Karl Marx/Friedrich Engels

Die großen Männer des Exils

Geschrieben von Mai bis Juni 1852.

MEW, Band 8; Seite 233-335

 

 

I

 

"Singe, unsterbliche Seele,
der sündigen Menschen Erlösung" -
<Klopstock "Der Messias">
durch Gottfried Kinkel

 

<235> Gottfried Kinkel wurde vor ungefähr 40 Jahren geboren. Sein Leben liegt uns in einer Selbstbiographie vor: "Gottfried Kinkel. Wahrheit ohne Dichtung. Biographisches Skizzenbuch." Herausgegeben von Adolph Strodtmann. (Hamburg, Hoffmann & Campe, 1850. In Oktav.)

Gottfried ist der Held der demokratischen Siegwart-Periode, die in Deutschland so endlose patriotische Wehmut und tränenreichen Jammer hervorgebracht hat. Sein Debüt geschah als ordinärer lyrischer Siegwart.

Die tagebuchmäßige Abgerissenheit, in der sein Erdenwallen dem Leser vorgeführt wird, kömmt ebenso wie die zudringliche Indiskretion dieser Enthüllungen auf Rechnung des Apostels Strodtmann, dessen "kompilatorischer Darstellung" wir folgen.

"Bonn. Febr.-Sept. 1834"

 

"Der junge Gottfried studierte wie sein Freund Paul Zeller evangelische Theologie und hatte sich durch Fleiß und Frömmigkeit die Achtung seiner berühmten Lehrer" (Sack, Nitzsch und Bleek) "erworben" (pag. 5).

 

Er erscheint gleich anfangs "offenbar in ernstere Betrachtungen vertieft" (pag. 4), "verstimmt und düster" (pag. 5), ganz wie es einem grand homme en herbe <werdenden großen Mann> ziemt. "Gottfrieds braunes, düsterflammendes Auge" "schweifte" einigen Burschen "in braunem Frack und lichtblauen Überröcken nach"; Gottfried fühlt sofort heraus, daß diese Burschen "durch äußeren Glanz die innere Leere ersetzen wollten" (pag. 6). Seine moralische Entrüstung wird <236> dadurch erläutert, daß Gottfried "Hegel und Marheineke verteidigt hatte", als diese Burschen Marheineke einen "Flachkopf" nannten; später, als der Kandidat studierenshalber nach Berlin kömmt und selbst bei Marheineke etwas lernen soll, schreibt er über denselben das belletristische Sprüchlein in sein Tagebuch (pag. 61):

"Ein Kerl, der spekuliert,
ist wie ein Tier auf öder Heide
von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt,
und ringsumher ist schöne grüne Weide."
<Goethe, "Faust", Erster Teil, "Studierzimmer>

Gottfried vergißt hier den anderen Spruch, mit dem sich Mephistopheles über den wißbegierigen Schüler lustig macht:

"Verachte nur Verstand und Wissenschaft!"

Die ganze moralisierende Studentenszene dient indes nur als Introduktion, um dem künftigen Weltbefreier Gelegenheit zu folgender Offenbarung zu geben (pag. 6).

Gottfried spricht:

 

"Dies Geschlecht vergeht doch nicht, es müßte denn ein Krieg kommen ... Nur kräftige Mittel können unserem verschlammten Zeitalter wieder aufhelfen!"

"Eine neue Sündflut, und du als Noah in zweiter verbesserter Auflage!" entgegnete sein Freund.

 

Die lichtbraunen Überröcke haben Gottfried soweit zu der Entwicklung verholfen, sich als "Noah in einer neuen Sündflut" anzukündigen. Sein Freund macht dazu folgende Bemerkung, welche der Biographie selbst als Motto hätte vorgesetzt werden können:

 

"Oft haben mein Vater und ich über deine Begeisterung für unklare Begriffe im stillen gelächelt!"

 

In diesen ganzen Bekenntnissen einer schönen Seele wiederholt sich nur der eine "klare Begriff", daß Kinkel vom Embryo an ein großer Mann war. Die trivialsten Dinge, wie sie allen trivialen Leuten vorkommen, werden zu vielbedeutenden Ereignissen; die kleinen Leiden und Freuden, welche jeder Kandidat der Theologie in einer interessanteren Form durchlebt, die Konflikte mit den bürgerlichen Verhältnissen, welche man in Deutschland zu Dutzenden in jedem Konvikt und in jedem Konsistorium findet, werden hier zu verhängnisvollen Weltbegebenheiten, mit denen Gottfried in weltschmerzlichen Gefühlen fortwährend Komödie spielt. {Wir finden daher in diesen Selbstbekenntnissen durchgehend einen doppelten Charakter - die Komödie, die belustigende Weise, mit welcher sich Gottfried der geringsten <237> Lappalien bemächtigt, um sein Vorgefühl als künftige Größe zu proklamieren und sich antizipierend in Relief zu setzen, und die Renommisterei, die erlogene Art, mit der er nachträglich seine ganze vanité <Selbstgefälligkeit> in jede kleinliche Begebenheit seiner lyrisch-theologischen Vergangenheit einlegt. Nach diesen beiden Grundzügen werden wir nunmehr der weiteren Geschichte Gottfrieds folgen.} <Texte in geschweiften Klammern im Manuskript gestrichen.>

Die Familie {des "Freundes Paul" verläßt Bonn und} kehrt nach Württemberg zurück. Gottfried setzt dies Ereignis auf folgende Art in Szene.

Gottfried liebt die Schwester Pauls und erklärt bei dieser Gelegenheit, daß er "schon zweimal geliebt"! Aber die jetzige Liebe ist keine ordinäre Liebe, sondern "inbrünstige und wahre Gottesverehrung" (pag. 13). Gottfried steigt mit dem Freund Paul auf den Drachenfels und bricht in dieser romantischen Staffelei in folgenden Dithyrambus aus:

 

"Scheide die Freundschaft! - Ich finde einen Bruder in dem Heilande; - scheide die Liebe - der Glaube sei meine Braut; - Scheide die Schwestertreue - ich bin kommen zu der Gemeine von viel tausend Gerechten! Hinaus denn, mein junges Herz; und lerne allein sein mit deinem Gotte, und ringe mit ihm, bis daß du ihn bezwingest und er dir einen neuen Namen gebe, den heiligen Israel, den niemand weiß, denn der ihn empfänget! - Sei mir gegrüßt, du herrliche Morgensonne, Bild meiner erwachenden Seele!" (pag. 17.)

 

Der Abschied des Freundes wird somit für Gottfried zur Veranlassung, einen verzückten Hymnus auf seine eigne Seele anzustimmen. Nicht genug damit, muß jedoch auch noch der Freund einen Hymnus anstimmen. Während Gottfried sich in jener Verzückung ergießt, spricht er nämlich "mit erhobener Stimme und glühendem Antlitz", "vergißt die Gegenwart seines Freundes", "sein Auge ist verklärt", "sein Ausrufen begeistert" etc. (pag. 17), - kurz, die ganze testamentarische Erscheinung des Propheten Elias.

 

"Wehmütig lächelnd sah ihn Paul mit dem treuherzigen Auge an und sprach: 'Du hast doch ein stärkeres Herz in der Brust als ich und wirst mich wohl überflügeln, - aber laß mich dein Freund sein - auch in der Ferne.' Fröhlich schlug Gottfried in die dargebotene Hand ein und erneuerte den alten Bund" (pag. 18).

 

Gottfried hat in dieser Bergverklärungsszene erreicht, was er will. Freund Paul, der eben noch über die "Begeisterung Gottfrieds für unklare Begriffe" gelacht hat, demütigt sich vor dem Namen des "heiligen Israel" und erkennt Gottfrieds Überlegenheit und künftige Größe an. Gottfried wird kreuzfidel und erneuert mit freundlicher Herablassung den alten Bund.

 

*

<238> Szenenwechsel. Geburtstag der Mutter Kinkels, der Frau des Pfarrers Kinkel von Oberkassel. Dies Familienfest wird benutzt, um anzukündigen, daß "die Matrone gleich der Mutter des Heilands Maria hieß" (pag. 20), - sichere Andeutung, daß auch Gottfried zum Heiland und Welterlöser berufen war. Der Studiosus der Theologie ist uns somit auf den ersten 20 Seiten durch die geringfügigsten Ereignisse als Noah, als heiliger Israel, als Elias und schließlich als Christus vorgeführt.

 

*

Gottfried, der im ganzen gar nichts erlebt, kömmt in seinen Erlebnissen natürlich stets wieder auf seine inneren Gefühle zurück. Der Pietismus, der ihm als Predigersohn und angehender Gottesgelahrter anklebt, entspricht seiner angeborenen Gemütsschwäche sowie der koketten Selbstbeschäftigung mit seiner Person. Wir erfahren, daß Mutter und Schwester streng pietistisch waren und daß Gottfried ein starkes Sündenbewußtsein besaß; der Konflikt dieser frommen Sündenanschauung mit dem "heiter-geselligen Lebensgenuß" der gewöhnlichen Studenten erscheint bei Gottfried, seinem welthistorischen Beruf gemäß, als ein Kampf der Religion mit der Poesie, - der Schoppen Bier, welchen der Sohn des Pfarrers von Oberkassel mit andern Studenten trinkt, wird zu dem verhängnisvollen Kelch, in welchem die beiden Geister Fausts ringen. In der Schilderung seines pietistischen Familienlebens sehen wir die "Mutter Maria" den "Hang Gottfrieds für das Theater" als sündhaft bekämpfen (pag. 28), bedeutungsvoller Zwiespalt, der wieder den künftigen Poeten andeuten soll, in der Tat aber nur Gottfrieds Vorliebe für das Komödiantentum zur Schau bringt. Seiner Schwester Johanna wird als pietistisches Megärentum nacherzählt, daß sie ein fünfjähriges Mädchen wegen Unachtsamkeit in der Kirche gemaulschellt habe - schmutziger Familienklatsch, dessen Enthüllungen man nicht begreifen würde, wenn nicht am Schluß des Buches diese Schwester Johanna am eifrigsten gegen die Ehe Gottfrieds mit Madame Mockel eingenommen erschiene.

Als Ereignis wird erwähnt, daß Gottfried in Seelscheid "eine herrliche Predigt über das ersterbende Weizenkorn" gehalten.

 

*

Die Familie Zeller und die "geliebte Elise" reisen endlich ab. Wir erfahren, daß Gottfried "heiß die Hand des Mädchens gedrückt" und den Gruß flüsterte: "Elise, leben Sie wohl! Ich darf nicht mehr sagen." Dieser interessanten Geschichte folgt der erste Siegwartjammer.

 

<239> "Vernichtet!" "Lautlos." "Trostloseste Zerrissenheit! "Brennende Stirn." "Tiefste Seufzer." "Der wildeste Schmerz durchzuckte sein Hirn" etc. (pag. 37).

 

Die ganze Eliasszene wird dadurch zur reinen Komödie, die er dem "Freund Paul" und sich selbst vorgespielt hat. Paul tritt auch wieder auf, um Siegwart, der einsam jammernd daselbst sitzt, ins Ohr zu flüstern: "Diesen Kuß für meinen Gottfried" (pag. 38).

Gottfried wird wieder fidel.

 

"Fester als je steht mein Plan, würdig und nicht ohne Namen mein süßes Lieb wiederzuschauen" (pag. 38).

 

Die Reflexion auf den zu erwartenden Namen, das Prunken mit den Vorschußlorbeerkronen, fehlt auch in dem Liebesschmerz nicht. Gottfried benutzt das Intermezzo, um seine Liebe in überschwenglicher Renommisterei zu Papier zu bringen, damit der Welt auch seine Tagebuchgefühle nicht verlorengehen. Die Szene hat jedoch ihre Pointe noch nicht erreicht. Der getreue Paul muß den weltstürmenden Meister darauf aufmerksam machen, daß Elise vielleicht später, wenn sie stehen bliebe, während er sich fortentwickele, ihm nicht mehr genügen werde.

 

"O nein!" sprach Gottfried. "Diese Himmelsblüte, die ja kaum ihre ersten Blätter noch aufgetan, duftet schon so süß. Wie wenn ... der glühende Sommerstrahl männlicher Kraft ihre inneren Kelchblätter entfaltet!" (pag.40.)

 

Paul sieht sich genötigt, auf das unsaubere Bild zu antworten, daß gegen einen Dichter Vernunftgründe nichts nutzen.

 

"Und all eure Weisheit schützt euch doch ebensowenig gegen die Launen des Lebens als unsere liebenswürdige Torheit", entgegnete Gottfried lächelnd" (pag. 40).

 

Rührendes Bild, Narzissus sich selbst zulächelnd! Der unbeholfene Kandidat tritt plötzlich als liebenswürdiger Tor auf, Paul wird zum Wagner, der den großen Mann bewundert, und der große Mann "lächelt", "ja, er lächelt sanft und freundlich". Die Pointe ist gerettet.

 

*

Gottfried gelangt endlich dazu, Bonn zu verlassen. Die dort errungene Höhe seiner wissenschaftlichen Bildung resümiert er selbst wie folgt:

 

"Von dem Hegeltum komme ich leider mehr und mehr ab; Rationalist zu sein, ist mein höchster Wunsch, dabei bin ich jedoch zugleich Supranaturalist und Mystiker, nötgenfalls sogar Pietist" (pag. 45).

 

Dieser Selbstschilderung ist nichts hinzuzufügen.

 

*

"Berlin. Okt. 1834-Aug. 1835"

<240> Aus der kleinen Familien- und Studentenmisere kömmt Gottfried nach Berlin. Von einem Einfluß der wenigstens in Vergleich zu Bonn großstädtischen Verhältnisse, von einer Beteiligung an der damaligen wissenschaftlichen Bewegung finden wir keine Spur; Gottfrieds Tagebuch beschränkt sich auf Gemütsbewegungen, die er mit einem neuen compagnon d'aventure <Gefährten seiner Abenteuer>, Hugo Dünweg aus Barmen, erlebt, und auf die kleinen Leiden des armen Theologen, Geldverlegenheiten, schäbige Fräcke, Anstellung als Rezensent usw. Sein Leben steht in keiner Beziehung zu dem öffentlichen Leben der Stadt, sondern bezieht sich lediglich auf die Familie Schlössing, in welcher Dünweg als Meister Wolfram <Wolfram von Eschenbach> und Gottfried als Meister Gottfried von Straßburg im stillen passieren (pag. 67). Elise schwindet mehr und mehr aus seinem Herzen, er empfindet ein neues Jucken für Fräulein Maria Schlössing, erfährt zum Unglück noch die Verlobung Elisens mit einem andern und resümiert zuletzt seine Berliner Gefühle und Strebungen in der "dunkeln Sehnsucht nach einem weiblichen Wesen, das er ganz sein [nennen] dürfe".

Berlin darf indes nicht verlassen werden ohne die unvermeidliche Pointe:

 

"Bevor er Berlin verließ, führte ihn der alte" (Regisseur) "Weiß noch einmal in das Innere des Schauspielhauses. Ein seltsames Gefühl durchströmte den Jüngling, als der freundliche Greis in dem großen Saale, wo die Büsten deutscher Dramatiker aufgestellt sind, auf einige leere Nischen hindeutend, mit beziehungsvollem Tone sprach:

'Es sind noch Plätze frei'"

 

Der Platz für den Plateniden Gottfried, der sich den Hochgenuß "künftiger Unsterblichkeit" so ernsthaft von einem alten Farceur <Possenreißer> kredenzen läßt, dieser Platz ist in der Tat noch frei.

 

*

"Bonn. Herbst 1835-Herbst 1837"

"In stetem Schwanken zwischen Kunst, Leben und Wissenschaft unentschieden begriffen, in allen dreien ohne feste Bestimmung tätig, gedachte er aus allen soviel zu lernen, zu gewinnen, selbst zu schaffen, als es seine Unentschiedenheit zuließe" (pag. 89).

Mit dieser Erkenntnis des unentschiedenen Dilettanten kehrt Gottfried nach Bonn zurück. Das Gefühl des Dilettantismus verhindert ihn natürlich nicht, sein Lizentiatenexamen zu machen und Privatdozent an der Universität Bonn zu werden.

 

<241> "Weder Chamisso noch Knapp hatten die ihnen zugesandten Gedichte in ihren Taschenbüchern aufgenommen, und das kränkte ihn sehr" (pag. 99).

Das ist das Deb

üt des großen Mannes, der in Privatkreisen immer auf geistigen Pump von seiner künftigen Bedeutung lebt, in seinen ersten öffentlichen Versuchen. Von diesem Augenblick wird er definitiv zur zweifelhaften Lokalgröße für belletristische Studentenzirkel, bis ihn ein Streifschuß in Baden plötzlich zum Helden des deutschen Philistertums macht.

 

"Mehr und mehr erwachte dagegen in Kinkels Brust die Sehnsucht nach einer festen und treuen Liebe, die sich durch keine Arbeiten wollte verdrängen lassen" (pag. 103).

 

Das erste Opfer dieser Sehnsucht ist eine gewisse Minna. Gottfried tändelt mit Minna und tritt zur Abwechslung als mitleidiger Mahadö <Shiva> auf, der sich von der Jungfrau anbeten läßt und dabei Reflexionen über ihren Gesundheitszustand macht.

 

"Kinkel hätte sie lieben können, wenn es ihm möglich gewesen wäre, sich über ihren Zustand zu täuschen; doch seine Liebe hätte ja die welkende Rose noch rascher getötet. Minna war das erste Mädchen, das ihn verstehen konnte; aber sie hätte ihm, eine zweite Hekuba, nicht Kinder sondern Fackeln geboren, und der Eltern Glut hätte durch sie, wie Priamus' Troja, das eigne Haus verbrannt. Dennoch konnte er nicht von ihr lassen, um sie blutete sein Herz, er war elend nicht aus Liebe, sondern aus Mitleid".

 

Der göttliche Held, dessen Liebe wie der Anblick Jupiters töten soll, ist nichts als der ordinäre, stets über sich selbst reflektierende Geck, der sich bei seinen Heiratsstudien zum erstenmal in der Rolle des Herzbrechers versucht. Die widerliche Betrachtung über den Krankheitszustand und dessen Folgen bei möglicherweise zu erzielenden Kindern wird überdies durch den Umstand zur gemeinen Spekulation, daß er das Verhältnis zu seiner inneren Selbstbefriedigung fortsetzt und nicht eher abbricht, als bis es ihm Gelegenheit zu einer neuen melodramatischen Szene verschafft.

Gottfried reist zu einem Onkel, dessen Sohn eben gestorben ist; bei der ausgestellten Leiche, in schauerlicher Mitternachtsstunde, bereitet er eine Bellinische Opernszene mit seiner Kusine, Mademoiselle Elise II, verlobt sich mit derselben "angesichts des Toten" und wird auch am folgenden Morgen von dem Onkel glücklich als künftiger Eidam akzeptiert.

 

"Oft auch dachte er an Minna und den Augenblick, wo er sie wiedersehen mußte, da er nun doch ewig für sie verloren war; allein er fürchtete sich nicht vor diesem Moment, weil sie ja keine Ansprüche auf ein Herz erheben konnte, das bereits gebunden war" (pag. 117).

 

<242> Die neue Verlobung hat keine andere Bedeutung, als das Verhältnis mit Minna zu einer dramatischen Kollision zu bringen, in welcher sich "Pflicht und Leidenschaft" gegenüberstehen. Diese Kollision selbst wird in der philisterhaftesten Schuftigkeit herbeigeführt, indem der Biedermann bei sich selbst die Rechtsansprüche Minnas auf sein Herz leugnet, welches bereits gebunden sei; dem tugendhaften Mann verschlägt es natürlich nichts, daß er sogar diese feige Selbstlüge noch durch nachträgliche Umkehrung der Zeitfolge in dem "gebundenen Herzen" rettet.

Gottfried hat sich in die interessante Notwendigkeit gestürzt, ein "armes großes Herz" brechen zu müssen:

 

"Nach einer Pause fuhr Gottfried fort: 'Zugleich glaube ich, Ihnen, liebe Minna, ein Vergehen abbitten zu müssen - ich habe vielleicht an Ihnen gesündigt - Minna, diese Hand, die ich Ihnen gestern so freundlich ließ, diese Hand ist nicht mehr frei - ich bin Verlobter!'" (pag. 123.)

 

Der melodramatische Kandidat hütet sich wohl, ihr zu sagen, daß diese Verlobung ein paar Stunden später stattgefunden hatte, nachdem er ihr "so freundlich" seine Hand gelassen.

 

"O Gott! - Minna - können Sie mir vergehen?" (loc. cit.)

"Ich bin Mann und muß meiner Pflicht getreu sein - ich darf Sie nicht lieben! Aber getäuscht habe ich Sie nicht" (pag. 124).

 

Nach dieser nachträglich arrangierten Tugendpflicht fehlt nur noch eine Herbeiführung des Unglaublichen, eine effektvolle Umkehrung des ganzen Verhältnisses, in welcher nicht Minna ihm, sondern der moralische Pfaffe der Betrogenen verzeiht. Zu diesem Zweck wird die Möglichkeit erdacht, daß Minna ihn "in der Ferne hassen könne", und an diese Supposition knüpft sich die folgende Schlußmoral:

 

"'Das vergebe ich Ihnen gern, und Sie können, wenn dieser Fall eintritt, im voraus meiner Verzeihung gewiß sein. Und nun leben Sie wohl, meine Pflicht ruft mich, ich muß Sie verlassen!' - Dann ging er mit langsamen Schritten aus der Laube ... Gottfried fühlte sich von jener Stunde an unglücklich" (pag. 124).

 

Der Schauspieler und eingebildete Liebhaber verwandelt sich in den heuchlerischen Pfaffen, der sich mit einem salbungsvollen Segen aus der Affäre zieht; Siegwart ist durch die erlogenen Liebeskonflikte zu dem glücklichen Resultat gekommen, sich in der Einbildung für unglücklich halten zu können.

Zuletzt kömmt an den Tag, daß alle diese arrangierten Liebesgeschichten nichts als eine kokette Liebelei Gottfrieds mit sich selbst waren. Die ganze <243> Historie läuft darauf hinaus, daß der von seiner künftigen Unsterblichkeit träumende Pfaffe alttestamentarische Geschichten und moderne Leihbibliothekphantasien à la Spieß, Clauren und Cramer aufführt und sich so in der Einbildung als romantischen Helden genießt.

 

"Als er unter seinen Büchern umherkramte, fiel ihm der 'Ofterdingen' von Novalis in die Hand, der ihn noch vor einem Jahre so oft zur Poesie entflammt hatte. Schon als er das Gymnasium besuchte und mit einigen Freunden unter dem Namen 'Teutonia' eine Gesellschaft gestiftet, welche sich zum Zweck setzte, sich gegenseitig das Verständnis deutscher Geschichte und Literatur zu erschließen, hatte er sich den Namen Heinrich von Ofterdingen beigelegt ... Jetzt ward ihm die Bedeutung dieses Namens klar. Er dünkte sich selbst jener Heinrich in dem lieblichen Städtchen am Fuße der Wartburg, und die Sehnsucht nach der 'blauen Blume' ergriff ihn mit unbezwinglicher Gewalt. Nicht Minna konnte die leuchtende Märchenblüte sein, auch seine Braut nicht, so sehr er sein Herz befragte. Träumend las er weiter und weiter, die tolle Zauberwelt umfing ihn, und endlich warf er sich weinend auf einen Sessel, der 'blauen Blume' gedenkend."

 

Gottfried enthüllt hier die ganze romantische Lüge, in die er sich eingekleidet hat; der Karnevalberuf, sich in fremde Personen zu verkleiden, ist sein wahres "inneres Wesen". Wie er sich früher Gottfried von Straßburg nannte, tritt er jetzt als Heinrich von Ofterdingen auf, und was er sucht, ist nicht die "blaue Blume", sondern ein Frauenzimmer, welches ihn als Heinrich von Ofterdingen anerkennt. Diese "blaue Blume", er fand sie auch schließlich in etwas vergilbter Form in einem Frauenzimmer, welches in seinem und ihrem Interesse die ersehnte Komödie mit ihm spielte.

Die erlogene Romantik, die Travestie und Karikierung alter Historien und Abenteuer, welche Gottfried aus Mangel an eigenem Fonds anderen nacherlebt, dieser ganze Gefühlsschwindel inhaltsloser Kollisionen mit Marien, Minnan, Elisen I und II haben ihn so weit gebracht, daß er sich auf der Höhe Goethescher Erlebnisse angekommen glaubt. Wie Goethe nach seinen Liebesstürmen plötzlich nach Italien aufbricht und hier seine "Elegien" schreibt, glaubt Gottfried nach seinen eingebildeten Liebesduseleien nunmehr auch das Recht zu einem Römerzug zu haben. Goethe hat Gottfried geahnt:

Hat doch der Walfisch seine Laus,
Kann ich auch meine haben.
<Goethe, "Zahme Xenien">

 

*

"Italien. Okt. 1837-März 1838"

 

Der Römerzug wird in Gottfrieds Tagebüchern mit einer bogenlangen Beschreibung der Reise von Bonn nach Koblenz eröffnet. Diese neue Epoche beginnt wiederum, wie die vorige geschlossen hat, mit der beziehungsreichen <244> Anwendung fremder Erlebnisse. Gottfried erinnert sich auf dem Dampfschiff an den "vortrefflichen Zug Hoffmanns", welcher den "Meister Johannes Wacht grade nach dem gewaltigsten Schmerz ein sehr künstlerisches Werk schaffen läßt"; zur Bewahrheitung dieses "vortrefflichen Zuges" gerät Gottfried nach dem "gewaltigen Schmerz" über Minna in "Nachdenken" "über die längst beabsichtigte Ausführung eines Trauerspiels" (pag. 140).

Auf Kinkels Reise von Koblenz nach Rom ereignet sich folgendes.

 

"Die freundlichen Briefe seiner Braut, welche er häufig empfing und meist auf die Stelle beantwortete, verdrängten die düstern Gedanken" (pag. 144).

"Seine Liebe zu der schönen Elise II schlug tiefe Wurzeln in der sehnenden Jünglingsbrust" (pag. 146).

 

In Rom ereignet sich folgendes:

 

"Bei seiner Ankunft in Rom hatte Kinkel einen Brief von seiner Braut vorgefunden, der seine Liebe zu ihr noch steigerte und Minnas Bild mehr und mehr zurücktreten ließ. Sein Herz sagte ihm, daß Elise ihn glücklich machen könne, und er gab sich mit der reinsten Glut diesem Gefühle hin ... Er hatte jetzt erst lieben gelernt" (pag. 151).

 

Minna, welche er früher bloß aus Mitleid geliebt, ist also in der Gefühlsszenerie wieder hervorgetreten. In dem Verhältnis mit Elisen träumt er, daß Elise ihn, nicht daß er sie glücklich machen könne. Und doch hat er in der Phantasie von der "blauen Blume" schon vorher ausgesprochen, daß die Märchenblüte, nach welcher er so poetisches Jucken fühlt, weder Elise noch Minna sein können. Die neu erwachten Gefühle für diese beiden Mädchen dienen indes zur Gruppierung, um einen abermaligen Konflikt zu arrangieren.

 

"Kinkels Poesie schlummerte scheinbar in Italien" (pag. 151).

 

Warum?

 

"Weil ihm noch die Form mangelte" (pag. 152).

Später erfahren wir, daß er als Resultat eines sechsmonatlichen Aufenthalts in Italien, die "Form" wohlverpackt nach Deutschland mitbrachte. Da Goethe in Rom seine "Elegien" gedichtet hat, so ersinnt Gottfried ebenfalls eine Elegie "Romas Erwachen" (pag. 153).

Die Magd Kinkels reicht ihm in seiner Wohnung einen Brief von seiner Braut. Freudig erbricht er ihn -

 

"und sank mit einem Schrei auf sein Lager. Elise meldete ihm, ein wohlhabender Mann, ein Dr. D., der eine ausgebreitete Praxis und sogar ein Reitpferd besäße, habe sich um sie beworben; da es nun noch lange Zeit währen möchte, bevor er, Kinkel, der arme Theolog, sich eine feste Stellung geschaffen, bäte sie ihn, das Band, welches sie an ihn fessele, zu lösen."

 

<245> Vollständige Reminiszenz aus "Menschenhaß und Reue".

Gottfried "vernichtet", "gräßliche Versteinerung", "trocknes Auge", "Gefühl der Rache", "Dolch", "Brust des Nebenbuhlers", "Herzblut des Gegners", "Eiseskälte", "wahnsinniger Schmerz" usw. (pag. 156 und 157).

Was in diesen "Leiden und Freuden des armen Theologen" den unglücklichen Kandidaten hauptsächlich kränkt, ist der Gedanke, daß sie ihn um den "ungewissen Besitz irdischer Güter verschmäht" (pag. 157). Nach den bühnenmäßig vorgeschriebenen Gefühlen, die ihn ergreifen, erhebt er sich endlich zu folgender Tröstung:

 

"Sie war deiner nicht wert - und dir bleibt ja die Schwinge des Genius, die dich hoch emportragen wird über dies dunkle Weh! Und wenn dereinst dein Ruhm über den Erdball fliegt, dann mag die Falsche in der eignen Brust das Strafgericht erkennen! - Wer weiß auch, ob nicht ihre Kinder nach Jahren mich aufsuchen, um meine Hülfe zu erflehen, und dem möchte ich nicht vorschnell ausweichen" (pag. 157).

 

Nach dem unvermeidlichen, antizipierten Hochgenuß des "künftigen Ruhms, der über den Erdball fliegt", kömmt hier der gemeine pfäffische Philister zum Vorschein. Er spekuliert darauf, daß Elisens Kinder vielleicht später im Elend des großen Poeten Almosen anflehen könnten - "dem möchte er nicht vorschnell ausweichen". Und warum? Weil Elise dem "künftigen Ruhm", von dem Gottfried fortwährend träumt, ein "Reitpferd vorzieht", weil sie der Affenkomödie, welche er mit dem Namen Heinrichs von Ofterdingen aufzuführen gedenkt, "irdische Güter" vorzieht. Schon der alte Hegel hat mit Recht bemerkt, daß das edelmütige Bewußtsein immer in das niederträchtige umschlägt.

 

*

"Bonn. Sommer 1838-Sommer 1843"

(Kabale und Liebe)

 

Nachdem Gottfried in Italien Goethe karikiert hat, nimmt er sich bei seiner Rückkehr vor, Schillers "Kabale und Liebe" aufzuführen.

Trotz der weltschmerzlichen zerrissenen Brust befindet sich Gottfried leiblich "wohler als je" (pag. 167). Er beabsichtigt, sich "einen literarischen Ruf durch Arbeiten zu begründen" (pag. 169), was ihn indes später nicht verhindert, als die "Arbeiten" den literarischen Ruf nicht zu begründen vermögen, sich einen wohlfeileren Ruf ohne Arbeiten zu verschaffen.

Die "dunkle Sehnsucht", mit welcher Gottfried immer einem "weiblichen Wesen" nachjagt, äußert sich in einer merkwürdig schnellen Folge von Heiratsversprechnissen und Verlobungen. Das Eheversprechen ist die klas- <246> sische Form, mit welcher der starke Mann und überlegene "künftige" Geist in der Wirklichkeit seine Geliebten zu erobern und an sich zu fesseln sucht. Sobald er ein blaues Blümchen zu sehen glaubt, welches ihm zu der Rolle Heinrichs von Ofterdingen verhelfen könnte, verdichtet sich die weiche nebelhafte Gefühlsduselei des Poeten zu dem sehr deutlichen Traumbild des Kandidaten, die ideelle Wahlverwandtschaft durch ein Band der "Pflicht" zu ergänzen. Diese bürgerliche Jagd, in welcher die Verlobungen à tort et à travers <wild durcheinander> nach den ersten Begrüßungen an alle Gänse- und Wasserblümchen fliegen, läßt die lämmerschwänzelnde schlappe Koketterie nur um so widerlicher erscheinen, mit der Gottfried fortwährend seine Brust zur Konstatierung seines "großen Dichterschmerzes" öffnet.

Gottfried muß sich daher nach seiner Rückkehr aus Italien auch natürlich wieder "versprechen"; das Objekt seiner Sehnsucht wird ihm diesmal direkt von seiner Schwester angewiesen, jener Dame Johanna, deren pietistischer Fanatismus schon früher von Gottfrieds Tagebuchexklamationen verewigt wurde.

 

"Bögehold hatte in diesen Tagen seine Verlobung mit Fräulein Kinkel erklärt, und Johanna, die sich jetzt noch zudringlicher als je in die Herzensangelegenheiten ihres Bruders einmischte, wünschte aus mancherlei Gründen und Familienrücksichten, die der Welt lieber verschwiegen bleiben, daß Gottfried nun wechselweis wieder die Schwester ihres Bräutigams, Fräulein Sophie Bögehold, heimfuhren möge" (pag. 172). "Kinkel" - es versteht sich dies von selbst - "mußte sich notwendig zu einem sanften Mädchen hingezogen fühlen ... Letztere war ein liebes, schuldloses Mädchen" (pag. 173). "Auf die zarteste Weise" - es versteht sich dies von selbst - "warb Kinkel um ihre Hand, die ihm freudig von den beglückten Eltern zugesagt war, sobald" - es versteht sich dies von selbst - "er sich erst eine sichere Stellung erworben hätte und seine Braut" - es versteht sich dies von selbst - "als Professor oder Besitzer einer stillen Pfarrerwohnung heimführen könnte."

 

Die Heiratstendenz, welche in allen Abenteuern des brünstigen Kandidaten durchgeht, nahm er bei dieser Gelegenheit in folgenden zierlichen Verslein zu Papier:

Nach anders nichts trag' ich Verlangen
Als nur nach einer weißen Hand!

Alles andere, Augen, Lippen, Locken, erklärt er für "Tand".

Das alles reizt nicht sein Verlangen,
Allein die kleine weiße Hand! (pag. 174.)

<247> Die Liebelei, welche er auf Ordre der "mehr als je zudringlichen Schwester Johanna" und aus fort und fort prickelndem Verlangen nach einer "Hand" mit Fräulein Sophie Bögehold anzettelt, nennt er zugleich "tief, fest und still" (pag. 175), und namentlich "spielte das religiöse Element eine große Rolle in dieser neuen Liebe" (pag. 176).

