DEUTSCH

Friedrich Engels

Zur Urgeschichte der Deutschen

Geschrieben 1881/1882.
Nach der Handschrift.

MEW, Band 19, S. 425-473.

 

Cäsar und Tacitus
Die ersten Kämpfe mit Rom
Fortschritte bis zur Völkerwanderung
Anmerkung: Die deutschen Stämme

 

Cäsar und Tacitus

|425| Die Deutschen sind keineswegs die ersten Bewohner des jetzt von ihnen eingenommenen Landes.(1) Wenigstens drei Racen sind ihnen vorhergegangen.

Die ältesten Spuren des Menschen in Europa finden sich in einigen Schichten Südenglands, deren Alter bis jetzt nicht genau festzustellen ist, die aber wahrscheinlich zwischen die beiden Vergletscherungsperioden der sog, Eiszeit fallen.

Nach der zweiten Gletscherperiode, mit dem allmählich wärmer werdenden Klima, tritt der Mensch über ganz Europa, Nordafrika und Vorderasien bis nach Indien hinein auf, in Gemeinschaft mit den ausgestorbenen großen Dickhäutern (Mammut, gradzahniger Elefant, wolliges Rhinozeros) und Raubtieren (Höhlenlöwe, Höhlenbär) wie mit noch lebenden Tieren (Renntier, Pferd, Hyäne, Löwe, Bison, Auerochs). Die dieser Zeit angehörigen Werkzeuge weisen auf eine sehr niedrige Kulturstufe hin: ganz rohe Steinmesser, birnförmige, steinerne Hacken oder Äxte, die ohne Stiel gebraucht wurden, Schabmesser zum Reinigen von Tierhäuten, Bohrer, alles von Feuerstein, etwa die Entwicklungsstufe der jetzigen Eingebornen Australiens andeutend. Die bis jetzt gefundenen Knochenreste erlauben keinen Schluß auf den Körperbau dieser Menschen, deren weite Verbreitung und überall gleichförmige Kultur auf eine sehr lange Dauer dieser Periode schließen läßt.

Was aus diesen frühpaläolithischen Menschen geworden, wissen wir nicht. In keinem der Länder, wo sie aufgetreten, auch in Indien nicht, sind Menschenracen erhalten, die als ihre Vertreter in der heutigen Menschheit gelten können.

In den Höhlen Englands, Frankreichs, der Schweiz, Belgiens und Süd- |426| deutschlands finden sich die Werkzeuge dieser untergegangenen Menschen meist nur in den untersten Schichten des abgelagerten Bodens. Über dieser untersten Kulturschicht, und häufig von ihr getrennt durch eine dickere oder dünnere Lage Tropfstein, findet sich eine zweite, Werkzeuge führende Ablagerung. Diese, einem späteren Zeitabschnitt angehörigen Werkzeuge sind bereits weit geschickter gearbeitet und auch in ihrem Material mannigfacher. Die Steininstrumente sind zwar noch nicht poliert, aber doch schon zweckmäßiger in Anlage und Ausführung; daneben finden sich Pfeil- und Speerspitzen von Stein, Renntierhorn, Knochen; Dolche und Nähnadeln von Bein oder Geweih, Halsgeschmeide von durchbohrten Tierzähnen etc. Auf einzelnen Stücken finden wir teilweise sehr lebendige Zeichnungen von Tieren, Renntieren, Mammut, Auerochse, Seehund, Walfisch, auch Jagdszenen mit nackten Menschen, selbst Anfänge von Skulptur in Horn.

Treten die frühpaläolithischen Menschen in Begleitung von Tieren auf, die vorwiegend südlicher Herkunft waren, so erscheinen neben den spätpaläolithischen Tiere nordischen Ursprungs: zwei noch lebende nordische Bärenarten, der Polarfuchs, Vielfraß, die Schnee-Eule. Mit diesen Tieren sind auch diese Menschen wahrscheinlich von Nordosten her eingewandert, und ihre letzten Reste in der heutigen Welt scheinen die Eskimos zu sein. Die Werkzeuge beider stimmen nicht nur im einzelnen, sondern auch in der Gesamtgruppe vollständig zusammen; die Zeichnungen ebenfalls; die Nahrung beider wird von fast genau denselben Tieren geliefert; die Lebensweise, soweit wir sie für die untergegangene Race feststellen können, stimmt genau zusammen.

Auch diese Eskimos, die bis jetzt nur nördlich von den Pyrenäen und Alpen nachgewiesen, sind vom europäischen Boden verschwunden. Wie die amerikanischen Rothäute noch im vorigen Jahrhundert die Eskimos durch einen unerbittlichen Vernichtungskrieg nach dem äußersten Norden zurückdrängten, so scheint auch in Europa die nun auftretende neue Race sie allmählich zurückgetrieben und endlich ausgerottet zu haben, ohne sich mit ihnen zu vermischen.

Diese neue Race kam, wenigstens im westlichen Europa, von Süden; sie drang wahrscheinlich von Afrika nach Europa zur Zeit, wo beide Weltteile sowohl bei Gibraltar wie bei Sizilien noch durch Land verbunden waren. Sie stand auf einer bedeutend höheren Kulturstufe als ihre Vorgänger. Sie kannte den Ackerbau; sie hatte Haustiere (Hund, Pferd, Schaf, Ziege, Schwein, Rindvieh). Sie kannte die Handtöpferei, das Spinnen und Weben. Ihre Werkzeuge waren zwar noch von Stein, aber schon mit großer Sorgfalt gearbeitet und meistenteils glatt geschliffen (sie werden als neo- |427| lithische von denen der früheren Perioden unterschieden). Die Äxte haben Stiele und werden damit zum ersten Mal zum Holzfällen brauchbar; damit wird es möglich, Baumstämme zu Booten auszuhöhlen, auf denen man zu den jetzt durch allmähliche Bodensenkung vom Festland getrennten britischen Inseln überfahren konnte.

Im Gegensatz zu ihren Vorgängern bestatteten sie ihre Toten sorgfältig; es sind uns daher Skelette und Schädel genug erhalten, um über ihren Körperbau urteilen zu können. Die langen Schädel, die kleine Statur (Durchschnitt der Weiber etwa 1,46, der Männer 1,65 Meter), die niedrige Stirn, die Adlernase, die starken Brauen und schwachen Backenknochen und mäßig entwickelten Kinnbacken weisen auf eine Race hin, als deren letzte heutige Vertreter die Basken erscheinen. Die neolithischen Einwohner nicht nur Spaniens, sondern auch Frankreichs, Britanniens und des ganzen Gebiets mindestens bis an den Rhein, sind nach aller Wahrscheinlichkeit iberischer Race gewesen. Auch Italien wurde vor Ankunft der Arier von einer ähnlichen kleinen, schwarzhaarigen Race bewohnt, über deren nähere oder entferntere Verwandtschaft zu den Basken heute schwer zu entscheiden ist.

Virchow verfolgt diese langen Baskenschädel bis tief nach Norddeutschland und Dänemark hinein; und die ältesten neolithischen Pfahlbauten des nördlichen Alpenabhangs gehören ihnen ebenfalls an.

Andrerseits erklärt Schaaffhausen eine Reihe nächst des Rheins gefundener Schädel für entschieden finnisch, speziell lappisch, und kennt die älteste Geschichte als nördliche Grenznachbarn der Deutschen in Skandinavien, der Litauer und Slawen in Rußland nur Finnen. Diese beiden kleinen, dunkelhaarigen Racen, die eine von jenseits des Mittelmeers, die andre direkt aus Asien nördlich vom Kaspischen Meer her eingewandert, scheinen hiernach in Deutschland zusammengestoßen zu sein. Unter welchen Umständen, bleibt vollständig im dunkeln.

Auf diese verschiednen Einwanderungen folgt endlich, auch noch in vorgeschichtlicher Zeit, die des letzten großen Hauptstamms, der Arier, der Völker, deren Sprachen sich um die altertümlichste unter ihnen, um das Sanskrit, gruppieren. Die frühesten Einwanderer waren die Griechen und Lateiner, die die beiden südöstlichen Halbinseln Europas in Besitz nahmen; daneben wohl die jetzt verschollenen Skythen, Bewohner der Steppen nördlich des Schwarzen Meers, dem medisch-persischen Stamm wohl zunächst verwandt. Dann folgten die Kelten. Von ihrem Wanderzug wissen wir nur, daß er nördlich des Schwarzen Meers erfolgte und durch Deutschland ging. Ihre vordersten Massen drangen nach Frankreich, eroberten das Land |428| bis an die Garonne und unterwarfen selbst einen Teil des westlichen und mittleren Spaniens. Das Meer hier, der Widerstand der Iberer dort brachte sie zum Stehen, während hinter ihnen von beiden Seiten der Donau her andre keltische Stämme noch nachdrängten. Hier, am äußersten Ozean und an den Donauquellen, kennt sie Herodot. Sie müssen aber schon bedeutend früher eingewandert sein. Die Gräber und sonstigen Funde aus Frankreich und Belgien beweisen, daß die Kelten, als sie das Land in Besitz nahmen, noch keine metallnen Werkzeuge kannten; dagegen treten sie in Britannien von Anfang an mit Bronzewerkzeugen auf. Zwischen der Eroberung Galliens und dem Zug nach Britannien muß also eine gewisse Zeit verflossen sein, während deren die Kelten durch Handelsverbindungen mit Italien und Marseille die Bronze kennenlernten und bei sich einführten.

Inzwischen drängten die hinteren Keltenvölker, selbst von den Deutschen gedrängt, immer stärker nach; vorn waren die Auswege versperrt, und so entstand ein Rückstrom in südöstlicher Richtung, wie wir ihn später bei den germanischen und slawischen Völkerzügen wiederfinden. Keltenstämme überstiegen die Alpen, überzogen Italien, die thrakische Halbinsel und Griechenland und fanden teils ihren Untergang, teils feste Sitze in der Po-Niederung und in Kleinasien. Die Masse des Stammes finden wir um jene Zeit (-400 bis -300 (2)) in Gallien bis zur Garonne, in Britannien und Irland und nördlich der Alpen, zu beiden Seiten der Donau, bis an den Main und das Riesengebirge, wo nicht darüber hinaus. Denn, wenn auch die keltischen Berg- und Flußnamen in Norddeutschland weniger häufig und unbestritten sind als im Süden, so ist doch nicht anzunehmen, daß die Kelten den schwierigeren Weg durch das gebirgige Süddeutschland allein gewählt haben sollen, ohne zugleich den bequemeren durch die offene norddeutsche Ebene zu benutzen.

Die keltische Einwanderung verdrängte die vorgefundnen Einwohner nur zum Teil; namentlich im Süden und Westen Galliens machten diese auch jetzt noch die Mehrzahl der Bevölkerung aus, wenn auch als unterdrückte Race, und haben der jetzigen Bevölkerung ihren Körperbau vererbt. Daß sowohl Kelten wie auch Germanen in ihren neuen Sitzen über eine vorgefundne dunkelhaarige Bevölkerung herrschten, geht aus der bei beiden bestehenden Sitte des Gelbfärbens der Haare mit Seife hervor. Helles Haar war Zeichen der herrschenden Race, und wo dies infolge von Racenmischung verlorenging, da mußte eben die Seife nachhelfen.

|429| Den Kelten folgten die Deutschen; und hier können wir den Zeitpunkt der Einwanderung wenigstens annähernd mit einiger Wahrscheinlichkeit bestimmen. Sie begann schwerlich lange vor dem Jahre -400 und war zur Zeit Cäsars noch nicht ganz vollendet.

Um das Jahr -325 gibt uns Pytheas' Reisebericht die erste authentische Kunde von Deutschen. Er fuhr von Marseille nach der Bernsteinküste und erwähnt dort Guttonen und Teutonen, unzweifelhaft deutsche Völker. Wo aber lag die Bernsteinküste? Die gewöhnliche Vorstellung kennt freilich nur die ostpreußische, und wenn als Nachbarn jener Küste Guttonen genannt werden, so stimmt das allerdings. Aber die von Pytheas gegebnen Abmessungen stimmen nicht zu dieser Gegend, während sie ziemlich gut passen für die große Bucht der Nordsee zwischen der norddeutschen Küste und der cimbrischen Halbinsel. Dorthin passen auch die ebenfalls als Nachbarn genannten Teutonen. Dort - an der Westseite Schleswigs und Jütlands - ist auch eine Bernsteinküste; Ringkjöbing treibt heute noch einen ziemlichen Handel mit dort gefundenem Bernstein. Auch erscheint es äußerst unwahrscheinlich, daß Pytheas so früh schon so weit in ganz unbekannte Gewässer vorgedrungen sei, und noch mehr, daß in seinen so sorgfältigen Angaben die verwickelte Fahrt vom Kattegat bis Ostpreußen nicht nur ganz unerwähnt geblieben ist, sondern überhaupt nicht in sie hineinpaßt. Man müßte sich also ganz entschieden für die zuerst von Lelewel ausgesprochne Ansicht erklären, daß die Bernsteinküste des Pytheas an der Nordsee zu suchen sei, wäre es nicht wegen des Namens der Guttonen, die nur an die Ostsee gehören können. Dieses letzte Hindernis wegzuräumen, hat Müllenhoff einen Schritt getan; er hält die Lesart: Guttonen für verfälscht aus: Teutonen.

Um 180 vor unsrer Zeitrechnung treten Bastarner, unzweifelhafte Deutsche, an der Unterdonau auf und erscheinen wenige Jahre später als Söldner im Heere des makedonischen Königs Perseus gegen die Römer - die ersten Landsknechte. Es sind wilde Krieger:

"Männer, nicht zum Ackerbau geschickt oder zur Schiffahrt, oder die von Herden ihren Unterhalt suchen, die im Gegenteil nur ein Werk und eine Kunst pflegen; stets zu kämpfen und zu überwinden, was sich ihnen entgegenstellt."

Es ist Plutarch, der uns diese erste Nachricht von der Lebensweise eines deutschen Volks gibt. Auch diese Bastarner finden wir noch Jahrhunderte später nördlich von der Donau, wenn auch in westlicherer Gegend. Fünfzig Jahre später brechen Cimbern und Teutonen in das keltische Donaugebiet, werden von den in Böhmen wohnenden keltischen Bojern abgewiesen, ziehen m mehreren Haufen nach Gallien, bis in Spanien hinein, schlagen |430| ein römisches Heer nach dem andern, bis endlich Marius ihren fast zwanzigjährigen Wanderzügen ein Ende macht, indem er ihre sicher schon sehr geschwächten Scharen vernichtet: die Teutonen bei Aix in der Provence (-102) und die Cimbern bei Vercelli in Oberitalien (-101).

Ein halbes Jahrhundert später traf Cäsar in Gallien auf zwei neue germanische Heerzüge; zuerst am Oberrhein den des Ariovist, in dem sieben verschiedne Völkerschaften, darunter Markomannen und Sueven, vertreten waren; bald darauf, am Niederrhein, den der Usipeter und Tenkterer, die, von den Sueven in ihren früheren Sitzen bedrängt, diese verlassen und nach dreijährigem Herumziehen den Rhein erreicht hatten. Beide Heerzüge erlagen der geordneten römischen Kriegsführung, die Usipeter und Tenkterer aber auch römischem Vertragsbruch. In den ersten Jahren des Augustus kennt Dio Cassius einen Einfall der Bastarner nach Thrakien; Marcus Crassus schlug sie am Hebrus (der heutigen Maritza). Derselbe Geschichtschreiber erwähnt noch eines Zuges von Hermunduren, die um den Beginn unsrer Zeitrechnung ihre Heimat aus unbekannten Ursachen verlassen und vom römischen Feldherrn Domitius Ahenobarbus "in einem Teile des Landes der Markomannen" angesiedelt worden seien. Das sind die letzten Wanderzüge aus jener Epoche. Die Befestigung der römischen Herrschaft an Rhein und Donau schob ihnen auf längere Zeit einen Riegel vor; daß aber im Nordosten, jenseits der Elbe und des Riesengebirgs, die Völker noch lange nicht zu festen Sitzen gekommen waren, darauf deuten nur zu viele Zeichen.

Diese Auszüge der Germanen bilden den ersten Akt jener Völkerwanderung, die, dreihundert Jahre lang durch römischen Widerstand aufgehalten, gegen Ende des dritten Jahrhunderts unwiderstehlich über die beiden Grenzströme brach, Südeuropa und Nordafrika überflutete und erst mit der Eroberung Italiens durch die Langobarden 568 ihr Ende erreichte - ihr Ende, soweit die Germanen dabei beteiligt waren, nicht aber die hinter ihnen noch längere Zeit in Bewegung bleibenden Slawen. Es waren buchstäblich Wanderungen von Völkern. Ganze Volksstämme oder doch starke Bruchteile derselben machten sich auf die Reise, mit Weib und Kind, mit Hab und Gut. Mit Tierfellen eingedeckte Wagen dienten zur Wohnung und zum Transport der Weiber und Kinder wie des dürftigen Hausrats; das Vieh wurde mitgetrieben. Die Männer gerüstet und geordnet zur Niederwerfung alles Widerstands, zur Abwehr von Überfällen; ein Kriegsmarsch am Tag, ein Kriegslager in der Wagenburg bei Nacht. Der Menschenverbrauch auf diesen Zügen, durch fortwährende Kämpfe, durch Mühsal, Hunger und Krankheiten muß ungeheuer gewesen sein. Es war |431| ein Abenteuer auf Tod und Leben. Gelang der Zug, so siedelte sich der übriggebliebne Teil auf fremdem Boden an; mißlang er, so verschwand der ausgezogne Stamm von der Erde. Was nicht im Gemetzel der Schlacht fiel, verkam in der Sklaverei. Die Helvetier und ihre Bundesgenossen, deren Wanderzug Cäsar hemmte, zogen aus mit 368.000 Köpfen, darunter 92.000 Waffenfähige; nach der Niederlage durch die Römer waren nur noch 110.000 übrig, die Cäsar ausnahmsweise, aus politischen Gründen, in die Heimat zurücksandte. Die Usipeter und Tenkterer waren mit 180.000 Köpfen über den Rhein gegangen; sie kamen fast alle in der Schlacht und auf der Flucht um. Kein Wunder, daß da, während dieser langen Wanderzeit, ganze Volksstämme oft spurlos verschwinden.

