Friedrich Engels

 

Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft

Geschrieben September 1876 bis Juni 1878.
Veröffentlicht im »Vorwärts«

vom 3. Januar 1877 bis 7. Juli 1878.

MEW, Band 20; S. 1-303.

 


 

 

 

Vorworte zu den drei Auflagen

  1. Vorwort von 1878
  2. Vorwort von 1885
  3. Vorwot von 1894

 

I

    |5| Die nachfolgende Arbeit ist keineswegs die Frucht irgendwelches »innern Dranges«. Im Gegenteil.

    Als vor drei Jahren Herr Dühring plötzlich als Adept und gleichzeitig Reformator des Sozialismus sein Jahrhundert in die Schranken forderte, drangen Freunde in Deutschland wiederholt auf mich ein mit dem Wunsch, ich möchte diese neue sozialistische Theorie im Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei, damals dem »Volksstaat«, kritisch beleuchten. Sie hielten dies für durchaus nötig, wenn nicht in der noch so jungen und eben erst definitiv geeinten Partei von neuem Gelegenheit zu sektiererischer Spaltung und Verwirrung gegeben werden sollte. Sie waren besser imstande als ich, die Verhältnisse in Deutschland zu beurteilen; ich war also verpflichtet, ihnen zu glauben. Daneben zeigte sich, daß der Neubekehrte von einem Teil der sozialistischen Presse mit einer Wärme bewillkommt wurde, die zwar nur dem guten Willen des Herrn Dühring galt, gleichzeitig aber auch bei diesem Teil der Parteipresse den guten Willen durchblicken ließ, auf Rechnung eben dieses Dühringschen guten Willens auch die Dühringsche Doktrin unbesehn mit in den Kauf zu nehmen. Auch fanden sich Leute, die sich schon anschickten, diese Doktrin in popularisierter Form unter den Arbeitern zu verbreiten. Und endlich boten Herr Dühring und sein kleiner Sektenstamm alle Künste der Reklame und der Intrige auf, um den »Volksstaat« zu entschiedner Stellungnahme zu nötigen gegenüber der mit so gewaltigen Ansprüchen auftretenden neuen Lehre.

    Trotzdem dauerte es ein Jahr, bis ich mich entschließen konnte, mit Vernachlässigung andrer Arbeiten in diesen sauren Apfel zu beißen. Es war eben ein Apfel, den man ganz verzehren mußte, sobald man einmal anbiß. |6| Und er war nicht nur sehr sauer, sondern auch sehr dick. Die neue sozialistische Theorie trat auf als letzte praktische Frucht eines neuen philosophischen Systems. Es galt also, sie im Zusammenhang dieses Systems, und damit das System selbst zu untersuchen; es galt, Herrn Dühring zu folgen auf jenes weitläufige Gebiet, wo er von allen möglichen Dingen handelt und noch von einigen mehr. So entstand eine Reihe von Artikeln, die seit Anfang 1877 im Nachfolger des »Volksstaat«, im Leipziger »Vorwärts« erschien und hier im Zusammenhang vorliegt.

    Es war somit die Beschaffenheit des Gegenstandes selbst, die die Kritik zu einer Ausführlichkeit zwang, zu der der wissenschaftliche Gehalt dieses Gegenstandes, also der Dühringschen Schriften, im äußersten Mißverhältnis steht. Jedoch mögen auch noch zwei andre Umstände diese Ausführlichkeit entschuldigen. Einerseits gab sie mir die Gelegenheit, auf den sehr verschiednen hier zu berührenden Gebieten meine Auffassung von Fragepunkten positiv zu entwickeln, die heute von allgemeinerem wissenschaftlichem oder praktischem Interesse sind. Es ist dies in jedem einzelnen Kapitel geschehn, und sowenig diese Schrift den Zweck haben kann, dem »System« des Herrn Dühring ein andres System entgegenzusetzen, so wird der Leser doch hoffentlich in den von mir aufgestellten Ansichten den innern Zusammenhang nicht vermissen. Daß meine Arbeit in dieser Beziehung keine ganz fruchtlose gewesen ist, dafür habe ich schon jetzt Beweise genug.

    Andrerseits ist der »systemschaffende« Herr Dühring keine vereinzelte Erscheinung in der deutschen Gegenwart. Seit einiger Zeit schießen in Deutschland die Systeme der Kosmogonie, der Naturphilosophie überhaupt, der Politik, der Ökonomie usw. über Nacht zu Dutzenden auf wie die Pilze. Der kleinste Doktor Philosophiae, ja selbst der Studiosus tut nicht mehr mit unter einem vollständigen »System«. Wie im modernen Staat vorausgesetzt wird, daß jeder Staatsbürger urteilsreif ist über alle die Fragen, über die er abzustimmen hat; wie man in der Ökonomie annimmt, daß jeder Konsument gründlicher Kenner aller der Waren ist, die er zu seinem Lebensunterhalt einzukaufen in den Fall kommt - so soll es nun auch in der Wissenschaft gehalten werden. Freiheit der Wissenschaft heißt, daß man über alles schreibt, was man nicht gelernt hat, und dies für die einzige streng wissenschaftliche Methode ausgibt. Herr Dühring aber ist einer der bezeichnendsten Typen dieser vorlauten Pseudowissenschaft, die sich heutzutage in Deutschland überall in den Vordergrund drängt und alles übertönt mit ihrem dröhnenden - höhern Blech. Höheres Blech in der Poesie, in der Philosophie, in der Politik, in der Ökonomie, in der |7| Geschichtschreibung, höheres Blech auf Katheder und Tribüne, höheres Blech überall, höheres Blech mit dem Anspruch auf Überlegenheit und Gedankentiefe im Unterschied von dem simpeln, plattvulgären Blech andrer Nationen, höheres Blech das charakteristischste und massenhafteste Produkt der deutschen intellektuellen Industrie, billig aber schlecht, ganz wie andre deutsche Fabrikate, neben denen es leider in Philadelphia nicht vertreten war. Sogar der deutsche Sozialismus, namentlich seit dem guten Beispiel des Herrn Dühring, macht neuerdings recht erklecklich in höherm Blech und produziert diesen und jenen, der sich mit »Wissenschaft« brüstet, von der er »wirklich auch nichts gelernt hat«. Es ist dies eine Kinderkrankheit, die die beginnende Bekehrung des deutschen Studiosus zur Sozialdemokratie anzeigt, und von ihr unzertrennlich ist, die aber bei der merkwürdig gesunden Natur unsrer Arbeiter schon überwunden werden wird.

    Es war nicht meine Schuld, wenn ich Herrn Dühring auf Gebiete folgen mußte, auf denen ich mich höchstens mit den Ansprüchen eines Dilettanten bewegen kann. In solchen Fällen habe ich mich meistens darauf beschränkt, den falschen oder schiefen Behauptungen meines Gegners die richtigen, unbestrittnen Tatsachen entgegenzustellen. So in der Juristerei und in manchen Fällen aus der Naturwissenschaft. In andern handelt es sich um allgemeine Ansichten aus der theoretischen Naturwissenschaft, also um ein Terrain, wo auch der Naturforscher von Fach über seine Spezialität hinaus auf benachbarte Gebiete übergreifen muß - auf Gebiete also, auf denen er, nach Herrn Virchows Eingeständnis, ebensogut ein »Halbwisser« ist, wie wir andern auch. Dieselbe Nachsicht für kleine Ungenauigkeiten und Unbehülflichkeiten des Ausdrucks, die man da gegenseitig ausübt, wird man auch mir hoffentlich zuteil werden lassen.

    Bei Schluß dieses Vorworts kommt mir eine von Herrn Dühring verfaßte Buchhändleranzeige eines neuen »maßgebenden« Werks des Herrn Dühring zu: »Neue Grundgesetze zur rationellen Physik und Chemie«. Sosehr ich nun auch der Mangelhaftigkeit meiner physikalischen und chemischen Kenntnisse mir bewußt bin, so glaube ich doch meinen Herrn Dühring zu kennen, und daher, ohne die Schrift selbst je gesehn zu haben, voraussagen zu dürfen, daß die hier aufgestellten Gesetze der Physik und Chemie sich den frühern von Herrn Dühring entdeckten und in meiner Schrift untersuchten Gesetzen der Ökonomie, Weltschematik usw., nach Mißverstand oder Gemeinplätzlichkeit würdig anreihen werden, und daß das von Herrn Dühring konstruierte Rhigometer oder Instrument zur |8| Messung sehr niedriger Temperaturen zum Maßstab dienen wird, nicht für Temperaturen, weder hohe noch niedrige, sondern einzig und allein für die unwissende Arroganz des Herrn Dühring.

    London, 11. Juni 1878

     

     

    II

    Daß die vorliegende Schrift in neuer Auflage zu erscheinen hat, kam mir unerwartet. Der Gegenstand, den sie kritisiert, ist heute schon so gut wie vergessen; sie selbst hat nicht nur stückweise im Leipziger »Vorwärts« 1877 und 1878 vielen Tausenden von Lesern vorgelegen, sondern ist auch noch im Zusammenhang und separat in starker Auflage gedruckt worden. Wie kann es da noch jemand interessieren, was ich vor Jahren über Herrn Dühring zu sagen hatte?

    In erster Linie verdanke ich dies wohl dem Umstand, daß diese Schrift, wie überhaupt fast alle meine damals noch umlaufenden Schriften, gleich nach Erlaß des Sozialistengesetzes im Deutschen Reich verboten wurde. Wer nicht in den erblichen Beamtenvorurteilen der Länder der Helligen Allianz vernagelt war, für den mußte die Wirkung dieser Maßregel klar sein: verdoppelter und verdreifachter Absatz der verbotnen Bücher, Bloßlegung der Ohnmacht der Herren in Berlin, die Verbote erlassen und sie nicht durchführen können. In der Tat trägt mir die Liebenswürdigkeit der Reichsregierung mehr neue Auflagen meiner kleinern Schriften ein, als ich verantworten kann; ich habe nicht die Zeit, den Text nach Gebühr zu revidieren und muß ihn meist einfach wieder abdrucken lassen.

    Dazu kommt aber noch ein andrer Umstand. Das hier kritisierte »System« des Herrn Dühring verbreitet sich über ein sehr ausgedehntes theoretisches Gebiet; ich war genötigt, ihm überallhin zu folgen und seinen Auffassungen die meinigen entgegenzusetzen. Die negative Kritik wurde damit positiv; die Polemik schlug um in eine mehr oder minder zusammenhängende Darstellung der von Marx und mir vertretnen dialektischen Methode und kommunistischen Weltanschauung, und dies auf einer ziemlich umfassenden Reihe von Gebieten. Diese unsre Anschauungsweise hat, seit sie zuerst in Marx' »Misére de la philosophie« und im »Kommunistischen Manifest« vor die Welt trat, ein reichlich zwanzigjähriges Inkubationsstadium durchgemacht, bis sie seit dem Erscheinen des |9| »Kapital« mit wachsender Geschwindigkeit stets weitre Kreise ergriff und jetzt, weit über die Grenzen Europas hinaus, Beachtung und Anhang findet in allen Ländern, wo es einerseits Proletarier und andrerseits rücksichtslose wissenschaftliche Theoretiker gibt. Es scheint also, daß ein Publikum besteht, dessen Interesse für die Sache groß genug ist, um die jetzt in vielen Beziehungen gegenstandslose Polemik gegen die Dühringschen Sätze in den Kauf zu nehmen, den daneben gegebnen positiven Entwicklungen zu Gefallen.

    Ich bemerke nebenbei: Da die hier entwickelte Anschauungsweise zum weitaus größern Teil von Marx begründet und entwickelt worden, und nur zum geringsten Teil von mir, so verstand es sich unter uns von selbst, daß diese meine Darstellung nicht ohne seine Kenntnis erfolgte. Ich habe ihm das ganze Manuskript vor dem Druck vorgelesen, und das zehnte Kapitel des Abschnitts über Ökonomie (»Aus der 'Kritischen Geschichte'«) ist von Marx geschrieben und mußte nur, äußerlicher Rücksichten halber, von mir leider etwas verkürzt werden. Es war eben von jeher unser Brauch, uns in Spezialfächern gegenseitig auszuhelfen.

    Die gegenwärtige neue Auflage ist, mit Ausnahme eines Kapitels, ein unveränderter Abdruck der vorigen. Einerseits fehlte mir die Zeit zu einer durchgreifenden Revision, sosehr ich manches in der Darstellung geändert wünschte. Aber ich habe die Pflicht, die hinterlassenen Manuskripte von Marx für den Druck fertigzustellen, und dies ist viel wichtiger als alles andre. Dann aber sträubt sich mein Gewissen gegen jede Änderung. Die Schrift ist eine Streitschrift, und ich glaube es meinem Gegner schuldig zu sein, da meinerseits nichts zu bessern, wo er nichts bessern kann. Ich könnte nur das Recht beanspruchen, auf Herrn Dührings Antwort wieder zu entgegnen. Was aber Herr Dühring über meinen Angriff geschrieben hat, habe ich nicht gelesen und werde es nicht ohne besondre Veranlassung lesen; ich bin theoretisch mit ihm fertig. Im übrigen muß ich ihm gegenüber die Anstandsregeln des literarischen Kampfes um so mehr aufrechterhalten, als ihm seitdem von der Berliner Universität schmähliches Unrecht angetan worden ist. Freilich ist sie dafür gezüchtigt worden. Eine Universität, die sich dazu hergibt, Herrn Dühring unter den bekannten Umständen die Lehrfreiheit zu entziehn, darf sich nicht wundern, wenn man ihr unter den ebenfalls bekannten Umständen Herrn Schweninger aufzwingt.

    Das einzige Kapitel, worin ich mir erläuternde Zusätze erlaubt habe, |10| ist das zweite des dritten Abschnitts: »Theoretisches«. Hier, wo es sich einzig und allein um die Darstellung eines Kernpunktes der von mir vertretnen Anschauung handelt, wird sich mein Gegner nicht beklagen können, wenn ich mich bemühte, populärer zu sprechen und den Zusammenhang zu ergänzen. Und zwar hatte dies eine äußere Veranlassung. Ich hatte drei Kapitel der Schrift (das erste der Einleitung und das erste und zweite des dritten Abschnitts) für meinen Freund Lafargue behufs Übersetzung ins Französische zu einer selbständigen Broschüre verarbeitet, und nachdem die französische Ausgabe einer italienischen und polnischen als Grundlage gedient, eine deutsche Ausgabe besorgt unter dem Titel: »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«. Diese hat in wenigen Monaten drei Auflagen erlebt und ist auch in russischer und dänischer Übersetzung erschienen. Zusätze hatte in allen diesen Ausgaben nur das fragliche Kapitel erhalten, und es wäre pedantisch gewesen, hätte ich in der neuen Auflage des Originalwerks mich an den ursprünglichen Wortlaut binden wollen, gegenüber seiner spätern, international gewordnen Gestalt.

    Was ich sonst geändert wünschte, bezieht sich hauptsächlich auf zwei Punkte. Erstens auf die menschliche Urgeschichte, zu der uns Morgan erst 1877 den Schlüssel lieferte. Da ich aber seitdem in meiner Schrift: »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats«, Zürich 1884, Gelegenheit hatte, das mir inzwischen zugänglich gewordne Material zu verarbeiten, genügt der Hinweis auf diese spätere Arbeit.

    Zweitens aber der Teil, der von der theoretischen Naturwissenschaft handelt. Hier herrscht eine große Unbeholfenheit der Darstellung, und manches ließe sich heute klarer und bestimmter ausdrücken. Wenn ich mir nicht das Recht zuschreibe, hier zu bessern, so bin ich eben deswegen verpflichtet, mich statt dessen hier selbst zu kritisieren.

    Marx und ich waren wohl ziemlich die einzigen, die aus der deutschen idealistischen Philosophie die bewußte Dialektik in die materialistische Auffassung der Natur und Geschichte hinübergerettet hatten. Aber zu einer dialektischen und zugleich materialistischen Auffassung der Natur gehört Bekanntschaft mit der Mathematik und der Naturwissenschaft. Marx war ein gründlicher Mathematiker, aber die Naturwissenschaften konnten wir nur stückweise, sprungweise, sporadisch verfolgen. Als ich daher durch Rückzug aus dem kaufmännischen Geschäft und Umzug nach London die Zeit dazu gewann, machte ich, soweit es mir möglich, eine vollständige |11| mathematische und naturwissenschaftliche »Mauserung«, wie Liebig es nennt, durch, und verwandte den besten Teil von acht Jahren darauf. Ich war grade mitten in diesem Mauserungsprozeß begriffen, als ich in den Fall kam, mich mit Herrn Dührings sogenannter Naturphilosophie zu befassen. Wenn ich also da manchmal den richtigen technischen Ausdruck nicht finde und mich überhaupt mit ziemlicher Schwerfälligkeit auf dem Gebiet der theoretischen Naturwissenschaft bewege, so ist das nur zu natürlich. Andrerseits hat mich aber das Bewußtsein meiner noch nicht überwunden Unsicherheit vorsichtig gemacht; wirkliche Verstöße gegen die damals bekannten Tatsachen und unrichtige Darstellung der damals anerkannten Theorien wird man mir nicht nachweisen können. In dieser Beziehung hat sich nur ein verkannter großer Mathematiker bei Marx brieflich beklagt, ich hätte die frevelhaft an ihrer Ehre angegriffen.

    Es handelte sich bei dieser meiner Rekapitulation der Mathematik und der Naturwissenschaften selbstredend darum, mich auch im einzelnen zu überzeugen - woran im allgemeinen kein Zweifel für mich war -, daß in der Natur dieselben dialektischen Bewegungsgesetze im Gewirr der zahllosen Veränderungen sich durchsetzen, die auch in der Geschichte die scheinbare Zufälligkeit der Ereignisse beherrschen; dieselben Gesetze, die, ebenfalls in der Entwicklungsgeschichte des menschlichen Denkens den durchlaufenden Faden bildend, allmählich den denkenden Menschen zum Bewußtsein kommen; die zuerst von Hegel in umfassender Weise, aber in mystifizierter Form entwickelt worden, und die aus dieser mystischen Form herauszuschälen und in ihrer ganzen Einfachheit und Allgemeingültigkeit klar zur Bewußtheit zu bringen, eine unsrer Bestrebungen war. Es verstand sich von selbst, daß die alte Naturphilosophie - soviel wirklich Gutes und soviel fruchtbare Keime sie enthielt (1) - uns nicht genügen |12| konnte. Wie in dieser Schrift näher entwickelt, fehlte sie, namentlich in der Hegelschen Form, darin, daß sie der Natur keine Entwicklung in der Zeit zuerkannte, kein »Nacheinander«, sondern nur ein »Nebeneinander«. Dies war einerseits im Hegelschen System selbst begründet, das nur dem »Geist« eine geschichtliche Fortentwicklung zuschrieb, andrerseits aber auch im damaligen Gesamtstand der Naturwissenschaften. So fiel Hegel hier weit hinter Kant zurück, dessen Nebulartheorie bereits die Entstehung, und dessen Entdeckung der Hemmung der Erdrotation durch die Meeresflutwelle auch schon den Untergang des Sonnensystems proklamiert hatte. Und endlich konnte es sich für mich nicht darum handeln, die dialektischen Gesetze in die Natur hineinzukonstruieren, sondern sie in ihr aufzufinden und aus ihr zu entwickeln.

    Dies im Zusammenhang und auf jedem einzelnen Gebiet zu tun, ist aber eine Riesenarbeit. Nicht nur ist das zu beherrschende Gebiet fast unermeßlich, es ist auch auf diesem gesamten Gebiet die Naturwissenschaft selbst in einem so gewaltsamen Umwälzungsprozeß begriffen, daß auch derjenige kaum folgen kann, dem seine ganze freie Zeit hierfür zur Verfügung steht. Seit dem Tode von Karl Marx ist meine Zeit aber durch dringendere Pflichten mit Beschlag belegt worden, und da mußte ich meine Arbeit unterbrechen. Ich muß mich vorderhand mit den in der vorliegenden Schrift gegebnen Andeutungen begnügen und abwarten, ob sich später einmal Gelegenheit findet, die gewonnenen Resultate zu sammeln und her- |13| auszugeben, vielleicht zusammen mit den hinterlassenen höchst wichtigen mathematischen Manuskripten von Marx.

    Vielleicht aber macht der Fortschritt der theoretischen Naturwissenschaft meine Arbeit größtenteils oder ganz überflüssig. Denn die Revolution, die der theoretischen Naturwissenschaft aufgezwungen wird durch die bloße Notwendigkeit, die sich massenhaft häufenden, rein empirischen Entdeckungen zu ordnen, ist der Art, daß sie den dialektischen Charakter der Naturvorgänge mehr und mehr auch dem widerstrebendsten Empiriker zum Bewußtsein bringen muß. Die alten starren Gegensätze, die scharfen, unüberschreitbaren Grenzlinien verschwinden mehr und mehr. Seit der Flüssigmachung auch der letzten »echten« Gase, seit dem Nachweis, daß ein Körper in einen Zustand versetzt werden kann, worin tropfbare und Gasform ununterscheidbar sind, haben die Aggregatzustände den letzten Rest ihres frühern absoluten Charakters verloren. Mit dem Satz der kinetischen Gastheorie, daß in vollkommnen Gasen die Quadrate der Geschwindigkeiten, womit die einzelnen Gasmoleküle sich bewegen, sich bei gleicher Temperatur umgekehrt verhalten wie die Molekulargewichte, tritt die Wärme auch direkt in die Reihe der unmittelbar als solche meßbaren Bewegungsformen. Wurde noch vor zehn Jahren das neuentdeckte große Grundgesetz der Bewegung gefaßt als bloßes Gesetz von der Erhaltung der Energie, als bloßer Ausdruck der Unzerstörbarkeit und Unerschaffbarkeit der Bewegung, also bloß nach seiner quantitativen Seite, so wird dieser enge, negative Ausdruck mehr und mehr verdrängt durch den positiven der Verwandlung der Energie, worin erst der qualitative Inhalt des Prozesses zu seinem Recht kommt und worin die letzte Erinnerung an den außerweltlichen Schöpfer ausgelöscht ist. Daß die Menge der Bewegung (der sogenannten Energie) sich nicht verändert, wenn sie sich aus kinetischer Energie (sogenannter mechanischer Kraft) in Elektrizität, Wärme, potentielle Energie der Lage etc. verwandelt und umgekehrt, braucht jetzt nicht mehr als etwas Neues gepredigt zu werden; es dient als einmal gewonnene Grundlage der nun viel inhaltsvollern Untersuchung des Verwandlungsprozesses selbst, des großen Grundprozesses, in dessen Erkenntnis die ganze Erkenntnis der Natur sich zusammenfaßt. Und seitdem die Biologie mit der Leuchte der Evolutionstheorie betrieben wird, hat sich auf dem Gebiet der organischen Natur eine starre Grenzlinie der Klassifikation nach der andern aufgelöst; die fast unklassifizierbaren Mittelglieder mehren sich täglich, die genauere Untersuchung wirft Organismen aus einer Klasse in die andre, und fast zu Glaubensartikeln gewordne Unterscheidungsmerkmale verlieren ihre unbedingte Gültigkeit; wir haben |14| jetzt eierlegende Säugetiere, und wenn die Nachricht sich bestätigt, auch Vögel, die auf allen vieren gehn. War schon vor Jahren Virchow genötigt gewesen, infolge der Entdeckung der Zelle die Einheit des tierischen Individuums mehr fortschrittlich als naturwissenschaftlich und dialektisch in eine Föderation von Zellenstaaten aufzulösen, so wird der Begriff der tierischen (also auch menschlichen) Individualität noch weit verwickelter durch die Entdeckung der amöbenartig im Körper der höhern Tiere herumkriechenden weißen Blutzellen. Es sind aber grade die als unversöhnlich und unlösbar vorgestellten polaren Gegensätze, die gewaltsam fixierten Grenzlinien und Klassenunterschiede, die der modernen theoretischen Naturwissenschaft ihren beschränkt-metaphysischen Charakter gegeben haben. Die Erkenntnis, daß diese Gegensätze und Unterschiede in der Natur zwar vorkommen, aber nur mit relativer Gültigkeit, daß dagegen jene ihre vorgestellte Starrheit und absolute Gültigkeit erst durch unsre Reflexion in die Natur hineingetragen ist - diese Erkenntnis macht den Kernpunkt der dialektischen Auffassung der Natur aus. Man kann zu ihr gelangen, indem man von den sich häufenden Tatsachen der Naturwissenschaft dazu gezwungen wird; man gelangt leichter dahin, wenn man dem dialektischen Charakter dieser Tatsachen das Bewußtsein der Gesetze des dialektischen Denkens entgegenbringt. Jedenfalls ist die Naturwissenschaft jetzt so weit, daß sie der dialektischen Zusammenfassung nicht mehr entrinnt. Sie wird sich diesen Prozeß aber erleichtern, wenn sie nicht vergißt, daß die Resultate, worin sich ihre Erfahrungen zusammenfassen, Begriffe sind; daß aber die Kunst, mit Begriffen zu operieren, nicht eingeboren und auch nicht mit dem gewöhnlichen Alltagsbewußtsein gegeben ist, sondern wirkliches Denken erfordert, welches Denken ebenfalls eine lange erfahrungsmäßige Geschichte hat, nicht mehr und nicht minder als die erfahrungsmäßige Naturforschung. Eben dadurch, daß sie sich die Resultate der dritthalbtausendjährigen Entwicklung der Philosophie aneignen lernt, wird sie einerseits jede aparte, außer und über ihr stehende Naturphilosophie los, andrerseits aber auch ihre eigne, aus dem englischen Empirismus überkommne, bornierte Denkmethode.

    London, 23. September 1885

 

III

    Die nachfolgende Neuauflage ist bis auf einige sehr unbedeutende stilistische Änderungen ein Wiederabdruck der vorigen. Nur in einem Kapitel, |15| dem zehnten des zweiten Abschnitts: »Aus der 'Kritischen Geschichte'«, habe ich mir wesentliche Zusätze erlaubt, und zwar aus folgenden Gründen.

    Wie schon in der Vorrede zur zweiten Auflage erwähnt, rührt dies Kapitel in allem Wesentlichen von Marx her. In seiner ersten, für einen Journalartikel bestimmten Fassung war ich genötigt, das Marxsche Manuskript bedeutend zu kürzen, und zwar grade in denjenigen Partien, wo die Kritik der Dühringschen Aufstellungen mehr zurücktritt gegenüber selbständigen Entwicklungen aus der Geschichte der Ökonomie. Diese aber machen grade den Teil des Manuskripts aus, der auch heute noch vom größten und bleibendsten Interesse ist. Die Ausführungen, worin Marx Leuten wie Petty, North, Locke, Hume die ihnen gebührende Stelle in der Genesis der klassischen Ökonomie anweist, halte ich mich für verpflichtet, möglichst vollständig und wörtlich zu geben; noch mehr aber seine Klarstellung des »ökonomischen Tableaus« von Quesnay, dieses für die ganze moderne Ökonomie unlösbar gebliebnen Sphinxrätsels. Was sich dagegen ausschließlich auf Herrn Dührings Schriften bezog, habe ich, soweit der Zusammenhang dies erlaubte, weggelassen.

    Im übrigen kann ich vollständig zufrieden sein mit der Ausbreitung, die die in dieser Schrift vertretnen Anschauungen, seit der vorigen Auflage, im öffentlichen Bewußtsein der Wissenschaft und der Arbeiterklasse gemacht haben, und zwar in allen zivilisierten Ländern der Welt.

     

    London, 23. Mai 1894


    F. Engels

     


    Fußnoten von Friedrich Engels

     

    (1) Es ist viel leichter, mit dem gedankenlosen Vulgus à la Karl Vogt über die alte Naturphilosophie herzufallen, als ihre geschichtliche Bedeutung zu würdigen. Sie enthält viel Unsinn und Phantasterei, aber nicht mehr als die gleichzeitigen unphilosophischen Theorien der empirischen Naturforscher, und daß sie auch viel Sinn und Verstand enthält, fängt man seit der Verbreitung der Entwicklungstheorie an einzusehen. So hat Haeckel mit vollem Recht die Verdienste von Treviranus und Oken anerkannt. Oken stellt in seinem Urschleim und Urbläschen dasjenige als Postulat der Biologie auf, was seitdem als Protoplasma und Zelle wirklich entdeckt worden. Was speziell Hegel angeht, steht er in vieler Beziehung hoch über seinen empirischen Zeitgenossen, die alle unerklärten Erscheinungen erklärt zu haben glaubten, wenn sie ihnen eine Kraft - Schwerkraft, Schwimmkraft, elektrische Kontaktkraft usw. - unterschoben, oder wo dies nicht ging, einen unbekannten Stoff, Lichtstoff, Wärmestoff, Elektrizitätsstoff usw. Die imaginären Stoffe sind jetzt so ziemlich beseitigt, aber der von Hegel bekämpfte Kräfteschwindel spukt z.B. noch 1869 in Helmholtz' Innsbrucker Rede lustig fort (Helmholtz »Populäre Vorlesungen«, II. Heft, 1871, Seite 190). Gegenüber der von den Franzosen des 18. Jahrhunderts überkommnen Vergötterung Newtons, den England mit Ehren und Reichtum überhäufte, hob Hegel hervor, daß Kepler, den Deutschland verhungern ließ, der eigentliche Begründer der modernen Mechanik der Weltkörper, und daß das Newtonsche Gravitationsgesetz bereits in allen drei Keplerschen Gesetzen, im dritten sogar ausdrücklich enthalten ist. Was Hegel in seiner »Naturphilosophie«, § 270 und Zusätze (Hegels Werke, 1842, VII. Band, Seite 98 und 113 bis 115) mit ein paar einfachen Gleichungen nachweist, findet sich als Resultat der neuesten mathematischen Mechanik wieder bei Gustav Kirchhof »Vorlesungen über mathematische Physik«, 2. Auflage, Leipzig 1877, Seite 10, und in wesentlich derselben, von Hegel zuerst entwickelten, einfachen, mathematischen Form. Naturphilosophen verhalten sich zur bewußt-dialektischen Naturwissenschaft wie die Utopisten zum modernen Kommunismus.

 

 

Erster Abschnitt.

Philosophie

 

Einleitung

 

I. Allgemeines

|16| Der moderne Sozialismus ist seinem Inhalte nach zunächst das Erzeugnis der Anschauung, einerseits der in der modernen Gesellschaft herrschenden Klassengegensätze von Besitzenden und Besitzlosen, Lohnarbeitern und Bourgeois, andrerseits der in der Produktion herrschenden Anarchie. Aber seiner theoretischen Form nach erscheint er anfänglich als eine weitergetriebne, angeblich konsequentere Fortführung der von den großen französischen Aufklärern des 18. Jahrhunderts aufgestellten Grundsätze. Wie jede neue Theorie, mußte er zunächst anknüpfen an das vorgefundne Gedankenmaterial, sosehr auch seine Wurzel in den ökonomischen Tatsachen lag.

Die großen Männer, die in Frankreich die Köpfe für die kommende Revolution klärten, traten selbst äußerst revolutionär auf. Sie erkannten keine äußere Autorität an, welcher Art sie auch sei. Religion, Naturanschauung, Gesellschaft, Staatsordnung, alles wurde der schonungslosesten Kritik unterworfen; alles sollte seine Existenz vor dem Richterstuhl der Vernunft rechtfertigen oder auf die Existenz verzichten. Der denkende Verstand wurde als alleiniger Maßstab an alles angelegt. Es war die Zeit, wo, wie Hegel sagt, die Welt auf den Kopf gestellt wurde, zuerst in dem Sinn, daß der menschliche Kopf und die durch sein Denken gefundnen Sätze den Anspruch |17| machten, als Grundlage aller menschlichen Handlung und Vergesellschaftung zu gelten; dann aber später auch in dem weitern Sinn, daß die Wirklichkeit, die diesen Sätzen widersprach, in der Tat von oben bis unten umgekehrt wurde. Alle bisherigen Gesellschafts- und Staatsformen, alle altüberlieferten Vorstellungen wurden als unvernünftig in die Rumpelkammer geworfen; die Welt hatte sich bisher lediglich von Vorurteilen leiten lassen; alles Vergangene verdiente nur Mitleid und Verachtung. Jetzt erst brach das Tageslicht an; von nun an sollte der Aberglaube, das Unrecht, das Privilegium und die Unterdrückung verdrängt werden durch die ewige Wahrheit, die ewige Gerechtigkeit, die in der Natur begründete Gleichheit und die unveräußerlichen Menschenrechte.

Wir wissen jetzt, daß dies Reich der Vernunft weiter nichts war, als das idealisierte Reich der Bourgeoisie; daß die ewige Gerechtigkeit ihre Verwirklichung fand in der Bourgeoisjustiz; daß die Gleichheit hinauslief auf die bürgerliche Gleichheit vor dem Gesetz; daß als eins der wesentlichsten Menschenrechte proklamiert wurde - das bürgerliche Eigentum; und daß der Vernunftstaat, der Rousseausche Gesellschaftsvertrag ins Leben trat und nur ins Leben treten konnte als bürgerliche, demokratische Republik. Sowenig wie alle ihre Vorgänger, konnten die großen Denker des 18. Jahrhunderts über die Schranken hinaus, die ihnen ihre eigne Epoche gesetzt hatte.

Aber neben dem Gegensatz von Feudaladel und Bürgertum bestand der allgemeine Gegensatz von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von reichen Müßiggängern und arbeitenden Armen. War es doch grade dieser Umstand, der es den Vertretern der Bourgeoisie möglich machte, sich als Vertreter, nicht einer besondren Klasse, sondern der ganzen leidenden Menschheit hinzustellen. Noch mehr. Von ihrem Ursprung an war die Bourgeoisie behaftet mit ihrem Gegensatz: Kapitalisten können nicht bestehn ohne Lohnarbeiter, und im selben Verhältnis wie der mittelalterliche Zunftbürger sich zum modernen Bourgeois, im selben Verhältnis entwickelte sich auch der Zunftgeselle und nichtzünftige Tagelöhner zum Proletarier. Und wenn auch im ganzen und großen das Bürgertum beanspruchen durfte, im Kampf mit dem Adel gleichzeitig die Interessen der verschiednen arbeitenden Klassen jener Zelt mitzuvertreten, so brachen doch bei jeder großen bürgerlichen Bewegung selbständige Regungen derjenigen Klasse hervor, die die mehr oder weniger entwickelte Vorgängerin des modernen Proletariats war. So in der deutschen Reformations- und Bauernkriegszeit die Thomas Münzersche Richtung; in der großen englischen Revolution die Levellers; in der großen französischen Revolution Babeuf. Neben diesen |18| revolutionären Schilderhebungen einer noch unfertigen Klasse gingen entsprechende theoretische Manifestationen her; im 16. und 17. Jahrhundert utopische Schilderungen idealer Gesellschaftszustände, im 18. schon direkt kommunistische Theorien (Morelly und Mably). Die Forderung der Gleichheit wurde nicht mehr auf die politischen Rechte beschränkt, sie sollte sich auch auf die gesellschaftliche Lage der einzelnen erstrecken; nicht bloß die Klassenprivilegien sollten aufgehoben werden, sondern die Klassenunterschiede selbst. Ein asketischer, an Sparta anknüpfender Kommunismus war so die erste Erscheinungsform der neuen Lehre. Dann folgten die drei großen Utopisten: Saint-Simon, bei dem die bürgerliche Richtung noch neben der proletarischen eine gewisse Geltung behielt; Fourier, und Owen, der, im Lande der entwickeltsten kapitalistischen Produktion und unter dem Eindruck der durch diese erzeugten Gegensätze, seine Vorschläge zur Beseitigung der Klassenunterschiede in direkter Anknüpfung an den französischen Materialismus systematisch entwickelte.

Allen dreien ist gemeinsam, daß sie nicht als Vertreter der Interessen des inzwischen historisch erzeugten Proletariats auftreten. Wie die Aufklärer, wollen sie nicht eine bestimmte Klasse, sondern die ganze Menschheit befreien. Wie jene, wollen sie das Reich der Vernunft und der ewigen Gerechtigkeit einführen; aber ihr Reich ist himmelweit verschieden von dem der Aufklärer. Auch die nach den Grundsätzen dieser Aufklärer eingerichtete bürgerliche Welt ist unvernünftig und ungerecht und wandert daher ebensogut in den Topf des Verwerflichen wie der Feudalismus und alle frühern Gesellschaftszustände. Daß die wirkliche Vernunft und Gerechtigkeit bisher nicht in der Welt geherrscht haben, kommt nur daher, daß man sie bisher nicht richtig erkannt hatte. Es fehlte eben der geniale einzelne Mann, der jetzt aufgetreten, und der die Wahrheit erkannt hat; daß er jetzt aufgetreten, daß die Wahrheit grade jetzt erkannt worden, ist nicht ein aus dem Zusammenhang der geschichtlichen Entwicklung mit Notwendigkeit folgendes, unvermeidliches Ereignis, sondern ein reiner Glücksfall. Er hätte ebensogut 500 Jahre früher geboren werden können und hätte dann der Menschheit 500 Jahre Irrtum, Kämpfe und Leiden erspart.

Diese Anschauungsweise ist wesentlich die aller englischen und französischen und der ersten deutschen Sozialisten, Weitling einbegriffen. Der Sozialismus ist der Ausdruck der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit, und braucht nur entdeckt zu werden, um durch eigne Kraft die Welt zu erobern; da die absolute Wahrheit unabhängig von Zeit, Raum und menschlicher, geschichtlicher Entwicklung ist, so ist es bloßer Zufall, wann |19| und wo sie entdeckt wird. Dabei ist dann die absolute Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit wieder bei jedem Schulstifter verschieden; und da bei einem jeden die besondre Art der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit wieder bedingt ist durch seinen subjektiven Verstand, seine Lebensbedingungen, sein Maß von Kenntnissen und Denkschulung, so ist in diesem Konflikt absoluter Wahrheiten keine andre Lösung möglich, als daß sie sich aneinander abschleißen. Dabei konnte dann nichts andres herauskommen, als eine Art von eklektischem Durchschnittssozialismus, wie er in der Tat bis heute in den Köpfen der meisten sozialistischen Arbeiter in Frankreich und England herrscht, eine, äußerst mannigfaltige Schattierungen zulassende, Mischung aus den weniger auffälligen kritischen Auslassungen, ökonomischen Lehrsätzen und gesellschaftlichen Zukunftsvorstellungen der verschiednen Sektenstifter, eine Mischung, die sich um so leichter bewerkstelligt, je mehr den einzelnen Bestandteilen im Strom der Debatte die scharfen Ecken der Bestimmtheit abgeschliffen sind wie runden Kieseln im Bach. Um aus dem Sozialismus eine Wissenschaft zu machen, mußte er erst auf einen realen Boden gestellt werden.

Inzwischen war neben und nach der französischen Philosophie des 18. Jahrhunderts die neuere deutsche Philosophie entstanden und hatte in Hegel ihren Abschluß gefunden. Ihr größtes Verdienst war die Wiederaufnahme der Dialektik als der höchsten Form des Denkens. Die alten griechischen Philosophen waren alle geborne, naturwüchsige Dialektiker, und der universellste Kopf unter ihnen, Aristoteles, hat auch bereits die wesentlichsten Formen des dialektischen Denkens untersucht. Die neuere Philosophie dagegen, obwohl auch in ihr die Dialektik glänzende Vertreter hatte (z.B. Descartes und Spinoza), war besonders durch englischen Einfluß mehr und mehr in der sog, metaphysischen Denkweise festgefahren, von der auch die Franzosen des 18. Jahrhunderts, wenigstens in ihren speziell philosophischen Arbeiten, fast ausschließlich beherrscht wurden. Außerhalb der eigentlichen Philosophie waren sie ebenfalls imstande, Meisterwerke der Dialektik zu liefern; wir erinnern nur an »Rameaus Neffen« von Diderot und die »Abhandlung über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen« von Rousseau. - Wir geben hier kurz das Wesentliche beider Denkmethoden an; wir werden noch ausführlicher darauf zurückzukommen haben.

|20| Wenn wir die Natur oder die Menschengeschichte oder unsre eigne geistige Tätigkeit der denkenden Betrachtung unterwerfen, so bietet sich uns zunächst dar das Bild einer unendlichen Verschlingung von Zusammenhängen und Wechselwirkungen, in der nichts bleibt, was, wo und wie es war, sondern alles sich bewegt, sich verändert, wird und vergeht. Diese ursprüngliche, naive, aber der Sache nach richtige Anschauung von der Welt ist die der alten griechischen Philosophie und ist zuerst klar ausgesprochen von Heraklit: Alles ist und ist auch nicht, denn alles fließt, ist in steter Veränderung, in stetem Werden und Vergehn begriffen. Aber diese Anschauung, so richtig sie auch den allgemeinen Charakter des Gesamtbildes der Erscheinungen erfaßt, genügt doch nicht, die Einzelheiten zu erklären, aus denen sich dies Gesamtbild zusammensetzt; und solange wir dies nicht können, sind wir auch über das Gesamtbild nicht klar. Um diese Einzelheiten zu erkennen, müssen wir sie aus ihrem natürlichen oder geschichtlichen Zusammenhang herausnehmen und sie, jede für sich, nach ihrer Beschaffenheit, ihren besondern Ursachen und Wirkungen etc. untersuchen. Dies ist zunächst die Aufgabe der Naturwissenschaft und Geschichtsforschung; Untersuchungszweige, die aus sehr guten Gründen bei den Griechen der klassischen Zeit einen nur untergeordneten Rang einnahmen, weil diese vor allem erst das Material zusammenschleppen mußten. Die Anfänge der exakten Naturforschung werden erst bei den Griechen der alexandrinischen Periode und später, im Mittelalter, von den Arabern, weiter entwickelt; eine wirkliche Naturwissenschaft datiert indes erst von der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, und von da an hat sie mit stets wachsender Geschwindigkeit Fortschritte gemacht. Die Zerlegung der Natur in ihre einzelnen Teile, die Sonderung der verschiednen Naturvorgänge und Naturgegenstände in bestimmte Klassen, die Untersuchung des Innern der organischen Körper nach ihren mannigfachen anatomischen Gestaltungen war die Grundbedingung der Riesenfortschritte, die die letzten 400 Jahre uns in der Erkenntnis der Natur gebracht. Aber sie hat uns ebenfalls die Gewohnheit hinterlassen, die Naturdinge und Naturvorgänge in ihrer Vereinzelung, außerhalb des großen Gesamtzusammenhangs aufzufassen; daher nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem Stillstand, nicht als wesentlich veränderliche, sondern als feste Bestände, nicht in ihrem Leben, sondern in ihrem Tod. Und indem, wie dies durch Bacon und Locke geschah, diese Anschauungsweise aus der Naturwissenschaft sich in die Philosophie übertrug, schuf sie die spezifische Borniertheit der letzten Jahrhunderte, die metaphysische Denkweise.

Für den Metaphysiker sind die Dinge und ihre Gedankenabbilder, die |21| Begriffe, vereinzelte, eins nach dem andern und ohne das andre zu betrachtende, feste, starre, ein für allemal gegebne Gegenstände der Untersuchung. Er denkt in lauter unvermittelten Gegensätzen: seine Rede ist ja, ja, nein, nein, was darüber ist, ist vom Übel. Für ihn existiert ein Ding entweder, oder es existiert nicht: ein Ding kann ebensowenig zugleich es selbst und ein andres sein. Positiv und negativ schließen einander absolut aus; Ursache und Wirkung stehn ebenso in starrem Gegensatz zueinander. Diese Denkweise erscheint uns auf den ersten Blick deswegen äußerst plausibel, weil sie diejenige des sogenannten gesunden Menschenverstandes ist. Allein der gesunde Menschenverstand, ein so respektabler Geselle er auch in dem hausbackenen Gebiet seiner vier Wände ist, erlebt ganz wunderbare Abenteuer, sobald er sich in die weite Welt der Forschung wagt; und die metaphysische Anschauungsweise, auf so weiten, je nach der Natur des Gegenstandes ausgedehnten Gebieten sie auch berechtigt und sogar notwendig ist, stößt doch jedesmal früher oder später auf eine Schranke, jenseits welcher sie einseitig, borniert, abstrakt wird und sich in unlösliche Widersprüche verirrt, weil sie über den einzelnen Dingen deren Zusammenhang, über ihrem Sein ihr Werden und Vergehn, über ihrer Ruhe ihre Bewegung vergißt, weil sie vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht. Für alltägliche Fälle wissen wir z.B. und können mit Bestimmtheit sagen, ob ein Tier existiert oder nicht; bei genauerer Untersuchung finden wir aber, daß dies manchmal eine höchst verwickelte Sache ist, wie das die Juristen sehr gut wissen, die sich umsonst abgeplagt haben, eine rationelle Grenze zu entdecken, von der an die Tötung des Kindes im Mutterleibe Mord ist; und ebenso unmöglich ist es, den Moment des Todes festzustellen, indem die Physiologie nachweist, daß der Tod nicht ein einmaliges, augenblickliches Ereignis, sondern ein sehr langwieriger Vorgang ist. Ebenso ist jedes organische Wesen in jedem Augenblick dasselbe und nicht dasselbe; in jedem Augenblick verarbeitet es von außen zugeführte Stoffe und scheidet andre aus, in jedem Augenblick sterben Zellen seines Körpers ab und bilden sich neue; je nach einer längern oder kürzern Zeit ist der Stoff dieses Körpers vollständig erneuert, durch andre Stoffatome ersetzt worden, so daß jedes organisierte Wesen stets dasselbe und doch ein andres ist. Auch finden wir bei genauerer Betrachtung, daß die beiden Pole eines Gegensatzes, wie positiv und negativ, ebenso untrennbar voneinander wie entgegengesetzt sind, und daß sie trotz aller Gegensätzlichkeit sich gegenseitig durchdringen; ebenso, daß Ursache und Wirkung Vorstellungen sind, die nur in der Anwendung auf den einzelnen Fall als solche Gültigkeit haben, daß sie aber, sowie wir den einzelnen Fall in seinem allgemeinen Zusammenhang |22| mit dem Weltganzen betrachten, zusammengehn, sich auflösen in der Anschauung der universellen Wechselwirkung, wo Ursachen und Wirkungen fortwährend ihre Stelle wechseln, das was jetzt oder hier Wirkung, dort oder dann Ursache wird und umgekehrt.

Alle diese Vorgänge und Denkmethoden passen nicht in den Rahmen des metaphysischen Denkens hinein. Für die Dialektik dagegen, die die Dinge und ihre begrifflichen Abbilder wesentlich in ihrem Zusammenhang, ihrer Verkettung, ihrer Bewegung, ihrem Entstehn und Vergehn auffaßt, sind Vorgänge wie die obigen, ebensoviel Bestätigungen ihrer eignen Verfahrungsweise. Die Natur ist die Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Probe ein äußerst reichliches, sich täglich häufendes Material geliefert und damit bewiesen hat, daß es in der Natur, in letzter Instanz, dialektisch und nicht metaphysisch hergeht. Da aber die Naturforscher bis jetzt zu zählen sind, die dialektisch zu denken gelernt haben, so erklärt sich aus diesem Konflikt der entdeckten Resultate mit der hergebrachten Denkweise die grenzenlose Verwirrung, die jetzt in der theoretischen Naturwissenschaft herrscht und die Lehrer wie Schüler, Schriftsteller wie Leser zur Verzweiflung bringt.

Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und der der Menschheit, sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in den Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege, mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens und Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen zustande kommen. Und in diesem Sinn trat die neuere deutsche Philosophie auch sofort auf. Kant eröffnete seine Laufbahn damit, daß er das stabile Newtonsche Sonnensystem und seine - nachdem der famose erste Anstoß einmal gegeben - ewige Dauer auflöste in einen geschichtlichen Vorgang: in die Entstehung der Sonne und aller Planeten aus einer rotierenden Nebelmasse. Dabei zog er bereits die Folgerung, daß mit dieser Entstehung ebenfalls der künftige Untergang des Sonnensystems notwendig gegeben sei. Seine Ansicht wurde ein halbes Jahrhundert später durch Laplace mathematisch begründet, und noch ein halbes Jahrhundert später wies das Spektroskop die Existenz solcher glühenden Gasmassen, in verschiednen Stufen der Verdichtung, im Weltraum nach.

Ihren Abschluß fand diese neuere deutsche Philosophie im Hegelschen System, worin zum erstenmal - und das ist sein großes Verdienst - die ganze natürliche, geschichtliche und geistige Welt als ein Prozeß, d.h. als in steter Bewegung, Veränderung, Umbildung und Entwicklung begriffen dargestellt und der Versuch gemacht wurde, den inneren Zusammenhang |23| in dieser Bewegung und Entwicklung nachzuweisen. Von diesem Gesichtspunkt aus erschien die Geschichte der Menschheit nicht mehr als ein wüstes Gewirr sinnloser Gewalttätigkeiten, die vor dem Richterstuhl der jetzt gereiften Philosophenvernunft alle gleich verwerflich sind und die man am besten so rasch wie möglich vergißt, sondern als der Entwicklungsprozeß der Menschheit selbst, dessen allmählichen Stufengang durch alle Irrwege zu verfolgen und dessen innere Gesetzmäßigkeit durch alle scheinbaren Zufälligkeiten hindurch nachzuweisen jetzt die Aufgabe des Denkens wurde.

Daß Hegel diese Aufgabe nicht löste, ist hier gleichgültig. Sein epochemachendes Verdienst war, sie gestellt zu haben. Es ist eben eine Aufgabe, die kein einzelner je wird lösen können. Obwohl Hegel - neben Saint-Simon - der universellste Kopf seiner Zelt war, so war er doch beschränkt erstens durch den notwendig begrenzten Umfang seiner eignen Kenntnisse und zweitens durch die ebenfalls nach Umfang und Tiefe begrenzten Kenntnisse und Anschauungen seiner Epoche. Dazu kam aber noch ein Drittes. Hegel war Idealist, d.h., ihm galten die Gedanken seines Kopfs nicht als die mehr oder weniger abstrakten Abbilder der wirklichen Dinge und Vorgänge, sondern umgekehrt galten ihm die Dinge und ihre Entwicklung nur als die verwirklichten Abbilder der irgendwo schon vor der Welt existierenden »Idee«. Damit war alles auf den Kopf gestellt und der wirkliche Zusammenhang der Welt vollständig umgekehrt. Und so richtig und genial auch manche Einzelzusammenhänge von Hegel aufgefaßt worden, so mußte doch aus den angegebnen Gründen auch im Detail vieles geflickt, gekünstelt, konstruiert, kurz verkehrt ausfallen. Das Hegelsche System als solches war eine kolossale Fehlgeburt - aber auch die letzte ihrer Art. Es litt nämlich noch an einem unheilbaren innern Widerspruch: einerseits hatte es zur wesentlichen Voraussetzung die historische Anschauung, wonach die menschliche Geschichte ein Entwicklungsprozeß ist, der seiner Natur nach nicht durch die Entdeckung einer sogenannten absoluten Wahr- |24| heit seinen intellektuellen Abschluß finden kann; andrerseits aber behauptet es, der Inbegriff eben dieser absoluten Wahrheit zu sein. Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußern Welt von Geschlecht zu Geschlecht Riesenschritte machen kann.

Die Einsicht in die totale Verkehrtheit des bisherigen deutschen Idealismus führte notwendig zum Materialismus, aber wohlgemerkt, nicht zum bloß metaphysischen, ausschließlich mechanischen Materialismus des 18. Jahrhunderts. Gegenüber der naiv-revolutionären, einfachen Verwerfung aller frühern Geschichte, sieht der moderne Materialismus in der Geschichte den Entwicklungsprozeß der Menschheit, dessen Bewegungsgesetze zu entdecken seine Aufgabe ist. Gegenüber der sowohl bei den Franzosen des 18. Jahrhunderts wie bei Hegel herrschenden Vorstellung von der Natur als eines sich in engen Kreisläufen bewegenden, sich gleichbleibenden Ganzen mit ewigen Weltkörpern, wie sie Newton, und unveränderlichen Arten von organischen Wesen, wie sie Linné gelehrt hatte, faßt er die neueren Fortschritte der Naturwissenschaft zusammen, wonach die Natur ebenfalls ihre Geschichte in der Zeit hat, die Weltkörper wie die Artungen der Organismen, von denen sie unter günstigen Umständen bewohnt werden, entstehn und vergehn, und die Kreisläufe, soweit sie überhaupt zulässig sind, unendlich großartigere Dimensionen annehmen. In beiden Fällen ist er wesentlich dialektisch und braucht keine über den andern Wissenschaften stehende Philosophie mehr. Sobald an jede einzelne Wissenschaft die Forderung herantritt, über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich klarzuwerden, ist jede besondre Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang überflüssig. Was von der ganzen bisherigen Philosophie dann noch selbständig bestehn bleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen Gesetzen - die formelle Logik und die Dialektik. Alles andre geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte.

Während jedoch der Umschwung der Naturanschauung nur in dem Maß sich vollziehn konnte, als die Forschung den entsprechenden positiven Erkenntnisstoff lieferte, hatten sich schon viel früher historische Tatsachen geltend gemacht, die für die Geschichtsauffassung eine entscheidende Wendung herbeiführten. 1831 hatte in Lyon der erste Arbeiteraufstand stattgefunden; 1838 bis 1842 erreichte die erste nationale Arbeiterbewegung, die der englischen Chartisten, ihren Höhepunkt. Der Klassen- |25| kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie trat in den Vordergrund der Geschichte der fortgeschrittensten Länder Europas, in demselben Maß, wie sich dort einerseits die große Industrie, andrerseits die neueroberte politische Herrschaft der Bourgeoisie entwickelte. Die Lehren der bürgerlichen Ökonomie von der Identität der Interessen von Kapital und Arbeit, von der allgemeinen Harmonie und dem allgemeinen Volkswohlstand als Folge der freien Konkurrenz, wurden immer schlagender von den Tatsachen Lügen gestraft.

Alle diese Dinge waren nicht mehr abzuweisen, ebensowenig wie der französische und englische Sozialismus, der ihr theoretischer, wenn auch höchst unvollkommner Ausdruck war. Aber die alte idealistische Geschichtsauffassung, die noch nicht verdrängt war, kannte keine auf materiellen Interessen beruhenden Klassenkämpfe, überhaupt keine materiellen Interessen; die Produktion wie alle ökonomischen Verhältnisse kamen in ihr nur so nebenbei, als untergeordnete Elemente der »Kulturgeschichte« vor.

Die neuen Tatsachen zwangen dazu, die ganze bisherige Geschichte einer neuen Untersuchung zu unterwerfen, und da zeigte sich, daß alle bisherige Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen war, daß diese einander bekämpfenden Klassen der Gesellschaft jedesmal Erzeugnisse sind der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, mit Einem Wort der ökonomischen Verhältnisse ihrer Epoche; daß also die jedesmalige ökonomische Struktur der Gesellschaft die reale Grundlage bildet, aus der der gesamte Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen sowie der religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungsweise eines jeden geschichtlichen Zeitabschnittes in letzter Instanz zu erklären sind. Hiermit war der Idealismus aus seinem letzten Zufluchtsort, aus der Geschichtsauffassung, vertrieben, eine materialistische Geschichtsauffassung gegeben und der Weg gefunden, um das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären.

Mit dieser materialistischen Geschichtsauffassung war aber der bisherige Sozialismus ebenso unverträglich wie die Naturauffassung des französischen Materialismus mit der Dialektik und der neueren Naturwissen- |26| schaft. Der bisherige Sozialismus kritisierte zwar die bestehende kapitalistische Produktionsweise und ihre Folgen, konnte sie aber nicht erklären, also auch nicht mit ihr fertig werden; er konnte sie nur einfach als schlecht verwerfen. Es handelte sich aber darum, diese kapitalistische Produktionsweise einerseits in ihrem geschichtlichen Zusammenhang und ihrer Notwendigkeit für einen bestimmten geschichtlichen Zeitabschnitt, also auch die Notwendigkeit ihres Untergangs, darzustellen, andrerseits aber auch ihren innern Charakter zu enthüllen, der noch immer verborgen war, da die bisherige Kritik sich mehr auf die üblen Folgen als auf den Gang der Sache selbst geworfen hatte. Dies geschah durch die Entdeckung des Mehrwerts. Es wurde bewiesen, daß die Aneignung unbezahlter Arbeit die Grundform der kapitalistischen Produktionsweise und der durch sie vollzognen Ausbeutung des Arbeiters ist; daß der Kapitalist, selbst wenn er die Arbeitskraft seines Arbeiters zum vollen Wert kauft, den sie als Ware auf dem Warenmarkt hat, dennoch mehr Wert aus ihr herausschlägt, als er für sie bezahlt hat; und daß dieser Mehrwert in letzter Instanz die Wertsumme bildet, aus der sich die stets wachsende Kapitalmasse in den Händen der besitzenden Klassen aufhäuft. Der Hergang sowohl der kapitalistischen Produktion wie der Produktion von Kapital war erklärt.

Diese beiden großen Entdeckungen: die materialistische Geschichtsauffassung und die Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion vermittelst des Mehrwerts, verdanken wir Marx. Mit ihnen wurde der Sozialismus eine Wissenschaft, die es sich nun zunächst darum handelt, in allen ihren Einzelnheiten und Zusammenhängen weiter auszuarbeiten.

So etwa standen die Sachen auf dem Gebiete des theoretischen Sozialismus und der verstorbenen Philosophie, als Herr Eugen Dühring nicht ohne beträchtliches Gepolter auf die Bühne sprang und eine durch ihn vollzogene, totale Umwälzung der Philosophie, der politischen Ökonomie und des Sozialismus ankündigte.

Sehn wir zu, was Herr Dühring uns verspricht und - was er hält.

 

II.

Was Herr Dühring verspricht

Herrn Dührings zunächst hierher gehörige Schriften sind sein »Cursus der Philosophie«, sein »Cursus der National- und Socialökonomie« und seine »Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus«. Zunächst interessiert uns vorwiegend das erste Werk.

|27| Gleich auf der ersten Seite kündigt Herr Dühring sich an als

»denjenigen, der die Vertretung dieser Macht« (der Philosophie) »in seiner Zeit und für die zunächst absehbare Entfaltung derselben in Anspruch nimmt«. |Alle Hervorhebungen in den Zitaten aus den Schriften Dührings stammen von Engels.|

Er erklärt sich also für den einzig wahren Philosophen der Gegenwart und »absehbaren« Zukunft. Wer von ihm abweicht, weicht ab von der Wahrheit. Viele Leute haben, schon vor Herrn Dühring, so etwas von sich selbst gedacht, aber er ist - außer Richard Wagner - wohl der erste, der es von sich selbst gelassen ausspricht. Und zwar ist die Wahrheit, um die es sich bei ihm handelt,

»eine endgültige Wahrheit letzter Instanz«.

Die Philosophie des Herrn Dühring ist

»das natürliche System oder die Wirklichkeitsphilosophie ... die Wirklichkeit wird in ihm in einer Weise gedacht, die jede Anwandlung zu einer traumhaften und subjektivistisch beschränkten Weltvorstellung ausschließt«.

Diese Philosophie ist also so beschaffen, daß sie Herrn Dühring über die von ihm selbst nicht zu leugnenden Schranken seiner persönlich-subjektiven Beschränktheit hinaushebt. Es ist dies allerdings nötig, wenn er imstande sein soll, endgültige Wahrheiten letzter Instanz festzustellen, obwohl wir bis jetzt noch nicht einsehn, wie dies Wunder sich bewerkstelligen soll.

Dies »natürliche System des an sich für den Geist wertvollen Wissens« hat, »ohne der Tiefe des Gedankens etwas zu vergeben, die Grundgestalten des Seins sicher festgestellt«. von seinem »wirklich kritischen Standpunkt« aus bietet es »die Elemente einer wirklichen und demgemäß auf die Wirklichkeit der Natur und des Lebens gerichteten Philosophie, welche keinen bloß scheinbaren Horizont gelten läßt, sondern in ihrer mächtig umwälzenden Bewegung alle Erden und Himmel der äußeren und inneren Natur aufrollt«; es ist eine »neue Denkweise«, und ihre Resultate sind »von Grund aus eigentümliche Ergebnisse und Anschauungen ... systemschaffende Gedanken ... festgestellte Wahrheiten«. Wir haben in ihr vor uns »eine Arbeit, die ihre Kraft in der konzentrierten Initiative suchen muß« - was das auch immer heißen möge; eine »bis an die Wurzeln reichende Untersuchung ... eine wurzelhafte Wissenschaft ... eine streng wissenschaftliche Auffassung von Dingen und Menschen ... eine allseitig durchdringende Gedankenarbeit ... ein schöpferisches Entwerfen der vom Gedanken beherrschbaren Voraussetzungen und Folgen ... das absolut Fundamentale«.

Er gibt uns auf ökonomisch-politischem Gebiet nicht nur

»historisch und systematisch umfassende Arbeiten«, von denen die historischen sich obendrein durch »meine Geschichtszeichnung großen Stils« auszeichnen und welche in der Ökonomie »schöpferische Wendungen« zuwege brachten,

|28| sondern schließt auch mit einem eignen vollständig ausgearbeiteten sozialistischen Plan für die Zukunftsgesellschaft ab, der die

»praktische Frucht einer klaren und bis an die letzten Wurzeln reichenden Theorie«,

und daher ebenso unfehlbar und alleinseligmachend ist wie die Dühringsche Philosophie; denn

»nur in demjenigen sozialistischen Gebilde, welches ich in meinem 'Cursus der National-und Socialökonomie' gekennzeichnet habe, kann ein echtes Eigen an die Stelle des bloß scheinbaren und vorläufigen oder aber gewaltsamen Eigentums treten«. Wonach die Zukunft sich zu richten hat.

Diese Blumenlese von Lobpreisungen des Herrn Dühring durch Herrn Dühring ließe sich leicht ums Zehnfache vermehren. Sie dürfte schon jetzt beim Leser einige Zweifel rege gemacht haben, ob er es wirklich mit einem Philosophen zu tun habe oder mit - aber wir müssen den Leser bitten, sein Urteil zurückzuhalten, bis er die besagte Wurzelhaftigkeit wird näher kennengelernt haben. Wir geben obige Blumenlese auch nur, um zu zeigen, daß wir nicht einen gewöhnlichen Philosophen und Sozialisten vor uns haben, der seine Gedanken einfach ausspricht und es der weitern Entwicklung überläßt, über ihren Wert zu entscheiden, sondern mit einem ganz außergewöhnlichen Wesen, das nicht weniger unfehlbar zu sein behauptet, als der Papst, und dessen alleinseligmachende Lehre man einfach anzunehmen hat, wenn man nicht der verwerflichsten Ketzerei verfallen will. Wir haben es keineswegs mit einer jener Arbeiten zu tun, an denen alle sozialistischen Literaturen und neuerdings auch die deutsche überreich sind, Arbeiten, in denen Leute verschiednen Kalibers sich in der aufrichtigsten Weise von der Welt über Fragen klarzuwerden suchen, zu deren Beantwortung ihnen das Material vielleicht mehr oder weniger abgeht; Arbeiten, bei denen, was auch ihre wissenschaftlichen und literarischen Mängel, der sozialistische gute Wille immer anerkennenswert ist. Im Gegenteil, Herr Dühring bietet uns Sätze, die er für endgültige Wahrheiten letzter Instanz erklärt, neben denen jede andre Meinung also von vornherein falsch ist; wie die ausschließliche Wahrheit, so hat er auch die einzige streng wissenschaftliche Methode der Untersuchung, neben der alle andern unwissenschaftlich sind. Entweder hat er recht - und dann stehn wir vor dem größten Genie aller Zeiten, dem ersten übermenschlichen, weil unfehlbaren Menschen. Oder er hat unrecht, und auch dann, wie unser Urteil immer ausfallen möge, wäre wohlwollende Rücksichtnahme auf seinen etwaigen guten Willen immer noch die tödlichste Beleidigung für Herrn Dühring.

|29| Wenn man im Besitz der endgültigen Wahrheit letzter Instanz und der einzig strengen Wissenschaftlichkeit ist, so muß man selbstredend für die übrige irrende und unwissenschaftliche Menschheit eine ziemliche Verachtung haben. Wir dürfen uns also nicht wundern, wenn Herr Dühring von seinen Vorgängern mit der äußersten Wegwerfung spricht, und wenn nur wenige, ausnahmsweise von ihm selbst ernannte große Männer vor seiner Wurzelhaftigkeit Gnade finden.

Hören wir ihn zuerst über die Philosophen:

»Der jeder besseren Gesinnung bare Leibniz, ... dieser beste unter allen höfisch möglichen Philosophierern.«

Kant wird noch soeben geduldet; aber nach ihm ging alles drunter und drüber:

es kamen die »Wüstheiten und ebenso läppischen als windigen Torheiten der nächsten Epigonen, also namentlich eines Fichte und Schelling ... ungeheuerliche Zerrbilder unwissender Naturphilosophastrik ... die nachkantischen Ungeheuerlichkeiten« und »Fieberphantasien«, denen die Krone aufsetzte »ein Hegel«. Dieser sprach einen »Hegel-Jargon« und verbreitete die »Hegel-Seuche« vermittelst seiner »überdies noch in der Form unwissenschaftlichen Manier« und seiner »Kruditäten«.

Den Naturforschern geht's nicht besser, doch wird nur Darwin namentlich aufgeführt, und so müssen wir uns auf diesen beschränken:

»Darwinistische Halbpoesie und Metamorphosenfertigkeit mit ihrer grobsinnlichen Enge der Auffassung und Stumpfheit der Unterscheidungskraft ... Unseres Erachtens ist der spezifische Darwinismus, wovon natürlich die Lamarckschen Aufstellungen auszunehmen sind, ein Stück gegen die Humanität gerichtete Brutalität

Am schlimmsten aber kommen die Sozialisten weg. Mit Ausnahme von allenfalls Louis Blanc - dem unbedeutendsten von allen - sind sie allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den sie vor (oder hinter) Herrn Dühring haben sollten. Und nicht nur der Wahrheit und Wissenschaftlichkeit, nein, auch dem Charakter nach. Mit Ausnahme von Babeuf und einigen Kommunards von 1871 sind sie allesamt keine »Männer«. Die drei Utopisten heißen »soziale Alchimisten«. von ihnen wird Saint-Simon noch insoweit glimpflich behandelt, als ihm bloß »Überspanntheit« vorgeworfen und mitleidig angedeutet wird, er habe an religiösem Wahnsinn gelitten. Bei Fourier dagegen reißt Herrn Dühring die Geduld vollständig. Denn Fourier

»enthüllte alle Elemente des Wahnwitzes ... Ideen, die man sonst am ehesten in Irrenhäusern aufsucht ... wüsteste Träume ... Erzeugnisse des Wahnwitzes. ... Der unsäglich alberne Fourier«, dieses »Kinderköpfchen«, dieser »Idiot« ist dabei nicht einmal ein Sozialist; sein Phalanstère ist durchaus kein Stück rationeller Sozialismus, sondern »ein nach der Schablone des gewöhnlichen Verkehrs konstruiertes Mißgebilde«.

|30| und endlich:

»Wem diese Auslassungen« (Fouriers über Newton) » ... nicht genügen, um sich zu überzeugen, daß in Fouriers Namen und am ganzen Fourierismus nur die erste Silbe« (fou = verrückt) »etwas Wahres besagt, der dürfte selbst unter irgendeiner Kategorie von Idioten einzureihen sein

Endlich, Robert Owen

»hatte matte und dürftige Ideen ... sein im Punkte der Moral so rohes Denken ... einige ins Verschrobene ausgeartete Gemeinplätze ... widersinnige und rohe Anschauungsweise ... Owens Vorstellungslauf ist kaum wert, daß man eine ernstere Kritik zur Geltung bringe ... seine Eitelkeit« usw.

Wenn also Herr Dühring die Utopisten nach ihren Namen äußerst geistreich folgendermaßen kennzeichnet: Saint-Simon - saint (heilig), Fourier - fou (verrückt), Enfantin - enfant (kindisch), so fehlt nur noch, daß er hinzusetzt: Owen - o weh! und eine ganz bedeutende Periode der Geschichte des Sozialismus ist mit vier Worten einfach - verdonnert, und wer daran zweifelt, der »dürfte selbst unter irgendeine Kategorie von Idioten einzureihen sein«.

von den Dühringschen Urteilen über die spätern Sozialisten nehmen wir der Kürze halber nur noch die über Lassalle und Marx heraus:

Lassalle: »Pedantisch-klaubende Popularisierungsversuche ... überwuchernde Scholastik ... ungeheuerliches Gemisch von allgemeiner Theorie und kleinlichem Quark ... sinn- und formlose Hegel-Superstition ... abschreckendes Beispiel ... eigne Beschränktheit ... Wichtigtuerei mit dem gleichgültigsten Kleinkram ... unser jüdischer Held ... Pamphletschreiber ... ordinär ... innere Haltungslosigkeit der Lebens- und Weltanschauung.«

Marx: »Beengtheit der Auffassung ... seine Arbeiten und Leistungen sind an und für sich, d.h. rein theoretisch betrachtet, für unser Gebiet« (die kritische Geschichte des Sozialismus) »ohne dauernde Bedeutung und für die allgemeine Geschichte der geistigen Strömung höchstens als Symptome der Einwirkung eines Zweigs der neueren Sektenscholastik anzuführen ... Ohnmacht der konzentrierenden und ordnenden Fähigkeiten ... Unförmlichkeit der Gedanken und des Stils, würdelose Allüren der Sprache ... englisierte Eitelkeit ... Düpierung ... wüste Konzeptionen, die in der Tat nur Bastarde historischer und logischer Phantastik sind ... trügerische Wendung ... persönliche Eitelkeit ... schnöde Manierchen ... schnoddrig ... schöngeistige Plätzchen und Mätzchen ... Chinesengelehrsamkeit ... philosophische und wissenschaftliche Rückständigkeit.«

Und so weiter, und so weiter - denn auch dies ist nur eine kleine oberflächliche Blumenlese aus dem Dühringschen Rosengarten. Wohlverstanden, vorderhand geht es uns noch gar nichts an, ob diese liebenswürdigen |31| Schimpfereien, die es Herrn Dühring, bei einiger Bildung, verbieten sollten, irgend etwas schnöde und schnoddrig zu finden, ebenfalls endgültige Wahrheiten letzter Instanz sind. Auch werden wir uns - jetzt noch - hüten, irgendeinen Zweifel an ihrer Wurzelhaftigkeit laut werden zu lassen, da man uns sonst vielleicht sogar verbieten dürfte, die Kategorie von Idioten auszusuchen, zu der wir gehören. Wir haben es nur für unsre Schuldigkeit gehalten, einerseits ein Beispiel davon zu geben, was Herr Dühring

»das Gewählte der rücksichtsvollen und im echten Sinn des Worts bescheidnen Ausdrucksart«

nennt, und andrerseits festzustellen, daß bei Herrn Dühring die Verwerflichkeit seiner Vorgänger nicht minder feststeht, als seine eigne Unfehlbarkeit. Hiernach ersterben wir in tiefster Ehrerbietung vor dem gewaltigsten Genius aller Zeiten - wenn sich das alles nämlich so verhält.

 

 

III.

Einteilung.

Apriorismus

|32| Philosophie ist, nach Herrn Dühring, die Entwicklung der höchsten Form des Bewußtseins von Welt und Leben und umfaßt in einem weitern Sinne die Prinzipien alles Wissens und Wollens. Wo irgendeine Reihe von Erkenntnissen oder Antrieben oder eine Gruppe von Existenzformen für das menschliche Bewußtsein in Frage kommt, müssen die Prinzipien dieser Gestalten ein Gegenstand der Philosophie sein. Diese Prinzipien sind die einfachen oder bis jetzt als einfach vorausgesetzten Bestandteile, aus denen sich das mannigfaltige Wissen und Wollen zusammensetzen läßt. Ähnlich wie die chemische Konstitution der Körper kann auch die allgemeine Verfassung der Dinge auf Grundformen und Grundelemente zurückgeführt werden. Diese letzten Bestandteile oder Prinzipien gelten, sobald sie einmal gewonnen sind, nicht bloß für das unmittelbar Bekannte und Zugängliche, sondern auch für die uns unbekannte und unzugängliche Welt. Die philosophischen Prinzipien bilden mithin die letzte Ergänzung, deren die Wissenschaften bedürfen, um zu einem einheitlichen System der Erklärung von Natur und Menschenleben zu werden. Außer den Grundformen aller Existenz hat die Philosophie nur zwei eigentliche Gegenstände der Untersuchung, nämlich die Natur und die Menschenwelt. Hiernach ergeben sich für die Anordnung unsres Stoffs völlig ungezwungen drei Gruppen, nämlich die allgemeine Weltschematik, die Lehre von den Naturprinzipien und schließlich diejenige vom Menschen. In dieser Abfolge ist zugleich eine innere logische Ordnung enthalten; denn die formalen Grundsätze, welche für alles Sein gelten, gehn voran, und die gegenständlichen Gebiete, auf die sie anzuwenden sind, folgen in der Abstufung ihrer Unterordnung nach.

So weit Herr Dühring, und fast ausschließlich wörtlich. Also um Prinzipien handelt es sich bei ihm, um aus dem Denken, nicht aus der äußern Welt, abgeleitete formale Grundsätze, die auf die Natur und das Reich des Menschen anzuwenden sind, nach denen also Natur und Mensch sich zu richten haben. Aber woher nimmt das Denken diese Grundsätze? Aus sich selbst? Nein, denn Herr Dühring sagt selbst: das rein ideelle |33| Gebiet beschränkt sich auf logische Schemata und mathematische Gebilde (welches letztere noch dazu falsch ist, wie wir sehn werden). Die logischen Schemata können sich nur auf Denkformen beziehn; hier aber handelt es sich nur um die Formen des Seins, der Außenwelt, und diese Formen kann das Denken niemals aus sich selbst, sondern eben nur aus der Außenwelt schöpfen und ableiten. Damit aber kehrt sich das ganze Verhältnis um: die Prinzipien sind nicht der Ausgangspunkt der Untersuchung, sondern ihr Endergebnis; sie werden nicht auf Natur und Menschengeschichte angewandt, sondern aus ihnen abstrahiert; nicht die Natur und das Reich des Menschen richten sich nach den Prinzipien, sondern die Prinzipien sind nur insoweit richtig, als sie mit Natur und Geschichte stimmen. Das ist die einzige materialistische Auffassung der Sache, und die entgegenstehende des Herrn Dühring ist idealistisch, stellt die Sache vollständig auf den Kopf und konstruiert die wirkliche Welt aus dem Gedanken, aus irgendwo vor der Welt von Ewigkeit bestehenden Schematen, Schemen oder Kategorien, ganz wie - ein Hegel.

In der Tat. Legen wir die »Enzyklopädie« Hegels mit all ihren Fieberphantasien neben die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz des Herrn Dühring. Bei Herrn Dühring haben wir erstens die allgemeine Weltschematik, die bei Hegel die Logik heißt. Dann haben wir bei beiden die Anwendung dieser Schemata, beziehungsweise logischen Kategorien auf die Natur: Naturphilosophie, und endlich deren Anwendung auf das Reich des Menschen, was Hegel die Philosophie des Geistes nennt. Die »innerlich logische Ordnung« der Dühringschen Abfolge führt uns also »völlig ungezwungen« auf Hegels »Enzyklopädie« zurück, aus der sie mit einer Treue entnommen ist, die den Ewigen Juden der Hegelschen Schule, den Professor Michelet in Berlin, zu Tränen rühren wird.

Das kommt davon, wenn man »das Bewußtsein«, »das Denken« ganz naturalistisch als etwas Gegebnes, von vornherein dem Sein, der Natur Entgegengesetztes, so hinnimmt. Dann muß man es auch höchst merkwürdig finden, daß Bewußtsein und Natur, Denken und Sein, Denkgesetze und Naturgesetze so sehr zusammenstimmen. Fragt man aber weiter, was denn Denken und Bewußtsein sind und woher sie stammen, so findet man, daß es Produkte des menschlichen Hirns und daß der Mensch selbst ein Naturprodukt, das sich in und mit seiner Umgebung entwickelt hat; wobei es sich dann von selbst versteht, daß die Erzeugnisse des menschlichen Hirns, die in letzter Instanz ja auch Naturprodukte sind, dem übrigen Naturzusammenhang nicht widersprechen, sondern entsprechen.

Aber Herr Dühring darf sich diese einfache Behandlung der Sache nicht |34| erlauben. Er denkt nicht nur im Namen der Menschheit - was doch schon eine ganz hübsche Sache wäre -, sondern im Namen der bewußten und denkenden Wesen aller Weltkörper:

In der Tat, es wäre »eine Herabwürdigung der Grundgestalten des Bewußtseins und Wissens, wenn man ihre souveräne Geltung und ihren unbedingten Anspruch auf Wahrheit durch das Epitheton menschlich ausschließen oder auch nur verdächtigen wollte«.

Damit also nicht der Verdacht aufkomme, als sei auf irgendeinem andern Weltkörper zwei mal zwei gleich fünf, darf Herr Dühring das Denken nicht als menschliches bezeichnen, muß es damit abtrennen von der einzigen wirklichen Grundlage, auf der es für uns vorkommt, nämlich vom Menschen und der Natur, und plumpst damit rettungslos in eine Ideologie, die ihn als Epigonen des »Epigonen« Hegel auftreten macht. Übrigens werden wir Herrn Dühring noch öfters auf andern Weltkörpern begrüßen.

Es versteht sich von selbst, daß man auf so ideologischer Grundlage keine materialistische Lehre gründen kann. Wir werden später sehn, daß Herr Dühring genötigt ist, der Natur mehr als einmal bewußte Handlungsweise unterzuschieben, also das, was man auf deutsch Gott nennt.

Indes hatte unser Wirklichkeitsphilosoph auch noch andre Beweggründe, die Grundlage aller Wirklichkeit aus der wirklichen Welt in die Gedankenwelt zu übertragen. Die Wissenschaft von diesem allgemeinen Weltschematismus, von diesen formellen Grundsätzen des Seins, ist ja grade die Grundlage von Herrn Dührings Philosophie. Wenn wir den Weltschematismus nicht aus dem Kopf, sondern bloß vermittelst des Kopfs aus der wirklichen Welt, die Grundsätze des Seins aus dem, was ist, ableiten, so brauchen wir dazu keine Philosophie, sondern positive Kenntnisse von der Welt und was in ihr vorgeht; und was dabei herauskommt, ist ebenfalls keine Philosophie, sondern positive Wissenschaft. Damit wäre aber Herrn Dührings ganzer Band nichts als verlorne Liebesmüh.

Ferner: wenn keine Philosophie als solche mehr nötig, dann auch kein System, selbst kein natürliches System der Philosophie mehr. Die Einsicht, daß die Gesamtheit der Naturvorgänge in einem systematischen Zusammenhang steht, treibt die Wissenschaft dahin, diesen systematischen Zusammenhang überall im einzelnen wie im ganzen nachzuweisen. Aber eine entsprechende, erschöpfende, wissenschaftliche Darstellung dieses Zusammenhangs, die Abfassung eines exakten Gedankenabbildes des Weltsystems, in dem wir leben, bleibt für uns sowohl wie für alle Zeiten eine Unmöglichkeit. Würde an irgendeinem Zeitpunkt der Menschheitsentwicklung ein solches endgültig abschließendes System der Weltzusammenhänge, |35| physischer wie geistiger und geschichtlicher, fertiggebracht, so wäre damit das Reich der menschlichen Erkenntnis abgeschlossen, und die zukünftige geschichtliche Fortentwicklung abgeschnitten von dem Augenblick an, wo die Gesellschaft im Einklang mit jenem System eingerichtet ist - was eine Absurdität, ein reiner Widersinn wäre. Die Menschen finden sich also vor den Widerspruch gestellt: einerseits das Weltsystem erschöpfend in seinem Gesamtzusammenhang zu erkennen, und andrerseits, sowohl ihrer eignen wie der Natur des Weltsystems nach, diese Aufgabe nie vollständig lösen zu können. Aber dieser Widerspruch liegt nicht nur in der Natur der beiden Faktoren: Welt und Menschen, sondern er ist auch der Haupthebel des gesamten intellektuellen Fortschritts und löst sich tagtäglich und fortwährend in der unendlichen progressiven Entwicklung der Menschheit, ganz wie z.B. mathematische Aufgaben in einer unendlichen Reihe oder einem Kettenbruch ihre Lösung finden. Tatsächlich ist und bleibt jedes Gedankenabbild des Weltsystems objektiv durch die geschichtliche Lage und subjektiv durch die Körper- und Geistesverfassung seines Urhebers beschränkt. Aber Herr Dühring erklärt von vornherein seine Denkweise für eine solche, die jede Anwandlung zu einer subjektivistisch beschränkten Weltvorstellung ausschließt. Wir sahn vorher, er war allgegenwärtig - auf allen möglichen Weltkörpern. Jetzt sehn wir auch, daß er allwissend ist. Er hat die letzten Aufgaben der Wissenschaft gelöst und so die Zukunft aller Wissenschaft mit Brettern zugenagelt.

Wie die Grundgestalten des Seins, meint Herr Dühring, auch die gesamte reine Mathematik apriorisch, d.h. ohne Benutzung der Erfahrungen, die uns die Außenwelt bietet, aus dem Kopf heraus fertigbringen zu können.

In der reinen Mathematik soll sich der Verstand befassen »mit seinen eignen freien Schöpfungen und Imaginationen«; die Begriffe von Zahl und Figur sind »ihr zureichendes und von ihr selbst erzeugbares Objekt«, und somit hat sie eine »von der besondern Erfahrung und dem realen Weltinhalt unabhängige Geltung«.

Daß die reine Mathematik eine von der besondern Erfahrung jedes einzelnen unabhängige Geltung hat, ist allerdings richtig und gilt von allen festgestellten Tatsachen aller Wissenschaften, ja von allen Tatsachen überhaupt. Die magnetischen Pole, die Zusammensetzung des Wassers aus Wasserstoff und Sauerstoff, die Tatsache, daß Hegel tot ist und Herr Dühring lebt, gelten unabhängig von meiner oder andrer einzelnen Leute Erfahrung, selbst unabhängig von der des Herrn Dühring, sobald er den Schlaf des Gerechten schläft. Keineswegs aber befaßt sich in der reinen |36| Mathematik der Verstand bloß mit seinen eignen Schöpfungen und Imaginationen. Die Begriffe von Zahl und Figur sind nirgends anders hergenommen, als aus der wirklichen Welt. Die zehn Finger, an denen die Menschen zählen, also die erste arithmetische Operation vollziehn gelernt haben, sind alles andre, nur nicht eine freie Schöpfung des Verstandes. Zum Zählen gehören nicht nur zählbare Gegenstände, sondern auch schon die Fähigkeit, bei Betrachtung dieser Gegenstände von allen ihren übrigen Eigenschaften abzusehn außer ihrer Zahl - und diese Fähigkeit ist das Ergebnis einer langen geschichtlichen, erfahrungsmäßigen Entwicklung. Wie der Begriff Zahl, so ist der Begriff Figur ausschließlich der Außenwelt entlehnt, nicht im Kopf aus dem reinen Denken entsprungen. Es mußte Dinge geben, die Gestalt hatten und deren Gestalten man verglich, ehe man auf den Begriff Figur kommen konnte. Die reine Mathematik hat zum Gegenstand die Raumformen und Quantitätsverhältnisse der wirklichen Welt, also einen sehr realen Stoff. Daß dieser Stoff in einer höchst abstrakten Form erscheint, kann seinen Ursprung aus der Außenwelt nur oberflächlich verdecken. Um diese Formen und Verhältnisse in ihrer Reinheit untersuchen zu können, muß man sie aber vollständig von ihrem Inhalt trennen, diesen als gleichgültig beiseite setzen; so erhält man die Punkte ohne Dimensionen, die Linien ohne Dicke und Breite, die a und b und x und y, die Konstanten und die Variablen, und kommt dann ganz zuletzt erst auf die eignen freien Schöpfungen und Imaginationen des Verstandes, nämlich die imaginären Größen. Auch die scheinbare Ableitung mathematischer Größen aus einander beweist nicht ihren apriorischen Ursprung, sondern nur ihren rationellen Zusammenhang. Ehe man auf die Vorstellung kam, die Form eines Zylinders aus der Drehung eines Rechtecks um eine seiner Seiten abzuleiten, muß man eine Anzahl wirklicher Rechtecke und Zylinder, wenn auch in noch so unvollkommner Form, untersucht haben. Wie alle andern Wissenschaften ist die Mathematik aus den Bedürfnissen der Menschen hervorgegangen: aus der Messung von Land und Gefäßinhalt, aus Zeitrechnung und Mechanik. Aber wie in allen Gebieten des Denkens werden auf einer gewissen Entwicklungsstufe die aus der wirklichen Welt abstrahierten Gesetze von der wirklichen Welt getrennt, ihr als etwas Selbständiges gegenübergestellt, als von außen kommende Gesetze, wonach die Welt sich zu richten hat. So ist es in Gesellschaft und Staat hergegangen, so und nicht anders wird die reine Mathematik nachher auf die Welt angewandt, obwohl sie eben dieser Welt entlehnt ist und nur einen Teil ihrer Zusammensetzungsformen darstellt - und grade nur deswegen überhaupt anwendbar ist.

|37| Wie aber Herr Dühring sich einbildet, aus den mathematischen Axiomen, die

»auch nach der rein logischen Vorstellung einer Begründung weder fähig noch bedürftig sind«,

ohne irgendwelche erfahrungsmäßige Zutat die ganze reine Mathematik ableiten und diese dann auf die Welt anwenden zu können, ebenso bildet er sich ein, zuerst die Grundgestalten des Seins, die einfachen Bestandteile alles Wissens, die Axiome der Philosophie, aus dem Kopf erzeugen, aus ihnen die ganze Philosophie oder Weltschematik ableiten und diese seine Verfassung der Natur und Menschenwelt Allerhöchst oktroyieren zu können. Leider besteht die Natur gar nicht und die Menschenwelt nur zum allergeringsten Teil aus den Manteuffelschen Preußen von 1850.

Die mathematischen Axiome sind die Ausdrücke des höchst dürftigen Gedankeninhalts, den die Mathematik der Logik entlehnen muß. Sie lassen sich auf zwei zurückführen:

1. Das Ganze ist größer als der Teil. Dieser Satz ist eine reine Tautologie, da die quantitativ gefaßte Vorstellung: Teil sich von vornherein in bestimmter Weise auf die Vorstellung: Ganzes bezieht, nämlich so, daß »Teil« ohne weiteres besagt, daß das quantitative »Ganze« aus mehreren quantitativen »Teilen« besteht. Indem das sogenannte Axiom dies ausdrücklich konstatiert, sind wir keinen Schritt weiter. Man kann diese Tautologie sogar gewissermaßen beweisen, wenn man sagt: ein Ganzes ist das, was aus mehreren Teilen besteht; ein Teil ist das, von dem mehrere ein Ganzes ausmachen, folglich ist der Teil kleiner als das Ganze - wo die Öde der Wiederholung die Öde des Inhalts noch stärker hervortreten läßt.

2. Wenn zwei Größen einer dritten gleich sind, so sind sie untereinander gleich. Dieser Satz ist, wie schon Hegel nachgewiesen hat, ein Schluß, für dessen Richtigkeit die Logik einsteht, der also bewiesen ist, wenn auch außerhalb der reinen Mathematik. Die übrigen Axiome über Gleichheit und Ungleichheit sind bloße logische Erweiterungen dieses Schlusses.

Diese magern Sätze locken weder in der Mathematik noch sonstwo einen Hund vom Ofen. Um weiterzukommen, müssen wir reale Verhältnisse hineinziehn, Verhältnisse und Raumformen, die von wirklichen Körpern hergenommen sind. Die Vorstellungen von Linien, Flächen, Winkeln, von Vielecken, Würfeln, Kugeln usw. sind alle der Wirklichkeit entlehnt, und es gehört ein gut Stück naiver Ideologie dazu, den Mathematikern zu glauben, die erste Linie sei durch Bewegung eines Punktes im Raum entstanden, die erste Fläche durch Bewegung einer Linie, der erste Körper durch |38| Bewegung einer Fläche usw. Schon die Sprache rebelliert dagegen. Eine mathematische Figur von drei Dimensionen heißt ein Körper, corpus solidum, also im Lateinischen sogar ein handgreiflicher Körper, führt also einen Namen, der keineswegs der freien Imagination des Verstandes, sondern der handfesten Realität entlehnt ist.

Aber wozu all diese Weitläufigkeiten? Nachdem Herr Dühring auf Seite 42 und 43 die Unabhängigkeit der reinen Mathematik von der Erfahrungswelt, ihre Apriorität, ihre Beschäftigung mit den eignen freien Schöpfungen und Imaginationen des Verstandes, begeistert besungen, sagt er auf Seite 63:

»Es wird nämlich leicht übersehn, daß jene mathematischen Elemente« (»Zahl, Größe, Zeit, Raum und geometrische Bewegung«) »nur ihrer Form nach ideell sind, ... die absoluten Größen sind daher etwas durchaus Empirisches, gleichviel welcher Gattung sie angehören«, ... aber »die mathematischen Schemata sind einer von der Erfahrung abgesonderten und dennoch zureichenden Charakteristik fähig«,

welches letztere mehr oder weniger von jeder Abstraktion gilt, aber keineswegs beweist, daß sie nicht aus der Wirklichkeit abstrahiert ist. In der Weltschematik ist die reine Mathematik aus dem reinen Denken entsprungen - in der Naturphilosophie ist sie etwas durchaus Empirisches, aus der Außenwelt Genommenes und dann Abgesondertes. Wem sollen wir nun glauben?

 

IV.

Weltschematik

»Das allumfassende Sein ist einzig. In seiner Selbstgenügsamkeit hat es nichts neben oder über sich. Ihm ein zweites Sein zugesellen, hieße es zu dem machen, was es nicht ist, nämlich zu dem Teil oder Bestandstück eines umfangreicheren Ganzen. Indem wir unsern einheitlichen Gedanken gleichsam als Rahmen ausspannen, kann nichts, was in diese Gedankeneinheit eingehn muß, eine Doppelheit an sich behalten. Es kann sich aber dieser Gedankeneinheit auch nichts entziehn ... Das Wesen alles Denkens besteht in der Vereinigung von Bewußtseinselementen zu einer Einheit ... Es ist der Einheitspunkt der Zusammenfassung, wodurch der unteilbare Weltbegriff entstanden und das Universum, wie es schon das Wort besagt, als etwas erkannt wird, worin alles zu einer Einheit vereinigt ist.«

Soweit Herr Dühring. Die mathematische Methode:

»Jede Frage ist an einfachen Grundgestalten axiomatisch zu entscheiden, als wenn es sich um einfache ... Grundsätze der Mathematik handelte« -

diese Methode wird hier zuerst angewandt.

|39| »Das allumfassende Sein ist einzig.« Wenn Tautologie einfache Wiederholung, im Prädikat, dessen, was im Subjekte schon ausgesprochen worden - wenn das ein Axiom ausmacht, so haben wir hier eins vom reinsten Wasser. Im Subjekt sagt uns Herr Dühring, daß das Sein alles umfaßt, und im Prädikat behauptet er unerschrocken, daß alsdann nichts außer ihm ist. Welch kolossal »systemschaffender Gedanke«!

Systemschaffend in der Tat. Ehe wir sechs Zeilen weiter sind, hat Herr Dühring die Einzigkeit des Seins vermittelst unsres einheitlichen Gedankens in seine Einheit verwandelt. Da das Wesen alles Denkens in der Zusammenfassung zu einer Einheit besteht, so ist das Sein, sobald es gedacht wird, als einheitliches gedacht, der Weltbegriff ein unteilbarer, und weil das gedachte Sein, der Weltbegriff einheitlich ist, so ist das wirkliche Sein, die wirkliche Welt, ebenfalls eine unteilbare Einheit. Und somit

»haben die Jenseitigkeiten keinen Raum mehr, sobald der Geist einmal gelernt hat, das Sein in seiner gleichartigen Universalität zu erfassen«.

Das ist ein Feldzug, gegen den Austerlitz und Jena, Königgrätz und Sedan vollständig verschwinden. In ein paar Sätzen, kaum eine Seite, nachdem wir das erste Axiom mobil gemacht haben, haben wir bereits alle Jenseitigkeiten, Gott, die himmlischen Heerscharen, Himmel, Hölle und Fegefeuer samt der Unsterblichkeit der Seele abgeschafft, beseitigt, vernichtet.

Wie kommen wir von der Einzigkeit des Seins zu seiner Einheit? Indem wir es uns überhaupt vorstellen. Sowie wir unsern einheitlichen Gedanken als Rahmen um es ausspannen, wird das einzige Sein in Gedanken ein einheitliches, eine Gedankeneinheit; denn das Wesen alles Denkens besteht in der Vereinigung von Bewußtseinselementen zu einer Einheit.

Dieser letzte Satz ist einfach falsch. Erstens besteht das Denken ebensosehr in der Zerlegung von Bewußtseinsgegenständen in ihre Elemente, wie in der Vereinigung zusammengehöriger Elemente zu einer Einheit. Ohne Analyse keine Synthese. Zweitens kann das Denken, ohne Böcke zu schießen, nur diejenigen Bewußtseinselemente zu einer Einheit zusammenfassen, in denen oder in deren realen Urbildern diese Einheit schon vorher bestanden. Wenn ich eine Schuhbürste unter die Einheit Säugetier zusammenfasse, so bekommt sie damit noch lange keine Milchdrüsen. Die Einheit des Seins, beziehentlich die Berechtigung seiner Gedankenauffassung als einer Einheit, ist also grade das, was zu beweisen war, und wenn Herr Dühring uns versichert, er denke sich das Sein einheitlich und nicht etwa als Doppelheit, so sagt er uns damit weiter nichts, als seine unmaßgebliche Meinung.

|40| Wenn wir seinen Gedankengang rein darstellen wollen, so ist er folgender: Ich fange an mit dem Sein. Also denke ich mir das Sein. Der Gedanke des Seins ist einheitlich. Denken und Sein müssen aber zusammenstimmen, sie entsprechen einander, sie »decken sich«. Also ist das Sein auch in der Wirklichkeit einheitlich. Also gibt's keine »Jenseitigkeiten«. Hätte Herr Dühring aber so unverhüllt gesprochen, statt uns obige Orakelstelle zum besten zu geben, so lag die Ideologie klar zutage. Aus der Identität von Denken und Sein die Realität irgendeines Denkergebnisses beweisen zu wollen, das war ja grade eine der tollsten Fieberphantasien - eines Hegel.

Den Spiritualisten hätte Herr Dühring, selbst wenn seine ganze Beweisführung richtig wäre, noch keinen Zollbreit Gebiet abgewonnen. Die Spiritualisten antworten ihm kurz: die Welt ist auch für uns einfach; die Spaltung in Diesseits und Jenseits existiert nur für unsern spezifisch irdischen, erbsündlichen Standpunkt; an und für sich, d.h. in Gott, ist das gesamte Sein ein einiges. Und sie werden Herrn Dühring auf seine beliebten andern Weltkörper begleiten und ihm einen oder mehrere zeigen, wo kein Sündenfall stattgefunden, wo also auch kein Gegensatz zwischen Diesseits und Jenseits besteht und die Einheitlichkeit der Welt Forderung des Glaubens ist.

Das komischste bei der Sache ist, daß Herr Dühring, um die Nichtexistenz Gottes aus dem Begriff des Seins zu beweisen, den ontologischen Beweis für das Dasein Gottes anwendet. Dieser lautet: Wenn wir uns Gott denken, so denken wir ihn uns als den Inbegriff aller Vollkommenheiten. Zum Inbegriff aller Vollkommenheiten gehört aber vor allem das Dasein, denn ein nicht daseiendes Wesen ist notwendig unvollkommen. Also müssen wir zu den Vollkommenheiten Gottes auch das Dasein rechnen. Also muß Gott existieren. - Genauso räsoniert Herr Dühring: Wenn wir uns das Sein denken, so denken wir es uns als einen Begriff. Was in Einem Begriff zusammengefaßt, das ist einheitlich. Das Sein entspräche also seinem Begriff nicht, wäre es nicht einheitlich. Folglich muß es einheitlich sein. Folglich gibt es keinen Gott usw.

Wenn wir vom Sein sprechen, und bloß vom Sein, so kann die Einheit nur darin bestehn, daß alle die Gegenstände, um die es sich handelt - sind, existieren. In der Einheit dieses Seins, und in keiner andern, sind sie zusammengefaßt und der gemeinsame Ausspruch, daß sie alle sind, kann ihnen nicht nur keine weiteren, gemeinsamen oder nicht gemeinsamen, Eigenschaften geben, sondern schließt alle solche von der Betrachtung vorläufig aus. Denn sowie wir uns von der einfachen Grundtatsache, daß allen diesen Dingen das Sein gemeinsam zukommt, auch nur einen Millimeter breit entfernen, so fangen die Unterschiede dieser Dinge an, vor unsern |41| Blick zu treten - und ob diese Unterschiede darin bestehn, daß die einen weiß, die andern schwarz, die einen belebt, die andern unbelebt, die einen etwa diesseitig, die andern etwa jenseitig sind, das können wir nicht daraus entscheiden, daß ihnen allen gleichmäßig die bloße Existenz zugeschrieben wird.

Die Einheit der Welt besteht nicht in ihrem Sein, obwohl ihr Sein eine Voraussetzung ihrer Einheit ist, da sie doch zuerst sein muß, ehe sie eins sein kann. Das Sein ist ja überhaupt eine offene Frage von der Grenze an, wo unser Gesichtskreis aufhört. Die wirkliche Einheit der Welt besteht in ihrer Materialität, und diese ist bewiesen nicht durch ein paar Taschenspielerphrasen, sondern durch eine lange und langwierige Entwicklung der Philosophie und der Naturwissenschaft.

Weiter im Text. Das Sein, wovon Herr Dühring uns unterhält, ist

»nicht jenes reine Sein, welches sich selbst gleich, aller besondern Bestimmungen ermangeln soll, und in der Tat nur ein Gegenbild des Gedankennichts oder der Gedankenabwesenheit vertritt«.

Nun werden wir aber sehr bald sehn, daß Herrn Dührings Welt allerdings mit einem Sein anhebt, welches aller innern Unterscheidung, aller Bewegung und Veränderung ermangelt und also in der Tat nur ein Gegenbild des Gedankennichts, also ein wirkliches Nichts ist. Erst aus diesem Sein-Nichts entwickelt sich der gegenwärtige differenzierte, wechselvolle, eine Entwicklung, ein Werden darstellende Weltzustand; und erst nachdem wir dies begriffen, kommen wir dahin, auch unter dieser ewigen Wandlung

»den Begriff des universellen Seins sich selbst gleich festzuhalten«.

Wir haben also jetzt den Begriff des Seins auf einer höhern Stufe, wo er sowohl Beharrung wie Veränderung, Sein wie Werden in sich begreift. Hier angekommen, finden wir, daß

»Gattung und Art, überhaupt Allgemeines und Besonderes die einfachsten Unterscheidungsmittel sind, ohne welche die Verfassung der Dinge nicht begriffen werden kann«.

Es sind dies aber Unterscheidungsmittel der Qualität; und nachdem diese verhandelt, gehn wir weiter:

»den Gattungen gegenüber steht der Begriff der Größe, als desjenigen Gleichartigen, in welchem keine Artdifferenzen mehr stattfinden«;

d.h. von der Qualität gehn wir über zur Quantität, und diese ist stets »meßbar«.

|42| Vergleichen wir nun diese »scharfe Sonderung der allgemeinen Wirkungsschemata« und ihren »wirklich kritischen Standpunkt« mit den Kruditäten, Wüstheiten und Fieberphantasien eines Hegel. Wir finden, daß Hegels Logik anfängt, vom Sein - wie Herr Dühring; daß das Sein sich herausstellt als das Nichts, wie bei Herrn Dühring; daß aus diesem Sein-Nichts übergegangen wird zum Werden, dessen Resultat das Dasein ist, d.h. eine höhere, erfülltere Form des Seins - ganz wie bei Herrn Dühring. Das Dasein führt zur Qualität, die Qualität zur Quantität - ganz wie bei Herrn Dühring. Und damit kein wesentliches Stück fehle, erzählt uns Herr Dühring bei einer andern Gelegenheit:

»Aus dem Reich der Empfindungslosigkeit tritt man in das der Empfindung, trotz aller quantitativen Allmählichkeit, nur mit einem qualitativen Sprung ein, von dem wir ... behaupten können, daß er sich unendlich von der bloßen Gradation einer und derselben Eigenschaft unterscheide.«

Dies ist ganz die Hegelsche Knotenlinie von Maßverhältnissen, wo bloß quantitative Steigerung oder Abnahme an gewissen bestimmten Knotenpunkten einen qualitativen Sprung verursacht, z.B. bei erwärmtem oder abgekühltem Wasser, wo der Siedepunkt und der Gefrierpunkt die Knoten sind, an denen der Sprung in einen neuen Aggregatzustand - unter Normaldruck - sich vollzieht, wo also Quantität in Qualität umschlägt.

Unsre Untersuchung hat ebenfalls versucht, bis an die Wurzeln zu reichen, und als die Wurzel der wurzelhaften Dühringschen Grundschemata findet sie - die »Fieberphantasien« eines Hegel, die Kategorien der Hegelschen »Logik«, erster Teil, Lehre vom Sein, in streng althegelscher »Abfolge« und mit kaum versuchter Verschleierung des Plagiats!

Und nicht zufrieden damit, seinem bestverleumdeten Vorgänger dessen ganze Schematik vom Sein zu entwenden, hat Herr Dühring, nachdem er selbst obiges Beispiel von sprungweisem Umschlagen der Quantität in die Qualität gegeben, die Gelassenheit, von Marx zu sagen:

»Wie komisch nimmt sich nicht z.B. die Berufung« (Marx') »auf die Hegelsche konfuse Nebelvorstellung aus, daß die Quantität in die Qualität umschlage

Konfuse Nebelvorstellung! Wer schlägt hier um, und wer nimmt sich hier komisch aus, Herr Dühring?

Alle diese schönen Sächelchen sind also nicht nur nicht vorschriftsmäßig »axiomatisch entschieden«, sondern einfach von außen, d.h. aus Hegels »Logik« hineingetragen. Und zwar so, daß in dem ganzen Kapitel auch nicht einmal der Schein eines innern Zusammenhangs figuriert, soweit er nicht auch aus Hegel entlehnt ist, und daß das Ganze schließlich in ein |43| inhaltloses Spintisieren über Raum und Zeit, Beharrung und Veränderung ausläuft.

Vom Sein kommt Hegel zum Wesen, zur Dialektik. Hier handelt er von den Reflexionsbestimmungen, deren innern Gegensätzen und Widersprüchen, wie z.B. positiv und negativ, kommt dann zur Kausalität oder dem Verhältnis von Ursache und Wirkung, und schließt mit der Notwendigkeit. Nicht anders Herr Dühring. Was Hegel Lehre vom Wesen nennt, übersetzt Herr Dühring in: logische Eigenschaften des Seins. Diese bestehn aber vor allem im »Antagonismus von Kräften«, in Gegensätzen. Den Widerspruch leugnet Herr Dühring dagegen radikal; wir werden später auf dies Thema zurückkommen. Dann geht er über auf die Kausalität und von dieser auf die Notwendigkeit. Wenn Herr Dühring also von sich sagt:

»Wir, die wir nicht aus dem Käfig philosophieren«,

so meint er wohl, er philosophiere im Käfig, nämlich dem Käfig des Hegelschen Kategorienschematismus.

 

V.

Naturphilosophie.

Zeit und Raum

Wir kommen jetzt zur Naturphilosophie. Hier hat Herr Dühring wieder alle Ursache, mit seinen Vorgängern unzufrieden zu sein.

Die Naturphilosophie »sank so tief, daß sie zur wüsten, auf Unwissenheit beruhenden Afterpoesie wurde« und »der prostituierten Philosophasterei eines Schelling und ähnlicher, im Priestertum des Absoluten kramender und das Publikum mystifizierender Gesellen anheimgefallen« war. Die Ermüdung hat uns aus diesen »Mißgestalten« gerettet, aber sie hat bisher nur der »Haltlosigkeit« Platz gemacht; »und was das größere Publikum betrifft, so ist für dasselbe bekanntlich der Abtritt eines größern Scharlatans oft nur die Gelegenheit für einen kleinern, aber geschäftserfahrenen Nachfolger, die Produktionen jenes unter einem andern Aushängeschild zu wiederholen«. die Naturforscher selbst verspüren wenig »Lust zu einem Ausflug in das Reich der weltumspannenden Ideen« und begehn daher lauter »zerfahrene Voreiligkeiten« auf theoretischem Gebiet.

Hier muß dringend Rettung geschaffen werden, und glücklicherweise ist Herr Dühring zur Stelle.

Um die nun folgenden Enthüllungen über die Entfaltung der Welt in der Zeit und ihre Begrenzung im Raum richtig zu würdigen, müssen wir wieder auf einige Stellen in der »Weltschematik« zurückgreifen.

Dem Sein wird, ebenfalls im Einklang mit Hegel (»Enzyklopädie« § 93), Unendlichkeit - was Hegel die schlechte Unendlichkeit nennt - zugeschrieben und nun diese Unendlichkeit untersucht.

|44| »die deutlichste Gestalt einer widerspruchslos zu denkenden Unendlichkeit ist die unbeschränkte Häufung der Zahlen in der Zahlenreihe ... Wie wir zu jeder Zahl noch eine weitere Einheit hinzufügen können, ohne jemals die Möglichkeit des Weiterzählens zu erschöpfen, so reiht sich auch an jeglichen Zustand des Seins ein fernerer an, und in der unbeschränkten Erzeugung dieser Zustände besteht die Unendlichkeit. Diese genau gedachte Unendlichkeit hat daher auch nur eine einzige Grundform mit einer einzigen Richtung. Wenn es nämlich auch für unser Denken gleichgültig ist, eine entgegengesetzte Richtung der Häufungen der Zustände zu entwerfen, so ist doch die rückwärts fortschreitende Unendlichkeit eben nur ein voreiliges Vorstellungsgebilde. Da sie nämlich in der Wirklichkeit in umgekehrter Richtung durchlaufen sein müßte, so würde sie bei jedem ihrer Zustände eine unendliche Zahlenreihe hinter sich haben. Hiermit wäre aber der unzulässige Widerspruch einer abgezählten unendlichen Zahlenreihe begangen, und so erweist es sich als widersinnig, noch eine zweite Richtung der Unendlichkeit vorauszusetzen.«

Die erste Folgerung, die aus dieser Auffassung der Unendlichkeit gezogen wird, ist, daß die Verkettung von Ursachen und Wirkungen in der Welt einmal einen Anfang gehabt haben muß:

»eine unendliche Zahl von Ursachen, die sich bereits aneinandergereiht haben soll, ist schon darum undenkbar, weil sie die Unzahl als abgezählt voraussetzt«.

Also eine Endursache erwiesen. Die zweite Folgerung ist

»das Gesetz der bestimmten Anzahl: die Häufung des Identischen irgendeiner realen Gattung von Selbständigkeiten ist nur als Bildung einer bestimmten Zahl denkbar«. Nicht nur die vorhandne Zahl der Weltkörper muß in jedem Zeitpunkt eine an sich bestimmte sein, sondern auch die Gesamtzahl aller in der Welt existierenden kleinsten selbständigen Teile der Materie. Letztere Notwendigkeit ist der wahre Grund, warum keine Zusammensetzung ohne Atome gedacht werden kann. Alle wirkliche Geteiltheit hat stets eine endliche Bestimmtheit und muß sie haben, wenn nicht der Widerspruch der abgezählten Unzahl eintreten soll. Nicht nur muß aus demselben Grund die bisherige Anzahl der Umläufe der Erde um die Sonne eine bestimmte, wenn auch nicht angebbare, sein, sondern alle periodischen Naturprozesse müssen irgendeinen Anfang gehabt haben, und alle Differenzenbildung, alle Mannigfaltigkeiten der Natur, die einander folgen, müssen in einem sich selbst gleichen Zustand wurzeln. Dieser kann ohne Widerspruch von Ewigkeit her existiert haben, aber auch diese Vorstellung wäre ausgeschlossen, wenn die Zeit an sich selbst aus realen Teilen bestände und nicht vielmehr bloß durch die ideelle Setzung der Möglichkeiten von unserm Verstand nach Belieben eingeteilt würde. Mit dem realen und in sich unterschiednen Zeitinhalt hat es eine andre Bewandtnis; diese wirkliche Erfüllung der Zeit mit unterscheidbar gearteten Tatsachen und die Existenzformen dieses Bereichs gehören eben, ihrer Unterschiedenheit wegen, dem Zählbaren an. Denken wir uns einen Zustand, der ohne Veränderungen ist und in seiner Sichselbstgleichheit gar keine Unterschiede der Folge darbietet, so |45| verwandelt sich auch der speziellere Zeitbegriff in die allgemeinere Idee des Seins. Was die Häufung einer leeren Dauer bedeuten soll, ist gar nicht erfindlich.

Soweit Herr Dühring, und er ist nicht wenig erbaut von der Bedeutung dieser Entdeckungen. Er hofft zunächst, daß man sie »mindestens nicht als eine geringfügige Wahrheit ansehn« wird; später aber heißt es:

»Man erinnere sich der höchst einfachen Wendungen, mit denen wir den Unendlichkeitsbegriffen und deren Kritik zu einer bisher ungekannten Tragweite verholfen haben ... die durch die gegenwärtige Verschärfung und Vertiefung so einfach gestalteten Elemente der universellen Raum- und Zeitauffassung.«

Wir haben verholfen! Gegenwärtige Vertiefung und Verschärfung! Wer sind wir, und wann spielt unsre Gegenwart? Wer vertieft und verschärft?

»Thesis. Die Welt hat einen Anfang in der Zeit und ist dem Raum nach auch in Grenzen eingeschlossen. - Beweis: Denn man nehme an, die Welt habe der Zeit nach keinen Anfang, so ist bis zu jedem gegebnen Zeitpunkt eine Ewigkeit abgelaufen, und mithin eine unendliche Reihe aufeinanderfolgender Zustände der Dinge in der Welt verflossen. Nun besteht aber eben darin die Unendlichkeit einer Reihe, daß sie durch sukzessive Synthesis niemals vollendet sein kann. Also ist eine unendliche verflossene Weltreihe unmöglich, mithin ein Anfang der Welt eine notwendige Bedingung ihres Daseins, welches zuerst zu beweisen war. - in Ansehung des Zweiten nehme man wiederum das Gegenteil an, so wird die Welt ein unendliches gegebnes Ganzes von zugleich existierenden Dingen sein. Nun können wir die Größe eines Quantums, welches nicht innerhalb gewisser Grenzen jeder Anschauung gegeben wird, auf keine Art als nur durch die Synthese der Teile, und die Totalität eines solchen Quantums nur durch die vollendete Synthese oder durch wiederholte Hinzusetzung der Einheit zu sich selbst denken. Demnach, um sich die Welt, die alle Räume erfüllt, als ein Ganzes zu denken, müßte die sukzessive Synthese der Teile einer unendlichen Welt als vollendet angesehn, d.i. eine unendliche Zeit müßte, in der Durchzählung aller koexistierenden Dinge, als abgelaufen angesehn werden, welches unmöglich ist. Demnach kann ein unendliches Aggregat wirklicher Dinge nicht als ein gegebnes Ganzes, mithin auch nicht als zugleich gegeben angesehn werden. Eine Welt ist folglich der Ausdehnung im Raum nach nicht unendlich, sondern in ihre Grenzen eingeschlossen, welches das Zweite« (zu beweisen) »war.«

Diese Sätze sind buchstäblich kopiert aus einem wohlbekannten Buch, welches im Jahre 1781 zuerst erschien und betitelt ist: »Kritik der reinen Vernunft«, von Immanuel Kant, wo männiglich sie nachlesen kann im ersten Teil, zweite Abteilung, zweites Buch, zweites Hauptstück, zweiter Abschnitt: Erste Antinomie der reinen Vernunft. Herrn Dühring gehört hiernach lediglich der Ruhm, den Namen: Gesetz der bestimmten Anzahl, auf einen von Kant ausgesprochenen Gedanken geklebt und die Entdeckung gemacht zu haben, daß einmal eine Zeit war, wo es noch keine Zeit gab, wohl aber eine |46| Welt. Für alles übrige, also für alles, was in Herrn Dührings Auseinandersetzung noch einigen Sinn hat, sind »Wir« - Immanuel Kant, und die »Gegenwart« ist nur fünfundneunzig Jahre alt. Allerdings »höchst einfach«! Merkwürdige »bisher ungekannte Tragweite«!

Nun stellt aber Kant obige Sätze keineswegs als durch seinen Beweis erledigt auf. Im Gegenteil; auf der gegenüberstehenden Seite behauptet und beweist er das Entgegengesetzte: daß die Welt nach der Zeit keinen Anfang und nach dem Raum kein Ende habe; und darin setzt er grade die Antinomie, den unlösbaren Widerspruch, daß das eine ebenso beweisbar ist wie das andre. Leute von geringerm Kaliber wären vielleicht dadurch etwas bedenklich geworden, daß »ein Kant« hier eine unlösbare Schwierigkeit fand. Nicht so unser kühner Verfertiger »von Grund aus eigentümlicher Ergebnisse und Anschauungen«: was ihm von Kants Antinomie dienen kann, schreibt er unverdrossen ab und wirft den Rest beiseite.

Die Sache selbst löst sich sehr einfach. Ewigkeit in der Zeit, Unendlichkeit im Raum, besteht schon von vornherein und dem einfachen Wortsinne nach darin, nach keiner Seite hin ein Ende zu haben, weder nach vorn oder nach hinten, nach oben oder nach unten, nach rechts oder nach links. Diese Unendlichkeit ist eine ganz andre als die einer unendlichen Reihe, denn diese fängt von vornherein immer mit Eins, mit einem ersten Gliede an. Die Unanwendbarkeit dieser Reihenvorstellung auf unsern Gegenstand zeigt sich sofort, wenn wir sie auf den Raum anwenden. Die unendliche Reihe, ins Räumliche übersetzt, ist die von einem bestimmten Punkt in bestimmter Richtung ins Unendliche gezogne Linie. Ist damit die Unendlichkeit des Raums auch nur entfernt ausgedrückt? Im Gegenteil, es gehören allein sechs von diesem einen Punkt in dreifach entgegengesetzten Richtungen aus gezogene Linien dazu, um die Dimensionen des Raums zu begreifen; und dieser Dimensionen hätten wir hiernach sechs. Kant sah dies so gut ein, daß er seine Zahlenreihe auch nur indirekt, auf einem Umweg, auf die Räumlichkeit der Welt übertrug. Herr Dühring dagegen zwingt uns zur Annahme von sechs Dimensionen im Raum, und hat gleich nachher nicht Worte der Entrüstung genug über den mathematischen Mystizismus von Gauß, der sich nicht mit den gewöhnlichen drei Raumdimensionen begnügen wollte.

