Friedrich Engels

Die deutsche Reichsverfassungskampagne

Geschrieben Ende August 1849 bis Februar 1850.

Aus: "Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue", Hamburg.

MEW Band 7, S. 109-197

In der Zeitschrift erschienen die Abschnitte wie folgt:

Einleitung, I, II - Erstes Heft, Januar 1850
III - Zweites Heft, Februar 1850
IV - Drittes Heft, März 1850
IV - Fünftes und Sechstes Heft, Mai bis Oktober 1850

 

Einleitung

Hecker, Struve, Blenker, Zitz und Blum,
Bringt die deutschen Fürsten um!

<111> In diesem Refrain, den die süddeutsche "Volkswehr" von der Pfalz bis zur Schweizer Grenze auf allen Chausseen und in allen Wirtshäusern erschallen ließ nach der bekannten meerumschlungenen Melodie, halb Choral, halb Drehorgelleier - in diesem Refrain ist der ganze Charakter der "großartigen Erhebung für die Reichsverfassung" zusammengefaßt. Hier habt ihr in zwei Zeilen ihre großen Männer, ihre letzten Zwecke, ihre brave Gesinnungstüchtigkeit, ihren edlen Haß gegen die "Tyrannen" und zugleich ihre gesamte Einsicht in die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse.

Unter allen den Bewegungen und Zuckungen, die in Deutschland durch die Februarrevolution und ihre weitere Entwickelung hervorgerufen wurden, zeichnet sich die Reichsverfassungskampagne durch ihren klassisch deutschen Charakter aus. Ihre Veranlassung, ihr Auftreten, ihre Haltung, ihr ganzer Verlauf waren durch und durch deutsch. Wie die Junitage 1848 den gesellschaftlichen und politischen Entwickelungsgrad Frankreichs, so bezeichnet die Reichsverfassungskampagne den gesellschaftlichen und politischen Entwickelungsgrad Deutschlands, und namentlich Süddeutschlands.

Die Seele der ganzen Bewegung war die Klasse der kleinen Bourgeoisie, der vorzugsweise sogenannte Bürgerstand, und diese Klasse ist gerade in Deutschland, namentlich im Süden, vorherrschend. Die Kleinbürgerschaft war es, die in Märzvereinen, demokratisch-konstitutionellen Vereinen, vaterländischen Vereinen, in sehr vielen sogenannten demokratischen Vereinen und in beinahe der ganzen demokratischen Presse der Reichsverfassung ebenso massenhafte wie unschädliche Grütlischwüre geleistet und einen Kampf gegen die "renitenten" Fürsten geführt hatte, dessen einziges Resultat zunächst freilich nur das eigene erhebende Bewußtsein erfüllter Bürgerpflicht war. Die Kleinbürgerschaft war es, die durch die entschiedene und sogenannte <112> äußerste Linke der Frankfurter Versammlung, also speziell durch das Stuttgarter Parlament und die "Reichsregentschaft" vertreten, der ganzen Bewegung die offizielle Spitze lieferte; die Kleinbürgerschaft endlich herrschte in den lokalen Landesausschüssen, Sicherheitsausschüssen, provisorischen Regierungen und Konstituanten, die in Sachsen, am Rhein und in Süddeutschland sich größere oder geringere Verdienste um die Reichsverfassung erwarben.

Die kleine Bourgeoisie, hätte es von ihr abgehangen, würde schwerlich den Rechtsboden des gesetzlichen, friedlichen und tugendhaften Kampfes verlassen und statt der sogenannten Waffen des Geistes die Musketen und den Pflasterstein ergriffen haben. Die Geschichte aller politischen Bewegungen seit 1830 in Deutschland wie in Frankreich und England zeigt uns diese Klasse stets großprahlerisch, hochbeteuernd und stellenweise selbst extrem in der Phrase, solange sie keine Gefahr sieht; furchtsam, zurückhaltend und abwiegend, sobald die geringste Gefahr herannaht; erstaunt, besorgt, schwankend, sobald die von ihr angeregte Bewegung von andern Klassen aufgegriffen und ernsthaft genommen wird; um ihrer kleinbürgerlichen Existenz willen die ganze Bewegung verratend, sobald es zum Kampfe mit den Waffen in der Hand kommt - und schließlich infolge ihrer Unentschlossenheit stets vorzugsweise geprellt und mißhandelt, sobald die reaktionäre Partei gesiegt hat.

Hinter der kleinen Bourgeoisie stehen aber überall andere Klassen, die die von ihr und in ihrem Interesse provozierte Bewegung aufnehmen, ihr einen bestimmteren, energischeren Charakter geben und sich ihrer womöglich zu bemächtigen suchen: das Proletariat und ein großer Teil der Bauern, denen sich außerdem die avanciertere Fraktion der Kleinbürgerschaft eine Zeitlang anzuschließen pflegt.

Diese Klassen, das Proletariat der größeren Städte an der Spitze, nahmen die hochbeteuernden Versicherungen im Interesse der Reichsverfassung ernsthafter, als es den kleinbürgerlichen Agitatoren lieb war. Wollten die Kleinbürger, wie sie jeden Augenblick schwuren, für die Reichsverfassung "Gut und Blut einsetzen", so waren die Arbeiter und in vielen Gegenden auch die Bauern bereit, dasselbe zu tun unter der zwar stillschweigenden, aber allen Parteien vollkommen bekannten Bedingung, daß nach dem Siege die Kleinbürgerschaft dieselbe Reichsverfassung gegen ebendieselben Proletarier und Bauern zu verteidigen haben würde. Diese Klassen trieben die kleine Bourgeoisie bis zum offenen Bruch mit der bestehenden Staatsgewalt. Konnten sie es nicht verhindern, daß sie von ihren krämerhaften Bundesgenossen noch während des Kampfes verraten wurden, so hatten sie wenigstens die Satis- <113> faktion, daß dieser Verrat nach dem Siege der Kontrerevolution von den Kontrerevolutionären selbst gezüchtigt wurde.

Auf der andern Seite schloß sich im Beginn der Bewegung die entschiedenere Fraktion der größeren und mittleren Bourgeoisie ebenfalls an die Kleinbürgerschaft an, gerade wie wir dies in allen früheren kleinbürgerlichen Bewegungen in England und Frankreich finden. Die Bourgeoisie herrscht nie in ihrer Gesamtheit; abgesehen von den Kasten des Feudalismus, die sich etwa noch einen Teil der politischen Gewalt aufbewahrt haben, spaltet sich selbst die große Bourgeoisie, sowie sie den Feudalismus besiegt hat, in eine regierende und eine opponierende Partei, die gewöhnlich durch die Bank auf der einen, die Fabrikanten auf der andern Seite repräsentiert werden. Die opponierende, progressive Fraktion der großen und mittleren Bourgeoisie hat dann gegenüber der herrschenden Fraktion mit der Kleinbürgerschaft gemeinsame Interessen und vereinigt sich mit ihr zum gemeinschaftlichen Kampfe. In Deutschland, wo die bewaffnete Kontrerevolution die fast ausschließliche Herrschaft der Armee, der Bürokratie und des Feudaladels wiederhergestellt hat, wo die Bourgeoisie trotz der noch bestehenden konstitutionellen Formen nur eine sehr untergeordnete und bescheidene Rolle spielt, sind noch viel mehr Motive für diese Allianz vorhanden. Dafür ist die deutsche Bourgeoisie aber auch unendlich zaghafter als die englische und französische, und sowie sich nur die geringste Chance der rückkehrenden Anarchie, d.h. des wirklichen, entscheidenden Kampfes zeigt, tritt sie schaudernd vom Schauplatz zurück. So auch diesmal.

Der Moment war übrigens keineswegs zum Kampf ungünstig. In Frankreich standen die Wahlen bevor; sie mochten den Monarchisten oder den Roten die Majorität geben, sie mußten die Zentren der Konstituante verdrängen, die extremen Parteien verstärken und eine rasche Entscheidung des akuter gewordenen parlamentarischen Kampfes durch eine Volksbewegung, mit einem Worte, sie mußten eine "journée" <einen großen Tag> herbeiführen. In Italien schlug man sich unter den Mauern von Rom, und die römische Republik hielt sich gegen die französische Invasionsarmee. In Ungarn drangen die Magyaren unaufhaltsam vor; die Kaiserlichen waren über die Waag und die Leitha gejagt; in Wien, wo man täglich Kanonendonner zu hören glaubte, wurde die ungarische Revolutionsarmee jeden Augenblick erwartet; in Galizien stand die Ankunft Dembinskis mit einer polnisch-magyarischen Armee bevor, und die russische Intervention, weit entfernt, den Magyaren gefährlich zu werden, schien vielmehr den ungarischen Kampf in einen europäischen zu verwandeln. Deutsch- <114> land endlich war in der höchsten Aufregung; die Fortschritte der Kontrerevolution, die wachsende Unverschämtheit der Soldateska, der Bürokratie und des Adels, die stets sich erneuernden Verrätereien der alten Liberalen in den Ministerien, die rasch aufeinanderfolgenden Wortbrüche der Fürsten warfen der Bewegungspartei ganze Klassen von bisherigen Ordnungsmännern in die Arme.

Unter diesen Umständen kam der Kampf zum Ausbruche, den wir in den folgenden Bruchstücken schildern werden.

Die Unvollständigkeit und Verwirrung, die noch in den Materialien herrscht, die totale Unzuverlässigkeit fast aller mündlich zu sammelnden Nachrichten, der rein persönliche Zweck, der allen über diesen Kampf bisher veröffentlichten Schriften zugrunde liegt, machen eine kritische Darstellung des ganzen Verlaufs unmöglich. Unter diesen Umständen bleibt uns nichts übrig, als uns rein auf die Erzählung dessen zu beschränken, was wir selbst gesehen und gehört haben. Glücklicherweise reicht dies vollständig hin, um den Charakter der ganzen Kampagne hervortreten zu lassen; und wenn uns außer der eignen Anschauung der sächsischen Bewegung auch die des Mieroslawskischen Feldzugs am Neckar fehlt, so wird die "Neue Rheinische Zeitung" vielleicht bald Gelegenheit finden, wenigstens über letzteren die nötigen Aufklärungen zu geben.

Von den Teilnehmern an der Reichsverfassungskampagne sind viele noch im Gefängnis. Andre haben Gelegenheit gefunden, nach Hause zurückzukehren, andre, noch im Auslande, erwarten sie täglich - und unter ihnen sind nicht die Schlechtesten. Man wird die Rücksichten begreifen, die wir diesen Mitkämpfern schuldig sind, man wird es natürlich finden, wenn wir manches verschweigen; und mancher, der jetzt wieder ruhig in der Heimat ist, wird es uns nicht verdenken, wenn wir ihn auch nicht durch Erzählung derjenigen Vorfälle kompromittieren wollen, bei denen er wirklich glänzenden Mut bewiesen hat.

 

I
Rheinpreußen

 

<115> Man erinnert sich, wie der bewaffnete Aufstand für die Reichsverfassung anfangs Mai zuerst in Dresden zum Ausbruch kam. Man weiß, wie die Dresdner Barrikadenkämpfer, vom Landvolk unterstützt, von den Leipziger Spießbürgern verraten, nach sechstägigem Kampfe der Übermacht erlagen. Sie hatten nie mehr als 2.500 Kombattanten mit sehr gemischten Waffen und als ganze Artillerie zwei oder drei kleine Böller. Die königlichen Truppen bestanden, außer den sächsischen Bataillonen, aus zwei Regimentern Preußen. Sie hatten Kavallerie, Artillerie, Büchsenschützen und ein Bataillon mit Zündnadelgewehren zu ihrer Verfügung. Die königlichen Truppen scheinen sich in Dresden noch feiger als anderswo aufgeführt zu haben; zu gleicher Zeit aber steht fest, daß die Dresdner Kämpfer sich gegen diese Übermacht tapferer geschlagen haben, als es sonst wohl in der Reichsverfassungskampagne geschehen ist. Aber freilich, ein Straßenkampf ist auch etwas ganz andres als ein Gefecht im offenen Felde.

Berlin blieb ruhig unter dem Belagerungszustand und der Entwaffnung. Nicht einmal die Eisenbahn wurde aufgerissen, um den preußischen Zuzug bei Berlin schon aufzuhalten. Breslau versuchte einen schwachen Barrikadenkampf, auf den die Regierung längst vorbereitet war, und geriet nur dadurch um so sichrer unter die Säbeldiktatur. Das übrige Norddeutschland, ohne revolutionäre Zentren, war gelähmt. Auf Rheinpreußen und Süddeutschland allein war noch zu rechnen, und in Süddeutschland setzte sich soeben schon die Pfalz in Bewegung.

Rheinpreußen hat seit 1815 als eine der fortgeschrittensten Provinzen Deutschlands gegolten, und mit Recht. Es vereinigt zwei Vorzüge, die sich in keinem andern Teil Deutschlands vereinigt finden.

Rheinpreußen teilt mit Luxemburg, Rheinhessen und der Pfalz den Vorteil, seit 1795 die Französische Revolution und die gesellschaftliche, administrative und legislative Konsolidierung ihrer Resultate unter Napoleon mitgemacht zu haben. Als die revolutionäre Partei in Paris erlag, trugen die <116> Armeen die Revolution über die Grenzen. Vor diesen kaum befreiten Bauernsöhnen zerstoben nicht nur die Armeen des Heiligen Römischen Reichs, sondern auch die Feudalherrschaft des Adels und der Pfaffen. Seit zwei Generationen kennt das linke Rheinufer keinen Feudalismus mehr; der Adlige ist seiner Privilegien beraubt, der Grundbesitz ist aus seinen Händen und denen der Kirche in die Hände des Bauern übergegangen; der Boden ist parzelliert, der Bauer ist freier Grundbesitzer wie in Frankreich. In den Städten verschwanden die Zünfte und die patriarchalische Patrizierherrschaft zehn Jahre früher als irgendwo in Deutschland vor der freien Konkurrenz, und der Code Napoléon sanktionierte schließlich den ganzen veränderten Zustand in der Zusammenfassung der gesamten revolutionären Institutionen.

Rheinpreußen besitzt aber zweitens - und darin liegt sein Hauptvorzug vor den übrigen Ländern des linken Rheinufers - die ausgebildetste und mannigfachste Industrie von ganz Deutschland. In den drei Regierungsbezirken Aachen, Köln und Düsseldorf sind fast alle Industriezweige vertreten: Baumwollen-, Wollen- und Seidenindustrie aller Art nebst den davon abhängigen Branchen der Bleicherei, Druckerei und Färberei, der Eisengießerei und Maschinenfabrikation, ferner Bergbau, Waffenschmieden und sonstige Metallindustrie finden sich hier auf dem Raum weniger Quadratmeilen konzentriert und beschäftigen eine Bevölkerung von in Deutschland unerhörter Dichtigkeit. An die Rheinprovinz schließt sich unmittelbar, sie mit einem Teil der Rohstoffe versorgend und industriell zu ihr gehörend, der märkische Eisen-und Kohlendistrikt an. Die beste Wasserstraße Deutschlands, die Nähe des Meeres, der mineralische Reichtum der Gegend begünstigen die Industrie, die außerdem zahlreiche Eisenbahnen erzeugt hat und ihr Eisenbahnnetz noch täglich vervollständigt. Mit der Industrie in Wechselwirkung steht ein für Deutschland sehr ausgedehnter Ausfuhr- und Einfuhrhandel nach allen Weltteilen, ein bedeutender direkter Verkehr mit allen großen Stapelplätzen des Weltmarkts und eine verhältnismäßige Spekulation in Rohprodukten und Eisenbahnaktien. Kurz, die industrielle und kommerzielle Entwicklungsstufe der Rheinprovinz ist, wenn auch auf dem Weltmarkt ziemlich unbedeutend, doch für Deutschland einzig.

Die Folge dieser - ebenfalls unter der revolutionären französischen Herrschaft aufgeblühten - Industrie und des mit ihr zusammenhängenden Handels in Rheinpreußen ist die Erzeugung einer mächtigen industriellen und kommerziellen großen Bourgeoisie und, im Gegensatz zu ihr, eines zahlreichen industriellen Proletariats, zweier Klassen, die im übrigen Deutschland nur sehr stellenweise und embryonisch existieren, die aber die besondre politische Entwicklung der Rheinprovinz fast ausschließlich beherrschen.

<117> Vor den übrigen durch die Franzosen revolutionierten deutschen Ländern hat Rheinpreußen die Industrie, vor den übrigen deutschen Industriebezirken (Sachsen und Schlesien) die Französische Revolution voraus. Es ist der einzige Teil Deutschlands, dessen gesellschaftliche Entwickelung fast ganz die Höhe der modernen bürgerlichen Gesellschaft erreicht hat: ausgebildete Industrie, ausgedehnter Handel, Anhäufung der Kapitalien, Freiheit des Grundeigentums; starke Bourgeoisie und massenhaftes Proletariat in den Städten, zahlreiche und verschuldete Parzellenbauern auf dem Lande vorherrschend; Herrschaft der Bourgeoisie über das Proletariat durch das Lohnverhältnis, über den Bauern durch die Hypothek, über den Kleinbürger durch die Konkurrenz und endlich Sanktion der Bourgeoisherrschaft durch die Handelsgerichte, die Fabrikgerichte, die Bourgeoisjury und die ganze materielle Gesetzgebung.

Begreift man jetzt den Haß des Rheinländers gegen alles, was preußisch heißt? Preußen hatte mit der Rheinprovinz die Französische Revolution seinen Staaten inkorporiert und behandelte die Rheinländer nicht nur wie Unterjochte und Fremde, sondern sogar wie besiegte Rebellen. Weit entfernt, die rheinische Gesetzgebung im Sinne der sich immer weiter entwickelnden modernen bürgerlichen Gesellschaft auszubilden, wollte es den Rheinländern sogar den pedantisch-feudal-spießbürgerlichen Mischmasch des preußischen Landrechts aufbürden, der selbst kaum noch für Hinterpommern paßt.

Der Umschwung nach dem Februar 1848 zeigte deutlich die exzeptionelle Stellung der Rheinprovinz. Sie lieferte nicht nur der preußischen, sondern überhaupt der deutschen Bourgeoisie ihre klassischen Vertreter: Camphausen und Hansemann; sie lieferte dem deutschen Proletariat das einzige Organ, in dem es nicht nur der Phrase oder dem guten Willen, sondern seinen wirklichen Interessen nach vertreten war: die "Neue Rheinische Zeitung".

Wie kommt es aber, daß Rheinpreußen sich trotz alledem so wenig bei den revolutionären Bewegungen Deutschlands beteiligt hat?

Man vergesse nicht, daß die 1830er Bewegung im Interesse des Phrasen- und Advokatenkonstitutionalismus für die mit viel reelleren, industriellen Unternehmungen beschäftigte rheinische Bourgeoisie Deutschlands kein Interesse haben konnte; daß, während man in den deutschen Kleinstaaten noch von einem deutschen Kaiserreiche träumte, in Rheinpreußen das Proletariat schon anfing, gegen die Bourgeoisie offen aufzutreten; daß von 1840 bis 1847 zur Zeit der bürgerlichen, wirklich konstitutionellen Bewegung die rheinische Bourgeoisie an der Spitze stand und daß sie im März 1848 in Berlin ein entscheidendes Gewicht in die Waagschale legte. Warum aber Rheinpreußen nie in einer offenen Insurrektion etwas durchsetzen, warum es nicht <118> einmal eine allgemeine Insurrektion der ganzen Provinz zustande bringen konnte, das wird die einfache Darstellung der rheinischen Reichsverfassungskampagne am besten nachweisen.

Der Kampf in Dresden kam eben zum Ausbruch; in der Pfalz konnte er jeden Augenblick losbrechen. In Baden, in Württemberg, in Franken wurden Monsterversammlungen angesetzt, und man verhehlte kaum noch, daß man entschlossen sei, es auf Entscheidung durch die Waffen ankommen zu lassen. In ganz Süddeutschland waren die Truppen schwankend. Preußen war nicht minder aufgeregt. Das Proletariat wartete nur auf eine Gelegenheit, Rache zu nehmen für die Eskamotierung der Vorteile, die es im März 1848 erobert zu haben glaubte. Die Kleinbürgerschaft war überall in Tätigkeit, sämtliche unzufriedenen Elemente zu einer großen Reichsverfassungspartei zu kondensieren, deren Leitung sie zu erhalten hoffte. Die Schwüre, mit der Frankfurter Versammlung zu stehen und zu fallen, Gut und Blut für die Reichsverfassung einzusetzen, füllten alle Zeitungen, ertönten in allen Klubsälen und Bierlokalen.

Da eröffnete die preußische Regierung die Feindseligkeiten, indem sie einen großen Teil der Landwehr, namentlich in Westfalen und am Rhein, einberief. Die Einberufungsordre war mitten im Frieden ungesetzlich, und nicht nur die kleine, auch die größere Bourgeoisie erhob sich dagegen.

Der Kölner Gemeinderat schrieb einen Kongreß von Deputierten der rheinischen Gemeinderäte aus. Die Regierung verbot ihn; man ließ die Form fallen und hielt den Kongreß trotz des Verbots ab. Die Gemeinderäte, Vertreter der großen und mittleren Bourgeoisie, erklärten ihre Anerkennung der Reichsverfassung, forderten Annahme derselben durch die preußische Regierung und Entlassung des Ministeriums sowie Zurücknahme der Einberufung der Landwehr und drohten im Falle der Verweigerung ziemlich deutlich mit dem Abfall der Rheinprovinzen von Preußen.

"Da die preußische Regierung die zweite Kammer, nachdem dieselbe sich für die unbedingte Annahme der deutschen Verfassung vom 28. März d.J. ausgesprochen hatte, aufgelöst und dadurch das Volk seiner Vertretung und Stimme in dem gegenwärtigen entscheidenden Augenblicke beraubt hat, sind die unterzeichneten Verordneten der Städte und Gemeinden der Rheinprovinz zusammengetreten, um zu beraten, was dem Vaterlande not tue.

Die Versammlung hat unter dem Vorsitze der Stadtverordneten Zell von Trier und Werner von Koblenz und in Assistenz der Protokollführer, der Stadtverordneten Boekker von Köln und Bloem II von Düsseldorf,

beschlossen, wie folgt:

1. Sie erklärt, daß sie die Verfassung des deutschen Reiches, wie solche am 28. März d. J. von der Reichsversammlung verkündet worden, als endgültiges Gesetz anerkennt <119> und bei dem von der preußischen Regierung erhobenen Konflikte auf der Seite der deutschen Reichsversammlung steht.

2. Die Versammlung fordert das gesamte Volk der Rheinlande und namentlich alle waffenfähigen Männer auf, durch Kollektiverklärungen in kleineren und größeren Kreisen seine Verpflichtung und seinen unverbrüchlichen Willen, an der deutschen Reichsverfassung festzuhalten und den Anordnungen der Reichsverfassung Folge zu leisten, auszusprechen.

3. Die Versammlung fordert die deutsche Reichsversammlung auf, nunmehr schleunigst kräftigere Anstrengungen <In der "Kölnischen Zeitung": Anordnungen> zu treffen, um dem Widerstande des Volkes in den einzelnen deutschen Staaten und namentlich auch in der Rheinprovinz jene Einheit und Stärke zu gehen, die allein imstande ist, die wohlorganisierte Gegenrevolution zuschanden [zu] machen.

4. Sie fordert die Reichsgewalt auf, die Reichstruppen baldmöglichst auf die Verfassung zu beeidigen und eine Zusammenziehung derselben anzuordnen.

5. Die Unterzeichneten verpflichten sich, der Reichsverfassung durch alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel in dem Bereiche ihrer Gemeinden Geltung zu verschaffen.

6. Die Versammlung erachtet die Entlassung des Ministeriums Brandenburg-Manteuffel und die Einberufung der Kammern ohne Abänderung des bestehenden Wahlmodus für unbedingt notwendig.

7. Sie erblickt insbesondere in der jüngst erfolgten, teilweisen Einberufung der Landwehr eine unnötige, den inneren Frieden in hohem Grade gefährdende Maßregel und erwartet deren sofortige Zurücknahme.

8. Die Unterzeichneten sprechen schließlich ihre Überzeugung dahin aus, daß bei Nichtbeachtung des Inhaltes dieser Erklärung dem Vaterlande die größten Gefahren drohen, durch die selbst dar Bestand Preußens in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung gefährdet werden kann.

Beschlossen am 8. Mai 1849 zu Köln."

(Folgen die Unterschriften.)

Wir fügen nur noch hinzu, daß derselbe Herr Zell, der dieser Versammlung präsidierte, wenige Wochen später als Reichskommissär des Frankfurter Reichsministeriums nach Baden ging, um dort nicht nur abzuwiegeln, sondern auch um mit den dortigen Reaktionären jene kontrerevolutionären Coups zu verabreden, die später in Mannheim und Karlsruhe zum Ausbruch kamen. Daß er auch dem Reichsgeneral Peucker zu gleicher Zeit als militärischer Spion Dienste geleistet, ist wenigstens wahrscheinlich.

Wir halten darauf, dies Faktum wohl zu konstatieren. Die große Bourgeoisie, die Blüte des vormärzlichen rheinischen Liberalismus, suchte sich in Rhein- <120> preußen gleich anfangs an die Spitze der Bewegung für die Reichsverfassung zu stellen. Ihre Reden, ihre Beschlüsse, ihr ganzes Auftreten machte sie solidarisch für die späteren Ereignisse. Es gab Leute genug, die die Phrasen der Herren Gemeinderäte, namentlich die Drohung mit dem Abfall der Rheinprovinz, ernsthaft nahmen. Ging die große Bourgeoisie mit, so war die Sache von vornherein so gut wie gewonnen, so hatte man alle Klassen der Bevölkerung mit sich, so konnte man schon etwas riskieren. So kalkulierte der Kleinbürger und beeilte sich, eine heroische Positur anzunehmen. Es versteht sich, daß sein angeblicher Associé, der große Bourgeois, sich dadurch keineswegs abhalten ließ, ihn bei der ersten Gelegenheit zu verraten und nachher, als die ganze Sache höchst kläglich geendet hatte, ihn nachträglich wegen seiner Dummheit zu verspotten.

Die Aufregung wuchs inzwischen fortwährend; die Nachrichten aus allen Gegenden Deutschlands lauteten höchst kriegerisch. Endlich sollte zur Einkleidung der Landwehr geschritten werden. Die Bataillone traten zusammen und erklärten kategorisch, daß sie sich nicht einkleiden lassen würden. Die Majore, ohne hinreichende militärische Unterstützung, konnten nichts ausrichten und waren froh, wenn sie ohne Drohungen und tätliche Angriffe davonkamen. Sie entließen die Leute und setzten einen neuen Termin zur Einkleidung fest.

Die Regierung, die den Landwehroffizieren leicht die nötige Unterstützung hätte geben können, ließ es absichtlich so weit kommen. Sie wandte jetzt sofort Gewalt an.

Die widersetzlichen Landwehren gehörten namentlich dem bergisch-märkischen Industriebezirk an. Elberfeld und Iserlohn, Solingen und die Enneper Straße waren die Zentren des Widerstandes. Sofort wurden nach den beiden ersteren Städten Truppen beordert.

Nach Elberfeld zogen ein Bataillon Sechzehner, eine Schwadron Ulanen und zwei Geschütze. Die Stadt war in der höchsten Verwirrung. Die Landwehr hatte bei reiflicher Überlegung doch gefunden, daß sie ein gewagtes Spiel spiele. Viele Bauern und Arbeiter waren politisch indifferent und hatten nur keine Lust gehabt, irgendwelchen Regierungslaunen zu Gefallen auf unbestimmte Zeit sich vom Hause zu entfernen. Die Folgen der Widersetzlichkeit fielen ihnen schwer aufs Herz: species facti <Tatbestand>, Kriegsrecht, Kettenstrafe und vielleicht gar Pulver und Blei! Genug, die Anzahl der Landwehrmänner, die unter den Waffen standen - ihre Waffen hatten sie -, schmolz immer mehr zusammen, und es blieben ihrer zuletzt noch etwa vierzig übrig. Sie hatten <121> in einem öffentlichen Lokal vor der Stadt ihr Hauptquartier aufgeschlagen und warteten dort auf die Preußen. Um das Rathaus stand die Bürgerwehr und zwei Bürgerschützenkorps, schwankend, mit der Landwehr unterhandelnd, jedenfalls entschlossen, ihr Eigentum zu schützen. In den Straßen wogte die Bevölkerung, Kleinbürger, die im politischen Klub der Reichsverfassung Treue geschworen hatten, Proletarier aller Stufen, vom entschiedenen, revolutionären Arbeiter bis zum schnapstrunkenen Karrenbinder. Kein Mensch wußte, was zu tun sei, keiner, was kommen werde.

Der Stadtrat wollte mit den Truppen unterhandeln. Der Kommandierende wies alles ab und marschierte in die Stadt. Die Truppen paradieren durch die Straßen und stellen sich am Rathause auf, gegenüber der Bürgerwehr. Man unterhandelt. Aus der Menge fallen Steinwürfe auf das Militär. Die Landwehr, wie gesagt, etwa vierzig Mann stark, zieht von der andern Seite der Stadt her nach langem Beraten ebenfalls dem Militär entgegen.

Auf einmal ruft man im Volk nach Befreiung der Gefangenen. Im Arresthaus, das dicht am Rathaus liegt, saßen nämlich seit einem Jahr 69 Solinger Arbeiter in Verhaft wegen Demolierung der Stahlgußfabnk an der Burg. Ihr Prozeß sollte in wenig Tagen verhandelt werden. Diese zu befreien, stürzt das Volk nach dem Gefängnis. Die Türen weichen, das Volk dringt ein, die Gefangenen sind frei. Aber zu gleicher Zeit rückt das Militär vor, eine Salve fällt, und der letzte Gefangene, der aus der Tür eilt, stürzt mit zerschmettertem Schädel nieder.

Das Volk weicht zurück, aber mit dem Ruf: Zu den Barrikaden! In einem Nu sind die Zugänge zur innern Stadt verschanzt. Unbewaffnete Arbeiter sind genug vorhanden, bewaffnete sind höchstens fünfzig hinter den Barrikaden.

Die Artillerie rückt vor. Wie vorher die Infanterie, so feuert auch sie zu hoch, wahrscheinlich mit Absicht. Beide Truppenteile bestanden aus Rheinländern oder Westfalen und waren gut. Endlich rückt der Hauptmann von Uttenhoven an der Spitze der 8. Kompanie des 16. Regiments vor.

Drei Bewaffnete waren hinter der ersten Barrikade. "Schießt nicht auf uns", rufen sie, "wir schießen nur auf die Offiziere!" - Der Hauptmann kommandiert Halt. "Kommandierst du Fertig, so liegst du da", ruft ihm ein Schütze hinter der Barrikade zu. - "Fertig - An - Feuer!" - Die Salve kracht, aber auch in demselben Augenblick stürzt der Hauptmann zusammen. Die Kugel hatte ihn mitten durchs Herz getroffen.

Das Peloton zieht sich eiligst zurück; nicht einmal die Leiche des Hauptmanns wird mitgenommen. Noch einige Schüsse fallen, einige Soldaten werden verwundet, und der kommandierende Offizier, der die Nacht nicht in der empörten Stadt zubringen will, zieht wieder hinaus, um mit seinen Truppen <122> eine Stunde vor der Stadt zu biwakieren. Hinter den Soldaten erheben sich sogleich von allen Seiten Barrikaden.

Noch denselben Abend kam die Nachricht vom Rückzuge der Preußen nach Düsseldorf. Zahlreiche Gruppen bildeten sich auf den Straßen; die kleine Bourgeoisie und die Arbeiter waren in der höchsten Aufregung. Da gab das Gerücht, daß neue Truppen nach Elberfeld abgeschickt werden sollten, das Signal zum Losbruch. Ohne den Mangel an Waffen - die Bürgerwehr war seit November 1848 entwaffnet -, ohne die verhältnismäßig starke Garnison und die ungünstigen breiten und graden Straßen der kleinen Exresidenz zu bedenken, riefen einige Arbeiter zu den Barrikaden. In der Neustraße, Bolkerstraße kamen einige Verschanzungen zustande; die übrigen Teile der Stadt wurden teils durch die schon im voraus konsignierten Truppen, teils durch die Furcht der großen und kleinen Bürgerschaft frei gehalten.