Dieser unsteten Lebensweise der Germanen entsprechen ganz die Zustände, die Cäsar am Rhein vorfand. Der Rhein war keineswegs scharfe Grenze zwischen Galliern und Deutschen. Belgisch-gallische Menapier hatten in der Gegend von Wesel Dörfer und Acker auf dem rechten Rheinufer; dagegen war das linksrheinische Maasdelta von den germanischen Batavern besetzt, und um Worms bis gegen Straßburg wohnten germanische Vangionen, Triboker und Nemeter - ob seit Ariovist oder früher schon, ist unsicher. Die Belgier führten fortwährende Kriege mit den Deutschen, überall war noch strittiges Gebiet. Südlich vom Main und Erzgebirge wohnten damals noch keine Deutschen; die Helvetier waren erst kurz vorher von den Sueven aus dem Gebiet zwischen Main, Rhein, Donau und Böhmerwald vertrieben worden wie die Bojer aus Böhmen (Boihemum), das ihren Namen bis heute trägt. Die Sueven hatten aber das Land nicht besetzt, sondern in jene 600 römische (150 deutsche) Meilen lange Waldwüste verwandelt, die sie nach Süden hin decken sollte. Weiter östlich kennt Cäsar noch Kelten (Volker-Tektosagen) im Norden der Donau, da, wo Tacitus später deutsche Quaden nennt. Erst zu Augustus' Zeit führte Maroboduus seine suevischen Markomannen nach Böhmen, während die Römer den Winkel zwischen Rhein und Donau durch Verschanzung abschlossen und mit Galliern bevölkerten. Das Gebiet jenseits dieses Grenzwalls scheint dann von den Hermunduren besetzt. Es geht hieraus unzweifelhaft hervor, daß die Germanen durch die Ebene auf der Nordseite der Karpaten und der böhmischen Grenzgebirge nach Deutschland gezogen sind; erst nachdem das nördliche Flachland besetzt, trieben sie die südlicher im Gebirg wohnenden Kelten über die Donau.

Auch die Lebensweise der Germanen, wie Cäsar sie schildert, beweist, daß sie noch keineswegs seßhaft in ihrem Lande waren. Sie leben hauptsächlich von der Viehzucht von Käse, Milch und Fleisch, weniger von |432| Korn; Hauptbeschäftigung der Männer ist Jagd und Waffenübung. Sie treiben etwas Ackerbau, aber nur nebenbei und in waldursprünglichster Weise. Cäsar berichtet, sie hätten die Acker nur ein Jahr lang bebaut und im folgenden stets neues Land unter den Pflug genommen. Es scheint Brandwirtschaft gewesen zu sein, wie noch jetzt im nördlichen Skandinavien und Finnland; der Wald - und außer dem Wald hatte man nur die damals für den Ackerbau nutzlosen Sümpfe und Torfmoore - wurde niedergebrannt, die Wurzeln notdürftig entfernt und mit dem vernarbten oberen Boden ebenfalls verbrannt; in den durch die Asche gedüngten Boden säte man das Korn. Aber selbst in diesem Fall wird Cäsars Angabe alljährlicher Erneuerung des Ackerlands nicht wörtlich zu nehmen und in der Regel auf einen gewohnheitsmäßigen Übergang zu Neuland, nach mindestens zwei oder drei Ernten, zu beschränken sein. Die ganze Stelle, die undeutsche Landteilung durch Fürsten und Beamte und besonders die den Germanen untergeschobnen Beweggründe für diesen raschen Wechsel atmen römische Vorstellungen. Dem Römer war dieser Landwechsel unerklärlich. Den rheinischen Deutschen, die schon im Übergang zur festen Ansiedlung begriffen, mochte er schon als überkommene Gewohnheit erscheinen, die mehr und mehr Zweck und Sinn verlor. Den inneren Deutschen, den eben erst am Rhein ankommenden Sueven, für die er auch hauptsächlich galt, war er dagegen noch wesentliche Bedingung einer Lebensweise, bei der das ganze Volk sich langsam voranschob, in der Richtung und mit der Geschwindigkeit, die der vorgefundne Widerstand zuließ. Auf diese Lebensweise ist auch ihre Verfassung zugeschnitten: Die Sueven teilen sich in hundert Gaue, deren jeder jährlich tausend Mann zum Heere stellt, während der Rest der Mannschaft daheim bleibt, Vieh und Acker besorgt und im zweiten Jahr die Ausgezognen ablöst. Die Volksmasse mit Weib und Kind folgt dem Heer erst, sobald dies neues Gebiet erobert hat. Es ist schon ein Fortschritt zur Seßhaftigkeit, verglichen mit den Heerzügen der Cimbernzeit.

Wiederholt kommt Cäsar auf die Sitte der Deutschen zurück, sich auf der Seite nach dem Feinde, d.h. nach jedem fremden Volk hin, durch breite Waldwüsten zu sichern. Es ist dies dieselbe Sitte, die noch bis ins späte Mittelalter herrscht. Die nordelbischen Sachsen schützte der Grenzwald zwischen Eider und Schlei (altdänisch Jarnwidhr) gegen die Dänen, der Sachsenwald von der Kieler Förde bis zur Elbe gegen die Slawen, und der slawische Name Brandenburg, Branibor, ist wieder nur Bezeichnung eines solchen Schutzwalds (tschechisch braniti - verteidigen, bor - Kiefer und Kiefernwald).

|433| Über die Zivilisationsstufe der von Cäsar vorgefundnen Deutschen kann nach alledem kein Zweifel sein. Sie waren weit entfernt davon, Nomaden zu sein in dem Sinn, wie es die heutigen asiatischen Reitervölker sind. Dazu gehört die Steppe, und die Deutschen lebten im Urwald. Aber sie waren auch ebensoweit entfernt von der Stufe ansässiger Bauernvölker. Noch Strabo sagt von ihnen sechzig Jahre später:

"Gemein ist allen diesen" (deutschen) "Völkerschaften die Leichtigkeit, mit der sie auswandern, wegen der Einfachheit ihrer Lebensart, weil sie nicht dies Ackerbaus pflegen und keine Schätze sammeln; sondern sie leben in Hütten, die sie sich jeden Tag errichten, und nähren sich größtenteils vom Vieh wie die Nomaden, denen sie auch darin gleichen, daß sie ihre Habseligkeiten auf Wagen mit sich führen und mit ihren Herden dahin ziehen, wohin es sie gelüstet."

Kenntnis des Ackerbaus hatten sie, wie die Sprachvergleichung beweist, schon aus Asien mitgebracht; daß sie diese nicht wieder vergessen hatten, zeigt Cäsar. Aber es war der Ackerbau, der halbnomadischen, langsam durch die mitteleuropäischen Waldebenen sich fortwälzenden Kriegerstämmen als Notbehelf und untergeordnete Lebensquelle diente.

Es geht hieraus hervor, daß die Einwanderung der Deutschen in ihre neue Heimat zwischen Donau, Rhein und Nordmeer zu Cäsars Zeit noch nicht vollendet war oder sich doch eben erst vollendete. Daß zur Zeit des Pytheas Teutonen und vielleicht auch Cimbern die jütische Halbinsel, die vordersten Deutschen den Rhein erreicht haben mochten - wie die Abwesenheit aller Kunde von ihrer Ankunft schließen läßt -, steht dem durchaus nicht entgegen. Die nur mit dauernder Wanderung vereinbare Lebensweise, die wiederholten Züge nach West und Süd, endlich die Tatsache, daß Cäsar die größte ihm bekannte Masse, die Sueven, noch in voller Bewegung fand, lassen nur einen Schluß zu: Offenbar haben wir hier die letzten Momente der großen germanischen Einwanderung in ihren europäischen Hauptsitz fragmentarisch vor uns. Es ist der römische Widerstand am Rhein und später an der Donau, der dieser Wanderung ein Ziel setzt, die Deutschen auf das nunmehr besetzte Gebiet einschränkt und sie damit zwingt, feste Wohnsitze zu nehmen.

Im übrigen waren unsre Vorfahren, wie Cäsar sie sah, rechte Barbaren. Kaufleute lassen sie nur ins Land, damit sie jemand haben, der ihnen die Kriegsbeute abkauft, sie selbst kaufen ihnen fast nichts ab; was hätten sie denn auch Fremdes nötig? Sogar ihre schlechten Ponys ziehn sie den schönen und guten gallischen Pferden vor. Wein aber lassen die Sueven überhaupt nicht ins Land, weil er verweichliche. Da waren doch ihre bastarnischen Vettern zivilisierter; auf jenem Einfall nach Thrakien schickten sie |434| Gesandte an Crassus, der diese betrunken machte, ihnen die nötigen Nachrichten über Stellung und Absichten der Bastarner abfrug und diese dann in einen Hinterhalt lockte und vernichtete. Noch vor der Schlacht auf dem Idisiavisus (16 unsrer Zeitrechnung) schildert Germanicus seinen Soldaten die Deutschen als Leute ohne Panzer oder Helm, nur mit Schilden von Weidengeflecht oder schwachen Brettern bewehrt, und nur das erste Glied habe wirkliche Lanzen, die hinteren nichts als im Feuer gehärtete und gespitzte Stangen. Metallbearbeitung war den Anwohnern der Weser also noch kaum bekannt, und die Römer werden wohl dafür gesorgt haben, daß die Kaufleute keine Waffen nach Deutschland einschleppten.

Reichlich anderthalb Jahrhunderte nach Cäsar gibt uns Tacitus seine berühmte Beschreibung der Deutschen. Hier sieht schon vieles ganz anders aus. Bis an die Elbe und darüber hinaus sind die unsteten Stämme zur Ruhe, zur festen Ansiedlung gekommen. Von Städten ist freilich noch lange keine Rede; die Niederlassungen erfolgen teils in Dörfern, die hier aus Einzelhöfen, dort aus zusammenliegenden Höfen bestehn, aber auch in diesen ist jedes Haus für sich gebaut, umgeben von einem freien Raum. Die Häuser noch ohne Bruchsteine und Dachziegel, roh gezimmert aus unbehauenen Stämmen (materia informi muß dies hier bedeuten, im Gegensatz zu caementa und tegulae); Blockhäuser, wie noch im nördlichen Skandinavien, aber doch schon nicht mehr Hütten, die man in einem Tage bauen kann, wie bei Strabo. Auf die Ackerverfassung kommen wir später zurück. Auch haben die Deutschen schon unterirdische Vorratskammern, eine Art Keller, in denen sie sich im Winter der Wärme halber aufhielten und wo nach Plinius die Weiber Weberei trieben. Der Ackerbau ist also schon wichtiger; doch ist Vieh noch immer Hauptreichtum; es ist zahlreich, aber von schlechter Race, die Pferde häßlich und keine Renner, die Schafe und Rinder klein, letztere ohne Hörner. Bei der Nahrung wird Fleisch, Milch, wilde Äpfel aufgeführt, kein Brot. Die Jagd wird nicht mehr viel betrieben, der Wildstand war also seit Cäsar schon bedeutend verringert. Auch die Kleidung ist noch sehr ursprünglich, bei der Masse eine grobe Decke, sonst nackt (fast wie bei den Zulukaffern), doch bei den Reichsten schon eng anschließende Kleider; Tierfelle werden auch verwandt; auch die Weiber tragen sich ähnlich wie die Männer, doch haben sie schon häufiger leinene Gewänder ohne Ärmel. Die Kinder laufen alle nackt umher. Lesen und Schreiben ist unbekannt, doch deutet eine Stelle darauf hin, daß die von den lateinischen Schriftzeichen entlehnten, in Holzstäbe eingeschnittenen Runen den Priestern schon gebräuchlich waren. Gold und Silber ist den inneren Deutschen gleichgültig, den Fürsten und Gesandten von Römern geschenkte Silber- |435| gefäße dienen demselben gemeinen Gebrauch wie irdene. Der geringe Handelsverkehr ist einfacher Tausch.

Die Männer haben noch ganz die allen Urvölkern gemeinsame Gewohnheit, Arbeit in Haus und Feld den Weibern, Greisen und Kindern als unmännlich zu überlassen. Dagegen haben sie zwei zivilisierte Sitten angenommen; den Trunk und das Spiel, und betreiben beides mit der ganzen Maßlosigkeit jungfräulicher Barbaren, das Spiel bis zum Verwürfeln der eigenen Person. Ihr Trunk, im Innern, ist Gersten- oder Weizenbier; wäre der Schnaps schon erfunden gewesen, die Weltgeschichte hätte wohl einen andern Verlauf genommen.

An den Grenzen des römischen Gebiets sind noch weitere Fortschritte gemacht: Man trinkt importierten Wein; man hat sich schon einigermaßen ans Geld gewöhnt, wobei natürlich dem für beschränkten Austausch handlicheren Silber und nach Barbarensitte Münzen mit altbekanntem Gepräge der Vorzug gegeben wird. Wie sehr diese Vorsicht begründet war, wird sich zeigen. Handel mit den Germanen wurde nur am Rheinufer selbst betrieben; nur die über dem Pfahlgraben sitzenden Hermunduren gehn schon in Gallien und Rhätien Handels halber aus und ein.

Zwischen Cäsar und Tacitus fällt also der erste große Abschnitt in der deutschen Geschichte: der endliche Übergang vom Wanderleben zu festen Wohnsitzen, wenigstens für den größeren Teil des Volks, vom Rhein bis weit über die Elbe hinaus. Die Namen der einzelnen Stämme fangen an, mehr oder weniger, mit bestimmten Landstrichen zu verwachsen. Bei den widersprechenden Nachrichten der Alten und bei den schwankenden und wechselnden Namen ist es jedoch oft unmöglich, jedem einzelnen Stamm einen sichern Wohnsitz zuzuweisen. Es würde dies uns auch zu weit abführen. Hier genügt die allgemeine Angabe, die wir bei Plinius finden:

"Es gibt fünf Hauptstämme der Deutschen: die Vindiler, zu denen die Burgundionen, Variner, Cariner, Guttonen gehören; den zweiten Stamm bilden die Ingävonen, davon die Cimbern, Teutonen und die chaukischen Völker einen Teil ausmachen. Zunächst am Rhein wohnen die Iskävonen, darunter die Sigamber. Mitten im Lande - die Hermionen, darunter die Sueven, Hermunduren, Chatten, Cherusker. Den fünften Stamm bilden die Peukiner und Bastarner, die an die Daken grenzen."

Dazu kommt dann noch ein sechster Zweig, der Skandinavien bewohnt: die Hillevionen.

Von allen Nachrichten der Alten stimmt diese am besten mit den späteren Tatsachen und den uns erhaltenen Sprachresten.

Die Vindiler umfassen die Völker gotischer Zunge, die die Ostseeküste zwischen Elbe und Weichsel bis tief ins Land hinein besetzt hielten; jenseits |436| der Weichsel saßen um das Frische Haft die Guttonen (Goten). Die spärlichen erhaltenen Sprachreste lassen nicht den geringsten Zweifel, daß die Vandalen (die jedenfalls zu Plinius' Vindilern gehören müßten, da er ihren Namen auf den ganzen Hauptstamm überträgt) und die Burgunder gotische Dialekte sprachen. Bedenken erregen könnten nur die Warner (oder Variner), die man, auf Nachrichten aus dem 5. und 6. Jahrhundert fußend, gewohnt ist, zu den Thüringern zu stellen; von ihrer Sprache wissen wir nichts.

Der zweite Stamm, der der Ingävonen, umfaßt die Völker zunächst friesischer Zunge, die Bewohner der Nordseeküste und der cimbrischen Halbinsel, und höchstwahrscheinlich auch diejenigen sächsischer Zunge zwischen Elbe und Weser, in welchem Fall die Cherusker auch dazu zu rechnen wären.

Die Iskävonen zeichnen sich durch die zu ihnen gezognen Sigamber sofort als die späteren Franken, die Bewohner des rechten Rheinufers vom Taunus abwärts bis an die Quellen der Lahn, Sieg, Ruhr, Lippe und Ems, nördlich von Friesen und Chauken begrenzt.

Die Hermionen oder, wie Tacitus sie richtiger nennt, Herminonen sind die späteren Hochdeutschen; die Hermunduren (Thüringer), Sueven (Schwaben und Markomannen, Baiern), Chatten (Hessen) usw. Die Cherusker sind ganz unzweifelhaft durch einen Irrtum hierher geraten. Es ist der einzige sichre Irrtum in dieser ganzen Aufstellung des Plinius.

