MARX und ENGELS

ÜBER ARBEITSLOSIGKEIT

aus Anlass des 202. Geburtstags von Karl Marx

5. Mai 2020

ERSTER TEIL

Sammlung von Zitaten aus MEW Band 1 - 19

zusammengestellt von Wolfgang Eggers

(längere Texte in PDF-Format) 


Friedrich Engels

Die innern Krisen [„Rheinische Zeitung" Nr. 343 vom 9. Dezember 1842] MEW Band 1, Seite 456


Ist in England eine Revolution möglich oder gar wahrscheinlich? Das ist die Frage, von der die Zukunft Englands abhängt. Legt sie dem Engländer vor, und er wird euch mit tausend schönen Gründen beweisen, daß von einer Revolution gar die Rede nicht sein kann.
Er wird euch sagen, daß England sich allerdings für den Augenblick in einer kritischen Lage befindet, daß es aber in seinem Reichtum, seiner Industrie und seinen Institutionen die Mittel und Wege besitzt, sich ohne gewaltsame Erschütterungen herauszuarbeiten, daß seine Verfassung Elastizität genug hat, um die heftigsten Stöße der Prinzipienkämpfe zu überdauern und allen von den Umständen aufgedrungenen Veränderungen ohne Gefahr für ihre Grundlagen sich unterwerfen zu können. Er wird euch sagen, daß selbst die unterste Volksklasse wohl weiß, daß sie bei einer Revolution nur zu verlieren hat, weil jede Störung der öffentlichen Ruhe nur eine Stockung des Geschäfts und damit eine allgemeine Arbeitslosigkeit und Hungersnot nach sich ziehen kann.


Ebenda, Seite 464-465


Bei der geringsten Schwankung im Handel werden Tausende von Arbeitern brotlos; ihre geringen Ersparnisse sind bald verzehrt, und dann steht der Hungertod vor ihnen. Und eine solche Krisis muß in ein paar Jahren wieder eintreten. Dieselbe vermehrte Produktion, die jetzt den „paupers" Arbeit verschafft und die auf den chinesischen Markt spekuliert, muß eine Unmasse Waren und eine Stockung des Absatzes hervorbringen, in deren Gefolge wieder eine allgemeine Brotlosigkeit der Arbeiter ist. Sodann ist die Lage der Baumwollenarbeiter die beste. In den Kohlenminen haben die Arbeiter die schwersten und ungesundesten Arbeiten für einen geringen Lohn zu verrichten. Die Folge davon ist, daß diese Arbeiterklasse einen weit größern Ingrimm gegen die Reichen hegt als die andern working men und daher durch Raub, Mißhandlungen der Reicheren etc. sich besonders auszeichnet. So sind hier in Manchester die „Bolton people"cl97:l ordentlich gefürchtet, wie sie sich denn auch bei den Sommerunruhen1-194-1 am entschlossensten gezeigt haben.
In ähnlichem Rufe stehen die Eisenarbeiter, wie überhaupt alle, die schwere körperliche Arbeiten zu verrichten haben. Wenn alle diese schon jetzt knapp leben können, was soll aus ihnen werden, wenn die geringste Stockung im Geschäft eintritt? Die Arbeiter haben zwar Kassen unter sich gebildet, deren Fonds durch wöchentliche Beiträge vermehrt wird und die Unbeschäftigten unterstützen soll; aber auch diese reichen nur dann aus, wenn die Manufakturen gut gehen, denn selbst dann sind noch immer Brotlose genug da.
Sowie die Arbeitslosigkeit allgemein wird, so hört auch diese Hülfsquelle auf .

Band 1 MEW Seite 516 – 517 - Engels: Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie


Der Kampf von Kapital gegen Kapital, Arbeit gegen Arbeit, Boden gegen Boden treibt die Produktion in eine Fieberhitze hinein, in der sie alle natürlichen und vernünftigen Verhältnisse auf den Kopf stellt. (...)

Wenn die Schwankung der Konkurrenz gering ist, wenn Nachfrage und Zufuhr, Konsumtion und Produktion sich beinahe gleich sind, so muß in der Entwicklung der Produktion eine Stufe eintreten, in der so viel überzählige Produktionskraft vorhanden ist, daß die große Masse der Nation nichts zu leben hat; daß die Leute vor lauter Überfluß verhungern. In dieser wahnsinnigen Stellung, in dieser lebendigen Absurdität befindet sich England schon seit geraumer Zeit. Schwankt die Produktion stärker, wie sie es infolge eines solchen Zustandes notwendig tut, so tritt die Abwechslung von Blüte und Krisis, Überproduktion und Stockung ein. Der Ökonom hat sich diese verrückte Stellung nie erklären können; um sie zu erklären, erfand er die Bevölkerungstheorie, die ebenso unsinnig, ja noch unsinniger ist als dieser Widerspruch von Reichtum und Elend zu derselben Zeit. Der Ökonom durfte die Wahrheit nicht sehen; er durfte nicht einsehen, daß dieser Widerspruch eine einfache Folge der Konkurrenz ist, weil sonst sein ganzes System über den Haufen gefallen wäre.
Uns ist die Sache leicht zu erklären. Die der Menschheit zu Gebote stehende Produktionskraft ist unermeßlich. Die Ertragsfähigkeit des Bodens ist durch die Anwendung von Kapital, Arbeit und Wissenschaft ins Unendliche zu steigern. Das „übervölkerte" Großbritannien kann nach der Berechnung der tüchtigsten Ökonomen und Statistiker (vgl. Alisons „Priticiple of population", Bd. 1, Cap. I et 2) in zehn Jahren dahin gebracht werden, daß es Korn genug für das Sechsfache seiner jetzigen Bevölkerung produziert. Das Kapital steigert sich täglich; die Arbeitskraft wächst mit der Bevölkerung, und die Wissenschaft unterwirft den Menschen die Naturkraft täglich mehr und mehr. Diese unermeßliche Produktionsfähigkeit, mit Bewußtsein und im Interesse aller gehandhabt, würde die der Menschheit zufallende Arbeit bald auf ein Minimum verringern; der Konkurrenz überlassen, tut sie dasselbe, aber innerhalb des Gegensatzes. Ein Teil des Landes wird aufs beste kultiviert, während ein andrer - in Großbritannien und Irland 30 Millionen Acres gutes Land - wüst daliegt. Ein Teil des Kapitals zirkuliert mit ungeheurer Schnelligkeit, ein andrer liegt tot im Kasten. Ein Teil der Arbeiter arbeitet vierzehn, sechzehn Stunden des Tages, während ein anderer faul und untätig dasteht und verhungert. Oder die Verteilung tritt aus dieser Gleichzeitigkeit heraus: Heute geht der Handel gut, die Nachfrage ist sehr bedeutend, da arbeitet alles, das Kapital wird mit wunderbarer Schnelligkeit umgeschlagen, der Ackerbau blüht, die Arbeiter arbeiten sich krank — morgen tritt eine Stockung ein, der Ackerbau lohnt nicht der Mühe, ganze Strecken Landes bleiben unbebaut, das Kapital erstarrt mitten im Flusse, die Arbeiter haben keine Beschäftigung, und das ganze Land laboriert an überflüssigem Reichtum und überflüssiger Bevölkerung.
Diese Entwickelung der Sache darf der Ökonom nicht für die richtige erkennen; er müßte sonst, wie gesagt, sein ganzes Konkurrenzsystem aufgeben; er müßte die Hohlheit seines Gegensatzes von Produktion und Konsumtion, von überflüssiger Bevölkerung und überflüssigem Reichtum einsehen. Um aber, da das Faktum einmal nicht zu leugnen war, dies Faktum mit der Theorie ins gleiche zu bringen, wurde die Bevölkerungstheorie erfunden.
Malthus, der Urheber dieser Doktrin, behauptet, daß die Bevölkerung stets auf die Subsistenzmittel drückt, daß, sowie die Produktion gesteigert wird, die Bevölkerung sich in demselben Verhältnis vermehrt und daß die der Bevölkerung inhärente Tendenz, sich über die disponiblen Subsistenzmittel hinaus zu vermehren, die Ursache alles Elends, alles Lasters ist. Denn wenn zuviel Menschen da sind, so müssen sie auf die eine oder die andre Weise aus dem Wege geschafft, entweder gewaltsam getötet werden oder verhungern. Wenn dies aber geschehen ist, so ist wieder eine Lücke da, die sogleich wieder durch andre Vermehrer der Bevölkerung ausgefüllt wird, und so fängt das alte Elend wieder an.


Seite 520


Ich werde übrigens keine Verteidigung der Malthusschen Theorie für kompetent annehmen, die mir nicht vorher aus ihrem eignen Prinzip heraus erklärt, wie ein Volk von lauter Überfluß verhungern kann, und dies mit der Vernunft und den Tatsachen in Einklang bringt.
Die Malthussche Theorie ist übrigens ein durchaus notwendiger Durchgangspunkt gewesen, der uns unendlich weitergebracht hat. Wir sind durch sie, wie überhaupt durch die Ökonomie, auf die Produktionskraft der Erde und der Menschheit aufmerksam geworden und nach der Überwindung dieser ökonomischen Verzweiflung vor der Furcht der Übervölkerung für immer gesichert. Wir ziehen aus ihr die stärksten ökonomischen Argumente für eine soziale Umgestaltung; denn selbst wenn Malthus durchaus recht hätte, so müßte man diese Umgestaltung auf der Stelle vornehmen, weil nur sie, nur die durch sie zu gebende Bildung der Massen diejenige moralische Beschränkung des Fortpflanzungstriebes möglich macht, die Malthus selbst als das wirksamste und leichteste Gegenmittel gegen Übervölkerung darstellt. Wir haben durch sie die tiefste Erniedrigung der Menschheit, ihre Abhängigkeit vom Konkurrenzverhältnisse kennengelernt; sie hat uns gezeigt, wie in letzter Instanz das Privateigentum den Menschen zu einer Ware gemacht hat, deren Erzeugung und Vernichtung auch nur von der Nachfrage abhängt; wie das System der Konkurrenz dadurch Millionen von Menschen geschlachtet hat und täglich schlachtet; das alles haben wir gesehen, und das alles treibt uns zur Aufhebung dieser Erniedrigung der Menschheit durch die Aufhebung des Privateigentums, der Konkurrenz und der entgegengesetzten Interessen.
Geschrieben Ende 1843 bis Januar 1844.
Nach: „Deutsch-Französische Jahrbücher", Paris 1844



Marx und Engels, Die heilige Familie VIII. Kapitel MEW, Band 2, Seite 209 - 211


b) „Die Armenbank"
Rudolph errichtet eine Armenbank. Die Statuten dieser kritischen Armenbank sind folgende:
Sie soll honette Arbeiter, welche Familie haben, während der arbeitslosen Zeit unterstützen. Sie soll die Almosen und die Pfandhäuser ersetzen. Sie verfügt über eine jährliche Revenue von 12000 Francs und verteilt Hülfsanleihen von 20 bis 40 Francs ohne Interessen. Sie erstreckt ihre Wirksamkeit zunächst auf das siebte Arrondissement von Paris, v/o die meisten Arbeiter wohnen. Die Arbeiter oder Arbeiterinnen, welche auf Unterstützung Anspruch machen, müssen Träger eines Zertifikats sein, welches von ihrem letzten Patron ausgestellt ist, ihr gutes Betragen verbürgt und die Ursache wie das Datum der Unterbrechung ihrer Arbeit angibt. Diese Anleihen sind monatlich zurückzuzahlen, zum sechsten oder zum zwölften Teil je nach der Wahl des Leihers, von dem Tag an, wo er wieder Beschäftigung gefunden hat. Als Garantie der Anleihe gilt die Verpflichtung auf Ehrenwort. Zwei andre Arbeiter müssen überdem Bürgschaft leisten für die parole juree1 des Leihers. Da der kritische Zweck der Armenbank darin besteht, einen der schwersten Unfälle des Arbeiterlebens, die Unterbrechung derArbeit, zu heilen, so würden die Hülfsleistungen durchaus nur den arbeitslosen Handwerkern zukommen. Herr Germain, der dies Institut verwaltet, bezieht ein jährliches Gehalt von 10000 Francs.
Werfen wir nun einen massenhaften Blick auf die Praxis der kritischen Nationalökonomie. Die jährliche Revenue beträgt 12000 Francs. Die Unterstützungen belaufen sich für jede Person auf 20 bis 40, also im Durchschnitt auf 30 Francs. Die Anzahl der offiziell als „elend" anerkannten Arbeiter des siebenten Arrondissements beläuft sich wenigstens auf 4000. Es können also jährlich 400, d. h. der zehnte Teil der allerhülfsbedürftigsten Arbeiter des siebenten Arrondissements unterstützt werden. In Paris ist es wenig, wenn wir die Durchschnittszahl der arbeitslosen Zeit auf vier Monate (viel zu gering taxiert), also auf 16 Wochen reduzieren. 30 Francs, auf 16 Wochen verteilt, sind auf die Woche etwas weniger als 37 Sous und 3 Centimes, macht auf den Tag noch nicht 27 Cts. Die tägliche Ausgabe für einen einzelnen Gefangnen beträgt in Frankreich durchschnittlich etwas mehr als 47 Cts., wovon die Speisung allein etwas über 30 Cts. wegnimmt. Der Arbeiter, den Herr Rudolph unterstützt, besitzt aber Familie. Schätzen wir die Familie im Durchschnitt außer Mann und Frau auf nur zwei Kinder, so bleiben 27 Cts. Unter vier Personen zu verteilen. Hiervon geht die Wohnung - das Minimum auf den Tag 15 Cts. - ab, bleiben 12 Cts. Das Brot, welches ein einzelner Gefangener im Durchschnitt verzehrt, kostet ungefähr 14 Cts. Der Arbeiter samt Familie wird also, abgesehn von allen andern Bedürfnissen, mit der Unterstützung der kritischen Armenbank noch nicht den vierten Teil des nötigen Brots kaufen können und einem gewissen Hungertod anheimfallen, wenn er nicht zu den Mitteln, denen diese Armenbank vorbeugen will, zu dem Pfandhaus, dem Bettel, dem Diebstahl und der Prostitution seine Zuflucht nimmt.
Um so glänzender bedenkt der Mann der rücksichtslosen Kritik dagegen den Verwalter der Armenbank. Die verwaltete Revenue beträgt 12000, das Gehalt des Verwalters 10000 Frcs. Die Verwaltung kostet also 45 Prozent, beinahe das Dreifache der massenhaften Armenverwaltung in Paris, welche ungefähr 17 Prozent kostet.
Nehmen wir aber einen Augenblick an, die Unterstützung, welche die Armenbank gewährt, sei eine wirkliche und nicht bloß illusorische Unterstützung, so beruht die Einrichtung des enthüllten Geheimnisses aller Geheimnisse auf dem Wahn, daß es nur einer andern Distribution des Salärs bedürfe, damit der Arbeiter das ganze Jahr hindurch leben könne.
Im prosaischen Sinne zu sprechen, beträgt das Einkommen von 7500000 französischen Arbeitern auf den Kopf nur 91 Frcs., das Einkommen von andern 7500000 französischen Arbeitern auf den Kopf nur 120 Frcs., also schon von 15000000 Arbeitern weniger, als absolut zum Leben nötig ist.
Der Gedanke der kritischen Armenbank reduziert sich darauf - wenn er anders vernünftig gefaßt wird - , daß dem Arbeiter während der Zeit, wo er Beschäftigung hat, soviel vom Salär abgezogen wird, als er braucht, um in der arbeitslosen Zeit zu leben. Ob ich ihm eine bestimmte Summa Geldes in der arbeitslosen Zeit vorstrecke und er mir diese Summe in der Arbeitszeit zurückgibt, oder ob er mir in der Arbeitszeit eine bestimmte Summe abgibt und ich sie ihm in der arbeitslosen Zeit zurückgebe, ist ein und dasselbe. Er gibt mir immer das in seiner Arbeitszeit, was er von mir in seiner arbeitslosen Zeit erhält.
Die „reine" Armenbank unterschiede sich also von den massenhaften Sparkassen nur durch zwei sehr originelle, sehr kritische Eigenschaften, einmal, daß die Bank ihr Geld ä fonds perdu1 ausleiht, in der törichten Voraussetzung, daß der Arbeiter zurückzahlen könne, wenn er wolle, und daß er immer zurückzahlen wolle, wenn er könne; dann aber dadurch, daß die Bank keine Zinsen für die vom Arbeiter hinterlegten Summen zahlt. Weil die hinterlegte Summe in der Form des Vorschusses erscheint, tut die Bank schon ein Großes, wenn sie selbst keine Zinsen vom Arbeiter nimmt.
Die kritische Armenbank unterscheidet sich also dadurch von den massenhaften Sparkassen, daß der Arbeiter seine Zinsen und die Bank ihr Kapital
verliert.