Auf die Zeit angewandt, hat die nach beiden Seiten endlose Linie oder Reihe von Einheiten einen gewissen bildlichen Sinn. Stellen wir uns aber die Zeit als eine von Eins an gezählte oder von einem bestimmten Punkt ausgehende Linie vor, so sagen wir damit von vornherein, daß die Zeit einen Anfang hat: wir setzen voraus, was wir grade beweisen sollen. Wir geben |47| der Unendlichkeit der Zeit einen einseitigen, halben Charakter; aber eine einseitige, eine halbierte Unendlichkeit ist auch ein Widerspruch in sich, das grade Gegenteil von einer »widerspruchslos gedachten Unendlichkeit«. Über diesen Widerspruch kommen wir nur hinaus, wenn wir annehmen, daß die Eins, mit der wir anfangen, die Reihe zu zählen, der Punkt, von dem aus wir die Linie weitermessen, eine beliebige Eins in der Reihe, ein beliebiger Punkt in der Linie sind, von denen es für die Linie oder Reihe gleichgültig ist, wohin wir sie verlegen.

Aber der Widerspruch der »abgezählten unendlichen Zahlenreihe«? Wir werden imstande sein, ihn näher zu untersuchen, sobald Herr Dühring uns das Kunststück vorgemacht haben wird, sie abzuzählen. Wenn er es fertiggebracht hat, von minus Unendlich bis Null zu zählen, dann mag er wiederkommen. Es ist ja klar, daß, wo auch immer er anfängt zu zählen, er eine unendliche Reihe hinter sich läßt und mit ihr die Aufgabe, die er lösen soll. Er kehre nur seine eigne unendliche Reihe 1 + 2 + 3 + 4 ... um und versuche, vom unendlichen Ende wieder nach Eins zu zählen; es ist augenscheinlich der Versuch eines Menschen, der gar nicht sieht, worum es sich handelt. Noch mehr. Wenn Herr Dühring behauptet, die unendliche Reihe der verflossenen Zeit sei abgezählt, so behauptet er damit, daß die Zeit einen Anfang hat; denn sonst könnte er ja gar nicht anfangen »abzuzählen«. Er schiebt also wieder als Voraussetzung unter, was er beweisen soll. Die Vorstellung der abgezählten unendlichen Reihe, mit andern Worten, das weltumspannende Dühringsche Gesetz der bestimmten Anzahl, ist also eine contradictio in adjecto, enthält einen Widerspruch in sich selbst, und zwar einen absurden Widerspruch.

Es ist klar: die Unendlichkeit, die ein Ende hat, aber keinen Anfang, ist nicht mehr und nicht weniger unendlich, als die, die einen Anfang hat, aber kein Ende. Die geringste dialektische Einsicht hätte Herrn Dühring sagen müssen, daß Anfang und Ende notwendig zusammengehören, wie Nordpol und Südpol, und daß, wenn man das Ende wegläßt, der Anfang eben das Ende wird - das eine Ende, das die Reihe hat, und umgekehrt. Die ganze Täuschung wäre unmöglich ohne die mathematische Gewohnheit, mit unendlichen Reihen zu operieren. Weil man in der Mathematik vom Bestimmten, Endlichen ausgehn muß, um zum Unbestimmten, Endlosen zu kommen, so müssen alle mathematischen Reihen, positive oder negative, mit Eins anfangen, sonst kann man nicht damit rechnen. Das ideelle Bedürfnis des Mathematikers ist aber weit davon entfernt, ein Zwangsgesetz für die reale Welt zu sein.

Übrigens wird Herr Dühring es nie fertigbringen, sich die wirkliche |48| Unendlichkeit widerspruchslos zu denken. Die Unendlichkeit ist ein Widerspruch und voll von Widersprüchen. Es ist schon ein Widerspruch, daß eine Unendlichkeit aus lauter Endlichkeiten zusammengesetzt sein soll, und doch ist dies der Fall. Die Begrenztheit der materiellen Welt führt nicht weniger zu Widersprüchen als ihre Unbegrenztheit, und jeder Versuch, diese Widersprüche zu beseitigen, führt, wie wir gesehn haben, zu neuen und schlimmeren Widersprüchen. Eben weil die Unendlichkeit ein Widerspruch ist, ist sie unendlicher, in Zeit und Raum ohne Ende sich abwickelnder Prozeß. Die Aufhebung des Widerspruchs wäre das Ende der Unendlichkeit. Das hatte Hegel schon ganz richtig eingesehn und behandelt daher auch die über diesen Widerspruch spintisierenden Herren mit verdienter Verachtung.

Gehn wir weiter. Also, die Zeit hat einen Anfang gehabt. Was war vor diesem Anfang? die in einem sich selbst gleichen, unveränderlichen Zustand befindliche Welt. Und da in diesem Zustand keine Veränderungen aufeinanderfolgen, so verwandelt sich auch der speziellere Zeitbegriff in die allgemeinere Idee des Seins. Erstens geht es uns hier gar nichts an, welche Begriffe sich im Kopf des Herrn Dühring verwandeln. Es handelt sich nicht um den Zeitbegriff, sondern um die wirkliche Zeit, die Herr Dühring so wohlfeilen Kaufs keineswegs los wird. Zweitens mag sich der Zeitbegriff noch so sehr in die allgemeinere Idee des Seins verwandeln, so kommen wir damit keinen Schritt weiter. Denn die Grundformen alles Seins sind Raum und Zeit, und ein Sein außer der Zeit ist ein ebenso großer Unsinn, wie ein Sein außerhalb des Raums. Das Hegelsche »zeitlos vergangne Sein« und das neuschellingsche »unvordenkliche Sein« sind rationelle Vorstellungen verglichen mit diesem Sein außer der Zeit. Darum geht Herr Dühring auch sehr behutsam zu Werke: eigentlich ist es wohl eine Zeit, aber eine solche, die man im Grunde keine Zeit nennen kann: die Zeit besteht ja nicht an sich selbst aus realen Teilen und wird bloß von unserm Verstand nach Belieben eingeteilt - nur eine wirkliche Erfüllung der Zeit mit unterscheidbaren Tatsachen gehört dem Zählbaren an - was die Häufung einer leeren Dauer bedeuten soll, ist gar nicht erfindlich. Was diese Häufung bedeuten soll, ist hier ganz gleichgültig; es fragt sich, ob die Welt, in dem hier vorausgesetzten Zustand, dauert, eine Zeitdauer durchmacht? daß nichts dabei herauskommt, eine solche inhaltslose Dauer zu messen, ebensowenig wie dabei, in den leeren Raum zwecklos und ziellos hinauszumessen, das wissen wir längst, und Hegel nennt ja auch, gerade wegen der Langweiligkeit dieses Verfahrens, diese Unendlichkeit die schlechte. Nach Herrn Dühring existiert die Zeit nur durch die Veränderung, nicht die Veränderung |49| in und durch die Zeit. Eben weil die Zeit von der Veränderung verschieden, unabhängig ist, kann man sie durch die Veränderung messen, denn zum Messen gehört immer ein von dem zu messenden Verschiednes. Und die Zeit, in der keine erkennbaren Veränderungen vorgehn, ist weit entfernt davon, keine Zeit zu sein; sie ist vielmehr die reine, von keinen fremden Beimischungen affizierte, also die wahre Zeit, die Zeit als solche. In der Tat, wenn wir den Zeitbegriff in seiner ganzen Reinheit, abgetrennt von allen fremden und ungehörigen Beimischungen erfassen wollen, so sind wir genötigt, alle die verschiednen Ereignisse, die neben- und nacheinander in der Zeit vor sich gehn, als nicht hierhergehörig beiseite zu setzen und uns somit eine Zeit vorzustellen, in der nichts passiert. Wir haben damit also nicht den Zeitbegriff in der allgemeinen Idee des Seins untergehn lassen, sondern wir sind damit erst beim reinen Zeitbegriff angekommen.

Alle diese Widersprüche und Unmöglichkeiten sind aber noch pures Kinderspiel gegen die Verwirrung, in die Herr Dühring mit seinem sich selbst gleichen Anfangszustand der Welt gerät. War die Welt einmal in einem Zustand, in dem absolut keine Veränderung in ihr vorging, wie konnte sie aus diesem Zustand zur Veränderung übergehn? Das absolut Veränderungslose, noch dazu, wenn es von Ewigkeit in diesem Zustand war, kann durch sich selbst unmöglich aus diesem Zustand herauskommen, in den der Bewegung und Veränderung übergehn. Es muß also von außen her, von außerhalb der Welt, ein erster Anstoß gekommen sein, der sie in Bewegung setzte. Der »erste Anstoß« ist aber bekanntlich nur ein andrer Ausdruck für Gott. Der Gott und das Jenseits, die Herr Dühring in seiner Weltschematik so schön abgetakelt zu haben vorgab, er bringt sie beide hier, verschärft und vertieft, selbst wieder in die Naturphilosophie.

Ferner. Herr Dühring sagt:

»Wo die Größe einem beharrlichen Element des Seins zukommt, wird sie in ihrer Bestimmtheit unverändert bleiben. Dies gilt ... von der Materie und der mechanischen Kraft.«

Der erste Satz gibt, beiläufig gesagt, ein kostbares Beispiel von der axiomatisch-tautologischen Grandiloquenz des Herrn Dühring: Wo die Größe sich nicht verändert, da bleibt sie dieselbe. Also die Menge der mechanischen Kraft, die einmal in der Welt ist, bleibt ewig dieselbe. Wir sehn davon ab, daß, soweit dies richtig, in der Philosophie Descartes dies schon vor beinahe dreihundert Jahren gewußt und gesagt hat, und daß in der Naturwissenschaft die Lehre von der Erhaltung der Kraft seit zwanzig Jahren allgemein grassiert; daß Herr Dühring, indem er sie auf die mechanische |50| Kraft beschränkt, sie keineswegs verbessert. Wo aber war die mechanische Kraft zur Zeit des veränderungslosen Zustands ? Auf diese Frage verweigert uns Herr Dühring hartnäckig jede Antwort.

Wo, Herr Dühring, war damals die sich ewig gleichbleibende mechanische Kraft, und was trieb sie? Antwort:

»Der Ursprungszustand des Universums, oder deutlicher bezeichnet, eines veränderungslosen, keine zeitliche Häufung von Veränderungen einschließenden Seins der Materie, ist eine Frage, die nur derjenige Verstand abweisen kann, der in der Selbstverstümmlung seiner Zeugungskraft den Gipfel der Weisheit sieht.«

Also: Entweder ihr nehmt meinen veränderungslosen Urzustand unbesehn hin oder ich, der zeugungsfähige Eugen Dühring, erkläre euch für geistige Eunuchen. Das mag allerdings manchen abschrecken. Wir, die wir von der Zeugungskraft des Herrn Dühring schon einige Beispiele gesehn haben, können uns erlauben, das elegante Schimpfwort vorderhand unerwidert zu lassen und nochmals zu fragen: Aber, Herr Dühring, wenn's gefällig ist, wie ist das mit der mechanischen Kraft?

Herr Dühring wird sofort verlegen.

In der Tat, stammelt er, »die absolute Identität jenes anfänglichen Grenzzustandes liefert an sich selbst kein Übergangsprinzip. Erinnern wir uns jedoch, daß es mit jedem kleinsten neuen Gliede in der uns wohlbekannten Daseinskette im Grunde eine gleiche Bewandtnis hat. Wer also in dem vorliegenden Hauptfall Schwierigkeiten erheben will, mag zusehn, daß er sie sich nicht bei weniger scheinbaren Gelegenheiten erlasse. Überdies steht die Einschaltungsmöglichkeit von allmählich graduierten Zwischenzuständen, und mithin die Brücke der Stetigkeit offen, um rückwärts bis zu dem Erlöschen des Wechselspiels zu gelangen. Rein begrifflich hilft freilich diese Stetigkeit nicht über den Hauptgedanken hinweg, aber sie ist uns die Grundform aller Gesetzmäßigkeit und jedes sonst bekannten Übergangs, so daß wir ein Recht haben, sie auch als Vermittlung zwischen jenem ersten Gleichgewicht und dessen Störung zu gebrauchen. Dächten wir uns nun aber das sozusagen (!) regungslose Gleichgewicht nach Maßgabe der Begriffe, die in unsrer heutigen Mechanik ohne sonderliche Anstandnahme (!) zugelassen werden, so ließe sich gar nicht angeben, wie die Materie zu dem Veränderungsspiel gelangt sein könnte.« Außer der Mechanik der Massen gebe es aber auch noch eine Verwandlung von Massenbewegung in Bewegung kleinster Teilchen, aber wie diese erfolge, »dafür haben wir bis jetzt kein allgemeines Prinzip zur Verfügung, und wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn diese Vorgänge ein wenig ins Dunkle auslaufen«.

Das ist alles, was Herr Dühring zu sagen hat. Und in der Tat, wir müßten nicht nur in der Selbstverstümmelung der Zeugungskraft, sondern auch im blinden Köhlerglauben den Gipfel der Weisheit sehn, wollten wir uns mit diesen wahrhaft jammervollen faulen Ausflüchten und Redensarten |51| abspeisen lassen. Aus sich selbst, das gesteht Herr Dühring ein, kann die absolute Identität nicht zur Veränderung kommen. Aus sich selbst gibt es kein Mittel, wodurch das absolute Gleichgewicht in Bewegung überzugehn vermag. Was gibt's denn? Drei falsche faule Wendungen.

Erstens: Es sei ebenso schwer, von jedem kleinsten Gliede in der uns wohlbekannten Daseinskette zum nächsten den Übergang nachzuweisen. - Herr Dühring scheint seine Leser für Säuglinge zu halten. Der Nachweis der einzelnen Übergänge und Zusammenhänge der kleinsten Glieder in der Daseinskelte macht eben den Inhalt der Naturwissenschaft aus, und wenn es dabei irgendwo hapert, so denkt niemand, selbst nicht Herr Dühring, daran, die vorgegangne Bewegung aus Nichts zu erklären, sondern stets nur aus der Übertragung, Verwandlung oder Fortpflanzung einer vorgängigen Bewegung. Hier aber handelt es sich eingestandnermaßen darum, die Bewegung aus der Bewegungslosigkeit, also aus Nichts entstehn zu lassen.

Zweitens haben wir die »Brücke der Stetigkeit«. Diese hilft uns freilich rein begrifflich nicht über die Schwierigkeiten hinweg, aber wir haben doch ein Recht, sie als Vermittlung zwischen der Bewegungslosigkeit und der Bewegung zu gebrauchen. Leider besteht die Stetigkeit der Bewegungslosigkeit dann, sich nicht zu bewegen; wie also damit Bewegung zu erzeugen ist, bleibt geheimnisvoller als je. Und wenn Herr Dühring seinen Übergang vom Nichts der Bewegung zur universellen Bewegung noch so sehr in unendlich kleine Teilchen zerlegt und ihm eine noch so lange Zeitdauer zuschreibt, so sind wir noch keinen Zehntausendstel Millimeter weiter vom Fleck. Von Nichts können wir nun einmal ohne Schöpfungsakt nicht zu Etwas kommen, und wäre das Etwas so klein wie ein mathematisches Differential. Die Brücke der Stetigkeit ist also nicht einmal eine Eselsbrücke, sie ist nur für Herrn Dühring passierbar.

Drittens. Solange die heutige Mechanik gilt, und diese ist nach Herrn Dühring einer der wesentlichsten Hebel zur Bildung des Denkens, läßt sich gar nicht angeben, wie man von der Bewegungslosigkeit zur Bewegung kommt. Aber die mechanische Wärmetheorie zeigt uns, daß Massenbewegung unter Umständen in Molekularbewegung umschlägt (obwohl auch hier Bewegung aus andrer Bewegung hervorgeht, nie aber aus Bewegungslosigkeit), und dies, deutet Herr Dühring schüchtern an, könnte möglicherweise eine Brücke bieten zwischen dem streng Statischen (Gleichgewichtlichen) und Dynamischen (sich Bewegenden). Aber diese Vorgänge laufen »ein wenig ins Dunkle aus«. Und im Dunklen ist es, wo Herr Dühring uns sitzen läßt.

|52| Dahin sind wir gekommen mit aller Vertiefung und Verschärfung, daß wir uns stets tiefer in stets verschärften Blödsinn vertieft haben und endlich anlanden, wo wir notwendig anlanden müssen - im »Dunkeln«. Das aber geniert Herrn Dühring wenig. Gleich auf der nächsten Seite hat er die Stirn zu behaupten, er habe

»den Begriff der sich selbst gleichen Beharrung unmittelbar aus dem Verhalten der Materie und der mechanischen Kräfte mit einem realen Inhalt ausstatten können«.

Und dieser Mann bezeichnet andere Leute als »Scharlatans«!

Zum Glück bleibt uns bei all dieser hülflosen Verirrung und Verwirrung »im Dunkeln« noch ein Trost, und der ist allerdings herzerhebend:

»die Mathematik der Bewohner andrer Weltkörper kann auf keinen andern Axiomen beruhen, als die unsrige!«

 

VI.

Naturphilosophie.

Kosmogonie, Physik, Chemie

Im weitern Verlauf kommen wir nun auf die Theorien von der Art und Weise, wie die jetzige Welt zustande gekommen ist.

Einuniverseller Zerstreuungszustand der Materie sei schon die Ausgangsvorstellung der ionischen Philosophen gewesen, seit Kant aber besonders habe die Annahme eines Urnebels eine neue Rolle gespielt, wobei Gravitation und Wärmeausstrahlung die allmähliche Bildung der einzelnen festen Weltkörper vermittelten. Die mechanische Wärmetheorie unsrer Zeit gestatte, die Rückschlüsse auf die frühern Zustände des Universums weit bestimmter zu gestalten. Bei alledem kann »der gasförmige Zerstreuungszustand nur dann ein Ausgangspunkt für ernsthafte Ableitungen sein, wenn man das in ihm gegebne mechanische System zuvor bestimmter zu kennzeichnen vermag. Andernfalls bleibt nicht nur die Idee in der Tat äußerst nebelhaft, sondern der ursprüngliche Nebel wird auch wirklich im Fortschritt der Ableitungen immer dichter und undurchdringlicher; ... vorläufig bleibt noch alles im Vagen und Formlosen einer nicht näher bestimmbaren Diffusionsidee«, und so haben wir »mit diesem Gasuniversum nur eine höchst luftige Konzeption«.

die Kantische Theorie von der Entstehung aller jetzigen Weltkörper aus rotierenden Nebelmassen war der größte Fortschritt, den die Astronomie seit Kopernikus gemacht hatte. Zum ersten Male wurde an der Vorstellung gerüttelt, als habe die Natur keine Geschichte in der Zeit. Bis dahin galten die Weltkörper als von Anfang an in stets gleichen Bahnen und Zuständen verharrend; und wenn auch auf den einzelnen Weltkörpern die organischen Einzelwesen abstarben, so galten doch die Gattungen und Arten |53| für unveränderlich. Die Natur war zwar augenscheinlich in steter Bewegung begriffen, aber diese Bewegung erschien als die unaufhörliche Wiederholung derselben Vorgänge. In diese, ganz der metaphysischen Denkweise entsprechende Vorstellung legte Kant die erste Bresche, und zwar in so wissenschaftlicher Weise, daß die meisten von ihm gebrauchten Beweisgründe auch heute noch Geltung haben. Allerdings ist die Kantsche Theorie bis jetzt noch, streng genommen, eine Hypothese. Aber mehr ist auch das Kopernikanische Weltsystem bis auf den heutigen Tag nicht, und nach der spektroskopischen, allen Widerspruch zu Boden schlagenden Nachweisung solcher glühenden Gasmassen am Sternenhimmel hat die wissenschaftliche Opposition gegen Kants Theorie geschwiegen. Auch Herr Dühring kann seine Weltkonstruktion nicht ohne ein solches Nebelstadium fertigbringen, rächt sich aber dafür, indem er verlangt, man soll ihm das in diesem Nebelzustand gegebne mechanische System zeigen, und indem er, weil man dies nicht kann, den Nebelzustand mit allerhand geringschätzigen Beiwörtern belegt. Die heutige Wissenschaft kann dies System leider nicht zur Zufriedenheit des Herrn Dühring kennzeichnen. Ebensowenig vermag sie auf viele andre Fragen zu antworten. Auf die Frage: warum haben die Kröten keine Schwänze? kann sie bis jetzt nur antworten: weil sie sie verloren haben. Wenn man nun aber sich ereifern wollte und sagen, das sei ja alles im Vagen und Formlosen einer nicht näher bestimmbaren Verlustidee und eine höchst luftige Konzeption, so kämen wir mit dergleichen Anwendungen der Moral auf die Naturwissenschaft keinen Schritt weiter. Dergleichen Mißliebigkeiten und Äußerungen der Verdrießlichkeit kann man immer und überall anbringen, und eben deswegen sind sie nie und nirgends angebracht. Wer hindert denn Herrn Dühring, selbst das mechanische System des Urnebels auszufinden?

Zum Glück erfahren wir jetzt, daß die Kantsche Nebelmasse

»weit davon entfernt ist, sich mit einem völlig identischen zustande des Weltmediums oder, anders ausgedrückt, mit dem sich selbst gleichen Zustand der Materie zu decken«.

Ein wahres Glück für Kant, der zufrieden sein konnte, von den bestehenden Weltkörpern zum Nebelball zurückgehn zu können, und der sich noch nichts träumen ließ von dem sich selbst gleichen Zustand der Materie! Beiläufig bemerkt, wenn in der heutigen Naturwissenschaft der Kantsche Nebelball als Urnebel bezeichnet wird, so ist dies selbstredend nur beziehungsweise zu verstehn, Urnebel ist er, einerseits, als Ursprung der bestehenden Weltkörper und andrerseits als die frühste Form der Materie, auf die wir bis jetzt zurückgehn können. Was durchaus nicht ausschließt, sondern viel- |54| mehr bedingt, daß die Materie vor dem Urnebel eine unendliche Reihe andrer Formen durchgemacht habe.

Herr Dühring merkt seinen Vorteil hier. Wo wir, mit der Wissenschaft, beim einstweiligen Urnebel einstweilen stehnbleiben, hilft ihm seine Wissenschaftswissenschaft viel weiter zurück zu jenem

»Zustand des Weltmediums, der sich weder als rein statisch im heutigen Sinne der Vorstellung, noch als dynamisch«

- der sich also überhaupt nicht -

»begreifen läßt. Die Einheit von Materie und mechanischer Kraft, die wir als Weltmedium bezeichnen, ist eine sozusagen logisch-reale Formel, um den sich selbst gleichen Zustand der Materie als die Voraussetzung aller zählbaren Entwicklungsstadien anzuzeigen.«

Wir sind offenbar den sich selbst gleichen Urzustand der Materie noch lange nicht los. Hier wird er bezeichnet als Einheit von Materie und mechanischer Kraft, und dies als eine logisch-reale Formel usw. Sobald also die Einheit von Materie und mechanischer Kraft aufhört, fängt die Bewegung an.

Die logisch-reale Formel ist nichts als ein lahmer Versuch, die Hegelschen Kategorien des Ansich und Fürsich für die Wirklichkeitsphilosophie nutzbar zu machen. Im Ansich besteht bei Hegel die ursprüngliche Identität der in einem Ding, einem Vorgang, einem Begriff verborgenen unentwickelten Gegensätze; im Fürsich tritt die Unterscheidung und Trennung dieser verborgenen Elemente ein und ihr Widerstreit beginnt. Wir sollen uns also den regungslosen Urzustand vorstellen als Einheit von Materie und mechanischer Kraft, und den Übergang zur Bewegung als Trennung und Entgegensetzung beider. Was wir damit gewonnen haben, ist nicht der Nachweis der Realität jenes phantastischen Urzustands, sondern nur dies, daß man ihn unter die Hegelsche Kategorie des Ansich fassen kann, und sein ebenso phantastisches Aufhören unter die des Fürsich. Hegel hilf!

die Materie, sagt Herr Dühring, ist der Träger alles Wirklichen; wonach es keine mechanische Kraft außer der Materie geben kann. Die mechanische Kraft ist ferner ein Zustand der Materie. Im Urzustand nun, wo nichts passierte, war die Materie und ihr Zustand, die mechanische Kraft, Eins. Nachher, als etwas vorzugehn anfing, muß sich also wohl der Zustand von der Materie unterschieden haben. Also mit solchen mystischen Phrasen und mit der Versicherung, daß der sich selbst gleiche Zustand weder statisch noch dynamisch, weder im Gleichgewicht noch in der Bewegung war, sollen wir uns abspeisen lassen. Wir wissen noch immer nicht, wo die |55| mechanische Kraft in jenem Zustand war, und wie wir ohne Anstoß von außen, d.h. ohne Gott, von der absoluten Bewegungslosigkeit zur Bewegung kommen sollen.

Vor Herrn Dühring sprachen die Materialisten von Materie und Bewegung. Er reduziert die Bewegung auf die mechanische Kraft als ihre angebliche Grundform und macht es sich damit unmöglich, den wirklichen Zusammenhang zwischen Materie und Bewegung zu verstehn, der übrigens auch allen frühern Materialisten unklar war. Und doch ist die Sache einfach genug. Die Bewegung ist die Daseinsweise der Materie. Nie und nirgends hat es Materie ohne Bewegung gegeben oder kann es sie geben. Bewegung im Weltraum, mechanische Bewegung kleinerer Massen auf den einzelnen Weltkörpern, Molekularschwingung als Wärme oder als elektrische oder magnetische Strömung, chemische Zersetzung und Verbindung. organisches Leben - in einer oder der andern dieser Bewegungsformen oder in mehreren zugleich befindet sich jedes einzelne Stoffatom der Welt in jedem gegebnen Augenblick. Alle Ruhe, alles Gleichgewicht ist nur relativ, hat nur Sinn in Beziehung auf diese oder jene bestimmte Bewegungsform. Ein Körper kann z.B. auf der Erde im mechanischen Gleichgewicht, mechanisch in Ruhe sich befinden; dies hindert durchaus nicht, daß er an der Bewegung der Erde wie an der des ganzen Sonnensystems teilnimmt, ebensowenig wie es seine kleinsten physikalischen Teilchen verhindert, die durch seine Temperatur bedingten Schwingungen zu vollziehn, oder seine Stoffatome, einen chemischen Prozeß durchzumachen. Materie ohne Bewegung ist ebenso undenkbar wie Bewegung ohne Materie. Die Bewegung ist daher ebenso unerschaffbar und unzerstörbar wie die Materie selbst; was die ältere Philosophie (Descartes) so ausdrückt, daß die Quantität der in der Welt vorhandnen Bewegung stets dieselbe sei. Bewegung kann also nicht erzeugt, sie kann nur übertragen werden. Wenn Bewegung von einem Körper auf einen andern übertragen wird, so kann man sie, soweit sie sich überträgt, aktiv ist, ansehn als die Ursache der Bewegung, soweit diese übertragen wird, passiv ist. Diese aktive Bewegung nennen wir Kraft, die passive Kraftäußerung. Es ist hiernach sonnenklar, daß die Kraft ebenso groß ist wie ihre Äußerung, weil es in beiden ja dieselbe Bewegung ist, die sich vollzieht.

Ein bewegungsloser Zustand der Materie erweist sich hiernach als eine der hohlsten und abgeschmacktesten Vorstellungen, als eine reine »Fieberphantasie«. Um dahin zu kommen, muß man das relativ mechanische Gleichgewicht, worin sich ein Körper auf dieser Erde befinden kann, sich als absolute Ruhe vorstellen und dann es auf das gesamte Weltall übertragen. |56| Das wird allerdings erleichtert, wenn man die universelle Bewegung auf die bloße mechanische Kraft reduziert. Und dann bietet die Beschränkung der Bewegung auf bloße mechanische Kraft noch den Vorteil, daß man sich eine Kraft als ruhend, als gebunden, also augenblicklich unwirksam vorstellen kann. Wenn nämlich die Übertragung einer Bewegung, was sehr oft vorkommt, ein einigermaßen verwickelter Vorgang ist, zu dem verschiedne Mittelglieder gehören, so kann man die wirkliche Übertragung auf einen beliebigen Augenblick verschieben, indem man das letzte Glied in der Kette ausläßt. So z.B., wenn man eine Flinte ladet und sich den Augenblick vorbehält, wann durch Abziehen des Drückers die Entladung, die Übertragung der durch Verbrennung des Pulvers freigesetzten Bewegung sich vollziehn soll. Man kann sich also vorstellen, während des bewegungslosen, sich selbst gleichen Zustandes sei die Materie mit Kraft geladen gewesen, und dies scheint Herr Dühring, wenn überhaupt etwas, unter Einheit von Materie und mechanischer Kraft zu verstehn. Diese Vorstellung ist widersinnig, weil sie auf das Weltall einen Zustand als absolut überträgt, der seiner Natur nach relativ ist, und dem also immer nur ein Teil der Materie gleichzeitig unterworfen sein kann. Sehn wir jedoch selbst hiervon ab, so bleibt immer noch die Schwierigkeit, erstens, wie die Welt dazu kam, geladen zu werden, da sich heutzutage die Flinten nicht von selbst laden, und zweitens, wessen Finger dann den Drücker abgezogen hat? Wir mögen uns drehn und wenden, wie wir wollen, unter Herrn Dührings Leitung kommen wir immer wieder auf - Gottes Finger.

Von der Astronomie geht unser Wirklichkeitsphilosoph auf die Mechanik und Physik über und beklagt sich, daß die mechanische Wärmetheorie in einem Menschenalter seit ihrer Entdeckung nicht wesentlich weiter gefördert worden sei, als wozu Robert Mayer sie selbst nach und nach gebracht. Außerdem sei die ganze Sache noch sehr dunkel;

wir müssen »immer wieder erinnern, daß mit den Bewegungszuständen der Materie auch statische Verhältnisse gegeben sind, und daß diese letztern an der mechanischen Arbeit kein Maß haben ... wenn wir früher die Natur als eine große Arbeiterin bezeichnet haben und diesen Ausdruck jetzt streng nehmen, so müssen wir noch hinzufügen, daß die sich selbst gleichen Zustände und ruhenden Verhältnisse keine mechanische Arbeit repräsentieren. Wir vermissen also wiederum die Brücke vom Statischen zum Dynamischen, und wenn die sogenannte latente Wärme bis jetzt für die Theorie ein Anstoß geblieben ist, so müssen wir auch hier einen Mangel anerkennen, der sich am wenigsten in den kosmischen Anwendungen verleugnen sollte.«

Dies ganze orakelhafte Gerede ist wieder nichts als der Ausfluß des bösen Gewissens, das sehr wohl fühlt, daß es sich mit seiner Erzeugung der |57| Bewegung aus der absoluten Bewegungslosigkeit unrettbar festgeritten hat und sich doch schämt, an den einzigen Retter zu appellieren, nämlich an den Schöpfer Himmels und der Erden. Wenn sogar in der Mechanik, die der Wärme eingeschlossen, die Brücke vom Statischen zum Dynamischen, vom Gleichgewicht zur Bewegung, nicht gefunden werden kann, wie sollte dann Herr Dühring verpflichtet sein, die Brücke von seinem bewegungslosen Zustand zur Bewegung zu finden? Und damit wäre er dann glücklich aus der Not.

In der gewöhnlichen Mechanik ist die Brücke vom Statischen zum Dynamischen - der Anstoß von außen. Wenn ein Stein vom Gewicht eines Zentners zehn Meter hochgehoben und frei aufgehängt wird, so daß er in einem sich selbst gleichen Zustand und ruhenden Verhältnis dort hängenbleibt, so muß man an ein Publikum von Säuglingen appellieren, um behaupten zu können, daß die jetzige Lage dieses Körpers keine mechanische Arbeit repräsentiere oder ihr Abstand von seiner frühern Lage an der mechanischen Arbeit kein Maß habe. Jeder Vorübergehende wird Herrn Dühring ohne Mühe begreiflich machen, daß der Stein nicht von selbst da oben an den Strick gekommen ist, und das erste beste Handbuch der Mechanik kann ihm sagen, daß, wenn er den Stein wieder fallenläßt, dieser im Fallen ebensoviel mechanisches Werk leistet als nötig war, ihn die zehn Meter hochzuheben. Selbst die einfachste Tatsache, daß der Stein da oben hängt, repräsentiert mechanisches Werk, denn wenn er lange genug hängenbleibt, reißt der Strick, sobald er infolge chemischer Zersetzung nicht mehr stark genug ist, den Stein zu tragen. Auf solche einfache Grundgestalten, um mit Herrn Dühring zu reden, lassen sich aber alle mechanischen Vorgänge reduzieren, und der Ingenieur soll noch geboren werden, der die Brücke vom Statischen zum Dynamischen nicht finden kann, solange er über hinreichenden Anstoß verfügt.

Allerdings ist es eine harte Nuß und bittre Pille für unsern Metaphysiker, daß die Bewegung ihr Maß finden soll in ihrem Gegenteil, in der Ruhe. Das ist ja ein schreiender Widerspruch, und jeder Widerspruch ist, nach Herrn Dühring, ein Widersinn. Nichtsdestoweniger ist es eine Tatsache, daß der hängende Stein eine bestimmte, durch sein Gewicht und seine Entfernung vom Erdboden genau meßbare, in verschiedner Art - z.B. durch direkten Fall, durch Herabgleiten auf der schiefen Ebene, durch Umdrehung einer Welle - beliebig verwendbare Menge von mechanischer Bewegung vertritt, und eine geladne Flinte ebenfalls. Für die dialektische Auffassung bietet die Ausdrückbarkeit von Bewegung in ihrem Gegenteil, in Ruhe, durchaus keine Schwierigkeit. Für sie ist der ganze Gegensatz, wie |58| wir gesehn haben, nur relativ; absolute Ruhe, unbedingtes Gleichgewicht gibt es nicht. Die einzelne Bewegung strebt dem Gleichgewicht zu, die Gesamtbewegung hebt das Gleichgewicht wieder auf. So sind Ruhe und Gleichgewicht, wo sie vorkommen, das Resultat einer beschränkten Bewegung, und es ist selbstredend, daß diese Bewegung an ihrem Resultat meßbar, in ihm ausdrückbar, und aus ihm in einer oder der andern Form wieder herstellbar ist. Mit einer so einfachen Darstellung der Sache darf aber Herr Dühring sich nicht zufriedengeben. Als guter Metaphysiker reißt er zwischen Bewegung und Gleichgewicht zuerst eine in der Wirklichkeit nicht existierende, gähnende Kluft auf, und wundert sich dann, wenn er keine Brücke über diese selbstfabrizierte Kluft finden kann. Er könnte ebensogut seine metaphysische Rosinante besteigen und dem Kantschen »Ding an sich« nachjagen; denn das und nichts andres ist es, was schließlich hinter dieser unerfindlichen Brücke steckt.

Aber wie steht's mit der mechanischen Wärmetheorie und der gebundnen oder latenten Wann«, die für diese Theorie »ein Anstoß geblieben« ist?

Wenn man ein Pfund Eis von der Temperatur des Gefrierpunkts und bei Normalluftdruck durch Wärme in ein Pfund Wasser von derselben Temperatur verwandelt, so verschwindet eine Wärmemenge, die hinreichend wäre, dasselbe Pfund Wasser von 0 bis auf 794/10 Grad des hundertteiligen Thermometers oder um 794/10 Pfund Wasser um einen Grad zu erwärmen. Wenn man dies Pfund Wasser auf den Siedepunkt, also auf 100° erhitzt und nun in Dampf von 100° verwandelt, so verschwindet, bis das letzte Wasser in Dampf verwandelt ist, eine fast siebenfach größere Wärmemenge, hinreichend, um die Temperatur von 5372/10 Pfund Wasser um einen Grad zu erhöhen. Diese verschwundne Wärme nennt man gebunden. Verwandelt sich durch Abkühlung der Dampf wieder in Wasser und das Wasser wieder in Eis, so wird dieselbe Menge Wärme, die vorher gebunden wurde, wieder frei, d.h. als Wärme fühlbar und meßbar. Dies Freiwerden von Wärme beim Verdichten des Dampfs und beim Gefrieren des Wassers ist die Ursache, daß Dampf, wenn er auf 100° abgekühlt, sich erst allmählich in Wasser und daß eine Wassermasse von der Temperatur des Gefrierpunkts nur sehr langsam sich in Eis verwandelt. Dies sind die Tatsachen. Die Frage ist nun: was wird aus der Wärme, während sie gebunden ist?

Die mechanische Wärmetheorie, nach der die Wärme in einer nach Temperatur und Aggregatzustand größern oder geringern Schwingung der kleinsten physikalisch tätigen Teilchen (Moleküle) der Körper besteht, einer Schwingung, die unter Umständen in jede andre Form der Bewegung umschlagen kann, erklärt die Sache daraus, daß die verschwundne Wärme |59| Werk verrichtet hat, in Werk umgesetzt worden ist. Beim Schmelzen des Eises ist der enge feste Zusammenhang der einzelnen Moleküle unter sich aufgehoben und in lose Aneinanderlegung verwandelt; beim Verdampfen des Wassers auf dem Siedepunkt ist ein Zustand eingetreten, worin die einzelnen Moleküle gar keinen merklichen Einfluß aufeinander ausüben und unter der Einwirkung der Wärme sogar in allen Richtungen auseinanderfliegen. Es ist nun klar, daß die einzelnen Moleküle eines Körpers im gasförmigen zustande mit einer weit größern Energie begabt sind als im flüssigen, und im flüssigen wieder mehr als im festen zustande Die gebundne Wärme ist also nicht verschwunden, sie ist einfach verwandelt worden und hat die Form der molekularen Spannkraft angenommen. Sobald die Bedingung aufhört, unter der die einzelnen Moleküle diese absolute oder relative Freiheit gegeneinander behaupten können, sobald nämlich die Temperatur unter das Minimum von 100°, beziehungsweise 0° herabgeht, wird diese Spannkraft losgelassen, die Moleküle drängen sich wieder aneinander mit derselben Kraft, mit der sie vorher auseinandergerissen; und diese Kraft verschwindet, aber nur, um als Wärme wiederzuerscheinen, und zwar als genau dieselbe Quantität Wärme, die vorher gebunden war. Diese Erklärung ist natürlich eine Hypothese wie die ganze mechanische Wärmetheorie, insofern niemand bis jetzt ein Molekül, geschweige ein schwingendes, je gesehn hat. Sie ist eben deswegen sicher voller Mängel wie die ganze noch sehr junge Theorie, aber sie kann wenigstens den Hergang erklären, ohne irgendwie mit der Unzerstörbarkeit und Unerschaffbarkeit der Bewegung in Widerstreit zu kommen, und sie weiß sogar genau von dem Verbleib der Wärme innerhalb ihrer Verwandlung Rechenschaft zu geben. Die latente oder gebundne Wärme ist also keineswegs ein Anstoß für die mechanische Wärmetheorie. Im Gegenteil bringt diese Theorie zum erstenmal eine rationelle Erklärung des Vorgangs fertig, und ein Anstoß kann höchstens daraus entstehn, daß die Physiker fortfahren, die in eine andre Form von Molekularenergie verwandelte Wärme mit dem veralteten und unpassend gewordenen Ausdruck »gebunden« zu bezeichnen.

Also repräsentieren die sich selbst gleichen Zustände und ruhenden Verhältnisse des festen, tropfbarflüssigen und gasförmigen Aggregatzustandes allerdings mechanisches Werk, insofern das mechanische Werk das Maß der Wärme ist. Sowohl die feste Erdkruste wie das Wasser des Ozeans repräsentiert in seinem jetzigen Aggregatzustand eine ganz bestimmte Quantität frei gewordner Wärme, der selbstredend ein ebenso bestimmtes Quantum mechanischer Kraft entspricht. Bei dem Übergang des Gasballs, aus dem die Erde entstanden, in den tropfbarflüssigen und später in den großen- |60| teils festen Aggregatzustand, ist ein bestimmtes Quantum Molekularenergie als Wärme in den Weltraum ausgestrahlt worden. Die Schwierigkeit, von der Herr Dühring in geheimnisvoller Weise munkelt, existiert also nicht, und selbst bei den kosmischen Anwendungen mögen wir zwar auf Mängel und Lücken stoßen - die unsern unvollkommnen Erkenntnismitteln geschuldet - aber nirgendswo auf theoretisch unüberwindliche Hindernisse. Die Brücke vom Statischen zum Dynamischen ist auch hier der Anstoß von außen - Abkühlung oder Erwärmung, veranlaßt durch andre Körper, die auf den im Gleichgewicht befindlichen Gegenstand einwirken. Je weiter wir in dieser Dühringschen Naturphilosophie vordringen, desto unmöglicher erscheinen alle Versuche, die Bewegung aus der Bewegungslosigkeit zu erklären oder die Brücke zu finden, auf der das rein Statische, Ruhende aus sich selbst zum Dynamischen, zur Bewegung kommen kann.

Hiermit wären wir dann den sich selbst gleichen Urzustand für einige Zeit glücklich los. Herr Dühring geht zur Chemie über, und enthüllt uns bei dieser Gelegenheit drei bis jetzt durch die Wirklichkeitsphilosophie gewonnene Beharrungsgesetze der Natur, wie folgt:

1. der Größenbestand der allgemeinen Materie, 2. der der einfachen (chemischen) Elemente und 3. der der mechanischen Kraft sind unveränderlich.

Also: die Unerschaffbarkeit und Unzerstörbarkeit der Materie sowie ihrer einfachen Bestandteile, soweit sie deren hat, und der Bewegung - diese alten, weltbekannten Tatsachen, höchst ungenügend ausgedrückt -, das ist das einzig wirklich Positive, das uns Herr Dühring als Resultat seiner Naturphilosophie der unorganischen Welt zu bieten imstande ist. Alles Dinge, die wir längst gewußt. Aber was wir nicht gewußt haben, ist: daß es »Beharrungsgesetze« und als solche »schematische Eigenschaften des Systems der Dinge« sind. Es geht uns wieder wie oben bei Kant: Herr Dühring nimmt irgendwelche allbekannte Schnurre, klebt eine Dühringsche Etikette drauf, und nennt das:

»von Grund aus eigentümliche Ergebnisse und Anschauungen ... systemschaffende Gedanken ... wurzelhafte Wissenschaft«.

Doch wir brauchen deswegen noch lange nicht zu verzweifeln. Welche Mängel auch die wurzelhafteste Wissenschaft und die beste Gesellschaftseinrichtung haben mögen, eins kann Herr Dühring mit Bestimmtheit behaupten:

|61| »Das im Universum vorhandne Gold muß jederzeit dieselbe Menge gewesen sein und kann sich ebensowenig wie die allgemeine Materie vermehrt oder vermindert haben.«

Was wir uns aber für dies »vorhandne Gold« kaufen können, das sagt Herr Dühring leider nicht.

 

VII.

Naturphilosophie.

Organische Welt

»Von der Mechanik in Druck und Stoß bis zur Verknüpfung der Empfindungen und Gedanken reicht eine einheitliche und einzige Stufenleiter von Einschaltungen.«

Mit dieser Versicherung erspart es sich Herr Dühring, über die Entstehung des Lebens etwas weiteres zu sagen, obwohl man von einem Denker, der die Entwicklung der Welt bis auf den sich selbst gleichen Zustand zurück verfolgt hat, und der auf den andern Weltkörpern so heimisch ist, wohl erwarten dürfte, daß er auch hier genau Bescheid wisse. Im übrigen ist jene Versicherung nur halb richtig, solange sie nicht durch die schon erwähnte Hegelsche Knotenlinie von Maßverhältnissen ergänzt wird. Bei aller Allmählichkeit bleibt der Übergang von einer Bewegungsform zur andern immer ein Sprung, eine entscheidende Wendung. So der Übergang von der Mechanik der Weltkörper zu der der kleineren Massen auf einem einzelnen Weltkörper; ebenso der von der Mechanik der Massen zu der Mechanik der Moleküle - die Bewegungen umfassend, die wir in der eigentlich sogenannten Physik untersuchen: Wärme, Licht, Elektrizität, Magnetismus; ebenso vollzieht sich der Übergang von der Physik der Moleküle zu der Physik der Atome - der Chemie - wieder durch einen entschiednen Sprung, und noch mehr ist dies der Fall beim Übergang von gewöhnlicher chemischer Aktion zum Chemismus des Eiweißes, den wir Leben nennen. Innerhalb der Sphäre des Lebens werden dann die Sprünge immer seltner und unmerklicher. - Es ist also wieder Hegel, der Herrn Dühring berichtigen muß.

Den begrifflichen Übergang zur organischen Welt liefert Herrn Dühring der Zweckbegriff. Dies ist wieder entlehnt aus Hegel, der in der »Logik« - Lehre vom Begriff - vermittelst der Teleologie oder Lehre vom Zweck, vom Chemismus zum Leben übergeht. Wohin wir blicken, stoßen wir bei Herrn Dühring auf eine Hegelsche »Krudität«, die er ganz ungeniert für seine eigne wurzelhafte Wissenschaft ausgibt. Es würde zu weit |62| führen, hier zu untersuchen, inwieweit die Anwendung der Vorstellungen von Zweck und Mittel auf die organische Welt berechtigt und angebracht ist. Jedenfalls führt auch die Anwendung des Hegelschen »inneren Zwecks«, d.h. eines Zwecks, der nicht durch einen absichtlich handelnden Dritten, etwa die Weisheit der Vorsehung, in die Natur importiert ist, sondern der in der Notwendigkeit der Sache selbst liegt, bei Leuten, die nicht vollständig philosophisch geschult sind, fortwährend zur gedankenlosen Unterschiebung bewußter und absichtlicher Handlung. Derselbe Herr Dühring, der bei der geringsten »spiritistischen« Regung andrer Leute in ungemessene sittliche Entrüstung gerät, versichert

»mit Bestimmtheit, daß die Triebempfindungen in der Hauptsache um der Befriedigung willen geschaffen worden sind, die mit ihrem Spiel verbunden ist«.

Er erzählt uns, die arme Natur

»muß immer wieder von neuem die gegenständliche Welt in Ordnung halten«, und daneben hat sie noch mehr als eine Angelegenheit zu erledigen, »die von seiten der Natur mehr Subtilität erforderlich macht, als man gewöhnlich zugesteht«. Aber die Natur weiß nicht nur, warum sie dies und jenes schafft, sie hat nicht nur Hausmagdsdienste zu verrichten, sie hat nicht nur Subtilität, was doch schon eine ganz hübsche Vervollkommnung im subjektiven bewußten Denken ist, sie hat auch einen Willen; denn die Zugabe zu den Trieben, daß sie nebenbei reale Naturbedingungen: Ernährung, Fortpflanzung usw. erfüllen, diese Zugabe »dürfen wir nicht als direkt, sondern nur als indirekt gesollt ansehen«.

Wir sind hiermit bei einer bewußt denkenden und handelnden Natur angekommen, stehn also schon auf der »Brücke« zwar nicht vom Statischen zum Dynamischen, aber doch vom Pantheismus zum Deismus. Oder beliebt es Herrn Dühring etwa, auch einmal ein wenig »naturphilosophische Halbpoesie« zu treiben?

Unmöglich. Alles was uns unser Wirklichkeitsphilosoph über die organische Natur zu sagen weiß, beschränkt sich auf den Kampf gegen diese naturphilosophische Halbpoesie, gegen »die Scharlatanerie mit ihren leichtfertigen Oberflächlichkeiten und sozusagen wissenschaftlichen Mystifikationen«, gegen die »dichtelnden Züge« des Darwinismus.

Vor allen Dingen wird Darwin vorgeworfen, daß er die Malthussche Bevölkerungstheorie aus der Ökonomie in die Naturwissenschaft übertrage, daß er in den Vorstellungen des Tierzüchters befangen sei, daß er mit dem Kampf ums Dasein unwissenschaftliche Halbpoesie treibe, und daß der ganze Darwinismus, nach Abzug des von Lamarck Entlehnten, ein Stück gegen die Humanität gekehrte Brutalität sei.

|63| Darwin hatte von seinen wissenschaftlichen Reisen die Ansicht nach Hause gebracht, daß die Arten der Pflanzen und Tiere nicht beständige, sondern sich verändernde sind. Um diesen Gedanken zu Hause weiter zu verfolgen, bot sich ihm kein besseres Feld als das der Tier- und Pflanzenzüchtung. Grade hierfür ist England das klassische Land; die Leistungen andrer Länder, z.B. Deutschlands, können nicht entfernt einen Maßstab abgeben für das in dieser Beziehung in England Erreichte. Dabei gehören die meisten Erfolge den letzten hundert Jahren an, so daß die Konstatierung der Tatsachen wenig Schwierigkeiten macht. Darwin fand nun, daß diese Züchtung künstlich, an Tieren und Pflanzen derselben Art, Unterschiede hervorgerufen hatte, größer als diejenigen, die bei allgemein als verschieden anerkannten Arten vorkommen. Einerseits war also die Veränderlichkeit der Arten bis auf einen gewissen Grad nachgewiesen, andrerseits die Möglichkeit gemeinschaftlicher Vorfahren für Organismen, die verschiedne Artcharaktere besaßen. Darwin untersuchte nun, ob nicht etwa in der Natur sich Ursachen finden, die - ohne die bewußte Absicht des Züchters - dennoch auf die Dauer an den lebenden Organismen ähnliche Veränderungen hervorrufen mußten, wie die künstliche Züchtung. Diese Ursachen fand er in dem Mißverhältnis zwischen der ungeheuren Zahl der von der Natur geschaffenen Keime und der geringen von wirklich zur Reife gelangenden Organismen. Da nun aber jeder Keim zur Entwicklung strebt, so entsteht notwendig ein Kampf ums Dasein, der nicht bloß als direkte, körperliche Bekämpfung oder Verzehrung, sondern auch als Kampf um Raum und Licht, selbst bei Pflanzen noch, sich zeigt. Und es ist augenscheinlich, das in diesem Kampfe diejenigen Individuen am meisten Aussicht haben, zur Reife zu gelangen und sich fortzupflanzen, die irgendeine, noch so unbedeutende, aber im Kampf ums Dasein vorteilhafte individuelle Eigentümlichkeit besitzen. Diese individuellen Eigentümlichkeiten haben demnach die Tendenz, sich zu vererben, und wenn sie bei mehreren Individuen derselben Art vorkommen, sich durch gehäufte Vererbung in der einmal angenommenen Richtung zu steigern; während die diese Eigentümlichkeit nicht besitzenden Individuen im Kampf ums Dasein leichter erliegen und allmählich verschwinden. Auf diese Weise verändert sich eine Art durch natürliche Züchtung, durch das Überleben der Geeignetsten.

Gegen diese Darwinsche Theorie sagt nun Herr Dühring, der Ursprung der Vorstellung vom Kampf ums Dasein sei, wie es Darwin selbst eingestanden habe, in einer Verallgemeinerung der Ansichten des nationalökonomischen Bevölkerungstheoretikers Malthus zu suchen und demgemäß auch mit allen denjenigen Schäden behaftet, die den priesterlich malthusiani- |64| sehen Anschauungen über das Bevölkerungsgedränge eigen sind. - Nun fällt es Darwin gar nicht ein zu sagen, der Ursprung der Vorstellung vom Kampf ums Dasein sei bei Malthus zu suchen. Er sagt nur: seine Theorie vom Kampf ums Dasein sei die Theorie von Malthus, angewandt auf die ganze tierische und pflanzliche Welt. Wie groß auch der Bock sein mag, den Darwin geschossen, indem er in seiner Naivetät die Malthussche Lehre so unbesehn akzeptierte, so sieht doch jeder auf den ersten Blick, daß man keine Malthus-Brille braucht, um den Kampf ums Dasein in der Natur wahrzunehmen - den Widerspruch zwischen der zahllosen Menge von Keimen, die die Natur verschwenderisch erzeugt, und der geringen Anzahl von ihnen, die überhaupt zur Reife kommen können; einen Widerspruch, der sich in der Tat größtenteils in einem - stellenweise äußerst grausamen - Kampf ums Dasein löst. Und wie das Gesetz des Arbeitslohns seine Geltung behalten hat, auch nachdem die malthusianischen Argumente längst verschollen sind, auf die Ricardo es stützte -, so kann der Kampf ums Dasein in der Natur ebenfalls stattfinden, auch ohne irgendeine malthusianische Interpretation. Übrigens haben die Organismen der Natur ebenfalls ihre Bevölkerungsgesetze, die so gut wie gar nicht untersucht sind, deren Feststellung aber für die Theorie von der Entwicklung der Arten von entscheidender Wichtigkeit sein wird. Und wer hat auch in dieser Richtung den entscheidenden Anstoß gegeben? Niemand anders als Darwin.

Herr Dühring hütet sich wohl, auf diese positive Seite der Frage einzugehn. Statt dessen muß der Kampf ums Dasein immer wieder vorhalten. Von einem Kampf ums Dasein unter bewußtlosen Pflanzen und gemütlichen Pflanzenfressern könne von vornherein keine Rede sein:

»in genau bestimmtem Sinne ist nun der Kampf ums Dasein innerhalb der Brutalität insoweit vertreten, als die Ernährung durch Raub und Verzehrung erfolgt«.

Und nachdem er den Begriff: Kampf ums Dasein, auf diese engen Grenzen reduziert, kann er über die Brutalität dieses von ihm selbst auf die Brutalität beschränkten Begriffs seiner vollen Entrüstung freien Lauf lassen. Diese sittliche Entrüstung trifft aber nur Herrn Dühring selbst, der ja der alleinige Verfasser des Kampfs ums Dasein in dieser Beschränkung und daher auch allein dafür verantwortlich ist. Es ist also nicht Darwin, der

»im Gebiet der Bestien die Gesetze und das Verständnis aller Naturaktion sucht« -

Darwin hatte ja grade die ganze organische Natur mit in den Kampf eingeschlossen -, sondern ein von Herrn Dühring selbst zurechtgemachter Phantasiepopanz. Der Name: Kampf ums Dasein, kann übrigens dem hochmoralischen Zorn des Herrn Dühring gern preisgegeben werden. Daß |65| die Sache auch unter Pflanzen existiert, kann ihm jede Wiese, jedes Kornfeld, jeder Wald beweisen, und nicht um den Namen handelt es sich, ob man das »Kampf ums Dasein« nennen soll oder »Mangel der Existenzbedingungen und mechanische Wirkungen«, sondern darum, wie diese Tatsache auf die Erhaltung oder Veränderung der Arten einwirkt. Darüber verharrt Herr Dühring in einem hartnäckig sich selbst gleichen Stillschweigen. Es wird also wohl vorläufig bei der Naturzüchtung sein Bewenden haben.

Aber der Darwinismus »produziert seine Verwandlungen und Differenzen aus nichts«.

Allerdings sieht Darwin, wo er von der Naturzüchtung handelt, ab von den Ursachen, die die Veränderungen in den einzelnen Individuen hervorgerufen haben, und handelt zunächst von der Art und Weise, in der solche individuelle Abweichungen nach und nach zu Kennzeichen einer Race, Spielart oder Art werden. Für Darwin handelt es sich zunächst weniger darum, diese Ursachen zu finden - die bis jetzt teilweise ganz unbekannt, teilweise nur ganz allgemein angebbar sind -, als vielmehr eine rationelle Form, in der sich ihre Wirkungen festsetzen, dauernde Bedeutung erhalten. Daß Darwin dabei seiner Entdeckung einen übermäßigen Wirkungskreis zuschrieb, sie zum ausschließlichen Hebel der Artveränderung machte und die Ursachen der wiederholten individuellen Veränderungen über der Form ihrer Verallgemeinerung vernachlässigte, ist ein Fehler, den er mit den meisten Leuten gemein hat, die einen wirklichen Fortschritt machen. Zudem, wenn Darwin seine individuellen Verwandlungen aus nichts produziert und dabei »die Weisheit des Züchters« ausschließlich anwendet, so muß hiernach der Züchter seine nicht bloß vorgestellten, sondern wirklichen Verwandlungen der Tier- und Pflanzenformen ebenfalls aus nichts produzieren. Wer aber den Anstoß gegeben hat, zu untersuchen, woraus denn eigentlich diese Verwandlungen und Differenzen entstehn, ist wieder niemand anders als Darwin.

Neuerdings ist, namentlich durch Haeckel, die Vorstellung von der Naturzüchtung erweitert und die Artveränderung gefaßt als Resultat der Wechselwirkung von Anpassung und Vererbung, wobei dann die Anpassung als die ändernde, die Vererbung als die erhaltende Seite des Prozesses dargestellt wird. Auch dies ist Herrn Dühring wieder nicht recht.

»Eigentliche Anpassung an Lebensbedingungen, wie sie durch die Natur geboten oder entzogen werden, setzt Antriebe und Tätigkeiten voraus, die sich nach Vorstellungen bestimmen. Andernfalls ist die Anpassung nur ein Schein und die alsdann |66| wirkende Kausalität erhebt sich nicht über die niedern Stufen des Physikalischen, Chemischen und pflanzlich Physiologischen.«

Es ist wieder der Name, der Herrn Dühring zum Ärgernis dient. Wie er aber auch den Vorgang bezeichnen möge: die Frage ist hier die, ob durch solche Vorgänge Veränderungen in den Arten der Organismen hervorgerufen werden oder nicht? Und Herr Dühring gibt wieder keine Antwort.

»Wenn eine Pflanze in ihrem Wachstum den Weg nimmt, auf welchem sie das meiste Licht erhält, so ist diese Wirkung des Reizes nichts als eine Kombination physikalischer Kräfte und chemischer Agenzien, und wenn man hier nicht metaphorisch, sondern eigentlich von einer Anpassung reden will, so muß dies in die Begriffe eine spiritistische Verworrenheit bringen.«

So streng gegen andre ist derselbe Mann, der ganz genau weiß, um wessen Willen die Natur dies oder jenes tut, der von der Subtililät der Natur spricht, ja von ihrem Willen! Spiritistische Verworrenheit in der Tat - aber wo, bei Haeckel oder bei Herrn Dühring?

Und nicht nur spiritistische, sondern auch logische Verworrenheit. Wir sahen, daß Herr Dühring mit aller Gewalt darauf besteht, den Zweckbegriff in der Natur geltend zu machen:

»Die Beziehung von Mittel und Zweck setzt keineswegs eine bewußte Absicht voraus.«

Was ist nun aber die Anpassung ohne bewußte Absicht, ohne Vermittlung von Vorstellungen, gegen die er so eifert, anders als eine solche unbewußte Zwecktätigkeit?

Wenn also Laubfrösche und laubfressende Insekten grüne, Wüstentiere sandgelbe, Polarlandtiere vorwiegend schneeweiße Farbe haben, so haben sie sich diese sicher nicht absichtlich oder nach irgendwelchen Vorstellungen angeeignet; im Gegenteil lassen sich die Farben nur aus physikalischen Kräften und chemischen Agenzien erklären. Und doch ist es unleugbar, daß diese Tiere, durch jene Farben, dem Mittel, in dem sie leben, zweckmäßig angepaßt sind, und zwar so, daß sie ihren Feinden dadurch weit weniger sichtbar geworden. Ebenso sind die Organe, womit gewisse Pflanzen die sich darauf niedersetzenden Insekten fangen und verzehren, dieser Tätigkeit angepaßt, und sogar zweckmäßig angepaßt. Wenn nun Herr Dühring darauf besteht, daß die Anpassung durch Vorstellungen bewirkt sein muß, so sagt er nur mit andern Worten, daß die Zwecktätigkeit ebenfalls durch Vorstellungen vermittelt, bewußt, absichtlich sein muß. Womit wir wieder, wie gewöhnlich in der Wirklichkeitsphilosophie, beim zwecktätigen Schöpfer, bei Gott angekommen sind.

|67| »Sonst nannte man eine solche Auskunft Deismus und hielt nicht viel davon« (sagt Herr Dühring); »jetzt aber scheint man sich auch in dieser Beziehung rückwärtsentwickelt zu haben.«

Von der Anpassung kommen wir auf die Vererbung. Auch hier ist der Darwinismus, nach Herrn Dühring, vollständig auf dem Holzwege. Die ganze organische Welt, behaupte Darwin, soll von einem Urwesen abstammen, sozusagen die Brut eines einzigen Wesens sein. Die selbständige Nebenordnung gleichartiger Naturproduktionen ohne Abstammungsvermittlung sei für Darwin gar nicht vorhanden, und er müsse daher mit seinen rückwärtsgekehrten Anschauungen sofort am Ende sein, wo ihm der Faden der Zeugung oder sonstigen Fortpflanzung reißt.

Die Behauptung, Darwin leite alle jetzigen Organismen von Einem Urwesen her, ist, um uns höflich auszudrücken, eine »eigne freie Schöpfung und Imagination« des Herrn Dühring. Darwin sagt ausdrücklich auf der vorletzten Seite der »Origin of Species«, 6. Auflage, er sehe

»alle Wesen nicht als besondre Schöpfungen, sondern als die Nachkommen, in gerader Linie, einiger weniger Wesen« |Hervorhebung von Engels| an.

Und Haeckel geht noch bedeutend weiter und nimmt

»einen ganz selbständigen Stamm für das Pflanzenreich, einen zweiten für das Tierreich« an und zwischen beiden »eine Anzahl von selbständigen Protistenstämmen, deren jeder ganz unabhängig von jenen aus einer eignen archigonen Monerenform sich entwickelt hat« (»Schöpfungsgeschichte« S. 397).

Dieses Urwesen ist von Herrn Dühring nur erfunden worden, um es durch Parallele mit dem Urjuden Adam möglichst in Verruf zu bringen; wobei ihm - nämlich Herrn Dühring - das Unglück passiert, daß ihm unbekannt geblieben, wieso dieser Urjude durch [George] Smiths assyrische Entdeckungen sich als Ursemit entpuppt; daß die ganze Schöpfungs- und Sündflutgeschichte der Bibel sich erweist als ein Stück aus dem altheidnischen, den Juden mit Babyloniern, Chaldäern und Assyrern gemeinsamen religiösen Sagenkreise.

Es ist allerdings ein harter, aber nicht abzuweisender Vorwurf gegen Darwin, daß er sofort am Ende ist, wo ihm der Faden der Abstammung reißt. Leider verdient ihn unsre gesamte Naturwissenschaft. Wo ihr der Faden der Abstammung reißt, ist sie »am Ende«. Sie hat es bisher noch nicht fertiggebracht, organische Wesen ohne Abstammung zu erzeugen; ja noch nicht einmal einfaches Protoplasma oder andre Eiweißkörper aus den chemischen Elementen herzustellen. Sie kann also über den Ursprung des |68| Lebens bis jetzt nur soviel mit Bestimmtheit sagen, daß er sich auf chemischem Wege vollzogen haben muß. Vielleicht aber ist die Wirklichkeitsphilosophie in der Lage, hier abhelfen zu können, da sie über selbständig nebengeordnete Naturproduktionen verfügt, die nicht durch Abstammung untereinander vermittelt sind. Wie können diese entstanden sein? Durch Urzeugung? Aber bis jetzt haben selbst die verwegensten Vertreter der Urzeugung nichts als Bakterien, Pilzkeime und andere sehr ursprüngliche Organismen auf diesem Wege zu erzeugen beansprucht - keine Insekten, Fische, Vögel oder Säugetiere. Wenn nun diese gleichartigen Naturproduktionen - wohlverstanden organische, von denen ist hier allein die Rede - nicht durch Abstammung zusammenhängen, so müssen sie oder jeder ihrer Vorfahren da, »wo der Faden der Abstammung reißt«, durch einen aparten Schöpfungsakt in die Welt gesetzt sein. Also schon wieder beim Schöpfer und dem, was man Deismus nennt.

Ferner erklärt Herr Dühring es für eine große Oberflächlichkeit von Darwin,

»den bloßen Akt geschlechtlicher Komposition von Eigenschaften zum Fundamentalprinzip der Entstehung dieser Eigenschaften zu machen«.

Dies ist wieder eine freie Schöpfung und Imagination unseres wurzelhaften Philosophen. Im Gegenteil erklärt Darwin bestimmt: der Ausdruck Naturzüchtung schließe nur ein die Erhaltung von Veränderungen, nicht aber ihre Erzeugung (S. 63). Diese neue Unterschiebung von Sachen, die Darwin nie gesagt, dient aber dazu, uns zu folgendem Dühringschen Tiefsinn zu verhelfen:

»Hätte man im innern Schematismus der Zeugung irgendein Prinzip der selbständigen Veränderung aufgesucht, so würde dieser Gedanke ganz rationell gewesen sein; denn es ist ein natürlicher Gedanke, das Prinzip der allgemeinen Genesis mit dem der geschlechtlichen Fortpflanzung zu einer Einheit zusammenzufassen und die sogenannte Urzeugung aus einem hohem Gesichtspunkt nicht als absoluten Gegensatz der Reproduktion, sondern eben als eine Produktion anzusehn.«

Und der Mann, der solchen Gallimathias verfassen konnte, geniert sich nicht, Hegel seinen »Jargon« vorzuwerfen!

doch genug der verdrießlichen, widerspruchsvollen Quengelei und Nörgelei, mit der Herr Dühring seinem Ärger über den kolossalen Aufschwung Luft macht, den die Naturwissenschaft dem Anstoß der Darwinschen Theorie verdankt. Weder Darwin noch seine Anhänger unter den Naturforschern denken daran, die großen Verdienste Lamarcks irgendwie zu verkleinern; sind sie es doch grade, die ihn zuerst wieder auf den Schild |69| gehoben haben. Aber wir dürfen nicht übersehn, daß zu Lamarcks Zeit die Wissenschaft bei weitem noch nicht über hinreichendes Material verfügte, um die Frage nach dem Ursprung der Arten anders als antizipierend, sozusagen prophetisch beantworten zu können. Außer dem enormen Material aus dem Gebiet der sammelnden wie der anatomischen Botanik und Zoologie, das seitdem angehäuft, sind aber seit Lamarck zwei ganz neue Wissenschaften entstanden, die hier von entscheidender Wichtigkeit sind: die Untersuchung der Entwicklung der pflanzlichen und tierischen Keime (Embryologie) und die der, in den verschiednen Schichten der Erdoberfläche aufbewahrten, organischen Überreste (Paläontologie). Es findet sich nämlich eine eigentümliche Übereinstimmung zwischen der stufenweisen Entwicklung der organischen Keime zu reifen Organismen und der Reihenfolge der nacheinander in der Geschichte der Erde auftretenden Pflanzen und Tiere. Und grade diese Übereinstimmung ist es, die der Entwicklungstheorie die sicherste Grundlage gegeben hat. Die Entwicklungstheorie selbst ist aber noch sehr jung, und es ist daher unzweifelhaft, daß die weitere Forschung die heutigen, auch die streng darwinistischen Vorstellungen von dem Hergang der Artenentwicklung sehr bedeutend modifizieren wird.

Was hat uns nun die Wirklichkeitsphilosophie über die Entwicklung des organischen Lebens Positives zu sagen?

»Die ... Abänderlichkeit der Arten ist eine annehmbare Voraussetzung.« Daneben gilt aber auch »die selbständige Nebenordnung gleichartiger Naturproduktionen, ohne Abstammungsvermittlung«.

Hiernach sollte man meinen, die ungleichartigen Naturproduktionen, d.h. die sich ändernden Arten stammten voneinander ab, die gleichartigen aber nicht. Dies stimmt aber auch nicht ganz; denn auch bei sich ändernden Arten dürfte

»die Vermittlung durch Abstammung im Gegenteil erst ein ganz sekundärer Akt der Natur sein«.

Also doch Abstammung, aber »zweiter Klasse«. Seien wir froh, daß die Abstammung, nachdem Herr Dühring ihr soviel Übles und Dunkles nachgesagt, dennoch endlich durch die Hintertür wieder zugelassen wird. Ebenso geht es der Naturzüchtung, denn nach all der sittlichen Entrüstung über den Kampf ums Dasein, vermittelst dessen die Naturzüchtung sich ja vollzieht, heißt es plötzlich:

»Der tiefere Grund der Beschaffenheit der Gebilde ist mithin in den Lebensbedingungen und kosmischen Verhältnissen zu suchen, während die von Darwin betonte Naturzüchtung erst in zweiter Linie in Frage kommen kann.«

|70| Also doch Naturzüchtung, wenn auch zweiter Klasse; also mit der Naturzüchtung auch Kampf ums Dasein und damit auch priesterlich-malthusianisches Bevölkerungsgedränge! Das ist alles, im übrigen verweist uns Herr Dühring auf Lamarck.

Schließlich warnt er uns vor dem Mißbrauch der Worte Metamorphose und Entwicklung. Metamorphose sei ein unklarer Begriff und der Begriff der Entwicklung nur soweit zulässig, als sich Entwicklungsgesetze wirklich nachweisen lassen. Statt beider sollen wir sagen »Komposition«, und dann sei alles gut. Es ist wieder die alte Geschichte: die Sachen bleiben, wie sie waren, und Herr Dühring ist ganz zufrieden, sobald wir nur die Namen ändern, wenn wir von der Entwicklung des Hühnchens im Ei sprechen, so machen wir Konfusion, weil wir die Entwicklungsgesetze nur mangelhaft nachweisen können. Sprechen wir aber von seiner Komposition, so wird alles klar. Wir werden also nicht mehr sagen: dies Kind entwickelt sich prächtig, sondern: es komponiert sich ausgezeichnet, und wir dürfen Herrn Dühring Glück wünschen, daß er dem Schöpfer des Nibelungenringes nicht nur in edler Selbstschätzung würdig zur Seite steht, sondern auch in seiner Eigenschaft als Komponist der Zukunft.

 

VIII.

Naturphilosophie.

Organische Welt

(Schluß)

»Man erwäge, ... was zu unserm naturphilosophischen Abschnitt an positiver Erkenntnis gehöre, um ihn mit allen seinen wissenschaftlichen Voraussetzungen auszustatten. Ihm liegen zunächst alle wesentlichen Errungenschaften der Mathematik und alsdann die Hauptfeststellungen des exakten Wissens in Mechanik, Physik, Chemie, sowie überhaupt die naturwissenschaftlichen Ergebnisse in Physiologie, Zoologie und in ähnlichen Forschungsgebieten zugrunde.«

So zuversichtlich und entschieden spricht sich Herr Dühring aus über die mathematische und naturwissenschaftliche Gelehrsamkeit des Herrn Dühring. Man sieht es dem magern Abschnitt selbst nicht an, und noch weniger seinen noch dürftigeren Resultaten, welche Wurzelhaftigkeit positiver Erkenntnis dahintersteckt. Jedenfalls braucht man, um die Dühringschen Orakel über Physik und Chemie zustande zu bringen, von der Physik nichts zu wissen als die Gleichung, die das mechanische Äquivalent der Wärme ausdrückt, und von der Chemie nur dies, daß alle Körper sich einteilen in Elemente und Zusammensetzungen von Elementen. Wer zudem, |71| wie Herr Dühring S. 131, von »gravitierenden Atomen« sprechen kann, beweist nur damit, daß er über den Unterschied von Atom und Molekül gänzlich »im Dunkeln« ist. Atome existieren bekanntlich nicht für die Gravitation oder andre mechanische oder physikalische Bewegungsformen, sondern nur für die chemische Aktion. Und wenn man gar das Kapitel über die organische Natur liest, so kann man bei dem leeren, sich widersprechenden, am entscheidenden Punkt orakelhaft sinnlosen Hin- und Hergerede, und bei der absoluten Nichtigkeit des Schlußergebnisses schon von vornherein sich der Ansicht nicht erwehren, daß Herr Dühring hier von Dingen spricht, von denen er merkwürdig wenig weiß. Diese Ansicht wird zur Gewißheit, wenn man zu seinem Vorschlag kommt, in der Lehre von dem organischen Wesen (Biologie) fernerhin Komposition zu sagen statt Entwicklung. Wer so etwas vorschlagen kann, beweist, daß er von der Bildung organischer Körper nicht die geringste Ahnung hat.

Alle organischen Körper, mit Ausnahme der allerniedrigsten, bestehn aus Zellen, kleinen, nur durch starke Vergrößerung sichtbaren Eiweißklümpchen mit einem Zellenkern im Innern. In der Regel entwickelt die Zelle auch eine äußere Haut, und der Inhalt ist dann mehr oder weniger flüssig. Die niedrigsten Zellenkörper bestehn aus einer Zelle; die ungeheure Mehrzahl der organischen Wesen ist vielzellig, ein zusammengehöriger Komplex vieler Zellen, die, bei niedrigem Organismen noch gleichartig, bei den höhern mehr und mehr verschiedne Formen, Gruppierungen und Tätigkeiten erhalten. Im menschlichen Körper z. B. sind Knochen, Muskel, Nerven, Sehnen, Bänder, Knorpel. Haut, kurz, alle Gewebe aus Zellen entweder zusammengesetzt oder doch entstanden. Aber allen organischen Zellengebilden, von der Amöbe, die ein einfaches, die meiste Zeit hautloses Eiweißklümpchen mit einem Zeilenkern im Innern ist, bis zum Menschen, und von der kleinsten einzelligen Desmidiacee bis zur höchstentwickelten Pflanze, ist die Art gemeinsam wie die Zellen sich vermehren: durch Spaltung. Der Zellenkern schnürt sich zuerst in der Mitte ein, die Einschnürung, die die beiden Kolben des Kerns trennt, wird immer stärker, zuletzt trennen sie sich und bilden zwei Zellenkerne. Derselbe Vorgang findet an der Zelle selbst statt, jeder der beiden Kerne wird der Mittelpunkt einer Ansammlung von Zellstoff, die mit der andern durch eine immer enger werdende Einschnürung zusammenhängt, bis zuletzt beide sich trennen und als selbständige Zellen fortleben. Durch solche wiederholte Zellenspaltung wird aus dem Keimbläschen des tierischen Eies, nach eingetretener Befruchtung, nach und nach das ganze fertige Tier entwickelt, und ebenso beim |72| erwachsenen Tier der Ersatz der verbrauchten Gewebe vollzogen. Einen solchen Vorgang eine Komposition, und seine Bezeichnung als Entwicklung »eine pure Imagination« zu nennen, dazu gehört doch sicher jemand, der - so schwer das auch heutzutage anzunehmen ist - von diesem Vorgang gar nichts weiß; hier wird ja eben nur, und zwar im buchstäblichsten Sinn entwickelt, komponiert aber ganz und gar nicht!

Über das, was Herr Dühring im allgemeinen unter Leben versteht, werden wir weiter unten noch etwas zu sagen haben. Im besondern stellt er sich unter Leben folgendes vor:

»Auch die unorganische Welt ist ein System sich selbst vollziehender Regungen; aber erst da, wo die eigentliche Gliederung und die Vermittlung der Zirkulation der Stoffe durch besondre Kanäle von einem innern Punkt und nach einem an ein kleineres Gebilde übertragbaren Keimschema beginnt, darf man im engeren und strengeren Sinne von eigentlichem Leben zu reden unternehmen.«

Dieser Satz ist im engern und strengern Sinn ein System sich selbst vollziehender Regungen (was das auch immer für Dinger sein mögen) von Unsinn, selbst abgesehn von der hülflos verworrenen Grammatik. Wenn das Leben erst anfängt, wo die eigentliche Gliederung beginnt, dann müssen wir das ganze Haeckelsche Protistenreich und vielleicht noch viel mehr für tot erklären, je nachdem der Begriff von Gliederung gefaßt wird. Wenn das Leben erst da beginnt, wo diese Gliederung durch ein kleineres Keimschema übertragbar ist, so sind mindestens alle Organismen bis zu den einzeiligen hinauf, und diese eingeschlossen, nicht lebendig. Ist die Vermittlung der Zirkulation der Stoffe durch besondre Kanäle das Kennzeichen des Lebens, so müssen wir außer den obigen noch die ganze Oberklasse der Coelenterata, allenfalls mit Ausnahme der Medusen, also sämtliche Polypen und andre Pflanzentiere aus der Reihe der lebenden Wesen ausstreichen. Gilt aber gar die Zirkulation der Stoffe durch besondre Kanäle von einem innern Punkt für das wesentliche Kennzeichen des Lebens, so müssen wir alle diejenigen Tiere für tot erklären, die kein Herz, oder auch die mehrere Herzen haben. Dazu gehören außer den vorerwähnten noch sämtliche Würmer, Seesterne und Rädertiere (Annuloida und Annulosa, Huxleys Einteilung), ein Teil der Krustentiere (Krebse) und endlich sogar ein Wirbeltier, das Lanzettierchen (Amphioxus). Dazu sämtliche Pflanzen.

Indem also Herr Dühring unternimmt, das eigentliche Leben im engern und strengern Sinne zu kennzeichnen, gibt er vier einander total widersprechende Kennzeichen des Lebens an, von denen das eine nicht nur das ganze Pflanzenreich, sondern auch ungefähr das halbe Tierreich zu ewigem |73| Tode verdammt. Wahrhaftig, niemand kann sagen, er habe uns angeführt, als er uns

»von Grund aus eigentümliche Ergebnisse und Anschauungen«

versprach!

An einer andern Stelle heißt es:

»auch in der Natur liegt allen Organisationen von der niedrigsten bis zur höchsten ein einfacher Typus zugrunde«, und dieser Typus ist »schon in der untergeordnetsten Regung der unvollkommensten Pflanze in seinem allgemeinen Wesen voll und ganz anzutreffen.«

Diese Behauptung ist wieder »voll und ganz« Unsinn. Der allereinfachste Typus, der in der ganzen organischen Natur anzutreffen, ist die Zelle; und sie liegt den höchsten Organisationen allerdings zugrunde. Dagegen finden sich unter den niedrigsten Organismen eine Menge, die noch tief unter der Zelle stehn - die Protamöbe, ein einfaches Eiweißklümpchen, ohne irgendwelche Differenzierung, eine ganze Reihe andrer Monere und sämtliche Schlauchalgen (Siphoneen). Diese sind sämtlich mit den höhern Organismen nur dadurch verknüpft, daß ihr wesentlicher Bestandteil Eiweiß ist und sie demnach Eiweißfunktionen vollziehn, d.h. leben und sterben.

Weiter erzählt uns Herr Dühring:

»Physiologisch ist die Empfindung an das Vorhandensein irgendeines, wenn auch noch so einfachen Nervenapparates geknüpft. Es ist daher das Charakteristische aller tierischen Gebilde, der Empfindung, d.h. einer subjektiv bewußten Auffassung ihrer Zustände fähig zu sein. Die scharfe Grenze zwischen Pflanze und Tier liegt da, wo der Sprung zur Empfindung vollzogen wird. Diese Grenze läßt sich so wenig durch die bekannten Übergangsgebilde verwischen, daß sie vielmehr grade durch diese äußerlich unentschiednen oder unentscheidbaren Gestaltungen erst recht zum logischen Bedürfnis gemacht wird.«

Und ferner:

»Dagegen sind die Pflanzen gänzlich und für immer ohne die leiseste Spur von Empfindung und auch ohne jede Anlage dazu.«

Erstens sagt Hegel, »Naturphilosophie« §351, Zusatz, daß

»die Empfindung die differentia specifica, das absolut Auszeichnende des Tieres ist«.

Also wieder eine »Krudität« Hegels, die durch einfache Annexion von Seiten Herrn Dührings in den Adelstand einer endgültigen Wahrheit letzter Instanz erhoben wird.

|74| Zweitens hören wir hier zum ersten Male von Übergangsgebilden, äußerlich unentschiednen oder unentscheidbaren Gestaltungen (schönes Kauderwelsch!) zwischen Pflanze und Tier. Daß diese Zwischenformen existieren; daß es Organismen gibt, von denen wir platterdings nicht sagen können, ob sie Pflanzen oder Tiere sind; daß wir also überhaupt die Grenze zwischen Pflanze und Tier nicht scharf feststellen können - das macht es für Herrn Dühring grade zum logischen Bedürfnis, ein Unterscheidungsmerkmal aufzustellen, von dem er im selben Atem zugibt, daß es nicht stichhaltig ist! Aber wir brauchen gar nicht auf das zweifelhafte Gebiet zwischen Pflanzen und Tieren zurückzugehen; sind die sensitiven Pflanzen, die bei der leisesten Berührung ihre Blätter falten oder ihre Blumen schließen, sind die insektenfressenden Pflanzen ohne die leiseste Spur von Empfindung und auch ohne jede Anlage dazu? Das kann selbst Herr Dühring nicht ohne »unwissenschaftliche Halbpoesie« behaupten.

Drittens ist es wieder eine freie Schöpfung und Imagination des Herrn Dühring, wenn er behauptet, die Empfindung sei psychologisch |muß offenbar »physiologisch« heißen| an das Vorhandensein irgendeines, wenn auch noch so einfachen Nervenapparates geknüpft. Nicht nur alle Urtiere, auch noch die Pflanzentiere, wenigstens ihrer großen Mehrzahl nach, weisen keine Spur eines Nervenapparates auf. Erst von den Würmern an wird ein solcher regelmäßig vorgefunden, und Herr Dühring ist der erste, der die Behauptung aufstellt, jene Tiere hätten keine Empfindung, weil keine Nerven. Die Empfindung ist nicht notwendig an Nerven geknüpft, wohl aber an gewisse, bisher nicht näher festgestellte Eiweißkörper.

Übrigens werden die biologischen Kenntnisse des Herrn Dühring hinreichend charakterisiert durch die Frage, die er sich nicht scheut, Darwin gegenüber aufzuwerfen:

»Soll sich das Tier aus der Pflanze entwickelt haben?«

So kann nur jemand fragen, der weder von Tieren noch von Pflanzen das geringste weiß.

Vom Leben im allgemeinen weiß uns Herr Dühring nur zu sagen:

»Der Stoffwechsel, der sich vermittelst einer plastisch bildenden Schematisierung« (was in aller Welt ist das nur ein Ding?) »vollzieht, bleibt stets ein auszeichnender Charakter des eigentlichen Lebensprozesses.«

Das ist alles, was wir vom Leben erfahren, wobei wir noch gelegentlich der »plastisch bildenden Schematisierung« knietief im sinnlosen Kauderwelsch des reinsten Dühring-Jargons steckenbleiben. Wenn wir also wissen |75| wollen, was Leben ist, so werden wir uns wohl selbst näher danach umsehn müssen.

Daß der organische Stoffwechsel die allgemeinste und bezeichnendste Erscheinung des Lebens, ist seit dreißig Jahren von physiologischen Chemikern und chemischen Physiologen unzähligemal gesagt und hier von Herrn Dühring einfach in seine eigne elegante und klare Sprache übersetzt. Aber das Leben als organischen Stoffwechsel definieren, heißt das Leben definieren als - Leben; denn organischer Stoffwechsel oder Stoffwechsel mit plastisch bildender Schematisierung ist eben ein Ausdruck, der selbst wieder der Erklärung durch das Leben bedarf, der Erklärung durch den Unterschied von Organischem und Unorganischem, d.h. Lebendem und Nichtlebendem. Mit dieser Erklärung kommen wir also nicht vom Fleck.

Stoffwechsel als solcher findet statt auch ohne Leben. Es gibt eine ganze Reihe von Prozessen in der Chemie, die bei genügender Zufuhr von Rohstoffen ihre eignen Bedingungen stets wieder erzeugen und zwar so, daß dabei ein bestimmter Körper Träger des Prozesses ist. So bei der Fabrikation von Schwefelsäure durch Verbrennung von Schwefel. Es erzeugt sich dabei Schwefeldioxyd, SO2, und indem man Wasserdampf und Salpetersäure zuführt, nimmt das Schwefeldioxyd Wasserstoff und Sauerstoff auf und verwandelt sich in Schwefelsäure, H2SO4. Die Salpetersäure gibt dabei Sauerstoff ab und wird zu Stickoxyd reduziert; dies Stickoxyd nimmt sogleich wieder aus der Luft neuen Sauerstoff auf und verwandelt sich in höhere Oxyde des Stickstoffs, aber nur um diesen Sauerstoff sofort wieder an das Schwefeldioxyd abzugeben und von neuem denselben Prozeß durchzumachen, so daß theoretisch eine unendlich kleine Menge von Salpetersäure hinreichen sollte, um eine unbeschränkte Menge von Schwefeldioxyd, Sauerstoff und Wasser in Schwefelsäure zu verwandeln. - Stoffwechsel findet ferner statt bei dem Durchtritt von Flüssigkeiten durch tote organische und selbst durch unorganische Membranen, sowie bei Traubes künstlichen Zellen. Es zeigt sich hier wiederum, daß wir mit dem Stoffwechsel nicht vom Fleck kommen; denn der eigentümliche Stoffwechsel, der das Leben erklären soll, bedarf selbst wieder der Erklärung durch das Leben. Wir müssen es also anders versuchen.

Leben ist die Daseinsweise der Eiweißkörper, und diese Daseinsweise besteht wesentlich in der beständigen Selbsterneuerung der chemischen Bestandteile dieser Körper.

Eiweißkörper ist hier verstanden im Sinn der modernen Chemie, die unter diesem Namen alle dem gewöhnlichen Eiweiß analog zusammen- |76| gesetzten Körper, sonst auch Proteinsubstanzen genannt, zusammenfaßt. Der Name ist ungeschickt, weil das gewöhnliche Eiweiß von allen ihm verwandten Substanzen die lebloseste, passivste Rolle spielt, indem es neben dem Eidotter lediglich Nahrungssubstanz für den sich entwickelnden Keim ist. Solange indes über die chemische Zusammensetzung der Eiweißkörper noch so wenig bekannt, ist dieser Name immer noch besser, weil allgemeiner, als alle andern.

Überall, wo wir Leben vorfinden, finden wir es an einen Eiweißkörper gebunden, und überall, wo wir einen nicht in der Auflösung begriffenen Eiweißkörper vorfinden, da finden wir ausnahmslos auch Lebenserscheinungen. Unzweifelhaft ist die Gegenwart auch andrer chemischer Verbindungen in einem lebenden Körper notwendig, um besondre Differenzierungen dieser Lebenserscheinungen hervorzurufen; zum nackten Leben sind sie nicht erforderlich, es sei denn soweit sie als Nahrung eingehn und in Eiweiß verwandelt werden. Die niedrigsten lebenden Wesen, die wir kennen, sind eben nichts als einfache Eiweißklümpchen, und sie zeigen schon alle wesentlichen Lebenserscheinungen.

Worin aber bestehn diese überall, bei allen lebenden Wesen gleichmäßig vorhandnen Lebenserscheinungen? Vor allem darin, daß der Eiweißkörper aus seiner Umgebung andre geeignete Stoffe in sich aufnimmt, sie sich assimiliert, während andre, ältere Teile des Körpers sich zersetzen und ausgeschieden werden. Andre, nicht lebende Körper verändern, zersetzen oder kombinieren sich auch im Lauf der natürlichen Dinge; aber dabei hören sie auf, das zu sein, was sie waren. Der Fels, der verwittert, ist kein Fels mehr; das Metall, das oxydiert, geht in Rost über. Aber was bei toten Körpern Ursache des Untergangs, das ist beim Eiweiß Grundbedingung der Existenz. Von dem Augenblick an, wo diese ununterbrochene Umsetzung der Bestandteile im Eiweißkörper, dieser andauernde Wechsel von Ernährung und Ausscheidung aufhört, von dem Augenblick an hört der Eiweißkörper selbst auf, zersetzt sich, d.h. stirbt. Das Leben, die Daseinsweise des Eiweißkörpers besteht also vor allem darin, daß er in jedem Augenblick er selbst und zugleich ein andrer ist; und dies nicht infolge eines Prozesses, dem er von außen her unterworfen wird, wie dies auch bei toten Körpern der Fall sein kann. Im Gegenteil, das Leben, der durch Ernährung und Ausscheidung erfolgende Stoffwechsel ist ein sich selbst vollziehender Prozeß, der seinem Träger, dem Eiweiß, inhärent, eingeboren ist, ohne den es nicht sein kann. Und daraus folgt, daß, wenn es der Chemie jemals gelingen sollte, Eiweiß künstlich herzustellen, dies Eiweiß Lebenserscheinungen zeigen muß, mögen sie auch noch so schwach sein. Es ist freilich fraglich, |77| ob die Chemie auch gleichzeitig das richtige Futter für dies Eiweiß entdecken wird.

Aus dem durch Ernährung und Ausscheidung vermittelten Stoffwechsel als wesentlicher Funktion des Eiweißes und aus der ihm eignen Plastizität leiten sich dann alle übrigen einfachsten Faktoren des Lebens ab: Reizbarkeit - die schon in der Wechselwirkung zwischen dem Eiweiß und seiner Nahrung eingeschlossen liegt; Kontraktibilität - die sich schon auf sehr niedriger Stufe bei der Verzehrung des Futters zeigt, Wachstumsmöglichkeit, die auf niedrigster Stufe die Fortpflanzung durch Teilung einschließt; innere Bewegung, ohne die weder Verzehrung noch Assimilation der Nahrung möglich ist.

Unsre Definition des Lebens ist natürlich sehr ungenügend, indem sie, weit entfernt alle Lebenserscheinungen einzuschließen, sich vielmehr auf die allerallgemeinsten und einfachsten beschränken muß. Alle Definitionen sind wissenschaftlich von geringem Wert. Um wirklich erschöpfend zu wissen, was das Leben ist, müßten wir alle seine Erscheinungsformen durchgehn, von der niedrigsten bis zur höchsten. Für den Handgebrauch sind jedoch solche Definitionen sehr bequem und stellenweise nicht gut zu entbehren; sie können auch nicht schaden, solange man nur ihre unvermeidlichen Mängel nicht vergißt.

Doch zurück zu Herrn Dühring. Wenn es ihm im Bereich der irdischen Biologie einigermaßen schlecht ergeht, so weiß er sich zu trösten, er flüchtet in seinen Sternenhimmel.

»Es ist nicht erst die besondre Einrichtung eines empfindenden Organs, sondern schon die ganze objektive Welt, welche auf die Hervorbringung von Lust und Schmerz angelegt ist. Aus diesem Grunde nehmen wir an, daß der Gegensatz von Lust und Schmerz, und zwar genau in der uns bekannten Weise, ein universeller sei und in den verschiednen Welten des Alls durch wesentlich gleichartige Gefühle vertreten sein müsse ... Diese Übereinstimmung bedeutet aber nicht wenig; denn sie ist der Schlüssel zu dem Universum der Empfindungen ... Uns ist mithin die subjektive kosmische Welt nicht viel fremder als die objektive. Die Konstitution beider Reiche ist nach einem übereinstimmenden Typus zu denken, und hiermit haben wir die Anfänge zu einer Bewußtseinslehre, die eine größere als bloß terrestrische Tragweite hat.«

Was verschlagen ein paar grobe Schnitzer in der irdischen Naturwissenschaft für den, der den Schlüssel zu dem Universum der Empfindungen in der Tasche trägt? Allons donc! |Also wohlan!|

 

IX.

Moral und Recht.

Ewige Wahrheiten

|78| Wir enthalten uns, Pröbchen zu geben von dem Mischmasch von Plattheit und Orakelhaftigkeit, kurz von dem simplen Kohl, den Herr Dühring seinen Lesern fünfzig volle Seiten zu genießen gibt, als wurzelhafte Wissenschaft von den Elementen des Bewußtseins. Wir zitieren nur dies:

»Wer nur an der Hand der Sprache zu denken vermag, hat noch nie erfahren, was abgesondertes und eigentliches Denken zu bedeuten habe.«

Danach sind die Tiere die abgesondertsten und eigentlichsten Denker, weil ihr Denken nie durch die zudringliche Einmischung der Sprache getrübt wird. Allerdings sieht man es den Dühringschen Gedanken und der sie ausdrückenden Sprache an, wie wenig diese Gedanken für irgendeine Sprache gemacht sind und wie wenig die deutsche Sprache für diese Gedanken.

Endlich erlöst uns der vierte Abschnitt, der uns, außer jenem zerfließenden Redebrei, wenigstens hie und da etwas Greifbares über Moral und Recht bietet. Gleich im Anfang werden wir diesmal zu einer Reise auf die andern Weltkörper eingeladen:

die Elemente der Moral müssen sich »bei allen außermenschlichen Wesen, in denen sich ein tätiger Verstand mit der bewußten Ordnung von triebförmigen Lebensregungen zu befassen hat, in übereinstimmender Weise ... wiederfinden ... Doch wird unsre Teilnahme für solche Folgerungen gering bleiben ... Außerdem aber bleibt es immer eine den Gesichtskreis wohltätig erweiternde Idee, wenn wir uns vorstellen, daß auf andern Weltkörpern das Einzel- und das Gemeinleben von einem Schema ausgehen muß, welches ... nicht vermag, die allgemeine Grundverfassung eines verstandesmäßig handelnden Lesens aufzuheben oder zu umgehn.«

Wenn hier ausnahmsweise die Gültigkeit der Dühringschen Wahrheiten auch für alle andern möglichen Welten an die Spitze, statt ans Ende des betreffenden Kapitels gestellt wird, so hat das seinen zureichenden Grund. Hat man erst die Gültigkeit der Dühringschen Moral- und Gerechtigkeitsvorstellungen für alle Welten festgestellt, so wird man um so leichter ihre Gültigkeit auf alle Zeiten wohltätig erweitern können. Es handelt sich aber hier wieder um nichts Geringeres als um endgültige Wahrheit letzter Instanz.

Die moralische Welt hat »so gut wie diejenige des allgemeinen Wissens ... ihre bleibenden Prinzipien und einfachen Elemente«, die moralischen Prinzipien stehn »über der Geschichte und über den heutigen Unterschieden der Völkerbeschaffenheiten ... Die besondern Wahrheiten, aus denen sich im Lauf der Entwicklung das |79| vollere moralische Bewußtsein und sozusagen das Gewissen zusammensetzt, können, soweit sie bis in ihre letzten Gründe erkannt sind, eine ähnliche Geltung und Tragweite beanspruchen, wie die Einsichten und Anwendungen der Mathematik. Echte Wahrheiten sind überhaupt nicht wandelbar ... so daß es überhaupt eine Torheit ist, die Richtigkeit der Erkenntnis als von der Zeit und den realen Veränderungen angreifbar vorzustellen.« Daher läßt uns die Sicherheit strengen Wissens und die Zulänglichkeit der gemeineren Erkenntnis nicht dazu kommen, im besonnenen zustande an der absoluten Gültigkeit der Wissensprinzipien zu verzweifeln. »Schon der dauernde Zweifel selbst ist ein krankhafter Schwächezustand und nichts als der Ausdruck wüster Verworrenheit, die bisweilen in dem systematischen Bewußtsein ihrer Nichtigkeit den Schein von etwas Haltung aufzutreiben sucht. In den sittlichen Angelegenheiten klammert sich die Leugnung allgemeiner Prinzipien an die geographischen und geschichtlichen Mannigfaltigkeiten der Sitten und Grundsätze, und gibt man ihr die unausweichliche Notwendigkeit des sittlich Schlimmen und Bösen zu, so glaubt sie erst recht über die Anerkennung der ernsthaften Geltung und tatsächlichen Wirksamkeit übereinstimmender moralischer Antriebe hinaus zu sein. Diese aushöhlende Skepsis, die sich nicht etwa gegen einzelne falsche Lehren, sondern gegen die menschliche Fähigkeit zur bewußten Moralität selbst kehrt, mündet schließlich in ein wirkliches Nichts, ja eigentlich in etwas, was schlimmer ist als der bloße Nihilismus ... Sie schmeichelt sich, in ihrem wirren Chaos von aufgelösten sittlichen Vorstellungen leichten Kaufes herrschen und dem grundsatzlosen Belieben alle Tore öffnen zu können. Sie täuscht sich aber gewaltig: denn die bloße Hinweisung auf die unvermeidlichen Schicksale des Verstandes in Irrtum und Wahrheit genügt, um schon durch diese einzige Analogie erkennbar zu machen, wie die naturgesetzliche Fehlbarkeit die Vollbringung des Zutreffenden nicht auszuschließen braucht.«

Wir haben bis jetzt alle diese pompösen Aussprüche des Herrn Dühring über endgültige Wahrheiten letzter Instanz, Souveränetät des Denkens, absolute Sicherheit des Erkennens usw. ruhig hingenommen, weil die Sache doch erst an dem Punkt zum Austrag gebracht werden konnte, wo wir jetzt angelangt sind. Bisher genügte die Untersuchung, inwieweit die einzelnen Behauptungen der Wirklichkeitsphilosophie »souveräne Geltung« und »unbedingten Anspruch auf Wahrheit« hatten; hier kommen wir vor die Frage, ob und welche Produkte des menschlichen Erkennens überhaupt souveräne Geltung und unbedingten Anspruch auf Wahrheit haben können. Wenn ich sage: des menschlichen Erkennens, so sage ich dies nicht etwa in beleidigender Absicht gegen die Bewohner andrer Weltkörper, die ich nicht die Ehre habe zu kennen, sondern nur weil auch die Tiere erkennen, aber keineswegs souverän. Der Hund erkennt in seinem Herrn seinen Gott, wobei dieser Herr der größte Lump sein kann.

Ist das menschliche Denken souverän? Ehe wir ja oder nein antworten, müssen wir erst untersuchen, was das menschliche Denken ist. Ist es das |80| Denken eines einzelnen Menschen? Nein. Aber es existiert nur als das Einzeldenken von vielen Milliarden vergangner, gegenwärtiger und zukünftiger Menschen. Wenn ich nun sage, daß dies in meiner Vorstellung zusammengefaßte Denken aller dieser Menschen, die zukünftigen eingeschlossen, souverän, imstande ist, die bestehende Welt zu erkennen, sofern die Menschheit nur lange genug dauert und soweit nicht in den Erkenntnisorganen und den Erkenntnisgegenständen diesem Erkennen Schranken gesetzt sind, so sage ich etwas ziemlich Banales und zudem ziemlich Unfruchtbares. Denn das wertvollste Resultat dürfte dies sein, uns gegen unsre heutige Erkenntnis äußerst mißtrauisch zu machen, da wir ja aller Wahrscheinlichkeit nach so ziemlich am Anfang der Menschheitsgeschichte stehn, und die Generationen, die uns berichtigen werden, wohl viel zahlreicher sein dürften als diejenigen, deren Erkenntnis wir - oft genug mit beträchtlicher Geringschätzung - zu berichtigen im Falle sind.

Herr Dühring selbst erklärt es für eine Notwendigkeit, daß das Bewußtsein, also auch das Denken und Erkennen, nur in einer Reihe von Einzelwesen zur Erscheinung kommen könne. Dem Denken jedes dieser Einzelnen können wir nur insofern Souveränetät zuschreiben, als wir keine Macht kennen, die imstande wäre, ihm im gesunden und wachenden Zustand irgendeinen Gedanken mit Gewalt aufzunötigen. Was aber die souveräne Geltung der Erkenntnisse jedes Einzeldenkens angeht, so wissen wir alle, daß davon gar keine Rede sein kann, und daß nach aller bisherigen Erfahrung sie ohne Ausnahme stets viel mehr Verbesserungsfähiges als Nichtverbesserungsfähiges oder Richtiges enthalten.

Mit andern Worten: die Souveränetät des Denkens verwirklicht sich in einer Reihe höchst unsouverän denkender Menschen; die Erkenntnis, welche unbedingten Anspruch auf Wahrheit hat, in einer Reihe von relativen Irrtümern; weder die eine noch die andre kann anders als durch eine unendliche Lebensdauer der Menschheit vollständig verwirklicht werden.

Wir haben hier wieder denselben Widerspruch, wie schon oben, zwischen dem notwendig als absolut vorgestellten Charakter des menschlichen Denkens, und seiner Realität in lauter beschränkt denkenden Einzelmenschen, ein Widerspruch, der sich nur im unendlichen Progreß, in der für uns wenigstens praktisch endlosen Aufeinanderfolge der Menschengeschlechter lösen kann. In diesem Sinn ist das menschliche Denken ebensosehr souverän wie nicht souverän und seine Erkenntnisfähigkeit ebensosehr unbeschränkt wie beschränkt. Souverän und unbeschränkt der Anlage, |81| dem Beruf, der Möglichkeit, dem geschichtlichen Endziel nach; nicht souverän und beschränkt der Einzelausführung und der jedesmaligen Wirklichkeit nach.

Ebenso verhält es sich mit den ewigen Wahrheiten. Käme die Menschheit je dahin, daß sie nur noch mit ewigen Wahrheiten, mit Denkresultaten operierte, die souveräne Geltung und unbedingten Anspruch auf Wahrheit haben, so wäre sie auf dem Punkt angekommen, wo die Unendlichkeit der intellektuellen Welt nach Wirklichkeit wie Möglichkeit erschöpft und damit das vielberühmte Wunder der abgezählten Unzahl vollzogen wäre.

Nun gibt es aber doch Wahrheiten, die so feststehn, daß jeder Zweifel daran uns als gleichbedeutend mit Verrücktheit erscheint? daß zwei mal zwei vier ist, daß die drei Winkel eines Dreiecks gleich zwei Rechten sind, daß Paris in Frankreich liegt, daß ein Mensch ohne Nahrung Hungers stirbt usw.? Also gibt es doch ewige Wahrheiten, endgültige Wahrheiten letzter Instanz?

allerdings Wir können das ganze Gebiet des Erkennens nach altbekannter Art in drei große Abschnitte teilen. Der erste umfaßt alle Wissenschaften, die sich mit der unbelebten Natur beschäftigen und mehr oder minder einer mathematischen Behandlung fähig sind: Mathematik, Astronomie, Mechanik, Physik, Chemie. Wenn es jemandem Vergnügen macht, gewaltige Worte auf sehr einfache Dinge anzuwenden, so kann man sagen, daß gewisse Ergebnisse dieser Wissenschaften ewige Wahrheiten, endgültige Wahrheiten letzter Instanz sind: weshalb man diese Wissenschaften auch die exakten genannt hat. Aber noch lange nicht alle Ergebnisse. Mit der Einführung der veränderlichen Größen und der Ausdehnung ihrer Veränderlichkeit bis ins unendlich Kleine und unendlich Große hat die sonst so sittenstrenge Mathematik den Sündenfall begangen; sie hat den Apfel der Erkenntnis gegessen, der ihr die Laufbahn der riesenhaftesten Erfolge eröffnete, aber auch die der Irrtümer. Der jungfräuliche Zustand der absoluten Gültigkeit, der unumstößlichen Bewiesenheit alles Mathematischen war auf ewig dahin; das Reich der Kontroversen brach an, und wir sind dahin gekommen, daß die meisten Leute differenzieren und integrieren, nicht weil sie verstehn, was sie tun, sondern aus reinem Glauben, weil es bisher immer richtig herausgekommen ist. Mit der Astronomie und Mechanik steht es noch schlimmer, und in Physik und Chemie befindet man sich inmitten der Hypothesen wie inmitten eines Bienenschwarms. Es ist dies auch gar nicht anders möglich. In der Physik haben wir es mit der Bewegung von Molekülen, in der Chemie mit der Bildung von Molekülen aus Atomen zu tun, und wenn nicht die Interferenz der Lichtwellen eine Fabel |82| ist, so haben wir absolut keine Aussicht, jemals diese interessanten Dinger mit unsern Augen zu sehn. Die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz werden da mit der Zeit merkwürdig selten.

Noch schlimmer sind wir dran in der Geologie, die ihrer Natur nach sich hauptsächlich mit Vorgängen beschäftigt, bei denen nicht nur nicht wir, sondern überhaupt kein Mensch dabeigewesen ist. Die Ausbeute an endgültigen Wahrheiten letzter Instanz ist daher hier mit sehr vieler Mühe verknüpft und dabei äußerst sparsam.

Die zweite Klasse von Wissenschaften ist die, welche die Erforschung der lebenden Organismen in sich begreift. Auf diesem Gebiet entwickelt sich eine solche Mannigfaltigkeit der Wechselbeziehungen und Ursächlichkeiten, daß nicht nur jede gelöste Frage eine Unzahl neuer Fragen aufwirft, sondern auch jede einzelne Frage meist nur stückweise, durch eine Reihe von oft Jahrhunderte in Anspruch nehmenden Forschungen gelöst werden kann; wobei dann das Bedürfnis systematischer Auffassung der Zusammenhänge stets von neuem dazu nötigt, die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz mit einer überwuchernden Anpflanzung von Hypothesen zu umgeben. Welche lange Reihe von Mittelstufen von Galen bis Malpighi war nötig, um eine so einfache Sache wie die Zirkulation des Bluts bei Säugetieren richtig festzustellen, wie wenig wissen wir von der Entstehung der Blutkörperchen, und wieviel Mittelglieder fehlen uns heute noch, um z.B. die Erscheinungen einer Krankheit mit ihren Ursachen in rationellen Zusammenhang zu bringen! Dabei kommen oft genug Entdeckungen vor wie die der Zelle, die uns zwingen, alle bisher festgestellten endgültigen Wahrheiten letzter Instanz auf dem Gebiet der Biologie einer totalen Revision zu unterwerfen und ganze Haufen davon ein für allemal zu beseitigen. Wer also hier wirklich echte, unwandelbare Wahrheiten aufstellen will, der wird sich mit Plattheiten begnügen müssen wie: Alle Menschen müssen sterben, alle weiblichen Säugetiere haben Milchdrüsen usw.; er wird nicht einmal sagen können, daß die höheren Tiere mit dem Magen und Darmkanal verdauen und nicht mit dem Kopf, denn die im Kopf zentralisierte Nerventätigkeit ist zur Verdauung unumgänglich.

Noch schlimmer aber steht es mit den ewigen Wahrheiten in der dritten Gruppe von Wissenschaften, der historischen, die die Lebensbedingungen der Menschen, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Rechts- und Staatsformen mit ihrem idealen Überbau von Philosophie, Religion, Kunst usw. in ihrer geschichtlichen Folge und ihrem gegenwärtigen Ergebnis untersucht. In der organischen Natur haben wir es doch wenigstens mit einer Reihenfolge von Hergängen zu tun, die sich, soweit unsre unmittelbare |83| Beobachtung in Frage kommt, innerhalb sehr weiter Grenzen ziemlich regelmäßig wiederholen. Die Arten der Organismen sind seit Aristoteles im ganzen und großen dieselben geblieben. In der Geschichte der Gesellschaft dagegen sind die Wiederholungen der Zustände die Ausnahme, nicht die Regel, sobald wir über die Urzustände der Menschen, das sogenannte Steinalter, hinausgehn; und wo solche Wiederholungen vorkommen, da ereignen sie sich nie genau unter denselben Umständen. So das Vorkommen des ursprünglichen Gemeineigentums am Boden bei allen Kulturvölkern und die Form seiner Auflösung. Wir sind daher auf dem Gebiet der Menschengeschichte mit unsrer Wissenschaft noch weit mehr im Rückstand als auf dem der Biologie; und mehr noch: wenn einmal ausnahmsweise der innere Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Daseinsformen eines Zeitabschnitts erkannt wird, so geschieht es regelmäßig dann, wenn diese Formen sich schon halb überlebt haben, dem Verfall entgegengehn. Die Erkenntnis ist hier also wesentlich relativ, indem sie sich beschränkt auf die Einsicht in den Zusammenhang und auf die Folgen gewisser, nur zu einer gegebnen Zeit und für gegebne Völker bestehenden und ihrer Natur nach vergänglichen Gesellschafts- und Staatsformen. Wer hier also auf endgültige Wahrheiten letzter Instanz, auf echte, überhaupt nicht wandelbare Wahrheiten Jagd macht, der wird wenig heimtragen, es seien denn Plattheiten und Gemeinplätze der ärgsten Art, z.B. daß die Menschen im allgemeinen ohne Arbeit nicht leben können, daß sie sich bisher meist eingeteilt haben in Herrschende und Beherrschte, daß Napoleon am 5. Mal 1821 gestorben ist usw.

Nun ist es aber merkwürdig, daß gerade auf diesem Gebiet die angeblichen ewigen Wahrheiten, die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz usw. uns am häufigsten begegnen. Daß zwei mal zwei vier ist, daß die Vögel Schnäbel haben, oder derartiges wird nur der für ewige Wahrheiten erklären, der mit der Absicht umgeht, aus dem Dasein ewiger Wahrheiten überhaupt zu folgern, daß es auch auf dem Gebiete der Menschengeschichte ewige Wahrheiten gebe, eine ewige Moral, eine ewige Gerechtigkeit usw., die eine ähnliche Geltung und Tragweite beanspruchen wie die Einsichten und Anwendungen der Mathematik. Und dann können wir mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß derselbe Menschenfreund uns bei erster Gelegenheit erklären wird, alle früheren Fabrikanten ewiger Wahrheiten seien mehr oder weniger Esel und Scharlatane, seien alle im Irrtum befangen gewesen, hätten gefehlt; das Vorhandensein ihres Irrtums und ihrer Fehlbarkeit aber sei naturgesetzlich und beweise das Dasein der Wahrheit und des Zutreffenden bei ihm, und er, der jetzt erstandne Prophet, trage die endgültige Wahr- |84| heit letzter Instanz, die ewige Moral, die ewige Gerechtigkeit, fix und fertig im Sack. Das alles ist schon so hundertmal und tausendmal dagewesen, daß man sich nur wundern muß, wenn es noch Menschen gibt, leichtgläubig genug, um dies nicht von andern, nein, von sich selbst zu glauben. Und dennoch erleben wir hier wenigstens noch einen solchen Propheten, der denn auch ganz in gewohnter Weise in hochmoralischen Harnisch gerät, wenn andre Leute es ableugnen, daß irgendein einzelner die endgültige Wahrheit letzter Instanz zu liefern imstande sei. Solche Leugnung, ja schon der bloße Zweifel ist ein Schwächezustand, wüste Verworrenheit, Nichtigkeit, aushöhlende Skepsis, schlimmer als der bloße Nihilismus, wirres Chaos und was dergleichen Liebenswürdigkeiten mehr sind. Wie bei allen Propheten, wird nicht kritisch-wissenschaftlich untersucht und beurteilt, sondern ohne weiteres moralisch verdonnert.

Wir hätten oben noch die Wissenschaften erwähnen können, die die Gesetze des menschlichen Denkens untersuchen, also Logik und Dialektik. Hier aber sieht es mit den ewigen Wahrheiten nicht besser aus. Die eigentliche Dialektik erklärt Herr Dühring für reinen Widersinn, und die vielen Bücher, die über Logik geschrieben worden sind und noch geschrieben werden, beweisen zur Genüge, daß auch da die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz viel dünner gesäet sind, als mancher glaubt.

Übrigens brauchen wir uns keineswegs darüber zu erschrecken, daß die Erkenntnisstufe, auf der wir heute stehn, ebensowenig endgültig ist als alle vorhergegangenen. Sie umfaßt schon ein ungeheures Material von Einsichten und erfordert eine sehr große Spezialisierung der Studien für jeden, der in irgendeinem Fach heimisch werden will. Wer aber den Maßstab echter, unwandelbarer, endgültiger Wahrheit letzter Instanz an Erkenntnisse legt, die der Natur der Sache nach entweder für lange Reihen von Generationen relativ bleiben und stückweise vervollständigt werden müssen, oder gar an solche, die, wie in Kosmogonie, Geologie, Menschheitsgeschichte schon wegen der Mangelhaftigkeit des geschichtlichen Materials stets lückenhaft und unvollständig bleiben werden - der beweist damit nur seine eigne Unwissenheit und Verkehrtheit, selbst wenn nicht, wie hier, der Anspruch auf persönliche Unfehlbarkeit den eigentlichen Hintergrund bildet. Wahrheit und Irrtum, wie alle sich in polaren Gegensätzen bewegenden Denkbestimmungen, haben absolute Gültigkeit eben nur für ein äußerst beschränktes Gebiet; wie wir das eben gesehn haben, und wie auch Herr Dühring wissen würde, bei einiger Bekanntschaft mit den ersten Elementen der Dialektik, die grade von der Unzulänglichkeit aller polaren Gegensätze handeln. Sobald wir den Gegensatz von Wahrheit und Irrtum außerhalb |85| jenes oben bezeichneten engen Gebiets anwenden, wird er relativ und damit für genaue wissenschaftliche Ausdrucksweise unbrauchbar; versuchen wir aber, ihn außerhalb jenes Gebiets als absolut gültig anzuwenden, so kommen wir erst recht in die Brüche; die beiden Pole des Gegensatzes schlagen in ihr Gegenteil um, Wahrheit wird Irrtum und Irrtum Wahrheit. Nehmen wir als Beispiel das bekannte Boylesche Gesetz, wonach bei gleichbleibender Temperatur das Volumen der Gase sich umgekehrt verhält wie der Druck, dem sie ausgesetzt sind. Regnault fand, daß dies Gesetz für gewisse Fälle nicht zutraf. Wäre er nun ein Wirklichkeitsphilosoph gewesen, so war er verpflichtet zu sagen: das Boylesche Gesetz ist wandelbar, also keine echte Wahrheit, also überhaupt keine Wahrheit, also Irrtum. Damit hätte er aber einen weit größeren Irrtum begangen, als der im Boyleschen Gesetz enthaltene war; in einem Sandhaufen von Irrtum wäre sein Körnchen Wahrheit verschwunden; er hätte also sein ursprünglich richtiges Resultat zu einem Irrtum verarbeitet, gegen den das Boylesche Gesetz mitsamt dem bißchen Irrtum, das an ihm klebte, als Wahrheit erschien. Regnault, als wissenschaftlicher Mann, ließ sich aber auf dergleichen Kindereien nicht ein, sondern untersuchte weiter und fand, daß das Boylesche Gesetz überhaupt nur annähernd richtig ist, und besonders seine Gültigkeit verliert bei Gasen, die durch Druck tropfbarflüssig gemacht werden können, und zwar sobald der Druck sich dem Punkt nähert, wo die Tropfbarkeit eintritt. Das Boylesche Gesetz erwies sich also als richtig nur innerhalb bestimmter Grenzen. Ist es aber absolut, endgültig wahr innerhalb dieser Grenzen? Kein Physiker wird das behaupten. Er wird sagen, daß es Gültigkeit hat innerhalb gewisser Druck- und Temperaturgrenzen und für gewisse Gase; und er wird innerhalb dieser noch enger gesteckten Grenzen die Möglichkeit nicht ausschließen einer noch engeren Begrenzung oder veränderter Fassung durch künftige Untersuchungen.(1) So steht es also um die endgül- |86| tigen Wahrheiten letzter Instanz, z.B. in der Physik. Wirklich wissenschaftliche Arbeiten vermeiden daher regelmäßig solche dogmatisch-moralische Ausdrücke wie Irrtum und Wahrheit, während diese uns überall entgegentreten in Schriften wie die Wirklichkeitsphilosophie, wo leeres Hin- und Herreden uns als souveränstes Resultat des souveränen Denkens sich aufdrängen will.