Gegen Abend entspann sich der Kampf. Die Barrikadenkämpfer waren, hier wie überall, wenig zahlreich. Wo sollten sie auch Waffen und Munition hernehmen? Genug, sie leisteten der Übermacht langen und tapfern Widerstand, und erst nach ausgedehnter Anwendung der Artillerie, gegen Morgen, war das halbe Dutzend Barrikaden, das sich verteidigen ließ, in den Händen der Preußen. Man weiß, daß diese vorsichtigen Helden am folgenden Tage an Dienstmädchen, Greisen und friedlichen Leuten überhaupt blutige Revanche nahmen.

An demselben Tage, an dem die Preußen aus Elberfeld zurückgeschlagen wurden, sollte auch ein Bataillon, wenn wir nicht irren des 13. Regiments, nach Iserlohn einrücken und die dortige Landwehr zur Räson bringen. Aber auch hier wurde dieser Plan vereitelt; sowie die Nachricht vom Anrücken des Militärs bekannt wurde, verschanzte Landwehr und Volk alle Zugänge der Stadt und erwartete den Feind mit geladener Büchse. Das Bataillon wagte keinen Angriff und zog sich wieder zurück.

Der Kampf in Elberfeld und Düsseldorf und die Verbarrikadierung Iserlohns gaben das Signal zum Aufstand des größten Teils der bergisch-märkischen Industriegegend. Die Solinger stürmten das Gräfrather Zeughaus und bewaffneten sich mit den daraus entnommenen Gewehren und Patronen; die Hagener schlossen sich in Masse der Bewegung an, bewaffneten sich, besetzten die Zugänge der Ruhr und schickten Rekognoszierungspatrouillen aus; Solingen, Ronsdorf, Remscheid, Barmen usw. stellten ihre Kontingente nach Elberfeld. An den übrigen Orten der Gegend erklärte sich die Landwehr für die Bewegung und stellte sich zur Verfügung der Frankfurter Versammlung. Elberfeld, Solingen, Hagen, Iserlohn setzten Sicherheitsausschüsse an die Stelle der vertriebenen Kreis- und Lokalbehörden.

<123> Die Nachrichten von diesen Ereignissen wurden natürlich noch ungeheuer übertrieben. Man schilderte die ganze Wupper- und Ruhrgegend als ein großes, organisiertes Lager des Aufstandes, man sprach von fünfzehntausend Bewaffneten in Elberfeld, von ebensoviel in Iserlohn und Hagen. Der plötzliche Schreck der Regierung, der alle ihre Tätigkeit gegenüber diesem Aufstande der treuesten Bezirke mit einem Schlage lähmte, trug nicht wenig dazu bei, diesen Übertreibungen Glauben zu verschaffen.

Alle billigen Abzüge für wahrscheinliche Übertreibungen gemacht, blieb das eine Faktum unleugbar, daß die Hauptorte des bergisch-märkischen Industriebezirks im offnen und bis dahin siegreichen Aufstande begriffen waren. Dies Faktum war da. Dazu kamen die Nachrichten, daß Dresden sich noch hielt, daß Schlesien gäre, daß die Pfälzer Bewegung sich konsolidiere, daß in Baden eine siegreiche Militärrevolte ausgebrochen und der Großherzog geflohen sei, daß die Magyaren am Jablunka und der Leitha ständen. Kurz, von allen revolutionären Chancen, die sich der demokratischen und Arbeiterpartei seit März 1848 geboten hatten, war dies bei weitem die vorteilhafteste, und sie mußte natürlich ergriffen werden. Das linke Rheinufer durfte das rechte nicht im Stich lassen,

Was war nun zu tun?

Alle größeren Städte der Rheinprovinz sind entweder von starken Zitadellen und Forts beherrschte Festungen, wie Köln und Koblenz, oder haben zahlreiche Garnisonen, wie Aachen, Düsseldorf und Trier. Außerdem wird die Provinz noch durch die Festungen Wesel, Jülich, Luxemburg, Saarlouis und selbst durch Mainz und Minden im Zaum gehalten. In diesen Festungen und Garnisonen lagen zusammen mindestens dreißigtausend Mann. Köln, Düsseldorf, Aachen, Trier waren endlich seit längerer Zeit entwaffnet. Die revolutionären Zentren der Provinz waren also gelähmt. Jeder Aufstandsversuch mußte hier, wie dies sich schon in Düsseldorf gezeigt, mit dem Siege des Militärs endigen; noch ein solcher Sieg, z.B. in Köln, und der bergisch-märkische Aufstand war trotz der sonst günstigen Nachrichten moralisch vernichtet. Auf dem linken Rheinufer war an der Mosel, in der Eifel und dem Krefelder Industriebezirk eine Bewegung möglich; aber diese Gegend war von sechs Festungen und drei Garnisonsstädten umzingelt. Das rechte Rheinufer bot dagegen in den bereits insurgierten Bezirken ein dichtbevölkertes, ausgedehntes, durch Wald und Gebirge zum Insurrektionskriege wie geschaffenes Terrain dar.

Wollte man also die aufgestandenen Bezirke unterstützen, so war nur eins möglich:

vor allen Dingen in den Festungen und Garnisonsstädten jeden unnützen Krawall vermeiden;

<124> auf dem linken Rheinufer in den kleineren Städten, in den Fabrikorten und auf dem Lande eine Diversion machen, um die rheinischen Garnisonen im Schach zu halten;

endlich alle disponiblen Kräfte in den insurgierten Bezirk des rechten Rheinufers werfen, die Insurrektion weiter verbreiten und versuchen, hier vermittelst der Landwehr den Kern einer revolutionären Armee zu organisieren.

Die neuen preußischen Enthüllungshelden mögen nicht zu früh frohlocken über das hier enthüllte hochverräterische Komplott. Leider hat kein Komplott existiert. Die obigen drei Maßregeln sind kein Verschwörungsplan, sondern ein einfacher Vorschlag, der vom Schreiber dieser Zeilen ausging, und zwar in dem Augenblick, als er selbst nach Elberfeld abreiste, um die Ausführung des dritten Punkts zu betreiben. Dank der zerfallenen Organisation der demokratischen und Arbeiterpartei, dank der Unschlüssigkeit und klugen Zurückhaltung der meisten aus der kleinen Bourgeoisie hervorgegangenen Lokalführer, dank endlich dem Mangel an Zeit kam es gar nicht zum Konspirieren. Wenn daher auf dem linken Rheinufer allerdings der Anfang einer Diversion zustande kam, wenn in Kempen, Neuß und Umgegend Unruhen ausbrachen und in Prüm das Zeughaus gestürmt wurde, so waren diese Tatsachen keineswegs Folgen eines gemeinsamen Plans, sie wurden nur durch den revolutionären Instinkt der Bevölkerung hervorgerufen.

In den insurgierten Bezirken sah es inzwischen ganz anders aus, als die übrige Provinz voraussetzte. Elberfeld mit seinen - übrigens höchst planlosen und eilig zusammengerafften - Barrikaden, mit den vielen Wachtposten, Patrouillen und sonstigen Bewaffneten, mit der ganzen Bevölkerung auf den Straßen, wo nur die große Bourgeoisie zu fehlen schien, mit den roten und trikoloren Fahnen nahm sich zwar gar nicht übel aus, im übrigen aber herrschte in der Stadt die größte Verwirrung. Die kleine Bourgeoisie hatte durch den gleich im ersten Moment gebildeten Sicherheitsausschuß die Leitung der Angelegenheiten in die Hand genommen. Kaum war sie soweit, als sie auch schon vor ihrer eignen Macht, so gering sie war, erschrak. Ihre erste Handlung war, sich durch den Stadtrat, d.h. durch die große Bourgeoisie, legitimieren zu lassen und zum Dank für die Gefälligkeit des Stadtrats fünf seiner Mitglieder in den Sicherheitsausschuß aufzunehmen. Dieser so verstärkte Sicherheitsausschuß entledigte sich denn sofort aller gefährlichen Tätigkeit, indem er die Sorge für die Sicherheit nach außen einer Militärkommission überwies, sich selbst aber über diese Kommission eine mäßigende und hemmende Aufsicht vorbehielt. Somit vor aller Berührung mit dem Aufstande gesichert, durch die Väter der Stadt selbst auf den Rechtsboden verpflanzt, <125> konnten die zitternden Kleinbürger des Sicherheitsausschusses sich darauf beschränken, die Gemüter zu beruhigen, die laufenden Geschäfte zu besorgen, "Mißverständnisse" aufzuklären, abzuwiegeln, die Sache in die Lange zu ziehn und jede energische Tätigkeit unter dem Vorwande zu lähmen, man müsse vorerst die Antwort auf die nach Berlin und Frankfurt geschickten Deputationen abwarten. Die übrige Kleinbürgerschaft ging natürlich Hand in Hand mit dem Sicherheitsausschuß, wiegelte überall ab, verhinderte möglichst alle Fortführung der Verteidigungsmaßregeln und der Bewaffnung und schwankte fortwährend über die Grenze ihrer Beteiligung am Aufstande. Nur ein kleiner Teil dieser Klasse war entschlossen, sich mit den Waffen in der Hand zu verteidigen, falls die Stadt angegriffen würde. Die große Mehrzahl suchte sich selbst einzureden, ihre bloßen Drohungen und die Scheu vor dem fast unvermeidlichen Bombardement Elberfelds werde die Regierung zu Konzessionen bewegen; im übrigen aber hielt sie sich für alle Fälle den Rücken frei.

Die große Bourgeoisie war im ersten Augenblick nach dem Gefecht wie niedergedonnert. Sie sah Brandstiftung, Mord, Plünderung und wer weiß welche Greuel vor ihrer erschreckten Phantasie aus der Erde wachsen. Die Konstituierung des Sicherheitsausschusses, dessen Majorität - Stadträte, Advokaten, Staatsprokuratoren, gesetzte Leute - ihr plötzlich eine Garantie für Leben und Eigentum bot, erfüllte sie daher mit einem mehr als fanatischen Entzücken. Dieselben großen Kaufleute, Türkischrotfärber, Fabrikanten, die bisher die Herren Karl Hecker, Riotte, Höchster usw. als blutdürstige Terroristen verschrien hatten, stürzten jetzt in Masse aufs Rathaus, umarmten ebendieselbigen angeblichen Blutsäufer mit der fieberhaftesten Innigkeit und deponierten Tausende von Talern auf dem Tische des Sicherheitsausschusses. Es versteht sich von selbst, daß ebendieselben begeisterten Bewunderer und Unterstützer des Sicherheitsausschusses nach dem Ende der Bewegung nicht nur über die Bewegung selbst, sondern auch über den Sicherheitsausschuß und seine Mitglieder die abgeschmacktesten und gemeinsten Lügen verbreiteten und den Preußen mit derselben Innigkeit für die Befreiung von einem Terrorismus dankten, der nie existiert hatte. Unschuldige konstitutionelle Bürger, wie die Herren Heeker, Höchster und der Staatsprokurator Heintzmann, wurden wieder als Schreckensmänner und Menschenfresser geschildert, denen die Verwandtschaft mit Robespierre und Danton auf dem Gesicht geschrieben stand. Wir halten es für unsre Schuldigkeit, unsrerseits genannte Biedermänner von dieser Anklage vollständig freizusprechen. Im übrigen begab sich der größte Teil der hohen Bourgeoisie möglichst rasch mit Weib und Kind unter den Schutz des Düsseldorfer Belagerungszustandes, und nur der kleinere couragiertere Teil blieb zurück, um sein Eigentum auf <126> alle Fälle zu schützen. Der Oberbürgermeister saß während des Aufstandes verborgen in einer umgeworfenen, mit Mist bedeckten Droschke. Das Proletariat, einig im Moment des Kampfes, spaltete sich, sobald das Schwanken des Sicherheitsausschusses und der Kleinbürgerschaft hervortrat. Die Handwerker, die eigentlichen Fabrikarbeiter, ein Teil der Seidenweber waren entschieden für die Bewegung; aber sie, die den Kern des Proletariats bildeten, hatten fast gar keine Waffen. Die Rotfärber, eine robuste, gut bezahlte Arbeiterklasse, roh und deshalb reaktionär wie alle Fraktionen von Arbeitern, bei deren Geschäft es mehr auf Körperkraft als auf Geschicklichkeit ankommt, waren schon in den ersten Tagen gänzlich gleichgültig geworden. Sie allein von allen Industriearbeitern arbeiteten während der Barrikadenzeit fort, ohne sich stören zu lassen. Das Lumpenproletariat endlich war wie überall vom zweiten Tage der Bewegung an käuflich, verlangte morgens vom Sicherheitsausschuß Waffen und Sold und ließ sich nachmittags von der großen Bourgeoisie erkaufen, um ihre Gebäude zu schützen oder um abends die Barrikaden niederzureißen. Im ganzen stand es auf der Seite der Bourgeoisie, die ihm am besten zahlte und mit deren Geld es während der Dauer der Bewegung sich flotte Tage machte.

Die Nachlässigkeit und Feigheit des Sicherheitsausschusses, die Uneinigkeit der Militärkommission, in der die Partei der Untätigkeit anfangs die Majorität hatte, verhinderten von vornherein jedes entschiedene Auftreten. Vom zweiten Tage an trat die Reaktion ein. Von Anfang an zeigte es sich, daß in Elberfeld nur unter der Fahne der Reichsverfassung, nur im Einverständnisse mit der kleinen Bourgeoisie auf Erfolg zu rechnen war. Das Proletariat war einerseits gerade hier erst zu kurze Zeit aus der Versumpfung des Schnapses und des Pietismus herausgerissen, als daß die geringste Anschauung von den Bedingungen seiner Befreiung hätte in die Massen dringen können, andrerseits hatte es einen zu instinktiven Haß gegen die Bourgeoisie, war es viel zu gleichgültig gegen die bürgerliche Frage der Reichsverfassung, als daß es sich für dergleichen trikolore Interessen hätte enthusiasmieren können. Die entschiedene Partei, die einzige, der es mit der Verteidigung Ernst war, kam dadurch in eine schiefe Stellung. Sie erklärte sich für die Reichsverfassung. Aber die kleine Bourgeoisie traute ihr nicht, verlästerte sie in jeder Weise beim Volke, hemmte alle ihre Maßregeln zur Bewaffnung und Befestigung. Jeder Befehl, der dazu dienen konnte, die Stadt wirklich in Verteidigungszustand zu setzen, wurde sofort kontremandiert vom ersten besten Mitglied des Sicherheitsausschusses. Jeder Spießbürger, dem man eine Barrikade vor die Türe setzte, lief sogleich aufs Rathaus und verschaffte sich einen Gegenbefehl. Die Geldmittel zur Bezahlung der Barrikadenarbeiter - und sie verlangten nur <127> das Nötigste, um nicht zu verhungern - waren nur mit Mühe und im knappsten Maß vom Sicherheitsausschuß herauszupressen. Der Sold und die Verpflegung der Bewaffneten wurde unregelmäßig besorgt und war oft unzureichend. Während fünf bis sechs Tage war weder Revue noch Appell der Bewaffneten zustande zu bringen, so daß kein Mensch wußte, auf wieviel Kämpfer man für den Notfall rechnen konnte. Erst am fünften Tage wurde eine Einteilung der Bewaffneten versucht, die aber nie zur Ausführung kam und auf einer totalen Unkenntnis der Streitkräfte beruhte. Jedes Mitglied des Sicherheitsausschusses agierte auf eigene Faust. Die widersprechendsten Befehle durchkreuzten sich, und nur darin stimmten die meisten dieser Befehle überein, daß sie die gemütliche Konfusion vermehrten und jeden energischen Schritt verhinderten. Dem Proletariat wurde dadurch vollends die Bewegung verleidet, und nach wenigen Tagen erreichten die großen Bourgeois und die Kleinbürger ihren Zweck, die Arbeiter möglichst gleichgültig zu machen.

Als ich am 11. Mai nach Elberfeld kam, waren wenigstens 2.500-3.000 Bewaffnete vorhanden. Von diesen Bewaffneten waren aber nur die fremden Zuzüge und die wenigen bewaffneten Elberfelder Arbeiter zuverlässig. Die Landwehr schwankte; die Mehrzahl hatte ein gewaltiges Grauen vor der Kettenstrafe. Sie waren anfangs wenig zahlreich, verstärkten sich aber durch den Zutritt aller Unentschiedenen und Furchtsamen aus den übrigen Detachements. Die Bürgerwehr endlich, hier vom Anfang an reaktionär und direkt zur Unterdrückung der Arbeiter errichtet, erklärte sich neutral und wollte bloß ihr Eigentum schützen. Alles dies stellte sich indes erst im Laufe der nächsten Tage heraus; inzwischen aber verlief sich ein Teil der fremden Zuzüge und der Arbeiter, schmolz die Zahl der wirklichen Streitkräfte infolge des Stillstandes der Bewegung zusammen, während die Bürgerwehr immer mehr zusammenhielt und mit jedem Tage ihre reaktionären Gelüste unverhohlener aussprach. Sie riß in den letzten Nächten schon eine Anzahl Barrikaden nieder. Die bewaffneten Zuzüge, die im Anfang gewiß über 1.000 Mann betrugen, hatten sich am 12. oder 13. schon auf die Hälfte reduziert, und als es endlich zu einem Generalappell kam, stellte sich heraus, daß die ganze bewaffnete Macht, auf die man rechnen konnte, höchstens noch 700 bis 800 Mann betrug. Landwehr und Bürgerwehr weigerten sich, auf diesem Appell zu erscheinen.

Damit nicht genug. Das insurgierte Elberfeld war von lauter angeblich "neutralen" Orten umgeben. Barmen, Kronenberg, Lennep, Lüttringhausen usw. hatten sich der Bewegung nicht angeschlossen. Die revolutionären Arbeiter dieser Orte, soweit sie Waffen hatten, waren nach Elberfeld marschiert. Die Bürgerwehr, in allen diesen Orten reines Instrument in den Händen der <128> Fabrikanten zur Niederhaltung der Arbeiter, aus den Fabrikanten, ihren Fabrikaufsehern und den von den Fabrikanten gänzlich abhängigen Krämern zusammengesetzt, beherrschte diese Orte im Interesse der "Ordnung" und der Fabrikanten. Die Arbeiter selbst, durch ihre mehr ländliche Zerstreuung der politischen Bewegung ziemlich fremd gehalten, waren durch Anwendung der bekannten Zwangsmittel und durch Verleumdung über den Charakter der Elberfelder Bewegung teilweise auf die Seite der Fabrikanten gebracht; bei den Bauern wirkte die Verleumdung vollends unfehlbar. Dazu kam, daß die Bewegung in eine Zeit fiel, wo nach fünfzehnmonatlicher Geschäftskrise die Fabrikanten endlich wieder Aufträge vollauf hatten, und daß, wie bekannt, mit gut beschäftigten Arbeitern keine Revolution zu machen ist - ein Umstand, der auch in Elberfeld sehr bedeutend wirkte. Daß unter allen diesen Umständen die "neutralen" Nachbarn nur ebensoviel versteckte Feinde waren, liegt auf der Hand.

Noch mehr. Die Verbindung mit den übrigen insurgierten Bezirken war keineswegs hergestellt. Von Zeit zu Zeit kamen einzelne Leute von Hagen herüber; von Iserlohn wußte man so gut wie gar nichts. Es boten sich einzelne Leute zu Kommissären an, aber keinem war zu trauen. Mehrere Boten zwischen Elberfeld und Hagen sollen in Barmen und Umgegend von der Bürgerwehr arretiert worden sein. Der einzige Ort, mit dem man in Verbindung stand, war Solingen, und dort sah es geradeso aus wie in Elberfeld. Daß es nicht schlimmer dort aussah, war nur der guten Organisation und der Entschlossenheit der Solinger Arbeiter zu verdanken, die 400 bis 500 Bewaffnete nach Elberfeld geschickt hatten, [aber] immer noch stark genug waren, ihrer Bourgeoisie und ihrer Bürgerwehr zu Hause das Gleichgewicht zu halten. Wären die Elberfelder Arbeiter so entwickelt und so organisiert gewesen wie die Solinger, die Chancen hätten ganz anders gestanden.

Unter diesen Umständen war nur noch eins möglich: Ergreifung einiger rascher, energischer Maßregeln, die der Bewegung wieder Leben verliehen, ihr neue Streitkräfte zuführten, ihre inneren Gegner lähmten und sie im ganzen bergisch-märkischen Industriebezirk möglichst kräftig organisierten. Der erste Schritt war die Entwaffnung der Elberfelder Bürgerwehr und die Verteilung ihrer Waffen unter die Arbeiter und die Erhebung einer Zwangssteuer zum Unterhalt der so bewaffneten Arbeiter. Dieser Schritt brach entschieden mit der ganzen bisherigen Schlaffheit des Sicherheitsausschusses, gab dem Proletariat neues Leben und lähmte die Widerstandsfähigkeit der "neutralen" Distrikte. Was nachher zu tun war, um auch aus diesen Distrikten Waffen zu erhalten, die Insurrektion weiter auszudehnen und die Verteidigung des ganzen Bezirks regelmäßig zu organisieren, hing von dem Er- <129> folge dieses ersten Schrittes ab. Mit einem Beschluß des Sicherheitsausschusses in der Hand und mit den vierhundert Solingern allein wäre übrigens die Elberfelder Bürgerwehr im Nu entwaffnet gewesen. Ihr Heldenmut war nicht der Rede wert.

Der Sicherheit der noch im Gefängnis gehaltenen Elberfelder Maiangeklagten bin ich die Erklärung schuldig, daß alle diese Vorschläge einzig und allein von mir ausgingen. Die Entwaffnung der Bürgerwehr vertrat ich vom ersten Augenblicke an, als die Geldmittel des Sicherheitsausschusses zu schwinden begannen.

Aber der löbliche Sicherheitsausschuß fand sich durchaus nicht gemüßigt, auf dergleichen "terroristische Maßregeln" einzugehen. Das einzige, was ich durchsetzte, oder vielmehr mit einigen Korpsführern - die alle glücklich entkamen und teilweise schon in Amerika sind - auf eigene Faust ausführen ließ, war die Abholung von etwa achtzig Gewehren der Kronenberger Bürgerwehr, die auf dem dortigen Rathaus aufbewahrt wurden. Und diese Gewehre, höchst leichtsinnig verteilt, kamen meistens in die Hände von schnapslustigen Lumpenproletariern, die sie denselben Abend noch an die Bourgeois verkauften. Diese Herren Bourgeois nämlich schickten Agenten unter das Volk, um möglichst viele Gewehre aufzukaufen, und zahlten einen ziemlich hohen Preis dafür. Das Elberlelder Lumpenproletariat hat so mehrere Hundert Gewehre den Bourgeois abgeliefert, die ihm durch die Nachlässigkeit und Unordnung der improvisierten Behörden in die Hände geraten waren. Mit diesen Gewehren wurden die Fabrikaufseher, die zuverlässigsten Färber etc. etc. bewaffnet, und die Reihen der "gutgesinnten" Bürgerwehr verstärkten sich von Tage zu Tage.

Die Herren vom Sicherheitsausschuß antworteten auf jeden Vorschlag zur bessern Verteidigung der Stadt, das sei ja alles unnütz, die Preußen würden sich sehr hüten zu kommen, sie würden sich nicht in die Berge wagen usw. Sie selbst wußten sehr gut, daß sie damit die plumpsten Märchen verbreiteten, daß die Stadt von allen Höhen selbst mit Feldgeschütz zu beschießen, daß gar nichts auf eine nur einigermaßen ernsthafte Verteidigung eingerichtet war und daß bei dem Stillstand der Insurrektion und der kolossalen preußischen Übermacht nur noch ganz außerordentliche Ereignisse den Elberfelder Aufstand retten konnten.

Die preußische Generalität schien indes auch keine rechte Lust zu haben, sich auf ein ihr so gut wie gänzlich unbekanntes Terrain zu begeben, bevor sie eine in jedem Fall wahrhaft erdrückende Streitmacht zusammengezogen. Die vier offnen Städte Elberfeld, Hagen, Iserlohn und Solingen imponierten diesen vorsichtigen Kriegshelden so sehr, daß sie eine vollständige Armee von <130> zwanzigtausend Mann nebst zahlreicher Kavallerie und Artillerie aus Wesel, Westfalen und den östlichen Provinzen, zum Teil mit der Eisenbahn, herankommen und, ohne einen Angriff zu wagen, hinter der Ruhr eine regelrechte strategische Aufstellung formieren ließen. Oberkommando und Generalstab, rechter Flügel, Zentrum, alles war in der schönsten Ordnung, gerade als habe man eine kolossale feindliche Armee sich gegenüber, als gelte es eine Schlacht gegen einen Bem oder Dembinski, nicht aber einen ungleichen Kampf gegen einige hundert unorganisierter Arbeiter, schlecht bewaffnet, fast ohne Führer und im Rücken verraten von denen, die ihnen die Waffen in die Hand gegeben hatten.

Man weiß, wie die Insurrektion geendigt hat. Man weiß, wie die Arbeiter, überdrüssig des ewigen Hinhaltens, der zaudernden Feigheit und des verräterischen Einschläferns der Kleinbürgerschaft, endlich von Elberfeld auszogen, um sich nach dem ersten besten Lande durchzuschlagen, in dem die Reichsverfassung ihnen irgendwelchen Schutz böte. Man weiß, welche Hetzjagd auf sie durch preußische Ulanen und aufgestachelte Bauern gemacht worden ist. Man weiß, wie sogleich nach ihrem Abzug die große Bourgeoisie wieder hervorkroch, die Barrikaden abtragen ließ und den herannahenden preußischen Helden Ehrenpforten baute. Man weiß, wie Hagen und Solingen durch direkten Verrat der Bourgeoisie den Preußen in die Hände gespielt wurde und nur Iserlohn den mit Beute schon beladenen Siegern von Dresden, dem 24. Regiment, einen zweistündigen ungleichen Kampf lieferte.

Ein Teil der Elberfelder, Solinger und Mülheimer Arbeiter kam glücklich durch nach der Pfalz. Hier fanden sie ihre Landsleute, die Flüchtlinge vom Prümer Zeughaussturm. Mit diesen zusammen bildeten sie eine fast nur aus Rheinländern bestehende Kompanie im Willichschen Freikorps. Alle ihre Kameraden müssen ihnen das Zeugnis geben, daß sie sich, wo sie ins Feuer kamen, und namentlich in dem letzten entscheidenden Kampf an der Murg, sehr brav geschlagen haben.

Die Elberfelder Insurrektion verdiente schon deshalb eine ausführlichere Schilderung, weil gerade hier die Stellung der verschiedenen Klassen in der Reichsverfassungsbewegung am schärfsten ausgesprochen, am weitesten entwickelt war. In den übrigen bergisch-märkischen Städten glich die Bewegung vollständig der Elberfelder, nur daß dort die Beteiligung oder Nichtbeteiligung der verschiedenen Klassen an der Bewegung mehr durcheinanderläuft, weil dort die Klassen selbst nicht so scharf geschieden sind wie im industriellen Zentrum des Bezirks. In der Pfalz und in Baden, wo die konzentrierte große Industrie, mit ihr die entwickelte große Bourgeoisie fast gar nicht existiert, wo die Klassenverhältnisse viel gemütlicher und patriarchalischer durch- <131> einanderschwimmen, war die Mischung der Klassen, die die Träger der Bewegung waren, noch viel verworrener. Wir werden dies später sehen, wir werden aber auch zugleich sehen, wie alle diese Beimischungen des Aufstandes sich schließlich ebenfalls um die Kleinbürgerschaft als den Kristallisationskern der ganzen Reichsverfassungsherrlichkeit gruppieren.

Die Aufstandsversuche in Rheinpreußen im Mai v.J. stellen deutlich heraus, welche Stellung dieser Teil Deutschlands in einer revolutionären Bewegung einnehmen kann. Umzingelt von sieben Festungen, davon drei für Deutschland ersten Ranges, fortwährend besetzt von fast dem dritten Teil der ganzen preußischen Armee, durchschnitten in allen Richtungen von Eisenbahnen, mit einer ganzen Dampftransportflotte zur Verfügung der Militärmacht, hat ein rheinischer Aufstand nur unter ganz außerordentlichen Bedingungen Chance des Erfolgs. Nur wenn die Zitadellen in den Händen des Volks sind, können die Rheinländer mit den Waffen in der Hand etwas ausrichten. Und dieser Fall kann nur eintreten, entweder wenn die Militärgewalt durch gewaltige äußere Ereignisse terrorisiert und kopflos gemacht wird oder wenn das Militär sich ganz oder teilweise für die Bewegung erklärt. In jedem andern Falle ist ein Aufstand in der Rheinprovinz von vornherein verloren. Ein rascher Marsch der Badenser nach Frankfurt und der Pfälzer nach Trier hätte wahrscheinlich die Wirkung gehabt, daß der Aufstand an der Mosel und in der Eifel, in Nassau und den beiden Hessen sofort losgebrochen wäre, daß die damals noch gutgestimmten Truppen der mittelrheinischen Staaten sich der Bewegung angeschlossen hätten. Es ist keinem Zweifel unterworfen, daß alle rheinischen Truppen, und namentlich die ganze 7. und 8. Artilleriebrigade, ihrem Beispiele gefolgt wären, daß sie wenigstens ihre Gesinnung laut genug kundgegeben hätten, um der preußischen Generalität den Kopf verlieren zu machen. Wahrscheinlich wären mehrere Festungen in die Hände des Volkes gefallen, und wenn auch nicht Elberfeld, so war doch jedenfalls der größte Teil des linken Rheinufers gerettet. Alles das, und vielleicht noch viel mehr, ist verlorengegangen durch die schäbige, pfahlbürgerlich-feige Politik des hochweisen badischen Landesausschusses.

Mit der Niederlage der rheinischen Arbeiter ging auch das Blatt zugrunde, in dem allein sie ihre Interessen offen und entschieden vertreten sahen - die "Neue Rhein[ische] Zeitung". Der Redakteur en chef, obwohl geborner Rheinpreuße, wurde aus Preußen ausgewiesen, den andern Redakteuren stand, den einen direkte Verhaftung, den andern sofortige Ausweisung bevor. Die Kölner Polizei erklärte dies mit der größten Naivetät und bewies ganz detailliert, daß sie gegen jeden genug Tatsachen wisse, um in der einen oder andern Weise einschreiten zu können. Somit mußte das Blatt in dem Augen- <132> blick, wo die unerhört rasch gewachsene Verbreitung seine Existenz mehr als sicherstellte, aufhören zu erscheinen. Die Redakteure verteilten sich auf die verschiedenen insurgierten oder noch zu insurgierenden deutschen Länder; mehrere gingen nach Paris, wo ein abermaliger Wendepunkt bevorstand. Es ist keiner unter ihnen, der nicht während oder infolge der Bewegungen dieses Sommers verhaftet oder ausgewiesen worden wäre und so das Schicksal erreicht hätte, das die Kölner Polizei so gütig war, ihm zu bereiten. Ein Teil der Setzer ging nach der Pfalz und trat in die Armee.

Auch die rheinische Insurrektion hat tragisch enden müssen. Nachdem drei Viertel der Rheinprovinz in Belagerungszustand versetzt, nachdem Hunderte ins Gefängnis geworfen worden, schließt sie mit der Erschießung dreier Prümer Zeughausstürmer am Vorabend des Geburtstags Friedrich Wilhelms III. von Hohenzollern. Vae victis! <Wehe den Besiegten!>

 

II

Karlsruhe

 

<133> Der Aufstand in Baden kam unter den günstigsten Umständen zustande, in denen eine Insurrektion sich nur befinden kann. Das ganze Volk war einig in dem Haß gegen eine wortbrüchige, achselträgerische und in ihren politischen Verfolgungen grausame Regierung. Die reaktionären Klassen, Adel, Bürokratie und große Bourgeoisie, waren wenig zahlreich. Eine große Bourgeoisie besteht überhaupt in Baden nur embryonisch. Mit Ausnahme dieser wenigen Adeligen, Beamten und Bourgeois, mit Ausnahme der Karlsruher und Baden-Badener vom Hof und von reichen Fremden lebenden Krämer, mit Ausnahme einiger Heidelberger Professoren und eines halben Dutzend Bauerndörfer um Karlsruhe war das ganze Land ungeteilt für die Bewegung. Die Armee, die in andern Aufständen erst besiegt werden mußte, die Armee, von ihren adligen Offizieren mehr als irgendwo anders schikaniert, seit einem Jahre von der demokratischen Partei bearbeitet, seit kurzem durch Einführung einer Art allgemeiner Wehrpflicht noch mehr mit rebellischen Elementen versetzt, die Armee stellte sich hier an die Spitze der Bewegung und trieb sie sogar weiter, als die bürgerlichen Leiter der Offenburger Versammlung wollten. Die Armee gerade war es, die in Rastatt und Karlsruhe die "Bewegung" in eine Insurrektion verwandelte.