Der fünfte Stamm, Peukiner und Bastarner, ist verschollen. Ohne Zweifel stellt ihn Jakob Grimm mit Recht zum gotischen.

Endlich der sechste, hillevionische Stamm umfaßt die Bewohner der dänischen Inseln und der großen skandinavischen Halbinsel.

Die Einteilung des Plinius entspricht also mit einer überraschenden Genauigkeit der Gruppierung der später wirklich auftretenden deutschen Mundarten. Wir kennen keine Dialekte, die nicht unter Gotisch, Friesisch-Niedersächsisch, Fränkisch, Hochdeutsch oder Skandinavisch gehörten, und wir können diese Einteilung des Plinius auch heute noch als mustergültig anerkennen. Was etwa dagegen zu sagen wäre, untersuche ich in der Anmerkung über die deutschen Stämme.

Die ursprüngliche Einwanderung der Deutschen in ihre neue Heimat hätten wir uns also ungefähr so vorzustellen, daß in erster Linie, mitten in der norddeutschen Ebene, zwischen den südlichen Gebirgen und der Ost- und Nordsee, die Iskävonen vorgedrungen sind, dicht hinter ihnen, aber näher der Küste, die Ingävonen. Diesen scheinen die Hillevionen gefolgt, |437| aber nach den Inseln abgebogen zu sein. Auf diese wären Goten (des Plinius Vindiler) gefolgt, unter Zurücklassung der Peukiner und Bastarner im Südosten; der gotische Name in Schweden ist Zeuge dafür, daß einzelne Zweige sich der Wanderung der Hillevionen anschlössen. Endlich, südlich von den Goten, die Herminonen, die, wenigstens größtenteils, erst zu Cäsars und selbst Augustus' Zeit in die Wohnsitze einrücken, die sie bis zur Völkerwanderung behaupten.

 

Die ersten Kämpfe mit Rom

Seit Cäsar standen Römer und Deutsche einander am Rhein, seit der Unterwerfung von Rhätien, Noricum und Pannonien durch Augustus an der Donau gegenüber. In Gallien hatte sich inzwischen die römische Herrschaft festgesetzt; ein Heerstraßennetz war durch Agrippa über das ganze Land gezogen, Festungen waren gebaut, eine neue Generation, im römischen Joch geboren, war herangewachsen. Gallien, durch die unter Augustus gebauten Alpenstraßen über den Kleinen und Großen Bernhard in direkteste Verbindung mit Italien gebracht, konnte als Basis dienen für die Eroberung Germaniens vom Rhein her. Diese mit den am Rhein lagernden acht Legionen zu vollenden, übertrug Augustus seinem Stiefsohn (oder wirklichen Sohn?) Drusus.

Vorwand boten fortwährende Reibereien der Grenzbewohner, Einfälle der Deutschen nach Gallien sowie eine angebliche oder wirkliche Verschwörung der unzufriedenen Belgier mit den Sigambern, nach welcher diese den Rhein überschreiten und einen allgemeinen Aufstand bewirken sollten. Drusus versicherte sich (-12) der belgischen Häuptlinge, ging dicht an der Batavischen Insel, oberhalb des Rheindeltas, über den Strom, verheerte das Gebiet der Usipeter und teilweise das der Sigamber, schiffte dann den Rhein hinab, zwang die Friesen, ihm Hülfstruppen zu Fuß zu stellen, und fuhr mit der Flotte die Küste entlang bis in die Emsmündung hinein, um die Chauken zu bekriegen. Hier aber setzten seine römischen, der Gezeiten ungewohnten Seeleute die Flotte bei der Ebbe auf den Grund; nur durch die Hülfe der mit der Sache besser bekannten friesischen Bundestruppen brachte er sie wieder los und kehrte heim.

Dieser erste Feldzug war nur eine große Rekognoszierung. Im folgenden Jahr (-11) begann er die wirkliche Eroberung, Er überschritt den Rhein |438| wiederum unterhalb der Lippemündung, unterwarf die hier wohnenden Usipeter, überbrückte die Lippe und brach in das Gebiet der Sigamber ein, die grade gegen die Chatten zu Felde lagen, weil diese sich dem Bund gegen die Römer unter sigambrischer Führung nicht anschließen wollten. Dann legte er am Zusammenfluß der Lippe und des Eliso ein festes Lager an (Aliso) und zog sich, als der Winter nahte, wieder über den Rhein zurück. Auf diesem Rückzug in einer engen Talschlucht von den Deutschen überfallen, entging sein Heer nur mit genauer Not der Vernichtung. Auch legte er in diesem Jahr ein andres verschanztes Lager an "im Lande der Chatten, fast am Rhein".

Dieser zweite Feldzug des Drusus enthält schon den ganzen Eroberungsplan, wie er seitdem konsequent befolgt wurde. Das zunächst zu erobernde Gebiet ist ziemlich scharf abgegrenzt: das iskävonische Binnenland bis an die Grenze der Cherusker und Chatten und der dazugehörige Küstenstrich bis zur Ems, womöglich bis zur Weser. Die Hauptarbeit zur Unterwerfung des Küstenlands fällt der Flotte zu. Im Süden dient als Operationsbasis das von Agrippa gegründete und von Drusus erweiterte Mainz, in dessen Nachbarschaft wir das "im Lande der Chatten" angelegte Kastell (man sucht es neuerdings in der Saalburg bei Homburg) zu suchen haben. Von hier aus führt der Lauf des Untermains in das offene Gelände der Wetterau und der oberen Lahngegend, dessen Besetzung Iskävonen und Chatten voneinander trennt. Im Zentrum der Angriffsfront bietet das ebene, von der Lippe durchflossene Land und namentlich der flache Höhenrücken zwischen Lippe und Ruhr der römischen Hauptmacht die bequemste Operationslinie, durch deren Besitznahme sie das zu unterwerfende Gebiet in zwei ungefähr gleiche Stücke und gleichzeitig die Brukterer von den Sigambern trennt; eine Stellung, von der aus sie links mit der Flotte zusammenwirken, rechts mit der aus der Wetterau debouchierenden Kolonne das iskävonische Schiefergebirgsland isolieren und in der Front die Cherusker im Zaum halten kann. Das Kastell Aliso bildet den äußersten befestigten Stützpunkt dieser Operationslinie; es lag nahe den Lippequellen, entweder Elsen bei Paderborn, am Einfluß der Alme in die Lippe, oder bei Lippstadt, wo neuerdings ein großes römisches Kastell aufgedeckt.

Im folgenden Jahr (-10) verbanden sich die Chatten, die gemeinsame Gefahr einsehend, endlich mit den Sigambern. Aber Drusus überzog und zwang sie wenigstens teilweise zur Unterwerfung. Diese kann aber den Winter nicht überdauert haben, denn im nächsten Frühling (-9) überfällt er sie nochmals, dringt vor bis zu den Sueven (also wohl Thüringern - nach Florus und Orosius auch Markomannen, die damals noch nördlich des Erz- |439| gebirgs wohnten), greift dann die Cherusker an, setzt über die Weser und kehrt erst an der Elbe um. Alles durchzogne Land hatte er verheert, aber überall heftigen Widerstand gefunden. Auf dem Rückweg starb er, dreißig Jahre alt, noch ehe er den Rhein erreicht.

Zu obiger, dem Dio Cassius entlehnten Erzählung ergänzen wir aus Suetonius, daß Drusus den Kanal vom Rhein zur Ijssel graben ließ, vermittelst dessen er seine Flotte durchs Friesenland und den Flevo (Vliestrom - jetziges Fahrwasser aus der Südersee zwischen Vlieland und Terschelling) in die Nordsee führte; aus Florus, daß er den Rhein entlang über fünfzig Kastelle und bei Bonn eine Brücke errichtete und ebenso die Maaslinie befestigte, also die Stellung der rheinischen Legionen sowohl gegen Aufstände der Gallier wie gegen Einfälle der Germanen sicherte. Was Florus von Kastellen und Verschanzungen an der Weser und Elbe fabelt, ist eitel Prahlerei; Schanzen mag er während seiner Märsche dort aufgeworfen haben, aber er war ein zu guter Feldherr, um auch nur einen Mann Besatzung darin zu lassen. Dagegen ist wohl zweifellos, daß er die Operationslinie längs der Lippe mit befestigten Etappen versehen ließ. Die Übergänge über den Taunus verschanzte er ebenfalls.

Tiberius, des Drusus Nachfolger am Rhein, ging im folgenden Jahr (-8) über den Fluß; die Deutschen sandten Friedensunterhändler, nur die Sigamber nicht; Augustus, der in Gallien war, weigerte jede Verhandlung, solange diese nicht vertreten seien. Als die Sigamber endlich auch Gesandte schickten, "zahlreiche und angesehene Männer", sagt Dio, ließ Augustus sie greifen und in verschiedene Städte im Innern des Reichs internieren; "aus Gram darüber töteten sie sich selbst". Auch im nächsten Jahre (-7) ging Tiberius wieder mit dem Heer nach Germanien, wo außer einigen unbedeutenden Unruhen schon nicht viel mehr zu bekämpfen war. Von dieser Zeit sagt Vellejus: "Tiberius hat das Land" (Germanien) "so durch und durch unterworfen, daß es sich kaum noch von einer steuerpflichtigen Provinz unterschied."

Dieser Erfolg wird, außer den römischen Waffen und der mehrfach gerühmten diplomatischen "Klugheit" des Tiberius, wohl namentlich der Verpflanzung von Deutschen aufs römische Rheinufer zu danken sein. Schon Agrippa hatte die Ubier, die den Römern immer anhänglich gewesen, mit ihrem Willen aufs linke Rheinufer bei Köln versetzt. Tiberius zwang 40.000 Sigamber zur Übersiedelung und brach damit auf längere Zeit die Widerstandskraft dieses mächtigen Stammes.

Tiberius zog sich nun auf längere Zeit von allen Staatsgeschäften zurück, und wir erfahren nichts davon, was sich während mehrerer Jahre in Deutsch- |440| land zutrug. Ein Fragment des Dio meldet von einem Zuge des Domitius Ahenobarbus von der Donau aus bis über die Elbe. Bald darauf aber, um das erste Jahr unsrer Zeitrechnung, standen die Deutschen auf. Marcus Vinicius, der römische Oberbefehlshaber, kämpfte, nach Vellejus' Aussage, im ganzen glücklich und erhielt auch Belohnungen zum Dank dafür. Dennoch mußte im Jahre 4, gleich nach seiner Adoption durch Augustus, Tiberius nochmals über den Rhein, um die erschütterte römische Herrschaft wiederherzustellen. Er unterwirft die nächst dem Flusse wohnenden Canninefaten und Chattuarier, sodann die Brukterer und "gewinnt" die Cherusker. Weitere Einzelheiten gibt Vellejus, der diesen und den folgenden Feldzug mitmachte, nicht. Der milde Winter erlaubte den Legionen, bis im Dezember in Bewegung zu bleiben, dann bezogen sie Winterlager in Deutschland selbst - wahrscheinlich an den Lippequellen.

Der Feldzug des nächsten Jahres (5) sollte die Unterwerfung Westdeutschlands vollenden. Während Tiberius von Aliso aus vordrang und die Langobarden an der Niederelbe besiegte, fuhr die Flotte die Küste entlang und "gewann" die Chauken. An der Niederelbe traf das Landheer die den Fluß hinauf segelnde Flotte. Mit den Erfolgen dieses Zuges schien nach Vellejus die Arbeit der Römer im Norden erledigt; Tiberius wandte sich im folgenden Jahr nach der Donau, wo die seit kurzem unter Maroboduus nach Böhmen übergesiedelten Markomannen die Grenze bedrohten. Maroboduus, in Rom erzogen und mit römischer Taktik vertraut, hatte ein Heer von 70.000 Mann zu Fuß und 4.000 Reitern nach römischem Vorbild organisiert. Diesem trat Tiberius an der Donau in der Front entgegen, während Sentius Saturninus die Legionen vom Rhein durch das Chattenland in Rücken und Flanke des Feindes führen sollte. Da empörten sich im eignen Rücken des Tiberius die Pannonier, das Heer mußte umkehren und sich seine Operationsbasis wiedererobern. Der Kampf dauerte drei Jahre; aber als die Pannonier eben niedergeworfen, hatten sich die Dinge auch in Norddeutschland so gewandt, daß an Eroberungen im Markomannenland nicht mehr zu denken war.

Der Eroberungsplan des Drusus war vollständig beibehalten worden; nur zu seiner gesicherten Durchführung waren die Land- und Seezüge bis zur Elbe nötig geworden. In dem Feldzugsplan gegen Maroboduus schimmert die Idee durch, die Verlegung der Grenze an die kleinen Karpaten, das Riesengebirge und die Elbe bis zur Mündung zu verlegen; das lag jedoch einstweilen noch in weiter Ferne und wurde bald ganz unausführbar. Wie weit die Wetterau hinauf damals römische feste Plätze gereicht haben mögen, wissen wir nicht; allem Anschein nach war diese Operationslinie |441| damals vernachlässigt worden gegenüber der wichtigeren längs der Lippe. Hier aber hatten sich die Römer offenbar in ziemlicher Breite häuslich eingerichtet. Die Rheinebene des rechten Ufers von Bonn abwärts gehörte ihnen; das westfälische Flachland von der Ruhr nordwärts bis über die Ems hinaus, bis an die Grenzen der Friesen und Chauken, blieb militärisch besetzt. Im Rücken waren Bataver und Friesen damals noch sichere Freunde; weiter nach Westen hin konnten Chauken, Cherusker, Chatten für hinreichend gebändigt gelten, nach ihren wiederholten Niederlagen und nach dem Schlag, der auch die Langobarden getroffen. Und jedenfalls bestand damals bei jenen drei Völkern eine ziemlich mächtige Partei, die nur im Anschluß an Rom Rettung sah. Im Süden war die Macht der Sigamber vorderhand gebrochen; ein Teil ihres Gebiets, zwischen Lippe und Ruhr sowie in der Rheinebene, war besetzt, der Rest war von den römischen Stellungen am Rhein, an der Ruhr, in der Wetterau auf drei Seiten umklammert und sicher oft genug von römischen Kolonnen durchzogen. Römerstraßen in der Richtung auf die Lippequellen, von Neuwied zur Sieg, von Deutz und Neuß zur Wupper über dominierende Bergrücken führend, sind wenigstens bis an die Grenze von Berg und Mark neuerdings nachgewiesen. Noch weiter ab hatten die Hermunduren im Einverständnis mit Domitius Ahenobarbus einen Teil des von den Markomannen verlassenen Gebiets besetzt und standen mit den Römern in friedlichem Verkehr. Und endlich berechtigte die wohlbekannte Uneinigkeit der deutschen Völkerstämme zu der Erwartung, die Römer würden nur noch solche Einzelkriege zu führen haben, wie sie ihnen selbst zur allmählichen Umwandlung der Bundesgenossen in Untertanen erwünscht sein mußten.

Der Kern der römischen Stellung war das Land zu beiden Seiten der Lippe bis an den Osning. Hier gewöhnte die ständige Anwesenheit der Legionen in befestigten Lagern an römische Herrschaft und römische Sitten, durch die die Barbaren nach Dio "wie umgewandelt wurden"; hier entstanden um die Standquartiere des Heeres jene Städte und Märkte, von denen derselbe Historiker erzählt und deren friedlicher Verkehr das meiste zur Befestigung der Fremdherrschaft beitrug. Alles schien vortrefflich zu gehn. Aber es sollte anders kommen.

Quinctilius Varus wurde zum Oberbefehlshaber der Truppen in Deutschland ernannt. Ein Römer des hereinbrechenden Verfalls, phlegmatisch und bequem, auf den Lorbeeren seiner Vorgänger zu ruhen geneigt, noch mehr aber, diese Lorbeeren für sich auszubeuten. "Wie wenig er ein Verächter des Geldes war, bezeugte Syrien, das er verwaltet hatte; arm war er in das reiche Land gekommen, reich verließ er ein armes Land" (Vellejus). Sonst war |442| er "von milder Natur"; aber diese milde Natur muß arg ergrimmt sein bei Versetzung nach einem Lande, wo ihr das Erpressen so sauer gemacht wurde, weil dort fast nichts zu holen war. Indes versuchte es Varus, und zwar auf die bei römischen Prokonsuln und Proprätoren längst üblich gewordene Methode. Vor allen Dingen galt es, den besetzten Teil Deutschlands so rasch wie möglich auf den Fuß einer römischen Provinz einzurichten, an die Stelle der einheimischen öffentlichen Gewalt, die bisher unter der Militärherrschaft fortbestanden, römische zu setzen, und damit das Land zu einer Quelle von Einkünften zu machen - für den Fiskus sowohl wie für den Prokonsul. Varus versuchte demnach, die Deutschen "mit größerer Schnelligkeit und Nachdruck umzuwandeln ", er "erteilte ihnen Befehle wie Sklaven und forderte Geldzahlungen von ihnen wie von Untergebenen" (Dio). Und das alterprobte Hauptmittel der Unterjochung und Erpressung, das er hier anwandte, war die oberrichterliche Gewalt der römischen Provinzvorsteher, die er sich hier anmaßte und kraft deren er den Deutschen das römische Recht aufzwingen wollte.

