Karl Marx

Enthüllungen
über den
Kommunistenprozeß
zu Köln

geschrieben Ende Oktober bis Anfang Dezember 1852

MEW, Band 8; S. 405-470


 

I

Vorläufiges

 

<409> Nothjung wurde am 10. Mai 1851 in Leipzig verhaftet, kurz darauf Bürgers, Röser, Daniels, Becker usw. Am 4. Oktober 1852 erschienen die Verhafteten vor den Kölner Assisen unter der Anklage "hochverräterischen Komplotts" gegen den preußischen Staat. Die Untersuchungshaft - Zellengefängnis - hatte also an 11/2 Jahre gewährt.

Bei der Verhaftung von Nothjung und Bürgers fand man das "Manifest der Kommunistischen Partei" vor, die "Statuten des Bundes der Kommunisten" (einer kommunistischen Propagandagesellschaft), zwei Ansprachen der Zentralbehörde dieses Bundes, endlich einige Adressen und Druckschriften. Nachdem die Verhaftung des Nothjung schon acht Tage bekannt war, fielen Haussuchungen und Verhaftungen in Köln vor. Wenn also noch etwas zu finden gewesen wäre, so war es jetzt sicher verschwunden. In der Tat beschränkte sich der Fang auf einige irrelevante Briefe. 11/2 Jahre später, als die Verhafteten endlich vor den Geschworenen erschienen, war das bona fide <als echt erkannte> Material der Anklage auch nicht um ein einziges Dokument vermehrt. Dennoch hatten sämtliche Behörden des preußischen Staats, wie das öffentliche Ministerium (vertreten durch v. Seckendorf und Saedt) versichert, die angestrengteste und vielseitigste Tätigkeit entwickelt. Womit waren sie also beschäftigt? Nous verrons! <Wir werden sehen!>

Die ungewöhnliche Dauer der Untersuchungshaft wurde in der sinnreichsten Weise motiviert. Erst hieß es, die sächsische Regierung wolle Bürgers und Nothjung nicht an Preußen ausliefern. Das Gericht zu Köln reklamierte vergeblich bei dem Ministerium zu Berlin, das Ministerium zu Berlin vergeblich bei den Behörden in Sachsen. Indes, der sächsische Staat ließ sich erweichen. Bürgers und Nothjung wurden ausgeliefert. Endlich, <410> Oktober 1851 war die Sache so weit gediehen, daß die Akten dem Anklagesenat des Kölner Appellhofs Vorlagen. Der Anklagesenat entschied, "daß kein objektiver Tatbestand für die Anklage vorliege und - die Untersuchung daher von neuem beginnen müsse". Der Diensteifer der Gerichte war unterdes angefacht worden durch ein eben erlassenes Disziplinargesetz, das die preußische Regierung befähigte, jeden ihr mißliebigen richterlichen Beamten zu beseitigen. Diesmal also wurde der Prozeß sistiert, weil kein Tatbestand vorlag. In dem folgenden Assisenquartal mußte er aufgehoben werden, weil zuviel Tatbestand vorlag. Der Aktenstoß, hieß es, sei so enorm, daß der Ankläger sich nicht durcharbeiten könne. Er arbeitete sich nach und nach durch, der Anklageakt wurde den Verhafteten zugestellt, die Eröffnung der Verhandlungen für den 28. Juli zugesagt. Unterdes war aber das große Regierungstriebrad des Prozesses, Polizeidirektor Schulz, erkrankt. Die Angeklagten hatten auf Schulzens Gesundheit drei fernere Monate zu sitzen. Zum Glück starb Schulz, das Publikum ward ungeduldig, die Regierung mußte den Vorhang aufziehen.

Während dieser ganzen Periode hatten die Polizeidirektion in Köln, das Polizeipräsidium in Berlin, die Ministerien der Justiz und des Innern fortwährend in den Gang der Untersuchung eingegriffen, in derselben Weise, wie später ihr würdiger Repräsentant Stieber als Zeuge in die öffentlichen Gerichtsverhandlungen zu Köln eingriff. Es gelang der Regierung, ein Geschworenengericht zustande zu bringen, wie es in den Annalen der Rheinprovinz unerhört ist. Neben Mitgliedern der hohen Bourgeoisie (Herstadt, Leiden, Joest) städtisches Patriziat (von Bianca, vom Rath), Krautjunker (Häbling von Lanzenauer, Freiherr von Fürstenberg etc.), zwei preußische Regierungsräte, darunter ein königlicher Kammerherr (von Münch-Bellinghausen), endlich ein preußischer Professor (Kräusler). In dieser Jury waren also sämtliche der in Deutschland herrschenden Klassen vertreten, und nur sie waren vertreten.

Vor dieser Jury, scheint es, konnte die preußische Regierung den geraden Weg einschlagen und einen einfachen Tendenzprozeß machen. Die von Bürgers, Nothjung etc. als echt anerkannten und bei ihnen selbst abgefaßten Dokumente bewiesen zwar kein Komplott; sie bewiesen überhaupt keine Handlung, die durch den Code pénal vorgesehen ist, allein sie bewiesen unwiderleglich die Feindschaft der Angeklagten gegen die bestehende Regierung und die bestehende Gesellschaft. Was der Verstand des Gesetzgebers versäumte, konnte das Gewissen der Geschworenen nachholen. War es nicht eine List der Angeklagten, ihre Feindschaft gegen die bestehende Gesellschaft so einzurichten, daß sie gegen keine Paragraphen des Gesetz <411> buchs verstieß? Hört eine Krankheit auf ansteckend zu sein, weil sie in der Nomenklatur der Medizinalpolizeiordnung fehlt? Hätte sich die preußische Regierung darauf beschränkt, aus dem tatsächlich vorliegenden Material die Schädlichkeit der Angeklagten nachzuweisen, und die Jury sich damit begnügt, sie durch ihr "Schuldig" unschädlich zu machen, wer konnte Regierung und Jury angreifen? Niemand als der blöde Schwärmer, der einer preußischen Regierung und den in Preußen herrschenden Klassen Stärke genug zutraut, auch ihren Feinden, solange sie sich auf dem Gebiete der Diskussion und der Propaganda halten, freien Spielraum gewähren zu können.

Indes, die preußische Regierung hatte sich selbst von dieser breiten Heerstraße politischer Prozesse abgeschnitten. Durch die ungewöhnliche Verschleppung des Prozesses, durch die direkten Eingriffe des Ministeriums in den Gang der Untersuchung, durch die geheimnisvollen Hinweisungen auf ungeahnte Schrecken, durch Prahlereien mit Europa umstrickender Verschwörung, durch die eklatant brutale Behandlung der Gefangenen war der Prozeß zu einem proces monstre <Monsterprozeß> aufgeschwellt, die Aufmerksamkeit der europäischen Presse auf ihn gelenkt und die argwöhnische Neugierde des Publikums aufs höchste gespannt. Die preußische Regierung hatte sich in eine Position gedrängt, wo die Anklage anstandshalber Beweise liefern und die Jury anstandshalber Beweise verlangen mußte. Die Jury stand wieder selbst vor einer andern Jury, vor der Jury der öffentlichen Meinung.

Um den ersten Fehlgriff gutzumachen, mußte die Regierung einen zweiten begehen. Die Polizei, die während der Untersuchung als Instruktionsrichter <Untersuchungsrichter> fungierte, mußte während der Verhandlungen als Zeuge auftreten. Neben den normalen Ankläger mußte die Regierung einen anormalen hinstellen, neben die Prokuratur die Polizei, neben einen Saedt und Seckendorf einen Stieber mit seinem Wermuth, seinem Vogel Greif und seinem Goldheimchen. Die Intervention einer dritten Staatsgewalt vor Gericht war unvermeidlich geworden, um der juristischen Anklage Tatsachen, nach deren Schatten sie vergeblich jagte, durch die Wunderwirkungen der Polizei fortlaufend zu liefern. Das Gericht begriff so sehr diese Stellung, daß Präsident, Richter und Prokurator mit der rühmlichsten Resignation ihre Rolle wechselweise an den Polizeirat und Zeugen Stieber abtraten und beständig hinter Stieber verschwanden. Ehe wir nun fortgehen zur Beleuchtung dieser Polizeioffenbarungen, auf denen der "objektive Tatbestand" beruht, den der Anklagesenat nicht zu finden wußte, noch eine Vorbemerkung.

<412> Aus den Papieren, die man bei den Angeklagten abfaßte, wie aus ihren eignen Aussagen ergab sich, daß eine deutsche kommunistische Gesellschaft existiert hatte, deren Zentralbehörde ursprünglich in London saß. Am 15. September 1850 spaltete sich diese Zentralbehörde. Die Majorität - der Anklageakt bezeichnet sie als "Partei Marx" - verlegte den Sitz der Zentralbehörde nach Köln. Die Minorität - später von den Kölnern aus dem Bunde gestoßen - etablierte sich als selbständige Zentralbehörde zu London und stiftete hier und auf dem Kontinent einen Sonderbund. Der Anklageakt nennt diese Minorität und ihren Anhang die "Partei Willich-Schapper".

Saedt-Seckendorf behaupten, rein persönliche Mißhelligkeiten hätten die Spaltungen der Londoner Zentralbehörden veranlaßt. Lange vor Saedt-Seckendorf hatte schon der "ritterliche Willich" über die Gründe der Spaltung die infamsten Gerüchte in der Londoner Emigration herumgeklatscht und an Herrn Arnold Ruge, diesem fünften Rad am Staatswagen der europäischen Zentraldemokratie, und ähnlichen Leuten bereitwillige Gossen in die deutsche und die amerikanische Presse gefunden. Die Demokratie begriff, wie leicht sie sich den Sieg über die Kommunisten machte, wenn sie den "ritterlichen Willich" zum Repräsentanten der Kommunisten improvisierte. Der "ritterliche Willich" begriff seinerseits, daß die "Partei Marx" die Gründe der Spaltung nicht enthüllen konnte, ohne eine geheime Gesellschaft in Deutschland zu verraten und ohne speziell die Kölner Zentralbehörde der väterlichen Sorgfalt der preußischen Polizei preiszugeben. Diese Umstände existieren jetzt nicht mehr, und wir zitieren daher einige wenige Stellen aus dem letzten Protokolle der Londoner Zentralbehörde d.d. 15. September 1850.

In der Motivierung seines Antrages auf Trennung sagt Marx unter anderem wörtlich: "An die Stelle der kritischen Anschauung setzt die Minorität eine dogmatische, an die Stelle der materialistischen eine idealistische. Statt der wirklichen Verhältnisse wird ihr der bloße Wille zum Triebrad der Revolution. Während wir den Arbeitern sagen: Ihr habt 15, 20, 50 Jahre Bürgerkriege und Völkerkämpfe durchzumachen, nicht nur um die Verhältnisse zu ändern, sondern um euch selbst zu ändern und zur politischen Herrschaft zu befähigen, sagt ihr im Gegenteil: 'Wir müssen gleich zur Herrschaft kommen, oder wir können uns schlafen legen.' Während wir speziell die deutschen Arbeiter auf die unentwickelte Gestalt des deutschen Proletariats hinweisen, schmeichelt ihr aufs plumpste dem Nationalgefühl und dem Standesvorurteil der deutschen Handwerker, was allerdings popu- <413> lärer ist. Wie von den Demokraten das Wort Volk zu einem heiligen Wesen gemacht wird, so von euch das Wort Proletariat. Wie die Demokraten schiebt ihr der revolutionären Entwicklung die Phrase der Revolution unter" etc. etc.

Herr Schapper sagte in seiner Antwort wörtlich:

 

"Ich habe die hier angefochtene Ansicht ausgesprochen, weil ich überhaupt in dieser Sache enthusiastisch hin. Es handelt sich darum, ob wir im Anfange selbst köpfen oder geköpft werden." (Schapper versprach sogar, in einem Jahre, also am 15. September 1851, geköpft zu sein.) "In Frankreich werden die Arbeiter drankommen und damit wir in Deutschland. Wäre das nicht, so würde ich mich allerdings schlafen legen, und dann könnte ich eine andere materielle Stellung haben. Kommen wir dran, so können wir solche Maßregeln ergreifen, daß wir die Herrschaft des Proletariats sichern. Ich bin fanatisch für diese Ansicht, die Zentralbehörde aber hat das Gegenteil gewollt" etc. etc.

 

Man sieht: Es waren nicht persönliche Gründe, die die Zentralbehörde spalteten. Es wäre indes ebenso falsch, von prinzipieller Differenz zu sprechen. Die Partei Schapper-Willich hat nie auf die Ehre Anspruch gemacht, eigne Ideen zu besitzen. Was ihr gehört, ist das eigentümliche Mißverständnis fremder Ideen, die sie als Glaubensartikel fixiert und als Phrase sich angeeignet zu haben meint. Nicht minder unrichtig wäre es, die Partei Willich-Schapper mit der Anklage als "Partei der Tat" zu bezeichnen, es sei denn, daß man unter Tat einen unter Wirtshauspolterei, erlogenen Konspirationen und inhaltslosen Scheinverbindungen versteckten Müßiggang versteht.

 

 

 

II

Das Archiv Dietz

 

<414> Das bei den Angeklagten vorgefundene "Manifest der Kommunistischen Partei", vor der Februarrevolution gedruckt, seit Jahren im Buchhandel befindlich, konnte seiner Form und Bestimmung nach nicht das Programm eines "Komplotts" sein. Die saisierten Ansprachen der Zentralbehörde beschäftigten sich ausschließlich mit dem Verhältnis der Kommunisten zur künftigen Regierung der Demokratie, also nicht mit der Regierung Friedrich Wilhelms IV. Die "Statuten" endlich waren Statuten einer geheimen Propagandagesellschaft, aber der Code pénal enthält keine Strafen gegen geheime Gesellschaften. Als letzte Tendenz dieser Propaganda wird die Zertrümmerung der bestehenden Gesellschaft ausgesprochen, aber der preußische Staat ist schon einmal untergegangen und kann noch zehnmal wieder untergehen und definitiv untergehen, ohne daß der bestehenden Gesellschaft auch nur ein Haar ausfällt. Die Kommunisten können den Auflösungsprozeß der bürgerlichen Gesellschaft beschleunigen helfen und dennoch der bürgerlichen Gesellschaft die Auflösung des preußischen Staates überlassen. Wessen direkter Zweck es wäre, den preußischen Staat zu stürzen, und wer zu diesem Behuf die Zertrümmerung der Gesellschaft als Mittel lehrte, der gliche jenem verrückten Ingenieur, der die Erde sprengen wollte, um einen Misthaufen aus dem Weg zu räumen.

Aber wenn das Endziel des Bundes der Umsturz der Gesellschaft, so ist sein Mittel notwendig die politische Revolution, und er impliziert den Umsturz des preußischen Staates, wie ein Erdbeben den Umsturz des Hühnerstalles impliziert. Aber die Angeklagten gingen nun einmal von der frevelhaften Ansicht aus, daß die jetzige preußische Regierung auch ohne sie fallen werde. Sie stifteten daher keinen Bund zum Sturz der jetzigen preußischen Regierung, sie machten sich keines "hochverräterischen Komplotts" schuldig.

<415> Hat man die ersten Christen je angeklagt, ihr Zweck sei, den ersten besten römischen Winkelpräfekten zu stürzen? Die preußischen Staatsphilosophen von Leibniz bis Hegel haben an der Absetzung Gottes gearbeitet, und wenn ich Gott absetze, setze ich auch den König von Gottes Gnaden ab. Hat man sie aber wegen Attentat auf das Haus Hohenzollern verfolgt?

Man konnte also die Sache drehen und wenden, wie man wollte, das vorgefundene Corpus delicti verschwand wie ein Gespenst vor dem Tageslicht der Öffentlichkeit. Es blieb bei der Klage des Anklagesenats, daß "kein objektiver Tatbestand" vorliege, und die "Partei Marx" war böswillig genug, während der 11/2 Jahre, die die Untersuchung währte, kein Jota zu dem vorliegenden Tatbestand zu liefern.

Diesem Mißstand mußte abgeholfen werden. Die Partei Willich-Schapper, in Verbindung mit der Polizei, half ihm ab. Sehen wir, wie Herr Stieber, der Geburtshelfer dieser Partei, sie in den Kölner Prozeß eingeführt. (Siehe die Zeugenaussage Stiebers in der Sitzung vom 18. Oktober 1852.)

Während Stieber sich im Frühling 1851 in London befand, angeblich die Besucher der Industrieausstellung vor Stiebern und Diebern zu schützen, sandte ihm das Berliner Polizeipräsidium die Kopie der bei Nothjung gefundenen Papiere,

 

"namentlich", schwört Stieber, "wurde ich auf das Archiv der Verschwörung aufmerksam gemacht, welches nach den bei Nothjung gefundenen Papieren in London bei einem gewissen Oswald Dietz liegen und die ganze Korrespondenz der Bundesmitglieder enthalten mußte".

 

Das Archiv der Verschwörung? Die ganze Korrespondenz der Bundesmitglieder? Aber Dietz war der Sekretär der Willich-Schapperschen Zentralbehörde. Befand sich also das Archiv einer Verschwörung bei ihm, so war es das Archiv der Willich-Schapperschen Verschwörung. Fand sich bei Dietz eine Bundeskorrespondenz, so konnte es nur die Korrespondenz des den Kölner Angeklagten feindlichen Sonderbundes sein. Aus der Musterung der bei Nothjung vorgefundenen Dokumente folgt indessen noch mehr, nämlich daß nichts darin auf den Oswald Dietz als Archivverwahrer hinwies. Wie sollte Nothjung auch in Leipzig wissen, was der "Partei Marx" zu London selbst unbekannt war.

Stieber konnte nicht direkt sagen: Nun passen Sie auf, meine Herren Geschwornen! Ich habe unerhörte Entdeckungen in London gemacht. Leider beziehen sie sich auf eine Verschwörung, womit die Kölner Angeklagten nichts zu schaffen und worüber die Kölner Geschwornen nicht zu richten haben, die aber den Vorwand hergab, die Beschuldigten 11/2 Jahre <416> im Zellengefängnis zu logieren. So konnte Stieber nicht sprechen. Nothjungs Intervention war unerläßlich, um die in London gemachten Enthüllungen und aufgestöberten Dokumente in einen Scheinzusammenhang mit dem Kölner Prozeß zu bringen.

Stieber schwört nun, ein Mensch habe sich ihm erbeten, das Archiv für bares Geld von Oswald Dietz zu kaufen. Die Tatsache ist einfach die: Ein gewisser Reuter, preußischer Mouchard, der nie einer kommunistischen Gesellschaft angehört hat, wohnte in demselben Haus mit Dietz, erbrach dessen Pult, während er abwesend war, und stahl seine Papiere. Daß Herr Stieber ihn für diesen Diebstahl bezahlt hat, ist glaublich, würde Stieber aber schwerlich vor einer Reise nach Vandiemensland beschützt haben, wäre das Manöver während seiner Anwesenheit in London bekannt geworden.

Am 5. August 1851 erhielt Stieber zu Berlin "in einem starken Paket in Wachsleinwand" von London das Archiv Dietz, nämlich einen Haufen von Dokumenten, von "sechzig einzelnen Piecen". So schwört Stieber und schwört zugleich, daß dieses Paket, das er am fünften August 1851 erhielt, unter andern Briefe des leitenden Kreises Berlin vom zwanzigsten August 1851 enthielt. Wollte man nun behaupten, Stieber begehe einen Meineid, wenn er versichert, am 5. August 1851 Briefe vom 20. August 1851 erhalten zu haben, so würde er mit Recht antworten, daß ein königlich preußischer Rat dasselbe Recht hat wie der Evangelist Matthäus, nämlich chronologische Wunder zu begehen.

En passant. <Beiläufig.> Aus der Aufzählung der der Partei Willich-Schapper entwandten Dokumente und aus den Daten dieser Dokumente folgt, daß diese Partei, obgleich durch den Einbruch des Reuter gewarnt, noch fortwährend Mittel fand, sich Dokumente stehlen und sie an die preußische Polizei gelangen zu lassen.

Als Stieber sich im Besitz des in starker Wachsleinwand eingewickelten Schatzes fand, wurde ihm unendlich wohl. "Das ganze Gewebe", schwört er, "lag klar vor meinen Augen enthüllt." Und was barg der Schatz in bezug auf die "Partei Marx" und die Kölner Angeklagten? Nach Stiebers eigener Aussage nichts, gar nichts als

 

"eine Originalerklärung mehrerer Mitglieder der Zentralbehörde, welche offenbar den Kern der 'Partei Marx' bilden, d.d. London den 17. September 1850, betreffend ihren Austritt aus der Kommunisten-Gesellschaft infolge des bekannten Bruchs am 15. September 1850".

 

<417> So sagt Stieber selbst, aber auch in dieser harmlosen Aussage vermag er nicht einfach das Faktum zu sagen. Er ist gezwungen, es in eine höhere Potenz zu erheben, um ihm polizeiliche Wichtigkeit zu geben. Jene Originalerklärung enthält nämlich nichts als eine in drei Zeilen bestehende Anzeige der Majoritätsmitglieder der ehemaligen Zentralbehörde und ihrer Freunde, daß sie aus dem öffentlichen Arbeiterverein der Great Windmill Street austreten, nicht aber aus einer "Kommunisten-Gesellschaft".

Stieber konnte seinen Korrespondenten die Wachsleinwand und seiner Behörde die Portokosten ersparen. Er brauchte nur verschiedene deutsche Blätter vom September 1850 durchzustiebern, und Stieber fand gedruckt, schwarz auf weiß, eine Erklärung des "Kernes der Partei Marx", worin sie mit ihrem Austritt aus dem Flüchtlingskomitee zugleich ihren Austritt aus dem Arbeiterverein der Great Windmill Street anzeigt.