Das religiöse Element ersetzt nämlich bei Gottfrieds Liebesgeschichten abwechselnd das Roman- und Schauspielelement. Wo er sich nicht durch Komödieneffekte in neue Siegwartsituationen lügen kann, werden religiöse Gefühle angewandt, um diesen ordinären Geschichten zu einer höheren Bedeutung zu verhelfen. Siegwart wird zum frommen Jung-Stilling, der gleichfalls von Gott so wunderbar gestärkt war, daß er drei Weiber unter seiner männlichen Brust erliegen sah und doch immer wieder eine neue Liebe "heimführen" konnte.

 

*

 

Wir kommen endlich zu der verhängnisvollen Katastrophe in dieser tatenreichen Lebensgeschichte, zu der Bekanntschaft Stillings mit Johanna Mockel, geschiedene Mathieux. Hier fand Gottfried einen weiblichen Kinkel, sein romantisches alter ego <anderes Ich>, nur härter, klüger, weniger verschwommen und durch gereiftes Alter über die ersten Illusionen hinaus.

Mockel hatte mit Kinkel das Verkanntsein von der Welt gemein. Sie war abstoßend, eine vulgäre Erscheinung; in ihrer ersten Ehe war sie unglücklich gewesen. Sie besaß musikalische Talente, jedoch nicht hinlänglich, um durch ihre Kompositionen oder technische Fertigkeit Epoche zu machen; in Berlin hatte sie in dem Versuch, die veralteten Kindereien Bettinens <Bettina von Arnim> zu kopieren, Fiasko gemacht. Ihr Charakter war durch die Erfahrungen verbittert. Wenn sie auch mit Kinkel die Zierbengelei gemein hatte, den gewöhnlichen Ereignissen ihres Lebens durch überschwengliche Zutat eine "höhere Weihe" zu geben, so war bei ihr infolge des vorgeschrittenen Alters das Bedürfnis (nach Strodtmann) der Liebe doch dringender als die poetischen Faseleien derselben. Was bei Kinkel in dieser Beziehung weibisch war, wurde bei Mockel männisch. Nichts natürlicher daher, als daß eine solche Erscheinung mit Freuden darauf einging, mit Kinkel die Komödie der verkannten schönen Seelen zu einer wechselseitig befriedigenden Lösung zu spielen, Siegwart in seiner Rolle als Heinrich von Ofterdingen anzuerkennen und sich von ihm als "blaue Blume" finden zu lassen.

Nachdem Kinkel eben durch Hülfe seiner Schwester zu einer dritten oder <248> vierten Verlobten gekommen ist, wird er jetzt durch Mockel in ein neues Liebeslabyrinth geführt.

Gottfried befindet sich in der "Woge der Gesellschaft" (pag. 190), einer jener kleinen Professoren- oder "Honoratiorenzirkel" deutscher Universitätsstädtchen, welche nur in dem Leben christlich-germanischer Kandidaten Epoche machen können. Mockel singt und wird applaudiert. Bei Tisch ist es arrangiert, daß Gottfried neben sie zu sitzen kömmt, und hier entwickelt sich folgende Szene:

 

"'Es müsse sich ein herrliches Gefühl sein', meinte Gottfried, 'so von allen bewundert auf der Schwinge des Genius durch die fröhliche Welt zu schweben.' - 'Das glauben Sie', versetzte Mockel bewegt. 'Ich höre, Sie haben ein schönes Talent zur Poesie. Vielleicht wird man Ihnen dann auch Weihrauch streuen ... und dann will ich Sie fragen, ob Sie glücklich sind, wenn Sie nicht...' - 'Wenn ich nicht?' fragte Gottfried die Stockende" (pag. 188).

 

Der Köder war für den unbeholfenen lyrischen Kandidaten geworfen.

Mockel teilt ihm darauf mit, daß sie ihn kürzlich

 

"über das Heimweh der Christen predigen gehört und gedacht, wie sehr der schöne Jüngling der Welt müsse entsagt haben, der auch in ihr eine leise Sehnsucht nach dem harmlosen Kindesschlummer erregt hatte, mit dem sie einst der verlorene Klang des Glaubens umfing" (pag. 189).

 

Gottfried war "bezaubert" (p. 189) von dieser Höflichkeit. Es war ihm ungeheuer angenehm zu finden, "daß Mockel nicht glücklich sei" (loc. cit.) Er beschließt sogleich, "mit seiner warmen Begeisterung für den Glauben der Erlösung durch Jesum Christum" "auch diese trauernde Menschenseele ... wiederzugewinnen" (loc. cit.). Da Mockel katholisch ist, so wird das Verhältnis un[ter] dem eingebildeten Motiv angeknüpft, im "Dienst des Allmächtigen" eine Seele zu gewinnen, eine Komödie, auf w[elche] Mockel auch eingeht.

 

*

 

"Im Laufe des Jahres 1840 erhielt Kinkel ebenfalls die Anstellung als Hülfskandidat der evangelischen Gemeinde zu Köln, wohin er jeden Sonntagmorgen hinüberfuhr, um zu predigen" (pag. 193).

 

Die Bemerkung des Biographen veranlaßt uns, auf Kinkels Stellung als Theologe mit einigen Worten einzugehen. "Im Laufe des Jahres 1840" hatte die Kritik bereits in der schonungslosesten Form den Inhalt des Christentums zersetzt, die wissenschaftliche [...] <Das fehlende Wort ist durch Streichung unlesbar> war mit Bruno Bauer in offenen <249> Konflikt mit dem Staat gekommen. Kinkel tritt in dieser Epoche als Prediger auf, aber einerseits ohne die Energie der Orthodoxie und anderseits ohne den Verstand, die Theologie objektiv zu erfassen, findet er sich in sentimentaler lyrisch-deklamatorischer Weise à la Krummacher mit dem Christentum ab, indem er Christus als "Freund und Führer" einführt, das "Unschöne" in der Form des Christentums abzustreifen sucht und den Inhalt durch eine hohle Phraseologie ersetzt. Diese Manier, welche den Inhalt durch die Form, den Gedanken durch die Phrase ersetzen will, hat in Deutschland eine Reihe von deklamatorischen Pfaffen zutage gefördert, deren letzte Ausläufe naturgemäß in die Demokratie führen mußten. Wenn in der Theologie doch hier und da noch wenigstens ein oberflächliches Wissen nötig, so fand die leere Phraseologie dagegen ihre volle Anwendung in der Demokratie, wo die hohle, vollklingende Deklamation, die nullité sonore <tönende Nichtigkeit>, vollständig den Geist und die Einsicht der Verhältnisse überflüssig macht. Kinkel, dessen theologische Studien zu nichts als zu sentimentalen Extrakten des Christentums in Claurenscher Darstellung führen, war in Reden und Schriften der Ausdruck dieser kanzelberedsamen Schwindelei, welche man sonst auch als die "poetische Prosa" bezeichnete und die er jetzt komischerweise zum Vorwand seines "Dichterberufs" machte. Seine Dichterschaft beruht auch [nicht] in Anlegung wirklicher Lorbeeren, sondern in der Pflanzung von roten Judenkirschen, mit denen er die triviale Landstraße verschönert. Dieselbe Gemütsschwäche, die Kollisionen nicht dem Inhalt nach, sondern durch eine bequeme Form zu überwinden, zeigt sich denn auch in der Dozentenstellung an der Universität. Dem Kampf gegen den alten Fachpedantismus wird ausgewichen durch "burschikoses" Verhältnis, welches den Dozenten zum Studenten macht und den Studenten zum Privatdozenten erhebt. Aus dieser Schule ist denn auch eine ganze Generation von Strodtmanns, Schurzen und ähnlichen Subjekten hervorgegangen, die schließlich ihre Phraseologie, ihre Kenntnisse und ihren leichten "hohen Beruf" nur in der Demokratie anwenden konnten.

 

*

 

Das neue Liebesverhältnis entwickelt sich jetzt zur Historie von "Gockel, Hinkel und Gackeleia".

Das Jahr 1840 bildete einen Wendepunkt in der deutschen Geschichte. Auf der einen Seite hatte die kritische Anwendung der Hegelschen Philosophie auf die Theologie und Politik die Wissenschaft revolutioniert, auf der <250> anderen Seite begann seit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. die Bewegung des Bürgertums, deren konstitutionalistische Bestrebungen noch einen vollständig radikalen Schein hatten: von der im Vagen schwimmenden "politischen Poesie" der damaligen Zeit bis zu der neuen Erscheinung einer revolutionären Macht der Tagespresse.

Was tat Gottfried zu jener Zeit? Mockel stiftete mit ihm den "Maikäfer, eine Zeitschrift für Nicht-Philister" (pag. 209) und den Maikäferverein. Dies Blatt hatte nämlich bloß

 

"den Zweck, einem engeren Freundeskreise wöchentlich einen heitern und genußreichen Abend zu verschaffen und den Teilnehmern Gelegenheit zu gehen, ihre Produktionen der Kritik eines wohlwollenden kunstsinnigen Zirkels zu unterwerfen" (pag. 209-210).

 

Die eigentliche Tendenz des Maikäfervereins war die Auflösung des blauen Blumenrätsels. Die Sitzungen fanden in Mockels Hause statt und hatten den Zweck, in einem Kreise unbedeutender belletristischer Studenten Mockel als "Königin" (pag. 210) und Kinkel als "Minister" (pag. 255) zu verherrlichen. Die beiden verkannten schönen Seelen fanden Gelegenheit, sich für das "Unrecht, das ihnen die arge Welt zufügte" (pag. 296) im Maikäferverein gütlich zu tun; sie konnten sich gegenseitig in ihren Rollen als Heinrich von Ofterdingen und blaue Blume anerkennen; Gottfried, dem das Nachschauspielern fremder Rollen zur andern Natur geworden war, mußte sich glücklich fühlen, endlich es zu einem wirklichen "Liebhabertheater" (pag. 254) gebracht zu haben. Die Affenkomödie selbst diente zugleich als Vorspiel der praktischen Entwicklung:

"Diese Abende gaben ihm Veranlassung, Mockel auch außerdem im Hause ihrer Eltern zu besuchen" (pag. 212).

Es kam hinzu, daß der Maikäferverein den Göttinger Hainbund nachäffte, nur mit dem Unterschied, daß dieser eine Entwicklungsepoche in der deutschen Literatur bezeichnet, während der Maikäferverein eine bedeutungslose Lokalkarikatur blieb. Die "fidelen Maikäfer" (pag. 254), wie Sebastian Longard, Leo Hasse, C. A. Schlönbach etc., waren nach dem Bekenntnis des apologetischen Biographen selbst fahle, fade, faule, unbedeutende Burschen (pag. 211 u. 298).

 

*

Gottfried stellte natürlich bald "vergleichende Betrachtungen" (pag. 221) zwischen Mockel und seiner Braut an, hatte aber "bisher noch keine Zeit zu" - der ihm sonst sehr geläufigen - "alltäglichen Betrachtung von Hoch- <251> zeit und Ehestand" (pag. 219). Er stand, mit einem Wort, wie Buridans Esel unentschieden zwischen den beiden Heubündeln. Mockel jedoch mit gereifter Erfahrung und sehr praktischer Tendenz "durchschaute klar das unsichtbare Band" (pag. 225); sie beschloß, dem "Zufall oder einer göttlichen Fügung" (pag. 229) unter die Arme zu greifen.

 

"Zu einer Tageszeit, die Gottfried sonst gewöhnlich mit wissenschaftlichen Lehrarbeiten von Mockel fernhielt, begab er sich einst zu ihr und hörte, als er sich leise ihrem Zimmer näherte, einen klagenden Gesang an sein Ohr schallen. Lauschend vernahm er das Lied:

Du nahst! Und wie Morgenröte
Bebt's über die Wangen mein usw. usw.
Viel namenlose Schmerzen:
Wehe Du fühlst es nicht!

Ein langgetragener wehmütiger Akkord beschloß ihren Gesang und verhallte mählich in den Lüften" (pag. 230 u. 231).

 

Gottfried glaubt unbemerkt zurückzuschleichen, findet zu Hause die Situation sehr interessant und schreibt verzweifelte Sonette, in denen er Mockel mit Lorelei vergleicht (pag. 233). Um der Lorelei zu entlaufen und Fräulein Sophie Bögehold treu zu bleiben, sucht er eine Lehrerstelle in Wiesbaden zu erhalten, wird jedoch abgewiesen. Zu dem oben erwähnten Zufall kam noch eine andere Fügung, welche entscheidend war. Nicht nur "strebte die Sonne aus dem Zeichen der Jungfrau" (pag. 236), sondern Gottfried und Mockel machen auch eine Lustfahrt in einem Nachen auf dem Rhein; der Nachen wird von einem nahenden Dampfschiff umgeworfen und Gottfried trägt Mockel schwimmend ans Land.

 

"Als er die Gerettete darauf Herz an Herzen schwimmend ans Land ruderte, durchstürmte ihn zum erstenmal das Gefühl, daß nur dies Weib ihn zu beseligen vermöchte" (pag. 238).

 

Gottfried hat diesmal endlich nicht eine eingebildete, sondern eine wirkliche Romanszene, aus den "Wahlverwandtschaften", erlebt. Damit ist die Sache entschieden; er trennt sich von Sophien Bögehold.

 

*

 

Nach der Liebe jetzt die Kabale. Pastor Engels stellt Gottfried namens des Presbyteriums vor, daß die Verbindung mit einer geschiedenen und katholischen Frau bei einem protestantischen Prediger wie Gottfried anstößig sei. Gottfried macht die ewigen Menschenrechte geltend, indem er folgende Punkte mit vieler Salbung nachweist:

 

<252> 1. "Sei es kein Verbrechen, daß er im Hirzekümpchen mit jener Dame Kaffee getrunken" (pag. 249).

2. "Sei die Sache in ambiguo <ungewiß>, da er bis jetzt öffentlich weder erklärt habe, die genannte Dame ehelichen zu wollen, noch das Gegenteil" (pag. 251).

3. "Was den Glauben angehe, könne man nicht wissen, was die Zukunft bringen werde" (pag. 250).

"Und nun bitte ich Sie, treten Sie bei mir ein, und nehmen Sie eine Tasse Kaffee" (pag. 251).

 

Mit diesem Schlagwort treten Gottfried und Pastor Engels, der der Einladung nicht widerstehen kann, von der Szene ab. So gewaltig und so mild wußte Gottfried die Kollision mit den bestehenden Verhältnissen aufzuheben.

 

*

 

Zur Charakteristik, wie der Maikäferverein auf Gottfried einwirken mußte, dient folgendes:

 

"Es war der 29. Juni 1841. An diesem Tage sollte das erste große Stiftungsfest des Maikäfervereins gefeiert werden" (pag. 253). "Nur eine Stimme wurde laut, als über den Preis entschieden werden sollte. Bescheiden beugte Gottfried seine Knie vor der Königin, die ihm den unvermeidlichen Lorbeerkranz um die brennende Stirn legte, während das Abendrot seine glühendsten Strahlen über das verklärte Antlitz des Dichters warf." (pag. 285.)

 

An diese feierliche Weihe des eingebildeten Dichterruhmes von Heinrich von Ofterdingen reiht nun auch die blaue Blume ihre Gefühle und Wünsche. Mockel trug an diesem Abend ein von ihr komponiertes Maikäfer-Nationallied vor, das mit folgender die ganze Tendenz resümierenden Strophe endet:

Und was man lernt aus der Geschicht'?
Maikäfer, flieg!
Wer alt ist, kriegt kein Weiblein mehr,
Drum hör', bedenk' dich nicht zu sehr!
Maikäfer, flieg!

Der harmlose Biograph bemerkt, "die darin enthaltene Aufforderung zur Ehe war vollkommen tendenzlos" (pag. 255). Gottfried verstand die Tendenz, "mochte dem aber nicht vorschnell ausweichen", sich noch zwei Jahre lang vor dem Maikäferverein bekränzen und als Gegenstand der Sehnsucht anliebeln zu lassen, und heiratete Mockel am 22. Mai 1843, nachdem sie trotz ihres Unglaubens zur protestantischen Kirche übergetreten war, <253> unter dem abgeschmackten Vorwande, "daß es in der protestantischen Kirche nicht so sehr auf bestimmte Glaubensformeln als auf den ethischen Begriff ankomme" (pag. 315).

Und das lernt man aus der Geschicht',
Traut keiner blauen Blume nicht!

 

*

 

Gottfried hat das Verhältnis mit Mockel angeknüpft unter dem Vorwand, sie aus ihrem Unglauben zur protestantischen Kirche zu führen. Mockel verlangt jetzt das "Leben Jesu" von Strauß, fällt in ihren Unglauben zurück,

 

"und mit beklommenem Herzen folgte er ihr auf den Bahnen des Zweifels in die Abgründe der Negation. Er arbeitete sich mit ihr durch das verschlungene Labyrinth der neueren Philosophie" (pag. 308).

 

Nicht die Entwicklung der Philosophie, die damals schon auf die Masse wirkte, sondern das Dazwischenkommen eines zufälligen Gemütsverhältnisses treibt ihn in die Negation.

Was er aus diesem Labyrinth der Philosophie herausgefunden, zeigen seine Tagebücher selbst:

 

"Ich will doch sehen, ob die gewaltige Strömung von Kant bis Feuerbach mich hinaustreibt in den - Pantheismus!! (pag. 308.)

 

Als ob diese Strömung nicht grade über den Pantheismus hinaustreibe, und als ob Feuerbach das letzte Wort der deutschen Philosophie sei!

 

"Der Schlußstein meines Lebens", fährt das Tagebuch fort, "ist nicht historische Erkenntnis, sondern ein festes System, und der Kern der Theologie nicht Kirchengeschichte, sondern Dogmatik" (ebenda).

 

Als ob die deutsche Philosophie nicht gerade die festen Systeme in historische Erkenntnisse und die dogmatischen Kerne in Kirchengeschichte verflüssigte! - In diesen Bekenntnissen zeichnet sich der ganze kontrerevolutionäre Demokrat, für den die Bewegung selbst wieder nur ein Mittel ist, um bei einigen unumstößlichen ewigen Wahrheiten als faulen Ruhepunkten anzukommen.

Der Leser aber mag aus dieser apologetischen Buchführung Gottfrieds über seine ganze Entwicklung nun selbst urteilen, welch revolutionäres Element in diesem schauspielernden, melodramatischen Theologen verbergen lag.

 

 

 

II

<254> So schließt der erste Akt aus dem Leben Kinkels, und bis zum Ausbruch der Februarrevolution fällt nichts Erwähnenswertes vor. Die Cottasche Buchhandlung nahm seine Gedichte, ohne Honorar zu zahlen, in Verlag und behielt auch die Masse der Auflage auf Lager, bis der bewußte Streifschuß in Baden dem Verfasser die poetische Weihe und seinen Produkten einen Markt verlieh.

Der Biograph verschweigt übrigens ein bezeichnendes Faktum. Das eingestandene Ziel der Wünsche Kinkels war, als alter Schauspieldirektor zu sterben; als Ideal schwebte ihm ein gewisser Eisenhut vor, der als fahrender Pickelhäring mit seiner Truppe am Rhein auf und ab zu ziehen pflegte und nachher verrückt wurde.

Neben seinen Bonner kanzelberedsamkeitlichen Vorlesungen gab Gottfried auch in Köln von Zeit zu Zeit eine Reihe von theologischen und ästhetischen Kunstvorstellungen. Es beschloß sie, als die Februarrevolution anbrach, mit folgender Weissagung:

 

"Der Schlachtendonner, der von Paris zu uns herüberdröhnt, eröffnet auch für Deutschland und den ganzen europäischen Kontinent eine neue herrliche Zeit; dem Toben des Gewittersturms folgt der beseligende Zephyrhauch der Freiheit, und von nun an eröffnet sich die große, die segensreiche Ära der - konstitutionellen Monarchie!"

 

Die konstitutionelle Monarchie bedankte sich bei Kinkel für dies Kompliment dadurch, daß sie ihn zum außerordentlichen Professor ernannte. Diese Anerkennung konnte dem grand homme en herbe <werdenden großen Mann> indes nicht genügen; die konstitutionelle Monarchie schien sich keineswegs zu beeilen, " seinen Ruhm über den Erdball fliegen" zu machen. Dazu kam, daß die Lorbeeren der neueren politischen Gedichte Freiligraths den gekrönten Maikäferpoeten <255> nicht schlafen ließen. Heinrich von Ofterdingen machte also eine Schwenkung links und wurde zuerst demokratisch-konstitutionell, sodann demokratisch-republikanisch (honnête et modére <rechtschaffen und gemäßigt>). Er steuerte auf eine Deputiertenstelle los, gelangte aber durch die Maiwahlen weder nach Berlin noch nach Frankfurt. Nach diesem ersten Mißlingen jedoch verfolgte er unverdrossen sein Ziel, und man kann wirklich sagen, daß er es sich sauer werden ließ. Mit weiser Beschränkung hielt er sich zunächst an seinen kleinen Lokalkreis. Er stiftete die "Bonner Zeitung", ein bescheidenes Lokalblümchen, das sich nur durch eigentümliche Mattigkeit der demokratischen Deklamation und Naivetät der vaterlandsrettenden Ignoranz auszeichnet. Er erhob den Maikäferverein zum demokratischen Studentenklub, aus dem bald jene Jüngerschar hervorging, die den Ruhm des Meisters in alle Dörfer des Kreises Bonn trug und allen Versammlungen den Herrn Professor Kinkel aufdrängte. Er selbst kannegießerte mit den Spezereihändlern des Kasinos, drückte den wackern Gewerksmeistern brüderlich die Hand und hausierte seinen warmen Freiheitsodem selbst bei den Bauern von Kindenich und Seelscheid. Ganz besonders aber widmete er seine Sympathie dem ehrsamen Stand der Handwerkermeister. Mit ihnen weinte er über den Verfall des Handwerks, über die grausamen Wirkungen der freien Konkurrenz, über die moderne Herrschaft des Kapitals und der Maschinen. Mit ihnen entwarf er Pläne zur Wiederherstellung des Zunftwesens und zur Ausrottung des Böhnhasentums, und um alles zu tun, was an ihm war, faßte er das Resultat seiner Kasinoverhandlungen mit den Kleinmeistern zusammen in der Schrift: "Handwerk, errette Dich!"

Damit ein jeder gleich wisse, wohin Herr Kinkel eigentlich gehöre und welche Frankfurter-nationale Bedeutung sein Werkchen habe, widmete er es den "dreißig Mitgliedern des volkswirtschaftlichen Ausschusses der Frankfurter Nationalversammlung".

Die Untersuchungen Heinrichs von Ofterdingen über das "Schöne" im Handwerkerstand führen ihn sogleich zu dem Resultat, daß ein "Riß jetzt gerade mitten durch den Handwerkerstand hindurchklafft" (p. 5). Dieser Riß besteht nämlich darin, daß einige Handwerker "die Kasinos der Spezereihändler und Beamten besuchen - (welche Errungenschaft!) und daß andre dies nicht tun, und dann darin, daß einige Handwerker gebildet und andre ungebildet sind. Trotz dieses Risses erkennt der Verfasser jedoch ein erfreuliches Symptom in den Handwerkervereinen und Versammlungen, die sich allerorts im lieben Vaterlande auftun und an der Agitation für Hebung <256> des Handwerkerstandes (man erinnere sich an die Winkelblechiaden des Jahres 1848). Um zu dieser wohltuenden Bewegung auch das Scherflein seines guten Rates zu steuern, entwirft er sein Erlösungsprogramm.

Zuerst untersucht der Verfasser, wie man den Übelständen der freien Konkurrenz durch Beschränkungen abhelfen könne, ohne sie jedoch ganz abzuschaffen. Er kommt dabei zu folgenden Resultaten:

 

"Die Gesetzgebung muß es unmöglich machen, daß der Jüngling ohne die nötige Tüchtigkeit und Reife Meister werden kann." p. 20.

"Jeder Meister darf immer nur einen Lehrling halten." p. 29.

"Auch für den Unterricht im Handwerk muß eine Prüfung festgestellt werden." p. 30.

"Der Meister des Geprüften muß bei der Prüfung unfehlbar gegenwärtig sein." p. 31.

"Für die Reife begehren wir von der Gesetzgebung, daß hinfort niemand mehr Meister werden könne vor dem vollendeten fünfundzwanzigsten Jahr." p. 42.

"Zur Tüchtigkeit aber verlangen wir, daß hinfort jeder antretende Meister seine Prüfung, und zwar öffentlich, bestehe." p. 43.

"Eine Hauptsache hierbei ist, daß die Prüfung durchaus kostenfrei sei." p. 44. Diesen Prüfungen "müssen sich gleichermaßen alle Landmeister derselben Innung unterwerfen". p. 55.

 

Freund Gottfried, der selbst politischen Hausierhandel treibt, will "den fahrenden oder Hausierhandel" in andern, profanen Artikeln als unehrlich abschaffen. p. 60.

 

"Ein Fabrikant von Handwerkserzeugnissen will sein Vermögen vorteilhaft für sich, betrüglich gegen seine Gläubiger aus dem Geschäft ziehen. Man bezeichnet das, wie alles zweideutige, mit einem welschen Namen: man nennt es Fallieren. Er wirft daher seine fertigen Fabrikate rasch in die Nachbarorte und schlägt sie dort gleichzeitig an die Meistbietenden los." p. 64. Diese Auktionen - "eigentlich nur eine Art Auskehricht, das unser lieber Nachbar, der Handelsstand, in den Garten des Handwerks hineinschüttet", - müssen abgeschafft werden. (Wäre es nicht viel einfacher, Freund Gottfried, die Sache bei der Wurzel anzufassen und gleich das Fallieren selbst abzuschaffen?)

"Mit den Jahrmärkten ist es allerdings eine eigne Sache." p. 65. "Unter diesen Umständen wird die Gesetzgebung es den einzelnen Orten überlassen müssen, ob sie in einer Beratung der gesamten Bürgerschaft, welche hierfür zu versammeln wäre, mit Mehrstimmigkeit (!) für die Erhaltung oder Abschaffung stehender Jahrmärkte sich entscheide." p. 68.

 

Gottfried kommt nun auf die schwierige "Streitfrage" über das Verhältnis von Handwerk und Maschinenarbeit und fördert hier folgendes zutage:

 

<257> "Laßt einen jeden, der Fabrikate verkauft, nur das führen, was er selbst mit eigner Hand fertig hinstellen kann." p. 80. "Weil Maschinen und Handwerk sich getrennt haben, darum sind beide verkommen und verirrt." p. 84.

 

Er will sie dadurch vereinigen, daß die Handwerker, z.B. die Buchbinder einer Stadt, sich assoziieren und zusammen eine Maschine halten.

 

"Da sie nur für sich und nur auf Bestellung die Maschine anwenden, so vermögen sie wohlfeiler zu arbeiten als der fabrikbesitzende Kaufmann." p. 85. "Das Kapital bricht man mit der Assoziation." p. 84. (Und die Assoziation bricht man mit dein Kapital.)

 

Seine Ideen "über den Ankauf einer Liniier-, Beschneide- und Pappschneidemaschine" (p. 85) der vereinigten geprüften Buchbinder von Bonn verallgemeinert er sodann zu einer "Maschinenkammer".

 

"Es müssen allerwärts durch einen Bund der betreffenden Innungsmeister Geschäfte, den Fabriken einzelner Kaufleute im kleinen ähnlich, errichtet werden, die nur für die am Orte befindlichen Meister auf Bestellung arbeiten und von andern Arbeitgebern keine Aufträge annehmen." p. 86. Das Eigentümliche bei dieser Maschinenkammer ist, daß "eine kaufmännische Geschäftsführung" nur "anfänglich nötig ist" (ebendas.). "Jeder Gedanke, der so neu ist wie dieser", ruft Gottfried "beseligt" aus, "bedarf vor seiner Ausführung des ruhigsten praktischen Durchdenkens bis in seine Einzelheiten. Dieses Denken" ersucht er "jedes einzelne Handwerk für sich vorzunehmen"! p. 87, 88.

 

Hieran reiht sich eine Polemik gegen die Staatskonkurrenz durch die Arbeit der Gefangenen, Reminiszenzen über eine Verbrecherkolonie ("Schöpfung eines menschlichen Sibiriens", p. 102), und endlich gegen "die sogenannten Handwerkerkompanien und Handwerkskommissionen" beim Militär. Es soll dem Handwerkerstand nämlich dadurch die Militärlast erleichtert werden, daß der Staat sich das Material durch die Handwerksmeister teurer anfertigen läßt, als er selbst es herstellen kann.

 

"Die Konkurrenzfragen sind hiermit erledigt." p. 109.

 

Der zweite Hauptpunkt, auf den Gottfried jetzt kommt, ist die materielle Hülfe, die der Staat dem Handwerkerstand leisten soll. Gottfried, der den Staat nur vom Standpunkt des Beamten aus betrachtet, ist der Meinung, daß dem Handwerker am einfachsten gewiß durch Vorschüsse aus der großen Staatskasse zur Errichtung von Gewerbehallen, Darlehnskassen usw. zu helfen sei. Woher die Fonds dazu in die Staatskasse kommen sollen, das darf, als die "unschöne" Seite der Frage, hier natürlich nicht untersucht werden.

<258> Schließlich kann es nicht fehlen, daß unser Theologe in die Rolle des Sittenpredigers zurückfällt und dem Handwerkerstand eine moralische Vorlesung darüber hält, wie er sich selbst helfen könne. Zunächst "Klagen über das lange Borgen und die Rechnungsabzüge", p. 136, wobei dem Handwerker aber auch die Gewissensfrage gestellt wird: "Hast du, mein Freund, für jede Arbeit, die du machst, einen gleichen und ganz unwandelbaren Preissatz?", p. 132, bei welcher Gelegenheit er besonders davor gewarnt wird, "reichen Engländern" ja nicht zuviel abzufordern. "Die Wurzel des ganzen Übels", hat Gottfried herausspintisiert, "sind die Jahresrechnungen." p. 139. Dann Jeremiaden über die Putzsucht der Handwerkerfrauen und das Wirtshausleben der Handwerksmänner. p. 140 ff.

Die Mittel nun, wodurch der Handwerkerstand sich selbst heben kann, sind "die Innung, die Krankenkasse und das Handwerkerschiedsgericht", p. 146; endlich die Bildungsvereine der Arbeiter, p. 153. Als letztes Wort dieser Bildungsvereine wird folgendes ausgesprochen:

 

"Endlich schlägt der Gesang mit der Deklamation in Verbindung die Brücke zur dramatischen Aufführung und zum Handwerkstheater, welches man als Endziel dieser ästhetischen Bestrebungen stets im Auge behalten muß. Erst wenn die arbeitenden Klassen wieder sich auf der Bühne bewegen lernen, ist ihre künstlerische Erziehung vollendet." p. 174/175.

 

So hat Gottfried den Handwerker glücklich zum Komödianten gemacht und ist damit wieder bei sich selber angekommen.

Diese ganze Schöntuerei mit den Zunftgelüsten der Bonner Handwerksmeister hatte indessen ihr praktisches Resultat. Gegen das feierliche Versprechen, auf Herstellung der Zünfte anzutragen, wurde Freund Gottfrieds Wahl zum Deputierten für Bonn zur oktroyierten zweiten Kammer durchgesetzt. "Gottfried fühlte sich von dieser Stunde an" glücklich.

Er ging sofort nach Berlin, und da er glaubte, die Regierung wolle sich in der zweiten Kammer eine feste "Innung" approbierter Gesetzgebermeister zulegen, richtete er sich dort wie auf Lebenszeit ein und beschloß, Weib und Kind nachkommen zu lassen. Da aber wurde die Kammer aufgelöst, und Freund Gottfried kehrte nach kurzem parlamentarischem Hochgenuß schmerzlich enttäuscht zu Mockel zurück.

Bald darauf brach der Konflikt zwischen den Regierungen und der Frankfurter Versammlung aus und damit die Bewegungen in Süddeutschland und am Rhein. Das Vaterland rief, und Gottfried folgte. Siegburg hatte ein Landwehrzeughaus, und Siegburg war der Ort, wo Gottfried, zunächst Bonn, am häufigsten den Samen der Freiheit ausgestreut hatte. Er verband <259> sich also mit seinem Freunde, dem ehemaligen Leutnant Anneke, und bot alle seine Getreuen zum Zuge gen Siegburg auf. Bei der fliegenden Brücke war das Rendezvous. Über hundert sollten kommen, aber als nach langem Warten Gottfried die Häupter seiner Lieben zählte, waren ihrer kaum dreißig, darunter - zur ewigen Schmach für den Maikäferverein sei es gesagt - nur drei Studenten! Unerschrocken jedoch setzt Gottfried mit seinem Häuflein über den Rhein und marschiert auf Siegburg los. Die Nacht war finster und regnicht. Plötzlich ertönt Pferdegetrappel hinter den Tapfern. Man verbirgt sich seitwärts vom Wege, eine Patrouille lanciers <Ulanen> trabt vorbei: Elende Buben hatten die Sache ausgeplaudert; die Behörden waren benachrichtigt, der Zug war vereitelt, und man mußte umkehren. Der Schmerz, der Gottfrieds Brust in dieser Nacht durchzuckte, ist nur dem zu vergleichen, den er empfand, als sowohl Knapp wie Chamisso die Aufnahme seiner ersten poetischen Blüten in ihre Musenalmanache verweigerten.

Hiernach war seines Bleibens in Bonn nicht mehr, aber bot nicht die Pfalz ein weites Feld für seine Tätigkeit? Er ging nach Kaiserslautern, und da er doch einen Posten haben mußte, so erlangte er eine Sinekure im Kriegsbüro (wie es heißt, die Leitung der Marineangelegenheiten), verdiente sich indes sein Brot durch den bereits bekannten Hausierhandel mit Freiheits- und Volksbeglückung bei den Bauern der Umgegend, und soll bei dieser Gelegenheit in einigen reaktionären Bezirken ihm nicht gar freundlich mitgespielt worden sein. Trotz dieser kleinen Mißgeschicke war Kinkel auf jeder Landstraße zu sehn, rüstig wandernd, die Reisetasche über die Schulter, und er erscheint nunmehr auch in allen Zeitungen mit dem stehenden Attribut der Reisetasche.

