DEUTSCH

 

Friedrich Engels

Einführungen in

„Das Kapital“

von Karl Marx

Rezension für das „Demokratische Wochen- blatt“ [1]

„Das Kapital“ von Marx *

veröffentlicht 1871

 

Solange es Kapitalisten und Arbeiter in der Welt gibt, ist kein Buch erschienen, welches für die Arbeiter von solcher Wichtigkeit wäre, wie das vorliegende.
Das Verhältnis von Kapital und Arbeit, die Angel, um die sich unser ganzes heutiges Gesellschaftssystem dreht, ist hier zum ersten man wissenschaftlich entwickelt, und das mit einer Gründlichkeit und Schärfe, wie sie nur einem Deutschen möglich war.
Wertvoll, wie die Schriften eines Owen, Saint-Simon, Fourier sind und bleiben werden – erst einem Deutschen war es vorbehalten, die Höhe zu erklimmen, von der aus das ganze Gebiet der modernen sozialen Verhältnisse klar und übersichtlich daliegt, wie die niederen Berglandschaften vor dem Zuschauer, der auf der höchsten Kuppe steht.

Die bisherige politische Ökonomie lehrt uns, dass die Arbeit die Quelle alles Reichtums und das Maß aller Werte ist, so dass zwei Gegenstände, deren Erzeugung dieselbe Arbeitszeit gekostet hat, auch denselben Wert besitzen und, da durchschnittlich nur gleiche Werte unter sich austauschbar sind, auch gegeneinander ausgetauscht werden müssen. Gleichzeitig lehrt sie aber, dass eine Art aufgespeicherter Arbeit existiert, welche sie Kapital nennt; dass dies Kapital durch die in ihm enthaltenen Hülfsquellen die Produktivität der lebendigen Arbeit ins Hundert- und Tausendfache steigert und dafür eine gewisse Vergütung in Anspruch nimmt, welche man Profit oder Gewinn nennt. Wie wir alle wissen, stellt sich dies in der Wirklichkeit so, dass die Profite der aufgespeich- erten, toten Arbeit immer massenhafter, die Kapitalien der Kapitalisten immer kolossaler werden, während der Lohn der lebendigen Arbeit immer geringer, die Masse der bloß von Arbeitslohn lebenden Arbeiter immer zahlreicher und ärmer wird.

Wie ist dieser Widerspruch zu lösen? Wie kann ein Profit für den Kapitalisten übrigblei- ben, wenn der Arbeiter den vollen Wert der Arbeit ersetzt erhält, den er seinem Produkt zusetzt? Und da nur gleiche Werte ausgetauscht werden, so sollte dies doch der Fall sein. Andererseits, wie können gleiche Werte ausgetauscht werden, wie kann der Arbeiter den vollen Wert seines Produkts erhalten, wenn, wie von vielen Ökonomen zugegeben wird, dieses Produkt zwischen ihm und dem Kapitalisten geteilt wird? Die bisherige Ökonomie steht vor diesem Widerspruch ratlos da, schreibt oder stottert verlegene, nichtssagende Redensarten. Selbst die bisherigen sozialistischen Kritiker der Ökonomie sind nicht imstande gewesen, mehr zu tun, als den Widerspruch hervorzuheben; gelöst hat ihn keiner, bis Marx jetzt endlich den Entstehungsprozess dieses Profits bis auf seine Geburtsstätte verfolgt und damit alles klargemacht hat.

Bei der Entwicklung des Kapitals geht Marx von der einfachen, notorisch vorliegenden Tatsache aus, dass die Kapitalisten ihr Kapital durch Austausch verwerten: Sie kaufen Ware für ihr Geld und verkaufen sie nachher für mehr Geld, als sie ihnen gekostet hat. Zum Beispiel ein Kapitalist kauft Baumwolle für 1000 Taler und verkauft sie wieder zu 1100 Taler, „verdient“ also 100 Taler. Diesen Überschuss von 100 Talern über das ursprüngliche Kapital nennt Marx Mehrwert. Woraus entsteht dieser Mehrwert?