Das nächste Resultat der Stieberschen Recherchen war also die unerhörte Entdeckung, daß der "Kern der Partei Marx" aus dem öffentlichen Verein der Great Windmill Street am 17. September 1850 ausgetreten sei. "Das ganze Gewebe des kölnischen Komplotts lag klar vor seinen Augen enthüllt." Das Publikum aber traute seinen Augen nicht.

 

 

III

Das Komplott Cherval

 

<418> Stieber wußte indes mit dem gestohlenen Schatz zu wuchern. Die ihm am 5. August 1851 zugekommenen Papiere führten zur Entdeckung des sogenannten "deutsch-französischen Komplotts zu Paris". Sie enthielten sechs Berichte des von Willich-Schapper abgesandten Emissärs Adolph Majer d.d. Paris und fünf Berichte des leitenden Kreises Paris an die Zentralbehörde Willich-Schapper. (Zeugenaussage Stiebers in der Sitzung vom 18. Oktober.) Stieber unternimmt eine diplomatische Lustreise nach Paris und macht dort die persönliche Bekanntschaft des großen Carlier, der soeben in der berüchtigten Affäre der Goldbarrenlotterie den Beweis geliefert hatte, daß er zwar ein großer Feind der Kommunisten, aber ein noch größerer Freund von fremdem Privateigentum sei.

 

"Demgemäß reiste ich im September 1851 nach Paris ab. Ich fand in dem damaligen dortigen Polizeipräfekt Carlier die bereitwilligste Unterstützung ... Durch französische Polizeiagenten wurden die in den Londoner Briefen enthüllten Fäden schnell und sicher aufgefunden; es gelang, die Wohnungen der einzelnen Chefs der Verschwörung zu ermitteln und alle ihre Bewegungen, namentlich alle ihre Versammlungen und Korrespondenzen, zu beobachten. Man ermittelte dort sehr arge Dinge ... Ich mußte den Anforderungen des Präfekten Carlier nachgeben, und es wurde in der Nacht vom 4. zum 5. September 1851 eingeschritten." (Aussage Stiebers vom 18. Oktober.)

 

Im September reiste Stieber von Berlin ab. Nehmen wir an den 1. September. Abends den 2. September traf er im besten Falle zu Paris ein. In der Nacht vom 4. wird eingeschritten. Bleiben also für die Besprechung mit Carlier und die Ergreifung der nötigen Maßregeln 36 Stunden. In diesen 36 Stunden werden nicht nur die Wohnungen der einzelnen Chefs "ermittelt" alle ihre Bewegungen, alle ihre Versammlungen, alle ihre Korrespondenzen werden "beobachtet", natürlich erst, nachdem ihre "Wohnungen ermittelt" <419> sind. Stiebers Ankunft bewirkt nicht nur eine wundertätige "Schnelligkeit und Sicherheit der französischen Polizeiagenten", sie macht auch die konspirierenden Chefs "bereitwillig", in 24 Stunden so viel Bewegungen, Versammlungen und Korrespondenzen zu begehen, daß schon am andern Abend gegen sie eingeschritten werden kann.

Aber nicht genug, daß am 3. die Wohnungen der einzelnen Chefs ermittelt, alle ihre Bewegungen, Versammlungen und Korrespondenzen beobachtet sind:

 

"Französische Polizeiagenten", schwört Stieber, "finden Gelegenheit, den Sitzungen der Verschworenen beizuwohnen und die Beschlüsse derselben über das Verfahren bei der nächsten Revolution mit anzuhören."

 

Kaum haben also die Polizeiagenten die Versammlungen beobachtet, so finden sie durch die Beobachtung Gelegenheit beizuwohnen, und kaum wohnen sie einer Sitzung bei, so werden es mehrere Sitzungen, und kaum sind es ein paar Sitzungen, so kommt es auch schon zu Beschlüssen über das Verfahren bei der nächsten Revolution - und alles an demselben Tage. An demselben Tage, wo Stieber den Carlier, lernt Carliers Polizeipersonal die Wohnungen der einzelnen Chefs, lernen die einzelnen Chefs das Polizeipersonal Carliers kennen, laden es denselben Tag in ihre Sitzungen ein, halten ihnen zu Gefallen denselben Tag eine ganze Reihe von Sitzungen und können sich nicht von ihnen trennen, ohne noch eiligst Beschlüsse über das Verfahren bei der nächsten Revolution zu fassen.

So bereitwillig Carlier sein mochte - und niemand wird an seiner Bereitwilligkeit zweifeln, drei Monate vor dem Staatsstreich ein kommunistisches Komplott zu entdecken -, Stieber mutet ihm mehr zu, als er leisten konnte. Stieber verlangt Polizeiwunder, er verlangt sie nicht nur, er glaubt sie auch; er glaubt sie nicht nur, er beschwört sie.

 

"Beim Beginne des Unternehmens, nämlich des Einschreitens, verhaftete ich zuerst persönlich mit einem französischen Kommissär den gefährlichen Cherval, den Hauptchef der französischen Kommunisten. Er widersetzte sich heftig, und es entstand ein hartnäckiger Kampf mit ihm."

 

So Stiebers Aussage vom 18. Oktober.

 

"Cherval verübte in Paris ein Attentat auf mich, und zwar in meiner eigenen Wohnung, in welche er sich während der Nacht eingeschlichen, und wobei meine Frau, die mir bei dem dadurch veranlaßten Kampfe zu Hülfe kam, verwundet wurde."

 

So Stiebers andere Aussage vom 27. Oktober.

In der Nacht vom 4. auf den 5, schreitet Stieber bei Cherval ein, und es entsteht ein Faustkampf, worin Cherval sich widersetzt. In der Nacht vom <420> 3. auf den 4. schreitet Cherval bei Stieber ein, und es entsteht ein Faustkampf, worin Stieber sich widersetzt. Aber am 3. herrschte ja gerade die entente cordiale <das herzliche Einvernehmen> zwischen Verschwörern und Polizeiagenten, wodurch so Großes an einem Tage geleistet ward. Jetzt soll nicht nur Stieber am 3. hinter die Verschwörer, sondern die Verschwörer sollen am 3. auch hinter den Stieber gekommen sein. Während Carliers Polizeiagenten die Wohnungen der Verschwörer, entdeckten die Verschwörer die Wohnung Stiebers. Während er ihnen gegenüber eine "beobachtende", spielen sie ihm gegenüber eine tätige Rolle. Während er von ihrem Komplott gegen die Regierung träumt, sind sie mit einem Attentat auf seine Person beschäftigt.

Stieber fährt in seiner Aussage vom 18. Oktober fort:

 

"Bei diesem Kampfe" (wo Stieber in der Offensive) "bemerkte ich, daß Cherval bemüht war, ein Papier in den Mund zu stecken und es hinunterzuschlucken. Es gelang nur mit Mühe, die Hälfte des Papiers zu retten, die andere Hälfte war schon verzehrt."

 

Das Papier befand sich also im Munde, zwischen den Zähnen des Cherval, denn nur die eine Hälfte ward gerettet, die andere war schon verzehrt. Stieber und sein Helfershelfer, Polizeikommissär oder wer sonst, konnten die andere Hälfte nur retten, indem sie ihre Hände in den Rachen des "gefährlichen Cherval" steckten. Die nächste Art, wie Cherval sich gegen einen solchen Angriff verteidigen konnte, war die des Beißens, und wirklich meldeten die Pariser Blätter, Cherval habe die Frau Stieber gebissen, aber in dieser Szene wohnte dem Stieber nicht die Frau bei, sondern der Polizeikommissär. Dagegen erklärt Stieber, bei dem Attentat, das Cherval in seiner eigenen Wohnung verübt, sei Frau Stieber, die ihm zu Hülfe gekommen, verwundet worden. Stellt man die Aussagen Stiebers und die Aussage der Pariser Journale zusammen, so scheint es, daß Cherval in der Nacht vom 3. auf den 4. Frau Stieber biß, um die Papiere zu retten, die Herr Stieber ihm in der Nacht vom 4. auf den 5. aus den Zähnen riß. Stieber wird uns antworten, daß Paris eine Wunderstadt ist und daß schon Larochefoucauld erklärt hat, in Frankreich sei alles möglich.

Lassen wir einen Augenblick den Wunderglauben, so scheint es, daß die ersten Wunder entstanden sind, indem Stieber eine Reihe von Handlungen, die der Zeit nach weit auseinanderliegen, in einen Tag zusammendrängt, auf den 3. September - und die letzten Wunder, indem er verschiedene Tatsachen, die an einem Abende und an einem Orte vorfielen, an zwei verschiedene Nächte und zwei verschiedene Orte verteilt. Wir stellen seiner Erzählung <421> von "Tausendundeiner Nacht" den wirklichen Tatbestand gegenüber. Vorher noch ein verwunderliches Faktum, wenn auch kein Wunder. Stieber entriß eine Hälfte des von Cherval verschluckten Papiers. Was enthielt die gerettete Hälfte? Das Ganze, was Stieber suchte.

 

"Dieses Papier", schwört er, "enthielt eine höchst wichtige Instruktion für den Emissär Gipperich in Straßburg mit dessen vollständiger Adresse."

 

Jetzt zum Tatbestand.

Am 5. August 1851, wissen wir von Stieber, erhielt er das in starke Wachsleinwand verpackte Archiv Dietz. Am 8. oder 9. August 1851 fand sich zu Paris ein gewisser Schmidt ein. Schmidt scheint der unvermeidliche Name für die inkognito reisenden preußischen Polizeiagenten. Stieber reist 1843-1846 als Schmidt im schlesischen Gebirge, sein Londoner Agent Fleury reist 1851 als Schmidt nach Paris. Er sucht hier die einzelnen Chefs der Willich-Schapperschen Verschwörung und findet zunächst Cherval. Er gibt vor, aus Köln entflohen zu sein und von dort die Bundeskasse mit 500 Talern gerettet zu haben. Er beglaubigt sich durch Mandate von Dresden und verschiedenen anderen Orten, spricht von Reorganisation des Bundes, Vereinigungen der verschiedenen Parteien, da die Spaltungen auf rein persönlichen Differenzen beruhten - die Polizei predigte schon damals Einigkeit und Einigung -, und versprach, die 500 Taler zu verwenden, um den Bund wieder in Flor zu bringen. Nach und nach lernt Schmidt die einzelnen Chefs der Schapper-Willichschen Bundesgemeinden in Paris kennen. Er erfährt nicht nur ihre Adressen, er besucht sie, er spioniert ihre Korrespondenzen aus, er beobachtet ihre Bewegungen, er dringt in ihre Sitzungen, er treibt sie voran als agent provocateur <Lockspitzel>, Cherval speziell renommiert um so mehr, je bewundernder Schmidt ihn als den großen Unbekannten des Bundes rühmt, als den "Hauptchef", der bisher nur seine eigene Wichtigkeit ignoriert, was schon manchem großen Manne passiert ist. Eines Abends, als Schmidt sich mit Cherval in die Bundessitzung begibt, verliest Cherval seinen berühmten Brief an Gipperich, vor dessen Abschickung. So erfuhr Schmidt die Existenz des Gipperich. "Sobald Gipperich nach Straßburg zurückgekehrt ist", bemerkte Schmidt, "wollen wir ihm gleich eine Anweisung auf die 500 Taler geben, die zu Straßburg liegen. Hier haben Sie die Adresse des Mannes, der das Geld verwahrt, geben Sie mir dagegen die Adresse des Gipperich, um sie dem Manne, dem er sich vorstellen wird, als Legitimation zuzuschicken." So erhielt Schmidt die Adresse des Gipperich. Denselben Abend, wo Cherval den Brief an Gipperich abschickte, wurde eine Viertelstunde später ver- <422> mittelst des elektrischen Telegraphen Gipperich verhaftet, Haussuchung bei ihm gehalten, der berühmte Brief aufgefangen. Gipperich wurde vor Cherval verhaftet.

Kurze Zeit nachher teilte Schmidt dem Cherval mit, ein preußischer Polizeikerl, namens Stieber, sei in Paris angekommen. Er habe nicht nur dessen Wohnung entdeckt, sondern auch von dem garçon <Kellner> eines gegenüberliegenden Cafés gehört, Stieber habe unterhandelt, um ihn, Schmidt, arretieren zu lassen. Cherval sei der Mann, um dem elenden preußischen Polizisten ein Andenken zu geben. "Er wird in die Seine geschmissen", antwortet Cherval. Beide verabredeten sich, den nächsten Tag in Stiebers Wohnung zu dringen, unter irgendeinem Vorwande seine Anwesenheit zu konstatieren und sich sein Personale zu merken. Den nächsten Abend unternahmen unsere beiden Helden wirklich die Expedition. Unterwegs meinte Schmidt, es sei besser, wenn Cherval sich in das Haus begebe, während er selbst vor dem Hause als Schutzwache patrouilliere. "Du fragst", fuhr er fort, "bei dem Portier nach Stieber und erklärst dem Stieber, wenn er dich vorläßt, du habest Herrn Sperling sprechen und bei ihm anfragen wollen, ob er den erwarteten Wechsel von Köln mitbringe. Apropos, noch eins. Dein weißer Hut fällt auf, er ist zu demokratisch. Da! Setz meinen schwarzen auf." Die Hüte werden gewechselt, Schmidt postiert sich als Schildwache, Cherval zieht die Klingel und befindet sich in der Wohnung des Stieber. Der Portier glaubte nicht, daß Stieber zu Hause sei, und schon wollte sich Cherval zurückziehen, als die Treppe hinunter eine Frauenstimme rief: "Ja, Stieber ist zu Hause." Cherval geht der Stimme nach, deren Spuren zu einem grün bebrillten Subjekt führen, das sich als Stieber zu erkennen gibt. Cherval bringt die verabredete Formel mit dem Wechsel und dem Sperling vor. "Das geht nicht so", fällt Stieber lebhaft ein, "Sie kommen hier ins Haus, fragen nach mir, werden hinaufgewiesen, ziehen dann zurück etc. Das ist mir höchst verdächtig." Cherval antwortet grob, Stieber zieht die Glocke, mehrere Kerls erscheinen augenblicklich, umringen den Cherval, Stieber greift ihm nach der Rocktasche, wo ein Brief hervorlugt. Es war dies zwar keine Instruktion Chervals an Gipperich, wohl aber ein Brief Gipperichs an Cherval. Cherval versucht den Brief zu essen, Stieber fährt ihm in den Mund. Cherval beißt und stößt und schlägt. Mann Stieber will die eine Hälfte, Ehehälfte Stieber will die andere Hälfte retten und wird für ihren Diensteifer verwundet. Der Lärm, den diese Szene verursacht, ruft die verschiedenen Mieter aus ihren Appartements. Unterdessen aber hat einer <423> von Stiebers Kerlen eine goldene Uhr über das Treppengeländer geworfen, und während Cherval: Mouchard! ruft, rufen Stieber und Kompanie: Au voleur! <Haltet den Dieb!> Der Portier bringt die goldene Uhr, und der Ruf: Au voleur! wird allgemein. Cherval wird verhaftet und findet an der Tür zwar nicht seinen Freund Schmidt, wohl aber 4 bis 5 Soldaten, die ihn in Empfang nehmen.

Vor dem Tatbestand verschwinden alle von Stieber beschworenen Wunder. Sein Agent Fleury hat über drei Wochen hindurch operiert, er hat nicht nur die Fäden des Komplotts entdeckt, er hat sie mit weben helfen. Stieber braucht nur noch von Berlin zu kommen und kann rufen: Veni, vidi, vici! <Ich kam, sah und siegte> Er kann dem Carlier ein fertiges Komplott zum Präsent machen, Carlier bedarf nur noch der "Bereitwilligkeit" zum Einschreiten. Frau Stieber braucht nicht am 3. von Cherval gebissen zu werden, weil Herr Stieber am 4. dem Cherval in den Mund greift. Die Adresse des Gipperich und die richtige Instruktion brauchen nicht, wie Jonas aus dem Bauche des Walfisches, aus dem Rachen des "gefährlichen Cherval" ganz herauszukommen, nachdem sie halb gegessen sind. Das einzige, was wunderbar bleibt, ist der Wunderglaube der Geschwornen, denen Stieber seine Lügenmärchen ernsthaft aufzutischen wagen darf. Vollblütige Träger des beschränkten Untertanenverstandes!

 

"Cherval", schwört Stieber (Sitzung vom 18. Oktober), "legte mir im Gefängnis, nachdem ich ihm zu seinem größten Erstaunen alle seine Originalberichte, welche er nach London geschickt. vorgelegt und nachdem er einsah, daß ich alles wußte, ein offenes Geständnis ab."

 

Was Stieber dem Cherval zunächst vorlegte, waren keineswegs dessen Originalberichte nach London. Diese ließ Stieber mit anderen Dokumenten des Archivs Dietz erst später aus Berlin kommen. Was er ihm zunächst vorlegte, war ein von Oswald Dietz gezeichnetes Rundschreiben, das Cherval eben erst erhalten hatte, und einige der jüngsten Briefe von Willich. Wie gelangte Stieber in ihren Besitz?. Während sich Cherval mit Stieber und Ehehälfte biß und schlug, stürzte der brave Schmidt-Fleury zu Madame Cherval, einer Engländerin - Fleury, als Deutschlondoner Kaufmann, spricht natürlich englisch -, und sagt ihr, ihr Mann sei arretiert, die Gefahr groß, sie möchte Chervals Papiere herausgeben, damit er nicht noch mehr kompromittiert werde, Cherval habe ihn beauftragt, sie einer dritten Person einzuhändigen. Zum Beweise, daß er ein echter Abgesandter, zeigt er den weißen Hut, den er dem Cherval abnahm, weil er zu demokratisch aussah. <424> Fleury erhielt die Briefe von Madame Cherval, und Stieber erhielt sie vom Fleury.

Jedenfalls stand er nun auf einer günstigeren Operationsbasis als vorher in London. Die Papiere des Dietz konnte er stehlen, aber die Aussagen des Cherval konnte er machen. Er läßt also seinen Cherval (Sitzung vom 18. Oktober) "sich über die Verbindungen mit Deutschland" dahin auslassen:

 

"Er habe sich längere Zeit in den Rheinlanden aufgehalten und sei namentlich 1848 in Köln gewesen. Dort sei er mit Marx bekannt und von diesem in den Bund aufgenommen worden, den er dann in Paris auf Grund der schon vorgefundenen Elemente eifrig verbreitet habe."

 

1846 wurde Cherval von Schapper und auf Antrag des Schapper in den Bund zu London aufgenommen, während sich Marx in Brüssel befand und noch nicht einmal Bundesmitglied war. Cherval konnte also nicht 1848 in denselben Bund von Marx zu Köln aufgenommen werden.

Cherval reiste nach Ausbruch der Märzrevolution auf einige Wochen nach Rheinpreußen, kehrte aber von da wieder nach London zurück, wo er sich vom Ende Frühling 1848 bis Sommer 1850 fortwährend aufhielt. Er kann also nicht gleichzeitig "den Bund eifrig zu Paris verbreitet haben", oder Stieber, der chronologische Wunder verrichtet, ist auch imstande, räumliche zu verrichten und sogar dritten Personen die Eigenschaft der Ubiquität mitzuteilen.

Marx lernte erst nach seiner Ausweisung aus Paris, September 1849, nachdem er zu London in den Arbeiterverein der Great Windmill Street eingetreten, unter hundert anderen Arbeitern auch den Cherval oberflächlich kennen. Er kann also nicht seine Bekanntschaft 1848 zu Köln gemacht haben.

Cherval erklärte anfänglich dem Stieber über alle diese Punkte die Wahrheit. Stieber suchte ihn zu falschen Aussagen zu zwingen. Erreichte er seinen Zweck? Nur Stiebers eigene Aussage spricht dafür, also ein Minus. Dem Stieber lag natürlich alles daran, Cherval in einen erlogenen Zusammenhang mit Marx zu bringen, um die Kölner Angeklagten in einen künstlichen Zusammenhang mit dem Pariser Komplott zu bringen.

Sobald sich Stieber gezwungen sieht, en détail auf die Verbindungen und Korrespondenzen von Cherval und Genossen mit Deutschland einzugehen, hütet er sich, Köln auch nur zu erwähnen, spricht dagegen mit selbstgefälliger Breite von Heck in Braunschweig, Laube in Berlin, Reininger in Mainz, Tietz in Hamburg etc. etc., kurz, von der Partei Willich-Schapper. Diese Partei, sagt Stieber, hatte "das Archiv des Bundes in Händen". - <425> Durch eine Verwechselung geriet es aus ihren Händen in seine. Er fand in diesem Archiv nicht eine Zeile, die Cherval vor der Spaltung der Londoner Zentralbehörde, vor dem 15. September 1850, nach London oder gar persönlich an Marx gerichtet hätte.

Durch Schmidt-Fleury ließ er der Frau Cherval die Papiere ihres Mannes abschwindeln. Er fand wieder keine Zeile, die Cherval von Marx erhalten hätte. Um diesem Mißstande abzuhelfen, diktiert er dem Cherval in die Feder:

 

"daß er mit Marx auf einen gespannten Fuß gekommen, weil derselbe, obgleich die Zentralbehörde in Köln gewesen, noch die Korrespondenzen mit ihm zu führen verlangt habe."

 

Wenn Stieber vor dem 15. September 1850 keine Korrespondenz von Marx mit Cherval findet, so rührt dies bloß daher, daß Cherval nach dem 15. September 1850 jede Korrespondenz mit Marx abbrach. Pends-toi, Figaro, tu n'aurais pas inventé cela! <Häng dich auf, Figaro, auf so was wärst du nicht gekommen! (Beaumarchais, "La folle journée")>

Die Akten, die die preußische Regierung während der 11/2jährigen Untersuchung zum Teil durch Stieber selbst gegen die Angeklagten zusammengeschleppt, widerlegten allen Zusammenhang der Angeklagten mit der Pariser Gemeinde und dem deutsch-französischen Komplott.