Aber, könnte ein naiver Leser fragen, wo hat denn Herr Dühring ausdrücklich gesagt, daß der Inhalt seiner Wirklichkeitsphilosophie endgültige Wahrheit sei, und zwar letzter Instanz? Wo? Nun, zum Beispiel in dem Dithyrambus auf sein System (S. 13), den wir im II. Kapitel teilweise ausgezogen. Oder wenn er in dem oben zitierten Satz sagt: Die moralischen Wahrheiten, soweit sie bis in ihre letzten Gründe erkannt sind, beanspruchen eine ähnliche Geltung wie die Einsichten der Mathematik. Und behauptet nicht Herr Dühring, von seinem wirklich kritischen Standpunkt aus und vermittelst seiner bis an die Wurzeln reichenden Untersuchung bis zu diesen letzten Gründen, den Grundschematen, vorgedrungen zu sein, also den moralischen Wahrheiten Endgültigkeit letzter Instanz verliehen zu haben? Oder aber, wenn Herr Dühring diesen Anspruch weder für sich noch für seine Zeit stellt, wenn er nur sagen will, daß irgendeinmal in nebelgrauer Zukunft endgültige Wahrheiten letzter Instanz festgestellt werden können, wenn er also ungefähr, nur konfuser, dasselbe sagen will wie die »aushöhlende Skepsis« und »wüste Verworrenheit« - ja dann, wozu der Lärm, was steht dem Herrn zu Diensten?

Wenn wir schon mit Wahrheit und Irrtum nicht weit vom Fleck kamen, so noch viel weniger mit Gut und Böse. Dieser Gegensatz bewegt sich ausschließlich auf moralischem, also auf einem der Menschengeschichte angehörigen Gebiet, und hier sind die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz grade am dünnsten gesäet. Von Volk zu Volk, von Zeitalter zu Zeitalter haben die Vorstellungen von Gut und Böse so sehr gewechselt, daß sie einander oft geradezu widersprachen. - Aber, wird jemand einwerfen, Gut ist doch nicht Böse, und Böse nicht Gut; wenn Gut und Böse zusammengeworfen werden, so hört alle Moralität auf, und jeder kann tun und lassen, was er will. - dies ist auch, aller Orakelhaftigkeit entkleidet, die Meinung des Herrn Dühring. Aber so einfach erledigt sich die Sache doch nicht. Wenn das so einfach ginge, würde ja über Gut und Böse gar kein Streit sein, würde jeder wissen, was Gut und was Böse ist. Wie steht's aber heute? Welche Moral wird uns heute gepredigt? Da ist zuerst die christlich-feudale, |87| aus frühern glaubten Zeiten überkommne, die sich wesentlich wieder in eine katholische und protestantische teilt, wobei wieder Unterabteilungen von der jesuitisch-katholischen und orthodox-protestantischen bis zur lax-aufgeklärten Moral nicht fehlen. Daneben figuriert die modern-bürgerliche und neben dieser wieder die proletarische Zukunftsmoral, so daß Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft allein in den fortgeschrittensten Ländern Europas drei große Gruppen gleichzeitig und nebeneinander geltender Moraltheorien liefern. Welche ist nun die wahre? Keine einzige, im Sinn absoluter Endgültigkeit; aber sicher wird diejenige Moral die meisten, Dauer versprechenden, Elemente besitzen, die in der Gegenwart die Umwälzung der Gegenwart, die Zukunft, vertritt, also die proletarische.

Wenn wir nun aber sehn, daß die drei Klassen der modernen Gesellschaft, die Feudalaristokratie, die Bourgeoisie und das Proletariat jede ihre besondre Moral haben, so können wir daraus nur den Schluß ziehn, daß die Menschen, bewußt oder unbewußt, ihre sittlichen Anschauungen in letzter Instanz aus den praktischen Verhältnissen schöpfen, in denen ihre Klassenlage begründet ist - aus den ökonomischen Verhältnissen, in denen sie produzieren und austauschen.

Aber in den obigen drei Moraltheorien ist doch manches allen dreien gemeinsam - wäre dies nicht wenigstens ein Stück der ein für allemal feststehenden Moral? - Jene Moraltheorien vertreten drei verschiedne Stufen derselben geschichtlichen Entwicklung, haben also einen gemeinsamen geschichtlichen Hintergrund, und schon deshalb notwendig viel Gemeinsames. Noch mehr. Für gleiche oder annähernd gleiche ökonomische Entwicklungsstufen müssen die Moraltheorien notwendig mehr oder weniger übereinstimmen. Von dem Augenblick an, wo das Privateigentum an beweglichen Sachen sich entwickelt hatte, mußte allen Gesellschaften, wo dies Privateigentum galt, daß Moralgebot gemeinsam sein: Du sollst nicht stehlen. Wird dies Gebot dadurch zum ewigen Moralgebot? Keineswegs. In einer Gesellschaft, wo die Motive zum Stehlen beseitigt sind, wo also auf die Dauer nur noch höchstens von Geisteskranken gestohlen werden kann, wie würde da der Moralprediger ausgelacht werden, der feierlich die ewige Wahren proklamieren wollte: Du sollst nicht stehlen!

Wir weisen demnach eine jede Zumutung zurück, uns irgendwelche Moraldogmatik als ewiges, endgültiges, fernerhin unwandelbares Sittengesetz aufzudrängen, unter dem Vorwand, auch die moralische Welt habe ihre bleibenden Prinzipien, die über der Geschichte und den Völkerverschiedenheiten stehn. Wir behaupten dagegen, alle bisherige Moraltheorie sei das Erzeugnis, in letzter Instanz, der jedesmaligen ökonomischen |88| Gesellschaftslage. Und wie die Gesellschaft sich bisher in Klassengegensätzen bewegte, so war die Moral stets eine Klassenmoral; entweder rechtfertigte sie die Herrschaft und die Interessen der herrschenden Klasse, oder aber sie vertrat, sobald die unterdrückte Klasse mächtig genug wurde, die Empörung gegen diese Herrschaft und die Zukunftsinteressen der Unterdrückten. Daß dabei im ganzen und großen für die Moral sowohl, wie für alle andern Zweige der menschlichen Erkenntnis ein Fortschritt zustande gekommen ist, daran wird nicht gezweifelt. Aber über die Klassenmoral sind wir noch nicht hinaus. Eine über den Klassengegensätzen und über der Erinnerung an sie stehende, wirklich menschliche Moral wird erst möglich auf einer Gesellschaftsstufe, die den Klassengegensatz nicht nur überwunden, sondern auch für die Praxis des Lebens vergessen hat. Und nun ermesse man die Selbstüberheburg des Herrn Dühring, der mitten aus der alten Klassengesellschaft heraus den Anspruch macht, am Vorabend einer sozialen Revolution der künftigen, klassenlosen Gesellschaft eine ewige, von der Zeit und den realen Veränderungen unabhängige Moral aufzuzwingen! Vorausgesetzt selbst - was uns bis jetzt noch unbekannt -, daß er die Struktur dieser künftigen Gesellschaft wenigstens in ihren Grundzügen verstehe.

Schließlich noch eine »von Grund aus eigentümliche«, aber darum nicht weniger »bis an die Wurzeln reichende« Enthüllung: in Beziehung auf den Ursprung des Bösen

»steht uns die Tatsache, daß der Typus der Katze mit der zugehörigen Falschheit in einer Tierbildung vorhanden ist, mit dem Umstande auf gleicher Stufe, daß sich eine ähnliche Charaktergestaltung auch im Menschen vorfindet ... Das Böse ist daher nichts Geheimnisvolles, wenn man nicht etwa Lust hat, auch in dem Dasein der Katze oder überhaupt des Raubtiers etwas Mystisches zu wittern.«

Das Böse ist - die Katze. Der Teufel hat also keine Hörner und Pferdefuß, sondern Krallen und grüne Augen. Und Goethe beging einen unverzeihlichen Fehler, wenn er den Mephistopheles als schwarzen Hund, statt als ditto Katze einführt. Das Böse ist die Katze! Das ist Moral, nicht nur für alle Welten, sondern auch - für die Katze!

 

X.

Moral und Recht, Gleichheit

Wir haben die Methode des Herrn Dühring schon mehrfach kennengelernt. Sie besteht darin, jede Gruppe von Erkenntnisgegenständen in ihre angeblichen einfachsten Elemente zu zerlegen, auf diese Elemente ebenso einfache, angeblich selbstverständliche Axiome anzuwenden, und mit den |89| so gewonnenen Resultaten weiter zu operieren. Auch eine Frage aus dem Bereich des gesellschaftlichen Lebens

»ist an einzelnen einfachen Grundgestalten axiomatisch so zu entscheiden, als wenn es sich um einfache ... Grundgestalten der Mathematik handelte«.

Und so soll die Anwendung der mathematischen Methode auf Geschichte, Moral und Recht uns auch hier mathematische Gewißheit verschaffen für die Wahrheit der erlangten Resultate, sie kennzeichnen als echte, unwandelbare Wahrheiten.

Es ist dies nur eine andere Wendung der alten beliebten, ideologischen, sonst auch aprioristisch genannten Methode, die Eigenschaften eines Gegenstandes nicht aus dem Gegenstand selbst zu erkennen, sondern sie aus dem Begriff des Gegenstandes beweisend abzuleiten. Erst macht man sich aus dem Gegenstand den Begriff des Gegenstandes; dann dreht man den Spieß um und mißt den Gegenstand an seinem Abbild, dem Begriff. Nicht der Begriff soll sich nun nach dem Gegenstand, der Gegenstand soll sich nach dem Begriff richten. Bei Herrn Dühring tun die einfachsten Elemente, die letzten Abstraktionen, zu denen er gelangen kann, Dienst für den Begriff, was an der Sache nichts ändert; diese einfachsten Elemente sind im besten Fall rein begrifflicher Natur. Die Wirklichkeitsphilosophie erweist sich also auch hier als pure Ideologie, Ableitung der Wirklichkeit nicht aus sich selbst, sondern aus der Vorstellung.

Wenn nun ein solcher Ideolog die Moral und das Recht, statt aus den wirklichen gesellschaftlichen Verhältnissen der ihn umgebenden Menschen, aus dem Begriff oder den sogenannten einfachsten Elementen »der Gesellschaft« herauskonstruiert, welches Material liegt dann vor für diesen Aufbau? Offenbar zweierlei: erstens der dürftige Rest von wirklichem Inhalt, der noch in jenen zugrunde gelegten Abstraktionen möglicherweise vorhanden ist, und zweitens der Inhalt, den unser Ideolog aus seinem eignen Bewußtsein wieder hineinträgt. Und was findet er vor in seinem Bewußtsein? Größtenteils moralische und rechtliche Anschauungen, die ein mehr oder weniger entsprechender Ausdruck - positiv oder negativ, bestätigend oder bekämpfend - der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse sind, unter denen er lebt; ferner vielleicht Vorstellungen, die der einschlägigen Literatur entlehnt sind: endlich möglicherweise noch persönliche Schrullen. Unser Ideolog mag sich drehn und wenden, wie er will, die historische Realität, die er zur Tür hinausgeworfen, kommt zum Fenster wieder herein, und während er glaubt, eine Sitten- und Rechtslehre für alle Welten und Zeiten zu entwerfen, verfertigt er in der Tat ein verzerrtes, weil von seinem |90| wirklichen Boden losgerissenes, wie im Hohlspiegel auf den Kopf gestelltes Konterfei der konservativen oder revolutionären Strömungen seiner Zeit.

Herr Dühring zerlegt also die Gesellschaft in ihre einfachsten Elemente und findet dabei, daß die einfachste Gesellschaft mindestens aus zwei Menschen besteht. Mit diesen zwei Menschen wird nun axiomatisch operiert. Und da bietet sich ungezwungen das moralische Grundaxiom dar:

»Zwei menschliche Willen sind als solche einander völlig gleich, und der eine kann dem andern zunächst positiv gar nichts zumuten.« Hiermit ist die »Grundform der moralischen Gerechtigkeit gekennzeichnet«; und ebenfalls die der juristischen, denn »zur Entwicklung der prinzipiellen Rechtsbegriffe bedürfen wir nur das gänzlich einfache und elementare Verhältnis von zwei Menschen«.

daß zwei Menschen oder zwei menschliche Willen als solche einander völlig gleich sind, ist nicht nur kein Axiom, sondern sogar eine starke Übertreibung. Zwei Menschen können zunächst, selbst als solche, ungleich sein nach dem Geschlecht, und diese einfache Tatsache führt uns sofort darauf, daß die einfachsten Elemente der Gesellschaft - wenn wir für einen Augenblick auf die Kinderei eingehn - nicht zwei Männer sind, sondern ein Männlein und ein Weiblein, die eine Familie stiften, die einfachste und erste Form der Vergesellschaftung behufs der Produktion. Aber dies kann Herrn Dühring keineswegs konvenieren. Denn einerseits müssen die beiden Gesellschaftsstifter möglichst gleichgemacht werden, und zweitens brachte es selbst Herr Dühring nicht fertig, aus der Urfamilie die moralische und rechtliche Gleichstellung von Mann und Weib herauszukonstruieren. Also von zwei Dingen eins: entweder ist das Dühringsche Gesellschaftsmolekül, aus dessen Vervielfachung sich die ganze Gesellschaft aufbauen soll, von vornherein auf den Untergang angelegt, da die beiden Männer unter sich nie ein Kind zustande bringen, oder aber wir müssen sie uns als zwei Familienhäupter vorstellen. Und in diesem Fall ist das ganze einfache Grundschema in sein Gegenteil verkehrt; statt der Gleichheit der Menschen beweist es höchstens die Gleichheit der Familienhäupter, und da die Weiber nicht gefragt werden, außerdem noch die Unterordnung der Weiber.

Wir haben hier dem Leser die unangenehme Mitteilung zu machen, daß er von nun an auf geraume Zeit diese beiden famosen Männer nicht wieder loswerden wird. Sie spielen auf dem Gebiet der gesellschaftlichen Verhältnisse eine ähnliche Rolle, wie bisher die Bewohner anderer Weltkörper, mit denen wir jetzt hoffentlich fertig sind. Gibt es eine Frage der Ökonomie, der Politik usw. zu lösen, flugs marschieren die beiden Männer auf und machen die Sache im Nu »axiomatisch« ab. Ausgezeichnete, schöpferische, systemschaffende Entdeckung unseres Wirklichkeitsphilosophen: Aber |91| leider, wenn wir der Wahrheit die Ehre geben wollen, hat er die beiden Männer nicht entdeckt. Sie sind dem ganzen 18. Jahrhundert gemein. Sie kommen schon vor in Rousseaus Abhandlung über die Ungleichheit 1754, wo sie beiläufig das Gegenteil von den Dühringschen Behauptungen axiomatisch beweisen. Sie spielen eine Hauptrolle bei den politischen Ökonomen von Adam Smith bis Ricardo; aber hier sind sie wenigstens darin ungleich, daß sie jeder ein verschiednes Geschäft betreiben - meist der Jäger und der Fischer - und ihre Produkte gegenseitig austauschen. Auch dienen sie im ganzen 18. Jahrhundert hauptsächlich als bloßes erläuterndes Beispiel, und Herrn Dührings Originalität besteht nur darin, daß er diese Beispielsmethode zur Grundmethode aller Gesellschaftswissenschaft und zum Maßstab aller geschichtlichen Bildungen erhebt, Leichter kann man sich die »strengwissenschaftliche Auffassung von Dingen und Menschen« allerdings nicht machen.

Um das Grundaxiom fertigzubringen, daß zwei Menschen und ihre Willen einander völlig gleich sind und keiner dem andern etwas zu befehlen hat, dazu können wir noch keineswegs jede beliebigen zwei Männer gebrauchen. Es müssen zwei Menschen sein, die so sehr von aller Wirklichkeit, von allen auf der Erde vorkommenden nationalen, ökonomischen, politischen, religiösen Verhältnissen, von allen geschlechtlichen und persönlichen Eigentümlichkeiten befreit sind, daß von dem einen wie von dem andern nichts übrigbleibt als der bloße Begriff: Mensch, und dann sind sie allerdings »völlig gleich«. Sie sind also zwei vollständige Gespenster, beschworen von demselben Herrn Dühring, der überall »spiritistische« Regungen wittert und denunziert. Diese beiden Gespenster müssen natürlich alles tun, was ihr Beschwörer von ihnen verlangt, und ebendeshalb sind ihre sämtlichen Kunstproduktionen von der höchsten Gleichgültigkeit für die übrige Welt.

Doch verfolgen wir Herrn Dührings Axiomatik etwas weiter. Die beiden Willen können der eine dem andern gar nichts positiv zumuten. Tut der eine dies dennoch und setzt seine Zumutung mit Gewalt durch, so entsteht ein ungerechter Zustand, und an diesem Grundschema erklärt Herr Dühring die Ungerechtigkeit, die Vergewaltigung, die Knechtschaft, kurz die ganze bisherige verwerfliche Geschichte. Nun hat schon Rousseau, in der oben angeführten Schrift, grade vermittelst der beiden Männer das Gegenteil ebenso axiomatisch nachgewiesen, nämlich daß von Zweien A den B nicht durch Gewalt knechten kann, sondern nur dadurch, daß er den B in eine Lage versetzt, worin dieser den A nicht entbehren kann; was für Herrn Dühring allerdings eine schon viel zu materialistische Auffassung ist. Fassen wir also dieselbe Sache etwas anders. Zwei Schiffbrüchige sind auf einer |92| Insel allein und bilden eine Gesellschaft. Ihre Willen sind formell völlig gleich, und dies ist von beiden anerkannt. Aber materiell besteht eine große Ungleichheit. A ist entschlossen und energisch, B unentschieden, träg und schlapp; A ist aufgeweckt, B ist dumm. Wie lange dauert's, so nötigt A seinen Willen dem B erst durch Überredung, nachher gewohnheitsmäßig, aber immer unter der Form der Freiwilligkeit, regelmäßig auf? Ob die Form der Freiwilligkeit gewahrt oder mit Füßen getreten wird, Knechtschaft bleibt Knechtschaft. Freiwilliger Eintritt in die Knechtschaft geht durchs ganze Mittelalter, in Deutschland bis nach dem Dreißigjährigen Krieg. Als in Preußen nach den Niederlagen von 1806 und 1807 die Hörigkeit abgeschafft wurde und mit ihr die Verpflichtung der gnädigen Herrn, für ihre Untertanen in Not, Krankheit und Alter zu sorgen, da petitionierten die Bauern an den König, man möge sie doch in der Knechtschaft lassen - wer solle sonst im Elend für sie sorgen? Es ist also das Schema der zwei Männer auf die Ungleichheit und Knechtschaft ebensosehr »angelegt« wie auf die Gleichheit und den gegenseitigen Beistand; und da wir sie, bei Strafe des Aussterbens, als Familienhäupter annehmen müssen, so ist auch schon die erbliche Knechtschaft darin vorgesehn.

Lassen wir indes alles das für einen Augenblick auf sich beruhn. Nehmen wir an, Herrn Dührings Axiomatik habe uns überzeugt, und wir schwärmten für die völlige Gleichberechtigung der beiden Willen, für die »allgemein menschliche Souveränetät«, für die »Souveränetät des Individuums« - wahre Prachtkolosse von Worten, gegen die Stirners »Einziger« mit seinem Eigentum ein Stümper bleibt, obwohl auch er sein bescheidnes Teil daran beanspruchen dürfte. Also wir sind jetzt alle völlig gleich und unabhängig. Alle? Nein, doch nicht alle.

Es gibt auch »zulässige Abhängigkeiten«, aber diese erklären sich »aus Gründen, die nicht in der Betätigung der beiden Willen als solcher, sondern in einem dritten Gebiet, also z.B. Kindern gegenüber, in der Unzulänglichkeit ihrer Selbstbestimmung zu suchen sind«.

in der Tat! Die Gründe der Abhängigkeit sind nicht in der Betätigung der beiden Willen als solcher zu suchen! Natürlich nicht, denn die Betätigung des einen Willens wird ja grade verhindert! Sondern in einem dritten Gebiet! Und was ist dies dritte Gebiet? Die konkrete Bestimmtheit des einen unterdrückten Willens als eines unzulänglichen! Soweit hat sich unser Wirklichkeitsphilosoph von der Wirklichkeit entfernt, daß ihm, gegenüber der abstrakten und inhaltslosen Redensart: Wille, der wirkliche Inhalt, die charakteristische Bestimmtheit dieses Willens schon als ein »drittes Gebiet« gilt. Wie dem aber auch sei, wir müssen konstatieren, daß die |93| Gleichberechtigung ihre Ausnahme hat. Sie gilt nicht für einen Willen, der mit der Unzulänglichkeit der Selbstbestimmung behaftet ist. Rückzug Nr. 1.

Weiter:

»Wo die Bestie und der Mensch in einer Person gemischt sind, da kann man im Namen einer zweiten, völlig menschlichen Person fragen, ob deren Handlungsweise dieselbe sein dürfe, als wenn sich sozusagen nur menschliche Personen gegenüber stehn ... es ist daher unsre Voraussetzung von zwei moralisch ungleichen Personen, deren eine an dem eigentlichen Bestiencharakter in irgendeinem Sinne teilhat, die typische Grundgestalt für alle Verhältnisse, welche diesem Unterschiede gemäß in und zwischen den Menschengruppen ... vorkommen können.«

Und nun möge der Leser selbst die sich an diese verlegenen Ausflüchte anschließende Jammerdiatribe nachsehn, in der Herr Dühring sich dreht und windet wie ein Jesuitenpfaff, um kasuistisch festzustellen, wie weit der menschliche Mensch gegen den bestialischen Menschen einschreiten, wie weit er Mißtrauen, Kriegslist, scharfe, ja terroristische, ingleichen Täuschungsmittel gegen ihn anwenden dürfe, ohne selbst der unwandelbaren Moral etwas zu vergeben.

Also auch wenn zwei Personen »moralisch ungleich« sind, hört die Gleichheit auf. Dann war es aber gar nicht der Mühe wert, die beiden sich völlig gleichen Männer heraufzubeschwören, denn es gibt gar keine zwei Personen, die moralisch völlig gleich sind. - Die Ungleichheit soll aber darin bestehn, daß die eine eine menschliche Person ist und die andre ein Stück Bestie in sich trägt. Nun liegt es aber schon in der Abstammung des Menschen aus dem Tierreich, daß der Mensch die Bestie nie völlig los wird, so daß es sich also immer nur um ein Mehr oder Minder, um einen Unterschied des Grades der Bestialität resp. Menschlichkeit handeln kann. Eine Einteilung der Menschen in zwei scharf geschiedne Gruppen, in menschliche und Bestienmenschen, in Gute und Böse, Schafe und Böcke, kennt außer der Wirklichkeitsphilosophie nur noch das Christentum, das ganz konsequent auch seinen Weltrichter hat, der die Scheidung vollzieht. Wer soll aber Weltrichter sein in der Wirklichkeitsphilosophie? Es wird wohl hergehn müssen wie in der christlichen Praxis, wo die frommen Schäflein das Amt des Weltrichters gegen ihre weltlichen Bocks-Nächsten selbst, und mit bekanntem Erfolg, übernehmen. Die Sekte der Wirklichkeitsphilosophen, wenn sie je zustande kommt, wird in dieser Beziehung den Stillen im Lande sicher nichts nachgeben. Das kann uns indes gleichgültig sein; was uns interessiert, ist das Eingeständnis, daß, infolge der moralischen Ungleichheit zwischen den Menschen, es mit der Gleichheit wieder nichts ist. Rückzug Nr. 2.

|94| Abermals weiter:

»Handelt der Eine nach Wahrheit und Wissenschaft, der andre aber nach irgendeinem Aberglauben oder Vorurteil, so ... müssen in der Regel gegenseitige Störungen eintreten ... Bei einem gewissen Grad von Unfähigkeit, Roheit oder böser Charaktertendenz wird in allen Fällen ein Zusammenstoß erfolgen müssen ... Es sind nicht bloß Kinder und Wahnsinnige, denen gegenüber die Gewalt das letzte Mittel ist. Die Artung ganzer Naturgruppen und Kulturklassen von Menschen kann die Unterwerfung ihres durch seine Verkehrtheit feindlichen Wollens im Sinne der Zurückführung desselben auf die gemeinschaftlichen Bindemittel zur unausweichlichen Notwendigkeit machen. Der fremde Wille wird auch hier noch als gleichberechtigt erachtet; aber durch die Verkehrtheit seiner verletzenden und feindlichen Betätigung hat er eine Ausgleichung herausgefordert, und wenn er Gewalt erleidet, so erntet er nur die Rückwirkung seiner eignen Ungerechtigkeit.«

Also nicht nur moralische, sondern auch geistige Ungleichheit reicht hin, um die »völlige Gleichheit« der beiden Willen zu beseitigen und eine Moral herzustellen, nach der alle Schandtaten zivilisierter Raubstaaten gegen zurückgebliebne Völker, bis herab zu den Scheußlichkeiten der Russen in Turkestan sich rechtfertigen lassen. Als General Kaufmann im Sommer 1873 den Tatarenstamm der Jomuden überfallen, ihre Zelte verbrennen, ihre Weiber und Kinder »auf gut kaukasisch«, wie der Befehl lautete, niedermetzeln ließ, behauptete er auch, die Unterwerfung des durch seine Verkehrtheit feindlichen Wollens der Jomuden, im Sinne der Zurückführung desselben auf die gemeinschaftlichen Bindemittel, sei zur unausweichlichen Notwendigkeit geworden, und die von ihm angewandten Mittel seien die zweckmäßigsten; wer aber den Zweck wolle, müsse auch die Mittel wollen. Nur war er nicht so grausam, die Jomuden noch obendrein zu verhöhnen und zu sagen, dadurch, daß er sie zur Ausgleichung massakriere, achte er ihren Willen grade als gleichberechtigt. Und wieder sind es in diesem Konflikt die Auserwählten, die angeblich nach Wahrheit und Wissenschaft Handelnden, also in letzter Instanz die Wirklichkeitsphilosophen, die zu entscheiden haben, was Aberglauben, Vorurteil, Roheit, böse Charaktertendenz und wann Gewalt und Unterwerfung zur Ausgleichung nötig sind. Die Gleichheit ist also jetzt - die Ausgleichung durch die Gewalt, und der zweite Wille wird vom ersten als gleichberechtigt anerkannt durch Unterwerfung. Rückzug Nr. 3, der hier schon in schimpfliche Flucht ausartet.

Beiläufig ist die Phrase, der fremde Wille werde grade in der Ausgleichung durch Gewalt als gleichberechtigt erachtet, nur eine Verdrehung der Hegelschen Theorie, wonach die Strafe das Recht des Verbrechers ist;

|95| »daß die Strafe als sein eignes Recht enthaltend angesehn wird, darin wird der Verbrecher als Vernünftiges geehrt«. (Rechtsphilosophie, § 100, Anmerk.)

Hiermit können wir abbrechen. Es wird überflüssig sein, Herrn Dühring in die stückweise Zerstörung seiner so axiomatisch aufgestellten Gleichheit, allgemein menschlichen Souveränetät usw. noch weiter zu folgen; zu beobachten, wie er zwar die Gesellschaft mit zwei Männern fertigbringt, aber um den Staat herzustellen, noch einen dritten braucht, weil - um die Sache kurz zu fassen - ohne diesen dritten keine Majoritätsbeschlüsse gefaßt werden können, und ohne solche, also auch ohne Herrschaft der Majorität über die Minorität, kein Staat bestehn kann; und wie er dann allmählich in das ruhigere Fahrwasser der Konstruktion seines sozialitären Zukunftsstaates einlenkt, wo wir ihn eines schönen Morgens aufzusuchen die Ehre haben werden. Wir haben hinlänglich gesehn, daß die völlige Gleichheit der beiden Willen nur so lange besteht, als diese beiden Willen nichts wollen; daß, sobald sie aufhören, menschliche Willen als solche zu sein, und sich in wirkliche, individuelle Willen, in die Willen von zwei wirklichen Menschen verwandeln, die Gleichheit aufhört; daß Kindheit, Wahnsinn, sogenannte Bestienhaftigkeit, angeblicher Aberglaube, behauptetes Vorurteil, vermutete Unfähigkeit auf der einen, und eingebildete Menschlichkeit, Einsicht in die Wahrheit und Wissenschaft auf der andern Seite, daß also jede Differenz in der Qualität der beiden Willen und in derjenigen der sie begleitenden Intelligenz eine Ungleichheit rechtfertigt, die sich bis zur Unterwerfung steigern kann; was verlangen wir noch mehr, nachdem Herr Dühring sein eignes Gleichheitsgebäude so wurzelhaft von Grund aus zertrümmert hat?

Wenn wir aber auch mit Herrn Dührings flacher und stümperhafter Behandlung der Gleichheitsvorstellung fertig sind, so sind wir darum noch nicht fertig mit dieser Vorstellung selbst, wie sie namentlich durch Rousseau eine theoretische, in und seit der großen Revolution eine praktisch-politische, und auch heute noch in der sozialistischen Bewegung fast aller Länder eine bedeutende agitatorische Rolle spielt. Die Feststellung ihres wissenschaftlichen Gehalts wird auch ihren Wert für die proletarische Agitation bestimmen.

Die Vorstellung, daß alle Menschen als Menschen etwas Gemeinsames haben, und so weit dies Gemeinsame reicht, auch gleich sind, ist selbstverständlich uralt. Aber hiervon ganz verschieden ist die moderne Gleichheitsforderung; diese besteht vielmehr darin, aus jener gemeinschaftlichen Eigenschaft des Menschseins, jener Gleichheit der Menschen als Menschen, den Anspruch auf gleiche politische resp. soziale Geltung aller Menschen, |96| oder doch wenigstens aller Bürger eines Staats, oder aller Mitglieder einer Gesellschaft abzuleiten. Bis aus jener ursprünglichen Vorstellung relativer Gleichheit die Folgerung auf Gleichberechtigung in Staat und Gesellschaft gezogen werden, bis sogar diese Folgerung als etwas Natürliches, Selbstverständliches erscheinen konnte, darüber mußten Jahrtausende vergehn und sind Jahrtausende vergangen. In den ältesten, naturwüchsigen Gemeinwesen konnte von Gleichberechtigung höchstens unter den Gemeindemitgliedern die Rede sein; Weiber, Sklaven, Fremde waren von selbst davon ausgeschlossen. Bei den Griechen und Römern galten die Ungleichheiten der Menschen viel mehr als irgendwelche Gleichheit. Daß Griechen und Barbaren, Freie und Sklaven, Staatsbürger und Schutzverwandte, römische Bürger und römische Untertanen (um einen umfassenden Ausdruck zu gebrauchen) einen Anspruch auf gleiche politische Geltung haben sollten, wäre den Alten notwendig verrückt vorgekommen. Unter dem römischen Kaisertum lösten sich alle diese Unterschiede allmählich auf, mit Ausnahme desjenigen von Freien und Sklaven; es entstand damit, für die Freien wenigstens, jene Gleichheit der Privatleute, auf deren Grundlage das römische Recht sich entwickelte, die vollkommenste Ausbildung des auf Privateigentum beruhenden Rechts, die wir kennen. Aber solange der Gegensatz von Freien und Sklaven bestand, konnte von rechtlichen Folgerungen aus der allgemein menschlichen Gleichheit keine Rede sein; wir sahen dies noch neuerdings in den Sklavenstaaten der nordamerikanischen Union.

Das Christentum kannte nur eine Gleichheit aller Menschen, die der gleichen Erbsündhaftigkeit, die ganz seinem Charakter als Religion der Sklaven und Unterdrückten entsprach. Daneben kannte es höchstens die Gleichheit der Auserwählten, die aber nur ganz im Anfang betont wurde. Die Spuren der Gütergemeinschaft, die sich ebenfalls in den Anfängen der neuen Religion vorfinden, lassen sich vielmehr auf den Zusammenhalt der Verfolgten zurückführen als auf wirkliche Gleichheitsvorstellungen. Sehr bald machte die Festsetzung des Gegensatzes von Priester und Laie auch diesem Ansatz von christlicher Gleichheit ein Ende. - Die Überflutung Westeuropas durch die Germanen beseitigte für Jahrhunderte alle Gleichheitsvorstellungen durch den allmählichen Aufbau einer sozialen und politischen Rangordnung von so verwickelter Art, wie sie bisher noch nicht bestanden hatte; aber gleichzeitig zog sie West- und Mitteleuropa in die geschichtliche Bewegung, schuf zum erstenmal ein kompaktes Kulturgebiet, und auf diesem Gebiet zum erstenmal ein System sich gegenseitig beeinflussender und gegenseitig in Schach haltender, vorwiegend nationaler |97| Staaten. Damit bereitete sie den Boden vor, auf dem allein in späterer Zeit von menschlicher Gleichgeltung, von Menschenrechten die Rede sein konnte.

Das feudale Mittelalter entwickelte außerdem in seinem Schoß die Klasse, die berufen war, in ihrer weitern Ausbildung die Trägerin der modernen Gleichheitsforderung zu werden: das Bürgertum. Anfangs selbst feudaler Stand, hatte das Bürgertum die vorwiegend handwerksmäßige Industrie und den Produktenaustausch innerhalb der feudalen Gesellschaft auf eine verhältnismäßig hohe Stufe entwickelt, als mit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts die großen Entdeckungen zur See ihm eine neue, umfassendere Laufbahn eröffneten. Der außereuropäische Handel, bisher nur zwischen Italien und der Levante betrieben, wurde jetzt bis Amerika und Indien ausgedehnt und überflügelte bald an Bedeutung sowohl den Austausch der einzelnen europäischen Länder unter sich, wie den innern Verkehr eines jeden einzelnen Landes. Das amerikanische Gold und Silber überflutete Europa und drang wie ein zersetzendes Element in alle Lücken, Risse und Poren der feudalen Gesellschaft. Der handwerksmäßige Betrieb genügte nicht mehr für den wachsenden Bedarf; in den leitenden Industrien der fortgeschrittensten Länder wurde er ersetzt durch die Manufaktur.

Diesem gewaltigen Umschwung der ökonomischen Lebensbedingungen der Gesellschaft folgte indes keineswegs sofort eine entsprechende Änderung ihrer politischen Gliederung. Die staatliche Ordnung blieb feudal, während die Gesellschaft mehr und mehr bürgerlich wurde. Der Handel auf großer Stufenleiter, also namentlich der internationale, und noch mehr der Welthandel, fordert freie, in ihren Bewegungen ungehemmte Warenbesitzer, die als solche gleichberechtigt sind, die auf Grundlage eines, wenigstens an jedem einzelnen Ort, für sie alle gleichen Rechts austauschen. Der Übergang vom Handwerk zur Manufaktur hat zur Voraussetzung die Existenz einer Anzahl freier Arbeiter - frei einerseits von Zunftfesseln und andrerseits von den Mitteln, um ihre Arbeitskraft selbst zu verwerten -, die mit dem Fabrikanten wegen Vermietung ihrer Arbeitskraft kontrahieren können, also ihm als Kontrahenten gleichberechtigt gegenüberstehn. Und endlich fand die Gleichheit und gleiche Gültigkeit aller menschlichen Arbeiten, weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind |siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 74|, ihren unbewußten aber stärksten Ausdruck im Wertgesetz der modernen bürgerlichen Ökonomie, wonach der Wert einer Ware gemessen wird durch die in |98| ihr enthaltene gesellschaftlich notwendige Arbeit.(2) - Wo aber die ökonomischen Verhältnisse Freiheit und Gleichberechtigung forderten, setzte ihnen die politische Ordnung Zunftfesseln und Sonderprivilegien auf jedem Schritt entgegen. Lokalvorrechte, Differentialzölle, Ausnahmsgesetze aller Art trafen im Handel nicht nur den Fremden oder Kolonialbewohner, sondern oft genug auch ganze Kategorien der eignen Staatsangehörigen; zünftige Privilegien lagerten sich überall und immer von neuem der Entwicklung der Manufaktur quer über den Weg. Nirgendwo war die Bahn frei und die Chancen für die bürgerlichen Wettläufer gleich - und doch war dies die erste und immer dringlichere Forderung.

Die Forderung der Befreiung von feudalen Fesseln und der Herstellung der Rechtsgleichheit durch Beseitigung der feudalen Ungleichheiten, sobald sie erst durch den ökonomischen Fortschritt der Gesellschaft auf die Tagesordnung gesetzt war, mußte bald größere Dimensionen annehmen. Stellte man sie im Interesse der Industrie und des Handels, so mußte man dieselbe Gleichberechtigung fordern für die große Menge der Bauern, die in allen Stufen der Knechtschaft, von der vollen Leibeigenschaft an, den größten Teil ihrer Arbeitszeit unentgeltlich dem gnädigen Feudalherrn darbringen und außerdem noch zahllose Abgaben an ihn und den Staat entrichten mußten. Man konnte andrerseits nicht umhin zu verlangen, daß ebenfalls die feudalen Bevorzugungen, die Steuerfreiheit des Adels, die politischen Vorrechte der einzelnen Stände aufgehoben würden. Und da man nicht mehr in einem Weltreich lebte, wie das römische gewesen, sondern in einem System unabhängiger, miteinander auf gleichem Fuß verkehrender Staaten von annähernd gleicher Höhe der bürgerlichen Entwicklung, so verstand es sich von selbst, daß die Forderung einen allgemeinen, über den einzelnen Staat hinausgreifenden Charakter annahm, daß Freiheit und Gleichheit proklamiert wurden als Menschenrechte. Wobei es für den spezifisch bürgerlichen Charakter dieser Menschenrechte bezeichnend ist, daß die amerikanische Verfassung, die erste, welche die Menschenrechte anerkennt, in demselben Atem die in Amerika bestehende Sklaverei der Farbigen bestätigt: die Klassenvorrechte werden geächtet, die Racenvorrechte geheiligt.

Bekanntlich wird indes die Bourgeoisie, von dem Augenblick an, wo sie sich aus dem feudalen Bürgertum entpuppt, wo der mittelalterliche Stand in eine moderne Klasse übergeht, stets und unvermeidlich begleitet von ihrem |99| Schatten, dem Proletariat. Und ebenso werden die bürgerlichen Gleichheitsforderungen begleitet von proletarischen Gleichheitsforderungen. Von dem Augenblick an, wo die bürgerliche Forderung der Abschaffung der Klassenvorrechte gestellt wird, tritt neben sie die proletarische Forderung der Abschaffung der Klassen selbst - zuerst in religiöser Form, in Anlehnung an das Urchristentum, später gestützt auf die bürgerlichen Gleichheitstheorien selbst. Die Proletarier nehmen die Bourgeoisie beim Wort: die Gleichheit soll nicht bloß scheinbar, nicht bloß auf dem Gebiet des Staats, sie soll auch wirklich, auch auf dem gesellschaftlichen, ökonomischen Gebiet durchgeführt werden. Und namentlich seit die französische Bourgeoisie, von der großen Revolution an, die bürgerliche Gleichheit in den Vordergrund gestellt hat, hat ihr das französische Proletariat Schlag auf Schlag geantwortet mit der Forderung sozialer, ökonomischer Gleichheit, ist die Gleichheit der Schlachtruf speziell des französischen Proletariats geworden.

Die Gleichheitsforderung im Munde des Proletariats hat somit eine doppelte Bedeutung. Entweder ist sie - und dies ist namentlich in den ersten Anfängen, z.B. im Bauernkrieg, der Fall - die naturwüchsige Reaktion gegen die schreienden sozialen Ungleichheiten, gegen den Kontrast von Reichen und Armen, von Herren und Knechten, von Prassern und Verhungernden; als solche ist sie einfach Ausdruck des revolutionären Instinkts und findet darin, und auch nur darin, ihre Rechtfertigung. Oder aber, sie ist entstanden aus der Reaktion gegen die bürgerliche Gleichheitsforderung, zieht mehr oder weniger richtige, weitergehende Forderungen aus dieser, dient als Agitationsmittel, um die Arbeiter mit den eignen Behauptungen der Kapitalisten gegen die Kapitalisten aufzuregen, und in diesem Fall steht und fällt sie mit der bürgerlichen Gleichheit selbst. In beiden Fällen ist der wirkliche Inhalt der proletarischen Gleichheitsforderung die Forderung der Abschaffung der Klassen. Jede Gleichheitsforderung, die darüber hinausgeht, verläuft notwendig ins Absurde. Wir haben Beispiele davon gegeben und werden ihrer noch genug finden, wenn wir zu den Zukunftsphantasien des Herrn Dühring kommen.

Somit ist die Vorstellung der Gleichheit, sowohl in ihrer bürgerlichen wie in ihrer proletarischen Form, selbst ein geschichtliches Produkt, zu deren Hervorbringung bestimmte geschichtliche Verhältnisse notwendig waren, die selbst wieder eine lange Vorgeschichte voraussetzen. Sie ist also alles, nur keine ewige Wahrheit. Und wenn sie sich heute für das große Publikum - im einen oder im andern Sinn - von selbst versteht, wenn sie, wie Marx sagt, »bereits die Festigkeit eines Volksvorurteils |100| besitzt« |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 74| so ist das nicht Wirkung ihrer axiomatischen Wahrheit, sondern Wirkung der allgemeinen Verbreitung und der andauernden Zeitgemäßheit der Ideen des achtzehnten Jahrhunderts. Wenn also Herr Dühring seine berühmten beiden Männer so ohne weiteres auf dem Boden der Gleichheit kann wirtschaften lassen, so kommt dies daher, daß dem Volksvorurteil dies ganz natürlich vorkommt. Und in der Tat, Herr Dühring nennt seine Philosophie die natürliche, weil sie von lauter Dingen ausgeht, die ihm ganz natürlich vorkommen. Warum aber sie ihm natürlich vorkommen - danach fragt er freilich nicht.

 

XI.

Moral und Recht.

Freiheit und Notwendigkeit

»Für das politische und juristische Gebiet liegen den in diesem Kursus ausgesprochenen Grundsätzen die eindringendsten Fachstudien zugrunde. Man wird daher ... davon ausgehn müssen, daß es sich hier ... um die konsequente Darstellung der Ergebnisse des juristischen und staatswissenschaftlichen Gebiets gehandelt hat. Mein ursprüngliches Fachstudium war grade die Jurisprudenz, und ich habe derselben nicht nur die gewöhnlichen drei Jahre der theoretischen Universitätsvorbereitung, sondern auch während neuer drei Jahre gerichtlicher Praxis noch ein fortgesetztes, besonders auf die Vertiefung ihres wissenschaftlichen Gehalts gerichtetes Studium gewidmet ... Auch würde sicherlich die Kritik der Privatrechtsverhältnisse und der entsprechenden juristischen Unzulänglichkeiten nicht mit gleicher Zuversicht haben auftreten können, wenn sie sich nicht bewußt gewesen wäre, überall die Schwächen des Faches ebensogut wie dessen stärkere Seiten zu kennen

Ein Mann, der so von sich selbst zu sprechen berechtigt ist, muß von vornherein Vertrauen einflößen, besonders gegenüber dem

»einstigen, eingestandnermaßen vernachlässigten Rechtsstudium des Herrn Marx«.

Wundern muß es uns deshalb, daß die mit solcher Zuversicht auftretende Kritik der Privatrechtsverhältnisse sich darauf beschränkt, uns zu erzählen, daß es

»mit der Wissenschaftlichkeit der Jurisprudenz nicht weit her« ist, daß das positive bürgerliche Recht das Unrecht ist, indem es das Gewalteigentum sanktioniert, und daß der »Naturgrund« des Kriminalrechts die Rache ist -

eine Behauptung, an der nur die mystische Verkleidung in den »Naturgrund« allenfalls neu ist. Die staatswissenschaftlichen Ergebnisse beschränken sich auf die Verhandlungen der bewußten drei Männer, von denen der |101| eine die andern bisher vergewaltigt, und wobei Herr Dühring alles Ernstes untersucht, ob es der zweite oder der dritte ist, der die Gewalt und die Knechtschaft zuerst eingeführt hat.

Verfolgen wir indes die eindringendsten Fachstudien und die durch dreijährige gerichtliche Praxis vertiefte Wissenschaftlichkeit unsres zuversichtlichen Juristen etwas weiter.

Von Lassalle erzählt uns Herr Dühring, er sei

»wegen der Veranlassung des Versuchs zum Diebstahl einer Kassette« in Anklagezustand versetzt worden, »ohne daß jedoch eine gerichtliche Verurteilung zu verzeichnen gewesen wäre, indem die damals noch mögliche sogenannte Freisprechung von der Instanz Platz griff ... diese halbe Freisprechung«.

Der Prozeß Lassalles, von dem hier die Rede ist, wurde verhandelt im Sommer 1948 vor den Assisen zu Köln, wo, wie fast in der ganzen Rheinprovinz, das französische Strafrecht in Kraft war. Nur für politische Vergehen und Verbrechen war das preußische Landrecht ausnahmsweise eingeführt gewesen, aber schon im April 1848 wurde diese Ausnahmsbestimmung durch Camphausen wieder beseitigt. Das französische Recht kennt durchaus nicht die liederliche preußische Landrechtskategorie einer »Veranlassung« zu einem Verbrechen, geschweige der Veranlassung des Versuchs eines Verbrechens. Es kennt nur Anreizung zum Verbrechen, und diese, um strafbar zu sein, muß geschehn »durch Geschenke, Versprechungen, Drohungen, Mißbrauch des Ansehns oder der Gewalt, listige Anstiftungen oder sträfliche Kunstgriffe« (Code pénal, art. 60). Das in das preußische Landrecht vertiefte öffentliche Ministerium übersah, ganz wie Herr Dühring, den wesentlichen Unterschied zwischen der scharf bestimmten französischen Vorschrift und der verschwommenen landrechtlichen Unbestimmtheit, machte Lassalle einen Tendenzprozeß und fiel glänzend durch. Denn die Behauptung, als kenne der französische Strafprozeß die preußische landrechtliche Freisprechung von der Instanz, diese halbe Freisprechung, kann nur jemand wagen, der auf dem Gebiet des französischen modernen Rechts ein vollständiger Ignorant ist; dies Recht kennt im Strafprozeß nur Verurteilung oder Freisprechung, kein Mittelding.

Somit sind wir im Falle sagen zu müssen, daß Herr Dühring sicherlich nicht mit gleicher Zuversicht diese »Geschichtszeichnung großen Stils« an Lassalle hätte verüben können, wenn er den Code Napoléon jemals in der Hand gehabt hätte. Wir müssen also konstatieren, daß Herrn Dühring das einzige modern-bürgerliche, auf den gesellschaftlichen Errungenschaften der großen französischen Revolution ruhende und sie ins Juristische |102| übersetzende Gesetzbuch, das moderne französische Recht, gänzlich unbekannt ist.

Anderswo, bei der Kritik der nach französischem Muster auf dem ganzen Kontinent eingeführten, nach Stimmenmehrheit entscheidenden Geschwornengerichte, werden wir belehrt:

»Ja, man wird sich sogar mit dem, übrigens nicht einmal geschichtlich beispiellosen Gedanken vertraut machen können, daß eine Verurteilung mit Widerspruch der Stimmen in einem vollkommnen Gemeinwesen zu den unmöglichen Institutionen gehören sollte ... Jedoch muß diese ernste und tief geistige Auffassungsart, wie schon oben angedeutet, für die überlieferten Gebilde darum als unpassend erscheinen, weil sie für dieselben zu gut ist.«

Es ist Herrn Dühring abermals unbekannt, daß die Einstimmigkeit der Geschwornen nicht nur bei strafrechtlichen Verurteilungen, sondern auch bei Urteilen in bürgerlichen Prozessen unumgänglich notwendig ist nach dem englischen gemeinen Recht, d.h. dem ungeschriebnen Gewohnheitsrecht, das seit unvordenklicher Zeit in Kraft steht, also mindestens seit dem vierzehnten Jahrhundert. Die ernste und tiefgeistige Auffassungsart, die nach Herrn Dühring für die heutige Welt zu gut ist, hat in England also gesetzliche Geltung gehabt schon im dunkelsten Mittelalter, und ist von England nach Irland, nach den Vereinigten Staaten Amerikas und nach allen englischen Kolonien übergeführt worden, ohne daß die eindringendsten Fachstudien dem Herrn Dühring auch nur ein Sterbenswörtchen davon verraten hätten! Das Gebiet der Geschwornen-Einstimmigkeit ist also nicht nur unendlich groß gegenüber dem winzigen Geltungsbereich des preußischen Landrechts, es ist auch ausgedehnter als alle die Gebiete zusammengenommen, auf denen die Geschwornen-Mehrheit entscheidet. Nicht nur, daß Herrn Dühring das einzige moderne, das französische Recht total unbekannt ist, er ist auch ebenso unwissend in Beziehung auf das einzige germanische Recht, das sich unabhängig von römischer Autorität bis auf die heutige Zeit fortentwickelt und auf alle Weltteile ausgebreitet hat - das englische Recht. Und warum nicht? Denn die englische Art der juristischen Denkweise

»würde doch angesichts der auf deutschem Boden bewerkstelligten Schulung in den reinen Begriffen der klassischen römischen Juristen nicht standhalten«,

sagt Herr Dühring, und ferner sagt er:

»was ist die englisch-redende Welt mit ihrer kinderhaften Gemengselsprache unserer urwüchsigen Sprachgestaltung gegenüber?«

|103| Worauf wir nur mit Spinoza antworten können: Ignorantia non est argumentum, die Unwissenheit ist kein Beweisgrund.

Wir können hiernach zu keinem andern Schlußergebnis kommen, als daß Herrn Dührings eindringendste Fachstudien darin bestanden, daß er drei Jahre theoretisch in das Corpus juris und weitere drei Jahre praktisch in das edle preußische Landrecht sich vertieft hat. Es ist das sicherlich auch schon ganz verdienstlich und genügend für einen recht achtungswerten altpreußischen Kreisrichter oder Advokaten. Wenn man aber eine Rechtsphilosophie für alle Welten und Zeiten zu verfassen unternimmt, so sollte man doch auch einigermaßen Bescheid wissen in den Rechtsverhältnissen von Nationen wie die Franzosen, Engländer und Amerikaner, Nationen, die eine ganz andre Rolle in der Geschichte gespielt haben als der Winkel von Deutschland, wo das preußische Landrecht floriert. Doch sehn wir weiter zu.

»Die bunte Mischung von Orts-, Provinzial- und Landesrechten, die sich in sehr willkürlicher Weise bald als Gewohnheitsrecht, bald als geschriebnes Gesetz, oft unter Einkleidung der wichtigsten Angelegenheiten in reine Statutarform, in den verschiedensten Richtungen kreuzen - diese Musterkarte von Unordnung und Widerspruch, auf welcher die Einzelheiten das Allgemeine, und dann gelegentlich wiederum die Allgemeinheiten das Besondre hinfällig machen, ist wahrlich nicht geeignet, ein klares Rechtsbewußtsein bei irgend jemand ... möglich zu machen.«

Wo aber herrscht dieser verworrene Zustand? Wieder im Geltungsbereich des preußischen Landrechts, wo neben, über oder unter diesem Landrecht Provinzialrechte, Ortsstatuten, hier und da auch gemeines Recht und andrer Quark die verschiedensten relativen Abstufungen von Gültigkeit haben und bei allen praktischen Juristen jenen Notschrei hervorrufen, den Herr Dühring hier so sympathisch wiederholt. Er braucht gar nicht sein geliebtes Preußen zu verlassen, er darf nur an den Rhein kommen, um sich zu überzeugen, daß dort von alledem seit siebzig Jahren keine Rede mehr ist - von andern zivilisierten Ländern gar nicht zu reden, wo dergleichen veraltete Zustände längst beseitigt sind.

Ferner:

»in einer weniger schroffen Art tritt die Verschleierung der natürlichen individuellen Verantwortlichkeit durch die geheimen und hiermit anonymen Kollektivurteile und Kollektivhandlungen von Kollegien oder sonstigen Behördeneinrichtungen hervor, die den persönlichen Anteil eines jeden Mitglieds maskieren.«

Und an einer andern Stelle:

»in unserm heutigen zustande wird es als eine überraschende und äußerst strenge |104| Forderung gelten, wenn man von der Verhüllung und Deckung der Einzelverantwortlichkeit durch Kollegien nichts wissen will.«

Vielleicht wird es für Herrn Dühring als eine überraschende Mitteilung gelten, wenn wir ihm sagen, daß im Gebiet des englischen Rechts jedes Mitglied des Richterkollegiums sein Urteil in öffentlicher Sitzung einzeln abzugeben und zu begründen hat; daß die Verwaltungskollegien, soweit sie nicht gewählt sind und öffentlich verhandeln und abstimmen, eine vorzugsweise preußische Einrichtung und in den meisten übrigen Ländern unbekannt sind, und daß daher seine Forderung für überraschend und äußerst streng eben nur gelten kann - in Preußen.

Ebenso treffen seine Klagen über die Zwangseinmischungen der Religionspraktiken bei Geburt, Ehe, Tod und Bestattung von allen größern zivilisierten Ländern nur Preußen, und seit Einführung der Zivilstandsregister auch dies nicht mehr. Was Herr Dühring nur vermittelst eines »sozialitären« Zukunftszustandes fertig bringt, hat sogar Bismarck inzwischen durch ein einfaches Gesetz erledigt. - Nicht anders wird in der »Klage der mangelhaften Ausstattung der Juristen für ihren Beruf«, eine Klage, die sich auch auf die »Verwaltungsbeamten« ausdehnen läßt, eine spezifisch preußische Jeremiade angestimmt; und selbst der bis ins Lächerliche übertriebne Judenhaß, den Herr Dühring bei jeder Gelegenheit zur Schau trägt, ist eine, wo nicht spezifisch preußische, so doch spezifisch ostelbische Eigenschaft. Derselbe Wirklichkeitsphilosoph, der auf alle Vorurteile und Superstitionen souverän herabsieht, steckt selbst so tief in persönlichen Marotten, daß er das aus der Bigotterie des Mittelalters überkommne Volksvorurteil gegen die Juden ein auf »Naturgründen« beruhendes »Natururteil« nennt und sich bis zu der pyramidalen Behauptung versteigt:

»der Sozialismus ist die einzige Macht, welche Bevölkerungszuständen mit stärkerer jüdischer Untermischung« (Zustände mit jüdischer Untermischung! welches Naturdeutsch!) »die Spitze bieten kann.«

Genug. Die Großprahlerei mit der juristischen Gelahrtheit hat zum Hintergrund - im besten Falle - die allerordinärsten Fachkenntnisse eines ganz gewöhnlichen altpreußischen Juristen. Das juristische und staatswissenschaftliche Gebiet, dessen Ergebnisse uns Herr Dühring konsequent darstellt, »deckt sich« mit dem Geltungsbereich des preußischen Landrechts. Außer dem jedem Juristen, jetzt selbst in England so ziemlich geläufigen römischen Recht, beschränken sich seine juristischen Kenntnisse einzig und allein auf das preußische Landrecht, jenes Gesetzbuch des aufgeklärten patriarchalischen Despotismus, das in einem Deutsch geschrieben ist, als wäre Herr Dühring dort in die Schule gegangen, und das mit seinen |105| Moralglossen, seiner juristischen Unbestimmtheit und Haltlosigkeit, seinen Stockprügeln als Tortur- und Strafmittel noch ganz der vorrevolutionären Zeit angehört. Was darüber ist, das ist für Herrn Dühring vom Übel - sowohl das modern-bürgerliche französische Recht wie das englische Recht mit seiner ganz eigenartigen Entwicklung und seiner auf dem ganzen Kontinent unbekannten Sicherung der persönlichen Freiheit. Die Philosophie, welche »keinen bloß scheinbaren Horizont gelten läßt, sondern in mächtig umwälzender Bewegung alle Erden und Himmel der äußern und innern Natur aufrollt« - sie hat zu ihrem wirklichen Horizont - die Grenzen der sechs altpreußischen Ostprovinzen und allenfalls noch der paar sonstigen Landfetzen, wo das edle Landrecht gilt; und jenseits dieses Horizonts rollt sie weder Erden noch Himmel, weder äußere noch innere Natur auf, sondern nur das Gemälde der krassesten Unwissenheit über das, was in der übrigen Welt vorgeht.

Man kann nicht gut von Moral und Recht handeln, ohne auf die Frage vom sogenannten freien Willen, von der Zurechnungsfähigkeit des Menschen, von dem Verhältnis von Notwendigkeit und Freiheit zu kommen. Auch die Wirklichkeitsphilosophie hat nicht nur eine, sondern sogar zwei Lösungen für diese Frage.

»An die Stelle aller falschen Freiheitstheorien hat man die erfahrungsmäßige Beschaffenheit des Verhältnisses zu setzen, in welchem sich rationelle Einsicht auf der einen und triebförmige Bestimmungen auf der andern Seite gleichsam zu einer Mittelkraft vereinigen. Die Grundtatsachen dieser Art von Dynamik sind aus der Beobachtung zu entnehmen, und für die Vorausbemessung des noch nicht erfolgten Geschehns auch, so gut es gehen will, im allgemeinen nach Art und Größe zu veranschlagen. Hierdurch werden die albernen Einbildungen über die innere Freiheit, an denen Jahrtausende genagt und gezehrt haben, nicht nur gründlich weggeräumt, sondern auch durch etwas Positives ersetzt, was sich für die praktische Einrichtung des Lebens brauchen läßt.«

Danach besteht die Freiheit dann, daß die rationelle Einsicht den Menschen nach rechts, die irrationellen Triebe ihn nach links zerren, und bei diesem Parallelogramm der Kräfte die wirkliche Bewegung in der Richtung der Diagonale erfolgt. Die Freiheit wäre also der Durchschnitt zwischen Einsicht und Trieb, Verstand und Unverstand, und ihr Grad wäre bei jedem einzelnen erfahrungsmäßig festzustellen durch eine »persönliche Gleichung«, um einen astronomischen Ausdruck zu gebrauchen. Aber wenige Seiten später heißt es:

»Wir gründen die moralische Verantwortlichkeit auf die Freiheit, die uns jedoch weiter nichts bedeutet als die Empfänglichkeit für bewußte Beweggründe nach Maß- |106| gabe des natürlichen und erworbnen Verstandes. Alle solche Beweggründe wirken trotz der Wahrnehmung des möglichen Gegensatzes in den Handlungen mit unausweichlicher Naturgesetzmäßigkeit; aber grade auf diese unumgängliche Nötigung zählen wir, indem wir die moralischen Hebel ansetzen.«

Diese zweite Bestimmung der Freiheit, die der ersten ganz ungeniert ins Gesicht schlägt, ist wieder nichts als eine äußerste Verflachung der Hegelschen Auffassung. Hegel war der erste, der das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit richtig darstellte. Für ihn ist die Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit. »Blind ist die Notwendigkeit nur, insofern dieselbe nicht begriffen wird.« Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebnen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen. Es gilt dies mit Beziehung sowohl auf die Gesetze der äußern Natur, wie auf diejenigen, welche das körperliche und geistige Dasein des Menschen selbst regeln - zwei Klassen von Gesetzen, die wir höchstens in der Vorstellung, nicht aber in der Wirklichkeit voneinander trennen können. Freiheit des Willens heißt daher nichts andres als die Fähigkeit, mit Sachkenntnis entscheiden zu können. Je freier also das Urteil eines Menschen in Beziehung auf einen bestimmten Fragepunkt ist, mit desto größerer Notwendigkeit wird der Inhalt dieses Urteils bestimmt sein; während die auf Unkenntnis beruhende Unsicherheit, die zwischen vielen verschiednen und widersprechenden Entscheidungsmöglichkeiten scheinbar willkürlich wählt, eben dadurch ihre Unfreiheit beweist, ihr Beherrschtsein von dem Gegenstande, den sie grade beherrschen sollte. Freiheit besteht also in der auf Erkenntnis der Naturnotwendigkeiten gegründeten Herrschaft über uns selbst und über die äußere Natur; sie ist damit notwendig ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung. Die ersten, sich vom Tierreich sondernden Menschen waren in allem Wesentlichen so unfrei wie die Tiere selbst; aber jeder Fortschritt in der Kultur war ein Schritt zur Freiheit. An der Schwelle der Menschheitsgeschichte steht die Entdeckung der Verwandlung von mechanischer Bewegung in Wärme: die Erzeugung des Reibfeuers; am Abschluß der bisherigen Entwicklung steht die Entdeckung der Verwandlung von Wärme in mechanische Bewegung: die Dampfmaschine. - Und trotz der riesigen befreienden Umwälzung, die die Dampfmaschine in der gesellschaftlichen Weit vollzieht - sie ist noch nicht halb vollendet -, ist es doch unzweifelhaft, daß das Reibfeuer sie an weltbefreiender Wirkung noch übertrifft. Denn das Reibfeuer gab dem Menschen zum |107| erstenmal die Herrschaft über eine Naturkraft und trennte ihn damit endgültig vom Tierreich. Die Dampfmaschine wird nie einen so gewaltigen Sprung in der Menschheitsentwicklung zustande bringen, sosehr sie uns auch als Repräsentantin aller jener, an sie sich anlehnenden gewaltigen Produktivkräfte gilt, mit deren Hülfe allein ein Gesellschaftszustand ermöglicht wird, worin es keine Klassenunterschiede, keine Sorgen um die individuellen Existenzmittel mehr gibt, und worin von wirklicher menschlicher Freiheit, von einer Existenz in Harmonie mit den erkannten Naturgesetzen, zum ersten mal die Rede sein kann. Wie jung aber noch die ganze Menschengeschichte und wie lächerlich es wäre, unsern jetzigen Anschauungen irgendwelche absolute Gültigkeit zuschreiben zu wollen, geht aus der einfachen Tatsache hervor, daß die ganze bisherige Geschichte sich bezeichnen läßt als Geschichte des Zeitraums von der praktischen Entdeckung der Verwandlung von mechanischer Bewegung in Wärme bis zu derjenigen der Verwandlung von Wärme in mechanische Bewegung.

Bei Herrn Dühring wird die Geschichte freilich anders behandelt. Im allgemeinen ist sie als Geschichte der Irrtümer, der Unwissenheit und Roheit, der Vergewaltigung und Knechtung ein die Wirklichkeitsphilosophie anwidernder Gegenstand, im besondern jedoch teilt sie sich in zwei große Abschnitte, nämlich 1. von dem sich selbst gleichen Zustand der Materie bis auf die französische Revolution, und 2. von der französischen Revolution bis auf Herrn Dühring; und dabei bleibt das 19. Jahrhundert

»noch wesentlich reaktionär, ja es ist es (?) in geistiger Beziehung noch mehr als das 18.«, wobei es jedoch den Sozialismus in seinem Schoß trägt, und damit »den Keim einer gewaltigeren Umschaffung als sie von den Vorläufern und den Heroen der französischen Revolution erdacht (!) wurde«.

Die wirklichkeitsphilosophische Verachtung gegen die bisherige Geschichte rechtfertigt sich wie folgt:

»Die wenigen Jahrtausende, für welche eine historische Rückerinnerung durch ursprüngliche Aufzeichnungen vermittelt wird, haben mit ihrer bisherigen Menschheitsverfassung nicht viel zu bedeuten, wenn man an die Reihe der kommenden Jahrtausende denkt ... Das Menschengeschlecht ist als Ganzes noch sehr jung, und wenn einst die wissenschaftliche Rückerinnerung mit Zehntausenden statt mit Tausenden von Jahren zu rechnen hat, wird die geistig unreife Kindheit unserer Institutionen eine selbstverständliche Voraussetzung über unsre alsdann als Uraltertum gewürdigte Zeit unbestrittene Geltung haben.«

Ohne uns bei der in der Tat »urwüchsigen Sprachgestaltung« des letzten Satzes länger aufzuhalten, bemerken wir nur zweierlei: Erstens, daß dies »Uraltertum« unter allen Umständen ein Geschichtsabschnitt von höch- |108| stem Interesse für alle künftigen Generationen bleiben wird, weil es die Grundlage aller spätern höhern Entwicklung bildet, weil es die Herausbildung des Menschen aus dem Tierreich zum Ausgangspunkt, und zum Inhalt die Überwindung von solchen Schwierigkeiten hat, wie sie sich den zukünftigen assoziierten Menschen nie wieder entgegenstellen werden. Und zweitens, daß der Abschluß dieses Uraltertums, demgegenüber die künftigen, nicht mehr durch diese Schwierigkeiten und Hindernisse aufgehaltenen Geschichtsperioden ganz andre wissenschaftliche, technische und gesellschaftliche Erfolge versprechen, ein jedenfalls sehr sonderbar gewählter Moment ist, um diesen kommenden Jahrtausenden Vorschriften zu machen durch endgültige Wahrheiten letzter Instanz, unwandelbare Wahrheiten und wurzelhafte Konzeptionen, entdeckt auf Grundlage der geistig unreifen Kindheit unsres so sehr »rückständigen« und »rückläufigen« Jahrhunderts. Man muß eben der philosophische Richard Wagner sein - doch ohne Wagners Talent -, um zu übersehn, daß alle die Herabwürdigungen, die man auf die bisherige Geschichtsentwicklung wirft, ebenfalls an ihrem angeblich letzten Resultat haften bleiben - an der sogenannten Wirklichkeitsphilosophie.

Eines der bezeichnendsten Stücke der neuen wurzelhaften Wissenschaft ist der Abschnitt über Individualisierung und Wertsteigerung des Lebens. Hier sprudelt und strömt in unaufhaltsamem Quelldrang durch volle drei Kapitel der orakelhafte Gemeinplatz. Wir müssen uns leider auf ein paar kurze Proben beschränken.

»Das tiefere Wesen aller Empfindung und mithin aller subjektiven Lebensformen beruht auf der Differenz von Zuständen ... Für das volle (!) Leben läßt sich aber auch ohne weiteres (!) dartun, daß es nicht die beharrliche Lage. Sondern der Übergang von einer Lebenssituation in die andre ist, wodurch das Lebensgefühl gesteigert und die entscheidenden Reize entwickelt werden ... Der annähernd sich selbst gleiche, sozusagen in Trägheitsbeharrung und gleichsam in derselben Gleichgewichtslage verbleibende Zustand hat, wie er auch beschaffen sein möge, für die Erprobung des Daseins nicht viel zu bedeuten ... Die Gewöhnung und sozusagen Einlebung macht ihn vollends zu etwas Indifferentem und Gleichgültigem, was sich nicht sonderlich vom Totsein unterscheidet. Höchstens tritt noch als eine Art negativer Lebensregung die Pein der Langeweile hinzu ... In einem sich stauenden Leben erlischt für einzelne und Völker alle Leidenschaft und alles Interesse am Dasein. Unser Gesetz der Differenz aber ist es, aus welchem alle diese Erscheinungen erklärlich werden

Es geht über allen Glauben, mit welcher Geschwindigkeit Herr Dühring seine von Grund aus eigentümlichen Ergebnisse zustande bringt. Eben erst ist der Gemeinplatz ins Wirklichkeitsphilosophische übersetzt, daß fort- |109| dauernde Reizung desselben Nerven oder Fortdauer desselben Reizes jeden Nerv und jedes Nervensystem ermüdet, daß also im normalen Zustand Unterbrechung und Abwechslung der Nervenreize stattfinden muß - was seit Jahren in jedem Handbuch der Physiologie zu lesen und was jeder Philister aus eigner Erfahrung weiß -, kaum ist diese uralte Plattheit in die mysteriöse Form übersetzt worden, daß das tiefere Wesen aller Empfindung auf der Differenz von Zuständen beruht, so verwandelt sie sich auch schon in »Unser Gesetz der Differenz«. Und dies Gesetz der Differenz macht »vollkommen erklärlich« eine ganze Reihe von Erscheinungen, welche wieder nichts sind als Illustrationen und Beispiele von der Annehmlichkeit der Abwechslung, welche selbst für den allergewöhnlichsten Philisterverstand durchaus keiner Erklärung bedürfen, und welche durch den Hinweis auf dies angebliche Gesetz der Differenz nicht um die Breite eines Atoms an Klarheit gewinnen.

Aber damit ist die Wurzelhaftigkeit »unsres Gesetzes der Differenz« noch lange nicht erschöpft:

»Die Abfolge der Lebensalter und das Eintreten der mit ihnen verbundnen Veränderungen der Lebensverhältnisse liefern ein recht naheliegendes Beispiel zur Veranschaulichung unsres Differenzprinzips. Kind, Knabe, Jüngling und Mann erfahren die Starke ihrer jeweiligen Lebensgefühle weniger durch die bereits fixierten Zustände, in denen sie sich befinden, als durch die Epochen des Übergangs, von dem einen zum andern.«

Damit nicht genug:

»Unser Gesetz der Differenz kann noch eine entlegnere Anwendung erhalten, indem man die Tatsache in Anschlag bringt, daß die Wiederholung des bereits Erprobten oder Geleisteten keinen Reiz hat.«

Und nun kann sich der Leser den orakelhaften Kohl selbst hinzudenken, zu dem Sätze von der Tiefe und Wurzelhaftigkeit der obigen den Anknüpfungspunkt bieten; und wohl mag Herr Dühring am Schluß seines Buches triumphierend ausrufen:

»Für die Schätzung und Steigerung des Lebenswerts wurde das Gesetz der Differenz zugleich theoretisch und praktisch maßgebend!«

Für die Schätzung des geistigen Werts seines Publikums durch Herrn Dühring ebenfalls: er muß glauben, es bestehe aus lauter Eseln oder Philistern.

Weiterhin erhalten wir folgende äußerst praktische Lebensregeln:

»Die Mittel, das Gesamtinteresse am Leben rege zu erhalten« (schöne Aufgabe für Philister und solche, die es werden wollen!) »bestehen darin, die einzelnen sozusagen |110| elementaren Interessen, aus denen sich das Ganze zusammensetzt, sich nach den natürlichen Zeitmaßen entwickeln oder einander ablösen zu lassen. Auch gleichzeitig für denselben Zustand wird die Stufenfolge in der Ersetzbarkeit der niedern und leichter befriedigten Reize durch die hohern und anhaltender wirksamen Erregungen dahin zu benutzen sein, daß die Entstehung von gänzlich interesselosen Lücken vermieden werde. Übrigens wird es aber darauf ankommen, zu verhüten, daß die naturgemäß oder sonst im normalen Lauf des gesellschaftlichen Daseins entstehenden Spannungen in willkürlicher Weise gehäuft, forciert oder, was die gegenteilige Verkehrtheit ist, schon bei der leisesten Regung befriedigt und so an der Entwicklung eines genußfähigen Bedürfens verhindert werden. Die Einhaltung des natürlichen Rhythmus ist hier wie anderwärts die Vorbedingung der ebenmäßigen und anmutenden Bewegung. Auch darf man sich nicht die unlösbare Aufgabe stellen, die Reize irgendeiner Situation über die ihnen von der Natur oder den Verhältnissen zugemeßne Frist ausdehnen zu wollen« usw.

Der Biedermann, der sich diese feierlichen Philisterorakel einer über die fadesten Plattheiten spintisierenden Pedanterie zur Regel der »Lebenserprobung« dienen läßt, wird allerdings nicht über »gänzlich interesselose Lücken« zu klagen haben. Er wird alle seine Zeit nötig haben zur regelrechten Vorbereitung und Anordnung der Genüsse, so daß ihm zum Genießen selbst kein freier Augenblick bleibt.

Erproben sollen wir das Leben, das volle Leben. Nur zweierlei verbietet uns Herr Dühring:

erstens »die Unsauberkeiten der Einlassung mit dem Tabak«, und zweitens Getränke und Nahrungsmittel, welche »widerwärtig erregende oder überhaupt für die feinere Empfindung verwerfliche Eigenschaften haben«.

da nun Herr Dühring in dem Kursus der Ökonomie die Schnapsbrennerei so dithyrambisch feiert, so kann er unter diesen Getränken unmöglich den Branntwein verstehn; wir sind also zu dem Schluß gezwungen, daß sein Verbot sich bloß auf Wein und Bier erstreckt. Er verbiete nun auch noch das Fleisch, und dann hat er die Wirklichkeitsphilosophie auf dieselbe Höhe gebracht, auf der weiland Gustav Struve sich mit soviel Erfolg bewegte - auf der Höhe der puren Kinderei.

Übrigens könnte Herr Dühring doch in Beziehung auf die geistigen Getränke etwas liberaler sein. Ein Mann, der eingestandnermaßen die Brücke vom Statischen zum Dynamischen noch immer nicht finden kann, hat doch sicher alle Ursache, gelind zu urteilen, wenn irgendein armer Teufel einmal zu tief ins Glas guckt und infolgedessen die Brücke vom Dynamischen zum Statischen ebenfalls vergebens sucht.

 

XII.

Dialektik

- Quantität und Qualität

|111| »Der erste und wichtigste Satz über die logischen Grundeigenschaften des Seins bezieht sich auf den Ausschluß des Widerspruchs. Das Widersprechende ist eine Kategorie, die nur der Gedankenkombination, aber keiner Wirklichkeit angehören kann. In den Dingen sind keine Widersprüche, oder, mit andern Worten, der real gesetzte Widerspruch ist selbst der Gipfelpunkt des Widersinns ... Der Antagonismus von Kräften, die sich in entgegengesetzter Richtung einander messen, ist sogar die Grundform aller Aktionen im Dasein der Welt und ihrer Wesen. Dieser Widerstreit der Kräfterichtungen der Elemente und der Individuen fällt aber nicht im entferntesten mit dem Gedanken von Widerspruchsabsurditäten zusammen ... Hier können wir zufrieden sein, die Nebel, die aus vermeintlichen Mysterien der Logik aufzusteigen pflegen, durch ein klares Bild von der wirklichen Absurdität des realen Widerspruchs aufgelöst, und die Nutzlosigkeit des Weihrauchs dargetan zu haben, welchen man für die der antagonistischen Weltschematik untergeschobne und recht plump geschnitzte Holzpuppe von Widerspruchsdialektik hier und da verschwendet hat.«

Dies ist so ziemlich alles, was in dem »Kursus der Philosophie« über Dialektik gesagt wird. In der »Kritischen Geschichte« dagegen wird die Widerspruchsdialektik, und mit ihr namentlich Hegel, ganz anders mitgenommen.

»Das Widersprechende ist nämlich nach der Hegelschen Logik oder vielmehr Logoslehre nicht etwa in dem seiner Natur nach nicht anders als subjektiv und bewußt vorzustellenden Denken, sondern in den Dingen und Vorgängen selbst objektiv vorhanden und sozusagen leibhaft anzutreffen, so daß der Widersinn nicht eine unmögliche Kombination des Gedankens bleibt, sondern eine tatsächliche Macht wird. Die Wirklichkeit des Absurden ist der erste Glaubensartikel der Hegelschen Einheit von Logik und Unlogik ... Je widersprechender, desto wahrer, oder mit andern Worten: je absurder, desto glaublicher, diese nicht einmal neu erfundne, sondern der Offenbarungstheologie und der Mystik entlehnte Maxime ist der nackte Ausdruck des sogenannten dialektischen Prinzips.«

Der Gedankeninhalt der beiden angeführten Stellen faßt sich in dem Satz zusammen, daß Widerspruch = Widersinn ist, und daher in der wirklichen Welt nicht vorkommen kann. Dieser Satz mag für Leute von sonst ziemlich gesundem Menschenverstand dieselbe selbstverständliche Geltung haben wie der, daß gerade nicht krumm und krumm nicht gerade sein kann. Aber die Differentialrechnung setzt, ungeachtet aller Proteste des gesunden Menschenverstandes, Gerade und Krumm unter gewissen Umständen dennoch gleich und erreicht damit Erfolge, die der auf den Widersinn der Identität von Gerade und Krumm sich steifende gesunde Menschenverstand nie fertigbringt. Und nach der bedeutenden Rolle, die die sogenannte Widerspruchsdialektik in der Philosophie von den ältesten Griechen an bis jetzt gespielt hat, wäre selbst ein stärkerer Gegner als |112| Herr Dühring verpflichtet gewesen, ihr mit andern Argumenten entgegenzutreten, als mit einer Behauptung und vielen Schimpfwörtern.

Solange wir die Dinge als ruhende und leblose, jedes für sich, neben- und nacheinander, betrachten, stoßen wir allerdings auf keine Widersprüche an ihnen. Wir finden da gewisse Eigenschaften, die teils gemeinsam, teils verschieden, ja einander widersprechend, aber in diesem Fall auf verschiedne Dinge verteilt sind und also keinen Widerspruch in sich enthalten. Soweit dies Gebiet der Betrachtung ausreicht, soweit kommen wir auch mit der gewöhnlichen, metaphysischen Denkweise aus. Aber ganz anders, sobald wir die Dinge in ihrer Bewegung, ihrer Veränderung, ihrem Leben, in ihrer wechselseitigen Einwirkung aufeinander betrachten. Da geraten wir sofort in Widersprüche. Die Bewegung selbst ist ein Widerspruch; sogar schon die einfache mechanische Ortsbewegung kann sich nur dadurch vollziehn, daß ein Körper in einem und demselben Zeitmoment an einem Ort und zugleich an einem andern Ort, an einem und demselben Ort und nicht an ihm ist. Und die fortwährende Setzung und gleichzeitige Lösung dieses Widerspruchs ist eben die Bewegung.

Hier haben wir also einen Widerspruch, der »in den Dingen und Vorgängen selbst objektiv vorhanden und sozusagen leibhaft anzutreffen ist«. Und was sagt Herr Dühring dazu? Er behauptet,

es gebe überhaupt bis jetzt »in der rationellen Mechanik keine Brücke zwischen dem streng Statischen und dem Dynamischen«.

Der Leser merkt jetzt endlich, was hinter dieser Lieblingsphrase des Herrn Dühring steckt; weiter nichts als dies: der metaphysisch denkende Verstand kann absolut nicht vom Gedanken der Ruhe zu dem der Bewegung kommen, weil ihm hier obiger Widerspruch den Weg versperrt. Für ihn ist die Bewegung, weil ein Widerspruch, rein unbegreiflich. Und indem er die Unbegreiflichkeit der Bewegung behauptet, gibt er selbst die Existenz dieses Widerspruchs wider Willen zu, gibt also zu, daß es einen in den Dingen und Vorgängen selbst objektiv vorhandnen Widerspruch gibt, der zudem eine tatsächliche Macht ist.

Wenn schon die einfache mechanische Ortsbewegung einen Widerspruch in sich enthält, so noch mehr die höhern Bewegungsformen der Materie und ganz besonders das organische Leben und seine Entwicklung. Wir sahen oben, daß das Leben grade vor allem darin besteht, daß ein Wesen in jedem Augenblick dasselbe und doch ein andres ist. Das Leben ist also ebenfalls ein in den Dingen und Vorgängen selbst vorhandner, sich stets |113| setzender und lösender Widerspruch; und sobald der Widerspruch aufhört, hört auch das Leben auf, der Tod tritt ein. Ebenso sahen wir |Siehe S. 35 und 80/81|, wie auch auf dem Gebiete des Denkens wir den Widersprüchen nicht entgehn können und wie z.B. der Widerspruch zwischen dem innerlich unbegrenzten menschlichen Erkenntnisvermögen und seinem wirklichen Dasein in lauter äußerlich beschränkten und beschränkt erkennenden Menschen sich löst in der für uns wenigstens praktisch endlosen Aufeinanderfolge der Geschlechter, im unendlichen Progreß.

Wir erwähnten schon, daß die höhere Mathematik den Widerspruch, daß Gerade und Krumm unter Umständen dasselbe sein sollen, zu einer ihrer Hauptgrundlagen hat. Sie bringt den andern Widerspruch fertig, daß Linien, die sich vor unsern Augen schneiden, dennoch schon fünf bis sechs Zentimeter von ihrem Schneidepunkt als parallel, als solche gelten sollen, die sich selbst bei unendlicher Verlängerung nicht schneiden können. Und dennoch bringt sie mit diesen und mit noch weit stärkern Widersprüchen nicht nur richtige, sondern auch für die niedere Mathematik ganz unerreichbare Resultate zustande.

Aber auch schon in diesen letztern wimmelt es von Widersprüchen. Es ist z.B. ein Widerspruch, daß eine Wurzel von A eine Potenz von A sein soll, und doch ist Wurzel A. Es ist ein Widerspruch, daß eine negative Größe das Quadrat von etwas sein soll, denn jede negative Größe, mit sich selbst multipliziert, gibt ein positives Quadrat. Die Quadratwurzel aus Minus Eins ist daher nicht nur ein Widerspruch, sondern sogar ein absurder Widerspruch, ein wirklicher Widersinn. Und dennoch ist -1 ein in vielen Fällen notwendiges Resultat richtiger mathematischer Operationen; ja, noch mehr, wo wäre die Mathematik, niedre wie höhere, wenn ihr verboten würde, mit Wurzel -1 zu operieren?

Die Mathematik selbst betritt mit der Behandlung der veränderlichen Größen das dialektische Gebiet, und bezeichnenderweise ist es ein dialektischer Philosoph, Descartes, der diesen Fortschritt in sie eingeführt hat. Wie die Mathematik der veränderlichen sich zu der der unveränderlichen Größen verhält, so verhält sich überhaupt dialektisches Denken zu metaphysischem. Was durchaus nicht verhindert, daß die große Menge der Mathematiker die Dialektik nur auf mathematischem Gebiet anerkennt, und daß es genug unter ihnen gibt, die mit den auf dialektischem Weg gewonnenen Methoden ganz in der alten, beschränkten, metaphysischen Weise weiteroperieren.

|114| Auf Herrn Dührings Antagonismus von Kräften und seine antagonistische Weltschematik näher einzugehn, wäre nur dann möglich, wenn er uns etwas mehr über dies Thema gegeben hätte, als - die bloße Phrase. Nachdem er dies fertiggebracht, wird uns dieser Antagonismus weder in der Weltschematik noch in der Naturphilosophie ein einziges Mal wirkend vorgeführt, das beste Eingeständnis, daß Herr Dühring mit dieser »Grundform aller Aktionen im Dasein der Welt und ihrer Wesen« absolut nichts Positives anzufangen weiß. Wenn man in der Tat Hegels »Lehre vom Wesen« bis auf die Plattheit von in entgegengesetzter Richtung, aber nicht in Widersprüchen, sich bewegenden Kräften heruntergebracht hat, so tut man allerdings am besten, jeder Anwendung dieses Gemeinplatzes aus dem Wege zu gehn.

Den weitern Anhaltspunkt für Herrn Dühring, um seinem antidialektischen Zorn Luft zu machen, bietet ihm Marx' »Kapital«.

»Mangel an natürlicher und verständlicher Logik, durch welchen sich die dialektisch-krausen Verschlingungen und Vorstellungsarabesken auszeichnen ... schon auf den bereits vorhandnen Teil muß man das Prinzip anwenden, daß in einer gewissen Hinsicht und auch überhaupt (!) nach einem bekannten philosophischen Vorurteil alles in jedem und jedes in allem zu suchen, und daß dieser Misch- und Mißvorstellung zufolge schließlich alles Eins sei.«

Diese seine Einsicht in das bekannte philosophische Vorurteil befähigt denn auch Herrn Dühring, mit Sicherheit vorauszusagen, was das »Ende« des Marxschen ökonomischen Philosophierens, also was der Inhalt der folgenden Bände des »Kapitals« sein wird, genau sieben Zeilen nachdem er erklärt hat, es sei

»jedoch wirklich nicht abzusehn, was, menschlich und deutsch geredet, eigentlich in den zwei« (letzten) »Bänden noch folgen soll«.

Es ist indes nicht das erstemal, daß die Schriften des Herrn Dühring sich uns erweisen als gehörig zu den »Dingen«, in denen »das Widersprechende objektiv vorhanden und sozusagen leibhaft anzutreffen« ist. Was ihn durchaus nicht hindert, siegreich fortzufahren:

»doch die gesunde Logik wird über ihre Karikatur voraussichtlich triumphieren ... Das Vornehmtun und der dialektische Geheimniskram werden niemanden, der noch ein wenig gesundes Urteil übrig hat, anreizen, sich mit den Unförmlichkeiten der Gedanken und des Stils ... einzulassen. Mit dem Absterben der letzten Reste der dialektischen Torheiten wird dieses Mittel der Düpierung ... seinen trügerischen Einfluß verlieren, und niemand wird mehr glauben, sich abquälen zu müssen, um dort hinter eine tiefe Weisheit zu kommen, wo der gesäuberte Kern der krausen Dinge im besten Fall die Züge gewöhnlicher Theorien, wo nicht gar von Gemeinplätzen zeigt ... Es ist |115| ganz unmöglich, die« (Marxschen) »Verschlingungen nach Maßgabe der Logoslehre wiederzugeben, ohne die gesunde Logik zu prostituieren.« Marx' Methode bestehe darin, »dialektische Wunder für seine Gläubigen herzurichten«, und so weiter.

Wir haben es hier noch durchaus nicht mit der Richtigkeit oder Unrichtigkeit der ökonomischen Resultate der Marxschen Untersuchung zu tun, sondern nur mit der von Marx angewandten dialektischen Methode. Soviel aber ist sicher: die meisten Leser des »Kapital« werden erst jetzt durch Herrn Dühring erfahren haben, was sie eigentlich gelesen. Und unter ihnen auch Herr Dühring selbst, der im Jahre 1867 (»Ergänzungsblätter« III, Heft 3) noch imstande war, eine für einen Denker seines Kalibers verhältnismäßig rationelle Inhaltsangabe des Buches zu machen, ohne genötigt zu sein, die Marxschen Entwicklungen erst, wie es jetzt für unumgänglich erklärt wird, ins Dühringsche zu übersetzen. Wenn er schon damals den Schnitzer beging, die Marxsche Dialektik mit der Hegelschen zu identifizieren, so hatte er doch nicht ganz die Fähigkeit verloren, zwischen der Methode und den durch sie erlangten Resultaten zu unterscheiden, und zu begreifen, daß man die letztern nicht im besondern widerlegt, wenn man die erstere im allgemeinen herunterreißt.

Die überraschendste Mitteilung des Herrn Dühring ist jedenfalls die, daß für den Marxschen Standpunkt »schließlich alles Eins ist«, daß für Marx also auch z.B. Kapitalisten und Lohnarbeiter, feudale, kapitalistische und sozialistische Produktionsweise, »alles Eins ist«, ja am Ende wohl gar auch Marx und Herr Dühring »alles Eins«. um die Möglichkeit solcher simplen Narrheit zu erklären, bleibt nur die Annahme, daß das bloße Wort Dialektik Herrn Dühring in einen Zustand von Unzurechnungsfähigkeit versetzt, in dem ihm, einer gewissen Miß- und Mischvorstellung zufolge, schließlich »alles Eins« ist, was er sagt und tut.

Wir haben hier eine Probe von dem, was Herr Dühring

»meine Geschichtszeichnung großen Stils« nennt, oder auch »das summarische Verfahren, welches mit der Gattung und dem Typus abrechnet, und sich gar nicht dazu herbeiläßt, das, was ein Hume den Gelehrtenpöbel nannte, in mikrologischen Einzelnheiten mit einer Bloßstellung zu beehren, dieses Verfahren im höhern und edlern Stile ist allein mit den Interessen der vollen Wahrheit und mit den Pflichten gegen das zunftfreie Publikum verträglich«.

Die Geschichtszeichnung großen Stils und das summarische Abrechnen mit der Gattung und dem Typus ist in der Tat sehr bequem für Herrn Dühring, indem er dabei alle bestimmten Tatsachen als mikrologisch vernachlässigen, gleich Null setzen kann, und statt zu beweisen, nur allgemeine Redensarten machen, zu behaupten und einfach zu verdonnern hat. Dabei |116| hat sie noch den Vorteil, daß sie dem Gegner keine tatsächlichen Anhaltspunkte darbietet, daß ihm also fast keine andre Möglichkeit der Antwort bleibt, als ebenfalls im großen Stil und summarisch darauflos zu behaupten, sich in allgemeinen Redensarten zu ergehn, und den Herrn Dühring schließlich wieder zu verdonnern, kurz, wie man sagt, Retourkutsche zu spielen, was nicht nach jedermanns Geschmack ist. Wir müssen es daher Herrn Dühring Dank wissen, daß er den höhern und edlern Stil ausnahmsweise verläßt, um uns wenigstens zwei Beispiele von der verwerflichen Marxschen Logoslehre zu geben.

»Wie komisch nimmt sich nicht z.B. die Berufung auf die Hegelsche konfuse Nebelvorstellung aus, daß die Quantität in die Qualität umschlage, und daß daher ein Vorschuß, wenn er eine gewisse Grenze erreiche, bloß durch diese quantitative Steigerung zu Kapital werde.«

Das nimmt sich allerdings in dieser von Herrn Dühring »gesäuberten« Darstellung kurios genug aus. Sehn wir also zu, wie es sich im Original, bei Marx, ausnimmt. Auf Seite 313 (2. Auflage des »Kapital«) zieht Marx aus der vorhergegangnen Untersuchung über konstantes und variables Kapital und Mehrwert den Schluß, daß »nicht jede beliebige Geld- oder Wertsumme in Kapital verwandelbar, zu dieser Verwandlung vielmehr ein bestimmtes Minimum von Geld oder Tauschwert in der Hand des einzelnen Geld- oder Warenbesitzers vorausgesetzt ist |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 326|. Er nimmt nun als Beispiel an, daß in irgendeinem Arbeitszweige der Arbeiter täglich acht Stunden für sich selbst, d.h. zur Erzeugung des Werts seines Arbeitslohns, und die folgenden vier Stunden für den Kapitalisten, zur Erzeugung von, zunächst in dessen Tasche fließendem, Mehrwert arbeite. Dann muß jemand schon über eine Wertsumme verfügen, die ihm erlaubt, zwei Arbeiter mit Rohstoff, Arbeitsmitteln und Arbeitslohn auszustatten, um an Mehrwert täglich soviel einzustecken, daß er davon so gut leben kann, wie einer seiner Arbeiter. Und da die kapitalistische Produktion nicht den bloßen Lebensunterhalt, sondern die Vermehrung des Reichtums zum Zweck hat, so wäre unser Mann mit seinen beiden Arbeitern immer noch kein Kapitalist. Damit er nun doppelt so gut lebe wie ein gewöhnlicher Arbeiter und die Hälfte des produzierten Mehrwerts in Kapital zurückverwandle, müßte er acht Arbeiter beschäftigen können, also schon das Vierfache der oben angenommnen Wertsumme besitzen. Und erst nach diesem, und inmitten noch weiterer Ausführungen zur Beleuchtung und Begründung der Tatsache, daß nicht jede beliebige kleine Wertsumme hinreicht, um sich in Kapital zu ver- |117| wandeln, sondern daß dafür jede Entwicklungsperiode und jeder Industriezweig ihre bestimmten Minimalgrenzen haben, bemerkt Marx: »Hier, wie in der Naturwissenschaft, bewährt sich die Richtigkeit des von Hegel in seiner 'Logik' entdeckten Gesetzes, daß bloß quantitative Veränderungen auf einem gewissen Punkt in qualitative Unterschiede umschlagen.« |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 327|

Und nun bewundre man den höhern und edlern Stil, kraft dessen Herr Dühring Marx das Gegenteil von dem unterschiebt, was er in Wirklichkeit gesagt hat. Marx sagt: Die Tatsache, daß eine Wertsumme erst dann in Kapital sich verwandeln kann, sobald sie eine je nach Umständen verschiedne, in jedem einzelnen Fall aber bestimmte Minimalgröße erreicht hat - diese Tatsache ist ein Beweis für die Richtigkeit des Hegelschen Gesetzes. Herr Dühring läßt ihn sagen: Weil nach dem Hegelschen Gesetz Quantität in Qualität umschlägt, »daher« wird »ein Vorschuß, wenn er eine bestimmte Grenze erreicht ... zu Kapital«. Also das grade Gegenteil.

Die Sitte, in den »Interessen der vollen Wahrheit« und den »Pflichten gegen das zunftfreie Publikum« falsch zu zitieren, haben wir schon in Herrn Dührings Verhandlung in Sachen Darwins kennengelernt. Sie erweist sich mehr und mehr als innere Notwendigkeit der Wirklichkeitsphilosophie, und ist allerdings ein sehr »summarisches Verfahren«. Davon gar nicht zu sprechen, daß Herr Dühring Marx des fernern unterschiebt, er spreche von jedem beliebigen »Vorschuß«, während es sich hier nur um den einen Vorschuß handelt, der in Rohstoffen, Arbeitsmitteln und Arbeitslohn gemacht wird; und daß Herr Dühring es damit fertigbringt, Marx reinen Unsinn sagen zu lassen. Und dann hat er die Stirn, den von ihm selbst verfertigten Unsinn komisch zu finden. Wie er sich einen Phantasie-Darwin zurechtmachte, um an ihm seine Kraft zu erproben, so hier einen Phantasie-Marx. »Geschichtszeichnung großen Stils« in der Tat!

Wir haben schon oben gesehn |Siehe S. 42|, bei der Weltschematik, daß mit dieser Hegelschen Knotenlinie von Maßverhältnissen, wo an gewissen Punkten quantitativer Veränderung plötzlich ein qualitativer Umschwung eintritt, Herrn Dühring das kleine Malheur passiert war, sie in einer schwachen Stunde selbst anerkannt und angewandt zu haben. Wir gaben dort eins der bekanntesten Beispiele - das der Veränderung der Aggregatzustände des Wassers, das unter Normalluftdruck bei 0° C aus dem flüssigen in den festen, und bei 100° C aus dem flüssigen in den luftförmigen Zustand übergeht, wo also an diesen beiden Wendepunkten die bloße quantitative Ver- |118| änderung der Temperatur einen qualitativ veränderten Zustand des Wassers herbeiführt.

Wir hätten aus der Natur wie aus der Menschengesellschaft noch Hunderte solcher Tatsachen zum Beweis dieses Gesetzes anführen können. So z.B. handelt in Marx' »Kapital« der ganze vierte Abschnitt: Produktion des relativen Mehrwerts, auf dem Gebiet der Kooperation, Teilung der Arbeit und Manufaktur, Maschinerie und großen Industrie, von zahllosen Fällen, wo quantitative Veränderung die Qualität und ebenso qualitative Veränderung die Quantität der Dinge ändert, um die es sich handelt, wo also, um den Herrn Dühring so verhaßten Ausdruck zu gebrauchen, Quantität in Qualität umschlägt und umgekehrt. So z.B. die Tatsache, daß die Kooperation Vieler, die Verschmelzung vieler Kräfte in eine Gesamtkraft, um mit Marx zu reden, eine »neue Kraftpotenz« erzeugt, die wesentlich verschieden ist von der Summe ihrer Einzelkräfte |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 345|.

Zum Überfluß hatte Marx noch an der von Herrn Dühring, im Interesse der vollen Wahrheit, in ihr Gegenteil verkehrten Stelle die Anmerkung gemacht: »Die in der modernen Chemie angewandte, von Laurent und Gerhardt zuerst wissenschaftlich entwickelte Molekulartheorie beruht auf keinem andern Gesetz.« |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 327, Note, | Aber was ging das Herrn Dühring an? Wußte er doch:

»Die eminent modernen Bildungselemente der naturwissenschaftlichen Denkweise fehlen grade da, wo, wie bei Herrn Marx und seinem Rivalen Lassalle, die Halbwissenschaften und ein wenig Philosophasterei das dürftige Rüstzeug zur gelehrten Aufstutzung ausmachten« -

während bei Herrn Dühring »die Hauptfeststellungen des exakten Wissens in Mechanik, Physik und Chemie« usw. zugrunde liegen - wie, das haben wir gesehn. Damit aber auch dritte Leute in den Stand gesetzt werden, zu entscheiden, wollen wir das in der Marxschen Note angeführte Exempel etwas näher betrachten.

Es handelt sich hier nämlich um die homologen Reihen von Kohlenstoffverbindungen, deren man schon sehr viele kennt und deren jede ihre eigne algebraische Zusammensetzungsformel hat. Wenn wir z.B., wie in der Chemie geschieht, ein Atom Kohlenstoff durch C, ein Atom Wasserstoff durch H, ein Atom Sauerstoff durch O, die Zahl der in jeder Verbindung enthaltnen Kohlenstoffatome durch n ausdrücken, so können wir die Molekularformeln für einige dieser Reihen also darstellen:

 

 

|119| CnH2n+2 - Reihe der normalen Paraffine
CnH2n+2O

- Reihe der primären Alkohole

CnH2nO2 - Reihe der einbasischen fetten Säuren.

 

Nehmen wir als Beispiel die letzte dieser Reihen, und setzen wir nacheinander n = 1, n = 2, n = 3 usw., so erhalten wir folgende Resultate (mit Auslassung der Isomeren):

 

 

CH2O2

- Ameisensäure

- Siedepunkt

100°

Schmelzpunkt

C2H4O2

- Essigsäure

"

118°

"

17°

C3H6O2

- Propionsäure

"

140°

"

-

C4H8O2

- Buttersäure

"

162°

"

-

C5H10O2

- Valeriansäure

"

175°

"

-

 

und so weiter bis C20H60O2, Melissinsäure, die erst bei 80° schmilzt, und die gar keinen Siedepunkt hat, weil sie sich überhaupt nicht ohne Zersetzung verflüchtigt.

Hier sehn wir also eine ganze Reihe von qualitativ verschiednen Körpern, gebildet durch einfachen quantitativen Zusatz der Elemente, und zwar immer in demselben Verhältnis. Am reinsten tritt dies da hervor, wo alle Elemente der Verbindung in gleichem Verhältnis ihre Quantität ändern, so bei den normalen Paraffinen CnH2n+2; das unterste ist das Methan, CH4 ein Gas; das höchste bekannte, das Hekdekan, C16H34, ein fester, farblose Kristalle bildender Körper, der bei 21° schmilzt und erst bei 278° siedet. In beiden Reihen kommt jedes neue Glied durch den Hinzutritt von CH2, von einem Atom Kohlenstoff und zwei Atomen Wasserstoff zur Molekularformel des vorigen Gliedes zustande, und diese quantitative Veränderung der Molekularformel bringt jedesmal einen qualitativ verschiednen Körper hervor.

Jene Reihen sind aber nur ein besonders handgreifliches Beispiel; fast überall in der Chemie, schon bei den verschiednen Oxyden des Stickstoffs, in den verschiednen Sauerstoffsäuren des Phosphors oder Schwefels kann man sehn, wie »Quantität in Qualität umschlägt« und diese angebliche Hegelsche konfuse Nebelvorstellung in den Dingen und Vorgängen sozusagen leibhaft anzutreffen ist, wobei indes niemand konfus und benebelt bleibt außer Herrn Dühring. Und wenn Marx der erste ist, der hierauf aufmerksam machte, und wenn Herr Dühring diesen Hinweis liest, ohne ihn auch nur zu verstehn (denn sonst hätte er diesen unerhörten Frevel gewiß nicht so hingehn lassen), so reicht dies hin, um auch ohne Rückblick auf die ruhmvolle Dühringsche Naturphilosophie klarzustellen, wem »die eminent modernen Bildungselemente der naturwissenschaftlichen Denkweise« |120| fehlen, Marx oder Herrn Dühring, und wem die Bekanntschaft mit den »Hauptfeststellungen ... der Chemie«.

Zum Schluß wollen wir noch einen Zeugen für das Umschlagen von Quantität in Qualität anrufen, nämlich Napoleon. Dieser beschreibt das Gefecht der schlechtreitenden, aber disziplinierten französischen Kavallerie mit den Mameluken, der für das Einzelgefecht unbedingt besten, aber undisziplinierten Reiterei ihrer Zeit, wie folgt:

»Zwei Mameluken waren drei Franzosen unbedingt überlegen; 100 Mameluken standen 100 Franzosen gleich; 300 Franzosen waren 300 Mameluken gewöhnlich überlegen, 1.000 Franzosen warfen jedesmal 1.500 Mameluken.«

Grade wie bei Marx eine bestimmte, wenn auch veränderliche. Minimalgröße der Tauschwertsumme nötig war, um ihren Übergang in Kapital zu ermöglichen, gradeso ist bei Napoleon eine bestimmte Minimalgröße der Reiterabteilung nötig, um der in der geschlossenen Ordnung und planmäßigen Verwendbarkeit liegenden Kraft der Disziplin zu erlauben, sichtbar zu werden und sich zu steigern bis zur Überlegenheit selbst über größere Massen besser berittner, gewandter reitender und fechtender, und mindestens ebenso tapfrer irregulärer Kavallerie. Aber was beweist das gegen Herrn Dühring? Ist Napoleon nicht elendiglich im Kampf mit Europa erlegen? Hat er nicht Niederlage auf Niederlage erlitten? Und weshalb? Einzig infolge seiner Einführung der konfusen Hegelschen Nebelvorstellung in die Taktik der Kavallerie!

 

XIII.

Dialektik.

Negation der Negation

»Diese historische Skizze« (der Genesis der sogenannten ursprünglichen Kapitalakkumulation in England) »ist noch das verhältnismäßig beste in dem Marxschen Buch und würde noch besser sein, wenn sie sich außer auf der gelehrten nicht auch noch auf der dialektischen Krücke fortgeholfen hätte. Die Hegelsche Negation der Negation muß hier nämlich in Ermanglung besserer und klarerer Mittel den Hebammendienst leisten, durch welchen die Zukunft aus dem Schoß der Vergangenheit entbunden wird. Die Aufhebung des individuellen Eigentums, die sich in der angedeuteten Weise seit dem 16. Jahrhundert vollzogen hat, ist die erste Verneinung. Ihr wird eine zweite folgen, die sich als Verneinung der Verneinung und mithin als Wiederherstellung des 'individuellen Eigentums', aber in einer höhern, auf Gemeinbesitz des Bodens und der Arbeitsmittel gegründeten Form charakterisiert. Wenn dieses neue 'individuelle Eigentum' bei Herrn Marx auch zugleich 'gesellschaftliches Eigentum' genannt worden ist, so zeigt sich ja hierin die Hegelsche höhere Einheit, in welcher der Widerspruch aufgehoben, nämlich der Wortspielerei gemäß sowohl überwunden als aufbewahrt sein |121| soll ... Die Enteignung der Enteigner ist hiernach das gleichsam automatische Ergebnis der geschichtlichen Wirklichkeit in ihren materiell äußerlichen Verhältnissen ... Auf den Kredit Hegelscher Flausen, wie die Negation der Negation eine ist, möchte sich schwerlich ein besonnener Mann von der Notwendigkeit der Boden- und Kapitalkommunität überzeugen lassen ... Die nebelhafte Zwittergestalt der Marxschen Vorstellungen wird übrigens den nicht befremden, der da weiß, was mit der Hegel-Dialektik als wissenschaftlicher Grundlage gereimt werden kann oder vielmehr an Ungereimtheiten herauskommen muß. Für den Nichtkenner dieser Künste ist ausdrücklich zu bemerken, daß die erste Negation bei Hegel der Katechismusbegriff des Sündenfalls, und die zweite derjenige einer zur Erlösung hinführenden höheren Einheit ist. Auf diese Analogieschnurre hin, die dem Gebiet der Religion entlehnt ist, möchte nun wohl die Logik der Tatsachen nicht zu gründen sein ... Herr Marx bleibt getrost in der Nebelwelt seines zugleich individuellen und gesellschaftlichen Eigentums und überläßt es seinen Adepten, sich das tiefsinnige dialektische Rätsel selber zu lösen.«

Soweit Herr Dühring.

Also Marx kann die Notwendigkeit der sozialen Revolution, der Herstellung einer auf Gemeineigentum der Erde und der durch Arbeit erzeugten Produktionsmittel nicht anders beweisen als dadurch, daß er sich auf die Hegelsche Negation der Negation beruft; und indem er seine sozialistische Theorie auf diese der Religion entlehnte Analogieschnurre gründet, kommt er zu dem Resultat, daß in der künftigen Gesellschaft ein zugleich individuelles und gesellschaftliches Eigentum als Hegelsche höhere Einheit des aufgehobnen Widerspruchs herrschen wird.

Lassen wir zunächst die Negation der Negation auf sich beruhn, und besehn wir uns das »zugleich individuelle und gesellschaftliche Eigentum«. dies wird von Herrn Dühring als eine »Nebelwelt« bezeichnet, und er hat darin merkwürdigerweise wirklich recht. Es ist aber leider nicht Marx, der sich in dieser Nebelwelt befindet, sondern wiederum Herr Dühring selbst. Wie er nämlich schon oben vermittelst seiner Gewandtheit in der Hegelschen Methode des »Delirierens« ohne Mühe feststellen konnte, was die noch unvollendeten Bände des »Kapital« enthalten müssen, so kann er auch hier ohne große Mühe Marx nach Hegel berichtigen, indem er ihm die höhere Einheit eines Eigentums unterschiebt, von der Marx kein Wort gesagt hat.

Bei Marx heißt es: »Es ist Negation der Negation. Diese stellt das individuelle Eigentum wieder her, aber auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Ära, der Kooperation freier Arbeiter und ihrem Gemeineigentum an der Erde und den durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmitteln. Die Verwandlung des auf eigner Arbeit beruhenden, zersplitterten Privateigentums der Individuen in kapitalistisches ist natürlich |122| ein Prozeß, ungleich mehr langwierig, hart und schwierig als die Verwandlung des faktisch bereits auf gesellschaftlichem Produktionsbetrieb beruhenden kapitalistischen Privateigentums in gesellschaftliches Eigentum.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 791| Das ist alles. Der durch die Enteignung der Enteigner hergestellte Zustand wird also bezeichnet als die Wiederherstellung des individuellen Eigentums aber auf Grundlage des gesellschaftlichen Eigentums an der Erde und den durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmitteln. Für jeden, der Deutsch versteht, heißt dies, daß das gesellschaftliche Eigentum sich auf die Erde und die andern Produktionsmittel erstreckt und das individuelle Eigentum auf die Produkte, also auf die Verbrauchsgegenstände. Und damit die Sache auch für Kinder von sechs Jahren faßlich werde, unterstellt Marx auf Seite 56 einen »Verein freier Menschen, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben«, also einen sozialistisch organisierten Verein, und sagt: »Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Er bleibt gesellschaftlich. Aber ein andrer Teil wird als Lebensmittel von den Vereinsmitgliedern verzehrt. Er muß daher unter sie verteilt werden.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 92/93| Und das ist doch wohl klar genug, selbst für den verhegelten Kopf des Herrn Dühring.

Das zugleich individuelle und gesellschaftliche Eigentum, diese konfuse Zwittergestalt, diese bei der Hegel-Dialektik herauskommen müssende Ungereimtheit, diese Nebelwelt, dies tiefsinnige dialektische Rätsel, das Marx seinen Adepten zu lösen überläßt - es ist abermals eine freie Schöpfung und Imagination des Herrn Dühring. Marx, als angeblicher Hegelianer ist verpflichtet, als Resultat der Negation der Negation eine richtige höhere Einheit zu liefern, und da er dies nicht nach dem Geschmack des Herrn Dühring tut, so muß dieser wiederum in höhern und edlern Stil verfallen, und Marx im Interesse der vollen Wahrheit Dinge unterschieben, die Herrn Dührings eigenstes Fabrikat sind. Ein Mann, der so total unfähig ist, auch nur ausnahmsweise richtig zu zitieren, mag wohl in sittliche Entrüstung geraten gegenüber der »Chinesengelehrsamkeit« andrer Leute, die ausnahmslos richtig zitieren, aber eben dadurch »den Mangel einer Einsicht in das Ideenganze der jedesmal angeführten Schriftsteller schlecht verdecken«. Herr Dühring hat recht. Es lebe die Geschichtszeichnung großen Stils!

Bisher sind wir von der Voraussetzung ausgegangen, Herrn Dührings hartnäckiges Falschzitieren sei wenigstens in gutem Glauben geschehn und |123| beruhe entweder auf einer ihm eignen totalen Unfähigkeit des Verständnisses, oder aber auf einer, der Geschichtszeichnung großen Stils eigentümlichen und sonst wohl als liederlich bezeichneten Gewohnheit, aus dem Gedächtnis anzuführen. Es scheint aber, daß wir hier an dem Punkt angekommen sind, wo auch bei Herrn Dühring die Quantität in die Qualität umschlägt. Denn wenn wir erwägen, daß erstens die Stelle bei Marx an sich vollkommen klar und zudem noch durch eine andre platterdings kein Mißverständnis zulassende Stelle desselben Buchs ergänzt wird; daß zweitens weder in der oben angerührten Kritik des »Kapital« in den »Ergänzungsblättern«, noch auch in derjenigen in der ersten Auflage der »Kritischen Geschichte« Herr Dühring dies Ungeheuer von »zugleich individuellem und gesellschaftlichem Eigentum« entdeckt hatte, sondern erst in der zweiten Auflage, also bei dritter Lesung; daß in dieser sozialistisch umgearbeiteten, zweiten Auflage Herr Dühring es nötig hatte, Marx über die zukünftige Organisation der Gesellschaft möglichst großen Blödsinn sagen zu lassen, um dagegen - wie er auch tut - »die Wirtschaftskommune, die ich in meinem 'Cursus' ökonomisch und juristisch skizziert habe«, um so triumphierender vorführen zu können - wenn wir das alles erwägen, so wird uns der Schluß aufgedrängt, daß Herr Dühring uns hier fast zur Annahme zwingt, er habe hier den Marxschen Gedanken mit Vorbedacht »wohltätig erweitert« - wohltätig für Herrn Dühring.

Welche Rolle spielt nun bei Marx die Negation der Negation? Auf Seite 791 u.ff. stellt er die Schlußergebnisse der auf den vorhergehenden fünfzig Seiten durchgeführten ökonomischen und geschichtlichen Untersuchung über die sogenannte ursprüngliche Akkumulation des Kapitals zusammen. Vor der kapitalistischen Ära fand, wenigstens in England, Kleinbetrieb statt, auf Grundlage des Privateigentums des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln. Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation des Kapitals bestand hier in der Expropriation dieser unmittelbaren Produzenten, d.h. in der Auflösung des auf eigner Arbeit beruhenden Privateigentums. Dies wurde möglich, weil der obige Kleinbetrieb nur verträglich ist mit engen, naturwüchsigen Schranken der Produktion und der Gesellschaft und auf einem gewissen Höhegrad daher die materiellen Mittel seiner eignen Vernichtung zur Welt bringt. Diese Vernichtung, die Verwandlung der individuellen und zersplitterten Produktionsmittel in gesellschaftlich konzentrierte, bildet die Vorgeschichte des Kapitals. Sobald die Arbeiter in Proletarier, ihre Arbeitsbedingungen in Kapital verwandelt sind, sobald die kapitalistische Produktionsweise auf eignen Füßen steht, gewinnt die weitere Vergesellschaftung der Arbeit und weitere Verwandlung der Erde und |124| andern Produktionsmittel, daher die weitere Expropriation der Privateigentümer, eine neue Form. »Was jetzt zu expropriieren, ist nicht länger der selbstwirtschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitierende Kapitalist. Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Konzentration der Kapitale. Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Konzentration oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technologische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßig gemeinsame Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, und die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als gemeinsame Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit. Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtung, der Degradation, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapital |in der 2. Auflage des »Kapital« (1872): Kapitalmonopol| wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Konzentration der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 790/791|

Und nun frage ich den Leser: Wo sind die dialektisch-krausen Verschlingungen und Vorstellungsarabesken, wo die Misch- und Mißvorstellung, derzufolge schließlich alles eins ist, wo die dialektischen Wunder für die Gläubigen, wo der dialektische Geheimniskram und die Verschlingungen nach Maßgabe der Hegelschen Logoslehre, ohne die Marx, nach Herrn Dühring, seine Entwicklung nicht zustande bringen kann? Marx weist einfach historisch nach und faßt hier kurz zusammen, daß grade, wie einst der Kleinbetrieb durch seine eigne Entwicklung die Bedingungen seiner Vernichtung, d.h. der Enteignung der kleinen Eigentümer, mit Notwendigkeit erzeugte, so jetzt die kapitalistische Produktionsweise ebenfalls die materiellen Bedingungen selbst erzeugt hat, an denen sie zugrunde gehn muß. Der Prozeß ist ein geschichtlicher, und wenn er zugleich ein dialektischer ist, so ist das nicht die Schuld von Marx, so fatal es Herrn Dühring sein mag.

|125| Erst jetzt, nachdem Marx mit seinem historisch-ökonomischen Beweis fertig ist, fährt er fort: »Die kapitalistische Produktions- und Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigne Arbeit gegründeten Privateigentums. Die Negation der kapitalistischen Produktion wird durch sie selbst, mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses, produziert. Es ist Negation der Negation« usw. (wie vorher zitiert) |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 791|.

Indem Marx also den Vorgang als Negation der Negation bezeichnet, denkt er nicht daran, ihn dadurch beweisen zu wollen als einen geschichtlich notwendigen. Im Gegenteil: Nachdem er geschichtlich bewiesen hat, daß der Vorgang in der Tat teils sich ereignet hat, teils noch sich ereignen muß, bezeichnet er ihn zudem als einen Vorgang, der sich nach einem bestimmten dialektischen Gesetz vollzieht. Das ist alles. Es ist also wieder eine reine Unterschiebung des Herrn Dühring, wenn er behauptet, die Negation der Negation müsse hier die Hebammendienste leisten, durch welche die Zukunft aus dem Schoß der Vergangenheit entbunden wird, oder daß Marx verlange, man solle auf den Kredit der Negation der Negation hin sich von der Notwendigkeit der Boden- und Kapitalkommunität (welche selbst ein Dühringscher leibhafter Widerspruch ist) überzeugen lassen.

Es ist schon ein totaler Mangel an Einsicht in die Natur der Dialektik, wenn Herr Dühring sie für ein Instrument des bloßen Beweisens hält, wie man etwa die formelle Logik oder die elementare Mathematik beschränkterweise so auffassen kann. Selbst die formelle Logik ist vor allem Methode zur Auffindung neuer Resultate, zum Fortschreiten vom Bekannten zum Unbekannten, und dasselbe, nur in weit eminenterem Sinne, ist die Dialektik, die zudem, weil sie den engen Horizont der formellen Logik durchbricht, den Keim einer umfassenderen Weltanschauung enthält. In der Mathematik liegt dasselbe Verhältnis vor. Die elementare Mathematik, die Mathematik der konstanten Größen bewegt sich innerhalb der Schranken der formellen Logik, wenigstens im ganzen und großen; die Mathematik der variablen Größen, deren bedeutendsten Teil die Infinitesimalrechnung bildet, ist wesentlich nichts andres als die Anwendung der Dialektik auf mathematische Verhältnisse. Das bloßem Beweisen tritt hier entschieden in den Hintergrund gegenüber der mannigfachen Anwendung der Methode auf neue Untersuchungsgebiete. Aber fast alle Beweise der höhern Mathematik, von den ersten der Differentialrechnung an, sind vom Standpunkt der |126| Elementarmathematik aus, streng genommen, falsch. Dies kann nicht anders sein, wenn man, wie hier geschieht, die auf dialektischem Gebiet gewonnenen Resultate vermittelst der formellen Logik beweisen will. Für einen krassen Metaphysiker, wie Herr Dühring, vermittelst der bloßen Dialektik etwas beweisen zu wollen, wäre dieselbe verlorne Mühe, die Leibniz und seine Schüler hatten, den damaligen Mathematikern die Sätze der Infinitesimalrechnung zu beweisen. Das Differential verursachte ihnen dieselben Krämpfe wie dem Herrn Dühring die Negation der Negation, in der es übrigens, wie wir sehn werden, auch eine Rolle spielt. Die Herren gaben zuletzt, soweit sie inzwischen nicht starben, knurrend nach, nicht weil sie überzeugt waren, sondern weil es immer richtig herauskam. Herr Dühring ist, wie er selbst sagt, erst in den Vierzigen, und wenn er das hohe Alter erreicht, das wir ihm wünschen, so kann er auch noch dasselbe erleben.