Aber die Pfälzer Bewegung nahm ein schnelles Ende, und wir finden Kinkel wieder in Karlsruhe, statt der Reisetasche die Muskete führend, die nun sein bleibendes Abzeichen wird. Diese Muskete soll eine sehr schöne Seite gehabt haben, nämlich einen Kolben und Schaft von Mahagoni, und war jedenfalls eine ästhetische, künstlerische Muskete; die unschöne Seite an ihr war freilich, daß Freund Gottfried weder laden, noch sehen, noch schießen, noch marschieren konnte. Weshalb ihn auch ein Freund befrug, warum denn er in den Kampf ziehen wolle, worauf Gottfried erwiderte: Ei nun, nach Bonn kann ich nicht zurück, ich muß doch leben!

So trat Gottfried ein in die Reihen der Krieger, in das Korps des ritterlichen Willich. Wie uns durch verschiedene seiner Waffenbrüder glaubhaft versichert worden, machte Gottfried von nun an alle Schicksale dieser <260> Abteilung mit, demütig und in Gestalt eines gemeinen Freischärlers, leutselig und freundlich in bösen wie in guten Zeiten, jedoch meistens auf dem Marodenwagen. Bei Rastatt aber sollte dieser lautere Zeuge für Wahrheit und Recht jene Prüfung bestehn, aus der er seitdem als Märtyrer unter der Bewunderung des ganzen deutschen Volkes unbefleckt hervorgegangen ist. Die näheren Umstände dieses Ereignisses sind noch immer nicht mit Genauigkeit festgestellt, nur soviel wird versichert, daß, als ein Trupp Freischärler beim Tiraillieren auf Abwege geriet, einige Schüsse ihnen in die Flanke kamen, daß eine Kugel unsern Gottfried leicht am Kopfe streifte und er umfiel mit dem Ausruf: "Ich bin tot!", daß er zwar nicht tot war, aber doch auf dem Rückzug der Übrigen nicht mitkonnte und in ein Bauernhaus geleitet wurde, wo er sich mit den Worten an die biedern Schwarzwälder wandte: "Rettet mich, ich bin der Kinkel!"- endlich, daß ihn hier die Preußen fanden und ihn abführten in die babylonische Gefangenschaft.

 

 

 

III

 

<261> Mit der Gefangennehmung eröffnete sich für Kinkel ein neuer Lebensabschnitt, der zugleich Epoche macht in der Entwicklungsgeschichte des deutschen Spießbürgertums. Kaum hatte der Maikaferverein erfahren, daß Kinkel gefangen sei, als er an alle deutschen Zeitungen schrieb, Kinkel, der große Dichter, sei in Gefahr, standrechtlich erschossen zu werden, und das deutsche Volk, namentlich die Gebildeten, ganz besonders aber die Frauen und Jungfrauen, seien verpflichtet, alles aufzubieten, um das Leben des gefangenen Dichters zu retten. Er selbst machte, wie versichert wird, um diese Zeit ein Gedicht, worin er sich mit "seinem Freund und Lehrer Christus" verglich und auch von sich sagte: Mein Blut wird für Euch vergossen. Von nun an erhielt er das Attribut der Leier. So erfuhr Deutschland plötzlich, daß Kinkel ein Dichter, ein großer Dichter war, und von diesem Augenblick an beteiligte sich die Masse des deutschen Spießbürgertums und des ästhetischen Waschlappentums eine Zeitlang an der blauen-Blumen-Komödie unsres Heinrich von Ofterdingen.

Die Preußen stellten ihn inzwischen vor ein Kriegsgericht. Dies gab ihm Gelegenheit, sich seit langer Zeit zum erstenmal wieder in einem jener rührenden Appelle an die Tränendrüsen seines Auditoriums zu versuchen, worin er früher schon als Hülfsprediger in Köln so erfolgreich gewesen war - teste <nach dem Zeugnis von> Mockel, wie denn auch Köln bestimmt war, bald darauf seine glänzendste Leistung in diesem Fach zu bewundern. Er hielt vor dem Kriegsgericht eine Verteidigungsrede, welche später durch Indiskretion eines Freundes leider auch dem größeren Publikum in der Berliner "Abend-Post" vorgelegt wurde. In dieser Rede "verwahrt" sich Kinkel

 

"gegen jede Vereinigung seines Tuns mit dem Schmutz und dem Schlamm, der sich, ich weiß es, leider zuletzt an diese Revolution gehängt hat".

 

<262> Nach dieser äußerst revolutionären Rede wurde Kinkel zu zwanzig Jahren Festung verurteilt, die auf dem Gnadenwege jedoch in Zuchthausstrafe verwandelt wurden. Er wurde nun abgeführt nach Naugard, wo man ihn zum Wollespinnen verwandt haben soll, und so erscheint er, wie früher mit der Reisetasche, dann mit der Muskete, dann mit der Leier, jetzt mit dem Attribut des Spinnrads. Wir werden ihn später mit dem Attribut der Geldkatze über den Ozean wandern sehn.

Inzwischen trug sich in Deutschland ein wunderliches Ereignis zu. Der deutsche Spießbürger, bekanntlich von Natur eine schöne Seele, war durch die harten Schläge des Jahres 1849 in seinen süßesten Illusionen grausam enttäuscht. Keine Hoffnung war Wahrheit geworden, und selbst des Jünglings hochklopfende Brust begann ob der Schicksale des Vaterlandes zu verzweifeln. Eine wehmütige Mattigkeit erweichte alle Herzen, und allgemein tat sich das Bedürfnis kund nach einem demokratischen Christus, nach einem wirklichen oder eingebildeten Dulder, der in seinen Leiden die Sünden der Spießbürgerwelt mit Lammesmut trüge und in dessen Schmerzen die schlappe chronische Wehmut des Gesamtphilisteriums sich gleichsam in akuter Gestalt zusammenfasse. Diesem allgemein gefühlten Bedürfnis abzuhelfen, setzte sich der Maikäferverein, Mockel an der Spitze, in Bewegung. Und wer in der Tat war geeigneter zur Durchführung dieser großen Passionskomödie als die gefangene Passiflora Kinkel am Spinnrad, dieser unversiegbare Tränenschwamm der gerührtesten Empfindung, der außerdem Kanzelredner, Professor der schönen Künste, Deputierter, politischer Hausierer, Musketier, neuentdeckter Dichter und alter Schauspieldirektor in einer Person war? Kinkel war der Mann der Zeit, und als solcher wurde er vom deutschen Philisterium auch sofort akzeptiert. Alle Blätter strotzten von Anekdoten, Charakterzügen, Gedichten, Reminiszenzen des gefangenen Dichters, seine Gefängnisleiden wurden ins Ungeheure, ins Fabelhafte ausgemalt; seine Haare wurden alle Monate einmal in den Zeitungen grau; in allen Bürger-Ressourcen und Teegesellschaften wurde seiner mit Bekümmernis gedacht; Töchter gebildeter Stände seufzten über seinen Gedichten, und alte Jungfern, die die Sehnsucht kannten, weinten in den verschiedensten Städten des Vaterlandes über seine gebrochene Manneskraft. Alle die andern profanen Opfer der Bewegung, Erschossene, Gefallene, Gefangene, verschwanden vor dem einen Opferlamm, vor dem Mann nach dem Herzen des männlichen und weiblichen Philisteriums, und ihm allein flossen die Tränenbäche, die er freilich auch allein zu erwidern imstande war. Kurz, es war die vollständige demokratische Siegwartperiode, die der literarischen Siegwartperiode des vorigen Jahrhunderts um kein Haarbreit nachgab, und <263> Siegwart-Kinkel fühlte sich nie in einer Rolle besser zu Hause als in dieser, wo er groß erschien nicht durch das, was er tat, sondern durch das, was er nicht tat; groß nicht durch Kraft und Widerstand, sondern durch Schwäche und schlappes Zusammenknicken, und wo seine einzige Aufgabe die war, mit Anstand und Gefühl zu dulden. Mockel aber wußte mit gereifter Erfahrung dieser Weichmütigkeit des Publikums die praktische Seite abzugewinnen und organisierte unverzüglich eine höchst betriebsame Industrie. Sie ließ sämtliche gedruckten und ungedruckten Werke Gottfrieds, die nun plötzlich Wert erhielten und en vogue <in Mode> kamen, neu auflegen und in der Öffentlichkeit poussieren; sie brachte ihre eignen Lebenserfahrungen aus der Insektenwelt, z.B. die "Geschichte eines Johanniswürmchens", bei dieser Gelegenheit an den Mann; sie ließ durch den Maikäfer Strodtmann Gottfrieds geheimste Tagebuchsgefühle für ein erkleckliches Stück Geld vor dem Publikum prostituieren; sie organisierte Kollekten aller Art und wußte überhaupt mit unleugbarem industriellem Geschick und großer Ausdauer die Gefühle der gebildeten Welt in harte Taler umzusetzen. Und dabei hatte sie außerdem die Satisfaktion, daß sie

 

"in ihrem kleinen Zimmer täglich die größten Männer Deutschlands um sich versammelt sah, z.B. Adolf Stahr".

 

Die höchste Spitze sollte diese Siegwart-Manie indes in der Assisenverhandlung zu Köln erreichen, bei der Gottfried im Frühjahr 1850 eine Gastvorstellung gab. Der Prozeß wegen des Siegburger Attentats wurde hier abgewickelt, und man brachte Kinkel nach Köln. Da in dieser Skizze die Tagebücher Gottfrieds eine so große Rolle spielen, so wird es am Platze sein, wenn auch wir hier eine Stelle aus dem Tagebuch eines Augenzeugen einschalten.

 

"Die Frau Kinkels besuchte ihn im Gefängnis. Sie empfing ihn hinter dem Gitter mit Versen; er antwortete, wie ich glaube, in Hexametern; darauf fielen sie voreinander auf die Knie, und der Gefängnisinspektor, ein alter Feldwebel, der daneben stand, wußte nicht, ob er Verrückte oder Komödianten vor sich hatte. Dem Oberprokurator hat er später erklärt, als dieser nach dem Inhalt der Unterredung inquirierte, deutsch hätten die beiden zwar gesprochen, aber er habe kein Wort davon verstehen können, worauf Frau Kinkel erwidert haben soll, daß man freilich keinen Mann zum Inspektor machen müsse, der literarisch und künstlerisch total ungebildet sei."

 

Vor den Geschwornen hat sich Kinkel als reine Tränenpresse, als Literat aus der Siegwartperiode von Anno "Werthers Leiden" herausgebissen.

 

<264> "'Meine Herren vom Hofe, meine Herren Geschwornen - Aurikelaugen meiner Kinder - grünes Wasser des Rheins - es entwürdigt nicht, dem Proletarier die Hand zu drücken - bleiche Lippen des gefangenen Mannes - milde Heimatluft' - und ähnlicher Dreck: das war die ganze berühmte Rede, und das Publikum, die Geschwornen, das öffentliche Ministerium und sogar die Gendarmen weinten ihre bittern Tränen, und die Verhandlung schloß unter einstimmiger Freisprechung und einstimmigem Flennen und Schluchzen. Kinkel ist gewiß ein guter lieber Mann, aber im übrigen ein widerliches Gemisch von religiösen, politischen und literarischen Reminiszenzen."

 

Die Läuse liefen einem über die Leber.

Zum Glück erreichte diese Jammerperiode sehr bald ihr Ende durch die romantische Befreiung Kinkels aus dem Spandauer Zuchthaus. In dieser Befreiung wurde die Geschichte von Richard Löwenherz und Blondel wieder aufgeführt, nur daß Blondel diesmal im Gefängnis saß, während Löwenherz draußen die Drehorgel spielte, und daß der Blondel ein ordinärer Bänkelsänger und der Löwenherz im Grunde auch nicht viel mehr als ein Hasenfuß war. Der Löwenherz war nämlich Studiosus Schurz aus dem Maikäferverein, ein intrigantes Männlein von großer Ambition und geringen Leistungen, der indes gescheut genug war, um über den "deutschen Lamartine" im klaren zu sein! Studiosus Schurz hat nicht gar lange nach der Befreiungsgeschichte in Paris erklärt, er wisse sehr gut, daß Kinkel, den er benutze, kein lumen mundi <keine Weltleuchte> sei, während er, Schurz, und niemand andres zum künftigen Präsidenten der deutschen Republik bestimmt sei. Diesem Männlein, einem jener Studiosen "im braunen Frack und lichtblauen Überröcken", denen Gottfrieds düsterflammendes Auge früher schon nachgeschweift hatte, gelang die Befreiung Kinkels durch Aufopferung eines armen Teufels von Gefängniswärter, der nun dafür brummt mit dem Hochgefühl, Märtyrer zu sein für die Freiheit - von Gottfried Kinkel.

 

 

 

 

IV

<265> In London finden wir Kinkel wieder und diesmal, dank seinem Gefängnisruhm und der Weinerlichkeit der deutschen Spießbürgerschaft, als größten Mann Deutschlands. Freund Gottfried, im Bewußtsein seiner erhabenen Sendung, wußte alle Vorteile des Augenblicks zu erfassen. Die romantische Befreiung gab der Kinkelschwärmerei im Vaterlande einen neuen Anstoß, der, mit vielem Geschick auf die richtige Bahn gelenkt, nicht ohne materielle Resultate blieb. Zugleich aber eröffnete die Weltstadt dem Gefeierten ein neues weitschichtiges Terrain, um sich neuerdings feiern zu lassen. Es war ihm klar: er mußte der Löwe der season <Saison> werden. Zu diesem Ende abstrahierte er vorderhand von aller politischen Tätigkeit und ließ sich vor allen Dingen in häuslicher Zurückgezogenheit den Bart wieder wachsen, ohne den kein Prophet etwas ist. Dann ging er zu Dickens, zu den englischen liberalen Zeitungen, zu den deutschen Kaufleuten der City, besonders zu den dortigen ästhetischen Juden; er war allen alles, dem einen Dichter, dem andern Patriot im allgemeinen, dem dritten Professor der schönen Künste, dem vierten Christ, dem fünften herrlicher Dulder Odysseus, allen aber der sanfte, künstlerische, wohlwollende und menschenfreundliche Gottfried. Er ruhte nicht, bis Dickens ihn in den "Household Words" gefeiert, bis die "Illustrated News" sein Porträt gebracht hatte; er setzte die wenigen Deutschen in London, die den Kinkelkatzenjammer auch in der Ferne mitgemacht hatten, in Bewegung, um sich scheinbar zu Vorlesungen über das moderne Drama auffordern zu lassen, zu denen dann die Billets den deutschen Kaufleuten haufenweise in die Häuser flogen. Keine Lauferei, kein Puff <Reklamegeschrei>, kein Scharlatanismus, keine Zudringlichkeit, keine Erniedrigung gegenüber diesem Publikum wurde verschmäht, dafür aber blieb auch der Erfolg nicht aus. Gottfried bespiegelte sich wohlgefällig in seinem eignen Ruhm und in dem <266> Riesenspiegel des Welt-Kristallpalastes, und man kann sagen, daß er sich jetzt ungeheuer wohl fühlte.

Die Anerkennung seiner Vorlesungen blieb nicht aus (s. "Kosmos"):

 

"Kosmos". "Kinkels Vorlesungen".

"Bei Döblers Nebelbildern überraschte mich einmal d. drollige Gedanke, ob man solche chaotische Schöpfungen mit d. 'Worte' hervorbringen, ob man Nebelbilder sprechen könne. Es ist zwar unangenehm, als Kritiker gleich von vornherein gestehn zu müssen, daß in diesem Falle d. kritische Selbständigkeit an d. galvanisierten Nerven einer angeregten Reminiszenz vibriert, wie d. verhallende Ton einer ersterbenden Note auf Saiten nachbebet. Dennoch verzichte ich lieber auf d. perückenfähige, langweilige Analyse gelehrter Unempfindlichkeit, als jenen Ton zu verleugnen, welchen d. reizende Muse d. deutschen Flüchtlings in d. Ideenspiel meiner Empfänglichkeit resonierte. Dieser Grundton d. Kinkelschen Gemälde, dieser Resonanzboden seiner Akkorde ist d. sonore, schöpferische, bildende, allmählich gestaltende 'Wort' - 'der moderne Gedanke'. D. menschliche 'Urteil' d[ie]s[e]s Gedankens entführt d. Wahrheit aus d. Chaos lügenhafter Traditionen und stellt sie als unantastbares Eigentum d. Gesamtheit unter d. Schutz d. geistbewegten, logischen Minoritäten, welche sie aus gläubiger Unwissenheit zu einer ungläubigeren Wissenschaft erziehen. D. Wissenschaft d. Unglaubens kommt es zu, d. Mystizismus d. frommen Betrugs zu profanieren, d. Absolutismus d. verdummten Herkommens zu unterwühlen; d[ur]ch d. Skepsis, diese rastlos arbeitende Guillotine d. Philosophie, d. Autoritäten zu köpfen u. d. Völker aus d. Wolkengeschiebe d. Theokratie mittelst d. Revolution auf d. blühenden Gefilde d. Demokratie" (d. Unsinns) "zu geleiten. D. beharrliche, zähe Forschung in d. Jahrbüchern d. Menschentums, wie d. Erklärung d. Menschen selbst, ist d. große Aufgabe aller Männer d. Umsturzes, u. dies erkannte jener geachtete Dichterrebell, welcher an d. Abenden d. jüngst verfloßnen drei Montage vor einem bourgeoisen Publikum bei d. Geschichte d. modernen Theaters seine 'dissolving views' <'zersetzenden Ansichten'> aussprach."

"Ein Arbeiter"

 

Man behauptet allgemein, daß ein sehr n[a]h[e]r V[er]w[an]dter v. K[inkel] - Mockel - dieser Arbeiter sei, schon von wegen d. "Resonanzbodens", d. "verhallenden Tons", d. "Akkorde" u. d. "galvanisierten Nerven".

Doch auch diese Periode des sauerverdienten Selbstgenusses sollte nicht ewig dauern. Der jüngste Tag der bestehenden Weltordnung, das demokratische Weltgericht, der vielberühmte Mai 1852 rückte immer näher heran. Um für diesen großen Tag gestiefelt und gespornt dazustehn, mußte Gottfried Kinkel die politische Löwenhaut wieder hervorsuchen, er mußte sich mit der "Emigration" in Rapport setzen.

Wir kommen hiermit auf die Londoner "Emigration", dies Sammelsurium von ehemaligen Mitgliedern des Frankfurter Parlaments, der Berliner <267> Nationalversammlung und Deputiertenkammer, von Herren der badischen Kampagne, Riesen der Reichsverfassungskomödie, Literaten ohne Publikum, Schreiern der demokratischen Klubs und Kongresse, Zeitungsschreibern zwölften Ranges und dgl.

Die großen Männer des 1848er Deutschlands standen im Begriff, ein schäbiges Ende zu nehmen, als der Sieg der "Tyrannen" sie sicherstellte, sie ins Ausland verschlug und zu Märtyrern und Heiligen machte. Die Kontrerevolution hat sie gerettet. Die Entwicklung der kontinentalen Politik brachte die meisten derselben nach London, das so ihr europäischer Zentralpunkt wurde. Es verstand sich bei dieser Sachlage von selbst, daß etwas geschehn, etwas getrieben werden mußte, um die Existenz dieser Weltbefreier täglich aufs neue ins Gedächtnis des Publikums zurückzurufen; es mußte um jeden Preis der Schein verhindert werden, als bewege sich die Weltgeschichte voran auch ohne das Zutun dieser Gewaltigen. Je mehr dieser Menschenkehricht durch eigne Impotenz wie durch die bestehenden Verhältnisse außerstand gesetzt war, irgend etwas Wirkliches zu tun, desto eifriger mußte jene resultatlose Scheintätigkeit betrieben werden, deren eingebildete Handlungen, eingebildete Parteien, eingebildete Kämpfe und eingebildete Interessen von den Beteiligten so pomphaft ausposaunt worden sind. Je ohnmächtiger man war, wirklich eine neue Revolution herbeizuführen, desto mehr mußte man sich diese zukünftige Eventualität im Geiste diskontieren, im voraus die Stellen verteilen und im antizipierten Genuß der Macht schwelgen. Die Form, worin diese wichtigtuende Rührigkeit erschien, war die der gegenseitigen Assekuranzgesellschaft des Großmanntums und der wechselseitigen Garantie der künftigen Regierungsposten.

 

 

 

 

V

<268> Der erste Versuch einer solchen "Organisation" wurde gemacht bereits im Frühling 1850: Es wurde damals in London ein schwulstiger "Entwurf eines Rundschreibens an deutsche Demokraten, als Manuskript gedruckt" kolportiert, nebst einem "Begleitschreiben an die Führer". Man fordert in diesem Rund- und Begleitschreiben zur Schöpfung einer demokratischen Gesamtkirche auf. Nächster Zweck war Bildung eines Zentralbüros für die Angelegenheiten der deutschen Emigration, für gemeinsame Verwaltung der Flüchtlingsangelegenheiten, Errichtung einer Druckerei in London, Vereinigung aller Patrioten gegen den gemeinschaftlichen Feind pp. Die Emigration sollte dann wieder das Zentrum der inländischen Bewegung werden, die Organisation der Emigration den Anfang einer umfassenden Organisation der Demokratie bilden, die Mittellosen unter den hervorragenden Persönlichkeiten sollten als Mitglieder des Zentralbüros durch Steuerbarmachung des deutschen Volks besoldet werden. Diese Steuerbarmachung erschien um so angemessener, als "die deutsche Emigration nicht nur ohne einen erklecklichen Helden, sondern, was schlimmer war, auch ohne einen gemeinschaftlichen Vermögensstock im Auslande anlangte". Es wird nicht verhehlt, daß die bereits bestehenden ungarischen, polnischen und französischen Komitees das Vorbild zu dieser "Organisation" abgeben, und ein gewisser Neid gegen die bevorzugte Stellung dieser hervorragenden Bundesgenossen blickt aus dem ganzen Aktenstück.

Das Rundschreiben war das gemeinsame Produkt der Herren Rudolph Schramm und Gustav Struve, hinter denen sich als korrespondierendes Mitglied die damals in Ostende lebende heitre Figur des Herrn Arnold Ruge verbarg.

Herr Rudolph Schramm - ein krakehliges, schwatzhaftes, äußerst kon- <269> fuses mannequin <Männeken>, das sich als Lebensmotto die Stelle aus "Rameaus Neffen" gewählt hat:

"Lieber will ich ein impertinenter Schwätzer sein, als gar nicht sein." <Diderot, "Rameaus Neffe">

Herr Camphausen, in der Blüte seiner Macht, hätte dem jungen vorlauten Krefelder gern einen bedeutenden Posten gegeben, war es nur mit dem Anstand vereinbar, einen bloßen Referendarius also zu erhöhn. Dank der bürokratischen Etikette blieb Herrn Schramm nur noch die demokratische Karriere offen. In dieser brachte er es wirklich einmal zum Präsidenten des demokratischen Klubs in Berlin und wurde später auf Verwendung einiger Abgeordneten der Linken Deputierter für Striegau zur Berliner Nationalversammlung. Hier zeichnete sich der sonst so redselige Schramm durch ein hartnäckiges, aber von unausgesetztem Knurren begleitetes Stillschweigen aus. Nach Sprengung der Konstituante schrieb der demokratische Volksmann eine konstitutionell-monarchische Broschüre, ohne jedoch wieder gewählt zu werden. Später, während der Zeit der Brentanoschen Regierung, erschien er einen Moment in Baden und machte dort im "Klub des entschiedenen Fortschritts" die Bekanntschaft Struves. In London angekommen, erklärte er, sich von aller politischen Tätigkeit zurückziehn zu wollen, weshalb er dann auch sogleich obiges Rundschreiben erließ. Im Grunde verfehlter Bürokrat, bildete sich Herr Schramm im Hinblick auf Familienbeziehungen ein, das Element der radikalen Bourgeoisie in der Emigration zu vertreten, wie er denn den radikalen Bourgeois nicht ohne einiges Glück karikiert.

Gustav Struve gehört zu den bedeutenderen Figuren der Emigration. Seine saffianlederne Erscheinung, sein dumm-pfiffiges Glotzauge, seine sanftleuchtende Glatze, seine slawisch-kalmückischen Züge verraten auf den ersten Blick den ungewöhnlichen Mann, und der Eindruck wird noch gesteigert durch die gedämpfte Kehlkopfstimme, durch die gefühlvolle Salbung des Vortrags und die feierliche Wichtigkeit der Manieren. Um übrigens der Wahrheit die Ehre zu geben, suchte unser Gustav, bei der heutzutage für jeden so sehr gesteigerten Schwierigkeit sich auszuzeichnen, sich wenigstens dadurch von seinen Mitbürgern zu unterscheiden, daß er, halb Prophet, halb Industrieritter, halb Hühneraugenoperateur, allerhand absonderliche Nebendinge zu seinem Hauptgeschäft erhob und für die verschiedensten Allotria Propaganda machte. So fiel es ihm plötzlich ein, als geborener Russe sich für die deutsche Freiheit zu begeistern, nachdem er bei der russischen Gesandtschaft am Bundestage irgendwelche Supernumerarius- <270> Dienste getan und eine kleine Broschüre im Interesse des Bundestags geschrieben hatte. Da er seinen eignen Schädel für den menschlichen Normalschädel ansah, warf er sich auf Kranioskopie, und von nun an traute er niemandem, dessen Schädel er nicht vorher befühlt und erprobt hatte. Auch hörte er auf, Fleisch zu essen und predigte das Evangelium von der ausschließlichen Pflanzenkost, ferner war er Wetterprophet, eiferte gegen das Tabakrauchen und agitierte bedeutend im Interesse der Moral des Deutschkatholizismus und der Wasserkur. Bei seinem gründlichen Haß gegen alles positive Wissen schwärmte er natürlich für freie Universitäten, auf denen an der Stelle der vier Fakultäten die Kranioskopie, Physiognomik, Chiromantie und Nekromantik betrieben werden sollten. Auch war es ganz in seiner Rolle, daß er mit der äußersten Beharrlichkeit darauf bestand, ein großer Schriftsteller zu werden, eben weil seine Schreibmanier das gerade Gegenteil von allem ist, was für Stil gelten kann.

Gustav hatte bereits in den ersten vierziger Jahren den "Deutschen Zuschauer" erfunden, ein Blättchen, das er in Mannheim herausgab, das er patentierte und das ihn als fixe Idee überall verfolgte. Auch entdeckte er schon damals, daß die beiden Bücher, die sein altes und neues Testament sind, Rottecks "Weltgeschichte" und das Rotteck-Welckersche "Staats-Lexikon", nicht mehr zeitgemäß seien und einer neuen demokratischen Ausgabe bedürften. Diese Bearbeitung, die Gustav sofort unternahm und wovon er schon im voraus einen Auszug als "Grundzüge der Staatswissenschaft" drucken ließ - diese Bearbeitung wurde aber "ein unabweisbares Bedürfnis seit 1848, da der selige Rotteck die Erfahrungen der letzten Jahre nicht mitgemacht hatte".

Mittlerweile brachen nacheinander jene drei badischen "Volks-Erhebungen" aus, die uns Gustav selbst als das Zentrum der ganzen modernen Weltbewegung historisch geschildert hat. Gleich durch den ersten Heckerschen Aufstand ins Exil verschlagen und eben damit beschäftigt, seinen "Deutschen Zuschauer" in Basel wieder herauszugeben, traf ihn der harte Schlag, daß der Mannheimer Verleger den dortigen "Deutschen Zuschauer" unter andrer Redaktion fortsetzen ließ. Der Kampf zwischen dem wahren und dem falschen "Deutschen Zuschauer" war so acharniert <erbittert>, daß keiner von beiden ihn überlebte. Dafür aber faßte Gustav eine Verfassung für die deutsche föderative Republik ab, wonach Deutschland in vierundzwanzig Republiken geteilt wurde, jede mit einem Präsidenten und zwei Kammern; eine saubre Landkarte war beigeheftet, auf der die ganze Einteilung genau <271> zu sehen war. Im September 1848 begann die zweite Insurrektion, deren Cäsar und Sokrates unser Gustav in einer Person war. Er benutzte die Zeit, wahrend der es ihm vergönnt war, den deutschen Boden wieder zu betreten, um den Schwarzwälder Bauern eindringliche Vorstellungen über die Nachteile des Tabakrauchens zu machen. In Lörrach gab er seinen Moniteur heraus unter dem Titel: "Regierungsblatt - Deutscher Freistaat - Freiheit, Wohlstand, Bildung". Dieses Organ brachte u.a. folgendes Dekret:

"Art. 1. Der durch p.p. eingeführte Zuschlagszoll von 10 Prozent auf die von der Schweiz eingehenden Waren ist aufgehoben; Art. 2. Der Verwalter des Zolles, Christian Müller, ist mit der Ausführung dieses Beschlusses beauftragt."

Seine treue Amalie teilte alle seine Beschwerden und schilderte sie nachher romantisch. Auch war sie bei der Vereidigung der gefangenen Gendarmen tätig, indem sie jedem, der dem deutschen Freistaat geschworen, ein rotes Band um den Arm knüpfte und ihn sodann embrassierte. Leider wurden Gustav und Amalie gefangen und schmachteten im Kerker, wo der unverdrossene Gustav sofort seine republikanische Übersetzung von Rottecks "Weltgeschichte" wieder aufnahm, bis endlich die dritte Insurrektion ihn befreite. Jetzt war Gustav Mitglied einer wirklichen provisorischen Regierung, und von nun an gesellt sich zu seinen sonstigen fixen Ideen noch die der provisorischen Regierungsmanie. Als Präsident des Kriegssenats beeilte er sich, in die Angelegenheiten seines Departements möglichst Verwirrung zu tragen und den "Verräter" Mayerhofer zum Kriegsminister zu empfehlen (Goegg, "Rückblick pp.", Paris 1850). Später aspirierte er vergeblich, zum auswärtigen Minister ernannt zu werden und 60.000 Fl[orin] zu seiner Verfügung zu erhalten. Herr Brentano erlöste unsern Gustav bald wieder von der Regierungslast, und Gustav stellte sich nun im "Klub des entschiedenen Fortschritts" an die Spitze der Opposition. Mit Vorliebe richtete er diese Opposition gegen solche Maßregeln Brentanos, denen er selbst seine Zustimmung gegeben hatte. Wenn auch dieser Klub gesprengt wurde und Gustav als Flüchtling nach der Pfalz wandern mußte, so hatte dieses Unheil doch die gute Seite, daß nunmehr zu Neustadt an der Haardt der unvermeidliche "Deutsche Zuschauer" abermals in einer vereinzelten Nummer seine Erscheinung machen konnte - was Gustav für viel unverdientes Leiden entschädigte. Eine weitere Genugtuung war, daß er bei einer Nachwahl in irgendeinem abgelegenen Winkel des Oberlandes zum Mitglied der badenschen Konstituante ernannt wurde und nun in offizieller Kapazität zurückkehren konnte. In dieser Versammlung zeichnete sich Gustav nur durch folgende drei in Freiburg gestellten Anträge aus: 1. am 28. Juni: jeden, <272> der mit dem Feinde unterhandeln wolle, für einen Verräter zu erklären; 2. am 30. Juni: eine neue provisorische Regierung zu ernennen, worin Struve Sitz und Stimme habe; 3. nach Verwerfung des letztern Antrags, an demselben Tage: daß, nachdem das verlorene Treffen bei Rastatt jeden Widerstand erfolglos gemacht habe, man dem Oberlande die Schrecken des Kriegs ersparen müsse und daß zu diesem Behuf man jedem Beamten und Soldaten zehntägigen Sold, den Mitgliedern der Konstituante zehntägige Diäten nebst Reisegeld auszahlen und sodann mit Trommelschall und Trompetenklang nach der Schweiz hinüberziehen solle. Nach Verwerfung auch dieses Antrags ging Gustav sofort auf eigne Faust in die Schweiz und von da, durch den Stock James Fazys verjagt, nach London, wo er mit einer neuen Entdeckung auftrat, nämlich mit den sechs Geißeln der Menschheit. Diese sechs Geißeln waren: die Fürsten, der Adel, die Pfaffen, die Bürokratie, das stehende Heer, der Geldsack und die Wanzen. In welchem Geist Gustav den seligen Rotteck verarbeitete, kann man aus seiner ferneren Entdeckung absehn, daß der Geldsack eine Erfindung Louis-Philippes sei. Diese sechs Geißeln predigt Gustav in der "Deutschen Londoner Zeitung" des Exherzogs von Braunschweig, wofür er ziemlich honoriert wurde und dann auch die Zensur des Herrn Herzogs mit Dank hinnahm. Soviel zur Aufklärung über das Verhältnis Gustavs zur ersten Geißel, den Fürsten. Was sein Verhältnis zur zweiten, zum Adel angeht, so ließ unser sittlich religiöser Republikaner sich Visitenkarten stechen, worauf er als "Baron von Struve" figurierte. Wenn er mit den übrigen Geißeln nicht in ebenso freundschaftliche Beziehungen trat, so kann das seine Schuld nicht sein. Dann benutzte Gustav seine Muße in London zur Anfertigung eines republikanischen Kalenders, worin statt der Heiligen lauter Namen von Gesinnungsmännern und besonders häufig "Gustav" und "Amalie" prangen, die Monate erhielten deutsche, dem französisch-republikanischen Kalender nachgemachte Benennungen und was dergleichen gemeinnützige und gemeinplätzliche Sächelchen mehr sind. Im übrigen tauchten auch in London die beliebten fixen Ideen wieder auf: den "Deutschen Zuschauer" zu erneuern und den Klub des entschiedenen Fortschritts zu erneuern und eine provisorische Regierung zu bilden. In allen diesen Punkten fand er sich mit Schramm zusammen und so entstand das Rundschreiben.