Die Ansprache der Londoner Zentralbehörde vom Juni 1850 bewies, daß vor der Spaltung der Zentralbehörde die Gemeinde in Paris aufgelöst war. Sechs im Archiv Dietz befindliche Briefe bewiesen, daß nach der Verlegung der Zentralbehörde nach Köln die Gemeinden zu Paris von dem Emissär der Willich-Schapperschen Partei, von A. Majer, neu gestiftet waren. Die in demselben Archiv befindlichen Briefe des leitenden Kreises Paris bewiesen, daß er in feindlichem Gegensatz zur Kölner Zentralbehörde stand. Der französische Anklageakt endlich bewies, daß alles, was gegen Cherval und Genossen inkriminiert wurde, erst im Jahre 1851 vorfiel. Saedt (Sitzung vom 8. November) sieht sich daher trotz der Stieberschen Enthüllungen auf die dünne Vermutung angewiesen, daß es doch möglich sei, daß die Partei Marx zu irgendeiner Zeit in irgendein Komplott zu Paris irgendwie einmal verwickelt gewesen, daß man aber von dieser Zeit und diesem Komplott weiter nichts wisse, als eben, daß Saedt in obrigkeitlichem Auftrag sie für möglich hält. Man urteile vom Stumpfsinn der deutschen Presse, die von Saedts Scharfsinn fabelt!

<426> De longue main <weit ausholend> suchte die preußische Polizei dem Publikum Marx und durch Marx die Kölner Angeklagten als in das deutsch-französische Komplott verwickelt darzustellen. Der Polizeispion Beckmann schickte während der Verhandlungen des Chervalschen Prozesses folgende Notiz d. d. Paris 25. Februar 1852 an die "Kölnische Zeitung":

 

"Mehrere Angeklagte sind flüchtig, darunter ein gewisser A. Majer, der als Agent von Marx u. Co. dargestellt wird."

 

Die "Kölnische Zeitung" brachte darauf eine Erklärung von Marx:, daß "A. Majer einer der intimsten Freunde des Herrn Schapper und des ehemaligen preußischen Leutnants Willich sei, ihm selbst aber gänzlich fernstehe". Jetzt in seiner Aussage vom 18. Oktober 1852 erklärt Stieber selbst:

 

"Die am 15. September 1850 in London von der Marxschen Partei ausgeschlossenen Mitglieder der Zentralbehörde sandten A. Majer nach Frankfurt etc.",

 

und teilt sogar die Korrespondenz des A. Majer mit Schapper-Willich mit. Ein Mitglied der Partei Marx, Konrad Schramm, wurde bei Gelegenheit der Fremdenverfolgungen zu Paris im Monat September 1851 nebst 50 bis 60 andern anwesenden Gästen in einem Kaffeehaus verhaftet und während beinahe zwei Monate unter der Anklage festgehalten, Teilnehmer des von dem Irländer Cherval geleiteten Komplotts zu sein. Am 16. Oktober erhielt er im Depot der Polizeipräfektur den Besuch eines Deutschen, der ihn folgendermaßen anredete:

 

"Ich bin preußischer Staatsbeamter, Sie wissen, daß in allen Teilen Deutschlands, namentlich in Köln, zahlreiche Verhaftungen infolge der Entdeckungen einer kommunistischen Gesellschaft vorgenommen worden sind. Eine Namenserwähnung in einem Briefe reicht hin, um die Verhaftung der betreffenden Person zu veranlassen. Die Regierung befindet sich einigermaßen in Verlegenheit durch die Menge von Verhafteten, von denen sie nicht weiß, ob sie etwas mit der Sache zu tun haben oder nicht. Wir wissen, daß Sie in dem complot franco-allemand <französich-deutschen Komplott> nicht beteiligt sind, dagegen mit Marx und Engels genau bekannt und ohne Zweifel über alle Einzelheiten der deutschen kommunistischen Verbindung unterrichtet sind. Sie würden uns sehr verbinden, wenn Sie uns die erforderliche Auskunft darüber geben könnten und die Personen näher bezeichnen wollten, die schuldig oder unschuldig sind. Sie können dadurch zur Befreiung einer großen Menge Leute beitragen. Wenn Sie wollen, so können wir über die Erklärung einen Akt aufnehmen. Sie haben durch eine solche Erklärung nichts zu furchten" etc. etc.

 

<427> Schramm wies natürlich diesem sanften preußischen Staatsbeamten die Türe, protestierte gegen dergleichen Besuche beim französischen Ministerium und wurde Ende Oktober aus Frankreich ausgewiesen.

Daß Schramm der "Partei Marx" angehörte, wußte die preußische Polizei aus der bei Dietz gefundenen Austrittserklärung. Daß die "Partei Marx" mit dem Komplott Cherval nicht zusammenhänge, räumte sie selber dem Schramm ein. War eine Verbindung der "Partei Marx" mit dem Komplott Cherval nachzuweisen, so konnte es nicht in Köln geschehen, sondern nur in Paris, wo gleichzeitig mit Cherval ein Mitglied dieser Partei gefangensaß. Aber die preußische Regierung fürchtete nichts mehr als eine Konfrontation zwischen Cherval und Schramm, die den ganzen Erfolg, den sie sich gegen die Kölner Angeklagten von dem Pariser Prozeß versprach, im voraus vereiteln mußte. In der Freilassung des Schramm fällte der französische Untersuchungsrichter das Urteil, daß der Kölner Prozeß mit dem Pariser Komplott in keinem Zusammenhang stehe.

Stieber macht einen letzten Versuch:

 

"In betreff des oben erwähnten Chefs der französischen Kommunisten, Cherval, hat man sich lange vergeblich bemüht, zu ermitteln, wer dieser Cherval eigentlich sei. Endlich hat sich durch eine vertrauliche Äußerung, die Marx selbst einem Polizeiagenten machte, ergeben, daß er ein Mensch war, der 1845 aus dem Gefängnis zu Aachen, wo er wegen Wechselfälschung saß, entwichen ist und den Marx 1848 während der damaligen Unruhen in den Bund aufgenommen hat, von wo er nach Paris als Emissär gegangen."

 

So wenig wie Marx dem spiritus familiaris <dienstbaren Geist>, dem Polizeiagenten Stiebers mitteilen konnte, er habe den Cherval 1848 in Köln in den Bund aufgenommen, wenn Schapper ihn schon 1846 zu London aufnahm, oder er habe ihn in London wohnen und zugleich in Paris Propaganda hausieren lassen, ebensowenig konnte er die Notiz, Cherval habe 1845 in Aachen gesessen und Wechsel gefälscht, die er eben erst durch die Aussage des Stieber erfuhr, dem alter ego <zweiten Ich> Stiebers, dem Polizeiagenten als solchem, schon vor der Aussage Stiebers mitgeteilt haben. Dergleichen hysteron proteron <Umkehrungen der Reihenfolge> sind bloß einem Stieber erlaubt. Die antike Welt hinterließ ihren sterbenden Fechter, der preußische Staat hinterläßt seinen schwörenden Stieber.

Also lange, lange hatte man sich vergeblich bemüht zu ermitteln, wer Cherval eigentlich sei? Abends, den 2. September kam Stieber nach Paris. Am Abend des 4. wurde Cherval verhaftet, am Abend des 5. wurde er aus seiner Zelle in einen spärlich erleuchteten Saal geführt. Stieber war da, aber neben Stieber war noch ein französischer Polizeibeamter da, ein Elsässer, <428> der das Deutsche gebrochen spricht, aber ganz versteht, ein Polizeigedächtnis besitzt und den anmaßlich servilen Berliner Polizeirat nicht eben angenehm fand. In Gegenwart also dieses französischen Beamten hatte folgendes Gespräch statt:

 

Stieber zu deutsch: "Hören Sie mal, Herr Cherval, mit dem französischen Namen und dem irländischen Paß wissen wir recht gut, was es zu bedeuten hat. Wir kennen Sie, Sie sind Rheinpreuße, Sie heißen K., und es kommt bloß auf Sie an, sich von den Folgen zu befreien, und zwar dadurch, daß Sie uns ein ganz offenes Geständnis machen" etc. etc. Cherval leugnete. Stieber: "Die und die Personen, die Wechsel gefälscht und aus preußischen Gefängnissen entsprungen sind, wurden von den französischen Behörden nach Preußen ausgeliefert, und ich sage Ihnen deswegen nochmals, besinnen Sie sich, es handelt sich hier um 12 Jahre Zellengefängnis."

 

Der französische Polizeibeamte: "Wir wollen dem Mann Zeit lassen, er soll sich in seiner Zelle bedenken."

Cherval wurde in seine Zelle zurückgeführt.

Stieber durfte natürlich nicht mit der Türe ins Haus fallen, er durfte dem Publikum nicht gestehen, daß er dem Cherval mit dem Gespenst der Auslieferung und des zwölfjährigen Zellengefängnisses falsche Aussagen zu erpressen suchte.

Stieber hat indes noch immer nicht ermittelt, wer Cherval eigentlich ist. Er nennt ihn vor den Geschwornen immer noch Cherval und nicht K. Noch mehr. Er weiß auch nicht, wo Cherval sich eigentlich aufhält. In der Sitzung vom 23. Oktober läßt er ihn noch in Paris sitzen. In der Sitzung vom 27. Oktober, gedrängt durch die Frage des Advokaten Schneider II: "Ob der mehrgenannte Cherval sich nicht gegenwärtig in London aufhalte?", antwortet Stieber: "Er könne darüber keine Auskunft geben und nur das Gerücht mitteilen, daß Cherval in Paris entsprungen sei."

Die preußische Regierung erlag ihrem gewöhnlichen Schicksal, düpiert zu werden. Die französische Regierung hatte ihr erlaubt, die Kastanien des deutsch-französischen Komplotts aus dem Feuer zu holen, man erlaubte ihr nicht, sie zu essen. Cherval hatte sich das Wohlwollen der französischen Regierung zu erwerben gewußt, und sie ließ ihn einige Tage nach Beendigung der Pariser Assisenverhandlungen mit Gipperich nach London entfliehen. Die preußische Regierung glaubte, sich ein Werkzeug für den Kölner Prozeß in Cherval erworben zu haben, sie hatte nur der französischen Regierung einen Agenten mehr geworben.

Einen Tag vor Chervals Scheinflucht erschien bei ihm ein preußischer faquin <Strolch> in schwarzem Frack, Manschetten, schwarzem, struppigem Schnurr- <429> bart, kurzgeschnittenen und dünnen gräulichen Haaren, mit einem Wort, ein ganz hübscher Junge, der ihm später als Polizeileutnant Greif bezeichnet wurde und sich hinterher auch als Greif präsentierte. Greif hatte Zutritt zu ihm erhalten durch eine Eintrittskarte, die er direkt vom Polizeiminister mit Umgehung des Polizeipräfekten empfing. Es kitzelte den Polizeiminister, die lieben Preußen anzuführen.

 

Greif: "Ich bin preußischer Beamter, hierher geschickt, um mit Ihnen in Unterhandlungen zu treten. Sie werden hier nie herauskommen, außer durch uns. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Verlangen Sie in einer Eingabe an die französische Regierung, deren Einwilligung im voraus zugesagt ist, nach Preußen ausgeliefert zu werden, denn wir brauchen Sie dort als Zeugen zu Köln. Nachdem Sie Ihre Schuldigkeit getan und die Sache vorbei ist, werden wir Sie auf Ehrenwort in Freiheit setzen."

Cherval: "Ich komme auch ohne Sie heraus."

Greif mit Bestimmtheit: "Das ist unmöglich!"

 

Greif ließ auch den Gipperich herunterkommen und machte ihm den Vorschlag, für fünf Tage als kommunistischer Emissär nach Hannover zu gehen. Auch ohne Erfolg. Den nächsten Tag waren Cherval und Gipperich entflohen. Die französischen Behörden schmunzelten, die Unglücksdepesche ging nach Berlin, und noch am 23. Oktober schwört Stieber, daß Cherval in Paris sitzt, und noch am 27. Oktober kann er keine Auskunft geben und weiß nur gerüchtweise, daß Cherval "in Paris" entsprungen ist. Unterdessen hatte der Polizeileutnant Greif den Cherval während der Kölner Verhandlungen dreimal in London besucht unter anderem, um die Adresse des Nette in Paris zu erfahren, von dem man eine Zeugenaussage gegen die Kölner erkaufen zu können glaubte. Der Coup mißlang.

Stieber hatte Gründe, sein Verhältnis mit Cherval im dunkeln zu lassen. K... blieb daher immer Cherval, der Preuße blieb Irländer, und Stieber weiß noch heute nicht, wo Cherval sich aufhält und "wer Cherval eigentlich ist" .(1)

<430> In der Korrespondenz des Cherval mit Gipperich besaß das Trifolium Seckendorf-Saedt-Stieber endlich, was es wünschte:

Schinderhannes, Karlo Moor
Nahm ich mir als Muster vor.
<Heinrich Heine, "Buch der Lieder", "Traumbilder">

Der Brief Chervals an Gipperich, damit er sich ja recht tief der trägen Hirnmaterie der 300 Meistbesteuerten, die das Geschwornengericht repräsentiert, einbleue, hatte die Ehre, dreimal verlesen zu werden. Jeder Kenner erkannte sofort hinter diesem harmlosen Zigeunerpathos den Schalksnarren, der sich und andern fürchterlich vorzukommen sucht.

Cherval und Genossen hatten ferner die allgemeinen Erwartungen der Demokratie von den Wunderwirkungen des 2. [Sonntags im Monat] Mai geteilt und beschlossen, am 2. [Sonntag im Monat] Mai mitzurevolutionieren. Schmidt-Fleury hatte beigetragen, dieser fixen Idee die Form eines Plans zu geben. So verfielen Cherval u. Co. der juristischen Kategorie des Komplotts. So war an ihnen der Beweis geliefert, daß das Komplott, welches die Kölner Angeklagten nicht gegen die preußische Regierung verübt hatten, doch jedenfalls von der Partei Cherval gegen Frankreich verübt worden sei.

Durch Schmidt-Fleurv hatte die preußische Regierung einen Scheinzusammenhang zwischen dem Pariser Komplott und den Kölner Angeklagten zu fabrizieren gesucht, den sie durch Stieber beschwören ließ. Stieber-Greif-Fleury, diese Dreieinigkeit, spielt die Hauptrolle im Komplott Cherval, wir werden sie später wieder am Werk finden.

Resümieren wir:

A ist Republikaner, B nennt sich auch Republikaner. A und B sind verfeindet. B baut im Auftrage der Polizei eine Höllenmaschine. A wird darauf vor Gericht gestellt. Wenn B die Höllenmaschine gebaut hat und nicht A, so liegt die Schuld daran, daß A mit B verfeindet ist. Um den A zu überführen, wird B als Zeuge gegen ihn aufgerufen. Das war der Humor des Komplotts Cherval.

Man begreift, daß diese Logik vor dem Publikum durchfiel. Die "tatsächlichen" Enthüllungen Stiebers verschwammen in übelriechendem Dunst, es blieb bei der Klage des Anklagesenats, daß "kein objektiver Tatbestand vorliege". Neue Polizeiwunder waren nötig geworden.

 

 

 

Fußnoten

 

(1)

Auch im "Schwarzen Buch" weiß Stieber noch immer nicht, wer der Cherval eigentlich ist. Es heißt da Teil II, S. 38, unter Nr. 111 Cherval: siehe Crämer; und unter Nr. 116 Crämer: "hat laut Nr. 111 unter dem Namen Cherval eine sehr große Tätigkeit für den Kommunistenbund entwickelt. Er führt auch den Bundesnamen Frank. Unter dem Namen Cherval wurde er vom Assisenhof zu Paris im Februar 1853" (soll heißen 1852) "zu 8 Jahren Gefängnis verurteilt, entsprang aber bald und begab sich nach London." So unwissend ist Stieber im zweiten Teil, der die Personalien der alphabetisch und nach Nummern geordneten Verdächtigen registriert. Er hat bereits vergessen, daß ihm Teil I, S. 81 das Geständnis entfahren: "Cherval ist nämlich der Sohn eines rheinischen Beamten namens Joseph Krämer, welcher" (jawohl welcher? Der Vater oder Sohn?) "sein Gewerbe als Lithograph zu Wechselfälschungen gemißbraucht hat, deswegen verhaftet worden, aber 1844 aus dem Gefängnis in Köln" (falsch, in Aachen!) "entsprungen und nach England und später nach Paris entflohen ist." - Man vergleiche hiermit die obigen Aussagen des Stieber vor den Geschwornen. Die Polizei kann nun einmal absolut nicht die Wahrheit sagen.

 

[Anmerkung von Engels zur Ausgabe von 1885]

 

 

 

IV

Das Originalprotokollbuch

 

 

<431> In der Sitzung vom 23. Oktober bemerkt der Präsident <Göbel>: "Der Polizeirat Stieber habe ihm angezeigt, daß er noch neue wichtige Depositionen zu machen habe", und ruft zu diesem Behuf den genannten Zeugen wieder auf. Stieber springt vor und leitet die mise-en-scène <Inszenierung> ein.

Bisher hatte Stieber die Tätigkeit der Partei Willich-Schapper oder kurzer, der Partei Cherval geschildert, ihre Tätigkeit vor und nach der Verhaftung der Kölner Angeklagten. In bezug auf die Angeklagten selbst hat er nichts geschildert, weder vor noch nach. Das Komplott Cherval fiel nach der Verhaftung der gegenwärtigen Angeklagten vor, und Stieber erklärt jetzt:

 

"Ich habe in meiner bisherigen Vernehmung die Gestaltung des Kommunistenbundes und die Wirksamkeit der Mitglieder desselben nur bis zur Verhaftung der gegenwärtigen Angeklagten geschildert."

 

Er gesteht also, daß das Komplott Cherval nichts zu tun hatte "mit der Gestaltung des Kommunistenbundes und der Wirksamkeit seiner Mitglieder". Er gesteht das Nichts seiner bisherigen Aussage. Ja, er ist so blasiert über seine Aussage vom 18. Oktober, daß er für überflüssig halt, Cherval länger mit der "Partei Marx" zu identifizieren.

 

"Zunächst", sagt er, "besteht noch die Willichsche Fraktion, von welcher bis jetzt nur Cherval in Paris usw. ergriffen sind."

 

Aha! der Hauptchef Cherval ist also ein Führer der Willichschen Fraktion.

Aber Stieber hat jetzt die wichtigsten Mitteilungen zu machen, nicht nur die allerneuesten, sondern auch die wichtigsten. Die allerneuesten und wichtigsten! Diese wichtigsten Mitteilungen würden an Gewicht verlieren, wenn <432> die Unwichtigkeit der bisherigen Mitteilungen nicht betont würde. Ich habe bisher eigentlich nichts mitgeteilt, sagt Stieber, aber jetzt kommt's. Paßt auf! Ich habe bisher über die den Angeklagten feindliche Partei Cherval berichtet, was eigentlich nicht hierher gehörte. Ich werde jetzt über die "Partei Marx" berichten, um die es sich allein in diesem Prozeß handelt. So einfach durfte Stieber nicht sprechen. Er sagt also:

 

"Ich habe bisher den Kommunistenbund vor der Verhaftung der Angeklagten geschildert, ich werde jetzt den Kommunistenbund nach Verhaftung der Angeklagten schildern."

 

Mit eigentümlicher Virtuosität weiß er sogar die bloß rhetorische Phrase meineidig zu machen.

Nach Verhaftung der Kölner Angeklagten hat Marx eine neue Zentralbehörde gebildet.

 

"Dies ergibt sich aus der Aussage eines Polizeiagenten <Hirsch>, den schon der verstorbene Polizeidirektor Schulz unerkannt in den Londoner Bund und in die unmittelbare Nahe von Marx zu bringen wußte."

 

Diese neue Zentralbehörde hat ein Protokollbuch geführt, und dies "Originalprotokollbuch" besitzt Stieber jetzt. Schreckliche Umtriebe in den Rheinprovinzen, in Köln, ja mitten im Gerichtssaal, alles das beweist das Originalprotokollbuch. Es enthält den Beweis für die fortlaufende Korrespondenz der Angeklagten durch die Gefängnismauern hindurch mit Marx. In einem Wort: Das Archiv Dietz war das Alte Testament, aber das Originalprotokollbuch ist das Neue Testament. Das Alte Testament war in starke Wachsleinwand verpackt, aber das Neue Testament ist in unheimlich roten Saffian gebunden. Der rote Saffian ist allerdings eine demonstratio ad oculos <ein Bewies durch Augenschein>, aber die Welt ist heut ungläubiger als zu Thomas' Zeiten; sie glaubt nicht einmal, was sie sieht. Wer glaubt noch an Testamente, Alte oder Neue, seitdem die Mormonenreligion erfunden ist? Auch das hat Stieber vorgesehen, der der Mormonenreligion nicht ganz abgeneigt ist.

 

"Man könnte mir freilich", bemerkt der Mormone Stieber, "man könnte mir freilich entgegensetzen, daß dies alles nur Traditionen verächtlicher Polizeiagenten seien, aber", schwört Stieber, "aber ich habe vollkommene Beweise der Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit der von ihnen gemachten Mitteilungen."

 

Man verstehe wohl! Beweise der Wahrhaftigkeit und Beweise der Zuverlässigkeit! und zwar vollkommene Beweise. Vollkommene Beweise! Und welches sind die Beweise?