Leider waren Varus und seine zivilisatorische Mission der Geschichte um fast anderthalb Jahrtausende voraus; denn ungefähr so lange dauerte es, bis Deutschland reif wurde zur "Rezeption des römischen Rechts". In der Tat mußte das römische Recht mit seiner klassischen Zergliederung der Privateigentumsverhältnisse den Deutschen rein widersinnig vorkommen, den Deutschen, die das wenige Privateigentum, das sich bei ihnen entwickelt, nur besaßen kraft ihres Gemeineigentums an Grund und Boden. Ebenso mußten ihnen, die gewohnt waren, im offenen Volksgericht binnen wenigen Stunden nach ererbtem Herkommen selbst Recht und Urteil zu finden, die feierlichen Formen und Einreden, die ewigen Vertagungen des römischen Prozesses erscheinen als ebensoviel Mittel der Rechtsverweigerung, und der den Prokonsul umdrängende Schwarm von Sachwaltern und Ferkelstechern als das, was sie in der Tat waren, reine Gurgelschneider. Und nun sollten die Deutschen, ihr freies Ding, wo Genossen den Genossen gerichtet, aufgeben und sich unterwerfen dem Machtspruch eines einzelnen Mannes, der in fremder Sprache verhandelte, der im besten Fall ein ihnen unbekanntes, dazu total unanwendbares Recht zugrunde legte und - der selbst interessiert war. Der freie Germane, den nach Tacitus nur der Priester in seltenen Fällen schlagen durfte, der Leib und Leben nur durch Verrat gegen sein Volk verwirkte, sonst aber jede Verletzung, selbst Mord, durch eine Buße (Wergeld) sühnen konnte, der zudem gewohnt war, die Blutrache für sich und seine Verwandten selbst zu üben - der sollte sich jetzt den Ruten und dem Richtbeil des Liktors unterwerfen. Und alles das zu keinem andern |443| Zweck, als um der Aussaugung des Landes durch Steuern für den Fiskus, durch Erpressungen und Bestechungen für den Prokonsul und seine Helfershelfer Tür und Tor zu öffnen.

Aber Varus hatte sich verrechnet. Die Deutschen waren keine Syrer. Mit seiner aufgedrängten römischen Zivilisation imponierte er ihnen nur nach einer Seite hin. Er zeigte den in die Bundesgenossenschaft genötigten Nachbarstämmen nur, welch unerträgliches Joch auch ihnen bevorstehe, und zwang ihnen damit jene Einigung auf, die sie bisher nie hatten finden können.

Varus stand mit drei Legionen in Deutschland, Asprenas mit zwei andren am Niederrhein, nur fünf bis sechs Märsche von Aliso, dem Kernpunkt der Stellung, entfernt. Einer solchen Macht gegenüber bot nur ein lange und sorgsam vorbereiteter, dann aber plötzlich geführter Entscheidungsschlag Aussicht auf Erfolg. Der Weg der Verschwörung war also vorgeschrieben. Diese zu organisieren, übernahm Arminius.

Arminius, aus cheruskischem Stammesadel, Sohn des Segimerus, der in seinem Volke ein Geleitherzog zu sein scheint, hatte seine erste Jugend in römischem Kriegsdienst zugebracht, war römischer Sprache und Sitten mächtig, im römischen Hauptquartier ein häufiger und gern gesehener Gast, dessen Treue über allen Zweifel erhaben schien. Noch am Vorabend des Überfalls baute Varus felsenfest auf ihn. Vellejus nennt ihn

"einen Jüngling von edlem Geschlecht, tapferer Hand, gewandt im Geiste, mehr als sonst Barbaren es sind, einen Jüngling, aus dessen Antlitz und Augen geistiges Feuer leuchtete, der unser steter Begleiter auf den früheren Feldzügen" (also gegen Deutsche) "gewesen war und der neben dem römischen Bürgerrecht den Rang eines römischen Ritters besaß".

Aber Arminius war mehr als das alles, er war ein großer Staatsmann und ein bedeutender Feldherr. Einmal entschlossen, der rechtsrheinischen Römerherrschaft ein Ende zu machen, wandte er auch die erforderlichen Mittel unbedenklich an. Der, schon sehr von römischem Einfluß beherrschte, heerführende Adel der Cherusker mußte wenigstens größtenteils gewonnen, die Chatten und Chauken, noch mehr aber die direkt unter römischem Joch stehenden Brukterer und Sigamber in die Verschwörung gezogen werden. Alles das erforderte Zeit, so sehr auch Varus' Erpressungen vorgearbeitet hatten; und während dieser Zeit galt es, Varus einzuschläfern. Dies geschah, indem man ihn bei seiner Liebhaberei, dem Gerichthalten, faßte und ihn damit förmlich zum Narren hielt. Die Deutschen [sind], erzählt Vellejus,

"was, wer es nicht selbst erfahren hat, kaum glauben wird, bei der höchsten Wildheit durch und durch verschlagene Köpfe und ein Geschlecht, wie geschaffen zum Lügen" - |444| die Deutschen "spiegelten ihm eine ganze Reihe von ersonnenen Rechtshändeln vor; bald belangte einer den andern ohne Grund, bald sagten sie ihm Dank, daß er das alles mit römischer Gerechtigkeit entscheide, daß ihre Wildheit durch die neue, unbekannte Zucht und Ordnung schon nachzulassen anfinge und daß, was sonst mit den Waffen ausgemacht zu werden pflegte, nunmehr nach Recht und Billigkeit auseinandergesetzt werde. So verrührten sie ihn zur höchsten Sorglosigkeit, so sehr, daß er glaubte, als Stadtprätor auf dem Forum Recht zu sprechen, nicht mitten in deutschen Landen ein Heer zu befehligen."

So verstrich der Sommer des Jahres 9. Um den Erfolg noch mehr zu sichern, hatte man den Varus verleitet, seine Truppen durch allerlei Detachierungen zu zersplittern, was bei dem Charakter des Mannes und unter den Umständen nicht schwer sein konnte.

"Varus", sagt Dio, "hielt seine Heeresmacht nicht, wie es sich in Feindesland gebührt, gehörig zusammen, sondern überließ die Soldaten scharenweise hülfsbedürftigen Leuten, die darum baten, bald um irgendeinen festen Platz zu bewachen, bald um Räuber einzufangen, bald um Getreidetransporte zu begleiten."

Inzwischen waren die Hauptverschworenen, namentlich Arminius und Segimerus, stets um ihn und häufig an seiner Tafel. Nach Dio wurde Varus schon jetzt gewarnt, aber sein Vertrauen kannte keine Grenzen. Endlich im Herbst, als alles zum Losschlagen vorbereitet und man Varus mit seiner Hauptmacht ins Cheruskerland, bis an die Weser gelockt hatte, gab ein fingierter Aufstand in einiger Entfernung das Zeichen. Noch als Varus diese Nachricht erhielt und den Befehl zum Aufbruch gab, warnte ihn ein andrer Cheruskerhäuptling, Segestes, der mit des Arminius Familie in einer Art Clanfeindschaft gestanden zu haben scheint. Varus wollte ihm nicht glauben. Da schlug ihm Segestes vor, ihn selbst, den Arminius und die andern Cheruskerhäuptlinge in Fesseln zu legen, ehe er abmarschiere; der Erfolg werde dann zeigen, wer recht habe. Aber Varus' Zuversicht war unerschütterlich, auch als bei seinem Abzuge die Verschwornen zurückblieben, unter dem Vorwand, Bundesgenossen zu sammeln und damit zu ihm zu stoßen.

Das geschah denn auch in der Tat, aber nicht wie Varus erwartet. Die cheruskische Mannschaft war bereits versammelt. Das erste, was sie tat, war, die bei ihnen stationierten, von ihnen selbst früher erbetenen römischen Abteilungen zu erschlagen und sodann Varus auf seinem Marsch in die Flanke zu fallen. Dieser bewegte sich auf schlechten Waldwegen, denn hier, im Cheruskerland, gab es noch keine chaussierten römischen Heerstraßen. Überfallen, erkennt er endlich seine Lage, ermannt sich und zeigt von nun an den römischen Feldherrn - aber zu spät. Er läßt seine Truppen aufschließen, den zahlreichen Troß von Weibern, Kindern, Wagen, Last- |445| tieren usw. ordnen und schützen, so gut es bei den engen Wegen und in den dichten Wäldern geht, und wendet sich seiner Operationsbasis zu - wofür wir Aliso annehmen müssen. Strömender Regen erweichte den Boden, hemmte den Marsch, brach stets aufs neue die Ordnung bei dem übermäßigen Troß. Es gelang Varus, unter schweren Verlusten, einen dichtbewaldeten Berg zu erreichen, der indes freien Platz für ein notdürftiges Lager bot, das auch noch in ziemlicher Ordnung und nach der Vorschrift bezogen und verschanzt wurde; das Heer des Germanicus, das die Stelle nach sechs Jahren besuchte, erkannte darin noch deutlich "dreier Legionen Werk". Mit der der Lage entsprechenden Entschlossenheit ließ hier Varus alle nicht durchaus notwendigen Wagen und Gepäckstücke verbrennen. Am nächsten Tage kam er durch ein offenes Gelände, litt aber wieder so bedeutend, daß die Truppen noch mehr auseinanderkamen und das Lager am Abend schon nicht mehr ordnungsgemäß befestigt werden konnte; Germanicus fand nur einen halb eingestürzten Wall und flachen Graben. Am dritten Tage ging der Marsch wieder durch Waldgebirg, und hier verloren Varus und die meisten Führer den Mut. Varus tötete sich selbst, die Legionen wurden fast bis auf den letzten Mann vernichtet. Nur die Reiterei entkam unter Vala Numonius; auch einzelne Flüchtlinge von den Fußtruppen scheinen sich nach Aliso gerettet zu haben. Aliso selbst hielt sich wenigstens noch einige Zeit, da die Deutschen den regelmäßigen Belagerungsangriff nicht kannten; später schlug sich die Besatzung ganz oder teilweise durch. Asprenas, eingeschüchtert, scheint sich auf einen kurzen Vormarsch zu ihrer Aufnahme beschränkt zu haben. Brukterer, Sigamber, alle kleineren Völker standen auf, die römische Macht war wieder über den Rhein geworfen.

Über die Örtlichkeiten dieses Feldzugs ist viel gestritten [worden]. Am wahrscheinlichsten ist, daß Varus vor der Schlacht im Talkessel von Rinteln stand, irgendwo zwischen Hausberge und Hameln; daß der fingierte Aufstand und auf den ersten Überfall hin beschlossene Rückzug nach der Dörenschlucht bei Detmold ging, die einen ebenen und breiten Paß durch den Osning bildet. Dies ist im allgemeinen auch die traditionell gewordene Ansicht, und stimmt mit den Quellen wie mit den militärischen Notwendigkeiten der Kriegslage. Ob Varus die Dörenschlucht erreicht, bleibt ungewiß; der Durchbruch der Reiterei und vielleicht der Spitze des Fußvolks scheint dafür zu sprechen.

Die Nachricht von der Vernichtung der drei Legionen und dem Aufstand des ganzen Westdeutschlands traf Rom wie ein Donnerschlag. Schon sah man Arminius über den Rhein ziehen und Gallien insurgieren, |446| Maroboduus von der andern Seite die Donau überschreiten und die kaum gebändigten Pannonier zum Zug über die Alpen mit sich fortreißen. Und Italien war schon so erschöpft, daß es fast keine Mannschaft mehr stellen konnte. Dio erzählt, wie in der Bürgerschaft nur noch wenige waffenfähige junge Leute waren, wie die älteren sich sträubten einzutreten, so daß Augustus sie mit Vermögenskonfiskation und selbst einige mit dem Tode strafte; wie der Kaiser endlich aus Freigelassenen und schon Ausgedienten notdürftig einige Truppen zum Schutz Roms zusammenbrachte, seine deutsche Leibwache entwaffnete und alle Deutschen aus der Stadt verwies.

Indes ging Arminius nicht über den Rhein, Maroboduus dachte an keinen Angriff, und so konnte Rom sich ungestört seinen Wutausbrüchen über die "treubrüchigen Germanen" überlassen. Wir sahen schon, wie Vellejus sie beschrieb, als "durch und durch verschlagene Köpfe, ein Volk, wie geschaffen zum Lügen". Ebenso Strabo. Er weiß nichts von "deutscher Treue" und "welscher Tücke", ganz im Gegenteil. Während er die Kelten "einfach und ohne Falsch" nennt, so einfältig, daß sie "vor aller Augen und ohne Vorsicht zum Kampf eilen, so daß ihren Gegnern der Sieg leicht wird" - heißt es von den Germanen:

"Gegen sie war es immer vorteilhaft, ihnen nicht zu trauen; denn diejenigen, denen man traute, haben großen Schaden angerichtet, z.B. die Cherusker, bei denen drei Legionen samt dem Feldherrn Varus mit Verletzung der Verträge in einem Hinterhalt umkamen."

Von den entrüsteten und rachedürstenden Versen Ovids gar nicht zu sprechen. Man meint, französische Schriftsteller aus der besten chauvinistischen Zeit zu lesen, die die Schale ihres Zorns ausgießen über den Treubruch Yorcks und den Verrat der Sachsen bei Leipzig. Die Deutschen hatten die Vertragstreue und Redlichkeit der Römer hinreichend kennengelernt, als Cäsar die Usipeter und Tenkterer während der Unterhandlung und des Waffenstillstands überfiel; sie hatten sie kennengelernt, als Augustus die Gesandten der Sigamber, vor deren Ankunft er jede Verhandlung mit den deutschen Stämmen verweigerte, gefangennehmen ließ. Es ist allen erobernden Völkern gemein, ihre Gegner auf jede Art zu überlisten; und dies finden sie ganz in der Ordnung; sobald sich die Gegner jedoch dasselbe erlauben, nennen jene es Treubruch und Verrat. Die Mittel aber, die man zur Unterjochung anwendet, müssen auch gestattet sein zur Abwerfung des Jochs. Solange es ausbeutende und herrschende Volker und Klassen auf einer, ausgebeutete und beherrschte auf der ändern Seite gibt, solange wird die Anwendung der List neben der der Gewalt auf beiden Seiten eine Notwendigkeit sein, gegen die alle Moralpredigt machtlos bleibt.

|447| So kindisch auch das dem Arminius bei Detmold errichtete Phantasiestandbild ist - es hat nur das eine Gute gehabt, Louis-Napoleon zur Errichtung eines ebenso lächerlichen Phantasiekolosses des Vercingetorix auf einem Berge bei Alise[-Sainte-Reine] zu verleiten -, so richtig bleibt es, daß die Varusschlacht einen der entscheidendsten Wendepunkte der Geschichte bildet. Mit ihr war die Unabhängigkeit Deutschlands von Rom ein für allemal entschieden. Es läßt sich darüber viel zwecklos hin und her streiten, ob denn diese Unabhängigkeit für die Deutschen selbst ein so großer Gewinn war; sicher ist, daß ohne sie die ganze Geschichte eine andre Richtung eingeschlagen hätte. Und wenn in der Tat die ganze folgende Geschichte der Deutschen fast nur eine große Reihe von - großenteils selbstverschuldeten - Nationalunglücksfällen darstellt, so daß auch die bestechendsten Erfolge fast immer zum Schaden des Volks ausschlagen - so muß man doch sagen, daß die Deutschen hier, am Anfang ihrer Geschichte, entschieden Glück hatten.

Es waren die letzten Lebenskräfte der sterbenden Republik, die Cäsar zur Unterwerfung Galliens verwendet hatte. Die Legionen, seit Marius aus geworbnen Söldnern, aber immer noch ausschließlich Italiern gebildet, starben seit Cäsar buchstäblich aus, in dem Maß wie die Italier selbst unter den reißend um sich greifenden Latifundien und ihrer Sklavenbewirtschaftung ausstarben. Die 150.000 Mann, die die geschlossene Infanterie der 25 Legionen ausmachten, waren nur durch Aufwendung der äußersten Mittel zusammenzuhalten. Die zwanzigjährige Dienstzeit wurde nicht eingehalten, die ausgedienten Veteranen wurden gezwungen, auf unbestimmte Zeit bei der Fahne zu bleiben. Das war der Hauptgrund der Meuterei der rheinischen Legionen beim Tode des Augustus, die Tacitus so anschaulich schildert und die in ihrer wunderlichen Mischung von Aufsässigkeit und Disziplin so lebhaft an die Meutereien der spanischen Soldaten Philipps II. in den Niederlanden erinnert, in beiden Fällen das feste Gefüge des Heeres bezeugend, dem das gegebne Wort vom Fürsten gebrochen war. Wir sahen, wie vergebens Augustus' Versuch blieb, nach der Varusschlacht die alten, längst außer Übung gekommenen Aushebungsgesetze wieder durchzuführen; wie er auf schon Ausgediente zurückgreifen mußte und selbst auf Freigelassene - er hatte diese schon einmal während des pannonischen Aufstandes eingestellt. Der Ersatz an freien italischen Bauernsöhnen war mit den freien italischen Bauern selbst verschwunden. Jedes neue, den Legionen zugeführte Ersatzkontingent verschlechterte die Qualität des Heeres. Und da man dennoch diese Legionen, den schwer zu erhaltenden Kern der ganzen Heeresmacht, möglichst schonen mußte, treten die Hülfstruppen |448| mehr und mehr in den Vordergrund, schlagen die Schlachten, in denen die Legionen nur noch die Reserve bilden, so daß schon zu Claudius' Zeit die Bataver sagen konnten: mit dem Blut der Provinzen würden die Provinzen erobert.

