MARX UND ENGELS







Proletarischer Internationalismus





Zitate

von Marx und Engels

zusammengestellt von Wolfgang Eggers

aus Anlass des 190. Geburtstags von Friedrich Engels

herausgegeben von der Komintern [ SH ] am 28. November 2010









[ Friedrich Engels, aus: „Lage der arbeitenden Klasse in England“ – Vorrede zur amerikanischen Ausgabe 1887, MEW, Band 2, Seite 634 - 636 ]

Aber diese Reibung [ … die mit der Entwicklung des Proletariats zu seiner Globalisierung - Anmerkung der Komintern [ SH ] )] existiert im Innern der Ritter der Arbeit selbst, wo wir alles andere als Frieden und Eintracht sehen. Das sind nicht Symptome des Verfalls, über die die Kapitalisten Anlass zu triumphieren hätten. Sie sind nur ein Zeichen dafür, dass die zahllosen Arbeitermassen, zum ersten Male in Bewegung gekommen in einer gemeinsamen Richtung, bisher weder den adäquaten Ausdruck ihrer gemeinsamen Interessen gefunden haben noch die ihrem Kampf entsprechende Form der Organisation, noch die für die Sicherung des Sieges unerlässliche Disziplin. Sie sind erst die ersten Massenaufgebote des großen revolutionären Krieges, der Aufstellung und Aufrüstung nach örtlich und unabhängig, alle einem Zentrum zustrebend, um eine einheitliche Armee zu bilden, bisher aber noch ohne reguläre Organisation und einheitlichen Feldzugsplan. Die zusammenströmenden Kolonnen kreuzen einander hier und da; Verwirrung, vorzeitiges Streiten, sogar Konfliktsdrohungen entstehen. Doch die Gemeinsamkeit des letzten Ziels überwindet in letzter Instanz alle Streitigkeiten geringerer Ordnung; nicht lange mehr, und die aufgelöst marschierenden und hadernden Bataillone werden sich in einer langen Linie der Schlachtordnung formieren, dem Feinde eine wohlgeordenete Front darbieten, in unheilverkündendem Schweigen unter ihren blitzenden Waffen, in den vordersten Reihen unterstützt von kühnen Plänklern und im Rücken von einer unerschütterlichen Reserve.

Diese Resultate zu verwirklichen, die Vereinheitlichung der verschiedenen unabhängigen Armeen zu einer nationalen Arbeiterarmee mit einer sei es auch inadäquaten, provisorischen Plattform, vorausgesetzt, dass es eine wirkliche Arbeiterplattform ist – das ist der nächste in Amerika zu vollziehende Schritt. Damit dies erreicht werde und diese Plattform der Sache würdig sei, dazu kann die Sozialistische Arbeiterpartei ein groß Teil beitragen, wenn sie in derselben Weise handeln wird, wie die europäischen Sozialisten handelten, als sie noch eine kleine Minderheit der Arbeiterklasse waren. Diese Aktionslinie wurde zum ersten Mal niedergelegt im Jahre 1847 im Kommunistischen Manifest“ mit den folgenden Worten:

Die Kommunisten“ - das war der Name, den wir damals annahmen und den wir auch heute weit entfernt sind zu verwerfen -sind keine besondere Partei gegenüber den anderen Arbeiterparteien.

Sie haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen.

Sie stellen keine besonderen (sektiererischen) Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen.

Die Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, dass einerseits sie in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, andrerseits dadurch, dass sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten.

Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weiter treibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor den übrigen Massen des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus …

Sie kämpfen für die Erreichung der unmittelbar vorliegenden Zwecke und Interessen der Arbeiterklasse, aber sie vertreten in der gegenwärtigen Bewegung zugleich die Zukunft der Bewegung.“

Das ist die Aktionslinie, die der große Begründer des modernen Sozialismus, Karl Marx, und mit ihm ich und die Sozialisten aller Nationen, die mit uns zusammenarbeiten, mehr als vierzuig jahre lang befolgten, mit dem Resultat, dass sie überall zum Sieg führte und dass in diesem Moment die Massen der europäischen Sozialisten, in Deutschland und in Frankreich, in Belgien, Holland und der Schweiz, in Dänemark und in Schweden, in Spanien und Portugal als eine einheitliche Armee unter einem Banner kämpfen. (London, 26. Januar 1887

Friedrich Engels (aus dem Englischen)





Karl Marx und Friedrich Engels, aus: „Deutsche Ideologie“ - I. Feuerbach, MEW, Band 3, Seite 35 – 38, 42 und 45:

Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand , der hergestellt werden soll, ein Ideal , wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung. Übrigens setzt die Masse von bloßen Arbeiter – massenhafte von Kapital oder von irgendeiner bornierten Befriedigung abgeschnittenen Arbeitskraft – und darum auch der nicht mehr temporäre Verlust dieser Arbeit selbst als einer gesicherten Lebensquelle durch die Konkurrenz den Weltmarkt voraus. Das Proletariat kann also nur weltgeschichtlich existieren, wie der Kommunismus, seine Aktion, nur als „weltgeschichtliche“ Existenz überhaupt vorhanden sein kann; weltgeschichtliche Existenz der Individuen, d.h., Existenz der Individuen, die unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft ist.

[2.] Über die Produktion des Bewusstseins

In der bisherigen Geschichte ist es allerdings ebensosehr eine empirische Tatsache, dass die einzelnen Individuen mit der Ausdehnung der Tätigkeit zur Weltgeschichtlichen immer mehr unter einer ihnen fremdenMacht, geknechtet worden sind ( welchen Druck sie sich denn auch als Schikaen des so genannten Weltgeistes etc. vorstellten ), einer Macht, die immer massenhafter geworden ist und sich in letzter Instanz als Weltmarkt ausweist. Aber ebenso empirisch begründet ist es, dass durch den Umsturz des bestehenden gesellschaftlichen Zustandes durch die kommunistische Revolution und die damit identische Aufhebung des Privateigentums diese den deutschen Theoretikern so mysteriöse Macht aufgelöst wird und alsdann die Befreiung jedes einzelnen Individuums in demselben Maße durchgesetzt wird, in dem die Geschichte sich vollständig in Weltgeschichte verwandelt. Dass der wirkliche geistige Reichtum des Individuums ganz von dem Reichtum seiner wirklichen Beziehungen abhängt, ist nach dem Obigen klar. Die einzelnen Idividuen werden erst hierdurch von den verschiedenen nationalen und lokalen Schranken befreit, mit der Produktion ( auch mit der geistigen ) der ganzen Welt in praktische Beziehungen gesetzt und in den Stand gesetzt, sich die Genussfähigkeit für diese allseitige Produktion der ganzen Erde ( Schöpfungen der Menschen ) zu erwerben. Die allseitige Abhängigkeit, diese naturwüchsige Form des weltgeschichtlichen Zusammenwirkens der Individuen, wird durch diese kommunistische Revolution verwandelt in die Kontrolle und bewusste Beherrschung dieser Mächte, die, aus dem Aufeinander-Wirken der menschen erzeugt, ihnen bisher als durchaus fremde Mächte imponiert und sie beherrscht haben.

Die Geschichtsauffassung beruht also darauf, den wirklichen Produktionsprozess und zwar von der materiellen Produktion des unmittelbaren Lebens ausgehend, zu entwickeln und die mit dieser Produktionsweise zusammenhängende und von ihr erzeugte Verkehrsform also die bürgerliche Gesellschaft in ihren verschiedenen Stufen, als Grundlage der ganzen Geschichte aufzufassen und sie sowohl in ihrer Aktion als Staat darzustellen, wie die sämtlichen verschiedenen theoretischen Erzeuignisse und Formn des Bewusstseins, Religion, Philosophie, Moral etc. etc., aus ihr zu erklären und ihren Entstehungsprozess aus ihnen zu verfolgen, wo dann natürlich auch die Sache in ihrer Totalität ( und darum auch die Wechselwirkung dieser verschiedenen Seiten aufeinander dargestellt werden kann …. - dass nicht die Kritik, sondern die Revolution die treibende Kraft der Geschichte auch der Religion, Philosophie und sonstigen Theorie ist.

Marx und Engels sprechen von denpraktischen Materialisten, d.h., Kommunisten, die die bestehende Welt revolutionieren, die vorgefundene Dinge praktisch angreifen und verändern. (Seite 42).

Je weiter sich im Laufe dieser Entwicklung nun die einzelnen Kreise, die aufeinander einwirken, ausdehnen, je mehr die ursprüngliche Abgeschlossenheit der einzelnen Nationalitäten durch die ausgebildete Produktionsweise, Verkehr und dadurch naturwüchsig hervorgebrachte Teilung der Arbeit zwischen verschiedenen Nationen vernichtet wird, desto mehr wird die Geschichte zur Weltgeschichte (Seite 45 )

Die Existenz revolutionärer Gedanken in einer bestimmten Epoche setzt bereits die Existenz einer revolutionären Klasse voraus. (Seite 47)

3. dass in allen bisherigen Revolutionen die Art der Tätigkeit stets unangetastet blieb und es sich nur um eine andere Distribution dieser Tätigkeit, um eine neue Verteilung der Arbeit an andere Personen handelte, während die kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Art der Tätigkeit richtet, die Arbeit beseitigt und die Herrschaft aller Klassen mit den Klassen selbst aufhebt, weil sie durch die Klasse bewirkt wird, die in der Gesellschaft für keine Klasse mehr gilt, nicht als Klasse anerkannt wird, schon der Ausdruck der Auflösung aller Klassen, Nationalitäten etc. innerhalb der jetzigen Gesellschaft ist; und

4. dass sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewusstseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist; die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann; dass also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse nur in einer Revolution gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden. (Seite 69 - 70)





Karl Marx, „Die Schutzzöllner, die Freihandelsmänner und die arbeitende Klasse“ , MEW, Band 4, Seite 298

Das Schutzzollsystem gibt dem Kapital des einen Landes die Waffen in die Hand, um den Kapitalien der anderen Länder trotzen zu können; es verstärkt die Kraft jenes Kapitals gegenüber dem fremden und bildet sich zugleich ein, durch dieselben Mittel dasselbe Kapital klein und schwach zu machen gegenüber der arbeitenden Klasse. Das hieße doch zuletzt an die Philantropie des Kapitals appellieren, als ob das Kapital als solches Philantrop sein könnte. Im Allgemeinen können die sozialen Reformen aber auch niemals durch die Schwäche des Starken bewirkt werden; sie müssen und werden ins Leben gerufen werden durch die Stärke der Schwachen.





Friedrich Engels, „Der Freihandelskongress in Brüssel“, MEW Band 4, Seite 308

Entweder muss man die gesamte politische Ökonomie, wie sie gegenwärtig besteht, ablehnen, oder man muss zulassen, dass unter der Handelsfreiheit die ganze Schärfe der Gesetze der politischen Ökonomie gegen die arbeitende Klasse angewandt wird. Bedeutet das, dass wir gegen den Freihandel sind ? Nein, wir sind für den Freihandel, weil durch den Freihandel alle ökonomischen Gesetze mit ihren höchst verblüffenden Widersprüchen in einem größeren Maßstabe und auf einem größeren Gebiet, auf der ganzen Erde wirksam werden, und weil aus der Vereinigung aller dieser Widersprüche zu einer Gruppe sich unmittelbar gegenüberstehender Widersprüche der Kampf hervorgehen wird, der mit der Emanzipation des Proletariats endet. (geschrieben Ende September 1847. Aus dem Englischen [ Aus der Globalisierung kann nichts Anderes hervorgehen als die Befreiung des Weltproletariats ! - Anmerkung der Komintern [ SH ] )





Karl Marx und Friedrich Engels, aus: „Reden über Polen“ , MEW, Band 4, Seite 416 - 418:

Die Vereinigung und Verbrüderung der Nationen ist eine Phrase, die alle Parteien heute im Munde führen, so namentlich die bürgerlichen Freihandelsmänner. Es existiert allerdings eine gewisse Art Verbrüderung unter den Bourgeoisklassen aller Nationen. Es ist dies die Verbrüderung der Unterdrücker gegen die Unterdrückten, der Exploiteurs gegen die Exploitierten. Wie die Bourgeoisieklasse eines Landes gegen die Proletarier desselben Landes vereinigt und verbrüdert ist, trotz der Konkurrenz und des Kampfes der Mitglieder der Bourgeoisie unter sich selbst, so sind die Bourgeois aller Länder gegen die Proletarier aller Länder verbrüdert und vereinigt, trotz ihrer wechselseitigen Bekämpfung und Konkurrenz auf dem Weltmarkte. Damit die Völker sich wirklich vereinigen können, muss ihr Interesse ein gemeinschaftliches sein. Damit ihre Interessen gemeinschaftlich sein könne, müssen die jetzigen Eigentumsverhältnisse abgeschafft sein, denn die jetzigen Eigentumsverhältnisse bedingen die Exploitation der Völker unter sich: die jetzigen Eigentumsverhältnisse abzuschaffen, das ist nur das Interesse der arbeitenden Klasse. Sie allein hat auch die Mittel dazu. Der Sieg des Proletariats über die Bourgeoisie ist zugleich der Sieg über die nationalen und industriellen Konflikte, die heutzutage die verschiedenen Völker feindlich einander gegenüberstellen. Der Sieg des Proletariats über die Bourgeoisie ist darum zugleich das Befreiungssignal aller unterdrückten Nationen.

Der Verlust der alten Gesellschaft ist aber kein Verlust für die, die nichts in der alten Gesellschaft zu verlieren haben, und in allen jetzigen Ländern ist dies der Fall für die große Mehrzahl. Sie haben vielmehr alles zu gewinnen durch den Untergang der alten Gesellschaft, welcher die Bildung einer neuen, nicht mehr auf Klassengegensätzen beruhenden Gesellschaft bedingt.

Schlagt eure eigenen inländischen Feinde, und ihr dürft dass das stolze Bewusstsein haben, die ganze alte Gesellschaft geschlagen zu haben.

Eine Nation kann nicht frei werden und zugleich fortfahren, andere Nationen zu unterdrücken.

[ Die Globalisierung - Anmerkung der Komintern (SH) ] … hat die Lage aller Arbeiter gleichgemacht und macht sie täglich mehr und mehr gleich; in allen diesen Ländern haben die Arbeiter jetzt dasselbe Interesse, nämlich die Klasse, die sie unterdrückt, die Bourgeoisie, zu stürzen. Diese Nivellierung der lebenslage, diese Identifikation der Partei-Interessen der Arbeiter aller Nationen ist das resultat der Maschinerie, und daher bleibt die Maschinerie ein ungeheurer geschichtlicher Fortschritt. Was folgt für uns daraus ? Weil die Arbeiter aller Länder dieselbe, weil ihre Interessen dieselben, darum müssen sie der Verbrüderung der Bourgeoisie aller Völker eine Verbrüderung der Arbeiter aller Völker entgegenstellen.





Marx und Engels: aus Manifest der Kommunistischen Partei“, MEW, Band 4, Seite 479 und 493:

Den Kommunisten ist ferner vorgeworfen worden, siw wollten das Vaterland, die Nationalität abschaffen.

Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben. Indem das Proletariat zunächst sich die politische Herrschaft erobern, sich zur nationalen Klasse (zur führenden Klasse der Nation) erheben, sich selbst als Nation konstituieren muss, ist es selbst noch national, wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie.

Die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse.

Die Herrschaft des Proletariats wird sie noch mehr verschwinden machen. Vereinigte Aktion, wenigstens der zivilisierten Länder, ist eine der ersten Bedingungen seiner Befreiung.

In dem Maße, wir die Exploitation des einen Individuums durch das andere aufgehoben wird, wird die Exploitation einer Nation durch die andere aufgehoben.

Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander. (seite 479)



Mit einem Wort, die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände.

In allen diesen Bewegungen heben sie die Eigentumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form sie auch angenommen haben möge, als die Grundlage der Bewegung hervor.

Die Kommunisten arbeiten endlich überall an der Verbindung und Verständigung der demokratischen Parteien aller Länder.

Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, dass ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.

Proletarier aller Länder, vereinigt euch ! (Seite 493)





Karl Marx aus: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“, MEW, Band 7, Seite 79

Nicht in seinen unmittelbaren tragikomischen Errungenschaften brach sich der revolutionäre Fortschritt Bahn, sondern umgekehrt in der erzeugung einer geschlossenen, mächtigen Konterrevolution, in der erzeugung eines Gegners, durch dessen Bekämpfung erst die Umsturzpartei zu einer wirklich revolutionären Partei heranreifte. (Seite 11)

Wenn Paris infolge der politischen Zentralisation Frankreich beherrscht, beherrschen die Arbeiter in Augenblicken revolutionärer Erdbeben Paris. (Seite 17)

Die Erhebung des Proletariats, das ist die Abschaffung des bürgerlichen Kredits; denn es ist die Abschaffung der bürgerlichen Produktion und ihrer Ordnung. Der öffentliche Kredit und der Privatkredit sind das ökonomische Thermometer, woran man die Intensität einer Revolution messen kann. In demselben Grade, worin sie fallen, steigt die Glut und die Zeugungskraft der Revolution. (Seite 23)

Die neue französische Revolution ist gezwungen, sofort den nationalen Boden zu verlassen und das europäische Terrain zu erobern, auf dem allein die soziale Revolution des 19. Jahrhunderts sich durchführen kann. Erst durch die Juniniederlage also wurden alle bedingungen geschaffen, innerhalb deren Frankreich die Initiative der europäischen Revolution ergreifen kann. Erst in das Blut der Juni-Insurgenten getaucht, wurde die Trikolore zur Fahne der europäischen Revolution – zur roten Fahne ! Und wir rufen:Die Revolution ist tot – es lebe die Revolution !

Die Aufgabe der Arbeiter, wer löst sie ? Niemand. Sie wird nirgendwo gelöst innerhalb der nationalen Wände, der Klassenkrieg innerhalb der französischen Gesellschaft schlägt um in einen Weltkrieg, worin sich die Nationen gegenübertreten. Die Lösung, sie beginnt erst in dem Augenblick, wo durch den Weltkrieg das Proletariat an die Spitze des Volks getrieben wird, das den Weltmarkt beherrscht, an die Spitze Englands. Die Revolution, die hier nicht ihr Ende, sondern ihren organisatorischen Anfang findet, ist keine kurzatmige Revolution. (Seite 79)

Die Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte. (Seite 85)

Die Konterrevolution zentralisierte gewaltsam, d.h., sie bereitete den Mechanismus der Revolution vor. Sie zentralisierte sogar durch den Zwangskurs der banknoten das Gold und Silber Frankreichs in der Pariser Bank und schuf so den fertigen Kriegsschatz der Revolution. (Seite 87)

gruppiert sich das Proletariat immer mehr um den revolutionären Sozialismus, um den Kommunismus. Dieser Sozialismus ist die Permanentserklärung der Revolution, die Klassendiktatur des Proletariats als notwendiger Durchgangspunkt zur Abschaffung der Klassenunterschiede überhaupt, zur Abschaffung sämtlicher Produktionsverhältnisse, woruaf sie beruhen, zur Abschaffung sämtlicher gesellschaftlichen Beziehungen, die diesen Produktionsverhältnissen entsprechen, zur Umwälzung sämtlicher Ideen, die aus diesen gesellschaftlichen Beziehungen hervorgehen.“ (Seite 89/90)

Eine neue Revolution ist nur möglich im gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese. (Seite 98)





Friedrich Engels, aus: Vorbemerkung zu „Der deutsche Bauernkrieg“, MEW, Band 7, Seite 541

Die deutschen Arbeiter haben von denen des übrigen Europas zwei wesentliche Vorteile voraus. Erstens, dass sie dem theoretischsten Volk Europas angehören. Der zweite Vorteil ist der, dass die Deutschen in der Arbeiterbewegung der Zeit nach ziemlich zuletzt gekommen sind. Ohne den Vorgang der englischen Trade-Unions und der französischen politischen Arbeiterkämpfe, ohne den riesigen Anstoß, den namentlich die Pariser Kommune gegeben, wo wären wir jetzt ?

Man muss den deutschen Arbeitern nachsagen, dass sie die Vorteile ihrer Lage mit seltenem Verständnis ausgebeutet haben. Zu ersten Mal, seit eine Arbeiterbewegung besteht, wird der Kampf nach seinen drei Seiten hin – nach der theoretischen, der politischen und der praktisch-ökonomischen (Widerstand gegen die Kapitalisten) – im Einklang und Zusammenhang und planmäßig geführt. In diesem sozusagen konzentrischen Angriffe liegt gerade die Stärke und Unbesiegbarkeit der deutschen Bewegung.

Es ist gar nicht im Interesse dieser Bewegung, dass die Arbeiter irgendeiner einzelnen Nation an ihrer Spitze marschiert -, aber doch einen ehrenvollen Platz in der Schlachtlinie ein[zu]nehmen.

Friedrich Engels

London, den 1. Juli 1974





Karl Marx, aus: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, MEW Band 8, Seite 115

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirn der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die geister der vergangenheit zu ihrem Dienst herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen. (Seite 117)

Die soziale Revolution des neunzehnten Jahrhunderts kann ihre Poesie nicht aus der vergangenheit schöpfen, sondern nur aus der Zukunft. Sie kann nicht mit sich selbst beginnen, bevor sie allen Aberglauben an die Vergangenheit abgestreift hat. Die früheren Revolutionen bedurften der weltgeschichtlichen Rückerinnerungen, um sich über ihren eigenen Inhalt zu betäuben. Die Revolution des neunzehnten Jahrhunderts muss die Toten ihre Toten begraben lassen, um bei ihrem eigenen Inhalt anzukommen. Dort ging die Phrase über den Inhalt, hier geht der Inhalt über die Phrase hinaus. (Seite 117)

Proletarische Revolutionen … , wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar vollbrachte zurück, um es wieder von Neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen: „Hier ist die Rose, hier tanze !“





Friedrich Engels, aus: „Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten“, MEW, Band 8, Seite 592

Und Kommunismus hieß nun nicht mehr: Ausheckung, vermittelst der Phantasie, eines möglichst vollkommenen Gesellschaftsideals, sondern: Einsicht in die Natur: die Bedingungen und die daraus sich ergebenden allgemeinen Ziele des vom Proletariat geführten Kampfs. (Seite 582)

Die internationale Bewegung des europäischen und amerikanischen Proletariats ist jetzt so erstarkt, dass nicht nur ihre erste enge Form – der geheime Bund -, sondern selbst ihre zweite, unendlich umfassendere Form – die öffentliche Internationale Arbeiterassoziation – eine Fessel für sie geworden und dass das einfache, auf der Einsicht in Dieselbigkeit der Klassenlage beruhende Gefühl der Solidarität hinreicht, unter den Arbeitern aller Länder und Zungen eine und dieselbe große Partei des Proletariats zu schaffen und zusammenzuhalten. (Seite 592)





Karl Marx, aus: Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW, Band 13

Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozess ihres Werdens begriffen sind. [ Vorwort ] (Seite 9)

Wie hinter dem Rücken der Alchimisten, indem sie Gold machen wollten, die Chemie erwuchs, so springen hinter dem Rücken der Warenbesitzer, indem sie der Ware in ihrer verzauberten Gestalt nachjagen, die Quellen der Weltindustrie und des Welthandels auf. Gold und Silber helfen den Weltmarkt schaffen, indem sie ihrem Geldbegriff sein Dasein antizipieren. Wie sich das Geld zum Weltgeld, entwickelt sich der Warenbesitzer zum Kosmipoliten. Die kosmipolitische Beziehung der Menschen zueinander ist ursprünglich nur ihr Verhältnis als Warenbesitzer. Die Ware ist an und für sich über jede religiöse, politische, nationale und sprachliche Schranke erhaben. Ihre allgemeine Sprache ist der Preis und ihr Gemeinwesen ist das Geld. Aber mit der Entwicklung des Weltgeldes im Gegensatz zur Landesmünze entwickelt sich der Kosmopolitismus des Warenbesitzers als Glaube der praktischen Vernunft im Gegensatz zu angestammten religiösen, nationalen und anderen Vorurteilen, die den Stoffwechsel der Menschheit hemmen. Die erhabene Idee worin ihm die ganze Welt aufgeht, ist die eines Marktes – des Weltmarkts. (Seite 127 – 128).





Karl Marx, aus: „Proklamation des Deutschen Bildungsvereins für Arbeiter in London über Polen“ - Oktober 1863, MEW, Band 14, Seite 576 – 577

Der Londoner Deutsche Arbeiter-Bildungsverein hat im Einverständnis mit einem Agenten der polnischen Nationalregierung das unterzeichnete Komitee beauftragt, eine Geldsammlung für Polen unter den deutschen Arbeitern in England, Deutschland, der Schweiz und den Vereinigten Staaten zu veranstalten. Wenn auf diesem Wege den Polen nur wenig materielle, kann ihnen große moralische Hilfe geleistet werden. Die polnische Frage ist die deutsche Frage. Ohne ein unabhängiges Polen kein unabhängiges und einiges Deutschland; keine Emanzipation Deutschlands vor der russischen Oberherrschaft, die mit der ersten Teilung Polens begann. Die deutsche Aristokratie hat schon längst den Zaren als gejeimer Ober-Landesvater anerkannt. Die deutsche Bourgeoisie sieht stumm, tatlos und gleichgültig dem Abschlachten des Heldenvolkes zu, das Deutschland allein noch vor der muskovitischen Sündflut beschützt.

Lauten Protest gegen den deutschen Verrat an Polen, der zugleich ein Verrat an Deutschland und Europa ist, schuldet die deutsche Arbeiterklasse in diesem verhängnisvollen Augenblick den Polen, dem Auslande und ihrer eigenen Ehre. Wiederherstellung Polens muss sie in Flammenzügen auf ihre Fahnen schreiben, nachdem der bürgerliche Liberalismus diese glorreiche Parole von seiner Fahne weggestrichen hat. Die englische Arbeiterklasse hat dadurch unsterblich geschichtliche Ehre geerntet, dass sie den wiederholten Versuch der herrschenden Klassen zur Intervention für die amerikanischen Sklavenhalter durch enthusiastische Massenmeetings nierderschlug, obgleich die Fortdauer des Amerikanischen Bürgerkrieges einer Million englischer Arbeiter die furchtbarsten Leiden und Entsagungen aufbürdet.