Der Dritte im Bunde, der große Arnold Ruge leuchtet der ganzen Emigration voraus durch seine noch immer auf Zivilversorgung wartende Wachtmeistergestalt. Man kann nicht sagen, daß dieser Edle sich durch besonders angenehmes Äußere empfiehlt; Pariser Bekannte pflegten seine pommersch-slawischen Züge als Mardergesicht (figure de fouine) zu bezeichnen. <273> Arnold Ruge, rügischer Bauern Kind, und wegen demagogischer Umtriebe siebenjähriger Dulder in preußischen Kerkern, warf sich mit Ungestüm der Hegelschen Philosophie in die Arme, sobald er entdeckte, daß man nur die Hegelsche Enzyklopädie durchzublättern brauche, um des Studiums aller übrigen Wissenschaften enthoben zu sein. Er hatte daneben das Prinzip (das er auch in einer Novelle aufstellte und bei seinen Freunden zur Geltung zu bringen suchte -der unglückliche Herwegh weiß davon zu erzählen -), das Prinzip, sich auch in der Ehe zu verwerten und heiratete daher frühzeitig einen "substantiellen Boden" an.

Mit Hülfe seiner Hegelschen Phrasen und seines substantiellen Bodens brachte er es nur zum Portier der deutschen Philosophie, eine Eigenschaft, worin er bei den "Hallischen" und "Deutschen Jahrbüchern" die aufkommenden Größen anzumelden und auszuposaunen hatte und sie bei dieser Gelegenheit mit einem gewissen Geschick literarisch exploitierte. Leider brach sehr bald die Periode der philosophischen Anarchie herein, die Periode, wo die Wissenschaft keinen anerkannten König mehr hatte, wo Strauß, B. Bauer, Feuerbach gegeneinander zu Felde zogen, und wo die verschiedensten fremdartigen Elemente die Einfachheit der klassischen Doktrin zu trüben begannen. Jetzt wurde unser Ruge ratlos, er sah seinen Weg nicht mehr vor sich, seine ohnehin zusammenhangslosen Hegelschen Kategorien liefen bunt durcheinander, und er fühlte plötzlich gar große Sehnsucht nach ein er gewaltigen Bewegung, in der man es nicht mehr so genau mit dem Denken und Schreiben nähme.

In den "Hallischen Jahrbüchern" spielte Ruge dieselbe Rolle wie in der alten "Berliner Monatsschrift" der selige Buchhändler Nicolai. Wie dieser suchte er sein Hauptverdienst darin, die Arbeiten andrer zu drucken und sich daraus materiellen Vorteil und literarischen Stoff zu eignen Geistesergüssen zu holen. Nur, daß unser Ruge dies Umschreiben der Artikel seiner Mitarbeiter, diesen literarischen Verdauungsprozeß bis zu seinem unvermeidlichen Endresultat, viel höher zu potenzieren wußte als sein Urbild. Dazu war Ruge nicht der Portier der deutschen Aufklärung, er war der Nicolai der modernen deutschen Philosophie und konnte die naturwüchsige Plattheit seines Genies hinter dem dichten Dornenwald spekulativer Redewendungen verbergen. Wie Nicolai kämpfte er tapfer gegen die Romantik, eben weil Hegel sie in seiner "Ästhetik" kritisch und Heine in der "Romantischen Schule" literarisch längst beseitigt hatte. Im Unterschiede aber von Hegel traf er mit Nicolai darin zusammen, daß er als Antiromantiker das Recht zu haben glaubte, die ordinäre Philisterhaftigkeit, und vor allem seine eigne Philisterfigur, als vollendetes Ideal hinzustellen. Zu diesem Zweck, <274> und um den Feind auf seinem eigensten Terrain zu bekämpfen, machte Ruge auch Verse, deren von keinem Holländer erreichte sobre <nüchterne> Abgestandenheit den Romantikern trotzig als Fehdehandschuh ins Gesicht geschleudert wurde.

Im übrigen fühlte sich unser pommerscher Denker nicht recht behaglich in der Hegelschen Philosophie. War er auch stark im Wahrnehmen von Widersprüchen, so besaß er dafür ein um so größeres Unvermögen, sie aufzulösen, und empfand einen sehr erklärlichen Abscheu vor der Dialektik. So kam es, daß in seinem dogmatischen Gehirn die gröbsten Widersprüche friedlich unter einem Dach zusammen logierten und daß sein ohnehin äußerst schwerfälliges Begriffsvermögen sich nirgends behaglicher befand als in solch gemischter Gesellschaft. Es passierte ihm zuweilen, daß er gleichzeitig zwei Artikel verschiedener Schriftsteller in seiner Weise verdaute und zu einem neuen Produkt zusammenschmolz, ohne zu merken, daß beide von ganz entgegengesetzten Standpunkten aus geschrieben waren. Stets zwischen seinen Widersprüchen sich festreitend, half er sich damit, daß er den Theoretikern gegenüber sein mangelhaftes Denken als praktisch, den Praktikern dagegen seine praktische Unbeholfenheit und Inkonsequenz als höchste theoretische Errungenschaft behauptete und schließlich erklärte, gerade dies Verrennen in unerschütterlichen Widersprüchen, dieser unkritische chaotische Glaube an die Inbegriffe aller populären Tagesphrasen sei die "Gesinnung".

Ehe wir unsern Moritz von Sachsen, wie er sich in vertrauten Kreisen zu nennen pflegte, in seinen weiteren Schicksalen verfolgen, weisen wir noch auf zwei Eigenschaften hin, die schon bei den Jahrbüchern hervortraten. Die erste ist die Manifestwut. Sobald irgend jemand einen beliebigen neuen Standpunkt ausgeheckt hatte, dem Ruge eine gewisse Zukunft ansah, erließ er ein Manifest. Da ihm niemand vorwirft, daß er sich je eines Originalgedankens schuldig gemacht, war ein solches Manifest immer eine passende Gelegenheit, das ihm Neue in mehr oder minder deklamatorischer Weise als sein Eigentum zu vindizieren und daraufhin zugleich die Bildung einer Partei, einer Fraktion, einer "Masse" zu versuchen, die hinter ihm stehe und bei der er Wachtmeisterdienste tun könne. Wir werden später sehen, zu welcher unglaublichen Vollkommenheit Ruge diese Fabrikation von Manifesten, Proklamationen und Pronunziamientos gebracht hat. - Die zweite Eigenschaft ist die besondre Art des Fleißes, worin Arnold exzelliert. Da er es nicht liebt, viel zu studieren oder, wie er sagt, "aus einer Bibliothek in <275> die andre zu schreiben", zieht er vor, "aus dem frischen Loben zu schöpfen", d.h., sich mit strenger Gewissenhaftigkeit alle Einfälle, "Schnurren", neue Ideen und sonstige Mitteilungen jeden Abend zu notieren, die er im Laufe des Tags gehört, gelesen und aufgeschnappt hat. Diese Materialien werden dann je nach Gelegenheit wieder verwandt zu dem Pensum, das Ruge täglich mit derselben Gewissenhaftigkeit abmacht wie seine andern Leibesbedürfnisse. Seine Bewunderer pflegen daher von ihm zu sagen, er könne die Dinte nicht halten. Über welchen Gegenstand das tägliche schriftstellerische Erzeugnis handelt, ist total gleichgültig; die Hauptsache ist die, daß Ruge über das beliebige Thema jene wunderbare Stilsauce ausgießt, die für alles paßt, gerade wie die Engländer ihren Soyer's relish oder ihre Warwickshire sauce zu Fisch, Geflügel, Koteletts oder irgend etwas andrem mit gleichem Vergnügen genießen. Diesen täglichen stilistischen Durchfall nennt Ruge mit Vorliebe "die durchschlagend schöne Form" und sah darin hinreichenden Grund, sich für einen "Artisten " <"Künstler"> auszugeben.

So zufrieden Ruge auch mit seinem Posten als Schweizer der deutschen Philosophie war, nagte doch im stillen ein Wurm an seinem innersten Loben. Er hatte noch kein einziges dickes Buch geschrieben und beneidete täglich den glücklichen Bruno Bauer, der schon in seiner Jugend achtzehn schwere Bände veröffentlicht hatte. Um diesem Mißverhältnis abzuhelfen, ließ Ruge einen und denselben Aufsatz unter verschiedenen Titeln dreimal in einem und demselben Band abdrucken und gab dann diesen Band wiederum in verschiedensten Formaten heraus. Auf diese Weise entstanden die "Gesammelten Werke" Arnold Ruges, die der Verfasser, sauber gebunden, noch jetzt jeden Morgen in seiner Bibliothek Band für Band nachzählt und dann vergnügt ausruft: "Bruno Bauer hat doch keine Gesinnung!"

Wenn es Arnold nicht gelang, die Hegelsche Philosophie zu begreifen, so verwirklichte er dagegen an seinem eignen Leibe eine Hegelsche Kategorie. Er stellte "das ehrliche Bewußtsein" mit erstaunlicher Treue dar und wurde hierin mehr bestärkt, als er in der "Phänomenologie" - die ihm sonst ein Buch mit sieben Siegeln blieb - die angenehme Entdeckung machte, daß das ehrliche Bewußtsein "immer Freude an sich erlebt". Das ehrliche Bewußtsein verbirgt unter einer zudringlichen Biederkeit alle die kleinen falschen Nücken und Tücken des Philisters; es hat das Recht, sich jede Gemeinheit zu erlauben, weil es weiß, daß es aus Ehrlichkeit gemein ist; die Dummheit selbst wird ein Vorzug, weil sie ein schlagender Beweis der Gesinnungstüchtigkeit ist. Hinter jedem Hintergedanken trägt es die Über- <276> zeugung seiner inneren Redlichkeit, und je mehr es irgendeine Falschheit, eine mesquine <kleinliche> Schmutzerei vorhat, desto offenherziger und zutraulicher kann es auftreten. Alle die kleinen Schäbigkeiten des Bürgers verwandeln sich unter der Aureole der ehrlichen Absicht in ebenso viele Tugenden; der schmierige Eigennutz erscheint rein gewaschen in der Gestalt eines angeblich gebrachten Opfers; die Feigheit tritt auf als Mut im höheren Sinne, die Schuftigkeit wird Edelmut, und die groben, zudringlichen Bauernmanieren veredeln, verklären sich zu Symptomen von Bravheit und gutem Humor. Gosse, in der alle Widersprüche der Philosophie, der Demokratie und der Phrasenwirtschaft überhaupt wunderlich zusammenlaufen; übrigens ein Kerl, reichlich ausgestattet mit allen Lastern, Gemeinheiten und Kleinlichkeiten, mit der Hinterlist und der Dummheit, mit dem Geiz und der Unbeholfenheit, mit der Servilität und der Arroganz, mit der Falschheit und der Bonhommie des emanzipierten Leibeignen, des Bauern; Philister und Ideolog, Atheist und Phrasengläubiger, absoluter Ignorant und absoluter Philosoph in einer Person - das ist unser Arnold Ruge, wie Hegel ihn Anno 1806 vorher geweissagt hat.

Nach Unterdrückung der "Deutschen Jahrbücher" transportierte Ruge seine Familie auf einem eigens dazu erbauten Landwagen nach Paris. Sein böser Stern brachte ihn hier mit Heine in Berührung, der in ihm den Mann verehrte, welcher "den Hegel ins Pommersche übersetzt hat". Heine frug ihn, ob Prutz nicht ein Pseudonym von ihm sei, wogegen Ruge gewissenhaft protestierte, doch war Heine nicht von der Meinung abzubringen, daß unser Arnold der Verfasser der Prutzschen Gedichte sei. Übrigens entdeckte Heine sehr bald, daß, wenn Ruge auch kein Talent besitze, er doch die Charaktermaske mit Erfolg trage, und so kam es, daß Freund Arnold dem Dichter die Idee zu seinem "Atta Troll" eingab. Wenn Ruge seinen Aufenthalt in Paris durch kein großes Werk verewigte, gebührt ihm doch das Verdienst, daß Heine dies für ihn tat. Aus Dankbarkeit setzte ihm der Dichter die bekannte Grabschrift:

Atta Troll, Tendenzbär; sittlich
Religiös; als Gatte brünstig;
Durch Verführtsein von dem Zeitgeist
Waldursprünglich Sansculotte;

Sehr schlecht tanzend, doch Gesinnung
Tragend in der zott'gen Hochbrust;
Manchmal auch gestunken habend;
Kein Talent, doch ein Charakter!

<277> In Paris passierte es unserm Arnold, daß er sich mit den Kommunisten einließ, in den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" Artikel von Marx und Engels drucken ließ, die das grade Gegenteil von dem enthielten, was er selbst in der Vorrede ankündigte, ein Unfall, worauf ihn die Augsburger "Allg[emeine] Z[ei]t[un]g" aufmerksam machte, den er aber mit philosophischer Resignation ertrug.

Um einer angebornen gesellschaftlichen Unbehülflichkeit zu steuern, hat unser Ruge sich eine kleine Zahl wunderlicher Anekdoten zu beliebigem Wiedererzählen angelernt, die er Schnurren nennt. Langjährige Beschäftigung mit diesen Schnurren führte es mit sich, daß allmählich alle Begebenheiten, Zustände, Verhältnisse für ihn in lauter angenehme oder unangenehme, gute oder schlechte, wichtige oder unwichtige, interessante oder langweilige Schnurren sich verwandelten. Das Pariser Gewühl, die vielen neuen Eindrücke, der Sozialismus, die Politik, das Palais-Royal, die wohlfeilen Austern, alles das überwältigte den Unglücklichen nun so sehr, daß sein Kopf in ein permanentes unheilbares Schnurren geriet und Paris sich für ihn in ein unbegrenztes Schnurrenmagazin verwandelte. Er selbst kam dabei u.a. auf die Schnurre, aus Sägespänen Röcke für das Proletariat anfertigen zu wollen, wie er überhaupt ein Faible für industrielle Schnurren hat, zu denen er immer vergeblich die Aktionäre sucht.

Als die politisch bekannteren Deutschen aus Frankreich ausgewiesen wurden, rettete sich Ruge vor dem Verhängnis, indem er sich bei dem Minister Duchâtel als savant sérieux <ernsthafter Gelehrter> introduzieren ließ. Er dachte sicher dabei an den "Gelehrten" in Paul de Kocks "Amant de la lune", der sich durch eine originelle Manier, Pfropfen in die Luft zu schnellen, als savant konstatierte. Kurz darauf ging Arnold nach der Schweiz, wo er mit dem ehemaligen holländischen Unteroffizier, kölnischen Lokalschriftsteller und preußischen Untersteuereinnehmer Heinzen zusammentraf. Beide umschlang bald ein Band der innigsten Freundschaft. Heinzen lernte von Ruge Philosophie, Ruge von Heinzen Politik. Von dieser Zeit an entwickelt sich bei Ruge die Notwendigkeit, nur noch bei den roheren Elementen der deutschen Bewegung als Philosoph par excellence <reinsten Wassers> aufzutreten, ein Schicksal, das ihn immer tiefer führte, bis er schließlich nur noch bei lichtfreundlichen Pfarrern (Dulon), bei deutschkatholischen Pastoren (Ronge) und bei Fanny Lewald als Philosoph galt. Zu gleicher Zeit nahm aber die Anarchie in der deutschen Philosophie täglich zu. Stirners "Einziger", "Socialismus, Communismus" usw., lauter neue Eindringlinge, steigerten das Schnurren in Ruges Kopf <278> bis zur Unerträglichkeit; ein großer Sprung mußte gewagt werden. Da rettete sich Ruge hinter den Humanismus, jene Phrase, womit alle Konfusionaner in Deutschland von Reuchlin bis Herder ihre Verlegenheit bemäntelt haben. Diese Phrase schien um so zeitgemäßer, als eben erst Feuerbach "den Menschen neuentdeckt hatte", und Arnold klammerte sich mit solcher Verzweiflung an sie an, daß er sie bis auf die heutige Stunde nicht fahren läßt. Aber eine noch ungleich wichtigere Entdeckung macht Arnold in der Schweiz, nämlich die, daß "das Ich durch seine wiederholte Erscheinung vor dem Publikum sich als Charakter bewährt". Von jetzt an begann eine neue Wirksamkeit für Arnold. Die unverschämteste Auf- und Zudringlichkeit erhob er zum Prinzip. Bei allem mußte Ruge sich beteiligen, in alles seine Nase stecken. Kein Huhn durfte ein Ei legen, ohne daß Ruge "die Vernunft" dieses "Ereignisses redigierte". Unter allen Umständen mußte die Verbindung mit irgendeinem Winkelblättchen aufrechterhalten werden, wo die wiederholte Erscheinung vorsichgehn konnte. Keinen Zeitungsartikel schrieb er mehr, ohne seinen Namen zu unterzeichnen und womöglich von sich selbst darin zu sprechen. Das Prinzip der wiederholten Erscheinung mußte auf jeden Artikel ausgedehnt werden; er mußte zuerst in Briefform in europäische und (seit Heinzens Auswanderung nach New York) in amerikanische Blätter gebracht, sodann als Broschüre gedruckt, endlich in den gesammelten Werken abermals wiederholt werden.

So ausgerüstet, konnte unser Ruge nach Leipzig zurückkehren, um sich als Charakter definitiv anerkennen zu lassen. Aber hier war auch nicht alles Rose. Sein alter Freund, der Buchhändler Wigand, hatte ihn in der Rolle des Nicolai mit vielem Glück ersetzt, und da kein Posten vakant war, versank Ruge in ein trübes Nachdenken über die Vergänglichkeit aller Schnurren, als die deutsche Revolution ausbrach.

Hiermit war auch unserm Arnold plötzlich geholfen. Die gewaltige Bewegung, in der auch der Unbeholfenste leicht mit dem Strom fortschwimmt, war endlich eingetreten, und Ruge begab sich sofort nach Berlin, wo er im trüben zu fischen gedachte. Da soeben eine Revolution ausgebrochen war, hielt er es für das Zeitgemäßeste, mit einer Reform aufzutreten. Er gründete das Blättchen dieses Namens. Die Pariser vorrevolutionäre "Réforme" war das talentloseste, ungebildetste und langweiligste Blatt Frankreichs. Die Berliner "Reform" lieferte den Beweis, daß man ihr Pariser Vorbild noch übertreffen und ein so unglaubliches Journal dem deutschen Publikum, selbst in der "Metropole der Intelligenz", ungeniert bieten kann. Auf die Versicherung hin, daß gerade die rhetorische Unbeholfenheit Ruges beste Garantie für den tiefen Inhalt biete, der dahinter stecke, wurde Arnold für <279> Breslau in das Frankfurter Parlament gewählt. Hier fand er gleich Gelegenheit, als Redakteur der demokratischen Linken mit einem absurden Manifest aufzutreten. Im übrigen zeichnete er sich nur durch seine Schwärmerei für europäische Völkerkongreßmanifeste aus und schloß sich mit Eifer dem allgemeinen Wunsch an, daß Preußen in Deutschland aufgehe. Später, nach Berlin zurückgekehrt, verlangte er, Deutschland solle in Preußen und Frankfurt in Berlin aufgehen, und als ihm zuletzt einfiel, sächsischer Pair zu werden, mutete er Deutschland und Preußen zu, in Dresden aufzugehn.

Seine parlamentarische Tätigkeit trug ihm keine andern Lorbeeren ein, als daß seine eigne Partei an seiner täppischen Unfähigkeit verzweifelte. Zu gleicher Zeit aber ging seine "Reform" immer schlechter, ein Übelstand, dem er nur durch persönliche Anwesenheit in Berlin abhelfen zu können glaubte. Als "ehrliches Bewußtsein" fand er, versteht sich, auch einen hochpolitischen Vorwand zu diesem Austritt und mutete der ganzen Linken zu, mit ihm auszutreten. Dies geschah natürlich nicht, und Ruge ging allein nach Berlin. In Berlin entdeckte er, daß die modernen Kollisionen sich am besten lösen in der "Form Dessau", wie er den kleinen demokratisch-konstitutionellen Musterstaat taufte. Dann, während der Belagerung, entwarf er abermals ein Manifest, worin General Wrangel aufgefordert wird, zu Wiens Befreiung gegen Windischgrätz zu ziehn. Sanktion des demokratischen Kongresses für dies sonderliche Aktenstück erwarb er sich durch den Vorwand, es sei samt der Unterschrift schon gesetzt und gedruckt. Endlich, als Berlin selbst in Belagerungszustand geriet, ging Herr Ruge zu Manteuffel und machte ihm Anträge wegen der "Reform", die jedoch abgewiesen wurden. Manteuffel eröffnete ihm, er wünsche sich lauter solche Oppositionsblätter wie die "Reform", die "Neue Preußische Zeitung" sei viel gefährlicher - Äußerung, die der naive Ruge sich beeilte, mit siegreichem Stolz in ganz Deutschland zu kolportieren. Arnold begeisterte sich zugleich für den passiven Widerstand, den er selbst betätigte, indem er Blatt, Redakteure und alles im Stich ließ und eilig davonlief. Die aktive Flucht ist offenbar die entschiedenste Form des passiven Widerstandes. Die Kontrerevolution war eingetreten, und vor ihr lief Ruge ohne Unterbrechung von Berlin bis London.

Während des Dresdner Maiaufstandes stellte sich Arnold nebst seinem Freunde Otto Wigand und dem Stadtrat an die Spitze der Bewegung in Leipzig. Er erließ mit diesen Genossen ein kräftiges Manifest an die Dresdner, sie möchten sich nur tapfer schlagen, in Leipzig säßen Ruge, Wigand und die Väter der Stadt und wachten, und wer sich selbst nicht verlasse, <280> den verlasse auch der Himmel nicht. Kaum aber war dies Manifest veröffentlicht, als unser tapfrer Arnold sich schleunigst auf die Beine nach Karlsruhe machte.

In Karlsruhe fühlte er sich unsicher, obgleich die Badenser am Neckar standen und die Feindseligkeiten noch lange nicht begonnen hatten. Er forderte Brentano auf, ihn als Gesandten nach Paris zu schicken. Brentano machte sich den Witz, ihm diesen Posten auf 12 Stunden zu geben und lehnte am andern Morgen die Bestallung wieder ab, als Ruge eben abreisen wollte. Ruge zog nichtsdestoweniger mit den wirklich ernannten Repräsentanten der Brentanoschen Regierung, Schütz und Blind, nach Paris und gerierte sich so wunderlich, daß sein eigner ehemaliger Redakteur Oppenheim in der amtlichen "Karlsruher Zeitung" erklärte, Herr Ruge sei keineswegs in irgendeiner offiziellen Kapazität nach Paris gewandert, sondern ganz "auf eigne Faust". Von Schütz und Blind einmal zu Ledru-Rollin mitgenommen, unterbrach Ruge die diplomatischen Verhandlungen plötzlich, indem er vor dem Franzosen erschrecklich auf die Deutschen zu schimpfen begann, so daß seinen Gefährten nichts übrigblieb, als sich bestürzt und kompromittiert zurückzuziehn. Der 13. Juni kam und schlug unserm Arnold so gewaltig in die Beine, daß er sie ohne allen Grund unter die Arme nahm und erst in London, auf freiem britischen Boden, wieder Atem schöpfte. Im Hinblick auf diese Flucht verglich er sich später mit Demosthenes.

In London machte Ruge zunächst den Versuch, sich als badischen provisorischen Gesandten ankündigen zu lassen. Dann versuchte er, sich bei der englischen Presse als großen deutschen Denker und Schriftsteller vorzuführen, wurde aber überall mit der Äußerung abgewiesen, die Engländer seien zu materiell, um die deutsche Philosophie zu begreifen. Auch frug man ihn nach seinen Werken, worauf Ruge nur mit einem Seufzer antworten konnte, während ihm zugleich Bruno Bauer wieder lebhaft vor die Seele trat. Denn selbst seine "gesammelten Werke", was waren sie andres als vielfach abgedruckte Broschüren? und nicht einmal Broschüren, sondern broschierte Journalartikel, und im Grunde auch nicht einmal Journalartikel, sondern verwickelte Lesefrüchte? Hier mußte wieder etwas geschehen, und Ruge schrieb zwei Artikel in den "Leader" worin er unter dem Vorwande einer Schilderung der deutschen Demokratie erklärte, in Deutschland sei jetzt der "Humanismus" an der Tagesordnung, vertreten durch Ludwig Feuerbach und Arnold Ruge, den Verfasser folgender Werke: 1. "Die Religion unsrer Zeit", 2. "Die Demokratie und der Sozialismus", 3. "Die Philosophie und die Re- <281> volution". Diese drei epochemachenden Werke, die bis jetzt in keiner Buchhandlung zu haben sind, sind, wie sich versteht, weiter nichts als noch ungedruckte neue Titel zu beliebigen alten Aufsätzen Ruges. Gleichzeitig begann Arnold seine täglichen Pensa wieder, indem er zu seiner eignen Belehrung, zum Nutzen des deutschen Publikums und zum großen Entsetzen des Herrn Brüggemann Artikel ins Deutsche zurückübersetzte, die aus der "Kölnischen Zeitung" in den "Morning Advertiser" geraten waren. Nicht grade mit Lorbeer bedeckt zog er sich nach Ostende zurück, wo er die gehörige Muße fand, sich zu der Rolle des weltweisen Konfusius <Wortspiel mit Konfuzius> der deutschen Emigration vorzubereiten.

Wie Gustav das Gemüse, wie Gottfried das Gemüt, so vertritt Arnold den Verstand oder vielmehr Unverstand des deutschen kleinbürgerlichen Philisteriums. Er eröffnet nicht, wie Arnold Winkelried, der Freiheit eine Gasse, er ist in eigner Person "der Freiheit eine Gosse"; Ruge steht da in der deutschen Revolution wie das Plakat an den Ecken gewisser Straßen: Hier ist es erlaubt, sein Wasser abzuschlagen.

Wir kommen endlich wieder zu unserm Rund- und Begleitschreiben zurück. Es fiel platt auf den Boden, und aus dem ersten Versuch zur demokratischen Gesamtkirche wurde nichts. Schramm und Gustav erklärten später, daran sei bloß der Umstand schuld, daß Ruge weder französisch sprechen, noch deutsch schreiben könne. Dann aber setzten sich die großen Männer aufs neue in Tätigkeit,

Chè ciascun oltra moda era possente,
Come udirete nel canto seguente.
<Denn mächtig ohne Maßen war ein jeder,
wie ihr im folgenden Gesang sollt hören.
Bojardo, "L'Orlando innamorato", canto 17>

 

 

 

 

 

VI

<282> Mit Gustav war gleichzeitig Rodomonte K. Heinzen aus d. Schweiz nach London gekommen. K. Heinzen, der jahrelang v. d. Drohung gelebt hatte, die "Tyrannei" in Deutschland auszurotten, verstieg sich nach Ausbruch der Februarrevolution zu der unerhörten Kühnheit, auf der Schusterinsel <bei Basel> den deutschen Boden wieder zu inspizieren, begab sich dann in d. Schweiz, wo er vom sichren Genf aus aufs neue "die Tyrannen u. Volksunterdrücker" niederdonnerte und die Gelegenheit ergriff zu erklären: "Kossuth ist ein großer Mann, aber Kossuth hat d. Knallsilber vergessen." Heinzen war aus Abscheu gegen das Blutvergießen zum Alchimisten der Revolution geworden. Er träumte von einer Explosivkraft, die in einem Nu d. europäische Gesamtreaktion in d. Luft sprenge, ohne daß sich ihr Anwender die Finger zu verbrennen brauche. Er besaß eine eigentümliche Abneigung vor dem Wandeln im Kugelregen, gegen die ordinäre Kriegsführung, wo die Gesinnung nicht kugelfest macht. Während der Regierung des Herrn Brentano riskierte er sogar eine Revolutionsreise nach Karlsruhe. Da er hier den erwarteten Lohn seiner Hochtaten nicht fand, entschloß er sich zunächst, den Moniteur <die "Karlsruher Zeitung"> des "Verräters" Brentano zu redigieren. Als aber die Preußen vorrückten, erklärte er, Heinzen werde sich für den Verräter Brentano "nicht totschießen" lassen, und unter dem Vorwand, ein Elitekorps zu bilden, wo politische Gesinnung und militärische Organisation sich wechselseitig ergänzten, d.h., wo die militärische Feigheit für politischen Mut passiere, machte er in beständiger Jagd nach dem Freikorps, wie es sein soll, eine rückgängige Bewegung, bis er wieder auf dem bekannten Boden der Schweiz angelangt war. "Sophiens Reise von Memel nach Sachsen" fiel blutiger aus als Rodomontes Revolutionsreise. In der Schweiz angekommen, erklärte er, in Deutschland gäbe es keine Männer mehr, das wahre Knallsilber sei noch nicht entdeckt, der Krieg werde <283> noch nicht mit revolutionärer Gesinnung geführt, sondern in gewöhnlicher Weise mit Pulver u. Blei, u. er werde nun d. Schweiz revolutionieren, da er Deutschland verloren gebe. In der idyllisch abgeschiednen Schweiz u. bei dem verschrobenen Kauderwelsch, das hier gesprochen wird, konnte Rodomonte für einen deutschen Schriftsteller u. sogar für einen gefährlichen Mann passieren. Er erreichte, was er wollte. Er wurde ausgewiesen und auf Bundeskosten nach London spediert. Rodomonte Heinzen hatte sich nicht direkt an d. europäischen Revolution beteiligt, aber er hatte sich unleugbar vielseitig für sie in Bewegung gesetzt. Als die Februarrevolution ausbrach, sammelte er in New York "Revolutionsgelder", um dem Vaterland zu Hülfe zu eilen und drang bis an d. Schweizer Grenze vor. Als die Märzvereinsrevolution scheiterte, retirierte er auf Schweizer Bundesratsrechnung v. der Schweiz jenseits des Kanals. Er hatte die Genugtuung, die Revolution für sein Vorrücken und die Kontrerevolution für seinen Rückmarsch tributär zu machen.

In den italienischen ritterlichen Epopöen kommen jeden Augenblick gewaltige breitschultrige Riesen vor, die mit kolossalen Knütteln bewaffnet sind, aber im Kampf trotz ihres barbarischen Dreinschlagens und fürchterlichen Lärmens nie den Gegner treffen, sondern immer nur die umstehenden Bäume. Ein solcher ariostischer Riese in der politischen Literatur ist Herr Heinzen. Von der Natur mit einer flegelhaften Gestalt und großen Fleischmasse begabt, erblickte er hierin den Beruf, ein großer Mann zu werden. Diese gewichtige Körperlichkeit beherrscht sein ganzes literarisches Auftreten, das durch und durch körperlich ist. Seine Gegner sind immer klein, Zwerge, die ihm nicht an die Knöchel reichen und die er mit der Kniescheibe übersieht. Wo es dagegen gilt, körperlich aufzutreten, rettet sich der "uomo membruto" <"starkgliedrige Mann"> in die Literatur oder die Gerichtshöfe. So schrieb er, kaum auf englischem Boden in Sicherheit, eine Abhandlung über den moralischen Mut. So ließ sich der Riese in New York so lange und so oft von einem gewissen Herrn Richter durchprügeln, bis der Polizeirichter, der erst nur unbedeutende Geldstrafen auferlegte, endlich in Anerkennung seiner Konsequenz den Zwerg Richter zu 200 Dollars Schmerzensgelder verurteilte. - Die natürliche Ergänzung dieser großen Körperlichkeit, an der alles gesund ist, ist der gesunde Menschenverstand, den Herr Heinzen sich im höchsten Grade zuschreibt. Diesem gesunden Menschenverstand entspricht es, daß Heinzen als "naturwüchsiges" Genie nichts gelernt hat, literarisch und wissenschaftlich durchaus roh ist. Kraft des gesunden Menschenverstandes, den er auch d. "eignen Scharfsinn" nennt u. womit er Kossuth versicherte, "bis an die <284> äußerste Grenze d. Ideen vorgedrungen zu sein", lernt er nur vom Hörensagen oder aus den Zeitungen, ist daher beständig hinter der Zeit zurück und trägt immer den einige Jahre vorher von der Literatur abgelegten Rock, während er die neue, moderne Kleidung, in die er sich noch nicht finden kann, für unsittlich und verwerflich erklärt. Was er aber einmal assimiliert hat, daran glaubt er mit möglichster Unerschütterlichkeit, das verwandelt sich für ihn in etwas naturwüchsig Entstandenes, sich von selbst Verstehendes, was jeder einsehen muß und was nur die Böswilligkeit, die Dummheit oder die Sophisterei imstande ist, nicht begreifen zu wollen. Ein so robuster Körper und gesunder Menschenverstand muß denn auch eine handfeste, wackre Gesinnung haben, und es steht ihm gar wohl an, wenn er die Gesinnungstümelei aufs äußerste treibt. Heinzen weicht in diesem Fach niemandem. Bei jeder Gelegenheit wird auf die Gesinnung gepocht, jedem Argument wird die Gesinnung entgegengehalten, und jeder, der ihn nicht versteht oder den er nicht versteht, wird damit abgefertigt, er habe keine Gesinnung, er leugne das sonnenklare Tageslicht aus schlechter Absicht und purem boshaften Willen. Gegen diese verworfenen Anhänger des Ahriman ruft er seine Muse, die Entrüstung an; er schimpft, er poltert, er rodomontiert, er predigt Moral, er geifert die tragikomischsten Kapuzinaden. Er beweist, wohin es die Schimpfliteratur bringen kann, wenn sie einem Mann in die Hände gerät, dem Börnes Witz und literarische Bildung gleich fremd sind. Wie die Muse, so sein Stil. Ewiger Knüppel aus dem Sack, aber ein Alltagsknüppel, an dem nicht einmal die knotigen Auswüchse originell und stechend sind. Bloß wo ihm etwas Wissenschaftliches entgegentritt, stutzt er einen Augenblick. Es geht ihm wie dem Fischweib in Billingsgate, mit dem sich O'Connell in ein Schimpfduell einließ und d. er zum Schweigen brachte, als er auf eine lange Schimpfrede erwiderte: Ihr seid das alles und noch viel mehr, Ihr seid ein triangulus isosceles, Ihr seid ein parallelepipedon <ein gleichschenkliges Dreieck ... ein von drei Paaren paralleler Ebenen begrenzter Körper>.