Mit einem solchen, sich mehr und mehr der altrömischen Disziplin und Festigkeit und damit der altrömischen Kampfweise entfremdenden, mehr und mehr aus Provinzialen, endlich sogar meist aus reichsfremden Barbaren sich zusammensetzenden Heer waren jetzt schon fast keine großen Angriffskriege mehr zu führen - bald auch keine großen Angriffsschlachten mehr zu schlagen. Die Entartung des Heers verwies den Staat auf die Defensive, die zuerst noch angriffsweise, bald aber immer passiver geführt wurde, bis endlich das Schwergewicht des Angriffs, ganz auf Seite der Deutschen gekommen, auf der ganzen Linie von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer über Rhein und Donau unaufhaltsam hereinbrach.

Inzwischen galt es, selbst zur Sicherung der Rheinlinie, den Deutschen auf ihrem eignen Gebiet das Übergewicht der römischen Waffen wieder fühlbar zu machen. Zu diesem Zweck eilte Tiberius an den Rhein, stellte die erschlaffte Disziplin durch eignes Beispiel und strenge Strafen wieder her, beschränkte den Troß des mobilen Heeres aufs Notwendigste und durchzog Westdeutschland in zwei Feldzügen (Jahre 10 und 11). Die Deutschen stellten sich nicht zu Entscheidungsschlachten, die Römer wagten nicht, ihre Winterlager rechts des Rheins zu beziehn. Ob Aliso und das an der Emsmündung im Lande der Chauken angelegte Kastell auch im Winter ständige Besatzung behielten, wird nicht gesägt, ist aber wohl anzunehmen.

Im August 14 starb Augustus. Die rheinischen Legionen, denen weder Entlassung nach vollbrachter Dienstzeit noch Soldzahlung eingehalten worden, weigerten sich, Tiberius anzuerkennen und proklamierten des Drusus Sohn Germanicus zum Kaiser. Dieser stillte den Aufstand selbst, brachte die Truppen zum Gehorsam zurück und führte sie in drei von Tacitus geschilderten Feldzügen nach Deutschland. Hier trat ihm Arminius entgegen und bewies sich als ein seines Gegners vollkommen würdiger Feldherr. Er suchte alle Entscheidungsschlachten im offnen Gelände zu vermeiden, den Marsch der Römer möglichst zu hindern und sie nur in Sümpfen und Engpässen anzugreifen, wo sie sich nicht entwickeln konnten. Aber die Deutschen folgten ihm nicht immer. Kampflust riß sie oft fort zu Gefechten unter ungünstigen Umständen, Beutegier rettete mehr als einmal die schon in der Falle festsitzenden Römer. So erfocht Germanicus zwei unfruchtbare Siege auf Idisiavisus und am angrivanschen Grenzwall, entkam mit Not auf den Rückzügen durch die Defileen der Sümpfe, verlor Schiffe und Mannschaft |449| durch Stürme und Fluten an der friesischen Küste und wurde endlich nach dem Feldzuge des Jahres 16 von Tiberius abberufen. Damit nahmen die Römerzüge ins Innere Deutschlands ein Ende.

Aber die Römer wußten nur zu gut, daß man eine Flußlinie nur dann beherrscht, wenn man auch den Übergang aufs jenseitige Ufer beherrscht. Weit entfernt, sich passiv hinter den Rhein zurückzuziehn, verlegt sich die römische Defensive aufs rechte Ufer. Die Römerschanzen, die das Gebiet der unteren Lippe, Ruhr und Wupper in großen, wenigstens in einzelnen Fällen späteren Gauen entsprechenden Gruppen bedecken, [und] die vom Rhein bis an die Grenze der Grafschaft Mark ausgebauten Heerstraßen lassen vermuten, daß hier ein System von Verteidigungswerken lag, dessen Zug von der Ijssel bis an die Sieg der jetzigen Grenzlinie zwischen Franken und Sachsen entsprach - mit einzelnen Abweichungen der Grenze der Rheinprovinz gegen Westfalen. Dies im 7. Jahrhundert wohl noch einigermaßen verteidigungsfähige System wäre es dann auch, das die damals vordringenden Sachsen vom Rhein abgehalten und so ihre heutige Stammesgrenze gegen die Franken festgestellt hat. Die interessantesten Entdeckungen sind hier erst in den letzten Jahren (von J. Schneider) gemacht; es werden also wohl noch weitere zu erwarten sein.

Weiter rheinaufwärts wurde allmählich, besonders unter Domitian und Hadrian, der große römische Grenzwall ausgebaut, der sich von unterhalb Neuwied über die Montabaurer Höhe nach Ems zieht, dort die Lahn überschreitet, bei Adolfseck sich westlich wendet, dem Nordabhang des Taunus folgend als nördlichsten Punkt Grüningen in der Wetterau umfaßt und von dort aus, in südsüdöstlicher Richtung verlaufend, südlich von Hanau den Main erreicht. Von hier aus geht der Wall auf dem linken Mainufer bis Miltenberg; von da in nur einmal gebrochener grader Linie bis an die württembergische Rems in die Nähe der Burg Hohenstaufen. Hier wendet die später, wahrscheinlich unter Hadrian, fortgebaute Linie sich östlich, über Dinkelsbühl, Gunzenhausen, Ellingen und Kipfenberg, und erreicht bei Irnsing oberhalb Kelheim die Donau. Hinter dem Wall lagen kleinere Schanzen und in weiterer Entfernung größere feste Plätze als Rückhalt. Das hiermit abgeschlossene rechtsrheinische Land, das wenigstens südlich vom Main seit der Vertreibung der Helvetier durch die Sueven wüst gelegen hatte, wurde nach Tacitus durch gallische Vagabunden, Nachzügler der Truppen, bevölkert.

So traten an Rhein, Pfahlgraben und Donau allmählich ruhigere und gesichertere Zustände ein. Kämpfe und Streifzüge dauerten fort, aber die gegenseitigen Gebietsgrenzen blieben ein paar hundert Jahre unverändert.

 

Fortschritte bis zur Völkerwanderung

|450| Mit Tacitus und Ptolemäus versiegen die schriftlichen Quellen über Zustände und Vorgänge im Innern Deutschlands. Dafür tut sich uns eine Reihe anderer, viel anschaulicherer Quellen auf: die Funde von Altertümern, soweit sie sich auf den vorliegenden Zeitabschnitt zurückführen lassen.

Daß zu Plinius' und Tacitus' Zeit der Handel der Römer mit dem Innern Deutschlands fast Null war, haben wir gesehn. Aber wir finden bei Plinius doch die Andeutung eines alten, noch zu seiner Zeit dann und wann benutzten Handelswegs von Carnuntum (gegenüber der Mündung der March in die Donau), die March und Oder entlang nach der Bernsteinküste. Dieser Weg sowie ein zweiter durch Böhmen, die Elbe entlang, ist wahrscheinlich schon in sehr früher Zeit von den Etruskern benutzt worden, deren Anwesenheit in den nördlichen Alpentälern durch zahlreiche Funde, besonders den Hallstätter Fund, erwiesen ist. Der Einbruch der Gallier nach Oberitalien soll diesem Handel ein Ende gemacht haben (gegen -400) (Boyd Dawkins). Bestätigt sich diese Ansicht, so müßte dieser etruskische Handelsverkehr, hauptsächlich Einfuhr von Bronzewaren, mit den Völkern stattgefunden haben, die vor den Deutschen das Land an Weichsel und Elbe besetzt hielten, also wohl mit Kelten, und die Einwanderung der Deutschen würde dann wohl ebensoviel mit seiner Unterbrechung zu tun haben wie der Rückstrom der Kelten nach Italien. Erst seit dieser Unterbrechung scheint der östlichere Handelsweg, von den griechischen Städten des Schwarzen Meers den Dnjestr wie den Dnjepr entlang, nach der Gegend an der Weichselmündung aufgekommen zu sein. Dafür sprechen die bei Bromberg, auf der Insel Ösel und andern Orten gefundnen alten griechischen Münzen; es sind darunter Stücke aus dem vierten, vielleicht aus dem fünften Jahrhundert vor unsrer Zeitrechnung, geprägt in Griechenland, Italien, Sizilien, Cyrene usw.

Die unterbrochenen Handelswege längs der Oder und Elbe mußten sich von selbst wiederherstellen, sobald die wandernden Völker zur Ruhe kamen. Zur Zeit des Ptolemäus scheinen nicht nur diese, sondern auch noch andre Verkehrswege durch Deutschland wieder in Aufnahme gekommen zu sein, und wo Ptolemäus' Zeugnis aufhört, da fahren die Funde fort zu sprechen.

C. F. Wiberg (3) hat durch sorgfältige Zusammenstellung der Funde hier vieles klargestellt und den Nachweis geliefert, daß im 2. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung die Handelswege sowohl durch Schlesien die Oder wie durch |451| Böhmen die Elbe hinab wieder benutzt wurden. In Böhmen erwähnt schon Tacitus

"Beuteaufkäufer und Händler" (lixae ac negotiatores) "aus unsern Provinzen, die Geldgier und Vaterlandsvergessenheit ins feindliche Gebiet und an das Heerlager des Maroboduus geführt hatte".

Ebenso haben die Hermunduren, die, seit langem mit den Römern befreundet, nach Tacitus in den Dekumatländern und Rhätien bis nach Augsburg ungehindert verkehrten, wohl jedenfalls römische Waren und Münzen vom Obermain zur Saale und Werra weiter vertrieben. Auch weiter abwärts am römischen Grenzwall, an der Lahn, zeigen sich Spuren eines Handelswegs ins Innere.

Der bedeutendste Weg scheint der durch M�hren und Schlesien geblieben zu sein. Die Wasserscheide zwischen March resp. Beva und Oder, die einzige, die zu �berschreiten ist, geht durch ein offnes Hügelland und liegt unter 325 Meter Meereshöhe; die Eisenbahn geht noch jetzt hierher. Von Niederschlesien an öffnet sich die norddeutsche Tiefebene und erlaubt Wegen, in allen Richtungen zur Weichsel und Elbe abzuzweigen. In Schlesien und Brandenburg müssen römische Kaufleute im 2. und 3. Jahrhundert ansässig gewesen sein. Wir finden dort nicht nur Glasurnen, Tränenfläschchen und Graburnen mit lateinischer Inschrift (Massel bei Trebnitz in Schlesien und anderwärts), sondern selbst vollständige römische Grabgewölbe mit Urnennischen (Columbarien) (Nachein bei Glogau). Auch bei Warin in Mecklenburg fand man unzweifelhaft römische Gräber. Ebenso bezeugen Funde von Münzen, römischen Metallwaren, tönernen Lampen etc. den Gang des Handelsverkehrs auf dieser Straße. Überhaupt ist das ganze östliche Deutschland, obwohl nie von römischen Heeren betreten, wie übersät mit römischen Münzen und Fabrikaten; diese letzteren häufig beglaubigt durch dieselben Fabrikstempel, die auch auf den Funden in den Provinzen des Römerreichs vorkommen. In Schlesien gefundene Tonlampen haben denselben Fabrikstempel wie andre in Dalmatien, Wien etc. gefundene. So findet sich der Stempel: Ti. Robilius Sitalcis auf Bronzevasen, von denen eine in Mecklenburg, eine zweite in Böhmen gefunden; dies weist auf den Handelsweg entlang der Elbe.

Dann aber befuhren in den ersten Jahrhunderten nach Augustus auch römische Handelsschiffe die Nordsee. Dies beweist der Fund von Neuhaus an der Oste (Elbmündung), von 344 römischen Silbermünzen von Nero bis Marcus Aurelius und mit Resten eines dort wahrscheinlich gescheiterten Schiffs. Auch längs der Südküste der Ostsee fand ein Schiffsverkehr statt, der bis zu den dänischen Inseln, Schweden und Gotland reichte und mit |452| dem wir uns noch näher beschäftigen werden. Die von Ptolemäus und Marcianus (um das Jahr 400) angegebnen Entfernungen der verschiednen Küstenpunkte voneinander können nur auf den Berichten von Kaufleuten, welche jene Küsten befahren hatten, beruhen. Sie gehn von der mecklenburgischen Küste bis Danzig und von da bis Scandia. Dies beweisen endlich die zahlreichen sonstigen Funde römischer Herkunft in Holstein, Schleswig, Mecklenburg, Vorpommern, den dänischen Inseln und Südschweden, deren Fundorte in geringer Entfernung von der Küste am dichtesten zusammenliegen.

Inwieweit dieser römische Handelsverkehr eine Einfuhr von Waffen nach Deutschland einschloß, wird sich schwerlich entscheiden lassen. Die zahlreichen römischen, in Deutschland gefundenen Waffen können ebensogut Beutestücke sein, und die römischen Behörden an der Grenze boten selbstredend alles auf, den Deutschen die Waffenzufuhr abzuschneiden. Auf dem Seeweg mag indes manches, besonders zu den ferneren Völkern, z.B. auf der cimbrischen Halbinsel, gekommen sein.

Die übrigen römischen Waren, die auf diesen verschiednen Wegen nach Deutschland kamen, bestanden aus Hausrat, Schmucksachen und Toilettegegenständen usw. Der Hausrat weist auf: Schüsseln, Maße, Becher, Gefäße, Kochgeschirre, Siebe, Löffel, Scheren, Kellen etc. von Bronze, einzelne Gefäße von Gold oder Silber, Lampen von Ton, die sehr verbreitet sind; die Schmucksachen von Bronze, Silber oder Gold; Halsbänder, Diademe, Arm- und Fingerringe, Spangen in der Art unsrer Broschen; unter den Toilettegegenständen finden wir Kämme, Pinzetten, Ohrlörfel usw. - von Gegenständen zu schweigen, deren Gebrauch streitig ist. Die meisten dieser Fabrikate sind nach Worsaaes Zugeständnis unter dem Einnuß des im ersten Jahrhundert in Rom herrschenden Geschmacks entstanden.

Der Abstand ist groß von den Deutschen des Cäsar, und selbst noch des Tacitus, zu dem Volk, das sich dieser Geräte bediente, selbst zugegeben, daß dies nur von den Vornehmeren und Reicheren geschah. Die "einfachen Speisen", womit die Deutschen nach Tacitus "ohne viel Zubereitung (sine apparatu), ohne Würze den Hunger austreiben", haben einer Küche Platz gemacht, die sich schon eines ziemlich zusammengesetzten Apparats bediente und außer diesem Apparat auch wohl die entsprechenden Würzen von den Römern bezog. An die Stelle der Verachtung der Gold- und Silbersachen ist die Lust getreten, sich damit zu schmücken; an die Stelle der Gleichgültigkeit gegen römisches Geld seine Verbreitung über das ganze germanische Gebiet. Und nun gar die Toilettesachen - welche beginnende Umwälzung in den Sitten verrät nicht ihre bloße Gegenwart bei einem |453| Volk, das zwar, soviel wir wissen, die Seife erfand, aber sie nur zum Gelbfärben des Haares zu brauchen verstand!

Was die Deutschen den römischen Händlern für all dies bare Geld und diese Waren lieferten, darüber sind wir zunächst auf die Nachrichten der Alten angewiesen, und diese lassen uns, wie gesagt, fast ganz im Stich. Plinius erwähnt Gemüse, Gänsefedern, wollene Zeuge und Seife als Artikel, die das Reich aus Deutschland einführte. Aber dieser beginnende Handel an der Grenze kann keinen Maßstab abgeben für die spätere Zeit. Der Hauptartikel, von dem wir wissen, war der Bernstein, der aber nicht hinreicht, um einen so über das ganze Land sich verbreitenden Verkehr zu erklären. Vieh, das den Hauptreichtum der Deutschen ausmachte, wird auch wohl der wichtigste Ausfuhrgegenstand gewesen sein, die an der Grenze aufgestellten Legionen allein bürgen für starken Fleischbedarf. Tierfelle und Pelzwaren, die zu Jornandes' Zeit aus Skandinavien nach der Weichselmündung und von da in römisches Gebiet versandt wurden, haben gewiß auch schon in früherer Zeit aus den ostdeutschen Wäldern ihren Weg dorthin gefunden. Wilde Tiere für den Zirkus, meint Wiberg, seien von den römischen Seefahrern aus dem Norden hereingebracht. Aber außer Bären, Wölfen und etwa Auerochsen war dort nichts zu holen und da waren Löwen und Leoparden und selbst Bären aus Afrika und Asien näher und leichter zu haben. - Sklaven? fragt Wiberg endlich, fast verschämt, und hier wird er wohl das Richtige getroffen haben. In der Tat waren Sklaven außer Vieh der einzige Artikel, von dem Deutschland hinreichend ausführen konnte, um damit seine Handelsbilanz gegen Rom zu saldieren. Italien allein verbrauchte in den Städten wie auf den Latifundien eine ungeheure, sich nur zum allergeringsten Teil fortpflanzende Sklavenbevölkerung. Die ganze römische Großgrundbesitzwirtschaft hatte zur Voraussetzung jene kolossale Zufuhr von verkauften Kriegsgefangnen, die in den unaufhörlichen Eroberungskriegen der verfallenden Republik und noch des Augustus nach Italien strömte. Das hatte jetzt ein Ende genommen. Das Reich war auf festen Grenzen in die Defensive getreten. Die überwundenen Feinde, aus denen die Masse der Sklaven sich rekrutierte, wurden bei den römischen Heeren immer seltner. Man mußte sie bei den Barbaren kaufen. Und da sollten die Deutschen nicht auch als Verkäufer auf dem Markt erschienen sein? Die Deutschen, die nach Tacitus schon Sklaven verkauften ("Germ[ania]" 24), die fortwährend untereinander im Krieg lagen, die, wie die Friesen, ihre Steuern an die Römer bei Geldmangel mit Übergabe ihrer Weiber und Kinder in Sklaverei bezahlten und die schon im dritten Jahrhundert, wenn nicht schon früher, die Ostsee befuhren und deren Seezüge |454| in der Nordsee von den Sachsenfahrten des dritten bis zu den Normannenfahrten des zehnten Jahrhunderts neben anderm Seeraub vorzugsweise Sklavenjagd zum nächsten Zweck hatten - Sklavenjagd fast ausschließlich für den Handel? - dieselben Deutschen, die wenige Jahrhunderte später, sowohl während der Völkerwanderung wie in ihren Kriegen gegen die Slawen, als die ersten Sklavenräuber und Sklavenhändler ihrer Zeit auftreten? Entweder müssen wir annehmen, daß die Deutschen des zweiten und dritten Jahrhunderts ganz andre Leute waren als alle übrigen Grenznachbarn der Römer und ganz anders als ihre eignen Nachkommen vom dritten, vierten und fünften Jahrhundert an, oder aber wir müssen zugeben, daß sie sich ebenfalls an dem damals für recht anständig und sogar ehrenvoll geltenden Sklavenhandel nach Italien stark beteiligt haben. Und damit fällt denn auch der geheimnisvolle Schleier, der sonst den deutschen Exporthandel jener Zeit verhüllt.