Die insurrektionelle Regierung fand also bei ihrem Amtsantritt eine fertige Armee, reichlich versehene Arsenal, eine vollständig organisierte Staatsmaschine, einen gefüllten Staatsschatz und eine so gut wie einstimmige Bevölkerung vor. Sie fand ferner auf dem linken Rheinufer, in der Pfalz, eine bereits fertige Insurrektion vor, die ihr die linke Flanke deckte; in Rheinpreußen eine Insurrektion, die zwar stark bedroht, aber noch nicht besiegt war; in Württemberg, in Franken, in beiden Hessen und Nassau eine allgemeine Aufregung, selbst unter der Armee, die nur eines Funkens bedurfte, um den badischen Aufstand in ganz Süd- und Mitteldeutschland zu wiederholen und wenigstens 50.000 bis 60.000 Mann regulärer Truppen der Empörung zu Gebot zu stellen.

<134> Was unter diesen Umständen zu tun war, ist so einfach und handgreiflich, daß jetzt nach der Unterdrückung des Aufstandes jedermann es weiß, jedermann es gleich von Anfang gesagt haben will. Es handelte sich darum, sofort und ohne einen Augenblick zu zaudern, den Aufstand weiterzutragen nach Hessen, Darmstadt, Frankfurt, Nassau und Württemberg. Es handelte sich darum, sofort von den disponiblen regulären Truppen 8.000 bis 10.000 Mann zusammenzuraffen - mit der Eisenbahn konnte das in zwei Tagen geschehen - und sie nach Frankfurt zu werfen - "zum Schutz der Nationalversammlung". Die erschrockene hessische Regierung war durch die Schlag auf Schlag einander folgenden Fortschritte des Aufstandes wie festgebannt; ihre Truppen waren notorisch günstig gestimmt für die Badenser; sie, sowenig wie der Frankfurter Senat, konnten den mindesten Widerstand leisten. Die in Frankfurt stationierten kurhessischen, württembergischen und Darmstädter Truppen waren für die Bewegung; die dortigen Preußen - meist Rheinländer - schwankten; die Österreicher waren wenig zahlreich. Die Ankunft der Badenser, man mochte nun versuchen, sie zu verhindern oder nicht, mußte die Insurrektion bis ins Herz beider Hessen und Nassaus tragen, den Rückzug der Preußen und Östreicher nach Mainz erzwingen und die zitternde deutsche sogenannte Nationalversammlung unter den terrorisierenden Einfluß einer insurgierten Bevölkerung und einer insurgierten Armee stellen. Brach dann der Aufstand an der Mosel, in der Eifel, in Württemberg und Franken nicht sofort los, so waren Mittel genug vorhanden, ihn auch in diese Provinzen zu tragen.

Man mußte ferner die Macht der Insurrektion zentralisieren, ihr die nötigen Geldmittel zur Verfügung stellen und durch sofortige Abschaffung aller Feudallasten die große ackerbautreibende Mehrzahl der Bevölkerung bei der Insurrektion interessieren. Herstellung einer gemeinsamen Zentralmacht für Krieg und Finanzen mit der Vollmacht, Papiergeld (1) auszugeben, zunächst für Baden und die Pfalz, Aufhebung aller Feudallasten in Baden und jedem von der Insurrektionsarmee besetzten Bezirk hätten vorderhand hingereicht, um dem Aufstand einen ganz anders energischen Charakter zu geben.

Alles das mußte jedoch im ersten Augenblick geschehen, um mit der Schnelligkeit durchgeführt zu werden, die allein den Erfolg sichern konnte. Acht Tage nach Einsetzung des Landesausschusses war es schon zu spät. Die rheinische Insurrektion war unterdrückt, Württemberg und Hessen rührten sich nicht, die anfangs günstig gestimmten Truppenteile wurden unsicher, <135> sie folgten schließlich wieder ganz ihren reaktionären Offizieren. Der Aufstand hatte seinen allgemeindeutschen Charakter verloren, er war ein rein badischer oder badisch-pfälzischer Lokalaufstand geworden.

Wie ich nach Beendigung des Kampfes erfahren, hatte der ehemalige badische Unterleutnant F. Sigel, der während des Aufstandes als "Oberst" und später als "Obergeneral" sich einen mehr oder weniger zweideutigen Zwerglorbeer errang, gleich im Anfang dem Landesausschuß einen Plan vorgelegt, nach dem man die Offensive ergreifen sollte. Dieser Plan hat das Verdienst, den richtigen Gedanken zu enthalten, daß unter allen Umständen angegriffen werden müsse; im übrigen ist er der abenteuerlichste, der nur vorgeschlagen werden konnte. Sigel wollte mit einem badischen Korps zuerst nach Hohenzollern rücken und die Hohenzollersche Republik proklamieren, sodann Stuttgart nehmen und von da, nach Insurgierung Württembergs, auf Nürnberg marschieren und im Herzen des ebenfalls insurgierten Frankens ein großes Lager aufschlagen. Man sieht, daß dieser Plan die moralische Wichtigkeit Frankfurts, dessen Besitz der Insurrektion erst einen allgemeindeutschen Charakter gab, und die strategische Wichtigkeit der Mainlinie gänzlich unberücksichtigt ließ. Man sieht, daß er ganz andre Streitkräfte voraussetzte, als wirklich disponibel waren, und daß er sich schließlich, nach einem vollständig Don-Quijoteschen oder Schillschen Streifzug, ins Blaue verlief, um dem Aufstand die stärkste, die unter allen süddeutschen Armeen einzig entschieden feindliche Armee, die bayrische, sofort auf die Fersen zu hetzen, noch ehe er sich durch den Übertritt der hessischen und nassauischen Truppen verstärken konnte.

Die neue Regierung ließ sich auf gar keine Offensive ein, unter dem Vorwand, die Soldaten seien fast sämtlich auseinander- und nach Hause gegangen. Abgesehen davon, daß dies nur bei einzelnen wenigen Truppenteilen, namentlich beim Leibregiment, der Fall war, so waren selbst diese auseinandergegangenen Soldaten binnen drei Tagen fast alle wieder bei ihren Fahnen.

Die Regierung hatte übrigens ganz andere Gründe, sich gegen jede Offensive zu sträuben.

An der Spitze der ganzen badischen Reichsverfassungsagitation stand Herr Brentano, ein Advokat, der mit dem immer etwas mesquinen Ehrgeiz eines deutschen Kleinstaatenvolksmannes und mit der anscheinenden Gesinnungstüchtigkeit, die in Süddeutschland überhaupt die erste Bedingung aller Popularität ist, eine gewisse diplomatische Schlauheit verband, die hinreichte, seine ganze Umgebung, mit Ausnahme vielleicht eines einzigen, vollständig zu beherrschen. Herr Brentano - es ist jetzt trivial geworden, aber <136> es ist richtig -, Herr Brentano und seine Partei, die stärkste im Lande, verlangte auf der Offenburger Versammlung weiter nichts als Veränderungen der großherzoglichen Politik, die nur mit einem Ministerium Brentano möglich waren. Die Antwort des Großherzogs, die allgemeine Agitation, riefen die Rastatter Militärrevolte hervor - gegen den Willen und die Absichten Brentanos. In dem Augenblick, als Herr Brentano an die Spitze des Landesausschusses gesetzt wurde, war er schon überholt von der Bewegung, mußte er sie schon zu hemmen suchen. Da kam der Krawall in Karlsruhe hinzu; der Großherzog floh, und derselbe Umstand, der Herrn Brentano an die Spitze der Verwaltung rief, der ihm sozusagen diktatorische Gewalt gab, vereitelte alle seine Pläne, brachte ihn dahin, diese Gewalt gegen dieselbe Bewegung zu verwenden, die ihm die Gewalt verschafft hatte. Während das Volk über die Entfernung des Großherzogs jubelte, saßen Herr Brentano und sein getreuer Landesausschuß wie auf Kohlen.

Dieser Landesausschuß, fast ausschließlich aus badischen Biedermännern mit der tüchtigsten Gesinnung und mit den unklarsten Köpfen bestehend, aus "reinen Republikanern", die vor der Proklamierung der Republik zitterten und vor der geringsten energischen Maßregel sich bekreuzten - dieser echte Spießbürgerausschuß war natürlich ganz von Brentano abhängig. Die Rolle, die in Elberfeld der Advokat Höchster übernommen hatte, diese Rolle übernahm hier auf einem etwas größeren Terrain der Advokat Brentano. Von den drei <In der "Revue": beiden> fremdartigen Elementen, die aus dem Gefängnis in den Landesausschuß kamen, Blind, Fickler und Struve, wurde Blind so sehr von Brentanoschen Intrigen umsponnen, daß ihm, der ganz allein stand, nichts übrigblieb, als in der Eigenschaft eines Vertreters von Baden ins Exil nach Paris zu wandern; Fickler mußte eine gefährliche Mission nach Stuttgart übernehmen; Struve erschien Herrn Brentano so wenig gefährlich, daß er ihn ruhig im Landesausschuß duldete, ihn überwachte und ihn unpopulär zu machen suchte, was ihm auch vollständig gelang. Man weiß, wie Struve mit mehren andern einen "Klub des entschiedenen (oder vielmehr besonnenen) Fortschritts" stiftete, der nach einer verfehlten Demonstration aufgelöst wurde. Wenige Tage nachher war Struve in der Pfalz, mehr oder weniger "Flüchtling", und versuchte dort abermals seinen "Deutschen Zuschauer" herauszugeben. Die Probenummer war kaum erschienen, als die Preußen einrückten.

Der Landesausschuß, von vornherein ein reines Werkzeug Brentanos, erwählte ein Exekutivkomitee, an dessen Spitze abermals Brentano stand. Dieses <137> Exekutivkomitee ersetzte sehr bald den Landesausschuß fast ganz, ließ sich höchstens von ihm die Kredite und die getroffenen Maßregeln bestätigen und entfernte die mehr oder weniger unzuverlässigen Mitglieder des größeren Ausschusses durch allerlei untergeordnete Missionen in die Kreise oder zur Armee. Endlich beseitigte es den Landesausschuß vollständig durch die ganz unter Brentanos Einfluß gewählte "Konstituante" und verwandelte sich in eine "provisorische Regierung", deren Haupt natürlich abermals Herr Brentano war. Er war es, der die Minister ernannte. Und welche Minister - Florian Mördes und Mayerhofer!

Herr Brentano war der vollkommenste Repräsentant des badischen Kleinbürgertums. Er unterschied sich von der Masse der Kleinbürger und ihren sonstigen Repräsentanten nur dadurch, daß er zu einsichtig war, um alle ihre Illusionen zu teilen. Herr Brentano hat die badische Insurrektion vom ersten Augenblick an verraten, und gerade deswegen, weil er die Lage der Dinge vom ersten Augenblick an richtiger erkannte als irgendeine andere offizielle Person in Baden, weil er die einzigen Maßregeln ergriff, die der Kleinbürgerschaft die Herrschaft bewahren, aber ebendeshalb auch die ganze Insurrektion zugrunde richten mußten. Dies ist das Geheimnis der damaligen grenzenlosen Popularität Brentanos und zugleich das Geheimnis der Beschimpfungen, die seit Juli von seinen ehemaligen Verehrern auf ihn gehäuft werden. Die badischen Kleinbürger waren der Masse nach ebensogut Verräter wie Brentano; sie waren zu gleicher Zeit düpiert, was er nicht war. Sie verrieten aus Feigheit, sie ließen sich düpieren aus Dummheit.

In Baden, wie überhaupt in Süddeutschland, gibt es fast gar keine große Bourgeoisie. Die Industrie und der Handel des Landes sind unbedeutend. Es gibt daher auch nur ein sehr wenig zahlreiches, sehr zersplittertes, wenig entwickeltes Proletariat. Die Masse der Bevölkerung teilt sich in Bauern (die Mehrzahl), Kleinbürger und Handwerksgesellen. Die letzteren, die städtischen Arbeiter, in kleinen Städten zerstreut, ohne irgendein größeres Zentrum, in dem sich eine selbständige Arbeiterpartei ausbilden könnte, stehen oder standen wenigstens bisher unter dem vorwiegenden gesellschaftlichen und politischen Einfluß der Kleinbürger. Die Bauern, noch mehr über die Oberfläche des Landes zerstreut, ohne Bildungsmittel, haben mit den Kleinbürgern ohnehin teils zusammenfallende, teils sozusagen parallellaufende Interessen und standen daher ebenfalls unter ihrer politischen Vormundschaft. Die Kleinbürger, vertreten durch Advokaten, Ärzte, Schulmeister, einzelne Kaufleute und Buchhändler, beherrschten also teils direkt, teils durch ihre Vertreter die ganze politische Bewegung in Baden seit dem März 1848.

Dieser Abwesenheit des Gegensatzes von Bourgeoisie und Proletariat und <138> dem daraus hervorgehenden politischen Übergewicht der Kleinbürgerschaft ist es zuzuschreiben, daß eine sozialistische Agitation in Baden eigentlich nie existiert hat. Die sozialistischen Elemente, die von außen hineinkamen, sei es durch Arbeiter, die in entwickelteren Ländern gewesen waren, sei es durch den Einfluß der französischen oder deutschen sozialistischen und kommunistischen Literatur, konnten sich nie Bahn brechen. Das rote Band und die rote Fahne bedeuteten in Baden nichts andres als die bürgerliche Republik, wenn es hoch kam, mit etwas Terrorismus versetzt, und die von Herrn Struve entdeckten "sechs Geißeln der Menschheit", so bürgerlich unschuldig sie sind, waren das Äußerste, das bei der Masse noch Anklang finden konnte. Das höchste Ideal des badischen Kleinbürgers und Bauern blieb immer die kleine bürgerlich-bäuerliche Republik, wie sie in der Schweiz seit 1830 besteht. Ein kleines Tätigkeitsfeld für kleine, bescheidene Leute, der Staat eine etwas vergrößerte Gemeinde, ein "Kanton"; eine kleine, stabile, auf Handarbeit gestützte Industrie, die einen ebenso stabilen und schläfrigen Gesellschaftszustand bedingt; wenig Reichtum, wenig Armut, lauter Mittelstand und Mittelmäßigkeit; kein Fürst, keine Zivilliste, keine stehende Armee, fast keine Steuern; keine aktive Beteiligung an der Geschichte, keine auswärtige Politik, lauter inländischer kleiner Lokalklatsch und kleine Zänkereien en famille <unter sich>; keine große Industrie, keine Eisenbahnen, kein Welthandel, keine sozialen Kollisionen zwischen Millionären und Proletariern, sondern ein stilles, gemütliches Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, in der kleinen, geschichtslosen Bescheidenheit zufriedener Seelen - das ist das sanfte Arkadien, das im größten Teile der Schweiz existiert und für dessen Einführung der badische Kleinbürger und Bauer seit Jahren geschwärmt hat. Und erweitert sich in Momenten kühnerer Begeisterung der Gedanke des badischen und, sagen wir es, des süddeutschen Kleinbürgers überhaupt zu der Vorstellung von ganz Deutschland, so schwebt ihm das Ideal von Deutschlands Zukunft vor in der Gestalt einer vergrößerten Schweiz, in der Gestalt der Föderativrepublik. So hat auch Herr Struve in einer Broschüre Deutschland bereits in 24 Kantone mit ebensoviel Landammännern und großen und kleinen Räten eingeteilt und sogar die Landkarte mit der fertigen Einteilung der Broschüre beigeheftet. Könnte Deutschland sich jemals in ein solches Arkadien verwandeln, so wäre es damit auf einer Stufe der Erniedrigung angekommen, von der es bisher selbst in seinen schmachvollsten Zeiten keine Ahnung hatte.

Die süddeutschen Kleinbürger hatten inzwischen schon mehr als einmal die Erfahrung gemacht, daß eine Revolution, und trüge sie auch ihre eigene <139> bürgerlich-republikanische Fahne, ihr geliebtes stilles Arkadien sehr leicht im Strudel weit kolossalerer Konflikte, wirklicher Klassenkämpfe, mit wegschwemmen könnte. Daher die Furcht der Kleinbürger nicht nur vor jeder revolutionären Erschütterung, sondern auch vor ihrem eignen Ideal der föderierten Tabak- und Bierrepublik. Daher ihre Begeisterung für die Reichsverfassung, die wenigstens ihre nächsten Interessen befriedigte und ihnen Hoffnung gab, bei dem bloß suspensiven Veto des Kaisers die Republik zu gelegener Zeit auf gesetzlichem Wege einzuführen. Daher ihre Überraschung, als das badische Militär ihnen ungefragt eine fertige Insurrektion auf dem Präsentierteller überreichte, daher ihre Furcht, die Insurrektion über die Grenzen des zukünftigen Kantons Baden hinaus zu verbreiten. Die Feuersbrunst hätte ja auch einmal Gegenden ergreifen können, in denen es große Bourgeois und massenhaftes Proletariat gab, Gegenden, in denen sie dem Proletariat die Gewalt in die Hand legte, und dann - wehe dem Eigentum!

Was tat unter diesen Umständen Herr Brentano?

Was die Kleinbürgerschaft in Rheinpreußen mit Bewußtsein getan hatte, tat er in Baden für die Kleinbürgerschaft: Er verriet die Insurrektion, aber er rettete die Kleinbürgerschaft.

Keineswegs durch seine letzten Handlungen, durch seine Flucht nach der Niederlage an der Murg, wie der endlich enttäuschte badische Kleinbürger sich einbildete, sondern vom ersten Augenblick an verriet Brentano die Insurrektion. Gerade die Maßregeln, denen die badischen Spießbürger und mit ihnen ein Teil der Bauern und selbst die Handwerker am meisten zujubelten, gerade diese Maßregeln verrieten die Bewegung an Preußen. Gerade dadurch, daß Brentano verriet, wurde er so populär, kettete er den fanatischen Enthusiasmus des Spießbürgers an seine Fersen. Der kleine Bürger übersah den Verrat an der Bewegung über der raschen Herstellung der Ordnung und Sicherheit, über der augenblicklichen Hemmung der Bewegung selbst; und als es zu spät war, als er, in der Bewegung kompromittiert, die Bewegung und sich mit ihr verloren sah, schrie er über Verrat, fiel er mit der ganzen Entrüstung des geprellten Biedermannes über seinen treuesten Diener her.

Herr Brentano freilich ist auch geprellt worden. Er hoffte als großer Mann der "gemäßigten" Partei, d.h. eben der Kleinbürgerschaft, aus der Bewegung hervorzugehn, und er hat bei Nacht und Nebel schmählich ausreißen müssen vor seiner eignen Partei, vor seinen besten Freunden, denen plötzlich ein erschreckendes Licht aufging. Er hoffte sich sogar die Möglichkeit eines großherzoglichen Ministerpostens offenhalten zu können und hat zum Dank für seine Klugheit die Fußtritte aller Parteien, die Unmöglichkeit, jemals auch nur noch irgendeine Rolle spielen zu können. Aber freilich, man <140> kann gescheuter sein als sämtliche Kleinbürger irgendeines deutschen Raubstaats und darum doch seine schönsten Hoffnungen geknickt, seine edelsten Absichten mit Kot beworfen sehn!

Von dem ersten Tage seiner Regierung an tat Herr Brentano alles, um die Bewegung in das spießbürgerliche Bett einzudämmen, das sie zu überschreiten kaum versucht hatte. Unter dem Schutz der Karlsruher, dem Großherzog ergebenen Bürgerwehr, derselben Bürgerwehr, die sich den Tag zuvor noch gegen die Bewegung geschlagen hatte, zog er ins Ständehaus ein, um von hier aus die Bewegung zu zügeln. Die Rückberufung der desertierten Soldaten geschah mit möglichster Schläfrigkeit; die Reorganisierung der Bataillone wurde nicht rascher betrieben. Dagegen bewaffnete man sofort die Mannheimer entwaffneten Spießbürger, von denen jeder wußte, daß sie sich nicht schlagen würden, und die nach dem Waghäuseler Gefecht sich sogar dem Verrat Mannheims durch ein Dragonerregiment zum großen Teil angeschlossen haben. Von einem Marsche nach Frankfurt oder Stuttgart, von einer Verbreitung der Insurrektion nach Nassau oder Hessen war gar nicht die Rede. Wurde ein Vorschlag der Art gemacht, so war er auch sogleich beseitigt, wie der Sigelsche. Von der Emittierung von Papiergeld zu sprechen, hätte für ein Staatsverbrechen, für kommunistisch gegolten. Die Pfalz schickte Gesandte über Gesandte: Sie sei waffenlos, sie habe keine Gewehre, von Artillerie gar nicht zu sprechen, keine Munition, sie bedürfe alles dessen, was zur Durchführung einer Insurrektion und namentlich zur Einnahme der Festungen Landau und Germersheim nötig sei; aber von Herrn Brentano war nichts zu erhalten. Sie trug auf sofortige Einsetzung eines gemeinsamen Militärkommandos, ja auf Vereinigung beider Länder unter einer einzigen gemeinsamen Regierung an. Alles wurde verschleppt und verzögert. Ein kleiner Geldzuschuß ist, glaube ich, das einzige, was die Pfalz bekommen konnte; später, als es zu spät war, kamen acht Geschütze mit etwas Munition, ohne Bedienung und Bespannung, und endlich auf Mieroslawskis direkten Befehl ein badisches Bataillon und zwei Mörser, von denen, wenn ich mich recht erinnere, einer einen Schuß getan hat.

Mit dieser Verschleppung und Beseitigung der notwendigsten Maßregeln, die die Insurrektion hätten weitertragen können, war die ganze Bewegung schon verraten. Nach innen wurde mit derselben Nonchalance verfahren. Von Aufhebung der Feudallasten war keine Rede; Herr Brentano wußte sehr gut, daß in den Bauern mehr revolutionäre Elemente steckten, namentlich im Oberland, als ihm lieb war, und daß er sie daher eher zurückhalten als noch tiefer in die Bewegung schleudern müsse. Die neuen Beamten waren meist Kreaturen Brentanos oder total unfähig; die alten Beamten, mit Ausnahme <141> derer, die zu direkt bei der Reaktion der letzten zwölf Monate kompromittiert und daher von selbst desertiert waren, behielten sämtlich ihre Stellen, zum großen Entzücken aller ruhigen Bürger. Sogar Herr Struve fand noch in den letzten Tagen des Mai an der "Revolution" zu loben, daß alles so hübsch ruhig abgegangen sei und fast alle Beamten in ihren Stellen hätten bleiben können. - Im übrigen wirkten Herr Brentano und seine Agenten dahin, daß alles, wo möglich, ins alte Geleis zurückkehre, daß möglichst wenig Unruhe und Aufregung herrsche und das revolutionäre Exterieur des Landes baldigst verschwinde.

In der Militärorganisation herrschte derselbe Schlendrian. Man tat nicht mehr, als was man unmöglich unterlassen konnte. Die Truppen wurden ohne Führer, ohne Beschäftigung, ohne Ordnung gelassen; der unfähige "Kriegsminister" Eichfeld und sein Nachfolger, der Verräter Mayerhofer, wußten sie nicht einmal erträglich zu dislozieren. Die Truppenkonvois kreuzten sich auf der Eisenbahn, ohne Zweck, ohne Resultat. Die Bataillone wurden heute hierhin geführt, morgen wieder zurück, kein Mensch konnte absehen, weshalb. In den Garnisonen zogen sie von einem Wirtshaus ins andere, weil sie nichts anderes zu tun hatten. Es schien, als sollten sie absichtlich demoralisiert werden, als wolle die Regierung ihnen den letzten Rest von Disziplin geradezu austreiben. Die Organisation des ersten Aufgebots der sogenannten Volkswehr, d.h. aller waffenfähigen Mannschaft bis zu 30 Jahren, wurde dem bekannten Joh. Ph. Becker, einem naturalisierten Schweizer und Offizier der eidgenössischen Armee, übertragen. Inwieweit Becker von Brentano in der Ausführung seiner Mission gehemmt wurde, weiß ich nicht. Ich weiß aber, daß Brentano nach dem Rückzuge der Pfälzer Armee auf badisches Gebiet, als die gebieterischen Forderungen der schlechtbekleideten und schlechtbewaffneten Pfälzer sich nicht mehr zurückweisen ließen - daß Brentano damals mit folgenden Worten seine Hände in Unschuld wusch: "Meinetwegen gebt ihnen, was ihr wollt; aber wenn der Großherzog wiederkommt, so soll er wenigstens wissen, wer ihm seine Vorräte so verschleudert hat!" Wenn also die badische Volkswehr teils schlecht, teils gar nicht organisiert war, so ist nicht zu zweifeln, daß die Hauptschuld auch hier auf Brentano und auf den schlechten Willen oder die Ungeschicklichkeit seiner Kommissäre in den einzelnen Kreisen fällt.

Als Marx und ich nach der Unterdrückung der "Neuen Rheinischen Zeitung" zuerst auf badisches Gebiet kamen - es mochte der 20. oder 21. Mai sein, also mehr als acht Tage nach der Flucht des Großherzogs -, waren wir erstaunt über die enorme Sorglosigkeit, mit der die Grenze bewacht oder vielmehr nicht bewacht wurde. Von Frankfurt bis Heppenheim die ganze Eisen- <142> bahn mit württembergischen und hessischen Reichstruppen besetzt; Frankfurt und Darmstadt selbst voll von Militär; alle Bahnhöfe, alle Ortschaften von starken Detachements okkupiert; regelmäßige Vorposten vorgeschoben bis an die Grenze. Von der Grenze bis Weinheim dagegen auch nicht ein Mann zu sehen; in Weinheim ebenso. Die einzigste Vorsichtsmaßregel war die Demolierung einer kurzen Strecke der Eisenbahn zwischen Heppenheim und Weinheim. Erst während unsrer Anwesenheit traf ein schwaches Detachement des Leibregiments, höchstens 25 Mann, in Weinheim ein. Von Weinheim bis Mannheim herrschte wieder der tiefste Friede; höchstens hier und da ein einzelner, überlustiger Volkswehrmann, der eher versprengt oder desertiert als im Dienst befindlich schien. Von Grenzkontrolle war natürlich erst recht keine Rede. Man ging hinein oder heraus, wie man wollte.

In Mannheim sah es allerdings schon etwas kriegerischer aus. Haufen von Soldaten standen auf der Straße oder saßen in den Wirtshäusern. Die Volkswehr und Bürgerwehr exerzierte im Park, meist freilich noch sehr unbeholfen und mit schlechten Instruktoren. Auf dem Rathaus saßen eine Menge Komitees, alte und neue Offiziere, Uniformen und Blusen. Das Volk mischte sich unter die Soldaten und Freischärler, es wurde viel gezecht, viel gelacht, viel karessiert. Aber man sah gleich, daß der erste Aufschwung schon vorüber, daß viele unangenehm enttäuscht waren. Die Soldaten waren malkontent; wir haben die Insurrektion gemacht, sagten sie, und jetzt, wo die Bürgerlichen an die Reihe kommen und die Leitung übernehmen sollen, jetzt lassen sie alles ins Stocken geraten und verderben! Die Soldaten waren mit ihren neuen Offizieren auch nicht recht zufrieden; die neuen Offiziere waren gespannt mit den früheren großherzoglichen, deren damals noch viele da waren, obwohl täglich einige desertierten; die alten Offiziere fanden sich wider Willen in eine fatale Stellung versetzt, aus der sie nicht wußten, wie sie herauskommen sollten. Über den Mangel an energischer und fähiger Leitung endlich wurde überall geklagt.

Auf der andern Rheinseite, in Ludwigshafen, trat uns die Bewegung in einer viel heiteren Gestalt entgegen. Während in Mannheim noch eine Masse junger Leute, die offenbar zum ersten Aufgebot gehörten, ruhig ihren Geschäften nachgingen, als ob gar nichts geschehen sei, war hier alles bewaffnet. Es war freilich nicht überall so in der Pfalz, wie sich später zeigte. Die größte Einstimmigkeit herrschte in Ludwigshafen zwischen Freischärlern und Militär. In den Wirtshäusern, die natürlich auch hier überfüllt waren, ertönten die Marseillaise und andre derartige Lieder. Man klagte nicht, man murrte nicht, man lachte, man war mit Leib und Seele bei der Bewegung und machte sich damals, besonders beim Füsilier und Freischärler, noch sehr <143> verzeihliche und unschuldige Illusionen über seine eigne Unüberwindlichkeit.

In Karlsruhe nahm die Sache schon größere Feierlichkeit an. Im Pariser Hof war Table d'hôte <gemeinschaftliche Gasthaustafel> um ein Uhr angesagt. Aber es wurde nicht angefangen, bis "die Herren vom Landesausschuß" gekommen waren. Dergleichen kleine Aufmerksamkeiten gaben der Bewegung schon einen wohltuenden bürokratischen Anstrich.

Wir sprachen gegen verschiedene Herren vom Landesausschuß die oben entwickelte Ansicht aus, daß gleich im Anfang nach Frankfurt hätte marschiert und dadurch die Insurrektion weiter ausgedehnt werden müssen, daß es jetzt höchstwahrscheinlich schon zu spät und daß ohne entscheidende Schläge in Ungarn oder ohne eine neue Revolution in Paris die ganze Bewegung schon jetzt rettungslos verloren sei. Man kann sich die Entrüstung nicht denken, die bei solchen ketzerischen Behauptungen unter diesen Bürgern vom Landesausschuß losbrach. Blind und Goegg allein waren auf unsrer Seite. Jetzt, nachdem die Ereignisse uns recht gegeben, haben dieselben Herren natürlich von jeher auf die Offensive gedrungen.

In Karlsruhe traf man damals schon die ersten Anfänge jener großartigen Stellenjägerei, die sich unter dem ebenso großartigen Titel einer "Konzentrierung aller demokratischen Kräfte Deutschlands" als Vaterlandsrettung brüstete. Wer nur jemals in irgendeinem Klub mehr oder minder konfus deklamiert, im entferntesten demokratischen Winkelblättchen einmal zum Haß gegen Tyrannen aufgefordert hatte, eilte nach Karlsruhe oder Kaiserslautern, um dort sogleich ein großer Mann zu werden. Daß die Leistungen den hier konzentrierten Kräften vollständig entsprachen, braucht wohl nicht erst ausdrücklich versichert zu werden. - So befand sich hier in Karlsruhe ein bekannter, angeblich philosophischer Atta Troll, Exabgeordneter zur Frankfurter Versammlung und Exredakteur eines von Manteuffel trotz der Anerbietungen unsers Atta Troll unterdrückten, angeblich demokratischen Blättchens. Atta Troll angelte mit großer Emsigkeit nach dem Pöstchen des badischen Gesandten in Paris, zu dem er sich besonders berufen hielt, weil er seinerzeit zwei Jahre in Paris gewesen war und dort kein Französisch gelernt hatte. Er war auch wirklich so glücklich, Herrn Brentano das Kreditiv abzulocken, und packte eben seine Koffer, als Brentano ihn plötzlich rufen ließ und ihm das Beglaubigungsschreiben wieder aus der Tasche nahm. Es versteht sich, daß Atta Troll jetzt, Herrn Brentano zum Trotz, erst recht nach Paris reiste. - Ein anderer gesinnungstüchtiger Bürger, der schon seit <144> einigen Jahren Deutschland mit Revolutionierung und Republikanisierung gedroht hatte, Herr Heinzen, befand sich ebenfalls in Karlsruhe. Dieser Biedermann hatte bekanntlich vor der Februarrevolution überall und immer zum "Dreinschlagen" aufgerufen, hatte es aber nach dieser Revolution für geratener gehalten, den verschiedenen deutschen Insurrektionen von den neutralen Hochgebirgen der Schweiz aus zuzusehen. Jetzt endlich schien ihm die Lust zu kommen, auch einmal auf die "Dränger" dreinzuschlagen. Nach seinem früheren Ausspruche: "Kossuth ist ein großer Mann, aber Kossuth hat das Knallsilber vergessen", war zu erwarten, daß er sofort die kolossalsten, bisher ungeahnten Zerstörungskräfte gegen die Preußen organisieren werde. Keineswegs. Da höherstrebende Pläne nicht anwendbar schienen, begnügte sich unser Tyrannenhasser, wie es heißt, mit der Bildung eines republikanischen Elitekorps, schrieb inzwischen Artikel zugunsten Brentanos in die "Karlsruher Zeitung" und besuchte den Klub des entschiedenen Fortschritts. Der Klub wurde aufgelöst, die republikanische Elite kam nicht, und Herr Heinzen merkte endlich, daß selbst er die Brentanosche Politik nicht länger verteidigen könne. Verkannt, verbraucht, verdrießlich ging er zunächst ins badische Oberland und von da in die Schweiz, ohne einen einzigen Dränger erschlagen zu haben. Er rächt sich jetzt an ihnen, indem er sie von London aus in effigie <im Geiste> millionenweise guillotiniert.

