"Der amerikanische Bürgerkrieg wird erst zu Ende sein, wenn die Macht des Weltfinanzkapitals zerschlagen ist !

Es lebe die Sozialistische Weltrevolution ! Es lebe der Weltsozialismus !"

 

Komintern (SH) - März 2012

 

1862

vor 150 Jahren

 

Karl Marx/Friedrich Engels

Über den

Amerikanischen Bürgerkrieg

(Sammlung der Schriften aus dem Jahre 1862)

 

 

 

 

Karl Marx

Amerikafreundliches Meeting

["Die Presse" Nr. 5 vom 5. Januar 1862]

|436| London, 1. Januar 1862

 

 

Die antikriegerische Bewegung in dem englischen Volke gewinnt von Tag zu Tag an Energie und Umfang. Öffentliche Meetings in den verschiedensten Teilen des Landes bestehen auf schiedsrichterlicher Schlichtung des Zwistes zwischen England und Amerika. Memorandums in diesem Sinne regnen auf den Chef des Kabinetts, und die unabhängige Provinzialpresse ist beinahe einstimmig in ihrer Opposition gegen das Kriegsgeschrei der Londoner Presse.

Nachstehend folgt ein ausführlicherer Bericht über das letzten Montag in Brighton abgehaltene Meeting, weil es von der Arbeiterklasse ausging und die beiden Hauptredner, die Herren Conningham und White, einflußreiche Parlamentsmitglieder sind, die beide auf der ministeriellen Seite des Hauses sitzen.

Herr Wood (ein Arbeiter) stellte den ersten Antrag, dahin lautend,

"daß der Zwist zwischen England und Amerika aus einer Mißdeutung des Völkerrechts entsprang, nicht aber aus einem absichtlichen Insult gegen die britische Flagge; daß daher dies Meeting der Meinung ist, die ganze Streitfrage solle der schiedsrichterlichen Entscheidung einer neutralen Macht überwiesen werden; daß ein Krieg mit Amerika unter den vorliegenden Umständen nicht zu rechtfertigen, vielmehr die Verdammung des englischen Volks verdiene".

Zur Unterstützung seines Antrages bemerkte Herr Wood unter anderm:

"Man sage, dieser neue Insult sei bloß der letzte Ring einer Kette von Insulten, die Amerika England geboten habe. Gesetzt, dies sei wahr, was würde es für das Kriegsgeschrei im gegenwärtigen Augenblicke beweisen? Es würde beweisen, daß, solange Amerika ungeteilt und stark war, wir seine Insulten ruhig hinnahmen; aber jetzt, in der |437| Stunde seiner Gefahr, die uns günstige Position benützen, um den Insult zu rächen. Würde solch ein Verfahren uns in den Augen der zivilisierten Welt nicht als Feiglinge brandmarken?"

Herr Conningham:

"... In diesem Augenblicke entwickelt sich im Schoße der Union eine ausgesprochene Emanzipationspolitik (Beifall), und ich spreche die ernste Hoffnung aus, daß keine Intervention seitens der englischen Regierung erlaubt werden wird. (Beifall.) ... Wollt ihr, freigeborene Engländer, zugeben, daß man euch in einen antirepublikanischen Krieg verwickelt? Denn das ist die Absicht der 'Times' und der Partei, die hinter ihnen steht ... Ich appelliere an die Arbeiter von England, die das größte Interesse an der Erhaltung des Friedens haben, ihre Stimmen und nötigenfalls ihre Hände zur Verhinderung eines so großen Verbrechens zu erheben. (Lauter Beifall.) ... Die 'Times' haben alle Mittel aufgeboten, um den kriegerischen Geist des Landes aufzustacheln und durch bittern Hohn und Schmähungen eine feindselige Stimmung unter den Amerikanern zu erzeugen ... Ich gehöre nicht zu der sogenannten Friedenspartei. Die 'Times' begünstigen Rußlands Politik und boten (1853) alle ihre Kräfte auf, um unser Land zu verleiten, den militärischen Übergriffen russischer Barbarei im Osten ruhig zuzusehen. Ich war unter denen, die ihre Stimme gegen diese falsche Politik erhoben. Zur Zeit der Einbringung der Verschwörungsbill, welche die Auslieferung politischer Flüchtlinge erleichtern sollte, schien kein Kraftaufwand der 'Times' zu groß, um diese Bill durch das Unterhaus zu forcieren. Ich gehörte zu den 99 Gliedern des Hauses, die diesem Eingriff in die Freiheiten des englischen Volkes widerstanden und den Minister stürzten. (Beifall.) Dieser Minister befindet sich jetzt an der Spitze des Kabinetts. Ich prophezeie ihm, sollte er unser Land ohne gute und zureichende Gründe in einen Krieg mit Amerika zu verwickeln suchen, daß sein Plan schmählich scheitern wird. Ich verspreche ihm eine neue schmähliche Niederlage, eine größere Niederlage, als ihm bei Gelegenheit der Verschwörungsbill zu Teil ward. (Lauter Beifall.) ... Ich kenne die offizielle Botschaft nicht, die nach Washington gesendet ist; aber die Meinung herrscht vor, daß die Kronjuristen der Regierung empfohlen haben, sich auf den ganz engen Rechtsgrund zu stellen, daß die südlichen Kommissäre nicht ohne das Schiff, das sie trug, abgefangen werden durften. Daraufhin soll als conditio sine qua non |unerläßliche Bedingung| die Auslieferung von Slidell und Mason verlangt werden.

Gesetzt, das Volk auf der andern Seite des Atlantischen Ozeans erlaube seiner Regierung diese Auslieferung nicht. Wollt ihr in den Krieg ziehen für die Körper dieser zwei Abgesandten der Sklaventreiber? ... Es existiert in diesem Lande eine antirepublikanische Kriegspartei. Erinnert euch an den letzten russischen Krieg. Durch die Petersburger Veröffentlichung der geheimen Depeschen ward es über allen Zweifel klar, daß die von den 'Times' 1855 veröffentlichten Artikel von einer Person geschrieben waren, die Zugang zu geheimen russischen Staatspapieren und Dokumenten hatte. Herr Layard verlas damals die schlagenden Stellen im Unterhaus, und die 'Times', in |438| ihrer Bestürzung, änderten sofort den Ton und stießen den nächsten Morgen in die Kriegsposaune ... Die 'Times' haben den Kaiser Napoleon wiederholt angegriffen und unsere Regierung in ihrer Forderung unbeschränkten Kredits für Landbefestigungen und schwimmende Batterien unterstützt. Nachdem die 'Times' dies getan und den Alarmruf gegen Frankreich erhoben, wollen sie unsere Küste dem französischen Kaiser nun entblößt gegenüberstellen, durch Verwicklung unseres Landes in einen transatlantischen Krieg ... Es steht zu befürchten, daß die gegenwärtigen großen Rüstungen keineswegs nur für den 'Trent'-Fall bezweckt sind, sondern für die Eventualität einer Anerkennung der Regierung der Sklavenstaaten. Tut England dies, so wird es sich mit ewig lastender Schmach bedecken."

Herr White: "

"Der Arbeiterklasse ist die Bemerkung geschuldet, daß sie der Urheber dieses Meetings ist, und daß alle Kosten für die Veranstaltung desselben von ihrem Komitee getragen werden ... Die gegenwärtige Regierung hatte nie den guten Takt, aufrichtig und wahrhaft mit dem Volke zu handeln ... Ich habe nie einen Augenblick an die entfernteste Möglichkeit geglaubt, daß ein Krieg aus dem 'Trent'-Fall erwachse. Ich habe mehr als einem Mitglied der Regierung ins Gesicht gesagt, daß kein einziges Mitglied der Regierung an die Möglichkeit eines Kriegs wegen des 'Trent'-Falls glaubt. Warum also diese mächtigen Vorbereitungen? Ich glaube, daß England und Frankreich sich dahin verständigt haben, die Unabhängigkeit der südlichen Staaten nächstes Frühjahr anzuerkennen. Bis dahin würde Großbritannien eine übermächtige Flotte in den amerikanischen Gewässern haben. Kanada würde vollständig zur Verteidigung gerüstet sein. Sind die Nordstaaten dann geneigt, aus der Anerkennung der Südstaaten einen casus belli zu machen, so wird Großbritannien vorbereitet sein ..."

Der Redner entwickelte dann weiter die Gefahren eines Krieges mit den Vereinigten Staaten, rief die Sympathie ins Gedächtnis, die Amerika beim Tod des Generals Havelock zeigte, die Hilfe, die die amerikanischen Matrosen bei dem unglücklichen Gefecht im Peiho den englischen Schiffen leisteten usw. Er schloß mit der Bemerkung, daß der Bürgerkrieg mit Abschaffung der Sklaverei enden werde und England daher unbedingt auf seiten des Nordens stehen müsse.

Nachdem der ursprüngliche Antrag einstimmig angenommen, wurde dem Meeting ein Memorandum an Palmerston vorgelegt, debattiert und angenommen.


 

 

Karl Marx

Die öffentliche Meinung in England

Aus dem Englischen.

["New-York Daily Tribune" Nr. 6499 vom 1. Februar 1862]

|439| London, 11. Januar 1862

Die Nachricht von der friedlichen Lösung des "Trent"Konfliktes" wurde von der Mehrheit des englischen Volkes mit einer Begeisterung begrüßt, welche die Unpopularität des erwarteten Krieges und die Furcht vor seinen Folgen unmißverständlich bewies. Man sollte in den Vereinigten Staaten niemals vergessen, daß zumindest die Arbeiterklasse Englands sie vom Beginn bis zum Ende des Streits nicht im Stich gelassen hat. Ihr war es zu verdanken, daß während der ganzen Zeit, da der Frieden auf Messers Schneide stand, trotz der von der feilen und verantwortungslosen Presse täglich verabfolgten Giftspritzen im Vereinigten Königreich nicht ein einziges öffentliches Kriegsmeeting abgehalten werden konnte. Bei dem einzigen Kriegsmeeting, das bei der Ankunft der "La Plata" in den Baumwollauktionsräumen der Liverpooler Börse zustande kam, waren die Baumwollspekulanten ganz unter sich. Sogar in Manchester verstand man die Stimmung in der Arbeiterklasse so gut, daß ein einzelner Versuch, ein Kriegsmeeting einzuberufen, kurz nach Aufkommen des Gedankens wieder aufgegeben wurde.

Wo in Schottland, England oder Irland auch öffentliche Meetings stattfanden, protestierten sie gegen das wütende Kriegsgeschrei der Presse, gegen die finsteren Pläne der Regierung und erklärten sich für eine friedliche Lösung der schwebenden Fragen. In dieser Beziehung sind die beiden zuletzt abgehaltenen Meetings, eins in Paddington, London, das andere in Newcastle-upon-Tyne, charakteristisch. Ersteres stimmte Herrn Washington Wilkes' Darlegung zu, daß England nicht das Recht habe, die Verhaftung der Kommissäre des Südens zu kritisieren; während auf dem Meeting in Newcastle beinahe einstimmig folgende Entschließung an- |440| genommen wurde: Erstens, daß sich die Amerikaner nur der gesetzlichen Ausübung des Durchsuchungs- und Festnahmerechtes schuldig gemacht haben; zweitens, daß der Kapitän des "Trent" wegen seiner Verletzung der von der Königin proklamierten englischen Neutralität bestraft werden müßte.

Unter gewöhnlichen Umständen hätte man die Haltung der britischen Arbeiter auf die natürliche Sympathie zurückführen können, welche die Volksmassen der ganzen Welt der einzigen Volksregierung der Welt entgegenbringen sollten. Unter den gegenwärtigen Umständen jedoch, da ein großer Teil der britischen Arbeiterklasse direkt und schwer unter den Folgen der Blockade des Südens leidet, da ein anderer Teil indirekt durch die Beschränkung des amerikanischen Handels getroffen wird, der - wie man ihnen erzählt - der selbstsüchtigen "Schutzpolitik" der Republikaner zuzuschreiben ist; da sich die einzige verbliebene demokratische Wochenzeitschrift, "Reynolds's Paper", an die Herren Yancey und Mann verkauft hat und Woche für Woche ihren ganzen Vorrat an schmutzigen Reden darin erschöpft, die Arbeiterklasse aufzurufen, im eigenen Interesse die Regierung zu einem Krieg mit der Union zu drängen - unter solchen Umständen erfordert die bloße Gerechtigkeit, daß man der festen Haltung der britischen Arbeiterklasse Achtung zollt, um so mehr, wenn man diese Haltung dem heuchlerischen, prahlenden, feigen und dummen Verhalten des offiziellen und wohlsituierten John Bull entgegenhält.

Welcher Unterschied liegt in dieser Haltung des Volkes gegenüber jener, welche sie in der Zeit des russischen Konfliktes einnahm, Damals winselten die "Times", die "Post" und die anderen Yellowplushes der Londoner Presse nach Frieden, und im ganzen Lande antworteten ihnen gewaltige Kriegsmeetings. Jetzt heulten sie nach Krieg, woraufhin ihnen Friedensmeetings antworteten, welche die freiheitsmörderischen Plane und die Sympathien der Regierung für die Sklaverei öffentlich brandmarkten. Die Grimassen, die die Auguren der öffentlichen Meinung auf die Nachricht von der friedlichen Lösung des "Trent"-Falles hin schnitten, sind wirklich amüsierend.

Zuallererst müssen sie sich durchaus zu der Würde, dem gesunden Menschenverstand, dem guten Willen und der Mäßigung gratulieren, die sie im Verlaufe eines vollen Monats täglich bewiesen haben. Sie waren in den ersten beiden Tagen nach der Ankunft der "La Plata" gemäßigt, als Palmerston unsicher war, ob man einen legalen Vorwand zum Streit finden |441| könne. Doch kaum stießen die Kronjuristen auf einen legalen Vorwand, da begannen sie ein derart mißtönendes Geschrei, wie man es seit dem Antijakobinerkrieg nicht gehört hatte. Die Depeschen der englischen Regierung verließen Queenstown Anfang Dezember. Vor Anfang Januar konnte keine offizielle Antwort Washingtons erwartet werden. Die inzwischen neueingetretenen Vorfälle sprachen alle zugunsten der Amerikaner. Der Ton der transatlantischen Presse war ruhig, obgleich die Nashville-Affäre ihre Leidenschaften erregt haben mochte. Alle festgestellten Tatsachen zeigen, daß Kapitän Wilkes auf eigene Faust gehandelt hatte. Die Lage der Washingtoner Regierung war heikel. Widersetzte sie sich den englischen Forderungen, so würde sie den Bürgerkrieg durch einen auswärtigen Krieg komplizieren. Gäbe sie nach, so würde sie ihrer Popularität im Lande schaden und dem Druck von außen nachzugeben scheinen. Und in dieser Lage führte die Regierung gleichzeitig einen Krieg, der auf seiner Seite die wärmsten Sympathien eines jeden hat, der nicht ein erklärter Räuber ist.

Gesunder Menschenverstand und elementarer Anstand hätten daher der Londoner Presse wenigstens in der Zeit zwischen der englischen Forderung und der amerikanischen Antwort diktieren müssen, sich sorgsam jedes Wortes zu enthalten, das dazu beigetragen hätte, die Leidenschaften zu erhitzen, Feindschaft hervorzurufen und die Schwierigkeiten zu komplizieren. Aber nein! Diese "unaussprechlich erbärmliche und kriecherische" Presse, wie sie William Cobbett - und er war eine Autorität auf dem Gebiet - bezeichnet, brüstete sich wirklich damit - als sie die vereinte Kraft der Vereinigten Staaten fürchtete -, sich der wachsenden Geringschätzung und den Beleidigungen der Pro-Sklaverei-Regierungen fast ein halbes Jahrhundert lang bescheiden unterworfen zu haben, während sie jetzt mit dem wilden Frohlocken von Feiglingen danach lechzt, an der republikanischen Regierung, die durch einen Bürgerkrieg abgelenkt ist, Rache zu nehmen. Die Geschichte der Menschheit verzeichnet kein niederträchtigeres Selbstbekenntnis als dieses.

Einer der Yellowplushes, Palmerstons privater Moniteur - die "Morning Post" -, findet sich selbst durch die amerikanischen Zeitungen eines schändlichen Vergehens angeklagt. John Bull wurde niemals informiert - eine Nachricht, die die über ihn herrschenden Oligarchen ihm sorgfältig vorenthielten -, daß Herr Seward, ohne Russells Depesche abzuwarten, jede Beteiligung des Washingtoner Kabinetts an der Tat Kapitän Wilkes geleugnet hatte. Herrn Sewards Depesche traf am 19. Dezember in London ein. Am 20. Dezember verbreitete sich das Gerücht dieses "Geheimnisses" an der Börse. Am 21. traten die Yellowplushes der "Morning Post" auf, um |442| ernst zu verkünden, daß "die fragliche Depesche sich keineswegs auf die Ausschreitungen gegenüber unserem Postdampfboot beziehe".

In den "Daily News", dem "Morning Star" und anderen Londoner Zeitungen wird man finden, daß mit Yellowplush ziemlich streng verfahren wird, doch man kann von ihnen nicht erfahren, was die Leute außerhalb sagen. Sie sagen, daß "Morning Post" und "Times" wie "Patrie" und "Pays" das Publikum nicht nur täuschten, um es politisch irrezuführen, sondern um es im Interesse ihrer Herren auch in der Finanzbranche auf der Börse zu plündern.

Die unverschämte "Times", völlig im klaren darüber, daß sie während der ganzen Krise niemanden als sich selbst kompromittiert und einen Beweis dafür geliefert hatte, wie hohl ihre Behauptung sei, sie beeinflusse das wirkliche Volk Englands, spielt heute einen Trick aus, der hier in London nur auf die Lachmuskeln wirkt, doch auf der anderen Seite des Atlantik falsch verstanden werden könnte. Die "Volksklassen" Londons, der "Mob", wie die Yellowplushes sie nennen, haben unmißverständliche Zeichen gegeben - haben sogar in Zeitungen darauf hingewiesen - daß sie es für einen außerordentlich passenden Witz betrachten würden, Herrn Mason (der nebenbei gesagt ein entfernter Verwandter von Palmerston ist, da sein Urgroßvater mit einer Tochter Sir W. Temples verheiratet war), Slidell und Co. mit denselben Demonstrationen zu bedenken, die Haynau bei seinem Besuch in Barclays Brauerei erhielt. Die "Times" ist schon bei dem Gedanken an einen so unerhörten Zwischenfall entsetzt; und wie versucht sie zu parieren? Sie ermahnte das englische Volk, Mason, Slidell und Co. mit keinerlei öffentlichen Ovationen zu überhäufen! Die "Times" weiß, daß ihr heutiger Artikel allen Schenkstuben Londons Anlaß zum Lachen geben wird. Das macht jedoch nichts! Menschen auf der anderen Seite des Atlantik mögen vielleicht denken, daß der Edelmut der "Times" sie vor dem Schimpf öffentlicher Ovationen für Mason, Slidell und Co. gerettet habe, während die "Times" in der Tat nur beabsichtigt, diese Herren vor öffentlicher Beleidigung zu schützen!

Solange die "Trent"-Affäre unentschieden war, haben die "Times", die "Post", der "Herald", der "Economist" und die "Saturday Review", in der Tat die ganze vornehme käufliche Presse Londons, alles versucht, John Bull zu überzeugen, daß die Washingtoner Regierung, selbst wenn sie wollte, unfähig sei, Frieden zu halten, weil der Yankee-Mob es nicht erlauben würde und weil die Bundesregierung eine Regierung des Mobs sei. Die Tatsachen haben sie jetzt Lügen gestraft. Sühnen sie jetzt ihre böswilligen Beleidigungen des amerikanischen Volkes? Bekennen sie wenigstens den Irrtum, dem Yellowplush verfallen mußte, da er sich anmaßte, die Taten eines freien |443| Volkes zu beurteilen? Keineswegs. Sie entdecken jetzt einmütig, daß die amerikanische Regierung, als sie Englands Forderungen nicht zuvorkam, und die Verräter aus den Südstaaten sofort nach ihrer Festnahme übergab, eine glänzende Gelegenheit verpaßte und ihre gegenwärtige Konzession wertlos machte. Wahrhaft Yellowplush! Herr Seward verurteilte die Handlung Wilkes' vor dem Eintreffen der englischen Forderungen und erklärte sich sofort willens, einen versöhnlichen Weg einzuschlagen. Und was haben sie bei ähnlicher Gelegenheit getan? Als unter dem Vorwand der gewaltsamen Werbung englischer Matrosen an Bord amerikanischer Schiffe - ein Vorwand, der mit den Seekriegsrechten überhaupt nichts zu tun hat, sondern eine offensichtliche ungeheure Usurpation gegen jedes internationale Recht ist - der "Leopard" eine Breitseite auf die "Chesapeake" feuerte, sechs Matrosen tötete, einundzwanzig verwundete und die angeblichen Engländer an Bord der "Chesapeake" gefangennahm; und was tat die englische Regierung? Dieser Übergriff geschah am 20. Juni 1807. Wirkliche Satisfaktion, die Auslieferung der Matrosen usw. kam erst am 8. November 1812, also fünf Jahre später, zustande. Zwar verurteilte die britische Regierung sofort diese Handlung Admiral Berkeleys, ebenso wie es Herr Seward in bezug auf Kapitän Wilkes tat, doch als Strafe avancierte der Admiral von einem niedrigeren zu einem höheren Rang. England gab, als es seine Anordnungen im Rat bekanntgab, offen zu, daß es Ausschreitungen gegen die Rechte Neutraler im allgemeinen und der Vereinigten Staaten im besonderen seien; daß sie ihm als Vergeltungsmaßnahmen gegen Napoleon aufgezwungen worden seien, und daß es sich sehr freuen wurde, sie aufheben zu können, wenn Napoleon seine Übergriffe gegen neutrale Rechte einstellte. Napoleon stellte sie, soweit sie die Vereinigten Staaten betrafen, im Frühjahr 1810 ein. England beharrte auf seinen offen bekannten Übergriffen gegen die maritimen Rechte Amerikas. Sein Widerstand dauerte von 1806 bis zum 23. Juni 1812 - nachdem die Vereinigten Staaten am 18. Juni 1812 England den Krieg erklärt hatten. England lehnte in diesem Falle sechs Jahre lang nicht ab, seine offen zugegebenen Übergriffe wiedergutzumachen, lehnte aber ab, sie einzustellen. Und diese Leute sprechen von der glänzenden Gelegenheit, die die amerikanische Regierung verpaßte! Ob falsch oder richtig, es war eine feige Tat der britischen Regierung, eine Beschwerde, die sich auf einen angeblichen technischen Irrtum und einen reinen Prozedurfehler gründete, durch ein Ultimatum, durch die Forderung nach Auslieferung der Gefangenen zu verstärken. Die amerikanische Regierung könnte Gründe haben, dieser Forderung nachzukommen, sie konnte keine haben, ihr zuvorzukommen.

|444| Durch die gegenwärtige Beilegung des "Trent"-Konfliktes wurde die Frage, die den ganzen Disput hervorrief und die wahrscheinlich wieder auftauchen wird - nämlich die Kriegsrechte einer Seemacht gegenüber Neutralen - nicht gelöst. Ich werde mit Ihrer Erlaubnis versuchen, die ganze Frage in einem folgenden Artikel zu behandeln. Vorläufig erlauben Sie mir hinzuzufügen, daß meiner Meinung nach die Herren Mason und Slidell der Bundesregierung einen großen Dienst erwiesen haben. Es gab in England eine einflußreiche Kriegspartei, die teils aus kommerziellen, teils aus politischen Gründen nach einem Zusammenstoß mit den Vereinigten Staaten trachtete. Die "Trent"-Affäre hat diese Partei einer Feuerprobe unterzogen. Sie hat diese nicht bestanden. Die Kriegswut wurde durch eine unbedeutende Angelegenheit vermindert, das Ventil geöffnet; die brüllende Begeisterung der Oligarchie hat den Argwohn der englischen Demokratie hervorgerufen, die großen, mit den Vereinigten Staaten verbundenen englischen Interessen leisteten Widerstand, der wahre Charakter des Bürgerkrieges wurde den Arbeitern klar gemacht, und last not least neigt sich die gefährliche Periode, da Palmerston selbstherrlich regierte, ohne vom Parlament gehindert zu werden, schnell dem Ende zu. Das war die einzige Zeit, in der mit dem Gedanken an einen englischen Krieg für die Sklavenhalter gespielt werden konnte. Jetzt ist der Zeitpunkt dafür vorbei.


 

Karl Marx

Zur Geschichte der unterdrückten Sewardschen Depesche

["Die Presse" Nr. 17 vom 18. Januar 1862]

|445| London, 14. Januar 1862

Der verstorbene "Trent"-Fall ist wieder auferstanden, diesmal aber als ein casus belli nicht zwischen England und den Vereinigten Staaten, sondern zwischen dem englischen Volke und der englischen Regierung. Der neue casus belli wird im Parlament entschieden werden, das nächsten Monat zusammentritt. Sie haben ohne Zweifel bereits Akt genommen von der Polemik der "Daily News" und des "Star" gegen "Morning Post" wegen der Unterschlagung und Ableugnung der Sewardschen Friedensdepesche vom 30. November, welche am 19. Dezember Lord John Russell durch den amerikanischen Gesandten Herrn Adams vorgelesen wurde. Erlauben Sie mir nun noch auf diese Angelegenheit zurückzukommen. Auf die Versicherung der "Morning Post" hin, daß die Sewardsche Depesche sich nicht im entferntesten auf die "Trent"-Angelegenheit beziehe, fielen die Börseneffekten, und Millionen Eigentum wechselten die Hände, wurden verloren auf der einen Seite, gewonnen auf der andern. In den geschäftlichen und industriellen Kreisen erregt daher die ganz ungerechtfertigte und durch Veröffentlichung der Sewardschen Depesche vom 30. November aufgedeckte halbamtliche Lüge der "Morning Post" die ungeheuerste Entrüstung.