<433> Stieber wußte längst,

 

"daß eine geheime Korrespondenz zwischen Marx und den im Arresthaus befindlichen Angeklagten existiere, konnte aber dieser Korrespondenz nicht auf die Spur kommen. Da traf am vergangenen Sonntag ein außerordentlicher Kurier von London hier bei mir mit der Nachricht ein, daß es endlich gelungen sei, die geheime Adresse, unter welcher diese Korrespondenz geführt worden sei, zu entdecken; es sei dies die Adresse des Kaufmanns D. Kothes auf dem Alten Markt hierselbst. Derselbe Kurier überbrachte mir das von der Londoner Zentralbehörde geführte Originalprotokollbuch, welches man sich von einem Mitglied des Bundes für Geld zu verschaffen gewußt hat."

 

Stieber setzt sich nun mit dem Polizeidirektor Geiger und der Postdirektion in Verbindung.

 

"Es werden die nötigen Vorsichtsmaßregeln getroffen, und schon nach zwei Tagen brachte die Abendpost von London einen an Kothes adressierten Brief. Derselbe wurde auf Anstehn der Oberprokuratur mit Beschlag belegt, geöffnet und in demselben eine sieben Seiten große, von der Hand des Marx geschriebene Instruktion für den Advokaten Schneider II gefunden. Derselbe enthält eine Anweisung, wie die Verteidigung zu führen sei ... Auf der Rückseite des Briefes befand sich ein großes lateinisches B. Von dem Briefe ward eine Abschrift, ein leicht abzutrennendes Stück des Originals sowie das Originalkuvert zurückbehalten. Dann wurde er in einem Kuvert versiegelt, und so erhielt ihn ein auswärtiger Polizeibeamter mit dem Auftrage, sich zu Kothes zu begeben, sich ihm als Emissär des Marx vorzustellen etc."

 

Stieber erzählt dann weiter die widrige Polizei- und Bedientenkomödie, wie der auswärtige Polizeibeamte den Emissär von Marx gespielt etc. Kothes wird am 18. Oktober verhaftet und erklärt nach 24 Stunden, das B auf der innern Adresse des Briefes bedeute Bermbach. Am 19. Oktober wird Bermbach verhaftet und Haussuchung bei ihm gehalten. Am 21. Oktober werden Kothes und Bermbach wieder in Freiheit gesetzt.

Stieber machte diese Deposition Samstag, den 23. Oktober. "Vergangenen Sonntag", also Sonntag, den 17. Oktober, sei der außerordentliche Kurier mit der Adresse des Kothes und mit dem Originalprotokollbuch, zwei Tage nach dem Kurier sei der Brief an Kothes eingetroffen, also am 19. Oktober. Aber schon am 18. Oktober wurde Kothes verhaftet wegen des Briefes, den ihm der auswärtige Polizeibeamte am 17. Oktober überbrachte. Der Brief an Kothes kam also zwei Tage früher an als der Kurier mit der Adressse des Kothes, oder Kothes wurde am 18. Oktober für einen Brief verhaftet, den er erst am 19. Oktober erhielt. Chronologisches Wunder?

Später, durch die Advokatur geängstigt, erklärt Stieber, der Kurier mit der Adresse des Kothes und dem Originalprotokollbuch sei am 10. Oktober eingetroffen. Warum am 10. Oktober? Weil der 10. Oktober ebenfalls auf <434> einen Sonntag fällt und am 23. Oktober ebenfalls schon ein "vergangener" Sonntag war, weil so die ursprüngliche Aussage wegen des vergangenen Sonntags festgehalten und nach dieser Seite der Meineid verdeckt wird. Aber dann langte der Brief wieder nicht zwei Tage, sondern eine ganze Woche später an als der Kurier. Der Meineid fällt nun auf den Brief, statt auf den Kurier. Es geht den Stieberschen Eiden wie dem Lutherschen Bauer. Hilft man ihm von der einen Seite aufs Pferd, so fällt er von der andern Seite herunter.

In der Sitzung vom 3. November endlich erklärt der Polizeileutnant Goldheim aus Berlin, der Polizeileutnant Greif aus London habe das Protokollbuch in seiner und des Polizeidirektors Wermuth Gegenwart am 11. Oktober, also an einem Montag, dem Stieber überbracht. Goldheim erklärt also den Stieber eines doppelten Meineides schuldig.

Marx gab den Brief an Kothes, wie das Originalkuvert mit dem Londoner Poststempel ausweist, Donnerstag, den 14. Oktober, zur Post. Der Brief mußte also Freitag abend, den 15. Oktober, anlangen. Ein Kurier, der zwei Tage vor Ankunft dieses Briefes die Adresse des Kothes und das Originalprotokollbuch überbrachte, mußte also Mittwoch, den 13. Oktober, eintreffen. Er konnte aber weder am 17. Oktober eintreffen, noch am 10., noch am 11.

Greif als Kurier brachte dem Stieber allerdings sein Originalprotokollbuch von London. Was es mit diesem Buche auf sich hatte, wußte Stieber ebensogenau wie sein Kumpan Greif. Er zögerte daher, es dem Gerichte vorzulegen, denn diesmal handelte es sich nicht um Aussagen hinter den Gefängnisgittern von Mazas. Da kam der Brief von Marx. Nun war dem Stieber geholfen. Kothes ist eine bloße Adresse, denn das Schreiben selbst ist nicht an Kothes gerichtet, sondern an das lateinische B, das sich auf der Rückseite des einliegenden verschlossenen Schreibens findet. Kothes ist also faktisch bloß eine Adresse. Nehmen wir nun an, er sei eine geheime Adresse. Nehmen wir ferner an, er sei die geheime Adresse, worunter Marx mit den Kölner Angeklagten korrespondiert. Nehmen wir endlich an, unsre Londoner Agenten hätten durch denselben Kurier gleichzeitig das Originalprotokollbuch und diese geheime Adresse geschickt, der Brief sei aber zwei Tage später eingetroffen als Kurier, Adresse und Protokollbuch. Wir schlagen so zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens beweisen wir die geheime Korrespondenz mit Marx, zweitens beweisen wir die Echtheit des Originalprotokollbuchs. Die Echtheit des Originalprotokollbuchs ist bewiesen durch die Richtigkeit der Adresse, die Richtigkeit der Adresse ist bewiesen durch den Brief. Die Zuverlässigkeit und Wahrhaftigkeit unsrer Agenten ist bewiesen durch Adresse und Brief, die Echtheit des Originalprotokollbuchs ist bewiesen durch die <435> Zuverlässigkeit und Wahrhaftigkeit unsrer Agenten. Quod erat demonstrandum. <Was zu beweisen war.> Dann die heitere Komödie mit dem auswärtigen Polizeibeamten; dann mysteriöse Verhaftungen; Publikum, Geschworene und die Angeklagten selbst werden wie vom Donner gerührt sein.

Warum aber ließ Stieber, was doch so leicht war, seinen außerordentlichen Kurier nicht am 13. Oktober eintreffen? Weil er sonst nicht außerordentlich war, weil die Chronologie, wie wir gesehen, seine schwache Seite ist und der gemeine Kalender unter der Würde eines preußischen Polizeirats liegt. Überdem behielt er ja das Originalkuvert des Briefes zurück; wer sollte also der Sache auf die Spur kommen?

In seiner Aussage kompromittierte sich Stieber jedoch von vornherein durch das Verschweigen einer Tatsache. Kannten seine Agenten die Adresse des Kothes, so kannten sie auch den Mann, den das mysteriöse B auf der Rückseite des innern Briefes barg. Stieber war so wenig in die Mysterien des lateinischen B eingeweiht, daß er Becker am 17. Oktober im Gefängnis durchsuchen ließ, um den Marxschen Brief bei ihm zu finden. Erst durch die Aussage des Kothes erfuhr er, daß Bermbach durch das B bezeichnet ward.

Wie aber war der Brief von Marx in die Hände der preußischen Regierung geraten? Sehr einfach. Die preußische Regierung erbricht regelmäßig die ihrer Post anvertrauten Briefe und tat es während des Kölner Prozesses mit besonderer Ausdauer. Aachen und Frankfurt a. M. wissen davon zu erzählen. Es ist ein reiner Zufall, was entschlüpft oder erwischt wird.

Mit dem Originalkurier fiel auch das Originalprotokollbuch. Stieber ahnte dies natürlich noch nicht in der Sitzung vom 23. Oktober, als er triumphierend den Inhalt des Neuen Testamentes, des roten Buches offenbarte. Das nächste Resultat seiner Aussagen war die abermalige Verhaftung Bermbachs, der den Gerichtsverhandlungen als Zeuge beiwohnte.

Warum ward Bermbach abermals verhaftet?

Wegen der bei ihm gefundenen Papiere? Nein, denn nach der Haussuchung wurde er wieder in Freiheit gesetzt. Seine Verhaftung fiel 24 Stunden später als die des Kothes vor. Wenn er also kompromittierende Dokumente besessen hätte, waren sie sicher verschwunden. Warum also die Verhaftung des Zeugen Bermbach, während die Zeugen Hentze, Hätzel, Steingens, deren Mitwissenschaft oder Teilnahme am Bund konstatiert war, ruhig auf der Zeugenbank saßen?

Bermbach hatte einen Brief von Marx empfangen, der eine bloße Kritik der Anklage enthielt und nichts weiter. Stieber gab die Tatsache zu - denn <436> der Brief lag den Geschwornen vor. Er drückte nur die Tatsache in seiner polizeilich-hyperbolischen Manier folgendermaßen aus: "Marx selbst übt von London einen fortwährenden Einfluß auf den gegenwärtigen Prozeß." Und die Geschworenen fragten sich selbst, wie Guizot seine Wähler: Est-ce que vous vous sentez corrompus? <Fühlen Sie sich bestochen?> Warum also Bermbachs Verhaftung? Die preußische Regierung suchte von Beginn der Untersuchung den Angeklagten die Verteidigungsmittel prinzipiell, systematisch abzuschneiden. Den Advokaten wurde, wie sie in öffentlicher Sitzung erklären, in direktem Widerspruch mit dem Gesetz der Verkehr mit den Angeklagten, selbst nach Zustellung der Anklageakte, untersagt. Seit dem 5. August 1851 war Stieber nach eigener Aussage im Besitze des Archives Dietz. Das Archiv Dietz wurde der Anklageakte nicht beigefügt. Erst am 18. Oktober 1852, mitten in öffentlicher Sitzung, wird es produziert, nur so weit produziert, als dem Stieber gut dünkt. Geschworne, Angeklagte und Publikum sollten überrascht, überrumpelt werden, die Advokaten sollten der Polizeiüberraschung waffenlos gegenüberstehen.

Und nun gar seit Vorlagedes Originalprotokollbuchs! Die preußische Regierung zitterte vor Enthüllungen. Bermbach aber hatte Verteidigungsmaterial von Marx erhalten; es war vorauszusehen, daß er Aufklärungen über das Protokollbuch erhalten würde. Durch seine Verhaftung wurde ein neues Verbrechen proklamiert, die Korrespondenz mit Marx, und Gefängnisstrafe auf dieses Verbrechen gesetzt. Das sollte jeden preußischen Bürger abhalten, sich zum Adressaten herzugeben. A bon entendeur demi mot. <Wer gut begreift, braucht nur ein halbes Wort.> Bermbach wurde eingeschlossen, um das Verteidigungsmaterial auszuschließen. Und Bermbach sitzt fünf Wochen. Hätte man ihn sofort nach Schluß der Prozedur entlassen, so proklamierten die preußischen Gerichte offen ihre willenlos sklavische Unterwerfung unter die preußische Polizei. Bermbach saß ad majorem gloriam <zum höheren Ruhm> der preußischen Richter.

Stieber schwört, daß

 

"Marx nach Verhaftung der Kölner Angeklagten die Ruinen seiner Partei in London wieder zusammengefügt und mit etwa achtzehn Personen eine neue Zentralbehörde gebildet" etc.

 

Diese Ruinen waren nie auseinandergegangen, sondern waren so gefügt, daß sie seit dem September 1850 fortwährend eine private society <Gesellschaft> bildeten. Stieber läßt sie durch ein Machtgebot verschwinden, um sie nach Verhaftung <437> der Kölner Angeklagten durch ein anderes Machtgebot ins Leben zurückzurufen, und zwar als neue Zentralbehörde.

Montag, den 25. Oktober, traf die "Kölnische Zeitung" mit dem Bericht über Stiebers Aussage vom 23. Oktober in London ein.

Die "Partei Marx" hatte weder eine neue Zentralbehörde gebildet noch Protokolle über ihre Zusammenkünfte geführt. Sie erriet sofort den Hauptfabrikanten des Neuen Testamentes - Wilhelm Hirsch aus Hamburg.

Hirsch meldete sich Anfang Dezember 1851 bei der "Gesellschaft Marx" als kommunistischer Flüchtling. Briefe aus Hamburg denunzierten ihn gleichzeitig als Spion. Man beschloß indes, ihn einstweilen in der Gesellschaft zu dulden, zu überwachen und sich Beweise über seine Schuld oder Unschuld zu verschaffen. In der Zusammenkunft vom 15. Januar 1852 wurde ein Brief aus Köln verlesen, worin ein Freund von Marx der abermaligen Verschleppung des Prozesses gedenkt und der Schwierigkeit, selbst für Verwandte, Zutritt zu den Gefangenen zu erhalten. Bei dieser Gelegenheit wird Frau Dr. Daniels erwähnt. Es fiel auf, daß Hirsch seit dieser Sitzung weder in "unmittelbarer Nähe" noch in der Perspektive erblickt wurde. Am 2. Februar 1852 erhielt Marx von Köln die Anzeige, bei Frau Dr. Daniels sei Haussuchung gehalten worden infolge einer Polizeidenunziation, wonach ein Brief der Frau Daniels an Marx in der Londoner kommunistischen Gesellschaft verlesen und Marx beauftragt worden sei, der Frau Dr. Daniels zu antworten, Marx beschäftige sich damit, den Bund in Deutschland zu reorganisieren usw. Diese Denunziation bildet wörtlich die erste Seite des Originalprotokollbuchs. - Marx antwortete umgehend, da Frau Daniels nie an ihn geschrieben, könne er keinen Brief von ihr verlesen haben. Die ganze Denunziation sei die Erfindung eines gewissen Hirsch, eines lüderlichen jungen Menschen, dem es nicht darauf ankomme, für bares Geld der preußischen Polizei so viele Lügen aufzubinden, als sie wünsche.

Seit dem 15. Januar war Hirsch aus den Zusammenkünften verschwunden; er wurde jetzt definitiv aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Zugleich beschloß man, das Gesellschaftslokal und den Tag der Zusammenkunft zu wechseln. Bisher war man zusammengekommen in Farringdon Street, City, bei J. W. Masters, Markethouse und zwar donnerstags. Nun verlegte man den Tag der Zusammenkunft auf Mittwoch und das Gesellschaftslokal nach Rose and Crown Tavern, Crown Street, Soho. Hirsch, den "der Polizeidirektor Schulz unerkannt in die Nähe von Marx zu bringen wußte", kannte trotz der "Nähe" noch acht Monate später weder Gesellschaftslokal noch Zusammenkunftstag. Vor wie nach Februar verharrte er dabei, sein "Originalprotokollbuch" an einem Donnerstag zu fabrizieren und von einem <438> Donnerstag zu datieren. Man schlage die "Kölnische Zeitung" nach, und man findet: Protokoll vom 15. Januar (Donnerstag), item 29. Januar (Donnerstag), und 4. März (Donnerstag), und 13. Mai (Donnerstag), und 20. Mai (Donnerstag), und 22. Juli (Donnerstag), und 29. Juli (Donnerstag), und 23. September (Donnerstag) und 30. September (Donnerstag).

Der Wirt der Rose and Crown Tavern gab vor dem Magistrat von Marlborough Street die Erklärung ab, daß die "Gesellschaft des Dr. Marx" sich seit Februar 1852 jeden Mittwoch bei ihm versammle. Liebknecht und Rings, von Hirsch zu Sekretären seines Originalprotokollbuchs ernannt, ließen ihre Unterschriften vor demselben Magistrat beglaubigen. Endlich verschaffte man sich die Protokolle, die Hirsch im Stechanschen Arbeiterverein geführt hatte, so daß seine Handschrift mit der des Originalprotokollbuchs verglichen werden konnte.

So war die Unechtheit des Originalprotokollbuchs bewiesen, ohne daß es nötig war, auf die Kritik eines Inhaltes einzugehen, der sich in seinen eigenen Widersprüchen auflöst.

Die Schwierigkeit bestand darin, den Advokaten die Dokumente zuzusenden. Die preußische Post war nur noch ein Vorposten, von den Grenzen des preußischen Staates bis nach Köln aufgestellt, um den Verteidigern die Waffenzufuhr abzuschneiden.

Man mußte zu Umwegen seine Zuflucht nehmen, und die ersten Dokumente, am 25. Oktober abgeschickt, konnten erst am 30. Oktober in Köln ankommen.

Die Advokaten waren daher zunächst auf die in Köln selbst sparsam zugänglichen Verteidigungsmittel angewiesen. Stieber erhielt den ersten Stoß von einer Seite, von der er ihn nicht erwartete. Justizrat Müller, der Vater der Frau Dr. Daniels, ein als Jurist geachteter und wegen seiner konservativen Richtung bekannter Bürger, erklärte in der "Kölnischen Zeitung" vom 26. Oktober, daß seine Tochter nie mit Marx korrespondiert habe und daß das Originalbuch des Stieber eine "Mystifikation" sei. Der am 3. Februar 1852 nach Köln gesandte Brief, worin Marx den Hirsch als Mouchard und Fabrikanten falscher Polizeinotizen bezeichnete, wurde zufällig aufgefunden und der Verteidigung zugestellt. In der Austrittserklärung der "Partei Marx" aus dem Great Windmill Verein, die im Archiv Dietz vorlag, fand sich die echte Handschrift des W. Liebknecht. Endlich erhielt Advokat Schneider II von dem Sekretär der Kölnischen Armenverwaltung, Birnbaum, echte Briefe des Liebknecht und von dem Privatschreiber Schmitz echte Briefe des Rings. Auf dem Gerichtssekretariat verglichen die Advokaten das Protokollbuch teils mit Liebknechts Handschrift in der Austrittserklärung, teils mit Briefen von Rings und Liebknecht.

<439> Stieber, schon durch die Erklärung des Justizrats Müller beunruhigt, erhielt Kunde von diesen Unheil verkündenden Schriftforschungen. Um dem drohenden Schlage zuvorzukommen, springt er wieder vor in der Sitzung vom 27. Oktober und erklärt:

 

"Der Umstand sei ihm sehr verdächtig gewesen, daß die in dem Buche vorkommende Unterschrift des Liebknecht von einer anderen, bereits in den Akten enthaltenen sehr abweichend erschienen sei. Er habe deshalb weitere Erkundigungen eingezogen und gehört, daß der Unterzeichner der fraglichen Protokolle H. Liebknecht heiße, während dem in den Akten vorkommenden Namen W. vorstehe."

 

Auf die Frage des Advokaten Schneider II: "Wer ihm mitgeteilt, daß auch ein H. Liebknecht existiere", verweigert Stieber die Antwort. Schneider II fragt ihn weiter nach Auskunft über die Personen des Rings und Ulmer, die neben Liebknecht als Sekretäre unter dem Protokollbuche figurieren. Stieber ahnt eine neue Falle. Dreimal überhört er die Frage und sucht seine Verlegenheit zu verbergen, sucht Fassung zu gewinnen, indem er dreimal ohne allen Anlaß wiederholt, wie er in den Besitz des Protokollbuchs gelangt ist. Endlich stammelt er: Rings und Ulmer möchten wohl keine wirklichen, sondern bloße "Bundesnamen" sein. Die beständig im Protokollbuche wiederholte Anführung der Frau Daniels als Korrespondentin von Marx erklärt Stieber dadurch, daß man vielleicht Frau Dr. Daniels lesen und Notariatskandidat Bermbach verstehen müsse. Advokat v. Hontheim interpelliert ihn wegen des Hirsch.

 

"Auch diesen Hirsch", schwört Stieber, "kenne er nicht. Daß derselbe aber nicht, wie das Gerücht gehe, ein preußischer Agent sei, gehe daraus hervor, daß man preußischerseits auf denselben vigiliert habe."

 

Auf seinen Wink summt Goldheim hervor:

 

"Er sei im Oktober d. J. 1851 nach Hamburg geschickt worden, um des Hirsch habhaft zu werden."

 

Wir werden sehen, wie derselbe Goldheim am nächsten Tage nach London geschickt wird, um desselben Hirsch habhaft zu werden. Also derselbe Stieber, der behauptet, für bares Geld das Archiv Dietz und das Originalprotokollbuch von Flüchtlingen gekauft zu haben, derselbe Stieber behauptet jetzt, Hirsch könne nicht preußischer Agent sein, weil er Flüchtling sei! Je nachdem es ihm in den Kram paßt, reicht es hin, Flüchtling zu sein, um von Stieber die absolute Verkäuflichkeit oder die absolute Unbestechlichkeit garantiert zu erhalten. Und ist nicht Fleury, den Stieber selbst in der Sitzung vom 3. November als Polizeiagenten denunziert, ist nicht auch dieser Fleury politischer Flüchtling?

<440> Nachdem so von allen Seiten Breschen in sein Originalprotokollbuch geschossen, resümiert sich Stieber am 27. Oktober mit klassischer Unverschämtheit dahin;

 

"Seine Überzeugung von der Echtheit des Protokollbuchs stehe fester als je."

 

In der Sitzung vom 29. Oktober vergleicht der Sachverständige die von Birnbaum und Schmitz eingereichten Briefe des Liebknecht und Rings mit dem Protokollbuch und erklärt die Unterschriften des Protokollbuchs für falsch.

In der Anklagerede erklärt Oberprokurator Seckendorf:

 

"Die in dem Protokollbuch ermittelten Angaben stimmten mit anderwärts ermittelten Tatsachen überein. Nur sei das öffentliche Ministerium völlig außerstand, die Echtheit des Buches zu beweisen."

