eine Haupt- und Staatsaktion, die dem ahnungsvollen Engel von Pariser Polizeipräfekten den Stoßseufzer entlockte, ehe sich der Kaiser auf solche Scherze einließe, sollte er lieber gleich die Koalitionsverbote aufheben.

In der Tat bekundeten die Arbeiter ihrem eigennützigen Gönner nicht den Dank, den er beanspruchte, sondern nur den Dank, den er verdiente. Bei den Wahlen von 1863 wurden in Paris für die Kandidaten der Regierung nur 82.000, für die Kandidaten der Opposition aber 153.000 Stimmen abgegeben, während bei den Wahlen von 1857 die Regierung noch 111.000, die Opposition aber erst 96.000 Wähler gemustert hatte. Man nahm allgemein an, daß die Abwandlung nur zum geringeren Teile durch die Abschwenkung der Bourgeoisie, hauptsächlich aber durch die veränderte Stellung der Arbeiterklasse zu erklären sei, die gerade jetzt, wo der falsche Bonaparte mit ihrem Interesse kokettierte, ihre Unabhängigkeit bekunden wollte, wenn sie zunächst auch nur unter der Fahne des bürgerlichen Radikalismus marschierte. Diese Annahme wurde bestätigt, als für einige Nachwahlen, die 1864 in Paris stattfanden, sechzig Arbeiter den Ziseleur Tolain als ihren Kandidaten aufstellten und ein Manifest erließen, worin sie das Wiedererwachen des Sozialismus ankündigten. Freilich hätten, hieß es darin, die Sozialisten aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt. Im Jahre 1848 seien die Arbeiter noch nicht zu einem klaren Programm gelangt; mehr aus Instinkt als Überlegung hätten sie dieser oder jener sozialen Theorie gehuldigt. Nun hielten sie sich fern von utopischen Übertreibungen und suchten nach sozialen Reformen. An solchen Reformen forderte Tolain Preß- und Vereinsfreiheit, Aufhebung der Koalitionsverbote, obligatorischen und unentgeltlichen Unterricht sowie Abschaffung des Kultusbudgets.

|327| Jedoch brachte es Tolain nur auf einige hundert Stimmen. Proudhon war wohl mit dem Inhalt des Manifestes einverstanden, aber er verwarf die Wahlbeteiligung, da ihm die Abgabe weißer Zettel ein schärferer Protest gegen das Kaiserreich zu sein schien; den Blanquisten war das Manifest zu gemäßigt, und die Bourgeoisie in ihrer liberalen und radikalen Schattierung, mit einzelnen Ausnahmen, fiel mit Hohn und Spott über das selbständige Auftreten der Arbeiter her, obgleich das Wahlprogramm Tolains ihnen noch gar keinen Anlaß zur Beunruhigung bot. Es war eine ganz ähnliche Erscheinung, wie sie sich gleichzeitig in Deutschland zeigte. Hierdurch ermutigt, wagte Bonaparte wieder einen Schritt vorwärts; im Mai 1864 wurde durch ein Gesetz zwar noch nicht das Verbot der Fachvereine aufgehoben, was erst vier Jahre später geschah; wohl aber wurden die Paragraphen des Code pénal beseitigt, die Koalitionen der Arbeiter für Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen untersagten.

In England waren zwar schon seit dem Jahre 1825 die Koalitionsverbote aufgehoben, aber die Existenz der Trade Unions war deshalb noch keineswegs weder rechtlich noch tatsächlich gesichert, und der Masse ihrer Mitglieder fehlte das politische Wahlrecht, das ihnen ermöglicht hätte, die gesetzlichen Hindernisse zu beseitigen, die ihnen den Kampf um eine höhere Lebenshaltung erschwerten. Das Aufkommen des kontinentalen Kapitalismus, das eine Unzahl von Existenzen entwurzelte, züchtete ihnen eine gefährliche Schmutzkonkurrenz heran: bei jedem Anlauf zur Erhöhung der Arbeitslöhne oder zur Verkürzung der Arbeitszeit drohten die Kapitalisten mit der Einfuhr französischer, belgischer, deutscher oder anderer ausländischer Arbeiter. Aufrüttelnd wirkte dann besonders der amerikanische Bürgerkrieg. Er rief eine Baumwollenkrisis hervor, die über die Arbeiter der englischen Textilindustrie das größte Elend brachte.

So wurden die Trade Unions aus ihrem beschaulichen Dasein erweckt. Es entstand ein Neuer Unionismus, der namentlich durch einige erfahrene Beamte der größten Trade Unions vertreten wurde: Allan von den Maschinenbauern, Applegarth von den Zimmerern, Lucraft von den Schreinern, Cremer von den Maurern, Odger von den Schuhmachern und andere. Diese Männer erkannten die Notwendigkeit des politischen Kampfes auch für die Gewerkschaften. Sie richteten ihr Augenmerk auf eine Wahlreform; sie waren die treibenden Kräfte bei einem Monstermeeting, das unter dem Vorsitze des radikalen Politikers Bright in St. James Hall stattfand und stürmischen Protest gegen den Plan Palmerstons erhob, zugunsten der südlichen Sklavenstaaten in der amerikanischen |328|* Bürgerkrieg einzugreifen, und als Garibaldi im Frühling 1864 einen Besuch in London abstattete, bereiteten sie ihm einen festlichen Empfang.

Das politische Wiedererwachen der englischen und der französischen Arbeiterklasse rief den internationalen Gedanken wieder wach. Schon bei der Weltausstellung von 1862 fand ein »Verbrüderungsfest« zwischen den französischen Delegierten und englischen Arbeitern statt. Enger geknüpft wurde das Band durch den polnischen Aufstand von 1863. Die polnische Sache war unter den revolutionären Elementen der westeuropäischen Kulturvölker von jeher äußerst populär; die Unterdrückung und Zerstückelung Polens machte die drei Ostmächte zu einer reaktionären Macht, die Wiederherstellung Polens war ein Stoß ins Herz der russischen Hegemonie über Europa. Schon von den Fraternal Democrats waren die Gedenktage der polnischen Revolution von 1830 regelmäßig gefeiert worden; unter begeisterten Kundgebungen für die polnische Nation, doch auch immer schon in dem Sinne, daß die Wiederherstellung eines freien und demokratischen Polens eine notwendige Vorbedingung der proletarischen Emanzipation sei. So auch 1863. Auf den Londoner Polenmeetings, zu denen französische Arbeiter ihre Vertreter gesandt hatten, klang die soziale Note scharf hervor, und sie war auch der Grundton einer Adresse, die ein Ausschuß englischer Arbeiter unter dem Vorsitz Odgers an die französischen Arbeiter richtete, um ihnen für ihre Teilnahme an den Polenmeetings zu danken. Die Adresse betonte namentlich, daß die Schmutzkonkurrenz, die das englische Kapital durch die Einfuhr ausländischer Arbeiter dem englischen Proletariat mache, nur möglich sei, weil es an einer systematischen Verbindung zwischen den arbeitenden Klassen aller Länder fehle.

Sie wurde von Professor Beesly, einem um die Arbeitersache vielfach verdienten Gelehrten, der an der Londoner Universität Geschichte vortrug, ins Französische übersetzt und rief eine lebhafte Bewegung in den Pariser Werkstätten hervor, die in dem Entschluß gipfelte, die Antwort durch eine Deputation persönlich nach London zu schicken. Zu deren Empfang berief der englische Ausschuß für den 28. September 1864 nach St. Martins Hall ein Meeting, das unter dem Vorsitz Beeslys tagte und bis zum Ersticken überfüllt war. Tolain verlas die französische Antwortadresse, die vom polnischen Aufstande anhob: »Wiederum ist Polen vom Blute seiner Kinder erstickt worden, und wir sind machtlose Zuschauer geblieben«, um dann zu fordern, daß die Stimme des Volkes in allen großen politischen und sozialen Fragen gehört werden müsse. Die despotische Macht des Kapitals müsse gebrochen werden. Durch die |329| Teilung der Arbeit sei der Mensch zum mechanischen Werkzeug geworden, und der Freihandel ohne Solidarität der Arbeiter müsse eine industrielle Leibeigenschaft herbeiführen, die unbarmherziger und verhängnisvoller sei, als die in den Tagen der großen Revolution zerbrochene Leibeigenschaft. Die Arbeiter aller Länder müßten sich vereinigen, um einem verhängnisvollen System eine unüberwindliche Schranke entgegenzusetzen.

Nach einer lebhaften Debatte, in der Eccarius für die Deutschen sprach, beschloß das Meeting auf den Antrag des Trade-Unionisten Wheeler, ein Komitee niederzusetzen mit der Vollmacht, seine Zahl zu vermehren und die Statuten für eine internationale Vereinigung zu entwerfen, die vorläufig gelten sollten, bis im nächsten Jahre ein internationaler Kongreß in Belgien endgültig darüber entschiede. Das Komitee wurde gewählt: es bestand aus zahlreichen Trade-Unionisten und ausländischen Vertretern der Arbeitersache, darunter für die Deutschen - ihn nennt der Zeitungsbericht an letzter Stelle - Karl Marx.

 

2. »Inauguraladresse« und »Statuten«

Marx hatte bis dahin keinen tätigen Anteil an der Bewegung genommen. Er war von dem Franzosen Le Lubez aufgefordert worden, sich für die deutschen Arbeiter zu beteiligen und namentlich einen deutschen Arbeiter als Sprecher zu stellen. Er schlug Eccarius vor, während er selbst dem Meeting nur als stumme Figur auf der Plattform beiwohnte.

Marx dachte von seiner wissenschaftlichen Arbeit hoch genug, um sie aller Vereinsspielerei voranzustellen, die von vornherein aussichtslos erschien, aber er schob sie gern zurück, wo nützliche Arbeit für das Proletariat zu verrichten war. Diesmal erkannte er, daß »wirkliche Mächte« im Spiel waren. Er schrieb an Weydemeyer und ähnlich an andere Freunde: »Das neulich errichtete Internationale Arbeiterkomitee ist nicht ohne Bedeutung. Seine englischen Mitglieder bestehen meist aus den Chefs der hiesigen Trade Unions, also den wirklichen Arbeiterkönigen von London, denselben Leuten, die dem Garibaldi den Riesenempfang bereiteten und die durch das Monstremeeting in St. James Hall (unter Brights Vorsitz) Palmerston verhinderten, den Krieg an die Vereinigten Staaten zu erklären, wie er auf dem Punkte stand es zu tun. Von seiten der Franzosen sind die Mitglieder unbedeutend, aber sie |330| sind die direkten Organe der leitenden Arbeiter in Paris. Ebenso besteht Verbindung mit den italienischen Vereinen, die kürzlich ihren Kongreß in Neapel hielten. Obgleich ich jahrelang systematisch alle Teilnahme an allen ›Organisationen‹ ablehnte, so akzeptierte ich diesmal, weil es sich um eine Geschichte handelt, wo es möglich ist, bedeutend zu wirken.« Marx erkannte, daß »offenbar ein Wiederaufleben der arbeitenden Klassen stattfände«, und ihnen die neuen Wege zu bahnen, hielt er für seine oberste Pflicht.

Dabei fügte es sich glücklich, daß ihm die geistige Leitung durch äußere Umstände von selbst zufiel. Das gewählte Komitee ergänzte sich durch Hinzuziehung neuer Kräfte; es bestand aus etwa 50 Mitgliedern, zur Hälfte englischen Arbeitern. Danach war am stärksten Deutschland durch etwa 10 Mitglieder vertreten, die wie Marx, Eccarius, Leßner, Lochner, Pfänder schon dem Bunde der Kommunisten angehört hatten. Frankreich hatte 9, Italien 6, Polen und die Schweiz je 2 Vertreter. Nach seiner Konstituierung setzte das Komitee ein Unterkomitee nieder, das Programm und Statuten entwerfen sollte.

In dieses Unterkomitee wurde auch Marx gewählt, doch war er durch Krankheit oder wegen zu später Benachrichtigung wiederholt verhindert, den Beratungen beizuwohnen. Derweil hatten sich der Major Wolf, der Privatsekretär Mazzinis, der Engländer Weston und der Franzose Le Lubez vergebens mit der Lösung der Aufgabe befaßt, die dem Unterkomitee gestellt war. So populär Mazzini damals unter den englischen Arbeitern war, so verstand er sich doch viel zuwenig auf die moderne Arbeiterbewegung, um mit seinem Entwurf geschulten Trade-Unionisten zu imponieren. Der proletarische Klassenkampf war ihm unverständlich und deshalb verhaßt. Sein Programm verstieg sich höchstens zu einiger sozialistischer Phraseologie, über die das Proletariat im Anfange der sechziger Jahre längst hinaus war. Ebenso waren seine Statuten aus dem Geiste einer vergangenen Zeit geboren; in der streng zentralistischen Weise politischer Verschwörungsgesellschaften abgefaßt, verstießen sie wie gegen die Lebensbedingungen der Trade Unions im besonderen, so im allgemeinen gegen Lebensbedingungen eines internationalen Arbeiterbundes, der keine neue Bewegung schaffen, sondern nur die in verschiedenen Ländern schon vorhandene, aber verzettelte Klasssenbewegung des Proletariats verbinden sollte. Ebensowenig kamen die Entwürfe, die Le Lubez und Weston vorlegten, über ein allgemeines Phrasengeklingel hinaus.

So war die Sache gründlich verfahren, als Marx sie in die Hand nahm. Er war entschlossen, daß wo möglich »not one single line [Mehring |331| übersetzt: nicht eine einzige Zeile] von dem Zeug stehnbleiben sollte«, und um sich ganz davon zu emanzipieren, entwarf er - was auf dem Meeting in St. Martins Hall nicht vorgesehen war - eine Adresse an die arbeitenden Klassen, eine Art Rückblick auf ihre Schicksale seit 1848, um danach die Statuten um so klarer und kürzer zu fassen. Das Unterkomitee nahm seine Vorschläge sofort an, nur daß es in die Einleitung der Statuten einige Phrasen von »Recht, Pflicht, Wahrheit, Moral und Gerechtigkeit« einschaltete, die Marx jedoch, wie er an Engels schrieb, so unterzubringen wußte, daß sie keinen Schaden anrichten konnten. Dann nahm auch das Generalkomitee »Adresse« wie »Statuten« einstimmig und mit großer Begeisterung an.

Von der »Inauguraladresse« hat Beesly später einmal gesagt, sie sei wahrscheinlich die gewaltigste und schlagendste Darlegung der Arbeitersache gegen die Mittelklasse, die je in ein Dutzend kleiner Seiten zusammengepreßt worden sei. Die »Adresse« begann damit, die große Tatsache festzustellen, daß sich die Not der Arbeiterklasse in den Jahren von 1848 bis 1864 nicht gemindert habe, obgleich gerade dieser Zeitraum in den Jahrbüchern der Geschichte beispiellos dastehe durch die Entwicklung seiner Industrie und das Wachstum seines Handels. Sie führte den Beweis dadurch, daß sie urkundlich gegenüberstellte einerseits die fürchterliche Statistik der amtlichen Blaubücher über das Elend des englischen Proletariats, andererseits die Ziffern, die der Schatzkanzler Gladstone in seinen Budgetreden beigebracht hatte für die berauschende, aber ganz und gar auf die besitzenden Klassen beschränkte Vermehrung von Macht und Reichtum, die in jenem Zeitraum vor sich gegangen sei. Die »Adresse« deckte diesen schreienden Gegensatz an den englischen Zuständen auf, weil England an der Spitze der europäischen Industrie und des europäischen Handels stehe, aber sie fügte hinzu, daß er mit anderer Lokalfärbung und auf etwas kleinerer Stufenleiter in allen Ländern des Festlandes bestehe, wo die große Industrie sich entwickle.

