Erste Internationale

Internationale Arbeiterassoziation

1864 - 1876








Karl Marx / Friedrich Engels

Ein Komplott gegen die Internationale Arbeiterassoziation

Im Auftrage des Haager Kongresses verfaßter Bericht über das Treiben Bakunins und der Allianz der sozialistischen Demokratie





Titelblatt der deutschen Übersetzung





Geschrieben April bis Juli 1873.
Erstmalig veröffentlicht als Broschüre unter dem Titel "L'Alliance de la Démocratie Socialiste et l'Association Internationale des Travailleurs", Londres, Hambourg 1873.
Deutsch erschien die Broschüre unter dem Titel "Ein Complot gegen die Internationale Arbeiter-Association. Im Auftrage des Haager Congresses verfaßter Bericht über das Treiben Bakunin's und der Allianz der socialistischen Demokratie."
Deutsche Ausgabe von "L'alliance de la démocratie socialiste et l'association internationale des travailleurs." Uebersetzt von S. Kokosky. Braunschweig 1874.
Ferner wurde dieser Bericht in der New-Yorker "Arbeiter-Zeitung" veröffentlicht.
Dem vorliegenden Text liegt die Braunschweiger Ausgabe zugrunde. Engels, der die Übersetzung von S. Kokosky durchsah und sie als "herzlich schlecht" bezeichnete, verbesserte sie, soweit es ihm die vom Verlag gestellte Frist erlaubte.



Historische Anmerkung zum Text

Der Bericht, der hier unter dem Titel „Ein Komplott gegen die Internationale Arbeiterassoziation“ gebracht wird, wurde von Marx und Engels unter Mitarbeit von Paul Lafargue in französischer Sprache in der Zeit von April bis Juli 1873 geschrieben. Darin wurden endgültig alle Ansprüche der Bakunisten auf die Herrschaft in der europäischen Arbeiterbewegung zerschlagen. An Hand von umfangreichen Tatsachenmaterial (das auf dem Haagener Kongress nicht vollständig durchgesehen werden konnte und auch in diesem Umfang noch nicht vorlag) enthüllten die Verfasser die geheimen Intrigen und Schurkenstreiche verschiedener Art, durch die sich die Bakunisten die ganze Internationale zu unterwerfen suchten, um deren Einfluss und Organisation für ihre zwecke auszunutzen. Dieser Bericht zog das Fazit aus dem theoretischen und organisatorischen Kampf gegen die Bakunisten in der Internationale. Er entstand auf Grund einer Anzahl von Dokumenten, die der Kommission der Haager Konferenz zur Untersuchung der Tätigkeit der geheimen Allianz vorgelegt worden waren. Darunter befanden sich Dokumente, die Lafargue, Mesa und andere aus Spanien, Johann Philipp Becker aus der Schweiz, Danielson und Ljubawin aus Russland übersandt hatten, sowie der von Utin im Auftrage der Londoner Konferenz von 1871 geschriebene umfassende Bericht, den Marx und Engels für das Kapitel VIII - „Die Allianz in Russland“ - benutzt haben. Ein Teil der Dokumente sind Marx und Engels noch nach dem Haager Kongress übersandt worden. Einige Dokumente der Allianz, die ihre Ziele und ihre Aufgabe charakterisieren, wurden von Marx und Engels in das Kapitel XI aufgenommen, aus denen im Text wiederholt zitiert wird. Die von Marx und Engels angelegten Verzeichnisse der Dokumente, die sie im Zuge der Arbeit benutzt haben, sind erhalten geblieben. Daraus geht hervor, dass Marx und Engels die von Utin übersandten französischen Übersetzungen einer Reihe russischer Veröffentlichungen zur Verfügung standen; daher sind viele Zitate aus den Schriften Bakunins nach der französischen Übersetzung gebracht worden.







Inhalt:

  1. Einleitung

  2. Die geheime Allianz

  3. Die Allianz in der Schweiz

  4. Die Allianz in Spanien

  5. Die Allianz in Italien

  6. Die Allianz in Frankreich

  7. Die Allianz seit dem Haager Kongress

  8. Die Allianz in Rußland

    1. Der Prozess Netaschajew

    2. Der Revolutionskatechismus

    3. Der Aufruf Bakunins an die Offiziere der russischen Armee

  9. Schluss

  10. Anhang zur Allianz in Rußland

    1. Die Hegira Bakunins

    2. Das panslawistische Manifest Bakunins

    3. Bakunin und der Zar

  11. Belegstücke

    1. Geheime Statuten der Allianz

    2. Programm und Reglement der öffentlichen Allianz

    3. Brief Bakunins an Francisco Mora in Madrid





I
Einleitung



| 331| - diese Seitenzahlen verweisen auf das Original: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. Dietz Verlag, Berlin. Band 18, Auflage 1969, Berlin. S. 327- 471.

Indem die Internationale Arbeiter-Assoziation es unternahm, die zerstreuten Kräfte des gesamten Proletariats in einem Bunde zusammenzufassen und so der lebendige Repräsentant der Interessengemeinschaft, welche die Arbeiter vereinigt, zu werden, mußte sie notwendig den Sozialisten jeder Schattierung den Eintritt offenhalten. Ihre Gründer und die Vertreter der Arbeiterorganisation beider Welten, die auf den internationalen Kongressen die Allgemeinen Statuten der Assoziation sanktionierten, vergaßen, daß gerade die Weite ihres Programms selbst den Deklassierten ( 1) erlauben würde, sich einzuschleichen und im Schoße der Assoziation geheime Organisationen zu bilden, deren Tätigkeit sich nicht gegen die Bourgeoisie und die bestehenden Regierungen, sondern gegen die Internationale selbst richten würde. Dieses war der Fall mit der Allianz der sozialistischen Demokratie.

Auf dem Haager Kongreß beantragte der Generalrat eine Untersuchung über diese geheime Organisation. Der Kongreß beauftragte mit derselben eine Kommission von fünf Mitgliedern, den Bürgern Cuno, Lucain, Splingard, Vichard und Walter (ausgeschieden), welche in der Sitzung vom 7. September ihren Bericht erstattete. Der Kongreß beschloss:

1. Michail Bakunin als Gründer der Allianz und wegen einer persönlichen Tatsache aus der Internationale auszuschließen;

|332| 2. James Guillaume als Mitglied der Allianz auszuschließen;

3. die auf die Allianz bezüglichen Dokumente zu veröffentlichen.

Infolge der Zerstreuung ihrer Mitglieder in verschiedenen Ländern sah sich die erwähnte Untersuchungskommission völlig außerstande, die Dokumente, welche ihrem Berichte zugrunde gelegen, zu veröffentlichen, und hat daher Bürger Vichard, das einzige in London wohnende Kommissionsmitglied, dieselben der Protokollkommission zugestellt, welche sie jetzt unter eigner Verantwortlichkeit in dem nachfolgenden Bericht veröffentlicht.

Die auf die Allianz bezüglichen Akten waren so umfangreich, daß die Kommission in ihren Sitzungen während des Kongresses nur Zeit hatte, von den für einen praktischen Schluß wichtigsten Dokumenten Kenntnis zu nehmen; so z.B. sind ihr die meisten russischen Aktenstücke nicht unterbreitet worden. Der seitens der Kommission dem Kongresse erstattete Bericht genügt daher heute nicht mehr, da er nur einen Teil der fraglichen Angelegenheit umfaßt. Um dem Leser nun den Sinn und die Bedeutung dieser Dokumente verständlich zu machen, sind wir genötigt, als Geschichtsschreiber der Allianz aufzutreten.

Die Aktenstücke, welche wir veröffentlichen, gehören mehreren Kategorien an. Ein Teil derselben ist bereits in einzelnen Stücken, und zwar meistens in französischer Sprache, veröffentlicht; man muß sie jedoch, um den Geist der Allianz deutlich zu erkennen, mit den anderen zusammenbringen, denn diesen gegenübergestellt erscheinen sie in einem neuen Lichte. Zu diesem Teile gehört das Programm der öffentlichen Allianz. Andere Aktenstücke gehören der Internationalen an, wieder andere dem spanischen Zweige der geheimen Allianz, deren Existenz im Frühjahr 1871 durch Mitglieder der Allianz öffentlich aufgedeckt wurde. Wer die spanische Bewegung dieser Epoche aufmerksam verfolgt hat, wird in ihnen nur genauere Angaben über Tatsachen finden, welche bereits mehr oder weniger der Öffentlichkeit angehören. Die Bedeutung dieser Dokumente beruht nicht darauf, daß sie zum ersten Male veröffentlicht werden, sondern darauf, daß sie zum ersten Male in einer Art zusammengestellt sind, welche die gemeinsame geheime Tätigkeit, von der sie ausfließen, enthüllt; vor allem aber werden sie wichtig, wenn wir sie mit den beiden folgenden Kategorien vergleichen. Die erste derselben besteht aus Dokumenten in russischer Sprache, welche das wahre Programm und die Art der Tätigkeit der Allianz aufdecken. Diese Dokumente waren bisher unter dem Schutze der Sprache, in |333| welcher sie geschrieben sind, im Westen unbekannt geblieben, und dieser Umstand hatte ihren Verfassern gestattet, ihrer Phantasie und ihrer Redeweise freien Lauf zu lassen. Die getreue Übersetzung, welche wir von ihnen geben, wird dem Leser Gelegenheit geben, den intellektuellen, moralischen, politischen und ökonomischen Wert der Häupter der Allianz zu bemessen.

Die letzte Kategorie besteht aus nur einem Stücke: den geheimen Statuten der Allianz; es ist das einzige Dokument von einiger Ausdehnung, welches zum ersten Male in diesem Bericht veröffentlicht wird. Man wird sich vielleicht fragen, ob es Revolutionären erlaubt sei, die Statuten einer geheimen Gesellschaft, einer angeblichen Verschwörung, zu veröffentlichen. Nun, diese geheimen Statuten sind ausdrücklich unter den Dokumenten angegeben, deren Veröffentlichung auf dem Haager Kongreß von der Allianzkommission verlangt wurde, und kein Delegierter, selbst nicht das die Minorität der Kommission bildende Mitglied, hat dagegen gestimmt. Diese Veröffentlichung ist also ausdrücklich verordnet vom Kongreß, dessen Anweisungen wir auszuführen haben; was aber die Sache selbst betrifft, so ist folgendes zu sagen:

Wir haben es hier mit einer Gesellschaft zu tun, welche unter der Maske des extremsten Anarchismus ihre Angriffe nicht gegen die bestehenden Regierungen richtet, sondern gegen die Revolutionäre, welche sich nicht ihrer Orthodoxie und ihrer Leitung unterwerfen. Von der Minderheit eines Bourgeois-Kongresses gegründet, schleicht sie sich in die Reihen der internationalen Organisation der Arbeiterklasse ein, versucht zuerst, sich ihrer Leitung zu bemächtigen, und arbeitet auf ihre Desorganisation hin, sobald sie diesen Plan scheitern sieht. In schamlosester Weise sucht sie ihr sektiererisches Programm und ihre beschränkten Ideen dem umfassenden Programm, den großen Anstrebungen unserer Assoziation unterzuschieben; sie organisiert in den öffentlichen Sektionen der Internationalen ihre geheimen Sektiönchen, welche, derselben Parole gehorchend, durch vorher abgekartetes gemeinsames Vorgehen in vielen Fällen zur Herrschaft über jene gelangen; sie greift öffentlich in ihren Blättern alle Elemente an, welche sich weigern, sich ihrer Herrschaft zu fügen; sie provoziert den offenen Krieg - das sind ihre eignen Worte - in unseren Reihen. Um zu ihrem Zweck zu gelangen, weicht sie vor keinem Mittel, vor keiner Unredlichkeit zurück; Lüge, Verleumdung, Einschüchterung, Gewalttat aus feigem Hinterhalt sind ihr in gleicher Weise recht. Endlich, in Rußland, setzt sie sich ganz an die Stelle der Internationalen und begeht unter ihrem Namen gemeine Verbrechen, Gaunereien und einen Mord, für den die Regierungs- |334| und Bourgeois-Presse unsre Assoziation verantwortlich gemacht hat. Und die Internationale soll zu all diesen Tatsachen schweigen, weil die Gesellschaft, welche die Schuld an ihnen trägt, eine geheime ist! Die Internationale hat in ihrer Hand die Statuten dieser Gesellschaft, ihrer Todfeindin, Statuten, in denen sie sich offen als neue Gesellschaft Jesu erklärt und es ausspricht, daß es ihr Recht und ihre Pflicht sei, alle jesuitischen Mittel zu benutzen; diese Statuten machen sofort alle jene Feindseligkeiten verständlich, denen die Internationale von jener Seite ausgesetzt war; und sie sollte sich dieser Statuten nicht bedienen, weil das hieße, eine geheime Gesellschaft denunzieren!

Gegen alle diese Intrigen gibt es nur ein einziges Mittel, aber es ist von niederschmetternder Wirkung: die vollständigste Öffentlichkeit. Diese Schleichwege in ihrem Zusammenhang aufdecken, heißt sie unwirksam machen. Ihnen den Schutz unsers Schweigens zu gewähren, das wäre nicht nur eine Naivetät, über welche die Häupter der Allianz erst recht spotten würden, das wäre eine Feigheit. Noch mehr, es wäre ein Akt des Verrats gegen diejenigen spanischen Internationalen, welche, als Mitglieder der geheimen Allianz, keinen Anstand nahmen, deren Existenz und Verfahrungsweise zur Kenntnis zu bringen, sobald diese sich in offene Feindschaft gegen die Internationale setzte. Übrigens befindet sich alles das, was die geheimen Statuten enthalten, und sogar in noch schärfer ausgeprägter Form, in den in russischer Sprache von Bakunin und Netschajew selbst veröffentlichten Dokumenten. Die Statuten bekräftigen nur deren Inhalt.

Mögen die Führer der Allianz also über Denunziation schreien. Wir denunzieren sie der Verachtung der Arbeiter und dem Wohlwollen der Regierungen, denen sie so gute Dienste geleistet haben, indem sie die proletarische Bewegung desorganisierten. Die Züricher "Tagwacht" hatte wohl recht, wenn sie in einem Antwortschreiben an Bakunin sagt:

"Wenn Sie kein besoldeter Agent sind, so steht es doch fest, daß ein besoldeter Agent nicht mehr Schaden hätte anrichten können als Sie."



Fußnoten von Marx und Engels

        ( 1 ) Deklassierte, déclassés, heißen im Französischen diejenigen aus den besitzenden Klassen hervorgegangenen Leute, die von ihrer Klasse ausgestoßen oder aus ihr ausgetreten sind, ohne darum Proletarier zu werden; z.B. Industrieritter, Pickelhäringe, gewerbsmäßige Spieler, die meisten Literaten und Politiker von Profession usw. Auch das Proletariat hat seine Deklassierten; sie bilden das Lumpenproletariat.







II

Die geheime Allianz



| 335 | Die Allianz der sozialistischen Demokratie ist durchaus von Bourgeois-Herkunft. Sie ist nicht von der Internationalen ausgegangen; sie ist ein Sprössling der Friedens – und Freiheitsliga [ bürgerlich-pazifistische Organisation, die sich für die Erhaltung des Friedens in Europa, die Abschaffung der stehenden Heere u.a. einsetzte. Sie wurde 1867 unter maßgeblicher Beteiligung von Victor Hugo, Guiseppe Garibaldi u.a. in Genf gegründet ], einer tot geborenen Gesellschaft von Bourgeois-Republikanern. Die Internationale war schon fest begründet, als Michail Bakunin sich in den Kopf setzte, eine Rolle als Emanzipator des Proletariats zu spielen. Sie konnte ihm nur das allen Mitgliedern gemeinsame Feld der Tätigkeit bieten. Um in ihr etwas zu gelten, hätte er sich zuerst durch beständige und aufopfernde Arbeit die Sporen verdienen müssen; er glaubte bessere Aussichten und einen leichteren Weg auf Seiten der Bourgeois der Liga zu finden.

Er ließ sich also im September 1867 zum Mitglied des permanenten Komitees der Friedensliga wählen und nahm seine Rolle ernst; man kann sogar sagen, dass er und Barni, heute Deputierter in Versailles, die Seele dieses Komitees waren. Sich als Theoretiker der Liga aufspielend, sollte Bakunin unter ihren Auspizien ein Werk: „Der Föderalismus, der Sozialismus und der Anti-Theologismus (diese Bibel der Ismen wurde beim dritten Blatt aus Mangel an Manuskript abgebrochen. ) veröffentlichten. Indessen überzeugte er sich bald, dass die Liga eine unbedeutende Gesellschaft blieb und dass die Liberalen, aus denen sie bestand, in ihren Kongressen nur ein Mittel sahen, eine Vergnügungsreise mit großsprecherischen Reden zu verbinden, während im Gegenteil die Internationale von Tag zu Tag wuchs. Da dachte er daran, die Liga auf die Internationale zu propfen. Um diesen Plan auszuführen, ließ sich Bakunin auf Elpidins Vorschlag im Juli 1868 in die Genfer Zentralsektion der Internationale aufnehmen. Auf der anderen Seite bewirkte er, dass das Komitee der Liga einen Antrag annahm, dem internationalen Kongress zu Brüssel | 336 | (dritter allgemeiner Kongress der IAA 1868) ein Offensiv – und Defensivbündnis beider Gesellschaften vorzuschlagen; und um die Billigung des Kongresses für dies lebhafte Vorgehen zu erlangen, verfasste er ein vertrauliches Zirkular [ des Büros des permanenten Zentralkomitees der Friedens – und Freiheitsliga – Marx und Engels kannten dieses Zirkular ] und ließ es durch das Komitee an die „Herren“ der Liga versenden. Er gesteht daselbst offen ein, dass die Liga, bisher eine ohnmächtige Posse, nur dadurch Bedeutung gewinnen könne, dass sie der Allianz der Unterdrücker

die Allianz der Völker, die Allianz der Arbeiter entgegenstelle … wir können nur dann etwas werden, wenn wir die aufrichtigen und ernsten Vertreter der Millionen der Arbeiter werden“.

Es sollte die providentielle Sendung der heiligen Liga sein, die Arbeiterklasse mit einem selbst ernannten Bourgeois-Parlament zu beglücken, dem diese die Sorge um ihre politische Leitung überlassen sollte.

Um eine heilsame und wirkliche Macht zu werden“, heißt es am Schluss des Zirkulars, „muss unsere Liga der reine politische Ausdruck der großen ökonomischen und sozialen Interessen und Prinzipien werden, welche heute durch die große Internationale Arbeiterassoziation der Arbeiter von Europa und Amerika triumphierend entwickelt und verbreitet werden“.

Der Kongress zu Brüssel wagte es, den Vorschlag der Liga zu verwerfen. Groß war die Enttäuschung und der Zorn Bakunins. Auf der einen Seite entzog sich die Internationale seiner Protektion. Auf der anderen Seite kanzelte ihn der Präsident der Liga, Professor Gustav Vogt, derb ab.

Entweder“, schrieb er an Bakunin, „warst Du des Erfolgs unserer Einladung nicht sicher, dann hast Du unsere Liga kompromittiert; oder Du wusstest, welche Überraschung Deine Freunde von der Internationale für uns bereit hielten, dann hast Du uns auf eine unwürdige Art getäuscht. Ich frage Dich, was wir unserem Kongress sagen sollen?“

Bakunin antwortete ihm in einem Brief, der jedem, der ihn hören wollte, vorgelesen wurde:

Ich konnte nicht voraussehen“, sagte er, „dass der Kongress der Internationalen uns mit einer ebenso plumpen als anmaßenden Beleidigung antworten würde; wir danken diesen den Intrigen einer gewissen Koterie von Deutschen, welche die Russen verabscheut“ (er erklärte seinen Zuhörern ausdrücklich, dass dieses die Marxsche Koterie wäre). „Du fragst mich, was wir tun sollen ? Ich nehme die Ehre in Anspruch, auf diesen groben Schimpf im Namen des Komitees auf der Tribüne unseres Kongresses die Antwort zu geben“.

Statt Wort zu halten, wendete Bakunin seinen Rock. Er legte dem Kongress der Ligisten zu Bern ein Programm eines Phantasie-Sozialismus vor, | 337 | worin er die Gleichmachung der Klassen und Individuen verlangte, um so die Damen der Liga zu übertrumpfen, welche nur die Gleichmachung der Geschlechter verlangen. Von Neuem geschlagen, zog er sich mit einer winzigen Minorität vom Kongress zurück und begab sich nach Genf ( Unter den Sezessionisten finden wir die Namen Albert Richard aus Lyon, gegenwärtig bonapartistischer Polizeiagent, Gambuzzi, Advokat zu Neapel, Shukowski, später Sekretär der öffentlichen Allianz, und einen gewissen Büttner, Klempner zu Genf, der gegenwärtig zur ultra-reaktionären Partei gehört ).

Die von Bakunin geträumte Allianz zwischen Bourgeois und Arbeitern sollte sich nicht auf eine öffentliche Allianz beschränken. Die geheimen Statuten der Allianz der sozialistischen Demokratie ( siehe: Beweisstücke Nr. 1 ) enthalten Anzeichen, dass Bakunin im Schoße der Liga selbst den Grund zu einer geheimen Gesellschaft gelegt, der die Herrschaft über jene zufallen sollte. Nicht nur sind die Namen der leitenden Gruppen identisch mit denen der Liga (permanentes Zentralkomitee, Zentralbüro, Nationalkomitees), sondern es wird auch in den geheimen Statuten erklärt, dass die „Gründungsmitglieder der Allianz zum größten Teil ehemalige Mitglieder des Kongresses zu Bern seien. Um sich als Haupt der Internationale zur Geltung zu bringen, musste er als Haupt einer anderen Armee dastehen, deren absolute Ergebenheit gegen seine Person ihm durch eine geheime Organisation gesichert war. Hatte er seine Gesellschaft einmal offen in die Internationale eingepflanzt, dann rechnete er darauf, jene in alle Sektionen zu verzweigen und sich hierdurch deren absolute Leitung zu verschaffen. Zu diesem Zweck gründete er in Genf die (öffentliche) Allianz der sozialistischen Demokratie. Äußerlich war es nur eine öffentliche Gesellschaft, die freilich, obwohl ganz in der Internationale aufgegangen, eine besondere internationale Organisation, ein Zentralkomitee, Nationalbüros, und von unserer Assoziation unabhängige Sektionenj haben sollte; neben unserem jährlichen Kongress sollte die Allianz öffentlich den ihrigen abhalten. Aber diese öffentliche Allianz barg in sich eine andere, die ihrerseits durch die noch geheime Allianz der internationalen Brüder, der Hundert-Garden des Diktators Bakunin, geleitet wurde.

Die geheimen Statuten der „Organisation der Allianz der internationalen Brüder“ zeigen, dass es in dieser Allianz „drei Grade“ gibt: „I. Die internationalen Brüder; II. Die nationalen Brüder; III. Die halbgeheime und halböffentliche Organisation der Internationalen Allianz der sozialistischen Demokratie.

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I. Die internationalen Brüder, deren Zahl sich auf „hundert“ beschränkt, bilden das heilige Kollegium. Sie stehen unter einem Zentralkomitee und unter Nationalkomitees, welche als Vollziehungsbüros und als Überwachungskomitees organisiert sind. Diese Komitees selbst sind vor der „Konstituante“ oder der Generalversammlung von mindestens zwei Dritteln der internationalen Brüder verantwortlich. Diese Allianz-Brüder

haben kein anderes Vaterland als die allgemeine Revolution, kein anderes Ausland und keinen anderen Feind als die Reaktion. Sie verwerfen jede Versöhnungs- und Kompromisspolitik und halten jede politische Bewegung für reaktionär, die nicht den Triumph ihrer Prinzipien zum unmittelbaren und direkten Zweck hat.“

Da aber dieser Artikel die politische Tätigkeit der „Hundert“ auf den jüngsten Tag hinausschiebt, und da diese Unversöhnlichen nicht vorhaben, auf die Vorteile öffentlicher Ämter zu verzichten, so sagt der Artikel 8:

Kein Bruder wird irgendeinen öffentlichen Dienst anders als mit Zustimmung des Komitees, zu dem er gehört, übernehmen.“

Wenn wir auf Spanien und Italien zu sprechen kommen, werden wir sehen, wie sehr die Häupter der Allianz sich beeifert haben, diesen Artikel praktisch auszuführen. Die internationalen Brüder

sind Brüder … jeder von ihnen muss allen anderen heilig sein, mehr als ein Bruder von Geburt; jeder Bruder hat auf die Hülfe und den Beistand aller anderen bis auf die Auslöschung der Möglichkeit zu rechnen.“

Die Affäre Netschajew wird uns enthüllen, was diese geheimnisvolle Auslöschung der Möglichkeit bedeutet.

Alle internationalen Brüder kennen einander. Kein politisches Geheimnis darf je unter ihnen existieren. Keiner kann irgendeiner geheimen Gesellschaft angehören ohne positive Zustimmung seines Komitees oder im Notfall, wenn dieses es verlangt, ohne die des Zentralkomitees, und er kann ihr nur unter der Bedingung angehören, dass er ihnen alle Geheimnisse aufdeckt, welche sie direkt oder indirekt interessieren könnten.“

Die Piétris und Stieber verwenden nur untergeordnete und verlorene Leute als Spione, die Allianz aber, indem sie ihre falschen Brüder in die geheimen Gesellschaften schickt, um deren Geheimnisse zu verraten, überträgt die Rolle des Spions denselben Männern, welche nach ihrem Plan die Leitung der „allgemeinen Revolution“ übernehmen sollen. - Im Übrigen setzt dieser revolutionäre Pickehäring dem Gemeinen noch die Krone des Possenhaften auf:

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Internationaler Bruder kann nur werden, wer offen das ganze Programm in allen seinen theoretischen und paktischen Konsequenzen angenommen hat und mit der Intelligenz, Energie, Ehrenhaftigkeit ( ! ) und Zuverlässigkeit die revolutionäre Leidenschaft verbindet – den Teufel im Leibe hat.“

      1. Die nationalen Brüder werden nach demselben Plan von den internationalen Brüdern in jedem Lande als nationale Assoziation organisiert, doch dürfen sie in keinem Falle auch nur die Existenz einer internationalen Organisation ahnen.

      2. Die geheime Internationale Allianz der sozialistischen Demokratie, deren Mitglieder sich so ziemlich überall rekrutieren, besitzt ein gesetzgebendes Organ in dem permanenten Zentralkomitee, welches, so oft es zusammentritt, sich in die „Geheime Generalversammlung der Allianz“ umtauft. Diese Versammlung findet einmal jährlich auf dem Kongress der Internationalen statt, oder außerordentlich auf Einberufung durch das Zentralbüro oder vielmehr durch die Genfer Zentralsektion.

Die Genfer Zentralsektion ist „die permanente Delegation des permanenten Zentralkomitees“ und „der vollziehende Rat der Allianz“. Sie zerfällt wiederum in zwei Unterabteilungen: Zentralbüro und Überwachungskomitee. Das Zentralbüro, aus 3 bis 7 Mitgliedern bestehend, ist die eigentliche Exekutivgewalt der Allianz:

Es erhält von der Genfer Zentralsektion seine Winke und hat seinerseits seine geheimen Mitteilungen, um nicht zu sagen seine Befehle, an alle Nationalkomitees zu richten, von denen es wenigstens einmal monatlich geheime Berichte zu empfangen hat.“

Dieses Zentralkomitee hat das Mittel entdeckt, zugleich Fisch und Fleisch, geheim und öffentlich zu sein, denn als Teil

der geheimen Zentralsektion ist das Zentralbüro eine geheime Organisation; … als öffentliches Direktorium der öffentlichen Allianz ist es eine öffentliche Organisation“.

Man sieht also, dass Bakunin bereits die ganze geheime und öffentliche Direktion seiner „teuern Allianz“ organisiert hatte, bevor diese selbst existierte, und dass die bei irgendeiner Wahl beteiligten Mitglieder nur die Marionetten eines von ihm gelenkten Puppenspiels waren. Übrigens geniert er sich auch nicht, es zu sagen, wie wir gleich sehen werden. Die Genfer Zentralsektion, deren Aufgabe es sein sollte, dem Zentralbüro seine Winke zu geben, ist selbst nur eine Komodie, denn ihre Majoritätsbeschlüsse sind für das Büro nur obligatorisch, wenn dieses nicht

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in der Mehrheit seiner Mitglieder beschließt, dagegen an die Generalversammlung zu appelieren, die es dann innerhalb drei Wochen einzuberufen hat. Eine so einberufene Generalversammlung bedarf, um beschlussfähig zu sein, der Anwesenheit von zwei Dritteln aller ihrer Mitglieder.“

Man sieht, das Zentralbüro hatte sich mit allen konstitutionellen Grantien zur Sicherung seiner Unabhängigkeit umgeben.

Man könnte die Naivität haben zu glauben, dass dieses autonome Zentralbüro wenigstens frei gewählt wäre von der Genfer Zentralsektion. Durchaus nicht; das provisorische Zentralbüro ist

der Genfer Gründungsgruppe präsentiert worden als provisorisch gewählt von allen Gründungsmitgliedern der Allianz, die, zum größten Teil ehemalige Mitglieder des Kongresses zu Bern, heimgereist sind“ (mit Ausnahme Bakunins) , „nachdem sie ihre Vollmacht an den Bürger Bakunin übertragen“.

Die Gründungsmitglieder der Allianz sind also niemand anders als die paar sezessionistischen Bourgeois der Friedensliga.

Also: das permanente Zentralkomitee, welches sich die konstituierende und gesetzgebende Gewalt über die ganze Allianz angemaßt, hatte sich selbst ernannt. Die permanente Exekutiv-Delegation dieses permanenten Zentralkomitees, die Genfer Zentralsektion, hatte sich selbst ernannt, statt von diesem Komitee ernannt zu sein. Das vollziehende Zentralbüro dieser Genfer Zentralsektion, statt von dieser gewählt zu sein, war ihr durch eine Gruppe von Individuen aufgedrängt, welche sämtlich „ihre Vollmachten an den Bürger Bakunin übertragen“ hatten.

Also der „Bürger B.“ ist der Angelpunkt der Allianz. Und um seine Funktion als solcher zu behaupten, sagen die geheimen Statuten der Allianz buchstäblich:

Ihre sichtbare Regierungsform wird die einer Präsidentschaft in einer Föderativ-Republik sein“ -

eine Präsidentschaft, für welche der Präsident schon im voraus existierte, der permanente „Bürger B.“

Da die Allianz eine internationale Gesellschaft ist, so besteht in jedem Lande ein Nationalkomitee, das

von allen zu derselben Nation gehörigen Mitgliedern des permanenten Zentralkomitees“

gebildet wird.

Zur Konstituierung eines Nationalkomitees sind nur drei Mitglieder erforderlich. Um die Regelmäßigkeit des bürokratischen Instanzenzugs zu sichern, sollen

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die Nationalkomitees als die einzigen Mittelsorgane zwischen dem Zentralbüro und allen Lokalgruppen ihres Landes“

dienen. Die Nationalkomitees haben

für die Organisation der Allianz in ihrem Land zu sorgen, doch in der Art, dass diese immer durch Mitglieder des permanenten Zentralkomitees beherrscht und auf den Kongressen vertreten werden“.

Das nennt man in der Allianzsprache: von unten herauf organisieren. Diese Lokalgruppen haben nur das Recht, ihre Programme und Reglements an die Nationalkomitees zu bringen, damit sie

der Bestätigung des Zentralbüros unterbreitet werden; ohne diese Bestätigung können die Lokalgruppen keinen Teil der Allianz bilden“.

War diese despotische und hierarchische geheime Organisation einmal auf die Internationale gepfropft, dann brauchte man, um sie vollständig zu machen, nur noch diese Letztere zu desorganisieren. Zu diesem Zwecke genügte es, deren Sektionen zu anarchisieren und zu autonomisieren, und ihre Zentralorgane in einfache Briefkästen, „Korrespondenz- und statistische Büros“ umzuwandeln, wie dies wirklich später versucht wurde.

Die revolutionäre Vergangenheit des permanenten „Bürgers B.“ war nicht ruhmreich genug, ihm die Hoffnung zu gestatten, in der geheimen Allianz, und noch weniger in der öffentlichen Allianz, die Permanenz der Diktatur zu verewigen, welche er zu seinen Gunsten mit Beschlag belegt hatte. Er musste sie also unter demokratisierenden Spiegelfechtereien verbergen. Die geheimen Statuten schreiben demgemäß vor, dass das povisorische Zentralbüro (lies: der permanente Bürger) bis zur ersten öffentlichen Generalversammlung der Allianz zu funktionieren hat, welche dann die Mitglieder des neuen permanennten Zentralbüros ernennt. Aber,

da es dringend notwendig ist, dass das Zentralbüro stets nur aus Mitgliedern des permanenten Zentralkomitees bestehe, sowie dieses letztere vermittelst seiner Nationalkomitees dafür sorgen müssen, alle lokalen Gruppen so zu organisieren und zu leiten, dass sie als Delegierte in diese Versammlung nur Mitglieder des permanenten Zentralkomitees senden, oder in deren Ermangelung nur Leute, die vollständig der Leitung ihrer respektiven Nationalkomitees ergeben sind, damit das permanente Zentralkomitee in der ganzen Organisation der Allianz stets die Oberhand habe“.

Diese Instruktionen sind nicht von einem bonapartistischen Minister oder Präfekten am Tage vor den Wahlen gegeben, sondern von dem quitessenziierten Anti-Autoritäts-Mann, von dem Erzanarchisten, von dem | 342 | Apostel der Organisation von unten herauf, von dem Bayard [ „Ritter ohne Furcht und Tadel“ ] der Autonomie der Sektionen und der Föderation der autonomen Gruppen, von Sankt-Michail Bakunin zum Schutze seiner Permanenz.



Wir haben eben die zur Verewigung der Diktatur des „Bürgers B.“ geschaffene Organisation geprüft; wir kommen jetzt auf ihr Programm.

Die Assoziation der internationalen Brüder will die allgemeine, zu gleicher Zeit soziale, philosophische, ökonomische und politische Revolution, damit von der gegenwärtigen Ordnung der Dinge, begründet wie sie ist auf dem Eigentume, der Ausbeutung, der Herrschaft und dem Autoritätsprinzip – dasselbe sei religiös oder metaphysisch und bourgeois-doktrinär, ja selbst jakobinisch-revolutionär, zunächst in ganz Europa und dann auf der übrigen Welt kein Stein auf dem anderen bleibe. Mit dem Rufe: Frieden den Arbeitern, Freiheit den Unterdrückten und Tod den Herrschern, Ausbeutern und Vormünden jeder Sorte ! wollen wir alle Staaten und alle Kirchen nebst allen ihren religiösen, politischen, juristischen, finanziellen, polizeilichen, universitätlichen, ökonomischen und sozialen Einrichtungen und Gesetzen vernichten, damit alle diese Millionen armen Menschenwesen, welche man bisher betrog, knechtete, marterte, ausbeutete, nunmehr von allen ihren offiziellen Lenkern und Wohltätern befreit, Genossenschaften wie Individuen, endlich in vollkommener Freiheit aufatmen“.

Das heißt schon revolutionärer Revolutionarismus ! Um zu diesem Abrakadabra-Ziel zu gelangen, ist die erste Bedingung nicht etwa die, die bestehenden Staaten und Refierungen mit den bei den gewöhnlichen Revolutionären gebräuchlichen Mitteln zu bekämpfen, sondern im Gegenteil mittels klingender Doktorphrasen

die Einrichtung des Staats überhaupt und deren natürliche Konsequenz wie Grundlage, das individuelle Eigentum“,

anzugreifen.

Es handelt sich also nicht darum, den bonapartistischen, preußischen oder russischen Staat umzustürzen, sondern den abstrakten Staat, den Staat als solchen, einen Staat, der nirgends existiert. Doch wenn auch die internationalen Brüder bei ihrem erbitterten Kampf gegen diesen in den Wolken gelegenen Staat es verstehen, den Totschlägern, dem Gefängnis und den Kugeln aus dem Weg zu gehen, welche die wirklichen Staaten für die gewöhnlichen Revolutionäre aufsparen, so haben wir zugleich auch gesehen, dass sie sich das nur eines päpstlichen Dispenses bedürfende Recht reserviert haben, von allen Vorteilen Nutzen zu ziehen, welche ihnen die wirklichen Bourgeois-Staaten bieten. Fanelli, italienischer Deputierter, | 343 | Soriano, Beamter der Regierung Amadeo von Savoyen, und vielleicht auch Albert Richard und Gaspard Blanc, bonapartistische Polizeiagenten, zeigen uns, wie kulant der Papst in dieser Hinsicht ist … Auch kümmert sich die Polizei kaum um „die Allianz, oder, um offen das Wort zu gebrauchen, die Verschwörung“ des Bürgers B. gegen den abstrakten Staatsbegriff.

Der erste Akt der Revolution muss also die Dekretierung der Abschaffung des Staats sein, wie es Bakunin am 28. September in Lyon getan hat, obwohl diese Abschaffung des Staats notwendig ein Autoritätsakt ist. Unter Staat versteht er jede politische, revolutionäre oder reaktionäre Gewalt,

denn es ist uns wenig daran gelegen, ob dieselbe sich Kirche, Monarchie, konstitutioneller Staat, Bourgeois-Republik oder selbst revolutionäre Diktatur nennt. Wir verabscheuen und verwerfen sie alle aus gleichem Grunde, als unfehlbare Quellen der Ausbeutung und des Despotismus“.

Ja, er erklärt, dass alle Revolutionäre, welche am Tage nach der Revolution „den Aufbau des revolutionären Staates“ wollen, noch viel gefährlicher sind als alle bestehenden Regierungen, und dass

wir, die internationalen Brüder, die natürlichen Feinde dieser Revolutionäre sind“,

denn es ist die erste Pflicht der internationalen Brüder, die Revolution zu desorganisieren.

Die Antwort auf diese Aufschneidereien über die sofortige Abschaffung des Staates und über die Gründung der Anarchie findet man bereits in dem vertraulichen Zirkular des letzten Generalrats: „Les prétendues scissions dans l'Internationale“ (Die angeblichen Spaltungen in der Internationale) vom März 1872, Seite 37: „Die Anarchie, das ist das große Paradepferd ihres Meisters Bakunin, der von allen sozialistischen Systemen nur die Aufschriften aufgenommen hat. Alle Sozialisten verstehen unter Anarchie dieses: ist einmal das Ziel der proletarischen Bewegung, die Abschaffung der Klassen, erreicht, so verschwindet die Gewalt des Staates, welche dazu dient, die große produzierende Mehrheit unter dem Joche einer wenig zahlreichen ausbeutenden Minderheit zu erhalten, und die Regierungsfunktionen verwandeln sich in einfache Verwaltungsfunktionen. Die Allianz greift die Sache am umgekehrten Ende an. Sie proklamiert die Anarchie in den Reihen der Proletarier als das unfehlbarste Mittel, die gewaltigen, in den Händen der Ausbeuter konzentrierten gesellschaftlichen und politischen Machtmittel zu brechen. Unter diesem Vorwande verlangt sie von der Internationalen in demselben Augenblick, wo die alte | 344 | Welt sie zu zermalmen strebt, dass sie ihre Organisation durch die Anarchie ersetze“.

Doch verfolgen wir das anarchistische Evangelium bis in seine Konsequenzen; nehmen wir an, der Staat sei durch ein Dekret abgeschafft. Nach Artikel 6 [ „Die Revolution, wie wir sie verstehen, muss vom ersten Tage an radikal und vollständig den Staat und alle Staatseinrichtungen vernichten ….“ und so weiter : siehe Band 18, Seite 465 ] werden die Konsequenzen dieses Aktes sein : der Staatsbankerott, das Aufhören der Bezahlung von Privatschulden vermöge die Einmischung des Staates, das Aufhören jeder Steuerzahlung und Abgabenleistung, die Auflösung des Heeres, der Magistratur, der Bürokratie, der Polizei und der Priester, die Abschaffung der amtlichen Rechtspflege, begleitet von einem Autodafé aller Eigentumstitel, der gesamten juridischen und zivilen Akten-Makulatur, die Konfsikation aller produktiven Kapitalien und Arbeitswerkzeuge zu Gunsten der Arbeitergenossenschaften, und die Allianz dieser Genossenschaften, welche „die Kommune konstituieren wird“. Diese Kommune wird den so Beraubten genau das Notwendige geben, indem sie ihnen freistellt, durch ihre eigene Arbeit mehr zu erwerben.

Die Tatsache hat es in Lyon bewiesen, dass die einfache Dekretierung der Abschaffung des Staates lange nicht hinreicht, um alle diese schönen Versprechungen zu erfüllen. Zwei Kompanien Bourgeois-Nationalgarden genügten im Gegenteil, um diesen glänzenden Traum zu vernichten und Bakunin in aller Eile auf den Marsch nach Genf zu bringen, das wundertätige Dekret in der Tasche. Auch konnte er bei seinen Anhängern nicht hinreichende Dummheit voraussetzen, um nicht die Notwendigkeit einzusehen, ihnen irgendeinen Organisationsplan zu geben, der die Ausführung seines Dekrets sicherstellen sollte. Dieser Plan ist folgender:

Zur Organisation der Kommune: eine Föderation der Barrikaden in Permanenz und die Einsetzung eines Rats der revolutionären Kommune durch Delegation von einem oder zwei Abgeordneten für jede Barrikade, einem für die Straße oder für den Bezirk; die Deputierten sind mit imperativen Mandaten versehen und stets verantwortlich sowie jeder Zeit widerrufbar“ (es sind drollige Dinger, diese Allianzbarrikaden, auf denen man Mandate redigiert, statt sich zu schlagen). „Der so organisierte Kommunalrat kann aus seiner Mitte für jeden Zweig der revolutionären Verwaltung der Kommune besondere Vollziehungsausschüsse wählen“ [ siehe Band 18, Seite 465 ].

Die so als Kommune konstituierte insurgierte Hauptstadt erklärt dann den anderen Kommunen des Landes, dass sie jedem Anspruch, sie zu regieren, entsage; sie fordert sie auf, sich revolutionär zu reorganisieren und sodann ihre verantwortlichen, widerrufbaren und mit imperativen Mandaten | 345 | versehenen Delegierten an einen verabredeten Versammlungsort zu senden, um die Föderation der insurgierten Assoziationen, Kommunen und Provinzen zu konstituieren und eine Revolutionsgewalt zu organisieren, stark genig, um über die Reaktion zu triumphieren. Diese Organisation wird sich nicht auf die Kommunen des insurgierten Landes beschränken, auch andere Provinzen oder Länder können an ihr teilnehmen, während

die Provinzen, Kommunen, Genossenschaften, Individuen, welche die Partei der Reaktion ergreifen, ausgeschlossen bleiben“.

Die Abschaffung der Grenzen hält hier also gleichen Schritt mit der nachsichtigsten Duldsamkeit gegenüber den reaktionären Provinzen, die nicht unterlassen werden, den Bürgerkrieg wieder anzufachen.

Wir haben also in dieser anarchischen Organisation der Tribunen-Barrikaden zunächst den Kommunalrat, sodann Vollziehungsausschüsse, die, um irgend etwas vollziehen zu können, doch mit irgendeiner Macht versehen und von der öffentlichen Gewalt unterstützt sein müssen; wir haben ferner ein ganzes Föderalparlament, dessen Hauptaufgabe es sein wird, diese öffentliche Gewalt zu organisieren. Dieses Parlament, ebenso wie der Kommunalrat, kann die Exekutivgewalt auf ein oder mehrere Komitees übertragen, die durch diese Tatsache selbst mit einem Autoritätscharakter versehen sind, den die Bedürfnisse des Kampfes schärfer und schärfer werden hervortreten lassen. Wir haben also alle Elemente des „Autoritätstaates“ aufs Schönste wieder hergestellt, und es macht nichts aus, wenn wir diese Maschine „von unten herauf organisierte revolutionäre Kommune“ nennen. Der Name ändert nichts an der Sache; die Organisation von unten herauf existiert in jeder Bourgeois-Republik und die imperativen Mandate datieren sogar aus dem Mittelalter. Übrigens erkennt Bakunin dies selbst an, wenn er (Artikel 8) [Band 18, Seite 466] seiner Organisation den Namen des „neuen revolutionären Staates“ beilegt.

Was den praktischen Wert dieses neuen Revolutionsplanes anlangt, wo man diskutiert, statt sich zu schlagen, so verlieren wir darüber kein Wort.

Jetzt kommen wir aber an das Geheimnis all dieser Zauberbüchsen der Allianz mit doppeltem und dreifachem Boden. Damit das orthodoxe Programm auch befolgt werde und die Anarchie sich stets einer guten Aufführung befleißige,

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ist es notwendig, dass inmitten der Volksanarchie, welche eben das Leben und die ganze Kraft der Revolution bilden wird, die Einheit des Gedankens und des revolutionären Handelns ein Organ finde. Dieses Organ soll die geheime und universelle Assoziation der internationalen Brüder sein“.