Nach der Annahme der Ökonomen werden nur gleiche Werte ausgetauscht, und dies ist auf dem Gebiet der abstrakten Theorie auch richtig. Der Einkauf von Baumwolle und ihr Wiederverkauf kann also ebensowenig einen Mehrwert liefern wie der Austausch von einem Silbertaler gegen dreißig Silbergroschen und der Wiedereintausch der Scheidemünze gegen den Silbertaler, wobei man nicht reicher und nicht ärmer wird.

Der Mehrwert kann aber ebensowenig daraus entstehen, dass die Verkäufer die die Waren über ihren Wert verkaufen oder die Käufer sie unter ihrem Wert kaufen, weil jeder der Reihe nach bald Käufer, bald Verkäufer ist und sich dies also wieder ausgliche. Ebensowenig kann es daher kommen, dass die Käufer und Verkäufer sich gegenseitig übervorteilen, denn dies würde keinen neuen oder Mehrwert schaffen, sondern nur das vorhandene Kapital anders zwischen den Kapitalisten verteilen. Trotzdem dass der Kapitalist die Waren zu ihrem Wert kauft und zu ihrem Wert verkauft, zieht er mehr Wert heraus, als er hineinwarf. Wie geht dies zu?

Der Kapitalist findet unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen auf dem Warenmarkt eine Ware, welche die eigentümliche Beschaffenheit hat, dass ihr Verbrauch eine Quelle von neuem Wert, Schöpfung neuen Wertes ist, und diese Ware ist – die Arbeitskraft.

Was ist der Wert der Arbeitskraft? Der Wert jeder Ware wird gemessen durch die zu ihrer Herstellung erforderliche Arbeit. Die Arbeitskraft existiert in der Gestalt des lebendigen Arbeiters, der zu seiner Existenz sowie zur Erhaltung seiner Familie, welche die Fortdauer der Arbeitskraft auch nach seinem Tode sichert, einer bestimmten Summe von Lebensmitteln bedarf. Die zur Hervorbringung dieser Lebensmittel nötige Arbeitszeit stellt also den Wert der Arbeitskraft dar. Der Kapitalist zahlt ihn wöchentlich und kauft dafür den Gebrauch der Wochenarbeit des Arbeiters. Soweit werden die Herren Ökonomen so ziemlich mit uns über den Wert der Arbeitskraft einverstanden sein.

Der Kapitalist stellt seinen Arbeiter nun an die Arbeit. In einer bestimmten Zeit wird der Arbeiter soviel Arbeit geliefert haben als in seinem Wochenlohn repräsentiert war. Gesetzt, der Wochenlohn eines Arbeiters repräsentiere drei Arbeitstage, so hat der Arbeiter, der montags anfängt, am Mittwochabend dem Kapitalisten den vollen Wert des gezahlten Lohnes ersetzt. Hört er dann aber auf zu arbeiten? Keineswegs. Der Kapitalist hat seine Wochenarbeit gekauft, und der Arbeiter muss die drei letzten Wochentage auch noch arbeiten. Diese Mehrarbeit des Arbeiters, über die zur Ersetzung seines Lohnes nötige Zeit hinaus, ist die Quelle des Mehrwerts, des Profits, der stets wachsenden Anschwellung des Kapitals.

Man sage nicht, es sei eine willkürliche Annahme, dass der Arbeiter in drei Tagen den Lohn wieder herausarbeite, den er erhalten hat, und die übrigen drei Tage für den Kapitalisten arbeite. Ob er gerade drei Tage braucht, um den Lohn zu ersetzen, oder zwei oder vier, ist allerdings hier ganz gleichgültig und wechselt auch nach den Umständen; aber die Hauptsache ist die, dass der Kapitalist neben der Arbeit, die er bezahlt, auch noch Arbeit herausschlägt, die er nicht bezahlt, und das ist keine willkürliche Annahme, denn an dem Tage, wo der Kapitalist auf die Dauer nur noch soviel Arbeit aus dem Arbeiter herausbekäme, wie er ihm im Lohn bezahlt, an dem Tage würde er seine Werkstatt zuschließen, da ihm eben sein ganzer Profit in die Brüche ginge.