Nachmittags am 8. Januar traf die Friedensnachricht in London ein. Am selben Abende interpellierte der "Evening Star" (Abendausgabe des "Morning Star") die Regierung über die Unterdrückung von Sewards Depesche vom 30. November. Am andern Morgen, den 9. Januar, antwortete die "Morning Post" wie folgt:

|446| "Man fragt, warum nichts früher von Sewards Depesche verlautete, die Herr Adams im Laufe des Dezembers erhielt? Die Erklärung dieser Sache ist sehr einfach. Die von Herrn Adams erhaltene Depesche ward unserer Regierung nicht mitgeteilt (not communicated)."

Am Abend desselben Tages gab der "Star" der "Post" ein vollständiges Dementi und erklärte ihre "Berichtigung" für eine elende Ausflucht. Die Depesche sei Lord Palmerston und Lord Russell von Herrn Adams in der Tat nicht "mitgeteilt", sondern "vorgelesen"worden.

Am nächsten Morgen, Samstag, den 11. Januar, traten die "Daily News" in die Schranken und bewiesen aus dem Artikel der "Morning Post" vom 21. Dezember, daß letztere und die Regierung zu jener Zeit völlig mit der Depesche Sewards bekannt waren und sie absichtlich verfälschten. Die Regierung bereitete sich jetzt zum Rückzug. Am Abend des 11. Januar erklärte der halboffizielle "Globe", Herr Adams habe allerdings am 19. Dezember der Regierung Sewards Depesche mitgeteilt, die jedoch keine "Anerbietung auf seiten des Washingtoner Kabinetts enthalten", so wenig als "eine unmittelbare Entschuldigung für die Verletzung der englischen Flagge". Dies verschämte Eingeständnis eines absichtlichen Betrugs des englischen Volkes während drei Wochen blies die Flamme nur höher, statt sie zu löschen. Ein Zornschrei lief durch alle Organe der industriellen Distrikte Großbritanniens, der gestern endlich auch in den Tory-Zeitungen sein Echo fand. Die ganze Frage, man bemerke wohl, wurde nicht von Politikern, sondern vom Handelspublikum auf die Tagesordnung gesetzt. Der heutige "Morning Star" bemerkt darüber:

"Lord John Russell ist ohne Zweifel Mitschuldiger bei Unterdrückung der Wahrheit; auch hat er die Lüge der 'Morning Post' unwiderlegt zirkulieren lassen, aber er ist unfähig, den der Wahrheit ins Gesicht schlagenden, unberechenbar schädlichen Artikel der 'Morning Post' vom 21. Dezember diktiert zu haben. Derlei kann nur ein Mann; der Minister, der den Afghanenkrieg fabrizierte, war allein fähig, Sewards Friedensbotschaft zu unterdrücken. Die törichte Milde des Unterhauses verzieh ihm das eine Vergehen; werden sich Parlament und Volk nicht vereinen, um ihn für das andere zu strafen?"

 


 

Karl Marx

Ein Londoner Arbeitermeeting

["Die Presse" Nr. 32 vom 2. Februar 1862]

|454| London, 28. Januar 1862

Die Arbeiterklasse, ein so vorwiegender Bestandteil in einer Gesellschaft, die seit Menschengedenken keinen Bauernstand mehr besitzt, ist bekanntlich nicht im Parlament vertreten. Dennoch ist sie nicht ohne politischen Einfluß. Keine bedeutende Neuerung, keine entscheidende Maßregel ist hierzulande je durchgeführt worden ohne pressure from without (Druck von außen), sei es, daß die Opposition solcher pressure gegen die Regierung, oder die Regierung der pressure gegen die Opposition bedurfte. Unter pressure from without versteht der Engländer große, außerparlamentarische Volksdemonstrationen, die natürlich ohne lebhafte Mitwirkung der Arbeiterklasse nicht in Szene gesetzt wer den können. Pitt verstand es, in seinem Antijakobinerkrieg die Massen gegen die Whigs zu gebrauchen. Die katholische Emanzipation, die Reformbill, die Abschaffung der Korngesetze, die Zehnstundenbill, der Krieg gegen Rußland, die Verwerfung von Palmerstons Verschwörungsbill, alle waren die Frucht stürmischer außerparlamentarischer Demonstrationen, worin die Arbeiterklasse bald künstlich gehetzt, bald spontan handelnd, nur als persona dramatis |handelnde Personen|, nur als Chor, die Hauptrolle, oder - je nach Umständen - auch die Spektakelrolle spielte. Um so auffallender ist die Haltung der englischen Arbeiterklasse mit Bezug auf den Amerikanischen Bürgerkrieg.

Das Elend, welches die durch die Blockade der Sklavenstaaten motivierte Stillsetzung der Fabriken und Verkürzung der Arbeitszeit in den nördlichen Manufaktur-Distrikten unter den Arbeitern erzeugt hat, ist unglaublich und täglich im Wachsen begriffen. Die anderen Bestandteile |455| der Arbeiterklasse leiden nicht in demselben Grade, aber sie leiden empfindlich unter der Rückwirkung der Krise der Baumwollindustrie auf die übrigen Industriezweige, unter der Verkürzung der Ausfuhr ihrer eigenen Produkte nach dem Norden Amerikas infolge des Morrill-Tarifs und der Vernichtung dieser Ausfuhr nach dem Süden infolge der Blockade. Englische Einmischung in Amerika ist daher in diesem Augenblicke zur Messer- und Gabelfrage für die arbeitende Klasse geworden. Dazu wird von seiten ihrer "natural superiors" (natürliche Vorgesetzte) kein Mittel verschmäht, um ihren Zorn gegen die Vereinigten Staaten zu entflammen. Das einzige noch existierende große und weitverbreitete Arbeiterorgan, "Reynolds's Newspaper", ist eigens gekauft, um seit sechs Monaten in tobenden Diatriben das Ceterum censeo der englischen Intervention wöchentlich zu wiederholen. Die Arbeiterklasse ist sich daher völlig bewußt, daß die Regierung nur auf den Interventionsschrei von unten lauert, die pressure from without, um der amerikanischen Blockade und dem englischen Elend ein Ende zu machen. Unter diesen Umständen ist die Hartnäckigkeit bewundernswert, womit die Arbeiterklasse schweigt oder ihr Schweigen nur bricht, um ihre Stimme gegen die Intervention, für die Vereinigten Staaten zu erheben. Es ist dies ein neuer glänzender Beweis der unverwüstlichen Tüchtigkeit der englischen Volksmasse, jener Tüchtigkeit, die das Geheimnis der Größe Englands bildet, und die, um in der hyperbolischen Sprache Mazzinis zu reden, den gemeinen englischen Soldaten während des Krimkrieges und der indischen Insurrektion als einen Halbgott erscheinen ließ.

Zur Charakteristik der "Politik" der Arbeiterklasse diene folgender Bericht über ein großes Arbeitermeeting, das gestern in Marylebone, dem volksreichsten Distrikt Londons, stattfand:

Herr Steadman, der Vorsitzende, eröffnete das Meeting mit dem Bemerken, es handle sich um einen Entschluß über die Empfangsnahme der Herren Mason und Slidell seitens des englischen Volkes.

"Es sei zu erwägen, ob diese Gentlemen hergereist kämen, um die Sklaven von ihrer Kette zu befreien oder einen neuen Ring dieser Kette zuzuschmieden."

Herr Yates:

"Die Arbeiterklasse darf bei der jetzigen Gelegenheit nicht schweigen. Die zwei Gentlemen, die über den Atlantischen Ozean unserem Lande zusegeln, sind die Agenten sklavenhaltender und tyrannischer Staaten. Sie befanden sich in offener Rebellion gegen die gesetzliche Konstitution ihres Landes und kommen her, um unsere Regierung zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Sklavenstaaten zu bestimmen. Es ist die |456| Pflicht der Arbeiterklasse, jetzt ihre Meinung auszusprechen, soll die englische Regierung nicht glauben, daß wir gleichgiltig ihrer auswärtigen Politik zuschauen. Wir müssen zeigen, daß das von diesem Volke für Sklavenemanzipation verausgabte Geld nicht nutzlos vergeudet werden darf. Hätte unsere Regierung ehrlich gehandelt, so würde sie mit Herz und Seele die Nordstaaten in der Unterdrückung dieser furchtbaren Rebellion unterstützt haben."

Nach einer ausführlichen Verteidigung der Nordstaaten und der Bemerkung, daß "Herrn Lovejoys heftige Tirade gegen England herausgefordert war durch die Schmähungen der englischen Presse", stellte der Redner folgenden Antrag:

"Dieses Meeting beschließt, daß die Agenten der Rebellen, Mason und Slidell, jetzt auf der Reise von Amerika nach England, ganz und gar der moralischen Sympathien der Arbeiterklasse dieses Landes unwürdig sind, da sie sowohl Sklavenbesitzer sind als die eingestandenen Agenten der tyrannischen Fraktion, die in diesem Augenblicke gegen die amerikanische Republik rebelliert und die geschworne Feindin der sozialen und politischen Rechte der Arbeiterklasse in allen Ländern ist."

Herr Whynne unterstützte den Antrag. Es verstehe sich übrigens von selbst, daß man jeden persönlichen Insult gegen Mason und Slidell während ihrer Anwesenheit in London vermeiden müsse.

Herr Nichols, ein Bewohner "des äußersten Nordens der Vereinigten Staaten", wie er sich ankündigte, in der Tat als Advocatus Diaboli von Herren Yancey und Mann auf das Meeting entsendet, protestierte gegen den Antrag.

"Ich bin hier, weil hier Redefreiheit herrscht. Bei uns zu Hause hat die Regierung seit drei Monaten keinem Menschen erlaubt, den Mund aufzutun. Die Freiheit ist nicht nur im Süden, sondern auch im Norden zermalmt worden. Der Krieg hat viele Feinde im Norden, aber sie wagen nicht zu sprechen. Nicht weniger als zweihundert Zeitungen sind unterdrückt oder vom Pöbel zerstört worden. Die Südstaaten haben dasselbe Recht, vom Norden zu sezedieren, das die Vereinigten Staaten hatten, von England abzufallen."

Trotz der Beredsamkeit des Herrn Nichols ging der erste Antrag einstimmig durch. Er erhob sich nun von neuem: "Wenn sie Herrn Mason und Slidell vorwerfen, daß sie Sklavenhalter seien, so gelte dasselbe von Washington und Jefferson usw."

Herr Beales widerlegte Nichols in einer ausführlichen Rede und stellte dann einen zweiten Antrag dahin:

|457| "In Anbetracht der schlechtversteckten Anstrengungen der 'Times' und anderer irreleitender Journale, die englische öffentliche Meinung über alle amerikanischen Angelegenheiten falsch darzustellen, uns auf beliebige Vorwände hin in Krieg mit Millionen unserer Blutsverwandten zu verwickeln, die augenblicklichen Gefahren der Republik zur Verleumdung demokratischer Institutionen zu mißbrauchen, - betrachtet dieses Meeting als die ganz besondere Pflicht der Arbeiter, da sie im Senat der Nation nicht repräsentiert sind, ihre Sympathie mit den Vereinigten Staaten in ihrem gigantischen Kampf für die Aufrechterhaltung der Union auszusprechen, die schmähliche Unehrlichkeit und Sklavenhalterei-Advokatur der 'Times' und verwandter aristokratischer Journale zu denunzieren; den emphatischesten Ausdruck zugunsten der strengsten Nicht-Interventions-Politik in Angelegenheiten der Vereinigten Staaten zu geben, zugunsten der Schlichtung aller etwaigen Streitfälle durch von beiden Seiten ernannte Kommissäre oder Schiedsgerichte; die Kriegspolitik des Organs der Börsenschwindler zu denunzieren und die wärmste Sympathie an den Bestrebungen der Abolitionisten für eine schließliche Lösung der Sklavenfrage kundzugeben."

Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen sowie der schließliche Antrag, "vermittelst des Herrn Adams der amerikanischen Regierung eine Kopie der gefaßten Beschlüsse als des Ausdrucks der Gefühle und Meinungen der Arbeiterklasse Englands zukommen zu lassen".


 

 

 

Karl Marx

Interventionsfeindliche Stimmung

["Die Presse" Nr. 34 vom 4. Februar 186]

|458| London, 31. Januar 1862

 

 

Liverpools kommerzielle Größe leitet ihren Ursprung vom Sklavenhandel her. Die einzigen Beiträge, womit Liverpool die poetische Literatur Englands bereichert hat, sind Oden auf den Sklavenhandel. Vor fünfzig Jahren war es lebensgefährlich fürWilberforce, den Boden Liverpools zu betreten. Wie im vorigen Jahrhundert der Sklavenhandel, so bildete in diesem Jahrhundert der Handel mit dem Produkt der Sklaverei - der Baumwolle - die materielle Grundlage der Größe Liverpools. Kein Wunder daher, daß Liverpool das Zentrum der englischen Sezessionsfreunde. Es ist in der Tat die einzige Stadt innerhalb des Vereinigten Königsreichs, wo es möglich war, während der letzten Krise ein quasi öffentliches Meeting zugunsten eines Krieges mit den Vereinigten Staaten zu veranstalten. Und was sagt Liverpool jetzt? Hören wir eines seiner großen täglichen Organe, die "Daily Post".

In einem Leitartikel, betitelt "The cute Yankee" (der schlaue Yankee), heißt es unter anderm:

"Die Yankees haben mit ihrem gewöhnlichen Geschicke einen scheinbaren Verlust in einen wirklichen Gewinn verwandelt und England ihrem Vorteil dienstbar gemacht ... Großbritannien hat in der Tat seine Macht entfaltet, aber zu welchem Zwecke? Seit Gründung der Vereinigten Staaten nahmen die Yankees für eine neutrale Flagge stets das Privilegium in Anspruch, daß unter ihr segelnde Passagiere vor allen Eingriffen und Angriffen der Kriegführenden geschützt seien. Wir bestritten dies Privilegium aufs äußerste während des Antijakobinerkrieges, des englisch-amerikanischen Krieges von 1812 bis 1814, und neuerlich noch im Jahre 1842 während der Unterhandlungen zwischen Lord Ashburton und dem Staatssekretär Daniel Webster. Jetzt muß unsere Opposition aufhören. Das Yankee-Prinzip hat gesiegt. Herr Seward protokolliert die |459| Tatsache, erklärt, daß wir prinzipiell nachgeben und daß die Vereinigten Staaten durch den 'Trent'-Fall eine Konzession von uns erhalten, zu deren Erreichung sie bisher alle Mittel der Diplomatie und des Krieges umsonst erschöpft hatten."

Wichtiger noch ist das Geständnis der "Daily Post" über den Umschwung der öffentlichen Meinung, selbst in Liverpool.

"Die Konföderierten", sagt sie, "haben sicher nichts getan, um die ihnen bisher günstige Meinung einzubüßen. Ganz im Gegenteil! Sie haben nämlich gekämpft und ungeheure Opfer gebracht. Wenn sie ihre Unabhängigkeit nicht erhalten, muß jeder gestehen, daß sie dieselbe verdienen. Wie dem auch sei, die Strömung der öffentlichen Meinung läuft jetzt ihren Ansprüchen entgegen. Noch vor vier Wochen waren sie brave Burschen (fine fellows), Jetzt erklärt man sie für eine sehr traurige Bande (a very sorry set) ... Eine Reaktion ist in der Tat eingetreten. Die Anti-Sklaverei-Sekte, so kleinlaut während der letzten populären Aufregung, nimmt nun den Mund voll und donnert gegen Menschenhandel und rebellische Sklavenhalter! ... Sind nicht selbst die Wälle unserer Stadt bedeckt mit großen Plakaten voll von Denunziationen und giftigen Invektiven gegen die Herren Mason und Slidell, die Urheber des verfluchten Gesetzes über flüchtige Sklaven? ... Die Konföderierten haben durch die 'Trent'-Affäre verloren. Sie sollte ihr Gewinn sein, sie hat sich zu ihrem Ruin gewendet. Die Sympathie dieses Landes ist ihnen entzogen, und sie müssen sich möglichst bald mit dieser sonderbaren Lage der Dinge vertraut machen. Man hat sie sehr schlecht behandelt, aber dabei bleibts (there will be no redress)."

Aus diesem Geständnis des sezessionsfreundlichen Liverpooler Tagblattes erklärt sich leicht die veränderte Sprache, die einige gewichtige Organe Palmerstons jetzt plötzlich vor Eröffnung des Parlaments führen. So bringt der "Economist" vom letzten Samstag einen Artikel unter der Überschrift: "Soll die Blockade respektiert werden?"

Er geht zunächst von dem Axiom aus, daß die Blockade eine bloße Papierblockade, ihre Verletzung also durch das Völkerrecht gestattet sei. Frankreich verlange die gewaltsame Beseitigung derselben. Die praktische Entscheidung der Frage liege daher in der Hand Englands, das große und dringende Motive zu einem solchen Schritt habe. Namentlich bedürfe es der amerikanischen Baumwolle. Nebenbei bemerkt, ist nicht recht abzusehen, wie eine "bloße Papierblockade" die Verschiffung der Baumwolle verhindern kann.

"Dennoch aber", ruft der "Economist", "muß England die Blockade respektieren." Nach einer Reihe von Scheingründen, die dies Urteil motivieren, kommt er schließlich zu des Pudels Kern.

"In einem solchen Fall", sagt er, "müßte die Regierung das ganze Land hinter sich haben. Die große Masse des englischen Volkes ist jedoch noch nicht vorbereitet für |460| eine Einmischung, die selbst den Schein hätte, als unterstützten wir die Errichtung einer Sklavenrepublik. Das soziale System der Konföderation beruht auf der Sklaverei; die Föderalisten haben alles getan, um uns zu überreden, daß Sklaverei die Wurzel der Sezession ist, daß sie die Feinde der Sklaverei sind - und Sklaverei ist der Gegenstand unseres äußersten Abscheus ... Hierin liegt der eigentliche Irrtum des Volksgefühls. Die Auflösung, nicht die Wiederherstellung der Union, die Unabhängigkeit, nicht die Niederlage des Südens, ist der einzig sichere Weg zur Sklavenemanzipation. Wir hoffen dies gelegentlich unseren Lesern klarzumachen. Aber einstweilen ist es noch nicht klar. Die Majorität der Engländer denkt anders. So lange sie bei diesem Vorurteil verharrt, würde jeder Intervention unserer Regierung, die uns in aktive Opposition gegen den Norden, angebliche Allianz mit dem Süden stellte, die herzliche Mitwirkung der britischen Nation fehlen."

In anderen Worten: Der Versuch einer solchen Intervention würde das Ministerium stürzen, Und hieraus erklärt sich auch, weshalb die "Times" sich so entschieden gegen jede Intervention und für die Neutralität Englands aussprechen.


 

 

Karl Marx

Zur Baumwollkrise

Geschrieben Anfang Februar 1862.

["Die Presse" Nr. 38 vom 8. Februar 1862]

|461| Vor einigen Tagen fand das jährliche Meeting der Handelskammer von Manchester statt. Sie repräsentiert Lancashire, den größten Industriedistrikt des Vereinigten Königreichs und den Hauptsitz der britischen Baumwollmanufaktur. Der Präsident des Meetings, Herr E. Potter, und die Hauptredner auf demselben, die Herren Bazley und Turner, vertreten Manchester und einen Teil Lancashires im Unterhaus. Aus den Verhandlungen des Meetings erfahren wir also offiziell, welche Haltung das große Zentrum englischer Baumwollindustrie der amerikanischen Krise gegenüber in dem "Senat der Nation" behaupten wird.

Auf dem vorjährigen Meeting der Handelskammer hatte Herr Ashworth, einer der größten Baumwollbarone Englands, in pindarischer Überschwenglichkeit die unerhörte Ausdehnung der Baumwollindustrie während des letzten Dezenniums gefeiert. Er hob namentlich hervor, daß selbst die Handelskrisen von 1847 und 1857 keinen Ausfall in der Ausfuhr englischer Baumwollgespinste und Gewebe erzeugt. Er erklärte dies Phänomen aus der wundertätigen Kraft des 1846 eingeführten Freihandelsystems. Schon damals klang es absonderlich, daß dasselbe System, obgleich unfähig, England die Krisen von 1847 und 1857 zu ersparen, fähig sein sollte, einen besondern englischen Industriezweig, die Baumwollindustrie, dem Einfluß jener Krise zu entziehen. Aber was hören wir heute? Sämtliche Redner, Herr Ashworth eingeschlossen, gestehen, daß seit 1858 eine unerhörte Überführung der asiatischen Märkte stattgefunden und daß infolge massenhafter und stetig fortgesetzter Überproduktion die jetzige Stockung eintreten mußte, selbst ohne Amerikanischen Bürgerkrieg, Morrill-Tarif und Blockade. Ob ohne diese erschwerenden Umstände der Ausfall in der Ausfuhr des letzten Jahres die Höhe von 6 Millionen Pfund Sterling erreicht |462| hätte, bleibt natürlich dahingestellt, erscheint aber nicht unwahrscheinlich, wenn wir hören, daß die Hauptmärkte Asiens und Australiens für 12 Monate mit englischem Baumwollfabrikat versorgt sind.

Die bisherige Krise in der englischen Baumwollindustrie ist also, nach dem Eingeständnis der in dieser Angelegenheit maßgebenden Handelskammer von Manchester, das Resultat nicht der amerikanischen Blockade, sondern der englischen Überproduktion. Was aber wären die Folgen einer Fortdauer des Amerikanischen Bürgerkrieges? Auf diese Frage erhalten wir wieder einstimmige Antwort: Maßloses Leiden der arbeitenden Klasse und Ruin der kleineren Fabrikanten.

"In London", bemerkte Herr Cheetham, "sagt man, wir hätten noch Baumwolle genug, um fortarbeiten zu lassen. Aber die Baumwolle allein steht nicht in Frage. Es handelt sich vor allem um ihren Preis. Mit den gegenwärtigen Preisen würde das Kapital der Fabrikanten aufgezehrt."

Die Handelskammer erklärt sich jedoch entschieden gegen jede Intervention in den Vereinigten Staaten, obgleich die meisten ihrer Mitglieder hinreichend von den "Times" beherrscht sind, um die Auflosung der Union für unvermeidlich zu halten.

"Das letzte Ding", sagt Herr Potter, "das wir empfehlen können, wäre die Intervention. Der letzte Platz, von dem ein solcher Vorschlag ausgehen würde, ist Manchester. Nichts wird uns bestimmen, etwas moralisch Schlechtes zu empfehlen."

Herr Bazley:

"Der amerikanische Zwist muß dem strengsten Prinzip der Nichtintervention anheimfallen. Das Volk jenes großen Landes muß ungestört seine eigenen Angelegenheiten ordnen."

Herr Cheetham:

"Die herrschende Meinung in diesem Distrikt widerstrebt aufs entschiedenste jeder Intervention in dem amerikanischen Zwist. Es ist notwendig, dies klar auszusprechen, weil im Zweifelsfalle von anderer Seite ein außerordentlicher Druck auf die Regierung ausgeübt werden würde."

Was empfiehlt also die Handelskammer? Die englische Regierung soll alle Hindernisse beseitigen, die von seiten der Verwaltung noch immer die Baumwollkultur in Indien hemmen, Sie soll namentlich den Einfuhrzoll von 10 Prozent aufheben, womit englische Baumwollgespinste und Gewebe in Indien belastet sind. Kaum war das Regime der Ostindischen Kompanie beseitigt, kaum Ostindien dem britischen Reiche einverleibt, als Palmerston durch Herrn Wilson jenen Einfuhrzoll auf englische Fabrikate |463| in Indien einführte, und zwar zur selben Zeit, wo er für den englisch-französischen Handelsvertrag Savoyen und Nizza verkaufte. Während der französische Markt der englischen Industrie in einem gewissen Umfang eröffnet ward, wurde ihr der ostindische Markt in größerem Umfange verschlossen.

Herr Bazley bemerkte mit Bezug hierauf, daß große Massen englischer Maschinerie seit der Einführung jenes Zolls nach Bombay und Kalkutta ausgeführt und daselbst Fabriken im englischen Stil errichtet worden seien. Diese bereiteten sich vor, ihnen die beste indische Baumwolle wegzuschnappen. Rechne man zu den 10 Prozent Einfuhrzoll 15 Prozent für Fracht hinzu, so genießen die durch die Initiative der englischen Regierung künstlich hervorgerufenen Rivalen eines Schutzzolls von 25 Prozent.

Überhaupt sprach sich auf dem Meeting der Großwürdentrager der englischen Industrie bittere Verstimmung aus über die protektionistische Tendenz, die mehr und mehr in den Kolonien, namentlich auch in Australien, um sich greife. Die Herren vergessen, daß die Kolonien während anderthalb Jahrhunderten vergebens gegen das "Kolonialsystem" des Mutterlandes protestierten. Damals verlangten die Kolonien freien Handel. England bestand auf Prohibition. Jetzt predigt England freien Handel, und die Kolonien finden Protektion gegen England ihren Interessen angemessener.