Wir verließen Karlsruhe am nächsten Morgen, um die Pfalz zu besuchen. Von dem weitern Verlauf der badischen Insurrektion brauche ich in bezug auf die Leitung der allgemeinen Politik und der Zivilverwaltung nur noch wenig zu sagen. Als Brentano sich stark genug fühlte, vernichtete er die zahme Opposition, die ihm der Klub des entschiedenen Fortschritts machte, mit einem Schlage. Die "konstituierende Versammlung", unter dem Einfluß der immensen Popularität Brentanos und der alles regierenden Kleinbürgerschaft gewählt, gab ihr Ja und Amen zu allen seinen Schritten. Die "provisorische Regierung mit diktatorischer Gewalt" (eine Diktatur unter einem angeblichen Konvent!) war ganz unter seiner Leitung. So regierte er fort, hemmte die revolutionäre und militärische Entwicklung der Insurrektion, ließ die laufenden Geschäfte tant bien que mal <recht und schlecht> besorgen und bewachte eifersüchtig die Vorräte und das Privateigentum des Großherzogs, den er fortwährend als seinen legitimen Souverän von Gottes Gnaden behandelte. In der "Karlsruher Zeitung" erklärte er, der Großherzog könne jeden Augenblick zurückkommen, und wirklich blieb das Schloß während der ganzen Zeit verschlossen, als sei sein Bewohner bloß verreist. Die Pfälzer Abgesandten hielt <145> er mit unbestimmten Antworten von einem Tage zum andern hin; das Höchste, was zu erreichen war, war das gemeinsame Militärkommando unter Mieroslawski und - ein Vertrag wegen Aufhebung des Mannheim-Ludwigshafener Brückenzolls, der Herrn Brentano indes nicht verhinderte, diesen Zoll auf der Mannheimer Seite forterheben zu lassen.

Als endlich Mieroslawski nach dem Gefechte bei Waghäusel und Ubstadt die Trümmer seiner Armee durch das Gebirg bis hinter die Murg zurückziehen mußte, als Karlsruhe mit einer Masse Vorräten aufgegeben werden mußte, als die Niederlage an der Murg das Schicksal der Bewegung entschied, da verschwanden die Illusionen der badischen Bürger, Bauern und Soldaten, da erhob sich ein allgemeiner Ruf, Brentano habe verraten. Mit einem Schlage war das ganze, durch die Feigheit der Kleinbürger, durch die Unselbständigkeit der Bauern, durch den Mangel an Konzentrierung der Arbeiter aufrechtehaltene Gebäude der Popularität Brentanos vernichtet. Brentano floh bei Nacht und Nebel nach der Schweiz, verfolgt von dem Vorwurfe des Volksverrats, mit dem ihn seine eigene "Konstituante" brandmarkte, und verbarg sich in Feuerthalen im Kanton Zürich.

Man könnte sich dabei beruhigen, daß Herr Brentano durch den gänzlichen Ruin seiner politischen Stellung, durch die allgemeine Verachtung aller Parteien für seinen Verrat genug gezüchtigt ist. An dem Untergang der badischen Bewegung liegt nicht viel. Der 13. Juni in Paris und die Weigerung Görgeys, auf Wien zu marschieren, vernichteten alle Chancen, die Baden und die Pfalz noch hatten, selbst wenn es gelungen wäre, die Bewegung nach Hessen, Württemberg und Franken zu verpflanzen. Man wäre ehrenvoller gefallen, aber gefallen wäre man. Was aber die revolutionäre Partei Herrn Brentano nie vergessen wird, was sie den feigen badischen Kleinbürgern, die ihn aufrechterhielten, nie vergessen wird, das ist, daß sie direkt schuld sind an dem Tode der in Karlsruhe, in Freiburg und in Rastatt Erschossenen und der zahllosen und namenlosen Opfer, die die Preußen vermittelst des Typhus in den Rastatter Kasematten im stillen hingerichtet haben.

Im zweiten Hefte dieser "Revue" werde ich die Zustände in der Pfalz und zum Beschluß die badisch-pfälzische Kampagne schildern.

 

_______

Fußnoten

(1) Die badischen Kammern hatten früher schon eine Emission von zwei Millionen Papiergeld genehmigt, von denen noch kein Kreuzer ausgegeben war.

 

III

Die Pfalz

 

<146> Von Karlsruhe gingen wir nach der Pfalz, und zwar zunächst nach Speyer, wo sich d'Ester und die provisorische Regierung befinden sollten. Sie waren indes schon nach Kaiserslautern abgereist, wo die Regierung als am "strategisch gelegensten Punkte der Pfalz" ihren endlichen Sitz aufschlug. Statt ihrer fanden wir in Speyer Willich mit seinen Freischärlern. Er hielt mit einem Korps von ein paar hundert Mann die Garnisonen von Landau und Germersheim, zusammen über 4.000 Mann, im Schach, schnitt ihnen die Zufuhren ab und molestierte sie auf jede mögliche Weise. Denselben Tag hatte er mit ungefähr 80 Schützen zwei Kompanien der Germersheimer Garnison angegriffen und, ohne einen Schuß zu tun, sie in die Festung zurückgejagt. Am nächsten Morgen fuhren wir mit Willich nach Kaiserslautern, wo wir d'Ester, die provisorische Regierung und die Blüte der deutschen Demokratie überhaupt antrafen. Von einer offiziellen Beteiligung an der Bewegung, die unsrer Partei ganz fremd stand, konnte natürlich auch hier keine Rede sein. Wir gingen also nach ein paar Tagen nach Bingen zurück, wurden unterwegs, in Gesellschaft mehrerer Freunde, von den hessischen Truppen, als der Teilnahme am Aufstande verdächtig, verhaftet, nach Darmstadt und von da nach Frankfurt transportiert und hier endlich wieder freigegeben.

Kurz nachher verließen wir Bingen, und Marx ging mit einem Mandat des demokratischen Zentralausschusses nach Paris, wo ein entscheidendes Ereignis nahe bevorstand, um bei den französischen Sozialdemokraten die deutsche revolutionäre Partei zu vertreten. Ich ging nach Kaiserslautern zurück, um dort einstweilen als einfacher politischer Flüchtling zu leben und später vielleicht, wenn sich eine passende Gelegenheit bieten sollte, beim Ausbruch des Kampfes die einzige Stellung einzunehmen, die die "Neue Rheinische Zeitung" in dieser Bewegung einnehmen konnte: die des Soldaten.

Wer die Pfalz nur einmal gesehen hat, begreift, daß eine Bewegung in diesem weinreichen und weinseligen Lande einen höchst heitern Charakter <147> annehmen mußte. Man hatte sich endlich einmal die schwerfälligen, pedantischen altbayrischen Bierseelen vom Halse geschafft und an ihrer Stelle fidele pfälzische Schoppenstecher zu Beamten ernannt. Man war endlich jene tiefsinnig tuende bayrische Polizeischikane los, die in den sonst so ledernen "Fliegenden Blättern" ergötzlich genug persifliert wurde und die dem flotten Pfälzer schwerer auf dem Herzen lag als irgend etwas andres. Die Herstellung der Kneipfreiheit war der erste revolutionäre Akt des pfälzischen Volks: Die ganze Pfalz verwandelte sich in eine große Schenke, und die Massen geistigen Trankes, die "im Namen des pfälzischen Volks" während dieser sechs Wochen verzehrt wurden, übersteigen alle Berechnung. Obwohl in der Pfalz die aktive Teilnahme an der Bewegung lange nicht so groß war als in Baden, obwohl es hier viele reaktionäre Bezirke gab, war doch die ganze Bevölkerung einstimmig in dieser allgemeinen Schoppenstecherei, wurde selbst der reaktionärste Spießbürger und Bauer hineingerissen in die allgemeine Heiterkeit.

Man brauchte eben keinen großen Scharfblick, um zu erkennen, welche unangenehme Enttäuschung in wenigen Wochen die preußische Armee über diese vergnügten Pfälzer bringen werde. Und doch waren die Leute in der Pfalz zu zählen, die nicht in der größten Sicherheit schwelgten. Daß die Preußen kommen würden, daran glaubten die wenigsten, daß sie aber, wenn sie kämen, mit der größten Leichtigkeit wieder hinausgeschlagen würden, das stand allgemein fest. Jene gesinnungstüchtige Finsterkeit, deren Motto "Ernst ist der Mann" allen badischen Volkswehroffizieren auf der Stirn geschrieben stand und die dennoch keineswegs alle jene Wunderdinge verhinderte, von denen ich später zu erzählen haben werde - jene biedre Feierlichkeit, die der spießbürgerliche Charakter der Bewegung der Mehrzahl ihrer Teilnehmer in Baden aufgedrückt hatte, existierte hier zwar nicht. In der Pfalz war der Mann nur nebenbei "ernst". Die "Begeisterung" und der "Ernst" dienten hier nur dazu, die allgemeine Lustigkeit zu beschönigen. Aber man war immer "ernst" und "begeistert" genug, um sich allen Mächten der Welt, und namentlich der preußischen Armee gegenüber, unüberwindlich zu glauben; und wenn in stillen Stunden der Sammlung einmal ein leiser Zweifel aufstieg, so wurde er mit dem unwiderleglichen Argument beseitigt: Wenn dem auch so wäre, so dürfte man es doch nicht sagen. Je länger die Bewegung sich hinausspann, je unleugbarer und massenhafter die preußischen Bataillone sich von Saarbrücken bis Kreuznach konzentrierten, desto häufiger wurden freilich diese Zweifel, desto heftiger wurde aber auch, grade bei den Zweifelnden und Ängstlichen, die Renommage mit der Unüberwindlichkeit eines "Volks, das für seine Freiheit begeistert ist", wie man die Pfälzer nannte. Diese Renommage entwickelte sich bald zu einem vollständigen Einschläferungssystem, das, von der <148> Regierung nur zu sehr begünstigt, alle Tätigkeit in den Verteidigungsmaßregeln erschlaffte und jeden, der dagegen opponierte, der Gefahr einer Verhaftung als Reaktionär aussetzte.

Diese Sicherheit, diese Renommage mit der "Begeisterung" und ihrer Allmacht, verbunden mit ihren winzigen materiellen Mitteln und mit dem kleinen Terrainwinkel, auf dem sie sich geltend machte, lieferte die komische Seite der pfälzischen "Erhebung" und bot den wenigen Leuten, deren avancierte Ansichten und unabhängige Stellung ein freies Urteil erlaubten, Stoff genug zur Erheiterung.

Die ganze äußere Erscheinung der Pfälzer Bewegung trug einen heitern, sorglosen und ungenierten Charakter. Während in Baden jeder neuernannte Unterleutnant, Linie und Volkswehr, sich in eine schwere Uniform einschnürte und mit silbernen Epauletten paradierte, die später, am Tage des Gefechts, sofort in die Taschen wanderten, war man in der Pfalz viel vernünftiger. Sowie die große Hitze der ersten Junitage sich fühlen ließ, verschwanden alle Tuchröcke, Westen und Krawatten, um einer leichten Bluse Platz zu machen. Mit der alten Bürokratie schien man auch den ganzen alten ungeselligen Zwang losgeworden zu sein. Man kleidete sich ganz ungeniert, nur nach der Bequemlichkeit und der Jahreszeit; und mit dem Unterschied der Kleidung verschwand momentan jeder andre Unterschied im geselligen Verkehr. Alle Klassen der Gesellschaft kamen in denselben öffentlichen Lokalen zusammen. und ein sozialistischer Schwärmer hätte in diesem ungebundenen Verkehr die Morgenröte der allgemeinen Brüderlichkeit sehen können.

Wie die Pfalz, so ihre provisorische Regierung. Sie bestand fast nur aus gemütlichen Schoppenstechern, die über nichts mehr erstaunt waren, als daß sie plötzlich die provisorische Regierung ihres bacchusgeliebten Vaterlandes vorstellen sollten. Und doch ist nicht zu leugnen, daß diese lachenden Regenten sich besser benommen und verhältnismäßig mehr geleistet haben als ihre badischen Nachbarn unter der Führung des "gesinnungstüchtigen" Brentano. Sie hatten wenigstens guten Willen und trotz der Schoppenstecherei mehr nüchternen Verstand als die spießbürgerlich-ernsten Herren in Karlsruhe, und die wenigsten von ihnen entrüsteten sich, wenn man sich über ihre bequeme Manier des Revolutionierens und über ihre impotenten kleinen Maßregelchen lustig machte.

Die provisorische Regierung der Pfalz konnte nichts ausrichten, solange sie von der badischen Regierung im Stich gelassen wurde. Und in Beziehung auf Baden hat sie vollkommen ihre Schuldigkeit getan. Sie schickte Gesandte über Gesandte, machte eine Konzession nach der andern, um nur ein Einverständnis zu erzielen: umsonst, Herr Brentano wollte ein für allemal nicht.

<149> Während die badische Regierung alles vorfand, fand die pfälzische nichts vor. Sie hatte kein Geld, keine Waffen, eine Menge reaktionärer Bezirke und zwei feindliche Festungen im Lande. Frankreich verbot sofort die Waffenausfuhr nach Baden und der Pfalz, Preußen und Hessen ließen alle dorthin speditierten Waffen mit Beschlag belegen. Die pfälzische Regierung schickte sogleich Agenten nach Frankreich und Belgien, um Waffen aufzukaufen und hereinzubesorgen; die Waffen wurden gekauft, kamen aber nicht. Man kann der Regierung vorwerfen, daß sie nicht energisch genug hierin verfuhr, daß sie namentlich mit der großen Menge Kontrebandiers an der Grenze keinen Schmuggel von Gewehren organisierte; die größere Schuld fällt aber auf ihre Agenten, die sehr lässig verfuhren und sich teilweise mit leeren Versprechungen hinhalten ließen, statt die französischen Waffen wenigstens nach Saargemünd und Lauterburg zu schaffen.

Was die Geldmittel anging, so war in der kleinen Pfalz mit Papiergeld wenig zu machen. Als die Regierung sich in pekuniärer Verlegenheit sah, hatte sie wenigstens den Mut, zu einer Zwangsanleihe mit, wenn auch schwach steigenden, progressiven Sätzen ihre Zuflucht zu nehmen.

Die Vorwürfe, die der pfälzischen Regierung gemacht werden können, beschränken sich darauf, daß sie im Gefühl ihrer Impotenz sich zu sehr von der allgemeinen Sorglosigkeit und den damit verbundenen Illusionen über ihre eigne Sicherheit anstecken ließ; daß sie daher, statt die freilich beschränkten Mittel zur Verteidigung des Landes energisch in Bewegung zu setzen, sich lieber auf den Sieg der Montagne in Paris, auf die Einnahme von Wien durch die Ungarn oder gar auf wirkliche Wunder verließ, die irgendwo zur Rettung der Pfalz geschehen sollten - Aufstände in der preußischen Armee usw. Daher die Fahrlässigkeit in der Herbeischaffung von Waffen, in einem Lande, wo schon tausend brauchbare Musketen mehr oder weniger unendlich viel ausmachten und wo schließlich an dem Tage, wo die Preußen einrückten, die ersten und letzten vierzig Gewehre aus dem Auslande, nämlich aus der Schweiz, ankamen. Daher die leichtsinnige Auswahl der Zivil- und Militärkommissäre, die meist aus den unfähigsten, verworrensten Schwärmern bestanden, und die Beibehaltung so vieler alten Beamten und sämtlicher Richter. Daher endlich die Vernachlässigung aller, selbst der nächstliegenden Mittel zur Belästigung und vielleicht zur Einnahme von Landau, auf die ich später zurückkommen werde.

Hinter der provisorischen Regierung stand d'Ester als eine Art geheimer Generalsekretär oder, wie Herr Brentano es nannte, als "rote Kamarilla, welche die gemäßigte Regierung von Kaiserslautern umgab". Zu dieser "roten Kamarilla" gehörten übrigens noch andre deutsche Demokraten, namentlich <150> Dresdner Flüchtlinge. In d'Ester fanden die Pfälzer Regenten jenen administrativen Überblick, der ihnen abging, und zugleich einen revolutionären Verstand, der ihnen dadurch imponierte, daß er sich stets nur auf das Zunächstliegende, unleugbar Mögliche beschränkte und daher nie um Detailmaßregeln verlegen war. D'Ester erlangte hierdurch einen bedeutenden Einfluß und das unbedingte Vertrauen der Regierung. Wenn auch er zuweilen die Bewegung zu ernsthaft nahm und z.B. durch Einführung seiner für den Moment total unpassenden Gemeindeordnung etwas Wichtiges leisten zu können glaubte, so ist doch gewiß, daß d'Ester die provisorische Regierung zu allen einigermaßen energischen Schritten forttrieb und namentlich in Detailkonflikten stets passende Lösungen zur Hand hatte.

Wenn in Rheinpreußen reaktionäre und revolutionäre Klassen von vornherein sich gegenüberstanden, wenn in Baden eine anfangs für die Bewegung schwärmende Klasse, die Kleinbürgerschaft, sich allmählich beim Heranrücken der Gefahr zuerst zur Gleichgültigkeit, später zur Feindseligkeit gegen die von ihr selbst provozierte Bewegung herüberführen ließ, so waren es in der Pfalz weniger einzelne Klassen der Bevölkerung als einzelne Distrikte, die sich, durch Lokalinteressen geleitet, teils von Anfang an, teils nach und nach gegen die Bewegung erklärten. Allerdings war in Speyer von vornherein die Bürgerschaft reaktionär, wurde sie es mit der Zeit in Kaiserslautern, Neustadt, Zweibrücken usw.; aber die Hauptmacht der reaktionären Partei saß in den über die ganze Pfalz verteilten Ackerbaubezirken. Diese konfuse Gestaltung der Parteien hätte nur durch eine Maßregel beseitigt werden können: durch einen direkten Angriff auf das in den Hypotheken und im Hypothekenwucher angelegte Privateigentum zugunsten der verschuldeten, von Wucherern ausgesogenen Bauern. Diese eine Maßregel, die sofort die ganze Landbevölkerung am Aufstand interessiert hätte, setzt aber ein viel größeres Terrain und viel entwickeltere Gesellschaftszustände in den Städten voraus, als die Pfalz sie besitzt. Sie war nur möglich im Anfang der Insurrektion, zugleich mit einer Ausdehnung des Aufstandes nach der Mosel und Eifel, wo dieselben Zustände auf dem Lande existieren und in der industriellen Entwicklung der rheinischen Städte ihre Ergänzung finden. Und ebensowenig wie von Baden war von der Pfalz aus die Bewegung nach außen getrieben worden.

Die Regierung hatte unter diesen Umständen nur wenig Mittel, die reaktionären Bezirke zu bekämpfen: einzelne militärische Expeditionen in die widersetzlichen Ortschaften, Verhaftungen, besonders der katholischen Pfarrer, die an die Spitze des Widerstands traten usw.; Ernennung von tätigen Zivil- und Militärkommissären und endlich die Propaganda. Die Expeditionen, meistens sehr komischer Natur, hatten nur momentane Wirkung, die Propa- <151> ganda hatte gar keine, und die Kommissäre begingen meistens in ihrer wichtigtuenden Ungeschicklichkeit Schnitzer über Schnitzer oder beschränkten sich auf eine großartige Konsumtion Pfälzer Weins nebst der unvermeidlichen Wirtshausrenommage.

Unter den Propagandisten, den Kommissären und den Beamten der Zentraladministration nahmen die in der Pfalz noch mehr als in Baden versammelten Demokraten einen sehr bedeutenden Platz ein. Es hatten sich hier nicht nur die Flüchtlinge aus Dresden und Rheinpreußen, sondern auch sonst noch eine Menge mehr oder weniger begeisterter "Volksmänner" eingefunden, um sich hier dem Dienste des Vaterlandes zu weihen. Die Pfälzer Regierung, die ungleich der Karlsruher den richtigen Instinkt hatte, daß die Kapazitäten der Pfalz allein der Last selbst dieser Bewegung nicht gewachsen seien, nahm sie mit Freuden auf. Man konnte keine zwei Stunden in der Pfalz sein, ohne ein Dutzend der verschiedensten und im ganzen sehr ehrenvollen Ämter angetragen zu bekommen. Die Herren Demokraten, die in der pfälzisch-badischen Bewegung nicht einen täglich lokaler und unbedeutender werdenden Lokalaufstand, sondern die glorreiche Morgenröte der glorreichen Erhebung der gesamten deutschen Demokratie sahen, die überhaupt in der Bewegung ihre mehr oder weniger kleinbürgerliche Tendenz herrschend sahen, beeiferten sich, auf diese Anerbietungen einzugehen. Zugleich aber glaubte jeder, nur eine solche Stellung einnehmen zu dürfen, in der er seinen natürlich meistens sehr hohen Ansprüchen bei einer allgemeinen deutschen Bewegung nichts vergebe. Im Anfang ging das. Wer sich meldete, wurde sofort Bürochef, Regierungskommissär, Major oder Oberstleutnant. Allmählich aber nahm die Zahl der Konkurrenten zu, die Stellen wurden seltner, und es entwickelte sich eine kleinliche, spießbürgerliche Stellenjägerei, die für den unbeteiligten Zuschauer ein höchst ergötzliches Schauspiel bot. Daß bei dem seltnen Mischmasch von Industrialismus und Konfusion, von Aufdringlichkeit und Inkapazität, den die "Neue Rheinische Zeitung" bei der deutschen Demokratie so oft zu bewundern Gelegenheit hatte, daß da die Beamten und Propagandisten der Pfalz ein getreuer Abklatsch dieses unangenehmen Gemenges war, brauche ich wohl nicht erst ausdrücklich zu versichern.

Es versteht sich, daß auch mir Zivil- und militärische Stellen in Menge angetragen wurden, Stellen, die ich in einer proletarischen Bewegung anzunehmen keinen Augenblick gezaudert hätte. Ich lehnte sie unter diesen Umständen sämtlich ab. Das einzige, worauf ich einging, war, einige aufregende Artikel für ein kleines Blättchen zu schreiben, das die provisorische Regierung in Massen in der Pfalz verbreiten ließ. Ich wußte, daß auch dies nicht gehen würde, nahm den Antrag aber auf d'Esters und mehrerer Mitglieder <152> der Regierung dringende Aufforderung endlich an, um wenigstens meinen guten Willen zu beweisen. Da ich mich natürlich wenig genierte, so fand schon der zweite Artikel als zu "aufregend" Anstoß, ich verlor weiter kein Wort, nahm den Artikel zurück, zerriß ihn in d'Esters Gegenwart, und damit hörte die Sache auf.

Unter den auswärtigen Demokraten in der Pfalz waren übrigens diejenigen besten, die soeben aus dem Kampf in ihrer Heimat kamen: die Sachsen und die Rheinpreußen. Die wenigen Sachsen waren meistens in den Zentralbüros beschäftigt, arbeiteten fleißig und zeichneten sich durch administrative Kenntnisse, ruhigen, klaren Verstand und Abwesenheit aller Ansprüche und Illusionen aus. Die Rheinländer, meistens Arbeiter, gingen in Masse zur Armee; die wenigen, die anfangs in den Büros arbeiteten, ergriffen später ebenfalls die Muskete.

Auf den Büros der Zentralverwaltung, in der Fruchthalle zu Kaiserslautern, ging es höchst gemütlich her. Bei dem allgemeinen laisser aller <Sichgehenlassen>, bei der gänzlichen Abwesenheit jedes aktiven Eingreifens in die Bewegung, bei der ungemeinen Anzahl von Beamten war im ganzen wenig zu tun. Es handelte sieh fast nur um die laufenden Verwaltungsgeschäfte, und diese wurden taut bien que mal besorgt. Wenn nicht irgendeine Stafette ankam, ein patriotischer Bürger einen tiefsinnigen Vorschlag zur Rettung des Vaterlandes zu machen hatte, ein Bauer sieh beschwerte oder eine Gemeinde eine Deputation schickte, hatten die meisten Büros nichts zu tun. Man gähnte, man schwatzte, man erzählte sich Anekdoten, man machte schlechte Witze oder strategische Pläne, man ging von einem Büro ins andre und suchte die Zeit so gilt wie möglich totzuschlagen. Das Hauptgespräch waren natürlich die politischen Tagesereignisse, über die die widersprechendsten Gerüchte im Umlauf waren. Die Herbeischaffung von Nachrichten war im höchsten Grade vernachlässigt. Die alten Postbeamten waren fast ohne Ausnahme im Amt geblieben und natürlich sehr unzuverlässig. Neben ihnen war eine "Feldpost" errichtet, die von den übergegangnen Pfälzer Chevaulegers besorgt wurde. Die Kommandanten und Kommissäre der Grenzbezirke kümmerten sich nicht im mindesten um das was jenseits der Grenze vorging. Auf der Regierung hatte man nur das "Frankfurter Journal" und die "Karlsruher Zeitung", und ich erinnere mich noch mit Vergnügen der Verwunderung, die darüber entstand als ich auf dem Kasino in einer schon vor mehreren Tagen angekommener Nummer der "Kölnischen Zeitung" die Nachricht von der Zusammenziehung von 27 preußischen Bataillonen, 9 Batterien und 9 Regimenter <153> Kavallerie nebst ihrer genauen Dislozierung zwischen Saarbrücken und Kreuznach entdeckt hatte.

Ich komme endlich zur Hauptsache, zur militärischen Organisation. Ungefähr dreitausend Pfälzer aus der bayrischen Armee waren mit Sack und Pack übergegangen. Eine Anzahl Freiwilliger, Pfälzer und Nichtpfälzer, hatten sich zu gleicher Zeit unter die Waffen gestellt. Zudem dekretierte die provisorische Regierung die Aushebung des ersten Aufgebots, zunächst aller Unverheirateten vom achtzehnten bis zum dreißigsten Jahre. Diese Aushebung ging aber nur auf dem Papier vor sich, teils aus Unfähigkeit und Nachlässigkeit der Militärkommissäre, teils aus Mangel an Waffen, teils durch die Indolenz der Regierung selbst. Wo, wie in der Pfalz, der Mangel an Waffen das Haupthindernis aller Verteidigung war, mußten alle Mittel aufgeboten werden, um Waffen aufzubringen. Waren vom Ausland keine herbeizuschaffen, so mußte jede Muskete, jede Büchse, jede Jagdflinte, die in der Pfalz aufzutreiben war, hervorgeholt und in die Hände der aktiven Kämpfer gegeben werden. Es waren aber nicht nur sehr viele Privatwaffen vorhanden, sondern auch noch wenigstens 1.500 bis 2.000 Gewehre, die Karabiner ungerechnet, in den Händen der verschiednen Bürgerwehren. Man konnte mindestens verlangen, daß die Privatwaffen und die Gewehre derjenigen Bürgerwehrmänner abgeliefert würden die zum Eintritt ins erste Aufgebot nicht verpflichtet waren oder die nicht als Freiwillige darunter eintreten wollten. Aber nichts der Art geschah. Nach vielem Drängen wurde endlich ein derartiger Beschluß wegen der Bürgerwehrwaffen gefaßt, aber nie ausgeführt; die Kaiserslauterer Bürgerwehr, über 300 Philister zählend, paradierte täglich in Uniform und Waffen als Wache an der Fruchthalle, und als die Preußen einrückten, hatten sie noch das Vergnügen, diese Herren entwaffnen zu können. Und so war es überall.

Man erließ im Amtsblatt eine Aufforderung an die Forstbeamten und Waldhüter, sich in Kaiserslautern zur Bildung eines Schützenkorps zu stellen; wer nicht kam, waren die Forstbeamten.

Man ließ im ganzen Lande Sensen schmieden, oder man forderte wenigstens dazu auf, einige Sensen wurden wirklich angefertigt. Bei dem rheinhessischen Korps in Kirchheimbolanden sah ich mehrere Fässer mit Sensenklingen aufladen und nach Kaiserslautern spedieren. - Die Entfernung ist etwa sieben bis acht Stunden; vier Tage nachher mußte die Regierung Kaiserslautern den Preußen überlassen, und die Sensen waren noch nicht angekommen. Hätte man diese Sensen der nicht mobilen Bürgerwehr, dem sogenannten zweiten Aufgebot, als Entschädigung für ihre abzuliefernden Flinten gegeben, so wäre die Sache gut gewesen; statt dessen behielten die faulen Philister ihre <154> Perkussionsflinten, und die jungen Rekruten sollten mit Sensen gegen die preußischen Kanonen und Zündnadelmusketen marschieren.

Während an Gewehren ein allgemeiner Mangel war, herrschte dagegen ein ebenso merkwürdiger Überfluß an Schleppsäbeln. Wer kein Gewehr bekommen konnte, hing sich um so eifriger ein klirrendes Schlachtschwert um, als er sich dadurch allein schon zum Offizier gestempelt glaubte. In Kaiserslautern namentlich waren diese selbstgestempelten Offiziere gar nicht zu zählen, ertönten die Straßen Tag und Nacht vom Gerassel ihrer fürchterlichen Waffen. Besonders waren es die Studenten, die sich durch diese neue Manier, dem Feinde Schrecken einzujagen, und durch ihre Prätention, eine akademische Legion von lauter Kavalleristen zu Fuß zu bilden, seltene Verdienste um die Rettung des Vaterlandes erwarben.

Außerdem war noch eine halbe Schwadron übergegangener Chevaulegers vorhanden, die aber durch ihre Zersplitterung im Feldpostdienst usw. nie dazu kam, ein besonders fechtendes Korps zu bilden. Die Artillerie, unter dem Kommando des "Oberstleutnants" Anneke, bestand aus ein paar Dreipfündern, deren Bespannung ich mich nie gesehen zu haben erinnere, und aus einer Anzahl Böller. Vor der Fruchthalle in Kaiserslautern lag die schönste Sammlung alter eiserner Böllerrohre, die man sich wünschen konnte. Die meisten blieben natürlich unbenutzt liegen. Die beiden größten wurden auf kolossale, eigens angefertigte Lafetten gelegt und mitgenommen. Die badische Regierung verkaufte der Pfalz endlich eine ausgeschossene sechspfündige Batterie nebst etwas Munition; aber Bespannung, Bedienung und zureichende Munition fehlte. Die Munition wurde, soweit möglich, angefertigt; die Bespannung wurde tant bien que mal durch requirierte Bauern und Pferde besorgt; zu der Bedienung suchte man sich einige alte bayrische Artilleristen zusammen und übte die Leute mit dem schwerfälligen und komplizierten bayrischen Exerzitium ein.

Die obere Leitung der Militärangelegenheiten war in den schlechtesten Händen. Herr Reichardt, der in der provisorischen Regierung das Militärdepartement übernommen hatte, war tätig, aber ohne Energie und Sachkenntnisse. Der erste Oberkommandant der Pfälzer Streitkräfte, der Industrielle Fenner von Fenneberg, wurde zwar bald wegen zweideutigen Benehmens abgesetzt; an seine Stelle trat für den Augenblick ein polnischer Offizier, Raquilliet. Endlich erfuhr man, Mieroslawski werde das Oberkommando für Baden und die Pfalz übernehmen und der Befehl der Pfälzer Truppen sei dem "General" Sznayde, ebenfalls einem Polen, anvertraut.