Überall beschränke sich die berauschende Vermehrung von Macht und Reichtum auf die besitzenden Klassen, es sei denn, daß eine kleine Anzahl von Arbeitern, wie in England, einen etwas erhöhten, aber durch die allgemeine Preissteigerung wieder ausgeglichenen Arbeitslohn erhalten hätte. »Überall sank die große Masse der arbeitenden Klassen in immer tieferes Elend, mindestens in demselben Maße, wie die oberen Klassen auf der sozialen Leiter stiegen. In allen Ländern Europas steht es jetzt als Wahrheit fest, unleugbar für jeden unbefangenen Forscher, und nur bestritten von denen, die ein Interesse |332| daran haben, anderen trügerische Hoffnungen zu erwecken, daß weder die Vervollkommnung der Maschinen noch die Verwertung der Wissenschaft für den Ackerbau oder die Industrie, weder die Hilfsmittel und Kunstgriffe des Verkehrs noch neue Kolonien oder Auswanderung, weder die Eroberung neuer Märkte noch der Freihandel oder alle diese Dinge zusammengenommen das Elend der gewerbtätigen Massen zu beseitigen vermögen, daß vielmehr auf der falschen Grundlage des Bestehenden jede frische Entwicklung der schöpferischen Kraft der Arbeit nur dahin zielt, die sozialen Gegensätze zu vertiefen und den sozialen Konflikt zu verschärfen. Hungertod erhob sich in der Hauptstadt des britischen Königreichs beinahe auf den Rang einer sozialen Institution während dieser berauschenden Periode ökonomischen Fortschritts. Dieser Zeitraum ist in den Jahrbüchern der Geschichte gekennzeichnet durch die beschleunigte Wiederkehr, den erweiterten Umfang und die tödlichen Wirkungen der sozialen Pest, die man Handels- und Industriekrisen nennt.«[1]

Die »Adresse« warf dann einen Blick auf die Niederlage der Arbeiterbewegung in den fünfziger Jahren und fand, daß diese Zeit auch ihre entschädigenden Charakterzüge habe. Besonders zwei große Tatsachen wurden hervorgehoben. Zuerst der gesetzliche Zehnstundentag mit seinen für das englische Proletariat so heilsamen Folgen. Der Kampf für die gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit war ein direkter Eingriff in den großen Kampf zwischen der blinden Regel der Gesetze über Angebot und Nachfrage, die die politische Ökonomie der Bourgeoisie ausmachen, und der durch soziale Fürsorge geregelten Produktion, die die Arbeiterklasse vertritt. »Und deshalb war die Zehnstundenbill nicht nur ein großer praktischer Erfolg, sondern auch der Sieg eines Prinzips; zum ersten Male erlag die politische Ökonomie der Bourgeoisie der politischen Ökonomie der Arbeiterklasse.«[2]

Einen noch größeren Sieg erfocht die politische Ökonomie des Proletariats durch die Kooperativbewegung, die auf dem Prinzip der Kooperation beruhenden, durch wenige unverzagte, wenn auch ununterstützte Hände ins Leben gerufenen Fabriken. Der Wert dieser großen sozialen Versuche könne nicht hoch genug angeschlagen werden. »Durch die Tat, statt der Gründe, haben sie bewiesen, daß Produktion in großem Maßstab und in Übereinstimmung mit den Geboten modernster Wissenschaft stattfinden kann ohne die Existenz einer Klasse von Unternehmern, die einer Klasse von Arbeitern zu tun gibt, daß die Arbeitsmittel, um Früchte zu tragen, nicht als Werkzeuge ausbeutender Herrschaft über die Arbeitenden selbst monopolisiert zu werden brauchen, |333| daß Lohnarbeit wie Sklavenarbeit wie Leibeigenschaft nur eine untergeordnete und vorübergehende Form ist, die, dem Untergange geweiht, verschwinden muß vor der genossenschaftlichen Arbeit, die ihre schwere Aufgabe mit williger Hand, leichtem Sinn und fröhlichem Herzen erfüllt.«[3] Gleichwohl vermag Kooperativarbeit, auf gelegentliche Versuche beschränkt, das kapitalistische Monopol nicht zu brechen. »Vielleicht haben gerade aus diesem Grunde Aristokraten von anscheinend edler Denkungsart, menschenfreundliche Schönredner der Bourgeoisie und selbst geschäftskluge Nationalökonomen ganz urplötzlich mit widerlichen Komplimenten eben dem Kooperativarbeitssystem gehuldigt, das sie vergebens im Keime zu ersticken versucht, als die Utopie des Träumers verhöhnt oder als Verrücktheit des Sozialisten gebrandmarkt hatten.«[4] Erst die Entwicklung der Kooperativarbeit zu nationalen Dimensionen könne die Massen retten. Dagegen würden die Herren des Grundbesitzes und des Kapitals stets ihre politischen Vorrechte aufbieten, um ihre ökonomischen Monopole zu verewigen. Deshalb sei es die große Pflicht der arbeitenden Klassen, politische Macht zu erobern.

Diese Pflicht schienen die Arbeiter begriffen zu haben, wie ihr gleichzeitiges Wiederaufleben in England, Frankreich, Deutschland und Italien, ihr gleichzeitiges Streben nach einer politischen Reorganisation der Arbeiterpartei bewiese. »Ein Element des Erfolges besitzen sie - Zahlen. Aber Zahlen wiegen nur schwer in der Waage, wenn sie durch ein Bündnis vereinigt und einem bewußten Ziel entgegengeführt werden.«[5] Die Erfahrung der Vergangenheit lehre, daß Mißachtung der Brüderlichkeit, die zwischen den Arbeitern der verschiedenen Länder bestehen und sie anspornen sollte, in allen Kämpfen für ihre Emanzipation fest beieinander zu stehen, sich durch eine allgemeine Vereitelung ihrer zusammenhanglosen Anstrengungen räche. Diese Erwägung habe das Meeting in St. Martins Hall zur Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation veranlaßt.

Und noch eine Überzeugung habe dies Meeting beherrscht. Erheische die Emanzipation der arbeitenden Klassen ihren brüderlichen Beistand, wie könnten sie dieses große Ziel erreichen mit einer auswärtigen Politik der Regierungen, die frevelhafte Pläne verfolge, mit nationalen Vorurteilen spiele und in Raubzügen Blut und Gut des Volkes vergeude? Nicht die Weisheit der herrschenden Klassen, sondern der heldenmütige Widerstand des Proletariats gegen ihre verbrecherische Torheit habe den Westen Europas vor einem infamen Kreuzzug für die Verewigung und Fortpflanzung der Sklaverei auf dem jenseitigen Ufer des Atlantischen Ozeans bewahrt. Der schamlose Beifall, die nur scheinbare |334| Sympathie oder die blöde Gleichgültigkeit, womit die höheren Klassen zugesehen hätten, wie Rußland die Bergfeste des Kaukasus erbeutete und das heldenmütige Polen ermordete, wiesen die arbeitenden Klassen auf ihre Pflicht, in die Geheimnisse der internationalen Politik einzudringen, die diplomatischen Streiche ihrer Regierungen zu überwachen, ihnen mit allen Mitteln entgegenwirken, wenn möglich; wenn es aber unmöglich sei, ihnen zuvorzukommen, sich in gleichzeitigen Demonstrationen zu vereinigen, und die einfachen Gesetze von Moral und Recht, die die Beziehungen von Privatpersonen regeln sollten, als die obersten Gesetze für den Verkehr der Nationen geltend zu machen. Der Kampf für eine solche auswärtige Politik sei eingeschlossen in den allgemeinen Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse. Die »Adresse« schloß wie einst das »Kommunistische Manifest«: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Die »Statuten« begannen mit Erwägungsgründen [6], die sich in folgende Sätze zusammenfassen lassen: Die Emanzipation der Arbeiterklasse muß durch die Arbeiter selbst erobert werden; der Kampf für sie ist kein Kampf für neue Klassenvorrechte, sondern für die Vernichtung aller Klassenherrschaft. Der ökonomischen Unterwerfung des Arbeiters unter den Aneigner der Arbeitsmittel, das heißt der Lebensquellen, liegt die Knechtschaft in allen ihren Formen zugrunde: dem sozialen Elend, der geistigen Verkümmerung und der politischen Abhängigkeit. Die ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse ist daher das große Ziel, dem jede politische Bewegung als Mittel dienen muß. Alle nach diesem Ziele strebenden Versuche sind bisher gescheitert aus Mangel an Einigkeit zwischen den verschiedenen Arbeitsgruppen jedes Landes und zwischen den Arbeiterklassen der verschiedenen Länder. Die Emanzipation der Arbeiter ist weder eine lokale noch eine nationale, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe; sie umfaßt alle Länder, in denen die moderne Gesellschaft besteht; sie kann nur vollbracht werden durch das planmäßige Zusammenwirken dieser Länder. An diese klaren und scharfen Sätze waren dann jene moralischen Gemeinplätze über Gerechtigkeit und Wahrheit, Pflichten und Rechte gehängt, die Marx nur mit Widerstreben in seinem Text aufnahm.

Die Organisation des Bundes gipfelte in einem Generalrat, der zusammengesetzt sein sollte aus Arbeitern der verschiedenen, in der Assoziation vertretenen Länder. Bis zum ersten Kongreß übernahm das in St. Martins Hall gewählte Komitee die Befugnisse des Generalrats. Sie bestanden darin, die internationale Vermittlung zwischen den Arbeiterorganisationen der verschiedenen Länder zu übernehmen, die Arbeiter |335| jedes Landes fortdauernd über die Bewegungen ihrer Klasse in anderen Ländern zu unterrichten, statistische Untersuchungen über die Lage der arbeitenden Klassen anzustellen, Fragen von allgemeinem Interesse in allen Arbeitergesellschaften beraten zu lassen, im Falle internationaler Streitigkeiten eine gleichmäßige und gleichzeitige Aktion der verbundenen Organisationen zu veranlassen, periodische Berichte zu veröffentlichen und ähnlichen Aufgaben. Der Generalrat wurde vom Kongreß gewählt, der jährlich einmal zusammentrat. Der Kongreß bestimmte den Sitz des Generalrats sowie Ort und Zeit des nächsten Kongresses. Doch war der Generalrat befugt, die Zahl seiner Mitglieder zu vervollständigen und im Notfalle den Ort des Kongresses zu wechseln, nicht aber die Zeit seines Zusammentritts hinauszuschieben. Die Arbeitergesellschaften der einzelnen Länder, die sich der Internationalen anschlossen, behielten ihre gesonderte Organisation unangetastet bei. Keiner unabhängigen Lokalgesellschaft war verwehrt, unmittelbar mit dem Generalrat zu verkehren, doch wurde es als eine für die wirksame Tätigkeit des Generalrats notwendige Vorbedingung bezeichnet, daß die gesonderten Arbeitergesellschaften der einzelnen Länder sich soweit möglich zu nationalen, in Zentralorganen vertretenen Körperschaften vereinigten.

So falsch es ist zu sagen, daß die Internationale die Erfindung eines »großen Kopfes« gewesen sei, so war es gleichwohl ihr Glück, daß sie bei ihrem Entstehen einen großen Kopf fand, der ihr lange Irrwege ersparte, indem er ihr den richtigen Weg wies. Mehr tat Marx nicht und mehr wollte er auch nicht tun. Die unvergleichliche Meisterschaft der »Adresse« wie der »Statuten« bestand eben darin, daß sie durchweg an die augenblickliche Lage der Dinge anknüpften und gleichwohl, wie Liebknecht einmal treffend sagte, die letzten Konsequenzen des Kommunismus enthielten, nicht minder als das »Kommunistische Manifest«.

Von diesem unterschieden sie sich nicht nur durch die Form; »es bedarf Zeit«, schrieb Marx an Engels, »bis die wiedererwachte Bewegung die alte Kühnheit der Sprache wieder erlaubt. Nötig fortiter in re, suaviter in modo [Mehring übersetzt: stark in der Sache, mild in der Form].« Sie hatte überhaupt eine andere Aufgabe. Es kam nunmehr darauf an, die gesamte streitbare Arbeiterschaft Europas und Amerikas zu einem großen Heereskörper zu verschmelzen, ein Programm aufzustellen, das nach einem Worte von Engels, den englischen Trade Unions, den französischen, belgischen, italienischen, spanischen Proudhonisten, den deutschen Lassalleanern die Türe nicht verschloß. Für den schließlichen Sieg des wissenschaftlichen Sozialismus, wie er im »Kommunistischen Manifest« |336|* aufgestellt war, verließ sich Marx einzig und allein auf die intellektuelle Entwicklung der Arbeiterklasse, wie sie aus ihrer vereinigten Aktion hervorgehen mußte.

Früh genug wurde seine Erwartung auf eine harte Probe gestellt; kaum hatte er die Werbearbeit für die Internationale begonnen, als er in einen schweren Zusammenstoß mit derjenigen europäischen Arbeiterklasse geriet, der die Grundsätze der Internationalen am ehesten einleuchteten.

 

3. Die Absage an Schweitzer

Es ist eine alte aber weder schöne noch wahre Überlieferung, daß die deutschen Lassalleaner den Eintritt in die Internationale verweigert und sich überhaupt feindlich zu ihr gestellt hätten.

Zunächst ist nicht abzusehen, welchen Grund sie dazu gehabt haben sollten. Ihre straffe Organisation, auf die sie allerdings hohen Wert legten, wurde durch die »Statuten« der Internationalen nicht im entferntesten angetastet, und die »Inauguraladresse« konnten sie von A bis Z unterschreiben; mit besonderer Genugtuung sogar den Abschnitt über die Kooperativarbeit, die nur durch ihre Ausdehnung zu nationalen Dimensionen und ihre Förderung durch Staatsmittel die Massen retten könne.

In der Tat haben sich die deutschen Lassalleaner von vornherein durchaus freundlich zur Internationalen gestellt, obgleich sie zur Zeit ihrer Entstehung genug mit sich selbst zu tun hatten. Nach dem Tode Lassalles und auf dessen testamentarische Empfehlungen war Bernhard Becker zum Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gewählt worden, erwies sich jedoch so unfähig, daß ein heilloser Wirrwarr entstand. Was den Verein noch zusammenhielt, war das Vereinsorgan, der »Social-Demokrat«, der seit Ende des Jahres 1864 unter der geistigen Leistung J. B. von Schweitzers erschien. Dieser ebenso energische wie fähige Mann hatte sich aufs eifrigste um die Mitarbeit von Marx und Engels beworben, hatte Liebknecht, wozu ihn niemand zwang, in die Redaktion aufgenommen und gleich in der zweiten und dritten Nummer seines Blattes die »Inauguraladresse« abgedruckt.

Nun hatte allerdings Moses Heß, der aus Paris für das Blatt korrespondierte, die Unabhängigkeit Tolains verdächtigt, indem er ihn einen Freund des Palais Royal nannte, wo Jerôme Bonaparte den roten Demagogen spielte, aber Schweitzer hatte den Brief erst nach ausdrücklicher |337|* Genehmigung Liebknechts veröffentlicht. Als sich Marx darüber beschwerte, ging Schweitzer noch weiter und ordnete an, daß Liebknecht alles selbst zu redigieren habe, was sich auf die Internationale bezöge; ja am 15. Februar 1865 schrieb er an Marx, er werde eine Resolution vorschlagen, worin der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein sein volles Einverständnis mit den Grundsätzen der Internationalen erklären und die Beschickung ihrer Kongresse versprechen solle, auf seinen formellen Anschluß aber lediglich aus Rücksicht auf die deutschen Bundesgesetze verzichten werde, die die Verbindung verschiedener Vereine verboten. Auf dieses Angebot hat Schweitzer keine Antwort mehr erhalten; vielmehr sagten sich Marx und Engels durch eine öffentliche Erklärung von der Mitarbeit für den »Social-Demokraten« los.

Daraus geht schon zur Genüge hervor, daß der peinliche Bruch in keiner Weise mit Zwistigkeiten wegen der Internationalen zu tun hatte. Was ihn veranlaßte, sagten Marx und Engels ganz offen in ihrer Erklärung. Sie hätten keinen Augenblick die schwierige Stellung des »Social-Demokraten« verkannt und keine für den Meridian von Berlin unpassenden Ansprüche erhoben. Aber sie hätten wiederholt gefordert, daß dem Ministerium und der feudal-absolutistischen Partei gegenüber eine wenigstens ebenso kühne Sprache geführt werde wie gegenüber den Fortschrittlern. Die von dem »Social-Demokraten« befolgte Taktik schlösse ihre weitere Betätigung an dem Blatte aus. Was sie einst in der »Deutschen-Brüsseler-Zeitung« über den königlich preußischen Regierungssozialismus und die Stellung der Arbeiterpartei zu solchem Blendwerk entwickelt hätten, in einer Antwort an den »Rheinischen Beobachter«, der eine »Allianz« des »Proletariats« mit der »Regierung« gegen die »liberale Bourgeoisie« vorgeschlagen habe, das unterschrieben sie auch jetzt Wort für Wort.

Mit einer solchen »Allianz« oder einem »preußischen Regierungssozialismus« hatte die Taktik des »Social-Demokraten« nichts zu tun. Nachdem sich die Hoffnung Lassalles, die deutsche Arbeiterklasse in einem mächtigen Anlauf aufzurütteln, als trügerisch erwiesen hatte, war der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein mit seinen paar tausend Mitgliedern eingeklemmt zwischen zwei Gegnern, deren jeder stark genug war, ihn zu erdrücken. So wie die Dinge damals lagen, hatte die junge Arbeiterpartei von dem stumpfsinnigen Haß der Bourgeoisie gar nichts, von dem verschlagenen Diplomaten Bismarck aber wenigstens so viel zu erwarten, daß er seine großpreußische Politik nicht ohne gewisse Zugeständnisse an die Volksmassen durchführen konnte. Weder über den Wert noch über den Zweck solcher Zugeständnisse hat sich Schweitzer |338| je einer Einbildung hingegeben, aber zu einer Zeit, wo der deutschen Arbeiterklasse die gesetzlichen Vorbedingungen ihrer Organisation so gut wie ganz fehlten, wo sie ein wirksames Wahlrecht überhaupt nicht besaß und Preß-, Vereins- und Versammlungsfreiheit der bürokratischen Willkür preisgegeben waren, war ein Vorwärtskommen nicht so möglich, daß der »Social-Demokrat« auf beide Gegner gleich heftig einschlug, sondern nur so, daß er einen gegen den andern ausspielte. Unerläßliche Vorbedingung einer solchen Politik war nur, daß die Unabhängigkeit der jungen Arbeiterpartei nach allen Seiten gewahrt und das Bewußtsein dieser Unabhängigkeit in den Arbeitermassen immer wach erhalten wurde.