Aber was ist denn diese schreckliche Negation der Negation, die Herrn Dühring das Leben so sauer macht, die bei ihm dieselbe Rolle des unverzeihlichen Verbrechens spielt, wie im Christentum die Sünde wider den heiligen Geist? - Eine sehr einfache, überall und täglich sich vollziehende Prozedur, die jedes Kind verstehn kann, sobald man den Geheimniskram abstreift, unter dem die alte idealistische Philosophie sie verhüllte, und unter dem sie ferner zu verhüllen das Interesse hülfloser Metaphysiker vom Schlage des Herrn Dühring ist. Nehmen wir ein Gerstenkorn. Billionen solcher Gerstenkörner werden vermahlen, verkocht und verbraut, und dann verzehrt. Aber findet solch ein Gerstenkorn die für es normalen Bedingungen vor, fällt es auf günstigen Boden, so geht unter dem Einfluß der Wärme und der Feuchtigkeit eine eigne Veränderung mit ihm vor, es keimt; das Korn vergeht als solches, wird negiert, an seine Stelle tritt die aus ihm entstandne Pflanze, die Negation des Korns. Aber was ist der normale Lebenslauf dieser Pflanze? Sie wächst, blüht, wird befruchtet und produziert schließlich wieder Gerstenkörner, und sobald diese gereift, stirbt der Halm ab, wird seinerseits negiert. Als Resultat dieser Negation der Negation haben wir wieder das anfängliche Gerstenkorn, aber nicht einfach, sondern in zehn-, zwanzig-, dreißigfacher Anzahl. Getreidearten verändern sich äußerst langsam, und so bleibt sich die Gerste von heute ziemlich gleich mit der von vor hundert Jahren. Nehmen wir aber eine bildsame Zierpflanze, z.B. eine Dahlia oder Orchidee; behandeln wir den Samen und die aus ihm entstehende Pflanze nach der Kunst des Gärtners, so erhalten wir als Ergebnis dieser Negation der Negation nicht nur mehr Samen, sondern auch qualitativ verbesserten Samen, der schönere Blumen erzeugt, und jede |127| Wiederholung dieses Prozesses, jede neue Negation der Negation steigert diese Vervollkommnung. - Ähnlich wie beim Gerstenkorn vollzieht sich dieser Prozeß bei den meisten Insekten, z.B. Schmetterlingen. Sie entstehn aus dem Ei durch Negation des Ei's, machen ihre Verwandlungen durch bis zur Geschlechtsreife, begatten sich und werden wieder negiert, indem sie sterben, sobald der Gattungsprozeß vollendet und das Weibchen seine zahlreichen Eier gelegt hat. Daß bei andern Pflanzen und Tieren der Vorgang nicht in dieser Einfachheit sich erledigt, daß sie nicht nur einmal, sondern mehrmal Samen, Eier oder Junge produzieren, ehe sie absterben, geht uns hier noch nichts an; wir haben hier nur nachzuweisen, daß die Negation der Negation in den beiden Reichen der organischen Welt wirklich vorkommt. Ferner ist die ganze Geologie eine Reihe von negierten Negationen, eine Reihe von aufeinanderfolgenden Zertrümmerungen alter und Ablagerungen neuer Gesteinsformationen. Zuerst wird die ursprüngliche, aus der Abkühlung der flüssigen Masse entstandne Erdkruste durch ozeanische, meteorologische und atmosphärisch-chemische Einwirkung zerkleinert und diese zerkleinerten Massen auf dem Meeresboden geschichtet. Lokale Hebungen des Meeresbodens über den Meeresspiegel setzen Teile dieser ersten Schichtung von neuem den Einwirkungen des Regens, der wechselnden Warme der Jahreszeiten, des Sauerstoffs und der Kohlensäure der Atmosphäre aus; denselben Einwirkungen unterliegen die aus dem Erdinnern hervor- und die Schichten durchbrechenden geschmolzenen und nachher abgekühlten Steinmassen. Millionen von Jahrhunderten hindurch werden so immer neue Schichten gebildet, immer wieder größtenteils zerstört und immer wieder als Bildungsstoff für neue Schichten verwendet. Aber das Ergebnis ist ein sehr positives: die Herstellung eines aus den verschiedensten chemischen Elementen gemischten Bodens in einem Zustand mechanischer Zerkleinerung, der die massenhafteste und verschiedenartigste Vegetation zuläßt.

Ebenso in der Mathematik. Nehmen wir eine beliebige algebraische Größe, also a. Negieren wir sie, so haben wir -a (minus a). Negieren wir diese Negation, indem wir -a mit -a multiplizieren, so haben wir +a2, d.h. die ursprüngliche positive Große, aber auf einer höhern Stufe, nämlich auf der zweiten Potenz. Auch hier macht es nichts aus, daß wir dasselbe a2 dadurch erlangen können, daß wir das positive a mit sich selbst multiplizieren und dadurch auch a2 erhalten. Denn die negierte Negation sitzt so fest in dem a2, daß es unter allen Umständen zwei Quadratwurzeln hat, nämlich a und -a. Und diese Unmöglichkeit, die negierte Negation, die im Quadrat enthaltne negative Wurzel loszuwerden, bekommt eine sehr |128| handgreifliche Bedeutung schon bei den quadratischen Gleichungen. - Noch schlagender tritt die Negation der Negation hervor bei der höhern Analyse, bei jenen »Summationen unbeschränkt kleiner Größen«, die Herr Dühring selbst für die höchsten Operationen der Mathematik erklärt und die man in gewöhnlicher Sprache Differential- und Integralrechnung nennt. Wie vollziehn sich diese Rechnungsarten? Ich habe z.B. in einer bestimmten Aufgabe zwei veränderliche Größen x und y, von denen sich die eine nicht verändern kann, ohne daß die andre sich in einem durch die Sachlage bestimmten Verhältnis mitverändert. Ich differenziere x und y, d.h. ich nehme x und y so unendlich klein an, daß sie gegen jede noch so kleine wirkliche Größe verschwinden, daß von x und y nichts bleibt als ihr gegenseitiges Verhältnis, aber ohne alle sozusagen materielle Grundlage, ein quantitatives Verhältnis ohne alle Quantität. dx/dy, das Verhältnis der beiden Differentiale von x und y ist also = 0/0, aber 0/0 gesetzt als der Ausdruck von x/y. Daß dies Verhältnis zwischen zwei verschwundnen Größen, der fixierte Moment ihres Verschwindens, ein Widerspruch ist, erwähne ich nur nebenbei; es kann uns aber ebensowenig stören, wie es die Mathematik überhaupt seit fast zweihundert Jahren gestört hat. Was anders also habe ich getan, als daß ich x und y negiert habe, aber negiert nicht so, daß ich mich nicht mehr um sie kümmere, wie die Metaphysik negiert, sondern in der der Sachlage entsprechenden Weise? Statt x und y habe ich also ihre Negation, dx und dy in den mir vorliegenden Formeln oder Gleichungen. Ich rechne nun mit diesen Formeln weiter, behandle dx und dy als wirkliche, wenn auch gewissen Ausnahmsgesetzen unterworfne Größen, und an einem gewissen Punkt - negiere ich die Negation, d.h. ich integriere die Differentialformel, bekomme statt dx und dy wieder die wirklichen Größen x und y und bin dann nicht etwa wieder so weit wie am Anfang, sondern ich habe damit die Aufgabe gelöst, an der die gewöhnliche Geometrie und Algebra sich vielleicht umsonst die Zähne ausgebissen hätten.

Nicht anders in der Geschichte. Alle Kulturvölker fangen an mit dem Gemeineigentum am Boden. Bei allen Völkern, die über eine gewisse ursprüngliche Stufe hinausgehn, wird dies Gemeineigentum im Lauf der Entwicklung des Ackerbaus eine Fessel für die Produktion. Es wird aufgehoben, negiert, nach kürzern oder längern Zwischenstufen in Privateigentum verwandelt. Aber auf höherer, durch das Privateigentum am Boden selbst herbeigeführter Entwicklungsstufe des Ackerbaus wird umgekehrt das Privateigentum eine Fessel für die Produktion - wie dies heute |129| der Fall ist sowohl mit dem kleinen wie mit dem großen Grundbesitz. Die Forderung, es ebenfalls zu negieren, es wieder in Gemeingut zu verwandeln, tritt mit Notwendigkeit hervor. Aber diese Forderung bedeutet nicht die Wiederherstellung des altursprünglichen Gemeineigentums, sondern die Herstellung einer weit höhern, entwickeltern Form von Gemeinbesitz, die, weit entfernt der Produktion eine Schranke zu werden, sie vielmehr erst entfesseln und ihr die volle Ausnutzung der modernen chemischen Entdeckungen und mechanischen Erfindungen gestatten wird.

Oder aber: Die antike Philosophie war ursprünglicher, naturwüchsiger Materialismus. Als solcher war sie unfähig, mit dem Verhältnis des Denkens zur Materie ins reine zu kommen. Die Notwendigkeit aber, hierüber klarzuwerden, führte zur Lehre von einer vom Körper trennbaren Seele, dann zu der Behauptung der Unsterblichkeit dieser Seele, endlich zum Monotheismus. Der alte Materialismus wurde also negiert durch den Idealismus. Aber in der weitern Entwicklung der Philosophie wurde auch der Idealismus unhaltbar und negiert durch den modernen Materialismus. Dieser, die Negation der Negation, ist nicht die bloße Wiedereinsetzung des alten, sondern fügt zu den bleibenden Grundlagen desselben noch den ganzen Gedankeninhalt einer zweitausendjährigen Entwicklung der Philosophie und Naturwissenschaft, sowie dieser zweitausendjährigen Geschichte selbst. Es ist überhaupt keine Philosophie mehr, sondern eine einfache Weltanschauung, die sich nicht in einer aparten Wissenschaftswissenschaft, sondern in den wirklichen Wissenschaften zu bewähren und zu betätigen hat. Die Philosophie ist hier also »aufgehoben«, das heißt »sowohl überwunden als aufbewahrt«; überwunden, ihrer Form, aufbewahrt, ihrem wirklichen Inhalt nach. Wo Herr Dühring nur »Wortspielerei« sieht, findet sich also, bei genauerem Zusehn, ein wirklicher Inhalt.

Endlich: Sogar die Rousseausche Gleichheitslehre, von der die Dühringsche nur ein matter, verfälschter Abklatsch ist, kommt nicht zustande, ohne daß die Hegelsche Negation der Negation - und noch dazu fast zwanzig Jahre vor Hegels Geburt - Hebammendienste leisten muß. Und weit entfernt, sich dessen zu schämen, trägt sie in ihrer ersten Darstellung den Stempel ihrer dialektischen Abstammung fast prunkend zur Schau. Im Zustand der Natur und der Wildheit waren die Menschen gleich; und da Rousseau schon die Sprache als eine Fälschung des Naturzustandes ansieht, so hat er vollkommen recht, die Gleichheit der Tiere Einer Art, soweit diese reicht, auch auf diese, neuerdings von Haeckel als Alali, Sprachlose, hypothetisch klassifizierten Tiermenschen anzuwenden. Aber diese gleichen Tiermenschen hatten vor den übrigen Tieren eine Eigenschaft voraus: die |130| Perfektibilität, die Fähigkeit, sich weiter zu entwickeln; und diese wurde die Ursache der Ungleichheit. Rousseau sieht also in der Entstehung der Ungleichheit einen Fortschritt. Aber dieser Fortschritt war antagonistisch, er war zugleich ein Rückschritt.

»Alle weitern Fortschritte« (über den Urzustand hinaus) »waren ebensoviel Schritte scheinbar zur Vervollkommnung des Einzelmenschen, in der Tat aber zum Verfall der Gattung ... Die Metallbearbeitung und der Ackerbau waren die beiden Künste, deren Erfindung diese große Revolution hervorrief« (die Umwandlung des Urwaldes in kultiviertes Land, aber auch die Einführung des Elends und der Knechtschaft vermittelst des Eigentums). »Für den Dichter haben Gold und Silber, für den Philosophen haben Eisen und Korn die Menschen zivilisiert und das Menschengeschlecht ruiniert.« |Alle Hervorhebungen von Engels|

Jeder neue Fortschritt der Zivilisation ist zugleich ein neuer Fortschritt der Ungleichheit. Alle Einrichtungen, die sich die mit der Zivilisation entstandne Gesellschaft gibt, schlagen in das Gegenteil ihres ursprünglichen Zwecks um.

»Es ist unbestreitbar und Grundgesetz des ganzen Staatsrechts, daß die Völker sich Fürsten gegeben haben, um ihre Freiheit zu schützen, nicht aber sie zu vernichten.«

Und dennoch werden diese Fürsten mit Notwendigkeit die Unterdrücker der Völker und steigern diese Unterdrückung bis auf den Punkt, wo die Ungleichheit, auf die äußerste Spitze getrieben, wieder in ihr Gegenteil umschlägt, Ursache der Gleichheit wird: vor dem Despoten sind alle gleich, nämlich gleich Null.

»Hier ist der äußerste Grad der Ungleichheit, der Endpunkt, der den Kreis schließt und den Punkt berührt, von dem wir ausgegangen sind: hier werden alle Privatleute gleich, weil sie eben nichts sind, und die Untertanen kein andres Gesetz mehr haben als den Willen des Herrn.« Aber der Despot ist nur Herr, solange er die Gewalt hat, und deswegen kann er, sobald man »ihn vertreibt, sich nicht gegen die Gewalt beklagen ... Die Gewalt erhielt ihn, die Gewalt wirft ihn um, alles geht seinen richtigen naturgemäßen Gang.« |Alle Hervorhebungen von Engels|

Und so schlägt die Ungleichheit wieder um in Gleichheit, aber nicht in die alte naturwüchsige Gleichheit der sprachlosen Urmenschen, sondern in die höhere des Gesellschaftsvertrags. Die Unterdrücker werden unterdrückt. Es ist Negation der Negation.

Wir haben hier also schon bei Rousseau nicht nur einen Gedankengang, der dem in Marx' »Kapital« verfolgten auf ein Haar gleicht, sondern auch |131| im einzelnen eine ganze Reihe derselben dialektischen Wendungen, deren Marx sich bedient: Prozesse, die ihrer Natur nach antagonistisch sind, einen Widerspruch in sich enthalten, Umschlagen eines Extrems in sein Gegenteil, endlich als Kern des Ganzen die Negation der Negation. Wenn Rousseau also 1754 den Hegel-Jargon noch nicht sprechen konnte, so ist er doch, 16 Jahre vor Hegels Geburt, tief von der Hegel-Seuche, Widerspruchsdialektik, Logoslehre, Theologik usw. angefressen. Und wenn Herr Dühring in seiner Verseichtigung der Rousseauschen Gleichheitstheorie mit seinen siegreichen zwei Männern operiert, so ist er auch schon auf der schiefen Ebene, auf der er rettungslos der Negation der Negation in die Arme rutscht. Der Zustand, in dem die Gleichheit der beiden Männer floriert, und der auch wohl als ein Idealzustand dargestellt wird, ist auf Seite 271 der »Philosophie« als »Urzustand« bezeichnet. Dieser Urzustand wird aber nach Seite 279 notwendigerweise durch das »Raubsystem« aufgehoben - erste Negation. Aber wir sind jetzt, dank der Wirklichkeitsphilosophie, dahin gekommen, daß wir das Raubsystem abschaffen und an seiner Stelle die von Herrn Dühring erfundne, auf Gleichheit beruhende Wirtschaftskommune einführen - Negation der Negation, Gleichheit auf höherer Stufe. Ergötzliches, den Gesichtskreis wohltätig erweiterndes Schauspiel, wie Herr Dühring das Kapitalverbrechen der Negation der Negation Allerhöchstselbst begeht!

Was ist also die Negation der Negation? Ein äußerst allgemeines und eben deswegen äußerst weitwirkendes und wichtiges Entwicklungsgesetz der Natur, der Geschichte und des Denkens; ein Gesetz, das, wie wir gesehn, in der Tier- und Pflanzenwelt, in der Geologie, in der Mathematik, m der Geschichte, in der Philosophie zur Geltung kommt und dem selbst Herr Dühring trotz allen Sperrens und Zerrens, ohne es zu wissen, in seiner Weise nachkommen muß. Es versteht sich von selbst, daß ich über den besondern Entwicklungsprozeß, den z.B. das Gerstenkorn von der Keimung bis zum Absterben der fruchttragenden Pflanze durchmacht, gar nichts sage, wenn ich sage, es ist Negation der Negation. Denn da die Integralrechnung ebenfalls Negation der Negation ist, würde ich mit der entgegengesetzten Behauptung nur den Unsinn behaupten, der Lebensprozeß eines Gerstenhalms sei Integralrechnung oder meinetwegen auch Sozialismus. Das ist es aber, was die Metaphysiker der Dialektik fortwährend in die Schuhe schieben. Wenn ich von all diesen Prozessen sage, sie sind Negation der Negation, so fasse ich sie allesamt unter dies eine Bewegungsgesetz zusammen, und lasse ebendeswegen die Besonderheiten jedes einzelnen Spezialprozesses unbeachtet. Die Dialektik ist aber weiter nichts als die |132| Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens.

Nun kann man aber einwenden: Die hier vollzogne Negation ist gar keine richtige Negation: ich negiere ein Gerstenkorn auch, wenn ich's vermahle, ein Insekt, wenn ich's zertrete, die positive Größe a, wenn ich sie ausstreiche usw. Oder ich negiere den Satz: die Rose ist eine Rose, wenn ich sage: die Rose ist keine Rose; und was kommt dabei heraus, wenn ich diese Negation wieder negiere und sage: die Rose ist aber doch eine Rose? - Diese Einwendungen sind in der Tat die Hauptargumente der Metaphysiker gegen die Dialektik und ganz dieser Borniertheit des Denkens würdig. Negieren in der Dialektik heißt nicht einfach nein sagen, oder ein Ding für nicht bestehend erklären, oder es in beliebiger Weise zerstören. Schon Spinoza sagt: Omnis determinatio est negatio, jede Begrenzung oder Bestimmung ist zugleich eine Negation. Und ferner ist die Art der Negation hier bestimmt erstens durch die allgemeine und zweitens die besondre Natur des Prozesses. Ich soll nicht nur negieren, sondern auch die Negation wieder aufheben. Ich muß also die erste Negation so einrichten, daß die zweite möglich bleibt oder wird. Wie? Je nach der besondern Natur jedes einzelnen Falls. Vermahle ich ein Gerstenkorn, zertrete ich ein Insekt, so habe ich zwar den ersten Akt vollzogen, aber den zweiten unmöglich gemacht. Jede Art von Dingen hat also ihre eigentümliche Art, so negiert zu werden, daß eine Entwicklung dabei herauskommt, und ebenso jede Art von Vorstellungen und Begriffen. In der Infinitesimalrechnung wird anders negiert als in der Herstellung positiver Potenzen aus negativen Wurzeln. Das will gelernt sein, wie alles andre. Mit der bloßen Kenntnis, daß Gerstenhalm und Infinitesimalrechnung unter die Negation der Negation fallen, kann ich weder erfolgreich Gerste bauen, noch differenzieren und integrieren, ebensowenig wie ich mit den bloßen Gesetzen der Tonbestimmung durch die Dimensionen der Saiten ohne weiteres Violine spielen kann. - Es ist aber klar, daß bei einer Negationsnegierung, die in der kindischen Beschäftigung besteht, a abwechselnd zu setzen und wieder auszustreichen, oder von einer Rose abwechselnd zu behaupten, sie sei eine Rose und sie sei keine Rose, nichts herauskommt als die Albernheit dessen, der solche langweilige Prozeduren vornimmt. Und doch möchten die Metaphysiker uns weismachen, wenn wir einmal die Negation der Negation vollziehn wollten, dann sei das die richtige Art.

Es ist also wiederum niemand anders als Herr Dühring, der uns mystifiziert, wenn er behauptet, die Negation der Negation sei eine von Hegel erfundne, dem Gebiet der Religion entlehnte, auf die Geschichte vom |133| Sündenfall und der Erlösung gebaute Analogieschnurre. Die Menschen haben dialektisch gedacht, lange ehe sie wußten, was Dialektik war, ebenso wie sie schon Prosa sprachen, lange bevor der Ausdruck Prosa bestand. Das Gesetz der Negation der Negation, das sich in der Natur und Geschichte, und bis es einmal erkannt ist, auch in unsern Köpfen unbewußt vollzieht, ist von Hegel nur zuerst scharf formuliert worden. Und wenn Herr Dühring die Sache im stillen selbst betreiben will und nur den Namen nicht vertragen kann, so möge er einen bessern Namen finden. Will er aber die Sache aus dem Denken vertreiben, so vertreibe er sie gütigst zuerst aus der Natur und der Geschichte, und erfinde eine Mathematik, worin -a × -a nicht +a2 ist und worin das Differenzieren und Integrieren bei Strafe verboten ist.

 

XIV. Schluß

Wir sind zu Ende mit der Philosophie; was sonst noch von Zukunftsphantasien im »Cursus« vorhanden, wird uns gelegentlich der Dühringschen Umwälzung des Sozialismus beschäftigen. Was hat uns Herr Dühring versprochen? Alles. Und was hat er gehalten? Gar nichts. »Die Elemente einer wirklichen und demgemäß auf die Wirklichkeit der Natur und des Lebens gerichteten Philosophie«, die »strengwissenschaftliche Weltanschauung«, die »systemschaffenden Gedanken«, und alle die andern, in hochtönenden Redewendungen von Herrn Dühring ausposaunten Leistungen des Herrn Dühring erwiesen sich, wo immer wir sie anfaßten, als reiner Schwindel. Die Weltschematik, die »ohne der Tiefe des Gedankens etwas zu vergeben, die Grundgestalten des Seins sicher festgestellt hat«, stellte sich heraus als ein unendlich verseichtigter Abklatsch der Hegelschen Logik und teilt mit ihr den Aberglauben, daß diese »Grundgestalten« oder logischen Kategorien irgendwo ein geheimnisvolles Dasein führen vor und außer der Welt, auf die sie »anzuwenden« sind. Die Naturphilosophie bot uns eine Kosmogonie, deren Ausgangspunkt ein »sich selbst gleicher Zustand der Materie« ist, ein Zustand, vorstellbar nur vermittelst der rettungslosesten Verwirrung über den Zusammenhang von Materie und Bewegung, und vorstellbar außerdem nur unter Annahme eines außerweltlichen persönlichen Gottes, der allein diesem Zustand zur Bewegung verhelfen kann. Bei Behandlung der organischen Natur mußte die Wirklichkeitsphilosophie, nachdem sie Darwins Kampf ums Dasein und Naturzüchtung als »ein Stück gegen die Humanität gerichtete Brutalität« verworfen, sie beide durch die Hintertür wieder zulassen als in der Natur wirksame Faktoren, wenn |134| auch zweiter Ordnung. Sie fand zudem Gelegenheit, auf dem Gebiet der Biologie eine Unwissenheit zu dokumentieren, wie man sie, seit den populärwissenschaftlichen Vorträgen nicht mehr zu entgehn ist, selbst bei Töchtern gebildeter Stände mit der Laterne suchen müßte. Auf dem Gebiet der Moral und des Rechts war sie mit der Verflachung Rousseaus nicht glücklicher als vorher mit der Verseichtigung Hegels und bewies auch in Beziehung auf Rechtswissenschaft, trotz aller Versicherung des Gegenteils, eine Unkenntnis, wie sie selbst bei den allergewöhnlichsten, altpreußischen Juristen nur selten anzutreffen sein dürfte. Die Philosophie, »die keinen bloß scheinbaren Horizont gelten läßt«, begnügt sich juristisch mit einem wirklichen Horizont, der sich deckt mit dem Geltungsbereich des preußischen Landrechts. Auf die »Erden und Himmel der äußern und innern Natur«, die diese Philosophie in ihrer mächtig umwälzenden Bewegung vor uns aufzurollen versprach, warten wir noch immer, nicht weniger auf die »endgültigen Wahrheiten letzter Instanz« und auf »das absolut Fundamentale«. Der Philosoph, dessen Denkweise jede Anwandlung zu einer »subjektivistisch-beschränkten Weltvorstellung ausschließt«, erweist sich nicht nur als subjektivistisch beschränkt durch seine wie nachgewiesen äußerst mangelhaften Kenntnisse, durch seine borniert metaphysische Denkweise und seine fratzenhafte Selbstüberhebung, sondern sogar durch kindische persönliche Schrullen. Er kann die Wirklichkeitsphilosophie nicht fertigbringen, ohne seinen Widerwillen gegen Tabak, Katzen und Juden als allgemeingültiges Gesetz der ganzen übrigen Menschheit, die Juden eingeschlossen, aufzudrängen. Sein »wirklich kritischer Standpunkt« gegenüber andern Leuten besteht dann, ihnen beharrlich Dinge unterzuschieben, die sie nie gesagt, und die Herrn Dührings eigenstes Fabrikat sind. Seine breiten Bettelsuppen über Spießbürgerthemata, wie der Wert des Lebens und die beste Art des Lebensgenusses, sind von einer Phllisterhaftigkeit, die seinen Zorn gegen Goethes Faust erklärlich macht. Es war allerdings unverzeihlich von Goethe, den unmoralischen Faust zum Helden zu machen und nicht den ernsten Wirklichkeitsphilosophen Wagner. - Kurz, die Wirklichkeitsphilosophie, alles in allem genommen, erweist sich, mit Hegel zu reden, als »der seichteste Abkläricht des deutschen Aufkläricht«, ein Abkläricht, dessen Dünnheit und durchsichtige Gemeinplätzlichkeit verdickt und getrübt wird nur durch die eingerührten orakelhaften Redebrocken. Und wenn wir mit dem Buch zu Ende sind, so sind wir genauso gescheit wie vorher und zu dem Geständnis gezwungen, daß die »neue Denkweise«, die »von Grund aus eigentümlichen Ergebnisse und Anschauungen« und die »systemschaffenden Gedanken« uns zwar verschiednen neuen Unsinn |135| vorgeführt haben, aber auch nicht eine Zeile, aus der wir hätten etwas lernen können. Und dieser Mensch, der seine Künste und seine Waren unter Pauken- und Trompetenschall anpreist trotz dem ordinärsten Marktschreier, und hinter dessen großen Worten nichts, aber auch rein gar nichts ist - dieser Mensch unterfängt sich, Leute wie Fichte, Schelling und Hegel, deren kleinster noch ein Riese ist ihm gegenüber, als Scharlatans zu bezeichnen. Scharlatan in der Tat - aber wer?

 


 

Fußnoten von Friedrich Engels

 

(1)

Seit ich obiges niederschrieb, scheint es sich bereits bestätigt zu haben. Nach den neuesten, von Mendelejew und Boguski mit genaueren Apparaten angestellten Untersuchungen zeigten alle echten Gase ein veränderliches Verhältnis zwischen Druck und Volumen; der Ausdehnungskoeffizient war bei Wasserstoff bei allen bisher angewandten Druckstärken positiv (das Volumen nahm langsamer ab, als der Druck zunahm); bei der atmosphärischen Luft und den andern untersuchten Gasen fand sich für jedes ein Nullpunkt des Drucks, so daß bei geringerem Druck jener Koeffizient positiv, bei größerem negativ war. Das bisher noch immer praktisch brauchbare Boylesche Gesetz wird also einer Ergänzung durch eine ganze Reihe von Spezialgesetzen bedürfen. (Wir wissen jetzt - 1885 - auch, daß es überhaupt keine »echten« Gase gibt. Sie sind alle auf den tropfbar-flüssigen Zustand reduziert worden.)

 

(2)

Diese Ableitung der modernen Gleichheitsvorstellungen aus den ökonomischen Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft ist zuerst dargelegt von Marx im »Kapital«.

 

 

 

 

 

Zweiter Abschnitt.

Politische Ökonomie

 

 

I.

Gegenstand und Methode

|136| Die politische Ökonomie, im weitesten Sinne, ist die Wissenschaft von den Gesetzen, welche die Produktion und den Austausch des materiellen Lebensunterhalts in der menschlichen Gesellschaft beherrschen. Produktion und Austausch sind zwei verschiedne Funktionen. Produktion kann stattfinden ohne Austausch, Austausch - eben weil von vornherein nur Austausch von Produkten - nicht ohne Produktion. Jede dieser beiden gesellschaftlichen Funktionen steht unter dem Einfluß von großenteils besondern äußern Einwirkungen und hat daher auch großenteils ihre eignen, besondern Gesetze. Aber andrerseits bedingen sie einander in jedem Moment und wirken in solchem Maß aufeinander ein, daß man sie als die Abszisse und die Ordinate der ökonomischen Kurve bezeichnen könnte.

Die Bedingungen, unter denen die Menschen produzieren und austauschen, wechseln von Land zu Land, und in jedem Lande wieder von Generation zu Generation. Die politische Ökonomie kann also nicht dieselbe sein für alle Länder und für alle geschichtlichen Epochen. Vom Bogen und Pfeil, vom Steinmesser und nur ausnahmsweise vorkommenden Tauschverkehr des Wilden, bis zur tausendpferdigen Dampfmaschine, zum mechanischen Webstuhl, den Eisenbahnen und der Bank von England ist ein ungeheurer Abstand. Die Feuerländer bringen es nicht zur Massenproduktion und zum Welthandel, ebensowenig wie zur Wechselreiterei oder einem Börsenkrach. Wer die politische Ökonomie Feuerlands unter dieselben Gesetze bringen wollte mit der des heutigen Englands, würde damit augenscheinlich nichts zutage fördern als den allerbanalsten Gemeinplatz. Die politische Ökonomie ist somit wesentlich eine historische Wissenschaft. Sie behandelt einen geschichtlichen, das heißt einen stets wechselnden Stoff; sie untersucht zunächst die besondern Gesetze jeder einzelnen |137| Entwicklungsstufe der Produktion und des Austausches und wird erst am Schluß dieser Untersuchung die wenigen, für Produktion und Austausch überhaupt geltenden, ganz allgemeinen Gesetze aufstellen können. Wobei es sich jedoch von selbst versteht, daß die für bestimmte Produktionsweisen und Austauschformen gültigen Gesetze auch Gültigkeit haben für alle Geschichtsperioden, denen jene Produktionsweisen und Austauschformen gemeinsam sind. So z.B. tritt mit der Einführung des Metallgeldes eine Reihe von Gesetzen in Wirksamkeit, die für alle Länder- und Geschichtsabschnitte gültig bleibt, in denen Metallgeld den Austausch vermittelt.

Mit der Art und Weise der Produktion und des Austausches einer bestimmten geschichtlichen Gesellschaft und mit den geschichtlichen Vorbedingungen dieser Gesellschaft ist auch gleichzeitig gegeben die Art und Weise der Verteilung der Produkte. In der Stamm- oder Dorfgemeinde mit gemeinsamem Grundeigentum, mit der, oder mit deren sehr erkennbaren Überresten alle Kulturvölker in die Geschichte eintreten, versteht sich eine ziemlich gleichmäßige Verteilung der Produkte ganz von selbst; wo größere Ungleichheit der Verteilung unter den Mitgliedern eintritt, da ist sie auch schon ein Anzeichen der beginnenden Auflösung der Gemeinde. - Der große wie der kleine Ackerbau lassen je nach den geschichtlichen Vorbedingungen, aus denen sie sich entwickelt haben, sehr verschiedne Verteilungsformen zu. Aber es liegt auf der Hand, daß der große stets eine ganz andre Verteilung bedingt als der kleine; daß der große einen Klassengegensatz - Sklavenhalter und Sklaven, Grundherren und Fronbauern, Kapitalisten und Lohnarbeiter - voraussetzt oder erzeugt, während beim kleinen ein Klassenunterschied der bei der Ackerbauproduktion tätigen Individuen keineswegs bedingt ist und im Gegenteil durch sein bloßes Dasein den beginnenden Verfall der Parzellenwirtschaft anzeigt. - Die Einführung und Verbreitung des Metallgeldes in einem Lande, wo bisher ausschließlich oder vorwiegend Naturalwirtschaft galt, ist stets mit einer langsamern oder schnellern Umwälzung der bisherigen Verteilung verbunden, und zwar so, daß die Ungleichheit der Verteilung unter den einzelnen, also der Gegensatz von reich und arm, mehr und mehr gesteigert wird. - Der lokale, zünftige Handwerksbetrieb des Mittelalters machte große Kapitalisten und lebenslängliche Lohnarbeiter ebenso unmöglich, wie die moderne große Industrie, die heutige Kreditausbildung und die der Entwicklung beider entsprechende Austauschform, die freie Konkurrenz, sie mit Notwendigkeit erzeugen.

Mit den Unterschieden in der Verteilung aber treten die Klassenunterschiede auf. Die Gesellschaft teilt sich in bevorzugte und benachteiligte, aus- |138| beutende und ausgebeutete, herrschende und beherrschte Klassen, und der Staat, zu dem sich die naturwüchsigen Gruppen gleichstämmiger Gemeinden zunächst nur behufs der Wahrnehmung gemeinsamer Interessen (Berieselung im Orient z.B.) und wegen des Schutzes nach außen fortentwickelt hatten, erhält von nun an ebensosehr den Zweck, die Lebens- und Herrschaftsbedingungen der herrschenden gegen die beherrschte Klasse mit Gewalt aufrechtzuerhalten.

Die Verteilung ist indes nicht ein bloßes passives Erzeugnis der Produktion und des Austausches; sie wirkt ebensosehr zurück auf beide. Jede neue Produktionsweise oder Austauschform wird im Anfang gehemmt nicht nur durch die alten Formen und die ihnen entsprechenden politischen Einrichtungen, sondern auch durch die alte Verteilungsweise. Sie muß sich die ihr entsprechende Verteilung erst in langem Kampf erringen. Aber je beweglicher, je mehr der Ausbildung und Entwicklung fähig eine gegebne Produktions- und Austauschweise ist, desto rascher erreicht auch die Verteilung eine Stufe, in der sie ihrer Mutter über den Kopf wächst, in der sie mit der bisherigen Art der Produktion und des Austausches in Widerstreit gerät. Die alten naturwüchsigen Gemeinwesen, von denen schon die Rede war, können Jahrtausende bestehn, wie bei Indern und Slawen noch heute, ehe der Verkehr mit der Außenwelt in ihrem Innern die Vermögensunterschiede erzeugt, infolge deren ihre Auflösung eintritt. Die moderne kapitalistische Produktion dagegen, die kaum dreihundert Jahre alt und erst seit Einführung der großen Industrie, also seit hundert Jahren, herrschend geworden ist, hat in dieser kurzen Zeit Gegensätze der Verteilung fertiggebracht - Konzentration der Kapitalien in wenigen Händen einerseits, Konzentration der besitzlosen Massen in den großen Städten andrerseits -, an denen sie notwendig zugrunde geht.

Der Zusammenhang der jedesmaligen Verteilung mit den jedesmaligen materiellen Existenzbedingungen einer Gesellschaft liegt sosehr in der Natur der Sache, daß er sich im Volksinstinkt regelmäßig widerspiegelt. Solange eine Produktionsweise sich im aufsteigenden Ast ihrer Entwicklung befindet, solange jubeln ihr sogar diejenigen entgegen, die bei der ihr entsprechenden Verteilungsweise den kürzern ziehn. So die englischen Arbeiter beim Aufkommen der großen Industrie. Selbst solange diese Produktionsweise die gesellschaftlich-normale bleibt, herrscht im ganzen Zufriedenheit mit der Verteilung, und erhebt sich Einspruch - dann aus dem Schoß der herrschenden Klasse selbst (Saint-Simon, Fourier, Owen) und findet bei der ausgebeuteten Masse erst recht keinen Anklang. Erst wenn die fragliche Produktionsweise ein gut Stück ihres absteigenden Asts hinter sich, wenn |139| sie sich halb überlebt hat, wenn die Bedingungen ihres Daseins großenteils verschwunden sind und ihr Nachfolger bereits an die Tür klopft - erst dann erscheint die immer ungleicher werdende Verteilung als ungerecht, erst dann wird von den überlebten Tatsachen an die sogenannte ewige Gerechtigkeit appelliert. Dieser Appell an die Moral und das Recht hilft uns wissenschaftlich keinen Fingerbreit weiter; die ökonomische Wissenschaft kann in der sittlichen Entrüstung, und wäre sie noch so gerechtfertigt, keinen Beweisgrund sehn, sondern nur ein Symptom. Ihre Aufgabe ist vielmehr, die neu hervortretenden gesellschaftlichen Mißstände als notwendige Folgen der bestehenden Produktionsweise, aber auch gleichzeitig als Anzeichen ihrer hereinbrechenden Auflösung nachzuweisen, und innerhalb der sich auflösenden ökonomischen Bewegungsform die Elemente der zukünftigen, jene Mißstände beseitigenden, neuen Organisation der Produktion und des Austausches aufzudecken. Der Zorn, der den Poeten macht, ist bei der Schilderung dieser Mißstände ganz am Platz, oder auch beim Angriff gegen die, diese Mißstände leugnenden oder beschönigenden Harmoniker im Dienst der herrschenden Klasse; wie wenig er aber für den jedesmaligen Fall beweist, geht schon daraus hervor, daß man in jeder Epoche der ganzen bisherigen Geschichte Stoff genug für ihn findet.

Die politische Ökonomie als die Wissenschaft von den Bedingungen und Formen, unter denen die verschiednen menschlichen Gesellschaften produziert und ausgetauscht und unter denen sich demgemäß jedesmal die Produkte verteilt haben - die politische Ökonomie in dieser Ausdehnung soll jedoch erst geschaffen werden. Was wir von ökonomischer Wissenschaft bis jetzt besitzen, beschränkt sich fast ausschließlich auf die Genesis und Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise: es beginnt mit der Kritik der Reste der feudalen Produktions- und Austauschformen, weist die Notwendigkeit ihrer Ersetzung durch kapitalistische Formen nach, entwickelt dann die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer entsprechenden Austauschformen nach der positiven Seite hin, d.h. nach der Seite, wonach sie die allgemeinen Gesellschaftszwecke fördern, und schließt ab mit der sozialistischen Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, d.h. mit der Darstellung ihrer Gesetze nach der negativen Seite hin, mit dem Nachweis, daß diese Produktionsweise durch ihre eigne Entwicklung dem Punkt zutreibt, wo sie sich selbst unmöglich macht. Diese Kritik weist nach, daß die kapitalistischen Produktions- und Austauschformen mehr und mehr eine unerträgliche Fessel werden für die Produktion selbst; daß der durch jene Formen mit Notwendigkeit bedingte Verteilungsmodus eine Klassenlage von täglich sich steigernder Unerträglichkeit erzeugt hat, |140| den sich täglich verschärfenden Gegensatz von immer wenigern, aber immer reicheren Kapitalisten und von immer zahlreicheren und im ganzen und großen immer schlechter gestellten besitzlosen Lohnarbeitern; und endlich, daß die innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise erzeugten, massenhaften Produktivkräfte, die von jener nicht mehr zu bändigen sind, nur der Besitzergreifung harren durch eine zum planmäßigen Zusammenwirken organisierte Gesellschaft, um allen Gesellschaftsgliedern die Mittel zur Existenz und zu freier Entwicklung ihrer Fähigkeiten zu sichern, und zwar in stets wachsendem Maß.

Um diese Kritik der bürgerlichen Ökonomie vollständig durchzuführen, genügte nicht die Bekanntschaft mit der kapitalistischen Form der Produktion, des Austausches und der Verteilung. Die ihr vorhergegangnen oder die noch neben ihr, in weniger entwickelten Ländern bestehenden Formen mußten ebenfalls, wenigstens in den Hauptzügen, untersucht und zur Vergleichung gezogen werden. Eine solche Untersuchung und Vergleichung ist bis jetzt im ganzen und großen nur von Marx angestellt worden, und seinen Forschungen verdanken wir daher auch fast ausschließlich das, was über die vorbürgerliche theoretische Ökonomie bisher festgestellt ist.

Obwohl gegen Ende des 17. Jahrhunderts in genialen Köpfen entstanden, ist die politische Ökonomie im engern Sinn, in ihrer positiven Formulierung durch die Physiokraten und Adam Smith, doch wesentlich ein Kind des 18. Jahrhunderts und reiht sich den Errungenschaften der gleichzeitigen großen französischen Aufklärer an mit allen Vorzügen und Mängeln jener Zeit. Was wir von den Aufklärern gesagt |Siehe S. 16/17|, gilt auch von den damaligen Ökonomen. Die neue Wissenschaft war ihnen nicht der Ausdruck der Verhältnisse und Bedürfnisse ihrer Epoche, sondern der Ausdruck der ewigen Vernunft; die von ihr entdeckten Gesetze der Produktion und des Austausches waren nicht Gesetze einer geschichtlich bestimmten Form jener Tätigkeiten, sondern ewige Naturgesetze; man leitete sie ab aus der Natur des Menschen. Aber dieser Mensch, bei Lichte besehn, war der damalige, im Übergang zum Bourgeois begriffne Mittelbürger, und seine Natur bestand darin, unter den damaligen, geschichtlich bestimmten Verhältnissen zu fabrizieren und Handel zu treiben.

Nachdem wir unsern »kritischen Grundleger« Herrn Dühring und seine Methode aus der Philosophie hinlänglich kennengelernt haben, werden wir auch ohne Schwierigkeit vorhersagen können, wie er die politische Ökonomie auffassen wird. In der Philosophie war da, wo er nicht einfach faselte |141| (wie in der Naturphilosophie), seine Anschauungsweise eine Verzerrung derjenigen des 18. Jahrhunderts. Es handelte sich nicht um geschichtliche Entwicklungsgesetze, sondern um Naturgesetze, ewige Wahrheiten. Gesellschaftliche Verhältnisse wie Moral und Recht wurden nicht nach den jedesmaligen geschichtlich vorliegenden Bedingungen, sondern durch die famosen beiden Männer entschieden, von denen der eine entweder den andern unterdrückt, oder auch nicht, welches letztere bisher leider nie vorkam. Wir werden uns also kaum täuschen, wenn wir den Schluß ziehn, daß Herr Dühring die Ökonomie ebenfalls auf endgültige Wahrheiten letzter Instanz, ewige Naturgesetze, tautologische Axiome von ödester Inhaltlosigkeit zurückführen, daneben aber den ganzen positiven Inhalt der Ökonomie, soweit dieser ihm bekannt, durchs Hinterpförtchen wieder hereinschmuggeln; und daß er die Verteilung, als ein gesellschaftliches Ereignis, nicht aus Produktion und Austausch entwickeln, sondern seinen ruhmvollen beiden Männern zur endgültigen Erledigung überweisen wird. Und da uns dies alles bereits altbekannte Kunstgriffe sind, so können wir uns hier um so kürzer fassen.

In der Tat erklärt uns Herr Dühring bereits auf S. 2, daß

seine Ökonomie Bezug nimmt auf das in seiner »Philosophie« »Festgestellte« und sich »in einigen wesentlichen Punkten an übergeordnete und in einem höhern Untersuchungsgebiet bereits ausgemachte Wahrheiten anlehnt«.

Überall dieselbe Zudringlichkeit der Selbstanpreisung. Überall der Triumph des Herrn Dühring über das von Herrn Dühring Festgestellte und Ausgemachte. Ausgemacht in der Tat, das haben wir des breiteren gesehn - aber wie man ein schwalchendes Licht ausmacht.

Gleich darauf haben wir

»die allgemeinsten Naturgesetze aller Wirtschaft« -

also hatten wir richtig geraten.

Aber diese Naturgesetze lassen nur dann ein richtiges Verständnis der abgelebten Geschichte zu, wenn man sie »in derjenigen nähern Bestimmung untersucht, die ihre Ergebnisse durch die politische Unterwerfungs- und Gruppierungsformen erfahren haben. Einrichtungen wie die Sklaverei und die Lohnhörigkeit, zu denen sich als Zwillingsgeburt das Gewalteigentum gesellt, sind als sozialökonomische Verfassungsformen echt politischer Natur zu betrachten und bilden in der bisherigen Welt den Rahmen, innerhalb dessen sich die Wirkungen wirtschaftlicher Naturgesetze allein zeigen konnten.«

Dieser Satz ist die Fanfare, die uns als Wagnersches Leitmotiv den Anmarsch der beiden famosen Männer verkündet. Aber er ist noch mehr, er |142| ist das Grundthema des ganzen Dühringschen Buchs. Beim Recht wußte Herr Dühring uns nichts zu bieten, als eine schlechte Übersetzung der Rousseauschen Gleichheitstheorie ins Sozialistische |siehe S. 89-95|, wie man sie in jedem Pariser Arbeiter-Estaminet seit Jahren weit besser hören kann. Hier gibt er eine nicht bessere, sozialistische Übersetzung der Klagen der Ökonomen über die Verfälschung der ökonomischen ewigen Naturgesetze und ihrer Wirkungen durch die Einmischung des Staats, der Gewalt. Und hiermit steht er verdientermaßen unter den Sozialisten ganz allein. Jeder sozialistische Arbeiter, einerlei, welcher Nationalität, weiß ganz gut, daß die Gewalt die Ausbeutung nur schützt, aber nicht verursacht; daß das Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit der Grund seiner Ausbeutung ist, und daß dieses auf rein ökonomischem und keineswegs auf gewaltsamem Wege entstanden ist.

Des weitern erfahren wir nun, daß man

bei allen ökonomischen Fragen »zwei Hergänge, den der Produktion und den der Verteilung wird unterscheiden können«. Außerdem habe der bekannte oberflächliche J. B. Say noch einen dritten Hergang, den des Verbrauchs, der Konsumtion, hinzugefügt, aber nichts Gescheites darüber zu sagen gewußt, ebensowenig wie seine Nachfolger. Der Austausch oder die Zirkulation aber sei nur eine Unterabteilung der Produktion, zu der alles gehöre, was geschehn muß, damit die Erzeugnisse an den letzten und eigentlichen Konsumenten gelangen.

Wenn Herr Dühring die beiden wesentlich verschiednen, wenn auch sich gegenseitig bedingenden Prozesse der Produktion und der Zirkulation zusammenwirft und ganz ungeniert behauptet, aus der Unterlassung dieser Verwirrung könne nur »Verwirrung entstehn«, so beweist er damit bloß, daß er die kolossale Entwicklung, die gerade die Zirkulation in den letzten fünfzig Jahren durchgemacht hat, nicht kennt oder nicht versteht; wie denn auch sein Buch weiterhin bestätigt. Damit nicht genug. Nachdem er so Produktion und Austausch in eins als Produktion schlechthin zusammenfaßt, stellt er die Verteilung neben die Produktion als einen zweiten, ganz äußerlichen Hergang hin, der mit dem ersten gar nichts zu schaffen hat. Nun haben wir gesehn, daß die Verteilung in ihren entscheidenden Zügen jedesmal das notwendige Ergebnis der Produktions- und Austauschverhältnisse einer bestimmten Gesellschaft, sowie der geschichtlichen Vorbedingungen dieser Gesellschaft ist, und zwar dergestalt, daß, wenn wir diese kennen, wir mit Bestimmtheit auf die in dieser Gesellschaft herrschende Verteilungsweise schließen können. Wir sehn aber ebenfalls, daß Herr Dühring, wenn |143| er den in seiner Moral-, Rechts- und Geschichtsauffassung »festgestellten« Grundsätzen nicht untreu werden will, diese elementare ökonomische Tatsache verleugnen muß und daß er dies namentlich muß, wenn es gilt, seine beiden unentbehrlichen Männer in die Ökonomie hineinzuschmuggeln. Und nachdem die Verteilung glücklich alles Zusammenhangs mit der Produktion und dem Austausch entledigt, kann dies große Ereignis vor sich gehn.

Erinnern wir uns indes zuerst, wie die Sache bei Moral und Recht sich entwickelte. Hier fing Herr Dühring ursprünglich mit nur Einem Mann an; er sagte:

«Ein Mensch, insofern er als einzig, oder, was dasselbe leistet, als außer jedem Zusammenhang mit andern gedacht wird, kann keine Pflichten haben. Für ihn gibt es kein , sondern nur ein Wollen.«

Was aber ist dieser pflichtenlose, als einzig gedachte Mensch anders, als der fatale »Urjude Adam« im Paradiese, wo er ohne Sünde ist, weil er eben keine begehn kann? - Aber auch diesem wirklichkeitsphilosophischen Adam steht ein Sündenfall bevor. Neben diesen Adam tritt plötzlich - zwar keine Eva mit wallendem Lockenhaar, aber doch ein zweiter Adam. Und sofort erhält Adam Pflichten und - bricht sie. Statt seinen Bruder als Gleichberechtigten an seinen Busen zu schließen, unterwirft er ihn seiner Herrschaft, knechtet er ihn - und an den Folgen dieser ersten Sünde, an der Erbsünde der Knechtung, leidet die ganze Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag, weshalb sie auch nach Herrn Dühring keine drei Pfennige wert ist.

Wenn also Herr Dühring, beiläufig gesagt, die »Negation der Negation« hinreichend der Verachtung preiszugeben glaubte, indem er sie als einen Abklatsch der alten Geschichte vom Sündenfall und der Erlösung bezeichnete, was sollen wir dann sagen von seiner neuesten Ausgabe derselben Geschichte? (denn auch der Erlösung werden wir mit der Zeit, um einen Reptilienausdruck zu gebrauchen, »nähertreten«). Jedenfalls doch wohl, daß wir die alte semitische Stammsage vorziehn, bei der es sich dem Männlein und dem Weiblein doch der Mühe verlohnte, aus dem Stand der Unschuld zu treten, und daß Herrn Dühring der Ruhm ohne Konkurrenz verbleiben wird, seinen Sündenfall konstruiert zu haben mit zwei Männern.

Hören wir also nun die Übersetzung des Sündenfalls ins Ökonomische:

»Für den Gedanken der Produktion kann allenfalls die Vorstellung von einem Robinson, welcher mit seinen Kräften der Natur isoliert gegenübersteht und mit niemandem etwas zu teilen hat, ein geeignetes Denkschema abgeben ... Von einer gleichen Zweckmäßigkeit ist für die Veranschaulichung des Wesentlichsten in dem Verteilungs- |144| gedanken das Denkschema von zwei Personen, deren wirtschaftliche Kräfte sich kombinieren und die sich offenbar bezüglich ihrer Anteile gegenseitig in irgendeiner Form auseinandersetzen müssen. Mehr als dieses einfachen Dualismus bedarf es in der Tat nicht, um in aller Strenge einige der wichtigsten Verteilungsbeziehungen darzulegen und deren Gesetze embryonisch in ihrer logischen Notwendigkeit zu studieren ... Das Zusammenwirken auf gleichem Fuß ist hier ebenso denkbar, als die Kombination der Kräfte durch völlige Unterdrückung des einen Teils, der alsdann als Sklave oder bloßes Werkzeug zum wirtschaftlichen Dienst gepreßt und eben auch nur als Werkzeug unterhalten wird ... Zwischen dem Zustande der Gleichheit und dem der Nullität auf der einen und der Omnipotenz und einzig aktiven Beteiligung auf der andern Seite befindet sich eine Reihe von Stufen, für deren Besetzung die Erscheinungen der Weltgeschichte in bunter Mannigfaltigkeit gesorgt haben. Ein universeller Blick für die verschiednen Rechts- und Unrechsinstitutionen der Geschichte ist hier die wesentliche Voraussetzung« ...,

und zum Schluß verwandelt sich die ganze Verteilung in ein

»ökonomisches Verteilungsrecht«.

Jetzt endlich hat Herr Dühring wieder festen Boden unter den Füßen. Arm in Arm mit seinen beiden Männern kann er sein Jahrhundert in die Schranken fordern. Aber hinter diesem Dreigestirn steht noch ein Ungenannter.

»Das Kapital hat die Mehrarbeit nicht erfunden. Überall, wo ein Teil der Gesellschaft das Monopol der Produktionsmittel besitzt, muß der Arbeiter, frei oder unfrei, der zu seiner Selbsterhaltung notwendigen Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel für den Eigner der Produktionsmittel zu produzieren, sei dieser Eigentümer nun atheniensischer Kaloskagathos |Aristokrat|, etruskischer Theokrat, civis romanus« (römischer Bürger), »normannischer Baron, amerikanischer Sklavenhalter, walachischer Bojar, moderner Landlord oder Kapitalist.« (Marx, Kapital, I, zweite Ausgabe, Seite 227. |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 249/250|)

Nachdem Herr Dühring auf diese Weise erfahren, was die, allen bisherigen Produktionsformen - soweit sie sich in Klassengegensätzen bewegen - gemeinsame Grundform der Ausbeutung ist, galt es nur noch, seine beiden Männer darauf anzuwenden, und die wurzelhafte Grundlage der Wirklichkeitsökonomie war fertig. Er zauderte keinen Moment mit der Ausführung dieses »systemschaffenden Gedankens«. Arbeit ohne Gegenleistung, |145| über die zur Selbsterhaltung des Arbeiters nötige Arbeitszeit hinaus, das ist der Punkt. Der Adam, der hier Robinson heißt, läßt also seinen zweiten Adam, den Freitag, drauflos schanzen. Aber warum schanzt Freitag mehr als er für seinen Unterhalt nötig hat? Auch diese Frage findet bei Marx teilweise ihre Beantwortung. Das ist aber für die beiden Männer viel zu weitläufig. Die Sache wird kurzerhand abgemacht: Robinson »unterdrückt« den Freitag, preßt ihn »als Sklave oder Werkzeug zum wirtschaftlichen Dienst« und unterhält ihn »auch nur als Werkzeug«. Mit dieser neuesten »schöpferischen Wendung« schlägt Herr Dühring wie mit Einer Klappe zwei Fliegen. Erstens erspart er sich die Mühe, die verschiednen bisherigen Verteilungsformen, ihre Unterschiede und ihre Ursachen zu erklären: sie taugen einfach allesamt nichts, sie beruhn auf der Unterdrückung, der Gewalt. Darüber werden wir demnächst zu sprechen haben. Und zweitens versetzt er damit die ganze Theorie der Verteilung vom ökonomischen Gebiet auf das der Moral und des Rechts, d.h. vom Gebiet feststehender materieller Tatsachen auf das mehr oder weniger schwankender Meinungen und Gefühle. Er braucht also nicht mehr zu untersuchen oder zu beweisen, sondern nur noch flott drauflos zu deklamieren, und kann die Forderung stellen, die Verteilung der Erzeugnisse der Arbeit solle sich richten, nicht nach ihren wirklichen Ursachen, sondern nach dem, was ihm, Herrn Dühring, sittlich und gerecht erscheint. Was aber Herrn Dühring gerecht erscheint, ist keineswegs unwandelbar, also weit entfernt, eine echte Wahrheit zu sein. Denn diese sind ja, nach Herrn Dühring selbst, »überhaupt nicht wandelbar«. Im Jahr 1868 behauptete Herr Dühring (»Die Schicksale meiner sozialen Denkschrift etc.«),

es liege »in der Tendenz aller höhern Zivilisation, das Eigentum immer schärfer auszuprägen, und hierin, nicht in einer Konfusion der Rechte und Herrschaftssphären, liegt das Wesen und die Zukunft der modernen Entwicklung«.

Und ferner könne er platterdings nicht absehn,

»wie eine Verwandlung der Lohnarbeit in eine andre Art des Erwerbs mit den Gesetzen der menschlichen Natur und der naturnotwendigen Gliederung des gesellschaftlichen Körpers jemals vereinbar werden solle«.

Also 1868: Privateigentum und Lohnarbeit naturnotwendig und daher gerecht; 1876: Beides Ausfluß der Gewalt und des »Raubs«, also ungerecht. Und wir können unmöglich wissen, was einem so gewaltig dahinstürmenden Genius in einigen Jahren möglicherweise als sittlich und gerecht erscheinen dürfte, und tun daher jedenfalls besser, bei unsrer Betrachtung der Verteilung der Reichtümer uns an die wirklichen, objektiven, ökonomi- |146| schen Gesetze zu halten und nicht an die augenblickliche, wandelbare, subjektive Vorstellung des Herrn Dühring von Recht und Unrecht.

Wenn wir für die hereinbrechende Umwälzung der heutigen Verteilungsweise der Arbeitserzeugnisse samt ihren schreienden Gegensätzen von Elend und Üppigkeit, Hungersnot und Schwelgerei, keine bessere Sicherheit hätten als das Bewußtsein, daß diese Verteilungsweise ungerecht ist und daß das Recht doch endlich einmal siegen muß, so wären wir übel dran und könnten lange warten. Die mittelalterlichen Mystiker, die vom nahenden Tausendjährigen Reich träumten, hatten schon das Bewußtsein von der Ungerechtigkeit der Klassengegensätze. An der Schwelle der neuern Geschichte, vor dreihundertfünfzig Jahren, ruft Thomas Münzer es laut in die Welt hinaus. In der englischen, in der französischen bürgerlichen Revolution ertönt derselbe Ruf und - verhallt. Und wenn jetzt derselbe Ruf nach Abschaffung der Klassengegensätze und Klassenunterschiede, der bis 1830 die arbeitenden und leidenden Klassen kalt ließ, wenn er jetzt ein millionenfaches Echo findet, wenn er ein Land nach dem andern ergreift, und zwar in derselben Reihenfolge und mit derselben Intensität, wie sich in den einzelnen Ländern die große Industrie entwickelt, wenn er in einem Menschenalter eine Macht erobert hat, die allen gegen ihn vereinten Mächten trotzen und des Siegs in naher Zukunft gewiß sein kann - woher kommt das? Daher, daß die moderne große Industrie einerseits ein Proletariat, eine Klasse geschaffen hat, die zum erstenmal in der Geschichte die Forderung stellen kann der Abschaffung nicht dieser oder jener besondern Klassenorganisation oder dieses und jenes besondern Klassenvorrechts, sondern der Klassen überhaupt; und die in die Lage versetzt ist, daß sie diese Forderung durchführen muß bei Strafe des Versinkens in chinesisches Kulitum. Und daß dieselbe große Industrie andrerseits in der Bourgeoisie eine Klasse geschaffen hat, die das Monopol aller Produktionswerkzeuge und Lebensmittel besitzt, aber in jeder Schwindelperiode und in jedem drauffolgenden Krach beweist, daß sie unfähig geworden, die ihrer Gewalt entwachsenen Produktivkräfte noch fernerhin zu beherrschen; eine Klasse, unter deren Leitung die Gesellschaft dem Ruin entgegenrennt wie eine Lokomotive, deren eingeklemmte Abzugsklappe der Maschinist zu schwach ist zu öffnen. Mit andern Worten: es kommt daher, daß sowohl die von der modernen kapitalistischen Produktionsweise erzeugten Produktivkräfte wie auch das von ihr geschaffne System der Güterverteilung in brennenden Widerspruch geraten sind mit jener Produktionsweise selbst, und zwar in solchem Grad, daß eine Umwälzung der Produktions- und Verteilungsweise stattfinden muß, die alle Klassenunterschiede beseitigt, falls nicht die ganze moderne |147| Gesellschaft untergehn soll. In dieser handgreiflichen, materiellen Tatsache, die sich den Köpfen der ausgebeuteten Proletarier mit unwiderstehlicher Notwendigkeit in mehr oder weniger klarer Gestalt aufdrängt - in ihr, nicht aber in den Vorstellungen dieses oder jenes Stubenhockers von Recht und Unrecht, begründet sich die Siegesgewißheit des modernen Sozialismus.

 

II.

Gewaltstheorie

»Das Verhältnis der allgemeinen Politik zu den Gestaltungen des wirtschaftlichen Rechts ist in meinem System so entschieden und zugleich so eigentümlich bestimmt, daß eine besondre Hinweisung hierauf zur Erleichterung des Studiums nicht überflüssig sein dürfte. Die Gestaltung der politischen Beziehungen ist das geschichtlich Fundamentale, und die wirtschaftlichen Abhängigkeiten sind nur eine Wirkung oder ein Spezialfall und daher stets Tatsachen zweiter Ordnung. Einige der neuem sozialistischen Systeme machen den in die Augen fallenden Schein eines völlig umgekehrten Verhältnisses zum leitenden Prinzip, indem sie aus den wirtschaftlichen Zuständen die politischen Unterordnungen gleichsam herauswachsen lassen. Nun sind diese Wirkungen der zweiten Ordnung als solche allerdings vorhanden und in der Gegenwart am meisten fühlbar; aber das Primitive muß in der unmittelbaren politischen Gewalt und nicht erst in einer indirekten ökonomischen Macht gesucht werden.«

Ebenso an einer andern Stelle, wo Herr Dühring

»von dem Satz ausgeht, daß die politischen Zustände die entscheidende Ursache der Wirtschaftslage sind und daß die umgekehrte Beziehung nur eine Rückwirkung zweiter Ordnung darstellt ..., solange man die politische Gruppierung nicht um ihrer selbst willen zum Ausgangspunkt macht, sondern sie ausschließlich als Mittel für Futterzwecke behandelt, wird man, so radikal sozialistisch und revolutionär man auch erscheinen möge, dennoch ein verstecktes Stück Reaktion in sich bergen«.

Das ist die Theorie des Herrn Dühring. Sie wird hier und an vielen andern Stellen einfach aufgestellt, sozusagen dekretiert. Von auch nur dem geringsten Versuch des Beweises oder der Widerlegung der entgegenstehenden Ansicht ist nirgendwo in den drei dicken Büchern die Rede. Und wenn die Beweisgründe so wohlfeil wären wie die Brombeeren, Herr Dühring gäbe uns keine Beweisgründe. Die Sache ist ja schon bewiesen durch den berühmten Sündenfall, wo Robinson den Freitag geknechtet hat. Das war eine Gewalttat, also eine politische Tat. Und da diese Knechtung den Ausgangspunkt und die Grundtatsache der ganzen bisherigen Geschichte bildet und ihr die Erbsünde der Ungerechtigkeit einimpft, so zwar, daß sie in den spätern Perioden nur gemildert und »in die mehr indirekten ökonomischen Abhängigkeitsformen verwandelt« worden ist; da ebenfalls auf |148| dieser Urknechtung das ganze bisher geltend gebliebne »Gewalteigentum« beruht, so ist klar, daß alle ökonomischen Erscheinungen aus politischen Ursachen zu erklären sind, nämlich aus der Gewalt. Und wem das nicht genügt, der ist ein versteckter Reaktionär.

Bemerken wir zuerst, daß man nicht weniger in sich selbst verliebt sein muß als Herr Dühring, um diese Ansicht für so »eigentümlich« zu halten, wie sie keineswegs ist. Die Vorstellung, als wären die politischen Haupt- und Staatsaktionen das Entscheidende in der Geschichte, ist so alt wie die Geschichtschreibung selbst, und ist die Hauptursache davon, daß uns so wenig aufbewahrt worden ist über die sich im Hintergrund dieser lärmenden Auftritte still vollziehende und wirklich vorantreibende Entwicklung der Völker. Diese Vorstellung hat die ganze vergangne Geschichtsauffassung beherrscht und einen Stoß erhalten erst durch die französischen bürgerlichen Geschichtschreiber der Restaurationszeit; »eigentümlich« ist dabei nur, daß Herr Dühring von alledem wieder nichts weiß.

Ferner: nehmen wir für einen Augenblick an, Herr Dühring habe darin recht, daß alle bisherige Geschichte sich auf die Knechtung des Menschen durch den Menschen zurückführen lasse, so sind wir damit noch lange nicht der Sache auf den Grund gekommen. Sondern es fragt sich zunächst: wie kam der Robinson dazu, den Freitag zu knechten? Des bloßen Vergnügens halber? Durchaus nicht. Wir sehn im Gegenteil, daß Freitag »als Sklave oder bloßes Werkzeug zum wirtschaftlichen Dienst gepreßt und eben auch nur als Werkzeug unterhalten wird«. Robinson hat Freitag nur geknechtet, damit Freitag zum Nutzen Robinsons arbeite. Und wie kann Robinson aus Freitags Arbeit Nutzen für sich ziehn? Nur dadurch, daß Freitag mehr Lebensmittel durch seine Arbeit erzeugt, als Robinson ihm geben muß, damit er arbeitsfähig bleibe. Robinson hat also, gegen Herrn Dührings ausdrückliche Vorschrift, die durch die Knechtung Freitags hergestellte »politische Gruppierung nicht um ihrer selbst willen zum Ausgangspunkt gemacht, sondern sie ausschließlich als Mittel für Futterzwecke behandelt«, und möge nun selber zusehn, wie er mit seinem Herrn und Meister Dühring fertig wird.

Das kindliche Exempel also, das Herr Dühring eigens erfunden hat, um die Gewalt als das »geschichtlich Fundamentale« nachzuweisen, es beweist, daß die Gewalt nur das Mittel, der ökonomische Vorteil dagegen der Zweck ist. Um soviel »fundamentaler« der Zweck ist als das seinetwegen angewandte Mittel, um ebensoviel fundamentaler ist in der Geschichte die ökonomische Seite des Verhältnisses gegenüber der politischen. Das Beispiel beweist also grade das Gegenteil von dem, was es beweisen soll. Und wie bei Robin- |149| son und Freitag, so in allen bisherigen Fällen von Herrschaft und Knechtschaft. Die Unterjochung war stets, um Herrn Dührings elegante Ausdrucksweise zu gebrauchen, »Mittel für Futterzwecke« (diese Futterzwecke im weitesten Sinn genommen), nie und nirgends aber eine »um ihrer selbst willen« eingeführte politische Gruppierung. Man muß Herr Dühring sein, um sich einbilden zu können, die Steuern seien im Staate nur »Wirkungen zweiter Ordnung«, oder die heutige politische Gruppierung von herrschender Bourgeoisie und beherrschtem Proletariat sei »um ihrer selbst willen« da und nicht um der »Futterzwecke« der herrschenden Bourgeois willen, nämlich der Profitmacherei und Kapitalaufhäufung.

Kehren wir indes wieder zurück zu unsern beiden Männern. Robinson, »mit dem Degen in der Hand«, macht Freitag zu seinem Sklaven. Aber um dies fertigzubringen, braucht Robinson noch etwas andres als den Degen. Nicht einem jeden ist mit einem Sklaven gedient. Um einen solchen brauchen zu können, muß man über zweierlei verfügen: erstens über die Werkzeuge und Gegenstände für die Arbeit des Sklaven, und zweitens über die Mittel für seinen notdürftigen Unterhalt. Ehe also Sklaverei möglich wird, muß schon eine gewisse Stufe in der Produktion erreicht und ein gewisser Grad von Ungleichheit in der Verteilung eingetreten sein. Und damit die Sklavenarbeit die herrschende Produktionsweise einer ganzen Gesellschaft werde, braucht es eine noch weit höhere Steigerung der Produktion, des Handels und der Reichtumsansammlung. In den alten naturwüchsigen Gemeinwesen mit Gesamteigentum am Boden kommt Sklaverei entweder gar nicht vor oder spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle. Ebenso in der ursprünglichen Bauernstadt Rom; als dagegen Rom »Weltstadt« wurde und der italische Grundbesitz mehr und mehr in die Hände einer wenig zahlreichen Klasse enorm reicher Eigentümer kam, da wurde die Bauernbevölkerung verdrängt durch eine Bevölkerung von Sklaven. Wenn zur Zeit der Perserkriege die Zahl der Sklaven in Korinth auf 460.000, in Aegina auf 470.000 stieg, und auf jeden Kopf der freien Bevölkerung zehn Sklaven kamen, so gehörte dazu noch etwas mehr als »Gewalt«, nämlich eine hochentwickelte Kunst- und Handwerksindustrie und ein ausgebreiteter Handel. Die Sklaverei in den amerikanischen Vereinigten Staaten beruhte weit weniger auf der Gewalt, als auf der englischen Baumwollindustrie; in den Gegenden, wo keine Baumwolle wuchs, oder die nicht, wie die Grenzstaaten, Sklavenzüchtung für die Baumwollstaaten trieben, starb sie von selbst aus, ohne Anwendung von Gewalt, einfach weil sie sich nicht bezahlte.

Wenn also Herr Dühring das heutige Eigentum ein Gewalteigentum nennt und es bezeichnet als

|150| »diejenige Herrschaftsform, welche nicht etwa bloß eine Ausschließung des Nebenmenschen von dem Gebrauch der Naturmittel zur Existenz, sondern auch, was noch weit mehr bedeutet, die Unterjochung des Menschen zum Knechtsdienst zugrunde liegen hat« -

so stellt er das ganze Verhältnis auf den Kopf. Die Unterjochung des Menschen zum Knechtsdienst, in allen ihren Formen, setzt beim Unterjocher die Verfügung voraus über die Arbeitsmittel, vermittelst deren allein er den Geknechteten verwenden, und bei der Sklaverei außerdem noch die Verfügung über die Lebensmittel, womit allein er den Sklaven am Leben erhalten kann. In allen Fällen also schon einen gewissen, den Durchschnitt überschreitenden Vermögensbesitz. Wie ist dieser entstanden ? jedenfalls ist es klar, daß er zwar geraubt sein, also auf Gewalt beruhn kann, aber daß dies keineswegs nötig ist. Er kann erarbeitet, erstohlen, erhandelt, erschwindelt sein. Er muß sogar erarbeitet sein, ehe er überhaupt geraubt werden kann.

Das Privateigentum tritt überhaupt in der Geschichte keineswegs auf als Ergebnis des Raubs und der Gewalt. Im Gegenteil. Es besteht schon, wenn auch unter Beschränkung auf gewisse Gegenstände, in der uralten naturwüchsigen Gemeinde aller Kulturvölker. Es entwickelt sich bereits innerhalb dieser Gemeinde, zunächst im Austausch mit Fremden, zur Form der Ware. Je mehr die Erzeugnisse der Gemeinde Warenform annehmen, d.h. je weniger von ihnen zum eignen Gebrauch des Produzenten und je mehr sie zum Zweck des Austausches produziert werden, je mehr der Austausch auch im Innern der Gemeinde die ursprüngliche naturwüchsige Arbeitsteilung verdrängt, desto ungleicher wird der Vermögensstand der einzelnen Gemeindeglieder, desto tiefer wird die alte Gemeinschaft des Bodenbesitzes untergraben, desto rascher treibt das Gemeinwesen seiner Auflösung in ein Dorf von Parzellenbauern entgegen. Der orientalische Despotismus und die wechselnde Herrschaft erobernder Nomadenvölker konnten diesen alten Gemeinwesen Jahrtausende hindurch nichts anhaben; die allmähliche Zerstörung ihrer naturwüchsigen Hausindustrie durch die Konkurrenz der Erzeugnisse der großen Industrie bringt sie mehr und mehr in Auflösung. Von Gewalt ist da ebensowenig die Rede, wie bei der noch jetzt stattfindenden Aufteilung des gemeinsamen Ackerbesitzes der »Gehöferschaften« an der Mosel und im Hochwald; die Bauern finden es eben in ihrem Interesse, daß das Privateigentum am Acker an Stelle des Gemeineigentums trete. Selbst die Bildung einer naturwüchsigen Aristokratie, wie sie bei Kelten, Germanen und im indischen Fünfstromland auf Grund des gemeinsamen Bodeneigentums erfolgt, beruht zunächst keineswegs auf Gewalt, sondern auf Freiwilligkeit und Gewohnheit. Überall, wo das Privat- |151| eigentum sich herausbildet, geschieht dies infolge veränderter Produktions- und Austauschverhältnisse, im Interesse der Steigerung der Produktion und der Förderung des Verkehrs - also aus ökonomischen Ursachen. Die Gewalt spielt dabei gar keine Rolle. Es ist doch klar, daß die Einrichtung des Privateigentums schon bestehn muß, ehe der Räuber sich fremdes Gut aneignen kann; daß also die Gewalt zwar den Besitzstand verändern, aber nicht das Privateigentum als solches erzeugen kann.

Aber auch um die »Unterjochung des Menschen zum Knechtsdienst« in ihrer modernsten Form, in der Lohnarbeit, zu erklären, können wir weder die Gewalt, noch das Gewalteigentum brauchen. Wir haben schon erwähnt, welche Rolle bei der Auflösung der alten Gemeinwesen, also bei der direkten oder indirekten Verallgemeinerung des Privateigentums, die Verwandlung der Arbeitsprodukte in Waren, ihre Erzeugung nicht für den eignen Verzehr, sondern für den Austausch spielt. Nun aber hat Marx im »Kapital« sonnenklar nachgewiesen - und Herr Dühring hütet sich, auch nur mit einer Silbe darauf einzugehn -, daß auf einem gewissen Entwicklungsgrad die Warenproduktion sich in kapitalistische Produktion verwandelt und daß auf dieser Stufe »das auf Warenproduktion und Warenzirkulation beruhende Gesetz der Aneignung oder Gesetz des Privateigentums durch seine eigne, innere, unvermeidliche Dialektik in sein Gegenteil umschlägt: der Austausch von Äquivalenten, der als die ursprüngliche Operation erschien, hat sich so gedreht, daß nur zum Schein ausgetauscht wird, indem erstens der gegen Arbeitskraft ausgetauschte Kapitalteil selbst nur ein Teil des ohne Äquivalent angeeigneten fremden Arbeitsprodukts ist, und zweitens von seinem Produzenten, dem Arbeiter, nicht nur ersetzt, sondern mit neuem Surplus« (Überschuß) »ersetzt werden muß ... Ursprünglich erschien uns das Eigentum gegründet auf eigne Arbeit ... Eigentum erscheint jetzt« (am Schluß der Marxschen Entwicklung), »auf Seite des Kapitalisten, als das Recht, fremde unbezahlte Arbeit, auf Seite des Arbeiters, als Unmöglichkeit, sein eignes Produkt anzueignen. Die Scheidung zwischen Eigentum und Arbeit wird zur notwendigen Konsequenz eines Gesetzes, das scheinbar von ihrer Identität ausging.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 609/610| Mit andern Worten: selbst wenn wir die Möglichkeit alles Raubs, aller Gewalttat und aller Prellerei ausschließen, wenn wir annehmen, daß alles Privateigentum ursprünglich auf eigner Arbeit des Besitzers beruhe und daß im ganzen fernern Verlauf nur gleiche Werte gegen gleiche Werte ausgetauscht werden, so kommen wir dennoch bei der Fortentwicklung der Produktion und des Austausches mit Not- |152| wendigkeit auf die gegenwärtige kapitalistische Produktionsweise, auf die Monopolisierung der Produktions- und Lebensmittel in den Händen der einen, wenig zahlreichen Klasse, auf die Herabdrückung der andern, die ungeheure Mehrzahl bildenden Klasse zu besitzlosen Proletariern, auf den periodischen Wechsel von Schwindelproduktion und Handelskrise und auf die ganze gegenwärtige Anarchie in der Produktion. Der ganze Hergang ist aus rein ökonomischen Ursachen erklärt, ohne daß auch nur ein einziges Mal der Raub, die Gewalt, der Staat oder irgendwelche politische Einmischung nötig gewesen wäre. Das »Gewalteigentum« erweist sich auch hier bloß als eine renommistische Phrase, die den Mangel an Verständnis des wirklichen Verlaufs der Dinge verdecken soll.

Dieser Verlauf, historisch ausgedrückt, ist die Entwicklungsgeschichte der Bourgeoisie. Wenn die »politischen Zustände die entscheidende Ursache der Wirtschaftslage sind«, so muß die moderne Bourgeoisie nicht im Kampf mit dem Feudalismus sich entwickelt haben, sondern sein freiwillig erzeugtes Schoßkind sein. Jedermann weiß, daß das Gegenteil stattgefunden hat. Ursprünglich dem herrschenden Feudaladel zinspflichtiger, aus Hörigen und Leibeignen aller Art sich rekrutierender, unterdrückter Stand, hat das Bürgertum in fortwährendem Kampf mit dem Adel einen Machtposten nach dem andern erobert und schließlich in den entwickeltsten Ländern an seiner Stelle die Herrschaft in Besitz genommen; in Frankreich, indem es den Adel direkt stürzte, in England, indem es ihn mehr und mehr verbürgerlichte und ihn sich als seine eigne ornamentale Spitze einverleibte. Und wie brachte es dies fertig? Lediglich durch Veränderung der »Wirtschaftslage«, der eine Veränderung der politischen Zustände früher oder später, freiwillig oder erkämpft, nachfolgte. Der Kampf der Bourgeoisie gegen den Feudaladel ist der Kampf der Stadt gegen das Land, der Industrie gegen den Grundbesitz, der Geldwirtschaft gegen die Naturalwirtschaft, und die entscheidenden Waffen der Bürger in diesem Kampfe waren ihre, durch die Entwicklung der erst handwerksmäßigen, später zur Manufaktur vorschreitenden Industrie und durch die Ausbreitung des Handels sich fortwährend steigernden ökonomischen Machtmittel. Während dieses ganzen Kampfs stand die politische Gewalt auf Seite des Adels, mit Ausnahme einer Periode, wo die königliche Macht das Bürgertum gegen den Adel benutzte, um den einen Stand durch den andern im Schach zu halten; aber von dem Augenblick, wo das noch immer politisch ohnmächtige Bürgertum, vermöge seiner wachsenden ökonomischen Macht, gefährlich zu werden anfing, verbündete sich das Königtum wieder mit dem Adel und rief dadurch zuerst in England, dann in Frankreich die Revolution des Bürger- |153| tums hervor. Die »politischen Zustände« in Frankreich waren unverändert geblieben, während die »Wirtschaftslage« ihnen entwachsen war. Dem politischen Stand nach war der Adel alles, der Bürger nichts; der sozialen Lage nach war der Bürger jetzt die wichtigste Klasse im Staat, während dem Adel alle seine sozialen Funktionen abhanden gekommen waren und er nur noch in seinen Revenuen die Bezahlung dieser verschwundnen Funktionen einstrich. Damit nicht genug: das Bürgertum war in seiner ganzen Produktion eingezwängt geblieben in die feudalen politischen Formen des Mittelalters, denen diese Produktion - nicht nur die Manufaktur, sondern selbst das Handwerk - längst entwachsen war: in alle die, zu bloßen Schikanen und Fesseln der Produktion gewordnen, tausendfachen Zunftprivilegien und lokalen und provinzialen Zollschranken. Die Revolution des Bürgertums machte dem ein Ende. Nicht aber indem sie, nach Herrn Dührings Grundsatz, die Wirtschaftslage den politischen Zuständen anpaßte - das hatte ja grade Adel und Königtum jahrelang umsonst versucht -, sondern indem sie umgekehrt den alten modrigen politischen Plunder beiseite warf und politische Zustände schuf, in denen die neue »Wirtschaftslage« bestehn und sich entwickeln konnte. Und sie hat sich in dieser ihr angemessenen politischen und rechtlichen Atmosphäre glänzend entwickelt, so glänzend, daß die Bourgeoisie schon nicht mehr weit von der Stellung ist, die der Adel 1789 einnahm: sie wird mehr und mehr, nicht nur sozial überflüssig, sondern soziales Hindernis; sie scheidet mehr und mehr aus der Produktionstätigkeit aus und wird mehr und mehr, wie seinerzeit der Adel, eine bloß Revenuen einstreichende Klasse; und sie hat diese Umwälzung ihrer eignen Stellung und die Erzeugung einer neuen Klasse, des Proletariats, fertiggebracht, ohne irgendwelchen Gewaltshokuspokus, auf rein ökonomischem Wege. Noch mehr. Sie hat dies Resultat ihres eignen Tun und Treibens keineswegs gewollt - im Gegenteil, es hat sich mit unwiderstehlicher Gewalt gegen ihren Willen und gegen ihre Absicht durchgesetzt; ihre eignen Produktivkräfte sind ihrer Leitung entwachsen und treiben, wie mit Naturnotwendigkeit, die ganze bürgerliche Gesellschaft dem Untergang oder der Umwälzung entgegen. Und wenn die Bourgeois jetzt an die Gewalt appellieren, um die zusammenbrechende »Wirtschaftslage« vor dem Einsturz zu bewahren, so beweisen sie damit nur, daß sie in derselben Täuschung befangen sind wie Herr Dühring, als seien »die politischen Zustände die entscheidende Ursache der Wirtschaftslage«; daß sie sich einbilden, ganz wie Herr Dühring, sie könnten mit dem »Primitiven«, mit »der unmittelbar politischen Gewalt« jene »Tatsachen zweiter Ordnung«, die Wirtschaftslage und ihre unabwendbare Entwicklung umschaffen und also |154| die ökonomischen Wirkungen der Dampfmaschine und der von ihr getriebnen modernen Maschinerie, des Welthandels und der heutigen Bank- und Kreditentwicklung mit Krupp-Kanonen und Mauser-Gewehren wieder aus der Welt schießen.

 

III.

Gewaltstheorie

(Fortsetzung)

Betrachten wir indes diese allmächtige »Gewalt« des Herrn Dühring etwas näher. Robinson knechtet den Freitag »mit dem Degen in der Hand«. Woher hat er den Degen? auch auf den Phantasie-Inseln der Robinsonaden wachsen bis jetzt die Degen nicht auf den Bäumen, und Herr Dühring bleibt jede Antwort auf diese Frage schuldig. Ebensogut wie Robinson sich einen Degen verschaffen konnte, ebensogut dürfen wir annehmen, daß Freitag eines schönen Morgens erscheint mit einem geladnen Revolver in der Hand, und dann kehrt sich das ganze »Gewalt«-Verhältnis um: Freitag kommandiert, und Robinson muß schanzen. Wir bitten die Leser um Verzeihung, daß wir so konsequent auf die eigentlich in die Kinderstube und nicht in die Wissenschaft gehörige Geschichte von Robinson und Freitag zurückkommen, aber was können wir dafür? Wir sind genötigt, Herrn Dührings axiomatische Methode gewissenhaft anzuwenden, und es ist nicht unsre Schuld, wenn wir uns dabei stets auf dem Gebiete der reinen Kindlichkeit bewegen. Also der Revolver siegt über den Degen, und damit wird es doch wohl auch dem kindlichsten Axiomatiker begreiflich sein, daß die Gewalt kein bloßer Willensakt ist, sondern sehr reale Vorbedingungen zu ihrer Betätigung erfordert, namentlich Werkzeuge, von denen das vollkommnere das unvollkommnere überwindet; daß ferner diese Werkzeuge produziert sein müssen, womit zugleich gesagt ist, daß der Produzent vollkommnerer Gewaltwerkzeuge, vulgo Waffen, den Produzenten der unvollkommneren besiegt, und daß, mit Einem Wort, der Sieg der Gewalt beruht auf der Produktion von Waffen, und diese wieder auf der Produktion überhaupt, also - auf der »ökonomischen Macht«, auf der »Wirtschaftslage«, auf den der Gewalt zur Verfügung stehenden materiellen Mitteln.

Die Gewalt, das ist heutzutage die Armee und die Kriegsflotte und beide kosten, wie wir alle zu unsrem Schaden wissen, »heidenmäßig viel Geld«. Die Gewalt aber kann kein Geld machen, sondern höchstens schon gemachtes wegnehmen, und das nützt auch nicht viel, wie wir ebenfalls zu unserm Schaden mit den französischen Milliarden erfahren haben. Das Geld muß |155| also schließlich doch geliefert werden vermittelst der ökonomischen Produktion ; die Gewalt wird also wieder durch die Wirtschaftslage bestimmt, die ihr die Mittel zur Ausrüstung und Erhaltung ihrer Werkzeuge verschafft. Aber damit nicht genug. Nichts ist abhängiger von ökonomischen Vorbedingungen als grade Armee und Flotte. Bewaffnung, Zusammensetzung, Organisation, Taktik und Strategie hängen vor allem ab von der jedesmaligen Produktionsstufe und den Kommunikationen. Nicht die »freien Schöpfungen des Verstandes« genialer Feldherrn haben hier umwälzend gewirkt, sondern die Erfindung besserer Waffen und die Veränderung des Soldatenmaterials; der Einfluß der genialen Feldherrn beschränkt sich im besten Fall darauf, die Kampfweise den neuen Waffen und Kämpfern anzupassen.

Im Anfang des 14. Jahrhunderts kam das Schießpulver von den Arabern zu den Westeuropäern und wälzte, wie jedes Schulkind weiß, die ganze Kriegführung um. Die Einführung des Schießpulvers und der Feuerwaffen war aber keineswegs eine Gewalttat, sondern ein industrieller, also wirtschaftlicher Fortschritt. Industrie bleibt Industrie, ob sie auf die Erzeugung oder die Zerstörung von Gegenständen sich richtet. Und die Einführung der Feuerwaffen wirkte umwälzend nicht nur auf die Kriegführung selbst, sondern auch auf die politischen Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisse. Zur Erlangung von Pulver und Feuerwaffen gehörte Industrie und Geld, und beides besaßen die Städtebürger. Die Feuerwaffen waren daher von Anfang an Waffen der Städte und der auf die Städte gestützten, emporkommenden Monarchie gegen den Feudaladel. Die bisher unnahbaren Steinmauern der Adelsburgen erlagen den Kanonen der Bürger, die Kugeln der bürgerlichen Handbüchsen schlugen durch die ritterlichen Panzer. Mit der geharnischten Kavallerie des Adels brach auch die Adelsherrschaft zusammen; mit der Entwicklung des Bürgertums wurden Fußvolk und Geschütz mehr und mehr die entscheidenden Waffengattungen; durch das Geschütz gezwungen, mußte das Kriegshandwerk sich eine neue, ganz industrielle Unterabteilung zulegen: das Ingenieurwesen.

Die Ausbildung der Feuerwaffen ging sehr langsam vor sich. Das Geschütz blieb schwerfällig, die Handrohre trotz vieler Einzelerfindungen roh. Es dauerte über dreihundert Jahre, bis ein Gewehr zustande kam, das zur Bewaffnung der gesamten Infanterie taugte. Erst anfangs des 18. Jahrhunderts verdrängte das Steinschloßgewehr mit Bajonett die Pike endgültig aus |156| der Bewaffnung des Fußvolks. Das damalige Fußvolk bestand aus den stramm exerzierenden, aber ganz unzuverlässigen, nur mit dem Stock zusammengehaltnen, aus den verkommensten Elementen der Gesellschaft, oft aus gepreßten, feindlichen Kriegsgefangenen sich zusammensetzenden fürstlichen Werbesoldaten, und die einzige Kampfform, in der diese Soldaten das neue Gewehr zur Verwendung bringen konnten, war die Lineartaktik, die unter Friedrich II. ihre höchste Vollendung erreichte. Das ganze Fußvolk eines Heeres wurde in einem dreigliedrigen, sehr langen hohlen Viereck aufgestellt und bewegte sich in Schlachtordnung nur als Ganzes; höchstens wurde einem der beiden Flügel gestattet, sich etwas vorzuschieben oder zurückzuhalten. Diese unbehülfliche Masse war in Ordnung zu bewegen nur auf einem ganz ebnen Gelände, und auch da nur im langsamen Tempo (fünfundsiebzig Schritt auf die Minute); eine Änderung der Schlachtordnung während des Gefechts war unmöglich, und Sieg oder Niedertage wurden, sobald die Infanterie einmal im Feuer war, in kurzer Zeit mit Einem Schlag entschieden.

Diesen unbehülflichen Linien traten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg Rebellenhaufen entgegen, die zwar nicht exerzieren, aber desto besser aus ihren gezognen Büchsen schießen konnten, die für ihre eigensten Interessen fochten, also nicht desertierten wie die Werbetruppen, und die den Engländern nicht den Gefallen taten, ihnen ebenfalls in Linie und auf freier Ebene gegenüberzutreten, sondern in aufgelösten, rasch beweglichen Schützenschwärmen und in den deckenden Wäldern. Die Linie war hier machtlos und erlag den unsichtbaren und unerreichbaren Gegnern. Das Tiraillieren war wieder erfunden - eine neue Kampfweise infolge eines veränderten Soldatenmaterials.

Was die amerikanische Revolution begonnen, das vollendete die französische, auch auf militärischem Gebiet. Den geübten Werbeheeren der Koalition hatte sie ebenfalls nur schlecht geübte, aber zahlreiche Massen entgegenzustellen, das Aufgebot der ganzen Nation. Mit diesen Massen aber galt es, Paris zu schützen, also ein bestimmtes Gebiet zu decken, und das konnte nicht ohne Sieg in offner Massenschlacht geschehn. Das bloße Schützengefecht reichte nicht aus; es mußte eine Form auch für die Massenverwendung gefunden werden, und sie fand sich in der Kolonne. Die Kolonnenstellung erlaubte auch wenig geübten Truppen, sich mit ziemlicher Ordnung zu bewegen und das selbst mit einer größern Marschgeschwindigkeit (hundert Schritt und darüber in der Minute), sie erlaubte, die steifen Formen der alten Linienordnung zu durchbrechen, in jedem, also auch in dem der Linie ungünstigsten Terrain zu fechten, die Truppen in jeder |157| irgendwie angemessenen Art zu gruppieren und, in Verbindung mit dem Gefecht zerstreuter Schützen, die feindlichen Linien aufzuhalten, zu beschäftigen, zu ermatten, bis der Moment gekommen, wo man sie am entscheidenden Punkt der Stellung mit in Reserve gehaltnen Massen durchbrach. Diese neue, auf der Verbindung von Tirailleurs und Kolonnen und auf der Einteilung der Armee in selbständige, aus allen Waffen zusammengesetzte Divisionen oder Armeekorps beruhende, von Napoleon nach ihrer taktischen wie strategischen Seite vollständig ausgebildete Kampfweise war demnach notwendig geworden vor allem durch das veränderte Soldatenmaterial der französischen Revolution. Sie hatte aber auch noch zwei sehr wichtige technische Vorbedingungen: erstens die von Gribeauval konstruierte leichtere Lafettierung der Feldgeschütze, wodurch allein diesen die von ihnen jetzt verlangte raschere Bewegung möglich wurde, und zweitens die in Frankreich 1777 eingeführte, dem Jagdgewehr entlehnte Schweifung des bisher ganz grade in der Verlängerung des Laufs sich fortsetzenden Flintenkolbens, die es möglich machte, auf einen einzelnen Mann zu zielen, ohne notwendig vorbeizuschießen. Ohne diesen Fortschritt aber hätte man mit dem alten Gewehr nicht tiraillieren können.

Das revolutionäre System der Bewaffnung des ganzen Volks wurde bald auf eine Zwangsaushebung (mit Stellvertretung durch Loskauf für die Begüterten) beschränkt und in dieser Form von den meisten großen Staaten des Festlands angenommen. Nur Preußen versuchte in seinem Landwehrsystem die Wehrkraft des Volks in größerm Maß heranzuziehn. Preußen war zudem der erste Staat, der sein ganzes Fußvolk - nachdem der zwischen 1830 und 1860 ausgebildete, kriegsbrauchbare gezogne Vorderlader eine kurze Rolle gespielt - mit der neuesten Waffe versah, dem gezognen Hinterlader. Beiden Einrichtungen verdankte es seine Erfolge von 1866.

Im Deutsch-Französischen Krieg traten zuerst zwei Heere einander gegenüber, die beide gezogne Hinterlader führten, und zwar beide mit wesentlich denselben taktischen Formationen wie zur Zeit des alten glattläufigen Steinschloßgewehrs. Nur daß die Preußen in der Einführung der Kompaniekolonne den Versuch gemacht hatten, eine der neuen Bewaffnung angemessenere Kampfform zu finden. Als aber am 18. August bei St. Privat die preußische Garde mit der Kompaniekolonne Ernst zu machen versuchte, verloren die am meisten beteiligten fünf Regimenter in höchstens zwei Stunden über ein Drittel ihrer Stärke (176 Offiziere und 5.114 Mann). und von da an war auch die Kompaniekolonne als Kampfform gerichtet, nicht minder als die Bataillonskolonne und die Linie; jeder Ver- |158| such wurde aufgegeben, fernerhin irgendwelche geschlossene Trupps dem feindlichen Gewehrfeuer auszusetzen, und der Kampf wurde deutscherseits nur noch in jenen dichten Schützenschwärmen geführt, in die sich die Kolonne bisher unter dem einschlagenden Kugelhagel schon regelmäßig von selbst aufgelöst, die man aber von oben herab als ordnungswidrig bekämpft hatte; und ebenso wurde nun im Bereich des feindlichen Gewehrfeuers der Laufschritt die einzige Bewegungsart. Der Soldat war wieder einmal gescheiter gewesen als der Offizier; die einzige Gefechtsform, die bisher im Feuer des Hinterladers sich bewährt, hatte er instinktmäßig gefunden und setzte sie trotz des Sträubens der Führung erfolgreich durch.

Mit dem Deutsch-Französischen Krieg ist ein Wendepunkt eingetreten von ganz andrer Bedeutung als alle frühern. Erstens sind die Waffen so vervollkommnet, daß ein neuer Fortschritt von irgendwelchem umwälzenden Einfluß nicht mehr möglich ist. Wenn man Kanonen hat, mit denen man ein Bataillon treffen kann, soweit das Auge es unterscheidet, und Gewehre, die für einen einzelnen Mann als Zielpunkt dasselbe leisten und bei denen das Laden weniger Zeit raubt als das Zielen, so sind alle weitern Fortschritte für den Feldkrieg mehr oder weniger gleichgültig. Die Ära der Entwicklung ist nach dieser Seite hin also im wesentlichen abgeschlossen. Zweitens aber hat dieser Krieg alle kontinentalen Großstaaten gezwungen, das verschärfte preußische Landwehrsystem bei sich einzuführen, und damit eine Militärlast, bei der sie in wenigen Jahren zugrunde gehn müssen. Die Armee ist Hauptzweck des Staats, ist Selbstzweck geworden; die Völker sind nur noch dazu da, die Soldaten zu liefern und zu ernähren. Der Militarismus beherrscht und verschlingt Europa. Aber dieser Militarismus trägt auch den Keim seines eignen Untergangs in sich. Die Konkurrenz der einzelnen Staaten untereinander zwingt sie einerseits, jedes Jahr mehr Geld auf Armee, Flotte, Geschütze etc. zu verwenden, also den finanziellen Zusammenbruch mehr und mehr zu beschleunigen; andrerseits mit der allgemeinen Dienstpflicht mehr und mehr Ernst, und damit schließlich das ganze Volk mit dem Waffengebrauch vertraut zu machen; es also zu befähigen, in einem gewissen Moment seinen Willen gegenüber der kommandierenden Militärherrlichkeit durchzusetzen. Und dieser Moment tritt ein, sobald die Masse des Volks - ländliche und städtische Arbeiter und Bauern - einen Willen hat. Auf diesem Punkt schlägt das Fürstenheer um in ein Volksheer; die Maschine versagt den Dienst, der Militarismus geht unter an der Dialektik seiner eignen Entwicklung. Was die bürgerliche Demokratie von 1848 nicht fertigbringen konnte, eben weil sie bürgerlich war und nicht proletarisch, nämlich den arbeitenden Massen einen Willen geben, |159| dessen Inhalt ihrer Klassenlage entspricht - das wird der Sozialismus unfehlbar erwirken. Und das bedeutet die Sprengung des Militarismus und mit ihm aller stehenden Armeen von innen heraus.

Das ist die eine Moral unsrer Geschichte der modernen Infanterie. Die zweite Moral, die uns wieder zu Herrn Dühring zurückführt, ist, daß sich die ganze Organisation und Kampfweise der Armeen, und damit Sieg und Niederlage, abhängig erweist von materiellen, das heißt ökonomischen Bedingungen: vom Menschen- und vom Waffenmaterial, also von der Qualität und Quantität der Bevölkerung und von der Technik. Nur ein Jägervolk wie die Amerikaner konnte das Tiraillieren wieder erfinden - und sie waren Jäger aus rein ökonomischen Ursachen, eben wie jetzt aus rein ökonomischen Ursachen dieselben Yankees der alten Staaten sich in Bauern, Industrielle, Seefahrer und Kaufleute verwandelt haben, die nicht mehr in den Urwäldern tiraillieren, dafür aber um so besser auf dem Felde der Spekulation, wo sie es auch in der Massenverwendung weit gebracht haben. - nur eine Revolution wie die französische, die den Bürger und namentlich den Bauer ökonomisch emanzipierte, konnte die Massenheere und zugleich die freien Bewegungsformen finden, an denen die alten steifen Linien zerschellten - die militärischen Abbilder des Absolutismus, den sie verfochten. Und wie die Fortschritte der Technik, sobald sie militärisch verwendbar und auch verwendet wurden, sofort Änderungen, ja Umwälzungen der Kampfweise fast gewaltsam erzwangen, oft noch dazu gegen den Willen der Heeresleitung, das haben wir Fall für Fall gesehn. Wie sehr außerdem die Kriegführung von der Produktivität und den Kommunikationsmitteln des eignen Hinterlandes wie des Kriegsschauplatzes abhängt, darüber kann heutzutage schon ein strebsamer Unteroffizier Herrn Dühring aufklären. Kurz, überall und immer sind es ökonomische Bedingungen und Machtmittel, die der »Gewalt« zum Siege verhelfen, ohne die sie aufhört, Gewalt zu sein, und wer nach Dühringschen Grundsätzen das Kriegswesen vom entgegengesetzten Standpunkte aus reformieren wollte, der könnte nichts ernten als Prügel.(1)

Gehn wir nun vom Lande aufs Wasser, so bietet sich uns allein in den letzten zwanzig Jahren eine noch ganz anders durchgreifende Umwälzung. Das Schlachtschiff des Krimkriegs war der hölzerne Zwei- und Drei- |160| decker von 60 bis 100 Kanonen, der vorzugsweise noch durch Segel bewegt wurde und nur zur Aushülfe eine schwache Dampfmaschine hatte. Er führte hauptsächlich 32pfünder von etwa 50 Zentner Rohrgewicht, daneben nur wenige 68pfünder von 95 Zentner. Gegen Ende des Kriegs traten eisengepanzerte schwimmende Batterien auf, schwerfällige, fast unbewegliche, aber dem damaligen Geschütz gegenüber unverletzliche Ungeheuer. Bald wurde die Eisenpanzerung auch auf die Schlachtschiffe übertragen; anfangs noch dünn, vier Zoll Eisenstärke galt schon für einen äußerst schweren Panzer. Aber der artilleristische Fortschritt überholte bald die Panzerung; für jede Panzerstärke, die nach der Reihe angewandt wurde, fand sich ein neues, schwereres Geschütz, das sie mit Leichtigkeit durchschlug. So sind wir jetzt bereits bei zehn-, zwölf-, vierzehn-, vierundzwanzigzölliger Panzerstärke (Italien will ein Schiff mit drei Fuß dickem Panzer bauen lassen) auf der einen Seite angekommen; auf der andern bei gezognen Geschützen von 25, 35, 80, ja 100 Tons (à 20 Zentner) Rohrgewicht, die Geschosse von 300, 400, 1.700 bis 2.000 Pfund auf früher unerhörte Entfernungen schleudern. Das heutige Schlachtschiff ist ein riesiger gepanzerter Schraubendampfer von 8.000 bis 9.000 Tonnen Gehalt und 6.000 bis 8.000 Pferdekraft, mit Drehtürmen und vier, höchstens sechs schweren Geschützen und mit einem, unter der Wasserlinie in einer Ramme zum Niederrennen feindlicher Schiffe auslaufenden Bug; es ist eine einzige kolossale Maschine, auf der der Dampf nicht nur die schnelle Fortbewegung bewirkt, sondern auch die Steuerung, das Ankerwinden, die Drehung der Türme, die Richtung und Ladung der Geschütze, das Auspumpen des Wassers, das Einnehmen und Herablassen der Boote - die selbst teilweise wieder Dampfkraft führen - usw. Und so wenig ist der Wettkampf zwischen Panzerung und Geschützwirkung zum Abschluß gekommen, daß ein Schiff heutzutage fast regelmäßig schon nicht mehr den Ansprüchen genügt, schon veraltet ist, ehe es vom Stapel gelassen wird. Das moderne Schlachtschiff ist nicht nur ein Produkt, sondern zugleich ein Probestück der modernen großen Industrie, eine schwimmende Fabrik - vornehmlich allerdings zur Erzeugung von Geldverschwendung. Das Land, wo die große Industrie am meisten entwickelt ist, hat beinahe das Monopol des Baues dieser Schiffe. Alle türkischen, fast alle russischen, die meisten deutschen Panzerschiffe sind in England gebaut; Panzerplatten von irgendwelcher Brauchbarkeit werden fast nur in Sheffield gemacht; von den drei Eisenwerken Europas, die allein imstande sind, die schwersten Geschütze zu liefern, kommen zwei (Woolwich und Elswick) auf England, das dritte (Krupp) auf Deutschland. Hier zeigt sich aufs handgreiflichste, wie die »unmittelbare politische Gewalt«, die |161| nach Herrn Dühring die »entscheidende Ursache der Wirtschaftslage« ist, im Gegenteil vollständig von der Wirtschaftslage unterjocht ist; wie nicht nur die Herstellung, sondern auch die Behandlung des Gewaltwerkzeugs zur See, des Schlachtschiffs, selbst ein Zweig der modernen großen Industrie geworden ist. Und daß dies so geworden, geht niemandem mehr wider die Haare, als grade der Gewalt, dem Staat, dem jetzt ein Schiff so viel kostet wie früher eine ganze kleine Flotte; der es mit ansehn muß, daß diese teuren Schiffe, noch ehe sie ins Wasser kommen, schon veraltet, also entwertet sind; und der sicher ebensoviel Verdruß darüber empfindet wie Herr Dühring, daß der Mann der »Wirtschaftslage«, der Ingenieur, jetzt an Bord viel wichtiger ist als der Mann der »unmittelbaren Gewalt«, der Kapitän. Wir dagegen haben durchaus keinen Grund, uns zu ärgern, wenn wir sehn, wie in diesem Wettkampf zwischen Panzer und Geschütz das Schlachtschiff bis zu der Spitze der Künstlichkeit ausgebildet wird, die es ebenso unerschwinglich wie kriegsunbrauchbar macht (2), und wie dieser Kampf damit auch auf dem Gebiet des Seekriegs jene innern dialektischen Bewegungsgesetze offenbart, nach denen der Militarismus, wie jede andre geschichtliche Erscheinung, an den Konsequenzen seiner eignen Entwicklung zugrunde geht.

Auch hier also sehn wir sonnenklar, daß keineswegs »das Primitive in der unmittelbaren politischen Gewalt und nicht erst in einer indirekten ökonomischen Macht gesucht werden« muß. Im Gegenteil. Was zeigt sich grade als »das Primitive« der Gewalt selbst? Die ökonomische Macht, die Verfügung über die Machtmittel der großen Industrie. Die politische Gewalt zur See, die auf den modernen Schlachtschiffen beruht, erweist sich als durchaus nicht »unmittelbar«, sondern grade als vermittelt durch die ökonomische Macht, die hohe Ausbildung der Metallurgie, das Kommando über geschickte Techniker und ergiebige Kohlengruben.

Indes, wozu das alles? Man gebe im nächsten Seekriege Herrn Dühring den Oberbefehl, und er vernichtet alle die von der Wirtschaftslage geknechteten Panzerflotten ohne Torpedos und andre Kunststücke, einfach vermittelst seiner »unmittelbaren Gewalt«.

 

IV.

Gewaltstheorie

(Schluß)

»Ein sehr wichtiger Umstand liegt darin, daß tatsächlich die Beherrschung der Natur durch diejenige des Menschen erst überhaupt (!) vor sich gegangen ist« (eine Beherrschung ist vor sich gegangen!). »Die Bewirtschaftung des Grundeigentums in größern Strecken ist nie und nirgends ohne die vorgängige Knechtung des Menschen zu irgendeiner Art von Sklaven- oder Frondienst vollzogen worden. Die Aufrichtung einer ökonomischen Herrschaft über die Dinge hat die politische, soziale und ökonomische Herrschaft des Menschen über den Menschen zur Voraussetzung gehabt. Wie hätte man sich einen großen Grundherrn nur denken können, ohne zugleich seine Herrenschaft über Sklaven, Hörige oder indirekt Unfreie in den Gedanken einzuschließen? Was möchte wohl die Kraft des einzelnen, die sich höchstens mit den Kräften der Familienhülfe ausgestattet sähe, für eine umfangreichere Ackerkultur bedeutet haben und bedeuten? Die Ausbeutung des Landes oder die ökonomische Herrschaftsausdehnung über dasselbe in einem die natürlichen Kräfte des einzelnen übersteigenden Umfang ist in der bisherigen Geschichte nur dadurch möglich geworden, daß vor oder zugleich mit der Begründung der Bodenherrschaft auch die zugehörige Knechtung des Menschen durchgeführt wurde. In den spätern Perioden der Entwicklung ist diese Knechtung gemildert worden ... ihre gegenwärtige Gestalt ist in den hoher zivilisierten Staaten eine mehr oder minder durch Polizeiherrschaft geleitete Lohnarbeit. Auf der letztern beruht also die praktische Möglichkeit derjenigen Art des heutigen Reichtums, welcher sich in der umfangreicheren Bodenherrschaft und (!) im größern Grundbesitz darstellt. Selbstverständlich sind alle andern Gattungen des Verteilungsreichtums geschichtlich auf ähnliche Weise zu erklären, und die indirekte Abhängigkeit des Menschen vom Menschen, welche gegenwärtig den Grundzug der ökonomisch am weitesten entwickelten Zustände bildet, kann nicht aus sich selbst, sondern nur als eine etwas verwandelte Erbschaft einer frühern direkten Unterwerfung und Enteignung verstanden und erklärt werden.«

So Herr Dühring.

These: Die Beherrschung der Natur (durch den Menschen) setzt die Beherrschung des Menschen (durch den Menschen) voraus.

Beweis: Die Bewirtschaftung des Grundeigentums in großem Strecken ist nie und nirgends anders als durch Knechte erfolgt.

Beweis des Beweises: Wie kann es große Grundbesitzer geben ohne Knechte, da der große Grundbesitzer mit seiner Familie ohne Knechte ja nur einen geringen Teil seines Besitzes bebauen könnte.

Also: Um zu beweisen, daß der Mensch, um die Natur sich zu unterwerfen, vorher den Menschen knechten mußte, verwandelt Herr Dühring »die Natur« ohne weiteres in »Grundeigentum in größern Strecken« und |163| dies Grundeigentum - unbestimmt wessen? - sofort wieder in das Eigentum eines großen Grundherrn, der natürlich ohne Knechte sein Land nicht bebauen kann.

Erstens sind »Beherrschung der Natur« und »Bewirtschaftung des Grundeigentums« keineswegs dasselbe. Die Beherrschung der Natur wird in der Industrie in ganz anders kolossalem Maßstab ausgeübt als im Ackerbau, der sich bis heute vom Wetter beherrschen lassen muß, statt das Wetter zu beherrschen.

Zweitens, wenn wir uns auf die Bewirtschaftung des Grundeigentums in größern Strecken beschränken, so kommt es darauf an, wem dies Grundeigentum gehört. Und da finden wir im Anfang der Geschichte aller Kulturvölker nicht den »großen Grundherrn«, den uns Herr Dühring hier unterschiebt mit seiner gewöhnlichen Taschenspielermanier, die er »natürliche Dialektik« nennt - sondern Stamm- und Dorfgemeinden mit gemeinsamem Grundbesitz. Von Indien bis Irland ist die Bewirtschaftung des Grundeigentums in größern Strecken ursprünglich durch solche Stamm- und Dorfgemeinden vor sich gegangen, und zwar bald in gemeinschaftlicher Bebauung des Ackerlandes für Rechnung der Gemeinde, bald in einzelnen, von der Gemeinde den Familien auf Zeit zugeteilten Ackerparzellen bei fortdauernder Gemeinnutzung von Wald- und Weideland. Es ist wiederum bezeichnend für »die eindringendsten Fachstudien« des Herrn Dühring »auf dem politischen und juristischen Gebiet«, daß er von allen diesen Dingen nichts weiß; daß seine sämtlichen Werke eine totale Unbekanntschaft atmen mit den epochemachenden Schriften Maurers über die ursprüngliche deutsche Markverfassung, die Grundlage des gesamten deutschen Rechts, und mit der hauptsächlich durch Maurer angeregten, noch stets anschwellenden Literatur, die sich mit dem Nachweis der ursprünglichen Gemeinschaftlichkeit des Grundbesitzes bei allen europäischen und asiatischen Kulturvölkern und mit der Darstellung seiner verschiednen Daseins- und Auflösungsformen beschäftigt. Wie auf dem Gebiet des französischen und englischen Rechts Herr Dühring »seine ganze Ignoranz sich selbst erworben« hatte, so groß sie auch war, so auf dem Gebiet des deutschen Rechts seine noch weit größere. Der Mann, der sich so gewaltig über den beschränkten Horizont der Universitätsprofessoren erbost, er steht auf dem Gebiet des deutschen Rechts noch heute höchstens da, wo die Professoren vor zwanzig Jahren standen.

Es ist eine reine »freie Schöpfung und Imagination« des Herrn Dühring, wenn er behauptet, daß zur Bewirtschaftung des Grundeigentums auf größern Strecken Grundherrn und Knechte erforderlich gewesen seien. Im |164| ganzen Orient, wo die Gemeinde oder der Staat Grundeigentümer ist, fehlt sogar das Wort Grundherr in den Sprachen, worüber sich Herr Dühring bei den englischen Juristen Rats erholen kann, die sich in Indien ebenso umsonst mit der Frage abquälten: wer ist Grundeigentümer? - wie weiland Fürst Heinrich LXXII. von Reuß-Greiz-Schleiz-Lobenstein-Eberswalde mit der Frage: wer ist Nachtwächter? Erst die Türken haben im Orient in den von ihnen eroberten Ländern eine Art grundherrlichen Feudalismus eingerührt, Griechenland tritt schon im Heroenzeitalter in die Geschichte ein mit einer Ständegliederung, die selbst wieder das augenscheinliche Erzeugnis einer längern, unbekannten Vorgeschichte ist; aber auch da wird der Boden vorwiegend von selbständigen Bauern bewirtschaftet; die größern Güter der Edlen und Stammesfürsten bilden die Ausnahme und verschwinden ohnehin bald nachher. Italien ist urbar gemacht worden vorwiegend von Bauern; als in den letzten Zeiten der römischen Republik die großen Güterkomplexe, die Latifundien, die Parzellenbauern verdrängten und durch Sklaven ersetzten, ersetzten sie zugleich den Ackerbau durch Viehzucht und richteten, wie schon Plinius wußte, Italien zugrunde (latifundia Italiam perdidere). Im Mittelalter herrscht in ganz Europa (namentlich bei der Urbarmachung von Ödland) die Bauernkultur vor, wobei es für die vorliegende Frage gleichgültig ist, ob und welche Abgaben diese Bauern an irgendwelchen Feudalherrn zu zahlen hatten. Die friesischen, niedersächsischen, flämischen und niederrheinischen Kolonisten, die das den Slawen entrissene Land östlich der Elbe in Bebauung nahmen, taten dies als freie Bauern unter sehr günstigen Zinssätzen, keineswegs aber in »irgendeiner Art von Frondienst«. - in Nordamerika ist bei weitem der größte Teil des Landes durch Arbeit freier Bauern der Kultur erschlossen worden, während die großen Grundherrn des Südens mit ihren Sklaven und ihrem Raubbau den Boden erschöpften, bis er nur noch Tannen trug, so daß die Baumwollkultur immer weiter nach Westen wandern mußte. In Australien und Neuseeland sind alle Versuche der englischen Regierung, eine Bodenaristokratie künstlich herzustellen, gescheitert. Kurz, wenn wir die tropischen und subtropischen Kolonien ausnehmen, in denen das Klima dem Europäer die Ackerbauarbeit verbietet, erweist sich der vermittelst seiner Sklaven oder Fronknechte die Natur seiner Herrschaft unterwerfende, den Boden urbar machende große Grundherr als ein pures Phantasiegebilde. Im Gegenteil. Wo er im Altertum auftritt, wie in Italien, macht er nicht Wüstland urbar, sondern verwandelt das von Bauern urbar gemachte Ackerland in Viehweide, entvölkert und ruiniert ganze Länder. Erst in neuerer Zeit, erst seitdem die dichtere Bevölkerung den Bodenwert |165| gehoben und namentlich seit die Entwicklung der Agronomie auch schlechtern Boden verwendbarer gemacht hat - erst da hat der große Grundbesitz angefangen, an der Urbarmachung von Ödland und Weideland in großem Maßstab sich zu beteiligen, und das vornehmlich durch Diebstahl am Gemeindeland der Bauern, sowohl in England wie in Deutschland. Und auch das nicht ohne Gegengewicht. Für jeden Acker Gemeindeland, den die großen Grundbesitzer in England urbar gemacht, haben sie in Schottland mindestens drei Acker urbares Land in Schaftrift und zuletzt gar in bloßes Jagdrevier für Hochwild verwandelt.

Wir haben es hier nur mit der Behauptung des Herrn Dühring zu tun, daß die Urbarmachung größerer Landstriche, also doch wohl so ziemlich des ganzen Kulturgebiets »nie und nirgends« anders vollzogen worden sei, als durch große Grundherrn und Knechte - eine Behauptung, von der wir gesehn haben, daß sie eine wahrhaft unerhörte Unkenntnis der Geschichte »zur Voraussetzung hat«. Wir haben uns also hier weder darum zu kümmern, inwiefern zu verschiednen Zeiten bereits ganz oder größtenteils urbare Landstriche durch Sklaven (wie zur Blütezeit Griechenlands) oder Hörige (wie die Fronhöfe seit dem Mittelalter) bebaut worden sind, noch darum, welches die gesellschaftliche Funktion der großen Grundbesitzer zu verschiednen Zeiten gewesen ist.

Und nachdem Herr Dühring uns dies meisterhafte Phantasiegemälde vorgehalten, von dem man nicht weiß, was man mehr bewundern soll, die Taschenspielerkunst der Deduktion oder die Geschichtsfälschung - ruft er triumphierend aus:

»Selbstverständlich sind alle andern Gattungen des Verteilungsreichtums geschichtlich auf ähnliche Weise zu erklären

Womit er sich natürlich die Mühe erspart, über die Entstehung z.B. des Kapitals auch nur ein einziges weiteres Wörtchen zu verlieren.