Der General Sznayde kam an. Es war ein kleiner, dicker Mann, der eher wie ein bejahrter Bonvivant als wie ein "Rufer im Streit Menelaos" aus- <155> sah. Der General Sznayde übernahm das Kommando mit vieler Würde, ließ sich Bericht über den Stand der Angelegenheiten abstatten und erließ sofort eine Reihe Tagesbefehle. Die meisten dieser Befehle erstreckten sich auf die Uniformierung - die Bluse, und die Abzeichen für Offiziere - trikolore Armbinden oder Schärpen, auf Aufforderungen an gediente Kavalleristen und Schützen, sich freiwillig zu stellen - Aufforderungen, die schon zehnmal fruchtlos gemacht worden waren, u. dgl. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran, indem er sieh sofort einen Attila mit trikoloren Schnüren anschaffte, um der Armee Respekt einzuflößen. Was in seinen Tagesbefehlen wirklich Praktisches und Wichtiges war, beschränkte sich auf Wiederholung längst erlassener Befehle und auf Vorschläge, die von den wenigen anwesenden guten Offizieren schon früher gemacht, aber nie durchgesetzt worden waren und die erst jetzt vermittelst der Autorität eines kommandierenden Generals durchgesetzt werden konnten. Im übrigen verließ sich der General Sznayde auf Gott und Mieroslawski und lebte den Freuden der Tafel, das einzig Vernünftige, das ein so total unfähiges Individuum tun konnte.

Unter den übrigen Offizieren in Kaiserslautern war der einzig tüchtige Techow, derselbe, der als preußischer Premierleutnant mit Natzmer beim Berliner Zeughaussturm das Zeughaus dem Volk übergeben hatte und, zu 15 Jahren Festung verurteilt, von Magdeburg entkommen war. Techow, Chef des pfälzischen Generalstabs, bewies sich überall kenntnisreich, umsichtig und ruhig, vielleicht etwas zu ruhig, als daß man ihm die Raschheit des Entschlusses zutrauen könnte, die auf dem Schlachtfeld oft alles entscheidet. "Oberstleutnant" Anneke bewies sich unfähig und indolent in der Organisation der Artillerie obwohl er im Laboratorium gute Dienste leistete. Bei Ubstadt hat er als Feldherr keine Lorbeeren geerntet, und aus Rastatt, wo ihm Mieroslawski für die Belagerung den Befehl über das Material übertrug, ist er auf seltsame Weise und mit Hinterlassung seiner Pferde noch vor der Zernierung über den Rhein entkommen.

An den Offizieren in den einzelnen Bezirken war auch nicht viel. Eine Anzahl von Polen war teils schon vor Sznayde, teils mit ihm gekommen. Da die besten Leute der polnischen Emigration schon in Ungarn waren, so läßt sich denken, daß diese polnischen Offiziere von ziemlich gemischter Gattung waren. Die meisten beeilten sich, für eine gehörige Anzahl Reitpferde zu sorgen und einige Befehle zu geben, und kümmerten sich um die Ausführung nicht viel. Sie traten ziemlich herrisch auf, wollten den Pfälzer Bauern wie den knechtischen polnischen Leibeigenen traktieren, kannten weder das Land noch die Sprache, noch das Kommando und richteten daher als Militärkömmissäre, d.h. als Organisatoren von Bataillonen, wenig oder gar nichts aus. <156> Im Laufe des Feldzugs verliefen sie sich bald in den Sznaydeschen Stab und verschwanden kurz nachher ganz, als Sznayde von seinen Soldaten angefallen und mißhandelt wurde. Die Besseren unter ihnen kamen zu spät, um noch etwas organisieren zu können

Unter den deutschen Offizieren waren auch nicht viel brauchbare Köpfe. Das rheinhessische Korps, das sonst manche auch militärisch bildungsfähige Elemente enthielt, stand unter der Führung eines gewissen Häusner, eines gänzlich unbrauchbaren Menschen, und unter dem noch viel erbärmlicheren moralischen und politischen Einfluß der beiden Helden Zitz und Bamberger, die sich später in Karlsruhe so glorreich aus der Affäre zogen. In der Hinterpfalz organisierte ein ehemaliger preußischer Offizier, Schimmelpfennig, ein Korps.

Die einzigen beiden Offiziere, die sich schon vor dem Einfall der Preußen im aktiven Dienst auszeichneten, waren Willich und Blenker.

Willich übernahm mit einem kleinen Freikorps die Beobachtung und später die Zernierung von Landau und Germersheim. Eine Kompanie Studenten, eine Kompanie Arbeiter, die mit ihm in Besançon zusammen gelebt hatten, drei schwache Kompanien Turner - aus Landau, Neustadt und Kaiserslautern -, zwei aus Freiwilligen der umliegenden Ortschaften gebildete Kompanien und endlich eine mit Sensen bewaffnete Kompanie Rheinpreußen, die meisten von den Prümer und Elberfelder Aufständen her flüchtig, fanden sich nach und nach unter seinem Kommando zusammen. Es waren zuletzt zwischen 700 bis 800 Mann, jedenfalls die zuverlässigsten Soldaten der ganzen Pfalz, die Unteroffiziere meist gediente, teilweise in Algerien an den kleinen Krieg gewöhnte Leute. Mit diesen wenigen Streitkräften legte sich Willich mitten zwischen Landau und Germersheim, organisierte die Bürgerwehren in den Dörfern, benutzte sie zur Bewachung der Straßen und zum Vorpostendienst, schlug alle Ausfälle aus beiden Festungen trotz der Überlegenheit, namentlich der Germersheimer Garnison, zurück, zernierte Landau derart, daß so gut wie alle Zufuhren abgeschnitten waren, schnitt ihm die Wasserleitungen ab, stauchte die Queich auf, so daß alle Keller der Festung überschwemmt waren und doch Mangel an Trinkwasser eintrat, und beunruhigte die Garnison jede Nacht durch Patrouillen, die nicht nur die verlassenen Außenwerke ausräumten und die dort gefundenen Wachtstubenöfen für fünf Gulde per Stück versteigerten, sondern auch bis in die Festungsgräben selbst vordrangen und die Garnison häufig veranlaßten auf einen Gefreiten und zwei Mann ein ebenso gewaltiges wie harmloses Feuer aus Vierundzwanzigpfündern zu eröffnen. Diese Epoche war bei weitem die glänzendste während der Existenz des Willischen Freikorps. Hätten ihm damals <157> nur einige Haubitzen zu Gebote gestanden, und wären es nur Feldgeschütze gewesen, so war nach den Berichten der täglich nach Landau aus- und eingehenden Spione die Festung bei ihrer demoralisierten, schwachen Garnison und ihrer rebellischen Einwohnerschaft in wenig Tagen genommen. Selbst ohne Artillerie hätte eine Fortsetzung der Zernierung in acht Tagen die Kapitulation erzwungen. In Kaiserslautern waren zwei siebenpfündige Haubitzen, gut genug, um während der Nacht einige Häuser in Landau in Brand zu schießen. Wären sie an Ort und Stelle gewesen, so war das Unerhörte wahrscheinlich, daß eine Festung wie Landau mit ein paar Feldgeschützen eingenommen wurde. Ich predigte täglich dem Generalstab in Kaiserslautern die Notwendigkeit vor, wenigstens den Versuch zu machen. Umsonst. Die eine Haubitze blieb in Kaiserslautern, die andere wanderte nach Homburg, wo sie fast den Preußen in die Hände fiel. Beide kamen über den Rhein, ohne einen Schuß getan zu haben

Noch mehr aber als Willich zeichnete sich der "Oberst" Blenker aus. Der "Oberst" Blenker, ein ehemaliger Weinreisender, der in Griechenland als Philhellene gewesen war und sich später als Weinhändler in Worms etabliert hatte, gehört jedenfalls zu den hervorragendsten militärischen Persönlichkeiten dieser ganzen glorreichen Kampagne. Stets hoch zu Roß, von einem zahlreichen Stab umgeben, groß, stark, mit einem trutzigen Antlitz, einem imponierenden Heckerbart, einer allgewaltigen Stimme und allen übrigen Eigenschaften begabt, die den süddeutschen "Volksmann" ausmachen und zu denen bekanntlich der Verstand nicht gerade gehört, machte "Oberst" Blenker den Eindruck eines Mannes, vor dessen bloßem Anblick Napoleon sich verkriechen müßte und der würdig war, in jenem Refrain zu figurieren, mit dem wir diese Schilderungen eröffnet haben. "Oberst" Blenker fühlte das Zeug in sich, auch ohne "Hecker, Struve, Zitz und Blum" die deutschen Fürsten umzuschmeißen, und gab sich sofort ans Werk. Seine Meinung war, den Krieg nicht als Soldat, sondern als Weinreisender zu führen, und zu diesem Zweck nahm er sich vor, Landau zu erobern. Willich war damals noch nicht da. Er raffte alles zusammen, was in der Pfalz disponibel war, Linie und Volkswehr, und organisierte durcheinanderbummelnde Truppen, Kavallerie und Artillerie, und rückte auf Landau los. Vor der Festung wurde Kriegsrat gehalten, die Angriffskolonnen formiert, die Stellung der Artillerie bestimmt. Die Artillerie bestand aber aus einigen Böllern, deren Kaliber von 1/2 Pfund bis 13/8 Pfund variierten, und wurde auf einem Heuwagen nachgefahren, der zugleich zum Munitionswagen diente. Die Munition dieser verschiednen Böller bestand nämlich in einer, sage einer vierundzwanzigpfündigen Kugel; von Pulver war keine Rede. Nachdem alles geordnet, rückte man voll Todes- <158> verachtung vor. Man kam bis ans Glacis, ohne Widerstand zu finden; man marschierte weiter, bis man ans Tor kam. Voran die aus Landau übergegangenen Soldaten. Auf den Wällen zeigten sich einige Soldaten als Parlamentäre. Man rief ihnen zu, das Tor zu öffnen. Es entspann sich bereits ein ganz gemütliches Zwiegespräch, und alles schien nach Wunsch zu gehen. Auf einmal ertönt vom Wall ein Kanonenschuß, Kartätschen sausen über den Köpfen der Angreifer weg, und in einem Nu löst sich die ganze heldenmütige Armee samt ihrem pfälzischen Prinzen Eugen in wilde Flucht auf. Alles läuft, läuft, läuft mit einer so unwiderstehlichen Heftigkeit, daß die bald nachher von den Wällen abgeschossenen paar Kanonenkugeln schon nicht mehr über den Köpfen der Fliehenden, daß sie nur noch über ihren weggeworfenen Flinten, Patronentaschen und Tornistern dahinsausen. Einige Stunden von Landau wird endlich haltgemacht, die Armee wieder gesammelt und von Herrn "Oberst" Blenker ohne die Schlüssel von Landau, aber darum nicht minder stolz wieder heimgeführt. Das war die noch nie dagewesene Eroberung Landaus mit drei Böllern und einer vierundzwanzigpfündigen Kugel.

Der Kartätschschuß war von einigen bayrischen Offizieren in der Eile abgefeuert worden, als sie sahen, daß ihre Soldaten Lust hatten, das Tor zu öffnen. Daß Geschütz wurde von den Soldaten selbst aus der Richtung gebracht, und daher kam es, daß niemand getroffen wurde. Als die Besatzung von Landau aber sah, welche Wirkung dieser Schuß ins Blaue machte, war von Übergabe natürlich keine Rede mehr.

Held Blenker war aber nicht der Mann, für solches Mißgeschick keine Revanche zu nehmen. Er beschloß, nunmehr Worms zu erobern. Von Frankenthal, wo er ein Bataillon befehligte, rückte er vor. Die paar hessischen Soldaten, die in Worms lagen, machten sich auf und davon, und Held Blenker zog mit klingendem Spiel in seine Vaterstadt ein. Nachdem die Befreiung von Worms mit einem solennen Frühstück gefeiert war, schritt man zur Hauptfeierlichkeit, nämlich zur Vereidigung von zwanzig krank zurückgebliebenen hessischen Soldaten auf die Reichsverfassung. In der Nacht aber nach diesen gewaltigen Resultaten fuhren die Peuckerschen Reichstruppen auf dem rechten Rheinufer Geschütz auf und weckten die siegreichen Eroberer höchst unsanft durch frühen Kanonendonner. Es war kein Mißverständnis: Die Reichstruppen schossen Vollkugeln und Granaten herüber. Ohne ein Wort zu sagen, versammelte Held Blenker seine Tapfern und zog in aller Stille von Worms wieder nach Frankenthal ab. Von seinen späteren Heldentaten wird die Muse am gehörigen Orte ein Weiteres berichten.

Während so in den Distrikten die verschiedenartigsten Charaktere sich jeder in seiner Weise Luft machten, während die Soldaten und Volkswehr- <159> männer, statt zu exerzieren, in den Schenken saßen und sangen, beschäftigten sich in Kaiserslautern die Herren Offiziere mit der Erfindung der tiefsinnigsten strategischen Pläne. Es handelte sich um nichts Geringeres als um die Möglichkeit, eine von mehreren Seiten zugängliche kleine Provinz wie die Pfalz mit einer fast ganz imaginären Streitmacht gegen eine höchst reelle Armee von über 30.000 Mann und 60 Kanonen zu halten. Grade weil hier jedes Projekt gleich nutzlos, gleich absurd war, grade weil hier alle Bedingungen jedes strategischen Plans fehlten, grade deswegen nahmen sich die tiefen Kriegsmänner, die denkenden Köpfe der Pfälzer Armee erst recht vor, ein strategisches Wunder auszutüfteln, das den Preußen den Weg in die Pfalz versperren sollte. Jeder neugebackene Leutnant, jeder Säbelschlepper von der unter den Auspizien des Herrn Sznayde endlich, nebst dem Leutnantsrang für jedes Mitglied, zustande gekommenen akademischen Legion, jeder Büroschreiber stierte tiefsinnig auf die Karte der Pfalz in der Hoffnung, den strategischen Stein der Weisen zu finden. Man kann sich leicht denken, welche ergötzlichen Dinge dabei herauskamen. Namentlich die ungarische Methode der Kriegführung war sehr beliebt. Vom "General" Sznayde bis herab zum annoch verkanntesten Napoleon der Armee konnte man stündlich die Phrase hören: "Wir müssen es machen wie Kossuth, wir müssen einen Teil unsres Terrains aufgeben und uns - hierhin oder dahin, in die Berge oder in die Ebene, je nachdem - zurückziehen." "Wir müssen es machen wie Kossuth", hieß es in allen Wirtshäusern. "Wir müssen es machen wie Kossuth", wiederholte jeder Korporal, jeder Soldat, jeder Gassenjunge. "Wir müssen es machen wie Kossuth", wiederholte gutmütig die provisorische Regierung, die am besten wußte, daß sie sich in diese Sachen nicht zu mischen hatte, und der es am Ende gleichgültig war, wie man's machte. "Wir müssen es machen wie Kossuth, sonst sind wir verloren." - Die Pfalz und Kossuth!

Ehe ich zur Schilderung des Feldzugs selbst übergehe, muß ich noch kurz einer Angelegenheit erwähnen, die in verschiedenen Blättern berührt worden ist: meine momentane Verhaftung in Kirchheim. Wenige Tage vor dem Einrücken der Preußen begleitete ich meinen Freund Moll auf einer von ihm übernommenen Mission bis an die Grenze, bis Kirchheimbolanden. Hier stand ein Teil des rheinhessischen Korps, bei dem wir Bekannte hatten. Wir saßen abends mit diesen und mehreren andern Freischärlern des Korps im Gasthof. Unter den Freischärlern waren einige jener ernsten, begeisterten "Männer der Tat", von denen schon mehrfach die Rede war und die gar keine Schwierigkeiten darin sahen, mit wenig Waffen und viel Begeisterung jede beliebige Armee der Welt zu schlagen. Es sind Leute, die vom Militär höchstens die Wachtparade gesehen haben, die sich überhaupt nie um die materiellen Mittel <160> zur Erreichung irgendeines Zwecks bekümmern und die daher meistens, wie ich später mehrfach zu beobachten Gelegenheit hatte, im ersten Gefecht eine so niederschmetternde Enttäuschung erleben, daß sie sich eiligst auf und davon machen. Ich frug einen dieser Helden, ob er wirklich vorhabe, mit den in der Pfalz vorhandenen dreißigtausend Schleppsäbeln und viertehalb Flinten, worunter mehrere verrostete Karabiner, die Preußen zu schlagen, und war überhaupt im besten Zuge, mich über die heilige Entrüstung des in seiner edelsten Begeisterung verwundeten Mannes der Tat zu amüsieren, als die Wache eintritt und mich für verhaftet erklärt. Zu gleicher Zeit sehe ich hinter mir zwei Leute wutschnaubend auf mich losspringen. - Der eine gab sich als Zivilkommissär Müller zu erkennen, der andre war Herr Greiner, das einzige Mitglied der Regierung, mit dem ich wegen seiner häufigen Abwesenheit von Kaiserslautern - der Mann machte in der Stille sein Vermögen mobil - und wegen seines verdächtigen, heulerisch-finstern Aussehens nicht in nähere Berührung getreten war. Zugleich stand ein alter Bekannter von mir, Hauptmann im rheinhessischen Korps, auf und erklärte, wenn ich verhaftet würde, werde er und eine bedeutende Anzahl der besten Leute das Korps sofort verlassen. Moll und andre wollten mich sogleich mit Gewalt schützen. Die Anwesenden spalteten sich in zwei Parteien, die Szene drohte interessant zu werden, und ich erklärte, ich werde mich natürlich mit Vergnügen verhaften lassen: Mau werde endlich sehen, welche Farbe die Pfälzer Bewegung habe. Ich ging mit der Wache.

Am nächsten Morgen wurde ich nach einem komischen Verhör, das mich Herr Zitz bestehn ließ, dem Zivilkommissär und von diesem einem Gendarmen übergeben. Der Gendarm, dem eingeschärft worden war, mich als Spion zu behandeln, schloß mir beide Hände zusammen und führte mich zu Fuß nach Kaiserslautern, angeklagt der Herabwürdigung der Erhebung des pfälzischen Volks und der Aufreizung gegen die Regierung, von der ich beiläufig kein Wort gesagt hatte. Unterwegs setzte ich durch, daß ich einen Wagen bekam. In Kaiserslautern, wohin Moll mir vorausgeeilt war, traf ich natürlich die Regierung höchst bestürzt über die Bévue des wackern Greiner, noch bestürzter über die mir widerfahrene Behandlung. Man begreift, daß ich den Herren in Gegenwart des Gendarmen eine artige Szene machte. Da noch kein Bericht von Herrn Greiner eingetroffen war, bot man mir an, mich auf Ehrenwort freizulassen. Ich verweigerte das Ehrenwort und ging ins Kantonalgefängnis - ohne Begleitung, was auf d'Esters Antrag angenommen wurde. D'Ester erklärte, nachdem einem Parteigenossen solche Behandlung widerfahren, nicht länger bleiben zu können. Tzschirner, der eben ankam, trat auch sehr entschieden auf. Die Sache wurde denselben Abend stadtkundig, und <161> alle, die der entschiedenen Richtung angehörten, ergriffen sofort meine Partei. Dazu kam, daß die Nachricht eintraf, im rheinhessischen Korps seien wegen dieser Angelegenheit Unruhen ausgebrochen, und ein großer Teil des Korps wolle sich auflösen. Weniger als das hätte hingereicht, den provisorischen Regenten, mit denen ich täglich zusammen gewesen war, die Notwendigkeit zu zeigen, mir Satisfaktion zu geben. Nachdem ich mich 24 Stunden im Gefängnis ganz gut amüsiert hatte, kamen d'Ester und Schmitt zu mir; Schmitt erklärte mir, ich sei ohne alle Bedingung frei, und die Regierung hoffe, ich werde mich nicht abhalten lassen, mich fernerhin bei der Bewegung zu beteiligen. Außerdem sei der Befehl gegeben, daß von nun an kein politischer Gefangener geschlossen eingebracht werde, und die Untersuchung gegen den Urheber der infamen Behandlung sowie über die Verhaftung und deren Ursache gehe fort. Nachdem somit die Regierung, da Herr Greiner noch immer keinen Bericht geschickt, mir alle ihr augenblicklich mögliche Genugtuung gegeben, wurden beiderseits die feierlichen Gesichter abgesetzt und im Donnersberg einige Schoppen zusammen getrunken. Tzschirner ging am nächsten Morgen zum rheinhessischen Korps ab, um es zu beruhigen, und ich gab ihm einige Zeilen mit. Herr Greiner trat, als er wiederkam, so erschrecklich heulerisch auf, daß er von seinen Kollegen erst recht doppelt den Kopf gewaschen bekam. Von Homburg aus rückten gleichzeitig die Preußen ein, und da hiermit die Sache eine interessante Wendung bekam, da ich die Gelegenheit, ein Stück Kriegsschule durchzumachen, nicht versäumen wollte und da endlich die "Neue Rheinische Zeitung" honoris causa auch in der pfälzisch-badischen Armee vertreten sein mußte, so schnallte ich mir auch ein Schlachtschwert um und ging zu Willich.

 

IV

Für Republik zu sterben!

 

Nur im Sturz von sechsunddreißig Thronen
Kann die deutsche Republik gedeihn;
Darum, Brüder, stürzt sie ohne Schonen,
Setzet Gut und Blut und Leben ein.
Für Republik zu sterben,
Ist ein Los, hehr und groß, ist das Ziel unsres Muts!

<162> So sangen die Freischärler auf der Eisenbahn, als ich nach Neustadt fuhr, um dort Willichs momentanes Hauptquartier zu erfragen.

Für Republik zu sterben, war also von nun an das Ziel meines Muts oder sollte es wenigstens sein. Ich kam mir sonderbar vor mit diesem neuen Ziel. Ich sah mir die Freischärler an, junge, hübsche, flotte Burschen. Sie sahen gar nicht aus, als ob der Tod für Republik vorderhand das Ziel ihres Mutes sei.

Von Neustadt aus fuhr ich mit einem requirierten Bauerwagen nach Offenbach, zwischen Landau und Germersheim, wo Willich noch war. Dicht hinter Edenkoben stieß ich auf die ersten, von den Bauern auf seinen Befehl ausgestellten Wachtposten, die sich von nun an beim Ein- und Ausgang jedes Dorfs und auf allen Kreuzwegen wiederholten und niemanden ohne schriftliche Legitimation von den Insurrektionsbehörden durchließen. Man sah, daß man dem Kriegszustand etwas näher kam. Spät in der Nacht traf ich in Offenbach ein und übernahm sogleich bei Willich Adjutantendienste.

Während dieses Tages - es war der 13. Juni - hatte ein kleiner Teil des Willichschen Korps ein glänzendes Gefecht bestanden. Willich hatte zu seinem Freikorps einige Tage vorher noch ein badisches Volkswehrbataillon, das Bataillon Dreher-Obermüller, als Verstärkung bekommen und von diesem Bataillon etwa fünfzig Mann gegen Germersheim, nach Bellheim vorgeschoben. Hinter ihnen lag noch in Knittelsheim eine Kompanie des Freikorps nebst einigen Sensenmännern. Ein Bataillon Bayern mit zwei Geschützen und <163> einer Schwadron Chevaulegers machten einen Ausfall. Die Badenser flohen, ohne Widerstand zu leisten; nur einer von ihnen, von drei reitenden Gendarmen überholt, verteidigte sich wütend, bis er endlich, ganz zerhackt von Säbelhieben, hinfiel und von den Angreifern vollends getötet wurde. Als die Flüchtigen in Knittelsheim ankamen, brach der dort stationierte Hauptmann mit nicht ganz 50 Mann, von denen einige noch Sensen hatten, gegen die Bayern auf. Er verteilte seine Leute geschickt in mehre Detachements und ging in Tirailleurlinie mit solcher Entschiedenheit vor, daß die mehr als zehnfach überlegnen Bayern nach zweistündigem Kampf in das von den Badensern im Stich gelassene Dorf zurückgedrängt und endlich, als noch einige Verstärkung vom Willichschen Korps ankam, aus dem Dorf wieder hinausgeworfen wurden. Mit einem Verlust von etwa zwanzig Toten und Verwundeten zogen sie sich nach Germersheim zurück. Es tut mir leid, daß ich den Namen dieses tapfern und talentvollen jungen Offiziers nicht nennen darf, da er sich wahrscheinlich noch nicht in Sicherheit befindet. Seine Leute hatten nur fünf Verwundete, unter denen keiner gefährlich. Der eine dieser fünf, ein französischer Freiwilliger, hatte einen Schuß in den Oberarm bekommen, ehe er selbst zum Feuern kam. Trotzdem verschoß er noch seine sämtlichen sechzehn Patronen, und als seine Wunde ihn am Laden hinderte, ließ er sein Gewehr durch einen Sensenmann laden, um nur feuern zu können. Am nächsten Tage gingen wir nach Bellheim, um den Kampfplatz anzusehen und neue Dispositionen zu treffen. Die Bayern hatten mit Vollkugeln und Kartätschen auf unsre Tirailleurei gefeuert, aber nichts getroffen als die Zweige der Bäume, mit denen die ganze Straße übersät war, und den Baum, hinter dem der Hauptmann stand.

Das Bataillon Dreher-Obermüller war heute vollzählig gegenwärtig, um sich jetzt ganz in Bellheim und Umgegend festzusetzen. Es war ein schönes, gutbewaffnetes Bataillon, und namentlich die Offiziere sahen mit ihren Knebelbärten und braunen Gesichtern voll Ernst und Begeisterung wie wahre denkende Menschenfresser aus. Zum Glück waren sie so gefährlich nicht, wie wir mehr und mehr sehen werden.

Zu meiner Verwunderung erfuhr ich, daß fast gar keine Munition vorhanden sei, daß die meisten Leute nur fünf bis sechs, einige wenige zwanzig Patronen besäßen und daß der Vorrat nicht einmal ausreiche, um die ganz leeren Patrontaschen der gestern im Feuer gewesenen Mannschaft zu füllen. Ich erbot mich sogleich, nach Kaiserslautern zu gehen, um Munition zu holen, und machte mich denselben Abend noch auf den Weg.

Die Bauerwagen fahren schlecht; die Notwendigkeit, stationsweise neue Wagen zu requirieren, die Unkenntnis der Wege usw. halten ebenfalls auf. <164> Es war Tagesanbruch, als ich nach Maikammer, etwa halbwegs Neustadt, kam. Hier stieß ich auf eine Abteilung Pirmasenser Volkswehr nebst den vier nach Homburg geschickten Kanonen, die man in Kaiserslautern schon verloren geglaubt hatte. Über Zweibrücken und Pirmasens, von da auf den elendesten Bergwegen war es ihnen gelungen, bis hierher durchzukommen, wo sie endlich in die Ebene debouchierten. Die Herren Preußen waren so eilig mit der Verfolgung nicht, obgleich unsere Pirmasenser, durch Strapazen, Nachtmärsche und Wein aufgeregt, sie schon auf ihren Fersen glaubten.

Einige Stunden später - es war am 15. Juni - kam ich nach Neustadt. Die ganze Bevölkerung war auf den Straßen, dazwischen Soldaten und Freischärler, wie man in der Pfalz alle Volkswehren in Blusen ohne Unterschied nannte. Wagen, Kanonen und Pferde versperrten die Zugänge. Kurz, ich war mitten in die Retirade der gesamten pfälzischen Armee geraten. Die provisorische Regierung, der General Sznayde, der Generalstab, die Büros, alles war da. Kaiserslautern war aufgegeben, die Fruchthalle, der "Donnersberg", die Bierhäuser, der "strategisch gelegenste Punkt der Pfalz", und für den Moment war Neustadt das Zentrum der pfälzischen Verwirrung, die erst jetzt, wo es zum Kampf kam, ihren Höhepunkt erreichte. Genug, ich unterrichtete mich über alles, nahm möglichst viele Fässer Pulver, Blei und fertige Patronen mit - was sollte die Munition auch dieser ohne eine Schlacht in Trümmer aufgelösten Armee weiter nützen? -, schaffte mir nach zahllosen vergeblichen Versuchen endlich in einem benachbarten Dorfe einen Leiterwagen und fuhr mit meiner Beute und einigen Mann Bedeckung abends wieder ab.

Vorher ging ich zu Herrn Sznayde und frug, ob er nichts für Willich zu bestellen habe. Der alte Gourmand gab mir einige nichtssagende Bescheide und fügte mit wichtiger Miene hinzu: "Sehen Sie, wir machen es jetzt gerade wie Kossuth."

Wie die Pfälzer aber dazu kamen, es geradeso wie Kossuth zu machen, das hing folgendermaßen zusammen. Die Pfalz besaß in der blühendsten Epoche der "Erhebung", d.h. am Tage vor dem Einrücken der Preußen, etwa 5.000 bis 6.000 Mann, die mit Gewehren aller Art bewaffnet waren, und an 1.000 bis 1.500 Sensenmänner. Diese 5.000 bis 6.000 möglichen Kombattanten bestanden erstens aus dem Willichschen und rheinhessischen Freikorps und zweitens aus der sogenannten Volkswehr. In jedem Landkommissariatsbezirk war ein Militärkommissär mit dem Auftrage, ein Bataillon zu organisieren. Als Kern und Instruktoren dienten die dem Bezirk angehörigen übergegangenen Soldaten. Dies System der Vermischung der Linientruppen mit den neuausgehobenen Rekruten, das während eines aktiven Feldzugs mit strenger Disziplin und fortwährender Waffenübung zu den besten Resultaten geführt <165> hätte, verdarb hier alles. Die Bataillone kamen aus Mangel an Waffen nicht zustande; die Soldaten, die nichts zu tun hatten, verbummelten alle Disziplin und kriegerische Haltung und liefen großenteils auseinander. Endlich kam in einigen Bezirken eine Art Bataillon zusammen, in den andern existierten nur einige bewaffnete Haufen. Mit den Sensenmännern war vollends nichts anzufangen; überall im Wege, nie wirklich zu gebrauchen, hatte man sie teils als interimistisches Anhängsel bei ihren respektiven Bataillonen gelassen, bis man Gewehre für sie bekäme, teils in ein besondres Korps unter dem halbnärrischen Hauptmann Zinn vereinigt. Der Bürger Zinn, der vollständigste Shakespearesche Pistol, den man sehen kann, der beim Ausreißen vor Landau unter Held Blenker über seine Säbelscheide gestolpert war, daß sie zerbrach, der aber nachher mit großem Pathos schwor, eine "vierundzwanzigpfündige feurige Bombenkugel" habe sie ihm entzweigerissen, dieser selbe unüberwindliche Pistol wurde bisher zu Exekutionen gegen reaktionäre Dörfer verwandt. Er unterzog sich diesem Amte mit großem Eifer, so daß die Bauern zwar sehr großen Respekt vor ihm und seinem Korps hatten, ihn aber auch jedesmal gehörig durchprügelten, wo sie ihn allein zu fassen bekamen. Auf ihrer Rückkehr von solchen Fahrten mußten dann die Sensenmänner ihre Sensen in Scharten und Splitter schlagen, und wenn er nach Kaiserslautern kam, erzählte er mörderliche Falstaffiaden von seinen Kämpfen mit den Bauern.

Da mit solchen Kräften natürlich wenig auszurichten war, so befahl Mieroslawski, der erst am 10. im badischen Hauptquartier eintraf, daß die Pfälzer sich fechtend an den Rhein zurückziehen; womöglich den Rheinübergang bei Mannheim gewinnen, sonst aber bei Speyer oder Knielingen auf das rechte Rheinufer gehen und sodann von Baden aus die Rheinübergänge verteidigen sollten. Gleichzeitig mit diesem Befehl traf die Nachricht ein, daß die Preußen von Saarbrücken aus in die Pfalz eingedrungen seien und unsre wenigen an der Grenze aufgestellten Leute nach einigen Flintenschüssen gegen Kaiserslautern zurückgeworfen hätten. Zugleich konzentrierten sich fast alle mehr oder weniger organisierten Truppenteile in der Richtung auf Kaiserslautern und Neustadt; es entstand eine grenzenlose Verwirrung, und ein großer Teil der Rekruten lief auseinander. Ein junger Offizier der schleswigholsteinischen Freischaren von 1848, Rakow, ging mit 30 Mann aus, die Deserteure wieder zu sammeln, und brachte in zweimal vierundzwanzig Stunden ihrer 1.400 zusammen, die er in ein "Bataillon Kaiserslautern" formierte und bis zum Ende des Feldzugs führte.