Engels, Lage der englischen Arbeiterklasse, Band 2, Seite 344-345


Das Elend läßt dem Arbeiter nur die Wahl, langsam zu verhungern, sich rasch zu töten oder sich zu nehmen, was er nötig hat, wo er es findet, auf deutsch, zu stehlen. Und da werden wir uns nicht wundern dürfen, wenn die meisten den Diebstahl dem Hungertode oder dem Selbstmorde vorziehen. Es gibt freilich auch unter den Arbeitern eine Anzahl, die moralisch genug sind, um nicht zu stehlen, selbst wenn sie aufs Äußerste gebracht werden, und diese verhungern oder töten sich. Der Selbstmord, der sonst das beneidenswerte Privilegium der höheren Klassen war, ist in England auch unter den Proletariern Mode geworden, und eine Menge armer Leute töten sich, um dem Elend zu entgehen, aus dem sie sich sonst nicht zu retten wissen.
Aber noch viel demoralisierender als die Armut wirkt auf die englischen Arbeiter die Unsicherheit der Lebensstellung, die Notwendigkeit, vom Lohn aus der Hand in den Mund zu leben, kurz das, was sie zu Proletariern macht.
Unsre kleinen Bauern in Deutschland sind großenteils auch arm und leiden oft Mangel, aber sie sind weniger abhängig vom Zufall, sie haben wenigstens
etwas Festes. Aber der Proletarier, der gar nichts hat als seine beiden Hände, der heute verzehrt, was er gestern verdiente, der von allen möglichen Zufällen abhängt, der nicht die geringste Garantie für seine Fähigkeit, sich die nötigsten Lebensbedürfnisse zu erwerben, besitzt - jede Krisis, jede Laune seines Meisters kann ihn brotlos machen - , der Proletarier ist in die empörendste, unmenschlichste Lage versetzt, die ein Mensch sich denken kann.
Dem Sklaven ist wenigstens seine Existenz durch den Eigennutz seines Herrn gesichert, der Leibeigne hat doch ein Stück Land, wovon er lebt, sie haben wenigstens für das nackte Leben eine Garantie - aber der Proletarier ist allein auf sich selbst angewiesen und doch zugleich außerstand gesetzt, seine Kräfte so anzuwenden, daß er auf sie rechnen kann. Alles, was der Proletarier zur Verbesserung seiner Lage selbst tun kann, verschwindet wie ein Tropfen am Eimer gegen die Fluten von Wechselfällen, denen er ausgesetzt ist und über die er nicht die geringste Macht hat. Er ist das willenlose Objekt aller möglichen Kombinationen von Umständen und kann vom Glück noch sagen, wenn er nur auf kurze Zeit das nackte Leben rettet. Und wie sich das von selbst versteht, richtet sich sein Charakter und seine Lebensweise wieder nach diesen Umständen. Entweder sucht er sich in diesem Strudel oben zu halten, seine Menschheit zu retten, und das kann er wieder nur in der Empörung** gegen die Klasse, die ihn so schonungslos ausbeutet
* „Prin[ciples] of Population]" vol. II, p. 196, 197.
** Wir werden später sehen, wie die Empörung des Proletariers gegen die Bourgeoisie in England durch das Recht der freien Assoziation gesetzlich legitimiert ist.
und dann seinem Schicksal überläßt, die ihn zu zwingen sucht, in dieser, eines Menschen unwürdigen Lage zu bleiben, gegen die Bourgeoisie – oder er gibt den Kampf gegen seine Lage als fruchtlos auf und sucht, soviel er kann, von den günstigen Momenten zu profitieren. Sparen nützt ihm zunichts, denn er kann sich höchstens soviel sammeln, als er braucht, um sich ein paar Wochen lang zu ernähren - und wird er einmal brotlos, so bleibt es nicht bei ein paar Wochen. Sich auf die Dauer Eigentum erwerben kann er nicht, und könnte er's, so müßte er dann ja aufhören, Arbeiter zu sein, und ein andrer träte an seine Stelle. Was kann er also Besseres tun, wenn er guten Lohn bekommt, als gut davon leben? Der englische Bourgeois wundert und skandalisiert sich aufs höchste über das flotte Leben der Arbeiter während der Zeit, daß der Lohn hoch ist — und doch ist es nicht nur ganz natürlich, sondern sogar ganz vernünftig von den Leuten, daß sie das Leben genießen, wenn sie können, statt Schätze zu sammeln, die ihnen nichts nützen und die am Ende doch wieder die Motten und der Rost, d. h. die Bourgeois fressen.
Aber solch ein Leben ist demoralisierend wie kein andres.

Ebenda, Seite 383


Von 50 ausrangierten Spinnern in Bolton waren nur zwei über 50, und der Rest im Durchschnitt noch nicht 40 Jahre alt - und alle waren wegen zu hohen Alters brotlos 1 Herr Ashworth, ein bedeutender Fabrikant, gibt in einem Briefe an Lord Ashley selbst zu, daß gegen das 40. Lebensjahr die Spinner nicht mehr die gehörige Quantität Garn aufzubringen vermögen und deshalb „zuweilen" entlassen werden; er nennt die vierzigjährigen Arbeiter „alte Leute" !



Ebenda, Seite 423


Es bleibt uns nun noch ein einziger Zweig dieser Industrie - die Maschinenfabrikation, die namentlich in den Fabrikdistrikten, besonders in Lancashire betrieben wird und bei der das Eigentümliche die Verfertigung von Maschinen durch Maschinen ist, wodurch den sonst verdrängten Arbeitern die letzte Zufluchtsstätte, die Beschäftigung bei der Fabrikation der Maschinen, durch welche sie brotlos wurden, wieder genommen wurde. Maschinen zum Hobeln und Bohren, Maschinen, die Schrauben, Räder, Schraubenmuttern usw. schneiden, mechanische Drehbänke haben auch hier eine Menge Arbeiter, die früher zu gutem Lohn regelmäßig beschäftigt waren, brotlos gemacht.



Ebenda, Seite 462


Daß ein Grubenarbeiter nach dem 45. oder gar 50. Lebensjahre seine Beschäftigung noch verfolgen kann, kommt äußerst selten vor. Mit 40 Jahren, wird allgemein angegeben, fängt ein solcher Arbeiter an, in sein Greisenalter zu treten. Dies gilt von denen, die die Kohlen loshauen; die Auflader, die fortwährend schwere Blöcke Kohlen in die Kufen zu heben haben, altern schon mit dem 28. oder 30. Jahre, so daß es ein Sprüchwort in den Kohlendistrikten gibt:
Die Auflader werden alte Männer, ehe sie junge sind. Daß dies frühe Altern der Grubenarbeiter auch einen frühen Tod herbeiführt, versteht sich von selbst, und so ist denn auch ein Sechziger eine große Seltenheit unter ihnen


Ebenda, Seite 544-545


Diese unzähligen Massen von Arbeitskräften also, welche jetzt den zivilisierten Völkern durch die Armeen entzogen werden, würden in einer kommunistischen Organisation sonach der Arbeit zurückgegeben werden; sie würden nicht nur soviel erzeugen, wie sie verbrauchen, sondern noch weit mehr Produkte, als zu ihrem Unterhalt nötig sind, an die öffentlichen Vorratshäuser abliefern können.
Eine noch viel schlimmere Verschwendung von Arbeitskräften findet sich in der bestehenden Gesellschaft in der Art, wie die Reichen ihre soziale Stellung ausbeuten. Ich will von dem vielen unnützen und geradezu lächerlichen Luxus, der seine Quelle nur in der Sucht, sich auszuzeichnen, hat und eine Menge Arbeitskräfte in Anspruch nimmt, gar nicht sprechen. Aber gehen Sie, m[eine] H[erren] einmal geradezu in das Haus, das innerste Heiligtum eines Reichen, und sagen Sie mir, ob es nicht die tollste Vergeudung von Arbeitskraft ist, wenn hier eine Menge von Menschen zur Bedienung eines einzigen in Anspruch genommen und mit Faulenzen, oder wenn es hoch kommt, nur mit solchen Arbeiten beschäftigt werden, die ihre Quelle in der Isolierung jedes Menschen auf seine vier Wände haben? Diese Menge Dienstmädchen, Köchinnen, Lakaien, Kutscher, Hausknechte, Gärtner und wie sie alle heißen, was tun sie denn eigentlich? Wie wenig Augenblicke sind sie des Tages beschäftigt, um ihrer Herrschaft das Leben wirklich angenehm zu machen, um der Herrschaft die freie Ausbildung und Ausübung ihrer menschlichen Natur und ihrer angebornen Kräfte zu erleichtern - , und wie viele Stunden des Tages sind sie mit Arbeiten beschäftigt, die nur in der schlechten Einrichtung unsrer gesellschaftlichen Verhältnisse ihre Ursache haben - , hinten auf dem Wagen stehen, den Marotten der Herrschaft zu Diensten sein, Schoßhunde nachtragen und andre Lächerlichkeiten. In der vernünftig organisierten Gesellschaft, wo jeder in die Lage versetzt wird, leben zu können, auch ohne den Marotten der Reichen zu frönen und ohne auf solche Marotten zu verfallen —, in dieser Gesellschaft kann natürlich auch die jetzt so vergeudete Arbeitskraft der Luxusbedienung zum Vorteil aller und zu ihrem eignen Vorteil verwandt werden.
Eine weitere Verschwendung von Arbeitskraft findet in der heutigen Gesellschaft ganz direkt durch den Einfluß der Konkurrenz statt, indem diese eine große Anzahl brotloser Arbeiter schafft, die gern arbeiten möchten, aber keine Arbeit erhalten können. Da nämlich die Gesellschaft gar nicht darauf eingerichtet ist, von der wirklichen Verwendung der Arbeitskräfte Notiz nehmen zu können, da es jedem einzelnen überlassen ist, sich eine Erwerbsquelle zu suchen, so ist es ganz natürlich, daß bei der Verteilung der wirklich oder scheinbar nützlichen Arbeiten eine Anzahl Arbeiter leer ausgehen. Dies ist um so eher der Fall, als der Kampf der Konkurrenz jeden einzelnen antreibt, seine Kräfte aufs höchste anzustrengen, alle Vorteile zu benutzen, die sich ihm bieten, teure Arbeitskräfte durch wohlfeilere zu ersetzen, wozu die steigende Zivilisation täglich mehr und mehr Mittel bietet - oder, mit andern Worten, ein jeder muß daran arbeiten, andre brotlos zu machen, die Arbeit andrer auf die eine oder die andre Weise zu verdrängen. So findet sich denn in jeder zivilisierten Gesellschaft eine große Anzahl arbeitsloser Leute, die gern arbeiten möchten, aber keine Arbeit finden, und diese Anzahl ist größer, als man gewöhnlich glaubt. Da finden wir diese Leute denn, wie sie sich auf die eine oder andre Weise prostituieren, betteln, Straßen kehren, an den Ecken stehen, von gelegentlichen kleinen Diensten mit Mühe und Not Leib und Seele zusammenhalten, mit allen erdenklichen kleinen Waren hökern und herumhausieren - oder, wie wir es heute abend an ein paar armen Mädchen gesehen haben, mit der Guitarre von Ort zu Ort ziehen, für Geld spielen und singen, genötigt, sich jede unverschämte Ansprache, jede beleidigende Zumutung gefallen zu lassen, um nur ein paar Groschen zu verdienen. Wie viele endlich gibt es, die der eigentlichen Prostitution als Opfer verfallen! M[eine] H[erren], die Anzahl dieser Brotlosen, denen nichts übrigbleibt, als auf die eine oder andre Weise sich zu prostituieren, ist sehr groß - unsre Armenverwaltungen wissen davon zu erzählen und vergessen
Sie nicht, daß die Gesellschaft diese Leute trotz ihrer Nutzlosigkeit auf die eine oder die andre Art dennoch ernährt. Wenn also die Gesellschaft die Kosten für ihren Unterhalt zu tragen hat, so sollte sie auch dafür sorgen, daß diese Arbeitslosen ihren Unterhalt ehrbar verdienten. Das aber foinn die jetzige, konkurrierende Gesellschaft nicht . wie die jetzige Gesellschaft ihre Arbeitskräfte vergeudet wenn Sie dies bedenken, so werden Sie finden, daß der menschlichen Gesellschaft ein Uberfluß an Produktionskräften zu Gebote steht, der nur auf eine vernünftige Organisation, auf eine geordnete Verteilung wartet, um mit dem größten Vorteil für alle in Tätigkeit zu treten.
Sie werden hiernach, m[eine] H[erren], beurteilen können, wie wenig die Befürchtung gegründet ist, als müßte bei einer gerechten Verteilung der gesellschaftlichen Tätigkeit dem einzelnen eine solche Last von Arbeit zufallen, daß sie ihm alle Beschäftigung mit anderen Dingen unmöglich mache.
Im Gegenteil können wir annehmen, daß bei einer solchen Organisation die jetzt übliche Arbeitszeit des einzelnen schon durch die Benutzung der jetzt gar nicht oder unvorteilhaft angewandten Arbeitskräfte auf die Hälfte reduziert werden wird.
Die Vorteile indes, welche die kommunistische Einrichtung durch Benutzung Verschwendeter Arbeitskräfte bietet, sind noch nicht die bedeutendsten.
Die größte Ersparnis von Arbeitskraft liegt in der Vereinigung der einzelnen Kräfte zur sozialen Kollektivkraft und in der Einrichtung, welche auf diese Konzentration der bis jetzt einander gegenüberstehenden Kräfte beruht.


Ebenda, Seite 551


Wenn wir dieHandelsfreiheit proklamieren und unsere Zölle aufheben, so ist unsere gesamte Industrie mit Ausnahme weniger Zweige ruiniert. Von Baumwollspinnerei, von mechanischer Weberei, von den meisten Zweigen der Baumwollen- und Wollenindustrie, von bedeutenden Branchen der Seidenindustrie, von beinahe der ganzen Eisengewinnung und Eisenverarbeitung kann dann keine Rede mehr sein. Die in allen diesen Zweigen plötzlich brotlos gewordenen Arbeiter würden in Masse auf den Ackerbau und die Trümmer der Industrie geworfen werden, der Pauperismus würde überall aus dem Boden wachsen, die Zentralisation des Besitzes in den Händen weniger würde durch eine solche Krisis beschleunigt werden, und nach den Vorgängen in Schlesien zu urteilen, wäre die Folge dieser Krisis notwendig eine soziale Revolution.



Ebenda, Seite 553-557


Gesetzt aber, wir besiegten die Engländer auch auf neutralen Märkten, wir rissen einen ihrer Abzugskanäle nach dem andern an uns was hätten wir in diesem so gut wie unmöglichen Fall gewonnen? Im glücklichsten Fall würden wir dann die industrielle Karriere, die England uns vorgemacht hat, noch einmal durchmachen und über kurz oder lang da ankommen - wo England jetzt steht - nämlich am Vorabende einer sozialen Revolution. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde es aber solange gar nicht dauern. Durch die fortwährenden Siege der deutschen Industrie würde die englische notwendig ruiniert und die ohnehin den Engländern bevorstehende massenhafte Erhebung des Proletariats gegen die besitzenden Klassen nur beschleunigt. Die schnell eintretende Brotlosigkeit würde die englischen Arbeiter zur Revolution treiben, und wie die Dinge jetzt stehen, würde eine solche soziale Revolution auf die Länder des Kontinents, namentlich Frankreich und Deutschland, eine ungeheure Rückwirkung ausüben, die um so stärker werden müßte, je mehr durch die forcierte Industrie in Deutschland ein künstliches Proletariat erzeugt worden wäre. Eine solche Umwälzung würde sogleich europäisch werden und die Träume unsrer Fabrikanten von einem industriellen Monopol Deutschlands sehr unsanft stören. Daß aber eine englische und eine deutsche Industrie friedlich nebeneinander bestehen könnten, das macht schon die Konkurrenz unmöglich. Eine jede Industrie muß, ich wiederhole es, fortschreiten, um nicht zurückzubleiben und unterzugehen, sie muß sich ausdehnen, neue Märkte erobern, fortwährend durch neue Etablissements vergrößert werden, um fortschreiten zu können. Da aber, seitdem China offen stehtt144', keine neuen Märkte mehr erobert werden, sondern nur die bestehenden besser ausgebeutet werden können, da also die Ausdehnung der Industrie in Zukunft langsamer gehen wird als bisher, so kann England jetzt noch viel weniger einen Konkurrenten dulden, als dies bisher der Fall war. Es muß, um seine Industrie vor dem Untergange zu schützen, die Industrie aller andern Länder darniederhalten; die Behauptung des industriellen Monopols ist für England nicht mehr eine bloße Frage des größeren oder geringeren Gewinns, sie ist eine Lebensfrage geworden. Der Kampf der Konkurrenz zwischen Nationen ist ohnehin schon viel heftiger, viel entscheidender als der zwischen Individuen, weil es ein konzentrierterer Kampf, ein Kampf von Massen ist, den nur der entschiedene Sieg des einen und die entschiedene Niederlage des andern Teils endigen kann. Und darum würde auch ein solcher Kampf zwischen uns und den Engländern, mag sein Resultat sein, wie es will, weder für unsre, noch für die englischen Industriellen von Vorteil sein, sondern nur, wie ich eben entwickelte, eine soziale Revolution nach sich ziehen.

Wir haben demnach gesehen, m[eine] H[erren], was Deutschland sowohl von der Handelsfreiheit wie von dem Schutzsystem in allen möglichen Fällen zu erwarten hat. Wir hätten nur noch eine ökonomische Möglichkeit vor uns, nämlich den Fall, daß wir bei den jetzt bestehenden Juste-milieu-Zöllen blieben. Wir haben aber schon oben gesehen, was die Folgen davon sein würden.
Unsere Industrie müßte, ein Zweig nach dem andern, zugrunde gehen, die Industriearbeiter würden brotlos werden, und wenn die Brotlosigkeit bis auf einen gewissen Grad gediehen, in einer Revolution gegen die besitzenden Klassen losbrechen. daß die unvermeidliche Folge unserer bestehenden sozialen Verhältnisse unter allen Bedingungen und in allen Fällen eine soziale Revolution sein wird. Mit derselben Sicherheit, mit der wir aus gegebenen mathematischen Grundsätzen einen neuen Satz entwickeln können, mit derselben Sicherheit können wir aus den bestehenden ökonomischen Verhältnissen und den Prinzipien der Nationalökonomie auf eine bevorstehende soziale Revolution schließen. Sehen wir uns indes diese Umwälzung einmal etwas näher an; in welcher Gestalt wird sie auftreten, was werden ihre Resultate sein, worin wird sie sich von den bisherigen gewaltsamen Umwälzungen unterscheiden? Eine soziale Revolution, meine] Herren], ist ganz etwas anderes als die bisherigen politischen Revolutionen; sie geht nicht, wie diese, gegen das Eigentum des Monopols, sondern gegen das Monopol des Eigentums; eine soziale Revolution, m[eine] Hferren], das ist der offene Krieg der Armen gegen die Reichen. Und solch ein Kampf, in dem alle die Triebfedern und Ursachen unverhohlen und offen zu ihrer Wirkung kommen, die in den bisherigen historischen Konflikten dunkel und versteckt zum Grunde lagen, solch ein Kampf droht allerdings heftiger und blutiger werden zu wollen als alle seine Vorgänger. Das Resultat dieses Kampfes kann ein zweifaches sein.
Entweder greift die sich empörende Partei nur die Erscheinung, nicht das Wesen, nur die Form, nicht die Sache selbst an, oder sie geht auf die Sache selbst ein und faßt das Übel bei der Wurzel selbst an. Im ersten Falle wird man das Privateigentum bestehen lassen und nur anders verteilen, so daß die Ursachen bestehen bleiben, welche den jetzigen Zustand herbeigeführt haben und über kurz oder lang wieder einen ähnlichen Zustand und eine neue Revolution herbeiführen müssen.

Und der Aufstand der Armen sollte eher ruhen, bis er die Armut und ihre Ursachen abgeschafft hätte? Es ist nicht möglich, m[eine] H[erren], es würde gegen alle geschichtliche Erfahrung streiten, so etwas anzunehmen.