Wenn polizeiliche Zustände der Arbeiterklasse in Deutschland Demonstrationen solchen Umfangs für Polen untersagen, zwingen sie dieselbe doch keinesfalls, durch Teilnahmslosigkeit und verstummen sich als Mitschuldige des Verrats in den Augen aller Welt zu brandmarken.



Karl Marx, aus: „Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation“, gegründet am 28. September 1864, MEW, Band 16, Seite 5 - 13

Und so ist es jetzt in allen Ländern Europas eine Wahrheit..., dass keine Entwicklung der Maschinerie, keine chemische Entdeckung, keine Anwendung der Wissenschaft auf die Produktion, keine Verbesserung der Kommunikationsmittel, keine neuen Kolonien, keine Auswanderung, keine Eröffnung von Märkten, kein Freihandel, noch alle diese Dinge zusammengenommen das Elend der arbeitenden Massen beseitigen können, sondern dass vielmehr umgekehrt, auf der gegenwärtigen falschen Grundlage, jede frische Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit dahin streben muss, die sozialen Kontraste zu vertiefen und den sozialen gegensatz zuzuspitzen. In den Annalen des Weltmarktes ist dieselbe Epoche gekennzeichnet durch die raschere Wiederkehr, den erweiterten Umfang und die tödliche Wirkung der gesellschaftlichen Pest, die man industrielle und kommerzielle Krise heißt. (Seite 9 - 10)

Politische Macht zu erobern ist daher jetzt die große Pflicht der Arbeiterklassen. Sie scheinen dies begriffen zu haben, denn in England, Frankreich, Deutschland und Italien zeigt sich ein gleichzeitiges Wiederaufleben und finden gleichzeitige Versuche zur Reorganisation der Arbeiterpartei statt. Ein Element des Erfolges besitzt sie die Zahl . Aber Zahlen fallen nur in die Waagschale, wenn Kombinationen sie vereint und Kenntnis sie leitet. Die vergangene Erfahrung hat gezeigt, wie Missachtung des Bandes der Brüderlichkeit, welches die Arbeiter der verschiedenen Länder verbinden und sie anfeuern sollte, in allen ihren Kämpfen für Emanzipation fest beieinanderzustehen, stets gezüchtigt wird durch die gemeinschaftliche vereitelung ihrer zusammenhangslosen Versuche. Es war dies Bewusstsein, dass die Arbeiter verschiedener Länder, versammlet am 28. September 1864 in dem öffentlichen Meeting zu St. Martzin's Hall, London, anspornte zur Stiftung der Internationalen Assoziation .

Eine andere Überzeugung beseelte jenes Meeting.

Wenn die Emanzipation der Arbeiterklassen das Zusammenwirken verschiedener Nationen erheischt, wie jenes große Ziel erreichen mit einer auswärtigen Politik, die frevelhafte Zwecke verfolgt, mit Nationalvorurteilen ihr Spiel treibt und in piratischen Kriegen des Volkes Blut und Gut vergeudet ? Nicht die Weisheit der herrschenden Klassen, sondern der heroische Widerstand der englischen Arbeiterklasse gegen ihre verbrecherische Torheit bewahrte den Westen Europas vor einer transatlantischen Kreuzfahrt für die Verewigung und Propaganda der Sklaverei. Der schamlose Beifall, die Scheinsympathie oder idiotische Gleichgültigkeit, womit die höheren Klassen Europas dem Meuchelmord des heroischen Polns und der Erbeutung der bergveste des Kaukasus durch Russland zusahen; die ungeheuren und ohne Widerstand erlaubten Übergriffe dieser barbarischen Macht, deren Kopf zu St. Petersburg und deren Hand in jedem Kabinett von Europa, haben den Arbeiterklassen die Pflicht gelehrt, in die Geheimnisse der internationalen Politik einzudringen, die diplomatioschen Akte ihrer respektiven Regierungen zu überwachen, ihnen wenn nötig entgegenzuwirken; wenn unfähig zuvorzukommen, sich zu vereinen in gleichzeitigen Denunziationen und die einfachen Gesetze der Moral und des Rechts, welche die Beziehungen von Privatpersonen regeln sollten, als die obersten Gesetze des Verkehrs von Nationen geltend zu machen.

Der Kampf für solch eine auswärtige Politik ist eingeschlossen im allgemeinen Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse.

Proletarier aller Länder, vereinigt euch !

Geschrieben zwischen dem 21. und 27. Oktober 1864.



Hier der vollständige Wortlaut der Inauguraladresse von Karl Marx:

Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation



Arbeiter!

Es ist Tatsache, daß das Elend der arbeitenden Massen nicht abgenommen hat während der Periode 1848-1864, und dennoch steht diese Periode mit ihrem Fortschritt von Industrie und Handel beispiellos da in den Annalen der Geschichte. Im Jahre 1850 weissagte eins der bestunterrichteten Organe der englischen Mittelklasse: Steigt Englands Ein- und Ausfuhr um 50%, so fällt der englische Pauperismus auf Null. Nun wohl! Am 7. April 1864 hat der Schatzkanzler Gladstone seine parlamentarische Audienz |Zuhörerschaft| durch den Nachweis entzückt, daß Großbritanniens Gesamtaus- und einfuhr 1863 nicht weniger als 443.955.000 Pfd.St. betrug! „Eine erstaunliche Summe, ungefähr dreimal so groß als die Summe des britischen Gesamthandels in der kaum verschwundenen Epoche von 1843!“ Trotz alledem war er beredt über „Armut“. „Denkt“, rief er, „an die, welche am Abgrund des Elends schweben!“, an „nicht gestiegene Löhne“, an „das Menschenleben, in neun Fällen von zehn ein bloßer Kampf um die Existenz!“ Er sprach nicht von dem Volk von Irland, mehr und mehr ersetzt durch Maschinerie im Norden und durch Schafweiden im Süden, obgleich selbst die Schafe in jenem unglücklichen Lande abnehmen – es ist wahr, nicht ganz so rasch als die Menschen. Er wiederholte nicht, was die Repräsentanten der 10.000 Vornehmen soeben verraten hatten in einem plötzlichen Schreckanfall. Während der Höhe der Garrot-Panik ernannte nämlich das Haus der Lords eine Untersuchungskommission über Deportation und Strafarbeit. Ihr Bericht steht in dem umfangreichen Blaubuch 1863 und beweist durch offizielle Zahlen und Tatsachen, daß der Auswurf des Verbrechens, daß die Galeerensklaven Englands und Schottlands viel weniger abgeplackt und viel besser genährt werden als die Ackerbauer Englands und Schottlands. Aber das war nicht alles. Als der Amerikanische Bürgerkrieg die Fabrikarbeiter von Lancashire und Cheshire auf das Pflaster warf, entsandte dasselbe Haus der Lords einen Arzt in jene Manufakturdistrikte mit dem Auftrag, zu untersuchen, welcher kleinste Betrag von Kohlen und Stickstoff, eingegeben in der wohlfeilsten und ordinärsten Form, durchschnittlich grade ausreiche, um „Hungerkrankheiten abzuwehren“ („to avert starvation diseases“). Dr. Smith, der ärztliche Bevollmächtigte, fand aus, daß eine wöchentliche Portion von 28.000 Gran Kohlen- und 1.330 Gran Stickstoff einen Durchschnittserwachsenen genau über dem Niveau der Hungerkrankheiten halten werde und daß dieser Dosis ungefähr die spärliche Nahrung entsprach, wozu der Druck äußerster Not die Baumwollenarbeiter heruntergebracht hatte. ( 1 )

Aber nun merkt auf! Derselbe gelehrte Doktor wurde später wieder durch den Medizinalbeamten des Geheimen Rats (Privy Council) beauftragt mit der Untersuchung über den Ernährungsstand des ärmeren Teils der Arbeiterklasse. Die Ergebnisse seiner Forschung sind einverleibt in den „Sechsten Bericht über den Zustand der öffentlichen Gesundheit“, veröffentlicht im Lauf des gegenwärtigen Jahres auf Befehl des Parlaments. Was entdeckte der Doktor? Daß Seidenweber, Nähterinnen, Handschuhmacher, Strumpfwirker und andre Arbeiter jahraus, jahrein im Durchschnitt nicht einmal jene Notration der unbeschäftigten Baumwollarbeiter erhalten, nicht einmal jenen Betrag von Kohle und Stickstoff, der „grade hinreicht zur Abwehr von Hungerkrankheiten“.

„Außerdem“, wir zitieren den offiziellen Bericht, „außerdem zeigte sich in bezug auf die untersuchten Familien der Ackerbaubevölkerung, daß mehr als 1/5 weniger als das veranschlagte Minimum von kohlenhaltiger Nahrung, mehr als 1/3 weniger als das veranschlagte Minimum von stickstoffhaltiger Nahrung erhält und daß in die durchschnittliche Lokalnahrung der drei Grafschaften Berkshire, Oxfordshire und Somersetshire ein unzureichendes Maß stickstoffhaltiger Lebensmittel eingeht. Man muß erwägen“, fügt der offizielle Bericht hinzu, „daß Mangel an Nahrung nur sehr widerstrebend ertragen wird und daß große Dürftigkeit der Diät in der Regel nur kommt, nachdem Entbehrungen aller Art vorhergingen. Reinlichkeit selbst wird vorher kostspielig und mühevoll, und werden aus Selbstachtung noch Versuche gemacht, um sie aufrechtzuhalten, so stellt jeder solcher Versuch eine zusätzliche Hungerqual vor ... Das sind peinliche Betrachtungen, namentlich wenn man sich erinnert, daß die Armut, wovon hier die Rede, nicht die verdiente Armut des Müßiggangs ist; es ist in allen Fällen die Armut von Arbeiterbevölkerungen. Ja die Arbeit, die die armselige Nahrungsration erhält, ist tatsächlich meist über alles Maß verlängert.“

Der „Bericht“ enthüllt die sonderbare und sicher unerwartete Tatsache, daß „von den vier Abteilungen des Vereinigten Königreichs“ – England, Wales, Schottland und Irland – „die Ackerbaubevölkerung Englands“, der reichsten Abteilung, „bei weitem die schlechtgenährteste ist“; daß aber selbst die elenden Ackerbautaglöhner von Berkshire, Oxfordshire und Somersetshire besser genährt sind als große Massen der geschickten Handwerker von London. Dies sind offizielle Aufstellungen, auf Parlamentsbefehl veröffentlicht im Jahre 1864, während des Tausendjährigen Reichs des Freihandels, zu einer Zeit, wo der britische Schatzkanzler das Haus der Gemeinen belehrt, daß „die Durchschnittslage des britischen Arbeiters sich in einem Maß verbessert hat, wovon wir wissen, daß es außerordentlich und beispiellos in der Geschichte aller Länder und aller Epochen dasteht“.

Mißtönend knarrt zwischen diese offiziellen Glückwünschungen das dürre Wort des offiziellen Gesundheitsberichtes:

„Die öffentliche Gesundheit eines Landes bedeutet die Gesundheit seiner Masse, und wie können die Massen gesund sein, wenn sie bis auf ihre untersten Schichten herab nicht wenigstens erträglich gedeihen?“

Geblendet von der Fortschrittsstatistik des Nationalreichtums, die vor seinen Augen tanzt, ruft der Schatzkanzler in wilder Ekstase:

„Von 1842 bis 1852 wuchs das steuerbare Landeseinkommen um 6 Prozent; in den acht Jahren von 1853 bis 1861 ist es, ausgehend von der Basis von 1853, um 20 Prozent gewachsen. Die Tatsache ist bis zum Unglaublichen erstaunlich! Dieser berauschende Zuwachs von Reichtum und Macht„, fügt Herr Gladstone hinzu, „ist ganz und gar auf die besitzenden Klassen beschränkt.“

Wenn ihr wissen wollt, unter welchen Bedingungen gebrochener Gesundheit, befleckter Moral und geistigen Ruins jener „berauschende Zuwachs von Reichtum und Macht, ganz und gar beschränkt auf die besitzenden Klassen“, produziert wurde und produziert wird durch die arbeitenden Klassen, betrachtet die Schilderung der Arbeitslokale von Druckern, Schneidern und Kleidermacherinnen in dem letzten „Bericht über den öffentlichen Gesundheitszustand“! Vergleicht den „Bericht der Kommission von 1863 über die Beschäftigung von Kindern“ wo ihr unter anderm lest:

„Die Töpfer als eine Klasse, Männer und Weiber, repräsentieren eine entartete Bevölkerung, physisch und geistig entartet“; „die ungesunden Kinder werden ihrerseits ungesunde Eltern, eine fortschreitende Verschlechterung der Race ist unvermeidlich“, und dennoch „ist die Entartung (degenerescence) der Bevölkerung der Töpferdistrikte verlangsamt durch die beständige Rekrutierung aus den benachbarten Landdistrikten und die Zwischenheiraten mit gesundern Racen!“

Werft einen Blick auf das von Herrn Tremenheere redigierte Blaubuch über die „Beschwerden der Bäckergesellen“! Und wer schaudert nicht vor dem Paradoxon, eingetragen in die Berichte der Fabrikinspektoren und beleuchtet durch die Tabellen der General-Registratur, dem Paradoxon, daß zur Zeit, wo ihre Nahrungsration sie kaum über dem Niveau der Hungerkrankheit hielt, die Gesundheit der Arbeiter von Lancashire sich verbesserte infolge ihres zeitweiligen Ausschlusses aus der Baumwollfabrik durch die Baumwollnot und daß die Sterblichkeit der Fabrikkinder abnahm, weil es ihren Müttern jetzt endlich freistand, ihnen statt der Opiummixtur die Brust zu reichen.

Kehrt die Medaille wieder um! Die Einkommen- und Eigentumssteuerlisten, am 20. Juli 1864 dem Hause der Gemeinen vorgelegt, zeigen, daß die Personen mit jährlichen Einkommen von 50.000 Pfd.St. und über 50.000 Pfd.St. sich vom 5. April 1862 bis zum 5. April 1863 durch ein Dutzend und eins rekrutiert hatten, indem ihre Anzahl in diesem einen Jahr von 67 auf 80 stieg.

Dieselben Listen enthüllen die Tatsache, daß ungefähr dreitausend Personen ein jährliches Einkommen von ungefähr 25 Millionen Pfd.St. unter sich teilen, mehr als das Gesamteinkommen, welches der Gesamtmasse der Ackerbauarbeiter von England und Wales jährlich zugemessen wird!

Öffnet den Zensus von 1861 und ihr findet, daß die Zahl der männlichen Grundeigentümer von England und Wales von 16.934 im Jahr 1851 herabgesunken war zu 15.066 im Jahre 1861, so daß die Konzentration des Grundeigentums in 10 Jahren um 11 Prozent wuchs. Wenn die Konzentration des Landes in wenigen Händen gleichmäßig fortschreitet, wird sich die Grund- und Bodenfrage (the land question) ganz merkwürdig vereinfachen, wie zur Zeit des Römischen Kaiserreichs, als Nero grinste über die Entdeckung, daß die halbe Provinz von Afrika 6 Gentlemen angehörte.

Wir haben so lange verweilt bei diesen „bis zum Unglaublichen erstaunlichen Tatsachen“, weil England das Europa der Industrie und des Handels anführt und in der Tat auf dem Weltmarkt repräsentiert. Vor wenigen Monaten beglückwünschte einer der verbannten Söhne Louis-Philippes den englischen Ackerbauarbeiter öffentlich wegen des Vorzugs seiner Lage über die seiner minder blühenden Genossen jenseits des Kanals. In der Tat, mit veränderten Lokalfarben und in verjüngtem Maßstab wiederholen sich die englischen Tatsachen in allen industriellen und fortgeschrittenen Ländern des Kontinents. Seit 1848 in ihnen allen unerhörte Entwicklung der Industrie und ungeahnte Ausdehnung der Aus- und Einfuhr. In ihnen allen ein wahrhaft „berauschender Zuwachs von Reichtum und Macht“, „ganz und gar beschränkt auf die besitzenden Klassen“. In allen, wie in England, Steigen des Reallohns, d.h. der mit dem Geldlohn beschaffbaren Lebensmittel, für eine Minderheit der Arbeiterklasse, während in den meisten Fällen das Steigen des Geldlohns keinen wirklichen Zuwachs von Komfort anzeigte, so wenig, als etwa der Insasse eines Londoner Armen- oder Waisenhauses im geringsten besser daran war, weil seine ersten Lebensmittel im Jahre 1861 der Verwaltung 9 Pfd.St. 15 sh. 8 d, kosteten anstatt der 7 Pfd.St. 7 sh. 4 d. des Jahres 1852 |Im Social-Demokrat irrtümlich: 1851|. Überall die Massen der Arbeiterklasse tiefer sinkend in demselben Verhältnisse wenigstens, als die Klassen über ihnen in der gesellschaftlichen Waagschale aufschnellten. Und so ist es jetzt in allen Ländern Europas eine Wahrheit, erwiesen für jeden vorurteilsfreien Geist und nur geleugnet durch die interessiert klugen Prediger eines Narrenparadieses, daß keine Entwicklung der Maschinerie, keine chemische Entdeckung, keine Anwendung der Wissenschaft auf die Produktion, keine Verbesserung der Kommunikationsmittel, keine neuen Kolonien, keine Auswanderung, keine Eröffnung von Märkten, kein Freihandel, noch alle diese Dinge zusammengenommen das Elend der arbeitenden Massen beseitigen können, sondern daß vielmehr umgekehrt, auf der gegenwärtigen falschen Grundlage, jede frische Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit dahin streben muß, die sozialen Kontraste zu vertiefen und den sozialen Gegensatz zuzuspitzen. Während dieser „berauschenden Epoche“ ökonomischen Fortschritts hob sich der Hungertod beinahe zum Range einer Institution in der Hauptstadt des Britischen Reichs. In den Annalen des Weltmarkts ist dieselbe Epoche gekennzeichnet durch die raschere Wiederkehr, den erweiterten Umfang und die tödlichere Wirkung der gesellschaftlichen Pest, die man industrielle und kommerzielle Krise heißt.

Nach dem Fehlschlag der Revolutionen von 1848 wurden auf dem Kontinent alle Parteiorganisationen und Parteijournale der arbeitenden Klasse von der eisernen Hand der Gewalt unterdrückt, die fortgeschrittensten Söhne der Arbeit flohen in Verzweiflung nach der transatlantischen Republik, und der kurzlebige Traum der Emanzipation zerrann vor einer Epoche von fieberhaftem Industrialismus, moralischem Marasmus und politischer Reaktion. Die Niederlagen der kontinentalen Arbeiterklassen, wozu die diplomatische Einmischung des britischen Kabinetts, damals wie jetzt im brüderlichen Bund mit dem Kabinett von St. Petersburg, nicht wenig beitrug, verbreitete ihre ansteckende Wirkung bald diesseits des Kanals. Während der Untergang der kontinentalen Arbeiterbewegung die britische Arbeiterklasse entmannte und ihren Glauben in ihrer eignen Sache brach, stellte er das bereits etwas erschütterte Vertrauen der Landlords und der Geldlords wieder her. Bereits öffentlich angekündigte Konzessionen wurden mit absichtlicher Insolenz zurückgezogen. Die Entdeckung neuer Goldlande führte kurz darauf zu einem ungeheuren Exodus, der unersetzliche Lücken in den Reihen des britischen Proletariats hinter sich ließ. Andre seiner früher tätigsten Glieder, durch den Köder größerer Beschäftigung und augenblicklicher Lohnerhöhung bestochen, „trugen den bestehenden Verhältnissen Rechnung“. Alle Versuche, die Chartistenbewegung aufrechtzuerhalten oder neu zu gestalten, scheiterten vollständig, alle Preßorgane der Arbeiterklasse starben, eins nach dem andern, an der Apathie der Masse, und in der Tat, nie zuvor schien die englische Arbeiterklasse so ausgesöhnt mit einem Zustand politischer Nichtigkeit. Hatte daher zwischen den britischen und den kontinentalen Arbeiterklassen keine Gemeinsamkeit der Aktion existiert, so existierte jetzt jedenfalls eine Gemeinsamkeit der Niederlage.

Und dennoch war die Periode von 1848 bis 1864 nicht ohne ihre Lichtseite. Hier seien nur zwei große Ereignisse erwähnt. Nach einem dreißigjährigen Kampf, der mit bewundrungswürdiger Ausdauer geführt ward, gelang es der englischen Arbeiterklasse durch Benutzung eines augenblicklichen Zwiespalts zwischen Landlords und Geldlords, die Zehnstundenbill durchzusetzen. Die großen physischen, moralischen und geistigen Vorteile, die den Fabrikarbeitern aus dieser Maßregel erwuchsen und die man in den Berichten der Fabrikinspektoren halbjährig verzeichnet findet, sind jetzt von allen Seiten anerkannt. Die meisten kontinentalen Regierungen nehmen das englische Fabrikgesetz in mehr oder minder veränderter Form an, und in England selbst wird seine Wirkungssphäre jährlich vom Parlament ausgedehnt. Aber von der praktischen Wichtigkeit abgesehen, hatte der Erfolg dieser Arbeitermaßregel eine andre große Bedeutung. Die Mittelklasse hatte durch die notorischsten Organe ihrer Wissenschaft, durch Dr. Ure, Professor Senior und andre Weisen von diesem Schlag, vorhergesagt und nach Herzenslust demonstriert, daß jede gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit die Totenglocke der englischen Industrie läuten müsse, einer Industrie, die vampirmäßig Menschenblut saugen müsse, vor allem Kinderblut. In alten Zeiten war der Kindermord ein mysteriöser Ritus der Religion des Moloch, aber er ward nur bei besonders feierlichen Gelegenheiten praktiziert, vielleicht einmal im Jahr, und zudem hatte Moloch keine besondere Liebhaberei für die Kinder der Armen.

Der Kampf über die gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit wütete um so heftiger, je mehr er, abgesehen von aufgeschreckter Habsucht, in der Tat die große Streitfrage traf, die Streitfrage zwischen der blinden Herrschaft der Gesetze von Nachfrage und Zufuhr, welche die politische Ökonomie der Mittelklasse bildet, und der Kontrolle sozialer Produktion durch soziale Ein- und Vorsicht, welche die politische Ökonomie der Arbeiterklasse bildet. Die Zehnstundenbill war daher nicht bloß eine große praktische Errungenschaft, sie war der Sieg eines Prinzips. Zum erstenmal erlag die politische Ökonomie der Mittelklasse in hellem Tageslicht vor der politischen Ökonomie der Arbeiterklasse.

Ein noch größerer Sieg der politischen Ökonomie der Arbeit über die politische Ökonomie des Kapitals stand bevor. Wir sprechen von der Kooperativbewegung, namentlich den Kooperativfabriken, diesem Werk weniger kühnen „Hände“ (hands). Der Wert dieser großen Experimente kann nicht überschätzt werden. Durch die Tat, statt durch Argumente, bewiesen sie, daß Produktion auf großer Stufenleiter und im Einklang mit dem Fortschritt moderner Wissenschaft vorgehen kann ohne die Existenz einer Klasse von Meistern (masters), die eine Klasse von „Händen“ anwendet; daß, um Früchte zu tragen, die Mittel der Arbeit nicht monopolisiert zu werden brauchen als Mittel der Herrschaft über und Mittel der Ausbeutung gegen den Arbeiter selbst, und daß wie Sklavenarbeit, wie Leibeigenenarbeit so Lohnarbeit nur eine vorübergehende und untergeordnete gesellschaftliche Form ist, bestimmt zu verschwinden vor der assoziierten Arbeit, die ihr Werk mit williger Hand, rüstigem Geist und fröhlichen Herzens verrichtet. In England wurde der Samen des Kooperativsystems von Robert Owen ausgestreut; die auf dem Kontinent versuchten Arbeiterexperimente waren in der Tat der nächste praktische Ausgang der Theorien, die 1848 nicht erfunden, wohl aber laut proklamiert wurden.

Zur selben Zeit bewies die Erfahrung der Periode von 1848 bis 1864 unzweifelhaft, was die intelligentesten Führer der Arbeiterklasse in den Jahren 1851 und 1852 gegenüber der Kooperativbewegung in England bereits geltend machten, daß, wie ausgezeichnet im Prinzip und wie nützlich in der Praxis, kooperative Arbeit, wenn beschränkt auf den engen Kreis gelegentlicher Versuche vereinzelter Arbeiter, unfähig ist, das Wachstum des Monopols in geometrischer Progression aufzuhalten, die Massen zu befreien, ja die Wucht ihres Elends auch nur merklich zu erleichtern. Es ist vielleicht gerade dies der Grund, warum plausible Lords, bürgerlich-philanthropische Salbader und ein paar trockne politische Ökonomen jetzt mit demselben Kooperativsystem schöntun, das sie früher in seinem Keim zu ersticken versucht hatten, das sie verhöhnt hatten als die Utopie des Träumers und verdammt hatten als die Ketzerei des Sozialisten. Um die arbeitenden Massen zu befreien, bedarf das Kooperativsystem der Entwicklung auf nationaler Stufenleiter und der Förderung durch nationale Mittel. Aber die Herren von Grund und Boden und die Herren vom Kapital werden ihre politischen Privilegien stets gebrauchen zur Verteidigung und zur Verewigung ihrer ökonomischen Monopole. Statt die Emanzipation der Arbeit zu fordern, werden sie fortfahren, ihr jedes mögliche Hindernis in den Weg zu legen. Lord Palmerston sprach aus ihrer Seele, als er in der letzten Parlamentssitzung den Verteidigern der Rechte der irischen Pächter höhnend zuschrie: „Das Haus der Gemeinen ist ein Haus von Grundeigentümern!“

Politische Macht zu erobern ist daher jetzt die große Pflicht der Arbeiterklassen. Sie scheinen dies begriffen zu haben, denn in England, Frankreich, Deutschland und Italien zeigt sich ein gleichzeitiges Wiederaufleben und finden gleichzeitige Versuche zur Reorganisation der Arbeiterpartei statt. Ein Element des Erfolges besitzt sie, die Zahl. Aber Zahlen fallen nur in die Waagschale, wenn Kombination sie vereint und Kenntnis sie leitet. Die vergangene Erfahrung hat gezeigt, wie Mißachtung des Bandes der Brüderlichkeit, welches die Arbeiter der verschiedenen Länder verbinden und sie anfeuern sollte, in allen ihren Kämpfen für Emanzipation fest beieinanderzustehen, stets gezüchtigt wird durch die gemeinschaftliche Vereitlung ihrer zusammenhangslosen Versuche. Es war dies Bewußtsein, das die Arbeiter verschiedener Länder, versammelt am 28. September 1864 in dem öffentlichen Meeting zu St. Martin’s Hall, London, anspornte zur Stiftung der Internationalen Assoziation.