Die Pfalz ist in strategischer Beziehung ein so einfaches Terrain, daß selbst die Preußen hier keine Schnitzer machen konnten. Längs dem Rhein liegt <166> ein vier bis fünf Stunden breites Tal ohne alle Terrainhindernisse. In drei bequemen Tagemärschen kamen die Preußen von Kreuznach und Worms bis nach Landau und Germersheim. Über die gebirgige Hinterpfalz führt die "Kaiserstraße" von Saargemünd nach Mainz, meist auf dem Bergrücken oder durch ein breites Bachtal. Auch hier sind so gut wie gar keine Terrainhindernisse, hinter denen eine numerisch schwache und taktisch ungebildete Armee sich nur einigermaßen halten könnte. Von der Kaiserstraße endlich trennt sich hart an der preußischen Grenze, bei Homburg, eine vortreffliche Straße, die teils durch Flußtäler, teils über den Rücken der Vogesen über Zweibrücken und Pirmasens direkt nach Landau führt. Diese Straße bietet freilich größere Schwierigkeiten dar, ist aber auch mit wenig Truppen und ohne Artillerie nicht zu versperren, besonders wenn ein feindliches Korps in der Ebene manöveriert und den Rückzug über Landau und Bergzabern verlegen kann.

Hiernach war der Angriff der Preußen sehr einfach. Der erste Einfall geschah von Saarbrücken gegen Homburg; von hier aus marschierte eine Kolonne direkt auf Kaiserslautern, die andre über Pirmasens auf Landau. Gleich darauf griff ein zweites Korps im Rheintal an. Dies Korps fand in Kirchheimbolanden den ersten heftigen Widerstand an den dort liegenden Rheinhessen. Die Mainzer Schützen verteidigten den Schloßgarten mit großer Hartnäckigkeit und trotz bedeutender Verluste. Sie wurden endlich umgangen und zogen sich zurück. Ihrer siebenzehn fielen den Preußen in die Hände. Sie wurden sogleich an die Bäume gestellt und von den schnapstrunkenen Heroen des "herrlichen Kriegsheers" ohne weiteres erschossen. Mit dieser Niederträchtigkeit begannen die Preußen ihren "zwar kurzen, aber ruhmvollen Feldzug" in der Pfalz.

Hiermit war die ganze nördliche Hälfte der Pfalz gewonnen und die Verbindung der beiden Hauptkolonnen hergestellt. Sie brauchten jetzt nur noch in der Ebene vorzugehen und Landau und Germersheim zu entsetzen, um sich die ganze übrige Pfalz zu sichern und alle im Gebirg sich etwa noch haltenden Korps gefangenzunehmen.

Es waren etwa 30.000 Preußen in der Pfalz, mit zahlreicher Kavallerie und Artillerie versehen. In der Ebene, wo der Prinz von Preußen und Hirschfeld mit dem stärksten Korps vordrangen, stand zwischen ihnen und Neustadt nichts als ein paar widerstandsunfähige, schon halb aufgelöste Volkswehrabteilungen und ein Teil der Rheinhessen. Ein rascher Marsch auf Speyer und Germersheim, und die ganzen bei Neustadt und Landau konzentrierten oder vielmehr verworren durcheinanderzottelnden 4.000 bis 5.000 Mann Pfälzer waren verloren, zersprengt, aufgelöst und gefangen. Aber die Herren Preußen, <167> so aktiv, wenn es ans Füsilieren wehrloser Gefangener ging, waren höchst zurückhaltend im Gefecht, höchst schläfrig in der Verfolgung.

Wenn ich im ganzen Lauf des Feldzugs auf diese höchst seltsame Lauheit der Preußen und übrigen Reichstruppen, sowohl im Angriff wie in der Verfolgung, gegenüber einer meist sechsfach, stets wenigstens dreifach geringeren, schlecht organisierten und stellenweise erbärmlich kommandierten Armee, wenn ich auf diesen Umstand häufiger zurückkommen muß, so ist es klar, daß ich ihn nicht auf Rechnung einer aparten Feigheit der preußischen Soldaten schiebe, um so weniger, als man schon gesehen haben wird, daß ich mir über die besondre Tapferkeit unsrer Truppen durchaus keine Illusionen mache. Ebensowenig führe ich ihn, wie dies von Reaktionären geschieht, auf eine Art von Großmut oder auf den Wunsch zurück, sich nicht mit zu vielen Gefangenen zu belästigen. Die preußische bürgerliche und militärische Bürokratie hat von jeher ihren Ruhm darin gesucht, Triumphe über schwache Feinde mit großem Eklat davonzutragen und sich an den Wehrlosen mit der ganzen Wollust des Blutdurstes zu rächen. Sie hat dies auch in Baden und der Pfalz getan - Beweis: die Füsilladen von Kirchheim, die nächtlichen Erschießungen in der Fasanerie von Karlsruhe, die zahllosen Niedermetzelungen von Verwundeten und sich Ergebenden auf allen Schlachtfeldern, die Mißhandlungen der wenigen, die zu Gefangenen gemacht wurden, die standrechtlichen Morde in Freiburg und Rastatt und endlich die langsame, heimliche und darum um so grausamere Tötung der Rastatter Gefangenen durch Mißhandlung, Hunger, Aufhäufung in feuchten, erstickenden Löchern und den durch alles dies hervorgebrachten Typhus. Die laue Kriegführung der Preußen hatte ihren Grund allerdings in der Feigheit, und zwar in der Feigheit der Kommandierenden. Abgesehen von der langsamen, ängstlichen Präzision unsrer preußischen Gamaschen- und Manöverhelden, die allein jeden kühnen Zug, jeden raschen Entschluß unmöglich macht, abgesehen von den umständlichen Dienstreglements, die die Wiederkehr so vieler schmählicher Niederlagen auf Umwegen hintertreiben sollen - wo würden die Preußen jemals diese für uns so unerträglich langweilige, für sie so höchst blamable Kriegführung angewandt haben, wenn sie ihrer eignen Laute sicher gewesen wären? Aber darin lag die Ursache. Die Herren Generäle wußten, daß ein Drittel ihrer Armee aus widerspenstigen Landwehrregimentern bestand, die nach dem ersten Sieg der Insurrektionsarmee sich zu ihr schlagen und sehr bald den Abfall der Hälfte auch der Linie und namentlich aller Artillerie nach sich ziehen würde. Und wie es dann um das Haus Hohenzollern und die ungeschwächte Krone gestanden haben würde, ist wohl ziemlich klar.

In Maikammer, wo ich auf neue Fuhre und Bedeckung bis zum Morgen <168> des 16. warten mußte, holte mich die in aller Frühe von Neustadt aufgebrochne Armee schon wieder ein. Man hatte tags vorher noch von einem Marsch auf Speyer gesprochen, dieser Plan war also aufgegeben, und man zog direkt nach der Knielinger Brücke. Mit fünfzehn Pirmasensern, halbwilden Bauernjungen aus den Urwäldern der Hinterpfalz, marschierte ich ab. Erst in der Nähe von Offenbach erfuhr ich, daß Willich mit allen seinen Truppen nach Frankweiler, einem nordwestlich <In der "Revue": nordöstlich> von Landau gelegenen Ort, abmarschiert sei. Ich kehrte also um und kam gegen Mittag in Frankweiler an. Hier fand ich nicht nur Willich, sondern abermals den ganzen Vortrab der Pfälzer, die, um nicht zwischen Landau und Germersheim durchzumarschieren, den Weg westlich <In der "Revue": östlich> von Landau eingeschlagen hatten. Im Wirtshaus saß die provisorische Regierung mit ihren Beamten, der Generalstab und die zahlreichen demokratischen Bummler, die sich an beide angeschlossen hatten. Der General Sznayde frühstückte. Alles lief durcheinander - im Gasthof die Regenten, Kommandanten und Bummler, auf der Straße die Soldaten. Allmählich zog das Gros der Armee ein: Herr Blenker, Herr Trocinski, Herr Straßer und wie sie alle heißen, hoch zu Roß, an der Spitze ihrer Tapfern. Die Verwirrung wurde immer größer. Nach und nach gelang es, einzelne Korps weiter fortzuschicken, in der Richtung auf Impflingen und Kandel zu.

Man sah es dieser Armee nicht an, daß sie auf dem Rückzug war. Die Unordnung war von Anfang an bei ihr zu Hause, und wenn die jungen Krieger auch schon anfingen, über das ungewohnte Marschieren zu jammern, so hielt sie das nicht ab, in den Wirtshäusern nach Herzenslust zu zechen, zu lärmen und den Preußen mit baldigster Vernichtung zu drohen. Trotz dieser Siegesgewißheit hätte ein Regiment Kavallerie mit einigen reitenden Geschützen hingereicht, die ganze heitre Gesellschaft in alle vier Winde zu zersprengen und das "rheinpfälzische Freiheitsheer" total aufzulösen. Es gehörte nichts dazu als ein rascher Entschluß und etwas Verwegenheit; aber von beidem war im preußischen Lager keine Rede.

Am nächsten Morgen brachen wir auf. Während das Gros der Flüchtigen nach der Knielinger Brücke abzog, marschierte Willich mit seinem Korps und dem Bataillon Dreher ins Gebirge gegen die Preußen. Eine unsrer Kompanien, etwa fünfzig Landauer Turner, waren ins höchste Gebirg, nach Johanniskreuz, vorgegangen. Schimmelpfennig stand mit seinem Korps auch noch auf der Straße von Pirmasens nach Landau. Es galt, die Preußen aufzuhalten und ihnen in [Hinter]weidenthal die Straßen nach Bergzabern und ins Lautertal zu verlegen.

<169> Schimmelpfennig hatte indes [Hinter]weidenthal schon aufgegeben und stand in Rinnthal und Annweiler. Die Straße macht hier eine Biegung, und grade in dieser Biegung bilden die das Queichtal einschließenden Berge eine Art Defilee, hinter dem das Dorf Rinnthal liegt. Dies Defilee war mit einer Art Feldwache besetzt. In der Nacht hatten seine Patrouillen gemeldet, daß auf sie geschossen worden sei; frühmorgens brachten der Exzivilkommissär Weiß von Zweibrücken und ein junger Rheinländer, M. J. Becker, die Nachricht, daß die Preußen heranrückten, und forderten zu Rekognoszierungspatrouillen auf. Aber weder Rekognoszierungen wurden vorgenommen noch die Höhen zu beiden Seiten des Defilees besetzt, so daß Weiß und Becker sich entschlossen, auf eigne Faust rekognoszieren zu gehen. Als sich die Berichte vom Herannahen des Feindes mehrten, fingen Schimmelpfennigs Leute an, das Defilee zu verbarrikadieren; Willich kam an, rekognoszierte die Position, gab einige Befehle zur Besetzung der Höhen und ließ die ganz nutzlose Barrikade wieder forträumen. Er ritt dann rasch nach Annweiler zurück und holte seine Truppen.

Als wir durch Rinnthal marschierten, hörten wir die ersten Schüsse fallen. Wir eilten durchs Dorf und sahen auf der Chaussee Schimmelpfennigs Leute aufgestellt, viel Sensenmänner, wenig Flinten, einige schon vor ins Gefecht. Die Preußen rückten tiraillierend auf den Höhen vor; Schimmelpfennig hatte sie rühig in die Position kommen lassen, die er selbst besetzen sollte. Noch fiel keine Kugel in unsre Kolonnen; sie flogen alle hoch über uns weg. Wenn eine Kugel über die Sensenmänner hinpfiff, schwankte die ganze Linie, schrie alles durcheinander.

Mit Mühe kamen wir an diesen Truppen vorbei, die fast die ganze Straße versperrten, alles in Unordnung brachten und mit ihren Sensen doch ganz nutzlos waren. Die Kompanieführer und Leutnants waren so ratlos und verwirrt wie die Soldaten selbst. Unsre Schützen wurden vorkommandiert, einige rechts, einige links auf die Höhen, dazu links noch zwei Kompanien zur Verstärkung der Schützen und zur Umgehung der Preußen. Die Hauptkolonne blieb im Tal stehen. Einige Schützen postierten sich hinter die Trümmer der Barrikade in der Biegung der Straße und schossen auf die preußische Kolonne, die einige Hundert Schritt weiter zurück stand. Ich ging links mit einigen Leuten den Berg hinauf.

Wir hatten kaum den buschigen Abhang erklettert, als wir auf ein freies Feld stießen, von dessen jenseitigem, waldigem Rand uns preußische Schützen ihre Spitzkugeln herüberschickten. Ich holte noch einige der ratlos und etwas scheu am Abhang herumkletternden Freischärler hinauf, stellte sie möglichst gedeckt auf und sah mir das Terrain näher an. Vorgehen konnte ich nicht mit <170> den paar Mann über ein ganz offenes Feld von 200 bis 250 Schritt Breite, solange nicht das weiter links vorgeschickte Umgehungsdetachement die Flanke der Preußen erreicht hatte; wir konnten uns höchstens halten, da wir ohnehin nur schlecht gedeckt waren. Die Preußen schossen trotz ihrer Spitzkugelbüchsen übrigens herzlich schlecht; wir standen fast gar nicht gedeckt über eine halbe Stunde im heftigsten Tirailleurfeuer, und die feindlichen Scharfschützen trafen nur einen Flintenlauf und einen Blusenzipfel.

Ich mußte endlich sehn, wo Willich war. Meine Leute versprachen, sich zu halten, ich kletterte den Abhang wieder hinab. Unten stand alles gut. Die Hauptkolonne der Preußen, von unsern Schützen auf der Straße und rechts von der Straße beschossen, mußte sich etwas weiter zurückziehn. Auf einmal springen links, wo ich gestanden hatte, unsre Freischärler eilig den Abhang hinunter und lassen ihre Position im Stich. Die auf dem äußersten linken Flügel vorgegangenen Kompanien, durch Hinterlassung zahlreicher Tirailleure geschwächt, fanden den Weg durch ein weiter liegendes Gehölz zu lang; den Hauptmann, der das Gefecht von Bellheim gewonnen, an der Spitze, gingen sie quer über die Felder vor. Ein heftiges Feuer empfing sie; der Hauptmann und mehrere andere stürzten, und der Rest, ohne Führer, wich der Übermacht. Die Preußen gingen nun vor, nahmen unsre Tirailleure in die Flanke, schossen von oben auf sie herab und zwangen sie so zum Rückzug. Der ganze Berg war bald in den Händen der Preußen. Sie schossen von oben in unsre Kolonnen; es war nichts mehr zu machen, und wir traten den Rückzug an. Die Straße war versperrt durch die Schimmelpfennigschen Truppen und durch das Bataillon Dreher-Obermüller, das nach löblicher badischer Sitte nicht in Sektionen von vier bis sechs, sondern in Halbzügen von zwölf bis fünfzehn Mann Front marschierte und die ganze Breite der Chaussee einnahm. Durch sumpfige Wiesen mußten unsre Leute ins Dorf marschieren. Ich blieb bei den Schützen, die den Rückzug deckten.

Das Gefecht war verloren, teils dadurch, daß Schimmelpfennig gegen Willichs Befehl die Höhen nicht hatte besetzen lassen, die wir mit den wenigen verwendbaren Truppen den Preußen nicht wieder abnehmen konnten, teils durch die gänzliche Unbrauchbarkeit der Schimmelpfennigschen Leute und des Bataillons Dreher, teils endlich durch die Ungeduld des zur Umgehung der Preußen kommandierten Hauptmanns, die ihm fast das Leben kostete und unsern linken Flügel bloßstellte. Es war übrigens unser Glück, daß wir geschlagen wurden; eine preußische Kolonne war schon auf dem Weg nach Bergzabern, Landau war entsetzt, und so wären wir in [Hinter]weidenthal von allen Seiten umzingelt gewesen.

Auf dem Rückzug verloren wir mehr Leute als im Gefecht. Von Zeit zu <171> Zeit schlugen die preußischen Büchsenkugeln in die dichte Kolonne, die sich größtenteils in erbaulicher Unordnung, schreiend und polternd fortbewegte. Wir hatten etwa fünfzehn Verwundete, darunter Schimmelpfennig, der ziemlich im Anfang des Gefechts einen Schuß ins Knie erhalten hatte. Die Preußen verfolgten uns wieder sehr lau und hörten bald auf zu schießen. Es waren nur einige Tirailleure an den Bergabhängen, die uns nachfolgten. In Annweiler, eine halbe Stunde vom Kampfplatz, nahmen wir sehr ruhig einige Erfrischungen zu uns und marschierten dann nach Albersweiler. Die Hauptsache hatten wir: 3.000 Gulden Einzahlungen für die Zwangsanleihe, die in Annweiler bereitgelegen hatten. Die Preußen nannten das nachher Kassenraub. Sie behaupteten auch in ihrem Siegesrausch, den Hauptmann Manteuffel von unserm Korps, Vetter Ehren-Manteuffels in Berlin und übergegangnen preußischen Unteroffizier, bei Rinnthal getötet zu haben. Herr Manteuffel ist so wenig tot, daß er seitdem in Zürich noch einen Turnpreis gewonnen hat.

In Albersweiler stießen zwei badische Geschütze zu uns, ein Teil der von Mieroslawski gesandten Verstärkung. Wir wollten sie benutzen, um uns in der Nähe noch einmal zu stellen; da brachte man uns die Nachricht, die Preußen seien schon in Landau, und hiernach blieb uns nichts, als direkt nach Langenkandel abzumarschieren.

In Albersweiler wurden wir glücklich die unbrauchbaren Truppen los, die mit uns marschierten. Das Korps Schimmelpfennig hatte sich nach dem Verlust seines Führers schon teilweise aufgelöst und marschierte auf eigene Faust seitwärts nach Kandel ab. Es ließ noch jeden Augenblick Marode und sonstige Nachzügler in den Wirtshäusern zurück. Das Bataillon Dreher fing in Albersweiler an, rebellisch zu werden. Willich und ich gingen hin und frugen, was sie wollten. Allgemeines Schweigen. Endlich rief ein schon ziemlich bejahrter Freischärler: "Man will uns auf die Schlachtbank führen!" Diese Exklamation war höchst komisch bei einem Korps, das gar nicht einmal im Gefecht gewesen war und auf dem Rückzug zwei, höchstens drei Leichtverwundete gehabt hatte. Willich ließ den Mann vortreten und sein Gewehr abgeben. Der etwas angetrunkene Graubart tat es, machte eine tragikomische Szene und heulte eine lange Rede, deren kurzer Sinn war, daß ihm das noch nie passiert sei. Darüber erhob sich eine allgemeine Entrüstung unter diesen sehr gemütlichen, aber schlecht disziplinierten Kämpfern, so daß Willich der ganzen Kompanie befahl, sofort abzumarschieren, er sei des Schwatzens und Murrens satt und wolle solche Soldaten keinen Augenblick länger führen. Die Kompanie ließ sich das nicht zweimal sagen, schwenkte rechts ab und setzte sich in Marsch. Fünf Minuten darauf folgte ihr der Rest des Bataillons, <172> dem Willich noch zwei Geschütze beigab. Das war ihnen zu arg, daß sie "auf die Schlachtbank geführt" werden und Disziplin halten sollten! Wir ließen sie mit Vergnügen ziehn.

Wir schlugen uns rechts ins Gebirg in der Richtung auf Impflingen zu. Bald kamen wir in die Nähe der Preußen; unsre Schützen wechselten einige Kugeln mit ihnen. Überhaupt wurde den ganzen Abend von Zeit zu Zeit geschossen. Im ersten Dorf blieb ich zurück, um unsrer Landauer Turnerkompanie durch Boten Nachrichten zuzuschicken; ob sie sie erhielt, weiß ich nicht, doch ist sie glücklich nach Frankreich und von da nach Baden herübergekommen. Durch diesen Aufenthalt verlor ich das Korps und mußte meinen Weg nach Kandel selbst suchen. Die Wege waren bedeckt mit Nachzüglern der Armee; alle Wirtshäuser lagen voll; die ganze Herrlichkeit schien in Wohlgefallen aufgelöst. Offiziere ohne Soldaten hier, Soldaten ohne Offiziere dort, Freischärler aller Korps bunt durcheinander eilten zu Fuß und zu Wagen nach Kandel zu. Und die Preußen dachten gar nicht an ernsthafte Verfolgung! Impflingen liegt nur eine Stunde von Landau, Wörth (vor der Knielinger Brücke) nur vier bis fünf Stunden von Germersheim; und die Preußen schickten weder nach dem einen noch nach dem andern Punkt rasch Truppen hin, die hier die Zurückgebliebenen, dort die ganze Armee abschneiden konnten. In der Tat, die Lorbeeren des Prinzen von Preußen sind auf eine eigene Art errungen worden!

In Kandel fand ich Willich, aber nicht das Korps, das weiter zurück einquartiert war. Dafür fand ich wieder die provisorische Regierung, den Generalstab und das zahlreiche Gefolge von Bummlern. Dieselbe Überfüllung von Truppen, nur eine noch viel größere Unordnung und Verwirrung als gestern in Frankweiler. Jeden Augenblick kamen Offiziere, die nach ihren Korps, Soldaten, die nach ihren Führern frugen. Kein Mensch wußte ihnen Bescheid zu geben. Die Auflösung war komplett.

Am nächsten Morgen, 18. Juni, defilierte die ganze Gesellschaft durch Wörth und über die Knielinger Brücke. Trotz der vielen Versprengten und Heimgegangenen betrug die Armee mit den aus Baden gekommenen Verstärkungen doch an 5.000 bis 6.000 Mann. Sie marschierten so stolz durch Wörth, als hätten sie das Dorf soeben erobert und zögen neuen Triumphen entgegen. Sie machten es noch immer wie Kossuth. Ein badisches Linienbataillion war übrigens das einzige, das militärische Haltung hatte und das an einer Kneipe vorbeimarschieren konnte, ohne daß einige davon hineinsprangen. Endlich kam unser Korps. Wir blieben zur Deckung zurück, bis die Brücke abgefahren werden konnte; als alles in Ordnung war, marschierten wir nach Baden hinüber und halfen die Joche ausfahren

<173> Die badische Regierung, um die braven Karlsruher Spießbürger zu schonen, die sich am 6. Juni so tapfer gegen die Republikaner gehalten hatten, quartierte die ganze pfälzische Gesellschaft in der Umgegend ein. Wir hatten gerade darauf gedrungen, mit unserm Korps nach Karlsruhe zu kommen; wir hatten eine Menge Reparaturen und Kleidungsgegenstände nötig und hielten außerdem die Anwesenheit eines zuverlässigen, revolutionären Korps in Karlsruhe für sehr wünschenswert. Aber Herr Brentano hatte für uns gesorgt. Er dirigierte uns auf Daxianden, ein Dorf anderthalb Stunden von Karlsruhe, das uns als ein wahres Eldorado geschildert wurde. Wir marschieren hin und finden das reaktionärste Nest der ganzen Gegend. Nichts zu essen, nichts zu trinken, kaum etwas Stroh; das halbe Korps mußte auf dem harten Fußboden schlafen. Dazu saure Gesichter an allen Türen und Fenstern. Wir machten kurzen Prozeß. Herr Brentano wurde avertiert: Wenn uns nicht vorher ein anderes, besseres Quartier angewiesen sei, würden wir am nächsten Morgen, den 19. Juni, in Karlsruhe sein. Gesagt, getan. Um neun Uhr morgens wird abmarschiert. Noch keinen Büchsenschuß vor dem Dorf kommt uns Herr Brentano mit einem Stabsoffizier entgegen und bietet alle Schmeicheleien, alle Künste der Beredsamkeit auf, um uns von Karlsruhe entfernt zu halten. Die Stadt beherberge schon 5.000 Mann, die reichere Klasse sei fortgereist, der Mittelstand mit Einquartierung überladen; er werde nicht dulden, daß das tapfre Willichsche Korps, des Lob auf allen Zungen sei, schlecht untergebracht werde, usw. Half alles nichts. Willich forderte einige leere Paläste fortgereister Aristokraten, und als Brentano sie nicht geben wollte, gingen wir in Karlsruhe in Quartiere.

In Karlsruhe erhielten wir Gewehre für unsre Sensenkompanie und einiges Tuch zu Mänteln. Wir ließen Schuhe und Kleider so rasch wie möglich reparieren. Auch neue Leute kamen zu uns, mehre Arbeiter, die ich vom Elberfelder Aufstand her kannte, ferner Kinkel, der als Musketier in die Besançoner Arbeiterkompanie eintrat, und Zychlinski, Adjutant des Oberkommandos im Dresdner Aufstand und Führer der Arrieregarde beim Rückzug der Insurgenten. Er trat als Schütze in die Studentenkompanie.

Neben der Vervollständigung der Ausrüstung wurde die taktische Ausbildung nicht vergessen. Es wurde fleißig exerziert und am zweiten Tage unsrer Anwesenheit ein simulierter Sturm auf Karlsruhe vom Schloßplatz aus vorgenommen. Die Spießbürger bewiesen durch ihre allgemeine und tiefgefühlte Entrüstung über dies Manöver, daß sie die Drohung vollständig verstanden hatten.

Man faßte endlich den kühnen Entschluß, die Waffensammlung des Großherzogs in Requisition zu setzen, die bisher wie ein Heiligtum unangetastet <174> geblieben war. Wir waren eben im Begriff, zwanzig daraus erhaltene Büchsen pistonieren zu lassen, als die Nachricht kam, die Preußen seien bei Germersheim über den Rhein gegangen und ständen in Graben und Bruchsal.

Wir marschierten sogleich - am 20. Juni abends - nebst zwei pfälzischen Kanonen ab. Als wir nach Blankenloch kamen, anderthalb Stunden von Karlsruhe gegen Bruchsal zu, fanden wir dort Herrn Clement mit seinem Bataillon und erfuhren, daß die preußischen Vorposten bis etwa eine Stunde von Blankenloch vorgeschoben seien. Während unsre Leute unterm Gewehr zu Abend speisten, hielten wir Kriegsrat. Willich schlug vor, die Preußen sogleich anzugreifen. Herr Clement erklärte, mit seinen ungeübten Truppen keinen nächtlichen Angriff machen zu können. Es wurde also beschlossen, daß wir sogleich auf Karlsdorf vorgehn, etwas vor Tagesanbruch angreifen und die preußische Linie zu durchbrechen suchen sollten. Gelang uns dies, so wollten wir auf Bruchsal marschieren und uns womöglich hineinwerfen. Herr Clement sollte dann bei Tagesanbruch über Friedrichsthal angreifen und unsre linke Flanke unterstützen.

Es war etwa Mitternacht, als wir aufbrachen. Unser Unternehmen war passabel verwegen. Wir waren nicht ganz siebenhundert Mann mit zwei Kanonen; unsre Truppen waren besser exerziert und zuverlässiger als der Rest der Pfälzer Truppen, auch ziemlich ans Feuer gewöhnt. Wir wollten mit ihnen ein feindliches Korps angreifen, das jedenfalls viel geübter und mit geübtern Subalternoffizieren versehen war als wir, bei denen einzelne Hauptleute kaum in der Bürgerwehr gewesen waren; ein Korps, dessen Stärke wir nicht genau kannten, das aber nicht unter 4.000 Mann zählte. Unser Korps hatte indessen schon ungleichere Kämpfe bestanden, und auf minder ungünstige Zahlenverhältnisse war ja in diesem Feldzug überhaupt nicht zu rechnen.

Wir schickten zehn Studenten als Avantgarde hundert Schritt vor; dann folgte die erste Kolonne, an der Spitze ein halbes Dutzend badische Dragoner, die uns zum Stafettendienst zugeteilt waren, dahinter drei Kompanien. Die Geschütze nebst den drei übrigen Kompanien blieben etwas weiter zurück, die Schützen bildeten den Schluß. Der Befehl war gegeben, unter keiner Bedingung zu schießen, mit der größten Stille zu marschieren und, sowie der Feind sich zeige, mit dem Bajonett auf ihn loszugehn.

Bald sahen wir in der Ferne den Schein der preußischen Wachtfeuer. Wir kommen unangefochten bis Spöck. Das Gros hält; die Avantgarde allein marschiert vor. Plötzlich fallen Schüsse; auf der Straße am Eingang des Dorfes flackert ein helles Strohfeuer auf, die Glocke läutet Sturm. Rechts und links gehen unsre Plänkler um das Dorf, und die Kolonne marschiert hinein. <175> Drinnen brennen ebenfalls große Feuer; an jeder Ecke erwarten wir eine Salve. Aber alles ist still, und nur eine Art Wachtposten von Bauern kampiert vor dem Rathaus. Der preußische Posten hatte sich bereits davongemacht.

Die Herren Preußen - das sahen wir hier - hielten sich trotz ihrer kolossalen Überzahl nicht für sicher, wenn sie nicht ihre pedantischen Vorpostendienstreglements bis ins langweiligste Detail ausgeführt hatten. Eine ganze Stunde weit von ihrem Lager stand dieser äußerste Posten. Hätten wir unsre, an Kriegsstrapazen ungewohnten Leute in derselben Weise durch Vorpostendienst abmatten wollen, wir hätten zahllose Marode gehabt. Wir verließen uns auf die preußische Ängstlichkeit und waren der Meinung, sie würden mehr Respekt vor uns haben als wir vor ihnen. Und mit Recht. Unsre Vorposten wurden bis an die Schweizer Grenze nie angegriffen, unsre Quartiere nie überfallen.

Jedenfalls waren die Preußen jetzt avertiert. Sollten wir umkehren? Wir waren nicht der Ansicht, wir marschierten durch.

Bei Neuthard <In der "Revue": Neithart> abermals die Sturmglocke; diesmal aber weder Signalfeuer noch Schüsse. Wir marschieren in etwas geschlossener Ordnung auch hier durch das Dorf und die Höhe gegen Karlsdorf hinan. Unsre Avantgarde, jetzt nur noch dreißig Schritt vor, ist kaum auf der Höhe angekommen, als sie die preußische Feldwache dicht vor sich sieht und von ihr angerufen wird. Ich höre das "Wer da?"' und springe vor. Einer meiner Kameraden sagte: "Der ist verloren, den sehn wir auch nicht wieder." Aber gerade mein Vorgehn war meine Rettung.

In demselben Augenblick nämlich gibt die feindliche Feldwache eine Salve, und unsre Avantgarde, statt sie mit dem Bajonett über den Haufen zu werfen, feuert wieder. Die Dragoner, neben denen ich marschiert hatte, machen mit ihrer gewöhnlichen Feigheit sofort kehrt, sprengen im Galopp in die Kolonne hinein, reiten eine Anzahl Leute nieder, sprengen die ersten vier bis sechs Sektionen total auseinander und galoppieren davon. Zugleich geben die in den Feldern rechts und links aufgestellten feindlichen Vedetten Feuer auf uns, und um die Verwirrung vollständig zu machen, fangen mitten in unsrer Kolonne einige Tölpel an, auf ihre eigne Spitze zu feuern, und andere Tölpel machen es ihnen nach. In einem Nu ist die erste Hälfte der Kolonne zersprengt, teils in den Feldern zerstreut, teils auf der Flucht, teils auf der Straße in verworrenem Knäul zusammengeballt. Verwundete, Tornister, Hüte, Flinten liegen bunt durcheinander im jungen Korn. Dazwischen wildes, verworrenes Geschrei, Schüsse und Kugelpfeifen in allen möglichen Rich- <176> tungen. Und wie der Lärm etwas nachläßt, höre ich weit hinten unsre Kanonen in eiliger Flucht davonrollen. Sie hatten der zweiten Hälfte der Kolonne denselben Dienst geleistet wie die Dragoner der ersten.

So wütend ich in diesem Augenblick über den kindischen Schrecken war, der unsre Soldaten ergriffen hatte, so erbärmlich kamen mir die Preußen vor, die, avertiert, wie sie von unsrer Ankunft waren, das Feuer nach ein paar Schüssen einstellten und ebenfalls eiligst ausrissen. Unsre Avantgarde stand noch auf ihrem alten Platz, und ganz unangegriffen. Eine Schwadron Kavallerie oder ein erträglich genährtes Tirailleurfeuer hätte uns in die wildeste Flucht aufgelöst.