Es bleibt also nichts übrig als die andere Alternative, nämlich, daß die zukünftige soziale Revolution auch auf die wirklichen Ursachen der Not und Armut, der Unwissenheit und des Verbrechens eingehen, daß sie also eine wirkliche soziale Reform durchsetzen werde. Und dies kann nur durch die Proklamation des kommunistischen Prinzips geschehen. Betrachten Sie nur, m[eine] H[erren], die Gedanken, welche den Arbeiter in den Ländern, wo auch der Arbeiter denkt, bewegen; sehen Sie in Frankreich die verschiedenen Fraktionen der Arbeiterbewegung, ob sie nicht alle kommunistisch sind; gehen Sie nach England und hören Sie, was für Vorschläge den Arbeitern zur Verbesserung ihrer Lage gemacht werden - ob sie nicht alle auf dem Prinzip des gemeinschaftlichen Eigentums beruhen; studieren Sie die verschiedenen Systeme der sozialen Reform, wie viele von ihnen Sie finden werden, die nicht kommunistisch sind? Von allen Systemen, die heutzutage noch von Bedeutung sind, ist das einzige nicht kommunistische das von Fourier, der seine Aufmerksamkeit mehr auf die soziale Organisation der menschlichen Tätigkeit als auf die Verteilung ihrer Erzeugnisse richtete. Alle diese Tatsachen rechtfertigen den Schluß, daß eine zukünftige soziale Revolution mit der Durchführung des kommunistischen Prinzips endigen werde, und lassen kaum eine andere Möglichkeit zu.
Sind diese Folgerungen richtig, m[eine] H[erren], ist die soziale Revolution und der praktische Kommunismus das notwendige Resultat unserer bestehenden Verhältnisse - , so werden wir uns vor allen Dingen mit den Maßregeln zu beschäftigen haben, wodurch wir einer gewaltsamen und blutigen Umwälzung der sozialen Zustände vorbeugen können. Und da gibt es nur ein Mittel, nämlich die friedliche Einführung oder wenigstens Vorbereitung des Kommunismus. Wollen wir also nicht die blutige Lösung des sozialen Problems, wollen wir nicht den täglich größer werdenden Widerspruch zwischen der Bildung und der Lebenslage unserer Proletarier sich bis zu der Spitze steigern lassen, wo nach allen unseren Erfahrungen über die menschliche Natur die brutale Gewalt, die Verzweiflung und Rachgier diesen Widerspruch lösen wird, dann, m[eine] Hferren], müssen wir uns ernstlich und unbefangen mit der sozialen Frage beschäftigen; dann müssen wir es uns angelegen sein lassen, das unsrige zur Vermenschlichung der Lage der modernen Heloten beizutragen. Und wenn vielleicht manchem von Ihnen es scheinen möchte, als ob die Hebung der bis jetzt erniedrigten Klassen nicht ohne eine Erniedrigung seiner eigenen Lebenslage geschehen könnte, so ist doch zu bedenken, daß es sich darum handelt, eine solche Lebenslage für alle Menschen zu schaffen, daß ein jeder seine menschliche Natur frei entwickeln, mit seinen Nächsten in einem menschlichen Verhältnisse leben kann und vor keinen gewaltsamen Erschütterungen seiner Lebenslage sich zu fürchten braucht; so ist zu bedenken, daß dasjenige, was einzelne aufopfern sollen, nicht ihr wahrhaft menschlicher Lebensgenuß, sondern nur der durch unsere schlechten Zustände erzeugte Schein des Lebensgenusses ist, etwas, was wider die eigne Vernunft und das eigne Herz derer geht, die sich jetzt dieser scheinbaren Vorzüge erfreuen. Das wahrhaft menschliche Leben mit allen seinen Bedingungen und Bedürfnissen wollen wir so wenig zerstören, daß wir es im Gegenteil erst recht herzustellen wünschen. Und wenn Sie, auch abgesehen davon, nur einmal recht bedenken wollen, auf was unser jetziger Zustand in seinen Folgen hinauslaufen muß, in welches Labyrinth von Widersprüchen und Unordnungen er uns führt —, dann, m[eine] H[erren], werden Sie es gewiß der Mühe wert finden, die soziale Frage ernsthaft und gründlich zu studieren. Und wenn ich Sie dazu veranlassen kann, so ist der Zweck meines Vortrags vollständig erreicht.
Vorgetragen in Elberfeld
am 8. und 15. Februar 1845.
„Rheinische Jahrbücher
zur gesellschaftlichen Reform" 1845.
Erster Band, S. 45-62 und 71-81

 

Engels: Lager der arbeitenden Klasse in England - Kapitel FABRIKARBEITER

 

Engels: Lager der arbeitenden Klasse in England - Kapitel KONKURRENZ



Ebenda, Seite 645-647 Vorwort zur deutschen Ausgabe 1892


Eine dauernde Hebung findet sich nur bei zwei beschützten Abteilungen der Arbeiterklasse. Davon sind die erste die Fabrikarbeiter. Die gesetzliche Feststellung eines, wenigstens verhältnismäßig rationellen, Normalarbeitstages zu ihren Gunsten hat ihre Körperkonstitution relativ wiederhergestellt und ihnen eine, noch durch ihre lokale Konzentration verstärkte, moralische Überlegenheit gegeben. Ihre Lage ist unzweifelhaft besser als vor 18-'* 8. Der beste Beweis dafür ist, daß von zehn Strikes, die sie machen, neun hervorgerufen sind durch die Fabrikanten selbst und in ihrem eignen Interesse als einziges Mittel, die Produktion einzuschränken. Ihr werdet die Fabrikanten nie dahin bringen, daß sie sich alle dazu verstehn, kurze Zeit zu arbeiten, mögen ihre Fabrikate noch so unverkäuflich sein. Aber bringt die Arbeiter zum Striken, und die Kapitalisten schließen ihre Fabriken bis auf den letzten Mann.
Zweitens die großen Trades Unions. Sie sind die Organisationen der Arbeitszweige, in denen die Arbeit erwachsener Männer allein anwendbar ist oder doch vorherrscht. Hier ist die Konkurrenz weder der Weiber- und der Kinderarbeit noch der Maschinerie bisher imstande gewesen, ihre organisierte Stärke zu brechen. Die Maschinenschlosser, Zimmerleute und Schreiner, Bauarbeiter, sind jede für sich eine Macht, so sehr, daß sie selbst, wie die Bauarbeiter tun, der Einführung der Maschinerie erfolgreich widerstehn können. Ihre Lage hat sich unzweifelhaft seit 1848 merkwürdig verbessert; der beste Beweis dafür ist, daß seit mehr als fünfzehn Jahren nicht nur ihre Beschäftiger mit ihnen, sondern auch sie mit ihren Beschäftigern äußerst zufrieden gewesen sind. Sie bilden eine Aristokratie in der Arbeiterklasse; sie haben es fertiggebracht, sich eine verhältnismäßig komfortable Lage zu erzwingen, und diese Lage akzeptieren sie als endgültig. Sie sind die Musterarbeiter der Herrn Leone Levi und Giffen (und auch des Biedermanns Lujo Brentano), und sie sind in der Tat sehr nette, traktable Leute für jeden verständigen Kapitalisten im besondern und für die Kapitalistenklasse im allgemeinen.
Aber was die große Masse der Arbeiter betrifft, so steht das Niveau des Elends und der Existenzunsicherheit für sie heute ebenso niedrig, wenn nicht niedriger als je. Das Ostende von London ist ein stets sich ausdehnender Sumpf von stockendem Elend und Verzweiflung, von Hungersnot, wenn unbeschäftigt, von physischer und moralischer Erniedrigung, wenn beschäftigt.
Und so in allen anderen Großstädten, mit Ausnahme nur der bevorrechteten Minderheit der Arbeiter; und so in den kleineren Städten und in den Landbezirken. Das Gesetz, das den Wert der Arbeitskraft auf den Preis der notwendigen Lebensmittel beschränkt, und das andere Gesetz, das ihren Durchschnittspreis der Regel nach auf das Minimum dieser Lebensmittel herabdrückt, diese beiden Gesetze wirken auf sie mit der unwiderstehlichen Kraft einer automatischen Maschine, die sie zwischen ihren Rädern erdrückt.
Die kapitalistische Produktion kann nicht stabil werden, sie muß wachsen und sich ausdehnen, oder sie muß sterben. Schon jetzt, die bloße Einschränkung von Englands Löwenanteil an der Versorgung des Weltmarkts, heißt Stockung, Elend, Übermaß an Kapital hier, Ubermaß an unbeschäftigten Arbeitern dort. Was wird es erst sein, wenn der Zuwachs der jährlichen Produktion vollends zum Stillstand gebracht ist? Hier ist die verwundbare Achillesferse der kapitalistischen Produktion. Ihre Lebensbedingung ist die Notwendigkeit fortwährender Ausdehnung, und diese fortwährende Ausdehnung wird jetzt unmöglich. Die kapitalistische Produktion läuft aus in eine Sackgasse. Jedes Jahr bringt England dichter vor die Frage: Entweder die Nation geht in Stücke oder die kapitalistische Produktion. Welches von beiden muß dran glauben?
Und die Arbeiterklasse? Wenn selbst unter der unerhörten Ausdehnung des Handels und der Industrie von 1848 bis 1868 sie solches Elend durchzumachen hatte, wenn selbst damals ihre große Masse im besten Fall nur eine vorübergehende Verbesserung ihrer Lage erfuhr, während nur eine kleine privilegierte, geschützte Minorität dauernden Vorteil hatte, wie wird es sein, wenn diese blendende Periode endgültig zum Abschluß kommt, wenn die gegenwärtige drückende Stagnation sich nicht nur noch steigert, sondern wenn dieser gesteigerte Zustand ertötenden Druckes der dauernde, der Normalzustand der englischen Industrie wird?
Die Wahrheit ist diese: Solange Englands Industriemonopol dauerte, hat die englische Arbeiterklasse bis zu einem gewissen Grad teilgenommen an den Vorteilen dieses Monopols. Diese Vorteile wurden sehr ungleich unter sie verteilt; die privilegierte Minderheit sackte den größten Teil ein, aber selbst die große Masse hatte wenigstens dann und wann vorübergehend ihr Teil. Und das ist der Grund, warum seit dem Aussterben des Owenismus es in England keinen Sozialismus gegeben hat. Mit dem Zusammenbruch des Monopols wird die englische Arbeiterklasse diese bevorrechtete Stellung verlieren. Sie wird sich allgemein - die bevorrechtete und leitende Minderheit nicht ausgeschlossen - eines Tages auf das gleiche Niveau gebracht sehen wie die Arbeiter des Auslandes. Und das ist der Grund, warum es in England wieder Sozialismus geben wird."


MEW BAND 4, die preußische Verfassung, Seite 33


In Zeiten einer herannahenden Revolution haben die fortschrittlichen Klassen der Gesellschaft stets alle Chancen auf ihrer Seite.

 

Karl Marx, Rede über die Frage des Freihandels

1948


MEW BAND 4, Seite 302-303. Der Freihandelskongress in Brüssel.


Im Gegenteil würde der Freihandel, das heißt die volle Realisierung der freien Konkurrenz, die Arbeiter in einen verschärften Wettbewerb untereinander zwingen, wie er auch die Kapitalisten zwingen würde, noch rücksichtsloser miteinander zu konkurrieren. Völlige Freiheit der Konkurrenz würde unvermeidlich einen enormen Aufschwung bei der Erfindung neuer Maschinen bringen und dadurch täglich mehr Arbeiter als bisher auf die Straße werfen. Sie würde die Produktion in jeder Weise vorantreiben, aber gerade deshalb würde sie auch in dem gleichen Maße Überproduktion, Überflutung der Märkte und Handelsstockungen fördern. Die Freihandelsmänner behaupten, daß jene furchtbaren Erschütterungen unter einem System der Handelsfreiheit aufhörten. Aber, gerade das Gegenteil würde eintreten, sie würden mehr denn je wachsen und sich vervielfachen. Es wäre möglich, nein sogar sicher, daß zuerst die größere Billigkeit der Lebensmittel den Arbeitern nützlich wäre, daß verringerte Produktionskosten ein Wachstum der Konsumtion und der Nachfrage nach Arbeitskräften bringen würde, aber daß dieser Vorteil sich sehr bald in Elend verwandeln und daß die Konkurrenz innerhalb der Arbeiterklasse sie bald zu ihrem früheren Stand des Elends und der Not zurückführen würde.
Er fuhr dann fort, die Nutzeffekte des Freihandels zu schildern, die sich in der verstärkten Einfuhr von Nahrungsmitteln nach England seit Einführung des Zolltarifs im vergangenen Jahre zeigten. Soundso viel Eier, soundso viel Zentner Butter, Käse, Schinken, Speck, soundso viel Stück Vieh etc. etc., wer könnte alle diese Dinge gegessen haben, wenn nicht die Arbeiter Englands? Er vergaß allerdings, uns mitzuteilen, welche Mengen derselben Artikel weniger produziert wurden in England, seitdem die ausländische Konkürrenz zugelassen worden war. Er nahm es als gegeben hin, daß eine verstärkte Einfuhr ein entscheidender Beweis für einen vergrößerten Verbrauch sei. Er erwähnte niemals, woher die Arbeiter von Manchester, Bradford und Leeds, die jetzt auf der Straße liegen und keine Arbeit bekommen können, woher diese Menschen das Geld haben sollten, um das angebliche Wachstum des Verbrauchs und der Annehmlichkeiten des Freihandels zu bezahlen; denn wir haben niemals von Arbeitgebern gehört, die ihnen Geschenke in Form von Eiern, Butter, Käse, Schinken und Fleisch für ihr Nichtstun gemacht hätten.

MEW BAND 4, Seite 325-326 Die Handelskrise in England


Die Handelskrise, der England zur Zeit ausgesetzt ist, ist in der Tat ernster als irgendeine der vorherigen Krisen. Weder 1837 noch 1842 war die Depression so allumfassend wie im jetzigen Augenblick. Alle Zweige der ausgedehnten englischen Industrie sind aus dem Rhythmus ihrer Arbeit herausgerissen; überall trifft man auf Stillstand, überall nur aufs Pflaster geworfene Arbeiter. Es bedarf keiner langen Beweisführung, daß eine solche Situation eine außerordentliche Erregung unter den Arbeitern mit sich bringt, denn sie sehen sich jetzt haufenweis entlassen und ihrem Schicksal überantwortet, nachdem sie während des kommerziellen Aufschwungs von den Industriellen ausgebeutet worden waren. So nimmt auch die Zahl der Meetings unzufriedener Arbeiter rapide zu.
Die Mehrzahl der Fabriken hat bereits die Arbeit ganz eingestellt, und die noch im Gange sind, beschäftigen ihre Arbeiter nur an zwei, höchstens drei Tagen in der Woche. Aber damit noch nicht genug: die Fabrikherren von Ashton, einer für die Baumwollindustrie sehr wichtigen Stadt, kündigen ihren Arbeitern an, daß sie in acht Tagen die Löhne um zehn Prozent senken werden. Diese Nachricht, die die Arbeiter in Aufruhr versetzt, verbreitet sich über das ganze Gebiet. Wenige Tage später treten in Manchester Delegierte der Arbeiter der ganzen Grafschaft zusammen. Diese Versammlung beschließt, eine Deputation zu den Fabrikherren zu schicken, um diese zu bewegen, die angedrohte Kürzung nicht vorzunehmen, und, falls die Deputation keinen Erfolg haben sollte, den Streik aller Arbeiter der Baumwollindustrie von Lancashire auszurufen. - Dieser Streik, neben dem ein schon begonnener Streik der Metall- und Bergarbeiter von Birmingham im Gange ist, würde unweigerlich die gleichen alarmierenden Ausmaße annehmen, die den letzten Generalstreik, den von 1842, kennzeichneten. Er könnte für die Regierung sogar noch furchtbarer werden.



MEW BAND 4, Friedrich Engels, Seite 369-370, Grundsätze des Kommunismus


Ferner, je mehr sie sich entwickelt, je mehr neue Maschinen erfunden werden, welche die Handarbeit verdrängen, desto mehr drückt die große Industrie den Lohn, wie schon gesagt, auf sein Minimum herab und macht dadurch die Lage des Proletariats mehr und mehr unerträglich. So bereitet sie einerseits durch die wachsende Unzufriedenheit, andererseits durch die wachsende Macht des Proletariats eine Revolution der Gesellschaft durch das Proletariat vor .


12. Ff rage]: Was waren die weiteren Folgen der industriellen Revolution?
A[ntwort]: Die große Industrie schuf in der Dampfmaschine und den übrigen Maschinen die Mittel, die industrielle Produktion in kurzer Zeit und mit wenig Kosten ins unendliche zu vermehren. Die aus dieser großen Industrie notwendig hervorgehende freie Konkurrenz nahm bei dieser Leichtigkeit der Produktion sehr bald einen äußerst heftigen Charakter an; eine Menge Kapitalisten warfen sich auf die Industrie, und in kurzer Zeit wurde mehr produziert, als gebraucht werden konnte. Die Folge davon war,, daß die fabrizierten Waren nicht verkauft werden konnten und daß eine sogenannte Handelskrisis eintrat. Die Fabriken mußten stillstehen, die Fabrikanten machten Bankerott, und die Arbeiter kamen außer Brot. Das größte Elend trat überall ein. Nach einiger Zeit waren die überflüssigen Produkte verkauft, die Fabriken fingen wieder an zu arbeiten, der Lohn stieg, und allmählich gingen die Geschäfte wieder besser als je. Aber nicht lange, so waren wieder zuviel Waren produziert, und eine neue Krisis trat ein, die gerade wieder denselben Verlauf nahm wie die vorige. So hat seit dem Anfange dieses Jahrhunderts der Zustand der Industrie fortwährend zwischen Epochen der Prosperität und Epochen der Krise geschwankt, und fast regelmäßig alle fünf bis sieben Jahre[239] ist eine solche Krisis eingetreten, welche jedesmal mit dem größten Elend der Arbeiter, mit allgemeiner revolutionärer Aufregung und mit der
größten Gefahr für den ganzen bestehenden Zustand verknüpft war.

13. Ff rage]: Was folgt aus diesen sich regelmäßig wiederholenden Handelskrisen ?
Af ntwort]: Erstens: Daß die große Industrie, obwohl sie selbst in ihrer ersten Entwicklungsepoche die freie Konkurrenz erzeugt hat, jetzt dennoch der freien Konkurrenz entwachsen ist; daß die Konkurrenz und überhaupt der Betrieb der industriellen Produktion durch einzelne für sie eine Fessel geworden ist, welche sie sprengen muß und wird; daß die große Industrie, solange sie auf dem jetzigen Fuße betrieben wird, sich nur durch eine von sieben zu sieben Jahren sich wiederholende allgemeine Verwirrung erhalten kann, welche jedesmal die ganze Zivilisation bedroht und nicht nur die Proletarier ins Elend stürzt, sondern auch eine große Anzahl von Bourgeois ruiniert; daß also die große Industrie selbst entweder ganz aufgegeben werden muß, was eine absolute Unmöglichkeit ist, oder daß sie eine ganz neue Organisation der Gesellschaft durchaus notwendig macht, in welcher nicht mehr einzelne, einander Konkurrenz machende Fabrikanten, sondern die ganze Gesellschaft nach einem festen Plan und nach den Bedürfnissen aller die industrielle Produktion leitet.
Zweitens: Daß die große Industrie und die durch sie möglich gemachte Ausdehnung der Produktion ins unendliche einen Zustand der Gesellschaft möglich machen, in welchem so viel von allen Lebensbedürfnissen produziert wird, daß jedes Mitglied der Gesellschaft dadurch in den Stand gesetzt wird, alle seine Kräfte und Anlagen in vollständiger Freiheit zu entwickeln und zu betätigen. So daß also gerade diejenige Eigenschaft der großen Industrie, welche in der heutigen Gesellschaft alles Elend und alle Handelskrisen erzeugt, gerade dieselbe ist, welche unter einer anderen gesellschaftlichen Organisation eben dies Elend und diese unglückbereitenden Schwankungen vernichten wird.
So daß also aufs klarste bewiesen ist:
1. daß von jetzt an alle diese Übel nur der für die Verhältnisse nicht mehr passenden Gesellschaftsordnung zuzuschreiben sind und
2. daß die Mittel vorhanden sind, um durch eine neue Gesellschaftsordnung diese Übel gänzlich zu beseitigen.