 


 

 

 

Karl Marx

Die Adreßdebatte im Parlament

["Die Presse" Nr. 42 vom 12. Februar 1862]

|468| London, 7. Februar 1862

Die Eröffnung des Parlaments war eine glanzlose Zeremonie. Die Abwesenheit der Königin und die Verlesung der Thronrede durch den Lord Chancellor |Gladstone| verbannten jeden theatralischen Effekt. Die Thronrede selbst ist kurz, ohne schlagend zu sein. Sie rekapituliert die faits accomplis |vollendeten Tatsachen| der auswärtigen Politik und verweist zur Beurteilung derselben auf die dem Parlament vorgelegten Dokumente. Eine einzige Phrase erregte eine gewisse Sensation, die Phrase, worin die Königin "trusts" (hofft, glaubt), daß "kein Grund vorhanden ist, eine Störung des Friedens in Europa zu befürchten". Diese Phrase besagt in der Tat, daß der europäische Friede der Domäne der Hoffnung und des Glaubens angehört.

Die Herren, welche die Antwort auf die Thronrede in beiden Häusern vorschlugen, waren, der parlamentarischen Praxis gemäß, schon vor drei Wochen von den Ministern zu diesem Geschäft beordert. Ihre Antwort besteht geschäftsmäßig in einem breiten Echo der Thronrede und in Lobhudeleien, welche die Minister sich selbst im Namen des Parlaments erteilen. Als im Jahre 1811 Sir Francis Burdett den offiziellen Antragstellern der Adresse zuvorkam und die Gelegenheit ergriff, die Thronrede schneidender Kritik zu unterwerfen, schien Magna Charta selbst gefährdet. Seit der Zeit hat sich keine solche Ungeheuerlichkeit mehr ereignet.

Das Interesse der Thronrede-Debatte beschränkt sich daher auf die "Winke" der offiziellen Oppositionsklubs und die "Gegenwinke" der Minister. Diesmal jedoch war das Interesse mehr akademisch als politisch. Es handelte sich um die beste Leichenrede auf Prinz Albert, der während |469| seines Lebens das Joch der englischen Oligarchie keineswegs leicht fand. Nach der vox populi |Volkes Stimme| haben Derby und Disraeli die akademische Palme davongetragen, der erste als Naturredner, der andere als Kunstredner.

Der geschäftliche" Teil der Debatte drehte sich um die Vereinigten Staaten, Mexiko und Marokko.

Mit Bezug auf die Vereinigten Staaten belobten die Outs (die außer Amt) die Politik der Ins (der beati possidentes |glücklich Besitzenden|). Derby, der konservative Chef im Hause der Lords, und Disraeli, der konservative Chef im Unterhause, machten nicht dem Kabinett, sondern einander Opposition.

Derby machte zunächst seiner Verstimmung über den Mangel einer "pressure from without" Luft. Er "bewundere", sagte er, die stoische und würdevolle Haltung der Fabriksarbeiter. Was jedoch die Fabriksherren betreffe, so müsse er sie von seinem Lob ausschließen. Ihnen sei die amerikanische Störung außerordentlich gelegen gekommen, da Überproduktion und Überführung aller Märkte ihnen unter allen Umständen Einschränkung des Handels geboten habe.

Derby griff ferner heftig die Unionsregierung an, "die sich und ihr Volk der würdelosesten Erniedrigung ausgesetzt" und nicht als "gentlemen" gehandelt, weil sie nicht die Initiative ergriffen und nicht freiwillig Mason, Slidell und Compagnie auslieferten und Buße taten. Sein Sekundant im Unterhaus, Herr Disraeli, begriff sofort, wie sehr Derbys Ausfall die Ministerial-Hoffnungen der Konservativen beschädige. Er erklärte daher auch umgekehrt:

"Wenn ich die großen Schwierigkeiten betrachte, womit die Staatsmänner von Nordamerika zu kämpfen hatten, muß ich meine Meinung dahin aussprechen, daß sie denselben männlich und mutig entgegengetreten sind."

Andererseits - mit der ihm gewöhnlichen Konsequenz - protestierte Derby gegen die "neuen Lehren" vom Seerecht. England habe von jeher die Kriegführenden-Rechte gegen die Prätensionen der Neutralen behauptet. Lord Clarendon habe zwar 1856 zu Paris eine "gefährliche" Konzession gemacht. Glücklicherweise sei dieselbe von der Krone noch nicht ratifiziert, so daß "sie den Zustand des internationalen Rechts nicht ändere". Herr Disraeli, offenbar hier im Einverständnis mit dem Ministerium, vermied dagegen jede Berührung dieses Punktes.

Derby billigt die Nichtinterventions-Politik der Minister. Noch sei die Zeit zur Anerkennung der südlichen Konföderation nicht gekommen, aber |470| er verlangt authentische Dokumente zur Beurteilung, "wie weit die Blockade effektiv und daher gesetzlich bindend sei". Lord John Russell erklärte dagegen, die Unionsregierung habe eine hinreichende Schiffzahl zur Blockierung verwendet, selbe aber nicht überall konsequent durchgeführt. Herr Disraeli will sich kein Urteil über die Natur der Blockade erlauben, verlangt aber ministerielle Papiere zur Aufklärung. Er warnt um so mehr vor jeder voreiligen Anerkennung der Konföderation, als England sich in diesem Augenblicke kompromittiere durch Bedrohung eines amerikanischen Staates (Mexikos), dessen Unabhängigkeit es selbst zuerst anerkannte.

Nach den Vereinigten Staaten kam Mexiko an die Reihe. Kein Parlamentsmitglied verurteilte einen Krieg ohne Kriegserklärung, aber die Einmischung in die inneren Verhältnisse eines Landes unter dem Schibboleth der "Nichtinterventions-Politik" und die Koalition Englands mit Frankreich und Spanien, um ein halb wehrloses Land niederzuschrecken. Die Outs deuteten in der Tat nur an, daß sie sich Mexiko als Vorwand zu Parteimanövern vorbehalten. Derby verlangt Dokumente sowohl über die Konvention zwischen den drei Mächten als über die Weise ihrer Ausführung. Er billigt die Konvention, weil - nach seiner Ansicht - der richtige Weg für jede der kontrahierenden Parteien darin bestanden habe, ihre Ansprüche unabhängig von der andern geltend zu machen. Gewisse öffentliche Gerüchte ließen ihn befürchten, daß wenigstens eine der Mächte - Spanien - Operationen über die Grenze des Vertrages hinaus bezwecke. Als ob Derby in der Tat der Großmacht Spanien die Keckheit zutraute, gegen den Willen Englands und Frankreichs zu handeln! Lord John Russell antwortete: Die drei Mächte verfolgten dasselbe Ziel und würden ängstlich vermeiden, die Mexikaner an der Regelung ihrer eigenen Regierungsangelegenheiten zu verhindern.

Herr Disraeli im Unterhaus enthält sich jedes Urteils vor der Prüfung der vorgelegten Dokumente. Indes findet er "die Ankündigung der Regierung verdächtig". Die Unabhängigkeit Mexikos ward von England zuerst anerkannt. Diese Anerkennung erinnert an eine denkwürdige Politik - die Anti-Heilige-Allianz-Politik - und an einen denkwürdigen Mann, Canning. Welch sonderbarer Anlaß denn trieb England, den ersten Schlag gegen diese Unabhängigkeit zu führen? Zudem habe die Intervention in sehr kurzer Zeit ihren Vorwand gewechselt. Ursprünglich handelte es sich um Genugtuung für Unbill gegen englische Untertanen. Jetzt munkelt man von Einführung neuer Regierungsprinzipien und der Errichtung einer neuen Dynastie. Lord Palmerston verweist auf die vorgelegten Papiere, auf die Konvention, die den Alliierten "Unterjochung" Mexikos und Aufbürdung |471| einer dem Volke unliebsamen Regierungsform untersage. Zugleich aber öffnet er einen diplomatischen Schlupfwinkel. Er habe vom Hörensagen, daß eine Partei in Mexiko die Verwandlung der Republik in Monarchie wünsche. Er kenne die Stärke dieser Partei nicht. Er "wünsche seinerseits nur, daß in Mexiko irgendeine Form von Regierung errichtet werde, womit fremde Regierungen unterhandeln können". Er wünscht also, eine "neue" Regierungsform zu errichten. Er erklärt die Nichtexistenz der gegenwärtigen Regierung. Er vindiziert der Allianz von England, Frankreich und Spanien die Prärogative der Heiligen Allianz, über die Existenz oder Nichtexistenz fremder Regierungen zu entscheiden. "Das ist das Äußerste", fügte er bescheiden hinzu, "was die Regierung Großbritanniens zu erreichen trachtet." Weiter nichts!

Die letzte "offene Frage" der auswärtigen Politik betraf Marokko. Die englische Regierung hat eine Konvention mit Marokko geschlossen, um es zur Abzahlung seiner Schuld an Spanien zu befähigen, einer Schuld, die Spanien ohne Englands Erlaubnis Marokko nie aufbürden konnte. Gewisse Personen, scheint es, haben Marokko Geld zu seinen Terminzahlungen an Spanien vorgeschossen, diesem so den Vorwand zur weitern Besetzung Tetuans und Erneuerung des Krieges abschneidend. Die englische Regierung hat in einer oder der andern Weise diesen Personen die Zinsen für ihr Anlehen garantiert und übernimmt ihrerseits als Garantie die Verwaltung der Zollhäuser Marokkos. Derby fand diese Manier, die Unabhängigkeit Marokkos zu sichern, "rather strange" (gewissermaßen befremdlich), entlockte den Ministern aber keine Antwort. Herr Disraeli ging im Unterhaus weiter auf die Transaktion ein, die "gewissermaßen unkonstitutionell" sei, indem die Minister hinter dem Rücken des Parlaments England neue Geldverpflichtungen aufbürdeten. Palmerston verwies ihn einfach auf die vorgelegten "Dokumente".

Innere Angelegenheiten wurden kaum berührt. Derby warnte nur vor "aufregenden" Streitfragen, wie Parlamentsreform, aus Rücksicht "auf den Gemütszustand der Königin". Er ist bereit, der englischen Arbeiterklasse den Tribut seiner Bewunderung regelmäßig zu zollen, unter der Bedingung, daß sie ihren Ausschluß von der Volksrepräsentation mit demselben enthaltsamen Stoizismus erträgt wie die amerikanische Blockade.

Man würde irren, wollte man aus der idyllischen Eröffnung des Parlaments auf eine idyllische Zukunft schließen. Umgekehrt! Auflösung des Parlaments oder Auflösung des Ministeriums lautet der Wahlspruch der diesjährigen Session. Es wird sich später Gelegenheit zur Begründung dieser Alternative Finden.

 


 

 

Karl Marx

Amerikanische Angelegenheiten

Geschrieben um den 26. Februar 1862.

 

["Die Presse" Nr. 61 vom 3. März 1862]

|478| Präsident Lincoln wagt nicht einen Schritt vorwärts, bevor die Konjunktur der Umstände und der allgemeine Ruf der öffentlichen Meinung längeres Zögern verbieten. Hat sich "Old Abe" aber einmal überzeugt, daß ein solcher Wendepunkt eingetreten, so überrascht er Freund und Feind gleichmäßig durch eine plötzliche, möglichst geräuschlos vollzogene Operation. So hat er in der jüngsten Zeit, in der unscheinbarsten Weise, einen Coup ausgeführt, der ihm vor einem halben Jahre vielleicht den Präsidentenstuhl kosten konnte, und noch vor wenigen Monaten einen Sturm von Debatten hervorgerufen hätte. Wir meinen die Beseitigung McClellans von seinem Posten als Commander in chief |Oberbefehlshaber| sämtlicher Unionsarmeen. Lincoln ersetzte vorerst den Kriegsminister Cameron durch einen energischen und rücksichtslosen Juristen, Herrn Edwin Stanton. Stanton erließ sodann einen Tagesbefehl an die Generale Buell, Halleck, Butler, Sherman und andere Kommandanten ganzer Departements oder Führer von Expeditionen, worin denselben angezeigt wird, sie würden künftig alle Ordres, öffentliche und private, vom Kriegsministerium direkt empfangen, und hätten andererseits direkt an das Kriegsministerium zu berichten. Endlich erteilte Lincoln einige Befehle, worin er sich mit dem ihm konstitutionell zustehenden Attribut "Commander in chief of the Army and Navy" |"Oberbefehlshaber der Armee und Flotte"| unterzeichnet. In dieser "stillen" Weise wurde "der junge Napoleon" seines bisherigen Oberkommandos übersämtliche Armeen beraubt, und auf das Kommando der Armee am Potomac beschränkt, obgleich ihm der Titel "Commander in chief" verblieb. Die Erfolge in Kentucky, Tennessee und an der atlantischen Küste haben die Übernahme des Oberkommandos durch Präsident Lincoln günstig inauguriert.

|479| Der Posten des Commander in chief, den McClellan bisher bekleidet hatte, ist den Vereinigten Staaten von England vermacht worden und entspricht ungefähr der Würde eines Grand Connetable in der altfranzösischen Armee. Während des Krimkrieges entdeckte selbst England die Zweckwidrigkeit dieses altmodischen Instituts. Es fand daher ein Kompromiß statt, wodurch ein Teil der bisherigen Attribute des Commander in chief auf das Kriegsministerium übertragen wurde.

Zur Beurteilung von McClellans fabischer Taktik am Potomac fehlt noch das erforderliche Material. Daß sein Einfluß aber wie ein Hemmschuh auf die allgemeine Kriegführung wirkte, unterliegt keinem Zweifel. Man kann von McClellan sagen, was Macaulay von Essex sagt:

"Die militärischen Fehler des Essex entsprangen großenteils aus politischer Bedenklichkeit. Er war ehrlich, aber keineswegs warm an die Sache des Parlaments attachiert, und nächst einer großen Niederlage fürchtete er nichts so sehr als einen großen Sieg."

McClellan, wie die meisten zu West Point gebildeten, der regulären Armee angehörigen Offiziere, sind durch esprit de corps |Korpsgeist| mit ihren alten Kameraden im feindlichen Lager mehr oder minder verbunden. Sie sind von gleicher Eifersucht gegen die Parvenus unter den "Zivilsoldaten" beseelt. Der Krieg in ihrer Ansicht muß rein geschäftsmäßig, mit steter Hinsicht auf die Wiederherstellung der Union auf ihrer alten Basis geführt, daher vor allem von prinzipiellen und revolutionären Tendenzen freigehalten werden. Eine schöne Auffassung eines Krieges, der wesentlich ein Prinzipienkrieg ist! Die ersten Generale des englischen Parlaments verfielen in denselben Fehler.

"Aber", sagt Cromwell in seiner Anrede an das Rumpfparlament vom 4. Juli 1653, "wie änderte sich alles, sobald Männer an die Spitze traten, die a principle of godliness and religion |ein Prinzip der Frömmigkeit und der Religion| bekannten!"

Der Washington "Star"', das Spezialorgan McClellans erklärt noch in einer seiner letzten Nummern:

"Der Zweck aller militärischen Kombinationen des Generals McClellan ist die Wiederherstellung der Union ganz so, wie sie vor Ausbruch der Rebellion existierte."

Kein Wunder daher, wenn am Potomac, unter den Augen des Obergenerals, die Armee zur Sklavenfängerei abgerichtet ward! Erst neulich verjagte McClellan durch Spezialordre die Musikantenfamilie Kutchinson aus dem Lager, weil sie Antisklavereilieder sang.

|480| Von solchen "antitendenziellen" Demonstrationen abgesehen, streckte McClellan seinen rettenden Schild über die Verräter in der Unionsarmee. So z.B. beförderte er Maynard zu einem höhern Posten, obgleich Maynard, wie die von dem Untersuchungskomitee des Repräsentantenhauses veröffentlichten Papiere beweisen, als Agent der Sezessionisten wirkte. Von General Patterson, dessen Verrat die Niederlage bei Manassas entschied, bis zu General Stone, der die Niederlage bei Balls Bluff im direkten Einverständnis mit den Feinden bewerkstelligte, wußte McClellan jeden militärischen Verräter den Kriegsgerichten, ja meistens der Amtsentsetzung zu entziehen. Das Untersuchungskomitee des Kongresses hat in dieser Hinsicht die überraschendsten Tatsachen enthüllt. Lincoln beschloß, durch einen energischen Schritt zu beweisen, daß mit seiner Übernahme des Oberkommandos die Stunde für die epaulettierten Verräter geschlagen habe und eine Wendung in der Kriegspolitik eingetreten sei. Auf seinen Befehl wurde General Stone am 10. Februar, morgens um 2 Uhr, in seinem Bett arretiert und nach dem Fort Lafayette transportiert. Einige Stunden später erschien der Verhaftungsbefehl, unterzeichnet Stanton, worin die Anklage auf Hochverrat, die ein Kriegsgericht aburteilen wird, formuliert ist. Die Verhaftung Stones und seine Versetzung in Anklagezustand fanden statt ohne vorherige Mitteilung an General McClellan.

McClellan war offenbar entschlossen, so lange er selbst in Untätigkeit verharrte und bloße Vorschußlorbeerkronen trug, keinen anderen General das Präveniere zu erlauben. General Halleck und Pope hatten eine kombinierte Bewegung beschlossen, um General Price, der durch Intervention von Washington schon einmal von Frémont gerettet worden, zu einer entscheidenden Schlacht zu zwingen. Ein Telegramm McClellans verbot ihnen, den Schlag zu führen. General Halleck wurde durch ein ähnliches Telegramm von der Wegnahme des Fort Columbus "abbefohlen", zu einer Zeit, wo dies Fort halb unter Wasser stand. McClellan hatte ausdrücklich den Generalen im Westen verboten, untereinander zu korrespondieren. Jeder derselben mußte sich erst nach Washington wenden, sobald eine kombinierte Bewegung bezweckt war. Präsident Lincoln hat ihnen die notwendige Freiheit der Aktion jetzt wiedergegeben.

Wie ersprießlich McClellans allgemeine Kriegspolitik der Sezession war, beweist am besten die Panegyrik, womit ihn der "New-York Herald" fortwährend überschüttet. Er ist der Held nach dem Herzen des "Herald". Der berüchtigte Bennett, der Besitzer und Hauptredakteur des "Herald", hatte früher die Administrationen von Pierce und Buchanan durch seine "Spezialrepräsentanten", alias Korrespondenten, zu Washington beherrscht. |481| Unter Lincolns Administration suchte er dieselbe Macht auf einem Umweg wieder zu gewinnen, indem sich sein "Spezialrepräsentant", Dr. Ives, ein Mann des Südens und Bruder eines zur Konföderation übergelaufenen Offiziers, in die Gunst McClellans einschlich. Große Freiheiten müssen diesem Ives unter McClellans Patronage zur Zeit, wo Cameron an der Spitze des Kriegsministeriums stand, gestattet worden sein. Er erwartete offenbar von Stanton Gewähr derselben Privilegien, und fand sich dem gemäß am 8. Februar in dem Kriegsbüro ein, wo der Kriegsminister, sein Hauptsekretär und einige Kongreßmitglieder eben Kriegsmaßregeln berieten. Man wies ihm die Türe. Er stellte sich auf die Hinterfüße und trat endlich den Rückzug an, mit der Drohung, der "Herald" werde sein Feuer auf das jetzige Kriegsministerium eröffnen, falls dieses ihm sein "Spezialprivilegium" entziehe, im Kriegsdepartement besonders mit den Kabinettsberatungen, Telegrammen, öffentlichen Mitteilungen und Kriegsnachrichten betraut zu werden. Am nächsten Morgen, 9. Februar, hatte Dr. Ives den ganzen Generalstab McClellans zu einem Champagnerfrühstück bei sich versammelt. Jedoch das Unglück schreitet schnell. Ein Unteroffizier mit sechs Mann trat ein, bemächtigte sich des gewaltigen Ives, und brachte ihn nach dem Fort Mac Henry, wo er, wie die Ordre des Kriegsministers ausdrücklich besagt, "als Spion in strenger Wacht zu halten".


 

Karl Marx

Die Sezessionistenfreunde im Unterhaus -
Anerkennung der amerikanischen Blockade

["Die Presse" Nr. 70 vom 12. März 1862]

|482| London, 8. März 1862

 

Parturiunt montes! |Die Berge kreißen!| Die englischen Freunde Sezessias hatten seit Eröffnung des Parlaments mit einem "Antrag" über die amerikanische Blockade gedroht. Der Antrag ist endlich im Unterhause eingebracht worden in der sehr bescheidenen Form einer Motion, worin die Regierung aufgefordert wird, "weitere Dokumente über den Stand der Blockade vorzulegen" - und selbst diese unscheinbare Motion ward verworfen ohne die Förmlichkeit eines Namenaufrufs.

Herr Gregory, der Antragsteller, Mitglied für Galway, hatte bereits in der vorjährigen Parlamentssession, kurz nach Ausbruch des Bürgerkriegs, eine Motion auf Anerkennung der südlichen Konföderation eingebracht. Seinem diesjährigen Speech ist eine gewisse sophistische Gewandtheit nicht abzusprechen. Nur leidet die Rede an dem üblen Umstand, daß sie in zwei Teile zerfällt, wovon der eine den andern aufhebt. Der eine Teil schildert die unheilvollen Wirkungen der Blockade auf die englische Baumwollindustrie und verlangt daher Beseitigung der Blockade. Der andere Teil beweist aus den vom Ministerium vorgelegten Papieren, darunter zwei Eingaben der Herren Yancey und Mann und des Herrn Mason, daß die Blockade überhaupt nicht existiert,außer auf dem Papier, daher nicht länger anzuerkennen sei. Herr Gregory würzte seine Beweisführung durch fortlaufende Zitation der "Times". Die "Times", denen eine Erinnerung an ihre Orakelspruche in diesem Augenblicke durchaus ungelegen kommt, |483|danken Herrn Gregory durch einen Leader |Leitartikel|, worin sie ihn dem öffentlichen Gelächter preisgeben.

Herrn Gregorys Antrag wurde unterstützt von Herrn Bentinck, einem Ultra-Tory, der sich seit zwei Jahren vergebens abgemüht hat, im konservativen Lager eine Sezession von Herrn Disraeli zu bewirken.

Es war an und für sich ein lächerliches Schauspiel, die angeblichen Interessen der englischen Industrie von Gregory, dem Repräsentanten Galways, eines unbedeutenden Hafens im Westen Irlands, und von Bentinck, dem Repräsentanten von Norfolk, einem reinen Agrikulturdistrikt, vertreten zu sehen.

Gegen beide erhob sich Herr Forster, Repräsentant Bradfords, eines Zentrums der englischen Industrie. Forsters Rede verdient näheres Eingehen, da sie die Nichtigkeit der von den Sezessionsfreunden in Europa gangbar gemachten Redensarten über den Charakter der amerikanischen Blockade schlagend beweist. Erstens, sagte er, haben die Vereinigten Staaten alle völkerrechtlich erheischten Formalitäten erfüllt. Sie haben keinen Hafen in Blockadezustand erklärt ohne vorherige Proklamation, ohne spezielle Anzeige über den Zeitpunkt seiner Eröffnung und. ohne Festsetzung der 15 Tage, nach deren Ablauf fremden neutralen Schiffen Einfahrt und Ausfahrt untersagt sein solle.

Das Gerede von der gesetzlichen "Unwirksamkeit" der Blockade beruht also nur auf den angeblich häufigen Fällen, worin sie durchbrochen worden. Vor Eröffnung des Parlaments hieß es, 600 Schiffe hätten sie durchbrochen. Herr Gregory reduziert die Zahl jetzt auf 400. Sein Beweismaterial beruht auf zwei Listen, die eine am 30. November von den südlichen Kommissären Yancey und Mann, die andere Supplementarliste von Mason der Regierung eingehändigt. Nach Yancey und Mann durchbrachen seit der Proklamation der Blockade bis zum 20. August mehr als 400 Schiffe, sei es, daß sie einliefen, sei es, daß sie ausliefen, die Sperre. Nun beträgt aber nach offiziellen Zollhausberichten die Gesamtzahl der ein- und ausgelaufenen Schiffe nur 322. Von dieser Zahl liefen 119 aus vor der Erklärung der Blockade, 56 vor Ablauf der gestatteten Frist von 15 Tagen. Bleiben 147 Schiffe. Von diesen 147 Schiffen waren 25 Flußboote, die von Irland nach New Orleans segelten, wo sie brachliegen; 106 waren Küstenfahrer, alle, mit Ausnahme von 3 Schiffen, nach dem Ausdrucke des Herrn Mason selbst, "quasi-inland"-Schiffe. Von diesen 106 segelten 66 zwischen Mobile und New Orleans. Jeder, der diese Küste kennt, weiß, wie abge- |484| schmackt es ist, das Segeln eines Schiffes hinter Lagunen, so daß es kaum die offene See berührt und nur an der Küste hinkriecht, einen Bruch der Blockade zu nennen. Dasselbe gilt von den Schiffen zwischen Savannah und Charleston, wo sie zwischen Inseln in engen Landzungen hinschleichen. Nach der Aussage des englischen Konsuls Bunch erschienen diese flachen Schiffe nur während weniger Tage auf der offenen See. Nach Abzug der 106 Küstenfahrer bleiben 16 Abfahrten nach fremden Häfen, davon 15 nach amerikanischen Häfen, hauptsächlich Kuba, und 1 nach Liverpool. Das "Schiff", das in Liverpool landete, war ein Schoner, und so waren alle die übrigen "Schiffe", mit Ausnahme einer Schaluppe. Man hat, rief Herr Forster aus, viel von Scheinblockaden gesprochen. Ist diese Liste der Herren Yancey und Mann nicht eine Scheinliste? Einer ähnlichen Analyse unterwarf er die Supplementarliste des Herrn Mason und zeigte noch, wie die Zahl der entschlüpften Kreuzer nur 3 oder 4 betrage, während in dem letzten englisch-amerikanischen Krieg nicht weniger als 516 amerikanische Kreuzer die englische Blockade durchbrachen und die englische Seeküste beunruhigten. "Die Blockade war umgekehrt wunderbar effektiv seit ihrer Eröffnung."