Wenn Herr Dühring mit seiner Beherrschung des Menschen durch den Menschen als Vorbedingung der Beherrschung der Natur durch den Menschen im allgemeinen nur sagen will, daß unser gesamter gegenwärtiger ökonomischer Zustand, die heute erreichte Entwicklungsstufe von Ackerbau und Industrie, das Resultat einer sich in Klassengegensätzen, in Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnissen abwickelnden Gesellschaftsgeschichte ist, so sagt er etwas, das seit dem »Kommunistischen Manifest« längst Gemeinplatz geworden ist. Es kommt eben darauf an, die Entstehung der Klassen und der Herrschaftsverhältnisse zu erklären, und wenn Herr Dühring dafür immer nur das eine Wort »Gewalt« hat, so sind wir damit |166| genausoweit wie am Anfang. Die einfache Tatsache, daß die Beherrschten und Ausgebeuteten zu allen Zeiten weit zahlreicher sind als die Herrscher und Ausbeuter, daß also die wirkliche Gewalt bei jenen ruht, reicht allein hin, um die Torheit der ganzen Gewaltstheorie klarzustellen. Es handelt sich also immer noch um die Erklärung der Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisse.

Sie sind auf zwiefachem Wege entstanden.

Wie die Menschen ursprünglich aus dem Tierreich - im engern Sinne - heraustreten, so treten sie in die Geschichte ein: noch halb Tiere, roh, noch ohnmächtig gegenüber den Kräften der Natur, noch unbekannt mit ihren eignen; daher arm wie die Tiere und kaum produktiver als sie. Es herrscht eine gewisse Gleichheit der Lebenslage und für die Familienhäupter auch eine Art Gleichheit der gesellschaftlichen Stellung - wenigstens eine Abwesenheit von Gesellschaftsklassen, die noch in den naturwüchsigen, ackerbautreibenden Gemeinwesen der spätern Kulturvölker fortdauert. In jedem solchen Gemeinwesen bestehn von Anfang an gewisse gemeinsame Interessen, deren Wahrung einzelnen, wenn auch unter Aufsicht der Gesamtheit, übertragen werden muß: Entscheidung von Streitigkeiten; Repression von Übergriffen einzelner über ihre Berechtigung hinaus; Aufsicht über Gewässer, besonders in heißen Ländern; endlich, bei der Waldursprünglichkeit der Zustände, religiöse Funktionen. Dergleichen Beamtungen finden sich in den urwüchsigen Gemeinwesen zu jeder Zeit, so in den ältesten deutschen Markgenossenschaften und noch heute in Indien. Sie sind selbstredend mit einer gewissen Machtvollkommenheit ausgerüstet und die Anfänge der Staatsgewalt. Allmählich steigern sich die Produktivkräfte; die dichtere Bevölkerung schafft hier gemeinsame, dort widerstreitende Interessen zwischen den einzelnen Gemeinwesen, deren Gruppierung zu größern Ganzen wiederum eine neue Arbeitsteilung, die Schaffung von Organen zur Wahrung der gemeinsamen, zur Abwehr der widerstreitenden Interessen hervorruft. Diese Organe, die schon als Vertreter der gemeinsamen Interessen der ganzen Gruppe, jedem einzelnen Gemeinwesen gegenüber eine besondre, unter Umständen sogar gegensätzliche Stellung haben, verselbständigen sich bald noch mehr, teils durch die, in einer Welt, wo alles naturwüchsig hergeht, fast selbstverständlich eintretende Erblichkeit der Amtsführung, teils durch ihre, mit der Vermehrung der Konflikte mit andern Gruppen wachsende Unentbehrlichkeit. Wie diese Verselbständigung der gesellschaftlichen Funktion gegenüber der Gesellschaft mit der Zeit sich bis zur Herrschaft über die Gesellschaft steigern konnte, wie der ursprüngliche Diener, wo die Gelegenheit günstig, sich allmählich in den |167| Herrn verwandelte, wie je nach den Umständen dieser Herr als orientalischer Despot oder Satrap, als griechischer Stammesfürst, als keltischer Clanchef usw. auftrat, wieweit er sich bei dieser Verwandlung schließlich auch der Gewalt bediente, wie endlich die einzelnen herrschenden Personen sich zu einer herrschenden Klasse zusammenfügten, darauf brauchen wir hier nicht einzugehn. Es kommt hier nur darauf an, festzustellen, daß der politischen Herrschaft überall eine gesellschaftliche Amtstätigkeit zugrunde lag; und die politische Herrschaft hat auch dann nur auf die Dauer bestanden, wenn sie diese ihre gesellschaftliche Amtstätigkeit vollzog. Wie viele Despotien auch über Persien und Indien auf- oder untergegangen sind, jede wußte ganz genau, daß sie vor allem die Gesamtunternehmerin der Berieselung der Flußtäler war, ohne die dort kein Ackerbau möglich. Erst den aufgeklärten Engländern war es vorbehalten, dies in Indien zu übersehn; sie ließen die Rieselkanäle und Schleusen verfallen und entdecken jetzt endlich durch die regelmäßig wiederkehrenden Hungersnöte, daß sie die einzige Tätigkeit vernachlässigt haben, die ihre Herrschaft in Indien wenigstens ebenso rechtmäßig machen könnte, wie die ihrer Vorgänger.

Neben dieser Klassenbildung ging aber noch eine andre. Die naturwüchsige Arbeitsteilung innerhalb der ackerbauenden Familie erlaubte auf einer gewissen Stufe des Wohlstands die Einfügung einer oder mehrerer fremden Arbeitskräfte. Dies war besonders der Fall in Ländern, wo der alte Gemeinbesitz am Boden bereits zerfallen oder doch wenigstens die alte gemeinsame Bebauung der Einzelbebauung der Bodenanteile durch die entsprechenden Familien gewichen war. Die Produktion war so weit entwickelt, daß die menschliche Arbeitskraft jetzt mehr erzeugen konnte, als zu ihrem einfachen Unterhalt nötig war; die Mittel, mehr Arbeitskräfte zu unterhalten, waren vorhanden; diejenigen, sie zu beschäftigen, ebenfalls; die Arbeitskraft bekam einen Wert. Aber das eigne Gemeinwesen und der Verband, dem es angehörte, lieferte keine disponiblen, überschüssigen Arbeitskräfte. Der Krieg dagegen lieferte sie, und der Krieg war so alt wie die gleichzeitige Existenz mehrerer Gemeinschaftsgruppen nebeneinander. Bisher hatte man mit den Kriegsgefangnen nichts anzufangen gewußt, sie also einfach erschlagen, noch früher hatte man sie verspeist. Aber auf der jetzt erreichten Stufe der »Wirtschaftslage« erhielten sie einen Wert; man ließ sie also leben und machte sich ihre Arbeit dienstbar. So wurde die Gewalt, statt die Wirtschaftslage zu beherrschen, im Gegenteil in den Dienst der Wirtschaftslage gepreßt. Die Sklaverei war erfunden. Sie wurde bald die herrschende Form der Produktion bei allen, über das alte Gemeinwesen hinaus sich entwickelnden Völkern, schließlich aber auch eine der Haupt- |168| Ursachen ihres Verfalls. Erst die Sklaverei machte die Teilung der Arbeit zwischen Ackerbau und Industrie auf größerm Maßstab möglich, und damit die Blüte der alten Welt, das Griechentum. Ohne Sklaverei kein griechischer Staat, keine griechische Kunst und Wissenschaft; ohne Sklaverei kein Römerreich. Ohne die Grundlage des Griechentums und des Römerreichs aber auch kein modernes Europa. Wir sollten nie vergessen, daß unsere ganze ökonomische, politische und intellektuelle Entwicklung einen Zustand zur Voraussetzung hat, in dem die Sklaverei ebenso notwendig wie allgemein anerkannt war. In diesem Sinne sind wir berechtigt zu sagen: Ohne antike Sklaverei kein moderner Sozialismus.

Es ist sehr wohlfeil, über Sklaverei und dergleichen in allgemeinen Redensarten loszuziehn und einen hohen sittlichen Zorn über dergleichen Schändlichkeit auszugießen. Leider spricht man damit weiter nichts aus als das, was jedermann weiß, nämlich daß diese antiken Einrichtungen unsern heutigen Zuständen und unsern durch diese Zustände bestimmten Gefühlen nicht mehr entsprechen. Wir erfahren damit aber kein Wort darüber, wie diese Einrichtungen entstanden sind, warum sie bestanden und welche Rolle sie in der Geschichte gespielt haben. Und wenn wir hierauf eingehn, so müssen wir sagen, so widerspruchsvoll und so ketzerisch das auch klingen mag, daß die Einführung der Sklaverei unter den damaligen Umständen ein großer Fortschritt war. Es ist nun einmal eine Tatsache, daß die Menschheit vom Tiere angefangen und daher barbarische, fast tierische Mittel nötig gehabt hat, um sich aus der Barbarei herauszuarbeiten. Die alten Gemeinwesen, wo sie fortbestanden, bilden seit Jahrtausenden die Grundlage der rohesten Staatsform, der orientalischen Despotie, von Indien bis Rußland. Nur wo sie sich auflösten, sind die Völker aus sich selbst weiter vorangeschritten, und ihr nächster ökonomischer Fortschritt bestand in der Steigerung und Fortbildung der Produktion vermittelst der Sklavenarbeit. Es ist klar: solange die menschliche Arbeit noch so wenig produktiv war, daß sie nur wenig Überschuß über die notwendigen Lebensmittel hinaus lieferte, war Steigerung der Produktivkräfte, Ausdehnung des Verkehrs, Entwicklung von Staat und Recht, Begründung von Kunst und Wissenschaft nur möglich vermittelst einer gesteigerten Arbeitsteilung, die zu ihrer Grundlage haben mußte die große Arbeitsteilung zwischen den die einfache Handarbeit besorgenden Massen und den die Leitung der Arbeit, den Handel, die Staatsgeschäfte, und späterhin die Beschäftigung mit Kunst und Wissenschaft betreibenden wenigen Bevorrechteten. Die einfachste, naturwüchsigste Form dieser Arbeitsteilung war eben die Sklaverei. Bei den geschichtlichen Voraussetzungen der alten, speziell der griechischen |169| Welt konnte der Fortschritt zu einer auf Klassengegensätzen gegründeten Gesellschaft sich nur vollziehn in der Form der Sklaverei. Selbst für die Sklaven war dies ein Fortschritt; die Kriegsgefangnen, aus denen die Masse der Sklaven sich rekrutierte, behielten jetzt wenigstens das Leben, statt daß sie früher gemordet oder noch früher gar gebraten wurden.

Fügen wir bei dieser Gelegenheit hinzu, daß alle bisherigen geschichtlichen Gegensätze von ausbeutenden und ausgebeuteten, herrschenden und unterdrückten Klassen ihre Erklärung finden in derselben verhältnismäßig unentwickelten Produktivität der menschlichen Arbeit. Solange die wirklich arbeitende Bevölkerung von ihrer notwendigen Arbeit so sehr in Anspruch genommen wird, daß ihr keine Zeit zur Besorgung der gemeinsamen Geschäfte der Gesellschaft - Arbeitsleitung, Staatsgeschäfte, Rechtsangelegenheiten, Kunst, Wissenschaft etc. - übrigbleibt, solange mußte stets eine besondre Klasse bestehn, die, von der wirklichen Arbeit befreit, diese Angelegenheiten besorgte; wobei sie denn nie verfehlte, den arbeitenden Massen zu ihrem eignen Vorteil mehr und mehr Arbeitslast aufzubürden. Erst die durch die große Industrie erreichte ungeheure Steigerung der Produktivkräfte erlaubt, die Arbeit auf alle Gesellschaftsglieder ohne Ausnahme zu verteilen und dadurch die Arbeitszeit eines jeden so zu beschränken, daß für alle hinreichend freie Zeit bleibt, um sich an den allgemeinen Angelegenheiten der Gesellschaft - theoretischen wie praktischen - zu beteiligen. Erst jetzt also ist jede herrschende und ausbeutende Klasse überflüssig, ja ein Hindernis der gesellschaftlichen Entwicklung geworden, und erst jetzt auch wird sie unerbittlich beseitigt werden, mag sie auch noch sosehr im Besitz der »unmittelbaren Gewalt« sein.

Wenn also Herr Dühring über das Griechentum die Nase rümpft, weil es auf Sklaverei begründet war, so kann er den Griechen mit demselben Recht den Vorwurf machen, daß sie keine Dampfmaschinen und elektrischen Telegraphen hatten. Und wenn er behauptet, unsre moderne Lohnknechtung sei nur als eine etwas verwandelte und gemilderte Erbschaft der Sklaverei und nicht aus sich selbst (das heißt aus den ökonomischen Gesetzen der modernen Gesellschaft) zu erklären, so heißt das entweder nur, daß Lohnarbeit wie Sklaverei Formen der Knechtschaft und der Klassenherrschaft sind, was jedes Kind weiß, oder es ist falsch. Denn mit demselben Recht könnten wir sagen, die Lohnarbeit sei nur zu erklären als eine gemilderte Form der Menschenfresserei, der jetzt überall festgestellten, ursprünglichen Form der Verwendung der besiegten Feinde.

Hiernach ist es klar, welche Rolle die Gewalt in der Geschichte gegenüber der ökonomischen Entwicklung spielt. Erstens beruht alle politische |170| Gewalt ursprünglich auf einer ökonomischen, gesellschaftlichen Funktion und steigert sich in dem Maß, wie durch Auflösung der ursprünglichen Gemeinwesen die Gesellschaftsglieder in Privatproduzenten verwandelt, also den Verwaltern der gemeinsam-gesellschaftlichen Funktionen noch mehr entfremdet werden. Zweitens, nachdem sich die politische Gewalt gegenüber der Gesellschaft verselbständigt, aus der Dienerin in die Herrin verwandelt hat, kann sie in zweierlei Richtung wirken. Entweder wirkt sie im Sinn und in der Richtung der gesetzmäßigen ökonomischen Entwicklung. In diesem Fall besteht kein Streit zwischen beiden, die ökonomische Entwicklung wird beschleunigt. Oder aber sie wirkt ihr entgegen, und dann erliegt sie, mit wenigen Ausnahmen, der ökonomischen Entwicklung regelmäßig. Diese wenigen Ausnahmen sind einzelne Fälle von Eroberung, wo die roheren Eroberer die Bevölkerung eines Landes ausrotteten oder vertrieben und die Produktivkräfte, mit denen sie nichts anzufangen wußten, verwüsteten oder verkommen ließen. So die Christen im maurischen Spanien den größten Teil der Berieselungswerke, auf denen der hochentwickelte Acker- und Gartenbau der Mauren beruht hatte. Jede Eroberung durch ein roheres Volk stört selbstredend die ökonomische Entwicklung und vernichtet zahlreiche Produktivkräfte. Aber in der ungeheuren Mehrzahl der Fälle von dauernder Eroberung muß der rohere Eroberer sich der höhern »Wirtschaftslage«, wie sie aus der Eroberung hervorgeht, anpassen; er wird von den Eroberten assimiliert und muß meist sogar ihre Sprache annehmen. Wo aber - abgesehn von Eroberungsfällen - die innere Staatsgewalt eines Landes in Gegensatz tritt zu seiner ökonomischen Entwicklung, wie das bisher auf gewisser Stufe fast für jede politische Gewalt eingetreten ist, da hat der Kampf jedesmal geendigt mit dem Sturz der politischen Gewalt. Ausnahmslos und unerbittlich hat die ökonomische Entwicklung sich Bahn gebrochen - das letzte schlagendste Beispiel davon haben wir schon erwähnt: die große französische Revolution. Hinge, nach Herrn Dührings Lehre, die Wirtschaftslage und mit ihr die ökonomische Verfassung eines bestimmten Landes einfach von der politischen Gewalt ab, so ist gar nicht abzusehn, warum denn es Friedrich Wilhelm IV. nach 1848 nicht gelingen wollte, trotz seines »herrlichen Knegsheeres«, die mittelalterlichen Zünfte und andre romantische Marotten auf die Eisenbahnen, Dampfmaschinen und die sich eben entwickelnde große Industrie seines Landes zu pfropfen; oder warum der Kaiser von Rußland, der doch noch viel gewaltiger ist, nicht nur seine Schulden nicht bezahlen, sondern nicht einmal ohne fortwährendes Anpumpen der »Wirtschaftslage« von Westeuropa seine »Gewalt« zusammenhalten kann.

|171| Für Herrn Dühring ist die Gewalt das absolut Böse, der erste Gewaltsakt ist ihm der Sündenfall, seine ganze Darstellung ist eine Jammerpredigt über die hiermit vollzogne Ansteckung der ganzen bisherigen Geschichte mit der Erbsünde, über die schmähliche Fälschung aller natürlichen und gesellschaftlichen Gesetze durch diese Teufelsmacht, die Gewalt. Daß die Gewalt aber noch eine andre Rolle in der Geschichte spielt, eine revolutionäre Rolle, daß sie, in Marx' Worten, die Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft ist, die mit einer neuen schwanger geht |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S 779|, daß sie das Werkzeug ist, womit sich die gesellschaftliche Bewegung durchsetzt und erstarrte, abgestorbne politische Formen zerbricht - davon kein Wort bei Herrn Dühring. Nur unter Seufzen und Stöhnen gibt er die Möglichkeit zu, daß zum Sturz der Ausbeutungswirtschaft vielleicht Gewalt nötig sein werde - leider! denn jede Gewaltsanwendung demoralisiere den, der sie anwendet. Und das angesichts des hohen moralischen und geistigen Aufschwungs, der die Folge jeder siegreichen Revolution war! Und das in Deutschland, wo ein gewaltsamer Zusammenstoß, der dem Volk ja aufgenötigt werden kann, wenigstens den Vorteil hätte, die aus der Erniedrigung des Dreißigjährigen Kriegs in das nationale Bewußtsein gedrungne Bedientenhaftigkeit auszutilgen. Und diese matte, saft- und kraftlose Predigerdenkweise macht den Anspruch, sich der revolutionärsten Partei aufzudrängen, die die Geschichte kennt?

 

V.

Werttheorie

Es sind jetzt ungefähr hundert Jahre, seit in Leipzig ein Buch erschien, das bis Anfang dieses Jahrhunderts dreißig und einige Auflagen erlebte, und in Stadt und Land von Behörden, Predigern, Menschenfreunden aller Art verbreitet, verteilt und den Volksschulen allgemein als Lesebuch zugewiesen wurde. Dieses Buch hieß: Rochows Kinderfreund. Es hatte den Zweck, die jugendlichen Sprößlinge der Bauern und Handwerker über ihren Lebensberuf und ihre Pflichten gegen ihre gesellschaftlichen und staatlichen Vorgesetzten zu belehren, ingleichen ihnen eine wohltätige Zufriedenheit mit ihrem Erdenlose, mit Schwarzbrot und Kartoffeln, Frondienst, niedrigem Arbeitslohn, väterlichen Stockprügeln, und andern derartigen Annehmlichkeiten beizubringen, und alles das vermittelst der damals landläufigen Aufklärung. Zu diesem Zweck wurde der Jugend in Stadt und Land vorgehalten, welch eine weise Einrichtung der Natur es doch sei, daß der |172| Mensch sich seinen Lebensunterhalt und seine Genüsse durch Arbeit erwerben müsse, und wie glücklich sich demnach der Bauer und Handwerker zu fühlen habe, daß ihm gestattet sei, sein Mahl durch saure Arbeit zu würzen, statt wie der reiche Prasser an verdorbnem Magen, Gallenstockung oder Verstopfung zu laborieren und die ausgesuchtesten Leckerbissen nur mit Widerwillen hinunterzuwürgen. Dieselben Gemeinplätze, die der alte Rochow gut genug hielt für die kursächsischen Bauernjungen seiner Zeit, bietet uns Herr Dühring auf Seite 14 und folgende des »Cursus« als das »absolut Fundamentale« der neuesten politischen Ökonomie.

»Die menschlichen Bedürfnisse haben als solche ihre natürliche Gesetzmäßigkeit und sind hinsichtlich ihrer Steigerung in Grenzen eingeschlossen, die nur durch die Unnatur eine Zeitlang überschritten werden können, bis aus derselben Ekel, Lebensüberdruß, Abgelebtheit, soziale Verkrüpplung und schließlich heilsame Vernichtung folgen ... Ein aus reinen Vergnügungen bestehendes Spielen, ohne weitern ernsten Zweck führt bald zur Blasiertheit oder, was dasselbe ist, zum Verbrauch aller Empfindungsfähigkeit. Wirkliche Arbeit in irgendeiner Form ist also das soziale Naturgesetz gesunder Gestalten ... Wären die Triebe und Bedürfnisse ohne ein Gegengewicht, so würden sie kaum ein kinderhaftes Dasein, geschweige eine geschichtlich gesteigerte Lebensentwicklung mit sich bringen. Bei voller müheloser Befriedigung würden sie sich bald erschöpfen und ein leeres Dasein in Gestalt lästiger, bis zu ihrer Wiederkehr verfließender Intervalle übriglassen ... In allen Beziehungen ist also die Abhängigkeit der Betätigung der Triebe und Leidenschaften von der Überwindung einer wirtschaftlichen Hemmung ein heilsames Grundgesetz der äußern Natureinrichtung und der innern Menschenbeschaffenheit« usw. usw.

Man sieht, Ehren-Rochows platteste Plattheiten feiern bei Herrn Dühring ihr hundertjähriges Jubiläum, und das obendrein als »tiefere Grundlegung« des einzig wahrhaft kritischen und wissenschaftlichen »sozialitären Systems«.

Nachdem der Grund also gelegt, kann Herr Dühring weiterbauen. In Anwendung der mathematischen Methode gibt er uns zuerst, nach Vorgang des alten Euklid, eine Reihe von Definitionen. Dies ist um so bequemer, als er seine Definitionen gleich so einrichten kann, daß dasjenige, was mit ihrer Hülfe bewiesen werden soll, schon teilweise in ihnen enthalten ist. So erfahren wir zunächst, daß

der leitende Begriff der bisherigen Ökonomie sich Reichtum nennt, und Reichtum, wie er wirklich weltgeschichtlich bis jetzt verstanden worden ist, und sein Reich entwickelt hat, ist »die ökonomische Macht über Menschen und Dinge«.

Dies ist doppelt unrichtig. Erstens war der Reichtum der alten Stamm- und Dorfgemeinden keineswegs eine Herrschaft über Menschen. Und |173| zweitens ist auch in den, in Klassengegensätzen sich bewegenden Gesellschaften der Reichtum, soweit er eine Herrschaft über Menschen einschließt, vorwiegend, fast ausschließlich eine Herrschaft über Menschen vermöge und vermittelst der Herrschaft über Dinge. Von der sehr frühen Zeit an, wo Sklavenfängerei und Sklavenausbeutung getrennte Geschäftszweige wurden, mußten die Ausbeuter von Sklavenarbeit die Sklaven kaufen, die Herrschaft über den Menschen erst durch die Herrschaft über die Dinge, über den Kaufpreis, die Unterhalts- und Arbeitsmittel des Sklaven erwerben. Im ganzen Mittelalter ist großer Grundbesitz die Vorbedingung, vermittelst deren der Feudaladel zu Zins- und Fronbauern kommt. Und heutzutage gar sieht selbst ein Kind von sechs Jahren, daß der Reichtum menschenbeherrschend ist ausschließlich vermittelst der Dinge, über die er verfügt.

Warum aber muß Herr Dühring diese falsche Definition des Reichtums verfertigen, warum den tatsächlichen Zusammenhang, wie er in allen bisherigen Klassengesellschaften galt, zerreißen? Um den Reichtum vom ökonomischen Gebiet aufs moralische hinüberzuzerren. Die Herrschaft über die Dinge ist ganz gut, aber die Herrschaft über die Menschen ist vom Übel; und da Herr Dühring sich selbst verboten hat, die Herrschaft über die Menschen aus der Herrschaft über die Dinge zu erklären, so kann er wieder einen kühnen Griff tun und sie kurzerhand erklären aus der beliebten Gewalt. Der Reichtum als menschenbeherrschender ist »der Raub«, womit wir wieder angekommen sind bei einer verschlechterten Ausgabe des uralten Proudhonschen: »Das Eigentum ist der Diebstahl«.

Und hiermit haben wir denn glücklich den Reichtum unter die beiden wesentlichen Gesichtspunkte der Produktion und Verteilung gebracht: Reichtum als Herrschaft über Dinge: Produktionsreichtum, gute Seite; als Herrschaft über Menschen: bisheriger Verteilungsreichtum, schlechte Seite, fort damit! Auf die heutigen Verhältnisse angewandt, lautet dies: Die kapitalistische Produktionsweise ist ganz gut und kann bleiben, aber die kapitalistische Verteilungsweise taugt nichts und muß abgeschafft werden. Zu solchem Unsinn führt es, wenn man über Ökonomie schreibt, ohne auch nur den Zusammenhang von Produktion und Verteilung begriffen zu haben.

Nach dem Reichtum wird der Wert definiert, wie folgt:

»Der Wert ist die Geltung, welche die wirtschaftlichen Dinge und Leistungen im Verkehr haben.« Diese Geltung entspricht »dem Preise oder irgendeinem sonstigen Äquivalentnamen, z.B. dem Lohne«.

Mit andern Worten: der Wert ist der Preis. Oder vielmehr, um Herrn Dühring kein Unrecht zu tun und den Widersinn seiner Definition mög- |174| lichst in seinen eignen Worten wiederzugeben: der Wert sind die Preise. Denn Seite 19 sagt er:

»der Wert und die ihn in Geld ausdrückenden Preise«,

konstatiert also selbst, daß derselbe Wert sehr verschiedne Preise und damit auch ebensoviel verschiedne Werte hat. Wenn Hegel nicht längst verstorben wäre, er würde sich erhängen. Diesen Wert, der soviel verschiedne Werte ist als er Preise hat, hätte er mit aller Theologik nicht fertiggebracht. Man muß eben wieder die Zuversichtlichkeit des Herrn Dühring besitzen, um eine neue, tiefere Grundlegung der Ökonomie mit der Erklärung zu eröffnen, man kenne keinen andern Unterschied zwischen Preis und Wert, als daß der eine in Geld ausgedrückt sei und der andre nicht.

Damit wissen wir aber noch immer nicht, was der Wert ist und noch weniger, wonach er sich bestimmt. Herr Dühring muß also mit weitern Aufklärungen herausrücken.

»Ganz im allgemeinen liegt das Grundgesetz der Vergleichung und Schätzung, auf welchem der Wert und die ihn in Geld ausdrückenden Preise beruhen, zunächst im Bereich der bloßen Produktion, abgesehn von der Verteilung, die erst ein zweites Element in den Wertbegriff bringt. Die größern oder geringern Hindernisse, welche die Verschiedenheit der Naturverhältnisse den auf die Beschaffung der Dinge gerichteten Bestrebungen entgegensetzt und wodurch sie zu größern oder geringern Ausgaben an wirtschaftlicher Kraft nötigt, bestimmt auch ... den größern oder geringern Wert«, und dieser wird geschätzt nach dem »von der Natur und den Verhältnissen entgegengesetzten Beschaffungswiderstand ... Der Umfang, in welchem wir unsre eigne Kraft in sie« (die Dinge) »hineinlegten, ist die unmittelbar entscheidende Ursache der Existenz vom Wert überhaupt und einer besondern Größe desselben.«

Soweit dies alles einen Sinn hat, heißt es: Der Wert eines Arbeitsprodukts wird bestimmt durch die zu seiner Herstellung nötige Arbeitszeit, und das wußten wir längst, auch ohne Herrn Dühring. Statt die Tatsache einfach mitzuteilen, muß er sie orakelhaft verdrehn. Es ist einfach falsch, daß der Umfang, in dem jemand seine Kraft in irgendein Ding hineinlegt (um die hochtrabende Redensart beizubehalten), die unmittelbar entscheidende Ursache von Wert und Wertgröße ist. Erstens kommt es drauf an, in welches Ding die Kraft hineingelegt wird, und zweitens, wie sie hineingelegt wird. Verfertigt unser Jemand ein Ding, das keinen Gebrauchswert für andre hat, so bringt seine sämtliche Kraft keinen Atom Wert fertig; und steift er sich drauf, einen Gegenstand mit der Hand herzustellen, den eine Maschine zwanzigfach wohlfeiler herstellt, so erzeugen neunzehn Zwanzigstel seiner hineingelegten Kraft weder Wert überhaupt noch eine besondre Größe desselben.

|175| Ferner heißt es die Sache total verdrehn, wenn man die produktive Arbeit, die positive Erzeugnisse schafft, in eine bloß negative Überwindung eines Widerstands verwandelt. Wir würden dann etwa wie folgt verfahren müssen, um zu einem Hemde zu kommen: Erstlich überwinden wir den Widerstand des Baumwollsamens gegen das Gesätwerden und das Wachsen, dann den der reifen Baumwolle gegen das Gepflückt-, Verpackt- und Verschicktwerden, dann den gegen das Ausgepackt-, das Gekratzt- und Gesponnenwerden, ferner den Widerstand des Garns gegen das Gewebtwerden, den des Gewebes gegen das Gebleicht- und Genähtwerden und endlich den des fertigen Hemdes gegen das Angezogenwerden.

Wozu all diese kindische Verkehrung und Verkehrtheit? Um vermittelst des »Widerstandes« vom »Produktionswert«, dem wahren, aber bis jetzt nur idealen Wert, auf den in der bisherigen Geschichte allein geltenden, durch die Gewalt verfälschten »Verteilungswert« zu kommen:

»Außer dem Widerstand, den die Natur leistet ... gibt es noch ein andres, rein soziales Hindernis ... Zwischen den Menschen und die Natur tritt eine hemmende Macht, und diese ist wiederum der Mensch. Der einzig und isoliert Gedachte steht der Natur frei gegenüber ... Anders gestaltet sich die Situation, sobald wir uns einen zweiten denken, der mit dem Degen in der Hand die Zugänge zur Natur und ihren Hülfsquellen besetzt hält und für den Einlaß in irgendeiner Gestalt einen Preis fordert. Dieser zweite ... besteuert gleichsam den andern und ist so der Grund, daß der Wert des Erstrebten größer ausfällt, als es ohne dies politische und gesellschaftliche Hindernis der Beschaffung oder Produktion der Fall sein könnte ... Höchst mannigfaltig sind die besondern Gestaltungen dieser künstlich gesteigerten Geltung der Dinge, die natürlich in einer entsprechenden Niederdrückung der Geltung der Arbeit ihr begleitendes Gegenstück hat ... Es ist daher eine Illusion, den Wert von vornherein als ein Äquivalent im eigentlichen Sinne des Wortes, d.h. ein Gleichvielgelten oder als ein nach dem Prinzip der Gleichheit von Leistung und Gegenleistung zustande gekommnes Austauschverhältnis betrachten zu wollen ... Im Gegenteil wird das Merkmal einer richtigen Werttheorie sein, daß die in ihr gedachte allgemeinste Schätzungsursache nicht mit der auf dem Verteilungszwang beruhenden besondern Gestaltung der Geltung zusammenfalle. Diese wechselt mit der sozialen Verfassung, während der eigentliche ökonomische Wert nur ein der Natur gegenüber bemessener Produktionswert sein kann und sich daher nur mit den reinen Produktionshindernissen natürlicher und technischer Art ändern wird.«

Der praktisch geltende Wert einer Sache besteht also nach Herrn Dühring aus zwei Teilen: erstens aus der in ihr enthaltnen Arbeit und zweitens aus dem »mit dem Degen in der Hand« erzwungnen Besteuerungsaufschlag. Mit andern Worten, der heute geltende Wert ist ein Monopolpreis. Wenn nun, nach dieser Werttheorie, alle Waren einen solchen Monopolpreis |176| haben, so sind nur zwei Fälle möglich. Entweder verliert jeder als Käufer das wieder, was er als Verkäufer gewonnen hat; die Preise haben sich zwar dem Namen nach verändert, sind sich aber in Wirklichkeit - in ihrem gegenseitigen Verhältnis - gleichgeblieben; alles bleibt wie es war, und der vielberühmte Verteilungswert ist bloßer Schein. - Oder aber, die angeblichen Besteuerungsaufschläge repräsentieren eine wirkliche Wertsumme, nämlich diejenige, die von der arbeitenden, werterzeugenden Klasse produziert, aber von der Monopolistenklasse angeeignet wird, und dann besteht diese Wertsumme einfach aus unbezahlter Arbeit; in diesem Fall kommen wir, trotz dem Mann mit dem Degen in der Hand, trotz der angeblichen Besteuerungsaufschläge und dem behaupteten Verteilungswert wieder an - bei der Marxschen Theorie vom Mehrwert.

Sehn wir uns jedoch um nach einigen Exempeln des vielberühmten »Verteilungswerts«. Da heißt es Seite 135 und folgende:

»Es ist auch die Preisgestaltung vermöge der individuellen Konkurrenz als eine Form der ökonomischen Verteilung und der gegenseitigen Tributauferlegung zu betrachten ... man denke sich den Vorrat irgendeiner notwendigen Ware plötzlich bedeutend verringert, so entsteht auf seiten der Verkäufer eine unverhältnismäßige Macht zur Ausbeutung ... wie die Steigerung ins Kolossale gehn kann, zeigen besonders diejenigen abnormen Lagen, in denen die Zufuhr notwendiger Artikel für eine längere Dauer abgeschnitten ist« usw. außerdem gebe es auch im normalen Lauf der Dinge faktische Monopole, die eine willkürliche Preissteigerung erlauben, z.B. Eisenbahnen, Gesellschaften zur Versorgung der Städte mit Wasser und Leuchtgas usw.

Daß solche Gelegenheiten monopolistischer Ausbeutung vorkommen, ist altbekannt. Daß aber die durch sie erzeugten Monopolpreise nicht als Ausnahmen und Spezialfälle, sondern grade als klassische Exempel der heute gültigen Feststellung der Werte gelten sollen, das ist neu. Wie bestimmen sich die Preise der Lebensmittel? Geht in eine belagerte Stadt, wo die Zufuhr abgeschnitten ist, und erkundigt euch! antwortet Herr Dühring. Wie wirkt die Konkurrenz auf die Feststellung der Marktpreise? Fragt das Monopol, es wird euch Rede stehn!

Übrigens ist auch bei diesen Monopolen der Mann mit dem Degen in der Hand, der hinter ihnen stehn soll, nicht zu entdecken. Im Gegenteil: in belagerten Städten pflegt der Mann mit dem Degen, der Kommandant, wenn er seine Schuldigkeit tut, sehr rasch dem Monopol ein Ende zu machen und die Monopolvorräte zum Zweck gleichmäßiger Verteilung mit Beschlag zu belegen. Und im übrigen haben die Männer mit dem Degen, sobald sie versuchten, einen »Verteilungswert« zu fabrizieren, nichts geerntet als schlechte Geschäfte und Geldverlust. Die Holländer haben mit |177| ihrer Monopolisierung des ostindischen Handels ihr Monopol und ihren Handel zugrunde gerichtet. Die beiden stärksten Regierungen, die je bestanden, die nordamerikanische Revolutionsregierung und der französische Nationalkonvent, vermaßen sich, Maximalpreise festsetzen zu wollen, und scheiterten elendiglich. Die russische Regierung arbeitet nun seit Jahren daran, den Kurs des russischen Papiergeldes, den sie durch fortwährende Ausgabe von uneinlösbaren Banknoten in Rußland drückt, in London durch ebenso fortwährende Ankäufe von Wechseln auf Rußland emporzutreiben. Sie hat sich dies Vergnügen in wenigen Jahren an die sechzig Millionen Rubel kosten lassen, und der Rubel steht jetzt unter zwei, statt über drei Mark. Wenn der Degen die ihm von Herrn Dühring zugeschriebne ökonomische Zaubermacht hat, warum hat denn keine Regierung es fertigbringen können, schlechtem Geld auf die Dauer den »Verteilungswert« von gutem, oder Assignaten denjenigen von Gold aufzuzwingen? Und wo ist der Degen, der auf dem Weltmarkt das Kommando führt?

Weiter gibt es noch eine Hauptform, in der der Verteilungswert die Aneignung von Leistungen andrer ohne Gegenleistung vermittelt: die Besitzrente, das heißt die Bodenrente und der Kapitalgewinn. Wir registrieren dies einstweilen bloß, um sagen zu können, daß dies alles ist, was wir über den berühmten »Verteilungswert« erfahren. - Alles? Doch nicht ganz alles. Hören wir:

»Ungeachtet des zweifachen Gesichtspunktes, welcher in der Erkenntnis eines Produktions- und eines Verteilungswerts hervortritt, bleibt dennoch stets ein gemeinsames Etwas als derjenige Gegenstand zugrunde liegen, aus welchem alle Werte bestehn und mit welchem sie daher auch gemessen werden. Das unmittelbare, natürliche Maß ist der Kraftaufwand und die einfachste Einheit die Menschenkraft im rohesten Sinne des Wortes. Die letztere führt sich auf die Existenzzeit zurück, deren Selbstunterhaltung wiederum die Überwindung einer gewissen Summe von Ernährungs- und Lebensschwierigkeiten darstellt. Der Verteilungs- oder Aneignungswert ist rein und ausschließlich nur da vorhanden, wo die Verfügungsmacht über unproduzierte Dinge oder, gewöhnlicher geredet, diese Dinge selbst gegen Leistungen oder Sachen von wirklichem Produktionswert ausgewechselt werden. Das Gleichartige, wie es sich in jedem Wertausdruck und daher auch in den durch Verteilung ohne Gegenleistung angeeigneten Wertbestandteilen angezeigt und vertreten findet, besteht in dem Aufwand an Menschenkraft, die sich ... in jeder Ware ... verkörpert findet.«

Was sollen wir nun hierzu sagen? Wenn alle Warenwerte gemessen werden an dem in den Waren verkörperten Aufwand von Menschenkraft - wo bleibt da der Verteilungswert, der Preisaufschlag, die Bezollung? Herr Dühring sagt uns zwar, daß auch unproduzierte, also eines eigentlichen |178| Werts unfähige Dinge einen Verteilungswert erhalten und gegen produzierte, werthabende Dinge ausgetauscht werden können. Er sagt aber gleichzeitig, daß alle Werte, also auch die reinen und ausschließlichen Verteilungswerte, bestehn in dem in ihnen verkörperten Kraftaufwand. Wobei wir leider nicht erfahren, wie in einem unproduzierten Ding ein Kraftaufwand sich verkörpern soll. Jedenfalls scheint bei all diesem Durcheinander von Werten schließlich soviel klar, daß es mit dem Verteilungswert, mit dem durch die soziale Position erzwungnen Preisaufschlag auf die Waren, mit der Bezollung vermittelst des Degens wieder nichts ist; die Warenwerte werden bestimmt, einzig durch den Aufwand von Menschenkraft, vulgo Arbeit, die sich in ihnen verkörpert findet? Herr Dühring sagt also, abgesehn von der Bodenrente und den paar Monopolpreisen, dasselbe, nur liederlicher und konfuser, was die verschriene Ricardo-Marxsche Werttheorie längst weit bestimmter und klarer gesagt hat?

Er sagt es, und er sagt im selben Atem das Gegenteil. Marx, von den Untersuchungen Ricardos ausgehend, sagt: Der Warenwert wird bestimmt durch die in den Waren verkörperte gesellschaftlich notwendige, allgemein menschliche Arbeit, die wieder nach ihrer Zeitdauer gemessen wird. Die Arbeit ist das Maß aller Werte, sie selbst aber hat keinen Wert. Herr Dühring, nachdem er in seiner loddrigen Weise ebenfalls die Arbeit als Wertmaß hingestellt hat, fährt fort:

sie »führt sich auf die Existenzzeit zurück, deren Selbstunterhaltung wiederum die Überwindung einer gewissen Summe von Ernährungs- und Lebensschwierigkeiten darstellt«.

Vernachlässigen wir die auf purer Originalitätssucht beruhende Verwechslung der Arbeitszeit, auf die es hier allein ankommt, mit der Existenzzeit, die bisher noch nie Werte geschaffen oder gemessen hat. Vernachlässigen wir auch den falschen »sozialitären« Schein, den die »Selbstunterhaltung« dieser Existenzzeit hineinbringen soll; solange die Welt bestanden hat und bestehn wird, muß jeder sich in dem Sinne selbst unterhalten, daß er seine Unterhaltsmittel selbst verzehrt. Nehmen wir an, Herr Dühring habe sich ökonomisch und präzis ausgedrückt, so heißt obiger Satz entweder gar nichts, oder er heißt: Der Wert einer Ware wird bestimmt durch die in ihr verkörperte Arbeitszeit, und der Wert dieser Arbeitszeit durch die zur Erhaltung des Arbeiters für diese Zeit erforderlichen Lebensmittel. Und das heißt für die heutige Gesellschaft; der Wert einer Ware wird bestimmt durch den in ihr enthaltenen Arbeitslohn.

Hiermit sind wir endlich angekommen bei dem, was Herr Dühring |179| eigentlich sagen will. Der Wert einer Ware bestimmt sich, nach vulgärökonomischer Redeweise, durch die Herstellungskosten;

wogegen Carey »die Wahrheit hervorhob, daß nicht die Produktionskosten, sondern die Reproduktionskosten den Wert bestimmen« (»Kritische Geschichte« Seite 401).

Was es mit diesen Herstellungs- oder Wiederherstellungskosten auf sich hat, davon später; hier nur dies, daß sie bekanntlich bestehn aus Arbeitslohn und Kapitalprofit. Der Arbeitslohn stellt dar den in der Ware verkörperten »Kraftaufwand«, den Produktionswert. Der Profit stellt dar den vom Kapitalisten kraft seines Monopols, seines Degens in der Hand erzwungnen Zoll oder Preisaufschlag, den Verteilungswert. Und so löst sich die ganze widerspruchsvolle Verwirrung der Dühringschen Werttheorie schließlich auf in die schönste harmonische Klarheit.

Die Bestimmung des Warenwertes durch den Arbeitslohn, die bei Adam Smith noch häufig mit der Bestimmung des Werts durch die Arbeitszeit durcheinanderläuft, ist seit Ricardo aus der wissenschaftlichen Ökonomie verbannt und treibt heutzutage ihr Wesen nur noch in der Vulgärökonomie. Es sind grade die allerplattsten Sykophanten der bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die die Wertbestimmung durch den Arbeitslohn predigen, und dabei gleichzeitig den Profit des Kapitalisten ebenfalls als eine höhere Art von Arbeitslohn, als Entsagungslohn (dafür daß der Kapitalist sein Kapital nicht verjubelt hat), als Risikoprämie, als Geschäftsführungslohn usw. ausgeben. Herr Dühring unterscheidet sich von ihnen nur dadurch, daß er den Profit für Raub erklärt. Mit andern Worten, Herr Dühring begründet seinen Sozialismus direkt auf die Lehren der schlechtesten Sorte Vulgärökonomie. Soviel an dieser Vulgärökonomie, genausoviel ist an seinem Sozialismus. Beide stehn und fallen miteinander.

Es ist doch klar: was ein Arbeiter leistet und was er kostet, sind ebenso verschiedne Dinge, wie was eine Maschine leistet und was sie kostet. Der Wert, den ein Arbeiter in einem Arbeitstage von zwölf Stunden schafft, hat gar nichts gemein mit dem Wert der Lebensmittel, die er in diesem Arbeitstage und der dazu gehörenden Ruhepause verzehrt. In diesen Lebensmitteln mag eine drei-, vier-, siebenstündige Arbeitszeit verkörpert sein, je nach dem Entwicklungsgrad der Ergiebigkeit der Arbeit. Nehmen wir an, es seien sieben Arbeitsstunden zu ihrer Herstellung nötig gewesen, so besagt die von Herrn Dühring angenommene vulgärökonomische Werttheorie, daß das Produkt von zwölf Arbeitsstunden den Wert des Produkts von sieben Arbeitsstunden hat, daß zwölf Arbeitsstunden gleich sind sieben Arbeitsstunden, oder daß 12 = 7. Um noch deutlicher zu sprechen: Ein |180| Arbeiter auf dem Lande, gleichviel unter welchen gesellschaftlichen Verhältnissen, produziert eine Getreidesumme meinetwegen von zwanzig Hektoliter Weizen im Jahr. Er verbraucht während dieser Zeit eine Summe von Werten, die sich in einer Summe von fünfzehn Hektoliter Weizen ausdrückt. Dann haben die zwanzig Hektoliter Weizen denselben Wert wie die fünfzehn, und das auf demselben Markt und unter sonst sich vollständig gleichbleibenden Umständen, mit andern Worten, 20 sind gleich 15. Und das nennt sich Ökonomie!

Alle Entwicklung der menschlichen Gesellschaft über die Stufe tierischer Wildheit hinaus fängt an von dem Tage, wo die Arbeit der Familie mehr Produkte schuf, als zu ihrem Unterhalt notwendig waren, von dem Tage, wo ein Teil der Arbeit auf die Erzeugung nicht mehr von bloßen Lebensmitteln, sondern von Produktionsmitteln verwandt werden konnte. Ein Überschuß des Arbeitsprodukts über die Unterhaltungskosten der Arbeit, und die Bildung und Vermehrung eines gesellschaftlichen Produktions- und Reservefonds aus diesem Überschuß, war und ist die Grundlage aller gesellschaftlichen, politischen und intellektuellen Fortentwicklung. In der bisherigen Geschichte war dieser Fonds das Besitztum einer bevorzugten Klasse, der mit diesem Besitztum auch die politische Herrschaft und die geistige Führung zufielen. Die bevorstehende soziale Umwälzung wird diesen gesellschaftlichen Produktions- und Reservefonds, das heißt die Gesamtmasse der Rohstoffe, Produktionsinstrumente und Lebensmittel, erst wirklich zu einem gesellschaftlichen machen, indem sie ihn der Verfügung jener bevorzugten Klasse entzieht, und ihn der ganzen Gesellschaft als Gemeingut überweist.

Von zwei Dingen eins. Entweder bestimmt sich der Wert der Waren durch die Unterhaltskosten der zu ihrer Herstellung nötigen Arbeit, d.h. in der heutigen Gesellschaft durch den Arbeitslohn. Dann erhält jeder Arbeiter in seinem Lohn den Wert seines Arbeitsprodukts, dann ist eine Ausbeutung der Klasse der Lohnarbeiter durch die Klasse der Kapitalisten eine Unmöglichkeit. Gesetzt, die Unterhaltungskosten eines Arbeiters seien in einer gegebnen Gesellschaft durch die Summe von drei Mark ausgedrückt. Dann hat das Tagesprodukt des Arbeiters nach der obigen vulgärökonomischen Theorie den Wert von drei Mark. Nehmen wir nun an, der Kapitalist, der diesen Arbeiter beschäftigt, schlage auf dies Produkt einen Profit, eine Bezollung von einer Mark und verkaufe es für vier Mark. Dasselbe tun die andern Kapitalisten. Alsdann aber kann der Arbeiter seinen täglichen Unterhalt nicht mehr mit drei Mark bestreiten, sondern braucht dazu ebenfalls vier Mark. Da alle andern Umstände als gleichbleibend vorausgesetzt |181| sind, so muß der in Lebensmitteln ausgedrückte Arbeitslohn derselbe bleiben, der in Geld ausgedrückte Arbeitslohn muß also steigen, und zwar von drei auf vier Mark täglich. Was die Kapitalisten in der Gestalt von Profit der Arbeiterklasse entziehn, müssen sie ihr in der Gestalt von Lohn wiedergeben. Wir sind genau so weit wie am Anfang; wenn der Arbeitslohn den Wert bestimmt, ist keine Ausbeutung des Arbeiters durch den Kapitalisten möglich. Es ist aber auch die Bildung eines Überschusses von Produkten unmöglich, denn die Arbeiter verzehren nach unsrer Voraussetzung genausoviel Wert, wie sie erzeugen. Und da die Kapitalisten keinen Wert erzeugen, ist sogar nicht einmal abzusehn, wovon sie leben wollen. Und wenn nun ein solcher Überschuß der Produktion über die Konsumtion, ein solcher Produktions- und Reservefonds dennoch besteht, und zwar in den Händen der Kapitalisten, so bleibt keine andre Erklärung möglich, als daß die Arbeiter bloß den Wert der Waren zu ihrer Selbstunterhaltung verzehren, die Waren selbst aber den Kapitalisten zum weitern Gebrauch überlassen haben.

Oder aber: wenn dieser Produktions- und Reservefonds in den Händen der Kapitalistenklasse tatsächlich besteht, wenn er tatsächlich durch Aufhäufung von Profit entstanden ist (die Bodenrente lassen wir hier einstweilen aus dem Spiel): so besteht er notwendig aus dem aufgehäuften Überschuß des der Kapitalistenklasse von der Arbeiterklasse gelieferten Arbeitsprodukts über die der Arbeiterklasse von der Kapitalistenklasse gezahlte Summe Arbeitslohn. Dann bestimmt sich aber der Wert nicht durch den Arbeitslohn, sondern durch die Arbeitsmenge; dann liefert die Arbeiterklasse der Kapitalistenklasse im Arbeitsprodukt eine größere Wertmenge, als sie von ihr im Arbeitslohn bezahlt erhält, und dann erklärt sich der Kapitalprofit, wie alle andern Formen der Aneignung fremden, unbezahlten Arbeitsprodukts, als bloßer Bestandteil dieses von Marx entdeckten Mehrwerts.

Beiläufig. Von der großen Entdeckung, mit der Ricardo sein Hauptwerk eröffnet:

»Daß der Wert einer Ware abhängt von der zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitsmenge, nicht aber von der für diese Arbeit gezahlten höhern oder niedrigern Vergütung« -

von dieser epochemachenden Entdeckung ist im ganzen »Cursus« der Ökonomie nirgends die Rede. In der »Kritischen Geschichte« wird sie mit der orakelhaften Phrase abgefertigt:

»Es wird« (von Ricardo) »nicht bedacht, daß ein größeres oder geringeres Verhältnis, in welchem der Lohn eine Anweisung auf die Lebensbedürfnisse sein kann (!), auch eine verschiedenartige Gestaltung der Wertverhältnisse ... mit sich bringen muß!«

|182| Eine Phrase, wobei sich der Leser denken kann, was er will, und wobei er am sichersten geht, wenn er sich gar nichts dabei denkt.

Und nun möge der Leser sich von den fünf Sorten Wert, mit denen Herr Dühring uns aufwartet, selber diejenige aussuchen, die ihm am besten gefällt: den Produktionswert, der von Natur kommt, oder den Verteilungswert, den die Schlechtigkeit der Menschen geschaffen hat und der sich dadurch auszeichnet, daß er nach dem Kraftaufwand gemessen wird, der nicht in ihm steckt; oder drittens den Wert, der durch die Arbeitszeit gemessen wird, oder viertens den, der durch die Reproduktionskosten, oder endlich den, der durch den Arbeitslohn gemessen wird. Die Auswahl ist reichlich, die Konfusion vollkommen, und es bleibt uns nur noch übrig, mit Herrn Dühring auszurufen:

»Die Lehre vom Wert ist der Probierstein der Gediegenheit ökonomischer Systeme!«

 

VI.

Einfache und zusammengesetzte Arbeit

Einen ganz groben ökonomischen Quartanerschnitzer, der zugleich eine gemeingefährliche sozialistische Ketzerei in sich schließt, hat Herr Dühring bei Marx entdeckt.

Die Marxsche Werttheorie ist »nichts weiter als die gewöhnliche ... Lehre, daß die Arbeit Ursache aller Werte und die Arbeitszeit das Maß derselben sei. In völliger Unklarheit verbleibt hierbei die Vorstellung von der Art, wie man den unterschiedlichen Wert der sogenannten qualifizierten Arbeit denken solle... Allerdings kann auch nach unserer Theorie nur die verwendete Arbeitszeit die natürlichen Selbstkosten und mithin den absoluten Wert der wirtschaftlichen Dinge messen; aber hierbei wird die Arbeitszeit eines jeden von vornherein völlig gleichzuachten sein, und man wird nur zuzusehn haben, wo bei qualifiziertern Leistungen zu der individuellen Arbeitszeit des einzelnen noch diejenige andrer Personen ... etwa in dem gebrauchten Werkzeug, mitwirkt. Es ist also nicht, wie sich Herr Marx nebelhaft vorstellt, die Arbeitszeit jemandes an sich mehr wert als die einer andern Person, weil darin mehr durchschnittliche Arbeitszeit gleichsam verdichtet wäre, sondern alle Arbeitszeit ist ausnahmslos und prinzipiell, also ohne daß man erst einen Durchschnitt zu nehmen hätte, vollkommen gleichwertig, und man hat nur bei den Leistungen einer Person, ebenso wie bei jedem fertigen Erzeugnis zuzusehn, wieviel Arbeitszeit andrer Personen in der Anwendung scheinbar bloß eigner Arbeitszeit verdeckt sein möge. Ob es ein Produktionswerkzeug der Hand oder die Hand, ja der Kopf selbst ist, was nicht ohne andrer Leute Arbeitszeit die besondre Eigenschaft und Leistungsfähigkeit erhalten konnte, darauf kommt für die strenge Gültigkeit der Theorie nicht das mindeste an. Herr Marx wird aber in seinen Auslassungen über den Wert das im Hintergrund spukende Gespenst einer qualifizier- |183| ten Arbeitszeit nicht los. In dieser Richtung durchzugreifen, hat ihn die überkommne Denkweise der gelehrten Klassen gehindert, der es als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen muß, die Arbeitszeit des Karrenschiebers und diejenige des Architekten an sich als ökonomisch völlig gleichwertig anzuerkennen.«

Die Stelle bei Marx, die diesen »gewaltigem Zorn«des Herrn Dühring veranlaßt, ist sehr kurz. Marx untersucht, wodurch der Wert der Waren bestimmt wird, und antwortet: Durch die in ihnen enthaltene menschliche Arbeit. Diese, fährt er fort, »ist Verausgabung einfacher Arbeitskraft, die im Durchschnitt jeder gewöhnliche Mensch ohne besondre Entwicklung in seinem leiblichen Organismus besitzt ... Kompliziertere Arbeit gilt nur als potenzierte oder vielmehr multiplizierte einfache Arbeit, so daß ein kleineres Quantum komplizierter Arbeit gleich einem größern Quantum einfacher Arbeit. Daß diese Reduktion beständig vorgeht, zeigt die Erfahrung. Eine Ware mag das Produkt der kompliziertesten Arbeit sein, ihr Wert setzt sie dem Produkt einfacher Arbeit gleich und stellt daher selbst nur ein bestimmtes Quantum einfacher Arbeit dar. Die verschiednen Proportionen, worin verschiedne Arbeitsarten auf einfache Arbeit als ihre Maßeinheit reduziert sind, werden durch einen gesellschaftlichen Prozeß hinter dem Rücken der Produzenten festgesetzt, und scheinen ihnen daher durch das Herkommen gegeben.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 59|

Es handelt sich hier bei Marx zunächst nur um die Bestimmung des Werts von Waren, also von Gegenständen, die innerhalb einer aus Privatproduzenten bestehenden Gesellschaft, von diesen Privatproduzenten für Privatrechnung produziert und gegeneinander ausgetauscht werden. Es handelt sich hier also keineswegs um den »absoluten Wert«, wo dieser auch immer sein Wesen treiben möge, sondern um den Wert, der in einer bestimmten Gesellschaftsform Geltung hat. Dieser Wert, in dieser bestimmten geschichtlichen Fassung, erweist sich als geschaffen und gemessen durch die in den einzelnen Waren verkörperte menschliche Arbeit, und diese menschliche Arbeit erweist sich weiterhin als Verausgabung einfacher Arbeitskraft. Nun ist aber nicht jede Arbeit eine bloße Verausgabung von einfacher menschlicher Arbeitskraft; sehr viele Gattungen von Arbeit schließen die Anwendung von mit mehr oder weniger Mühe, Zeit- und Geldaufwand erworbnen Geschicklichkeiten oder Kenntnissen in sich ein. Erzeugen diese Arten von zusammengesetzter Arbeit in gleichen Zeiträumen denselben Warenwert wie die einfache Arbeit, die Verausgabung von bloßer einfacher Arbeitskraft? Augenscheinlich nein. Das Produkt der Stunde zusammen- |184| gesetzter Arbeit ist eine Ware von höherm, doppeltem oder dreifachem Wert, verglichen mit dem Produkt der Stunde einfacher Arbeit. Der Wert der Erzeugnisse der zusammengesetzten Arbeit wird durch diese Vergleichung ausgedrückt in bestimmten Mengen einfacher Arbeit; aber diese Reduktion der zusammengesetzten Arbeit vollzieht sich durch einen gesellschaftlichen Prozeß, hinter dem Rücken der Produzenten, durch einen Vorgang, der hier, bei der Entwicklung der Werttheorie, nur festzustellen, aber noch nicht zu erklären ist.

Diese einfache, in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft sich täglich vor unsern Augen vollziehende Tatsache ist es, die Marx hier konstatiert. Diese Tatsache ist so unbestreitbar, daß selbst Herr Dühring sie weder in seinem »Cursus« noch in seiner Geschichte der Ökonomie zu bestreiten wagt; und die Marxsche Darstellung ist so einfach und durchsichtig, daß sicher niemand »in völliger Unklarheit hierbei verbleibt« außer Herrn Dühring. Vermittelst dieser seiner völligen Unklarheit versieht er den Warenwert, mit dessen Untersuchung sich Marx zunächst allein beschäftigt, für »die natürlichen Selbstkosten«, die die Unklarheit nur noch völliger machen, und gar für den »absoluten Wert«, der bisher in der Ökonomie unsres Wissens nirgendwo Kurs hatte. Was aber Herr Dühring auch unter den natürlichen Selbstkosten verstehn und welche seiner fünf Arten Wert auch die Ehre haben möge, den absoluten Wert vorzustellen, soviel ist sicher, daß von allen diesen Dingen bei Marx nicht die Rede ist, sondern nur vom Warenwert; und daß in dem ganzen Abschnitt des »Kapital« über den Wert auch nicht die geringste Andeutung darüber vorkommt, ob oder in welcher Ausdehnung Marx diese Theorie des Warenwerts auch auf andre Gesellschaftsformen anwendbar hält.

Es ist also nicht, fährt Herr Dühring fort, »es ist also nicht, wie sich Herr Marx nebelhaft vorstellt, die Arbeitszeit jemandes an sich mehr wert, als die einer andern Person, weil darin mehr durchschnittliche Arbeit gleichsam verdichtet wäre, sondern alle Arbeitszeit ist ausnahmslos und prinzipiell, also ohne daß man erst einen Durchschnitt zu nehmen hätte, vollkommen gleichwertig«.

Es ist ein Glück für Herrn Dühring, daß ihn das Schicksal nicht zum Fabrikanten gemacht und ihn so davor bewahrt hat, den Wert seiner Waren nach dieser neuen Regel anzusetzen und damit dem Bankrott unfehlbar in die Arme zu laufen. Doch wie! Befinden wir uns hier denn noch in der Gesellschaft der Fabrikanten? Keineswegs. Mit den natürlichen Selbstkosten und dem absoluten Wert hat uns Herr Dühring einen Sprung machen lassen, einen wahren Salto mortale aus der gegenwärtigen schlechten Welt der Ausbeuter in seine eigne Wirtschaftskommune der Zukunft, in die reine |185| Himmelsluft der Gleichheit und Gerechtigkeit, und wir müssen uns also diese neue Welt, wenn auch vorzeitig, hier schon ein wenig ansehn.

Allerdings kann, nach Herrn Dührings Theorie, auch in der Wirtschaftskommune nur die verwendete Arbeitszeit den Wert der wirtschaftlichen Dinge messen, aber hierbei wird die Arbeitszeit eines jeden von vornherein völlig gleichzuachten sein, alle Arbeitszeit ist ausnahmslos und prinzipiell vollkommen gleichwertig, und zwar ohne daß man erst einen Durchschnitt zu nehmen hätte. Und nun halte man gegen diesen radikalen Gleichheitssozialismus die nebelhafte Vorstellung von Marx, als sei die Arbeitszeit jemandes an sich mehr wert als die einer andern Person, weil darin mehr durchschnittliche Arbeitszeit verdichtet sei, eine Vorstellung, in der ihn die überkommne Denkweise der gelehrten Klassen befangen hält, der es als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen muß, die Arbeitszeit des Karrenschiebers und die des Architekten als ökonomisch völlig gleichwertig anzuerkennen!

Leider macht Marx zu der oben angeführten Stelle im »Kapital« die kleine Anmerkung: »Der Leser muß aufmerken, daß hier nicht vom Lohn oder Wert die Rede ist, den der Arbeiter etwa für einen Arbeitstag erhält, sondern vom Warenwert, worin sich sein Arbeitstag vergegenständlicht.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 59, alle Hervorhebungen von Engels| Marx, der hier seinen Dühring vorhergeahnt zu haben scheint, verwahrt sich also selbst dagegen, daß man seine obigen Sätze auch nur auf den in der heutigen Gesellschaft für zusammengesetzte Arbeit etwa zu zahlenden Lohn anwende. Und wenn Herr Dühring, nicht zufrieden damit, dies dennoch zu tun, jene Sätze für die Grundsätze ausgibt, nach denen Marx die Verteilung der Lebensmittel in der sozialistisch organisierten Gesellschaft geregelt wissen wolle, so ist das eine Schamlosigkeit der Unterschiebung, die nur in der Revolverliteratur ihresgleichen findet.

Doch besehn wir uns die Gleichwertigkeitslehre etwas näher. Alle Arbeitszeit ist vollkommen gleichwertig, die des Karrenschiebers und die des Architekten. Also hat die Arbeitszeit, und damit die Arbeit selbst, einen Wert. Die Arbeit aber ist die Erzeugerin aller Werte. Sie allein ist es, die den vorgefundnen Naturprodukten einen Wert im ökonomischen Sinne gibt. Der Wert selbst ist nichts andres, als der Ausdruck der in einem Ding vergegenständlichten, gesellschaftlich notwendigen menschlichen Arbeit. Die Arbeit kann also keinen Wert haben. Ebensogut wie von einem Wert der Arbeit sprechen und ihn bestimmen wollen, ebensogut könnte man vom Wert des Werts sprechen oder das Gewicht, nicht eines schweren Körpers, |186| sondern der Schwere selbst bestimmen wollen. Herr Dühring fertigt Leute wie Owen, Saint-Simon und Fourier ab mit dem Titel: soziale Alchimisten. Indem er über den Wert der Arbeitszeit, d.h. der Arbeit spintisiert, beweist er, daß er noch tief unter den wirklichen Alchimisten steht. Und nun ermesse man die Kühnheit, mit der Herr Dühring Marx die Behauptung in die Schuhe schiebt, als sei die Arbeitszeit jemandes an sich mehr wert, als die einer andern Person, als habe die Arbeitszeit, also die Arbeit, einen Wert - Marx, der zuerst entwickelt hat, daß und warum die Arbeit keinen Wert haben kann!

Für den Sozialismus, der die menschliche Arbeitskraft von ihrer Stellung als Ware emanzipieren will, ist die Einsicht von hoher Wichtigkeit, daß die Arbeit keinen Wert hat, keinen haben kann. Mit ihr fallen alle Versuche, die sich aus dem naturwüchsigen Arbeitersozialismus auf Herrn Dühring vererbt haben, die künftige Verteilung der Existenzmittel als eine Art höhern Arbeitslohns zu regulieren. Aus ihr folgt die weitere Einsicht, daß die Verteilung, soweit sie durch rein ökonomische Rücksichten beherrscht wird, sich regeln wird durch das Interesse der Produktion, und die Produktion wird gefördert am meisten durch eine Verteilungsweise, die allen Gesellschaftsgliedern erlaubt, ihre Fähigkeiten möglichst allseitig auszubilden, zu erhalten und auszuüben. Der dem Herrn Dühring überkommnen Denkweise der gelehrten Klassen muß es allerdings als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen, daß es einmal keine Karrenschieber und keine Architekten von Profession mehr geben soll und daß der Mann, der eine halbe Stunde lang als Architekt Anweisungen gegeben hat, auch eine Zeitlang die Karre schiebt, bis seine Tätigkeit als Architekt wieder in Anspruch genommen wird. Ein schöner Sozialismus, der die Karrenschieber von Profession verewigt!

Soll die Gleichwertigkeit der Arbeitszeit den Sinn haben, daß jeder Arbeiter in gleichen Zeiträumen gleiche Werte produziert, ohne daß man erst einen Durchschnitt zu nehmen hätte, so ist das augenscheinlich falsch. Bei zwei Arbeitern, auch desselben Geschäftszweigs, wird sich das Wertprodukt der Arbeitsstunde immer nach Intensität der Arbeit und Geschicklichkeit verschieden stellen; diesem Übelstand, der indes nur für Leute à la Dühring einer ist, kann nun einmal keine Wirtschaftskommune, wenigstens nicht auf unsrem Weltkörper, abhelfen. Was bleibt also von der ganzen Gleichwertigkeit aller und jeder Arbeit? Nichts als die pure renommistische Phrase, die keine andre ökonomische Unterlage hat, als die Unfähigkeit des Herrn Dühring, zu unterscheiden zwischen Bestimmung des Werts durch die Arbeit und Bestimmung des Werts durch den Arbeitslohn - nichts als |187| der Ukas, das Grundgesetz der neuen Wirtschaftskommune: Der Arbeitslohn für gleiche Arbeitszeit soll gleich sein! Da hatten die alten französischen Arbeiterkommunisten und Weitling doch weit bessere Gründe für ihre Lohngleichheit.

Wie löst sich nun die ganze wichtige Frage von der höhern Löhnung der zusammengesetzten Arbeit? in der Gesellschaft von Privatproduzenten bestreiten die Privatleute oder ihre Familien die Kosten der Ausbildung des gelernten Arbeiters; den Privaten fällt daher auch zunächst der höhere Preis der gelernten Arbeitskraft zu: der geschickte Sklave wird teurer verkauft, der geschickte Lohnarbeiter höher gelohnt. In der sozialistisch organisierten Gesellschaft bestreitet die Gesellschaft diese Kosten, ihr gehören daher auch die Früchte, die erzeugten größern Werte der zusammengesetzten Arbeit. Der Arbeiter selbst hat keinen Mehranspruch. Woraus nebenbei noch die Nutzanwendung folgt, daß es mit dem beliebten Anspruch des Arbeiters auf »den vollen Arbeitsertrag« doch auch manchmal seinen Haken hat.

 

VII.

Kapital und Mehrwert

»Vom Kapital hegt Herr Marx zunächst nicht den gemeingültigen ökonomischen Begriff, demzufolge es produziertes Produktionsmittel ist, sondern versucht es, eine speziellere, dialektisch-historische, in das Metamorphosenspiel der Begriffe und der Geschichte eingehende Idee aufzureiben. Das Kapital soll sich aus dem Gelde erzeugen; es soll eine historische Phase bilden, die mit dem 16. Jahrhundert, nämlich mit den für diese Zeit vorausgesetzten Anfängen zu einem Weltmarkt, beginnt. Offenbar geht nun bei einer solchen Begriffsfassung die Schärfe der volkswirtschaftlichen Analyse verloren. In solchen wüsten Konzeptionen, die halb geschichtlich und halb logisch sein sollen, in der Tat aber nur Bastarde historischer und logischer Phantastik sind, geht das Unterscheidungsvermögen des Verstandes samt allem ehrlichen Begriffsgebrauch unter« -

und so wird eine ganze Seite fortschwadroniert ...

»mit der Marxschen Kennzeichnung des Kapitalbegriffs lasse sich in der strengen Volkswirtschaftslehre nur Verwirrung stiften ... Leichtfertigkeiten, die für tiefe logische Wahrheiten ausgegeben werden ... Gebrechlichkeit der Fundamente« usw.

Also nach Marx soll sich das Kapital im Anfang des 16. Jahrhunderts aus dem Geld erzeugen. Es ist das, als ob man sagen wollte, das Metallgeld habe sich vor stark dreitausend Jahren aus dem Vieh erzeugt, weil früher unter anderm auch Vieh Geldfunktionen vertrat. Nur Herr Dühring ist einer so rohen und schiefen Ausdrucksweise fähig. Bei Marx ergibt sich bei |188| der Analyse der ökonomischen Formen, innerhalb deren der Prozeß der Warenzirkulation sich bewegt, als letzte Form das Geld. »Dies letzte Produkt der Warenzirkulation ist die erste Erscheinungsform des Kapitals. Historisch tritt das Kapital dem Grundeigentum überall zunächst in der Form von Geld gegenüber, als Geldvermögen, Kaufmannskapital und Wucherkapital ... Dieselbe Geschichte spielt täglich vor unsren Augen. Jedes neue Kapital betritt in erster Instanz die Bühne, d.h. den Markt, Warenmarkt, Arbeitsmarkt oder Geldmarkt, immer noch als Geld, Geld, das sich durch bestimmte Prozesse in Kapital verwandeln soll.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 161| Es ist also wieder eine Tatsache, die Marx konstatiert. Unfähig, sie zu bestreiten, verdreht sie Herr Dühring: Das Kapital soll sich aus dem Geld erzeugen!

Marx untersucht nun weiter die Prozesse, wodurch Geld sich in Kapital verwandelt, und findet zunächst, daß die Form, in der Geld als Kapital zirkuliert, die Umkehrung derjenigen Form ist, in der es als allgemeines Warenäquivalent zirkuliert. Der einfache Warenbesitzer verkauft, um zu kaufen; er verkauft, was er nicht braucht, und kauft mit dem erhandelten Gelde das, was er braucht. Der angehende Kapitalist kauft von vornherein das, was er nicht selbst braucht; er kauft, um zu verkaufen, und zwar um teurer zu verkaufen, um den ursprünglich in das Kaufgeschäft geworfnen Geldwert zurückzuerhalten, vermehrt durch einen Zuwachs an Geld, und diesen Zuwachs nennt Marx Mehrwert.

Woher stammt dieser Mehrwert? Er kann weder daher stammen, daß der Käufer die Waren unter dem Wert kaufte, noch daher, daß der Verkäufer sie über dem Wert verkaufte. Denn in beiden Fällen gleichen sich die Gewinne und Verluste jedes einzelnen gegenseitig aus, da jeder abwechselnd Käufer und Verkäufer ist. Er kann auch nicht aus Prellerei stammen, denn die Prellerei kann zwar den einen auf Kosten des andern bereichern, nicht aber die von beiden besessene Gesamtsumme, also auch nicht die Summe der zirkulierenden Werte überhaupt vermehren. »Die Gesamtheit der Kapitalistenklasse eines Landes kann sich nicht selbst übervorteilen.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 177|

Und doch finden wir, daß die Gesamtheit der Kapitalistenklasse jedes Landes sich fortwährend vor unsern Augen bereichert, indem sie teurer verkauft als sie eingekauft hatte, indem sie sich Mehrwert aneignet. Wir sind also so weit wie am Anfang: woher stammt dieser Mehrwert? Diese Frage gilt es zu lösen, und zwar auf rein ökonomischem Wege, unter Ausschluß aller Prellerei, aller Einmischung irgendwelcher Gewalt - die Frage: Wie ist es |189| möglich, fortwährend teurer zu verkaufen, als man eingekauft hat, selbst unter der Voraussetzung, daß fortwährend gleiche Werte ausgetauscht werden gegen gleiche Werte?

Die Lösung dieser Frage ist das epochemachendste Verdienst des Marxschen Werks. Sie verbreitet helles Tageslicht über ökonomische Gebiete, wo früher Sozialisten nicht minder als bürgerliche Ökonomen in tiefster Finsternis herumtappten. Von ihr datiert, um sie gruppiert sich der wissenschaftliche Sozialismus.

Diese Lösung ist folgende. Die Wertvergrößerung des Geldes, das sich in Kapital verwandeln soll, kann nicht an diesem Geld vorgehn oder aus dem Einkauf herrühren, da dies Geld hier nur den Preis der Ware realisiert, und dieser Preis ist, da wir voraussetzen, daß gleiche Werte ausgetauscht werden, nicht verschieden von ihrem Wert. Die Wertvergrößerung kann aber aus demselben Grunde auch nicht aus dem Verkauf der Ware hervorgehn. Die Veränderung muß sich also zutragen mit der Ware, die gekauft wird, aber nicht mit ihrem Wert, da sie zu ihrem Wert gekauft und verkauft wird, sondern mit ihrem Gebrauchswert als solchem, d.h. die Wertveränderung muß aus dem Verbrauch der Ware entspringen. »Um aus dem Verbrauch einer Ware Wert herauszuziehn, müßte unser Geldbesitzer so glücklich sein ... auf dem Markt eine Ware zu entdecken, deren Gebrauchswert die eigentümliche Beschaffenheit besäße, Quelle von Wert zu sein, deren wirklicher Verbrauch also selbst Vergegenständlichung von Arbeit wäre, daher Wertschöpfung. Und der Geldbesitzer findet auf dem Markt eine solche spezifische Ware vor - das Arbeitsvermögen oder die Arbeitskraft.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 181. Hervorhebungen von Engels| Wenn, wie wir sahen, die Arbeit als solche keinen Wert haben kann, so ist das keineswegs der Fall mit der Arbeitskraft. Diese erhält einen Wert, sobald sie zur Ware wird, wie sie heutzutage tatsächlich eine Ware ist, und dieser Wert bestimmt sich »gleich dem jeder andren Ware durch die zur Produktion, also auch Reproduktion, dieses spezifischen Artikels notwendige |Bei Engels: nötige, korrigiert nach Karl Marx, »Das Kapital«| Arbeitszeit« |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 184|, das heißt durch die Arbeitszeit, welche erforderlich ist zur Herstellung der Lebensmittel, deren der Arbeiter zu seiner Erhaltung in arbeitsfähigem Zustand und zur Fortpflanzung seines Geschlechts bedarf. Nehmen wir an, diese Lebensmittel repräsentieren, Tag für Tag, eine sechsstündige Arbeitszeit. Unser angehender Kapitalist, der zum Betrieb seines Geschäfts Arbeitskraft einkauft, d.h. einen Arbeiter mietet, zahlt also diesem Arbeiter den vollen Tageswert seiner Arbeitskraft, wenn er ihm eine Geld- |190| summe zahlt, die ebenfalls sechs Arbeitsstunden vertritt. Sobald der Arbeiter nun sechs Stunden im Dienst des angehenden Kapitalisten gearbeitet hat, hat er diesem vollen Ersatz geleistet für seine Auslage, für den gezahlten Tageswert der Arbeitskraft. Damit aber wäre das Geld nicht in Kapital verwandelt, es hätte keinen Mehrwert erzeugt. Der Käufer der Arbeitskraft hat daher auch eine ganz andre Ansicht von der Natur des von ihm abgeschlossenen Geschäfts. Daß nur sechs Arbeitsstunden nötig sind, um den Arbeiter während vierundzwanzig Stunden am Leben zu erhalten, hindert diesen keineswegs, zwölf Stunden aus den vierundzwanzig zu arbeiten. Der Wert der Arbeitskraft und ihre Verwertung im Arbeitsprozeß sind zwei verschiedne Größen. Der Geldbesitzer hat den Tageswert der Arbeitskraft gezahlt, ihm gehört daher auch ihr Gebrauch während des Tages, die tagelange Arbeit. Daß der Wert, den ihr Gebrauch während eines Tages schafft, doppelt so groß ist wie ihr eigner Tageswert, ist ein besondres Glück für den Käufer, aber nach den Gesetzen des Warenaustausches durchaus kein Unrecht gegen den Verkäufer. Der Arbeiter lostet also dem Geldbesitzer nach unserer Annahme täglich das Wertprodukt von sechs Arbeitsstunden, aber er liefert ihm täglich das Wertprodukt von zwölf Arbeitsstunden. Differenz zugunsten des Geldbesitzers - sechs Stunden unbezahlte Mehrarbeit, ein unbezahltes Mehrprodukt, in dem die Arbeit von sechs Stunden verkörpert ist. Das Kunststück ist gemacht. Mehrwert ist erzeugt, Geld ist in Kapital verwandelt.

Indem Marx auf diese Weise nachwies, wie Mehrwert entsteht und wie allein Mehrwert unter der Herrschaft der den Austausch von Waren regelnden Gesetze entstehn kann, legte er den Mechanismus der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der auf ihr beruhenden Aneignungsweise bloß, enthüllte er den Kristallkern, um den die ganze heutige Gesellschaftsordnung sich angesetzt hat.

Diese Erzeugung von Kapital hat jedoch eine wesentliche Voraussetzung:

»Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.» |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 183; Hervorhebungen von Engels| Aber dies Verhältnis von Geld- oder Warenbesitzern auf der einen Seite und von Besitzern von nichts, außer der eignen Arbeitskraft, auf der andern, ist kein naturgeschichtliches, noch ist es ein allen Geschichtsperioden gemeinsames Verhältnis, »es |191| ist offenbar selbst das Resultat einer vorhergegangnen historischen Entwicklung, das Produkt ... des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Produktion« |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 183|. Und zwar tritt dieser freie Arbeiter uns in der Geschichte zuerst massenhaft gegenüber am Ende des fünfzehnten und Anfang des sechzehnten Jahrhunderts infolge der Auflösung der feudalen Produktionsweise. Damit aber, und mit der von derselben Epoche datierenden Schöpfung des Welthandels und Weltmarkts, war die Grundlage gegeben, auf der die Masse des vorhandnen beweglichen Reichtums sich mehr und mehr in Kapital verwandeln und die kapitalistische, auf Erzeugung von Mehrwert gerichtete Produktionsweise mehr und mehr die ausschließlich herrschende werden muß.

Soweit sind wir den »wüsten Konzeptionen« von Marx gefolgt, diesen »Bastarden historischer und logischer Phantastik«, bei denen »das Unterscheidungsvermögen des Verstandes samt allem ehrlichen Begriffsgebrauch untergeht«. Stellen wir diesen »Leichtfertigkeiten« nunmehr die »tiefen logischen Wahrheiten« und die »letzte und strengste Wissenschaftlichkeit im Sinne der exakten Disziplinen« gegenüber, wie sie uns Herr Dühring bietet.

Also vom Kapital hegt Marx »nicht den gemeingültigen ökonomischen Begriff, demzufolge es produziertes Produktionsmittel ist«; er sagt vielmehr, daß eine Summe von Werten sich erst dann in Kapital verwandelt, wenn sie sich verwertet, indem sie Mehrwert bildet. Und was sagt Herr Dühring?

»Das Kapital ist ein Stamm ökonomischer Machtmittel zur Fortführung der Produktion und zur Bildung von Anteilen an den Früchten der allgemeinen Arbeitskraft.«

So orakelhaft und loddrig dies auch wieder ausgedrückt ist, so ist doch soviel sicher: der Stamm ökonomischer Machtmittel mag die Produktion in Ewigkeit fortführen, er wird nach Herrn Dührings eignen Worten nicht zu Kapital, solange er nicht »Anteile an den Früchten der allgemeinen Arbeitskraft«, d.h. Mehrwert oder wenigstens Mehrprodukt bildet. Die Sünde also, die Herr Dühring Marx vorwirft, nicht den gemeingültigen ökonomischen Begriff vom Kapital zu hegen, begeht er nicht nur selbst, sondern er begeht außerdem noch ein durch hochtrabende Redensarten »schlecht verdecktes« ungeschicktes Plagiat an Marx.

Auf Seite 262 wird dies weiter ausgeführt:

»Das Kapital im sozialen Sinn« (und ein Kapital in einem nicht sozialen Sinn soll Herr Dühring noch entdecken) »ist nämlich spezifisch von dem reinen Produktions- |192| mittel verschieden; denn während das letztere nur einen technischen Charakter hat und unter allen Umständen erforderlich ist, zeichnet sich das erstere durch seine gesellschaftliche Kraft der Aneignung und Anteilsbildung aus. Das soziale Kapital ist allerdings zum großen Teil nichts andres als das technische Produktionsmittel in seiner sozialen Funktion; aber diese Funktion ist es auch grade, welche ... verschwinden muß.«

Wenn wir bedenken, daß es grade Marx war, welcher zuerst die »soziale Funktion« hervorhob, vermittelst deren allein eine Wertsumme zu Kapital wird, so muß es allerdings »für jeden aufmerksamen Betrachter des Gegenstandes bald feststehn, daß sich mit der Marxschen Kennzeichnung des Kapitalbegriffs nur Verwirrung stiften lasse« - nicht aber, wie Herr Dühring meint, in der strengen Volkswirtschaftslehre, sondern, wie Figura zeigt, einzig und allein im Kopf des Herrn Dühring selbst, der in der »Kritischen Geschichte« bereits vergessen hat, wie stark er im »Cursus« von besagtem Kapitalbegriff gezehrt.

Indes Herr Dühring ist nicht zufrieden damit, seine Definition des Kapitals, wenn auch in »gesäuberter« Form, von Marx zu entlehnen. Er muß ihm auch folgen in das »Metamorphosenspiel der Begriffe und der Geschichte«, und das angesichts seiner eignen bessern Erkenntnis, daß dabei nichts herauskommt, als »wüste Konzeptionen«, »Leichtfertigkeiten«, »Gebrechlichkeit der Fundamente« usw. woher stammt diese »soziale Funktion« des Kapitals, die es befähigt, sich die Früchte fremder Arbeit anzueignen, und wodurch allein es sich vom bloßen Produktionsmittel unterscheidet?

Sie beruht, sagt Herr Dühring, »nicht auf der Natur der Produktionsmittel und auf deren technischer Unentbehrlichkeit«.

Sie ist also geschichtlich entstanden, und Herr Dühring wiederholt uns auf Seite 262 nur, was wir schon zehnmal gehört haben, wenn er ihre Entstehung erklärt vermittelst des altbekannten Abenteuers von den beiden Männern, von denen am Anfang der Geschichte der eine sein Produktionsmittel in Kapital verhandelt, indem er den andern vergewaltigt. Aber nicht damit zufrieden, der sozialen Funktion, durch welche eine Wertsumme erst zu Kapital wird, einen geschichtlichen Anfang zuzuschreiben, prophezeit Herr Dühring ihr auch ein geschichtliches Ende. Sie »ist es auch grade, welche verschwinden muß«. Eine Erscheinung, welche geschichtlich entstanden ist und geschichtlich wieder verschwindet, pflegt man, in der gemeingültigen Sprache geredet, »eine historische Phase« zu nennen. Es ist also das Kapital eine historische Phase nicht bloß bei Marx, sondern auch bei Herrn Dühring und wir sind daher zu dem Schluß genötigt, daß wir |193| uns hier bei den Jesuiten befinden. Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe. Wenn Marx sagt, das Kapital ist eine historische Phase, so ist das eine wüste Konzeption, ein Bastard historischer und logischer Phantastik, bei dem das Unterscheidungsvermögen samt allem ehrlichen Begriffsgebrauch untergeht. Wenn Herr Dühring ebenfalls das Kapital als eine historische Phase darstellt, so ist das ein Beweis von Schärfe der volkswirtschaftlichen Analyse und von letzter und strengster Wissenschaftlichkeit im Sinne der exakten Disziplinen.

Wodurch unterscheidet sich nun die Dühringsche Kapitalvorstellung von der Marxschen?

»Das Kapital«, sagt Marx, »hat die Mehrarbeit nicht erfunden. Überall, wo ein Teil der Gesellschaft das Monopol der Produktionsmittel besitzt, muß der Arbeiter, frei oder unfrei, der zu seiner Selbsterhaltung notwendigen Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel für den Eigner der Produktionsmittel zu produzieren.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 249| Mehrarbeit, Arbeit über die zur Selbsterhaltung des Arbeiters nötige Zeit hinaus und Aneignung des Produkts dieser Mehrarbeit durch andre, Arbeitsausbeutung ist also allen bisherigen Gesellschaftsformen gemein, soweit diese sich in Klassengegensätzen bewegten. Aber erst wenn das Produkt dieser Mehrarbeit die Form von Mehrwert annimmt, wenn der Eigner der Produktionsmittel den freien Arbeiter - frei von sozialen Fesseln und frei von eignem Besitz - als Gegenstand der Ausbeutung sich gegenüber vorfindet und ihn ausbeutet zum Zweck der Produktion von Waren, erst dann nimmt, nach Marx, das Produktionsmittel den spezifischen Charakter des Kapitals an. Und dies ist auf großem Maßstab geschehn erst seit dem Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts.

Herr Dühring dagegen erklärt jede Summe von Produktionsmitteln für Kapital, die »Anteile an den Früchten der allgemeinen Arbeitskraft bildet«, also Mehrarbeit in irgendeiner Form erwirkt. Mit andern Worten, Herr Dühring annektiert die von Marx entdeckte Mehrarbeit, um damit den ihm augenblicklich nicht passenden, ebenfalls von Marx entdeckten Mehrwert totzuschlagen. Nach Herrn Dühring wäre also nicht nur der bewegliche und unbewegliche Reichtum der mit Sklaven wirtschaftenden korinthischen und athenischen Bürger, sondern auch der der römischen Großgrundbesitzer der Kaiserzeit, und nicht minder derjenige der Feudalbarone des Mittelalters, soweit er in irgendeiner Weise der Produktion diente, alles ohne Unterschied Kapital.

|194| Herr Dühring selbst hegt also »vom Kapital nicht den gemeingültigen Begriff, demzufolge es produziertes Produktionsmittel ist«, sondern vielmehr einen ganz entgegengesetzten, der sogar die unproduzierten Produktionsmittel einschließt, die Erde und ihre natürlichen Hülfsqüellen. Nun ist aber die Vorstellung, daß Kapital »produziertes Produktionsmittel« schlechthin sei, gemeingültig wieder nur in der Vulgärökonomie. Außerhalb dieser, dem Herrn Dühring so teuren Vulgärökonomie wird das »produzierte Produktionsmittel« oder eine Wertsumme überhaupt erst dadurch zu Kapital, daß sie Profit oder Zins erwirkt, d.h. das Mehrprodukt unbezahlter Arbeit in der Form von Mehrwert, und zwar wieder in diesen beiden bestimmten Unterformen des Mehrwerts aneignet. Es bleibt dabei vollkommen gleichgültig, daß die ganze bürgerliche Ökonomie in der Vorstellung befangen ist, die Eigenschaft, Profit oder Zins zu erwirken, komme ganz von selbst jeder Wertsumme zu, die unter normalen Bedingungen in der Produktion oder im Austausch verwandt wird. Kapital und Profit, oder Kapital und Zins, sind in der klassischen Ökonomie ebenso untrennbar, stehn in derselben Wechselbeziehung zueinander wie Ursache und Wirkung, Vater und Sohn, gestern und heute. Das Wort Kapital in seiner modern-ökonomischen Bedeutung kommt aber erst vor zu der Zeit, wo die Sache selbst auftritt, wo der bewegliche Reichtum mehr und mehr Kapitalfunktion erhält, indem er die Mehrarbeit freier Arbeiter ausbeutet, um Waren zu produzieren, und zwar wird es eingeführt durch die erste historische Kapitalisten-Nation, die Italiener des 15. und 16. Jahrhunderts. Und wenn Marx zuerst die dem modernen Kapital eigentümliche Aneignungsweise bis auf den Grund analysierte, wenn er den Begriff des Kapitals in Einklang brachte mit den geschichtlichen Tatsachen, aus denen er in letzter Instanz abstrahiert worden war, denen er seine Existenz verdankte; wenn Marx damit diesen ökonomischen Begriff befreite von den unklaren und schwankenden Vorstellungen, die ihm auch in der klassischen bürgerlichen Ökonomie und bei den bisherigen Sozialisten noch anhafteten, so war es grade Marx, der mit jener »letzten und strengsten Wissenschaftlichkeit« verfuhr, die Herr Dühring stets im Munde führt und die wir bei ihm so schmerzlich vermissen.

In der Tat geht es bei Herrn Dühring ganz anders her. Er ist nicht zufrieden damit, erst die Darstellung des Kapitals als einer historischen Phase einen »Bastard historischer und logischer Phantastik« zu schelten und es dann selbst als eine historische Phase darzustellen. Er erklärt auch alle ökonomischem Machtmittel, alle Produktionsmittel, die »Anteile an den Früchten der allgemeinen Arbeitskraft« aneignen, also auch das Grundeigentum in allen Klassengesellschaften, rundweg für Kapital; was ihn aber |195| nicht im mindesten geniert, im weitern Verlauf Grundeigentum und Grundrente ganz in der hergebrachten Weise von Kapital und Profit zu scheiden und nur diejenigen Produktionsmittel als Kapital zu bezeichnen, welche Profit oder Zins erwirken, wie auf Seite 156 u. ff. des »Cursus« des breitern nachzusehn. Ebensogut könnte Herr Dühring zuerst unter dem Namen Lokomotive auch Pferde, Ochsen, Esel und Hunde einbegreifen, weil man auch mit diesen Fuhrwerk fortbewegen kann, und den heutigen Ingenieuren vorwerfen, indem sie den Namen Lokomotive auf den modernen Dampfwagen beschränkten, machten sie ihn zu einer historischen Phase, verübten sie wüste Konzeptionen, Bastarde historischer und logischer Phantastik usw.; und dann schließlich erklären, die Pferde, Esel, Ochsen und Hunde seien doch von der Bezeichnung Lokomotive ausgeschlossen, und diese gelte nur für den Dampfwagen. - Und somit sind wir wieder genötigt zu sagen, daß es grade die Dühringsche Begriffsfassung des Kapitals ist, bei der alle Schärfe der volkswirtschaftlichen Analyse verloren- und das Unterscheidungsvermögen samt allem ehrlichen Begriffsgebrauch untergeht, und daß die wüsten Konzeptionen, die Verwirrung, die Leichtfertigkeiten, die für tiefe logische Wahrheiten ausgegeben werden, und die Gebrechlichkeit der Fundamente in voller Blüte stehn eben bei Herrn Dühring.

Das alles aber verschlägt nichts. Herrn Dühring bleibt darum doch der Ruhm, den Angelpunkt entdeckt zu haben, um den sich die ganze bisherige Ökonomie, die ganze Politik und Juristerei, mit einem Wort die ganze bisherige Geschichte bewegt. Hier ist er:

»Gewalt und Arbeit sind die zwei Hauptfaktoren, die bei der Bildung der sozialen Verknüpfungen in Anschlag kommen.«

In diesem einen Satz liest die ganze Verfassung der bisherigen ökonomischen Welt. Sie ist äußerst kurz und lautet:

Artikel Eins: Die Arbeit produziert.
Artikel Zwei: Die Gewalt verteilt.

Und hiermit ist, »menschlich und deutsch geredet«, auch die ganze ökonomische Weisheit des Herrn Dühring zu Ende.

 

VIII.

Kapital und Mehrwert

(Schluß)

»Nach der Ansicht des Herrn Marx vertritt der Arbeitslohn nur die Bezahlung derjenigen Arbeitszeit, welche der Arbeiter wirklich für die Ermöglichung der eignen |196| Existenz tätig ist. Hierzu genügt nun eine kleinere Anzahl Stunden; der ganze übrige Teil des oft langgedehnten Arbeitstags liefert einen Überschuß, in welchem der von unserm Autor so genannte 'Mehrwert' oder, in der gemeingültigen Sprache geredet, der Kapitalgewinn enthalten ist. Abgesehn von der auf irgendeiner Stufe der Produktion bereits an den Arbeitsmitteln und relativen Rohstoffen enthaltnen Arbeitszeit, ist jener Überschuß des Arbeitstages der Anteil des kapitalistischen Unternehmers. Die Ausdehnung des Arbeitstages ist hiernach reiner Ausbeutungsgewinn zugunsten des Kapitalisten.«

Nach Herrn Dühring wäre also der Marxsche Mehrwert weiter nichts, als was man in der gemeingültigen Sprache Kapitalgewinn oder Profit nennt. Hören wir Marx selbst. Auf Seite 195 des »Kapital« wird Mehrwert erklärt durch die hinter diesem Wort eingeklammerten Worte: »Zins, Profit, Rente.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 220| Auf Seite 220 gibt Marx ein Beispiel, worin eine Mehrwertsumme von 71 Schillingen in ihren verschiednen Verteilungsformen erscheint: Zehnten, Lokal- und Staatssteuern 21 Schilling, Bodenrente 28 Schilling, Pächters Profit und Zins 22 Schilling, zusammen Gesamtmehrwert 71 Schillinge |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 224|. - Auf Seite 542 erklärt Marx es für einen Hauptmangel bei Ricardo, daß dieser »den Mehrwert nicht rein darstellt, d.h. nicht unabhängig von seinen besondern Formen, wie Profit, Grundrente usw.« und daß er daher die Gesetze über die Rate des Mehrwerts unmittelbar zusammenwirft mit den Gesetzen der Profitrate; wogegen Marx ankündigt: »Ich werde später, im Dritten Buch dieser Schrift, nachweisen, daß dieselbe Rate des Mehrwerts sich in den verschiedensten Profitraten, und verschiedne Raten des Mehrwerts, unter bestimmten Umständen, sich in derselben Profitrate ausdrücken können.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 546/547| Auf Seite 587 heißt es: »Der Kapitalist, der den Mehrwert produziert, d.h. unbezahlte Arbeit unmittelbar aus den Arbeitern auspumpt und in Waren fixiert, ist zwar der erste Aneigner, aber keineswegs der letzte Eigentümer dieses Mehrwerts. Er hat ihn hinterher zu teilen mit Kapitalisten, die andre Funktionen im großen und ganzen der gesellschaftlichen Produktion vollziehn, mit dem Grundeigentümer usw. Der Mehrwert spaltet sich daher in verschiedne Teile. Seine Bruchstücke fallen verschiednen Kategorien von Personen zu und erhalten verschiedne, gegeneinander selbständige Formen, wie Profit, Zins, Handelsgewinn, Grundrente usw. Diese verwandelten Formen des Mehrwerts können erst im Dritten Buch behandelt werden.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 589| Und ebenso an vielen andern Stellen.

Man kann sich nicht deutlicher ausdrücken. Bei jeder Gelegenheit macht Marx darauf aufmerksam, daß sein Mehrwert durchaus nicht mit dem |197| Profit oder Kapitalgewinn zu verwechseln, daß dieser letztere vielmehr eine Unterform und sehr oft sogar nur ein Bruchteil des Mehrwerts sei. Wenn Herr Dühring dennoch behauptet, der Marxsche Mehrwert sei »in der gemeingültigen Sprache geredet, der Kapitalgewinn«, und wenn es feststeht, daß das ganze Marxsche Buch sich um den Mehrwert dreht, so sind nur zwei Fälle möglich: entweder weiß er's nicht besser, und dann gehört eine Schamlosigkeit sondergleichen dazu, ein Buch herunterzureißen, dessen Hauptinhalt er nicht kennt. Oder er weiß es besser, und dann begeht er eine absichtliche Fälschung. Weiter:

»Der giftige Haß, mit dem Herr Marx diese Vorstellungsart des Auspressungsgeschäfts pflegt, ist nur zu begreiflich. Aber auch ein gewaltigerer Zorn und eine noch vollere Anerkennung des Ausbeutungscharakters der auf Lohnarbeit gegründeten Wirtschaftsform ist möglich, ohne daß jene theoretische Wendung, die sich in der Marxschen Lehre von einem Mehrwert ausdrückt, angenommen wird.«

Die gutgemeinte, aber irrige theoretische Wendung von Marx bewirkt bei diesem einen giftigen Haß gegen das Auspressungsgeschäft; die an sich sittliche Leidenschaft erhält infolge der falschen »theoretischen Wendung« einen unsittlichen Ausdruck, sie tritt zutage in unedlem Haß und in niedriger Giftigkeit, während die letzte und strengste Wissenschaftlichkeit des Herrn Dühring sich äußert in einer sittlichen Leidenschaft von entsprechend edler Natur, im Zorn, der auch der Form nach sittlich und dem giftigen Haß zudem noch quantitativ überlegen, ein gewaltigerer Zorn ist. Während Herr Dühring diese Freude an sich selbst erlebt, wollen wir zusehn, woher dieser gewaltigere Zorn stammt.

»Es entsteht«, heißt es weiter, »nämlich die Frage, wie die konkurrierenden Unternehmer imstande sind, das volle Erzeugnis der Arbeit und hiermit das Mehrprodukt dauernd so hoch über den natürlichen Herstellungskosten zu verwerten, als durch das berührte Verhältnis des Überschusses der Arbeitsstunden angezeigt wird. Eine Antwort hierauf ist in der Marxschen Doktrin nicht anzutreffen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil in derselben nicht einmal die Aufwerfung der Frage einen Platz finden konnte. Der Luxuscharakter der auf Soldarbeit gegründeten Produktion ist gar nicht ernstlich angefaßt und die soziale Verfassung mit ihren aufsaugenden Positionen keineswegs als der letzte Grund der weißen Sklaverei erkannt worden. Im Gegenteil hat sich immer das Politischsoziale aus dem Ökonomischen erklärt finden sollen.«

Nun haben wir aus den oben angeführten Stellen gesehn, daß Marx keineswegs behauptet, das Mehrprodukt werde vom industriellen Kapitalisten, der sein erster Aneigner ist, unter allen Umständen im Durchschnitt |198| zu seinem vollen Wert verkauft, wie Herr Dühring hier voraussetzt. Marx sagt ausdrücklich, daß auch der Handelsgewinn einen Teil des Mehrwerts bildet, und dies ist unter den vorliegenden Voraussetzungen doch nur dann möglich, wenn der Fabrikant dem Händler sein Produkt, unter dem Wert verkauft und ihm damit einen Anteil der Beute abtritt. Wie die Frage hier gestellt wird, konnte also allerdings nicht einmal ihre Aufwerfung bei Marx einen Platz finden. Rationell gestellt, lautet sie: Wie verwandelt sich Mehrwert in seine Unterformen: Profit, Zins, Handelsgewinn, Grundrente usw.? Und diese Frage verspricht Marx allerdings, im dritten Buch zu lösen. Wenn aber Herr Dühring nicht so lange warten kann, bis der zweite Band des »Kapital« erscheint, so mußte er sich einstweilen im ersten Band etwas genauer umsehn. Er konnte dann, außer den schon angeführter Stellen, z.B. auf S. 323 lesen, daß nach Marx die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion in der äußern Bewegung der Kapitale sich als Zwangsgesetze der Konkurrenz geltend machen und in dieser Form als treibende Motive dem individuellen Kapitalisten zum Bewußtsein kommen; daß also eine wissenschaftliche Analyse der Konkurrenz nur möglich, sobald die innere Natur des Kapitals begriffen ist, ganz wie die scheinbare Bewegung der Himmelskörper nur dem verständlich, der ihre wirkliche, aber sinnlich nicht wahrnehmbare Bewegung kennt; worauf Marx an einem Exempel zeigt, wie ein bestimmtes Gesetz, das Wertgesetz, in einem bestimmten Fall innerhalb der Konkurrenz erscheint und seine treibende Kraft ausübt |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 335|. Herr Dühring konnte hieraus schon entnehmen daß bei der Verteilung des Mehrwerts die Konkurrenz eine Hauptrolle spielt, und bei einigem Nachdenken genügen diese im ersten Band gegebnen Andeutungen in der Tat, um die Verwandlung von Mehrwert in seine Unterformen wenigstens in ihren allgemeinen Umrissen erkennen zu lassen.

Für Herrn Dühring ist indes die Konkurrenz grade das absolute Hindernis des Verständnisses. Er kann nicht begreifen, wie die konkurrierender Unternehmer das volle Erzeugnis der Arbeit und hiermit das Mehrprodukt dauernd so hoch über den natürlichen Herstellungskosten verwerten können. Es wird sich hier wieder mit der gewohnten »Strenge«, die in der Tat Liederlichkeit ist, ausgedrückt. Das Mehrprodukt als solches hat bei Marx ja gar keine Herstellungskosten, es ist der Teil des Produkts, der dem Kapitalisten nichts kostet. Wenn also die konkurrierenden Unternehmer das Mehrprodukt zu seinen natürlichen Herstellungskosten verwerten wollten, |199| so müßten sie es eben verschenken. Doch halten wir uns bei solchen »mikrologischen Einzelheiten« nicht auf. Verwerten denn in der Tat die konkurrierenden Unternehmer nicht täglich das Erzeugnis der Arbeit über den natürlichen Herstellungskosten? Nach Herrn Dühring bestehn die natürlichen Herstellungskosten

»in der Arbeits- oder Kraftausgabe, und diese kann wiederum in ihren letzten Grundlagen durch den Nahrungsaufwand gemessen werden«;

also in der heutigen Gesellschaft aus den an Rohstoff, Arbeitsmitteln und Arbeitslohn wirklich auf gewendeten Auslagen, im Unterschied von der »Bezollung«, dem Profit, dem mit dem Degen in der Hand erzwungnen Aufschlag. Nun ist es allbekannt, daß in der Gesellschaft, in der wir leben, die konkurrierenden Unternehmer ihre Waren nicht zu den natürlichen Herstellungskosten verwerten, sondern den angeblichen Aufschlag, den Profit hinzurechnen und in der Regel auch erhalten. Die Frage, die Herr Dühring, wie er glaubte, nur aufzuwerfen braucht, um damit das ganze Marxsche Gebäude umzublasen, wie weiland Josua die Mauern von Jericho, diese Frage existiert also auch für die ökonomische Theorie des Herrn Dühring. Sehn wir, wie er sie beantwortet.

»Das Kapitaleigentum«, sagt er, »hat keinen praktischen Sinn und läßt sich nicht verwerten, wenn nicht in ihm zugleich die indirekte Gewalt über den Menschenstoff eingeschlossen ist. Das Erzeugnis dieser Gewalt ist der Kapitalgewinn, und die Größe des letztern wird daher von dem Umfang und der Intensität dieser Herrschaftsübung abhängen ... Der Kapitalgewinn ist eine politische und soziale Institution, die mächtiger wirkt als die Konkurrenz. Die Unternehmer handeln in dieser Beziehung als Stand, und jeder einzelne behauptet seine Position. Ein gewisses Maß des Kapitalgewinns ist bei der einmal herrschenden Wirtschaftsart eine Notwendigkeit.«

Leider wissen wir auch jetzt noch immer nicht, wie die konkurrierenden Unternehmer imstande sind, das Erzeugnis der Arbeit dauernd über den natürlichen Herstellungskosten zu verwerten. Herr Dühring denkt unmöglich von seinem Publikum so gering, um es mit der Redensart abzuspeisen, der Kapitalgewinn stehe über der Konkurrenz, wie seinerzeit der König von Preußen über dem Gesetz. Die Manöver, durch die der König von Preußen in seine Stellung über dem Gesetz kam, kennen wir; die Manöver, wodurch der Kapitalgewinn dazu kommt, mächtiger zu sein als die Konkurrenz, sind grade das, was Herr Dühring uns erklären soll und was er uns hartnäckig zu erklären verweigert. Auch kann es nichts ausmachen, wenn, wie er sagt, die Unternehmer in dieser Beziehung als Stand handeln, und dabei jeder einzelne seine Position behauptet. Wir sollen ihm |200| doch nicht etwa aufs Wort glauben, eine Anzahl Leute brauche nur als Stand zu handeln, damit jeder einzelne von ihnen seine Position behaupte? Die Zünftler des Mittelalters, die französischen Adligen 1789 handelten bekanntlich sehr entschieden als Stand und sind doch zugrunde gegangen. Die preußische Armee bei Jena handelte auch als Stand, aber statt ihre Position zu behaupten, mußte sie vielmehr ausreißen und nachher sogar stückweise kapitulieren. Ebensowenig kann uns die Versicherung genügen, bei der einmal herrschenden Wirtschaftsart sei ein gewisses Maß des Kapitalgewinns eine Notwendigkeit; denn es handelt sich ja grade darum, nachzuweisen, warum dem so ist. Nicht einen Schritt näher zum Ziel kommen wir, wenn Herr Dühring uns mitteilt:

»Die Kapitalherrschaft ist im Anschluß an die Bodenherrschaft erwachsen. Ein Teil der hörigen Landarbeiter ist in den Städten zu Gewerbsarbeiten und schließlich zu Fabrikmaterial umgestaltet worden. Nach der Bodenrente hat sich der Kapitalgewinn als eine zweite Form der Besitzrente ausgebildet.«

Selbst wenn wir von der historischen Schiefheit dieser Behauptung absehn, so bleibt sie doch immer eine bloße Behauptung und beschränkt sich darauf, das wiederholt zu beteuern, was grade erklärt und bewiesen werden soll. Wir können also zu keinem andern Schluß kommen, als daß Herr Dühring unfähig ist, auf seine eigne Frage zu antworten: wie die konkurrierenden Unternehmer imstande sind, das Erzeugnis der Arbeit dauernd über den natürlichen Herstellungskosten zu verwerten, das heißt, daß er unfähig ist, die Entstehung des Profits zu erklären. Es bleibt ihm nichts übrig, als kurzweg zu dekretieren: der Kapitalgewinn ist das Erzeugnis der Gewalt, was allerdings ganz einstimmt mit Artikel 2 der Dühringschen Gesellschaftsverfassung: Die Gewalt verteilt. Dies ist allerdings sehr schön gesagt; aber jetzt »entsteht die Frage«: Die Gewalt verteilt - was? Es muß doch etwas zu verteilen da sein, sonst kann selbst die allmächtigste Gewalt beim besten Willen nichts verteilen. Der Gewinn, den die konkurrierenden Unternehmer in die Tasche stecken, ist etwas sehr Handgreifliches und Handfestes. Die Gewalt kann ihn nehmen, aber nicht erzeugen. Und wenn Herr Dühring uns hartnäckig die Erklärung weigert, wie die Gewalt den Unternehmergewinn nimmt, so hat er gar nur Grabesschweigen als Antwort auf die Frage, woher sie ihn nimmt. Wo nichts ist, hat der Kaiser, wie jede andre Gewalt, sein Recht verloren. Aus nichts wird nichts, namentlich nicht Profit. Wenn das Kapitaleigentum keinen praktischen Sinn hat und sich nicht verwerten läßt, solange nicht in ihm zugleich die indirekte Gewalt über den Menschenstoff eingeschlossen ist, so entsteht abermals die Frage, erstens, |201| wie der Kapitalreichtum zu dieser Gewalt kam, die mit den oben angeführten paar historischen Behauptungen keineswegs erledigt ist; zweitens, wie sich diese Gewalt in Kapitalverwertung, in Profit verwandelt, und drittens, woher sie diesen Profit nimmt.

Wir mögen die Dühringsche Ökonomie anfassen, wo wir wollen, wir kommen keinen Schritt weiter. Für alle mißliebigen Umstände, für Profit, Bodenrente, Hungerlohn, Arbeiterknechtung hat sie nur Ein Wort der Erklärung: die Gewalt, und immer wieder die Gewalt, und der »gewaltigere Zorn« des Herrn Dühring löst sich eben auch auf in den Zorn über die Gewalt. Wir haben gesehn, erstens, daß diese Berufung auf die Gewalt eine faule Ausflucht ist, eine Verweisung vom ökonomischen Gebiet aufs politische, die keine einzige ökonomische Tatsache zu erklären imstande ist; und zweitens, daß sie die Entstehung der Gewalt selbst unerklärt läßt, und dies wohlweislich, indem sie sonst zu dem Ergebnis kommen müßte, daß alle gesellschaftliche Macht und alle politische Gewalt ihren Ursprung haben in ökonomischen Vorbedingungen, in der geschichtlich gegebnen Produktions- und Austauschweise der jedesmaligen Gesellschaft.

Versuchen wir jedoch, ob wir dem unerbittlichen »tieferen Grundleger« der Ökonomie nicht noch einige weitere Aufschlüsse über den Profit entringen können. Vielleicht gelingt es uns, wenn wir bei seiner Behandlung des Arbeitslohns ansetzen.

Da heißt es Seite 158:

»Der Arbeitslohn ist der Sold zum Unterhalt der Arbeitskraft und kommt zunächst nur als Grundlage für Bodenrente und Kapitalgewinn in Betracht. Um sich die hier obwaltenden Verhältnisse recht entschieden klarzumachen, denke man sich Grundrente und weiterhin auch Kapitalgewinn zuerst geschichtlich ohne Arbeitslohn, also auf Grundlage der Sklaverei oder Hörigkeit ... Ob der Sklave oder Hörige, oder ob der Lohnarbeiter unterhalten werden muß, begründet nur einen Unterschied in der Art und Weise der Belastung der Produktionskosten. In jedem Fall bildet der durch die Ausnutzung der Arbeitskraft erzielte Reinertrag das Einkommen des Arbeitsherrn ... Man sieht also, daß ... namentlich der Hauptgegensatz, vermöge dessen auf der einen Seite irgendeine Art von Besitzrente und auf der andern die besitzlose Soldarbeit steht, nicht ausschließlich in einem seiner Glieder, sondern stets nur in beiden zugleich betroffen werden kann.«

Besitzrente ist aber, wie wir Seite 188 erfahren, ein gemeinsamer Ausdruck für Bodenrente und Kapitalgewinn. Ferner heißt es Seite 174:

»Der Charakter des Kapitalgewinns ist eine Aneignung des hauptsächlichsten Teils des Ertrags der Arbeitskraft. Ohne das Korrelat der in irgendeiner Gestalt unmittelbar oder mittelbar unterworfenen Arbeit läßt er sich nicht denken.«

|202| Und Seite 183:

Der Arbeitslohn »ist unter allen Umständen nichts weiter als ein Sold, vermittelst dessen im allgemeinen der Unterhalt und die Fortpflanzungsmöglichkeit des Arbeiters gesichert sein müssen«.

Und endlich Seite 195:

»Was der Besitzrente zufällt, muß dem Arbeitslohn verlorengehn und umgekehrt, was von der allgemeinen Leistungsfähigkeit (!) an die Arbeit gelangt, muß den Besitzeinkünften entzogen werden.«

Herr Dühring führt uns von Überraschung zu Überraschung. In der Werttheorie und in den folgenden Kapiteln bis zur Lehre von der Konkurrenz und diese eingeschlossen, also von Seite 1 bis 155, teilten sich die Warenpreise oder Werte erstens in die natürlichen Herstellungskosten oder den Produktionswert, das heißt die Auslagen an Rohstoff, Arbeitsmitteln und Arbeitslohn, und zweitens in den Aufschlag oder Verteilungswert, die mit dem Degen in der Hand erzwungne Besteuerung zugunsten der Monopolistenklasse; ein Aufschlag, der, wie wir sahen, an der Verteilung des Reichtums in Wirklichkeit nichts ändern konnte, indem er mit der einen Hand das wiedergeben mußte, was er mit der andern nahm, und der außerdem, soweit uns Herr Dühring über seinen Ursprung und seinen Inhalt Auskunft gibt, aus nichts entstand und daher auch aus nichts bestand. In den beiden folgenden Kapiteln, die von den Einkünftearten handeln, also von Seite 156 bis 217, ist von Aufschlag keine Rede mehr. Statt dessen teilt sich der Wert jedes Arbeitserzeugnisses, also jeder Ware, jetzt in folgende zwei Teile: erstens in die Produktionskosten, worin auch der bezahlte Arbeitslohn einbegriffen, und zweitens in den »durch Ausnutzung der Arbeitskraft erzielten Reinertrag«, der das Einkommen des Arbeitsherrn bildet. Und dieser Reinertrag hat eine ganz bekannte, durch keine Tätowierung oder Anstreicherkunst zu verdeckende Physiognomie. »Um sich die hier obwaltenden Verhältnisse recht entschieden klarzumachen«, denke sich der Leser die soeben angeführten Stellen aus Herrn Dühring gedruckt gegenüber den früher angeführten Stellen aus Marx über Mehrarbeit, Mehrprodukt und Mehrwert, und er wird finden, daß Herr Dühring hier das »Kapital« in seiner Weise direkt ausschreibt.

Die Mehrarbeit in irgendeiner Form, sei es der Sklaverei, Hörigkeit oder Lohnarbeit, erkennt Herr Dühring an als Quelle der Einkünfte aller bisherigen herrschenden Klassen: genommen aus der mehrfach angeführten Stelle: »Kapital«, Seite 227: das Kapital hat die Mehrarbeit nicht erfunden |203| usw. |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 249| - Und der »Reinertrag«, der »das Einkommen des Arbeitsherrn« bildet, was ist er anders als der Überschuß des Arbeitsprodukts über den Arbeitslohn, weicher letztere ja auch bei Herrn Dühring, trotz seiner ganz überflüssigen Verkleidung in einen Sold, im allgemeinen den Unterhalt und die Fortpflanzungsmöglichkeit des Arbeiters sichern muß? Wie kann die »Aneignung des hauptsächlichsten Teils des Ertrags der Arbeitskraft« vor sich gehn, außer dadurch, daß der Kapitalist, wie bei Marx, dem Arbeiter mehr Arbeit auspreßt, als zur Reproduktion der von diesem letztern verzehrten Lebensmittel nötig ist, das heißt dadurch, daß der Kapitalist den Arbeiter längere Zeit arbeiten läßt, als erforderlich ist, den Wert des dem Arbeiter gezahlten Arbeitslohns zu ersetzen? Also Verlängerung des Arbeitstags über die zur Reproduktion der Lebensmittel des Arbeiters nötige Zeit hinaus, Marxsche Mehrarbeit - das und nichts andres ist es, was sich verbirgt unter Herrn Dührings »Ausnutzung der Arbeitskraft«; und sein »Reinertrag« des Arbeitsherrn, worin anders kann er sich darstellen als in Marxschem Mehrprodukt und Mehrwert? Und wodurch anders als durch ihre unexakte Fassung unterscheidet sich die Dühringsche Besitzrente vom Marxschen Mehrwert? Den Namen »Besitzrente« übrigens hat Herr Dühring von Rodbertus entlehnt, der die Bodenrente und die Kapitalrente oder den Kapitalgewinn schon unter dem gemeinsamen Ausdruck: Rente zusammenfaßte, so daß Herr Dühring nur den »Besitz« hinzuzusetzen hatte.(3) Und damit ja kein Zweifel bleibe über das Plagiat, faßt Herr Dühring die von Marx im 15. Kapitel (Seite 539 u. ff. des »Kapital« |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 542|) entwickelten Gesetze über den Größenwechsel von Preis der Arbeitskraft und Mehrwert in seiner Weise so zusammen, daß, was der Besitzrente zufällt, dem Arbeitslohn verlorengehn muß und umgekehrt, und reduziert damit die inhaltvollen Marxschen Einzelgesetze auf eine inhaltlose Tautologie, denn es ist selbstredend, daß von einer gegebnen, in zwei Teile zerfallenden Größe der eine Teil nicht wachsen kann, ohne daß der andre abnimmt. Und so ist es Herrn Dühring gelungen, die Aneignung der Marxschen Ideen in einer Weise zu vollziehn, bei der die »letzte und strengste Wissenschaftlichkeit im Sinne der exakten Disziplinen«, wie sie sich in der Marxschen Entwicklung allerdings findet, vollständig verlorengeht.