MEW BAND 4, Seite 541, Engels, die Lage in Belgien, 1848


Während sie noch Hymnen auf die belgische Unabhängigkeit und Neutralität sangen, fanden sie die Brüsseler Börse in vollkommenster und demütigendster Abhängigkeit von der Börse in Paris.

Die Bestürzung, die auf dem Brüsseler Markt herrscht, hat in der Tat restlos alles erfaßt. Der Bankrott dezimiert den mittleren und den Kleinhandel, die Börsenpapiere finden keine Käufer mehr, die Notierungen sind rein nominell, das Geld verschwindet schneller noch als in Paris, der Handel stagniert völlig, und die meisten Fabrikanten haben bereits ihre Arbeiter entlassen. Mittlerweile sind die Arbeiter keineswegs ruhig. In Gent gab es mehrere Tage lang Unruhen; hier ist es vorgestern nach zahlreichen Ansammlungen von Arbeitern zu einer Petition an den König gekommen, die Leopold persönlich aus den schwieligen Händen, die sie ihm überreichten, entgegenzunehmen geruhte. Demonstrationen ernsteren Charakters werden nicht auf sich warten lassen. Mit jedem Tag werden zahlreiche Gruppen von Arbeitern aus dem Arbeitsprozeß ausgestoßen. Die Entwicklung der industriellen Krise braucht nur anzudauern, und die Geister in der Arbeiterklasse brauchen sich nur um ein weniges mehr zu erhitzen, dann wird die belgische Bourgeoisie, ganz wie die von Paris, schon ihre „Vernunftehe" mit der Republik eingehen.

MEW BAND 5, Seite 284 [„Neue Rheinische Zeitung" Nr. 62 vom 1. August 1848


In England existiert das zahlreichste, das konzentrierteste, das klassischste Proletariat, ein Proletariat, das alle fünf bis sechs Jahre durch das zerreißendste Elend einer Handelskrisis, durch Hunger und Typhus dezimiert wird, das die Hälfte seines Lebens in der Industrie überflüssig und brotlos ist; in England ist der zehnte Mann ein Pauper, und der dritte Pauper ein Gefangener in der Armengesetzbastillec235]; in England kostet die Armenverwaltung jährlich fast ebensoviel wie die gesamten Ausgaben des preußischen Staats; in England ist Elend und Pauperismus als ein notwendiger Faktor des gegenwärtigen Industriesystems und des Nationalreichtums offen proklamiert worden.
Aber das Monopol des Kapitals, das ohne die Gesetzgebung und oft trotz der Gesetzgebung existierende Monopol, das existiert für die Herren von der
„Kölnischen Zeitung" nicht. Und gerade dies Monopol ist es, das auf die Arbeiter direkt und unerbittlich drückt, das den Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie erzeugt! Gerade dies Monopol ist das spezifisch moderne Monopol, dessen Produkt die modernen Klassengegensätze sind; und die Lösung gerade dieser Gegensätze ist die spezifische Aufgabe des 19. Jahrhunderts.


MEW BAND 6, Seite 328 Die Handelslage


Die durch allerlei Ereignisse aufgehaltene Krise des Oktober 1845 kam daher endlich im September 1847 zum Ausbruch. Das Vertrauen war zu Ende. Der Mut war aus. Die Bank von England ließ die Banken im Innern des Landes fallen; die Banken des Inlands entzogen Händlern und Fabrikanten den Kredit. Bankiers und Exporteure schränkten ihr Geschäft mit dem Kontinente ein, und der Händler des Kontinents drückte wieder den ihm tributären Fabrikanten; der Fabrikant erholte sich natürlich am Grossist und der Grossist fiel zurück auf den Boutiquier1. Einer schlug den andern und die Not der Handelskrise durchzuckte nach und nach die Welt von den Riesen der Londoner City bis herab zu dem letzten deutschen Krämer.
In den Fabrikdistrikten erreichte die Not ihren Gipfel, als in Manchester am 15.Nov[ember] von 175 Spinnereien nur 78 die volle Zeit beschäftigt waren und 11 000 Arbeiter auf den Straßen standen.
Außerdem finden wir aber in der englischen Handelsgeschichte die schlagendsten Beweise dafür, daß der Export sich nicht unmittelbar nach der Krise, sondern erst dann verringert, wenn die Krise Zeit gehabt hat, sich auch über den Kontinent zu verbreiten.


MEW BAND 6, Marx, Lohnarbeit und Kapital, Seite 420 f


In demselben Maß also, worin die Arbeit unbefriedigender, ekelhafter wird, in demselben Maß nimmt die Konkurrenz zu und der Arbeitslohn ab. Der Arbeiter sucht die Masse seines Arbeitslohns zu behaupten, indem er mehr arbeitet, sei es, daß er mehr Stunden arbeitet, sei es, daß er mehr in derselben Stunde liefert. Durch die Not getrieben, vermehrt er also noch die unheilvollen Wirkungen der Teilung der Arbeit. Das Resultat ist: Je mehr er arbeitet, um so weniger Lohn erhält er, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er in demselben Maß seinen Mitarbeitern Konkurrenz macht, sich daher ebenso viele Konkurrenten aus seinen Mitarbeitern macht, die sich zu ebenso schlechten Bedingungen anbieten wie er selbst, weil er also in letzter Instanz sich selbst Konkurrenz macht, sich selbst als Mitglied der Arbeiterklasse.
Die Maschinerie bringt dieselben Wirkungen auf viel größerer Stufenleiter hervor, indem sie geschickte Arbeiter durch ungeschickte, Männer durch Weiber, Erwachsene durch Kinder verdrängt, indem die Maschinerie da, wo sie neu eingeführt wird, die Handarbeiter massenhaft aufs Pflaster wirft, und da, wo sie ausgebildet, verbessert, durch fruchtbarere Maschinen ersetzt wird, sie1 in kleineren Haufen abdankt. Wir haben oben in raschen Zügen den industriellen Krieg der Kapitalisten untereinander geschildert. Dieser Krieg hat das Eigentümliche, daß die Schlachten weniger in ihm gewonnen werden durch Anwerben als durch Abdanken der Arbeiterarmee. Die Feldherren, die Kapitalisten, wetteifern untereinander, wer am meisten Industrie-Soldaten entlassen kann.
Die Ökonomen erzählen uns allerdings, daß die durch Maschinen überflüssig gewordenen Arbeiter neue Beschäftigungszweige finden.
Sie wagen nicht direkt zu behaupten, daß dieselben Arbeiter, die entlassen worden sind, in neuen Arbeitszweigen unterkommen. Die Tatsachen schreien zu laut gegen diese Lüge. Sie behaupten eigentlich nur, daß für andere Bestandteile der Arbeiterklasse, z.B. für den Teil der jungen Arbeitergeneration, der schon bereit stand, um in den untergegangenen Industriezweig einzutreten, sich neue Beschäftigungsmittel auftun werden. Es ist dies natürlich eine große Genugtuung für die gefallenen Arbeiter. Es wird den Herren Kapitalisten nicht an frischem exploitablem Fleisch und Blut fehlen, und man wird die Toten ihre Toten begraben lassen. Es ist dies mehr ein Trost, den die Bourgeois sich selbst, als den sie den Arbeitern geben. Wenn die ganze Klasse der Lohnarbeiter durch die Maschinerie vernichtet würde, wie schrecklich für das Kapital, das ohne Lohnarbeit aufhört, Kapital zu sein?
Gesetzt aber, daß die durch Maschinerie direkt aus der Arbeit Verdrängten und der ganze Teil der neuen Generation, der schon auf diesen Dienst lauerte, eine neue Beschäftigung finden. Glaubt man, daß dieselbe so hoch bezahlt werden wird wie die verlorengegangene? Es widerspräche dies allen Gesetzen der Ökonomie. Wir haben gesehen, wie die moderne Industrie es mit sich bringt, stets eine einfachere, untergeordnetere Beschäftigung der zusammengesetzten, höheren unterzuschieben.
Wie könnte also eine Arbeitermasse, die durch Maschinerie aus einem Industriezweig herausgeworfen ist, in einem andern eine Zuflucht finden, es sei denn, daß er niedriger, schlechter bezahlt ist?
Je mehr das produktive Kapital wächsi, desto mehr dehnt sich die Teilung der Arbeit und die Anwendung der Maschinerie aus. Je mehr sich die Teilung der Arbeit und die Anwendung der Maschinerie ausdehnt, um so mehr dehnt sich dieKonkurrenz unter den Arbeitern aus, je mehr zieht sich ihr Salair3 zusammen.
Und zudem rekrutiert sich die Arbeiterklasse noch aus den höhern Schichten der Gesellschaft; es stürzt eine Masse kleiner Industriellen und kleiner Rentiers in sie herab, die nichts Eiligeres zu tun haben, als ihre Arme zu erheben neben den Armen der Arbeiter. So wird der Wald der in die Höhe gestreckten und nach Arbeit verlangenden Arme immer dichter, und die Arme selbst werden immer magerer.
In dem Maße endlich, wie die Kapitalisten durch die oben geschilderte Bewegung gezwungen werden, schon vorhandene riesenhafte Produktions- 1 (1891) der Lohn - 2 (1891) den Lebensunterhalt - 3 (1891) Lohn - 4 (1891) Kampf/ mittel auf größerer Stufenleiter auszubeuten und zu diesem Zwecke alle Springfedern des Kredits in Bewegung zu setzen, in demselben Maße vermehren sich die1 Erdbeben, worin die Handelswelt sich nur dadurch erhält, daß sie einen Teil des Reichtums, der Produkte und selbst der Produktionskräfte den Göttern der Unterwelt opfert - nehmen mit einem Wort die Krisen zu. Sie werden häufiger und heftiger schon deswegen, weil in demselben Maß, worin die Produktenmasse, also das Bedürfnis nach ausgedehnten Märkten wächst, der Weltmarkt immer mehr sich zusammenzieht, immer weniger2 Märkte zur Exploitation übrigbleiben, da jede vorhergehende Krise einen bisher uneroberten oder vom Handel nur oberflächlich ausgebeuteten Markt dem Welthandel unterworfen hat. Das Kapital lebt aber nicht nur von der Arbeit.
Ein zugleich vornehmer und barbarischer Herr, zieht es mit sich in die Gruft die Leichen seiner Sklaven, ganze Arbeiterhekatomben, die in den Krisen untergehen. Wir sehen also: Wächst das Kapital rasch, so wächst ungleich rascher die Konkurrenz unter den Arbeitern, d.h., desto mehr nehmen verhältnismäßig die Beschäftigungsmittel, die Lebensmittel für die Arbeiterklasse ab, und nichtsdestoweniger ist das rasche Wachsen des Kapitals die günstigste Bedingung für die Lohnarbeit.

MEW BAND 6, Marx, Arbeitslohn, aus dem handschriftlichen Nachlass Seite 535 ff, Geschrieben Ende Dezember 1847

1. Arbeitslohn = Preis der Ware.
Die Bestimmung des Arbeitslohns fällt im allgemeinen also zusammen mit der allgemeinen Bestimmung des Preises.
Die menschliche Tätigkeit = Ware.
Die Äußerung des Lebens - die Lebenstätigkeit erscheint als bloßes Mittel; die von dieser Tätigkeit abgesonderte Existenz1 als Zweck.
2. Als Ware der Arbeitslohn abhängig von der Konkurrenz, der Nachfrage und Zufuhr.
3. Die Zufuhr selbst abhängig von den Produktionskosten, d. h. der zur Produktion einer Ware erforderlichen Arbeitszeit.
4. Umgekehrtes Verhältnis von Profit und Salär. Gegensatz der beiden Klassen, deren ökonomisches Dasein der Profit und das Salär sind.
5. Kampf um Erhöhung oder Verminderung des Salärs. Arbeiterassoziationen.
6. Durchschnitts- oder normaler Preis der Arbeit; das Minimum, gilt nur für die Klasse der Arbeiter, nicht für den einzelnen. Koalitionen der Arbeiter zur Erhaltung des Salärs.
7. Einfluß von Abschaffung der Steuern, Schutzzölle, Verminderung der Armeen usw. auf das Salär. Das Minimum im Durchschnitt bestimmt = dem Preis der notwendigen Lebensmittel.

Geht der Arbeiter, durch die Maschine verdrängt, in einen andren Arbeitszweig über, so ist das regelmäßig ein schlechterer. Er kommt nie wieder in seine frühere Lage.


Jede Entwicklung einer neuen Produktivkraft zugleich eine Waffe gegen die Arbeiter. Z. B. alle Verbesserungen in den Kommunikationsmitteln erleichtern die Konkurrenz der Arbeiter in verschiedenen Orten und machen aus einer lokalen Konkurrenz eine nationale usw

  1. Der Arbeitslohn wird immer mehr abhängig vom Weltmarkt, spielermäßig die Lage des Arbeiters
    y) Die Ware Arbeit hat große Nachteile vor andren Waren. Für den Kapitalisten handelt es sich bei der Konkurrenz mit den Arbeitern bloß um den Profit, bei den Arbeitern um die Existenz.
    III. Konkurrenz der Arbeiter unter sich
    a) Nach einem allgemeinen ökonomischen Gesetz kann es nicht zwei Marktpreise geben. Von 1000 Arbeitern von gleicher Geschicklichkeit bestimmen den Arbeitslohn nicht die 950 beschäftigten, sondern die 50 unbeschäftigten
    b) Die Arbeiter machen sich Konkurrenz, nicht nur, indem einer sich wohlfeiler anbietet als der andre, sondern indem einer für zwei arbeitet
    Im Falle einer Krise
    oc) wird der Arbeiter seine Ausgaben einschränken oder, [um] ihre Produktivität zu vermehren, entweder längere Stundenzahl oder mehr in der selben Stunde fabrizieren. Da ihr Lohn aber reduziert ist, weil die Nachfrage nach ihrem Produkt abgenommen, vermehren sie noch das ungünstige Verhalten der Zufuhr zur Nachfrage, und dann sagt der Bourgeois: Wenn die Leute nur arbeiten wollten. Ihr Arbeitslohn sinkt durch ihre Überanstrengung dann noch tiefer.
    ß) In Zeiten der Krise:
    Völlige Beschäftigungslosigkeit. Herabsetzen des Lohns. Bleiben des Lohns[453] und Verminderung der Arbeitstage.
    y) In allen Krisen folgende Zirkelbewegung in bezug auf die Arbeiter:
    Der Arbeitgeber kann die Arbeiter nicht beschäftigen, weil er sein Produkt nicht verkaufen kann. Er kann sein Produkt nicht verkaufen, weil er keine Abnehmer hat. Er hat keine Abnehmer, weil die Arbeiter nichts als - ihre Arbeit auszutauschen haben, und eben deswegen können sie ihre Arbeit nicht austauschen.
    ö) Wenn Vom Steigen des Arbeitslohns gesprochen wird, ist zu bemerken, daß man immer den Weltmarkt im Auge haben muß und daß das Steigen des
    Arbeitslohns außer Kraft1 dadurch ist, daß Arbeiter in andern Ländern außer Brot gesetzt werden.
    Um den wirklich niedrigsten level des Minimums herbeizuführen, dazu tragen bei nicht nur
    1. die allgemeine Entwicklung der Produktionsmaschinerie, Teilung der Arbeit, zunehmende und von den lokalen Fesseln befreite Konkurrenz der Arbeiter unter sich, sondern
    2. das Wachstum der Steuern und die größere Kostspieligkeit des Staatshaushalts, denn obgleich, wie wir gesehn haben, das Abschaffen einer Steuer dem Arbeiter nichts nützt, so schadet ihm das Auflegen jeder neuen, solange das Minimum des Salärs noch nicht auf seinen letztmöglichen Ausdruck gesunken ist, und dies ist der Fall mit allen Perturbationen und Erschwerungen des bürgerlichen Verkehrs. Das Wachstum der Steuern, um dies nebenbei zu bemerken, wird zum Ruin der kleinen Bauern, Bürger und Handwerker.
    Beispiel nach dem Befreiungskrieg. Der Fortschritt der Industrie, der wohlfeilere Produkte und Surrogate aufbringt.
    3. Dies Minimum strebt sich auszugleichen in den verschiedenen Ländern.
    4. Wenn der Arbeitslohn einmal gefallen ist und später wieder steigt, so steigt er dagegen nie mehr zu seiner frühren Höhe.
    Im Laufe der Entwicklung fällt also der Arbeitslohn doppelt:
    Erstens: relativ im Verhältnis zur Entwicklung des allgemeinen Reichtums.
    Zweitens: absolut, indem die Quantität Waren, die der Arbeiter im Austausch erhält, immer geringer wird.
    5. In dem Lauf der großen Industrie wird die Zeit immer mehr zum Maß des Werts der Waren, also auch zum Maß des Arbeitslohns. Zugleich wird die Produktion der Ware Arbeit immer wohlfeiler und kostet immer weniger Arbeitszeit im Lauf der Zivilisation.
    Indem das Wachstum der Produktivkräfte das Arbeiten auf einer größern Stufenleiter nach sich zieht, wird die momentane Überproduktion immer nötiger, der Weltmarkt immer ausgedehnter, bei universellerer Konkurrenz.
    Also die Krisen immer heftiger.
    Nachdem der Kapitalist ein größeres Kapital in Maschinen gesteckt hat, ist er gezwungen, ein größeres Kapital auf den Ankauf des Rohstoffs und des zur Treibung der Maschinen nötigen Rohstoffs zu verwenden. Hat er aber früher 100 Arbeiter beschäftigt, so wird er jetzt vielleicht nur 50 nötig haben.
    Er müßte sonst die andren Teile des Kapitals vielleicht noch einmal verdoppeln, d. h. das Mißverhältnis noch größer machen. Er wird also 50 entlassen, oder die 100 müssen für denselben Preis arbeiten wie früher 50. Es befinden sich also überflüssige Arbeiter auf dem Markt
    Die Überproduktion wird dadurch beschleunigt, und bei der nächsten Krise sind mehr Arbeiter unbeschäftigt als jemals.
    Die große Industrie bedarf beständig einer Reservearmee unbeschäftigter Arbeiter für die Zeiten der Überproduktion. Der Hauptzweck des Bourgeois gegenüber dem Arbeiter ist ja überhaupt, die Arbeitsware möglichst wohlfeil zu haben, was nur möglich ist, wenn die Zufuhr dieser Ware möglichst groß ist im Verhältnis zur Nachfrage nach derselben, d. h., wenn möglichst viel Überbevölkerung stattfindet.