 

Das Buch ist echt, aber die Beweise der Echtheit fehlen. Neues Testament! Seckendorf geht weiter:

 

"Die Verteidigung hat aber selbst bewiesen, daß in dem Buche wenigstens viel Wahres enthalten, indem dasselbe uns über die Tätigkeit des darin genannten Rings, von welcher bis jetzt keiner wußte, Auskunft gab."

 

Wenn bis jetzt keiner über die Tätigkeit des Rings wußte, so gibt das Protokollbuch keine Auskunft darüber. Die Aussagen über die Tätigkeit des Rings konnten also den Inhalt des Protokollbuchs nicht bestätigen, und in bezug auf seine Form bewiesen sie, daß die Unterschrift eines Mitglieds der "Partei Marx" in Wahrheit falsch, nachgemacht sei. Sie bewiesen also nach Seckendorf, "daß in dem Buch wenigstens viel Wahres enthalten ist" - nämlich eine wahre Fälschung. Oberprokurator (Saedt-Seckendorf) und Postdirektion hatten gemeinsam mit Stieber den Brief an Kothes erbrochen. Sie kannten also das Datum seiner Ankunft. Sie wußten also, daß Stieber einen Meineid schwor, als er den Kurier am 17. und später am 10. Oktober, den Brief aber erst am 19., dann am 12. eintreffen ließ. Sie waren seine Komplizen.

In der Sitzung vom 27. Oktober suchte Stieber vergebens seine Fassung zu behaupten. Jeden Tag fürchtete er das Eintreffen der Belastungsdokumente von London. Stieber fühlte sich unwohl, und der in ihm inkarnierte preußische Staat fühlte sich unwohl. Die Bloßstellung vor dem Publikum hatte eine gefährliche Höhe erreicht. Polizeileutnant Goldheim wurde daher am 28. Oktober nach London gesandt, um das Vaterland zu retten. Was machte Goldheim in London? Den Versuch, mit Hülfe des Greif und Fleury den Hirsch zu bewegen, nach Köln zu kommen und unter dem Namen H. Liebknecht die Echtheit des Protokollbuchs zu beschwören. Eine förmliche Staats- <441> pension wurde dem Hirsch angeboten, aber Hirsch besaß seinen Polizeiinstinkt so gut wie Goldheim. Hirsch wußte, daß er weder Prokurator noch Polizeileutnant, noch Polizeirat, also nicht zum Meineid privilegiert war. Es ahnte dem Hirsch, daß man ihn fallenlassen werde, sobald die Sache schief gehe. Hirsch wollte nicht zum Bock werden, am wenigsten zum Sündenbock. Hirsch schlug rund ab. Der christlich-germanischen Regierung Preußens bleibt aber der Ruhm, daß sie einen falschen Zeugen zu kaufen suchte in einer Kriminalprozedur, wo es sich um die Köpfe ihrer angeklagten Landeskinder handelte.

Goldheim kehrt also unverrichtetersache nach Köln zurück.

In der Sitzung vom 3. November, nach Beendigung der Anklagerede, vor Beginn der Verteidigung, zwischen Tür und Angel, springt Stieber noch einmal dazwischen.

 

"Er habe" schwört Stieber, "nun weitere Recherchen über das Protokollbuch veranlaßt. Er habe den Polizeileutnant Goldheim von Köln nach London geschickt und diesem den Auftrag erteilt, jene Recherchen vorzunehmen. Goldheim sei am 28. Oktober abgereist, am 2. November wieder eingetroffen. Hier sei Goldheim."

 

Auf einen Wink des Gebieters summt Goldheim vor und schwört:

 

"Er habe sich, in London angekommen, zunächst an den Polizeileutnant Greif gewandt, dieser habe ihn zu dem Polizeiagenten Fleury in dem Stadtteil Kensington geführt, als zu demjenigen Agenten, der das Buch an Greif gegeben habe. Fleury habe dies ihm, dem Zeugen Goldheim, eingeräumt und behauptet, daß er das Buch wirklich von einem Mitglied der Marxschen Partei, namens H. Liebknecht, erhalten habe. Fleury habe die Quittung des H. Liebknecht über das für das Buch erhaltene Geld ausdrücklich anerkannt. Zeuge habe des Liebknecht selbst nicht in London habhaft werden können, da dieser sich nach der Behauptung des Fleury gescheut habe, öffentlich hervorzutreten. Er, Zeuge, habe in London die Überzeugung erhalten, daß der Inhalt des Buchs, einige Irrtümer abgerechnet, ganz echt sei. Er habe dies namentlich durch zuverlässige Agenten, welche den Sitzungen des Marx beigewohnt hätten, bestätigt erhalten, aber das Buch sei kein Originalprotokollbuch, sondern nur ein Notizenbuch über die Vorgänge in den Marxischen Sitzungen. Für die allerdings noch nicht völlig aufgeklärte Entstehungsart des Buches gebe es nur zwei Wege. Entweder rühre solches, wie der Agent fest versichert, wirklich von Liebknecht her, der, um seinen Verrat nicht klarzumachen, es vermieden habe, seine Handschrift herzugeben, oder der Agent Fleury habe die Notizen zu dem Buche von zwei andern Freunden des Marx, den Flüchtlingen Dronke und Imandt, erhalten und habe diese Notizen, um seiner Ware einen desto höheren Wert zu geben, in die Form eines Originalprotokollbuchs gebracht. Es sei nämlich durch den Polizeileutnant Greif amtlich festgestellt worden, daß Dronke und Imandt mit Fleury häufig verkehrt hätten ... Der Zeuge Goldheim versichert, daß er sich in London überzeugt habe, wie alles, was früher über die geheimen Sitzungen bei <442> Marx, über die Verbindungen zwischen London und Köln, über den geheimen Briefwechsel usw. angegeben sei, völlig der Wahrheit entspreche. Zum Beweise, wie gut die preußischen Agenten noch heute in London unterrichtet seien, führt Zeuge Goldheim an, daß am 27. Oktober eine ganz geheime Sitzung bei Marx stattgefunden habe, in welcher man die Schritte beraten, welche gegen das Protokollbuch und namentlich gegen den der Londoner Partei sehr unangenehmen Polizeirat Stieber ergriffen werden sollten. Die betreffenden Beschlüsse und Dokumente seien ganz geheim an den Advokatanwalt Schneider II geschickt worden. Unter den an Schneider II geschickten Papieren sei namentlich noch ein Privatschreiben, das Stieber selbst im Jahr 1848 an Marx nach Köln geschrieben und das Marx sehr geheim gehalten, weil er damit den Zeugen Stieber zu kompromittieren hoffe."

 

Zeuge Stieber springt vor und erklärt, er habe damals wegen einer infamen Verleumdung an Marx geschrieben, ihm einen Prozeß angedroht etc.

 

"Kein Mensch außer Marx und ihm könne dies wissen, und sei dies allerdings der beste Beweis für die Richtigkeit der aus London gekommenen Mitteilungen."

 

Also nach Goldheim ist das Originalprotokollbuch, die falschen Partien abgerechnet, "ganz echt". Was ihn von der Echtheit überführt hat, ist namentlich der Umstand, daß das Originalprotokollbuch kein Originalprotokollbuch, sondern nur ein "Notizenbuch" ist. Und Stieber? Stieber fällt nicht aus den Wolken, ein Stein fällt ihm vielmehr vom Herzen. Vor Toresschluß, als das letzte Wort der Anklage kaum noch verhallt und das erste Wort der Verteidigung noch nicht erschallt ist, läßt Stieber durch seinen Goldheim das Originalprotokollbuch noch rasch in ein Notizenbuch verwandeln. Wenn zwei Polizisten sich wechselseitig der Lüge zeihen, beweist das nicht, daß sie beide der Wahrheit frönen? Stieber hat sich durch Goldheim den Rückzug gedeckt.

Goldheim schwört,

 

"er habe sich, in London angekommen, zunächst an den Polizeileutnant Greif gewandt, dieser habe ihn zu dem Polizeiagenten Fleury in dem Stadtteil Kensington geführt".

 

Wer wird nun nicht schwören, daß der arme Goldheim mit dem Polizeileutnant Greif sich müde gerannt und gefahren hat, ehe er in dem entlegenen Stadtteil Kensington bei Fleury ankam? Aber Polizeileutnant Greif wohnt im Hause des Polizeiagenten Fleury, und zwar in der oberen Etage des Fleuryschen Hauses, so daß in Wirklichkeit nicht der Greif den Goldheim zu Fleury, sondern der Fleury den Goldheim zu Greif führte.

"Der Polizeiagent Fleury im Stadtteil Kensington!" Welche Bestimmtheit! Könnt ihr noch an der Wahrhaftigkeit der preußischen Regierung <443> zweifeln, die ihre eigenen Mouchards denunziert, mit Namen und Wohnung, mit Haut und Haar? ist das Protokollbuch falsch, haltet euch nur an den "Polizeiagenten Fleury in Kensington". Jawohl. An den Privatsekretär Pierre im 13. Arrondissement. Wenn man ein Individuum spezifizieren will, so nennt man nicht nur seinen Familiennamen, sondern auch seinen Vornamen. Nicht Fleury, sondern Charles Fleury. Man bezeichnet das Individuum mit dem Geschäft, das es öffentlich führt, nicht mit einem Gewerbe, das es heimlich treibt. Also Kaufmann Charles Fleury, nicht Polizeiagent Fleury. Und wenn man seine Wohnung angeben will, so bezeichnet man nicht bloß ein Londoner Stadtviertel, das selbst wieder eine Stadt ist, sondern Stadtviertel, Straße und Hausnummer. Also nicht Polizeiagent Fleury in Kensington, sondern Kaufmann Charles Fleury, 17 Victoria Road, Kensington.

Aber "Polizeileutnant Greif", das ist wenigstens von der Leber weg gesprochen. Wenn aber Polizeileutnant Greif sich in London an die Gesandtschaft attachiert und aus dem Leutnant ein attaché wird, so ist das ein attachement, welches die Gerichte nichts angeht. Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme.

Also der Polizeileutnant Goldheim versichert, der Polizeiagent Fleury versichere, er habe das Buch von einem Menschen erhalten, der wirklich versichere, H. Liebknecht zu sein, und dem Fleury sogar eine Quittung ausgestellt habe. Nur konnte Goldheim des H. Liebknecht nicht "habhaft werden" zu London. Goldheim konnte also ruhig zu Köln bleiben, denn die Versicherung des Polizeirats Stieber wird dadurch nicht fetter, daß sie nur als eine Versicherung des Polizeileutnants Goldheim erscheint, die der Polizeileutnant Greif versichert, dem seinerseits wieder der Polizeiagent Fleury den Gefallen tut, seine Versicherung zu versichern.

Unbeirrt durch seine wenig aufmunternden Londoner Erfahrungen hat sich Goldheim mit dem ihm eigentümlichen großen Überzeugungsvermögen, das ihm das Urteilsvermögen ersetzen muß, "völlig" überzeugt, daß "alles", was Stieber über die "Partei Marx", ihre Verbindungen mit Köln usw. beschworen hat, "alles völlig der Wahrheit entspreche". Und jetzt, nachdem ihm sein Subalternbeamter Goldheim ein testimonium paupertatis <Armutszeugnis> ausgestellt hat, Polizeirat Stieber wäre noch jetzt nicht gedeckt? Ein Resultat hat Stieber durch seine Art zu schwören erreicht, er hat die preußische Hierarchie umgestülpt. Ihr glaubt dem Polizeirat nicht? Gut. Er hat sich kompromittiert. Ihr werdet dann doch dem Polizeileutnant glauben. Ihr glaubt dem Polizeileutnant nicht? Noch besser, Dann bleibt euch nichts übrig, als wenigstens <444> dem Polizeiagenten, alias mouchardus vulgaris <anders gesagt, dem gemeinen Spitzel>, zu glauben. Solche ketzerische Begriffsverwirrung richtet der schwörende Stieber an.

Nachdem Goldheim bisher den Beweis geliefert, daß er zu London die Nichtexistenz des Originalprotokollbuches und von der Existenz des H. Liebknecht nur das konstatiert hat, daß ihrer zu London nicht "habhaft" zu werden ist, nachdem er sich eben dadurch überzeugt, daß "alle" Aussagen des Stieber über die "Partei Marx" "völlig der Wahrheit" entsprechen, muß er doch endlich, außer diesen negativen Argumenten, worin nach Seckendorf zwar "viel Wahres" liegt, auch das positive Argument liefern, "wie gut die preußischen Agenten noch heute in London unterrichtet sind". Als Probe führt er an, am 27. Oktober habe eine "ganz geheime Sitzung bei Marx stattgefunden". In dieser ganz geheimen Sitzung habe man die Schritte gegen das Protokollbuch und den "sehr unangenehmen" Polizeirat Stieber beraten. Die betreffenden Dekrete und Beschlüsse seien "ganz geheim an den Advokat Schneider II geschickt worden".

Obgleich die preußischen Agenten diesen Sitzungen beiwohnten, blieb ihnen der Weg, den diese Briefe nahmen, jedoch so "ganz geheim", daß die Post sie trotz aller Anstrengungen nicht abzuhalten vermochte. Man höre, wie im alternden Gemäuer melancholisch noch das Heimchen zirpt:

 

"Die betreffenden Briefe und Dokumente seien ganz geheim an den Advokat Schneider II geschickt worden."

 

Ganz geheim für die geheimen Agenten des Goldheim.

Die imaginären Beschlüsse über das Protokollbuch können nicht am 27. Oktober in der ganz geheimen Sitzung bei Marx gefaßt worden sein, da Marx schon am 25. Oktober die Hauptberichte über die Unechtheit des Protokollbuches, zwar nicht an Schneider II, wohl aber an Herrn v. Hontheim sandte.

Daß überhaupt Dokumente nach Köln geschickt worden, das sagte der Polizei nicht nur ihr böses Gewissen. Am 29. Oktober langte Goldheim in London an. Am 30. Oktober fand Goldheim im "Morning Advertiser", im "Spectator", im "Examiner", im "Leader", im "Peoples' Paper" eine Erklärung, gez. Engels, Freiligrath, Marx und Wolff , worin diese das englische Publikum auf die Enthüllungen verweisen, welche die Verteidigung über die forgery, perjury, falsification of documents <Fälschungen, Meineide, Verfälschungen von Dokumenten>, kurz über die preußischen Polizei-Infamien bringen werde. So "ganz geheim" wurde das Versenden der Dokumente gehalten, daß die "Partei Marx" das englische Publikum öffent- <445> lich davon in Kenntnis setzte, allerdings erst am 30. Oktober, nachdem Goldheim in London und die Dokumente in Köln angelangt sind.

Indes auch am 27. Oktober wurden Dokumente nach Köln geschickt. Woher erfuhr die allwissende preußische Polizei dies?

Die preußische Polizei agierte nicht ganz geheim, wie die "Partei Marx". Sie hatte vielmehr ganz öffentlich zwei ihrer Mouchards seit Wochen vor das Haus von Marx aufgepflanzt, die ihn du soir jusqu'au matin und du matin jusqu'au soir <von abends bis morgens und von morgens bis abends> von der Straße aus beobachteten und ihm auf Schritt und Tritt nachgingen. Nun hatte Marx am 27. Oktober die ganz geheimen Dokumente, die die echten Handschriften des Liebknecht und Rings und die Aussage des Wirtes der Crown Tavern über den Zusammenkunftstag enthielten, diese ganz geheimen Dokumente hatte er in dem ganz öffentlichen Polizeigerichte in Marlborough Street in Gegenwart der Reporter der englischen Tagespresse amtlich beglaubigen lassen. Die preußischen Schutzengel folgten ihm von seiner Wohnung nach Marlborough Street und von Marlborough Street nach seiner Wohnung zurück und von seiner Wohnung wieder nach der Post. Sie verschwanden erst, als Marx einen ganz geheimen Gang zum Polizeirichter des Viertels machte, um einen Verhaftsbefehl gegen seine zwei "Anhänger" zu erwirken.

Übrigens hatte die preußische Regierung noch einen andern Weg. Marx sandte nämlich die am 27. Oktober beglaubigten und vom 27. Oktober datierten Dokumente direkt durch die Post nach Köln, um das ganz geheim abgeschickte Duplikat derselben vor den Griffen des preußischen Adlers zu sichern. Post und Polizei zu Köln wußten also, daß vom 27. Oktober datierte Dokumente von Marx verschickt waren, und Goldheim brauchte nicht nach London zu reisen, um das Geheimnis zu entdecken.

Goldheim fühlt, daß er endlich "namentlich" irgend etwas "namentlich" angeben müsse, was in der "ganz geheimen Sitzung vom 27. Oktober" an Schneider II zu schicken beschlossen wurde, und er nennt den von Stieber an Marx gerichteten Brief. Leider hat aber Marx diesen Brief nicht am 27., sondern am 25. Oktober, und nicht an Schneider II, sondern an Herrn v. Hontheim geschickt. Aber woher wußte die Polizei, daß Marx überhaupt den Brief Stiebers noch besaß und der Verteidigung zuschicken werde? Doch lassen wir Stieber wieder vorspringen.

Stieber hofft Schneider II von der Vorlesung des ihm sehr "unangenehmen Briefes" abzuhalten, indem er das Prävenire spielt. Wenn Goldheim sagt, Schneider II besitze meinen Brief, und zwar durch "kriminelle Verbindung <446> mit Marx", kalkuliert Stieber, so wird Schneider II den Brief unterdrücken, um zu beweisen, daß Goldheims Agenten falsch unterrichtet sind und er selber nicht in krimineller Verbindung mit Marx steht. Stieber springt also vor, gibt den Inhalt des Briefes falsch an und schließt mit dem erstaunlichen Ausruf:

 

"Kein Mensch außer ihm und Marx könne dies wissen, und sei dies allerdings der beste Beweis der Glaubwürdigkeit der aus London gekommenen Mitteilungen."

 

Stieber besitzt eine eigentümliche Methode, ihm unangenehme Geheimnisse verborgen zu halten. Wenn er nicht spricht, muß alle Welt schweigen. Außer ihm und einer gewissen ältlichen Dame kann daher "kein Mensch wissen", daß er einst in der Nähe von Weimar als homme entretenu <ausgehaltener Mann> gelebt hat. Aber wenn Stieber allen Grund hatte, niemand außer Marx, hatte Marx allen Grund, jedermann außer Stieber von dem Briefe wissen zu lassen. Man kennt jetzt den besten Beweis der aus London gekommenen Mitteilungen. Wie mag Stiebers schlechtester Beweis aussehen?

Aber Stieber schwört wieder wissentlich einen Meineid, wenn er sagt, "kein Mensch außer mir und Marx könne dies wissen". Er wußte, daß nicht Marx, sondern ein anderer Redakteur der "Rheinischen Zeitung" auf seinen Brief geantwortet hatte. Das war jedenfalls "ein Mensch außer ihm und Marx". Damit noch mehr Menschen davon wissen, lassen wir hier den Brief folgen:

 

"In Nr. 177 der 'Neuen Rheinischen Zeitung' findet sich eine Korrespondenznachricht aus Frankfurt a. M. vom 21 Dezember, welche die niederträchtige Lüge enthält, daß ich als Polizeispion nach Frankfurt gegangen sei, um unter dem Schein demokratischer Gesinnung die Mörder des Fürsten Lichnowski und des Generals Auerswald zu ermitteln. Ich bin allerdings am 21. in Frankfurt gewesen, habe mich dort nur einen Tag aufgehalten und habe dort, wie Sie aus beiliegender Bescheinigung ersehen werden, nur eine Privatangelegenheit der hiesigen Frau v. Schwezler zu regulieren gehabt, ich bin längst nach Berlin zurückgekehrt, wo ich meine Tätigkeit als Defensor längst wieder begonnen habe. Ich verweise Sie übrigens auf die bereits in dieser Angelegenheit ergangene offizielle Berichtigung in Nr. 338 der 'Frankfurter Oberpostamts-Zeitung' vom 21. Dezember und Nr. 248 der hiesigen 'National-Zeitung'. Ich glaube von Ihrer Wahrheitsliebe erwarten zu dürfen, daß Sie sofort die anliegende Berichtigung in Ihr Blatt aufnehmen und mir den Einsender der lügenhaften Nachricht, der Ihnen gesetzlich obliegenden Verpflichtung gemäß, nennen werden, da ich eine solche Verleumdung unmöglich ungerügt lassen kann und ich sonst zu meinem Bedauern genötigt sein werde, gegen eine wohllöbliche Redaktion selbst Schritte zu unternehmen.

<447> Ich glaube, daß die Demokratie in neuester Zeit niemandem mehr Dank schuldig ist als gerade mir. Ich bin es gewesen, der Hunderte angeklagter Demokraten aus den Netzen der Kriminaljustiz gerissen hat. Ich bin es gewesen, der noch im hiesigen Belagerungszustand, als die feigen, erbärmlichen Kerle (sogenannte Demokraten) längst das Feld geräumt hatten, unerschrocken und emsig den Behörden entgegengetreten ist und es noch heute tut. Wenn demokratische Organe in solcher Weise mit mir umgehen, so ist das wenig Aufmunterung zu ferneren Bestrebungen.

Das Beste bei der Sache ist aber im vorliegenden Falle die Plumpheit der demokratischen Organe. Das Gerücht, ich ginge als Polizeiagent nach Frankfurt, ist zuerst von der 'Neuen Preußischen Zeitung', diesem berüchtigten Organ der Reaktion, ausgesprengt worden, um meine ihr störende Tätigkeit als Defensor zu untergraben. Die andern Berliner Blätter haben dies längst berichtigt. Die demokratischen Organe sind aber so ungeschickt, eine solche dumme Lüge nachzubeten. Wollte ich als Spion nach Frankfurt gehen, so würde es gewiß nicht vorher in allen Blättern stehn, wie sollte auch Preußen einen Polizeibeamten nach Frankfurt schicken, wo amtskundige Beamte genug sind? Die Dummheit war stets ein Fehler der Demokratie, und ihre Gegner siegten durch Schlauheit.

