DEUTSCH

 

 

Marx und Engels


Revue
Mai bis Oktober [1850]

Auszüge Deutschland betreffend

 

Die „Revuen", die in den Heften 2, 4 und 5/6 der „Neuen Rheinischen Zeitung, Politischökonomische Revue" abgedruckt wurden, tragen keine Unterschrift.

Zahlreiche Äußerungen von Marx und Engels in Schriften und Briefen zeugen davon, daß diese Revuen von ihnen gemeinsam verfasst worden sind.

Die Prosperität Englands und Amerikas wirkte bald auf den europäischen Kontinent zurück. Schon im Sommer 1849 waren in Deutschland die Fabriken, besonders der Rheinprovinz, wieder ziemlich beschäftigt, und seit Ende 1849 war die Wiederbelebung des Geschäfts allgemein. Diese erneuerte Prosperität, die unsre deutschen Bürger naiverweise der Herstellung der Ruhe und Ordnung zuschreiben, beruht in der Wirklichkeit einzig auf der erneuerten Prosperität in England und der vermehrten Nachfrage nach Industrieprodukten auf den amerikanischen und tropischen Märkten. Im Jahre 1850 hoben sich Industrie und Handel noch mehr; gerade wie in England trat ein momentaner Überfluß an Kapital und eine außerordentliche Erleichterung auf dem Geldmarkt ein, und die Berichte über die Frankfurter und Leipziger Herbstmessen lauten im höchsten Grade befriedigend für die beteiligten Bourgeois.

Die schleswig-holsteinschen und kurhessischen Wirren, die Unionsstreitigkeiten und die drohenden Noten Ostreichs und Preußens haben die Entwicklung aller dieser Symptome der Prosperität keinen Augenblick aufhalten können, wie dies auch der „Economist" mit spöttischer Cockney-Überlegenheit bemerkt.

(...)

In Deutschland resümieren sich die politischen Ereignisse der letzten sechs Monate in dem Schauspiel, wie Preußen die Liberalen und wie Ostreich Preußen prellt.

Im Jahr 1849 schien es sich um die Hegemonie Preußens in Deutschland zu handeln; im Jahr 1850 handelte es sich um die Teilung der Gewalt zwischen Ostreich und Preußen; im Jahr 1851 handelt es sich nur noch um die Form, in der Preußen sich Ostreich unterwirft und als reuiger Sünder in den Schoß des vollständig wiederhergestellten Bundestags zurückkehrt. Das Kleindeutschland11461, das der König von Preußen als Entschädigung für seinen verunglückten Kaiserzug durch Berlin am 22. März 1848[306] sich zu erhandeln1 hoffte, hat sich in Kleinpreußen verwandelt; Preußen hat jede Demütigung geduldig hinnehmen müssen und ist aus der Reihe der Großmächte verschwunden. Selbst den bescheidenen Traum der Union hat die gewöhnliche perfide Borniertheit seiner Politik wieder in nichts aufgelöst. Es schwindelte der Union einen liberalen Charakter an und düpierte so die weisen Männer der Gothaer Partei13071 durch konstitutionelle Phantasmagorien, mit denen es ihm nie ernst war; und doch war es selbst durch seine ganze industrielle Entwicklung, sein permanentes Defizit, seine Staatsschuld so bürgerlich geworden, daß es dem Konstitutionalismus trotz alles Windens und Sträubens immer unrettbarer verfiel. Wenn die weisen Männer von Gotha zuletzt entdeckten, wie schmählich Preußen mit ihrer Würde und Besonnenheit umgesprungen war, wenn selbst ein Gagern und ein Brüggemann sich endlich mit edler Entrüstung von einer Regierung abwandten, die so schnödes Spiel mit der Einheit und Freiheit des Vaterlandes trieb, so erlebte Preußen keine größere Freude an den Küchlein, die es unter seinen schützenden Flügel versammelt hatte, an den kleinen Fürsten. Die Duodezfürsten hatten sich nur im Moment der höchsten Bedrängnis und Schutzlosigkeit den mediatisationssüchtigen Krallen des preußischen Adlers anvertraut; sie hatten die Zurückführung ihrer Untertanen zum alten Gehorsam durch preußische Interventionen, Drohungen und Demonstrationen teuer bezahlen müssen mit