Das aber hat Schweitzer mit gleichem Bemühen wie Erfolg getan, und man wird in dem « Social-Demokraten« vergebens auch nur nach einer Silbe suchen, die nach einer »Allianz« mit der Regierung gegen die Fortschrittspartei geschmeckt hätte. Verfolgt man die damalige öffentliche Tätigkeit Schweitzers im Zusammenhange mit der allgemeinen politischen Entwicklung, so wird man auf manche Fehler stoßen, wie Schweitzer übrigens selbst zugegeben hat, aber im wesentlichen auf eine kluge und konsequente Politik, die durchaus nur auf die Interessen der Arbeiterklasse abzielte und unmöglich von Bismarck oder welchem Reaktionär sonst immer diktiert sein konnte.

Vor Marx und Engels hatte Schweitzer, wenn auch sonst nichts, so doch die genaue Kenntnis der preußischen Zustände voraus. Sie sahen diese Zustände immer nur erst durch eine gefärbte Brille, und Liebknecht versagte in der aufklärenden und vermittelnden Tätigkeit, die ihm nach Lage der Dinge zugefallen wäre. Er war im Jahre 1862 nach Deutschland zurückgekehrt, auf den Ruf des roten Republikaners Braß, der ebenfalls aus dem Exil heimgekehrt war, um die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« zu begründen. Kaum aber war Liebknecht in die Redaktion eingetreten, als sich herausstellte, daß Braß das Blatt an das Ministerium Bismarck verkauft hatte. Liebknecht schied sofort aus; allein diese erste Erfahrung auf deutschem Boden war dennoch ein sehr unglücklicher Zufall für ihn. Nicht etwa nur in dem äußerlichen Sinne, daß er nun wieder auf der Straße lag wie in den langen Jahren des Exils. Darum kümmerte er sich am wenigsten: die Interessen seiner Sache standen ihm immer über den Interessen seiner Person. Aber sein Erlebnis mit Braß hinderte seine unbefangene Orientierung über die neuen Zustände, die er in Deutschland vorfand.

Liebknecht war wesentlich noch der alte Achtundvierziger, als er auf deutschen Boden zurückkehrte. Der alte Achtundvierziger im Sinne der |339| »Neuen Rheinischen Zeitung«, in der die sozialistische Theorie und selbst der proletarische Klassenkampf noch sehr zurücktraten hinter dem revolutionären Kampf der Nation gegen die Herrschaft rückständiger Klassen. Die sozialistische Theorie, so gut er ihre Grundgedanken verstand, ist in ihrem gelehrten Gerüste niemals die Sache Liebknechts gewesen; was er in den Jahren des Exils von Marx gelernt hatte, war besonders die Neigung, die weiten Gefilde der internationalen Politik nach revolutionären Keimen abzuleuchten. Dabei kam für Marx und Engels, die als geborene Rheinländer allzu verächtlich über alles ostelbische Wesen dachten, der preußische Staat schon sehr zu kurz, und nun vollends für Liebknecht, der, ein geborener Süddeutscher, in den Bewegungsjahren nur auf badischem und schweizerischem Boden, den Ursitzen der Kantönlipolitik, tätig gewesen war. Preußen war ihm immer noch der vormärzliche Vasallenstaat des Zarentums, der sich mit den verächtlichen Mitteln der Korruption gegen den geschichtlichen Fortschritt sträube und vor allem über den Haufen gerannt werden müsse, ehe an moderne Klassenkämpfe in Deutschland zu denken sei. Liebknecht erkannte nicht, wie sehr die ökonomische Entwicklung der fünfziger Jahre auch den preußischen Staat umgewandelt und Zustände in ihm geschaffen hatte, unter deren Einwirkung die Loslösung der Arbeiterklasse von der bürgerlichen Demokratie eine geschichtliche Notwendigkeit geworden war.

So war ein dauerndes Einvernehmen zwischen Liebknecht und Schweitzer unmöglich, und in Liebknechts Augen schlug es dem Fasse den Boden aus, als Schweitzer fünf Artikel über das Ministerium Bismarck veröffentlichte, die an sich zwar eine meisterhafte Parallele zwischen der großpreußischen und der proletarisch-revolutionären Politik in der deutschen Einheitsfrage zogen, aber an dem »Fehler« litten, die gefährliche Wucht der großpreußischen Politik so beredt zu schildern, daß diese fast verherrlicht zu werden schien. Dagegen beging Marx den »Fehler«, in einem Schreiben vom 13. Februar an Schweitzer auszuführen, daß von der preußischen Regierung wohl allerlei frivole Spielereien mit Produktivgenossenschaften, aber keine Aufhebung der Koalitionsverbote zu erwarten sei, die den Bürokratismus und die Polizeiherrschaft durchbräche. Marx vergaß dabei nur zu sehr, was er einst so beredt gegen Proudhon ausgeführt hatte, daß die Regierungen nicht die wirtschaftlichen Verhältnisse kommandieren, sondern die wirtschaftlichen Verhältnisse umgekehrt die Regierungen. Wenige Jahre noch, und das Ministerium Bismarck mußte, gern oder ungern, die Koalitionsverbote aufheben. In seiner Antwort vom 15. Februar - demselben |340| Briefe, worin Schweitzer den Anschluß des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins an die Internationale zu befördern versprach und nochmals betonte, Liebknecht habe alles, was sich auf die Internationale bezöge, selbständig zu redigieren - bemerkte Schweitzer, er werde jede theoretische Aufklärung, die ihm Marx gewähre, gern entgegennehmen, aber um die praktischen Fragen momentaner Taktik richtig zu entscheiden, müsse man im Mittelpunkte der Bewegung stehen und die Verhältnisse genau kennen. Daraufhin vollzogen Marx und Engels den Bruch.

Völlig erklärt werden diese Irrungen und Wirrungen doch nur durch das verhängnisvolle Treiben der Gräfin Hatzfeldt. Die alte Freundin Lassalles hat sich damals aufs schwerste versündigt an dem Andenken des Mannes, der einst ihr Leben vor dem Tode der Infamie geschützt hatte. Sie wollte aus der Schöpfung Lassalles eine autoritätsgläubige Sekte machen, die auf die Worte des Meisters schwor, nicht einmal so, wie dieser sie gesprochen hatte, sondern wie die Gräfin Hatzfeldt sie auslegte. Den Unfug, den sie trieb, ersieht man aus einem Briefe, den Engels am 10. März an Weydemeyer richtete. Es heißt darin nach einigen Worten über die Gründung des »Social-Demokraten«: »Nun aber entstand in dem Blättchen einerseits ein unerträglicher Lassalle-Kultus, während wir inzwischen positiv erfuhren (die alte Hatzfeldt erzählte es dem Liebknecht und forderte ihn auf, in diesem Sinne zu wirken), daß Lassalle viel tiefer mit Bismarck drin war, als wir je gewußt hatten. Es existierte eine förmliche Allianz zwischen beiden, die so weit gekommen war, daß Lassalle nach Schleswig-Holstein gehn sollte und da für die Annexation der Herzogtümer an Preußen auftreten, während Bism[arck] weniger bestimmte Zusagen wegen Einführung einer Art allgemeinen Stimmrechts und bestimmtere wegen Koalitionsrecht und sozialer Konzessionen, Staatsunterstützung für Arbeiterassoziationen usw. gemacht hatte. Gedeckt war der dumme Lassalle dem Bism[arck] gegenüber durch gar nichts, au contraire [von Mehring übersetzt: im Gegenteil], er wäre sans façon [von Mehring übersetzt: ohne Umstände] ins Loch geworfen worden, sobald er unbequem wurde. Die Herren vom ›Social-Demokrat‹ wußten das und fuhren trotz alledem mit dem Kultus Lassalles heftiger und heftiger fort. Dazu aber kam, daß die Kerle sich durch Drohungen von seiten Wageners (von der ›Kreuzzeitung‹) einschüchtern ließen, Bismarck die Cour zu schneiden, mit ihm zu kokettieren, etc., etc. ... Wir ließen inliegende Erklärung drucken und traten ab, wobei auch Liebknecht abtrat.« Es ist schwer verständlich, daß Marx und Engels und Liebknecht, die alle Lassalle gekannt hatten |341| und alle den »Social-Demokrat« lasen, an die Märchen der Gräfin Hatzfeldt glaubten, aber wenn sie einmal daran glaubten, so war es nur zu verständlich, wenn sie sich von der Bewegung abwandten, die Lassalle eingeleitet hatte.

Eine praktische Wirkung auf diese Bewegung hatte ihre Absage jedoch nicht. Selbst alte Mitglieder des Kommunistenverbandes wie Röser, der einst vor den Kölner Assisen so beredt die Grundsätze des »Kommunistischen Manifestes« verfochten hatte, erklärten sich für die Taktik Schweitzers.

 

4. Die erste Konferenz in London

Wenn so die Lassalleaner von vornherein aus dem neuen Bunde ausschieden, so ging auch die Werbearbeit unter den englischen Gewerkschaften und den französischen Proudhonisten zunächst nur langsam vor sich.

Es war doch erst ein kleiner Kreis von Gewerkschaftsführern, der die Notwendigkeit des politischen Kampfes begriffen hatte, und auch er sah in der Internationalen mehr nur ein Mittel für seine gewerkschaftlichen Zwecke. Aber wenn diese Männer wenigstens ein großes Maß praktischer Erfahrung in allen Organisationsfragen besaßen, so fehlte es den französischen Proudhonisten hierin nicht weniger als an einer klaren Einsicht in das geschichtliche Wesen der Arbeiterbewegung. Es war eben eine gewaltige Aufgabe, die sich der neue Bund gestellt hatte, und sie zu lösen, bedurfte es eines gewaltigen Fleißes wie einer gewaltigen Kraft.

Marx hat beides aufgeboten, den Fleiß wie die Kraft, obgleich er damals immer wieder von schmerzhaften Krankheiten geplagt wurde und darauf brannte, sein wissenschaftliches Hauptwerk zu einem gewissen Abschluß zu bringen. Er seufzte wohl einmal: »Das Schlimme bei solcher Agitation ist, daß man sehr bothered [Mehring übersetzt: gestört] wird, sobald man sich dran beteiligt« oder er meinte, die Internationale, und was drum und dran hänge, laste »wie ein Inkubus« auf ihm, und er wäre froh, sie abschütteln zu können. Aber das ginge nun einmal nicht; wer A gesagt habe, müsse auch B sagen, und im Grunde wäre Marx nicht er selbst gewesen, wenn ihn das Tragen dieser Last nicht doch froher und glücklicher gemacht hätte, als ihn ihr Abschütteln irgend hätte machen können.

Es stellte sich alsbald heraus, daß er das eigentliche »Haupt« der |342| ganzen Bewegung war. Nicht als ob er sich irgendwie vorgedrängt hätte; er hatte eine grenzenlose Verachtung für alle wohlfeile Popularität, und von der Demokratenmanier, öffentlich sich wichtig zu machen und nichts zu tun, wollte er sich dadurch unterscheiden, daß er hinter den Kulissen arbeitete und öffentlich verschwände. Aber keiner von allen, die in dem kleinen Bunde tätig waren, besaß auch nur entfernt die seltenen Eigenschaften, die für seine so umfassende Agitation notwendig waren: den klaren und tiefen Einblick in die Gesetze der geschichtlichen Entwicklung, die Energie, das Notwendige zu wollen, und die Geduld, sich mit dem Möglichen zu bescheiden, die langmütige Nachsicht mit dem ehrlichen Irrtum und die herrische Unerbittlichkeit gegen verstockte Unwissenheit. Auf ungleich weiterem Gebiete, als einst in dem revolutionären Köln, konnte Marx jetzt seine unvergleichliche Tätigkeit üben, die Menschen zu beherrschen, indem er sie lehrte und leitete.

»Enorm viel Zeit« kosteten ihm von vornherein die persönlichen Häkeleien und Streitigkeiten, die von den Anfängen solcher Bewegungen unzertrennlich zu sein pflegen; die italienischen und namentlich die französischen Mitglieder machten viel unnütze Schwierigkeiten. In Paris bestand seit den Revolutionsjahren eine tiefe Abneigung zwischen »Kopf- und Handarbeitern«; die Proletarier konnten den nur allzu häufigen Verrat der Literaten nicht vergessen, und die Literaten verketzerten jede Arbeiterbewegung, die nichts von ihnen wissen wollte. Aber auch innerhalb der Arbeiterklasse selbst wucherte unter dem Druck des bonapartistischen Militärdespotismus der Verdacht bonapartistischer Mogeleien, zumal da jedes Mittel der Verständigung durch Vereine oder Zeitungen fehlte. Das Brodeln dieser »Franzosensuppe« hat dem Generalrat manchen kostbaren Abend und manche weitläufige Resolution gekostet.

Erfreulicher und fruchtbarer für Marx waren die Arbeiten, womit er an den englischen Zweig der Internationalen anknüpfte. Wie die englischen Arbeiter das Eintreten der englischen Regierung für die rebellischen Südstaaten der Union bekämpft hatten, so war es ihr gutes Recht, Abraham Lincoln zu seiner Wiederwahl als Präsidenten zu beglückwünschen. Marx entwarf die Adresse an den »einfachen Sohn der Arbeiterklasse, dem die Aufgabe zugefallen sei, sein Land durch de erhabenen Kampf für die Befreiung einer geknechteten Rasse zu führen« [7]; solange die weißen Arbeiter der Union nicht begriffen hätten, daß die Sklaverei ihre Republik schände, solange sie sich vor dem Neger, der verkauft wurde, ohne um seine Einwilligung gefragt zu werden, mit dem hohen Vorrecht des weißen Arbeiters gebrüstet hätten, sich |343| selbst verkaufen und den Herrn auswählen zu dürfen, solange seien sie unfähig gewesen, die wahre Freiheit zu erlangen oder den Emanzipationskampf ihrer europäischen Brüder zu unterstützen. Aber diese Schranke habe das rote Blutmeer des Bürgerkrieges hinweggeschwemmt. Die Adresse war mit offenbarer Lust und Liebe zur Sache entworfen, obgleich Marx, der wie Lessing von den eigenen Arbeiten in wegwerfendem Tone zu sprechen liebte, an Engels schrieb, er habe das Zeug aufzusetzen gehabt (was viel schwerer sei als eine inhaltliche Arbeit), damit sich die Phraseologie, auf die sich solche Schreiberei beschränke, wenigstens von der demokratischen Vulgärphraseologie unterscheide. Lincoln empfand den Unterschied sehr wohl; er antwortete in sehr freundlichem und herzlichem Tone, zur Verwunderung der Londoner Presse, denn Glückwunschadressen von bürgerlich-demokratischer Seite fertigte der »old man« mit ein paar formellen Komplimenten ab.

»Inhaltlich« war dann freilich noch viel wichtiger eine Abhandlung über »Lohn, Preis und Profit« [8], die Marx am 26. Juni 1865 im Generalrat der Internationalen vortrug, um die von einzelnen Mitgliedern vertretene Ansicht zu widerlegen, daß ein allgemeines Steigen des Lohnes den Arbeitern nichts nutzen könne und deshalb die Trade Unions schädlich wirkten. Diese Ansicht ging von dem Irrtum aus, daß der Arbeitslohn den Wert der Waren bestimme, und daß, wenn die Kapitalisten heute 5 Schilling Lohn statt 4 zahlten, sie morgen, infolge der gestiegenen Nachfrage, ihre Waren für 5 Schilling statt 4 verkaufen würden. Marx meinte, so fad das nun sei und sich nur an die äußerlichste Oberfläche der Erscheinung halte, so sei es doch nicht leicht, alle die ökonomischen Fragen, die damit zusammenhingen, Ignoranten auseinanderzusetzen; ein Kurs in politischer Ökonomie lasse sich nicht in eine Stunde zusammendrängen. Indessen gelang es ihm vortrefflich, und die Trade Unions dankten ihm einen wesentlichen Dienst.

Vor allem war es aber die aufspringende Bewegung um die englische Wahlreform, der die Internationale ihre ersten namhaften Erfolge verdankte. Schon am 1. Mai 1865 meldete Marx an Engels: »Die Reform League ist unser Werk. In dem engeren Ausschuß der Zwölf (je sechs Mann von der Mittel- und der Arbeiterklasse) sind alle Arbeiter Mitlieder unseres Generalrats (darunter Eccarius). Alle mittleren Bürgerversuche, die Arbeiter irrezuführen, haben wir vereitelt ... Gelingt diese Reelektrisierung der politischen Bewegung der englischen Arbeiterklasse, so hat unsere Assoziation, ohne irgendwelches Aufheben zu machen, schon mehr für die europäische Arbeiterklasse geleistet, als auf irgendeinem anderen Wege möglich gewesen wäre. Und es ist alle Aussicht |344|* auf Erfolg vorhanden.« Darauf antwortete Engels am 3. Mai: »Die Internationale Assoziation hat sich wirklich in der kurzen Zeit und mit dem wenigen Spektakel ein kolossales Terrain erobert. Es ist aber gut, daß sie jetzt in England beschäftigt wird, statt sich ewig mit den französischen Klüngeleien beschäftigen zu müssen. Da hast Du doch etwas für Deinen Zeitverlust.« Es sollte sich freilich bald herausstellen, daß auch dieser Erfolg seine Kehrseite hatte.