Von den früheren Erlebnissen des Herrn Heinzen ist zu sagen, daß er in den holländischen Kolonien zwar nicht zum General, aber doch zum Unteroffizier avancierte, eine Zurücksetzung, wofür er die Holländer später immer als eine gesinnungslose Nation behandelt hat. Später finden wir ihn in Köln als Untersteuereinnehmer wieder, in welcher Eigenschaft er ein Lustspiel schrieb, worin sein gesunder Menschenverstand sich vergebens bemühte, die Hegelsche Philosophie zu verspotten. Besser zu Hause war er in dem Lokalklatsch der "Kölnischen Zeitung", hinter dem Strich, wo er gewichtige Worte <285> sprach über die Zwistigkeiten im Kölner Karnevalsverein, jenem Institut, aus dem alle großen Männer Kölns hervorgegangen sind. Seine eignen Leiden und die seines Vaters, des Försters Heinzen, im Kampf gegen die Vorgesetzten erhoben sich für ihn, wie das dem gesunden Menschenverstand bei allen kleinen persönlichen Konflikten passiert, zum Range von Weltereignissen; er beschrieb sie in seiner "Preußischen Büreaukratie", einem Buch, das tief unter dem Venedeyschen steht und weiter nichts enthält als Querelen des Subalternbeamten gegen die höheren Behörden. Dies Buch zog ihm einen Preßprozeß zu; obwohl ihn höchstens sechs Monate Gefängnis treffen konnten, sah er seinen Kopf gefährdet und rettete sich nach Brüssel. Von hier aus verlangte er, die preußische Regierung solle ihm nicht nur freies Geleit geben, sondern auch zu seinen Gunsten das ganze französische Gerichtsverfahren aufheben und ihn für ein einfaches Vergehen vor die Geschwornen stellen. Die preußische Regierung erließ einen Steckbrief gegen ihn; er antwortete mit einem "Steckbrief" auf die preußische Regierung, worin er u.a. den moralischen Widerstand und die konstitutionelle Monarchie predigte und die Revolution für unmoralisch und jesuitisch erklärte. Von Brüssel ging er nach der Schweiz. In der Schweiz fand er, wie wir schon oben sahen, Freund Arnold und lernte von diesem außer seiner Philosophie noch eine sehr nützliche Methode der Bereicherung. Wie Arnold sich die Ideen seiner Gegner während der Polemik mit ihnen anzueignen suchte, so lernte nun Heinzen, solche ihm neue Gedanken, indem er sie bekämpfte, sich anzuschimpfen. Kaum Atheist geworden, begann er mit wahrem Proselyteneifer sofort eine wütende Polemik gegen den armen alten Follen, weil dieser sich nicht veranlaßt sah, ohne alle Veranlassung auf seine alten Tage auch Atheist zu werden. Die Schweizer Föderativrepublik, auf die er jetzt mit der Nase gestoßen wurde, entwickelte den gesunden Menschenverstand dahin, daß er nun diese Föderativrepublik auch in Deutschland einführen wollte. Derselbe gesunde Menschenverstand brachte es zu dem Schluß, daß dies nicht ohne Revolution möglich sei, und so wurde Heinzen revolutionär. Nun fing er einen Handel mit Pamphleten an, die im plumpsten Schweizer Bauernton sofortiges "Losschlagen" und Tod den Fürsten predigten, von denen alles Elend der Welt herrührte. Er suchte Komitees in Deutschland zur Beschaffung der Druckkosten und Verbreitung dieser Flugblätter, woran sich ungezwungen eine ausgedehnte Bettelindustrie knüpfte, in der die Parteileute erst exploitiert und dann ausgeschimpft wurden. Näheres darüber kann der alte Itzstein mitteilen. Durch diese Pamphlets brachte sich Heinzen in großen Ruf bei den deutschen Weinreisenden, die ihn überall als tapferen "Dreinschläger" ausposaunten.

<286> Aus der Schweiz ging er nach Amerika, wo es ihm gelang, trotzdem daß er hier kraft seines Schweizer Bauernstils für einen echten Dichter galt, die New Yorker "Schnellpost" in kurzer Zeit totzureiten.

Nach Europa zurückgekehrt infolge der Februarrevolution, schrieb er an die "Mannheimer Abendzeitung" Depeschen über die Ankunft des großen Heinzen und veröffentlichte eine Broschüre gegen Lamartine aus Rache dafür, daß dieser, wie die ganze Regierung, ihn trotz eines Mandats als Vertreter der amerikanischen Deutschen ignoriert hatte. Nach Preußen wollte er nicht zurückgehn, weil er trotz Märzrevolution und Amnestie seinen Kopf dort noch immer für gefährdet ansah. Das Volk sollte ihn berufen. Da dies nicht geschah, wollte er sich aus der Ferne in Hamburg fürs Frankfurter Parlament wählen lassen: Da er ein schlechter Redner sei, werde er um so lauter stimmen - aber er fiel durch.

Als er nach der Beendigung des badischen Aufstandes in London ankam, entrüstete er sich sehr über die jungen Leute, über denen und von denen der große Mann von vor der Revolution und nach der Revolution vergessen werde. Er war immer nur l'homme de la veille oder l'homme du lendemain gewesen, nie l'homme du jour oder gar de la journée. <Er war immer nur der Mann von gestern oder der Mann von morgen gewesen, nie der Mann von heute oder gar der Mann des Tages.> Da das wahre Knallsilber noch immer nicht erfunden war, mußten neue Mittel gegen die Reaktion aufgetrieben werden. Er forderte also zwei Millionen Köpfe, damit er als Diktator bis an die Knöchel in dem - von andern zu vergießenden - Blut waten könne. Im Grunde handelte es sich nur darum, Skandal zu erregen; die Reaktion hatte ihn auf ihre Kosten bis London spediert, sie sollte ihn nun, vermittelst einer Ausweisung aus England, auch gratis noch weiter bis New York spedieren. Der Coup mißlang und hatte weiter keine Folgen, als daß die französischen radikalen Blätter ihn für einen Narren erklärten, der zwei Millionen Köpfe verlange, weil er den seinigen nie riskiert habe. Um aber der Sache die Krone aufzusetzen, hatte er diesen ganzen blutdürstigen und blutwatenden Artikel veröffentlicht - in der "Deutschen Londoner Zeitung" des Exherzogs von Braunschweig, gegen Barzahlung, versteht sich.

Gustav und Heinzen achteten sich seit geraumer Zeit. Heinzen gab den Gustav für einen Weisen aus und Gustav den Heinzen für einen Dreinschläger. Heinzen hatte das Ende der europäischen Revolution kaum abwarten können, um der "verderblichen Uneinigkeit in der demokratischen deutschen Emigration" ein Ende zu machen und sein vormärzliches Geschäft wieder zu eröffnen. Er gab ein Programm der teutschen Revolutionspartei als <287> Entwurf und Vorschlag der Diskussion preis. Das Programm zeichnete sich aus durch die Erfindung eines besondern Ministeriums für "die keiner andren an Wichtigkeit nachstehnde Branche der öffentlichen Spielplätze, Kampfplätze" (ohne Kugelregen) "u. Gärten" und durch d. Dekret, "d. Vorrechte des männlichen Geschlechts namentlich in der Ehe" (bes. auch in d. Stoßtaktik im Kriege, siehe Clausewitz) "werden abgeschafft". Dies Programm, in der Tat nur eine diplomatische Note Heinzens an Gustav, da sonst kein Hahn danach krähte, veranlaßte statt der Einigung vielmehr die sofortige Trennung d. beiden Kapaune; Heinzen verlangte für die "revolutionäre Übergangszeit" einen einzigen Diktator, der dazu Preuße sein müsse, u., fügte er hinzu, damit kein Mißverständnis möglich sei: "Zur Diktatur kann kein Soldat berufen werden." Gustav dagegen verlangte eine Dreimännerdiktatur, worin sich außer ihm wenigstens zwei Badenser befinden müßten. Zudem glaubte Gustav zu entdecken, daß Heinzen ihm in d. voreilig veröffentlichten Programm eine "Idee" gestohlen habe. So zerschlug sich dieser zweite Einigungsversuch, und Heinzen, völlig v. d. Welt verkannt, trat in sein Dunkel zurück, bis er den englischen Boden unhaltbar fand und Herbst 1850 nach New York absegelte.

 

 

 

VII

Gustav u. d. Kolonie d. Entsagung

<288> Nachdem der unermüdliche Gustav noch den vergeblichen Versuch gemacht hatte, mit Friedrich Bobzin, Habbegg, Oswald, Rosenblum, Cohnheim, Grunich und andern "hervorragenden" Männern ein Zentralflüchtlingskomitee zu bilden, schlug er den Weg nach Yorkshire ein. Hier sollte nämlich ein Zaubergarten emporblühen, worin nicht wie in dem der Alcine das Laster, sondern die Tugend herrsche. Ein alter humoristischer Engländer, den unser Gustav mit seinen Theorien langweilte, hatte ihn nämlich beim Wort genommen und wies ihm in Yorkshire einige Morgen Moorboden an, mit d. ausdrücklichen Bedingung, dort die "Kolonie der Entsagung" zu stiften, eine Kolonie, worin jeder Genuß von Fleisch, Tabak u. Spirituosen aufs strengste untersagt, nur die Pflanzenkost geduldet und jeder Kolonist verpflichtet sei, zum Morgengebet ein Kapitel aus Struves "Staatsrecht" zu lesen. Außerdem sollte die Kolonie sich durch eigne Arbeit erhalten. Von seiner Amalie, von d. schwäbischen Gelbveiglein Schnauffer und v. einigen andern Getreuen begleitet, zog Gustav gottergeben aus u. stiftete d. "Kolonie der Entsagung". Von dieser Kolonie muß gesagt werden, daß wenig "Wohlstand" darin herrschte, viel Bildung und volle "Freiheit", sich zu langweilen und abzumagern. An einem schönen Morgen entdeckte unser Gustav ein gewaltiges Komplott. Seine Begleiter, die seine widerkäuende Konstitution nicht teilten u. denen d. Pflanzenkost widerstand, hatten beschlossen, hinter seinem Rücken d. einzige alte Kuh abzuschlachten, deren Milch die Haupteinkommensquelle der "Kolonie der Entsagung" abgab. Gustav schlug die Hände über dem Kopf zusammen, weinte seine bittren Tränen über diese Tücke gegen ein Mitgeschöpf, erklärte entrüstet die Kolonie für aufgelöst und beschloß, nasser Quäker zu werden, es sei denn, daß es ihm in London diesmal gelinge, den "Deutschen Zuschauer" wieder ins Leben zu rufen od. eine "provisorische Regierung" zu stiften.

 

 

 

 

VIII

<289> Arnold, dem die Zurückgezogenheit in Ostende keineswegs zusagte, u. d. es nach einer "wiederholten Erscheinung" vor dem Publikum drängte, erfuhr Gustavs Unfall. Er beschloß, sofort nach England zurückzueilen und, auf Gustavs Schultern gestützt, sich zum Pentarch d. europäischen Demokratie emporzuschwingen. Es hatte sich nämlich unterdes das Europäische Zentralkomitee, bestehend aus Mazzini, Ledru-Rollin u. Darasz, gebildet, dessen Seele Mazzini war. Ruge witterte hier einen vakanten Posten. Mazzini konnte in seinem "Proscrit" den v. ihm selbst erfundnen General Ernst Haug zwar als deutschen Mitarbeiter vorführen, ihn aber wegen seiner gänzlichen Namenlosigkeit anstandshalber nicht zum Mitglied seines Zentralkomitees ernennen. Unserm Ruge war nicht unbekannt, daß Gustav zu Mazzini v. d. Schweiz her in Beziehung stand. Er selbst kannte seinerseits zwar Ledru-Rollin, hatte aber d. Unglück, nicht v. ihm gekannt zu werden. Arnold schlug also seinen Wohnsitz in Brighton auf, hätschelte und liebkoste den arglosen Gustav, versprach einen "Deutschen Zuschauer" mit ihm in London zu gründen u. sogar gemeinschaftlich u. auf seine Kosten d. demokratische Herausgabe des Rotteck-Welckerschen "Staats-Lexikons" zu betreiben. Zugleich führte er dem deutschen Lokalblatt, das er seinem Prinzipe gemäß stets zur Hand hielt (diesmal traf das Schicksal d. "Bremer Tages-Chronik" d. lichtfreundlichen Pfaffen Dulon), unsern Gustav als großen Mann u. als Mitarbeiter ein. Eine Hand wäscht die andre. Gustav führte Arnold bei Mazzini ein. Da Arnold nun ein durchaus unverständliches Französisch spricht, konnte ihn niemand hindern, sich dem Mazzini als d. größten Mann u. speziell als den "Denker" Deutschlands zu präsentieren. Der geriebene italienische Schwärmer erkannte auf den ersten Blick in Arnold den Mann, den er brauche, den homme sans conséquence <Mann ohne jede Bedeutung>, dem er die deutsche Kontrasignatur <290> seiner antipäpstlichen Bullen anvertrauen könne. So wurde Arnold Ruge das fünfte Rad am Staatswagen d. europäischen Zentraldemokratie. Als ein Elsässer Ledru fragte, wie er auf den Einfall gekommen sei, sich mit einer solchen "bête" <einem solchen "Blödian"> zu alliieren, antwortete Ledru barsch: "C'est l'homme de Mazzini." <"Das ist Mazzinis Mann"> Als man Mazzini fragte, warum er sich mit Ledru <wahrscheinlich verschrieben; müßte Ruge heißen>, einem Mann ohne alle Ideen, eingelassen habe, antwortete er schlau: "C'est précisément pour quoi je l'ai pris." <"Gerade deshalb habe ich ihn genommen."> Mazzini selbst hatte allen Grund, sich Leute mit Ideen vom Halse zu halten. Arnold Ruge aber sah sich in seinem eignen Ideal übertroffen u. vergaß für einen Augenblick sogar Bruno Bauer.

Als er das erste Manifest Mazzinis unterzeichnen sollte, dachte er mit Wehmut an d. Zeiten zurück, wo er [sich] dem Professor Leo in Halle u. d. alten Follen in d. Schweiz gegenüber das eine Mal als Dreieinigkeitsgläubiger u. das andere Mal als humanistischer Atheist produziert hatte. Diesmal galt es, sich mit Mazzini für Gott gegen die Fürsten zu erklären. Indes, d. philosophische Gewissen unsres Arnold hatte sich schon bedeutend demoralisiert durch seine Verbindung mit Dulon und andern Pastoren, bei denen er als Philosoph passierte. Ein gewisses Faible f. d. Religion im allgemeinen konnte unser Arnold in seinen besten Zeiten nicht loswerden, und überdem flüsterte ihm sein "ehrliches Bewußtsein" zu: Unterzeichne, Arnold! Paris vaut bien une messe. <Paris ist eine Messe wert.> Umsonst wird man nicht fünftes Rad am Wagen der provisorischen Regierung Europas in partibus. Bedenke, Arnold! Alle 14 Tage ein Manifest zu unterschreiben, und gar als "membre du parlement allemand" <"Mitglied des deutschen Parlaments">, in Gesellschaft d. größten Männer Europas. Und, in Schweiß gebadet, unterzeichnet Arnold. Sonderbare Schnurre, murmelt er. Ce n'est que le premier pas qui coûte. <Der erste Schritt ist immer der schwerste.> Letzten Satz hatte er sich den Abend vorher in seinem Notizbuch angemerkt. Indessen war Arnold noch nicht an d. Ende seiner Prüfungen gelangt. Nachdem d. Europäische Zentralkomitee eine Reihe von Manifesten erlassen hatte an Europa, an Franzosen, Italiener, Wasserpolacken und Walachen, kam nun, da sich gerade d. große Schlacht bei Bronzell ereignet hatte, die Reihe an Deutschland. Mazzini griff in seinem Entwurf d. Deutschen wegen Mangel an Kosmopolitismus an und speziell wegen Übermut gegen italienische Salamihändler, Orgeldreher, Zuckerbäcker, Murmeltiertreiber, Mausefallverkäufer. Arnold gestand dies bestürzt ein. Noch mehr. Er erklärte sich bereit, Welschtirol u. Istrien an Mazzini abzutreten. Aber dies war nicht genug. Er sollte d. deutschen Nation nicht nur ins Gewissen reden, <291> sie sollte auch an ihrer schwachen Seite gefaßt werden. Arnold erhielt Befehl, diesmal eine Ansicht zu haben, da er d. deutsche Element vertrete. Es war ihm zumute wie d. Kandidaten Jobs. Er kratzte sich bedächtig hinter dem Ohr u. stotterte nach langem Erwägen: "Seit Tacitus Zeiten stimmen d. deutschen Barden d. Bariton <Wahrscheinlich ironisch für Baritus, den Schlachtgesang der Germanen> u. zünden im Winter Feuer auf allen Bergen an, um sich d. Füße daran zu wärmen." D. Barden, d. Bariton u. d. Feuer auf allen Bergen! Wenn das die deutsche Freiheit nicht auf die Strümpf' bringt! schmunzelte Mazzini. D. Barden, d. Bariton, d. Feuer auf allen Bergen und die deutsche Freiheit kamen als douceur <Zuckerbrot> f. d. deutsche Nation ins Manifest. Arnold Ruge hatte zu seinem Erstaunen d. Examen bestanden u. begriff zum erstenmal, mit wie wenig Weisheit d. Welt regiert wird. Von diesem Augenblick verachtete er mehr als je Bruno Bauer, der schon in seiner Jugend 18 schwere Bände geschrieben hatte.

Während Arnold im Gefolge d. Europäischen Zentralkomitees mit Gott für Mazzini und gegen d. Fürsten kriegerische Manifeste unterschrieb, griff gleichzeitig die Friedensbewegung unter Cobdens Ägide nicht nur in England um sich, sondern grassierte selbst bis über die Nordsee hinüber, so daß in Frankfurt/Main, d. Yankeeschwindler Elihu Burritt mit Cobden, Jaup und Girardin und dem Indianer Ka-gi-ga-gi-wa-wa-be-ta einen Friedenskongreß abhalten konnte. Unsern Arnold juckte es in allen Gliedern, auch bei dieser Gelegenheit seine "wiederholte Erscheinung" zu machen und ein Manifest v. sich zu geben. Er ernannte sich also selbst zum korrespondierenden Mitglied d. Frankfurter Versammlung u. übersandte ihr ein höchst konfuses Friedensmanifest, das er sich aus Cobdens Reden in sein spekulatives Pommersch herübernotiert hatte. Arnold wurde v. verschiedenen Deutschen auf d. Widerspruch zwischen seiner kriegerischen Zentralkomiteehaltung und seinem friedensmanifestlichen Quäkertum aufmerksam gemacht. Er pflegte zu erwidern: "Das sind eben d. Widersprüche. Das ist die Dialektik. Ich habe Hegel in meiner Jugend studiert." Sein "ehrliches Bewußtsein" aber beruhigte ihn dahin, daß Mazzini kein Deutsch verstehe u. es daher leicht sei, ihm ein X für ein U zu machen.

Was außerdem Arnolds Verhältnis zu Mazzini zu befestigen versprach, war die Protektion Harro Harrings, der eben in Hull landete. In ihm tritt ein neuer, höchst bezeichnender Charakter auf die Bühne.

 

 

 

 

 

IX

<292> Dem großen demokratischen Emigrationsdrama von 1849/52 war schon vor achtzehn Jahren ein Vorspiel vorausgegangen: die demagogische Emigration von 1830/31. Hatte auch die Länge der Zeit hingereicht, diese erste Emigration größtenteils vom Schauplatz zu verdrängen, so blieben doch immer einige würdige Überreste, die mit stoischer Unbekümmertheit um den Weltlauf wie um den Erfolg ihr agitatorisches Handwerk fortsetzten, weltumfassende Pläne entwarfen, provisorische Regierungen bildeten und rechts und links Proklamationen in die Welt schleuderten. Es ist klar, daß diese alterfahrnen Schwindler an Geschäftskenntnis dem jüngeren Nachwuchs unendlich überlegen sein mußten. Eben diese Geschäftskenntnis, erworben durch achtzehnjährige Praxis im Konspirieren, Kombinieren, Intrigieren, Proklamieren, Düpieren und Produzieren und Sichvordrängen, verlieh Herrn Mazzini die Dreistigkeit und Sicherheit, mit der er, drei in dergleichen Dingen weniger bewanderte Strohmänner hinter sich, als Zentralkomitee der Europäischen Demokratie sich installieren konnte.

Niemand wurde durch die Verhältnisse in eine günstigere Lage gestellt, um sich zum Typus des Emigrationsagitators zu entwickeln, als unser Freund Harro Harring. Und in der Tat ist er das Urbild geworden, dem alle unsre großen Männer des Exils, alle die Arnolde, die Gustave, die Gottfriede, mit mehr oder weniger Bewußtsein und mit größerem oder geringerem Glück nacheifern und das sie, wenn keine ungünstigen Umstände dazwischenkommen, vielleicht erreichen, schwerlich aber übertreffen werden.

Harro, der wie Cäsar seine Großtaten selbst beschrieben hat (London 1852), ist "auf der cimbrischen Halbinsel <alte Bezeichnung für Jütland> geboren und gehört jener hellsehenden nordfriesischen Rasse an, die schon durch den Dr. Clement hat beweisen lassen, daß alle großen Nationen der Welt von ihr abstammen.

<293> "Schon in früher Jugend" suchte er seine "Begeisterung für die Sache der Völker durch die Tat zu bewähren", indem er 1821 nach Griechenland ging. Man sieht, wie Freund Harro bereits früh den Beruf in sich ahnte, überall dabei zu sein, wo es irgendeine Konfusion gab. Später war er

 

"durch ein seltsames Verhängnis an die Quelle des Absolutismus, in die Nähe des Zaren, geführt worden und hatte die konstitutionelle Monarchie in ihrem Jesuitismus durchschaut, in Polen".

 

Also auch in Polen kämpfte Harro für die Freiheit. Aber "die Krisis in der Geschichte Europas nach Warschaus Fall führte ihn zum tiefen Nachdenken", und dies Nachdenken führte ihn auf die Idee "der Demokratie der Nationalität", die er sofort "in der Schrift dokumentierte: 'Die Völker', Straßburg im März 1832". Von dieser Schrift ist zu erwähnen, daß sie auf dem Hambacher Fest beinahe zitiert worden wäre. Zu gleicher Zeit gab er seine "republikanischen Gedichte: 'Blutstropfen'; 'Die Geschichte vom König Saul oder die Monarchie'; 'Männerstimme zu Deutschlands Einheit"', heraus und redigierte die Zeitschrift "Deutschland" in Straßburg. Diese sämtlichen und sogar seine zukünftigen Schriften hatten am 4. Novbr. 1831 das unverhoffte Glück, vom Bundestag verboten zu werden. Das allein hatte dem braven Streiter noch gefehlt, jetzt erst erhielt er die verdiente Bedeutung und zugleich die Märtyrerweihe. So konnte er ausrufen:

 

"Meine Schriften fanden starke Verbreitung und lauten Anklang im Herzen des Volks. Sie wurden meistens gratis ausgeteilt. Von einigen habe ich die Druckkosten nie ersetzt bekommen."

 

Aber neue Ehren standen ihm bevor. Schon im November 1831 hatte Herr Welcker vergebens versucht, ihn durch einen langen Brief "zum senkrechten Horizont des Konstitutionalismus zu bekehren". Jetzt kam Herr Malten, bekannter preußischer Agent im Auslande, im Januar 1832 zu ihm und trug ihm an, in preußische Dienste zu treten. Welche doppelte Anerkennung selbst von seiten des Gegners! Genug, durch Maltens Antrag erwachte in ihm

 

"unwillkürlich der Gedanke, gegenüber dieser dynastischen Verräterei die Idee der skandinavischen Nationalität ins Leben zu rufen", und "von jener Zeit trat wenigstens das Wort Skandinavia wieder ins Leben, das seit Jahrhunderten verschollen schien".

 

Auf diese Weise kam denn unser Nordfriese aus Söderjylland <Südjütland>, der selbst nicht wußte, ob er ein Deutscher oder ein Däne war, wenigstens zu einer <294> phantastischen Nationalität, deren erstes Resultat war, daß die Hambacher nichts mit ihm zu tun haben wollten.

Nach diesen Ereignissen war Harro ein gemachter Mann. Veteran der Freiheit von Griechenland und Polen her, Erfinder der "Demokratie der Nationalität", Wiederentdecker "des Wortes Skandinavia", durch Bundestagsverbot anerkannter Dichter, Denker und Journalist, Märtyrer und selbst vom Feinde geschätzter großer Mann, um dessen Besitz sich Konstitutionelle, Absolutisten und Republikaner rissen, dazu hohlköpfig und konfus genug, um an seine eigne Größe zu glauben - was fehlte noch zu seinem Glück? Aber mit seinem Ruhm stiegen auch die Forderungen, die Harro als strenger Mann an sich selbst stellte. Es fehlte an einem großen Werk, welches in unterhaltender und populärer Form die großen Lehren der Freiheit, die Idee der Demokratie, der Nationalität, die ganzen erhabenen Freiheitsbestrebungen des vor ihm aufdämmernden jungen Europas künstlerisch zusammenfaßte. Nur ein Dichter und Denker ersten Ranges konnte ein solches Werk liefern, und nur Harro konnte dieser Mann sein. So entstanden die ersten drei Stücke des "dramatischen Zyklus: 'Das Volk', in allem zwölf Stücke, wovon eins in dänischer Sprache", eine Arbeit, der der Verfasser zehn Jahre seines Lebens widmete. Leider sind von diesen zwölf Stücken elf "bis jetzt Manuskript".

Doch nicht lange dauerte der süße Verkehr mit den Musen.

 

"Im Winter 1832-1833 wurde eine Bewegung in Deutschland vorbereitet - die am tragischen Frankfurter Krawall abblitzte. Es war mir übertragen, in der Nacht vom 6. zum 7. April die Festung (?) Kehl zu nehmen. Männer und Waffen waren bereit."

 

Leider wurde aus der Geschichte nichts, und Harro mußte ins Innere von Frankreich, wo er seine "Worte eines Menschen" schrieb. Von dort riefen ihn die sich zum Savoyerzuge rüstenden Polen nach der Schweiz, wo er "Verbündeter ihres Etat-Majors" wurde, abermals zwei Stücke des dramatischen Zyklus "Das Volk" schrieb, Mazzini in Genf kennenlernte. Die ganze Schwefelbande von polnischen, französischen, deutschen, italienischen und schweizerischen Abenteurern unter dem Kommando des edlen Ramorino machte dann den bekannten Einfall nach Savoyen. In diesem Feldzuge fühlte unser Harro "den Wert seines Lebens und seiner Tatkraft". Da aber die übrigen Freiheitskämpfer "den Wert ihres Lebens" ebensogut fühlten wie Harro und sich über ihre "Tatkraft" auch wohl sehr wenig Illusionen machten, nahm die Sache ein schlimmes Ende, und man kam zerschlagen, zerrissen und zersprengt nach der Schweiz zurück.

Dieser Feldzug allein hatte noch gefehlt, um der emigrierten Ritterschar das volle Bewußtsein ihrer Fürchterlichkeit gegenüber den Tyrannen zu <295> geben. Solange die Nachwirkungen der Julirevolution noch in einzelnen Insurrektionen in Frankreich, Deutschland oder Italien ausbrachen, solange noch irgend jemand hinter ihnen stand, fühlten sich unsre emigrierten Helden nur als Atome in der bewegten Masse - zwar mehr oder weniger bevorzugte, leitende Atome, aber am Ende doch nur Atome. In dem Maße aber, als diese Insurrektionen an Kraft abnahmen, als die große Masse der "Memmen", der "Lauen", der "Kleingläubigen" sich von der Putschschwindelei zurückzog, als unsre Ritter sich einsam fühlten, in dem Maße stieg auch ihr Selbstgefühl. Wenn ganz Europa feig, dumm und selbstsüchtig wurde, wie mußten da jene Treuen in ihrer eignen Achtung steigen, die das heilige Feuer des Tyrannenhasses priesterlich in ihrer Brust nährten und die Traditionen einer großen Zeit der Tugend und Freiheitsliebe für ein kräftigeres Geschlecht aufbewahrten! Wurden auch sie untreu, so waren ja die Tyrannen auf ewig geborgen. So schöpften sie, ganz wie die Demokraten von 1848, aus jeder Niederlage neue Siegesgewißheit und verwandelten sich dabei mehr und mehr in fahrende Don Quijote mit zweideutigen Erwerbsquellen. Auf diesem Standpunkt angekommen, konnten sie ihre größte Großtat unternehmen, nämlich die Stiftung des "Jungen Europa", dessen Verbrüderungsakte, von Mazzini redigiert, am 15 April 1834 zu Bern unterzeichnet wurde. Harro trat ein als

 

"Initiator des Zentralkomitees, Adoptivmitglied des Jungen Deutschlands und des Jungen Italiens und zugleich als Vertreter der skandinavischen Branche", die er "noch heute vertritt".

 

Dieses Datum der Verbrüderungsakte bildet für unsern Harro die große Ära, von welcher rückwärts und vorwärts gerechnet wird wie bisher von Christi Geburt. Es bezeichnet den Kulminationspunkt seines Lebens. Er war Kodiktator von Europa in partibus, und obwohl der Welt unbekannt, doch einer der gefährlichsten Männer der Welt. Niemand stand hinter ihm als seine zahlreichen ungedruckten Werke, einige deutsche Handwerker in der Schweiz und ein Dutzend verbummelter politischer Industrieritter - aber gerade deswegen konnte er ja sagen, daß alle Völker mit ihm seien. Das ist gerade das Wesen aller großen Männer, daß die Gegenwart sie verkennt und daß die Zukunft ihnen eben deswegen gehört. Und diese Zukunft - unser Harro trug sie in der Verbrüderungsakte schwarz auf weiß in seinem Ranzen nach.

Jetzt aber begann Harros Verfall. Sein erster Kummer war, daß "das Junge Deutschland sich vom Jungen Europa 1836 trennte". Aber Deutschland ist dafür gezüchtigt worden. Infolge dieser Trennung nämlich "war im Frühjahr 1848 in Deutschland in bezug auf eine Nationalbewegung nichts vorbereitet", und daher nahm alles ein so klägliches Ende.

<296> Ein viel schwererer Schmerz aber erwuchs unserm Harro aus dem jetzt erstehenden Kommunismus. Hier erfahren wir, daß der Erfinder des Kommunismus niemand anders war, als

 

"der Zyniker Johannes Müller aus Berlin, Verfasser einer sehr interessanten Broschüre über Preußens Politik, Altenburg 1831", der nach England ging, wo ihm "nichts andres übrigblieb, als auf Smithfield Market in aller Früh des Morgens die Schweine zu hüten".

 

Der Kommunismus fing bald an, unter den deutschen Handwerkern in Frankreich und der Schweiz zu grassieren, und wurde für unsern Harro ein sehr gefährlicher Feind, da hiermit die einzige Absatzquelle für seine Schriften verstopft wurde. Dies ist "die indirekte Zensur der Kommunisten", unter der der arme Harro noch heute und jetzt gerade mehr als je zu leiden hat, wie er wehmütig eingesteht und "wie das Schicksal seines Dramas: 'Die Dynastie' beweisen möge".

Es gelang dieser indirekten Zensur der Kommunisten sogar, unsern Harro aus Europa zu vertreiben, und so ging er nach Rio de Janeiro (1840), wo er als Maler eine Zeitlang lebte. "Gewissenhaft überall seine Zeit verfolgend" ließ er hier ein Werk drucken:

 

"'Poesie eines Scandinaven' (2.000 Exempl.), die seitdem durch Verbreitung unter Seefahrern gleichsam die Lektüre des Ozeans geworden."

 

Aber "aus skrupulösem Pflichtgefühl gegen das Junge Europa" kehrt er leider bald nach Europa zurück,

 

"eilte zu Mazzini nach London und durchschaute gar bald die Gefahr, die die Völkersache Europas im Kommunismus bedrohe".

 

Neue Taten harrten seiner. Die Bandieras bereiteten ihre Expedition nach Italien vor. Um diese zu unterstützen und den Despotismus in eine Diversion zu verwickeln, ging Harro

 

"nach Südamerika zurück, mit Garibaldi in Verbindung die Idee der Zukunft der Völker zur Begründung der Vereinigten Staaten Südamerikas nach Kräften zu fördern".

 

Aber die Despoten hatten seine Sendung im voraus geahnt, und Harro machte sich aus dem Staube. Er segelte nach New York.

 

"Auf dem Ozean war ich geistig sehr tätig und schrieb unter anderem das Drama: 'Die Macht der Idee', zum Dramenzyklus: 'Das Volk' gehörend - ebenfalls bis jetzt Manuskript!"

 

Nach New York brachte er aus Südamerika ein Mandat einer dortigen angeblichen Verbindung der "Humanidad" <"Menschheit"> mit.

<297> Die Nachricht von der Februarrevolution begeisterte ihn zu einer französischen Schrift: "La France réveillée" <"Das erwachte Frankreich">, und während der Einschiffung nach Europa

 

"dokumentierte ich meine Vaterlandsliebe abermals in einigen Gedichten 'Skandinavia'".

 

Er kam nach Schleswig-Holstein. Hier fand er

 

"nach 27jähriger Abwesenheit eine beispiellose Verwirrung der Begriffe über Völkerrechte, Demokratie, Republik, Sozialismus und Kommunismus, die wie faules Heu und Stroh im Augiasstalle der Parteiwut und des Nationalhasses dalagen".

 

Kein Wunder, denn seine

 

"politischen Schriften wie sein ganzes Streben und Wirken seit 1831 waren in jenen Grenzprovinzen meiner Heimat fremd und unbekannt geblieben".