Hier haben wir die Lösung aller jener Widersprüche. Die Entstehung des Mehrwerts (wovon der Profit des Kapitalisten einen bedeutenden Teil bildet) ist nun ganz klar und natürlich. Der Wert der Arbeitskraft wird gezahlt, aber dieser Wert ist weit geringer als derjenige, welchen der Kapitalist aus der Arbeitskraft herauszuschlagen versteht, und die Differenz, die unbezahlte Arbeit, macht gerade den Anteil des Kapitalisten oder, genauer gesprochen, der Kapitalistenklasse aus. Denn selbst der Profit, den im obigen Beispiel der Baumwollhändler aus seiner Baumwolle herausschlug, muss, wenn die Baumwollpreise nicht gestiegen waren, aus unbezahlter Arbeit bestehen. Der Händler muss an einen Baumwollfabrikanten verkauft haben, der außer jenen 100 Talern noch einen Gewinn für sich aus seinem Fabrikat herausschlagen kann, der also die eingesteckte unbezahlte Arbeit mit ihm teilt. Diese unbezahlte Arbeit ist es überhaupt, welche alle nichtarbeitenden Mitglieder der Gesellschaft erhält. Aus ihr werden die Staats- und Gemeindesteuern, soweit sie die Kapitalistenklasse treffen, die Grundrenten der Grundbesitzer usw. gezahlt. Auf ihr beruht der ganze bestehende gesellschaftliche Zustand.

Andererseits wäre es abgeschmackt anzunehmen, dass die unbezahlte Arbeit erst entstanden sei unter gegenwärtigen Verhältnissen, wo die Produktion von Kapitalisten einerseits und von Lohnarbeitern andererseits betrieben wird. Im Gegenteil.

Die unterdrückte Klasse hat zu allen Zeiten unbezahlte Arbeit leisten müssen. Während der ganzen langen Zeit, wo die Sklaverei die herrschende Form der Arbeitsorganisation war, haben die Sklaven weit mehr arbeiten müssen als ihnen in der Form von Lebensmitteln ersetzt wurde. Unter der Herrschaft der Leibeigenschaft und bis zur Abschaffung der bäuerlichen Fronarbeit war dasselbe der Fall; hier tritt sogar der Unterschied handgreiflich zutage zwischen der Zeit, die der Bauer arbeitet für seinen eigenen Lebensunterhalt, und der Mehrarbeit für den Gutsherrn, weil eben die letztere von der ersteren getrennt vollzogen wird.

Die Form ist jetzt verändert, aber die Sache ist geblieben, und solange „ein Teil der Gesellschaft das Monopol der Produktionsmittel besitzt, muss der Arbeiter, frei oder unfrei, der zu seiner Selbsterhaltung nötigen Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel für die Eigner der Produktionsmittel zu produzieren“ (Marx, S. 202)¹. [¹Siehe Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 249.]

II

Im vorigen Artikel sahen wir, dass jeder Arbeiter, der vom Kapitalisten beschäftigt wird, zweifache Arbeit verrichtet. Während eines Teils seiner Arbeitszeit ersetzt er den ihm vom Kapitalisten vorgeschossenen Lohn, und diesen Teil der Arbeit nennt Marx die notwendige Arbeit. Nachher aber hat er noch weiter fortzuarbeiten und produziert während dieser Zeit den Mehrwert für den Kapitalisten, wovon der Profit einen bedeutenden Teil ausmacht. Dieser Teil der Arbeit heißt die Mehrarbeit.