Diese Assoziation geht von der Überzeugung aus, dass Revolutionen niemals gemacht werden, weder von Individuen, noch von geheimen Gesellschaften: Sie machen sich wie von selbst, durch die Macht der Dinge, durch die Bewegung der Ereignisse und der Tatsachen. Lange bereiten sie sich vor in der Tiefe des instinktiven Bewusstseins der Volksmassen, dann kommen sie zum Ausbruch … Alles, was eine gut organisierte geheime Gesellschaft tun kann, besteht zunächst darin, dass sie die Geburt einer Revolution befördert, indem sie in den Massen die den Masseninstinkten entsprechenden Ideen verbreitet, und dass sie, nicht die Revolutionsarmee – die Armee muss immer das Volk sein“ (das Kanonenfutter) „- wohl aber einen revolutionären Generalstab organisiert, der aus ergebenen, energischen, intelligenten Individuen und vor allem aus aufrichtigen und nicht ehrgeizigen oder eitlen Freunden des Volkes besteht, die die Fähigkeit besitzen, als Vermittler zwischen der „ (von ihnen monopolisierten) „revolutionären Idee und den Volksinstinkten zu dienen.“

Die Zahl dieser Individuen darf also nicht sehr groß sein. Für die internationale Organisation in ganz Europa genügen hundert fest und ernst verbündete Revolutionäre. Zwei-, dreihundert Revolutionäre werden für die Organisation des größten Landes genügen“. [ Band 18, Seitee 466/467 ]

So zeigt sich uns auf einmal ein anderes Bild. Die Anarchie, das „entfesselte Volksleben“; die „bösen Leidenschaften“ usw. reichen nicht mehr aus. Um den Erfolg der Revolution zu sichern, bedarf es der Einheit des Gedankens und des Handelns. Die Internationalen suchen diese Einheit zu schaffen durch die Propaganda, die Diskussion und die öffentliche Organisation des Proletariats. Bakunin braucht dazu bloß eine geheime Organisation von hundert Mann, den privilegierten Vertretern der revolutionären Idee; einen disponiblen, selbsternannten und vom permenenten „Bürger B.“ kommandierten Revolutionsgeneralstab. Einheit des Gedankens und des Handelns heißt weiter nichts als Orthodoxie und blinder Gehorsam. Perinde ac cadaver (wie eine Leiche) [ So wurde von Loyola eins der Prinzipien der Jesuiten formuliert, das den blinden Gehorsam der jüngeren Mitglieder des Ordens gegenüber den älteren vorschrieb ].

Wir befinden uns mitten in der Gesellschaft Jesu.

Der Ausspruch, dass die hundert internationalen Brüder „als Vermittler zwischen den revolutionären Ideen und den Volksinstinkten dienen“ müssen, schafft eine unübersteigbare Kluft zwischen den revolutionären Ideen der Allianz und den Proletariermassen. Er proklamiert die Unmöglichkeit, diese Hundert-Garden anderwärts anzuwerben als aus den privilegierten Klassen.



III
Die Allianz in der Schweiz

|347| Die Allianz ist wie Falstaff, sie weiß, daß Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit ist. Und so hindert der "Teufel im Leibe" die internationalen Brüder durchaus nicht, sich demütig vor der bestehenden Staatsmacht zu beugen, während sie zugleich energisch gegen den Staatsbegriff protestieren; ihre Angriffe richten sie jedoch ausschließlich gegen die Internationale. Zuerst wollten sie sie beherrschen; als dies ihnen mißlang, versuchten sie, sie zu desorganisieren. Wir werden jetzt ihre Tätigkeit in den verschiedenen Ländern darlegen.

Die internationalen Brüder waren nur ein Generalstab zur Disposition; was ihnen fehlte, war eine Armee. Die Internationale schien ihnen zu diesem Zwecke geschaffen und in die Welt gesetzt. Um das Kommando dieser Armee übernehmen zu können, galt es die öffentliche Allianz in sie einzunisten. Befürchtend, daß diese ihrer Würde vergäbe, wenn sie beim Generalrat ihre Zulassung beantragte, und dadurch dessen Befugnisse anerkannt hätte, wandten sie sich wiederholt aber vergeblich an den Belgischen und den Pariser Föderalrat. Die wiederholten Zurückweisungen zwangen die Allianz, am 15. Dezember 1868 beim Generalrat ihre Aufnahme zu beantragen. Sie sandte ihre Statuten und ihr Programm ein, die offen ihre Absicht aussprachen. (Beweisstück 2) Obwohl sich die Allianz als "vollständig in der Internationale aufgegangen" erklärte, beanspruchte sie doch, in deren Schoß eine zweite internationale Körperschaft zu bilden. Neben dem durch die Kongresse gewählten Generalrat der Internationalen gab es da ein selbsternanntes, in Genf tagendes Zentralkomitee der Allianz; neben den Lokalgruppen der Internationalen bestanden die Lokalgruppen der Allianz, die vermittelst ihrer, außerhalb den Nationalbüros der Internationalen funktionierenden Nationalbüros "beim Zentralbüro der Allianz

|348| ihre Aufnahme in die Internationale Arbeiter-Assoziation zu beantragen haben". Das Zentralbüro der Allianz maßte sich also das Recht an, in die Internationale aufzunehmen. Neben den Kongressen der Internationalen sollten die Kongresse der Allianz stattfinden, denn "bei den jährlichen Arbeiterkongressen" beanspruchte "die Delegation der Allianz ... ihre öffentlichen Sitzungen in einem besonderen Lokale zu halten".

Am 22. Dezember erklärte der Generalrat (in einem in dem Zirkulär "Les prétendues scissions dans l'Internationale", Seite 7, veröffentlichten Briefe) diese Ansprüche in schlagendem Widerspruch mit den Statuten der Internationalen und wies kurzweg die Aufnahme der Allianz zurück. Einige Monate später wandte sich diese von neuem an den Generalrat und fragte an, ob er ihre Grundsätze anerkenne oder nicht. Im erstem Falle erklärte sie sich bereit, sich in einfache internationale Sektionen aufzulösen. Der Generalrat antwortete hierauf am 9. März 1869 (siehe: "Les prétendues scissions", Seite 8), daß es über seine Amtsbefugnisse hinausgehe, sich über den wissenschaftlichen Wert des Programms der Allianz auszusprechen, und daß, wenn man statt "Gleichmachung der Klassen" "Abschaffung dar Klassen" setzte, der Umwandlung der Sektionen der Allianz in Sektionen der Internationalen kein Hindernis im Wege stehe. Er fügte hinzu: "Wenn die Auflösung der Allianz und der Eintritt der Sektionen in die Internationale endgültig beschlossen wären, so würde es nach unseren Verwaltungsverordnungen notwendig werden, den Generalrat von dem Ort und der Mitglieder zahl jeder neuen Sektion zu unterrichten."

Am 22. Juni 1869 zeigte die Genfer Sektion der Allianz dem Generalrat die erfolgte Auflösung der Internationalen Allianz der sozialistischen Demokratie an, deren sämtliche Sektionen aufgefordert seien, "sich in internationale Sektionen umzuwandeln". Nach dieser ausdrücklichen Erklärung, und im Irrtum gehalten durch einige Unterschriften des Programms, welche voraussetzen ließen, daß die Sektion vom Romanischen Föderalkomitee anerkannt sei, nahm der Generalrat sie auf. Wir müssen hinzufügen, daß keine der angenommenen Bedingungen jemals erfüllt worden ist. Im Gegenteil: die hinter der öffentlichen Allianz verborgene geheime Organisation trat mit diesem Augenblick erst in volle Tätigkeit. Hinter der Genfer internationalen Sektion stand das Zentralbüro der geheimen Allianz, hinter den internationalen Sektionen zu Neapel, Barcelona, Lyon, im Jura die geheimen Sektionen der Allianz. Gestützt auf diese Freimaurerei, deren Existenz nicht einmal geahnt wurde, weder von der Masse der Internationalen, noch

|349| von ihren Verwaltungszentren, hoffte Bakunin, auf dem Kongreß zu Basel im September 1869 sich der Leitung der Internationalen zu bemächtigen. Auf diesem Kongreß war die geheime Allianz, dank den von ihr angewandten, nicht gerade loyalen Mitteln, durch mindestens zehn Delegierte vertreten, unter ihnen der bekannte Albert Richard und Bakunin selbst. Sie hatte eine Anzahl Blanko-Mandate mitgebracht, von denen man aus Mangel an zuverlässigen Leuten keinen Gebrauch machen konnte, obwohl man sie Baseler Internationalen anbot. Trotzdem reichte diese Anzahl nicht einmal hin, von dem Kongreß die Abschaffung des Erbrechts sanktionieren zu lassen, diese alte Saint-Simonsche Schrulle, welche Bakunin zum praktischen Ausgangspunkte des Sozialismus machen wollte; noch weniger konnte man dem Kongreß die von Bakunin erstrebte Verlegung des Generalrats von London nach Genf aufzwingen.

Indessen herrschte in Genf offener Krieg zwischen dem durch die fast einmütige Haltung der Genfer Internationalen unterstützten Romanischen Föderalkomitee und der Allianz. Letztere hatte zu Verbündeten in diesem Kampf den von James Guillaume redigierten "Progrès" in Locle und die Genfer "Égalité", die, obwohl offizielles Organ des Romanischen Föderalkomitees, durch ein in der Majorität allianzistisches Komitee redigiert wurde und bei jeder Gelegenheit das Romanische Föderalkomitee angriff. Das große Ziel, die Verlegung des Sitzes des Generalrats nach Genf, nicht aus dem Auge verlierend, eröffnete die Redaktion der "Égalité" einen Feldzug gegen den bestehenden Generalrat und forderte den Pariser "Travail" auf, sie zu unterstützen. Der Generalrat erklärte in seinem Zirkular vom 1. Januar 1870, daß er keine Polemik gegen Journale führe. Inzwischen hatte das Romanische Föderalkomitee bereits die Leute von der Allianz aus der Redaktion der "Égalité" entfernt.

Zu dieser Zeit hatte die Sekte noch nicht ihre Antiautoritäts-Maske vorgenommen. Da sie glaubte, sich des Generalrats bemächtigen zu können, war sie zuerst bei der Hand, auf dem Baseler Kongreß die Verwaltungsverordnungen zu beantragen und aufzusetzen, welche dem Generalrate dieselben "Autoritätsbefugnisse" (pouvoirs autoritaires) einräumten, die sie selbst zwei Jahre später so heftig angriff. Nichts zeichnet besser die Vorstellung, die sie damals von der Autoritätsrolle des Generalrats hatte, als der folgende Auszug aus dem von James Guillaume redigierten "Progrès" von Locle vom 4. Dezember 1869, gelegentlich des Streits zwischen dem "Social-Demokrat" und dem "Volksstaat":

"Es scheint uns Pflicht des Generalrats unserer Genossenschaft zu sein, einzuschreiten, eine Untersuchung über die Vorgänge in Deutschland zu eröffnen, sich zwischen |350| Schweitzer und Liebknecht zu erklären und hierdurch der Ungewißheit ein Ende zu machen, in welche uns diese befremdende Lage versetzt."

Sollte man es glauben, daß dies derselbe Guillaume ist, der am 12. November 1871 in dem Zirkular von Sonvillier demselben, früher zu wenig Autorität übenden Generalrat den Vorwurf machte, daß er "das Autoritätsprinzip in die Internationale habe einführen wollen"!

Die Zeitschriften der Allianz, nicht zufrieden damit, ihr besonderes Programm zu verbreiten, was ihnen niemand übelgenommen hätte, hatten von vornherein alles aufgeboten, eine wohlberechnete Verwirrung zwischen ihrem Programm und dem der Internationalen zu schaffen und aufrechtzuhalten. Dies wiederholte sich überall, wo die Allianz über eine Zeitschrift verfügte oder an derselben mitarbeitete, in Spanien, in der Schweiz, in Italien; aber erst in ihren russischen Veröffentlichungen gelangte das System zu seiner Vollkommenheit.

Die Sekte führte ihren großen Schlag auf dem Kongreß der Romanischen Föderation zu La Chaux-de-Fonds (4. April 1870). Es handelte sich darum, die Genfer Sektionen zu zwingen, die Genfer öffentliche Allianz als einen Teil der Föderation anzuerkennen, und das Föderalkomitee und sein Organ nach einem Orte im Jura zu verlegen, wo die geheime Allianz Meister war.

Bei Eröffnung des Kongresses verlangten zwei Delegierte der "Sektion der Allianz" ihre Zulassung. Die Genfer Delegierten beantragten, diese Angelegenheit auf den letzten Teil des Kongresses zu verweisen und sofort in die Beratung des Programms zu treten, weil dies weit wichtiger sei. Sie erklärten, daß ihr imperatives Mandat ihnen vorschreibe, sich eher zurückzuziehen, als jene Sektion in ihrer Gruppe zuzulassen,

"in Ansehung der Intrigen und Herrschaftsgelüste der Leute von der Allianz; man würde die Spaltung in der romanischen Sektion beschließen, wenn man die Zulassung der Allianz beschlösse".

Aber die Allianz wollte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Die Nähe ihrer kleinen Sektionen im Jura hatte es ihr ermöglicht, sich eine kleine scheinbare Majorität zu verschaffen, da Genf und die großen Zentren der Internationalen nur sehr schwach vertreten waren. Auf Andringen Guillaumes und Schwitzguébels wurde sie mit einer angefochtenen Majorität von einer oder zwei Stimmen zugelassen. Die Genfer Delegierten befragten sofort alle Sektionen telegraphisch und erhielten den Auftrag, sich vom Kongreß zurückzuziehen. Da die Internationalen von La Chaux-de-Fonds die Genfer unterstützten, mußten die Allianzisten das Kongreßlokal verlassen, das den Sektionen des Ortes gehörte. Obwohl sie nach ihrem

|351| eigenen Organ (siehe die "Solidarité" vom 7. Mai 1870) nur fünfzehn Sektionen repräsentierten, während Genf allein deren dreißig hatte, maßten sie sich den Titel eines romanischen Kongresses an, ernannten ein neues Romanisches Föderalkomitee, in welchem Chevalley und Cognon ( 1 ) glänzten, und erhoben die Guillaumesche "Solidarité" zum Organ der Romanischen Föderation. Was Guillaume anbetrifft, so hatte dieser junge Schulmeister die besondere Aufgabe, die Genfer "Fabrikarbeiter", diese "scheußlichen Bourgeois", zu verschreien, die "Égalité", das Blatt der Romanischen Föderation, zu bekämpfen und absolute Enthaltung auf politischem Gebiete zu predigen. Die hervorstechendsten Artikel über diesen letzten Gegenstand rührten her von Bastelica in Marseille und von den beiden Hauptsäulen der Allianz in Lyon, Albert Richard und Gaspard Blanc.

Die augenblickliche und gefälschte Mehrheit des Kongresses zu La Chaux-de-Fonds hatte übrigens mit offener Verletzung der Statuten der Romanischen Föderation gehandelt, die sie zu repräsentieren vorgab, und man muß hierbei nicht vergessen, daß die Häupter der Allianz einen bedeutenden Anteil an der Abfassung dieser Statuten gehabt hatten. Laut Art. 53 und 55 mußte jede wichtige Entscheidung des Kongresses, um Gesetzeskraft zu erhalten, die Zustimmung von zwei Dritteln der föderierten Sektionen haben. Nun bildeten die Sektionen von Genf und La Chaux-de-Fonds, die sich gegen die Allianz ausgesprochen hatten, allein über zwei Drittel der Gesamtzahl. In zwei großen Generalversammlungen billigten die Genfer Internationalen fast einstimmig, trotz der Opposition Bakunins und seiner Freunde, das Auftreten ihrer Delegierten, die unter allgemeinem Beifall der Allianz vorschlugen, für sich zu bleiben und von ihrem Verlangen, in die Romanische Föderation einzutreten, abzustehen; um diesen Preis wäre die Aussöhnung fertig. Später schlugen einige enttäuschte Mitglieder der Allianz deren Auflösung vor, aber Bakunin und seine Anhänger widersetzten sich dem aus allen Kräften. Die Allianz hielt ihren Anspruch aufrecht, unter allen Umständen der Romanischen Föderation anzugehören, und dieser blieb nichts übrig, als Bakunin und die anderen Hauptführer aus ihrer Mitte auszustoßen.

Es gab also nun zwei Romanische Föderalkomitees, eins in Genf und eins in La Chaux-de-Fonds. Die ungeheure Mehrheit der Sektionen blieb dem

|352| ersteren treu, während dem anderen nur fünfzehn Sektionen folgten, von denen viele, wie wir später sehen werden, eine nach der anderen eingingen.

Kaum war der romanische Kongreß geschlossen, als das neue Komitee zu La Chaux-de-Fonds in einem "F. Robert, Sekretär, und Henri Chevalley, Präsident" (siehe die vorige Anmerkung) unterzeichneten Briefe an die Intervention des Generalrats appellierten. Der Generalrat prüfte die Beweisstücke beider Parteien und beschloß dann am 28. Juni 1870, das Genfer Komitee in seinen bisherigen Funktionen aufrechtzuhalten und das neue Föderalkomitee von La Chaux-de-Fonds aufzufordern, einen lokalen Namen anzunehmen. Gegenüber dieser Entscheidung, welche seinen Wünschen so wenig entsprach, zeterte nun das Komitee zu La Chaux-de-Fonds über den Autoritarismus des Generalrats, wobei es vergaß, daß es selbst zuerst seine Intervention verlangt hatte. Die Hartnäckigkeit, mit der das Komitee zu La Chaux-de-Fonds sich den Namen: Romanisches Föderalkomitee anmaßte, brachte in der Schweizer Föderation solche Störungen hervor, daß der Generalrat genötigt wurde, jede Beziehung mit demselben abzubrechen.

Am 4. September 1870 wurde die Republik in Paris proklamiert. Die Allianz glaubte, die Stunde habe geschlagen, um "die revolutionäre Hydra in der Schweiz zu entfesseln" (Guillaumescher Stil). Die "Solidarité" ließ ein Manifest los, welches die Bildung von schweizerischen Freikorps gegen die Preußen verlangte. Dieses Manifest war jedoch, wenn wir dem Pädagogen Guillaume Glauben schenken wollen, um "in keiner Weise anonym" zu sein, "nicht unterzeichnet". Leider verdampfte die ganze kriegerische Glut der Allianz mit der Beschlagnahme des Blattes und des Manifestes. Aber ich, rief der stürmische Guillaume aus, der "seine Haut zu Markte zu tragen" brannte, "ich blieb auf meinem Posten - in der Druckerei der Zeitung" ("Jura-Bulletin", 15. Juni 1872).

Die revolutionäre Bewegung zu Lyon war ausgebrochen. Bakunin stürzt hin, seinem Lieutenant Albert Richard und seinen Unteroffizieren Bastelica und Gaspard Blanc zu Hülfe kommend. Am 28. September, dem Tage seiner Ankunft, hatte das Volk sich des Stadthauses bemächtigt, Bakunin nahm Posto darin: der kritische, der lange Jahre hindurch erwartete Moment war endlich da, an welchem Bakunin den revolutionärsten Akt vollziehen konnte, den die Welt jemals gesehen - er dekretierte die Abschaffung des Staates. Aber der Staat, in der Form und Gestalt von zwei Kompanien Bourgeois-Nationalgarden, drang ein durch einen Eingang, den zu besetzen man vergessen hatte, fegte den Saal aus und schickte Bakunin eiligst auf den Weg nach Genf.

|353| In demselben Augenblick, wo der kriegerische Guillaume "auf seinem Posten" die September-Republik verteidigte, flüchtete sein getreuer Achates Robin vor dieser Republik nach London. Obwohl der Generalrat wußte, daß er einer der eingefleischtesten Parteigänger der Allianz und noch mehr, der Verfasser der gegen ihn in der "Égalité" geschleuderten Angriffe war, nahm er ihn dennoch, trotz der Berichte der Sektionen zu Brest über Robins wenig mutige Haltung, wegen der Abwesenheit seiner französischen Mitglieder in seine Mitte auf. Von diesem Augenblick fungierte Robin daselbst ununterbrochen als offiziöser Korrespondent des Komitees zu La Chaux-de-Fonds. Am 14. März 1871 schlug er die Einberufung einer vertraulichen Konferenz der Internationalen zur Erledigung des Schweizer Streites vor. Der Generalrat, voraussehend, daß große Ereignisse sich in Paris vorbereiteten, wies diesen Vorschlag kurzweg ab. Robin wiederholte seine Versuche mehrmals und machte endlich sogar den Vorschlag, der Generalrat solle über die Streitfrage endgültig entscheiden. Am 25. Juli entschied der Generalrat, daß diese Angelegenheit der für den Monat September 1871 einzuberufenden Konferenz mit unterbreitet werden solle.

Am 10. August erklärte die Allianz, nicht sehr begierig, ihre Umtriebe von einer Konferenz in Untersuchung gezogen zu sehen, daß sie seit dem 6. desselben Monats aufgelöst sei. Indes, verstärkt durch einige französische Flüchtlinge, erschien sie bald unter anderen Namen wieder; so als Sektion der sozialistischen Atheisten und Sektion der revolutionären sozialistischen Propaganda und Aktion. Gemäß der Resolution des Kongresses zu Basel und in Übereinstimmung mit dem Romanischen Föderalkomitee weigerte sich der Generalrat, diese Sektionen, bloße neue Intrigenherde, anzuerkennen.

Die Londoner Konferenz (September 1871) bestätigte gegenüber den Jura-Dissidenten die Entscheidung des Generalrats vom 28. Juni 1870.

Nach Eingang der "Solidarité" gründeten die neuen Anhänger der Allianz die "Révolution Sociale", an der Frau André Léo schrieb, dieselbe, die auf dem Kongreß der Friedensliga zu Lausanne erklärt hatte, zu der Zeit, wo Ferré im Gefängnis die Stunde für den Gang nach Satory erwartete, daß

"Raoul Rigault und Ferré die beiden finsteren Gestalten der Kommune wären, welche bis dahin" (bis zur Hinrichtung der Geiseln) "ohne Unterlaß, doch immer vergebens, blutige Maßregeln verlangt hätten".

Von seiner ersten Nummer an bemühte sich dieses Blatt, sich auf gleiche Stufe mit dem "Figaro", "Gaulois", "Paris-Journal" und anderen

|354| Schmutzblättern zu stellen, deren infame Verleumdungen gegen den Generalrat es neu auflegte. Der Augenblick schien ihm günstig, innerhalb der Internationalen selbst die Flamme des Nationalhasses zu entzünden. Nach ihm war der Generalrat nur ein deutsches Komitee, geleitet von einem bismarckschen Gehirn.

Die Konferenz hatte durch ihre drei Resolutionen über den Schweiter Streit, über die politische Haltung der Arbeiterklasse und über die ööfentliche Desavoouierung Netschajews die Allianz ins Herz getroffen. Der erste Beschluß richtete einen direkten Tadel gegen das pseudo-romanische Komitee zu La Chaux-de-Fonds und billigte das Verfahren des Generalrats. Er riet den Jura-Sektionen, der Romanischen Föderation beizutreten, und für den Fall, daß diese Vereinigung nicht zustande käme, entschied er, daß die Sektionen in den Gebirgsgegenden den Namen der Jura-Föderation annehmen sollten. Er erklärte, daß, falls ihr Komitee seinen Zeitungskrieg vor dem Bourgeois-Publikum fortsetze, diese Zeitungen vom Generalrat desavouiert werden würden. - Der zweite Beschluß über die politische Haltung der Arbeiterklasse machte der Verwirrung ein Ende, welche Bakunin hatte in die Internationale bringen wollen, indem er in deren Programm die Lehre von der vollständigen Enthaltung auf politischem Gebiete einschob. - Die dritte Resolution bedrohte Bakunin direkt. Weiter unten, wo wir auf Rußland zu sprechen kommen, wird man sehen, wie sehr Bakunin persönlich dabei interessiert war, die Niederträchtigkeiten der Allianz dem westlichen Europa zu verbergen.

Die Allianz sah hierin, und mit Recht, eine Kriegserklärung und eröffnete ihren Feldzug sofort. Die Jura-Sektionen, welche das pseudo-romanische Komitee unterstützten, versammelten sich am 12. November 1871 zu einem Kongress in Sonvillier. Sechzehn Delegierte waren dort erschienen, die neun Sektionen zu vertreten vorgaben. Nach dem Bericht des Föderalkomitees hatte die Sektion zu Courtelary, welche durch zwei Delegierte vertreten wurde, "ihre Tätigkeit eingestellt"; die Zentralsektion zu Locle "hatte sich schließlich aufgelöst", aber sich doch für den Augenblick wieder konstituiert, um zwei Delegierte zu dem Kongreß der Sechzehn zu senden; die Sektion der Graveurs und Guillocheurs zu Courtelary (zwei Delegierte) "konstituierte sich als Gewerksgenossenschaft" außerhalb der Internationalen; die Sektion der Propaganda zu La Chaux-de-Fonds (ein Delegierter) "ist in kritischer Lage, die, weit entfernt sich zu verbessern, sich noch zu verschlimmern droht". Die Zentralsektion zu Neuchâtel (zwei

|355| Delegierte, darunter Guillaume) "hat bedeutend zu leiden gehabt, und ohne die Opferwilligkeit einiger Mitglieder war ihr Fall gewiß". Die beiden Zirkel für soziale Studien zu Sonvillier und Saint-Imier (vier Delegierte) im Bezirk von Courtelary haben sich nach dem Bericht infolge der Auflösung der Zentralsektion zu Courtelary gebildet; so lassen sich also die paar Mitglieder dieses Bezirks dreimal durch sechs Delegierte vertreten! Die Sektion zu Moutier (ein Delegierter) scheint nur aus ihrem Komitee zu bestehen. Also von sechzehn Delegierten vertreten vierzehn tote oder im Sterben begriffene Sektionen. Doch um den Zustand der Zerrüttung zu verstehen, welchen die Predigt der Anarchie in dieser Föderation angerichtet hatte, muß man noch ein wenig weiter diesen Bericht lesen. Von zweiundzwanzig Sektionen waren nur neun auf dem Kongreß vertreten; sieben hatten auf keine Mitteilung des Komitees je geantwortet und vier waren vollständig tot erklärt. Dies war die Föderation, welche sich berufen glaubte, die Organisation der Internationalen von Grund aus umzustürzen.

Der Kongreß zu Sonvillier begann indes damit, sich vor der Londoner Konferenz, die ihm den Namen der Jura-Föderation beigelegt hatte, zu beugen; um gleichzeitig jedoch eine Probe seines Anarchismus abzulegen, erklärte er die ganze Romanische Föderation für aufgelöst. (Diese gab den Jurassiern ihre Autonomie wieder, indem sie sie aus ihren Sektionen jagte.) Darauf schleuderte der Kongreß sein lärmschlagendes Zirkular in die Welt, dessen Hauptzweck war, gegen die Gesetzmäßigkeit der Konferenz zu protestieren und an einen allgemeinen Kongreß zu appellieren, der in kürzester Frist einberufen werden sollte.

Das Zirkular beschuldigt die Internationale, von ihrem Geiste abgewichen zu sein, der nichts weiter sein sollte, "als ein ungeheurer Protest gegen die Autorität". Bis nach dem Kongreß zu Brüssel ging alles aufs beste in der besten der Gesellschaften, aber zu Basel verloren die Delegierten den Kopf; sie wurden die Beute eines "blinden Vertrauens" und griffen "den Geist und den Buchstaben der Allgemeinen Statuten" an, in denen die Autonomie jeder Sektion und jeder Sektionen-Gruppe so deutlich ausgesprochen war. Sonach hatte jetzt die Internationale die Autorität auf ihre Fahne geschrieben, und die Jura-Föderation, diese Marionette der Allianz, die Autonomie der Sektionen. Wir haben bereits gesehen, wie die Allianz diese Autonomie zu verwirklichen vorhat.

Die Sünden des Kongresses zu Basel wurden noch von denen der Londoner Konferenz übertroffen, deren Beschlüsse

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"danach streben, aus der Internationalen, der freien Föderation autonomer Sektionen, eine hierarchische, unter Autoritätsgewalt stehende Organisation disziplinierter Sektionen zu machen, vollständig in der Hand des Generalrats, der ganz nach Belieben ihre Zulassung verweigern oder selbst ihre Tätigkeit suspendieren könne".

Die Allianzisten, welche dieses Zirkular abfaßten, vergaßen also, daß ihr geheimes Reglement nur dazu gemacht ist, eine "hierarchische und autoritäre Organisation" zu befestigen, die von der Person des permanenten "Bürgers B." gekrönt wird, und daß man in diesem Reglement Instruktionen gibt, um die Sektionen zu "disziplinieren" und sie vollständig nicht nur "in die Hand", sondern sogar "in die Oberhand" dieses selben "Bürgers" zu bringen.

Waren schon die Sünden der Konferenz Todsünden, die Hauptsünde, die Sünde gegen den heiligen Geist, wurde doch vom Generalrat begangen. Es befinden sich in demselben "einige Persönlichkeiten", welche ihr

"Mandat" (als Mitglieder des Generalrats) "als eine persönliche Eigenschaft" betrachten, "und London erschien ihnen als unabsetzbare Hauptstadt unserer Assoziation ... Es haben sich Leute verleiten lassen ... in der Internationalen ihr spezielles Programm, ihre persönliche Doktrin zur Herrschaft bringen zu wollen ... als offizielle Theorie, welche allein Bürgerrecht in der Assoziation habe ... So hat sich nach und nach eine Orthodoxie gebildet, deren Sitz London und deren Vertreter die Mitglieder des Generalrats waren."

Kurz, sie haben vermittelst der "Zentralisation und Diktatur" die Einheit der Internationalen begründen wollen. - In diesem selben Zirkular strebt die Allianz danach, "in der Internationalen ihr spezielles Programm zur Herrschaft zu bringen", indem sie dieselbe für "einen ungeheuren Protest gegen die Autorität" erklärt und indem sie den Ausspruch tut, daß die Emanzipation der Arbeiter durch die Arbeiter selbst sich machen müsse, "ohne jede leitende Autorität, gleichviel ob diese Autorität von den Arbeitern gewählt sei und deren Zustimmung habe". Wir werden sehen, wie überall, wo die Allianz Einfluß hatte, sie gerade das getan hat, was sie fälschlich dem Generalrat zum Vorwurf macht, daß sie ihr lächerliches Hirngespinst von Theorie als "offizielle Theorie, welche allein Bürgerrecht in der Assoziation hätte", aufzwingen wollte. - Alles dieses bezieht sich

|357| nur auf die öffentliche und sichtbare Tätigkeit der Allianz; was ihre geheime Tätigkeit anlangt, so hat der "Geist und Buchstabe" ihrer geheimen Statuten uns bereits Aufklärung verschafft über den Grad von "Orthodoxie", von "persönlicher Doktrin", von "Zentralisation" und "Diktatur", welche in dieser "freien Föderation autonomer Gruppen" herrschen. Wir begreifen sehr wohl, warum die Allianz die Arbeiterklasse hindern wollte, sich eine gemeinsame Leitung zu schaffen, da die Bakuninsche Vorsehung bereits für dieselbe gesorgt hatte, als sie ihre Allianz als Generalstab der Revolution konstituierte.

Weit entfernt davon, der Internationalen eine Orthodoxie aufzuzwingen, hatte der Generalrat der Londoner Konferenz die Abschaffung der Sektennamen bestimmter Sektionen vorgeschlagen, und dieser Vorschlag wurde einstimmig angenommen.

Folgendermaßen drückte sich übrigens der Generalrat in seinem vertraulichen Zirkular ("Prét. Scissions", S. 24) über die Sekten aus:

"Die erste Phase in dem Kampfe des Proletariats gegen die Bourgeoisie ist durch die Sektenbewegung bezeichnet. Diese ist berechtigt zu einer Zeit, in der das Proletariat sich noch nicht hinreichend entwickelt hat, um als Klasse zu handeln. Vereinzelte Denker unterwerfen die sozialen Gegensätze einer Kritik und geben zugleich eine phantastische Lösung derselben

|358| welche die Masse der Arbeiter nur anzunehmen, zu verbreiten und praktisch ins Werk zu setzen braucht. Es liegt schon in der Natur dieser durch die Initiative einzelner gebildeten Sekten, daß sie sich jeder wirklichen Tätigkeit, der Politik, den Strikes, Gewerksgenossenschaften, mit einem Worte jeder Gesamtbewegung gegenüber fremd und abgeschlossen verhalten. Die Masse des Proletariats bleibt stets ihrer Propaganda gegenüber gleichgültig, ja selbst feindlich. Die Arbeiter von Paris und Lyon wollten ebensowenig von den Saint-Simonisten, Fourieristen, Ikariern wissen, wie die englischen Chartisten und Trades-Unionisten von den Owenisten. Die Sekten, im Anfange Hebel der Bewegung, werden ein Hindernis, sowie diese sie überholt, sie werden dann reaktionär; Beweis dafür sind die Sekten in Frankreich und England und letzthin die Lassalleaner in Deutschland, welche, nachdem sie jahrelang die Organisation des Proletariats gehemmt, schließlich einfache Polizeiwerkzeuge geworden sind. Kurz, sie stellen die Kindheit der Proletarierbewegung dar, wie die Astrologie und Alchimie die Kindheit der Wissenschaft. Damit die Gründung der Internationalen zur Möglichkeit wurde, mußte das Proletariat diese Entwicklungsstufe überschritten haben.

Gegenüber den phantastischen Sekten-Organisationen ist die Internationale die wirkliche und streitende Organisation der Proletarierklasse in allen Ländern, verbunden unter sich in ihrem Kampfe gegen die Kapitalisten, die Grundeigentümer und ihre im Staate organisierte Klassenmacht. Daher kennen die Statuten der Internationalen nur einfache Arbeitergesellschaften, die sämtlich den gleichen Zweck verfolgen und dasselbe Programm annehmen, das sich darauf beschränkt, nur die großen Hauptzüge des Ganges der Arbeiterbewegung zu zeichnen, und ihre theoretische Ausarbeitung dem durch die Bedürfnisse des praktischen Kampfes und den Gedankenaustausch innerhalb der Sektionen gegebenen Anstoß überläßt, wie denn die Internationale ohne Unterschied jede sozialistische Überzeugung in ihren Organen und auf ihren Kongressen zuläßt."

Die Allianz wollte nicht, daß die Internationale eine kämpfende Gesellschaft wäre; das Zirkular von Sonvillier verlangte, daß sie das treue Abbild der zukünftigen Gesellschaft sein sollte;

"wir müssen also dafür sorgen, daß wir diese Organisation unserem Ideale so nahe wie möglich bringen ... Die Internationale, als Embryo der zukünftigen menschlichen Gesellschaft, ist verbunden, schon jetzt die treue Abspiegelung unserer Prinzipien der

|359|

Freiheit und der Föderation zu sein und aus ihrem Schoße jedes nach Autorität, nach Diktatur strebende Prinzip zu verbannen."

Wäre es der Jura-Föderation mit ihrem Plane gelungen, die Internationale zu einem treuen Abbilde einer noch nicht existierenden Gesellschaft zu machen und ihr jedes Mittel zu einer kombinierten Tätigkeit zu entziehen, in der versteckten Absicht, sie der "Autorität und Diktatur" der Allianz und ihres permanenten Diktators, des "Bürgers B.", zu unterwerfen, so hätte sie die kühnsten Wünsche der europäischen Polizei übertroffen, die eben nur verlangt, die Internationale in Ruhestand versetzt zu sehen.

Um ihren früheren Kollegen von der Friedensliga und der radikalen Bourgeoisie den Beweis zu liefern, daß der Feldzug, den sie eröffneten, sich gegen die Internationale und nicht gegen die Bourgeoisie richte, schickten die Männer der Allianz ihr Zirkular an alle radikalen Blätter. Die Gambettasche "République française" beeilte sich, ihnen in einem Artikel voller Ermutigungen für die Jurassier und Schmähungen gegen die Londoner Konferenz ihre Anerkennung auszusprechen. Das "Bulletin Jurassien" war so erfreut, diese Stütze in der Bourgeois-Presse zu finden, daß es diesen ganzen Artikel in seiner Nummer 3 abdruckte und so bewies, daß das herzlichste Einvernehmen die ultrarevolutionären Allianzisten und die Versailler Gambettisten vereinigte. Um der angenehmen Nachricht einer in der Internationalen entstehenden Spaltung mehr Verbreitung unter der Bourgeoisie zu verschaffen, wurde das Zirkular von Sonvillier in den Straßen mehrerer Städte in Frankreich, namentlich in Montpellier, an einem Markttage verkauft. Man weiß, daß der Verkauf von Druckschriften auf der Straße in Frankreich der polizeilichen Erlaubnis bedarf.

Dieses Zirkular wurde ballenweise überallhin versandt, wo die Allianz glaubte, Freunde werben oder gegen den Generalrat Mißvergnügte gewinnen zu können. Der Erfolg war fast Null. Die spanischen Allianzisten sprachen sich gegen die Einberufung des in dem Zirkular verlangten Kongresses aus und wagten sogar, dem Papste Verweise zu erteilen. In Italien erklärte sich ein einziges Individuum, Terzaghi, und auch er nur für einen Augenblick, für den Kongreß. In Belgien, wo es keine bekannten Allianzisten gab, wo aber die ganze internationale Bewegung in dem Sumpf der Bourgeois-Phrasen von politischer Enthaltung, Autonomie, Freiheit, Föderation, Dezentralisation und im Kirchturmsgeist feststak, erhielt das Zirkular eine gewisse wohlwollende Anerkennung (succes d'estime). Obgleich der Belgische Föderalrat der Forderung eines außerordentlichen allgemeinen

|360| Kongresses seine Zustimmung versagte, die übrigens widersinnig gewesen wäre, da Belgien auf der Konferenz durch sechs Delegierte vertreten war, redigierte er doch einen Generalstatuten-Entwurf, der den Generalrat einfach abschaffte. Als man auf dem belgischen Kongresse diesen Vorschlag beriet, bemerkte der Delegierte von Lodelinsart, daß das Gefühl der Arbeitgeber das beste Kriterium für die Arbeiter sei. Wenn man nur die Freude sehe, welche schon der Gedanke einer Abschaffung des Generalrats bei den Arbeitgebern hervorrufe, dann könne man schon versichern, daß es unmöglich sei,

"einen größeren Fehler zu begehen, als den, diese Abschaffung zu beschließen".

Der Antrag wurde auch abgelehnt. In der Schweiz protestierte die Romanische Föderation energisch, überall anderswo jedoch beantwortete man das Zirkular nur mit dem Schweigen der Verachtung.

Der Generalrat antwortete auf das Zirkular von Sonvillier und auf die fortgesetzten Umtriebe der Allianz in dem vertraulichen Zirkular: "Les prétendues scissions dans l'Internationale", datiert vom 5. März 1872. Zum großen Teil ist dieses Zirkular bereits oben im Auszug mitgeteilt. Der Haager Kongreß machte mit jenen Intrigen und Intriganten gebührenden kurzen Prozeß.

Gewiß haben diese Leute, die nur vom Lärmschlagen leben, einen unbestreitbaren Erfolg gehabt. Die ganze liberale und Polizeipresse hat offen ihre Partei ergriffen; sie sind in ihren persönlichen Schmähungen gegen den Generalrat und ihren matten Angriffen gegen die Internationale von den Weltverbessern aller Länder unterstützt worden - in England von den Bourgeois-Republikanern, deren Intrigen der Generalrat vereitelte; in Italien von den dogmatischen Freidenkern, die unter der Fahne Stefanonis den Vorschlag machten, eine Allgemeine Gesellschaft der Rationalisten mit Rom als obligatorischem Sitz, mit einer "autoritären" und "hierarchischen" Organisation, mit atheistischen Mönchs- und Nonnenklöstern zu gründen, eine Gesellschaft, deren Statuten eine im Kongreßsaal aufzustellende Büste für jeden Bourgeois bestimmen, der zehntausend Franken schenkt; endlich in Deutschland von den bismarckschen Sozialisten, welche außerhalb ihres Polizeiblatts, des "Neuen Social-Demokrat", die weißen Blusen des preußisch-deutschen Kaiserreichs darstellen.

Da die "Révolution Sociale" eingegangen, ließ sich die Allianz in der Presse durch das "Bulletin Jurassien" vertreten, welches unter dem Vorwände, die autonomen Sektionen gegen die Autoritätsbestrebungen des Generalrats und die Anmaßungen der Londoner Konferenz zu schützen, an

|361| der Desorganisation der Internationalen arbeitete. Seine Nummer vom 20. März 1872 gestand es offen, daß sie unter der

"Internationalen nicht diese oder jene Organisation verstehe, welche heute einen Teil des Proletariats umfaßt. Die Organisationen sind etwas erst in zweiter Reihe Stehendes und Vorübergehendes ... die Internationale ist, um in einer allgemeineren Weise zu sprechen, jenes Gefühl der Solidarität unter den Ausgebeuteten, welches die neue Welt beherrscht."

Die auf das reine "Gefühl der Solidarität" reduzierte Internationale wäre noch platonischer als die christliche Liebe. Als Probe von den ehrenhaften Mitteln, deren sich das "Bulletin Jurassien" bedient, geben wir folgende Stelle aus einem Briefe von Tokarzewicz, Chefredakteur des polnischen Blattes "Wolnosc" (Die Freiheit) in Zürich:

"In Nummer 13 des "Bulletin Jurassien" steht ein Programm der polnischen sozialistischen Gesellschaft zu Zürich, welche in drei Tagen ihr Blatt 'Wolnosc' herausgeben wird. Wir autorisieren Sie, drei Tage nach Empfang dieses Briefes dem Generalrat der Internationalen die Anzeige zu machen, daß das Programm falsch ist."

Die Nummer dieses "Bulletin" vom 15. Juni enthält die Antworten der Allianzisten (Bakunin, Malon, Clans, Guillaume usw.) auf das vertrauliche Zirkular des Generalrats. Diese Antworten entgegnen auf keine von den Beschuldigungen, welche der Generalrat gegen die Allianz und ihre Führer erhoben hatte. Der Papst, zu Ende mit seinen Gründen, glaubte die Debatte zu schließen, indem er das Zirkular einen "Schmutzhaufen" nannte.

"Übrigens", sagte er, "hatte ich es mir vorbehalten, alle meine Verleumder vor ein Ehrengericht zu laden, welches der nächste Kongreß mir ohne Zweifel nicht verweigern wird. Und wenn mir diese Jury nur alle Garantien für ein unparteiisches und ernstliches Urteil bietet, werde ich ihr nebst allen notwendigen Details alle sowohl politischen wie persönlichen Tatsachen auseinandersetzen können, ohne Furcht vor den Mißlichkeiten und Gefahren einer indiskreten Veröffentlichung."

Natürlich, der Bürger B. trat in den Riß - wie gewöhnlich: er erschien nicht im Haag.

Der Kongreß nahte heran und die Allianz wußte, daß vor diesem Kongreß der Bericht über den Netschajewschen Prozeß, mit dessen Abfassung der Bürger Utin von der Konferenz betraut war, veröffentlicht werden sollte. Es war ihr von der höchsten Wichtigkeit, das Erscheinen des Berichts vor dem Kongreß zu verhindern, damit dessen Mitglieder nicht vollständig über diesen Gegenstand unterrichtet würden. Bürger Utin begab sich nach Zürich, um seine Arbeit auszuführen. Kaum dort niedergelassen, wurde er das Opfer eines Mordversuchs, den wir ohne Bedenken auf Rechnung der

|362| Allianz setzen. In Zürich hatte Utin keine anderen Feinde als einige allianzistische Slawen unter der "Oberhand" Bakunins. Übrigens ist die Organisation des Hinterhalts und Meuchelmords ein von jener Gesellschaft anerkanntes und angewandtes Kampfmittel; wir werden andere Beispiele hierfür in Spanien und Rußland sehen. Acht slawisch redende Individuen lauerten Utin an einem einsamen Orte in der Nähe eines Kanals auf; sowie er bei ihnen angekommen war, griffen sie ihn von hinten an, schlugen ihn mit schweren Steinen an den Kopf, versetzten ihm eine gefährliche Wunde am Auge, und, nachdem sie ihn zu Boden geworfen, hätten sie ihn vollends getötet und in den Kanal geworfen, wären nicht vier deutsche Studenten hinzugekommen. Bei ihrem Anblick entflohen die Mörder. Dieses Attentat hat den Bürger Utin nicht abgehalten, seine Arbeit zu vollenden und sie dem Kongreß zu übersenden.