Ebenso ist es eine niederträchtige Lüge, daß ich vor Jahren in Schlesien als Polizeispion gewesen sei. Ich war damals öffentlich angestellter Polizeibeamter und habe als solcher meine Schuldigkeit getan. Es sind niederträchtige Lügen über mich verbreitet worden. Ein Mensch soll auftreten und beweisen, daß ich mich bei ihm eingeschlichen hätte. Lügen und behaupten kann jeder. Ich erwarte also von Ihnen, den ich für einen ehrlichen, anständigen Mann halte, umgehende befriedigende Antwort. Die demokratischen Zeitungen sind bei uns durch ihre vielen Lügen verrufen worden, mögen Sie nicht gleiches Ziel verfolgen.

Berlin, 26. Dezember 1848

Ergebenst
Stieber, Doktor der Rechte usw., Berlin,
Ritterstraße 65"

 

Woher wußte nun Stieber, daß am 27. Oktober sein Brief von Marx an Schneider II geschickt war? Aber er wurde nicht am 27., sondern am 25. Oktober, und nicht an Schneider II, sondern an v. Hontheim verschickt. Stieber wußte also nur, daß der Brief noch existiere, und er ahnte, daß Marx ihn irgendeinem Verteidiger mitteilen werde. Woher diese Ahnung? Als die "Kölnische Zeitung" Stiebers Aussage vom 18. Oktober über Cherval etc. nach London brachte, schrieb Marx an die " Kölnische Zeitung", an die "Berliner National-Zeitung" und an das "Frankfurter Journal" eine vom 21. Oktober datierte Erklärung, an deren Schluß dem Stieber mit seinem noch vorhandenen Brief gedroht wird. Um den Brief "ganz geheim" zu halten, kündigt ihn Marx selbst in den Zeitungen an. Er scheitert an der Feigheit der deutschen Tagespresse, aber die preußische Post war nun instruiert, und mit der preußischen Post ihr - Stieber.

<448> Was also hat Goldheim aus London heimgezirpt?

Daß Hirsch nicht falsch schwört, daß H. Liebknecht keine "faßbare" Existenz besitzt und das Originalprotokollbuch kein Originalprotokollbuch ist, daß die allwissenden Londoner Agenten alles wissen, was die "Partei Marx" in der Londoner Presse veröffentlicht hat. Um die Ehre der preußischen Agenten zu retten, legt Goldheim ihnen die spärlichen, durch Brieferbrechung und Briefunterschlagung aufgestieberten Notizen in den Mund.

In der Sitzung vom 4. November, nachdem Schneider II den Stieber und sein Protokollbuch vernichtet, ihn der Fälschung und des Meineids überwiesen hat, springt Stieber zum letzten Male vor und macht seiner sittlichen Entrüstung Luft. Sogar, ruft er aus indignierter Seele, sogar Herrn Wermuth, den Polizeidirektor Wermuth wagt man des Meineids zu zeihen. Stieber ist also wieder zur orthodoxen Stufenleiter zurückgekehrt, zur aufsteigenden Linie. Früher bewegte er sich in heterodoxer, in absteigender Linie. Wolle man ihm, dem Polizeirat, nicht glauben, so doch seinem Polizeileutnant, wenn nicht dem Polizeileutnant, so doch dessen Polizeiagenten, wenn nicht dem Agenten Fleury, so doch dem Unteragenten Hirsch. Jetzt umgekehrt. Er, der Polizeirat, könne vielleicht falsch schwören, aber Wermuth, ein Polizeidirektor? Unglaublich! In seinem Unmut lobt er den Wermuth mit steigender Bitterkeit, schenkt dem Publikum reinen Wermuth ein, Wermuth als Mensch, Wermuth als Advokat, Wermuth als Familienvater, Wermuth als Polizeidirektor, Wermuth for ever <allezeit>.

Selbst jetzt in öffentlicher Sitzung sucht Stieber die Angeklagten immer noch au secret <völlig isoliert> zu halten und eine Barriere zwischen der Verteidigung und dem Verteidigungsmaterial aufzuschlagen. Er beschuldigt Schneider II "krimineller Verbindung" mit Marx. Schneider begehe in ihm ein Attentat auf die höchsten preußischen Behörden. Selbst der Assisenpräsident Göbel, ein Göbel selbst, fühlt sich erdrückt unter der Wucht Stieber. Er kann nicht umhin; wenn auch in furchtsam-serviler Weise, läßt er einige Rutenstreiche auf Stiebers Nacken fallen. Aber Stieber hat seinerseits recht. Es ist nicht sein Individuum, es ist die Prokuratur, das Gericht, die Post, die Regierung, das Polizeipräsidium zu Berlin, es sind die Ministerien, es ist die preußische Gesandtschaft zu London, kurz, es ist der preußische Staat, der mit ihm am Pranger steht, das Originalprotokollbuch in der Hand.

Herr Stieber hat nun die Erlaubnis, die Antwort der "Neuen Rheinischen Zeitung" auf seinen Brief drucken zu lassen.

Kehren wir noch einmal mit Goldheim nach London zurück.

<449> Wie Stieber noch immer nicht weiß, wo Cherval sich aufhält und wer Cherval eigentlich ist, so ist nach Goldheims Aussage (Sitzung vom 3. November) die Entstehungsart des Protokollbuchs immer noch nicht völlig aufgeklärt. Um sie aufzuklären, gibt Goldheim zwei Hypothesen.

 

"Für die noch nicht völlig aufgeklärte Entstehungsart des Buches gibt es", sagt er, "nur zwei Wege. Entweder rühre solches, wie der Agent fest versichert, wirklich von Liebknecht her, der, um seinen Verrat nicht klarzumachen, es vermieden habe, seine Handschrift herzugeben."

 

W. Liebknecht gehört notorisch der "Partei Marx" an. Aber die im Protokollbuch befindliche Unterschrift Liebknecht gehört so notorisch nicht dem W. Liebknecht. Stieber schwört daher in der Sitzung vom 27. Oktober, der Besitzer dieser Unterschrift sei auch nicht jener W. Liebknecht, sondern ein anderer Liebknecht, ein H. Liebknecht. Er habe die Existenz dieses Doppelgängers erfahren, ohne die Quelle seiner Erfahrung angeben zu können. Goldheim schwört: "Fleury habe behauptet, daß er das Buch wirklich von einem Mitglied der 'Marxschen Partei' namens H. Liebknecht erhalten hat." Goldheim schwört ferner: "Er habe dieses H. Liebknecht zu London nicht habhaft werden können." Welches Existenzzeichen hat also bisher der von Stieber entdeckte H. Liebknecht der Welt im allgemeinen und dem Polizeileutnant Goldheim im besonderen gegeben? Kein Existenzzeichen, außer seiner Handschrift im Originalprotokollbuch; aber jetzt erklärt Goldheim: "Liebknecht habe es vermieden, seine Handschrift herzugeben."

H. Liebknecht existierte bisher nur als Handschrift. Jetzt bleibt also nichts mehr von H. Liebknecht übrig, nicht einmal eine Handschrift, nicht einmal der Punkt auf dem i. Woher aber Goldheim weiß, daß der H. Liebknecht, dessen Existenz er aus der Handschrift des Protokollbuchs kennt, eine vom Protokollbuch verschiedene Handschrift schreibt, das bleibt ein Geheimnis Goldheims. Wenn Stieber seine Wunder hat, warum sollte nicht Goldheim seine Wunder haben?

Goldheim vergißt, daß sein Vorgesetzter Stieber die Existenz des H. Liebknecht vorgeschworen, daß er selbst sie noch eben geschworen hat. In demselben Atemzug, worin er auf den H. Liebknecht schwört, erinnert er sich, daß H. Liebknecht nur ein von Stieber erfundener Notbehelf, eine Notlüge war, und Not hat kein Gebot. Er erinnert sich, daß es nur einen echten Liebknecht gibt, den W. Liebknecht, daß aber, wenn der W. Liebknecht echt, die Protokollbuchsunterschrift falsch ist. Er darf nicht gestehen, daß Fleurys Unteragent Hirsch mit dem falschen Protokollbuch auch die falsche Unterschrift fabriziert hat. Er macht daher die Hypothese: "Liebknecht habe es <450> vermieden, seine Unterschrift herzugeben." Machen wir auch einmal eine Hypothese. Goldheim hat früher einmal Banknoten gefälscht. Er wird vor Gericht gestellt, es wird bewiesen, daß die auf der Note figurierende Unterschrift nicht diejenige des Bankdirektors ist. Nehmen Sie mir es nicht übel, meine Herren, wird Goldheim sagen, nehmen Sie es nicht übel. Die Banknote ist echt. Sie rührt vom Bankdirektor selbst her. Wenn sein Name nicht in seiner eigenen, sondern in einer falschen Unterschrift ausgefertigt ist, was tut das zur Sache? "Er hat es eben vermieden, seine Handschrift herzugeben."

Oder, fährt Goldheim fort, wenn die Hypothese mit dem Liebknecht falsch ist:

 

"Oder der Agent Fleury habe die Notizen zu dem Buche von zwei anderen Freunden des Marx, den Flüchtlingen Dronke und Imandt, erhalten und habe diese Notizen, um seiner Ware einen desto höheren Wert zu geben, in die Form eines Originalprotokollbuchs gebracht. Es sei nämlich durch den Polizeileutnant Greif amtlich festgestellt worden, daß Dronke und Imandt mit Fleury häufig verkehrt hätten."

 

Oder? Wieso oder? Wenn ein Buch, wie das Originalprotokollbuch, von drei Leuten unterschrieben ist, von Liebknecht, Rings und Ulmer, so wird niemand schließen: "Es rührt von Liebknecht her" - oder von Dronke und Imandt, sondern: Es rührt von Liebknecht her oder von Rings und von Ulmer. Sollte der unglückliche Goldheim, der sich nun einmal zu einem disjunktiven Urteil verstiegen hat - entweder, oder -, sollte er nun abermals sagen: "Rings und Ulmer haben es vermieden, ihre Handschrift herzugeben"? Selbst Goldheim hält eine neue Wendung für unvermeidlich.

Wenn das Originalprotokollbuch nicht von Liebknecht herrührt, wie der Agent Fleury behauptet, so hat Fleury selbst es gemacht, aber die Notizen dazu hat er von Dronke und Imandt erhalten, von denen der Polizeileutnant Greif amtlich festgestellt hat, daß sie häufig mit Fleury verkehrten.

"Um seiner Ware einen desto höheren Wert zu geben", sagt Goldheim, bringt Fleury die Notizen in die Form eines Originalprotokollbuchs. Er begeht nicht nur einen Betrug, er macht falsche Unterschriften, alles, "um seiner Ware einen höheren Wert zu geben". Ein so gewissenhafter Mann, wie dieser preußische Agent, der aus Gewinnsucht falsche Protokolle, falsche Unterschriften fabriziert, ist jedenfalls unfähig, falsche Notizen zu fabrizieren. So schließt Goldheim.

Dronke und Imandt kamen erst im April 1852, nachdem sie von den Schweizer Behörden ausgewiesen worden, nach London. Ein Dritteil des Originalprotokollbuchs besteht aber aus den Protokollen der Monate Januar, Februar und März 1852. Ein Dritteil des Originalprotokollbuchs hat Fleury <451> also jedenfalls ohne Dronke und Imandt gemacht, obgleich Goldheim schwört: Entweder Liebknecht hat das Protokollbuch gemacht - oder Fleury hat es gemacht, aber nach den Notizen von Dronke und Imandt. Goldheim schwört's, und Goldheim ist zwar nicht Brutus, aber doch Goldheim.

Aber so bleibt die Möglichkeit, daß Dronke und Imandt dem Fleury die Notizen seit April geliefert haben, denn, schwört Goldheim:

 

"Es sei durch den Polizeileutnant Greif amtlich festgestellt worden, daß Dronke und Imandt häufig mit Fleury verkehrt hätten."

 

Kommen wir auf diesen Verkehr.

Fleury war, wie schon oben bemerkt, zu London nicht als preußischer Polizeiagent bekannt, sondern als City-Kaufmann, und zwar als demokratischer Kaufmann. Aus Altenburg gebürtig, war er als politischer Flüchtling nach London gekommen, hatte später eine Engländerin aus angesehener und wohlhabender Familie geheiratet und lebte scheinbar zurückgezogen mit seiner Frau und seinem Schwiegervater, einem alten industriellen Quäker. Den 8. oder 9. Oktober trat Imandt in "häufigen Verkehr" mit Fleury, nämlich in den Verkehr des Unterrichtgebers. Nach der verbesserten Aussage des Stieber traf aber das Originalprotokollbuch am 10., nach der Schlußaussage des Goldheim am 11. Oktober in Köln ein. Fleury hatte also, als der ihm bisher gänzlich unbekannte Imandt seine erste französische Stunde bei ihm gab, das Originalprotokollbuch nicht nur schon in roten Saffian binden lassen, er hatte es bereits dem außerordentlichen Kurier übergeben, der es nach Köln trug. So sehr verfaßte Fleury sein Protokollbuch nach den Notizen des Imandt. Den Dronke aber sah Fleury nur einmal zufällig bei Imandt, und zwar erst am 30. Oktober, nachdem das Originalprotokollbuch schon längst wieder in sein ursprüngliches Nichts zurückgefallen war.

So begnügt sich die christlich-germanische Regierung nicht damit, Pulte zu erbrechen, fremde Papiere zu stehlen, falsche Aussagen zu erschleichen, falsche Komplotte zu stiften, falsche Dokumente zu schmieden, falsche Eide zu schwören, Bestechung zu falschen Zeugnissen zu versuchen - alles, um eine Verurteilung der Kölner Angeklagten zu erwirken. Sie sucht einen infamierenden Verdacht auf die Londoner Freunde der Angeklagten zu werfen, um ihren Hirsch zu verstecken, von dem Stieber geschworen, daß er ihn nicht kennt, und Goldheim, daß er kein Spion sei.

Freitag, den 5. November, brachte die "Kölnische Zeitung" den Bericht über die Assisensitzung vom 3. November mit Goldheims Aussage nach London. Man zog sofort Erkundigungen über Greif ein und erfuhr noch denselben Tag, daß er bei Fleury wohne. Gleichzeitig begaben sich Dronke und Imandt <452> mit der "Kölner Zeitung" zu Fleury. Sie lassen ihn Goldheims Aussage lesen. Er erbleicht, sucht Fassung zu gewinnen, spielt den Erstaunten und erklärt sich durchaus bereit, vor einem englischen Magistrat Zeugnis gegen Goldheim abzulegen. Vorher aber müsse er noch seinen Advokaten sprechen. Ein Rendezvous für den Nachmittag des folgenden Tages, Samstag, den 6. November, wird festgesetzt. Fleury verspricht, seine amtlich beglaubigte Aussage fertig zu diesem Rendezvous mitzubringen. Er erschien natürlich nicht. Imandt und Dronke begaben sich daher Samstagabend in seine Wohnung und fanden hier folgenden für Imandt bestimmten Zettel vor:

 

"Durch Hülfe des Advokaten ist alles abgemacht, weiteres ist vorbehalten, sobald die Person ermittelt ist. Der Advokat hat die Sache noch heute abgehen lassen. Das Geschäft machte meine Anwesenheit in der City notwendig. Wollen Sie mich morgen besuchen, ich bin den ganzen Nachmittag bis 5 Uhr zu Hause. Fl."

 

Auf der andern Seite des Zettels befindet sich die Nachschirift:

 

"Ich komme soeben zu Hause, mußte mit Herrn Werner und meiner Frau ausgehen, wovon Sie sich morgen überzeugen können. Schreiben Sie mir, auf welche Zeit Sie kommen wollen."

 

Imandt hinterließ folgende Antwort:

 

"Ich bin außerordentlich überrascht, Sie jetzt nicht zu Hause zu treffen, da Sie sich auch diesen Nachmittag zu dem verabredeten Rendezvous nicht eingestellt haben. Ich muß Ihnen gestehen, daß durch die Umstände mein Urteil über Sie bereits feststeht. Wenn Sie Interesse haben, mich eines andern zu belehren, so werden Sie zu mir kommen, und schon morgen früh, denn ich kann Ihnen nicht dafür einstehen, daß Ihre Eigenschaft als preußischer Polizeispion nicht in englischen Blättern besprochen wird. Imandt."

 

Fleury erschien auch Sonntagmorgen nicht. Dronke und Imandt begaben sich also am Abend wieder zu ihm, um unter dem Scheine, als sei ihr Vertrauen nur im ersten Augenblicke erschüttert worden, seine Erklärung zu erhalten. Unter allerlei Zögerungen und Unschlüssigkeiten kam die Erklärung zustande. Namentlich schwankte Fleury, als man ihn darauf aufmerksam machte, daß er nicht nur seinen Familiennamen, sondern auch seinen Vornamen unterzeichnen müsse. Die Erklärung lautete wörtlich wie folgt:

 

"An die Redaktion der 'Kölnischen Zeitung'.

Der Unterzeichnete erklärt, daß er Herrn Imandt ungefähr einen Monat kennt, während welcher Zeit ihm derselbe Unterricht im Französischen erteilt, daß er Herrn Dronke zum erstenmal Samstag, den 30. Oktober d. J., gesehen.

 

<453> Daß keiner von beiden ihm Mitteilungen gemacht, die in Beziehung zu dem im Kölner Prozeß figurierenden Protokollbuch stehen.

Daß er keine Person kennt, die den Namen Liebknecht trägt, noch in irgendeiner Verbindung mit einer solchen gestanden.

London, 8. November 1852. Kensington

Charles Fleury"

 

Dronke und Imandt waren natürlich überzeugt, daß Fleury der "Kölnischen Zeitung" die Order zuschicken würde, keine Erklärung mit seiner Namensunterschrift aufzunehmen. Sie schicken seine Erklärung daher nicht an die "Kölnische Zeitung", sondern an Advokat Schneider II, der sie aber in einem zu vorgerückten Stadium des Prozesses erhielt, um noch Gebrauch davon machen zu können.

Fleury ist zwar nicht die Fleur de Marie der Prostituierten der Polizei, aber Blume ist er und Blüten wird er tragen, wenn auch nur Fleurs de lys. (1)

Die Geschichte des Protokollbuches hatte nicht ausgespielt.

Sonnabend, den 6. November, bekannte W. Hirsch, von Hamburg, an Eides Statt vor dem Magistrat zu Bow Street, London, daß er selbst unter Leitung von Greif und Fleury das in dem Kölner Kommunistenprozeß figurierende Originalprotokollbuch fabriziert habe.

Also erst Originalprotokollbuch der "Partei Marx" - dann Notizbuch des Spions Fleury - endlich Fabrikat der preußischen Polizei, einfaches Polizeifabrikat, Polizeifabrikat sans phrase.

An demselben Tage, wo Hirsch das Geheimnis des Originalprotokollbuches dem englischen Magistrat zu Bow Street verriet, war ein anderer Repräsentant des preußischen Staates zu Kensington im Hause des Fleury damit beschäftigt, diesmal zwar weder gestohlene noch fabrizierte, noch überhaupt Dokumente, wohl aber seine eigenen Habseligkeiten in starke Wachsleinwand zu verpacken. Es war dies niemand anders als Vogel Greif, Pariser Angedenkens, der außerordentliche Kurier nach Köln, der Chef der preußischen Polizeiagenten zu London, der offizielle Dirigent der Mystifikation, der an die preußische Gesandtschaft attachierte Polizeileutnant. Greif hatte von der preußischen Regierung den Befehl erhalten, London sofort zu verlassen. Zeit war nicht zu verlieren.

<454> Wie am Schlusse von Spektakelopern die im Hintergrunde befindliche, bisher von Kulissen versteckte, amphitheatralisch aufsteigende Szenerie plötzlich in bengalischem Feuer glänzt und in blendenden Umrissen alle Augen schlägt, so am Schluß dieser preußischen Polizeitragikomödie die verborgene amphitheatralische Werkstätte, worin das Originalprotokollbuch geschmiedet wurde. Auf der untersten Stufe sah man den unglücklichen, auf Stücklohn arbeitenden Mouchard Hirsch; auf zweiter Stufe den bürgerlich plazierten Spion und agent provocateur, City-Kaufmann Fleury; auf dritter Stufe den diplomatischen Polizeileutnant Greif, und auf der höchsten Stufe die preußische Gesandtschaft selbst, der er attachiert ist. Seit 6 bis 8 Monaten fabrizierte Hirsch regelmäßig, Woche für Woche, sein Originalprotokollbuch im Arbeitszimmer und unter den Augen des Fleury. Aber einen Stock über Fleury hauste der preußische Polizeileutnant Greif, der ihn überwachte und inspirierte. Aber Greif selbst brachte einen Teil des Tages regelmäßig im Hotel der preußischen Gesandtschaft zu, wo er seinerseits überwacht und inspiriert wurde. Das preußische Gesandtschaftshotel war also das eigentliche Treibhaus, wo das Originalprotokollbuch großwuchs. <In der Baseler Ausgabe von 1853 hier eingefügt: Die Blamage, die ihn zu London erwarete, fiel auf die preußische Gesandtschaft zurück.> Greif mußte also verschwinden. Er verschwand am 6. November 1852.

Das Originalprotokollbuch war nicht länger zu halten, selbst nicht als Notizbuch. Prokurator Saedt bestattete es in seiner Replik auf die Verteidigungsreden der Advokaten.

Man war also wieder da angelangt, von wo der Anklagesenat des Appellhofes ausging, als er eine neue Untersuchung verordnete, weil "kein objektiver Tatbestand vorliege".