Hier müssen wir auf den Ostseeverkehr jener Zeit zurückkommen. Während die Küste des Kattegats fast gar keine römischen Funde aufzuweisen hat, ist die Südküste der Ostsee bis nach Livland hinein, Schleswig-Holstein, der Südrand und das Innere der dänischen Inseln, die südliche und südöstliche Küste Schwedens, Oeland und Gotland sehr reich daran. Bei weitem die meisten dieser Funde gehören der sogenannten Denarperiode an, auf die wir noch zu sprechen kommen und die bis auf die ersten Regierungsjahre des Septimius Severus, also rund bis 200 reicht. Schon Tacitus nennt die Suionen stark durch ihre Ruderflotten und sagt, daß sie den Reichtum in Ehren halten; sie trieben also wohl sicher schon Seehandel. Die in den Balten, dem Oeres- und Oelandssund sowie in der Küstenfahrt zuerst entwickelte Schiffahrt mußte sich schon auf die hohe See wagen, um Bornholm und Gotland in seinen Kreis zu ziehn; sie mußte schon eine bedeutende Sicherheit in der Handhabung der Fahrzeuge erlangt haben, um den lebhaften Verkehr auszubilden, als dessen Mittelpunkt grade die am weitesten vom Festland abgelegene Insel Gotland sich darstellt. Hier sind in der Tat bis 1873 (4) über 3.200 römische Silberdenare gefunden worden gegen etwa 100 auf Oeland, kaum 50 auf dem schwedischen Festland, 200 auf Bornholm, 600 auf Dänemark und Schleswig (wovon 428 in einem einzigen Fund, Slagelse auf Seeland). Die Untersuchung dieser Funde beweist, daß bis zum Jahr 161, wo Marc Aurel Kaiser wurde, nur wenige, von da aber bis zum Ende des Jahrhunderts massenhaft römische |455| Denare nach Gotland kamen. In der letzten Hälfte muß also die Ostseeschiffahrt schon eine bedeutende Entwicklung erreicht haben; daß sie schon früher bestand, beweist die Angabe des Ptolemäus, wonach [es] von den Weichselmündungen bis Scandia 1.200 bis 1.600 Stadien weit war (30 bis 40 geographische Meilen). Beide Entfernungen sind ungefähr richtig für die Ostspitze von Blekinge wie für die Südspitze von Oeland oder Gotland, je nachdem man von Rixhöft oder von Neufahrwasser resp. Pillau mißt. Sie können nur auf Schiffernachrichten beruhen, ganz wie die andern Entfernungsangaben längs der deutschen Küste bis zu den Weichselmündungen.

Daß diese Schiffahrt auf der Ostsee nicht von den Römern betrieben wurde, dafür spricht erstens die Nebelhaftigkeit aller ihrer Vorstellungen von Skandinavien und zweitens die Abwesenheit aller römischen Münzfunde am Kattegat und in Norwegen. Das cimbrische Vorgebirge (Skagen), das die Römer unter Augustus erreichten und von dem sie das endlose Meer sich ausbreiten sahen, scheint der Grenzpunkt ihres direkten Seeverkehrs geblieben zu sein. Danach haben also die Germanen selbst die Ostsee befahren und den Verkehr unterhalten, römisches Geld und römische Fabrikate nach Skandinavien verführt. Und dies kann auch gar nicht anders sein. Von der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts an treten die sächsischen Seezüge an der gallischen und britannischen Küste urplötzlich auf, und zwar mit einer Kühnheit und Sicherheit, die ihnen nicht über Nacht gekommen sein konnte, die vielmehr eine lange Vertrautheit mit der Fahrt auf hoher See voraussetzt. Und diese Vertrautheit können sich die Sachsen, unter denen wir hier auch alle Völker der cimbrischen Halbinsel verstehn müssen, also auch Friesen, Angeln, Jüten, nur erworben haben auf der Ostsee. Dies große Binnenmeer, ohne Ebbe und Flut, auf dem die atlantischen Südweststürme erst ankommen, nachdem sie sich auf der Nordsee großenteils ausgetobt haben, dies langgestreckte Bassin mit seinen vielen Inseln, Bodden und Sunden, wo man bei der Überfahrt von Ufer zu Ufer höchstens nur auf kurze Zeit kein Land sieht, war wie geschaffen dazu, einer sich neu entwickelnden Schiffahrt als Übungsgewässer zu dienen. Hier weisen schon die schwedischen, der Bronzezeit zugeschriebnen Felsenbilder mit ihren zahlreichen Darstellungen von Ruderbooten auf uralte Schiffahrt hin. Hier bietet uns der Nydamer Moorfund in Schleswig ein 70 Fuß langes, 8 bis 9 Fuß breites, aus Eichenbrettern gezimmertes Boot aus dem Anfang des dritten Jahrhunderts, ganz geeignet zur Fahrt auf hoher See. Hier bildete sich in der Stille jene Technik des Schiffbaus und jene seemännische Erfahrung, die den Sachsen und Normannen ihre späteren Eroberungszüge |456| auf hoher See möglich machte und auf Grund welcher der germanische Stamm bis heute an der Spitze aller Seevölker der Welt steht.

Die bis zum Ende des zweiten Jahrhunderts nach Deutschland gekommenen römischen Münzen waren vorwiegend Silberdenare (1 Denar = 1,06 Mark). Und zwar zogen die Deutschen, wie uns Tacitus mitteilt, die alten, langbekannten Münzen vor, mit gezahntem Rande und dem Doppelgespann im Gepräge. Wirklich sind unter den älteren Münzen auch viele dieser serrati bigatique gefunden worden. Diese alten Münzen hatten nur 5 bis 10 Prozent Kupferzusatz. Schon Trajan ließ dem Silber 20 Prozent Kupfer zusetzen; dies scheinen die Deutschen nicht gemerkt zu haben. Aber als Septimius Severus von 198 an den Zusatz auf 50 bis 60 Prozent erhöhte, wurde dies den Deutschen zu arg; die unterwertigen späteren Denare kommen in den Funden nur ganz ausnahmsweise vor, die Einfuhr des römischen Geldes hörte auf. Sie beginnt erst wieder, nachdem Konstantin im Jahre 312 den Goldsolidus (72 aufs römische Pfund Feingold von 327 g, also 1 Solidus = 4,55 g fein = 12,70 Mark) als Münzeinheit festgesetzt hatte, und nun sind es vorzugsweise Goldmünzen, Solidi, die nach Deutschland, noch mehr aber nach Oeland und besonders Gotland kommen. Diese zweite Periode der römischen Geldeinfuhr, die Solidusperiode, geht für weströmische Münzen bis zum Ende des Westreichs, für byzantinische bis Anastasios (starb 518). Die Funde fallen meist auf Schweden, die dänischen Inseln, einige auf die deutsche Ostseeküste; im Innern Deutschlands sind sie sehr sporadisch.

Die Münzfälschung des Septimius Severus und seiner Nachfolger genügt indes nicht, um das plötzliche Abbrechen des Handelsverkehrs zwischen Deutschen und Römern zu erklären. Es müssen andre Ursachen hinzugekommen sein. Die eine liegt offenbar in den politischen Verhältnissen. Seit Anfang des dritten Jahrhunderts beginnt der Angriffskrieg der Deutschen gegen die Römer, und gegen 250 ist er auf der ganzen Linie von der Donaumündung bis zum Rheindelta entbrannt. Dabei konnte natürlich kein geregelter Handel zwischen den Kriegführenden bestehn. Aber diese plötzlichen, allgemeinen, hartnäckigen Angriffskriege wollen selbst erklärt sein. In den inneren römischen Verhältnissen finden sie sich nicht; das Reich leistet im Gegenteil noch überall erfolgreichen Widerstand und produziert zwischen einzelnen Perioden wüster Anarchie immer noch kräftige Kaiser, grade um diese Zeit. Die Angriffe müssen also durch Veränderungen bedingt sein, die bei den Deutschen selbst vorgegangen. Und hier sind es wieder die Funde, die die Erklärung geben.

In den ersten sechziger Jahren unsres Jahrhunderts wurden in zwei |457| Schleswiger Torfmooren Funde von hervorragender Wichtigkeit gemacht, die, von Engelhardt in Kopenhagen sorgsam gehoben, nach verschiednen Irrfahrten jetzt im Kieler Museum niedergelegt sind. Was sie vor andern Funden ähnlicher Art auszeichnet, sind die dazugehörigen Münzen, die ihr Alter mit ziemlicher Sicherheit feststellen. Der eine, aus dem Taschberger (bei den Dänen Thorsbjerger) Moor bei Süderbrarup, enthält 37 Münzen von Nero bis Septimius Severus, der andre, aus dem Nydamer Moor, einer verschlammten und vertorften Seebucht, 34 Münzen von Tiberius bis Macrinus (218). Die Funde gehören also wohl unzweifelhaft in die Zeit von 220 bis 250. Sie enthalten aber nicht nur Gegenstände römischen Ursprungs, sondern auch zahlreiche andre, die im Lande selbst gefertigt sind und die, bei der fast vollständigen Erhaltung durch das eisenhaltige Torfwasser, uns den Zustand der norddeutschen Metallindustrie, Weberei, des Schiffbaus und vermittelst der Runenzeichen auch des Schriftgebrauchs in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts in überraschender Weise klarlegen.

Und hier überrascht uns noch mehr der Stand der Industrie selbst. Die feinen Gewebe, die zierlichen Sandalen und das sauber gearbeitete Riemenzeug zeigen eine weit höhere Kulturstufe an als die der taciteischen Deutschen; was aber besonders in Erstaunen setzt, sind die einheimischen Metallarbeiten.

Daß die Deutschen Kenntnis des Metallgebrauchs aus der asiatischen Heimat mitbrachten, beweist die Sprachvergleichung. Die Kenntnis der Metallgewinnung und -bearbeitung haben sie vielleicht ebenfalls gehabt, hatten sie aber kaum noch, als sie mit den Römern zusammenstießen. Wenigstens findet sich bei den Schriftstellern des ersten Jahrhunderts keine Andeutung davon, daß zwischen Rhein und Elbe Eisen oder Bronze gewonnen und verarbeitet worden sei; sie lassen eher aufs Gegenteil schließen. Von den Gothinen (in Oberschlesien?) sagt Tacitus allerdings, daß sie Eisen grüben, und den benachbarten Quaden schreibt Ptolemäus Eisenwerke zu; beiden kann die Kenntnis des Schmelzens von der Donau her wieder zugekommen sein. Auch die durch Münzen beglaubigten Funde des ersten Jahrhunderts weisen nirgends einheimische Metallprodukte auf, sondern nur römische; wie wären die Massen römischer Metallwaren nach Deutschland gekommen, wenn dort eine eigne Metallverarbeitung bestanden hätte? Allerdings finden sich in Deutschland alte Gußformen, unvollendete Gußstücke und Gußabfälle aus Bronze, aber stets ohne das Alter beglaubigende Münzen; aller Wahrscheinlichkeit nach Spuren aus vorgermanischer Zeit, Reste der Tätigkeit herumziehender etruskischer Bronze- |458| gießer. Übrigens ist die Frage zwecklos, ob den einwandernden Deutschen die Metallbereitung gänzlich abhanden gekommen war; alle Tatsachen sprechen dafür, daß sie im ersten Jahrhundert faktisch keine oder so gut wie keine Metallverarbeitung betrieben.

Hier tauchen nun auf einmal die Taschberger Moorfunde auf und enthüllen uns eine unerwartete Höhe der einheimischen Metallindustrie. Schnallen, Metallplatten zu Beschlägen, mit Tier- und Menschenköpfen verziert, ein silberner Helm mit vollständiger Gesichtseinrahmung, nur Augen, Nase und Mund freilassend; Ringpanzer von Drahtgeflecht, die äußerst mühsame Arbeit voraussetzen, da der Draht erst gehämmert werden mußte (das Drahtziehen wurde erst 1306 erfunden), ein goldner Kopfring, andrer Gegenstände nicht zu erwähnen, deren einheimischer Ursprung in Zweifel gezogen werden könnte. Mit diesen Fundstücken stimmen andre des Nydamer Moors sowie Moorfunde aus Fünen und endlich ein böhmischer Fund (Horovice), ebenfalls im Anfang der sechziger Jahre aufgedeckt: prachtvolle Bronzescheiben mit Menschenköpfen, Spangenbuckel etc. ganz nach Art der Taschberger, also wohl ebenfalls derselben Zeit angehörig.

Vom dritten Jahrhundert an muß die Metallindustrie sich unter steigender Vervollkommnung über das ganze deutsche Gebiet ausgebreitet haben; bis zur Zeit der Völkerwanderung, sagen wir, bis Ende des fünften Jahrhunderts, erreichte sie einen verhältnismäßig sehr hohen Stand. Nicht nur Eisen und Bronze, auch Gold und Silber wurden regelmäßig verarbeitet, römische Münzen in den Gold-Brakteaten nachgemacht, die unedlen Metalle vergoldet; eingelegte Arbeit, Email, Filigranarbeit kommen vor; bei oft plumper Gestalt des ganzen Werkstücks zeigen sich höchst kunst- und geschmackvolle, nur zum Teil den Römern nachgebildete Verzierungen - letzteres gilt namentlich von den Schnallen und Spangen oder Gewandnadeln, bei denen gewisse charakteristische Formen allgemein vorkommen. Im Britischen Museum liegen Spangen aus Kertsch am Asowschen Meer neben ganz ähnlichen, die in England gefunden sind; sie könnten aus einer Fabrik sein. Der Stil dieser Arbeiten ist im Grundzug derselbe - bei oft scharfen lokalen Besonderheiten - von Schweden bis zur Unterdonau und vom Schwarzen Meer bis Frankreich und England. Diese erste Periode der deutschen Metallindustrie geht unter auf dem Festlande mit dem Schluß der Völkerwanderung und der allgemeinen Annahme des Christentums; in England und Skandinavien erhält sie sich etwas länger.

Wie allgemein verbreitet diese Industrie bei den Deutschen im 6. und 7. Jahrhundert war und wie sehr sie sich schon als besondrer Gewerbs- |459| zweig abgeschieden hatte, beweisen die Volksrechte. Schmiede, Schwertmacher, Gold- und Silberschmiede werden häufig erwähnt, im alamannischen Gesetz sogar solche, die öffentlich geprüft (publice probati) sind. Das bayrische Gesetz belegt den Diebstahl aus einer Kirche, aus dem herzoglichen Hof, aus einer Schmiede oder Mühle mit höherer Strafe, "weil diese vier Gebäude öffentliche Häuser sind und stets offen stehn". Der Goldschmied hat im friesischen Gesetz ein um 1/4 höheres Wergeld als andre Leute seines Standes; das salische Gesetz schätzt den einfachen Leibeignen auf 12 Solidi, dagegen den, der Schmied (faber) ist, auf 35.

Vom Schiffbau haben wir schon gesprochen. Die Nydamer Boote sind Ruderboote, das größere, eichene, für vierzehn Paar Ruderer, das kleinere ist aus Föhrenholz. Ruder, Steuer, Schöpfkellen lagen noch darin. Erst nachdem die Deutschen auch die Nordsee zu befahren angefangen, scheinen sie von Römern und Kelten den Gebrauch der Segel angenommen zu haben.

Töpferei war ihnen schon zu Tacitus' Zeit bekannt, wohl nur Handtöpferei. Die Römer hatten an der Grenze, namentlich innerhalb des Grenzwalls in Schwaben und Bayern, große Töpfereien, worin, wie die eingebrannten Namen der Arbeiter beweisen, auch Deutsche beschäftigt wurden. Mit diesen muß die Kenntnis des Glasflusses und der Töpferscheibe sowie höhere technische Fertigkeit nach Deutschland gekommen sein. Auch die Glasbereitung war den über die Donau eingebrochenen Deutschen bekannt geworden; in Bayern und Schwaben sind Glasgefäße, farbige Glasperlen und Glaseinsätze bei Metallwaren, sämtlich deutschen Ursprungs, oft gefunden worden.