Fußnoten von Marx und Engels

      1. Zwei Monate später bezeichnet das Organ dieses selben Komitees, die "Solidarité" vom 9. Juli, diese beiden Individuen als Diebe. Sie hatten wirklich eine Probe ihres anarchischen Revolutionarismus abgelegt, indem sie die kooperative Genossenschaft der Schneider zu La Chaux-de-Fonds bestahlen.

      2. Mazzini zum Beispiel machte die ganze Internationale für die grotesken Phantasien des Papstes Bakunin verantwortlich. Der Generalrat sah sich genötigt, öffentlich in den italienischen Blättern zu erklären, daß er "sich stets den wiederholten Versuchen widersetzt habe, welche darauf gerichtet waren, das weite und umfassende Programm der Internationalen (das selbst die Zulassung der Anhänger Bakunins als Mitglieder gestattete) durch das beschränkte und sektiererische Programm Bakunins zu ersetzen, dessen Annahme mit einem Schlage die ungeheure Mehrheit der Mitglieder der Internationalen ausschließen würde". - Das Zirkular von Jules Favre, der Bericht des Krautjunker-Deputierten Sacaze über unsere Assoziation, die reaktionären Reden bei der Debatte der spanischen Cortes über die Internationale, kurz alle gegen dieselbe öffentlich gerichteten Angriffe wimmeln von Zitaten ultra-anarchischer Phrasen aus dem Bakuninschen Lager.

(3 Resolution I I der Konferenz Artikel 2: - "Die lokalen Zweige, Sektionen oder Gruppen und ihre Komitees werden sich in Zukunft einfach und ausschließlich als Zweige, Sektionen, Gruppen und Komitees der Internationalen Arbeiterassoziation unter Zufügung des Namens der betreffenden Örtlichkeit bezeichnen und konstituieren." Art. 3: - "Es ist also von nun an den Zweigen, Sektionen oder Gruppen verboten, sich mit Sektennamen zu bezeichnen, wie zum Beispiel als positivistischer, mutualistischer, kollektivistischer, kommunistischer Zweig usw., oder separatistische Gruppen unter dem Namen: Sektion der Propaganda usw. zu bilden, die sich spezielle Aufgaben außerhalb des gemeinsamen von allen Gruppen der Internationalen verfolgten Zweckes stellen."

      1. Toulouser Prozeß, siehe "La Réforme" (Toulouse) vom 18. März 1873.





V.
Die Allianz in Italien

|375| In Italien bestand die Allianz vor der Internationalen. Papst Michail hatte dort seinen Aufenthalt gehabt und sich zahlreiche Verbindungen unter den jüngeren radikalen Elementen der Bourgeoisie verschafft. Die erste Sektion der italienischen Internationalen, die zu Neapel, stand von ihrer Gründung an unter der Führung dieses Bourgeois- und Allianzistenkreises. Der Advokat Gambuzzi (1) einer der Gründer der Allianz, verschaffte seinem "Musterarbeiter" Caporusso die Präsidentschaft. Auf dem Kongreß zu Basel vertrat Bakunin, Arm in Arm mit seinem getreuen Caporusso, die neapolitanischen Internationalen, während der Antonelli der Allianz, Fanelli (2),

|376| Delegierter mehrerer außerhalb der Internationalen stehenden Arbeiter-Assoziationen, durch ein Unwohlsein unterwegs aufgehalten wurde.

Die Vertrautheit mit dem heiligen Vater berauschte den braven Caporusso. Bei seiner Rückkehr nach Neapel glaubte er, über den anderen Allianzisten zu stehen; er spielte bei seiner Sektion den Herrn.

"Die Reise nach Basel wandelte Caporusso von Kopf zu Fuße um ... Er kam zurück vom Kongreß mit sonderbaren Ideen und Ansprüchen, ganz und gar mit dem Wesen unserer Assoziation im Widerspruch. Er sprach zuerst andeutungsweise, dann offen in gebieterischem Tone von Vollmachten, die er nicht hatte und nicht haben konnte; er versicherte, daß der Generalrat nur zu ihm Vertrauen habe, und daß er, wenn die Sektion nicht nach seinem Willen ginge, die Vollmacht habe, sie aufzulösen und eine neue zu gründen." (Offizieller Bericht der Sektion zu Neapel an den Generalrat, Juli 1871, abgefaßt und unterzeichnet vom allianzistischen Advokaten Carmelo Palladino.)

Die Vollmachten Caporussos mußten vom Zentralkomitee der Allianz ausgehen, denn die Internationale hat nie derartige erteilt. Der gute Caporusso, der in der Internationalen nur eine Quelle persönlichen Vorteils erblickte, ernannte seinen Schwiegersohn, einen Ex-Jesuiten und entlaufenen Priester zum

"Professor der Internationalen und zwang die armen Arbeiter, seine Tiraden über die Achtung des Eigentums und andern Blödsinn der Bourgeois-Volkswirtschaft herunterzuschlucken" (Brief Cafieros) (3),

worauf er sich dann von den Kapitalisten kaufen ließ, die durch die Fortschritte der Internationalen in Neapel in Unruhe versetzt wurden. Auf ihr Geheiß zog er die Kürschner Neapels in einen hoffnungslosen Strike. Nebst drei anderen Mitgliedern ins Gefängnis geworfen, behielt er die Summe von 300 Franken ein, welche von der Sektion zur Unterstützung der vier

|377| Gefangenen geschickt wurde. Diese Großtaten bewirkten seine Ausstoßung aus der Sektion, die weiter fortexistierte, bis sie durch Gewalt aufgelöst wurde (20. August 1871). Die Allianz, den Angriffen der Polizei entgangen, benutzte diesen Umstand, um sich an die Stelle der Internationalen zu setzen. Carmelo Palladino protestierte bei Einsendung des oben zitierten offiziellen Berichts vom 13. November 1871 gegen die Londoner Konferenz in denselben Ausdrücken und mit denselben Gründen, die man im Zirkular von Sonvillier vom Tage vorher findet.

Im November 1871 bildete sich in Mailand eine aus verschiedenen Elementen zusammengesetzte Sektion. Man fand in ihr Arbeiter, besonders Mechaniker, die von Cuno zugeführt wurden; daneben Studenten, Journalisten der kleinen Presse, Kommis, diese letzteren vollständig unter dem Einnuß der Allianz. Cuno war schon wegen seines pangermanischen Ursprungs von ihren Mysterien ausgeschlossen; doch überzeugte er sich, daß nach einer Pilgerfahrt nach Locarno, dem allianzistischen Rom, diese jungen Bourgeois sich als Sektion der geheimen Gesellschaft konstituiert hatten. Kurz darauf (Februar 1872) wurde Cuno von der italienischen Polizei verhaftet und ausgewiesen; dank dieser Hülfe des Himmels fand die Allianz das Feld frei und disziplinierte ganz sachte die Mailändische Sektion der Internationalen.

Am 8. Oktober 1871 konstituierte sich in Turin die Arbeiterföderation; sie beantragte beim Generalrat ihre Aufnahme in die Internationale. Ihr Sekretär, Carlo Terzaghi, schrieb in jenem Briefe: "Attendiamo i vostri ordini" - wir erwarten Eure Befehle. Wie um zu zeigen, daß in Italien die Internationale von ihrem Ursprung an durch den bürokratischen Instanzenzug der Allianz passieren mußte, meldet er, daß

"der Generalrat durch Vermittlung Bakunins einen Brief der Arbeiter-Assoziation zu Ravenna erhalten werde, worin diese sich als internationale Sektion erkläre".

Am 4. Dezember zeigt Carlo Terzaghi dem Generalrat an, daß die Arbeiterföderation sich gespalten habe, da die Majorität mazzinistisch sei, und daß die Minderheit sich unter dem Namen Emanzipation des Proletariers als Sektion konstituiert habe. Er benutzt die Gelegenheit, um vom Generalrat Geld für sein Journal "Il Proletario" zu verlangen. Es war nicht die Aufgabe des Generalrats, für die Bedürfnisse der Presse zu sorgen; doch existierte in London ein Komitee, das sich bemühte, einige Gelder zur Unterstützung der internationalen Blätter zu sammeln. Das Komitee

|378| war im Begriff, eine Unterstützung von 150 Franken zu senden, als das "Gazzettino Rosa" verkündete, die Turiner Sektion habe für den Jura offen Partei ergriffen und habe beschlossen, einen Delegierten zu dem von der Jura-Föderation einzuberufenden allgemeinen Kongreß zu schicken. Zwei Monate später rühmte sich Terzaghi vor Regis, daß er diesen Beschluß habe fassen lassen, nachdem er in Locarno persönlich die Instruktionen Bakunins in Empfang genommen hatte. Bei dieser feindseligen Haltung zur Internationalen schickte das Komitee kein Geld.

Obwohl Terzaghi in Turin die rechte Hand der Allianz war, so war doch der wahre päpstliche Legat daselbst ein gewisser Jacobi, angeblich polnischer Arzt. Zur Erklärung seines Hasses gegen den angeblichen Pangermanismus des Generalrats beschuldigte diesen der allianzistische Doktor

"der Nachlässigkeit und Untätigkeit im französisch-preußischen Kriege; man muß ihm den Fall der Kommune zuschreiben, da er es nicht verstanden hat, sich seiner ungeheueren Macht zu bedienen, um die Pariser Bewegung zu unterstützen; seine germanischen Tendenzen fallen in die Augen, wenn man bedenkt, daß vor den Mauern von Paris in der deutschen Armee 40.000 Internationale (!) standen und der Generalrat nicht verstanden hat, seinen Einfluß zu brauchen oder ihn nicht hat brauchen wollen, um die Fortsetzung des Krieges zu verhindern" (!! - Bericht von Regis an den Generalrat, 1. März 1872).

Er beschuldigt den Generalrat, ihn mit dem Preß-Komitee verwechselnd, "die Theorie der korrumpierenden und korrumpierten Regierungen zu befolgen", als er die 150 Franken dem Allianzisten Terzaghi verweigerte. Um zu beweisen, daß diese Klage der Allianz von Herzen kam, machte es sich Guillaume zur Pflicht, sie auf dem Haager Kongreß zu wiederholen.

Während Terzaghi in seinem Blatte vor dem Publikum die große antiautoritäre Trommel der Allianz schlug, schrieb er unter der Hand an den Generalrat, daß er seine Autorität brauchen und die Beiträge der Turiner Arbeiterföderation zurückweisen solle, und verlangte von ihm eine regelrechte Exkommunikation des Journalisten Beghèlli, der nicht einmal Mitglied der Internationalen war. Derselbe Terzaghi, "der gute Freund (ami-cone) des Turiner Polizeipräfekten, der ihn auf ein Gläschen Wermuth traktierte, wenn er ihm begegnete" (offizieller Bericht des Turiner Föderalrats vom 5. April 1872), denunzierte in einer öffentlichen Versammlung die Anwesenheit des Flüchtlings Regis, der vom Generalrat nach Turin gesandt war. Diese Anzeige trieb die Polizei sofort unmittelbar auf Regis' Fersen; es gelang diesem nur mit Hülfe der Sektion, die Grenze zu erreichen.

|379| Terzaghi beschloß in Turin folgendermaßen seine allianzistische Mission. Da schwere Anklagen sich gegen ihn erhoben hatten, so "drohte er die Bücher der Sektion zu verbrennen, wenn man ihn nicht wieder zum Sekretär wählte, wenn man sich seinem Willen, seiner Autorität zu entziehen trachtete, oder wenn man einen Tadel gegen ihn beschlösse. In allen diesen Fällen würde er sich rächen, indem er Polizeiagent (questurino) würde". (Aus dem oben zitierten Bericht des Turiner Föderalrats.) Terzaghi hatte alle Ursache, die Sektion einschüchtern zu wollen. In seiner Eigenschaft als Kassierer und Sekretär hatte er seine allianzistischen Kassendiebstähle gar zu weit getrieben. Trotz eines formellen Verbots von seiten des Rats gewährte er sich eine Schadloshaltung von 90 Franken; er trug in die Bücher unbezahlte und in der Kasse fehlende Summen als bezahlt ein; die von ihm selbst aufgestellte Rechnungsbilanz wies einen Kassenbestand von 56 Franken auf, die nicht aufzufinden waren und die er sich zu ersetzen weigerte, ebenso die 200 Beitragsmarken, welche er vom Generalrat erhalten hatte. Die Generalversammlung schaßte (scacciò) ihn einstimmig (der oben zitierte Bericht). Die Allianz, welche immer die Autonomie der Sektionen respektiert, respektierte auch diese Ausstoßung, indem sie Terzaghi unmittelbar darauf zum Ehrenmitglied der Sektion zu Florenz ernennen ließ und später zum Delegierten dieser selben Sektion für die Konferenz zu Rimini.

Wenige Tage später, in einem Brief vom 10. März, erklärt Terzaghi dem Generalrat seine Ausstoßung auf folgende Weise: er habe seine Entlassung als Mitglied und Sekretär dieser Sektion von Kanaillen und Polizeispitzeln (canaglia et mardoccheria) eingereicht, weil dieselbe "aus Agenten der Regierung und Mazzinisten zusammengesetzt sei", und weil man versucht habe, ihm ein Tadelsvotum anzuheften, "wissen Sie, warum? weil ich Krieg dem Kapital predigte!" (Diesen Krieg führte er grade gegen die Kasse der Sektion.) Der Brief hat den Zweck, dem Generalrat zu beweisen, daß er sonderbar getäuscht sei über den Charakter dieses braven Terzaghi, der nichts sehnlicher wünsche, als der untertänige Diener des Generalrats zu sein. Hatte er nicht "stets erklärt, daß man, um Internationaler zu sein, seine Beiträge an den Generalrat zahlen müsse" - im Gegensatz zu den geheimen Befehlen der Allianz?

"Wenn wir dem Jura-Kongreß beigetreten sind, so geschah es nicht, um Ihnen, meine lieben Freunde, den Krieg zu erklären, sondern man folgte einfach dem Strome; unsere Absicht war, in dem Konflikt ein Friedenswort beizutragen. Was die Zentralisation der Sektionen betrifft, so halte ich dieselbe, ohne ihnen jedoch eine gewisse eigene Autonomie entziehen zu wollen, für sehr nützlich." - "Ich hoffe, daß der große Rat die Aufnahme der mazzinistischen Arbeiterföderation verweigern wird; seien Sie

|380| überzeugt, daß niemand es Ihnen für Autoritätssucht auslegen wird; ich übernehme alle Verantwortlichkeit dafür ... Ich wünsche eine ausführliche Biographie von Karl Marx; in Italien haben wir noch keine authentische und ich möchte die Ehre haben, zuerst eine solche zu liefern."

Und was bedeutet diese ganze Schweifwedelei?

"Nicht meinetwegen, sondern um der Sache willen, um meinen zahlreichen Feinden nicht den Platz zu räumen, um ihnen zu zeigen, daß die Internationale feststeht, bitte ich Sie dringend, wenn es noch Zeit ist, mir die Unterstützung von 150 Franken zu bewilligen, die der große Rat beschlossen hat."

Sich der Straflosigkeit sicher wähnend, scheint Terzaghi durch neue Streiche in Florenz sich derart unmöglich gemacht zu haben, daß der Fascio Operaio |Arbeiterbund| selbst sich genötigt sah, ihn zu desavouieren. Hoffen wir, daß das Jura-Komitee verstanden hat, seine Dienste besser zu würdigen.

Wenn die Allianz in Terzaghi ihren echten Repräsentanten gefunden hat, so fand sie in der Romagna ihr richtiges Terrain. Sie bildete dort ihre Gruppe angeblich internationaler Sektionen, die als erste Verhaltungsregel hatten, sich nicht an die Allgemeinen Statuten zu kehren und dem Generalrat weder ihre Konstituierung anzuzeigen, noch Beiträge zu zahlen. Es waren wahrhaft autonome Sektionen. Sie nahmen den Namen des Fascio Operaio an und dienten verschiedenen Arbeiter-Assoziationen als Mittelpunkt. Ihr erster, zu Bologna am 17. März 1872 abgehaltener Kongreß antwortete auf die Frage:

"Soll man im allgemeinen Interesse und zur Sicherung der vollständigen Autonomie des Fascio Operaio denselben der Leitung des General-Komitees zu London oder der des Jura unterwerfen oder soll man seine Unabhängigkeit bewahren, indem man zugleich Beziehungen mit beiden Komitees unterhält?"

mit folgendem Beschluß:

"Der Kongreß erblickt in dem General-Komitee zu London und dem des Jura nichts weiter als einfache Korrespondenz- und statistische Büros und beauftragt das Konsulat des Bezirks von Bologna, sich mit beiden in Verbindung zu setzen und darüber den Sektionen zu berichten."

Der Fascio Operaio hatte einen großen Bock geschossen, indem er den Profanen die geheimnisvolle Existenz des geheimen Zentrums der Allianz enthüllte. Das Jura-Komitee sah sich genötigt, öffentlich seine geheime Existenz zu leugnen. - Was den Generalrat anlangt, so hat ihm das Konsulat von Bologna nie ein Lebenszeichen gegeben.

|381| Kaum hatte die Allianz von der Einberufung des Haager Kongresses Kenntnis, so ließ sie ihren Fascio Operaio vorrücken, der im Namen seiner autonomen Autorität oder seiner autoritären Autonomie sich den Titel italienische Föderation beilegte und zum 5. August eine Konferenz nach Rimini einberief. Von den 21 Sektionen, die dort vertreten waren, hatte eine einzige, die zu Neapel, jemals zur Internationalen gehört, während keine der wirklich zur Internationalen gehörigen Sektionen, selbst nicht die zu Mailand, dort einen Vertreter hatte. Diese Konferenz deckte den Feldzugsplan der Allianz in folgender Resolution auf:

"In Erwägung, daß die Londoner Konferenz (September 1871) es versucht hat, durch ihre Resolution IX der ganzen Internationalen Arbeiter-Assoziation eine autoritäre Lehre aufzudrängen, welche die der deutschen kommunistischen Partei ist;

in Erwägung, daß der Generalrat der Hebel und Stützpunkt dieses Versuchs ist;

in Erwägung, daß die Lehre der autoritären Kommunisten die Verneinung des revolutionären Gefühls des italienischen Proletariats ist;

in Erwägung, daß der Generalrat die unwürdigsten Mittel, wie Verleumdung und Betrug, gebraucht hat, einzig zu dem Zwecke, der ganzen internationalen Assoziation die Einheit seiner speziellen autoritär-kommunistischen Doktrin aufzuzwingen;

in Erwägung, daß der Generalrat das Maß seiner Unwürdigkeit durch sein vertrauliches Zirkular, datiert London 5. März 1872, voll gemacht hat, in welchem er, sein Werk der Verleumdung und des Betrugs fortsetzend, seine ganze Autoritätssucht enthüllt, namentlich in den beiden folgenden, beachtenswerten Stellen:

Es durfte schwer sein, Befehle auszuführen ohne 'moralische' Autorität, in 'Ermangelung jeder anderen frei zugestandenen Autorität'. (vertrauliches Zirkular, Seite 27).

'Der Generalrat beabsichtigt, auf dem nächsten Kongreß eine Untersuchung über jene geheime Organisation und ihre Führer in gewissen Ländern, zum Beispiel in Spanien, zu verlangen.' (Seite 31)

In Erwägung, daß der reaktionäre Geist des Generalrats das revolutionäre Gefühl der Belgier, Franzosen, Spanier, Slawen, Italiener und eines Teiles der Schweiz empört und den Antrag auf Abschaffung des Generalrats wie auf Reform der Allgemeinen Statuten hervorgerufen hat;

in Erwägung, daß der Generalrat nicht ohne Ursache den Kongreß nach dem von allen jenen revolutionären Ländern weit entlegenen Haag berufen hat;

in Erwägung alles dessen erklärt die Konferenz feierlich vor allen Arbeitern der Welt, daß die italienische Föderation der Internationalen Arbeiter-Assoziation von diesem Augenblick an jede Solidarität zwischen sich und dem Londoner Generalrat aufhebt, zugleich jedoch ihre ökonomische Solidarität mit allen Arbeitern versichert, und alle Sektionen, welche nicht die autoritären Prinzipien des Generalrats teilen, auffordert, ihre Vertreter zum 2. September 1872 nicht nach dem Haag, sondern nach

|382| Neuchâtel (Schweiz) zu senden, um an demselben Tage den antiautoritären allgemeinen Kongreß zu eröffnen.

Rimini, 6. August 1872

Für die Konferenz
Carlo Cafiero, Präsident, Andrea Costa, Sekretär."

Der Versuch, den Fascio Operaio an die Stelle des Generalrats zu setzen, scheiterte vollständig. Sogar der Spanische Föderalrat, diese einfache Filiale der Allianz, wagte es nicht, die Resolution von Rimini den spanischen Internationalen zur Abstimmung zu unterbreiten. Die Allianz versuchte also ihren Schnitzer wiedergutzumachen, und ging nach dem Haag, berief aber gleichzeitig ihren antiautoritären Kongreß nach Saint-Imier.

Italien war durch besondere günstige Umstände das gelobte Land der Allianz geworden. Der Papst Michail deckt dieses Geheimnis in seinem Briefe an Mora (Beweisstück 3) auf:

"In Italien gibt es, was den anderen Ländern fehlt, eine glühende, energische Jugend ohne jede Stellung, ohne Karriere, ohne Ausweg (tout-à-fait déplacée, sans carrière, sans issue), die trotz ihrer Bourgeois-Herkunft nicht moralisch und intellektuell erschöpft ist wie die junge Bourgeoisie anderer Länder. Heute stürzt sie sich kopfüber (à tête perdue) in den revolutionären Sozialismus mit unserem ganzen Programm, dem Programm der Allianz. Mazzini, unser genialer und mächtiger Gegner, ist tot, die mazzinistische Partei ist vollständig desorganisiert, und Garibaldi läßt sich mehr und mehr fortreißen von jener seinen Namen führenden Jugend, die jedoch viel weiter als er geht, ja läuft." (4) .

Der heilige Vater hat recht. Die Allianz in Italien ist nicht ein "Arbeiter-Bund" (Fascio Operaio), sondern ein Haufen von Deklassierten, der Abhub der Bourgeoisie. Alle angeblichen Sektionen der italienischen Internationalen werden geleitet von Advokaten ohne Klienten, von Ärzten ohne

|383| Patienten und ohne Kenntnisse, von Studenten vom Billard, von Handlungsreisenden und sonstigen Kommis und besonders von Journalisten der kleinen Presse von mehr oder minder zweideutigem Ruf. Italien ist das einzige Land, in dem die internationale Presse - oder die sich so nennt - einen figaristischen Charakter trägt. Man braucht nur einen Blick auf die Handschrift der Sekretäre dieser angeblichen Sektionen zu werfen, um sich zu überzeugen, daß sie immer eine kaufmännische ist oder doch den gewohnheitsmäßigen Gebrauch der Feder verrät. Sich so aller offiziellen Stellungen in den Sektionen bemächtigend, zwang die Allianz die italienischen Arbeiter, sobald sie untereinander oder mit einem auswärtigen Rat der Internationalen in Verbindung treten wollten, sich der Hände jener allianzistischen degradierten Bourgeois zu bedienen, die in der Internationalen endlich eine "Karriere" und einen "Ausweg" fanden.

Fußnoten von Marx und Engels

      1. "Einer der eifrigsten Parteigänger Caporussos war der Advokat Carlo Gambuzzi, der in ihm das Muster eines Präsidenten einer internationalen Sektion gefunden zu haben glaubte. Gambuzzi war es auch, der ihm die Mittel zum Besuch des Kongresses zu Basel verschaffte. Und als die Ausstoßung Caporussos in der Generalversammlung der Sektion beschlossen wurde, widersetzte er sich lebhaft der Veröffentlichung dieser Tatsache im 'Bulletin' und überredete auch seine Freunde, nicht auf die Veröffentlichung jener andern schimpflichen Tatsache, der Aneignung von 300 Franken, zu dringen." (Brief Cafieros vom 12. Juli 1871.)

      2. Fanelli ist bereits seit langer Zeit im italienischen Parlament. Gambuzzi, hierüber interpelliert, erklärte, daß es etwas sehr Schönes sei, Deputierter zu sein; man sei der Polizei gegenüber unverletzlich und könne umsonst auf allen italienischen Bahnen fahren. Die Allianz verbietet den Arbeitern jede politische Tätigkeit, denn vom Staate die Feststellung eines Normal-Arbeitstages für Frauen und Kinder verlangen, hieße den Staat anerkennen und sich vor dem bösen Prinzip beugen; aber die Bourgeois-Führer der Allianz haben päpstlichen Dispens, der ihnen gestattet, im Parlament zu sitzen und die ihnen von den Bourgeois-Staaten gebotenen Vorrechte zu genießen. Die atheistische und anarchistische Tätigkeit Fanellis im italienischen Parlament hat sich bisher auf eine schwülstige Lobrede auf den Autoritarier Mazzini, den Mann des "Dio e popolo" |"Gott und Volk"|, beschränkt.

      3. Caporusso hatte zwei Jahre später die Unverschämtheit, dieses selbe, in Neapel durchgefallene Individuum dem Generalrat durch folgende Reklame aufdrängen zu wollen: "Bürger-Präsident der Internationalen! Die große Frage von Arbeit und Kapital, welche der Arbeiterkongreß von Basel behandelte und die heute die Geister aller Klassen beschäftigt, ist jetzt gelöst. Mein Schwiegersohn, der Mann meiner Tochter, hat sich mit dem Studium des schweren Problems der sozialen Frage beschäftigt, er hat die Entscheidungen jenes Kongresses geprüft und mit Hülfe der Wissenschaft den Faden des schwierigen Knotens gefunden, um die Arbeiterfamilie mit der Bourgeoisie, jede in ihrem Rechte, in vollkommenes Gleichgewicht zu bringen" usw. (unterzeichnet Stefane Caporusso).

      4. Garibaldi selbst schreibt hierüber: "Mein lieber Crescio! Herzlichen Dank für den 'Avvenire Sociale', den Sie mir zugesandt haben und den ich mit Interesse lesen werde. Sie wollen in Ihrem Blatte die Lüge und die Sklaverei bekämpfen: das ist ein sehr schönes Programm. Aber ich glaube, daß die Bekämpfung des Prinzips der Autorität einer jener Fehler der Internationalen ist, der ihre Fortschritte hindert. Die Pariser Kommune ist gefallen, weil in Paris keine Autorität, sondern nur Anarchie existierte. Spanien und Frankreich leiden an demselben Übel. Ich wünsche dem 'Avvenire' gutes Gedeihen und bleibe Ihr G. Garibaldi."





VII.
Die Allianz seit dem Haager Kongreß

|389| Wie man weiß, gaben in der letzten Sitzung des Haager Kongresses die vierzehn Delegierten der Minorität eine gegen die gefaßten Beschlüsse protestierende Erklärung ab. Diese Minorität bestand aus folgenden Delegierten: vier Spaniern, fünf Belgiern, zwei Jurassiern, zwei Holländern, einem Amerikaner.

Nachdem sie sich in Brüssel mit den Belgiern über die Grundlagen eines gemeinsamen Vorgehens gegen den neuen Generalrat verständigt hatten, reisten die Jurassier und die Spanier nach Saint-Imier in der Schweiz, um dort den antiautoritären Kongreß abzuhalten, den die Allianz durch ihre Anhänger in Rimini hatte einberufen lassen.

Diesem Kongreß vorher ging der der Jura-Föderation, welcher die Haager Beschlüsse verwarf und namentlich die, welche Bakunin und Guillaume ausgestoßen hatten; infolgedessen wurde die Föderation vom Generalrat suspendiert.

Auf dem antiautoritären Kongreß war die Allianz vollzählig vertreten. Neben den Spaniern und Jurassiern finden wir Italien von sechs Delegierten vertreten, unter ihnen Costa, Cafiero, Fanelli und Bakunin selbst; zwei Delegierte gaben vor, "mehrere Sektionen in Frankreich" und ein Delegierter, zwei Sektionen in Amerika zu vertreten; im ganzen waren dort fünfzehn "Alliierte". Dieser Kongreß bot endlich Bakunin "alle Garantien eines unparteiischen und ernsten Urteils"; auch herrschte auf ihm die größte Einmütigkeit. Diese Leute, von denen mindestens die Hälfte nicht zur Internationalen gehörte, stellten sich als höchsten Gerichtshof hin, berufen, in letzter Instanz über die Handlungen eines allgemeinen Kongresses unserer Assoziation zu entscheiden. Sie erklärten, alle Beschlüsse des Haager Kongresses absolut zu verwerfen und in keiner Weise die Befugnisse des neuen von demselben gewählten Generalrats anzuerkennen. Endlich schlossen sie im Namen ihrer Föderationen und ohne irgendeine Art Mandat hierzu ein

|390| Schutz- und Trutzbündnis - einen "Pakt der Freundschaft, der Solidarität und des gegenseitigen Schutzes" - gegen den Generalrat und alle diejenigen, welche die Haager Beschlüsse anerkennen würden; sie definierten ihren Enthaltungs-Anarchismus in folgender Resolution, die eine direkte Verurteilung der Pariser Kommune ist:

"Der Kongreß erklärt: 1. daß die Vernichtung jeder politischen Macht die erste Pflicht des Proletariats ist; 2. daß jede Organisation einer angeblich provisorischen und revolutionären politischen Macht zum Zwecke der Bewerkstelligung jener Vernichtung nur eine neue Täuschung sein kann und für das Proletariat ebenso gefährlich sein muß, wie alle heute existierenden Regierungen."

Endlich beschloß man, die anderen autonomistischen Föderationen aufzufordern, sich diesem neuen Pakt anzuschließen, und in sechs Monaten einen zweiten antiautoritären Kongreß abzuhalten.

Die Spaltung in der Internationalen war also ausgesprochen. Das Jura-Komitee nahm von diesem Augenblick die Geschäftsführung der Dissidenten offen in die Hand. Der Teil der Internationalen, der ihr folgte, war nichts weiter als die neugeborene alte öffentliche Allianz, die so der geheimen Allianz als Maske und Werkzeug diente.

Nach Spanien zurückgekehrt, veröffentlichten die vier Haimonskinder der spanischen Allianz ein mit Schmähungen gegen den Haager Kongreß und mit Lobeserhebungen gegen den von Saint-Imier gespicktes Manifest. Der Föderalrat nahm diese Schmähschrift unter seine Fittiche und berief auf Geheiß der Schweizer Zentralbehörde den Landeskongreß nach Córdoba zum 25. Dezember 1872, während dieser erst im April 1873 hätte stattfinden sollen. Die Schweizer Zentralbehörde ihrerseits beeilte sich, vor allen Augen klarzulegen, welche subalterne Stellung ihr gegenüber dieser Föderalrat einnehme: das Jura-Komitee schickte über den Kopf des Spanischen Föderalrats hinweg die Resolutionen von Saint-Imier an alle Lokalföderationen Spaniens.

Auf dem Kongreß zu Córdoba fanden sich von 101 Föderationen (die vom Föderalrat angegebene offizielle Zahl) nur 36 vertreten; es war also ein Minderheitskongreß, so reinlich und so zweifelsohne wie kaum ein anderer. Neugebildete Föderationen waren durch zahlreiche Delegierte vertreten; Alcoy hatte ihrer sechs, und doch war diese Föderation nie vorher auf einem Landeskongreß vertreten gewesen; zur Zeit des Haager Kongresses existierte sie noch nicht einmal, denn sie hatte für die spanische Delegation weder eine Stimme noch einen Groschen abgegeben. Bedeutende und tätige Föderationen, wie Gracia (500 Mitglieder), Badalona (500 Mitglieder), Sabadell (125), Sans (1.061), glänzten durch ihre Abwesenheit. Auf

|391| der Liste der achtundvierzig Delegierten findet man die Namen von vierzehn notorischen Mitgliedern der Allianz, von denen zehn Föderationen vertreten, bei denen sie nicht Mitglieder und wahrscheinlich auch unbekannt waren. Die Allianz, der von ihr fabrizierten Majorität sicher, ließ ihren Gelüsten jetzt freien Lauf. Die in Valencia ausgearbeiteten und in Saragossa bestätigten Statuten der Landesföderation wurden umgestoßen, die Spanische Föderation enthauptet, indem ihr Föderalrat durch eine bloße Korrespondenz- und statistische Kommission ersetzt wurde, der man nicht einmal die Ablieferung der spanischen Beiträge an den Generalrat auftrug. In einem Wort, man brach mit der Internationalen durch die Verwerfung der Haager Beschlüsse und die Annahme des Pakts von Saint-Imier; man trieb die Anarchie so weit, daß man schon im voraus den nächsten allgemeinen Kongreß verwarf und durch einen neuen antiautoritären Kongreß ersetzte,

"für den Fall, daß jener nicht die Würde und Unabhängigkeit der Internationalen durch Umstoßung der Beschlüsse des Haager Kongresses wiederherstelle".

Im Haag wollte die Allianz durch das imperative Mandat der Spanier den Abstimmungsmodus aufzwingen, der ihr für den Augenblick am besten paßte; in Córdoba ging sie so weit, daß sie bereits neun Monate vorher die Beschlüsse vorschrieb, welche der nächste allgemeine Kongreß fassen müsse. Gestehen wir es, weiter konnte man die Autonomie der Sektionen und Föderationen nicht treiben.

Der Haager Kongreß, indem er die Allianz und ihre Häupter aus der Internationalen stieß, gab der gegen die Allianz reagierenden Bewegung neue Kraft. Die Neue Madrider Föderation wurde in dem Feldzuge, den sie eröffnet hatte, von den Föderationen zu Saragossa, Vitoria, Alcalá de Henares, Gracia, Lérida, Denia, Pont de Vilumara, Toledo, Valencia, der neuen Föderation zu Cádiz usw. unterstützt. Das Zirkular des Föderalrats, der den Kongreß von Córdoba einberief, verlangte von diesem, daß er über die Beschlüsse des allgemeinen Kongresses im Haag zu Gericht sitze. Es war dieses eine offenbare Verletzung nicht nur der Allgemeinen Statuten, sondern auch der spanischen Landes-Statuten, die im Art. 13 erklären:

"Der Föderalrat hat die Beschlüsse der Landes- und internationalen Kongresse auszuführen und ausführen zu lassen."

Die Neue Madrider Föderation antwortete in einem Zirkular an die anderen Lokalföderationen, in welchem sie erklärte, daß der Föderalrat durch dieses Verfahren sich außerhalb der Internationalen gestellt habe,

|392| und das Verlangen stellte, ihn durch einen neuen provisorischen Föderalrat zu ersetzen, der die Aufgabe habe, streng die Statuten aufrechtzuerhalten und nicht blind den Befehlen der Allianz zu gehorchen. Dieser Vorschlag wurde angenommen; man ernannte einen neuen Föderalrat, der seinen Sitz in Valencia hat. Derselbe erklärt sich in seinem ersten Zirkular (2. Februar 1873) als den "treuen Wächter der auf den internationalen und Landes-Kongressen ausgearbeiteten und bestätigten Statuten der Internationalen" und protestiert energisch gegen diejenigen, welche die "Anarchie in den Schoß der Internationalen pflanzen wollen, die Anarchie vor der Revolution, die Entwaffnung vor dem Siege! Welche Freude für die Bourgeoisie!"

Gleichzeitig mit den Spaniern hielten die Belgier ihren Kongreß ab und verwarfen gleichfalls die Haager Beschlüsse. Der Generalrat antwortete ihnen, wie den sezessionistischen Spaniern, durch den Beschluß vom 26. Januar 1873, welcher erklärt, daß "alle Gesellschaften und Personen, welche sich weigern, die Kongreßbeschlüsse anzuerkennen, oder die Erfüllung der von den Allgemeinen Statuten und Reglements auferlegten Pflichten ausdrücklich versagen, sich selbst außerhalb der Internationalen Arbeiter-Assoziation stellen und derselben anzugehören aufhören". Am 30. Mai vervollständigte er diese Erklärung durch folgende Resolution:

"In Anbetracht, daß der am 25. und 26. Dezember 1872 in Brüssel abgehaltene Kongreß der Belgischen Föderation beschlossen hat, die Beschlüsse des fünften allgemeinen Kongresses für null und nichtig zu erklären;

in Anbetracht ferner, daß der vom 25. Dezember 1872 bis zum 2. Januar 1873 in Córdoba abgehaltene Kongreß eines Teiles der Spanischen Föderation beschlossen hat, die Beschlüsse des fünften allgemeinen Kongresses nicht anzuerkennen und die Beschlüsse einer antiinternationalen Versammlung anzunehmen;

in Anbetracht endlich, daß eine in London am 26. Januar 1873 abgehaltene Versammlung beschlossen hat, die Resolutionen des fünften allgemeinen Kongresses zu verwerfen;

erklärt der Generalrat der Internationalen Arbeiter-Assoziation gemäß den Statuten und dem Verwaltungsreglement und in Übereinstimmung mit seinem Beschluß vom 26. Januar 1873:

Alle Landes- oder Lokalföderationen, Sektionen und Personen, die an den oben erwähnten Kongressen oder Versammlungen teilgenommen

|393| haben oder deren Beschlüsse anerkennen, haben sich dadurch selbst außerhalb der Internationalen Arbeiter-Assoziation gestellt und aufgehört, derselben anzugehören."

Zu gleicher Zeit erklärte er von neuem, "daß eine italienische Landesföderation nicht existiere, da keine sich diesen Titel beilegende Organisation jemals die geringste von den Statuten und dem Verwaltungsreglement in betreff der Zulassung und Aufnahme vorgeschriebene Bedingung erfüllt habe; es bestehen jedoch in verschiedenen Teilen Italiens Sektionen in ordnungsmäßiger Beziehung zum Generalrat".

Die Jurassier hielten ihrerseits am 27. und 28. April in Neuchâtel einen neuen Kongreß ab. Es waren daselbst neunzehn Delegierte aus zehn Schweizer Sektionen und einer angeblichen elsässischen Sektion erschienen; zwei Sektionen in der Schweiz und eine in Frankreich hatten keine Delegierten geschickt. Die Jura-Föderation gab also vor, in der Schweiz zwölf Sektionen zu zählen. Der Delegierte von Moutier erklärte indessen, daß er nur gekommen sei, um zugunsten einer Versöhnung mit der Internationalen zu reden, und daß sein Mandat ihm verbiete, sich an den Arbeiten des Kongresses zu beteiligen. Moutier hatte sich in der Tat seit dem Kongreß zu Saint-Imier von der Jura-Föderation losgelöst. Es bleiben also elf Sektionen. Der Umstand, daß der Bericht des Komitees sich aufs peinlichste enthält, auch nur die geringste Andeutung über ihre Stärke und innere Lage zu machen, gibt uns das Recht, vorauszusetzen, daß sie nicht mehr Lebensfähigkeit besitzen als zur Zeit des Kongresses zu Sonvillier. Zur Entschädigung stellt der Bericht die auswärtigen Streitkräfte der Jurassier in Schlachtordnung auf, die Alliierten, welche die Allianz seit dem Kongreß im Haag gewonnen hat. Es sind dieses nach diesem Bericht fast alle Föderationen der Internationalen:

"Italien" - Wir haben jedoch gesehen, daß es keine italienische Föderation gibt.

"Spanien" - Obwohl die Majorität der spanischen Internationalen in das Lager der Sezessionisten übergegangen ist, haben wir doch eben gesehen, daß die Spanische Föderation immer noch existiert und in ordnungsmäßiger Beziehung zum Generalrat steht.

"Frankreich, soweit es ernstlich organisiert ist", - das heißt die "Sektion in Frankreich", welche sich beim Kongreß zu Neuchâtel entschuldigt hat, daß sie keinen Delegierten geschickt habe. Wir werden uns wohl hüten, den Jurassiern zu entdecken, was in Frankreich bis jetzt noch "ernstlich

|394| organisiert" ist, trotz der letzten Verfolgungen, die zur Genüge gezeigt haben, auf welcher Seite die ernstliche Organisation war, und die sorgfältig das Paar Allianzisten schonten, welche Frankreich besitzt.

"Ganz Belgien" - läßt sich von der Allianz nasführen, deren Prinzipien es weit entfernt ist zu teilen.

"Holland mit Ausnahme einer Sektion" - das heißt, zwei holländische Sektionen sind, nicht dem Pakt von Saint-Imier, sondern der antiseparatistischen Erklärung der Haager Minorität beigetreten.

"England mit Ausnahme einiger Dissidenten!" - Die "Dissidenten", d.h. die ungeheure Majorität der englischen Internationalen, haben am 1. und 2. Juni in Manchester ihren Kongreß abgehalten, auf dem sechsundzwanzig Delegierte, welche dreiundzwanzig Sektionen vertraten, erschienen waren; während das England der Jurassier weder Sektionen noch Föderalrat, noch gar einen Kongreß hat.

"Amerika mit Ausnahme einiger Dissidenten!" - Die Amerikanische Föderation besteht in regelmäßiger Wirksamkeit und in voller Harmonie mit dem Generalrat; sie hat ihren Föderalrat und ihre Kongresse. Das Amerika des Jura-Komitees ist nichts anderes als jene Sorte in freier Liebe, in Papiergeld, in Ämtern und Korruption spekulierender Bourgeois, auf dem Haager Kongreß so trefflich repräsentiert von Herrn West, zu dessen Gunsten nicht einmal die Jura-Delegierten zu sprechen oder zu stimmen wagten.

"Die Slawen", - das heißt die "slawische Sektion zu Zürich", die wie immer eine ganze Race vorstellen muß. Die Polen, die Russen, die österreichischen und ungarischen Slawen in der Internationalen, alles ausgesprochene Feinde der Sezessionisten, zählen nicht mit.

Das sind also die Alliierten der Allianz. Wenn die elf Jura-Sektionen keine reellere Existenz haben als die Majorität dieser Alliierten, hat ihr Komitee wohl alle Ursache gehabt, hinsichtlich ihrer zu schweigen.

In dieser allianzistischen Schlachtordnung glänzt die Schweiz durch ihre Abwesenheit, und zwar aus sehr guten Gründen. Einen Monat später, am 1. und 2. Juni, wurde in Olten ein allgemeiner schweizerischer Arbeiterkongreß zur Organisation des Widerstandes gegen das Kapital und der Strikes abgehalten. Fünf Jurassier predigten daselbst das Evangelium von der absoluten Autonomie der Sektionen; sie ließen den Kongreß über die Hälfte seiner Zeit verlieren. Endlich mußte man wohl zur Abstimmung

|395| schreiten; das Resultat war, daß von achtzig Delegierten fünfundsiebzig gegen die fünf Jurassier stimmten, denen nichts übrigblieb, als den Saal zu verlassen.

Indessen scheint die Allianz in ihren geheimen Winkelsitzungen sich über ihre wirklichen Hülfsmittel nicht der Täuschung hinzugeben, welche sie beim Publikum hervorrufen möchte. Auf demselben Kongreß zu Neuchâtel ließ sie folgende Resolution annehmen:

"In Erwägung, daß nach dem Wortlaut der Allgemeinen Statuten der allgemeine Kongreß der Internationalen aus eigenem Recht alljährlich zusammentritt, ohne daß es dazu einer von einem Generalrat ausgehenden Einberufung bedarf, macht die Jura-Föderation allen Föderationen der Internationalen den Vorschlag, am Montag, dem 1. September, in einer Stadt der Schweiz zum allgemeinen Kongreß zusammenzutreten."

Und um zu verhüten, daß dieser Kongreß in "die unheilvollen Haager Irrtümer" verfalle, verlangt man, daß die allianzistischen Delegierten und ihre Alliierten bereits am 28. August als antiautoritärer Kongreß zusammentreten. Aus den Debatten über diesen Vorschlag

"geht hervor, daß für uns als allgemeiner Kongreß der Internationalen nur derjenige gelten wird, der direkt von den Föderationen selbst einberufen ist, und nicht der, welchen der angebliche Generalrat zu New York etwa einzuberufen versuchen möchte".

So ist also die Spaltung bis zur äußersten Konsequenz getrieben. Die Internationalen werden zu dem Kongreß gehen, mit dessen Einberufung nach einer von ihm zu wählenden Stadt der Schweiz der Generalrat von dem letzten Kongreß beauftragt ist. Die Allianzisten und ihr von ihnen genasführter Anhang werden zu einem von ihnen selbst kraft ihrer Autonomie einberufenen Kongreß gehen. Wir wünschen ihnen glückliche Reise.









VIII.
Die Allianz in Rußland

1. Der Prozeß Netschajew

|396| Die Tätigkeit der Allianz in Rußland ist uns durch den unter dem Namen "Prozeß Netschajew" bekannten politischen Prozeß enthüllt worden, der sich im Juli 1871 vor der Justizkammer in St. Petersburg abspielte. Zum ersten Male fand in Rußland die Verhandlung eines politischen Prozesses öffentlich und vor Geschworenen statt. Alle Angeschuldigten, mehr als achtzig an der Zahl, Männer und Frauen, gehörten bis auf wenige Ausnahmen der studierenden Jugend an. Sie hatten in den Gefängnissen der Petersburger Festung vom November 1870 bis Juli 1871 eine Präventivhaft erlitten, die den Tod zweier von ihnen veranlaßte und mehrere andere zum Wahnsinn brachte. Sie kamen aus dem Gefängnis, um ihre Verurteilung zu den Bergwerken Sibiriens, zur Zwangsarbeit, zu Gefängnis von fünfzehn, zwölf, zehn, sieben und zwei Jahren anzuhören; und diejenigen, welche vom öffentlichen Gerichtshof freigesprochen wurden, wurden "auf dem Verwaltungswege" verbannt.