Alles in allem hielt Marx die Lage noch nicht reif genug für einen öffentlichen Kongreß, wie er für das Jahr 1865 in Brüssel vorgesehen war. Er fürchtete von ihm nicht mit Unrecht ein babylonisches Sprachgewirr. Mit vieler Mühe gelang es ihm, namentlich gegen den Widerstand der Franzosen, den öffentlichen Kongreß in eine geschlossene vorläufige Konferenz in London umzuwandeln, zu der nur Vertreter der leitenden Komitees kommen sollten, um den künftigen Kongreß vorzubereiten. Als Gründe führte Marx an die Notwendigkeit einer solchen vorherigen Verständigung, die Wahlbewegung in England und die in Frankreich beginnenden Streiks, endlich ein eben in Belgien erlassenes Fremdengesetz, das die Abhaltung eines Kongresses in Brüssel unmöglich mache.

Diese Konferenz tagte vom 25. bis 29. September 1865. Vom Generalrat waren neben dem Präsidenten Odger, dem Generalsekretär Cremer und einigen anderen englischen Mitgliedern abgesandt Marx und seine beiden Hauptgehilfen in Sachen der Internationalen, Eccarius und Jung, ein schweizerischer Uhrmacher, der in London ansässig war und gleich gut deutsch, englisch und französisch sprach. Aus Frankreich waren Tolain, Fribourg, Limousin gekommen, die alle der Internationalen abtrünnig werden sollten, daneben Schily, Marxens alter Freund schon von 1848 her, und Varlin, der spätere Held und Märtyrer der Pariser Kommune. Aus der Schweiz der Buchbinder Dupleix für die romanischen und Johann Philipp Becker, der ehemalige Bürstenbinder und nunmehrige unermüdliche Agitator, für die deutschen Arbeiter. Aus Belgien César de Paepe, der sich als Setzerlehrling auf das Studium der Medizin geworfen und es bis zum Arzt gebracht hatte.

Die Konferenz beschäftigte sich zunächst mit den Finanzen des Bundes. Es ergab sich, daß für das erste Jahr nicht mehr als etwa 33 Pfund aufgebracht worden waren. Über einen regelmäßigen Mitgliederbeitrag einigte man sich noch nicht, man beschloß, zum Zwecke der Propaganda und für die Kosten des Kongresses 150 Pfund aufzubringen, und zwar von England 80, Frankreich 40, von Deutschland, Belgien und der Schweiz je 10 Pfund. Lebendig geworden ist das Budget freilich nicht, |345| denn »der Nerv der Dinge« ist niemals der Nerv der Internationalen gewesen. Noch nach Jahren meinte Marx mit grimmigem Humor, die Finanzen des Generalrats seien stets wachsende, negative Größen, und nach Jahrzehnten schrieb Engels, statt der vielberufenen »Millionen der Internationalen« habe der Generalrat meist nur über Schulden verfügt; wohl nie sei mit so wenig Geld so viel geleistet worden.

Über die Lage in England berichtete der Generalsekretär Cremer. Man halte auf dem Festlande die Trade Unions für sehr reich, die eine Sache, die ja auch die ihrige sei, unterstützen könnten, aber sie seien an kleinliche Statuten gebunden, die sie in engen Grenzen hielten. Mit Ausnahme einiger weniger Männer wüßten sie auch nichts von Politik, deren Verständnis man ihnen schwer beibringen könne. Immerhin zeige sich ein gewisser Fortschritt. Vor wenigen Jahren würde man Abgesandte der Internationalen gar nicht erst angehört haben; heute nehme man sie freundlich auf, höre sie an und billige ihre Grundsätze. Es sei der erste Fall, daß eine Vereinigung, die irgend etwas mit Politik zu tun habe, sich bei den Trade Unions so habe einführen können.

Aus Frankreich berichteten Fribourg und Tolain, daß die Internationale eine günstige Aufnahme gefunden habe; außer in Paris seien Mitglieder in Rouen, Nantes, Elbeuf, Caen und andern Orten angeworben und eine ansehnliche Zahl von Mitgliedskarten zum Jahresbetrage von 1,25 Franken verkauft worden, doch sei der Erlös für die Einrichtung eines Pariser Zentralbüros und die Reisekosten der Delegierten draufgegangen. Der Generalrat wurde auf den Verkauf der 400 Mitgliedskarten vertröstet, die noch nicht abgesetzt worden seien. Die französischen Delegierten klagten über die Verschiebung des Kongresses als ein großes Hindernis der Entwicklung, auch über die Verängstigung der Arbeiter durch das bonapartistische Polizeiregiment; man begegne fortwährend dem Einwande: Zeigt, daß ihr handeln könnt, und wir wollen uns anschließen.

Recht günstig lauteten die Berichte, die Becker und Dupleix aus der Schweiz erstatteten, obgleich hier die Agitation erst vor sechs Monaten begonnen hatte. In Genf zählte man 400, in Lausanne 150 Mitglieder und ebenso viele in Vevey. Der monatliche Mitgliederbeitrag betrüge 50 Pence, doch würden die Mitglieder auch das Doppelte zahlen; sie seien ganz und gar von der Notwendigkeit durchdrungen, für den Generalrat zu steuern. Geld brächten die Delegierten freilich auch noch nicht mit, sondern nur den Trost, daß sie einen netten Überschuß mitgebracht haben würden, wenn ihre Reisekosten nicht gewesen wären.

|346| In Belgien bestand die Agitation erst einen Monat. Doch berichtete de Paepe, es seien bereits 60 Mitglieder geworben worden, die sich verpflichtet hätten, jährlich mindestens 3 Franken zu zahlen, wovon dem Generalrat der dritte Teil abgeführt werden sollte.

Was den Kongreß anbetraf, so beantragte Marx im Namen des Generalrats, ihn im September oder Oktober 1866 in Genf abzuhalten. Der Ort wurde einstimmig genehmigt, doch der Zeitpunkt auf lebhaftes Andringen der Franzosen bis auf die letzte Woche des Mai vorgeschoben. Die Franzosen verlangten auch, daß wer eine Mitgliedskarte aufweisen könne, Sitz und Stimme auf dem Kongreß beanspruchen dürfe; sie meinten, das sei eine Prinzipienfrage für sie, so sei das allgemeine Stimmrecht zu verstehen. Nur nach heißer Debatte war die Vertretung durch Delegierte durchzusetzen, die namentlich Cremer und Eccarius befürworteten.

Die Tagesordnung des Kongresses war vom Generalrat sehr reichlich vorgesehen: genossenschaftliche Arbeit; Verkürzung der Arbeitszeit; Frauen- und Kinderarbeit; Vergangenheit und Zukunft der Gewerkschaften: Einfluß der stehenden Heere auf die Interessen der arbeitenden Klassen usw. Alles wurde einstimmig angenommen; nur zwei Punkte riefen Meinungsverschiedenheiten hervor.

Der eine dieser Punkte wurde nicht vom Generalrat vorgeschlagen, sondern von den Franzosen. Sie verlangten als besonderen Gegenstand der Tagesordnung: religiöse Ideen und ihr Einfluß auf die soziale, politische und geistige Bewegung. Wie sie daraufkamen und wie Marx sich dazu stellte, ergibt sich vielleicht am kürzesten aus einigen Sätzen seines Nachrufs auf Proudhon, den er wenige Monate früher im »Social-Demokrat« Schweitzers veröffentlicht hatte, beiläufig seinem einzigen Beitrage für dies Blatt: »Seine Angriffe gegen Religion, Kirche usw. besitzen jedoch ein großes lokales Verdienst zu einer Zeit, wo die französischen Sozialisten es passend hielten, dem bürgerlichen Voltairianismus des 18. und der deutschen Gottlosigkeit des 19. Jahrhunderts durch Religiosität überlegen zu sein. Wenn Peter der Große die russische Barbarei durch Barbarei niederschlug, so tat Proudhon sein Bestes, das französische Phrasenwesen durch die Phrase niederzuwerfen.«[9] Auch englische Delegierte warnten vor diesem »Apfel der Zwietracht«, doch setzten die Franzosen ihren Antrag mit 18 gegen 13 Stimmen durch.

Der andere Punkt der Tagesordnung, um den gestritten wurde, war vom Generalrat vorgeschlagen und betraf eine Frage der europäischen Politik, die für Marx besonders wichtig war, nämlich »die Notwendigkeit, den fortschreitenden Einfluß Rußlands in Europa zu hemmen, |347| indem man gemäß dem Selbstbestimmungsrechte der Nationen ein unabhängiges Polen auf demokratischer und sozialistischer Basis wiederherstelle«. Davon wollten namentlich die Franzosen wieder nichts wissen; weshalb politische Fragen mit sozialen vermischen, weshalb in die Ferne schweifen, wo so viele Unterdrückung vor der eigenen Tür zu bekämpfen, weshalb den Einnuß der russischen Regierung hemmen, da der Einfluß der preußischen, österreichischen, französischen und englischen Regierung nicht weniger verhängnisvoll sei? Besonders entschieden sprach auch der belgische Delegierte in diesem Sinne. César de Paepe meinte, die Wiederherstellung Polens könne nur drei Klassen nützen: dem hohen Adel, dem niederen Adel und der Geistlichkeit.

Hier ist nun der Einfluß Proudhons ganz greifbar. Proudhon hatte sich wiederholt gegen die Wiederherstellung Polens ausgesprochen, zuletzt noch zur Zeit des polnischen Aufstandes von 1863, worin er, wie Marx in seinem Nachrufe sagte, zu Ehren des Zaren kretinhaften Zynismus trieb. Umgekehrt hatte derselbe Aufstand die alten Sympathien, die Marx und Engels in den Revolutionsjahren für die polnische Sache bekundet hatten, wieder aufgefrischt: sie wollten ein gemeinsames Manifest daran knüpfen, aus dem freilich nichts geworden ist.

Ihre Sympathie für Polen war keineswegs kritiklos; am 21. April 1863 schrieb Engels an Marx: »Ich muß sagen, für die Polacken von 1772 sich zu begeistern, dazu gehört ein Büffel. Im größten Teil von Europa fiel doch damals der Adel mit Anstand, teilweise mit esprit [Mehring übersetzt: Witz], so sehr auch seine allgemeine Maxime war, daß der Materialismus in dem bestehe, was man esse, trinke, beschlafe, im Spiel gewinne oder für Schuftereien bezahlt erhalte, aber so dumm in der Methode, sich an die Russen zu verkaufen wie die Polacken, war doch sonst kein Adel.« Allein solange an eine Revolution in Rußland selbst noch nicht gedacht werden konnte, bot die Wiederherstellung Polens die einzige Möglichkeit, den zarischen Einfluß auf die europäische Kultur zurückzuschrauben, und dementsprechend sah Marx in der grausamen Unterdrückung des polnischen Aufstandes und dem gleichzeitigen Vordringen des zarischen Despotismus im Kaukasus die wichtigsten europäischen Ereignisse seit dem Jahre 1815. Auf sie hatte er in dem Abschnitt der »Inauguraladresse«, der sich mit der auswärtigen Politik des Proletariats beschäftigte, den stärksten Nachdruck gelegt, und über den Widerstand, den dieser Punkt der Tagesordnung bei Tolain, Fribourg und andern fand, hat er sich noch lange nachher bitter geäußert. Zunächst freilich gelang es ihm, diesen Widerstand mit Hilfe der englischen Delegierten zu brechen; die polnische Frage blieb auf der Tagesordnung.

|348| Die Konferenz tagte morgens in geschlossenen Sitzungen, denen Jung, und abends in halböffentlichen Versammlungen, denen Odger vorsaß. In diesen Versammlungen wurden die Fragen, soweit sie in den geschlossenen Sitzungen geklärt worden waren, in weiteren Arbeiterkreisen besprochen. Die Pariser Delegierten veröffentlichten einen Bericht über die Konferenz und das für den Kongreß aufgestellte Programm, das in der Pariser Presse einen lebhaften Widerhall fand. Mit augenscheinlicher Befriedigung notierte Marx: »Unsre Pariser sind etwas verblüfft, daß der Paragraph über Rußland und Polen, den sie nicht haben wollten, grade am meisten Sensation macht.« Und auf den »enthusiastischen Kommentar«, den dieser Paragraph im besonderen wie das Kongreßprogramm im allgemeinen durch Henri Martin, den bekannten französischen Historiker fand, hat sich Marx noch nach einem Dutzend von Jahren gern berufen.

 

5. Der deutsche Krieg

Für ihn persönlich hatte die Hingebung, die er der Internationalen widmete, die unerfreuliche Folge, daß die dadurch herbeigeführte Stockung seiner Erwerbsarbeit wieder alle Nöte heraufbeschwor.

Schon am 31. Juli mußte er an Engels schreiben, daß er seit zwei Monaten rein aufs Pfandhaus lebe. »Ich versichere Dir, ich hätte mir lieber den Daumen abhauen lassen, als diesen Brief an Dieb zu schreiben. Es ist wahrhaft niederschmetternd, sein halbes Leben abhängig zu bleiben. Der einzige Gedanke, der mich dabei aufrechthält, ist der, daß wir zwei ein Kompaniegeschäft treiben, wo ich meine Zeit für den theoretischen und Parteiteil des business gebe. Ich wohne allerdings zu teuer für meine Verhältnisse, und außerdem haben wir dies Jahr besser gelebt als sonst. Aber es ist das einzige Mittel, damit die Kinder, abgesehn von dem vielen, was sie erlitten hatten und wofür sie wenigstens kurze Zeit entschädigt wurden, Beziehungen und Verhältnisse eingehn können, die ihnen eine Zukunft sichern können. Ich glaube, Du selbst wirst der Ansicht sein, daß, selbst bloß kaufmännisch betrachtet, eine reine Proletariereinrichtung hier unpassend wäre, die ganz gut ginge, wenn meine Frau und ich alleine oder wenn die Mädchen Jungen wären«. Engels half sofort, doch für ein paar Jahre begann nun noch einmal die Not mit den gemeinen Sorgen des Lebens.

Einige Monate darauf eröffnete sich für Marx eine neue Erwerbsquelle durch ein ebenso sonderbares wie unerwartetes Angebot, das er |349| durch einen Brief Lothar Buchers vom 5. Oktober 1865 erhielt. Beide Männer hatten in den Jahren, wo Bucher als Flüchtling in London lebte, keine Beziehungen zueinander gehabt, am wenigsten freundliche; auch nachdem Bucher eine selbständige Stellung innerhalb des allgemeinen Emigrantenknäuels einzunehmen begonnen und sich an Urquhart angeschlossen hatte als dessen begeisterter Anhänger, blieb Marx gegen ihn sehr kritisch gestimmt. Dagegen äußerte sich Bucher über die Streitschrift, die Marx gegen Vogt gerichtet hatte, sehr günstig zu Borkheim und wollte sie in der »Allgemeinen Zeitung« besprechen, was jedoch unterblieben ist, sei es, daß Bucher sie nicht geschrieben oder das Augsburger Blatt sie abgelehnt hat. Bucher war dann nach Erlaß der preußischen Amnestie heimgekehrt und hatte sich in Berlin mit Lassalle befreundet; mit diesem kam er 1862 zur Weltausstellung nach London, und nun war er auch durch Lassalle mit Marx persönlich bekannt geworden, der in ihm »ein ganz feines, wenn auch verzwicktes Männchen« fand, dem er nicht zutraute, mit Lassalles »auswärtiger Politik« einverstanden zu sein. Nach Lassalles Tode hatte sich Bucher in die Dienste der preußischen Regierung begeben und danach hatte Marx ihn und Rodbertus in einem Brief an Engels mit dem Kraftwort erledigt: Lumpenpack, all das Gesindel aus Berlin, Mark und Pommern!«

Nun schrieb Bucher an Marx: »Zuerst business! Der ›Staats-Anzeiger‹ wünscht monatlich einen Bericht über die Bewegung des Geldmarkts (und natürlich auch des Warenmarkts, soweit beides nicht zu trennen). Ich wurde gefragt, ob ich jemanden empfehlen könnte, und erwiderte, niemand würde das besser machen als Sie. Ich bin infolgedessen ersucht worden, mich an Sie zu wenden. Es werden Ihnen in betreff der Größe des Artikels keine Grenzen gesetzt, je gründlicher und umfassender, desto besser. In betreff des Inhalts versteht es sich, daß Sie nur Ihrer wissenschaftlichen Überzeugung folgen; jedoch würde die Rücksicht auf den Leserkreis (haute finance), nicht auf die Redaktion, es ratsam machen, daß Sie den innersten Kern nur eben für den Sachverständigen durchscheinen lassen und Polemik vermeiden.« Es folgten noch ein paar geschäftliche Bemerkungen, eine Erinnerung an einen gemeinsamen Ausflug mit Lassalle, dessen Ende ihm noch immer ein »psychologisches Rätsel« sei und die Mitteilung, daß er, wie Marx wisse, zu seiner ersten Liebe, den Akten, zurückgekehrt sei. »Ich war immer mit Lassalle darüber verschiedener Meinung, daß er sich die Entwicklung so schnell dachte. Der Fortschritt wird sich noch oft häuten, ehe er stirbt; wer also während seines Lebens noch innerhalb des Staates wirken will, der muß sich ralliieren um die Regierung.« Der Brief schloß, nach einer Empfehlung |350|* an Frau Marx und Grüßen an die jungen Damen, besonders die ganz kleine, mit der üblichen Floskel: Hochachtungsvoll und ergebenst.