 

 

Karl Marx: Ein Bourgeoisaktenstück

 


MEW Band 7, Karl Marx: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850, Seite 26


Es blieb also nur ein Ausweg übrig: einen Teil der Proletarier dem anderen entgegenzustellen: Lumpenproletariat .So stand dem Pariser Proletariat eine aus seiner eigenen Mitte gezogene Armee von 24000 jugendlich kräftigen, tollkühnen Männern gegenüber. Neben der Mobilgarde beschloß die Regierung noch eine industrielle Arbeiterarmee um sich zu scharen. Hunderttausend durch die Krise und die Revolution auf das Pflaster geworfene Arbeiter einrollierte der Minister Marie in sogenannte Nationalateliers. Unter diesem prunkenden Namen versteckte sich nichts anderes als die Verwendung der Arbeiter zu langweiligen, eintönigen, unproduktiven Erdarbeiten für einen Arbeitslohn von 23 Sous. In ihnen glaubte die provisorische Regierung eine zweite proletarische Armee gegen die Arbeiter selbst gebildet zu haben. Diesmal irrte sich die Bourgeoisie in den Nationalateliers, wie sich die Arbeiter in der Mobilgarde irrten. Sie hatte eine Armee für die Erneute geschaffen.



MEW Band 8, Karl Marx: Der 18. Brumaire, Seite 174


Die Bourgeoisie schrie aber um so lauter nach einer „starken Regierung", sie fand es um so unverzeihlicher, Frankreich „ohne Administration" zu lassen, je mehr eine allgemeine Handelskrise nun im Anmärsche schien und in den Städten für den Sozialismus warb, wie der ruinierend niedrige Preis des Getreides auf dem Lande. Der Handel wurde täglich flauer, die unbeschäftigten Hände vermehrten sich zusehends,in Paris waren wenigstens 10 000Arbeiter brotlos, in Rouen, Mülhausen, Lyon, Roubaix, Tourcoing, St.Etienne, Elbeuf usw. standen zahllose Fabriken still.
Wenn der Handel schlecht ging, wie fortdauernd seit Ende Februar 1851, klagte sie die parlamentarischen Kämpfe als Ursache der Stockung an und schrie nach ihrem Verstummen, damit der Handel wieder laut werde.



MEW Band 9, Karl Marx: Zehnstundenbill, Seite 194


Bis jetzt hatten uns die Bourgeoisökonomen erzählt, daß der Hauptnutzen der Maschinen in der Verkürzung und Abschaffung der körperlichen Arbeit und Plackerei bestehe. Jetzt gesteht die „Times", daß unter den gegenwärtigen Klassenverhältnissen die Arbeitszeit durch die Maschinen nicht verkürzt, sondern verlängert wird, daß sie zuerst die individuelle Arbeit ihrer Qualität beraubt und dann den Arbeiter zwingt, den Verlust an Qualität durch Quantität wieder wettzumachen. So wird der Arbeitstag um Stunden verlängert, zur Tagesarbeit die Nachtarbeit hinzugefügt, und dieserProzeß wird nur von den industriellen Krisen unterbrochen, wenn dem Menschen jede Arbeit überhaupt verweigert wird wenn die Fabriktore vor seiner Nase zugeschlagen werden und er Ferien nehmen oder sich aufhängen kann, ganz nach Belieben.

MEW Band 9, Karl Marx: Seite 343, Panik an der Londoner Börse – Streiks London, Dienstag, 27. September 1853

Die Spinner verlangten in Bury erneut eine Aufbesserung von zwei Pence je tausend Docken. Da die Fabrikanten ablehnten, stellten sie die Arbeit ein,
und die Weber werden desgleichen tun, sobald sie den Garnvorrat aufgearbeitet haben. Wahrend in Preston die Weber noch eine Lohnerhöhung von 10% verlangen und von den Arbeitern der Umgebung unterstützt werden, haben sechs Fabrikanten ihre Fabriken bereits geschlossen, und die anderen werden ihnen wohl folgen. Dadurch sind zweitausend Arbeiter ihrer Arbeit beraubt worden.
In Wigan haben die Haspler einer Spinnerei für eine Lohnerhöhung um 1 Penny je 20 Stück gestreikt, und die Spinner an den Wasserspinnmaschinen einer anderen Spinnerei weigerten sich, wieder mit der Arbeit anzufangen, ehe nicht ihr Lohn erhöht würde. Beide Spinnereien wurden geschlossen.
Am selben Ort wird der Streik der Kohlenhäuer fortgesetzt, welcher etwa 5000 Arbeiter erfaßt hat. Der Earl of Crawford und andere große Bergwerksbesitzer der Nachbarschaft haben ihre Arbeiter am Mittwochabend entlassen.
Während die Arbeiter in den wichtigsten Industriestädten von Lancashire, Cheshire, Derbyshire usw. öffentliche Versammlungen abhalten, um Maßnahmen für die Unterstützung ihrer leidenden Brüder zu beraten, sind die Fabrikanten andererseits entschlossen, ihre Betriebe für unbestimmte Zeit zu schließen, um ihre Arbeiter durch Hunger zur Unterwerfung zu zwingen.
Wenn die Arbeiter mehr als nur „die wichtigsten Lebensmittel" verlangen, wenn sie beanspruchen, an den Profiten, die ihre eigene Arbeit geschaffen hat, „teilhaben zu wollen", dann werden sie kommunistischer Tendenzen angeklagt.
Unter gewissen Umständen gibt es für den Arbeiter keine andere Möglichkeit festzustellen, ob er nach dem wahren Marktwert seiner Arbeitt265] bezahlt wird oder nicht, als in den Streik zu treten oder damit zu drohen.
Falls jedoch, wie ich annehme, die Depression andauern sollte, werden die Arbeiter bald ihre ganze Schwere zu verspüren bekommen, und sie werden - sehr aussichtslos - gegen Lohnherabsetzungen zu kämpfen haben. Doch dann wird ihre Aktivität bald auf die politische Ebene übergreifen.


MEW Band 9, Karl Marx: Die Kriegsfrage – Finanzangelegenheiten – Streiks, Seite 424 – 425


Um ihre Forderungen erfolgreich durchzusetzen, müssen die Arbeiter selbstverständlich versuchen, einen Teil von ihnen in Arbeit zu halten, bis der andere seinen Streik erfolgreich durchgeführt hat. Doch wo die Arbeiter zu dieser Methode greifen, schließen die Fabrikanten nach gegenseitiger Vereinbarung alle ihre Fabriken, um die Arbeiter dadurch in größtes Elend zu treiben. Wie Sie wissen, sollten die Prestoner Fabrikanten das Spiel beginnen.2 13 Fabriken wurden bereits geschlossen, und Ende nächster Woche sollen alle Fabriken zugemacht und mehr als 24000 Arbeiter auf die Straße geworfen werden.
Die Fabrikbarone ausPreston haben ihrerseits geheime Emissäre ausgeschickt, um die Unterstützungsmöglichkeiten für die Streikenden zu untergraben und die Spinnereibesitzer von Burnley, Colne, Bacup usw. zu veranlassen, ihre Betriebe zu schließen und eine allgemeine Arbeitseinstellung hervorzurufen.
In Bury nehmen die Dinge einen ähnlichen Verlauf wie in Preston. In Bolton, wo die Steppdeckenmacher auslosten, wer in Streik treten solle, haben alle Unternehmer in diesem Industriezweig sofort ihre Fabriken geschlossen.


MEW Band 9, Karl Marx: Krieg – Streiks – Teuerungen London, Dienstag, I.November 1853 , Seite 449

Die Frage", so erklären die Arbeitgeber selbst in einem ihrer jüngsten Manifeste, „ist nicht mehr eine Frage der Löhne, sondern eine Frage der Macht" Die Manchester-Liberalen haben damit schließlich ihr Löwenfell abgeworfen. Was sie anstreben - das ist Herrschaft für das Kapital und Sklaverei für den Arbeiter.
Aussperrung gegen Arbeitseinstellung, das ist der große Rechtsfall, der jetzt in den Industriedistrikten schwebt, und wahrscheinlich werden in dieser Sache Bajonette das Urteil fällen. Eine ganze industrielle Armee, mehr als 70000 Arbeiter, ist entlassen und auf die Straße geworfen worden. Zu den geschlossenen Fabriken in Preston und Wigan sind die aus dem Distrikt von Bacup gekommen, zu dem die Stadtgemeinden Bacup, Newchurch, Rawtenstall, Sharnford und Stanford gehören. In Burnley stellten die Fabriken am vergangenen Freitag die Arbeit ein, in Padiham am Sonnabend; in Accrington ziehen die Fabrikanten eine Aussperrung in Erwägung; in Bury, wo bereits ungefähr 1000 Arbeiter arbeitslos sind, haben die Fabrikanten ihren Arbeitern mit „Aussperrung" gedroht, „falls sie nicht aufhörten, die Arbeitslosen dieser Stadt und in Preston zu unterstützen"; und in Hindley wurden am Sonnabendnachmittag drei große Fabriken geschlossen und dadurch über 1000 Personen ebenfalls arbeitslos .

MEW Band 11, Seite 68, Karl Marx: Ostindien


Die neuesten Nachrichten aus Ostindien sind wichtig, weil sie den Stand des Geschäfts zu Kalkutta und Bombay als trostlos darstellen. In den Manufakturdistrikten schreitet die Krise langsam aber sicher voran. Die Besitzer von Feinspinnereien in Manchester haben in einem vorgestern gehaltenen Meeting beschlossen, vom 26. Februar an ihre Fabriken nur 4 Tage in der Woche arbeiten zu lassen und in der Zwischenzeit die Fabrikanten in der Umgegend zu ähnlichem Schritte aufzufordern. In den Fabriken zu Blackburn,Preston und Bolton ist den Arbeitern bereits angezeigt, daß künftig nur „kurze Zeit" gearbeitet wird. Die Bankerutte werden um so zahlreicher und größer sein, als in dem letzten Jahre viele Fabrikanten, um die Märkte zu forcieren, das Exportgeschäft mit Übergehung der Kommissionshäuser selbst in. die Hand genommen.

 

Karl Marx
[Die Krise in Europa] [„New-York Daily Tribüne" Nr. 4878 vom 6. Dezember 1856,
Leitartikel]

MEW, Band 12, Seite 80f

In der Tat kündigt der chronische Charakter, den die gegenwärtige Finanzkrise angenommen hat, nur einen heftigeren und unheilvolleren Ausgang dieser Krise an. Je länger die Krise andauert, um so schlimmer wird die Abrechnung. Europa befindet sich augenblicklich in der Lage eines Menschen am Rande des Bankrotts, der gezwungen ist, zugleich alle Unternehmungen weiter zu betreiben, die ihn ruiniert haben, und zu allen möglichen verzweifelten Mitteln zu greifen, mit denen er den letzten furchtbaren Krach aufzuschieben und zu verhindern hofft. Eis ergehen neue calls1 zur Zahlung auf das Kapital von Gesellschaften, die in der Mehrzahl nur auf dem Papier existieren. Große Summen Bargeld werden in Spekulationen investiert, aus denen sie niemals zurückgezogen werden können, während der hohe Zinsfuß – gegenwärtig sieben Prozent bei der Bank von England - gleichsam ein strenger Künder des kommenden Gerichts ist.


Karl Marx: Das englische Fabriksystem

MEW, Band 12, Seite 192

Während sich die Anzahl der Maschinen, die durch jede Pferdestärke in Gang gesetzt werden, sich beträchtlich vermehrt hat, ist die Anzahl der pro Pferdestärke beschäftigten Personen unverändert geblieben, nämlich 4 Personen im Durchschnitt.

Es mag noch erwähnt werden, daß das menschenfreundliche Gesetz von 1844 gestattet, Kinder von 8 Jahren in Fabriken zu beschäftigen, während es vorher gesetzwidrig war, Kinder unter 9 Jahren zu beschäftigen.


Karl Marx: Die Handelskrise in England, 1857

MEW, Band 12, Seite 337

Was den englischen Geldmarkt anbetrifft, so zeigt seine Geschichte während der Woche, die mit dem 27. November endete, einerseits einen ständigen Wechsel von Tagen mit Bankrotten und von Tagen ohne Bankrotte, andererseits die Besserung der Lage der Bank von England und den Zusammenbruch der Northumberland and Durham District Bank. Diese Bank, die vor 21 Jahren gegründet wurde, 408 Aktionäre zählt, und über ein eingezahltes Kapital von 562 891 Pfd.St. verfügt, hatte ihre Hauptgeschäftsstelle in Newcastle und ihre Filialen in Alnwick, Berwick, Hexham, Morpeth, North und South Shields, Sunderland und Durham. Ihre Passiva werden mit drei Millionen Pfund Sterling angegeben und allein die Wochenlöhne, die durch ihre Vermittlung gezahlt wurden, auf 35 000 Pfd.St. Die erste Folge ihres Zusammenbruchs wird natürlich die Stillegung der großen Kohlengruben und Eisenhütten sein, die mit den Darlehen dieser Bank betrieben wurden. Viele Tausend Arbeiter wird man also arbeitslos machen.


Karl Marx: Das Attentat auf Bonaparte [„New-York Daily Tribüne" Nr. 5254 vom 22. Februar 1858,Leitartikel]
MEW, Band 12, Seite 389

Die Handelskrise hat daher notwendigerweise die materielle Grundlage des Kaiserreiches untergraben, das niemals eine moralische Grundlage besaß außer der zeitweiligen Demoralisierung aller Klassen und aller Parteien. Die Arbeiterklasse nahm im gleichen Moment, wo sie arbeitslos wurde, ihre feindliche Haltung gegenüber der bestehenden Regierung wieder auf. Ein großer Teil der Handelsund Industriebourgeoisie wurde durch die Krise in die gleiche Lage versetzt, die Napoleon veranlaßt hatte, seinen coup d'etat zu beschleunigen;


Karl Marx
[Die Wirtschaftskrise in Frankreich] [„New-York Daily Tribüne" Nr. 5270 vom 12. März 1858, Leitartikel]
MEW, Band 12, Seite 396-397

Während die französische Industrie stagniert, eine große Anzahl von Arbeitern arbeitslos und jedermanns Mittel knapp sind, bleiben die Preise, die woanders durchschnittlich um 30 bis 40 Prozent gefallen sind, in Frankreich immer noch auf der spekulativen Höhe der Periode, die der generellen Krise vorausging. Wenn man uns fragt, wodurch* dieses ökonomische Wunder vollbracht worden ist, so lautet die Antwort einfach, daß die Bank von Frankreich unter dem Druck der Regierung zweimal gezwungen worden ist, die fälligen Wechsel und Anleihen zu verlängern, und daß dadurch, mehr oder weniger direkt, die in den Bankgewölben angehäuften Mittel des französischen Volkes dazu benutzt worden sind, die hochgetriebenen Preise eben gegen dieses Volk hochzuhalten. Die Regierung scheint sich einzubilden, daß durch diesen äußerst einfachen Prozeß der Verteilung der Banknoten, wo immer sie gebraucht werden, die Katastrophe endgültig abgewehrt werden kann. Das wirkliche Ergebnis dieses Verfahrens ist jedoch einerseits eine Verschärfung der Not der Konsumenten gewesen, deren verringerten Mitteln man nicht mit verringerten Preisen entgegengekommen ist, andererseits in den Zollspeichern eine riesige Anhäufung von Waren, die infolge ihrer eigenen Masse entwertet werden, wenn sie letztlich gemäß ihrer eigentlichen Bestimmung auf den Markt geworfen werden müssen.
Mit dem Schwinden des materiellen Wohlstands und seines üblichen Anhängsels, der politischen Gleichgültigkeit, verschwindet auch jeder Vorwand für ein weiteres Bestehen des Zweiten Kaiserreiches.


Karl Marx
Eine preußische Meinung zum Krieg [„New-York Daily Tribüne" Nr. 5659 vom 10. Juni 1859] Berlin, 24. Mai 185

MEW, Band 13, Seite 355

halte ich es für zweckmäßig, Ihre Aufmerksamkeit auf einen eben veröffentlichten Zirkularerlaß der preußischen Regierung zu lenken, in dem sie unter Hinweis auf die bedrohlichen Folgen der Entlassung ganzer industrieller Armeen in Schlesien, Berlin, Sachsen und Rheinpreußen erklärt, daß sie den Petitionen der Handelskammern von Berlin, Breslau, Stettin, Danzig und Magedeburg, die ihr das zweifelhafte Experiment empfehlen, mehr unkonvertierbares Papiergeld auszugeben, nicht Gehör schenken kann, und daß sie noch entschiedener ablehnt, die Arbeiter nur deshalb mit öffentlichen Arbeiten zu beschäftigen, damit sie Arbeit und Lohn erhalten. Die letztere Forderung klingt gewiß sonderbar in einem Augenblick, in dem die Regierung aus Mangel an Geldmitteln gezwungen war, die schon im Gange befindlichen öffentlichen Arbeiten plötzlich einzustellen. Allein die Tatsache, daß die preußische Regierung bereits zu Anfang des Krieges gezwungen ist, eine solche Proklamation zu erlassen, spricht Bände. Fügt man dieser plötzlichen Störung des industriellen Lebens eine allgemeine Auflage neuer Steuern in ganz Deutschland, eine allgemeine Erhöhung der Preise von lebensnotwendigen Waren und eine allgemeine Desorganisierung aller Geschäftsunternehmungen durch die Einberufung der Reserven und der Landwehr1 hinzu, können Sie sich eine ungefähre Vorstellung von den Ausmaßen machen, die das soziale Elend in einigen Monaten erreichen wird. Die Zeiten sind jedoch vorbei, wo die Masse des deutschen Volkes irdische Mißgeschicke als unabwendbare Heimsuchungen des Himmels anzusehen pflegte. Man hört bereits eine leise, aber vernehmbare Stimme im Volk die Worte murmeln: „Verantwortung! Wäre die Revolution von 1848 nicht durch Betrug und Gewalt niedergeschlagen worden, stünden sich Frankreich und Deutschland nicht wieder in Waffen gegenüber. Hätten die brutalen Unterdrücker der deutschen Revolution nicht ihre gekrönten Häupter vor einem Bonaparte und einem Alexander gebeugt, würde es heute keinen Krieg geben." Das ist das leise Grollen der Stimme des Volkes, die schließlich mit Donnerschlägen sprechen wird.