Ihr Verbrechen bestand darin, einer geheimen Gesellschaft angehört zu haben, die sich den Namen der Internationalen Arbeiter-Assoziation angemaßt und in die sie aufgenommen worden von einem Emissär des internationalen revolutionären Komitees, dessen Mandate mit dem angeblichen Siegel der Internationalen gestempelt waren. Derselbe hatte zur Verübung von Gaunereien verleitet und mehrere von ihnen gezwungen, ihn bei der Ausführung eines Mordes zu unterstützen; dieser Mord hatte die Polizei auf die Spuren der geheimen Gesellschaft gebracht; doch hatte, wie gewöhnlich, der Emissär bereits das Weite gesucht. Die Polizei zeigte bei ihren Nachforschungen einen solchen Scharfblick, daß man eine detaillierte Denunziation voraussetzen möchte. In dieser ganzen Affäre spielt der Emissär die zweideutigste Rolle. Dieser Emissär war Netschajew, Inhaber eines Vollmachtszeugnisses in folgender Fassung:

|397| "Der Inhaber dieses Zeugnisses ist bevollmächtigter Vertreter des russischen Zweiges der allgemeinen revolutionären Allianz. - Nummer 2771."

Dieses Zeugnis führt 1. in französischer Sprache den Stempel: "Alliance révolutionnaire européenne. Comité général." (Europäische revolutionäre Allianz. Generalkomitee); 2. das Datum: 12. Mai 1869; 3. die Unterschrift: Michail Bakunin. (1)

——————————

Im Jahre 1861 erhoben die Studenten in Erwiderung auf die fiskalischen Maßregeln, welche den Zweck hatten, arme junge Leute von den höheren Bildungsanstalten fernzuhalten, sowie auf die Disziplinarverfügungen, welche die Tendenz hatten, sie der diskretionären Zucht der Polizeiagenten zu unterwerfen, energische und einmütige Proteste, die sich aus ihren Versammlungen auf die Straßen fortpflanzten und zu gewaltigen Kundgebungen heranwuchsen. Die Petersburger Universität wurde damals für einige Zeit geschlossen und die Studenten ins Gefängnis geworfen oder verbannt. Dieses Vorgehen der Regierung trieb die Jugend in geheime Gesellschaften, die natürlich das Schicksal hatten, daß ein großer Teil ihrer Angehörigen ins Gefängnis, ins Exil oder nach Sibirien wanderten. Andere stifteten Kassen zur gegenseitigen Unterstützung, um den armen Studenten die Mittel zur Fortsetzung ihrer Studien zu beschaffen. Die Ernstesten unter ihnen hatten beschlossen, der Regierung keinen Vorwand mehr zur Unterdrückung dieser Kassen zu geben, die in der Weise organisiert waren, daß ihre Geschäftsführung in kleinen Zirkeln gehandhabt wurde. Diese Zirkel gaben zugleich Gelegenheit, politische und soziale Fragen zu diskutieren. Die sozialistischen Ideen waren bereits derart in die Jugend der höheren russischen Schulen, zur großen Mehrheit Söhne von Bauern und anderen armen Leuten, gedrungen, daß sie bereits an sofortige praktische Anwendung dieser Ideen dachte. Mit jedem Tage verallgemeinerte sich diese Bewegung in den Schulen, deren theoretische Seele Tschernyschewski (jetzt in Sibirien) war, und warf in die russische Gesellschaft eine besitzlose Jugend, die, aus dem niederen Volke hervorgegangen, in den sozialistischen Ideen unterrichtet und von ihnen durchdrungen war. Dies war der Stand der Dinge unter der russischen studierenden Jugend, als Netschajew das Ansehen, in welchem die Internationale stand, und die Begeisterung der Jugend benutzte, um die Studenten zu überreden, daß es nicht mehr an der Zeit sei, sich mit jenen Läppereien zu beschäftigen, während eine ungeheure geheime

|398| Gesellschaft, mit der Internationalen in enger Verbindung, sich damit beschäftige, die allgemeine Revolution anzufachen, und zum sofortigen Handeln in Rußland bereit sei. Es gelang ihm, einigen jungen Leuten zu imponieren und sie fortzureißen zur Begehung gemeiner Verbrechen, welche der Polizei den Vorwand boten, diese ganze für das offizielle Rußland so gefährliche Bewegung der Schulen niederzuwerfen.

Im März 1869 fand sich in Genf ein junger Russe ein, der als angeblicher Delegierter der Petersburger Studenten sich in die engeren Kreise der russischen Flüchtlingsschaft einzuführen suchte. Er stellte sich unter verschiedenen Namen vor. Einige Flüchtlinge wußten bestimmt, daß kein Delegierter von jener Stadt geschickt wäre; andere hielten den angeblichen Delegierten, nachdem sie sich mit ihm unterhalten hatten, für einen Spion. Er gab sich schließlich unter seinem wahren Namen, Netschajew, zu erkennen; er erzählte, daß er aus der Petersburger Festung, in der er als einer der Hauptanstifter der im Januar 1869 in den Hochschulen der Hauptstadt ausgebrochenen Unruhen gefangen gewesen, entflohen sei. Mehrere Emigranten, die eine lange Haft in jener Festung erlitten hatten, kannten aus Erfahrung die Unmöglichkeit jeder Flucht; sie wußten also, daß Netschajew in diesem Punkte log; da andererseits die Zeitungen und Briefe, welche die Namen der verfolgten Studenten enthielten, Netschajew nirgends erwähnten, so hielten sie seine angebliche revolutionäre Tätigkeit für eine Fabel. Bakunin jedoch nahm mit großem Lärm für Netschajew Partei; er verkündete überall, daß er "außerordentlicher Gesandter der großen in Rußland bestehenden und wirkenden geheimen Organisation" sei. Man bat damals Bakunin dringend, diesem Individuum nicht die Namen seiner Bekannten, die er kompromittieren könnte, anzuvertrauen. Er versprach es, und die Dokumente des Prozesses zeigen, wie er sein Wort hielt.

In einer Unterredung, die Netschajew bei einem Flüchtlinge nachgesucht hatte, wurde er gezwungen, einzugestehen, daß er von keiner geheimen Organisation delegiert sei, aber, sagte er, er habe Kameraden und Bekannte, die er zu organisieren wünsche; er setzte hinzu, daß man die alten Emigranten benutzen müsse, um vermittelst ihrer Namen die Jugend zu beeinflussen und ihre Presse und ihr Geld in die Hand zu bekommen. Einige Zeit darauf erschienen die von Netschajew und Bakunin an die Studenten gerichteten "Worte". Netschajew wiederholt darin das Märchen von seiner Flucht und fordert die Jugend auf, sich dem revolutionären Kampfe zu weihen; Bakunin entdeckt in den Organisationen der Hochschulen "den staatszerstörenden Geist, ... der aus der Tiefe des Volks-

|399| lebens selbst hervorgeht" ( 2 ); er wünscht "seinen jungen Brüdern zu ihren revolutionären Bestrebungen Glück,... denn es ist nahe, das Ende dieses infamen Kaisertums aller Reußen!"

Sein Anarchismus dient ihm als Vorwand, den Polen den Eselstritt zu versetzen, indem er ihnen vorwirft, daß sie

"nur an der Wiederherstellung ihres historischen Staates" (!!) arbeiten - "sie denken also an eine neue Sklaverei ihres Volkes", und wenn sie Erfolg hätten, "so würden sie ebensowohl unsere Feinde werden, wie sie die Unterdrücker ihres Volkes sein würden. Wir werden sie im Namen der sozialen Revolution und der Freiheit der ganzen Welt bekämpfen."

Man sieht, Bakunin ist mit dem Zar in dem Punkte einverstanden, daß man die Polen um jeden Preis hindern muß, ihre inneren Angelegenheiten nach eignem Ermessen zu ordnen. Die russische offizielle Presse hat bei allen polnischen Aufständen stets die insurgierten Polen beschuldigt, "die Unterdrücker ihres Volkes" zu sein. Rührende Übereinstimmung zwischen den Organen der dritten Sektion ( 3 ) und dem Erzanarchisten von Locarno!

Das russische Volk, fährt Bakunin fort, befindet sich gegenwärtig in einer Lage, ähnlich der, die es unter dem Zar Alexis, dem Vater Peters des Großen, zum Aufstande zwang. Damals war es der kosakische Räuberhauptmann Stenka Rasin, der sich an seine Spitze stellte und ihm den "Weg" zur "Emanzipation" zeigte. Um sich heute zu erheben, wartet das Volk nur auf einen neuen Stenka Rasin; diesmal jedoch

"wird er ersetzt werden durch die Legion junger, aus ihrem Beruf geworfener (déclassés) Leute, die jetzt bereits das Volksleben mitleben ... Das Volk fühlt hinter sich seinen Stenka Rasin, nicht den persönlichen, sondern den kollektiven (!) und dadurch unbezwingbaren Helden. Das wird diese ganze herrliche Jugend sein, über der bereits sein Geist schwebt."

Um diese Rolle eines Gesamt-Stenka-Rasin gut auszufüllen, hat die Jugend sich vorzubereiten vor allem durch die Unwissenheit:

"So verlaßt denn schleunigst diese der Vernichtung geweihte Welt. Verlaßt ihre Universitäten, ihre Akademien, ihre Schulen, geht in das Volk", und seid "der Geburtshelfer seiner selbsttätigen Emanzipation, schafft die Einheit und Organisation seiner

|400| Bemühungen und aller Kräfte des Volkes. Kümmert euch in diesem Augenblick nicht um die Wissenschaft, in deren Namen man euch binden und entmannen möchte ... Dies ist der Glauben der besten Männer des Westens... Die Arbeiterwelt Europas und Amerikas ladet euch zu einer brüderlichen Allianz ein."

In ihren geheimen Statuten sagt die Allianz in der dritten Potenz: "Die Grundsätze dieser Organisation... werden noch eingehender im Programm der russischen sozialistischen Demokratie auseinandergesetzt." Wir haben hier einen Anfang der Verwirklichung dieses Versprechens. Außer den gewöhnlichen anarchischen Phrasen und dem chauvinistischen Haß gegen die Polen, den Bakunin nie hat verbergen können, sehen wir hier zuerst, wie er den russischen Räuber als das Urbild des wahren Revolutionärs preist, wie er der russischen Jugend den Kultus der Unwissenheit predigt, unter dem Vorwand, daß die gegenwärtige Wissenschaft nur eine offizielle Wissenschaft sei (man stelle sich gefälligst eine offizielle Mathematik, Physik oder Chemie vor) und daß dieses die Meinung der Besten im Westen sei. Endlich gibt er am Schluß seiner Broschüre zu verstehen, daß die Internationale durch seine Vermittlung jener Jugend, der er selbst die Wissenschaft der Ignorantenbrüder untersagt, ein Bündnis anbiete.

Dieses evangelische "Wort" hat bei der Netschajewschen Verschwörung eine große Rolle gespielt. Es wurde jedem Neugeweihten vor seiner Aufnahme geheimnisvoll vorgelesen.

Gleichzeitig mit diesem "Wort" (1869) wurden folgende anonyme russische Schriften losgelassen: 1. "Formel der revolutionären Frage"; 2. "Prinzipien der Revolution"; 3. "Veröffentlichungen der Gesellschaft des 'Volksgerichts'" (Narodnaja rasprava) Nr. 1, Sommer 1869, Moskau. - Alle diese Schriften waren in Genf gedruckt, wie die Identität der Lettern mit denen der übrigen Genfer russischen Drucksachen beweist - übrigens ist die Tatsache notorisch unter der ganzen russischen Emigration -, was sie jedoch nicht hinderte, auf der ersten Seite den Vermerk zu führen: "Imprimé en Russie - Gedruckt in Rußland", um unter den russischen Studenten die Meinung zu erwecken, daß die geheime Gesellschaft in Rußland selbst große Aktionsmittel besitze.

Die "Formel der revolutionären Frage" verrät auf den ersten Blick ihre Verfasser. Es sind dieselben Phrasen, dieselben Ausdrücke, deren Bakunin und Netschajew sich in ihren "Worten" bedienen.

"Man muß nicht allein den Staat, sondern auch die Staats- und Kabinetts-Revolutionäre vernichten. Wir wahrlich, wir sind für das Volk."

|401| Vermöge der anarchischen Assimilation setzt sich Bakunin an die Stelle der studierenden Jugend:

"Die Regierung selbst zeigt uns den Weg, den wir einschlagen müssen, um unser Ziel, d.h. das Ziel des Volks, zu erreichen. Sie verjagt uns aus den Universitäten, den Akademien, den Schulen. Wir danken ihr, daß sie uns damit auf ein so ruhmreiches, ein so günstiges Schlachtfeld gestellt hat. Jetzt haben wir festen Boden unter den Füßen, jetzt können wir handeln. Und wie sollen wir handeln? Das Volk unterrichten? Das wäre dumm. Das Volk weiß selbst und besser als wir, was ihm not tut" -

man vergleiche hiermit die geheimen Statuten, die den Massen die "Volksinstinkte", den Eingeweihten die "revolutionäre Idee" zuschreiben.

"Wir müssen das Volk nicht unterrichten, sondern es empören". Bis heute "hat es sich immer nutzlos empört, weil es sich nur teilweise empörte ... wir können ihm eine äußerst wichtige Hülfe bringen, wir können ihm das verschaffen, was ihm bisher stets gefehlt hat, was die Hauptursache all seiner Niederlagen war - die Einheit der allgegenwärtigen Bewegung vermittelst der Zusammenfassung seiner eigenen Kräfte."

Man sieht, die Lehre der Allianz, Anarchie von unten und Disziplin von oben, erscheint hier in ihrer ganzen Reinheit. Zuerst finden wir da "die Entfesselung dessen, was man heute böse Leidenschaften nennt", dann aber "ist es notwendig, daß inmitten der Volksanarchie, welche eben das Leben und die ganze Kraft der Revolution bilden wird, die Einheit der revolutionären Idee und Handlung ein Organ finde". Dieses Organ soll die russische Sektion der allgemeinen Allianz sein, die Gesellschaft des Volksgerichts.

Doch die Jugend genügt Bakunin nicht. Er ruft unter die Fahne seiner Allianz, russische Sektion, alle Räuber.

"Das Räubertum ist eine der ehrenhaftesten Formen des russischen Volkslebens. Der Räuber ist der Held, der Schirmer und Rächer des Volks, der unversöhnliche Feind des Staats und jeder vom Staat gegründeten gesellschaftlichen und bürgerlichen Ordnung, der Kämpfer auf Tod und Leben gegen diese ganze Zivilisation der Beamten, Edelleute, Priester und der Krone ... Wer das Räubertum nicht versteht, wird nie von der russischen Volksgeschichte das Geringste verstehen. Wem das Räubertum nicht sympathisch ist, der kann auch nicht mit dem Volksleben sympathisieren und hat kein Herz für die hundertjährigen und unermeßlichen Leiden des Volks; er gehört ins Lager der Feinde, der Parteigänger des Staats ... nur im Räubertum zeigt sich die Lebensfähigkeit, die Leidenschaft und die Kraft des Volks ... Der russische Räuber ist der wahre und einzige Revolutionär - Revolutionär ohne Phrasen, ohne aus den Büchern geschöpfte Rhetorik, ein unermüdlicher, unversöhnlicher und in der Aktion unwiderstehlicher Revolutionär, ein sozialer und Volksrevolutionär, kein politischer und Klassen-

|402| revolutionär ... Die in den Wäldern, Städten und Dörfern von ganz Rußland zerstreuten und die in den zahllosen Kerkern des Reichs eingesperrten Räuber bilden eine einige und unteilbare, fest verbundene Welt, die Welt der russischen Revolution. In ihr, in ihr allein besteht schon seit langem die wahre revolutionäre Verschwörung. Wer in Rußland eine ernstliche Verschwörung will, wer die Volksrevolution will, der muß in diese Welt gehen ... Schlagen wir den Weg ein, den uns die Regierung vorgezeichnet hat, als sie uns aus den Akademien, den Universitäten und den Schulen jagte, Brüder, werfen wir uns allesamt in das Volk, in die Volksbewegung, in die Emeute der Räuber und der Bauern, und, einander treue und feste Freundschaft bewahrend, fassen wir diese zerstreuten Aufstände der Mushiks (Bauern) zu einer einzigen Masse zusammen. Machen wir daraus eine wohlüberlegte, aber unerbittliche Volksrevolution". ( 4 )

Auf dem zweiten Blatte, "Die Prinzipien der Revolution", findet man das in den geheimen Statuten gegebene Gebot entwickelt, so zu handeln, "daß kein Stein auf dem andern bleibt". Man muß alles zerstören, um "den vollständigen Amorphismus" (Gestaltlosigkeit) zu erzeugen, denn wenn "eine einzige alte Form" erhalten bliebe, so würde sie der "Embryo" werden, aus dem alle anderen alten sozialen Formen wiedererständen. Das Blatt beschuldigt die politischen Revolutionäre, welche diesen Amorphismus nicht ernst nehmen, daß sie das Volk täuschen. Es erhebt die Anklage gegen sie, daß sie

"neue Galgen und Schafotte aufgebaut, auf denen sie die dem Kampfgemetzel entronnenen revolutionären Brüder hingerichtet haben ... bisher haben die Völker noch keine wahre Revolution gesehen ... die wahre Revolution braucht keine Individuen, die sich an die Spitze der Masse stellen und sie kommandieren, sondern Männer, die, unsichtbar in ihrer Mitte verborgen, die unsichtbare Verbindung einer Masse mit der andern ausmachen und so der Bewegung unsichtbar eine und dieselbe Richtung, einen und denselben Geist und Charakter geben. Die vorbereitende geheime Organisation hat nur diesen Sinn, und einzig und allein hierzu ist sie notwendig."

Hier ist also dem russischen Publikum und der russischen Polizei die Existenz der "internationalen Brüder" enthüllt, die man dem Westen so

|403| sorgfältig verbarg. Dann predigt das Blatt den systematischen Mord und erklärt, daß für die Männer des politischen revolutionären Werks alle Räsonnements über die Zukunft

"ein Verbrechen sind, weil sie die reine Zerstörung hindern und den Gang der Revolution hemmen. Wir haben nur zu denen Vertrauen, welche durch Taten ihre Ergebenheit für die Revolution offenbaren, ohne Furcht vor Martern und Kerker, und wir verleugnen jedes Wort, dem nicht unmittelbar auch die Tat folgt. Wir brauchen keine zwecklose Propaganda mehr, wir brauchen keine Propaganda, die nicht mit Bestimmtheit die Stunde und den Ort festsetzt, wo sie den Zweck der Revolution verwirklichen wird. Im Gegenteil, sie hindert uns, und wir werden all unsere Kraft gebrauchen, um ihr Halt zu gebieten ... Alle Schwätzer, die dieses nicht begreifen wollen, werden wir mit Gewalt zum Schweigen bringen."

Diese Drohungen wandten sich an die Adresse der russischen Flüchtlinge, die sich nicht vor dem Papsttum Bakunins gebeugt hatten und die er Doktrinäre titulierte.

"Wir zerreißen jede Verbindung mit den politischen Emigranten, welche nicht in ihr Land zurückkehren wollen, um sich in unsere Reihen zu stellen, und, solange unsere Reihen noch geheim sind, brechen wir mit all denen, die nicht dazu beitragen wollen, daß ihr öffentliches Erscheinen auf der Bühne des russischen Lebens möglich werde. Wir machen nur für diejenigen Flüchtlinge eine Ausnahme, welche sich als Arbeiter der europäischen Revolution bewährt haben. Wir werden keine zweite Mahnung ergehen lassen ... Wer Augen und Ohren hat, wird die handelnden Männer sehen und hören, und wenn er sich ihnen nicht anschließt, so sind wir nicht schuld an seinem Untergang, noch wird es unsere Schuld sein, wenn alles, was sich hinter den Kulissen verbirgt, mitsamt diesen Kulissen kalt und unerbittlich zermalmt wird."

Bakunin ist hier vollkommen deutlich. Während er den Flüchtlingen bei Todesstrafe befiehlt, als Agenten seiner geheimen Gesellschaft nach Rußland zurückzukehren, nach dem Vorbild der russischen Polizeispitzel, die ihnen Pässe und Geld anboten, um dorthin konspirieren zu gehen, erteilt er sich selbst einen päpstlichen Dispens, um ruhig in der Schweiz zu bleiben als "Arbeiter der europäischen Revolution" und dort an den Manifesten zu arbeiten, zur Kompromittierung der armen gefangenen Studenten.

"Indem wir keine andere Tätigkeit als die der Zerstörung zulassen, erkennen wir an, daß die Form, in der sich diese Tätigkeit äußern muß, eine höchst mannigfaltige sein kann: Gift, Dolch, Strick etc. Die Revolution heiligt alles ohne Unterschied. Also

|404| das Feld ist offen! ... So mögen also alle jungen und gesunden Köpfe unverweilt aufnehmen die heilige Arbeit der Zerstörung des Bösen, der Reinigung und Klärung der russischen Erde mittelst des Feuers und des Schwertes, indem sie sich brüderlich mit denjenigen vereinigen, welche dasselbe in ganz Europa tun werden."

Fügen wir noch hinzu, daß in dieser erhabenen Proklamation der unvermeidliche Räuber in der melodramatischen Person Karl Moors figuriert und daß die Nummer 2 des "Volksgerichts" beim Zitieren einer Stelle dieses Blattes dasselbe ausdrücklich als "eine Proklamation Bakunins" bezeichnet.

Die Nr. 1 der "Veröffentlichungen der Gesellschaft 'Das Volksgericht'" ( 5 ) beginnt damit, den allgemeinen Aufstand des russischen Volkes als nahe bevorstehend zu verkünden.

"Wir, das heißt jener Teil der Volksjugend, der zu einer gewissen Entwicklung gelangt ist, wir müssen ihr den Weg bahnen, d.h. alle Hindernisse beseitigen, die ihren Gang hemmen können, und ihr günstige Bedingungen vorbereiten. Angesichts des bevorstehenden Aufstandes erachten wir es für notwendig, in einem einzigen unauflöslichen Gebinde alle über ganz Rußland zerstreuten revolutionären Bestrebungen zusammenzufassen. Deshalb haben wir beschlossen, seitens des revolutionären Zentrums Blätter herauszugeben, aus denen jeder von unseren in allen Winkeln Rußlands zerstreuten Glaubensgenossen, jeder, wenn auch uns unbekannte Arbeiter an der heiligen Sache der Revolution stets ersehen wird, was wir wollen und wohin wir gehen."

Dann heißt es:

"Der Gedanke hat für uns nur soweit Wert, als er dem großen Werke der allgemeinen Allzerstörung dient. Ein Revolutionär, der die Revolution aus den Büchern studiert, wird nie etwas taugen ... Wir glauben nicht mehr an Worte. Das Wort hat für uns nur Wert, wenn ihm die Tat auf dem Fuße folgt; aber nicht alles ist Tat, was diesen Namen führt. Zum Beispiel ist die bescheidene und zu vorsichtige Organisation geheimer Gesellschaften ohne äußere Kundgebungen in unseren Augen nur ein lächerliches und unerträgliches Kinderspiel. Wir nennen äußere Kundgebungen nur eine Reihe von Handlungen, die positiv irgend etwas, eine Person, eine Sache, ein Verhältnis, das die Volksemanzipation hindert, zerstört ... Ohne unser Leben zu schonen, ohne vor irgendeiner Drohung, irgendeinem Hindernis, irgendeiner Gefahr etc. zurückzuschrecken, müssen wir mit einer Reihe verwegener, ja übermütiger Unternehmungen in das Leben des Volkes einbrechen und ihm den Glauben an seine eigene Macht einflößen, es erwecken, vereinigen und zum Triumph seiner eigenen Sache hinführen."

|405| Plötzlich verwandeln sich die revolutionären Phrasen des "Volksgerichts" in Angriffe gegen die "Volkssache", eine in Genf herausgegebene russische Zeitung, die das Programm und die Organisation der Internationalen verteidigte. Es war begreiflicherweise von der größten Wichtigkeit für die allianzistische Propaganda Bakunins in Rußland, die auf den Namen der Internationalen gemacht wurde, ein Blatt zum Schweigen zu bringen, das diesen Betrug aufdeckte.

"Wenn dieses Journal in derselben Weise fortfährt, werden wir nicht zögern, ihm auszudrücken und kundzugeben, wie unsere Beziehungen zu ihm sein müssen ... Wir sind überzeugt, daß alle ernsten Männer jede Theorie und mit noch stärkerem Grunde jeden Doktrinarismus jetzt beiseite setzen werden. Wir können die Veröffentlichung von Schriften, welche, wenn auch ehrlich gemeint, doch unserer Fahne feindlich sind, durch verschiedene praktische Mittel verhindern, die wir in Händen haben."

Nach diesen Drohungen gegen seinen gefährlichen Rivalen fährt das "Volksgericht" fort:

"Unter den letzthin auswärts herausgegebenen Schriften empfehlen wir fast ohne Einschränkung den Aufruf Bakunins an die ausgestoßene (déclassée) Jugend der Schulen.“

Man sieht, Bakunin verliert nie eine Gelegenheit, sich ein bissel Weihrauch zu streuen.

Der zweite Artikel führt den Titel: "Eine Darstellung des Begriffs vom Werke in der Vergangenheit und in der Gegenwart". Im ersten Artikel bedrohten Bakunin und Netschajew das russische internationale Organ im Ausland; hier erbosen sie sich gegen Tschernyschewski, gegen den Mann, der am meisten dazu beigetragen, jene angeblich von ihnen vertretene Jugend der Schulen in die sozialistische Bewegung zu stürzen.

"Wahrlich, der Bauer hat sich nie damit abgegeben, in seiner Phantasie Formen für die zukünftige gesellschaftliche Ordnung zu schaffen; nichtsdestoweniger wird er nach der Beseitigung aller Hindernisse (d.h. nach der allzerstörenden Revolution, die vor allen Dingen zu machen und die daher das Wichtigste für uns ist) sein Leben mit mehr Verstand einzurichten wissen, als enthalten ist in den Theorien und Entwürfen der doktrinären Sozialisten, die sich dem Volke als Lehrer, und was noch schlimmer ist, als Leiter aufdrängen wollen. Vor den Augen des nicht durch die Brille der Zivilisation verdorbenen Volkes liegt das Bestreben dieser zur Unzeit sich meldenden Professoren zu auffällig dar. Sie wollen unter dem Verwande der Wissenschaft, Kunst etc. für sich und ihresgleichen gute Stellchen vorbereiten. Und wären diese Bestrebungen

|406| auch uneigennützig und unbewußt, wären sie nur die unvermeidliche Frucht jeder von der modernen Zivilisation durchdrungenen Gesellschaftsordnung, so würde doch das Volk nicht dabei gewinnen. Der ideale Zweck der sozialen Gleichheit war in der von Wassili Us in Astrachan nach der Abreise Stenka Rasins organisierten Kosaken-Gesellschaft unvergleichlich besser verwirklicht als in den Phalansterien Fouriers, den Anstalten Cabets, Louis Blancs und anderer sozialistischer Gelehrten (!), besser als in den Assoziationen Tschernyschewskis."

Folgt eine ganze Seite Ausfälle gegen diesen und seine Gefährten. Das gute Stellchen, welches sich Tschernyschewski vorbereitete, die russische Regierung hat es ihm angewiesen in einem sibirischen Kerker, während Bakunin, in seiner Eigenschaft als Arbeiter der europäischen Revolution dieser Gefahr überhoben, sich auf seine Kundgebungen von außen beschränkte. Und es war gerade in dem Augenblick, wo die Regierung streng verbot, auch nur den Namen Tschernyschewskis in der Presse auszusprechen, daß die Herren Bakunin und Netschajew ihn angriffen.

Unsere "amorphen" (gestaltlosen) Revolutionäre fahren fort:

"Wir unternehmen es, dieses faule soziale Gebäude zu zerstören ... Wir kommen aus dem Volke, die Haut zerfleischt von den Zähnen der gegenwärtigen Ordnung, geleitet vom Haß gegen alles, was nicht Volk ist, wir haben keinen Begriff von moralischen Pflichten oder irgendwelchen Rücksichten gegen diese Gesellschaft, die wir hassen und von der wir nur Böses erwarten. Wir haben nur einen einzigen unveränderlichen negativen Plan: den der unerbittlichen Zerstörung. Wir verzichten kategorisch auf die Ausarbeitung der zukünftigen Lebensbedingungen; ein solcher Versuch wäre unvereinbar mit unserer Tätigkeit, und deshalb erachten wir jede rein theoretische Kopfarbeit für unnütz ... Wir übernehmen ausschließlich die Zerstörung der gegenwärtigen sozialen Ordnung."

Die beiden "Kundgeber von außen" geben zu verstehen, daß der Mordversuch gegen den Zar im Jahre 1866 zu der "Reihe" allzerstörender Handlungen ihrer geheimen Gesellschaft gehörte:

"Karakosow war es, der am 4. April 1866 unser heiliges Werk begann. Seit dieser Zeit erwacht in der Jugend das Bewußtsein ihrer revolutionären Macht. Es war ein Beispiel, eine Tat! Keine Propaganda kann eine so große Bedeutung haben."

Dann stellen sie eine lange Liste von "Kreaturen" auf, die vom Komitee dem sofortigen Tode geweiht sind. Mehreren soll "die Zunge ausgerissen werden ...", aber

"wir rühren den Zar nicht an... ihn sparen wir auf für das Gericht des Volkes, der Bauern; dieses Recht gehört dem ganzen Volke ... unser Henker, er möge also leben bis zum Augenblick des Volkssturms ..."

|407| Niemand wird wagen, in Zweifel zu ziehen, daß diese russischen Flugschriften, die geheimen Statuten und die von Bakunin 1869 in französischer Sprache herausgegebenen Schriften aus derselben Quelle stammen. Im Gegenteil, diese drei Klassen von Schriften ergänzen einander. Sie entsprechen gewissermaßen den drei Weihegraden der famosen allzerstörenden geheimen Gesellschaft. Die französischen Broschüren sind geschrieben für die gewöhnlichen Allianzisten, deren Vorurteile man schont. Man spricht zu ihnen nur von der reinen Anarchie, vom Antiautoritarismus, von der freien Föderation autonomer Gruppen und von anderen ebenso abgestandenen Dingen: reiner Galimathias. Die geheimen Statuten sind bestimmt für die internationalen Brüder des Westens; die Anarchie wird dort zur "vollständigen Entfesselung des Volkslebens ... der bösen Leidenschaften", aber mitten in dieser Anarchie existiert das geheime leitende Element - eben diese Brüder; man gibt ihnen nur einige unbestimmte Andeutungen über die allianzistische, dem heiligen Loyola entnommene Moral; man erwähnt nur die Notwendigkeit, keinen Stein auf dem andern zu lassen, - denn im Westen ist man noch mit philiströsen Vorurteilen genährt und man bedarf einiger Schonung. Man sagt ihnen, daß die Wahrheit, zu blendend für Augen, die des wahren Anarchismus noch ungewohnt, erst vollständig enthüllt werde im Programm der russischen Sektion. Nur zu den geborenen Anarchisten, zum auserwählten Volke, zu seiner Jugend des heiligen Rußlands wagt der Prophet offen zu reden. Da wird die Anarchie zur allgemeinen Allzerstörung, die Revolution zu einer Reihe von erst einzelnen individuellen, dann Massenmorden; die einzige Verhaltungsregel ist die gesteigerte Jesuitenmoral; das Urbild des Revolutionärs ist der Räuber. Da wird der Jugend das Denken und die Wissenschaft verboten als weltliche Beschäftigungen, die sie zum Zweifel an der allzerstörenden Orthodoxie führen könnten. Wer etwa bei ihren theoretischen Ketzereien hartnäckig zu verharren oder den Maßstab der gewöhnlichen Kritik an den allgemeinen Amorphismus anzulegen sich vermäße, wird mit der heiligen Inquisition bedroht. Vor der russischen Jugend braucht der Papst sich keinen Zwang mehr anzulegen, weder im Inhalt, noch in der Form. Da läßt er seiner Sprache den Zügel schießen. Der absolute Mangel an Ideen drückt sich in einem so schwülstigen Galimathias aus, daß es unmöglich ist, denselben in einer westlichen Sprache wiederzugeben, ohne das Groteske abzuschwächen. Diese Sprache selbst ist nicht einmal russisch, sie ist tartarisch, dafür hat sie ein Russe erklärt. Diese Männchen mit verschrumpften

|408| Gehirnen blähen sich auf mit haarsträubenden Phrasen, um in ihren eigenen Augen als revolutionäre Riesen zu erscheinen. Es ist die alte Geschichte vom Frosch und vom Ochsen.

Was für schreckliche Revolutionäre! Sie wollen alles, "absolut alles" vernichten und amorphisieren (vollständig gestaltlos machen), sie stellen Proskriptionslisten auf, deren Opfer ihren Dolchen, ihrem Gift, ihrem Strick, den Kugeln ihrer Revolver geweiht sind. Mehreren sogar werden sie "die Zunge ausreißen", aber sie beugen sich vor der Majestät des Zars. Doch der Zar, die Beamten, der Adel, die Bourgeoisie können ruhig schlafen. Die Allianz bekämpft nicht die konstituierten Staaten, sondern die Revolutionäre, die sich nicht zu Figuranten dieser Tragikomödie erniedrigen wollen. Friede den Palästen, Krieg den Hütten! Tschernyschewski wird verleumdet; die Redakteure der "Volkssache" werden benachrichtigt, daß man sie zum Schweigen bringen werde "durch verschiedene praktische Mittel, die wir in der Hand haben"; die Allianz droht mit Meuchelmord allen Revolutionären, die nicht mit ihr gehen. Das ist der einzige Teil ihres allzerstörenden Programms, dessen Ausführung begonnen hat. Wir kommen jetzt zu ihrer ersten Heldentat auf diesem Gebiet.

——————————

Seit April 1869 begannen Bakunin und Netschajew das Terrain für die Revolution in Rußland vorzubereiten. Sie schickten Briefe, Proklamationen und Telegramme von Genf aus nach Petersburg, Kiew und anderen Städten. Sie wußten indes, daß man nach Rußland keine Briefe, Proklamationen und vor allem keine Telegramme schicken kann, ohne daß die dritte Sektion (die geheime Polizei) davon Kenntnis nimmt. Dieses alles konnte keinen anderen Zweck haben, als die Leute zu kompromittieren. Das feige Vorgehen dieser Leute, die in ihrer guten Stadt Genf keinerlei Gefahr liefen, bewirkte zahlreiche Verhaftungen in Rußland. Und dabei waren die Herren benachrichtigt von der Gefahr, die sie hervorriefen. Wir haben den Beweis in Händen, daß folgende Stelle aus einem Briefe aus Rußland Bakunin mitgeteilt wurde:

"Bitte, lassen Sie Bakunin sagen, daß er, wenn ihm an der Revolution irgend etwas heilig ist, aufhören möge, seine unsinnigen Proklamationen herzusenden, die in mehreren Städten zu Verfolgungen, zu Verhaftungen Anlaß geben und jede ernste Tätigkeit lähmen."

|409| Bakunin antwortete, daran sei nichts und Netschajew sei nach Amerika abgereist. Aber der geheime Kodex Bakunins schreibt, wie man später sehen wird, vor, "die Ehrgeizigen und Liberalen der verschiedenen Schattierungen ... vollständig zu kompromittieren, ... so daß ihnen der Rückzug unmöglich wird, und sich dann ihrer zu bedienen". ( Revolutionärer Katechismus § 19)

Hier eine Probe davon. Am 7. April 1869 schrieb Netschajew an Frau Tomilowa, die Gattin eines seitdem infolge ihrer Verhaftung vor Kummer gestorbenen Obersten, "daß es in Genf ungeheuer viel zu tun gebe", und er drang in sie, einen zuverlässigen Mann zu schicken, mit dem er sich verständigen könne. "Die Angelegenheit, über die wir uns ins Einvernehmen setzen müssen, betrifft nicht allein unseren Verkehr, sondern den von ganz Europa. Hier ist die Sache im Kochen. Man bereitet eine Suppe, die ganz Europa nicht imstande sein wird auszuessen. Beeilen Sie sich also." Es folgt dann die Genfer Adresse. Dieser Brief gelangte nicht an seine Adresse; er wurde auf der Post von der geheimen Polizei mit Beschlag belegt und führte die Verhaftung der Frau Tomilowa herbei, der er erst während der Untersuchung vorgelegt wurde. (Bericht über den Prozeß Netschajew, "Petersb. Ztg.", Nr. 187.) ( 6 )

Hier noch ein Beweis dafür, wie klug sich Bakunin bei der Organisation seiner Verschwörung benahm. Ein Student der Akademie zu Kiew, Mawrizki, erhielt Proklamationen aus Genf, die an seinen Namen adressiert waren. Er schickte sie sofort an die Regierung, die sich beeilte, nach Genf einen Vertrauensmann, d.h. einen Polizeispion, zu senden. Bakunin und Netschajew knüpften alsbald vertrauliche Beziehungen mit diesem "Delegierten aus dem Süden Rußlands" an, lieferten ihm Proklamationen sowie Adressen von Personen, die Netschajew in Rußland kennengelernt haben wollte, und gaben ihm einen Brief, der nur ein Vertrauens- und Empfehlungsbrief sein konnte ("St. Petersburger Zeitung", Nr. 187).

Am 3. September (15. September neuen Stils) 1869 stellte sich Netschajew in Moskau einem jungen Manne, Uspenski, den er vor seiner Abreise ins Ausland kennengelernt, als delegierter Emissär des Genfer allgemeinen revolutionären Komitees vor und zeigte ihm das oben abgedruckte Mandat. Er teilte ihm mit, daß Emissäre dieses europäischen Komitees mit

|410| gleichen Mandaten nach Moskau kommen würden, und daß er die Aufgabe habe, "eine geheime Gesellschaft unter der studierenden Jugend zu organisieren, ... um in Rußland den Volksaufstand hervorzurufen ".Auf Empfehlung Uspenskis ging Netschajew, um eine sichere Wohnung zu finden, nach der in einem entlegenen Stadtteil befindlichen landwirtschaftlichen Akademie und setzte sich in Verbindung mit Iwanow, einem der wegen ihres Eifers für die Interessen der Jugend und des Volkes bekanntesten Studenten. Von da ab wurde die landwirtschaftliche Akademie der Mittelpunkt seiner Tätigkeit. Er führte sich zuerst unter falschem Namen ein, erzählte, daß er viel in Rußland gereist sei, daß überall das Volk zur Erhebung bereit sei, und daß es dies schon lange getan hätte, ohne den ihm von den Revolutionären erteilten Rat, sich zu gedulden bis zur Vollendung ihrer großen und mächtigen Organisation, die alle revolutionären Kräfte Rußlands vereinen soll. Er drängte Iwanow und andere Studenten zum Eintritt in diese geheime Gesellschaft, die ein allmächtiges Komitee habe, in dessen Namen alles geschehe, dessen Sitz und Zusammensetzung jedoch den Mitgliedern unbekannt bleiben müsse. Dies Komitee und diese Organisation bildeten den russischen Zweig der allgemeinen Union, der revolutionären Allianz, der Internationalen Arbeiter-Assoziation! ( 7 )

Netschajew begann mit der Verteilung der oben zitierten "Worte" an die Studenten, um ihnen zu zeigen, daß Bakunin, der berühmte Revolutionär von 1848, der Flüchtling aus Sibirien, eine große Rolle in Europa spiele, daß er der Generalbevollmächtigte der Arbeiter sei, daß er Mandate des Zentralkomitees der universellen Assoziation unterzeichne und daß dieser Heros ihnen rate, ihre Studien aufzugeben usw. Um ihnen einen sprechenden Beweis einer bis zum Tode gehenden Hingebung zu geben, las er ihnen ein Gedicht Ogarjews, eines Freundes Bakunins und Redakteurs des Herzenschen "Kolokol", vor, betitelt: "Der Student" und gewidmet "seinem jungen Freunde Netschajew". Dieser wurde darin als das ideale Vorbild des Studenten dargestellt, als "der unermüdliche Kämpfer von Kindheit an"; Ogarjew beschrieb darin, wie die lebendige Arbeit der Wissen-

|411| schaft Netschajew die Qualen seiner Jugendzeit ertragen lehrte, wie seine Hingebung für das Volk stieg, wie er, durch die Rache des Zars und den Schrecken der Bojaren verfolgt, sich dem Nomadenleben (skitanie, Herumstreichen) hingab, wie er auf die Pilgerfahrt ging, um allen Bauern vom Aufgang bis zum Niedergang zuzurufen: Sammelt euch, erhebt euch mutig etc.; wie er sein Leben in der Zwangsarbeit im Schnee Sibiriens geendet, und wie er, der kein Heuchler war, sein ganzes Leben hindurch dem Kampfe treu blieb und beim letzten Hauch noch wiederholte: Das ganze Volk muß sein Land und seine Freiheit erobern! - Diese allianzistische Dichtung wurde im Frühjahr 1869 gedruckt, während Netschajew sich in Genf amüsierte. Sie wurde mit den übrigen Proklamationen paketweise nach Rußland gesandt. Es scheint, daß schon das Abschreiben dieser Dichtung die Eigenschaft hatte, den Neugeweihten Selbstverleugnung einzuflößen, denn Netschajew ließ sie auf Befehl des Komitees von jedem Neuaufgenommenen abschreiben und verteilen (Aussagen mehrerer Angeklagter).

Die Musik scheint das einzige zu sein, was dem Amorphismus entgehen soll, dem die allgemeine Allzerstörung alle Künste und Wissenschaften überliefern wird. Netschajew befahl im Namen des Komitees, die Propaganda durch revolutionäre Musik zu unterstützen und mühte sich ab, eine Melodie zu finden, nach der jenes Meisterstück der Poesie von der Jugend gesungen werden könnte ("St. Petersb. Ztg.", Nr. 190).

Jene mystische Legende über seinen Tod hielt ihn nicht ab, anzudeuten, daß Netschajew wohl noch am Leben sein könnte, oder gar unter dem Siegel des Geheimnisses zu erzählen, daß Netschajew sich im Ural als Arbeiter befinde und dort Arbeitergenossenschaften gegründet habe ("St. Petersb. Ztg.", Nr. 202). Er machte diese Enthüllung besonders jenen, die "nichts taugten", d.h. denen, die an Gründung von Arbeitergenossenschaften dachten, um auch ihnen Bewunderung für den fabelhaften Heros einzuflößen. Endlich, sobald die Legende von seiner erdichteten Flucht aus der Petersburger Festung und von seinem poetischen Tode in Sibirien die Geister genügend vorbereitet hatte und er seine Schüler hinreichend eingepaukt glaubte, bewirkte er seine evangelische Auferstehung und erklärte: Er sei es, Netschajew in Person! Aber diesmal war es nicht mehr der Netschajew von ehemals, der von den Studenten in Petersburg verlachte und verachtete, wie Zeugen und Angeklagte bestätigten, sondern der Bevollmächtigte des allgemeinen revolutionären Komitees. Das Wunder dieser

|412| Umwandlung hatte Bakunin fertiggebracht. Netschajew hatte alle Bedingungen erfüllt, welche die Statuten der von ihm gepredigten Organisation verlangten; er hatte sich "durch Taten ausgezeichnet, welche das Komitee kannte und würdigte"; er hatte in Brüssel einen bedeutenden Strike der Internationalen organisiert und geleitet; das belgische Komitee hatte ihn als Delegierten zur Internationalen in Genf geschickt, woselbst er mit Bakunin zusammentraf, und da er nach seinem eigenen Ausspruch "es nicht liebte, auf seinen Lorbeeren zu ruhen", war er nach Rußland zurückgekehrt, um die "revolutionäre Aktion" zu beginnen. Er versicherte auch, daß mit ihm ein ganzer Generalstab, aus sechzehn russischen Flüchtlingen bestehend, nach Rußland gekommen sei. ( 8 )

Uspenski, Iwanow und vier oder sechs andere junge Leute scheinen die einzigen in Moskau gewesen zu sein, die sich von all diesen Gaukeleien fangen ließen. Vier dieser Aufgenommenen erhielten den Auftrag, neue Anhänger zu werben und Zirkel oder kleine Sektionen zu bilden. Der Organisationsplan findet sich in den Dokumenten des Prozesses; er stimmt fast in jedem Punkte mit dem der geheimen Allianz überein. Das "allgemeine Reglement der Organisation" wurde in voller Gerichtssitzung verlesen und keiner der Haupteingeweihten hat seine Echtheit angefochten; übrigens hat die Nr. 2 des von Bakunin und Netschajew redigierten "Volksgerichts" die Echtheit folgender Stellen zugegeben:

"Die Organisation hat das Vertrauen gegen das Individuum zur Grundlage. - Kein Mitglied weiß, welchen Grad es einnimmt, ob es weiter oder näher vom Zentrum entfernt ist. - Der Gehorsam gegen das Komitee muß absolut, ohne irgendwelchen Einwand sein. - Verzichtleistung auf jedes Eigentum zugunsten des Komitees, das darüber verfügen kann. - Jedes Mitglied, das eine bestimmte Anzahl Proselyten für unsere Sache geworben hat, das durch Taten Beweis abgelegt hat vom Grad seiner Kräfte und Fähigkeiten, kann Kenntnis von diesem Reglement und später mehr oder weniger vollständig von den Statuten der Gesellschaft erhalten. Der Grad der Kräfte und Fähigkeiten unterliegt der Schätzung des Komitees."