Weiteren Beweis liefern die Berichte der englischen Konsuln, vor allem aber die südlichen Preiskurante. Am 11. Januar bot der Preis der Baumwolle in New Orleans eine Prämie von 100 Prozent für die Ausfuhr nach England; der Profit auf Einfuhr von Salz betrug 1.500 Prozent, und der Profit auf Kriegskontrebande war noch ungleich höher. Trotz dieser lockenden Aussicht auf Gewinn war es ebenso unmöglich, Baumwolle nach England als Salz nach New Orleans oder Charleston zu verschiffen. In der Tat aber klagt Herr Gregory nicht darüber, daß die Blockade unwirksam, sondern daß sie zu wirksam. Er fordert uns auf, ihr ein Ende zu machen und mit ihr der Lähmung der Industrie und des Handels. Eine Antwort sagt:

"Wer fordert dies Haus auf, die Blockade zu brechen? Die Repräsentanten der leidenden Distrikte? Ertönt dieser Schrei von Manchester, wo man die Fabriken schließen muß, oder von Liverpool, wo die Schiffe aus Mangel an Fracht in den Docks brachliegen? Umgekehrt. Er ertönt von Galway und ist unterstützt durch Norfolk."

Von sezessionsfreundlicher Seite machte sich noch Herr Lindsay, großer Schiffsbauer in North Shields, bemerkbar. Lindsay hatte seine Schiffswerfte der Union angeboten und war zu diesem Behuf nach Washington gereist, wo er den Verdruß erlebte, seine geschäftlichen Anerbietungen abgewiesen zu sehen. Seit der Zeit hat er seine Sympathien dem Land Sezessia zugewendet.

|485| Die Debatte wurde abgeschlossen durch eine ausführliche Rede Sir R. Palmers, des Sollicitor General, der im Namen der Regierung sprach. Er bewies juristisch-gründlich die völkerrechtliche Kraft und Zulänglichkeit der Blockade. Bei dieser Gelegenheit riß er in der Tat, wie ihm Lord Cecil vorwarf, die in der Pariser Konvention von 1856 proklamierten "neuen Grundsätze" zu Fetzen. Unter anderm äußerte er seine Verwunderung, daß Gregory und Konsorten in einem britischen Parlament sich auf die Autorität des Monsieur de Hautefeuille zu berufen wagten. Es ist dies allerdings eine im bonapartiatischen Lager nagelneu erfundene "Autorität". Hautefeuilles Aufsätze in der "Revue contemporaine" über die Seerechte Neutraler beweisen die vollständigste Ignoranz oder mauvaise foi |Unehrlichkeit| auf höheren Befehl.

Mit dem vollständigen Fiasko der parlamentarischen Sezessionsfreunde in der Blockadefrage ist alle Aussicht auf einen Bruch zwischen England und den Vereinigten Staaten beseitigt.


 

 

 

 

Marx / Engels

Der Amerikanischen Bürgerkrieg

Geschrieben im März 1862.

["Die Presse" Nr. 84 vom 26. März 1862]

Werke, Dietz Verlag, Berlin. Band 15

wieder veröffentlicht von der Komintern (SH) im März 2012

 

|486| Von welchem Standpunkt man ihn immer betrachte, bietet der Amerikanische Bürgerkrieg ein Schauspiel ohne Parallele in den Annalen der Kriegsgeschichte. Die ungeheure Ausdehnung des streitigen Territoriums; die weitgestreckte Fronte der Operationslinien; die numerische Masse der feindlichen Armeen, deren Schöpfung sich kaum an eine frühere Organisationsbasis anlehnte; die fabelhaften Kosten dieser Armeen, die Art ihrer Leitung und die allgemeinen taktischen und strategischen Prinzipien, nach denen der Krieg geführt wird, sind alle neu in den Augen des europäischen Zuschauers.

Die sezessionistische Verschwörung, lange vor ihrem Ausbruch organisiert, protegiert und unterstützt durch Buchanans Administration, gab dem Süden einen Vorschub, durch den er allein sein Ziel zu erreichen hoffen konnte. Gefährdet durch seine Sklavenbevölkerung und durch ein starkes unionistisches Element unter den Weißen selbst, mit einer um zwei Drittteile kleinern Anzahl von Freien als der Norden, aber fertiger zum Angriff, dank der Masse abenteuernder Müßiggänger, die er birgt, hing für den Süden von einer raschen, kühnen, fast waghalsigen Offensive alles ab. Gelang es den Südlichen, St. Louis, Cincinnati, Washington, Baltimore und vielleicht Philadelphia zu nehmen, so durften sie auf eine Panik rechnen, währenddessen Diplomatie und Bestechung die Anerkennung der Unabhängigkeit aller Sklavenstaaten sichern konnten. Schlug dieser erste Angriff fehl, wenigstens auf den entscheidenden Punkten, so mußte sich ihre Lage täglich verschlechtern, gleichzeitig mit der Kraftentwicklung des Nordens. Dieser Punkt war richtig begriffen von den Männern, die in wahrhaft bonapartistischem Geist die sezessionistische Verschwörung organisiert hatten. Sie eröffneten die Kampagne in entsprechender Weise. Ihre |487| Abenteurerbanden überrannten Missouri und Tennessee, während ihre mehr regulären Truppen Ost-Virginia überfielen und einen coup de main |Handstreich| auf Washington vorbereiteten. Mit dem Mißlingen dieses Coup war die südliche Kampagne vom militärischen Standpunkt aus verloren.

Der Norden trat auf den Kriegsschauplatz, widerwillig, schläfrig, wie bei seiner höhern industriellen und kommerziellen Entwicklung zu erwarten war. Die soziale Maschinerie war hier ungleich komplizierter als im Süden, und es erheischte ungleich mehr Zeit, ihrer Bewegung diese ungewohnte Richtung zu geben. Die Anwerbung der dreimonatigen Freiwilligen war ein großer, aber vielleicht unvermeidlicher Fehlgriff. Es war die Politik des Nordens, im Anfang auf allen entscheidenden Punkten die Defensive innezuhalten, seine Kräfte zu organisieren, sie durch Operationen auf kleiner Stufenleiter und ohne das Wagnis entscheidender Schlachten einzuüben, und endlich, sobald die Organisation hinreichend gekräftigt, zugleich das verräterische Element mehr oder minder aus der Armee entfernt war, zu einer energischen, rastlosen Offensive überzugehen und vor allem Kentucky, Tennessee, Virginia und Nord-Carolina wiederzuerobern. Die Verwandlung der Bürger in Soldaten mußte im Norden mehr Zeit kosten als im Süden. Einmal bewerkstelligt, konnte man auf die individuelle Überlegenheit des nördlichen Mannes zählen.

Im großen und ganzen, nach Abzug der Fehlgriffe, die mehr aus politischer als militärischer Quelle entsprangen, handelte der Norden jenen Prinzipien gemäß. Der Kleinkrieg in Missouri und West-Virginia, während er die unionistischen Bevölkerungen schützte, gewöhnte die Truppen an den Felddienst und das Feuer, ohne sie entscheidenden Niederlagen bloßzustellen. Die große Blamage von Bull Run war einigermaßen das Resultat des früheren Irrtums, dreimonatige Freiwillige anzuwerben. Es war abgeschmackt, eine starke Position, auf schwierigem Terrain, im Besitz eines numerisch kaum unterlegenen Feindes, von rohen Rekruten in der Fronte angreifen zu lassen. Die Panik, die sich der Unionsarmee im entscheidenden Augenblick bemächtigte und deren Motiv immer noch nicht aufgeklärt ist, konnte niemand überraschen, der einigermaßen mit der Geschichte von Volkskriegen vertraut war. Solche Dinge passierten den französischen Truppen sehr oft von 1792-1795, verhinderten jedoch dieselben Truppen nicht, die Schlachten von Jemappes und Fleurus, Montenotte, Castiglione und Rivoli zu gewinnen. Die Späße der europäischen Presse über die Bull-Run-Panik hatten nur eine Entschuldigung |488| für ihre Albernheit - die vorhergehende Renommage eines Teiles der nordamerikanischen Presse.

Die sechsmonatige Ruhe, die der Niederlage bei Manassas folgte, wurde vom Norden besser benützt als vom Süden. Nicht nur füllten sich die nördlichen Reihen in größerem Maßstab als die südlichen. Ihre Offiziere empfingen bessere Instruktionen; Disziplin und Einübung der Truppen stießen nicht auf dieselben Hindernisse wie im Süden. Verräter und unfähige Eindringlinge wurden mehr und mehr entfernt, und die Periode der Bull-Run-Panik gehört der Vergangenheit. Die Armeen auf beiden Seiten dürfen natürlich nicht an dem Maßstab großer europäischer Armeen oder selbst der ehemaligen regulären Armee der Vereinigten Staaten gemessen werden. Napoleon konnte in der Tat Bataillone roher Rekruten während des ersten Monats in den Depots einexerzieren, während des zweiten marschieren lassen und während des dritten vor den Feind führen; aber dann empfing jedes Bataillon einen hinreichenden Zusatz erfahrener Offiziere und Unteroffiziere, jede Kompanie einige alte Soldaten, und am Tage der Schlacht waren die jungen Truppen einbrigadiert zusammen mit Veteranen und von den letztern sozusagen umrahmt. Alle diese Bedingungen fehlten in Amerika. Ohne die beträchtliche Masse militärischer Erfahrung, die infolge der europäischen Revolutionsunruhen von 1848/49 in Amerika einwanderte, würde die Organisation der Unionsarmee noch viel längere Frist erheischt haben. Die sehr kleine Zahl der Toten und Verwundeten im Verhältnis zur Gesamtsumme der engagierten Mannschaften (gewöhnlich einer auf zwanzig) beweist, daß die meisten Treffen, selbst die neuesten in Kentucky und Tennessee, hauptsächlich mit Feuerwaffen auf ziemlich große Entfernungen geführt wurden und daß die gelegentlichen Bajonettangriffe entweder bald vor dem feindlichen Feuer haltmachten oder den Feind in die Flucht trieben, bevor es zum Handgemenge kam. Unterdes ist die neue Kampagne unter günstigern Auspizien, durch das erfolgreiche Vorrücken Buells und Hallecks durch Kentucky und Tennessee, eröffnet worden.

Nach der Wiedereroberung von Missouri und West-Virginia eröffnete die Union den Feldzug mit dem Vorrücken in Kentucky. Hier hielten die Sezessionisten drei starke Positionen, verschanzte Lager: Columbus am Mississippi zu ihrer Linken, Bowling Green im Zentrum, Mill Springs am Cumberland River zur Rechten. Ihre Linie erstreckte sich über 300 Meilen von Westen nach Osten. Die Ausdehnung dieser Linie schnitt den drei Korps die Möglichkeit ab, sich wechselseitig zu unterstützen, und bot den Unionstruppen die Chance, jedes einzeln mit überlegenen Kräften |489| anzugreifen. Der große Fehler in der Aufstellung der Sezessionisten entsprang aus dem Versuche, alles besetzt zu halten. Ein einziges verschanztes starkes Zentrallager, bestimmt zum Schlachtfeld für ein entscheidendes Treffen und von der Hauptheeresmasse gehalten, würde Kentucky ungleich wirksamer verteidigt haben. Entweder mußte es die Hauptmacht der Unionisten anziehen oder diese in eine gefährliche Lage versetzen, sollten sie versuchen, ohne Rücksicht auf eine so starke Truppenkonzentration voranzumarschieren.

Unter den gegebenen Umständen beschlossen die Unionisten, jene drei Lager nacheinander anzugreifen, ihren Feind aus denselben herauszumanövrieren und zur Annahme des Kampfes auf freiem Felde zu zwingen. Dieser Plan, der allen Regeln der Kriegskunst entsprach, wurde mit Geschwindigkeit und Energie ausgeführt. Gegen Mitte Januar marschierte ein Korps von ungefähr 15.000 Unionisten auf Mill Springs, das von 20.000 Sezessionisten besetzt war. Die Unionisten manövrierten in einer Weise, die den Feind glauben machte, er habe es nur mit einem schwachen Streifkorps zu tun. General Zollicoffer lief sofort in die Falle, brach aus seinem verschanzten Lager auf und griff die Unionisten an. Er überzeugte sich bald, daß ihm eine überlegene Macht gegenüberstand. Er fiel, und seine Truppen erlitten eine so völlige Niederlage wie die Unionisten bei Bull Run. Diesmal aber wurde der Sieg in ganz anderer Weise ausgebeutet. Die geschlagene Armee wurde hart verfolgt, bis sie gebrochen, demoralisiert, ohne Feldartillerie und Bagage, in ihrem Lager bei Mill Springs anlangte. Dies Lager war auf dem nördlichen Ufer des Cumberland River errichtet, so daß die Truppen im Fall einer andern Niederlage keinen Rückzug offen hatten, außer über den Fluß vermittelst weniger Dampfer und Flußboote. Wir finden überhaupt, daß beinahe alle sezessionistischen Lager auf der feindlichen Seite des Flusses errichtet waren. Eine solche Positionsnahme ist nicht nur regelrecht, sondern auch sehr praktisch, wenn sich eine Brücke im Rücken befindet. Das Lager dient in solchem Fall als Brückenkopf und gibt seinen Inhabern die Chance, ihre Streitkräfte beliebig auf beide Ufer des Flusses zu werfen und so ein vollständiges Kommando über denselben zu erhalten. Ein Lager auf der feindlichen Seite des Flusses, ohne Brücke im Rücken, schneidet dagegen nach einem unglücklichen Treffen den Rückzug ab und zwingt die Truppen zu kapitulieren oder setzt sie dem Massacre und Ertrinken aus, wie dies den Unionisten bei Balls Bluff auf der feindlichen Seite des Potomac geschah, wohin die Verräterei des General Stone sie entsendet hatte.

Als die geschlagenen Sezessionisten ihr Lager bei Mill Springs erreicht |490| hatten, begriffen sie sofort, daß ein feindlicher Angriff auf ihre Verschanzungen zurückgeschlagen werden oder in sehr kurzer Zeit Kapitulation erfolgen müsse. Nach der Erfahrung des Morgens hatten sie das Vertrauen in ihre Widerstandskraft eingebüßt. Als daher die Unionisten den nächsten Tag zum Angriff auf das Lager vormarschierten, fanden sie, daß der Feind die Nacht benützt hatte, um über den Fluß zu setzen, mit Zurücklassung des Lagers, der Bagage, der Artillerie und Vorräte. In dieser Weise war die äußerste Rechte der sezessionistischen Linie nach Tennessee zurückgedrängt und Ost-Kentucky, wo die Masse der Bevölkerung der Sklavenhalterpartei feindlich, der Union wiedererobert.

Um dieselbe Zeit - gegen Mitte Januar - begannen die Vorbereitungen zur Verdrängung der Sezessionisten von Columbus und Bowling Green. Eine starke Flotte von Mörserbooten und eisenbepanzerten Kanonenbooten wurde bereitgehalten und überallhin die Nachricht verbreitet, sie solle einer zahlreichen, längs des Mississippi, von Cairo nach Memphis und New Orleans marschierenden Armee zum Geleit dienen. Alle Demonstrationen am Mississippi waren jedoch bloße Scheinmanöver. Im entscheiden den Augenblicke wurden die Kanonenboote nach dem Ohio gebracht, von da nach dem Tennessee, den sie hinauffuhren bis zu Fort Henry. Dieser Platz, zusammen mit Fort Donelson auf dem Cumberland River, bildete die zweite Verteidigungslinie der Sezessionisten in Tennessee. Die Position war gut gewählt, denn im Fall eines Rückzuges hinter den Cumberland würde der letztere Fluß ihre Front, der Tennessee ihre linke Flanke gedeckt haben, während der enge Strich Landes zwischen den beiden Flüssen hinreichend durch die beiden obengenannten Forts gedeckt war. Die rasche Aktion der Unionisten jedoch durchbrach die zweite Linie selbst, bevor der linke Flügel und das Zentrum der ersten angegriffen waren.

In der ersten Woche des Februar erschienen die Kanonenboote der Unionisten vor Fort Henry, das sich nach einem kurzem Bombardement ergab. Die Garnison entschlüpfte nach Fort Donelson, da die Landmacht der Expedition nicht stark genug war, um den Platz zu umzingeln. Die Kanonenboote fuhren nun wieder den Tennessee hinunter, herauf nach dem Ohio und von da den Cumberland hinauf bis zu Fort Donelson. Ein einziges Kanonenboot fuhr kühn den Tennessee herauf, mitten durch das Herz des Staates Tennessee, streifend den Staat Mississippi und vor dringend bis nach Florence im Norden Alabamas, wo eine Reihe von Sümpfen und Bänken (bekannt unter dem Namen der mussleshoals) weitere Schiffahrt verbietet. Diese Tatsache, daß ein einziges Kanonenboot diese lange Reise von mindestens 150 Meilen zurücklegte und dann |491| zurückkehrte, ohne irgendeinen Angriff zu erleiden, beweist, daß das Unionsgefühl längs des Flusses vorherrscht und den Unionstruppen sehr zustatten kommen wird, sollten sie so weit vordringen.

Die Schiffsexpedition auf dem Cumberland kombinierte ihre Bewegungen nun mit denen der Landkräfte unter den Generalen Halleck und Grant. Die Sezessionisten zu Bowling Green wurden über die Bewegungen der Unionisten getäuscht. Sie blieben daher ruhig in ihrem Lager, während eine Woche nach dem Fall des Fort Henry Fort Donelson auf der Landseite von 40.000 Unionisten eingeschlossen und auf der Flußseite von einer starken Flotte von Kanonenbooten bedroht wurde. Wie das Lager bei Mill Springs und Fort Henry, hatte Fort Donelson den Fluß im Rücken liegen, ohne Brücke zum Rückzug. Es war der stärkste Platz, den die Unionisten bis jetzt angegriffen hatten. Die Werke waren mit größerer Sorgfalt ausgeführt; außerdem der Platz umfassend genug, um den 20.000 Mann, die ihn besetzt hielten, Unterkunft zu bieten. Am ersten Tage des Angriffs brachten die Kanonenboote das Feuer der nach der Flußseite gerichteten Batterien zum Schweigen und bombardierten das Innere der Verteidigungswerke, während die Landtruppen die feindlichen Vorposten zurücktrieben und die Hauptmasse der Sezessionisten zwangen, Schutz dicht unter den Kanonen ihrer eigenen Verteidigungswerke zu suchen. Am zweiten Tage scheinen die Kanonenboote, die stark am vorigen Tage gelitten hatten, nur wenig ausgerichtet zu haben. Die Landtruppen hatten dagegen eine lange und stellenweise heiße Schlacht zu fechten mit den Kolonnen der Garnison, die den rechten feindlichen Flügel zu durchbrechen suchten, um sich die Rückzugslinie nach Nashville zu sichern. Jedoch ein energischer Angriff des unionistischen rechten Flügels auf den linken Flügel der Sezessionisten und bedeutende Verstärkungen, die der linke Flügel der Unionisten erhielt, entschieden den Sieg zugunsten der Angreifer. Verschiedene Außenwerke waren gestürmt worden. Die Garnison, eingezwängt in ihre inneren Verteidigungslinien, ohne die Chance eines Rückzuges und offenbar nicht in der Lage, einem Angriff am nächsten Morgen zu widerstehen, ergab sich am folgenden Tag ohne Bedingungen.

["Die Presse" Nr. 85 vom 27. März 1862]

Mit dem Fort Donelson fiel die feindliche Artillerie, Bagage, Kriegsvorräte in die Hände der Unionisten; 30.000 Sezessionisten ergaben sich am Tage der Einnahme; 1.000 mehr am nächsten Tage, und sobald die |492| Vorposten der Sieger bei Clarksville erschienen, einer Stadt, die weiter am Cumberland-Fluß hinauf liegt, öffnete sie die Tore. Bedeutender Proviant war auch hier für die Sezessionisten aufgehäuft.

Die Einnahme des Fort Donelson bietet nur ein Rätsel: die Flucht des General Floyd mit 5.000 Mann am zweiten Tage der Beschießung. Diese Flüchtlinge waren zu zahlreich, um während der Nacht auf Dampfbooten weggeschmuggelt zu werden. Mit einigen Vorsichtsmaßregeln auf seiten der Angreifer konnten sie nicht entkommen.

Sieben Tage nach Übergabe des Fort Donelson wurde Nashville von den Föderalisten besetzt. Die Entfernung zwischen den beiden Orten beträgt ungefähr 100 englische Meilen, und ein Marsch von 15 Meilen per Tag, auf sehr elenden Wegen, während der ungünstigsten Jahreszeit, gereicht den Unionstruppen zur Ehre. Beim Empfang der Nachricht vom Fall des Fort Donelson räumten die Sezessionisten Bowling Green; eine Woche später verließen sie Columbus und zogen sich auf eine Mississippiinsel, 45 Meilen südlicher, zurück. So ward Kentucky der Union ganz wiedererobert. Tennessee aber können die Sezessionisten nur halten, wenn sie eine große Schlacht anbieten und gewinnen. Sie sollen in der Tat 65.000 Mann zu diesem Zwecke konzentriert haben. Indes verhindert nichts die Unionisten, ihnen eine überlegene Kraft gegenüberzuführen.

Die Leitung der Kentuckyschen Kampagne von Somerset bis Nashville verdient das höchste Lob. Die Wiedereroberung eines so ausgedehnten Landes, das Vorrücken vom Ohio bis zum Cumberland während eines einzigen Monats, zeigt eine Energie, Entschiedenheit und Raschheit, wie sie selten von regulären Armeen Europas erreicht worden sind. Man vergleiche z.B. das langsame Vorrücken der Alliierten von Magenta nach Solferino im Jahre 1859 - ohne Verfolgung des rückziehenden Feindes, ohne Versuch, seine Nachzügler abzuschneiden oder gar ganze Truppenteile desselben zu umgehen und zu umzingeln.

Halleck und Grant insbesondere bieten schöne Beispiele entschiedener Kriegsführung, Ohne die geringste Rücksichtnahme weder auf Columbus noch auf Bowling Green, konzentrieren sie ihre Kräfte auf die entscheidenden Punkte, Fort Henry und Fort Donelson, greifen dieselben rasch und energisch an und machen eben dadurch Columbus und Bowling Green unhaltbar. Dann marschieren sie sofort nach Clarksville und Nashville, ohne den rückzügigen Sezessionisten die Zeit zu lassen, neue Positionen in Nord-Tennessee einzunehmen. Während dieser raschen Verfolgung bleibt das sezessionistische Truppenkorps in Columbus völlig von dem Zentrum und dem rechten Flügel seiner Armee abgeschnitten. Englische Blätter |493| haben diese Operation mit Unrecht getadelt. Selbst wenn der Angriff auf Fort Donelson fehlschlug, konnten die Sezessionisten bei Bowling Green, beschäftigt durch General Buell, nicht hinreichende Mannschaft detachieren, um die Garnison zu befähigen, den abgeschlagenen Unionisten ins offene Feld zu folgen oder ihren Rückzug zu gefährden. Columbus andererseits lag so weit ab, daß es überhaupt mit Grants Bewegungen nicht intervenieren konnte. In der Tat, nachdem die Unionisten Missouri von den Sezessionisten gesäubert hatten, wurde Columbus für die letzteren ein völlig nutzloser Posten. Die Truppen, die seine Garnison bildeten, mußten ihren Rückzug nach Memphis oder auch Arkansas sehr beschleunigen, um der Gefahr einer unrühmlichen Waffenstreckung zu entgehen.

Infolge der Säuberung Missouris und der Wiedereroberung Kentuckys hat sich der Kriegsschauplatz soweit verengt, daß die verschiedenen Armeen auf der ganzen Operationslinie bis zu einem gewissen Grade zusammenwirken und auf die Erreichung bestimmter Resultate hinarbeiten können. Mit anderen Worten, der Krieg nimmt erst jetzt einen strategischen Charakter an, und die geographische Konfiguration des Landes erhält neues Interesse. Es ist jetzt die Aufgabe der nördlichen Generale, in den Baumwollstaaten die Achillesferse aufzufinden.

Bis zur Einnahme Nashvilles war keine strategische Gemeinschaft zwischen der Armee von Kentucky und der Armee am Potomac möglich. Sie waren zu weit voneinander entfernt. Sie standen auf derselben Frontlinie, aber ihre Operationslinien waren ganz verschieden. Erst mit dem siegreichen Vordringen in Tennessee wurden die Bewegungen der Armee von Kentucky wichtig für das ganze Kriegstheater.

Die von McClellan beeinflußten amerikanischen Blätter machen viel Wesens mit der Anakonda-Umschlängelungstheorie. Danach soll eine ungeheure Linie von Armeen die Rebellion umschlingen, nach und nach die Glieder zusammenziehen und den Feind schließlich erwürgen. Dies ist rein kindisch. Es ist eine Aufwärmung des in Österreich um 1770 erfundenen sogenannten Kordonsystems, das mit so großem Starrsinn und mit so beständigem Fehlschlag von 1792 bis 1797 gegen die Franzosen angewendet wurde. Zu Jemappes, Fleurus und ganz besonders zu Montenotte, Millesimo, Dego, Castiglione und Rivoli wurde diesem Systeme der Garaus gemacht. Die Franzosen schnitten die "Anakonda" entzwei, indem sie an einem Punkt, wo sie überlegene Kräfte konzentriert hatten, losschlugen. Dann wurden die Stücke der "Anakonda" der Reihe nach zerhackt.