Wir nehmen an, der Arbeiter arbeite drei Tage der Woche zur Ersetzung seines Lohns und drei Tage zur Produktion von Mehrwert für den Kapitalisten. Anders ausgedrückt heißt dies, er arbeitet, bei täglich zwölfstündiger Arbeit, sechs Stunden täglich für seinen Lohn und sechs Stunden zur Erzeugung von Mehrwert. Aus der Woche kann man nur sechs, selbst mit Hinzuziehung des Sonntage nur sieben Tage schlagen, aber aus jedem einzelnen Tage kann man sechs, acht, zehn, zwölf, fünfzehn und selbst mehr Arbeitsstunden schlagen. Der Arbeiter hat dem Kapitalisten für seinen Taglohn einen Arbeitstag verkauft. Aber, was ist ein Arbeitstag? Acht Stunden oder achtzehn?

Der Kapitalist hat ein Interesse daran, dass der Arbeitstag so lang wie möglich gemacht werde. Je länger er ist, desto mehr Mehrwert erzeugt er. Der Arbeiter hat das richtige Gefühl, dass jede Stunde Arbeit, die er über die Ersetzung des Arbeitslohns hinaus arbeitet, ihm unrechtmäßig entzogen wird; er hat an seinem eigenen Körper durchzumachen, was es heißt, überlange Zeit zu arbeiten. Der Kapitalist kämpft für seinen Profit, der Arbeiter für seine Gesundheit, für ein paar Stunden täglicher Ruhe, um außer Arbeiten, Schlafen und Essen sich auch noch sonst als Mensch betätigen zu können. Beiläufig bemerkt, hängt es gar nicht vom guten Willen der einzelnen Kapitalisten ab, ob sie sich in diesen Kampf einlassen wollen oder nicht, da die Konkurrenz selbst den philanthropischsten unter ihnen zwingt, sich seinen Kollegen anzuschließen und so lange Arbeitszeit zur Regel zu machen wie diese.

Der Kampf um die Feststellung des Arbeitstags dauert vom ersten geschichtlichen¹ Auftreten freier Arbeiter bis auf den heutigen Tag [¹Im „Demokratischen Wochenblatt“ irrtümlich: geschäftlichen]. In verschiedenen Gewerben herrschen verschiedene herkömmliche Arbeitstage; aber in der Wirklichkeit werden sie selten eingehalten. Nur da, wo das Gesetz den Arbeitstag feststellt und seine Einhaltung überwacht, nur da kann man wirklich sagen, dass ein Normalarbeitstag besteht. Und dies ist bis jetzt fast nur der Fall in den Fabrikdistrikten Englands. Hier ist der zehnstündige Arbeitstag (10½ Stunden an fünf Tagen, 7½ am Samstag) für alle Frauen und für Knaben 13 bis 18 Jahren festgestellt, und da die Männer nicht ohne jene arbeiten können, so fallen auch sie unter den zehnstündigen Arbeitstag. Dies Gesetz haben die englischen Fabrikarbeiter durch jahrelange Ausdauer, durch den zähesten, hartnäckigsten Kampf mit den Fabrikanten, durch die Preßfreiheit, das Koalitions- und Versammlungsrecht sowie durch geschickte Benutzung der Spaltungen in der herrschenden Klasse selbst erobert.

Es ist das Palladium der Arbeiter Englands geworden, es ist nach und nach auf alle großen Industriezweige und im vorigen Jahre fast auf alle Gewerbe ausgedehnt worden, wenigstens auf alle, in denen Frauen und Kinder beschäftigt werden. Über die Geschichte² dieser gesetzlichen Regelung des Arbeitstags in England enthält das vorliegende Werk ein höchst ausführliches Material [²im „Demokratischen Wochenblatt“ irrtümlich: Geschäfte]. Der nächste „Norddeutsche Reichstag“ [2] wird auch eine Gewerbeordnung zu beraten haben und damit die Regelung der Fabrikarbeit.

