1867 - 2017

150 Jahre

"Das Kapital"

 

Dokumente zusammengestellt von Wolfgang Eggers

Herausgeber:

Komintern (SH)

 

Dies ist ohne Frage das wichtigste Werk des wissenschaftlichen Kommunismus. In diesem ersten Band wird ausgehend vom Doppelcharakter jeder Ware (nützlich zu sein und einen bestimmten Tauschwert zu haben) Schritt für Schritt nachgewiesen, dass durch die Anwendung und den Verbrauch der von der Kapitalistenklasse gekauften Ware Arbeitskraft im Produktionsprozess einerseits Mehrwert, Profit für die Kapitalistenklasse geschaffen wird und andererseits die Arbeiterinnen und Arbeiter durch die Kapitalistenklasse ausgebeutet werden.
Aber die arbeitenden Menschen verkaufen nicht nur ihre Arbeitskraft an die Kapitalistenklasse sondern sie werden auch gegen verschärfte Ausbeutung ankämpfen – von den kleinen Fragen über bessere Arbeitsbedingungen in den Fabriken bis zu Fragen der Verkürzung der Arbeitszeit. In solchen Kämpfen werden sie verstehen lernen, was noch wichtiger ist:
Der Kampf der Arbeiterklasse für die Beseitigung einer Gesellschaftsordnung, in der Kauf und Verkauf von Arbeitskraft möglich ist. Der Kampf für die Enteignung der Kapitalistenklasse. Der Kampf für die freie Assoziation der von Ausbeutung und Unterdrückung befreiten Menschen im Kommunismus.Dieses Werk enthält gleichzeitig eine grundlegende Kritik der damaligen bedeutendsten bürgerlichen Theoretiker des Kapitalismus.

 

Karl Marx

Das Kapital, Bd. 1

Das Kapital, Bd. 2

Das Kapital, Bd. 3

 

Theorien über den Mehrwert

MEW Band 26.1, 26.2 und 26.3 

Band 26.1

Seite 1 - 259 

Seite 260 - 497 

 

 

Band 26.2

Seite 1 - 344 

Seite 345 - 705 

 

 

Band 26.3

Seite 1 - 319 

Seite 320 - 663

 

 

Karl Marx

Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie

Das Kapitel vom Kapital - Epochen ökonomischer Gesellschaftsformation

Marx schrieb das Manuskript »Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie« von Oktober 1857 bis Mai 1858. Es stellt den Rohentwurf seines Hauptwerkes »Das Kapital« dar.

 

 

Karl Marx

Lohnarbeit und Kapital

PDF

 

 

Karl Marx

Lohn, Preis, Profit

 

 

 

Karl Marx

Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844

K. Marx u. F. Engels, Werke, Ergänzungsband, 1. Teil, S.465-588

Der Kommunismus endlich ist der positive Ausdruck des aufgehobnen Privateigentums. Daß in der Bewegung des Privateigentums, eben der Ökonomie, die ganze revolutionäre Bewegung sowohl ihre empirische als theoretische Basis findet, davon ist die Notwendigkeit leicht einzusehn. Die positive Aufhebung des Privateigentums, als die Aneignung des menschlichen Lebens, ist daher die positive Aufhebung alter Entfremdung, also die Rückkehr des Menschen aus Religion, Familie, Staat etc. in sein menschliches, d. h. gesellschaftliches Dasein. Die religiöse Entfremdung als solche geht nur in dem Gebiet des Bewußtseins des menschlichen Innern vor, aber die ökonomische Entfremdung ist die des wirklichen Lebens – ihre Aufhebung umfaßt daher beide Seiten. Wie die Gesellschaft selbst den Menschen als Menschen produziert, so ist sie durch ihn produziert.

 

Karl Marx

Randglossen zu Adolph Wagners

"Lehrbuch der politischen Ökonomie"

Geschrieben zweite Hälfte 1879 bis November 1880.
Nach der Handschrift.

MEW Band 19, Seiten 355-383.

 

 

Friedrich Engels

ANTI-DÜHRING

Über politische Ökonomie

Dieses 10. Kapitel wurde von Karl Marx (!) geschrieben

 

Karl Marx

Zur Kritik der politischen Ökonomie

1859

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1867 erscheint das "Kapital" - bei Meißner in Hamburg

aus: Karl Marx - Dokumente seines Lebens

Anmerkung zu Meißner / Hamburg, der 1867 das "Kapital gedruckt hatte:

(Es wurden wieder die ersten Ausgaben des "Roten Morgen" (1986) auch bei Meißner in Hamburg (!) gedruckt, kurz nachdem wir die trotzkistischen Koch-Clique 1985 rausgeschmissen hatten. Meißner verkaufte der KPD/ML eine DIN A3 Offset-Maschine, und eine Fotoanlage zur Herstellung der Vorlagen für die Druckplatten. Außerdem gab Meißner dem Genossen Wolfgang Eggers eine Einführung zur technischen Herstellung des "Roten Morgen" - einschließlich einer praktischen Bedienungsanleitung für die Druckmaschine.)

Zwischen 1986 und Anfang der 90er Jahre wurde der "Rote Morgen" persönlich vom Genossen Wolfgang Eggers gedruckt.

 

 

KARL MARX: VORWORT

„… und es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen …“

Vorwort zur ersten Auflage, Karl Marx-Friedrich Engels-Werke, Band 23, "Das Kapital"

 

KARL MARX

London, 25. Juli 1867

auch in PDF-Format

Das Werk, dessen ersten Band ich dem Publikum übergebe, bildet die Fortsetzung meiner 1859 veröffentlichten Schrift: "Zur Kritik der Politischen Oekonomie". Die lange Pause zwischen Anfang und Fortsetzung ist einer langjährigen Krankheit geschuldet, die meine Arbeit wieder und wieder unterbrach.

Der Inhalt jener früheren Schrift ist resümiert im ersten Kapitel dieses Bandes. Es geschah dies nicht nur des Zusammenhangs und der Vollständigkeit wegen. Die Darstellung ist verbessert. Soweit es der Sachverhalt irgendwie erlaubte, sind viele früher nur angedeuteten Punkte hier weiter entwickelt, während umgekehrt dort ausführlich Entwickeltes hier nur angedeutet wird. Die Abschnitte über die Geschichte der Wert- und Geldtheorie fallen jetzt natürlich ganz weg. Jedoch findet der Leser der früheren Schrift in den Noten zum ersten Kapitel neue Quellen zur Geschichte jener Theorie eröffnet.

Aller Anfang ist schwer, gilt in jeder Wissenschaft. Das Verständnis des ersten Kapitels, namentlich des Abschnitts, der die Analyse der Ware enthält, wird daher die meiste Schwierigkeit machen. Was nun näher die Analyse der Wertsubstanz und der Wertgröße betrifft, so habe ich sie möglichst popularisiert. [1] Die Wertform, deren fertige Gestalt die Geldform, ist sehr inhaltslos und einfach. Dennoch hat der Menschengeist sie seit mehr als 2.000 Jahren vergeblich zu ergründen gesucht, während andrerseits die Analyse viel inhaltsvollerer und komplizierterer Formen wenigstens annähernd gelang. Warum? Weil der ausgebildete Körper leichter zu studieren ist als die Körperzelle. Bei der Analyse der ökonomischen Formen kann außerdem weder das Mikroskop dienen noch chemische Reagentien. Die Abstraktionskraft muß beide ersetzen. Für die bürgerliche Gesellschaft ist aber die Warenform des Arbeitsprodukts oder die Wertform der Ware die ökonomische Zellenform. Dem Ungebildeten scheint sich ihre Analyse in bloßen Spitzfindigkeiten herumzutreiben. Es handelt sich dabei in der Tat um Spitzfindigkeiten, aber nur so, wie es sich in der mikrologischen Anatomie darum handelt.

Mit Ausnahme des Abschnitts über die Wertform wird man daher dies Buch nicht wegen Schwerverständlichkeit anklagen können. Ich unterstelle natürlich Leser, die etwas Neues lernen, also auch selbst denken wollen.

Der Physiker beobachtet Naturprozesse entweder dort, wo sie in der prägnantesten Form und von störenden Einflüssen mindest getrübt erscheinen, oder, wo möglich, macht er Experimente unter Bedingungen, welche den reinen Vorgang des Prozesses sichern. Was ich in diesem Werk zu erforschen habe, ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse. Ihre klassische Stätte ist bis jetzt England. Dies der Grund, warum es zur Hauptillustration meiner theoretischen Entwicklung dient. Sollte jedoch der deutsche Laser pharisäisch die Achseln zucken über die Zustände der englischen Industrie- und Ackerbauarbeiter oder sich optimistisch dabei beruhigen, daß in Deutschland die Sachen noch lange nicht so schlimm stehn, so muß ich ihm zurufen:

De te fabula narratur!
Über dich wird hier berichtet!

An und für sich handelt es sich nicht um den höheren oder niedrigeren Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen Antagonismen, welche aus den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringen. Es handelt sich um diese Gesetze selbst, um diese mit eherner Notwendigkeit wirkenden und sich durchsetzenden Tendenzen. Das industriell entwickeltere Land zeigt dem minder entwickelten nur das Bild der eignen Zukunft.

Aber abgesehn hiervon. Wo die kapitalistische Produktion völlig bei uns eingebürgert ist, z.B. in den eigentlichen Fabriken, sind die Zustände viel schlechter als in England, weil das Gegengewicht der Fabrikgesetze fehlt. In allen andren Sphären quält uns, gleich dem ganzen übrigen kontinentalen Westeuropa, nicht nur die Entwicklung der kapitalistischen Produktion, sondern auch der Mangel ihrer Entwicklung. Neben den modernen Notständen drückt uns eine ganze Reihe vererbter Notstände, entspringend aus der Fortvegetation altertümlicher, überlebter Produktionsweisen, mit ihrem Gefolg von zeitwidrigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Wir leiden nicht nur von den Lebenden, sondern auch von den Toten.

Le mort saisit le vif!
Der Tote packt den Lebenden!

Im Vergleich zur englischen ist die soziale Statistik Deutschlands und des übrigen kontinentalen Westeuropas elend. Dennoch lüftet sie den Schleier grade genug, um hinter demselben ein Medusenhaupt ahnen zu lassen. Wir würden vor unsren eignen Zuständen erschrecken, wenn unsre Regierungen und Parlamente, wie in England, periodische Untersuchungskommissionen über die ökonomischen Verhältnisse bestallten, wenn diese Kommissionen mit derselben Machtvollkommenheit, wie in England, zur Erforschung der Wahrheit ausgerüstet würden, wenn es gelänge, zu diesem Behuf ebenso sachverständige, unparteiische und rücksichtslose Männer zu finden, wie die Fabrikinspektoren Englands sind, seine ärztlichen Berichterstatter über "Public Health" (Öffentliche Gesundheit), seine Untersuchungskommissäre über die Exploitation der Weiber und Kinder, über Wohnungs- und Nahrungszustände usw. Perseus brauchte eine Nebelkappe zur Verfolgung von Ungeheuern. Wir ziehen die Nebelkappe tief über Aug' und Ohr, um die Existenz der Ungeheuer wegleugnen zu können.

Man muß sich nicht darüber täuschen. Wie der amerikanische Unabhängigkeitskrieg des 18. Jahrhunderts die Sturmglocke für die europäische Mittelklasse läutete, so der amerikanische Bürgerkrieg des 19. Jahrhunderts für die europäische Arbeiterklasse. In England ist der Umwälzungsprozeß mit Händen greifbar. Auf einem gewissen Höhepunkt muß er auf den Kontinent rückschlagen. Dort wird er sich in brutaleren oder humaneren Formen bewegen, je nach dem Entwicklungsgrad der Arbeiterklasse selbst. Von höheren Motiven abgesehn, gebietet also den jetzt herrschenden Klassen ihr eigenstes Interesse die Wegräumung aller gesetzlich kontrollierbaren Hindernisse, welche die Entwicklung der Arbeiterklasse hemmen. Ich habe deswegen u.a. der Geschichte, dem Inhalt und den Resultaten der englischen Fabrikgesetzgebung einen so ausführlichen Platz in diesem Bande eingeräumt. Eine Nation soll und kann von der andern lernen. Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist - und es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen -, kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern.

Zur Vermeidung möglicher Mißverständnisse ein Wort. Die Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer zeichne ich keineswegs in rosigem Licht. Aber es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.

Auf dem Gebiete der politischen Ökonomie begegnet die freie wissenschaftliche Forschung nicht nur demselben Feinde wie auf allen anderen Gebieten. Die eigentümliche Natur des Stoffes, den sie behandelt, ruft wider sie die heftigsten, kleinlichsten und gehässigsten Leidenschaften der menschlichen Brust, die Furien des Privatinteresses, auf den Kampfplatz. Die englische Hochkirche z.B. verzeiht eher den Angriff auf 38 von ihren 39 Glaubensartikeln als auf 1/39 ihres Geldeinkommens. Heutzutage ist der Atheismus selbst eine culpa levis <kleine Sünde>, verglichen mit der Kritik überlieferter Eigentumsverhältnisse. Jedoch ist hier ein Fortschritt unverkennbar. Ich verweise z.B. auf das in den letzten Wochen veröffentlichte Blaubuch: "Correspondence with Her Majesty's Missions Abroad, regarding Industrial Questions and Trades Unions". Die auswärtigen Vertreter der englischen Krone sprechen es hier mit dürren Worten aus, daß in Deutschland, Frankreich, kurz allen Kulturstaaten des europäischen Kontinents, eine Umwandlung der bestehenden Verhältnisse von Kapital und Arbeit ebenso fühlbar und ebenso unvermeidlich ist als in England. Gleichzeitig erklärte jenseits des Atlantischen Ozeans Herr Wade, Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika, in öffentlichen Meetings: Nach Beseitigung der Sklaverei trete die Umwandlung der Kapital- und Grundeigentumsverhältnisse auf die Tagesordnung! Es sind dies Zeichen der Zeit, die sich nicht verstecken lassen durch Purpurmäntel oder schwarze Kutten. Sie bedeuten nicht, daß morgen Wunder geschehen werden. Sie zeigen, wie selbst in den herrschenden Klassen die Ahnung aufdämmert, daß die jetzige Gesellschaft kein fester Kristall, sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozeß der Umwandlung begriffener Organismus ist.

Der zweite Band dieser Schrift wird den Zirkulationsprozeß des Kapitals (Buch II) und die Gestaltungen des Gesamtprozesses (Buch III), der abschließende dritte (Buch IV) die Geschichte der Theorie behandeln

Jedes Urteil wissenschaftlicher Kritik ist mir willkommen. Gegenüber den Vorurteilen der sog. öffentlichen Meinung, der ich nie Konzessionen gemacht habe, gilt mir nach wie vor der Wahlspruch des großen Florentiners:

Segui il tuo corso, e lascia dir le genti!
Gehe deinen Weg, und laß die Leute reden!

 

London, 25. Juli 1867

 

„Die Untersuchungsmethode, deren ich mich bedient habe (…), macht die Lektüre der ersten Kapitel ziemlich schwierig...“

Vor- und Nachwort zur französischen Ausgabe. Karl Marx-Friedrich Engels-Werke, Band 23, "Das Kapital", Bd. I

 

London, 18. März 1872

An den Bürger Maurice La Châtre

Werter Bürger!

Ich begrüße Ihre Idee, die Übersetzung des "Kapitals" in periodischen Lieferungen herauszubringen. In dieser Form wird das Werk der Arbeiterklasse leichter zugänglich sein, und diese Erwägung ist für mich wichtiger als alle anderen.

Das ist die Vorderseite Ihrer Medaille, aber hier ist auch die Kehrseite: Die Untersuchungsmethode, deren ich mich bedient habe und die auf ökonomische Probleme noch nicht angewandt wurde, macht die Lektüre der ersten Kapitel ziemlich schwierig, und es ist zu befürchten, daß das französische Publikum, stets ungeduldig nach dem Ergebnis und begierig, den Zusammenhang zwischen den allgemeinen Grundsätzen und den Fragen zu erkennen, die es unmittelbar bewegen, sich abschrecken läßt, weil es nicht sofort weiter vordringen kann.

Das ist ein Nachteil, gegen den ich nichts weiter unternehmen kann, als die nach Wahrheit strebenden Leser von vornherein darauf hinzuweisen und gefaßt zu machen. Es gibt keine Landstraße für die Wissenschaft, und nur diejenigen haben Aussicht, ihre lichten Höhen zu erreichen, die die Mühe nicht scheuen, ihre steilen Pfade zu erklimmen.

Karl Marx


An den Leser

Herr J. Roy hat es unternommen, eine so genaue und selbst wörtliche Übersetzung wie möglich zu geben ; er hat seine Aufgabe peinlich genau erfüllt. Aber gerade seine peinliche Genauigkeit hat mich gezwungen, die Fassung zu ändern, um sie dem Leser zugänglicher zu machen. Diese Änderungen, die von Tag zu Tag gemacht wurden, da das Buch in Lieferungen erschien, sind mit ungleicher Sorgfalt ausgeführt worden und mußten Stilungleichheiten hervorrufen.

Nachdem ich mich dieser Revisionsarbeit einmal unterzogen hatte, bin ich dazu gekommen, sie auch auf den zugrunde gelegten Originaltext anzuwenden (die zweite deutsche Ausgabe), einige Erörterungen zu vereinfachen, andre zu vervollständigen, ergänzendes historisches oder statistisches Material zu geben, kritische Bemerkungen hinzuzufügen etc. Welches auch die literarischen Mängel dieser französischen Ausgabe sein mögen, sie besitzt einen wissenschaftlichen Wert unabhängig vom Original und sollte selbst von Lesern herangezogen werden, die der deutschen Sprache mächtig sind.

Ich gebe weiter unten die Stellen des Nachworts zur zweiten deutschen Ausgabe, die sich mit der Entwicklung der politischen Ökonomie in Deutschland und der in diesem Werk angewandten Methode befassen.

 

London, 28. April 1875

 

 

„Der letzte Abschnitt des ersten Kapitels, ‚Der Fetischcharakter der Ware etc.‘, ist grossenteils verändert.“

Nachwort zur zweiten Auflage, Karl Marx-Friedrich Engels-Werke, Band 23, "Das Kapital"

Den Lesern der ersten Ausgabe habe ich zunächst Ausweis zu geben über die in der zweiten Ausgabe gemachten Veränderungen. Die übersichtlichere Einteilung des Buchs springt ins Auge. Zusätzliche Noten sind überall als Noten zur zweiten Ausgabe bezeichnet. Mit Bezug auf den Text selbst ist das Wichtigste:

Kapitel I, 1 ist die Ableitung des Werts durch Analyse der Gleichungen, worin sich jeder Tauschwert ausdrückt, wissenschaftlich strenger durchgeführt, ebenso der in der ersten Ausgabe nur angedeutete Zusammenhang zwischen der Wertsubstanz und der Bestimmung der Wertgröße durch gesellschaftlich-notwendige Arbeitszeit ausdrücklich hervorgehoben. Kapitel I, 3 (Die Wertform) ist gänzlich umgearbeitet, was schon die doppelte Darstellung der ersten Ausgabe gebot. - Im Vorbeigehn bemerke ich, daß jene doppelte Darstellung durch meinen Freund, Dr. L. Kugelmann in Hannover, veranlaßt ward. Ich befand mich bei ihm zum Besuch im Frühling 1867, als die ersten Probebogen von Hamburg ankamen, und er überzeugte mich, daß für die meisten Leser eine nachträgliche, mehr didaktische Auseinandersetzung der Wertform nötig sei. - Der letzte Abschnitt des ersten Kapitels, "Der Fetischcharakter der Ware etc.", ist großenteils verändert. Kapitel III, 1 (Maß der Werte) ist sorgfältig revidiert, weil dieser Abschnitt in der ersten Ausgabe, mit Hinweis auf die "Zur Kritik der Polit. Oek.", Berlin 1859, bereits gegebne Auseinandersetzung, nachlässig behandelt war. Kapitel VII, besonders Teil 2, ist bedeutend umgearbeitet.

Es wäre nutzlos, auf die stellenweisen Textänderungen, oft nur stilistisch, im einzelnen einzugehn. Sie erstrecken sich über das ganze Buch. Dennoch finde ich jetzt bei Revision der zu Paris erscheinenden französischen Übersetzung, daß manche Teile des deutschen Originals hier mehr durchgreifende Umarbeitung, dort größere stilistische Korrektur oder auch sorgfältigere Beseitigung gelegentlicher Versehn erheischt hätten. Es fehlte dazu die Zeit, indem ich erst im Herbst 1871, mitten unter andren dringenden Arbeiten die Nachricht erhielt, daß das Buch vergriffen sei, der Druck der zweiten Ausgabe aber bereits im Januar 1872 beginnen sollte.

Das Verständnis, welches "Das Kapital" rasch in weiten Kreisen der deutschen Arbeiterklasse fand, ist der beste Lohn meiner Arbeit. Ein Mann, ökonomisch auf dem Bourgeoisstandpunkt, Herr Mayer, Wiener Fabrikant, tat in einer während des deutsch-französischen Kriegs veröffentlichten Broschüre treffend dar, daß der große theoretische Sinn, der als deutsches Erbgut galt, den sog. gebildeten Klassen Deutschlands durchaus abhanden gekommen ist, dagegen in seiner Arbeiterklasse neu auflebt.

Die politische Ökonomie blieb in Deutschland bis zu dieser Stunde eine ausländische Wissenschaft. Gustav von Gülich hat in "Geschichtliche Darstellung des Handels, der Gewerbe usw.", namentlich in den 1830 herausgegebnen zwei ersten Bänden seines Werkes, großenteils schon die historischen Umstände erörtert, welche die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise bei uns hemmten, daher auch den Aufbau der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Es fehlte also der lebendige Boden der politischen Ökonomie. Sie ward als fertige Ware importiert aus England und Frankreich; ihre deutschen Professoren blieben Schüler. Der theoretische Ausdruck einer fremden Wirklichkeit verwandelte sich unter ihrer Hand in eine Dogmensammlung, von ihnen gedeutet im Sinn der sie umgebenden kleinbürgerlichen Welt, also mißdeutet. Das nicht ganz unterdrückbare Gefühl wissenschaftlicher Ohnmacht und das unheimliche Gewissen, auf einem in der Tat fremdartigen Gebiet schulmeistern zu müssen, suchte man zu verstecken unter dem Prunk literarhistorischer Gelehrsamkeit oder durch Beimischung fremden Stoffes, entlehnt den sog. Kameralwissenschaften, einem Mischmasch von Kenntnissen, deren Fegfeuer der hoffnungsvolle <3. und 4. Auflage: hoffnungslose> Kandidat deutscher Bürokratie zu bestehn hat.

Seit 1848 hat sich die kapitalistische Produktion rasch in Deutschland entwickelt und treibt heutzutage bereits ihre Schwindelblüte. Aber unsren Fachleuten blieb das Geschick gleich abhold. Solange sie politische Ökonomie unbefangen treiben konnten, fehlten die modernen ökonomischen Verhältnisse in der deutschen Wirklichkeit. Sobald diese Verhältnisse ins Leben traten, geschah es unter Umständen, welche ihr unbefangenes Studium innerhalb des bürgerlichen Gesichtskreises nicht länger zulassen. Soweit sie bürgerlich ist, d.h. die kapitalistische Ordnung statt als geschichtlich vorübergehende Entwicklungsstufe, umgekehrt als absolute und letzte Gestalt der gesellschaftlichen Produktion auffaßt, kann die politische Ökonomie nur Wissenschaft bleiben, solange der Klassenkampf latent bleibt oder sich in nur vereinzelten Erscheinungen offenbart.

Nehmen wir England. Seine klassische politische Ökonomie fällt in die Periode des unentwickelten Klassenkampfs. Ihr letzter großer Repräsentant, Ricardo, macht endlich bewußt den Gegensatz der Klasseninteressen, des Arbeitslohns und des Profits, des Profits und der Grundrente, zum Springpunkt seiner Forschungen, indem er diesen Gegensatz naiv als gesellschaftliches Naturgesetz auffaßt. Damit war aber auch die bürgerliche Wissenschaft der Ökonomie bei ihrer unüberschreitbaren Schranke angelangt. Noch bei Lebzeiten Ricardos und im Gegensatz zu ihm trat ihr in der Person Sismondis die Kritik gegenüber. [1]

Die nachfolgende Zeit von 1820-1830 zeichnet sich in England aus durch wissenschaftliche Lebendigkeit auf dem Gebiet der politische Ökonomie. Es war die Periode wie der Vulgarisierung und Ausbreitung der Ricardosche Theorie, so ihres Kampfes mit der alten Schule. Es wurden glänzende Turniere gefeiert. Was damals geleistet worden, ist dem europäischen Kontinent wenig bekannt, da die Polemik großenteils in Revueartikeln, Gelegenheitsschriften und Pamphlets zerstreut ist. Der unbefangne Charakter dieser Polemik - obgleich die Ricardosche Theorie ausnahmsweise auch schon als Angriffswaffe wider die bürgerliche Wirtschaft dient - erklärt sich aus den Zeitumständen. Einerseits trat die große Industrie selbst nur aus ihrem Kindheitsalter heraus, wie schon dadurch bewiesen ist, daß sie erst mit der Krise von 1825 den periodischen Kreislauf ihres modernen Lebens eröffnet. Andrerseits blieb der Klassenkampf zwischen Kapital und Arbeit in den Hintergrund gedrängt, politisch durch den Zwist zwischen den um die Heilige Allianz gescharten Regierungen und Feudalen und der von der Bourgeoisie geführten Volksmasse, ökonomisch durch den Hader des industriellen Kapitals mit dem aristokratischen Grundeigentum, der sich in Frankreich hinter dem Gegensatz von Parzelleneigentum und großem Grundbesitz verbarg, in England seit den Korngesetzen offen ausbrach. Die Literatur der politischen Ökonomie in England erinnert während dieser Periode an die ökonomische Sturm- und Drangperiode in Frankreich nach Dr. Quesnays Tod, aber nur wie ein Altweibersommer an den Frühling erinnert. Mit dem Jahr 1830 trat die ein für allemal entscheidende Krise ein.

Die Bourgeoisie hatte in Frankreich und England politische Macht erobert. Von da an gewann der Klassenkampf, praktisch und theoretisch, mehr und mehr ausgesprochne und drohende Formen. Er läutete die Totenglocke der wissenschaftlichen bürgerlichen Ökonomie. Es handelte sich jetzt nicht mehr darum, ob dies oder jenes Theorem wahr sei, sondern ob es dem Kapital nützlich oder schädlich, bequem oder unbequem, ob polizeiwidrig oder nicht. An die Stelle uneigennütziger Forschung trat bezahlte Klopffechterei, an die Stelle unbefangner wissenschaftlicher Untersuchung das böse Gewissen und die schlechte Absicht der Apologetik. Indes selbst die zudringlichen Traktätchen, welche die Anti-Corn-Law League, mit den Fabrikanten Cobden und Bright an der Spitze, in die Welt schleuderte, boten, wenn kein wissenschaftliches, doch ein historisches Interesse durch ihre Polemik gegen die grundeigentümliche Aristokratie. Auch diesen letzten Stachel zog die Freihandelsgesetzgebung seit Sir Robert Peel der Vulgärökonomie aus.

Die kontinentale Revolution von 1848 schlug auch auf England zurück. Männer, die noch wissenschaftliche Bedeutung beanspruchten und mehr sein wollten als bloße Sophisten und Sykophanten der herrschenden Klassen, suchten die politische Ökonomie des Kapitals in Einklang zu setzen mit den jetzt nicht länger zu ignorierenden Ansprüchen des Proletariats. Daher ein geistloser Synkretismus, wie ihn John Stuart Mill am besten repräsentiert. Es ist eine Bankrotterklärung der "bürgerlichen" Ökonomie, welche der große russische Gelehrte und Kritiker N. Tschernyschewski in seinem Werk "Umrisse der politischen Ökonomie nach Mill" bereits meisterhaft beleuchtet hat.

In Deutschland kam also die kapitalistische Produktionsweise zur Reife, nachdem ihr antagonistischer Charakter sich in Frankreich und England schon durch geschichtliche Kämpfe geräuschvoll offenbart hatte, während das deutsche Proletariat bereits ein viel entschiedneres theoretisches Klassenbewußtsein besaß als die deutsche Bourgeoisie. Sobald eine bürgerliche Wissenschaft der politischen Ökonomie hier möglich zu werden schien, war sie daher wieder unmöglich geworden.

Unter diesen Umständen teilten sich ihre Wortführer in zwei Reihen. Die einen, kluge, erwerbslustige, praktische Leute, scharten sich um die Fahne Bastiats, des flachsten und daher gelungensten Vertreters vulgär-ökonomischer Apologetik; die andren, stolz auf die Professoralwürde ihrer Wissenschaft, folgten J. St. Mill in dem Versuch, Unversöhnbares zu versöhnen. Wie zur klassischen Zeit der bürgerlichen Ökonomie blieben die Deutschen auch zur Zeit ihres Verfalls bloße Schüler, Nachbeter und Nachtreter, Kleinhausierer des ausländischen Großgeschäfts.

Die eigentümliche historische Entwicklung der deutschen Gesellschaft schloß hier also jede originelle Fortbildung der "bürgerlichen" Ökonomie aus, aber nicht deren - Kritik. Soweit solche Kritik überhaupt eine Klasse vertritt, kann sie nur die Klasse vertreten, deren geschichtlicher Beruf die Umwälzung der kapitalistischen Produktionsweise und die schließliche Abschaffung der Klassen ist - das Proletariat.

Die gelehrten und ungelehrten Wortführer der deutschen Bourgeoisie haben "Das Kapital" zunächst totzuschweigen versucht, wie ihnen das mit meinen frühern Schriften gelungen war. Sobald diese Taktik nicht länger den Zeitverhältnissen entsprach, schrieben sie, unter dem Vorwand, mein Buch zu kritisieren, Anweise "Zur Beruhigung des bürgerlichen Bewußtseins", fanden aber in der Arbeiterpresse - sieh z.B. Joseph Dietzgens Aufsätze im "Volksstaat" - überlegene Kämpen, denen sie die Antwort bis heute schuldig. [2]

Eine treffliche russische Übersetzung des "Kapitals" erschien im Frühling 1872 zu Petersburg. Die Auflage von 3.000 Exemplaren ist jetzt schon beinahe vergriffen. Bereits 1871 hatte Herr N. Sieber, Professor der politischen Ökonomie an der Universität zu Kiew, in seiner Schrift : "D. Ricardos Theorie des Werts und des Kapitals etc." meine Theorie des Werts, des Geldes und des Kapitals in ihren Grundzügen als notwendige Fortbildung der Smith-Richardoschen Lehre nachgewiesen. Was den Westeuropäer beim Lesen seines gediegnen Buchs überrascht, ist das konsequente Festhalten des rein theoretischen Standpunkts.

Die im "Kapital" angewandte Methode ist wenig verstanden worden, wie schon die einander widersprechenden Auffassungen derselben beweisen.

So wirft mir die Pariser "Revue Positiviste" vor, einerseits, ich behandle die Ökonomie metaphysisch, andrerseits - man rate! -, ich beschränke mich auf bloß kritische Zergliederung des Gegebnen, statt Rezepte (comtistische?) für die Garküche der Zukunft zu verschreiben. Gegen den Vorwurf der Metaphysik bemerkt Prof. Sieber:

"Soweit es sich um die eigentliche Theorie handelt, ist die Methode von Marx die deduktive Methode der ganzen englischen Schule, deren Mängel und Vorzüge den besten theoretischen Ökonomisten gemein sind."

Herr M. Block - "Les Théoriciens du Socialisme en Allemagne. Extrait du Journal des Économistes, juillet et août 1872" - entdeckt, daß meine Methode analytisch ist, und sagt u.a.:

"Par cet ouvrage M. Marx se classe parmi les esprits analytiques les plus éminents."

"Durch dieses Werk reiht sich Herr Marx unter die bedeutendsten analytischen Denker ein."

Die deutschen Rezensenten schreien natürlich über Hegelsche Sophistik. Der Petersburger "Europäischer Bote", in einem Artikel, der ausschließlich die Methode des "Kapital" behandelt (Mainummer 1872, p. 427-436), findet meine Forschungsmethode streng realistisch. Er sagt:

"Auf den ersten Blick, wenn man nach der äußern Form der Darstellung urteilt, ist Marx der größte Idealphilosoph, und zwar im deutschen, d.h. schlechten Sinn des Wortes. In der Tat aber ist er unendlich mehr Realist als alle seine Vorgänger im Geschäft der ökonomischen Kritik ... Man kann ihn in keiner Weise einen Idealisten nennen."

Ich kann dem Herrn Verfasser <I. I. Kaufmann> nicht besser antworten als durch einige Auszüge aus seiner eignen Kritik, die zudem manchen meiner Leser, dem das russische Original unzugänglich ist, interessieren mögen.

Nach einem Zitat aus meiner Vorrede zur "Kritik der Pol. Oek.", Berlin 1859, p. IV-VII <siehe Band 13, S. 8-10>, wo ich die materialistische Grundlage meiner Methode erörtert habe, fährt der Herr Verfasser fort:

"Für Marx ist nur eins wichtig: das Gesetz der Phänomene zu finden, mit deren Untersuchung er sich beschäftigt. Und ihm ist nicht nur das Gesetz wichtig, das sie beherrscht, soweit sie eine fertige Form haben und in einem Zusammenhang stehn, wie er in einer gegebnen Zeitperiode beobachtet wird. Für ihn ist noch vor allem wichtig das Gesetz ihrer Veränderung, ihrer Entwicklung, d.h. der Übergang aus einer Form in die andre, aus einer Ordnung des Zusamenhangs in eine andre. Sobald er einmal dies Gesetz entdeckt hat, untersucht er im Detail die Folgen, worin es sich im gesellschaftlichen Leben kundgibt ... Demzufolge bemüht sich Marx nur um eins: durch genaue wissenschaftliche Untersuchung die Notwendigkeit bestimmter Ordnungen der gesellschaftlichen Verhältnisse nachzuweisen und soviel als möglich untadelhaft die Tatsachen zu konstatieren, die ihm zu Ausgangs- und Stützpunkten dienen. Hierzu ist vollständig hinreichend, wenn er mit der Notwendigkeit der gegenwärtigen Ordnung zugleich die Notwendigkeit einer andren Ordnung nachweist, worin die erste unvermeidlich übergehn muß, ganz gleichgültig, ob die Menschen das glauben oder nicht glauben, ob sie sich dessen bewußt oder nicht bewußt sind. Marx betrachtet die gesellschaftliche Bewegung als einen naturgeschichtlichen Prozeß, den Gesetze lenken, die nicht nur von dem Willen, dem Bewußtsein und der Absicht der Menschen unabhängig sind, sondern vielmehr umgekehrt deren Wollen, Bewußtsein und Absichten bestimmen ... Wenn das bewußte Element in der Kulturgeschichte eine so untergeordnete Rolle spielt, dann versteht es sich von selbst, daß die Kritik, deren Gegenstand die Kultur selbst ist, weniger als irgend etwas andres, irgendeine Form oder irgendein Resultat des Bewußtseins zur Grundlage haben kann. Das heißt, nicht die Idee, sondern nur die äußere Erscheinung kann ihr als Ausgangspunkt dienen. Die Kritik wird sich beschränken auf die Vergleichung und Konfrontierung einer Tatsache nicht mit der Idee, sondern mit der andren Tatsache. Für sie ist es nur wichtig, daß beide Tatsachen möglichst genau untersucht werden und wirklich die eine gegenüber der andren verschiedene Entwicklungsmomente bilden, vor allem aber wichtig, daß nicht minder genau die Serie der Ordnungen erforscht wird, die Aufeinanderfolge und Verbindung, worin die Entwicklungsstufen erscheinen. Aber, wird man sagen, die allgemeinen Gesetze des ökonomischen Lebens sind ein und dieselben; ganz gleichgültig, ob man sie auf Gegenwart oder Vergangenheit anwendet. Grade das leugnet Marx. Nach ihm existieren solche abstrakte Gesetze nicht ... Nach seiner Meinung besitzt im Gegenteil jede historische Periode ihre eignen Gesetze ... Sobald das Leben eine gegebene Entwicklungsperiode überlebt hat, aus einem gegebnen Stadium in ein andres übertritt, beginnt es auch durch andre Gesetze gelenkt zu werden. Mit einem Wort, das ökonomische Leben bietet uns eine der Entwicklungsgeschichte auf andren Gebieten der Biologie analoge Erscheinung ... Die alten Ökonomen verkannten die Natur ökonomischer Gesetze, als sie dieselben mit den Gesetzen der Physik und Chemie verglichen ... Eine tiefere Analyse der Erscheinungen bewies, daß soziale Organismen sich voneinander ebenso gründlich unterscheiden als Pflanzen- und Tierorganismen ... Ja, eine und dieselbe Erscheinung unterliegt ganz und gar verschiednen Gesetzen infolge des verschiednen Gesamtbaus jener Organismen, der Abweichung ihrer einzelnen Organe, des Unterschieds der Bedingungen, worin sie funktionieren usw. Marx leugnet z.B., daß das Bevölkerungsgesetz dasselbe ist zu allen Zeiten und an allen Orten. Er versichert im Gegenteil, daß jede Entwicklungsstufe ihr eignes Bevölkerungsgesetz hat ... Mit der verschiednen Entwicklung der Produktivkraft ändern sich die Verhältnisse und die sie regelnden Gesetze. Indem sich Marx das Ziel stellt, von diesem Gesichtspunkt aus die kapitalistische Wirtschaftsordnung zu erforschen und zu erklären, formuliert er nur streng wissenschaftlich das Ziel, welches jede genaue Untersuchung des ökonomischen Lebens haben muß ... Der wissenschaftliche Wert solcher Forschung liegt in der Aufklärung der besondren Gesetze, welche Entstehung, Existenz, Entwicklung, Tod eines gegebenen gesellschaftlichen Organismus und seinen Ersatz durch einen andren, höheren regeln. Und diesen Wert hat in der Tat das Buch von Marx."

Indem der Herr Verfasser das, was er meine wirkliche Methode nennt, so treffend und, soweit meine persönliche Anwendung derselben in Betracht kommt, so wohlwollend schildert, was andres hat er geschildert als die dialektische Methode?

Allerdings muß sich die Darstellungsweise formell von der Forschungsweise unterscheiden. Die Forschung hat den Stoff sich im Detail anzueignen, seine verschiednen Entwicklungsformen zu analysieren und deren innres Band aufzuspüren. Erst nachdem diese Arbeit vollbracht, kann die wirkliche Bewegung entsprechend dargestellt werden. Gelingt dies und spiegelt sich nun das Leben des Stoffs ideell wider, so mag es aussehn, als habe man es mit einer Konstruktion a priori zu tun.

Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.

Die mystifizierende Seite der Hegelschen Dialektik habe ich vor beinah 30 Jahren, zu einer Zeit kritisiert, wo sie noch Tagesmode war. Aber grade als ich den ersten Band des "Kapital" ausarbeitete, gefiel sich das verdrießliche, anmaßliche und mittelmäßige Epigonentum, welches jetzt im gebildeten Deutschland das große Wort führt, darin, Hegel zu behandeln, wie der brave Moses Mendelssohn zu Lessings Zeit den Spinoza behandelt hat, nämlich als "toten Hund". Ich bekannte mich daher offen als Schüler jenes großen Denkers und kokettierte sogar hier und da im Kapitel über die Werttheorie mit der ihm eigentümlichen Ausdrucksweise. Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, daß er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.

In ihrer mystifizierten Form ward die Dialektik deutsche Mode, weil sie das Bestehende zu verklären schien. In ihrer rationellen Gestalt ist sie dem Bürgertum und seinen doktrinären Wortführern ein Ärgernis und ein Greuel, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordne Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite auffaßt, sich durch nichts imponieren läßt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist.

Die widerspruchsvolle Bewegung der kapitalistischen Gesellschaft macht sich dem praktischen Bourgeois am schlagendsten fühlbar in den Wechselfällen des periodischen Zyklus, den die moderne Industrie durchläuft, und deren Gipfelpunkt - die allgemeine Krise. Sie ist wieder im Anmarsch, obgleich noch begriffen in den Vorstadien, und wird durch die Allseitigkeit ihres Schauplatzes, wie die Intensität ihrer Wirkung, selbst den Glückspilzen des neuen heilige, preußisch-deutschen Reichs Dialektik einpauken.


London, 24. Januar 1873

 

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Fußnoten

[1] Siehe meine Schrift "Zur Kritik etc.", p. 39. < Siehe Band 1, S.46 >

[2] Die breimäuligen Faselhänse der deutschen Vulgärökonomie schelten Stil und Darstellung meiner Schrift. Niemand kann die literarischen Mängel des "Kapital" strenger beurteilen als ich selbst. Dennoch will ich, zu Nutz und Freud dieser Herren und ihres Publikums, hier ein englisches und ein russisches Urteil zitieren. Die meinen Ansichten durchaus feindliche "Saturday Review" sagte in ihrer Anzeige der ersten deutschen Ausgabe: Die Darstellung "verleiht auch den trockensten ökonomischen Fragen einen Reiz (charm)". Die "St.-Petersburger Zeitung" bemerkt in ihrer Nummer vom 20. April 1872 u.a.: "Die Darstellung mit Ausnahme weniger zu spezieller Teile zeichnet sich aus durch Allgemeinverständlichkeit, Klarheit und, trotz der wissenschaftlichen Höhe des Gegenstands, ungewöhnliche Lebendigkeit. In dieser Hinsicht gleicht der Verfasser ... auch nicht von fern der Mehrzahl deutscher Gelehrten, die ... ihre Bücher in so verfinsterter und trockner Sprache schreiben, daß gewöhnlichen Sterblichen der Kopf davon kracht." Den Lesern der zeitläufigen deutsch-national-liberalen Professoralliteratur kracht jedoch etwas ganz andres als der Kopf.