Willich kam von der Avantgarde eilig herangesprungen. Die Besançoner Kompanie war zuerst wieder formiert; die andern, mehr oder minder beschämt, schlossen sich an. Es wurde eben Tag. Unser Verlust betrug sechs Verwundete, worunter einer unsrer Stabsoffiziere, der an derselben Stelle von einem Dragonerpferd zu Boden gestampft war, die ich den Augenblick vorher verlassen hatte, um zur Avantgarde zu eilen. Mehrere andere waren offenbar von den Kugeln unsrer eignen Leute getroffen. Wir sammelten sorgfältig alle weggeworfenen Armaturstücke auf, damit den Preußen auch nicht die geringste Trophäe zufiele, und zogen uns dann langsam nach Neuthard zurück. Die Schützen postierten sich zur Deckung hinter die ersten Häuser. Aber kein Preuße kam; und als Zychlinski noch einmal rekognoszieren ging, fand er sie noch hinter der Höhe, von woher sie ihm ein paar Kugeln sandten, ohne etwas zu treffen.

Die Pfälzer Bauern, die unsre Geschütze fuhren, waren mit der einen Kanone bis durch das Dorf gefahren; die andere hatte umgeworfen, und die Führer waren mit fünf Pferden, deren Stränge sie abhieben, fortgeritten. Wir mußten das Geschütz aufrichten und mit dem einen Stangenpferde allein fortschaffen.

Bei Spöck angekommen, hörten wir rechts, nach Friedrichsthal zu, eine allmählich lebhafter werdende Füsillade. Herr Clement hatte, eine Stunde später als verabredet, endlich angegriffen. Ich schlug vor, ihn durch einen Flankenangriff zu unterstützen, um die erhaltene Scharte auszuwetzen. Willich war derselben Meinung und befahl, den ersten Weg rechts einzuschlagen. Ein Teil unsres Korps hatte schon eingebogen, als ein Ordonnanzoffizier von Clement meldete, dieser ziehe sich zurück. Wir gingen also nach Blankenloch. Bald begegnete uns Herr Beust vom Generalstab und war höchst erstaunt, uns am Leben und das Korps in bester Ordnung zu sehn. Die schuftigen Dragoner hatten auf ihrer Flucht, die bis Karlsruhe ging, überall erzählt, Willich sei tot, die Offiziere seien alle tot und das Korps in alle vier Winde zersprengt und <177> vernichtet. Man habe mit Kartätschen und "feurigen Bombenkugeln" auf uns geschossen.

Vor Blankenloch kamen uns pfälzische und badische Truppen entgegen und endlich Herr Sznayde mit seinem Stab. Der alte Kauz, der die Nacht wahrscheinlich sehr ruhig im Bette zugebracht hatte, war unverschämt genug, uns zuzurufen: "Meine Herren, wo gehen Sie hin? Dort ist der Feind!" Wir antworteten ihm natürlich, wie sich's gebührte, marschierten vorbei und sorgten in Blankenloch für etwas Ruhe und Erfrischung. Nach zwei Stunden kam Herr Sznayde mit seiner Truppe zurück, natürlich ohne den Feind gesehen zu haben, und frühstückte.

Herr Sznayde hatte jetzt mit den aus Karlsruhe und Umgegend erhaltenen Verstärkungen ungefähr 8.000 bis 9.000 Mann unter seinem Befehl, darunter drei badische Linienbataillone und zwei badische Batterien. Im ganzen mochten 25 Geschütze dabeisein. Infolge der etwas unbestimmten Befehle Mieroslawskis und noch mehr der totalen Unfähigkeit des Herrn Sznayde blieb die ganze pfälzische Armee in der Gegend von Karlsruhe stehn, bis die Preußen unter dem Schutz des Germersheimer Brückenkopfs über den Rhein gegangen waren. Mieroslawski (s. seine Rapporte über den Feldzug in Baden) hatte den allgemeinen Befehl gegeben, nach dem Rückzug aus der Pfalz die Rheinübergänge von Speyer bis Knielingen zu verteidigen, und den speziellen, Karlsruhe zu decken und die Knielinger Brücke zum Sammelplatz des ganzen Armeekorps zu machen. Herr Sznayde legte dies so aus, daß er bis auf weiteres bei Karlsruhe und Knielingen stehnbleiben sollte. Hätte er, wie die allgemeinen Befehle Mieroslawskis implizierten, ein starkes Korps mit Artillerie gegen den Germersheimer Brückenkopf geschickt, so wäre nicht der Unsinn passiert, daß man dem Major Mniewski, mit 450 Rekruten ohne Geschütz, den Befehl gab, den Brückenkopf wegzunehmen, so wären nicht 30.000 Preußen unangefochten über den Rhein gekommen, so wäre nicht die Verbindung mit Mieroslawski abgeschnitten worden, so hätte die Pfälzer Armee rechtzeitig auf dem Schlachtfeld von Waghäusel erscheinen können. Statt dessen trieb sie sich am Tage des Waghäuseler Gefechts, am 21. Juni, ratlos zwischen Friedrichsthal, Weingarten und Bruchsal umher, verlor den Feind aus den Augen und vergeudete die Zeit mit Kreuz- und Quermärschen.

Wir erhielten Befehl, nach dem rechten Flügel aufzubrechen und über Weingarten am Bergrande vorzugehn. Wir brachen also an demselben Mittag - den 21. Juni - von Blankenloch und abends gegen fünf von Weingarten auf. Die Pfälzer Truppen fingen endlich an, unruhig zu werden; sie merkten, welche Überzahl ihnen entgegenstand, und verloren die prahlerische Sicherheit, die sie bisher wenigstens vor dem Gefecht gehabt hatten. Von jetzt <178> an begann bei der pfälzischen und badischen Volkswehr und allmählich auch bei der Linie und Artillerie jene Preußenriecherei, jene alltägliche Wiederholung blinden Lärms, die alles in Verwirrung brachte und zu den ergötzlichsten Szenen Anlaß gab. Gleich auf der ersten Höhe hinter Weingarten stürzten uns Patrouillen und Bauern mit dem Ruf entgegen: Die Preußen sind da! Unser Korps formierte sich in Schlachtordnung und ging vor. Ich ging ins Städtchen zurück, um dort Alarm schlagen zu lassen, und verlor dadurch das Korps. Der ganze Lärm war natürlich grundlos. Die Preußen hatten sich gegen Waghäusel zurückgezogen, und Willich rückte noch denselben Abend in Bruchsal ein.

Ich brachte die Nacht mit Herrn Oswald und seinem Pfälzer Bataillon in Obergrombach zu und marschierte mit diesem am nächsten Morgen nach Bruchsal. Vor der Stadt kommen uns Wagen mit Nachzüglern entgegen: Die Preußen sind da! Sogleich geriet das ganze Bataillon ins Schwanken, und nur mit Mühe war es vorwärts zu bringen. Natürlich wieder blinder Lärm; in Bruchsal lag Willich und der Rest der Pfälzer Avantgarde; die übrigen rückten nach der Reihe ein, und von den Preußen war keine Spur. Außer der Armee und ihren Führern waren d'Ester, die pfälzische Exregierung und Goegg dort, der überhaupt seit Brentanos unwidersprechlich gewordener Diktatur sich fast ausschließlich bei der Armee aufhielt und die laufenden Zivilgeschäfte besorgen half. Die Verpflegung war schlecht, die Verwirrung groß. Nur im Hauptquartier wurde, wie immer, gut gelebt.

Wir erhielten abermals eine ansehnliche Zahl Patronen aus den Karlsruher Vorräten und marschierten abends ab, mit uns die ganze Avantgarde. Während diese in Ubstadt ihr Quartier aufschlug, zogen wir nach Unteröwisheim rechts ab, um im Gebirg die Flanke zu decken.

Wir waren jetzt, dem Ansehen nach, eine ganz respektable Macht. Unser Korps hatte sich durch zwei neue Abteilungen verstärkt. Erstens durch das Bataillon Langenkandel, das auf dem Wege von seiner Heimat bis zur Knielinger Brücke auseinandergelaufen war und dessen beaux restes <schöne Überreste> sich uns angeschlossen hatten; sie bestanden aus einem Hauptmann, einem Leutnant, einem Fahnenträger, einem Feldwebel, einem Unteroffizier und zwei Mann. Zweitens die "Kolonne Robert Blum" mit einer roten Fahne, ein Korps von ungefähr sechzig Mann, die wie die Kannibalen aussahen und im Requirieren bedeutende Heldentaten verrichtet hatten. Außerdem waren uns noch vier badische Geschütze und ein Bataillon badischer Volkswehr zugeteilt, das Bataillon Kniery, Knüry oder Knierim (die richtige Lesart des Namens war <179> nicht zu entdecken). Das Bataillon Knierim war seines Führers, und Herr Knierim war seines Bataillons würdig. Beide waren gesinnungstüchtig, erschreckliche Maulhelden und Lärmschläger und stets besoffen. Die bekannte "Begeisterung" durchzuckte ihre Herzen, wie wir sehen werden, zu den gewaltigsten Heldentaten.

Am Morgen des 23. erhielt Willich ein Billett von Anneke, der die pfälzische Avantgarde in Ubstadt kommandierte, des Inhalts: Der Feind rücke heran, man habe Kriegsrat gehalten und beschlossen, sich zurückzuziehn. Willich, im höchsten Grade erstaunt über diese seltsame Nachricht, ritt sogleich hinüber, bewog Anneke und seine Offiziere, das Gefecht bei Ubstadt anzunehmen, rekognoszierte selbst die Position und gab die Aufstellung der Geschütze an. Er kam dann zurück und ließ seine Leute unters Gewehr treten. Während unsre Truppen sich aufstellten, erhielten wir folgenden Befehl aus dem Hauptquartier Bruchsal, unterzeichnet von Techow: Das Gros der Armee werde auf der Straße nach Heidelberg vorgehn und hoffe, denselben Tag noch bis Mingolsheim zu kommen, und wir sollten gleichzeitig über Odenheim auf Waldangelloch marschieren und dort übernachten. Weitere Nachrichten über die Erfolge des Hauptkorps und Befehle über unser ferneres Verhalten würden uns dorthin nachgeschickt werden.

Herr Struve hat in seiner abenteuerlichen "Geschichte der drei Volkserhebungen in Baden", p. 311-317, einen Bericht über die Operationen der Pfälzer Armee vom 20. bis 26. Juni veröffentlicht, der nur eine Apologie des unfähigen Sznayde ist und von Unrichtigkeiten und Entstellungen wimmelt. Schon aus dem Erzählten geht hervor, 1. daß Sznayde keineswegs "einige Stunden nach seinem Einrücken in Bruchsal (am 22.) sichere Kunde über das Treffen von Waghäusel und dessen Ausgang erhielt"; 2. daß also keineswegs "hierdurch sein Plan ein andrer wurde und daß er, statt nach Mingolsheim zu marschieren, wie anfangs die Absicht gewesen", keineswegs schon am 22. "beschloß, mit dem Gros seiner Division in Bruchsal zu bleiben" (das erwähnte Billett von Techow war in der Nacht vom 22. auf den 23. geschrieben); 3. daß keineswegs "am Morgen des 23. eine große Rekognoszierung vorgenommen werden sollte", sondern allerdings der Marsch auf Mingolsheim. Daß 4. "alle Detachements Befehl erhielten, sobald sie feuern hörten, in der Richtung des Feuers zu marschieren", und 5. "das Detachement des rechten Flügels (Willich) sein Nichterscheinen beim Gefecht von Ubstadt damit entschuldigte, es habe vom Feuern nichts gehört", sind, wie sich zeigen wird, grobe Lügen.

Wir marschierten sogleich ab. In Odenheim sollte gefrühstückt werden. Einige bayrische Chevaulegers, die uns zum Stafettendienst zugeteilt waren, <180> ritten links um das Dorf, um etwaige feindliche Korps zu rekognoszieren. Preußische Husaren waren im Dorf gewesen und hatten Fourage requiriert, die sie später abholen wollten. Während wir diese Fourage mit Beschlag belegten und unsre Leute unterm Gewehr Wein und Eßwaren verteilt erhielten, kam einer der Chevaulegers hereingesprengt und schrie: Die Preußen sind da! In einem Nu war das Bataillon Knierim, das zunächst stand, aus den Gliedern und wälzte sich in einem wilden Knäuel schreiend, fluchend und polternd in allen Richtungen durcheinander, während der Herr Major über seinem scheu gewordnen Pferd seine Leute im Stich lassen mußte. Willich kam herangeritten, stellte die Ordnung wieder her, und wir marschierten ab. Die Preußen waren natürlich nicht da.

Auf der Höhe hinter Odenheim hörten wir den Kanonendonner von Ubstadt herüber. Die Kanonade wurde bald lebhafter. Geübtere Ohren konnten schon die Kugelschüsse von den Kartätschenschüssen unterscheiden. Wir hielten Rat, ob unser Marsch fortgesetzt oder die Richtung des Feuers eingeschlagen werden sollte. Da unser Befehl positiv war und da das Feuer sich nach der Richtung von Mingolsheim zu ziehen schien, was ein Vorrücken der Unsern bezeichnete, entschlossen wir uns für den gefährlicheren Marsch, den auf Waldangelloch. Wurden die Pfälzer bei Ubstadt geschlagen, so waren wir dort oben im Gebirg so gut wie abgeschnitten und in einer ziemlich kritischen Position.

Herr Struve behauptet, das Gefecht bei Ubstadt hätte "zu glänzenden Resultaten führen können, wenn die Seitendetachements im gehörigen Moment eingegriffen hätten" (p. 314). Die Kanonade dauerte keine Stunde, und wir hätten zwei bis zweieinhalb Stunden gebraucht, um zwischen Stettfeld <In der "Revue": "Mattfeld"> und Ubstadt auf dem Kampfplatz erscheinen zu können, daß heißt anderthalb Stunden, nachdem er aufgegeben war. So schreibt Herr Struve "Geschichte".

In der Nähe von Tiefenbach wurde haltgemacht. Während unsre Truppen sich erfrischten, expedierte Willich einige Depeschen. Das Bataillon Knierim entdeckte in Tiefenbach eine Art Gemeindekeller, belegte ihn mit Beschlag, holte die Weinfässer heraus, und in Zeit von einer Stunde war alles berauscht. Der Ärger über den Preußenschrecken vom Morgen, der Kanonendonner von Ubstadt, das geringe Vertrauen dieser Helden ineinander und in ihre Offiziere, alles das, durch den Wein gesteigert, brach plötzlich in offene Rebellion aus. Sie verlangten, es solle sofort zurückmarschiert werden; das ewige Marschieren in den Bergen vor dem Feind gefalle ihnen nicht. Als davon natürlich keine Rede war, machten sie kehrt und marschierten auf eigene <181> Faust ab. Die menschenfressende "Kolonne Robert Blum" schloß sich ihnen an. Wir ließen sie ziehn und marschierten nach Waldangelloch.

Hier, in einem tiefen Talkessel, war es unmöglich, mit einiger Sicherheit zu übernachten. Es wurde also haltgemacht und Nachrichten über die Terrainverhältnisse der Umgegend und die Stellung des Feindes eingezogen. Inzwischen hatten sich durch Bauern einzelne vage Gerüchte vom Rückzug der Neckararmee verbreitet. Man wollte wissen, daß über Sinsheim und Eppingen bedeutende badische Korps auf Bretten zu marschiert seien, daß Mieroslawski selbst in strengstem Inkognito durchgekommen sei und man ihn in Sinsheim habe verhaften wollen. Die Artillerie wurde unruhig, und selbst unsere Studenten fingen an zu murren. Die Artillerie wurde also zurückgeschickt, und wir marschierten auf Hilsbach. Hier erfuhren wir Näheres über den seit 48 Stunden bewerkstelligten Rückzug der Neckararmee und über die anderthalb Stunden von uns, in Sinsheim, stehenden Bayern. Ihre Zahl wurde auf 7.000 angegeben, war aber, wie wir später erfuhren, gegen 10.000. Wir waren nur 700 Mann höchstens. Unsre Leute konnten nicht weitermarschieren. Wir quartierten sie also in Scheunen ein, wie immer, wenn wir sie möglichst zusammenhalten mußten, stellten starke Feldwachen aus und legten uns schlafen. Als wir am nächsten Morgen, dem 24., ausmarschierten, hörten wir ganz deutlich bayrischen Feldschritt schlagen. Eine gute Viertelstunde nach unserm Abmarsch waren die Bayern in Hilsbach.

Mieroslawski hatte zwei Tage vorher, am 22., in Sinsheim übernachtet und war bereits mit seinen Truppen in Bretten, als wir in Hilsbach einrückten. Becker, der die Arrieregarde führte, war ebenfalls schon durch. Er kann also nicht, wie Herr Struve p. 308 behauptet, die Nacht vom 23. auf den 24. in Sinsheim zugebracht haben, denn dort standen abends acht Uhr, und wahrscheinlich schon früher, die Bayern, die schon den Abend vorher Mieroslawski ein kleines Gefecht geliefert hatten. Der Rückzug Mieroslawskis von Waghäusel über Heidelberg nach Bretten wird von den Beteiligten als ein höchst gefährliches Manöver dargestellt. Die Operationen Mieroslawskis vom 20. Juni bis zum 24., die rasche Konzentrierung eines Korps bei Heidelberg, mit dem er sich auf die Preußen warf, und sein rascher Rückzug nach dem Verlust des Gefechts bei Waghäusel, bilden allerdings den glänzendsten Teil seiner gesamten Tätigkeit in Baden; daß aber gegenüber einem so schläfrigen Feind dies Manöver keineswegs so gefährlich war, beweist unser mit einem kleinen Korps von Hilsbach aus 24 Stunden später ganz unbelästigt bewerkstelligter Rückzug. Selbst durch das Defilee von Flehingen <In der "Revue": Fleingen>, wo schon <182> Mieroslawski am 23. einen Angriff erwartet hatte, kamen wir unangegriffen und marschierten auf Büchig. Hier wollten wir bleiben, um das von Mieroslawski bei Bretten aufgeschlagene Lager vor einem ersten Angriff zu decken.

Überall auf unserm Marsch, der über Eppingen, Zaisenhausen und Flehingen ging, erregten wir Verwunderung, da schon alle Korps der Neckararmee, auch die Arrieregarde, durchmarschiert waren. Als wir in Büchig einmarschierten und unser Hornist anblies, erregten wir dort einen Preußenschrecken. Ein Kommando Brettener Bürgerwehr, das Lebensmittel für Mieroslawskis Lager requirierte, hielt uns für Preußen und bot das schönste Beispiel von Verwirrung dar, bis wir um die Ecke bogen und der Anblick unsrer Blusen sie beruhigte. Wir nahmen die Lebensmittel sogleich in Beschlag und hatten sie kaum verzehrt, als die Nachricht, Mieroslawski sei mit allen Truppen von Bretten aufgebrochen, unsern Abzug nach Bretten veranlaßte.

In Bretten blieben wir über Nacht, während die Bürgerwehr Vorposten ausstellte. Für den nächsten Morgen waren Wagen requiriert, um das ganze Korps nach Ettlingen zu führen. Da Bruchsal schon am 24. von den Preußen genommen war und wir uns für den Fall, daß die Straße über Diedelsheim nach Durlach vom Feinde besetzt war (sie war es, wie wir später erfuhren, wirklich), in kein Gefecht einlassen konnten, so blieb uns kein andrer Weg zur Hauptarmee.

In Bretten kam eine Deputation der Studenten zu uns mit der Erklärung, das ewige Marschieren vor dem Feinde gefalle ihnen nicht und sie bäten um ihre Entlassung. Sie erhielten, wie sich versteht, zur Antwort, vor dem Feinde werde niemand entlassen; wenn sie aber desertieren wollten, so stehe ihnen das frei. Ungefähr die Hälfte der Kompanie marschierte darauf ab; der Rest schmolz durch Einzeldesertion bald so zusammen, daß nur noch die Schützen übrigblieben. Überhaupt zeigten sich die Studenten während des ganzen Feldzugs als malkontente, ängstliche junge Herrchen, die immer in alle Operationspläne eingeweiht sein wollten, über wunde Füße klagten und murrten, wenn der Feldzug nicht alle Annehmlichkeiten einer Ferienreise bot. Unter diesen "Vertretern der Intelligenz" waren nur einige, die durch wirklich revolutionären Charakter und glänzenden Mut eine Ausnahme machten.

Eine halbe Stunde nach unserm Abmarsch, wurde uns später berichtet, rückte der Feind in Bretten ein. Wir kamen nach Ettlingen, wo uns Herr Corvin-Wiersbitzki aufforderte, nach Durlach zu marschieren, wo Becker den Feind aufhalten solle, bis Karlsruhe ausgeräumt sei. Willich schickte einen Chevauleger mit einem Billett an Becker, um zu erfahren, ob er sich noch <183> einige Zeit halten wolle; der Mann kam in einer Viertelstunde mit der Nachricht zurück, die Truppen Beckers seien ihm schon in vollem Rückzug entgegengekommen. Wir marschierten also nach Rastatt ab, wo sich alles konzentrierte.

Die Straße nach Rastatt bot das Bild der schönsten Unordnung dar. Eine Menge der verschiedensten Korps marschierten oder lagerten bunt durcheinander, und nur mit Mühe hielten wir unter der glühenden Sonnenhitze und der allgemeinen Verwirrung unsre Leute zusammen. Auf dem Glacis von Rastatt lagerten die Pfälzer Truppen und einige badische Bataillone. Die Pfälzer waren sehr zusammengeschmolzen. Das beste Korps, das rheinhessische, war vor dem Gefecht von Ubstadt durch die Herren Zitz und Bamberger in Karlsruhe zusammenberufen worden. Diese tapfern Freiheitskämpfer eröffneten dem Korps: Es sei alles verloren, die Übermacht sei zu groß, noch könnten sie alle ungefährdet heimkehren; sie, der Parlamentspolterer Zitz und der mutige Bamberger, wollten ihr Gewissen frei halten von unschuldig vergossenem Blut und sonstigem Unheil und erklärten damit das Korps für aufgelöst. Die Rheinhessen waren über diese infame Zumutung natürlich so entrüstet, daß sie die beiden Verräter arretieren und erschießen wollten; auch d'Ester und die Pfälzer Regierung stellten ihnen nach, um sie zu verhaften. Aber die ehrenwerten Bürger waren bereits entflohen, und der tapfere Zitz sah sich schon vom sichern Basel aus den weitern Verlauf der Reichsverfassungskampagne an. Wie im September 1848 mit seiner "Frakturschrift", so im Mai 1849 hatte Herr Zitz zu denjenigen Parlamentsrenommisten gehört, die das Volk am meisten zum Aufstand gereizt hatten, und beide Male nahm er einen rühmlichen Platz unter denen ein, die es im Aufstand zuerst im Stich ließen. Auch bei Kirchheimbolanden war Herr Zitz unter den ersten Ausreißern, während seine Schützen sich schlugen und füsiliert wurden. - Das rheinhessische Korps, ohnehin wie alle Korps durch Desertion schon sehr geschwächt, durch den Rückzug nach Baden entmutigt, verlor momentan allen Halt. Ein Teil löste sich auf und ging nach Hause; der Rest formierte sich neu und focht bis ans Ende des Feldzugs mit. Die übrigen Pfälzer wurden bei Rastatt durch die Nachricht demoralisiert, daß alle, die bis zum 5. Juli nach Hause zurückkehrten, Amnestie erhalten sollten. Mehr als die Hälfte lief auseinander, Bataillone schmolzen zu Kompanien zusammen, die Subalternoffiziere waren zum großen Teil fort, und die etwa 1.200 Mann, die noch zusammenblieben, waren fast gar nichts mehr wert. Auch unser Korps, wenn auch keineswegs entmutigt, war doch durch Verluste, Krankheiten und die Desertion der Studenten auf wenig mehr als 500 Mann zusammengeschmolzen.

<184> Wir kamen nach Kuppenheim, wo schon andre Truppen standen, ins Quartier. Am nächsten Morgen ging ich mit Willich nach Rastatt und traf dort Moll wieder.

Den mehr oder weniger gebildeten Opfern des badischen Aufstandes sind von allen Seiten in der Presse, in den demokratischen Vereinen, in Versen und in Prosa Denksteine gesetzt worden. Von den Hunderten und Tausenden von Arbeitern, die die Kämpfe ausgefochten, die auf den Schlachtfeldern gefallen, die in den Rastatter Kasematten lebendig verfault sind oder jetzt im Auslande allein von allen Flüchtlingen das Exil bis auf die Hefen des Elends durchzukosten haben - von denen spricht niemand. Die Exploitation der Arbeiter ist eine althergebrachte, zu gewohnte Sache, als daß unsre offiziellen "Demokraten" die Arbeiter für etwas andres ansehen sollten als für agitablen, exploitablen und exlosiblen Rohstoff, für pures Kanonenfutter. Um die revolutionäre Stellung des Proletariats, um die Zukunft der Arbeiterklasse zu begreifen, dazu sind unsre Demokraten viel zu unwissend und bürgerlich. Deswegen sind ihnen auch jene echt proletarischen Charaktere verhaßt, die, zu stolz, um ihnen zu schmeicheln, zu einsichtig, um sich von ihnen benutzen zu lassen, dennoch jedesmal mit den Waffen in der Hand dastehn, wenn es sich um den Umsturz einer bestehenden Gewalt handelt, und die in jeder revolutionären Bewegung die Partei des Proletariats direkt vertreten. Liegt es aber nicht im Interesse der sog. Demokraten, solche Arbeiter anzuerkennen, so ist es Pflicht der Partei des Proletariats, sie so zu ehren, wie sie es verdienen. Und zu den besten dieser Arbeiter gehörte Joseph Moll von Köln.

Moll war Uhrmacher. Er hatte Deutschland seit Jahren verlassen und in Frankreich. Belgien und England an allen revolutionären öffentlichen und geheimen Gesellschaften teilgenommen. Den deutschen Arbeiterverein in London hatte er 1840 mit stiften helfen. Nach der Februarrevolution kam er nach Deutschland zurück und übernahm bald mit seinem Freunde Schapper die Leitung des Kölner Arbeitervereins. Flüchtig in London seit dem Kölner Septemberkrawall von 1848, kam er bald unter falschem Namen nach Deutschland zurück, agitierte in den verschiedensten Gegenden und übernahm Missionen, deren Gefährlichkeit jeden andren zurückschreckte. In Kaiserslautern traf ich ihn wieder. Auch hier übernahm er Missionen nach Preußen, die ihm, wäre er entdeckt worden, sofortige Begnadigung zu Pulver und Blei zuziehen mußten. Von seiner zweiten Mission zurückkehrend, kam er durch alle feindlichen Armeen glücklich durch bis Rastatt, wo er sofort in die Besançoner Arbeiterkompanie unsres Korps eintrat. Drei Tage nachher war er gefallen. Ich verlor in ihm einen alten Freund, die Partei einen ihrer unermüdlichsten, unerschrockensten und zuverlässigsten Vorkämpfer.

<185> Die Partei des Proletariats war ziemlich stark in der badisch-pfälzischen Armee vertreten, besonders in den Freikorps, wie im unsrigen, in der Flüchtlingslegion usw., und sie kann ruhig alle andern Parteien herausfordern, auf nur einen einzigen ihrer Angehörigen den geringsten Tadel zu werfen. Die entschiedensten Kommunisten waren die couragiertesten Soldaten.

Am nächsten Tage, am 27., wurden wir etwas weiter ins Gebirg, nach Rothenfels verlegt. Die Einteilung der Armee und die Dislozierung der verschiedenen Korps wurde allmählich festgestellt. Wir gehörten zur Division des rechten Flügels, die von Oberst Thome, demselben, der Mieroslawski in Meckesheim hatte verhaften wollen und dem man kindischerweise sein Kommando gelassen hatte, und vom 27. an von Mersy befehligt wurde. Willich, der das ihm von Sigel angebotene Kommando der Pfälzer ausgeschlagen hatte, fungierte als Chef des Divisionsstabs. Die Division stand von Gernsbach und der württembergischen Grenze bis jenseits Rothenfels und lehnte sich links an die Division Oborski, die um Kuppenheim konzentriert war. Die Avantgarde war bis an die Grenze sowie nach Sulzbach, Michelbach und Winkel vorgeschoben. Die Verpflegung, anfangs regellos und schlecht, wurde vom 27. an besser. Unsre Division bestand aus mehreren badischen Linienbataillonen, dem Rest der Pfälzer unter Held Blenker, unsrem Korps und einer oder anderthalb Batterien Artillerie. Die Pfälzer lagen in Gernsbach und Umgegend, die Linie und wir in und um Rothenfels. Das Hauptquartier war in dem gegenüber Rothenfels liegenden Hotel zur Elisabethenquelle.

Wir saßen - der Divisionsstab und der unsres Korps nebst Moll, Kinkel und andern Freischärlern - in diesem Hotel am 28. nach Tische eben beim Kaffee, als die Nachricht ankam, unsre Vorhut bei Michelbach sei von den Preußen angegriffen. Wir brachen gleich auf, obwohl wir alle Ursache hatten zu vermuten, daß der Feind nur eine Rekognoszierung beabsichtige. Es war in der Tat weiter nichts. Das von den Preußen momentan eroberte, unten im Tal gelegene Dorf Michelbach war ihnen bei unsrer Ankunft schon wieder abgenommen. Man schoß von beiden Bergabhängen über das Tal hin aufeinander und verschoß nutzlos viel Munition. Ich sah nur einen Toten und einen Verwundeten. Während die Linie ihre Patronen auf Entfernungen von 600 bis 800 Schritt zwecklos verschoß, ließ Willich unsre Leute sehr ruhig die Gewehre zusammenstellen und sich dicht neben den angeblichen Kämpfern und im angeblichen Feuer ausruhen. Nur die Schützen gingen den waldigen Abhang hinab und vertrieben, von einigen Linientruppen unterstützt, die Preußen von der gegenüberliegenden Höhe. Einer unsrer Schützen schoß mit seinem kolossalen Standrohr, einer wahren tragbaren Kanone, auf <186> ungefähr 900 Schritt einen preußischen Offizier vom Pferde; seine ganze Kompanie machte sofort rechtsum und marschierte in den Wald zurück. Eine Anzahl preußischer Toten und Verwundeten sowie zwei Gefangene fielen in unsre Hände.

Am nächsten Tag fand der allgemeine Angriff auf der ganzen Linie statt. Diesmal störten uns die Herren Preußen beim Mittagessen. Der erste Angriff, der uns gemeldet wurde, war gegen Bischweier, also gegen den Verbindungspunkt der Division Oborski mit der unsrigen. Willich drang darauf, daß unsre Truppen bei Rothenfels möglichst disponibel gehalten werden sollten, da der Hauptangriff jedenfalls in der entgegengesetzten Richtung, bei Gernsbach, zu erwarten sei. Aber Mersy antwortete: Man wisse ja, wie es gehe; wenn eines unsrer Bataillone angegriffen werde und die übrigen kämen ihm nicht gleich in Masse zur Hülfe, so würde über Verrat geschrieen, und alles risse aus. Es wurde also gegen Bischweier zu marschiert.

Willich und ich gingen mit der Schützenkompanie auf der Straße nach Bischweier auf dem rechten Murgufer vor. Eine halbe Stunde von Rothenfels stießen wir auf den Feind. Die Schützen verteilten sich in Tirailleurlinie, und Willich ritt zurück, um das Korps, das etwas zurückstand, in die Linie zu holen. Eine Zeitlang hielten unsre Schützen, hinter Obstbäumen und Weinbergen gedeckt, ein ziemlich lebhaftes Feuer aus, das sie ebenso lebhaft erwiderten. Als aber eine starke feindliche Kolonne auf der Straße vorrückte, um ihre Tirailleure zu unterstützen, gab der linke Flügel unsrer Schützen nach und war trotz alles Zuredens nicht mehr zum Stehen zu bringen. Der rechte war weiter hinauf gegen die Höhen vorgegangen und wurde später von unserm Korps aufgenommen.

Als ich sah, daß mit den Schützen nichts zu machen war, überließ ich sie ihrem Schicksal und ging nach den Höhen zu, wo ich die Fahnen unsres Korps sah. Eine Kompanie war zurückgeblieben; ihr Hauptmann, ein Schneider, sonst ein braver Kerl, wußte sich nicht zu helfen. Ich nahm sie mit zu den übrigen und traf Willich, als er eben die Besançoner Kompanie in Tirailleurlinie vorschickte und die übrigen dahinter in zwei Treffen, nebst einer zur Flankendeckung rechts gegen das Gebirg vorgeschickten Kompanie, aufstellte.