Marx antwortete ablehnend, doch fehlen nähere Angaben darüber, was er schrieb und wie er über den Brief Buchers dachte. Gleich nach dessen Empfang reiste er nach Manchester, wo er die Sache mit Engels besprochen haben wird; in ihrem Briefwechsel wird sie nicht erwähnt, und auch sonst hat sie Marx in den Briefen an seine Freunde, soweit sie bisher bekannt geworden sind, nur einmal flüchtig gestreift. Wohl aber hat er den Brief Buchers vierzehn Jahre später, als nach den Attentaten Hödels und Nobilings die tobende Sozialistenhetze in Berlin losbrach, in das Lager der Hetzer geschleudert, wo er mit der zerstörenden Kraft einer Bombe explodiert ist. Bucher war damals Sekretär des Berliner Kongresses und hatte nach der Versicherung seines offiziösen Biographen den Entwurf des ersten Sozialistengesetzes verfaßt, das nach dem Attentate Hödels dem Reichstage vorgelegt, aber von diesem noch abgelehnt wurde.

Seitdem ist viel darüber geschrieben worden, ob Bismarck durch den Brief Buchers versucht habe, Marx zu kaufen. Es ist richtig, daß Bismarck im Herbst 1865, als der Vertrag von Gastein den drohenden Bruch mit Österreich nur notdürftig verkittet hatte, sicher geneigt war, nach seinem eigenen Jägervergleich »alle Hunde loszulassen, die bellen wollen«. Er war freilich viel zu eingefleischter ostelbischer Junker, um etwa in der Weise eines Disraeli oder auch nur eines Bonaparte mit der Arbeiterfrage zu liebäugeln; es ist bekannt, wie drollige Vorstellungen er sich von Lassalle machte, mit dem er doch mehrfach persönlich verkehrt hatte. Nun hatte er in seiner nächsten Umgebung zwei Personen, die in diesem delikaten Punkte besser Bescheid wußten, eben Lothar Bucher und Hermann Wagener, und Wagener hat sich damals auch eifrig bemüht, die deutsche Arbeiterbewegung zu ködern, und soweit es auf die Gräfin Hatzfeld ankam, hat er sie auch geködert. Aber Wagener war als geistiger Leiter der Junkerpartei und alter Freund Bismarcks schon aus vormärzlicher Zeit ungleich unabhängiger gestellt als Bucher, der ganz auf Bismarcks Wohlwollen angewiesen blieb, da ihn die Bürokratie als unberufenen Eindringling mit scheelen Blicken betrachtete, wie auch der König von wegen 1848 nichts von ihm wissen wollte. Ohnehin war Bucher ein schwacher Charakter, ein »Fisch ohne Gräten«, wie sein Freund Rodbertus ihn zu nennen pflegte.

Hat also Marx durch den Brief Buchers gekauft werden sollen, so ist es sicherlich nicht ohne Vorwissen Bismarcks geschehen. Es fragt sich nur, ob ein solcher Kaufversuch vorgelegen hat. Die Art, wie Marx den Brief Buchers gegen die Sozialistenhetze von 1878 verwertete, war ein |351| ebenso erlaubter wie geschickter Schachzug, aber damit ist noch nicht einmal beweisen, daß Marx den Brief Buchers von Anfang an als Bestechungsversuch aufgefaßt hat, geschweige denn, daß er ein solcher Versuch gewesen ist. Bucher wußte sehr gut, daß Marx, seit seiner Absage an Schweitzer, bei den Lassalleanern einstweilen sehr schlecht angeschrieben war, und zudem war ein Monatsbericht über den internationalen Geld- und Warenmarkt in der langweiligsten aller deutschen Zeitungen kaum das geeignete Mittel, die allgemeine Mißstimmung gegen Bismarcks Politik zu beschwichtigen oder gar die Arbeiter für diese Politik zu gewinnen. So hat Buchers Versicherung, er habe den alten Exilsgenossen dem Kurator des »Staats-Anzeigers« ohne alle politischen Hintergedanken empfohlen, viel für sich, etwa mit der Einschränkung, daß sich der Kurator einen fortschrittlichen Manchestermann von vornherein verbeten haben mag. Nachdem Bucher bei Marx abgeblitzt war, wandte er sich an Dühring, der sich auf die Sache einließ, aber sie bald aufgab, da der Kurator keineswegs die Achtung vor der »wissenschaftlichen Überzeugung« bewies, die ihm Bucher nachgerühmt hatte.

Schlimmer noch, als die wirtschaftliche Bedrängnis, in die Marx durch seine aufreibende Tätigkeit für die Internationale und sein wissenschaftliches Werk geriet, war die wachsende Erschütterung seiner Gesundheit. Am 10. Februar 1866 schrieb ihm Engels: »Du mußt wirklich endlich etwas Vernünftiges tun, um aus diesem Karbunkelkram herauszukommen ... Laß das Nachtsarbeiten einige Zeit sein und führe eine etwas regelmäßigere Lebensweise.« Darauf antwortete Marx am 13. Februar: »Gestern lag ich wieder brach, da ein bösartiger Hund von Karbunkel an linker Lende ausgebrochen. Hätte ich Geld genug, das heißt mehr >- 0, für meine Familie, und wäre mein Buch fertig, so wäre es mir völlig gleichgültig, ob ich heute oder morgen auf den Schindanger geworfen würde, alias verreckte. Unter besagten Umständen geht es aber noch nicht.« Und eine Woche darauf erhielt Engels die Schreckensbotschaft: »Diesmal ging es um die Haut. Meine Familie wußte nicht, wie serieux [Mehring übersetzt: ernst] der cas [Mehring übersetzt: Fall] war. Wenn sich das Zeug noch drei- bis viermal in derselben Form wiederholt, bin ich ein Mann des Todes. Ich bin wundervoll abgefallen und noch verdammt schwach, nicht im Kopf, sondern in Lende und Bein. Die Ärzte haben ganz recht, daß übertriebne Nachtarbeit die Hauptursache dieses Rückfalls. Aber ich kann den Herren nicht die Ursachen mitteilen - was auch ganz zwecklos wäre -, die mich zu dieser Extravaganz zwingen.« Nunmehr erzwang aber Engels, daß Marx sich einige Wochen Erholung gönnte und nach Margate an die See ging.

|352| Hier fand Marx bald seine frohe Laune wieder. In einem lustigen Briefe an seine Tochter Laura schrieb er: »Ich bin recht froh, daß ich in einem Privathause Wohnung genommen habe und nicht in einem Gasthaus, wo man unweigerlich mit Lokalpolitik, Familienskandal und Nachbarklatsch geplagt wird. Und dennoch kann ich nicht singen mit dem Müller von Dee: Ich kümmere mich um niemand, und niemand fragt nach mir. Denn da ist immer noch meine Wirtin, die taub wie ein Zaunpfahl ist, und ihre Tochter, die von chronischer Heiserkeit geplagt wird. Es sind aber sehr nette Leute, aufmerksam und nicht zudringlich. - Ich selbst habe mich in einen wandernden Spazierstock verwandelt, renne den größten Teil des Tages umher, schnappe Luft, gehe um zehn Uhr zu Bette, lese nichts, schreibe noch weniger, und arbeite mich überhaupt in jenen Seelenzustand des Nichts hinein, den der Buddhaismus als den Gipfelpunkt menschlicher Glückseligkeit betrachtet.« Und am Schluß die neckende Bemerkung, die wohl schon auf kommende Dinge deutete: »Dieser verdammte Schlingel Lafargue quält mich mit seinem Proudhonismus und wird wohl nicht eher ruhen, bis ich ihm seinen Kreolenschädel gründlich verkeilt habe.«

In eben diesen Tagen, wo Marx in Margate weilte, entluden sich die ersten Blitze des Kriegsgewitters, das über Deutschland heraufgezogen war. Am 8. April hatte Bismarck mit Italien ein Angriffsbündnis gegen Österreich abgeschlossen, und am Tage darauf richtete er den Antrag an den Bundestag, ein deutsches Parlament auf Grund des allgemeinen Stimmrechts einzuberufen, um eine Bundesreform zu beraten, über die sich die deutschen Regierungen zu einigen hätten. Die Stellung, die Marx und Engels zu diesen Vorgängen einnahmen, zeigte nun doch, daß sie den deutschen Zuständen sehr entfremdet waren. Sie schwankten in ihrem Urteil. Am 10. April schrieb Engels über Bismarcks Antrag wegen eines deutschen Parlaments: »Welch ein Rindvieh muß der Kerl sein zu glauben, das hülfe ihm auch nur ein Atom! ... Wenn es wirklich zum Klappen kommt, so hängt zum ersten Mal in der Geschichte die Entwicklung ab von der Haltung Berlins. Schlagen die Berliner zur rechten Zeit los, so kann die Sache gut werden - aber wer kann sich auf die verlassen?«

Drei Tage später schrieb er wieder, mit einer merkwürdig klaren Voraussicht der Dinge: »Wie es den Anschein hat, wird der deutsche Bürger nach einigem Sträuben darauf [von Mehring eingefügt: nämlich das allgemeine Stimmrecht] eingehn, denn der Bonapartismus ist doch die wahre Religion der modernen Bourgeoisie. Es wird mir immer klarer, daß die Bourgeoisie nicht das Zeug hat, selbst direkt zu herrschen, und |353| daß daher, wo nicht eine Oligarchie wie hier in England es übernehmen kann, Staat und Gesellschaft gegen gute Bezahlung im Interesse der Bourgeoisie zu leiten, eine bonapartistische Halbdiktatur die normale Form ist; die großen materiellen Interessen der Bourgeoisie führt sie durch, selbst gegen die Bourgeoisie, läßt ihr aber keinen Teil an der Herrschaft selbst. Andrerseits ist diese Diktatur selbst wieder gezwungen, diese materiellen Interessen der Bourgeoisie widerwillig zu adoptieren. So haben wir jetzt den Monsieur Bismarck, wie er das Programm des Nationalvereins adoptiert. Das Durchführen ist freilich etwas ganz anderes, allein am deutschen Bürger scheitert B[ismarck] schwerlich.« Woran er aber wirklich scheitern würde, so meinte Engels, sei die österreichische Heeresmacht. Benedek sei jedenfalls ein besserer General als Prinz Friedrich Karl; Österreich könne wohl Preußen, nicht aber Preußen Osterreich aus eigener Kraft zum Frieden zwingen; jeder preußische Erfolg wäre also eine Aufforderung an Bonaparte, sich einzumischen.

Fast genau mit denselben Worten schilderte Marx die damalige Lage in einem Brief an einen neugewonnenen Freund, den Arzt Kugelmann in Hannover, der schon als junger Bursch im Jahre 1848 für Marx und Engels geschwärmt, alle ihre Schriften sorgsam gesammelt, aber erst im Jahre 1862 durch Freiligraths Vermittlung sich an Marx gewandt hatte, dem er schnell ein naher Vertrauter wurde. In allen militärischen Fragen unterwarf sich Marx den Urteilen, die Engels fällte, mit einem Verzicht auf jede Kritik, der ihm sonst am wenigsten eigen war.

Erstaunlicher noch, als seine Überschätzung der österreichischen Macht, war die Auffassung, die Engels von den inneren Zuständen des preußischen Heeres hatte. Erstaunlicher namentlich deshalb, weil er eben in einer vortrefflichen Schrift die Heeresreform, um die der preußische Verfassungskonflikt entbrannt war, mit einer, den bürgerlich-demokratischen Kannegießern weit überlegenen Einsicht dargestellt hatte.[10] Am 25. Mai schrieb er: »Wenn die Österreicher gescheit genug sind nicht anzugreifen, so bricht der Tanz in der preußischen Armee sicher los. So rebellisch, wie die Kerle bei dieser Mobilmachung sind, waren sie nie. Leider erfährt man nur den allergeringsten Teil von dem, was vorgeht, aber das ist schon genug, um zu beweisen, daß mit dieser Armee ein Angriffskrieg unmöglich ist.« Und noch am 11. Juni: »Die Landwehr wird in diesem Krieg den Preußen ebenso gefährlich wie 1806 die Polen, die auch über 1/3 der Armee ausmachten und die ganze Geschichte ... desorganisierten. Nur daß die Landwehr, statt zu debandieren, rebellieren wird nach der Niederlage.« Das wurde drei Wochen vor Königgrätz geschrieben.

|354| Königgrätz zerstreute dann alle Nebel, und schon am Tage nach der Schlacht schrieb Engels: »Was sagst Du zu den Preußen? Die Ausbeutung der ersten Erfolge ist mit enormer Energie geschehen ... Solch eine Entscheidungsschlacht in 8 Stunden abgemacht, ist noch nicht dagewesen; unter andern Umständen hätte sie zwei Tage gedauert. Aber das Zündnadelgewehr ist eine heillose Waffe, und dann schlugen sich die Kerle wirklich mit einer Bravour, die ich an solchen Friedenstruppen nie gesehen habe.« Engels und Marx konnten irren und haben oft geirrt, aber sie haben sich nie gegen die Erkenntnis gesträubt, die ihnen die Ereignisse selbst aufzwangen. Der preußische Sieg war für sie ein harter Bissen, doch würgten sie nicht hilflos daran. Engels, der in dieser Frage die Führung behielt, faßte nun am 25. Juli die Lage so zusammen: »Die Geschichte in Deutschland scheint mir jetzt ziemlich einfach. Von dem Augenblick an, wo Bismarck den kleindeutschen Bourgeoisieplan mit der preußischen Armee und so kolossalem Sukzeß durchführte, hat die Entwicklung in Deutschland diese Richtung so entschieden genommen, daß wir ebenso gut wie andre die vollzogene Tatsache anerkennen müssen, ob sie uns gefallen mag oder nicht ... Die Sache hat das Gute, daß sie die Situation vereinfacht, eine Revolution dadurch erleichtert, daß sie die Krawalle der kleinen Hauptstädte beseitigt und die Entwicklung jedenfalls beschleunigt. Am Ende ist doch ein deutsches Parlament ein ganz andres Ding als eine preußische Kammer. Die ganze Kleinstaaterei wird in die Bewegung hineingerissen, die schlimmsten lokalisierenden Einflüsse hören auf, und die Parteien werden endlich wirklich nationale, statt bloß lokale.« Worauf Marx zwei Tage später mit trockener Gelassenheit erwiderte: »Ich bin ganz Deiner Ansicht, daß man den Dreck nehmen muß, wie er ist. Doch ist es angenehm, während dieser jungen Zeit der ersten Liebe in der Ferne zu sein.«

Gleichzeitig schrieb Engels, nicht in lobendem Sinne, daß »Bruder Liebknecht sich in eine fanatische Österreicherei hineinreite«; offenbar rühre eine »Wutkorrespondenz« aus Leipzig in der »Frankfurter Zeitung« von ihm her; diese fürschtenmörderische Zeitung sei so weit gekommen, daß sie den Preußen ihre schändliche Behandlung des »ehrwürdigen Kurfürsten von Hessen« vorwerfe und für den armen blinden Welfen schwärme. Dagegen erklärte sich Schweitzer in Berlin aus denselben Gründen und mit denselben Worten so wie Marx und Engels in London, wegen welcher »opportunistischen« Politik dieser Unglückliche heute noch die sittliche Empörung der gewichtigen Staatsmänner ertragen muß, die Marx und Engels zwar nicht verstehen, aber anbeten.

 

6. Der Genfer Kongreß

|355| Wider die Absicht hatte der erste Kongreß der Internationalen noch nicht stattgefunden, als die Schlacht bei Königgrätz über die deutschen Geschicke entschied. Er hatte noch einmal bis in den September des Jahres vertagt werden müssen, obgleich sein zweites Lebensjahr dem neuen Bunde einen ungleich schnelleren Aufstieg beschert hatte als das erste.

Auf dem Festlande begann sich Genf als sein wichtigster Mittelpunkt herauszubilden, wo sowohl die romanische wie die deutsche Sektion mit der Gründung eigener Parteiorgane vorgingen. Das deutsche war der »Vorbote«, eine von dem alten Becker gegründete und geleitete Monatsschrift, deren sechs Jahrgänge noch heute zu den wichtigsten Quellen für die Geschichte der Internationalen gehören. Der »Vorbote« erschien seit dem Januar 1866 und nannte sich »Zentralorgan der Sektionsgruppe deutscher Sprache«, denn auch die deutschen Mitglieder der Internationalen, so viele oder so wenige ihrer waren, hielten sich nach Genf, da die deutschen Vereinsgesetze die Bildung inländischer Sektionen hinderten. Aus ähnlichen Gründen erstreckte die romanische Sektion in Genf ihren Einfluß tief nach Frankreich.

Auch in Belgien hatte sich die Bewegung schon ein eignes Blatt geschaffen, die »Tribune du Peuple«, die Marx als offizielles Organ der Internationalen ebenso anerkannte wie die beiden Genfer Blätter. Nicht jedoch zählte er dazu ein oder ein paar Blättchen, die in Paris erschienen und in ihrer Weise die Arbeitersache vertraten. Die Sache nahm zwar auch in Frankreich einen guten Fortgang, aber mehr wie ein Flug- als wie ein Herdfeuer. Bei dem gänzlichen Mangel an Preß- und Versammlungsfreiheit ließen sich wirkliche Bewegungszentren schwer schaffen, und die zweideutige Duldung der bonapartistischen Polizei wirkte zunächst mehr einschläfernd als erweckend auf die Energie der Arbeiter. Auch der stark vorherrschende Proudhonismus war nicht geeignet, die organisatorische Kraft des Proletariats zu fördern.