In gut bevölkerten und mehr oder minder zentralisierten Staaten gibt es stets ein Zentrum, mit dessen Besetzung durch den Feind der nationale |494| Widerstand gebrochen würde. Paris ist ein glänzendes Beispiel. Die Sklavenstaaten jedoch besitzen kein solches Zentrum. Sie sind dünn bevölkert, mit wenig großen Städten und diesen allen an der Seeküste. Es fragt sich also: Existiert trotzdem ein militärischer Gravitationspunkt, mit dessen Wegnahme der Rückgrat ihres Widerstandes bricht, oder sind sie, wie Rußland es noch 1812 war, nicht zu erobern, ohne jedes Dorf und jeden Fleck, mit einem Wort, ohne die ganze Peripherie zu besetzen?

Man werfe einen Blick auf die geographische Gestalt Sezessias mit seinem langen Küstenstrich am Atlantischen Ozean und seinem langen Küstenstrich am Meerbusen von Mexiko. Solange die Konföderierten Kentucky und Tennessee hielten, bildete das Ganze eine große, kompakte Masse. Der Verlust dieser beiden Staaten treibt einen ungeheuren Keil in ihr Territorium, der die Staaten am nördlichen Atlantischen Ozean von den Staaten am Meerbusen von Mexiko trennt. Die direkte Straße von Virginia und den beiden Carolinas nach Texas, Louisiana, Mississippi und teilweise selbst nach Alabama führt über Tennessee, das jetzt von den Unionisten eingenommen ist. Die einzige Straße, die, nach völliger Eroberung Tennessees durch die Union, die beiden Sektionen der Sklavenstaaten verbindet, geht über Georgia. Dies beweist, daß Georgia der Schlüssel zu Sezessia ist. Mit dem Verlust Georgias wäre die Konföderation in zwei Sektionen zerschnitten, die alle Verbindung untereinander verloren hätten. An eine Wiedereroberung Georgias durch die Sezessionisten wäre aber kaum zu denken, denn die unionistischen Streitkräfte wären in einer zentralen Position konzentriert, während ihre Gegner, in zwei Lager getrennt, kaum hinreichende Kräfte zu einem gemeinsamen Angriff aufzubieten hätten.

Wäre die Eroberung von ganz Georgia mit der Seeküste von Florida zu einer solchen Operation erheischt? Keineswegs. In einem Land, wo die Kommunikation, namentlich zwischen entfernten Punkten, viel mehr von den Eisenbahnen als von den Landstraßen abhängt, genügt die Wegnahme der Eisenbahnen. Die südlichste Eisenbahnlinie zwischen den Staaten am Meerbusen von Mexiko und der atlantischen Küste geht über Macon und Cordon bei Milledgeville.

Die Besetzung dieser beiden Punkte würde daher Sezessia entzweischneiden und die Unionisten befähigen, einen Teil nach dem andern zu schlagen. Man ersieht aus dem Obigen zugleich, daß keine Südrepublik ohne den Besitz von Tennessee lebensfähig ist. Ohne Tennessee liegt der Lebenspunkt Georgias nur acht oder zehn Tagmärsche von der Grenze ab; der Norden würde die Faust beständig am Halse des Südens halten, und bei dem geringsten Drucke müßte der Süden nachgeben oder vor neuem für |495| sein Leben kämpfen, unter Umständen, worin eine einzige Niederlage alle Aussicht auf Erfolg abschnitte.

Aus der bisherigen Betrachtung folgt:

Der Potomac ist nicht die bedeutendste Position des Kriegstheaters. Die Wegnahme Richmonds und das Vorrücken der Potomac-Arrnee weiter südlich - schwierig wegen der vielen Ströme, die die Marschlinie durchschneiden - könnten moralisch einen ungeheuren Effekt hervorbringen. Rein militärisch würden sie nichts entscheiden.

Die Entscheidung der Kampagne gehört der Kentucky-Armee, jetzt in Tennessee befindlich. Einerseits ist diese Armee den entscheidenden Punkten am nächsten, andererseits nimmt sie ein Territorium ein, ohne das die Sezession lebensunfähig ist. Diese Armee müßte daher auf Kosten aller übrigen und mit Aufopferung aller kleineren Operationen verstärkt werden. Ihre nächsten Angriffspunkte wären Chattanooga und Dalton am oberen Tennessee, die wichtigsten Eisenbahnzentren des ganzen Südens. Nach ihrer Besetzung wäre die Verbindung zwischen den östlichen und westlichen Staaten Sezessias auf die Verbindungslinien in Georgia beschränkt. Es würde sich dann weiter darum handeln, mit Atlanta und Georgia eine andere Eisenbahnlinie abzuschneiden, endlich durch Wegnahme Macons und Cordons die letzte Verbindung zwischen den zwei Sektionen zu vernichten.

Wird dagegen der Anakonda-Plan befolgt, so kann trotz aller Erfolge im einzelnen und selbst am Potomac der Krieg sich ins Unendliche ausdehnen, während die finanziellen Schwierigkeiten zugleich mit diplomatischen Verwicklungen neuen Spielraum gewinnen.

 

Karl Marx

Die englische Presse und der Fall von New Orleans

["Die Presse" Nr. 138 vom 20. Mai 1862]

 

|499| London, 16. Mai 1862

 

Bei der Ankunft der ersten Gerüchte vom Fall von New Orleans bewiesen "Times", "Herald", "Standard", "Morning Post", "Daily Telegraph" und andere englische "sympathisers" |"Mitfühlende"| mit den südlichen niggerdrivers |Niggerschindern| strategisch, taktisch, philologisch, exegetisch, politisch, moralisch und festungsbaulich, daß das Gerücht einer der "Canards" |"Zeitungsenten"| sei, wie ihn Reuter, Havas, Wolff und ihre understrappers |Unteragenten| so oft fliegen lassen. Die natürlichen Schutzmittel von New Orleans seien nicht nur erhöht, hieß es, durch neu angelegte Forts, sondern durch unterseeische Höllenmaschinen aller Art und eisenbepanzerte Kanonenboote. Dann die spartanische Gesinnung der New-Orleanisten und ihr tödlicher Haß gegen Lincolns Soldknechte. Endlich, hatte England nicht vor New Orleans die Niederlage erlebt, die seinem zweiten Krieg gegen die Vereinigten Staaten (1812-1814) ein schmähliches Ende machte? Nichts also ließ bezweifeln, daß New Orleans als zweites Saragossa oder Moskau des "Südentums" sich verewigen werde. Außerdem barg es 15.000 Ballen Baumwolle, mit denen es so leicht war, ein unauslöschliches Selbstverzehrungsfeuer anzuzünden, ganz abgesehen davon, daß 1814 die gehörig angefeuchteten Baumwollballen sich unverwüstlicher gegen Brandgeschütze bewiesen als die Erdwerke von Sewastopol. Der Fall von New Orleans war also sonnenklar eine der bekannten Yankee-Windbeuteleien.

Als die ersten Gerüchte durch zwei Tage später von New York eingetroffene Dampfer sich bestätigten, verharrte das Gros der englischen |500| Pro-Sklaverei-Presse in seiner Skepsis. Der "Evening Standard" namentlich war so bombenfest in seinem Unglauben, daß dieselbe Nummer einen ersten Leitartikel veröffentlichte, worin die Uneinnehmbarkeit der Halbmondstadt bewiesen war, schwarz auf weiß, und die "neuesten Nachrichten" mit großgedruckten Buchstaben den Fall der uneinnehmbaren Stadt anzeigten. Die "Times" jedoch, die Diskretion stets für den bessern Teil der Tapferkeit hielten, machten eine Wendung. Sie zweifelten noch, aber sie machten sich zugleich auf alles gefaßt, da New Orleans eine Stadt von "rowdies" und nicht von Heroen sei. Die "Times" hatten diesmal recht. New Orleans ist eine Pflanzung des Auswurfs der französischen Bohème - im eigentlichen Sinne des Wortes eine französische Verbrecherkolonie - und nie, im Umschwung der Zeit, hat es seinen Ursprung verleugnet. Nur kamen die "Times" post festum |hinterher| zu dieser ziemlich allgemein verbreiteten Einsicht.

Endlich aber schlug das fait accompli |die vollendete Tatsache| selbst den blindesten Thomas. Was tun? Die englische Pro-Sklaverei-Presse beweist jetzt, daß der Fall von New Orleans ein Vorteil für die Konföderierten und eine Niederlage für die Föderalisten ist.

Der Fall von New Orleans erlaubte dem General Lovell, mit seinen Truppen die Armee Beauregards zu verstärken, der solcher Verstärkung um so mehr bedurfte, als in seiner Front 160.000 Mann (wohl übertrieben!) von Halleck konzentriert sein sollen, und andererseits General Mitchel Beauregards Verbindung mit dem Osten abgeschnitten hatte, durch Unterbrechung der Eisenbahnverbindung von Memphis nach Chattanooga, d.h. nach Richmond, Charleston und Savannah. Beauregard hatte nach dieser Abschneidung (die wir lange vor der Schlacht von Corinth als notwendigen strategischen Zug bezeichneten) keine Eisenbahnverbindung von Corinth mehr außer der mit Mobile und New Orleans. Nachdem New Orleans gefallen und er auf die einzige Eisenbahn nach Mobile angewiesen, konnte er natürlich seinen Truppen nicht mehr den nötigen Proviant schaffen, fiel deshalb auf Tupelo zurück, und seine Verpflegungsfähigkeit wird nach dem Urteil der englischen Pro-Sklaverei-Presse natürlich durch den Einmarsch von Lovells Truppen erhöht!

Andererseits, bemerken dieselben Orakel, wird das gelbe Fieber die Föderalisten in New Orleans aufreiben, und schließlich, wenn die Stadt selbst kein Moskau ist, ist ihr Bürgermeister nicht ein Brutus? Man lese (vergl. "New York") nur sein melodramatisch-tapferes Schreiben an |501| Kommodore Farragut. "Brave words, Sir, brave words!"' Aber harte Worte brechen keine Knochen.

Die Preßorgane der südlichen Sklavenhalter jedoch fassen den Fall von New Orleans nicht so optimistisch auf, wie ihre englischen Trostspender. Man wird dies aus folgenden Auszügen ersehen.

Der "Richmond Dispatch" sagt:

"Was ist aus den eisenbepanzerten Kanonenbooten, dem 'Mississippi' und der 'Louisiana' geworden, von denen wir die Rettung der Halbmondstadt erwarteten? Diese Schiffe hätten, in Anbetracht ihrer Wirkung gegen den Feind, ebensowohl Glasschiffe sein können. Es ist nutzlos, zu leugnen, daß der Fall von New Orleans ein schwerer Schlag ist. Die konföderierte Regierung ist dadurch von Westlouisiana, Texas, Missouri und Arkansas abgeschnitten."

Das "Norfolk Day Book" bemerkt:

"Dies ist die ernsthafteste Niederlage seit Beginn des Krieges. Sie auguriert Entbehrungen und Mangel für alle Klassen der Gesellschaft, und was das Schlimmste, sie bedrohte die Zufuhren für unsere Armee."

Der "Atlantic Intelligenzer" klagt:

"Wir erwarteten ein anderes Resultat. Die Annäherung des Feindes war keine Überrumpelung; sie war lange vorhergesehen, und man hatte uns versprochen, daß, sollte er selbst bei Fort Jackson vorbeipassieren, furchtbare artilleristische Mittel ihn zum Rückzug zwingen oder seine Vernichtung sichern würden. In alledem haben wir uns getauscht, wie jedesmal, wo Befestigungswerke die Sicherheit eines Platzes oder einer Stadt garantieren sollten. Es scheint, daß moderne Erfindungen die Verteidigungsfähigkeit von Festungswerken vernichtet haben. Eisengepanzerte Kanonenboote zerstören sie oder segeln ungeniert bei ihnen vorbei. Memphis, wir fürchten, wird das Schicksal von New Orleans teilen. Uns mit einer Hoffnung zu täuschen, wäre es nicht Torheit?"

Endlich der "Petersburg Express"

"Die Einnahme von New Orleans durch die Föderalisten ist das außerordentlichste und verhängnisvollste Ereignis des ganzen Krieges."

 


 

 

 

 

Karl Marx

Ein Vertrag gegen den Sklavenhandel

["Die Presse" Nr. 140 vom 22. Mai 1862]

|502| London, 18. Mai 1862

 

Der am 7. April dieses Jahres in Washington zwischen den Vereinigten Staaten und England abgeschlossene Vertrag zur Unterdrückung des Sklavenhandels wird jetzt von den amerikanischen Zeitungen in extenso |ausführlich| mitgeteilt. Die Hauptpunkte dieses wichtigen Dokuments sind folgende: Das Durchsuchungsrecht ist wechselseitig, kann aber auf beiden Seiten nur von solchen Kriegsschiffen ausgeübt werden, die spezielle Vollmacht zu diesem Zweck von einer der kontrahierenden Mächte erhalten haben. Die kontrahierenden Mächte liefern einander von Zeit zu Zeit eine vollständige Statistik des Teiles ihrer Marine, der zur Überwachung des Negerhandels bestimmt ist. Das Durchsuchungsrecht kann nur gegen Kauffahrteischiffe ausgeübt werden, innerhalb der Entfernung von 200 Meilen von der afrikanischen Küste, südlich vom 32. Grad nördlicher Breite und innerhalb 30 Seemeilen von der Küste von Kuba. Durchsuchung, sei es englischer Schiffe von amerikanischen Kreuzern oder amerikanischer Schiffe von englischen Kreuzern, findet nicht statt in dem Teil der See (also drei Seemeilen von der Küste), der zum englischen oder amerikanischen Territorium gehört; ebensowenig vor den Häfen oder Ansiedlungen fremder Mächte.

Gemischte Gerichtshöfe, zur Hälfte aus Engländern, zur Hälfte aus Amerikanern zusammengesetzt, in Sierra Leone, in der Kapstadt und in New York residierend, werden über die gekaperten Schiffe aburteilen. Im Falle der Verurteilung des Schiffes wird die Schiffsmannschaft, soweit dies ohne außerordentliche Unkosten geschehen kann, der Gerichtsbarkeit der Nation ausgeliefert, unter deren Flagge das Schiff segelte. Nicht nur die Schiffsmannschaft (Schiffskapitän, Steuermann usw. eingeschlossen), son- |503| dern auch die Eigentümer des Schiffes werden dann den landesüblichen Strafen verfallen. Entschädigungen für Kauffahrteifahrer, die von den gemischten Gerichten freigesprochen worden, sind innerhalb eines Jahres von der Macht zu erstatten, unter deren Flagge das kapernde Kriegsschiff segelte. Als legaler Grund zum Kapern von Schiffen gilt nicht nur die Anwesenheit von gefangenen Negern, sondern auch für den Negerhandel speziell getroffene Vorrichtungen in der Bauart des Schiffes, Handfesseln, Ketten und sonstige Instrumente zur Sicherung der Neger, endlich Mundvorräte, die in keinem Verhältnis zu den Bedürfnissen der Schiffsmannschaft stehen. Ein Schiff, auf dem dergleichen verdächtige Artikel sich vorfinden, hat den Beweis seiner Unschuld zu liefern und kann selbst im Falle der Freisprechung keine Entschädigung beanspruchen.

Der Befehlshaber eines Kreuzers, der seine vertragsmäßige Vollmacht überschreitet, ist von seiner respektiven Regierung zur Strafe zu ziehen. Sollte der Befehlshaber eines Kreuzers einer der kontrahierenden Mächte den Verdacht hegen, daß ein Kauffahrteischiff unter der Eskorte eines oder mehrerer Kriegsschiffe der anderen kontrahierenden Macht Neger an Bord führt oder im afrikanischen Sklavenhandel engagiert war oder für denselben ausgerüstet ist, so hat er seinen Verdacht dem Befehlshaber der Eskorte mitzuteilen und gemeinschaftlich mit ihm das verdächtige Schiff zu untersuchen, welches letztere zur Residenz eines der gemischten Gerichtshöfe abzuführen ist, wenn es vertragsmäßig unter die Kategorie der verdächtigen Schiffe fällt. Die an Bord verurteilter Schiffe befindlichen Neger werden zur Verfügung der Regierung gestellt, unter deren Flagge der Fang gemacht wurde. Sie sind unmittelbar in Freiheit zu setzen und bleiben frei unter Garantie der Regierung, in deren Territorium sie sich befinden. Der Vertrag kann erst nach zehn Jahren aufgelöst werden. Er bleibt in Kraft für ein volles Jahr nach dem Termin der Kündigung seitens einer der kontrahierenden Parteien.

Der Negerhandel hat durch diesen englisch-amerikanischen Vertrag - das Resultat des Amerikanischen Bürgerkriegs - einen tödlichen Stoß erhalten. Die Wirkung des Vertrags wird vervollständigt werden durch die von Senator Sumner kürzlich eingebrachte Bill, die das Gesetz von 1808 über den Handel in Negern an den Küsten der Vereinigten Staaten widerruft und den Sklaventransport von einem Hafen der Vereinigten Staaten zum andern als Verbrechen bestraft. Diese Bill paralysiert zum großen Teil den Handel, den die negerzüchtenden Staaten (border slave states) mit den negerkonsumierenden Staaten (den eigentlichen slave states) trieben.

 

 


 

 

Karl Marx/Friedrich Engels

Die Lage auf dem amerikanischen Kriegsschauplatze

Geschrieben vom 23. bis 25. Mai 1862.

["Die Presse" Nr. 148 vom 30. Mai 1862]

 

 

|504| Die Einnahme von New Orleans, wie die jetzt eingelaufenen Detail berichte zeigen, ist als ein fast unerreichtes Bravourstück der Flotte ausgezeichnet. Die Flotte der Unionisten bestand bloß aus Holzschiffen: ungefähr sechs Kriegsschiffe, jedes mit 14 bis 25 Kanonen, unterstützt von einer zahlreichen Eskadre von Kanonen- und Mörserbooten. Diese Flotte hatte vor sich zwei Forts, die die Passage des Mississippi versperrten. Im Bereiche der hundert Kanonen dieser Forts war der Fluß verrammelt durch eine starke Kette, hinter der Torpedos, Feuerflöße und andere Zerstörungswerkzeuge aufgehäuft waren. Diese ersten Hindernisse waren also zu passieren, um zwischen die Forts zu gelangen. Jenseits der Forts aber befand sich eine zweite furchtbare Verteidigungslinie, gebildet von eisengepanzerten Kanonenbooten, darunter der "Manassas", ein eiserner Widder, und die "Louisiana", eine mächtige schwimmende Batterie. Nachdem die Unionisten die beiden Forts, die den Strom ganz beherrschen, ohne alle Wirkung während sechs Tagen bombardiert hatten, beschlossen sie, ihrem Feuer zu trotzen, in drei Divisionen die eiserne Barriere zu forcieren, den Fluß hinaufzusegeln und den Kampf mit den "ironsides" zu riskieren. Das Wagstück gelang. Sobald die Flottille vor New Orleans landete, war natürlich der Sieg entschieden.

Beauregard hatte jetzt nichts mehr in Corinth zu verteidigen. Seine Stellung dort hatte nur einen Sinn, solange sie Mississippi und Louisiana, speziell New Orleans, deckte. Er befindet sich jetzt strategisch in der Lage, daß eine verlorene Schlacht ihm keine andere Wahl übriglassen würde, als seine Armee in Guerillas aufzulösen, denn ohne große Stadt, wo Eisenbahnen und Verpflegungsmittel konzentriert sind, im Rücken seiner Armee, kann er Massen nicht länger zusammenhalten.

McClellan hat unwiderleglich bewiesen, daß er eine militärische Inkapazität ist, die, durch günstige Zufälle in eine gebietende und verantwort- |505| liche Stellung gehoben, den Krieg führt, nicht um den Feind zu schlagen, sondern vielmehr, um nicht vom Feinde geschlagen zu werden und so die eigene usurpierte Größe einzubüßen. Er gebärdet sich wie die alten sogenannten "Manövrier-Generale", die ihre ängstliche Vermeidung jeder taktischen Entscheidung damit entschuldigten, daß sie den Feind durch strategische Umgehung zur Aufgabe seiner Positionen nötigten. Die Konföderierten entwischen ihm immer, weil er im entscheidenden Augenblicke nie auf sie losgeht. So ließ er sie - obgleich ihr Rückzugsplan zehn Tage vorher sogar schon in New-Yorker Blättern (zum Beispiel der "Tribune") angekündigt war - ruhig von Manassas nach Richmond retirieren. Dann teilte er seine Armee und flankierte die Konföderierten strategisch, indem er mit einem Truppenkorps sich vor Yorktown festsetzte. Ein Festungskrieg liefert immer Vorwand zu Zeitverschwendung und Vermeidung der Schlacht. Sobald er eine den Konföderierten überlegene Truppenmacht konzentriert hatte, ließ er sie von Yorktown nach Williamsburg und von da weiter retirieren, ohne sie zur Schlacht zu zwingen. So jämmerlich ist noch nie ein Krieg geführt worden. Wenn das Rückzugsgefecht bei Williamsburg statt in einem zweiten Bull Run für die Unionstruppen in einer Niederlage der konföderierten Arrieregarde endigte, so war McClellan ganz unschuldig an diesem Resultate.

Nach einem Marsch von ungefähr zwölf Meilen (englische), unter 24stündigem Regenguß und über wahre Kotwege, langten 8.000 Unionstruppen unter General Heintzelmann (deutscher Abkunft, aber geborener Pennsylvanier) unweit Williamsburg an und stießen nur auf schwache Piketts des Feindes. Sobald dieser jedoch sich von ihrer geringen numerischen Kraft versichert, entsendete er aus Williamsburg, aus den Kerntruppen, Verstärkungen, die seine Truppenzahl nach und nach zu 25.000 Mann anschwellten. Um neun Uhr morgens wurde der Kampf ernsthaft; um halb ein Uhr entdeckte General Heintzelmann, daß das Gefecht zugunsten des Gegners neigte. Er sendete Boten auf Boten an General Kearny, der acht Meilen in seinem Rücken stand, aber infolge der durch den Regen ganz "aufgelösten" Straße sich nur langsam vorwärtswälzen konnte. Während einer ganzen Stunde blieb Heintzelmann ohne Verstärkung, und das 7. und 8. Jersey-Regiment, das seinen Pulvervorrat verschossen hatte, fing an auszureißen nach dem Walde auf beiden Seiten der Straße. Heintzelmann ließ nun den Oberst Menill mit einer pennsylvanischen Kavallerieschwadron auf beiden Säumen des Waldes deplacieren, unter der Drohung, auf die Flüchtlinge zu schießen. Dies brachte letztere wieder zum Stehen.

|506| Die Ordnung wurde außerdem wieder hergestellt durch das Beispiel eines Massachusetts-Regiments, welches ebenfalls sein Pulver verschossen, nun aber das Bajonett auf die Musketen pflanzte und in ruhiger Haltung den Feind abwartete. Endlich wurde Kearnys Vortrab unter Brigadier Berry (vom Staate Maine) sichtbar. Heintzelmanns Armee empfing die Retter mit einem wilden Hurra; er ließ die Regimentsmusik den "Yankee Doodle" aufspielen und in Front seiner erschöpften Truppen eine Linie von beinahe einer halben Meile durch Berrys Zuzug formieren. Nach vorläufigem Feuergefecht machte Berrys Brigade eine Bajonettcharge im Sturmschritt und trieb den Feind vom Schlachtfeld weg zu seinen Erdwerken, von denen das größte nach wiederholten Angriffen und Gegenangriffen im Besitz der Unionstruppen blieb. So war das Gleichgewicht der Schlacht hergestellt. Berrys Ankunft hatte die Unionisten gerettet. Um vier Uhr entschied die Ankunft der Brigaden von Jameson und Birney ihren Sieg. Um neun Uhr abends begann der Rückzug der Konföderierten von Williamsburg, den sie am folgenden Tag - nach Richmond zu - unter harter Verfolgung von Heintzelmanns Kavallerie fortsetzten. Schon zwischen sechs und sieben Uhr morgens nach der Schlacht hatte Heintzelmann Williamsburg durch General Jameson besetzen lassen. Die Arrièregarde des fliehenden Feindes hatte die Stadt nur eine halbe Stunde vorher am entgegengesetzten Ende geräumt. Heintzelmanns Schlacht war im eigentlichen Sinne des Wortes eine Infanterieschlacht. Artillerie kam kaum ins Spiel. Musketenfeuer und Bajonettattacke entschieden. Wollte der Kongreß von Washington ein Dankvotum aussprechen, so gebührte es dem General Heintzelmann, der die Yankees vor einem zweiten Bull Run rettete, nicht dem McClellan, der in seiner gewohnten Manier "die taktische Entscheidung" vermied und den numerisch schwächeren Gegner zum dritten Mal entwischen ließ.