 

Friedrich Engels

aus: Begräbnis von Karl Marx.

MEW Band 19, Seite 335/336

Friedrich Engels hatte sich gleich nach Marxens Tod an die Bearbeitung der »Kapital«-Manuskripte gemacht. Engels betrachtet die Veranstaltung einer »Gesamtausgabe« der Werke von Marx als seine ureigenste Aufgabe, die er aber bis zum Abschluß des »Kapital« zurückzustellen gezwungen war.

 

Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können; daß also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben, und aus der sie daher auch erklärt werden müssen - nicht, wie bisher geschehen, umgekehrt.

Damit nicht genug. Marx entdeckte auch das spezielle Bewegungsgesetz der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der von ihr erzeugten bürgerlichen Gesellschaft. Mit der Entdeckung des Mehrwerts war hier plötzlich Licht geschaffen, während alle früheren Untersuchungen, sowohl der bürgerlichen Ökonomen wie der sozialistischen Kritiker, im Dunkel sich verirrt hatten.

Zwei solche Entdeckungen sollten für ein Leben genügen. Glücklich schon der, dem es vergönnt ist, nur eine solche zu machen. Aber auf jedem einzelnen Gebiet, das Marx der Untersuchung unterwarf, und dieser Gebiete waren sehr viele und keines hat er bloß flüchtig berührt - auf jedem, selbst auf dem der Mathematik, hat er selbständige Entdeckungen gemacht.

So war der Mann der Wissenschaft. Aber das war noch lange nicht der halbe Mann. Die Wissenschaft war für Marx eine geschichtlich bewegende, eine revolutionäre Kraft. So reine Freude er haben konnte an einer neuen Entdeckung in irgendeiner theoretischen Wissenschaft, deren praktische Anwendung vielleicht noch gar nicht abzusehen - eine ganz andere Freude empfand er, wenn es sich um eine Entdeckung handelte, die sofort revolutionär eingriff in die Industrie, in die geschichtliche Entwicklung überhaupt.

So hat er die Entwicklung der Entdeckungen auf dem Gebiet der Elektrizität, und zuletzt noch die von Marc Deprez, genau verfolgt.

Denn Marx war vor allem Revolutionär. Mitzuwirken, in dieser oder jener Weise, am Sturz der kapitalistischen Gesellschaft und der durch sie geschaffenen Staatseinrichtungen, mitzuwirken an der Befreiung des modernen Proletariats, dem er zuerst das Bewußtsein seiner eigenen Lage und seiner Bedürfnisse, das Bewußtsein der Bedingungen seiner Emanzipation gegeben hatte - das war sein wirklicher Lebensberuf.

 

Friedrich Engels

Einführungen in „Das Kapital“ von Karl Marx

Rezension für das „Demokratische Wochen- blatt“

„Das Kapital“ von Marx

veröffentlicht 1871

 

 

Friedrich Engels

Rezension für die "Rheinische Zeitung"

Karl Marx. Das Kapital.

Kritik der politischen Ökonomie.

Hamburg, O. Meißner, 1867

(Diese Rezension wurde von der "Rheinischen Zeitung" nicht veröffentlicht)

|210| Das allgemeine Stimmrecht hat unsern bisherigen parlamentarischen Parteien eine neue, die sozialdemokratische, hinzugefügt. Bei den letzten Wahlen zum Norddeutschen Reichstag hat sie in den meisten großen Städten, in allen Fabrikbezirken ihre eignen Kandidaten aufgestellt und sechs oder acht Abgeordnete durchgesetzt. Verglichen mit den vorletzten Wahlen hat sie bedeutend größere Stärke entwickelt, und man darf daher annehmen, daß sie, vorderhand wenigstens noch, im Wachsen ist. Es wäre Torheit, wollte man die Existenz, die Tätigkeit und die Doktrinen einer solchen Partei noch länger mit vornehmem Stillschweigen behandeln in einem Lande, wo das allgemeine Stimmrecht die letzte Entscheidung in die Hände der zahlreichsten und ärmsten Klassen gelegt hat.

So sehr nun auch die sozialdemokratischen wenigen Parlamentler unter sich zerfallen und zerfahren sein mögen, so ist doch mit Sicherheit anzunehmen, daß alle Fraktionen dieser Partei das vorliegende Buch als ihre theoretische Bibel, als die Rüstkammer begrüßen werden, woraus sie ihre wesentlichsten Argumente schöpfen. Schon aus diesem Grunde verdient es besondre Aufmerksamkeit. Aber auch seinem eignen Inhalte nach ist es geeignet, Aufsehen zu erregen. Wenn Lassalles Hauptargumentation - und Lassalle war in der politischen Ökonomie nur ein Schüler von Marx - sich darauf beschränkte, das sogenannte Ricardosche Gesetz über den Arbeitslohn immer und immer zu wiederholen - so haben wir hier ein Werk vor uns, welches mit unleugbar seltner Gelehrsamkeit das ganze Verhältnis von Kapital und Arbeit in seinem Zusammenhange mit der ganzen ökonomischen Wissenschaft behandelt, welches sich zum letzten Endzweck setzt, "das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen", und dabei, nach offenbar aufrichtigen und mit unverkennbarer Sachkennt- |211| nis geführten Untersuchungen, zu dem Resultat kommt, daß die ganze "kapitalistische Produktionsweise" aufgehoben werden muß. Wir möchten aber ferner noch besonders darauf aufmerksam machen, daß, abgesehen von den Schlußfolgerungen des Werks, der Verfasser im Verlauf desselben eine ganze Reihe von Hauptpunkten der Ökonomie in einem ganz neuen Lichte darstellt und hier, in rein wissenschaftlichen Fragen, zu Resultaten kommt, welche von der bisherigen gangbaren Ökonomie sehr abweichen und welche die Schulökonomen ernstlich werden kritisieren und wissenschaftlich widerlegen müssen, wenn sie nicht ihre bisherige Doktrin scheitern sehen wollen. Im Interesse der Wissenschaft ist zu wünschen, daß sich die Polemik grade über diese Punkte in den Fachschriften recht bald entspinne.

Marx beginnt mit der Darstellung des Verhältnisses von Ware und Geld, woraus das Wesentlichste schon vor längerer Zeit in einer besondern Schrift ["Zur Kritik der politischen Ökonomie"] veröffentlicht ward. Er geht dann zum Kapital über, und hier kommen wir alsbald zum springenden Punkt des ganzen Werks. Was ist Kapital? Geld, welches sich in Ware verwandelt, um sich aus der Ware in mehr Geld zurückzuverwandeln, als die ursprüngliche Summe betrug. Indem ich für 100 Taler Baumwolle kaufe und diese für 110 Taler verkaufe, bewähre ich meine 100 Taler als Kapital, sich selbst verwertenden Wert. Nun entsteht die Frage, woher kommen die 10 Taler, die ich bei diesem Prozeß verdiene, wie geht es zu, daß aus 100 Talern durch zweimaligen einfachen Austausch 110 Taler werden? Die Ökonomie setzt nämlich voraus, daß bei allen Austauschen gleicher Wert gegen gleichen Wert ausgetauscht wird. Marx geht nun alle möglichen Fälle durch (Preisschwankungen der Waren usw.), um zu beweisen, daß unter den von der Ökonomie gegebenen Voraussetzungen die Bildung von 10 Talern Mehrwert aus 100 ursprünglichen Talern unmöglich ist. Dennoch findet dieser Prozeß täglich statt, und die Ökonomen sind uns die Erklärung dafür schuldig geblieben. Diese Erklärung gibt Marx wie folgt: Das Rätsel ist nur zu lösen, wenn wir eine Ware ganz eigner Art auf dem Markte finden, eine Ware, deren Gebrauchswert darin besteht, Tauschwert zu erzeugen. Diese Ware existiert - sie ist die Arbeitskraft. Der Kapitalist kauft die Arbeitskraft auf dem Markt und läßt sie für sich arbeiten, um ihr Produkt wieder zu verkaufen. Wir haben also vor allen Dingen die Arbeitskraft zu untersuchen.

Was ist der Wert der Arbeitskraft? Nach dem bekannten Gesetz: der Wert derjenigen Lebensmittel, welche notwendig sind, den Arbeiter in der in einem gegebenen Lande und einer gegebnen Epoche historisch festgestellten Weise zu erhalten und fortzupflanzen. Wir nehmen an, der Arbeiter bekommt seine Arbeitskraft zu ihrem vollen Wert bezahlt. Wir nehmen |212| ferner an, dieser Wert repräsentiere sich in einer Arbeit von sechs Stunden täglich oder einem halben Arbeitstage. Der Kapitalist aber behauptet, die Arbeitskraft für einen ganzen Arbeitstag gekauft zu haben, und läßt den Arbeiter 12 oder mehr Stunden arbeiten. Er hat also bei zwölfstündiger Arbeit das Produkt von sechs Arbeitsstunden erworben, ohne es bezahlt zu haben. Daraus folgert Marx: Aller Mehrwert - wie er sich auch verteile, als Gewinn des Kapitalisten, Grundrente, Steuer etc. - ist unbezahlte Arbeit.

Aus dem Interesse des Fabrikanten, möglichst viel unbezahlte Arbeit an jedem Tage herauszuschlagen und aus dem entgegengesetzten Interesse des Arbeiters entsteht der Kampf um die Länge des Arbeitstags. In einer sehr lesenswerten Illustration, die ungefähr hundert Seiten füllt, schildert Marx den Hergang dieses Kampfs in der englischen großen Industrie, welcher trotz des Protestes der freihändlerischen Fabrikanten im letzten Frühjahr damit geendigt hat, daß nicht nur alle Fabrikindustrie, sondern auch aller Kleinbetrieb und selbst alle häusliche Industrie unter die Schranken des Fabrikgesetzes gestellt worden ist, wonach die tägliche Arbeitszeit von Frauen und Kindern unter 18 Jahren - und damit indirekt auch die der Männer - in den bedeutendsten Industriezweigen auf höchstens 101/2 Stunden festgesetzt ist. Er erklärt auch zugleich, warum die englische Industrie hierdurch nicht gelitten, sondern im Gegenteil gewonnen hat: indem die Arbeit jedes einzelnen an Intensität mehr gewann, als sie an Zeitdauer verkürzt wurde.

Der Mehrwert kann aber auch noch auf eine andre Weise erhöht werden als durch die Verlängerung der Arbeitszeit über die zur Erzeugung der notwendigen Lebensmittel oder ihres Werts erforderliche Zeit hinaus. In einem gegebnen Arbeitstage, sagen wir von 12 Stunden, stecken nach vorheriger Annahme 6 Stunden notwendiger und 6 Stunden zur Produktion von Mehrwert verwandter Arbeit. Gelingt es nun, durch irgendein Mittel die notwendige Arbeitszeit auf 5 Stunden herabzudrücken, so bleiben 7 Stunden, während deren Mehrwert produziert wird. Dies kann erreicht werden durch Verkürzung der für die Produktion der notwendigen Lebensmittel erforderlichen Arbeitszeit, mit andern Worten, durch Verwohlfeilerung der Lebensmittel, und dies wieder nur durch Verbesserungen in der Produktion. Marx gibt bei diesem Punkte wieder eine ausführliche Illustration, indem er die drei Haupthebel untersucht resp. schildert, wodurch diese Verbesserungen zustande gebracht werden: 1. die Kooperation, oder die Vervielfachung der Kräfte, welche aus dem gleichzeitigen und planmäßigen Zusammenwirken vieler entsteht, 2. die Teilung der Arbeit, wie sie in der Periode der eigentlichen Manufaktur (also bis etwa 1770) zur |213| Ausbildung kam, endlich 3. die Maschinerie, mit deren Hilfe seit jener Zeit die große Industrie sich entwickelte. Auch diese Schilderungen sind von großem Interesse und zeigen eine erstaunliche Sachkenntnis bis ins technologische Detail hinein ... |Hier schließt die Seite der Handschrift ab; die folgende Seite, auf der offenbar Mehrwert und Arbeitslohn analysiert wurden, fehlt.|

Wir können nicht auf die weiteren Einzelheiten der Untersuchungen über Mehrwert und Arbeitslohn eingehen, wir bemerken nur zur Vermeidung von Mißverständnissen, daß, wie Marx durch eine Menge von Zitaten beweist, auch der Schulökonomie die Tatsache nicht fremd ist, daß der Arbeitslohn geringer ist als das ganze Produkt der Arbeit. Es ist zu hoffen, daß dies Buch den Herren von der Schule Gelegenheit bieten wird, uns über diesen allerdings befremdlichen Punkt nähere Aufklärung zu geben. Sehr zu rühmen ist, daß alle tatsächlichen Belege, die Marx anführt, aus den besten Quellen, meist offiziellen Parlamentsberichten, genommen sind. Bei dieser Gelegenheit unterstützen wir den in der Vorrede indirekt gemachten Antrag des Verfassers: auch in Deutschland durch Regierungskommissäre - die aber keine voreingenommenen Bürokraten sein dürfen - die Arbeiterverhältnisse in den verschiednen Industrien gründlich untersuchen zu lassen und die Berichte dem Reichstag und dem Publikum vorzulegen.

Der erste Band schließt mit der Abhandlung der Akkumulation des Kapitals. Über diesen Punkt ist schon öfter geschrieben worden, obwohl wir gestehen müssen, daß auch hier manches Neue gegeben und das Alte von neuen Seiten beleuchtet wird. Das eigentümlichste ist der versuchte Nachweis, daß neben der Konzentration und Akkumulation des Kapitals und Schritt haltend mit ihr die Akkumulation einer überzähligen Arbeiterbevölkerung vor sich geht und daß beide zuletzt eine soziale Umwälzung einerseits notwendig, andrerseits möglich machen.

Was der Leser auch von den sozialistischen Ansichten des Verfassers halten mag, so glauben wir ihm doch im Vorstehenden gezeigt zu haben, daß er es hier mit einer Schrift zu tun hat, welche hoch über der landläufigen sozialdemokratischen Tagesliteratur steht. Wir fügen hinzu, daß, die etwas stark dialektischen Sachen auf den ersten 40 Seiten ausgenommen, das Buch trotz aller wissenschaftlichen Strenge dennoch sehr leicht faßlich und durch die sarkastische, nach keiner Seite hin schonende Schreibart des Verfassers selbst interessant abgefaßt ist.

 

 

 

Friedrich Engels

Rezension
des Ersten Bandes "Das Kapital"
für die "Fortnightly Review"

Geschrieben zwischen dem 22. Mai und 1. Juli 1868.

Karl Marx über das Kapital (1)

|288| Herr Thomas Tooke weist in seinen Untersuchungen über Umlaufsmittel auf die Tatsache hin, daß das Geld in seiner Funktion als Kapital zu seinem Ausgangspunkt zurückfließt, während dies bei Geld, das die Funktion bloßer Zirkulationsmittel ausübt, nicht der Fall ist. Diese Unterscheidung (die jedoch lange zuvor von Sir James Steuart getroffen wurde) dient Herrn Tooke bloß als ein Glied in seiner Argumentation gegen die "Currency-Leute" und ihre Behauptungen über den Einfluß der Ausgabe von Papiergeld auf die Warenpreise. Unser Verfasser dagegen macht diese Unterscheidung zum Ausgangspunkt für seine Untersuchung über die Natur des Kapitals selbst und besonders für die Frage: Wie wird Geld, diese selbständige Form des Wertes, in Kapital verwandelt?

Alle Sorten von Geschäftsleuten, sagt Turgot, haben das gemein, daß sie kaufen, um zu verkaufen; ihre Käufe sind ein Vorschuß, der ihnen später wieder zurückfließt.

Kaufen, um zu verkaufen - dies ist in der Tat die Transaktion, worin Geld als Kapital funktioniert und die seinen Rückfluß zu seinem Ausgangspunkt bedingt, im Gegensatz zum Verkaufen, um zu kaufen, worin Geld nur als Umlaufsmittel zu funktionieren braucht. So wird ersichtlich, daß die verschiedene Reihenfolge, worin die Akte von Verkauf und Kauf aufeinanderfolgen, dem Geld zwei verschiedene Zirkulationsbewegungen aufdrückt. Um diese beiden Prozesse zu veranschaulichen, gibt unser Verfasser folgende Formel:

Verkaufen, um zu kaufen: eine Ware W wird gegen Geld G getauscht, das wieder gegen eine andere Ware W getauscht wird; oder W - G - W.

|289| Kaufen, um zu verkaufen: Geld wird gegen eine Ware getauscht und diese wieder gegen Geld: G - W - G.

Die Formel W - G - W stellt die einfache Warenzirkulation dar, in welcher Geld als Zirkulationsmittel, als Geld funktioniert. Diese Formel wird im ersten Kapitel dieses Buches analysiert, das eine neue und sehr einfache Wert- und Geldtheorie enthält, die wissenschaftlich äußerst interessant ist, welche wir jedoch hier außer Betracht lassen, da sie im ganzen für das, was wir für das Wesentliche in den Ansichten des Herrn Marx über Kapital halten, nebensächlich ist.

Die Formel G - W - G andererseits stellt jene Form der Zirkulation dar, in welcher sich Geld in Kapital verwandelt.

Der Prozeß des Kaufs für den Verkauf G - W - G kann offensichtlich in G - G aufgelöst werden; er ist indirekter Austausch von Geld gegen Geld. Angenommen, ich kaufe für 1.000 Pfd. St. Baumwolle und verkaufe sie für 1100 Pfd.St., so habe ich schließlich 1.000 Pfd.St. gegen 1.100 Pfd.St. ausgetauscht, Geld gegen Geld.

Wenn dieser Prozeß nun immer den Rückfluß der gleichen Summe Geldes zur Folge hätte, die ich vorgeschossen habe, so wäre es absurd. Aber, ob der Kaufmann, der 1.000 Pfd.St. vorgeschossen hat, 1.100 Pfd.St., 1.000 Pfd.St. oder gar nur 900 Pfd.St. realisiert, sein Geld hat doch eine von der Formel W - G - W ganz verschiedene Bewegung beschrieben; einer Formel, die bedeutet, verkaufen, um zu kaufen, etwas verkaufen, was man nicht braucht, um das kaufen zu können, was man braucht. Vergleichen wir die beiden Formeln.

Jeder Prozeß besteht aus zwei Phasen oder Akten, und diese zwei Akte sind in beiden Formeln die gleichen; doch zwischen den beiden Prozessen selbst besteht ein großer Unterschied. In W - G - W bildet das Geld nur den Vermittler; die Ware, der Gebrauchswert, den Ausgangs- und Schlußpunkt. In G - W - G bildet die Ware das Zwischenglied, während Geld Anfang und Ende bildet. In W - G - W wird das Geld definitiv ausgegeben; in G - W - G wird es nur vorgeschossen, es soll wiedererlangt werden. Es fließt zu seinem Ausgangspunkt zurück, und hier haben wir den ersten sinnlich wahrnehmbaren Unterschied der Zirkulation von Geld als Geld und der von Geld als Kapital.

Im Prozeß des Verkaufs für den Kauf W - G - W kann das Geld nur durch die Wiederholung des Gesamtprozesses zu seinem Ausgangspunkt zurückfließen, durch den Verkauf frischer Waren. Der Rückfluß ist also vom Prozeß selbst unabhängig. In G - W - G dagegen ist dieser Rückfluß eine Notwendigkeit und von vornherein beabsichtigt; wenn er nicht statt |290| findet, ist irgendwo eine Stockung eingetreten, und der Prozeß bleibt unvollständig.

Der Verkauf für den Kauf hat den Erwerb von Gebrauchswert zum Ziel; der Kauf für den Verkauf den Erwerb von Tauschwert.

In der Formel W - G - W sind die beiden Extreme, ökonomisch ausgedrückt, identisch. Sie sind beide Waren; sie sind darüber hinaus von gleicher Wertgröße, denn die ganze Werttheorie setzt voraus, daß normalerweise nur Äquivalente ausgetauscht werden. Gleichzeitig sind diese zwei Extreme W - W qualitativ verschiedene Gebrauchswerte, und gerade deshalb werden sie getauscht. Im Prozeß G - W - G scheint die ganze Operation auf den ersten Blick sinnlos. 100 Pfd.St. gegen 100 Pfd.St. austauschen, und noch auf einem Umweg, scheint absurd. Eine Geldsumme kann sich von einer anderen Geldsumme nur durch ihre Größe unterscheiden. G - W - G kann daher nur durch die quantitative Verschiedenheit seiner Extreme einen Sinn erhalten. Der Zirkulation muß mehr Geld entzogen werden, als man in sie hineingeworfen hatte. Die für 1.000 Pfd.St. gekaufte Baumwolle wird verkauft zu 1.100 Pfd.St. = 1.000 Pfd.St. + 100 Pfd.St.; die diesen Prozeß darstellende Formel verwandelt sich also in G - W - G', wo G' = G + D G, G plus einem Inkrement, ist. Dieses D G, dies Inkrement, nennt Herr Marx Mehrwert (2). Der ursprünglich vorgeschossene Wert erhält sich nicht nur, sondern er setzt sich ein Inkrement zu, er verwertet sich, und dieser Prozeß verwandelt Geld in Kapital.

In der Zirkulationsform W - G - W kann zwar auch Wertverschiedenheit der Extreme bestehen, doch solcher Umstand ist hier völlig unwesentlich, die Formel wird nicht absurd, wenn beide Extreme Äquivalente sind. Im Gegenteil, dies ist eine Bedingung ihres normalen Charakters.

Die Wiederholung von W - G - W wird durch Umstände eingeschränkt, die gänzlich außerhalb des Tauschprozesses liegen: durch die Bedürfnisse der Konsumtion. In G - W - G dagegen sind Anfang und Ende, qualitativ betrachtet, dasselbe, und eben dadurch ist oder kann die Bewegung endlos sein. Zweifellos ist G + D G verschiedene Quantität von G; aber doch auch bloß eine beschränkte Geldsumme. Würde sie verausgabt, so hörte sie auf Kapital zu sein; würde sie der Zirkulation entzogen, so bliebe sie als Schatz stationär. Ist das Bedürfnis der Verwertung des Werts einmal gegeben, so existiert dieses Bedürfnis so gut für G' wie für G; die Bewegung des Kapitals wird eine ständige und endlose, weil ihr Ziel am Ende jedes einzelnen |291| Prozesses ebenso unerreicht ist wie zuvor. Die Durchführung dieses endlosen Prozesses verwandelt den Geldbesitzer in einen Kapitalisten.

Die Formel G - W - G scheint nur auf das Kaufmannskapital anwendbar. Aber auch das industrielle Kapital ist Geld, das gegen Waren getauscht und gegen mehr Geld wieder eingetauscht wird. Zweifellos tritt in diesem Falle eine Anzahl von Operationen zwischen Kauf und Verkauf, Operationen, die außerhalb der reinen Zirkulationssphäre liegen; doch sie ändern nichts am Wesen des Prozesses. Andererseits stellt sich der gleiche Prozeß im zinstragenden Kapital in seiner abgekürztesten Form dar. Hier schrumpft die Formel auf G - G' zusammen, Wert, der gleichsam größer ist als er selbst.

Doch woher stammt dies Inkrement von G, dieser Mehrwert? Unsere vorangegangenen Untersuchungen über die Natur der Waren, des Werts, des Geldes und der Zirkulation selbst lassen diese Frage nicht nur ungeklärt, sondern scheinen sogar jede Zirkulationsform auszuschließen, die im Ergebnis zu so etwas wie einem Mehrwert führt. Der ganze Unterschied zwischen der Warenzirkulation (W - G - W) und der Zirkulation von Geld als Kapital (G - W - G) scheint in einer einfachen Umkehrung des Prozesses zu bestehen. Wie sollte diese Umkehrung ein so seltsames Ergebnis bewirken können?

Noch mehr: Diese Umkehrung existiert nur für einen der drei an dem Prozeß Beteiligten. Als Kapitalist kaufe ich Ware von A und verkaufe sie wieder an B. A und B treten nur als einfache Verkäufer und Käufer von Waren auf. Ich selbst trete bei dem Kauf von A nur als Geldbesitzer auf und bei dem Verkauf an B nur als Warenbesitzer; doch in keiner dieser Transaktionen trete ich als Kapitalist auf, als Repräsentant von etwas, das mehr als Geld oder Ware ist. Für A begann die Transaktion mit einem Verkauf, für B mit einem Kauf. Wenn von meinem Standpunkt eine Umkehrung der Formel W - G - W eintritt, so ist dies von ihrem Standpunkt nicht der Fall. Überdies kann nichts A daran hindern, seine Ware ohne meine Vermittlung an B zu verkaufen, und dann bestünde keine Aussicht auf irgendeinen Mehrwert.

Angenommen, A und B kaufen das, was sie brauchen, direkt voneinander. Was Gebrauchswert angeht, können beide gewinnen. A kann sogar mehr von seiner speziellen Ware produzieren, als B in derselben Zeit produzieren könnte, und vice versa, wobei beide gewinnen würden. Doch mit dem Tauschwert ist das anders. In diesem Falle werden gleiche Wertgrößen ausgetauscht, ob nun Geld als Mittler dient oder nicht.

Abstrakt betrachtet, das heißt abgesehen von allen Umständen, die nicht aus den immanenten Gesetzen der einfachen Warenzirkulation abzuleiten |292| sind, geht in dieser einfachen Zirkulation außer dem Ersatz eines Gebrauchswerts durch einen anderen nur ein Formwechsel der Ware vor sich. Derselbe Tauschwert, dasselbe Quantum vergegenständlichter gesellschaftlicher Arbeit bleibt in der Hand des Warenbesitzers, sei es in Gestalt dieser Ware selbst oder des Geldes, wofür sie verkauft wird, oder in Gestalt der für das Geld gekauften zweiten Ware. Dieser Formwechsel schließt ebensowenig eine Änderung der Wertgröße ein, wie das Auswechseln einer Fünfpfundnote gegen fünf Sovereigns. Sofern es sich nur um einen Formwechsel des Tauschwerts handelt, müssen Äquivalente ausgetauscht werden, zumindest wenn der Prozeß in seiner reinen Gestalt und unter normalen Bedingungen vor sich geht. Waren können zu Preisen verkauft werden, die über oder unter ihren Werten liegen, aber nur, wenn das Gesetz des Warenaustausches verletzt wird. In seiner reinen und normalen Gestalt ist der Warenaustausch daher kein Mittel zur Bildung von Mehrwert. Daher entspringt der Irrtum aller Ökonomen, die versuchen, den Mehrwert aus dem Warenaustausch abzuleiten, wie z.B. Condillac.

Nehmen wir aber an, daß der Prozeß nicht unter normalen Bedingungen vor sich geht und daß Nichtäquivalente ausgetauscht werden. Nehmen wir an, daß z.B. jeder Verkäufer seine Ware zehn Prozent über ihrem Wert verkauft. Ceteris paribus |Unter sonst gleichen Umständen| verliert jeder als Käufer wieder, was er als Verkäufer gewonnen hat. Es wäre genau das gleiche, als wenn der Geldwert um 10 Prozent gesunken wäre. Das Gegenteil, doch mit dem gleichen Ergebnis, träte ein, wenn alle Käufer ihre Waren 10 Prozent unter deren Wert kauften. Wir kommen der Lösung um keinen Deut näher, wenn wir annehmen, daß jeder Warenbesitzer als Produzent die Waren über ihrem Wert verkauft und sie als Konsument über ihrem Wert kauft.

Die konsequenten Vertreter der Illusion, daß der Mehrwert aus einem nominellen Preiszuschlag auf die Waren entspringt, unterstellen immer die Existenz einer Klasse, die kauft, ohne je zu verkaufen, die konsumiert, ohne zu produzieren. In diesem Stadium unserer Untersuchung ist die Existenz einer solchen Klasse noch unerklärlich. Doch nehmen wir an, es gibt sie. Woher erhält diese Klasse das Geld, um beständig zu kaufen? Offensichtlich von den Warenproduzenten auf Grund beliebiger Rechts- oder Gewaltstitel, ohne Austausch. Einer solchen Klasse Waren über ihrem Wert verkaufen, heißt nichts anderes, als umsonst weggegebenes Geld zum Teil wieder zurückbekommen. Auf diese Weise haben die Städte Kleinasiens, als sie an die Römer Tribut zahlten, einen Teil des Geldes zurück- |293| bekommen, indem sie die Römer beim Handel prellten; aber dennoch waren diese Städte die Geprellten. Dies ist also keine Methode der Bildung von Mehrwert.

Nehmen wir den Fall der Prellerei an. A verkauft an B Wein zum Wert von 40 Pfd.St. gegen Getreide zum Wert von 50 Pfd.St. A hat 10 Pfd.St. verdient und B hat 10 Pfd.St. verloren, doch haben beide zusammen nur 90 Pfd.St. wie vorher. Wert wurde übertragen, aber nicht geschaffen. Die ganze Kapitalistenklasse eines Landes kann ihren gesamten Reichtum nicht vergrößern, indem sie sich gegenseitig prellt.

Folglich: Werden Äquivalente ausgetauscht, so entsteht kein Mehrwert, und werden Nichtäquivalente ausgetauscht, so entsteht auch kein Mehrwert. Die Warenzirkulation schafft keinen neuen Wert. Das ist der Grund, weshalb die beiden ältesten und populärsten Formen des Kapitals, Handelskapital und zinstragendes Kapital, hier gänzlich unberücksichtigt bleiben. Um den durch diese beiden Kapitalformen angeeigneten Mehrwert nicht als das Ergebnis bloßer Prellerei zu erklären, bedarf es einer Anzahl Zwischenglieder, die in diesem Stadium der Untersuchung noch fehlen. Später werden wir sehen, daß beide nur abgeleitete Formen sind, und werden auch feststellen, warum beide historisch lange vor dem modernen Kapital erscheinen.

Der Mehrwert kann also nicht aus der Warenzirkulation entspringen. Aber kann er außerhalb derselben entspringen? Außerhalb der Warenzirkulation ist der Warenbesitzer einfacher Produzent dieser Ware, deren Wert von der nach einem bestimmten gesellschaftlichen Gesetz gemessenen Größe seiner darin enthaltenen eigenen Arbeit bestimmt wird. Dieser Wert wird in Rechengeld ausgedrückt, sagen wir, in einem Preis von 10 Pfd.St. Doch dieser Preis von 10 Pfd.St. ist nicht zugleich ein Preis von 11 Pfd.St.; diese in der Ware enthaltene Arbeit schafft Wert, doch keinen sich verwertenden Wert; sie kann vorhandenem Wert neuen Wert zusetzen, doch nur durch Zusatz von neuer Arbeit. Wie sollte nun der Warenbesitzer außerhalb der Zirkulationssphäre, ohne mit anderen Warenbesitzern in Berührung zu kommen, wie sollte er imstande sein, Mehrwert zu produzieren oder, mit anderen Worten, Ware oder Geld in Kapital zu verwandeln?

"Kapital kann also nicht aus der Zirkulation entspringen, und es kann ebensowenig aus der Zirkulation nicht entspringen. Es muß zugleich in ihr und nicht in ihr entspringen ... Die Verwandlung des Geldes in Kapital ist auf Grundlage dem Warenaustausch immanenter Gesetze zu entwickeln, so daß der Austausch von äquivalenten als Ausgangspunkt gilt. Unser |294| nur noch als Kapitalistenraupe vorhandner Geldbesitzer muß die Waren zu ihrem Wert kaufen, zu ihrem Wert verkaufen und dennoch am Ende des Prozesses mehr Wert herausziehn als er hineinwarf. Seine Schmetterlingsentfaltung muß in der Zirkulationssphäre und muß nicht in der Zirkulationssphäre vorgehn. Dies sind die Bedingungen des Problems. Hic Rhodus, hic salta!"

Und nun zur Lösung:

"Die Wertveränderung des Geldes, das sich in Kapital verwandeln soll, kann nicht an diesem Geld selbst vorgehn, denn als Kaufmittel und als Zahlungsmittel realisiert es nur den Preis der Ware, die es kauft oder zahlt, während es, in seiner eignen Form verharrend, zum Petrefakt von gleichbleibender Wertgröße erstarrt. Ebensowenig kann die Veränderung aus dem zweiten Zirkulationsakt, dem Wiederverkauf der Ware, entspringen, denn dieser Akt verwandelt die Ware bloß aus der Naturalform zurück in die Geldform. Die Veränderung muß sich also zutragen mit der Ware, die im ersten Akt G - W gekauft wird, aber nicht mit ihrem Wert, denn es werden äquivalente ausgetauscht, die Ware wird zu ihrem Werte bezahlt. Die Veränderung kann also nur entspringen aus ihrem Gebrauchswert als solchem, d.h. aus ihrem Verbrauch. Um aus dem Verbrauch einer Ware Wert herauszuziehn, müßte unser Geldbesitzer so glücklich sein, innerhalb der Zirkulationssphäre, auf dem Markte, eine Ware zu entdecken, deren Gebrauchswert selbst die eigentümliche Beschaffenheit besäße, Quelle von Wert zu sein, deren wirklicher Verbrauch also selbst Vergegenständlichung von Arbeit wäre, daher Wertschöpfung. Und der Geldbesitzer findet auf dem Markte eine solche spezifische Ware vor - das Arbeitsvermögen oder die Arbeitskraft.

Unter Arbeitskraft oder Arbeitsvermögen verstehen wir den Inbegriff der physischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Persönlichkeit eines Menschen existieren und die er in Bewegung setzt, sooft er Gebrauchswerte irgendeiner Art produziert.

Damit jedoch der Geldbesitzer die Arbeitskraft als Ware auf dem Markt vorfinde, müssen verschiedne Bedingungen erfüllt sein. Der Warenaustausch schließt an und für sich keine andren Abhängigkeitsverhältnisse ein als die aus seiner eignen Natur entspringenden. Unter dieser Voraussetzung kann die Arbeitskraft als Ware nur auf dem Markt erscheinen, sofern und weil sie von ihrem eignen Besitzer, der Person, deren Arbeitskraft sie ist, als Ware feilgeboten oder verkauft wird. Damit ihr Besitzer sie als Ware verkaufe, muß er über sie verfügen können, also freier Eigentümer seines Arbeitsvermögens, seiner Person sein. Er und der Geldbesitzer begegnen |295| sich auf dem Markt und treten in Verhältnis zueinander als ebenbürtige Warenbesitzer, nur dadurch unterschieden, daß der eine Käufer, der andre Verkäufer ist. Die Fortdauer dieses Verhältnisses erheischt, daß der Eigentümer der Arbeitskraft sie stets nur für bestimmte Zeit verkaufe, denn verkauft er sie in Bausch und Bogen, ein für allemal, so verkauft er sich selbst, verwandelt sich aus einem Freien in einen Sklaven, aus einem Warenbesitzer in eine Ware ... Die zweite wesentliche Bedingung, damit der Geldbesitzer die Arbeitskraft auf dem Markt als Ware vorfinde, ist die, daß ihr Besitzer, statt Waren verkaufen zu können, worin sich seine Arbeit vergegenständlicht hat, vielmehr seine Arbeitskraft selbst, die nur in seiner lebendigen Leiblichkeit existiert, als Ware feilbieten muß.

Damit jemand von seiner Arbeitskraft unterschiedne Waren verkaufe, muß er natürlich Produktionsmittel besitzen, z.B. Rohstoffe, Arbeitsinstrumente usw. Er kann keine Stiefel machen ohne Leder. Er bedarf außerdem Lebensmittel. Niemand kann von Produkten der Zukunft zehren, also auch nicht von Gebrauchswerten, deren Produktion noch unfertig, und wie am ersten Tage seiner Erscheinung auf der Erdbühne, muß der Mensch noch jeden Tag konsumieren, bevor und während er produziert. Werden die Produkte als Waren produziert, so müssen sie verkauft werden, nachdem sie produziert sind, und können die Bedürfnisse des Produzenten erst nach dem Verkauf befriedigen. Zur Produktionszeit kommt die für den Verkauf nötige Zeit hinzu.

Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.

Die Frage, warum dieser freie Arbeiter ihm in der Zirkulationssphäre gegenübertritt, interessiert den Geldbesitzer nicht, der den Arbeitsmarkt als eine besondre Abteilung des Warenmarkts vorfindet. Und einstweilen interessiert sie uns ebensowenig. Wir halten theoretisch an der Tatsache fest, wie der Geldbesitzer praktisch. Eins jedoch ist klar. Die Natur produziert nicht auf der einen Seite Geld- oder Warenbesitzer und auf der andren bloße Besitzer der eignen Arbeitskräfte. Dies Verhältnis ist kein naturgeschichtliches und ebensowenig ein gesellschaftliches, das allen Geschichtsperioden gemein wäre. Es ist offenbar selbst das Resultat einer vorhergegangenen historischen Entwicklung, das Produkt vieler ökonomischer Umwälzungen, des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Produktion.

|296| Auch die ökonomischen Kategorien, die wir früher betrachtet, tragen ihre geschichtliche Spur. Im Dasein des Produkts als Ware sind bestimmte historische Bedingungen eingehüllt. Um Ware zu werden, darf das Produkt nicht als unmittelbares Subsistenzmittel für den Produzenten selbst produziert werden. Hätten wir weiter geforscht: unter welchen Umständen nehmen alle oder nimmt auch nur die Mehrzahl der Produkte die Form der Ware an, so hätte sich gefunden, daß dies nur auf Grundlage einer ganz spezifischen, der kapitalistischen Produktionsweise, geschieht. Eine solche Untersuchung lag jedoch der Analyse der Ware fern. Warenproduktion und Warenzirkulation können stattfinden, obgleich die weit überwiegende Produktenmasse, unmittelbar auf den Selbstbedarf gerichtet, sich nicht in Ware verwandelt, der gesellschaftliche Produktionsprozeß also noch lange nicht in seiner ganzen Breite und Tiefe vom Tauschwert beherrscht ist ... Oder betrachten wir das Geld, so setzt es eine gewisse Höhe des Warenaustausches voraus. Die besondren Geldformen, bloßes Warenäquivalent, oder Zirkulationsmittel, oder Zahlungsmittel, Schatz und Weltgeld, deuten je nach dem verschiednen Umfang und dem relativen Vorwiegen einer oder der andren Funktion auf sehr verschiedne Stufen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses. Dennoch genügt erfahrungsmäßig eine relativ schwach entwickelte Warenzirkulation zur Bildung aller dieser Formen. Anders mit dem Kapital. Seine historischen Existenzbedingungen sind durchaus nicht da mit der Waren- und Geldzirkulation. Es entsteht nur, wo der Besitzer von Produktions- und Lebensmitteln den freien Arbeiter als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf dem Markt vorfindet, und diese eine historische Bedingung umschließt eine Weltgeschichte. Das Kapital kündigt daher von vornherein eine neue Epoche des gesellschaftlichen Produktionsprozesses an." |Karl Marx, Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 180-184|

Diese eigentümliche Ware, die Arbeitskraft, ist nun zu untersuchen. Gleich allen anderen Waren besitzt sie einen Tauschwert; dieser Wert wird bestimmt wie der aller anderen Waren: durch die zu ihrer Produktion, also auch Reproduktion, notwendige Arbeitszeit. Der Wert der Arbeitskraft ist der Wert der zur Erhaltung ihres Besitzers in normaler Arbeitsfähigkeit nötigen Lebensmittel. Diese Lebensmittel richten sich nach dem Klima und anderen Naturbedingungen sowie nach einem historisch in jedem Land gegebenen Stand der Lebenshaltung. Sie wechseln, sind aber für ein bestimmtes Land und für eine bestimmte Epoche gegeben. Ferner schließen sie die Lebensmittel für die Ersatzmänner der verbrauchten Arbeiter |297| ein, d.h. für ihre Kinder, so daß diese eigentümliche Art von Warenbesitzern sich verewigen kann. Sie schließen außerdem bei qualifizierter Arbeit die Bildungskosten ein.

Die Minimalgrenze des Werts der Arbeitskraft ist der Wert der physisch unentbehrlichen Lebensmittel. Sinkt ihr Preis auf dies Minimum, so sinkt er unter ihren Wert, da letzterer eine normale Güte der Arbeitskraft, nicht eine verkümmerte, voraussetzt.

Aus der Natur der Arbeit ergibt sich, daß die Arbeitskraft erst nach Abschluß des Verkaufs verbraucht wird; und in allen Ländern kapitalistischer Produktionsweise wird die Arbeit bezahlt, nachdem sie geleistet ist. Überall also kreditiert der Arbeiter dem Kapitalisten. Zu den praktischen Folgen dieses durch den Arbeiter gewährten Kredits führt Herr Marx einige interessante Beispiele aus Parlamentsdokumenten an; bezüglich dieser Beispiele verweisen wir auf das Buch selbst.

Mit der Konsumtion von Arbeitskraft produziert ihr Käufer zugleich Waren und Mehrwert; um dies zu untersuchen, müssen wir die Sphäre der Zirkulation verlassen und uns in die Sphäre der Produktion begeben.

Hier stellen wir sofort fest, daß der Arbeitsprozeß Doppelcharakter besitzt. Einerseits ist er der einfache Prozeß zur Herstellung von Gebrauchswert; als solcher kann und muß er allen historischen Formen der Existenz der Gesellschaft gemeinsam sein; andererseits geht dieser Prozeß, wie bereits erwähnt, unter den spezifischen Bedingungen der kapitalistischen Produktion vor sich. Sie müssen wir jetzt untersuchen.