Karl Marx
Die Lage in der britischen Fabrikindustrie II [„New-York Daily Tribüne" London, 10. Juli 1860
MEW, Band 15, Seite 88

Das einzige Gewerbe, das während der letzten sechs Monate infolge des Abschlusses des englisch-französischen Handelsvertrages2 und der Befürchtungen um die Auswirkungen der ausländischen Konkurrenz ernstlich gehemmt wurde, ist die Seidenfabrikation. Der dadurch ausgeübte Druck nahm allmählich zu, so daß in dem Augenblick, da ich diesen Artikel schreibe, mehr als 13 000 Weber allein in Coventry ohne Beschäftigung sind, weil alle Webstühle stillstehen. Diese Krise ist um so bedauerlicher, als in Coventry - wie ich in einem Artikel über die Fabrikberichte bemerkte - eine Anzahl von Cottage-Seidenfabriken aus dem Boden geschossen waren, in denen die Arbeiter ihre eigenen Familien beschäftigten mit hier und da ein paar gemieteten Arbeitern.


Karl M a r x
Ein Londoner Arbeitermeeting [„Die Presse" Nr.32 vom 2. Februar 1862] London, 28. Januar 1862
MEW, Band 15, Seite 454

Die Arbeiterklasse, ein so vorwiegender Bestandteil in einer Gesellschaft, die seit Menschengedenken keinen Bauernstand mehr besitzt, ist bekanntlich nicht im Parlament vertreten. Dennoch ist sie nicht ohne politischen Einfluß. Keine bedeutende Neuerung, keine entscheidende Maßregel ist hierzulande je durchgeführt worden ohne pressure from without (Druck von außen), sei es, daß die Opposition solcher pressure gegen die Regierung, oder die Regierung der pressure gegen die Opposition bedurfte. Unter pressure from without versteht der Engländer große, außerparlamentarische Volksdemonstrationen, die natürlich ohne lebhafte Mitwirkung der Arbeiterklasse nicht in Szene gesetzt werden können.

Das Elend, welches die durch die Blockade der Sklavenstaaten motivierte Stillsetzung der Fabriken und Verkürzung der Arbeitszeit in den nördlichen Manufaktur-Distrikten unter den Arbeitern erzeugt hat, ist unglaublich und täglich im Wachsen begriffen. Die anderen Bestandteile der Arbeiterklasse leiden nicht in demselben Grade, aber sie leiden empfindlich unter der Rückwirkung der Krise der Baumwollindustrie auf die übrigen Industriezweige, unter der Verkürzung der Ausfuhr ihrer eigenen Produkte nach dem Norden Amerikas infolge des Morrill-Tarifs11341 und der Vernichtung dieser Ausfuhr nach dem Süden infolge der Blockade.
Englische Einmischung in Amerika ist daher in diesem Augenblicke zur Messer- und Gabelfrage für die arbeitende Klasse geworden. Dazu wird von Seiten ihrer „natural superiors" (natürliche Vorgesetzte) kein Mittel verschmäht, um ihren Zorn gegen die Vereinigten Staaten zu entflammen.

 

 

Karl Marx

Arbeiternot in England

1862

 

Karl Marx

Notstand der Baumwollarbeiter

1862

 

 

Karl Marx , Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation, gegründet am 28. September 1864 in öffentlicher Versammlung in St. Martin's Hall, Long Acre, in London [„Der Social-Demokrat" Nr. 2 und 3 vom 21. und 30. Dezember 1864] [Aufzeichnung einer Rede von Karl Marx über die Folgen der Anwendung von Maschinen durch die Kapitalisten14203] [Aus dem Protokoll der Sitzung des Generalrats vom 28. Juli 1868]:

Aber das war nicht alles. Als der Amerikanische Bürgerkrieg die Fabrikarbeiter von Lancashire und Cheshire auf das Pflaster warf, entsandte dasselbe Haus der Lords einen Arzt in jene Manufakturdistrikte mit dem Auftrag, zu untersuchen, welcher kleinste Betrag von Kohlen- und Stickstoff, eingegeben in der wohlfeilsten und ordinärsten Form, durchschnittlich grade ausreiche, um „Hungerkrankheiten abzuwehren'' („to avert starvation diseases"). Dr.Smith, der ärztliche Bevollmächtigte, fand aus, daß eine wöchentliche Portion von 28 000 Gran Kohlen- und 1330 Gran Stickstoff einen Durchschnittserwachsenen genau über dem Niveau der Hungerkrankheiten halten werde und daß dieser Dosis ungefähr die spärliche Nahrung entsprach, wozu der Druck äußerster Not die Baumwollenarbeiter heruntergebracht hatte.* Aber nun merkt auf! Derselbe gelehrte Doktor wurde später wieder durch den Medizinalbeamten des Geheimen Rats (Privy Council) beauftragt mit der Untersuchung über den Ernährungsstand des ärmeren Teils der Arbeiterklasse.
Die Ergebnisse seiner Forschung sind einverleibt in den „Sechsten Bericht über den Zustand der öffentlichen Gesundheit", veröffentlicht im Lauf des gegenwärtigen Jahres auf Befehl des Parlaments. Was entdeckte der Doktor? Daß Seidenweber, Nähterinnen, Handschuhmacher, Strumpfwirker und andre Arbeiter jahraus, jahrein im Durchschnitt nicht einmal jene Notration der unbeschäftigten Baumwollarbeiter erhalten, nicht einmal jenen Betrag von Kohle und Stickstoff, der „gerade hinreichend zur Abwehr von Hungerkrankheiten ".
Und wer schaudert nicht vor dem Paradoxon, eingetragen in die Berichte der Fabrikinspektoren und beleuchtet durch die Tabellen der General-Registratur, dem Paradoxon, daß zur Zeit, wo ihre Nahrungsration sie kaum über dem Niveau der Hungerkrankheit hielt, die Gesundheit der Arbeiter von Lancashire sich verbesserte infolge ihres zeitweiligen Ausschlusses aus der Baumwollfabrik durch die Baumwollnot und daß die Sterblichkeit der Fabrikkinder abnahm, weil es ihren Müttern jetzt endlich freistand, ihnen statt der Opiummixtur die Brust zu reichen.
Kehrt die Medaille wieder um!
Überall die Massen der Arbeiterklasse tiefer sinkend in demselben Verhältnisse wenigstens, als die Klassen über ihnen in der gesellschaftlichen Waagschale aufschnellten. Und so ist es jetzt in allen Ländern Europas eine Wahrheit, erwiesen für jeden vorurteilsfreien Geist und nur geleugnet durch die interessiert klugen Prediger eines Narrenparadieses, daß keine Entwicklung der Maschinerie, keine chemische Entdeckung, keine Anwendung der Wissenschaft auf die Produktion, keine Verbesserung der Kommunikationsmittel, keine neuen Kolonien, keine Auswanderung, keine Eröffnung von Märkten, kein Freihandel, noch alle diese Dinge zusammengenommen das Elend der arbeitenden Massen beseitigen können, sondern daß vielmehr umgekehrt, auf der gegenwärtigen falschen Grundlage, jede frische Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit dahin streben muß, die sozialen Kontraste zu vertiefen und den sozialen Gegensatz zuzuspitzen.


Karl Marx:

aus: "Lohn, Preis, Profit"

Während der Phase sinkender Marktpreise, ebenso wie während der Phasen der Krise und der Stagnation, ist der Arbeiter, falls er nicht überhaupt aufs Pflaster geworfen wird, einer Herabsetzung des Arbeitslohns gewärtig. Um nicht der Geprellte zu sein, muß er, selbst während eines solchen Sinkens der Marktpreise, mit dem Kapitalisten darüber markten, in welchem proportionalen Ausmaß eine Lohnsenkung notwendig geworden sei. Wenn er nicht bereits während der Prosperitätsphase, solange Extraprofite gemacht werden, für eine Lohnsteigerung kämpfte, so käme er im Durchschnitt eines industriellen Zyklus nicht einmal zu seinem Durchschnittslohn oder dem Wert seiner Arbeit. Es ist der Gipfel des Widersinns, zu verlangen, er solle, während sein Arbeitslohn notwendigerweise durch die ungünstigen Phasen des Zyklus beeinträchtigt wird, darauf verzichten, sich während der Prosperitätsphase schadlos zu halten. Allgemein ausgedrückt: Die Werte aller Waren werden nur realisiert durch Ausgleichung der ständig wechselnden Marktpreise, die aus den ständigen Fluktuationen von Nachfrage und Zufuhr entspringen. Auf Basis des gegenwärtigen Systems ist die Arbeit bloß eine Ware wie die andern. Sie muß daher dieselben Fluktuationen durchmachen, um einen ihrem Wert entsprechenden Durchschnittspreis zu erzielen. Es wäre absurd, sie einerseits als Ware zu behandeln und andrerseits zu verlangen, sie solle von den die Warenpreise regelnden Gesetzen ausgenommen werden. Der Sklave erhält eine ständige und fixe Menge zum Lebensunterhalt; der Lohnarbeiter erhält sie nicht. Er muß versuchen, sich in dem einen Fall eine Lohnsteigerung zu sichern, schon um in dem andern wenigstens für die Lohnsenkung entschädigt zu sein. Wollte er sich damit bescheiden, den Willen, die Machtsprüche des Kapitalisten als ein dauerndes ökonomisches Gesetz über sich ergehn zu lassen, so würde ihm alles Elend des Sklaven ohne die gesicherte Existenz des Sklaven zuteil.



[Aufzeichnung einer Rede von Karl Marx über die Folgen der Anwendung von Maschinen durch die Kapitalisten] [Aus dem Protokoll der Sitzung des Generalrats vom 28. Juli 1868]

MEW, Band 16, Seite 553


Infolge der vervollkommneten Maschinen und der erhöhten Arbeitsintensität der Arbeiter werde heute während des kurzen Arbeitstages mehr Arbeit geleistet als früher während des langen Arbeitstages. Die Menschen seien wiederum überarbeitet, und es werde bald notwendig, den Arbeitstag auf acht Stunden zu beschränken.
Eine weitere Folge der Anwendung von Maschinen habe darin bestanden, daß sie die Frauen und Kinder in die Fabriken getrieben habe. Dadurch sei die Frau zu einer aktiven Kraft unserer gesellschaftlichen Produktion geworden. Früher sei die Frauen- und Kinderarbeit im Familienkreis angewandt worden.
die Entwicklung der Maschinen schreite ständig vorwärts, und wenn diese Entwicklung auch gleichzeitig viele Menschen zur Produktion heranziehe und ihnen Arbeit gebe, so beraube sie andererseits doch ständig viele Menschen ihrer Arbeit. Es gebe einen ständigen Uberschuß an Verdrängten und nicht, wie die Malthusianer behaupteten, eine Übervölkerung im Verhältnis zur Produktion des Landes, sondern eine Übervölkerung, deren Arbeit durch produktivere Maschinen überflüssig geworden sei.
Die Anwendung der Maschinen auf dem Lande erzeuge eine ständige Übervölkerung, die schon keine Beschäftigung mehr findet. Dieser Überschuß ströme in die Städte und übe einen ständigen Druck auf den Arbeitsmarkt aus, einen Druck, der zur Senkung der Löhne führe.



Karl Marx, Erster Entwurf zu „Bürgerkrieg in Frankreich“

MEW, Band 17, Seite 528

Eine große Anzahl Werkstätten und Fabriken in Paris sind geschlossen worden, da ihre Besitzer geflohen sind. Das ist die alte Methode der industriellen Kapitalisten, die sich „durch das spontane Wirken der Gesetze der politischen Ökonomie" berechtigt glauben, nicht nur aus der Arbeit Profit zu ziehen, was für sie die Voraussetzung jeglicher Arbeit ist, sondern sie überhaupt einzustellen und die Arbeiter auf die Straße zu werfen – um eine künstliche Krise zu erzeugen, sobald eine siegreiche Revolution die „Ordnung" ihres „Systems" bedroht. Die Kommune hat, sehr weise, eine kommunale Kommission eingesetzt, welche in Zusammenarbeit mit den von den verschiednen Syndikatskammern vorgeschlagenen Delegierten nach Mitteln und Wegen suchen wird, die verlassnen Werkstätten und Fabriken an Arbeiterkooperativgenossenschaften zu übergeben, mit einiger Entschädigung für die geflüchteten Kapitalisten (16. April); (diese Kommission hat auch Statistiken der verlassenen Werkstätten aufzustellen).


Friedrich Engels, Zur Wohnungsfrage

MEW Band 18, Seite 236

Woher kommt nun die Wohnungsnot? Wie entstand sie? Herr Sax darf als guter Bourgeois nicht wissen, daß sie ein notwendiges Erzeugnis der bürgerlichen Gesellschaftsform ist; daß eine Gesellschaft nicht ohne Wohnungsnot bestehen kann,in der die große arbeitende Masse auf Arbeitslohn, also auf die zu ihrer Existenz und Fortpflanzung notwendige Summe von Lebensmitteln, ausschließlich angewiesen ist; in der fortwährend neue Verbesserungen der Maschinerie usw. Massen von Arbeitern außer Arbeit setzen; in der heftige, regelmäßig wiederkehrende industrielle Schwankungen einerseits das Vorhandensein einer zahlreichen Reservearmee von unbeschäftigten Arbeitern bedingen, andrerseits zeitweilig die große Masse der Arbeiter arbeitslos auf die Straße treiben; in der Arbeiter massenhaft in den großen Städten zusammengedrängt werden, und zwar rascher, als unter den bestehenden Verhältnissen Wohnungen für sie entstehn, in der also für die infamsten Schweineställe sich immer Mieter finden müssen; in der endlich der Hausbesitzer, in seiner Eigenschaft als Kapitalist, nicht nur das Recht, sondern, vermöge der Konkurrenz, auch gewissermaßen die Pflicht hat, aus seinem Hauseigentum rücksichtslos die höchsten Mietpreise herauszuschlagen. In einer solchen Gesellschaft ist die Wohnungsnot kein Zufall, sie ist eine notwendige Institution, sie kann mitsamt ihren Rückwirkungen auf die Gesundheit usw. nur beseitigt werden, wenn die ganze Gesellschaftsordnung, der sie entspringt, von Grund aus umgewälzt wird. Das aber darf der Bourgeoissozialismus nicht wissen. Er darf sich die Wohnungsnot nicht aus den Verhältnissen erklären. Es bleibt ihm also kein anderes Mittel übrig, als sie mit moralischen Phrasen aus der Schlechtigkeit der Menschen zu erklären, sozusagen aus der Erbsünde.