Er lärmte besonders in dem »jungen Frankreich«, das flüchtig in Brüssel oder London lebte. Im Februar 1866 machte eine französische Sektion, die sich in London gebildet hatte, dem Generalrat heftige Opposition, weil er die Polenfrage auf das Programm des Genfer Kongresses gesetzt hatte. Im Sinne Proudhons fragte sie, wie man denn denken könne, den russischen Einfluß durch die Wiederherstellung Polens zurückzudämmen, in einem Augenblick, wo die russischen Leibeigenen durch Rußland befreit würden, während die polnischen Adligen und |356| Priester sich stets geweigert hätten, ihren Leibeigenen die Freiheit zu geben? Auch beim Ausbruch des deutschen Krieges erregten die französischen Mitglieder der Internationalen und selbst ihres Generalrats viel unnützen Streit mit ihrem »Proudhonistischen Stirnerianismus«, wie Marx einmal sagt,-, indem sie alle Nationalitäten für veraltet erklärten und ihre Auflösung in kleine »Gruppen« verlangten, die wieder einen »Verein« bilden sollten, aber keinen Staat. »Und zwar soll diese ›Individualisierung‹ der Menschheit und der entsprechende ›mutualisme‹ vor sich gehn, indem die Geschichte in allen andern Ländern aufhört und die ganze Welt wartet, bis die Franzosen reif sind, eine soziale Revolution zu machen. Dann werden sie uns das Experiment vormachen, und die übrige Welt wird, durch die Kraft ihres Beispiels überwältigt, dasselbe tun.« Diesen Spott richtete Marx zumal an seine »sehr guten Freunde« Lafargue und Longuet, die seine Schwiegersöhne werden sollten, aber zunächst als »Proudhongläubige« ihm manche Schererei verursachten.

Das Schwergewicht der Internationalen lag immer noch in den Trade Unions. So sah auch Marx die Dinge an; am 15. Januar 1866 sprach er in einem Brief an Kugelmann seine Genugtuung darüber aus, daß es gelungen sei, diese einzige wirklich große Arbeiterorganisation in die Bewegung zu ziehen; besondere Freude bereitete ihm ein Riesenmeeting, das einige Wochen früher in St. Martins Hall zugunsten der Wahlreform stattgefunden hatte, unter der geistigen Leitung der Internationalen. Als dann das Whigministerium Gladstone im März 1866 eine Wahlreformvorlage eingebracht hatte, die einem Teil seiner eigenen Partei zu radikal war, und durch den Abfall dieser Mitglieder stürzte, um durch das Toryministerium Disraeli abgelöst zu werden, das die Wahlreform auf die lange Bank zu schieben versuchte, nahm die Bewegung stürmische Formen an. Am 7. Juli schrieb Marx an Engels: »Die Londoner Arbeiterdemonstrationen, fabelhaft, verglichen mit dem, was wir seit 1849 in England gesehn, sind rein das Werk der ›International‹. Mr. Lucraft f.i. [Mehring übersetzt: zum Beispiel], der Hauptmann auf dem Trafalgar Square, is one of our council [Mehring übersetzt: ist einer von unserem Rat].« Auf dem Trafalgar Square, wo 20.000 Menschen versammelt waren, berief Lucraft ein Meeting nach White Hall Gardens ein, wo »wir zuzeiten einem unserer Könige den Kopf abgehauen«; gleich darauf kam es im Hyde Park, wo 60.000 Menschen versammelt waren, fast schon zum offenen Aufstande.

Die Verdienste der Internationalen um diese Bewegung, die durch das ganze Land ging, erkannten die Trade Unions völlig an. Eine von sämtlichen |357|* Trades Unions beschickte Konferenz in Sheffield beschloß: »Indem die Konferenz der Internationalen Arbeiterassoziation für ihre Bemühungen, die Arbeiter aller Länder durch ein Band der Brüderlichkeit zu vereinen, volle Anerkennung zollt, empfiehlt sie allen hier vertretenen Gesellschaften auf das eindringlichste, sich dieser Körperschaft anzuschließen, in der Überzeugung, daß dies von der äußersten Wichtigkeit ist für den Fortschritt und das Gedeihen der gesamten Arbeiterklasse.« Nunmehr schlossen sich eine ganze Reihe von Gewerkschaften der Internationalen an, doch war dieser große moralisch-politische nicht in gleichem Maße ein materieller Erfolg. Es blieb den angeschlossenen Gewerkschaften überlassen, nach Belieben oder auch gar keine Beiträge zu zahlen, und wenn sie es taten, geschah es in recht bescheidener Weise. So zahlten jährlich die Schuhmacher mit 5.000 Mitgliedern fünf, die Zimmerer mit 9.000 Mitgliedern zwei, die Maurer mit 3.000 bis 4.000 Mitgliedern gar nur ein Pfund.

Auch erkannte Marx sehr früh, daß sich in dem »Reformmovement« »der verfluchte traditionelle Charakter aller englischen Bewegungen« zeige. Schon vor Gründung der Internationalen hatten die Trade mit den bürgerlichen Radikalen wegen der Wahlreform angeknüpft. Diese Beziehungen wurden nur noch enger, je mehr die Bewegung greifbare Früchte zu reifen versprach; »Abschlagszahlungen«, die früher mit höchster Entrüstung zurückgewiesen worden waren, erschienen als würdige Kampfpreise; Marx vermißte doch den feurigen Geist der alten Chartisten. Er tadelte die Unfähigkeit der Engländer, zwei Dinge auf einmal zu tun; je mehr die Wahlbewegung vorwärtsginge, um so kühler würden die Londoner Führer »in unserem engeren Movement«; »in England hat die Reformbewegung, die von uns ins Leben gerufen wurde, uns beinahe getötet«. Ein starkes Hindernis dieser Entwicklung fiel dadurch fort, daß Marx durch seine Krankheit und den Aufenthalt in Margate am persönlichen Eingreifen verhindert wurde.

Viel Mühe und Sorge machte ihm auch »The Workman's Advocate«, ein Wochenblatt, das die Konferenz von 1865 zum offiziellen Organe der Internationalen erhoben hatte und das sich im Februar 1866 in »The Commonwealth« umtaufte. Marx saß mit im Verwaltungsrat des beständig mit finanziellen Nöten kämpfenden und deshalb auf die Hilfe bürgerlicher Wahlreformer angewiesenen Blattes; er bemühte sich eifrig, bürgerlichen Einflüssen das Gegengewicht zu halten und daneben Eifersüchteleien um die Redaktion zu steuern; zeitweise redigierte Eccarius das Blatt und veröffentlichte in ihm seine bekannte Streitschrift gegen Stuart Mill, an der Marx stark mitgeholfen hat. Schließlich konnte |358| Marx aber doch nicht hindern, daß der »Commonwealth« »einstweilen in ein reines Reformorgan umschlug«, wie es in einem Brief an Kugelmann heißt, »aus halb ökonomischen und halb politischen Gründen«.

Diese Gesamtlage der Dinge erklärt es hinlänglich, daß Marx dem ersten Kongreß der Internationalen mit großen Befürchtungen entgegensah, weil er von ihm »eine europäische Blamage« befürchtete. Da die Pariser auf dem Beschluß der Londoner Konferenz bestanden, wonach der Kongreß Ende Mai stattfinden sollte, so wollte Marx selbst hinübergehen, um sie von der Unmöglichkeit dieses Termins zu überzeugen, doch Engels meinte, die ganze Geschichte sei nicht das Risiko wert, daß Marx in die Fänge der bonapartistischen Polizei geriete, in denen er ungeschützt sein würde; ob der Kongreß was Gutes beschließen werde, sei Nebensache, wenn nur jeder Skandal vermieden werden könne, und das werde doch wohl möglich sein. In gewissem Sinne - wenigstens ihnen selbst gegenüber - werde jede derartige Demonstration eine Blamage sein, ohne daß sie es deshalb vor Europa zu sein brauche.

Der Knoten löste sich dadurch, daß die Genfer selbst, da sie mit ihren Vorbereitungen nicht fertig waren, die Vertagung des Kongresses bis in den September beschlossen, womit man überall, außer in Paris, einverstanden war. Marx selbst beabsichtigte nicht, an dem Kongreß persönlich teilzunehmen, da die Arbeit an seinem wissenschaftlichen Werk keine längere Unterbrechung mehr zuließ; ihm erschien, was er dadurch tat, viel wichtiger für die Arbeiterklasse, als was er persönlich auf irgendeinem Kongreß tun könnte. Aber er verwandte doch viel Zeit darauf, einen günstigen Verlauf des Kongresses zu sichern; er entwarf eine Denkschrift für die Londoner Delegierten [11], die er absichtlich auf solche Punkte beschränkte, »die unmittelbare Verständigung und Zusammenwirken der Arbeiter erlauben und den Bedürfnissen des Klassenkampfs und der Organisation der Arbeiter zur Klasse unmittelbar Nahrung und Anstoß geben«. Man kann dieser Denkschrift dasselbe Kompliment machen, wie es Beesly der »Inauguraladresse« gemacht hatte: auf wenigen Seiten sind so gründlich und schlagend wie nur je die nächsten Forderungen des internationalen Proletariats zusammengefaßt. Als Vertreter des Generalrats gingen der Präsident Odger und der Generalsekretär Cremer nach Genf, mit ihnen Eccarius und Jung, auf deren Verständnis sich Marx in erster Reihe verlassen konnte.

Der Kongreß tagte vom 3. bis 8. September unter dem Vorsitze Jungs und in Anwesenheit von 60 Delegierten. Marx fand, daß er »über Erwarten ausgefallen sei«. Nur über die »Herren Pariser« ließ er sich recht bitter aus. »Sie hatten den Kopf voll mit den leersten Proudhonischen |359| Phrasen. Sie schwatzen von Wissenschaft und wissen nichts. Sie verschmähen alle revolutionäre, i. e. aus dem Klassenkampf selbst entspringende Aktion, alle konzentrierte, gesellschaftliche, also auch durch politische Mittel (wie z.B. gesetzliche Abkürzung des Arbeitstags) durchsetzbare Bewegung; unter dem Vorwand der Freiheit und des Antigouvernementalismus oder Antiautoritätsindividualismus - diese Herren, die so ruhig seit sechzehn Jahren den elendesten Despotismus ertragen haben und ertragen! - predigen sie in der Tat die ordinäre bürgerliche Wirtschaft, nur proudhonisch idealisiert!« Und so weiter in noch härteren Wendungen.

Das Urteil ist reichlich scharf, obgleich sich Johann Philipp Becker, der auf dem Kongresse selbst als Hauptbeteiligter anwesend war, einige Jahre später womöglich noch schärfer über das Tohuwabohu ausgelassen hat, das auf ihm geherrscht habe. Nur daß Becker über den Franzosen nicht die Deutschen, und über den Proudhonisten nicht die Schulze-Delitzschianer vergaß. »Welche Höflichkeiten mußten da an die guten Leutchen verschwendet werden, um anständig der Gefahr ihres Beglückungssturmlaufs zu entrinnen!« Anders freilich hieß es in den gleichzeitigen Berichten des »Vorboten« über die Verhandlungen des Kongresses, die mit einiger Kritik gelesen sein wollen.

Die Franzosen waren verhältnismäßig stark vertreten, sie verfügten über etwa ein Drittel der Mandate und ließen es an Beredsamkeit nicht fehlen, aber viel haben sie nicht erreicht. Ihr Antrag, nur Handarbeiter, nicht auch Kopfarbeiter in die Internationale aufzunehmen, fiel zu Boden, ebenso ihr Antrag, die religiösen Fragen ins Programm des Bundes aufzunehmen, womit diese Mißgeburt für immer beseitigt war. Angenommen wurde dagegen ein von ihnen eingebrachter, ziemlich harmloser Antrag auf Studien über den internationalen Kredit, die im Sinne Proudhons auf eine spätere Zentralbank der Internationalen abzielten. Empfindlicher war die Annahme eines von Tolain und Fribourg eingebrachten Antrages, der die Frauenarbeit »als Prinzip der Entartung« verwarf und der Frau ihren Platz in der Familie anwies. Doch stieß er schon bei Varlin und anderen Franzosen selbst auf Widerspruch und wurde nur neben den Anträgen des Generalrats über Frauen- und Kinderarbeit angenommen, die ihn totschlugen. Sonst gelang den Franzosen nur, hier und da einiges proudhonistische Flickwerk in die Beschlüsse einzuschmuggeln, woraus es sich erklärt, daß Marx über diese Schönheitsfehler, durch die seine mühsame Arbeit entstellt wurde, recht verdrießlich war, ohne doch zu verkennen, daß er mit dem ganzen Verlauf des Kongresses wohl zufrieden sein konnte.

|360| Nur in einem Punkte hatte er eine Abweisung erfahren, die ihm empfindlich sein konnte und auch wohl besonders empfindlich war, in der polnischen Frage. Nach den Erfahrungen der Londoner Konferenz war dieser Punkt in der englischen Denkschrift sorgfältig begründet worden. Die europäischen Arbeiter müßten diese Frage aufnehmen, weil die herrschenden Klassen, trotz aller sonstigen Schwärmerei für alle Arten von Nationalitäten, sie unterdrückten, weil Aristokratie und Bourgeoisie die finstere asiatische Macht im Hintergrunde als eine letzte Zuflucht gegen das Vorschreiten der Arbeiterklasse betrachteten. Diese Macht könne nur unschädlich gemacht werden durch die Wiederherstellung Polens auf demokratischer Grundlage. Davon werde es abhängen, ob Deutschland ein Vorposten der Heiligen Allianz oder ein Verbündeter des republikanischen Frankreichs sei. Die Arbeiterbewegung werde beständig aufgehalten, unterbrochen und verzögert, bis diese große europäische Frage gelöst sei. Die Engländer traten energisch für den Antrag ein, aber die Franzosen und ein Teil der romanischen Schweizer widersprachen nicht minder lebhaft; man einigte sich endlich auf den Vorschlag Beckers, der selbst für den Antrag sprach, aber eine offene Spaltung in dieser Frage vermeiden wollte, auf den ausweichenden Beschluß, da die Internationale gegen jede Gewaltherrschaft sei, so sei sie auch bestrebt, den imperialistischen Einfluß Rußlands zu beseitigen und Polen auf sozialdemokratischer Grundlage wiederherzustellen.

Sonst aber siegte die englische Denkschrift auf der ganzen Linie. Die provisorischen Statuten wurden bis auf einige Änderungen bestätigt; die »Inauguraladresse« wurde nicht debattiert, aber seitdem in den Beschlüssen und Kundgebungen der Internationalen stets als offizielles Aktenstück zitiert. Der Generalrat wurde mit dem Sitz in London wiedergewählt; er sollte eine umfassende Statistik über die Lage der internationalen Arbeiterklasse veranstalten und, sooft es seine Mittel erlaubten, einen Bericht über alles erstatten, was die Internationale Arbeiterassoziation interessiere. Um seine Auslagen zu decken, wurde jedem Mitgliede für das nächste Jahr ausnahmsweise eine Extrasteuer von 30 Centimes (24 Pfennig) auferlegt, als regelmäßigen Jahresbeitrag für die Kasse des Generalrats empfahl der Kongreß einen halben oder ganzen Penny (8,5 Pfennig), außer dem Preise für die Mitgliedskarte.

Unter den programmatischen Kundgebungen des Kongresses standen die Beschlüsse über Arbeiterschutzgesetzgebung und Gewerkvereine obenan. Der Kongreß stellte den Grundsatz auf, daß die Arbeiterklasse sich Arbeiterschutzgesetze erkämpfen müsse. »Indem die Arbeiterklasse solche Gesetze durchsetzt, befestigt sie nicht die regierende Macht. Im |361| Gegenteil wandelt sie jene Macht, die jetzt gegen sie gebraucht wird, in ihr eigenes Werkzeug um.«[12] Sie bewirkte durch ein allgemeines Gesetz, was durch isolierte individuelle Anstrengungen bewirken zu wollen, ein nutzloser Versuch sein würde. Der Kongreß empfahl die Beschränkung des Arbeitstages als eine Bedingung, ohne die alle anderen Bestrebungen des Proletariats um seine Emanzipation scheitern müßten. Sie sei nötig, um die körperliche Energie und Gesundheit der Arbeiterklasse wiederherzustellen, um ihr die Möglichkeit geistiger Entwicklung, gesellschaftlichen Umgangs, sozialer und politischer Tätigkeit zu gewähren. Als gesetzliche Grenze des Arbeitstages schlug der Kongreß acht Stunden vor, die in eine bestimmte Tagesperiode gelegt werden müßten, so zwar, daß diese Periode die acht Stunden Arbeit und die Unterbrechungen für Mahlzeiten umfasse. Der Achtstundentag solle gelten für alle volljährigen Leute, Männer wie Frauen, die Volljährigkeit vom Schlusse des 18. Lebensjahres an gerechnet. Nachtarbeit sei gesundheitlich zu verwerfen, unerläßliche Ausnahmen müßten von der Gesetzgebung festgestellt werden. Frauen seien mit aller möglichen Strenge von der Nachtarbeit auszuschließen sowie von aller anderen Arbeit, die für den weiblichen Körper gesundheitsgefährlich oder für das weibliche Geschlecht sittenwidrig sei.