Der Arbeitsprozeß auf kapitalistischer Grundlage hat zwei Eigentümlichkeiten. Erstens arbeitet der Arbeiter unter der Kontrolle des Kapitalisten, der aufpaßt, daß nichts vergeudet wird und nicht mehr als das gesellschaftlich notwendige Quantum Arbeit für jedes einzelne Produkt aufgewandt wird. Zweitens ist das Produkt Eigentum des Kapitalisten, da der Prozeß selbst zwischen zwei ihm gehörigen Dingen vor sich geht: der Arbeitskraft und den Arbeitsmitteln.

Den Kapitalisten interessiert der Gebrauchswert nur, insofern er die Verkörperung von Tauschwert und vor allem von Mehrwert ist. Sein Ziel besteht darin, eine Ware zu produzieren, deren Wert höher ist als die in ihre Produktion investierte Wertsumme. Wie kann das geschehen?

Nehmen wir eine beliebige Ware, z.B. Baumwollgarn, und analysieren wir das darin vergegenständlichte Quantum Arbeit. Nehmen wir an, daß zur Herstellung von 10 Pfund Garn 10 Pfund Baumwolle im Wert von 10 sh. nötig sind (wobei wir den Abfall außer Betracht lassen). Ferner sind bestimmte Arbeitsmittel erforderlich: eine Dampfmaschine, Kamm- |298| maschinen und andere Maschinerie, Kohle, Schmiermittel etc. Der Einfachheit halber bezeichnen wir das alles als "Spindeln" und nehmen an, daß der Verschleiß, Kohle etc., die nötig sind zur Verspinnung von 10 Pfund Garn, 2 sh. repräsentieren. So haben wir 10 sh. für Baumwolle und 2 sh. für Spindel = 12 sh. Wenn 12 sh. das Produkt von 24 Arbeitsstunden oder zwei Arbeitstagen repräsentieren, dann vergegenständlichen Baumwolle und Spindel im Garn zwei Arbeitstage. Wieviel wird nun durch das Spinnen zugesetzt?

Nehmen wir an, daß der Wert der Arbeitskraft per diem |pro Tag| 3 sh. beträgt und daß diese 3 sh. die Arbeit von sechs Stunden repräsentieren. Ferner, daß ein Arbeiter sechs Stunden benötigt, um 10 Pfund Garn zu spinnen. In diesem Falle sind dem Produkt durch Arbeit 3 sh. zugesetzt worden; der Wert der 10 Pfund Garn beträgt 15 sh. oder 1 sh. 6 d. per Pfund.

Dieser Prozeß ist sehr einfach, doch ihm entspringt kein Mehrwert. Das kann auch nicht sein, da in der kapitalistischen Produktion die Dinge nicht so einfach vor sich gehen.

"Sehn wir näher zu. Der Tageswert der Arbeitskraft betrug 3 sh., weil in ihr selbst ein halber Arbeitstag vergegenständlicht ist. Daß ein halber Arbeitstag nötig, um ihn während 24 Stunden am Leben zu erhalten, hindert den Arbeiter keineswegs, einen ganzen Tag zu arbeiten. Der Wert der Arbeitskraft und ihre Verwertung im Arbeitsprozeß sind also zwei verschiedne Größen. Diese Wertdifferenz hatte der Kapitalist im Auge, als er die Arbeitskraft kaufte. Ihre nützliche Eigenschaft, Garn oder Stiefel zu machen, war nur eine Conditio sine qua non, weil Arbeit in nützlicher Form verausgabt werden muß, um Wert zu bilden. Was aber entschied, war der spezifische Gebrauchswert dieser Ware, Quelle von Wert zu sein und von mehr Wert, als sie selbst hat. Dies ist der spezifische Dienst, den der Kapitalist von ihr erwartet. Und er verfährt dabei den ewigen Gesetzen des Warenaustausches gemäß. In der Tat, der Verkäufer der Arbeitskraft, wie der Verkäufer jeder andren Ware, realisiert ihren Tauschwert und veräußert ihren Gebrauchswert. Er kann den einen nicht erhalten, ohne den andren wegzugeben. Der Gebrauchswert der Arbeitskraft, die Arbeit selbst, gehört ebensowenig ihrem Verkäufer, wie der Gebrauchswert des verkauften Öls dem Ölhändler. Der Geldbesitzer hat den Wert per diem der Arbeitskraft gezahlt; ihm gehört daher ihr Gebrauch während des Tages, die tagelange Arbeit. Der Umstand, daß die tägliche Erhaltung der Arbeitskraft nur einen halben Arbeitstag kostet, obgleich die Arbeitskraft einen ganzen Tag |299| wirken, arbeiten kann, daß daher der Wert, den ihr Gebrauch während eines Tags schafft, doppelt so groß ist als ihr eigner Tageswert, ist ein besondres Glück für den Käufer, aber durchaus kein Unrecht gegen den Verkäufer."

Der Arbeiter arbeitet also 12 Stunden, spinnt 20 Pfund Garn, das 20 sh. Baumwolle und 4 sh. Spindeln etc. repräsentiert, und seine Arbeit kostet 3 sh., insgesamt 27 sh. Saugten 10 Pfund Baumwolle 6 Arbeitsstunden ein, so haben 20 Pfund Baumwolle 12 Arbeitsstunden eingesaugt, gleich 6 sh. "In den 20 Pfund Garn sind jetzt 5 Arbeitstage vergegenständlicht, 4 in der verzehrten Baumwoll- und Spindelmasse, 1 von der Baumwolle eingesaugt während des Spinnprozesses. Der Goldausdruck von 5 Arbeitstagen ist aber 30 sh. Dies also der Preis der 20 Pfund Garn. Das Pfund Garn kostet nach wie vor 1 sh. 6 d. Aber die Wertsumme der in den Prozeß geworfenen Waren betrug 27 sh. Der Wert des Produkts ist um 1/9 gewachsen über den zu seiner Produktion vorgeschoßnen Wert. So haben sich 27 sh. in 30 sh. verwandelt. Sie haben einen Mehrwert von 3 sh. gesetzt. Das Kunststück ist endlich gelungen. Geld ist in Kapital verwandelt.

Alle Bedingungen des Problems sind gelöst und die Gesetze des Warenaustausches in keiner Weise verletzt. äquivalent wurde gegen äquivalent ausgetauscht. Der Kapitalist zahlte als Käufer jede Ware zu ihrem Wert, Baumwolle, Spindelmasse, Arbeitskraft. Er tat dann, was jeder andre Käufer von Waren tut. Er konsumierte ihren Gebrauchswert. Der Konsumtionsprozeß der Arbeitskraft, der zugleich Produktionsprozeß der Ware, ergab ein Produkt von 20 Pfund Garn mit einem Wert von 30 sh. Der Kapitalist kehrt nun zum Markt zurück und verkauft Ware, nachdem er Ware gekauft hat. Er verkauft das Pfund Garn zu 1 sh. 6 d., keinen Deut über oder unter seinem Wert. Und doch zieht er 3 sh. mehr aus der Zirkulation heraus, als er ursprünglich in sie hineinwarf. Dieser ganze Verlauf, die Verwandlung seines Geldes in Kapital, geht in der Zirkulationssphäre vor und geht nicht in ihr vor. Durch die Vermittlung der Zirkulation, weil bedingt durch den Kauf der Arbeitskraft auf dem Warenmarkt. Nicht in der Zirkulation, denn sie leitet nur den Verwertungsprozeß ein, der sich in der Produktionssphäre zuträgt. Und so ist 'tout pour le mieux dans le meilleur des mondes possibles'." |Karl Marx, Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 207-209|

Von der Darlegung der Art und Weise der Produktion des Mehrwerts geht Herr Marx über zu dessen Analyse. Aus dem Vorangegangenen geht hervor, daß nur ein Teil des in einem produktiven Unternehmen angelegten |300| Kapitals direkt zur Produktion von Mehrwert beiträgt, und das ist das für den Ankauf von Arbeitskraft vorgeschossene Kapital. Nur dieser Teil produziert neuen Wert; das in Maschinerie, Rohmaterial, Kohle etc. angelegte Kapital erscheint zwar im Wert des Produkts pro tanto |im Ganzen| wieder, es wird erhalten und reproduziert, doch es kann sich kein Mehrwert aus ihm bilden. Dies veranlaßt Herrn Marx, eine neue Unterteilung des Kapitals vorzuschlagen: in konstantes Kapital, das nur reproduziert wird - der in Maschinerie, Rohmaterial und allen anderen zum Arbeitsprozeß notwendigen Mitteln angelegte Teil; und in variables Kapital, das nicht bloß reproduziert wird, sondern zugleich direkte Quelle von Mehrwert ist - der im Ankauf von Arbeitskraft und in Löhnen angelegte Teil. Daraus wird klar, daß das konstante Kapital nicht direkt zur Produktion von Mehrwert beiträgt, wie notwendig es auch dafür sein mag; und außerdem hat die in einem Produktionszweig angelegte Masse konstanten Kapitals nicht den geringsten Einfluß auf die in diesem Zweig produzierte Mehrwertmasse.(3) Daher kann das konstante Kapital bei der Bestimmung der Rate des Mehrwerts nicht berücksichtigt werden. Diese kann nur bestimmt werden durch den Vergleich der Größe des Mehrwerts mit der Größe des Kapitals, das direkt zur Bildung des Mehrwerts beiträgt, d.h. mit der Größe des variablen Kapitals. Herr Marx bestimmt deshalb die Rate des Mehrwerts als Verhältnis des Mehrwerts lediglich zum variablen Kapital: beträgt der tägliche Preis der Arbeit 3 sh. und der täglich geschaffene Mehrwert ebenfalls 3 sh., so beträgt die Rate des Mehrwerts 100 Prozent. Zu welchen Kuriosa es führen kann, wenn man, wie das gewöhnlich getan wird, konstantes Kapital als aktiven Faktor bei der Produktion von Mehrwert betrachtet, kann man am Beispiel des Herrn N. W. Senior sehen, "als der wegen seiner ökonomischen Wissenschaft und seines schönen Stils berufene Professor von Oxford im Jahre 1836 nach Manchester zitiert wurde, um hier politische Ökonomie zu lernen (von den Baumwollspinnern), statt sie in Oxford zu lehren". |Karl Marx, Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 237-238|

Die Arbeitszeit, während der der Arbeiter den Wert seiner Arbeitskraft reproduziert, nennt Herr Marx "notwendige Arbeit"; die darüber hinaus gearbeitete Zeit, während der Mehrwert produziert wird, nennt er "Mehrarbeit". Notwendige Arbeit und Mehrarbeit bilden zusammen den "Arbeitstag".

|301| In einem Arbeitstag ist die notwendige Arbeitszeit gegeben; doch die für die Mehrarbeit verwandte Zeit wird durch kein ökonomisches Gesetz festgesetzt, sie kann innerhalb gewisser Schranken länger oder kürzer sein. Sie kann nie gleich null sein, da dann für den Kapitalisten der Anreiz wegfiele, Arbeit zu gebrauchen. Gleichzeitig kann die Gesamtlänge des Arbeitstages aus physiologischen Gründen nie 24 Stunden erreichen. Zwischen einem Arbeitstag von sage 6 und einem von 24 Stunden gibt es jedoch viele Zwischenstufen. Die Gesetze des Warenaustausches verlangen, daß der Arbeitstag nicht länger sei, als mit dem normalen Verschleiß des Arbeiters vereinbar ist. Doch was ist normaler Verschleiß? Wieviel Stunden täglicher Arbeit sind damit vereinbar? In diesem Punkt gehen die Meinungen des Kapitalisten und des Arbeiters weit auseinander, und da es keine höhere Autorität gibt, wird die Frage durch Gewalt entschieden. Die Geschichte der Normierung des Arbeitstages ist die Geschichte eines Kampfes um dessen Schranken - eines Kampfes zwischen dem Gesamtkapitalisten und dem Gesamtarbeiter, zwischen der Klasse der Kapitalisten und der Arbeiterklasse.

"Das Kapital, wie bereits bemerkt, hat die Mehrarbeit nicht erfunden. Überall, wo ein Teil der Gesellschaft das Monopol der Produktionsmittel besitzt, muß der Arbeiter, frei oder unfrei, der zu seiner Selbsterhaltung notwendigen Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel für den Eigner der Produktionsmittel zu produzieren, sei dieser Eigentümer nun atheniensischer kaloz kagadoz |Aristokrat|, etruskischer Theokrat, civis romanus |römischer Bürger, normännischer Baron, amerikanischer Sklavenhalter, walachischer Bojar, moderner Landlord oder Kapitalist." |Karl Marx, Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 249-259|

Indes ist klar, daß in jeder Gesellschaftsformation, in der der Gebrauchswert des Produkts wichtiger als sein Tauschwert ist, die Mehrarbeit durch einen engeren oder weiteren Kreis von gesellschaftlichen Bedürfnissen beschränkt ist; und daß unter diesen Umständen nicht unbedingt der Wunsch nach Mehrarbeit um ihrer selbst willen besteht. So stellen wir fest, daß im klassischen Altertum Mehrarbeit in ihrer krassesten Form, das Zu-Tode-Arbeiten des Arbeiters, fast ausschließlich in Gold- und Silberbergwerken existierte, wo der Tauschwert in seiner selbständigen Form, als Geld produziert wurde.

"Sobald aber Völker, deren Produktion sich noch in den niedrigren Formen der Sklavenarbeit, Fronarbeit usw. bewegt, hineingezogen werden in einen durch die kapitalistische Produktionsweise beherrschten Welt- |302| markt, der den Verkauf ihrer Produkte ins Ausland zum vorwiegenden Interesse entwickelt, wird den barbarischen Greueln der Sklaverei, Leibeigenschaft usw. der zivilisierte Greuel der Überarbeit aufgepfropft. Daher bewahrte die Negerarbeit in den südlichen Staaten der amerikanischen Union einen gemäßigt patriarchalischen Charakter, solange die Produktion hauptsächlich auf den unmittelbaren Selbstbedarf gerichtet war. In dem Grade aber wie der Baumwollexport zum Lebensinteresse jener Staaten, ward die Überarbeitung des Negers, hier und da die Konsumtion seines Lebens in sieben Arbeitsjahren, Faktor eines berechneten und berechnenden Systems ... ähnlich mit der Fronarbeit, z.B. in den Donaufürstentümern." |Karl Marx, Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 250|

Hier wird der Vergleich mit der kapitalistischen Produktion besonders interessant, weil die Mehrarbeit in der Fronarbeit eine selbständige, sinnlich wahrnehmbare Form besitzt.

"Gesetzt der Arbeitstag zähle 6 Stunden notwendiger Arbeit und 6 Stunden Mehrarbeit. So liefert der freie Arbeiter dem Kapitalisten wöchentlich 36 Stunden Mehrarbeit. Es ist dasselbe, als arbeite er 3 Tage in der Woche für sich und 3 Tage in der Woche umsonst für den Kapitalisten. Aber dies ist nicht sichtbar. Mehrarbeit und notwendige Arbeit verschwimmen ineinander. Ich kann daher dasselbe Verhältnis z.B. auch so ausdrücken, daß der Arbeiter in jeder Minute 30 Sekunden für sich und 30 Sekunden für den Kapitalisten arbeitet usw. Anders mit der Fronarbeit. Die notwendige Arbeit, die z.B. der walachische Bauer zu seiner Selbsterhaltung verrichtet, ist räumlich getrennt von seiner Mehrarbeit für den Bojaren. Die eine verrichtet er auf seinem eignen Felde, die andre auf dem herrschaftlichen Gut. Beide Teile der Arbeitszeit existieren daher selbständig nebeneinander. In der Form der Fronarbeit ist die Mehrarbeit genau abgeschieden von der notwendigen Arbeit." |Karl Marx, Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 251|

Wir müssen davon absehen, weitere interessante Beispiele der modernen Sozialgeschichte der Donaufürstentümer zu zitieren, durch die Herr Marx beweist, daß die Bojaren, unterstützt durch die russische Intervention, es ebensogut verstehen, Mehrarbeit auszusaugen, wie jeder kapitalistische Unternehmer. Doch was das Règlement organique, durch das der russische General Kisselew den Bojaren fast unbeschränkte Macht über die Arbeit der Bauern gab, positiv ausdrückt, drücken die englischen Fabrikgesetze negativ aus.

"Diese Gesetze zügeln den Drang des Kapitals nach maßloser Aus- |303| saugung der Arbeitskraft durch gewaltsame Beschränkung des Arbeitstags von Staats wegen, und zwar von seiten eines Staats, den Kapitalist und Landlord beherrschen. Von einer täglich bedrohlicher anschwellenden Arbeiterbewegung abgesehn, war die Beschränkung der Fabrikarbeit diktiert durch dieselbe Notwendigkeit, welche den Guano auf die englischen Felder ausgoß. Dieselbe blinde Raubgier, die in dem einen Fall die Erde erschöpft, hatte in dem andren die Lebenskraft der Nation an der Wurzel ergriffen. Periodische Epidemien sprachen hier ebenso deutlich als das abnehmende Soldatenmaß in Deutschland und Frankreich." |Karl Marx, Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 253|

Um die Tendenz des Kapitals nach Verlängerung des Arbeitstages über jedes vernünftige Maß hinaus zu beweisen, zitiert Herr Marx ausführlich aus den Berichten der Fabrikinspektoren, der Kommission zur Untersuchung der Kinderarbeit, aus den Berichten über öffentliche Gesundheit und anderen Parlamentsdokumenten und resümiert in folgenden Schlußfolgerungen:

"'Was ist ein Arbeitstag?' Wie groß ist die Zeit, während deren das Kapital die Arbeitskraft, deren Wert per diem es zahlt, konsumieren darf? Wie weit kann der Arbeitstag verlängert werden über die zur Reproduktion der Arbeitskraft selbst notwendige Arbeitszeit? Auf diese Fragen, man hat es gesehn, antwortet das Kapital: Der Arbeitstag zählt täglich volle 24 Stunden nach Abzug der wenigen Ruhestunden, ohne welche die Arbeitskraft ihren erneuerten Dienst absolut versagt. Es versteht sich zunächst von selbst, daß der Arbeiter seinen ganzen Lebenstag durch nichts ist außer Arbeitskraft, daß daher alle seine disponible Zeit von Natur und Rechts wegen Arbeitszeit ist, also der Selbstverwertung des Kapitals angehört ... Aber in seinem maßlos blinden Trieb nach Mehrarbeit überrennt das Kapital nicht nur die moralischen, sondern auch die rein physischen Maximalschranken des Arbeitstags ... Das Kapital fragt nicht nach der Lebensdauer der Arbeitskraft ... Die kapitalistische Produktion produziert die vorzeitige Erschöpfung und Abtötung der Arbeitskraft selbst. Sie verlängert die Produktionszeit des Arbeiters während eines gegebenen Termins durch Verkürzung seiner Lebenszeit." |Karl Marx, Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 279-281|

Aber ist dies nicht selbst gegen das Interesse des Kapitals? Muß das Kapital nicht im Laufe der Zeit die Kosten dieses unmäßigen Verschleißes ersetzen? Das mag theoretisch der Fall sein. In der Praxis hat der organisierte Sklavenhandel im Innern der Südstaaten den Verschleiß der Arbeitskraft des Sklaven in sieben Jahren zu einem anerkannten ökonomischen |304| Prinzip erhoben; in der Praxis verläßt sich der englische Kapitalist auf die Zufuhr von Arbeitern aus den Landdistrikten.

"Was die Erfahrung dem Kapitalisten im allgemeinen zeigt, ist eine beständige Übervölkerung, d.h. Übervölkerung im Verhältnis zum augenblicklichen Verwertungsbedürfnis des Kapitals, obgleich sie aus verkümmerten, schnell hinlebenden, sich rasch verdrängenden, sozusagen unreif gepflückten Menschengenerationen ihren Strom bildet. Allerdings zeigt die Erfahrung dem verständigen Beobachter auf der andren Seite, wie rasch und tief die kapitalistische Produktion, die, geschichtlich gesprochen, kaum von gestern datiert, die Volkskraft an der Lebenswurzel ergriffen hat, wie die Degeneration der industriellen Bevölkerung nur durch beständige Absorption naturwüchsiger Lebenselemente vom Lande verlangsamt wird, und wie selbst die ländlichen Arbeiter, trotz freier Luft und des unter ihnen so allmächtig waltenden Prinzips der natürlichen Auslese, das nur die kräftigsten Individuen aufkommen läßt, schon abzuleben beginnen. Das Kapital, das so 'gute Gründe' hat, die Leiden der es umgebenden Arbeitergeneration zu leugnen, wird in seiner praktischen Bewegung durch die Aussicht auf zukünftige Verfaulung der Menschheit und schließlich doch unaufhaltsame Entvölkerung so wenig und so viel bestimmt als durch den möglichen Fall der Erde in die Sonne. In jeder Aktienschwindelei weiß jeder, daß das Unwetter einmal einschlagen muß, aber jeder hofft, daß es das Haupt seines Nächsten trifft, nachdem er selbst den Goldregen aufgefangen und in Sicherheit gebracht hat. Apres moi le dèluge! |Nach mir die Sündflut!| ist der Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalistennation. Das Kapital ist daher rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters, wo es nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird. Im großen und ganzen hängt dies aber auch nicht vom guten oder bösen Willen des einzelnen Kapitalisten ab. Die freie Konkurrenz macht die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion dem einzelnen Kapitalisten gegenüber als äußerliches Zwangsgesetz geltend." |Karl Marx, Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 284-286|

Die Festsetzung des normalen Arbeitstages ist das Resultat eines vielhundertjährigen Kampfes zwischen Unternehmer und Arbeiter. Und es ist interessant, die zwei entgegengesetzten Strömungen in diesem Kampf zu beobachten. Anfangs haben die Gesetze zum Ziel, die Arbeiter zu zwingen, länger zu arbeiten; vom ersten Arbeitergesetz, im 23. Jahr der Regierung Edward III. (1349) erlassen, bis zum 18. Jahrhundert gelang es den herrschenden Klassen niemals, aus den Arbeitern das volle Quantum mög- |305| licher Arbeit herauszupressen. Doch mit der Einführung von Dampf- und moderner Maschinerie wendete sich das Blatt. Die Einführung der Frauen- und Kinderarbeit warf so schnell alle traditionellen Schranken der Arbeitszeit um, daß das 19. Jahrhundert mit einem System der Überarbeitung begann, das in der Weltgeschichte ohne Beispiel dasteht und das bereits 1802 die Gesetzgebung zwang, Beschränkungen der Arbeitszeit festzulegen. Herr Marx gibt einen umfassenden Bericht über die Geschichte der englischen Fabrikgesetzgebung bis zum Fabrikgesetz von 1867 und gelangt zu diesen Schlußfolgerungen:

1. Maschinerie und Dampf führen zu einer Überarbeitung zuerst in den Industriezweigen, in denen sie angewandt werden, und gesetzliche Beschränkungen werden deshalb zuerst in diesen Zweigen eingeführt. In der Folgezeit stellen wir jedoch fest, daß dieses System der Überarbeitung sich auf fast alle Zweige ausgedehnt hat, selbst auf jene, in denen keine Maschinerie angewandt wird oder in denen die primitivsten Produktionsweisen fortbestehen (siehe die Berichte der Kommission zur Untersuchung der Kinderarbeit).

2. Mit der Einführung der Frauen- und Kinderarbeit in den Fabriken verliert der vereinzelte "freie" Arbeiter seine Widerstandskraft gegenüber den übergriffen des Kapitals und muß sich bedingungslos ergeben. Das zwingt ihn zum gemeinsamen Widerstand; der Kampf Klasse gegen Klasse, Gesamtarbeiter gegen Gesamtkapitalisten beginnt.

Wenn wir jetzt zu dem Moment zurückkehren, wo wir annahmen, daß unser "freier" und "gleicher" Arbeiter einen Kontrakt mit dem Kapitalisten eingeht, stellen wir fest, daß sich im Produktionsprozeß vieles wesentlich geändert hat. Dieser Kontrakt ist seitens des Arbeiters kein freier Kontrakt. Die tägliche Zeit, wofür es ihm freisteht, seine Arbeitskraft zu verkaufen, ist die Zeit, wofür er gezwungen ist, sie zu verkaufen; und nur die Massenopposition der Arbeiter erzwingt die Einführung eines Staatsgesetzes, um sie selbst zu verhindern, sich und ihre Kinder durch "freiwilligen" Kontrakt in Tod und Sklaverei zu verkaufen. "An die Stelle des prunkvollen Katalogs der 'unveräußerlichen Menschenrechte' tritt die bescheidne Magna Charta eines gesetzlich beschränkten Arbeitstags." |Karl Marx, Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 249-259|

Als nächstes haben wir die Rate des Mehrwerts und ihr Verhältnis zur Masse des produzierten Mehrwerts zu analysieren. Wie bisher, unterstellen wir in dieser Untersuchung, daß der Wert der Arbeitskraft eine gegebene, konstante Größe ist.

|306| Unter dieser Voraussetzung bestimmt die Rate zugleich die Masse des Mehrwerts, die der einzelne Arbeiter in einer bestimmten Zeit dem Kapitalisten liefert. Beträgt der Tageswert unserer Arbeitskraft 3 sh., die 6 Arbeitsstunden verkörpern, und die Rate des Mehrwerts 100 Prozent, so produziert das variable Kapital von 3 sh. täglich einen Mehrwert von 3 sh., oder der Arbeiter liefert täglich 6 Stunden Mehrarbeit.

Da das variable Kapital der Geldausdruck des Werts aller gleichzeitig von einem Kapitalisten verwandten Arbeitskräfte ist, so erhält man die Masse des durch die Arbeitskräfte produzierten Mehrwerts, indem man das variable Kapital mit der Rate des Mehrwerts multipliziert; mit anderen Worten, sie wird bestimmt durch das Verhältnis zwischen der Anzahl der gleichzeitig beschäftigten Arbeitskräfte und dem Exploitationsgrad. Beide Faktoren können sich verändern, so daß die Abnahme des einen durch Zunahme des anderen ersetzt werden kann. Ein variables Kapital, das zur Verwendung von 100 Arbeitern bei einer Rate des Mehrwerts von 50 Prozent (sage 3 Stunden täglicher Mehrarbeit) erforderlich ist, wird keinen höheren Mehrwert produzieren als die Hälfte dieses variablen Kapitals, das 50 Arbeiter bei einer Rate des Mehrwerts von 100 Prozent (sage 6 Stunden täglicher Mehrarbeit) verwendet. So kann unter gewissen Umständen und innerhalb gewisser Grenzen die dem Kapital zur Verfügung stehende Zufuhr der Arbeit unabhängig von der jeweiligen Arbeiterzufuhr werden.

Diese Steigerung des Mehrwerts durch Steigerung seiner Rate hat jedoch ihre absoluten Schranken. Welches immer der Wert der Arbeitskraft sein mag, ob er nun zwei oder zehn Stunden notwendiger Arbeitszeit verkörpern werde, der Gesamtwert, den ein Arbeiter Tag für Tag produziert, kann nie den Wert erreichen, worin sich 24 Arbeitsstunden vergegenständlichen. Um eine gleiche Masse von Mehrwert zu erhalten, kann das variable Kapital nur innerhalb dieser Grenzen durch Verlängerung des Arbeitstages ersetzt werden. Dies wird später wichtig sein, um verschiedene Erscheinungen zu erklären, die aus den zwei widersprechenden Tendenzen des Kapitals entstehen: 1. die beschäftigte Arbeiteranzahl zu reduzieren, i.e. die Größe des variablen Kapitals, und 2. doch die größtmögliche Masse Mehrarbeit zu produzieren.

Ferner: "Die von verschiednen Kapitalen produzierten Massen von Wert und Mehrwert verhalten sich bei gegebnem Wert und gleich großem Exploitationsgrad der Arbeitskraft direkt wie die Größen der variablen Bestandteile dieser Kapitale. Dies Gesetz widerspricht offenbar aller auf den Augenschein gegründeten Erfahrung. Jedermann weiß, daß ein Baumwollspinner, der relativ viel konstantes und wenig variables Kapital anwendet, |307| deswegen keinen kleinren Gewinn oder Mehrwert erbeutet als ein Bäcker, der relativ viel variables und wenig konstantes Kapital in Bewegung setzt. Zur Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs bedarf es noch vieler Mittelglieder, wie es vom Standpunkt der elementaren Algebra vieler Mittelglieder bedarf, um zu verstehn, daß 0/0 eine wirkliche Größe darstellen kann." |Karl Marx, Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 325|

Für ein gegebenes Land und eine gegebene Länge des Arbeitstages kann der Mehrwert nur vermehrt werden durch Vermehrung der Arbeiteranzahl, i.e. der Bevölkerung; diese Vermehrung bildet die mathematische Grenze für die Produktion des Mehrwerts durch das Gesamtkapital dieses Landes. Wenn andererseits die Arbeiteranzahl gegeben ist, wird diese Grenze gebildet durch die mögliche Verlängerung des Arbeitstages. Später wird man sehen, daß dieses Gesetz nur für die bisher analysierte Form des Mehrwerts gilt.

In diesem Stadium unserer Untersuchung stellen wir fest, daß nicht jede Geldsumme in Kapital verwandelt werden kann; daß dafür ein bestimmtes Minimum existiert: die Kosten einer einzigen Arbeitskraft und der Arbeitsmittel, die notwendig sind, um sie in Bewegung zu setzen. Angenommen, die Rate des Mehrwerts betrage 50 Prozent, dann müßte unser werdender Kapitalist zwei Arbeiter beschäftigen, um selbst wie ein Arbeiter leben zu können. Dabei könnte er jedoch nichts sparen, aber Zweck der kapitalistischen Produktion ist nicht nur Erhaltung, sondern auch und in erster Linie Vermehrung des Reichtums.

"Damit er nur doppelt so gut lebe wie ein gewöhnlicher Arbeiter und die Hälfte des produzierten Mehrwerts in Kapital zurückverwandle, müßte er zugleich mit der Arbeiterzahl das Minimum des vorgeschoßnen Kapitals um das Achtfache steigern. Allerdings kann er selbst, gleich seinem Arbeiter, unmittelbar Hand im Produktionsprozesse anlegen, aber ist dann auch nur ein Mittelding zwischen Kapitalist und Arbeiter, ein 'kleiner Meister'. Ein gewisser Höhegrad der kapitalistischen Produktion bedingt, daß der Kapitalist die ganze Zeit, während deren er als Kapitalist, d.h. als personifiziertes Kapital funktioniert, zur Aneignung und daher Kontrolle fremder Arbeit und zum Verkauf der Produkte dieser Arbeit verwenden könne. Die Verwandlung des Handwerksmeisters in den Kapitalisten suchte das Zunftwesen des Mittelalters dadurch gewaltsam zu verhindern, daß es die Arbeiteranzahl, die ein einzelner Meister beschäftigen durfte, auf ein sehr geringes Maximum beschränkte. Der Geld- oder |308| Warenbesitzer verwandelt sich erst wirklich in einen Kapitalisten, wo die für die Produktion vorgeschoßne Minimalsumme weit über dem mittelaltrigen Maximum steht. Hier, wie in der Naturwissenschaft, bewährt sich die Richtigkeit des von Hegel in seiner 'Logik' entdeckten Gesetzes, daß bloß quantitative Verändrungen auf einem gewissen Punkt in qualitative Unterschiede umschlagen." |Karl Marx, Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 326/327|

Das Minimum der Wertsumme, das erforderlich ist, um einen Geld- oder Warenbesitzer in einen Kapitalisten zu verwandeln, wechselt auf verschiedenen Entwicklungsstufen der kapitalistischen Produktion und bei einer gegebenen Entwicklungsstufe für verschiedene Geschäftszweige.

Während des oben ausführlich behandelten Produktionsprozesses hat sich das Verhältnis zwischen Kapitalist und Arbeiter wesentlich verändert. In erster Linie hat sich das Kapital zum Kommando über die Arbeit, i.e. über den Arbeiter selbst entwickelt. Das personifizierte Kapital, der Kapitalist, paßt auf, daß der Arbeiter seine Arbeit regelmäßig, sorgfältig und mit dem gehörigen Grad von Intensität verrichte.

"Das Kapital entwickelte sich ferner zu einem Zwangsverhältnis, welches die Arbeiterklasse nötigt, mehr Arbeit zu verrichten, als der enge Umkreis ihrer eignen Lebensbedürfnisse vorschrieb. Und als Produzent fremder Arbeitsamkeit, als Auspumper von Mehrarbeit und Exploiteur von Arbeitskraft übergipfelt es an Energie, Maßlosigkeit und Wirksamkeit alle frühern auf direkter Zwangsarbeit beruhenden Produktionssysteme.

Das Kapital ordnet sich zunächst die Arbeit unter mit den technischen Bedingungen, worin es sie historisch vorfindet. Es verändert daher nicht unmittelbar die Produktionsweise. Die Produktion von Mehrwert in der bisher betrachteten Form, durch einfache Verlängrung des Arbeitstags, erschien daher von jedem Wechsel der Produktionsweise selbst unabhängig. Sie war in der altmodischen Bäckerei nicht minder wirksam als in der modernen Baumwollspinnerei.

Betrachten wir den Produktionsprozeß unter dem Gesichtspunkt des Arbeitsprozesses, so verhielt sich der Arbeiter zu den Produktionsmitteln nicht als Kapital, sondern als bloßem Mittel und Material seiner zweckmäßigen produktiven Tätigkeit. In einer Gerberei z.B. behandelt er die Felle als seinen bloßen Arbeitsgegenstand. Es ist nicht der Kapitalist, dem er das Fell gerbt. Anders, sobald wir den Produktionsprozeß unter dem Gesichtspunkt des Verwertungsprozesses betrachteten. Die Produktionsmittel verwandelten sich sofort in Mittel zur Einsaugung fremder Arbeit. |309| Es ist nicht mehr der Arbeiter, der die Produktionsmittel anwendet, sondern es sind die Produktionsmittel, die den Arbeiter anwenden. Statt von ihm als stoffliche Elemente seiner produktiven Tätigkeit verzehrt zu werden, verzehren sie ihn als Ferment ihres eignen Lebensprozesses, und der Lebensprozeß des Kapitals besteht nur in seiner Bewegung als sich selbst verwertender Wert. Schmelzöfen und Arbeitsgebäude, die des Nachts ruhn und keine lebendige Arbeit einsaugen, sind 'reiner Verlust' für den Kapitalisten. Darum konstituieren Schmelzöfen und Arbeitsgebäude einen 'Anspruch auf die Nachtarbeit' der Arbeitskräfte." (Siehe "Berichte der Kommission zur Untersuchung der Kinderarbeit." 4. Bericht, 1865, Seite 79 bis 85.) "Die bloße Verwandlung des Geldes in Produktionsmittel verwandelt letztre in Rechtstitel und Zwangstitel auf fremde Arbeit und Mehrarbeit." |Karl Marx, Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 328/329|

Es gibt jedoch noch eine andere Form des Mehrwerts. Wenn die äußerste Grenze des Arbeitstages erreicht ist, bleibt dem Kapitalisten noch ein anderes Mittel zur Erhöhung der Mehrarbeit: durch Steigerung der Produktivkraft der Arbeit, durch daraus folgende Senkung des Werts der Arbeitskraft und Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit. Diese Form des Mehrwerts wird in einem zweiten Artikel untersucht werden.

______________________________

Fußnoten von Friedrich Engels

(1) Das Kapital. Von Karl Marx. Erster Band. Hamburg, Meißner, 1867.

(2) Wo "Wert" hier ohne nähere Bestimmung gebraucht wird, bedeutet er immer Tauschwert.

(3) Wir müssen hier bemerken, daß Mehrwert keinesfalls mit Profit identisch ist.

 

 

Friedrich Engels

[Rezension
des Ersten Bandes "Das Kapital"
für die "Neue Badische Landeszeitung"]

Geschrieben in der ersten Januarhälfte 1868.

["Neue Badische Landeszeitung" Nr. 20 vom 2I. Januar 1868]

Karl Marx. Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie.
Erster Band. Hamburg, Meißner, 1867

|232| Wir müssen es andern überlassen, sich mit dem theoretischen und streng wissenschaftlichen Teil dieses Werkes zu befassen und die neue Anschauung, die der Verfasser von der Entstehung des Kapitals gibt, zu kritisieren. Wir können aber nicht umhin, darauf aufmerksam zu machen, daß derselbe uns hier gleichzeitig eine große Masse des schätzbarsten geschichtlichen und statistischen Materials bietet, welches fast ohne Ausnahme aus den offiziellen, dem englischen Parlament vorgelegten Kommissionsberichten geschöpft ist. Nicht mit Unrecht betont er die Wichtigkeit solcher Untersuchskommissionen zur Erforschung der innern sozialen Zustände eines Landes. Sie sind - wenn anders die richtigen Leute gefunden werden - das beste Mittel für ein Volk, sich selbst kennenzulernen; und Herr Marx mag wohl nicht unrecht haben, wenn er sagt, daß ähnliche Untersuchungen, in Deutschland angestellt, zu Resultaten führen würden, über die wir selbst erschrecken müßten. Wußte doch vor denselben kein Engländer, wie es unter der ärmeren Klasse seines Landes aussah!

Es versteht sich übrigens, daß ohne solche Untersuchungen alle Sozialgesetzgebung, wie man jetzt in Bayern sagt, mit halber Sachkenntnis und oft ganz im Dunkeln abgemacht werden wird. Die sog. "Erhebungen" und "Ermittlungen" deutscher Behörden haben nicht entfernt denselben Wert. Wir kennen die bürokratische Schablone zu gut: man schickt Formulare herum und ist froh, wenn sie irgendwie ausgefüllt zurückkommen, die Information, auf welche hin die Ausfüllung geschieht, wird nur zu oft gerade |233| bei denen gesucht, deren Interesse es ist, daß die Wahrheit vertuscht werde. Man halte dagegen die Untersuchungen englischer Kommissionen, z.B. über die Arbeitsverhältnisse in einzelnen Geschäftszweigen. Da werden nicht nur die Fabrikanten und Meister, sondern auch die Arbeiter bis zu den kleinen Mädchen herab, nicht nur diese, sondern auch Ärzte, Friedensrichter, Geistliche, Schullehrer und jeder überhaupt vernommen, der in irgendeiner Weise über den Gegenstand Auskunft geben kann. Da wird jede Frage und jede Antwort stenographiert und wörtlich abgedruckt und dem ganzen Material der darauf begründete Kommissionsbericht mit seinen Schlußfolgerungen und Anträgen beigegeben. Der Bericht und sein Material weist also gleichzeitig im einzelnen nach, ob und wie die Kommissäre ihre Pflicht erfüllt haben, und erschwert jede Parteilichkeit einzelner bedeutend. Das Nähere sowie eine unzählige Menge von Beispielen kann man im obigen Buche selbst nachlesen. Wir wollen hier nur den einen Punkt hervorheben, daß in England mit der Ausdehnung der Handels- und Gewerbefreiheit gleichen Schritt hält die Ausdehnung der gesetzlichen Beschränkung der Arbeitszeit für Kinder und Frauen und damit die Stellung fast aller Industrien unter die Aufsicht der Regierung. Herr Marx gibt uns eine ausführliche geschichtliche Darstellung dieser Entwicklung, wie zuerst die Spinnereien und Webereien seit 1833 in dieser Weise auf 12 Stunden tägliche Arbeitszeit beschränkt wurden; wie nach einem langen Kampf zwischen Fabrikanten und Arbeitern endlich die Arbeitszeit auf 101/2 Stunden - 61/2 Stunden für Kinder - festgesetzt und nun von 1850 an ein Industriezweig nach dem andern diesem Fabrikgesetz unterworfen wurde. Zuerst die Kattundruckereien (1845 schon), dann 1860 die Färbereien und Bleichereien, 1861 die Spitzen- und Strumpfwarenfabriken, 1863 die Töpfereien, Tapetenfabriken usw. und endlich 1867 fast alle übrigen irgend bedeutenden Industriezweige. Von der Bedeutung dieses letzten Aktes von 1867 mag man sich eine Vorstellung machen, wenn man erfährt, daß derselbe die Arbeit von nicht minder als anderthalb Millionen Weibern und Kindern unter den Schutz und die Kontrolle des Gesetzes stellt. Wir haben diesen Punkt besonders hervorgehoben, weil es in dieser Beziehung bei uns in Deutschland im ganzer leider schlecht genug bestellt ist, und wir müssen es dem Verfasser Dank wissen, daß er ihn so ausführlich behandelt und zum ersten Mal dem deutschen Publikum zugänglich gemacht hat. Dieser Ansicht wird jeder Menschenfreund sein, was er auch von den theoretischen Sätzen des Herrn Marx halten mag.

Auf anderweitiges schätzbares Material aus der Geschichte der Industrie und des Ackerbaues einzugehen, erlaubt uns der Raum nicht, wir sind |234| aber der Ansicht, daß jeder, der sich für Nationalökonomie, Industrie, Arbeiterverhältnisse, Kulturgeschichte und Sozialgesetzgebung interessiert, welchen Standpunkt er auch einnehmen mag, dies Buch nicht ungelesen lassen darf.

 

Friedrich Engels

 

[Konspekt über] "Das Kapital" von Karl Marx. Erster Band

Geschrieben im Jahre 1868.

 

 

Friedrich Engels

 

„Die vierte Auflage forderte von mir eine möglichst endgültige Feststellung des Textes.“

Vorwort zur vierten Auflage. Karl Marx-Friedrich Engels-Werke, Band 23, "Das Kapital", Bd. I

Die vierte Auflage forderte von mir eine möglichst endgültige Feststellung des Textes sowohl wie der Anmerkungen. Wie ich dieser Anforderung nachgekommen, darüber kurz folgendes.