Wir können also nicht umhin anzunehmen, daß das auffallende Gepolter, |204| das Herr Dühring in der »Kritischen Geschichte« über »Das Kapital« erhebt, und namentlich der Staub, den er aufwirbelt mit der famosen Frage, die beim Mehrwert entsteht, und die er besser ungefragt gelassen hätte, sintemal sie selbst nicht beantworten kann - daß das alles nur Kriegslisten sind, schlaue Manöver, um damit das im »Cursus« an Marx begangne grobe Plagiat zu verdecken. Herr Dühring hatte in der Tat alle Ursache, seine Leser zu warnen vor der Beschäftigung mit »dem Knäuel, welches von Herrn Marx Kapital genannt wird«, vor den Bastarden historischer und logischer Phantastik, den Hegelschen konfusen Nebelvorstellungen und Flausen usw. Die Venus, vor der dieser getreue Eckart die deutsche Jugend warnt, hatte er sich selbst zum eignen Gebrauch aus den Marxschen Gehegen im stillen in Sicherheit gebracht. Gratulieren wir ihm zu diesem durch die Ausnutzung der Marxschen Arbeitskraft erzielten Reinertrag und zu dem eigentümlichen Licht, den seine Annexion des Marxschen Mehrwerts unter dem Namen der Besitzrente auf die Motive seiner hartnäckigen, weil in zwei Auflagen wiederholten, falschen Behauptung wirft, als verstehe Marx unter Mehrwert nur den Profit oder Kapitalgewinn.

Und so müssen wir Herrn Dührings Leistungen schildern in Herrn Dührings Worten wie folgt:

»Nach der Ansicht des Herrn« Dühring »vertritt der Arbeitslohn nur die Bezahlung derjenigen Arbeitszeit, welche der Arbeiter wirklich für die Ermöglichung der eignen Existenz tätig ist. Hierzu genügt nur eine kleinere Anzahl Stunden; der ganze übrige Teil des oft langgedehnten Arbeitstags liefert einen Überschuß, in welchem die von unsern Autor so genannte« Besitzrente ... »enthalten ist. Abgesehn von der auf irgendeiner Stufe der Produktion bereits in den Arbeitsmitteln und relativen Rohstoffen enthaltenen Arbeitszeit, ist jener Überschuß des Arbeitstags der Anteil des kapitalistischen Unternehmers. Die Ausdehnung des Arbeitstags ist hiernach reiner Auspressungsgewinn zugunsten des Kapitalisten. Der giftige Haß, mit dem Herr« Dühring »diese Vorstellungsart des Ausbeutergeschäfts pflegt, ist nur zu begreiflich« ...

Weniger begreiflich dagegen ist, wie er nun wieder zu seinem »gewaltigeren Zorn« kommen will?

 

IX.

Naturgesetze der Wirtschaft.

Grundrente

Bisher haben wir beim besten Willen nicht entdecken können, wie Herr Dühring dazu kommt, auf dem Gebiet der Ökonomie

»mit dem Anspruch auf ein neues, nicht etwa bloß der Epoche genügendes, sondern für die Epoche maßgebendes System aufzutreten«.

|205| Was wir aber bei der Gewaltstheorie, bei Wert und Kapital nicht zu sehn vermochten, vielleicht springt es uns sonnenklar in die Augen bei Betrachtung der von Herrn Dühring aufgestellten »Naturgesetze der Volkswirtschaft«. Denn, wie er sich mit gewohnter Neuheit und Schärfe ausdrückt,

»der Triumph der höhern Wissenschaftlichkeit besteht darin, über die bloßen Beschreibungen und Einteilungen des gleichsam ruhenden Stoffs zu den lebendigen, die Erzeugung beleuchtenden Einsichten zu gelangen. Die Erkenntnis der Gesetze ist daher die vollkommenste; denn sie zeigt uns, wie ein Vorgang durch den andern bedingt wird.«

Gleich das erste Naturgesetz aller Wirtschaft ist speziell von Herrn Dühring entdeckt worden.

Adam Smith »hat merkwürdigerweise den wichtigsten Faktor aller wirtschaftlichen Entwicklungen nicht bloß nicht an die Spitze gestellt, sondern auch dessen besondre Formulierung ganz unterlassen und auf diese Weise diejenige Macht, die der modernen europäischen Entwicklung ihren Stempel aufgedrückt hatte, unwillkürlich zu einer untergeordneten Rolle herabgewürdigt«. Dies »Grundgesetz, welches an die Spitze gestellt werden muß, ist dasjenige der technischen Ausrüstung, ja man könnte sagen der Bewaffnung der natürlich gegebnen Wirtschaftskraft des Menschen«.

Dies von Herrn Dühring entdeckte »Fundamentalgesetz« lautet wie folgt:

Gesetz Nr. 1. »Die Produktivität der wirtschaftlichen Mittel, Naturhülfsquellen und Menschenkraft, wird durch Erfindungen und Entdeckungen gesteigert.«

Wir staunen. Herr Dühring behandelt uns ganz wie jener Spaßvogel bei Molière den neugebacknen Adligen, dem er die Neuigkeit mitteilt, er habe sein ganzes Leben lang Prosa gesprochen, ohne es zu wissen. Daß Erfindungen und Entdeckungen in manchen Fällen die Produktivkraft der Arbeit steigern (in sehr vielen Fällen aber auch nicht, wie die massenhafte Archivmakulatur aller Patentämter der Welt beweist), das haben wir längst gewußt; daß diese uralte Trivialität aber das Fundamentalgesetz der ganzen Ökonomie ist - diese Aufklärung verdanken wir Herrn Dühring. Wenn »der Triumph der höheren Wissenschaftlichkeit« in der Ökonomie, wie in der Philosophie, nur darin besteht, dem ersten besten Gemeinplatz einen volltönenden Namen zu geben, ihn als ein Naturgesetz oder gar Fundamentalgesetz auszuposaunen, so ist das »tiefere Grundlegen« und Umwälzen der Wissenschaft in der Tat auch für jedermann, selbst für die Redaktion der Berliner »Volks-Zeitung« möglich gemacht. Wir wären dann »in aller Strenge« genötigt, Herrn Dührings Urteil über Plato auf Herrn Dühring selbst anzuwenden wie folgt:

|206| »Wenn indessen so etwas nationalökonomische Weisheit sein soll, so hat sie der Urheber der« kritischen Grundlegungen »mit jeder Person gemein, die überhaupt zu einem Gedanken« - ja sogar bloß zu einem Gerede - »über das auf der Hand Liegende Veranlassung erhielt.«

Wenn wir z.B. sagen: die Tiere fressen, so sprechen wir in unsrer Unschuld ein großes Wort gelassen aus; denn wir brauchen nur zu sagen, es sei das Fundamentalgesetz alles Tierlebens, zu fressen, und wir haben die ganze Zoologie umgewälzt.

Gesetz Nr. 2. Teilung der Arbeit: »Die Spaltung der Berufszweige und die Zerlegung der Tätigkeiten erhöht die Produktivität der Arbeit.«

Soweit dies richtig, ist es seit Adam Smith ebenfalls Gemeinplatz. Wie weit es richtig, wird sich im dritten Abschnitt zeigen.

Gesetz Nr. 3. »Entfernung und Transport sind die Hauptursachen, durch welche das Zusammenwirken der produktiven Kräfte gehemmt und gefördert wird.«

Gesetz Nr. 4. »Der Industriestaat hat unvergleichlich mehr Bevölkerungskapazität als der Ackerbaustaat.«

Gesetz Nr. 5. »In der Ökonomie geschieht nichts ohne ein materielles Interesse.«

Das sind die »Naturgesetze«, auf die Herr Dühring seine neue Ökonomie begründet. Er bleibt seiner, in der Philosophie schon dargestellten Methode treu. Ein paar, manchmal dazu noch schief ausgedrückte Selbstverständlichkeiten von trostlosester Landläufigkeit bilden die Axiome, die keines Beweises bedürfen, die Fundamentalsätze, die Naturgesetze auch der Ökonomie. Unter dem Vorwand, den Inhalt dieser Gesetze zu entwickeln, die keinen Inhalt haben, wird die Gelegenheit benutzt zu einer breiten ökonomischen Kannegießerei über die verschiednen Themata, deren Namen in diesen angeblichen Gesetzen vorkommen, also über Erfindungen, Teilung der Arbeit, Transportmittel, Bevölkerung, Interesse, Konkurrenz usw., einer Kannegießerei, deren platte Alltäglichkeit gewürzt wird nur durch orakelhafte Grandiloquenzen und hier und da durch schiefe Auffassung oder wichtigtuende Spintisierung über allerlei kasuistische Subtilitäten. Dann kommen wir schließlich auf Bodenrente, Kapitalgewinn und Arbeitslohn, und da wir im Vorhergehenden nur die beiden letztern Aneignungsformen behandelt, so wollen wir hier zum Schluß noch die Dühringsche Auffassung der Grundrente kurz untersuchen.

Wir lassen dabei alle Punkte unberücksichtigt, in denen Herr Dühring bloß seinen Vorgänger Carey abschreibt; wir haben es nicht mit Carey zu tun, auch nicht die Ricardosche Auffassung der Grundrente gegen Careys Verdrehungen und Torheiten zu verteidigen. Uns geht bloß Herr Dühring an, und dieser definiert die Grundrente als

|207| »dasjenige Einkommen, welches der Eigentümer als solcher vom Grund und Boden bezieht«.

Den ökonomischen Begriff der Grundrente, den Herr Dühring erklären soll, übersetzt er kurzerhand ins juristische, so daß wir nicht klüger sind als vorher. Unser tieferer Grundleger muß sich daher, wohl oder übel, zu weitern Erörterungen herbeilassen. Er vergleicht nun die Verpachtung eines Ackerguts an einen Pächter mit dem Ausleihen eines Kapitals an einen Unternehmer, findet aber bald, daß der Vergleich, wie mancher andre, hinkt.

Denn, sagt er, »wollte man die Analogie weiter verfolgen, so müßte der Gewinn, der dem Pächter nach Abzahlung der Bodenrente übrigbleibt, demjenigen Rest des Kapitalgewinns entsprechen, welcher dem Unternehmer, der mit dem Kapital wirtschaftet, nach Abzug der Zinsen zufällt. Man ist aber nicht gewohnt, die Pächtergewinne als die Haupteinkünfte und die Grundrente als einen Rest anzusehn. ... Ein Beweis für diese Verschiedenheit der Auffassung ist die Tatsache, daß man in der Lehre von der Bodenrente den Fall der Selbstbewirtschaftung nicht besonders auszeichnet, und auf die Größendifferenz einer in Form der Pacht und einer selbsterzeugten Rente kein sonderliches Gewicht legt. Wenigstens hat man sich nicht veranlaßt gefunden, die aus der Selbstbewirtschaftung hervorgehende Rente derartig zerlegt zu denken, daß der eine Bestandteil gleichsam den Zins des Grundstücks und der andre den Überschußgewinn des Unternehmertums repräsentierte. Abgesehn von dem eignen Kapital, welches der Pächter zur Anwendung bringt, scheint man seinen speziellen Gewinn, meistens für eine Art Arbeitslohn zu halten. Doch ist es bedenklich, hierüber etwas behaupten zu wollen, da man sich die Frage in dieser Bestimmtheit gar nicht vorgelegt hat. Überall wo es sich um größere Wirtschaften handelt, wird man mit Leichtigkeit einsehn können, daß es nicht angeht, den spezifischen Pächtergewinn als Arbeitslohn gelten zu lassen. Dieser Gewinn beruht nämlich selbst auf dem Gegensatz gegen die ländliche Arbeitskraft, deren Ausnutzung allein jene Einkünfteart möglich macht. Es ist offenbar ein Stück Rente, welches in den Händen des Pächters bleibt, und durch welches die volle Rente, die bei der Bewirtschaftung durch den Eigentümer erzielt werden würde, verkürzt wird.«

Die Theorie von der Bodenrente ist ein spezifisch englisches Stück Ökonomie und mußte es sein, weil nur in England eine Produktionsweise bestand, bei der die Rente sich auch tatsächlich von Profit und Zins abgesondert hatte. In England herrscht bekanntlich großer Grundbesitz und große Agrikultur. Die Grundeigentümer verpachten ihre Ländereien in großen, oft sehr großen Ackergütern an Pächter, die mit hinreichendem Kapital zu deren Bewirtschaftung versehen sind und nicht, wie unsre Bauern, selbst arbeiten, sondern als richtige kapitalistische Unternehmer die Arbeit von Hofgesinde und Taglöhnern verwenden. Hier haben wir |208| also die drei Klassen der bürgerlichen Gesellschaft und das einer jeden eigentümliche Einkommen: den Grundeigentümer, der die Grundrente, den Kapitalisten, der den Profit, und den Arbeiter, der den Arbeitslohn bezieht. Nie ist es einem englischen Ökonomen eingefallen, den Gewinn des Pächters, wie dies Herrn Dühring scheint, für eine Art Arbeitslohn zu halten; noch viel weniger konnte es für ihn bedenklich sein, zu behaupten, des Pächters Profit sei das, was er unbestreitbar, augenscheinlich und handgreiflich ist, nämlich Kapitalprofit. Es ist gradezu lächerlich, wenn es hier heißt, man habe sich die Frage, was der Pächtergewinn eigentlich sei, in dieser Bestimmtheit gar nicht vorgelegt. In England braucht man sich diese Frage gar nicht erst vorzulegen, die Frage wie die Antwort liegen seit lange vor in den Tatsachen selbst, und es hat darüber seit Adam Smith nie ein Zweifel bestanden.

Der Fall der Selbstbewirtschaftung, wie Herr Dühring es nennt, oder vielmehr der Bewirtschaftung durch Verwalter für Rechnung des Grundbesitzers, wie er in der Wirklichkeit in Deutschland sich mehrentells ereignet, ändert nichts an der Sache. Wenn der Grundbesitzer auch das Kapital liefert und für eigne Rechnung wirtschaften läßt, so steckt er außer der Grundrente noch den Kapitalprofit in die Tasche, wie das nach der heutigen Produktionsweise sich von selbst versteht und gar nicht anders sein kann. Und wenn Herr Dühring behauptet, man habe sich bisher nicht veranlaßt gefunden, die aus der Selbstbewirtschaftung hervorgehende Rente (soll heißen Revenue) zerlegt zu denken, so ist das einfach nicht wahr und beweist im besten Fall nur wieder seine eigne Unwissenheit. Zum Beispiel:

»Das Einkommen, das sich aus Arbeit herleitet, heißt Arbeitslohn; dasjenige, welches jemand aus der Anwendung von Kapital herleitet, heißt Profit ... das Einkommen, das ausschließlich aus dem Boden entspringt, wird Rente genannt und gehört dem Grundbesitzer. ... Wenn diese verschiednen Arten von Einkommen verschiednen Personen zufallen, sind sie leicht zu unterscheiden; fallen sie aber derselben Person zu, so werden sie wenigstens in der alltäglichen Sprache häufig durcheinandergeworfen. Ein Grundbesitzer, der einen Teil seines eignen Boden selbst bewirtschaftet, sollte nach Abzug der Bewirtschaftungskosten sowohl die Rente des Grundbesitzers wie den Profit des Pächters erhalten. |Hervorhebungen von Engels| Er wird aber leicht, in der gewöhnlichen Sprache wenigstens, seinen ganzen Gewinn Profit nennen und so die Rente mit dem Profit zusammenwerfen. Die Mehrzahl unsrer nordamerikanischen und westindischen Pflanzer sind in dieser Lage; die meisten bebauen ihre eignen Besitzungen, und so hören wir selten von der Rente einer Pflanzung, wohl aber von dem Profit, den sie abwirft ... Ein Gärtner, der seinen |209| eignen Garten eigenhändig bebaut, ist in einer Person Grundbesitzer, Pächter und Arbeiter. Sein Produkt sollte ihm daher die Rente des ersten, den Profit des zweiten und den Lohn des dritten zahlen. Das Ganze gilt aber gewöhnlich als sein Arbeitsverdienst; Rente und Profit werden hier also zusammengeworfen mit dem Arbeitslohn.«

Diese Stelle steht im 6. Kapitel des ersten Buchs von Adam Smith. Der Fall der Selbstbewirtschaftung ist also schon vor hundert Jahren untersucht, und die Bedenklichkeiten und Unsicherheiten, die Herrn Dühring hier soviel Kummer machen, entspringen lediglich aus seiner eignen Unwissenheit.

Zuletzt rettet er sich aus der Verlegenheit durch einen kühnen Griff:

Der Pächtergewinn beruht auf Ausbeutung der »ländlichen Arbeitskraft« und ist daher offenbar ein »Stück Rente«, um welches die »volle Rente«, die eigentlich in die Tasche des Grundbesitzers fließen sollte, »verkürzt wird«.

Hiermit erfahren wir zweierlei. Erstens, daß der Pächter die Rente des Grundbesitzers »verkürzt«, so daß also bei Herrn Dühring nicht, wie man sich bisher vorgestellt hatte, es der Pächter ist, welcher dem Grundbesitzer, sondern der Grundbesitzer, welcher dem Pächter Rente zahlt - allerdings eine »von Grund aus eigentümliche Anschauung«. Und zweitens erfahren wir endlich, was Herr Dühring sich unter Grundrente vorstellt; nämlich das ganze bei der Ausbeutung der ländlichen Arbeit im Ackerbau erzielte Mehrprodukt. Da dies Mehrprodukt aber in der bisherigen Ökonomie - einige Vulgärökonomen etwa ausgenommen - in Grundrente und Kapitalprofit zerfällt, so haben wir zu konstatieren, daß auch von der Grundrente Herr Dühring »nicht den gemeingültigen Begriff hegt«.

Also Grundrente und Kapitalgewinn unterscheiden sich nach Herrn Dühring nur dadurch, daß die erstere im Ackerbau erwirkt wird und der andre in der Industrie oder im Handel. Zu dieser unkritischen und verworrnen Vorstellungsweise gelangt Herr Dühring mit Notwendigkeit. Wir sahen, daß er von der »wahren historischen Auffassung« ausging, wonach die Herrschaft über den Boden nur vermittelst der Herrschaft über den Menschen begründet sei. Sobald also Boden vermittelst irgendeiner Form von Knechtsarbeit bebaut wird, entsteht ein Überschuß für den Grundherrn, und dieser Überschuß ist eben die Rente, wie der Überschuß des Arbeitsprodukts über den Arbeitsgewinn in der Industrie der Kapitalgewinn ist.

»Auf diese Weise ist klar, daß die Bodenrente zu jeder Zeit und überall da in erheblichem Maß existiert, wo die Ackerkultur vermittelst irgendeiner der Unterwerfungsformen der Arbeit betrieben wird.«

|210| Bei dieser Darstellung der Rente, als des gesamten beim Ackerbau erzielten Mehrprodukts, kommt ihm nun einerseits der englische Pächterprofit und andrerseits die von diesem entlehnte, in der ganzen klassischen Ökonomie gültige Teilung jenes Mehrprodukts in Grundrente und Pächterprofit, und damit die reine präzise Fassung der Rente, quer in den Weg. Was tut Herr Dühring? Er stellt sich, als kenne er von der Einteilung des Ackerbau-Mehrprodukts in Pächterprofit und Grundrente, also von der ganzen Rententheorie der klassischen Ökonomie kein Sterbenswörtchen; als sei in der gesamten Ökonomie die Frage, was der Pächterprofit eigentlich sei, noch gar nicht »in dieser Bestimmtheit« gestellt worden; als handle es sich um einen ganz unerforschten Gegenstand, über den nichts bekannt ist als Schein und Bedenklichkeiten. Und er flüchtet aus dem fatalen England, wo das Mehrprodukt des Ackerbaus ganz ohne Zutun irgendwelcher theoretischen Schule so erbarmungslos zerteilt ist in seine Bestandteile: Grundrente und Kapitalprofit, nach seinem vielgeliebten Geltungsbereich des preußischen Landrechts, wo die Selbstbewirtschaftung in voller patriarchalischer Blüte steht, wo »der Gutsbesitzer unter Rente die Einkünfte von seinen Grundstücken versteht« und die Ansicht der Herren Junker über die Rente noch mit dem Anspruch auftritt, für die Wissenschaft maßgebend zu sein, wo also Herr Dühring noch hoffen kann, mit seiner Begriffsverwirrung über Rente und Profit durchzuschlüpfen und sogar Glauben zu finden für seine neueste Entdeckung, daß die Grundrente gezahlt werde nicht vom Pächter an den Grundbesitzer, sondern vom Grundbesitzer an den Pächter.

 

X.

Aus der »Kritischen Geschichte«

Werfen wir schließlich noch einen Blick auf die »Kritische Geschichte der Nationalökonomie«, auf »dieses Unternehmen« des Herrn Dühring, daß, wie er sagt, »ganz ohne Vorgänger ist«. Vielleicht begegnen wir hier endlich der vielversprochenen letzten und strengsten Wissenschaftlichkeit.

Herr Dühring macht viel Aufhebens von dem Fund, daß

die »Wirtschaftslehre« eine »enorm moderne Erscheinung ist« (Seite 12).

in der Tat heißt's bei Marx im »Kapital«: »Die politische Ökonomie ... als eigne Wissenschaft, kommt erst, in der Manufakturperiode auf«, |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 386| und in: »Zur Kritik der Politischen Ökonomie«, Seite 29, daß »die klassische politische Ökonomie ... in England mit William Petty, in Frankreich mit |213| Boisguillebert beginnt, in England mit Ricardo, in Frankreich mit Sismondi abschließt |siehe Karl Marx, »Zur Kritik der Politischen Ökonomie«, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 13, S. 37|. Herr Dühring folgt diesem ihm vorgeschriebnen Gang, nur daß ihm die höhere Ökonomie erst beginnt mit den kläglichen Aborten, welche die bürgerliche Wissenschaft nach Ablauf ihrer klassischen Periode zutage gefördert hat. Dahingegen triumphiert er mit vollstem Recht am Schluß seiner Einleitung:

»Wenn aber schon dieses Unternehmen in seinen äußerlich wahrnehmbaren Eigentümlichkeiten und in der neuern Hälfte seines Inhalts ganz ohne Vorgänger ist, so gehört es mir noch viel mehr seinen innern kritischen Gesichtspunkten und seinem allgemeinen Standpunkt nach eigentümlich an« (Seite 9).

Er hätte in der Tat nach beiden, äußerlichen und innerlichen Seiten hin sein »Unternehmen« (der industrielle Ausdruck ist nicht übel gewählt) annoncieren können als: Der Einzige und sein Eigentum.

Da die politische Ökonomie, wie sie geschichtlich aufgetreten, in der Tat nichts ist als die wissenschaftliche Einsicht in die Ökonomie der kapitalistischen Produktionsperiode, so können darauf bezügliche Sätze und Theoreme, z.B. bei den Schriftstellern der alten griechischen Gesellschaft, nur soweit vorkommen, wie gewisse Erscheinungen: Warenproduktion, Handel, Geld, zinstragendes Kapital usw., beiden Gesellschaften gemeinsam sind. Soweit die Griechen gelegentliche Streifzüge in dies Gebiet machen, zeigen sie dieselbe Genialität und Originalität wie auf allen andern Gebieten. Ihre Anschauungen bilden daher geschichtlich die theoretischen Ausgangspunkte der modernen Wissenschaft. Hören wir nun den weltgeschichtlichen Herrn Dühring.

»Hiernach hätten wir in bezug auf wissenschaftliche Wirtschaftstheorie vom Altertum eigentlich gar nichts Positives zu berichten, und das gänzlich unwissenschaftliche Mittelalter bietet dazu« (dazu, nichts zu berichten!) »noch weit weniger Veranlassung. Da jedoch die den Schein der Gelehrsamkeit eitel zur Schau tragende Manier ... den reinen Charakter der modernen Wissenschaft verunziert hat, so müssen zur Notiznahme wenigstens einige Beispiele beigebracht werden.«

Und Herr Dühring bringt dann Beispiele einer Kritik bei, die sich in der Tat auch vom »Schein der Gelehrsamkeit« frei hält.

Des Aristoteles' Satz, daß

»zweifach ist der Gebrauch jedes Guts - der eine ist dem Ding als solchem eigen, der andre nicht, wie einer Sandale, zur Beschuhung zu dienen und austauschbar zu sein; beides sind Gebrauchsweisen der Sandale, denn auch, wer die Sandale gegen das ihm |214| Mangelnde, Geld oder Nahrung, austauscht, benutzt die Sandale als Sandale; aber nicht in ihrer natürlichen Gebrauchsweise, denn sie ist nicht des Austausches wegen da« -

dieser Satz ist nach Herrn Dühring »nicht nur in recht trivialer und verschulter Art ausgesprochen«. Sondern die, welche hierin eine »Unterscheidung zwischen Gebrauchswert und Tauschwert« finden, verfallen außerdem noch dem »Humor«, zu vergessen, daß »in allerjüngster Zeit« und »im Rahmen des am meisten fortgeschrittenen Systems«, natürlich dem des Herrn Dühring selbst, Gebrauchswert und Tauschwert alle geworden sind.

»In Platos Schriften über den Staat hat man ... auch das moderne Kapitel von der volkswirtschaftlichen Arbeitsteilung finden wollen.«

Dies soll wohl auf die Stelle im »Kapital«, Kapitel XII, 5, Seite 369 der dritten Auflage gehn, wo aber vielmehr umgekehrt die Ansicht des klassischen Altertums von der Teilung der Arbeit als im strengsten Gegensatz zu der modernen nachgewiesen wird |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 387/388|. - Nasenrümpfen und weiter nichts, von seiten Herrn Dührings, verdient Platos für seine Zeit geniale Darstellung der Teilung der Arbeit als naturwüchsiger Grundlage der Stadt (die für den Griechen identisch war mit dem Staat), und zwar, weil er nicht - wohl aber der Grieche Xenophon, Herr Dühring! - die »Grenze« erwähnt,

»welche der jeweilige Umfang des Markts für die weitere Verzweigung der Berufsarten und die technische Zerlegung der Spezialoperationen setzt - die Vorstellung von dieser Grenze ist erst diejenige Erkenntnis, mit welcher die sonst kaum wissenschaftlich zu nennende Idee zu einer ökonomisch erheblichen Wahrheit wird«.

Der von Herrn Dühring so sehr verschmähte »Professor« Roscher hat in der Tat diese »Grenze« gezogen, bei der die Idee der Teilung der Arbeit erst »wissenschaftlich« werden soll, und deshalb Adam Smith ausdrücklich zum Entdecker des Gesetzes der Teilung der Arbeit gemacht. In einer Gesellschaft, wo die Warenproduktion die herrschende Weise der Produktion ist, ist »der Markt« - um auch einmal in Herrn Dührings Manier zu reden - eine unter den »Geschäftsleuten« sehr bekannte »Grenze« gewesen. Es gehört aber mehr als »das Wissen und der Instinkt der Routine« dazu, um einzusehen, daß nicht der Markt die kapitalistische Teilung der Arbeit schuf, sondern umgekehrt die Zersetzung früherer gesellschaftlicher Zusammenhänge und die daraus erfolgende Teilung der Arbeit den Markt schufen. (Siehe »Kapital«, I, Kapitel XXIV, 5: Herstellung des innern Marktes für das industrielle Kapital. |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 773/777|)

|215| »Die Rolle des Geldes ist zu allen Zeiten die erste Hauptanregung zu wirtschaftlichen (!) Gedanken gewesen. Was wußte aber ein Aristoteles von dieser Rolle? Offenbar nichts weiter, als was in der Vorstellung liegt, daß der Austausch durch Vermittlung des Geldes dem Naturalaustausch gefolgt sei.«

Wenn »ein« Aristoteles sich aber herausnimmt, die zwei verschiednen Zirkulationsformen des Geldes zu entdecken, die eine, worin es als bloßes Zirkulationsmittel, die andre, worin es als Geldkapital tätig ist,

so drückt er hiermit, nach Herrn Dühring, »nur eine moralische Antipathie aus«.

Wenn »ein« Aristoteles sich gar vermißt, das Geld in seiner »Rolle« als Wertmaß analysieren zu wollen, und in der Tat dies für die Lehre vom Gelde so entscheidende Problem richtig stellt, so schweigt »ein« Dühring, und zwar aus guten Geheimgründen, lieber ganz über solch unerlaubte Verwegenheit.

Schlußresultat: Im Spiegelbild der Dühringschen »Notiznahme« besitzt das griechische Altertum in der Tat nur »ganz gewöhnliche Ideen« (Seite 25), wenn derartige »Niaiserie« (Seite 19) überhaupt noch etwas mit Ideen, gewöhnlichen oder ungewöhnlichen, gemein hat.

Das Kapitel des Herrn Dühring über den Merkantilismus liest man besser im »Original«, das heißt bei F. List, »Nationales System«, Kapitel 29: »Das Industriesystem, von der Schule fälschlich Merkantilsystem genannt.« Wie sorgfältig auch hier Herr Dühring jeden »Schein der Gelehrsamkeit« zu vermeiden weiß, zeigt unter anderm folgendes:

List, Kapitel 28, »Die italienischen Nationalökonomen«, sagt:

»Allen modernen Nationen ist Italien vorausgegangen, wie in der Praxis, so in der Theorie der politischen Ökonomie«,

und erwähnt dann als

»das erste über politische Ökonomie insbesondere in Italien geschriebne Werk die Schrift von Antonio Serra aus Neapel über die Mittel, den Königreichen einen Überfluß an Gold und Silber zu verschaffen (1613).

Herr Dühring nimmt dies getrost an und kann demgemäß Serras »Breve trattato«

»als eine Art Inschrift am Eingang der neuern Vorgeschichte der Ökonomie betrachten«.

Auf dies »belletristische Mätzchen« beschränkt sich in der Tat seine Betrachtung des »Breve trattato«. Unglücklicherweise trug sich in der Wirklichkeit die Sache anders zu und erschien 1609, also vier Jahre vor dem »Breve trattato«, Thomas Muns »A Discurse of Trade etc.« Diese Schrift hat gleich in ihrer ersten Ausgabe die spezifische Bedeutung, daß sie gegen |216| das ursprüngliche, damals noch als Staatspraxis in England verteidigte Monetarsystem gerichtet ist, also die bewußte Selbstscheidung des Merkantilsystems von seinem Muttersystem darstellt. Bereits in ihrer ersten Form erlebte die Schrift mehrere Auflagen und übte direkten Einfluß auf die Gesetzgebung aus. In der vorn Verfasser gänzlich umgearbeiteten und nach seinem Tod erschienenen Auflage von 1664: »Englands Treasure etc.« blieb sie für weitere hundert Jahre merkantilistisches Evangelium. Hat der Merkantilismus also ein epochemachendes Werk »als eine Art Inschrift am Eingang« so ist es dieses, und eben darum existiert es ganz und gar nicht für Herrn Dührings »die Rangverhältnisse sehr sorgfältig beobachtende Geschichte«.

Von dem Begründer der modernen politischen Ökonomie, Petty, teilt Herr Dühring uns mit, daß er

»ein ziemliches Maß leichtfertiger Denkungsart« besaß, ferner »Abwesenheit des Sinnes für die innern und feinern Unterscheidungen der Begriffe« ... eine »Versatilität, die vieles kennt, aber von dem einen zum andern leichten Fußes übergeht, ohne in irgendeinem Gedanken tieferer Art Wurzel zu schlagen« ... er »verfährt in volkswirtschaftlicher Beziehung noch sehr roh« und »gelangt zu Naivetäten, deren Kontrast ... den ernsteren Denker auch wohl einmal unterhalten kann«.

Welche nicht zu überschätzende Herablassung also, wenn der »ernstere Denker« Herr Dühring überhaupt von »einem Petty« Notiz zu nehmen geruht! Und wie nimmt er von ihm Notiz?

Pettys Sätze über

»die Arbeit und sogar die Arbeitszeit als Wertmaß, wovon sich bei ihm ... unvollkommne Spuren vorfinden«,

werden außer in diesem Satz gar nicht weiter erwähnt. Unvollkommne Spuren. In seinem »Treatise on Taxes and Contributions« (erste Ausgabe 1662) gibt Petty eine vollkommen klare und richtige Analyse der Wertgröße der Waren. Indem er sie zunächst veranschaulicht an dem Gleichwert von edlen Metallen und Korn, welche gleich viel Arbeit kosten, sagt er das erste und letzte »theoretische« Wort über den Wert der edlen Metalle. Aber er spricht auch bestimmt und allgemein aus, daß die Warenwerte durch gleiche Arbeit (equal labour) gemessen werden. Er wendet seine Entdeckung auf die Lösung verschiedner, zum Teil sehr verwickelter Probleme an, und zieht stellenweis bei verschiednen Gelegenheiten und in verschiednen Schriften, auch wo der Hauptsatz nicht wiederholt wird, wichtige Konsequenzen aus demselben. Aber er sagt auch gleich in seiner ersten Schrift:

|217| »Dies« (die Schätzung durch gleiche Arbeit) »behaupte ich, ist die Grundlage der Ausgleichung und Abwägung der Werte |Hervorhebung von Marx|; jedoch in dem Überbau und der praktischen Anwendung davon, gestehe ich, gibt es viel Mannigfaltiges und Verwickeltes.«

Petty ist sich also ebensosehr der Wichtigkeit seines Fundes bewußt, wie der Schwierigkeit seiner Detailausnutzung. Er versucht daher auch einen andern Weg zu gewissen Detailzwecken.

Es soll nämlich ein natürliches Gleichheitsverhältnis (a natural Par) zwischen Boden und Arbeit gefunden werden, so daß man den Wert beliebig »in jedem der beiden oder noch besser in beiden« ausdrücken kann.

Der Irrweg selbst ist genial.

Herr Dühring macht zu Pettys Werttheorie die scharfgedachte Bemerkung:

»Hätte er selbst schärfer gedacht, so würde es gar nicht möglich sein, daß sich an andern Orten Spuren einer entgegengesetzten Auffassung vorfänden, an welche schon vorher erinnert worden«;

das heißt wovon »vorher« nichts erwähnt worden ist, außer daß die »Spuren« - »unvollkommen« sind. Es ist dies eine sehr charakteristische Manier des Herrn Dühring, »vorher« auf etwas mit einer inhaltslosen Phrase anzuspielen, um »hinterher« den Leser glauben zu machen, er habe schon »vorher« Kenntnis von der Hauptsache erhalten, über die besagter Verfasser tatsächlich vorher und hinterher hinwegschlüpft.

Nun finden sich bei Adam Smith nicht nur »Spuren« von »entgegengesetzten Auffassungen« über den Wertbegriff, und nicht nur zwei, sondern sogar drei, und ganz genau genommen, sogar vier kraß entgegengesetzte Ansichten über den Wert, die gemütlich neben- und untereinanderlaufen. Was aber naturgemäß bei dem Grundleger der politischen Ökonomie, der notwendig tastet, experimentiert, mit einem erst sich gestaltenden Ideenchaos ringt, das kann befremdlich erscheinen bei einem Schriftsteller, der mehr als anderthalbhundertjährige Forschungen sichtend zusammenfaßt, nachdem deren Resultate aus den Büchern zum Teil schon in das allgemeine Bewußtsein übergegangen sind. Und, um vom Großen aufs Kleine zu kommen: wie wir sahen, gibt uns Herr Dühring selbst ebenfalls fünf verschiedne Arten von Wert zur gefälligen Auswahl, und mit ihnen ebensoviel entgegengesetzte Auffassungen. Allerdings, »hätte er selbst schärfer gedacht«, so würde er nicht soviel Mühe gebraucht haben, seine |218| Leser aus der vollkommen klaren Pettyschen Auffassung des Werts zurückzuwerfen in die äußerste Konfusion.

Eine ganz abgerundete, aus einem Stück gegossene Arbeit Pettys ist sein »Quantulumcunque concerning Money«, 1682 publiziert, zehn Jahre nach seiner »Anatomy of Ireland« (diese erschien »zuerst« 1672 und nicht 1691, wie Herr Dühring den »gangbarsten Lehrbuchkompilationen« nach schreibt). Die letzten Spuren merkantilistischer Anschauungen, die man in andern Schriften von ihm antrifft, sind hier völlig verschwunden. Es ist ein kleines Meisterwerk nach Inhalt und Form und figuriert eben deswegen auch nicht einmal dem Namen nach bei Herrn Dühring. Es ist ganz in der Ordnung, daß gegenüber dem genialsten und originellsten ökonomischen Forscher eine gespreizte schulmeisterliche Mittelmäßigkeit nur ihr knurriges Mißvergnügen kundtun, nur Ärgernis daran nehmen kann, daß die theoretischen Lichtfunken nicht in Reih und Glied als fertige »Axiome« einherstolzieren, vielmehr zerstreut aus der Vertiefung »rohen« praktischen Materials, z.B. der Steuern, hervorspringen.

Wie mit Pettys eigentlich ökonomischen Arbeiten, verfährt Herr Dühring mit dessen Gründung der »Politischen Arithmetik«, vulgo Statistik. Hämisches Achselzucken über die Absonderlichkeit der von Petty angewandten Methoden! Angesichts der grotesken Methoden, die selbst Lavoisier noch hundert Jahre später auf diesem Gebiet anwandte, angesichts des großen Abstands noch der heutigen Statistik von dem Ziel, das Petty ihr in gewaltigen Zügen vorgezeichnet hatte, erscheint solch selbstgefälliges Besserwissen, zwei Jahrhunderte post festum, in unverblümter Albernheit.

Die bedeutendsten Ideen Pettys, wovon in dem »Unternehmen« des Herrn Dühring blutwenig bemerkbar, sind nach letzterem nur lose Einfälle, Gedankenzufälligkeiten, gelegentliche Äußerungen, denen man erst in unsrer Zeit vermittelst aus dem Zusammenhang herausgerissener Zitate eine ihnen an und für sich gar nicht innewohnende Bedeutung verleiht, die also auch in der wirklichen Geschichte der politischen Ökonomie keine Rolle spielen, sondern nur in modernen Büchern unterhalb des Niveaus der wurzelhaften Kritik und der »Geschichtschreibung großen Stils« des Herrn Dühring. Er scheint bei seinem »Unternehmen« einen köhlergläubigen Kreis von Lesern im Auge gehabt zu haben, der sich beileibe nicht untersteht, die Probe auf die Behauptung zu verlangen. Wir kommen gleich hierauf zurück (bei Locke und North), müssen aber zunächst im Vorübergehn Boisguillebert und Law uns ansehn.

Mit Bezug auf erstern heben wir den einzigen Herrn Dühring gehörigen Fund heraus. Er hat einen früher vermißten Zusammenhang zwischen |219| Boisguillebert und Law entdeckt. Boisguillebert behauptet nämlich, die edlen Metalle könnten in den normalen Geldfunktionen, die sie innerhalb der Warenzirkulation vollziehn, durch Kreditgeld (un morceau de papier) ersetzt werden. Law dagegen bildet sich ein, eine beliebige »Vermehrung« dieser »Papierstückchen« vermehre den Reichtum einer Nation. Daraus folgt für Herrn Dühring, daß Boisguilleberts

»Wendung schon eine neue Wendung des Merkantilismus in sich barg« -

mit andern Worten schon den Law. Dies wird folgendermaßen sonnenklar bewiesen:

»Es kam nur darauf an, den 'einfachen Papierstückchen' dieselbe Rolle anzuweisen, welche die edlen Metalle hatten spielen sollen, und es war hiermit sofort eine Metamorphose des Merkantilismus vollzogen.«

In derselben Weise kann man sofort die Metamorphose von Onkel in Tante vollziehn. Zwar setzt Herr Dühring beschwichtigend hinzu:

»Allerdings hatte Boisguillebert nicht eine solche Absicht.«

Aber, ins Teufels Namen, wie konnte er die Absicht haben, seine eigne rationalistische Anschauung von der Geldrolle der edlen Metalle deshalb durch die abergläubische der Merkantilisten zu ersetzen, weil nach ihm die edlen Metalle in jener Rolle durch Papier ersetzbar sind?

Doch, fährt Herr Dühring in seiner ernsten Komik fort,

»doch mag immerhin zugestanden werden, daß unserm Autor hier und da eine wirklich treffende Bemerkung gelungen ist« (Seite 83).

Mit Bezug auf Law gelingt Herrn Dühring nur die »wirklich treffende Bemerkung«:

»auch Law hat die letztere Grundlage« (nämlich »die Basis der edlen Metalle«) «begreiflicherweise nie ganz und gar ausmerzen können, aber er hat die Zettelausgabe bis aufs äußerste, das heißt bis zum Zusammenbruch des Systems getrieben« (Seite 94).

in der Wirklichkeit aber sollten die Papierschmetterlinge, bloße Geldzeichen, im Publikum herumflattern, nicht um die Edelmetallbasis »auszumerzen«, sondern um sie aus den Taschen des Publikums in die verödeten Staatskassen hineinzulocken.

Um wieder auf Petty zu kommen und die unansehnliche Rolle, welche Herr Dühring ihn in der Geschichte der Ökonomie spielen läßt, wollen |220| wir zuerst hören, was uns über Pettys nächste Nachfolger mitgeteilt wird, Locke und North. In demselben Jahr, 1691, erschienen Lockes »Considerations on Lowering of Interest and Raising of Money« und Norths »Discourses upon Trade«.

»Was er« (Locke) »über Zins und Münze schrieb, tritt nicht aus dem Rahmen der Reflexionen, wie sie unter der Herrschaft des Merkantilismus in Anlehnung an die Vorkommnisse des Staatslebens üblich waren« (Seite 64).

Dem Leser dieser »Berichterstattung« muß nun sonnenklar werden, warum Lockes »Lowering of Interest« in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts so bedeutenden Einfluß auf die politische Ökonomie in Frankreich und Italien gewann, und zwar nach verschiedner Richtung hin.

»Über die Freiheit des Zinsfußes hatte mancher Geschäftsmann ähnlich gedacht« (wie Locke), »und auch die Entwicklung der Verhältnisse brachte die Neigung mit sich, die Zinshemmungen als unwirksam zu betrachten. In einer Zeit, wo ein Dudley North seine 'Discourses upon Trade' in der Richtung auf Freihandel schreiben konnte, mußte bereits vieles gleichsam in der Luft liegen, was die theoretische Opposition gegen Zinsbeschränkungen nicht als etwas Unerhörtes erscheinen ließ« (Seite 64).

Also Locke hatte die Gedanken dieses oder jenes gleichzeitigen »Geschäftsmanns« nachzudenken, oder aber vieles zu seiner Zeit »gleichsam in der Luft liegende« aufzuschnappen, um über Zinsfreiheit zu theoretisieren und nichts »Unerhörtes« zu sagen! In der Tat aber stellte Petty schon 1662 in seinem »Treatise on Taxes and Contributions« den Zins als Geldrente, die wir Wucher nennen (rent of money which we call usury), der Boden- und Grundrente (rent of land and houses) gegenüber, und dozierte den Grundherren, die zwar nicht die Bodenrente, wohl aber die Geldrente gesetzlich niedermaßregeln wollten, die Eitelkeit und Fruchtlosigkeit, bürgerliche, positive Gesetze zu machen gegen das Gesetz der Natur (the vanity and fruitlessness of making civil positive law against the law of nature). In seinem »Quantulumcunque« (1682) erklärt er daher die gesetzliche Zinsregulation für ebenso albern, wie eine Regulation der Ausfuhr der edlen Metalle oder des Wechselkurses. In derselben Schrift sagt er das ein für allemal Maßgebende über raising of money (der Versuch, z.B. 1/2 Schilling den Namen von 1 Schilling zu geben, indem man die Unze Silber in doppelt so viele Schillinge ausprägt).

Mit Bezug auf letztern Punkt wird er fast nur kopiert von Locke und North. Mit Bezug auf den Zins aber knüpft Locke an Pettys Parallele von Geldzins und Bodenrente an, während North weitergehend den Zins als Kapitalrente (rent of stock) der Bodenrente und die Stocklords den Land- |221| lords gegenüberstellt. Während Locke aber die von Petty geforderte Zinsfreiheit nur mit Beschränkungen, nimmt North sie absolut.

Herr Dühring übertrifft sich selbst, wenn er, selbst noch bittrer Merkantilist im »subtileren« Sinn, Dudley Norths »Discourses upon Trade« mit der Bemerkung abfertigt, sie seien »in der Richtung auf Freihandel« geschrieben. Es ist, als sagte man von Harvey, er habe »in der Richtung« auf die Blutzirkulation geschrieben. Norths Schrift - von ihren sonstigen Verdiensten abgesehn - ist eine klassische, mit rücksichtsloser Konsequenz geschriebne Auseinandersetzung der Freihandelslehre, sowohl was äußern wie innern Verkehr betrifft, im Jahr 1691 allerdings »etwas Unerhörtes«!

Im übrigen berichtet Herr Dühring, daß

North ein »Händler«, dazu ein schlechter Kerl war, und daß seine Schrift »keinen Beifall zu finden vermocht«.

Das hätte noch gefehlt, daß eine solche Schrift zur Zeit des endgültigen Siegs des Schutzzollsystems in England »Beifall« gefunden hätte beim tonangebenden Janhagel! Dies hinderte jedoch nicht ihre sofortige theoretische Wirkung, die in einer ganzen Reihe unmittelbar nach ihr, teils noch im 17. Jahrhundert, in England erschienener ökonomischer Schriften nachweisbar ist.

Locke und North lieferten uns den Beweis, wie die ersten kühnen Griffe, die Petty fast in allen Sphären der politischen Ökonomie tat, von seinen englischen Nachfolgern einzeln aufgenommen und weiterverarbeitet wurden. Die Spuren dieses Prozesses während der Periode 1691 bis 1752 drängen sich dem oberflächlichsten Beobachter schon dadurch auf, daß alle ihr angehörigen, bedeutenderen ökonomischen Schriften, positiv oder negativ, an Petty anknüpfen. Diese Periode, voll origineller Köpfe, ist daher für die Erforschung der allmählichen Genesis der politischen Ökonomie die bedeutendste. Die »Geschichtszeichnung großen Stils«, die es Marx als unverzeihliche Sünde ankreidet, daß im »Kapital« von Petty und den Schriftstellern jener Periode soviel Aufhebens gemacht wird, streicht sie einfach aus der Geschichte aus. Von Locke, North, Boisguillebert und Law springt sie sofort zu den Physiokraten über, und dann erscheint am Eingang des wirklichen Tempels der politischen Ökonomie - David Hume. Mit Erlaubnis des Herrn Dühring stellen wir die chronologische Ordnung wieder her und damit Hume vor die Physiokraten.

Humes ökonomische »Essays« erschienen 1752. In den zusammengehörigen Essays: »Of Money«, »Of the Balance of Trade«, »Of Commerce« folgt Hume Schritt für Schritt, oft sogar in bloßen Schrullen, Jacob Vander- |222| lints: »Money answers all things«, London 1734, So unbekannt dieser Vanderlint auch Herrn Dühring geblieben sein mag, so wird er doch noch in englischen ökonomischen Schriften gegen Ende des 18. Jahrhunderts, das heißt in der nach-Smithschen Zeit, berücksichtigt.

Wie Vanderlint behandelt Hume das Geld als bloßes Wertzeichen; er kopiert fast wörtlich (und dies ist wichtig, da er die Wertzeichentheorie aus vielen andern Schriften hätte entnehmen können) aus Vanderlint, warum die Handelsbilanz nicht beständig gegen oder für ein Land sein kann; er lehrt, wie Vanderlint, das Gleichgewicht der Bilanzen, das sich natürlich, den verschiednen ökonomischen Positionen der einzelnen Länder gemäß, herstelle; er predigt, wie Vanderlint, den Freihandel, nur weniger kühn und konsequent; er hebt mit Vanderlint, nur flacher, die Bedürfnisse als Treiber der Produktion hervor; er folgt Vanderlint in dem irrigen Einfluß auf die Warenpreise, den er dem Bankgeld und sämtlichen öffentlichen Wertpapieren zuschreibt; er verwirft mit Vanderlint das Kreditgeld; wie Vanderlint macht er die Warenpreise abhängig vom Preis der Arbeit, also vom Arbeitslohn; er kopiert ihm sogar die Schrulle, daß Schatzansammlung die Warenpreise niedrig halte usw. usw.

Herr Dühring hatte schon lange orakelhaft gemunkelt von dem Mißverständnis andrer über die Humesche Geldtheorie, und namentlich bedrohsam hingewiesen auf Marx, der zudem im »Kapital« in polizeiwidriger Weise auf die Geheimzusammenhänge Humes mit Vanderlint und dem noch zu erwähnenden J. Massie |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 137 und 537/538| hingewiesen hatte.

Mit diesem Mißverständnis verhält es sich wie folgt. Was die wirkliche Geldtheorie Humes angeht, wonach das Geld bloß Wertzeichen ist, und deshalb, unter sonst gleichbleibenden Umständen, die Warenpreise sinken im Verhältnis, wie die zirkulierende Geldmenge wächst, und steigen im Verhältnis, wie sie fällt, so kann Herr Dühring beim besten Willen - ob auch in der ihm eignen lichtvollen Weise - nur seinen irrtümlichen Vorgängern nachreden. Hume aber, nachdem er besagte Theorie aufgestellt, wirft sich selbst ein (dasselbe hatte schon Montesquieu, von denselben Voraussetzungen ausgehend, getan),

es doch »gewiß«, daß seit der Entdeckung der amerikanischen Bergwerke »die Industrie bei allen Nationen Europas, außer bei den Besitzern dieser Bergwerke, gewachsen«, und daß dies »unter andern Gründen auch dem Zuwachs von Gold und Silber geschuldet sei«.

|223| Er erklärt dies Phänomen daraus, daß,

»obgleich der hohe Preis der Waren eine notwendige Folge des Zuwachses von Gold und Silber sei, er jedoch nicht unmittelbar auf diesen Zuwachs folge, sondern einige Zeit erheischt sei, bis das Geld durch den ganzen Staat zirkuliert und seine Wirkungen auf alle Volkskreise geltend macht«. In dieser Zwischenzeit wirke es wohltätig auf Industrie und Handel.

Am Schluß dieser Auseinandersetzung sagt uns Hume auch, warum, obgleich viel einseitiger als manche seiner Vorgänger und Zeitgenossen:

»Es ist leicht, das Geld im Fortschritt durch das ganze Gemeinwesen zu verfolgen, und da werden wir finden, daß es den Fleiß jedermanns anspornen muß, bevor es den Preis der Arbeit erhöht |Hervorhebung von Marx|.«

In andern Worten: Hume beschreibt hier die Wirkung einer Revolution im Wert der edlen Metalle, und zwar einer Depreziation oder, was dasselbe ist, einer Revolution im Wertmaß der edlen Metalle. Er findet richtig heraus, daß diese Depreziation, bei der nur allmählich vorgehenden Ausgleichung der Warenpreise, erst in letzter Instanz »den Preis der Arbeit erhöht«, vulgo den Arbeitslohn; also auf Kosten der Arbeiter (was er jedoch ganz in der Ordnung findet) den Profit der Kaufleute und Gewerbetreibenden vermehrt und so »den Fleiß anspornen«. Die eigentliche wissenschaftliche Frage aber: ob und wie eine vermehrte Zufuhr der edlen Metalle, bei gleichbleibendem Wert derselben, auf die Warenpreise wirkt - diese Frage stellt er sich nicht und wirft jede »Vermehrung der edlen Metalle« mit ihrer Depreziation zusammen. Hume tut also ganz genau, was Marx »Zur Kritik etc.«, Seite 173 |Siehe Karl Marx: »Kritik der politischen Ökonomie«, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 13, S. 135-136| ihn tun läßt. Wir kommen noch einmal vorübergehend auf diesen Punkt zurück, wenden uns vorher aber zu Humes Essay über »Interest«.

Humes ausdrücklich gegen Locke gerichtete Nachweisung, daß der Zins nicht durch die Masse des vorhandnen Geldes reguliert werde, sondern durch die Profitrate, und seine übrigen Aufklärungen über die Ursachen, welche Höhe oder Niedrigkeit des Zinsfußes bestimmen - alles dies findet sich viel exakter und weniger geistreich in einer 1750, zwei Jahre vor Humes Essay erschienenen Schrift: »An Essay on the Governing Causes of the Natural Rate of Interest, wherein the sentiments of Sir W. Petty and Mr. Locke, on that head, are considered.« Ihr Verfasser ist J. Massie, ein nach verschiednen Seiten hin rühriger und, wie aus der gleichzeitigen englischen Literatur ersichtbar, vielgelesener Schriftsteller. Adam Smiths |224| Erörterung des Zinsfußes steht Massie näher als Hume. Beide, Massie und Hume, wissen und sagen nichts über die Natur des »Profits«, der bei beiden eine Rolle spielt.

»Überhaupt«, kanzelredet Herr Dühring, »ist man in der Würdigung Humes meist sehr befangen verfahren und hat ihm Ideen unterlegt, die er gar nicht hegte.«

Und von diesem »Verfahren« gibt uns Herr Dühring selbst mehr als ein schlagendes Beispiel.

So z.B. fängt Humes Essay über den Zins an mit den Worten:

»Nichts gilt als ein gewisseres Zeichen des blühenden Zustands eines Volks als die Niedrigkeit des Zinsfußes, und mit Recht; obwohl ich glaube, daß die Ursache davon eine etwas andre ist, als man gewöhnlich annimmt.«

Also gleich im ersten Satz führt Hume die Ansicht, daß Niedrigkeit des Zinsfußes das sicherste Zeichen der blühenden Lage eines Volkes sei, an als einen in seinen Tagen bereits trivial gewordnen Gemeinplatz. Und in der Tat hatte diese »Idee« seit Child volle hundert Jahre Zeit gehabt, straßenläufig zu werden. Dahingegen:

»Aus den Ansichten« (Humes) »über den Zinsfuß ist hauptsächlich die Idee hervorzuheben, daß er der wahre Barometer der Zustände« (welcher?) »und seine Niedrigkeit ein fast untrügliches Zeichen der Blüte eines Volks sei« (S. 130).

Wer ist das »befangne« und eingefangne »man«, das so spricht? Niemand anders als Herr Dühring.

Was im übrigen eine naive Verwunderung unsres kritischen Geschichtschreibers erregt, ist, daß Hume bei Anlaß einer gewissen glücklichen Idee »sich nicht einmal für deren Urheber ausgibt«. Das wäre Herrn Dühring nicht passiert.

Wir haben gesehn, wie Hume jede Vermehrung des edlen Metalls zusammenwirft mit jener Vermehrung desselben, die begleitet ist von einer Depreziation, einer Revolution in ihrem eignen Wert, also im Wertmaß der Waren. Diese Verwechslung war bei Hume unvermeidlich, weil er nicht die allergeringste Einsicht in die Funktion der edlen Metalle als Wertmaß hatte. Er konnte sie nicht haben, weil er absolut nichts vom Wert selbst wußte. Das Wort selbst erscheint vielleicht nur einmal in seinen Aufsätzen, und zwar wo er Lockes Irrtum, die edlen Metalle hätten »einen nur eingebildeten Wert», weiter dahin verballhornt, sie hätten »hauptsächlich einen fiktiven Wert«.

Er steht hier tief, nicht nur unter Petty, sondern auch unter manchem seiner englischen Zeitgenossen. Er zeigt dieselbe »Rückständigkeit«, wenn |225| er noch immer in altmodischer Weise den »Kaufmann« als die erste Triebfeder der Produktion feiert, worüber schon Petty längst hinaus war. Was gar Herrn Dührings Versicherung betrifft, Hume habe sich in seinen Aufsätzen mit den »wirtschaftlichen Hauptverhältnissen« beschäftigt, so vergleiche man auch nur die von Adam Smith zitierte Schrift Cantillons (erschienen wie Humes Aufsätze 1752, aber viele Jahre nach dem Tod des Verfassers), um über den engen Umkreis der Humeschen ökonomischen Arbeiten zu staunen. Hume, wie gesagt, bleibt trotz des ihm von Herrn Dühring ausgestellten Patents, auch im Gebiet der Politischen Ökonomie respektabel, aber er ist hier nichts weniger als ein origineller Forscher und noch viel minder epochemachend. Die Wirkung seiner ökonomischen Aufsätze auf die gebildeten Kreise seiner Zeit entsprang nicht bloß aus der vorzüglichen Darstellungsweise, sondern weit mehr noch daher, daß sie eine fortschrittlich-optimistische Verherrlichung der damals aufblühenden Industrie und des Handels, mit andern Worten, der damals in England rasch emporstrebenden kapitalistischen Gesellschaft waren, bei der sie daher »Beifall« finden mußten. Ein Fingerzeig genüge hier. Jedermann weiß, wie leidenschaftlich grade zu Humes Zeit das von dem berüchtigten Robert Walpole planmäßig zur Entlastung der Grundeigentümer, und Reichen überhaupt, ausgebeutete System der indirekten Steuern von der englischen Volksmasse bekämpft wurde. In seinem Essay über Steuern (»Of Taxes«), wo Hume, ohne ihn zu nennen, gegen seinen ihm stets gegenwärtigen Gewährsmann Vanderlint polemisiert, den heftigsten Gegner der indirekten Steuern und den entschiedensten Vorkämpfer der Grundbesteuerung, heißt es:

»Sie« (die Konsumtionssteuern) »müssen in der Tat sehr starke Steuern und sehr unvernünftig aufgelegt sein, wenn sie der Arbeiter nicht selbst durch erhöhten Fleiß und Sparsamkeit zu zahlen imstande sein sollte, ohne den Preis seiner Arbeit zu erhöhen«.|Hervorhebungen von Marx|

Man glaubt hier Robert Walpole selbst zu hören, namentlich wenn man noch die Stelle hinzunimmt, im Essay über »öffentlichen Kredit«, wo mit Bezug auf die Schwierigkeit einer Besteuerung der Staatsgläubiger gesagt wird:

|226| »Die Verminderung ihres Einkommens würde nicht verkleidet werden unter dem Schein, ein bloßer Posten der Akzise oder der Zölle zu sein« |Hervorhebung von Marx|.

Wie nicht anders bei einem Schotten zu erwarten, war Humes Bewunderung des bürgerlichen Erwerbs keineswegs rein platonisch. Armer Teufel von Haus aus, brachte er es zu einer sehr, sehr schwer tausendpfündigen jährlichen Einnahme, was Herr Dühring, da es sich hier nicht um Petty handelt, sinnig so ausdrückt:

»Er war durch eine gute Privatökonomie auf der Grundlage sehr geringer Mittel dahin gelangt, niemand zu Gefallen schreiben zu müssen.«

Wenn Herr Dühring ferner sagt:

»Er hatte nie dem Einfluß der Parteien, der Fürsten oder der Universitäten das geringste Zugeständnis gemacht«,

so ist zwar nicht bekannt, daß Hume je mit einem »Wagener« literarische Kompaniegeschäfte gemacht, wohl aber, daß er ein unverdrossener Parteigänger der Whig-Oligarchie war, die »Kirche und Staat« hochhielt, und zum Lohn für dies Verdienst erst den Posten eines Gesandtschaftssekretärs zu Paris bekam, und später den ungleich wichtigern und einträglichern eines Unterstaatssekretärs.

»In politischer Hinsicht war und blieb Hume stets konservativ und streng monarchisch gesinnt. Er wurde daher auch von den Anhängern des bestehenden Kirchentums nicht so arg verketzert als Gibbon«,

sagt der alte Schlosser.

»Dieser selbstische Hume, dieser Geschichtslügner«, schilt die englischen Mönche fett, ehe- und familienlos, vom Bettel lebend, »aber er hat nie eine Familie oder ein Weib gehabt und war selbst ein großer fetter Bursche, in beträchtlichem Umfang gemästet von öffentlichem Geld, ohne es je durch irgendwelchen wirklichen öffentlichen Dienst verdient zu haben«, sagt der »roh« plebejische Cobbett. Hume hat »in der praktischen Behandlung des Lebens in wesentlichen Richtungen vor einem Kant sehr viel voraus«,

sagt Herr Dühring.

Warum aber wird Hume in der »Kritischen Geschichte« eine so übertriebne Stellung angewiesen? Einfach weil dieser »ernste und subtile Denker« die Ehre hat, den Dühring des 18. Jahrhunderts vorzustellen. Wie ein Hume zum Beweise dient, daß

»die Schöpfung des ganzen Wissenschaftszweiges« (der Ökonomie) »eine Tat der erleuchteteren Philosophie gewesen ist«,

|227| so liegt in der Vorläuferschaft Humes die beste Gewähr dafür, daß dieser ganze Wissenschaftszweig seinen zunächst absehbaren Abschluß finden wird in jenem phänomenalen Mann, der die bloß »erleuchtetere« Philosophie umgeschaffen hat in die absolut lichtvolle Wirklichkeitsphilosophie, und bei dem sich, ganz wie bei Hume, und was

»auf deutschem Boden bisher ohne Beispiel ... die Pflege der Philosophie im engern Sinn mit wissenschaftlichen Bemühungen um die Volkswirtschaft gepaart findet«.

Wir finden demgemäß den als Ökonomen immerhin respektablen Hume aufgebläht zu einem ökonomischen Stern erster Größe, dessen Bedeutung bisher nur derselbe Neid verkennen konnte, der auch Herrn Dührings »für die Epoche maßgebende« Leistungen bisher so hartnäckig totschweigt.

*

Die physiokratische Schule hat uns bekanntlich in Quesnays »ökonomischem Tableau« ein Rätsel hinterlassen, an dem die bisherigen Kritiker und Geschichtschreiber der Ökonomie sich umsonst die Zähne ausgebissen haben. Dies Tableau, das die physiokratische Vorstellung von der Produktion und Zirkulation des Gesamtreichtums eines Landes klar zur Anschauung bringen sollte, blieb für die ökonomische Nachwelt dunkel genug. Herr Dühring wird uns auch hier das endgültige Licht aufstecken.

Was dies »ökonomische Abbild der Verhältnisse der Produktion und Verteilung bei Quesnay selbst zu bedeuten habe«, sagt er, lasse sich nur angeben, wenn man »zuvor die ihm eigentümlichen leitenden Begriffe genau untersucht hat«. Und zwar um so mehr, als diese bisher nur mit einer »schwankenden Unbestimmtheit« dargestellt und selbst bei Adam Smith ihre »wesentlichen Züge nicht zu erkennen« seien.

Solcher herkömmlichen »leichtfertigen Berichterstattung« wird nun Herr Dühring ein für allemal ein Ende machen. Und nun hält er seinen Leser durch volle fünf Seiten zum besten, fünf Seiten, auf denen allerlei gespreizte Wendungen, stete Wiederholungen und berechnete Unordnung die fatale Tatsache verdecken sollen, daß Herr Dühring über die »leitenden Begriffe» Quesnays kaum soviel mitzuteilen hat, wie die »gangbarsten Lehrbuchkompilationen«, vor denen er so unermüdlich warnt. Es ist »eine der bedenklichsten Seiten« dieser Einleitung, daß auch hier schon das bisher nur dem Namen nach bekannte Tableau schon gelegentlich beschnuppert, dann aber sich in allerhand »Reflexionen« verlaufen wird, wie z.B. »den Unterschied von Aufwendung und Erfolg«. Wenn dieser zwar in der Quesnayschen Idee nicht fertig anzutreffen ist, so wird dahingegen Herr Dühring uns ein fulminantes Exempel davon geben, sobald er von seiner |228| langgedehnten einleitenden »Aufwendung« zu seinem merkwürdig kurzatmigen »Erfolg« kommt, den Aufschluß über das Tableau selbst. Geben wir nun alles, aber auch alles wörtlich, was er über das Tableau Quesnays mitzuteilen für gut findet.

In der »Aufwendung« sagt Herr Dühring:

»Ihm« (Quesnay) »erschien es als selbstverständlich, daß man den Ertrag« (Herr Dühring hatte eben vom Nettoprodukt gesprochen) »als einen Geldwert auffassen und behandeln müsse ... er knüpfte seine Überlegungen (!) sofort an die Geldwerte an, die er als Verkaufsergebnisse aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse bei dem Übergang aus der ersten Hand voraussetzte. Auf diese Weise (!) operierter in den Kolonnen seines Tableau mit einigen Milliarden« (d.h. Geldwerten).

Wir haben hiermit dreimal erfahren, daß Quesnay im Tableau mit den »Geldwerten« der »landwirtschaftlichen Erzeugnisse« eingeschlossen den des »Nettoprodukts« oder »Reinertrags«, operiert. Weiter im Text:

»Hätte Quesnay den Weg einer wirklich natürlichen Betrachtungsweise eingeschlagen und hätte er sich nicht bloß von der Rücksicht auf die edlen Metalle und die Geldmenge, sondern auch derjenigen auf die Geldwerte frei gemacht ... So aber rechnet er mit lauter Wertsummen und dachte sich (!) das Nettoprodukt von vornherein als einen Geldwert

Also zum vierten- und fünftenmal: im Tableau gibt's nur Geldwerte!

»Er« (Quesnay) »gewann dasselbe« (das Nettoprodukt), »indem er die Auslagen in Abzug brachte und hauptsächlich« (nicht herkömmliche, aber dafür desto leichtfertigere Berichterstattung) »an denjenigen Wert dachte (!), der dem Grundeigentümer als Rente zufiele.«

Immer noch nicht vom Fleck; doch jetzt wird's kommen:

»Andrerseits geht nun aber auch« - dies »nun aber auch« ist eine Perle! - »das Nettoprodukt als Naturalgegenstand in die Zirkulation und wird auf diese Weise ein Element, durch welches die als steril bezeichnete Masse ... zu unterhalten ... ist. Hier kann man sofort (!) die Verwirrung bemerken, welche dadurch entsteht, daß in dem einen Fall der Geldwert, in dem andern die Sache selbst den Gedankengang bestimmt.«

Im allgemeinen, scheint es, krankt alle Warenzirkulation an der Verwirrung, daß Waren gleichzeitig als »Naturalgegenstand« und als »Geldwert« in sie eingehn. Aber wir drehn uns immer noch im Kreis um die »Geldwerte«, denn

»Quesnay will eine doppelte Ansetzung des volkswirtschaftlichen Ertrags vermeiden«.

Mit Erlaubnis des Herrn Dühring: Unten in Quesnays »Analyse« des Tableau figurieren die verschiednen Produktarten als »Naturalgegenstände« und oben im Tableau selbst ihre Geldwerte. Quesnay hat sogar |229| später durch seinen Famulus, den Abbé Baudeau, auch gleich ins Tableau selbst die Naturalgegenstände neben ihre Geldwerte eintragen lassen.

Nach soviel »Aufwendung« endlich der »Erfolg«. Man höre und staune:

»Doch wird die Inkonsequenz« (mit Rücksicht auf die den Grundeigentümern von Quesnay zugeschriebne Rolle) »sofort klar, sobald man danach fragt, was denn aus dem als Rente angeeigneten Nettoprodukt im volkswirtschaftlichen Kreislauf werde. Hier ist für die Vorstellungsart der Physiokraten und für das ökonomische Tableau nur eine bis zum Mystizismus steigende Verworrenheit und Willkür möglich gewesen.«

Ende gut, alles gut. Also Herr Dühring weiß nicht, »was denn im wirtschaftlichen Kreislauf« (den das Tableau vorstellt) »aus dem als Rente angeeigneten Nettoprodukt werde«. Das Tableau ist für ihn die »Quadratur des Zirkels«. Er versteht eingestandnermaßen nicht das Abc der Physiokratie. Nach all dem Herumgehn um den heißen Brei, dem Leeres-Stroh-Dreschen, den Kreuz- und Quersprüngen, Harlekinaden, Episoden, Diversionen, Wiederholungen und sinnbetäubenden Durcheinanderwürflungen, die uns lediglich vorbereiten sollten auf den gewaltigen Aufschluß, »was das Tableau bei Quesnay selbst zu bedeuten habe« - nach alledem zum Schluß das beschämte Eingeständnis des Herrn Dühring, er wisse es selber nicht!

Einmal dies schmerzliche Geheimnis abgeschüttelt, diese horazische schwarze Sorge, die ihm während des Ritts durchs physiokratische Land auf dem Buckel saß, stößt unser »ernster und subtiler Denker« wieder munter in die Posaune wie folgt:

»Die Linien, welche Quesnay in seinem übrigens ziemlich einfachen (!) Tableau hin und her zieht« (es sind ihrer alles in allem ganzer sechs!) »und welche die Zirkulation des Nettoprodukts darstellen sollen«, geben zu bedenken, ob »bei diesen wunderlichen Kolonnenverknüpfungen« keine Mathematik-Phantastik unterlaufe, erinnern an Quesnays Beschäftigung mit der Quadratur des Zirkels usw.

Da Herrn Dühring diese Linien, trotz aller Einfachheit, eingestandnermaßen unverständlich bleiben, muß er sie nach seiner beliebten Manier verdächtigen. Und nun kann er getrost dem fatalen Tableau den Gnadenstoß geben:

»Indem wir das Nettoprodukt von dieser bedenklichsten Seite betrachtet haben« usw.

Nämlich das notgedrungne Eingeständnis, daß er nicht das erste Wort vom Tableau économique versteht und von der »Rolle«, die das darin figurierende Nettoprodukt dabei spielt - das nennt Herr Dühring »die bedenklichste Seite des Nettoprodukts«! Welcher Galgenhumor!

|230| Damit nun aber unsre Leser nicht in derselben grausamen Unwissenheit über das Tableau Quesnays bleiben, wie es notwendig diejenigen sind, welche ihre ökonomische Weisheit aus »erster Hand« von Herrn Dühring beziehen, in kurzem folgendes:

Bekanntlich teilt sich bei den Physiokraten die Gesellschaft in drei Klassen: 1. Die produktive, d.h. die wirklich im Ackerbau tätige Klasse, Pächter und Landarbeiter; sie heißen produktiv, weil ihre Arbeit einen Überschuß läßt - die Rente. 2. Die Klasse, welche diesen Oberschuß aneignet, umfassend die Grundbesitzer und die von ihnen abhängige Gefolgschaft, den Fürsten und überhaupt die vom Staat gezahlten Beamten und endlich auch die Kirche in ihrer besondern Eigenschaft als Aneignerin des Zehnten. Der Kürze halber bezeichnen wir im folgenden die erste Klasse einfach als »Pächter«, die zweite als »Grundeigentümer«. 3. Die gewerbetreibende oder sterile (unfruchtbare) Klasse, steril, weil sie nach physiokratischer Ansicht den ihr von der produktiven Klasse gelieferten Rohstoffen nur soviel Wert zusetzt, als sie an den ihr von derselben Klasse gelieferten Lebensmitteln verzehrt. Das Tableau Quesnays soll nun veranschaulichen, wie das jährliche Gesamtprodukt eines Landes (in der Tat Frankreichs) zwischen diesen drei Klassen zirkuliert und der jährlichen Reproduktion dient.

Die erste Voraussetzung des Tableau ist, daß das Pachtsystem und mit ihm die große Agrikultur im Sinn von Quesnays Zeit allgemein eingeführt ist, wobei ihm als Vorbild die Normandie, Picardie, Ile-de-France und einige andre französische Provinzen gelten. Der Pächter erscheint daher als der wirkliche Leiter der Agrikultur, repräsentiert im Tableau die ganze produktive (ackerbautreibende) Klasse und zahlt dem Grundeigentümer eine Rente in Geld. Der Gesamtheit der Pächter wird ein Anlagekapital oder Inventarium von zehn Milliarden Livres zugeschrieben, wovon ein Fünftel oder zwei Milliarden jährlich zu ersetzendes Betriebskapital, ein Anschlag, wofür wieder die bestbebauten Pachtungen der erwähnten Provinzen maßgebend waren.

Fernere Voraussetzungen sind: 1. Daß konstante Preise und einfache Reproduktion statthaben, der Einfachheit halber; 2. daß alle Zirkulation, die bloß innerhalb einer einzelnen Klasse stattfindet, ausgeschlossen bleibt und bloß die Zirkulation zwischen Klasse und Klasse berücksichtigt wird; 3. daß alle Käufe resp. Verkäufe, die von Klasse zu Klasse im Laufe des Betriebsjahrs stattfinden, in eine einzige Gesamtsumme zusammengefaßt |231| sind. Endlich erinnre man sich, daß zu Quesnays Zeit in Frankreich, wie mehr oder minder in ganz Europa, die eigne Hausindustrie der Bauernfamilie den weitaus beträchtlichsten Teil ihrer nicht zur Klasse der Nahrungsmittel gehörenden Bedürfnisse lieferte, und daher als selbstverständliches Zubehör des Ackerbaus hier vorausgesetzt wird.

Der Ausgangspunkt des Tableau ist die Gesamternte, das deswegen auch gleich obenan darin figurierende Bruttoprodukt der jährlichen Bodenerzeugnisse oder die »totale Reproduktion« des Landes, hier Frankreichs. Die Wertgröße dieses Bruttoprodukts wird geschätzt nach den Durchschnittspreisen der Bodenerzeugnisse bei den handeltreibenden Nationen. Es beträgt fünf Milliarden Livres, eine Summe, die nach den damals möglichen statistischen Veranschlagungen den Geldwert des landwirtschaftlichen Bruttoprodukts von Frankreich ungefähr ausdrückt. Dies, und nichts anders, ist der Grund, warum Quesnay im Tableau »mit einigen Milliarden operiert«, nämlich mit fünf, und nicht mit fünf Livres tournois.

Das ganze Bruttoprodukt, zum Wert von fünf Milliarden, befindet also in der Hand der produktiven Klasse, das heißt zunächst der Pächter, die es produziert haben durch Verausgabung eines jährlichen Betriebskapitals von zwei Milliarden, entsprechend einem Anlagekapital von zehn Milliarden. Die landwirtschaftlichen Produkte, Lebensmittel, Rohstoffe etc., die zum Ersatz des Betriebskapitals, also auch zum Unterhalt aller im Ackerbau direkt tätigen Personen erheischt sind, werden in natura von der Gesamternte weggenommen und zur neuen landwirtschaftlichen Produktion verausgabt. Da, wie gesagt, konstante Preise und einfache Reproduktion auf dem einmal gültigen Maßstab unterstellt sind, ist der Geldwert dieses vorweggenommenen Teils des Bruttoprodukts gleich zwei Milliarden Livres. Dieser Teil geht also nicht in die allgemeine Zirkulation ein. Denn, wie schon bemerkt, ist die Zirkulation, soweit sie nur innerhalb des Kreises jeder besondern Klasse, aber nicht zwischen den verschiednen Klassen stattfindet, vom Tableau ausgeschlossen.

Nach Ersatz des Betriebskapitals aus dem Bruttoprodukt bleibt ein Überschuß von drei Milliarden, wovon zwei in Lebensmitteln, eine in Rohstoffen. Die von den Pächtern an die Grundeigentümer zu zahlende Rente beträgt aber nur zwei Drittel hiervon, gleich zwei Milliarden. Warum nur diese zwei Milliarden unter der Rubrik »Nettoprodukt« oder »Reineinkommen« figurieren, wird sich bald zeigen.

|232| Außer der landwirtschaftlichen »totalen Reproduktion« zum Wert von fünf Milliarden, wovon drei Milliarden in die allgemeine Zirkulation eingehn, befindet sich aber, vor Beginn der im Tableau dargestellten Bewegung, noch das ganze »pécule« |»Ersparte«| der Nation, zwei Milliarden bares Geld, in den Händen der Pächter. Es verhält sich damit so.

Da der Ausgangspunkt des Tableaus die Gesamternte ist, bildet er zugleich den Schlußpunkt eines ökonomischen Jahrs, z.B. des Jahrs 1758, nach welchem ein neues ökonomisches Jahr beginnt. Während dieses neuen Jahrs 1759 verteilt sich der für die Zirkulation bestimmte Teil des Bruttoprodukts vermittelst einer Anzahl einzelner Zahlungen, Käufe und Verkäufe, unter die zwei andern Klassen. Diese aufeinanderfolgenden, zersplitterten und über ein ganzes Jahr sich erstreckenden Bewegungen werden aber - wie das unter allen Umständen für das Tableau geschehn mußte - in wenige charakteristische, jedesmal ein ganzes Jahr auf einen Schlag einbegreifende Akte zusammengefaßt. So ist denn auch Ende des Jahrs 1758 der Pächterklasse das Geld wieder zurückgeströmt, das sie für das Jahr 1757 als Rente an die Grundbesitzer gezahlt hatte (wie das geschieht, wird das Tableau selbst zeigen), nämlich die Summe von zwei Milliarden, so daß sie diese 1759 wieder in Zirkulation werfen kann. Da nun jene Summe, wie Quesnay bemerkt, viel größer ist als in der Wirklichkeit, wo die Zahlungen sich beständig stückweis wiederholen, für die Gesamtzirkulation des Landes (Frankreichs) erheischt ist, so stellen die in der Hand der Pächter befindlichen zwei Milliarden Livres die Gesamtsumme des in der Nation umlaufenden Geldes dar.

Die Klasse der Rente einstreichenden Grundeigentümer tritt, wie das zufällig auch noch heutzutag der Fall ist, zunächst in der Rolle von Zahlungsempfängern auf. Nach Quesnays Voraussetzung erhalten die eigentlichen Grundeigentümer nur vier Siebentel der Rente von zwei Milliarden, zwei Siebentel gehn an die Regierung und ein Siebentel an die Zehntenempfänger. Zu Quesnays Zeit war die Kirche die größte Grundeigentümerin Frankreichs und empfing zudem den Zehnten von allem andern Grundeigentum.

Das von der »sterilen« Klasse während eines ganzen Jahrs verausgabte Betriebskapital (avances annuelles |jährlichen Vorschüsse|) besteht in Rohmaterial zum Wert von einer Milliarde - nur Rohmaterial, weil Werkzeuge, Maschinen etc. zu den Erzeugnissen dieser Klasse selbst zählen. Die mannigfachen Rollen aber, welche solche Erzeugnisse im Betrieb der Industrien dieser Klasse selbst |233| spielen, gehn das Tableau ebensowenig an, wie die ausschließlich innerhalb ihres Kreises vorgehende Waren- und Geldzirkulation. Der Lohn für die Arbeit, wodurch die sterile Klasse das Rohmaterial in Manufakturwaren verwandelt, ist gleich dem Wert der Lebensmittel, die sie teils direkt von der produktiven Klasse, teils indirekt durch die Grundeigentümer erhält. Obgleich sie selbst in Kapitalisten und Lohnarbeiter zerfällt, steht sie nach Quesnays Grundanschauung, als Gesamtklasse, im Sold der produktiven Klasse und der Grundeigentümer. Die industrielle Gesamtproduktion und daher auch ihre Gesamtzirkulation, die sich über das der Ernte folgende Jahr verteilt, ist ebenfalls in ein einziges Ganzes zusammengefaßt. Es ist daher vorausgesetzt, daß bei Beginn der im Tableau dargestellten Bewegung die jährliche Warenproduktion der sterilen Klasse sich ganz in ihrer Hand befindet, daß also ihr ganzes Betriebskapital, resp. Rohmaterial zum Wert von einer Milliarde, in Waren verwandelt worden ist zum Wert von zwei Milliarden, wovon die Hälfte den Preis der während dieser Umwandlung verzehrten Lebensmittel darstellt. Man könnte hier einwerfen: aber die sterile Klasse verbraucht doch auch Industrieprodukte zu ihrem eignen Hausbedarf; wo figurieren denn diese, wenn ihr eignes Gesamtprodukt durch die Zirkulation zu den andern Klassen übergeht? Hierauf erhalten wir die Antwort: Die sterile Klasse verzehrt nicht nur selbst einen Teil ihrer eignen Waren, sondern sie sucht auch noch außerdem soviel davon zurückzubehalten als möglich. Sie verkauft also ihre in die Zirkulation geworfenen Waren über dem wirklichen Wert und muß dies tun, da wir diese Waren zum Totalwert ihrer Produktion ansetzen. Dies ändert jedoch nichts an den Festsetzungen des Tableaus, denn die beiden andern Klassen erhalten nun einmal die Manufakturwaren nur zum Wert ihrer Totalproduktion.

Wir kennen also jetzt die ökonomische Position der drei verschiednen Klassen beim Beginn der Bewegung, die das Tableau darstellt.

Die produktive Klasse, nach Naturalersatz ihres Betriebskapitals, verfügt noch über drei Milliarden vom landwirtschaftlichen Bruttoprodukt und über zwei Milliarden Geld. Die Klasse der Grundeigentümer figuriert nur erst mit ihrem Rentenanspruch von zwei Milliarden an die produktive Klasse. Die sterile Klasse verfügt über zwei Milliarden Manufakturwaren. Eine zwischen nur zwei dieser drei Klassen verlaufende Zirkulation heißt bei den Physiokraten eine unvollkommne, eine durch alle drei Klassen verlaufende heißt eine vollkommne Zirkulation.

Also nun zum ökonomischen Tableau selbst.

Erste (unvollkommne) Zirkulation: Die Pächter zahlen den Grundeigentümern, ohne Gegenleistung, die diesen zukommende Rente mit zwei |234| Milliarden Geld. Mit einer dieser Milliarden kaufen die Grundeigentümer Lebensmittel von den Pächtern, denen so eine Hälfte des von ihnen zur Zahlung der Rente ausgegebnen Geldes zurückfließt.

In seiner »Analyse du tableau économique« spricht Quesnay nicht weiter vom Staat, der zwei Siebentel, und von der Kirche, die ein Siebentel der Grundrente erhält, da deren gesellschaftliche Rollen allgemein bekannt sind. Mit Bezug auf die eigentlichen Grundeigentümer aber sagt er, daß ihre Ausgaben, worin auch die aller ihrer Dienstleute figurieren, mindestens zum allergrößten Teil unfruchtbare Ausgaben sind, mit Ausnahme jenes geringen Teils, der angewendet wird »zur Erhaltung und Verbesserung ihrer Güter und zur Hebung ihrer Kultur«. Aber nach dem »natürlichen Recht« bestehe ihre eigentliche Funktion grade in »der Sorge für die gute Verwaltung und für die Ausgaben zur Erhaltung ihres Erbteils«, oder wie das später entwickelt, in den avances foncières, das heißt in Ausgaben, um den Boden vorzubereiten und die Pachtungen mit allem Zubehör zu versehen, die dem Pächter erlauben, sein ganzes Kapital ausschließlich dem Geschäft der wirklichen Kultur zu widmen.

Zweite (vollkommne) Zirkulation. Mit der zweiten, noch in ihrer Hand befindlichen Milliarde Geld kaufen die Grundeigentümer Manufakturwaren von der sterilen Klasse, diese aber mit dem so eingenommnen Geld Lebensmittel von den Pächtern zum selben Betrag.

Dritte (unvollkommne) Zirkulation. Die Pächter kaufen von der sterilen Klasse, mit einer Milliarde Geld, Manufakturwaren zum selben Betrag; ein großer Teil dieser Waren besteht aus Ackerbauwerkzeugen und andern für den Landbau nötigen Produktionsmitteln. Die sterile Klasse schickt den Pächtern dasselbe Geld zurück, indem sie damit für eine Milliarde Rohstoff, zum Ersatz ihres eignen Betriebskapitals, kauft. Damit sind den Pächtern die von ihnen in Zahlung der Rente ausgegebnen zwei Milliarden Geld zurückgeflossen und die Bewegung ist fertig. Und damit ist auch das große Rätsel gelöst,

»was denn aus dem als Rente angeeigneten Nettoprodukt im wirtschaftlichen Kreislauf wird«.

Wir hatten oben in den Händen der produktiven Klasse, am Anfangspunkt des Prozesses, einen Überschuß von drei Milliarden. Davon wurden |235| nur zwei als Nettoprodukt in der Gestalt von Rente an die Grundeigentümer gezahlt. Die dritte Milliarde des Überschusses bildet den Zins für das Gesamtanlagekapital der Pächter, also für zehn Milliarden zehn Prozent. Diesen Zins erhalten sie - wohlzumerken - nicht aus der Zirkulation; er befindet sich in natura in ihrer Hand, und sie realisieren ihn nur durch die Zirkulation, indem sie ihn vermittelst derselben in Manufakturwaren von gleichem Wert umsetzen.

Ohne diesen Zins würde der Pächter, der Hauptagent der Agrikultur, ihr das Anlagekapital nicht vorschießen. Bereits von diesem Standpunkt aus ist nach den Physiokraten die Aneignung des den Zins repräsentierenden Teils des landwirtschaftlichen Mehrertrags von seiten des Pächters eine ebenso notwendige Bedingung der Reproduktion wie die Pächterklasse selbst, und kann dies Element daher nicht zur Kategorie des nationalen »Nettoprodukts« oder »Reineinkommens« zählen; denn letzteres ist eben dadurch charakterisiert, daß es verzehrbar ist ohne jede Rücksicht auf die unmittelbaren Bedürfnisse der rationalen Reproduktion. Dieser Fonds von einer Milliarde aber dient nach Quesnay größtenteils für die während des Jahres nötig werdenden Reparaturen und teilweisen Erneuerungen des Anlagekapitals, ferner als Reservefonds gegen Unfälle, endlich wo möglich zur Bereicherung des Anlage- und Betriebskapitals wie zur Verbesserung des Bodens und Ausdehnung der Kultur.

Der ganze Hergang ist allerdings »ziemlich einfach«. Es wurden in die Zirkulation geworfen: von den Pächtern zwei Milliarden Geld, zur Zahlung der Rente, und für drei Milliarden Produkte, wovon zwei Drittel Lebensmittel und ein Drittel Rohstoffe; von der sterilen Klasse für zwei Milliarden Manufakturwaren. Von den Lebensmitteln im Betrag von zwei Milliarden wird die eine Hälfte von den Grundeigentümern nebst Anhang verzehrt, die andre von der sterilen Klasse in Zahlung ihrer Arbeit. Die Rohstoffe für eine Milliarde ersetzen das Betriebskapital derselben Klasse. Von den zirkulierenden Manufakturwaren im Betrag von zwei Milliarden fällt die eine Hälfte den Grundeigentümern zu, die andre den Pächtern, für welche sie nur eine verwandelte Form des erster Hand aus der landwirtschaftlichen Reproduktion gewonnenen Zinses für ihr Anlagekapital ist. Das Geld aber, das der Pächter mit Zahlung der Rente in die Zirkulation geworfen, strömt ihm durch den Verkauf seiner Produkte zurück, und so kann derselbe Kreislauf im nächsten ökonomischen Jahr von neuem durchlaufen werden.

Und nun bewundre man die »wirklich kritische«, der »herkömmlichen leichtfertigen Berichterstattung« so unendlich überlegene Darstellung des Herrn Dühring!. Nachdem er fünfmal hintereinander in geheimnisvoller |236| Weise uns vorgehalten, wie bedenklich Quesnay im Tableau mit bloßen Geldwerten operiere, was sich noch dazu als falsch erwies, kommt er endlich zu dem Resultat, daß, sobald er danach fragt,

»was denn aus dem als Rente angeeigneten Nettoprodukt im volkswirtschaftlichen Kreislauf werde«, sei »für das ökonomische Tableau nur eine bis zum Mystizismus steigende Verworrenheit und Willkür möglich«.

Wir haben gesehn, daß das Tableau, diese ebenso einfache wie für ihre Zeit geniale Darstellung des jährlichen Reproduktionsprozesses, wie er durch die Zirkulation vermittelt wird, sehr genau darauf antwortet, was aus diesem Nettoprodukt im volkswirtschaftlichen Kreislauf wird, und somit verbleibt der »Mystizismus« und die »Verworrenheit und Willkür« wiederum einzig und allein dem Herrn Dühring als »bedenklichste Seite« und einziges »Nettoprodukt« seiner physiokratischen Studien.

Ganz ebenso vertraut wie mit der Theorie der Physiokraten ist Herr Dühring mit ihrer geschichtlichen Wirkung.

»Mit Turgot«, belehrt er uns, »war die Physiokratie in Frankreich praktisch und theoretisch zu ihrem Ende gelangt.«

Wenn aber Mirabeau in seinen ökonomischen Anschauungen wesentlich Physiokrat, wenn er in der konstituierenden Versammlung von 1789 erste ökonomische Autorität war, wenn diese Versammlung in ihren ökonomischen Reformen einen großen Teil der physiokratischen Sätze aus der Theorie in die Praxis übersetzte, und namentlich auch das »ohne Gegenleistung« vom Grundbesitz angeeignete Nettoprodukt, die Grundrente mit einer starken Steuer belegte, so existiert das alles nicht für »einen« Dühring.-

Wie der lange Strich durch den Zeitraum 1691 bis 1752 alle Vorgänger Humes aus dem Weg räumte, so ein andrer Strich den zwischen Hume und Adam Smith liegenden Sir James Steuart. Von dessen großem Werk, das, abgesehn von seiner historischen Wichtigkeit, das Gebiet der politischen Ökonomie nachhaltig bereichert hat, steht in dem »Unternehmen« des Herrn Dühring keine Silbe. Dafür aber belegt dieser den Steuart mit dem stärksten Schimpfwort, das es in seinem Lexikon gibt, und sagt, er sei »ein Professor« zur Zeit A. Smiths gewesen. Leider ist diese Verdächtigung rein erfunden. Steuart war in der Tat ein schottischer Großgrundbesitzer, der, wegen angeblicher Beteiligung an der Stuartschen Verschwörung aus Großbritannien verbannt, durch seinen längern Aufenthalt und seine Reisen auf dem Kontinent sich mit den ökonomischen Zuständen verschiedner Länder vertraut machte.

|237| Kurzum: nach der »Kritischen Geschichte« hatten alle frühern Ökonomen nur den Wert, entweder als »Ansätze« zu Herrn Dührings »maßgebender« tieferer Grundlegung oder aber durch ihre Verwerflichkeit ihr erst recht als Folie zu dienen. Jedennoch gibt es auch in der Ökonomie einige Heroen, die nicht nur »Ansätze« zur »tiefern Grundlegung« bilden, sondern »Sätze«, aus denen sie, wie in der Naturphilosophie vorgeschrieben, nicht »entwickelt«, sondern gradezu »komponiert« ist: nämlich die »unvergleichlich hervorragende Größe« List, die zu Nutz und Frommen deutscher Fabrikanten die »subtilern« merkantilistischen Lehren eines Ferrier und anderer in »gewaltigere« Worte aufgebläht hat; ferner Carey, der in folgendem Satz den aufrichtigen Kern seiner Weisheit bloßlegt:

»Ricardos System ist ein System der Zwietracht ... es läuft hinaus auf die Erzeugung der Klassenfeindschaft ... seine Schrift ist das Handbuch des Demagogen, der die Macht anstrebt vermittelst der Landteilung, des Kriegs und der Plünderung«;

endlich zu guter Letzt der Londoner City Confusius Macleod.

Danach dürften die Leute, die in der Gegenwart und zunächst absehbaren Zukunft Geschichte der politischen Ökonomie studieren wollen, immer noch bedeutend sicherer fahren, wenn sie sich bekannt machen mit den »wässerigen Erzeugnissen«, »Plattheiten« und »breiten Bettelsuppen« der »gangbarsten Lehrbuchkompilationen«, als wenn sie sich verlassen auf die »Geschichtszeichnung großen Stils« des Herrn Dühring.

 

*

 

Was ergibt sich nun schließlich als das Resultat unsrer Analyse des Dühringschen »eigen erzeugten Systems« der politischen Ökonomie? Nichts als die Tatsache, daß wir mit all den großen Worten und noch gewaltigern Versprechungen ebenso hinters Licht geführt worden sind wie in der »Philosophie«. Die Theorie des Werts, dieser »Prüfstein der Gediegenheit ökonomischer Systeme«, lief darauf hinaus, daß Herr Dühring unter Wert fünferlei total verschiedne und einander schnurstracks widersprechende Dinge versteht, und also im besten Fall selbst nicht weiß, was er will. Die mit soviel Pomp angekündigten »Naturgesetze aller Wirtschaft« erwiesen sich als lauter weltbekannte und oft noch nicht einmal richtig gefaßte Plattheiten der ärgsten Art. Die einzige Erklärung ökonomischer Tatsachen, die uns das eigen erzeugte System zu geben hat, ist, daß sie Resultate der »Gewalt« seien, eine Redensart, womit der Philister aller Nationen sich seit Jahrtausenden über alles ihm widerfahrne Ungemach tröstet, und |238| womit wir nicht mehr wissen als vorher. Statt diese Gewalt aber nach ihrem Ursprung und ihren Wirkungen zu untersuchen, mutet Herr Dühring uns zu, uns bei dem bloßen Wort »Gewalt« als letzter Endursache und endgültiger Erklärung aller ökonomischen Erscheinungen dankbarst zu beruhigen. Gezwungen, über die kapitalistische Ausbeutung der Arbeit weitere Aufschlüsse zu geben, stellt er sie erst im allgemeinen dar als beruhend auf Bezollung und Preisaufschlag, hier ganz die Proudhonsche »Vorwegnahme« (prélèvement) sich aneignend, um dann nachher im besondern sie zu erklären vermittelst der Marxschen Theorie von Mehrarbeit, Mehrprodukt und Mehrwert. Er bringt es also fertig, zwei total widersprechende Anschauungsweisen glücklich zu versöhnen, indem er sie beide in Einem Atem abschreibt. Und wie er in der Philosophie nicht grobe Worte genug hatte für denselben Hegel den er unaufhörlich verseichtigend ausbeutet, so dient in der »Kritischen Geschichte« die bodenloseste Verlästerung von Marx nur zur Verdeckung der Tatsache, daß alles noch einigermaßen Rationelle, was sich im »Cursus« über Kapital und Arbeit vorfindet, eben, falls ein verseichtigendes Plagiat an Marx ist. Die Unwissenheit, die im »Cursus« an den Anfang der Geschichte der Kulturvölker den »großen Grundbesitzer« stellt und kein Wort weiß von der Gemeinschaft des Grundeigentums der Stamm- und Dorfgemeinden, von der alle Geschichte in Wirklichkeit ausgeht - diese heutzutage fast unbegreifliche Unwissenheit wird beinahe noch übertroffen von derjenigen, die sich in der »Kritischen Geschichte« als »universelle Weite des geschichtlichen Umblicks« nicht wenig auf sich selbst zugute tut und von der wir nur ein paar abschreckende Beispiele gegeben haben. In Einem Wort: erst die kolossale »Aufwendung« von Selbstanpreisung, von marktschreierischen Posaunenstößen, von einander übergipfelnden Verheißungen; und dann der »Erfolg« - gleich Null.

 

 

 


Fußnoten von Friedrich Engels

 

 

(1)

Im preußischen Generalstab weiß man dies auch schon ganz gut. »Die Grundlage des Kriegswesens ist in erster Reihe die wirtschaftliche Lebensgestaltung der Völker überhaupt«, sagt Herr Max Jähns, Hauptmann im Generalstab, in einem wissenschaftlichen Vortrag (»Köln. Ztg.«, 20. April 1876, drittes Blatt).

 

(2)

Die Vervollkommnung des letzten Erzeugnisses der großen Industrie für den Seekrieg, des sich selbst fortbewegenden Torpedos, scheint dies verwirklichen zu sollen; das kleinste Torpedoboot wäre damit dem gewaltigsten Panzerschiff überlegen. (Man erinnere sich übrigens, daß obiges 1878 geschrieben wurde.)

 

(3)

Und auch dies nicht einmal. Rodbertus sagt (»Sociale Briefe«, 2. Brief, S. 59): »Rente ist nach dieser« (seiner) »Theorie alles Einkommen, was ohne eigne Arbeit, lediglich auf Grund eines Besitzes bezogen wird.«

 

 

 

 

Dritter Abschnitt
Sozialismus

 

 

I.

Geschichtliches

|239| Wir sahen in der Einleitung, wie die französischen Philosophen des 18. Jahrhunderts, die Vorbereiter der Revolution, an die Vernunft appellierten, als einzige Richterin über alles, was bestand. Ein vernünftiger Staat, eine vernünftige Gesellschaft sollten hergestellt, alles, was der ewigen Vernunft widersprach, sollte ohne Barmherzigkeit beseitigt werden. Wir sahen ebenfalls, daß diese ewige Vernunft in Wirklichkeit nichts andres war, als der idealisierte Verstand des eben damals zum Bourgeois sich fortentwickelnden Mittelbürgers. Als nun die französische Revolution diese Vernunftgesellschaft und diesen Vernunftstaat verwirklicht hatte, stellten sich daher die neuen Einrichtungen, so rationell sie auch waren gegenüber den frühern Zuständen, keineswegs als absolut vernünftige heraus. Der Vernunftstaat war vollständig in die Brüche gegangen. Der Rousseausche Gesellschaftsvertrag hatte seine Verwirklichung gefunden in der Schreckenszeit, aus der das an seiner eignen politischen Befähigung irre gewordne Bürgertum sich geflüchtet hatte zuerst in die Korruption des Direktoriums und schließlich unter den Schutz des napoleonischen Despotismus. Der verheißene ewige Friede war umgeschlagen in einen endlosen Eroberungskrieg. Die Vernunftgesellschaft war nicht besser gefahren. Der Gegensatz von reich und arm, statt sich aufzulösen im allgemeinen Wohlergehn, war verschärft worden durch die Beseitigung der ihn überbrückenden zünftigen und andern Privilegien und der ihn mildernden kirchlichen Wohltätigkeitsanstalten; der Aufschwung der Industrie auf kapitalistischer Grundlage erhob Armut und Elend der arbeitenden Massen zu einer Lebensbedingung der Gesellschaft. Die Zahl der Verbrechen nahm zu von |240| Jahr zu Jahr. Waren die früher am hellen Tage sich ungescheut ergehenden feudalen Laster zwar nicht vernichtet, so doch vorläufig in den Hintergrund gedrängt, so schossen dafür die, bisher nur in der Stille gehegten, bürgerlichen Laster um so üppiger in die Blüte. Der Handel entwickelte sich mehr und mehr zur Prellerei. Die »Brüderlichkeit« der revolutionären Devise verwirklichte sich in den Schikanen und dem Neid des Konkurrenzkampfs. An die Stelle der gewaltsamen Unterdrückung trat die Korruption, an die Stelle des Degens, als des ersten gesellschaftlichen Machthebels, das Geld. Das Recht der ersten Nacht ging über von den Feudalherren auf die bürgerlichen Fabrikanten. Die Prostitution breitete sich aus in bisher unerhörtem Maß. Die Ehe selbst blieb, nach wie vor, gesetzlich anerkannte Form, offizieller Deckmantel der Prostitution, und ergänzte sich zudem durch reichlichen Ehebruch. Kurzum, verglichen mit den prunkhaften Verheißungen der Aufklärer, erwiesen sich die durch den »Sieg der Vernunft« hergestellten gesellschaftlichen und politischen Einrichtungen als bitter enttäuschende Zerrbilder. Es fehlten nur noch die Leute, die diese Enttäuschung konstatierten, und diese kamen mit der Wende des Jahrhunderts. 1802 erschienen Saint-Simons Genfer Briefe; 1808 erschien Fouriers erstes Werk, obwohl die Grundlage seiner Theorie schon von 1799 datierte; am ersten Januar 1800 übernahm Robert Owen die Leitung von New Lanark.

Um diese Zeit aber war die kapitalistische Produktionsweise und mit ihr der Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat noch sehr unentwickelt. Die große Industrie, in England eben erst entstanden, war in Frankreich noch unbekannt. Aber erst die große Industrie entwickelt einerseits die Konflikte, die eine Umwälzung der Produktionsweise zur zwingenden Notwendigkeit erheben - Konflikte nicht nur der von ihr erzeugten Klassen, sondern auch der von ihr geschaffnen Produktivkräfte und Austauschformen selbst -; und sie entwickelt andrerseits in eben diesen riesigen Produktivkräften auch die Mittel, diese Konflikte zu lösen. Waren also um 1800 die der neuen Gesellschaftsordnung entspringenden Konflikte erst im Werden begriffen, so gilt dies noch weit mehr von den Mitteln ihrer Lösung. Hatten die besitzlosen Massen von Paris während der Schreckenszeit einen Augenblick die Herrschaft erobern können, so hatten sie damit nur bewiesen, wie unmöglich diese Herrschaft unter den damaligen Verhältnissen war. Das sich aus diesen besitzlosen Massen eben erst als Stamm einer neuen Klasse absondernde Proletariat, noch ganz unfähig zu selbständiger politischer Aktion, stellte sich dar als unterdrückter, leidender Stand, dem in seiner Unfähigkeit, sich selbst zu helfen, höchstens von außen her, von oben herab Hilfe zu bringen war.

|241| Diese geschichtliche Lage beherrschte auch die Stifter des Sozialismus. Dem unreifen Stand der kapitalistischen Produktion, der unreifen Klassenlage entsprachen unreife Theorien. Die Lösung der gesellschaftlichen Aufgaben, die in den unentwickelten ökonomischen Verhältnissen noch verborgen lag, sollte aus dem Kopfe erzeugt werden. Die Gesellschaft bot nur Mißstände; sie zu beseitigen war Aufgabe der denkenden Vernunft. Es handelte sich darum, ein neues vollkommneres System der gesellschaftlichen Ordnung zu erfinden und dies der Gesellschaft von außen her, durch Propaganda, womöglich durch das Beispiel von Musterexperimenten aufzuoktroyieren. Diese neuen sozialen Systeme waren von vornherein zur Utopie verdammt, je weiter sie in ihren Einzelheiten ausgearbeitet wurden, desto mehr mußten sie in reine Phantasterei verlaufen.

Dies einmal festgestellt, halten wir uns bei dieser, jetzt ganz der Vergangenheit angehörigen Seite keinen Augenblick länger auf. Wir können es literarischen Kleinkrämern à la Dühring überlassen, an diesen, heute nur noch erheiternden Phantastereien feierlich herumzuklauben und die Überlegenheit ihrer eignen nüchternen Denkungsart geltend zu machen gegenüber solchem »Wahnwitz«. Wir freuen uns lieber der genialen Gedankenkeime und Gedanken, die unter der phantastischen Hülle überall hervorbrechen, und für die jene Philister blind sind.

Saint-Simon stellt bereits in seinen Genfer Briefen den Satz auf, daß

»alle Menschen arbeiten sollen«.

In derselben Schrift weiß er schon, daß die Schreckensherrschaft die Herrschaft der besitzlosen Massen war.

»Seht an«, ruft er ihnen zu, »was sich in Frankreich ereignet hat zu der Zeit, als eure Kameraden dort geherrscht; sie haben die Hungersnot erzeugt.«

Die französische Revolution aber als einen Klassenkampf zwischen Adel, Bürgertum und Besitzlosen aufzufassen, war im Jahr 1802 eine höchst geniale Entdeckung. 1816 erklärt er die Politik für die Wissenschaft der Produktion und sagt voraus das gänzliche Aufgehn der Politik in der Ökonomie. Wenn hierin die Erkenntnis, daß die ökonomische Lage die Basis der politischen Einrichtungen ist, nur erst im Keime sich zeigt, so ist doch die Überführung der politischen Regierung über Menschen in eine Verwaltung von Dingen und eine Leitung von Produktionsprozessen, also die neuerdings mit so viel Lärm breitgetretne Abschaffung des Staats hier schon klar ausgesprochen. Mit gleicher Überlegenheit über seine Zeitgenossen proklamiert er 1814, unmittelbar nach dem Einzug der Verbündeten in Paris, und noch 1815, während des Kriegs der Hundert Tage, die Allianz |242| Frankreichs mit England und in zweiter Linie beider Länder mit Deutschland als einzige Gewähr für die gedeihliche Entwicklung und den Frieden Europas. Allianz den Franzosen von 1815 predigen mit den Siegern von Waterloo, dazu gehörte allerdings etwas mehr Mut, als den deutschen Professoren einen Klatschkrieg zu erklären.

Wenn wir bei Saint-Simon eine geniale Weite des Blicks entdecken, vermöge deren fast alle nicht streng ökonomischen Gedanken der spätern Sozialisten bei ihm im Keim enthalten sind, so finden wir bei Fourier eine echt französisch-geistreiche, aber darum nicht minder tief eindringende Kritik der bestehenden Gesellschaftszustände. Fourier nimmt die Bourgeoisie, ihre begeisterten Propheten von vor, und ihre interessierten Lobhudler von nach der Revolution beim Worte. Er deckt die materielle und moralische Misere der bürgerlichen Welt unbarmherzig auf, er hält daneben sowohl die gleißenden Versprechungen der Aufklärer von der Gesellschaft, in der nur die Vernunft herrschen werde, von der alles beglückenden Zivilisation, von der grenzenlosen menschlichen Vervollkommnungsfähigkeit, wie auch die schönfärbenden Redensarten der gleichzeitigen Bourgeoisideologen; er weist nach, wie der hochtönendsten Phrase überall die erbärmlichste Wirklichkeit entspricht, und überschüttet dies rettungslose Fiasko der Phrase mit beißendem Spott. Fourier ist nicht nur Kritiker, seine ewig heitere Natur macht ihn zum Satiriker, und zwar zu einem der größten Satiriker aller Zeiten. Die mit dem Niedergang der Revolution emporblühende Schwindelspekulation ebenso wie die allgemeine Krämerhaftigkeit des damaligen französischen Handels schildert er ebenso meisterhaft wie ergötzlich. Noch meisterhafter ist seine Kritik der bürgerlichen Gestaltung der Geschlechtsverhältnisse und der Stellung des Weibes in der bürgerlichen Gesellschaft. Er spricht es zuerst aus, daß in einer gegebnen Gesellschaft der Grad der weiblichen Emanzipation das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation ist. Am großartigsten aber erscheint Fourier in seiner Auffassung der Geschichte der Gesellschaft. Er teilt ihren ganzen bisherigen Verlauf in vier Entwicklungsstufen: Wildheit, Patriarchat, Barbarei, Zivilisation, welch letztere mit der jetzt sogenannten bürgerlichen Gesellschaft zusammenfällt, und weist nach

»daß die zivilisierte Ordnung jedes Laster, welches die Barbarei auf eine einfache Weise ausübt, zu einer zusammengesetzten, doppelsinnigen, zweideutigen, heuchlerischen Daseinsweise erhebt«,

daß die Zivilisation sich in einem »fehlerhaften Kreislauf« bewegt, in Widersprüchen, die sie stets neu erzeugt, ohne sie überwinden zu können, |243| so daß sie stets das Gegenteil erreicht von dem, was sie erlangen will oder erlangen zu wollen vorgibt. So daß z.B.

»in der Zivilisation die Armut aus dem Überfluß selbst entspringt«.

Fourier, wie man sieht, handhabt die Dialektik mit derselben Meisterschaft wie sein Zeitgenosse Hegel. Mit gleicher Dialektik hebt er hervor, gegenüber dem Gerede von der unbegrenzten menschlichen Vervollkommnungsfähigkeit, daß jede geschichtliche Phase ihren aufsteigenden, aber auch ihren absteigenden Ast hat, und wendet diese Anschauungsweise auch auf die Zukunft der gesamten Menschheit an. Wie Kant den künftigen Untergang der Erde in die Naturwissenschaft, führt Fourier den künftigen Untergang der Menschheit in die Geschichtsbetrachtung ein. -

Während in Frankreich der Orkan der Revolution das Land ausfegte, ging in England eine stillere, aber darum nicht minder gewaltige Umwälzung vor sich. Der Dampf und die neue Werkzeugmaschinerie verwandelten die Manufaktur in die moderne große Industrie und revolutionierten damit die ganze Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft. Der schläfrige Entwicklungsgang der Manufakturzeit verwandelte sich in eine wahre Sturm- und Drangperiode der Produktion. Mit stets wachsender Schnelligkeit vollzog sich die Scheidung der Gesellschaft in große Kapitalisten und besitzlose Proletarier, zwischen denen, statt des frühern stabilen Mittelstandes, jetzt eine unstete Masse von Handwerkern und Kleinhändlern eine schwankende Existenz führte, der fluktuierendste Teil der Bevölkerung. Noch war die neue Produktionsweise erst im Anfang ihres aufsteigenden Asts; noch war sie die normale, die unter den Umständen einzig mögliche Produktionsweise. Aber schon damals erzeugte sie schreiende soziale Mißstände: Zusammendrängung einer heimatlosen Bevölkerung in den schlechtesten Wohnstätten großer Städte - Lösung aller hergebrachten Bande des Herkommens, der patriarchalischen Unterordnung, der Familie - Überarbeit besonders der Weiber und Kinder in schreckenerregendem Maß - massenhafte Demoralisation der plötzlich in ganz neue Verhältnisse geworfnen arbeitenden Klasse. Da trat ein neunundzwanzigjähriger Fabrikant als Reformator auf, ein Mann von bis zur Erhabenheit kindlicher Einfachheit des Charakters und zugleich ein geborner Lenker von Menschen wie wenige. Robert Owen hatte sich die Lehre der materialistischen Aufklärer angeeignet, daß der Charakter des Menschen das Produkt sei einerseits der angebornen Organisation und andrerseits der den Menschen während seiner Lebenszeit, besonders aber während der Entwicklungsperiode umgebenden Umstände. In der industriellen Revolution sahen die meisten |244| seiner Standesgenossen nur Verwirrung und Chaos, gut, um im trüben zu fischen und sich rasch zu bereichern. Er sah in ihr die Gelegenheit, seinen Lieblingssatz zur Anwendung und damit Ordnung in das Chaos zu bringen. Er hatte es schon in Manchester als Dirigent über fünfhundert Arbeiter einer Fabrik erfolgreich versucht; von 1800 bis 1829 leitete er die große Baumwollspinnerei von New Lanark in Schottland als dirigierender Associé in demselben Sinn, nur mit größerer Freiheit des Handelns, und mit einem Erfolg, der ihm europäischen Ruf eintrug. Eine allmählich auf 2.500 Köpfe anwachsende, ursprünglich aus den gemischtesten und größtenteils stark demoralisierten Elementen sich zusammensetzende Bevölkerung wandelte er um in eine vollständige Musterkolonie, in der Trunkenheit, Polizei, Strafrichter, Prozesse, Armenpflege, Wohltätigkeitsbedürfnis unbekannte Dinge waren. Und zwar einfach dadurch, daß er die Leute in menschenwürdigere Umstände versetzte und namentlich die heranwachsende Generation sorgfältig erziehen ließ. Er war der Erfinder der Kleinkinderschulen und führte sie hier zuerst ein. Vom zweiten Lebensjahre an kamen die Kinder in die Schule, wo sie sich so gut unterhielten, daß sie kaum wieder heimzubringen waren. Während seine Konkurrenten dreizehn bis vierzehn Stunden täglich arbeiteten, wurde in New Lanark nur zehneinhalb Stunden gearbeitet. Als eine Baumwollenkrisis zu viermonatigem Stillstand zwang, wurde den feiernden Arbeitern der volle Lohn fortbezahlt. Und dabei hatte das Etablissement seinen Wert mehr als verdoppelt und bis zuletzt den Eigentümern reichlichen Gewinn abgeworfen.

Mit alledem war Owen nicht zufrieden. Die Existenz, die er seinen Arbeitern geschaffen, war in seinen Augen noch lange keine menschenwürdige;

»die Leute waren meine Sklaven«:

die relativ günstigen Umstände, in die er sie versetzt, waren noch weit entfernt davon, eine allseitige und rationelle Entwicklung des Charakters und des Verstandes, geschweige eine freie Lebenstätigkeit zu gestatten.

»Und doch produzierte der arbeitende Teil dieser 2.500 Menschen ebensoviel wirklichen Reichtum für die Gesellschaft, wie kaum ein halbes Jahrhundert vorher eine Bevölkerung von 600.000 erzeugen konnte. Ich frug mich: was wird aus der Differenz zwischen dem von 2.500 Personen verzehrten Reichtum und demjenigen, den die 600.000 hätten verzehren müssen?«

Die Antwort war klar. Er war verwandt worden, um den Besitzern des Etablissements fünf Prozent Zinsen vom Anlagekapital und außerdem noch mehr als 300.000 Pfd. Sterling (6.000.000 Mark) Gewinn abzuwerfen. Und was von New Lanark, galt in noch höherm Maß von allen Fabriken Englands.

|245| »Ohne diesen neuen, durch die Maschinen geschaffnen Reichtum hätten die Kriege zum Sturz Napoleons und zur Aufrechterhaltung der aristokratischen Gesellschaftsprinzipien nicht durchgeführt werden können. Und doch war diese neue Macht die Schöpfung der arbeitenden Klasse.«

Ihr gehörten daher auch die Früchte. Die neuen, gewaltigen Produktivkräfte, bisher nur der Bereicherung einzelner und der Knechtung der Massen dienend, boten für Owen die Grundlage zu einer gesellschaftlichen Neubildung, und waren dazu bestimmt, als gemeinsames Eigentum aller nur für die gemeinsame Wohlfahrt aller zu arbeiten.

Auf solche rein geschäftsmäßige Weise, als Frucht sozusagen der kaufmännischen Berechnung entstand der Owensche Kommunismus. Denselben auf das Praktische gerichteten Charakter behält er durchweg. So schlug Owen 1823 Hebung des irischen Elends durch kommunistische Kolonien vor und legte vollständige Berechnungen über Anlagekosten, jährliche Auslagen und voraussichtliche Erträge bei. So ist in seinem definitiven Zukunftsplan die technische Ausarbeitung der Einzelheiten mit solcher Sachkenntnis durchgeführt, daß, die Owensche Methode der Gesellschaftsreform einmal zugegeben, sich gegen die Detaileinrichtung selbst vom fachmännischen Standpunkt nur wenig sagen läßt.