knechtenden Militärkonventionen, mit kostspieliger Einquartierung, mit der Aussicht auf baldige Mediatisierung durch die Unionsverfassung. Aber Preußen selbst hatte dafür gesorgt, daß sie dieser neuen Not wieder entrennen. Preußen hatte überall die Reaktion wieder zur Herrschaft gebracht, und in demselben Maß, als die Reaktion fortschritt, fielen die Duodezfürsten von Preußen ab, um sich Ostreich in die Arme zu werfen. Konnten sie wieder in vormärzlicher Weise herrschen, so stand ihnen das absolutistische Ostreich näher als eine Macht, die ebensowenig absolutistisch sein konnte als sie liberal sein wollte. Dazu führte die östreichische Politik nicht zur Mediatisierung der kleinen Staaten, sondern im Gegenteil zu ihrer Aufrechthaltung als integrierende Bestandteile des wiederherzustellenden Bundestags. So erlebte Preußen, daß Sachsen von ihm abfiel, das wenig Monate vorher durch preußische Truppen gerettet worden, daß Hannover abfiel, daß Kurhessen abfiel und daß jetzt auch Baden, trotz seiner preußischen Garnisonen, den übrigen folgte. Daß die Unterstützung der Reaktion in Hamburg, Mecklenburg, Dessau etc. etc. durch Preußen nicht zu seinem, sondern zu Ostreichs Vorteil war, sieht es jetzt deutlich an den Vorgängen in den beiden Hessen.

So erfuhr der verfehlte deutsche Kaiser allerdings, daß er in einer Zeit der Treulosigkeit lebt, und wenn er es jetzt dulden muß, daß ihm „sein rechter Arm, die Union" abgenommen wird, so war dieser Arm schon seit geraumer Zeit verwelkt. So hat Ostreich jetzt schon ganz Süddeutschland unter seine Hegemonie gebracht, und auch in Norddeutschland sind die wichtigsten Staaten Preußens Gegner.

Ostreich war endlich so weit gekommen, daß es, gestützt auf Rußland, Preußen offen entgegentreten konnte. Es tat dies bei zwei Fragen: bei der schleswig-holsteinischen und der kurhessischen.

In Schleswig-Holstein hatte das „Schwert Deutschlands"13091 einen echt preußischen Separatfrieden geschlossen und seine Bundesgenossen der feindlichen Übermacht in die Hände geliefert. England, Rußland und Frankreich beschlossen, der Unabhängigkeit der Herzogtümer ein Ende zu machen, und drückten diese Absicht in einem Protokoll aus, dem sich Ostreich anschloß.

Während Ostreich und die mit ihm verbündeten deutschen Regierungen, dem Londoner Protokoll gemäß, auf dem restaurierten Bundestag die Bundesintervention in Holstein zugunsten Dänemarks vertraten, suchte Preußen seine achselträgerische Politik fortzusetzen, die Parteien zur Unterwerfung unter ein noch gar nicht existierendes, undefinierbares, von den meisten und wichtigsten Regierungen zurückgewiesenes Bundesschiedsgericht zu bewegen und erlangte mit allen seinen Manövern weiter nichts, als daß es bei den Großmächten in den Verdacht revolutionärer Umtriebe geriet und eine Reihe von drohenden Noten erhielt, die ihm die Lust an einer „selbständigen" auswärtigen Politik bald benehmen werden. Den Schleswig-Holsteinern wird in kurzem ihr Landesvater wiedergegeben werden, und ein Volk, das sich von Herren Beseler und Reventlow regieren läßt, trotzdem daß es die ganze Armee auf seiner Seite hat, zeigt, daß es der dänischen Fuchtel noch zu seiner Erziehung bedarf.