Nach nochmaliger Vergleichung der französischen Ausgabe und der handschriftlichen Notizen von Marx habe ich aus jener noch einige Zusätze in den deutschen Text aufgenommen. Sie finden sich auf S. 80 (dritte Auflage, S. 88), S. 458-460 (dritte, S. 509-510), S. 547-551 (dritte, S. 600), S. 591-593 (dritte, S. 644) und S. 596 (dritte, S. 648) in der Note 79. <Siehe vorliegender Band, S. 130, 517-519, 610-613, 655-657, 660> Ebenso habe ich nach Vorgang der französischen und englischen Ausgabe die lange Anmerkung über die Bergwerksarbeiter (dritte Aufl., S. 509-515) in den Text gesetzt (vierte Aufl., S. 461-467) <Siehe vorl. Band, S. 519-525>. Sonstige kleine Änderungen sind rein technischer Natur.

Ferner habe ich noch einige erläuternde Zusatznoten gemacht, namentlich da, wo veränderte geschichtliche Umstände dies zu erfordern schienen. Alle diese Zusatznoten sind in eckige Klammern gesetzt und mit meinen Anfangsbuchstaben oder mit "D. H." bezeichnet.

im vorl. Band mit geschweiften Klammern {} und F. E. bezeichnet.

Eine vollständige Revision der zahlreichen Zitate war notwendig geworden durch die inzwischen erschienene englische Ausgabe. Für diese hatte Marx' jüngste Tochter Eleanor sich der Mühe unterzogen, sämtliche angeführte Stellen mit den Originalen zu vergleichen, so daß in den bei weitem vorwiegenden Zitaten aus englischen Quellen dort keine Rückübersetzung aus dem Deutschen, sondern der englische Originaltext selbst erscheint. Es lag mir also ob, diesen Text bei der vierten Auflage zu Rate zu ziehen. Es fanden sich dabei mancherlei kleine Ungenauigkeiten. Hinweise auf unrichtige Seitenzahlen, teils beim Kopieren aus den Heften verschrieben, teils im Verlauf von drei Auflagen gehäufte Druckfehler. Unrichtig gesetzte Anführungszeichen oder Lückenpunkte, wie dies bei massenhaftem Zitieren aus Auszugsheften unvermeidlich. Hier und da ein weniger glücklich gewähltes Übersetzungswort. Einzelne Stellen zitiert aus den alten Pariser Heften 1843-1845, wo Marx noch kein Englisch verstand und englische Ökonomen in französischer Übersetzung las; wo denn der doppelten Übersetzung eine leichte Änderung der Klangfarbe entsprach, z.B. bei Steuart, Ure u.a. - wo jetzt der englische Text zu benutzen war. Und was dergleichen kleine Ungenauigkeiten und Nachlässigkeiten mehr sind. Wenn man nun die vierte Auflage mit den vorigen vergleicht, so wird man sich überzeugen, daß dieser ganze mühsame Berichtigungsprozeß an dem Buch aber auch nicht das geringste geändert hat, das der Rede wert ist. Nur ein einziges Zitat hat nicht gefunden werden können, das aus Richard Jones (4. Aufl., S.562, Note 47) <Siehe vorl. Band, S. 625>; Marx hat sich wahrscheinlich im Titel des Buches verschrieben. Alle andern behalten ihre volle Beweiskraft oder verstärken sie in der jetzigen exakten Form.

Hier aber bin ich genötigt, auf eine alte Geschichte zurückzukommen.

Es ist mir nämlich nur ein Fall bekannt, wo die Richtigkeit eines Marxschen Zitats in Zweifel gezogen worden. Da dieser aber bis über Marx' Tod hinaus gespielt hat, kann ich ihn hier nicht gut übergehn.

In der Berliner "Concordia", dem Organ des deutschen Fabrikantenbundes, erschien am 7. März 1872 ein anonymer Artikel: "Wie Karl Marx citirt." Hier wurde mit überreichlichem Aufwand von sittlicher Entrüstung und von unparlamentarischen Ausdrücken behauptet, das Zitat aus Gladstones Budgetrede vom 16. April 1863 (in der Inauguraladresse der Internationalen Arbeiterassoziation von 1864 <Band 16, S. 3-13> und wiederholt im "Kapital", I, S. 617, vierter Aufl., Seite 670-671, dritte Aufl. <siehe vorl. Band, S. 680-681>) sei gefälscht. Der Satz: "Diese berauschende Vermehrung von Reichtum und Macht ... ist ganz und gar auf die besitzenden Klassen beschränkt", stehe mit keinem Wort im (quasioffiziellen) stenographischen Bericht von Hansard. "Dieser Satz befindet sich aber nirgends in der Gladstoneschen Rede. Gerade das Gegenteil ist in derselben gesagt."(Mit fetter Schrift) "Marx hat den Satz formell und materiell hinzugelogen!"

Marx, dem diese Nr. der "Concordia" im folgenden Mai zugesandt wurde, antwortete dem Anonymus im "Volksstaat" vom 1. Juni. Da er sich nicht mehr erinnerte, nach welchem Zeitungsreferat er zitierte, beschränkte er sich darauf, das gleichlautende Zitat zunächst in zwei englischen Schriften nachzuweisen, und sodann das Referat der "Times" zu zitieren, wonach Gladstone sagt:

"That is the state of the case as regards the wealth of this country. I must say for one, I should look almost with apprehension and with pain upon this intoxicating augmentation of wealth and power, if it were my belief that it was confined to classes who are in easy circumstances. This takes no cognizance at all of the condition of the labouring population. The augmentation I have described and which is founded, I think, upon accurate returns, is an augmentation entirely confined to classes of property."

"So steht's mit dem Reichtum dieses Landes. Ich für meinen Teil würde beinahe mit Besorgnis und mit Pein auf diese berauschende Vermehrung von Reichtum und Macht blicken, wenn ich sie auf die wohlhabenden Klassen beschränkt glaubte. Es ist hier gar keine Notiz genommen von der arbeitenden Bevölkerung. Die Vermehrung, die ich beschrieben habe, ist ganz und gar beschränkt auf Eigentumsklassen."

Also Gladstone sagt hier, es würde ihm leid tun, wenn dem so wäre, aber es sei so: Diese berauschende Vermehrung von Macht und Reichtum sei ganz und gar auf die besitzenden Klassen beschränkt. Und was den quasioffiziellen Hansard betrifft, so sagt Marx weiter: "In seiner hier nachträglich zurechtgestümperten Ausgabe war Herr Gladstone so gescheit, die im Munde eines englischen Schatzkanzlers allerdings kompromittierliche Stelle wegzupfuschen. Es ist dies übrigens herkömmlicher englischer Parlamentsbrauch, und keineswegs eine Erfindung des Laskerchen contra Bebel."

Der Anonymus wird immer erboster. Die Quellen zweiter Hand in seiner Antwort, "Concordia", 4. Juli, beiseite schiebend, deutet er schamhaft an, es sei "Sitte", Parlamentsreden nach dem stenographischen Bericht zu zitieren; aber auch der Bericht der "Times" (worin der "hinzugelogene" Satz steht) und der von Hansard (worin er fehlt) "stimmen materiell völlig überein", und ebenso enthalte der "Times"-Bericht "das direkt Gegenteil jener berüchtigten Stelle der Inauguraladresse", wobei der Mann sorgsam verschweigt, daß er neben diesem angeblichen "Gegenteil" gerade "jene berüchtigte Stelle" ausdrücklich enthält! Trotz alledem fühlt der Anonymus, daß er festsitzt und daß nur ein neuer Winkelzug ihn retten kann. Während er also seinen, wie soeben nachgewiesen, von "frecher Verlogenheit" strotzenden Artikel mit erbaulichen Schimpfereien spickt, als da sind: "mala fides", "Unehrlichkeit", "lügenhafte Angabe", "jenes lügenhafte Zitat", "freche Verlogenheit", "ein Zitat, das völlig gefälscht war", "diese Fälschung", "einfach infam", usw., findet er es für nötig, die Streitfrage auf ein andres Gebiet überzuspielen, und verspricht daher, "in einem zweiten Artikel auseinanderzusetzen, welche Bedeutung wir" (der nicht "lügenhafte" Anonymus) "dem Inhalt der Gladstoneschen Worte beilegen". Als ob diese seine unmaßgebliche Meinung das geringste mit der Sache zu tun habe! Dieser zweite Artikel steht in der "Concordia" vom 11. Juli.

Marx antwortete noch einmal im "Volksstaat" vom 7. August, indem er nun auch die Referate der betreffenden Stelle aus dem "Morning Star" und dem "Morning Advertiser " vom 17. April 1863 brachte. Nach beiden sagt Gladstone, er würde mit Besorgnis usw. auf diese berauschende Vermehrung von Reichtum und Macht blicken, wenn er sie auf die wirklich wohlhabenden Klassen (classes in easy circumstances) beschränkt glaubte. Aber diese Vermehrung sei beschränkt auf Klassen, die Eigentum besitzen (entirely confined to classes possessed of property). Also auch diese Referate bringen den angeblich "hinzugelogenen" Satz wörtlich. Ferner stellte er nochmals fest, durch Vergleichung der Texte der "Times" und Hansards, daß der durch drei am nächsten Morgen erschienene, voneinander unabhängige, gleichlautende Zeitungsreferate als wirklich gesprochen konstatierte Satz in dem nach bekannter "Sitte" durchgesehenen Referat von Hansard fehlt, das Gladstone ihn in Marx' Worten "nachträglich" wegstipitzt hat", und erklärt schließlich, er habe keine Zeit, mit dem Anonymus weiter zu verkehren. Dieser scheint auch genug gehabt zu haben, wenigstens erhielt Marx keine ferneren Nummern der "Concordia" zugeschickt.

Damit schien die Sache tot und begraben. Allerdings kamen uns seitdem ein- oder zweimal von Leuten, die mit der Universität Cambridge in Verkehr standen, geheimnisvolle Gerüchte zu über ein unsagbares literarisches Verbrechen, das Marx im "Kapital" begangen haben sollte; aber trotz aller Nachforschungen war absolut nichts Bestimmteres zu erfahren. Da, am 29. November 1883, acht Monate nach Marx' Tod, erschien in der "Times" ein Brief, datiert Trinity College, Cambridge, und unterzeichnet Sedley Taylor, worin bei einer vom Zaun gebrochnen Gelegenheit dies in zahmster Genossenschafterei machende Männlein uns endlich Aufklärung verschaffte, nicht nur über die Munkeleien von Cambridge, sondern auch über den Anonymus der "Concordia".

"Was äußerst sonderbar erscheint", sagt das Männlein von Trinity College, "ist, daß es dem Professor Brentano (damals in Breslau, jetzt in Straßburg) vorbehalten war ... die mala fides zu enthüllen, welche augenscheinlich das Zitat aus Gladstones Rede in der" (Inaugural-)"Adresse diktiert hatte. Herr Karl Marx, der ... das Zitat zu verteidigen suchte, hatte die Verwegenheit, in den Todeswindungen (deadly shifts), auf die Brentanos meisterhaft geführte Angriffe ihn schleunigst herunterbrachten, zu behaupten, Herr Gladstone habe den Bericht seiner Rede in der 'Times' vom 17. April 1863 zurechtgestümpert, ehe er in Hansard erschien, um eine Stelle wegzupfuschen, die allerdings für einen englischen Schatzkanzler kompromittierlich sei. Als Brentano, durch eine ins einzelne gehende Textvergleichung, bewies, daß die Berichte der 'Times' und von Hansard übereinstimmten in absolutem Ausschluß des Sinnes, den pfiffig-isolierte Zitierung den Gladstoneschen Worten untergeschoben hatte, da zog Marx sich zurück unter dem Vorwand des Zeitmangels!"

Das also war des Pudels Kern! Und so glorios reflektierte sich in der produktivgenossenschaftlichen Phantasie von Cambridge die anonyme Kampagne Herrn Brentanos in der "Concordia"! So lag er, und so führt' er seine Klinge, in "meisterhaft geführtem Angriff", dieser Sankt Georg des deutschen Fabrikantenbundes, während der Höllendrache Marx zu seinen Füßen "schleunigst in Todeswindungen" verröchelt!

Jedennoch dient diese ganze ariostische Kampfschilderung nur dazu, die Winkelzüge unsres Sankt Georg zu verdecken. Hier ist schon nicht mehr die Rede von "Hinzulügen", von "Fälschung", sondern von "pfiffig isolierter Zitierung" (craftily islated quotation). Die ganze Frage war verschoben, und Sankt Georg und sein Cambridger Schildknappe wußten sehr genau weshalb.

Eleanor Marx antwortete, da die "Times" die Aufnahme verweigerte, in der Monatsschrift "To-Day", Februar 1884, indem sie die Debatte auf den einzigen Punkt zurückführte, um welchen es sich gehandelt hatte: Hat Marx jenen Satz "hinzugelogen" oder nicht? Darauf erwidert Herr Sedley Taylor:

"Die Frage, ob ein gewisser Satz in Herrn Gladstones Rede vorgekommen sei oder nicht", sei nach seiner Ansicht "von sehr untergeordneter Bedeutung gewesen" im Streit zwischen Marx und Brentano, "verglichen mit der Frage, ob das Zitat gemacht worden sei in der Absicht, Gladstones Sinn wiederzugeben oder zu entstellen."

Und dann gibt er zu, daß der "Times"-Bericht" in der Tat einen Widerspruch in den Worten enthält"; aber, aber, der übrige Zusammenhang richtig, d.h. im liberal-gladstoneschen Sinn erklärt, zeige an, was Herr Gladstone habe sagen wollen. ("To-Day", März 1884.) Das Komischste dabei ist, daß unser Männlein von Cambridge nun darauf besteht, die Rede nicht nach Hansard zu zitieren, wie es nach dem anonymen Brentano "Sitte" ist, sondern nach dem von demselben Brentano als "notwendig stümperhaft" bezeichneten Bericht der "Times". Natürlich, der fatale Satz fehlt ja im Hansard!

Eleanor Marx hatte es leicht, diese Argumentation in derselben Nummer von "To-Day" in Dunst aufzulösen. Entweder hatte Herr Taylor die Kontroverse von 1872 gelesen. Dann hatte er jetzt "gelogen", nicht nur "hinzu", sondern auch "hinweg". Oder er hatte sie nicht gelesen. Dann war er verpflichtet, den Mund zu halten. Jedenfalls stand fest, daß er die Anklage seines Freundes Brentano, Marx habe "hinzugelogen", keinen Augenblick aufrechtzuerhalten wagte. Im Gegenteil, Marx soll nun nicht hinzugelogen, sondern einen wichtigen Satz unterschlagen haben. Aber dieser selbe Satz ist zitiert auf S. 5 der Inauguraladresse, wenige Zeilen vor dem angeblich "hinzugelogenen". Und was den "Widerspruch" in Gladstones Rede angeht, ist es nicht gerade Marx, der im "Kapital", S. 618 (3. Aufl., S.672), Note 105 <siehe vorl. Band, S. 682> von den "fortlaufenden, schreienden Widersprüchen in Gladstones Budgetreden von 1863 und 1864" spricht! Nur daß er sich nicht à la Sedley Taylor unterfängt, sie in liberalem Wohlgefallen aufzulösen. Und das Schlußresumé in E. Marx' Antwort lautet dann : "Im Gegenteil, Marx hat weder etwas Anführenswertes unterdrückt noch das geringste hinzugelogen. Aber er hat wiederhergestellt und der Vergessenheit entzogen einen gewissen Satz einer Gladstoneschen Rede, der unzweifelhaft ausgesprochen worden, der aber, so oder so, seinem Weg gefunden hat - aus Hansard hinaus."

Damit hatte Herr Sedley Taylor denn auch genug, und das Resultat des ganzen, durch zwei Jahrzehnte und über zwei große Länder fortgesponnenen Professorenklüngels war, daß man nicht mehr gewagt hat, Marx' literarische Gewissenhaftigkeit anzutasten, daß aber seitdem Herr Sedley Taylor wohl ebensowenig Vertrauen setzen wird in die literarischen Schlachtbulletins des Herrn Brentano wie Herr Brentano in die päpstliche Unfehlbarkeit von Hansard.

 

London, 25. Juni 1890

 

 

 

Friedrich Engels

 

„Die Arbeit ist das Mass des Werts.»

Vorwort zum zweiten Band. Karl Marx-Friedrich Engels-Werke, Band 24, „Das Kapital“, Bd. II,

Das zweite Buch des „Kapital“ druckfertig herzustellen, und zwar so, daß es einerseits als zusammenhängendes und möglichst abgeschloßnes Werk, andrerseits aber auch als das ausschließliche Werk des Verfassers, nicht des Herausgebers dastand, war keine leichte Arbeit. Die große Zahl der vorhandnen, meist fragmentarischen Bearbeitungen erschwerte die Aufgabe. Höchstens eine einzige (Manuskript IV) war, soweit sie ging, durchweg für den Druck redigiert; dafür aber auch der größte Teil durch Redaktionen aus späterer Zeit veraltet. Die Hauptmasse des Materials war, wenn auch größtenteils sachlich, so doch nicht sprachlich fertig ausgearbeitet; abgefaßt in der Sprache, worin Marx seine Auszüge anzufertigen pflegte: nachlässiger Stil, familiäre, oft derbhumoristische Ausdrücke und Wendungen, englische und französische technische Bezeichnungen, oft ganze Sätze und selbst Seiten englisch; es ist Niederschrift der Gedanken in der Form, wie sie sich jedesmal im Kopf des Verfassers entwickelten. Neben einzelnen, ausführlich dargestellten Partien andre, gleich wichtige nur angedeutet; das Material illustrierender Tatsachen gesammelt, aber kaum gruppiert, geschweige verarbeitet; am Schluß der Kapitel, unter dem Drang zum nächsten zu kommen, oft nur ein paar abgerißne Sätze als Marksteine der hier unvollendet gelaßnen Entwicklung; endlich die bekannte, dem Verfasser selbst manchmal unleserliche Handschrift.

Ich habe mich damit begnügt, die Manuskripte so wörtlich wie möglich wiederzugeben, am Stil nur das zu ändern, was Marx selbst geändert haben würde, und nur da erläuternde Zwischensätze und Übergänge einzuschieben, wo dies absolut nötig und der Sinn obendrein ganz unzweifelhaft war. Sätze, deren Deutung nur im entferntesten Zweifel zuließ, sind lieber ganz wörtlich abgedruckt worden. Die von mir herrührenden Umarbeitungen und Einschiebungen betragen im ganzen noch keine zehn Druckseiten und sind nur formeller Natur.

Die bloße Aufzählung des von Marx hinterlaßnen handschriftlichen Materials zu Buch II beweist, mit welcher Gewissenhaftigkeit ohnegleichen, mit welcher strengen Selbstkritik er seine großen ökonomischen Entdeckungen bis zur äußersten Vollendung auszuarbeiten strebte, ehe er sie veröffentlichte; eine Selbstkritik, die ihn nur selten dazu kommen ließ, die Darstellung nach Inhalt und Form seinem stets durch neue Studien sich erweiternden Gesichtskreis anzupassen. Dies Material besteht nun aus folgendem.

Zuerst ein Manuskript "Zur Kritik der politischen Oekonomie", 1.472 Quartseiten in 23 Heften, geschrieben August 1861 bis Juni 1863. Es ist die Fortsetzung des 1859 in Berlin erschienenen ersten Hefts <Siehe Band 13, S. 3 - 160> desselben Titels. Es behandelt auf Seite 1 - 220 (Heft I - V) und dann wieder auf Seite 1159 - 1472 (Heft XIX - XXIII) die in Buch I des "Kapital" untersuchten Themata, von der Verwandlung von Geld in Kapital bis zum Schluß, und ist die erste vorhandne Redaktion dafür. Die Seiten 973 - 1158 (Heft XVI bis XVIII) handeln von: Kapital und Profit, Profitrate, Kaufmannskapital und Geldkapital, also von Thematen, die später im Manuskript zu Buch III entwickelt sind. Die in Buch II sowie sehr viele später in Buch III behandelten Themata sind dagegen noch nicht besonders zusammengestellt. Sie werden nebenbei behandelt, namentlich in dem Abschnitt, der den Hauptkörper des Manuskripts ausmacht: Seite 220 - 972 (Heft VI - XV): Theorien über den Mehrwert. Dieser Abschnitt enthält eine ausführliche kritische Geschichte des Kernpunkts der politischen Ökonomie, der Mehrwertstheorie und entwickelt daneben, in polemischem Gegensatz zu den Vorgängern, die meisten der später im Manuskript zu Buch II und III besonders und in logischem Zusammenhang untersuchten Punkte. Ich behalte mir vor, den kritischen Teil dieses Manuskripts, nach Beseitigung der zahlreichen durch Buch II und III bereits erledigten Stellen, als Buch IV des "Kapitals" zu veröffentlichen. So wertvoll dies Manuskript, so wenig war es für die gegenwärtige Ausgabe des Buch II zu benutzen.

Das dem Datum nach jetzt folgende Manuskript ist das von Buch III. Es ist wenigstens größtenteils 1864 und 1865 geschrieben. Erst nachdem dies im wesentlichen fertig, ging Marx an die Ausarbeitung von Buch I, des 1867 gedruckten ersten Bandes. Dies Manuskript von Buch III bearbeite ich jetzt für den Druck.

Aus der nächsten Periode - nach Erscheinen des Buch I - liegt vor für Buch II eine Sammlung von vier Manuskripten in Folio, von Marx selbst I - IV numeriert. Davon ist Manuskript I (150 Seiten), vermutlich von 1865 oder 1867 datierend, die erste selbständige, aber mehr oder weniger fragmentarische Bearbeitung von Buch II in seiner gegenwärtigen Einteilung. Auch hiervon war nichts benutzbar. Manuskript III besteht teils aus einer Zusammenstellung von Zitaten und Hinweisen auf Marx' Auszugshefte - meist auf den ersten Abschnitt des Buch II bezüglich - teils aus Bearbeitungen einzelner Punkte, namentlich der Kritik der A. Smithschen Sätze über fixes und zirkulierendes Kapital und über die Quelle des Profits; ferner eine Darstellung des Verhältnisses der Mehrwertsrate zur Profitrate, die in Buch III gehört. Die Hinweise lieferten wenig neue Ausbeute, die Ausarbeitungen waren sowohl für Buch II wie Buch III durch spätere Redaktionen überholt, mußten also auch meist beiseite gelegt werden. - Manuskript IV ist eine druckfertige Bearbeitung des ersten, und der ersten Kapitel des zweiten Abschnitts von Buch II, und ist da, wo es an die Reihe kommt, auch benutzt worden. Obwohl sich herausstellte, daß es früher abgefaßt ist als Manuskript II, so konnte es doch, weil vollendeter in der Form, für den betreffenden Teil des Buchs mit Vorteil benutzt werden; es genügte, aus Manuskript II einige Zusätze zu machen. - Dies letztre Manuskript ist die einzige einigermaßen fertig vorliegende Bearbeitung des Buch II und datiert von 1870. Die gleich zu erwähnenden Notizen für die schließliche Redaktion sagen ausdrücklich: "Die zweite Bearbeitung muß zugrunde gelegt werden."

Nach 1870 trat wieder eine Pause ein, bedingt hauptsächlich durch Krankheitszustände. Wie gewöhnlich füllte Marx diese Zeit durch Studien aus; Agronomie, amerikanische und namentlich russische ländliche Verhältnisse, Geldmarkt und Bankwesen, endlich Naturwissenschaften: Geologie und Physiologie, und namentlich selbständige mathematische Arbeiten, bilden den Inhalt der zahlreichen Auszugshefte aus dieser Zeit. Anfang 1877 fühlte er sich soweit hergestellt, daß er wieder an seine eigentliche Arbeit gehn konnte. Von Ende März 1877 datieren Hinweise und Notizen aus obigen vier Manuskripten als Grundlage einer Neubearbeitung von Buch II, deren Anfang in Manuskript V (56 Seiten Folio) vorliegt. Es umfaßt die ersten vier Kapitel und ist noch wenig ausgearbeitet, wesentliche Punkte werden in Noten unter dem Text behandelt; der Stoff ist mehr gesammelt als gesichtet, aber es ist die letzte vollständige Darstellung dieses wichtigsten Teils des ersten Abschnitts. - Ein erster Versuch, hieraus ein druckfertiges Manuskript zu machen, liegt vor in Manuskript VI (nach Oktober 1877 und vor Juli 1878); nur 17 Quartseiten, den größten Teil des ersten Kapitels umfassend, ein zweiter - der letzte - in Manuskript VII, "2. Juli 1878", nur 7 Folioseiten.

Um diese Zeit scheint Marx sich darüber klar geworden zu sein, daß ohne eine vollständige Revolution seines Gesundheitszustandes er nie dahin kommen werde, eine ihm selbst genügende Bearbeitung des zweiten und dritten Buchs zu vollenden. In der Tat tragen die Manuskripte V - VIII die Spuren gewaltsamen Ankampfs gegen niederdrückende Krankheitszustände nur zu oft an sich. Das schwierigste Stück des ersten Abschnitts war in Manuskript V neu bearbeitet; der Rest des ersten und der ganze zweite Abschnitt (mit Ausnahme des siebzehnten Kapitels) boten keine bedeutenden theoretischen Schwierigkeiten; der dritte Abschnitt dagegen, die Reproduktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Kapitals, schien ihm einer Umarbeitung dringend bedürftig. In Manuskript II war nämlich die Reproduktion behandelt zuerst ohne Berücksichtigung der sie vermittelnden Geldzirkulation und sodann nochmals mit Rücksicht auf diese. Dies sollte beseitigt und der ganze Abschnitt überhaupt so umgearbeitet werden, daß er dem erweiterten Gesichtskreis des Verfassers entsprach. So entstand Manuskript VIII, ein Heft von nur 70 Quartseiten; was Marx aber auf diesen Raum zusammenzudrängen verstand, beweist die Vergleichung von Abschnitt III im Druck, nach Abzug der aus Manuskript II eingeschobnen Stücke.

Auch dies Manuskript ist nur eine vorläufige Behandlung des Gegenstands, bei der es vor allem darauf ankam, die gewonnenen neuen Gesichtspunkte gegenüber Manuskript II festzustellen und zu entwickeln, unter Vernachlässigung der Punkte, über die nichts Neues zu sagen war. Auch ein wesentliches Stück von Kapitel XVII des zweiten Abschnitts, das ohnehin einigermaßen in den dritten Abschnitt übergreift, wird wieder hineingezogen und erweitert. Die logische Folge wird öfters unterbrochen, die Behandlung ist stellenweise lückenhaft und namentlich am Schluß ganz fragmentarisch. Aber was Marx sagen wollte, ist in dieser oder jener Weise darin gesagt.

Das ist das Material zu Buch II, woraus, nach einer Äußerung von Marx zu seiner Tochter Eleanor kurz vor seinem Tode, ich etwas machen sollte. Ich habe diesen Auftrag in seinen engsten Grenzen genommen; wo irgend möglich, habe ich meine Tätigkeit auf bloße Auswahl zwischen den verschiednen Redaktionen beschränkt. Und zwar so, daß stets die letzte vorhandne Redaktion unter Vergleichung der frühern zugrunde gelegt wurde. Wirkliche, d.h. andre als bloß technische Schwierigkeiten boten dabei nur der erste und dritte Abschnitt, diese aber auch nicht geringe. Ich habe sie zu lösen gesucht ausschließlich im Geist des Verfassers.

Die Zitate im Text habe ich meist übersetzt bei Belegen für Tatsachen oder wo, wie bei Stellen aus A. Smith. das Original jedem zu Gebot steht, der der Sache auf den Grund kommen will. Nur in Kapitel X war dies nicht möglich, weil hier direkt der englische Text kritisiert wird. - Die Zitate aus Buch I tragen die Seitenzahlen der zweiten Auflage, der letzten, die Marx noch erlebt hat.

Für das Buch III liegt außer der ersten Bearbeitung im Manuskript: "Zur Kritik", den erwähnten Stücken in Manuskript III und einigen, in Auszugsheften gelegentlich eingesprengten kurzen Noten, nur vor: das erwähnte Manuskript in Folio von 1864 - 1865, ausgearbeitet in ungefähr derselben Vollständigkeit wie Manuskript II von Buch II, und endlich ein Heft von 1875: Das Verhältnis der Mehrwertsrate zur Profitrate, mathematisch (in Gleichungen) entwickelt. Die Fertigstellung dieses Buchs für den Druck schreitet rasch voran. Soweit ich bis jetzt beurteilen kann, wird sie hauptsächlich nur technische Schwierigkeiten machen, mit Ausnahme freilich einiger sehr wichtigen Abschnitte.

* * *

Es ist hier der Ort, eine Anklage gegen Marx zurückzuweisen, die, erst nur leise und vereinzelt erhoben, jetzt, nach seinem Tod, von deutschen Katheder- und Staatssozialisten und deren Anhang als ausgemachte Tatsache verkündet wird - die Anklage, als habe Marx ein Plagiat an Rodbertus begangen. Ich habe bereits an andrer Stelle das Dringendste darüber gesagt, [1] kann aber erst hier die entscheidenden Belege beibringen.

Diese Anklage findet sich meines Wissens zuerst in R. Meyers "Emancipationskampf des vierten Standes", S. 43:

"Aus diesen Publikationen" (den bis in die letzte Hälfte der dreißiger Jahre zurückdatierenden von Rodlertus) "hat nachweisbar Marx den größten Teil seiner Kritik geschöpft."

Ich darf bis auf weitern Nachweis wohl annehmen, daß die ganze "Nachweisbarkeit" dieser Behauptung darin besteht, daß Rodbertus dies Herrn Meyer versichert hat. - 1879 tritt Rodbertus selbst auf die Bühne, und schreibt an J. Zeller (Tübinger "Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft" 1879, S. 219) mit Beziehung auf seine Schrift: "Zur Erkenntniß unsrer staatswirthschaftlichen Zustände" (1842), wie folgt:

"Sie werden finden, daß derselbe" {der darin entwickelte Gedankengang} "schon ganz hübsch von Marx ... benutzt worden ist, freilich ohne mich zu zitieren."

Was ihm denn auch sein posthumer Herausgeber Th. Kozak ohne weiteres nachplappert. ("Das Kapital" von Rodbertus. Berlin 1884. Einleitung, S. XV.) - Endlich, in den von R. Meyer 1881 herausgegebnen "Briefen und socialpolitischen Aufsätzen von Dr. Rodbertus-Jagetzow", sagt Rodbertus geradezu:

"heute finde ich mich von Schäffle und Man geplündert, ohne daß ich genannt werde". (Brief Nr. 60, S. 134.)

Und an einer andern Stelle nimmt Rodbertus' Anspruch bestimmtere Gestalt an:

"Woraus der Mehrwert des Kapitalisten entspringt, habe ich in meinem 3. sozialen Brief im wesentlichen ebenso wie Marx, nur kürzer und klarer gezeigt." (Brief Nr. 48, S. 111.)

Von allen diesen Anklagen auf Plagiat hatte Marx nie etwas erfahren. In seinem Exemplar des "Emancipationskampfs" war nur der die Internationale betreffende Teil aufgeschnitten, das Aufschneiden des übrigen habe ich selbst erst nach seinem Tode besorgt. Die Tübinger Zeitschrift sah er nie an. Die "Briefe etc." an R. Meyer blieben ihm ebenfalls unbekannt, und bin ich auf die Stelle von wegen der "Plünderung" erst 1884 durch die Güte des Herrn Dr. Meyer selbst aufmerksam gemacht worden. Dagegen den Brief Nr. 48 kannte Marx; Herr Meyer hatte die Gefälligkeit gehabt, das Original der jüngsten Tochter von Marx zu schenken. Marx, dem allerdings einiges geheimnisvolle Gemunkel über die bei Rodbertus zu suchende geheime Quelle seiner Kritik zu Ohren gekommen war, zeigte ihn mir mit der Bemerkung: Hier habe er endlich authentische Auskunft darüber, was Rodbertus selbst beanspruche; wenn er weiter nichts behaupte, so könne dies ihm, Marx, schon recht sein; und daß Rodbertus seine eigne Darstellung für die kürzre und klarere halte, dies Vergnügen könne er ihm auch lassen. In der Tat hielt er durch diesen Brief von Rodbertus die ganze Sache für erledigt.

Er konnte dies um so eher, als ihm, wie ich positiv weiß, die ganze literarische Tätigkeit von Rodbertus unbekannt geblieben war bis gegen 1859, wo seine eigne Kritik der politischen Ökonomie nicht nur in den Grundzügen, sondern auch in den wichtigsten Einzelheiten fertig war. Er begann seine ökonomischen Studien 1843 in Paris mit den großen Engländern und Franzosen; von den Deutschen kannte er nur Rau und List und hatte genug an ihnen. Weder Marx noch ich erfuhren von der Existenz von Rodbertus ein Wort, bis wir 1848 in der "Neuen Rheinischen Zeitung" seine Reden als Berliner Abgeordneter und seine Handlungen als Minister zu kritisieren hatten. Wir waren so unwissend, daß wir die rheinischen Abgeordneten befrugen, wer denn dieser Rodbertus sei, der so plötzlich Minister geworden. Aber auch diese wußten nichts von den ökonomischen Schriften Rodbertus' zu verraten. Daß dagegen Marx, auch ohne Rodbertus' Hilfe, schon damals sehr gut wußte, nicht nur woher, sondern auch wie "der Mehrwert des Kapitalisten entspringt", beweisen die "Misère de la Philosophie", 1847 <Siehe Band 4, S. 63 - 182>und die 1847 in Brüssel gehaltnen und 1849 in der "Neuen Rheinischen Zeitung", Nr. 264 - 269 <Siehe Band 6, S. 397 - 423>, veröffentlichten Vorträge über Lohnarbeit und Kapital. Erst durch Lassalle erfuhr Marx gegen 1859, daß es auch einen Ökonomen Rodbertus gebe, und fand dann dessen "dritten sozialen Brief" auf dem Britischen Museum.

Dies der tatsächliche Zusammenhang. Wie steht es nun mit dem Inhalt, um den Marx den Rodbertus "geplündert" haben soll?

"Woraus der Mehrwert des Kapitalisten entspringt", sagt Rodbertus, "habe ich in meinem 3. sozialen Brief ebenso wie Marx, nur kürzer und klarer gezeigt."

Also das ist der Kernpunkt: die Mehrwertstheorie; und es ist in der Tat nicht zu sagen, was sonst Rodbertus bei Marx als sein Eigentum allenfalls reklamieren könnte. Rodbertus erklärt sich hier also für den wirklichen Urheber der Mehrwertstheorie, die Marx ihm geplündert habe.

Und was sagt uns der 3. soziale Brief über die Entstehung des Mehrwerts? Einfach, daß die "Rente", wie er Bodenrente und Profit zusammenfaßt, nicht aus einem "Wertzuschlag" auf den Wert der Ware entstehe, sondern

"infolge eines Wertabzugs, den der Arbeitslohn erleidet, mit andren Worten: weil der Arbeitslohn nur einen Teil des Werts des Produkts beträgt",

und bei hinreichender Produktivität der Arbeit

"nicht äqual dem natürlichen Tauschwert ihres Produkts zu sein braucht, damit von diesem noch zu Kapitalersatz (!) und Rente übrig bleibt".

Wobei uns nicht gesagt wird, was das für ein "natürlicher Tauschwert" des Produkts ist, bei dem zu "Kapitalersatz", also doch wohl Ersatz des Rohstoffs und des Verschleißes der Werkzeuge nichts übrig bleibt.

Glücklicherweise ist uns vergönnt zu konstatieren, welchen Eindruck diese epochemachende Entdeckung Rodbertus' auf Marx machte. Im Manuskript: "Zur Kritik etc." findet sich in Heft X, S. 445ff. <Siehe Band 26, 2. Teil, S. 78> eine "Abschweifung. Herr Rodbertus. Eine neue Grundrententheorie". Nur unter diesem Gesichtspunkt wird hier der dritte soziale Brief betrachtet. Die Rodbertussche Mehrwertstheorie im allgemeinen wird erledigt mit der ironischen Bemerkung: "Herr Rodbertus untersucht erst, wie es in einem Lande aussieht, wo Grund- und Kapitalbesitz nicht geschieden sind, und kommt dann zum wichtigen Resultat, daß die Rente (worunter er den ganzen Mehrwert versteht) bloß gleich der unbezahlten Arbeit oder dem Quantum von Produkten ist, worin sie sich darstellt."

Die kapitalistische Menschheit hat nun schon verschiedliche Jahrhunderte lang Mehrwert produziert und ist allmählich auch dahin gekommen, sich über dessen Entstehung Gedanken zu machen. Die erste Ansicht war die aus der unmittelbaren kaufmännischen Praxis entspringende: der Mehrwert entstehe aus einem Aufschlag auf den Wert des Produkts. Sie herrschte unter den Merkantilisten, aber schon James Steuart sah ein, daß dabei, was der eine gewinnt, der andre notwendig verlieren muß. Trotzdem spukt diese Ansicht noch lange fort, namentlich unter Sozialisten; aus der klassischen Wissenschaft wird sie aber verdrängt durch A. Smith.

Bei ihm heißt es, "Wealth of Nations", b. I, ch. VI:

"Sobald Kapital (stock) sich angehäuft hat in den Händen einzelner, werden einige darunter es natürlicherweise anwenden, um fleißige Leute an die Arbeit zu setzen und diesen Rohstoffe und Lebensmittel zu liefern, um durch den Verkauf der Produkte ihrer Arbeit, oder durch das was ihre Arbeit dem Wert jener Rohstoffe hinzugefügt hat, einen Profit zu machen ... Der Wert, den die Arbeiter den Rohstoffen zusetzen, löst sich hier in zwei Teile auf, wovon der eine ihren Lohn zahlt, der andre den Profit des Beschäftigers auf den ganzen von ihm vorgeschoßnen Betrag von Rohstoffen und Arbeitslöhnen."

Und etwas weiter:

"Sobald der Boden eines Landes durchweg Privateigentum geworden, lieben es die Grundbesitzer wie andre Leute auch, zu ernten, wo sie nicht gesäet, und fordern Bodenrente selbst für die natürlichen Erzeugnisse des Bodens ... Der Arbeiter ... muß dem Grundbesitzer einen Anteil von dem abtreten, was seine Arbeit gesammelt oder produziert hat. Dieser Anteil, oder was dasselbe, der Preis dieses Anteils, macht die Bodenrente aus."

Zu dieser Stelle bemerkt Marx in dem erwähnten Manuskript: "Zur Kritik etc.", S. 253 <Siehe Band 26, 1. Teil, S 48>: "A. Smith faßt also den Mehrwert, nämlich die Surplusarbeit, den Überschuß der verrichteten und in der Ware vergegenständlichten Arbeit über die bezahlte Arbeit hinaus, also über die Arbeit hinaus, die ihr Äquivalent im Lohn erhalten hat, als die allgemeine Kategorie auf, wovon der eigentliche Profit und die Grundrente nur Abzweigungen."

Ferner sagt A. Smith, b. I, ch. VIII:

"Sobald der Boden Privateigentum geworden, verlangt der Grundbesitzer einen Anteil fast aller Produkte, die der Arbeiter darauf erzeugen oder einsammeln kann. Seine Bodenrente macht den ersten Abzug vom Produkt der auf den Boden verwandten Arbeit aus. Aber der Bebauer des Bodens hat selten die Mittel, sich bis zur Einbringung der Ernte zu erhalten. Sein Unterhalt wird ihm gewöhnlich vorgeschossen aus dem Kapital (stock) eines Beschäftigers, des Pächters, der kein Interesse hätte ihn zu beschäftigen, wenn er nicht das Produkt seiner Arbeit mit ihm teilte, oder sein Kapital ihm ersetzt würde samt einem Profit. Dieser Profit macht einen zweiten Abzug von der auf den Boden verwandten Arbeit. Das Produkt fast aller Arbeit ist demselben Abzug für Profit unterworfen. In allen Industrien bedürfen die meisten Arbeiter eines Beschäftigers, um ihnen bis zur Vollendung der Arbeit Rohstoff und Arbeitslohn und Unterhalt vorzuschießen. Dieser Beschäftiger teilt mit ihnen das Produkt ihrer Arbeit, oder den Wert, den diese den verarbeiteten Rohstoffen zufügt, und in diesem Anteil besteht sein Profit."

Marx hierzu (Manuskript, S. 256 <Siehe Band 26, 1. Teil, S. 50/51>): "Hier also bezeichnet A. Smith in dürren Worten Grundrente und Profit des Kapitals als bloße Abzüge von dem Produkt des Arbeiters oder von dem Wert seines Produkts, gleich der von ihm dem Rohstoff zugefügten Arbeit. Dieser Abzug kann aber, wie A. Smith früher selbst auseinandergesetzt, nur bestehn aus dem Teil der Arbeit, den der Arbeiter den Stoffen zusetzt über das Arbeitsquantum hinaus, welches nur seinen Lohn zahlt oder nur ein Äquivalent für seinen Lohn liefert - also aus der Surplusarbeit, aus dem unbezahlten Teil seiner Arbeit."

"Woraus der Mehrwert des Kapitalisten entspringt" und obendrein der des Grundeigentümers, hat also schon A. Smith gewußt; Marx erkennt dies schon 1861 aufrichtig an, während Rodbertus und der Schwarm seiner unter dem warmen Sommerregen des Staatssozialismus wie Pilze emporschießenden Verehrer es total vergessen zu haben scheint.