Um die Moskauer Affiliierten zu täuschen, sagte ihnen Netschajew, daß in Petersburg die Organisation schon ungeheuer groß sei, während in Wirklichkeit daselbst nicht ein einziger Zirkel oder eine Sektion existierte. Einen Augenblick vergaß er sich einmal und rief vor einem seiner Eingeweihten aus: "In Petersburg sind sie mir untreu geworden wie die Weiber

|413| und haben mich verraten wie die Sklaven." In Petersburg sagte er umgekehrt, daß die Organisation in Moskau wunderbare Fortschritte mache.

Da man in dieser letzteren Stadt ein Komiteemitglied zu sehen verlangte, so lud er einen jungen Petersburger Offizier, der sich für die Studentenbewegung interessierte, ein, mit ihm nach Moskau zu kommen, um sich ihre Zirkel anzusehen. Der junge Mann willigte ein und unterwegs weihte ihn Netschajew zum "außerordentlichen Delegierten des Komitees der Internationalen Assoziation von Genf".

"Sie würden", sagte er zu ihm, "zu unseren Versammlungen nicht zugelassen, weil Sie nicht Mitglied sind, aber hier haben Sie ein Mandat, welches bescheinigt, daß Sie Mitglied der Internationalen Assoziation sind und als solches haben Sie Zutritt."

Das Mandat hatte einen französischen Stempel und lautete: "Der Inhaber dieses Mandats ist bevollmächtigter Vertreter der Internationalen Assoziation." Die anderen Angeklagten bestätigen, daß Netschajew sie glauben machte, daß dieser Unbekannte "der wirkliche Agent des revolutionären Komitees zu Genf" sei (Nr. 225 und 226, "St. Petersb. Ztg.").

Dolgow, ein Freund Iwanows, bezeugt, daß "Netschajew, wenn er von der geheimen Gesellschaft sprach, die zu dem Zwecke organisiert sei, das Volk im Falle einer Erhebung zu unterstützen und den Aufstand so zu leiten, daß er gelingen müsse, auch der Internationalen Assoziation erwähnte und angab, daß Bakunin ihnen als Bindeglied mit der Internationalen diene" (Nr. 198). Ripman versicherte, daß Netschajew, "um ihn von seiner Idee über kooperative Assoziationen abzubringen, ihm erzählte, daß in Europa die Internationale Arbeiter-Assoziation existierte, und daß es, um den von dieser verfolgten Zweck zu erreichen, genüge, in seine Gesellschaft einzutreten, von der eine Sektion bereits in Moskau existierte" (Nr. 198).

Man sieht ferner aus den Aussagen, daß Netschajew die Internationale für eine geheime Gesellschaft und seine Gesellschaft für einen Zweig derselben gelten ließ. Auch versicherte er seinen Vertrauten, daß ihre Sektion zu Moskau mit Strikes und Genossenschaften in großem Maßstabe, wie die Internationale vorgehen werde. Als der Angeklagte Ripman von ihm das Programm der Gesellschaft verlangte, las ihm Netschajew einige Stellen aus einem französischen Schriftstück über den Zweck der Gesellschaft vor; der Angeklagte verstand, daß dies Schriftstück das Programm der Internationalen sei, und setzte hinzu, "da man in der Presse viel von dieser Gesellschaft gesprochen hätte, habe er in dem Vorschlage Netschajews nichts besonderes Strafbares gesehen". Einer der Hauptangeklagten, Kusnezow, sagte, daß Netschajew das Programm der Internationalen Assozia-

|414| tion vorgelesen habe (Nr. 181); sein Bruder sagt aus, daß "er gesehen habe, wie man bei seinem Bruder ein französisches Schriftstück kopierte, welches das Programm der Gesellschaft sein sollte" (Nr. 202). Der Angeklagte Klimin erklärt, man habe ihm "das Programm der Internationalen Assoziation nebst einigen von Bakunin als Postskriptum geschriebenen Zeilen" vorgelesen, "... doch soweit ich mich erinnere, war dieses Programm in sehr allgemeinen Ausdrücken abgefaßt und sagte nichts über die Mittel zum Zwecke, sondern sprach nur von der Gleichheit im allgemeinen" (Nr. 199). Der Angeklagte Gawrischew erklärte, daß das "französische Schriftstück, soweit man den Sinn verstehen konnte, eine Darlegung der Grundsätze der Vertreter des Sozialismus, die ihren Kongreß in Genf gehabt hatten, enthielt". Endlich klärt uns die Auslassung des Angeklagten Swjatski vollständig über dieses geheimnisvolle französische Schriftstück auf; bei der Untersuchung fand man bei ihm ein französisch geschriebenes Blatt mit der Überschrift: "Programm der Internationalen Allianz der sozialistischen Demokratie"; er sagte aus: "Man hat in den Zeitungen viel von der internationalen Assoziation gesprochen, und das erregte in mir das Interesse, in ausschließlich theoretischer Absicht ihr Programm kennenzulernen" ("St. Petersb. Ztg.", Nr. 230). Diese Aussagen beweisen, daß das geheime Programm der Allianz im Manuskript für das der Internationalen ausgegeben wurde. Die Identität des universellen revolutionären Komitees, als dessen Emissär sich Netschajew erklärte, mit dem Zentralbüro der Allianz (dem Bürger B.) ist durch die Auslassung des Hauptangeklagten Uspenski bewiesen, welcher erklärt, daß er alle Protokolle der Versammlungen des Zirkels gesammelt habe, "um aus denselben einen Bericht für Bakunin in Genf herzustellen". Pryshow, einer der Hauptangeklagten, bekundete, daß Netschajew ihm befohlen habe, nach Genf zu gehen, um Bakunin Bericht zu überbringen.

Aus Mangel an Raum erwähnen wir hier nicht alle Lügen, Albernheiten, Schwindeleien und Gewaltstreiche des Agenten Bakunins, die durch den Prozeß aufgedeckt wurden. Wir lassen nur die auffälligsten Züge hervortreten.

Alles in dieser Organisation war Geheimnis. Dolgow sagte aus, "daß er gewünscht habe, bevor er in diese Gesellschaft eintrat, ihre Organisation und ihre Mittel kennenzulernen; Netschajew antwortete ihm, das sei ein Geheimnis und er werde es später erfahren" ("St. Petersb. Ztg.", Nr. 198). - Wenn Mitglieder sich Fragen erlaubten, stopfte Netschajew ihnen den Mund, indem er ihnen sagte, daß nach den Statuten niemand das Recht habe, etwas zu erfahren, er habe sich denn zuvor durch irgendeine Tat aus-

|415| gezeichnet (Nr. 199). - "Sobald wir eingewilligt hatten, Mitglieder der Gesellschaft zu werden", erklärt ein Angeklagter, "begann Netschajew uns mit der Macht und Gewalt des Komitees zu terrorisieren, von dem er vorgab, daß es existiere und uns lenke; er sagte, das Komitee habe seine Polizei, und wenn jemand sein Wort nicht halte oder den Befehlen von Individuen entgegenhandle, die höher ständen als unser Zirkel, das Komitee Rache nehmen würde." Der Angeklagte bekennt, "als er die Schwindeleien Netschajews bemerkt, habe er diesem seine Absicht angekündigt, vollständig von dieser Sache zurückzutreten und zur Herstellung seiner Gesundheit nach dem Kaukasus zu gehen. Netschajew erklärte ihm, daß dies ihm nicht gestattet sei, und daß das Komitee ihn mit dem Tode bestrafen könnte, falls er die Gesellschaft zu verlassen wage; er befahl ihm gleichzeitig, in eine Versammlung zu gehen, dort von der geheimen Gesellschaft zu reden, um Anhänger zu werben, und auch das Gedicht über den Tod Netschajews zu verlesen. Da der Angeklagte sich zu gehorchen weigerte, drohte ihm Netschajew: Sie sind nicht hier zum Diskutieren, rief er aus. Sie sind verpflichtet, ohne Einwand den Befehlen des Komitees zu gehorchen." (Nr. 198.) - Wäre dieses nur eine vereinzelte Tatsache, so könnte man sie in Zweifel ziehen, aber mehrere Angeklagte, die sich in der Unmöglichkeit befanden, sich gegenseitig zu verständigen, bezeugen genau dasselbe. - Ein anderer erklärt, daß die Mitglieder des Zirkels, als sie bemerkt hatten, wie sie getäuscht wurden, die Gesellschaft zu verlassen wünschten, aber es nicht wagten aus Furcht vor der Rache des Komitees (Nr. 198).

Ein Zeuge sagte, indem er von einem seiner angeklagten Freunde sprach: Der Angeklagte Florinski wußte nicht mehr, wie er Netschajew loswerden sollte, der ihn am Arbeiten hinderte; der Zeuge riet ihm, Moskau zu verlassen und sich nach Petersburg zurückzuziehen, aber Florinski gab ihm zur Antwort, daß Netschajew ihn ebensogut in Petersburg wie in Moskau auffinden werde, daß Netschajew den Überzeugungen einer großen Anzahl junger Leute Gewalt antue, und sie terrorisiere; was Florinski am meisten zu fürchten schien, war eine Denunziation von seiten Netschajews. "Man sagte, und ich hatte es gehört, bekundete Lichutin, daß Netschajew aus dem Auslande in sehr heftigen Ausdrücken abgefaßte Briefe an seine Bekannten schickte, um sie zu kompromittieren und verhaften zu lassen. Diese Handlungsweise war ein Zug in seinem Charakter" (Nr. 186). - Jenischerlow erklärt sogar, daß er Netschajew als einen Agenten der Regierung zu betrachten anfing.

In einer kleinen Zirkelsitzung gab ein Mitglied, Klimin, dem Unbekannten, der in seiner Eigenschaft als Emissär der Sitzung beiwohnte und

|416| seine Unzufriedenheit mit dem Verhalten des Zirkels ausdrückte, zur Antwort, "daß auch sie unzufrieden seien; am Anfang habe man den Angeworbenen gesagt, jede Sektion könne mehr oder weniger unabhängig handeln, ohne daß man von ihren Mitgliedern blinden Gehorsam verlange, dann aber schlug man einen ganz anderen Ton an und das Komitee machte sie förmlich zu Sklaven" (Nr. 199). - Netschajew erteilte seine Befehle auf Zetteln mit dem Stempel: "Russische Sektion der universellen revolutionären Allianz, öffentlicher Stempel", und formulierte sie in folgender Weise: "Das Komitee befiehlt euch ...", dieses oder jenes zu tun, hier- oder dorthin zu gehen etc.

Ein junger Offizier, der sich enttäuscht sah, will die Gesellschaft verlassen. Netschajew scheint seine Einwilligung zu geben, verlangt aber einen Loskauf. Man muß ihm einen Wechsel auf 6.000 Rubel mit der Unterschrift Kolatschewskis verschaffen. Sowohl Kolatschewski wie seine Schwestern hatten im Jahre 1866, nach dem Attentat Karakosows, eine lange Haft zu erleiden gehabt. Zu der Zeit, in welcher diese Geschichte spielt, befand sich eine der Schwestern zum zweiten Male wegen politischer Angelegenheiten im Gefängnis. Die ganze Familie stand unter strengster Polizeiaufsicht, und Kolatschewski konnte in jedem Augenblick einer neuen Verhaftung gewärtig sein. Netschajew benutzte diese Lage; auf sein Geheiß lud der junge Offizier, von dem wir oben sprachen, unter einem falschen Vorwand Kolatschewski zu sich ein, knüpfte mit ihm ein Gespräch an und gab ihm Proklamationen, die derselbe aus Neugier annahm. Kaum ist jedoch Kolatschewski auf der Straße, als ein Offizier an ihn herantritt, und ihm befiehlt, ihm zu folgen; er sei Beamter der dritten Sektion (geheime Polizei) und wisse, daß Kolatschewski aufständische Proklamationen bei sich führe. Nun ist der bloße Besitz solcher Papiere schon mehr als hinreichend, um jemandem mehrjährige Untersuchungshaft zuzuziehen und ihn einer Verurteilung zur Zwangsarbeit auszusetzen, wenn derselbe das Unglück hat, bereits in einer politischen Sache kompromittiert gewesen zu sein. Der angebliche Agent der dritten Sektion fordert Kolatschewski auf, in einen Wagen zu steigen, und dort macht er ihm das Anerbieten, sich durch sofortige Unterzeichnung einer Tratte von 6.000 Rubeln loszukaufen. Vor der sicheren Aussicht, sonst nach Sibirien zu wandern, unterzeichnete Kolatschewski. Tags darauf erfuhr ein anderer junger Mann, Negreskul, diese Geschichte; sein Verdacht fiel sogleich auf Netschajew; er suchte den angeblichen Agenten der dritten Sektion auf und verlangte Rechenschaft über seine Gaunerei. Netschajew leugnete alles; die Tratte wurde verborgen gehalten und fand sich erst später bei den Haussuchungen wieder.

|417| Die Entdeckung der Verschwörung und die Flucht Netschajews hatten diesem das Inkasso unmöglich gemacht. - Negreskul kannte Netschajew schon lange. In Genf war er das Opfer einer seiner Gaunereien geworden; dann hatte Bakunin ihn an sich zu ziehen gesucht. Später erpreßte man von ihm hundert Rubel (Nr. 230). Schließlich wurde er durch Netschajew kompromittiert, obwohl er diesen haßte und jeder Niederträchtigkeit fähig hielt. Er wurde verhaftet und starb im Gefängnis.

Wie wir sahen, gehörte Iwanow zu den ersten von Netschajew Angeworbenen. Er war einer der beliebtesten und einflußreichsten Studenten der landwirtschaftlichen Akademie zu Moskau. Er widmete sich der Verbesserung der Lage seiner Kollegen und organisierte Unterstützungskassen und Kosthäuser, in denen armen Studierenden die Kost unentgeltlich gewährt wurde und die zugleich den Vorwand zu Zusammenkünften abgaben, in welchen man soziale Fragen diskutierte. Seine ganze freie Zeit widmete er dem Unterricht der in der Umgebung der Akademie wohnenden Bauernkinder. Seine Kollegen gaben ihm das Zeugnis, daß er alles mit Leidenschaft tat, indem er seinen letzten Groschen weggab und sich sehr oft ohne warme Nahrung behalf.

Iwanow wurde von dem Blödsinn in den gewaltsamen Proklamationen Netschajews und Bakunins betroffen. Er konnte nicht begreifen, weshalb das Komitee befahl, die "Worte", den "Totengesang" Ogarjews, das "Volksgericht", ja sogar Bakunins "Aufruf an den Adel", eine ganz aristokratische Proklamation ( 9 ), zu verbreiten.

|418| Er begann die Geduld zu verlieren und fragte, wo das Komitee sei, was es tue, wie es beschaffen sei, dieses Komitee, das Netschajew fortwährend recht gebe und allen anderen Mitgliedern unrecht. Er offenbarte den Wunsch, jemanden von diesem Komitee zu sehen; er hatte hierzu das Recht erlangt, da Netschajew selbst ihn zu einem Grade erhoben, der dem eines Mitgliedes eines Nationalkomitees der geheimen Allianz entsprach. Bei dieser Gelegenheit war es, daß sich Netschajew aus der Verlegenheit zog, indem er die oben erzählte Komödie mit dem Emissär der Genfer Internationalen aufführte.

Eines Tages befahl Netschajew, das für die Kasse zur gegenseitigen Unterstützung der Studenten bestimmte Geld an das Komitee auszuliefern. Dagegen protestierte Iwanow und es entspann sich ein Streit. Andere Kameraden bewogen ihn, sich der Entscheidung des Komitees zu unterwerfen; sie seien ja den Statuten beigetreten, welche diese Unterwerfung geboten. Ihrem Drängen gab Iwanow nach und ließ es widerwillig geschehen. Von diesem Augenblick sann Netschajew, wie er sich dieses Mannes entledigen könne, den er wahrscheinlich als doktrinären Revolutionär betrachtete, der aus der Welt geschafft werden müsse. Er knüpfte mit Uspenski theoretische Gespräche an über die Bestrafung, die Vernichtung treuloser Mitglieder, die durch ihre Widersetzlichkeit die ganze ungeheuere geheime Organisation kompromittieren und vernichten könnten.

Die Art und Weise, wie Netschajew die geheime Organisation lenkte, war allerdings geeignet, Zweifel an deren ernsthaften Charakter hervorzurufen. Die Sektionen mußten regelmäßig Sitzungen halten, um die akademischen Namensverzeichnisse der Studierenden zu prüfen und diejenigen zu bezeichnen, deren Heranziehung man wünschenswert erachtete, sowie um Mittel zu finden, wie man Geld schaffe. Zu diesen Mitteln gehörten die Subskriptionslisten für "Studenten, welche gelitten haben", d.h. die im Verwaltungswege verbannt waren; der Ertrag dieser Listen ging gradeswegs in die Tasche des Komitees Netschajew. Man mußte sich allerlei Kostüme verschaffen, die an sichem Orte aufbewahrt wurden und später Netschajew bei seiner Flucht zur Verkleidung dienten. Die Hauptbeschäftigung jedoch

|419| bestand im Abschreiben des "Totengesanges" und der oben zitierten Proklamationen. Die Verschworenen mußten alles in ihren Versammlungen Verhandelte möglichst genau aufschreiben, und Netschajew drohte ihnen mit dem Komitee, das überall seine Spione habe, falls sie etwas zu verbergen wagten. Jeder von ihnen mußte schriftliche Berichte über alles, was er seit der letzten Versammlung getan, in seinen Zirkel mitbringen, und aus all diesen Berichten wurde ein Auszug gemacht, um ihn an Bakunin zu schicken.

Diese ganze kindische und inquisitorische Handlungsweise ließ Iwanow sogar an der Existenz des Komitees und an der so sehr gerühmten Macht der Organisation zweifeln; er begann zu merken, daß alles sich auf sinnlose Ausbeutung und riesenhafte Lügen beschränke, und er gestand seinen Vertrauten, daß, wenn die Sache nicht in Gang käme und man sie mit nichts weiter als mit Spielereien beschäftige, er sich von Netschajew trennen und selbst eine ernstliche Organisation gründen würde.

Grade damals ergriff Netschajew eine energische Maßregel: Er befahl, seine Proklamationen in den Sälen der Studentenkosthäuser anzuschlagen. Iwanow sah in der Anheftung dieser Proklamationen den Schluß der Kosthäuser, das Verbot der Versammlungen, die Zerstreuung der besten Studenten. Er widersetzte sich dieser Maßregel. (Die Verköstigungsanstalt der Studenten wurde denn auch wirklich geschlossen, und alle in deren Verwaltung gewählte Delegierte wurden verbannt.) Hierüber entspann sich der Streit; Netschajew wiederholte wieder seine stereotype Phrase: "Es ist der Befehl des Komitees!"

Iwanow ist in höchster Verzweiflung. Am 20. November 1869 erscheint er bei einem Mitgliede der Sektion und erklärt demselben, daß er aus jener Gesellschaft austrete; Pryshow teilt diese Erklärung Uspenski mit, der seinerseits eiligst Netschajew benachrichtigt. Nach einigen Stunden kommen diese drei Personen bei Kusnezow zusammen, bei dem auch Nikolajew wohnt. Dort erklärt Netschajew, daß man Iwanow wegen seiner Widersetzlichkeit gegen die Befehle des Komitees strafen und sich seiner entledigen müsse, um ihn zu hindern, ihnen weiteren Schaden zuzufügen. Kusnezow, der vertraute Freund Iwanows, scheint die Absicht Netschajews nicht zu verstehen; da erklärt dieser, man müsse Iwanow töten. Pryshow ruft hierauf aus, indem er sich an Kusnezow wendet: Netschajew ist verrückt, er will Iwanow töten; man muß ihn daran hindern. Netschajew macht ihrem Bedenken durch seine gewöhnliche Phrase ein Ende: "Wollt ihr euch auch gegen die Befehle des Komitees empören? Wenn man ihn

|420| nicht anders töten kann, so werde ich mit Nikolajew diese Nacht auf sein Zimmer gehen und ihn dort erdrosseln." Dann macht er den Vorschlag, Iwanow nachts in eine Grotte im Park der Akademie zu locken, unter dem Vorwande, eine daselbst seit längerer Zeit verborgen gehaltene Presse auszugraben, und ihn dort zu ermorden.

So gab Netschajew selbst in diesem entscheidenden Augenblick der Hingebung Iwanows die Ehre. Er war überzeugt, daß Iwanow trotz seines Austritts ihm bei der Ausgrabung der Presse zur Hülfe kommen werde, daß er nicht fähig sei, ihn zu verraten, denn wenn er dieses beabsichtigte, so hätte er es vor seiner Austrittserklärung oder unmittelbar nach derselben getan. Hätte Iwanow ihn bei der Polizei denunzieren wollen, so hatte er jetzt die Gelegenheit, ihn bei offener Tat abfassen zu lassen. Aber im Gegenteil, Iwanow war glücklich, endlich einen positiven Beweis für die Existenz dieser Organisation zu finden, ein faßbares Zeichen, daß sie irgendwelche Aktionsmittel besitze und wären es auch nur typographische Lettern. Er vergaß alle so oft von Netschajew gegen die Treulosen ausgestoßenen Drohungen; eiligst verließ er einen Freund, bei dem er seinen Tee nahm und von dem ihn Nikolajew auf Befehl Netschajews abholte, und kam der Aufforderung nach.

In der Dunkelheit der Nacht nähert sich Iwanow ohne Argwohn der Grotte. Plötzlich ertönt ein Schrei; jemand springt von hinten auf ihn. Ein schrecklicher Kampf beginnt, man hört nur das Heulen Netschajews und das Röcheln seines Opfers, das er mit den Händen würgte; ein Schuß fällt und Iwanow ist tot. Die Kugel aus Netschajews Revolver war ihm durch den Kopf gegangen. "Schnell Stricke, Steine!" ruft Netschajew, indem er in den Taschen des Ermordeten wühlt, um das Geld und die Papiere herauszunehmen. Dann wirft man die Leiche in einen Teich.

Die Mörder kehren zu Kusnezow zurück und ergreifen dort Maßregeln, um die Spuren ihres Verbrechens zu verbergen. Sie verbrennen das blutige Hemd Netschajews. Alle Mitschuldigen sind düster und niedergeschlagen. Plötzlich ertönt ein zweiter Revolverschuß und eine Kugel saust Pryshow am Ohre vorbei. Netschajew entschuldigt sich: "Er habe Nikolajew zeigen wollen, wie sein Revolver gehe". Die Zeugen bekundeten einmütig, daß dies ein neues Attentat war. Netschajew wollte Pryshow töten, weil dieser vormittags gegen den Mord Iwanows zu protestieren gewagt.

Unmittelbar darauf verläßt Netschajew eiligst Moskau und begibt sich mit Kusnezow nach Petersburg, indem er Uspenski überläßt, in Moskau das Weitere zu besorgen. In Petersburg stellt er sich, als ob er sich noch immer mit seiner Organisation beschäftige; doch zu seiner großen Ver-

|421| wunderung findet Kusnezow, daß dort noch weniger Organisation vorhanden ist als in Moskau. Da wagt er endlich Netschajew zu fragen: "Wo ist denn das Komitee? Bist du es etwa?" - Noch leugnet Netschajew und versichert, das Komitee existiere. Er kehrt nach Moskau zurück und gesteht Nikolajew, daß, da Uspenski bereits verhaftet, dies allen übrigen in kurzer Zeit auch bevorstehe, und daß "er nicht wisse, was er tun solle". Da entschließt sich Nikolajew, sein Getreuester, ihn zu fragen, ob denn das wunderbare Komitee in Wirklichkeit existiere oder ob es aus Netschajew allein bestehe. - "Ohne geradeaus diese Frage zu beantworten, sagte er mir, alle Mittel seien erlaubt, um die Leute in solch ein Unternehmen hineinzuziehen, diese Regel werde auch im Auslande gehandhabt, Bakunin befolge sie ebenso wie andere, und wenn solche Männer in dieser Weise handeln, dann sei es natürlich, daß er, Netschajew, ebenso handle "(Nr. 181). Darauf heißt er Nikolajew mit Pryshow nach Tula gehen, um einem von früher her mit Netschajew befreundeten Arbeiter einen Paß abzuschwindeln. Später begibt er sich selbst nach Tula, wo er Frau Alexandrowskaja bittet, ihn nach Genf zu begleiten; es sei dies für ihn durchaus notwendig.

Frau Alexandrowskaja war seit den Unruhen von 1861 und 1862 stark kompromittiert; man hatte sie sogar in Haft genommen, bei welcher Gelegenheit ihre Handlungsweise sehr viel zu wünschen übrigließ. In einem Anfall von Offenherzigkeit hatte sie den Richtern ein schriftliches Geständnis abgelegt und dies Geständnis hatte viele Personen kompromittiert. Später wurde sie in einer Provinzialstadt unter Polizeiaufsicht interniert. Da sie keinen Paß zu erhalten fürchtete, verschaffte ihr Netschajew einen, man weiß nicht wie. Man möchte fragen, warum Netschajew die Begleitung einer Frau suchte, deren Gesellschaft allein genügen konnte, seine Verhaftung an der Grenze herbeizuführen. Doch er gelangte unter Deckung der Frau Alexandrowskaja gesund und wohlbehalten nach Genf, und während die von ihm getäuschten armen Teufel in den Kerker geworfen wurden, fabrizierten er und Bakunin die zweite Nummer des "Volksgerichts". Bakunin fühlte sich aufs höchste in seinem Stolze geschmeichelt, als er im "Journal de Genève" von der Verschwörung Netschajew las, deren Leitung man ihm zuschrieb; er vergaß dabei, daß sein "Volksgericht" in Moskau gedruckt zu sein vorgab, und füllte eine ganze Seite dann mit dem Artikel des "Journal de Genève" in französischer Sprache. Kaum war das Blatt fertig, so erhielt Frau Alexandrowskaja den Auftrag, es nebst andern Proklamationen nach Rußland einzuschmuggeln. An der Grenze erwartete ein Agent der dritten Sektion die Frau Alexandrowskaja, nahm ihr das Paket ab und verhaftete sie. Darauf stellte sie ihm eine Liste mit Namen zu, die nur

|422| Bakunin allein bekannt sein konnten. - Einer der Angeklagten in der Affäre Netschajew, und zwar einer seiner Vertrautesten, bekannte vor Gericht, daß "er vorher Bakunin für einen Ehrenmann gehalten habe, und daß er nicht begreifen könne, wie er und andere in so feiger Weise jene Frau der Verhaftung hätte aussetzen können".

Wenn Bakunin sich auch nicht verbunden hielt, selbst nach Rußland zu gehen, um die große Revolution, deren bevorstehenden Ausbruch er stets voraussagte, in eigener Person zu leiten, so ließ er doch in Europa arbeiten, als hätte er "den Teufel im Leibe". Der "Progrès" zu Locle, das schweizerische Organ der Allianz, veröffentlichte lange Auszüge aus dem "Volksgericht". Guillaume strich die großen Erfolge der großen russischen Sozialisten heraus und erklärte, daß sein Enthaltungsprogramm mit dem der großen russischen Sozialisten identisch sei. ( 10 ) Als auf dem Kongreß zu La Chaux-de-Fonds Utin die Infamien Netschajews zu enthüllen versuchte, schnitt ihm Guillaume das Wort ab, indem er sagte, es sei Spionage treiben, wenn man von jenen Männern rede; Bakunin selbst schrieb in der "Marseillaise", als ob er eben zurückgekehrt sei "von einer langen Reise nach fernen Ländern, wo freie Blätter keinen Eingang finden", damit man glauben sollte, die Dinge nähmen in Rußland eine so revolutionäre Wendung, daß seine Anwesenheit dort notwendig gewesen.

Wir kommen jetzt zur Lösung des Knotens in der Tragikomödie der russischen Allianz. Herzen hatte im Jahre 1859 von einem jungen Russen ein Vermächtnis von 25.000 Franken erhalten, um damit in Rußland revolutionäre Propaganda zu machen. Herzen, der diese Summe nie hatte an jemanden ausliefern wollen, ließ sich doch von Bakunin überreden; es gelang diesem, das Geld unter dem Vorwand zu erhalten, daß Netschajew der Vertreter einer weitverzweigten und mächtigen geheimen Organisation sei. Netschajew glaubte sich nun berechtigt, seinen Anteil zu verlangen; doch die beiden internationalen Brüder, die der Mord Iwanows nicht hatte entzweien können, gerieten bei der Geldfrage in Streit. Bakunin weigerte sich, das Geld zu geben. Netschajew verließ Genf und gab im Frühjahr 1870 in London ein russisches Blatt heraus, "Die Kommune" (Obschtschina), worin er öffentlich von Bakunin den Rest des Kapitals verlangte, das er von

|423| weiland Herzen erhalten habe. Hieraus sehen wir, daß die internationalen Brüder "nie einander angreifen, noch ihre Streitigkeiten vor dem Publikum ausmachen ".

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Der erste Artikel der zweiten Nummer des "Volksgerichts" enthält wieder einen Totengesang in poetischer Prosa auf den ewig toten und ewig lebenden Netschajew. Diesmal war der Held erdrosselt worden von Gendarmen, die ihn nach Sibirien schleppten. Er war in Tambow verhaftet worden, als Arbeiter verkleidet, während er im Wirtshause saß. Diese Verhaftung hatte in Regierungskreisen außerordentliche Bewegung hervorgerufen. Man sprach nur vom "verkleideten Netschajew ... von Denunziationen ... von geheimen Gesellschaften ... von Bakunisten ... von Revolution". Beim Tode Netschajews schickte der Gouverneur von Perm ein Telegramm nach Petersburg; dieses Telegramm wird wörtlich zitiert. Ein anderes, ebenso wörtlich zitiertes Telegramm wird an die dritte Sektion geschickt, und das "Volksgericht" weiß ganz genau, daß "der Polizeichef nach Empfang dieses Telegramms von seinem Stuhl aufsprang und den ganzen Abend ein hämisches Lächeln aufsetzte". So starb, zum zweiten Male, Netschajew.

Der Mord Iwanows wird zugegeben, aber man nennt ihn

"eine Tat der Rache seitens der Gesellschaft, verübt an einem Mitgliede wegen Abweichung von seiner Pflicht. Die strenge Logik der wahren Arbeiter am Werke darf nicht zurückschrecken vor einer Tat, die zum Erfolge des Werkes führt, und noch weniger vor Taten, welche das Werk retten und ihr Verderben abwenden."

Der "Erfolg des Werks" in den Augen Bakunins war die Verhaftung von achtzig jungen Leuten.

Der zweite Artikel ist betitelt: "Ja, wer nicht für uns ist, der ist wider uns", und enthält eine Verherrlichung des politischen Mordes. Das Schicksal Iwanows, der nicht genannt wird, wird allen Revolutionären angedroht, die nicht der Allianz anhängen;

"Der entscheidende Augenblick ist gekommen ... die kriegerischen Operationen zwischen beiden Lagern haben begonnen... es ist nicht mehr möglich, neutral zu bleiben; hierbei in der Mitte stehen wollen, hieße sich zwischen zwei feindliche Heere stellen, im Augenblick, wo diese das Feuer eröffnen; es hieße, sich umsonst dem Tode aussetzen, unter den Kartätschen der einen oder der anderen fallen, ohne Möglichkeit der Verteidigung. Es hieße, entweder die Knutenhiebe und Martern der dritten Sektion auf sich nehmen oder unter den Kugeln unserer Revolver fallen."

Folgt dann eine anscheinend ironische Danksagung an die russische Regierung wegen "ihrer Mitwirkung an der Entwicklung und dem

|424| beschleunigten Fortgange unseres Werks, das sich mit geflügeltem Schritt seiner so sehr ersehnten Vollendung nähert". Allerdings. Im Augenblick, wo unsere beiden Helden der Regierung dankten wegen ihrer Beschleunigung der "so sehr ersehnten Vollendung", waren sämtliche Mitglieder ihrer vorgeblichen geheimen Gesellschaft verhaftet. - Daran schließt sich ein neuer Aufruf. Ihre "Arme sind zur Aufnahme aller frischen und ehrenhaften Kräfte geöffnet", aber diese werden zugleich unterrichtet, daß, einmal von dieser Umarmung umschlungen, sie sich allen Anforderungen der geheimen Gesellschaft unterwerfen müssen, "daß jede Absage, jeder Rücktritt von der Gesellschaft, der wissentlich aus Mangel an Glauben an die Wahrheit und Gerechtigkeit gewisser Prinzipien geschieht, auch zur Ausstreichung aus der Liste der Lebenden führt". Sodann machen unsere beiden Helden sich lustig über die Verhafteten, es seien das nur kleine Liberale, die wirklichen Mitglieder der Organisation werden durch die geheime Gesellschaft geschützt, welche ihre Verhaftung nicht zulassen würde.

Der dritte Artikel führt die Überschrift: "Hauptgrundlagen der sozialen Ordnung der Zukunft". Dieser Artikel beweist, daß, wenn gewöhnliche Sterbliche für jedes Nachdenken über die soziale Organisation der Zukunft wie für ein Verbrechen bestraft werden, dies nur geschieht, weil die Häupter bereits alles ins reine gebracht haben.

"Das Ende der gegenwärtigen Ordnung und die Erneuerung des Lebens mit Hülfe der neuen Prinzipien kann nur erzielt werden durch die Konzentrierung aller Mittel der sozialen Existenz in den Händen unseres Komitees und durch die Proklamierung der Verpflichtung zur physischen Arbeit für alle.

Das Komitee verkündet unmittelbar nach dem Umsturz der gegenwärtigen Einrichtungen, daß alles Eigentum Gemeingut ist; es befiehlt die Gründung von Arbeitergesellschaften (Artels) und veröffentlicht gleichzeitig von Sachverständigen angefertigte statistische Tabellen, welche die an einem gegebenen Orte notwendigsten Industriezweige angeben, sowie diejenigen, welche daselbst auf Hindernisse stoßen könnten.

Während einer bestimmten Frist, ausgefüllt durch die revolutionäre Umwandlung und die dieselbe unvermeidlich begleitenden Störungen, muß jedes Individuum in irgendein selbstgewähltes Artet eintreten ... Alle diejenigen, welche ohne genügenden Grund in ihrer Vereinzelung beharren und sich keiner Arbeitergruppe anschließen, haben kein Recht der Zulassung zu den gemeinsamen Kosthäusern, Schlafstellen oder zu irgendwelchen anderen Gebäuden, welche zur Befriedigung der verschiedenen Bedürfnisse der Arbeiterbrüder, oder zur Aufbewahrung der für die verschiedenen Zweige der neubegründeten Arbeitergesellschaft dienenden Produkte, Materialien, Lebensmittel oder Werkzeuge bestimmt sind; mit einem Wort, wer ohne genügenden Grund

|425| keinem Artel beigetreten ist, bleibt ohne Existenzmittel. Alle Wege und Mittel des Verkehrs bleiben für ihn verschlossen; es gibt für ihn keinen anderen Ausweg als Arbeit oder Tod."

Jedes Artel wählt seinen Taxator (otzienschtschik), der den Gang der Arbeit regelt, über die Produktion und Konsumtion sowie über die Produktivität jedes Arbeiters Buch führt und zwischen dem Artel und dem gemeinschaftlichen Kontor des Orts vermittelt. Das Kontor besteht aus Mitgliedern, die von den Artels des Ortes gewählt werden; es bewirkt den Austausch zwischen den Artels, führt die Verwaltung aller gesellschaftlichen Anstalten (Schlafräume, Kosthäuser, Schulen, Hospitäler) und leitet alle öffentlichen Arbeiten:

"Alle gemeinschaftlichen Arbeiten stehen unter der Verwaltung des Kontors, während alle individuellen Arbeiten, für welche es besonderer Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit bedarf, von den Artels gesondert ausgeführt werden."

Dann kommt ein langes Reglement über Erziehung, Arbeitsstunden, Säugung der Kinder, Erteilung von Arbeitserlaß an Erfinder usw.

"Mit der vollständig öffentlichen und der allgemeinen Kenntnis unterliegenden Tätigkeit jedes einzelnen verschwindet spurlos und für immer jeder Ehrgeiz, wie man ihn jetzt versteht, und jede Lüge ... Es wird dann ein jeder bestrebt sein, soviel wie möglich für die Gemeinschaft zu produzieren und sowenig wie möglich zu konsumieren, und der ganze Stolz, der ganze Ehrgeiz des Arbeiters wird in dem Bewußtsein seiner sozialen Nützlichkeit bestehen."

Ein prachtvolles Probestück von Kasernenkommunismus! Da haben wir alles, gemeinsame Schlafräume und Kosthäuser, Taxatoren und Kontors zur Bevormundung der Erziehung, der Produktion, der Konsumtion, mit einem Worte jeder sozialen Tätigkeit, und hoch über dem allem die Oberleitung unseres namenlosen und unbekannten Komitees. Reiner "Antiautoritarismus" vom reinsten Wasser!

Um diesem blödsinnigen Organisationsplan den Anschein einer theoretischen Grundlage zu geben, wird der Überschrift des Artikels selbst folgende Anmerkung angehängt:

"Wer die vollständige theoretische Entwicklung unserer Hauptgrundsätze kennenlernen will, findet sie in der von uns herausgegebenen Schrift: 'Manifest der kommunistischen Partei'."

Es findet sich wirklich die russische Übersetzung des (deutschen) Manifestes der kommunistischen Partei vom Jahre 1847 (Preis ein Franken) in jeder Nummer des "Kolokol" vom Jahre 1870 neben dem Aufruf Bakunins "An die Offiziere der russischen Armee" und den beiden Nummern

|426| des "Volksgerichts" angekündigt. Derselbe Bakunin, der dieses Manifest mißbraucht, um seinen tatarischen Phantasien in Rußland Ansehen zu verschaffen, ließ dasselbe durch die westeuropäische Allianz als eine äußerst ketzerische Schrift verschreien, welche die unheilvollen Lehren des deutschen autoritären Kommunismus predige (siehe die Resolution der Konferenz von Rimini, die Rede Guillaumes im Haag, das "Jura-Bulletin" Nummer 10 und 11, die "Federacion" zu Barcelona etc.).

Jetzt, da jedermann die Rolle kennt, zu welcher "unser Komitee" bestimmt ist, wird man leicht jenen Konkurrenzneid gegen den Staat und gegen jede Zentralisation der Arbeiterkräfte begreifen. In der Tat, solange die Arbeiterklasse ihre eigenen Vertretungsorgane hat, werden die unter dem Inkognito "unseres Komitees" revolutionierenden Herren Bakunin und Netschajew es nicht dahin bringen, die Inhaber und Verwalter des gesellschaftlichen Reichtums zu werden und die Früchte jenes erhabenen Ehrgeizes zu ernten, den sie - anderen einzuflößen brennen: viel zu arbeiten, um wenig zu verzehren!

2. Der Revolutionskatechismus

Netschajew hob mit größter Sorgfalt ein in Chiffern geschriebenes Büchelchen auf, benannt: "Der Revolutionskatechismus"; er behauptete, daß der Besitz dieses Buches das charakteristische Kennzeichen jedes Emissärs oder Agenten der Internationalen Assoziation sei. Aus allen Aussagen sowie aus den von den Verteidigern gelieferten klaren Beweisen geht hervor, daß dieser Katechismus von Bakunin geschrieben; auch hat dieser seine Vaterschaft nie zu leugnen gewagt. Übrigens zeigen Form und Inhalt des Werkes deutlich, daß es derselben Quelle entspringt wie die geheimen Statuten, die "Worte", die Proklamationen und das "Volksgericht", von denen wir bereits gesprochen haben. Der Katechismus ergänzt sie nur. Diese allzerstörenden Anarchisten, die alles amorphisieren wollen, führen die Anarchie in der Moral ein, indem sie die Unsittlichkeit der Bourgeoisie aufs äußerste übertreiben. Wir haben bereits an einigen Proben jene allianzistische Moral würdigen können, deren Dogmen, ganz und gar christlichen Ursprungs, zuerst von den Escobar des 17. Jahrhunderts im einzelnen

|427| ausgearbeitet wurden. Nur übertreibt die Allianz deren Ausdrucksweise ins Lächerliche, und setzt an die Stelle der heiligen, katholischen, apostolischen und römischen Kirche ihr "heiliges Werk" der erzanarchistischen und allzerstörenden Revolution. Der Revolutionskatechismus ist der offizielle Kodex dieser Moral, die hier systematisch und unverhüllt dargestellt wird. Wir veröffentlichen ihn vollständig, wie er vor dem Gerichtshofe in der Sitzung vom 8. Juli 1871 verlesen wurde.

"Pflichten des Revolutionärs gegen sich selbst

§ 1. Der Revolutionär ist ein geweihter Mensch. Er hat keine persönlichen Interessen, Angelegenheiten, Gefühle oder Neigungen, kein Eigentum, nicht einmal einen Namen. Alles in ihm wird verschlungen von einem einzigen ausschließlichen Interesse, einem einzigen Gedanken, einer einzigen Leidenschaft - der Revolution.

§ 2. In der Tiefe seines Wesens, nicht nur in Worten, sondern auch in der Tat, hat er vollständig gebrochen mit der bürgerlichen Ordnung und mit der gesamten zivilisierten Welt, mit den in dieser Welt landläufig anerkannten Gesetzen, Herkommen, Moral und Gebräuchen. Er ist ihr unversöhnlicher Gegner, und wenn er in dieser Welt fortlebt, so geschieht es nur, um sie desto sicherer zu vernichten.

§ 3. Ein Revolutionär verachtet jeden Doktrinarismus und verzichtet auf die Wissenschaft der heutigen Welt, die er den zukünftigen Generationen überläßt. Er kennt nur eine Wissenschaft: die Zerstörung. Hierzu und nur hierzu studiert er Mechanik, Physik, Chemie und vielleicht auch Medizin. Zu demselben Zweck studiert er Tag und Nacht die lebendige Wissenschaft - die Menschen, Charaktere, Verhältnisse, sowie alle Bedingungen der gegenwärtigen sozialen Ordnung auf allen möglichen Gebieten. Der Zweck ist derselbe, die schnellste und sicherste Zerstörung dieser unflätigen (poganyi) Weltordnung.

§ 4. Er verachtet die öffentliche Meinung. Er verachtet und haßt die gegenwärtige gesellschaftliche Moral in allen ihren Antrieben und allen ihren Kundgebungen. Für ihn ist alles sittlich, was den Triumph der Revolution begünstigt, alles unsittlich und verbrecherisch, was ihn hemmt.

§ 5. Der Revolutionär ist ein geweihter Mensch (der sich nicht mehr selbst angehört), er hat keine Schonung für den Staat überhaupt und für die ganze zivilisierte Klasse der Gesellschaft und er darf ebensowenig Schonung für sich erwarten. Zwischen ihm und der Gesellschaft herrscht Krieg auf Tod und Leben, offener oder geheimer Kampf, aber stets ununterbrochen und unversöhnlich. Er muß sich daran gewöhnen, jede Marter zu ertragen.

§ 6. Streng gegen sich selbst, muß er es auch gegen andere sein. Alle Gefühle der Neigung, die verweichlichenden Empfindungen der Verwandtschaft, Freundschaft, Liebe, Dankbarkeit, müssen in ihm erstickt werden durch die einzige, kalte Leiden-

|428| schaft des revolutionären Werks. Für ihn existiert nur ein Genuß, ein Trost, ein Lohn, eine Befriedigung: der Erfolg der Revolution. Tag und Nacht darf er nur einen Gedanken, nur einen Zweck haben - die unerbittliche Zerstörung. Während er diesen Zweck kaltblütig und unaufhörlich verfolgt, muß er selbst zu sterben bereit sein und ebenso bereit, mit eigenen Händen jeden zu töten, der ihn an der Erreichung dieses Ziels hindert.