Die konföderierte Armee in Virginia hat bessere Chancen als Beauregards Armee, einmal, weil sie sich einem McClellan statt einem Halleck gegenüber befindet, und dann, weil auf ihrer Rückzugslinie die vielen Flüsse quer vom Gebirg nach dem Meer laufen. Indes, um zu vermeiden, daß sie sich nicht ohne Schlacht in Banden auflöst, werden ihre Generale gezwungen sein, früher oder später eine entscheidende Schlacht anzunehmen, gerade wie die Russen bei Smolensk und Borodino sich schlagen mußten, gegenden Willen der richtig urteilenden Generale. Jämmerlich, wie McClellans Kriegsführung war, hat das beständige Retirieren mit Rücklassung von Artillerie, Munition und anderen Kriegsvorräten, zugleich mit den kleinen unglücklichen Rückzugsgefechten, die Konföde- |507| rierten jedenfalls arg demoralisiert, wie sich am Tage einer entscheidenden Schlacht ausweisen wird. Wir kommen also zu dem Fazit:

Verlieren Beauregard oder Jefferson Davis eine entscheidende Schlacht, so lösen sich ihre Armeen in Banden auf, Gewinnt einer von ihnen eine entscheidende Schlacht, was durchaus unwahrscheinlich, so ist im besten Fall die Auflösung ihrer Armeen aufgeschoben. Sie sind nicht in der Lage, den geringsten nachhaltigen Nutzen selbst von einem Siege zu ziehen. Sie können nicht zwanzig englische Meilen vorrücken, ohne festzufahren und wieder die erneuerte Offensive des Gegners abzuwarten.

Es bleibt noch übrig, die Chancen eines Guerillakrieges zu untersuchen. Nun ist es aber gerade bei diesem Kriege der Sklavenhalter äußerst wunderbar, wie wenig, oder vielmehr wie gar nicht die Bevölkerung daran teilgenommen. Im Jahre 1813 wurden die Verbindungen der Franzosen von Colomb, Lützow, Tschernyschew und zwanzig andern Freischärler- und Kosakenführern fortwährend unterbrochen und harceliert. 1812 verschwand in Rußland die Bevölkerung vollständig von der französischen Marschlinie; 1814 bewaffneten sich die französischen Bauern und schlugen die Patrouillen und Nachzügler der Alliierten tot, aber hier geschieht gar nichts. Man unterwirft sich dem Schicksal der großen Schlachten und tröstet sich mit "Victrix causa diis placuit, sed victa Catoni." Die Renommage mit dem Krieg bis zum Messer lost sich in Dunst auf. Es ist zwar kaum zu bezweifeln, daß der white trash (der "weiße Schund", wie die Pflanzer selbst die "armen Weißen" nennen) es mit Guerillakrieg und Brigandage versuchen wird. Ein solcher Versuch wird aber die besitzenden Pflanzer sehr rasch in Unionisten verwandeln. Sie werden selbst die Truppen der Yankees zu Hilfe rufen. Die angeblichen Baumwoll- usw. Verbrennungen am Mississippi beruhen ausschließlich auf dem Zeugnis von zwei Kentuckyanern, die nach Louisville gekommen sein sollen - sicher nicht auf dem Mississippi. Der Brand in New Orleans war leicht organisiert, Der Fanatismus der Kaufleute von New Orleans erklärt sich daraus, daß sie eine Masse konföderierter Staatsschuldscheine für bares Geld nehmen mußten. Der Brand von New Orleans wird sich in andern Städten wiederholen; auch sonst wird gewiß manches verbrannt, aber dergleichen theatralische Coups können nur den Zwiespalt zwischen den Pflanzern und dem "white trash" auf die Spitze treiben, und damit finis Secessiae!

 

 


 

 

Karl Marx

Englische Humanität und Amerika

["Die Presse" Nr. 168 vom 20. Juni 1862]

|508| London, 14. Juni 1862

 

Humanität ist jetzt in England, wie Freiheit in Frankreich, ein Exportartikel für die traders in politics |Geschäftemacher in Politik| geworden. Wir erinnern uns der Zeit, wo der Zar Nikolaus polnische Damen von Soldaten aushauen ließ, und wo Lord Palmerston die sittliche Entrüstung einiger Parlamentler über dies Ereignis "unpolitisch" fand. Wir erinnern uns, daß vor ungefähr einem Dezennium eine Revolte auf den Ionischen Inseln stattfand, die den dortigen englischen Gouverneur veranlaßte, eine nicht unbedeutende Zahl griechischer Weiber geißeln zu lassen. Probatum est |Es ist bewährt|, sagten Palmerston und seine damaligen Whig-Kollegen, die sich an der Regierung befanden. Noch vor wenigen Jahren wurde aus offiziellen Dokumenten dem Parlament bewiesen, daß die Steuereintreiber in Indien Zwangsmittel gegen die Weiber der ryots |indischen Bauern| anwendeten, deren Infamie verbietet, sie weiter zu detaillieren. Palmerston und Kollegen wagten zwar nicht, diese Scheußlichkeiten zu rechtfertigen, aber wie würden sie aufgeschrien haben, hätte eine fremde Regierung gewagt, öffentlich ihre Entrüstung über diese englischen Infamien zu proklamieren, und nicht undeutlich anzudeuten, sie werde einschreiten, falls Palmerston und Kollegen nicht sofort die indischen Steuerbeamten desavouierten. Aber Cato Censor selbst konnte nicht ängstlicher die Sitten der römischen Bürger überwachen, als die englischen Aristokraten und ihre Minister die "Humanität" der kriegführenden Yankees!

Die Ladies von New Orleans, gelbe Schönheiten, geschmacklos drapiert mit Juwelen, etwa vergleichbar den Weibern der alten Mexikaner, nur daß |509| sie ihre Sklaven nicht in natura aufessen, sind diesmal - früher waren es die Häfen von Charleston - die Anlässe britisch-aristokratischer Humanitätsentfaltung. Die englischen Weiber (es sind jedoch keine Ladies, auch besitzen sie keine Sklaven), die in Lancashire hungern, haben bisher keine parlamentarische Lippe bewegt; der Notschrei der irischen Weiber, die bei der fortschreitenden Zusammenwerfung der kleinen Pachten auf dem grünen Erin |Irland| halbnackt auf die Straße geworfen und ebenso von Haus und Hof gejagt werden, als ob die Tataren eingefallen, hat bisher ein einziges Echo von Lords, Commons und Her Majesty's Government hervorgerufen - Homilien über die absoluten Rechte des Grundeigentums. Aber die Ladies von New Orleans! Das ist freilich ein anderer Kasus. Diese Ladies waren viel zu aufgeklärt, um an dem Kriegsgetümmel teilzunehmen, gleich den Göttinnen des Olymps, oder sich in die Flammen zu stürzen, gleich den Weibern von Sagunt. Sie haben eine neue und gefahrlose Mode des Heroismus erfunden, eine Mode, wie sie nur von Sklavenhalterinnen erfunden werden konnte, und zwar nur von Sklavenhalterinnen in einem Lande, wo der freie Teil der Bevölkerung seines Berufs Krämer ist, Handelsmann in Baumwolle oder Zucker oder Tabak, nicht Sklaven hält, wie die Cives der antiken Welt. Nachdem ihre Männer fortgelaufen von New Orleans oder sich in ihre Hintergemächer verkrochen hatten, stürzten diese Ladies auf die Straßen, um den siegreichen Unionstruppen ins Gesicht zu speien, oder die Zungen gegen sie herauszustrecken, oder überhaupt wie Mephistopheles "eine unanständige Gebärde" zu machen, begleitet mit insultierenden Worten. Diese Megären glaubten "ungestraft" ungezogen sein zu dürfen.

Das war ihr Heroismus. General Butler erließ eine Proklamation, worin er ihnen anzeigt, daß sie wie Gassendirnen behandelt werden sollten, wenn sie fortführen, die Gassendirnen zu spielen. Butler ist zwar seines Zeugs Advokat, scheint aber das englische Statute law nicht gehörig studiert zu haben. Er hätte ihnen sonst, analog den unter Castlereagh über Irland verhängten Gesetzen, überhaupt verboten, die Straße zu betreten. Butlers Warnung an die "Ladies von New Orleans hat den Grafen Carnarvon, den Sir J. Walsh (der eine so lächerliche und gehässige Rolle in Irland spielte) und Herrn Gregory, der die Anerkennung der Konföderation schon vor einem Jahre verlangte, so sittlich entrüstet, daß der Graf im Oberhaus, der Ritter und der Mann "without a handle to his name" |"ohne Titel vor seinem Namen"| |510| im Unterhaus das Ministerium interpellierten, um zu erfahren, welche Schritte es im Namen der beleidigten "Humanität" zu tun gedenke. Russell und Palmerston züchtigten beide den Butler, erwarteten beide, daß die Regierung von Washington ihn desavouieren werde, und der so sehr zartfühlende Palmerston, der den coup d'état vom Dezember 1851 (bei welcher Gelegenheit "Ladies" sogar totgeschossen und andere von den Zuaven geschändet wurden) hinter dem Rücken der Königin und ohne Vorwissen seiner Kollegen aus bloß "humaner" Bewunderung anerkannte - derselbe zartfühlende Viscount erklärte Butlers Warnung für eine "Infamie". In der Tat, Ladies, und Ladies, die sogar Sklaven eignen - solche Ladies sollten nicht einmal ungestraft ihren Geifer und ihre Bosheit an gewöhnlichen Unionstruppen, Bauern, Handwerkern und anderm Grobzeug auslassen dürfen! Es ist "infam".

Niemand täuscht sich hier im Publikum über diese Humanitätsfarce. Es gilt, die Stimmung für die Intervention, zunächst von französischer Seite, teils hervorzurufen, teils zu befestigen. Die Humanitätsritter im Oberhause und Unterhause warfen auch wie auf Kommando nach den ersten melodramatischen Überschwellungen die gerührte Maske fort. Ihre Deklamation diente nur als Prolog zur Frage, ob der Kaiser der Franzosen wegen einer Mediation sich mit der englischen Regierung benommen, und ob letztere, wie sie hofften, solches Angebot günstig aufgenommen. Russell und Palmerston erklärten beide, nichts von dem Angebot zu wissen. Russell erklärte den jetzigen Augenblick jeder Mediation höchst ungünstig. Palmerston, vorsichtiger und rückhaltender, begnügte sich, zu sagen, daß die englische Regierung in diesem Augenblick keine Mediation bezwecke.

Der Plan ist, daß Frankreich während der Vertagung des englischen Parlaments seine Mittlerrolle spielt, und im Herbst, wenn Mexiko gesichert, seine Intervention eröffnet. Der Stillstand auf dem amerikanischen Kriegsschauplatz hat die Interventionsspekulanten in St. James und den Tuilerien wieder aus ihrem Marasmus aufgeweckt. Jener Stillstand selbst ist einem strategischen Fehler in der nordischen Kriegsführung geschuldet. Wäre die Kentucky-Armee nach ihren Siegen in Tennessee auf die Eisenbahnzentren in Georgia rasch vorgerückt, statt sich auf den Abweg südlich den Mississippi herunterlocken zu lassen, so wären Reuter und Comp. um den Handel in "Interventions"- und "Mediations"-Gerüchten geprellt worden. Wie dem auch sei, Europa kann nichts eifriger wünschen, als daß der coup d'état versuche, "Ordnung in den Vereinigten Staaten herzustellen" und auch dort "die Zivilisation zu retten".

 


 

 

 

 

Friedrich Engels

Der Amerikanische Bürgerkrieg 
und die Panzer- und Widderschiffe

Geschrieben Ende Juni 1862.

["Die Presse Nr. 181 vom 3. Juli 1862]

 

 

|511| Vor ungefähr dreiundeinhalb Monaten, am 8. März 1862, schloß die Seeschlacht zwischen dem "Merrimac" und den Fregatten "Cumberland" und "Congreß" in den Hampton-Roads die lange Ära der hölzernen Kriegsschiffe. Am 9. März 1862 eröffnete die Seeschlacht zwischen "Merrimac" und "Monitor" in denselben Wässern die Ära des Krieges zwischen eisenbepanzerten Schiffen.

Seit der Zeit hat der Kongreß zu Washington bedeutende Summen für den Bau verschiedener eisenbepanzerter Schiffe und die Vollendung der großen eisernen Schiffsbatterie des Herrn Stevens (zu Hoboken, in der Nähe New Yorks) bewilligt. Herr Ericsson ist ferner mit der Vollendung von sechs Schiffen beschäftigt, gebaut nach dem Plane des "Monitor", aber umfangreicher und mit zwei beweglichen Türmen versehen, deren jeder von zwei großen Kanonen flankiert ist. Die "Galena", ein zweiter Eisenpanzer, nicht von Herrn Ericsson und nach einem andern Plane als der "Monitor" gebaut, wurde vollendet und dann dem "Monitor" beigesellt, zuerst zur Überwachung des "Merrimac", später zur Säuberung der Ufer des James River von den Forts der Rebellen; bis auf sieben oder acht Meilen Entfernung von Richmond ist diese Aufgabe gelöst. Der dritte Eisenpanzer im James River ist der "Bengaluche", zuerst benamst "Stevens", nach seinem Erfinder und früheren Eigentümer.

Ein vierter Eisenpanzer, die "New Ironsides", wird in Philadelphia gebaut und soll in wenigen Wochen seetüchtig sein. Der "Vanderbilt" und ein anderer großer Dampfer werden in Widder verwandelt; eine Masse anderer hölzerner Kriegsschiffe, wie der "Roanoke", gehen ihrer Wiedergeburt als Eisenpanzer entgegen. Die Unionsregierung hatte außerdem 4 bis 5 eisenbeschiente Kanonenboote auf dem Ohio bauen lassen, die |512| guten Dienst bei Fort Henry, Fort Donelson und Pittsburg Landing taten. Endlich rüstete Oberst Ellet mit seinen Freunden verschiedene Widder aus, vermittelst Abflachung und Eisenbekleidung der Bugs alter Dampfschiffe zu Cincinnati und anderer Plätze am Ohio. Er bewaffnete sie nicht mit Kanonen, sondern mit Scharfschützen, an denen der Westen so reich ist. Widder, Mannschaft und seine eigenen Dienste bot er dann der Unionsregierung an. Wir kommen später auf die erste Waffentat dieser improvisierten Widder zurück.

Auf der andern Seite waren die Konföderierten auch nicht untätig geblieben. Sie begannen den Bau neuer Eisenschiffe und die Remodellierung alter zu Norfolk. Bevor sie hier ihr Werk vollendet hatten, fiel Norfolk in die Hand der Unionstruppen, und alle jene Schiffe wurden zerstört. Die Konföderierten bauten ferner drei eiserne Widder von großer Stärke zu New Orleans, und ein vierter Eisenpanzer von ungeheurer Masse und vorzüglich bewaffnet näherte sich der Vollendung, als New Orleans fiel. Nach dem Urteile von Seeoffizieren der Union würde das letztere Schiff, wenn bereits kampffähig, die gesamte Unionsmarine der höchsten Gefahr ausgesetzt haben, denn die Regierung zu Washington hatte diesem Ungeheuer keinen ebenbürtigen Widerpart gegenüberzustellen. Seine Kosten beliefen sich auf zwei Millionen Dollars. Die Rebellen selbst haben bekanntlich das Schiff zerstört.

Zu Memphis hatten die Konföderierten nicht weniger als acht Widder gebaut, deren jeder vier oder sechs Kanonen von schwerem Kaliber führte. Zu Memphis fand dann auch die erste "Schlacht der Widder" auf dem Mississippi am 6. Juni statt. Obgleich die Unionsflottille, die den Mississippi hinunterkam, fünf eisenbepanzerte Kanonenboote zählte, waren es dennoch zwei von Oberst Ellets Widdern, die "Queen" und der "Monarch", die wesentlich den Kampf entschieden. Von den acht feindlichen Widdern wurden vier zerstört, drei gefangen, einer entkam. Nachdem die Kanonenboote der Unionsflottille eine lebhafte Kanonade gegen die Rebellenschiffe eröffnet und eine Zeitlang unterhalten hatten, schwammen die "Queen" und der "Monarch" mitten unter das feindliche Geschwader. Das Feuer der Kanonenboote verstummte fast ganz, da Oberst Ellets Widder sich mit den feindlichen in einen Knäuel verwickelt hatten, der den Kanonieren Unterscheidung zwischen Freund und Feind untersagte.

Ellets Widder, wie bereits oben bemerkt, führten keine Kanonen, aber eine Menge von Scharfschützen. Ihre Dampfmaschinen und Kessel waren bloß durch Holzwerke beschützt. Mächtige Dampfmaschinen und ein scharf gespitzter Bug aus Eichenholz, mit Eisen bekleidet, bildeten die |513| ganze Ausstattung dieser Widder. Männer, Weiber und Kinder strömten zu Tausenden von Memphis auf die steilen Ufer des Mississippi, um von hier, an manchen Punkten kaum eine halbe englische Meile vom Kriegstheater entfernt, mit banger Spannung die "Schlacht der Widder" zu beobachten. Sie währte kaum länger als eine Stunde. Während die Rebellen 7 Schiffe verloren und 100 Mann, wovon ungefähr 40 durch Ertrinken, wurde nur ein Unionsschiff ernsthaft gefährdet, nur ein Mann verwundet und keiner getötet.

Mit Ausnahme des einen eisernen Widders, der aus dem Seetreffen bei Memphis entkam, besitzen die Konföderierten jetzt vielleicht noch ein paar Widder und Eisenpanzer bei Mobile. Außer diesen und den wenigen Kanonenbooten bei Vicksburg, die von Farragut, der den Strom hinauf- und von Davis, der ihn hinuntersegelt, gleichzeitig bedroht werden, hat ihre Flotte bereits das Zeitliche gesegnet.

 

 


 

 

 

 

 

Karl Marx

Zur Kritik der Dinge in Amerika

Geschrieben am 4. August 1862.

["Die Presse" Nr. 218 vom 9. August 1862]

 

 

|524| Die Krise, die augenblicklich die Verhältnisse der Vereinigten Staaten beherrscht, ist durch doppelte Gründe verschuldet: militärische und politische.

Wurde der letzte Feldzug nach einem strategischen Plane geführt, so mußte, wie bereits früher in diesen Blättern auseinandergesetzt |siehe: "Der Amerikanische Bürgerkrieg" und "Englische Humanität und Amerika"|, die Hauptarmee des Westens ihre Erfolge in Kentucky und Tennessee benützen, um über den Norden Alabamas nach Georgia einzudringen und sich hier der Eisenbahnzentren bei Decatur, Milledgeville usw. zu bemächtigen. Dadurch wurde die Verbindung zwischen der Ost- und Westarmee der Sezessionisten aufgehoben und ihre wechselseitige Unterstützung unmöglich gemacht. Stattdessen marschierte die Kentucky-Armee den Mississippi herunter, südlich in der Richtung von New Orleans, und ihr Sieg unweit Memphis hatte kein anderes Resultat, als den größten Teil von Beauregards Truppen nach Richmond zu schicken, so daß die Konföderierten hier jetzt plötzlich dem McClellan, der die Niederlage der feindlichen Truppen bei Yorktown und Williamsburg nicht ausgebeutet, andererseits von vornherein seine eigenen Streitkräfte zersplittert hatte, mit einem überlegenen Heer in einer überlegenen Position gegenüberstanden. McClellans schon früher geschilderte Generalschaft |siehe: "Amerikanische Angelegenheiten" und "Die Lage auf dem amerikanischen Kriegsschauplatze"| war allein hinreichend, der größten und bestdisziplinierten Armee den Untergang zu sichern. Endlich beging Kriegsminister Stanton einen unverzeihlichen Fehler. Um dem Ausland zu imponieren, stellte er nach der Eroberung von Tennessee die Werbungen ein, verdammte also die Armee zu fortwährender Abschwächung, gerade als sie zur raschen, entscheidenden Offensive der Ver- |525| stärkungen am meisten bedurfte. Trotz der strategischen Schnitzer und trotz McClellans Generalschaft war der Krieg, mit stetem Zufluß von Rekruten, bis jetzt, wo nicht entschieden, doch rasch der siegreichen Entscheidung nahend. Stantons Schritt war ein so unheilvoller, als der Süden damals gerade alle Männer von 18 bis 35 Jahren einstellte, also alles auf eine Karte setzte. Es sind diese inzwischen eingeübten Leute, die den Konföderierten fast überall das Übergewicht geben und ihnen die Initiative sichern. Sie hielten Halleck fest, verdrängten Curtis aus Arkansas, schlugen McClellan und gaben unter Stonewall Jackson das Signal zu den Guerillazügen, die jetzt schon bis an den Ohio dringen.

Die militärischen Gründe der Krise hängen zum Teil mit den politischen zusammen. Es war der Einfluß der Demokratischen Partei, die eine Inkapazität wie McClellan, weil er ein ehemaliger Anhänger Breckinridges, zum commander in chief der gesamten Streitkräfte des Nordens erhöhte. Es war ängstliche Rücksichtnahme auf die Wünsche, Vorteile und Interessen der Wortführer der Grenzsklavenstaaten (border slave states), die dem Bürgerkrieg bis jetzt die prinzipielle Spitze abbrach und ihn sozusagen entseelte. Die "loyalen" Sklavenhalter dieser Grenzstaaten setzten es durch, daß die vom Süden diktierten fugitive slave laws (Gesetze über die flüchtigen Sklaven) aufrechterhalten und die Sympathien der Neger für den Norden gewaltsam unterdrückt wurden, daß kein General wagen durfte, eine Negerkompanie ins Feld zu stellen und daß endlich die Sklaverei sich aus der Achillesferse des Südens in seine unverwundbare Hornhaut verwandelte. Dank den Sklaven, die alle produktiven Arbeiten verrichten, kann die gesamte schlagfertige Mannschaft des Südens ins Feld geführt werden!

In diesem Augenblicke, wo die Aktien der Sezession steigen, erhöhen die Wortführer der Grenzstaaten ihre Ansprüche. Indes zeigt Lincolns Appell an sie, wo er mit Überfluten der Abolitionisten-Partei droht, daß die Dinge eine revolutionäre Wendung nehmen. Lincoln weiß, was Europa nicht weiß, daß es keineswegs Apathie oder Weichen vor dem Drucke der Niederlage ist, die seine Forderung von 300.000 Rekruten ein so kaltes Echo finden lassen. Neuengland und der Nordwesten, die das Hauptmaterial der Armee geliefert, sind entschlossen, der Regierung eine revolutionäre Kriegsführung aufzuzwingen und auf das Sternenbanner die "Aufhebung der Sklaverei" als Schlachtparole zu schreiben. Lincoln weicht nur zaudernd und ängstlich dieser pressure from without |diesem Druck von außen|, weiß aber, daß er unfähig ist, ihr noch lange Widerstand zu leisten. Daher sein flehent- |526| licher Aufruf an die Grenzstaaten, freiwillig und unter vorteilhaften Kontraktbedingungen auf das Institut der Sklaverei zu verzichten. Er weiß, daß es allein das Fortbestehen der Sklaverei in den Grenzstaaten ist, das bisher die Sklaverei im Süden unangetastet ließ und dem Norden verbot, sein großes radikales Heilmittel anzuwenden. Er irrt nur, wenn er wähnt, die "loyalen" Sklavenhalter seien durch wohlwollende Reden und Vernunftgründe bestimmbar. Sie werden nur der Gewalt weichen.

Wir haben bisher nur dem ersten Akt des Bürgerkrieges beigewohnt der konstitutionellen Kriegsführung. Der zweite Akt, die revolutionäre Kriegsführung, steht bevor.

Unterdes hat der jetzt vertagte Kongreß während seiner ersten Session eine Reihe wichtiger Maßregeln dekretiert, die wir hier summarisch zusammenfassen wollen.

Von seiner finanziellen Gesetzgebung abgesehen, hat er die lang vergeblich von der nordischen Volksmasse angestrebte Homestead-Bill passiert, wonach ein Teil der Staatsländereien den Kolonisten, eingeborenen oder eingewanderten, zur Bebauung unentgeltlich anheimgestellt wird. Er hat die Sklaverei in Columbia und der nationalen Hauptstadt abgeschafft, mit Geldentschädigung für die ehemaligen Sklavenhalter. In allen Territorien der Vereinigten Staaten ist Sklaverei "für immer unmöglich" erklärt worden. Der Akt, wodurch der neue Staat von West-Virginia in die Union aufgenommen wird, schreibt stufenweise Abschaffung der Sklaverei vor und erklärt alle nach dem 4. Juli 1863 gebornen Negerkinder für geborne Freie. Die Bedingungen der stufenweisen Emanzipation sind im ganzen dem Gesetz entlehnt, das vor 70 Jahren in Pennsylvania zu demselben Zwecke erlassen wurde. Durch einen vierten Akt sollen alle Sklaven von Rebellen emanzipiert werden, sobald sie in die Hand der republikanischen Armee fallen. Ein anderes Gesetz, das jetzt zum ersten Mal ausgeführt wird, bestimmt, daß diese emanzipierten Neger militärisch organisiert und gegen den Süden ins Feld geschickt werden können. Die Unabhängigkeit der Negerrepubliken von Liberia und Haiti ist anerkannt, endlich ein Vertrag zur Abschaffung des Sklavenhandels mit England geschlossen worden.

So, wie immer die Würfel des Kriegsglücks fallen mögen, kann schon jetzt mit Sicherheit gesagt werden, daß die Negersklaverei den Bürgerkrieg nicht lange überleben wird.

 

 


 

 

 

 

 

Karl Marx

Russells Protest gegen die amerikanische Grobheit - 
Kornteuerung - 
Zur Lage in Italien

["Die Presse" Nr. 233 vom 24. August 1862]

|527| London, 20. August 1862

 

 

Lord John Russell ist unter den Engländern bekannt als "letter writer" (Briefschreiber). In seinem letzten Schreibebrief an Herrn Stuart klagt er über die Insulte der nordamerikanischen Blätter gegen "Old England". Et tu, Brute! |Auch du, Brutus!| Es ist unmöglich, einen respektablen Engländer unter vier Augen zu sprechen, der bei dieser tour de force |Kraftstück| nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlüge! Die englische Journalistik hat bekanntlich Unübertroffenes geleistet von 1789-1815 in ihren gehässigen Wutausfällen gegen die französische Nation. Und dennoch hat sie wahrend des letzten Jahres diese Tradition überboten durch ihre "malignant brutality" (bösartige Brutalität) gegen die Vereinigten Staaten! Ein paar Beispiele aus letzter Zeit mögen genügen.