"Dennoch", fährt Marx fort, "hat Smith den Mehrwert als solchen nicht als eigne Kategorie geschieden von den besondren Formen, die er im Profit und Grundrente erhält. Daher bei ihm, wie noch mehr bei Ricardo, viel Irrtum und Mangelhaftigkeit in der Untersuchung." <Siehe Band 26, 1. Teil, S. 48> - Dieser Satz paßt wörtlich auf Rodbertus. Seine "Rente" ist einfach die Summe von Bodenrente + Profit; von der Bodenrente macht er sich eine total falsche Theorie, den Profit nimmt er unbesehn wie er ihn bei seinen Vorgängern findet. - Marx' Mehrwert dagegen ist die allgemeine Form der ohne Äquivalent von den Eignern der Produktionsmittel angeeigneten Wertsumme, die sich nach ganz eigentümlichen, erst von Marx entdeckten Gesetzen in die besondren, verwandelten Formen von Profit und Bodenrente spaltet. Diese Gesetze werden entwickelt in Buch III, wo sich erst zeigen wird, wie viele Mittelglieder nötig sind, um vom Verständnis des Mehrwerts im allgemeinen zum Verständnis seiner Verwandlung in Profit und Grundrente, also zum Verständnis der Gesetze der Verteilung des Mehrwerts innerhalb der Kapitalistenklasse zu kommen.

Ricardo geht schon bedeutend weiter als A. Smith. Er begründet seine Auffassung des Mehrwerts auf eine neue, bei A. Smith zwar schon im Keim vorhandne, aber in der Ausführung fast immer wieder vergeßne Werttheorie, die der Ausgangspunkt aller nachfolgenden ökonomischen Wissenschaft geworden. Aus der Bestimmung des Warenwerts durch die in den Waren realisierte Arbeitsmenge leitet er die Verteilung des den Rohstoffen durch die Arbeit zugesetzten Wertquantums unter Arbeiter und Kapitalisten ab, ihre Spaltung in Arbeitslohn und Profit (d.h. hier Mehrwert). Er weist nach, daß der Wert der Waren derselbe bleibt, wie auch das Verhältnis dieser beiden Teile wechsle, ein Gesetz, bei dem er nur einzelne Ausnahmsfälle zugibt. Er stellt sogar einige Hauptgesetze über das wechselseitige Verhältnis von Arbeitslohn und Mehrwert (in der Form von Profit gefaßt), wenn auch in zu allgemeiner Fassung fest (Marx, "Kapital" I, Kap. XV, A <Siehe Band 23, S. 543 - 547>) und weist die Grundrente als einen unter bestimmten Umständen abfallenden Überschuß über den Profit nach. - In keinem dieser Punkte ist Rodbertus über Ricardo hinausgegangen. Die innern Widersprüche der Ricardoschen Theorie, an denen seine Schule zugrunde ging, blieben ihm entweder ganz unbekannt oder verleiteten ihn nur ("Zur Erkenntniß etc.", S. 130) zu utopistischen Forderungen statt zu ökonomischen Lösungen.

Die Ricardosche Lehre vom Wert und Mehrwert brauchte aber nicht auf Rodbertus' "Zur Erkenntniß etc." zu warten, um sozialistisch ausgebeutet zu werden. Auf S. 609 des ersten Bandes "Kapital" (2. Aufl.) <Siehe Band 23, S. 614> findet sich zitiert: "The possessors of surplus produce or capital" <"Die Besitzer des Mehrprodukts oder Kapitals">, aus einer Schrift: "The Source and Remedy of the National Difficulties. A Letter to Lord John Russell", London 1821. In dieser Schrift, auf deren Bedeutung schon der eine Ausdruck: surplus produce or capital hätte aufmerksam machen müssen, und die ein von Marx aus seiner Verschollenheit gerißnes Pamphlet von 40 Seiten ist, heißt es:

"Was auch dem Kapitalisten zukommen möge" {vom Standpunkt des Kapitalisten aus} "er kann immer nur die Mehrarbeit (surplus labour) des Arbeiters aneignen, denn der Arbeiter muß leben." (p. 23.)

Wie aber der Arbeiter lebt und wie groß daher die vom Kapitalisten angeeignete Mehrarbeit sein kann, ist sehr relativ.

"Wenn das Kapital nicht an Wert abnimmt im Verhältnis wie es an Masse zunimmt, so wird der Kapitalist dem Arbeiter das Produkt jeder Arbeitsstunde abpressen über das Minimum hinaus, wovon der Arbeiter leben kann ... der Kapitalist kann schließlich dem Arbeiter sagen: du sollst kein Brot essen, denn man kann von Runkelrüben und Kartoffeln leben; und dahin sind wir gekommen." (p. 23, 24.) "Wenn der Arbeiter dahin gebracht werden kann, sich von Kartoffeln zu nähren, statt von Brot, so ist es unbestreitbar richtig, daß mehr aus seiner Arbeit herausgeschlagen werden kann; d.h. wenn, um von Brot zu leben, er genötigt war, für seine Erhaltung und die seiner Familie die Arbeit des Montags und Dienstags für sich zu behalten, so wird er bei Kartoffelnahrung nur die Hälfte des Montags für sich erhalten; und die andre Hälfte des Montags und der ganze Dienstag werden freigesetzt entweder für den Nutzen des Staats oder für den Kapitalisten." (p. 26.) "Man bestreitet nicht (it is admitted), daß die den Kapitalisten bezahlten Interessen, sei es in der Gestalt von Rente, Geldzins oder Geschäftsprofit, bezahlt werden aus der Arbeit anderer." (p. 23.)

Hier also ganz Rodbertus' "Rente", nur daß statt "Rente": Interessen gesagt wird.

Marx bemerkt hierzu (Manuskript "Zur Kritik", S. 852 <Siehe Band 26, 3. Teil, S. 236/237>): "Dies kaum bekannte Pamphlet - erschienen zu der Zeit, wo der 'unglaubliche Schuhflicker' MacCulloch anfing, von sich reden zu machen - enthält einen wesentlichen Fortschritt über Ricardo hinaus. Es bezeichnet direkt den Mehrwert oder 'Profit', wie Ricardo es nennt (oft auch Mehrprodukt, surplus produce) oder interest <Zins>, wie der Verfasser des Pamphlets es heißt, als surplus labour, Mehrarbeit, die Arbeit, die der Arbeiter gratis verrichtet, die er verrichtet über das Quantum Arbeit hinaus, wodurch der Wert seiner Arbeitskraft ersetzt, also ein Äquivalent für seinen Lohn produziert wird. Ganz so wichtig wie es war, den Wert in Arbeit aufzulösen, ganz so wichtig war es, den Mehrwert (surplus value), der sich in einem Mehrprodukt (surplus produce) darstellt, in Mehrarbeit (surplus labour). Dies ist in der Tat bei A. Smith schon gesagt, und bildet ein Hauptmoment in Ricardos Entwicklung. Aber es ist bei ihnen nirgends in der absoluten Form herausgesagt und fixiert." Es heißt dann weiter, S. 859 <Siehe Band 26, 3. Teil, S. 252/253> des Manuskripts: "Im übrigen ist der Verfasser in den ökonomischen Kategorien befangen, wie er sie vorfindet. Ganz wie bei Ricardo das Verwechseln von Mehrwert und Profit zu unangenehmen Widersprüchen führt, so bei ihm, daß er Mehrwert Kapitalinteressen tauft. Zwar steht er darin über Ricardo, daß er erstens allen Mehrwert auf Mehrarbeit reduziert und, wenn er den Mehrwert Kapitalinteressen nennt, zugleich hervorhebt, daß er unter interest of capital die allgemeine Form der Mehrarbeit versteht, im Unterschied von ihren besondern Formen, Rente, Geldzins und Geschäftsprofit. Aber er nimmt den Namen einer dieser besondern Formen, interest, wieder als den der allgemeinen Form. Und dies reicht hin, damit er wieder in das ökonomische Kauderwelsch" (slang steht im Manuskript) "zurückfällt."

Dieser letztere Passus sitzt unserm Rodbertus wie angegossen. Auch er ist befangen in den ökonomischen Kategorien, wie er sie vorfindet. Auch er tauft den Mehrwert mit dem Namen einer seiner verwandelten Unterformen, den er noch dazu ganz unbestimmt macht: Rente. Das Ergebnis dieser beiden Böcke ist, daß er wieder in das ökonomische Kauderwelsch verfällt, seinen Fortschritt über Ricardo hinaus nicht weiter kritisch verfolgt, und statt dessen sich verleiten läßt, seine unfertige Theorie, ehe sie noch die Eierschalen losgeworden, zur Grundlage einer Utopie zu machen, mit der er wie überall zu spät kommt. Das Pamphlet erschien 1821 und antizipiert die Rodbertussche "Rente" von 1842 bereits vollständig.

Unser Pamphlet ist nur der äußerste Vorposten einer ganzen Literatur, die in den zwanziger Jahren die Ricardosche Wert- und Mehrwerttheorie im Interesse des Proletariats gegen die kapitalistische Produktion kehrt, die Bourgeoisie mit ihren eignen Waffen bekämpft. Der ganze Owensche Kommunismus, soweit er ökonomisch-polemisch auftritt, stützt sich auf Ricardo. Neben ihm aber noch eine ganze Reihe von Schriftstellern, von denen Marx schon 1847 nur einige gegen Proudhon ("Misère de la Philosophie", p. 92 <Siehe Band 4, S, 98>) anführt: Edmonds, Thompson, Hodgskin etc., etc., "und noch vier Seiten Etcetera". Ich greife aus dieser Unzahl von Schriften nur aufs Geratewohl eine heraus: "An Inquiry into the Principles of the Distribution of Wealth, most conducive to Human Happiness", by William Thompson; a new edition, London 1850. Diese 1822 verfaßte Schrift erschien zuerst 1824. Auch hier wird der von den nichtproduzierenden Klassen angeeignete Reichtum überall als Abzug vom Produkt des Arbeiters bezeichnet, und das in ziemlich starken Ausdrücken.

"Das beständige Streben dessen, was wir Gesellschaft nennen, bestand darin, durch Betrug oder Berechnung, durch Schrecken oder Zwang, den produktiven Arbeiter zu bewegen, die Arbeit zu verrichten für den möglichst kleinen Teil des Produkts seiner eignen Arbeit." (p. 28.) "Warum soll der Arbeiter nicht das ganze absolute Produkt seiner Arbeit erhalten?" (p. 32.) "Diese Kompensation, die die Kapitalisten dem produktiven Arbeiter abnötigen unter dem Namen Bodenrente oder Profit, wird beansprucht für den Gebrauch des Bodens oder andrer Gegenstände ... Da alle physischen Stoffe, an denen oder vermittelst derer der besitzlose produktive Arbeiter, der nichts besitzt, außer seiner Fähigkeit zu produzieren, diese seine Produktionsfähigkeit geltend machen kann, im Besitz andrer sind, deren Interessen den seinen entgegengesetzt, und deren Einwilligung eine Vorbedingung seiner Tätigkeit ist -, hängt es da nicht ab, und muß es nicht abhängen von der Gnade dieser Kapitalisten, welchen Teil der Früchte seiner eignen Arbeit sie ihm als Entschädigung für diese Arbeit wollen zukommen lassen?" (p. 125) "... im Verhältnis zur Größe des zurückbehaltenen Produkts, ob man dies Steuern, Profit oder Diebstahl nenne ... diese Defalkationen" (p. 126) usw.

Ich gestehe, ich schreibe diese Zeilen nicht ohne eine gewisse Beschämung. Daß die antikapitalistische englische Literatur der zwanziger und dreißiger Jahre in Deutschland so gänzlich unbekannt ist, trotzdem Marx schon in der "Misère de la Philosophie" direkt darauf hingewiesen und manches davon - das Pamphlet von 1821, Ravenstone, Hodgskin etc. - im ersten Band des "Kapital" mehrfach zitiert, das mag noch hingehn. Aber daß nicht nur der sich an Rodbertus' Rockschöße mit Verzweiflung anklammernde Literatus vulgaris <vulgäre Schriftsteller (R. Meyer)>, "der wirklich auch nichts gelernt hat", sondern auch der Professor in Amt und Würden <A. Wagner>, der "sich mit Gelehrsamkeit brüsten tut", seine klassische Ökonomie bis zu dem Grad vergessen hat, daß er Marx ernsthaft vorwirft, er habe Rodbertus Dinge entwendet, die schon in A. Smith und Ricardo zu lesen stehn - das beweist, wie tief die offizielle Ökonomie heute heruntergekommen ist.

Was hat dann aber Marx über den Mehrwert Neues gesagt? Wie kommt es, daß Marx' Mehrwertstheorie wie ein Blitz aus heitrem Himmel eingeschlagen hat, und das in allen zivilisierten Ländern, während die Theorien aller seiner sozialistischen Vorgänger, Rodbertus eingeschlossen, wirkungslos verpufften?

Die Geschichte der Chemie kann uns das an einem Beispiel zeigen.

Noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts herrschte bekanntlich die phlogistische Theorie, wonach das Wesen jeder Verbrennung darin bestand, daß sich von dem verbrennenden Körper ein andrer, hypothetischer Körper trenne, ein absoluter Brennstoff, der mit dem Namen Phlogiston bezeichnet wurde. Diese Theorie reichte hin, die meisten damals bekannten chemischen Erscheinungen zu erklären, wenn auch in manchen Fällen nicht ohne Anwendung von Gewalt. Nun stellte 1774 Priestley eine Luftart dar,

"die er so rein oder so frei von Phlogiston fand, daß gewöhnliche Luft im Vergleich damit schon verdorben erschien".

Er nannte sie: dephlogistisierte Luft. Kurz nachher stellte Scheele in Schweden dieselbe Luftart dar und wies deren Vorhandensein in der Atmosphäre nach. Er fand auch, daß sie verschwindet, wenn man einen Körper in ihr oder in gewöhnlicher Luft verbrennt, und nannte sie daher Feuerluft.

"Aus diesen Ergebnissen zog er nun den Schluß, daß die Verbindung, welche bei der Vereinigung von Phlogiston mit einem der Bestandteile der Luft" {also bei der Verbrennung} "entstehe, nichts weiter als Feuer oder Wärme sei, welche durch das Glas entweiche." [2]

Priestley wie Scheele hatten den Sauerstoff dargestellt, wußten aber nicht, was sie unter der Hand hatten. Sie "blieben befangen in den" phlogistischen "Kategorien, wie sie sie vorfanden". Das Element, das die ganze phlogistische Anschauung umstoßen und die Chemie revolutionieren sollte, war in ihrer Hand mit Unfruchtbarkeit geschlagen. Aber Priestley hatte seine Entdeckung gleich darauf in Paris Lavoisier mitgeteilt, und Lavoisier untersuchte nun, an der Hand dieser neuen Tatsache, die ganze phlogistische Chemie, entdeckte erst, daß die neue Luftart ein neues chemisches Element war, daß in der Verbrennung nicht das geheimnisvolle Phlogiston aus dem verbrennenden Körper weggeht, sondern dies neue Element sich mit dem Körper verbindet, und stellte so die ganze Chemie, die in ihrer phlogistischen Form auf dem Kopf gestanden, erst auf die Füße. Und wenn er auch nicht, wie er später behauptet, den Sauerstoff gleichzeitig mit den andern und unabhängig von ihnen dargestellt hat, so bleibt er dennoch der eigentliche Entdecker des Sauerstoffs gegenüber den beiden, die ihn bloß dargestellt haben, ohne auch nur zu ahnen, was sie dargestellt hatten.

Wie Lavoisier zu Priestley und Scheele, so verhält sich Marx zu seinen Vorgängern in der Mehrwertstheorie. Die Existenz des Produktenwertteils, den wir jetzt Mehrwert nennen, war festgestellt lange vor Marx; ebenso war mit größrer oder geringrer Klarheit ausgesprochen, woraus er besteht, nämlich aus dem Produkt der Arbeit, für welche der Aneigner kein Äquivalent gezahlt hat. Weiter aber kam man nicht. Die einen - die klassischen bürgerlichen Ökonomen - untersuchten höchstens das Größenverhältnis, worin das Arbeitsprodukt verteilt wird zwischen dem Arbeiter und dem Besitzer der Produktionsmittel. Die andren - die Sozialisten - fanden diese Verteilung ungerecht und suchten nach utopistischen Mitteln, die Ungerechtigkeit zu beseitigen. Beide blieben befangen in den ökonomischen Kategorien, wie sie sie vorgefunden hatten.

Da trat Marx auf. Und zwar in direktem Gegensatz zu allen seinen Vorgängern. Wo diese eine Lösung gesehn hatten, sah er nur ein Problem. Er sah, daß hier weder dephlogistisierte Luft vorlag noch Feuerluft, sondern Sauerstoff - daß es sich hier nicht handelte, sei es um die bloße Konstatierung einer ökonomischen Tatsache, sei es um den Konflikt dieser Tatsache mit der ewigen Gerechtigkeit und der wahren Moral, sondern um eine Tatsache, die berufen war, die ganze Ökonomie umzuwälzen, und die für das Verständnis der gesamten kapitalistischen Produktion den Schlüssel bot - für den, der ihn zu gebrauchen wußte. An der Hand dieser Tatsache untersuchte er die sämtlichen vorgefundnen Kategorien, wie Lavoisier an der Hand des Sauerstoffs die vorgefundnen Kategorien der phlogistischen Chemie untersucht hatte. Um zu wissen, was der Mehrwert war, mußte er wissen, was der Wert war. Ricardos Werttheorie selbst mußte vor allem der Kritik unterworfen werden. Marx also untersuchte die Arbeit auf ihre wertbildende Qualität und stellte zum ersten Mal fest, welche Arbeit, und warum, und wie sie Wert bildet, und daß Wert überhaupt nichts ist als festgeronnene Arbeit dieser Art - ein Punkt, den Rodbertus bis zuletzt nicht begriffen hat. Marx untersuchte dann das Verhältnis von Ware und Geld und wies nach, wie und warum, kraft der ihr innewohnenden Werteigenschaft, die Ware und der Warenaustausch den Gegensatz von Ware und Geld erzeugen muß; seine hierauf gegründete Geldtheorie ist die erste erschöpfende und jetzt stillschweigend allgemein akzeptierte. Er untersuchte die Verwandlung von Geld in Kapital, und bewies, daß sie auf dem Kauf und Verkauf der Arbeitskraft beruhe. Indem er hier die Arbeitskraft, die wertschaffende Eigenschaft, an die Stelle der Arbeit setzte, löste er mit einem Schlag eine der Schwierigkeiten, an der die Ricardosche Schule zugrunde gegangen war: die Unmöglichkeit, den gegenseitigen Austausch von Kapital und Arbeit in Einklang zu bringen mit dem Ricardoschen Gesetz der Wertbestimmung durch Arbeit. Indem er die Unterscheidung des Kapitals in konstantes und variables konstatierte, kam er erst dahin, den Prozeß der Mehrwertbildung in seinem wirklichen Hergang bis ins einzelnste darzustellen und damit zu erklären - was keiner seiner Vorgänger fertiggebracht; konstatierte er also einen Unterschied innerhalb des Kapitals selbst, mit dem Rodbertus ebensowenig wie die bürgerlichen Ökonomen im Stande waren, das geringste anzufangen, der aber den Schlüssel zur Lösung der verwickeltsten ökonomischen Probleme liefert, wovon hier wieder Buch II - und noch mehr, wie sich zeigen wird, Buch III - der schlagendste Beweis. Den Mehrwert selbst untersuchte er weiter, fand seine beiden Formen: absoluter und relativer Mehrwert, und wies die verschiedne, aber beidemal entscheidende Rolle nach, die sie in der geschichtlichen Entwicklung der kapitalistischen Produktion gespielt. Auf Grundlage des Mehrwerts entwickelte er die erste rationelle Theorie des Arbeitslohns, die wir haben, und gab zum ersten Mal die Grundzüge einer Geschichte der kapitalistischen Akkumulation und eine Darstellung ihrer geschichtlichen Tendenz.

Und Rodbertus? Nachdem er das alles gelesen, findet er darin - wie immer Tendenzökonom! einen "Einbruch in die Gesellschaft", findet, daß er selbst bereits viel kürzer und klarer gesagt hat, woraus der Mehrwert entsteht, und findet endlich, daß das alles zwar auf "die heutige Kapitalform" paßt, d.h. auf das Kapital, wie es historisch besteht, nicht aber auf "den Kapitalbegriff", d.h. die utopistische Vorstellung des Herrn Rodbertus vom Kapital. Ganz der alte Priestley, der bis an sein Ende aufs Phlogiston schwor und vom Sauerstoff nichts wissen wollte. Nur daß Priestley den Sauerstoff wirklich zuerst dargestellt, während Rodbertus in seinem Mehrwert oder vielmehr seiner "Rente" nur einen Gemeinplatz wieder entdeckt hatte, und daß Marx es verschmähte, im Gegensatz zu Lavoisiers Verfahren, zu behaupten, er sei der erste, der die Tatsache der Existenz des Mehrwerts aufgedeckt.

Was Rodbertus sonst ökonomisch geleistet hat, steht auf demselben Niveau. Seine Verarbeitung des Mehrwerts in eine Utopie ist von Marx in der "Misère de la Philosophie" schon unabsichtlich mit kritisiert; was sonst noch darüber zu sagen, habe ich in der Vorrede <Siehe Band 4, S. 558/559> zur deutschen Übersetzung jener Schrift gesagt. Seine Erklärung der Handelskrisen aus der Unterkonsumtion der Arbeiterklasse findet sich bereits in Sismondis "Nouveaux Principes de l'Économie Politique", liv. IV, ch. IV. [3] Nur daß Sismondi dabei stets den Weltmarkt vor Augen hatte, während Rodbertus' Horizont nicht über die preußische Grenze hinausgeht. Seine Spekulationen darüber, ob der Arbeitslohn aus Kapital oder Einkommen stamme, gehören der Scholastik an und erledigen sich endgültig durch den dritten Abschnitt dieses zweiten Buchs des "Kapital". Seine Rententheorie ist sein ausschließliches Eigentum geblieben und kann fortschlummern, bis das sie kritisierende Manuskript von Marx erscheint. <Siehe Band 26, 2. Teil, S. 7 - 102> Endlich seine Vorschläge zur Emanzipation des altpreußischen Grundbesitzes vom Druck des Kapitals sind wieder durchaus utopistisch; sie vermeiden nämlich die einzige praktische Frage, um die es sich dabei handelt - die Frage: Wie kann der altpreußische Landjunker jahraus, jahrein sage 20.000 Mark einnehmen und sage 30.000 Mark ausgeben, und doch keine Schulden machen?

Die Ricardosche Schule scheiterte gegen 1830 am Mehrwert. Was sie nicht lösen konnte, blieb erst recht unlösbar für ihre Nachfolgerin, die Vulgärökonomie. Die beiden Punkte, an denen sie zugrunde ging, waren diese:

Erstens. Die Arbeit ist das Maß des Werts. Nun hat aber die lebendige Arbeit im Austausch mit dem Kapital einen geringern Wert als die vergegenständlichte Arbeit, gegen die sie ausgetauscht wird. Der Arbeitslohn, der Wert eines bestimmten Quantums lebendiger Arbeit, ist stets geringer als der Wert des Produkts, das von diesem selben Quantum lebendiger Arbeit erzeugt wird, oder worin dieses sich darstellt. Die Frage ist in dieser Fassung in der Tat unlöslich. Sie ist von Marx richtig gestellt und damit beantwortet worden. Es ist nicht die Arbeit, die einen Wert hat. Als wertschaffende Tätigkeit kann sie ebensowenig einen besondren Wert haben, wie die Schwere ein besondres Gewicht, die Wärme eine besondre Temperatur, die Elektrizität eine besondre Stromstärke. Es ist nicht die Arbeit, die als Ware gekauft und verkauft wird, sondern die Arbeitskraft. Sobald sie Ware wird, richtet sich ihr Wert nach der in ihr, als einem gesellschaftlichen Produkt, verkörperten Arbeit, ist er gleich der zu ihrer Produktion und Reproduktion gesellschaftlich nötigen Arbeit. Der Kauf und Verkauf der Arbeitskraft auf Grund dieses ihres Werts widerspricht also keineswegs dem ökonomischen Wertgesetz.

Zweitens. Nach dem Ricardoschen Wertgesetz produzieren zwei Kapitale, die gleich viel und gleich hoch bezahlte lebendige Arbeit anwenden, alle andern Umstände gleichgesetzt, in gleichen Zeiten Produkte von gleichem Wert und ebenfalls Mehrwert oder Profit von gleicher Höhe. Wenden sie aber ungleiche Mengen lebendiger Arbeit an, so können sie nicht Mehrwert oder, wie die Ricardianer sagen, Profit von gleicher Höhe produzieren. Nun ist aber das Gegenteil der Fall. Tatsächlich produzieren gleiche Kapitale, einerlei wie viel oder wie wenig lebendige Arbeit sie anwenden, in gleichen Zeiten durchschnittlich gleiche Profite. Hier liegt also ein Widerspruch gegen das Wertgesetz vor, den schon Ricardo fand, und den seine Schule ebenfalls zu lösen unfähig war. Auch Rodbertus konnte nicht umhin, diesen Widerspruch zu sehn; statt ihn zu lösen, macht er ihn zu einem der Ausgangspunkte seiner Utopie. ("Zur Erk.", S. 131.) Diesen Widerspruch hatte Marx bereits im Manuskript "Zur Kritik" <Siehe Band 26, 2. Teil, S. 17 - 21, 55 - 62, 164 - 228, 423 - 466> gelöst; die Lösung erfolgt nach dem Plan des "Kapital" in Buch III. <Siehe Band 25, 1. und 2. Abschnitt> Bis zu seiner Veröffentlichung werden noch Monate verstreichen. Die Ökonomen also, die in Rodbertus die geheime Quelle und einen überlegnen Vorgänger von Marx entdecken wollen, haben hier eine Gelegenheit zu zeigen, was die Rodbertussche Ökonomie leisten kann. Wenn sie nachweisen, wie nicht nur ohne Verletzung des Wertgesetzes, sondern vielmehr auf Grundlage desselben eine gleiche Durchschnittsprofitrate sich bilden kann und muß, dann wollen wir weiter miteinander sprechen. Inzwischen mögen sie sich gefälligst beeilen. Die brillanten Untersuchungen dieses Buch II und ihre ganz neuen Ergebnisse auf bisher fast unbetretenen Gebieten sind nur Vordersätze zum Inhalt des Buch III, das die Schlußergebnisse der Marxschen Darstellung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses auf kapitalistischer Grundlage entwickelt. Wenn dies Buch III erschienen, wird von einem Ökonomen Rodbertus wenig mehr die Rede sein.

Das zweite und dritte Buch des "Kapital" sollte, wie Marx mir öfters sagte, seiner Frau gewidmet werden.

London, an Marx' Geburtstag, 5. Mai 1885.

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Fußnoten

[1] In der Vorrede zu: "Das Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons Philosophie des Elends", von Karl Marx. Deutsch von E. Bernstein und K. Kautsky. Stuttgart 1885. <Siehe Band 4, S. 558-569>

[2] Roscoe-Schorlemmer, "Ausführliches Lehrbuch der Chemie", Braunschweig 1877, I. p 13, 18

[3] "So verengt sich also durch die Konzentration der Reichtümer in der Hand einer kleinen Anzahl von Eigentümern der innere Markt immer mehr, und die Industrie ist immer mehr gezwungen, ihre Absatzgebiete auf den fremden Märkten zu suchen, wo noch größere Umwälzungen sie erwarten (nämlich die Krise von 1817, die gleich darauf beschrieben wird). "Nouv. Princ.", ed. 1819, l.p. 336.

 

 

 

Friedrich Engels

 

„‚Das Kapital‘ wird auf dem Kontinent oft ‚die Bibel der Arbeiterklasse‘ genannt.“

Vorwort zur englischen Ausgabe von 1886

Die Veröffentlichung einer englischen Ausgabe des „Kapital“ bedarf keiner Rechtfertigung. Im Gegenteil, es kann eine Erklärung darüber erwartet werden, warum diese englische Ausgabe bis jetzt verzögert worden ist, wenn man sieht, daß seit einigen Jahren die in diesem Buch vertretenen Theorien in der periodischen Presse und Tagesliteratur sowohl Englands wie Amerikas ständig erwähnt, angegriffen und verteidigt, erklärt und mißdeutet wurden.

Als es, bald nach dem Tode des Verfassers im Jahre 1883, klar wurde, daß eine englische Ausgabe des Werkes wirklich benötigt wurde, erklärte sich Herr Samuel Moore, ein langjähriger Freund Marx' und des Schreibers dieser Zeilen, und mit dem Buch selbst vertrauter vielleicht als irgend jemand, dazu bereit, die Übersetzung zu übernehmen, die es die literarischen Testamentsvollstrecker von Marx drängte, der Öffentlichkeit vorzulegen. Es wurde vereinbart, daß ich das Manuskript mit dem Original vergleichen und solche Änderungen vorschlagen sollte, die ich für ratsam hielte. Als es sich nach und nach herausstellte, daß seine beruflichen Beschäftigungen Herrn Moore hinderten, die Übersetzung so schnell fertigzustellen, wie alle wünschten, nahmen wir freudig das Angebot Dr. Avelings an, einen Teil der Arbeit zu übernehmen; gleichzeitig erbot sich Frau Aveling, Marx' jüngste Tochter, die Zitate zu kontrollieren und den Originaltext der zahlreichen, englischen Autoren und Blaubüchern entnommenen und von Marx ins Deutsche übersetzten Stellen wiederherzustellen. Das ist durchgängig geschehen bis auf einige unvermeidbare Ausnahmen.

Folgende Teile des Buches sind von Dr. Aveling übersetzt worden : 1. Die Kapitel X (Der Arbeitstag) und XI (Rate und Masse des Mehrwerts); 2. der Abschnitt VI (Der Arbeitslohn, umfassend die Kapitel XIX bis XXII); 3. von Kapitel XXIV, Abteilung 4 (Umstände, welche usw.) bis zum Ende des Buches, umfassend den letzten Teil von Kapitel XXIV, Kapitel XXV und den ganzen Abschnitt VIII (die Kapitel XXVI bis XXXIII); 4. die zwei Vorworte des Verfassers. Der übrige Teil des Buches ist von Herrn Moore übersetzt worden. Während so jeder der Übersetzer für seinen Anteil an der Arbeit allein verantwortlich ist, trage ich eine Gesamtverantwortung für das Ganze.

Die dritte deutsche Ausgabe, die durchweg zur Grundlage unserer Arbeit genommen wurde, ist von mir 1883 vorbereitet worden unter Zuhilfenahme der vom Verfasser hinterlassenen Notizen, die jene Stellen der zweiten Ausgabe angeben, welche durch bezeichnete Stellen des 1873 veröffentlichten französischen Textes ersetzt werden sollten. [1] Die so im Text der zweiten Ausgabe zustande gekommenen Veränderungen stimmten im allgemeinen mit den Änderungen überein, die Marx in einer Reihe von handschriftlichen Anweisungen für eine englische Übersetzung vorgeschrieben hat, die vor zehn Jahren in Amerika geplant war, aber hauptsächlich aus Mangel an einem tüchtigen und geeigneten Übersetzer aufgegeben wurde. Dies Manuskript wurde uns von unserem alten Freund, Herrn F. A. Sorge in Hoboken, N[ew] J[ersey], zur Verfügung gestellt. Es bezeichnet noch einige weitere Einschaltungen aus der französischen Ausgabe; aber da es so viele Jahre älter ist als die letzten Anweisungen für die dritte Ausgabe, habe ich mich nicht für befugt gehalten, anders davon Gebrauch zu machen als ausnahmsweise und besonders in Fällen, in denen es uns über Schwierigkeiten hinweghalf. Ebenso ist der französische Text bei den meisten schwierigen Stellen herangezogen worden als Anhaltspunkt dafür, was der Verfasser selbst zu opfern bereit war, wo immer etwas von der ganzen Bedeutung des Originals in der Übersetzung geopfert werden mußte.

Eine Schwierigkeit besteht dennoch, die wir dem Leser nicht ersparen konnten: die Benutzung von gewissen Ausdrücken in einem nicht nur vom Sprachgebrauch des täglichen Lebens, sondern auch dem der gewöhnlichen politischen Ökonomie verschiednen Sinne. Doch dies war unvermeidlich. Jede neue Auffassung einer Wissenschaft schließt eine Revolution in den Fachausdrücken dieser Wissenschaft ein. Dies beweist am besten die Chemie, in der die gesamte Terminologie ungefähr alle zwanzig Jahre radikal geändert wird und wo man kaum eine organische Verbindung finden wird, die nicht eine ganze Reihe von verschiednen Namen durchgemacht hat. Die politische Ökonomie hat sich im allgemeinen damit zufriedengegeben, die Ausdrücke des kommerziellen und industriellen Lebens, so wie sie waren, zu nehmen und mit ihnen zu operieren, wobei sie vollkommen übersehen hat, daß sie sich dadurch auf den engen Kreis der durch diese Worte ausgedrückten Ideen beschränkte. So ist selbst die klassische politische Ökonomie, obgleich sie sich vollkommen bewußt war, daß sowohl Profit wie Rente nur Unterabteilungen, Stücke jenes unbezahlten Teils des Produkts sind, das der Arbeiter seinem Unternehmer (dessen erstem Aneigner, obgleich nicht letztem, ausschließlichem Besitzer) liefern muß, doch niemals über die üblichen Begriffe von Profit und Rente hinausgegangen, hat sie niemals diesen unbezahlten Teil des Produkts (von Marx Mehrprodukt genannt) in seiner Gesamtheit als ein Ganzes untersucht und ist deshalb niemals zu einem klaren Verständnis gekommen weder seines Ursprungs und seiner Natur, noch auch der Gesetze, die die nachträgliche Verteilung seines Werts regeln. Ähnlich wird alle Industrie, soweit nicht Landwirtschaft oder Handwerk, unterschiedlos in dem Ausdruck Manufaktur zusammengefaßt und dadurch die Unterscheidung zwischen zwei großen und wesentlich verschiednen Perioden der ökonomischen Geschichte ausgelöscht: der Periode der eigentlichen Manufaktur, die auf der Teilung der Handarbeit, und der Periode der modernen Industrie, die auf der Maschinerie beruht. Es ist indessen selbstverständlich, daß eine Theorie, die die moderne kapitalistische Produktion als eine bloße Entwicklungsstufe der ökonomischen Geschichte der Menschheit ansieht, andre Ausdrücke gebrauchen muß als die jenen Schriftstellern gewohnten, welche diese Produktionsweise als unvergänglich und endgültig ansehn.

Ein Wort über die Methode des Verfassers zu zitieren, mag nicht unangebracht sein. In der Mehrzahl der Fälle dienen die Zitate in der üblichen Weise als dokumentarische Belege für im Text aufgestellte Behauptungen. Aber in vielen Fällen werden Stellen aus ökonomischen Schriftstellern angeführt, um aufzuzeigen, wann, wo und von wem eine bestimmte Ansicht zum erstenmal klar ausgesprochen wurde. Das geschieht in solchen Fällen, wo die angeführte Meinung von Wichtigkeit ist als mehr oder weniger adäquater Ausdruck der zu einer gewissen Zeit vorherrschenden Bedingungen der gesellschaftlichen Produktion und des Austauschs, und ganz unabhängig davon, ob sie Marx anerkennt oder ob sie allgemein gültig. Diese Zitate versehen daher den Text mit einem der Geschichte der Wissenschaft entlehnten laufenden Kommentar.

Unsere Übersetzung umfaßt nur das erste Buch des Werkes. Aber diese erste Buch ist in hohem Maße ein Ganzes in sich selbst und hat zwanzig Jahre lang für ein selbständiges Werk gegolten. Das zweite Buch, das ich 1885 in deutscher Sprache herausgegeben habe, ist entschieden unvollständig ohne das dritte, das nicht vor Ende 1887 veröffentlicht werden kann. Wenn Buch III im deutschen Original herausgebracht ist, wird es früh genug sein, an die Vorbereitung einer englischen Ausgabe von beiden zu denken.

"Das Kapital" wird auf dem Kontinent oft "die Bibel der Arbeiterklasse" genannt. Daß die in diesem Werk gewonnenen Schlußfolgerungen täglich mehr und mehr zu grundlegenden Prinzipien der großen Bewegung der Arbeiterklasse werden, nicht nur in Deutschland und der Schweiz, sondern auch in Frankreich, in Holland und Belgien, in Amerika und selbst in Italien und Spanien; daß überall die Arbeiterklasse in diesen Schlußfolgerungen mehr und mehr den angemessensten Ausdruck ihrer Lage und ihrer Bestrebungen anerkennt, das wird niemand leugnen, der mit dieser Bewegung vertraut ist. Und auch in England üben die Theorien von Marx gerade in diesem Augenblick einen machtvollen Einfluß auf die sozialistischer Bewegung aus, die sich in den Reihen der "Gebildeten" nicht weniger ausbreitet als in den Reihen der Arbeiterklasse. Aber das ist nicht alles. Die Zeit rückt schnell heran, wo eine gründliche Untersuchung der ökonomischen Lage Englands sich aufzwingen wird als eine unwiderstehliche nationale Notwendigkeit. Der Gang des industriellen Systems Englands, der unmöglich ist ohne eine ständige und schnelle Ausdehnung der Produktion und daher der Märkte, ist zum Stillstand gekommen. Der Freihandel hat seine Hilfsquellen erschöpft; selbst Manchester zweifelt an diesem seinem ehemaligen ökonomischen Evangelium. [2] Die sich schnell entwickelnde ausländische Industrie starrt der englischen Produktion überall ins Gesicht, nicht nur auf zollgeschützten, sondern auch auf neutralen Märkten und sogar diesseits des Kanals. Während die Produktivkraft in geometrischer Reihe wächst, schreitet die Ausdehnung der Märkte bestenfalls in einer arithmetischen Reihe fort. Der zehnjährige Zyklus von Stagnation, Prosperität, Überproduktion und Krise, der von 1825 bis 1867 immer wiederkehrte, scheint allerdings abgelaufen zu sein; aber nur um uns im Sumpf der Verzweiflung einer dauernden und chronischen Depression landen zu lassen. Die ersehnte Periode der Prosperität will nicht kommen; sooft wir die sie ankündigenden Symptome zu erblicken glauben, sooft verschwinden sie wieder in der Luft. Inzwischen stellt jeder folgende Winter erneut die Frage: "was tun mit den Arbeitslosen?" Aber während die Zahl der Arbeitslosen von Jahr zu Jahr anschwillt, ist niemand da, um diese Frage zu beantworten; und wir können den Zeitpunkt beinahe berechnen, wo die Arbeitslosen die Geduld verlieren und ihr Schicksal in ihre eignen Hände nehmen werden. In einem solchen Moment sollte sicherlich die Stimme eines Mannes gehört werden, dessen ganze Theorie das Ergebnis eines lebenslangen Studiums der ökonomischen Geschichte und Lage Englands ist und den dieses Studium zu dem Schluß geführt hat, daß, zumindest in Europa, England das einzige Land ist, wo die unvermeidliche soziale Revolution gänzlich mit friedlichen und gesetzlichen Mitteln durchgeführt werden könnte. Gewiß hat er nie vergessen hinzuzufügen, daß er kaum erwarte, die herrschenden Klassen Englands würden sich ohne "proslavery rebellion" dieser friedlichen und gesetzlichen Revolution unterwerfen.  

5. November 1886

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Fußnoten

[1] "Le Capital. Par Karl Marx", Übersetzung von M. J. Roy, vom Autor völlig durchgesehen, Paris, Lachâtre. Diese Übersetzung enthält besonders im letzten Teil des Buchs beträchtliche Veränderungen und Ergänzungen zum Text der zweiten deutschen Ausgabe.

[2] Bei der Vierteljahrversammlung der Handelskammer von Manchester, die heute nachmittag abgehalten wurde, fand eine lebhafte Diskussion über die Freihandelsfrage statt. Eine Resolution wurde eingebracht in dem Sinne, daß "man 40 Jahre vergebens darauf gewartet hat, daß andre Nationen dem von England gegebenen Beispiel des Freihandels folgen, und die Kammer nun die Zeit für gekommen hält, diesen Standpunkt zu ändern". Die Resolution wurde mit nur einer Stimme Mehrheit abgelehnt, bei dem Stimmenverhältnis von 21 für und 22 dagegen.("Evening Standard", 1. Nov. 1886.)

 

 

 

Friedrich Engels

"Bleibe ich gesund, dann kann der Druck noch diesen Herbst beginnen"

Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 24, "Das Kapital", Bd. II, S. 27 – 28

 

Die vorliegende zweite Auflage ist der Hauptsache nach ein wortgetreuer Abdruck der ersten. Die Druckfehler sind verbessert, einige stilistische Nachlässigkeiten beseitigt, einige kurze, nur Wiederholungen enthaltende Absätze gestrichen worden.

Das dritte Buch, das ganz unerwartete Schwierigkeiten gemacht hat, ist nun auch beinahe im Manuskript fertiggestellt. Bleibe ich gesund, dann kann der Druck noch diesen Herbst beginnen.

London, 15. Juli 1893.

 

 

Friedrich Engels

„Die vierte Auflage forderte von mir eine möglichst endgültige Feststellung des Textes.“

Vorwort zur vierten Auflage. Karl Marx-Friedrich Engels-Werke, Band 23, "Das Kapital", Bd. I

Die vierte Auflage forderte von mir eine möglichst endgültige Feststellung des Textes sowohl wie der Anmerkungen. Wie ich dieser Anforderung nachgekommen, darüber kurz folgendes.

Nach nochmaliger Vergleichung der französischen Ausgabe und der handschriftlichen Notizen von Marx habe ich aus jener noch einige Zusätze in den deutschen Text aufgenommen. Sie finden sich auf S. 80 (dritte Auflage, S. 88), S. 458-460 (dritte, S. 509-510), S. 547-551 (dritte, S. 600), S. 591-593 (dritte, S. 644) und S. 596 (dritte, S. 648) in der Note 79. <Siehe vorliegender Band, S. 130, 517-519, 610-613, 655-657, 660> Ebenso habe ich nach Vorgang der französischen und englischen Ausgabe die lange Anmerkung über die Bergwerksarbeiter (dritte Aufl., S. 509-515) in den Text gesetzt (vierte Aufl., S. 461-467) <Siehe vorl. Band, S. 519-525>. Sonstige kleine Änderungen sind rein technischer Natur.