§ 7. Die Natur des wahren Revolutionärs schließt jede Romantik, jede Empfindsamkeit, jeden Enthusiasmus und jede Hinreißung aus; sie schließt sogar persönlichen Haß oder Rache aus. Die revolutionäre Leidenschaft, bei ihm zu einer alltäglichen und beständigen Gewohnheit geworden, muß mit kalter Berechnung gepaart sein. Immer und überall muß er nicht seinen persönlichen Trieben, sondern nur dem gehorchen, was ihm das allgemeine Interesse der Revolution vorschreibt.

Pflichten des Revolutionärs gegen seine Revolutionsgenossen

§ 8. Der Revolutionär kann Freundschaft und Zuneigung nur zu dem hegen, der durch Taten bewiesen hat, daß er gleichfalls Agent der Revolution ist. Der Grad der Freundschaft, Ergebenheit und sonstiger Verbindlichkeiten gegen einen solchen Gefährten bemessen sich nur nach dessen Nützlichkeit in dem praktischen Werke der allzerstörenden (vserasruschitelnoi) Revolution.

§ 9. Es ist überflüssig, von der Solidarität unter den Revolutionären zu reden, auf ihr beruht die ganze Macht des revolutionären Werks. Die Revolutionsgenossen, welche auf gleicher Höhe revolutionären Verständnisses und revolutionärer Leidenschaft sich befinden, müssen soviel wie möglich über alle wichtigen Angelegenheiten gemeinschaftlich beraten und ihre Beschlüsse einstimmig fassen. Bei Ausführung einer so beschlossenen Sache muß jeder möglichst nur auf sich selbst rechnen. Wo es sich um Ausführung einer Reihe zerstörender Handlungen handelt, muß jeder auf eigene Hand tätig sein und Hülfe und Rat von seinen Gefährten nur beanspruchen, wo es für den Erfolg unumgänglich ist.

§ 10. Jeder Revolutionsgenosse muß mehrere Revolutionäre zweiter oder dritter Ordnung, d.h. solche, die noch nicht vollständig eingeweiht sind, in seiner Hand haben. Er muß dieselben als einen, seiner Verfügung anvertrauten Teil des allgemeinen revolutionären Kapitals betrachten. Er muß ökonomisch mit seinem Kapitalanteil wirtschaften und möglichst großen Nutzen aus demselben herausschlagen. Er hat sich selbst auch nur als ein Kapital zu betrachten, das für den Triumph des Revolutionswerks verwendet wird, als ein Kapital jedoch, über das er nicht allein und ohne Zustimmung sämtlicher vollständig eingeweihter Genossen verfügen kann.

§11. Wenn sich ein Kamerad in Gefahr befindet, so darf der Revolutionär bei der Frage, ob er ihn retten soll oder nicht, kein persönliches Gefühl zu Rate ziehen, sondern einzig und allein das Interesse der Sache der Revolution. Demnach muß er auf der einen Seite den Nutzen, welchen sein Kamerad gewährt, auf der anderen den Aufwand an Revolutionskräften, den seine Befreiung erfordert, gegeneinander abwägen und handeln, je nachdem sich die Waage zur einen oder ändern Seite neigt.

Pflichten des Revolutionärs gegen die Gesellschaft

|429| § 12. Ein neues Mitglied kann, nachdem es seine Proben nicht in Worten, sondern in Taten abgelegt hat, nur mit Einstimmigkeit in die Assoziation aufgenommen werden.

§ 13. Ein Revolutionär tritt in die Welt des Staates, in die Welt der Klassen, in die sich zivilisiert nennende Welt und lebt in derselben einzig aus dem Grunde, weil er an ihre nahe und vollständige Vernichtung glaubt. Er ist kein Revolutionär, wenn er noch an irgend etwas in dieser Welt hängt. Er darf nicht zurückbeben, wo es sich darum handelt, irgendein jener alten Welt angehöriges Band zu zerreißen, irgendeine Einrichtung oder irgendeinen Menschen zu vernichten. Er muß alles und alle gleichmäßig hassen. Um so schlimmer für ihn, wenn er in jener Welt Bande der Verwandtschaft, Freundschaft oder Liebe hat; er ist kein Revolutionär, wenn diese Bande seinen Arm aufhalten können.

§ 14. Um der unerbittlichen Zerstörung willen kann der Revolutionär, und muß er sogar oft, mitten in der Gesellschaft leben und dabei den Schein bewahren, er sei ein ganz anderer als er wirklich ist. Ein Revolutionär muß sich überall Eingang verschaffen, in der höheren Gesellschaft wie beim Mittelstand, im Kaufmannsladen, in der Kirche, im aristokratischen Palast, in der bürokratischen, militärischen und literarischen Welt, in der dritten Sektion (geheime Polizei) und selbst im kaiserlichen Palast.

§ 15. Jene ganze unflätige Gesellschaft teilt sich in mehrere Kategorien. Die erste besteht aus denen, die unverzüglich dem Tode geweiht sind. Die Genossen mögen Listen dieser Verurteilten aufstellen, nach dem Grade ihrer verhältnismäßigen Bösartigkeit und mit Rücksicht auf den Erfolg des Revolutionswerkes geordnet, und zwar so, daß die ersten Nummern vor den übrigen abgefertigt werden.

§ 16. Bei der Aufstellung dieser Listen, bei der Feststellung der Kategorien darf nicht die individuelle Verderbtheit eines Menschen entscheiden oder gar der Haß, den er den Mitgliedern der Organisation oder dem Volke einflößt. Können doch selbst diese Verderbtheit und dieser Haß gewissermaßen nützlich sein, indem sie zum Volksaufstand reizen. Man darf nur den Maßstab des Nutzens berücksichtigen, der aus dem Tode einer bestimmten Person für das Revolutionswerk hervorgehen kann. An erster Stelle müssen die vernichtet werden, die für die revolutionäre Organisation am verderblichsten sind und deren gewaltsamer und plötzlicher Tod am geeignetsten ist, die Regierung zu erschrecken und ihre Macht zu erschüttern, indem er sie der energischsten und intelligentesten Agenten beraubt.

§ 17. Die zweite Kategorie besteht aus denen, welchen man provisorisch (!) das Leben läßt, damit sie durch eine Reihe empörender Taten das Volk zum unvermeidlichen Aufstand treiben.

§ 18. Zur dritten Kategorie gehört eine große Anzahl hochstehender Bestien, die weder durch Geist noch durch Energie sich auszeichnen, die aber vermittelst ihrer

|430| Stellung Reichtum, hohe Verbindungen, Einfluß und Macht besitzen. Man muß sie auf alle mögliche Art ausbeuten, man muß sie umgarnen und verwirren, und, indem man sich zum Herrn ihrer schmutzigen Geheimnisse macht, sie zu unsern Sklaven machen. Auf diese Weise werden ihre Macht, ihre Verbindungen, ihr Einfluß und ihr Reichtum zu einem unerschöpflichen Schatze und zu einer kostbaren Hülfe bei mannigfaltigen Unternehmungen.

§ 19. Die vierte Kategorie besteht aus allerlei ehrgeizigen Beamten und aus den Liberalen der verschiedenen Schattierungen. Mit diesen kann man nach ihrem eigenen Programm konspirieren, indem man tut, als ob man ihnen blindlings folge. Man muß sie in unsere Hand bringen, sich ihrer Geheimnisse bemächtigen, sie vollständig kompromittieren, so daß ihnen der Rückzug unmöglich wird, und sich ihrer zur Herbeiführung von Unruhen im Staate bedienen.

§ 20. Die fünfte Kategorie bilden die Doktrinäre, Verschwörer, Revolutionäre, alle diejenigen, welche in Versammlungen oder auf dem Papier Geschwätz machen. Man muß sie unaufhörlich zu praktischen und gefahrvollen Kundgebungen treiben und fortreißen, deren Erfolg sein wird, daß der größte Teil von ihnen verschwindet, während einige darunter sich zu echten Revolutionären entwickeln.

§ 21. Die sechste Kategorie ist von großer Bedeutung; es sind die Frauen, die in drei Klassen einzuteilen sind. Zur ersten gehören die oberflächlichen Frauen, ohne Geist und Herz, deren man sich in derselben Weise bedienen muß, wie der Männer der dritten und vierten Kategorie. Zur zweiten Klasse gehören die leidenschaftlichen, hingebenden und befähigten Frauen, die jedoch nicht zu uns gehören, weil sie noch nicht zum praktischen und phrasenlosen revolutionären Verständnis emporgedrungen sind; man muß sie benutzen wie die Männer der fünften Kategorie. Endlich kommen die Frauen, die ganz und gar zu uns gehören, das heißt, die vollständig eingeweiht sind und unser gesamtes Programm angenommen haben. Sie müssen wir als den kostbarsten unserer Schätze betrachten, ohne dessen Beistand wir nichts auszurichten vermögen.

Pflichten der Assoziation gegen das Volk

§ 22. Die Assoziation hat keinen anderen Zweck als die vollständige Emanzipation und das Glück des Volkes, d.h. der hart arbeitenden Menschheit (tschernorabotschii ljud). Aber von der Überzeugung ausgehend, daß diese Emanzipation und dieses Glück nur vermittelst einer alles zerstörenden Volksrevolution erreicht werden können, wird die Assoziation alle ihre Mittel und Kräfte anwenden, um die Übel und Leiden zu erhöhen und zu vermehren, die endlich die Geduld des Volkes zerreißen und seinen Massenaufstand anfachen werden.

§ 23. Unter Volksrevolution versteht unsere Gesellschaft nicht eine nach dem klassischen Muster des Westens geregelte Bewegung, die stets vor dem Eigentum und der überlieferten gesellschaftlichen Ordnung der sogenannten Zivilisation und Moralität haltmacht und sich bisher darauf beschränkt hat, den Wegfall einer politischen Form auszusprechen, um sie durch eine andere zu ersetzen, und einen sogenannten revolutionären Staat zu schaffen. Die einzige Revolution, die dem Volke zum Heile gereichen |431| kann, ist die, die jeden Staatsbegriff durch und durch vernichtet und alle Überlieferungen, Ordnungen und Klassen des Staats in Rußland umstürzt.

§ 24. Bei diesem Ziel hat die Gesellschaft nicht die Absicht, dem Volke irgendeine von oben kommende Organisation aufzudrängen. Die zukünftige Organisation wird ohne Zweifel aus der Bewegung und dem Leben des Volks hervorgehen, aber das ist die Sache künftiger Generationen. Unsere Arbeit ist die schreckliche, totale, unerbittliche und allgemeine Zerstörung.

§ 25. Deshalb müssen wir, indem wir uns dem Volke nähern, uns vor allem mit den Elementen des Volkslebens verbinden, welche seit Gründung des moskowitischen Staats unaufhörlich, nicht nur in Worten, sondern auch in Taten gegen alles protestiert haben, was direkt oder indirekt mit dem Staat verbunden ist, gegen den Adel, die Bürokratie, die Priester, die große Handelswelt und die Kleinhändler, gegen alle Ausbeuter des Volks. Wir müssen uns mit der abenteuernden Welt der Räuber verbinden, die die einzig wahren Revolutionäre Rußlands sind.

§ 26. Diese Welt zu einer einzigen allzerstörenden und unbesiegbaren Macht zusammenzufassen, darin besteht unsere ganze Organisation, unsere ganze Verschwörung und unser ganzes Unternehmen."

Solch ein Meisterwerk kritisiert man nicht. Man verdürbe sich den Spaß an seiner Fratzenhaftigkeit. Man nähme auch diesen amorphischen All-Zerstörer viel zu ernst, der Rudolph von Gerolstein, Monte-Christo, Karl Moor und Robert Macaire glücklich in eine Person verschmolzen hat. Wir beschränken uns darauf, durch einige Nachweise die Identität des Geistes und selbst der Ausdrücke des Katechismus, ihre krampfhafte Übertreibung abgerechnet, mit denen der geheimen Statuten und der sonstigen russischen Produktionen der Allianz festzustellen.

Die drei Grade der Einweihung in den geheimen Statuten der Allianz werden im § 10 des Katechismus wiedergegeben, wo von "Revolutionären zweiter und dritter Ordnung ... die noch nicht vollständig eingeweiht sind", die Rede ist. - Die im Art. 6 ihres Reglements definierten Pflichten der internationalen Brüder sind dieselben, wie die in den §§ 1 und 13 des Katechismus anbefohlenen. - Die Bedingungen, unter denen die Brüder Regierungsämter annehmen können, laut Art. 8 des Reglements, werden noch "eingehender auseinandergesetzt" im § 14 des Katechismus, der ihnen sogar die Möglichkeit klarmacht, auf Befehl bei der Polizei eintreten zu müssen. Die den Brüdern im Reglement, Art. 9, erteilte Vorschrift, einander zu Rate zu ziehen, wird im § 9 des Katechismus wiederholt. - Die Art. 2, 3 und 6 des Programmes der internationalen Brüder legen der Revolution genau denselben Charakter bei, wie die §§ 22 und 23 des Katechismus. - Die Jakobiner im Art. 4 des Programmes figurieren im § 20 des Katechismus als eine Unterabteilung der "Männer der fünften Kategorie"; hier wie dort

|432| sind sie dem Tode geweiht. - Die Vorstellungen der Art. 5 und 6 des Programmes über den Gang einer wahrhaft anarchischen Revolution fallen zusammen mit denen des § 24 des Katechismus.

Die Verdammung der Wissenschaft im § 3 des Katechismus findet sich wieder in allen schon erwähnten russischen Druckschriften. Die Verherrlichung des Räubers als des wahren revolutionären Vorbildes, in den "Worten" nur erst in schwachen Anfängen angedeutet, wird in allen anderen Schriften voll und ganz bekannt und gepredigt. Für die "fünfte Kategorie" in § 20 des Katechismus hat die "Formel der revolutionären Frage" die Bezeichnung der "Staats- und Kabinettsrevolutionäre". Auch da, wie im § 25 und 26, wird erklärt, daß es erste Pflicht des Revolutionärs sei, sich aufs Räubertum zu legen. Aber erst in den "Prinzipien der Revolution" und im "Volksgericht" beginnt man, die in den §§ 6, 8 und 26 des Katechismus befohlene Allzerstörung und den systematischen Mord, wie in den §§ 13, 15, 16 und 17 zu predigen.



3. Der Aufruf Bakunins an die Offiziere der russischen Armee

Indes schien Bakunin daran gelegen, daß kein Zweifel bleibe an seiner Mitschuld an der angeblichen Verschwörung Netschajews. Er veröffentlichte eine "Genf, Januar 1870" datierte und "Michail Bakunin" unterzeichnete Proklamation: "An die Offiziere der russischen Armee". Diese Proklamation, "Preis ein Frank", findet sich als Werk Bakunins in allen Nummern des "Kolokol" von 1870 angekündigt. Wir geben hier einige Auszüge.

Sie kündigt zunächst an, wie es auch Netschajew in Rußland tat, daß

"die Stunde des letzten Kampfes zwischen den Romanow-Holstein-Gottorp und dem russischen Volke, der Kampf zwischen dem tatarisch-deutschen Joche und der weiten slawischen Freiheit herannaht. Der Frühling ist an unserer Schwelle und in den ersten Tagen des Frühlings wird der Kampf beginnen ... die revolutionäre Gewalt ist bereit und bei der tiefen und allgemeinen Unzufriedenheit der Massen, welche in diesem Augenblick in Rußland herrscht, ist sie ihres Triumphs sicher."

Eine Organisation ist vorhanden, um die bevorstehende Revolution zu leiten, denn "eine geheime Organisation ist wie der Generalstab einer Armee; und diese Armee ist das ganze Volk".

"In meinem 'Aufruf an die jungen russischen Brüder' sagte ich, daß der Stenka Rasin, der sich während der so sichtbar nahen Vernichtung des russischen Reiches an die Spitze der Volksmassen stellen wird, nicht mehr der individuelle Held, sondern ein Gesamt-Stenka-Rasin sein wird. Wer kein Tor ist, wird leicht begriffen haben, daß

|433| ich von einer vorhandenen und bereits in diesem Augenblick tätigen Organisation sprach, die in ihrer Disziplin, in der leidenschaftlichen Hingebung und Selbstverleugnung ihrer Mitglieder und in dem blinden Gehorsam gegen ein einziges allwissendes, doch von niemandem gekanntes Komitee seine Stärke findet.

Die Mitglieder dieses Komitees haben vollständig auf ihre eigene Persönlichkeit Verzicht geleistet; dies gibt ihnen das Recht, von allen Mitgliedern der Organisation eine gleiche absolute Entsagung zu verlangen. Sie haben in solchem Grade auf alles verzichtet, was sonst den Gegenstand der Begierde eitler, ehrgeiziger und machtgieriger Leute bildet, daß sie ein für allemal auf den individuellen Besitz der Gewalt, auf jede öffentliche oder offizielle Macht, ja im allgemeinen selbst auf das Bekanntwerden ihres Namen in der Gesellschaft verzichten und sich einer ewigen Verborgenheit hingeben, und, während sie anderen den offenkundigen Ruhm und Glanz des Werks überlassen, für sich nur, doch immer als Gesamtheit, das Wesen des Werkes aufheben.

Wie die Jesuiten, aber nicht zum Zwecke der Knechtung, sondern der Emanzipation des Volkes, hat jeder von ihnen selbst auf den eigenen Willen verzichtet. In dem Komitee wie in der ganzen Organisation ist es nicht das Individuum, welches denkt, will und handelt, sondern die Gesamtheit. Ein solcher Verzicht auf eigenes Leben, Denken und Wollen wird vielen unmöglich, ja selbst empörend scheinen. Es ist in der Tat schwer, ihn durchzusetzen, aber es ist unumgänglich notwendig. Besonders den Neulingen wird es schwer erscheinen, die kaum in die Organisation eingetreten sind, den Leuten, die noch nicht die Gewohnheit geschwätziger und eitler Prahlerei abgelegt haben, Leuten, die nach Ehre, nach persönlicher Würde und nach Macht streben, und von allen denen, die sich von den jämmerlichen Phantomen einer erdichteten Humanität lenken lassen, Phantomen, hinter denen in der russischen Gesellschaft eine allgemeine Servilität gegenüber der gemeinsten und verworfensten Wirklichkeit sich zeigt. Dieser Verzicht wird denen peinlich erscheinen, die in dem großen Werke nur die Befriedigung ihrer Eigenliebe, nur eine Gelegenheit zum Phrasendrechseln suchen und die nicht das Werk um des Werkes willen lieben, sondern wegen der theatralischen Aufspreizung ihrer eigenen Person.

Jedes neue Mitglied tritt aus freien Stücken in unsere Organisation ein und weiß im voraus, daß es, einmal eingetreten, nicht mehr sich, sondern ganz ihr angehört. Der Eintritt in die Organisation ist frei, der Austritt aber unmöglich, denn jedes austretende Mitglied würde die Existenz der Organisation selbst unzweifelhaft gefährden, und diese darf nicht von dem Leichtsinn und der Laune, oder der größeren oder geringeren Zuverlässigkeit, Ehrenhaftigkeit und Macht eines oder mehrerer Individuen abhängen ... Wer ihr daher angehören will, muß im voraus wissen, daß er sich ihr vollständig hingibt, mit allem, was er an Kräften, Mitteln und Wissen besitzt, ja mit seinem ganzen Leben und das unwiderruflich ... Es ist dies klar und deutlich in ihrem Programm auseinandergesetzt; dasselbe ist veröffentlicht und ist bindend für alle Mitglieder des Komitees wie für alle, die nicht zum Komitee gehören ... Ist ein Mitglied wirklich

|434| von der" (revolutionären) "Leidenschaft durchdrungen, so wird ihm alles leicht erscheinen, was die Organisation von ihm verlangt. Es ist eine bekannte Sache, daß es für die Leidenschaft keine Schwierigkeiten gibt; sie kennt keine Unmöglichkeit; je größer die Hindernisse sind, desto stärker wird auch der Wille, die Kraft und das Geschick des Leidenschaftlichen angespannt. Die kleinen persönlichen Leidenschaften finden bei dem von der" (revolutionären) "Leidenschaft Besessenen nicht einmal Raum, er brauchte jene nicht einmal zu opfern, weil sie bei ihm nicht mehr vorhanden sind. Ein zuverlässiges Mitglied der Assoziation hat bereits jedes Gefühl der Neugier in sich erstickt und verfolgt diesen Fehler unbarmherzig bei allen andern. Obgleich er sich jeden Vertrauens würdig weiß und gerade weil er desselben würdig ist, d.h., weil er ein zuverlässiger Mann ist, strebt er nicht danach, ja wünscht nicht einmal mehr zu wissen, als für ihn zur möglichst guten Ausführung der ihm anvertrauten Aufgabe notwendig ist. Er spricht über die Geschäfte nur mit den ihm bezeichneten Personen und sagt nur das, was ihm in den erhaltenen Befehlen vorgeschrieben ist; überhaupt richtet er sich streng und unbedingt nach den von oben ihm zugehenden Befehlen und Verfügungen, ohne zu fragen oder auch nur sich zu erkundigen, in welchem Grade der Organisation er sich befinde; er wird natürlich den Wunsch hegen, daß ihm so viel Geschäfte wie möglich übertragen werden, jedoch nichtsdestoweniger mit Geduld den Augenblick abwarten, wo man ihm eins anvertraut.

Eine so starre und absolute Disziplin mag einem Neuling wunderbar vorkommen und ihn selbst erstaunen; ein zuverlässiges Mitglied, einen wirklich starken und verständigen Mann wird sie weder überraschen noch verletzen, sie wird ihm im Gegenteil Freude machen und ihm eine Bürgschaft für seine Sicherheit sein, vorausgesetzt, daß er unter dem Einflusse jener alles absorbierenden Leidenschaft des Volkssieges steht, von der ich oben gesprochen. Ein ernsthaftes Mitglied wird begreifen, daß solche Disziplin das notwendige Unterpfand für die verhältnismäßige Unpersönlichkeit jedes Mitgliedes ist, die wiederum die conditio sine qua non des gemeinschaftlichen Triumphes ist; es wird begreifen, daß diese Disziplin allem imstande ist, eine wirkliche Organisation zu bilden und eine vereinigte Revolutionsmacht zu schaffen, die, gestützt auf die elementare Macht des Volkes, imstande sein wird, die furchtbare Gewalt der Staatsorganisation zu besiegen.

Man wird vielleicht fragen: wie kann man sich der diktatorischen Leitung eines uns unbekannten Komitees unterwerfen? Aber das Komitee ist euch bekannt, und zwar zunächst durch das Programm, welches es veröffentlicht hat, das mit solcher Klarheit und Bestimmtheit abgefaßt ist und das jedem in die Organisation eintretenden Mitgliede noch mehr im einzelnen auseinandergesetzt wird. Das Komitee empfiehlt sich euch aber zweitens durch das blinde Vertrauen, welches ihm Personen, euch bekannte, von euch geachtete, schenken, dasselbe Vertrauen, das euch dieser Organisation den Vorzug geben läßt vor jeder anderen. Das Komitee gibt sich den tätigen Mitgliedern der Organisation noch weiter zu erkennen durch seine unermüdliche, entschlossene Tätigkeit, die sich überallhin erstreckt und stets dem Programm und dem Zwecke der Organisation entspricht. Und jedermann unterwirft sich gern seiner Autorität, indem er durch die Praxis selbst mehr und mehr einesteils von seiner wahrhaft staunen-

|435| erregenden Voraussicht überzeugt wird, von seiner Wachsamkeit, von seiner mit Vorsicht gepaarten Energie und von seinem Geschick, die zutreffenden Maßregeln dem Zwecke anzupassen, und andernteils von der Notwendigkeit und heilsamen Wirkung einer solchen Disziplin.

Man könnte an mich die Frage stellen: wenn der Personenbestand des Komitees ein undurchdringliches Geheimnis für alle Welt bleibt, wie hast du dich denn über dasselbe unterrichten und dich von seinem wirklichen Werte überzeugen können? - Ich antworte freimütig auf diese Frage. Ich kenne kein einziges von den Mitgliedern dieses Komitees, nicht einmal ihre Zahl oder ihren Sitz. Ich weiß nur eins, daß es sich nicht im Auslande befindet, sondern in Rußland, wie es sein muß, denn ein russisches revolutionäres Komitee, das im Auslande seinen Sitz hat, ist ein Unsinn, den nur das Gehirn sinnloser und dummehrgeiziger Phrasenschmiede aushecken kann, die zur Emigration gehören und ihren lächerlich eitlen und boshaft intriganten Müßiggang unter dem volltönenden Namen der 'Volkssache' ( 11 ) verbergen.

Nach der Adelsverschwörung der Dekabristen" (1825) "wurde der erste ernste Vertuch einer Organisation von Ischutin und Genossen gemacht. Die gegenwärtige Organisation ist die erste Organisation der revolutionären Kräfte von ganz Rußland, die wirklich gelungen ist. Sie hat alle Vorbereitungen, alle Erfahrungen benutzt; keine Reaktion wird sie zur Auflösung zwingen; sie wird alle Regierungen überleben und ihre Tätigkeit erst dann enden, wenn ihr Programm zum Alltagsleben der Russen und der gesamten Welt geworden ist.

Vor nahe einem Jahr hielt es das Komitee für nützlich, mich von seiner Existenz zu benachrichtigen, und schickte mir sein Programm nebst einer Darlegung des allgemeinen Plans für die revolutionäre Tätigkeit in Rußland. Da ich mit beiden vollständig übereinstimmte und mich überzeugt hatte, daß das Unternehmen ebensogut wie die Männer, welche die Initiative ergriffen haben, einen durchaus ernstlichen Charakter hat, so tat ich, was nach meiner Meinung jeder ehrenhafte Flüchtling tun mußte: ich habe mich der Autorität des Komitees als des einzigen Vertreters und Leiters der Revolution in Rußland bedingungslos unterworfen. Wenn ich mich heute an euch wende, so gehorche ich damit nur den Befehlen des Komitees. Mehr kann ich euch nicht sagen. Ich will nur noch ein Wort in dieser Sache hinzufügen. Der Plan der Organisation ist mir genügend bekannt, um mir die Überzeugung zu gewähren, daß keine Macht mehr imstande ist, sie zu vernichten. Selbst wenn die Volkspartei eine neue Niederlage im nächsten Kampfe erleiden sollte - was niemand unter uns befürchtet, wir glauben sämtlich an den nahe bevorstehenden Triumph des Volks -, ja, wenn selbst unsere Hoffnung getäuscht würde, so würde dennoch unter den schrecklichsten Unterdrückungsmaßregeln, inmitten der wildesten Reaktion die Organisation wohlbehalten und ungeschädigt bleiben ...

|436| Die Grundlage des Programms ist die breiteste, die humanste: vollständige Freiheit und vollständige Gleichheit aller Menschen, gegründet auf gemeinsamem Eigentum und gemeinsamer Arbeit, die gleich obligatorisch für alle ist, mit Ausnahme natürlich derjenigen, welche es vorziehen, ohne Arbeit zu verhungern.

Dies ist auch das gegenwärtige Programm der Arbeiterwelt aller Länder, und dieses Programm entspricht den hundertjährigen Forderungen und Instinkten unseres Volks ... Als die Mitglieder unserer Organisation dies Programm den Leuten aus niederem Volke vorlegten, waren sie ganz erstaunt zu sehen, wie schnell und überall diese es begreifen und mit welcher glühenden Begeisterung sie es annehmen. Also das Programm ist fertig, es ist unveränderlich. Wer für dieses Programm ist, wird mit uns gehen. Wer wider uns ist, der ist der Freund der Gegner des Volks, der Gensdarm des Zaren, der Henker des Zaren, unser Feind ...

Ich habe euch gesagt, daß unsere Organisation so fest gegründet ist, und ich füge jetzt hinzu, daß sie so tief im Volke Wurzel geschlagen hat, daß, selbst wenn wir eine Niederlage erleiden, die Reaktion ohnmächtig ist, sie zu zerstören...

Die servile Presse, den Befehlen der dritten Sektion gehorsam, gibt sich Mühe, dem Publikum einzureden, daß es der Regierung gelungen, die Verschwörung an ihrer Wurzel selbst zu fassen. Man hat durchaus nichts gefaßt. Das Komitee und die Organisation sind unangetastet und werden es stets bleiben; die Regierung wird sich bald davon überzeugen, denn der Ausbruch des Volksaufstands steht nahe bevor. Er ist so nahe gerückt, daß jeder sich jetzt entscheiden muß, ob er unser Freund, der Freund des Volkes, oder unser Feind und der des Volkes sein will. Allen Freunden, welchen Platz oder welche Stellung sie auch einnehmen mögen, stehen unsere Reihen offen. Aber wie soll man uns finden, werdet ihr fragen. Die Organisation, welche euch von allen Seiten umgibt, die unter euch zahlreiche Anhänger zählt, wird von selbst denjenigen herausfinden, der sie sucht mit dem aufrichtigen Wunsche und dem festen Willen, der Sache des Volks zu dienen. Wer nicht für uns ist, der ist wider uns. Wählt!"

In dieser mit seinem Namen unterzeichneten Broschüre stellt sich Bakunin, als ob er den Ort und die Zusammensetzung des Komitees, in dessen Namen er spricht und in dessen Namen Netschajew in Rußland gehandelt hat, nicht kenne. Und doch ist die einzige Vollmacht, welche Netschajew hatte, um im Namen dieses Komitees zu handeln, unterzeichnet: Michail Bakunin, und der einzige Mann, der Berichte über die Sektionen erhielt, war wieder Michail Bakunin. Wenn also Michail Bakunin dem Komitee unbedingten Gehorsam gelobt, nun so schwört er, niemand anders gehorchen zu wollen als eben Michail Bakunin.

Wir halten es für unnütz, die vollständige Identität der Tendenzen und selbst der Ausdrücke dieser von Bakunin unterzeichneten Schrift mit den anderen anonymen russischen Dokumenten noch weiter nachzuweisen. Wir wollen nur die Art und Weise hervorheben, in welcher Bakunin hier die Moral des Katechismus in Anwendung bringt. Zuerst predigt er diese

|437| Moral den russischen Offizieren; er erklärt ihnen, daß er und die anderen Eingeweihten sowohl eine Pflicht vollbracht, wie eine Lücke ausgefüllt haben, indem sie sich als die Jesuiten der Revolution konstituierten, und daß sie gegenüber dem Komitee nicht mehr persönlichen Willen haben, als der bekannte "Leichnam" der Gesellschaft Jesu. Und damit sie nicht durch die Ermordung Iwanows abgeschreckt werden, sucht er ihnen die Notwendigkeit begreiflich zu machen, jedes Mitglied zu ermorden, das aus der geheimen Gesellschaft austreten will. Dann wendet er diese selbe Moral seinen Lesern gegenüber an, indem er ihnen unverschämt vorlügt. Er wußte, daß die Regierung nicht bloß alle Eingeweihten in Rußland verhaftet hatte, sondern sogar noch eine zehnfach größere Anzahl von Netschajew kompromittierter Personen von der bekannten "fünften Kategorie" des Katechismus; er wußte, daß in Rußland auch nicht der Schatten einer Organisation bestand, daß das Komitee ebensowenig daselbst existierte, wie es jemals außer in der Person Netschajews, der sich damals bei ihm in Genf befand, daselbst existiert hatte; er wußte auch, daß diese Broschüre nicht einen einzigen Anhänger in Rußland gewinnen würde, daß sie der Regierung nur einen Vorwand zu neuen Verfolgungen bieten könnte; dennoch proklamiert er, daß die Regierung durchaus nichts abgefaßt hat, daß das Komitee noch immer seinen Sitz in Rußland hat und daselbst eine unermüdliche, entschlossene, sich nach allen Seiten hin erstreckende Tätigkeit, wahrhaft bewundernswürdige Voraussicht, Wachsamkeit, eine mit Vorsicht gepaarte Energie und eine staunenerregende Geschicklichkeit (die Aussagen im Prozeß zeigen es) entwickelt, daß seine geheime Organisation, die einzige ernste, welche in Rußland seit 1825 existiert, unangetastet dasteht, daß sie in das niedere Volk gedrungen, welches mit glühender Begeisterung ihr Programm annimmt, daß sie bereits die Offiziere von allen Seiten umgibt, daß die Revolution bereits vor der Türe steht, daß sie in einigen Monaten, im Frühjahr 1870 ausbrechen wird. Die Eitelkeit, seiner Person eine "theatralische Aufspreizung" vor seinen saubern internationalen Brüdern und vor seinem Spiegel zu geben, ist es allein, die Bakunin bewegt, wenn er seine lügnerischen Großprahlereien an die Russen richtet unter dem Vorgeben, "auf das eigene Leben, Denken und Wollen verzichtet" zu haben und erhaben zu sein über die "geschwätzige und eitle Prahlerei" der "Leute, die nach Ehre, nach persönlicher Würde und nach Recht streben".

Dieser selbe Mann, der 1870 den Russen blinden, unbedingten Gehorsam predigt gegenüber Befehlen, die von oben herab von einem unbekannten namenlosen Komitee kommen, der erklärt, daß die jesuitische Disziplin die notwendige Bedingung des Sieges, daß sie allein fähig sei, die furchtbare

|438| Zentralisation des Staats, und zwar nicht bloß des russischen, sondern jedes Staates zu besiegen; der einen Kommunismus verkündigt, der autoritärer ist als der primitivste Kommunismus - dieser selbe Mann zettelt im Jahre 1871 im Schoße der Internationalen eine separatistische und desorganisierende Bewegung an, unter dem Verwände, den Autoritarismus und die Zentralisation der deutschen Kommunisten zu bekämpfen, die Autonomie der Sektionen, die freie Föderation autonomer Gruppen zu bilden und aus der Internationalen das zu machen, was sie sein sollte: das Bild der zukünftigen Gesellschaft. Wenn die künftige Gesellschaft nach dem Muster der Allianz, russischer Sektion, eingerichtet würde, dann würde sie das Paraguay der Ehrwürdigen Jesuiten-Patres weit überbieten.

Fußnoten von Marx und Engels

      1. Petersburger (russische) Zeitung, 1871, Nr. 180, 181, 187 etc.

      2. Man muß hierbei bemerken, daß diese "Worte" gerade zur Zeit der Verfolgungen und Verurteilungen veröffentlicht wurden, als die Jugend ihr Möglichstes tat, ihre Bewegung unbedeutend erscheinen zu lassen, und die Polizei alles Interesse daran hatte, dieselbe zu übertreiben.

      3. Die dritte Sektion der kaiserlich russischen Kanzlei ist das Zentralbüro der geheimen politischen Polizei in Rußland.

      4. Um seine Leser zu täuschen, vermengt Bakunin die Häupter der Volksaufstände im 17. und 18. Jahrhundert mit den heutigen russischen Räubern und Dieben. Was diese letzteren betrifft, so dürfte das Buch Flerowskis "Lage der Arbeiterklasse in Rußland" die romantischsten Seelen über diese armen Teufel enttäuschen, aus denen Bakunin die heilige Schar der russischen Revolution zu bilden vorhat. Das einzige Räubertum - wohl zu verstehen, außerhalb der Regierungssphäre -, das in Rußland noch im Großen betrieben wird, ist der Pferdediebstahl, der zu einem Handelsunternehmen aufgestiegen ist, betrieben von Kapitalisten, deren bloße Werkzeuge und Opfer die "Revolutionäre ohne Phrase" sind.

      5. Bakunin und Netschajew übersetzen immer: Volksjustiz, doch bedeutet das russische Wort "rasprava" nicht Justiz, sondern Gericht, Strafvollstreckung oder besser noch Rache, Vergeltung.

      6. Alle die Verschwörung Netschajew betreffenden Tatsachen, die wir zitieren, sind den in der russischen "St. Petersburger Zeitung" veröffentlichten Prozeßberichten entnommen. Wir geben die Nummern des Blattes an, aus denen wir zitieren.

      7. Wir müssen hier bemerken, daß in der russischen Sprache die Worte Assoziation, Union, Allianz (obschtschestvo, sojuz, tovarischtschestvo) mehr oder weniger synonym sind und ohne Unterschied gebraucht werden. Ebenso wird das Wort: International meistens mit allgemein (vsemirnyi) übersetzt. In der russischen Presse wird also die " Internationale Assoziation" oft mit Worten übersetzt, die ebensogut auch die "allgemeine oder universelle Allianz" bedeuten könnten. Durch Benutzung dieser Sprachverwirrung gelang es Bakunin und Netschajew, den Namen unserer Assoziation auszubeuten und fast hundert junge Leute ins Unglück zu stürzen.

      8. Von den russischen Flüchtlingen war niemand nach Rußland zurückgekehrt, und in ganz Europa wären kaum sechzehn russische politische Flüchtlinge aufzutreiben.

      9. Wir geben hier einige Stellen aus der im Druck erschienenen Proklamation Bakunins: "Aufruf an den russischen Adel"; "Was für Privilegien haben wir dafür empfangen, daß wir während der ganzen Hälfte des 19ten Jahrhunderts die Stütze des oft in seinen Grundfesten erschütterten Thrones gewesen, daß wir 1848, während der über ganz Europa entfesselten Stürme des Volkswahnsinns, durch unsere Großtaten das russische Reich vor den es bedrohenden sozialistischen Utopien bewahrt haben? ... Was hat man uns dafür gewährt, daß wir das Reich vor der Zerstückelung retteten, daß wir in Polen die Flammen des Brandes, der ganz Rußland zu verzehren drohte, erstickten, daß wir bis zu diesem Augenblick ohne Schonung unserer Kräfte und mit einem Mute sondergleichen an der Vernichtung der revolutionären Elemente in Rußland arbeiteten? - Ging nicht aus unserem Schoße Michail Murawjow hervor, dieser mutvolle Mann, den Alexander II. selbst trotz seiner Geistesschwäche den Retter des Vaterlandes nannte? Für all diese unschätzbaren Dienste werden wir alles dessen beraubt, was wir besitzen ... Unser gegenwärtiger Aufruf ist die Kundgebung einer großen Mehrheit des russischen Adels, welcher seit langer Zeit schon in organisierter Bereitschaft dasteht ... Wir fühlen in unserem Rechte unsere Macht und werfen kühn dem Despoten, dem kleinen deutschen Prinzen Alexander II. Saltykow-Romanow den Handschuh ins Gesicht und fordern ihn zu edlem, ritterlichem Kampfe heraus, der im Jahre 1870 zwischen den Nachkommen Ruriks und der Partei des unabhängigen russischen Adels beginnen soll."

"Murawjow, dieser mutvolle Mann", ist niemand anders, als der Henker Polens.

      1. Im Jahre 1868, also noch nicht zwei Jahre vor dem Kongreß zu La Chaux-de-Fonds, auf welchem die Allianzisten ihre Doktrin von der politischen Enthaltung sanktionieren ließen, schrieb Bakunin, indem er die politische Enthaltung der französischen Arbeiter tadelte, in der "Démocratie" von Chassin: "Die politische Enthaltung ist ein Blödsinn, von Schurken erfunden, um Narren zu täuschen."

      2. Der Leser wird sich erinnern, daß dies der Titel eines Internationalen russischen Blattes war, das in Genf von einigen jungen Russen herausgegeben wurde, die genau wußten, woran in betreff des angeblichen Komitees und der Organisation Bakunins sich zu halten.



IX.

Schluß

|439| Während die Internationale der Arbeiterklasse der verschiedenen Länder die vollste Freiheit in ihren Bewegungen und Bestrebungen ließ, brachte sie es gleichzeitig fertig, die Gesamtarbeiterklasse zu einem Bunde zu vereinigen und zum ersten Male den herrschenden Klassen und ihren Regierungen die kosmopolitische Macht des Proletariats fühlbar zu machen. Die herrschenden Klassen und die Regierungen haben diese Tatsache anerkannt dadurch, daß sie ihre Angriffe auf das exekutive Organ unserer Gesamtorganisation, den Generalrat, konzentrierten. Diese Angriffe wurden mehr und mehr verschärft seit dem Falle der Kommune. Und gerade diesen Augenblick wählten die Allianzisten, um ihrerseits dem Generalrat offenen Krieg zu erklären! Ihnen zufolge war sein Einfluß, diese mächtige Waffe in den Händen der Internationalen, nur eine gegen die Internationale gerichtete Waffe. Dieser Einfluß war die Frucht eines Kampfes, der nicht gegen die Feinde des Proletariats, sondern gegen die Internationale selbst geführt worden war. Sie behaupteten, die herrschsüchtigen Bestrebungen des Generalrats hätten den Sieg über die Autonomie der Sektionen und Nationalföderationen davongetragen. Es blieb demnach nichts weiter übrig, als die Internationale zu enthaupten, um die Autonomie zu retten.

In der Tat, die Männer der Allianz wußten, daß, wenn sie nicht diesen entscheidenden Augenblick ergriffen, es um die von den hundert internationalen Brüdern geträumte geheime Leitung der Arbeiterbewegung geschehen war. Ihre Angriffe fanden ein beifälliges Echo in der Polizeipresse aller Länder.

Ihre hochtönenden Phrasen von Autonomie und freier Föderation, überhaupt ihr Kriegsgeschrei gegen den Generalrat waren nichts weiter als ein Kunstgriff zur Maskierung ihres wahren Zwecks: die Internationale zu

|440| desorganisieren und sie eben dadurch der geheimen, hierarchischen und autokratischen Regierung der Allianz zu unterwerfen.

Autonomie der Sektionen, freie Föderation autonomer Gruppen, Antiautoritarismus, Anarchie - das sind Phrasen, welche gar wohl anstehen einer "Gesellschaft von 'Deklassierten' ohne Beruf und ohne Ausweg" (sans carrière, sans issue), einer Gesellschaft, die im Schoße der Internationalen konspiriert, um diese einer geheimgehaltenen Diktatur zu unterwerfen und ihr das Programm des Herrn Bakunin aufzudrängen!

Wenn man von diesem Programm die melodramatischen Flittern ablöst, so kommt es auf folgendes heraus:

1. Alle Scheußlichkeiten, in denen sich nun einmal, wie durch Schicksalsschluß, das Leben der Deklassierten der höheren gesellschaftlichen Schichten bewegt, werden als ebenso viele ultrarevolutionäre Tugenden gepriesen.

2. Man stellt die Notwendigkeit als Grundsatz auf, eine kleine, gut ausgesuchte Minderzahl von Arbeitern zu verlocken; diesen schmeichelt man, indem man sie durch geheimnisvolle Einweihung von den Massen trennt, sie an dem betrügerischen Intrigenspiel der Geheimregierung teilnehmen läßt und ihnen vorpredigt, daß sie die alte Gesellschaft durch und durch umstürzen, wenn sie ihren "bösen Leidenschaften" freien Lauf lassen.

3. Die Hauptmittel der Propaganda bestehen darin, daß man die Jugend durch erdichtete Schilderungen - Lügen über die Ausdehnung und Macht der geheimen Gesellschaft, Prophezeiungen vom nahe bevorstehenden Ausbruch der von ihr vorbereiteten Revolution etc. - verleitet und den Regierungen gegenüber die vorgeschrittensten Männer der besitzenden Klassen kompromittiert, um sie pekuniär auszubeuten.

4. An die Stelle des ökonomischen und politischen Kampfes der Arbeiter um ihre Emanzipation treten die allzerstörenden Taten des Zuchthausgesindels, als der höchsten Verkörperung der Revolution. Mit einem Worte, man muß das bei den "Revolutionen nach dem klassischen Muster des Westens" von den Arbeitern selbst niedergehaltene Lumpentum loslassen und so aus eigenem Antrieb den Reaktionären eine wohldisziplinierte Bande von Agents provocateurs zur Verfügung stellen.

Es ist schwer zu entscheiden, welches von beiden in den theoretischen Phantasien und praktischen Anläufen der Allianz mehr vorherrscht, das Groteske oder das Infame. Nichtsdestoweniger ist es ihr gelungen, im Schoße der Internationalen einen heimlichen Kampf hervorzurufen, der zwei Jahre lang die Tätigkeit unserer Assoziation gehemmt und schließlich zum Abfall eines Teils der Sektionen und Föderationen geführt hat. Die

|441| vom Haager Kongreß gegen die Allianz gefaßten Beschlüsse waren daher reine Handlungen der Pflicht, er konnte nicht die Internationale, diese große Schöpfung des Proletariats, in den Fallstricken des Auswurfs der Ausbeuterklassen sich verfangen lassen. Was diejenigen anlangt, die dem Generalrat die Befugnisse abnehmen wollen, ohne welche die Internationale nur eine zerstreute, zusammenhanglose und, um die Sprache der Allianz zu reden, "amorphe" Masse wäre, so können wir in ihnen nur Verräter oder Gimpel sehen.