"Wir schulden", sagen die "Times", "unser ganzes moralisches Gewicht unseren Stammverwandten" (den südlichen Sklavenhaltern), "die so tapfer und ausdauernd für ihre Freiheit kämpfen, gegen eine Mischrasse von Räubern und Unterdrückern."

Die New York "Evening Post" (das Abolitionisten-Organ) bemerkt hierzu:

"Sind diese englischen Pasquillschreiber, diese Nachkommen von Briten, Dänen, Sachsen, Kelten, Normannen und Holländern von so reinem Blut, daß alle anderen Bevölkerungen ihnen gegenüber als Mischrassen erscheinen?"

Kurz nach Veröffentlichung des obigen Passus nannten die "Times", in fetter Garmondschrift, den Präsidenten Lincoln "einen respektablen |528| Hanswurst", seine Minister "eine Bande von Schurken und Lumpen", und die Armee der Vereinigten Staaten "eine Armee, deren Offiziere Yankee-Schwindler und deren Gemeine deutsche Diebe sind". Und Lord John Russell, unbefriedigt von den Lorbeern seiner Schreibebriefe an den Bischof von Durham und an Sir James Hudson zu Turin, wagt in seinem Briefe an Stuart von den "Insulten der nordamerikanischen Presse" gegen England zu sprechen.

Es ist indes dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Aber bösartiger Impertinenz und gehässiger Ranküne zum Trotz wird das offizielle England seinen Frieden mit den "Yankee-Schwindlern" halten und seine tiefen Sympathien mit den hochherzigen Menschenblutverkäufern des Südens auf löschpapierne Redensarten und vereinzelte Schmuggelunternehmungen beschränken, denn mit einer Kornteuerung ist nicht zu spaßen, und jeder Konflikt mit den Yankees würde jetzt die Hungersnot der Baumwollnot hinzufügen.

England hat seit langem aufgehört von seiner eigenen Kornproduktion zu leben. In den Jahren 1857, 1858 und 1859 führte es für 66 Millionen Pfund Sterling an Korn und Mehl ein, in den Jahren 1860, 1861 und 1862 für 118 Millionen Pfund Sterling. Was die Masse des eingeführten Getreides und Mehles betrifft, so betrug sie 1859 10.278.774 Quarters, 1860 14.484.976 Quarters, und 1861 16.094.914 Quarters. Während der letzten fünf Jahre allein stieg daher der Getreideimport um 50 Prozent.

England führt jetzt in der Tat bereits die Hälfte seines Getreidebedarfes vom Auslande ein. Und es ist alle Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß das kommende Jahr wenigstens 30 Prozent dieser Einfuhr zufügen wird, wir meinen 30 Prozent an Kostenpreis, da die sehr reichliche Ernte in den Vereinigten Staaten ein zu hohes Steigen der Kornpreise verhindern wird. Daß aber der diesjährige Ausfall der Getreideernte 1/4 bis 1/5 unter der Durchschnittsernte betragen wird, ist so gut wie erwiesen durch die ausführlichen Berichte, die der "Mark Lane Express" und "The Gardeners' Chronicle and Agricultural Gazette" aus allen ackerbauenden Distrikten eben veröffentlicht haben. Wenn Lord Brougham nach dem Frieden von 1815 sagte, daß England durch die Staatsschuld von einer Milliarde Europa ein Faustpfand für seine "good behaviour" (gute Aufführung) gebe, so gibt der diesjährige Getreideausfall den Vereinigten Staaten die beste Versicherung, daß England "will not break the Queen's peace" (den Königsfrieden nicht brechen wird).

Es ist mir der Brief eines der besten Freunde Garibaldis aus Genua mitgeteilt worden, wovon ich hier einige Auszüge gebe.

|529| Es heißt unter anderm darin:

"Die letzten Briefe Garibaldis und verschiedener Offiziere seines Lagers kamen gestern (16. August) hier an. Sie sind datiert vom 12. August. Alle atmen den unerschütterlichen Entschluß des Generals, an seinem Programm: 'Rom oder den Tod!' festzuhalten und enthalten peremtorische Ordres in diesem Sinn an seine Freunde. Andrerseits gingen gestern positive Befehle von Turin an den General Cugia ab, zu den letzten Tätlichkeiten zu schreiten, d.h. mit Schuß- und Stichwaffe auf die Freiwilligen loszugehen und den Garibaldi und seine Freunde gefangenzunehmen, falls er sich weigere, in vierundzwanzig Stunden die Waffen zu strecken. Wenn die Truppen Gehorsam leisten, steht eine ernste Katastrophe bevor. Der Beschluß extremer Maßregeln wurde gefaßt infolge eines Telegramms von Paris, dahin lautend: 'Der Kaiser wird sich nicht herablassen zur Verhandlung mit der italienischen Regierung, bevor Garibaldi entwaffnet ist.' Hätte Rattazzi sein Vaterland mehr geliebt als sein Amt, so hätte er resigniert und dem Ricasoli oder einem andern minder unpopulären Minister erlaubt, an seine Stelle zu treten. Er würde bedacht haben, daß mit Louis Bonaparte gegen Italien, statt mit Italien gegen Bonaparte Partei ergreifen, die Monarchie gefährden heißt, der er zu dienen vorgibt. Fließt in Sizilien italienisches Blut durch italienische Hände, so ist es nicht Garibaldis Schuld, denn sein Wahlruf ist: 'Es lebe die italienische Armee!', und die enthusiastische Weise, womit diese Armee überall empfangen wird, beweist, welchen Gehorsam Garibaldi findet. Sollte aber die Armee das Blut der Freiwilligen vergießen, wer wagt auf ruhiges Dulden seitens des Volkes zu rechnen?"

 

 


 

 

 

Karl Marx

Abolitionistische Kundgebungen in Amerika

Geschrieben am 22. August 1862.

["Die Presse" Nr. 239 vom 30. August 1862]

 

 

|530| Es wurde früher in diesen Blättern bemerkt, daß Präsident Lincoln, juristisch ängstlich, konstitutionell vermittelnd, von Geburt ein Bürger des Grenzsklavenstaates Kentucky, nur mühsam sich der Kontrolle der "loyalen" Sklavenhalter entzieht, jeden offenen Bruch mit ihnen zu vermeiden sucht und eben dadurch einen Konflikt mit den prinzipiell konsequenten, durch die Ereignisse mehr und mehr in den Vordergrund gedrängten Parteien des Nordens hervorruft, Als Prolog dieses Konflikts kann die Rede betrachtet werden, die Wendell Phillips zu Abington in Massachusetts hielt, bei Gelegenheit der Jahresfeier der Sklavenemanzipation im englischen Westindien.

Wendell Phillips ist, nebst Garrison und G. Smith, der Chef der Abolitionisten in Neuengland. Während dreißig Jahren hat er unausgesetzt und unter Lebensgefahr die Emanzipation der Sklaven als Schlachtparole verkündet, gleich rücksichtslos gegen die Persiflage der Presse, den Wutschrei bezahlter rowdies und die vermittelnden Vorstellungen besorgter Freunde. Als einer der größten Redner des Nordens, als eiserner Charakter, gewaltsame Energie und reinste Gesinnung vereinend, ist er selbst von seinen Gegnern anerkannt. Die Londoner "Times" - und was könnte schlagender dies großherzige Blatt charakterisieren? - denunzieren Wendell Phillips' Rede zu Abington heute der Regierung von Washington. Sie sei ein "Mißbrauch" der Redefreiheit.

"Es ist", sagen die "Times", "unmöglich, etwas gewaltsam Maßloseres zu ersinnen. Niemals in Zeiten eines Bürgerkrieges ist so Tollkühnes gesagt worden in irgendeinem Lande durch irgendeinen Mann, der bei gesundem Verstand war und |531| sein Leben oder seine Freiheit einen Pfifferling wert achtete. Beim Durchlesen jener Rede kann man kaum die Schlußfolgerung vermeiden, daß es der Zweck des Redners war, eine Verfolgung von seiten der Regierung zu erzwingen."

Und die "Times", trotz oder vielleicht wegen ihres Hasses gegen die Unionsregierung, scheine» gar nicht abgeneigt, die Rolle des öffentlichen Anklägers zu übernehmen!

Wendell Phillips' Rede zu Abington ist bei der gegenwärtigen Lage der Dinge von größerer Wichtigkeit als ein Schlachtbulletin. Wir fassen daher die schlagendsten Stellen derselben zusammen.

"Die Regierung", heißt es unter anderm, "ficht für die Erhaltung der Sklaverei, und darum ficht sie umsonst. Lincoln führt einen politischen Krieg. Noch heutigen Tages fürchtet er sich mehr vor Kentucky als vor dem ganzen Norden. Er glaubt an den Süden. Die Neger auf den südlichen Schlachtfeldern, wenn befragt, ob der Regen von Kanonenkugeln und Bomben, die ringsum die Erde aufrissen und die Bäume zersplitterten, sie nicht erschrecke, antworteten 'nein, Massa; wir wissen, daß sie nicht für uns bestimmt sind!' So können die Rebellen von McClellans Bomben sagen. Sie wissen, daß sie nicht bestimmt sind, ihnen weh zu tun. Ich sage nicht, daß McClellan ein Verräter ist, aber ich sage, daß, wenn er ein Verräter wäre, er genau handeln müßte, wie er gehandelt hat. Fürchtet nicht für Richmond, McClellan wird es nicht nehmen. Wird der Krieg in dieser Weise, ohne vernünftigen Zweck, fortgeführt, so ist er eine nutzlose Vergeudung von Blut und Gold. Besser wäre es, der Süden wäre heute unabhängig, als noch ein einziges Menschenleben aufs Spiel zu setzen für einen Krieg, beruhend auf der gegenwärtigen, verabscheuungswürdigen Politik. Um den Krieg in der bisherigen Weise fortzuführen, bedarf es 125.000 Mann jährlich und eine Million Dollars täglich. Aber ihr könnt den Süden nicht loswerden. Wie Jefferson von der Sklaverei sagte:

'Die südlichen Staaten haben den Wolf bei den Ohren, aber weder können sie ihn halten noch laufen lassen', so haben wir den Süden bei den Ohren und können ihn weder halten noch laufen lassen. Erkennt ihn morgen an, und ihr werdet keinen Frieden haben. Während 80 Jahren hat er mit uns gelebt, in Furcht vor uns während der ganzen Zeit, mit Haß gegen uns während der halben Zeit, stets uns beunruhigend und verlästernd. Übermütig durch das Zugeständnis seiner jetzigen Ansprüche, würde er sich nicht ein Jahr innerhalb einer imaginären Grenzlinie halten, - nein, den Augenblick, wo wir von Friedensbedingungen sprechen, wird er Sieg! schreien. Wir werden nie Frieden haben, bevor die Sklaverei ausgerottet ist. So lange ihr die jetzige Schildkröte an der Spitze unserer Regierung haltet, macht ihr ein Loch mit der einen Hand, um es mit der andern zu füllen. Laßt die ganze Nation die Beschlüsse der New-Yorker Handelskammer eudorsieren, und dann wird die Armee etwas haben, wofür es sich lohnt, zu kämpfen. Hätte Jefferson Davis die Macht, er würde Washington nicht wegnehmen. Er weiß, daß die Bombe, die in dies Sodom fiele, die ganze Nation wachrufen würde. |532| Der ganze Norden würde mit einer Stimme donnern: 'Nieder mit der Sklaverei, nieder mit allem, was der Rettung der Republik im Wege steht!' Jefferson Davis ist durch seine Erfolge ganz befriedigt. Sie sind größer als er antizipierte, viel größer! Kann er auf ihnen fortschwimmen bis zum 4. März 1863, so wird England, und das ist in der Ordnung, die südliche Konföderation anerkennen ... Der Präsident hat den Konfiskationsakt nicht ausgeführt. Er mag ehrlich sein, aber was hat seine Ehrlichkeit mit der Sache zu tun! Er hat weder Einsicht noch Vorsicht. Als ich zu Washington war, vergewisserte ich mich, daß Lincoln vor drei Monaten die Proklamation zu einer allgemeinen Sklavenemanzipation geschrieben hatte, und daß McClellan ihn aus seinem Entschluß wegpolterte, und daß die Repräsentanten von Kentucky ihn in die Beibehaltung McClellans, dem er kein Vertrauen schenkt, hineinpolterten. Der Jahre wird es bedürfen, damit Lincoln seine gesetzlichen Advokatenskrupel mit den Anforderungen des Bürgerkrieges vereinen lerne. Das ist die schreckliche Bedingung einer demokratischen Regierung und ihr größtes Übel.

In Frankreich würden 100 Männer, vom guten Recht überzeugt, die Nation mit sich fortreißen; aber damit unsere Regierung einen Schritt tue, müssen sich vorher 19 Millionen in Bewegung setzen. Und wie vielen von diesen Millionen ist jahrelang eingepredigt worden, daß die Sklaverei ein von Gott eingesetztes Institut! Mit diesen Vorurteilen, mit paralysierten Händen und Herzen, fordert ihr den Präsidenten auf, euch vor dem Neger zu retten! Wenn diese Theorie richtig, kann nur sklavenhaltender Despotismus einen temporären Frieden geben ... Ich kenne Lincoln. Ich habe in Washington sein Maß genommen. Er ist eine Mittelmäßigkeit erster Klasse ("a first-rate second-rate man"). Er wartet ehrlich, wie ein anderer Besen darauf, daß die Nation ihn in die Hand nimmt, und durch ihn die Sklaverei wegfegt ... In vergangenen Jahren, nicht weit von der Tribüne, auf der ich jetzt spreche, feuerten die Whigs Böller ab, um meine Stimme zu ersticken, und was ist das Resultat?

Die Söhne dieser Whigs füllen jetzt ihr eigenes Grab in den Marschsümpfen des Chickahominy! Löst diese Union in Gottes Namen auf und setzt eine andere an ihre Stelle, auf deren Eckstein geschrieben steht: 'Politische Gleichheit für alle Weltbürger.' ... Während meines Aufenthaltes in Chicago fragte ich Juristen von Illinois, unter denen Lincoln praktiziert hatte, welche Sorte Mann er sei? Ob er Nein sagen könne? Die Antwort war: 'Es fehlt ihm am Rückrat. Wollten die Amerikaner einen zum Leiten, zur Initiative absolut unfähigen Mann wählen, so mußten sie Abraham Lincoln wählen. Nie hat ein Mensch ihn Nein! sagen hören.' Ich frug: Ist McClellan ein Mann, der Nein! sagen kann? Der Direktor der Chicago-Zentral-Eisenbahn, an der McClellan angestellt war, antwortete: 'Er ist unfähig zu entscheiden. Stelle ihm eine Frage, und es dauert eine Stunde, bis er sich auf die Antwort besinnt. Solange er mit der Verwaltung der Zentral-Eisenbahn zu tun, hat er niemals eine einzige wichtige Streitfrage entschieden.'

Und das sind die zwei Männer, die jetzt vor allen andern das Geschick der nördlichen Republik in ihren Händen halten! Mit dem Stand der Armee bestvertraute Männer versichern, daß Richmond fünfmal genommen werden konnte, hätte der Nichtstuer an der Spitze der Armee des Potomac es erlaubt; aber er zog vor, Dreck in |533| den Chickahominy-Sümpfen aufzugraben, um dann die Lokalität und seine Dreckwälle schmählich zu verlassen. Lincoln, aus feiger Furcht vor den Grenzsklavenstaaten, hält diesen Mann in seiner gegenwärtigen Position; aber der Tag wird kommen, an dem Lincoln gestehen wird, daß er niemals McClellan geglaubt hat ... Laßt uns hoffen, daß der Krieg lang genug dauert, um uns in Männer zu verwandeln, und dann werden wir rasch siegen. Gott hat in unsere Hand den Donnerkeil der Emanzipation gelegt, um diese Rebellion zu zerschmettern ... "

 

 


 

 

 

 

Karl Marx

Zur Lage in Nordamerika

["Die Presse" Nr. 309 vom 10. November 1862]

|558| London, 4. November 1862

 

 

General Bragg, der die südliche Armee in Kentucky kommandiert - die anderen dort hausenden Streitkräfte des Südens beschränken sich auf Guerillabanden - erließ bei seinem Einfall in diesen Grenzstaat eine Proklamation, die bedeutendes Licht auf die letzten kombinierten Schachzüge der Konföderation wirft. Braggs Proklamation, an die Staaten des Nordwestens gerichtet, unterstellt seinen Erfolg in Kentucky als selbstverständlich und ist offenbar berechnet auf die Eventualität eines siegreichen Vordringens in Ohio, den Zentralstaat des Nordens. Zunächst erklärt er die Bereitwilligkeit der Konföderation, freie Schiffahrt auf dem Mississippi und dem Ohio zu garantieren. Diese Garantie hat nur Sinn, sobald sich die Sklavenhalter im Besitz der Grenzstaaten befinden. Man unterstellte also zu Richmond, daß die gleichzeitigen Einfälle Lees in Maryland und Braggs in Kentucky den Besitz der Grenzstaaten auf einen Schlag sichern würden. Bragg geht dann dazu fort, die Berechtigung des Südens, der nur für seine Unabhängigkeit kämpfe, im übrigen aber Frieden wolle, zu beweisen; aber die eigentliche, charakteristische Pointe der Proklamation ist das Anerbieten eines Separatfriedens mit den nordwestlichen Staaten, die Aufforderung an sie, von der Union zu sezedieren und sich der Konföderation anzuschließen, indem die ökonomischen Interessen von Nordwest und Süd ebenso übereinstimmend als die von Nordwest und Nordost feindlich entgegengesetzt seien. Man sieht: Der Süden dünkte sich kaum im Besitz der Grenzstaaten gesichert, als er den weitergehenden Zweck einer Rekonstruktion der Union mit Ausschluß der Staaten Neuenglands offiziell ausplauderte.

Wie die Invasion von Maryland, ist jedoch auch die von Kentucky gescheitert: wie die erstere in der Schlacht von Antietam Creek, so die letztere |559| in der Schlacht von Perryville bei Louisville. Wie dort, so befanden sich hier die Konföderierten in der Offensive, indem sie die Avantgarde von Buells Armee angriffen. Der Sieg der Föderalisten ist dem Kommandanten der Avantgarde, General McCook, geschuldet, der den weit überlegenen feindlichen Kräften so lange standhielt, bis Buell Zeit erhalten, seine Haupttruppe ins Feld zu führen. Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß die Niederlage bei Perryville die Räumung Kentuckys nach sich ziehen wird. Die bedeutendste Guerillabande, gebildet aus den fanatischsten Partisanen des Sklavensystems in Kentucky und geführt von General Morgan, ist ziemlich gleichzeitig bei Frankfort (zwischen Louisville und Lexington) vernichtet worden. Endlich kommt der entscheidende Sieg von Rosecrans bei Corinth hinzu, der der geschlagenen Invasionsarmee unter General Bragg schleunigsten Rückmarsch gebietet.

Somit wäre der auf großer Stufenleiter mit militärischem Geschicke und unter den günstigsten Konjunkturen unternommene Feldzug der Konföderierten zur Wiedereroberung der verlorenen Grenzsklavenstaaten vollständig gescheitert. Abgesehen von den unmittelbaren militärischen Resultaten tragen diese Kämpfe in anderer Weise zur Wegräumung der Hauptschwierigkeit bei. Der Halt der eigentlichen Sklavenstaaten auf die Grenzstaaten beruht natürlich auf dem Sklavenelement der letzteren, dasselbe Element, das der Unionsregierung diplomatische und konstitutionelle Rücksichten in ihrem Kampf gegen die Sklaverei aufzwingt. Dies Element aber wird praktisch auf dem Hauptschauplatz des Bürgerkrieges, den Grenzstaaten, durch den Bürgerkrieg selbst vernichtet. Ein großer Teil der Sklavenhalter wandert beständig mit seinem "black chattel" (schwarzen Vieh) nach dem Süden aus, um sein Eigentum in Sicherheit zu bringen. Nach jeder Niederlage der Konföderierten erneuert sich diese Auswanderung auf größerer Stufenleiter.

Einer meiner Freunde |Joseph Weydemeyer|, ein deutscher Offizier, der abwechselnd in Missouri, Arkansas, Kentucky und Tennessee unter dem Sternenbanner focht, schreibt mir, daß diese Auswanderung ganz an den Exodus von Irland in den Jahren 1847 und 1848 erinnert. Der tatkräftige Teil der Sklavenhalter ferner, die Jugend einerseits, die politischen und militärischen Chefs andererseits, scheiden sich selbst aus von dem Gros ihrer Klasse, indem sie entweder Guerillabanden in ihren eigenen Staaten bilden und als Guerillabanden vernichtet werden, oder indem sie die Heimat verlassen und der Armee oder Administration der Konföderation sich ein- |560| verleiben. Resultat daher: einerseits ungeheuere Verminderung des Sklavenelements in den Grenzstaaten, wo es stets mit den "encroachments" (Übergriffen) der rivalisierenden freien Arbeit zu kämpfen hatte. Andererseits Wegräumung des tatkräftigen Teiles der Sklavenhalter und ihres weißen Gefolges. Bleibt nur zurück ein Niederschlag von "gemäßigten" Sklavenhaltern, die bald gierig nach dem ihnen von Washington gebotenen Sündengeld für den Freikauf ihres "black chattel" greifen werden, dessen Wert ohnehin verlorengeht, sobald der südliche Markt für den Verkauf desselben geschlossen ist. So führt der Krieg selbst eine Lösung herbei durch faktische Umwälzung der Gesellschaftsform in den Grenzstaaten.

Für den Süden ist nun die günstigste Jahreszeit der Kriegsführung vorüber; für den Norden beginnt sie, indem die inländischen Flüsse jetzt wieder schiffbar werden und die mit so vielem Erfolg bereits versuchte Kombination von Land- und Seekrieg wieder anwendbar ist. Der Norden hat die Zwischenzeit eifrig benützt. "Eisengepanzerte" für die Flüsse des Westens, 10 an der Zahl, nahen rasch ihrer Vollendung; zudem doppelt soviel Halbgepanzerte für seichte Wasser. Im Osten haben schon viele neue Panzerschiffe die Werfte verlassen, während andere sich noch unter dem Hammer befinden. Alle werden bis zum 1. Januar 1863 fertig sein. Ericsson, der Erfinder und Bauer des "Monitor", leitet den Bau von neun neuen Schiffen nach demselben Modell. Vier davon "schwimmen" bereits.

Die Armee am Potomac, in Tennessee und Virginia, ebenso auf verschiedenen Punkten des Südens, Norfolk, New Bern, Port Royal, Pensacola und New Orleans, erhält täglich neue Zuzüge. Das erste Aufgebot von 300.000 Mann, das Lincoln im Juli ausschrieb, ist vollständig gestellt und befindet sich zum Teil schon auf dem Kriegsschauplatz. Das zweite Aufgebot von 300.000 Mann für neun Monate sammelt sich allmählich. In einigen Staaten ist die Konskription durch freiwillige Einrollierung beseitigt worden, in keinem stößt sie auf ernsthafte Schwierigkeiten. Unwissenheit und Haß haben die Konskription als ein unerhörtes Ereignis in der Geschichte der Vereinigten Staaten ausgeschrieen. Nichts kann falscher sein. Während des Unabhängigkeitskrieges und des zweiten Krieges mit England (1812-1815) wurden große Truppenmassen konskribiert, ja selbst in verschiedenen kleinen Kriegen mit den Indianern, ohne daß dies je auf nennenswerte Opposition gestoßen.

Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß während dieses Jahres Europa ein Auswanderungskontingent von ungefähr 100.000 Seelen den Vereinigten Staaten lieferte und daß die Hälfte dieser Auswanderer aus Irländern und Briten besteht. Auf dem jüngsten Kongreß der englischen |561| "Association for the advancement of science" zu Cambridge mußte der Ökonomist Merivale seine Landsleute an die Tatsache erinnern, welche "Times", "Saturday Review", "Morning Post", "Morning Herald", von den dii minorum gentium |Göttern niederen Geschlechts| nicht zu sprechen, so vollständig vergessen haben oder England vergessen machen wollen, die Tatsache nämlich, daß die Majorität der englischen Überbevölkerung in den Vereinigten Staaten die neue Heimat findet.

 


 

 

 

Karl Marx

Symptome der Aufreibung in der südlichen Konföderation

 

 

|563| verhaftet. Levingood appellierte an den höchsten Gerichtshof von Elbert County (Georgia), der die sofortige Freilassung des Verhafteten anbefahl. In der sehr weitläufigen Motivierung des Urteils heißt es unter anderm:

"In dem Paragraphe, der die Konstitution der Konföderation einleitet, ist sorgfältig und ausdrücklich hervorgehoben, daß die einzelnen Staaten souverän und unabhängig sind. In welchem Sinn kann dies von Georgia gesagt werden, wenn jeder Milizmann der Kontrolle seines Oberbefehlshabers gewaltsam entzogen werden kann? Kann der Kongreß zu Richmond einen Konskriptionsakt mit Ausnahmen, was hindert ihn, einen Konskriptionsakt ohne Ausnahme zu erlassen und so den Gouverneur, die Legislatur, das Gerichtspersonal zu einrollieren und damit der gesamten Staatsregierung ein Ende zu machen? ... Aus diesen und anderen Gründen wird hiemit verordnet und abgeurteilt, daß der Konskriptionsakt des Kongresses null und nichtig ist und keine gesetzliche Gültigkeit hat ..."