Endlich finden wir die Runenschrift nunmehr allgemein verbreitet und angewandt. Der Taschberger Fund hat eine Schwertscheide und einen Schildbuckel, die mit Runen bezeichnet sind. Dieselben Runen treffen wir auf einem in der Walachei gefundnen Goldring, auf Spangen aus Bayern und Burgund, endlich auf den ältesten Runensteinen Skandinaviens. Es ist das vollständigere Runenalphabet, aus dem später die angelsächsischen Runen sich fortgebildet haben; es enthält sieben Schriftzeichen mehr als die später in Skandinavien zur Herrschaft gekommne nordische Runenzeile und zeigt auch auf eine ältere Sprachform hin als die, in der das älteste Nordisch uns erhalten ist. Es war übrigens ein äußerst schwerfälliges Schriftsystem, aus römischen und griechischen Buchstaben so abgeändert, daß es sich bequem auf Stein oder Metall und namentlich auf Holzstäbe einritzen (writen) ließ. Die runden Formen hatten eckigen weichen müssen; nur senkrechte oder schräge Striche waren möglich, keine horizontalen, |460| alles der Holzfaser wegen; aber eben dadurch wurde es äußerst unbehülflich für Schrift auf Pergament oder Papier. Und in der Tat, soweit wir beurteilen können, hat es auch fast nur für Kultuszwecke und Zauberei und für Inschriften, wohl auch für andre kurze Mitteilungen gedient; sobald das Bedürfnis einer wirklichen Bücherschrift entstand, wie bei Goten und später bei Angelsachsen, wurde es fortgeworfen und eine neue Anpassung des griechischen oder römischen Alphabets vorgenommen, bei der nur einzelne Runenzeichen bewahrt blieben.

Endlich müssen die Deutschen während des hier behandelten Zeitraums auch in Ackerbau und Viehzucht bedeutende Fortschritte gemacht haben. Die Beschränkung auf feste Wohnsitze zwang dazu; der enorme Zuwachs an Bevölkerung, der in der Völkerwanderung zum Überfluten kommt, wäre ohne sie unmöglich gewesen. Manches Stück Urwald muß gerodet worden sein, und wahrscheinlich gehören die meisten der "Hochäcker" - Waldstücke, die Spuren uralten Ackerbaus aufzeigen - hierher, soweit sie auf damals deutschem Gebiet liegen. Die speziellen Nachweise fehlen hier natürlich. Wenn aber schon Probus gegen Ende des 3. Jahrhunderts deutsche Pferde für seine Reiterei vorzog, und wenn das große weiße Rind, das in den sächsischen Gegenden Britanniens das kleine schwarze keltische verdrängt hat, durch die Angelsachsen dorthin gekommen ist, wie jetzt angenommen wird, so zeigt dies auch in der Viehzucht und damit im Ackerbau der Deutschen eine vollständige Revolution an.

* * * *

Das Ergebnis unsrer Untersuchung ist, daß die Deutschen von Cäsar bis Tacitus einen bedeutenden Fortschritt in der Zivilisation gemacht hatten, daß sie aber von Tacitus bis zum Beginn der Völkerwanderung - rund 400 - noch weit rascher fortschritten. Der Handel kam zu ihnen, brachte ihnen römische Industrieprodukte und damit wenigstens teilweise römische Bedürfnisse; er erweckte eine eigne Industrie, die sich zwar an römische Vorbilder anlehnte, aber dabei ganz selbständig sich entwickelte. Die schleswigschen Moorfunde stellen die erste der Zeit nach bestimmbare Etappe dieser Industrie dar; die Funde aus der Zeit der Völkerwanderung die zweite, eine höhere Entwicklung aufweisende. Eigentümlich ist dabei, daß die westlicheren Stämme gegen die des Innern und namentlich der Ostseeküsten entschieden zurückstehn. Die Franken und Alamannen und noch später die Sachsen liefern Metallwaren von geringerer Arbeit als die Angelsachsen, Skandinavier und die aus dem Innern ausgezognen Völker - |461| die Goten am Schwarzen Meer und der Unterdonau, die Burgunder in Frankreich. Der Einfluß der alten Handelswege von der Mitteldonau längs der Elbe und Oder ist hier nicht zu verkennen. Gleichzeitig bilden sich die Küstenbewohner zu geschickten Schiffsbauern und kühnen Seeleuten; überall nimmt die Volkszahl reißend zu; das von den Römern eingeengte Gebiet reicht nicht mehr; es entstehn zuerst im fernen Osten neue Züge landsuchender Stämme, bis endlich die wogende Masse an allen Ecken und Enden, zu Land wie zu See, unaufhaltsam auf neues Gebiet hinüberströmt.

 

Anmerkung:

Die deutschen Stämme

In das Innere von Großgermanien sind römische Heere nur auf wenigen Marschlinien und während eines kurzen Zeitraums gekommen, und auch da nur bis zur Elbe; Kaufleute und sonstige Reisende kamen ebenfalls bis auf Tacitus' Zeit nur selten und nicht weit hinein. Kein Wunder, daß die Nachrichten über dies Land und seine Bewohner so ungenügend und widersprechend sind; es ist eher überraschend, daß wir überhaupt noch so viel Sichres erfahren.

Unter den Quellen selbst sind die beiden griechischen Geographen nur da unbedingt brauchbar, wo sie unabhängige Bestätigung finden. Beide waren Buchgelehrte, Sammler, in ihrer Art und nach ihren Mitteln auch kritische Sichter eines uns jetzt großenteils verlernen Materials. Persönliche Kenntnis des Landes fehlte ihnen. Strabo läßt die den Römern so wohlbekannte Lippe, statt in den Rhein, parallel mit Ems und Weser in die Nordsee fließen und ist ehrlich genug einzugestehn, daß die Gegend jenseits der Elbe gänzlich unbekannt sei. Während er sich der Widersprüche seiner Quellen und eigner Zweifel entledigt vermittelst eines naiven Rationalismus, der oft an den Anfang unsres Jahrhunderts erinnert, versucht der wissenschaftliche Geograph Ptolemäus, den einzelnen in seinen Quellen genannten deutschen Stämmen im unerbittlichen Gradnetz seiner Karte mathematisch bestimmte Plätze anzuweisen. So großartig das Gesamtwerk des Ptolemäus für seine Zeit, so irreleitend ist seine Geographie Germaniens. Erstens sind die ihm vorliegenden Nachrichten meist unbestimmt und widerspruchsvoll, oft direkt falsch. Zweitens aber ist seine Karte verzeichnet, Flußläufe und Gebirgszüge großenteils total unrichtig eingetragen. Es ist, als wenn ein ungereister Berliner Geograph, etwa um 1820, sich verpflichtet fühlte, den leeren Raum auf der Karte von Afrika auszufüllen, indem er die Nachrichten aller Quellen seit Leo Africanus |462| in Harmonie bringt und jedem Fluß und jedem Gebirge einen bestimmten Lauf, jedem Volk einen genauen Sitz anweist. Bei solchen Versuchen, Unmögliches zu leisten, müssen die Irrtümer der benutzten Quellen noch verschärft werden. So setzt Ptolemäus viele Völker doppelt an; Lakkobarden an der Niederelbe, Langobarden vom Mittelrhein bis zur Mittelelbe; er kennt ein doppeltes Böhmen, das eine bewohnt von Markomannen, das andre von Bainochaimen usw. Wenn Tacitus ausdrücklich sagt, es gäbe keine Städte in Germanien, so weiß Ptolemäus, kaum 50 Jahre später, schon 96 Orte mit Namen anzuführen. Manche dieser Namen mögen richtige Ortsnamen sein; Ptolemäus scheint viele Nachrichten von Kaufleuten gesammelt zu haben, die um diese Zeit schon in größerer Zahl den Osten Deutschlands besuchten und die sich allmählich fixierenden Namen der von ihnen besuchten Orte kennenlernten. Woher andre rühren, zeigt das eine Beispiel der angeblichen Stadt Siatutanda, die unser Geograph aus den Worten: ad sua tutanda |zu seinem Schutz| des Tacitus, wohl aus einer schlechten Handschrift, herausliest. Daneben finden sich Nachrichten von überraschender Genauigkeit und vom höchsten historischen Wert. So ist Ptolemäus der einzige unter den Alten, der die Langobarden, zwar unter dem entstellten Namen Lakkobarden, genau an die Stelle setzt, wo noch heute Bardengau und Bardenwic von ihnen zeugen; ebenso Ingrionen in dem Engersgau, wo noch heute Engers am Rhein bei Neuwied. So führt er, ebenfalls allein, die Namen von den litauischen Galinden und Suditen auf, die noch heute in den ostpreußischen Landschaften Gelünden und Sudauen fortbestehn. Solche Fälle aber beweisen nur seine große Gelehrsamkeit, nicht die Richtigkeit seiner übrigen Angaben. Zum Überfluß ist der Text, besonders was die Hauptsache, die Namen, angeht, entsetzlich verderbt.

Direkteste Quelle bleiben die Römer, namentlich die, welche das Land selbst besucht haben. Vellejus war in Deutschland als Soldat und schreibt als Soldat, etwa in der Art, wie ein Offizier der grande armée von den Feldzügen von 1812 und 1813 schreibt. Nicht einmal für die militärischen Ereignisse erlaubt seine Erzählung die Lokalitäten festzustellen; kein Wunder in einem Lande ohne Städte. Plinius hatte ebenfalls in Deutschland als Reiteroffizier gedient und u.a. die chaukische Küste besucht; auch hatte er in zwanzig Büchern alle mit den Germanen geführten Kriege beschrieben; hieraus schöpfte Tacitus. Dazu war Plinius der erste Römer, der an den Dingen im Barbarenlande ein mehr als politisch-militärisches, ein theoretisches Interesse nahm. |In der Handschrift gestrichen: "Dazu war er Naturforscher."| Seine Nachricht von den deutschen |463| Stämmen muß daher, als auf eigener Erkundigung des wissenschaftlichen Enzyklopädisten Roms beruhend, von besonderm Gewicht sein. Daß Tacitus in Deutschland gewesen, wird traditionell behauptet, einen Beweis finde ich nicht. Jedenfalls konnte er zu seiner Zeit direkte Nachrichten nur dicht an Rhein und Donau sammeln.

Die Völkertafeln der "Germania" [des Tacitus] und des Ptolemäus unter sich und mit dem Gewirr der übrigen alten Nachrichten in Einklang zu bringen, haben zwei klassische Bücher vergebens versucht: Kaspar Zeuß' "[Die] Deutsche[n und die Nachbarstämme]" und Jakob Grimms "Geschichte der deutschen Sprache". Was diesen beiden genialen Gelehrten und was auch seitdem nicht gelungen, wird man wohl als mit unsern gegenwärtigen Mitteln unlösbar ansehn dürfen. Die Unzulänglichkeit dieser Mittel geht grade daraus hervor, daß jene beide genötigt waren, sich falsche Hülfstheorien zu konstruieren; Zeuß, daß das letzte Wort aller streitigen Fragen in Ptolemäus zu suchen sei, obwohl niemand die Grundirrtümer des Ptolemäus schärfer kennzeichnet als grade er; Grimm, daß die Macht, die das römische Weltreich umstürzte, auf einem breiteren Boden erwachsen sein müsse als das Gebiet zwischen Rhein, Donau und Weichsel, und daß deshalb mit Goten und Daken noch der größte Teil des Landes im Norden und Nordosten der Unterdonau als deutsch anzusetzen sei. Sowohl Zeuß' wie Grimms Annahmen sind heute veraltet.

Versuchen wir wenigstens einige Klarheit in die Sache zu bringen, indem wir die Aufgabe beschränken. Gelingt es uns, eine allgemeinere Gruppierung der Völkerschaften nach einigen wenigen Hauptstämmen fertigzubringen, so wird der späteren Detailforschung ein sicherer Boden gewonnen. Und hier bietet uns die Stelle des Plinius einen Anhaltspunkt, dessen Festigkeit sich im Verfolg der Untersuchung mehr und mehr bewährt und der jedenfalls auf weniger Schwierigkeiten führt, uns in weniger Widersprüche verwickelt als irgendein andrer.

Allerdings, wenn wir von Plinius ausgehn, müssen wir die unbedingte Anwendbarkeit der taciteischen Trias und der alten Sage von des Mannus drei Söhnen Ing, Isk und Ermin fallenlassen. Aber erstens weiß Tacitus selbst mit seinen Ingävonen, Iskävonen und Herminonen nichts anzufangen. Er macht nicht den geringsten Versuch, die von ihm einzeln aufgezählten Völker unter jene drei Hauptstämme zu gruppieren. Und zweitens ist dies auch später niemandem gelungen. Zeuß strengt sich gewaltig an, die gotischen Völker, die er als "Istävonen" faßt, in die Trias einzuzwängen, und bringt dadurch nur eine noch größere Verwirrung zustande. Die Skandinavier hineinzubringen, versucht er nicht einmal und konstituiert sie als |464| vierten Hauptstamm. Damit ist aber die Trias ebensosehr durchbrochen wie mit den fünf Hauptstämmen des Plinius.

 

Sehen wir uns nun diese fünf Stämme im einzelnen an.

 

I. Vindili, quorum pars Burgundiones, Varini, Carini, Guttones.

Wir haben hier drei Völker: die Vandalen. die Burgunder und die Goten selbst, von denen es feststeht, erstens, daß sie gotische Dialekte sprachen, und zweitens, daß sie um jene Zeit tief im Osten Germaniens wohnten: Goten an und jenseits der Weichselmündung, Burgunder von Ptolemäus in die Wartagegend bis zur Weichsel gesetzt, Vandalen von Dio Cassius (der das Riesengebirge nach ihnen benennt) nach Schlesien. Zu diesem gotischen Hauptstamm, wie wir ihn nach der Sprache bezeichnen wollen, dürfen wir wohl unbedingt alle jene Völker rechnen, deren Dialekt Grimm auf den gotischen zurückgeführt hat, also zunächst die Gegenden, denen Prokop gradezu, wie auch den Vandalen, gotische Sprache zuschreibt. Von ihrem früheren Wohnsitz wissen wir nichts, ebensowenig von dem der Heruler, die Grimm neben Skiren und Rugiern auch zu den Goten stellt. Die Skiren nennt Plinius an der Weichsel, die Rugier Tacitus gleich neben den Goten an der Küste. Die gotische Mundart hält hiernach ein ziemlich kompaktes Gebiet zwischen den vandalischen Bergen (Riesengebirge), der Oder und der Ostsee bis an und über die Weichsel hinaus besetzt.

Wer die Cariner waren, wissen wir nicht. Einige Schwierigkeit verursachen die Warner. Tacitus führt sie neben Angeln unter den sieben der Nerthus opfernden Völkern an, von denen schon Zeuß mit Recht bemerkt, daß sie ein eigentümlich ingävonisches Aussehn haben. Die Angeln aber rechnet Ptolemäus zu den Sueven, was offenbar falsch. Zeuß sieht in einem oder zwei entstellten Namen bei demselben Geographen die Warner und stellt sie demgemäß ins Havelland und zu den Sueven. Die Überschrift des alten Volksrechts identifiziert ohne weiteres Warner und Thüringer; aber das Recht selbst ist den Warnern und Angeln gemeinsam. Nach allem diesem muß es zweifelhaft bleiben, ob die Warner gotischem oder ingävonischem Stamm zuzurechnen sind; da sie gänzlich verschollen, ist die Frage auch nicht von besondrer Bedeutung.

 

II. Altera pars Ingaevones, quorum pars Cimbri, Teutoni ac Chaucorum gentes.

Plinius weist hier den Ingävonen also zunächst die cimbrische Halbinsel und das Küstenland zwischen Elbe und Ems als Wohnsitz an. Von den drei genannten Völkern waren die Chauken wohl unzweifelhaft nächste |465| Verwandte der Friesen. Friesische Sprache herrscht noch heute an der Nordsee, im holländischen Westfriesland, im oldenburgischen Saterland, im schleswigschen Nordfriesland. Zur Karolingerzeit wurde an der ganzen Küste vom Sinkfal (der Bucht, die noch heute die Grenze zwischen dem belgischen Flandern und dem holländischen Seeland bildet) bis nach Sylt und dem schleswigschen Widau und wahrscheinlich noch ein gut Stück weiter nach Norden fast nur friesisch gesprochen; nur zu beiden Seiten der Elbmündung trat sächsische Sprache bis ans Meer.

Unter Cimbern und Teutonen versteht Plinius offenbar die damaligen Bewohner des cimbrischen Chersones, die also zum chaukisch-friesischen Sprachstamm gehörten. Wir dürfen also mit Zeuß und Grimm in den Nordfriesen direkte Nachkommen jener ältesten Halbinsel-Deutschen sehn.

Dahlmann ("Geschichte] von Dänemark") behauptet zwar, die Nordfriesen seien erst im fünften Jahrhundert von Südwesten her nach der Halbinsel eingewandert. Aber er gibt nicht den geringsten Beleg dafür, und seine Angabe ist auch bei allen späteren Untersuchungen mit Recht ganz unberücksichtigt geblieben.