 

Die Augustenburger Partei hatte ihn seit achtzehn Jahren unter einer conspiration du silence <Verschwörung des Schweigens> erdrückt. Um diesem Übelstande abzuhelfen, hing er sich einen Säbel, eine Büchse, vier Pistolen und sechs Dolche um, forderte so zur Bildung eines Freikorps auf, aber vergeblich. Nach verschiedenen Abenteuern schlug er endlich in Hull ans Land. Hier beeilte er sich, zwei Sendschreiben an die Schleswig-Holsteiner und an die Skandinaven und die Deutschen zu erlassen und schickte, wie es heißt, an zwei Kommunisten in London eine Botschaft des Inhalts:

 

"Fünfzehntausend Arbeiter in Norwegen reichen euch durch mich die Bruderhand."

 

Trotz dieses sonderbaren Appells wurde er bald wieder, kraft der Verbrüderungsakte, stiller Associé des Europäischen Zentralkomitees und

 

"Nachtwächter und Lohnbedienter zu Gravesend an der Themse, wo ich für eine junge Maklerfirma in neun verschiedenen Sprachen Schiffskapitäne fangen sollte, bis man mir Betrug zumutete, was dem Philosophen Johannes Müller als Schweinehirt wenigstens nicht passierte".

 

Sein tatenreiches Leben faßt Harro in folgendem Resümee zusammen:

 

"Es ließe sich leicht berechnen, daß ich außer meinen Gedichten über 18.000 Exemplare meiner Schriften in deutscher Sprache (von 10 Sch[illing] bis 3 Mark H[am]b[urge]r Kur[ant] Verkaufspreis, mithin circa 25.000 Mark Bücherwert) der demokratischen Bewegung hingegeben, deren Druckkosten ich niemals ersetzt bekommen, geschweige einen Ertrag zu meiner Existenz davon bezogen habe."

 

<298> Hiermit beschließen wir die Abenteuer unsres demagogischen Hidalgo aus der söderjylländischen Mancha. In Griechenland wie in Brasilien, an der Weichsel wie am La Plata, in Schleswig-Holstein wie in New York, in London wie in der Schweiz: Vertreter bald des Jungen Europa, bald der südamerikanischen "Humanidad", bald Maler, bald Nachtwächter und Lohnbedienter, bald Hausierer mit eignen Schriften; heute unter Wasserpolacken, morgen unter Gauchos, übermorgen unter Schiffskapitänen; verkannt, verlassen, ignoriert, überall aber irrender Ritter der Freiheit, der eine gründliche Verachtung gegen den gemeinen bürgerlichen Erwerb hat - bleibt sich unser Held zu allen Zeiten, in allen Ländern und unter allen Umständen gleich an Konfusion, an zu prätentiöser Zudringlichkeit, an Glauben an sich selbst und wird aller Welt zum Trotz von sich sagen, schreiben und drucken, daß er seit 1831 das Haupttriebrad der Weltgeschichte war.

 

 

 

 

X

<299> Trotz seiner bisherigen unverhofften Erfolge war Arnold noch nicht am Ziel seiner Mühen angelangt. Vertreter Deutschlands von Mazzinis Gnaden, hatte er die Verpflichtung, einerseits sich in dieser Eigenschaft wenigstens von der deutschen Emigration bestätigen zu lassen, andrerseits dem Zentralkomitee Leute vorzuführen, die sich seiner Führung unterwarfen. Er behauptete zwar, in Deutschland stehe "ein klar umschriebener Volksteil hinter ihm", aber dieser Hinterteil konnte Mazzini und Ledru unmöglich Vertrauen einflößen, solange sie bloß den Rugeschen Vorderteil zu Gesicht bekamen. Genug, Arnold mußte sich nach einem "klar umschriebenen" Schwanz unter der Emigration umsehn.

In dieser Zeit kam Gottfried Kinkel nach London, und mit oder bald nach ihm eine Anzahl andrer Exilierten, teils aus Frankreich, teils aus der Schweiz und Belgien: Schurz, Strodtmann, Oppenheim, Schimmelpfennig, Techow pp. Diese neuen Ankömmlinge, die sich teilweise schon in der Schweiz in Bildung provisorischer Regierungen versucht hatten, brachten neues Leben in die Londoner Emigration, und der Moment schien für unsern Arnold günstiger als je. Gleichzeitig übernahm Heinzen wieder die "Schnellpost" in New York und so konnte Arnold jetzt außer in d. Blättchen von Bremen auch jenseits des Ozeans seine "wiederholte Erscheinung" vorführen. Sollte auch Arnold einmal seinen Strodtmann finden, so würde dieser die Monatsgänge der "Schnellpost" von Anfang 1851 f. unschätzbares Material erklären. Von dieser so unendlich faden Klatscherei, Albernheit u. Gemeinheit und von der ameisenfleißigen Wichtigkeit, womit Arnold sein Guano ablagert, muß man sich durch d. Augenschein überzeugen. Während Heinzen ihn als europäische Großmacht darstellt, behandelt Arnold seinen Heinzen als amerikanisches Zeitungsorakel. Er teilt ihm die Geheimnisse der europäischen Diplomatie, speziell die täglich neuesten Wendungen der Emigrations-Weltgeschichte mit. Arnold erscheint zuweilen als Londoner und Pariser anonymer <300> Korrespondent, um einige fashionable movements <weltmännische Schritte> des großen Arnold dem amerikanischen Publikum mitzuteilen.

 

"Arnold Ruge hat die Kommunisten wieder unter dem Messer." - "Arnold Ruge machte gestern (datiert von Paris, wo die Zeitrechnung den alten Schalksnarren verrät) "eine Ausflucht von Brighton nach London." Dann wieder: "Arnold Ruge an Karl Heinzen: Lieber Freund und Redakteur ... Mazzini läßt Dich grüßen ... Ledru-Rollin erlaubt Dir, seine Schrift über den 13. Juni zu übersetzen" u. dgl.

 

Ein Brief aus Amerika bemerkt hierüber:

 

"Wie ich aus Ruges Briefen (in der 'Schnellpost') merke, schreibt Heinzen dem Ruge (privatim) allerlei drollige Geschichten über die amerikanische Bedeutung seines Blatts, während Ruge sich ihm gegenüber als große europäische Regierung gebärdet. Sooft Ruge an Heinzen eine neue Wichtigkeit übermacht, unterläßt er nie beizufügen: Du kannst die andern Zeitungen der Union auffordern, dies abzudrucken. Als ob, wenn diese es der Mühe wert fänden, sie noch lange auf Rugesche Autorisation warteten. Beiläufig gesagt, ich habe noch nie diese Wichtigkeiten irgendwo abgedruckt gesehn, trotz Herrn Ruges Rat und Genehmigung."

 

Vater Ruge benutzte dies Blättchen sowie die "Bremer Tages-Chronik" gleichzeitig, um die neuen Ankömmlinge der Emigration durch Schmeicheleien zu fangen: Kinkel ist jetzt hier, der geniale Dichter und Patriot; Strodtmann, ein großer Schriftsteller; Schurz, ein junger Mann, ebenso liebenswürdig wie verwegen, außerdem noch mehrere ausgezeichnete Revolutionsfeldherrn usw.

Unterdessen hatte sich, im Gegensatz zum Mazzinischen, ein plebejisches europäisches Komitee gebildet, hinter dem die "niedere Flüchtlingsschaft" und die emigrierte Krapüle der verschiedensten europäischen Nationen stand. Es hatte zur Zeit der Schlacht von Bronzell ein Manifest erlassen, das von folgenden hervorragenden Deutschen mitunterzeichnet war: Gebert, Majer, Dietz, Schärttner, Schapper, Willich. Dies in sonderbarem Französisch abgefaßte Aktenstück teilt als Neuestes mit, daß die Heilige Allianz der Tyrannen in diesem Moment (10. Novbr. 1850) eine Million dreihundertunddreißigtausend Soldaten versammelt habe, hinter denen noch siebenhunderttausend bewaffnete Fürstenknechte als Reserve ständen, daß "die deutschen Blätter und die eignen Verbindungen des Komitees" ihm die geheimen Absichten der Warschauer Konferenzen mitgeteilt hätten, welche darin beständen, alle Republikaner Europas zu massakrieren, woran sich dann der unvermeidliche Ruf zu den Waffen schließt. Dies manifeste - Fanon - Caperon - <301> Gouté, wie die "Patrie" es nannte, der sie es eingeschickt, mußte von der kontrerevolutionären Presse bittern Spott leiden, Die "Patrie" nannte es

 

"das Manifest der dii minorum gentium <Götter niederen Geschlechts>, geschrieben ohne chic, ohne Stil, nur über die armseligsten Redeblumen verfügend von serpents und sicaires und égorgements <Gewürm und Meuchelmördern und Niedermetzelungen>".

 

Die "Indépendance Belge" erzählt, es sei von den soldats les plus obscurs de la démocratie <unbedeutendsten Soldaten der Demokratie> abgefaßt, und diese armen Teufel hätten es ihrem Korrespondenten in London zugeschickt, obgleich sie konservativ sei. So sehr sehnten sie sich danach, gedruckt zu werden; zur Strafe wolle sie die Namen der Unterzeichner nicht mitteilen. Trotz aller Bettelei bei der Reaktion gelang es den Edlen nicht, als Konspirateurs und als gefährlich anerkannt zu werden.

Dies neue Konkurrenz-Etablissement feuerte Arnold zu verdoppelter Tätigkeit an. Er versuchte also nun mit Struve, Kinkel, R. Schramm, Bucher usw. einen "Volksfreund" oder, wenn Gustav darauf bestehe, einen "Deutschen Zuschauer" zu begründen. Aber die Sache scheiterte. Teils sträubten sich die andern gegen das Protektorat Arnolds, teils verlangte der "gemütliche" Gottfried bare Zahlung, während doch Arnold der Ansicht Hansemanns war, daß in Geldsachen die Gemütlichkeit aufhört. Es handelte sich für Arnold noch speziell bei diesem Unternehmen darum, die Lesegesellschaft, einen Klub deutscher Uhrmacher, gutbezahlter Arbeiter und Kleinbürger, in Kontribution zu setzen, was indes auch verhindert wurde.

Doch bot sich bald eine neue Gelegenheit für Arnolds "wiederholte Erscheinung". Ledru und seine Anhänger unter der französischen Emigration konnten den 24. Februar (1851) nicht vorübergehn lassen, ohne ein "Verbrüderungsfest" der europäischen Nationen zu feiern, das übrigens nur von Franzosen und Deutschen besucht wurde. Mazzini kam nicht und entschuldigte sich durch einen Brief; Gottfried, der anwesend war, ging entrüstet nach Hause, weil seine sprachlose Erscheinung nicht den erwarteten magischen Effekt hatte; Arnold mußte es erleben, daß sein Freund Ledru tat, als kenne er ihn nicht, und wurde auf der Tribüne so verwirrt, daß er seine höheren Orts gebilligte französische Rede im Sack behielt, nur ein paar deutsche Worte stammelte und sich mit dem Ausruf: "À la restauration de la révolution!" <"Auf das Widererstehen der Revolution!"> unter allgemeinem Schütteln des Kopfes eiligst zurückzog.

Am selben Tage fand ein Gegenbankett statt unter der Fahne des oben erwähnten Konkurrenzkomitees. Aus Verdruß darüber, daß das Mazzini- <302> Ledrusche Komitee ihn nicht von vornherein zugezogen, schloß sich Louis Blanc dem Flüchtlingsmob mit der Erklärung an, "auch die Aristokratie des Talents müsse abgeschafft werden". Die ganze niedere Emigration war versammelt. Der ritterliche Willich präsidierte. Der Saal war mit Fahnen dekoriert, und an den Wänden prangten die Namen der größten Volksmänner: Waldeck zwischen Garibaldi und Kossuth, Jacoby zwischen Blanqui und Cabet, Robert Blum zwischen Barbès und Robespierre. Das kokette Zieräffchen Louis Blanc verlas winselnd eine Adresse seiner alten Ia-brüder, der künftigen Pairs der sozialen Republik, der délégués du Luxembourg von 1848. Willich verlas eine Adresse aus der Schweiz, deren Unterschriften zum Teil unter falschen Vorwänden zusammengeschwindelt waren und deren prahlerisch indiskrete Veröffentlichung später massenhafte Ausweisungen der Unterzeichneten zur Folge hatte. Aus Deutschland war keine Adresse da. Dann Reden. Trotz der unendlichen Brüderlichkeit lag der Schein der Langeweile auf allen Gesichtern.

Dies Bankett gab Anlaß zu einem höchst erbaulichen Skandal, der, wie alle Heldentaten des europäischen Zentral-Mobkomitees, in der kontrerevolutionären Presse sich abwickelte. Man hatte es nämlich schon sehr sonderbar gefunden, daß ein gewisser Barthélemy auf diesem Bankett in Gegenwart Louis Blancs eine pomphafte Lobrede auf Blanqui hielt. Jetzt klärte sich die Sache auf. Die "Patrie" brachte einen Toast, den Blanqui, dazu auf Verlangen, von Belle-Île dem Festredner eingesandt hatte. Hier griff er derb u. schlagend die gesamte provisorische Regierung von 1848 an, und speziell Herrn Louis Blanc. D. "Patrie" stellte sich verwundert, daß dieser Toast während des Banketts unterschlagen worden sei. Sofort erklärte Louis Blanc in der "Times", Blanqui sei ein abominabler Intrigant und habe nie dem Festkomitee einen solchen Toast zugeschickt. Das Festkomitee, bestehend aus den Herrn Blanc, Willich, Landolphe, Schapper, Barthélemy u. Vidil, erklärte zugleich in der "Patrie", niemals den Toast erhalten zu haben. Die "Patrie" jedoch ließ die Erklärung nicht abdrucken, bis sie sich bei Herrn Antoine, Blanquis Schwager, erkundigt, der ihr den Toast mitgeteilt hatte. Unter d. Erklärung des Festkomitees druckte sie Herrn Antoines Antwort: Er habe den Toast an den Mitunterzeichner der Erklärung, Barthélemy, geschickt und von ihm auch Empfangsanzeige erhalten. Hierauf sah sich Herr Barthélemy zur Erklärung gezwungen, es sei wahr, er habe gelogen; er habe den Toast wirklich erhalten, aber als unpassend zurückgelegt, ohne dem Komitee Anzeige davon zu machen. Aber schon vorher, hinter dem Rücken Barthélemys, hatte der ebenfalls mitunterzeichnete französische Exkapitän Vidil der "Patrie" geschrieben, sein militärisches Ehrgefühl und sein Wahr- <303> heitsinstinkt dringe ihm das Geständnis ab, daß er selbst, Louis Blanc, Willich und alle die andern in der ersten Komitee-Erklärung gelogen hätten. Das Komitee habe nicht aus sechs, es habe aus 13 Mitgliedern bestanden. Ihnen allen sei der Toast Blanquis vorgelegt, von ihnen allen diskutiert und nach langer Debatte von der Majorität von 7 gegen 6 unterdrückt worden. Er habe sich unter den sechs befunden, die für seine Verlesung gestimmt.

Man begreift den Jubel der "Patrie", als sie, nach dem Vidilschen Brief, die Erklärung des Herrn Barthélemy erhielt. Sie ließ ihn mit folgendem Vorwort abdrucken:

 

"Wir haben uns oft gefragt, und die Frage ist schwer zu beantworten, was bei den Demagogen größer sei, ihre Ruhmredigkeit oder ihre Dummheit. Ein vierter Brief von London vermehrt noch unsre Verlegenheit. Da sind ihrer, wir wissen nicht wie viele arme Teufel, in einem solchen Grade gemartert von der Wut, zu schreiben und ihre Namen in den reaktionären Blättern genannt zu sehn, daß sie selbst vor einer grenzenlosen Beschämung und Selbstherabsetzung nicht zurückschrecken. Was liegt ihnen am Gelächter und der Indignation des Publikums - das 'Journal des Débats', die 'Assemblée nationale', die 'Patrie' werden ihre Stilübungen abdrucken; um dies Glück zu erreichen, ist kein Preis der kosmopolitischen Demokratie zu hoch ... Im Namen der literarischen Kommiseration nehmen wir daher den folgenden Brief des 'Bürgers' Barthélemy auf - er ist ein neuer und wir hoffen der letzte Beweis für die Echtheit des nur zu berühmten Toastes Blanqui, die sie erst alle geleugnet und für deren Beteuerung sie sich jetzt untereinander in die Haare geraten."

 

 

 

 

XI

<304> "Die Kraft des wahren Verlaufs", um in einer der durchschlagend schönen Formen unsres Arnold zu sprechen, verlief sich nun wie folgt. Ruge hatte sich und die deutsche Emigration am 24. Februar vor d. Ausland kompromittiert. Die wenigen Emigranten, die noch allenfalls Lust hatten, mit ihm zusammenzugehn, fühlten sich so unsicher und ohne Rückhalt. Arnold schob alles auf die Spaltungen unter der Emigration und drang mehr als je auf Vereinigung. Kompromittiert, wie er war, haschte er lebhaft nach einem Anlaß, um sich v. neuem zu kompromittieren.

Der Jahrestag der Wiener Märzrevolution wurde daher zur Veranstaltung eines deutschen Banketts benutzt. Der ritterliche Willich lehnte ab; da er dem "Bürger" Louis Blanc gehöre, könne er nicht mit dem "Bürger" Ruge zusammengehn, der dem "Bürger" Ledru gehöre. Auch die Exdeputierten Reichenbach, Schramm, Bucher pp. flohen Arnolds Nähe. Es erschienen Mazzini, Ruge, Struve, Tausenau, Haug, Ronge, Kinkel, welche alle sprachen - die stummen Gäste ungerechnet.

Ruge trat auf als der "unendlich Dumme", wie selbst seine Freunde behaupten. Das anwesende deutsche Publikum sollte indes noch größeres erleben. Die Harlekinaden Tausenaus, die Krächzereien Struves, die Faseleien Haugs, die Litaneien Ronges versteinerten das Auditorium, so daß der größere Teil sich verlief, bevor die für d. Dessert aufgesparte Rednerblume Jeremias-Kinkel zu Worte kam. Gottfried sprach als Märtyrer "im Namen der Märtyrer" f. d. Märtyrer ein wehmütiges Wort der Versöhnung an alle "vom einfachen Verfassungskämpfer bis zum roten Republikaner". Während sie wieder alle als Republikaner und stellenweise, wie Kinkel, sogar als rote Republikaner ächzten, krochen sie zugleich in demütiger Bewunderung vor der englischen Verfassung, ein Widerspruch, worauf sie der "Morning Chronicle" am andern Morgen aufmerksam zu machen geruhte.

<305> Am selben Abend erreichte Ruge jedoch das Ziel seiner Wünsche, wie aus einem Aufruf erhellt, dessen Glanzstellen hier folgen

 

"An die Deutschen!

Brüder und Freunde im Vaterlande! Wir, die Unterzeichneten, bilden gegenwärtig und bis ihr ein Weiteres beschließt, den Ausschuß für die deutschen Angelegenheiten" (einerlei welche).

"Das Zentralkomitee der europäischen Demokratie hat uns Arnold Ruge, die badische Revolution Gustav Struve, die Wiener Revolution Ernst Haug, die religiöse Bewegung Johannes Ronge, das Gefängnis hat uns Gottfried Kinkel gesendet; wir haben die sozial-demokratischen Arbeiter aufgefordert, einen Vertreter in unsre Mitte zu senden.

Deutsche Brüder! Die Ereignisse haben euch der Freiheit beraubt ... wir wissen, daß ihr nicht fähig seid, eure Freiheit für immer verloren zu geben, und wir selbst haben nichts" (an Komitees u. Manifesten) "unterlassen" (teste <nach dem Zeugnis von> Arnold), "um ihre Wiedereroberung zu beschleunigen.

Als wir ... als wir der Mazzinischen Anleihe unsre Unterstützung und unsre Garantie gewährten, als wir ... als wir ... die heilige Allianz der Völker gegen die unheilige Allianz ihrer Unterdrücker einleiteten, taten wir nur, wir wissen es, was ihr von ganzer Seele getan zu sehn wünschtet ... Der große Prozeß der Freiheit gegen die Tyrannen ist vor dem Weltgericht der Menschheit anhängig" (solange Arnold Staatsanwalt ist, können die "Tyrannen" ruhig schlafen) "... Brand, Mord, Verwüstung, Hunger und Bankerott werden in kurzem eine allgemeine deutsche Errungenschaft sein.

Von euch seht nach Frankreich - der Ingrimm durchglüht es, es ist einiger als je, sich zu befreien" (wer Teufel konnte auch den 2. Dezember vorhersehn!) -"seht nach Ungarn, selbst die Kroaten sind bekehrt" (durch den "Deutschen Zuschauer" und Ruges Röcke aus Sägespänen) - "und glaubt uns, denn wir wissen es, Polen ist unsterblich." (Dies hat ihnen Herr Darasz unter dem Siegel der Verschwiegenheit vertraut.)

"Die Gewalt gegen die Gewalt, das ist die Justiz - sie bereitet sich vor. Und wir wollen nichts unterlassen, um ein wirksameres Provisorium" (aha!) "als das Vorparlament und eine mächtigere Volksgewalt als die Nationalversammlung herbeizuführen" (siehe unten, was die Herren herbeigeführt haben, indem sie einander an der Nase zu führen gedachten).

"Unsre Entwürfe über die Finanzen und die Presse" (Dekret Nr. 1 und 2 des starken Provisoriums - der Verwalter des Zolles, Christian Müller, ist mit der Vollziehung dieses Beschlusses beauftragt) "werden wir euch besonders vorlegen. Sie haben ein mehr geschäftliches Interesse. Nur soviel für die Öffentlichkeit, daß jeder Ankauf der italienischen Anleihe unmittelbar unserm Ausschusse und unsrer Sache zugute kommt und daß ihr für den Augenblick vorzüglich durch den reichlichen Zufluß der Geldmittel praktisch wirken könnt. Das Geld werden wir dann in öffentliche <306> Meinung und in öffentliche Gewalt zu übersetzen wissen" (Arnold meldet sich als Übersetzer) "... wir sagen zu euch: Zeichnet zehn Millionen Franken, und wir befreien den Kontinent!

Deutsche, erinnert euch daran ... "(daß ihr den Bariton singt und Feuer auf den Bergen anzündet) "... leiht euren Gedanken" (danach ist augenblicklich sehr viel Nachfrage, beinahe soviel wie nach Geld), "eure Börse" (d. vergeßt ja nicht) "und euren Arm! Wir erwarten, daß sich euer Eifer mit eurer Unterdrückung steigert und daß der Ausschuß für die Stunde der Entscheidung durch eure gegenwärtige Mitwirkung hinlänglich gestärkt wird." (Wo nicht, müßte man zu Spirituosen greifen, was gegen Gustavs Gewissen wäre.)

"Alle Demokraten sind mit der Bekanntmachung unsres Aufrufs beauftragt" (der Verwalter des Zolles, Christian Müller, wird das übrige tun).

"London, 13. März 1851

Der Ausschuß für die deutschen Angelegenheiten
Arnold Ruge, Gustav Struve, Ernst Haug,
Johannes Ronge, Gottfried Kinkel
"

 

Unsre Leser kennen Gottfried, sie kennen Gustav; die "wiederholte Erscheinung" Arnolds hat sich ebenfalls schon hinreichend oft wiederholt. Es bleiben also nur noch zwei Mitglieder des "wirksamen Provisoriums" zu betrachten.

Johannes Ronge, oder wie er sich im vertrauten Zirkel zu nennen liebt, Johannes Kurzweg, hat jedenfalls die Apokalypse nicht geschrieben. An ihm ist nichts Mysteriöses, er ist platt, gemeinplätzlich, fad wie Wasser, namentlich wie lauwarmes Spülwasser. Johannes wurde bekanntlich ein berühmter Mann, weil er nicht wollte, daß der heilige Rock in Trier für ihn bitte, obwohl es wahrlich ganz einerlei ist, wer für Johannes bittet. Als Johannes auftrat, bedauerte der alte Paulus, daß Hegel tot sei, da dieser ihn jetzt doch gewiß nicht mehr für seicht erklären könne, und der selige Krug war froh, gestorben und damit der Gefahr überhoben zu sein, in den Ruf des Tiefsinns zu kommen. Johannes gehört zu jenen in der Geschichte häufig vorkommenden Erscheinungen, die mehrere Jahrhunderte, nachdem eine Bewegung entstanden und wieder abgestorben ist, den Inhalt dieser Bewegung in der blassesten, mattesten Weise einer gewissen Abart des Philisteriums sowie Kindern von acht Jahren als das Neueste vortragen. Ein solches Handwerk hält sich natürlich nicht lange, und so fand sich unser Johannes auch sehr bald in Deutschland in einer täglich unangenehmer werdenden Lage. Sein seichter Abspülicht des deutschen Aufkläricht kam außer Begehr, und Johannes pilgerte nach England, wo wir ihn als Konkurrenten des Padre Gavazzi nicht mit besonderm Glück auftreten sehn. Der unbehülfliche, fahle, <307> langweilige Dorfpfarrer erblich natürlich vor dem hitzigen, kulissenreißenden italienischen Mönch, und die Engländer wetteten große Summen, daß dieser ennuyante Johannes nicht der Mann sein könne, der die tiefdenkende deutsche Nation in Bewegung gesetzt hatte. Dafür aber tröstete ihn Arnold Ruge, der in dem Deutschkathohzismus unsres Johannes eine frappante Familienähnlichkeit mit seinem eignen Atheismus entdeckte.

Ludwig von Hauck, ehemaliger kaiserlich-östreichischer Ingenieurhauptmann, später 1848 Mitredakteur der "Constitution" in Wien, dann Bataillonschef der Wiener Nationalgarde, verteidigte das Burgtor am 30. Oktober mit Löwenmut gegen die Kaiserlichen und verließ den Posten erst, nachdem alles verloren war. Er rettete sich nach Ungarn, kam zur Armee Bems in Siebenbürgen, wo er infolge seiner Bravour bis zum Obersten im Generalstab avancierte. Nach der Waffenstreckung Görgeys zu Vilagos wurde Ludwig Hauck gefangen und starb wie ein Held an einem d. Galgen, die d. Östreicher als Rache f. ihre wiederholten Niederlagen und aus Wut über die ihnen unerträglich gewordene russische Protektion so zahlreich in Ungarn aufschlugen. Haug passierte in London lange für den gefangenen Hauck (Offizier, der sich rühmlich ausgezeichnet hat im ungarischen Feldzug). Soviel scheint jetzt festzustehn, daß er nicht der verstorbene Hauck ist. Wie er sich gefallen lassen mußte, nach dem Falle Roms von Mazzini zum General, konnte er es nicht vermeiden, von Arnold zum Repräsentanten der Wiener Revolution und Mitglied des starken Provisoriums improvisiert zu werden. Später hielt er ästhetische Vorlesungen über die ökonomische Grundlage der weltgeschichtlichen Kosmogonie vom geologischen Standpunkt und mit musikalischer Begleitung. Unter der Emigration ist dieser schwermütige Mensch bekannt unter dem sobriquet <Spitznamen>: das arme Tier, oder wie die Franzosen sagen: la honne bête <der gutmütige Blödian>.

Arnold sah seine Wünsche übertroffen. Ein Manifest, ein starkes Provisorium, eine Anleihe von zehn Millionen Franken und dazu noch ein Wochenblatt-Homunkulus unter dem bescheidenen Titel: Das "Kosmos", redigiert von General Haug.

Das Manifest ging spurlos und ungelesen vorüber. Das "Kosmos" starb bei der dritten Nummer an der Auszehrung, das Geld kam nicht ein, das starke Provisorium löste sich in seine Bestandteile wieder auf.

Das "Kosmos" enthielt zunächst Reklamen für Kinkels Vorlesungen, für d. wackeren Willichs schleswig-holsteinische Flüchtlings- Geldsammlungen und für Göhringers Bierstube. Es enthielt ferner u.a. eine Pasquinade von <308> Arnold. Der alte Schalksnarr simuliert sich einen gewissen Gastfreund Müller in Deutschland, als dessen Schulze er sich hinstellt. Müller wundert sich über alles, was er von englischer Gastfreundschaft in den Zeitungen liest, und fürchtet, dieser "Sybaritismus" möge Schulze an seinen "Staatsgeschäften" verhindern - doch sei ihm dies zu gönnen, da Schulze bei seiner Rückkehr nach Deutschland vor lauter Staatsgeschäften dem Genuß der Müllerschen Gastfreundschaft werde entsagen müssen. Schließlich ruft Müller aus:

 

"Nicht der Verräter Radowitz, sondern Mazzini, Ledru-Rollin, Bürger Willich, Kinkel und Sie selbst" (Arnold Ruge) "waren wohl in Windsor <im königlichen Schloß> eingeladen?"

 

Wenn nun das "Kosmos" danach bei der dritten Nummer entschlief, lag dies gewiß nicht am Vertrieb, denn in allen beliebigen englischen Meetings wird es den Rednern zugesteckt mit der Bitte, es zu empfehlen, da es ganz speziell ihre Prinzipien vertrete.

Kaum war die Aufforderung zu der Anleihe von zehn Millionen erschienen, als plötzlich das Gerücht lief, in der City zirkuliere eine Liste zu Geldbeiträgen für Spedierung Struves (nebst Amalien) nach Amerika.

 

"Als das Komitee beschloß, eine teutsche Wochenschrift erscheinen zu lassen und Haug die Redaktion zu geben, protestierte Struve, der selbst die Redaktion haben und das Blatt: 'Deutscher Zuschauer' nennen wollte, und beschloß darauf, nach Amerika zu gehn."

 

So berichtet die N.Y. "Deutsche Schnellpost". Sie verschweigt, und Heinzen hatte seine Gründe, daß Mazzini unsern Gustav als Mitarbeiter an der herzoglich-braunschweigischen "Deutschen Londoner Ztg." von der Liste des deutschen Komitees ganz strich. Gustav akklimatisierte sofort seinen "Deutschen Zuschauer" in New York. Aber bald darauf kam die Depesche über den Ozean: "Gustavs 'Zuschauer' ist tot." Wie er sagt, nicht aus Mangel an zeichnenden Abonnenten, auch nicht, weil er keine Muße zum Schreiben hat, sondern einzig aus Mangel an zahlenden Abonnenten; es sei aber jetzt die demokratische Bearbeitung von Rottecks "Weltgeschichte" ein nicht länger aufzuschiebendes Bedürfnis, und da er sie schon vor 15 Jahren begonnen, so wolle er den Abonnenten die entsprechende Bogenzahl statt in "Deutschen Zuschauern" in "Weltgeschichte" liefern; er müsse aber Pränumeration verlangen, was man ihm unter diesen Umständen nicht verübeln könne. Solange sich Gustav diesseits des Ozeans befunden, stellte ihn Heinzen nebst Ruge als größten Mann Europas hin. Kaum war er herüber, als zwischen beiden ein gewaltiger Spektakel entstand.

<309> Gustav schreibt:

 

"Als Heinzen in Karlsruhe am 6. Juni sah, daß Kanonen aufgefahren wurden, floh er in weiblicher Begleitung nach Straßburg."

 

Heinzen erklärt Gustav für einen "Wahrsager".

Das "Kosmos" ging grade unter, als Arnold es mit Emphase in dem Blatt des starkgläubigen Heinzen ausposaunte, und das starke Provisorium löste sich auf zur selben Zeit, wo Rodomonte-Heinzen in seinem Journal ihm "militärischen Gehorsam" ankündigte. Man kennt Heinzens Vorliebe für das Militärfach in Friedenszeiten.

 

"Kurz nach Struves Abreise trat auch Kinkel aus dem Komitee, das damit ohne Wirksamkeit blieb. (N.Y. "D[eutsche] Schnellpost", Nr. 23.)

 

So war das starke Provisorium reduziert auf d. Herren Ruge, Ronge und Haug. Selbst Arnold sah ein, daß mit dieser Dreieinigkeit nicht nur keine Welt <Wortspiel mit "Kosmos">, sondern überhaupt nichts zu schaffen war; indes blieb sie bei allen Permutationen, Variationen und Kombinationen der Kern seiner späteren Komiteebildungen. Der Unermüdliche gab sein Spiel noch keineswegs verloren; es handelte sich für ihn ja nur darum, daß überhaupt etwas getan und getrieben werde, was ihm den Schein der Geschäftigkeit, tiefer politischer Kombinationen und vor allem Stoff zu wichtigtuendem Hin- und Herreden, zu wiederholter Erscheinung und zu selbstgefälligem Klatsch gäbe.

Was nun Gottfried betrifft, so erlaubten ihm einmal seine dramatischen Vorlesungen für respektable city-merchants <Citykaufleuten> durchaus nicht, sich zu kompromittieren. Andrerseits lag es zu sehr auf der Hand, daß das Manifest vom 13. März keinen andern Zweck hatte, als der usurpierten Stellung des Herrn Arnold im Europäischen Zentralkomitee einen Hinterhalt zu geben. Selbst Gottfried mußte dies nachträglich entdecken; eine solche Anerkennung lag aber durchaus nicht in seinem Interesse. So kam es, daß kurz nach der Veröffentlichung des Manifestes die "Kölnische Zeitung" eine Erklärung der Dama acerba <gestrengen Dame> Mockel brachte: Ihr Mann habe den Aufruf nicht unterschrieben, denke überhaupt nicht an öffentliche Anleihen und sei aus dem eben gebildeten Komitee wieder ausgetreten. Arnold klatschte hierauf in der N. Y. "Schnellpost", Kinkel habe zwar, durch Krankheit verhindert, das Manifest nicht gezeichnet, aber er habe es gebilligt, der Plan dazu sei auf seinem Zimmer abgefaßt, er selbst habe die Beförderung einer Anzahl Exemplare nach Deutschland übernommen und sei aus dem Komitee ausgetreten, weil es den General Haug und nicht ihn zu seinem Präsidenten ernannt habe. Arnold begleitete diese Erklärung mit ärgerlichen Ausfällen <310> über die Eitelkeit Kinkels, "des absoluten Märtyrers", des "demokratischen Beckerath" und mit Verdächtigungen gegen Frau Johanna Kinkel, der so verpönte Blätter wie die "Köln. Ztg." zu Gebot ständen.