London, den 21. Juli 1873

Die Kommission:
E. Dupont, F. Engels, Leo Frankel, A. Le Moussu, Karl Marx, Aug. Serraillier







X.
Anhang zur Allianz in Rußland

1. Die Hegira [ Dimensionen ] Bakunins

|442| Im Jahre 1857 wurde Bakunin nach Sibirien geschickt, nicht zur Zwangsarbeit, wie er in seinen Berichten glauben machen will, sondern nur in die einfache Verbannung. Gouverneur von Sibirien war zu jener Zeit der Graf Murawjow-Amurski, ein Verwandter des Henkers von Polen und Vetter Bakunins. Dank dieser Verwandtschaft, dank auch seinen der Regierung erwiesenen Diensten, erfreute sich Bakunin einer ausnahmsweisen und begünstigten Stellung.

Um diese Zeit befand sich in Sibirien Petraschewski, der Organisator und Hauptführer des Komplotts von 1849. Bakunin setzte sich zu ihm in offene Feindschaft und versuchte, ihm auf jede Weise zu schaden, was für den Vetter des sibirischen Vize-Kaisers eine leichte Sache war. Diese Verfolgung Petraschewskis gab Bakunin neue Ansprüche auf Vergünstigungen seitens der Regierung. Eine dunkle Geschichte, die in Sibirien und Rußland viel von sich reden machte, brachte den Kampf der beiden Verbannten zum Abschluß. Das Verhalten eines hohen Beamten, der den Liberalen spielte, hatte zu mancherlei Bemerkungen Anlaß gegeben, in ihrem Gefolge brach in der Umgebung des Vize-Kaisers ein Gewitter los, das zu einem tödlichen Duell führte. Nun trug diese ganze Affäre so sehr den Charakter persönlicher Intrigen und betrügerischer Ränke an sich, daß die ganze Bevölkerung in Aufregung geriet und die höchsten Beamten beschuldigte, das Opfer des Duells, einen jungen Freund Petraschewskis, ermordet zu haben. Die Bewegung nahm solche Verhältnisse an, daß die Regierung einen Volksaufstand fürchtete. Da übernahm Bakunin die Verteidigung der hohen Beamten, namentlich auch Murawjows. Er benutzte seinen Einfluß,

|443| um Petraschewski nach einer entlegeneren Gegend verbannen zu lassen, und verteidigte dessen Verfolger in einer langen von ihm verfaßten, aber nur "als Zeuge" unterzeichneten und an Herzen gesandten Korrespondenz. Herzen ließ bei der Veröffentlichung im "Kolokol" alle Angriffe gegen Petraschewski fort; aber in Petersburg hatte man unterwegs eine Abschrift von dem Artikel genommen, die nun im Manuskript zirkulierte und den Originaltext bekanntmachte.

Die sibirischen Kaufleute, im allgemeinen liberaler als die des eigentlichen Rußlands, wollten in ihrem Lande eine Universität gründen, um nicht mehr nötig zu haben, ihre Kinder nach den entlegenen Hochschulen jenseits des Ural zu schicken, und um einen eigenen geistigen Mittelpunkt für Sibirien zu schaffen. Hierzu bedurften sie der kaiserlichen Genehmigung. Murawjow widersetzte sich auf Anraten und Zureden Bakunins diesem Projekte. Der Haß Bakunins gegen die Wissenschaft ist von altem Datum. Diese Tatsache ist in Sibirien allgemein bekannt. Bakunin wurde hierüber bei mehreren Gelegenheiten von Russen zur Rede gestellt, und da er nicht leugnen konnte, so erklärte er stets sein Verhalten damit, daß er, mit den Vorbereitungen zu seiner Flucht beschäftigt, habe suchen müssen, die Gunst seines Vetters, des Gouverneurs, zu verdienen.

Nicht allein für sich brauchte und mißbrauchte Bakunin die Begünstigungen der Regierung; er ließ sie dieselben auch für ein geringes Trinkgeld auf Kapitalisten, Unternehmer und Generalpächter regnen. Die bei den Opfern Netschajews mit Beschlag belegten und von der Regierung 1869 und 1870 veröffentlichten Proklamationen Bakunins enthielten Proskriptionslisten, in die auch der bekannte Katkow, Chefredakteur der "Moskauer Zeitung" eingetragen war. Dieser rächte sich, indem er in seinem Blatte folgende Enthüllung veröffentlichte: Katkow besitzt Briefe von Bakunin, datiert aus London nach seiner Rückkehr von Sibirien, in denen Bakunin an Katkow, seinen alten Freund, die Bitte richtet, ihm einige tausend Rubel vorzuschießen. Bakunin bekennt, daß er bei seinem Aufenthalt in Sibirien von einem Branntwein-Generalpächter einen Jahresgehalt bezog, den derselbe ihm zahlte, um sich durch seine Vermittlung die Gunst des Gouverneurs zu sichern. Dieser unredliche Lohn (den er seit seiner Flucht nicht mehr bezog) lastete ihm auf dem Gewissen, und er wünschte dem Generalpächter das diesem abgezapfte Geld zurückzuschicken. Zur Ausführung dieses guten Werks erbat er den Vorschuß von seinem Freunde Katkow. Katkow schlug ab.

|444| In der Zeit, wo Bakunin diese Bitte an seinen alten Freund Katkow richtete, hatte dieser sich bereits lange seine Sporen im Dienste der dritten Sektion verdient, und sein Blatt zu Denunziationen hergegeben gegen die russischen Revolutionäre, besonders Tschernyschewski, sowie gegen die polnische Revolution. Also im Jahre 1862 erbat Bakunin Geld von einem Menschen, von dem er wußte, daß er Denunziant und literarischer Buschklepper im Solde der russischen Regierung war. Bakunin hat nie gewagt, diese so schwere Beschuldigung Lügen zu strafen.

Versehen mit Geld - wir wissen, durch welche Mittel es erworben - und im Genuß der hohen Protektion des Gouverneurs, konnte Bakunin seine Flucht auf die einfachste Weise ausführen. Nicht nur gab man ihm einen Paß zum Herumreisen in Sibirien auf seinen Namen, sondern obendrein die offizielle Mission, das Land bis zur äußersten östlichen Grenze zu besichtigen. Einmal im Hafen von Nikolajewsk angelangt, kam er ohne Schwierigkeit nach Japan, von wo er sich ruhig nach Amerika einschiffen und Ende 1861 in London anlangen konnte. So vollzog sich die wunderbare Hegira dieses neuen Mohammed.

2. Das panslawistische Manifest Bakunins

Am 3. März 1861 hatte Alexander II. unter dem Beifallsgejubel des gesamten liberalen Europas die Aufhebung der Leibeigenschaft proklamiert. Die Bemühungen Tschernyschewskis und der revolutionären Partei, die Aufrechterhaltung des Gemeindebesitzes an Grund und Boden durchzusetzen, hatten zwar Erfolg gehabt, aber in so wenig befriedigender Weise, daß Tschernyschewski bereits vor der Proklamierung der Aufhebung der Leibeigenschaft traurig eingestand:

"Hätte ich gewußt, daß die von mir aufgeworfene Frage eine solche Lösung erhalten würde, so wäre mir eine Niederlage lieber gewesen als solch ein Sieg. Ich hätte es vorgezogen, daß man gehandelt hätte, wie es die erste Absicht war, ohne irgendwie auf unsere Forderungen Rücksicht zu nehmen."

In der Tat war der Emanzipationsakt nur ein Taschenspielerstreich. Das Land wurde zum großen Teil seinen wirklichen Besitzern genommen und das System des Rückkaufs des Bodens durch die Bauern proklamiert. Aus diesem Akt zaristischer Täuschung schöpften Tschernyschewski und seine Partei ein neues unwiderlegliches Argument gegen die kaiserlichen Reformen. Der sich zur Fahne Herzens schlagende Liberalismus brüllte aus Leibeskräften: "Du hast gesiegt, Galiläer!" Galiläer bedeutete in ihrem

|445| Munde Alexander II. - Diese liberale Partei, deren Hauptorgan Herzens "Kolokol" war, wußte seit diesem Augenblick nichts als das Lob des Zaren, des Befreiers, zu singen, und um die öffentliche Aufmerksamkeit von den Klagen und Einsprüchen abzulenken, die jener volksfeindliche Akt hervorrief, ersuchte sie den Zaren, sein Emanzipationswerk fortzusetzen und einen Kreuzzug zu beginnen zur Befreiung der unterdrückten slawischen Völker, zur Verwirklichung des Panslawismus.

Im Sommer 1861 entlarvte Tschernyschewski in der Revue "Der Zeitgenosse" (Sovremennik) die Umtriebe der Panslawisten und sagte den slawischen Völkern die Wahrheit über den Stand der Dinge in Rußland sowie über die interessierte Reaktionswut ihrer falschen Freunde, der Panslawisten. Da glaubte Bakunin, eben von Sibirien zurückgekehrt, den Augenblick gekommen, um sich vorzuschieben. Er schrieb den ersten Teil eines langen Manifestes, veröffentlicht als Beiblatt zum "Kolokol" vom 15. Februar 1862 unter dem Titel: "An die russischen, polnischen und sämtliche slawischen Freunde." Der zweite Teil ist niemals erschienen.

Das Manifest führt sich ein mit folgender Erklärung:

"Ich habe mir den Mut des allerobernden Gedankens bewahrt, und in meinem Herzen, meinem Willen und meiner Leidenschart bin ich den Freunden, der großen gemeinsamen Sache, mir selbst treu geblieben ... Ich erscheine jetzt vor euch, meine alten erprobten Freunde, und vor euch jungen Freunde, die ihr in demselben Gedanken, in demselben Willen lebt wie wir, und ich bitte euch: nehmt mich von neuem in eure Mitte auf; möge es mir vergönnt sein, unter euch und zusammen mit euch den ganzen Rest meines Lebens zu weihen dem Kampfe für die russische Freiheit, für die polnische Freiheit, für die Freiheit und Unabhängigkeit aller Slawen."

Wenn Bakunin diese demütige Bitte an seine alten und jungen Freunde richtet, so tut er es, weil es

"ein schlimmes Ding ist, seine Tätigkeit in fremdem Lande auszuüben. Ich habe dies nur zu sehr erprobt in den Revolutionsjahren; weder in Frankreich, noch in Deutschland habe ich Wurzel schlagen können. Und so widme ich auch ferner der fortschrittlichen Bewegung der gesamten Welt meine glühende Sympathie; um jedoch den Rest meines Lebens nicht zu vergeuden, muß ich von jetzt an meine direkte Tätigkeit auf Rußland, Polen und die Slawen beschränken. Diese drei heute getrennten Welten sind unzertrennbar in meiner Liebe und meinem Glauben."

Im Jahre 1862, also vor elf Jahren, im Alter von 51 Jahren bekannte der große Anarchist Bakunin den Staatskultus und den panslawistischen Patriotismus.

|446| "Bis zur Gegenwart hat das großrussische Volk, man kann sagen ausschließlich, von dem nach außen gerichteten Leben des Staates gelebt. Wie drückend auch immer seine Lage nach innen sein mochte, wie sehr diese es auch zur äußersten Verarmung und Sklaverei führte, trotzdem blieb es erfüllt von Liebe für die Einheit, Größe und Macht Rußlands und für diese Prinzipien war es zu allen Opfern bereit. So entwickelte sich im großrussischen Volke das Staatsbewußtsein und ein Patriotismus, nicht der Phrase, sondern der Tat. Daher erhielt sich unter allen slawischen Nationalitäten allein das großrussische Volk unversehrt, es allein erhielt sich aufrecht in Europa und ließ dieses seine Macht fühlen ... Glaubt nicht, daß es den berechtigten Einfluß und die politische Macht verlieren werde, die es nur durch Kämpfe errungen hat, Kämpfe, geführt durch drei Jahrhunderte und mit der Selbstverleugnung des Märtyrers, nur um den unversehrten Bestand seines Staates zu retten ... Verweisen wir die Tataren nach Asien und die Deutschen nach Deutschland, und seien wir ein freies, ein rein russischen Volk ..."

Zur besseren Beglaubigung dieser panslawistischen Propaganda, die im Kreuzzuge gegen die Tataren und Deutschen gipfelt, verweist Bakunin seine Leser auf den Kaiser Nikolaus:

"Man sagt, daß selbst der Kaiser Nikolaus kurz vor seinem Tode, als er sich anschickte, Österreich den Krieg zu erklären, alle österreichischen und türkischen Slawen, die Ungarn und die Italiener zum allgemeinen Aufstande aufrief. Er selbst hatte den orientalischen Krieg gegen sich heraufbeschworen und, um sich zu verteidigen, hätte er sich fast aus einem despotischen Kaiser in einen revolutionären verwandeln mögen. Man sagt, daß seine Proklamationen an die Slawen, darunter ein Aufruf an die Polen, bereits unterzeichnet waren. Trotz all seines Hasses gegen Polen begriff er, daß ohne dasselbe der slawische Aufstand unmöglich war ... er bezwang seine Abneigung bis zu dem Grade, daß er bereit war, die unabhängige Existenz Polens anzuerkennen, aber ... nur jenseits der Weichsel."

Derselbe Mann also, der seit 1868 in Internationalismus macht, predigte noch 1862 den Racenkrieg im Interesse der russischen Regierung. Der Panslawismus ist eine Erfindung des Petersburger Kabinetts und hat keinen andern Zweck als den, die europäischen Grenzen Rußlands nach Westen und Süden vorzuschieben. Da man aber nicht wagt, den österreichischen, preußischen und türkischen Slawen ihren Beruf anzukündigen, im großen russischen Reich aufzugehen, stellt man ihnen Rußland als die Macht dar, welche sie vom fremden Joche befreien und in einer großen freien Föderation vereinigen wird. Der Panslawismus ist demnach verschiedener Schattierungen fähig, vom Panslawismus des Kaisers Nikolaus bis zu dem Bakunins; aber alle laufen sie auf dieselbe Tendenz hinaus und stehen

|447| im Grunde in inniger Harmonie, wie die eben angeführte Stelle beweist. Das Manifest, das uns jetzt beschäftigen wird, läßt hierüber keinen Zweifel mehr.



3. Bakunin und der Zar

Wir haben gesehen, daß in Rußland, bei Gelegenheit der Aufhebung der Leibeigenschaft der Krieg zwischen der liberalen und der revolutionären Partei ausgebrochen war. Um Tschernyschewski, den Führer der revolutionären Partei, reihte sich eine ganze Phalanx Publizisten, eine zahlreiche Gruppe Offiziere und die Jugend der Hochschulen. Die liberale Partei war vertreten durch Herzen, einige Panslawisten und eine große Anzahl friedlicher Reformatoren und Bewunderer Alexanders II. Die Regierung gewährte der liberalen Partei ihre Unterstützung. Im März 1861 hatte die Jugend der russischen Universitäten sich energisch für die Befreiung Polens ausgesprochen; im Herbst 1861 hatte sie versucht, dem Staatsstreiche Widerstand zu leisten, der mittelst disziplinarischer und fiskalischer Maßregelungen den armen Studierenden (über zwei Drittel der Gesamtzahl) die Möglichkeit rauben sollte, am höheren Unterricht teilzunehmen. Die Regierung behandelte ihre Proteste als Emeute; in Petersburg, Moskau, Kasan werden Hunderte junge Leute ins Gefängnis geworfen, von den Universitäten vertrieben oder nach dreimonatlicher Haft ausgestoßen. Und aus Furcht, daß diese jungen Leute die Mißstimmung der Bauern verschärfen könnten, verbot eine Entscheidung des Staatsrats den Ex-Studenten jeden Zutritt zu öffentlichen Ämtern auf dem Lande. Die Verfolgungen hörten hiermit nicht auf. Man verbannt Professoren wie Pawlow; man schließt die von den aus den Universitäten ausgeschlossenen Studenten organisierten öffentlichen Vorlesungen; man beginnt unter den nichtigsten Vorwänden neue Verfolgungen; die kaum genehmigte "Kasse der studierenden Jugend" wird plötzlich aufgehoben; Zeitungen werden suspendiert. Alles dies versetzt die radikale Partei in die höchste Entrüstung und Aufregung und zwingt sie, zur heimlichen Presse ihre Zuflucht zu nehmen. Es erschien das Manifest dieser Partei unter dem Titel "Das junge Rußland" mit einem Motto aus Robert Owens Schriften. Dieses Manifest gab eine klare und deutliche Darstellung der inneren Lage des Landes, des Zustandes der verschiedenen Parteien und der Presse, und schloß daraus, indem es den Kommunismus proklamierte, auf die Notwendigkeit einer sozialen Revolution. Es forderte alle tüchtigen Leute auf, sich um die radikale Fahne zu scharen.

|448| Kaum hatte dies Manifest die heimliche Presse verlassen, als durch ein verhängnisvolles Zusammentreffen (insofern die Polizei nicht ihre Hand dabei im Spiele hatte) zahlreiche Feuersbrünste in Petersburg ausbrachen. Die Regierung und die reaktionäre Presse ergriffen mit Freuden diese Gelegenheit, die Jugend und die gesamte radikale Partei der Brandstiftung zu beschuldigen. Von neuem füllen sich die Gefängnisse, neue Opfer drängen sich auf den Wegen zur Verbannung. Tschernyschewski wird verhaftet und auf die Petersburger Festung gebracht; von da schickt man ihn nach zwei langen martervollen Jahren zur Zwangsarbeit nach Sibirien.

Schon vor dieser Katastrophe griffen Herzen und Gromeka, welch letzterer später als Gouverneur einer polnischen Provinz bei der Unterwerfung Polens mitwirkte, der eine in London, der andere in Rußland, die radikale Partei aufs wütendste an und gaben zu verstehen, daß Tschernyschewski vielleicht noch schließlich mit einem Orden begnadigt werde. Tschernyschewski forderte Herzen in einem ganz besonders gemäßigten Artikel auf, über die Folgen der neuen Rolle nachzudenken, worin der "Kolokol" sich in offene Feindschaft mit der russischen revolutionären Partei setze. Herzen erklärte pomphaft, er sei bereit, in Gegenwart von allem dem, was er die internationale Demokratie nannte, Mazzinis, Victor Hugos, Ledru-Rollins, Louis Blancs u.a., den famosen Toast auf den großen Zar und Emanzipator auszubringen, und, fügte er hinzu, was auch die revolutionären Daniels in Petersburg sagen mögen, ihnen und ihren Schreiern zum Trotz, "ich weiß, daß dieser Toast ein günstiges Echo im Winterpalast" (Residenz des Zaren) "finden wird".

Bakunin übertraf Herzen. Gerade als die revolutionäre Partei in voller Auflösung, als Tschernyschewski im Gefängnis war, veröffentlichte Bakunin, damals schon einundfünfzig Jahre alt, seine berüchtigte Broschüre für den Bauernzar: "Romanow, Pugatschow oder Pestel? Die Sache des Volks." Von Michail Bakunin. 1862.

"Manche fragen sich noch, ob es in Rußland eine Revolution geben wird. Aber diese Revolution vollzieht sich schrittweise, sie herrscht überall vor, in allen Verhältnissen wie in allen Gemütern. Sie betätigt sich durch die Hand der Regierung noch erfolgreicher als in den Bemühungen ihrer eigenen Anhänger. Sie läßt sich nicht beschwichtigen noch aufhalten, bis sie die russische Welt wiedergeboren, bis sie neue slawische Welten geschaffen haben wird.

Die Dynastie arbeitet selbst an ihrem Sturz. Sie sucht ihr Heil dann, nicht das erwachte Volksleben zu beschützen, sondern darin, ihm Halt zu gebieten. Würde dieses

|449| Volksleben verstanden, es hätte das kaiserliche Haus zu einer bis auf den heutigen Tag unbekannten Höhe der Macht und des Ruhmes erheben können ... Es ist zu beklagen. Selten hatte das Schicksal dem zarischen Hause eine so großartige, so segensreiche Rolle zugewiesen. Alexander II. konnte leicht der Abgott des Volkes werden, der erste Zar der Bauern ( 1 ), mächtig nicht durch die Furcht, sondern durch die Liebe, die Freiheit, das Glück seines Volkes. Indem er sich auf das Volk stützte, hätte er der Herr und Erlöser der gesamten slawischen Welt werden können ...

Hierzu freilich mußte er ein russisches Herz haben, weit und stark in Hochsinn und in der Wahrheit. Die ganze lebende russische und slawische Gegenwart kam ihm mit offenen Armen entgegen, bereit, seiner historischen Größe als Fußgestell zu dienen."

Weiter verlangt Bakunin die Abschaffung des Staates Peter des Großen, des deutschen Staates, und die Gründung des "neuen Rußlands". Alexander II. ist zu diesem Werk berufen.

"Sein Anfang war herrlich; er verkündete die Freiheit des Volkes, die Freiheit und ein neues Leben nach tausendjähriger Sklaverei; es hatte den Anschein, als wollte er das Rußland der Bauern" (zemskuju Russiju) "organisieren, weil im Staate Peters ein freies Volk unmöglich ist. Am 19. Februar 1861 war Alexander II. trotz aller Fehler, aller absurden Widersprüche des Ukases über die Bauern-Emanzipation, der größte, geliebteste, mächtigste Zar, den Rußland je gehabt." - Jedoch "widerspricht die Freiheit allen Instinkten Alexanders II.", weil er ein "Deutscher" ist, und "ein Deutscher wird nie Verständnis oder Liebe für das Rußland der Bauern haben ... er hat nur daran gedacht, das Staatsgebäude Peters zu befestigen ... damit hat er ein verhängnisvolles und unmögliches Werk unternommen und arbeitet an seinem eigenen Untergang und dem seines Hauses; er steht auf dem Punkt, Rußland in eine blutige Revolution zu stürzen."

Alle Widersprüche des Emanzipations-Ukas, alle Bauernmetzeleien, die Erneuten der Studenten, die ganze Schreckensherrschaft mit einem Worte, lassen sich nach Bakunin

"vollständig erklären aus dem Mangel an russischem Geiste beim Zaren, an einem Herzen, das für das Volk schlägt, aus seinem törichten Streben, koste es was es wolle, den Staat Peters zu erhalten ... und doch ist er es, er allein, der in Rußland, ohne einen Tropfen Bluts zu vergießen, die bedeutendste und wohltätigste Revolution durchführen könnte. Er kann es noch jetzt; wenn wir am friedlichen Ausgange verzweifeln, so geschieht es nicht, weil es zu spät ist, sondern weil wir schließlich allen Glauben aufgegeben haben, daß Alexander II. die Fähigkeit besitzt, einzusehen, auf welche Weise allein er sich und Rußland retten kann. Die Bewegung des nach tausendjährigem

|450| Schlafe erwachten Volkes aufzuhalten, ist unmöglich. Aber stellte sich der Zar kühn und entschlossen an die Spitze der Bewegung, dann hätte seine Macht für das Wohl und den Ruhm Rußlands keine Grenzen."

Hierzu brauchte er nur den Bauern Land zu geben und Freiheit und Selbstverwaltung zu gewähren.

"Es ist nicht zu fürchten, daß die Selbstverwaltung der einzelnen Landesteile den Zusammenhang der Provinzen miteinander löse, daß die Einheit Rußlands erschüttert werde; die Selbständigkeit der Provinzen wird nur eine administrative, für die inneren Angelegenheiten gesetzgebende, juridische sein, aber keine politische. Und in keinem Lande, mit Ausnahme Frankreichs vielleicht, ist das Volk in solchem Grade wie in Rußland durchdrungen vom Bewußtsein der Einheit, Harmonie und Unteilbarkeit des Staates und der nationalen Größe."

Zu jener Zeit verlangte man in Rußland die Einberufung einer Nationalversammlung. Die einen verlangten sie, um finanzielle Schwierigkeiten zu lösen, die anderen, um der Monarchie ein Ende zu machen. Bakunin forderte sie, als Ausdruck der Einheit Rußlands, zur Befestigung der Macht und Größe des Zaren.

"Die Einheit Rußlands, die bisher nur in der Person des Zaren ihren Ausdruck gefunden, bedarf einer anderen Vertretung durch eine Nationalversammlung ... Es handelt sich nicht darum, zu wissen, ob eine Revolution kommen wird, sondern ob sie friedlich oder blutig sein wird. Sie wird friedlich und wohltätig sein, sobald der Zar, an der Spitze der Volksbewegung, mit der Nationalversammlung entschlossen und auf breiter Grundlage die Umwandlung Rußlands im Sinne der Freiheit vornehmen will; will aber der Zar rückwärtsschreiten oder bei halben Maßregeln stehenbleiben, wird die Revolution schrecklich sein. Sie wird dann beim Aufstande des gesamten Volkes den Charakter eines unerbittlichen Blutbades annehmen ... Noch kann Alexander II. Rußland vor vollständigem Untergang und vor Blutvergießen schützen."

Für Bakunin war also 1862 die Revolution der vollständige Untergang Rußlands, und er beschwor den Zaren, Rußland davor zu behüten. Vielen russischen Revolutionären galt die Einberufung einer Nationalversammlung als eine Niederlage des kaiserlichen Hauses; Bakunin jedoch schneidet kurzweg ihre Hoffnungen ab und verkündet ihnen, daß

"die Nationalversammlung gegen sie und für den Zaren sein wird. Und wenn die Versammlung dem Zaren feindlich wäre? - Das ist nicht möglich, ist es ja das Volk, welches seine Delegierten schicken wird, das Volk, dessen Vertrauen zum Zaren bis jetzt keine Grenzen kennt und das alles an ihm mit Ehrfurcht betrachtet. Woher sollte also die

|451| Feindseligkeit kommen?... Es ist kein Zweifel, daß, wenn der Zar jetzt" (Februar 1862) "die Nationalversammlung einberiefe, er sich zum ersten Male von Männern umringt fände, die ihm aufrichtig ergeben sind. Dauert die Anarchie noch einige Jahre, so kann die Stimmung des Volkes sich ändern. In unserer Zeit lebt man schnell. Aber gegenwärtig ist das Volk für den Zaren und gegen den Adel, gegen die Beamten und gegen alles, was deutsche Tracht" (d.h. europäische Tracht) "trägt. Im Lager des offiziellen Rußlands ist alles Feind des Volkes, alles mit Ausnahme des Zaren. Wer sollte es also versuchen, zum Volke gegen den Zaren zu reden? Und wenn es selbst jemand versuchen wollte, würde das Volk ihm glauben? War er nicht der Zar, welcher die Bauern gegen den Willen der Adeligen, gegen den allgemeinen Wunsch der Beamten emanzipiert hat?

In seinen Abgeordneten wird das russische Volk zum ersten Male Angesicht zu Angesicht seinem Zaren gegenüberstehen. Das ist ein entscheidender, im höchsten Grade kritischer Moment. Werden sie aneinander Gefallen finden? Von dieser Begegnung wird die ganze Zukunft des Zaren und Rußlands abhängen. Das Vertrauen und die Ergebenheit der Abgeordneten für den Zaren werden keine Grenzen kennen. Stützt er sich auf sie, kommt er ihnen mit Liebe und Vertrauen entgegen, so wird er seinen Thron zu einer noch nie erreichten Höhe und Festigkeit erheben. Aber was wird geschehen, wenn die Delegierten in ihm statt eines emanzipatorischen Zaren, eines volkstümlichen Zaren, einen Petersburger Kaiser in preußischer Uniform, einen engherzigen Deutschen vorfinden? Was wird geschehen, wenn ihnen der Zar statt der erwarteten Freiheit nichts oder fast nichts gibt? ... Dann, wehe dem Cäsarismus ! Es wird dann geschehen sein mindestens um das Petersburger, deutsche, Holstein-Gottorpsche Kaisertum.

Wenn in diesem verhängnisvollen Augenblick, da die Frage um Leben und Tod, Frieden oder Blut, für ganz Rußland sich entscheiden soll, wenn da vor der Nationalversammlung der volkstümliche Zar erschiene, der gute und redliche Zar, voll Liebe für Rußland, bereit, dem Volke eine Organisation nach seinem Willen zu geben, was könnte der nicht mit einem solchen Volke machen! Wer würde wagen, sich gegen ihn zu erheben? Frieden und Vertrauen wären wie durch ein Wunder hergestellt, das Geld wäre gefunden und alles ordnete sich einfach, natürlich, ohne jemanden zu schädigen, zu allgemeiner Befriedigung. Unter Leitung eines solchen Zaren würde die Nationalversammlung ein neues Rußland schaffen. Kein böswilliges Unternehmen, keine feindliche Macht wäre imstande, gegen die vereinigte Macht des Zaren und des Volkes anzukämpfen ... Kann man hoffen, daß diese Vereinigung zustande kommt? Wir sagen geradezu nein."

Trotz alledem gibt Bakunin nicht die Hoffnung auf, den Zar hinzureißen, und um ihn zu bestimmen, droht er ihm mit der revolutionären Jugend, die, wenn er sich nicht beeilt, ihr Werk vollenden und den Weg zum Volke finden wird.

|452| "Und warum ist diese Jugend nicht für Sie, sondern gegen Sie? Es ist dies ein großes Unglück für Sie ... sie" (die revolutionäre Jugend) "bedarf vor allem der Freiheit und der Wahrheit. Aber warum hat sie den Zaren aufgegeben, warum hat sie sich gegen den erklärt, der zuerst dem Volke Freiheit gegeben hat? Sollte sie sich durch das abstrakte revolutionäre Ideal und durch jenes klangvolle Wort der Republik haben hinreißen lassen? Das ist zum Teil möglich, ist aber doch nur ein in zweiter Reihe stehender und nicht tiefgehender Grund. Die Mehrheit unserer vorgeschrittenen Jugend weiß sehr wohl, daß die Abstraktionen des Westens, sowohl die konservativen als die bürgerlichen, liberalen oder demokratischen, auf die russische Bewegung nicht anwendbar sind ... das russische Volk bewegt sich nicht nach abstrakten Prinzipien ... das Ideal des Westens ist ihm fremd und alle Versuche des konservativen, liberalen oder selbst revolutionären Doktrinarismus, ihm seine Tendenzen aufzudrängen, werden vergeblich sein ... es hat sein Ideal für sich ... es wird neue Prinzipien in die Geschichte hineintragen, es wird eine andere Zivilisation schaffen, eine neue Religion, ein neues Recht, ein neues Leben.

Gegenüber dieser großen, ernsten und selbst schrecklichen Erscheinung, dem Volk, wagt man keine Torheiten zu begehen. Die Jugend wird die lächerliche und hochmütig Rolle eines täuschenden Schulmeisters fallenlassen ... Was können wir das Volk lehren? Wenn man die mathematischen und Naturwissenschaften beiseite läßt, wird das letzte Wort unserer Wissenschaft die Verneinung der angeblich unumstößlichen Wahrheiten der westlichen Doktrin sein, die vollständige Negation des Westens."

Dann nimmt Bakunin die Gründer des "Jungen Rußlands" vor; er beschuldigt sie, daß sie Doktrinäre seien, daß sie sich zu Herren des Volkes aufwerfen wollen, daß sie die Sache kompromittiert haben, daß sie Kinder seien, die nichts begreifen und die ihre Ideen aus einigen Büchern des Westens geschöpft haben. - Die Regierung, die damals diese selbe Jugend als Brandstifter einkerkerte, schleuderte dieselben Vorwürfe gegen sie. Und um seinen Zar zu beruhigen, verkündet Bakunin, daß

"das Volk nicht für jene revolutionäre Partei ist ... die ungeheure Mehrheit unserer Jugend gehört der Volkspartei an, der Partei, welche zum einzigen und alleinigen Zweck den Triumph der Volkssache hat; diese Partei hat keine Vorurteile, weder für noch gegen den Zar, und wenn nicht der Zar, der das große Werk begonnen, das Volk verraten hätte, man hätte ihn nie aufgegeben. Und auch jetzt ist es noch nicht zu spät für ihn, auch jetzt noch würde diese Jugend ihm mit Freuden folgen, vorausgesetzt, daß er an der Spitze seines Volkes schritte. Sie würde sich durch keines der revolutionären Vorurteile des Westens behindern lassen. Es ist Zeit, daß die Deutschen nach Deutschland abziehen. Wenn der Zar begriffen hätte, daß er von nun an nicht mehr das Haupt einer Zwangs-Zentralisation, sondern das einer freien Föderation freier Völker sein müßte, gestützt auf eine feste und neugekräftigte Macht, im Bündnis mit Polen und der Ukraine, daß er alle sosehr verabscheuten deutschen Bündnisse lösen und kühn das panslawistische Banner erheben müßte - er würde der Heiland der slawischen Welt.

|453| Ja, in der Tat, der Krieg gegen die Deutschen ist für die Slawen ein gutes und unerläßliches Werk; es ist jedenfalls besser, als die Polen zum Vergnügen der Deutschen zu ersticken. Eine Notwendigkeit und heilige Pflicht für das befreite russische Volk wird es sein, sich zur Befreiung der Slawen vom türkischen und deutschen Joche zu erheben."

In derselben Broschüre verpflichtet Bakunin die revolutionäre Partei, sich unter das Banner der Volkssache zu scharen. Wir geben hier einige Glaubensartikel des Programms dieser für den Zaren zugeschnittenen Volkssache:

"Art. 1 Wir" (Bakunin & Co.) "wollen die Selbstregierung des Volks in der Gemeinde, der Provinz, dem einzelnen Lande und endlich dem Gesamtstaate, ob mit oder ohne Zar, daran liegt uns wenig; das wird sich machen, je nachdem das Volk entscheidet. - Art. 2 ...Wir sind bereit, und die Pflicht gebietet es uns, Litauen, Polen und der Ukraine zur Hülfe zu kommen, um jede Vergewaltigung zu verhindern und diese Länder gegen ihre äußeren Feinde zu beschützen, besonders gegen die Deutschen. - Art. 4 Vereinigt mit Polen, Litauen und der Ukraine wollen wir unseren Arm allen unseren slawischen Brüdern leihen, die gegenwärtig unter dem Joche des Königreichs Preußen, des österreichischen und türkischen Reichs seufzen, und wir verpflichten uns, das Schwert nicht in die Scheide zu stecken, so lange noch ein einziger Slawe Sklave der Deutschen, Türken oder wessen sonst sein wird."

Der Artikel 6 schreibt eine Allianz mit Italien, Ungarn, Rumänien und Griechenland vor; es waren gerade diese Allianzen, welche die russische Regierung damals suchte.

"Art. 7. Wir werden mit allen übrigen slawischen Stämmen nach der Verwirklichung des teuern Traums der Slawen streben, nach der Gründung der großen und freien panslawischen Föderation, damit es nur eine einzige und unteilbare panslawische Macht gebe.

Das ist das große Programm der slawischen Sache, das ist das letzte unabänderliche Wort der russischen Volkssache. Wir haben unser ganzes Leben dieser Sache geweiht.

Und nun: wohin gehen wir, und mit wem werden wir gehen? Wir haben gesagt, wohin wir gehen wollen; wir haben auch gesagt, mit wem wir gehen wollen, mit niemandem anders als mit dem Volke. Bleibt nur noch zu wissen, wem wir folgen werden. Werden wir Romanow, Pugatschow oder einem neuen Pestel, wenn sich ein solcher findet, folgen? ( 2 )

|454| Sagen wir die Wahrheit. Wir würden es vorziehen, Romanow zu folgen, wenn Romanow sich aus einem Petersburger Kaiser in einen Bauernzar umwandeln könnte und wollte. Wir würden uns gern unter seine Fahne stellen, weil das russische Volk sie noch anerkennt, und weil seine Macht bereits geschaffen und zum Handeln bereit ist und weil sie unbesiegbar würde, sobald er ihr die Volkstaufe gäbe. Wir würden ihm auch deshalb folgen, weil er allein die große friedliche Revolution durchführen kann, ohne einen Tropfen russischen oder slawischen Bluts zu vergießen. Blutige Revolutionen, dank der menschlichen Torheit, werden oft notwendig; nichtsdestoweniger sind sie ein großes Übel und ein großes Unglück, nicht nur wegen ihrer Schlachtopfer, sondern auch hinsichtlich der Reinheit und Fülle des Zweckes, wozu sie sich vollziehen. Wir haben dies während der Französischen Revolution gesehen.

So ist unsere Haltung gegenüber Romanow klar. Wir sind nicht seine Feinde, wir sind ebensowenig seine Freunde. Wir sind die Freunde der russischen Volkssache, der slawischen Sache. Steht der Zar an der Spitze dieser Sache, so folgen wir ihm; stellt er sich gegen sie, so sind wir seine Feinde. Daher handelt es sich einfach darum: Will Romanow der russische Zar, der Zar der Bauern sein, oder will er lieber der Petersburger, der Holstein-Gottorpsche Kaiser sein? Will er Rußland, will er den Slawen oder den Deutschen seine Dienste widmen? Diese Frage wird sich bald entscheiden, und dann werden wir wissen, was wir zu tun haben."

Leider hielt es der Zar nicht für angemessen, die Nationalversammlung einzuberufen, für welche Bakunin in dieser Broschüre bereits seine Kandidatur aufstellte. Er hatte also dieses sein Wahlmanifest und seine Kniebeugungen vor Romanow weggeworfen. Schmählich in seinem unschuldsvollen Vertrauen getäuscht, blieb ihm nichts weiter übrig, als sich kopfüber in die pan-destruktive Anarchie zu stürzen.

Nach diesem Machwerk des Meisters, der vor seinem Bauernzar auf dem Bauche kriecht, war es seinen Freunden und Schülern Albert Richard und Gaspard Blanc wohl gestattet, aus vollem Halse zu schreien: Es lebe Napoleon III., der Bauernkaiser!

Fußnoten von Marx und Engels

      1. Der Titel des Bauernzaren (Zemsky Tzar), mit dem Alexander II. beschenkt wird, ist eine Erfindung Bakunins und des "Kolokol“.

      2. Romanow ist der Familienname des Zaren; Pugatschow war das Haupt des großen Kosaken-Aufstandes unter Katharina II.; Pestel war das Haupt der Verschwörung gegen Nikolaus I. im Jahre 1825, er wurde gehängt.



XI.

Belegstücke



1. Geheime Statuten der Allianz

|455| Das in unseren Händen befindliche Exemplar dieser Statuten ist teilweise von der Hand Bakunins geschrieben. Er gab Abschriften nicht nur an seine Eingeweihten, sondern auch an viele andere, die er durch die Enthüllung seines prachtvollen Programms zu verführen hoffte. Die Eitelkeit des Schriftstellers trug über die finstre Zurückhaltung des Mystifikators den Sieg davon.

Organisation der Allianz der internationalen Brüder

Drei Grade:

I. Internationale Brüder.

II. Die nationalen Brüder.

III. Die halb geheime, halb öffentliche Organisation der Internationalen Allianz der sozialistischen Demokratie.

I. Reglement der internationalen Brüder

1. Die internationalen Brüder haben kein anderes Vaterland als die allgemeine Revolution, kein anderes Ausland und keinen anderen Feind als die Reaktion.

2. Sie verwerfen jede Versöhnungs- und Kompromiß-Politik und halten jede politische Bewegung für reaktionär, die nicht den Triumph ihrer Prinzipien zum unmittelbaren und direkten Zweck hat.

3. Sie sind Brüder - nie greifen sie einander an, noch machen sie ihre Streitigkeiten vor der Öffentlichkeit oder den Gerichten aus. Ehren-Jury, gewählt von beiden Parteien aus der Zahl der Brüder - das ist ihre einzige Gerichtsbarkeit.

|456| 4. Jeder von ihnen muß allen anderen heilig sein, heiliger als ein natürlicher Bruder. Jeder Bruder hat auf die Hülfe und den Beistand aller anderen bis auf die Auslöschung der Möglichkeit zu rechnen.

5. Internationaler Bruder kann nur werden, wer offen das ganze Programm in allen seinen theoretischen und praktischen Konsequenzen angenommen hat und außer der gehörigen Intelligenz, Energie, Ehrenhaftigkeit und Zuverlässigkeit auch noch die revolutionäre Leidenschaft besitzt - den Teufel im Leibe hat. Wir legen weder Pflichten noch Opfer auf. Denn wer jene Leidenschart besitzt, wird vieles vollbringen, ohne sich nur einzubilden, daß er Opfer bringt.

6. Es darf für einen Bruder keine ernsteren und heiligeren Angelegenheiten, Interessen und Pflichten geben als den Dienst der Revolution und unserer ihrem Dienste bestimmten geheimen Assoziation.

7. Ein Bruder hat stets das Recht, die Dienste zu verweigern, welche das Zentralkomitee oder sein Nationalkomitee von ihm fordert - doch werden viele aufeinanderfolgende Weigerungen geeignet sein, ihn als träg oder böswillig betrachten zu lassen; er kann durch sein Nationalkomitee suspendiert und auf Vorstellung des letzteren durch das Zentralkomitee bis zur definitiven Entscheidung der Konstituante in Ruhestand versetzt werden.

8. Kein Bruder darf ein öffentliches Amt annehmen ohne Zustimmung des Komitees, dem er angehört. - Er darf sich an keiner öffentlichen Handlung oder Kundgebung beteiligen, die der von seinem Komitee gezogenen Richtschnur feindlich oder selbst nur fremd ist, oder bei der er letzteres nicht zu Rate gezogen hat. Sooft zwei oder mehrere Brüder beisammen sind, haben sie sich über alle wichtigen öffentlichen Angelegenheiten zu beraten.

9. Alle internationalen Brüder kennen einander. Kein politisches Geheimnis darf je unter ihnen existieren. Niemand kann irgendeiner geheimen Gesellschaft angehören ohne positive Zustimmung seines Komitees oder im Notfall, wenn dieses es verlangt, ohne die des Zentralkomitees; und er kann ihr nur unter der Bedingung angehören, daß er diesen Komitees alle Geheimnisse aufdeckt, welche sie direkt oder indirekt interessieren könnten.

10. Die Organisation der internationalen Brüder teilt sich ein in: A. Das Generalkomitee oder die Konstituante. B. Das Zentralkomitee. C. Die Nationalkomitees.

A. Das Generalkomitee

Dies ist die Vereinigung von allen oder mindestens zwei Dritteln der internationalen Brüder, die ordnungsmäßig zu bestimmter Zeit oder als außerordentliche Versammlung von {1} dem Zentralkomitee einberufen ist. Das Generalkomitee bildet die höchste konstituierende und vollziehende Gewalt unserer ganzen Organisation, und kann deren Programm, deren Reglements und organische Statuten modifizieren.

B. Das Zentralkomitee

|457| Dasselbe besteht aus a) dem Zentralbüro und b) dem Zentral-Überwachungskomitee. Mitglieder dieses letzteren sind alle internationalen Brüder, die nicht zum Büro gehören und sich in solcher Nähe befinden, daß sie innerhalb zweier Tage zusammenberufen werden können, sowie natürlich alle durchreisenden Brüder. Für ihre gegenseitigen Beziehungen gilt das Reglement der Allianz der sozialistischen Demokratie (siehe Art. 2-4).

C. Die Nationalkomitees

Jedes Nationalkomitee besteht aus allen internationalen Brüdern (einerlei welcher Nationalität), die sich am Zentrum der National-Organisation oder in dessen Nähe aufhalten. Jedes Nationalkomitee zerfällt gleichfalls in zwei Unterabteilungen, in a) das National-Exekutivbüro und b) das National-Überwachungskomitee. Dieses letztere umfaßt alle anwesenden internationalen Brüder, die nicht zum Büro gehören. Es gelten dieselben Verhältnisse wie in der Allianz der sozialistischen Demokratie.

11. Zur Schaffung eines neuen Bruders bedarf es der Einstimmigkeit aller (wenigstens in der Zahl von dreien) anwesenden Mitglieder des Nationalkomitees und der Bestätigung des Zentralkomitees mit Zweidrittel-Majorität. Das Zentralkomitee kann neue Mitglieder mit Einstimmigkeit aller seiner Mitglieder aufnehmen.

12. Jedes Nationalkomitee versammelt sich mindestens einmal wöchentlich, um die organisatorische, agitatorische und administrative Arbeit seines Büros zu kontrollieren und anzuspornen. - Das Nationalkomitee ist der natürliche Richter über die Haltung seiner Mitglieder in allem, was ihre revolutionäre Würdigkeit sowie ihre Beziehungen zur Gesellschaft betrifft. Seine Entscheidungen müssen dem Zentralkomitee zur Bestätigung vorgelegt werden. Es schreibt der Tätigkeit wie allen öffentlichen Kundgebungen aller seiner Mitglieder die Richtung vor. Es hat, sei es durch Vermittlung seines Büros oder durch einen von ihm hierzu zu ernennenden Bruder, eine regelmäßige Korrespondenz mit dem Zentralbüro zu führen, dem es mindestens einmal alle vierzehn Tage schreiben muß.

13. Das Nationalkomitee wird die geheime Assoziation der nationalen Brüder seines Landes organisieren.



II. Die nationalen Brüder

14. Die nationalen Brüder müssen in jedem Lande in der Art organisiert werden, daß sie sich niemals der Leitung der allgemeinen Organisation der internationalen Brüder und namentlich der des Generalkomitees und des Zentralkomitees entziehen können. Ihre Programme und Reglements können definitiv nur in Kraft gesetzt werden, nachdem sie die Sanktion des Zentralkomitees erhalten haben.