Wir erwarten, dass keiner der Abgeordneten, die von deutschen Arbeitern durchgesetzt worden sind, an die Beratung dieses Gesetzes geht, ohne sich vorher mit dem Marxschen Buch vollkommen vertraut gemacht zu haben. Es ist da vieles durchzusetzen. Die Spaltungen in den herrschenden Klassen sind den Arbeitern günstiger, als sie je in England waren, weil das allgemeine Stimmrecht die herrschenden Klassen zwingt, um die Gunst der Arbeiter zu buhlen. Vier oder fünf Vertreter des Proletariats sind unter diesen Umständen eine Macht, wenn sie ihre Stellung zu benutzen wissen, wenn sie vor allen Dingen wissen, um was es sich handelt, was die Bürger nicht wissen. Und dazu gibt ihnen Marx’ Buch alles Material fertig an die Hand.

Wir übergehen eine Reihe weiterer sehr schöner Untersuchungen von mehr theoretischem Interesse und kommen nur noch auf das Schlusskapitel, das von der Akkumulation oder Anhäufung des Kapitals handelt. Hier wir zuerst nachgewiesen, dass die kapitalistische, d. h. durch Kapitalisten einerseits und Lohnarbeiter andererseits bewirkte Produktionsmethode nicht nur dem Kapitalisten sein Kapital stets neu produziert, sondern dass sie auch gleichzeitig die Armut der Arbeiter immer wieder produziert; so dass dafür gesorgt ist, dass stets aufs neue auf der einen Seite Kapitalisten bestehen, welche die Eigentümer aller Lebensmittel, aller Rohstoffe und aller Arbeitsinstrumente sind, und auf der andern Seite die große Masse der Arbeiter, welche gezwungen ist, ihre Arbeitskraft diesen Kapitalisten für ein Quantum Lebensmittel zu verkaufen, das im besten Falle eben hinreicht, sie in arbeitsfähigem Zustand zu erhalten und ein neues Geschlecht arbeitsfähiger Proletarier heranzuziehen. -

Das Kapital aber reproduziert sich nicht bloß: Es wird fortwährend vermehrt und vergrößert – damit seine Macht über die eigentumslose Klasse von Arbeitern. Und wie es selbst in stets größerem Maßstabe reproduziert wird, so reproduziert die moderne kapitalistische Produktionsweise ebenfalls in stets größerem Maßstabe, in stets wachsender Zahl die Klasse besitzloser Arbeiter. „Die Akkumulation des Kapitals reproduziert das Kapitalverhältnis auf erweiterter Stufenleiter, mehr Kapitalisten oder größere Kapitalisten auf diesem Pol, mehr Lohnarbeiter auf jenem ... Akkumulation des Kapitals ist also Vermehrung des Proletariats.“ (P. 600.)¹ [¹Siehe Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 641 bis 642.] Da aber durch den Fortschritt der Maschinerie, durch verbesserten Ackerbau etc. stets weniger Arbeiter benötigt werden, um ein gleiches Quantum Produkte hervorzubringen, da diese Vervollkommnung, d. h. diese Überzähligmachung von Arbeitern rascher wächst als selbst das wachsende Kapital, was wird aus dieser stets zunehmenden Zahl von Arbeitern?

Sie bilden eine industrielle Reservearmee, welche während schlechter oder mittelmäßiger Geschäftszeiten unter dem Wert ihrer Arbeit bezahlt und unregelmäßig beschäftigt wird oder der öffentlichen Armenpflege anheimfällt, die aber der Kapitalistenklasse zu Zeiten besonders lebhaften Geschäfts unentbehrlich ist, wie dies in England handgreiflich vorliegt, – die aber unter allen Umständen dazu dient, die Widerstandskraft der regelmäßig beschäftigten Arbeiter zu brechen und ihre Löhne niedrig zu halten. -

„Je größer der gesellschaftliche Reichtum ..., desto größer die relative Surpluspopulation“ (überzählige Bevölkerung) „oder industrielle Reservearmee. Je größer aber diese Reservearmee im Verhältnis zur aktiven“ (regelmäßig beschäftigten) „Arbeiterarmee, desto massenhafter die konsolidierte“ (ständige) „Surpluspopulation oder die Arbeiterschichten, deren Elend im umgekehrten Verhältnis steht zu ihrer Arbeitsqual. Je größer endlich die Lazarusschichte der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer der offizielle Pauperismus. Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.(p. 631.)² [²Siehe Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 674.]