Indes war Arnolds Samenkorn auf keinen steinigen Boden gefallen. Die "schöne Seele" Gottfrieds beschloß, die Rivalen zu übertölpeln und allein den Revolutionsschatz zu heben. Johanna hatte kaum d. lächerliche Unternehmen in der "Köln. Ztg." desavouiert, als unser Gottfried in den transatlantischen Blättern auf eigne Faust zu einer Anleihe aufforderte mit dem Bemerken, man solle das Geld dem Manne schicken, "der das meiste Vertrauen besitze". Wer anders konnte dieser Mann sein als Gottfried Kinkel? Vorläufig verlangte er eine Abschlagszahlung von 500 Pfd. Sterling für die Fabrikation des revolutionären Papiergeldes. Ruge, nicht faul, läßt durch die "Schnellpost" erklären, er sei Kassierer des demokratischen Zentralkomitees, bei ihm seien Mazzinische Scheine fertig zu kaufen. Wer also 500 Pfd.St. verlieren wolle, tue jedenfalls besser, die fertigen Scheine zu nehmen, als in noch gar nicht existierenden zu spekulieren. Und Rodomonte-Heinzen brüllte, wenn Herr Kinkel nicht von seinen Manövern abstehe, werde man ihn offen als "Feind der Revolution" behandeln. Gottfried ließ Gegenartikel in die "N.-Y. Staatsztg.", die direkte Antagonistin der "Schnellpost", schreiben. So wurde jenseits des atlantischen Ozeans der Krieg schon in allen Formen geführt, als man diesseits noch Judasküsse wechselte.

Gottfried hatte indessen, wie er bald merkte, die demokratischen Biedermänner einigermaßen schockiert, indem er ohne Umstände auf seinen eignen Namen eine Nationalanleihe oktroyierte. Um den Fehltritt gutzumachen, ließ er nun erklären,

 

"dieser Aufruf zur Geldbeisteuer, zur Einleitung eines deutschen Nationalanlehens sei durchaus nicht von ihm ausgegangen und wahrscheinlich von allzu dienstfertigen Freunden in Amerika sein Name dazu gebraucht worden."

Diese Erklärung rief folgende Antwort des Dr. Wiß in der N. Y. "Schnellpost" hervor:

"Jener Aufruf zur Agitation für eine deutsche Anleihe ist mir, wie allgemein bekannt, von Gottfried Kinkel mit der dringenden Bitte übersandt worden, ihn in allen deutschen Zeitungen zu verbreiten, und ich bin bereit, diesen Brief jedem, der daran zweifelt, zur Ansicht vorzulegen. Ist jene Äußerung von Kinkel wirklich geschehen, so ist es eine Ehrensache für ihn, sie öffentlich zu widerrufen und meine Korrespondenz mit ihm mitzuteilen, um der Partei zu zeigen, wie unabhängig und gewiß nicht 'allzu dienstfertig' ich ihm gegenüber gehandelt. Im entgegengesetzten Fall ist es Kinkels Pflicht, den geehrten Referenten jener Äußerung als bösen Verleumder oder, sollte ein <311> Mißverständnis obgewaltet haben, als leichtsinnigen, gewissenlosen Schwätzer öffentlich zu bezeichnen. Ich für mein Teil kann an so bodenlose Perfidie Kinkels nicht glauben. Dr. G. Wiß." (Wochenblatt der N. Y. "D[eutschen] Schnellpost".)

 

Was sollte Gottfried tun? Er schob abermals die aspra donzella <rauhe Jungfer> vor, er erklärte Mockel für den "leichtsinnigen, gewissenlosen Schwätzer", er behauptete, seine Gattin habe hinter seinem Rücken die Anleihe betrieben. Diese Taktik war unstreitig sehr "ästhetisch".

So sehr war unser Gottfried schwankend wie ein Rohr, bald vortretend, bald sich zurückziehend, bald sich auf ein Unternehmen einlassend, bald es desavouierend, je nachdem er glaubte, daß eben der Volkswind bläst. Während er in London als Märtyrer der Revolution sich offiziell von der ästhetischen Bourgeoisie fetieren und feiern ließ, trieb er schon damals hinter dem Rücken derselben verbotnen Umgang mit dem durch Willich repräsentierten Mob der Emigration. Während er in Verhältnissen lebte, die im Vergleich mit seiner bescheidnen Lage in Bonn glänzend zu nennen waren, schrieb er gleichzeitig nach Saint Louis, er lebe und wohne, wie es "dem Vertreter der Armut" gezieme. So erfüllte er die vorgeschriebne Etikette gegen die Bourgeoisie und machte zugleich die gebührende Reverenz vor dem Proletariat. Indes, als ein Mann, bei dem die Einbildungskraft den Verstand weit überwiegt, konnte er nicht umhin, in die Unarten und Anmaßungen des Parvenüs zu verfallen, was ihm manchen gespreizten Biedermann der Emigration abwendig gemacht hat. Ganz charakteristisch für ihn war sein Aufsatz im "Kosmos" über die Industrieausstellung. Nichts bewunderte er mehr als den Monstrespiegel, der im Kristallpalast ausgestellt war. Die objektive Welt löst sich ihm in einen Spiegel auf, die subjektive in eine Phrase. Unter dem Vorwand, die schöne Seite von allen Dingen aufzufassen, tut er mit allen Dingen schön, und dies Schöntun nennt er Poesie, Aufopferung, Religion, wie es grade paßt. Im Grunde dient ihm alles dazu, mit sich selbst schön zu tun. Er kann dabei nicht vermeiden, in der Praxis die häßliche Seite hervorzukehren, indem die Einbildung direkt in Lüge und die Überschwenglichkeit in Gemeinheit umschlägt. Übrigens war unserm Gottfried vorherzusagen, daß er bald die Löwenhaut lassen werde, sobald er erst in die Hände solcher alterfahrnen Harlekins geraten war wie Gustav und Arnold.

 

 

 

 

XII

<312> Die Industrieausstellung machte Epoche für die Emigration. Der große Strom deutscher Philister, die während des Sommers London überschwemmten, fühlte sich unheimlich in dem großen schwirrenden Kristallpalast und in dem noch viel größeren, rasselnden, lärmenden, schreienden London, und wenn des Tages Last und Arbeit, das pflichtgemäße Besichtigen der Ausstellung und der andern Merkwürdigkeiten im Schweiß des Angesichts vollbracht war, dann erholte sich der deutsche Philister beim Hanauer Wirt Schärttner oder beim Sternenwirt Göhringer, wo alles biergemütlich und tobaksqualmig und wirtshauspolitisch war. Hier "hatte man das ganze Vaterland beisammen", und zudem waren hier gratis die größten Männer Deutschlands zu sehen. Da saßen sie, die Parlamentsmitglieder, die Kammerabgeordneten, die Feldherren, die Klubredner der schönen Zeit von 1848 und 1849, rauchten ihre Pfeife wie ein anderer Mensch auch und verhandelten coram publico <in aller Öffentlichkeit> Tag für Tag mit unerschütterlicher Würde die höchsten Interessen des Vaterlandes. Das war der Ort, wo der deutsche Bürger, kam es ihm nur auf einige Flaschen äußerst billigen Weins nicht an, aufs Haar erfahren konnte, was in den geheimsten Beratungen der europäischen Kabinette vorging. Hier konnte man ihm auf die Minute sagen, wann es "losgehen" werde. Und dabei ging dann eine Flasche nach der andern los, und alle Parteien gingen zwar schwankend, aber mit dem stärkenden Bewußtsein nach Hause, zur Rettung des Vaterlandes das ihrige beigetragen zu haben. Nie hat die Emigration mehr und wohlfeiler gezecht als während dieser massenhaften Anwesenheit eines zahlungsfähigen Philisteriums.

Die wahre Organisation der Emigration war eben diese ihre durch die Ausstellung zu höchster Blüte entwickelte Kneiporganisation unter der Ägide von Silenus-Schärttner in Long Acre <Straße in London>. Hier saß das wahre Zentralkomitee <313> in Permanenz. Alle andern Komitees, Organisationen, Parteibildungen waren pure Flause, patriotische Arabeske dieser urdeutsch-bärenhäuterischen Stammgastwirtschaft.

Außerdem verstärkte sich die Emigration damals noch durch die Ankunft der Herren Meyen, Faucher, Sigel, Goegg, Fickler usw.

Meyen, dieser kleine Igel, der aus Versehen ohne Stacheln auf die Welt gekommen, ist schon früher einmal von Goethe unter dem Namen Poinsinet folgendermaßen geschildert worden:

 

"Es gibt in der Literatur, wie in der Gesellschaft, solche kleine. wunderliche, purzliche Figuren, die mit einem gewissen Talentchen begabt, sehr zu- und vordringlich sind und, indem sie leicht von jedem übersehen werden, Gelegenheit zu allerlei Unterhaltung gewähren. Indessen gewinnen diese Personen doch immer genug dabei. Sie leben, wirken, werden genannt, und es fehlt ihnen nicht an guter Aufnahme. Was ihnen mißglückt, bringt sie nicht aus der Fassung, sie sehen es als einen einzelnen Fall an und hoffen von der Zukunft die besten Erfolge. Eine solche Figur ist Poinsinet in der französischen literarischen Welt. Bis zum Unglaublichen geht, was man mit ihm vorgenommen, wozu man ihn verleitet, wie man ihn mystifiziert, und selbst sein trauriger Tod, indem er in Spanien ertrank, nimmt nichts von dem lächerlichen Eindruck, den sein Leben machte, hinweg, so wie der Frosch des Feuerwerkers dadurch nicht zu einer Würde gelangt. daß er, nachdem er lange genug geplatzert hat, mit einem stärkeren Knalle endet." <Goethe, "Anmerkungen über Personen und Gegenstände, deren in dem Dialog 'Rameaus Neffen' erwähnt wird.>

 

Von gleichzeitigen Schriftstellern wird dagegen folgendes von ihm gemeldet: Eduard Meyen gehörte zu den "Entschiedenen", welche der massenhaften Dummheit des übrigen Deutschlands gegenüber die Berliner Intelligenz vertraten. Er hatte mit seinen Freunden Mügge, Klein, Zabel, Buhl u.a. in Berlin auch einen Meyenkäferverein. Jeder dieser Meyenkäfer saß auf seinem besondern Blättchen, Eduard Meyen auf dem "Mannheimer Abendblättchen", auf dem er unter großen Anstrengungen allwöchentlich einmal ein grünes Korrespondenzwürstchen ablagerte. Meyenkäfer brachte es wirklich dahin, daß er 1845 eine Monatsschrift herausgeben sollte; es liefen von verschiednen Seiten Arbeiten ein, der Verleger wartete, aber das ganze Unternehmen scheiterte daran, daß Eduard nach achtmonatlichem Angstschweiß erklärte, er könne den Prospektus nicht fertigbringen. Da unser Eduard alle Kindereien, die er treibt, ernsthaft nimmt, galt er nach der Märzrevolution in Berlin für einen Mann, der es mit der Bewegung ernst nehme. In London arbeitete er nebst Faucher unter der Redaktion und Zensur einer alten Frau, die vor zwanzig Jahren einmal etwas Deutsch verstanden hatte, an der deutschen Ausgabe der "Illustrated London News", wurde aber als unbrauchbar beseitigt, da er mit großer Zähigkeit versuchte, <314> seine schon vor zehn Jahren in Berlin gedruckten tiefsinnigen Artikel über Skulptur auszustellen. Als ihn aber später die Kinkelsche Emigration zu ihrem Sekretär ernannte, sah er ein, daß er ein praktischer homme d'état <Staatsmann> und verkündigte in einem lithographierten Zirkular, daß er zur "Ruhe eines Standpunkts" gekommen sei. Nach seinem Tode wird man eine Masse Titel zu projektierten Arbeiten bei Meyenkäfers Nachlaß finden.

An Meyen schließt sich notwendig sein Mitredakteur und Mitsekretär Oppenheim. Von Oppenheim wird behauptet, daß er kein Mensch, sondern eine allegorische Figur sei: Die Göttin der Langeweile soll nämlich in Frankfurt a.M. in der Gestalt des Sohnes eines jüdischen Juwelenhändlers niedergekommen sein. Als Voltaire schrieb: "Tous les genres sont bons, excepté le genre ennuyeux" <"Jedes Genre ist gut, außer dem langweiligen" (Voltaire, Vorwort zu "L'Enfant prodigue")>, ahnte er unsern Heinrich Bernhard Oppenheim. Wir ziehen in Oppenheim den Schriftsteller dem Sprecher vor. Vor seinen Schriften kann man sich retten, aber vor seinem mündlichen Vortrag - c'est impossible <das ist unmöglich>. Die pythagoreische Seelenwanderung mag ihre Richtigkeit haben, aber der Name, den Heinrich Bernhard Oppenheim in früheren Jahrhunderten trug, ist nicht wiederzuentdecken, da sich in keinem Jahrhundert ein Mensch durch schwatzhafte Unerträglichkeit einen Namen gemacht hat. Sein Leben faßt sich in drei Glanzpunkten zusammen: Redakteur von Arnold Ruge - Redakteur von Brentano - Redakteur von Kinkel.

Der Dritte im Bunde ist Herr Julius Faucher. Er gehört zu jenen Hugenotten der Berliner Kolonie, die ihr kleines Talent mit großem industriellen Geschick zu exploitieren wissen. Er trat zuerst in die Öffentlichkeit als Fähnrich Pistol der Freihandelspartei, in welcher Eigenschaft er von den Hamburger Kaufleuten für die Propaganda engagiert wurde. Sie erlaubten ihm, während der revolutionären Aufregung die Handelsfreiheit unter der wildaussehenden Form der Anarchie zu predigen. Als dies nicht mehr zeitgemäß, wurde er entlassen und übernahm mit Meyen die Redaktion der Berliner "Abendpost". Unter dem Vorwand, der Staat überhaupt müsse abgeschafft und die Anarchie eingeführt werden, entzog er sich hier der gefährlichen Opposition gegen die bestehende Regierung, und als das Blättchen später an der Kaution zugrunde ging, bedauerte die "Neue Preußische Zeitung" das Schicksal Fauchers, des einzig würdigen Schriftstellers unter den Demokraten. Dies gemütliche Verhältnis mit der "Neuen Preußischen Zeitung" wurde bald so intim, daß unser Faucher in London anfing, Korrespondenzen für dies Blättchen zu schreiben. Die Tätigkeit Fauchers in der <315> Emigrationspolitik war nicht von Dauer; sein Freihandel verwies ihn auf die Industrie als seinen Beruf, zu dem er emsigst zurückkehrte und worin er eine bisher unerreichte Leistung prästierte: einen Preiskurant, der seine Artikel nach einer vollständig gleitenden Skala taxiert. Die Indiskretion der "Breslauer Ztg." hat dies Aktenstück bekanntlich auch dem größern Publikum mitgeteilt.

Diesem Dreigestirn der Berliner Intelligenz tritt nun gegenüber das Dreigestirn süddeutscher Kerngesinnung: Sigel, Fickler, Goegg.

Franz Sigel, dieser "kleine, bartlose, in seinem ganzen Wesen an Napoleon erinnernde Mann", wie ihn sein Freund Goegg nennt, ist nach Aussage desselben Goegg "ein Held", "ein Mann der Zukunft", "vor allem genial, produktiv an Geist, rastlos mit neuen Plänen beschäftigt".

Unter uns gesagt, ist General Sigel ein junger badischer Leutnant von Gesinnung und Ambition. Aus den Feldzügen der französischen Revolution las er heraus, daß der Sprung vom Unterleutnant zum Obergeneral pures Kinderspiel ist, und von diesem Augenblick stand es fest für den kleinen bartlosen Mann, Franz Sigel müsse einmal Obergeneral irgendeiner Revolutionsarmee werden. Eine auf Namensverwechslung beruhende Popularität bei der Armee <Siehe S. 322> und die badische Insurrektion von 1849 erfüllten seinen Wunsch. Die Schlachten, die er am Neckar geschlagen und im Schwarzwald nicht geschlagen hat, sind bekannt; sein Rückzug in die Schweiz wird selbst von seinen Feinden als ein zeitgemäßes und richtiges Manöver gerühmt. Seine militärischen Pläne beweisen hier sein Studium der Revolutionskriege. Um der revolutionären Tradition getreu zu bleiben, zog Held Sigel, unbekümmert um den Feind, um Operations- und Rückzugslinien und andre derartige Kleinigkeiten, aus einer Moreauschen Stellung gewissenhaft in die andre, und wenn es ihm trotzdem nicht gelang, die Moreauschen Feldzüge in allen ihren Details zu parodieren, wenn er statt bei Paradies bei Eglichau über den Rhein ging, so ist dies der Beschränktheit des Feindes zuzuschreiben, der ein so gelehrtes Manöver nicht zu würdigen verstand. In seinen Tagesbefehlen und Instruktionen tritt Sigel als Prediger auf und entwickelt zwar weniger Stil, aber mehr Gesinnung als Napoleon. Er hat sich später mit der Ausarbeitung eines Handbuchs für Revolutionsoffiziere aller Waffen beschäftigt, woraus wir folgende wichtige Mitteilung zu machen in den Stand gesetzt sind:

 

"Ein Revolutionsoffizier muß reglementsmäßig bei sich führen: 1 Kopfbedeckung nebst Mütze, 1 Säbel mit Kuppel, 1 schwarzrotgelbe Schärpe von Kamelhaar, 2 Paar <316> schwarzlederne Handschuhe, 2 Waffenröcke, 1 Mantel, 1 Tuchbeinkleid, l Halsbinde, 2 Paar Stiefel oder Schuhe, 1 schwarzlederne Reisetasche - 12 Zoll breit, 10 Zoll hoch, 4 Zoll dick -, 6 Hemden, 3 Unterhosen, 8 Paar Strümpfe, 6 Nastücher, 2 Handtücher, 1 Wasch- und Rasierzeug, 1 Schreibzeug, 1 Schreibtafel mit Patent, 1 Kleiderbürste, 1 Felddienstreglement."

 

Joseph Fickler -

 

"das Vorbild eines biedern, entschiedenen, unerschütterlich ausharrenden Volksmannes, der das ganze badische Oberland und den Seekreis wie einen Mann zu seiner Unterstützung und durch seine langjährigen Kämpfe und Leiden eine Brentano nahekommende Popularität hatte" (nach der Schilderung seines Freundes Goegg).

 

Joseph Fickler hat, wie es einem biedern, entschiedenen, unerschütterlichen Volksmann geziemt, ein feistes Vollmondsgesicht, einen dicken Kehlbraten und entsprechenden Wanstumfang. Aus seinem früheren Leben ist nur bekannt, daß er mit einem Bildschnitzkunstwerk aus dem fünfzehnten Säkulum und mit Reliquien, die auf das Konstanzer Konzil Bezug hatten, eine livelihood <einen Lebensunterhalt> gewann, indem die Reisenden und fremden Kunstliebhaber jene Merkwürdigkeiten für Geld in Augenschein nahmen und nebenbei "altertümliche" Andenken kauften, die Fickler, wie er mit bedeutendem Selbstgenuß erzählt, immer wieder aufs neue "altertümlich" anfertigen ließ.

Seine einzigen Taten während der Revolution waren erstens seine Verhaftung durch Mathy nach dem Vorparlament und zweitens seine Verhaftung durch Römer in Stuttgart im Juni 1849; dank diesen Verhaftungen ist er an der Gefahr, sich zu kompromittieren, glücklich vorbeigeschifft. Die württembergischen Demokraten stellten später für ihn 1.000 Gulden Kaution, worauf Fickler inkognito ins Thurgau ging und zum großen Bedauern der Kautionssteller nichts mehr von sich hören ließ. Es ist nicht zu leugnen, daß er in den "Seeblättern" die Gefühle und Meinungen der Seebauern mit Glück in Druckerschwärze übersetzte; übrigens ist er in d. Hinblick auf seinen Freund Ruge der Meinung, daß das viele Studieren dumm macht, weshalb er auch seinen Freund Goegg warnte, die Bibliothek des Britischen Museums zu besuchen.

Amandus Goegg, liebenswürdig, wie schon sein Name besagt, ist zwar kein großer Redner, "aber ein schlichter Bürger, dessen edles und bescheidenes Betragen ihm überall Freunde erwirkt" ("Westamerikanische Blätter"). Aus Edelmut wurde Goegg Mitglied der provisorischen Regierung in Baden, wo er eingestandenermaßen gegen Brentano nichts ausrichten konnte, und aus Bescheidenheit ließ er sich den Titel Herr Diktator beilegen. Niemand leugnet, daß seine Leistungen als Finanzminister bescheiden waren. Aus <317> Bescheidenheit proklamierte er d. letzten Tag vor dem schon angeordneten Gesamtrückzug nach der Schweiz die "Sozial-demokratische Republik" in Donaueschingen. Aus Bescheidenheit erklärte er später (s. "Janus" von Heinzen 1852), d. Pariser Proletariat habe den 2. Dezember verloren, weil es seine badisch-französische und die sonst in dem französischen Süddeutschland gangbare demokratische Einsicht nicht besaß. Wer von der Bescheidenheit Goeggs und von dem Vorhandensein einer "Goeggschen Partei" weitere Beweise wünscht, findet sie in der Schrift: "Rückblick auf die badische Revolution pp.", Paris 1850, von ihm selbst geschrieben. Er setzte seiner Bescheidenheit die Krone auf, als er in einem öffentlichen Meeting in Cincinnati erklärte:

 

"Angesehene Männer seien nach dem Bankerutt der badischen Revolution zu ihm nach Zürich gekommen und hätten erklärt: An der badischen Revolution hätten Männer aller deutschen Stämme teilgenommen, sie sei deshalb als eine deutsche Sache zu betrachten, wie die römische Revolution als eine italienische. Er sei der Mann gewesen, der ausgehalten habe, er müsse also deutscher Mazzini werden. Aus Bescheidenheit habe er es abgelehnt."

 

Warum? Wer schon einmal Herr "Diktator" war und noch der Busenfreund von "Napoleon" Sigel ist, konnte auch "deutscher Mazzini werden".

Nachdem durch diese und ähnliche, weniger hervorragende Ankömmlinge die Emigration au grand complet <absolut vollzählig> war, konnte sie zu den gewaltigen Kämpfen übergehn, die im nächsten Gesange dem Leser vorgeführt werden.

 

 

 

 

XIII

<318> Chi mi darà la voce e le parole,
E un proferir magnanimo e profondo!
Che mai cosa piu fiera sotto il sole
Non fu veduta in tutto quanto il mondo;
L'altre battaglie fur rose e viole,
Al raccontar di questa mi confondo;
Perchè il valor, e'l pregio della terra
A fronte son condotti in questa guerra.
(Bojardo, "Orlando innam[orato]", Canto 27)

Wer gibt die Worte mir und wer die Stimme,
Das Größte groß und würdig zu berichten!
Denn stolzern Kampf geführt mit wilderm Grimme,
Ward seit der Welt Beginn gesehn mitnichten;
Die andern Schlachten, wenn auch noch so schlimme,
Sind Veilchen nur und Rosen, und mein Dichten
Versagt mir, wo Bravour wie Ehrenglorie
Gleich herrlich strahlt in dieses Kampfs Historie.

Mit der Vervollständigung der Emigration durch die letzten fashionable arrivals <vornehmen Ankömmlinge> war der Zeitpunkt eingetreten, wo sie versuchen mußte, sich im großen zu "organisieren", sich zu einem vollen Dutzend zu konstituieren. Es war zu erwarten, daß diese Versuche nun in eine erbitterte Feindschaft umschlagen würden. Der Federkrieg in den transatlantischen Blättern erreichte nun seinen Höhepunkt. Persönliche Miseren, Intrigen, Kabalen, Renommistereien - in diesen Lumpereien erschöpften sich die großen Männer. Aber die Emigration hatte eins gewonnen, eine Geschichte für sich, die außerhalb der Weltgeschichte liegt, ihre Winkelpolitik neben der öffent- <319> lichen Politik; und aus ihrer wechselseitigen Bekämpfung selbst schöpfte sie das Gefühl ihrer wechselseitigen Wichtigkeit. Da im Hintergrund aller dieser Bestrebungen und Kämpfe die Spekulation auf demokratische Parteigelder, "auf d. heiligen Gral", liegt, verwandelt sich die transzendentale Rivalität, der Zank um den Bart des Kaisers Barbarossa, sehr bald in d. ordinäre Konkurrenz v. Narren. Wer diesen großen Froschmäuslerkrieg aus den Quellen studieren will, findet alle einschlagenden Dokumente in der N. Y. "Schnellpost", "N.-Y. Deutschen Zeitung", "A[llgemeinen] D[eutschen] Z[eitung]" und "Staatszeitung", im Baltimore "Correspondenten", im Wecker und andern deutschamerik. Blättern. Indes verblieb dies Schöntun mit angeblichen Verbindungen und erlogenen Konspirationen, diese ganze Emigrationspolterei nicht ohne ernste Seite. Sie bot den Regierungen erwünschten Vorwand, eine Menge Leute in Deutschland zu verhaften, der inländischen Bewegung überall hemmend entgegenzutreten und diese armen Strohwische in London dem deutschen Bürger gegenüber als Vogelscheuchen aufzurichten. Weit entfernt, den bestehenden Zuständen irgend gefährlich zu sein, wünschen diese Emigrationshelden nur das eine sehnlichst, daß es in Deutschland totenstill werde, damit man ihre Stimme um so besser vernehme, und daß das Niveau des öffentlichen Geistes tief genug sinke, um sogar Leute von ihrer Statur als hervorragende Größen erscheinen zu lassen.

Die neuangekommenen süddeutschen Biedermänner fanden sich in London, nach keiner Seite hin engagiert, in der trefflichsten Lage, um zwischen den verschiedenen Cliquen eine Versöhnung einzuleiten und zugleich die Masse der Emigration als Chor um die Hervorragenden zu versammeln. Ihr wackres Pflichtgefühl befahl ihnen, diese Gelegenheit nicht laufen zu lassen.

Aber sie sahen zugleich Ledru-Rollin, hier mit ihm übereinstimmend, schon auf dem Präsidentenstuhl der Französischen Republik. Ihnen, den nächsten Grenznachbarn Frankreichs, war es wichtig, v. d. provis. Regierung Frankreichs als provisorische Obmänner Deutschlands anerkannt zu werden. Sigel vor allem lag daran, von Ledru sein Oberkommando garantiert zu erhalten. Der Weg zu Ledru ging aber nur über Arnolds Leiche. Zudem imponierte ihnen Arnolds Charaktermaske damals noch, und als philosophisches Nordlicht sollte er ihre süddeutsche Dämmerung erhellen. So wandten sie sich zunächst an Ruge.

Auf der andern Seite stand erstens Kinkel mit seiner nähern Umgebung - Schurz, Strodtmann, Schimmelpfennig, Techow pp.; sodann die Ex-Parlaments- und Kammerabgeordneten, an der Spitze Reichenbach, mit Meyen <320> und Oppenheim als literarischen Repräsentanten; endlich Willich mit seiner Schar, die indes im Hintergrund bleibt. Die Rollen waren hier so verteilt: Kinkel als Passionsblume vertritt das deutsche Philisterium überhaupt; Reichenbach als Graf vertritt die Bourgeoisie; Willich als Willich vertritt das Proletariat.

Von August Willich ist zunächst zu sagen, daß Gustav stets ein geheimes Mißtrauen gegen ihn hegte infolge seines spitzzulaufenden Schädels, an dem das Organ der Selbstschätzung alle andern Fähigkeiten durch abnorme Überwucherung zusammendrückt

Ein deutscher Philister, der den ehemaligen Leutnant Willich in einer Londoner Bierkneipe sah, griff erschrocken zu seinem Hut und stürzte fort mit dem Ausruf: Um Gottes willen, was sieht der Mann unserm Herrn Jesus Christus ähnlich! Um diese Ähnlichkeit weiter auszubilden, wurde Willich kurz vor der Revolution eine Zeitlang Zimmermann. Später trat er im badisch-pfäizischen Feldzuge als Partisanenchef auf.

Der Partisanenchef, dieser Nachkömmling der altitalienischen Condottiere, ist eine eigentümliche Erscheinung in den neueren Kriegen, besonders in Deutschland. Der Partisanenchef, gewohnt auf eigne Faust zu agieren, widerstrebt jedem allgemeinen Oberkommando. Seine Leute sind allein an ihn gewiesen, er hängt aber auch ganz von ihnen ab. Die Disziplin in einem Freikorps ist daher eine eigne Sache, je nach Umständen bald barbarisch streng, bald, und meistens, im höchsten Grade lax. Der Partisanenchef kann nicht immer herrisch und befehlend auftreten, er muß seinen Leuten oft schmeicheln, sie einzeln, Mann für Mann, durch körperliche Liebkosungen ködern; die gewöhnlichen militärischen Eigenschaften nützen hier wenig, und der Verwegenheit müssen andre Qualitäten zu Hülfe kommen, um die Untergebnen im Respekt zu halten. Ist er auch nicht edel, so muß er doch ein edelmütiges Bewußtsein haben, das sich wie immer durch Hinterlist, lauerndes Intrigieren und versteckte praktische Gemeinheit ergänzt. So gewinnt man nicht nur seine Soldaten, man besticht auch die Einwohner, man überrumpelt den Feind, und man wird als persönlicher Charakter besonders von den Gegnern anerkannt. Alles das aber reicht nicht aus, ein Freikorps, dessen Masse entweder von vornherein aus dem Lumpenproletariat besteht oder sich ihm bald assimiliert, zusammenzuhalten. Hierzu gehört eine höhere Idee. Der Freischarenführer muß also einen Kern fixer Ideen haben, er muß ein Mann von Prinzip sein, dem sein welterlösender Beruf fortwährend vorschwebt. Er muß seinen Soldaten durch Predigen vor der Front und durch anhaltende belehrende Propaganda bei jedem einzelnen das Bewußtsein dieser höheren Idee beibringen und so das ganze Korps in <321> seine Söhne nach dem Glauben verwandeln. Hat diese höhere Idee einen spekulativen, mystischen, über den gewöhnlichen Verstand gehenden Anstrich, ist sie etwa Hegelscher Natur, wie General Willisen dergleichen der preußischen Armee beizubringen suchte, so ist das um so besser: So wird das edelmütige Bewußtsein jedem einzelnen Freischärler eingeflößt, und die Taten der ganzen Schar erhalten dadurch eine spekulative Weihe, die sie über den Charakter gewöhnlicher unreflektierter Courage weit erhebt, wie denn auch der Ruhm eines solchen Korps weniger von seinen Leistungen herrührt als von seiner messianischen Sendung. Es kann den Halt des Korps nur vermehren, wenn man sämtliche Krieger schwören läßt, die Sache, für die sie kämpfen, nicht zu überleben und sich lieber unter dem letzten Apfelbaum an der Grenze unter Absingung eines geistlichen Liedes bis auf den letzten Mann massakrieren zu lassen. Ein solches Korps und ein solcher Führer müssen sich natürlich durch die Gemeinschaft mit gewöhnlichen profanen Kriegern befleckt finden und nach jeder Gelegenheit suchen, entweder sich von der Armee zu entfernen oder die Gesellschaft der Unbeschnittenen gleich wieder abzuschütteln; und nichts müssen sie mehr hassen als ein großes Korps und den großen Krieg, wo die durch höheren Schwung unterstützte Hinterlist wenig ausrichtet, wenn sie die gewöhnlichen Regeln der Kriegführung verachtet. So muß der Partisanenchef im vollen Sinne des Worts Kreuzfahrer, er muß Peter der Eremit und Walter von Habenichts in einer Person sein. Er muß den gemischten Elementen und der ungezwungenen Lebensweise seines Korps gegenüber ein tugendhafter Mann sein; man darf ihn nicht unter den Tisch trinken können, und er selbst muß vorziehn, seine Flasche im stillen, etwa nachts im Bette, zu trinken. Sollte es ihm menschlicherweise passieren, zu unreglementsmäßiger Stunde, nach übermäßigem Genuß der Weltfreuden, in der Nacht in d. Kaserne zurückzukehren, so wird er [nicht] gerade durch das Großtor eintreten, sondern auf einem Umweg heimkehren, um unbewacht [über] die Mauern zu klettern, um kein Anstoß zu erregen; weibliche Reize müssen ihn kalt lassen, während es einen guten Effekt macht, wenn er, wie Cromwell seine Unteroffiziere, von Zeit zu Zeit einen Schneidergesellen in sein Bett nimmt; überhaupt kann er die asketische Strenge des Lebenswandels nicht zu hoch steigern. Da die hinter dem cavaliere della ventura <Glücksritter> stehenden cavalieri del dente <Ritter des Schnappsacks> seines Korps sich meistens von Requisitionen und freiem Quartier nähren, wobei Walter von Habenichts nicht immer so genau zusehen kann, so muß auch schon deshalb Peter der Eremit immer mit dem Trost bei der Hand sein, daß dergleichen <322> unangenehme Maßregeln ja nur zur Rettung des Vaterlandes und also im eignen Interesse der Betroffenen angewandt werden.