In der Tendenz der modernen Industrie, Kinder und junge Personen beiderlei Geschlechts zur Mitwirkung an der gesellschaftlichen Produktion heranzuziehen, sah der Kongreß einen heilsamen rechtmäßigen Fortschritt, so abscheulich die Form sei, worin er sich unter der Herrschaft des Kapitals verwirkliche. In einem vernünftigen Zustande der Gesellschaft müßte jedes Kind ohne Unterschied vom neunten Lebensjahre an produktiver Arbeiter werden, ebenso wie keine erwachsenen Personen von dem allgemeinen Naturgesetz ausgenommen werden dürften: nämlich zu arbeiten, um essen zu können, und zu arbeiten nicht bloß mit dem Gehirne, sondern mit den Händen. In der gegenwärtigen Gesellschaft empfehle es sich, die Kinder und jugendlichen Personen in drei Klassen zu teilen und verschieden zu behandeln: in Kinder von 9 bis 12, in Kinder von 13 bis 15, in Jünglinge und Mädchen von 16 bis 17 Jahren. Die Arbeitszeit der ersten Klasse in irgendeiner Werkstelle oder häuslichen Arbeit solle sich auf zwei, der zweiten auf vier, der dritten auf sechs Stunden beschränken, wobei der dritten Klasse eine Unterbrechung der Arbeitszeit auf wenigstens eine Stunde für Mahlzeiten und Erholung vorbehalten bleiben müsse, jedoch dürfe die produktive Arbeit von Kindern und jugendlichen Personen nur gestattet werden, wenn sie mit Bildung verbunden werde, worunter drei Dinge |362| zu verstehen seien: geistige Bildung, körperliche Gymnastik und endlich technische Erziehung, die die allgemeinen wissenschaftlichen Grundsätze aller Produktionsprozesse mitteile und zugleich das heranwachsende Geschlecht in den praktischen Gebrauch der elementarsten Werkzeuge einweihe.

Über die Gewerkvereine beschloß der Kongreß, daß ihre Tätigkeit nicht nur rechtmäßig, sondern auch notwendig sei. Sie seien das Mittel, die einzige soziale Gewalt, die das Proletariat besitze, nämlich seine Zahl, der konzentrierten sozialen Gewalt des Kapitals entgegenzusetzen. Solange die kapitalistische Produktionsweise bestände, könnten die Gewerkvereine nicht entbehrt werden, sondern würden vielmehr ihre Tätigkeit durch internationale Verbindung verallgemeinern. Indem sie sich bewußt den unaufhörlichen Übergriffen des Kapitals widersetzten, würden sie unbewußt Schwerpunkte der Organisation für die arbeitende Klasse, ähnlich wie die mittelalterlichen Kommunen zu solchen Schwerpunkten für die bürgerliche Klasse geworden seien. Unaufhörliche Guerillagefechte in dem täglichen Kampfe zwischen Kapital und Arbeit liefernd, würden die Gewerkvereine noch weit wichtiger als organisierte Hebel für die Aufhebung der Lohnarbeit. Bisher hätten die Gewerkvereine zu ausschließlich den unmittelbaren Kampf gegen das Kapital ins Auge gefaßt, in Zukunft dürften sie sich nicht der allgemeinen politischen und sozialen Bewegung ihrer Klasse fernhalten. Sie würden sich am stärksten ausbreiten, wenn die große Masse des Proletariats sich überzeuge, daß ihr Ziel, weit entfernt, begrenzt und selbstsüchtig zu sein, sich vielmehr auf die allgemeine Befreiung der niedergetretenen Millionen richte.

Im Sinne dieser Resolution unternahm Marx bald nach dem Genfer Kongreß noch einen Versuch, von dem er sich viel versprach. Am 13. Oktober 1866 schrieb er an Kugelmann: »Der Londoner Council der english Trade Unions (sein Sekretär ist unser Präsident Odger) konsultiert in diesem Augenblick, ob er sich als englischer Zweig der Internationalen Assoziation erklären soll. Tut er es, so geht die Regierung der Arbeiterklasse hier in einem gewissen Sinne auf uns über, und wir können die Bewegung sehr vorantreiben.« Aber der Gewerkschaftsrat tat es nicht, bei aller Freundschaft für die Internationale beschloß er, seine Selbständigkeit zu wahren, und wenn anders die Historiker der Trade Unions zutreffend unterrichtet sind, hat der Gewerkschaftsrat auch abgelehnt, einen Vertreter der Internationalen an seinen Sitzungen teilnehmen zu lassen, um schnell über alle Arbeitseinstellungen des Festlandes zu berichten.

|363| Schon in den ersten Jahren erfuhr die Internationale, daß ihrer große Erfolge harrten, aber daß diese Erfolge doch ihre bestimmte Grenze hatten. Jedoch vorerst durfte sie sich ihrer Erfolge erfreuen, und mit lebhafter Genugtuung verzeichnete Marx in dem großen Werke, an das er eben die letzte Hand legte, daß gleichzeitig mit dem Genfer Kongreß ein allgemeiner Arbeiter-Kongreß in Baltimore den Achtstundentag als die erste Forderung bezeichnet habe, um die Arbeit aus den Fesseln des Kapitalismus zu befreien.

Er meinte, die Arbeit in weißer Hand könne sich nicht emanzipieren, wo sie in schwarzer Hand gebrandmarkt werde. Aber die erste Frucht des amerikanischen Bürgerkrieges, der die Sklaverei getötet habe, sei die Achtstundenagitation, mit den Siebenmeilenstiefeln der Lokomotive vom Atlantischen bis zum Stillen Ozean ausschreitend, von Neuengland bis nach Kalifornien.

 

 

Anmerkungen:


[1] Karl Marx: Die Inauguraladresse der Internationalen Arbeiterassozisation, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 9/10.

[2] Karl Marx: Die Inauguraladresse der Internationalen Arbeiterassozisation, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 11.

[3] Karl Marx: Die Inauguraladresse der Internationalen Arbeiterassozisation, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 11/12.

[4] Karl Marx: Die Inauguraladresse der Internationalen Arbeiterassozisation, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 12.

[5] Karl Marx: Die Inauguraladresse der Internationalen Arbeiterassozisation, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 12.

[6] Karl Marx: Provisorische Statuten der Internationalen Arbeiter-Assoziation, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 14-16.

[7] Karl Marx: An Abraham Lincoln, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 19.

[8] Karl Marx: Lohn, Preis und Profit, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 101-152.

[9] Karl Marx: Über P. J. Proudhon, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 31.

[10] Friedrich Engels: Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 37-78.

[11] Karl Marx: Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats zu den einzelnen Fragen, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 190/199.

[12] Karl Marx: Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats zu den einzelnen Fragen, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 194.



 

 

Zwölftes Kapitel:

»Das Kapital«

 

1. Die Geburtswehen

 

|364| Wenn Marx die Teilnahme an dem Genfer Kongreß ablehnte, weil ihm die Vollendung seines Hauptwerks - er meinte, bisher habe er nur Kleinigkeiten gemacht - für die Arbeiter wichtiger zu sein schien als die Beteiligung an irgendeinem Kongresse, so hatte er im Auge, daß er seit dem 1. Januar 1866 mit der Reinschrift und Stilisierung des ersten Bandes begonnen hatte. Und die Sache ging zunächst flott voran, da es ihm »natürlich Spaß machte, das Kind glatt zu lecken nach so vielen Geburtswehen«.

Diese Geburtswehen hatten ziemlich zweimal so viele Jahre gewährt wie die Physiologie Monate zur Herausgabe eines fertigen Menschenkindes gebraucht. Marx durfte mit Recht sagen, vielleicht niemals sei ein Werk dieser Art unter schwierigeren Verhältnissen geschrieben worden. Immer wieder hatte er sich einen Zeitpunkt festgesetzt, um »in fünf Wochen«, wie 1851, oder »in sechs Wochen«, wie 1859, fertigzuwerden, aber immer wieder scheiterten diese Vorsätze an seiner unerbittlichen Selbstkritik und seiner unvergleichlichen Gewissenhaftigkeit, die ihn zu immer neuen Untersuchungen trieben und auch durch die ungeduldige Mahnung seines treuesten Freundes nicht erschüttert werden konnten.

Ende 1865 war er mit der Arbeit fertig, aber doch nur in der Form eines riesigen Manuskripts, das in seiner nunmehrigen Gestalt von niemand herausgegeben werden konnte, außer von ihm selbst, nicht einmal von Engels. Aus dieser gewaltigen Masse hat Marx vom Januar 1866 bis März 1867 den ersten Band des »Kapitals« in seiner klassischen Fassung herausgearbeitet als ein »artistisches Ganzes«, was seiner fabelhaften Arbeitskraft immer noch das glänzendste Zeugnis ausstellt. Denn diese fünf Vierteljahre waren daneben erfüllt durch beständige und wie im Februar 1866, selbst lebensgefährliche Krankheitszustände, durch eine Aufhäufung von Schulden, die ihm »das Gehirn zusammendrückten«, und nicht zuletzt auch durch die zeitraubenden Vorarbeiten für den Genfer Kongreß der Internationalen.

|365| Im November 1866 ging das erste Bündel Manuskript an Otto Meißner in Hamburg ab, einen Verleger demokratischer Literatur, bei dem Engels schon seine kleine Schrift über die preußische Militärfrage hatte erscheinen lassen. Mitte April 1867 brachte Marx den Rest des Manuskripts selbst nach Hamburg und fand in Meißner einen »netten Kerl«, mit dem nach kurzem Verhandeln alles in Ordnung war. Um die ersten Proben des Druckes abzuwarten, der in Leipzig hergestellt wurde, besuchte Marx seinen Freund Kugelmann in Hannover, wo er in einer liebenswürdigen Familie die gastlichste Aufnahme fand. Er verlebte hier glückliche Wochen, die er selbst zu »den schönsten und freudigsten Oasen in der Lebenswüste« zählte. Ein wenig zu seiner frohen Stimmung trug auch bei, daß ihm, dem in dieser Beziehung ganz Unverwöhnten, die gebildeten Kreise Hannovers mit Achtung und Sympathie entgegenkamen; »wir zwei haben doch«, schrieb er am 24. April an Engels, »eine ganz andere Stellung ... unter dem ›gebildeten‹ Beamtentum, als wir wissen«. Und Engels antwortete am 27. April: »Es ist mir immer so gewesen, als wenn dies verdammte Buch, an dem Du so lange getragen hast, der Grundkern von allem Deinem Pech war und Du nie herauskommen würdest und könntest, solange dies nicht abgeschüttelt. Dies ewig unfertige Ding drückte Dich körperlich, geistig und finanziell zu Boden, und ich kann sehr gut begreifen, daß Du jetzt, nach Abschüttelung dieses Alps, Dir wie ein ganz andrer Kerl vorkommst, besonders da die Welt, sobald Du nur erst wieder einmal hineinkommst, auch nicht so trübselig aussieht wie vorher.« Daran knüpfte Engels die Hoffnung, nun bald vom »hündischen Kommerz« erlöst zu sein. Solange er da drin stecke, sei er zu nichts fähig; besonders seitdem er Prinzipal sei, wäre das viel schlimmer geworden, wegen der größeren Verantwortlichkeit.

Marx antwortete ihm darauf am 7. Mai: »Ich hoffe und glaube zuversichtlich, nach Jahresfrist so weit ein gemachter Mann zu sein, daß ich von Grund aus meine ökonomischen Verhältnisse reformieren und endlich wieder auf eigenen Füßen stehn kann. Ohne Dich hätte ich das Werk nie zu Ende bringen können, und ich versichere Dir, es hat mir immer wie ein Alp auf dem Gewissen gelastet, daß Du Deine famose Kraft hauptsächlich meinetwegen kommerziell vergeuden und verrosten ließest und, into the bargain [Mehring übersetzt: obendrein] noch alle meine petites misères [Mehring übersetzt: kleines Elend] mit durchleben mußtest.« Marx ist nun freilich weder im nächsten Jahre, noch überhaupt ein »gemachter Mann« geworden, und Engels mußte den »hündischen Kommerz« noch einige Jahre mit ansehen, aber der Horizont begann sich doch zu lichten.

|366| Eine lang gestundete Briefschuld an einen Anhänger, den Bergwerksingenieur Siegfried Meyer, der bis dahin in Berlin gelebt hatte und um diese Zeit nach den Vereinigten Staaten übersiedelte, trug Marx in diesen hannöverschen Tagen mit Worten ab, die seine »Herzlosigkeit« abermals in helles Licht setzen. Er schrieb: »Sie müssen sehr schlecht von mir denken und um so schlechter, wenn ich Ihnen sage, daß Ihre Briefe mir nicht nur eine große Freude bereitet haben, sondern ein wahrer Trost für mich waren während der sehr qualvollen Periode, worin sie mir zukamen. Einen tüchtigen Mann, à la hauteur des principes [Mehring übersetzt: auf der Höhe des Prinzips] für unsre Partei gesichert zu wissen, entschädigt mich für das Schlimmste. Zudem waren Ihre Briefe voll der liebenswürdigsten Freundschaft für mich persönlich, und Sie begreifen, daß ich, der mit der Welt (der offiziellen) im bittersten Kampfe stehe, dies am wenigsten unterschätzen kann. - Warum ich Ihnen also nicht antwortete? Weil ich fortwährend am Rande des Grabe schwebte. Ich mußte also jeden arbeitsfähigen Moment benutzen, um mein Werk fertigzumachen, dem ich Gesundheit, Lebensglück und Familie geopfert habe. Ich hoffe, daß diese Erklärung keines weiteren Zusatzes bedarf. Ich lache über die sogenannten ›praktischen‹ Männer und ihre Weisheit. Wenn man ein Ochse sein wollte, könnte man natürlich den Menschheitsqualen den Rücken kehren und für seine eigne Haut sorgen. Aber ich hätte mich wirklich für unpraktisch gehalten, wenn ich krepiert wäre, ohne mein Buch, wenigstens im Manuskript, ganz fertig zumachen.«

In der gehobenen Stimmung dieser Tage hat Marx es auch ernsthaft aufgenommen, als ihm ein sonst unbekannter Advokat Warnebold den angeblichen Wunsch Bismarcks übermittelte, ihn und seine großen Talente im Interesse des deutschen Volks zu verwerten. Nicht als ob Marx von dieser Lockung berauscht gewesen wäre; er wird darüber gedacht haben wie Engels: »Es ist bezeichnend für die Denkweise und den Horizont des Kerls, daß er alle Leute nach sich beurteilt.« Aber in de nüchternen Alltagsstimmung würde Marx schwerlich an die Botschaft Warnebolds geglaubt haben. In den noch ganz unfertigen Zuständen des Norddeutschen Bundes, nachdem kaum die Gefahr eines Krieges mit Frankreich wegen des Luxemburgischen Handels beschworen worden war, konnte Bismarck unmöglich daran denken, die kaum erst in sein Lager übergegangene Bourgeoisie, die schon zu seinen Gehilfen Bucher und Wagener sehr scheel sah, noch dadurch vor den Kopf zu stoßen, daß er den Verfasser des »Kommunistischen Manifestes« in seine Dienst, nahm.

|367| Nicht mit Bismarck, aber mit einer Verwandten Bismarcks erlebte Marx auf seiner Rückreise nach London ein kleines Abenteuer, über das er nicht ohne Behagen an Kugelmann berichtete. Auf dem Dampfer bat ihn ein deutsches Fräulein, das ihm schon durch seine militärische Haltung aufgefallen war, um nähere Auskunft über die Londoner Eisenbahnstationen, wobei sich ergab, daß sie einige Stunden auf den Zug warten mußte, den sie zu benutzen hatte, und diese Zeit verkürzte ihr Marx ritterlich durch Spazierengehen im Hyde Park. »Es ergab sich, daß sie Elisabeth von Puttkamer hieß, Nichte Bismarcks, bei dem sie eben einige Wochen in Berlin zugebracht hatte. Sie hatte die ganze Armeeliste bei sich, da diese Familie unser ›tapferes Kriegsheer‹ überreichlich mit Herren von Ehr' und Taille versieht. Sie war ein munteres, gebildetes Mädchen, aber aristokratisch und schwarzweiß bis zur Nasenspitze. Sie war nicht wenig erstaunt, als sie erfuhr, daß sie in ›rote‹ Hände gefallen sei.« Doch die kleine Dame verlor deshalb die gute Laune nicht. In einem zierlichen Brieflein sagte sie voll »kindlicher Hochachtung« ihrem Ritter »herzinnigsten Dank« für alle Mühe, die er mit ihr als einem »unerfahrenen Geschöpf« gehabt habe, und so ließen auch ihre Eltern vermelden, sie seien glücklich zu erfahren, daß es noch gute Menschen auf der Reise gebe.