Die Bewegung in Kurhessen liefert uns ein unnachahmliches Beispiel, wozu eine „Erhebung" in einem deutschen Kleinstaat es bringen kann. Der tugendhafte und bürgerliche Widerstand gegen den Fälscher Hassenpflug hatte alles realisiert, was von einem derartigen Schauspiel zu verlangen ist:

die Kammer war einstimmig, das Land war einstimmig, die Beamten und die Armee waren auf Seiten der Bürger; alle widerstrebenden Elemente waren entfernt, das „Fürsten zum Land hinaus" hatte sich von selbst realisiert, der Fälscher Hassenpflug war mit seinem ganzen Ministerium verschwunden; alles ging nach Wunsch, alle Parteien hielten sich streng in den gesetzlichen Schranken, alle Exzesse wurden vermieden, und die Opposition hatte, ohne einen Finger zu rühren, den schönsten Sieg errungen, von dem die Annalen des verfassungsmäßigen Widerstands zu berichten wissen. Und jetzt, als die Bürger alle Gewalt in Händen hatten, als ihr ständischer Ausschuß nirgends auf den geringsten Widerstand stieß, jetzt waren sie erst recht notwendig.

Jetzt sahen sie, daß statt der kurfürstlichen Truppen fremde Truppen an der Grenze standen, bereit einzurücken und der ganzen bürgerlichen Herrlichkeit in vierundzwanzig Stunden ein Ende zu machen. Jetzt erst fing die Ratlosigkeit und Blamage an; hatten sie früher nicht rückwärts gekonnt, so konnten sie jetzt nicht vorwärts. Die kurhessische Steuerverweigerung beweist schlagender als irgendein früheres Ereignis, wie alle Kollisionen innerhalb der kleinen Staaten auf reine Farcen hinauslaufen, deren ganzes Resultat schließlich die fremde Intervention ist und die Beseitigung des Konflikts durch die Beseitigung sowohl des Fürsten wie der Verfassung. Sie beweist, wie lächerlich alle jene hochwichtigen Kämpfe sind, in denen die Kleinbürger der Kleinstaaten jede kleine Märzerrungenschaft mit patriotischer Gesinnungstreue vor dem unvermeidlichen Untergang zu retten suchen.

In Kurhessen, in einem Staat der Union, den es galt, aus der preußischen Umarmung zu reißen, trat Ostreich seinem Rivalen direkt entgegen. Ostreich war es, das den Kurfürsten geradezu zu seinem Angriff auf die Verfassung aufstachelte und ihn dann sogleich unter den Schutz seines Bundestags stellte.

Um diesem Schutz Nachdruck zu verleihen, um an der kurhessischen Angelegenheit Preußens Widerstand gegen Ostreichs Herrschaft zu brechen, um Preußen wieder in den Bundestag hineinzudrohen, stellten sich jetzt östreichische und süddeutsche Truppen in Franken und Böhmen auf. Preußen rüstet ebenfalls. Die Zeitungen strotzen von Berichten über Märsche und Kontremärsche der Armeekorps. All dieser Lärm wird zu nichts führen, ebensowenig wie die Zänkereien der französischen Ordnungspartei mit Bonaparte.

Weder der König von Preußen noch der Kaiser von Ostreich ist souverän, sondern allein der russische Zar. Vor seinem Befehl wird das rebellische Preußen sich schließlich beugen, ohne daß ein Tropfen Blut geflossen, werden sich die Parteien friedlich zusammenfinden auf den Sesseln des Bundestags, ohne daß deshalb weder ihren Eifersüchteleien unter sich noch ihrem Hader mit ihren Untertanen, noch ihrem Verdruß gegen die russische Oberherrschaft der geringste Abbruch geschehen wird.

 

 

 

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