Alle diese Qualitäten des Partisanenchefs im Kriege treten zu Friedenszeiten in nicht gerade günstig modifizierter Form wieder auf. Vor allen Dingen muß er den Regimentsstamm für ein neues Korps zusammenhalten und fortwährend Werbeunteroffiziere in Bewegung setzen. Der Stamm, bestehend aus den Resten des Freikorps und dem Mob der Emigration überhaupt, wird einkaserniert, sei es auf Regierungskosten (etwa in Besançon) oder sonstwie. Die ideelle Weihe darf dem Kasernenleben nicht fehlen, sie wird hergestellt durch den Kasernenkommunismus, wodurch der Verachtung gemeiner bürgerlicher Tätigkeit eine höhere Bedeutung erwächst. Da diese kommunistische Kaserne indes nicht mehr unter den Kriegsartikeln steht, sondern nur unter der moralischen Autorität und dem Gebot der Aufopferung, so kann es nicht fehlen, daß zuweilen Prügeleien über die gemeinschaftliche Kasse entstehn wobei die moralische Autorität nicht immer ohne ein blaues Auge davonkommt. Findet sich irgendwo in der Nähe ein Handwerkerverein, so kann dieser als Rekrutieranstalt für das anzuschaffende Korps benutzt und den Handwerkern als Entschädigung für ihre gegenwärtige saure Arbeit die Aussicht auf künftiges flottes Leben und Freischärlerabenteuer eröffnet werden. Vielleicht läßt es sich auch einrichten, daß im Hinblick auf die höhere prinzipielle Bedeutung, die die Kaserne für die Zukunft des Proletariats hat, der Verein Gelder in die Menage liefert. In der Kaserne wie im Verein wird das Predigen und die patriarchalisch-klätschelnde Manier des persönlichen Verkehrs nicht ohne Wirkung bleiben. Der Parteigänger verliert auch im Frieden seine unentbehrliche Zuversicht nicht, und wie früher stets nach jeder Schlappe für den morgenden Tag den Sieg, so verkündet er nunmehr stets die moralische Gewißheit u. d. philosophische Notwendigkeit, daß es binnen vierzehn Tagen "losgehn" werde, nämlich es. Da es ihm an einem Feinde nicht fehlen darf und dem Edlen notwendig die Unedlen gegenüberstehn, so wird er in diesen eine wütende Feindschaft gegen sich entdecken, er wird glauben, die Unedlen tun es schon aus Haß gegen seine verdiente Popularität, wollten ihn vergiften oder erdolchen, weshalb er stets ein langes Messer unter dem Kopfkissen bergen wird. - Wie der Partisanenchef im Kriege nichts leistet, wenn er nicht voraussetzt, daß die Landesbewohner ihn anbeten, so wird er auch im Frieden zwar zu keinen wirklichen politischen Verbindungen kommen, sie aber stets voraussetzen oder sich einbilden, woraus dann manchmal sonderbare Mystifikationen hervorgehn mögen. Das Requisitionstalent und das freie Quartiermachen tritt wieder auf in der Gestalt einer gemütlichen Schmarotzerei. Der sitten- <323> strenge Asketismus unseres Orlando erleidet dagegen in Friedenszeiten, wie alles Edle und Große, schwere Anfechtung. Bojardo sagt im 24. Gesange:

Turpin behauptet, daß der Graf von Brava
Jungfräulich war auf Lebenszeit und keusch.
Glaubt ihr davon, was euch beliebt, ihr Herren -

Aber es ist auch bekannt, daß der Graf von Brava später über den Augen der schönen Angelica den Verstand verlor und Astolf diesen im Monde wieder holen mußte, wie das der Meister Lodovico Ariosto gar reizend geschildert hat. Unser moderner Orlando verwechselte sich jedoch mit dem Dichter selbst, der erzählte, auch er habe den Verstand aus Liebe verloren, aber ihn mit den Lippen u. den Händen auf dem Busen seiner Angelica wieder gesucht, wobei es ihm jedoch passierte, daß er zum Dank zum Hause hinausgeworfen wurde.

In der Politik wird der Partisanenchef seine Überlegenheit in allen Mitteln des kleinen Kriegs an den Tag legen. Dem Begriff des Parteigängers gemäß wird er von einer Partei zur andern gehn. Mesquines <Kleinliches> Intrigieren, schäbige Winkelzüge, gelegentliche Lügen, sittlich entrüstete Perfidie werden hier als naturgemäße Symptome des edelmütigen Bewußtseins erscheinen, und er wird im Glauben an seine Sendung und an den höhern Sinn seiner Worte und Handlungen mit Bestimmtheit erklären: "Ich lüge nie!" Die fixen Ideen werden einen vortrefflichen Deckmantel für die versteckte Heimtücke abgeben und bringen die Emigrationstölpel ohne alle Ideen auf den Gedanken, er, der Mann der fixen Ideen, sei ein einfacher Narr, was einem so geriebenen braven Mann nur erwünscht sein kann.

Don Quijote und Sancho Pansa in einer Person, ebenso verliebt in den Schnappsack wie in seine fixen Ideen, an der irrenden Ritterschaft die freie Zehrung nicht minder bewundernd als den Ruhm, der Mann des Duodezkriegs und der minimsten Intrige, seine Durchtriebenheit zudeckend unter der Maske des Charakters, liegt die wahre Zukunft Willichs in den Prärien des Rio Grande del Norte.

Über die Beziehungen der oben geschilderten beiden Elemente der Emigration gibt Herr Goegg in einem Brief in der N.Y. "Deutschen Schnellpost" Aufschluß:

 

"Sie" (die Süddeutschen) "hätten beschlossen, um das Ansehn des hinsterbenden Zentralkomitees herzustellen, eine Vereinigung mit den übrigen Fraktionen zu versuchen. Aber es sei wenig Aussicht für dies wohlgemeinte Werk vorhanden. Kinkel fahre fort zu intrigieren, er habe ein Komitee mit seinem Retter, seinem Biographen <324> und einigen preußischen Leutnants gebildet, das im geheimen wirken solle, sich ausbreiten, womöglich die demokratischen Gelder an sich ziehen und dann plötzlich als mächtige Partei Kinkel ans Tageslicht treten. Das sei weder ehrlich noch billig noch verständig!"

 

Die "ehrliche" Absicht der süddeutschen Elemente bei diesen Vereinbarungsversuchen geht aus folgendem Brief des Herrn Sigel an dieselbe Zeitung hervor:

 

"Wenn wir, die wenigen Männer, die es aufrichtig gemeint, ebenfalls teilweise zur Konspiration gegriffen haben, so geschah es, um uns gegen die elenden Perfidien und Anmaßungen Kinkels und Genossen zu wahren und ihnen zu zeigen, daß sie nicht zum Herrschen geboren sind. Unser Hauptzweck war, Kinkel mit Gewalt in eine große Versammlung zu ziehn, um ihm und seinen näheren politischen Freunden, wie er sich ausdrückt, zu beweisen, daß nicht alles Gold ist, was glänzt. Zum Teufel erst das Instrument" (Schurz), "zum Teufel hinterdrein den Sänger" (Kinkel). ("Wochenbl. der N.-Y. D. Ztg.", 24. Septbr. 1851.)

 

Wie sonderlich beide Seiten, die sich "süddeutsch" und "norddeutsch" schelten, beschaffen waren, folgt schon daraus, daß an der Spitze der süddeutschen Elemente der "Verstand" Ruges stand und an der Spitze der norddeutschen das "Gemüt" Kinkels.

Um den jetzt folgenden großen Kampf zu verstehn, müssen wir zwei Worte über die Diplomatie dieser beiden welterschütternden Parteien verlieren.

Arnold (also auch seinen Spießgesellen) war es vor allem darum zu tun, einen "geschlossenen Klub" mit dem offiziellen Schein einer "revolutionären Tätigkeit" zu bilden. Aus diesem Klub sollte sein beliebter "Ausschuß für die deutschen Angelegenheiten" hervorgehn, und aus diesem Ausschuß sollte Ruge selbst wieder ausgeschlossen werden ins Europäische Zentralkomitee. Arnold verfolgte dies Ziel nun schon unverdrossen seit Sommer 1850. In den Süddeutschen hoffte er "das schöne mittlere Element gefunden zu haben, wo er behaglich als Herrscher walten könne". Offizielle Konstituierung der Emigration, Bildung von Komitees war also die notwendige Politik Arnolds und seiner Verbündeten.

Kinkel und Konsorten andrerseits mußten alles zu hintertreiben suchen, was Ruges angemaßte Stellung im Europäischen Zentralkomitee legitimieren konnte. Kinkel hatte auf seinen Aufruf zur vorläufigen Zeichnung von 500 Pfd.St. von New Orleans die Zusicherung einer Geldsendung erhalten und daraufhin mit Willich, Schimmelpfennig, Reichenbach, Techow, Schurz pp. bereits ein geheimes Finanzkomitee gebildet. Sie dachten: Haben wir erst das Geld, so haben wir auch die Emigration; haben wir die Emigra- <325> tion, so haben wir auch die Regierung in Deutschland. Es galt ihnen also vor allem, die Gesamtemigration durch formelle Zusammenkünfte zu beschäftigen, aber jede offizielle Konstituierung derselben, die über eine "lose Gesellschaft" hinausgehe, und besonders jede Komiteebildung zu hintertreiben, um die feindliche Fraktion hinzuhalten, vom Tun abzuhalten und hinter ihrem Rücken manövrieren zu können.

Beide Fraktionen, d.h. "die namhaften Männer", hatten gemein, daß das Gros der Emigration an der Nase herumgezogen, nicht in die Endzwecke eingeweiht, nur als Folie dienen sollte und fallengelassen wurde, sobald der Zweck erreicht war.

Sehen wir jetzt diese Machiavellis, Talleyrands und Metternichs der Demokratie in ihrem gegenseitigen Auftreten an.

Erster Auftritt. 4. Juli 1851. - Nachdem "eine privative Verständigung mit Kinkel zu gemeinsamem Auftreten gescheitert", laden Ruge, Goegg, Sigel, Fickler, Ronge die namhaften Männer aller Fraktionen zu einer Zusammenkunft bei Fickler auf den 14. Juli ein. 26 Mann erscheinen. Fickler trägt an, einen "geschlossenen Kreis" deutscher Flüchtlinge zu bilden und aus ihm einen "Geschäftsausschuß für Beförderung revolutionärer Zwecke" hervorgehn zu lassen. Hauptsächlich von Kinkel und sechs seiner Anhänger bekämpft. Nach mehrstündiger heftiger Debatte Ficklers Antrag (16 gegen 10) angenommen. Kinkel und die Minorität erklären, sich nicht bei dieser Sache beteiligen zu können und treten ab.

Zweiter Auftritt. 20. Juli. - Die obige Majorität konstituiert sich als Verein. Neu eingetreten unter andern der von Fickler eingeführte Tausenau.

Wie Ronge der Luther, wie Kinkel der Melanchthon, so ist Herr Tausenau der Abraham a Sancta Clara der deutschen Demokratie. Wenn die beiden Haruspices bei Cicero einander nicht ansehn konnten, ohne zu lachen, so kann Herr Tausenau sein eigenes ernsttuendes Gesicht nicht im Spiegel ansehn, ohne es auszulachen. War es Ruge gelungen, in den Badensern Leute zu finden, denen er imponierte, so rächte sich das Schicksal dafür, indem es in dem Östreicher Tausenau [ihm] den Mann zuführte, der ihm imponiert.

Auf Goeggs und Tausenaus Antrag werden die Verhandlungen vertagt, um noch einmal d. Vereinigung mit der Kinkelschen Fraktion zu versuchen.

Dritter Auftritt. 27. Juli. - Sitzung im Cranbourne Hotel. Die "namhafte" Emigration au grand complet <absolut vollständig>. Kinkels Fraktion erscheint, jedoch nicht in der Absicht, sich dem schon bestehenden Verein anzuschließen; sie dringt <326> vielmehr auf Bildung eines "offenen Diskussionsklubs ohne Geschäftsausschuß und ohne Verfolgung bestimmter Zwecke". Schurz, der in allen diesen parlamentarischen Verhandlungen als Mentor des jungen Kinkel erscheint, trägt an:

 

"Gegenwärtige Gesellschaft formiert sich als geschlossener politischer Verein unter dem Namen Deutscher Emigrationsklub und nimmt auf Antrag eines Mitglieds durch Majoritätsbeschluß andre Bürger aus der deutschen Flüchtlingsschaft auf."

 

Einstimmig angenommen. Der Klub beschloß, sich alle Freitage zu versammeln.

 

"Die Annahme dieses Antrags wurde mit allgemeinem Beifalle, mit dem Rufe: 'Es lebe die deutsche Republik!!!' begrüßt. Man fühlte, durch allgemeines Entgegenkommen seine Pflicht getan und etwas Gutes im Interesse der Revolution geschaffen zu haben." (Goegg, "Wochenbl. d. Schnellp[ost]", 20. Aug. 1851.)

 

Eduard Meyen war über diesen Erfolg so entzückt, daß er in seiner lithographierten Korrespondenz ausrief:

 

"Die ganze Emigration bildet jetzt eine geschlossene Phalanx, bis hinauf zu Bucher - mit einziger Ausnahme der unverbesserlichen Marxschen Clique."

 

Dieselbe Meyensche Notiz findet sich in der Berliner lithographierten ministeriellen Korrespondenz.

So entstand unter allgemeinem Entgegenkommen und unter dem Hoch auf die deutsche Republik der große Emigrationsklub, der so erhebende Sitzungen halten und ein paar Wochen nach Kinkels Abreise nach Amerika sich in Wohlgefallen auflösen sollte; was indes nicht verhindert, daß er in Amerika noch immer als ein lebendes Wesen seine Rolle spielt.

Vierter Auftritt. 1. August. - Zweite Sitzung im Cranhourne Hotel.

 

"Leider müssen wir heute schon berichten, daß wir uns in den Erwartungen von dem Erfolge dieses Klubs täuschten." (Goegg, ebendaselbst, vom 27. Aug.)

 

Kinkel führt ohne vorhergehenden Majoritätsbeschluß sechs preußische Flüchtlinge und sechs preußische Industrieausstellungsbesucher ein. Der Damm (1)(Präsident, ehemaliger Präsident der badischen Konstituante) spricht sein Befremden über dies hochverräterische Verletzen des Statuts aus.

<327> Kinkel erklärt:

 

"Der Klub sei nur eine lose Gesellschaft mit keinem andern Zweck, als sich gegenseitig persönlich kennenzulernen und Gespräche zu führen, die jedermann hören könne. Wünschenswert sei es daher, wenn die Gesellschaft recht zahlreich von Auswärtigen besucht werde."

 

Studiosus Schurz sucht die Taktlosigkeit seines Professors rasch durch ein Amendement auf Zulassung von Besuchern zu bemänteln. Angenommen. - Abraham a Sancta Clara Tausenau erhebt sich und stellt folgende zwei ernsthafte Anträge, ohne dabei zu lachen:

 

"1. Ernennung einer Kommission" ("der" Ausschuß), "um alle acht Tage genauen Bericht über die laufende Politik, besonders Deutschlands, abzustatten, welche Berichte in das Archiv des Vereins niedergelegt und zu gehöriger Zeit veröffentlicht werden sollen; 2. Kommission" ("der" Ausschuß) "zur Niederlegung in das Vereinsarchiv von allen möglichen Details über die Rechtsverletzungen und Grausamkeiten, welche von den Dienern der Reaktion gegen die Anhänger der Demokratie seit den letzten drei Jahren ausgeübt worden und noch ausgeübt werden."

Dagegen heftig Reichenbach: "Er erblickt in den unverfänglichen Anträgen verdächtige Hintergedanken und das Streben, mit der Wahl dieser Kommissionen der Versammlung einen von ihm und seinen Freunden nicht gewünschten offiziellen Anstrich zu geben."

Schimmelpfennig und Schurz: "Diese Kommissionen könnten sich Befugnisse anmaßen, die einen konspiratorischen Charakter haben und nach und nach zu einem offiziellen Komitee führen würden."

Meyen: "Er wünsche Worte, nicht Taten."

 

Die Majorität schien nach Goeggs Behauptung zur Annahme der Anträge geneigt; Machiavelli Schurz trägt auf Vertagung an. Abraham a Sancta Clara Tausenau schließt sich aus Gemütlichkeit diesem Antrag an. Kinkel meinte, daß man hauptsächlich deswegen für die nächste Sitzung die Abstimmung aufschieben müsse, weil ihm diesen Abend seine Fraktion in der Minderheit zu sein scheine und er und seine Freunde eine Abstimmung unter diesen Umständen "nicht für ihr Gewissen bindend" ansehn könnten. Vertagung beschlossen.

Fünfter Auftritt. 8. August. - Dritte Sitzung im Cranbourne Hotel. Diskussion der Tausenauschen Anträge. - Kinkel-Willich haben gegen Übereinkommen die "niedere Flüchtlingsschaft", le menu peuple <das niedere Volk> mitgebracht, um diesmal "ihr Gewissen zu binden". - Schurz trägt als Amendement auf freiwillige Vorträge über Tagespolitik an, und abgekarteterweise melden sich <328> sofort Meyen für Preußen, Schurz für Frankreich, Oppenheim für England, Kinkel für Amerika und die Zukunft (weil seine nächste Zukunft in Amerika lag). - Tausenaus Anträge werden verworfen. Er erklärt gerührt, seinen gerechten Zorn auf dem Altar des Vaterlands opfern und im Schoß der Verbündeten bleiben zu wollen. Aber sogleich nimmt die Fraktion Ruge-Fickler die gereizte Haltung geprellter schöner Seelen an.

Intermezzo. - Kinkel hatte endlich 160 Pfd.St. aus New Orleans erhalten, die er mit Zuziehung andrer namhafter Größen für die Revolution rentbar machen sollte. Die Fraktion Ruge-Fickler, ohnehin durch die letzte Abstimmung erbittert, erfuhr dies. Jetzt war keine Zeit mehr zu verlieren, es mußte gehandelt werden. Es bildete sich ein neuer Emigrationssumpf, der sein faulstagnierendes Dasein mit dem Namen "Agitationsverein" schmückte. Mitglieder waren Tausenau, Frank, Goegg, Sigel, Hertle, Ronge, Haug, Fickler, Ruge. Der Verein erklärte sofort in den englischen Blättern:

 

"Er sei kein diskutierender, sondern ein wesentlich arbeitender, der keine words, sondern works <keine Worte, sondern Taten> liefern werde und vor allem die Gesinnungsgenossen auffordere, Geld zu liefern. Der Agitationsverein ernenne Tausenau zu seiner Exekutivgewalt und zu seinem korrespondierenden Minister des Auswärtigen, erkenne zugleich Ruges Stellung im Europäischen Zentralkomitee" (als Reichsverweser) "an, seine bisherige Tätigkeit und seine Vertretung des teutschen Volks im Sinne des teutschen Volks."

 

Man erkennt in der neuen Kombination sogleich die Urform: Ruge, Ronge, Haug. So hatte Arnold also endlich nach jahrelangem Kämpfen und Mühen erreicht, was er wollte, er war anerkannt als fünftes Rad am demokratischen Zentralwagen und hatte einen klar, leider nur zu klar umschriebenen Volksteil von ganzen acht Mann hinter sich. Doch auch dieser Genuß ward ihm vergällt, indem seine Anerkennung zugleich mit seiner indirekten Absetzung verbunden war und nur unter der von den Bauer-Fickler gestellten Bedingung durchging, daß Ruge jetzt aber auch aufhöre, "sein dummes Zeug in die Welt zu schreiben". Der grobe Fickler hielt nur die Schriften Arnolds für "gediegen", die er nicht gelesen hatte und nicht zu lesen brauchte.

Sechster Auftritt. 22. August. - Cranbourne Hotel. Zuerst "diplomatisches Meisterwerk" (s. Goegg) von Schurz: Antrag auf Bildung eines allgemeinen Flüchtlingskomitees aus sechs Mitgliedern der verschiedenen Fraktionen, mit Zuziehung der fünf Mitglieder des schon bestehenden Flüchtlingskomitees des Willichichen Handwerkervereins. (Die Fraktion Kinkel-Willich würde somit immer die Majorität gehabt haben.) Angenommen. Die Wahlen wurden vollzogen, aber von den Gliedern des Staatsteils Ruge <329> abgelehnt, wodurch das diplomatische Meisterwerk platt zu Boden fiel. Wie ernst es übrigens mit diesem Flüchtlingskomitee gemeint war, geht daraus hervor, daß Willich 4 Tage später aus dem längst nur noch nominell bestehenden Handwerker- und Flüchtlingskomitee austrat, nachdem wiederholte, durchaus unrespektable Revolten der "niedern Flüchtlingsschaft" die Auflösung des Komitees seit geraumer Zeit unvermeidlich gemacht hatten. - Interpellation über das öffentliche Auftreten des Agitationsvereins. Antrag, daß der Emigrationsklub mit dem Agitationsverein nichts zu schaffen habe und alle seine Schritte öffentlich desavouiere. Wütende Ausfälle gegen die anwesenden "Agitatoren" Goegg und Sigel junior (d.h. senior, siehe unten). Rudolf Schramm erklärt seinen alten Freund Ruge für einen Bedienten Mazzinis und "eine alte Klatschvettel". Auch du, Brutus! Goegg antwortet, nicht als großer Redner, aber als schlichter Bürger, greift den zweideutigen, schlapp-perfiden, pfäffisch-salbungsvollcn Kinkel bitter an,

 

"es sei unverantwortlich, denen, welche arbeiten wollen, die Gelegenheit abzuschneiden, aber diese Leute wollen eine scheinbare, untätige Vereinigung, damit sie unter diesem Deckmantel als Clique für gewisse Zwecke wirken können".

 

Als Goegg auf die öffentliche Erklärung des Agitationsvereins in den englischen Blättern kam, erhob Kinkel sich majestätisch und sprach:

 

"Schon beherrsche er die ganze amerikanische Presse, und die Anstalten seien getroffen, auch die französische Presse seiner Herrschaft zu unterwerfen."

 

Der Antrag der teutschen Fraktion wurde angenommen und hatte die Erklärung der "Agitatoren" zur Folge, daß die Mitglieder ihres Vereins nicht länger dem Emigrationsklub angehören könnten.

So entstand der gewaltige Riß zwischen dem Emigrationsklub und dem Agitationsverein, der die ganze moderne Weltgeschichte gähnend durchklafft. Das sonderbarste ist, daß beide Kreaturen nur bis zu ihrer Trennung existiert haben und jetzt noch fortvegetieren in der Kaulbachschen Heidengeisterschlacht, die in deutsch-amerikanischen Meetings und Zeitungen fortgesetzt wird, wie es scheint, bis an das Ende der Tage.

Die ganze Sitzung war um so stürmischer, als d. undisziplinierte Schramm auch noch Willich angriff u. behauptete, d. Emigrationsklub blamiere sich durch die Verb[in]d[ung] mit diesem Ritter. Der Präsident, diesmal der furchtsame Meyen, hatte schon mehrmals das Steuer verzweiflungsvoll fallenlassen. Die Debatte über den Agitationsverein und der Austritt seiner Mitglieder steigerte jedoch den Tumult aufs höchste. Unter Schreien, Trom- <330> meln, Poltern, Drohen, Toben spann sich die erbauliche Sitzung fort bis gegen zwei Uhr nachts, wo endlich der Wirt durch Abdrehen der Gasröhre die erhitzten Parteien in tiefe Nacht versenkte und der Vaterlandsrettung ein Ende mit Schrecken machte.

Ende August versuchten der ritterliche Willich und der gemütliche Kinkel, den Agitationsverein zu sprengen, indem sie dem biedern Fickler folgenden Vorschlag machten:

 

"Er solle mit ihnen und ihren näheren politischen Freunden zur Verwaltung der aus New Orleans eingelaufenen Gelder einen Finanzausschuß bilden, der solange zu funktionieren habe, bis ein öffentlicher Finanzausschuß der Revolution zusammentreten könne, wogegen aber mit der bloßen Annahme dieses Antrags alle bisher bestandenen deutschen Revolutions- und Agitationsgesellschaften sich aufzulösen haben."

 

Der brave Fickler empörte sich gegen den "oktroyierten, geheimen, unverantwortlichen Ausschuß".

 

"Wie soll", rief er aus, "ein bloßer Finanzausschuß alle revolutionären Parteien um sich konzentrisch scharen? Die einzugehenden und bereits eingegangenen Gelder können für sich nie eine Basis werden, auf welcher auseinandergehende Richtungen der Demokratie ihre Selbständigkeit opfern."

 

Statt also die erwünschte Sprengung herbeizuführen, hatte dieser Verleitungsversuch zur Desertion den umgekehrten Erfolg, daß Tausenau erklären konnte, der Bruch zwischen den beiden gewaltigen Parteien Emigration und Agitation sei nun unheilbar geworden.

 

 

Fußnoten

 

(1) "Der Damm ist da!"
"Wer ist da?"
"Der Damm ist da!"
"Wer?"
"Der Damm, der Damm, kenne Se de Damm net?"

 

 

 

 

 

XIV

<331> Um zu zeigen, in welcher angenehmen Weise der Krieg zwischen Agitation und Emigration geführt wurde, folgen hier einige Auszüge aus deutschamerikanischen Blättern.

Agitation.

Ruge erklärt Kinkel für einen "Agenten des Prinzen von Preußen".

Ein andrer Agitator entdeckt, die hervorragenden Männer des Emigrationsklubs beständen

 

"neben dem Pastor Kinkel aus drei preußischen Leutnants, zwei abgeschmackten Berliner Literaten und einem Studiosus".

 

Sigel schreibt:

 

"Man kann nicht leugnen, daß Willich einigen Anhang sich erworben hat. Allein wenn man drei Jahre Prediger ist und zu den Leuten nur das spricht, was ihnen angenehm ist, so müßte man sehr dumm sein, wenn diese Leute nicht anhänglich würden. Diesen Anhang sucht sich die Kinkelei anzuhängen. D. Willichsche Anhang hurt mit d. Kinkelschen Anhang."

 

Ein vierter Agitator erklärt Kinkels Anhänger für "Götzendiener".

Tausenau charakterisiert den Emigrationsklub wie folgt:

 

"Separate Interessen unter der Maske der Versöhnlichkeit, systematische Erschleichung der Majoritäten, Auftritt unbekannter Größen als organisierender Parteichefs, Oktroyierungsversuche eines geheimen Finanzausschusses und wie alle die Winkel- und Schlupfzüge heißen mögen, womit unreife Politiker jederzeit die Geschicke ihres Landes im Exile zu lenken meinten, während schon die erste Gluthitze der Revolutionen solche Eitelkeiten zu leerem Dunste verflüchtigte."

 

Endlich erklärt Rodomonte-Heinzen: Ruge, Goegg, Fickler und Sigel seien die einzigen achtbaren Flüchtlinge in England, die er persönlich kenne; die Mitglieder des Emigrationsklubs seien "Egoisten, Royalisten und Kommunisten", Kinkel sei "ein inkurabler Narr der Eitelkeit und spekulierender <332> Aristokrat", Meyen, Oppenheim, Wulich pp. seien Leute, die er, Heinzen, "mit der Kniescheibe übersehe und die dem Ruge nicht an die Fußknöchel reichten." (N. Y. "Schnellpost", "New-Yorker D[eu]tsche Z[ei]t[un]g", "Wecker" etc., 1851.)

Emigration.

 

"Was soll ein oktroyiertes Komitee, das in der Luft steht, sich selbst autorisiert, ohne vorher gearbeitet zu haben, ohne gewählt zu sein, ohne diejenigen, die es zu vertreten prätendiert, zu fragen, ob sie durch diese Personen vertreten sein wollen?" -"Wer Ruge kennt, weiß, daß die Proklamationenmanie seine inkurable Krankheit ist." -"Ruge konnte es im Parlamente nicht einmal zu dem Einfluß eines Raveaux oder Simon von Trier bringen." - "Wo es revolutionäre Energie im Handeln, organisatorische Arbeit, Diskretion oder Verschwiegenheit gilt, da ist Ruge gefährlich, denn er kann den Mund, er kann die Dinte nicht halten und will immer die ganze Welt repräsentieren. Ruge kommt mit Mazzini und Ledru-Rollin zusammen, das heißt, in die Rugesche Sprache übersetzt und in allen Zeitungen gedruckt: Deutschland, Frankreich und Italien haben sich solidarisch zur Revolution verbrüdert." - "Diese prätentiöse Oktroyierung eines Komitees, diese großprahlerische Untätigkeit bestimmte die intimsten und intelligentesten Freunde Ruges wie Oppenheim, Meyen, Schramm sich mit andern Männern zu gemeinsamer Tätigkeit zu verbinden." - "Hinter Ruge steht kein klarumschriebner Teil des Volks, sondern ein klarumschriebner Friedenszopf." - "Wie viele Hunderte fragen täglich, wer denn dieser Tausenau sei, und niemand, niemand kann antworten. Hier und da versichert ein Wiener, er sei einer jener Demokraten Wiens gewesen, welche die Reaktion der Wiener Demokratie stets vorgeworfen habe, um sie in ein schlechtes Licht zu stellen. Doch das haben diese Wiener zu verantworten. Unbekannt ist diese Größe jedenfalls, ob aber eine Größe, das ist noch unbekannter." - "Sehen wir wieder, wer diese gediegenen Männer sind, denen alle andern als unreife Politiker erscheinen. Der Oberfeldherr Sigel. Wenn die Muse der Geschichte einst befragt wird, wie diese blasse Unbedeutendheit zur Oberfeldherrschaft gelangt ist, so kommt sie in die größte Verlegenheit. Sigel ist nur Bruder seines Bruders. Sein Bruder ist durch mißliebige Äußerungen gegen die Regierung, hervorgerufen durch öftern Arrest, den er wegen banaler Liederlichkeit zu erdulden hatte, ein populärer Offizier geworden. Der junge Sigel hielt dies für einen genügenden Grund, sich in der ersten Konfusion der revolutionären Erhebung zum Oberfeldherrn und Kriegsminister auszurufen. Die badische Artillerie, welche ihre Vorzüglichkeiten oft bewiesen, hatte ältere und gediegnere Offiziere genug, vor denen der junge schülerhafte Leutnant Sigel zurücktreten mußte und die nicht wenig empört waren, einem jungen, unbekannten, ebenso unerfahrenen als talentlosen Menschen zu gehorchen. Aber es gab ja einen Brentano, welcher so schwachköpfig und verräterisch war, alles geschehn zu lassen, was die Revolution ruinieren mußte ... Die totale Unfähigkeit, welche Sigel im ganzen badischen Feldzug bewiesen hat ... Bemerkenswert ist jedenfalls, daß Sigel die tapfersten Soldaten des republikanischen Heers in Rastatt und im Schwarzwald ohne die versprochenen Hülfstruppen im Stich gelassen, während er selbst mit den Epauletten und <333> dem Kabriolett des Fürsten von Fürstenberg in Zürich herumfuhr und als interessanter unglücklicher Oberfeldherr paradierte. Das ist die bekannte Größe des reifen Politikers, welcher in erlaubtem Selbstgefühle seiner früheren Heldentaten sich zum zweitenmal als Oberfeldherr dem Agitationsverein oktroyierte. Das ist der große Bekannte, der Bruder seines Bruders"

"Es ist wirklich spaßhaft, wenn solche Menschen" (wie der Agitationsverein) "andern Halbheit vorwerfen, politische Nullen, die weder halb noch ganz etwas sind." - "Persönlicher Ehrgeiz ist das ganze Geheimnis ihrer prinzipiellen Basis." - "Der Agitationsverein hat als Verein nur private Bedeutung, wie etwa ein literarisches Kränzchen oder ein Billardklub, und hat daher keinen Anspruch, berücksichtigt zu werden, kein Recht, ein Mandat zu geben." - "Ihr habt die Würfel selbst geworfen! Die Uneingeweihten mögen eingeweiht werden, um selbst zu urteilen, wes Geistes Kinder ihr seid!" - (Baltimore "Correspondent".)

 

Es muß hier gesagt werden, daß diese Herren in ihrem wechselseitigem Bewußtsein voneinander beinahe zum Selbstbewußtsein gekommen sind.

 

 

 

 

 

XV

<334> Inzwischen hatte der geheime Finanzausschuß der "Emigration" sein Verwaltungskomitee gewählt, bestehend aus Kinkel, Willich und Reichenbach, und beschloß nun, mit der deutschen Anleihe Ernst zu machen. Studiosus Schurz wurde (wie die N. Y. "Schnellpost", d. "N.-Y. D[eutsche] Z[eitung]" u. d. Balt[imore] "Corresp[ondent]" Ende 1851 mitteilen) nach Frankreich, Belgien und der Schweiz geschickt und suchte dort alle die alten, verschollenen und vergessenen, verlorengegangnen Parlamentler, Reichsregenten, Kammerdeputierten und andren namhaften Männer zusammen, bis auf den seligen Raveaux, um von ihnen die Anleihe garantieren zu lassen. Diese vergessenen Unglücklichen beeilten sich, dem Unternehmen ihre Garantie zu verleihen. War doch die Garantie der Anleihe, wenn irgend etwas, eine gegenseitige Garantie der Regierungsposten in partibus, wie denn auch die Herren Kinkel, Willich und Reichenbach hierdurch ihre Aussichten für die Zukunft garantiert bekamen. Und waren doch diese betrübten Biedermänner in der Schweiz so sehr auf das "Organisieren" und Postengarantieren versessen, daß sie die zukünftige Anciennetät für die Regierungsstellen unter sich schon seit geraumer Zeit nach Nummern reguliert hatten, wobei ärgerlicher Spektakel darüber entstand, wer Nr. 1, 2 und 3 haben sollte. Genug, die Garantie wurde vom Studiosus Schurz in der Tasche mitgebracht, und man schritt ans Werk. Kinkel hatte zwar einige Tage vorher bei einer nochmaligen Zusammenkunft mit der "Agitation" versprochen, keine einseitige "Emigrations"-Anleihe zu betreiben; ebendeshalb aber reiste er mit den Garantieunterschriften und der Reichenbach-Willichschen Vollmacht ab - angeblich um im Norden Englands seine ästhetischen Vorlesungen an den Mann zu bringen, in der Wirklichkeit aber, um sich in Liverpool nach New York einzuschiffen und in Amerika als Parzival den heiligen Gral, das demokratische Parteigold, aufzutreiben.

<335> Und nun beginnt die süßklingende, wunderliche, hochtrabende, unerhörte, wahrhafte und abenteuerliche Geschichte von den großen Kämpfen, die Emigration und Agitation diesseits und jenseits des Ozeans mit erneuerter Erbitterung und unverwüstlicher Ausdauer führten, jener Kreuzzug Gottfrieds, auf dem er mit Kossuth rivalisierte und nach schweren Mühsalen und unnennbaren Anfechtungen endlich, den Gral im Sack, in seine heimatliche Behausung zurückkehrte.

Or, bei signori, io vi lascio al presente,
E se voi tornerete in questo loco,
Diró questa battaglia dov'io lasso
Ch'un'altra non fu mai di tal fracasso.
(Bojardo, Canto 26)

<Hier laß ich euch, ihr Herren, nun für heute,
Und kehrt ihr wieder her zu dieser Stelle,
Erzähl' ich weiter euch des Kampf's Verlaufen,
Der unerreicht an Lärmen ist und Schnaufen.>

 

 

 

Marx - Engels

 

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