Der Fortschritt zum Kommunismus war der Wendepunkt in Owens Leben. Solange er als bloßer Philanthrop aufgetreten, hatte er nichts geerntet als Reichtum, Beifall, Ehre und Ruhm. Er war der populärste Mann in Europa. Nicht nur seine Standesgenossen, auch Staatsmänner und Fürsten hörten ihm beifällig zu. Als er aber mit seinen kommunistischen Theorien hervortrat, wendete sich das Blatt. Drei große Hindernisse waren es, die ihm vor allem den Weg zur gesellschaftlichen Reform zu versperren schienen: das Privateigentum, die Religion und die gegenwärtige Form der Ehe. Er wußte, was ihm bevorstand, wenn er sie angriff: die allgemeine Ächtung durch die offizielle Gesellschaft, der Verlust seiner ganzen sozialen Stellung. Aber er ließ sich nicht abhalten, sie rücksichtslos anzugreifen, und es geschah, wie er vorhergesehn. Verbannt aus der offiziellen Gesellschaft, totgeschwiegen von der Presse, verarmt durch fehlgeschlagne kommunistische Versuche in Amerika, in denen er sein ganzes Vermögen geopfert, wandte er sich direkt an die Arbeiterklasse und blieb in ihrer Mitte noch dreißig Jahre tätig. Alle gesellschaftlichen Bewegungen, alle wirklichen Fortschritte, die in England im Interesse der Arbeiter zustande gekommen, knüpfen sich an den Namen Owen. So setzte er 1819 nach fünfjähriger Anstrengung das erste Gesetz zur Beschränkung der Weiber- und Kinderarbeit in den Fabriken durch. So präsidierte er dem ersten Kongreß, |246| auf dem die Trade-Unions von ganz England sich in eine einzige große Gewerksgenossenschaft vereinigten. So führte er als Übergangsmaßregeln zur vollständig kommunistischen Einrichtung der Gesellschaft einerseits die Kooperativgesellschaften ein (Konsum- und Produktivgenossenschaften), die seitdem wenigstens den praktischen Beweis geliefert haben, daß sowohl der Kaufmann wie der Fabrikant sehr entbehrliche Personen sind; andrerseits die Arbeitsbasars, Anstalten zum Austausch von Arbeitsprodukten vermittelst eines Arbeitspapiergeldes, dessen Einheit die Arbeitsstunde bildete; Anstalten, die notwendig scheitern mußten, die aber die weit spätere Proudhonsche Tauschbank vollständig antizipierten und sich nur dadurch von ihr unterschieden, daß sie nicht das Universalheilmittel aller gesellschaftlichen Übel, sondern nur einen ersten Schritt zu einer weit radikaleren Umgestaltung der Gesellschaft darstellten. Das sind die Männer, auf die der souveräne Herr Dühring von der Höhe seiner »endgültigen Wahrheit letzter Instanz« mit der Verachtung herabsieht, von der wir in der Einleitung einige Beispiele gegeben haben. Und diese Verachtung ist nach Einer Seite hin nicht ohne ihren zureichenden Grund: sie beruht nämlich wesentlich auf einer wahrhaft erschreckenden Unwissenheit in Beziehung auf die Schriften der drei Utopisten. So heißt es von Saint-Simon, daß

»sein Grundgedanke im wesentlichen zutreffend gewesen ist und, von einigen Einseitigkeiten abgesehn, noch heute den leitenden Antrieb zu wirklichen Gestaltungen liefert«.

Trotzdem aber Herr Dühring in der Tat einige der Saint-Simonschen Werke in der Hand gehabt zu haben scheint, sehn wir uns auf den betreffenden siebenundzwanzig Druckseiten ebenso vergeblich nach dem »Grundgedanken« Saint-Simons um, wie früher nach dem, was Quesnays ökonomisches Tableau »bei Quesnay selbst zu bedeuten hat«, und müssen uns schließlich abspeisen lassen mit der Phrase,

»daß die Imagination und der philanthropische Affekt ... mit der ihm zugehörigen Überspannung der Phantasie den gesamten Ideenkreis Saint-Simons beherrschte«!

Von Fourier kennt und beachtet er nur die in romanhaftes Detail ausgemalten Zukunftsphantasien, was allerdings zur Feststellung der unendlichen Überlegenheit des Herrn Dühring über Fourier »weit wichtiger ist« als zu untersuchen, wie dieser »die wirklichen Zustände gelegentlich zu kritisieren versucht«. Gelegentlich! Nämlich fast auf jeder Seite seiner Werke sprühen die Funken der Satire und der Kritik über die Miseren der vielgepriesenen Zivilisation. Es ist, als wollte man sagen, Herr Dühring erkläre |247| nur »gelegentlich« den Herrn Dühring für den größten Denker aller Zeiten. Was aber gar die zwölf, Robert Owen gewidmeten Seiten angeht, so hat Herr Dühring dafür absolut keine andre Quelle als die miserable Biographie des Philisters Sargant, der die wichtigsten Schriften Owens - über die Ehe und die kommunistische Einrichtung - ebenfalls nicht kannte. Herr Dühring kann sich daher kühnlich zu der Behauptung versteigen, man dürfe bei Owen »keinen entschiednen Kommunismus voraussetzen«. Allerdings, hätte Herr Dühring Owens »Book of the New Moral World« auch nur in der Hand gehabt, so hätte er darin nicht nur den allerentschiedensten Kommunismus, mit gleicher Arbeitspflicht und gleichem Anrecht am Produkt - gleich je nach dem Alter, wie Owen stets ergänzt - ausgesprochen gefunden, sondern auch die vollständige Ausarbeitung des Gebäudes für die kommunistische Gemeinde der Zukunft, mit Grundriß, Aufriß und Ansicht aus der Vogelperspektive. Wenn man aber das »unmittelbare Studium der eignen Schriften der Vertreter der sozialistischen Ideenkreise« auf die Kenntnis des Titels und höchstens noch - des Mottos einiger weniger dieser Schriften beschränkt, wie Herr Dühring hier, so bleibt allerdings nichts übrig als solche alberne und direkt erfundne Behauptung. Nicht nur gepredigt hat Owen den »entschiednen Kommunismus«, er hat ihn auch während fünf Jahren (Ende der dreißiger und anfangs der vierziger) praktiziert in der Kolonie von Harmony Hall in Hampshire, deren Kommunismus an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrigließ. Ich habe selbst mehrere ehemalige Mitglieder dieses kommunistischen Musterexperiments gekannt. Aber von alledem, wie überhaupt von Owens Tätigkeit zwischen 1836 und 1850 weiß Sargant absolut nichts, und daher verbleibt auch die »tiefere Geschichtschreibung« des Herrn Dühring in pechdunkler Ignoranz. Herr Dühring nennt Owen »in jeder Hinsicht ein wahres Monstrum philanthropischer Aufdringlichkeit«. Wenn aber derselbe Herr Dühring uns über den Inhalt von Büchern unterrichtet, von denen er kaum Titel und Motto kennt, so dürfen wir beileibe nicht sagen, er sei »in jeder Hinsicht ein wahres Monstrum von unwissender Aufdringlichkeit«, denn das wäre in unserm Munde ja »geschimpft«.

Die Utopisten, sahen wir, waren Utopisten, weil sie nichts andres sein konnten zu einer Zeit, wo die kapitalistische Produktion noch so wenig entwickelt war. Sie waren genötigt, sich die Elemente einer neuen Gesellschaft aus dem Kopfe zu konstruieren, weil diese Elemente in der alten Gesellschaft selbst noch nicht allgemein sichtbar hervortraten; sie waren beschränkt für die Grundzüge ihres Neubaus auf den Appell an die Vernunft, weil sie eben noch nicht an die gleichzeitige Geschichte appellieren konnten. |248| Wenn aber jetzt, fast achtzig Jahre nach ihrem Auftreten, Herr Dühring auf die Bühne tritt mit dem Anspruch, ein »maßgebendes« System einer neuen Gesellschaftsordnung nicht aus dem vorliegenden geschichtlich entwickelten Material als dessen notwendiges Ergebnis zu entwickeln, nein, aus seinem souveränen Kopf, aus seiner mit endgültigen Wahrheiten schwangern Vernunft zu konstruieren, so ist er, der überall Epigonen riecht, selbst nur der Epigone der Utopisten, der neueste Utopist. Er nennt die großen Utopisten »soziale Alchimisten«. Mag sein. Die Alchimie war ihrerzeit notwendig. Aber seit jener Zeit hat die große Industrie die Widersprüche, die in der kapitalistischen Produktionsweise schlummerten, zu so schreienden Gegensätzen entwickelt, daß der herannahende Zusammenbruch dieser Produktionsweise sozusagen mit Händen zu greifen ist; daß die neuen Produktivkräfte selbst nur erhalten und weiter ausgebildet werden können durch Einführung einer neuen, ihrem gegenwärtigen Entwicklungsgrad entsprechenden Produktionsweise; daß der Kampf der beiden, durch die bisherige Produktionsweise erzeugten und stets in verschärftem Gegensatz reproduzierten Klassen alle zivilisierten Länder ergriffen hat und täglich heftiger wird, und daß die Einsicht in diesen geschichtlichen Zusammenhang, in die Bedingungen der durch ihn notwendig gemachten sozialen Umgestaltung und in die ebenfalls durch ihn bedingten Grundzüge dieser Umgestaltung auch bereits gewonnen ist. Und wenn jetzt Herr Dühring, statt aus dem vorliegenden ökonomischen Material, aus seinem allerhöchsten Hirnschädel heraus eine neue utopische Gesellschaftsordnung fabriziert, so treibt er nicht nur einfache »soziale Alchimie«. Er benimmt sich vielmehr wie jemand, der nach der Entdeckung und Feststellung der Gesetze der modernen Chemie die alte Alchimie wiederherstellen und die Atomgewichte, die Molekularformeln, die Quantivalenz der Atome, die Kristallographie und die Spektralanalyse benutzen wollte einzig zur Entdeckung - des Steins der Weisen.

 

II.

Theoretisches

Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, daß die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; daß in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die |249| letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche. Die erwachende Einsicht, daß die bestehenden gesellschaftlichen Einrichtungen unvernünftig und ungerecht sind, daß Vernunft Unsinn, Wohltat Plage geworden, ist nur ein Anzeichen davon, daß in den Produktionsmethoden und Austauschformen in aller Stille Veränderungen vor sich gegangen sind, zu denen die auf frühere ökonomische Bedingungen zugeschnittne gesellschaftliche Ordnung nicht mehr stimmt. Damit ist zugleich gesagt, daß die Mittel zur Beseitigung der entdeckten Mißstände ebenfalls in den veränderten Produktionsverhältnissen selbst - mehr oder minder entwickelt - vorhanden sein müssen. Diese Mittel sind nicht etwa aus dem Kopf zu erfinden, sondern vermittelst des Kopfes in den vorliegenden materiellen Tatsachen der Produktion zu entdecken.

Wie steht es nun hiernach mit dem modernen Sozialismus?

Die bestehende Gesellschaftsordnung - das ist nun so ziemlich allgemein zugegeben - ist geschaffen worden von der jetzt herrschenden Klasse, der Bourgeoisie. Die der Bourgeoisie eigentümliche Produktionsweise, seit Marx mit dem Namen kapitalistische Produktionsweise bezeichnet, war unverträglich mit den lokalen und ständischen Privilegien wie mit den gegenseitigen persönlichen Banden der feudalen Ordnung; die Bourgeoisie zerschlug die feudale Ordnung und stellte auf ihren Trümmern die bürgerliche Gesellschaftsverfassung her, das Reich der freien Konkurrenz, der Freizügigkeit, der Gleichberechtigung der Warenbesitzer und wie die bürgerlichen Herrlichkeiten alle heißen. Die kapitalistische Produktionsweise konnte sich jetzt frei entfalten. Die unter der Leitung der Bourgeoisie herausgearbeiteten Produktivkräfte entwickelten sich, seit der Dampf und die neue Werkzeugmaschinerie die alte Manufaktur in die große Industrie umgewandelt, mit bisher unerhörter Schnelligkeit und in bisher unerhörtem Maßstab. Aber wie ihrerzeit die Manufaktur und das unter ihrer Einwirkung weiterentwickelte Handwerk mit den feudalen Fesseln der Zünfte in Konflikt kam, so kommt die große Industrie in ihrer volleren Ausbildung in Konflikt mit den Schranken, in denen die kapitalistische Produktionsweise sie eingeengt hält. Die neuen Produktivkräfte sind der bürgerlichen Form ihrer |250| Ausnutzung bereits über den Kopf gewachsen; und dieser Konflikt zwischen Produktivkräften und Produktionsweise ist nicht ein in den Köpfen der Menschen entstandner Konflikt, wie etwa der der menschlichen Erbsünde mit der göttlichen Gerechtigkeit, sondern er besteht in den Tatsachen, objektiv, außer uns, unabhängig vom Wollen oder Laufen selbst derjenigen Menschen, die ihn herbeigeführt. Der moderne Sozialismus ist weiter nichts als der Gedankenreflex dieses tatsächlichen Konflikts, seine ideelle Rückspiegelung in den Köpfen zunächst der Klasse, die direkt unter ihm leidet, der Arbeiterklasse.

Worin besteht nun dieser Konflikt?

Vor der kapitalistischen Produktion, also im Mittelalter, bestand allgemeiner Kleinbetrieb auf Grundlage des Privateigentums der Arbeiter an ihren Produktionsmitteln: der Ackerbau der kleinen, freien oder hörigen Bauern, das Handwerk der Städte. Die Arbeitsmittel - Land, Ackergerät, Werkstatt, Handwerkszeug - waren Arbeitsmittel des einzelnen, nur für den Einzelgebrauch berechnet, also notwendig kleinlich, zwerghaft, beschränkt. Aber sie gehörten eben deshalb auch in der Regel dem Produzenten selbst. Diese zersplitterten, engen Produktionsmittel zu konzentrieren, auszuweiten, sie in die mächtig wirkenden Produktionshebel der Gegenwart umzuwandeln, war grade die historische Rolle der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Trägerin, der Bourgeoisie. Wie sie dies seit dem 15. Jahrhundert auf den drei Stufen der einfachen Kooperation, der Manufaktur und der großen Industrie geschichtlich durchgeführt, hat Marx im vierten Abschnitt des »Kapital« |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 331-530| ausführlich geschildert. Aber die Bourgeoisie, wie dort ebenfalls nachgewiesen ist, konnte jene beschränkten Produktionsmittel nicht in gewaltige Produktivkräfte verwandeln, ohne sie aus Produktionsmitteln des einzelnen in gesellschaftliche, nur von einer Gesamtheit von Menschen anwendbare Produktionsmittel zu verwandeln. An die Stelle des Spinnrads, des Handwebstuhls, des Schmiedehammers trat die Spinnmaschine, der mechanische Webstuhl, der Dampfhammer; an die Stelle der Einzelwerkstatt, die das Zusammenwirken von Hunderten und Tausenden gebietende Fabrik. Und wie die Produktionsmittel, so verwandelte sich die Produktion selbst aus einer Reihe von Einzelhandlungen in eine Reihe gesellschaftlicher Akte und die Produkte aus Produkten einzelner in gesellschaftliche Produkte. Das Garn, das Gewebe, die Metallwaren, die jetzt aus der Fabrik kamen, waren das gemeinsame Produkt vieler Arbeiter, durch deren Hände sie der Reihe nach gehn mußten, ehe sie fertig wurden. |251| Kein einzelner kann von ihnen sagen: Das habe ich gemacht, das ist mein Produkt.

Wo aber die naturwüchsige Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft Grundform der Produktion ist, da drückt sie den Produkten die Form von Waren auf, deren gegenseitiger Austausch, Kauf und Verkauf die einzelnen Produzenten in den Stand setzt, ihre mannigfachen Bedürfnisse zu befriedigen. Und dies war im Mittelalter der Fall. Der Bauer z.B. verkaufte Ackerprodukte an den Handwerker und kaufte dafür von diesem Handwerkserzeugnisse. In diese Gesellschaft von Einzelproduzenten, Warenproduzenten, schob sich nun die neue Produktionsweise ein. Mitten in die naturwüchsige planlose Teilung der Arbeit, wie sie in der ganzen Gesellschaft herrschte, stellte sie die planmäßige Teilung der Arbeit, wie sie in der einzelnen Fabrik organisiert war; neben die Einzelproduktion trat die gesellschaftliche Produktion. Die Produkte beider wurden auf demselben Markt verkauft, also zu wenigstens annähernd gleichen Preisen. Aber die planmäßige Organisation war mächtiger als die naturwüchsige Arbeitsteilung; die gesellschaftlich arbeitenden Fabriken stellten ihre Erzeugnisse wohlfeiler her als die vereinzelten Kleinproduzenten. Die Einzelproduktion erlag auf einem Gebiete nach dem andern, die gesellschaftliche Produktion revolutionierte die ganze alte Produktionsweise. Aber dieser ihr revolutionärer Charakter wurde so wenig erkannt, daß sie im Gegenteil eingeführt wurde als Mittel zur Hebung und Förderung der Warenproduktion. Sie entstand in direkter Anknüpfung an bestimmte, bereits vorgefundne Hebel der Warenproduktion und des Warenaustausches: Kaufmannskapital, Handwerk, Lohnarbeit. Indem sie selbst auftrat als eine neue Form der Warenproduktion, blieben die Aneignungsformen der Warenproduktion auch für sie in voller Geltung.

In der Warenproduktion, wie sie sich im Mittelalter entwickelt hatte, konnte die Frage gar nicht entstehn, wem das Erzeugnis der Arbeit gehören solle. Der einzelne Produzent hatte es, in der Regel aus ihm gehörenden, oft selbst erzeugtem Rohstoff, mit eignen Arbeitsmitteln und mit eigner Handarbeit oder der seiner Familie hergestellt. Es brauchte gar nicht erst von ihm angeeignet zu werden, es gehörte ihm ganz von selbst. Das Eigentum der Produkte beruhte also auf eigner Arbeit. Selbst wo fremde Hülfe gebraucht ward, blieb diese in der Regel Nebensache und erhielt häufig außer dem Lohn noch andre Vergütung: der zünftige Lehrling und Geselle arbeiteten weniger wegen der Kost und des Lohns, als wegen ihrer eignen Ausbildung zur Meisterschaft. Da kam die Konzentration der Produktionsmittel in großen Werkstätten und Manufakturen, ihre Verwandlung in tat- |252| sächlich gesellschaftliche Produktionsmittel. Aber die gesellschaftlichen Produktionsmittel und Produkte wurden behandelt, als wären sie nach wie vor die Produktionsmittel und Produkte einzelner. Hatte bisher der Besitzer der Arbeitsmittel sich das Produkt angeeignet, weil es in der Regel sein eignes Produkt und fremde Hülfsarbeit die Ausnahme war, so fuhr jetzt der Besitzer der Arbeitsmittel fort, sich das Produkt anzueignen, obwohl es nicht mehr sein Produkt war, sondern ausschließlich Produkt fremder Arbeit. So wurden also die nunmehr gesellschaftlich erzeugten Produkte angeeignet nicht von denen, die die Produktionsmittel wirklich in Bewegung gesetzt und die Produkte wirklich erzeugt hatten, sondern vom Kapitalisten. Produktionsmittel und Produktion sind wesentlich gesellschaftlich geworden. Aber sie werden unterworfen einer Aneignungsform, die die Privatproduktion einzelner zur Voraussetzung hat, wobei also jeder sein eignes Produkt besitzt und zu Markte bringt. Die Produktionsweise wird dieser Aneignungsform unterworfen, obwohl sie deren Voraussetzung aufhebt.(1) In diesem Widerspruch, der der neuen Produktionsweise ihren kapitalistischen Charakter verleiht, liegt die ganze Kollision der Gegenwart bereits im Keim. Je mehr die neue Produktionsweise auf allen entscheidenden Produktionsfeldern und in allen ökonomisch entscheidenden Ländern zur Herrschaft kam und damit die Einzelproduktion bis auf unbedeutende Reste verdrängte, desto greller mußte auch an den Tag treten die Unverträglichkeit von gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung.

Die ersten Kapitalisten fanden, wie gesagt, die Form der Lohnarbeit bereits vor. Aber Lohnarbeit als Ausnahme, als Nebenbeschäftigung, als Aushülfe, als Durchgangspunkt. Der Landarbeiter, der zeitweise taglöhnern ging, hatte seine paar Morgen eignes Land, von denen allein er zur Not leben konnte. Die Zunftordnungen sorgten dafür, daß der Geselle von heute in den Meister von morgen überging. Sobald aber die Produktionsmittel in gesellschaftliche verwandelt und in den Händen von Kapitalisten konzentriert wurden, änderte sich dies. Das Produktionsmittel wie das Produkt des |253| kleinen Einzelproduzenten wurden mehr und mehr wertlos; es blieb ihm nichts übrig, als zum Kapitalisten auf Lohn zu gehen. Die Lohnarbeit, früher Ausnahme und Aushülfe, wurde Regel und Grundform der ganzen Produktion; früher Nebenbeschäftigung, wurde sie jetzt ausschließliche Tätigkeit des Arbeiters. Der zeitweilige Lohnarbeiter verwandelte sich in den lebenslänglichen. Die Menge der lebenslänglichen Lohnarbeiter wurde zudem kolossal vermehrt durch den gleichzeitigen Zusammenbruch der feudalen Ordnung. Auflösung der Gefolgschaften der Feudalherren, Vertreibung von Bauern aus ihren Hof stellen etc. Die Scheidung war vollzogen zwischen den in den Händen der Kapitalisten konzentrierten Produktionsmitteln hier und den auf den Besitz von nichts als ihrer Arbeitskraft reduzierten Produzenten dort. Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung tritt an den Tag als Gegensatz von Proletariat und Bourgeoisie.

Wir sahen, daß die kapitalistische Produktionsweise sich einschob in eine Gesellschaft von Warenproduzenten, Einzelproduzenten, deren gesellschaftlicher Zusammenhang vermittelt wurde durch den Austausch ihrer Produkte. Aber jede auf Warenproduktion beruhende Gesellschaft hat das Eigentümliche, daß in ihr die Produzenten die Herrschaft über ihre eignen gesellschaftlichen Beziehungen verloren haben. Jeder produziert für sich mit seinen zufälligen Produktionsmitteln und für sein individuelles Austauschbedürfnis. Keiner weiß, wieviel von seinem Artikel auf den Markt kommt, wieviel davon überhaupt gebraucht wird, keiner weiß, ob sein Einzelprodukt einen wirklichen Bedarf vorfindet, ob er seine Kosten herausschlagen oder überhaupt wird verkaufen können. Es herrscht Anarchie der gesellschaftlichen Produktion. Aber die Warenproduktion, wie jede andre Produktionsform, hat ihre eigentümlichen, inhärenten, von ihr untrennbaren Gesetze, und diese Gesetze setzen sich durch, trotz der Anarchie, in ihr, durch sie. Sie kommen zum Vorschein in der einzigen fortbestehenden Form des gesellschaftlichen Zusammenhangs, im Austausch, und machen sich geltend gegenüber den einzelnen Produzenten als Zwangsgesetze der Konkurrenz. Sie sind diesen Produzenten also anfangs selbst unbekannt und müssen erst durch lange Erfahrung nach und nach von ihnen entdeckt werden. Sie setzen sich also durch ohne die Produzenten und gegen die Produzenten, als blindwirkende Naturgesetze ihrer Produktionsform. Das Produkt beherrscht die Produzenten.

In der mittelalterlichen Gesellschaft, namentlich in den ersten Jahrhunderten, war die Produktion wesentlich auf den Selbstgebrauch gerichtet. Sie befriedigte vorwiegend nur die Bedürfnisse des Produzenten und seiner |254| Familie. Wo, wie auf dem Lande, persönliche Abhängigkeitsverhältnisse bestanden, trug sie auch bei zur Befriedigung der Bedürfnisse des Feudalherrn. Hierbei fand also kein Austausch statt, die Produkte nahmen daher auch nicht den Charakter von Waren an. Die Familie des Bauern produzierte fast alles, was sie brauchte, Geräte und Kleider nicht minder als Lebensmittel. Erst als sie dahin kam, einen Überschuß über ihren eignen Bedarf und über die dem Feudalherrn geschuldeten Naturalabgaben zu produzieren, erst da produzierte sie auch Waren; dieser Überschuß, in den gesellschaftlichen Austausch geworfen, zum Verkauf ausgeboten, wurde Ware. Die städtischen Handwerker mußten allerdings schon gleich anfangs für den Austausch produzieren. Aber auch sie erarbeiteten den größten Teil ihres Eigenbedarfs selbst; sie hatten Gärten und kleine Felder; sie schickten ihr Vieh in den Gemeindewald, der ihnen zudem Nutzholz und Feuerung lieferte; die Frauen spannen Flachs, Wolle usw. Die Produktion zum Zweck des Austausches, die Warenproduktion, war erst im Entstehn. Daher beschränkter Austausch, beschränkter Markt, stabile Produktionsweise, lokaler Abschluß nach außen, lokale Vereinigung nach innen: die Mark auf dem Lande, die Zunft in der Stadt.

Mit der Erweiterung der Warenproduktion aber, und namentlich mit dem Auftreten der kapitalistischen Produktionsweise, traten auch die bisher schlummernden Gesetze der Warenproduktion offener und mächtiger in Wirksamkeit. Die alten Verbände wurden gelockert, die alten Abschließungsschranken durchbrochen, die Produzenten mehr und mehr in unabhängige, vereinzelte Warenproduzenten verwandelt. Die Anarchie der gesellschaftlichen Produktion trat an den Tag und wurde mehr und mehr auf die Spitze getrieben. Das Hauptwerkzeug aber, womit die kapitalistische Produktionsweise diese Anarchie in der gesellschaftlichen Produktion steigerte, war das grade Gegenteil der Anarchie: die steigende Organisation der Produktion als gesellschaftlicher in jedem einzelnen Produktionsetablissement. Mit diesem Hebel machte sie der alten friedlichen Stabilität ein Ende. Wo sie in einem Industriezweig eingeführt wurde, litt sie keine ältere Methode des Betriebs neben sich. Wo sie sich des Handwerks bemächtigte, vernichtete sie das alte Handwerk. Das Arbeitsfeld wurde ein Kampfplatz. Die großen geographischen Entdeckungen und die ihnen folgenden Kolonisierungen vervielfältigten das Absatzgebiet und beschleunigten die Verwandlung des Handwerks in die Manufaktur. Nicht nur brach der Kampf aus zwischen den einzelnen Lokalproduzenten; die lokalen Kämpfe wuchsen ihrerseits an zu nationalen, den Handelskriegen des 17. und 18. Jahrhunderts. Die große Industrie endlich und die Herstellung des Welt- |255| markts haben den Kampf universell gemacht und gleichzeitig ihm eine unerhörte Heftigkeit gegeben. Zwischen einzelnen Kapitalisten wie zwischen ganzen Industrien und ganzen Ländern entscheidet die Gunst der natürlichen oder geschaffenen Produktionsbedingungen über die Existenz. Der Unterliegende wird schonungslos beseitigt. Es ist der Darwinsche Kampf ums Einzeldasein, aus der Natur mit potenzierter Wut übertragen in die Gesellschaft. Der Naturstandpunkt des Tiers erscheint als Gipfelpunkt der menschlichen Entwicklung. Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung reproduziert sich als Gegensatz zwischen der Organisation der Produktion in der einzelnen Fabrik und der Anarchie der Produktion in der ganzen Gesellschaft.

In diesen beiden Erscheinungsformen des ihr durch ihren Ursprung immanenten Widerspruchs bewegt sich die kapitalistische Produktionsweise, beschreibt sie auswegslos jenen »fehlerhaften Kreislauf«, den schon Fourier an ihr entdeckte. Was Fourier allerdings zu seiner Zeit noch nicht sehn konnte, ist, daß sich dieser Kreislauf allmählich verengert, daß die Bewegung vielmehr eine Spirale darstellt und ihr Ende erreichen muß, wie die der Planeten, durch Zusammenstoß mit dem Zentrum. Es ist die treibende Kraft der gesellschaftlichen Anarchie der Produktion, die die große Mehrzahl der Menschen mehr und mehr in Proletarier verwandelt, und es sind wieder die Proletariermassen , die schließlich der Produktionsanarchie ein Ende machen werden. Es ist die treibende Kraft der sozialen Produktionsanarchie, die die unendliche Vervollkommnungsfähigkeit der Maschinen der großen Industrie in ein Zwangsgebot verwandelt für jeden einzelnen industriellen Kapitalisten, seine Maschinerie mehr und mehr zu vervollkommnen, bei Strafe des Untergangs. Aber Vervollkommnung der Maschinerie, das heißt Überflüssigmachung von Menschenarbeit. Wenn die Einführung und Vermehrung der Maschinerie Verdrängung von Millionen von Handarbeitern durch wenige Maschinenarbeiter bedeutet, so bedeutet Verbesserung der Maschinerie Verdrängung von mehr und mehr Maschinenarbeitern selbst und in letzter Instanz Erzeugung einer das durchschnittliche Beschäftigungsbedürfnis des Kapitals überschreitenden Anzahl disponibler Lohnarbeiter, einer vollständigen industriellen Reservearmee, wie ich sie schon 1845 (2) nannte, disponibel für die Zeiten, wo die Industrie mit Hochdruck arbeitet, aufs Pflaster geworfen durch den notwendig folgenden Krach, zu allen |256| Zeiten ein Bleigewicht an den Füßen der Arbeiterklasse in ihrem Existenzkampf mit dem Kapital, ein Regulator zur Niederhaltung des Arbeitslohns auf dem dem kapitalistischen Bedürfnis angemessenen niedrigen Niveau. So geht es zu, daß die Maschinerie, um mit Marx zu reden, das machtvollste Kriegsmittel des Kapitals gegen die Arbeiterklasse wird, daß das Arbeitsmittel dem Arbeiter fortwährend das Lebensmittel aus der Hand schlägt, daß das eigne Produkt des Arbeiters sich verwandelt in ein Werkzeug zur Knechtung des Arbeiters |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 459 und 511|. So kommt es, daß die Ökonomisierung der Arbeitsmittel von vornherein zugleich rücksichtsloseste Verschwendung der Arbeitskraft und Raub an den normalen Voraussetzungen der Arbeitsfunktion wird |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 486|; daß die Maschinerie, das gewaltigste Mittel zur Verkürzung der Arbeitszeit, umschlägt in das unfehlbarste Mittel, alle Lebenszeit des Arbeiters und seiner Familie in disponible Arbeitszeit für die Verwertung des Kapitals zu verwandeln; so kommt es, daß die Überarbeitung der einen die Voraussetzung wird für die Beschäftigungslosigkeit der andern und daß die große Industrie, die den ganzen Erdkreis nach neuen Konsumenten abjagt, zu Hause die Konsumtion der Massen auf ein Hungerminimum beschränkt und sich damit den eignen innern Markt untergräbt. »Das Gesetz, welches die relative Surpluspopulation oder industrielle Reservearmee stets mit Umfang und Energie der Kapitalakkumulation im Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter fester an das Kapital, als den Prometheus die Keile des Hephästos an den Felsen. Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital entsprechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Bestialisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, das heißt auf Seite der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital produziert |Hervorhebungen von Engels|« (Marx, Kapital, Seite 671 |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 675|). Und von der kapitalistischen Produktionsweise eine andre Verteilung der Produkte erwarten, hieße verlangen, die Elektroden einer Batterie sollten das Wasser unzersetzt lassen, solange sie mit der Batterie in Verbindung stehn, und nicht am positiven Pol Sauerstoff entwickeln und am negativen Wasserstoff.

Wir sahen, wie die aufs höchste gesteigerte Verbesserungsfähigkeit der modernen Maschinerie, vermittelst der Anarchie der Produktion in der Gesellschaft, sich verwandelt in ein Zwangsgebot für den einzelnen industriellen Kapitalisten, seine Maschinerie stets zu verbessern, ihre Produktionskraft stets zu erhöhen. In ein ebensolches Zwangsgebot verwandelt sich für ihn |257| die bloße faktische Möglichkeit, seinen Produktionsbereich zu erweitern. Die enorme Ausdehnungskraft der großen Industrie, gegen die diejenige der Gase ein wahres Kinderspiel ist, tritt uns jetzt vor die Augen als ein qualitatives und quantitatives Ausdehnungsbedürfnis, das jedes Gegendrucks spottet. Der Gegendruck wird gebildet durch die Konsumtion, den Absatz, die Märkte für die Produkte der großen Industrie. Aber die Ausdehnungsfähigkeit der Märkte, extensive wie intensive, wird beherrscht zunächst durch ganz andre, weit weniger energisch wirkende Gesetze. Die Ausdehnung der Märkte kann nicht Schritt halten mit der Ausdehnung der Produktion. Die Kollision wird unvermeidlich, und da sie keine Lösung erzeugen kann, solange sie nicht die kapitalistische Produktionsweise selbst sprengt, wird sie periodisch. Die kapitalistische Produktion erzeugt einen neuen »fehlerhaften Kreislauf«.

In der Tat, seit 1825, wo die erste allgemeine Krisis ausbrach, geht die ganze industrielle und kommerzielle Welt, die Produktion und der Austausch sämtlicher zivilisierter Völker und ihrer mehr oder weniger barbarischen Anhängsel so ziemlich alle zehn Jahre einmal aus den Fugen. Der Verkehr stockt, die Märkte sind überfüllt, die Produkte liegen da, ebenso massenhaft wie unabsetzbar, das bare Geld wird unsichtbar, der Kredit verschwindet, die Fabriken stehn still, die arbeitenden Massen ermangeln der Lebensmittel, weil sie zuviel Lebensmittel produziert haben, Bankrott folgt auf Bankrott, Zwangsverkauf auf Zwangsverkauf. Jahrelang dauert die Stockung, Produktivkräfte wie Produkte werden massenhaft vergeudet und zerstört, bis die aufgehäuften Warenmassen unter größerer oder geringerer Entwertung endlich abfließen, bis Produktion und Austausch allmählich wieder in Gang kommen. Nach und nach beschleunigt sich die Gangart, fällt in Trab, der industrielle Trab geht über in Galopp, und dieser steigert sich wieder bis zur zügellosen Karriere einer vollständigen industriellen, kommerziellen, kreditlichen und spekulativen Steeplechase, um endlich nach den halsbrechendsten Sprüngen wieder anzulangen - im Graben des Krachs. Und so immer von neuem. Das haben wir nun seit 1825 volle fünfmal erlebt und erleben es in diesem Augenblick (1877) zum sechstenmal. Und der Charakter dieser Krisen ist so scharf ausgeprägt, daß Fourier sie alle traf, als er die erste bezeichnete als: crise pléthorique, Krisis aus Überfluß.

In den Krisen kommt der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung zum gewaltsamen Ausbruch. Der |258| Warenumlauf ist momentan vernichtet; das Zirkulationsmittel, das Geld, wird Zirkulationshindernis, alle Gesetze der Warenproduktion und Warenzirkulation werden auf den Kopf gestellt. Die ökonomische Kollision hat ihren Höhepunkt erreicht: die Produktionsweise rebelliert gegen die Austauschweise, die Produktivkräfte rebellieren gegen die Produktionsweise, der sie entwachsen sind.

Die Tatsache, daß die gesellschaftliche Organisation der Produktion innerhalb der Fabrik sich zu dem Punkt entwickelt hat, wo sie unverträglich geworden ist mit der neben und über ihr bestehenden Anarchie der Produktion in der Gesellschaft - diese Tatsache wird den Kapitalisten selbst handgreiflich gemacht durch die gewaltsame Konzentration der Kapitale, die sich während der Krisen vollzieht vermittelst des Ruins vieler großen und noch mehr kleiner Kapitalisten. Der gesamte Mechanismus der kapitalistischen Produktionsweise versagt unter dem Druck der von ihr selbst erzeugten Produktivkräfte. Sie kann diese Masse von Produktionsmitteln nicht mehr alle in Kapital verwandeln; sie liegen brach, und ebendeshalb muß auch die industrielle Reservearmee brachliegen. Produktionsmittel, Lebensmittel, disponible Arbeiter, alle Elemente der Produktion und des allgemeinen Reichtums sind im Überfluß vorhanden. Aber »der Überfluß wird Quelle der Not und des Mangels« (Fourier), weil er es grade ist, der die Verwandlung der Produktions- und Lebensmittel in Kapital verhindert. Denn in der kapitalistischen Gesellschaft können die Produktionsmittel nicht in Tätigkeit treten, es sei denn, sie hätten sich zuvor in Kapital, in Mittel zur Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft verwandelt. Wie ein Gespenst steht die Notwendigkeit der Kapitaleigenschaft der Produktions- und Lebensmittel zwischen ihnen und den Arbeitern. Sie allein verhindert das Zusammentreten der sachlichen und der persönlichen Hebel der Produktion; sie allein verbietet den Produktionsmitteln zu fungieren, den Arbeitern, zu arbeiten und zu leben. Einesteils also wird die kapitalistische Produktionsweise ihrer eignen Unfähigkeit zur fernern Verwaltung dieser Produktivkräfte überführt. Andrerseits drängen diese Produktivkräfte selbst mit steigender Macht nach Aufhebung des Widerspruchs, nach ihrer Erlösung von ihrer Eigenschaft als Kapital, nach tatsächlicher Anerkennung ihres Charakters als gesellschaftlicher Produktivkräfte.

Es ist dieser Gegendruck der gewaltig anwachsenden Produktivkräfte gegen ihre Kapitaleigenschaft, dieser steigende Zwang zur Anerkennung ihrer gesellschaftlichen Natur, der die Kapitalistenklasse selbst nötigt, mehr und mehr, soweit dies innerhalb des Kapitalverhältnisses überhaupt möglich, sie als gesellschaftliche Produktivkräfte zu behandeln. Sowohl die in- |259| dustrielle Hochdruckperiode mit ihrer schrankenlosen Kreditaufblähung, wie der Krach selbst durch den Zusammenbruch großer kapitalistischer Etablissements, treiben zu derjenigen Form der Vergesellschaftung größerer Massen von Produktionsmitteln, die uns in den verschiednen Arten von Aktiengesellschaften gegenübertritt. Manche dieser Produktions- und Verkehrsmittel sind von vornherein so kolossal, daß sie, wie die Eisenbahnen, jede andre Form kapitalistischer Ausbeutung ausschließen. Auf einer gewissen Entwicklungsstufe genügt auch diese Form nicht mehr: der offizielle Repräsentant der kapitalistischen Gesellschaft, der Staat, muß ihre Leitung übernehmen.(3) Diese Notwendigkeit der Verwandlung in Staatseigentum tritt zuerst hervor bei den großen Verkehrsanstalten: Post, Telegraphen, Eisenbahnen.

Wenn die Krisen die Unfähigkeit der Bourgeoisie zur fernern Verwaltung der modernen Produktivkräfte aufdeckten, so zeigt die Verwandlung der großen Produktions- und Verkehrsanstalten in Aktiengesellschaften und Staatseigentum die Entbehrlichkeit der Bourgeoisie für jenen Zweck. Alle gesellschaftlichen Funktionen des Kapitalisten werden jetzt von besoldeten Angestellten versehn. Der Kapitalist hat keine gesellschaftliche Tätigkeit mehr, außer Revenuen-Einstreichen, Kupon-Abschneiden und Spielen an der Börse, wo die verschiednen Kapitalisten untereinander sich ihr Kapital abnehmen. Hat die kapitalistische Produktionsweise zuerst Arbeiter ver- |260| drängt, so verdrängt sie jetzt die Kapitalisten und verweist sie, ganz wie die Arbeiter, in die überflüssige Bevölkerung, wenn auch zunächst noch nicht in die industrielle Reservearmee.

Aber weder die Verwandlung in Aktiengesellschaften noch die in Staatseigentum, hebt die Kapitaleigenschaft der Produktivkräfte auf. Bei den Aktiengesellschaften liegt dies auf der Hand. Und der moderne Staat ist wieder nur die Organisation, welche sich die bürgerliche Gesellschaft gibt, um die allgemeinen äußern Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise aufrechtzuerhalten gegen Übergriffe, sowohl der Arbeiter wie der einzelnen Kapitalisten. Der moderne Staat, was auch seine Form, ist eine wesentlich kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten, der ideelle Gesamtkapitalist. Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigentum übernimmt, desto mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben. Aber auf der Spitze schlägt es um. Das Staatseigentum an den Produktivkräften ist nicht die Lösung des Konflikts, aber es birgt in sich das formelle Mittel, die Handhabe der Lösung.

Diese Lösung kann nur darin liegen, daß die gesellschaftliche Natur der modernen Produktivkräfte tatsächlich anerkannt, daß also die Produktions-, Aneignungs- und Austauschweise in Einklang gesetzt wird mit dem gesellschaftlichen Charakter der Produktionsmittel. Und dies kann nur dadurch geschehn, daß die Gesellschaft offen und ohne Umwege Besitz ergreift von den jeder andern Leitung außer der ihrigen entwachsenen Produktivkräften. Damit wird der gesellschaftliche Charakter der Produktionsmittel und Produkte, der sich heute gegen die Produzenten selbst kehrt, der die Produktions- und Austauschweise periodisch durchbricht und sich nur als blindwirkendes Naturgesetz gewalttätig und zerstörend durchsetzt, von den Produzenten mit vollem Bewußtsein zur Geltung gebracht und verwandelt sich aus einer Ursache der Störung und des periodischen Zusammenbruchs in den mächtigsten Hebel der Produktion selbst.

Die gesellschaftlich wirksamen Kräfte wirken ganz wie die Naturkräfte: blindlings, gewaltsam, zerstörend, solange wir sie nicht erkennen und nicht mit ihnen rechnen. Haben wir sie aber einmal erkannt, ihre Tätigkeit, ihre Richtungen, ihre Wirkungen begriffen, so hängt es nur von uns ab, sie mehr und mehr unserm Willen zu unterwerfen und vermittelst ihrer unsre Zwecke zu erreichen. Und ganz besonders gilt dies von den heutigen gewaltigen Produktivkräften. Solange wir uns hartnäckig weigern, ihre Natur und ihren Charakter zu verstehn - und gegen dieses Verständnis sträubt sich die kapi- |261| talistische Produktionsweise und ihre Verteidiger -, solange wirken diese Kräfte sich aus trotz uns, gegen uns, solange beherrschen sie uns, wie wir das ausführlich dargestellt haben. Aber einmal in ihrer Natur begriffen, können sie in den Händen der assoziierten Produzenten aus dämonischen Herrschern in willige Diener verwandelt werden. Es ist der Unterschied zwischen der zerstörenden Gewalt der Elektrizität im Blitze des Gewitters und der gebändigten Elektrizität des Telegraphen und des Lichtbogens; der Unterschied der Feuersbrunst und des im Dienst des Menschen wirkenden Feuers. Mit dieser Behandlung der heutigen Produktivkräfte nach ihrer endlich erkannten Natur tritt an die Stelle der gesellschaftlichen Produktionsanarchie eine gesellschaftlich-planmäßige Regelung der Produktion nach den Bedürfnissen der Gesamtheit wie jedes einzelnen; damit wird die kapitalistische Aneignungsweise, in der das Produkt zuerst den Produzenten, dann aber auch den Aneigner knechtet, ersetzt durch die in der Natur der modernen Produktionsmittel selbst begründete Aneignungsweise der Produkte: einerseits direkt gesellschaftliche Aneignung als Mittel zur Erhaltung und Erweiterung der Produktion, andrerseits direkt individuelle Aneignung als Lebens- und Genußmittel.

Indem die kapitalistische Produktionsweise mehr und mehr die große Mehrzahl der Bevölkerung in Proletarier verwandelt, schafft sie die Macht, die diese Umwälzung, bei Strafe des Untergangs, zu vollziehn genötigt ist. Indem sie mehr und mehr auf Verwandlung der großen, vergesellschafteten Produktionsmittel in Staatseigentum drängt, zeigt sie selbst den Weg an zur Vollziehung dieser Umwälzung. Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum. Aber damit hebt es sich selbst als Proletariat, damit hebt es alle Klassenunterschiede und Klassengegensätze auf, und damit auch den Staat als Staat. Die bisherige, sich in Klassengegensätzen bewegende Gesellschaft hatte den Staat nötig, das heißt eine Organisation der jedesmaligen ausbeutenden Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer äußern Produktionsbedingungen, also namentlich zur gewaltsamen Niederhaltung der ausgebeuteten Klasse in den durch die bestehende Produktionsweise gegebnen Bedingungen der Unterdrückung (Sklaverei, Leibeigenschaft oder Hörigkeit, Lohnarbeit). Der Staat war der offizielle Repräsentant der ganzen Gesellschaft, ihre Zusammenfassung in einer sichtbaren Körperschaft, aber er war dies nur, insofern er der Staat derjenigen Klasse war, welche selbst für ihre Zeit die ganze Gesellschaft vertrat: im Altertum Staat der sklavenhaltenden Staatsbürger, im Mittelalter des Feudaladels, in unsrer Zeit der Bourgeoisie. Indem er endlich tatsächlich Repräsentant der ganzen Gesellschaft wird, macht er sich selbst über- |262| flüssig. Sobald es keine Gesellschaftsklasse mehr in der Unterdrückung zu halten gibt, sobald mit der Klassenherrschaft und dem in der bisherigen Anarchie der Produktion begründeten Kampf ums Einzeldasein auch die daraus entspringenden Kollisionen und Exzesse beseitigt sind, gibt es nichts mehr zu reprimieren, das eine besondre Repressionsgewalt, einen Staat, nötig machte. Der erste Akt, worin der Staat wirklich als Repräsentant der ganzen Gesellschaft auftritt - die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft - ist zugleich sein letzter selbständiger Akt als Staat. Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse wird auf einem Gebiete nach dem andern überflüssig und schläft dann von selbst ein. An die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat wird nicht »abgeschafft«, er stirbt ab. Hieran ist die Phrase vom »freien Volksstaat« zu messen, also sowohl nach ihrer zeitweiligen agitatorischen Berechtigung wie nach ihrer endgültigen wissenschaftlichen Unzulänglichkeit; hieran ebenfalls die Forderung der sogenannten Anarchisten, der Staat solle von heute auf morgen abgeschafft werden.

Die Besitzergreifung der sämtlichen Produktionsmittel durch die Gesellschaft hat, seit dem geschichtlichen Auftreten der kapitalistischen Produktionsweise, einzelnen wie ganzen Sekten öfters mehr oder weniger unklar als Zukunftsideal vorgeschwebt. Aber sie konnte erst möglich, erst geschichtliche Notwendigkeit werden, als die materiellen Bedingungen ihrer Durchführung vorhanden waren. Sie, wie jeder andre gesellschaftliche Fortschritt, wird ausführbar nicht durch die gewonnene Einsicht, daß das Dasein der Klassen der Gerechtigkeit, der Gleichheit etc. widerspricht, nicht durch den bloßen Willen, diese Klassen abzuschaffen, sondern durch gewisse neue ökonomische Bedingungen. Die Spaltung der Gesellschaft in eine ausbeutende und eine ausgebeutete, eine herrschende und eine unterdrückte Klasse war die notwendige Folge der frühern geringen Entwicklung der Produktion. Solange die gesellschaftliche Gesamtarbeit nur einen Ertrag liefert, der das zur notdürftigen Existenz aller Erforderliche nur um wenig übersteigt, solange also die Arbeit alle oder fast alle Zeit der großen Mehrzahl der Gesellschaftsglieder in Anspruch nimmt, solange teilt sich die Gesellschaft notwendig in Klassen. Neben dieser ausschließlich der Arbeit frönenden großen Mehrheit bildet sich eine von direkt-produktiver Arbeit befreite Klasse, die die gemeinsamen Angelegenheiten der Gesellschaft besorgt: Arbeitsleitung, Staatsgeschäfte, Justiz, Wissenschaft, Künste usw. Das Gesetz der Arbeitsteilung ist es also, was der Klassenteilung zugrunde liegt. Aber das hindert nicht, daß diese Einteilung in Klassen nicht durch |263| Gewalt und Raub, List und Betrug durchgesetzt worden und daß die herrschende Klasse, einmal im Sattel, nie verfehlt hat, ihre Herrschaft auf Kosten der arbeitenden Klasse zu befestigen und die gesellschaftliche Leitung umzuwandeln in Ausbeutung der Massen.

Aber wenn hiernach die Einteilung in Klassen eine gewisse geschichtliche Berechtigung hat, so hat sie eine solche doch nur für einen gegebnen Zeitraum, für gegebne gesellschaftliche Bedingungen. Sie gründete sich auf die Unzulänglichkeit der Produktion; sie wird weggefegt werden durch die volle Entfaltung der modernen Produktivkräfte. Und in der Tat hat die Abschaffung der gesellschaftlichen Klassen zur Voraussetzung einen geschichtlichen Entwicklungsgrad, auf dem das Bestehn nicht bloß dieser oder jener bestimmten herrschenden Klasse, sondern einer herrschenden Klasse überhaupt, also des Klassenunterschieds selbst, ein Anachronismus geworden, veraltet ist. Sie hat also zur Voraussetzung einen Höhegrad der Entwicklung der Produktion, auf dem Aneignung der Produktionsmittel und Produkte, und damit der politischen Herrschaft, des Monopols der Bildung und der geistigen Leitung durch eine besondre Gesellschaftsklasse nicht nur überflüssig, sondern auch ökonomisch, politisch und intellektuell ein Hindernis der Entwicklung geworden ist. Dieser Punkt ist jetzt erreicht. Ist der politische und intellektuelle Bankrott der Bourgeoisie ihr selbst kaum noch ein Geheimnis, so wiederholt sich ihr ökonomischer Bankrott regelmäßig alle zehn Jahre. In jeder Krise erstickt die Gesellschaft unter der Wucht ihrer eignen, für sie unverwendbaren Produktivkräfte und Produkte und steht hülflos vor dem absurden Widerspruch, daß die Produzenten nichts zu konsumieren haben, weil es an Konsumenten fehlt. Die Expansionskraft der Produktionsmittel sprengt die Bande, die ihr die kapitalistische Produktionsweise angelegt. Ihre Befreiung aus diesen Banden ist die einzige Vorbedingung einer ununterbrochenen, stets rascher fortschreitenden Entwicklung der Produktivkräfte und damit einer praktisch schrankenlosen Steigerung der Produktion selbst. Damit nicht genug. Die gesellschaftliche Aneignung der Produktionsmittel beseitigt nicht nur die jetzt bestehende künstliche Hemmung der Produktion, sondern auch die positive Vergeudung und Verheerung von Produktivkräften und Produkten, die gegenwärtig die unvermeidliche Begleiterin der Produktion ist und ihren Höhepunkt in den Krisen erreicht. Sie setzt ferner eine Masse von Produktionsmitteln und Produkten für die Gesamtheit frei durch Beseitigung der blödsinnigen Luxusverschwendung der jetzt herrschenden Klassen und ihrer politischen Repräsentanten. Die Möglichkeit, vermittelst der gesellschaftlichen Produktion allen Gesellschaftsgliedern eine Existenz zu sichern, die nicht nur |264| materiell vollkommen ausreichend ist und von Tag zu Tag reicher wird, sondern die ihnen auch die vollständige freie Ausbildung und Betätigung ihrer körperlichen und geistigen Anlagen garantiert, diese Möglichkeit ist jetzt zum erstenmal da, aber sie ist da.(4)

Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts über die Produzenten. Die Anarchie innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planmäßige bewußte Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein hört auf. Damit erst scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich, tritt aus tierischen Daseinsbedingungen in wirklich menschliche. Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herrschaft und Kontrolle der Menschen, die nun zum ersten Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Herren ihrer eignen Vergesellschaftung werden. Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht. Die eigne Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen bisher als von Natur und Geschichte oktroyiert gegenüberstand, wird jetzt ihre eigne freie Tat. Die objektiven, fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten unter die Kontrolle der Menschen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an werden die von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in stets steigendem Maße auch die von ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.

|265| Diese weltbefreiende Tat durchzuführen, ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen und damit ihre Natur selbst zu ergründen, und so der zur Aktion berufenen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion zum Bewußtsein zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.

 

III.

Produktion

Nach allem Vorhergegangenen wird es den Leser nicht wundern, zu erfahren, daß die im letzten Kapitel gegebne Entwicklung der Grundzüge des Sozialismus keineswegs nach dem Sinn des Herrn Dühring ist. Im Gegenteil. Er muß sie schleudern in den Abgrund alles Verworfenen, zu den übrigen »Bastarden historischer und logischer Phantastik«, den wüsten Konzeptionen«, den »konfusen Nebelvorstellungen« usw. Für ihn ist der Sozialismus ja keineswegs ein notwendiges Erzeugnis der geschichtlichen Entwicklung, und noch viel weniger der grob-materiellen, auf bloße Futterzwecke gerichteten ökonomischen Bedingungen der Gegenwart. Er hat es viel besser. Sein Sozialismus ist eine endgültige Wahrheit letzter Instanz;

er ist »das natürliche System der Gesellschaft«, er findet seine Wurzel in einem »universellen Prinzip der Gerechtigkeit«,

und wenn er nicht umhin kann, von dem bestehenden, durch die bisherige sündhafte Geschichte geschaffnen Zustand Notiz zu nehmen, um ihn zu verbessern, so ist das eher als ein Unglück für das reine Prinzip der Gerechtigkeit zu betrachten. Herr Dühring schafft seinen Sozialismus, wie alles andre, vermittelst seiner famosen beiden Männer. Statt daß diese beiden Marionetten, wie bisher, Herr und Knecht spielen, führen sie zur Abwechslung einmal das Stück von der Gleichberechtigung auf - und der Dühringsche Sozialismus ist in seiner Grundlage fertig.

Demnach ist es selbstredend, daß bei Herrn Dühring die periodischen industriellen Krisen keineswegs die geschichtliche Bedeutung haben, die wir ihnen zuschreiben mußten.

Die Krisen sind bei ihm nur gelegentliche Abweichungen von der »Normalität« und geben höchstens Anlaß zur »Entfaltung einer geregelteren Ordnung«. Die »gewöhnliche Weise«, die Krisen aus der Überproduktion zu erklären, genügt seiner »exakteren Auffassung« keineswegs. Allerdings sei eine solche für »Spezialkrisen in besondern Gebieten wohl zulässig«. So z.B. »eine Überfüllung des Büchermarktes mit |266| Ausgaben von Werken, die plötzlich für den Nachdruck freigegeben werden und sich für Massenabsatz eignen«.

Herr Dühring kann sich nun allerdings mit dem wohltuenden Bewußtsein zu Bette legen, daß seine unsterblichen Werke ein solches Weltunglück nie anrichten werden.

Für die großen Krisen sei es aber nicht die Überproduktion, sondern vielmehr »das Zurückbleiben der Volkskonsumtion ... die künstlich erzeugte Unterkonsumtion ... die Hinderung des Volksbedarfs (!) an seinem natürlichen Wachstum, was die Kluft zwischen Vorrat und Abnahme schließlich so kritisch weit macht«.

Und für diese seine Krisentheorie hat er denn auch glücklich einen Jünger gefunden.

Nun ist aber leider die Unterkonsumtion der Massen, die Beschränkung der Massenkonsumtion auf das zum Unterhalt und zur Fortpflanzung Notwendige nicht erst eine neue Erscheinung. Sie hat bestanden, solange es ausbeutende und ausgebeutete Klassen gegeben hat. Selbst in den Geschichtsabschnitten, wo die Lage der Massen besonders günstig war, also z.B. in England im 15. Jahrhundert, unterkonsumierten sie. Sie waren weit davon entfernt, ihr eignes jährliches Gesamtprodukt zur Verzehrung verfügbar zu haben. Wenn nun also die Unterkonsumtion eine stehende geschichtliche Erscheinung seit Jahrtausenden, die in den Krisen ausbrechende allgemeine Absatzstockung infolge von Produktionsüberschuß aber erst seit fünfzig Jahren sichtbar geworden ist, so gehört die ganze vulgärökonomische Flachheit des Herrn Dühring dazu, die neue Kollision zu erklären, nicht aus der neuen Erscheinung der Überproduktion, sondern aus der Jahrtausende alten der Unterkonsumtion. Es ist, als wollte man in der Mathematik die Veränderung des Verhältnisses zweier Größen, einer konstanten und einer veränderlichen, erklären, nicht daraus, daß die veränderliche sich verändert, sondern daraus, daß die konstante dieselbe geblieben ist. Die Unterkonsumtion der Massen ist eine notwendige Bedingung aller auf Ausbeutung beruhenden Gesellschaftsformen, also auch der kapitalistischen; aber erst die kapitalistische Form der Produktion bringt es zu Krisen. Die Unterkonsumtion der Massen ist also auch eine Vorbedingung der Krisen und spielt in ihnen eine längst anerkannte Rolle; aber sie sagt uns ebensowenig über die Ursachen des heutigen Daseins der Krisen, wie über die ihrer frühern Abwesenheit.

Herr Dühring hat überhaupt merkwürdige Vorstellungen vom Weltmarkt. Wir sahen, wie er sich wirkliche industrielle Spezialkrisen als echter deutscher Literatus an eingebildeten Krisen auf dem in Leipziger Büchermarkt |267| klarzumachen sucht, den Sturm auf der See am Sturm im Glase Wasser. Er bildet sich ferner ein, die heutige Unternehmerproduktion müsse

»sich mit ihrem Absatz vornehmlich im Kreise der besitzenden Klassen selbst drehn«,

was ihn nicht verhindert, nur sechzehn Seiten weiter als die entscheidenden modernen Industrien in bekannter Weise die Eisen- und Baumwollindustrie hinzustellen, also grade die beiden Produktionszweige, deren Erzeugnisse nur zu einem verschwindend kleinen Teil im Kreise der besitzenden Klassen konsumiert werden und vor allen andern auf den Massenverbrauch angewiesen sind. Wohin wir uns bei ihm wenden, nichts als leeres, widerspruchsvolles Hin- und Hergeschwätz. Aber nehmen wir ein Beispiel aus der Baumwollindustrie. Wenn in der einzigen, verhältnismäßig kleinen Stadt Oldham - einer aus dem Dutzend Städte von 50 bis 100.000 Einwohnern um Manchester, die die Baumwollindustrie betreiben -, wenn in dieser einzigen Stadt in den vier Jahren 1872 bis 1875 die Zahl der Spindeln, die nur die einzige Nummer 32 spinnen, sich von 21/2 auf 5 Millionen vermehrte, so daß in einer einzigen Mittelstadt Englands ebensoviel Spindeln eine einzige Nummer spinnen, wie die Baumwollindustrie von ganz Deutschland mitsamt dem Elsaß überhaupt besitzt, und wenn die Ausdehnung in den übrigen Zweigen und Lokalitäten der Baumwollindustrie Englands und Schottlands in annähernd demselben Verhältnis stattgefunden hat, so gehört eine starke Dosis wurzelhafter Unverfrorenheit dazu, die jetzige totale Absatzstockung der Baumwollgarne und Gewebe zu erklären aus der Unterkonsumtion der englischen Massen und nicht aus der Überproduktion der englischen Baumwollfabrikanten.(5)

Genug. Man streitet nicht mit Leuten, die in der Ökonomie unwissend genug sind, den Leipziger Büchermarkt überhaupt für einen Markt im Sinne der modernen Industrie anzusehn. Konstatieren wir daher bloß, daß uns Herr Dühring des fernern über die Krisen nur mitzuteilen weiß, daß es sich bei ihnen um nichts handelt,

»als um ein gewöhnliches Spiel zwischen Überspannung und Erschlaffung«, daß die Überspekulation »nicht allein von der planlosen Häufung der Privatunternehmungen herrührt«, sondern daß »auch die Voreiligkeit der einzelnen Unternehmer und der Mangel an Privatumsicht zu den Entstehungsursachen des Überangebots zu rechnen« sind.

|268| Und was ist wiederum die »Entstehungsursache« der Voreiligkeit und des Mangels an Privatumsicht? Eben dieselbe Planlosigkeit der kapitalistischen Produktion, die in der planlosen Häufung der Privatunternehmungen sich zeigt. Die Übersetzung einer ökonomischen Tatsache in einen moralischen Vorwurf für die Entdeckung einer neuen Ursache zu versehn, ist eben auch eine starke »Voreiligkeit«.

Verlassen wir hiermit die Krisen. Nachdem wir im vorigen Kapitel ihre notwendige Erzeugung aus der kapitalistischen Produktionsweise und ihre Bedeutung als Krisen dieser Produktionsweise selbst, als Zwangsmittel der gesellschaftlichen Umwälzung nachgewiesen, brauchen wir den Seichtigkeiten des Herrn Dühring über diesen Gegenstand kein Wort weiter entgegenzusetzen. Gehn wir über zu seinen positiven Schöpfungen, zum »natürlichen System der Gesellschaft«.

Dies auf einem »universellen Prinzip der Gerechtigkeit«, also frei von aller Rücksichtnahme auf lästige materielle Tatsachen aufgebaute System besteht aus einer Föderation von Wirtschaftskommunen, zwischen denen

»Freizügigkeit und Notwendigkeit der Aufnahme neuer Mitglieder nach bestimmten Gesetzen und Verwaltungsnormen« besteht.

Die Wirtschaftskommune selbst ist vor allem

»ein umfassender Schematismus von menschheitsgeschichtlicher Tragweite« und weit hinaus über die »abirrenden Halbheiten« z.B. eines gewissen Marx. Sie bedeutet »eine Gemeinschaft von Personen, die durch ihr öffentliches Recht der Verfügung über einen Bezirk von Grund und Boden und über eine Gruppe von Produktionsetablissements zu gemeinsamer Tätigkeit und gemeinsamer Teilnahme am Ertrage verbunden sind«. Das öffentliche Recht ist ein »Recht an der Sache... im Sinne eines rein publizistischen Verhältnisses zur Natur und zu den Produktionseinrichtungen«.

Was das heißen soll, darüber mögen sich die Zukunftsjuristen der Wirtschaftskommune die Köpfe zerbrechen, wir geben jeden Versuch auf. Nur soviel erfahren wir,

daß es keineswegs einerlei ist mit dem »körperschaftlichen Eigentum von Arbeitergesellschaften«, die gegenseitige Konkurrenz und selbst Lohnausbeutung nicht ausschließen würden.

Wobei dann fallengelassen wird,

die Vorstellung eines »Gesamteigentums«, wie sie sich auch bei Marx finde, sei »mindestens unklar und bedenklich, da diese Zukunftsvorstellung immer den Anschein gewinnt, als wenn sie nichts als ein körperschaftliches Eigentum der Arbeitergruppen zu bedeuten hätte«.

|269| Es ist dies wieder eins der vielen bei Herrn Dühring üblichen »schnöden Manierchen« der Unterschiebung, »für deren vulgäre Eigenschaft« (wie er selbst sagt) »nur das vulgäre Wort schnoddrig ganz passend sein würde«; es ist eine ebenso aus der Luft gegriffne Unwahrheit, wie die andre Erfindung des Herrn Dühring, das Gesamteigentum bei Marx sei ein »zugleich individuelles und gesellschaftliches Eigentum«.

Jedenfalls scheint soviel klar: das publizistische Recht einer Wirtschaftskommune an ihren Arbeitsmitteln ist ein ausschließliches Eigentumsrecht wenigstens gegenüber jeder andern Wirtschaftskommune und auch gegenüber der Gesellschaft und dem Staat.

Es soll aber nicht die Macht haben, »nach außen ... abschließend zu verfahren, denn zwischen den verschiednen Wirtschaftskommunen besteht Freizügigkeit und Notwendigkeit der Aufnahme neuer Mitglieder nach bestimmten Gesetzen und Verwaltungsnormen ... ähnlich ... wie heute die Angehörigkeit zu einem politischen Gebilde und wie die Teilnahme an den wirtschaftlichen Gemeindezuständigkeiten«.

Es wird also reiche und arme Wirtschaftskommunen geben, und die Ausgleichung findet statt durch den Andrang der Bevölkerung zu den reichen und den Wegzug von den armen Kommunen. Wenn also Herr Dühring die Konkurrenz in Produkten zwischen den einzelnen Kommunen durch nationale Organisation des Handels beseitigen will, so läßt er die Konkurrenz in Produzenten ruhig fortbestehen. Die Dinge werden der Konkurrenz entzogen, die Menschen bleiben ihr unterworfen.

Indes sind wir damit noch lange nicht im klaren über das »publizistische Recht«. Zwei Seiten weiter erklärt uns Herr Dühring:

Die Handelskommune »reiche zunächst so weit, als dasjenige politisch-gesellschaftliche Gebiet, dessen Angehörige zu einem einheitlichen Rechtssubjekt zusammengefaßt sind und in dieser Eigenschaft die Verfügung über den gesamten Boden, die Wohnstätten und die Produktionseinrichtungen haben«.

Es ist also doch nicht die einzelne Kommune, die die Verfügung hat, sondern die ganze Nation. Das »öffentliche Recht«, das »Recht an der Sache«, das »publizistische Verhältnis zur Natur« usw. ist also nicht bloß »mindestens unklar und bedenklich«, es ist in direktem Widerspruch mit sich selbst. Es ist in der Tat, wenigstens soweit jede einzelne Wirtschaftskommune ebenfalls ein Rechtssubjekt, ein »zugleich individuelles und gesellschaftliches Eigentum«, und diese letztere »nebelhafte Zwittergestalt« daher wieder nur bei Herrn Dühring selbst anzutreffen.

Jedenfalls verfügt die Wirtschaftskommune über ihre Arbeitsmittel zum Zweck der Produktion. Wie geht diese Produktion vor sich? Nach |270| allem, was wir bei Herrn Dühring erfahren, ganz im alten Stil, nur daß an die Stelle des Kapitalisten die Kommune tritt. Höchstens erfahren wir, daß die Berufswahl jetzt erst für jeden einzelnen frei wird und daß gleiche Verpflichtung zur Arbeit besteht.

Die Grundform aller bisherigen Produktion ist die Teilung der Arbeit, einerseits innerhalb der Gesellschaft, andrerseits innerhalb jeder einzelnen Produktionsanstalt. Wie verhält sich die Dühringsche »Sozialität« zu ihr?

Die erste große gesellschaftliche Arbeitsteilung ist die Scheidung von Stadt und Land.

Dieser Antagonismus ist nach Herrn Dühring »der Natur der Sache nach unvermeidlich«. Aber »es ist überhaupt bedenklich, sich die Kluft zwischen Landwirtschaft und Industrie ... als unausfüllbar zu denken. In der Tat besteht bereits ein gewisses Maß von Stetigkeit der Überleitung, welche für die Zukunft noch erheblich zuzunehmen verspricht.« Schon jetzt hätten sich zwei Industrien in den Ackerbau und ländlichen Betrieb eingeschoben: »in erster Linie die Brennerei und in zweiter die Bereitung von Rübenzucker ... die Spirituserzeugung ist von einer solchen Bedeutung, daß man sie eher unterschätzen als überschätzen wird«. Und »wäre es möglich, daß sich ein größerer Kreis von Industrien infolge irgendwelcher Entdeckungen derartig bildete, daß hierbei eine Neigung obwaltete, den Betrieb ländlich zu lokalisieren und unmittelbar an die Produktion der Rohstoffe anzulehnen«, so würde dadurch der Gegensatz von Stadt und Land geschwächt und »die allerausgedehnteste Grundlage der Zivilisationsentfaltung gewonnen werden«. Indes »könnte etwas Ähnliches doch auch noch auf einem andern Wege in Frage stehn. Außer den technischen Nötigungen kommen mehr und mehr die sozialen Bedürfnisse in Frage, und wenn diese letztern für die Gruppierungen der menschlichen Tätigkeiten maßgebend werden, wird es nicht mehr möglich sein, diejenigen Vorteile zu vernachlässigen, die sich aus einer systematisch nahen Verbindung der Beschäftigungen des platten Landes mit den Verrichtungen der technischen Umwandlungsarbeit ergeben.«

Nun kommen in der Wirtschaftskommune ja grade die sozialen Bedürfnisse in Frage, und so wird sie sich wohl beeilen, die obenerwähnten Vorteile der Vereinigung von Ackerbau und Industrie sich in vollstem Maße anzueignen? Herr Dühring wird nicht verfehlen, uns über die Stellung der Wirtschaftskommune zu dieser Frage seine »exakteren Auffassungen« in beliebter Breite mitzuteilen? Geprellt wäre der Leser, der das glaubte. Die obigen magern, verlegenen, wiederum in dem schnapsbrennenden und rübenzuckernden Geltungsbereich des preußischen Landrechts sich im Kreise herumdrehenden Gemeinplätze sind alles, was uns Herr Dühring über den Gegensatz von Stadt und Land in Gegenwart und Zukunft zu sagen hat.

|271| Gehn wir über zur Arbeitsteilung im einzelnen. Hier ist Herr Dühring schon etwas »exakter«. Er spricht von

»einer Person, die sich mit einer Gattung von Tätigkeit ausschließlich abgeben soll«. Handelt es sich um die Einführung eines neuen Produktionszweigs, so besteht die Frage einfach darin, ob man eine gewisse Zahl von Existenzen, die sich der Erzeugung eines Artikels widmen sollen, mit der für sie erforderlichen Konsumtion (!) gleichsam schaffen könne. Ein beliebiger Produktionszweig wird in der Sozialität nicht viel Bevölkerung in Anspruch nehmen«. Und auch in der Sozialität gibt es sich nach der Lebensweise sondernde ökonomische Spielarten« von Menschen.

Hiernach bleibt innerhalb der Sphäre der Produktion so ziemlich alles beim alten. Allerdings herrscht in der bisherigen Gesellschaft eine »falsche Arbeitsteilung«; worin aber diese besteht und wodurch sie in der Wirtschaftskommune ersetzt werden soll, darüber erfahren wir nur dies:

»Was die Rücksichten der Arbeitsteilung selbst anbetrifft, so haben wir schon oben gesagt, daß sie als erledigt gelten können, sobald den Tatsachen der verschiednen Naturgelegenheiten und den persönlichen Fähigkeiten Rechnung getragen ist.«

Neben den Fähigkeiten kommt noch die persönliche Neigung zur Geltung:

»Der Reiz des Aufsteigens zu Tätigkeiten, die mehr Fähigkeiten und Vorbildung ins Spiel setzen, würde ausschließlich auf der Neigung zu der betreffenden Beschäftigung, und auf der Freude an der Ausübung grade dieser und keiner andern Sache« (Ausübung einer Sache!) »beruhen.«

Hiermit aber wird in der Sozialität der Wetteifer angeregt und

»die Produktion selbst in Interesse erhalten, und der stumpfe Betrieb, der sie nur als Mittel zum Gemeinzweck würdigt, wird nicht mehr das beherrschende Gepräge der Zustände sein«.

In jeder Gesellschaft mit naturwüchsiger Produktionsentwicklung - und die heutige gehört dazu - beherrschen nicht die Produzenten die Produktionsmittel, sondern die Produktionsmittel beherrschen die Produzenten. In einer solchen Gesellschaft schlägt jeder neue Hebel der Produktion notwendig um in ein neues Mittel der Knechtung der Produzenten unter die Produktionsmittel. Das gilt vor allem von demjenigen Hebel der Produktion, der bis zur Einführung der großen Industrie weitaus der mächtigste war - von der Teilung der Arbeit. Gleich die erste große Arbeitsteilung, die Scheidung von Stadt und Land, verurteilte die Landbevölkerung zu jahrtausendelanger Verdummung und die Städter zur Knechtung eines jeden unter sein Einzelhandwerk. Sie vernichtete die Grundlage der geistigen Entwicklung der |272| einen und der körperlichen der andern. Wenn sich der Bauer den Boden, der Städter sein Handwerk aneignet, so eignet sich ebensosehr der Boden den Bauer, das Handwerk den Handwerker an. Indem die Arbeit geteilt wird, wird auch der Mensch geteilt. Der Ausbildung einer einzigen Tätigkeit werden alle übrigen körperlichen und geistigen Fähigkeiten zum Opfer gebracht. Diese Verkümmerung des Menschen wächst im selben Maße wie die Arbeitsteilung, die ihre höchste Entwicklung in der Manufaktur erreicht. Die Manufaktur zerlegt das Handwerk in seine einzelnen Teiloperationen, weist jede derselben einem einzelnen Arbeiter als Lebensberuf zu und kettet ihn so lebenslänglich an eine bestimmte Teilfunktion und ein bestimmtes Werkzeug. »Sie verkrüppelt den Arbeiter in eine Abnormität, indem sie sein Detailgeschick treibhausmäßig fördert durch Unterdrückung einer Welt von produktiven Trieben und Anlagen ... Das Individuum selbst wird geteilt, in das automatische Triebwerk einer Teilarbeit verwandelt« (Marx) |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 381| - ein Triebwerk, das in vielen Fällen seine Vollkommenheit erst durch buchstäbliche, leibliche und geistige Verkrüppelung des Arbeiters erlangt. Die Maschinerie der großen Industrie degradiert den Arbeiter aus einer Maschine zum bloßen Zubehör einer Maschine. »Aus der lebenslangen Spezialität, ein Teilwerkzeug zu führen, wird die lebenslange Spezialität, einer Teilmaschine zu dienen. Die Maschinerie wird mißbraucht, um den Arbeiter selbst von Kindesbeinen an in den Teil einer Teilmaschine zu verwandeln« (Marx). |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 445| Und nicht nur die Arbeiter, auch die die Arbeiter direkt oder indirekt ausbeutenden Klassen werden vermittelst der Teilung der Arbeit geknechtet unter das Werkzeug ihrer Tätigkeit; der geistesöde Bourgeois unter sein eignes Kapital und seine eigne Profitwut, der Jurist unter seine verknöcherten Rechtsvorstellungen, die ihn als eine selbständige Macht beherrschen; die »gebildeten Stände« überhaupt unter die mannigfachen Lokalborniertheiten und Einseitigkeiten, unter ihre eigne körperliche und geistige Kurzsichtigkeit, unter ihre Verkrüppelung durch die auf eine Spezialität zugeschnittne Erziehung und durch die lebenslange Fesselung an diese Spezialität selbst - auch dann, wenn diese Spezialität das reine Nichtstun ist.

Die Utopisten waren bereits vollständig im reinen über die Wirkungen der Teilung der Arbeit, über die Verkümmerung einerseits des Arbeiters, andrerseits der Arbeitstätigkeit selbst, die auf lebenslängliche, einförmige, mechanische Wiederholung eines und desselben Aktes beschränkt wird. Die Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land wird von Fourier wie von |273| Owen als erste Grundbedingung der Aufhebung der alten Arbeitsteilung überhaupt gefordert. Bei beiden soll die Bevölkerung sich in Gruppen von sechzehnhundert bis dreitausend über das Land verteilen; jede Gruppe bewohnt im Zentrum ihres Bodenbezirks einen Riesenpalast mit gemeinsamem Haushalt. Fourier spricht zwar hier und da von Städten, diese aber bestehn selbst wieder nur aus vier bis fünf solcher näher zusammenliegenden Paläste. Bei beiden beteiligt sich jedes Gesellschaftsglied sowohl am Ackerbau wie an der Industrie; bei Fourier spielen in dieser letztern Handwerk und Manufaktur, bei Owen dagegen schon die große Industrie die Hauptrolle und wird von ihm bereits die Einführung der Dampfkraft und Maschinerie in die Haushaltungsarbeit verlangt. Aber auch innerhalb des Ackerbaus wie der Industrie fordern beide die möglichst große Abwechslung der Beschäftigung für jeden einzelnen, und dementsprechend die Ausbildung der Jugend für möglichst allseitige technische Tätigkeit. Bei beiden soll der Mensch sich universell entwickeln durch universelle praktische Betätigung und soll die Arbeit den ihr durch die Teilung abhanden gekommnen Reiz der Anziehung wieder erhalten, zunächst durch diese Abwechslung und die ihr entsprechende kurze Dauer der jeder einzelnen Arbeit gewidmeten »Sitzung«, um Fouriers Ausdruck zu gebrauchen. Beide sind weit hinaus über die dem Herrn Dühring überkommne Denkweise der ausbeutenden Klassen, die den Gegensatz von Stadt und Land für der Natur der Sache nach unvermeidlich hält, die in der Borniertheit befangen ist, als müßte eine Anzahl von »Existenzen« unter allen Umständen zur Erzeugung eines Artikels verdammt sein, und die die sich nach der Lebensweise sondernden »ökonomischen Spielarten« von Menschen verewigen will, die Leute, die Freude an der Ausübung grade dieser und keiner andern Sache haben , die also so weit heruntergekommen sind, daß sie sich über ihre eigne Knechtung und Vereinseitigung freuen. Gegenüber den Grundgedanken selbst der tollkühnsten Phantasien des »Idioten« Fourier, gegenüber selbst den dürftigsten Ideen des »rohen, matten und dürftigen« Owen steht der selbst noch ganz unter die Teilung der Arbeit geknechtete Herr Dühring da wie ein vorlauter Zwerg.

Indem sich die Gesellschaft zur Herrin der sämtlichen Produktionsmittel macht, um sie gesellschaftlich planmäßig zu verwenden, vernichtet sie die bisherige Knechtung der Menschen unter ihre eignen Produktionsmittel. Die Gesellschaft kann sich selbstredend nicht befreien, ohne daß jeder einzelne befreit wird. Die alte Produktionsweise muß also von Grund aus umgewälzt werden, und namentlich muß die alte Teilung der Arbeit verschwinden. An ihre Stelle muß eine Organisation der Produktion treten, |274| in der einerseits kein einzelner seinen Anteil an der produktiven Arbeit, dieser Naturbedingung der menschlichen Existenz, auf andre abwälzen kann; in der andrerseits die produktive Arbeit, statt Mittel der Knechtung, Mittel der Befreiung der Menschen wird, indem sie jedem einzelnen die Gelegenheit bietet, seine sämtlichen Fähigkeiten, körperliche wie geistige, nach allen Richtungen hin auszubilden und zu betätigen, und in der sie so aus einer Last eine Lust wird.

Dies ist heute keine Phantasie, kein frommer Wunsch mehr. Bei der gegenwärtigen Entwicklung der produktiven Kräfte genügt schon diejenige Steigerung der Produktion, die mit der Tatsache der Vergesellschaftung der Produktivkräfte selbst gegeben ist, die Beseitigung der aus der kapitalistischen Produktionsweise entspringenden Hemmungen und Störungen, der Vergeudung von Produkten und Produktionsmitteln, um bei allgemeiner Teilnahme an der Arbeit die Arbeitszeit auf ein nach jetzigen Vorstellungen geringes Maß zu reduzieren.

Ebensowenig ist die Aufhebung der alten Teilung der Arbeit eine Forderung, die nur auf Kosten der Produktivität der Arbeit durchzuführen wäre. Im Gegenteil. Sie ist eine Bedingung der Produktion selbst geworden durch die große Industrie. »Der Maschinenbetrieb hebt die Notwendigkeit auf, die Verteilung der Arbeitergruppen an die verschiednen Maschinen manufakturmäßig zu befestigen durch fortwährende Aneignung derselben Arbeiter an dieselbe Funktion. Da die Gesamtbewegung der Fabrik nicht vom Arbeiter ausgeht, sondern von der Maschine, kann fortwährender Personenwechsel stattfinden, ohne Unterbrechung des Arbeitsprozesses ... Die Geschwindigkeit endlich, womit die Arbeit an der Maschine im jugendlichen Alter erlernt wird, beseitigt ebenso die Notwendigkeit, eine besondre Klasse Arbeiter ausschließlich zu Maschinenarbeitern zu erziehn.« |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 443/444| Während aber die kapitalistische Anwendungsweise der Maschinerie die alte Teilung der Arbeit mit ihren knöchernen Partikularitäten weiter fortführen muß, trotzdem diese technisch überflüssig geworden, rebelliert die Maschinerie selbst gegen diesen Anachronismus. Die technische Basis der großen Industrie ist revolutionär. »Durch Maschinerie, chemische Prozesse und andre Methoden wälzt sie beständig mit der technischen Grundlage der Produktion die Funktionen der Arbeiter und die gesellschaftlichen Kombinationen des Arbeitsprozesses um. Sie revolutioniert damit ebenso beständig die Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft und schleudert unaufhörlich Kapitalmassen und Arbeitermassen aus einem Produktions- |275| zweig in den andern. Die Natur der großen Industrie bedingt daher Wechsel der Arbeit, Fluß der Funktion, allseitige Beweglichkeit des Arbeiters ... Man hat gesehn, wie dieser absolute Widerspruch ... im ununterbrochenen Opferfest der Arbeiterklasse, maßlosester Vergeudung der Arbeitskräfte und den Verheerungen gesellschaftlicher Anarchie sich austobt. Dies ist die negative Seite. Wenn aber der Wechsel der Arbeit sich jetzt nur als überwältigendes Naturgesetz und mit der blind zerstörenden Wirkung des Naturgesetzes durchsetzt, das überall auf Hindernisse stößt, macht die große Industrie durch ihre Katastrophen selbst es zur Frage von Leben oder Tod, den Wechsel der Arbeiten und daher möglichste Vielseitigkeit des Arbeiters als allgemeines gesellschaftliches Produktionsgesetz anzuerkennen und seiner normalen Verwirklichung die Verhältnisse anzupassen. Sie macht es zu einer Frage von Leben oder Tod, die Ungeheuerlichkeit einer elenden, für das wechselnde Exploitationsbedürfnis des Kapitals in Reserve gehaltnen disponiblen Arbeiterbevölkerung zu ersetzen durch die absolute Disponibilität des Menschen für wechselnde Arbeitserfordernisse; das Teilindividuum, den bloßen Träger einer gesellschaftlichen Detailfunktion, durch das total entwickelte Individuum, für welches verschiedne gesellschaftliche Funktionen einander ablösende Betätigungsweisen sind.« (Marx, Kapital.) |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 511/512|

Indem die große Industrie uns gelehrt hat, die mehr oder weniger überall herstellbare Molekularbewegung in Massenbewegung zu technischen Zwecken zu verwandeln, hat sie die industrielle Produktion in bedeutendem Maße von lokalen Schranken befreit. Die Wasserkraft war lokal, die Dampfkraft ist frei. Wenn die Wasserkraft notwendig ländlich ist, so ist die Dampfkraft keineswegs notwendig städtisch. Es ist ihre kapitalistische Anwendung, die sie vorwiegend in den Städten konzentriert und Fabrikdörfer in Fabrikstädte umschafft. Damit aber untergräbt sie gleichzeitig die Bedingungen ihres eignen Betriebs. Erstes Erfordernis der Dampfmaschine und Haupterfordernis fast aller Betriebszweige der großen Industrie ist verhältnismäßig reines Wasser. Die Fabrikstadt aber verwandelt alles Wasser in stinkende Jauche. Sosehr also die städtische Konzentrierung Grundbedingung der kapitalistischen Produktion ist, sosehr strebt jeder einzelne industrielle Kapitalist stets von den durch sie notwendig erzeugten großen Städten weg und dem ländlichen Betrieb zu. Dieser Prozeß kann in den Bezirken der Textilindustrie von Lancashire und Yorkshire im einzelnen studiert werden; die kapitalistische Großindustrie erzeugt dort stets neue Großstädte da- |276| durch, daß sie fortwährend von der Stadt aufs Land flieht. Ähnlich in den Bezirken der Metallindustrie, wo teilweise andre Ursachen dieselben Wirkungen erzeugen.

Diesen neuen fehlerhaften Kreislauf, diesen sich stets neu erzeugenden Widerspruch der modernen Industrie aufzuheben, vermag wiederum nur die Aufhebung ihres kapitalistischen Charakters. Nur eine Gesellschaft, die ihre Produktivkräfte nach einem einzigen großen Plan harmonisch ineinandergreifen läßt, kann der Industrie erlauben, sich in derjenigen Zerstreuung über das ganze Land anzusiedeln, die ihrer eignen Entwicklung und der Erhaltung resp. Entwicklung der übrigen Elemente der Produktion am angemessensten ist.

Die Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land ist hiernach nicht nur möglich. Sie ist eine direkte Notwendigkeit der industriellen Produktion selbst geworden, wie sie ebenfalls eine Notwendigkeit der Agrikulturproduktion und obendrein der öffentlichen Gesundheitspflege geworden ist. Nur durch Verschmelzung von Stadt und Land kann die heutige Luft-, Wasser- und Bodenvergiftung beseitigt, nur durch sie die jetzt in den Städten hinsiechenden Massen dahin gebracht werden, daß ihr Dünger zur Erzeugung von Pflanzen verwandt wird, statt zur Erzeugung von Krankheiten.

Die kapitalistische Industrie hat sich bereits relativ unabhängig gemacht von den lokalen Schranken der Produktionsstätten ihrer Rohstoffe. Die Textilindustrie verarbeitet der großen Masse nach importierte Rohstoffe. Spanische Eisenerze werden in England und Deutschland, spanische und südamerikanische Kupfererze werden in England verarbeitet. Jedes Kohlenfeld versieht weit über seine Grenzen hinaus einen jährlich wachsenden industriellen Umkreis mit Brennstoff. An der ganzen europäischen Küste werden Dampfmaschinen mit englischer, stellenweise deutscher und belgischer Kohle getrieben. Die von den Schranken der kapitalistischen Produktion befreite Gesellschaft kann noch viel weiter gehn. Indem sie ein Geschlecht von allseitig ausgebildeten Produzenten erzeugt, die die wissenschaftlichen Grundlagen der gesamten industriellen Produktion verstehn und von denen jeder eine ganze Reihe von Produktionszweigen von Anfang bis zu Ende praktisch durchgemacht, schafft sie eine neue Produktivkraft, die die Transportarbeit der aus größerer Entfernung bezognen Roh- oder Brennstoffe überreichlich aufwiegt.

Die Aufhebung der Scheidung von Stadt und Land ist also keine Utopie, auch nach der Seite hin, nach der sie die möglichst gleichmäßige Verteilung |277| der großen Industrie über das ganze Land zur Bedingung hat. Die Zivilisation hat uns freilich in den großen Städten eine Erbschaft hinterlassen, die zu beseitigen viel Zeit und Mühe kosten wird. Aber sie müssen und werden beseitigt werden, mag es auch ein langwieriger Prozeß sein. Welche Geschicke auch dem Deutschen Reich preußischer Nation vorbehalten sein mögen, Bismarck kann mit dem stolzen Bewußtsein in die Grube fahren, daß sein Lieblingswunsch sicher erfüllt wird: der Untergang der großen Städte.

Und nun besehe man sich die kindliche Vorstellung des Herrn Dühring, als könne die Gesellschaft Besitz ergreifen von der Gesamtheit der Produktionsmittel, ohne die alte Art des Produzierens von Grund aus umzuwälzen und vor allem die alte Teilung der Arbeit abzuschaffen; als sei alles abgemacht, sobald nur

»den Naturgelegenheiten und den persönlichen Fähigkeiten Rechnung getragen« -

wobei dann nach wie vor ganze Massen von Existenzen unter die Erzeugung eines Artikels geknechtet, ganze »Bevölkerungen« von einem einzelnen Produktionszweig in Anspruch genommen werden, und die Menschheit sich nach wie vor in eine Anzahl verschieden verkrüppelter »ökonomischer Spielarten« teilt, als da sind »Karrenschieber« und Architekten«. Die Gesellschaft soll Herrin der Produktionsmittel im ganzen werden, damit jeder einzelne Sklave seines Produktionsmittels bleibt und nur die Wahl hat welches Produktionsmittels. Und ebenso besehe man sich die Art, wie Herr Dühring die Scheidung von Stadt und Land für »der Natur der Sache nach unvermeidlich« hält, und nur ein kleines Palliativmittelchen entdecken kann in den in ihrer Verbindung spezifisch preußischen Zweigen der Schnapsbrennerei und Rübenzuckerbereitung; der die Zerstreuung der Industrie über das Land abhängig macht von irgendwelchen künftigen Entdeckungen und von der Nötigung, den Betrieb unmittelbar an die Gewinnung der Rohstoffe anzulehnen - der Rohstoffe, die schon jetzt in immer wachsender Entfernung von ihrem Ursprungsort verbraucht werden! - und der sich schließlich den Rücken zu decken sucht mit der Versicherung, die sozialen Bedürfnisse würden schließlich die Verbindung von Ackerbau und Industrie doch wohl auch gegen die ökonomischen Rücksichten durchsetzen, als ob damit ein ökonomisches Opfer gebracht würde!

Freilich, um zu sehn, daß die revolutionären Elemente, die die alte Teilung der Arbeit mitsamt der Scheidung von Stadt und Land beseitigen und die ganze Produktion umwälzen werden, daß diese Elemente bereits in den Produktionsbedingungen der modernen großen Industrie im Keim enthal- |278| ten sind und durch die heutige kapitalistische Produktionsweise an ihrer Entfaltung gehindert werden, dazu muß man einen etwas weitern Horizont haben als den Geltungsbereich des preußischen Landrechts, das Land, wo Schnaps und Rübenzucker die entscheidenden Industrieprodukte sind und wo man die Handelskrisen auf dem Büchermarkt studieren kann. Dazu muß man die wirkliche große Industrie in ihrer Geschichte und in ihrer gegenwärtigen Wirklichkeit kennen, namentlich in dem einen Lande, wo sie ihre Heimat und wo allein sie ihre klassische Ausbildung erreicht hat; und dann wird man auch nicht daran denken, den modernen wissenschaftlichen Sozialismus verseichtigen und herunterbringen zu wollen auf den spezifisch preußischen Sozialismus des Herrn Dühring.

 

IV.

Verteilung

Wir sahen bereits früher, daß die Dühringsche Ökonomie auf den Satz hinauslief: Die kapitalistische Produktionsweise ist ganz gut und kann bestehn bleiben, aber die kapitalistische Verteilungsweise ist vom Übel und muß verschwinden. Wir finden jetzt, daß die »Sozialität« des Herrn Dühring weiter nichts ist als die Durchführung dieses Satzes in der Phantasie. In der Tat zeigte sich, daß Herr Dühring an der Produktionsweise - als solcher - der kapitalistischen Gesellschaft fast gar nichts auszusetzen hat, daß er die alte Teilung der Arbeit in allen wesentlichen Beziehungen beibehalten will, und daher auch über die Produktion innerhalb seiner Wirtschaftskommune kaum ein Wort zu sagen weiß. Die Produktion ist allerdings ein Gebiet, auf dem es sich um handfeste Tatsachen handelt, auf dem daher die »rationelle Phantasie« dem Flügelschlag ihrer freien Seele nur wenig Raum geben darf, weil die Gefahr der Blamage zu nahe liegt. Dagegen die Verteilung, die nach der Ansicht des Herrn Dühring ja gar nicht mit der Produktion zusammenhängt, die nach ihm nicht durch die Produktion, sondern durch einen reinen Willensakt bestimmt wird - die Verteilung ist das prädestinierte Feld seiner »sozialen Alchimisterei«.

Der gleichen Produktionspflicht tritt gegenüber das gleiche Konsumtionsrecht, organisiert in der Wirtschaftskommune und der eine größere Anzahl der letztern umfassenden Handelskommune. Hier wird »Arbeit ... nach dem Grundsatz der gleichen Schätzung gegen andre Arbeit ausgetauscht ... Leistung und Gegenleistung stellen hier wirkliche Gleichheit der Arbeitsgrößen vor«. Und zwar gilt diese »Gleichsetzung |279| der Menschenkräfte, mögen die einzelnen nun mehr oder weniger oder zufällig auch nichts geleistet haben«; denn man kann alle Verrichtungen, insofern sie Zeit und Kräfte in Anspruch nehmen, als Arbeitsleistungen ansehn - also auch Kegelschieben und Spazierengehn. Dieser Austausch findet aber nicht statt zwischen den einzelnen, da die Gesamtheit Besitzerin aller Produktionsmittel, also auch aller Produkte ist, sondern einerseits zwischen jeder Wirtschaftskommune und ihren einzelnen Mitgliedern, andrerseits zwischen den verschiednen Wirtschafts- und Handelskommunen selbst. »Namentlich werden die einzelnen Wirtschaftskommunen innerhalb ihres eignen Rahmens den Kleinhandel durch völlig planmäßigen Vertrieb ersetzen.« Ebenso wird der Handel im großen organisiert: »Das System der freien Wirtschaftsgesellschaft ... bleibt daher eine große Tauscheinrichtung, deren Vornahmen sich vermittelst der durch die edlen Metalle gegebnen Grundlagen vollziehn. Durch die Einsicht in die unumgängliche Notwendigkeit dieser Grundeigenschaft unterscheidet sich unser Schema von allen jenen Nebelhaftigkeiten, die auch noch den rationellsten Formen der heute umlaufenden sozialistischen Vorstellungen anhaften.«

Die Wirtschaftskommune, als erste Aneignerin der gesellschaftlichen Produkte, hat behufs dieses Austausches »für jeden Zweig von Artikeln einen einheitlichen Preis« nach den durchschnittlichen Produktionskosten festzusetzen. »Was gegenwärtig die sogenannten Selbstkosten der Produktion ... für Wert und Preis bedeuten, das werden« (in der Sozialität) »... die Anschläge der zu verwendenden Arbeitsmenge leisten. Diese Anschläge, die sich nach dem Grundsatz des auch wirtschaftlich gleichen Rechts jeder Persönlichkeit schließlich auf die Berücksichtigung der beteiligten Personenzahl zurückführen lassen, werden das zugleich den Naturverhältnissen der Produktion und dem gesellschaftlichen Verwertungsrecht entsprechende Verhältnis der Preise ergeben. Die Produktion der edlen Metalle wird ähnlich wie heute für die Wertbestimmung des Geldes maßgebend bleiben ... Man sieht hieraus, daß man in der veränderten Gesellschaftsverfassung zunächst für die Werte und mithin für die Verhältnisse, in denen die Erzeugnisse sich gegeneinander umsetzen, nicht nur Bestimmungsgrund und Maß nicht verliert, sondern erst gehörig gewinnt.«

Der berühmte »absolute Wert« ist endlich realisiert.

Andrerseits aber wird die Kommune nun auch die einzelnen in den Stand setzen müssen, die produzierten Artikel von ihr zu kaufen, indem sie jedem eine gewisse tägliche, wöchentliche oder monatliche Geldsumme, die für jeden gleich zu sein hat, als Gegenleistung für seine Arbeit auszahlt. »Es ist daher vom Standpunkt der Sozialität gleichgültig, ob man sagt, daß der Arbeitslohn verschwinden oder daß er die ausschließliche Form der ökonomischen Einkünfte werden müsse.« Gleiche Löhne und gleiche Preise aber stellen die »quantitative, wenn auch nicht qualitative Gleichheit der Konsumtion« her, und damit ist das »universelle Prinzip der Gerechtigkeit« ökonomisch verwirklicht.

Über die Bestimmung der Höhe dieses Zukunftslohns sagt uns Herr Dühring nur,

|280| daß auch hier, wie in allen andern Fällen, »gleiche Arbeit gegen gleiche Arbeit« ausgetauscht wird. Für sechsstündige Arbeit wird daher eine Geldsumme zu zahlen sein, die ebenfalls sechs Arbeitsstunden in sich verkörpert.

Indes ist das »universelle Prinzip der Gerechtigkeit« keineswegs mit jener rohen Gleichmacherei zu verwechseln, die den Bürger so sehr aufbringt gegen jeden, namentlich den naturwüchsigen Arbeiterkommunismus. Es ist lange nicht so unerbittlich, als es gern aussehn möchte.

Die »prinzipielle Gleichheit der ökonomischen Rechtsansprüche schließt nicht aus, daß freiwillig zu dem, was die Gerechtigkeit erfordert, auch noch ein Ausdruck der besondern Anerkennung und Ehre gefügt werde ... Die Gesellschaft ehrt sich selbst, indem sie die höher gesteigerten Leistungsgattungen durch eine mäßige Mehrausstattung für die Konsumtion auszeichnet.«

Und auch Herr Dühring ehrt sich selbst, indem er, Taubenunschuld und Schlangenklugheit verschmelzend, so rührend für die mäßige Mehrkonsumtion der Zukunfts-Dührings besorgt ist.

Hiermit ist die kapitalistische Verteilungsweise endgültig beseitigt. Denn

»gesetzt, es hätte jemand unter Voraussetzung eines solchen Zustands wirklich einen Überschuß von privaten Mitteln zur Verfügung, so würde er für denselben keine kapitalmäßige Verwendung ausfindig machen können. Kein einzelner oder keine Gruppe würde ihm denselben für die Produktion anders als im Wege des Austausches oder Kaufs abnehmen, niemals aber in den Fall kommen, ihm Zinsen oder Gewinn zu zahlen.« Hiermit wird »eine dem Grundsatz der Gleichheit entsprechende Vererbung« zulässig. Sie ist unvermeidlich, denn »eine gewisse Vererbung wird immer die notwendige Begleitung des Familienprinzips sein«. Auch das Erbrecht wird »zu keiner Ansammlung umfangreicher Vermögen führen können, da hier die Eigentumsbildung ... namentlich nie mehr den Zweck haben kann, Produktionsmittel und reine Rentenexistenzen zu schaffen«.

Hiermit wäre die Wirtschaftskommune glücklich fertig. Sehn wir nun zu, wie sie wirtschaftet.

Wir nehmen an, alle Unterstellungen des Herrn Dühring seien vollständig realisiert; wir setzen also voraus, daß die Wirtschaftskommune jedem ihrer Mitglieder für täglich sechsstündige Arbeit eine Geldsumme zahlt, in der ebenfalls sechs Arbeitsstunden verkörpert sind, meinetwegen zwölf Mark. Wir nehmen ebenfalls an, daß die Preise genau den Werten entsprechen, also unter unsern Voraussetzungen nur die Kosten der Rohstoffe, den Verschleiß der Maschinerie, den Verbrauch von Arbeitsmitteln und den gezahlten Arbeitslohn umfassen. Eine Wirtschaftskommune von hundert arbeitenden Mitgliedern produziert dann täglich Waren im Wert von 1.200 Mark, im Jahr bei dreihundert Arbeitstagen für 360.000 Mark, |281| und zahlt dieselbe Summe an ihre Mitglieder aus, deren jedes mit seinem Anteil von täglich 12 oder jährlich 3.600 Mark macht, was es will. Am Ende des Jahres, und am Ende von hundert Jahren ist die Kommune nicht reicher als am Anfang. Sie wird während dieser Zeit nicht einmal imstande sein, die mäßige Mehrausstattung für die Konsumtion des Herrn Dühring zu leisten, falls sie nicht ihren Stamm von Produktionsmitteln angreifen will. Die Akkumulation ist total vergessen worden. Noch schlimmer: da die Akkumulation eine gesellschaftliche Notwendigkeit, und in der Beibehaltung des Geldes eine bequeme Form der Akkumulation gegeben, so fordert die Organisation der Wirtschaftskommune ihre Mitglieder direkt auf zur Privatakkumulation, und damit zu ihrer eignen Zerstörung.

Wie diesem Zwiespalt der Natur der Wirtschaftskommune entgehn? Sie könnte Zuflucht nehmen zu der beliebten »Bezollung«, dem Preisaufschlag, und ihre Jahresproduktion statt für 360.000 Mark für 480.000 Mark verkaufen. Da aber alle andern Wirtschaftskommunen in derselben Lage sind, also dasselbe tun müßten, so würde jede im Austausch mit der andern ebensoviel »Bezollung« zahlen müssen wie sie einsteckt, und der »Tribut« also nur auf ihre eignen Mitglieder fallen.

Oder aber, sie macht die Sache kurz und bündig ab, indem sie jedem Mitglied für sechsstündige Arbeit das Produkt von weniger als sechsstündiger Arbeit, meinetwegen von vier Arbeitsstunden zahlt, also statt zwölf Mark nur acht Mark täglich, die Warenpreise aber auf der alten Höhe bestehn läßt. Sie tut in diesem Falle direkt und offen, was sie im vorigen versteckt und auf einem Umweg versucht: sie bildet Marxschen Mehrwert im jährlichen Betrag von 120.000 Mark, indem sie ihre Mitglieder in durchaus kapitalistischer Weise unter dem Wert ihrer Leistung bezahlt und ihnen obendrein die Waren, die sie nur bei ihr kaufen können, zum vollen Wert anrechnet. Die Wirtschaftskommune kann also nur zu einem Reservefonds kommen, indem sie sich enthüllt als das »veredelte« Trucksystem (6) auf breitester kommunistischer Grundlage.

Also eins von zweien: Entweder tauscht die Wirtschaftskommune »gleiche Arbeit aus gegen gleiche Arbeit«, und dann kann nicht sie, sondern nur die Privaten einen Fonds zur Erhaltung und Ausdehnung der Produktion akkumulieren. Oder aber, sie bildet einen solchen Fonds, und dann tauscht sie nicht »gleiche Arbeit aus gegen gleiche Arbeit«.

|282| So steht's mit dem Inhalt des Austausches in der Wirtschaftskommune. Wie mit der Form? Der Austausch wird durch Metallgeld vermittelt, und Herr Dühring tut sich nicht wenig zugut auf die »menschheitsgeschichtliche Tragweite« dieser Verbesserung. Aber im Verkehr zwischen der Kommune und ihren Mitgliedern ist das Geld gar kein Geld, fungiert es gar nicht als Geld. Es dient als reines Arbeitszertifikat, es konstatiert, um mit Marx zu reden, »nur den individuellen Anteil des Produzenten an der Gemeinarbeit und seinen individuellen Anspruch auf den zur Konsumtion bestimmten Teil des Gemeinprodukts«, und ist in dieser Funktion »ebensowenig 'Geld' wie etwa eine Theatermarke« |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 109/110|. Es kann hiermit durch jedes beliebige Zeichen ersetzt werden, wie Weitling es durch ein »Kommerzbuch« ersetzt, worin auf der einen Seite die Arbeitsstunden und auf der andern die dafür bezognen Genüsse abgestempelt werden. Kurz, es fungiert im Verkehr der Wirtschaftskommune mit ihren Mitgliedern einfach als das Owensche »Arbeitsstundengeld«, dies »Wahngebilde«, auf das Herr Dühring so vornehm herabsieht und das er dennoch selbst in seine Zukunftswirtschaft einführen muß. Ob die Marke, die das Maß der erfüllten »Produktionspflicht« und des damit erworbnen »Konsumtionsrechts« bezeichnet, ein Wisch Papier, ein Rechenpfennig oder ein Goldstück ist, bleibt sich für diesen Zweck vollständig gleich. Für andre Zwecke aber durchaus nicht, wie sich zeigen wird.

Wenn das Metallgeld also schon im Verkehr der Wirtschaftskommune mit ihren Mitgliedern nicht als Geld fungiert, sondern als verkleidete Arbeitsmarke, so kommt es noch weniger zu seiner Geldfunktion im Austausch zwischen den verschiednen Wirtschaftskommunen. Hier ist, unter den Voraussetzungen des Herrn Dühring, das Metallgeld total überflüssig. In der Tat würde eine bloße Buchführung hinreichen, die den Austausch von Produkten gleicher Arbeit gegen Produkte gleicher Arbeit viel einfacher vollzieht, wenn sie mit dem natürlichen Maßstab der Arbeit - der Zeit, der Arbeitsstunde als Einheit - rechnet, als wenn sie die Arbeitsstunden erst in Geld übersetzt. Der Austausch ist in Wirklichkeit reiner Naturalaustausch; alle Mehrforderungen sind leicht und einfach ausgleichbar durch Anweisungen auf andre Kommunen. Wenn aber eine Kommune wirklich gegenüber andern Kommunen ein Defizit haben sollte, so kann alles »im Universum vorhandne Gold«, und wenn es noch so sehr »von Natur Geld« sein sollte, dieser Kommune das Schicksal nicht ersparen, dies Defizit durch vermehrte eigne Arbeit zu ersetzen, falls sie nicht in Schuldabhängigkeit |283| von andern Kommunen geraten will. Übrigens möge der Leser fortwährend im Gedächtnis halten, daß wir hier keineswegs Zukunftskonstruktion machen. Wir nehmen einfach die Voraussetzungen des Herrn Dühring an und ziehen nur die unvermeidlichen Folgerungen daraus.

Also weder im Austausch zwischen der Wirtschaftskommune und ihren Mitgliedern noch in dem zwischen den verschiednen Kommunen kann das Gold, das »von Natur Geld ist«, dahin kommen, diese seine Natur zu verwirklichen. Trotzdem schreibt ihm Herr Dühring vor, auch in der »Sozialität« Geldfunktion zu vollziehn. Wir müssen uns also nach einem andern Spielraum für diese Geldfunktion umsehn. Und dieser Spielraum existiert. Herr Dühring befähigt zwar jeden zur »quantitativ gleichen Konsumtion«, aber er kann niemanden dazu zwingen. Im Gegenteil, er ist stolz darauf, daß in seiner Welt jeder mit seinem Gelde machen kann, was er will. Er kann also nicht verhindern, daß die einen sich einen kleinen Geldschatz zurücklegen, während die andern mit dem ihnen gezahlten Lohn nicht auskommen. Er macht dies sogar unvermeidlich, indem er das Gemeineigentum der Familie im Erbrecht ausdrücklich anerkennt, woraus sich dann weiter die Verpflichtung der Eltern zur Erhaltung der Kinder ergibt. Damit aber bekommt die quantitativ gleiche Konsumtion einen gewaltigen Riß. Der Junggesell lebt herrlich und in Freuden von seinen acht oder zwölf Mark täglich, während der Witwer mit acht unmündigen Kindern damit kümmerlich auskommt. Andrerseits aber läßt die Kommune, indem sie Geld ohne weiteres in Zahlung nimmt, die Möglichkeit offen, daß dies Geld anders als durch eigne Arbeit erworben sei. Non olet. |Geld stinkt nicht| Sie weiß nicht, woher es kommt. Hiermit sind aber alle Bedingungen gegeben, um das Metallgeld, das bisher nur die Rolle einer Arbeitsmarke spielte, in wirkliche Geldfunktion treten zu lassen. Es liegen vor die Gelegenheit und das Motiv, einerseits zur Schatzbildung, andrerseits zur Verschuldung. Der Bedürftige borgt beim Schatzbildner. Das geborgte Geld, von der Kommune in Zahlung genommen für Lebensmittel, wird damit wieder, was es in der heutigen Gesellschaft ist, gesellschaftliche Inkarnation der menschlichen Arbeit, wirkliches Maß der Arbeit, allgemeines Zirkulationsmittel. Alle »Gesetze und Verwaltungsnormen« der Welt sind ebenso ohnmächtig dagegen, wie gegen das Einmaleins oder gegen die chemische Zusammensetzung des Wassers. Und da der Schatzbildner in der Lage ist, vom Bedürftigen Zinsen zu erzwingen, so ist mit dem als Geld fungierenden Metallgeld auch der Zinswucher wiederhergestellt.

|284| Soweit haben wir nur die Wirkungen der Beibehaltung des Metallgeldes betrachtet innerhalb des Geltungsbereichs der Dühringschen Wirtschaftskommune. Aber jenseits dieses Bereichs geht die übrige verworfne Welt einstweilen ihren alten Gang ruhig weiter. Gold und Silber bleiben, auf dem Weltmarkt, Weltgeld, allgemeines Kauf- und Zahlungsmittel, absolut gesellschaftliche Verkörperung des Reichtums. Und mit dieser Eigenschaft des edlen Metalls tritt vor die einzelnen Wirtschaftskommunisten ein neues Motiv zur Schatzbildung, zur Bereicherung, zum Wucher, das Motiv, sich gegenüber der Kommune und jenseits ihrer Grenzen frei und unabhängig zu bewegen und den aufgehäuften Einzelreichtum auf dem Weltmarkt zu verwerten. Die Wucherer verwandeln sich in Händler mit dem Zirkulationsmittel, in Bankiers, in Beherrscher des Zirkulationsmittels und des Weltgelds, damit in Beherrscher der Produktion und damit in Beherrscher der Produktionsmittel, mögen diese auch noch jahrelang dem Namen nach als Eigentum der Wirtschafts- und Handelskommune figurieren. Damit sind aber die in Bankiers übergegangnen Schatzbildner und Wucherer auch die Herren der Wirtschafts- und Handelskommune selbst. Die »Sozialität« des Herrn Dühring unterscheidet sich in der Tat sehr wesentlich von den »Nebelhaftigkeiten« der übrigen Sozialisten. Sie hat weiter keinen Zweck als die Wiedererzeugung der hohen Finanz, unter deren Kontrolle und für deren Säckel sie sich tapfer abarbeiten wird - wenn sie überhaupt zusammenkommt und zusammenhält. Die einzige Rettung für sie läge darin, daß die Schatzbildner vorzögen, vermittelst ihres Weltgeldes eiligst aus der Kommune - davonzulaufen.

Bei der in Deutschland herrschenden ausgedehnten Unbekanntschaft mit dem älteren Sozialismus könnte nun ein unschuldiger Jüngling die Frage aufwerfen, ob nicht auch z.B. die Owenschen Arbeitsmarken zu einem ähnlichen Mißbrauch Anlaß geben könnten. Obwohl wir hier nicht die Bedeutung dieser Arbeitsmarken zu entwickeln haben, so mag doch zur Vergleichung des Dühringschen »umfassenden Schematismus« mit den »rohen, matten und dürftigen Ideen« Owens folgendes Platz finden: Erstens wäre zu einem solchen Mißbrauch der Owenschen Arbeitsmarken ihre Verwandlung in wirkliches Geld nötig, während Herr Dühring wirkliches Geld voraussetzt, ihm aber verbieten will, anders als bloße Arbeitsmarke zu fungieren. Während dort wirklicher Mißbrauch stattfände, setzt sich hier die immanente, vom menschlichen Willen unabhängige Natur des Geldes durch, setzt das Geld seinen ihm eigentümlichen, richtigen Gebrauch durch gegenüber dem Mißbrauch, den Herr Dühring ihm aufzwingen will kraft seiner eignen Unwissenheit über die Natur des Geldes. Zweitens sind bei Owen |285| die Arbeitsmarken nur eine Übergangsform zur vollständigen Gemeinschaft und freien Benutzung der gesellschaftlichen Ressourcen, nebenbei höchstens noch ein Mittel, dem britischen Publikum den Kommunismus plausibel zu machen. Wenn also etwelcher Mißbrauch die Owensche Gesellschaft zur Abschaffung der Arbeitsmarken zwingen sollte, so tut diese Gesellschaft einen Schritt weiter voran zu ihrem Ziel und tritt in eine vollkommnere Entwicklungsstufe ein. Schafft dagegen die Dühringsche Wirtschaftskommune das Geld ab, so vernichtet sie mit einem Schlage ihre »menschheitsgeschichtliche Tragweite«, so beseitigt sie ihre eigentümlichste Schönheit, hört auf, Dühringsche Wirtschaftskommune zu sein und sinkt herab zu den Nebelhaftigkeiten, aus denen sie herauszuheben Herr Dühring soviel saure Arbeit der rationellen Phantasie aufgewandt hat.(7)

Woraus entstehn nun alle die sonderbaren Irrungen und Wirrungen, in denen die Dühringsche Wirtschaftskommune herumfährt? Einfach aus der Nebelhaftigkeit, die im Kopf des Herrn Dühring die Begriffe von Wert und Geld umhüllt, und die ihn schließlich dahin treibt, den Wert der Arbeit entdecken zu wollen. Da aber Herr Dühring keineswegs das Monopol solcher Nebelhaftigkeit für Deutschland besitzt, im Gegenteil zahlreiche Konkurrenz findet, so wollen wir »uns einen Augenblick überwinden, das Knäuel aufzulösen«, das er hier angerichtet hat.

Der einzige Wert, den die Ökonomie kennt, ist der Wert von Waren. Was sind Waren? Produkte, erzeugt in einer Gesellschaft mehr oder weniger vereinzelter Privatproduzenten, also zunächst Privatprodukte. Aber diese Privatprodukte werden erst Waren, sobald sie nicht für den Selbstverbrauch, sondern für den Verbrauch durch andre, also für den gesellschaftlichen Verbrauch produziert werden; sie treten ein in den gesellschaftlichen Verbrauch durch den Austausch. Die Privatproduzenten stehn also in einem gesellschaftlichen Zusammenhang, bilden eine Gesellschaft. Ihre Produkte, obwohl Privatprodukte jedes einzelnen, sind daher gleichzeitig, aber unabsichtlich und gleichsam widerwillig, auch gesellschaftliche Produkte. Worin besteht nun der gesellschaftliche Charakter dieser Privatprodukte? Offenbar in zwei Eigenschaften: erstens darin, daß sie alle irgendein menschliches Bedürfnis befriedigen, einen Gebrauchswert haben nicht nur für den |286| Produzenten, sondern auch für andre; und zweitens darin, daß sie, obwohl Produkte der verschiedensten Privatarbeiten, gleichzeitig Produkte menschlicher Arbeit schlechthin, allgemein menschlicher Arbeit sind. Insofern sie auch für andre einen Gebrauchswert haben, können sie überhaupt in de Austausch treten; insofern in ihnen allen allgemein menschliche Arbeit, einfache Aufwendung menschlicher Arbeitskraft steckt, können sie nach der in einer jeden steckenden Menge dieser Arbeit miteinander im Austausch verglichen, gleich oder ungleich gesetzt werden. In zwei gleichen Privatprodukten kann, unter gleichbleibenden gesellschaftlichen Verhältnissen, ungleich viel Privatarbeit stecken, aber immer nur gleich viel allgemein menschliche Arbeit. Ein ungeschickter Schmied kann in derselben Zeit fünf Hufeisen machen, in der ein geschickter zehn macht. Aber die Gesellschaft verwertet nicht das zufällige Ungeschick des einen, sie erkennt als allgemein menschliche Arbeit nur Arbeit von jedesmal normalem Durchschnittsgeschick an. Eins der fünf Hufeisen des ersten hat im Austausch also nicht mehr Wert als eins der in gleicher Arbeitszeit geschmiedeten zehn des andern. Nur insofern sie gesellschaftlich notwendig, enthält die Privatarbeit allgemein menschliche Arbeit.

Indem ich also sage, eine Ware hat diesen bestimmten Wert, sage ich 1. daß sie ein gesellschaftlich nützliches Produkt ist; 2. daß sie von einer Privatperson für Privatrechnung produziert ist; 3. daß sie, obwohl Produkt von Privatarbeit, dennoch gleichzeitig und gleichsam ohne es zu wissen oder zu wollen, auch Produkt von gesellschaftlicher Arbeit ist, und zwar von einer bestimmten, auf einem gesellschaftlichen Wege, durch den Austausch festgestellten Menge derselben; 4. drücke ich diese Menge nicht aus in Arbeit selbst, in soundso viel Arbeitsstunden, sondern in einer andern Ware. Wenn ich also sage, diese Uhr ist soviel wert wie dies Stück Tuch und jedes von beiden ist fünfzig Mark wert, so sage ich: in der Uhr, dem Tuch und dem Geld steckt gleich viel gesellschaftliche Arbeit. Ich konstatiere also, daß die in ihnen repräsentierte gesellschaftliche Arbeitszeit gesellschaftlich gemessen und gleichgefunden worden ist. Aber nicht direkt, absolut, wie man sonst Arbeitszeit mißt, in Arbeitsstunden oder Tagen usw., sondern auf einem Umweg, vermittelst des Austausches, relativ. Ich kann daher auch dieses festgestellte Quantum Arbeitszeit nicht in Arbeitsstunden ausdrücken, deren Zahl mir unbekannt bleibt, sondern ebenfalls nur auf einem Umweg, relativ, in einer andern Ware, die das gleiche Quantum gesellschaftlicher Arbeitszeit vorstellt. Die Uhr ist soviel wert wie das Stück Tuch.