Ferner habe ich noch einige erläuternde Zusatznoten gemacht, namentlich da, wo veränderte geschichtliche Umstände dies zu erfordern schienen. Alle diese Zusatznoten sind in eckige Klammern gesetzt und mit meinen Anfangsbuchstaben oder mit "D. H." bezeichnet.

im vorl. Band mit geschweiften Klammern {} und F. E. bezeichnet.

Eine vollständige Revision der zahlreichen Zitate war notwendig geworden durch die inzwischen erschienene englische Ausgabe. Für diese hatte Marx' jüngste Tochter Eleanor sich der Mühe unterzogen, sämtliche angeführte Stellen mit den Originalen zu vergleichen, so daß in den bei weitem vorwiegenden Zitaten aus englischen Quellen dort keine Rückübersetzung aus dem Deutschen, sondern der englische Originaltext selbst erscheint. Es lag mir also ob, diesen Text bei der vierten Auflage zu Rate zu ziehen. Es fanden sich dabei mancherlei kleine Ungenauigkeiten. Hinweise auf unrichtige Seitenzahlen, teils beim Kopieren aus den Heften verschrieben, teils im Verlauf von drei Auflagen gehäufte Druckfehler. Unrichtig gesetzte Anführungszeichen oder Lückenpunkte, wie dies bei massenhaftem Zitieren aus Auszugsheften unvermeidlich. Hier und da ein weniger glücklich gewähltes Übersetzungswort. Einzelne Stellen zitiert aus den alten Pariser Heften 1843-1845, wo Marx noch kein Englisch verstand und englische Ökonomen in französischer Übersetzung las; wo denn der doppelten Übersetzung eine leichte Änderung der Klangfarbe entsprach, z.B. bei Steuart, Ure u.a. - wo jetzt der englische Text zu benutzen war. Und was dergleichen kleine Ungenauigkeiten und Nachlässigkeiten mehr sind. Wenn man nun die vierte Auflage mit den vorigen vergleicht, so wird man sich überzeugen, daß dieser ganze mühsame Berichtigungsprozeß an dem Buch aber auch nicht das geringste geändert hat, das der Rede wert ist. Nur ein einziges Zitat hat nicht gefunden werden können, das aus Richard Jones (4. Aufl., S.562, Note 47) <Siehe vorl. Band, S. 625>; Marx hat sich wahrscheinlich im Titel des Buches verschrieben. Alle andern behalten ihre volle Beweiskraft oder verstärken sie in der jetzigen exakten Form.

Hier aber bin ich genötigt, auf eine alte Geschichte zurückzukommen.

Es ist mir nämlich nur ein Fall bekannt, wo die Richtigkeit eines Marxschen Zitats in Zweifel gezogen worden. Da dieser aber bis über Marx' Tod hinaus gespielt hat, kann ich ihn hier nicht gut übergehn.

In der Berliner "Concordia", dem Organ des deutschen Fabrikantenbundes, erschien am 7. März 1872 ein anonymer Artikel: "Wie Karl Marx citirt." Hier wurde mit überreichlichem Aufwand von sittlicher Entrüstung und von unparlamentarischen Ausdrücken behauptet, das Zitat aus Gladstones Budgetrede vom 16. April 1863 (in der Inauguraladresse der Internationalen Arbeiterassoziation von 1864 <Band 16, S. 3-13> und wiederholt im "Kapital", I, S. 617, vierter Aufl., Seite 670-671, dritte Aufl. <siehe vorl. Band, S. 680-681>) sei gefälscht. Der Satz: "Diese berauschende Vermehrung von Reichtum und Macht ... ist ganz und gar auf die besitzenden Klassen beschränkt", stehe mit keinem Wort im (quasioffiziellen) stenographischen Bericht von Hansard. "Dieser Satz befindet sich aber nirgends in der Gladstoneschen Rede. Gerade das Gegenteil ist in derselben gesagt."(Mit fetter Schrift) "Marx hat den Satz formell und materiell hinzugelogen!"

Marx, dem diese Nr. der "Concordia" im folgenden Mai zugesandt wurde, antwortete dem Anonymus im "Volksstaat" vom 1. Juni. Da er sich nicht mehr erinnerte, nach welchem Zeitungsreferat er zitierte, beschränkte er sich darauf, das gleichlautende Zitat zunächst in zwei englischen Schriften nachzuweisen, und sodann das Referat der "Times" zu zitieren, wonach Gladstone sagt:

"That is the state of the case as regards the wealth of this country. I must say for one, I should look almost with apprehension and with pain upon this intoxicating augmentation of wealth and power, if it were my belief that it was confined to classes who are in easy circumstances. This takes no cognizance at all of the condition of the labouring population. The augmentation I have described and which is founded, I think, upon accurate returns, is an augmentation entirely confined to classes of property."

"So steht's mit dem Reichtum dieses Landes. Ich für meinen Teil würde beinahe mit Besorgnis und mit Pein auf diese berauschende Vermehrung von Reichtum und Macht blicken, wenn ich sie auf die wohlhabenden Klassen beschränkt glaubte. Es ist hier gar keine Notiz genommen von der arbeitenden Bevölkerung. Die Vermehrung, die ich beschrieben habe, ist ganz und gar beschränkt auf Eigentumsklassen."

Also Gladstone sagt hier, es würde ihm leid tun, wenn dem so wäre, aber es sei so: Diese berauschende Vermehrung von Macht und Reichtum sei ganz und gar auf die besitzenden Klassen beschränkt. Und was den quasioffiziellen Hansard betrifft, so sagt Marx weiter: "In seiner hier nachträglich zurechtgestümperten Ausgabe war Herr Gladstone so gescheit, die im Munde eines englischen Schatzkanzlers allerdings kompromittierliche Stelle wegzupfuschen. Es ist dies übrigens herkömmlicher englischer Parlamentsbrauch, und keineswegs eine Erfindung des Laskerchen contra Bebel."

Der Anonymus wird immer erboster. Die Quellen zweiter Hand in seiner Antwort, "Concordia", 4. Juli, beiseite schiebend, deutet er schamhaft an, es sei "Sitte", Parlamentsreden nach dem stenographischen Bericht zu zitieren; aber auch der Bericht der "Times" (worin der "hinzugelogene" Satz steht) und der von Hansard (worin er fehlt) "stimmen materiell völlig überein", und ebenso enthalte der "Times"-Bericht "das direkt Gegenteil jener berüchtigten Stelle der Inauguraladresse", wobei der Mann sorgsam verschweigt, daß er neben diesem angeblichen "Gegenteil" gerade "jene berüchtigte Stelle" ausdrücklich enthält! Trotz alledem fühlt der Anonymus, daß er festsitzt und daß nur ein neuer Winkelzug ihn retten kann. Während er also seinen, wie soeben nachgewiesen, von "frecher Verlogenheit" strotzenden Artikel mit erbaulichen Schimpfereien spickt, als da sind: "mala fides", "Unehrlichkeit", "lügenhafte Angabe", "jenes lügenhafte Zitat", "freche Verlogenheit", "ein Zitat, das völlig gefälscht war", "diese Fälschung", "einfach infam", usw., findet er es für nötig, die Streitfrage auf ein andres Gebiet überzuspielen, und verspricht daher, "in einem zweiten Artikel auseinanderzusetzen, welche Bedeutung wir" (der nicht "lügenhafte" Anonymus) "dem Inhalt der Gladstoneschen Worte beilegen". Als ob diese seine unmaßgebliche Meinung das geringste mit der Sache zu tun habe! Dieser zweite Artikel steht in der "Concordia" vom 11. Juli.

Marx antwortete noch einmal im "Volksstaat" vom 7. August, indem er nun auch die Referate der betreffenden Stelle aus dem "Morning Star" und dem "Morning Advertiser " vom 17. April 1863 brachte. Nach beiden sagt Gladstone, er würde mit Besorgnis usw. auf diese berauschende Vermehrung von Reichtum und Macht blicken, wenn er sie auf die wirklich wohlhabenden Klassen (classes in easy circumstances) beschränkt glaubte. Aber diese Vermehrung sei beschränkt auf Klassen, die Eigentum besitzen (entirely confined to classes possessed of property). Also auch diese Referate bringen den angeblich "hinzugelogenen" Satz wörtlich. Ferner stellte er nochmals fest, durch Vergleichung der Texte der "Times" und Hansards, daß der durch drei am nächsten Morgen erschienene, voneinander unabhängige, gleichlautende Zeitungsreferate als wirklich gesprochen konstatierte Satz in dem nach bekannter "Sitte" durchgesehenen Referat von Hansard fehlt, das Gladstone ihn in Marx' Worten "nachträglich" wegstipitzt hat", und erklärt schließlich, er habe keine Zeit, mit dem Anonymus weiter zu verkehren. Dieser scheint auch genug gehabt zu haben, wenigstens erhielt Marx keine ferneren Nummern der "Concordia" zugeschickt.

Damit schien die Sache tot und begraben. Allerdings kamen uns seitdem ein- oder zweimal von Leuten, die mit der Universität Cambridge in Verkehr standen, geheimnisvolle Gerüchte zu über ein unsagbares literarisches Verbrechen, das Marx im "Kapital" begangen haben sollte; aber trotz aller Nachforschungen war absolut nichts Bestimmteres zu erfahren. Da, am 29. November 1883, acht Monate nach Marx' Tod, erschien in der "Times" ein Brief, datiert Trinity College, Cambridge, und unterzeichnet Sedley Taylor, worin bei einer vom Zaun gebrochnen Gelegenheit dies in zahmster Genossenschafterei machende Männlein uns endlich Aufklärung verschaffte, nicht nur über die Munkeleien von Cambridge, sondern auch über den Anonymus der "Concordia".

"Was äußerst sonderbar erscheint", sagt das Männlein von Trinity College, "ist, daß es dem Professor Brentano (damals in Breslau, jetzt in Straßburg) vorbehalten war ... die mala fides zu enthüllen, welche augenscheinlich das Zitat aus Gladstones Rede in der" (Inaugural-)"Adresse diktiert hatte. Herr Karl Marx, der ... das Zitat zu verteidigen suchte, hatte die Verwegenheit, in den Todeswindungen (deadly shifts), auf die Brentanos meisterhaft geführte Angriffe ihn schleunigst herunterbrachten, zu behaupten, Herr Gladstone habe den Bericht seiner Rede in der 'Times' vom 17. April 1863 zurechtgestümpert, ehe er in Hansard erschien, um eine Stelle wegzupfuschen, die allerdings für einen englischen Schatzkanzler kompromittierlich sei. Als Brentano, durch eine ins einzelne gehende Textvergleichung, bewies, daß die Berichte der 'Times' und von Hansard übereinstimmten in absolutem Ausschluß des Sinnes, den pfiffig-isolierte Zitierung den Gladstoneschen Worten untergeschoben hatte, da zog Marx sich zurück unter dem Vorwand des Zeitmangels!"

Das also war des Pudels Kern! Und so glorios reflektierte sich in der produktivgenossenschaftlichen Phantasie von Cambridge die anonyme Kampagne Herrn Brentanos in der "Concordia"! So lag er, und so führt' er seine Klinge, in "meisterhaft geführtem Angriff", dieser Sankt Georg des deutschen Fabrikantenbundes, während der Höllendrache Marx zu seinen Füßen "schleunigst in Todeswindungen" verröchelt!

Jedennoch dient diese ganze ariostische Kampfschilderung nur dazu, die Winkelzüge unsres Sankt Georg zu verdecken. Hier ist schon nicht mehr die Rede von "Hinzulügen", von "Fälschung", sondern von "pfiffig isolierter Zitierung" (craftily islated quotation). Die ganze Frage war verschoben, und Sankt Georg und sein Cambridger Schildknappe wußten sehr genau weshalb.

Eleanor Marx antwortete, da die "Times" die Aufnahme verweigerte, in der Monatsschrift "To-Day", Februar 1884, indem sie die Debatte auf den einzigen Punkt zurückführte, um welchen es sich gehandelt hatte: Hat Marx jenen Satz "hinzugelogen" oder nicht? Darauf erwidert Herr Sedley Taylor:

"Die Frage, ob ein gewisser Satz in Herrn Gladstones Rede vorgekommen sei oder nicht", sei nach seiner Ansicht "von sehr untergeordneter Bedeutung gewesen" im Streit zwischen Marx und Brentano, "verglichen mit der Frage, ob das Zitat gemacht worden sei in der Absicht, Gladstones Sinn wiederzugeben oder zu entstellen."

Und dann gibt er zu, daß der "Times"-Bericht" in der Tat einen Widerspruch in den Worten enthält"; aber, aber, der übrige Zusammenhang richtig, d.h. im liberal-gladstoneschen Sinn erklärt, zeige an, was Herr Gladstone habe sagen wollen. ("To-Day", März 1884.) Das Komischste dabei ist, daß unser Männlein von Cambridge nun darauf besteht, die Rede nicht nach Hansard zu zitieren, wie es nach dem anonymen Brentano "Sitte" ist, sondern nach dem von demselben Brentano als "notwendig stümperhaft" bezeichneten Bericht der "Times". Natürlich, der fatale Satz fehlt ja im Hansard!

Eleanor Marx hatte es leicht, diese Argumentation in derselben Nummer von "To-Day" in Dunst aufzulösen. Entweder hatte Herr Taylor die Kontroverse von 1872 gelesen. Dann hatte er jetzt "gelogen", nicht nur "hinzu", sondern auch "hinweg". Oder er hatte sie nicht gelesen. Dann war er verpflichtet, den Mund zu halten. Jedenfalls stand fest, daß er die Anklage seines Freundes Brentano, Marx habe "hinzugelogen", keinen Augenblick aufrechtzuerhalten wagte. Im Gegenteil, Marx soll nun nicht hinzugelogen, sondern einen wichtigen Satz unterschlagen haben. Aber dieser selbe Satz ist zitiert auf S. 5 der Inauguraladresse, wenige Zeilen vor dem angeblich "hinzugelogenen". Und was den "Widerspruch" in Gladstones Rede angeht, ist es nicht gerade Marx, der im "Kapital", S. 618 (3. Aufl., S.672), Note 105 <siehe vorl. Band, S. 682> von den "fortlaufenden, schreienden Widersprüchen in Gladstones Budgetreden von 1863 und 1864" spricht! Nur daß er sich nicht à la Sedley Taylor unterfängt, sie in liberalem Wohlgefallen aufzulösen. Und das Schlußresumé in E. Marx' Antwort lautet dann : "Im Gegenteil, Marx hat weder etwas Anführenswertes unterdrückt noch das geringste hinzugelogen. Aber er hat wiederhergestellt und der Vergessenheit entzogen einen gewissen Satz einer Gladstoneschen Rede, der unzweifelhaft ausgesprochen worden, der aber, so oder so, seinem Weg gefunden hat - aus Hansard hinaus."

Damit hatte Herr Sedley Taylor denn auch genug, und das Resultat des ganzen, durch zwei Jahrzehnte und über zwei große Länder fortgesponnenen Professorenklüngels war, daß man nicht mehr gewagt hat, Marx' literarische Gewissenhaftigkeit anzutasten, daß aber seitdem Herr Sedley Taylor wohl ebensowenig Vertrauen setzen wird in die literarischen Schlachtbulletins des Herrn Brentano wie Herr Brentano in die päpstliche Unfehlbarkeit von Hansard.

 

London, 25. Juni 1890

 

 

Friedrich Engels

 

[Der dritte Band von Karl Marx' „Kapital"

[„Vorwärts" Nr. 9

vom 12. Januar 1894]

Marx' „Kapital", drittes Buch, ist nunmehr im Druck begriffen und wird hoffentlich spätestens im September d.J. erscheinen können. Der Inhalt dieses langerwarteten dritten Buches wird den theoretischen Teil des Werkes abschließen, so daß dann nur noch das letzte, vierte Buch zu erwarten bleibt, das einen historisch-kritischen Überblick über die Theorien vom Mehrwert enthalten wird. Das erste Buch zeigt, wie der Mehrwert des Kapitalisten aus dem Arbeiter herausgeschlagen wird, und das zweite Buch, wie dieser zunächst in Produkt bestehende Mehrwert in Geld realisiert wird. In diesen beiden ersten Büchern handelt es sich also nur vom Mehrwert, solange er noch in der Hand seines ersten Aneigners, des industriellen Kapitalisten, sich befindet. Er bleibt aber nur zum Teil in der Hand dieses ersten Aneigners; er wird später verteilt an verschiedene Interessenten in Form von Handelsprofit, Unternehmergewinn, Zins, Grundrente; und die Gesetze dieser Verteilung sind es, die im dritten Buch dargelegt werden. Mit der Produktion, der Zirkulation und der Distribution des Mehrwerts ist aber dessen ganzer Lebenslauf abgeschlossen und weiter nichts über ihn zu sagen. Außer den Gesetzen der Profitrate im allgemeinen werden in diesem dritten Buch untersucht: Handelskapital, zinstragendes Kapital, Kredit und Banken, Bodenrente und Grundeigentum, Gegenstände, durch welche, im Anschluß an die in den beiden ersten Büchern behandelten Themata, die auf dem Titel versprochene „Kritik der politischen Ökonomie" sich erschöpft.

Geschrieben um den 9. Januar 1894.

[Über den Inhalt des dritten Bandes des „Kapitals"]

geschrieben um den 9. Januar 1894

Nach: "Die Neue Zeit" Nr. 16 - 12. Jahrgang, 1. Band 1893-1894

Das Kapital", von Marx, drittes Buch: „Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion" - wird nun, wie bereits im „Vorwärts" angezeigt, im nächsten Herbst erscheinen. Bekanntlich beschäftigte sich das erste Buch mit dem „Produktionsprozeß des Kapitals", während das zweite den „Zirkulationsprozeß des Kapitals" untersuchte. Das dritte Buch wird, den „Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion" behandeln. Die besonderen Prozesse der Produktion und Zirkulation werden hier also nicht mehr jeder für sich, sondern in ihrem Zusammenhang, als Voraussetzungen und bloße Glieder des einheitlichen Gesamtbewegungsprozesses des Kapitals betrachtet. Indem jedes der beiden ersten Bücher sich nur mit einer der beiden Hauptseiten dieses Prozesses beschäftigte, wurde es dadurch dem Inhalt nach ergänzungsbedürftig, der Form nach einseitig und abstrakt. Dies zeigte sich namentlich darin, daß in beiden der Mehrwert nur untersucht werden konnte, soweit und solange er in der Hand seines ersten Aneigners, des industriellen Kapitalisten, verblieb; es konnte nur im allgemeinen darauf hingewiesen werden, daß dieser erste Aneigner nicht auch notwendig oder selbst nur in der Regel sein letzter Eigentümer ist. Es ist aber gerade die Verteilung des Mehrwerts unter seine verschiedenen Mitinteressenten, Kaufleute, Geld Verleiher, Grundeigentümer etc., worin die Gesamtbewegung des Kapitals am augenfälligsten und sozusagen auf der Oberfläche der Gesellschaft sich abspielt. Die Verteilung des Mehrwerts, nachdem dieser die in den ersten beiden Büchern entwickelten Prozesse durchgemacht hat, bildet also den durchgehenden roten Faden des dritten Buches.

Die Gesetze dieser Verteilung werden im einzelnen nachgewiesen: Das Verhältnis der Mehrwertsrate zur Profitrate; die Herstellung einer einheitlichen Durchschnittsprofitrate; die Tendenz dieser Durchschnittsprofitrate, im Verlauf der ökonomischen Entwicklung mehr und mehr zu fallen; die Abzweigung des kommerziellen Profits; die Intervention des Leihkapitals und die Spaltung des Profits in Zins und Unternehmergewinn; das auf Grundlage des Leihkapitals sich aufbauende Kreditsystem mit seinen Hauptträgern, den Banken, und seiner Schwindelblüte, der Börse; die Entstehung von Surplusprofit und die Verwandlung dieses Surplusprofits, in gewissen Fällen, in Bodenrente; das Grundeigentum, das diese Rente in Empfang nimmt; als Resultat die Gesamtverteilung des durch die Arbeit neugeschaffenen Wertprodukts unter die drei Revenüe-Arten: Arbeitslohn, Profit (inkl. Zins), Grundrente; zum Schluß die Empfänger dieser drei Einkommensarten:

Arbeiter, Kapitalisten, Grundbesitzer - die Klassen der heutigen Gesellschaft. Leider ist dieser letzte Abschnitt - die Klassen - von Marx nicht ausgearbeitet worden.

Diese kurze Übersicht des Inhalts genügt aber wohl, um zu zeigen, daß die sämtlichen zur Sache gehörenden Fragen, die in den beiden ersten Büchern des Werks notwendig offengelassen werden mußten, hier ihre Erledigung finden.

 

 

Friedrich Engels

Auszug aus:

Brief an Victor Adler vom 16. März 1895

Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. Band 39, S. 436-438.

Da Du imLoch3 »Kapital« II und III ochsen willst, so will ich Dir zur Erleichterung einige Winke geben.

Buch II. Abschnitt 1. Lies Kap. 1 gründlich, dann kannst Du 2. und 3. Kap. leichter nehmen, Kap. 4 wieder als Resümee genauer; 5. und 6. sind leicht und besonders 6. behandelt Nebensächliches.

Abschnitt II.Kap.7-9 wichtig. Besonders wichtig 10. und 11. Ebenso 12., 13., 14. Dagegen 15., 16., 17. zunächst nur für kursorische Lektüre.

Abschnitt III. Ist eine ganz ausgezeichnete Darstellung des hier seit den Physiokraten zum erstenmal behandelten Gesamtkreislaufs von Waren und Geld in der kapitalistischen Gesellschaft -- ausgezeichnet dem Inhalt nach, aber furchtbar schwerfällig der Form nach, weil 1. zusammengeflickt aus zwei Bearbeitungen, die nach zwei verschiedenen Methoden verfahren, und 2. weil Bearbeitung Nr. 2 in einem Krankheitszustand gewaltsam zu Ende geführt wurde, wo das Hirn an chronischer Schlaflosigkeit litt. Das würde ich mir aufbewahren bis ganz zuletzt, nach erster Durcharbeit von Buch III. Es ist auch für Deine Arbeit noch am ersten entbehrlich.

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Dann das dritte Buch.

Hier ist wichtig: Im I. Abschnitt Kap. 14, dagegen für den allgemeinen Zusammenhang weniger wichtig, also zunächst nicht viel Zeit darauf zu verwenden. Kap.5, 6,7.

Abschnitt II. Sehr wichtig Kap. 8, 9, 10. Kursorisch zu behandeln 11 und 12.

Abschnitt III. Sehr wichtig, alles, 13-15.

Abschnitt IV. Ebenfalls sehr wichtig, aber auch leicht zu lesen 16 bis 20.

Abschnitt V. Sehr wichtig Kap. 21-27. Weniger Kap. 28. Wichtig Kap. 29. Im ganzen unwichtig für Deine Zwecke Kap. 30-32, wichtig, sobald es sich um Papiergeld etc, handelt, 33 und 34, über internationalen Wechselkurs wichtig 35, sehr interessant für Dich und leicht zu lesen 36.

Abschnitt VI. Grundrente. 37 und 38 wichtig. Weniger, aber doch mitzunehmen 39 und 40. Mehr zu vernachlässigen 41-43. (Differentialrente II, Einzelfälle.) 44-47 wieder wichtig und meist auch leicht zu lesen.

Abschnitt VII sehr schön, leider Torso und obendrein auch mit starken Spuren von Schlaflosigkeit.

So, wenn Du hiernach die Hauptsache gründlich und das weniger Wichtige zunächst oberflächlich durchnimmst (am besten vorher die Hauptsachen aus Bd. 1 nochmals zu lesen), so wirst Du einen Überblick über das Ganze bekommen und nachher die vernachlässigten Stellen auch leichter verarbeiten.

 

 

 

Friedrich Engels

Vorwort zum dritten Buch "Das Kapital"

London, 4. Oktober 1894

<7> Endlich ist es mir vergönnt, dies dritte Buch des Marxschen Hauptwerks, den Abschluß des theoretischen Teils, der Öffentlichkeit zu übergeben. Bei der Herausgabe des zweiten Buchs, 1885, meinte ich, das dritte würde wohl nur technische Schwierigkeiten machen, mit Ausnahme freilich einiger sehr wichtigen Abschnitte. Dies war in der Tat der Fall; aber von den Schwierigkeiten, die grade diese, die wichtigsten Abschnitte des Ganzen, mir bereiten würden, davon hatte ich damals keine Ahnung, ebensowenig wie von den sonstigen Hindernissen, die die Fertigstellung des Buchs so sehr verzögern sollten.

Zunächst und zumeist störte mich eine anhaltende Augenschwäche, die meine Arbeitszeit für Schriftliches jahrelang auf ein Minimum beschränkte und auch jetzt noch nur ausnahmsweise gestattet, bei künstlichem Licht die Feder in die Hand zu nehmen. Dazu kamen andre, nicht abzuweisende Arbeiten: Neuauflagen und Übersetzungen früherer Arbeiten von Marx und mir, also Revisionen, Vorreden, Ergänzungen, die ohne neue Studien oft unmöglich, usw. Vor allem die englische Ausgabe des ersten Buchs, für deren Text in letzter Instanz ich verantwortlich bin und die mir daher viel Zeit weggenommen hat. Wer den kolossalen Anwachs der internationalen sozialistischen Literatur während der letzten zehn Jahre, und namentlich die Anzahl der Übersetzungen früherer Arbeiten von Marx und mir, einigermaßen verfolgt hat, der wird mir recht geben, wenn ich mir Glück wünsche, daß die Anzahl der Sprachen sehr beschränkt ist, bei denen ich dem Übersetzer nützlich sein konnte und also die Verpflichtung hatte, eine Revision seiner Arbeit nicht von der Hand zu weisen. Der Anwachs der Literatur aber war nur ein Symptom des entsprechenden Anwachses der internationalen Arbeiterbewegung selbst. Und dieser legte mir neue Pflichten auf. Von den ersten Tagen unsrer öffentlichen Tätigkeit an war ein gutes Stück der Arbeit der Vermittlung zwischen den nationalen Be- <8> wegungen der Sozialisten und Arbeiter in den verschiednen Ländern auf Marx und mich gefallen; diese Arbeit wuchs im Verhältnis der Erstarkung der Gesamtbewegung. Während aber bis zu seinem Tode auch hierin Marx die Hauptlast übernommen hatte, fiel von da an die stets anschwellende Arbeit mir allein zu. Nun ist inzwischen der direkte Verkehr der einzelnen nationalen Arbeiterparteien untereinander zur Regel geworden und wird es glücklicherweise von Tag zu Tage mehr; trotzdem wird noch weit öfter, als mir im Interesse meiner theoretischen Arbeiten lieb ist, meine Hilfe in Anspruch genommen. Wer aber wie ich über fünfzig Jahre in dieser Bewegung tätig gewesen, für den sind die hieraus entspringenden Arbeiten eine unabweisbare, augenblicklich zu erfüllende Pflicht. Wie im sechzehnten Jahrhundert, gibt es in unsrer bewegten Zeit auf dem Gebiet der öffentlichen Interessen bloße Theoretiker nur noch auf Seite der Reaktion, und ebendeswegen sind diese Herren auch nicht einmal wirkliche Theoretiker, sondern simple Apologeten dieser Reaktion.

Der Umstand, daß ich in London wohne, bringt es nun mit sich, daß dieser Parteiverkehr im Winter meist brieflich, im Sommer aber großenteils persönlich stattfindet. Und daraus, wie aus der Notwendigkeit, den Gang der Bewegung in einer stets wachsenden Anzahl von Ländern und einer noch stärker wachsenden Anzahl von Preßorganen zu verfolgen, hat sich die Unmöglichkeit für mich entwickelt, Arbeiten, die keine Unterbrechung dulden, anders als im Winter, speziell in den ersten drei Monaten des Jahrs fertigzustellen. Wenn man seine siebenzig Jahre hinter sich hat, so arbeiten die Meynertschen Assoziationsfasern des Gehirns mit einer gewissen fatalen Bedächtigkeit; man überwindet Unterbrechungen in schwieriger theoretischer Arbeit nicht mehr so leicht und so rasch wie früher. Daher kam es, daß die Arbeit eines Winters, soweit sie nicht vollständig zum Abschluß geführt hatte, im nächsten Winter größtenteils wieder von neuem zu machen war, und dies fand statt, namentlich mit dem schwierigsten fünften Abschnitt.

Wie der Leser aus den folgenden Angaben ersehen wird, war die Redaktionsarbeit wesentlich verschieden von der beim zweiten Buch. Für das dritte lag eben nur ein, noch dazu äußerst lückenhafter, erster Entwurf vor. In der Regel waren die Anfänge jedes einzelnen Abschnitts ziemlich sorgfältig ausgearbeitet, auch meist stilistisch abgerundet. Je weiter man aber kam, desto skizzenmäßiger und lückenhafter wurde die Bearbeitung, desto mehr Exkurse über im Lauf der Untersuchung auftauchende Nebenpunkte enthielt sie, wofür die endgültige Stelle späterer Anordnung überlassen blieb, desto länger und verwickelter wurden die Perioden, worin die <11> in statu nascendi <im Entstehungszustand> niedergeschriebenen Gedanken sich ausdrückten. An mehreren Stellen verraten Handschrift und Darstellung nur zu deutlich das Hereinbrechen und die allmählichen Fortschritte eines jener aus Überarbeit entspringenden Krankheitsanfälle, die dem Verfasser selbständiges Arbeiten erst mehr und mehr erschwerten und endlich zeitweilig ganz unmöglich machten. Und kein Wunder. Zwischen 1863 und 1867 hatte Marx nicht nur die beiden letzten Bücher des Kapitals im Entwurf und das erste Buch in druckfertiger Handschrift hergestellt, sondern auch noch die mit der Gründung und Ausbreitung der Internationalen Arbeiterassoziation verknüpfte Riesenarbeit getan. Dafür stellten sich aber auch schon 1864 und 1865 ernste Anzeichen jener gesundheitlichen Störungen ein, die schuld daran sind, daß Marx an das II. und III. Buch nicht selbst die letzte Hand gelegt hat.

Meine Arbeit begann damit, daß ich das ganze Manuskript aus dem selbst für mich oft nur mühsam zu entziffernden Original in eine leserliche Kopie hinüberdiktierte, was schon eine ziemliche Zeit wegnahm. Erst dann konnte die eigentliche Redaktion beginnen. Ich habe diese auf das Notwendigste beschränkt, habe den Charakter des ersten Entwurfs, überall wo es die Deutlichkeit zuließ, möglichst beibehalten, auch einzelne Wiederholungen nicht gestrichen, da wo sie, wie gewöhnlich bei Marx, den Gegenstand jedesmal von andrer Seite fassen oder doch in andrer Ausdrucksweise wiedergeben. Da, wo meine Änderungen oder Zusätze nicht bloß redaktioneller Natur sind, oder wo ich das von Marx gelieferte tatsächliche Material zu eignen, wenn auch möglichst im Marxschen Geist gehaltnen Schlußfolgerungen verarbeiten mußte, ist die ganze Stelle in eckige Klammern gesetzt <im vorl. Band in geschweiften Klammern> und mit meinen Initialen bezeichnet. Bei meinen Fußnoten fehlen hier und da die Klammern; wo aber meine Initialen darunter stehn, bin ich für die ganze Note verantwortlich.

Wie in einem ersten Entwurf selbstverständlich, finden sich im Manuskript zahlreiche Hinweise auf später zu entwickelnde Punkte, ohne daß diese Versprechungen in allen Fällen eingehalten worden sind. Ich habe sie stehn lassen, da sie die Absichten des Verfassers in Beziehung auf künftige Ausarbeitung darlegen.

Und nun zum einzelnen.

Für den ersten Abschnitt war das Hauptmanuskript nur mit großen Einschränkungen brauchbar. Gleich anfangs wird die ganze mathematische Berechnung des Verhältnisses zwischen Mehrwertsrate und Profitrate (was <12> unser Kapitel 3 ausmacht) hineingezogen, während der in unserm Kap. 1 entwickelte Gegenstand erst später und gelegentlich behandelt wird. Hier kamen zwei Ansätze einer Umarbeitung zu Hilfe, jeder von 8 Seiten Folio; aber auch sie sind nicht durchweg im Zusammenhang ausgearbeitet. Aus ihnen ist das gegenwärtige Kap. 1 zusammengestellt. Kap. 2 ist aus dem Hauptmanuskript. Für Kap. 3 fanden sich eine ganze Reihe unvollständiger mathematischer Bearbeitungen, aber auch ein ganzes, fast vollständiges Heft aus den siebziger Jahren, das Verhältnis der Mehrwertsrate zur Profitrate in Gleichungen darstellend. Mein Freund Samuel Moore, der auch den größten Teil der englischen Übersetzung des ersten Buchs geliefert, übernahm es, dies Heft für mich zu bearbeiten, wozu er als alter Cambridger Mathematiker weit besser befähigt war. Aus seinem Resumé habe ich dann, unter gelegentlicher Benutzung des Hauptmanuskripts, das Kapitel 3 fertiggestellt. - Von Kap. 4 fand sich nur der Titel vor. Da aber der hier behandelte Punkt: Wirkung des Umschlags auf die Profitrate, von entscheidender Wichtigkeit ist, habe ich ihn selbst ausgearbeitet, weshalb das ganze Kapitel im Text auch in Klammern gesetzt ist. Es stellte sich dabei heraus, daß in der Tat die Formel des Kap. 3 für die Profitrate einer Modifikation bedurfte, um allgemein gültig zu sein. Vom fünften Kapitel an ist das Hauptmanuskript einzige Quelle für den Rest des Abschnitts, obwohl auch hier sehr viele Umstellungen und Ergänzungen nötig geworden sind.

Für die folgenden drei Abschnitte konnte ich mich, abgesehn von stilistischer Redaktion, fast durchweg an das Originalmanuskript halten. Einzelne, meist auf die Einwirkung des Umschlags bezügliche Stellen waren in Einklang mit dem von mir eingeschobnen Kap. 4 auszuarbeiten; auch sie sind in Klammern gesetzt und mit meinen Initialen bezeichnet.

Die Hauptschwierigkeit machte Abschnitt V, der auch den verwickeltsten Gegenstand des ganzen Buchs behandelt. Und grade hier war Marx in der Ausarbeitung von einem der erwähnten schweren Krankheitsanfälle überrascht worden. Hier liegt also nicht ein fertiger Entwurf vor, nicht einmal ein Schema, dessen Umrisse auszufüllen wären, sondern nur ein Ansatz von Ausarbeitung, der mehr als einmal in einen ungeordneten Haufen von Notizen, Bemerkungen, Materialien in Auszugsform ausläuft. Ich versuchte anfangs, diesen Abschnitt, wie es mir mit dem ersten einigermaßen gelungen war, durch Ausfüllung der Lücken und Ausarbeitung der nur angedeuteten Bruchstücke zu vervollständigen, so daß er wenigstens annähernd das alles bot, was der Verfasser zu geben beabsichtigt hatte. Ich habe dies wenigstens dreimal versucht, bin aber jedesmal gescheitert, und <13> in der hiermit verlornen Zeit liegt eine der Hauptursachen der Verspätung. Endlich sah ich ein, daß es auf diesem Weg nicht ging. Ich hätte die ganze massenhafte Literatur dieses Gebiets durchnehmen müssen und am Ende etwas zustande gebracht, was doch nicht Marx' Buch war. Mir blieb nichts übrig, als die Sache in gewisser Beziehung übers Knie zu brechen, mich auf möglichste Ordnung des Vorhandenen zu beschränken, nur die notdürftigsten Ergänzungen zu machen. Und so wurde ich Frühjahr 1893 mit der Hauptarbeit für diesen Abschnitt fertig.

Von den einzelnen Kapiteln waren Kap. 21-24 in der Hauptsache ausgearbeitet. Kap. 25 und 26 erforderten Sichtung des Belegstoffs und Einschiebung von Material, das sich an andren Stellen vorfand. Kap. 27 und 29 konnten fast ganz nach dem Ms. gegeben, Kap. 28 dagegen mußte stellenweise anders gruppiert werden. Mit Kap. 30 aber fing die eigentliche Schwierigkeit an. Von hier an galt es, nicht nur das Material von Belegstellen, sondern auch den jeden Augenblick durch Zwischensätze, Abschweifungen usw. unterbrochnen und an andrer Stelle, oft ganz beiläufig, weiter verfolgten Gedankengang in die richtige Ordnung zu bringen. So kam das 30. Kapitel zustande durch Umstellungen und Ausschaltungen, für die sich an andrer Stelle Verwendung fand. Kap. 31 war wieder mehr im Zusammenhang ausgearbeitet. Aber nun folgt im Ms. ein langer Abschnitt, überschrieben: "Die Konfusion", bestehend aus lauter Auszügen aus den Parlamentsberichten über die Krisen von 1848 und 1857, worin die Aussagen von dreiundzwanzig Geschäftsleuten und ökonomischen Schriftstellern, namentlich über Geld und Kapital, Goldabfluß, Überspekulation etc. zusammengestellt und stellenweise humoristisch kurz glossiert sind. Hier sind, sei es durch die Fragenden, sei es durch die Antwortenden, so ziemlich alle damals gangbaren Ansichten über das Verhältnis von Geld und Kapital vertreten, und die hier zu Tag tretende "Konfusion" über das, was auf dem Geldmarkte Geld und was Kapital sei, wollte Marx kritisch und satirisch behandeln. Ich habe mich nach vielen Versuchen überzeugt, daß eine Herstellung dieses Kapitels unmöglich ist; das Material, besonders das von Marx glossierte, ist da verwandt worden, wo sich ein Zusammenhang dafür vorfand.

Hierauf folgt in ziemlicher Ordnung das von mir im Kap. 32 Untergebrachte, unmittelbar darauf aber ein neuer Stoß von Auszügen aus den Parlamentsberichten über alle möglichen, in diesem Abschnitt berührten Gegenstände, vermischt mit längeren oder kürzeren Bemerkungen des Verfassers. Gegen das Ende konzentrieren sich die Auszüge und Glossen mehr und mehr auf die Bewegung der Geldmetalle und des Wechselkurses, <14> und schließen wieder mit allerhand Nachträglichem. Das "Vorkapitalistische" (Kap. 36) war dagegen vollständig ausgearbeitet.

Aus all diesem Material, von der "Konfusion" an, und soweit es nicht schon an früheren Stellen untergebracht, habe ich die Kapitel 33-35 zusammengestellt. Dies ging natürlich nicht ab ohne starke Einschübe meinerseits zur Herstellung des Zusammenhangs. Soweit diese Einschübe nicht bloß formeller Natur, sind sie als die meinigen ausdrücklich bezeichnet. Es ist mir auf diese Weise endlich gelungen, alle irgendwie zur Sache gehörenden Aussprüche des Verfassers im Text unterzubringen; es ist nichts weggefallen als ein geringer Teil der Auszüge, der entweder anderweitig Gegebnes nur wiederholte oder aber Punkte berührte, auf die im Ms. nicht näher eingegangen ist.

Der Abschnitt über Grundrente war viel vollständiger ausgearbeitet, wenn auch keineswegs geordnet, wie schon daraus hervorgeht, daß Marx es im Kap. 43 (im Ms. das letzte Stuck des Abschnitts über Rente) nötig findet, den Plan des ganzen Abschnitts kurz zu rekapitulieren. Und dies war für die Herausgabe um so erwünschter, als das Ms. anfängt mit Kap. 37, worauf Kap. 45-47 folgen und erst hierauf die Kap. 38-44. Die meiste Arbeit machten die Tabellen bei der Differentialrente II und die Entdeckung, daß in Kap. 43 der hier zu behandelnde dritte Fall dieser Rentenart gar nicht untersucht war.

Für diesen Abschnitt über Grundrente hatte Marx in den siebziger Jahren ganz neue Spezialstudien gemacht. Er hatte die nach der "Reform" von 1861 in Rußland unvermeidlich gewordnen statistischen Aufnahmen und sonstigen Veröffentlichungen über Grundeigentum, die ihm von russischen Freunden in wünschenswertester Vollständigkeit zur Verfügung gestellt worden, jahrelang in der Ursprache studiert und ausgezogen und beabsichtigte, sie bei der Neubearbeitung dieses Abschnitts zu verwerten. Bei der Mannigfaltigkeit der Formen sowohl des Grundbesitzes wie der Ausbeutung der ackerbauenden Produzenten in Rußland, sollte im Abschnitt über Grundrente Rußland dieselbe Rolle spielen wie im Buch I, bei der industriellen Lohnarbeit, England. Leider blieb ihm die Ausführung dieses Plans versagt.

Endlich der siebente Abschnitt lag in vollständiger Niederschrift vor, aber nur als erster Entwurf, dessen endlos verschlungne Perioden erst zerlegt werden mußten, um druckbar zu werden. Vom letzten Kapitel existiert nur der Anfang. Hier sollten die den drei großen Revenueformen: Grundrente, Profit, Arbeitslohn entsprechenden drei großen Klassen der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft - Grundeigentümer, Kapitalisten, <15> Lohnarbeiter - und der mit ihrer Existenz notwendig gegebne Klassenkampf als tatsächlich vorliegendes Ergebnis der kapitalistischen Periode dargestellt werden. Dergleichen Schlußzusammenfassungen pflegte Marx sich für die Schlußredaktion, kurz vor dem Druck, vorzubehalten, wo dann die neuesten geschichtlichen Ereignisse ihm mit nie versagender Regelmäßigkeit die Belege seiner theoretischen Entwicklungen in wünschenswertester Aktualität lieferten.