Friedrich Engels, Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft

MEW, Band 19, Seite 218 - 226

In der Tat, seit 1825, wo die erste allgemeine Krisis ausbrach, geht die ganze industrielle und kommerzielle Welt, die Produktion und der Austausch sämtlicher zivilisierten Völker und ihrer mehr oder weniger barbarischen Anhängsel, so ziemlich alle zehn Jahre einmal aus den Fugen. Der Verkehr stockt, die Märkte sind überfüllt, die Produkte liegen da, ebenso massenhaft wie unabsetzbar, das bare Geld wird unsichtbar, der Kredit verschwindet, die Fabriken stehn still, die arbeitenden Massen ermangeln der Lebensmittel, weil sie zuviel Lebensmittel produziert haben, Bankerott folgt auf Bankerott, Zwangsverkauf auf Zwangsverkauf. Jahrelang dauert die Stokkung, Produktivkräfte wie Produkte werden massenhaft vergeudet und zerstört, bis die aufgehäuften Warenmassen unter größrer oder geringrer Entwertung endlich abfließen, bis Produktion und Austausch allmählich wieder in Gang kommen. Nach und nach beschleunigt sich die Gangart, fällt in Trab, der industrielle Trab geht über in Galopp, und dieser steigert sich wieder bis zur zügellosen Karriere einer vollständigen industriellen, kommerziellen, kreditlichen und spekulativen Steeple-chase, um endlich nach den halsbrechendsten Sprüngen wieder anzulangen — im Graben des Krachs. Und so immer von neuem. Das haben wir nun seit 1825 volle fünfmal erlebt und erleben es in diesem Augenblick (1877) zum sechsten Mal.
Und der Charakter dieser Krisen ist so scharf ausgeprägt, daß Fourier sie alle traf, als er die erste bezeichnete als: crise plethorique, Krisis aus Überfluß.
In den Krisen kommt der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung zum gewaltsamen Ausbruch.
Der Warenumlauf ist momentan vernichtet: das Zirkulationsmittel, das Geld, wird Zirkulationshindernis; alle Gesetze der Warenproduktion und Warenzirkulation werden auf den Kopf gestellt. Die ökonomische Kollision hat ihren Höhepunkt erreicht: Die Produktionsweise rebelliert gegen die Austauschweise.
Die Tatsache, daß die gesellschaftliche Organisation der Produktion innerhalb der Fabrik sich zu dem Punkt entwickelt hat, wo sie unverträglich geworden ist mit der neben und über ihr bestehenden Anarchie der Produktion in der Gesellschaft - diese Tatsache wird den Kapitalisten selbst handgreiflich gemacht durch die gewaltsame Konzentration der Kapitale, die sich während der Krisen vollzieht vermittelst des Ruins vieler großen und noch mehr kleiner Kapitalisten. Der gesamte Mechanismus der kapitalistischen Produktionsweise versagt unter dem Druck der von ihr selbst erzeugten Produktivkräfte. Sie kann diese Masse von Produktionsmitteln nicht mehr alle in Kapital verwandeln; sie liegen brach, und eben deshalb muß auch die industrielle Reservearmee brachliegen. Produktionsmittel, Lebensmittel, disponible Arbeiter, alle Elemente der Produktion und des allgemeinen Reichtums sind im Überfluß vorhanden. Aber „der Überfluß wird Quelle der Not und des Mangels" (Fourier), weil er es gerade ist, der die Verwandlung der Produktions- und Lebensmittel in Kapital verhindert.
Denn in der kapitalistischen Gesellschaft können die Produktionsmittel nicht in Tätigkeit treten, es sei denn, sie hätten sich zuvor in Kapital, in Mittel zur Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft verwandelt. Wie ein Gespenst steht die Notwendigkeit der Kapitaleigenschaft der Produktionsund Lebensmittel zwischen ihnen und den Arbeitern. Sie allein verhindert das Zusammentreten der sachlichen und der persönlichen Hebel der Produktion; sie allein verbietet den Produktionsmitteln, zu fungieren, den Arbeitern, zu arbeiten und zu leben. Einesteils also wird die kapitalistische Produktionsweise ihrer eignen Unfähigkeit zur ferneren Verwaltung dieser Produktivkräfte überführt. Andrerseits drängen diese Produktivkräfte selbst mit steigender Macht nach Aufhebung des Widerspruchs, nach ihrer Erlösung von ihrer Eigenschaft als Kapital, nach tatsächlicher Anerkennung ihres Charakters als gesellschaftlicher Produktivkräfte.
Es ist dieser Gegendruck der gewaltig anwachsenden Produktivkräfte gegen ihre Kapitaleigenschaft, dieser steigende Zwang zur Anerkennung ihrer gesellschaftlichen Natur, der die Kapitalistenklasse selbst nötigt, mehr und mehr, soweit dies innerhalb des Kapitalverhältnisses überhaupt möglich, sie als gesellschaftliche Produktivkräfte zu behandeln. Sowohl die industrielle Hochdruckperiode mit ihrer schrankenlosen Kreditaufblähung, wie der Krach selbst durch den Zusammenbruch großer kapitalistischer Etablissements, treiben zu derjenigen Form der Vergesellschaftung größrer Massen von Produktionsmitteln, die uns in den verschiednen Arten von Aktiengesellschaften gegenübertritt. Manche dieser Produktions- und Verkehrsmittel sind von vornherein so kolossal, daß sie, wie die Eisenbahnen, jede andere Form kapitalistischer Ausbeutung ausschließen. Auf einer gewissen Entwicklungsstufe genügt auch diese Form nicht mehr; die inländischen Großproduzenten eines und desselben Industriezweigs vereinigen sich zu einem „Trust", einer Vereinigung zum Zweck der Regulierung der Produktion; sie bestimmen das zu produzierende Gesamtquantum, verteilen es unter sich und erzwingen so den im voraus festgesetzten Verkaufspreis. Da solche Trusts aber bei der ersten schlechten Geschäftszeit meist aus dem Leim gehn, treiben sie eben dadurch zu einer noch konzentnerteren Vergesellschaftung: Der ganze Industriezweig verwandelt sich in eine einzige große Aktiengesellschaft, die inländische Konkurrenz macht dem inländischen Monopol dieser einen Gesellschaft Platz; wie dies noch 1890 mit der englischen Alkaliproduktion geschehen, die jetzt, nach Verschmelzung sämtlicher 48 großen Fabriken, in der Hand einer einzigen, einheitlich geleiteten Gesellschaft mit einem Kapital von 120 Millionen Mark betrieben wird.
In den Trusts schlägt die freie Konkurrenz um ins Monopol, kapituliert die planlose Produktion der kapitalistischen Gesellschaft vor der planmäßigen Produktion der hereinbrechenden sozialistischen Gesellschaft.
Allerdings zunächst noch zu Nutz und Frommen der Kapitalisten. Hier aber wird die Ausbeutung so handgreiflich, daß sie zusammenbrechen muß.
Kein Volk würde eine durch Trusts geleitete Produktion, eine so unverhüllte Ausbeutung der Gesamtheit durch eine kleine Bande von Kuponabschneidern sich gefallen lassen.
So oder so, mit oder ohne Trusts, muß schließlich der offizielle Repräsentant der kapitalistischen Gesellschaft, der Staat, die Leitung der Produktion übernehmen.* Diese Notwendigkeit der Verwandlung in Staatseigentum tritt zuerst hervor bei den großen Verkehrsanstalten: Post, Telegraphen, Eisenbahnen.
Wenn die Krisen die Unfähigkeit der Bourgeoisie zur fernem Verwaltung der modernen Produktivkräfte aufdeckten, so zeigt die Verwandlung der großen Produktions- und Verkehrsanstalten in Aktiengesellschaften, Trusts und Staatseigentum die Entbehrlichkeit der Bourgeoisie für jenen Zweck.
Alle gesellschaftlichen Funktionen des Kapitalisten werden jetzt von besoldeten Angestellten versehn. Der Kapitalist hat keine gesellschaftliche Tätigkeit mehr, außer Revenueneinstreichen, Kuponabschneiden und Spielen an der Börse, wo die verschiednen Kapitalisten untereinander sich ihr Kapital abnehmen. Hat die kapitalistische Produktionsweise zuerst Arbeiter verdrängt, so verdrängt sie jetzt die Kapitalisten und verweist sie» ganz wie die Arbeiter, in die überflüssige Bevölkerung, wenn auch zunächst noch nicht in die industrielle Reservearmee.
Aber weder die Verwandlung in Aktiengesellschaften und Trusts noch die in Staatseigentum hebt die Kapitaleigenschaft der Produktivkräfte auf.
Bei den Aktiengesellschaften und Trusts liegt dies auf der Hand. Und der moderne Staat ist wieder nur die Organisation, welche sich die bürgerliche Gesellschaft gibt, um die allgemeinen äußern Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise aufrechtzuerhalten gegen Übergriffe sowohl der Arbeiter wie der einzelnen Kapitalisten. Der moderne Staat, was auch seine Form, ist eine wesentlich kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten» der ideelle Gesamtkapitalist. Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigentum übernimmt, desto mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier.
Das Kapitalverhältnis wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben. Aber auf der Spitze schlägt es um. Das Staatseigentum an den Produktivkräften ist nicht Lösung des Konflikts, aber es birgt in sich das formelle Mittel, die Handhabe der Lösung.
Diese Lösung kann nur darin liegen, daß die gesellschaftliche Natur der modernen Produktivkräfte tatsächlich anerkannt, daß also die Produktions-, Aneignungs- und Austauschweise in Einklang gesetzt wird mit dem gesellschaftlichen Charakter der Produktionsmittel. Und dies kann nur dadurch geschehn, daß die Gesellschaft offen und ohne Umwege Besitz ergreift von den jeder andren Leitung außer der ihrigen entwachsenen Produktivkräften».
Damit wird der gesellschaftliche Charakter der Produktionsmittel und Produkte, der sich heute gegen die Produzenten selbst kehrt, der die Produktions- und Austauschweise periodisch durchbricht und sich nur als blind wirkendes Naturgesetz gewalttätig und zerstörend durchsetzt, von den Produzenten mit vollem Bewußtsein zur Geltung gebracht und verwandelt sich aus einer Ursache der Störung und des periodischen Zusammenbruchs in den mächtigsten Hebel der Produktion selbst.
Die gesellschaftlich wirksamen Kräfte wirken ganz wie die Naturkräfte:
blindlings, gewaltsam, zerstörend, solange wir sie nicht erkennen und nicht mit ihnen rechnen. Haben wir sie aber einmal erkannt, ihre Tätigkeit, ihre Richtungen, ihre Wirkungen begriffen, so hängt es nur von uns ab, sie mehr und mehr unserm Willen zu unterwerfen und vermittelst ihrer unsre Zwecke zu erreichen,, Und ganz besonders gilt dies von den heutigen gewaltigen Produktivkräften. Solange wir uns hartnäckig weigern, ihre Natur und ihren Charakter-zu verstehn – und gegen dies Verständnis sträubt sich die kapitalistische Produktionsweise und ihre Verteidiger solange wirken diese Kräfte sich aus, trotz uns, gegen uns, solange beherrschen sie uns, wie wir das ausführlich dargestellt haben. Aber einmal in ihrer Natur begriffen, können sie in den Händen der assoziierten Produzenten aus dämonischen Herrschern in willige Diener verwandelt werden. Es ist der Unterschied zwischen der zerstörenden Gewalt der Elektrizität im Blitze des Gewitters und der gebändigten Elektrizität des Telegraphen und des Lichtbogens; der Unterschied der Feuersbrunst und des im Dienst des Menschen wirkenden Feuers. Mit dieser Behandlung der heutigen Produktivkräfte nach ihrer endlich erkannten Natur tritt an die Stelle der gesellschaftlichen Produktionsanarchie eine gesellschaftlich-planmäßige Regelung der Produktion nach den Bedürfnissen der Gesamtheit wie jedes einzelnen. Damit wird die kapitalistische Aneignungsweise, in der das Produkt zuerst den Produzenten, dann aber auch den Aneigner knechtet, ersetzt durch die in der Natur der modernen Produktionsmittel selbst begründete Aneignungsweise der Produkte: einerseits direkt gesellschaftliche Aneignung als Mittel zur Erhaltung und Erweiterung der Produktion, andrerseits direkt individuelle Aneignung als Lebens- und Genußmittel.
Indem die kapitalistische Produktionsweise mehr und mehr die große Mehrzahl der Bevölkerung in Proletarier verwandelt, schafft sie die Macht, die diese Umwälzung, bei Strafe des Untergangs, zu vollziehn genötigt ist.
Indem sie mehr und mehr auf Verwandlung der großen vergesellschafteten Produktionsmittel in Staatseigentum drängt, zeigt sie selbst den Weg an zur Vollziehung der Umwälzung. Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum. Aber damit hebt es sich selbst als Proletariat, damit hebt es alle Klassenunterschiede und Klassengegensätze auf und damit auch den Staat als Staat. Die bisherige, sich in Klassengegensätzen bewegende Gesellschaft hatte den Staat nötig, d.h. eine Organisation der jedesmaligen ausbeutenden Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer äußern Produktionsbedingungen, also namentlich zur gewaltsamen Niederhaltung der ausgebeuteten Klasse in den durch die bestehende Produktionsweise gegebnen Bedingungen der Unterdrückung (Sklaverei, Leibeigenschaft oder Hörigkeit, Lohnarbeit). Der Staat war der offizielle Repräsentant der ganzen Gesellschaft, ihre Zusammenfassung in einer sichtbaren Körperschaft, aber er war dies nur, insofern er der Staat derjenigen Klasse war, welche selbst für ihre Zeit die ganze Gesellschaft vertrat: im Altertum Staat der sklavenhaltenden Staatsbürger, im Mittelalter des Feudaladels, in unsrer Zeit der Bourgeoisie. Indem er endlich tatsächlich Repräsentant der ganzen Gesellschaft wird, macht er sich seihst überflüssig.
Sobald es keine Gesellschaftsklasse mehr in der Unterdrückung zu halten gibt, sobald mit der Klassenherrschaft und dem in der bisherigen Anarchie der Produktion begründeten Kampf ums Einzeldasein auch die daraus entspringenden Kollisionen und Exzesse beseitigt sind, gibt es nichts mehr zu reprimieren, das eine besondre Repressionsgewalt, einen Staat, nötig machte.
Der erste Akt, worin der Staat wirklich als Repräsentant der ganzen Gesellschaft auftritt - die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft ist zugleich sein letzter selbständiger Akt als Staat. Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse wird auf einem Gebiete nach dem andern überflüssig und schläft dann von selbst ein. An die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat wird nicht „abgeschafft", er stirbt ab. Hieran ist die Phrase vom „freien Volksstaat" zu messen, also sowohl nach ihrer zeitweiligen agitatorischen Berechtigung wie nach ihrer endgültigen wissenschaftlichen Unzulänglichkeit; hieran ebenfalls die Forderung der sogenannten Anarchisten, der Staat solle von heute auf morgen abgeschafft werden.
Die Besitzergreifung der sämtlichen Produktionsmittel durch die Gesellschaft hat, seit dem geschichtlichen Auftreten der kapitalistischen Produktionsweise, einzelnen wie ganzen Sekten öfters mehr oder weniger unklar als Zukunftsideal vorgeschwebt. Aber sie konnte erst möglich, erst geschichtliche Notwendigkeit werden, als die tatsächlichen Bedingungen ihrer Durchführung vorhanden waren. Sie, wie jeder andre gesellschaftliche Fortschritt, wird ausführbar nicht durch die gewonnene Einsicht, daß das Dasein der Klassen der Gerechtigkeit, der Gleichheit etc. widerspricht, nicht durch den bloßen Willen, diese Klassen abzuschaffen, sondern durch gewisse neue ökonomische Bedingungen. Die Spaltung der Gesellschaft in eine ausbeutende und eine ausgebeutete, eine herrschende und eine unterdrückte Klasse war die notwendige Folge der früheren geringen Entwicklung der Produktion. Solange die gesellschaftliche Gesamtarbeit nur einen Ertrag liefert, der das zur notdürftigen Existenz aller Erforderliche nur um wenig übersteigt, solange also die Arbeit alle oder fast alle Zeit der großen Mehrzahl der Gesellschaftsglieder in Anspruch nimmt, solange teilt sich diese Gesellschaft notwendig in Klassen. Neben der ausschließlich der Arbeit frönenden großen Mehrheit bildet sich eine von direkt-produktiver Arbeit befreite Klasse, die die gemeinsamen Angelegenheiten der Gesellschaft besorgt: Arbeitsleitung, Staatsgeschäfte, Justiz, Wissenschaften, Künste usw.
Es ist also das Gesetz der Arbeitsteilung, das der Klassenteilung zugrunde liegt. Aber das bindert nicht, daß diese Einteilung in Klassen nicht durch Gewalt und Raub, List und Betrug durchgesetzt worden und daß die herrschende Klasse, einmal im Sattel, nie verfehlt hat, ihre Herrschaft auf Kosten der arbeitenden Klasse zu befestigen und die gesellschaftliche Leitung umzuwandeln in gesteigerte Ausbeutung der Massen.
Aber wenn hiernach die Einteilung in Klassen eine gewisse geschichtliche Berechtigung hat, so hat sie eine solche doch nur für einen gegebnen Zeitraum, für gegebne gesellschaftliche Bedingungen. Sie gründete sich auf die Unzulänglichkeit der Produktion; sie wird weggefegt werden durch die volle Entfaltung der modernen Produktivkräfte. Und in der Tat hat die Abschaffung der gesellschaftlichen Klassen zur Voraussetzung einen geschichtlichen Entwicklungsgrad, auf dem das Bestehn nicht bloß dieser oder jener bestimmten herrschenden Klasse, sondern einer herrschenden Klasse überhaupt, also des Klassenunterschieds selbst, ein Anachronismus geworden, veraltet ist. Sie hat also zur Voraussetzung einen Höhegrad der Entwicklung der Produktion, auf demAneignung derProduktionsmittel und Produkte und damit der politischen Herrschaft, des Monopols der Bildung und der geistigen Leitung durch eine besondre Gesellschaftsklasse nicht nur überflüssig, sondern auch ökonomisch, politisch und intellektuell ein Hindernis der Entwicklung geworden ist. Dieser Punkt ist jetzt erreicht. Ist der politische
und intellektuelle Bankerott der Bourgeoisie ihr selbst kaum noch ein Geheimnis, so wiederholt sich ihr ökonomischer Bankerott regelmäßig alle zehn Jahre. In jeder Krise erstickt die Gesellschaft unter der Wucht ihrer eignen, für sie unverwendbaren Produktivkräfte und Produkte, und steht hülflos vor dem absurden Widerspruch, daß die Produzenten nichts zu konsumieren haben, weil es an Konsumenten fehlt. Die Expansionskraft der Produktionsmittel sprengt die Bande, die die kapitalistische Produktionsweise ihr angelegt. Ihre Befreiung aus diesen Banden ist die einzige Vorbedingung einer ununterbrochen, stets rascher fortschreitenden Entwicklung der Produktivkräfte und damit einer praktisch schrankenlosen Steigerung der Produktion selbst. Damit nicht genug. Die gesellschaftliche Aneignung der Produktionsmittel beseitigt nicht nur die jetzt bestehende künstliche Hemmung der Produktion, sondern auch die positive Vergeudung und Verheerung von Produktivkräften und Produkten, die gegenwärtig die unvermeidliche Begleiterin der Produktion ist und ihren Höhepunkt in den Krisen erreicht. Sie setzt ferner eine Masse von Produktionsmitteln und Produkten für die Gesamtheit frei durch Beseitigung der blödsinnigen Luxusverschwendung der jetzt herrschenden Klassen und ihrer politischen Repräsentanten. Die Möglichkeit, vermittelst der gesellschaftlichen Produktion allen Gesellschaftsgliedern eine Existenz zu sichern, die nicht nur materiell vollkommen ausreichend ist und von Tag zu Tag reicher wird, sondern die ihnen auch die vollständige freie Ausbildung und Betätigung ihrer körperlichen und geistigen Anlagen garantiert, diese Möglichkeit ist jetzt zum ersten Male da, aber sie ist da*
Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts über die Produzenten. Die Anarchie innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planmäßige bewußte Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein hört auf. Damit erst scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich, tritt aus tierischen Daseinsbedingungen in wirklich menschliche. Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herrschaft und Kontrolle der Menschen, die zum ersten Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Herren ihrer eignen Vergesellschaftung werden. Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht. Die eigne Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen bisher als von Natur und Geschichte aufgenötigt gegenüberstand, wird jetzt ihre freie Tat. Die objektiven, fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten unter die Kontrolle der Menschen selbst.
Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an werden die von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in stets steigendem Maß auch die von ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.

 

Friedrich Engels

Ein gerechter Tagelohn
für ein gerechtes Tagewerk

Mai 1881

 


wird fortgesetzt ... ab MEW, Band 20

 


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5. 5. 2020

aus der Grußadresse der Komintern (SH)

zum 202. Geburtstag von Karl Marx:

Es ist das historische Verdienst von Karl Marx und Friedrich Engels, dass sie nicht nur das dialektische Gesetz der Negation der Negation entdeckt haben, sondern es auch auf die Arbeitslosigkeit angewandt haben:

"Die aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalistische Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigne Arbeit gegründeten Privateigentums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Negation. Es ist Negation der Negation.
Diese stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Ära: der Kooperation und des Gemeinbesitzes der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel.
" (Karl Marx, MEW Band 23, "Das Kapital" - 24. Kapitel, Seite 791)

* * *

Die Abschaffung der Arbeitslosigkeit folgt also dem objektiven Entwicklungsgesetz der Weltgesellschaft.

Karl Marx und Friedrich Engels haben sich aber nicht mit der Entdeckung dieses dialektischen Entwicklungsgesetzes begnügt, wodurch die Arbeitslosigkeit beeitigt wird. Sie haben auch den revolutionären Weg beschrieben, auf dem sich dieser dialektische Prozess vollzieht:


"[Es]wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.
Was jetzt zu expropriieren, ist nicht länger der selbstwirtschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitierende Kapitalist. [ebenda]


 


Arbeitslosigkeit

 

1. Ursachen der Arbeitslosigkeit

Unterbeschäftigung "oder" Arbeitslosigkeit kann entspringen „aus Konkurrenz der Maschinerie, Wechsel in der Qualität der angewandten Arbeiter, partiellen und allgemeinen Krisen.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 568.

 

 

1.1. Warum schaffen Kapitalisten Arbeitsplätze?

Da Kapitalisten aus der aktiv wirkenden, lebendigen Arbeitskraft Mehrwert (Profit) schöpfen, suchen sie ständig mit dem Wachstum ihres Kapitals die Zahl ihrer Lohnarbeiter zu vermehren. Vermehrung des Kapitals bringt dort vermehrte Arbeitsplätze, wo das Kapital noch unentwickelt ist. Vermehrung des Kapitals bringt immer dann vermehrte Arbeitsplätze, wenn Kapitalisten expandierende Märkte und boomende Gewinne vor sich sehen.

 

„Um zu akkumulieren, muss man einen Teil des Mehrprodukts in Kapital verwandeln.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 606.