15. Jedes Nationalkomitee kann, wenn es dies für nützlich befindet, zwei Kategorien aufstellen: a) solche nationale Brüder, die in jedem einzelnen Lande einander kennen, und b) solche, die sich nur in kleinen Gruppen kennen. - In keinem Falle

|458| dürfen die nationalen Brüder die Existenz einer internationalen Organisation auch nur ahnen.

16. Provinzial-Zentren, ganz oder teilweise aus internationalen Brüdern oder aus nationalen Brüdern der ersten Kategorie bestehend, sollen an allen Hauptpunkten eines Landes gegründet werden; sie haben die Aufgabe, die geheime Organisation und die Propaganda der Prinzipien, so tief und soweit sie nur können, wachsen zu lassen, indem sie sich nicht mit der Tätigkeit in den Städten begnügen, sondern auch den Versuch machen, sie in den Dörfern und unter den Bauern auszudehnen.

17. Die Nationalkomitees werden suchen, aufs schnellste die finanziellen Mittel zu schaffen, welche notwendig sind nicht nur für den Erfolg ihrer eigenen Organisation, sondern auch für die allgemeinen Bedürfnisse der ganzen Assoziation. Sie werden also einen Teil - die Hälfte? - an das Zentralbüro schicken.

18. Die Nationalbüros müssen außerordentlich tätig sein und bedenken, daß die Prinzipien, Programme und Reglements nur soweit etwas wert sind, als die Personen, welche dieselben in Ausübung bringen sollen, den Teufel im Leibe haben.

Geheime Organisation der Internationalen Allianz der Sozialistischen Demokratie

1. Das permanente Zentralkomitee der Allianz besteht aus allen Mitgliedern der permanenten Nationalkomitees und denen der Genfer Zentralsektion.

In ihrer Vereinigung bilden alle diese Mitglieder die geheime Generalversammlung der Allianz, welche die höchste und zugleich die konstituierende Macht der Allianz ist und mindestens einmal jährlich auf dem Arbeiterkongreß als Delegierte der verschiedenen nationalen Gruppen der Allianz zusammentritt; die außerdem zu jeder Zeit sowohl vom Zentralbüro als auch durch die Genfer Zentral Sektion einberufen werden kann.

2. Die Genfer Zentralsektion ist die permanente Delegation des permanenten Zentralkomitees. Sie besteht aus allen Mitgliedern des Zentralbüros und des Überwachungskomitees, die notwendigerweise stets Mitglieder des permanenten Zentralkomitees sind. - Die Zentralsektion ist der höchste vollziehende Rat der Allianz innerhalb der Grenzen der einzig durch die Generalversammlung festzustellenden oder abzuändernden Verfassung und Richtschnur. Die Zentralsektion entscheidet mit einfacher Stimmenmehrheit in allen Exekutiv-Angelegenheiten (bei denen es sich nicht um die Verfassung oder die allgemeine Politik handelt), und ihre so gefaßten Beschlüsse sind obligatorisch für das Zentralbüro, falls dieses nicht in der Mehrheit seiner Mitglieder beschließt, dagegen an die Generalversammlung zu appellieren, die es dann innerhalb drei Wochen einzuberufen hat. - Eine so einberufene Generalversammlung bedarf, um ordnungsgemäß zu sein, der Anwesenheit von zwei Dritteln aller ihrer Mitglieder.

3. Das Zentralbüro - die Exekutivgewalt - wird von 3 bis 5 oder selbst 7 Mitgliedern gebildet, welche immer gleichzeitig Mitglieder des permanenten Zentralkomitees sein

|459| müssen. Als eines der beiden Bestandteile der geheimen Zentralsektion ist das Zentralbüro eine geheime Organisation. Als solche erhält es von der Zentralsektion seine Inspirationen und hat seinerseits seine Mitteilungen, um nicht zu sagen seine geheimen Befehle, an alle Nationalkomitees zu richten, von denen es wenigstens einmal monatlich geheime Berichte empfangen soll. Als vollziehendes Direktorium der öffentlichen Allianz ist das Zentralbüro aber zugleich eine öffentliche Organisation. Als solche hat es je nach den Ländern und Umständen mehr oder weniger vertrauliche oder öffentliche Beziehungen zu allen Nationalbüros, von denen es gleichfalls monatliche Berichte zu empfangen hat. Seine äußerliche Regierungsform wird die einer Präsidentschaft in einer Föderativ-Republik sein. Das Zentralbüro, als sowohl geheime wie öffentliche Exekutivgewalt der Allianz, wird die geheime und öffentliche Propaganda der Gesellschaft ins Werk setzen und ihre Entwickelung in allen Ländern durch alle möglichen Mittel fördern. Es hat die Verwaltung über den Teil der Finanzen, welche ihm nach Artikel b) des öffentlichen Reglements aus allen Ländern für die allgemeinen Bedürfnisse gesandt werden. Es wird eine Zeitschrift und Broschüren herausgeben, und Reise-Agenten aussenden, um Allianzgruppen in den Ländern zu gründen, wo solche noch nicht existieren. Bei allen Maßregeln, die das Zentralbüro zum Wohle der Allianz zu ergreifen hat, hat es sich jedoch den Entscheidungen der Mehrheit der geheimen Zentralsektion zu unterwerfen, zu der übrigens alle Mitglieder des Büros selbst gehören. Als zugleich öffentliche und geheime Organisation und als ganz aus Mitgliedern des permanenten Zentralkomitees zusammengesetzt, wird das Zentralbüro immer ein direkter Ausfluß dieses Komitees sein. Das provisorische Zentralbüro soll diesmal der Genfer Gründungsgruppe präsentiert werden als provisorisch gewählt von allen Gründungsmitgliedern der Allianz, die, zum größten Teil ehemalige Mitglieder des Kongresses zu Bern, heimgereist sind, nachdem sie ihre Vollmacht an Bürger B. |Bakunin| übertragen. - Dieses Büro wird in Tätigkeit bleiben bis zur ersten öffentlichen Generalversammlung, welche nach Artikel 7 des öffentlichen Reglements auf dem nächsten Arbeiterkongreß als Zweig der Internationalen Arbeiter-Assoziation zusammentritt. Es versteht sich, daß die Mitglieder des neuen Zentralbüros von dieser Versammlung gewählt werden. Aber da es dringend notwendig ist, daß das Zentralbüro stets nur aus Mitgliedern des permanenten Zentralkomitees bestehe, so wird dieses letztere vermittelst seiner Nationalkomitees dafür sorgen müssen, alle lokalen Gruppen so zu organisieren und zu leiten, daß sie als Delegierte in diese Versammlung nur Mitglieder des permanenten Zentralkomitees senden, oder, in Ermangelung solcher, nur Leute, die vollständig der Leitung ihrer respektiven Nationalkomitees ergeben sind - damit das permanente Zentralkomitee in der ganzen Organisation der Allianz stets die Oberhand habe.

4. Das Überwachungskomitee übt die Kontrolle über alle Handlungen des Zentralbüros. - Es besteht aus allen Mitgliedern des permanenten Zentralkomitees, die am Orte in der Nähe des Sitzes des Zentralbüros wohnen, sowie aus allen zeitweilig anwesenden oder durchreisenden Mitgliedern, mit Ausnahme derer, die das Büro bilden. Auf Antrag von zwei Mitgliedern des Überwachungskomitees müssen alle Mitglieder

|460| desselben innerhalb drei Tagen mit den Mitgliedern des Zentralbüros zusammentreten, um die Versammlung der Zentralsektion des höchsten vollziehenden Rats zu konstituieren, deren Rechte im Artikel 2 festgestellt sind.

5. Die Nationalkomitees werden von allen zu derselben Nation gehörigen Mitgliedern des permanenten Zentralkomitees gebildet. - Sowie es drei Mitglieder des permanenten Zentralkomitees aus derselben Nation gibt, werden dieselben vom Büro und nötigenfalls von der Zentralsektion aufgefordert, sich als Nationalkomitee ihres Landes zu konstituieren. Jedes Nationalkomitee kann ein neues Mitglied des Zentralkomitees aus seinem Lande ernennen, aber nur unter Einstimmigkeit aller seiner Mitglieder. Sowie ein neues Mitglied von einem Nationalkomitee ernannt ist, hat dieses hiervon unmittelbar das Zentralbüro in Kenntnis zu setzen, welches dieses neue Mitglied in die Liste aufnimmt und eben hierdurch auf dasselbe alle Rechte eines Mitgliedes des permanenten Zentralkomitees überträgt. - Die Genfer Zentralsektion ist gleichfalls ermächtigt, unter Einstimmigkeit aller ihrer Mitglieder, neue Mitglieder zu ernennen.

Jedes Nationalkomitee hat die besondere Aufgabe, in seinem Lande sowohl die öffentliche wie die geheime nationale Gruppe zu gründen und zu organisieren. Das Nationalkomitee ist deren höchste Leitungs- und Verwaltungsbehörde, vermittelst seines Nationalbüros, für dessen Gründung es in der Art zu sorgen hat, daß es ganz und gar aus Mitgliedern des permanenten Zentralkomitees besteht. Die Nationalkomitees werden ihren respektiven Büros gegenüber dieselben Beziehungen, Rechte und Befugnisse haben, wie die Zentralsektion gegenüber dem Zentralbüro. - Die Nationalkomitees, welche durch die Vereinigung ihrer bezüglichen Büros und Überwachungskomitees gebildet werden, haben kein anderes Oberhaupt als das Zentralbüro anzuerkennen; sie dienen als die einzigen Mittelorgane zwischen diesem letzteren und allen Lokalgruppen ihres Landes sowohl in betreff der Propaganda und der Verwaltung, wie auch der Erhebung und Verwendung der Steuern. Die Nationalkomitees haben vermittelst ihrer respektiven Büros für die Organisation der Allianz in ihren Ländern zu sorgen, doch in der Art, daß diese immer durch Mitglieder des permanenten Zentralkomitees beherrscht und auf den Kongressen vertreten werde.

In dem Maße als die Nationalbüros ihre lokalen Gruppen organisieren, haben sie auch dafür zu sorgen, daß das Reglement und Programm dieser letzteren der Bestätigung des Zentralbüros unterbreitet werde - ohne diese Bestätigung können die Lokalgruppen keinen Teil der Internationalen Allianz der sozialistischen Demokratie bilden.

Programm der Sozialistischen Internationalen Allianz

1. Die Internationale Allianz ist zu dem Zwecke gegründet, auf Grundlage der in unserem Programm ausgesprochenen Prinzipien der allgemeinen Revolution zu dienen, sie zu organisieren und zu beschleunigen.

|461| 2. Gemäß diesen Grundsätzen kann das Ziel der Revolution nur sein: a) die Vernichtung aller religiösen, monarchischen, aristokratischen und bürgerlichen Mächte und Gewalten in Europa. Die Konsequenz hiervon ist der Umsturz aller gegenwärtig bestehenden Staaten nebst allen ihren politischen, rechtlichen, bürokratischen und finanziellen Einrichtungen, b) Der Aufbau einer neuen Gesellschaft auf der einzigen Grundlage der freien genossenschaftlichen Arbeit, die zum Ausgangspunkt nimmt das Kollektiveigentum, die Gleichheit und Gerechtigkeit.

3. Die Revolution, wie wir sie auffassen, oder vielmehr, wie die Macht der Tatsachen sie heute mit Notwendigkeit hervorruft, trägt einen wesentlich internationalen oder universellen Charakter. Angesichts der drohenden Koalition aller privilegierten Interessen und aller reaktionären Mächte in Europa, welche über alle die furchtbaren Mittel gebieten, die ihnen eine klug organisierte Organisation verleiht, angesichts der tiefen Kluft, welche überall zwischen der Bourgeoisie und den Arbeitern herrscht, könnte keine nationale Revolution auf Erfolg rechnen, wenn sie sich nicht zugleich auf die anderen Nationen erstreckt, und sie könnte nie die Grenze überschreiten und diesen Charakter der Allgemeinheit annehmen, wenn sie nicht in sich selbst alle Elemente dieser Allgemeinheit trägt, das heißt, wenn sie nicht eine geradezu sozialistische, staatzerstörende und vermittelst der Gleichheit und Gerechtigkeit freiheitschaffende ist; denn nichts von nun an kann noch die große, die einzig wahre Macht unseres Jahrhunderts - die Arbeiter - vereinigen, elektrisieren, zur Erhebung bringen, es sei denn allein die vollständige Emanzipation der Arbeit auf den Trümmern aller zum Schutze des Erbeigentums und des Kapitals bestehenden Einrichtungen.

4. Da die nächste Revolution nur eine allgemeine sein kann, so muß die Allianz, oder um das Wort geradeheraus zu sagen, die Verschwörung, welche dieselbe vorbereiten, organisieren und beschleunigen soll, es auch sein.

5. Die Allianz wird einen doppelten Zweck verfolgen: a) Sie wird sich bemühen, in den Volksmassen aller Länder die wahren Ideen über Politik, über Sozialökonomie und über alle philosophischen Fragen zu verbreiten. Sie wird tatkräftige Propaganda machen sowohl durch Zeitschriften, Broschüren und Bücher wie auch durch Gründung öffentlicher Assoziationen, b) Sie wird an sich zu ziehen suchen alle intelligenten, tatkräftigen und zuverlässigen Männer, die guten Willen und treue Ergebenheit für unsere Ideen haben, um so über ganz Europa und, soweit es sich tun läßt, auch über Amerika ein unsichtbares Netz von aufopferungsfähigen und durch diese ihre Allianz selbst mächtigen Revolutionären zu bilden.

Programm und Zweck der revolutionären Organisation der internationalen Brüder

|462| 1. Die Grundsätze dieser Organisation sind dieselben wie die des Programms der Internationalen Allianz der sozialistischen Demokratie. In Beziehung auf die Frauenfrage, auf die religiöse und juristische Stellung der Familie und auf den Staat sind sie noch eingehender auseinandergesetzt im Programm der russischen sozialistischen Demokratie.

Das Zentralbüro behält sich übrigens vor, bald eine vollständigere theoretische und praktische Entwicklung der Grundsätze zu liefern.

2. Die Assoziation der internationalen Brüder will zugleich die soziale, philosophische, ökonomische und politische allgemeine Revolution, damit von der gegenwärtigen Ordnung der Dinge, begründet auf dem Eigentum, der Ausbeutung, der Herrschaft und dem Autoritätsprinzip, dasselbe sei religiös oder metaphysisch und bourgeois-doktrinär, ja selbst jakobinisch-revolutionär - zunächst in ganz Europa und dann auf der übrigen Welt kein Stein auf dem anderen bleibe. Mit dem Rufe: Friede den Arbeitern, Freiheit den Unterdrückten und Tod den Herrschern, Ausbeutern und Vormündern jeder Sorte! wollen wir alle Staaten und alle Kirchen nebst allen ihren religiösen, politischen, juristischen, finanziellen, polizeilichen, universitätlichen, ökonomischen und sozialen Einrichtungen und Gesetzen vernichten, damit alle diese Millionen armer Menschenwesen, die man bisher betrog, knechtete, marterte, ausbeutete, nunmehr von allen ihren offiziellen und offiziösen Lenkern und Wohltätern befreit, Genossenschaften wie Individuen, endlich in vollkommener Freiheit aufatmen.

3. In der Überzeugung, daß das individuelle und soziale Übel viel weniger in den einzelnen Individuen als in der Organisation der Dinge und den sozialen Verhältnissen wurzelt, werden wir menschlich sein sowohl aus dem Gefühl der Gerechtigkeit wie aus Nützlichkeitsberechnung und werden wir ohne Erbarmen Verhältnisse und Dinge vernichten, um ohne Gefahr für die Revolution die Menschen schonen zu können. Wir leugnen den freien Willen und das angebliche Strafrecht der Gesellschaft. Die Gerechtigkeit selbst, im menschlichsten, im weitesten Sinne genommen, ist nur eine negative, eine Übergangsidee; sie stellt die soziale Frage, aber sie löst sie nicht, sie zeigt uns nur den einzigen möglichen Weg der Menschheits-Emanzipation, das heißt, der Humanisierung der Gesellschaft durch die Freiheit innerhalb der Gleichheit; die positive Lösung kann nur durch die mehr und mehr vernunftgemäße Organisation der Gesellschaft erreicht werden. Diese so sehr ersehnte Lösung, unser aller Ideal, ist die Freiheit, Sittlichkeit, Bildung und Wohlfahrt eines jeden vermittelst der Solidarität aller, - es ist die menschliche Brüderlichkeit.

Jedes menschliche Individuum ist das unfreiwillige Produkt der natürlichen und sozialen Lage, innerhalb deren es geboren ist, sich entwickelte und deren Einfluß es beständig weiter zu dulden hat. Die drei großen Ursachen jeder menschlichen

|463| Immoralität sind: die politische wie ökonomische und soziale Ungleichheit, die Unwissenheit als deren natürliches Resultat und als notwendige Konsequenz die Sklaverei.

Da die Organisation der Gesellschaft immer und überall die einzige Ursache der von den Menschen begangenen Verbrechen ist, so ist es eine offenbare Heuchelei oder Widersinnigkeit seitens der Gesellschaft, die Verbrecher zu bestrafen, indem jede Strafe die Schuld des zu Bestrafenden voraussetzt, die Verbrecher aber niemals die Schuldigen sind. Die Theorie von Schuld und Strafe geht aus der Theologie hervor, das heißt aus der Ehe des Widersinnes mit der religiösen Heuchelei.

Das einzige Recht, welches man der Gesellschaft in ihrem gegenwärtigen Übergangszustande zugestehen könnte, ist das natürliche Recht, die von ihr selbst geschaffenen Verbrecher im Interesse ihrer eigenen Verteidigung zu ermorden, nicht aber das Recht, sie zu richten und zu verurteilen. Dieses Recht ist nicht einmal ein solches in strikter Wortbedeutung, sondern vielmehr ein natürliches, bedauerliches aber unvermeidliches, tatsächliches Verhältnis, zugleich ein Zeichen und Produkt der Ohnmacht und Dummheit der gegenwärtigen Gesellschaft; je mehr die Gesellschaft es verstehen wird, die Übung dieses Rechtes zu vermeiden, um so näher wird sie ihrer wirklichen Emanzipation rücken.

Alle Revolutionäre, die Unterdrückten, die leidenden Opfer der gegenwärtigen Organisation der Gesellschaft, deren Herzen natürlich von Rache und Haß erfüllt sind, müssen wohl im Auge behalten, daß die Könige, die Unterdrücker, die Ausbeuter jeder Gattung ebenso schuldig sind, als die aus der Volksmasse hervorgegangenen Verbrecher: auch jene sind Übeltäter, aber auch nicht Schuldige, da sie ebenfalls, wie die gewöhnlichen Verbrecher, die unfreiwilligen Produkte der gegenwärtigen Organisation der Gesellschaft sind. Man wird sich nicht wundern dürfen, wenn das Volk im ersten Augenblick seiner Erhebung ihrer viele tötet - das wird ein vielleicht unvermeidliches, aber auch ebenso vorübergehendes Unglück sein wie die Verheerungen eines Ungewitters.

Aber diese natürliche Tatsache wird weder moralisch noch selbst nützlich sein. In dieser Hinsicht ist die Geschichte äußerst lehrreich: - die schreckliche Guillotine von 1793, die man gewiß nicht der Langsamkeit und Milde beschuldigen kann, ist nicht dazu gekommen, die Adelsklasse in Frankreich zu vernichten. Die Aristokratie wurde dort, wenn nicht vollständig zerstört, so doch tief erschüttert, aber nicht durch die Guillotine, sondern durch die Konfiskation und den Verkauf ihrer Güter. Und im allgemeinen kann man sagen, daß politische Metzeleien niemals Parteien getötet haben; jene haben sich überall ohnmächtig gegen die privilegierten Klassen gezeigt, da die Macht viel weniger in den Menschen ihren Grund hat, als in den Zuständen, welche für die Privilegierten durch die Organisation der Dinge, d.h. durch die Einrichtung des Staates und seine natürliche Konsequenz wie Grundlage, das individuelle Eigentum, geschaffen sind.

Um eine radikale Revolution zu machen, muß man also den Angriff gegen die zugrunde liegenden Verhältnisse und Dinge richten, man muß das Eigentum und den

|464| Staat vernichten, dann hat man nicht mehr nötig, Menschen zu vernichten und sich selbst zu der unfehlbaren und unvermeidlichen Reaktion zu verurteilen, welche in jeder Gesellschaft stets als die Folge des Menschenmordes eingetreten ist und stets als solche eintreten wird.

Aber um das Recht zu haben, ohne Gefahr für die Revolution menschlich gegen Menschen zu sein, muß man unerbittlich gegen die Zustände und Dinge sein; man muß vollständig vernichten, überall und vor allem das Eigentum und sein unvermeidliches Korollar: den Staat. Das ist das ganze Geheimnis der Revolution.

Man darf sich nicht wundern, wenn die Jakobiner und Blanquisten, die mehr aus Notwendigkeit als aus Überzeugung Sozialisten geworden sind und für die der Sozialismus ein Revolutionsmittel, nicht aber der Revolutionszweck ist, da sie die Diktatur wollen, d.h. die Zentralisation des Staates, und da der Staat sie in unvermeidlicher logischer Notwendigkeit zur Wiederherstellung des Eigentums führen muß - es ist also sehr natürlich, sagen wir, wenn sie, die keine radikale Revolution gegen die Dinge selbst durchführen wollen, von einer blutigen Revolution gegen die Menschen träumen. Diese blutige Revolution aber, gegründet auf dem Aufbau eines mächtig zentralisierten revolutionären Staates, hätte, wie wir später noch mehr beweisen werden, die Militärdiktatur mit einem neuen Herrn zur unvermeidlichen Folge. Der Triumph der Jakobiner und Blanquisten also wäre der Tod der Revolution.

4. Wir sind die natürlichen Feinde dieser Revolutionäre - der Zukunftsdiktatoren, Gesetzgeber und Vormünder der Revolution - die, bevor noch die gegenwärtigen monarchischen, aristokratischen und Bourgeois-Staaten zerstört sind, bereits an die Schöpfung neuer revolutionärer Staaten denken, Staaten, ebenso zentralisierend und noch despotischer als die heute existierenden Staaten sind -, die so sehr an die durch irgendeine Autorität von oben geschaffene Ordnung gewöhnt sind und einen so großen Abscheu vor alledem haben, was ihnen als Unordnung erscheint und was doch nichts weiter ist, als der freie und natürliche Ausdruck des Volkslebens, daß sie, bevor noch eine gute und gesunde Unordnung durch die Revolution hervorgebracht ist, bereits daran denken, ihr ein Ende zu machen und den Maulkorb anzulegen durch irgendeine Autorität, die von der Revolution nur den Namen trägt, in Wirklichkeit aber nur eine neue Reaktion ist, da sie in der Tat von neuem die Volksmassen durch Dekrete regieren läßt und sie so wieder zum Gehorsam, zum Stillstand, zum Tode, das heißt zur Sklaverei und zur Ausbeutung durch eine neue quasi-revolutionäre Aristokratie verdammt.

5. Wir fassen die Revolution auf in dem Sinne der Entfesselung alles dessen, was man heute die bösen Leidenschaften nennt, und der Vernichtung desjenigen, was in derselben Sprache "öffentliche Ordnung" heißt.

Wir fürchten die Anarchie nicht, wir rufen sie herbei, überzeugt, daß aus dieser Anarchie, das heißt, aus der vollständigen Geltendmachung des entfesselten Volkslebens, die Freiheit, die Gleichheit, die Gerechtigkeit, die neue Ordnung und selbst

|465| die Macht der Revolution der Reaktion gegenüber hervorgehen muß. Dies neue Leben - die Volksrevolution - wird unzweifelhaft es auch nicht unterlassen, sich zu organisieren, aber es wird sich seine revolutionäre Organisation von unten nach oben und von der Peripherie zum Zentrum schaffen - dem Prinzip der Freiheit gemäß, nicht aber von oben nach unten oder vom Zentrum zur Peripherie hin nach Art der Autorität, wie auch immer diese beschaffen - denn es ist uns wenig daran gelegen, ob diese sich Kirche, Monarchie, konstitutioneller Staat, Bourgeois-Republik oder selbst revolutionäre Diktatur nennt. Wir verabscheuen und verwerfen sie alle aus gleichem Grunde - als unfehlbare Quellen der Ausbeutung und des Despotismus.

6. Die Revolution, wie wir sie verstehen, muß vom ersten Tage an radikal und vollständig den Staat und alle Staatseinrichtungen vernichten. Die natürlichen und notwendigen Konsequenzen dieser Vernichtung werden sein; a) der Staatsbankerott; b)das Aufhören der Bezahlung von Privatschulden durch Einmischung des Staates, indem jedem Schuldner überlassen bleibt, seine Schulden zu bezahlen, wenn ihm dies so beliebt; c) das Aufhören jeder Steuerzahlung und der Erhebung irgendwelcher direkter oder indirekter Abgaben; d) die Auflösung des Heeres, der Magistratur, der Bürokratie, der Polizei und der Priester; e) die Abschaffung der amtlichen Rechtspflege, die Aufhebung alles dessen, was juridisch Recht heißt oder mit der Ausübung dieses Rechtes in Verbindung steht. Demgemäß Abschaffung und Autodafé (Verbrennung) aller Eigentumstitel, Erbschafts-, Kauf-, Schenkungs-, Prozeßakten - mit einem Worte, des gesamten juridischen und bürgerlichen Papierkrams. Überall und in allen Dingen die revolutionäre Tatsache an Stelle des durch den Staat geschaffenen und garantierten Rechtes; f) die Konfiskation aller produktiven Kapitalien und Arbeitswerkzeuge zugunsten der Arbeitergenossenschaften, die jene kollektiv produzieren lassen müssen; g) die Konfiskation alles Eigentums der Kirche und des Staates, sowie des im Privatbesitz befindlichen Edelmetalls zugunsten der Föderativallianz aller Arbeitergenossenschaften - einer Allianz, welche die Kommune bilden wird.

An Stelle der konfiszierten Güter wird die Kommune allen so beraubten Individuen genau das Notwendige geben, und können sie dann später durch ihre eigene Arbeit mehr erwerben, wenn sie es vermögen und wenn sie es wollen. - h) Für die Organisation der Kommune eine Föderation der Barrikaden in Permanenz und die Funktion eines Rates der revolutionären Kommune durch Delegation von einem oder zwei Abgeordneten für jede Barrikade, einem per Straße oder per Bezirk; die Deputierten sind mit imperativen Mandaten versehen und stets verantwortlich sowie jederzeit abberufbar. Der so organisierte Kommunalrat kann aus seiner Mitte Exekutivkomitees wählen, und für sie die einzelnen Gebiete der revolutionären Verwaltung der Kommune abzweigen. - i) Erklärung der insurgierten und als Kommune organisierten Hauptstadt, daß, nachdem sie den Autoritäts- und Bevormundungsstaat zerstört (wozu sie berechtigt war, da sie in derselben Sklaverei unter demselben gestanden wie alle anderen Örtlichkeiten), sie nunmehr ihrem Rechte entsage oder vielmehr jeder Anmaßung, die Provinzen zu regieren und zu beherrschen, k) Aufruf an alle Provinzen, Kommunen und Genossenschaften, sämtlich sofort dem von der Hauptstadt gegebenen Beispiele zu folgen und sich zuerst revolutionär zu reorganisieren und sodann an einen zu verabredenden

|466| Versammlungsort ihre gleichfalls mit imperativen Mandaten versehenen verantwortlichen und abberufbaren Abgeordneten zu delegieren, um die Föderation der im Namen derselben Prinzipien insurgierten Assoziationen, Kommunen und Provinzen zu konstituieren und eine Revolutionsmacht zu organisieren, stark genug, um über die Reaktion zu triumphieren. Sendung, nicht von offiziellen Revolutions-Kommissarien mit irgendwelchen Schärpen, sondern von Revolutions-Agitatoren in alle Provinzen und Gemeinden - besonders zu den Bauern, die nicht durch Prinzipien oder durch Verfügungen irgendwelcher Diktatur revolutioniert werden können, sondern einzig und allein durch die Tatsache der Revolution selbst, das heißt, durch die notwendigen Konsequenzen des vollständigen Aufhörens des offiziellen juridischen Staatslebens in allen Gemeinden. Abschaffung des nationalen Staates sogar in dem Sinne, daß jedes fremde Land, Provinz, Gemeinde, Genossenschaft, ja selbst jedes vereinzelte Individuum, das sich im Namen derselben Prinzipien erhoben hat, in die revolutionäre Föderation ohne Rücksicht auf die gegenwärtigen Staatsgrenzen aufgenommen wird, wenn sie auch zu verschiedenen politischen oder nationalen Systemen gehören, und daß die eigenen Provinzen, Kommunen, Genossenschaften, wie Individuen, welche die Partei der Reaktion ergreifen, ausgeschlossen bleiben. So wird also die Tatsache der Ausströmung und der Organisation der Revolution selbst bei dem gegenseitigen Schutze der insurgierten Länder es bewirken, daß die Universalität der auf Abschaffung der Grenzen und auf der Zertrümmerung des Staates begründeten Revolution triumphiert.

7. Es kann keine politische oder nationale Revolution mehr triumphieren, es sei denn, daß die politische Revolution sich in eine soziale verwandelt, und die vernunftgemäße, eben durch ihren Charakter radikal sozialistische und staatszerstörende Revolution zur allgemeinen Revolution wird.

8. Da die Revolution überall aus dem Volke selbst hervorgehen und die Oberleitung immer bei dem als freie Föderation ackerbauender und industrieller Genossenschaften organisierten Volke bleiben muß, so wird der neue revolutionäre Staat, der sich auf dem Wege der revolutionären Delegation von unten nach oben organisiert und alle im Namen derselben Prinzipien organisierten Länder ohne Rücksicht auf die alten Grenzen und die Verschiedenheit der Nationalität umfaßt, die Verwaltung des öffentlichen Dienstes und nicht die Regierung der Völker zum Gegenstande haben. Er wird das neue Vaterland, die Allianz der allgemeinen Revolution gegen die Allianz aller Reaktionären konstituieren.

9. Diese Organisation schließt jeden Gedanken einer Diktatur oder irgendeiner bevormundend leitenden Gewalt aus. Aber zur Gründung dieser revolutionären Allianz und zum Triumphe der Revolution über die Reaktion ist es notwendig, daß inmitten der Volksanarchie, welche eben das Leben und die ganze Kraft der Revolution bilden wird, die Einheit des Gedankens und des revolutionären Handelns ein Organ finde. Dieses Organ soll die geheime und universelle Assoziation der internationalen Brüder sein.

|467| 10. Diese Assoziation geht von der Überzeugung aus, daß Revolutionen niemals von Individuen, auch nicht einmal von geheimen Gesellschaften gemacht werden. Sie machen sich wie von selbst, die Macht der Dinge, der Strom der Ereignisse und der Tatsachen schaffen sie. Lange bereiten sie sich vor in der Tiefe des instinktiven Bewußtseins der Volksmassen - dann kommen sie zum Ausbruch, anscheinend oft nur durch unbedeutende Ursachen hervorgerufen. Alles was eine gut organisierte geheime Gesellschaft tun kann, besteht zunächst darin, daß sie die Geburt einer Revolution unterstützt, indem sie in den Massen die den Masseninstinkten entsprechenden Ideen verbreitet, und daß sie, nicht die Revolutionsarmee - die Armee muß immer das Volk sein - wohl aber eine Art revolutionären Generalstabs organisiert, der aus ergebenen, energischen, intelligenten Individuen und vor allem aus aufrichtigen und nicht ehrgeizigen oder eitlen Freunden des Volkes besteht, die die Fähigkeit besitzen, als Vermittler zwischen der revolutionären Idee und den Volksinstinkten zu dienen.

11. Die Zahl dieser Individuen darf also nicht sehr groß sein. Für die internationale Organisation von ganz Europa genügen hundert fest und ernst verbündete Revolutionäre. Zwei-, dreihundert Revolutionäre werden für die Organisation des größten Landes genügen.

2. Programm und Reglement der öffentlichen Allianz

Indem die sozialistische Minorität der Friedens- und Freiheitsliga (!) sich von dieser Liga trennte infolge des Majoritätsvotums auf dem Kongreß zu Bern, welches Votum sich ausdrücklich gegen das Grundprinzip aller Arbeitergenossenschaften, das Prinzip der ökonomischen und sozialen Gleichheit der Klassen und Individuen, aussprach, ist diese Minorität hierdurch von selbst den von den Arbeiterkongressen zu Genf, Lausanne und Brüssel ausgesprochenen Prinzipien beigetreten. Mehrere verschiedenen Nationen angehörige Mitglieder der erwähnten Minorität haben uns den Vorschlag gemacht, eine neue Internationale Allianz der sozialistischen Demokratie zu organisieren, die, zwar vollständig in der großen Internationalen Arbeiter-Assoziation aufgegangen, sich doch die besondere Mission stelle, die politischen und philosophischen Fragen auf der Grundlage dieses großen Prinzips der allgemeinen und sittlichen Gleichheit aller Menschenwesen auf Erden zu studieren.

Unsererseits von dem Nutzen eines solchen Unternehmens überzeugt, das den aufrichtigen sozialistischen Demokraten Europas und Amerikas das Mittel gewähren wird, sich zu verständigen und ihre Ideen zu befestigen außerhalb jeder Pression jenes falschen Sozialismus, welchen die Bourgeois-Demokratie heute zur Förderung ihrer Zwecke zur Schau trägt, haben wir, in Übereinstimmung mit den gedachten Freunden, geglaubt, die Initiative für diese neue Organisation ergreifen zu müssen.

|468| Demgemäß haben wir uns als Zentralsektion der Internationalen Allianz der sozialistischen Demokratie organisiert und veröffentlichen heute das Programm und Reglement derselben.

Programm der Internationalen Allianz der Sozialistischen Demokratie

1. Die Allianz erklärt sich als atheistisch; sie will die Abschaffung aller Religionskulte und die Ersetzung des Glaubens durch die Wissenschaft sowie der göttlichen Gerechtigkeit durch die menschliche.

2. Sie will vor allem die politische, ökonomische und soziale Gleichmachung der Klassen und der Individuen beider Geschlechter, indem sie mit der Abschaffung des Erbrechts den Anfang macht, damit in Zukunft der Genuß gleich sei der produktiven Arbeit eines jeden und, dem vom letzten Arbeiterkongreß zu Brüssel gefaßten Beschlüsse gemäß, der Grund und Boden, die Arbeitswerkzeuge sowie alles andere Kapital, als Kollektiveigentum der gesamten Gesellschaft, nur dem Nutzen der Arbeiter, d.h. der ackerbauenden und industriellen Assoziationen dienen.

3. Sie will für alle Kinder beiderlei Geschlechter von ihrer Geburt an die Gleichheit der Mittel zu ihrer Entwickelung, d.h. ihres Unterhaltes, ihrer Erziehung und ihres Unterrichtes auf allen Stufen der Wissenschaft, der Industrie und der Künste; sie hegt die Überzeugung, daß diese zunächst nur ökonomische und soziale Gleichheit die Folge haben wird, eine immer größere natürliche Gleichheit der Individuen zu schaffen, indem sie alle künstlichen Ungleichheiten, historische Produkte einer ebenso falschen als unbilligen sozialen Organisation, verschwinden macht.

4. Als Feindin jedes Despotismus und keine andere politische Form als die republikanische anerkennend sowie jedes reaktionäre Bündnis absolut verwerfend, weist sie jede politische Tätigkeit von sich, die nicht den Triumph der Sache der Arbeiter gegen das Kapital zum unmittelbaren und direkten Zweck hat.

5. Sie bekennt, daß alle gegenwärtig existierenden politischen Autoritätsstaaten, sich mehr und mehr zu einfachen Funktionen der Verwaltung des öffentlichen Dienstes in ihren betreffenden Ländern umwandelnd, in der universellen Einigung freier, ackerbauender wie industrieller Genossenschaften verschwinden müssen.

6. Da die soziale Frage nur auf der Grundlage der internationalen oder allgemeinen Solidarität der Arbeiter aller Länder ihre schließliche und wirkliche Lösung finden kann, verwirft die Allianz jede auf dem sogenannten Patriotismus und der Rivalität der Nationen begründete Politik.

7. Sie will die universelle Genossenschaft aller lokalen Genossenschaften vermittelst der Freiheit.

Reglement

|469| 1. Die Internationale Allianz der sozialistischen Demokratie konstituiert sich als ein Zweig der Internationalen Arbeiter-Assoziation, deren sämtliche allgemeine Statuten sie annimmt.

2. Die Gründungsmitglieder (membres fondateurs) organisieren provisorisch ein Zentralbüro in Genf.

3. Die Gründungsmitglieder ein und desselben Landes konstituieren das Nationalbüro dieses Landes.

4. Die Nationalbüros haben die Aufgabe, an allen Orten Lokalgruppen der Allianz der sozialistischen Demokratie zu gründen, die sodann vermittelst ihrer bezüglichen Nationalbüros beim Zentralbüro der Allianz ihre Aufnahme in die Internationale Arbeiter-Assoziation zu beantragen haben.

5. Alle Lokalgruppen bilden ihre Büros in der bei den Lokalsektionen der Internationalen Arbeiter-Assoziation üblichen Weise.

6. Alle Mitglieder der Allianz verpflichten sich zur Zahlung eines monatlichen Beitrages von zehn Centimes. Die Hälfte des Beitrages hält jede nationale Gruppe für ihre eigenen Bedürfnisse zurück, die andere Hälfte fließt in die Kasse des Zentralbüros für die allgemeinen Zwecke.

In den Ländern, in welchen man diesen Beitrag für zu hoch erachtet, können ihn die Nationalbüros in Übereinstimmung mit dem Zentralbüro ermäßigen.

7. Bei dem jährlichen Arbeiterkongreß wird die Delegation der Allianz der sozialistischen Demokratie, als Zweig der Internationalen Arbeiter-Assoziation, ihre öffentlichen Sitzungen in einem besonderen Lokale halten.

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3. Brief Bakunins an Francisco Mora in Madrid

(Der Brief ist französisch geschrieben)

Locarno, den 5. April 1872

Lieber Alliierter und Genosse! Da unsere Freunde zu Barcelona mich aufgefordert haben, an Sie zu schreiben, tue ich es mit um so größerem Vergnügen, als auch ich und meine Freunde, unsere Alliierten von der Jura-Föderation, den Verleumdungen des Londoner Generalrats ausgesetzt sind, in Spanien so gut wie anderwärts. Es ist wahrlich etwas sehr Betrübendes, daß in dieser schrecklichen Krisis, in der sich für viele Jahrzehnte das Schicksal des Proletariats von ganz Europa entscheidet, und in der alle Freunde des Proletariats, der Menschheit und der Gerechtigkeit sich brüderlich vereinigen müßten, um dem gemeinsamen Feinde, der im Staat organisierten Gesellschaft

|470| der Privilegierten, die Spitze zu bieten - es ist sehr betrübend, sage ich, daß Leute, die übrigens in der Vergangenheit der Internationalen große Dienste geleistet haben, heute, durch eine böse autoritätssüchtige Leidenschaft getrieben, sich sogar zur Lüge erniedrigen und Zwietracht säen, statt überall jene freie Einigung zu schaffen, aus der allein die Macht hervorgehen kann.

Um Ihnen eine richtige Idee unserer Bestrebungen zu geben, brauche ich Ihnen nur eins zu sagen. Unser Programm ist das Ihre, dasselbe, welches Sie im vergangenen Jahre auf Ihrem Kongreß proklamiert haben, und wenn Sie demselben treu geblieben sind, gehören Sie zu uns, aus demselben Grunde, wie wir zu Ihnen gehören. Wir verabscheuen das Prinzip der Diktatur, des Regierungssystems (gouvernementalisme) und der Autorität, wie Sie es verabscheuen; wir haben die Überzeugung, daß jede politische Gewalt zu einer unfehlbaren Quelle der Entsittlichung für die Regierenden und der Knechtschaft für die Regierten wird. - Staat bedeutet Herrschaft, und die menschliche Natur ist so geartet, daß jede Herrschaft zur Ausbeutung führt. Als Feinde des Staates unter allen Umständen, des Staates in allen seinen Kundgebungen, wollen wir einen solchen ebensowenig in der Internationalen dulden. Wir betrachten die Londoner Konferenz und die von ihr angenommenen Resolutionen als eine Intrige des Ehrgeizes und als einen Staatsstreich, und deshalb haben wir protestiert und werden bis ans Ende protestieren. Ich berühre nicht die persönlichen Angelegenheiten, leider werden sie nur zu sehr den nächsten Kongreß beschäftigen, wenn dieser Kongreß stattfindet, woran ich meinerseits zweifle, denn wenn die Dinge in derselben Weise fortgehen wie bisher, wird es bald auf dem Festlande Europas keinen Ort geben, wo sich die Delegierten des Proletariats versammeln können, um frei zu beraten. Und jetzt sind alle Augen auf Spanien und auf den Ausgang Eures Kongresses gerichtet. Was wird das Resultat desselben sein? Dieser Brief wird Ihnen, wenn er Ihnen zukommt, erst nach dem Kongresse zukommen. Wird er Sie in voller Revolution oder in voller Reaktion finden? Alle unsere Freunde in Italien, in Frankreich, in der Schweiz erwarten in grausamer Spannung Nachrichten aus Ihrem Lande.

Sie wissen ohne Zweifel, daß in Italien in der letzten Zeit die Internationale und unsere teure Allianz eine sehr bedeutende Entwicklung erreicht haben. Das Volk, sowohl auf dem Lande wie in den Städten, befindet sich in einer vollständig revolutionären, d.h. in einer ökonomisch verzweifelten Lage, und die Massen beginnen, sich in sehr ernster Weise zu organisieren, ihre Interessen beginnen Ideen zu werden. - Was bisher Italien gefehlt hat, das waren nicht die Instinkte, sondern gerade die Organisation und die Idee. Beide bilden sich jetzt derart, daß Italien nächst Spanien, mit Spanien in dieser Stunde vielleicht das revolutionärste Land ist. In Italien existiert, was den anderen Ländern fehlt: eine glühende, energische Jugend ohne jede Stellung, ohne Karriere, ohne Ausweg (tout à fait déplacée, sans carrière, sans issue), die trotz ihrer Bourgeois-Herkunft nicht moralisch und intellektuell erschöpft ist, wie die Bourgeois-Jugend anderer Länder. Heute stürzt sie sich kopfüber (à tête perdue) in den revolutionären Sozialismus mit unserem ganzen Programm, dem Programm der Allianz. Mazzini, unser genialer und mächtiger Gegner, ist tot, die mazzinistische Partei ist vollständig desorganisiert, und Garibaldi läßt sich mehr und mehr fortreißen von jener

|471| seinen Namen führenden Jugend, die jedoch viel weiter geht, oder vielmehr läuft, als er. Ich habe den Freunden in Barcelona eine italienische Adresse gesandt; ich werde ihnen bald noch andere schicken. Es ist gut, es ist notwendig, daß die Alliierten Spaniens mit denen Italiens in direkte Verbindung treten. Erhalten Sie die italienischen sozialistischen Blätter? Ich empfehle Ihnen besonders: die "Eguaglianza" in Girgenti, Sizilien, die "Campana" in Neapel - den "Fascio Operaio" in Bologna - "Il Gazzettino Rosa", aber vor allen "Il Martello" in Mailand, der leider mit Beschlag belegt und dessen Redakteure sich sämtlich im Gefängnis befinden.

In der Schweiz empfehle ich Ihnen zwei Alliierte: James Guillaume (Schweiz, Neuchâtel, 5, Rue de la Place d'Armes) und Adhemar Schwitzguébel, Graveur (Mitglied und korrespondierender Sekretär der Jura-Föderation), Schweiz, Berner Jura, Sonvillier, Herrn Adhemar Schwitzguébel, Graveur. (Folgt die Adresse Bakunins.)

Allianz und Brüderlichkeit

M. Bakunin

Ich bitte, grüßen Sie meinerseits den Bruder Morago, und bitten Sie ihn, mir sein Blatt zu schicken.

Bekommen Sie das "Bulletin" der Jura-Föderation? Ich bitte Sie, diesen Brief zu verbrennen, da er Namen enthält.

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Der Haager Kongreß hat Bakunin nicht bloß als Gründer der Allianz, sondern auch wegen einer persönlichen Tatsache aus der Internationalen ausgestoßen. Das authentische Dokument, das diese Tatsache belegt, ist noch in unseren Händen, doch gebieten uns politische Gründe, vorläufig von seiner Veröffentlichung Abstand zu nehmen.



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