Indem aber Warenproduktion und Warenaustausch die auf ihnen beruhende Gesellschaft zu diesem Umweg zwingen, zwingen sie ebenso zu |287| seiner möglichsten Verkürzung. Sie sondern aus dem gemeinen Warenpöbel eine fürstliche Ware aus, in der der Wert aller andern Waren ein für allemal ausdrückbar ist, eine Ware, die als unmittelbare Inkarnation der gesellschaftlichen Arbeit gilt und daher gegen alle Waren unmittelbar und unbedingt austauschbar wird - das Geld. Das Geld ist im Wertbegriff bereits im Keim enthalten, es ist nur der entwickelte Wert. Aber indem der Warenwert sich, gegenüber den Waren selbst, verselbständigt im Geld, tritt ein neuer Faktor ein in die Waren produzierende und austauschende Gesellschaft, ein Faktor mit neuen gesellschaftlichen Funktionen und Wirkungen. Wir haben dies vorderhand nur festzustellen, ohne näher darauf einzugehn.

Die Ökonomie der Warenproduktion ist keineswegs die einzige Wissenschaft, die nur mit relativ bekannten Faktoren zu rechnen hat. Auch in der Physik wissen wir nicht, wieviel einzelne Gasmoleküle in einem gegebnen Gasvolumen, Druck und Temperatur ebenfalls gegeben, vorhanden sind. Aber wir wissen, daß, soweit das Boylesche Gesetz richtig, ein solches gegebnes Volumen irgendwelches Gases ebensoviel Moleküle enthält, wie ein gleiches Volumen eines beliebigen andern Gases bei gleichem Druck und gleicher Temperatur. Wir können daher die verschiedensten Volumen der verschiedensten Gase, unter den verschiedensten Druck- und Temperaturbedingungen, auf ihren Molekulargehalt vergleichen; und wenn wir 1 Liter Gas bei 0° C und 760 mm Druck als Einheit annehmen, an dieser Einheit jenen Molekulargehalt messen. - In der Chemie sind uns die absoluten Atomgewichte der einzelnen Elemente ebenfalls unbekannt. Aber wir kennen sie relativ, indem wir ihre gegenseitigen Verhältnisse kennen. Wie also die Warenproduktion und ihre Ökonomie für die in den einzelnen Waren steckenden, ihr unbekannten Arbeitsquanta einen relativen Ausdruck erhält, indem sie diese Waren auf ihren relativen Arbeitsgehalt vergleicht, so verschafft sich die Chemie einen relativen Ausdruck für die Größe der ihr unbekannten Atomgewichte, indem sie die einzelnen Elemente auf ihr Atomgewicht vergleicht, das Atomgewicht des einen in Vielfachen oder Bruchteilen des andern (Schwefel, Sauerstoff, Wasserstoff) ausdrückt. Und wie die Warenproduktion das Gold zur absoluten Ware, zum allgemeinen Äquivalent der übrigen Waren, zum Maß aller Werte erhebt, so erhebt die Chemie den Wasserstoff zur chemischen Geldware, indem sie sein Atomgewicht = 1 setzt und die Atomgewichte aller übrigen Elemente auf Wasserstoff reduziert, in Vielfachen seines Atomgewichts ausdrückt.

Die Warenproduktion ist indes keineswegs die ausschließliche Form der gesellschaftlichen Produktion. In dem altindischen Gemeinwesen, in der südslawischen Familiengemeinde verwandeln sich die Produkte nicht in |288| Waren. Die Mitglieder der Gemeinde sind unmittelbar zur Produktion vergesellschaftet, die Arbeit wird nach Herkommen und Bedürfnis verteilt, die Produkte, soweit sie zur Konsumtion kommen, ebenfalls. Die unmittelbar gesellschaftliche Produktion wie die direkte Verteilung schließen allen Warenaustausch aus, also auch die Verwandlung der Produkte in Waren (wenigstens innerhalb der Gemeinde), und damit auch ihre Verwandlung in Werte.

Sobald die Gesellschaft sich in den Besitz der Produktionsmittel setzt und sie in unmittelbarer Vergesellschaftung zur Produktion verwendet, wird die Arbeit eines jeden, wie verschieden auch ihr spezifisch nützlicher Charakter sei, von vornherein und direkt gesellschaftliche Arbeit. Die in einem Produkt steckende Menge gesellschaftlicher Arbeit braucht dann nicht erst auf einem Umweg festgestellt zu werden; die tägliche Erfahrung zeigt direkt an, wieviel davon im Durchschnitt nötig ist. Die Gesellschaft kann einfach berechnen, wieviel Arbeitsstunden in einer Dampfmaschine, einem Hektoliter Weizen der letzten Ernte, in hundert Quadratmeter Tuch von bestimmter Qualität stecken. Es kann ihr also nicht einfallen, die in den Produkten niedergelegten Arbeitsquanta, die sie alsdann direkt und absolut kennt, noch fernerhin in einem nur relativen, schwankenden, unzulänglichen, früher als Notbehelf unvermeidlichen Maß, in einem dritten Produkt auszudrücken und nicht in ihrem natürlichen, adäquaten, absoluten Maß, der Zeit. Ebensowenig wie es der Chemie einfallen würde, die Atomgewichte auch dann auf dem Umwege des Wasserstoffatoms relativ auszudrücken, sobald sie imstande wäre, sie absolut, in ihrem adäquaten Maß auszudrücken, nämlich in wirklichem Gewicht, in Billiontel oder Quadrilliontel Gramm. Die Gesellschaft schreibt also unter obigen Voraussetzungen den Produkten auch keine Werte zu. Sie wird die einfache Tatsache, daß die hundert Quadratmeter Tuch meinetwegen tausend Arbeitsstunden zu ihrer Produktion erfordert haben, nicht in der schielenden und sinnlosen Weise ausdrücken, sie seien tausend Arbeitsstunden wert. Allerdings wird auch dann die Gesellschaft wissen müssen, wieviel Arbeit jeder Gebrauchsgegenstand zu seiner Herstellung bedarf. Sie wird den Produktionsplan einzurichten haben nach den Produktionsmitteln, wozu besonders auch die Arbeitskräfte gehören. Die Nutzeffekte der verschiednen Gebrauchsgegenstände, abgewogen untereinander und gegenüber den zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitsmengen, werden den Plan schließlich bestimmen. Die Leute machen alles sehr einfach ab ohne Dazwischenkunft des vielberühmten »Werts«.(8)

|289| Der Wertbegriff ist der allgemeinste und daher umfassendste Ausdruck der ökonomischen Bedingungen der Warenproduktion. Im Wertbegriff ist daher der Keim enthalten, nicht nur des Geldes, sondern auch aller weiter entwickelten Formen der Warenproduktion und des Warenaustausches. Darin, daß der Wert der Ausdruck der in den Privatprodukten enthaltnen gesellschaftlichen Arbeit ist, liegt schon die Möglichkeit der Differenz zwischen dieser und der im selben Produkt enthaltnen Privatarbeit. Produziert also ein Privatproduzent nach alter Weise weiter, während die gesellschaftliche Produktionsweise fortschreitet, so wird ihm diese Differenz empfindlich fühlbar. Dasselbe geschieht, sobald die Gesamtheit der Privatanfertiger einer bestimmten Warengattung ein den gesellschaftlichen Bedarf überschießendes Quantum davon produziert. Darin, daß der Wert einer Ware nur in einer andern Ware ausgedrückt und nur im Austausch gegen sie realisiert werden kann, liegt die Möglichkeit, daß der Austausch überhaupt nicht zustande kommt oder doch nicht den richtigen Wert realisiert. Endlich, tritt die spezifische Ware Arbeitskraft auf den Markt, so bestimmt sich ihr Wert, wie der jeder andern Ware, nach der zu ihrer Produktion gesellschaftlich nötigen Arbeitszeit- In der Wertform der Produkte steckt daher bereits im Keim die ganze kapitalistische Produktionsform, der Gegensatz von Kapitalisten und Lohnarbeitern, die industrielle Reservearmee, die Krisen. Die kapitalistische Produktionsform abschaffen wollen durch Herstellung des »wahren Werts« heißt daher den Katholizismus abschaffen wollen durch die Herstellung des »wahren« Papstes« oder eine Gesellschaft, in der die Produzenten endlich einmal ihr Produkt beherrschen, herstellen durch konsequente Durchführung einer ökonomischen Kategorie, die der umfassendste Ausdruck der Knechtung der Produzenten durch ihr eignes Produkt ist.

Hat die Waren produzierende Gesellschaft die den Waren, als solchen, inhärente Wertform weiterentwickelt zur Geldform, so brechen bereits verschiedne der im Wert noch verborgnen Keime an den Tag. Die nächste und wesentlichste Wirkung ist die Verallgemeinerung der Warenform. Auch den bisher für direkten Selbstverbrauch produzierten Gegenständen zwingt das Geld Warenform auf, reißt sie in den Austausch. Damit dringt die Warenform und das Geld ein in den innern Haushalt der zur Produktion unmittelbar vergesellschafteten Gemeinwesen, bricht ein Band der |290| Gemeinschaft nach dem andern und löst das Gemeinwesen auf in einen Haufen von Privatproduzenten. Das Geld setzt zuerst, wie in Indien zu sehn, an die Stelle der gemeinsamen Bodenbebauung die Einzelkultur; später löst es das noch in zeitweilig wiederholter Umteilung zutage tretende gemeinsame Eigentum am Ackerland auf durch endgültige Aufteilung (z.B. in den Gehöferschaften an der Mosel), beginnend auch in der russischen Gemeinde); endlich drängt es zur Verteilung des noch übrigen gemeinsamen Wald- und Weidebesitzes. Welche andern, in der Entwicklung der Produktion begründeten Ursachen auch hier mitarbeiten, das Geld bleibt immer das mächtigste Mittel ihrer Einwirkung auf die Gemeinwesen. Und mit derselben Naturnotwendigkeit müßte das Geld, allen »Gesetzen und Verwaltungsnormen« zum Trotz, die Dühringsche Wirtschaftskommune auflösen, käme sie je zustande.

Wir haben bereits oben (Ökonomie, VI) gesehn, daß es ein Widerspruch in sich selbst ist, von einem Wert der Arbeit zu sprechen. Da Arbeit unter gewissen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht nur Produkte erzeugt, sondern auch Wert, und dieser Wert durch die Arbeit gemessen wird, so kann sie ebensowenig einen besondern Wert haben wie die Schwere als solche ein besondres Gewicht oder die Wärme eine besondre Temperatur. Es ist aber die charakteristische Eigenschaft aller über den »wahren Wert« grübelnden Sozialkonfusion, sich einzubilden, der Arbeiter erhalte in der heutigen Gesellschaft nicht den vollen »Wert« seiner Arbeit und der Sozialismus sei berufen, dem abzuhelfen. Dazu gehört dann zunächst, auszufinden, was der Wert der Arbeit ist; und diesen findet man, indem man versucht, die Arbeit nicht an ihrem adäquaten Maß, der Zeit, zu messen, sondern an ihrem Produkt. Der Arbeiter soll den »vollen Arbeitsertrag« erhalten. Nicht nur Arbeitsprodukt, sondern Arbeit selbst soll unmittelbar austauschbar sein gegen Produkt, eine Arbeitsstunde gegen das Produkt einer andren Arbeitsstunde. Dies hat aber sofort einen sehr »bedenklichen« Haken. Das ganze Produkt wird verteilt. Die wichtigste progressive Funktion der Gesellschaft, die Akkumulation, wird der Gesellschaft entzogen und in die Hände und die Willkür der einzelnen gelegt. Die einzelnen mögen mit ihren »Erträgen« machen, was sie wollen, die Gesellschaft bleibt im besten Fall so reich oder so arm, wie sie war. Man hat also die in der Vergangenheit akkumulierten Produktionsmittel nur deshalb in den Händen der Gesellschaft zentralisiert, damit alle in Zukunft akkumulierten Produktionsmittel wieder in den Händen der einzelnen zersplittert werden. Man schlägt seinen eignen Voraussetzungen ins Gesicht, man ist angekommen bei einer puren Absurdität.

|291| Flüssige Arbeit, tätige Arbeitskraft soll ausgetauscht werden gegen Arbeitsprodukt. Dann ist sie Ware, ebenso wie das Produkt, wogegen sie ausgetauscht werden soll. Dann wird der Wert dieser Arbeitskraft bestimmt keineswegs nach ihrem Produkt, sondern nach der in ihr verkörperten gesellschaftlichen Arbeit, also nach dem heutigen Gesetz des Arbeitslohns.

Aber das soll ja grade nicht sein. Die flüssige Arbeit, die Arbeitskraft soll austauschbar sein gegen ihr volles Produkt. Das heißt, sie soll austauschbar sein nicht gegen ihren Wert, sondern gegen ihren Gebrauchswert; das Wertgesetz soll für alle andern Waren gelten, aber es soll aufgehoben sein für die Arbeitskraft. Und diese sich selbst aufhebende Konfusion ist es, die sich hinter dem »Wert der Arbeit« verbirgt.

Der »Austausch von Arbeit gegen Arbeit nach dem Grundsatz der gleichen Schätzung«, soweit er einen Sinn hat, also die Austauschbarkeit von Produkten gleicher gesellschaftlichen Arbeit gegeneinander, also das Wertgesetz, ist das Grundgesetz grade der Warenproduktion, also auch der höchsten Form derselben, der kapitalistischen Produktion. Es setzt sich in der heutigen Gesellschaft durch in derselben Weise, in der allein ökonomische Gesetze in einer Gesellschaft von Privatproduzenten sich durchsetzen können: als in den Dingen und Verhältnissen liegendes, vom Wollen oder Laufen der Produzenten unabhängiges, blind wirkendes Naturgesetz. Indem Herr Dühring dies Gesetz zum Grundgesetz seiner Wirtschaftskommune erhebt und verlangt, daß diese es mit vollem Bewußtsein durchführen soll, macht er das Grundgesetz der bestehenden Gesellschaft zum Grundgesetz seiner Phantasiegesellschaft. Er will die bestehende Gesellschaft, aber ohne ihre Mißstände. Er bewegt sich dabei ganz auf demselben Boden wie Proudhon. Wie dieser will er die Mißstände, die aus der Entwicklung der Warenproduktion zur kapitalistischen Produktion entstanden sind, beseitigen, indem er ihnen gegenüber das Grundgesetz der Warenproduktion geltend macht, dessen Betätigung grade diese Mißstände erzeugt hat. Wie Proudhon will er die wirklichen Konsequenzen des Wertgesetzes aufheben durch phantastische.

Wie stolz er aber auch hinausreite, unser moderner Don Quijote, auf seiner edlen Rosinante, dem »universellen Prinzip der Gerechtigkeit«, und gefolgt von seinem wackern Sancho Pansa Abraham Enß, auf der irrenden Ritterfahrt zur Eroberung des Helms des Mambrin, des »Werts der Arbeit« - wir fürchten, wir fürchten, er bringt nichts heim, als das alte bekannte Barbierbecken.

 

V.

Staat, Familie, Erziehung

|292| Mit den beiden vorigen Abschnitten hätten wir nun den ökonomischen Inhalt der »neuen sozialitären Gebilde« des Herrn Dühring so ziemlich erschöpft. Höchstens wäre noch zu bemerken, daß »die universelle Weite des geschichtlichen Umblicks« ihn keineswegs verhindert, seine Spezialinteressen wahrzunehmen, auch abgesehn von der bekannten mäßigen Mehrkonsumtion. Da die alte Teilung der Arbeit in der Sozialität fortbesteht, wird die Wirtschaftskommune außer mit Architekten und Karrenschiebern auch mit Literaten von Profession zu rechnen haben, wobei dann die Frage entsteht, wie es alsdann mit dem Autorrecht gehalten werden soll. Diese Frage beschäftigt Herrn Dühring mehr als jede andre. Überall, z.B. bei Gelegenheit von Louis Blanc und Proudhon, gerät das Autorrecht dem Leser zwischen die Beine, um endlich auf neun Seiten des »Cursus« des breitern breitgetreten und in der Form einer mysteriösen »Arbeitsbelohnung« - ob mit oder ohne mäßige Mehrkonsumtion wird nicht gesagt - glücklich in den Hafen der Sozialität hinübergerettet zu werden. Ein Kapitel über die Stellung der Flöhe im natürlichen System der Gesellschaft wäre ebenso angebracht gewesen und jedenfalls weniger langweilig.

Über die Staatsordnung der Zukunft gibt die »Philosophie« ausführliche Vorschriften. Hier hat Rousseau, obwohl »der einzige bedeutende Vorgänger» des Herrn Dühring, dennoch den Grund nicht tief genug gelegt; sein tieferer Nachfolger hilft dem gründlich ab, indem er den Rousseau aufs alleräußerste verwässert und mit ebenfalls zu breiter Bettelsuppe verkochten Abfällen der Hegelschen Rechtsphilosophie versetzt. »Die Souveränetät des Individuums« bildet die Grundlage des Dühringschen Zukunftsstaats; sie soll in der Herrschaft der Majorität nicht unterdrückt werden, sondern erst recht kulminieren. Wie geht das zu? Sehr einfach.

»Wenn man in allen Richtungen Übereinkünfte eines jeden mit jedem andern voraussetzt, und wenn diese Verträge die gegenseitige Hülfeleistung gegen ungerechte Verletzungen zum Gegenstand haben - alsdann wird nur die Macht zur Aufrechterhaltung des Rechts verstärkt und aus keiner bloßen Übergewalt der Menge über den einzelnen oder der Mehrheit über die Minderheit ein Recht abgeleitet.«

Mit solcher Leichtigkeit setzt die lebendige Kraft des wirklichkeitsphilosophischen Hokuspokus über die unpassierbarsten Hindernisse hinweg und wenn der Leser meint, er sei hiernach nicht klüger als zuvor, so antwortet ihm Herr Dühring, er möge die Sache nur ja nicht so leicht nehmen, denn

|293| »der geringste Fehlgriff in der Auffassung der Rolle des Gesamtwillens würde die Souveränetät des Individuums vernichten, und diese Souveränetät ist es allein, was (!) zur Ableitung wirklicher Rechte führt«.

Herr Dühring behandelt sein Publikum ganz wie es verdient, wenn er es zum besten hält. Er konnte sogar noch bedeutend dicker auftragen; die Studiosen der Wirklichkeitsphilosophie hätten es doch nicht gemerkt.

Die Souveränität des Individuums besteht nun wesentlich darin, daß

»der einzelne dem Staat gegenüber in absoluter Weise gezwungen wird«, dieser Zwang aber sich nur insoweit rechtfertigen kann, als er »wirklich der natürlichen Gerechtigkeit dient«. Zu diesem Zweck wird es »Gesetzgebung und Richtertum« geben, aber sie »müssen bei der Gesamtheit bleiben«; ferner einen Wehrbund, der sich im »Zusammenstehn im Heere oder in einer zum innern Sicherheitsdienste gehörigen Exekutivabteilung« äußert,

also auch Armee, Polizei, Gensdarmen. Herr Dühring hat sich zwar schon so oft als braver Preuße bewährt; hier beweist er seine Ebenbürtigkeit mit jenem Musterpreußen, der nach dem weiland Minister von Rochow »seinen Gensdarmen in der Brust trägt«. Diese Zukunftsgensdarmrie wird aber nicht so gefährlich sein, wie die heutigen »Zarucker«. Was sie auch an dem souveränen Individuum verüben möge, dieses hat immer einen Trost:

»das Recht oder Unrecht, welches ihm alsdann, je nach den Umständen, von seiten der freien Gesellschaft widerfährt, kann nie etwas Schlimmeres sein, als was auch der Naturzustand mit sich bringen würde«!

Und dann, nachdem Herr Dühring uns noch einmal über sein unvermeidliches Autorrecht hat stolpern lassen, versichert er uns, es werde in seiner Zukunftswelt eine

»selbstverständlich völlig freie und allgemeine Advokatur«

geben. »Die heute erdachte freie Gesellschaft« wird immer gemischter. Architekten, Karrenschieber, Literaten, Gensdarmen, und nun auch noch Advokaten! Dies »solide und kritische Gedankenreich« gleicht aufs Haar den verschiednen Himmelreichen der verschiednen Religionen, in denen der Gläubige immer das verklärt wiederfindet, was ihm sein irdisches Leben versüßt hat. Und Herr Dühring gehört ja dem Staate an, wo »jeder nach seiner Fasson selig werden kann«. Was wollen wir mehr?

Was wir wollen mögen, ist indes hier gleichgültig. Es kommt darauf an, was Herr Dühring will. Und dieser unterscheidet sich von Friedrich II. dadurch, daß im Dühringschen Zukunftsstaat keineswegs jeder nach seiner Fasson selig werden kann. In der Verfassung dieses Zukunftsstaats heißt es:

|294| »In der freien Gesellschaft kann es keinen Kultus geben; denn von jedem ihrer Glieder ist die kindische Ureinbildung überwunden, daß es hinter oder über der Natur Wesen gebe, auf die sich durch Opfer oder Gebete wirken lasse.« Ein »richtig verstandnes Sozialitätssystem hat daher ... alle Zurüstungen zur geistlichen Zauberei und mithin alle wesentlichen Bestandteile der Kulte abzutun«.

Die Religion wird verboten.

Nun ist alle Religion nichts andres als die phantastische Widerspiegelung, in den Köpfen der Menschen, derjenigen äußern Mächte, die ihr alltägliches Dasein beherrschen, eine Widerspiegelung, in der die irdischen Mächte die Form von überirdischen annehmen. In den Anfängen der Geschichte sind es zuerst die Mächte der Natur, die diese Rückspiegelung erfahren und in der weitern Entwicklung bei den verschiednen Völkern die mannigfachsten und buntesten Personifikationen durchmachen. Dieser erste Prozeß ist wenigstens für die indoeuropäischen Völker durch die vergleichende Mythologie bis auf seinen Ursprung in den indischen Vedas zurückverfolgt und in seinem Fortgang bei Indern, Persern, Griechen, Römern, Germanen und, soweit das Material reicht, auch bei Kelten, Litauern und Slawen im einzelnen nachgewiesen worden. Aber bald treten neben den Naturmächten auch gesellschaftliche Mächte in Wirksamkeit, Mächte, die den Menschen ebenso fremd und im Anfang ebenso unerklärlich gegenüber stehn, sie mit derselben scheinbaren Naturnotwendigkeit beherrschen wie die Naturmächte selbst. Die Phantasiegestalten, in denen sich anfangs nur die geheimnisvollen Kräfte der Natur widerspiegelten, erhalten damit gesellschaftliche Attribute, werden Repräsentanten geschichtlicher Mächte.(9) Auf einer noch weitern Entwicklungsstufe werden sämtliche natürlichen und gesellschaftlichen Attribute der vielen Götter auf Einen allmächtigen Gott übertragen, der selbst wieder nur der Reflex des abstrakten Menschen ist. So entstand der Monotheismus, der geschichtlich das letzte Produkt der spätern griechischen Vulgärphilosophie war und im jüdischen ausschließlichen Nationalgott Jahve seine Verkörperung vorfand. In dieser bequemen, handlichen und allem anpaßbaren Gestalt kann die Religion fortbestehn als unmittelbare, das heißt gefühlsmäßige Form des Verhaltens der Menschen |295| zu den sie beherrschenden fremden, natürlichen und gesellschaftlichen Mächten, solange die Menschen unter der Herrschaft solcher Mächte stehn Wir haben aber mehrfach gesehn, daß in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft die Menschen von den von ihnen selbst geschaffnen ökonomischen Verhältnissen, von den von ihnen selbst produzierten Produktionsmitteln wie von einer fremden Macht beherrscht werden. Die tatsächliche Grundlage der religiösen Reflexaktion dauert also fort und mit ihr der religiöse Reflex selbst. Und wenn auch die bürgerliche Ökonomie eine gewisse Einsicht in den ursächlichen Zusammenhang dieser Fremdherrschaft eröffnet, so ändert dies der Sache nach nichts. Die bürgerliche Ökonomie kann weder die Krisen im ganzen verhindern noch den einzelnen Kapitalisten vor Verlusten, schlechten Schulden und Bankrott oder den einzelnen Arbeiter vor Arbeitslosigkeit und Elend schützen. Es heißt noch immer: der Mensch denkt und Gott (das heißt die Fremdherrschaft der kapitalistischen Produktionsweise) lenkt. Die bloße Erkenntnis, und ginge sie weiter und tiefer als die der bürgerlichen Ökonomie, genügt nicht, um gesellschaftliche Mächte der Herrschaft der Gesellschaft zu unterwerfen. Dazu gehört vor allem eine gesellschaftliche Tat. Und wenn diese Tat vollzogen, wenn die Gesellschaft durch Besitzergreifung und planvolle Handhabung der gesamten Produktionsmittel sich selbst und alle ihre Mitglieder aus der Knechtung befreit hat, in der sie gegenwärtig gehalten werden durch diese von ihnen selbst produzierten, aber ihnen als übergewaltige fremde Macht gegenüberstehenden Produktionsmittel, wenn der Mensch also nicht mehr bloß denkt, sondern auch lenkt, dann erst verschwindet die letzte fremde Macht, die sich jetzt noch in der Religion widerspiegelt, und damit verschwindet auch die religiöse Widerspiegelung selbst, aus dem einfachen Grunde, weil es dann nichts mehr widerzuspiegeln gibt.

Herr Dühring dagegen kann es nicht abwarten, bis die Religion dieses ihres natürlichen Todes verstirbt. Er verfährt wurzelhafter. Er überbismarckt den Bismarck; er dekretiert verschärfte Maigesetze, nicht bloß gegen den Katholizismus, sondern gegen alle Religion überhaupt; er hetzt seine Zukunftsgensdarmen auf die Religion und verhilft ihr damit zum Märtyrertum und zu einer verlängerten Lebensfrist. Wohin wir blicken, spezifisch preußischer Sozialismus.

Nachdem Herr Dühring so die Religion glücklich vernichtet,

»kann nun der allein auf sich und die Natur gestellte und zur Erkenntnis seiner Kollektivkräfte gereifte Mensch kühn alle Wege einschlagen, die ihm der Lauf der Dinge und sein eignes Wesen eröffnen«.

|296| Betrachten wir nun zur Abwechslung, welchen »Lauf der Dinge« der auf sich selbst gestellte Mensch an der Hand des Herrn Dühring kühn einschlagen kann.

Der erste Lauf der Dinge, wodurch der Mensch auf sich selbst gestellt wird, ist der, geboren zu werden. Dann bleibt er

für die Zeit der natürlichen Unmündigkeit der »natürlichen Erzieherin der Kinder«, der Mutter anvertraut. »Diese Periode mag, wie im alten römischen Recht, bis zur Pubertät, also etwa bis zum vierzehnten Jahr reichen.« Nur wo ungezogene ältere Knaben das Ansehn der Mutter nicht gehörig respektieren, wird der väterliche Beistand, namentlich aber die öffentlichen Erziehungsvorkehrungen diesen Mangel unschädlich machen. Mit der Pubertät tritt das Kind unter »die natürliche Vormundschaft des Vaters«, wenn nämlich ein solcher mit »unbestrittner wirklicher Vaterschaft« vorhanden ist; andernfalls stellt die Gemeinde einen Vormund.

Wie Herr Dühring sich früher vorstellte, man könne die kapitalistische Produktionsweise durch die gesellschaftliche ersetzen, ohne die Produktion selbst umzugestalten, so bildet er sich hier ein, man könne die modern-bürgerliche Familie von ihrer ganzen ökonomischen Grundlage losreißen, ohne dadurch ihre ganze Form zu verändern. Diese Form ist für ihn so unwandelbar, daß er sogar das »alte römische Recht«, wenn auch in etwas »veredelter« Gestalt, für die Familie in alle Ewigkeit maßgebend macht und sich eine Familie nur als »vererbende«, das heißt als besitzende Einheit vorstellen kann. Die Utopisten stehn hier weit über Herrn Dühring. Ihnen war mit der freien Vergesellschaftung der Menschen und der Verwandlung der häuslichen Privatarbeit in eine öffentliche Industrie auch die Vergesellschaftung der Jugenderziehung und damit ein wirklich freies gegenseitiges Verhältnis der Familienglieder unmittelbar gegeben. Und ferner hat bereits Marx (Kapital, Seite 515 u.f. |Siehe Karl Marx: »Das Kapital« Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 514|) nachgewiesen, wie »die große Industrie mit der entscheidenden Rolle, die sie den Weibern, jungen Personen und Kindern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich organisierten Produktionsprozessen jenseits der Sphäre des Hauswesens zuweist, die neue ökonomische Grundlage schafft für eine höhere Form der Familie und des Verhältnisses beider Geschlechter«.

»Jeder sozialreformatorische Phantast«, sagt Herr Dühring, »hat natürlich die seinem neuen sozialen Leben entsprechende Pädagogik in Bereitschaft.«

An diesem Satze gemessen, erscheint Herr Dühring als »ein wahres Monstrum« unter den sozialreformatorischen Phantasten. Die Zukunftsschule |297| beschäftigt ihn mindestens ebensoviel wie das Autorrecht, und das will wahrhaftig viel sagen. Nicht nur für die ganze »absehbare Zukunft« hat er Schulplan und Universitätsplan fix und fertig, sondern auch für die Übergangsperiode. Beschränken wir uns indes darauf, was der Jugend beiderlei Geschlechts in der endgültigen Sozialität letzter Instanz beigebracht werden soll.

Die allgemeine Volksschule bietet

»alles, was an sich selbst und prinzipiell für den Menschen einen Reiz haben kann«, also namentlich die »Grundlagen und Hauptergebnisse aller die Welt- und Lebensansichten berührenden Wissenschaften«. Sie lehrt also vor allem Mathematik und zwar so, daß der Kreis aller prinzipiellen Begriffe und Mittel vom einfachen Zählen und Addieren bis zur Integralrechnung »vollständig durchmessen« wird.

Das heißt aber nicht, daß in dieser Schule wirklich differenziert und integriert werden soll, im Gegenteil. Es sollen vielmehr dort ganz neue Elemente der Gesamtmathematik gelehrt werden, die sowohl die gewöhnliche elementare, wie auch die höhere Mathematik im Keime in sich enthalten. Obwohl nun Herr Dühring von sich behauptet, auch schon

»den Inhalt der Lehrbücher« dieser Zukunftsschule »in seinen Hauptzügen schematisch vor Augen«

zu haben, so hat es ihm doch leider bis jetzt nicht gelingen wollen, diese

»Elemente der gesamten Mathematik«

zu entdecken; und was er nicht leisten kann, das

»ist auch wirklich erst von den freien und gesteigerten Kräften des neuen Gesellschaftszustandes zu erwarten«.

Wenn aber die Trauben der Zukunftsmathematik einstweilen noch sehr sauer sind, so wird die Astronomie, Mechanik und Physik der Zukunft desto weniger Schwierigkeiten machen und

»den Kern aller Schulung abgeben«, während »Pflanzen- und Tierkunde, mit ihrer, trotz aller Theorien, noch immer vornehmlich beschreibenden Art und Weise ... mehr zur leichtern Unterhaltung« dienen werden.

So steht's gedruckt, Philosophie«, Seite 417. Herr Dühring kennt bis auf den heutigen Tag keine andre als eine vornehmlich beschreibende Pflanzen- und Tierkunde. Die ganze organische Morphologie, die die vergleichende Anatomie, Embryologie und Paläontologie der organischen Welt umfaßt, ist ihm selbst dem Namen nach unbekannt. Während hinter seinem Rücken im Bereich der Biologie ganz neue Wissenschaften fast zu Dutzenden |298| entstehn, holt sein kindliches Gemüt sich noch immer die »eminent modernen Bildungselemente der naturwissenschaftlichen Denkweise« aus Raffs »Naturgeschichte für Kinder«, und oktroyiert diese Verfassung der organischen Welt ebenfalls der ganzen »absehbaren Zukunft«. Die Chemie ist, wie gewöhnlich bei ihm, auch hier total vergessen worden.

Für die ästhetische Seite des Unterrichts wird Herr Dühring alles neu zu beschaffen haben. Die bisherige Poesie taugt dazu nicht. Wo alle Religion verboten ist, kann die bei den frühern Poeten übliche »Zurichtung mythologischer oder sonst religiöser Art« selbstredend nicht in der Schule geduldet werden. Auch der »poetische Mystizismus, wie ihn z.B. Goethe stark gepflegt hat«, ist verwerflich. Herr Dühring wird sich also selbst entschließen müssen, uns jene dichterischen Meisterwerke zu liefern, die »den höhern Ansprüchen einer mit dem Verstande ausgeglichenen Phantasie entsprechen« und das echte Ideal darstellen, welches »die Vollendung der Welt bedeutet«. Möge er nicht damit zaudern. Welterobernd kann die Wirtschaftskommune erst wirken, sobald sie in dem mit dem Verstand ausgeglichnen Sturmschritt des Alexandriners einherwandelt.

Mit der Philologie wird der heranwachsende Zukunftsbürger nicht viel geplagt werden.

»Die toten Sprachen kommen ganz in Wegfall ... die fremden lebenden Sprachen aber werden ... etwas Nebensächliches bleiben.« Nur wo der Verkehr unter den Völkern sich auf die Bewegung der Volksmassen selbst erstreckt, sollen sie jedem in leichter Weise, je nach Bedürfnis, zugänglich gemacht werden. »Die wirklich bildende Sprachschulung« wird gefunden in einer Art allgemeiner Grammatik und namentlich in »Stoff und Form der eignen Sprache«.

Die nationale Borniertheit der heutigen Menschen ist noch viel zu kosmopolitisch für Herrn Dühring. Er will auch noch die beiden Hebel abschaffen, die in der heutigen Welt wenigstens die Gelegenheit zur Erhebung über den beschränkten nationalen Standpunkt bieten: die Kenntnis der alten Sprachen, die wenigstens den klassisch gebildeten Leuten aller Völker einen gemeinsamen erweiterten Horizont eröffnet, und die Kenntnis der neuern Sprachen, vermittelst deren die Leute der verschiednen Nationen allein untereinander sich verständigen und sich mit dem bekannt machen können, was außerhalb ihrer eignen Grenzen vorgeht. Dagegen soll die Grammatik der Landessprache gründlich eingepaukt werden. »Stoff und Form der eignen Sprache« sind aber nur dann verständlich, wenn man ihre Entstehung und allmähliche Entwicklung verfolgt, und dies ist nicht möglich ohne Berücksichtigung erstens ihrer eignen abgestorbnen Formen und zweitens der verwandten lebenden und toten Sprachen. Damit sind wir aber wieder auf |299| dem ausdrücklich verbotnen Gebiet. Wenn aber hiermit Herr Dühring die ganze moderne historische Grammatik aus seinem Schulplan ausstreicht, so bleibt ihm nichts für den Sprachunterricht als die altfränkische, ganz im Stil der alten klassischen Philologie zugestutzte, technische Grammatik mit allen ihren, auf dem Mangel an geschichtlicher Grundlage beruhenden Kasuistereien und Willkürlichkeiten. Der Haß gegen die alte Philologie bringt ihn dazu, das allerschlechteste Produkt der alten Philologie zum »Mittelpunkt der wirklich bildenden Sprachschulung« zu erheben. Man sieht klar, daß wir es mit einem Sprachgelehrten zu tun haben, der von der ganzen, seit sechzig Jahren so gewaltig und so erfolgreich entwickelten historischen Sprachforschung nie reden gehört hat, und der daher »die eminent modernen Bildungselemente« der Sprachschulung nicht sucht bei Bopp, Grimm und Diez, sondern bei Heyse und Becker seligen Andenkens.

Mit allem diesem wäre aber der angehende Zukunftsbürger noch lange nicht »auf sich selbst gestellt«. Hierzu gehört wieder eine tiefere Grundlegung, vermittelst der

»Aneignung der letzten philosophischen Grundlagen«. »Eine solche Vertiefung wird aber ... nichts weniger als eine Riesenaufgabe bleiben«, seitdem Herr Dühring hier reine Bahn gemacht hat. In der Tat, »säubert man das wenige strenge Wissen, dessen sich die allgemeine Schematik des Seins rühmen kann, von den falschen, scholastischen Verschnörkelungen, und entschließt man sich, überall nur die« von Herrn Dühring »beglaubigte Wirklichkeit gelten zu lassen«, so ist die Elementarphilosophie auch der Zukunftsjugend vollständig zugänglich gemacht. »Man erinnere sich der höchst einfachen Wendungen, mit denen wir den Unendlichkeitsbegriffen und deren Kritik zu einer bisher ungekannten Tragweite verholfen haben« - so ist »gar nicht abzusehn, warum die durch die gegenwärtige Vertiefung und Verschärfung so einfach gestalteten Elemente der universellen Raum- und Zeitauffassung nicht schließlich in die Reihe der Vorkenntnisse übergehn sollten ... die wurzelhaftesten Gedanken« des Herrn Dühring »dürfen in der universellen Bildungssystematik der neuen Gesellschaft keine Nebenrolle spielen«. Der sich selbst gleiche Zustand der Materie und die abgezählte Unzahl sind im Gegenteil dazu berufen, den Menschen »nicht nur auf eignen Füßen stehn, sondern auch aus sich selbst wissen zu lassen, daß er das sogenannte Absolute unter den Füßen hat«.

Die Volksschule der Zukunft, wie man sieht, ist nichts als eine etwas »veredelte« preußische Pennalia, auf der Griechisch und Lateinisch durch etwas mehr reine und angewandte Mathematik und namentlich durch die Elemente der Wirklichkeitsphilosophie ersetzt und der deutsche Unterricht wieder auf Becker selig, also etwa bis auf Tertia heruntergebracht wird. Es ist in der Tat »gar nicht abzusehn«, warum die nunmehr von uns auf allen vor ihm berührten Gebieten als höchst schülerhaft nachgewiesenen »Kennt- |300| nisse« des Herrn Dühring oder vielmehr, was nach vorgängiger gründlicher »Säuberung« überhaupt von ihnen übrigbleibt, nicht samt und sonders »schließlich in die Reihe der Vorkenntnisse übergehn sollten«, sintemal sie diese Reihe in Wirklichkeit nie verlassen haben. Freilich hat Herr Dühring auch etwas davon läuten gehört, daß in der sozialistischen Gesellschaft Arbeit und Erziehung verbunden und dadurch eine vielseitige technische Ausbildung, sowie eine praktische Grundlage für die wissenschaftliche Erziehung gesichert werden solle; auch dieser Punkt wird daher für die Sozialität in üblicher Weise dienstbar gemacht. Da aber, wie wir sahen, die alte Arbeitsteilung in der Dühringschen Zukunftsproduktion im wesentlichen ruhig fortbesteht, so ist dieser technischen Schulbildung jede spätere praktische Anwendung, jede Bedeutung für die Produktion selbst, abgeschnitten, sie hat eben nur einen Schulzweck: sie soll die Gymnastik ersetzen, von der unser wurzelhafter Urnwälzer nichts wissen will. Er kann uns daher auch nur ein paar Phrasen bieten, wie z. B.:

»die Jugend und das Alter arbeiten im ernsten Sinne des Worts«.

Wahrhaft jammervoll aber erscheint diese haltungslose und inhaltslose Kannegießerei, wenn man sie vergleicht mit der Stelle im »Kapital«, Seite 508 bis 519 |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 507-514|, wo Marx den Satz entwickelt, daß »aus dem Fabriksystem, wie man im Detail bei Robert Owen verfolgen kann, der Keim der Erziehung der Zukunft entsproß, welche für alle Kinder über einem gewissen Alter produktive Arbeit mit Unterricht und Gymnastik verbinden wird, nicht nur als eine Methode zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktion, sondern als die einzige Methode zur Produktion vollseitig entwickelter Menschen«.

Übergehn wir die Universität der Zukunft, in der die Wirklichkeitsphilosophie den Kern alles Wissens bilden wird und in der neben der medizinischen auch die juristische Fakultät in voller Blüte fortbesteht; übergehn wir auch die »speziellen Fachanstalten«. von denen wir bloß erfahren, daß sie nur »für ein paar Gegenstände« gelten sollen. Nehmen wir an, der junge Zukunftsbürger sei nach Absolvierung aller Schulkurse endlich soweit »auf sich gestellt«, daß er sich nach einer Frau umsehn kann. Welchen Lauf der Dinge eröffnet ihm hier Herr Dühring?

»Angesichts der Bedeutsamkeit der Fortpflanzung für Festhaltung, Ausmerzung und Mischung sowie sogar für neue gestaltende Entwicklung von Eigenschaften, muß man die letzten Wurzeln des Menschlichen oder Unmenschlichen zu einem großen |301| Teil in der geschlechtlichen Gesellung und Auswahl und überdies noch in der Sorge für oder gegen einen bestimmten Ausfall der Geburten suchen. Das Gericht über die Wüstheit und Stumpfheit, welche in diesem Gebiet herrschen, muß praktisch einer spätern Epoche überlassen bleiben. Jedoch ist wenigstens soviel von vornherein auch unter dem Druck der Vorurteile begreiflich zu machen, daß weit mehr als die Zahl, sicherlich die der Natur oder menschlichen Umsicht gelungne oder mißlungne Beschaffenheit der Geburten in Anschlag kommen muß. Ungeheuer sind allerdings zu allen Zeiten und unter allen Rechtszuständen der Vernichtung anheimgegeben worden; aber die Stufenleiter vom Regelrechten bis zur Verzerrung in das nicht mehr Menschenähnliche hat viele Sprossen ... Wird dem Entstehn eines Menschen vorgebeugt, der doch nur ein schlechtes Erzeugnis werden würde, so ist diese Tatsache offenbar ein Vorteil.«

Ebenso heißt es an einer andern Stelle:

»Der philosophischen Betrachtung kann es nicht schwerfallen, das Recht der ungebornen Welt auf eine möglichst gute Komposition ... zu begreifen ... Die Konzeption und allenfalls auch noch die Geburt bieten die Gelegenheit dar, um in dieser Beziehung eine vorbeugende oder ausnahmsweise auch sichtende Fürsorge eintreten zu lassen.«

Und ferner:

»Die griechische Kunst, den Menschen in Marmor zu idealisieren, wird nicht das gleiche geschichtliche Gewicht behalten können, sobald die weniger künstlerisch spielende und daher für das Lebensschicksal der Millionen weit ernstere Aufgabe in die Hand genommen wird, die Menschenbildung in Fleisch und Blut zu vervollkommnen. Diese Art Kunst ist keine bloß steinerne, und ihre Ästhetik betrifft nicht die Anschauung toter Formen« usw.

Unser angehender Zukunftsbürger fällt aus den Wolken. Daß es sich beim Heiraten um keine bloß steinerne Kunst handelt, auch nicht um die Anschauung toter Formen, das wußte er allerdings auch ohne Herrn Dühring; aber dieser hatte ihm ja versprochen, er könne alle Wege einschlagen, die ihm der Lauf der Dinge und sein eignes Wesen eröffnen, um ein mitempfindendes weibliches Herz samt dazugehörigem Körper zu finden. Keineswegs, donnert ihm jetzt die »tiefere und strengere Moralität« entgegen. Es handelt sich zuerst darum, die Wüstheit und Stumpfheit abzulegen, die auf dem Gebiet der geschlechtlichen Gesellung und Auswahl herrschen, und dem Recht der neugebornen Welt auf eine möglichst gute Komposition Rechnung zu tragen. Es handelt sich für ihn in diesem feierlichen Moment darum, die Menschenbildung in Fleisch und Blut zu vervollkommnen, sozusagen ein Phidias in Fleisch und Blut zu werden. Wie das anfangen? Die obigen mysteriösen Äußerungen des Herrn Dühring |302| geben ihm nicht die geringste Anleitung dazu, obwohl dieser selbst sagt, es sei eine »Kunst«. Sollte Herr Dühring vielleicht auch schon ein Handbuch zu dieser Kunst »schematisch vor Augen« haben, ähnlich etwa wie deren so mancherlei heutzutage verklebt im deutschen Buchhandel umlaufen? In der Tat befinden wir uns hier schon nicht mehr in der Sozialität, sondern vielmehr in der »Zauberflöte«, nur daß der behäbige Freimaurerpfaff Sarastro kaum als ein »Priester zweiter Klasse« gelten kann, gegenüber unserm tiefern und strengern Moralisten. Die Proben, die jener mit seinem Liebespärchen von Adepten vornahm, sind ein wahres Kinderspiel gegen die Schauerprüfung, die Herr Dühring seinen beiden souveränen Individuen aufnötigt, ehe er ihnen gestattet, in den Stand der »sittlichen und freien Ehe« zu treten. So kann es ja vorkommen, daß unser »auf sich selbst gestellter« Zukunfts-Tamino zwar das sogenannte Absolute unter den Füßen hat, einer dieser Füße aber um ein paar Leitersprossen vom Regelrechten abweicht, so daß böse Zungen ihn einen Klumpfuß nennen. Auch liegt es im Bereich der Möglichkeit, daß seine herzallerliebste Zukunfts-Pamina auf besagtem Absoluten nicht ganz grade steht, infolge einer leichten Verschiebung zugunsten der rechten Schulter, die der Neid sogar für ein gelindes Buckelchen ausgibt. Was dann? Wird unser tieferer und strengerer Sarastro ihnen verbieten, die Kunst der Menschenvervollkommnung in Fleisch und Blut zu praktizieren, wird er seine »vorbeugende Fürsorge« bei der »Konzeption« oder seine »sichtende« bei der Geburt« geltend machen? Zehn gegen eins, die Dinge verlaufen anders; das Liebespärchen läßt Sarastro-Dühring stehn und geht zum Standesbeamten.

Halt! ruft Herr Dühring. So war es nicht gemeint. Laßt doch mit euch reden.

Bei den »höhern, echt menschlichen Beweggründen der heilsamen Geschlechtsverbindungen ... ist die menschlich veredelte Gestalt der Geschlechtserregung, deren Steigerung sich als leidenschaftliche Liebe kundgibt, in ihrer Doppelseitigkeit die beste Bürgschaft für die auch in ihrem Ergebnis zuträgliche Verbindung ... es ist nur eine Wirkung zweiter Ordnung, daß aus einer an sich harmonischen Beziehung auch ein Erzeugnis von zusammenstimmendem Gepräge hervorgehe. Heraus folgt wiederum, daß jeder Zwang schädlich wirken muß« usw.

Und hiermit erledigt sich alles aufs schönste in der schönsten der Sozialitäten. Klumpfuß und Buckelchen lieben einander leidenschaftlich und bieten daher auch in ihrer Doppelseitigkeit die beste Bürgschaft für eine harmonische »Wirkung zweiter Ordnung«, es geht wie im Roman, sie lieben sich, sie kriegen sich, und all die tiefere und strengere Moralität verläuft wie gewöhnlich in harmonischem Larifari.

|303| Welche noblen Vorstellungen Herr Dühring überhaupt vom weiblichen Geschlecht hat, ergibt sich aus folgender Anklage gegen die heutige Gesellschaft:

»Die Prostitution gilt in der auf Verkauf des Menschen an den Menschen gegründeten Unterdrückungsgesellschaft als selbstverständliche Ergänzung der Zwangsehe zugunsten der Männer, und es ist eine der begreiflichsten, aber auch bedeutungsvollsten Tatsachen, daß es etwas Ähnliches für die Frauen nicht geben kann

Den Dank, der Herrn Dühring für dies Kompliment von seiten der Frauen zuteil werden dürfte, möchte ich nicht um alles in der Welt einheimsen. Sollte indes Herrn Dühring die nicht mehr ganz ungewöhnliche Einkünfteart der Schürzenstipendien gänzlich unbekannt sein? Und Herr Dühring ist doch selbst Referendar gewesen und wohnt in Berlin, wo doch schon zu meiner Zeit, vor sechsunddreißig Jahren, um von den Lieutenants nicht zu reden, Referendarius sich oft genug reimte auf Schürzenstipendarius!

*

Man gestatte uns, von unserm Gegenstand, der sicher oft trocken und trist genug war, in versöhnend-heiterer Weise Abschied zu nehmen. Solange wir die einzelnen Fragepunkte abzuhandeln hatten, war das Urteil gebunden durch die objektiven, unbestreitbaren Tatsachen; es mußte nach diesen Tatsachen oft genug scharf und selbst hart ausfallen. Jetzt, wo Philosophie, Ökonomie und Sozialität hinter uns liegen, wo das Gesamtbild des Schriftstellers vor uns steht, den wir im einzelnen zu beurteilen hatten, jetzt können menschliche Rücksichten in den Vordergrund treten; jetzt wird es uns gestattet, manche sonst unbegreifliche wissenschaftliche Abirrungen und Überhebungen zurückzuführen auf persönliche Ursachen, und unser Gesamturteil über Herrn Dühring zusammenzufassen in den Worten: Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn.

 


 

 

Anmerkungen von Friedrich Engels

 

 

 

(1)

Es braucht hier nicht auseinandergesetzt zu werden, daß, wenn auch die Aneignungsform dieselbe bleibt, der Charakter der Aneignung durch den oben geschilderten Vorgang nicht minder revolutioniert wird, als die Produktion. Ob ich mir mein eignes Produkt aneigne oder das Produkt andrer, das sind natürlich zwei sehr verschiedne Arten von Aneignung. Nebenbei: die Lohnarbeit, in der die ganze kapitalistische Produktionsweise bereits im Keime steckt, ist sehr alt; vereinzelt und zerstreut ging sie jahrhundertelang her neben der Sklaverei. Aber zur kapitalistischen Produktionsweise entfalten konnte sich der Keim erst, als die geschichtlichen Vorbedingungen hergestellt waren.

 

(2)

»Lage der arbeitenden Klasse in England«, S. 109 |Siehe Friedrich Engels: »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 2, S. 314/315|

 

(3)

Ich sage, muß. Denn nur in dem Falle, daß die Produktions- oder Verkehrsmittel der Leitung durch Aktiengesellschaften wirklich entwachsen sind, daß also die Verstaatlichung ökonomisch unabweisbar geworden, nur in diesem Falle bedeutet sie, auch wenn der heutige Staat sie vollzieht, einen ökonomischen Fortschritt, die Erreichung einer neuen Vorstufe zur Besitzergreifung aller Produktivkräfte durch die Gesellschaft selbst. Es ist aber neuerdings, seit Bismarck sich aufs Verstaatlichen geworfen, ein gewisser falscher Sozialismus aufgetreten und hier und da sogar in einige Wohldienerei ausgeartet, der jede Verstaatlichung, selbst die Bismarcksche, ohne weiteres für sozialistisch erklärt. Allerdings, wäre die Verstaatlichung des Tabaks sozialistisch, so zählten Napoleon und Metternich mit unter den Gründern des Sozialismus. Wenn der belgische Staat aus ganz alltäglichen politischen und finanziellen Gründen seine Haupteisenbahn selbst baute, wenn Bismarck ohne jede ökonomische Notwendigkeit die Hauptbahnlinien Preußens verstaatlichte, einfach um sie für den Kriegsfall besser einrichten und ausnützen zu können, um die Eisenbahnbeamten zum Regierungsstimmvieh zu erziehen und hauptsächlich, um sich eine neue, von Parlamentsbeschlüssen unabhängige Einkommenquelle zu verschaffen - so waren das keineswegs sozialistische Schritte, direkt oder indirekt, bewußt oder unbewußt. Sonst wären auch die königliche Seehandlung, die königliche Porzellanmanufaktur und sogar der Kompanieschneider beim Militär sozialistische Einrichtungen.

 

(4)

Ein paar Zahlen mögen eine annähernde Vorstellung geben von der enormen Expansionskraft der modernen Produktionsmittel, selbst unter dem kapitalistischen Druck. Nach der neuesten Berechnung von Giffen betrug der Gesamtreichtum von Großbritannien und Irland in runder Zahl:

1814 - 2.200 Millionen Pfd. St. =   44 Milliarden Mark
1865 - 6.100 Millionen Pfd. St. = 122 Milliarden Mark
1875 - 8.500 Millionen Pfd. St. = 170 Milliarden Mark

Was die Verheerung von Produktionsmitteln und Produkten in den Krisen betrifft, so wurde auf dem zweiten Kongreß deutscher Industrieller, Berlin, 21. Februar 1878, der Gesamtverlust allein der deutschen Eisenindustrie im letzten Krach auf 455 Millionen Mark berechnet.

 

(5)

Die Erklärung der Krisen aus Unterkonsumtion rührt her von Sismondi und hat bei ihm noch einen gewissen Sinn. Von Sismondi hat Rodbertus sie entlehnt, und von Rodbertus hat wieder Herr Dühring sie in seiner gewohnten verflachenden Weise abgeschrieben.

 

(6)

Trucksystem nennt man in England das auch in Deutschland wohlbekannte System, wobei die Fabrikanten selbst Läden halten und ihre Arbeiter nötigen, sich bei ihnen mit Waren zu versehn.

 

(7)

Beiläufig ist die Rolle, die die Arbeitsmarken in der Owenschen kommunistischen Gesellschaft spielen, dem Herrn Dühring gänzlich unbekannt. Er kennt diese Marken - aus Sargant - nur, soweit sie in den, natürlich fehlgeschlagnen, Labour Exchange Bazaars figurieren, Versuchen, vermittelst direkten Arbeitsaustausches aus der bestehenden in die kommunistische Gesellschaft überzuführen.

 

(8)

Daß obige Abwägung von Nutzeffekt und Arbeitsaufwand bei der Entscheidung über die Produktion alles ist, was in einer kommunistischen Gesellschaft vom Wertbegriff der politischen Ökonomie übrigbleibt, habe ich schon 1844 ausgesprochen. (»Deutsch-Französische Jahrbücher«, Seite 95. |Friedrich Engels: »Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie«, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 1, S. 499|) Die wissenschaftliche Begründung dieses Satzes ist aber, wie man sieht, erst durch Marx' »Kapital« möglich geworden.

 

(9)

Dieser spätere Doppelcharakter der Göttergestalten ist ein von der vergleichenden Mythologie, die sich einseitig an deren Charakter als Reflexe von Naturmächten hält, übersehener Grund der später einreißenden Verwirrung der Mythologien. So heißt bei einigen germanischen Stimmen der Kriegsgott altnordisch Tyr, althochdeutsch Zio, entspricht also dem griechischen Zeus, lateinisch Jupiter für Diespiter; bei andern Er, Eor, entspricht also dem griechischen Ares, lateinisch Mars.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Friedrich Engels

Vorarbeiten zum »Anti-Dühring«

 

In diesem Text werden die wichtigsten Fragmente aus Engels' handschriftlichen Vorarbeiten zum »Anti-Dühring« gebracht.


 

 

Erster Teil

Zum ersten Abschnitt: Philosophie

 

zu: III. Einteilung. Apriorismus

[Ideen - Spiegelbilder der Wirklichkeit]

|573| Die Ideen alle der Erfahrung entlehnt, Spiegelbilder - richtig oder verzerrt - der Wirklichkeit.

 

zu: III. Einteilung. Apriorismus. S. 32-34

[Materielle Welt und Denkgesetze]

Zwei Arten Erfahrung - äußere, materielle und innere - Denkgesetze und Denkformen. Denkformen auch teilweise angeerbt durch Entwicklung (Selbstverständlichkeit z.B. der mathematischen Axiome für Europäer, sicher nicht für Buschmänner und Australneger).

Wenn wir die Voraussetzungen richtig haben und die Denkgesetze richtig auf sie anwenden, so muß das Resultat mit der Wirklichkeit stimmen, ganz wie eine Rechnung der analytischen Geometrie mit der geometrischen Konstruktion stimmen muß, obwohl beide ganz verschiedne Verfahrens- |574| arten. Leider aber fast nie und nur in ganz einfachen Operationen der Fall.

Die Außenwelt wieder entweder Natur oder Gesellschaft.

 

zu: III. Einteilung. Apriorismus, S. 32-34;

 

IV. Weltschematik, S. 38-41

 

und X. Moral und Gerechtigkeit, S. 88/89

[Verhältnis von Denken und Sein]

Das Denken hat zum einzigen Inhalt die Welt und die Denkgesetze.

Die allgemeinen Resultate der Untersuchung der Welt kommen am Ende dieser Untersuchung heraus, sind also nicht Prinzipien, Ausgangspunkte, sondern Resultate, Abschlüsse. Diese aus dem Kopf konstruieren, von ihnen als Grundlage ausgehn und weiter daraus die Welt im Kopf rekonstruieren ist Ideologie, eine Ideologie, an der bisher auch jeder Materialismus gelitten, weil er über das Verhältnis von Denken und Sein wohl in der Natur einigermaßen klar war, aber nicht in der Geschichte, die Abhängigkeit des jedesmaligen Denkens von den historisch-materiellen Bedingungen nicht einsah. - Indem Dühring von »Prinzipien« ausgeht statt von Tatsachen, ist er Ideolog, und kann den Ideologen nur vertuschen, indem er die Sätze so allgemein und leer faßt, daß sie axiomatisch, platt erscheinen, wobei denn aber auch nichts herauszufolgern, sondern nur hereinzudeuten ist. So gleich der Grundsatz vom einzigen Sein. Die Einheit der Welt und der Blödsinn des Jenseits ist Resultat der ganzen Weltuntersuchung, soll hier aber a priori aus einem Denkaxiom bewiesen werden. Daher Unsinn. - Aber ohne diese Umkehrung eine aparte Philosophie nicht möglich.

 

zu: III. Einteilung, Apriorismus, S. 34/35

[Die Welt als ein zusammenhängendes Ganzes. Erkenntnis der Welt]

Systematik nach Hegel unmöglich. Daß die Welt ein einheitliches System, d.h. ein zusammenhängendes Ganzes vorstellt, ist klar, aber die Erkenntnis dieses Systems setzt die Erkenntnis der ganzen Natur und Geschichte voraus, die die Menschen nie erreichen. Wer also Systeme macht, muß die zahllosen Lücken durch eigne Erfindung ausfüllen, d.h. irrationell phantasieren, ideologisieren.

Rationelle Phantasie - alias Kombination!

 

zu: III Einteilung. Apriorismus, S. 35-38

[Mathematische Operationen und rein logische Operationen]

|575| Der rechnende Verstand - Rechenmaschine! - Komische Verwechslung der mathematischen Operationen, die des materiellen Beweises, der Probe fällig sind, weil sie auf unmittelbarer materieller Anschauung, wenn auch abstrakter, beruhn, mit den rein logischen, die nur des Schlußbeweises fähig, also der positiven Gewißheit unfähig sind, die die mathematischen Operationen haben - und wie viele davon auch falsch! Maschine zum Integrieren, vgl. Andrews speech |Rede|, »Nature«, Sept. 7, 76.

Schema = Schablone.

 

zu: III. Eintellung. Apriorismus, S. 35-38

 

und IV. Weltschematik, S. 38-41

[Realität und Abstraktion]

Mit dem Satz von der Alleinzigkeit des allumfassenden Seins, den der Papst und der Scheik ul Islam unterschreiben können, ohne ihrer Unfehlbarkeit und Religion etwas zu vergeben, kann Dühring ebensowenig die ausschließliche Materialität alles Seins beweisen, wie er aus irgendwelchem mathematischen Axiom ein Dreieck, eine Kugel herauskonstruieren oder den pythagoräischen Lehrsatz ableiten kann. Zu beiden gehören reelle Vorbedingungen, aus deren Untersuchung erst man zu jenen Resultaten kommt. Die Gewißheit, daß außer der materiellen Welt nicht noch eine spirituelle separat existiert, ist das Resultat einer langen und langwierigen Untersuchung der reellen Welt, y compris |einschließlich| die Produkte und Prozeduren des menschlichen Gehirns. Die Resultate der Geometrie sind nichts als die natürlichen Eigenschaften der verschiednen Linien, Flächen und Körper, resp. deren Kombinationen, die großenteils schon in der Natur vorkamen, lange ehe die Menschen da waren (Radiolarien, Insekten, Kristalle usw.).

 

zu: VI. Naturphilosophie. Kosmogonie, Physik, Chemie, S. 55 ff.

[Die Bewegung - die Daseinsweise der Materie]

Die Bewegung ist die Daseinsweise der Materie, also mehr als ihre bloße Eigenschaft. Es gibt nicht und kann nie Materie ohne Bewegung gegeben haben. Bewegung im Weltraum, mechanische Bewegung kleinerer Massen auf einem einzelnen Weltkörper, Molekularschwingung als Wärme, elek- |576| trische Spannung, magnetische Polarisation, chemische Zersetzung und Verbindung, organisches Leben bis zu seinem höchsten Produkt, dem Denken hinauf - in einer oder der andren dieser Formen der Bewegungen befindet sich jedes einzelne Stoffatom in jedem gegebnen Augenblick. Alles Gleichgewicht ist entweder nur relative Ruhe oder selbst Bewegung im Gleichgewicht, wie die der Planeten. Absolute Ruhe ist nur denkbar, wo keine Materie ist. Weder die Bewegung als solche, noch eine ihrer Formen wie die mechanische Kraft, kann also von der Materie getrennt, ihr als etwas Apartes, Fremdes, entgegengesetzt werden, ohne ad absurdum zu führen.

 

zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt, S. 64-67

[Natürliche Zuchtwahl]

Dühring sollte froh sein über die natural selection, da sie doch das beste Exempel gibt für seine bewußte Zweck- und Mittellehre. - Wenn Darwin die Form untersucht, eine natural selection, in der sich eine langsame Veränderung vollzieht, so verlangt Dühring, Darwin solle auch die Ursache der Veränderung angeben, über die Herr Dühring ebenfalls nichts weiß. Man nehme welchen Fortschritt der Wissenschaft man wolle, Herr Dühring wird immer erklären, es fehle noch was dran, und so hinreichenden Grund zur Verdrießlichkeit haben.

zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt

[Über Darwin]

Wie groß erscheint der durch und durch bescheidne Darwin, der nicht nur Tausende von Tatsachen aus der gesamten Biologie zusammenträgt, ordnet und verarbeitet, sondern auch mit Freude jeden Vorgänger, selbst zur Verkleinerung seines eignen Ruhms zitiert, und wäre er noch so unbedeutend, gegenüber dem prahlenden Dühring, der selbst nichts leistet, dem aber niemand genug leisten kann und der ...

 

zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt, S. 65-67

 

und VIII. (Schluß), S. 73/74

Dühringiana. Darwinismus p. 115

Anpassung der Pflanzen eine Kombination physikalischer Kräfte oder chemischer Agenzien, also keine Anpassung. Wenn »die Pflanze in ihrem Wachstum den Weg nimmt, auf dem sie das meiste Licht erhält«, so tut sie |577| das auf verschiednen Wegen und in verschiedner Weise, die je nach Art und Beschaffenheit der Pflanze verschieden ist. Die physikalischen Kräfte und chemischen Agenzien wirken aber hier in jeder Pflanze besonders, und helfen der Pflanze, die doch etwas andres ist als diese »chemischen und physikalischen etc.«, das ihr nötige Licht auf dem ihr durch lange Vorentwicklung eigen gewordnen Wege zu erreichen. Ja, dies Licht wirkt wie ein Reiz auf die Pflanzenzellen und setzt in ihnen eben diese Kräfte und Agenzien als Reaktion in Bewegung. Indem die Sache in einem organischen Zellenbau vor sich geht und die Form von Reiz und Reaktion durchmacht, die hier ebensogut vorkommt wie in der Nervenvermittlung im menschlichen Gehirn, ist bei beiden derselbe Ausdruck Anpassung angebracht. Und wenn Anpassung platterdings durch Bewußtsein vermittelt sein soll, wo fängt das Bewußtsein und die Anpassung an, und wo hört sie auf? Bei der Monere, bei der insektenfressenden Pflanze, beim Schwamm, bei der Koralle, beim ersten Nerv? Dühring würde den Naturforschern alten Schlages einen enormen Gefallen tun, wenn er die Grenze ziehen wollte. Protoplasmareiz und Protoplasmareaktion finden sich überall, wo lebendes Protoplasma ist - und indem die Einwirkung langsam sich verändernder Reize es bedingt, daß das Protoplasma sich ebenfalls verändert, wenn es nicht untergehn soll, so ist der Ausdruck Anpassung notwendig für alle organischen Körper derselbe.

 

zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt, S. 65/66 ff.

[Anpassung und Vererbung]

Anpassung und Vererbung von Haeckel als Anpassung = negativ oder ändernd, Vererbung = positiv oder erhaltend in Beziehung auf Entwicklung der Arten gefaßt. Dagegen Dühring p. 122, daß die Vererbung auch negative Resultate, verändernd wirke. (Wobei schöner Kohl von Präformation.) Nun ist nichts leichter, wie bei allen solchen Gegensätzen, sie umzukehren und nachzuweisen, daß die Anpassung grade durch Veränderung der Form das Wesentliche, das Organ selbst, erhält, während die Vererbung schon durch Mischung von stets 2 andern Individuen stets Veränderungen hervorbringt, deren Häufung einen Artwechsel nicht ausschließt. Sie vererbt ja auch die Resultate der Anpassung! Dabei kommen wir aber keinen Schritt weiter. Wir müssen den Tatbestand nehmen und untersuchen, wie er |578| ist, und da findet sich allerdings, daß Haeckel ganz recht hat, die Vererbung wesentlich als die konservative, positive, die Anpassung als die revolutionierende, negative Seite des Prozesses anzusehn. Zähmung und Züchtung sowie unwillkürliche Anpassung sprechen da lauter als alle »subtilen Auffassungen« Dührings.

 

zu: VIII. Naturphilosophie. Organische Welt (Schluß), S. 73-77

Dühring, p. 141.

Leben. Daß der Stoffwechsel die wichtigste Erscheinung des Lebens, ist schon seit 20 Jahren von physiologischen Chemikern und chemischen Physiologen x-mal gesagt und hier wiederholt zur Definition des Lebens erhoben. Aber weder genau noch erschöpfend. Wir finden Stoffwechsel auch in Abwesenheit des Lebens, z.B. bei einfachen chemischen Prozessen, die bei genügender Zufuhr von Rohstoffen ihre eignen Bedingungen stets neu erzeugen und wobei ein bestimmter Körper Träger des Prozesses ist (Beispiele s. Roscoe, [S.] 102; Schwefelsäurefabrikation), bei Endosmose und Exosmose (toter organischer und selbst unorganischer Membranen?), bei den Traubeschen Kunstzellen und ihrem Medium. Der Stoffwechsel, der das Leben ausmachen soll, müßte also erst noch selbst näher bestimmt werden. Mit aller tiefen Grundlegung, subtilen Auffassung und feinere Untersuchung sind wir also der Sache noch nicht auf den Grund gekommen und fragen noch immer, was ist Leben?

Definitionen sind für die Wissenschaft wertlos, weil stets unzulänglich. Die einzig reelle Definition ist die Entwicklung der Sache selbst, und diese ist aber keine Definition mehr. Um zu wissen und zu zeigen, was das Leben ist, müssen wir alle Formen des Lebens untersuchen und im Zusammenhang darstellen. Dagegen kann für den Handgebrauch eine kurze Darlegung der allgemeinsten und zugleich bezeichnendsten Charaktere in einer sog. Definition oft nützlich und sogar notwendig sein, und kann auch nicht schaden, wenn man von ihr nicht mehr verlangt, als sie eben aussprechen kann. Versuchen wir also eine derartige Definition des Lebens zu geben, an der sich soviel Leute die Zähne ausgebissen (s. Nicholson),

Leben ist die Daseinsweise der Eiweißkörper und diese Daseinsweise besteht wesentlich in der beständigen Erneuerung ihrer chemischen Bestandteile durch Ernährung und Ausscheidung ...

Aus dem organischen Stoffwechsel als wesentlicher Funktion des Eiweißes und aus der ihm eigenen Plastizität leiten sich dann alle andern einfachsten Lebensfunktionen ab - Reizbarkeit, die schon in der Wechsel- |579| einwirkung von Nahrung und Eiweiß eingeschlossen liegt - Kontraktilität im Verzehren der Nahrung - Wachstumsmöglichkeit, die auf der untersten Stufe (Monere) die Fortpflanzung durch Teilung einschließt - innere Bewegung, ohne die weder Verschlingen noch Assimilieren der Nahrung möglich. Wie aber der Fortschritt vom einfachen plastischen Eiweiß zur Zelle und damit zur Organisation sich vollzieht, das muß die Beobachtung erst lehren, und eine derartige Untersuchung gehört auch nicht in eine einfache Handdefinition des Lebens. ([Das] D[ühring]sche kennt p. 141 noch eine ganze Zwischenwelt, da ohne ein Zirkulationskanalsystem und ein »Keimschema« kein eigentliches Leben. Die Stelle prachtvoll.)

 

zu: X. Moral und Recht. Gleichheit, S. 89-95

Dühring - Ökonomie - Die beiden Männer

Solange von Moral die Rede, kann Dühring sie als gleich setzen, aber sowie die Ökonomie anfängt, hört das auf. Wenn z.B. diese beiden Männer sind ein Yankee broken in to all trades |mit allen Wassern gewaschen| und ein Berliner Studiosus, der nichts mitbringt als sein Abiturientenzeugnis und die Wirklichkeitsphilosophie, dabei aus Prinzip nie auf dem Fechtboden gestärkte Arme, wo bleibt die Gleichheit? Der Yankee produziert alles, der Studiosus hilft bloß hier und da, und nach den Erträgen richtet sich die Verteilung, und in kurzem wird der Yankee die Mittel haben, etwaigen Zuwachs der Kolonie (durch Kinder oder Zuzug) kapitalistisch auszubeuten. Der ganze moderne Zustand, kapitalistische Produktion und alles kann also leicht aus den 2 Männern entstehn, ohne daß Einer einen Säbel braucht.

 

zu: X. Moral und Recht. Gleichheit, S. 95-100

Dühringiana

Gleichheit - Gerechtigkeit. - Die Vorstellung, daß die Gleichheit der Ausdruck der Gerechtigkeit, das Prinzip der vollkommnen politischen oder sozialen Anordnung, ist ganz historisch entstanden. Bei den naturwüchsigen Gemeinwesen existierte sie nicht, oder doch nur sehr beschränkt, für das vollberechtigte Mitglied eines einzelnen Gemeinwesens und war behaftet mit Sklaverei. Dito in der antiken Demokratie. Die Gleichheit aller Menschen, Griechen, Römer und Barbaren, Freier und Sklaven, Staatsangehöriger und Fremder, Bürger und Schutzverwandter etc., war für den |580| antiken Kopf nicht nur verrückt, sondern verbrecherisch, und ihr erster Anfang wurde im Christentum konsequent verfolgt. - Im Christentum zuerst die negative Gleichheit aller Menschen vor Gott als Sünder, und in engerer Fassung die Gleichheit der einen wie der andren durch die Gnade und das Blut Christi erlösten Kinder Gottes. Beide Fassungen begründet in der Rolle des Christentums als Religion der Sklaven, Verbannten, Verstoßenen Verfolgten, Unterdrückten. Mit dem Sieg des Christentums fiel dies Moment in den Hintergrund, der Gegensatz von Gläubigen und Heiden, Orthodoxen und Ketzern wurde nächste Hauptsache. - Mit dem Aufkommen der Städte, und damit der mehr oder minder entwickelten Elemente der Bourgeoisie wie des Proletariats, mußte auch die Forderung der Gleichheit als Bedingung der bürgerlichen Existenz allmählich wieder aufdämmern und sich daran die proletarische Konsequenzzieherei von der politischen auf die soziale Gleichheit knüpfen. Dies, natürlich in religiöser Form, zuerst scharf ausgesprochen im Bauernkrieg. - Die bürgerliche Seite zuerst scharf, aber noch als allgemein menschlich formuliert durch Rousseau. Wie bei allen Forderungen der Bourgeoisie steht auch hier das Proletariat als verhängnisvoller Schatten daneben und zieht seine Konsequenzen (Babeuf). Dieser Zusammenhang zwischen bürgerlicher Gleichheit und proletarischer Konsequenzzieherei näher zu entwickeln.

Es hat also fast die ganze bisherige Geschichte dazu gebraucht, den Satz von der Gleichheit = Gerechtigkeit herauszuarbeiten, und erst als eine Bourgeoisie und ein Proletariat existierten, ist es gelungen. Der Satz der Gleichheit ist aber der, daß keine Vorrechte bestehen sollen, ist also wesentlich negativ, erklärt die ganze bisherige Geschichte für schlecht. Wegen seines Mangels an positivem Inhalt und wegen seiner kurzhändigen Verwerfung alles Frühern eignet er sich ebensosehr für Aufstellung durch eine große Revolution, [S.] 89-96, wie für spätere systemfabrizierende Flachköpfe. Aber Gleichheit = Gerechtigkeit als höchstes Prinzip und letzte Wahrheit hinstellen zu wollen, ist absurd. Gleichheit besteht bloß im Gegensatz zu Ungleichheit, Gerechtigkeit zu Unrecht, sind also noch mit dem Gegensatz zur alten bisherigen Geschichte behaftet, also mit der alten Gesellschaft selbst.

Das schließt schon aus, daß sie die ewige Gerechtigkeit, Wahrheit ausmachen sollen. Wenige Generationen gesellschaftlicher Entwicklung unter |581| kommunistischem Regime und unter den vermehrten Hülfsmitteln müssen die Menschen dahin bringen, daß dies Pochen auf Gleichheit und Recht ebenso lächerlich erscheint wie heute Pochen auf Adels- etc. Geburtsvorrechte, daß der Gegensatz zur alten Ungleichheit und zum alten positiven Recht, ja auch zum neuen Übergangsrecht aus dem praktischen Leben verschwunden ist, daß, wer auf pedantische Aushändigung seines gleichen und gerechten Produktenanteils beharrt, mit Aushändigung des Doppelten verhöhnt wird. Selbst Dühring wird dies »absehbar« finden, und wo bleibt dann die Gleichheit und Gerechtigkeit, als in der Rumpelkammer der historischen Erinnerung? Weil dergleichen zur Agitation heute vortrefflich ist, ist es noch lange keine ewige Wahrheit.

(Inhalt der Gleichheit zu entwickeln. - Beschränkung auf Rechte usw.)

Übrigens ist die abstrakte Gleichheitstheorie auch heute und für eine längere Zukunft noch ein Widersinn. Es wird keinem sozialistischen Proletarier oder Theoretiker einfallen, die abstrakte Gleichheit zwischen sich und einem Buschmann oder Feuerländer, ja nur einem Bauern oder halbfeudalen Landtaglöhner anerkennen zu wollen; und von dem Moment an, wo dies nur auf europäischem Boden überwunden ist, ist auch der abstrakte Gleichheitsstandpunkt überwunden. Mit Einführung der rationellen Gleichheit verliert diese Gleichheit selbst alle Bedeutung. Wenn die Gleichheit jetzt gefordert wird, so geschieht es in Antizipation der damit unter jetzigen historischen Verhältnissen von selbst folgenden intellektuellen und moralischen Ausgleichung. Eine ewige Moral muß aber zu allen Zeiten möglich gewesen sein und es allerorts sein. Das von der Gleichheit zu behaupten, fällt selbst Dühring nicht ein, im Gegenteil, er macht sein Provisorium der Repression, gibt also zu, daß sie keine ewige Wahrheit, sondern historisches Produkt und Attribut bestimmter historischer Zustände ist.

Die Gleichheit des Bourgeois (Abschaffung der Klassenprivilegien) ist sehr verschieden von der des Proletariers (Abschaffung der Klassen selbst). Weiter als diese letzte getrieben, d.h. abstrakt gefaßt, wird die Gleichheit Widersinn. Wie denn auch Herr Dühring schließlich genötigt ist, Gewalt, bewaffnete wie administrative, richterliche und polizeiliche, durch eine Hintertür wieder einzuführen.

So ist die Vorstellung der Gleichheit selbst ein historisches Produkt, zu deren Herausarbeitung die ganze Vorgeschichte nötig, die also nicht von Ewigkeit her als Wahrheit existierte. Daß sie sich jetzt bei der Mehrzahl der Leute - en principe |grundsätzlich| - von selbst versteht, ist keine Wirkung ihrer Axiom- |582| haftigkeit, sondern der Verbreitung der Ideen des 18. Jahrhunderts. Und wenn daher die beiden famosen Männer sich heute auf den Boden der Gleichheit stellen, so kommt das eben daher, daß sie als jebildete Leute des 19. Jahrhunderts vorgestellt werden und ihnen dies »natürlich« ist. Wie sich wirkliche Leute verhalten und verhalten haben, hängt und hing stets von den geschichtlichen Verhältnissen ab, unter denen sie lebten.

 

zu: IX. Moral und Recht. Ewige Wahrheiten, S. 86-88

 

und X. Moral und Recht. Gleichheit, S. 95-100

[Abhängigkeit der Ideen von den gesellschaftlichen Verhältnissen]

Die Vorstellung, als ob die Ideen und Vorstellungen der Menschen ihre Lebensbedingungen schüfen und nicht umgekehrt, wird durch die ganze bisherige Geschichte dementiert, in der stets etwas andres als das Gewollte herauskam, meist im weiteren Verlauf sogar das Gegenteil. Erst in einer mehr oder weniger entfernten Zukunft kann sie sich insofern realisieren, als die Menschen die Notwendigkeit einer durch die sich ändernden Verhältnisse gebotenen Änderung der gesellschaftlichen Verfassung (sit venia verbo |Entschuldigung für das Wort|) vorher erkennen und wollen, ehe sie sich ihnen unbewußt und ungewollt aufzwingt. - Dies gilt auch von den Rechtsvorstellungen, also der Politik (und as far as that goes |soweit es geht|, dieser Punkt unter der »Philosophie« zu behandeln - die »Gewalt« bleibt für die Ökonomie).

zu: XI. Moral und Recht, Freiheit und Notwendigkeit, S. 106/107
(siehe auch: Dritter Abschnitt, V. Staat, Familie, Erziehung, S. 294-296)

Schon die richtige Widerspiegelung der Natur äußerst schwer, Produkt einer langen Erfahrungsgeschichte. Die Naturkräfte dem ursprünglichen Menschen etwas Fremdes, Geheimnisvolles, Überlegnes. Auf einer gewissen Stufe, die alle Kulturvölker durchmachen, assimiliert er sie sich durch Personifikation. Dieser Personifikationstrieb schuf eben überall Götter, und der consensus gentium |die Übereinstimmung der Völker hinsichtlich| des Beweises vom Dasein Gottes beweist eben nur die Allgemeinheit dieses Personifikationstriebs als notwendiger Durchgangsstufe, also auch der Religion. Erst die wirkliche Erkenntnis der Naturkräfte vertreibt die Götter oder den Gott aus einer Position nach der andern |583| (Secchi und sein Sonnensystem). Dieser Prozeß jetzt so weit, daß er theoretisch als abgeschlossen angesehen werden kann.

In Gesellschaftsachen die Widerspiegelung noch schwieriger. Die Gesellschaft wird bestimmt durch die ökonomischen Verhältnisse, Produktion und Austausch, nebst den geschichtlichen Vorbedingungen.

zu: XII. Dialektik. Quantität und Qualität, S. 111-114
(siehe auch: Einleitung, S. 20-23)

Gegensatz - wenn ein Ding mit dem Gegensatz behaftet ist, so befindet es sich mit sich selbst im Widerspruch, und sein Gedankenausdruck ebenfalls. Z.B. daß ein Ding gleichzeitig dasselbe bleibt und sich doch stets verändert, den Gegensatz von »Beharrung« und »Veränderung« an sich hat, ist ein Widerspruch.

 

zu: XIII. Dialektik. Negation der Negation

[Negation der Negation]

Alle indogermanischen Völker fangen an mit dem Gemeineigentum. Bei fast allen wird es im Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung aufgehoben, negiert, durch andre Formen - Privateigentum, feudales Eigentum, etc. - verdrängt. Diese Negation zu negieren, das Gemeineigentum auf einer höhern Entwicklungsstufe wieder herzustellen, ist die Aufgabe der - sozialen Revolution. Oder: die antike Philosophie war ursprünglich naturwüchsiger Materialismus. Aus diesem ging Idealismus, Spiritualismus, Negation des Materialismus hervor, erst in der Gestalt des Gegensatzes von Seele und Leib, dann in der Unsterblichkeitslehre und im Monotheismus. Vermittelst des Christentums wurde dieser Spiritualismus allgemein verbreitet. Die Negation dieser Negation ist - die Reproduktion des alten auf höherer Stufe, der moderne Materialismus, der im wissenschaftlichen Sozialismus seinen theoretischen Abschluß, der Vergangenheit gegenüber, findet ...

Diese natürlichen und historischen Prozesse haben selbstredend ihren Reflex im denkenden Gehirn und reproduzieren sich darin, wie sich dies schon bei den obigen Beispielen von -a × -a etc. zeigt; und grade die höchsten dialektischen Aufgaben lösen sich nur vermittelst dieser Methode.

Nun gibt's aber auch eine Schlechte, unfruchtbare Negation. - Die wahre, natürliche, historische und dialektische Negation ist ja eben das Treibende (formell genommen) aller Entwicklung - die Spaltung in Gegensätze, deren Kampf und Lösung, wobei (in der Geschichte teilweise, im |584| Denken ganz) auf Grund der gewonnenen Erfahrung der ursprüngliche Ausgangspunkt, aber auf höherer Stufe wieder erreicht wird. - Diese unfruchtbare Negation ist die rein subjektive, individuelle, die nicht ein Entwicklungsstadium der Sache selbst, sondern eine von außen hineingetragne Meinung ist. Und da bei ihr nichts herauskommen kann, muß der so Negierende sich in Unfrieden mit der Welt befinden, alles Vorhandene und Geschehene, die ganze historische Entwicklung, griesgrämig bemängeln. Die alten Griechen haben zwar einiges geleistet, aber sie kannten keine Spektralanalyse, keine Chemie, keine Differentialrechnung, keine Dampfmaschine, keine Chausseen, elektrischen Telegraph und Eisenbahn. Was soll man sich noch viel mit den Produkten solcher untergeordneten Leute aufhalten. Alles ist schlecht - soweit ist diese Art Negant Pessimist - bis auf Allerhöchst uns selbst, die wir vollkommen sind, und somit geht unser Pessimismus in unserm Optimismus auf. Und somit haben wir selbst Negation der Negation begangen!

Sogar die Rousseausche Vorstellungsweise von der Geschichte: ursprüngliche Gleichheit - Verderben durch Ungleichheit - Herstellung der Gleichheit auf einer höhern Stufe - ist Negation der Negation.

Idealismus - ideale Auffassung etc. von Dühring fortwährend gepredigt. Wenn wir aus den bestehenden Verhältnissen die Konsequenz für die Zukunft ziehn, wenn wir die positive Seite der in der laufenden Geschichte wirksamen negativen Elemente auffassen und untersuchen - und das tut sogar in seiner Art der philisterhafteste Fortschrittler, selbst der Idealist Lasker - so nennt Dühring das »Idealismus« und zieht draus für sich das Recht, eine phantastische, weil auf Unwissenheit beruhende Zukunftskonstruktion zu machen bis auf den Schulplan. Daß er dabei auch Negation der Negation begeht, übersieht er.

zu: XIII. Dialektik. Negation der Negation, S. 127-129

Negation der Negation und Widerspruch.

Das »Nichts« eines Positiven ist ein bestimmtes Nichts, sagt Hegel.

»Die Differentiale können angesehen und behandelt werden als wirkliche |Hervorhebung von Engels| Nullen, die aber unter sich in einem durch den Stand der grade vorliegenden Frage bestimmten Verhältnis stehen.« Dies sei mathematisch kein Unsinn, sagt Bossut.

|585| 0/0 könne einen sehr bestimmten Wert haben, wenn entstanden durch gleichzeitiges Verschwinden des Zählers und Nenners. Dito 0 : 0 = A : B, wo 0/0 = A/B, also mit dem Wert von A und B wechsle (p. 95, Beispiele). Und ist das kein »Widerspruch«, daß Nullen in Verhältnissen stehn, d.h. nicht nur Wert überhaupt, sondern sogar verschiedne Werte haben könnten, die in Zahlen ausgedrückt werden können? 1 : 2 = 1 : 2; 1 - 1 : 2 - 2 = 1 : 2; 0 : 0 = 1 : 2.

Dühring sagt selbst, daß jene Summationen unbeschränkt kleiner Größen, die höchsten etc. der Mathematik sind, zu deutsch die Integralrechnung. Und wie vollzieht sich diese? Ich habe 2, 3 oder mehr variable Größen, d.h. solche, die bei ihrer Veränderung ein bestimmtes Verhältnis unter sich beobachten. Meinetwegen 2, x und y, und soll eine bestimmte, durch gewöhnliche Mathematik unlösbare Aufgabe lösen, in der x und y fungieren. Ich differenziere x und y, d.h. ich nehme x und y so unendlich klein an, daß sie gegen jede noch so kleine wirkliche Größe verschwinden - daß von

x und y nichts bleibt als ihr gegenseitiges Verhältnis, ohne alle materielle Grundlage, dx/dy ist also = 0/0 , aber 0/0 gesetzt im Verhältnis von x/y . Daß dies Verhältnis zwischen zwei verschwundnen Größen, der fixierte Moment ihres Verschwindens, ein Widerspruch ist, kann uns nicht stören. Was anders also habe ich getan, als daß ich x und y negiert habe, aber nicht so, daß ich mich nicht mehr um sie kümmre, sondern in der der Sache entsprechenden Weise. Statt x und y habe ich ihre Negation, dx und dy, in den mir vorliegenden Formeln oder Gleichungen. Ich rechne nun mit diesen Formeln wie gewöhnlich, behandle dx und dy als ob sie wirkliche Größen wären, und an einem gewissen Punkt - negiere ich die Negation, d.h. integriere die Differentialformel, setze an Stelle von dx und dy die wirklichen Größen x und y und bin damit nicht wieder so weit wie vorher, sondern ich habe damit die Aufgabe gelöst, an der sich die gewöhnliche Geometrie und Algebra vergebens die Zähne ausbeißen.

 

Zum zweiten Abschnitt: Politische Ökonomie

 

zu: II. Gewaltstheorie

Sklaverei, wo sie Hauptform der Produktion, macht die Arbeit zu sklavischer Tätigkeit, also entehrend für Freie. Damit der Ausweg aus einer |586| solchen Produktionsweise verschlossen, während andrerseits die entwickeltere Produktion an der Sklaverei ihre Schranke findet und zu deren Beseitigung gedrängt wird. An diesem Widerspruch geht jede auf Sklaverei gegründete Produktion und die auf ihr gegründeten Gemeinwesen zugrunde. Lösung in den meisten Fällen durch gewaltsame Knechtung der verkommenden Gemeinwesen durch andre, stärkere (Griechenland durch Mazedonien und später Rom); solange diese selbst auf Sklaverei beruhen, wird das Zentrum nur verlegt und der Prozeß auf höherer Stufe wiederholt bis (Rom) endlich ein Volk erobert, das eine andre Produktionsform an die Stelle der Sklaverei setzt. Oder aber die Sklaverei wird durch Zwang oder freiwillig abgeschafft und dann geht die bisherige Produktionsweise zugrunde; an Stelle der großen Kultur tritt Squatterparzellenbau wie in Amerika. Insofern ging auch Griechenland an der Sklaverei zugrunde, wobei noch Aristoteles: daß der Umgang mit Sklaven die Bürger demoralisiert - abgesehn davon, daß sie den Bürgern das Arbeiten unmöglich macht. (Haussklaverei wie im Orient eine andre Sache: hier bildet sie nicht direkt die Grundlage der Produktion, sondern indirekt, als ein Bestandteil der Familie, und sie geht unmerklich in die Familie über (Haremssklavinnen).)

 

zu: III. Gewaltstheorie (Fortsetzung)

Die Dühringsche verwerfliche Geschichte wird beherrscht von der Gewalt. Die wirkliche, fortschreitende [historische Bewegung wird beherrscht] von materiellen Errungenschaften, die bleiben.

 

zu: III. Gewaltstheorie (Fortsetzung)

Und womit wird die Gewalt, die Armee erhalten? Durch Geld. Also sofort wieder abhängig von der Produktion. Vgl. Athens Flotte und Politik. (380-340 [v.u.Z.]) Die Gewalt über die Bundesgenossen scheiterte am Mangel der materiellen Mittel, lange und kräftige Kriege zu führen. Die englischen Subsidien, durch die neue große Industrie geschaffen, schlugen Napoleon.

zu: III. Gewaltstheorie (Fortsetzung)

[Partei und militärische Ausbildung]

Beim Kampf ums Dasein und Dührings Deklamationen gegen Kampf und Waffen hervorzuheben die Notwendigkeit, daß eine revolutionäre Partei auch den Kampf kenne: die Revolution steht ihr möglicherweise einmal bevor; aber nicht gegen den jetzigen militärisch-bürokratischen Staat, das |587| wäre politisch ebenso wahnsinnig, wie Babeufs Versuch, vom Direktorium sofort in den Kommunismus zu springen, ja noch wahnsinniger, denn das Direktorium war doch eine bürgerliche und bäuerliche Regierung. Aber gegen den auf den jetzigen folgenden Bourgeoisstaat kann die Partei zu revolutionären Schritten, zur Wahrung der von der Bourgeoisie selbst gegebnen Gesetze gezwungen werden. Daher die allgemeine Wehrpflicht in unsren Interessen, und sollte von allen benutzt werden, um den Kampf zu lernen, besonders aber von denen, deren Bildung ihnen erlaubt, als einjährige Freiwillige die militärische Bildung zum Offizier sich zu erwerben.

 

zu: IV. Gewaltstheorie (Schluß)

Zur »Gewalt«

Daß die Gewalt auch revolutionär wirkt, und zwar in allen entscheidenden »kritischen« Epochen wie beim Übergang zur Sozialität und da auch nur als Notwehr gegen reaktionäre auswärtige Feinde, anerkannt. Aber die bei Marx dargestellte Umwälzung des 16. Jahrhunderts in England hatte auch ihre revolutionäre Seite, sie war eine Grundbedingung der Verwandlung des feudalen Grundbesitzes in bürgerlichen und der Entwicklung der Bourgeoisie. Die französische Revolution 1789 wandte ebenfalls bedeutend Gewalt an, der 4. August sanktionierte bloß die Gewalthandlungen der Bauern und wurde ergänzt durch die Konfiskation der adligen und kirchlichen Güter. Die Gewalteroberung, der Germanen, die Gründung von Eroberungsreichen, wo das Land und nicht die Stadt herrschte (wie im Altertum), war begleitet - und eben aus diesem letzteren Grund - mit Verwandlung der Sklaverei in die leichtere Leibeigenschaft resp. Hörigkeit (im Altertum Latifundien begleitet von Verwandlung von Ackerland in Viehweide).

 

zu: IV. Gewaltstheorie (Schluß)

[Gewalt, Gemeineigentum, Ökonomie und Politik]

Als die Indogermanen nach Europa einwanderten, verdrängten sie die Urbewohner mit Gewalt und bebauten das Land mit Gemeindebesitz. Bei Kelten, Germanen und Slawen dies letztere noch historisch nachweisbar, und bei Slawen, Germanen und selbst Kelten (rundale) existiert es noch, selbst unter der Form direkter (Rußland) oder indirekter Hörigkeit (Irland). Die Gewalt hörte auf, sobald die Lappen und Basken vertrieben. Nach innen herrschte Gleichheit oder resp. freiwillig zugestandene Bevorzugung, Da, wo aus dem Gemeineigentum das Privateigentum der einzelnen |588| Bauern am Boden entstand, vollzog sich bis zum 16. Jahrhundert diese Teilung rein spontan unter den Gemeindegliedern, sie erfolgte meist ganz allmählich und Reste von Gemeinbesitz blieben sehr gewöhnlich. Von Gewalt war keine Rede, diese richtete sich erst gegen die Reste (England 18. und 19., Deutschland hauptsächlich 19. Jahrhundert). Irland ist ein besondrer Fall. Dies Gemeineigentum hat in Indien und Rußland unter den verschiedensten Gewaltseroberungen und Despotismen ruhig fortbestanden und seine Basis gebildet. Rußland ein Beweis, wie die Produktionsverhältnisse die politischen Gewaltsverhältnisse bestimmen. Bis Ende des 17. Jahrhunderts der russische Bauer wenig gedrückt, freizügig, kaum hörig. Der erste Romanow band die Bauern an die Scholle. Mit Peter fing der auswärtige Handel Rußlands an, das nur Ackerbauprodukte auszuführen hatte. Damit die Bedrückung der Bauern, die in demselben Verhältnis stieg wie die Ausfuhr, um derentwillen sie erfolgte, bis Katharina diese Bedrückung vollständig machte und die Gesetzgebung abschloß. Diese Gesetzgebung erlaubte aber den Gutsbesitzern, die Bauern immer mehr zu schinden, so daß der Druck mehr und mehr stieg.

 

zu: IV. Gewaltstheorie (Schluß)

Wenn die Gewalt die Ursache der sozialen und politischen Zustände was denn die Ursache der Gewalt? Die Aneignung fremder Arbeitsprodukte und fremder Arbeitskraft. Die Gewalt konnte den Verzehr der Produkte ändern, aber nicht die Produktionsweise selbst, sie konnte nicht Fronarbeit in Lohnarbeit verwandeln, es sei denn, daß die Bedingungen dazu vorhanden und die Fronform eine Fessel der Produktion geworden.

 

 

zu: IV. Gewaltstheorie (Schluß)

Bisher Gewalt - von jetzt an Sozialität. Reiner frommer Wunsch, Forderung der »Gerechtigkeit«. Aber schon Th. Morus hat diese Forderung vor 350 Jahren gestellt, ohne daß sie erfüllt. Weshalb sollte sie denn jetzt erfüllt werden? Dühring hat keine Antwort. In Wirklichkeit, die große Industrie stellt die Forderung nicht als eine der Gerechtigkeit, sondern als Notwendigkeit der Produktion auf, und das ändert alles.

 

Zum dritten Abschnitt: Sozialismus

 

zu: I. Geschichtliches

|589| Fourier (»Nouveau monde industriel et sociétaire«).

Element der Ungleichheit: »da der Mensch instinktiv ein Feind der Gleichheit ist« [p.] 59.

»Dieser Betrugsmechanismus, den man Zivilisation nennt«, 81.

»Man sollte es vermeiden, sie« (die Frauen), »wie es bei uns üblich ist, auf undankbare Aufgaben, auf Bedientenrollen zu beschränken, die ihnen von der Philosophie zugewiesen werden, welche behauptet, daß eine Frau nur dazu geschaffen ist, die Töpfe zu waschen und alte Hosen zu flicken«, 141.

»Gott hat die Arbeit in der Manufaktur mit einer Dosis von Anziehungskraft bedacht, die nur einem Viertel der Zeit entspricht, welche der gesellschaftliche Mensch der Arbeit widmen kann.« Der Rest soll daher dem Ackerbau, der Viehzucht, der Küche, den industriellen Armeen gehören. 152,

»Die zärtliche Moral, die gütige und reine Freundin des Handels«, 161. »Kritik der Moral« 162 ff.

In der heutigen Gesellschaft »im zivilisierten Mechanismus«, herrscht »Doppelseitigkeit des Handelns, Gegensatz zwischen dem individuellen und kollektiven Interesse«; es ist »ein allgemeiner Kampf der Individuen gegen die Massen. Und da wagen es unsere politischen Wissenschaften von Aktionseinheit zu sprechen!« 172.

»Weil die Modernen die Theorie der Ausnahmen oder Übergänge, die Theorie der Bastarde nicht kannten, sind sie überall im Studium der Natur gescheitert.« (Beispiel des »Bastards: die Quitte, die Nektarine, der Aal, die Fledermaus etc.«) 191.

Zweiter Teil

[Zu der Behauptung von Dühring, »daß die Willensbetätigung, vermöge deren die Vereinigungsgebilde der Menschen geschaffen werden, an sich selbst unter Naturgesetzen stehen«:]

Also von historischer Entwicklung keine Rede. Bloßes ewiges Naturgesetz. Alles ist Psychologie und diese leider noch weit »rückständiger« als die Politik.

|590| [In unmittelbarem Zusammenhang mit den Dühringschen Ausführungen über Sklaverei, Lohnhörigkeit und Gewalteigentum als »sozial-ökonomische Verfassungsformen echt politischer Natur«:]

Immer der Glaube, daß die Ökonomie nur ewige Naturgesetze habe, alle Änderung und Fälschung durch die böse Politik gemacht.

In der ganzen Gewalttheorie also soviel richtig, daß bisher alle Gesellschaftsformen zu ihrer Erhaltung Gewalt nötig hatten und sogar teilweise gewaltsam eingeführt worden. Diese Gewalt, in ihrer organisierten Form, heißt Staat. Wir haben hier also die Trivialität, daß, sowie die Menschen sich über die rohesten Zustände erhoben, überall Staaten existiert haben, und um das zu wissen, hat die Welt nicht auf Dühring gewartet. - Nun ist aber Staat und Gewalt grade das allen bisherigen Gesellschaftsformen Gemeinsame, und wenn ich z.B. die orientalischen Despotismen, die antiken Republiken, die mazedonischen Monarchien, das römische Kaisertum, den Feudalismus des Mittelalters dadurch erkläre, daß sie alle auf Gewalt beruhn, so habe ich noch gar nichts erklärt. Die verschiednen sozialen und politischen Formen müssen also nicht durch die Gewalt, die ja stets dieselbe, sondern durch dasjenige erklärt werden, worauf die Gewalt angewandt wird, auf das, was geraubt wird - die Produkte und Produktivkräfte der jedesmaligen Epoche und deren aus ihnen selbst hervorgehende Disposition. Und da würde man finden, daß der orientalische Despotismus auf dem Gemeineigentum, die antiken Republiken auf den ackerbautreibenden Städten, das römische Kaiserreich auf den Latifundien, der Feudalismus auf der Herrschaft des Landes über die Stadt, die ihre materiellen Gründe hatte, beruhn etc.

[Engels zitiert folgende Ausführungen Dührings: »Die Naturgesetze der Wirtschaft werden in aller Strenge erst dadurch gewonnen, daß man die Wirkungen der Staats- und Gesellschaftseinrichtungen (!) und namentlich diejenigen des mit Lohnhörigkeit verknüpften Gewalteigentums in Gedanken ausmerzt und sich hütet, die letzteren als Notwendigkeiten der bleibenden Natur (!) des Menschen anzusehn ...«

Auf diese Ausführungen Dührings beziehen sich die folgenden Bemerkungen:]

Die Naturgesetze der Wirtschaft werden also nur dann entdeckt, wenn man von aller bisherigen Wirtschaft abstrahiert, sie haben bisher nie ungefälscht agiert! - Bleibende Natur des Menschen - vom Affen bis Goethe!

Dühring soll mit dieser Theorie der »Gewalt« erklären, woher es so kommt, daß überall und von jeher die Majorität aus Vergewaltigten, die Minderzahl aus Gewalthabern bestand. Das ist an sich schon Beweis, daß das Gewaltsverhältnis in den ökonomischen Bedingungen begründet, die man nicht so einfach auf politischem Wege umwerfen kann.

|591| Bei Dühring wird Rente, Profit, Zins, Arbeitslohn nicht erklärt, sondern gesagt, die Gewalt habe das so gemacht. Woher aber die Gewalt? Non est. |Wird nicht gesagt.|

Gewalt macht Besitz und Besitz ökonomische Macht. Also Gewalt = Macht.

Marx hat im »Kapital« (Akkumulation) bewiesen, wie die Gesetze der Warenproduktion auf einer gewissen Stufe der Entwicklung die kapitalistische Produktion mit allen ihren Schikanen notwendig hervorbringen, und daß dazu gar keine Gewalt nötig ist. |Siehe S. 151|

Wenn Dühring die politische Aktion als letzte Entscheidungsmacht der Geschichte ansieht und tut, als wäre das was Neues, so sagt er doch nur, was alle bisherigen Geschichtsschreiber sagten, für die auch die sozialen Formen lediglich durch die politischen, nicht durch die Produktion bestimmt werden.

C'est trop bon! |Das ist zuviel des Guten!| Die ganze Freihandelsschule von Smith an, ja die ganze vormarxsche Ökonomie sieht in den ökonomischen Gesetzen, soweit sie sie verstehn, »Naturgesetze« und behauptet, daß deren Wirkung vom Staat, von den »Wirkungen der Staats- und Gesellschaftseinrichtungen« gefälscht werden!

Übrigens diese ganze Theorie bloß ein Versuch, den Sozialismus auf Carey zu begründen: die Ökonomie ist an sich harmonisch, der Staat mit seiner Einmischung verdirbt alles.

Komplement der Gewalt ist die ewige Gerechtigkeit, sie erscheint p. 282.

[Die Ansichten Dührings, die er bei seiner Kritik an Smith, Ricardo und Carey entwickelt, werden von Engels wie folgt charakterisiert: »Die Produktion sei in ihrer abstraktesten Form ganz gut an einem Robinson zu studieren, die Verteilung an 2 auf einer Insel alleinstehenden Menschen, wobei man sich ja alle Zwischenstufen von vollständiger Gleichheit bis zum vollendeten Gegensatz von Herr und Sklave denken könne ...« Engels zitiert folgenden Satz Dührings: »Der wirklich in letzter Instanz für die Verteilungslehre maßgebende Standpunkt ist aber nur mit der ernstlich sozialen (!) Betrachtung zu gewinnen ...«]

Also man abstrahiert erst aus der wirklichen Geschichte die verschiednen Rechtsverhältnisse und trennt sie von der historischen Grundlage, |592| auf der sie entstanden sind und allein einen Sinn haben, und überträgt sie auf 2 Individuen: Robinson und Freitag, wo sie natürlich ganz willkürlich erscheinen. Nachdem man sie so auf die reine Gewalt reduziert, überträgt man sie wieder in die wirkliche Geschichte und beweist damit, daß auch hier alles auf bloßer Gewalt beruht. Daß die Gewalt auf ein materielles Substrat angewandt werden muß und es sich grade darum handelt nachzuweisen, woher dies entstanden, rührt Dühring nicht.

[Engels zitiert folgende Stelle aus Dührings »Cursus der National- und Socialökonomie«: »Die allen volkswirtschaftlichen Systemen gemeinsame Überlieferung sieht in der Verteilung nur einen sozusagen laufenden Hergang, welcher sich auf eine als fertiges Gesamterzeugnis vorgestellte Produktenmasse bezieht, ... eine tiefere Grundlegung hat vielmehr diejenige Verteilung ins Auge zu fassen, welche sich auf die ökonomischen oder ökonomisch wirksamen Rechte selbst und nicht bloß auf die laufenden und sich häufenden Konsequenzen dieser Rechte bezieht.«]

Einleitung und Gewalt[stheorie-Kapitel in Dührings »Cursus der National- und Socialökonomie«].

Also die Untersuchung der Verteilung der laufenden Produktion genügt nicht.

Bodenrente setzt Grundbesitz, Profit Kapital, Arbeitslohn besitzlose Arbeiter, Eigner bloßer Arbeitskraft voraus. Man soll also untersuchen, woher dies kommt. Soweit dies ihn anging, für Kapital und besitzlose Arbeitskraft, hat Marx dies im I. Bande getan, die Untersuchung des Ursprungs des modernen Grundeigentums gehört zu der der Grundrente, also in seinen II. Band - Dührings Untersuchung und geschichtliche Begründung beschränkt sich auf das eine Wort: Gewalt! Hier schon direkte mala fides |böswillige Absicht|. Wie D[ühring] das große Grundeigentum erklärt siehe: Reichtum und Wert; dies besser hierherzuziehn.

Also die Gewalt macht die ökonomischen, politischen etc. Lebensbedingungen einer Epoche, eines Volks etc. Wer aber macht die Gewalt? Die organisierte Gewalt ist vor allem die Armee. Und nichts hängt mehr von den ökonomischen Bedingungen ab als grade die Zusammensetzung, Organisation, Bewaffnung, Strategie und Taktik einer Armee. Die Grundlage die Bewaffnung, und diese wieder direkt abhängig von der Produktionsstufe. Stein-, Bronze-, Eisenwaffen, Panzer, Reiterei, Schießpulver und nun gar die enorme Umwälzung, die die große Industrie im Krieg hervorgebracht durch gezogne Hinterlader und Artillerie - Produkte, die nur die |593| große Industrie mit ihren gleichmäßig arbeitenden und fast absolut identische Produkte erzeugenden Maschinen herstellen konnte. Von der Bewaffnung hängt wieder die Zusammensetzung und Organisation, die Strategie und Taktik ab. Letztere auch von der Wegbarkeit - die Anlage und Erfolge der Schlacht bei Jena bei den jetzigen Chausseen unmöglich - und nun gar die Eisenbahnen! Grade die Gewalt also steht unter der Herrschaft der vorgefundenen Produktionsbedingungen mehr als alles andre, und das hat selbst Hauptmann Jähns eingesehn. (»K[ölnische] Z[eitung]«, Machiavelli etc.)

Dabei besonders hervorzuheben die moderne Kriegführung von der Bajonettflinte bis auf den Hinterlader, wo nicht der Mann mit dem Säbel die Sache macht, sondern die Waffe; Linie, Kolonne bei schlechten Truppen, aber gedeckt durch Tirailleure (Jena contra Wellington) und endlich die allgemeine Auflösung in Schützen und Verwandlung des langsamen Schritts in Laufschritt.

[Nach Dühring ist »die geschickte Hand- oder Kopf als ein der Gesellschaft gehöriges Produktionsmittel, als eine Maschine zu betrachten, deren Produktion der Gesellschaft gehört«.]

Aber die Maschine setzt nicht Wert zu, die geschickte Hand aber doch! Das ökonomische Wertgesetz wird also, quant à cela |was dies anbelangt|, verboten, obwohl es bleiben soll.

[Zu Dührings Konzeption über die »politisch juristische Grundlage der ganzen Sozialität«:]

Damit gleich der idealistische Maßstab angelegt. Nicht die Produktion selbst, das Recht.

[Über die Dühringsche »Wirtschaftskommune« und das in ihr herrschende System der Arbeitsteilung, der Verteilung, des Austauschs und das Geldsystem:]

Also auch Ablohnung des einzelnen Arbeiters durch die Gesellschaft.

Also auch Schatzbildung, Wucher, Kredit und alle Folgen bis zur Geldkrise und Geldnot. Das Geld sprengt die wirtschaftliche Kommune ebenso notwendig wie es in diesem Augenblick die russische Kommune zu sprengen auf dem besten Wege ist und die Familienkommune, sobald es den Verkehr der einzelnen Glieder vermittelt.

[Engels zitiert folgenden Satz Dührings: »Wirkliche Arbeit in irgendeiner Form ist also das Naturgesetz gesunder Gestaltungen« und fügt in Klammern hinzu: »(wonach alle bisherigen ungesund) ... «

|594| Zu dieser Darlegung Dührings:]

Entweder ist hier Arbeit als ökonomische, materiell produktive Arbeit gefaßt, und dann ist der Satz Unsinn und paßt nicht auf die ganze vergangne Geschichte. Oder Arbeit ist in einer allgemeineren Form gefaßt, worin jede Art der in einer Periode nötigen oder brauchbaren Tätigkeit, Regieren, Richten, Waffenüben, darunter verstanden wird, und dann ist er wieder ein heillos aufgeblähter Gemeinplatz und gehört nicht in die Ökonomie. Den Sozialisten aber mit diesem alten Kram imponieren wollen, indem man ihn »Naturgesetz« tauft, ist a trifle impudent |ein wenig unverschämt|.

[Zu Dührings Schilderung über den Zusammenhang zwischen Raub und Reichtum:]

Hier die ganze Methode. Jedes ökonomische Verhältnis zuerst unter dem Gesichtspunkt der Produktion aufgefaßt, abgesehn von aller geschichtlichen Bestimmung. Daher kann nur das Allerallgemeinste gesagt werden, und will Dühring darüber hinausgehn, so muß er die bestimmten historischen Verhältnisse einer Epoche nehmen, also aus der abstrakten Produktion herausfallen und Konfusion machen. Dann wird dasselbe ökonomische Verhältnis unter dem Gesichtspunkt der Verteilung gefaßt, d.h. die bisherige historische Gestaltung auf die Phrase: Gewalt reduziert und sich dann über die bösen Folgen der Gewalt entrüstet. Wohin wir damit kommen, werden wir bei den Naturgesetzen sehn.

[Zu Dührings Behauptung, daß zur Führung einer Wirtschaft in großem Maßstab »Sklaverei« oder »Leibeigenschaft« notwendig sei:]

Also: 1. Die Weltgeschichte fängt mit dem großen Grundeigentum an! Die Bodenkultur auf großen Strecken ist identisch mit der Kultur durch große Grundbesitzer! Der Boden Italiens, der von den Latifundiern in Viehweide verwandelt, lag vorher öde! Die Nordstaaten Amerikas haben sich nicht durch freie Bauern so enorm ausgedehnt, sondern durch Sklaven, Hörige etc.!

Wieder der mauvais calembour |(das) schlechte Wortspiel|: »Bewirtschaftung in größeren Strecken« soll = Urbarmachung derselben gelten, wird aber sogleich = Bewirtschaftung auf großem Maßstabe = großes Grundeigentum genommen! Und in diesem Sinne welche enorm neue Entdeckung, daß, wenn einer mehr Land besitzt, als er und Familie bebauen kann, er ohne fremde Arbeit es nicht alles bebauen könne! Dabei ist die Bewirtschaftung durch Hörige ja nicht die Bewirtschaftung größerer Strecken, sondern von Parzellen und die |595| Bewirtschaftung stets älter als die Hörigkeit (Rußland, die flämischen, holländischen und friesischen Kolonien in der slawischen Mark, s. Langethal), die ursprünglich freien Bauern werden hörig gemacht, werden es stellenweise selbst formell freiwillig.

[Zur Behauptung Dührings, daß die Größe des Werts von der Größe des Naturhindernisses abhängig sei, das sich der Befriedigung der Bedürfnisse entgegenstemmt und das »sie zu größeren oder geringeren Ausgaben an wirtschaftlicher Kraft (!) nötigt«:]

Überwindung des Widerstandes - aus der mathematischen Mechanik herübergenommene Kategorie, die absurd wird in der Ökonomie. Ich spinne, webe, bleiche, drucke nacheinander Baumwolle, heißt jetzt: ich überwinde den Widerstand der Baumwolle gegen das Gesponnenwerden, des Garns gegen das Gewebtwerden, des Gewebes gegen das Gebleicht- und Gedrucktwerden. Ich mache eine Dampfmaschine, heißt: ich überwinde den Widerstand des Eisens gegen die Verwandlung in eine Dampfmaschine. Ich drücke die Sache auf einem hochtrabenden Umweg aus, der nichts hinzufügt als Schiefheit. Aber - ich kann damit den Verteilungswert, wo auch angeblich ein Widerstand zu überwinden ist, hereinziehn. Drum auch!

[Zu den Worten Dührings: »Der Verteilungswert ist rein und ausschließlich nur da vorhanden, wo die Verfügungsmacht über unproduzierte Dinge oder (!), gewöhnlicher geredet, diese« (unproduzierten!) »Dinge selbst gegen Leistungen oder Sachen von wirklichem Produktionswert ausgewechselt werden«:]

Was ist ein unproduziertes Ding? Der modern kultivierte Boden? oder soll es heißen Dinge, die der Eigentümer nicht selbst produziert hat? Aber dazu der Gegensatz von »wirklichem Produktionswert«. Der folgende Satz zeigt, daß es wieder ein mauvais calembour ist. Naturgegenstände, die nicht produziert worden, werden zusammengeworfen mit »ohne Gegenleistung angeeigneten Wertbestandteilen«.

[Dühring behauptet, daß alle menschlichen Einrichtungen und Tatsachen unverbrüchlich determiniert, aber durchaus nicht »in allen Hauptzügen gleich dem äußeren Naturspiel praktisch unabänderlich«:]

Also Naturgesetz ist's und bleibt's.

Daß die Gesetze der Ökonomie in aller bisherigen plan- und zusammenhangslosen Produktion den Menschen als objektive Gesetze, über die sie keine Macht haben, entgegentreten, also in Form von Naturgesetzen, davon kein Wort.

[Über Dührings »Grundgesetz aller Ökonomie«: »Die Produktivität der wirtschaftlichen Mittel, Naturhülfsquellen und Menschenkraft, wird durch Erfindungen und Ent- |596| deckungen gesteigert, und zwar geschieht dies ganz abgesehn von der Verteilung, die als solche immerhin erhebliche Veränderungen erfahren oder verursachen mag, aber das Gepräge (!) des Hauptergebnisses nicht bestimmt«:]

Dieser Schlußsatz: und zwar etc., fügt dem Gesetz nichts Neues hinzu, denn wenn das Gesetz wahr ist, so kann die Verteilung nichts dran ändern, und es ist also überflüssig zu sagen, daß es für jede Verteilungsform richtig ist - sonst wäre es ja kein Naturgesetz. Er ist aber bloß zugesetzt, weil Dühring sich doch schämte, das ganze nackte Gesetz so nackt in seiner Plattheit hinzustellen. Zudem ist er widersinnig, denn wenn die Verteilung immerhin erhebliche Veränderungen verursachen mag, so kann nicht von ihr »ganz abgesehn« werden. Wir streichen ihn also und erhalten dann das Gesetz pür und simple - das Fundamentalgesetz der ganzen Ökonomie.

Dies ist aber noch nicht platt genug. Wir werden belehrt:

[Engels führt weitere Auszüge aus dem Buche Dührings »Cursus der National- und Socialökonomie« an.]

[Dühring behauptet, daß der wirtschaftliche Fortschritt nicht von der Summe der Produktionsmittel, »sondern nur von dem Wissen und den allgemeinen technischen Verfahrungsarten« abhängig sei, und dieses »zeigt sich auch sogleich« nach der Meinung Dührings, wenn man »das Kapital in seinem natürlichen Sinn als Instrument der Produktion versteht«]

Die im Nil liegenden Dampfpflüge der Khedive und die in Schuppen nutzlos stehenden Dreschmaschinen etc. der russischen Adligen beweisen das. Auch der Dampf etc. hat seine historischen Vorbedingungen, die zwar verhältnismäßig leicht zu schaffen sind, aber doch geschaffen werden müssen. Aber Dühring ist ganz stolz darauf, daß er damit jenen Satz, der einen ganz andern Sinn hat, so weit heruntergebracht hat, daß diese »Idee mit unserem an die Spitze gestellten Gesetz zusammenfällt«, p. 71. Die Ökonomen dachten sich doch noch etwas Reelles bei diesem Gesetz. Dühring hat es auf die äußerste Plattheit reduziert..

[Zu der Dühringschen Formulierung des Naturgesetzes der Arbeitsteilung: »Die Spaltung der Berufszweige und die Zerlegung der Tätigkeiten erhöht die Produktivität der Arbeit«:]

Diese Formulierung falsch, da sie nur für die bürgerliche Produktion richtig und die Teilung der Berufsarten auch da schon Schranke der Produktion wird durch Verkrüpplung und Verknöcherung der Individuen, aber künftig ganz fortfallend. Wir sehn hier schon, daß diese Teilung der Berufsarten in heutiger Weise für Dühring etwas Permanentes ist, auch für die Sozialität.

 

 

 

 

Marx - Engels

 

DEUTSCH