Die Zitate und Belegstellen sind, wie schon im II. Buch, bedeutend spärlicher als im ersten. Zitate aus Buch I geben die Seitenzahlen der 2. und 3. Auflage. Wo im Ms. auf theoretische Aussprüche früherer Ökonomen verwiesen wird, ist meist nur der Name angegeben, die Stelle selbst sollte bei der Schlußbearbeitung angezogen werden. Ich habe das natürlich so lassen müssen. Von Parlamentsberichten sind nur vier, aber diese auch ziemlich reichlich benutzt worden. Es sind folgende:

1. "Reports from Committees" (des Unterhauses), Vol. VIII, "Commercial Distress", Vol. II, Part 1, 1847/48, Minutes of Evidence. Zitiert als: "Commercial Distress", 1847/48.

2. "Secret Committee of the House of Lords on Commercial Distress 1847, Report printed 1848, Evidence printed 1857" (weil 1848 für zu kompromittierlich angesehn). - Zitiert als: C. D., 1848-1857.

3. Report: Bank Acts, 1857. - Ditto, 1858. - Berichte des Unterhausausschusses über die Wirkung der Bankakte von 1844 und 1845, mit Zeugenaussagen. - Zitiert als: B. A. (zuweilen auch B. C.). 1857, resp. 1858.

Das vierte Buch - die Geschichte der Mehrwertstheorie - werde ich in Angriff nehmen, sobald es mir irgendwie möglich wird. <Siehe Band 26>

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Im Vorwort zum zweiten Band des "Kapital" hatte ich mich abzufinden mit den Herren, die dazumal ein großes Geschrei erhoben, weil sie "in Rodbertus die geheime Quelle und einen überlegnen Vorgänger von Marx" gefunden haben wollten. Ich bot ihnen Gelegenheit, zu zeigen, "was die Rodbertussche Ökonomie leisten kann"; ich forderte sie auf, nachzuweisen, "wie nicht nur ohne Verletzung des Wertgesetzes, sondern vielmehr auf Grundlage desselben, eine gleiche Durchschnittsprofitrate sich bilden kann und muß". Dieselben Herren, die damals aus subjektiven oder objektiven, in der Regel aber alles andre als wissenschaftlichen Gründen den guten <16> Rodbertus als einen ökonomischen Stern allererster Größe ausposaunten, sind ausnahmslos die Antwort schuldig geblieben. Dagegen haben andre Leute es der Mühe wert gehalten, sich mit dem Problem zu beschäftigen.

In seiner Kritik des II. Bandes ("Conrads Jahrbücher", XI, 5, 1885, S. 452-465) nimmt Prof. W. Lexis die Frage auf, wenn er auch keine direkte Lösung geben will. Er sagt:

"Die Lösung jenes Widerspruchs" (zwischen dem Ricardo-Marxschen Wertgesetz und der gleichen Durchschnittsprofitrate) "ist unmöglich, wenn die verschiednen Warenarten vereinzelt betrachtet werden und ihr Wert gleich ihrem Tauschwert und dieser gleich oder proportional ihrem Preise sein soll."

Sie ist nach ihm nur möglich, wenn man

"für die einzelnen Warenarten die Bemessung des Wertes nach der Arbeit aufgibt und nur die Warenproduktion im ganzen und die Verteilung derselben unter die Gesamtklassen der Kapitalisten und Arbeiter ins Auge faßt ... Von dem Gesamtprodukt erhält die Arbeiterklasse nur einen gewissen Teil ... der andre, den Kapitalisten zufallende Teil bildet im Marxschen Sinne das Mehrprodukt und demnach auch ... den Mehrwert. Die Mitglieder der Kapitalistenklasse verteilen nun diesen gesamten Mehrwert unter sich, nicht nach Maßgabe der von ihnen beschäftigten Arbeiterzahl, sondern nach Verhältnis der von jedem gestellten Kapitalgröße, wobei auch Grund und Boden als Kapitalwert mit in Rechnung gezogen wird." Die Marxschen, durch die in den Waren verkörperten Arbeitseinheiten bestimmten Idealwerte entsprechen nicht den Preisen, können aber "als Ausgangspunkt einer Verschiebung betrachtet werden, die zu den wirklichen Preisen führt. Die letzteren sind dadurch bedingt, daß gleich große Kapitalien gleich große Gewinne verlangen." Dadurch werden einige Kapitalisten für ihre Waren höhere Preise erhalten als deren Idealwerte, andre erhalten niedrigere. "Da aber die Einbußen und Zulagen an Mehrwert sich innerhalb der Kapitalistenklasse gegenseitig aufheben, so ist die Gesamtgröße des Mehrwerts dieselbe, als wenn alle Preise den Idealwerten der Waren proportional wären."

Man sieht, die Frage ist hier nicht entfernt gelöst, aber sie ist, wenn auch in laxer und verflachender Weise, doch im ganzen richtig gestellt. Und dies ist in der Tat mehr, als wir von jemand erwarten dürfen, der sich, wie der Verfasser, mit einem gewissen Stolz als einen "Vulgärökonomen" hinstellt; es ist gradezu überraschend, wenn man es mit den später zu behandelnden Leistungen andrer Vulgärökonomen vergleicht. Die Vulgärökonomie des Verfassers ist allerdings eigner Art. Er sagt, der Kapitalgewinn könne allerdings in der Marxschen Weise abgeleitet werden, aber nichts zwinge zu dieser Auffassung. Im Gegenteil. Die Vulgärökonomie habe eine, mindestens plausiblere Erklärungsweise:

<17> "Die kapitalistischen Verkäufer, der Rohstoffproduzent, der Fabrikant, der Großhändler, der Kleinhändler, machen bei ihren Geschäften Gewinn, indem jeder teurer verkauft als er kauft, also den Selbstkostenpreis seiner Ware um einen gewissen Prozentsatz erhöht. Nur der Arbeiter ist nicht imstande, einen ähnlichen Wertzuschlag durchzusetzen, er ist vermöge seiner ungünstigen Lage dem Kapitalisten gegenüber genötigt, seine Arbeit für den Preis zu verkaufen, den sie ihm selbst kostet, nämlich für den notwendigen Lebensunterhalt ... so behalten diese Preiszuschläge den kaufenden Lohnarbeitern gegenüber ihre volle Bedeutung und bewirken die Übertragung eines Teils des Wertes des Gesamtprodukts auf die Kapitalistenklasse."

Nun bedarf es keiner großen Anstrengung des Denkens, um einzusehn, daß diese "vulgärökonomische" Erklärung des Kapitalprofits praktisch auf dieselben Resultate hinausläuft wie die Marxsche Mehrwertstheorie; daß die Arbeiter nach der Lexisschen Auffassung in genau derselben "ungünstigen Lage" sich befinden wie bei Marx; daß sie ganz ebensosehr die Geprellten sind, da jeder Nichtarbeiter über dem Preis verkaufen kann, der Arbeiter aber nicht; und daß auf Grundlage dieser Theorie sich ein mindestens ebenso plausibler Vulgärsozialismus aufbauen läßt, wie der hier in England auf Grundlage der Jevons-Mengerschen Gebrauchswerts- und Grenznutzentheorie aufgebaute. Ja, ich vermute sogar, würde Herrn George Bernard Shaw diese Profittheorie bekannt, er wäre imstand, mit beiden Händen zuzugreifen, Jevons und Karl Menger den Abschied zu geben und auf diesem Felsen die Fabianische Kirche der Zukunft neu zu errichten.

In Wirklichkeit aber ist diese Theorie nur eine Umschreibung der Marxschen. Woraus werden denn die sämtlichen Preiszuschläge bestritten? Aus dem "Gesamtprodukt" der Arbeiter. Und zwar, indem die Ware "Arbeit", oder, wie Marx sagt, Arbeitskraft, unter ihrem Preis verkauft werden muß. Denn wenn es die gemeinsame Eigenschaft aller Waren ist, teurer verkauft zu werden als die Produktionskosten, wenn aber hiervon die Arbeit allein ausgenommen ist und stets nur zu den Produktionskosten verkauft wird, so wird sie eben unter dem Preis verkauft, der die Regel ist in dieser vulgärökonomischen Welt. Der infolgedessen dem Kapitalisten, resp. der Kapitalistenklasse zufallende Extraprofit besteht eben darin, und kann in letzter Instanz nur dadurch zustande kommen, daß der Arbeiter, nach Reproduktion des Ersatzes für den Preis seiner Arbeit, noch weiteres Produkt produzieren muß, für das er nicht bezahlt wird - Mehrprodukt, Produkt unbezahlter Arbeit, Mehrwert. Lexis ist ein in der Wahl seiner Ausdrucke äußerst vorsichtiger Mann. Er sagt nirgends gradeaus, daß obige Auffassung die seinige ist; ist sie es aber, so ist sonnenklar, daß wir <18> es hier nicht mit einem jener gewöhnlichen Vulgärökonomen zu tun haben, von denen er selbst sagt, daß jeder einzelne in den Augen von Marx "bestenfalls nur ein hoffnungsloser Schwachkopf ist", sondern mit einem als Vulgärökonomen verkleideten Marxisten. Ob diese Verkleidung bewußt oder unbewußt vor sich gegangen, ist eine uns hier nicht interessierende psychologische Frage. Wer das ergründen möchte, wird vielleicht auch untersuchen, wie es möglich war, daß zu einer gewissen Zeit ein so gescheiter Mann, wie Lexis es unzweifelhaft ist, auch einmal einen solchen Blödsinn wie den Bimetallismus verteidigen konnte.

Der erste, der die Frage wirklich zu beantworten versuchte, war Dr. Conrad Schmidt, "Die Durchschnittsprofitrate auf Grundlage des Marx'schen Werthgesetzes", Dietz, Stuttgart 1889 [ED2]. Schmidt sucht die Details der Marktpreisbildung in Einklang zu bringen sowohl mit dem Wertgesetz wie mit der Durchschnittsprofitrate. Der industrielle Kapitalist erhält in seinem Produkt erstens Ersatz für sein vorgeschoßnes Kapital, zweitens ein Mehrprodukt, wofür er nichts bezahlt hat. Um dies Mehrprodukt aber zu erhalten, muß er sein Kapital in der Produktion vorschießen; d.h. er muß ein bestimmtes Quantum vergegenständlichter Arbeit anwenden, um sich dies Mehrprodukt aneignen zu können. Für den Kapitalisten ist also dies sein vorgeschoßnes Kapital das Quantum vergegenständlichter Arbeit, das gesellschaftlich nötig ist, um ihm dies Mehrprodukt zu verschaffen. Für jeden andern industriellen Kapitalisten gilt dasselbe. Da nun die Produkte dem Wertgesetz gemäß sich gegeneinander austauschen im Verhältnis der zu ihrer Produktion gesellschaftlich notwendigen Arbeit, und da für den Kapitalisten die zur Herstellung seines Mehrprodukts notwendige Arbeit eben die in seinem Kapital aufgehäufte, vergangene Arbeit ist, so folgt, daß sich die Mehrprodukte austauschen nach dem Verhältnis der zu ihrer Produktion erheischten Kapitale, nicht aber nach dem der wirklich in ihnen verkörperten Arbeit. Der auf jede Kapitaleinheit fallende Anteil ist also gleich der Summe aller produzierten Mehrwerte, dividiert durch die Summe der darauf verwandten Kapitale. Hiernach werfen gleiche Kapitale in gleichen Zeiträumen gleiche Profite ab, und dies wird bewirkt, indem der so berechnete Kostpreis des Mehrprodukts, d.h. der Durchschnittsprofit, auf den Kostpreis des bezahlten Produkts geschlagen und zu diesem erhöhten Preise beides, bezahltes und unbezahltes Produkt, verkauft wird. Die Durchschnittsprofitrate ist hergestellt, trotzdem daß, wie Schmidt meint, die Durchschnittspreise der einzelnen Waren nach dem Wertgesetz bestimmt werden.

Die Konstruktion ist äußerst sinnreich, sie ist ganz nach Hegelschem <19> Muster, aber sie teilt das mit der Mehrzahl der Hegelschen, daß sie nicht richtig ist. Mehrprodukt oder bezahltes Produkt macht keinen Unterschied: soll das Wertgesetz auch für die Durchschnittspreise unmittelbar gelten, so müssen beide verkauft werden im Verhältnis der zu ihrer Herstellung erforderlichen und darin verbrauchten gesellschaftlich nötigen Arbeit. Das Wertgesetz richtet sich von vornherein gegen die aus der kapitalistischen Vorstellungsweise überkommene Ansicht, als sei die aufgehäufte vergangne Arbeit, woraus das Kapital besteht, nicht bloß eine bestimmte Summe von fertigem Wert, sondern, weil Faktor der Produktion und Profitbildung, auch wertbildend, also Quelle von mehr Wert, als es selbst hat; es stellt fest, daß diese Eigenschaft nur der lebendigen Arbeit zukommt. Daß die Kapitalisten im Verhältnis der Größe ihrer Kapitale gleiche Profite erwarten, ihren Kapitalvorschuß also als eine Art Kostpreis ihres Profits ansehn, ist bekannt. Wenn aber Schmidt diese Vorstellung benutzt, um vermittelst ihrer die nach der Durchschnittsprofitrate berechneten Preise in Einklang mit dem Wertgesetz zu bringen, so hebt er das Wertgesetz selbst auf, indem er eine ihm total widersprechende Vorstellung diesem Gesetz als mitbestimmenden Faktor einverleibt.

Entweder ist die aufgehäufte Arbeit wertbildend neben der lebendigen. Dann gilt das Wertgesetz nicht.

Oder sie ist nicht wertbildend. Dann ist Schmidts Beweisführung unverträglich mit dem Wertgesetz.

Schmidt wurde auf diesen Seitenweg geführt, als er der Lösung schon sehr nahe war, weil er glaubte, eine womöglich mathematische Formel finden zu müssen, die den Einklang des Durchschnittspreises jeder einzelnen Ware mit dem Wertgesetz nachweisen ließe. Wenn er aber hier, ganz in der Nähe des Ziels, einem Irrweg folgte, so beweist der übrige Inhalt der Broschüre, mit welchem Verständnis er aus den beiden ersten Büchern des "Kapitals" weitere Schlüsse gezogen hat. Ihm gebührt die Ehre, für die bisher unerklärliche sinkende Tendenz der Profitrate die richtige, bei Marx im dritten Abschnitt des dritten Buchs gegebne Erklärung selbständig gefunden zu haben; desgleichen die Ableitung des Handelsprofits aus dem industriellen Mehrwert und eine ganze Reihe von Bemerkungen über Zins und Grundrente, wodurch Dinge antizipiert werden, die bei Marx im vierten und fünften Abschnitt des dritten Buchs entwickelt sind.

In einer späteren Arbeit ("Neue Zeit", 1892/93, Nr. 3 und 4) versucht Schmidt einen andern Weg der Lösung. Dieser läuft darauf hinaus, daß die Konkurrenz es ist, die die Durchschnittsprofitrate herstellt, indem sie Kapital aus Produktionszweigen mit Unterprofit in andre auswandern <20> macht, wo Überprofit gemacht wird. Daß die Konkurrenz die große Ausgleicherin der Profite ist, ist nicht neu. Aber nun versucht Schmidt den Nachweis, daß diese Nivellierung der Profite identisch ist mit der Reduzierung des Verkaufspreises von im Übermaß produzierten Waren auf das Wertmaß, das die Gesellschaft nach dem Wertgesetz dafür zahlen kann. Warum auch dies nicht zum Ziel führen konnte, ergibt sich hinreichend aus den Auseinandersetzungen von Marx im Buche selbst.

Nach Schmidt ging P. Fireman [ed1] an das Problem ("Conrads Jahrbücher", Dritte Folge, III, S. 793). Ich gehe nicht ein auf seine Bemerkungen über sonstige Seiten der Marxschen Darstellung. Sie beruhen auf dem Mißverständnis, daß Marx da definieren will, wo er entwickelt, und daß man überhaupt bei Marx nach fix und fertigen, ein für allemal gültigen Definitionen suchen dürfe. Es versteht sich ja von selbst, daß da, wo die Dinge und ihre gegenseitigen Beziehungen nicht als fixe, sondern als veränderliche aufgefaßt werden, auch ihre Gedankenabbilder, die Begriffe, ebenfalls der Veränderung und Umbildung unterworfen sind; daß man sie nicht in starre Definitionen einkapselt, sondern in ihrem historischen resp. logischen Bildungsprozeß entwickelt. Danach wird es wohl klar sein, warum Marx am Anfang des ersten Buchs, wo er von der einfachen Warenproduktion als seiner historischen Voraussetzung ausgeht, um dann weiterhin von dieser Basis aus zum Kapital zu kommen - warum er da eben von der einfachen Ware ausgeht und nicht von einer begrifflich und geschichtlich sekundären Form, von der schon kapitalistisch modifizierten Ware; was freilich Fireman platterdings nicht einsehn kann. Diese und andre Nebendinge, die noch zu mancherlei Einwendungen Anlaß geben könnten, lassen wir lieber links liegen und gehn sofort zum Kern der Sache über. Während dem Verfasser die Theorie lehrt, daß der Mehrwert bei gegebner Mehrwertsrate der Anzahl der angewandten Arbeitskräfte proportional ist, zeigt ihm die Erfahrung, daß bei gegebner Durchschnittsprofitrate der Profit proportional ist der Größe des angewandten Gesamtkapitals. Dies erklärt Fireman dadurch, daß der Profit eine nur konventionelle (das heißt bei ihm: einer bestimmten gesellschaftlichen Formation angehörige, mit ihr stehende und fallende) Erscheinung ist; seine Existenz ist einfach an das Kapital geknüpft; dies, wenn es stark genug ist, sich einen Profit zu erzwingen, ist durch die Konkurrenz genötigt, sich auch eine für alle Kapitale gleiche Profitrate zu erzwingen. Ohne gleiche Profitrate ist eben keine kapitalistische Produktion möglich; diese Produktionsform vorausgesetzt, kann für jeden Einzelkapitalisten die Masse des Profits nur abhängen, bei gegebner Profitrate, von der Größe seines Kapitals. Andrerseits besteht der Profit <21> aus Mehrwert, unbezahlter Arbeit. Und wie geschieht hier die Verwandlung des Mehrwerts, dessen Größe sich nach der Ausbeutung der Arbeit richtet, in Profit, dessen Größe sich nach der Größe des dazu erforderten Kapitals richtet?

"Einfach dadurch, daß in allen Produktionszweigen, wo das Verhältnis zwischen ... konstantem und variablem Kapital am größten ist, die Waren über ihrem Wert verkauft werden, das heißt aber auch, daß in denjenigen Produktionszweigen, wo das Verhältnis konstantes Kapital: variables Kapital = c : v am kleinsten ist, die Waren unter ihrem Wert verkauft werden, und daß nur, wo das Verhältnis c : v eine bestimmte Mittelgröße darstellt, die Waren zu ihrem wahren Wert veräußert werden ... Ist diese Inkongruenz einzelner Preise mit ihren respektiven Werten eine Widerlegung des Wertprinzips? Keineswegs. Denn dadurch, daß die Preise einiger Waren in gleichem Maß über den Wert steigen, wie die Preise andrer unter den Wert sinken, bleibt die Totalsumme der Preise der Totalsumme der Werte gleich ... 'in letzter Instanz' verschwindet die Inkongruenz." Diese Inkongruenz ist eine "Störung"; "in den exakten Wissenschaften aber pflegt man eine berechenbare Störung nie als eine Widerlegung eines Gesetzes zu betrachten".

Man vergleiche hiermit die entsprechenden Stellen in Kap. IX, und man wird finden, daß Fireman hier in der Tat den Finger auf den entscheidenden Punkt gelegt hat. Wie vieler Mittelglieder es aber auch nach dieser Entdeckung noch bedürfte, um Fireman zu befähigen, die volle handgreifliche Lösung des Problems herauszuarbeiten, beweist die unverdient kühle Aufnahme, die sein so bedeutender Artikel gefunden hat. So viele sich auch für das Problem interessierten, sie alle fürchteten noch immer, sich die Finger zu verbrennen. Und dies erklärt sich nicht nur aus der unvollendeten Form, worin Fireman seinen Fund gelassen hat, sondern auch aus der unleugbaren Mangelhaftigkeit sowohl seiner Auffassung der Marxschen Darstellung, wie seiner eignen, auf dieser Auffassung begründeten allgemeinen Kritik derselben.

Wo es Gelegenheit gibt, sich bei einer schwierigen Sache zu blamieren, da fehlt Herr Professor Julius Wolf in Zürich nie. Das ganze Problem, erzählt er uns ("Conrads Jahrbücher", Dritte Folge, II, S. 352 und ff.), löst sich durch den relativen Mehrwert. Die Produktion des relativen Mehrwerts beruht auf Vermehrung des konstanten Kapitals gegenüber dem variablen.

"Ein Plus an konstantem Kapital hat ein Plus an Produktivkraft der Arbeiter zur Voraussetzung. Da dies Plus an Produktivkraft aber (auf dem Wege über die Verbilligung der Lebensmittel) ein Plus an Mehrwert nach sich zieht, ist die direkte Beziehung zwischen wachsendem Mehrwert und wachsender Beteiligung des konstanten <22> Kapitals im Gesamtkapital hergestellt. Ein Mehr an konstantem Kapital weist ein Mehr an Produktivkraft der Arbeit aus. Bei gleichbleibendem variablem und wachsendem konstantem Kapital muß daher der Mehrwert steigen im Einklang mit Marx. Diese Frage war uns aufgegeben."

Zwar sagt Marx an hundert Stellen des ersten Buchs das grade Gegenteil; zwar ist die Behauptung, nach Marx steige der relative Mehrwert, bei fallendem variablem Kapital, im Verhältnis wie das konstante Kapital steigt, von einer Erstaunlichkeit, die jedes parlamentarischen Ausdrucks spottet, zwar beweist Herr Julius Wolf in jeder Zeile, daß er weder relativ noch absolut das geringste verstanden hat weder von absolutem noch von relativem Mehrwert; zwar sagt er selbst:

"man scheint sich auf den ersten Blick hier wirklich in einem Nest von Ungereimtheiten zu befinden",

was beiläufig das einzige wahre Wort in seinem ganzen Artikel ist. Aber was tut das alles? Herr Julius Wolf ist so stolz auf seine geniale Entdeckung, daß er nicht unterlassen kann, dem Marx dafür posthume Lobsprüche zu erteilen und diesen seinen eignen unergründlichen Unsinn anzupreisen als einen

"neuerlichen Beweis der Schärfe und Weitsichtigkeit, mit der sein" (Marx') "kritisches System der kapitalistischen Wirtschaft entworfen ist"!

Aber es kommt noch besser: Herr Wolf sagt:

"Ricardo hat ebensowohl behauptet: gleicher Kapitalaufwand, gleicher Mehrwert (Profit), wie: gleicher Arbeitsaufwand, gleicher Mehrwert (der Masse nach). Und die Frage war nun: wie reimt sich das eine mit dem andern. Marx hat die Frage in dieser Form nun aber nicht anerkannt. Er hat (im dritten Band) zweifellos nachgewiesen, daß die zweite Behauptung nicht unbedingte Konsequenz des Wertgesetzes sei, ja daß sie seinem Wertgesetze widerspreche und also ... direkt zu verwerfen sei."

Und nun untersucht er, wer von uns beiden sich geirrt hat, ich oder Marx. Daß er selbst in der Irre spazierengeht, daran denkt er natürlich nicht.

Es hieße meine Leser beleidigen und die Komik der Situation total verkennen, wollte ich nur ein Wort verlieren über diese Prachtstelle. Ich füge nur noch hinzu: Mit derselben Kühnheit, womit er damals bereits sagen konnte, was "Marx im dritten Band zweifellos nachgewiesen", benutzt er die Gelegenheit, einen angeblichen Professorenklatsch zu berichten, wonach Conrad Schmidts obige Schrift "von Engels direkt inspiriert sei". Herr Julius Wolf! In der Welt, worin Sie leben und weben, mag es üblich <25> sein, daß der Mann, der andern öffentlich ein Problem stellt, seine Privatfreunde im stillen mit der Lösung bekannt macht. Daß Sie dazu kapabel sind, will ich Ihnen gern glauben. Daß in der Welt, worin ich verkehre, man sich nicht zu solchen Erbärmlichkeiten herabzulassen braucht, beweist Ihnen das gegenwärtige Vorwort. -

Kaum war Marx gestorben, da veröffentlichte Herr Achille Loria schleunigst einen Artikel über ihn in der "Nuova Antologia" (April 1883): zuerst eine von falschen Angaben strotzende Biographie, sodann eine Kritik der öffentlichen, politischen und literarischen Tätigkeit. Die Marxische materialistische Auffassung der Geschichte wird hier gefälscht und verdreht mit einer Zuversichtlichkeit, die einen großen Zweck erraten läßt. Und dieser Zweck ist erreicht worden: 1886 veröffentlichte derselbe Herr Loria ein Buch "La teoria economica della costituzione politica", worin er die 1883 so gänzlich und so absichtlich entstellte Marxsche Geschichtstheorie als seine eigne Erfindung der staunenden Mitwelt verkündet. Allerdings ist die Marxsche Theorie hier auf ein ziemlich philiströses Niveau heruntergebracht; auch wimmeln die historischen Belege und Beispiele von Schnitzern, die man keinem Quartaner durchlassen würde; aber was verschlägt das alles? Die Entdeckung, daß überall und immer die politischen Zustände und Ereignisse ihre Erklärung finden in den entsprechenden ökonomischen Zuständen, wurde, wie hiermit bewiesen, keineswegs von Marx im Jahr 1845 gemacht, sondern von Herrn Loria 1886. Wenigstens hat er dies seinen Landsleuten, und seit sein Buch französisch erschienen, auch einigen Franzosen glücklich aufgebunden und kann jetzt als Autor einer neuen epochemachenden Geschichtstheorie in Italien herumstolzieren, bis die dortigen Sozialisten Zeit finden, dem illustre <erlauchten> Loria die gestohlnen Pfauenfedern herunterzuzupfen.

Das ist aber erst ein kleines Pröbchen von Herrn Lorias Manier. Er versichert uns, daß sämtliche Theorien von Marx beruhen auf einem bewußten Sophisma (un consaputo sofisma); daß Marx vor Paralogismen nicht zurückscheute, auch wenn er sie als solche erkannte (sapendoli tali) usw. Und nachdem er mit einer ganzen Reihe ähnlicher gemeiner Schnurren seinen Lesern das Nötige beigebracht hat, damit sie Marx für einen Streber à la Loria ansehn, der seine Effektchen mit denselben kleinen faulen Humbugsmittelchen in Szene setzt wie unser paduanischer Professor, jetzt kann er ihnen ein wichtiges Geheimnis verraten, und damit führt er auch uns zur Profitrate zurück.

<26> Herr Loria sagt: Nach Marx soll sich die in einem kapitalistischen Industriegeschäft produzierte Masse des Mehrwerts (den Herr Loria hier mit dem Profit identifiziert) richten nach dem darin angewandten variablen Kapital, da das konstante Kapital keinen Profit abwirft. Das widerspricht aber der Wirklichkeit. Denn in der Praxis richtet sich der Profit nicht nach dem variablen, sondern nach dem Gesamtkapital. Und Marx sieht dies selbst ein (I, Kap. XI) und gibt zu, daß dem Anschein nach die Tatsachen seiner Theorie widersprechen. Wie aber löst er den Widerspruch? Er verweist seine Leser auf einen noch nicht erschienenen folgenden Band. Von diesem Band hatte Loria seinen Lesern schon früher gesagt, er glaube nicht, daß Marx auch nur einen Augenblick daran gedacht habe, ihn zu schreiben, und jetzt ruft er triumphierend aus:

"Nicht mit Unrecht habe ich also behauptet, dieser zweite Band, womit Marx in einem fort seinen Gegnern droht, ohne daß er je erscheint, dieser Band könne sehr wohl ein pfiffiges Auskunftsmittel gewesen sein, das Marx da anwandte, wo ihm die wissenschaftlichen Argumente ausgingen (un ingegnoso spediente ideato dal Marx a sostituzione degli argomenti scientifici)."

Und wer jetzt nicht überzeugt ist, daß Marx auf derselben Höhe des wissenschaftlichen Schwindels steht wie l'illustre Loria, an dem ist Hopfen und Malz verloren.

Soviel also haben wir gelernt: nach Herrn Loria ist die Marxsche Mehrwertstheorie absolut unvereinbar mit der Tatsache der allgemeinen gleichen Profitrate. Nun kam das zweite Buch heraus und damit meine öffentlich gestellte Frage grade über diesen selben Punkt. <Siehe Band 24, S 26> Wäre Herr Loria einer von uns blöden Deutschen gewesen, er wäre einigermaßen in Verlegenheit geraten. Aber er ist ein kecker Südländer, er kommt aus einem heißen Klima, wo, wie er behaupten kann, die Unverfrorenheit gewissermaßen Naturbedingung ist. Die Frage wegen der Profitrate ist öffentlich gestellt. Herr Loria hat sie öffentlich für unlöslich erklärt. Und grade deshalb wird er sich jetzt selbst übertreffen, indem er sie öffentlich löst.

Dies Wunder geschieht in "Conrads Jahrbüchern", N. F., Bd. XX, S. 272 ff., in einem Artikel über Conrad Schmidts oben erwähnte Schrift. Nachdem er von Schmidt gelernt, wie der kommerzielle Profit zustande kommt, ist ihm auf einmal alles klar.

"Da nun die Wertbestimmung durch die Arbeitszeit den Kapitalisten, die einen größeren Teil ihres Kapitals in Löhnen anlegen, einen Vorteil gibt, so kann das unproduktive" (soll heißen kommerzielle) "Kapital von diesen bevorzugten Kapitalisten <27> einen höheren Zins" (soll heißen Profit) "erzwingen und die Gleichheit zwischen den einzelnen industriellen Kapitalisten hervorbringen ... So z.B., wenn die industriellen Kapitalisten A, B, C, 100 Arbeitstage für jeden, und respektive 0, 100, 200 konstantes Kapital in der Produktion anwenden, und der Arbeitslohn für 100 Arbeitstage 50 Arbeitstage in sich enthält, jeder Kapitalist einen Mehrwert von 50 Arbeitstagen bekommt und die Profitrate 100% ist für den ersten, 33,3% für den zweiten und 20% für den dritten Kapitalisten. Wenn aber ein vierter Kapitalist D ein unproduktives Kapital von 300 akkumuliert, das einen Zins" (Profit) "von dem Wert von 40 Arbeitstagen von A, einen Zins von 20 Arbeitstagen von B erheischt, so wird die Profitrate der Kapitalisten A und B zu 20%, wie die C's, sinken und D mit einem Kapital von 300 wird einen Profit von 60, d.h. eine Profitrate von 20%, wie die übrigen Kapitalisten bekommen."

Mit so überraschender Gewandtheit, im Handumdrehn, löst l'illustre Loria dieselbe Frage, die er vor zehn Jahren für unlösbar erklärt hatte. Leider hat er uns das Geheimnis nicht verraten, woher das "unproduktive Kapital" die Macht erhält, den Industriellen diesen ihren, die Durchschnittsprofitrate überschreitenden Extraprofit nicht nur abzuzwacken, sondern auch selbst in der Tasche zu behalten, ganz wie der Grundeigentümer den überschüssigen Profit des Pächters als Grundrente einsteckt. In der Tat würden die Kaufleute hiernach einen der Grundrente durchaus analogen Tribut von den Industriellen erheben und dadurch die Durchschnittsprofitrate herstellen. Allerdings ist das Handelskapital ein sehr wesentlicher Faktor in der Herstellung der allgemeinen Profitrate, wie so ziemlich jedermann weiß. Aber nur ein literarischer Abenteurer, der im Grunde seines Herzens auf die ganze Ökonomie pfeift, kann sich die Behauptung erlauben, es besitze die Zauberkraft, allen über die allgemeine Profitrate, und dazu noch ehe eine solche hergestellt ist, überschüssigen Mehrwert an sich zu saugen und in Grundrente für sich selbst zu verwandeln, und das obendrein, ohne daß es irgendein Grundeigentum dazu nötig hat. Nicht weniger erstaunlich ist die Behauptung, das Handelskapital bringe es fertig, diejenigen Industriellen zu entdecken, deren Mehrwert nur grade die Durchschnittsprofitrate deckt, und es rechne es sich zur Ehre an, diesen unglücklichen Opfern des Marxschen Wertgesetzes ihr Los einigermaßen zu erleichtern, indem es ihnen ihre Produkte gratis, sogar ohne jede Provision verkauft. Welch ein Taschenspieler gehört dazu, sich einzubilden, Marx habe solche jämmerliche Kunststückchen nötig!

In seiner vollen Glorie aber strahlt unser illustre Loria erst, wenn wir ihn mit seinen nordischen Konkurrenten vergleichen, z. B. mit Herrn Julius Wolf, der doch auch nicht von gestern ist. Welch ein kleiner Kläffer scheint dieser, selbst in seinem dicken Buch über "Sozialismus und kapitalistische <28> Gesellschaftsordnung", neben dem Italiener! Wie unbehilflich, ich wäre fast versucht zu sagen, wie bescheiden steht er da neben der edlen Dreistigkeit, womit der Maestro es als selbstredend hinstellt, daß Marx nicht mehr und nicht minder als alle andern Leute auch, ein genau ebenso bewußter Sophist, Paralogist, Aufschneider und Marktschreier war wie Herr Loria selbst - daß Marx jedesmal, wenn er festsitzt, dem Publikum von einem Abschluß seiner Theorie in einem folgenden Band vorschwefelt, den er, wie er selbst sehr gut weiß, weder liefern kann noch will! Unbegrenzte Keckheit, gepaart mit aalglattem Durchschlüpfen durch unmögliche Situationen, heroische Verachtung gegen erhaltne Fußtritte, rasch zugreifende Aneignung fremder Leistungen, zudringliche Marktschreierei der Reklame, Organisation des Ruhms vermittelst des Kamaraderieklüngels - wer reicht ihm in alledem das Wasser?

Italien ist das Land der Klassizität. Seit der großen Zeit, als bei ihm die Morgenröte der modernen Welt aufging, brachte es großartige Charaktere hervor in unerreicht klassischer Vollendung, von Dante bis auf Garibaldi. Aber auch die Zeit der Erniedrigung und Fremdherrschaft hinterließ ihm klassische Charaktermasken, darunter zwei besonders ausgemeißelte Typen: den Sganarell und den Dulcamara. Die klassische Einheit beider sehn wir verkörpert in unserm illustre Loria.

Zum Schluß muß ich meine Leser über den Ozean führen. In New York hat Herr Dr. med. George C. Stiebeling auch eine Lösung des Problems gefunden, und zwar eine äußerst einfache. So einfach, daß kein Mensch weder hüben noch drüben sie anerkennen wollte; worüber er in großen Zorn geriet und in einer endlosen Reihe Broschüren und Zeitungsartikel auf beiden Seiten des großen Wassers sich bitterlichst über diese Unbill beschwerte. Man sagte ihm zwar in der "Neuen Zeit", seine ganze Lösung beruhe auf einem Rechenfehler. Aber das konnte ihn nicht stören; Marx hat auch Rechenfehler gemacht und behält dennoch in vielen Dingen recht. Sehn wir uns also die Stiebelingsche Lösung an.

"Ich nehme zwei Fabriken an, die mit gleichem Kapital gleiche Zeit arbeiten, aber mit einem verschiednen Verhältnis des konstanten und des variablen Kapitals. Das Gesamtkapital (c + v) setze ich = y, und bezeichne den Unterschied in dem Verhältnis des konstanten zu dem variablen Kapital mit x. In Fabrik I ist y = c + v, in Fabrik II ist y = (c - x) + (v + x). Die Rate des Mehrwerts ist also in Fabrik I = m/v und in Fabrik II = m/(v + x). Profit (p) nenne ich den Gesamtmehrwert (m), um den sich das Gesamtkapital y oder c + v in der gegebnen Zeit vermehrt, also p = m. Die Rate des Profits ist demnach in Fabrik I = p/y oder m/(c + v) , und in Fabrik II ebenfalls p/y oder <29> m/((c - x) + (v + x)), d.h. ebenfalls = m/(c + v), Das ... Problem löst sich also derart, daß auf Grundlage des Wertgesetzes, bei Anwendung gleichen Kapitals und gleicher Zeit, aber ungleicher Mengen lebendiger Arbeit, aus der Veränderung der Rate des Mehrwerts eine gleiche Durchschnittsprofitrate hervorgeht." (G. C. Stiebeling, "Das Werthgesetz und die Profitrate", New York, John Heinrich.)

So schön und einleuchtend auch die obige Rechnung ist, so sind wir doch genötigt, eine Frage an Herrn Dr. Stiebeling zu richten: Woher weiß er, daß die Summe des Mehrwerts, den Fabrik I produziert, aufs Haar gleich ist der Summe des in Fabrik II erzeugten Mehrwerts? Von c, v, y und x, also von allen übrigen Faktoren der Rechnung sagt er uns ausdrücklich, daß sie für beide Fabriken gleiche Größe haben, aber von m kein Wort. Daraus aber, daß er beide hier vorkommende Mengen Mehrwert algebraisch mit m bezeichnet, folgt dies keineswegs. Es ist, da Herr Stiebeling auch den Profit p ohne weiteres mit dem Mehrwert identifiziert, vielmehr grade das, was bewiesen werden soll. Nun sind nur zwei Fälle möglich: entweder sind die beiden m gleich, jede Fabrik produziert gleich viel Mehrwert, also bei gleichem Gesamtkapital auch gleich viel Profit, und dann hat Herr Stiebeling von vornherein das schon vorausgesetzt, was er erst beweisen soll. Oder aber, die eine Fabrik produziert eine größere Summe Mehrwert als die andre, und dann fällt seine ganze Rechnung dahin.

Herr Stiebeling hat weder Mühe noch Kosten gescheut, auf diesen seinen Rechenfehler ganze Berge von Rechnungen aufzubauen und dem Publikum zur Schau zu stellen. Ich kann ihm die beruhigende Versicherung geben, daß sie fast alle gleichmäßig unrichtig sind, und daß sie da, wo dies ausnahmsweise nicht der Fall ist, ganz etwas anders beweisen, als er beweisen will. So beweist er aus der Vergleichung der amerikanischen Zensusberichte von 1870 und 1880 tatsächlich den Fall der Profitrate, erklärt ihn aber total falsch und meint, die Marxsche Theorie einer sich immer gleichbleibenden, stabilen Profitrate durch die Praxis berichtigen zu müssen. Nun folgt aber aus dem dritten Abschnitt des vorliegen dritten Buchs, daß diese Marxsche "feststehende Profitrate" ein reines Hirngespinst ist, und daß die fallende Tendenz der Profitrate auf Ursachen beruht, die den von Dr. Stiebeling angegebnen diametral entgegengesetzt sind. Herr Dr. Stiebeling meint es sicher sehr gut, aber wenn man sich mit wissenschaftlichen Fragen beschäftigen will, muß man vor allen Dingen lernen, die Schriften, die man benutzen will, so zu lesen, wie der Verfasser sie geschrieben hat, und vor allem, ohne Dinge hineinzulesen, die nicht darinstehn.

<30> Resultat der ganzen Untersuchung: auch mit Bezug auf die vorliegende Frage ist es wieder nur die Marxsche Schule, die etwas geleistet hat. Fireman und Conrad Schmidt können, wenn sie dies dritte Buch lesen, mit ihren eignen Arbeiten jeder an seinem Teil ganz zufrieden sein.

London, 4. Oktober 1894

F. Engels

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Fussnoten

[ed1]  Peter Fireman, geboren am 4. April 1863 in eine jüdische Familie in Lipovetz, in der damals zum russischen Zarenreich gehörenden Ukraine. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Odessa ging er 1882 in die USA und gründete dort im folgenden Jahr die utopische Landkommune "New Odessa",die nach wenigen Jahren zerbrach. Fireman ging dann in die Schweiz, wo er an der Eidgenössische polytechnische Schule (heute ETH) Zürich Vorlesungen in Chemie, Philosophie und Ökonomie hörte und 1893 in Bern seinen Doktor machte. In Zürich hörte er bei Conrad Schmidt. 1893 kehrte er in die USA zurück an das "Columbian College in the District of Columbia" (heute George Washington University), wo er 1895 zum Dozenten in Chemie avancierte und 1898 Assistenz-Professor wurde. 1901 wechselte in die "Missouri School of Mines" in Rolla, M0, machte sich später selbständig mit einem Labor in Alexandria, Virginia und gründete 1914 in Trenton, NJ die Firma "Magnetic Pigment Co." zur Produktion von Farben. Fireman starb am 27. April 1962 in Hunterdon County, NJ. Quelle: Alain Alcouffe: »Peter Fireman, winner of F. Engels' “Prize Essay Competition”« Ein Foto von Peter Fireman aus dem Jahre 1899 in Washington, DC findet sich in der Library of Congress, https://www.loc.gov/item/2012648148/

[ED2]  Conrad Schmidt (1863-1932): »Die Durchschnittsprofitrate auf Grundlage des Marx'schen Werthgesetzes« Stuttgart : Dietz, 1889. VIII, 112 Seiten. OCLC-Nr 6477404.