 

 

Fußnoten

(1)

Fleurs-de-lys [Lilien] heißen in der französischen Volkssprache die den gebrandmarkten Verbrechern eingebrannten Buchstaben T. F. (travaux forcés, Zwangsarbeit). Wie richtig Marx seinen Kunden beurteilte, geht aus dem Nachtrag (unten, VIII, 1) hervor.

 

[Anmerkung von Engels zur Ausgabe von 1885.]

 

 

 

V

Das Begleitschreiben des

"Roten Katechismus"

 

 

<455> In der Sitzung vom 27. Oktober bezeugt der Polizei-Inspektor Junkermann aus Krefeld:

 

"Er habe ein Paket mit Exemplaren des 'Roten Katechismus' in Beschlag genommen, welches an den Kellner eines Krefelder Gasthofes adressiert und mit dem Poststempel Düsseldorf versehen war. Dabei lag ein Begleitschreiben ohne Unterschrift. Der Absender ist nicht ermittelt worden." "Das Begleitschreiben scheint, wie das öffentliche Ministerium bemerkt, von der Hand des Marx geschrieben."

 

In der Sitzung vom 28. Oktober ersieht der Sachverständige (???) Renard dem Begleitschreiben die Handschrift des Marx. Dies Begleitschreiben lautet:

 

"Bürger! Da Sie unser volles Vertrauen besitzen, so überreichen wir Ihnen hiermit 50 Exemplare des 'Roten', die Sie Samstag, den 5. Juni, abends 11 Uhr, unter die Haustüren anerkannt revolutionärer Bürger, am liebsten Arbeiter, zu schieben haben. Wir rechnen mit Bestimmtheit auf Ihre Bürgertugend und erwarten daher Ausführung dieser Vorschrift. Die Revolution ist näher, als mancher glaubt. Es lebe die Revolution!

Berlin, Mai 1852

Gruß und Bruderschaft. Das Revolutionskomitee"

 

Zeuge Junkermann erklärt noch, "daß die fraglichen Pakete an den Zeugen Chianella geschickt worden".

Polizeipräsident Hinckeldey von Berlin leitet während der Untersuchungshaft der Kölner Angeklagten die Manöver als Obergeneral. Die Lorbeeren des Maupas lassen ihn nicht schlafen.

Während der Verhandlungen figurieren zwei Polizeidirektoren, ein lebendiger und ein toter, ein Polizeirat - aber der eine war ein Stieber -, zwei Polizeileutnants, wovon der eine beständig von London nach Köln, der andere beständig von Köln nach London reist, Myriaden von Polizeiagenten und <456> Unteragenten, genannte, anonyme, heteronyme, pseudonyme, geschwänzte und ungeschwänzte. Endlich noch ein Polizei-Inspektor.

Sobald die "Kölnische Zeitung" mit den Zeugenverhören vom 27. und 28. Oktober in London eintraf, begab sich Marx zum Magistrat in Marlborough Street, schrieb den in der "Kölnischen Zeitung" gegebenen Text des Begleitschreibens ab, ließ diese Abschrift beglaubigen und zugleich folgende an Eides Statt abgegebene Erklärung:

1. Daß er das fragliche Begleitschreiben nicht geschrieben;
2. daß er die Existenz desselben erst aus der "Kölnischen Zeitung" kennengelernt;
3. daß er den sogenannten "Roten Katechismus" nie gesehen;
4. daß er nie in irgendeiner Weise zur Verbreitung desselben beigetragen.

Im Vorbeigehen sei bemerkt, daß eine solche vor dem Magistrat gegebene Erklärung (declaration), wenn sie falsch ist, in England alle Folgen des Meineids nach sich zieht.

Das obige Dokument wurde an Schneider II geschickt, erschien aber zugleich gedruckt im Londoner "Morning Advertiser", da man sich im Laufe des Prozesses überzeugt hatte, daß die preußische Post mit Beobachtung des Postgeheimnisses die sonderbare Vorstellung verbindet, sie sei verpflichtet, die ihr anvertrauten Briefe vor dem Adressaten geheimzuhalten. Die Oberprokuratur widersetzte sich der Vorlegung des Dokuments, sei es auch nur zur Vergleichung. Die Oberprokuratur wußte, daß ein einziger Blick von dem Originalbegleitschreiben auf die amtlich beglaubigte Abschrift von Marx den Betrug, die absichtliche Nachahmung seiner Schriftzüge, selbst dem Scharfblicke dieser Geschworenen nicht verborgen lassen könnte. Im Interesse der Moralität des preußischen Staates protestierte sie daher gegen jede Vergleichung.

Schneider II bemerkte,

 

"daß der Adressat Chianella, der der Polizei bereitwillige Auskunft über die mutmaßlichen Absender gegeben und sich ihr direkt als Spion angeboten, nicht im entferntesten an Marx gedacht habe".

 

Wer je eine Zeile von Marx gelesen hatte, konnte ihm unmöglich die Urheberschaft des melodramatischen Begleitschreibens aufbürden. Die Sommer-Mitternachts-Traumstunde des 5. Juni, die zudringlich-anschauliche Operation des Unterschiebens von "Rotem" unter die Haustüren der Revolutionsphilister - das konnte etwa auf das Gemüt Kinkel hindeuten, wie die "Bürger- <457> tugend" und die "Bestimmtheit", womit auf militärische "Ausführung" der gegebenen "Vorschrift gerechnet wird", auf die Einbildungskraft Willichs. Aber wie sollten Kinkel-Willich dazu kommen, ihre Revolutionsrezepte in Marxsche Handschrift zu setzen?

Wenn eine Hypothese über die "noch nicht ganz aufgeklärte Entstehungsart" dieses in nachgeahmter Handschrift befindlichen Begleitschreibens erlaubt ist: Die Polizei fand in Krefeld die 50 Roten mit dem hochtönend angenehmen Begleitschreiben. Sie ließ - zu Köln oder Berlin, qu'importe <gleichviel>? - den Text in Marxsche Noten setzen. Zu welchem Behuf? "Um ihrer Ware einen desto höheren Wert zu geben."

Selbst die Oberprokuratur wagte indessen nicht, in ihrer katilinarischen Rede auf dies Begleitschreiben zu rekurrieren. Sie ließ es fallen. Es trug also nicht bei zur Konstatierung des mangelnden "objektiven Tatbestandes".

 

 

 

 

VI

Die Fraktion Willich-Schapper

 

 

<458> Seit der Niederlage der Revolution von 1848/49 verlor die proletarische Partei auf dem Kontinent, was sie während jener kurzen Epoche ausnahmsweise besaß: Presse, Redefreiheit und Assoziationsrecht, d.h. die legalen Mittel der Parteiorganisation Die bürgerlich-liberale wie die kleinbürgerlich-demokratische Partei fanden in der sozialen Stellung der Klassen, die sie vertreten, trotz der Reaktion die Bedingungen, unter einer oder der anderen Form zusammenzuhalten und ihre Gemeininteressen mehr oder minder geltend zu machen. Der proletarischen Partei stand nach 1849 wie vor 1848 nur ein Weg offen - der Weg der geheimen Verbindung. Seit 1849 entstanden daher auf dem Kontinent eine ganze Reihe geheimer proletarischer Verbindungen, von der Polizei entdeckt, von den Gerichten verdammt, von den Gefängnissen durchbrochen, von den Verhältnissen stets wieder neu hergestellt.

Ein Teil dieser geheimen Gesellschaften bezweckte direkt den Umsturz der bestehenden Staatsmacht. Es war dies berechtigt in Frankreich, wo das Proletariat von der Bourgeoisie besiegt war und der Angriff auf die bestehende Regierung mit dem Angriff auf die Bourgeoisie unmittelbar zusammenfiel. Ein anderer Teil der geheimen Gesellschaften bezweckte die Parteibildung des Proletariats, ohne sich um die bestehenden Regierungen zu kümmern. Es war dies notwendig in Ländern wie Deutschland, wo Bourgeoisie und Proletariat gemeinsam ihren halb feudalen Regierungen unterlagen, wo also ein siegreicher Angriff auf die bestehenden Regierungen der Bourgeoisie oder doch den sogenannten Mittelständen, statt ihre Macht zu brechen, zunächst zur Herrschaft verhelfen mußte. Kein Zweifel, daß auch hier die Mitglieder der proletarischen Partei an einer Revolution gegen den Status quo sich von neuem beteiligen würden, aber es gehörte nicht zu ihrer Aufgabe, diese Revolution vorzubereiten, für sie zu agitieren, zu konspirieren, zu komplottieren. Sie konnten den allgemeinen Verhältnissen und den direkt beteiligten Klassen diese Vorbereitung überlassen. Sie mußten sie ihnen überlassen, wollten sie nicht auf ihre eigene Parteistellung und auf die historischen Aufgaben verzichten, die aus den allgemeinen Existenzbedingungen des Proletariats von selbst hervorgehen. Für sie waren die jetzigen Regierungen nur ephemere Erscheinungen und der Status quo nur ein kurzer Haltepunkt, woran sich abzuarbeiten einer kleinlich engherzigen Demokratie überlassen wird.

<461> Der "Bund der Kommunisten" war daher keine konspiratorische Gesellschaft, sondern eine Gesellschaft, die die Organisation der proletarischen Partei im geheimen bewerkstelligte, weil das deutsche Proletariat igni et aqua <Formel der Acht bei den Römern>, von Schrift, Rede und Assoziation öffentlich interdiziert ist. Wenn eine solche Gesellschaft konspiriert, so geschieht es nur in dem Sinn, wie Dampf und Elektrizität gegen den Status quo konspirieren.

Es versteht sich, daß eine solche geheime Gesellschaft, welche die Bildung nicht der Regierungs-, sondern der Oppositionspartei der Zukunft bezweckt, wenig Reiz bieten konnte für Individuen, die einerseits ihre persönliche Unbedeutendheit unter dem Theatermantel von Konspirationen aufspreizen, andererseits ihren bornierten Ehrgeiz am Tage der nächsten Revolution befriedigen, vor allem aber augenblicklich wichtig scheinen, an der Beute der Demagogie teilnehmen und von den demokratischen Marktschreiern bewillkommt sein wollen.

Von dem Bunde der Kommunisten sonderte sich daher eine Fraktion ab oder wurde eine Fraktion abgesondert, wie man will, die, wenn auch nicht wirkliche Konspirationen, doch den Schein der Konspiration und daher direkt Allianz mit den demokratischen Tageshelden verlangte - die Fraktion Willich-Schapper. Charakteristisch für sie, daß Willich mit und neben Kinkel als entrepreneur des deutsch-amerikanischen Revolutionsanleihegeschäftes figuriert.

Das Verhältnis dieser Partei zur Majorität des Bundes der Kommunisten, der die Kölner angehörten, ist soeben angedeutet worden. Bürgers und Röser haben es prägnant und erschöpfend in den Kölner Assisenverhandlungen entwickelt.

Wir bleiben vor dem Schluß unserer Darstellung stehen, um einen Rückblick auf das Verhalten der Fraktion Willich-Schapper während des Kölner Prozesses zu werfen.

Wie schon oben bemerkt wurde, beweisen die Data der von Stieber der Fraktion entwandten Dokumente, daß ihre Dokumente auch nach dem Reuterschen Diebstahl immer noch den Weg zur Polizei zu finden wußten. Bis zu dieser Stunde schuldet die Fraktion die Erklärung dieses Phänomens.

Schapper kannte am besten die Vergangenheit Chervals. Er wußte, daß Cherval von ihm 1846 und nicht von Marx 1848 in den Bund aufgenommen war usw. Er bestätigt Stiebers Lügen durch sein Schweigen.

Die Fraktion wußte, daß der ihr angehörige Haacke den Drohbrief an den Zeugen Haupt schrieb, sie läßt den Verdacht auf der Partei der Angeklagten lasten.

<462> Moses Heß, der Fraktion angehörig, der Verfasser des "Roten Katechismus", dieser unglücklichen Parodie des "Manifestes der Kommunistischen Partei", Moses Heß, der seine Schriften nicht nur selbst schreibt, sondern auch selbst vertreibt, er wußte genau, an wen er Partien von seinem "Roten" abgelassen hatte. Er wußte, daß Marx ihm den Reichtum an "Rotem" auch nicht um das Maß eines einzigen Exemplars geschmälert hatte. Moses läßt ruhig auf den Angeklagten den Verdacht, als hätte ihre Partei sein "Rotes" mit melodramatischen Begleitschreiben in der Rheinprovinz hausiert.

Wie durch ihr Schweigen, macht die Fraktion gemeinsame Sache mit der preußischen Polizei durch ihr Sprechen. Wo sie während der Verhandlungen auftritt, erscheint sie nicht auf der Bank der Angeklagten, sondern als "Königszeuge".

Hentze, Willichs Freund und Wohltäter, der Mitwissenschaft am Bunde geständig, bringt einige Wochen bei Willich in London zu und reist dann nach Köln, um gegen Becker, gegen den viel weniger Indizien als gegen ihn selbst vorliegen, die falsche Aussage zu machen, Becker sei 1848 Bundesmitglied gewesen.

Hätzel, wie das Archiv Dietz ausweist, der Fraktion angehörig, mit Geld von ihr unterstützt, schon einmal wegen Teilnahme am Bund zu Berlin vor die Assisen gestellt, erscheint als Zeuge gegen die Angeklagten. Er zeugt falsch, indem er die exzeptionelle Bewaffnung des Berliner Proletariates während der Revolutionszeit in einen erdichteten Zusammenhang mit den Bundesstatuten bringt.

Steingens, durch seine eigenen Briefe überführt (s. Sitzung vom 18. Oktober), Hauptagent der Fraktion in Brüssel gewesen zu sein, erscheint in Köln nicht als Angeklagter, sondern als Zeuge.

Nicht lange vor den Kölner Assisenverhandlungen schickten Willich und Kinkel einen Schneidergesellen <August Gebert> als Emissär nach Deutschland. Kinkel gehört zwar nicht zur Fraktion, aber Willich war Mitregent der deutsch-amerikanischen Revolutionsanleihe.

Kinkel, schon damals von der später eingetroffenen Gefahr bedroht, sich und Willich von der Verwaltung der Anleihegelder durch die Londoner Garanten entsetzt und die Gelder selbst trotz seiner und Willichs entrüsteter Protestation nach Amerika zurückwandern zu sehen, Kinkel bedurfte gerade damals der Scheinmission nach und der Scheinkorrespondenzen mit Deutschland, teils um zu zeigen, daß dort überhaupt noch ein Gebiet revolutionärer Tätigkeit für ihn und die amerikanischen Dollars existiere, teils um einen <463> Vorwand für die enormen Korrespondenz-, Portokosten usw. zu finden, die er und Freund Willich in Rechnung zu bringen verstanden (s. das lithographierte Zirkular des Grafen O. Reichenbach). Kinkel wußte sich ohne alle Verbindung, sei es mit den bürgerlichen Liberalen, sei es mit den kleinbürgerlichen Demokraten in Deutschland. Er nahm daher ein X für ein U, den Emissär der Fraktion für den Emissär des deutsch-amerikanischen Revolutionsbundes. Dieser Emissär hatte keine andere Aufgabe, als gegen die Partei der Kölner Angeklagten unter den Arbeitern tätig zu sein. Man muß gestehen, der Augenblick war günstig gewählt, um noch vor Toresschluß neuen Vorwand zu neuer Untersuchung zu geben. Die preußische Polizei war vollständig über die Person, den Tag der Abreise und die Reiseroute des Emissärs unterrichtet. Woher? werden wir sehen. In den geheimen Versammlungen, die er zu Magdeburg hält, waren ihre Spione zugegen und berichteten über die Debatten. Die Freunde der Kölner in Deutschland und London zitterten.

Wir haben oben erzählt, daß Hirsch am 6. November vor dem Magistrat zu Bow Street gestand, das Originalprotokollbuch unter Leitung von Greif und Fleury fabriziert zu haben; Willich vermochte ihn zu diesem Schritt, Willich und der Gastwirt Schärttner begleiteten ihn zum Magistrat. Hirschs Bekenntnis wurde in drei verschiedenen Exemplaren ausgefertigt und diese unter verschiedenen Adressen durch die Post nach Köln versandt.

Es war von der höchsten Wichtigkeit, den Hirsch, wie er die Schwelle des Gerichtshofes verließ, sofort zu verhaften. Auf Grund der bei ihm befindlichen, amtlich beglaubigten Aussage konnte der in Köln verlorene Prozeß in London wieder gewonnen werden. Wenn nicht für die Angeklagten, so doch gegen die Regierung. Willich tat dagegen alles, um einen solchen Schritt unmöglich zu machen. Er beobachtet nicht nur gegen die direkt beteiligte "Partei Marx", sondern gegen seine eigenen Leute, sogar gegen Schapper, das tiefste Stillschweigen. Nur Schärttner war in sein Geheimnis eingeweiht. Schärttner erklärt, er und Willich hätten den Hirsch ans Schiff begleitet. Hirsch habe nämlich, Willichs Intention gemäß, in Köln gegen sich selbst Zeugnis ablegen sollen.

Willich unterrichtet den Hirsch von dem Wege, den die Dokumente nehmen werden, Hirsch die preußische Gesandtschaft, die preußische Gesandtschaft die Post. Die Dokumente kommen nicht an ihrem Bestimmungsort an; sie verschwinden. Später taucht der verschwundene Hirsch wieder zu London auf und erklärt in einer öffentlichen Demokratenversammlung, Willich sei sein Komplize.

Willich gesteht, auf eine diesbezügliche Interpellation, mit Hirsch, der schon im Jahre 1851 auf seinen Antrag als Spion aus dem Great Windmill <464> Verein ausgestoßen wurde, seit Anfang August 1852 wieder in Verbindung gestanden zu haben. Hirsch habe ihm nämlich den Fleury als preußischen Spion verraten und ihm dann alle an Fleury eingehenden und von ihm ausgehenden Briefe zur Kenntnisnahme mitgeteilt. Er, Willich, habe sich dieses Mittels bedient, um die preußische Polizei zu überwachen.

Willich war notorisch seit ungefähr einem Jahre der intime Freund Fleurys, von dem er Unterstützungen empfing. Wenn aber Willich seit August 1852 wußte, daß er preußischer Spion und zugleich von dessen Treiben unterrichtet war, wie kommt es, daß er das Originalprotokollbuch nicht kannte?

Daß er erst interveniert, nachdem die preußische Regierung selbst den Fleury als Spion verraten hat?

Daß er in einer Weise interveniert, die im besten Falle seinen Verbündeten Hirsch aus England und die amtlich beglaubigten Beweismittel für die Schuld Fleurys aus den Händen der "Partei Marx" schafft?

Daß er fortfuhr, Unterstützungen von Fleury zu beziehen, der mit einem von ihm erhaltenen reçu von 15 Pfund Sterling renommiert?

Daß Fleury in der deutsch-amerikanischen Revolutionsanleihe fortoperiert?

Daß er dem Fleury Lokal und Zusammenkunftsort seiner eigenen geheimen Gesellschaft angibt, so daß preußische Agenten im Nebenzimmer die Debatten zu Protokoll nehmen?

Daß er den Fleury von der Reiseroute des obengenannten Emissärs, des Schneidergesellen, unterrichtet und sogar Geld für diese Missionsreise von ihm empfängt?

Daß er endlich dem Fleury erzählt, er habe den bei ihm wohnenden Hentze instruiert, wie er vor den Kölner Assisen gegen Becker auszusagen habe?(1) Man muß gestehen - que tout cela n'est pas bien clair >das alles ist nicht gerade klar (Beaumarchais, "La folle journée").

 

 

Fußnoten

 

(1) Über das Verhältnis von Willich und Becker:

"Der Willich schreibt mir die lustigsten Briefe; ich antworte nicht, er läßt sich aber nicht abhalten, mir seine neuen Revolutionspläne auseinanderzusetzen. Er hat mich bestimmt, die Kölner Besatzung zu revolutionieren!!! Wir haben neulich uns den Bauch gehalten vor Lachen. Er wird mit seinen Dummheiten noch ungezählte Menschen ins Pech bringen; denn ein einziger Brief könnte hundert Demagogenrichtern drei Jahre lang das Gehalt sichern. Wenn ich die Kölner Revolution fertig hätte, so wäre er nicht abgeneigt, die Leitung der weiteren Operationen zu übernehmen. Gar zu freundlich!" - (Aus einem Briefe von Becker an Marx, d.d. 27. Januar 1851.)

 

[Anmerkung von Marx.]

 

 

 

 

VII

Das Urteil

 

 

<465> In dem Maße, wie die Polizeimysterien sich aufklärten, erklärte sich die öffentliche Meinung für die Angeklagten. Als der Betrug des Originalprotokollbuchs enthüllt war, erwartete man allgemein die Freisprechung. Die "Kölnische Zeitung" sah sich veranlaßt, eine Kniebeugung vor der öffentlichen Meinung und eine Wendung gegen die Regierung zu machen. Kleine, den Angeklagten günstige und den Stieber verdächtigende Notizen verirrten sich auf einmal in Spalten, die früher nur den Polizei-Insinuationen offengestanden hatten. Die preußische Regierung selbst gab die Partie verloren. Ihre Korrespondenten in "Times" und "Morning Chronicle begannen plötzlich die öffentliche Meinung des Auslandes auf einen ungünstigen Ausgang vorzubereiten. Wie verderblich und ungeheuerlich die Lehren der Angeklagten, wie abscheulich die bei ihnen vorgefundenen Dokumente auch sein möchten, tatsächliche Beweise eines Komplotts lägen nicht vor, eine Verurteilung sei daher kaum wahrscheinlich. So kopfhängerisch resigniert schrieb der Berliner Korrespondent der "Times", das servile Echo der Befürchtungen, die in den höchsten Kreisen der Spreestadt zirkulierten. Um so ausgelassener war der Jubel des byzantinischen Hofes und seiner Eunuchen, als der elektrische Telegraph das "Schuldig" der Geschwornen von Köln nach Berlin blitzte.