Eine andere Überzeugung beseelte jenes Meeting.

Wenn die Emanzipation der Arbeiterklassen das Zusammenwirken verschiedener Nationen erheischt, wie jenes große Ziel erreichen mit einer auswärtigen Politik, die frevelhafte Zwecke verfolgt, mit Nationalvorurteilen ihr Spiel treibt und in piratischen Kriegen des Volkes Blut und Gut vergeudet? Nicht die Weisheit der herrschenden Klassen, sondern der heroische Widerstand der englischen Arbeiterklasse gegen ihre verbrecherische Torheit bewahrte den Westen Europas vor einer transatlantischen Kreuzfahrt für die Verewigung und Propaganda der Sklaverei. Der schamlose Beifall, die Scheinsympathie oder idiotische Gleichgültigkeit, womit die höheren Klassen Europas dem Meuchelmord des heroischen Polen und der Erbeutung der Bergveste des Kaukasus durch Rußland zusahen; die ungeheueren und ohne Widerstand erlaubten Übergriffe dieser barbarischen Macht, deren Kopf zu St. Petersburg und deren Hand in jedem Kabinett von Europa, haben den Arbeiterklassen die Pflicht gelehrt, in die Geheimnisse der internationalen Politik einzudringen, die diplomatischen Akte ihrer respektiven Regierungen zu überwachen, ihnen wenn nötig entgegenzuwirken; wenn unfähig zuvorzukommen, sich zu vereinen in gleichzeitigen Denunziationen und die einfachen Gesetze der Moral und des Rechts, welche die Beziehungen von Privatpersonen regeln sollten, als die obersten Gesetze des Verkehrs von Nationen geltend zu machen.

Der Kampf für solch eine auswärtige Politik ist eingeschlossen im allgemeinen Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse.

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Fußnoten von Karl Marx

( 1 ) Wir brauchen den Leser wohl kaum darauf hinzuweisen, daß, abgesehen von den Elementen des Wassers und gewissen anorganischen Stoffen, Kohle und Stickstoff den Rohstoff der menschlichen Nahrung bilden. Um allerdings den menschlichen Organismus zu ernähren, müssen ihm diese einfachen chemischen Bestandteile in Form von pflanzlichen oder tierischen Stoffen zugeführt werden. Kartoffeln z.B. enthalten in der Hauptsache Kohlenstoff, während Weizenbrot kohlen- und stickstoffhaltige Substanzen in der geeigneten Proportion enthält. [Anmerkung von Marx zur englischen Ausgabe von 1864.]



Karl Marx

Provisorische Statuten der Internationalen Arbeiter-Assoziation

Oktober 1864

In Erwägung,

daß die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden muß; daß der Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse kein Kampf für Klassenvorrechte und Monopole ist, sondern für gleiche Rechte und Pflichten und für die Vernichtung aller Klassenherrschaft;

daß die ökonomische Unterwerfung des Arbeiters unter den Aneigner der Arbeitsmittel, d.h. der Lebensquellen, der Knechtschaft in allen ihren Formen zugrunde liegt – allem gesellschaftlichen Elend, aller geistigen Verkümmerung und politischen Abhängigkeit;

daß die ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse daher der große Endzweck ist, dem jede politische Bewegung, als Mittel, unterzuordnen ist;

daß alle auf dieses Ziel gerichteten Versuche bisher gescheitert sind aus Mangel an Einigung unter den mannigfachen Arbeitszweigen jedes Landes und an der Abwesenheit eines brüderlichen Bundes unter den Arbeiterklassen der verschiedenen Länder;

daß die Emanzipation der Arbeiterklasse weder eine lokale, noch eine nationale, sondern eine soziale Aufgabe ist, welche alle Länder umfaßt, in denen die moderne Gesellschaft besteht, und deren Lösung vom praktischen und theoretischen Zusammenwirken der fortgeschrittensten Länder abhängt;

daß die gegenwärtig sich erneuernde Bewegung der Arbeiterklasse in den industriellsten Ländern Europas, wahrend sie neue Hoffnungen wachruft, zugleich feierliche Warnung erteilt gegen einen Rückfall in die alten Irrtümer und zur sofortigen Zusammenfassung der noch zusammenhangslosen Bewegungen drängt;

aus diesen Gründen haben die unterzeichneten Mitglieder des Komitees, welches am 28. September 1864 auf der öffentlichen Versammlung in St. Martin’s Hall, London, gewählt wurde, die notwendigen Schritte zur Gründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation getan.

Sie erklären, daß diese Internationale Assoziation und alle Gesellschaften und Individuen, die sich ihr anschließen, Wahrheit, Gerechtigkeit und Sittlichkeit anerkennen als die Regel ihres Verhaltens zueinander und zu allen Menschen, ohne Rücksicht auf Farbe, Glauben oder Nationalität.

Sie erachten es als die Pflicht eines jeden Menschen, die Rechte eines Menschen und Bürgers nicht bloß für sich selbst, sondern für jedermann, der seine Pflicht tut, zu fordern. Keine Rechte ohne Pflichten, keine Pflichten ohne Rechte. Und in diesem Geist haben sie nachfolgende Provisorische Statuten der Internationalen Assoziation verfaßt:

  1. Die gegenwärtige Assoziation ist gegründet zur Herstellung eines Mittelpunktes der Verbindung und des Zusammenwirkens zwischen den in verschiedenen Ländern bestehenden Arbeitergesellschaften, welche dasselbe Ziel verfolgen, nämlich: den Schutz, den Fortschritt und die voll ständige Emanzipation der Arbeiterklasse.

  2. Der Name der Gesellschaft ist: Internationale Arbeiter-Assoziation.

  3. Im Jahre 1865 wird ein allgemeiner Arbeiterkongreß in Belgien stattfinden. Er wird bestehen aus den Repräsentanten aller Arbeitergesellschaften, die sich in der Zwischenzeit der Internationalen Assoziation angeschlossen haben. Der Kongreß wird vor Europa die gemeinsamen Bestrebungen der Arbeiterklasse verkünden, die definitiven Statuten der Internationalen Assoziation festsetzen, die für ihr erfolgreiches Wirken notwendigen Mittel beraten und den Zentralrat der Assoziation ernennen. Der allgemeine Kongreß soll sich jährlich einmal versammeln.

  4. Der Zentralrat hat seinen Sitz in London und wird gebildet aus Arbeitern, angehörig den verschiedenen, in der Internationalen Assoziation repräsentierten Ländern. Er besetzt aus seiner Mitte die zur Geschäftsführung nötigen Stellen, wie die des Präsidenten, Schatzmeisters, Generalsekretärs, der korrespondierenden Sekretäre für die verschiedenen Länder usw.

  5. Auf seinen jährlichen Zusammenkünften erhält der Kongreß einen öffentlichen Bericht über die Jahresarbeit des Zentralrats. Der vom Kongreß jährlich neu ernannte Zentralrat ist ermächtigt, sich neue Mitglieder beizufügen. In dringenden Fällen kann er den Kongreß vor dem regelmäßigen jährlichen Termin berufen.

  6. Der Zentralrat wirkt als internationale Agentur zwischen den verschiedenen zusammenwirkenden Gesellschaften, so daß die Arbeiter eines Landes fortwährend unterrichtet bleiben über die Bewegungen ihrer Klasse in allen anderen Ländern; daß eine Untersuchung über den sozialen Zustand der verschiedenen Länder Europas gleichzeitig und unter gemeinsamer Leitung stattfindet; daß Fragen von allgemeinem Interesse, angeregt von einer Gesellschaft, von allen andern aufgenommen werden; und daß im Fall der Notwendigkeit sofortiger praktischer Schritte, wie z.B. bei internationalen Zwisten, die verbündeten Gesellschaften sich gleichzeitig und gleichförmig betätigen können. Bei jeder passenden Gelegenheit ergreift der Zentralrat die Initiative der den verschiedenen nationalen oder lokalen Gesellschaften zu unterbreitenden Vorlagen.

  7. Da einerseits der Erfolg der Arbeiterbewegung in jedem Lande nur gesichert werden kann durch die Macht der Einigung und Kombination, während andrerseits die Wirksamkeit des internationalen Zentralrats wesentlich dadurch bedingt ist, daß er mit wenigen nationalen Zentren der Arbeitergesellschaften verhandelt, statt mit einer großen Anzahl kleiner und zusammenhangsloser lokaler Gesellschaften, – so sollen die Mitglieder der Internationalen Assoziation all ihre Kräfte aufbieten zur Vereinigung der zerstreuten Arbeitergesellschaften ihrer betreffenden Länder in nationale Körper, repräsentiert durch nationale Zentralorgane. Es versteht sich von selbst, daß die Anwendung dieses Artikels von den Sondergesetzen jedes Landes abhängt und daß, abgesehen von gesetzlichen Hindernissen, keine unabhängige lokale Gesellschaft von direkter Korrespondenz mit dem Londoner Zentralrat ausgeschlossen ist.

  8. Bis zur Zusammenkunft des ersten Kongresses wird sich das am 28. September 1864 gewählte Komitee als Provisorischer Zentralrat betätigen, Verbindungen zwischen den Arbeitergesellschaften verschiedener Länder zu knüpfen trachten, Mitglieder im Vereinigten Königreich werben, die vorbereitenden Schritte tun zur Einberufung des Kongresses und die Hauptfragen, die diesem Kongreß vorgelegt werden sollen, mit den nationalen und lokalen Gesellschaften besprechen.

  9. Bei Veränderung des Wohnsitzes von einem Land zum andern erhält jedes Mitglied der Internationalen Assoziation die brüderliche Unterstützung der mitverbündeten Arbeiter.

  10. Obgleich vereinigt zu einem ewigen Bund brüderlichen Zusammenwirkens, behalten die Arbeitergesellschaften, welche sich der Internationalen Assoziation anschließen, ihre bestehende Organisation unversehrt.



Friedrich Engels, aus: Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei“, 1865, MEW, Band 16, Seite 76 – 77

Es ist also das Interesse der Arbeiterklasse, die Bourgeoisie in ihrem Kampfe gegen alle reaktionären Elemente zu unterstützen, solange sie sich selbst treu bleibt . Jede Eroberung, die die Bourgeoisie der Reaktion abzwingt, kommt, unter dieser Bedingung, der Arbeiterklasse schließlich zu Gute. Diesen richtigen Instinkt haben die deutschen Arbeiter auch gehabt. Sie haben, mit vollem Recht, in allen deutschen Staaten überall für die radikalsten Kandidaten gestimmt, die Aussicht zum Durchkommen hatten.

Aber wenn nun die Bourgeoisie sich selbst untreu wird, ihre eigenen Klasseninteressen und die daraus folgenden Prinzipien verrät ?

Dann bleiben den Arbeitern zwei Wege übrig !

Entweder die Bourgeoisie gegen ihren Willen vorantreiben, sie soweit möglich zu zwingen, das Wahlrecht auszudehnen, die Presse, die Vereine und Versammlungen zu befreien und damit dem Proletariat ein Gebiet zu schaffen ...

Karl Marx: Adresse der I A A an Präsident Johnson“, MEW, Band 16, Seite 98 - 99

Friedrich Engels, aus: Was hat die Arbeiterklasse mit Polen zu tun ?“, MEW, Band 16, Seite 153 - 155

Karl Marx: Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats zu den einzelnen Fragen“, MEW, Band 16, Seite 190 - 199

Karl Marx: „Die eingekerkerten Fenier in Manchester und die Internationale Arbeiterassoziation“, 20. November 1867, MEW, Band 16, Seite 219 - 220

Karl Marx: [ Erklärung des Generalrats über die Stellung der britischen Regierung zum zaristischen Russland ], 18. Juli 1868, MEW, Band 16, Seite 314

Der Rat der Internationalen Arbeiterassoziation verurteilt die Unterwürfigkeit, die die britische Regierung neuerlich gegenüber Russland bekundet hat, indem sie einen Monat nach dem Ukas der russischen Regierung, durch den die Bezeichnung Polen abgeschafft wurde, im Budget das Adjektiv polnische vor dem Wort Emigranten strich.

Nach dem Protokollbuch. Aus dem, Englischen

Karl Marx: [Resolutionsentwurf über die Folgen der Anwendung von Maschinen durch die Kapitalisten, dem Brüsseler Kongress vom Generalrat vorgeschlagen], 28. Januar 1868 - MEW, Band 16, Seite 315

Einerseits hat sich die Maschinerie als eines der mächtigsten Instrumente des Despotismus und der Aussaugung in den Händen der Kapitalisten erwiesen; andererseits schafft die Entwicklung der Mascjinerie die notwendigen materiellen Bedingungen zur Verdrängung des Systems der Lohnarbeit durch ein wahrhaft soziales System der Produktion.

Nach dem Protokollbuch. Aus dem, Englischen





Karl Marx: „Vierter jährlicher Bericht des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation“, MEW, Band 16, Seite 318 - 323

lässt sich die I.A.A. Weder einschüchtern noch missleiten. Ihr Geschick ist von nun an unzertrennbar verschlungen mit dem geschichtlichen Fortschritt der Klasse, die in ihrem Schoß die Wiedergeburt der menschheit birgt.

Für den Generalrat: Robert Shaw, Vorsitzender

J. George Eccarius, Generalsekretär

London, 1. September 1868 (nach der handschriftlichen Kopie von Jenny Marx.



Friedrich Engels: „Zur Auflösung des Lassalleanischen Arbeitervereins“, 3. Oktober 1868, MEW, Band 16, Seite 326 - 329



Zur Auflösung des Lassalleanischen Arbeitervereins

Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ist aufgelöst worden nicht nur unter der Herrschaft des allgeminen Stimmrechts, sondern auch gerade weil das allgemeine Stimmrecht herrscht. Engels hatte ihm vorhergesagt, er werde unterdrückt werden, sobald er gefährlich werde. In seiner letzten Generalversammlung hatte der Verein bewchlossen: 1. für die Eroberung voller politischer Freiheit einzutreten und 2. mit der Internationalen Arbeiterassoziation zusammenzuwirken. Diese beiden Beschlüsse fassen einen vollsrändigen Bruch mit der ganzen Vergangenheit des Vereins in sich. Mit ihnen trat der Verein aus seiner bisherigen Sektenstellung heraus auf das breite Gebiet der großen Arbeiterbewegung. Aber höheren Orts scheint man sich eingebildet zu haben, dies sei gewissermaßen gegen die Absprache. Zu anderen Zeiten hätte das soviel nicht verschlagen; aber seit der Einführung des allgemeinen Stimmrechts, wo man sein ländliches und kleinstädtisches Proletariat vor solchn Umsturzbestrebungen sorgsam zu hüten hat ! Das allgemeine Stimmrecht war der letzte Nagel am Sarge des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.

Es gereicht den Verein zur Ehre, dass er gerade an diesem Bruch mit dem bornierten Lassalleanismus zu Grunde gegangen ist. Was auch an seine Stelle treten möge, wird demzufolge auf einer weit allgemeineren, prinzipiellen Grundlage erbaut sein, als die paar ewig wiederholten Lassalleanischen Redensarten von Staatshilfe bieten konnten. Von dem Augenblick, wo die Mitglieder des aufgelösten Vereins anfingen zu denken, statt zu glauben, schwand das letzte Hindernis, das einer Verschmelzung aller deutschen sozialdemokratischen Arbeiter zu einer großen Partei im Wege stand.

Geschrieben Ende September 1868.





Karl Marx: [Die Verbindungen der Internationalen Arbeiterassoziation mit den englischen Arbeiterorganisationen] - 4. Oktober 1868 - , MEW, Band 16, Seite 331 - 333





Karl Marx: „Die Internationale Arbeiterassoziation und die Allianz der sozialistischen Demokratie“ - 22. Dezember 1868, MEW, Band 16, Seite 339 - 341



Die Internationale Arbeiterassoziation und die Allianz der sozialistischen Demokratie

Vor ungefähr einem Monat haben sich in Genf einige Bürger als Zentrales Initiativkomitee einer neuen internationalen Gesellschaft konstituiert, genannt "die Internationale Allianz der sozialistischen Demokratie", die sich "als spezielle Mission das Studium politischer und philosophischer Fragen auf der Grundlage dieses großen Prinzips der Gleichheit etc. gestellt hat". Das von diesem Initiativkomitee gedruckte Programm und Reglement ist dem Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation erst in seiner Sitzung vom 15. Dezember mitgeteilt worden. Nach diesen Dokumenten ist die genannte "Internationale Allianz völlig in der Internationalen Arbeiterassoziation aufgegangen" und zugleich völlig außerhalb dieser Assoziation gegründet.

Neben dem von den Arbeiterkongressen in Genf, Lausanne und Brüssel gewählten Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation soll nach dem Reglement des Initiativkomitees ein weiterer, ein selbsternannter Zentralrat in Genf bestehen. Neben den lokalen Gruppen der Internationalen Assoziation sollen die lokalen Gruppen der Internationalen Allianz bestehen, die "durch ihre nationalen Büros", welche außerhalb der nationalen Büros der Internationalen Assoziation tätig sind, "beim Zentralbüro der Allianz ihre Aufnahme in die Internationale Arbeiterassoziation beantragen werden". Das Zentralkomitee der Allianz maßt sich somit also das Recht der Aufnahme in die Internationale Assoziation an. Schließlich soll auch der allgemeine Kongreß der Internationalen Assoziation noch sein Doppelstück im allgemeinen Kongreß der Internationalen Allianz finden, denn das Reglement des Initiativkomitees besagt:

"Die Delegation der Allianz der sozialistischen Demokratie wird beim alljährlichen Arbeiterkongreß als Zweig der Internationalen Arbeiterassoziation ihre öffentlichen Sitzungen an einem getrennten Ort abhalten."

In Erwägung,

daß das Vorhandensein einer zweiten internationalen Organisation, die innerhalb und außerhalb der Internationalen Arbeiterassoziation tätig ist, das unfehlbarste Mittel wäre, diese zu desorganisieren;

daß jede andere Gruppe von Personen an beliebigem Orte das Recht hätte, die Initiativgruppe von Genf nachzuahmen und unter mehr oder weniger plausiblen Vorwänden der Internationalen Arbeiterassoziation andere internationale Assoziationen mit anderen "speziellen Missionen" aufzupfropfen;

daß die Internationale Arbeiterassoziation auf diese Weise bald zum Spielball der Intriganten aller Racen und Nationalitäten würde;

daß zudem die Statuten der Internationalen Arbeiterassoziation in ihrem Rahmen nur lokale und nationale Zweiggesellschaften zulassen (siehe Art. 1 und 6 der Statuten);

daß es den Sektionen der Internationalen Assoziation verboten ist, sich Statuten und Verwaltungsverordnungen zu geben, die den Allgemeinen Statuten und Verwaltungsverordnungen der Internationalen Assoziation zuwiderlaufen (siehe Art. 12 der Verwaltungsverordnungen);

daß die Statuten und Verwaltungsverordnungen der Internationalen Assoziation nur von einem allgemeinen Kongreß revidiert werden können, auf dem zwei Drittel der anwesenden Delegierten für eine solche Revision stimmen (siehe Art. 13 der Verwaltungsverordnungen);

hat der Generalrat der Internationalen Assoziation in seiner Sitzung vom 22. Dezember 1868 einstimmig beschlossen:

1. Alle Artikel des Reglements der Internationalen Allianz der sozialistischen Demokratie, die ihre Beziehungen zur Internationalen Arbeiterassoziation bestimmen, sind für null und nichtig erklärt;

2. Die Internationale Allianz der sozialistischen Demokratie wird nicht als Zweig der Internationalen Arbeiterassoziation zugelassen;

3. Diese Resolution wird in allen Ländern veröffentlicht, wo die Internationale Arbeiterassoziation besteht.

Im Auftrag des Generalrats
der Internationalen Arbeiterassoziation

London, den 22. Dezember 1868

Nach der Handschrift. Aus dem Französischen.




Karl Marx: „Der Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation an das Zentralbüro der Allianz der sozialistischen Demokratie“ - 9. März 1869, MEW, Band 16, Seite 348 - 349



Der Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation an das Zentralbüro der Allianz der sozialistischen Demokratie

Bürger!

Nach Artikel I unserer Statuten läßt die Internationale Arbeiterassoziation "alle Arbeitergesellschaften zu, welche dasselbe Ziel verfolgen, nämlich: den Schutz, den Fortschritt und die vollständige Emanzipation der Arbeiterklasse".

Da die Bedingungen für die Arbeitersektionen in jedem Lande und für die Arbeiterklasse in den verschiedenen Ländern sowie auch ihre gegenwärtigen Entwicklungsstufen sehr verschieden sind, so folgt daraus notwendig, daß ihre theoretischen Ansichten, welche die reelle Bewegung widerspiegeln, ebenso verschieden sind.

Die Gemeinsamkeit der Aktion, welche die Internationale Arbeiterassoziation ins Leben ruft, der durch die Organe der verschiedenen nationalen Sektionen erleichterte Ideenaustausch und die unmittelbare Debatte auf den allgemeinen Kongressen werden indes nicht verfehlen, nach und nach ein gemeinsames theoretisches Programm zu schaffen.

Es gehört daher nicht zu den Funktionen des Generalrats, das Programm der Allianz kritisch zu prüfen. Wir haben nicht zu untersuchen, ob es ein adäquater Ausdruck der proletarischen Bewegung ist oder nicht. Für uns ist nur wichtig zu wissen, ob es nichts enthält, was der allgemeinen Tendenz unserer Assoziation, d.h. der vollständigen Befreiung der Arbeiterklasse, zuwiderläuft.

Es gibt eine Phrase in Eurem Programm, die von diesem Gesichtspunkt aus fehlerhaft ist. Im Artikel 2 liest man:

"Sie (die Allianz) will vor allem die politische, ökonomische und soziale Gleichmachung der Klassen."

Die Gleichmachung der Klassen, wörtlich interpretiert, läuft auf die Harmonie von Kapital und Arbeit hinaus, welche die Bourgeoissozialisten so aufdringlich predigen. Nicht die Gleichmachung der Klassen - ein logischer Widersinn, unmöglich zu realisieren - sondern vielmehr die Abschaffung der Klassen, dieses wahre Geheimnis der proletarischen Bewegung, bildet das große Ziel der Internationalen Arbeiterassoziation.

Betrachtet man jedoch den Zusammenhang, worin sich diese Phrase "Gleichmachung der Klassen" findet, so erscheint sie wie ein einfacher Schreibfehler, der sich dort eingeschlichen hat, und der Generalrat zweifelt nicht daran, daß Ihr gerne eine Phrase, die zu so bedenklichen Mißverständnissen führen kann, aus Eurem Programm entfernen werdet.

Mit Ausnahme der Fälle, in denen der allgemeinen Tendenz der Internationalen Arbeiterassoziation widersprechen würde, entspricht es ihren Prinzipien, jeder Sektion zu überlassen, ihr theoretisches Programm frei zu formulieren. Es steht also nichts der Verwandlung der Sektionen der Allianz in Sektionen der Internationalen Arbeiterassoziation entgegen.

Wenn die Auflösung der Allianz und der Eintritt ihrer Sektionen in die Internationale endgültig beschlossen sein werden, so wird es nach unseren Verwaltungsverordnungen notwendig werden, den Generalrat von dem Ort und der zahlenmäßigen Stärke jeder neuen Sektion zu unterrichten.

Im Auftrag des Generalrats
der Internationalen Arbeiterassoziation

Nach der Handschrift. Aus dem Französischen.




Karl Marx: „Die belgischen Metzeleien“ - 4. Mai 1869, MEW, Band 16, Seite 350 – 354

Die belgischen Metzeleien

In England vergeht kaum eine Woche ohne Strikes - und Strikes von einem großartigen Umfange. Ließe die Regierung bei solchen Gelegenheiten ihre Soldaten gegen die Arbeiterklasse los, so würde dieses Land der Strikes bald zum Land der Metzeleien werden - aber nicht für lange. Nach einigen derartigen Probestücken physischer Gewalt würde die derzeitige Macht verschwinden. In den Vereinigten Staaten nahmen während der letzten Jahre ebenfalls die Strikes beständig an Zahl und Umfang zu und haben zuweilen sogar den Charakter von Unruhen angenommen. Aber kein Blut ward vergossen. In einigen der großen Militärstaaten des europäischen Kontinents kann die Ära der Strikes vom Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs datiert werden. Aber auch hier ward kein Blut vergossen. Es gibt nur ein Land in der zivilisierten Welt, wo jeder Strike begierig und nur zu gern als Vorwand ergriffen wird, um die Arbeiterklasse offiziell niederzumetzeln. Das so einzig beglückte Land ist Belgien, der Musterstaat des kontinentalen Konstitutionalismus, das behagliche, wohlumzäunte kleine Paradies des Grundbesitzers, des Kapitalisten und des Pfaffen. Die Erde vollendet ihre jährliche Umwälzung nicht sicherer, als die belgische Regierung ihre jährliche Arbeitermetzelei. Die diesjährige Metzelei unterscheidet sich von der vorjährigen nur durch die greulichere Anzahl der Schlachtopfer, die scheußlicheren Greueltaten einer sonst lächerlichen Armee, das lärmendere Frohlocken der Pfaffen- und Kapitalistenpresse und die unverschämtere Nichtigkeit des Vorwands, den die Regierungsschlächter vorbringen.