„Um nun diese Bestandteile tatsächlich als Kapital fungieren zu lassen, bedarf die Kapitalistenklasse eines Zuschusses von Arbeit. Soll nicht die Ausbeutung der schon beschäftigten Arbeiter extensiv oder intensiv wachsen, so müssen zusätzliche Arbeitskräfte eingestellt werden.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 607.  

„Obwohl die Maschinerie notwendig Arbeiter verdrängt in den Arbeitszweigen, wo sie eingeführt wird, so kann sie dennoch eine Zunahme von Beschäftigung in anderen Arbeitszweigen hervorrufen. ... Die etwa zur Produktion der Arbeitsmittel selbst, der Maschinerie, Kohle usw., erforderliche Arbeitszunahme muss kleiner sein als die durch Anwendung der Maschinerie bewirkte Arbeitsabnahme. Das Maschinenprodukt wäre sonst ebenso teuer oder teurer als das Handprodukt. Statt aber gleich zu bleiben, wächst tatsächlich die Gesamtmasse des von einer verminderten Arbeiteranzahl produzierten Maschinenartikels weit über die Gesamtmasse des verdrängten Hand-werksartikels. Gesetzt, 4 Millionen Ballen Maschinengewebe würden von weniger Arbeitern produziert als 1 Million Ballen Handgewebe. In dem vervierfachten Produkt steckt viermal mehr Rohmaterial. Die Produktion des Rohmaterials muss also vervierfacht werden. ... Mit der Ausdehnung des Maschinenbetriebs in einem Industriezweig steigert sich also zunächst die Produktion in anderen Zweigen, die ihm seine Produktionsmittel liefern. Wieweit dadurch die beschäftigte Arbeitermasse wächst, hängt ... von der Zusammensetzung der verwand-ten Kapitale ab, d. h. vom Verhältnis ihrer konstanten und variablen Bestandteile. ... Die Anzahl zu Kohlen- und Metallbergwerken verur-teilter Menschen schwoll ungeheuer mit dem Fortschritt des englischen Maschinenwesens, obgleich ihr Anwachs in den letzten Jahrzehnten durch Gebrauch neuer Maschinerie für den Bergbau verlangsamt wird.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 466f.  

„Das nächste Resultat der Maschinerie ist, den Mehrwert und zugleich die Produktenmasse, worin er sich darstellt, also mit der Substanz, wovon die Kapitalistenklasse samt Anhang zehrt, diese Gesell-schaftsschichten selbst zu vergrößern. Ihr wachsender Reichtum ... erzeugt mit neuem Luxusbedürfnis zugleich neue Mittel seiner Be-friedigung. Ein größerer Teil des gesellschaftlichen Produkts verwandelt sich in Mehrprodukt und ein größerer Teil des Mehrprodukts wird in verfeinerten und vervielfältigten Formen reproduziert und verzehrt. In anderen Worten: Die Luxusproduktion wächst. Die Verfeinerung und Vervielfältigung der Produkte entspringt ebenso aus den neuen weltmarktlichen Beziehungen, welche die große Industrie schafft. Es werden nicht nur mehr ausländische Genussmittel gegen das heimische Produkt ausgetauscht, sondern es geht auch eine größere Masse fremder Rohstoffe, Ingredienzien, Halbfabrikate usw. als Produktionsmittel in die heimische Industrie ein. Mit diesen weltmarktlichen Beziehungen steigt die Arbeitsnachfrage in der Transportindustrie und spaltet sich letztere in zahlreiche neue Unterarten.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 468f.  

„Die Vermehrung von Produktions- und Lebensmitteln bei relativ abnehmender Arbeiterzahl treibt zur Ausdehnung der Arbeit in Industriezweigen, deren Produkte, wie Kanäle, Warendocks, Tunnels, Brücken usw., nur in fernerer Zukunft Früchte tragen. Es bilden sich, entweder direkt auf der Grundlage der Maschinerie, oder doch der ihr entsprechenden allgemeinen industriellen Umwälzung, ganz neue Produktionszweige und daher neue Arbeitsfelder.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 469.  

„Man begreift jedoch, trotz der vom Maschinenbetrieb faktisch verdrängten und virtuell ersetzten Arbeitermasse, wie mit seinem eigenen Wachstum, ausgedrückt in vermehrter Anzahl von Fabriken derselben Art oder den erweiterten Dimensionen vorhandener Fabriken, die Fabrikarbeiter schließlich zahlreicher sein können als die von ihnen verdrängten Manufakturarbeiter oder Handwerker.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 473. 

1.2. Wo Kapitalisten die Produktivität steigern,
produzieren sie Arbeitslosigkeit

Durch die Steigerung der Arbeitsproduktivität, d. h. vor allem durch Anwendung verbesserter Technik, versucht jedes Kapital möglichst viel von seiner angewandten Arbeitskraft überflüssig zu machen. Vermehrung des Kapitals vernichtet also immer dort Arbeitsplätze (relativ oder absolut), wo mittels technischer Neuerungen die Produktivität der Arbeitskraft gesteigert wird. Längerfristig werden dann auch dort Arbeitsplätze vernichtet, wo das Kapital nicht so profitabel arbeitet. Denn über kurz oder lang zwingt der besonders profitable Kapitalist auch die anderen Kapitalisten ihre angewandte Arbeitskraft relativ zu reduzieren, oder Pleite zu gehen. 

„Es ist eines der großen Verdienste Ricardos, die Maschinerie nicht nur als Produktionsmittel von Waren, sondern auch von ‚überschüssiger Bevölkerung‘ begriffen zu haben.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 430, Anm. 154.  

„... Was heißt wachsende Produktivkraft der Arbeit anderes, als dass weniger unmittelbare Arbeit nötig ist, um ein größeres Produkt zu schaffen ...“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 715.  

„Die größere Produktivität der Arbeit drückt sich darin aus, dass das Kapital weniger notwendige Arbeit zu kaufen hat, um denselben Wert und größere Mengen von Gebrauchswerten zu schaffen, oder dass geringere notwendige Arbeit denselben Tauschwert schafft, mehr Material verwertet, und eine größere Masse Gebrauchswerte. ... Es erscheint dies zugleich so, dass eine geringere Menge Arbeit eine größere Menge Kapital in Bewegung setzt.“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 292f.  

„Der Kapitalist verwandelt vielleicht ... das Zusatzkapital in eine Maschine, die den Produzenten des Zusatzkapitals aufs Pflaster wirft ...“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 608.

„Die im Lauf der normalen Akkumulation gebildeten Zusatzkapitale dienen vorzugsweise als Vehikel zur Ausbeutung neuer Erfindungen und Entdeckungen, überhaupt industrieller Vervollkommnungen. Aber auch das alte Kapital erreicht mit der Zeit den Moment, wo es sich eine technisch modernisierte Form gibt, worin eine geringere Masse Arbeit genügte, eine größere Masse Maschinerie und Rohstoffe in Bewegung zu setzen. Die hieraus notwendig folgende absolute Abnahme der Nachfrage nach Arbeit wird selbstredend umso größer, je mehr die diesen Erneuerungsprozess durchmachenden Kapitale bereits zu Massen angehäuft sind ... Einerseits zieht also das im Fortgang der Akkumulation gebildete Zuschusskapital, verhältnismäßig zu seiner Größe, weniger und weniger Arbeiter an. Andererseits stößt das periodisch in neuer Zusammensetzung reproduzierte alte Kapital mehr und mehr früher von ihm beschäftigte Arbeiter aus.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 657.  

„Es ist, wie wir gesehen, Gesetz des Kapitals Mehrarbeit ... zu schaffen; es kann dies nur, indem es notwendige Arbeit in Bewegung setzt – d. h. Tausch mit dem Arbeiter eingeht. Es ist daher ... Tendenz des Kapitals möglichst viel Arbeit zu schaffen; wie es ebenso sehr seine Tendenz ist, die notwendige Arbeit auf ein Minimum zu reduzieren. Es ist daher ebenso sehr Tendenz des Kapitals die arbeitende Bevölkerung zu vermehren, wie einen Teil derselben beständig als Überschuss-bevölkerung – Bevölkerung, die zunächst nutzlos ist, bis das Kapital sie verwerten kann – zu setzen. ... Es ist ebenso sehr Tendenz des Kapitals, menschliche Arbeit überflüssig zu machen (relativ), als menschliche Arbeit ins Maßlose zu treiben.“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 302f.  

„... Das Kapital (hat) ... ebenso sehr die Tendenz diese Armuts-bevölkerung zu schaffen als aufzuheben. Es wirkt in entgegengesetzter Richtung, wo in der Zeit bald das eine, bald das andere das Übergewicht hat.“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 503.  

„Mit dem Wachstum des Gesamtkapitals wächst zwar auch sein variabler Bestandteil, oder die ihm einverleibte Arbeitskraft, aber in beständig abnehmender Proportion. Die Zwischenpausen, worin die Akkumulation als bloße Erweiterung der Produktion auf gegebener technischer Grundlage wirkt, verkürzen sich.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 658.  

„Die kapitalistische Akkumulation produziert ..., und zwar im Verhältnis zu ihrer
Energie und ihrem Umfang, beständig eine relative, d. h. für die mitt-leren Verwertungsbedürfnisse des Kapitals überschüssige, daher über-flüssige oder Zuschuss-Arbeiterbevölkerung.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 658.  

„Die steigende Produktivkraft der Arbeit erzeugt also, auf kapitalistischer Grundlage, mit Notwendigkeit eine permanente scheinbare Arbeiterübervölkerung.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 233.

„Die überall einsetzbare (weil beschäftigungslose) Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt wie die Expansivkraft des Kapitals. Die verhältnismäßige Größe der industriellen Arbeitslosenarmee wächst also mit den Potenzen des Reichtums.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 673.  

„Im selben Verhältnis daher, wie sich die kapitalistische Produktion entwickelt, entwickelt sich die Möglichkeit einer relativ überzähligen Arbeiterbevölkerung, nicht weil die Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit abnimmt, sondern weil sie zunimmt, also nicht aus einem absoluten Missverhältnis zwischen Arbeit und Existenzmitteln oder Mitteln zur Produktion dieser Existenzmittel, sondern aus einem Missverhältnis, entspringend aus der kapitalistischen Ausbeutung der Arbeit, dem Missverhältnis zwischen dem steigenden Wachstum des Kapitals und seinem relativ abnehmenden Bedürfnis nach wachsender Bevölkerung.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 232.

2. Formen der Arbeitslosigkeit

„Die relative Arbeiter-Übervölkerung existiert in allen möglichen Schattierungen. Jeder Arbeiter gehört ihr an während der Zeit, wo er halb oder gar nicht beschäftigt ist. Abgesehen von den großen, periodisch wiederkehrenden Formen, welche der Phasenwechsel des industriellen Zyklus ihr aufprägt, so dass sie bald akut in den Krisen erscheint, bald chronisch in den Zeiten flauen Geschäfts, besitzt sie fortwährend drei Formen: flüssige, latente und stockende.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 670. 

2.1. Fließende Form der Arbeitslosigkeit

Das Ausstoßen von Arbeitskraft in schrumpfenden Branchen und Betrieben sowie von Großbetrieben, die Arbeitskraft abbauen, wie auch das Einsaugen von Arbeitskraft in den expandierenden Branchen und Betrieben ruft einen ständigen Wechsel der Arbeit hervor, der durch längere oder kürzere Arbeitslosigkeit unter-brochen ist. Fließende Arbeitslosigkeit ist nur ein Übergangsstadium zu neuer Beschäftigung.

„In den Zentren der modernen Industrie ... werden Arbeiter bald ausgestoßen, bald in größerem Umfang wieder eingesaugt, so dass im Großen und Ganzen die Zahl der Beschäftigten zunimmt, wenn auch in stets abnehmendem Verhältnis zur Produktionsleiter. Die Arbeiter-Übervölkerung existiert hier in fließender Form.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 670. 

2.2. Latente (= versteckte) Arbeitslosigkeit

Das betrifft solche Arbeitsverhältnisse, die direkt in Arbeitslosigkeit münden oder nur Scheinalternativen zu Arbeitslosigkeit bieten, z. B. ältere Lohnarbeiter, die Teilzeitverträge abschließen, damit sie nicht sofort entlassen werden, oder Lohnarbeiter in schrumpfenden Branchen und Betrieben, Kurzarbeiter usw. 

„Der Konsum der Arbeitskraft durch das Kapital ist zudem so rasch, dass der Arbeiter von mittlerem Alter sich meist schon mehr oder minder überlebt hat. Er fällt in die Reihen der Überzähligen oder wird von einer höheren auf eine niedrigere Staffel hinabgedrängt. Gerade bei den Arbeitern der großen Industrie stoßen wir auf die kürzeste Lebensdauer.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 671.  

„Sobald sich die kapitalistische Produktion der Agrikultur ... bemächtigt hat, nimmt mit der Akkumulation des hier funktionierenden Kapitals die Nachfrage für die ländliche Arbeiterbevölkerung ab, ohne dass ihr Ausstoßen, wie in der nicht agrarischen Industrie, durch größere Einsaugung ergänzt wäre. ... Der Landarbeiter wird daher auf das Minimum des Lohns herabgedrückt und steht mit einem Fuß stets im Sumpf der Verarmung.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 671f.

Heute gibt es viel versteckte Arbeitslosigkeit bei Zeitverträgen, in vielen staatlichen „Fortbildungs-maßnahmen“, in Gelegenheitsjobs, in Teilzeitarbeit, bei „neuer“ Selbständigkeit, in Ehrenämtern usw.

2.3. Stockende Arbeitslosigkeit mit unregelmäßiger Beschäftigung

„Die dritte Kategorie der relativen Arbeiter-Übervölkerung, die stockende, bildet einen Teil der aktiven Arbeiterarmee, aber mit durchaus unregelmäßiger Beschäftigung. Sie bietet so dem Kapital einen unerschöpflichen Behälter verfügbarer Arbeitskraft. Ihre Lebenslage sinkt unter das durchschnittliche Normalniveau der arbeitenden Klasse ... Maximum der Arbeitszeit und Minimum des Lohns charakterisieren sie. Wir haben unter der Rubrik der Heimarbeit ihre Hauptgestalt bereits kennen gelernt.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 672. Heute sind es vor allem Arbeitsverhältnisse in Teilzeit und in Zeitverträgen, die in diese Kategorie gehören.

2.4. Aussortierte Arme

„Der tiefste Niederschlag der relativen Arbeiter-Übervölkerung endlich behaust die Sphäre der Armut. Abgesehen von Vagabunden, Verbrechern, Prostituierten, kurz dem eigentlichen Lumpenproletariat, besteht diese Gesellschaftsschicht aus drei Kategorien. Erstens Arbeitsfähige. ... Zweitens: Waisen- und Armenkinder. ... Drittens: Verkommene, Verlumpte, Arbeitsunfähige. Es sind namentlich Individuen, die an ihrer durch die Teilung der Arbeit verursachten Unbeweglichkeit untergehen, solche, die über das Normalalter eines Arbeiters hinaus leben, endlich die Opfer der Industrie, ..., Verstümmelte, chronisch Kranke, Witwen etc. Die Armutsbevölkerung bildet das Invalidenhaus der aktiven Arbeiterarmee und das tote Gewicht der industriellen Reservearmee. ... Sie gehört zu den toten Kosten der kapitalistischen Produktion, die das Kapital jedoch großenteils von sich selbst ab auf die Schultern der Arbeiterklasse und der kleinen Mittelklasse zu wälzen weiß.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 673.

Es gehören nur geringe Kenntnisse über den Zustand unserer heutigen Gesellschaft dazu, um die hier von Marx gegebene Beschreibung der sozialen Zustände Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem speziellen Elend zu ergänzen, das für unsere moderne Zeit typisch ist: Junkies, Frührentner, chronisch Kranke, Behinderte, allein erziehende junge Mütter, Jugendliche ohne Schulabschluss, Langzeit-arbeitslose usw.

3. Resümee

„Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums, also auch die absolute Größe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto größer die Arbeitslosenarmee. Die überall einsetzbare Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt wie die Expansivkraft des Kapitals. Die verhältnismäßige Größe der industriellen Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichtums. Je größer aber diese Arbeitslosenarmee im Verhältnis zur aktiven Arbeiterarmee, desto massenhafter die chronische Arbeiter-Übervölkerung, deren Elend im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Arbeitsqual steht. Je größer endlich die Armen-schicht in der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer die offizielle Zahl der Armen. Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation. Es wird gleich allen anderen Gesetzen in seiner Verwirklichung durch mannigfache Umstände modifiziert, deren Analyse nicht hierher gehört.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 673f.  

„Wir sahen im vierten Abschnitt bei der Analyse der Produktion des relativen Mehrwerts: innerhalb des kapitalistischen Systems vollziehen sich alle Methoden zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit auf Kosten des individuellen Arbeiters; alle Mittel zur Entwicklung der Produktion schlagen um in Beherrschungs- und Ausbeutungsmittel des Produzenten, verstümmeln den Arbeiter in einen Teilmenschen, entwürdigen ihn zum Anhängsel der Maschine, vernichten mit der Qual seiner Arbeit ihren Inhalt, entfremden ihm die geistigen Potenzen des Arbeitsprozesses im selben Maße, worin letzterem die Wissenschaft als selbständige Potenz einverleibt wird; sie verunstalten die Bedingungen, innerhalb deren er arbeitet, unterwerfen ihn während des Arbeitsprozesses der kleinlichst gehässigen Despotie, verwandeln seine Lebenszeit in Arbeitszeit, schleudern Frau und Kind in die Mühle des Kapitals. Aber alle Methoden zur Produktion des Mehrwerts sind zugleich Methoden der Akkumulation, und jede Ausdehnung der Akkumulation wird umgekehrt Mittel zur Entwicklung jener Methoden. Es folgt daher, dass im Maße wie Kapital akkumuliert, die Lage des Arbeiters, welches immer seine Zahlung, hoch oder niedrig, sich verschlechtern muss. Das Gesetz endlich, welches die relative Arbeiter-Übervölkerung oder Arbeitslosenarmee stets mit Umfang und Energie der Akkumulation im Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter fester an das Kapital als den Prometheus die Keile des Hephaistos an den Felsen. Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital entsprechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Verkommen-heit auf dem Gegenpol, d. h. auf Seite der Klasse, die ihr eigenes Produkt als Kapital produziert.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 674f.

 

„Von Tag zu Tag wird es somit klarer, dass die Produktionsverhältnisse, in denen sich die Bourgeoisie bewegt, nicht einen einheitlichen, einfachen Charakter haben, sondern einen widersprüchlichen; dass in denselben Verhältnissen, in denen der Reichtum produziert wird, auch das Elend produziert wird ...; dass diese Verhältnisse den bürgerlichen Reichtum ... nur erzeugen unter fortgesetzter Vernichtung des Reichtums einzelner Glieder dieser Klasse und unter Schaffung eines stets wachsenden Proletariats.“ K. Marx, Das Elend der Philosophie, zit. n. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 675, Anm. 88.