Dies sind streng wissenschaftlich nachgewiesen – und die offiziellen Ökonomen hüten sich wohl, auch nur den Versuch einer Widerlegung zu machen –, einige der Hauptgesetze des modernen kapitalistischen gesellschaftlichen Systems. Aber ist damit alles gesagt? Keineswegs. Ebenso scharf wie Marx die schlimmen Seiten der kapitalistischen Produktion hervorhebt, ebenso klar weist er nach, dass diese gesellschaftliche Form notwendig war, um die Produktivkräfte der Gesellschaft auf einen Höhegrad zu entwickeln, der eine gleiche menschenwürdige Entwicklung für alle Glieder der Gesellschaft möglich machen wird.

Dazu waren alle früheren Gesellschaftsformen zu arm. Erst die kapitalistische Produktion schafft die Reichtümer und die Produktionskräfte, welche dazu nötig sind, aber sie schafft auch gleichzeitig in den massenhaften und unterdrückten Arbeitern die Gesellschaftsklasse, die mehr und mehr gezwungen wird, die Benutzung dieser Reichtümer und Produktivkräfte für die ganze Gesellschaft – statt wie heute für eine monopolistische Klasse – in Anspruch zu nehmen.«

 

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Anmerkungen

[Rezension für das „Demokratische Wochenblatt“] „Das Kapital“ von Marx. Geschrieben von Friedrich Engels zwischen dem 2. und 13. März 1868. Erstmalig veröffentlicht in: Demokratisches Wochenblatt, Leipzig, Nr. 12 vom 21, und Nr. 13 vom 28. März 1868. Nach: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 16, S. 235-242. Dem Text liegt die Zeitschrift zugrunde.

* Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Von Karl Marx. Erster Band: Der Produktionsprozess des Kapitals. Hamburg, O. Meißner, 1867.

[1] Diese Rezension wurde 1871 nochmals im „Volksstaat“ Nr. 28 und 29 vom 5. und 8. April veröffentlicht.

Demokratisches Wochenblatt“ – eine Arbeiterzeitung, die von Januar 1868 bis September 1869 in Leipzig unter der Redaktion Wilhelm Liebknechts erschien. Ab Dezember 1868 wurde sie das Organ des Verbandes der deutschen Arbeitervereine, an dessen Spitze August Bebel stand. Anfangs befand sich die Zeitung in einem gewissen Maße unter dem kleinbürgerlichen Einfluss der Volkspartei. Aber dank der Bemühungen von Marx und Engels begann sie bald, den Kampf gegen den Lassalleanismus zu führen, die Ideen der Internationale zu propagieren und deren wichtigste Dokumente zu drucken. Bei der Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei spielte sie eine bedeutende Rolle. Auf dem Eisenacher Kongress 1869 wurde sie zum Zentralorgan der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei erklärt und in „Der Volksstaat“ umbenannt.

[2] Der Norddeutsche Reichstag tagte im März 1869. August Bebel legte in der Generaldebatte über den Gewerbegesetzentwurf erstmalig in einem Parlament den wissenschaftlichen Standpunkt über den Klassengegensatz von Kapital und Arbeit dar. Dabei stützte er sich auf „Das Kapital“ von Marx und die „Inauguraladresse“ der Internationalen Arbeiterassoziation.

Quelle: Einführungen in „Das Kapital“ von Karl Marx. Dietz Verlag Berlin 1967.

 


 

 

 

 

 

 

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