In London erledigte Marx die Korrekturen seines Buches. Ohne ein gelegentliches Schelten über die Saumseligkeit des Druckes ging es auch diesmal nicht ab, aber schon am 16. August 1867, um 2 Uhr nachts, konnte er Engels melden, daß er eben den letzten (49.) Bogen fertig korrigiert habe. »Also dieser Band ist fertig. Bloß Dir verdanke ich es, daß dies möglich war! Ohne Deine Aufopferung für mich konnte ich unmöglich die ungeheuren Arbeiten zu den drei Bänden machen. I embrace you, full of thanks ... Salut [Mehring übersetzt: Ich umarme Dich, voller Dank! Gruß], mein lieber, teurer Freund!«

 

2. Der erste Band

In dem ersten Kapitel seines Werkes faßte Marx noch einmal zusammen, was er in seiner Schrift von 1859 über Ware und Geld ausgeführt hatte. Es geschah nicht nur der Vollständigkeit wegen, sondern weil selbst gute Köpfe die Sache nicht ganz richtig begriffen hätten, also in der Darstellung etwas Mangelhaftes sein müsse, speziell der Analyse der Ware.

|368| Zu diesen guten Köpfen gehörten freilich nicht die deutschen Gelehrten, die gerade das erste Kapitel des »Kapitals« wegen seiner »unklaren Mystik« verwünscht haben. »Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, daß sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken. Soweit sie Gebrauchswert, ist nichts Mysteriöses an ihr ... Die Form des Holzes z.B. wird verändert, wenn man aus ihm einen Tisch macht. Nichtsdestoweniger bleibt der Tisch Holz, ein ordinäres sinnliches Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt es sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen andren Waren gegenüber auf den Kopf, und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne.«[1] Das nahmen alle Holzköpfe übel, die übersinnliche Spitzfindigkeiten und theologische Mucken in schwerer Menge produzieren, aber nicht so viel sinnliches Ding produzieren können, wie ein ordinärer sinnlicher Tisch von Holz sein mag.

Tatsächlich gehört dies erste Kapitel, unter rein schriftstellerischem Gesichtspunkt, zu dem Bedeutendsten, was Marx geschrieben hat. Er ging dann zu der Untersuchung über, wie sich Geld in Kapital verwandelt. Tauschen sich in der Warenzirkulation gleiche Werte gegeneinander aus, wie kann der Geldbesitzer Waren zu ihrem Werte kaufen und zu ihrem Werte verkaufen, dennoch aber mehr Wert herausziehen, als er hineingeworfen hatte? Er kann es deshalb, weil er unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen auf dem Warenmarkt eine Ware von so eigentümlicher Beschaffenheit vorfindet, daß ihr Verbrauch eine Quelle von neuem Wert ist. Diese Ware ist die Arbeitskraft.

Sie existiert in der Gestalt des lebendigen Arbeiters, der zu seiner Existenz sowie zur Erhaltung seiner Familie, die die Fortdauer der Arbeitskraft auch nach seinem Tode sichert, einer bestimmten Summe von Lebensmitteln bedarf. Die zur Hervorbringung dieser Lebensmittel nötige Arbeitszeit stellt den Wert der Arbeitskraft dar. Dieser im Lohne gezahlte Wert ist aber weit geringer als der Wert, den der Käufer der Arbeitskraft aus ihr zu schöpfen vermag. Die Mehrarbeit des Arbeiters über die zur Ersetzung seines Lohnes nötige Zeit hinaus ist die Quelle des Mehrwerts, der stets wachsenden Anschwellung des Kapitals. Die unbezahlte Arbeit des Arbeiters erhält alle nichtarbeitenden Mitglieder der Gesellschaft; auf ihr beruht der ganze gesellschaftliche Zustand worin wir leben.

|369| Zwar ist die unbezahlte Arbeit an sich keine Eigentümlichkeit der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Solange es besitzende und besitzlose Klassen gibt, hat die besitzlose Klasse stets unbezahlte Arbeit leisten müssen. Solange ein Teil der Gesellschaft das Monopol der Produktionsmittel besitzt, muß der Arbeiter, frei oder unfrei, der zu seiner Selbsterhaltung nötigen Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel für die Eigner der Produktionsmittel zu produzieren. Die Lohnarbeit ist nur eine besondere historische Form des seit der Klassenscheidung herrschenden Systems unbezahlter Arbeit, eine besondere historische Form, die als solche untersucht werden muß, um richtig verstanden zu werden.

Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinne, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt und daß er andere Waren nicht zu verkaufen hat, daß er los und ledig ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen. Es ist kein naturgeschichtliches Verhältnis, denn die Natur produziert nicht auf der einen Seite Geld- oder Warenbesitzer und auf der anderen Seite bloße Besitzer der eigenen Arbeitskraft. Es ist aber auch kein gesellschaftliches Verhältnis, das allen Geschichtsperioden gemeinsam wäre, sondern das Ergebnis einer langen historischen Entwicklung, das Produkt vieler ökonomischer Umwälzungen, des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Produktion.

Die Warenproduktion ist der Ausgangspunkt des Kapitals. Warenproduktion, Warenzirkulation und entwickelte Warenzirkulation, Handel, bilden die geschichtlichen Voraussetzungen, unter denen es entsteht. Von der Schöpfung des modernen Welthandels und Weltmarktes im sechzehnten Jahrhundert datiert die moderne Lebensgeschichte des Kapitals. Die Illusion der Vulgärökonomen, als habe es einmal eine fleißige Elite gegeben, die Reichtum akkumulierte, und eine Masse faulenzender Lumpen, die schließlich nichts zu verkaufen hatten als ihre eigene Haut, ist eine fade Kinderei; eine ebenso fade Kinderei wie das Halbdunkel, worin die bürgerlichen Historiker die Auflösung der feudalen Produktionsweise darstellen als Emanzipation des Arbeiters und nicht zugleich als Verwandlung der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise. Indem die Arbeiter aufhörten, unmittelbar zu den Produktionsmitteln zu gehören wie Sklaven und Leibeigene, hörten die Produktionsmittel auf, ihnen zu gehören wie beim selbstwirtschaftenden Bauern und Handwerker. Durch eine Reihe gewaltsamer und grausamer Methoden, die Marx im Kapitel über die ursprüngliche Akkumulation an der englischen |370|* Geschichte ausführlich schildert, wurde die große Volksmasse von Grund und Boden und Lebensmitteln und Arbeitswerkzeugen enteignet. So entstanden die freien Arbeiter, deren die kapitalistische Produktionsweise bedarf; vom Kopf bis zur Zehe, aus allen Poren blut- und schmutztriefend, kam das Kapital zur Welt. Sobald es einmal auf eigenen Füßen stand, erhielt es nicht nur die Scheidung zwischen dem Arbeiter und dem Eigentum an den Verwirklichungsbedingungen der Arbeit, sondern reproduzierte sie auf stets wachsender Stufenleiter.

Von den früheren Arten unbezahlter Arbeit unterscheidet sich die Lohnarbeit dadurch, daß die Bewegung des Kapitals maßlos, sein Heißhunger nach Mehrarbeit unersättlich ist. In ökonomischen Gesellschaftsformationen, wo nicht der Tauschwert, sondern der Gebrauchswert des Produkts überwiegt, wird die Mehrarbeit durch einen engeren oder weiteren Kreis von Bedürfnissen beschränkt, aber aus der Art der Produktion entspringt kein schrankenloses Bedürfnis nach Mehrarbeit. Anders wo der Tauschwert vorwiegt. Als Produzent von fremder Arbeitsamkeit, als Auspumper von Mehrarbeit und Ausbeuter von Arbeitskraft übergipfelt das Kapital an Energie, Maßlosigkeit und Wirksamkeit alle früheren, auf direkter Zwangsarbeit beruhenden Produktionsprozesse. Es kommt ihm nicht auf den Arbeitsprozeß an, die Erzeugung von Gebrauchswerten, sondern auf den Verwertungsprozeß, die Erzeugung von Tauschwerten, aus denen es mehr Wert herausschlagen kann, als es hineingesteckt hat. Der Hunger nach Mehrwert kennt kein Gefühl der Sättigung; die Produktion von Tauschwerten besitzt die Schranke nicht, die der Produktion der Gebrauchswerte in der Befriedigung der Bedürfnisse gezogen ist.

Wie die Ware Einheit von Gebrauchs- und Tauschwert, so ist der Produktionsprozeß der Ware Einheit von Arbeits- und Wertbildungsprozeß. Der Wertbildungsprozeß dauert bis zu dem Punkte, wo der im Lohne gezahlte Wert der Arbeitskraft durch einen gleichen Wert ersetzt ist. Über diesen Punkt hinaus wird er zum Erzeugungsprozeß von Mehrwert, zum Verwertungsprozeß. Als Einheit von Arbeits- und Verwertungsprozeß wird er kapitalistischer Produktionsprozeß, kapitalistische Form der Warenproduktion. Im Arbeitsprozesse wirken Arbeitskraft und Produktionsmittel zusammen; im Verwertungsprozeß erscheinen dieselben Kapitalbestandteile als konstantes und variables Kapital. Das konstante Kapital setzt sich in Produktionsmittel um, in Rohmaterial, Hilfsstoffe, Arbeitsmittel und verändert seine Wertgröße nicht im Produktionsprozesse. Das variable Kapital setzt sich in Arbeitskraft um und verändert im Produktionsprozesse seinen Wert; es reproduziert seinen |371| eigenen Wert und einen Überschuß darüber, Mehrwert, der selbst wechseln, größer oder kleiner sein kann. So schafft sich Marx klare Bahn für die Untersuchung des Mehrwerts, von dem er zwei Formen findet, den absoluten und den relativen Mehrwert, die eine verschiedene, aber jeder eine entscheidende Rolle in der Geschichte der kapitalistischen Produktionsweise gespielt haben.

Absoluter Mehrwert wird produziert, indem der Kapitalist die Arbeitszeit über die zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendige Zeit ausdehnt. Ginge es nach seinem Wunsche, so hätte der Arbeitstag vierundzwanzig Stunden, denn je länger der Arbeitstag ist, um so größeren Mehrwert produziert er. Umgekehrt hat der Arbeiter das richtige Gefühl, daß jede Stunde Arbeit, die er über die Ersetzung des Arbeitslohnes hinaus arbeitet, ihm unrechtmäßig entzogen wird; er hat an seinem eigenen Körper durchzumachen, was es heißt, überlange Zeit zu arbeiten. Der Kampf um die Länge des Arbeitstages dauert vom ersten geschichtlichen Auftreten freier Arbeiter bis auf den heutigen Tag. Der Kapitalist kämpft für seinen Profit, und die Konkurrenz zwingt ihn, mag er persönlich ein edler Mensch oder ein schlechter Kerl sein, den Arbeitstag bis an die äußerste Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit auszurecken. Der Arbeiter kämpft für seine Gesundheit, für ein paar Stunden täglicher Ruhe, um außer Arbeiten, Essen und Schlafen sich auch sonst noch als Mensch betätigen zu können. Marx schildert in eindrucksvollster Weise den halbhundertjährigen Bürgerkrieg, den die Kapitalisten- und die Arbeiterklasse in England gekämpft hat, von der Geburt der großen Industrie an, die die Kapitalisten antrieb, jede Schranke zu zertrümmern, die Natur und Sitte, Alter und Geschlecht, Tag und Nacht der Ausbeutung des Proletariats setzten, bis zum Erlaß der Zehnstundenbill, die die Arbeiterklasse erkämpfte, als ein übermächtiges gesellschaftliches Hindernis, das sie selbst verhindert, durch freiwilligen Kontrakt mit dem Kapital sich und ihr Geschlecht in Tod und Sklaverei zu verkaufen.

Relativer Mehrwert wird produziert, indem die zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendige Arbeitszeit zugunsten der Mehrarbeit verkürzt wird. Der Wert der Arbeitskraft wird dadurch gesenkt, daß die Produktivkraft der Arbeit in denjenigen Industriezweigen gesteigert wird, deren Produkte den Wert der Arbeitskraft bestimmen. Dazu ist notwendig eine fortwährende Umwälzung der Produktionsweise, der technischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses. Die historischen, ökonomischen, technologischen und sozialpsychologischen Ausführungen, die Marx hierüber macht, in einer Reihe von Kapiteln, |372| die die Kooperation, die Teilung der Arbeit und die Manufaktur, die Maschinerie und die große Industrie behandeln, sind auch von bürgerlicher Seite als eine reiche Fundgrube der Wissenschaft anerkannt worden.

Marx zeigt nicht nur, daß die Maschinerie und große Industrie ein so furchtbares Elend geschaffen hat wie keine Produktionsweise vor ihr, sondern er zeigt auch, daß sie in ihrer unausgesetzten Revolutionierung der kapitalistischen Gesellschaft eine höhere Gesellschaftsform vorbereitet. Die Fabrikgesetzgebung ist die erste bewußte und planmäßige Rückwirkung der Gesellschaft auf die naturwidrige Gestalt ihres Produktionsprozesses. Indem sie die Arbeit in Fabriken und Manufakturen reguliert, erscheint sie zunächst nur als Einmischung in die Ausbeutungsrechte des Kapitals.

Aber die Gewalt der Tatsachen zwingt sie alsbald, auch die Hausarbeit zu regulieren und in die elterliche Autorität einzugreifen, damit aber anzuerkennen, daß die große Industrie mit der ökonomischen Grundlage des alten Familienwesens und der ihr entsprechenden Familienarbeit auch die alten Familienverhältnisse selbst auflöst. »So furchtbar und ekelhaft nun die Auflösung des alten Familienwesens innerhalb des kapitalistischen Systems erscheint, so schafft nichtsdestoweniger die große Industrie mit der entscheidenden Rolle, die sie den Weibern, jungen Personen und Kindern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich organisierten Produktionsprozessen jenseits der Sphäre des Hauswesens zuweist, die neue ökonomische Grundlage für eine höhere Form der Familie und des Verhältnisses beider Geschlechter. Es ist natürlich ebenso albern, die christlich germanische Form der Familie für absolut zu halten, als die altrömische Form oder die altgriechische oder die orientalische, die übrigens untereinander eine geschichtliche Entwicklungsreihe bilden. Ebenso leuchtet ein, daß die Zusammensetzung des kombinierten Arbeitspersonals aus Individuen beiderlei Geschlechts und der verschiedensten Altersstufen, obgleich in ihrer naturwüchsig brutalen, kapitalistischen Form, wo der Arbeiter für den Produktionsprozeß, nicht der Produktionsprozeß für den Arbeiter da ist, Pestquelle des Verderbs und der Sklaverei, unter entsprechenden Verhältnissen umgekehrt zur Quelle humaner Entwicklung umschlagen muß.«[2] Die Maschine, die den Arbeiter zu ihrem bloßen Anhängsel entwürdigt, schafft zugleich die Möglichkeit, die Produktivkräfte der Gesellschaft auf einen Höhegrad zu steigern, der eine gleich menschenwürdige Entwicklung für alle Glieder der Gesellschaft möglich machen wird, wofür alle früheren Gesellschaftsformen zu arm waren.

|373| Nachdem Marx die Produktion des absoluten und des relativen Mehrwerts untersucht hat, gibt er die erste rationelle Theorie des Arbeitslohnes, die die Geschichte der politischen Ökonomie kennt. Der Preis einer Ware ist ihr in Geld ausgedrückter Wert, und der Arbeitslohn ist der Preis der Arbeitskraft. Nicht die Arbeit erscheint auf dem Warenmarkte, sondern der Arbeiter, der seine Arbeitskraft feilbietet, und Arbeit entsteht erst durch den Verbrauch der Ware Arbeitskraft. Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Maß der Werte, aber sie selbst hat keinen Wert. Dennoch scheint im Arbeitslohn die Arbeit bezahlt zu werden, weil der Arbeiter erst nach getaner Arbeit seinen Lohn erhält. Die Form des Arbeitslohnes löscht jede Spur der Teilung des Arbeitstages in bezahlte und nichtbezahlte Arbeit aus. Es ist umgekehrt wie beim Sklaven. Der Sklave scheint nur für seinen Herrn zu arbeiten, auch in dem Teile des Arbeitstages, worin er nur den Wert seiner eigenen Lebensmittel ersetzt; alle seine Arbeit erscheint als unbezahlte Arbeit. Bei der Lohnarbeit erscheint umgekehrt selbst die unbezahlte Arbeit als bezahlt. Dort verbirgt das Eigentumsverhältnis das Fürsichselbstarbeiten des Sklaven, hier das Geldverhältnis das Umsonstarbeiten des Lohnarbeiters. Man begreift daher, sagt Marx, die entscheidende Wichtigkeit der Verwandlung von Wert und Preis der Arbeitskraft in die Form des Arbeitslohnes oder in Wert und Preis der Arbeit selbst. Auf dieser Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und gerade sein Gegenteil zeigt, beruhen alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle beschönigenden Flausen der Vulgärökonomie.

Die beiden Grundformen des Arbeitslohnes sind der Zeitlohn und der Stücklohn. An den Gesetzen des Zeitlohnes weist Marx namentlich die interessierte Hohlheit der Redensarten nach, wonach durch eine Beschränkung des Arbeitstages der Lohn gesenkt werden soll. Genau das Gegenteil ist richtig. Vorübergehende Verkürzung des Arbeitstages senkt den Lohn, aber dauernde Verkürzung hebt ihn; je länger der Arbeitstag, desto niedriger der Lohn.

Der Stücklohn ist nichts als eine verwandelte Form des Zeitlohnes; er ist die der kapitalistischen Produktionsweise entsprechendste Form des Arbeitslohnes. Er gewann größeren Spielraum während der eigentlichen Manufakturperiode und diente in der Sturm- und Drangperiode der englischen Großindustrie als Hebel zur Verlängerung der Arbeitszeit und Verkürzung des Arbeitslohnes. Der Stücklohn ist sehr vorteilhaft für den Kapitalisten, da er großenteils die Arbeitsaufsicht überflüssig macht und obendrein die mannigfachste Gelegenheit zu Lohnabzügen und sonstigen |374|* Prellereien bietet. Für die Arbeiter