Es ist jetzt erwiesen, selbst durch die unbedachtsamerweise veröffentlichten Berichte der Kapitalistenpresse, daß der durchaus rechtmäßige Strike der Puddler der Cockerillschen Eisenwerke zu Seraing nur in eine Emeute verwandelt wurde durch eine starke Abteilung Kavallerie und Gendarmerie, die plötzlich auf den Platz geworfen wurde, um das Volk zu provozieren. Vom 9. bis zum 12. April fielen diese mutigen Krieger nicht allein mit Säbeln und Bajonetten über wehrlose Arbeiter her - sie töteten und verwundeten ohne Unterschied friedliche Fußgänger, brachen gewaltsam in Privathäuser ein und belustigten sich sogar damit, wiederholt rasende Angriffe auf die in der Serainger Bahnstation eingesperrten Reisenden zu machen. Als diese Schreckenstage vorüber waren, verbreitete sich das Gerücht, daß Herr Kamp, der Bürgermeister von Seraing, ein Agent der Cockerillschen Aktiengesellschaft war, daß der belgische Minister des Innern, ein gewisser Herr Pirmez, der größte Aktionär einer benachbarten Kohlenmine ist, die ebenfalls im Strike stand, und daß Seine Königliche Hoheit der Prinz von Flandern 1.500.000 Francs in den Cockerillschen Werken angelegt hat. Daher der wahrhaft befremdende Schluß, die Metzelei von Seraing sei eine Art von Coup d'état der Aktiengesellschaften, im stillen ausgeheckt zwischen der Firma Cockerill und dem belgischen Minister des Innern zu dem einfachen Zwecke, ihre unzufriedenen Untergebenen mit Schrecken zu erfüllen. Diese Verleumdung ward indessen bald schlagend widerlegt durch die später sich ereignenden Vorfälle in der Borinage, einem Kohlendistrikt, wo der belgische Minister des Innern, besagter Herr Pirmez, nicht führender Kapitalist zu sein scheint. Als in diesem Distrikt ein Strike fast alle Knappen erfaßte, wurden zahlreiche Truppen zusammengezogen, die zu Frameries ihren Feldzug mit einem Gewehrfeuer eröffneten, das neun Knappen tötete und zwanzig schwer verwundete. Nach diesem kleinen heldenmütigen Vorspiel ward das Aufruhrgesetz, komischerweise französisch "les sommations préalables" genannt, verkündet und dann mit der Metzelei fortgefahren.

Verschiedene Politiker schreiben diese unglaublichen Tatsachen den Motiven eines hohen Patriotismus zu. Sie sagen, während die belgische Regierung mit dem französischen Nachbar über gewisse heikle Fragen unterhandelt habe, sei es die Pflicht der Regierung gewesen, den Heldenmut ihrer Armee zu demonstrieren. Daher jene pfiffige Verteilung der Streitkräfte, die zuerst das unwiderstehlich ungestüme Vordringen der belgischen Kavallerie zu Seraing und dann die unerschütterliche Stärke der belgischen Infanterie zu Frameries demonstrierte. Dem Fremden Furcht einzuflößen, welch Mittel unfehlbarer als solche heimischen Schlachten, die man unmöglich verlieren kann, und solche häuslichen Schlachtfelder, auf denen die Hunderte von erschlagenen, verstümmelten und gefangengenommenen Arbeiter einen so glorreichen Schein auf diese unverletzlichen Krieger werfen, die bis auf den letzten Mann mit heiler Haut davonkommen.

Andere Politiker dagegen haben die belgischen Minister im Verdacht, an die 'I'uilerien verkauft zu sein, und daß sie periodisch diese schrecklichen Schauspiele eines Spottbürgerkriegs aufführen, um Louis Bonaparte einen Vorwand zu geben, in Belgien die Gesellschaft zu retten, so wie er sie in Frankreich rettete. Aber hat man den Exgouverneur Eyre je angeklagt, die Negermetzelei auf Jamaika organisiert zu haben, um England jene Insel zu entreißen und sie in die Hände der Vereinigten Staaten zu spielen? Ohne Zweifel sind die belgischen Minister vortreffliche Patrioten nach Eyres Muster. Wie er das gewissenlose Werkzeug der westindischen Pflanzer, so sind sie die gewissenlosen Werkzeuge der belgischen Kapitalisten.

Der belgische Kapitalist hat sich einen guten Ruf in der Welt erworben durch seine exzentrische Leidenschaft für das, was er die Freiheit der Arbeit (la liberté du travail) nennt. Er ist so eingenommen für die Freiheit seiner Arbeiter, ohne Unterschied von Alter und Geschlecht, alle Stunden ihres Lebens für ihn zu arbeiten, daß er stets jedes Fabrikgesetz, das diese Freiheit beeinträchtigt, mit der größten Entrüstung zurückgewiesen hat. Schon die Idee, daß ein gemeiner Arbeiter so verrucht sein sollte, ein höheres Ziel zu erstreben, als das, seinen Herrn und Meister, den natürlichen Vorgesetzten, zu bereichern, macht ihn schaudern. Er will nicht allein, daß sein Arbeiter ein elender Knecht bleibt, überarbeitet und unterbezahlt, sondern wie jeder Sklavenhalter will er, daß sein Arbeiter ein kriechender, untertäniger, moralisch geknechteter, religiös demütiger Kriecht ist mit zerknirschtem Herzen. Daher seine wahnwitzige Wut gegen die Strikes. Ein Strike ist ihm eine Gotteslästerung, eine Sklavenrevolte, das Signal einer sozialen Sündflut. Bekleidet nun solche Menschen - die aus Feigheit grausam sind - mit der ungeteilten, unkontrollierten, also absoluten Staatsgewalt, wie es tatsächlich in Belgien der Fall ist, und ihr braucht euch nicht mehr zu wundern, daß in einem solchen Lande der Säbel, das Bajonett und der Schießprügel als rechtmäßige und normale Instrumente angewandt werden, um den Lohn hinab- und die Profite hinaufzuschrauben. Aber welch anderen Zwecken könnte die belgische Armee wirklich dienen? Als auf das Geheiß des offiziellen Europas Belgien für ein neutrales Land erklärt wurde, hätte man diesem selbstverständlich auch den kostspieligen Luxus einer Armee untersagen sollen, ausgenommen vielleicht eine Handvoll dem königlichen Marionettenspiel unentbehrliche Paradesoldaten. Dennoch birgt Belgien innerhalb seiner 536 Quadratmeilen Erdoberfläche ein größeres stehendes Heer als das Vereinigte Königreich oder die Vereinigten Staaten. Der Felddienst dieser neutralisierten Armee wird fatalerweise nach ihren Razzien auf die Arbeiterklasse berechnet.

Es ist leicht begreiflich, daß die Internationale Arbeiterassoziation kein willkommener Gast in Belgien war. Von der Priesterschaft exkommuniziert, von der ehrbaren Presse verleumdet, geriet sie bald in Streit mit der Regierung. Diese bot alles auf, um sie loszuwerden, indem man sie verantwortlich zu machen suchte für die Strikes in den Kohlenbergwerken von Charleroi 1867 bis 1868, Strikes, die nach der unveränderlichen belgischen Regel mit offiziellen Metzeleien und gerichtlicher Verfolgung der Opfer endeten. Nicht allein ward diese Kabale der Regierung vereitelt, sondern durch die tätigen Schritte der Assoziation wurden sämtliche angeklagten Arbeiter von Charleroi für unschuldig und mithin die belgische Regierung für schuldig befunden. Ergrimmt über diese Niederlage machten die belgischen Minister ihren beklommenen Herzen Luft durch heftige Denunziationen von der Tribüne der Deputiertenkammer gegen die Internationale Arbeiterassoziation und erklärten hochtrabend, daß sie es nimmer zugeben würden, daß sich der allgemeine Kongreß der Internationale in Brüssel versammle. Der Kongreß ward trotz dieser Drohung in Brüssel abgehalten. Aber endlich soll die Internationale doch der belgischen Allmacht von 536 Quadratmeilen unterliegen. Ihre straffällige Mitschuld an den jüngsten Ereignissen liegt klar zutage. Die Emissäre des Brüsseler Zentralkomitees für Belgien und andere lokale Ausschüsse sind verschiedener abscheulicher Taten überführt worden. Sie haben versucht, die strikenden Arbeiter zu beschwichtigen und sie vor den Regierungsschlingen zu warnen. In einigen Lokalitäten ist es ihnen sogar gelungen, Blutvergießen zu verhüten. Endlich haben die übelverheißenden Emissäre an Ort und Stelle Beobachtungen angestellt, sie durch Augenzeugen beglaubigen lassen, sorgfältig protokolliert und die blutdürstigen Grillen der Verteidiger der Ordnung öffentlich denunziert. Durch das einfache Verfahren der Einkerkerung wurden die Emissäre aus Anklägern in Angeklagte verwandelt. Sodann wurden die Wohnungen der Mitglieder des Brüsseler Komitees auf brutale Weise überfallen, ihre Papiere in Beschlag genommen und einige von ihnen auf die Anschuldigung festgesetzt, einer Gesellschaft anzugehören, "die zu dem Zwecke gegründet worden sei, Anschläge auf das Leben und Eigentum von Personen zu machen". Mit anderen Worten: Sie wurden angeschuldigt, einer Gesellschaft von Thugs, benannt Internationale Arbeiterassoziation, anzugehören. Gehetzt durch die Kapuzinaden der Klerikalen und das wilde Geheul der Kapitalistenpresse, ist diese großprahlerische Zwergregierung ängstlich bemüht, nachdem sie sich in einem Blutbad gewälzt, in einem Meer von Lächerlichkeiten zu ersaufen.

Das belgische Zentralkomitee zu Brüssel hat bereits seine Absicht angezeigt, eine vollständige Untersuchung der Metzeleien zu Seraing und in der Borinage einzuleiten und das Resultat zu veröffentlichen. Wir wollen seine Enthüllungen in verschiedenen Sprachen über die ganze Welt verbreiten, um der Welt die Augen zu öffnen über die Lieblingsaufschneiderei des belgischen Kapitalisten: La liberté, pour faire le tour du monde, n'a pas besoin de passer par ici (la Belgique).

Die belgische Regierung, die nach den Revolutionen von 1848/49 eine Lebensfrist erlangte dadurch, daß sie zum politischen Polizeiagenten der reaktionären Regierungen des Kontinents geworden, schmeichelt sich vielleicht, daß sie heute die drohende Gefahr wiederum abwenden kann, indem sie auffällig den Gendarmen des Kapitals gegen die Arbeit spielt. Dieses ist jedoch ein großer Irrtum. Anstatt die Katastrophe aufzuhalten, wird sie diese nur beschleunigen. Dadurch, daß sie Belgien bei den Volksmassen der gesamten Welt zum Stichwort und Spottbild macht, verschwindet das letzte Hindernis, welches den Gelüsten der Despoten, die seinen Namen von der Karte Europas verwischen möchten, noch entgegensteht.

Der Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation ruft die Arbeiter von Europa und den Vereinigten Staaten auf, Geldsammlungen zu veranstalten, um die Leiden der Witwen, Weiber und Kinder der belgischen Opfer zu lindern, die Verteidigungskosten der angeklagten Arbeiter zu bestreiten und die vom Brüsseler Komitee beabsichtigte Untersuchung zu fördern.

Im Auftrag des Generalrats der Internationalen
Arbeiterassoziation:

R. Applegarth, Vorsitzender
R. Shaw, Sekretär für Amerika
Bernard, Sekretär für Belgien
Eugène Dupont, Sekretär für Frankreich
Karl Marx, Sekretär für Deutschland
Jules Johannard, Sekretär für Italien
A. Zabicki, Sekretär für Polen
H. Jung, Sekretär für die Schweiz
Cowell Stepney, Kassierer
J. G. Eccarius, Sekretär des Generalrats

London, den 4. Mai 1869

Alle Spenden für die Opfer der belgischen Metzeleien sind an das Büro des Generalrats zu senden: 256, High Holborn, London, W. C.

Nach dem Flugblatt. Aus dem Englischen.


Karl Marx: „Adresse an die Nationale Arbeiterunion der Vereinigten Staaten“ - 12. Mai 1869, MEW, Band 16, Seite 355 - 357



Adresse an die Nationale Arbeiterunion der Vereinigten Staaten

Arbeiter!

In dem Gründungsprogramm unserer Assoziation erklärten wir: "Nicht die Weisheit der herrschenden Klassen, sondern der heroische Widerstand der englischen Arbeiterklasse gegen ihre verbrecherische Torheit bewahrte den Westen Europas vor einer transatlantischen Kreuzfahrt für die Verewigung und Propaganda der Sklaverei." Die Reihe ist jetzt an Euch, einem Krieg vorzubeugen, dessen klarstes Resultat sein würde, für eine unbestimmte Zeitperiode die emporsteigende Arbeiterbewegung auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans zurückzuschleudern.

Wir brauchen Euch kaum zu sagen, daß europäische Mächte existieren, die eifrig bemüht sind, einen Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und England zu schüren. Ein Blick auf die Handelsstatistik zeigt, daß die russische Ausfuhr von Rohprodukten - und Rußland hat nichts anderes auszuführen - rapide vor der amerikanischen Konkurrenz wich, als der Bürgerkrieg die Waagschalen plötzlich drehte. Die amerikanischen Pflüge in Schwerter verwandeln, hieße gerade jetzt jene despotische Macht, die Eure republikanischen Staatsmänner in ihrer Weisheit zu ihrem vertrauten Ratgeber erkoren haben, vor dem bevorstehenden Bankerott retten. Aber ganz abgesehen von den Sonderinteressen dieser oder jener Regierung, ist es nicht das allgemeine Interesse unserer Unterdrücker, unser rasch um sich greifendes internationales Zusammenwirken in einen zerstörenden Krieg zu verwandeln?

In unserer Glückwunsch-Adresse an Herrn Lincoln bei seiner Wiederwahl als Präsident drückten wir unsere Überzeugung aus, daß sich der Amerikanische Bürgerkrieg als ebenso wichtig erweisen werde für den Fortschritt der Arbeiterklasse, wie sich der amerikanische Unabhängigkeitskrieg für den Fortschritt der Bourgeoisie erwiesen habe. Und tatsächlich hat die siegreiche Beendigung des Krieges gegen die Sklaverei eine neue Epoche in den Annalen der Arbeiterklasse eröffnet. In den Vereinigten Staaten selbst ist seitdem eine selbständige Arbeiterbewegung ins Leben getreten, die von den alten Parteien und ihren professionellen Politikern mit üblen Augen angesehen wird. Um fruchtbar zu werden, braucht sie Jahre des Friedens. Um sie zu erdrücken, will man einen Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und England.

Die nächste handgreifliche Wirkung des Bürgerkrieges war natürlich die, daß sich die Stellung des amerikanischen Arbeiters verschlechterte. In den Vereinigten Staaten wie in Europa wurde der Riesenalp einer Nationalschuld von Hand zu Hand geschoben, um ihn auf die Schultern der Arbeiterklasse niederzulassen. Die Preise der Lebensmittel, sagt einer Eurer Staatsmänner, sind seit 1860 um 78 Prozent gestiegen, während der Lohn des ungelernten Arbeiters nur um 50 Prozent und der des gelernten Arbeiters um 60 Prozent stieg.

"Der Pauperismus", klagt er, "wächst jetzt in Amerika rascher als die Bevölkerung."

Überdies stechen die Leiden der Arbeiterklasse ab gegen den auffallenden Luxus von Finanzaristokraten, Shoddy-Aristokraten und ähnlichem durch Kriege erzeugten Ungeziefer. Dennoch entschädigte der Bürgerkrieg für all dies durch die Befreiung der Sklaven und den daraus entspringenden moralischen Impuls, den sie Eurer eigenen Klassenbewegung gab. Ein zweiter Krieg, der nicht durch einen erhabenen Zweck und eine große soziale Notwendigkeit geheiligt, sondern nach dem Muster der Alten Welt wäre, würde Ketten für den freien Arbeiter schmieden, statt die des Sklaven zu sprengen. Das aufgehäufte Elend, welches in seinen Spuren zurückbliebe, gäbe Euern Kapitalisten zugleich die Motive und die Mittel, die Arbeiterklasse von ihren kühnen und gerechten Bestrebungen zu trennen durch das seelenlose Schwert eines stehenden Heeres.

Euch denn fällt die glorreiche Aufgabe anheim, der Welt zu beweisen, daß jetzt endlich die Arbeiterklasse den Schauplatz der Geschichte nicht länger als abhängiges Gefolge betritt, sondern als selbständige Macht, die sich ihrer eigenen Verantwortlichkeit bewußt und imstande ist, Frieden zu gebieten, wo diejenigen, die ihre Herren sein wollen, Krieg schreien.

Im Namen des Generalrats
der Internationalen Arbeiterassoziation:

Engländer: R. Applegarth, Zimmermann; M. J. Boon, Mechaniker; J. Buckley, Maler; J. Hales, Gummiweber; Harriet Law; B. Lucraft, Stuhlmacher; G. Milner, Schneider; G. Odger, Schuhmacher; J. Ross, Stiefelschaftmacher; R. Shaw, Maler; Cowell Stepney; J. Warren, Reisetaschenmacher; J. Weston, Treppengeländermacher

Franzosen: E. Dupont, Instrumentenmacher; Jules Johannard, Lithograph; Paul Lafargue

Deutsche: G. Eccarius, Schneider; F. Leßner, Schneider; K. Limburg, Schuhmacher; Karl Marx

Schweizer: H. Jung, Uhrmacher; A. Müller, Uhrmacher

Belgier: P. Bernard, Maler

Dänen: J. Cohn, Zigarrenmacher

Polen: A. Zabicki, Schriftsetzer

B. Lucraft, Vorsitzender
Cowell Stepney, Schatzmeister
J. Georg Eccarius, Generalsekretär

London, 12. Mai 1869

Nach dem Flugblatt. Aus dem Englischen.


Karl Marx: „Bericht des Generalrats über das Erbrecht“ - 2. / 3. August 1869, MEW, Band 16, Seite 367 - 369



Bericht des Generalrats über das Erbrecht

1. Das Recht der Erbschaft ist nur insofern von sozialer Wichtigkeit, als es dem Erben die Macht, welche der Verstorbene während seiner Lebenszeit ausübte, hinterläßt, nämlich die Macht, vermittelst seines Eigentums die Früchte fremder Arbeit auf sich zu übertragen, denn das Land gibt dem lebenden Eigentümer die Macht, unter dem Titel von Grundrente die Früchte der Arbeit anderer auf sich zu übertragen, ohne einen Gleichwert zu geben; das Kapital gibt ihm die Macht, dasselbe zu tun unter dem Titel von Zins und Profit; das Eigentum in Staatspapieren gibt ihm die Macht, ohne selbst zu arbeiten, von den Früchten der Arbeit anderer leben zu können usw.

Die Erbschaft erzeugt nicht diese Macht der Übertragung der Früchte der Arbeit des einen in die Tasche des andern, sie bezieht sich nur auf den Wechsel der Personen, welche jene Macht ausüben.

Wie jede andere bürgerliche Gesetzgebung sind die Erbschaftsgesetze nicht die Ursache, sondern die Wirkung, die juristische Folge der bestehenden ökonomischen Organisation der Gesellschaft, die auf das Privateigentum in den Mitteln der Produktion begründet ist, d.h. Land, Rohmaterial, Maschinen usw.

Auf dieselbe Weise war das Recht der Erbschaft auf Sklaven nicht die Ursache der Sklaverei, sondern im Gegenteil, die Sklaverei war die Ursache der Erbschaft von Sklaven.

2. Worum es sich hier dreht, ist die Ursache und nicht die Wirkung, die ökonomische Grundlage, nicht der juristische Überbau.

Angenommen, die Produktionsmittel wären umgestaltet vom Privat- ins Gesamteigentum, so würde das Recht der Erbschaft (sofern es von sozialer Wichtigkeit ist) von selbst verschwinden, weil ein Mann nur das hinterlassen kann, was er während seiner Lebenszeit besaß.

Unser großes Ziel soll deshalb die Aufhebung jener Institutionen sein, die einigen Leuten während ihrer Lebenszeit die ökonomische Macht verleihen, die Früchte der Arbeit von vielen auf sich zu übertragen.

Wo der Zustand der Gesellschaft so weit fortgeschritten ist, daß die Arbeiterklassen hinreichend Macht besitzen, solche Institutionen zu beseitigen, müssen sie es auf direktem Wege tun; denn dadurch, daß sie die Staatsschulden beseitigen, werden sie natürlich auch die Erbschaft von Staatspapieren los. Andrerseits, wenn sie nicht die Macht besäßen, die Staatsschuld aufzuheben, so wäre es töricht zu versuchen, das Recht der Erbschaft auf Staatspapier aufzuheben. Das Verschwinden des Erbschaftsrechts wird das natürliche Resultat eines gesellschaftlichen Wechsels sein, der das Privateigentum im Produktionsmittel verdrängt, aber die Abschaffung des Erbrechts kann niemals der Ausgangspunkt einer solchen Umgestaltung sein.

3. Es war einer der großen Irrtümer, die vor vierzig Jahren von Aposteln des Saint-Simon begangen wurden, daß sie das Erbschaftsrecht nicht als die legale Wirkung, sondern als die ökonomische Ursache der sozialen Revolution behandelten. Dieses verhinderte sie ganz und gar nicht, in ihrem System der Gesellschaft das Privateigentum in Land und in den andern Produktionsmitteln zu verewigen. Allerdings dachten sie, die wählbaren und lebenslänglichen Eigentümer könnten bestehen, wie Wahlkönige bestanden haben. Die Aufhebung des Erbschaftsrechts als den Ausgangspunkt der sozialen Revolution zu proklamieren, würde nur die Arbeiterklasse von dem wahren Punkt der Aufmerksamkeit für die heutige Gesellschaft ablenken. Es wäre ein ebenso abgeschmacktes Ding, die Gesetze der Kontrakte zwischen Käufer und Verkäufer aufzuheben, während der heutige Zustand des Austausches von Waren fortbestände; es würde falsch in der Theorie und reaktionär in der Praxis sein.

4. Indem wir über die Erbschaftsgesetze verhandeln, setzen wir notwendigerweise voraus, daß das Privateigentum in den Produktionsmitteln fortbesteht. Existiert es nicht mehr unter den Lebenden, so könnte es nicht von ihnen und durch sie nach ihrem Tode übertragen werden. Alle Maßregeln in betreff des Erbschaftsrechtes können sich daher nur auf einen Zustand des Übergangs beziehen, wo auf der einen Seite die gegenwärtige ökonomische Grundlage der Gesellschaft noch nicht umgestaltet ist, aber auf der andern Seite die arbeitenden Massen Kraft genug gesammelt haben, Übergangsmaßregeln durchzusetzen, die geeignet sind, schließlich einen radikalen Wechsel der Gesellschaft zuwege zu bringen. Der von diesem Standpunkte betrachtete Wechsel in den Erbschaftsgesetzen bildet nur einen Teil von vielen anderen Übergangsmaßregeln, die zu demselben Ziel führen. Diese Übergangsmaßregeln in betreff der Erbschaft können nur sein:

a) Erweiterung der Erbschaftssteuern, die bereits in vielen Staaten bestehen, und in der Anwendung der dadurch erhaltenen Fonds zu dem Zwecke der sozialen Emanzipation.

b) Beschränkung des testamentarischen Erbschaftsrechts, weil es im Unterschied vom untestamentarischen oder Familienerbrecht als willkürliche und abergläubische Übertreibung der Grundsätze des Privateigentums selbst erscheint.

["Der Vorbote" Nr. 10 vom Oktober 1869]



Karl Marx: „Bericht des Generalrats der Internationalen Arbeiter-Assoziation an den IV. allgemeinen Kongreß in Basel“ - 1. September 1869, MEW, Band 16, Seite 370 - 382

Bericht des Generalrats der Internationalen Arbeiter-Assoziation an den IV. allgemeinen Kongreß in Basel

Die Delegierten der verschiedenen Sektionen werden Euch ausführliche Berichte abstatten über den Fortschritt unserer Assoziation in ihren resp. Ländern. Der Bericht Eures Generalrates bezieht sich hauptsächlich auf die Guerillagefechte zwischen Kapital und Arbeit, wir meinen die Strikes, welche im vergangenen Jahre den Kontinent von Europa beunruhigt haben und von denen man behauptet, sie seien weder aus dem Elend des Arbeiters entsprungen, noch aus dem Despotismus des Kapitalisten, sondern aus den geheimen Intrigen unserer Assoziation.

Einige Wochen nach Abhaltung unseres letzten Kongresses brach unter den Bandwebern und Seidenfärbern in Basel ein denkwürdiger Strike aus. Basel ist ein Platz, der bis auf unsre Tage viele Züge einer mittelalterlichen Stadt mit ihren lokalen Überlieferungen, ihren engen Vorurteilen, ihren börsenstolzen Patriziern und ihrem patriarchalischen Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeiter bewahrt hat. Noch vor wenigen Jahren prahlte ein Basler Fabrikant gegenüber einem englischen Gesandtschaftssekretär,

daß "die wechselseitige Stellung von Meister und Leuten hier ungleich günstiger sei als in England", daß "in der Schweiz ein Arbeiter, der einen guten Meister für bessere Löhne verließe, von seinen eigenen Mitarbeitern verachtet werden würde" und daß "unser Vorteil England gegenüber hauptsächlich in der langen Arbeitszeit und den mäßigen Löhnen besteht".

Man sieht, das patriarchalische Regime in seiner durch moderne Einflüsse veränderten Gestalt kommt darauf hinaus, daß der Meister gut und sein Arbeitslohn schlecht ist, daß der Arbeiter wie ein mittelalterlicher Vasall fühlt und wie ein moderner Lohnsklave schanzt.