So hat der Staat Georgia die Konskription innerhalb seiner Grenzen verboten, und die Konföderationsregierung hat nicht gewagt, das Verbot zu verbieten.

In Virginia ähnliche Reibung zwischen dem "Sonderstaat" und dem "Sonderstaatenbund". Der Grund des Zankes ist das Sträuben der Staatsregierung, den Agenten des Herrn Jefferson Davis das Recht einzuräumen, die Milizmänner Virginias auszuheben und der Konföderationsarmee einzuverleiben. Es kam bei dieser Gelegenheit zu einem scharfen Schriftwechsel zwischen dem Kriegsminister und General J. B. Floyd, dem berüchtigten Subjekt, das unter Buchanans Präsidentschaft als Kriegsminister der Union die Sezession vorbereitete und zudem beträchtliche Teile des Staatsschatzes in seine Privatkoffer "sezedieren" ließ. Dieser im Norden als "Floyd, the thief" (Floyd, der Dieb) ruchbare Sezessionistenchef tritt jetzt als Vorkämpfer der Rechte Virginias gegen die Konföderation auf. Der "Richmond Examiner" bemerkt unter anderm über die Korrespondenz zwischen Floyd und dem Kriegsminister:

"Die ganze Korrespondenz ist eine gute Illustration des Widerstandes und der Feindseligkeit, die unser Staat (Virginia) und seine Armee zu leiden hat von denen, die die Macht der Konföderation zu Richmond mißbrauchen. Virginia ist mit endlosen Auflagen geplackt. Aber jedes Ding hat seine Grenzen, und die Geduld des Staates wird nicht länger die Wiederholung von Unbill ertragen ... Virginia hat beinahe alle Waffen, Munition und Kriegsvorräte geliefert, die die Schlachten von Bethel und Manassas gewannen. Es gab dem konföderierten Dienst aus seinen eigenen Zeughäusern und Arsenalen 73.000 Büchsen und Musketen, 233 Artilleriestücke und eine großartige Waffenfabrik. Seine waffenfähige Mannschaft ist bis auf den letzten Bodensatz erschöpft worden im Dienst der Konföderation; es ward genötigt, auf eigene Faust den |564| Feind von seiner westlichen Grenze zu verjagen, und ist es darum nicht empörend, wenn die Kreaturen der Konföderationsregierung jetzt ihr Spiel mit ihm zu treiben wagen?"

In Texas hat ebenfalls die wiederholte Abführung seiner erwachsenen männlichen Bevölkerung nach dem Osten den Gegensatz gegen die Konföderation wachgerufen. Am 30. September protestierte Herr Oldham, der Repräsentant von Texas, auf dem Kongreß zu Richmond:

"In der Wildgans-Expedition von Subley wurden 3.500 der Kerntruppen von Texas ausgesendet zum Untergang auf den dürren Ebenen New Mexicos. Das Resultat war, den Feind an unsere Grenzen zu ziehen, die er im Winter überschreiten wird. Ihr habt die besten Truppen von Texas transportiert, östlich vom Mississippi, sie nach Virginia geschleppt, sie an den gefährlichsten Punkten verwendet, wo sie dezimiert wurden. Drei Vierteile von jedem Texas-Regiment schlafen im Grabe oder mußten krankheitshalber entlassen werden. Fährt diese Regierung fort, in ähnlicher Weise auf die kampffähige Mannschaft von Texas zu ziehen, um jene Regimenter auf ihrer Normalstärke zu halten, so ist Texas ruiniert, unwiderruflich ruiniert. Es ist dies unrecht und unpolitisch. Meine Konstituenten haben Familien, Eigentum und ihre Heimat zu verteidigen. In ihren Namen protestiere ich dagegen, daß man die Männer im Westen des Mississippi nach dem Osten transportiert und ihr eigenes Land so den Einfällen der Feinde von Nord, Ost, West und Süd bloßlegt."

Man ersieht aus den mitgeteilten, südlichen Journalen selbst entlehnten Anführungen zweierlei. Die Gewaltanstrengungen der konföderierten Regierung, um die Reihen der Armee zu füllen, haben den Bogen überspannt. Die militärischen Hilfsquellen versiegen. Zweitens aber, und das ist entscheidender, die Lehre von den "state rights" (der Souveränetät der Sonderstaaten), womit die Usurpatoren zu Richmond die Sezession konstitutionell anstrichen, beginnt bereits ihre Spitze gegen sie selbst zu drehen. So wenig ist es Herrn Jefferson Davis gelungen, wie sein englischer Bewunderer Gladstone prahlte, "aus dem Süden eine Nation zu machen".

 


 

 

 

 

Karl Marx

[Die Wahlresultate in den Nordstaaten]

Geschrieben am 18. November 1862.

["Die Presse" Nr. 321 vom 23. November 1862]

 

 

|565| Die Wahlen sind in der Tat eine Niederlage für die Regierung zu Washington. Die alten Führer der Demokratischen Partei haben die Verstimmung über finanzielles Ungeschick und militärische Tölpeleien gewandt ausgebeutet, und es unterliegt keinem Zweifel, daß der Staat New York offiziell in der Hand der Seymours, Woods und Bennetts das Zentrum gefährlicher Intrigen werden kann. Indes muß man andererseits die praktische Wichtigkeit dieser Reaktion nicht übertreiben. Das gegenwärtige republikanische Repräsentantenhaus tagt fort, und seine jetzt erwählten Nachfolger treten erst im Dezember 1863 an seine Stelle. Die Wahlen, soweit sie den Kongreß zu Washington betreffen, sind also vorderhand eine bloße Demonstration. Wahl von Gouverneuren hat in keinem Staat außer New York stattgefunden. Die Republikanische Partei befindet sich also nach wie vor an der Spitze der einzelnen Staaten. Die Wahlsiege der Republikaner in Massachusetts, Iowa, Illinois und Michigan balancieren einigermaßen die Verluste in New York, Pennsylvania, Ohio und Indiana.

Eine etwas nähere Analyse der "demokratischen" Gewinne führt zu einem ganz anderm Resultat als demjenigen, welches von den englischen Blättern ausposaunt wird. Die Stadt New York, stark mit irischem Pöbel zersetzt, bis in die letzte Zeit aktiv im Sklavenhandel beteiligt, der Sitz des amerikanischen Geldmarktes und voller Hypothekargläubiger auf die südlichen Pflanzungen, war von jeher entschieden "demokratisch", ganz wie Liverpool noch heute toryistisch ist. Die Landdistrikte des Staates New York haben diesmal, wie seit 1856, mit den Republikanern gestimmt, doch nicht mit demselben Feuereifer wie 1860. Ein großer Teil ihrer stimmfähigen Mannschaft befindet sich außerdem im Felde. Rechnet man Stadt- und Landdistrikte zusammen, so beläuft sich die demokratische Majorität im Staat New York nur auf 8-10.000 Stimmen.

In Pennsylvania, das lange schwankte erst zwischen Whigs und Demokraten, später zwischen Demokraten und Republikanern, beträgt die |566| demokratische Majorität bloß 3.500 Stimmen, in Indiana ist sie noch schwächer, und in Ohio, wo sie 8.000 Stimmen zählt, haben jedoch der Sympathie mit dem Süden überwiesene Demokratenführer, wie u.a. der berüchtigte Vallandigham, ihre Sitze im Kongreß verloren. Der Irländer erblickt im Neger einen gefährlichen Konkurrenten. Die tüchtigen Bauern in Indiana und Ohio hassen den Neger in zweiter Linie nach dem Sklavenhalter. Er ist ihnen Symbol der Sklaverei und der Erniedrigung der Arbeiterklasse, und die demokratische Presse droht ihnen täglich mit einer Überschwemmung ihrer Territorien durch den "nigger". Zudem war die Verstimmung über die elende Art der Kriegsführung in Virginia am lautesten in diesen Staaten, die die stärksten Freiwilligen-Kontingente geliefert.

Dies alles jedoch trifft nicht die Hauptsache. Zur Zeit von Lincolns Wahl (1860) existierte weder der Bürgerkrieg, noch stand die Frage der Negeremanzipation auf der Tagesordnung. Die Republikanische Partei, damals durchaus getrennt von der Partei der Abolitionisten, bezweckte 1860 mit ihrem Wahlvotum nichts als einen Protest gegen die Ausdehnung der Sklaverei über die Territorien, proklamierte aber zugleich Nichteinmischung mit diesem Institut in den Staaten, wo es bereits legal existierte. Mit derSklavenemanzipation als Feldparole wäre Lincoln damals unbedingt durchgefallen. Man wies sie entschieden ab.

Ganz anders verhielt es sich bei den eben beendigten Wahlen. Die Republikaner machten gemeinschaftliche Sache mit den Abolitionisten. Sie erklärten sich emphatisch für unmittelbare Emanzipation, sei es ihrer selbst wegen, sei es als Mittel zur Beendigung der Rebellion. Erwägt man diesen Umstand, so erscheinen die Regierungsmajorität in Michigan, Illinois, Massachusetts, Iowa und Delaware, und die sehr bedeutende Minorität, die in den Staaten New York, Ohio und Pennsylvania für sie stimmte, gleich überraschend. Vor dem Krieg war ein solches Resultat unmöglich, selbst in Massachusetts. Es bedarf nur noch der Energie von seiten der Regierung und des nächsten Monat zusammenkommenden Kongresses, damit die Abolitionisten, jetzt identisch mit den Republikanern, überall moralisch und numerisch das Übergewicht erhalten. Louis Bonapartes Interventionsgelüste geben ihnen einen "auswärtigen" Halt. Die Gefahr liegt einzig in der Beibehaltung solcher Generale, wie McClellan, die, abgesehen von ihrer Unfähigkeit, erklärte proslavery men |Verfechter der Sklaverei| sind.

 


 

 

 

Karl Marx

Die Absetzung McClellans

Geschrieben am 24. November 1862.

["Die Presse" Nr. 327 vom 29. November 1862]

 

 

|567| McClellans Absetzung! ist Lincolns Antwort auf die Wahlsiege der Demokraten.

Die demokratischen Journale hatten mit höchster Zuversicht erklärt, daß die Wahl Seymours zum Gouverneur des Staates New York den Widerruf der Proklamation, worin Lincoln die Sklaverei in Sezessia vom 1. Januar 1863 an für abgeschafft erklärt, unmittelbar nach sich ziehen würde. Ihr prophetisches Löschpapier hatte kaum die Druckerpresse verlassen, als ihr Lieblingsgeneral - ihr Liebling, weil er "nächst einer großen Niederlage einen entscheidenden Sieg am meisten fürchtete" - seines Kommandos beraubt und ins Privatleben zurückgetreten war.

Man erinnert sich, daß McClellan auf jene Proklamation Lincolns mit einer Gegenproklamation erwiderte, einem Tagesbefehl an seine Armee, worin er ihr zwar jede Kundgebung gegen die Maßregel des Präsidenten verbot, zugleich aber die verhängnisvollen Worte einfließen ließ: "Es sei die Aufgabe der Bürger, durch die Wahlurne die Irrtümer der Regierung zu rektifizieren oder ihre Handlungen zu richten." McClellan, an der Spitze der Hauptarmee der Vereinigten Staaten, appellierte also vom Präsidenten an die bevorstehenden Wahlen. Er warf das Gewicht seiner Stellung in die Waagschale. Ein Pronunziamento in spanischer Manier abgerechnet, konnte er seine Feindschaft gegen die Politik des Präsidenten nicht auffallender kundtun. Nach dem demokratischen Wahlsieg blieb Lincoln daher nur die Wahl, entweder selbst zum Werkzeug der sklavereifreundlichen Kompromißpartei herabzusinken oder mit McClellan ihr den Stützpunkt in der Armee unter den Füßen wegzuziehen. McClellans Absetzung in diesemAugenblicke ist daher eine politische Demonstration. Jedoch war sie ohnehin unerläßlich geworden. Hallek|568| der commander in chief |Oberbefehlshaber|, in einem Bericht an den Kriegsminister, hatte McClellan des direkten Ungehorsams bezichtigt. Kurz nach der Niederlage der Konföderierten in Maryland, am 6. Oktober, ordnete Halleck nämlich das Überschreiten des Potomac an, speziell, weil der niedrige Wasserstand des Potomac und seiner Nebenflüsse militärische Operationen damals begünstigte. McClellan, diesem Befehl zum Trotz, blieb unbeweglich, unter dem Vorwand der Marschunfähigkeit seiner Armee aus Mangel an Provisionen. Halleck, in dem erwähnten Bericht, beweist, daß dies eine leere Ausflucht, daß die Ostarmee in bezug auf das Kommissariat große Privilegien im Vergleich zur Westarmee genoß und daß die noch mangelnde Zufuhr ebensogut südlich als nördlich vom Potomac empfangen werden konnte. Diesem Bericht Hallecks schließt sich ein zweiter Bericht an, worin das zur Untersuchung über die Übergabe von Harpers Ferry an die Konföderierten niedergesetzte Komitee McClellan anklagt, er habe die in der Nähe jenes Waffenarsenals befindlichen Unionstruppen in unbegreiflich langsamer Weise - er ließ sie nur 6 englische Meilen (ungefähr 11/2 deutsche Meile) per Tag marschieren - zum Entsatz konzentriert. Beide Berichte, der Hallecks und der des Komitees, befanden sich in der Hand des Präsidenten vor dem Wahlsieg der Demokraten.

McClellans Feldherrnschaft ist so wiederholt in diesen Blättern geschildert worden |siehe: "Amerikanische Angelegenheiten", "Die Lage auf dem amerikanischen Kriegsschauplatze", "Zur Kritik der Dinge in Amerika" und "Abolitionistische Kundgebungen in Amerika"|, daß es genügt, zu erinnern, wie er strategische Umgehung an die Stelle taktischer Entscheidung zu setzen suchte und unermüdlich in der Entdeckung von Generalstabsweisheits-Erwägungen war, die ihm entweder verboten, Siege zu benützen oder Niederlagen zuvorzukommen. Der kurze Maryland-Feldzug hat eine falsche Aureole um sein Haupt geworfen. Indes ist hier zu erwägen, daß er seine allgemeinen Marsch-Ordres von General Halleck erhielt, der auch den Plan zum ersten Kentucky-Feldzug entworfen, und daß der Sieg auf dem Schlachtfeld ausschließlich der Bravour der Unterfeldherren, insbesondere des gefallenen Generals Reno und des von seinen Wunden noch nicht ganz hergestellten Hooper, geschuldet war. Napoleon schrieb einst seinem Bruder Joseph, die Gefahr auf dem Schlachtfeld sei an allen Punkten gleich, und man laufe ihr am sichersten in den Rachen, wenn man ihr auszuweichen suche. McClellan scheint dies Axiom begriffen zu haben, aber ohne die Nutzanwendung, die Napoleon seinem Bruder insinuierte. Während seiner ganzen militärischen Laufbahn hat McClellan sich nie auf dem Schlachtfelde, nie im Feuer befunden, eine Eigentümlichkeit, die General Kearny stark betont in einem Briefe, welchen |569| sein Bruder veröffentlicht hat, nachdem Kearny unter Pope in einer der Schlachten vor Washington gefallen war.

McClellan verstand es, seine Mittelmäßigkeit unter der Maske rückhaltigen Ernstes, lakonischer Schweigsamkeit und würdevoller Verschlossenheit zu verstecken. Seine Mängel selbst sicherten ihm das unerschütterliche Vertrauen der Demokratischen Partei im Norden und "loyale Anerkennung" auf seiten der Sezessionisten. Anhänger unter den höheren Offizieren seiner Armee warb er durch die Bildung eines Generalstabes von einem Umfang, wie er bisher unerhört in den Annalen der Kriegsgeschichte. Ein Teil der ältern, der ehemaligen Unionsarmee-Angehörigen und auf der Akademie zu West Point erzogenen Offiziere fanden in ihm einen Stützpunkt für ihre Rivalität gegen die neu aufgeschossenen "Zivilgenerale" und ihre geheimen Sympathien mit den "Kameraden" im feindlichen Lager. Der Soldat endlich kannte seine militärischen Eigenschaften nur vom Hörensagen, während er im übrigen ihm alle Verdienste des Kommissariats zuschrieb und von seiner gehaltenen Leutseligkeit viel Rühmliches zu erzählen wußte. Eine einzige Gabe des Oberfeldherrn besaß McClellan - die, sich der Popularität bei seiner Armee zu versichern.

McClellans Nachfolger, Burnside, ist zu unbekannt, um ein Urteil über ihn zu fällen. Er gehört der Republikanischen Partei an. Hooker dagegen, der den Oberbefehl über das speziell unter McClellan dienende Armeekorps übernimmt, ist unstreitig einer der tüchtigsten Haudegen der Union. "Fighting Joe" ("Joseph der Dreinschläger"), wie die Truppen ihn nennen, hatte den größten Anteil an den Erfolgen in Maryland. Er ist Abolitionist.

Dieselben amerikanischen Zeitungen, die uns die Nachricht von McClellans Absetzung bringen, teilen Äußerungen Lincolns mit, worin er entschieden erklärt, daß er kein Haarbreit von seiner Proklamation abweichen werde.

"Lincoln", bemerkt der "Morning Star" mit Recht, "hat sich der Welt als einen langsamen, aber soliden Mann erprobt, der mit außerordentlicher Behutsamkeit vorgeht, aber nie zurückschreitet. Jeder Schritt seiner administrativen Laufbahn war in der rechten Richtung und ist energisch festgehalten worden. Ausgehend von dem Entschluß, die Sklaverei von den Territorien auszuschließen, ist er endlich angelangt bei dem Endzwecke aller 'Anti-Sklaverei-Bewegung', der Ausrottung des Ungetüms vom Boden der Union, und bereits nimmt er die glorreiche Stellung ein, jede Verantwortlichkeit der Union für die Fortdauer der Sklaverei aufgehoben zu haben."

 

 


 

 

 

 

Karl Marx

Englische Neutralität - 
Zur Lage in den Südstaaten

["Die Presse" Nr. 332 vom 4. Dezember 1862]

|570| London, 29. November 1862

 

 

Die Verhandlungen zwischen dem hiesigen Kabinett und der Regierung zu Washington über den Corsair "Alabama" schweben noch, während neue Verhandlungen über die erneuerte Ausrüstung von konföderierten Kriegsschiffen in englischen Häfen bereits begonnen haben. Professor Francis W. Newman, einer der theoretischen Repräsentanten des englischen Radikalismus, veröffentlicht heute im "Morning Star" ein Schreiben, worin er unter anderm sagt:

"Nachdem der amerikanische Konsul zu Liverpool sich bei einem englischen Juristen der Illegalität des 'Alabama' versichert, sendete er Lord John Russell eine förmliche Denunziation ein. Die Kronadvokaten wurden darauf konsultiert und erklärten die Ausrüstung des 'Alabama' ebenfalls für illegal; aber man schleppte die Untersuchung so lange hin, bis der Pirat Gelegenheit gefunden, zu entschlüpfen. In diesem Augenblicke ist eine Flotte von mehr oder minder eisengepanzerten Schiffen in Liverpool fix und fertig, bereit, die amerikanische Blockade gewaltsam zu durchbrechen. Außerdem liegt ein Schwarm piratischer Schiffe auf dem Sprung, dem 'Alabama' in seiner infamen Karriere zu folgen. Wird unsere Regierung ein zweites Mal die Augen zudrücken und den Nachfolgern des 'Alabama' einen Freipaß geben? Ich fürchte es. Herr Gladstone, in seiner Rede zu Newcastle, sagte, er sei unterrichtet, der Rebellenpräsident, dessen Panegyriker er spielte, würde bald eine Flotte besitzen. War dies eine Anspielung auf die Flotte, die seine Liverpooler Freunde gebaut haben? ... Lord Palmerston und Russell sind, wie die Tories, von einem Haß gegen Republikanismus beseelt, der alle Rücksichten und Bedenken durchbricht, während Herr Gladstone, vielleicht der Premierminister der Zukunft, sich offen als den Bewunderer der meineidigen Usurpatoren bekennt, die sich verschworen, um die Sklaverei zu verewigen und zu propagieren."

|571| Unter den heute eingetroffenen Blättern von Amerika ist vielleicht das Organ der Konföderierten, der "Richmond Examiner", das interessanteste. Er bringt einen ausführlichen Artikel über die Situation, wovon ich das Wichtigste in folgendem Auszug zusammenfasse:

"Die außerordentliche und plötzliche Vermehrung der feindlichen Seemacht droht mit düsteren Aussichten. Solch einen Umfang hat diese Waffe erhalten, daß sie in vieler Hinsicht uns gefährlicher scheint als die Landmacht des Feindes. Die Yankees gebieten jetzt über 200 Kriegsschiffe mehr als beim Ausbruch des Krieges. Große Vorbereitungen sind für die See-Operationen während des kommenden Winters gemacht worden, und außer den bereits dienstfähigen Schiffen befinden sich ungefähr 50 eisengepanzerte Kriegsschiffe noch im Bau. Wir haben allen Grund, zu glauben, daß die Yankeeflotte, die unsere Küste während dieses Winters überfallen wird, durch Bewaffnung und Bau der Schiffe ihre Vorgänger bei weitem übertrifft. Die Zwecke der bevorstehenden Expeditionen sind von der höchsten Wichtigkeit. Es gilt die Wegnahme unserer letzten Seehäfen, die Vollendung der Blockade, endlich die Eröffnung von Invasionspunkten in südliche Distrikte, um dort mit Beginn des neuen Jahres die Emanzipationsakte praktisch auszuführen. Es wäre töricht, die Vorteile zu leugnen, die unserm Feind aus der Wegnahme unserer letzten Seehäfen erwachsen müssen, oder solches Mißgeschick leicht abzufertigen mit dem Trost, daß wir immer noch den Feind durch Kriegführung im Innern schlagen können ... Mit Charleston, Savannah und Mobile in der Hand des Feindes, würde die Blockade mit einer Strenge durchgeführt werden, wie sie selbst unsere bisherigen Leiden nicht ahnen ließen. Wir müßten jeden Gedanken aufgeben, eine Flotte auf dieser Seite des Atlantischen Ozeans zu bauen, und der Demütigung uns von neuem unterziehen, unsere Schiffsbauten dem Feind auszuliefern oder selbst zu zerstören. Unser großes System der Eisenbahnverbindungen in den Baumwollstaaten würde mehr oder minder durchbrochen werden, und zu spät würden wir vielleicht die Erfahrung machen, daß der Landkrieg, auf den man so große Hoffnungen baut, unter Umständen fortzuführen wäre, die die Erhaltung, Proviantierung und Konzentrierung großer Armeen untersagten ... Diese unheilvollen Resultate einer Wegnahme unserer Seehäfen verschwinden jedoch vor einer größeren Gefahr, der größten Gefahr dieses Krieges - der Besetzung von Punkten in den Baumwollstaaten, von wo der Feind seinen Emanzipationsplan ausführen kann. Große Anstrengungen werden natürlich gemacht, um diese Lieblingsmaßregel der Abolitionisten vor dem Durchfall zu sichern, und damit der Geist der Rache, den Herr Lincoln bis zum 1. Januar in einer Flasche eingekorkt hat, nicht in harmlosem Sodawassergezisch versause ... Der Versuch wird jetzt an unserer wehrlosesten Seite gemacht; das Herz des Südens soll vergiftet werden ... Vorhersage künftigen Unsterns klingt schlecht in den Ohren der Masse, die blind an die Regierung glaubt, und Renommage für Patriotismus hält ... Wir behaupten nicht, daß Charleston, Savannah und Mobile sich nicht in verteidigungsfähigem Zustande befinden. Es gibt im Süden natürlich ein ganzes Schock militärischer Autoritäten, nach denen jene Häfen uneinnehmbarer als Gibraltar; aber Militärs und ihre Mundstücke haben zu oft unser Volk in falsche Sicherheit gewiegt ... Wir hörten |572| dieselben Redensarten mit Bezug auf New Orleans. Nach der Beschreibung übertrafen seine Verteidigungswerke die von Tyrus gegen Alexander. Nichtsdestoweniger erwachte das Volk eines schönen Morgens, um die feindliche Flagge von seinem Hafen wehen zu sehen ... Der Verteidigungszustand unserer Häfen ist ein Geheimnis der offiziellen Kreise. Aber die Wahrzeichen jüngster Vergangenheit sind nicht tröstlich. Vor einigen Wochen fiel Galveston beinahe ohne Kampf in die Hände des Feindes. Den lokalen Zeitungen war verboten worden, über die Verteidigungsmittel der Stadt zu schreiben. Kein Hilfsschrei ertönte außerdem, der das stumpfe Ohr der Regierung traf. Das Volk wurde nicht aufgeregt. Sein Patriotismus wurde ersucht, unwissend zu bleiben, den Führern zu vertrauen und sich den Dekreten der Vorsehung zu unterwerfen. In dieser Art fiel ein anderer Preis in den Schoß des Feindes ... Die Methode, alle militärischen Angelegenheiten in den Mantel des Geheimnisses zu hüllen, hat schlechte Früchte dem Süden getragen. Sie mag die Kritik totgeschwiegen und die Fehler der Regierung verhüllt haben. Aber sie hat den Feind nicht geblendet. Er scheint immer genau über den Stand unserer Verteidigungswerke unterrichtet, während unser Volk deren Schwache erst dann erfährt, wenn sie in die Hand der Yankees gefallen sind."

 

 


 

 

 

 

Marx - Engels

 

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