Ingävonisch wäre hiernach zunächst gleichbedeutend mit Friesisch, in dem Sinne, daß wir den ganzen Sprachstamm nach der Mundart benennen, von der allein uns ältere Denkmäler und fortlebende Dialekte geblieben sind. Aber ist damit der Umfang des ingävonischen Stammes erschöpft? Oder hat Grimm recht, wenn er die Gesamtheit dessen, was er, nicht ganz genau, als niederdeutsch bezeichnet, darunter zusammenfaßt, also neben den Friesen noch die Sachsen?

Geben wir von vornherein zu, daß bei Plinius den Sachsen ein ganz unrichtiger Platz angewiesen wird, indem die Cherusker zu den Herminonen gestellt werden. Wir werden später finden, daß in der Tat nichts übrigbleibt, als die Sachsen ebenfalls den Ingävonen zuzurechnen und so diesen Hauptstamm als den friesisch-sächsischen zu fassen.

Es ist hier der Ort, von den Angeln zu sprechen, die Tacitus möglicherweise, Ptolemäus mit Bestimmtheit zu den Sueven rechnet. Dieser setzt sie aufs rechte Elbufer, den Langobarden gegenüber, womit, wenn die Angabe überhaupt etwas Richtiges enthalten soll, nur die wirklichen Langobarden an der Niederelbe gemeint sein können; die Angeln kämen also von Lauenburg etwa bis in die Prignitz. Später finden wir sie in der Halbinsel selbst, wo ihr Name sich erhalten hat und von wo sie mit den Sachsen nach Britannien zogen. Ihre Sprache erscheint jetzt als Element des Angelsächsischen, und zwar als das entschieden friesische Element dieser neugebildeten Mundart. Was auch aus den im Innern Deutschlands zurückgebliebenen |466| oder verschlagenen Angeln geworden sein mag, diese Tatsache allein zwingt uns, die Angeln zu den Ingävonen zu schlagen, und zwar zum friesischen Zweig derselben. Ihnen ist der ganze, weit mehr friesische als sächsische Vokalismus des Angelsächsischen zu danken, ihnen der Umstand, daß die Weiterentwicklung dieser Sprache in vielen Fällen auffallend der der friesischen Dialekte parallel geht. Von allen kontinentalen Dialekten stehn die friesischen dem englischen heute am nächsten. So ist auch die Umwandlung der Kehllaute in Zischlaute im Englischen nicht französischen, sondern friesischen Ursprungs. Das englische ch =  statt k, das englische d~ für g vor weichen Vokalen konnte wohl aus friesischem tz, tj für k, dz für g entstehn, nie aber aus französischem ch und g.

Mit den Angeln müssen wir auch die Jüten zum friesisch-ingävonischen Stamm schlagen, ob sie nun schon zu Plinius' oder Tacitus' Zeit auf der Halbinsel saßen oder erst später dahin eingewandert sind. Grimm findet ihren Namen in dem der Eudoses, einem der Nerthus dienenden Völker des Tacitus; sind die Angeln ingävonisch, so wird es schwer, die übrigen Völker dieser Gruppe einem andern Stamm zuzuweisen. Dann reichten die Ingävonen bis in die Gegend der Odermündung, und die Lücke zwischen ihnen und den gotischen Völkern wäre ausgefüllt.

 

III. Proximi autem Rheno Iscaevones (alias Istaevones), quorum pars Sicambri.

Schon Grimm und nach ihm andre, z.B. Waitz, identifizierten mehr oder weniger Iskävonen und Franken. Was Grimm aber irremacht, ist die Sprache. Seit der Mitte des neunten Jahrhunderts sind alle deutschen Dokumente des Frankenreichs in einer von der althochdeutschen nicht zu trennenden Mundart abgefaßt; Grimm nimmt also an, daß das Altfränkische in der Fremde untergegangen und in der Heimat durch Hochdeutsch ersetzt worden sei, und so schlägt er denn die Franken schließlich zu den Hochdeutschen.

Daß das Altfränkische den Wert eines selbständigen, zwischen Sächsisch und Hochdeutsch die Mitte haltenden Dialekts hat, gibt Grimm selbst als das Resultat seiner Untersuchung der erhaltenen Sprachreste an. Dies genügt hier vorderhand; eine nähere Untersuchung der fränkischen Sprachverhältnisse, über welche noch viel Unklarheit herrscht, muß einer besondern Anmerkung vorbehalten bleiben.

Allerdings erscheint das dem iskävonischen Stamm zufallende Gebiet verhältnismäßig klein für einen ganzen deutschen Hauptstamm, und noch |467| dazu für einen, der eine so gewaltige Rolle in der Geschichte gespielt hat. Vom Rheingau an begleitet es den Rhein, bis an die Quellen der Dill, Sieg, Ruhr, Lippe und Ems ins Innere Land reichend, nach Norden durch Friesen und Chauken von der See abgeschnitten, dazu an der Rheinmündung durchsetzt von Völkertrümmern andern, meist chattischen Stamms: Batavern, Chattuariern etc. Zu den Franken gehören dann noch die links vom Niederrhein angesiedelten Deutschen; ob auch Triboker, Vangionen, Nemeter? Der geringe Umfang dieses Gebiets erklärt sich indes durch den Widerstand, den am Rhein die Kelten und seit Cäsar die Römer der Ausbreitung der Iskävonen entgegensetzten, während im Rücken schon Cherusker sich niedergelassen hatten und von der Seite Sueven, namentlich Chatten, wie von Cäsar bezeugt, sie mehr und mehr einengten. Daß hier eine für deutsche Verhältnisse dichte Bevölkerung auf kleinem Raum zusammengedrängt war, beweist das fortwährende Andringen über den Rhein: anfangs durch erobernde Scharen, später durch freiwilligen Übertritt auf römisches Gebiet, wie bei den Ubiern. Aus demselben Grunde gelang es hier und nur hier den Römern mit Leichtigkeit, schon früh bedeutende Teile iskävonischer Volksstämme auf römisches Gebiet überzuführen.

Die in der Anmerkung über den fränkischen Dialekt zu führende Untersuchung wird den Beweis liefern, daß die Franken eine gesonderte, in sich in verschiedne Volksstämme gegliederte Gruppe der Deutschen ausmachen, einen besondern, in mannigfaltige Mundarten zerfallenden Dialekt sprechen, kurz, alle Kennzeichen eines germanischen Hauptstamms besitzen, wie dies erforderlich ist, um sie mit den Iskävonen für identisch zu erklären. Über die einzelnen, diesem Hauptstamm angehörigen Völkerschaften hat bereits J. Grimm das Nötige gesagt. Er rechnet hierher außer den Sigambern Ubier, Chamaver, Brukterer, Tenkterer und Usipeter. also die Völker, die das früher von uns als iskävonisch bezeichnete rechtsrheinische Gebiet bewohnten.

 

IV. Mediterranei Hermiones, quorum Suevi, Hermunduri, Chatti, Cherusci.

Schon J. Grimm identifiziert die Herminonen, um des Tacitus' genauere Schreibweise zu gebrauchen, mit den Hochdeutschen. Der Name Sueven, der nach Cäsar alle Hochdeutschen umfaßte, soweit sie ihm bekannt, fängt an, sich zu differenzieren. Thüringer (Hermunduren) und Hessen (Chatten) treten als gesonderte Völker auf. Noch ungeschieden bleiben die übrigen |468| Sueven. Wenn wir die vielen mysteriösen, schon in den nächsten Jahrhunderten verschollenen Namen zunächst als unergründlich beiseite lassen, so müssen diese Sueven doch drei große, später in die Geschichte eingreifende Stämme hochdeutscher Zunge umfassen: die Alamannen-Schwaben, die Bayern und die Langobarden. Die Langobarden, das wissen wir bestimmt, wohnten am linken Ufer der Niederelbe, um den Bardengau, vereinzelt von ihren übrigen Stammesgenossen, vorgeschoben mitten zwischen ingävonischen Völkern; diese ihre isolierte Stellung, die durch lange Kämpfe behauptet werden mußte, schildert Tacitus vortrefflich, ohne ihre Ursache zu kennen. Die Bayern, wie wir seit Zeuß und Grimm ebenfalls wissen, wohnten unter dem Namen Markomannen in Böhmen; Hessen und Thüringer in ihren jetzigen Wohnsitzen und in den südlich anstoßenden Gebieten. Da nun südlich von Franken, Hessen und Thüringern römisches Gebiet begann, bleibt für die Schwaben-Alamannen kein andrer Platz übrig als zwischen Elbe und Oder, in der heutigen Mark Brandenburg und dem Königreich Sachsen; und hier finden wir ein suevisches Volk, die Semnonen. Mit diesen also wären sie wohl identisch und grenzten im Nordwesten an Ingävonen, im Nordosten und Osten an gotische Stämme.

Soweit geht alles ziemlich glatt ab. Nun aber rechnet Plinius auch die Cherusker zu den Herminonen, und hierin macht er entschieden ein Versehn. Schon Cäsar trennt sie bestimmt von den Sueven, zu denen er noch die Chatten rechnet. Auch Tacitus weiß nichts von einer Zusammengehörigkeit der Cherusker mit irgendwelchem hochdeutschen Stamm. Ebensowenig Ptolemäus, der doch die Suevennamen bis über die Angeln ausdehnt. Die bloße Tatsache, daß die Cherusker den Raum zwischen Chatten und Hermunduren im Süden und Langobarden im Nordosten ausfüllen, reicht noch lange nicht hin, um daraus auf nähere Stammesverwandtschaft zu schließen; wenn auch vielleicht gerade sie den Plinius hier irregeführt hat.

Zu den Hochdeutschen hat meines Wissens kein Forscher, dessen Meinung in Betracht kommt, die Cherusker gerechnet. Bleibt also nur die Frage, ob sie zu den Ingävonen oder Iskävonen zu schlagen sind. Die wenigen Namen, die uns überliefert, zeigen fränkisches Gepräge: ch statt des späteren h in Cherusci, Chariomerus; e statt i in Segestes, Segimerus, Segimundus. Aber fast alle deutschen Namen, die den Römern von der Rheinseite her kommen, scheinen in fränkischer Form durch Franken ihnen überliefert. Und ferner wissen wir nicht, ob die Gutturalaspirata der ersten Lautverschiebung, noch im 7ten Jahrhundert bei den Franken ch, im ersten Jahrhundert nicht bei allen Westdeutschen ch lautete und sich erst später |469| in das allen gemeinsame h abschwächte. Auch sonst finden wir keine Stammesverwandtschaft der Cherusker mit Iskävonen, wie sie sich z.B. in der Aufnahme der dem Cäsar entronnenen Reste der Usipeter und Tenkterer durch die Sigamber zeigt. Ebenso deckt sich das von den Römern zu Varus' Zeit besetzte und als Provinz behandelte rechtsrheinische Gebiet mit dem iskävonisch-fränkischen. Hier lagen Aliso und die übrigen römischen Festen; vom Cheruskerland scheint höchstens der Strich zwischen Osning und Weser wirklich besetzt gewesen zu sein; jenseits waren Chatten, Cherusker, Chauken, Friesen mehr oder weniger unsichre, durch Furcht im Zaum gehaltene, aber in ihren innern Angelegenheiten autonome und von ständiger römischer Besetzung befreite Bundesgenossen. Die Römer machten in dieser Gegend bei stärkerem Widerstand stets die Stammesgrenze zum zeitweiligen Abschnitt der Eroberung. So hatte es auch Cäsar in Gallien gemacht; an der Grenze der Belgier machte er halt und überschritt sie erst, als er des eigentlich sog. keltischen Galliens sicher zu sein glaubte.

Es bleibt also nichts übrig, als die Cherusker und die ihnen nächstverwandten kleineren Nachbarvölker mit J. Grimm und der gewöhnlichen Ansicht zum sächsischen Stamm und damit zu den Ingävonen zu schlagen. Hierfür spricht auch, daß grade im altcheruskischen Gebiet das alte sächsische a gegenüber dem in Westfalen herrschenden o des genitivus pluralis und schwachen Masculinums sich am reinsten erhalten hat. Hiermit fallen alle Schwierigkeiten; der ingävonische Stamm erhält wie die andren ein ziemlich abgerundetes Gebiet, in das nur die herminonischen Langobarden etwas vorspringen. Von den beiden großen Abteilungen des Stammes hält die friesisch-anglisch-jütische die Küste und wenigstens den nördlichen und westlichen Teil der Halbinsel besetzt, die sächsische das innere Land und vielleicht auch jetzt schon einen Teil von Nordalbingien, wo bald darauf Ptolemäus die Saxones zuerst nennt.

 

V. Quinta pars Peucini, Basternae contermini Dacis.

Das Wenige, das wir von diesen beiden Völkern wissen, stempelt sie, wie schon die Namensform Basternae, zu Stammverwandten der Goten. Wenn Plinius sie als besondern Stamm aufführt, so rührt dies wohl davon her, daß er seine Kunde von ihnen von der Unterdonau her, durch griechische Vermittlung erhielt, während seine Kenntnis von den gotischen Völkern an Oder und Weichsel am Rhein und der Nordsee geschöpft war und daher der Zusammenhang von Goten und Bastarnern ihm entging. |470| Bastarner wie Peukiner sind an Karpaten und Donaumündung zurückgebliebne, noch längere Zeit herumziehende deutsche Völker, die das spätere große Gotenreich vorbereiten, in dem sie verschollen sind.

VI. Die Hillevionen, unter welchem Gesamtnamen Plinius die germanischen Skandinavier aufführt, erwähne ich nur der Ordnung wegen und um nochmals zu konstatieren, daß alle alten Schriftsteller diesem Hauptstamm nur die Inseln (wozu auch Schweden und Norwegen gerechnet) anweisen, ihn von der cimbrischen Halbinsel ausschließend.

Somit hätten wir fünf germanische Hauptstämme mit fünf Hauptdialekten.

Der gotische, im Osten und Nordosten, hat im genitivus pluralis des Masculinums und Neutrums ê, das Femininum ô und ê; das schwache Masculinum hat a. Die Flexionsformen der Präsenskonjugation (des Indikativs) schließen sich, unter Berücksichtigung der Lautverschiebung, noch eng an die der urverwandten Sprachen, besonders des Griechischen und Lateinischen.

Der ingävonische, im Nordwesten, hat im genitivus pluralis a, für das schwache Masculinum ebenfalls a; im praesens indicativus alle drei Pluralpersonen auf d oder dh mit Ausstoßung aller Nasalen. Er teilt sich in die beiden Hauptzweige des Sächsischen und Friesischen, die im Angelsächsischen wieder zu einem verschmelzen. An den friesischen Zweig schließt sich

der skandinavische Stamm; genitivus pluralis auf a, schwaches Masculinum auf i, das aus a geschwächt ist, wie die ganze Deklination beweist. Im praesens indicativus ist das ursprüngliche s der II. Person singularis in r übergegangen, die I. Person pluralis bewahrt m, die II. dh, die übrigen Personen sind mehr oder weniger verstümmelt.

Diesen dreien gegenüber stehn die beiden südlichen Stämme: der iskävonische und herminonische, in späterer Ausdrucksweise der fränkische und hochdeutsche. Beiden ist gemein das schwache Masculinum auf o; höchstwahrscheinlich auch der genitivus pluralis auf ô, obwohl er im Fränkischen nicht belegt ist und in den ältesten westlichen (salischen) Denkmälern der accusativus pluralis auf as endigt. In der Präsenskonjugation stehn beide Dialekte, soweit wir dies fürs Fränkische belegen können, nahe zusammen und schließen sich, hierin dem Gotischen ähnlich, eng an die urverwandten Sprachen an. Beide Dialekte aber in einen zusammenzuwerfen verhindert uns die ganze Sprachgeschichte, von den sehr bedeutenden und altertümlichen Eigenheiten des ältesten Fränkisch an bis auf den großen Abstand der heutigen Mundarten beider; ebenso wie uns die ganze |473| Geschichte der Völker selbst unmöglich macht, beide zu einem Hauptstamm zu werfen.

Wenn ich in dieser ganzen Untersuchung nur auf die Flexionsformen, nicht aber auf die Lautverhältnisse Rücksicht genommen, so erklärt sich das aus den bedeutenden Veränderungen, die in diesen - wenigstens in vielen Dialekten - zwischen dem ersten Jahrhundert und der Abfassungszeit unsrer ältesten Sprachquellen stattgefunden. In Deutschland brauche ich bloß an die zweite Lautverschiebung zu erinnern; in Skandinavien zeigen die Stabreime der ältesten Lieder, wie sehr die Sprache sich zwischen der Zeit ihrer Abfassung und der ihrer Niederschrift verändert hat. Was hier noch zu leisten ist, wird wohl von deutschen Sprachforschern von Fach noch geleistet werden, hier hätte es die Untersuchung nur unnötig verwickelt gemacht.

 

______________________________

Fußnoten von Friedrich Engels

 

(1) Ich folge hier vorwiegend Boyd Dawkins, "Early Man in Britain", London 1880.

 

(2) Ich bezeichne die Jahreszahlen vor unsrer Zeitrechnung der Kürze halber nach mathematischer Art mit dem Minuszeichen (-).

 

(3) "Bidrag till kännedomen om Grekers och Romares förbindelse med Norden". Deutsch von J. Mestorf: "Der Einfluß der klass[ischen] Völker etc.", Hamburg 1867.

 

(4) Hans Hildebrand, "Das heidnische Zeitalter in Schweden". Deutsch von Mestorf, Hamburg 1873

 

 

 

 

 

 

Marx - Engels