Diesen Patriarchalismus mag man ferner beurteilen aus einer offiziellen schweizerischen Untersuchung über den Kinderverbrauch in den Fabriken und den Zustand der öffentlichen Elementarschulen, Es stellte sich heraus, daß

"die Basler Schulatmosphäre die schlechteste in der Welt ist, daß, während in freier Luft die Kohlensäure 4 Teile auf 10.000 bildet und in geschlossenen Räumen 10 Teile nicht überschreiten sollte, sie in den Basler gewöhnlichen Schulen auf 20-81 Teile des Vormittags und auf 53-94 Teile des Nachmittags steigt".

Hierauf bemerkte ein Mitglied des Basler Großen Rates, Herr Thurneysen, sehr kühl:

"Laßt Euch nicht schrecken. Die Eltern haben in ebenso schlechten Schulräumen gesessen als jetzt die Kinder, und dennoch sind sie mit heiler Haut davongekommen."

Man wird nun sofort verstehen, daß eine ökonomische Revolte seitens der Basler Arbeiter Epoche in der sozialen Geschichte der Schweiz macht. Nichts ist charakteristischer als der Ausgangspunkt dieser Bewegung! In Basel haben die Arbeiter nach altem Gebrauch am letzten Tage der Spätjahrmesse 1/4 Tag Feierstunden. Als nun am 9. November 1868 die Arbeiter der Bandfabrik Debary und Söhne denselben wie gewohnt in Anspruch nahmen, erklärte ihnen einer der Fabrikherren in barschem Ton und mit gebieterischer Miene:

"Wer weggehe und nicht fortarbeite, sei sogleich und für immer entlassen."

Nach einigen vergeblichen Protestationen verließen 104 von 172 Webern sofort die Fabrik. Sie glaubten jedoch nicht an die definitive Entlassung, weil gegenseitige vierzehntägige Aufkündigungsfrist durch schriftlichen Vertrag bedingt war. Bei ihrer Rückkehr am nächsten Morgen fanden sie die Fabriken mit Gendarmen umstellt, welche die Rebellen ausschlossen. Auch die Weber, welche den 1/4 Tag nicht gefeiert hatten, wollten nun ebenfalls nicht eintreten. Das allgemeine Losungswort war: "Alle oder keiner."

So plötzlich arbeitslos gemacht, wurden die Weber mit ihren Familien zugleich aus den Wohnungen herausgeworfen, welche sie von ihren Fabrikanten gemietet. Letztere sandten zugleich Rundschreiben an Metzger, Bäcker, Krämer, den Aufständigen allen Kredit für Lebensmittel abzuschneiden. Der so eröffnete Kampf währte vom 9. November 1868 bis Frühling 1869. Die Grenzen unseres Berichts erlauben uns nicht, auf weitere Details einzugehen. Genug, die Bewegung entsprang aus einem frivol-gehässigen Akt kapitalistischer Despotie, aus einem grausamen Lockout, mündete in Strikes, von Zeit zu Zeit unterbrochen durch Kompromisse, wieder und wieder verletzt durch die Meister, und gipfelte in dem vergeblichen Versuch des hochmächtigen Basler Großen Rates, die Arbeiter durch militärische Maßregeln und eine Art von Belagerungszustand einzuschüchtern.

Während dieses Aufstands wurden die Arbeiter unterstützt durch die Internationale Arbeiter-Assoziation. Diese Gesellschaft hatte nach der Meinung der Meister den modernen Rebellengeist zuerst in die gute alte Reichsstadt Basel eingeschmuggelt. Diesen frechen Eindringling wieder aus Basel herauszuwerfen, wurde nun das Ziel ihres Strebens. Sie versuchten, den Austritt aus der Gesellschaft ihren Untertanen als Friedensbedingung aufzuherrschen. Jedoch umsonst. Als sie überhaupt in dem Krieg mit der Internationalen den kürzeren zogen, machten sie ihrer übeln Laune in possierlichen Sprüngen Luft. Diese Republikaner, welche größere Fabriken in dem Basel nahegelegenen badischen Grenzorte Lörrach besitzen, bewogen den dortigen Amtmann, unsere dortige Sektion aufzulösen, eine Maßregel, die jedoch bald wieder von der badischen Regierung zurückgenommen wurde. Als die Augsburger "Allgemeine Zeitung" sich herausnahm, unparteiisch über die Basler Ereignisse zu berichten, drohte die "Ehrbarkeit" in närrischen Briefen mit Abonnementskündigung. Nach London sandten sie einen Emissär mit dem phantastischen Auftrag, die Dimensionen der internationalen Generalgeldkiste auszumessen. Hätten diese guten orthodoxen Christen in den ersten Zeiten des Christentums gelebt, sie hätten vor allem des Apostels Paulus Bankkredit zu Rom nachgespäht.

Ihr unbeholfen barbarisches Verfahren zog ihnen einige ironische Vorlesungen über Weltweisheit von seiten der Genfer Kapitalisten zu. Einige Monate später hatten die Basler Pfahlbürger die Genugtuung, mit Wucherzins den Genfer Weltmännern zurückzahlen zu können.

Im Monat März brachen in Genf 2 Strikes aus, auf Seite der Bauarbeiter und der Setzer, deren beide Gesellschaften Sektionen der Internationalen bilden. Der Strike der Bauarbeiter wurde provoziert durch die Meister, welche den das vorige Jahr mit ihren Arbeitern feierlich abgeschlossenen Vertrag brachen. Der Setzerstrike war das letzte Wort eines 10jährigen Streits, den die Arbeiter vergeblich durch 5 aufeinanderfolgende Kommissionen zu schlichten versucht hatten. Wie in Basel verwandelten die Meister sofort ihre Privatfehde mit den Arbeitern in einen Kreuzzug der Staatsgewalt gegen die Internationale Arbeiter-Assoziation.

Der Genfer Staatsrat verwandte Polizeidiener, um aus der Ferne durch die Meister importierte Arbeiter an der Eisenbahnstation abzuholen und von aller Berührung mit den Strikers abzuschließen. Er erlaubte der Genfer Jeunesse dorée, mit Revolvern bewaffnet Arbeiter und Arbeiterinnen auf den Straßen und anderen öffentlichen Plätzen zu überfallen. Er schleuderte seine eignen Polizeihalunken bei verschiedenen Gelegenheiten auf die Arbeiter und namentlich am 24. Mai, wo zu Genf, auf kleiner Stufenleiter, die Pariser Szenen aufgeführt wurden, welche Raspail gebrandmarkt hat als "les orgies infernales des casse-têtes". Als die Genfer Arbeiter in öffentlicher Versammlung eine Adresse an den Staatsrat beschlossen, worin eine Untersuchung über diese infernalen Polizeiorgien verlangt wird, wies der Staatsrat ihr Gesuch schnöde zurück. Man beabsichtigte offenbar, die Genfer Arbeiter zu einer Emeute aufzustacheln, die Emeute gewaltsam niederzustampfen, die Internationalen vom Schweizer Boden wegzufegen und die Proletarier einem Dezemberregime zu unterwerfen. Der Plan ward vereitelt durch die energischen Maßregeln und den mäßigenden Einfluß unseres Schweizer Föderalkomitees. Die Meister hatten schließlich nachzugeben.

Hört nun einige der Invektiven der Genfer Kapitalisten und ihrer Preßbande gegen die Internationalen! In öffentlicher Versammlung erließen sie eine Adresse an den Staatsrat, worin es unter anderm heißt:

"Man ruiniert den Kanton Genf durch Dekrete von London und Paris, man will hier alle Arbeit und alle Industrie unterdrücken."

Und ein Schweizer Blatt druckte, die Leiter der Internationalen seien

"Geheimagenten des Kaisers Napoleon, die im gelegenen Augenblick als öffentliche Ankläger gegen unsre kleine Schweiz auftreten werden".

Und dies von Seite derselben Herren, die sich ebenso eifrig gezeigt, das Dezemberregime auf den Schweizer Boden zu verpflanzen; von seiten jener Finanzenagenten, welche Genf wie andre Schweizer Städte beherrschen und von denen ganz Europa weiß, daß sie sich seit lange aus Bürgern der Schweizer Republik in Lohnsträger des Crédit mobilier und anderer internationaler Schwindelassoziationen verwandelt haben!

Die Metzeleien, wodurch die belgische Regierung im Monat April auf die Strikes der Puddlers zu Seraing und der Kohlengräber der Borinage antwortete, wurden ausführlich bloßgelegt in einer Adresse des Generalrats an die Arbeiter Europas und der Vereinigten Staaten. Wir betrachteten eine solche Adresse um so dringender, als in diesem konstitutionellen Musterstaat ein Arbeitermassakre kein Zufall, sondern eine Institution ist. Dem abscheulichen Militärdrama folgte auf dem Fuß die gerichtliche Farce. In seinen Untersuchungen gegen unser belgisches General-Komitee zu Brüssel, dessen Wohnungen brutal von der Polizei überfallen und dessen Mitglieder teilweise arretiert wurden, fand der Untersuchungsrichter den Brief eines Arbeiters, der "500 Internationale" verschreibt. Er schließt sofort, man verlange 500 Klopffechter nach dem Kampfplatz. Die "500 Internationalen" waren 500 Exemplare der "Internationale", des Wochenorgans des Brüsseler Komitees. Er stiebert dann ein Telegramm nach Paris auf, worin eine gewisse Quantität Pulver verlangt wird. Nach langer Haussuchung wird die gefährliche Substanz in Brüssel entdeckt. Es war Rattenpulver. Schließlich schmeichelt sich die belgische Polizei, das Schatzgespenst gepackt zu haben, welches im Hirn der kontinentalen Kapitalisten spukt, dessen Hauptstock in London lagert und wovon Ableger beständig über die See nach allen Zentralsitzen unserer Gesellschaft spediert werden. Der belgische offizielle Forscher wähnt es versteckt in einer eisernen Kiste in einem finstern Winkel. Seine Schergen stürzen auf die Kiste los, erbrechen sie gewaltsam und finden - ein paar Stücke Kohle. Vielleicht, berührt von Polizeihand, verwandelt sich das reine internationale Gold sofort in Kohle.

Von den Strikes, die im Dezember 1868 verschiedene Sitze der französischen Baumwollenindustrie heimsuchten, war der wichtigste der in Sotteville-lès-Rouen. Die Fabrikanten des Departements der Somme hatten nicht lange vorher eine Zusammenkunft zu Amiens, um zu beraten, wie sie ihre englischen Rivalen auf dem englischen Markt selbst unterkaufen (undersell) könnten. Man war darüber einig, daß neben den Zöllen die verhältnismäßige Niedrigkeit des Arbeitslohns Frankreich hauptsächlich gegen englische Baumwollwaren geschützt habe. Man schloß natürlich, daß eine noch größere Senkung des Arbeitslohns erlauben würde, England mit französischen Baumwollwaren zu überfallen. Man zweifelte keinen Augenblick, daß die französischen Baumwollarbeiter stolz darauf sein würden, die Kosten eines Eroberungskriegs zu bestreiten, den ihre patriotischen Meister auf der andern Seite des Kanals zu führen beschlossen. Kurz nachher verlautete, daß die Fabrikanten von Rouen und Umgegend in geheimem Konklave ein ähnliches übereinkommen getroffen. Bald darauf fand plötzlich eine bedeutende Lohnherabsetzung statt in Sotteville-lès-Rouen, und nun erhoben sich die normännischen Weber zum ersten Mal gegen die übergriffe des Kapitals. Sie handelten in der Aufregung des Augenblicks. Sie hatten weder vorher Trade-Unions gebildet, noch für Widerstandsmittel irgendeiner Art gesorgt. In ihrer Verlegenheit appellierten sie an das International-Komitee zu Rouen, welches ihnen die erste notwendige Hülfe von den Arbeitern Rouens, der Nachbarorte und von Paris verschaffte. Gegen Ende Dezember wandte sich das Rouener Komitee an den Generalrat, in einem Augenblick äußerster Not in den englischen Sitzen der Baumwollindustrie, beispiellosen Elends in London und allgemeinen Drucks in allen Produktionszweigen. Dieser Zustand dauert bis zu diesem Augenblick in England fort. Trotz so durchaus ungünstiger Umstände glaubte der Generalrat, daß der eigentümliche Charakter des Rouener Konflikts die englischen Arbeiter zu besondern Anstrengungen aufstacheln würde. Es war dies eine große Gelegenheit, den Kapitalisten zu beweisen, daß ihr internationaler Industriekrieg, geführt durch Niederschrauben des Arbeitslohns bald in diesem Lande, bald in jenem, sich endlich brechen werde an der internationalen Vereinigung der Arbeiterklassen. Die englischen Arbeiter antworteten unserm Aufruf sofort durch einen ersten Beitrag für Rouen, und der Londoner Generalrat der Trade-Unions beschloß, mit uns zusammen ein Monstremeeting zugunsten der normännischen Brüder zu berufen. Die Nachricht vom plötzlichen Aufhören des Sotteville-Strikes verhinderte weiteres Vorgehen.

Für den materiellen Fehlschlag dieser ökonomischen Revolte entschädigten große moralische Resultate. Sie warb die normännischen Baumwollarbeiter für die revolutionäre Armee der Arbeit, gab den Anstoß zur Stiftung von Trade-Unions zu Rouen, Elbeuf, Darnétal usw. und besiegelte von neuem den Bruderbund zwischen englischen und französischen Arbeiterklassen. Während des Winters und Frühlings 1869 blieb unsre Propaganda in Frankreich gelähmt durch die 1868 erfolgte Unterdrückung unsres Pariser Komitees, die Polizeischikanen in den Departements und das überwältigende Interesse der allgemeinen Wahlen.

Die Wahlen waren kaum vorüber, als zahlreiche Strikes ausbrachen in den Minendistrikten der Loire, zu Lyon und an vielen andern Plätzen. Die starkgefärbten Phantasiegemälde von der Prosperität der Arbeiter unter dem Zweiten Kaiserreich verschwammen wie Nebelbilder vor den ökonomischen Tatsachen, welche diese Kämpfe zwischen den Kapitalisten und Arbeitern ans Licht brachten. Die Forderungen der Arbeiter waren so bescheiden und so unabweisbar, daß sie nach einigen oft schamlosen Versuchen des Widerstands alle eingeräumt werden mußten. Es war durchaus nichts Auffallendes an diesen Strikes außer ihrer plötzlichen Explosion nach scheinbarer Windstille und der Geschwindigkeit, womit sie Schlag auf Schlag einander folgten. Dennoch war die Ursache davon handgreiflich einfach. Während den Wahlen hatten die Arbeiter sich mit Erfolg aufgelehnt wider ihren öffentlichen Despoten. Was natürlicher, als sich nach den Wahlen aufzulehnen gegen ihre Privat-Despoten?

Die Wahlen hatten die Geister in Bewegung gesetzt. Es ist in der Ordnung, daß die Regierungspresse, bezahlt wie sie ist für Verfälschung der Tatsachen, den Schlüssel fand in den geheimen Kommandoworten des Londener Generalrats, der seine Emissäre von Ort zu Ort schicke, um den vorher ganz und gar zufriedengestellten französischen Arbeitern das Geheimnis zu offenbaren, daß ein böses Ding ist, überarbeitet, unterzahlt und brutal behandelt zu werden. Ein französisches Polizeiorgan, welches in London erscheint, "L'International", enthüllt der Welt in seiner Nummer vom 3. August die geheime Triebfeder unsrer heillosen Tätigkeit.

"Das Sonderbarste", sagt es, "ist, daß den Strikes verordnet wurde, in solchen Ländern auszubrechen, wo das Elend noch weit davon entfernt ist, sich fühlbar zu machen. Diese unerwarteten Explosionen kamen so außerordentlich gelegen für einen gewissen Nachbar Frankreichs, der gerade Krieg zu befürchten hatte, daß viele Leute sich fragen, ob diese Strikes nicht vorfielen auf Verlangen eines auswärtigen Machiavelli, der sich die Gunst dieser allmächtigen Gesellschaft zu erringen wußte".

Zur selben Zeit, wo dieser französische Polizeiwisch uns anklagte, die französische Regierung zu Haus mit Strikes zu belästigen, um dem Grafen Bismarck die Last eines auswärtigen Kriegs abzuwälzen, deutete ein rheinpreußisches Fabrikantenblatt an, wir erschütterten den Norddeutschen Bund mit Strikes, um die deutsche Industrie zum Vorteil fremder Fabrikanten lahmzulegen.

Die Verhältnisse der Internationalen zu den französischen Strikes werden wir nun beleuchten an zwei Fällen von einem typischen Charakter. In dem einen Fall, dem Strike von Saint-Étienne und dem folgenden Massakre bei Ricamarie, wird die französische Regierung selbst nicht mehr wagen, irgendeine Einmischung der Internationalen zu behaupten.

In den Ereignissen zu Lyon war es nicht die Internationale, welche die Arbeiter in Strikes warf, sondern umgekehrt die Strikes, welche die Arbeiter in die Arme der Internationalen warfen.

Die Kohlenarbeiter von Saint-Étienne, Rive-de-Gier und Firminy hatten ruhig, aber fest von den Direktoren der Minen-Kompanien eine Revision des Lohntarifs und eine Beschränkung des Arbeitstages verlangt, der 12 volle Stunden harter, unterirdischer Arbeit zählte. Erfolglos in ihrem Versuch eines gütlichen Vergleichs, erklärten sie einen Strike am 11. Juni. Es war für sie natürlich eine Lebensfrage, die Kooperation ihrer Kameraden zu sichern, die noch fortarbeiteten. Um dies zu verhindern, verlangten und erhielten die Direktoren vom Präfekten der Loire einen Wald von Bajonetten. Am 12. Juni fanden die Strikers die Kohlengruben unter starker, militärischer Besetzung. Um sich des Eifers der Soldaten, welche die Regierung ihnen so lieh, zu versichern, zahlten die Minen-Kompanien jedem Soldaten täglich einen Franken per Kopf. Die Soldaten zahlten den Kompanien zurück durch Einfangung von ungefähr 60 Kohlengräbern, welche zu ihren Kameraden in den Gruben vorzudringen suchten. Diese Gefangenen wurden am Nachmittag desselben Tags nach Saint-Étienne eskortiert durch 150 Mann vom vierten Linienregiment. Vor dem Aufbruch der tapfern Krieger verteilte ein Ingenieur der Kompanie, Dorian, 60 Flaschen Kognak unter sie und legte ihnen eindringlich ans Herz, ein scharfes Auge auf die Gefangenen zu haben. Diese Bergleute seien Wilde, Barbaren, entlassene Galeerensträflinge. Durch den Branntwein und die Predigt war eine blutige Kollision eingeleitet. Auf ihrem Marsch, gefolgt von einem Haufen Kohlenarbeiter mit Frauen und Kindern, umringt von denselben in einem Engpaß auf den Höhen des Moncel, Quartier Ricamarie, angegangen, die Gefangenen auszuliefern, auf ihre Weigerung mit einem Steinhagel angegriffen, feuerten die Soldaten ohne vorläufige Warnung mitten in den enggedrängien Haufen, töteten 15 Personen, darunter 2 Weiber und einen Säugling, und verwundeten eine große Menge. Die Torturen der Verwundeten waren furchtbar, unter ihnen befand sich ein armes Mädchen von 12 Jahren, Jenny Petit, deren Name unsterblich in der Martyrologie der Arbeiterklasse leben wird. Sie ward von hinten getroffen von zwei Kugeln, wovon die eine in der Lende fest sitzen blieb, die andre den Rücken durchflog, den Arm zerbrach und durch die rechte Schulter herausfuhr. "Les chassepots avaient encore fait merveille."

Diesmal fand jedoch die Regierung bald aus, daß sie nicht nur ein Verbrechen, sondern einen Fehler begangen. Sie wurde nicht von der Mittelklasse als Gesellschaftsretter begrüßt. Der Munizipalrat von Saint-Étienne gab seine Entlassung in Masse in einem Dokument, worin er die Soldateska der Unmenschlichkeit zieh und die Verlegung des Regiments von der Stadt forderte. Die französische Presse brach in einen Schrei des Entsetzens aus. Selbst solche konservativen Blätter wie der "Moniteur universel" sammelten für die Opfer. Die Regierung hatte das gehässige Regiment von Saint-Étienne zu entfernen.

Unter diesen schwierigen Umständen war es ein lichter Einfall, einen Sündenbock auf dem Altar der öffentlichen Entrüstung zu opfern - die Internationale Arbeiter-Assozation. Bei den Gerichtsverhandlungen gegen die angeblichen Aufrührer teilte der Anklageakt sie in 10 Kategorien, die Grade ihrer Schuld sehr kunstreich schattierend. Die erste Klasse, die dunkelste, bestand aus 5 Arbeitern, besonders des Verdachts verdächtig, ihr geheimes Losungswort von außen, von der Internationalen erhalten zu haben. Die Beweise waren natürlich überwältigend, wie der folgende Auszug aus einer französischen Gerichtszeitung zeigt:

"Das Zeugenverhör hat nicht erlaubt, die Teilnahme der Internationalen Assoziation genau festzusetzen. Die Zeugen versichern nur, daß sich an der Spitze der Banden Unbekannte befanden, mit weißen Kitteln und Mützen. Aber keiner dieser Unbekannten ist arretiert worden, und keiner sitzt auf der Anklagebank. Auf die Frage: Glauben Sie an die Einmischung der Internationalen Assoziation? antwortete ein Zeuge: Ich glaube daran, aber ich habe durchaus keine Beweise."

Kurz nach dem Ricamarie-Massakre ward der Tanz der ökonomischen Revolten zu Lyon eröffnet durch die Seidenhaspler, meist weiblichen Geschlechts. In ihrer Not appellierten sie an die Internationale, die namentlich durch ihre Mitglieder in Frankreich und der Schweiz zum Sieg verhalf. Trotz aller Einschüchterungsversuche der Polizei erklärten sie öffentlich ihren Anschluß an unsre Gesellschaft und traten ihr formell bei durch Zahlung der statutenmäßigen Beiträge an den Generalrat. Zu Lyon wie vorher zu Rouen spielten die Arbeiterinnen eine hochherzige und hervorragende Rolle.

Andre Geschäftszweige von Lyon folgten den Seidenhasplern auf dem Fuß nach. So gewann unsre Gesellschaft in wenigen Wochen mehr als 10.000 neue Anhänger in dieser heroischen Bevölkerung, welche vor mehr als 30 Jahren das Losungswort des modernen Proletariats auf ihr Banner schrieb: "Vivre en travaillant ou mourir en combattant!" (Arbeitend leben oder kämpfend sterben!)

Unterdes fuhr die französische Regierung fort mit ihren kleinlichen Quengeleien gegen die Internationale. Zu Marseille verbot sie unsern Mitgliedern zusammenzukommen zu der Wahl eines Delegierten für den Basler Kongreß. Derselbe Streich ward in andern Städten wiederholt, aber die Arbeiter des Kontinents, wie anderswo, beginnen endlich einzusehen, daß man seine natürlichen Rechte am sichersten erwirbt, wenn man sie ohne Erlaubnis ausübt, jeder auf seine persönliche Gefahr.

Die Arbeiter Östreichs, besonders Wiens, nehmen bereits den Vordergrund ein, obgleich sie erst nach den Ereignissen von 1866 in die Bewegung eintraten. Sie sammelten sich sofort unter der Fahne des Sozialismus und der Internationalen, in welche sie massenhaft durch ihre Delegierten an dem neulichen Eisenacher Kongreß eintraten. Wenn irgendwo, hat die liberale Mittelklasse in Östreich ihre selbstischen Instinkte, ihre geistige Inferiorität und ihren kleinlichen Groll gegen die Arbeiterklasse zur Schau gestellt. Ihr Ministerium, welches das Reich zerrissen und bedroht sieht durch den Racen- und Nationalitätenkampf, verfolgt die Arbeiter, welche allein die Verbrüderung aller Racen und Nationalitäten proklamieren. Die Mittelklasse selbst, welche ihre neue Stellung nicht ihrem eigenen Heroismus, sondern ausschließlich den Unglücksfällen der östreichischen Armee verdankt, welche kaum imstande ist, wie sie selbst weiß, ihre neuen Errungenschaften wider die Angriffe der Dynastie, der Aristokratie und des Klerus zu verteidigen, diese Mittelklasse vergeudet nichtsdestoweniger ihre Kräfte in dem elenden Versuch, die Arbeiterklasse auszuschließen vom Recht der Koalition, der öffentlichen Meetings und der Presse.

In Östreich, wie in allen andern kontinentalen Staaten, hat die Internationale das weiland rote Gespenst verdrängt. Als am 13. Juli ein Arbeitermassakre auf kleinem Maßstab zu Brünn, der Baumwollhauptstadt Mährens, aufgeführt wurde, erklärte man das Ereignis durch die geheimen Aufhetzungen der Internationalen, deren Agenten jedoch im Besitz der Nebelkappe sind, die sie unsichtbar macht. Als einige Wiener Volksführer vor Gericht standen, brandmarkte der öffentliche Ankläger sie als Agenten des Auslands. Zum Beweis seiner tiefen Sachkenntnis beging er nur den kleinen Irrtum, die bürgerliche Freiheits- und Friedensligue von Bern mit der proletarischen Internationalen zu verwechseln.

Wird die Arbeiterbewegung so in dem zisleithanischen Östreich verfolgt, so wird sie offen und schamlos gehetzt in Ungarn. Über diesen Punkt liegen dem Generalrat die zuverlässigsten Berichte von Pest und Preßburg vor. Ein Beispiel der Behandlung der ungarischen Arbeiter seitens der Behörden genüge.

Herr von Wenckheim, königlicher Minister des Innern in Ungarn, befand sich gerade bei der ungarischen Delegation in Wien. Die Preßburger Arbeiter, welche seit Monaten keine Versammlungen mehr abhalten dürfen und denen sogar untersagt wurde, ein Fest zu veranstalten, dessen Reinertrag dem Gründungsfonds einer Krankenkasse zufallen sollte, sandten vor einigen Tagen mehrere Arbeiter, darunter den bekannten Agitator Niemtzik, nach Wien, um bei dem Herrn Minister des Innern Beschwerde zu führen. Es kostete Mühe, Zutritt zu dem hohen Herrn zu erhalten, und als sich endlich das ministerielle Zimmer öffnete, wurden die Arbeiter von dem Minister in einer allem Anstande widersprechenden Weise empfangen:

"Sind Sie Arbeiter? Arbeiten Sie fleißig?" fragte der Minister, indem er die dampfende Zigarre im Mund herumdrehte. "Nun, weiter haben Sie sich um nichts zu bekümmern. Sie brauchen keine Vereine, und wenn Sie Politik treiben, so werden wir Mittel dagegen wissen. Ich werde gar nichts für Sie tun. Mögen die Arbeiter immerhin murren!"