Mit der Enthüllung des Protokollbuchs war der Prozeß in ein neues Stadium getreten. Es stand den Geschwornen nicht mehr frei, die Angeklagten schuldig oder nichtschuldig, sie mußten jetzt die Angeklagten schuldig finden - oder die Regierung. Die Angeklagten freisprechen hieß die Regierung verurteilen.

In seiner Replik auf die Verteidigungsreden der Advokaten ließ Prokurator Saedt das Originalprotokollbuch fallen. Er wollte nicht von einem Dokument Gebrauch machen, an dem solch ein Makel hafte, er selbst halte es für "unecht", es sei ein "unseliges" Buch, es habe viel unnützen Zeitverlust verursacht, zur Sache selbst trage es nichts bei, Stieber habe sich aus lobenswertem Diensteifer mystifizieren lassen etc.

<466> Aber die Prokuratur selbst hatte in ihrer Anklage behauptet, das Buch enthalte "viel Wahres". Weit entfernt, es für unecht zu erklären, hatte sie nur bedauert, seine Echtheit nicht beweisen zu können. Mit der Echtheit des von Stieber beschworenen Originalprotokollbuchs fiel die Echtheit der von Stieber beschworenen Aussage des Cherval zu Paris, auf die Saedt in seiner Replik noch einmal zurückkommt, fiel alles Tatsächliche, was die angestrengteste Tätigkeit aller Behörden des preußischen Staats während 11/2 Jahren aufgestiebert hatte. Die auf den 28. Juli angekündigte Assisenverhandlung war für drei Monate sistiert worden. Warum? Wegen Krankheit des Polizeidirektors Schulz. Und wer war Schulz? Der ursprüngliche Entdecker des Originalprotokollbuchs. Gehen wir weiter zurück. Januar und Februar 1852 waren Haussuchungen bei der Frau Doktor Daniels gehalten worden. Auf welchen Grund? Auf Grund der ersten Seiten des Originalprotokollbuchs, die Fleury dem Schulz übersandt hatte, die Schulz an das Polizeidirektorium in Köln, die das Polizeidirektorium zu Köln an den Untersuchungsrichter gelangen ließ, die den Untersuchungsrichter in die Wohnung der Frau Doktor Daniels führten.

Trotz des Komplottes Cherval hatte der Anklagesenat im Oktober 1851 noch immer nicht den mangelnden Tatbestand gefunden und daher auf Befehl des Ministeriums eine neue Untersuchung angeordnet. Wer führte diese Untersuchung? Polizeidirektor Schulz. Schulz also sollte den Tatbestand finden. Was fand Schulz? Das Originalprotokollbuch. Alles neue Material, das er herbeischaffte, beschränkte sich auf die losen Blätter des Protokollbuchs, die Stieber nachher vervollständigen und zusammenbinden ließ. Zwölfmonatiges Zellengefängnis für die Angeklagten, um dem Originalprotokollbuch die nötige Zeit zur Geburt und zum Wachstum zu geben. Bagatellen! ruft Saedt und findet schon darin den Beweis der Schuld, daß Verteidiger und Angeklagte acht Tage brauchen, um einen Augiasstall zu leeren, den voll zu machen alle Behörden des preußischen Staats sich 11/2 Jahre lang bemühen und die Angeklagten 11/2 Jahre sitzen. Das Originalprotokollbuch war kein einzelner Inzidenzpunkt, es war der Knotenpunkt, worin alle Fäden der Regierungstätigkeit zusammenliefen, Gesandtschaft und Polizei, Ministerium und Magistratur, Prokuratur und Postdirektion, London, Berlin und Köln. Das Originalprotokollbuch machte so viel zur Sache, daß es erfunden wurde, um überhaupt eine Sache zu machen. Kuriere, Depeschen, Postunterschlagungen, Verhaftungen, Meineide, um das Originalprotokollbuch aufrechtzuerhalten, Falsa, um es zu schaffen, Bestechungsversuche, um es zu rechtfertigen. Das enthüllte Mysterium des Originalprotokollbuchs war das enthüllte Mysterium des Monstreprozesses.

<467> Ursprünglich war die Wunder wirkende Intervention der Polizei nötig gewesen, um den reinen Tendenzcharakter des Prozesses zu verstecken. Die bevorstehenden Enthüllungen - so eröffnete Saedt die Verhandlungen - werden Ihnen, meine Herren Geschwornen, beweisen, daß der Prozeß kein Tendenzprozeß ist. Jetzt hebt er den Tendenzcharakter hervor, um die Polizeienthüllungen vergessen zu machen. Nach der 11/2jährigen Voruntersuchung bedurften die Geschworenen eines objektiven Tatbestandes, um sich vor der öffentlichen Meinung zu rechtfertigen. Nach der fünfwöchigen Polizeikomödie bedurften sie der "reinen Tendenz", um sich aus dem tatsächlichen Schmutz zu retten. Saedt beschränkt sich daher nicht nur auf das Material, das den Anklagesenat zu dem Urteil veranlaßte: "es sei kein objektiver Tatbestand vorhanden". Er geht weiter. Er sucht nachzuweisen, daß das Gesetz gegen Komplott überhaupt keinen Tatbestand verlangt, sondern ein reines Tendenzgesetz ist, also die Kategorie des Komplotts nur ein Vorwand ist, um politische Ketzer in Form Rechtens zu verbrennen. Sein Versuch versprach größern Erfolg durch Anwendung des nach der Verhaftung der Angeklagten promulgierten neuen preußischen Strafgesetzbuchs. Unter dem Vorwand, dies Gesetzbuch enthalte mildernde Bestimmungen, konnte der servile Gerichtshof dessen retroaktive Anwendung zulassen.

War aber der Prozeß ein reiner Tendenzprozeß, wozu die 11/2jährige Voruntersuchung? Aus Tendenz.

Da es sich also einmal um Tendenz handelt, sollen wir nun die Tendenz prinzipiell mit einem Saedt-Stieber-Seckendorf, mit einem Göbel, mit einer preußischen Regierung, mit den 300 Meistbesteuerten des Regierungsbezirks von Köln, mit dem königlichen Kammerherrn von Münch-Bellinghausen und mit dem Freiherrn von Fürstenberg diskutieren? Pas si bête. <So dumm (sind wir nicht.)>

Saedt gesteht (Sitzung vom 8. November),

 

"daß, als ihm vor wenigen Monaten der Auftrag zuteil wurde, und zwar durch den Herrn Oberprokurator, das öffentliche Ministerium mit ihm in dieser Sache zu vertreten, und als er infolgedessen die Akten durchzulesen begann, er zuerst auf die Idee kam, sich mit dem Kommunismus und Sozialismus etwas näher zu beschäftigen. Er fühlte sich deshalb um so mehr gedrungen, den Geschworenen das Resultat seiner Nachforschungen mitzuteilen, als er von der Unterstellung ausgehen zu dürfen glaubte, daß vielleicht manche unter ihnen, gleich ihm, sich damit noch wenig beschäftigt hätten."

 

Saedt kauft sich also das bekannte Kompendium von Stein.

 

"Und was er heute gelernt,
das will er morgen schon lehren."
<Abgewandelte Strophe aus Schillers Epigramm "Die Sonntagskinder">

 

<468> Aber das öffentliche Ministerium hatte ein eigentümliches Unglück. Es suchte den objektiven Tatbestand Marx, und es fand den objektiven Tatbestand Cherval. Es sucht den Kommunismus, den die Angeklagten propagieren, und es findet den Kommunismus, den sie bekämpft haben. Im Kompendium Stein finden sich allerdings allerlei Sorten Kommunismus, nur nicht die Sorte, die Saedt sucht. Stein hat den deutschen, den kritischen Kommunismus, noch nicht registriert. Allerdings befindet sich in Saedts Händen das "Manifest der Kommunistischen Partei", das die Angeklagten als das Manifest ihrer Partei anerkennen. In diesem "Manifest" befindet sich wieder ein Kapitel, das die Kritik der ganzen bisherigen sozialistischen und kommunistischen Literatur, also der ganzen von Stein registrierten Weisheit enthält. Aus diesem Kapitel muß sich der Unterschied der angeklagten kommunistischen Richtung von allen früheren Richtungen des Kommunismus ergeben, also der spezifische Inhalt und die spezifische Tendenz der Lehre, gegen die Saedt requiriert. Kein Stein half bei diesem Stein des Anstoßes. Hier mußte man verstehen, sei es auch nur, um zu verklagen. Wie hilft sich nun der von Stein im Stiche gelassene Saedt? Er behauptet:

 

"Das 'Manifest' besteht aus 3 Abschnitten. Der erste Abschnitt enthalte eine historische Entwicklung der gesellschaftlichen Stellung der verschiedenen Bürger (!) vom Standpunkt des Kommunismus. (very fine <ausgezeichnet>) ... Der zweite Abschnitt entwickele die Stellung der Kommunisten gegenüber den Proletariern ... Endlich im letzten Abschnitt werde über die Stellung der Kommunisten in den verschiedenen Ländern gehandelt ..."(!) (Sitzung vom 6. November.)

 

Das "Manifest" besteht nun allerdings aus 4 Abschnitten und nicht aus 3, aber was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Saedt behauptet daher, es bestehe aus 3 Abschnitten und nicht aus 4. Der Abschnitt, der nicht für ihn besteht, ist derselbige unselige Abschnitt, der die Kritik des von Stein protokollierten Kommunismus, also die spezifische Tendenz des angeklagten Kommunismus enthält. Armer Saedt! Erst fehlt ihm der Tatbestand, jetzt fehlt ihm die Tendenz.

Aber grau, teurer Freund, ist alle Theorie. Die "sogenannte soziale Frage", bemerkt Saedt, "und ihre Lösung hat in neuerer Zeit Berufene und Unberufene beschäftigt". Saedt gehört jedenfalls zu den Berufenen, denn der Oberprokurator Seckendorf hat ihn amtlich vor drei Monaten zum Studium des Sozialismus und Kommunismus "berufen". Die Saedts aller Zeiten und allerorten haben von jeher darin übereingestimmt, den Galilei für "unberufen" <469> zur Erforschung der Himmelsbewegung, den Inquisitor aber, der ihn verketzerte, für "berufen" zu erklären. E pur si muove <Und sie bewegt sich doch.(1)

In den Angeklagten stand den in der Jury vertretnen herrschenden Klassen das revolutionäre Proletariat waffenlos gegenüber; die Angeklagten waren also verurteilt, weil sie vor dieser Jury standen. Was das bürgerliche Gewissen der Geschworenen einen Augenblick erschüttern konnte, wie es die öffentliche Meinung erschüttert hatte, war die bloßgelegte Regierungsintrige, die Korruption der preußischen Regierung, die sich vor ihren Augen enthüllt hatte. Aber, sagten sich die Geschworenen, aber wenn die preußische Regierung so infame und zugleich so waghalsige Mittel gegen die Angeklagten riskiert, wenn sie sozusagen ihren europäischen Ruf aufs Spiel gesetzt hat, nun dann müssen die Angeklagten, kleine Partei so viel man will, verdammt gefährlich und jedenfalls muß ihre Lehre eine Macht sein. Die Regierung hat alle Gesetze des Kriminalkodex verletzt, um uns vor dem kriminellen Ungeheuer zu schützen. Verletzen wir unsererseits unser bißchen point d'honneur <Ehrgefühl>, um die Ehre der Regierung zu retten. Seien wir dankbar, verurteilen wir.

Rheinischer Adel und rheinische Bourgeoisie stimmten mit ihrem Schuldig in den Schrei ein, den die französische Bourgeoisie nach dem 2. Dezember <2. Dezember 1851, Staatsstreich Louis Bonapartes> ausstieß:

"Nur noch der Diebstahl kann das Eigentum retten, nur noch der Meineid die Religion, nur noch das Bastardtum die Familie, nur noch die Unordnung die Ordnung!"

Das ganze Staatsgebäude hat sich in Frankreich prostituiert. Und doch hat sich keine Institution so tief prostituiert wie französische Gerichtshöfe und Geschworenen. Übertreffen wir die französischen Geschworenen und Richter, riefen Jury und Gerichtshof zu Köln. In dem Prozeß Cherval, unmittelbar nach dem Staatsstreich, hatte die Pariser Jury den Nette freigesprochen, gegen den mehr vorlag als gegen einen der Angeklagten. Übertreffen wir die Jury des Staatsstreichs vom 2. Dezember. Verurteilen wir in Röser, Bürgers etc. nachträglich den Nette.

<470> So ward der Aberglaube an die Jury, der in Rheinpreußen noch wucherte, für immer gebrochen. Man begriff, daß die Jury ein Standgericht der privilegierten Klassen ist, eingerichtet, um die Lücken des Gesetzes durch die Breite des bürgerlichen Gewissens zu überbrücken.

Jena! das ist das letzte Wort für eine Regierung, die solcher Mittel zum Bestehen, und für eine Gesellschaft, die solch einer Regierung zum Schutz bedarf Das ist das letzte Wort des Kölner Kommunistenprozesses ... Jena!

 

 

Fußnote

(1)

Saedt war nicht nur "berufen". Er wurde auch noch weiter "berufen", in Belohnung seiner Verdienste in diesem Prozeß, nämlich zum Generalprokurator der Rheinprovinz, und ist als solcher pensioniert worden und dann, versehen mit den heiligen Sterbesakramenten, selig verstorben.

 

[Anmerkung von Engels zur Ausgabe von 1885.]

 

 

 

 

Karl Marx

Nachwort
[zu "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln"]

Nach: "Enthüllungen über den Kommunistenprozeß zu Köln",
Neuer Abdruck, Leipzig 1875.

 

MEW, BAND 18; S. 568-571.

 

 

|568| Die "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln", deren Wiederveröffentlichung der "Volksstaat" für zeitgemäß hielt, erschienen ursprünglich zu Boston, Massachusetts, und zu Basel. Letztere Auflage ward größtenteils an der deutschen Grenze konfisziert. Die Schrift sah das Licht wenige Wochen nach Schluß des Prozesses. Damals galt es vor allem, keine Zeit zu verlieren und war daher mancher Irrtum im einzelnen unvermeidlich. So z.B. in der Namensangabe der Kölner Geschworenen. So soll nicht M. Heß, sondern ein gewisser Levy der Verfasser des roten Katechismus sein. So versichert W. Hirsch in seiner "Rechtfertigungsschrift", Chervals Flucht aus dem Pariser Gefängnis sei zwischen Greif, der französischen Polizei und Cherval selbst abgekartet worden, um letzteren während der Gerichtsverhandlungen als Mouchard zu London verwenden zu können. Es ist dies wahrscheinlich, weil eine in Preußen begangene Wechselfälschung und die daraus entspringende Gefahr der Auslieferung den Crämer (dies der wirkliche Name Chervals) kirren mußten. Meine Darstellung des Vorganges beruht auf "Selbstgeständnissen" Chervals an einen meiner Freunde. Hirschs Angabe wirft ein noch grelleres Licht auf Stiebers Meineid, die Ränke der preußischen Gesandtschaft zu London und zu Paris, die schamlosen Eingriffe Hinckeldeys.

Als der "Volksstaat" das Pamphlet in seinen Spalten abzudrucken begann, schwankte ich einen Augenblick, oh es nicht passend sei, Abschnitt VI (Fraktion Willich-Schapper) wegzulassen. Bei näherem Erwägen jedoch erschien jede Verstümmelung des Textes als Fälschung eines historischen Dokuments.

Der gewaltsame Niederschlag einer Revolution läßt in den Köpfen ihrer Mitspieler, namentlich der vom heimischen Schauplatz ins Exil geschleu- |569| derten, eine Erschütterung zurück, welche selbst tüchtige Persönlichkeiten für kürzere oder längere Zeit sozusagen unzurechnungsfähig macht. Sie können sich nicht in den Gang der Geschichte finden, sie wollen nicht einsehen, daß sich die Form der Bewegung verändert hat. Daher Konspirations- und Revolutionsspielerei, gleich kompromittierlich für sie selbst und die Sache, in deren Dienst sie stehen; daher auch die Fehlgriffe Schappers und Willichs. Willich hat im nordamerikanischen Bürgerkriege gezeigt, daß er mehr als ein Phantast ist, und Schapper, lebenslang Vorkämpfer der Arbeiterbewegung, erkannte und bekannte, bald nach Ende des Kölner Prozesses, seine augenblickliche Verirrung. Viele Jahre später, auf seinem Sterbebett, einen Tag vor seinem Tode, sprach er mir noch mit beißender Ironie von jener Zeit der "Flüchtlingstölpeleien".- Andererseits erklären die Umstände, in denen die "Enthüllungen" verfaßt wurden, die Bitterkeit des Angriffs auf die unfreiwilligen Helfershelfer des gemeinsamen Feindes. In Augenblicken der Krise wird Kopflosigkeit zum Verbrechen an der Partei, das öffentliche Sühne herausfordert.

"Die ganze Existenz der politischen Polizei hängt von der Entscheidung dieses Prozesses ab!" In diesen Worten, die Hinckeldey während der Kölner Gerichtsverhandlungen an die Gesandtschaft zu London schrieb (siehe meine Schrift "Herr Vogt", pag. 271), verriet er das Geheimnis des Kommunistenprozesses. "Die ganze Existenz der politischen Polizei", das ist nicht nur die Existenz und Tätigkeit des mit diesem Fache unmittelbar betrauten Personals. Es ist die Unterordnung der ganzen Regierungsmaschinerie mit Einschluß der Gerichte (siehe das preußische Disziplinargesetz für die richterlichen Beamten vom 7. Mai 1851) und der Presse (siehe Reptilienfonds) unter jenes Institut, wie das gesamte Staatswesen in Venedig der Staatsinquisition unterworfen war. Die politische Polizei, während des Revolutionssturms in Preußen lahmgelegt, bedurfte einer Umgestaltung, für welche das zweite französische Kaiserreich mustergültig war und blieb.

Nach dem Untergange der Revolution von 1848 existierte die deutsche Arbeiterbewegung nur noch unter der Form theoretischer, zudem in enge Kreise gebannter Propaganda, über deren praktische Gefahrlosigkeit die preußische Regierung sich keinen Augenblick täuschte. Ihr galt die Kommunistenhetze nur als Einleitung zum Reaktionskreuzzug gegen die liberale Bourgeoisie, und die Bourgeoisie selbst stählte die Hauptwaffe dieser Reaktion, die politische Polizei, durch die Verurteilung der Arbeitervertreter |570| und die Freisprechung von Hinckeldey-Stieber. So verdiente Stieber seine Rittersporen vor den Assisen zu Köln. Damals war Stieber der Name eines untergeordneten Polizei-Individuums, auf wilder Jagd nach Gehalts- und Amtserhöhung; jetzt bedeutet Stieber die unbeschränkte Herrschaft der politischen Polizei im neuen heiligen preußisch-deutschen Reiche. Er hat sich so gewissermaßen in eine moralische Person verwandelt, moralisch in dem bildlichen Sinne, wie z.B. der Reichstag ein moralisches Wesen ist. Und diesmal schlägt die politische Polizei nicht auf den Arbeiter, um den Bourgeois zu treffen. Umgekehrt. Grade in seiner Eigenschaft als Diktator der deutsch-liberalen Bourgeoisie wähnt Bismarck sich stark genug, die Arbeiterpartei aus der Welt stiebern zu können. An dem Wachstum der Größe Stieber kann das deutsche Proletariat daher den Fortschritt der Bewegung messen, die es selbst seit dem Kölner Kommunistenprozeß zurückgelegt hat.

Die Unfehlbarkeit des Papstes ist eine Kinderei verglichen mit der Unfehlbarkeit der politischen Polizei. Nachdem sie in Preußen während ganzer Dezennien jugendliche Brauseköpfe ins Loch gesteckt, von wegen Schwärmerei für deutsche Einheit, deutsches Reich, deutsches Kaisertum, kerkert sie heuerig sogar alte Glatzköpfe ein, die für jene Gottesgaben zu schwärmen verweigern. Heute müht sie sich ebenso vergeblich ab, die Reichsfeinde auszuroden, wie damals die Reichsfreunde. Welch schlagender Beweis, daß sie nicht dazu berufen ist, Geschichte zu machen, wäre es auch nur die Geschichte des Zanks um des Kaisers Bart!

Der Kommunistenprozeß zu Köln selbst brandmarkt die Ohnmacht der Staatsmacht in ihrem Kampf gegen die gesellschaftliche Entwicklung. Der kgl. preußische Staatsanwalt begründete die Schuld der Angeklagten schließlich damit, daß sie die staatsgefährlichen Prinzipien des "Kommunistischen Manifestes" heimlich verbreiteten. Und werden trotzdem dieselben Prinzipien zwanzig Jahre später nicht in Deutschland auf offener Straße verkündet? Erschallen sie nicht selbst von der Tribüne des Reichstags? Haben sie in der Gestalt des Programms der Internationalen Arbeiterassoziation nicht die Reise um die Welt gemacht, allen Regierungssteckbriefen zum Trotz? Die Gesellschaft findet nun einmal nicht ihr Gleichgewicht, bis sie sich um die Sonne der Arbeit dreht.

Die "Enthüllungen" sagen am Schluß: "Jena! ... das ist das letzte Wort für eine Regierung, die solcher Mittel zum Bestehen, und für eine Gesellschaft, die solch einer Regierung zum Schutze bedarf. Das ist das letzte Wort des Kommunistenprozesses - Jena!" Eine gelungene Vorhersage |571| dies, kichert der erste beste Treitschke mit stolzem Hinweis auf Preußens jüngste Waffentat und das Mausergewehr. Mir genügt zu erinnern, daß es nicht nur ein inneres Düppel gibt, sondern auch ein inneres Jena.

 

London, den 8. Januar 1875

 

 

 

 

 

 

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