 

 

Friedrich Engels

 

Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapitals"

 

 

Friedrich Engels

[Der Übergang zum Monopolkapitalismus und seine notwendigen Konsequenzen]

Seit Marx Obiges schrieb [siehe MEW, Band 25, Seite 451 - 453], haben sich bekanntlich neue Formen des Industriebetriebes entwickelt, die die zweite und dritte Potenz der Aktiengesellschaft darstellen. Der täglich wachsenden Raschheit, womit auf allen großindustriellen Gebieten heute die Produktion gesteigert werden kann, steht gegenüber die stets zunehmende Langsamkeit der Ausdehnung des Marktes für diese vermehrten Produkte. Was jene in Monaten herstellt, kann dieser kaum in Jahren absorbieren. Dazu die Schutzzollpolitik, wonach jedes Industrieland sich gegen die andern und namentlich gegen England abschließt und die heimische Produktionsfähigkeit noch künstlich steigert. Die Folgen sind allgemeine chronische Überproduktion, gedrückte Preise, fallende und sogar ganz wegfallende Profite; kurz, die allgemeine Freiheit der Konkurrenz ist am Ende ihres Lateins und muss ihren offenbaren skandalösen Bankrott selbst ansagen. Und zwar dadurch, dass in jedem Land die Großindustriellen eines bestimmten Zweigs sich zusammentun zu einem Kartell zur Regulierung der Produktion. Ein Ausschuss setzt das von jedem Etablissement zu produzierende Quanum fest und verteilt in letzter Instanz die einlaufenden Aufträge. In einzelnen Fällen kam es zeitweise zu internationalen Kartellen, so zwischen der englischen und deutschen Eisenproduktion. Aber auch diese Form der Vergesellschaftung der Produktion genügte noch nicht. Der Interessengegensatz der einzelnen Geschäftsfirmen durchbrach sie nur zu oft und stellte die Konkurrenz wieder her. So kam man dahin, in einzelnen Zweigen, wo die Produktionsstufe dies zuließ, die gesamte Produktion dieses Geschäftszweiges zu einer großen Aktiengesellschaft mit einheitlicher Leitung zu konzentrieren. In Amerika ist dies schon mehrfach durchgeführt, in Europa ist das größte Beispiel bis jetzt der United Alkali Trust, der die ganze britische Alkaliproduktion in die Hände einer einzigen Geschäftsfirma gebracht hat. Die früheren Besitzer der - mehr als dreißig - einzelnen Werke haben für ihre gesamten Anlagen den Taxwert in Aktien erhalten, im Ganzen gegen 5 Millionen Pfund St., die das fixe Kapital des Trusts darstellen. Die technische Direktion bleibt in den bisherigen Händen, aber die geschäftliche Leitung int in der Hand der Generaldirektion konzentriert. Das Zirkulationskapital (floating capital) im Betrag von etwa einer Millionen Pfund St. wurde dem Publikum zur Zeichnung angeboten. Gesamtkapital also 6 Millionen Pfund St. So ist indiesem Zweig, der die Grundlage der ganzen chemischen Industrie bildet, in England die Konkurrenz durch das Monopol ersetzt und der künftigen Expropriation durch die Gesamtgesellschaft, die Nation, aufs Erfreulichste vorgearbeitet.

 

 

Friedrich Engels

Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie

Geschrieben Januar 1844.

MEW Band 1, 499 - 524

 

 

 

Marx-Engels-Lenin-Institut - 1933

„Diese Theorien sind um so gefährlicher, als sie in scheinrevolutionärem Gewand auftreten.“

Vorbemerkung des Marx-Engels-Lenin-Instituts zum zweiten Band, Verlag für Literatur und Politik, 1933

 

VORBEMERKUNG DER REDAKTION

In der Vorrede des Marx-Engels-Lenin-Instituts und besonders in Lenins Artikel„Karl Marx“, der als eine Einführung in den Marxismus der deutschen Volksausgabe des „Kapital“ voran­gestellt ist, wird die Bedeutung des 2. Buches im Rahmen des Ge­samtwerks gekennzeichnet. Eine kurze Geschichte seiner Ent­stehung und der Schaffung des 2. Buches in seiner vorliegenden Form aus den von Marx hinterlassenen Manuskripten findet der Leser im Vorwort von Engels.

Das 2. Buch erschien fast 20 Jahre nach dem ersten. Ver­glichen mit dem gewaltigen Eindruck, den das 1. Buch auf die Leserschaft machte, als das Hauptwerk des Marxismus, hat der reiche, wertvolle Inhalt des 2. Buches weniger Beachtung gefun­den, wie bereits Engels in einem Brief an Danielson voraussagte. Der Grund liegt nicht nur in der im allgemeinen schwierigeren, von Marx nicht mehr für den Druck bearbeiteten und populari­sierten Darstellung. Eine große Rolle spielte das bei der deutschen Sozialdemokratie traditionelle Unverständnis der Probleme dieses 2. Buches. Es war kein Zufall, wenn Kautsky es schon 1886 einen Torso nannte. Mit dem Uebergang der Sozialdemokratie ins bür­gerliche Lager, ihrer schließlichen Verwandlung in eine sozial­faschistische Partei wurde die Sozialdemokratie immer mehr zu einer direkten Fälscherin und Liquidatorin der Marxschen Theorie der Zirkulation und Reproduktion des Kapitals. Charakteristisch hierfür sind Renners Buch „Die Wirtschaft als Gesamtprozeß und die Sozialisierung“ und Kautskys Ein­leitung zum 2. Buch des „Kapital“ in der Dietzschen Ausgabe im Jahre 1926.

In dem in der Vorrede skizzierten Kampf des Marxismus an der theoretischen Front hat der 2. Band des „Kapital“ eine be­deutende Rolle gespielt: im Zweifrontenkampf Lenins in den 70er Jahren gegen die „legalen Marxisten“,eine bürgerliche Richtung innerhalb der russischen Arbeiterbewegung, die „beim Kapitalis­mus in die Schule gehen“ wollte und den proletarischen Klassen­kampf preisgab, und die Narodniki,eine kleinbürgerliche Partei, die den Sozialismus, gestützt auf die Bauernschaft, aufbauen wollte, und die Möglichkeit der Entwicklung des Kapitalismus in Rußland leugnete; in der Diskussion zwischen den „Harmoni­kern“(Otto Bauer, Hilferding, Braunthal usw.), die die Möglich­keit einer krisenlosen Entwicklung des Kapitalismus behaupteten, und den Theoretikern des automatischen Zusammenbruchs desKapitalismus,die, gestützt auf die Fehler der Narodniki, die Mög­lichkeit der Realisierung des Mehrwerts im „reinen“ Kapitalismus leugneten; schließlich im Kampf des Leninismus in der Gegenwart einerseits gegen die Theorie des „Ultraimperialismus“, des „Gene­ralkartells“,des „organisierten Kapitalismus“,andererseits gegen die modernen Theorien des automatischen Zusammenbruchs desKapitalismus,die insbesondere von der „linken“ Sozialdemokra­tie propagiert werden. Diese Theorien sind um so gefährlicher, als sie in scheinrevolutionärem Gewand auftreten, während sie tatsächlich das Proletariat zur Untätigkeit verurteilen, es demo­bilisieren.

Wir bringen im Anhang Auszüge aus Leninsökonomischen Arbeiten der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts, weil sie nicht nur eine meisterhafte Kritik der Theorien der legalen Marxisten und der Narodniki darstellen, sondern gleichzeitig die heuti­gen Schüler der damaligen Opportunisten, die modernen sozial­demokratischen Vulgärökonomen treffen. Die im Anhang wieder­gegebenen Arbeiten Lenins lehren die Methode der Untersuchung,die Unterscheidung zwischen der Ausarbeitung der allgemeinen Bewegungsgesetze des Kapitalismus, dem „reinen“ Kapitalismus, und der Form, in der sich diese Gesetze historisch, konkret verwirklichen. Sie trennen die Frage der Realisierung als „eine abstrakte Frage, die zur Theorie des Kapitalismus überhaupt gehört“, von der Frage des Außenhandels als „einer historischen Frage, einer Frage der konkreten Bedingungen der Entwicklung des Kapitalismus in diesem oder jenem Lande in dieser oder jener Epoche“. Lenin zeigt, wie die Realisierung des Gesamtproduktsder kapitalistischen Produktion vor sich geht, wie der Umsatz zwischen den beiden großen Abteilungen der gesellschaftlichen Produktion, der Produktionsmittel- und Konsumtionsmittelindu­strie, wie der „Stoffersatz“ und der „Wertersatz“ erfolgen. Er zeigt die Schwierigkeiten,unter denen er erfolgt. In seinen Ausführun­gen gibt Lenin eine erschöpfende grundsätzliche und zugleich populäre Darlegung der Marxschen Krisentheorieund schlägt auch hier mit der Widerlegung der Fehler Tugan-Baranowskis die Krisentheorien der modernen sozialdemokratischen Vulgär­ökonomen.

Die im Anhang wiedergegebenen Artikel Lenins sind ein glän­zendes Beispiel dafür, wie ein Marxist das 2. Buch des „Kapital“ studieren, verstehen und auf die konkreten Fragen der Gegenwart anwenden muß.

Stalin,der konsequenteste Schüler Lenins, der die Marx-Lenin­sche Theorie der Reproduktion und Zirkulation des Kapitals selbständig auf die Probleme des sozialistischen Aufbaus ange­wandt hat, wies in seiner Rede auf der Konferenz der marxisti­schen Agrartheoretiker am 27. Januar 1929 auf die große und aktuelle Bedeutung des 2. Buches des „Kapital“ hin. Er zeigte an Hand der Lehren des 2. Buches, daß der Umbau des Dorfes auf sozialistische Gleise nicht auf dem Wege der Spontanität, automatisch, ohne Führung durch die sozialistische Großindu­strie, ohne Kampf gegen die Kulaken vor sich gehen könne, daß die Warenwirtschaft des russischen Dorfes, sich selbst über­lassen, immer wieder au sich heraus neue kapitalistische Elemente erzeugen müsse.

So erweist sich, wie Lenin sagt, das 2. Buch des „Kapital“ als „die schärfste Waffe gegen die Apologetik“.


Aus dem diesem Band beigegebenen Anhangheben wir beson­ders Marx' Brief an Engels vom 6. Juli 1883 hervor (S. 533-536), wo Marx an Hand von Tabellen dem Leser sehr anschaulich die Grundprobleme seiner Theorie der Reproduktion und Zirkulation des Gesamtkapitals darstellt.

Wertvolle Ratschläge für das Studium des 2. Buches des „Kapital“ gibt Engels in seinem Brief an Viktor Adler, der im Anhang zu diesem Bande folgt (S. 543 f). Zu unterstreichen ist, daß diese Ratschläge nur für eine erste, vorläufige Lektüre gel­ten und eine nochmalige gründliche Durcharbeitung im Zusam­menhang erforderlich ist.


Die Volksausgabe des 2. Buches des „Kapital“ ist den in der Vorrede dargelegten Grundsätzen entsprechend vorbereitet wor­den. Der Leser findet dort alles Nötige über die Popularisierung des Textesund die Register.

Zugrunde gelegt wurde der Text der 2. im Verlag von Meissner erschienenen Auflage (1893). Als Hilfsmitel der wissenschaftlichen Textbearbeitung dienten die von Engels diktierte Druckvorlage und die Manuskripte von Marx. Durch Vergleich gelang es eine Reihe von Druckfehlern im Text der 2. Auflage festzustellen und auszumerzen. Die wichtigsten dieser Korrekturen wurden in Fuß­noten vermerkt. Wo sich derselbe Fehler in der 2. Auflage und in der Druckvorlage fand, wurde in diesen Fußnoten nur die erste zitiert.

Die Zitate wurden bis auf wenige Ausnahmen an Hand der Originale nachgeprüft, Schreib- oder Druckfehler in Seitenan­gaben, Jahreszahlen und einige andere offensichtliche Versehen verbessert. Da die von Marx benutzte Ausgabe von Adam Smith von 1848 nicht vorlag, wurde die Zitatenprüfung nach der Wake­fieldschen Ausgabe von 1843 vorgenommen. [1]

Alle in eckigen Klammern stehenden Worte sind Zusätze der Redaktion. Die Zusätze und Bemerkungen von Engels wurden sämtlich in runde Klammern gesetzt und mit „F. E.“ gezeichnet. Die in Zitate eingestreuten Bemerkungen, die — wie der Vergleich mit dem Marxschen Manuskript zeigte — von Marx herrühren, wurden in runden Klammern gesetzt und durch Unterbrechung der Anführungszeichen als Marxsche Zusätze gekennzeichnet.

Moskau, Februar 1933

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Fußnoten

[1] Die Seitenzahlen der Zitate aus dem III. Buch des „Kapital“ im Anhang beziehen sich auf die Meissnersche Ausgabe.

 

 

LENIN

"Karl Marx"

1914

[Excerpt]

Die ökonomische Lehre von Marx

„Es ist der letzte Endzweck dieses Werks“, sagt Marx im Vorwort zum „Kapital“, „das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen“, d.h. der kapitalistischen, der bürgerlichen Gesellschaft. Die Erforschung der Produktionsverhältnisse der gegebenen, historisch bestimmten Gesellschaft in ihrer Entstehung, ihrer Entwicklung und ihrem Verfall – das ist der Inhalt der ökonomischen Lehre von Marx. In der kapitalistischen Gesellschaft herrscht die Produktion von Ware; und die Marxsche Analyse beginnt daher mit der Analyse der Ware.

 

Der Wert

Eine Ware ist erstens ein Ding, das irgendein menschliches Bedürfnis befriedigt; sie ist zweitens ein Ding, das gegen ein anderes austauschbar ist. Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert. Der Tauschwert (oder einfach Wert) ist vor allem ein Verhältnis, die Proportion, worin sich eine bestimmte Anzahl von Gebrauchswerten einer Art gegen eine bestimmte Anzahl von Gebrauchswerten anderer Art austauscht. Die tägliche Erfahrung zeigt uns, dass Millionen und Milliarden solcher Tauschakte alle, selbst die verschiedensten und miteinander nicht vergleichbaren Gebrauchswerte fortwährend einander gleichsetzen. Was haben nun diese verschiedenartigen Dinge miteinander gemein, die in einem bestimmten System gesellschaftlicher Verhältnisse fortwährend einander gleichgesetzt. werden? Was sie miteinander gemein haben ist, dass sie Arbeitsprodukte sind. Indem die Menschen Produkte austauschen, setzen sie die verschiedensten Arten von Arbeit einander gleich; Die Warenproduktion ist ein System von gesellschaftlichen Verhältnissen, bei dem die einzelnen Produzenten verschiedenartige Produkte erzeugen (gesellschaftliche Arbeitsteilung) und alle diese Produkte beim Austausch einander gleichgesetzt werden. Das Gemeinsame, das in allen Waren enthalten ist, ist also nicht die konkrete Arbeit eines, bestimmten Produktionszweiges, nicht Arbeit einer bestimmten Art, sondern abstrakte menschliche Arbeit, menschliche Arbeit schlechthin. Die gesamte Arbeitskraft einer gegebenen Gesellschaft, die sich in der Summe der Werte alter Waren darstellt, gilt als ein und dieselbe menschliche Arbeitskraft: Milliarden von Tauschakten beweisen das. Folglich stellt jede einzelne Ware nur einen bestimmten Teil der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit dar. Die Wertgröße wird bestimmt durch das Quantum der gesellschaftlich notwendigen Arbeit oder die zur Herstellung einer gegebenen Ware, eines gegebenen Gebrauchswerts gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. „Indem sie“ (die Menschen) „ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es.“ Der Wert ist ein Verhältnis zwischen Personen, wie ein alter Ökonom gesagt bat; er hätte bloß hinzusetzen müssen: ein unter dinglicher Hülle verstecktes Verhältnis. Nur vom Standpunkt des Systems der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse einer bestimmten historischen Gesellschaftsformation, und zwar von Verhältnissen, die in der milliardenmal sich wiederholenden Massenerscheinung des Austausches zum Vorschein kommen, kann man begreifen, was der Wert ist. „Als Werte sind alle Waren nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit.“ Nach eingehender Analyse des Doppelcharakters der in den Waren verkörperten Arbeit geht Marx zur Analyse der Wertform und des Geldes über. Die Hauptaufgabe, die sich Marx dabei stellt, ist die Untersuchung der Entstehung der Geldform des Wertes, die Untersuchung des historischen Prozesses der Entwicklung des Austausches, von den einzelnen, zufälligen Tauschakten („einfache, einzelne oder zufällige Wertform“: ein bestimmtes Quantum einer Ware wird gegen ein bestimmtes Quantum einer anderen Ware ausgetauscht) bis zur allgemeinen Wertform, bei der eine Reihe von verschiedenen Waren gegen ein und dieselbe bestimmte Ware ausgetauscht wird, und bis zur Geldform des Wertes, bei der als diese bestimmte Ware, als das allgemeine Äquivalent, das Gold auftritt. Das Geld als das höchste Produkt der Entwicklung des Austausches und der Warenproduktion vertuscht und verschleiert den gesellschaftlichen Charakter der privaten Arbeiten, den gesellschaftlichen Zusammenhang zwischen den einzelnen Produzenten, die durch den Markt vereinigt sind. Marx unterzieht die verschiedenen Funktionen des Geldes einer außerordentlich eingehenden Analyse, wobei es auch hier (wie überhaupt in den ersten Kapiteln des „Kapitals“) von besonderer Wichtigkeit ist, festzustellen, dass die abstrakte und mitunter scheinbar rein deduktive Form der Darstellung in Wirklichkeit ein gewaltiges Tatsachenmaterial zur Entwicklungsgeschichte des Austausches und der Warenproduktion wiedergibt. „ …das Geld… setzt… eine gewisse Höhe des Warenaustausches voraus. Die besonderen Geldformen, bloßes Warenäquivalent, oder Zirkulationsmittel, oder Zahlungsmittel, Schatz und Weltgeld, deuten, je nach dem verschiedenen Umfang und dem relativen Vorwiegen einer, oder der anderen Funktion, auf sehr verschiedne Stufen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses.“ („Das Kapital“, I)

 

Der Mehrwert

Auf einer bestimmten Entwicklungsstufe der Warenproduktion verwandelt sich Geld in Kapital. Die Formel der Warenzirkulation war: W (Ware) – G (Geld) – W (Ware), d. h. eine Ware verkaufen, um eine andere zu kaufen. Die allgemeine Formel des Kapitals dagegen ist: G-W-G, d. h. kaufen… um (mit Profit) zu verkaufen. Mehrwert nennt Marx diesen Zuwachs zum ursprünglichen Wert des in Umlauf gesetzten Geldes. Die Tatsache dieses „Zuwachses“ des Geldes im kapitalistischen Umlauf ist allgemein bekannt. Eben dieser „Zuwachs“ verwandelt das Geld in Kapital als ein besonderes, historisch bestimmtes gesellschaftliches Produktionsverhältnis. Der Mehrwert kann nicht aus der Warenzirkulation entspringen, denn diese kennt nur den Austausch von Äquivalenten; er kann auch nicht aus einem Preisaufschlag entspringen, denn die gegenseitigen Verluste und Gewinne der Käufer und Verkäufer wurden sich ausgleichen, es handelt sich aber gerade um eine gesellschaftliche Massen- und Durchschnittserscheinung und nicht um eine individuelle Erscheinung. Um Mehrwert zu erhalten, muss der „Geldbesitzer… auf dem Markte eine Ware… entdecken, deren Gebrauchswert selbst die eigentümliche Beschaffenheit besäße, Quelle von Wert zu sein“, eine Ware also, deren wirklicher Verbrauch zugleich Wertschöpfung wäre. Eine solche Ware gibt es. Es ist die Arbeitskraft des Menschen. Ihr Verbrauch ist Arbeit, Arbeit aber schafft Wert. Der Geldbesitzer kauft die Arbeitskraft zu ihrem Wert, der gleich dem Wert jeder anderen Ware durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt wird, die zu ihrer Herstellung erforderlich ist (d. h. durch die Unterhaltskosten des Arbeiters und seiner Familie). Hat der Geldbesitzer die Arbeitskraft gekauft, so hat er das Recht, sie zu gebrauchen, d. h., sie einen ganzen Tag, sagen wir 12 Stunden, arbeiten zu lassen. Indes erzeugt der Arbeiter im Laufe von 6 Stunden (der „notwendigen“ Arbeitszeit) ein Produkt, durch das sein Lebensunterhalt gedeckt wird, im Laufe der übrigen 6 Stunden (der „Surplus“-Arbeitszeit) aber erzeugt er ein vom Kapitalisten nicht bezahltes „Mehr“-Produkt oder den Mehrwert. Folglich muss man vom Standpunkt des Produktionsprozesses zwei Teile des Kapitals unterscheiden: das konstante Kapital, das für die Produktionsmittel (Maschinen, Arbeitswerkzeuge, Rohmaterial usw.) verausgabt wird – sein Wert geht (auf einmal oder in Teilen) unverändert auf das fertige Produkt über – und das variable Kapital, das für die Arbeitskraft verausgabt wird. Der Wert dieses Kapitals bleibt nicht unverändert, sondern nimmt im Arbeitsprozess durch Schaffung des Mehrwerts zu. Um den Grad der Ausbeutung der Arbeitskraft durch das Kapital auszudrucken, hat man daher den Mehrwert nicht mit dem Gesamtkapital, sondern mir mit dem variablen Kapital zu vergleichen. Die Rate des Mehrwerts, wie Marx dieses Verhältnis nennt, wird also in unserem Beispiel 6:6, d. h. 100 Prozent, betragen.

Historische Voraussetzung für die Enthebung des Kapitals ist erstens die Akkumulation einer bestimmten Geldsumme in den Händen einzelner Personen bei verhältnismäßig hohem Entwicklungsniveau der Warenproduktion im allgemeinen, zweitens das Vorhandensein eines in doppeltem Sinne „freien“ Arbeiters – frei von allen Behinderungen oder Einschränkungen beim Verkauf der Arbeitskraft und frei von Grund und Boden sowie von Produktionsmitteln überhaupt -, eines an keinen Herrn gebundenen Arbeiten, eines „Proletariers“, der nicht anders als vom Verkauf seiner Arbeitskraft existieren kann. Der Mehrwert kann hauptsächlich durch zwei Methoden vergrößert werden: durch Verlängerung des Arbeitstags („absoluter Mehrwert“) und durch Verkürzung des notwendigen Arbeitstages („relativer Mehrwert“). Bei der Analyse der ersten Methode entwirft Marx ein grandioses Bild vom Kampf der Arbeiterklasse für die Verkürzung des Arbeitstags und vom Eingreifen der Staatsgewalt zuerst zugunsten der Verlängerung des Arbeitstags (14.-17. Jahrhundert) und dann zugunsten seiner Verkürzung (die Fabrikgesetzgebung des 19. Jahrhunderts). Seit dem Erscheinen des „Kapitals“ hat die Geschichte der Arbeiterbewegung in allen zivilisierten Ländern der Welt Tausende und aber Tausende neuer Tatsachen geliefert, die dieses Bild vervollständigen.

Bei seiner Analyse der Produktion des relativen Mehrwerts untersucht Marx die drei historischen Hauptstadien der Erhaltung der Arbeitsproduktivität. durch den Kapitalismus; 1. einfache Kooperation; 2. Teilung der Arbeit und Manufaktur; 3. Maschinerie und große Industrie. Wie tief Marx hier die grundlegenden, typischen Züge der kapitalistischen Entwicklung aufgedeckt hat, wird unter anderem daraus ersichtlich, dass die Untersuchungen über die so genannte ,,Kustar“-Industrie in Russland sehr reiches Material zur Illustrierung der beiden ersten von den drei genannten Stadien liefern. Die revolutionierende Wirkung der großen maschinellen Industrie aber, wie sie von Marx im Jahre 1867 beschrieben worden ist, offenbarte sich im Laufe des seitdem verflossenen halben Jahrhunderts in einer ganzen Reihe „neuer“ Länder (Russland; Japan u. a.).

Weiter. Höchst wichtig und neu ist Marx´ Analyse der Akkumulation des Kapitals, d. h. der Verwandlung eines Teils des Mehrwerts in Kapital, der Verwendung dieses Teils nicht für die persönlichen Bedürfnisse oder Launen des Kapitalisten, sondern zu neuer Produktion. Marx wies den Fehler der ganzen früheren klassischen politischen Ökonomie (seit Adam Smith) nach, die angenommen hatte, dass aller Mehrwert, der in Kapital verwandelt wird, zu variablem Kapital geschlagen würde. In Wirklichkeit aber zerfällt er in Produktionsmittel plus variables Kapital. Von gewaltiger Bedeutung im Prozess der Entwicklung des Kapitalismus und seiner Umwandlung in den Sozialismus ist die Tatsache, dass der Anteil des konstanten, Kapitals (an der Gesamtsumme des Kapitals) rascher wächst als der des variablen Kapitals.

Indem die Akkumulation des Kapitals die Verdrängung der Arbeiter durch die Maschine beschleunigt und auf dem einen Pol Reichtum, auf dem Gegenpol Elend produziert, erzeugt sie auch die so genannte „industrielle Reservearmee“ den „relativen Überfluss“ an Arbeitern oder die „kapitalistische Übervölkerung“, die außerordentlich mannigfaltige Formen annimmt und dem Kapital die Möglichkeit bietet, die Produktion außerordentlich rasch zu erweitern. Diese Möglichkeit in Verbindung mit dem Kredit und der Akkumulation des Kapitals in Produktionsmitteln liefen unter anderem den Schlüssel zum Verständnis der Krisen durch Überproduktion, die in den kapitalistischen Ländern periodisch ausbrachen, anfänglich im Durchschnitt alle 10 Jahre, dann in längeren und weniger bestimmten Zeitabständen. Von der Akkumulation des Kapitals auf der Basis des Kapitalismus muss die so genannte ursprüngliche Akkumulation unterschieden werden: die gewaltsame Trennung des Arbeitenden von den Produktionsmitteln, die Verjagung der Bauern von ihrem Boden, der Raub von Gemeindeländereien, das System der Kolonien, der Staatsschulden, des Schutzzolls usw.. Die „ursprüngliche Akkumulation“ erzeugt auf dem einen Pol den „freien“ Proletarier, auf dem Gegenpol den Geldbesitzer, den Kapitalisten.

Die „geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation“ wird von Marx in folgenden berühmten Worten charakterisiert: „Die Expropriation der unmittelbaren Produzenten wird mit schonungslosestem Vandalismus und unter dem Trieb der infamsten, schmutzigsten, kleinlichst gehässigsten Leidenschaften vollbracht. Das selbst erarbeitete, sozusagen auf Verwachsung des einzelnen, unabhängigen Arbeitsindividuums“ (des Bauern und Handwerkers) „mit seinen Arbeitsbedingungen beruhende Privateigentum wird verdrängt durch das kapitalistische Privateigentum, welches auf Exploitation fremder, aber formell freier Arbeit beruht.. . Was jetzt zu expropriieren, ist nicht länger der selbstwirtschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitierende Kapitalist. Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitale. Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewusste technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit, die Verschlingung aller Volker in das Netz des Weltmarkts, und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes. Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.“ („Das Kapital“, I)

Höchst wichtig und neu ist ferner die von Marx im II. Band des „Kapitals“ gegebene Analyse der Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Auch hier untersucht Marx nicht eine individuelle, sondern eine Massenerscheinung, nicht einen Bruchteil der Ökonomie der Gesellschaft, sondern diese ganze Ökonomie in ihrer Gesamtheit. Den oben erwähnten Fehler der Klassiker korrigierend, teilt Marx die gesamte gesellschaftliche Produktion in zwei große Abteilungen: 1. Produktion von Produktionsmitteln und 2. Produktion von Konsumtionsmitteln, und untersucht eingehend an Hand von Zahlenbeispielen die Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals im Ganzen, sowohl bei Reproduktion im früheren Umfang als auch bei Akkumulation. Im III. Band des „Kapitals“ wird das Problem der Bildung der Durchschnittsprofitrate auf Grund des Wertgesetzes gelöst. Ein großer Fortschritt der ökonomischen Wissenschaft ist es, dass Marx bei seiner Analyse von den ökonomischen Massenerscheinungen, von der Gesamtheit der gesellschaftlichen Wirtschaft ausgeht, nicht aber von Einzelfällen oder von äußerlichen Erscheinungen der Konkurrenz, worauf sich die vulgäre politische Ökonomie oder die moderne „Grenznutzentheorie“ oft beschranken. Zunächst analysiert Marx die Entstehung des Mehrwerts, um erst dann zu dessen Spaltung in Profit, Zins und Grundrente überzugehen. Der Profit ist das Verhältnis des Mehrwerts zum gesamten in einem Unternehmen angelegten Kapital. Kapital von „hoher organischer Zusammensetzung“ (d.h. mit Überwiegen des konstanten Kapitals über das variable in einem den gesellschaftlichen Durchschnitt übersteigenden Ausmaß) ergibt eine Profitrate, die niedriger ist als die durchschnittliche. Kapital von „niedriger organischer Zusammensetzung“ ergibt eine Profitrate, die höher ist als die durchschnittliche. Die Konkurrenz zwischen den Kapitalen, ihr freies Abwandern aus einem Produktionszweig in den anderen gleichen in beiden Fällen die Profitrate zur durchschnittlichen aus. Die Summe der Werte aller Waren einer gegebenen Gesellschaft fällt mit der Summe der Warenpreise zusammen; aber in den einzelnen Unternehmungen und in den einzelnen Produktionszweigen werden die Waren unter dem Einfluss der Konkurrenz nicht zu ihren Werten verkauft, sondern zu den Produktionspreisen, die dem aufgewandten Kapital plus Durchschnittsprofit gleich sind.

Die allgemein bekannte und unbestreitbare Tatsache des Abweichens der Preise von den Werten und der Gleichheit des Profits wird also von Marx auf Grund des Wertgesetzes vollauf erklärt, denn die Summe der Werte aller Waren fällt mit der Summe der Preise zusammen. Aber die Zurückführung des (gesellschaftlichen) Wertes auf die (individuellen) Preise ist kein einfacher, unmittelbarer, sondern ein sehr komplizierter Vorgang: Es ist ganz natürlich, dass in einer Gesellschaft zersplitterter Warenproduzenten, die nur durch den Markt miteinander verbunden sind, die Gesetzmäßigkeit sich nicht anders als in einer durchschnittlichen, gesellschaftlichen, massenhaften Gesetzmäßigkeit äußern kann, durch gegenseitige Aufhebung der individuellen Abweichungen nach der einen oder anderen Seite.

Steigerung der Arbeitsproduktivität bedeutet schnelleres Anwachsen des konstanten Kapitals im Vergleich zum variablen. Da aber der Mehrwert Funktion des variablen Kapitals allein ist, so ist es begreiflich, dass die Profitrate (das Verhältnis des Mehrwerts zum gesamten Kapital, nicht aber zu seinem variablen Teil allein) eine Tendenz zum Sinken bat. Marx analysiert eingehend diese Tendenz und eine Reihe sie verhüllender oder ihr entgegenwirkender Umstände. Ohne uns bei der Wiedergabe der außerordentlich interessanten Abschnitte des Ill. Bandes aufzuhalten, die dem Wucher , Handels und Geldkapital gewidmet sind, gehen wir zum Wichtigsten über: zur Theorie der Grundrente. Der Produktionspreis der landwirtschaftlichen Erzeugnisse wird infolge der Beschränktheit der Bodenfläche, die in den kapitalistischen Ländern ganz von Einzelwirtschaften besetzt ist, durch die Produktionskosten nicht auf dem mittleren, sondern auf dem schlechtesten Boden, nicht unter den durchschnittlichen, sondern unter den schlechtesten Bedingungen bestimmt, unter denen das Erzeugnis auf den Markt gebracht wird. Die Differenz zwischen diesem Preis und dem Produktionspreis auf besserem Boden (bzw. unter besseren Bedingungen) ergibt die Unterschieds- oder Differentialrente. Marx analysiert eingebend die Differentialrente, weist nach, dass sie der unterschiedlichen Fruchtbarkeit der einzelnen Grundstücke, der unterschiedlichen Größe des im Boden angelegten Kapitals entspringt, und deckt dadurch (siehe auch die „Theorien über den Mehrwert“, wo die Kritik an Rodbertus besondere Aufmerksamkeit verdient) restlos den Irrtum Ricardos auf, wonach die Differentialrente unbedingt sukzessiven Fortgang von besserem zu schlechterem Boden voraussetze. Im Gegenteil, es findet auch ein umgekehrter Fortgang statt, die Umwandlung einer bestimmten Bodenart in eine andere (dank dem Fortschritt der Agrotechnik, dem Wachstum der Städte usw.), und das vielgerühmte „Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag“ erweist sich als ein tiefer Irrtum, als ein Versuch, die Unzulänglichkeiten, Beschränktheiten und Widersprüche des Kapitalismus auf die Natur abzuwälzen. Ferner setzt die Gleichheit des Profits in allen Zweigen der Industrie und der Volkswirtschaft überhaupt die volle Freiheit der Konkurrenz voraus, die Freiheit der Übertragung des Kapitals aus einem Produktionszweig in den anderen. Das Privateigentum an Grund und Boden erzeugt indes ein Monopol, eine Schranke für diese freie Übertragung. Infolge dieses Monopols gehen die Erzeugnisse der Landwirtschaft, die durch eine niedrigere Zusammensetzung des Kapitals und folglich durch eine individuell höhere Profitrate gekennzeichnet ist, nicht in den völlig freien Prozess der Ausgleichung der Profitrate ein. Der Grundeigentümer als Monopolist erlangt die Möglichkeit, den Preis über dem Durchschnitt zu halten, und dieser Monopolpreis erzeugt die absolute Rente.

Die Differentialrente kann, solange der Kapitalismus besteht, nicht abgeschafft werden, die absolute Rente dagegen kann es z. B. wenn der Boden nationalisiert wird, wenn der Boden in Staatseigentum übergeht. Ein solcher Übergang würde die Untergrabung des Monopols der Privateigentümer und eine konsequentere, vollkommenere Durchführung der Konkurrenzfreiheit in der Landwirtschaft bedeuten. Aus diesem Grunde sind auch, wie Marx vermerkt, radikale Bourgeois in der Geschichte wiederholt mit dieser progressiven bürgerlichen Forderung nach Nationalisierung des Bodens aufgetreten, die jedoch die Mehrheit der Bourgeoisie abschreckt, da sie noch einem anderen, in unserer Zeit besonders wichtigen und „empfindlichen“ Monopol allzusehr „auf den Leib rückt“: dem Monopol an den Produktionsmitteln überhaupt. (Unübertrefflich populär, gedrängt und klar hat Marx selbst seine Theorie des Durchschnittsprofits des Kapitals und der absoluten Grundrente in dem Brief an Engels vom 2. August 1862 dargelegt. Siehe „Briefwechsel“, Ed. Ill, S. 77 81 vgl. auch den Brief vom 9. August 1862, ebenda, S. 86/87) Zur Geschichte der Grundrente ist es wichtig, auch auf die Analyse van Marx hinzuweisen, die zeigt, wie sich die Arbeitsrente (wobei der Bauer das Mehrprodukt durch seine Arbeit auf dem Boden des Grundherrn erzeugt) in Produkten- oder Naturalrente verwandelt (wobei der Bauer das Mehrprodukt auf seinem eigenen Boden erzeugt, es aber kraft „außerökonomischen Zwanges“ an den Grundherrn abliefert), weiter in Geldrente (dieselbe Naturalrente, aber infolge der Entwicklung der Warenproduktion in Geld umgewandelt, der „obrok“ im alten Russland) und schließlich in kapitalistische Rente, wobei an Stelle des Bauern der landwirtschaftliche Unternehmer tritt, der den Boden mit Hilfe von Lohnarbeit bestellt. Im Zusammenhang mit dieser Analyse der „Genesis der kapitalistischen Grundrente“ ist auf eine Reihe von tief schürfenden (und für rückständige Länder wie Russland besonders wichtigen) Marxschen Gedanken über die Entwicklung des Kapitalismus in der Landwirtschaft zu verweisen. „Die Verwandlung der Naturalrente in Geldrente wird… nicht nur notwendig begleitet, sondern selbst antizipiert durch Bildung einer Klasse besitzloser und für Geld sich verdingender Tagelöhner. Während ihrer Entstehungsperiode, wo diese neue Klasse nur noch sporadisch auftritt, hat sich daher notwendig bei den besser gestellten rentepflichtigen Bauern die Gewohnheit entwickelt, auf eigne Rechnung ländliche Lohnarbeiter zu exploitieren, ganz wie schon in der Feudalzeit die vermögenderen hörigen Bauern selbst wieder Hörige hielten. So entwickelt sich nach und nach bei ihnen die Möglichkeit, ein gewisses Vermögen anzusammeln und sich selbst in zukünftige Kapitalisten zu verwandeln. Unter den alten, selbst arbeitenden Besitzern des Bodens selbst entsteht so eine Pflanzschule von kapitalistischen Pächtern, deren Entwicklung durch die allgemeine Entwicklung der kapitalistischen Produktion außerhalb des flachen Landes bedingt ist… „ („Das Kapital“, III, 332) „Die Expropriation und Verjagung eines Teils des Landvolks setzt mit den Arbeitern nicht nur ihre Lebensmittel und ihr Arbeitsmaterial für das industrielle Kapital frei, sie schafft den innern Markt.“ („Das Kapital“, I, 778) Die Verelendung und Ruinierung der Landbevölkerung trägt ihrerseits dazu bei, dass eine Reservearmee von Arbeitern für das Kapital geschaffen wird. In jedem kapitalistischen Land „befindet sich daher ein Teil der Landbevölkerung fortwährend im Übergang zur Metamorphose in städtische oder Manufakturbevölkerung… (Manufaktur hier im Sinn aller nichtagrikolen Industrie.) Diese Quelle der relativen Übervölkerung fließt also beständig … Der Landarbeiter wird daher auf das Minimum des Salärs herabgedrückt und steht mit einem Fuß stets im Sumpf des Pauperismus.“ („Das Kapital“, I, 668) Das Privateigentum des Bauern am Boden, den er bestellt, ist die Grundlage des Kleinbetriebs und die Bedingung seiner Blüte, die Voraussetzung dafür, dass er seine klassische Form erreicht. Aber dieser Kleinbetrieb ist nur mit engen, primitiven Schranken der Produktion und. der Gesellschaft vereinbar. Im Kapitalismus „unterscheidet sich die Exploitation der Bauern von der Exploitation des industriellen Proletariats nur durch die Form. Der Exploiteur ist derselbe: das Kapital. Die einzelnen Kapitalisten exploitieren die einzelnen Bauern durch die Hypotheke und den Wucher, die Kapitalistenklasse exploitiert die Bauernklasse durch die Staatssteuer.“ („Die Klassenkämpfe in Frankreich“) „Die Parzelle des Bauern ist nur noch der Vorwand, der dem Kapitalisten erlaubt, Profit, Zinsen und Rente von dem Acker zu ziehn und den Ackerbauer selbst zusehen zu lassen, wie er seinen Arbeitslohn herausschlagt.“ („Der achtzehnte Brumaire“) In der Regel tritt der Bauer sogar der kapitalistischen Gesellschaft, d. h. der Kapitalistenklasse, einen Teil des Arbeitslohns ab und sinkt „auf die Stufe des irischen Pächter“ herab – „und alles unter dem Vorwande, Privateigentümer zu sein“ („Die Klassenkämpfe in Frankreich“) Worin besteht nun „eine der Ursachen, warum der Getreidepreis in Ländern vorherrschenden Parzelleneigentums niedriger steht als in den Ländern kapitalistischer Produktionsweise“? („Das Kapital“, III, 340.) Darin, dass der Bauer der Gesellschaft (d. h. der Kapitalistenklasse) einen Teil des Mehrprodukts umsonst abgibt. „Dieser niedrigere Preis“ (des Getreides und anderer landwirtschaftlicher Produkte) „ist also ein Resultat der Armut der Produzenten und keineswegs der Produktivität ihrer Arbeit,“ („Das Kapital“, III, 340.) Das Parzelleneigentum, die normale Form des Kleinbetriebs, wird unter dem Kapitalismus degradiert, zerstört und geht unter. „Das Parzelleneigentum schließt seiner Natur, nach aus: Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit, gesellschaftliche Formen der Arbeit, gesellschaftliche Konzentration der Kapitale, Viehzucht auf großem Maßstab, progressive Anwendung der Wissenschaft. Wucher und Steuersystem müssen es überall verelenden. Die Auslage des Kapitals im Bodenpreis entzieht dies Kapital der Kultur. Unendliche Zersplitterung der Produktionsmittel und Vereinzelung der Produzenten selbst.“ (Kooperativen, d. h. Genossenschaften von Kleinbauern, die eine außerordentlich große bürgerlich progressive Rolle spielen, vermögen diese Tendenz nur abzuschwächen, ohne sie jedoch aufzuheben; man darf auch nicht vergessen, dass diese Genossenschaften den vermögenden Bauern viel der Masse der Dorfarmut aber sehr wenig, fast gar nichts, einbringen und dass die Genossenschaften überdies selbst zu Ausbeutern von Lohnarbeit werden.) „Ungeheure Verschwendung von Menschenkraft. Progressive Verschlechterung, der Produktionsbedingungen und Verteuerung der Produktionsmittel ein notwendiges Gesetz des Parzelleneigentums.“ In der Landwirtschaft gestaltet der Kapitalismus ebenso wie in der Industrie den Produktionsprozess nur um den Preis der ,,Martyrologie der Produzenten“ um. „Die Zerstreuung der Landarbeiter über größte Flächen bricht zugleich ihre Widerstandskraft, während Konzentration die der städtischen Arbeiter steigert. Wie in der städtischen Industrie wird in der modernen (kapitalistischen) Agrikultur die gesteigerte Produktivkraft und größte Flüssigmachung der Arbeit erkauft durch Verwüstung und Versiechung der Arbeitskraft selbst. Und jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben… Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“ („Das Kapital“, I, Schluss des 13. Kapitels)