Auf die Frage, ob also alles der Willkür der Behörden überlassen bleibe, antwortete der Minister:

"Ja, unter meiner Verantwortung."

Nach langen vergeblichen Auseinandersetzungen verließen die Arbeiter endlich den Minister mit der Erklärung:

"Da die staatlichen Verhältnisse die Lage der Arbeiter bedingen, so müssen sich die Arbeiter mit Politik beschäftigen, und sie werden es tun."

In Preußen und dem übrigen Deutschland zeichnete sich das vergangene Jahr aus durch die Bildung von Trade-Unions über das ganze Land. Auf dem neulichen Kongreß zu Eisenach stifteten die Delegierten von mehr als 150.000 Arbeitern vom eigentlichen Deutschland, Östreich und der Schweiz eine neue Sozialdemokratische Partei mit einem Programm, dem die leitenden Prinzipien unserer Statuten wörtlich einverleibt sind. Durch das Gesetz verhindert, förmliche Sektionen unserer Assoziation zu bilden, beschlossen sie, individuelle Mitgliedschaftskarten vom Generalrat zu nehmen.

Neue Zweige der Assoziation haben sich in Neapel, Spanien und Holland gebildet. In Barcelona und Amsterdam werden Wochenorgane ausgegeben.

Die Lorbeeren der belgischen Regierung auf den glorreichen Schlachtfeldern von Seraing und Frameries scheinen den Schlaf unserer Großmächte zu stören. Kein Wunder denn, daß auch England dieses Jahr sich seines Arbeitermassakres zu rühmen hat. Den welschen Kohlengräbern bei dem Leeswood Great Pit in der Nähe von Mold in Denbighshire wurde plötzlich Notiz einer Lohnverkürzung gegeben durch den Verwalter des Bergwerks, der ihnen seit lange als ein kleiner und unverbesserlicher Tyrann verhaßt war. Sie sammelten Leute von den benachbarten Werken, verjagten ihn aus seinem Hause, schleppten alle seine Möbel zur nächsten Eisenbahnstation. Diese Unglücklichen wähnten in ihrer kindischen Unwissenheit, auf diese Weise ihn für immer loszuwerden.Am 28. Mai wurden 2 Führer zum Gericht nach Mold von der Polizei und unter der Eskorte einer Abteilung des 4. Infanterieregiments, "the King's Own" |"des Leibregiments des Königs" transportiert. Unterwegs suchte ein Haufen von Kohlengräbern sie zu befreien. Auf den Widerstand der Polizei und der Soldaten hagelte es Steine auf sie. Ohne vorläufige Warnung erwiderten die Soldaten den Steinhagel mit einem Kugelhagel von ihren Hinterladern. Fünf Personen, darunter zwei Frauen und ein Kind, wurden getötet und eine große Menge verwundet. Bis hierin existiert große Analogie zwischen den Massakres von Mold und Ricamarie, von da hört sie auf. In Frankreich waren die Soldaten nur ihren Kommandanten verantwortlich, in England hatten sie durch das Fegfeuer einer Coroner's jury |Totenschau-Jury| zu passieren, aber der Coroner war ein tauber, halb versimpelter alter Mann, dem die Zeugenaussagen durch eine Ohrentrompete eingetrichtert werden mußten, und die welsche Jury war eine engherzig vorurteilsvolle Klassenjury. Sie erklärten den Mord für "erlaubten Totschlag". In Frankreich wurden die Aufrührer zu Gefängnisstrafe von 3 bis zu 18 Monaten verurteilt und bald darauf amnestiert, in England wurden sie zu 10 Jahren Zwangsarbeit mit Eisen verurteilt.

In der ganzen französischen Presse ein Wutschrei gegen die Truppen. In England hatte die Presse nur Schmunzeln für die Soldaten und nur Runzeln für ihre Opfer. Dennoch haben die englischen Arbeiter viel gewonnen durch den Verlust einer großen und gefährlichen Illusion. Bis jetzt glaubten sie sich mehr oder minder beschützt durch die Formalität der Riot Acts und die Unterordnung des Militärs unter die Zivilbehörde. Sie sind nun eines Bessern belehrt. Herr Bruce, der liberale Minister des Innern, erklärte im Hause der Gemeinen, jeder Magistrat, der erste beste Fuchsjäger oder Pfaffe, könne ohne vorherige Verlesung der Riot Acts auf ihm aufrührerisch scheinende Haufen feuern lassen. Zweitens aber könnten die Soldaten auch auf eigene Faust feuern unter dem Vorwande der Selbstverteidigung. Der liberale Minister vergaß hinzuzufügen, daß unter so bewandten Umständen jedermann auf Staatskosten mit einem Hinterlader bewaffnet werden müßte zu seiner Selbstverteidigung gegen die Soldaten.

Der folgende Beschluß wurde am 30. August auf dem allgemeinen Kongreß der Trade-Unions zu Birmingham verfaßt:

"In Anbetracht, daß die lokale Organisation der Arbeit fast verschwunden ist vor einer Organisation mit nationalem Charakter; daß die Ausdehnung des Prinzips des Freihandels eine solche Konkurrenz der Kapitalisten hervorruft, daß in dieser internationalen Hetzjagd das Interesse des Arbeiters aus dem Gesicht verloren und aufgeopfert wird; daß die Arbeiterorganisation noch weiter ausgedehnt und international gemacht werden muß; in Anbetracht ferner, daß die Internationale Arbeiter-Assoziation die gemeinsame Vertretung der Arbeiterinteressen bezweckt und daß die Interessen der Arbeiterklassen überall identisch sind, empfiehlt dieser Kongreß jene Assoziation herzlich der Unterstützung der Arbeiter des Vereinigten Königreichs und namentlich den organisierten Arbeiterkörpern und geht sie aufs dringendste an, sich mit jener Assoziation zu affiliieren. Der Kongreß ist zugleich überzeugt, daß die Verwirklichung der Prinzipien der Internationalen zum dauernden Frieden unter den Nationen der Erde führen wird."

Letzten Mai drohte Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und England. Euer Generalrat sandte daher eine Adresse an Herrn Sylvis, den Präsidenten der amerikanischen National Labor Union, worin er die amerikanische Arbeiterklasse aufrief, gegenüber dem Kriegsgeschrei der herrschenden Klasse Frieden zu kommandieren.

Der plötzliche Tod des Herrn Sylvis, dieses tapfern Vorkämpfers unsrer Sache, berechtigt, zur Erinnerung an ihn unsern Bericht mit seinem Antwortschreiben zu schließen:

"Philadelphia, 26. Mai 1869

Ihre Adresse vom 12, Mai habe ich gestern empfangen. Ich bin sehr glücklich, solche herzliche Worte von unsern Arbeitergenossen jenseits des Ozeans zu erhalten. Unsere Sache ist eine gemeinschaftliche. Es ist der Krieg zwischen Armut und Reichtum. Die Arbeit nimmt überall dieselbe niedrige Stellung ein, und das Kapital ist derselbe Tyrann in allen Teilen der Welt. Darum sage ich: Unsere Sache ist eine gemeinsame. Ich reiche Euch im Namen der Arbeiterklassen der Vereinigten Staaten die Hand der Kameradschaft. Ich reiche sie durch Euch allen denen, die Ihr repräsentiert, und allen niedergetretenen und unterdrückten Söhnen und Töchtern der Mühsal in Europa. Geht voran in dem guten Werk, das Ihr unternommen habt, bis der glorreichste Erfolg Eure Anstrengungen krönt. Das ist auch unser Entschluß. Unser letzter Krieg hat resultiert in dem Aufbau der infamsten Geldaristokratie auf dem Antlitz der Erde. Diese Geldmacht zehrt das Mark des Volkes aus. Wir haben ihr den Krieg erklärt und fühlen uns des Sieges gewiß. Wenn möglich, wollen wir durch Stimmzettel siegen, wenn nicht, müssen wir zu ernstern Mitteln greifen. Ein kleiner Aderlaß ist manchmal notwendig in verzweifelten Fällen."

Im Auftrag des Generalrats:
Robert Applegarth, Vorsitzender
Cowell Stepney, Kassierer
J. George Eccarius, Generalsekretär

London, den 1. September 1869
Office: 256, High Holborn, W. C.

Nach der Ausgabe in deutscher Sprache.





Karl Marx: [Resolutionsentwurf des Generalrats über das Verhalten der britischen Regierung in der irischen Amnestiefrage] – 16. 11. 1869,

MEW, Band 16, Seite 383

Resolutionsentwurf des Generalrats über das Verhalten der britischen Regierung in der irischen Amnestiefrage

Es wird erklärt,

daß Herr Gladstone in seiner Antwort auf die irischen Forderungen nach Freilassung der eingekerkerten irischen Patrioten - eine Antwort, enthalten in seinem Brief an Herrn O'Shea etc. etc. - die irische Nation bewußt beleidigt;

daß er die politische Amnestie an Bedingungen knüpft, die gleicherweise erniedrigend für die Opfer der Mißregierung wie für das Volk sind, dem sie angehören;

daß er, der trotz seiner verantwortlichen Stellung der Rebellion der amerikanischen Sklavenhalter öffentlich und begeistert Beifall gespendet hat, jetzt auftritt, um dem irischen Volk die Doktrin der passiven Unterwerfung zu predigen;

daß sein ganzes Verhalten in der irischen Amnestiefrage das wahre und echte Produkt jener "Eroberungspolitik" ist, durch deren leidenschaftliche Brandmarkung Herr Gladstone seine Tory-Rivalen aus dem Amt gedrängt hat;

daß der Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation seiner Bewunderung Ausdruck gibt für die tapfere, entschlossene und hochherzige Art, in der das irische Volk seine Amnestiebewegung führt;

daß diese Resolutionen allen Sektionen der Internationalen Arbeiterassoziation und allen mit ihr in Verbindung stehenden Arbeitergesellschaften in Europa und Amerika zur Kenntnis gebracht werden sollen.



Nach dem Handschriftlichen Entwurf. Aus dem Englischen.



Karl Marx: „Der Generalrat an den Föderalrat der romanischen Schweiz“ - 1. Januar 1870, MEW, Band 16, Seite 384 - 391



Der Generalrat an den Föderalrat der romanischen Schweiz

In seiner außerordentlichen Sitzung vom 1. Januar 1870 hat der Generalrat beschlossen:

1. Wir lesen in der "Égalité", vom 11. Dezember 1869:

"Es ist sicher, daß er" (der Generalrat) "äußerst wichtige Dinge vernachlässigt ... Wir erinnern ihn an sie" (die Pflichten des Generalrats) "durch den Artikel 1 des Reglements etc.: 'Der Generalrat ist verpflichtet, die Kongreßbeschlüsse auszuführen.' ... Wir hätten genug Fragen an den Generalrat, so daß seine Antworten ein ziemlich langes Dokument ergäben. Sie werden später kommen ... In der Erwartung ... etc."

Der Generalrat kennt weder in den Statuten noch im Reglement einen Artikel, der ihn verpflichtete, sich in eine Korrespondenz oder eine Polemik mit der "Égalité" einzulassen oder "Fragen" irgendwelcher Zeitungen zu "beantworten".

Allein der Föderalrat der romanischen Schweiz vertritt die Zweiggesellschaften der romanischen Schweiz vor dem Generalrat. Wenn der Romanische Föderalrat Anfragen oder Vorwürfe an uns richtet, und zwar auf dem einzig legitimen Wege, das heißt durch seinen Sekretär, wird der Generalrat immer bereit sein, darauf zu antworten. Aber der Romanische Föderalrat hat weder das Recht, seine Funktionen an die "Égalité" und den "Progrès" abzutreten, noch seine Funktionen von diesen Zeitungen usurpieren zu lassen. Allgemein gesprochen: die Korrespondenz des Generalrats mit den nationalen und lokalen Komitees könnte nicht veröffentlicht werden, ohne den Interessen der Assoziation großen Schaden zuzufügen. Wenn also die anderen Organe der Internationale dem "Progrès" und der "Égalité" nachahmen würden, sähe sich der Generalrat vor die Alternative gestellt, sich entweder durch sein Schweigen vor der Öffentlichkeit zu diskreditieren oder seine Pflichten durch eine öffentliche Antwort zu verletzen.

Die "Égalité" hat sich dem "Progrès" (einer Zeitung, die dem Generalrat nicht zugeschickt wird) beigesellt, um den "Travail" (eine Pariser Zeitung, die sich bis jetzt noch nicht zu einem Organ der Internationale erklärt hat und dem Generalrat nicht zugeht) aufzufordern, vom Generalrat Erklärungen zu verlangen. Das ist beinahe eine Liga für das öffentliche Wohl!

2. Angenommen, die von der "Égalité" gestellten Fragen gehen vom Romanischen Föderalrat aus, so wollen wir sie beantworten, aber nur unter der Bedingung, daß solche Fragen an uns nicht wieder in dieser Weise gestellt werden.

3. Die Frage des Bulletins.

Die Beschlüsse des Genfer Kongresses, die in das Reglement aufgenommen wurden, schreiben vor, daß die nationalen Komitees dem Generalrat Dokumente über die proletarische Bewegung einzusenden haben und daß der Generalrat dann ein Bulletin in den verschiedenen Sprachen veröffentlichen soll, "sooft seine Mittel es ihm erlauben" ("As often as its means permit, the General Council shall publish a report etc.")

Die Verpflichtung des Generalrats war demnach an Bedingungen geknüpft, die niemals erfüllt wurden. Selbst die in den Statuten vorgeschriebene statistische Untersuchung, die von mehreren aufeinander folgenden allgemeinen Kongressen beschlossen und Jahr für Jahr vom Generalrat verlangt wurde, ist niemals durchgeführt worden. Dem Generalrat wurde kein einziges Dokument vorgelegt. Was die Mittel anbelangt, so hätte der Generalrat ohne die regionalen Beiträge aus England und ohne die persönlichen Opfer seiner Mitglieder schon längst aufgehört zu existieren.

So ist das vom Genfer Kongreß angenommene Reglement ein toter Buchstabe geblieben.

Was den Kongreß zu Basel betrifft, so hat er nicht über die Ausführung dieses bestehenden Reglements, sondern nur über die Opportunität eines zu schaffenden Bulletins diskutiert und keinen Beschluß darüber gefaßt (siehe den deutschen Bericht, der in Basel unter den Augen des Kongresses gedruckt wurde).

Übrigens glaubt der Generalrat, daß der ursprüngliche Zweck des Bulletins zur Zeit vollkommen von den verschiedenen Organen der Internationale erfüllt wird, die in verschiedenen Sprachen erscheinen und auf dem Wege des gegenseitigen Austauschs verbreitet werden. Es wäre absurd, durch kostspielige Bulletins erreichen zu wollen, was bereits ohne Kosten erreicht wird. Andererseits würde ein Bulletin, das Dinge veröffentlicht, die in den Organen der Internationale nicht gedruckt werden, nur dazu dienen, unsere Feinde hinter die Kulissen sehen zu lassen.

4. Die Frage der Trennung des Generalrats vom Föderalrat für England.

Lange vor der Gründung der "Égalité" wurde dieser Vorschlag wiederholt im Generalrat selbst von einem oder zwei seiner englischen Mitglieder eingebracht. Man hat ihn aber stets fast einstimmig abgelehnt. Obgleich die revolutionäre Initiative wahrscheinlich von Frankreich ausgehen wird, kann allein England als Hebel für eine ernsthafte ökonomische Revolution dienen. Es ist das einzige Land, wo es keine Bauern mehr gibt und wo der Grundbesitz in wenigen Händen konzentriert ist. Es ist das einzige Land, wo die kapitalistische Form - d.h. die auf großer Stufenleiter kombinierte Arbeit unter kapitalistischen Unternehmern - sich fast der gesamten Produktion bemächtigt hat. Es ist das einzige Land, wo die große Mehrheit der Bevölkerung aus Lohnarbeitern (wages labourers) besteht. Es ist das einzige Land, wo der Klassenkampf und die Organisation der Arbeiterklasse durch die Trade-Unions einen gewissen Grad der Reife und der Universalität erlangt haben. Dank seiner Herrschaft auf dem Weltmarkt ist England das einzige Land, wo jede Revolution in den ökonomischen Verhältnissen unmittelbar auf die ganze Welt zurückwirken muß. Wenn der Landlordismus und der Kapitalismus ihren klassischen Sitz in diesem Lande haben, so sind andererseits die materiellen Bedingungen ihrer Vernichtung dort am meisten herangereift. Der Generalrat ist jetzt in der glücklichen Lage, seine Hand direkt auf diesem großen Hebel der proletarischen Revolution zu haben; welche Torheit, ja, man könnte fast sagen, welches Verbrechen wäre es, ihn englischen Händen allein zu überlassen!

Die Engländer verfügen über alle notwendigen materiellen Voraussetzungen für eine soziale Revolution. Woran es ihnen mangelt, ist der Geist der Verallgemeinerung und die revolutionäre Leidenschaft. Dem kann nur der Generalrat abhelfen und somit eine wahrhaft revolutionäre Bewegung in diesem Land und folglich überall beschleunigen. Die großen Erfolge, die wir bereits in dieser Hinsicht erzielt haben, werden von den klügsten und angesehensten Zeitungen der herrschenden Klassen bezeugt, wie z.B. von der "Pall Mall Gazette", der "Saturday Review", dem "Spectator" und der "Fortnightly Review", ganz abgesehen von den sogenannten radikalen Mitgliedern des Unterhauses und des Oberhauses, die noch vor kurzem einen großen Einfluß auf die Führer der englischen Arbeiter ausübten. Sie klagen uns öffentlich an, wir hätten den englischen Geist der Arbeiterklasse vergiftet und fast erstickt und sie zum revolutionären Sozialismus getrieben.

Die einzige Methode, diese Veränderung zu erreichen, besteht darin, daß wir als Generalrat der Internationalen Assoziation handeln. Als Generalrat können wir Maßnahmen veranlassen (wie z.B. die Gründung der Land and Labour League), die dann später, bei ihrer Ausführung, vor der Öffentlichkeit als spontane Bewegungen der englischen Arbeiterklasse erscheinen.

Würde ein Föderalrat außerhalb des Generalrats gebildet, welche unmittelbaren Auswirkungen hätte dies? Der Föderalrat befände sich zwischen dem Generalrat der Internationale und dem Allgemeinen Rat der Trade-Unions und besäße keinerlei Autorität. Andererseits würde der Generalrat diesen großen Hebel aus den Händen lassen. Wenn wir laute Marktschreierei ernster und unsichtbarer Arbeit vorzögen, dann hätten wir vielleicht den Fehler begangen, öffentlich auf die Frage der "Égalité" zu antworten, warum "der Generalrat sich in diese so lästige Häufung von Funktionen fügt".

England darf nicht einfach den anderen Ländern gleichgesetzt werden. Man muß es als die Metropole des Kapitals betrachten.

5. Die Frage der Resolution des Generalrats über die irische Amnestie.

Wenn England das Bollwerk des europäischen Landlordismus und Kapitalismus ist, so ist Irland der einzige Punkt, wo man den großen Schlag gegen das offizielle England führen kann.

Erstens ist Irland das Bollwerk des englischen Landlordismus. Wenn er in Irland fiele, so fiele er auch in England. In Irland kann dies hundertmal leichter erreicht werden, weil sich der ökonomische Kampf dort ausschließlich auf den Grundbesitz konzentriert, weil dieser Kampf dort gleichzeitig ein nationaler ist und weil das Volk dort revolutionärer und erbitterter ist als in England. Der Landlordismus in Irland wird ausschließlich durch die englische Armee aufrechterhalten. In dem Moment, wo die Zwangsunion zwischen den beiden Ländern aufhört, wird in Irland sofort eine soziale Revolution ausbrechen, wenn auch in veralteten Formen. Der englische Landlordismus wird nicht nur eine bedeutende Quelle seiner Reichtümer verlieren, sondern auch seine größte moralische Kraft - die Kraft, die Herrschaft Englands über Irland zu repräsentieren. Andererseits macht das englische Proletariat seine Landlords in England selbst unverwundbar, solange es ihre Macht in Irland aufrechterhält.

Zweitens hat die englische Bourgeoisie das irische Elend nicht nur ausgenutzt, um durch die erzwungene Einwanderung der armen Iren die Lage der Arbeiterklasse in England zu verschlechtern, sondern sie hat überdies das Proletariat in zwei feindliche Lager gespalten. Das revolutionäre Feuer des keltischen Arbeiters vereinigt sich nicht mit der soliden, aber langsamen Natur des angelsächsischen Arbeiters. Im Gegenteil, es herrscht in allen großen Industriezentren Englands ein tiefer Antagonismus zwischen dem irischen und englischen Proletarier. Der gewöhnliche englische Arbeiter haßt den irischen als einen Konkurrenten, der die Löhne und den standard of life |Lebensstandard| herabdrückt. Er empfindet ihm gegenüber nationale und religiöse Antipathien. Er betrachtet ihn fast mit denselben Augen, wie die poor whites |armen Weißen| der Südstaaten Nordamerikas die schwarzen Sklaven betrachteten. Dieser Antagonismus zwischen den Proletariern in England selbst wird von der Bourgeoisie künstlich geschürt und wachgehalten. Sie weiß, daß diese Spaltung das wahre Geheimnis der Erhaltung ihrer Macht ist.

Dieser Antagonismus wiederholt sich auch jenseits des Atlantik. Die von ihrem heimatlichen Boden durch Ochsen und Hammel vertriebenen Iren finden sich in Nordamerika wieder, wo sie einen ansehnlichen und ständig wachsenden Teil der Bevölkerung bilden. Ihr einziger Gedanke, ihre einzige Leidenschaft ist der Haß gegen England. Die englische und die amerikanische Regierung (das heißt die Klassen, welche sie repräsentieren) nähren diese Leidenschaften, um den geheimen Kampf zwischen den Vereinigten Staaten und England zu verewigen, und behindern somit eine aufrichtige und ernsthafte Allianz zwischen den Arbeiterklassen zu beiden Seiten des Atlantik und folglich deren gemeinsame Emanzipation.

Außerdem ist Irland der einzige Vorwand der englischen Regierung, um eine große stehende Armee zu unterhalten, die im Bedarfsfalle, wie es sich gezeigt hat, auf die englischen Arbeiter losgelassen wird, nachdem sie in Irland zur Soldateska ausgebildet wurde.

Schließlich wiederholt sich im England unserer Tage das, was uns das Alte Rom in ungeheurem Maßstab zeigte. Das Volk, das ein anderes Volk unterjocht, schmiedet seine eigenen Ketten.

Der Standpunkt der Internationalen Assoziation in der irischen Frage ist also klar. Ihre erste Aufgabe ist es, die soziale Revolution in England zu beschleunigen. Zu diesem Zwecke muß man den entscheidenden Schlag in Irland führen.

Die Resolution des Generalrats über die irische Amnestie soll nur dazu dienen, andere Resolutionen einzuleiten, in denen zum Ausdruck gebracht werden wird, daß es, abgesehen von jeglicher internationaler Gerechtigkeit, eine Vorbedingung für die Emanzipation der englischen Arbeiterklasse ist, die Zwangsunion (das heißt die Versklavung Irlands) in eine gleiche und freie Konföderation umzuwandeln, wenn das möglich ist, oder die völlige Trennung zu erzwingen, wenn es sein muß.

Übrigens sind die naiven Doktrinen der "Égalité" und des "Progrès" über den Zusammenhang oder vielmehr über das Nichtvorhandensein eines Zusammenhangs zwischen der sozialen und politischen Bewegung unseres Wissens auf keinem unserer internationalen Kongresse anerkannt worden. Sie stehen im Gegensatz zu unseren Statuten. Dort heißt es:

"That the economical emancipation of the working classes is therefore the great end to which every political movement ought to be subordinate as a means."

|"Daß die ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse daher der große Endzweck ist, dem jede politische Bewegung, als Mittel, unterzuordnen ist."|

Diese Worte "as a means", "als Mittel", wurden in der französischen Übersetzung, die 1864 vom Pariser Komitee angefertigt wurde, weggelassen. Auf die Anfrage des Generalrats hin entschuldigte sich das Pariser Komitee mit den Schwierigkeiten seiner politischen Situation. Es gibt noch andere Verstümmelungen des authentischen Textes der Statuten.Der erste Erwägungsgrund der Statuten hat folgenden Wortlaut: "The struggle for the emancipation of the working classes means ... a struggle ... for equal rights and duties, and the abolition of all class rule." Die Pariser Übersetzung spricht von "den gleichen Rechten und Pflichten", das heißt sie gebraucht die allgemeine Phrase, die man in fast allen demokratischen Manifesten seit einem Jahrhundert findet und die von den verschiedenen Klassen verschieden ausgelegt wird, aber sie läßt die konkrete Forderung "the abolition of all class rule" ("Vernichtung der Klassen") weg. Dann liest man im zweiten Absatz der Erwägungen zu den Statuten:

"That the economical subjection of the man of labour to the monopoliser of the means of labour, that is the sources of life etc." Die Pariser Übersetzung setzt "Kapital" an Stelle von "the means of labour, that is the sources of life", obwohl der letztere Ausdruck den Grund und Boden ebenso einschließt wie die übrigen Arbeitsmittel.

Der ursprüngliche und authentische Text wurde übrigens in der französischen Übersetzung wiederhergestellt, die 1866 in Brüssel von der "Rive Gauche" veröffentlicht wurde.

6. Die Frage Liebknecht-Schweitzer.

Die "Égalité" sagt: "Diese beiden Gruppen gehören der Internationale an." Das ist falsch. Die Gruppe der Eisenacher (die der "Progrès" und die "Égalité" in eine Gruppe des Bürgers Liebknecht zu verwandeln geruhen) gehört zur Internationale. Die Gruppe Schweitzers gehört ihr nicht an. Schweitzer selbst hat in seinem Blatt, dem "Social-Demokrat", ausführlich erklärt, warum die Lassalleanische Organisation sich nicht der Internationale anschließen könne, ohne sich selbst zu vernichten. Er hat die Wahrheit gesagt, ohne es zu wissen. Seine künstliche Sektenorganisation steht im Gegensatz zur historischen und spontanen Organisation der Arbeiterklasse.

Der "Progrès" und die "Égalité" haben den Generalrat aufgefordert, öffentlich seine "Meinung" über die persönlichen Differenzen zwischen Liebknecht und Schweitzer zu äußern. Da der Bürger Johann Philipp Becker (der in dem Blatte Schweitzers ebenso verleumdet wird wie Liebknecht) zu den Mitgliedern des Redaktionskomitees der "Égalité" gehört, erscheint es wirklich recht sonderbar, daß seine Redakteure über die Tatsachen nicht besser unterrichtet sind. Sie mußten wissen, daß Liebknecht im "Demokratischen Wochenblatt" Schweitzer öffentlich aufgefordert hat, den Generalrat als Schiedsrichter ihrer Differenzen anzuerkennen, und daß Schweitzer es nicht weniger öffentlich abgelehnt hat, die Autorität des Generalrats anzuerkennen. Der Generalrat hat von seiner Seite aus nichts unversucht gelassen, um diesem Skandal ein Ende zu machen. Er hat seinen Sekretär für Deutschland beauftragt, mit Schweitzer in Korrespondenz zu treten, die dann auch zwei Jahre lang geführt wurde, doch alle Versuche des Rats scheiterten an dem festen Entschluß Schweitzers, mit der Sektenorganisation um jeden Preis seine autokratische Macht aufrechtzuerhalten.

Es ist Sache des Generalrats, einen günstigen Moment zu bestimmen, wo seine öffentliche Intervention in diesem Streit mehr nützen als schaden wird.

7. Da die Anklagen der "Égalité" öffentlich erhoben werden und man annehmen könnte, daß sie vom Romanischen Föderalrat in Genf herrühren, wird der Generalrat diese Antwort allen mit ihm korrespondierenden Komitees mitteilen.

Im Auftrag des Generalrats

Geschrieben um den 1. Januar 1870.
Nach der handschriftlichen Kopie von Jenny Marx. Aus dem Französischen.






Karl Marx: „Nekrolog“ - 16. Januar 1870, MEW, Band 16, Seite 392



Karl Marx: „Die englische Regierung und die eingekerkerten Fenier“ – 27. Februar 1870, MEW, Band 16, Seite 401 - 406



Karl Marx: „Der Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation an die Mitglieder des Komitees der russischen Sektion in Genf“ - 15. April 1870,

MEW, Band 16, Seite 407 – 408





Karl Marx: „Konfidentielle Mitteilung“ - 28. März 1870, MEW, Band 16, Seite 409 - 420

Konfidentielle Mitteilung

Der Russe Bakunin (obgleich ich ihn seit 1843 kenne, übergehe ich hier alles nicht absolut zum Verständnis des Folgenden Nötige) hatte kurz nach Stiftung der Internationale eine Zusammenkunft mit Marx zu London. Letztrer nahm ihn dort in die Gesellschaft auf, für welche B[akunin] nach besten Kräften zu wirken versprach. B. reiste nach Italien, erhielt dort von M[arx] die provisorischen Statuten und Adresse an die arbeitenden Klassen zugeschickt, antwortete "sehr enthusiastisch", tat nichts. Nach Jahren, worin man nichts von ihm hört, taucht er wieder in der Schweiz auf. Dort schließt er sich an nicht an die Internationale, sondern an die Ligue de la Paix et de la Liberté. Nach dem Kongreß dieser Friedensligue (Genf 1867) bringt B. sich in den Vollziehungsausschuß derselben, findet hier jedoch Gegner, die ihm nicht nur keinen "diktatorischen" Einfluß erlauben, sondern ihn als "russisch verdächtig" überwachen. Kurz nach dem Brüßler Kongreß (September 1868) der Intern[ationale] hält die Friedensligue ihren Kongreß zu Bern. Diesmal tritt B. als firebrand |Aufwiegler| auf und - was en passant zu bemerken - hält seine Denunziation der okzidentalen Bourgeoisie in dem Ton, worin die moskowitischen Optimisten die westliche Zivilisation - zur Beschönigung ihrer eignen Barbarei - anzugreifen pflegen. Er schlägt eine Reihe von Beschlüssen vor, die, an sich abgeschmackt, darauf berechnet sind, den bürgerlichen Kretins Schrecken einzujagen, und Herrn Bakunin erlauben, mit Eklat aus der Friedensligue aus- und in die Internationale einzutreten. Es genügt zu sagen, daß sein dem Berner Kongreß vorgeschlagnes Programm solche Absurditäten enthält wie die "Gleichheit" der "Klassen", "Abschaffung des Erbrechts als Anfang der sozial[en] Rev[olution]" etc. - gedankenlose Schwätzereien, ein Rosenkranz von hohlen Einfällen, die schauerlich zu sein prätendieren, kurz eine insipide Improvisation, die bloß auf einen gewissen Tageseffekt berechnet war. Die Freunde B's in Paris (wo ein Russe Mitherausgeber der "Revue Positiviste") und London zeigen der Welt den Austritt B's aus der Friedensligue als un événement |ein Ereignis| an und künden sein groteskes Programm - diese Olla podrida abgeschliffner Gemeinplätze - als etwas wunderlich Grauses und Originelles an.

B. war unterdes in die Branche Romande |den Romanischen Zweig| der Internationalen (zu Genf) eingetreten. Es hatte Jahre gekostet, bis er sich zu diesem Schritt entschloß. Aber es kostete noch keine Tage, bevor Herr Bakunin beschloß, die Intern. umzuwälzen und sie in sein Instrument zu verwandeln.

Hinter dem Rücken des Londoner Generalrats - dieser wurde erst unterrichtet, nachdem alles anscheinlich fertig war - bildete er die sog. Alliance des Démocrates Socialistes. Das Programm dieser Gesellschaft war kein andres als das von B. dem Berner Friedenskongreß vorgelegte. Die Gesellschaft kündete sich damit also von vornherein an als Propagandagesellschaft spezifisch B'scher Geheimweisheit, und B. selbst, einer der unwissendsten Menschen auf dem Feld der sozialen Theorie, figuriert hier plötzlich als Sektenstifter. Das theoretische Programm dieser Alliance war jedoch bloße Farce. Die ernste Seite lag in ihrer praktischen Organisation. Diese Gesellschaft sollte nämlich international sein, mit ihrem Zentralkomitee in Genf, d.h. unter B's persönlicher Leitung. Zugleich aber sollte sie ein "integraler" Bestandteil der Intern. Arbeiterassoziation sein. Ihre branches |Zweiggesellschaften| sollten einerseits vertreten sein auf dem "nächsten Kongreß" der Intern. (zu Basel) und zugleich ihren eigenen Kongreß neben dem andern in Separatsitzungen abhalten etc. etc.

Das Menschenmaterial, worüber B. zunächst verfügte, war die damalige Majorität des Comité Fédéral Romand |Romanisches Föderalkomitees| der Intern. zu Genf, J. Ph. Becker, dessen Propagandaeifer zuweilen mit seinem Kopf durchbrennt, wurde vorgeschoben. In Italien und Spanien hatte B. einige Alliierte.

Der Generalrat zu London war vollständig unterrichtet. Er ließ jedoch Bakunin ruhig vorangehn bis zu dem Augenblick, wo letztrer genötigt war, durch J. Ph. Becker die Statuten (nebst Programm) der Alliance des Dém. Soc. dem Generalrat zur Genehmigung zukommen zu lassen. Darauf erfolgte ein weitläufig motivierter Bescheid - ganz "richterlich" und "objektiv" gehalten, aber in seinen "Erwägungsgründen" voller Ironie -, der damit schloß:

1. Der Generalrat läßt die Alliance nicht als branche der Intern. zu.

|411| 2. Alle Paragraphen des Statuts der Alliance, die sich auf ihr Verhältnis zur Intern. beziehn, sind für null und nichtig erklärt.

In den Erwägungsgründen war klar und schlagend bewiesen, daß die Alliance nichts als eine Maschine zur Desorganisation der Int. sei.

Dieser Schlag kam unvermutet. B. hatte bereits die "Égalité", das Zentralorgan der französisch sprechenden Mitglieder der Int. in der Schweiz, in sein Organ verwandelt, außerdem zu Locle sich einen kleinen Privatmoniteur gestiftet - den "Progrès". Der "Progrès" spielt bis heute noch diese Rolle unter Redaktion eines fanatischen Anhängers B's, eines gewissen Guillaume.

Nach mehrwöchentlichem Bedenken schickt endlich das Zentralkomitee der Alliance - unter der Signatur Perrons, eines Genfers - Antwortschreiben an den Generalrat. Die Alliance will aus Eifer für die gute Sache ihre selbständige Organisation aufopfern, aber nur auf eine Bedingung hin, nämlich auf Erklärung des Generalrats, daß er ihre "radikalen" Prinzipien anerkennt.

Der Generalrat antwortete: Es sei nicht seine Funktion, theoretisch über die Programme der verschiednen Sektionen zu Gericht zu sitzen. Er habe nur zu sehn, daß in denselben nichts direkt den Statuten und ihrem Geist Widersprechendes enthalten sei. Er müsse daher darauf bestehn, daß aus dem Programm der Alliance die abgeschmackte Phrase über die "égalité des classes" |"Gleichheit der Klassen"| weggestrichen und statt dessen "abolition des classes" |"Abschaffung der Klassen"| gesetzt werde (was auch geschah). Im übrigen könnten sie eintreten nach Auflösung ihrer selbständigen intern. Organisation und nachdem sie (was notabene nie geschah) dem Generalrat eine Liste über ihre sämtlichen branches zugestellt.

Damit war dieser incident |Zwischenfall| erledigt. Die Alliance löste sich nominell auf und blieb faktisch unter B's Leitung fortbestehn, der zugleich das Genfer Comité Romand Fédéral der Intern. beherrschte. Zu ihren bisherigen Organen kam noch die "Federación" zu Barcelona hinzu (nach dem Basler Kongreß noch die "Eguaglianza" zu Neapel).

B. suchte nun seinen Zweck - die Internationale in sein Privatwerkzeug zu verwandeln - auf andre Weise zu erreichen. Er ließ durch unser Genfer Romanisches Komitee dem Generalrat vorschlagen, die "Erbschaftsfrage" auf das Programm des Basler Kongresses zu setzen. Der Generalrat ging darauf ein, um B. direkt auf den Kopf schlagen zu können. B's Plan war der: Indem der Basler Kongreß die von B. zu Bern aufgestellten "Prinzipien" (?) annimmt, wird der Welt gezeigt, daß B. nicht zur Intern., sondern die Intern. zu B. übergetreten ist. Einfache Konsequenz, der Londoner Generalrat (dessen Gegnerschaft gegen die Aufwärmung der vieillerie Saint-Simoniste |des Saint-Simonistischen Kohls| dem B. bekannt war) muß abtreten, und der Basler Kongreß wird den Generalrat nach Genf verlegen, d.h. die Internationale wird der Diktatur B. anheimfallen.

B. setzte eine völlige Konspiration ins Werk, um sich die Majorität auf dem Basler Kongreß zu sichern. Sogar an falschen Vollmachten fehlte es nicht, wie die des Herrn Guillaume für Locle etc. B. selbst bettelte sich Vollmachten von Neapel und Lyon. Verleumdungen aller Art gegen den Generalrat wurden ausgestreut. Den einen sagte man, das élément bourgeois |bürgerliche Element| wiege in ihm vor, den andern, er sei der Sitz des communisme autoritaire |autoritären Kommunismus| etc.

Das Resultat des Basler Kongresses ist bekannt. B's Vorschläge drangen nicht durch, und der Generalrat blieb in London.

Der Ärger über diesen Fehlschlag - mit dessen Gelingen B. vielleicht allerlei Privatspekulationen verknüpft hatte in "seines Herzens Geist und Empfindung" - machte sich in gereizten Äußerungen der "Égalité" und des "Progrès" Luft. Diese Blätter nahmen unterdes mehr und mehr die Form offizieller Orakel an. Bald wurde diese, bald jene Schweizer Sektion der Intern. mit Bann belegt, weil sie gegen B's ausdrückliche Vorschrift sich an der politischen Bewegung beteiligt hatten etc. Endlich brach die lang verhaltne Wut gegen den Generalrat offen aus. "Progrès" und "Égalité" mokierten sich, griffen an, erklärten, der Generalrat erfüllte seine Pflichten nicht, z.B. in betreff des dreimonatlichen Bulletins; der Generalrat müsse sich der direkten Kontrolle über England entledigen und neben sich ein englisches Zentralkomitee, das sich nur mit englischen Angelegenheiten [befasse], gründen lassen; die Beschlüsse des Generalrats über die gefangenen Fenier seien eine Überschreitung seiner Funktionen, da er sich nicht mit lokalpolitischen Fragen zu beschäftigen habe. Es wurde ferner in "Progrès" und "Égalité" Partei für Schweitzer genommen und der Generalrat kategorisch aufgefordert, sich offiziell und publiquement |öffentlich| über die Frage Liebknecht-Schweitzer zu erklären. Das Journal "Le Travail" (in Paris), worin die Pariser Freunde Schweitzers ihm günstige Artikel eingeschmuggelt, wurde darüber belobt von "Progrès" und "Égalité" und in letztrer aufgefordert, gemeinsame Sache gegen den Generalrat zu machen.

Die Zeit war jetzt daher gekommen, wo eingeschritten werden mußte. Folgendes ist wörtliche Kopie des Sendschreibens des Generalrats an das Genfer Romanische Zentralkomitee. Das Dokument zu lang, um es ins Deutsche zu übersetzen.

"Der Generalrat an den Föderalrat der romanischen Schweiz in Genf.

In seiner außerordentlichen Sitzung vom 1. Januar 1870 hat der Generalrat beschlossen:

1. Wir lesen in der 'Égalité', vom 11. Dezember 1869:

'Es ist sicher, daß der Generalrat äußerst wichtige Dinge vernachlässigt ... Wir erinnern den Generalrat an seine Pflichten durch den Artikel 1 des Reglements: "Der Generalrat ist verpflichtet, die Kongreßbeschlüsse auszuführen." ... Wir hätten genug Fragen an den Generalrat, so daß seine Antworten ein ziemlich langes Dokument ergäben. Sie werden später kommen. In der Erwartung etc.'

Der Generalrat kennt weder in den Statuten noch im Reglement einen Artikel, der ihn verpflichtete, sich in eine Korrespondenz oder eine Polemik mit der 'Égalité' einzulassen oder 'Fragen' irgendeiner Zeitung zu 'beantworten'.

Allein der Föderalrat der romanischen Schweiz vertritt die Zweiggesellschaften der romanischen Schweiz vor dem Generalrat. Wenn der Föderalrat Anfragen oder Vorwürfe an uns richtet, und zwar auf dem einzig legitimen Wege, das heißt durch seinen Sekretär, wird der Generalrat immer bereit sein, darauf zu antworten. Aber der Romanische Föderalrat hat weder das Recht, seine Funktionen an die 'Égalité' und den 'Progrès' abzutreten, noch seine Funktionen von diesen Zeitungen usurpieren zu lassen.

Allgemein gesprochen: die Korrespondenz des Generalrats mit den nationalen und lokalen Komitees könnte nicht veröffentlicht werden, ohne den allgemeinen Interessen der Assoziation großen Schaden zuzufügen.

Wenn also die anderen Organe der Internationale dem 'Progrès' und der 'Égalité' nachahmen würden, sähe sich der Generalrat vor die Alternative gestellt, sich entweder durch sein Schweigen vor der Öffentlichkeit zu diskreditieren oder seine Pflichten durch eine öffentliche Antwort zu verletzen.

Die 'Égalité' hat sich dem 'Progrès' beigesellt, um den 'Travail' aufzufordern, vom Generalrat Erklärungen zu verlangen. Das ist beinahe eine Liga für das öffentliche Wohl!

2. Angenommen, die von der 'Égalité' gestellten Fragen gehen vom Romanischen Föderalrat aus, so wollen wir sie beantworten, aber nur unter der Bedingung, daß solche Fragen an uns nicht wieder in dieser Weise gestellt werden.

3. Die Frage des Bulletins.

Die Beschlüsse des Genfer Kongresses, die in das Reglement aufgenommen wurden, schreiben vor, daß die nationalen Komitees dem Generalrat Dokumente über die proletarische Bewegung einzusenden haben und daß der Generalrat dann ein Bulletin in den verschiedenen Sprachen veröffentlichen soll, 'sooft seine Mittel es ihm erlauben'. ('As often as its means permit, the General Council shall publish a report etc.')

Die Verpflichtung des Generalrats war demnach an Bedingungen geknüpft, die niemals erfüllt wurden. Selbst die in den Statuten vorgeschriebene statistische Untersuchung, die von mehreren aufeinander folgenden allgemeinen Kongressen beschlossen und Jahr für Jahr vom Generalrat verlangt wurde, ist niemals durchgeführt worden. Was die Mittel anbelangt, so hätte der Generalrat ohne die regionalen Beiträge aus England und ohne die persönlichen Opfer seiner Mitglieder schon längst aufgehört zu existieren.

So ist das vom Genfer Kongreß angenommene Reglement ein toter Buchstabe geblieben.

Was den Kongreß zu Basel anbelangt, so hat er nicht über die Ausführung eines bestehenden Reglements, sondern nur über die Opportunität eines zu schaffenden Bulletins diskutiert und keinen Beschluß darüber gefaßt.

Übrigens glaubt der Generalrat, daß der ursprüngliche Zweck eines von ihm herausgegebenen Bulletins zur Zeit vollkommen von den verschiedenen Organen der Internationale erfüllt wird, die in verschiedenen Sprachen erscheinen und auf dem Wege des gegenseitigen Austauschs verbreitet werden. Es wäre absurd, durch kostspielige Bulletins erreichen zu wollen, was bereits ohne Kosten erreicht wird. Andererseits würde ein Bulletin, das Dinge veröffentlicht, die in den Organen der Internationale nicht gedruckt werden, nur dazu dienen, unsere Feinde hinter die Kulissen sehen zu lassen.

4. Die Frage der Trennung des Generalrats vom Föderalrat für England.

Lange vor der Gründung der 'Égalité' wurde dieser Vorschlag wiederholt im Generalrat selbst von einem oder zwei seiner englischen Mitglieder eingebracht. Man hat ihn aber stets fast einstimmig abgelehnt.

Obgleich die revolutionäre Initiative wahrscheinlich von Frankreich ausgehen wird, kann allein England als Hebel für eine ernsthafte ökonomische Revolution dienen. Es ist das einzige Land, wo es keine Bauern mehr gibt und wo der Grundbesitz in wenigen Händen konzentriert ist. Es ist das einzige Land, wo die kapitalistische Form - das heißt die auf großer Stufenleiter kombinierte Arbeit unter kapitalistischen Unternehmern - sich fast der gesamten Produktion bemächtigt hat. Es ist das einzige Land, wo die große Mehrheit der Bevölkerung aus Lohnarbeitern (wages labourers) besteht. Es ist das einzige Land, wo der Klassenkampf und die Organisation der Arbeiterklasse durch die Trade-Unions einen gewissen Grad der Reife und der Universalität erlangt haben. Dank seiner Herrschaft auf dem Weltmarkt ist England das einzige Land, wo jede Revolution in den ökonomischen Verhältnissen unmittelbar auf die ganze Welt zurückwirken muß. Wenn der Landlordismus und der Kapitalismus ihren klassischen Sitz in diesem Lande haben, so sind andererseits die materiellen Bedingungen ihrer Vernichtung dort am meisten herangereift. Der Generalrat ist jetzt in der glücklichen Lage, seine Hand direkt auf diesem großen Hebel der proletarischen Revolution zu haben; welche Torheit, ja, man könnte fast sagen, welches Verbrechen wäre es, ihn englischen Händen allein zu überlassen!

Die Engländer verfügen über alle notwendigen materiellen Voraussetzungen für eine soziale Revolution. Woran es ihnen mangelt, ist der Geist der Verallgemeinerung und die revolutionäre Leidenschaft. Dem kann nur der Generalrat abhelfen und somit eine wahrhaft revolutionäre Bewegung in diesem Land und folglich überall beschleunigen. Die großen Erfolge, die wir bereits in dieser Hinsicht erzielt haben, werden von den klügsten und angesehensten Zeitungen der herrschenden Klassen bezeugt, wie zum Beispiel von der 'Pall Mall Gazette', der 'Saturday Review', dem 'Spectator' und der 'Fortnightly Review', ganz abgesehen von den sogenannten radikalen Mitgliedern des Unterhauses und des Oberhauses, die noch vor kurzem einen großen Einfluß auf die Führer der englischen Arbeiter ausübten. Sie klagen uns öffentlich an, wir hätten den englischen Geist der Arbeiterklasse vergiftet und fast erstickt und sie zum revolutionären Sozialismus getrieben.

Die einzige Methode, diese Veränderung zu erreichen, besteht darin, daß wir als Generalrat der Internationalen Assoziation handeln. Als Generalrat können wir Maßnahmen veranlassen (wie zum Beispiel die Gründung der Land and Labour League), die dann später, bei ihrer Ausführung, vor der Öffentlichkeit als spontane Bewegungen der englischen Arbeiterklasse erscheinen.

Würde ein Föderalrat außerhalb des Generalrats gebildet, welche unmittelbaren Auswirkungen hätte dies? Der Föderalrat befände sich zwischen dem Generalrat der Internationale und dem Allgemeinen Rat der Trade-Unions und besäße keinerlei Autorität. Andererseits würde der Generalrat der Internationale diesen großen Hebel aus den Händen lassen. Wenn wir laute Marktschreierei ernster und unsichtbarer Arbeit vorzögen, darin hätten wir vielleicht den Fehler begangen, öffentlich auf die Frage der 'Égalité' zu antworten, warum 'der Generalrat sich in diese so lästige Häufung von Funktionen fügt'.

England darf nicht einfach den anderen Ländern gleichgesetzt werden. Man muß es als die Metropole des Kapitals betrachten.

5. Die Frage der Resolution des Generalrats über die irische Amnestie.

Wenn England das Bollwerk des europäischen Landlordismus und Kapitalismus ist, so ist Irland der einzige Punkt, wo man den großen Schlag gegen das offizielle England führen kann.

Erstens ist Irland das Bollwerk des englischen Landlordismus. Wenn er in Irland fiele, so fiele er auch in England. In Irland kann dies hundertmal leichter erreicht werden, weil sich der ökonomische Kampf dort ausschließlich auf den Grundbesitz konzentriert, weil dieser Kampf dort gleichzeitig ein nationaler ist und weil das Volk dort revolutionärer und erbitterter ist als in England. Der Landlordismus in Irland wird ausschließlich durch die englische Armee aufrechterhalten. In dem Moment, wo die Zwangsunion zwischen den beiden Ländern aufhört, wird in Irland eine soziale Revolution ausbrechen, wenn auch in veralteten Formen. Der englische Landlordismus wird nicht nur eine bedeutende Quelle seiner Reichtümer verlieren, sondern auch seine größte moralische Kraft - die Kraft, die Herrschaft Englands über Irland zu repräsentieren. Andererseits macht das englische Proletariat seine Landlords in England selbst unverwundbar, solange es ihre Macht in Irland aufrechterhält.

Zweitens hat die englische Bourgeoisie das irische Elend nicht nur ausgenutzt, um durch die erzwungene Einwanderung der armen Iren die Lage der Arbeiterklasse in England zu verschlechtern, sondern sie hat überdies das Proletariat in zwei feindliche Lager gespalten. Das revolutionäre Feuer des keltischen Arbeiters vereinigt sich nicht mit der soliden, aber langsamen Natur des angelsächsischen Arbeiters. Im Gegenteil, es herrscht in allen großen Industriezentren Englands ein tiefer Antagonismus zwischen dem irischen und englischen Proletarier. Der gewöhnliche englische Arbeiter haßt den irischen als einen Konkurrenten, der die Löhne und den standard of life |Lebensstandard| herabdrückt. Er empfindet ihm gegenüber nationale und religiöse Antipathien. Er betrachtet ihn fast mit denselben Augen, wie die poor whites |armen Weißen| der Südstaaten Nordamerikas die schwarzen Sklaven betrachteten. Dieser Antagonismus zwischen den Proletariern in England selbst wird von der Bourgeoisie künstlich geschürt und wachgehalten. Sie weiß, daß diese Spaltung das wahre Geheimnis der Erhaltung ihrer Macht ist.

Dieser Antagonismus wiederholt sich auch jenseits des Atlantik. Die von ihrem heimatlichen Boden durch Ochsen und Hammel vertriebenen Iren finden sich in den Vereinigten Staaten wieder, wo sie einen ansehnlichen und ständig wachsenden Teil der Bevölkerung bilden. Ihr einziger Gedanke, ihre einzige Leidenschaft ist der Haß gegen England. Die englische und die amerikanische Regierung, das heißt die Klassen, welche sie repräsentieren, nähren diese Leidenschaften, um den Kampf zwischen den Nationen zu verewigen, der jede ernsthafte und aufrichtige Allianz zwischen den Arbeiterklassen zu beiden Seiten des Atlantik und folglich deren gemeinsame Emanzipation behindert.

Irland ist der einzige Vorwand der englischen Regierung, um eine große stehende Armee zu unterhalten, die im Bedarfsfalle, wie es sich gezeigt hat, auf die englischen Arbeiter losgelassen wird, nachdem sie in Irland zur Soldateska ausgebildet wurde. Schließlich wiederholt sich im England unserer Tage das, was uns das Alte Rom in ungeheurem Maßstab zeigte. Das Volk, das ein anderes Volk unterjocht, schmiedet seine eigenen Ketten.

Der Standpunkt der Internationalen Assoziation in der irischen Frage ist also völlig klar. Ihre erste Aufgabe ist es, die soziale Revolution in England zu beschleunigen. Zu diesem Zwecke muß man den entscheidenden Schlag in Irland führen.

Die Resolution des Generalrats über die irische Amnestie soll nur dazu dienen, andere Resolutionen einzuleiten, in denen zum Ausdruck gebracht werden wird, daß es, abgesehen von jeglicher internationaler Gerechtigkeit, eine Vorbedingung für die Emanzipation der englischen Arbeiterklasse ist, die bestehende Zwangsunion - das heißt der Versklavung Irlands - in eine gleiche und freie Konföderation umzuwandeln, wenn das möglich ist, oder die völlige Trennung zu erzwingen, wenn es sein muß.

Übrigens sind die Doktrinen der 'Égalité' und des 'Progrès' über den Zusammenhang oder vielmehr über das Nichtvorhandensein eines Zusammenhangs zwischen der sozialen und politischen Bewegung unseres Wissens auf keinem unserer Kongresse anerkannt worden. Sie stehen im Gegensatz zu unseren Statuten. Dort heißt es:

'That the economical emancipation of the working classes is ... the great end to which every political movement ought to be subordinate as a means.'

|'Daß die ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse ... der große Endzweck ist, dem jede politische Bewegung, als Mittel, unterzuordnen ist.'|

Diese Worte 'as a means' ('als Mittel') wurden in der französischen Übersetzung, die 1864 vom Pariser Komitee angefertigt wurde, weggelassen. Auf die Anfrage des Generalrats hin entschuldigte sich das Pariser Komitee mit den Schwierigkeiten seiner politischen Situation.

Es gibt noch andere Verstümmelungen des authentischen Textes der Statuten. Der erste Erwägungsgrund der Statuten hat folgenden Wortlaut:

'The struggle for the emancipation of the working classes means ... a struggle ... for equal rights and duties, and the abolition of all class rule.'

|'Der Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse ist ... ein Kampf ... für gleiche Rechte und Pflichten und für die Vernichtung aller Klassenherrschaft.'|

Die Pariser Übersetzung spricht von 'den gleichen Rechten und Pflichten', das heißt sie gebraucht die allgemeine Phrase, die man in fast allen demokratischen Manifesten seit einem Jahrhundert findet und die von den verschiedenen Klassen verschieden ausgelegt wird, aber sie läßt die konkrete Forderung der 'Vernichtung der Klassen' weg.

Dann liest man im zweiten Absatz der Erwägungen zu den Statuten:

'That the economical subjection of the man of labour to the monopoliser of the means of labour, that is the sources of life etc.'

|'Daß die ökonomische Unterwerfung des Arbeiters unter den Aneigner der Arbeitsmittel, d.h. der Lebensquellen etc.'|

Die Pariser Übersetzung setzt 'Kapital' an Stelle von 'means of labour, that is the sources of life', obwohl der letztere Ausdruck den Grund und Boden ebenso einschließt wie die übrigen Arbeitsmittel.

Der ursprüngliche und authentische Text wurde in der französischen Übersetzung wiederhergestellt, die 1866 in Brüssel veröffentlicht wurde.

6. Die Frage Liebknecht-Schweitzer.

Die 'Égalité' sagt: 'Diese beiden Gruppen gehören der Internationale an.'

Das ist falsch. Die Gruppe der Eisenacher (die der 'Progrès' und die 'Égalité' in eine Gruppe des Bürgers Liebknecht zu verwandeln geruhen) gehört zur Internationale. Die Gruppe Schweitzers gehört ihr nicht an.

Schweitzer selbst hat in seinem Blatt, dem 'Social-Demokrat', ausführlich erklärt, warum die Lassalleanische Organisation sich nicht der Internationale anschließen könne, ohne sich selbst zu vernichten. Er hat die Wahrheit gesagt, ohne es zu wissen. Seine künstliche Sektenorganisation steht im Gegensatz zur wirklichen Organisation der Arbeiterklasse.

Der 'Progrés' und die 'Égalité' haben den Generalrat aufgefordert, öffentlich seine 'Meinung' über die persönlichen Differenzen zwischen Liebknecht und Schweitzer zu äußern. Da der Bürger J. Ph. Becker (der in dem Blatte Schweitzers ebenso verleumdet wird wie Liebknecht) zu den Mitgliedern des Redaktionskomitees der 'Égalité' gehört, erscheint es wirklich recht sonderbar, daß seine Redakteure über die Tatsachen nicht besser unterrichtet sind. Sie mußten wissen, daß Liebknecht im 'Demokratischen Wochenblatt' Schweitzer öffentlich aufgefordert hat, den Generalrat als Schiedsrichter ihrer Differenzen anzuerkennen, und daß Schweitzer es nicht weniger öffentlich abgelehnt hat, die Autorität des Generalrats anzuerkennen.

Der Generalrat hat nichts unversucht gelassen, um diesem Skandal ein Ende zu machen. Er hat seinen Sekretär für Deutschland beauftragt, mit Schweitzer in Korrespondenz zu treten, was auch geschah, doch alle Versuche des Rats scheiterten an dem festen Entschluß Schweitzers, mit der Sektenorganisation um jeden Preis seine autokratische Macht aufrechtzuerhalten.

Es ist Sache des Generalrats, einen günstigen Moment zu bestimmen, wo seine öffentliche Intervention in diesem Streit mehr nützen als schaden wird.

Im Auftrag des Generalrats etc."

Die französischen Komitees (obgleich Bakunin stark in Lyon und Marseille intrigiert und einige junge Brauseköpfe gewonnen hatte) ebenso wie der Conseil [Général] Belge |belgische Generalrat| (Bruxelles) haben sich ganz einverstanden mit diesem Reskript des Generalrats erklärt.

Die Abschrift für Genf (weil der Sekretär für die Schweiz, Jung, sehr beschäftigt war) wurde etwas verzögert. Sie kreuzte sich daher unterwegs mit einem offiziellen Schreiben von Perret, Sekretär des Genfer Romanischen Zentralkomitees, an den Generalrat.

Die Krise war nämlich in Genf vor Ankunft unsres Briefs ausgebrochen. Einige Redakteure der "Égalité" hatten sich der von Bak. diktierten Richtung widersetzt. Bakunin und seine Anhänger (wovon 6 Redakteure der "Égalité") wollten das Genfer Zentralkomitee zur Entlassung der Widerspenstigen zwingen. Das Genfer Komitee dagegen war längst die Despotie B's müd und sah sich mit Unwillen durch ihn in Gegensatz zu den übrigen deutschen Schweizer Komitees, zu dem Generalrat etc. hineingezogen. Es bestätigte also umgekehrt die B. mißfälligen Redakteure der "Égalité". Darauf gaben seine 6 Mann ihre Entlassung von der Redaktion, indem sie dadurch das Blatt stillzusetzen glaubten.

In Antwort auf unsre Missive erklärt das Genfer Zentralkomitee, daß die Angriffe der "Égalité" wider seinen Willen stattgefunden, daß es die in derselben gepredigte Politik nie gebilligt, daß das Blatt jetzt unter strenger Aufsicht des Komitees redigiert wird usw.

Bakunin zog sich darauf von Genf nach Tessin zurück. Er hat nur noch - was die Schweiz betrifft - im "Progrès" |Locle) seine Hand.

Bald darauf starb Herzen. Bakunin, der seit der Zeit, wo er als Lenker der europ. Arbeiterbewegung sich aufwerfen wollte, seinen alten Freund und Patron Herzen verleugnet hatte, stieß sofort nach dessen Tod in die Lobesposaune. Warum? Herzen, trotz seines persönlichen Reichtums, ließ sich jährlich 25.000 frs. für Propaganda von der ihm befreundeten pseudo-sozialistischen panslawistischen Partei in Rußland zahlen. Durch sein Lobesgeschrei hat Bakunin diese Gelder auf sich gelenkt und damit "die Erbschaft Herzens" - malgré sa haine del'héritage' |trotz seiner Abneigung gegen das Erbrecht| - pekuniär und moralisch sine beneficio inventarii angetreten.

Gleichzeitig hat sich in Genf eine junge russische refugee colony |Flüchtlingskolonie| angesiedelt, flüchtige Studenten, die es wirklich ehrlich meinen und ihre Ehrlichkeit dadurch beweisen, daß sie die Bekämpfung des Panslawismus als Hauptpunkt in ihr Programm aufgenommen.

Sie publizieren zu Genf ein Journal: "La voix du peuple".

Sie haben vor about |ungefähr| 2 Wochen sich nach London gewandt, ihre Statuten und Programm eingesandt, Bestätigung zur Bildung einer russischen branche verlangt. Ist gegeben worden.

In einem besondern Brief an Marx haben sie ihn ersucht, sie im Zentralrat provisorisch zu repräsentieren. Dies ditto akzeptiert. Sie haben zugleich angezeigt - und schienen sich deswegen bei Marx entschuldigen zu wollen -, daß sie nächstens dem Bakunin öffentlich die Maske abreißen müßten, in dem dieser Mensch zweierlei ganz verschiedne Sprachen führe, eine andre in Rußland, eine andre in Europa.

So wird das Spiel dieses höchst gefährlichen Intriganten - wenigstens auf dem Terrain der Internationalen - bald ausgespielt sein.

Geschrieben um den 28. März 1870. Nach der Handschrift.



Karl Marx: „Beschluß des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation bezüglich des 'Bee-Hive'“ – 3. Mai 1870, MEW, Band 16, Seite 421

Beschluß des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation bezüglich des "Bee-Hive"

In Erwägung,

1) daß die internationalen |im Protokollbuch: verschiedenen| Sektionen des Kontinents und der Vereinigten Staaten von Nordamerika vom Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation zum Abonnement auf den "Bee-Hive" als offizielles Organ des Generalrats und Repräsentanten der Arbeiterbewegung in der englischen Presse aufgefordert worden;

2) daß der "Bee-Hive" nicht nur aus den offiziellen Berichten des Generalrats seinen Gönnern mißliebige Beschlüsse ausgemerzt, sondern auch durch Unterschlagung den Sinn und Inhalt einer Reihe von Sitzungen des Generalrats systematisch verfälscht hat;

3) daß der "Bee-Hive" namentlich seit dem neulichen Wechsel seiner Eigentümer fortfährt, sich für das ausschließliche Organ der englischen Arbeiterklasse auszugeben, während er in der Tat in das Organ einer Kapitalistenfraktion verwandelt ist, welche die proletarische Bewegung zu lenken und in ihrem eigenen Klassen- und Parteiinteresse auszubeuten sucht;

hat der Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation in seiner Sitzung vom 26. April 1870 einstimmig beschlossen, jede Verbindung mit dem "Bee-Hive" abzubrechen und diesen seinen Beschluß den Sektionen in England, in den Vereinigten Staaten und auf dem Kontinent öffentlich anzuzeigen.

Im Auftrag des Generalrats
der Internationalen Arbeiterassoziation:

London, 3. Mai 1870

Karl Marx,
Sekretär des Generalrats für Deutschland

["Der Volksstaat" Nr. 38 vom 11. Mai 1870]

Karl Marx: [Proklamation des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation über die Verfolgungen der Mitglieder der französischen Sektionen], - 3. Mai 1870, MEW, Band 16, Seite 422

[Proklamation des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation über die Verfolgungen der Mitglieder der französischen Sektionen]

Bei Gelegenheit des letzten vorgeblichen Komplotts hat die französische Regierung nicht allein viele Mitglieder unserer Pariser und Lyoner Sektionen arretiert, sondern auch in ihren Organen behauptet, daß die Internationale Arbeiterassoziation eine Verbündete des vorgeblichen Komplotts sei.

Nach dem Wortlaut unserer Statuten ist es freilich die spezielle Aufgabe aller unserer Zweige in England, auf dem Kontinent und in den Vereinigten Staaten, nicht allein als Mittelpunkt für die Organisation der Arbeiterklasse zu dienen, sondern auch alle politischen Bewegungen, welche unser Endziel, die ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse, zu verwirklichen streben, in ihren verschiedenen Ländern zu unterstützen. Gleichzeitig verpflichten diese Statuten alle Sektionen unserer Assoziation, öffentlich zu handeln. Wären die Statuten über diesen Punkt nicht klar, so würde dennoch das Wesen einer Assoziation, die sich mit der Arbeiterklasse selbst identifiziert, jede Möglichkeit der Form geheimer Gesellschaften ausschließen. Wenn die Arbeiterklasse konspiriert, die die große Masse jeder Nation bildet, die allen Reichtum erzeugt und in deren Namen selbst die usurpierenden Gewalten vorgeben zu regieren, so konspiriert sie öffentlich, wie die Sonne gegen die Finsternis konspiriert, in dem vollen Bewußtsein, daß außerhalb ihres Bereiches keine legitime Macht besteht.

Wenn die anderen Umstände des Komplotts, welches die französische Regierung denunziert, ebenso falsch und unbegründet sind wie ihre Insinuation gegen die Internationale Arbeiterassoziation, so wird dieses letzte Komplott seinen zwei Vorgängern grotesken Andenkens würdig zur Seite stehen. Die lärmenden Gewaltmaßregeln gegen unsere französischen Sektionen sind ausschließlich berechnet, einem einzigen Zweck zu dienen - der Manipulation des Plebiszits.

Nach der Handschrift. Aus dem Englischen.

Karl Marx: [Resolutionsentwurf des Generalrats über die "Französische Föderalbranche in London"], - 10. Mai 1870, MEW, Band 16, Seite 425


[Resolutionsentwurf des Generalrats über die "Französische Föderalbranche in London"]


In Erwägung, daß Adressen, Resolutionen und Manifeste, die von einer französischen Gesellschaft in London herrühren, die sich "Internationale Arbeiterassoziation, Französische Föderalbranche" nennt, kürzlich von Zeitungen des Kontinents veröffentlicht und der Internationalen Arbeiterassoziation zugeschrieben worden sind;

daß die Internationale Arbeiterassoziation gegenwärtig von harten Verfolgungen seitens der österreichischen und französischen Regierung, die begierig die nichtigsten Vorwände ergreifen, um solche Verfolgungen zu rechtfertigen, heimgesucht wird;

daß unter diesen Umständen der Generalrat eine große Verantwortlichkeit auf sich laden würde, wenn er einer Gesellschaft, die nicht zur Internationalen gehört, erlaubte, ihren Namen zu gebrauchen und in ihrem Namen zu handeln;

erklärt der Generalrat hierdurch, daß die sogenannte Französische Föderalbranche schon seit zwei Jahren aufgehört hat, einen Teil der Internationale zu bilden oder in irgendwelcher Verbindung mit dem Generalrat dieser Assoziation zu stehen.

London, den 10. Mai 1870

|Bei der Annahme der Resolution durch den Generalrat wurde der letzte Teil dieses Satzes folgendermaßen geändert: in London oder irgendeinem Zweig der Assoziation auf dem Kontinent zu stehen (statt: dieser Assoziation zu stehen)|

Nach der Handschrift. Aus dem Englischen.



Karl Marx: [Resolution des Generalrats über die Einberufung des Kongresses nach Mainz], - 17. Mai 1870, MEW, Band 16, Seite 426

[Resolution des Generalrats über die Einberufung des Kongresses nach Mainz]

In Erwägung,

daß der Baseler Kongreß Paris zum Sitz des diesjährigen Kongresses der Internationalen Arbeiterassoziation bestimmt hat;

daß bei Fortdauer des gegenwärtigen Regimes in Frankreich der Kongreß nicht in Paris tagen kann;

daß jedoch die Vorbereitungen für den Kongreß eine sofortige Beschlußnahme nötig machen;

daß Artikel 3 der Statuten den Generalrat verpflichtet, im Notfall den vom Kongreß vorherbestimmten Platz der Zusammenkunft zu verlegen;

daß das Zentralkomitee der Sozialdemokratischen deutschen Arbeiterpartei den Generalrat eingeladen hat, den diesjährigen Kongreß in Deutschland abzuhalten;

hat der Generalrat in seiner Sitzung vom 17. Mai einstimmig beschlossen, den diesjährigen Kongreß nach Mainz zu berufen und dort am 5. September d.J. zu eröffnen.

Nach dem Protokollbuch. Aus dem Englischen.

Marx / Engels : „An den Ausschuss der Sozialdemokratischen deutschen Arbeiterpartei“ - 26. Juni 1870, MEW, Band 16, Seite 4297 - 429

Prügel besehen, dass sie genug daran haben. Wie Herr Bismarck diese Sachen in der englischen Presse darstellt, zeigt der inl. Ausschnitt, der die Runde durch alle Blätter macht. Der „North German Corr[espondence]“ ist ein mit Welfengeld gegründetes Organ des Bismarck.

Mit besten Grüßen

F. Engels



Karl Marx: [Resolution des Generalrats über das Föderalkomitee der romanischen Schweiz] – 29. Juni 1870, MEW, Band 16, Seite 430

[Resolution des Generalrats über das Föderalkomitee der romanischen Schweiz]

Der Generalrat an das Romanische Föderalkomitee

In Erwägung,

daß die Majorität der Delegierten, die auf dem Kongreß in La Chaux-de-Fonds ein neues Romanisches Föderalkomitee ernannt hat, nur nominell war;

daß das Romanische Föderalkomitee in Genf seine Pflichten gegenüber dem Generalrat und der Internationalen Arbeiterassoziation stets erfüllt und sich immer nach den Statuten der Assoziation gerichtet hat, so daß der Generalrat nicht berechtigt ist, ihm seinen Titel abzusprechen;

hat der Generalrat in seiner Sitzung vom 28. Juni 1870 einstimmig beschlossen, daß das Romanische Föderalkomitee in Genf seinen Titel beibehält und daß das Föderalkomitee in La Chaux-de-Fonds sich einen anderen, ihm genehmen, lokalen Titel beilegt.

Im Namen und im Auftrag des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation

H. Jung,
Sekretär für die Schweiz

London, den 29. Juni 1870

Aus dem Französischen. ["Le Mirabeau" Nr. 53 vom 24. Juli 1870]

Karl Marx: „Die Aussperrung der Bauarbeiter in Genf“ - 5. Juli 1870, MEW, Band 16, Seite 431 - 433

Die Aussperrung der Bauarbeiter in Genf

Der Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation an die Arbeiter und Arbeiterinnen in Europa und den Vereinigten Staaten

Mitarbeiter!

Die Genfer Baumeister sind nach reiflicher Überlegung bei der Konklusion angelangt, daß "die unbeschränkte Freiheit der Arbeit" am besten geeignet ist, das Glück der arbeitenden Bevölkerung zu befördern. Ihren Arbeitern diese Segnung zu sichern, beschlossen sie am 11. Juni einen englischen Streich auszuführen, nämlich sämtliche Arbeiter, die bis dahin bei ihnen in Arbeit gestanden, auszusperren.

Da das Gewerksvereinswesen erst in neuerer Zeit in der Schweiz Wurzel faßte, so pflegten die Genfer Baumeister dasselbe mit der größten Entrüstung als eine englische Importation zu denunzieren. Vor zwei Jahren verhöhnten sie ihre Arbeiter wegen ihrem Mangel an Patriotismus, weil sie versuchten, ein so ausländisches Gewächs wie die Beschränkung der Arbeitszeit und die Fixierung des Arbeitslohnes auf den Schweizer Boden zu verpflanzen. Sie hegten nicht den geringsten Zweifel, daß schlaue Unheilstifter ihre Hand im Spiel haben mußten, da ihre eingeborenen Arbeiter aus eigenem Antrieb nichts natürlicher und angenehmer finden würden, als sich von 12-14 Stunden des Tags abzurackern, für was immer der Meister in seinem Herzen für gut finden möchte, als Bezahlung zu gewähren. Sie behaupteten öffentlich, daß die verblendeten Arbeiter nur nach Vorschriften von London und Paris handelten, etwa wie die Schweizer Diplomaten gewohnt sind, den Geheißen von St. Petersburg, Berlin und Paris Folge zu leisten. Indessen ließen sich die Arbeiter weder durch Schmeicheleien, Verhöhnungen oder Drohungen bereden, daß die Beschränkung der Arbeitszeit auf zehn Stunden den Tag und die Fixierung des Arbeitslohns pro Stunde die Würde eines Schweizer Bürgers verletze, noch konnten sie durch Provokation in Freveltaten verwickelt werden, die den Baumeistern einen plausiblen Vorwand geliefert hätten, öffentliche Repressivmaßregeln gegen die Vereine durchzusetzen.

Endlich, im Mai 1868 brachte Herr Camperio, der damalige Minister der Justiz und der Polizei, eine Übereinkunft zustande, nach welcher die täglichen Arbeitsstunden auf 9 im Winter und 11 im Sommer beschränkt werden sollten, mit einer Abstufung des Arbeitslohns von 45-50 Centimes die Stunde. Jene Übereinkunft wurde im Beisein des Ministers von den Baumeistern und Arbeitern unterzeichnet. Im Frühling 1869 weigerten sich mehrere Baumeister, mehr für die 11 Stunden Arbeit des Sommers zu bezahlen, als sie für 9 Stunden Winterarbeit bezahlt hatten. Es kam abermals zu einem Vergleich: 45 Centimes die Stunde ward für alle Zweige festgesetzt. Obgleich die Cipser und Anstreicher offenbar in diesen Verträgen einbegriffen waren, mußten sie unter Vor-1868er-Bedingungen fortarbeiten, weil sie nicht hinreichend organisiert waren, die neuen zu erzwingen.

Am 15. Mai d.J. beanspruchten sie, den anderen Geschäften vertragsgemäß gleichgestellt zu werden, und da ihnen das schlechthin abgeschlagen wurde, legten sie die folgende Woche die Arbeit nieder. Am 4. Juni beschlossen die Baumeister, "wenn die Cipser und Anstreicher nicht bis zum 9. Juni ohne Vorbehalt an ihre Arbeit zurückkehren, so werden am 11. Juni sämtliche Bauarbeiter ausgesperrt". Diese Drohung wurde pünktlich ausgeführt. Nicht zufrieden mit der Aussperrung der Arbeiter, verlangten die Baumeister durch öffentliche Plakate von der Bundesregierung die gewaltsame Auflösung der Internationalen Union und die Vertreibung der Fremden aus der Schweiz. Ihr wohlwollender und wahrhaft liberaler Versuch, "die unbeschränkte Freiheit der Arbeit" wiederherzustellen, scheiterte an einer Massenversammlung und einem Protest der eingeborenen Nicht-Bauarbeiter.

Die nicht bei der Bauarbeit beteiligten Genfer Gewerkschaften haben einen Ausschuß ernannt, der die Angelegenheiten der Ausgesperrten verwaltet. Verschiedene, die mit den Baumeistern Kontrakte für Neubauten abgeschlossen hatten, hielten ihre Verbindlichkeit durch die Unterbrechung für beendigt und schlugen den Arbeitern vor, auf ihr Risiko fortzuarbeiten. Diese Vorschläge wurden ohne Bedenken angenommen. Die ledigen Leute reisen ab, so schnell sie können. Dennoch bleiben gegen 2.000 Familien ihrer gewöhnlichen Existenzmittel beraubt. Der Generalrat fordert daher die Arbeiter und Arbeiterinnen der zivilisierten Welt auf, den Genfer Bauarbeitern sowohl durch moralische als materielle Mittel in ihrem Kampf gegen den kapitalistischen Despotismus Beistand zu leisten.

Im Auftrag des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation:

B. Lucraft, Vorsitzender
John Weston, Kassierer
J. George Eccarius, Generalsekretär
Hermann Jung, Sekretär für die Schweiz

256, High Holborn,
London, W. C., den 5. Juli 1870

Nach dem Flugblatt in deutscher Sprache.



Karl Marx: „Konfidentielle Bekanntgabe an alle Sektionen“ - 14. Juli 1870, MEW, Band 16, Seite 434

Konfidentielle Bekanntgabe an alle Sektionen

1. Der Generalrat fordert alle Sektionen auf, ihren Delegierten formelle Instruktion zu geben, ob es zweckmäßig sei, den Sitz des Generalrats für das Jahr 1870/1871 zu verlegen.

2. Für den Fall, daß die Verlegung beschlossen wird, empfiehlt der Generalrat Brüssel als Sitz des Generalrats für das genannte Jahr.

Geschrieben am 14. Juli 1870.
Nach der Handschrift. Aus dem Französischen.




Karl Marx: [Programm für den Kongreß der Internationale in Mainz] – 14. Juli 1870, MEW, Band 16, Seite 435

[Programm für den Kongreß der Internationale in Mainz]



I. Über die Notwendigkeit, die Staatsschulden abzuschaffen. Diskussion über Entschädigungsrecht.

II. Über den Zusammenhang zwischen der politischen Aktion und der sozialen Bewegung der Arbeiterklasse.

III, Praktische Mittel zur Verwandlung des Grundeigentums in Gemeineigentum (siehe Anmerkung).

IV. Verwandlung der Zettelbanken in Nationalbanken.

V. Die Bedingungen der genossenschaftlichen Produktion auf nationalem Maßstab.

VI. über die Pflicht der Arbeiterklasse, zur Verfertigung einer allgemeinen Arbeitsstatistik zusammenzuwirken gemäß dem Beschlusse des Genfer Kongresses von 1866.

VI I. Wiederaufnahme der Frage auf dem Kongreß über die Mittel zur Unterdrückung des Kriegs.

Anmerkung zu Punkt III: Der belgische Generalrat hat folgende Frage vorgeschlagen:

"Die praktischen Mittel zur Bildung von Landarbeitersektionen innerhalb der Internationale und zur Herstellung der Solidarität zwischen den Landproletariern und den Proletariern der anderen Industriezweige."

Der Generalrat der Internationalen Assoziation ist der Meinung, daß diese Frage unter Punkt III fällt.

Geschrieben am 14. Juli 1870.
Nach der Handschrift.
Aus dem Französischen.