Unsre Tirailleure wurden von einem heftigen Feuer empfangen. Es waren preußische Schützen, die ihnen gegenüberstanden, und unsre Arbeiter hatten den Spitzkugelbüchsen nur Musketen gegenüberzustellen. Sie gingen aber, unterstützt von dem rechten Flügel unsrer Schützen, der zu ihnen stieß, so entschlossen vor, daß die kurze Entfernung sehr bald, namentlich auf dem rechten Flügel, die schlechtere Qualität der Waffe ausglich und die Preußen geworfen wurden. Die beiden Treffen blieben ziemlich dicht hinter der <187> Tirailleurlinie. Inzwischen waren auch zwei badische Geschütze links von uns, im Murgtal, aufgefahren und eröffneten das Feuer gegen preußische Infanterie und Artillerie, die auf der Straße stand.

Ungefähr eine Stunde mochte der Kampf hier unter dem lebhaftesten Gewehr- und Büchsenfeuer und unter fortwährendem Zurückgehen der Preußen gedauert haben - einige unsrer Schützen waren bereits bis nach Bischweier hereingekommen -, als die Preußen Verstärkung erhielten und ihre Bataillone vorschickten. Unsre Tirailleure zogen sich zurück; das erste Treffen gab Pelotonfeuer, das zweite zog sich eine Strecke links in einen Hohlweg und gab ebenfalls Feuer. Aber die Preußen drangen in dichten Massen auf der ganzen Linie nach; die beiden badischen Geschütze, die unsre linke Flanke deckten, waren schon zurückgegangen, in der rechten Flanke kamen die Preußen vom Gebirg herunter, und wir mußten zurück.

Sobald wir aus dem feindlichen Kreuzfeuer waren, nahmen wir neue Aufstellung am Gebirgsrand. Hatten wir bisher Front gegen die Rheinebene, gegen Bischweier und Niederweier gemacht, so machten wir jetzt Front gegen das Gebirg, das die Preußen von Oberweier her besetzt hatten. Jetzt endlich kamen auch die Linienbataillone in der Schlachtlinie an und nahmen den Kampf auf, in Gemeinschaft mit zwei Kompanien unsres Korps, die abermals zum Tiraillieren vorgeschickt wurden.

Wir hatten starke Verluste gehabt. Ungefähr dreißig fehlten, darunter Kinkel und Moll - die versprengten Schützen nicht zu rechnen. Die beiden Genannten waren mit dem rechten Flügel ihrer Kompanie und einigen Schützen zu weit vor gegangen. Der Schützenhauptmann, Oberförster Emmermann aus Thronecken in Rheinpreußen, der gegen die Preußen marschierte, als ging er auf die Hasenjagd, hatte sie an eine Stelle geführt, wo sie in einen Zug preußischer Artillerie hineinfeuerten und ihn zum eiligen Rückzug brachten. Sogleich aber debouchierte eine Kompanie Preußen aus einem Hohlweg und schoß auf sie. Kinkel stürzte, am Kopf getroffen, und wurde solange mitgeschleppt, bis er wieder allein gehen konnte; bald aber gerieten sie in ein Kreuzfeuer und mußten sehen, wie sie davonkamen. Kinkel konnte nicht mit und ging in einen Bauernhof, wo er von den Preußen gefangengenommen und gemißhandelt wurde; Moll erhielt einen Schuß durch den Unterleib, wurde ebenfalls gefangen und starb nachher an seiner Wunde. Auch Zychlinski hatte einen Prellschuß in den Nacken erhalten, der ihn indes nicht hinderte, beim Korps zu bleiben.

Während das Gros stehenblieb und Willich nach einer andern Gegend des Kampfplatzes ritt, eilte ich nach der Murgbrücke unterhalb Rothenfels, die eine Art Sammelplatz bildete. Ich wollte Nachrichten von Gernsbach haben. <188> Aber schon ehe ich hinkam, sah ich den Rauch des brennenden Gernsbach aufsteigen, und an der Brücke selbst erfuhr ich, daß man den Kanonendonner von dorther gehört habe. Ich ging später noch einigemal nach dieser Brücke; jedesmal schlimmere Nachrichten von Gernsbach <In der "Revue": Gernsberg>, jedesmal mehr badische Linientruppen hinter der Brücke versammelt, die, kaum im Feuer gewesen, schon demoralisiert waren. Der Feind war schon in Gaggenau, erfuhr ich zuletzt. Jetzt war hohe Zeit, ihm dort entgegenzutreten. Willich marschierte mit dem Korps über die Murg, um gegenüber Rothenfels Position zu fassen, und nahm noch vier Geschütze mit, die ihm gerade in den Wurf kamen. Ich ging, unsre beiden tiraillierenden Kompanien zu holen, die inzwischen weit vorgegangen waren. Überall kamen mir Linientruppen, großenteils ohne Offiziere, entgegen. Ein Detachement wurde von einem Arzt geführt, der die Gelegenheit benutzte, um sich mir mit folgenden Worten zu introduzieren: "Sie werden mich kennen, ich bin Neuhaus, der Chef der thüringischen Bewegung!" Die guten Leute hatten die Preußen überall geschlagen und kamen jetzt zurück, weil sie keinen Feind mehr sahen. Ich fand unsre Kompanien nirgends - sie waren durch Rothenfels aus demselben Grunde zurückgegangen - und begab mich wieder nach der Brücke. Hier traf ich Mersy mit seinem Stab und seinen Truppen. Ich bat ihn, mir wenigstens ein paar Kompanien zur Unterstützung Willichs mitzugeben. "Nehmen Sie die ganze Division, wenn Sie mit den Leuten noch etwas anfangen können", war die Antwort. Dieselben Soldaten, die den Feind auf allen Punkten zurückgetrieben hatten, die erst seit fünf Stunden auf den Beinen waren, lagen jetzt aufgelöst, demoralisiert, zu nichts brauchbar auf den Wiesen. Die Nachricht, daß sie in Gernsbach umgangen seien, hatte sie vernichtet. Ich ging meiner Wege. Eine von Michelbach zurückkommende Kompanie, die mir begegnete, war ebenfalls zu nichts zu bewegen. Als ich an unserm alten Hauptquartier das Korps wiederfand, drängten von Gaggenau die flüchtigen Pfälzer - Pistol Zinn mit seiner Schar, die jetzt übrigens Musketen hatte - heran. Während Willich eine Position für die Geschütze gesucht und gefunden hatte, eine Position, die das Murgtal beherrschte und bedeutende Vorteile für ein gleichzeitiges Tirailleurgefecht bot, waren die Artilleristen mit den Kanonen durchgegangen, ohne daß der Hauptmann sie halten konnte. Sie war[en] schon wieder bei Mersy an der Brücke. Zugleich zeigte mir Willich ein Billett von Mersy, worin ihm dieser anzeigte, alles sei verloren, er werde sich nach Oos zurückziehen. Uns blieb nichts übrig, als dasselbe zu tun, und wir marschierten sofort ins Gebirg. Es war etwa sieben Uhr.

<189> Bei Gernsbach war es folgendermaßen zugegangen. Die Peuckerschen Reichstruppen, die unsre Patrouillen schon tags vorher bei Herrenalb auf württembergischem Gebiet gesehen hatten, nahmen die an der Grenze aufgestellten Württemberger mit und griffen am 29. nachmittags Gernsbach an, nachdem sie unsre Vorposten durch Verrat zum Weichen gebracht hatten; sie näherten sich ihnen mit dem Ruf, nicht zu schießen, sie seien Brüder, und gaben dann auf achtzig Schritt eine Salve. Dann schossen sie Gernsbach mit Granaten in Brand, und als den Flammen kein Einhalt mehr zu tun war, gab Herr Sigel, den Mieroslawski hingeschickt hatte, um den Posten um jeden Preis zu halten, gab Herr Sigel selbst den Befehl, Herr Blenker solle sich mit seinen Truppen fechtend zurückziehn. Herr Sigel wird dies nicht leugnen, ebensowenig wie er es in Bern tat, als ein Adjutant des Herrn Blenker in seiner, des Herrn Sigel, und Willichs Gegenwart dies Kuriosum erzählte. Mit diesem Befehl, den Schlüssel der ganzen Murgposition "fechtend" (!) aufzugeben, war natürlich das Treffen auf der ganzen Linie, war die letzte Position der badischen Armee verloren.

Die Preußen haben sich übrigens durch das gewonnene Treffen von Rastatt keinen besondern Ruhm erworben. Wir hatten 13.000 größtenteils demoralisierte und mit wenigen Ausnahmen erbärmlich geführte Truppen; ihre Armee zählte mit den Reichstruppen, die auf Gernsbach vorgingen, mindestens 60.000 Mann. Trotz dieser kolossalen Überzahl wagten sie keinen ernstlichen Frontangriff, sondern schlugen uns durch feigen Verrat, indem sie das neutrale, uns verschlossene württembergische Gebiet verletzten. Und selbst dieser Verrat hätte ihnen, wenigstens zunächst, nicht viel genutzt, hätte ihnen schließlich doch einen entscheidenden Frontangriff nicht erspart, wenn nicht Gernsbach so unbegreiflich schlecht besetzt gewesen wäre und wenn nicht Herr Sigel den obigen erbaulichen Befehl gegeben hätte. Die ohnehin gar nicht so formidable Position wäre uns am nächsten Tage entrissen worden, das kann nicht bezweifelt werden; aber der Sieg hätte den Preußen ganz andre Opfer gekostet, hätte ihrem militärischen Ruf unendlich geschadet. Und deshalb zogen sie es vor, die Neutralität Württembergs zu verletzen, und Württemberg ließ es ruhig geschehn.

Wir zogen uns, kaum noch 450 Mann stark, durchs Gebirge nach Oos zurück. Hier war die Straße bedeckt mit Truppen in wildester Auflösung, mit Wagen, Geschützen etc. in der größten Verwirrung. Wir marschierten durch und rasteten in Sinzheim. Am nächsten Morgen sammelten wir hinter Bühl eine Anzahl der Flüchtigen und übernachteten in Oberachern. An diesem Tage fand das letzte Gefecht statt; die deutsch-polnische Legion nebst einigen andern Truppen von der Beckerschen Division schlug bei Oos die Reichs- <190> truppen zurück und nahm ihnen eine (mecklenburgische) Haubitze ab, die auch richtig bis in die Schweiz gebracht wurde.

Die Armee war vollständig aufgelöst. Mieroslawski und die übrigen Polen legten ihre Kommandos nieder; Oberst Oborski hatte schon auf dem Schlachtfeld, am Abend des 29., seinen Posten verlassen. Doch hatte diese momentane Auflösung nicht viel zu bedeuten. Die Pfälzer waren schon drei- bis viermal aufgelöst gewesen und hatten sich jedesmal tant bien que mal <recht und schlecht> wieder formiert. Möglichst langsamer Rückzug unter Anschluß aller Aufgebote aus den aufzugebenden Gebietsstrecken, rasche Konzentrierung der Aufgebote des Oberlandes bei Freiburg und Donaueschingen, das waren zwei Mittel, die noch zu versuchen waren. Sie hätten die Ordnung und Disziplin bald wieder auf einen erträglichen Punkt gebracht und einen letzten hoffnungslosen, aber ehrenvollen Kampf, am Kaiserstuhl vor Freiburg oder bei Donaueschingen, möglich gemacht. Aber die Chefs, sowohl der bürgerlichen wie der Militärverwaltung, waren demoralisierter als die Soldaten. Sie überließen die Armee und die ganze Bewegung ihrem Schicksal und gingen niedergeschlagen, ratlos, vernichtet immer weiter zurück.

Seit dem Angriff auf Gernsbach war die Furcht vor der Umgehung durch württembergisches Gebiet allgemein eingerissen und trug sehr zur allgemeinen Demoralisation bei. Das Willichsche Korps ging nun, um die württembergische Grenze zu decken, mit zwei Berghaubitzen - mehrere andere uns zugeteilte Geschütze wollten von Kappel aus nicht weiter mit - durch das Kappeler Tal ins Gebirg. Unser Marsch durch den Schwarzwald, auf dem wir keinen Feind zu sehen bekamen, war eine wahre Vergnügungstour. Wir kamen über Allerheiligen am 1. Juli nach Oppenau, über den Hundskopf am 2. nach Wolfach. Hier erfuhren wir am 3. Juli, daß die Regierung in Freiburg sei und daß man daran denke, auch diese Stadt aufzugeben. Dies veranlaßte uns sogleich, dorthin aufzubrechen. Wir wollten die Herren Regenten und das Oberkommando, das Held Sigel jetzt führte, zwingen, Freiburg nicht ohne Kampf aufzugeben. Es war schon spät, als wir von Wolfach abmarschierten, und so kamen wir erst spät abends nach Waldkirch. Hier erfuhren wir, daß Freiburg schon aufgegeben und daß Regierung und Hauptquartier nach Donaueschingen verlegt sei. Zugleich erhielten wir den positiven Befehl, das Simonswalder Tal zu besetzen und zu verschanzen und in Furtwangen unser Hauptquartier aufzuschlagen. Wir mußten also zurück nach Bleibach.

Herr Sigel hatte seine Truppen jetzt hinter dem Bergrücken des Schwarzwaldes aufgestellt. Die Verteidigungslinie sollte von Lörrach über Todtnau <191> und Furtwangen nach der württembergischen Grenze gehn, in der Richtung auf Schramberg. Den linken Flügel bildeten Mersy und Blenker, die sich durch das Rheintal auf Lörrach zogen; dann folgte Herr Doll, ehemaliger commis voyageur <Handlungsreisender>, der in seiner Eigenschaft als Heckerscher General zum Divisionär ernannt worden war und in der Gegend des Höllentals stand; dann unser Korps in Furtwangen und dem Simonswalder Tal und endlich auf dem rechten Flügel Becker bei Sankt Georgen und Triberg. Hinter dem Gebirge stand Herr Sigel mit der Reserve bei Donaueschingen. Die Streitkräfte, durch Desertion bedeutend geschwächt, durch keine herangezogenen Aufgebote verstärkt, betrugen immer noch an 9.000 Mann mit 40 Kanonen.

Die Befehle, die uns vom Hauptquartier aus Freiburg, Neustadt an der Gutach <In der "Revue": Wutach> und Donaueschingen nacheinander zukamen, atmeten die entschlossenste Todesverachtung. Man erwartete zwar, daß der Feind abermals durch Württemberg über Rottweil und Villingen uns in den Rücken fallen werde; man war aber entschlossen, ihn zu schlagen und den Kamm des Schwarzwaldes unter allen Umständen zu behaupten, und zwar, wie es in einem dieser Befehle heißt, "fast ohne alle Rücksicht auf die Bewegungen des Feindes", d.h., Herr Sigel hatte sich von Donaueschingen aus einen in vier Stunden zu bewerkstelligenden glorreichen Rückzug auf Schweizer Gebiet gesichert; was aus uns, den im Gebirg Umzingelten, geworden wäre, konnte er dann in Schaffhausen mit aller Gemütsruhe abwarten. Welch ein heitres Ende diese Todesverachtung nahm, wird sich bald zeigen.

Am 4. kamen wir nach Furtwangen mit zwei Kompanien (160 Mann), der Rest war zur Besetzung des Simonswalder Tals und der Pässe von Gütenbach und St. Märgen <In der "Revue": St, Mörgen> verwandt. Über letztem Orte standen wir mit dem Dollschen Korps, über Schönwald mit Becker in Verbindung. Alle Pässe wurden verbarrikadiert. - Wir blieben den 5. in Furtwangen stehn. Am 6. kam die Nachricht von Becker, die Preußen rückten auf Villingen, nebst der Aufforderung, sie über Vöhrenbach anzugreifen, um Sigels Operation zu unterstützen. Zugleich zeigte er uns an, sein Hauptkorps stehe gehörig verschanzt in Triberg, wohin er selbst gehen werde, sobald Villingen von Sigel besetzt sei.

An einen Angriff von unsrer Seite konnte nicht gedacht werden. Mit weniger als 450 Mann hatten wir drei Quadratmeilen besetzt zu halten und konnten also keinen Mann entbehren. Wir mußten stehenbleiben und setzten Becker davon in Kenntnis. Bald darauf traf eine Depesche aus dem Hauptquartier ein: Willich solle sofort nach Donaueschingen kommen und den Befehl über die gesamte Artillerie übernehmen. Wir bereiteten uns eben, <192> schnell hinüberzufahren, als eine Kolonne Volkswehr, gefolgt von Artillerie und mehreren anderen Bataillonen Volkswehr, nach Furtwangen hineinmarschiert kam. Es war Becker mit seinem Korps. Die Leute seien rebellisch geworden, hieß es. Ich erkundigte mich bei einem mir befreundeten Stabsoffizier, "Major" Nerlinger, und erfuhr folgendes: Er, Nerlinger, hatte die Position bei Triberg unter seinem Befehl und ließ eben die Schanzen aufwerfen, als das Offizierkorps ihm eine schriftliche, von ihnen allen unterzeichnete Erklärung überreichte: Die Leute seien rebellisch, und wenn nicht sofort der Befehl zum Abmarsch gegeben würde, so würden sie mit allen Truppen abmarschieren. Ich sah mir die Unterschriften an: Es war abermals das tapfre Bataillon Dreher-Obermüller! Nerlinger konnte nichts andres tun, als Becker hiervon in Kenntnis setzen und nach Furtwangen marschieren. Becker brach gleich auf, um sie einzuholen, und so kam er mit seiner ganzen Truppe nach Furtwangen, wo die furchtsamen Offiziere und Soldaten von unsern Freischärlern mit immensem Gelächter empfangen wurden. Sie schämten sich, und am Abend konnte Becker sie wieder in ihre Position zurückführen.

Wir fuhren indes, gefolgt von der Besançoner Kompanie, nach Donaueschingen. Die Preußen schwärmten schon bis hart an die Chaussee; Villingen war von ihnen besetzt. Doch kamen wir unangefochten durch, und gegen zehn Uhr abends langten auch die Besançoner an. In Donaueschingen fand ich d'Ester und erfuhr von ihm, daß Herr Struve in der Konstituante in Freiburg verlangt habe, man solle sofort nach der Schweiz gehn, alles sei verloren, und daß Held Blenker diesem Rate gefolgt und schon heute morgen bei Basel auf Schweizer Gebiet übergetreten sei. Beides war ganz richtig. Held Blenker war am 6. Juli nach Basel gegangen, obwohl er gerade am weitesten vom Feinde stand. Er hatte sich bloß noch die Zeit genommen, schließlich eine Anzahl Requisitionen eigener Art vorzunehmen, die zwischen ihm und Herrn Sigel und später den Schweizer Behörden einigen üblen Geruch verursachten. Und Held Struve, derselbe, der am 29. Juni noch Herrn Brentano und jeden, der mit dem Feinde unterhandeln wollte, für einen Volksverräter erklärte, war drei Tage später, am 2. Juli, so vernichtet, daß er sich nicht schämte, in einer vertraulichen Sitzung der badischen Konstituante den Antrag zu stellen:

"Damit nicht das Oberland gleichwie das Unterland die Schrecknisse des Kriegs empfinde und noch viel kostbares Blut vergossen werde und da man retten müsse, was noch zu retten sei (!), so solle, wie der Landesversammlung, jedem bei der Revolution Beteiligten sein Gehalt oder Sold bis zum 10. Juli nebst entsprechendem Reisegeld ausgezahlt werden und alles sich mit Kassen, Vorräten, Waffen etc. auf Schweizer Gebiet zurückziehen!"

<193> Diesen saubern Antrag stellte der tapfre Struve am 2. Juli, als wir in Wolfach oben im Schwarzwald standen, zehn Stunden vor Freiburg und zwanzig Stunden von der Schweizer Grenze! Herr Struve ist naiv genug, in einer "Geschichte", p. 237 ff., diesen Vorfall selbst zu erzählen und sich seiner noch zu rühmen. Die einzige Folge, die die Annahme eines solchen Antrags haben konnte, war, daß die Preußen uns so sehr wie möglich drängten, um "zu retten, was noch zu retten war", um uns nämlich Kassen, Geschütze und Vorräte abzujagen, da die Gefahrlosigkeit einer lebhaften Verfolgung nach diesem Beschluß feststand; und dann, daß unsre Truppen sofort massenhaft debandierten und ganze Korps auf eigne Faust nach der Schweiz ausrissen, wie dies wirklich geschah. Unser Korps hätte sich am schlechtesten dabei gestanden; es war bis zum 12. auf badischem Gebiet und erhielt seinen Sold bis zum 17. ausbezahlt.

Herr Sigel, statt Villingen wieder zu nehmen, beschloß anfangs, hinter Donaueschingen bei Hüfingen Position zu fassen und den Feind zu erwarten. Aber noch an demselben Abend wurde beschlossen, nach Stühlingen zu marschieren, hart an die Schweizer Grenze. Wir schickten eilig reitende Boten nach Furtwangen, um unser Korps und das Beckersche zu avertieren. Beide sollten über Neustadt und Bonndorf ebenfalls nach Stühlingen gehn. Willich ging nach Neustadt dem Korps entgegen, ich blieb bei der Besançoner Kompanie. Wir übernachteten in Riedböhringen und kamen am nächsten Nachmittag, 7. Juli, in Stühlingen an. Am 8. hielt Herr Sigel Revue über seine halbauseinandergelaufene Armee, empfahl ihr, in Zukunft nicht mehr zu fahren, sondern zu marschieren (an der Grenze!), und zog ab. Uns hinterließ er eine halbe Batterie und einen Befehl für Willich.

Inzwischen war von Furtwangen aus die Nachricht vom allgemeinen Rückzug zuerst an Becker und sodann an unsere vorwärts stationierten Kompanien geschickt worden. Unser Korps war zuerst in Furtwangen zusammen und traf in Neustadt Willich an. Becker, der näher an Furtwangen stand als unsre vorgeschobnen Korps, traf dennoch erst später dort ein und folgte auf demselben Wege. Er stieß auf Verschanzungen, die seinen Marsch aufhielten und von denen es später in Schweizer Blättern hieß, sie seien von unserm Korps aufgeworfen. Dies ist irrig; unser Korps hat nur jenseits des Schwarzwaldkamms, und zwar nicht auf der Straße von Triberg nach Furtwangen, die es gar nicht besetzt hielt, die Wege verrammelt. Außerdem marschierten unsre Freischärler erst dann von Furtwangen ab, als Beckers Avantgarde dort eingetroffen war.

In Donaueschingen war abgemacht, daß die Trümmer der ganzen Armee hinter der Wutach, von Eggingen bis Thiengen sammeln und dort die <194> Annäherung des Feindes erwarten sollten. Hier, die Flanken an Schweizer Gebiet gelehnt, konnten wir mit unsrer bedeutenden Artillerie noch ein letztes Gefecht versuchen. Man konnte es sogar abwarten, ob nicht die Preußen das Schweizer Gebiet verletzen und dadurch die Schweiz in den Krieg hineinziehen würden. Aber wie erstaunten wir, als wir bei Willichs Ankunft in dem Befehl des tapfern Sigel lasen: "Das Gros geht nach Thiengen und Waldshut und nimmt dort feste Position (!!). Suchen Sie die Stellung (bei Stüblingen und Eggingen) so lange als möglich zu behaupten." - "Feste Position" bei Thiengen und Waldshut, den Rhein im Rücken, dem Feind zugängliche Höhen vor der Front! Das hieß weiter nichts als: Wir wollen über die Säckinger Brücke in die Schweiz gehn. Und dennoch hatte Held Sigel bei Gelegenheit des Struveschen Antrags gesagt: Werde dieser angenommen, so werde er, Sigel, der erste sein, der rebelliere.

Wir bezogen nun die Stellung hinter der Wutach selbst und verteilten unsre Truppen von Eggingen bis Wutöschingen, wo unser Hauptquartier war. Hier erhielten wir folgendes noch erbaulichere Aktenstück von Herrn Sigel:

"Befehl. Hauptquartier Thiengen, 8. Juli 1849. - An den Obersten Willich in Eggingen. Da der Kanton Schaffhausen schon jetzt in einer feindseligen Weise gegen mich auftritt, so ist es mir unmöglich, die von uns besprochene Position einzunehmen. Du wirst danach Deine Bewegungen richten und Dich gegen Griessen, Lauchringen und Thiengen zu bewegen. Ich marschiere morgen von hier ab, um entweder nach Waldshut oder hinter die Alb" (d.h. nach Säckingen) "zu gehn ... Der Obergeneral, Sigel."

Das überstieg alles. Am Abend fuhren Willich und ich nach Thiengen, wo uns der "Generalquartiermeister" Schlinke gestand, es gehe richtig nach Säckingen und dort über den Rhein. Sigel wollte anfangs etwas den "Obergeneral" vorwiegen lassen, aber Willich ließ sich hierauf nicht ein und brachte ihn endlich dahin, daß der Befehl zur Umkehr und zum Marsch auf Griessen gegeben wurde. Der Vorwand für den Marsch nach Säckingen war die Vereinigung mit Doll, der dorthin marschiert sei, und eine angeblich starke Position. Die Position, offenbar dieselbe, von der aus Moreau 1800 dort ein Gefecht lieferte, hatte nur den Nachteil, daß sie nach einer ganz andern Seite Front machte, als woher uns der Feind kam; und was den edlen Doll betrifft, so säumte dieser nicht, zu beweisen, daß er auch ohne Herrn Sigel in die Schweiz gehen könne.

Zwischen den Kantonen Zürich und Schaffhausen liegt ein kleiner Strich badischen Gebiets mit den Ortschaften Jestetten und Lottstetten, der bis auf einen schmalen Zugang, bei Baltersweil, ganz von der Schweiz umschlossen ist. Hier sollte die letzte Position gefaßt werden. Die Höhen hinter Balters- <195> weil zu beiden Seiten der Straße boten vortreffliche Stellungen für unsre Geschütze, und unsre Infanterie war noch zahlreich genug, sie zu decken, bis sie im Notfall das Schweizer Gebiet erreicht hätten. Hier, so wurde ausgemacht, sollten wir erwarten, ob die Preußen uns angreifen oder aushungern würden. Das Gros, dem Becker sich angeschlossen hatte, bezog hier ein Lager. Willich hatte die Position für die Geschütze ausgesucht (später fanden wir dort ihre Parks, wo ihre Gefechtstellung sein sollte). Wir selbst bildeten die Arrieregarde und zogen langsam dem Gros nach. Am 9. abends gingen wir nach Erzingen, am 10. nach Riedern. An diesem Tage wurde im Lager ein allgemeiner Kriegsrat gehalten, Willich allein sprach für die weitere Verteidigung, Sigel, Becker und andre für den Rückzug auf Schweizer Gebiet. Ein Schweizer Kommissär, ich glaube Oberst Kurz, war dagewesen und hatte erklärt, falls noch ein Kampf angenommen würde, werde die Schweiz kein Asyl geben. Bei der Abstimmung blieb Willich mit zwei oder drei Offizieren allein. Von unserm Korps war außer ihm niemand zugegen.

Noch während Willich im Lager war, erhielt die bei uns befindliche halbe Batterie Befehl zum Abmarsch und entfernte sich, ohne daß uns die geringste Anzeige gemacht wurde. Auch alle andern Truppen außer uns erhielten Befehl, ins Lager zu kommen. In der Nacht fuhr ich abermals mit Willich ins Hauptquartier nach Lottstetten; als wir bei Tagesanbruch zurückfuhren, begegneten wir auf der Straße der ganzen Gesellschaft, die aus dem Lager aufgebrochen war und sich in der wildesten Verwirrung der Grenze zuwälzte. An demselben Tage, am 11. frühmorgens, ging Herr Sigel mit seinen Leuten bei Rafz, Herr Becker mit den seinigen bei Rheinau auf Schweizer Gebiet. Wir konzentrierten unser Korps, folgten ins Lager und von da nach Jestetten. Hier erhielten wir gegen Mittag durch einen Ordonnanzoffizier einen Brief Sigels von Eglisau, daß er sich bereits glücklich in der Schweiz befinde, daß die Offiziere ihre Säbel behielten und daß wir möglichst bald nachkommen sollten. Man dachte erst an uns, als man auf neutralem Boden war!

Wir marschierten durch Lottstetten bis an die Grenze, biwakierten die Nacht noch auf deutschem Boden, schossen am Morgen des 12. unsre Gewehre ab und betraten dann, die letzten der badisch-pfälzischen Armee, das Schweizer Gebiet. An demselben Tage, gleichzeitig mit uns, wurde auch Konstanz von dem dortigen Korps verlassen. Eine Woche später fiel Rastatt durch Verrat, und die Kontrerevolution hatte für den Moment wieder Deutschland bis auf den letzten Winkel erobert.

*

<196> Die Reichsverfassungskampagne ging zugrunde an ihrer eignen Halbheit und innern Misere. Seit der Juniniederlage 1848 steht die Frage für den zivilisierten Teil des europäischen Kontinents so: entweder Herrschaft des revolutionären Proletariats oder Herrschaft der Klassen, die vor dem Februar herrschten. Ein Mittelding ist nicht mehr möglich. In Deutschland namentlich hat sich die Bourgeoisie unfähig gezeigt zu herrschen; sie konnte ihre Herrschaft nur dadurch gegenüber dem Volk erhalten, daß sie sie an den Adel und die Bürokratie wieder abtrat. In der Reichsverfassung versuchte die Kleinbürgerschaft, verbündet mit der deutschen Ideologie, eine unmögliche Ausgleichung, die den Entscheidungskampf aufschieben sollte. Der Versuch mußte scheitern: denjenigen, denen es ernst war mit der Bewegung, war es nicht ernst mit der Reichsverfassung, und denen es ernst war mit der Reichsverfassung, war es nicht ernst mit der Bewegung.

Die Reichsverfassungskampagne hat aber darum nicht minder bedeutende Resultate gehabt. Sie hat vor allem die Situation vereinfacht. Sie hat eine endlose Reihe von Vermittlungsversuchen abgeschnitten; nachdem sie verloren ist, kann nur die etwas konstitutionalisierte feudal-bürokratische Monarchie siegen oder die wirkliche Revolution. Und die Revolution kann in Deutschland nicht eher mehr abgeschlossen werden als mit der vollständigen Herrschaft des Proletariats.

Die Reichsverfassungskampagne hat ferner in den deutschen Ländern, wo die Klassengegensätze noch nicht scharf entwickelt waren, zu ihrer Entwicklung bedeutend beigetragen. Namentlich in Baden. In Baden bestanden, wie wir sehen, vor der Insurrektion fast gar keine Klassengegensätze. Daher die anerkannte Herrschaft der Kleinbürger über alle Oppositionsklassen, daher die scheinbare Einstimmigkeit der Bevölkerung, daher die Raschheit, mit der die Badenser wie die Wiener von der Opposition in die Insurrektion übergehn, bei jeder Gelegenheit einen Aufstand versuchen und selbst den Kampf im offnen Feld mit einer regelmäßigen Armee nicht scheuen. Sobald aber die Insurrektion ausgebrochen war, traten die Klassen bestimmt hervor, schieden sich die Kleinbürger von den Arbeitern und Bauern. In ihrem Repräsentanten Brentano blamierten sie sich auf ewige Zeiten. Sie selbst sind durch die preußische Säbelherrschaft so zur Verzweiflung getrieben, daß sie jetzt jedes Regime, selbst das der Arbeiter, dem jetzigen Druck vorziehn; sie werden einen viel tätigeren Anteil an der nächsten Bewegung nehmen als an jeder bisherigen; aber glücklicherweise werden sie nie wieder die selbständige, herrschende Rolle spielen können wie unter der Diktatur Brentanos. Die Arbeiter und Bauern, die unter der jetzigen Säbelherrschaft ebensosehr leiden wie die Kleinbürger, haben die Erfahrung des letzten Aufstands nicht umsonst <197> gemacht; sie, die außerdem ihre gefallenen und gemordeten Brüder zu rächen haben, werden schon dafür sorgen, daß bei der nächsten Insurrektion sie und nicht die Kleinbürger das Heft in die Hand bekommen. Und wenn auch keine insurrektionellen Erfahrungen die Klassenentwickelung ersetzen können, die nur durch einen langjährigen Betrieb der großen Industrie erreicht wird, so ist doch Baden durch seinen letzten Aufstand und dessen Folgen in die Reihe der deutschen Provinzen getreten, die bei der bevorstehenden Revolution eine der wichtigsten Stellen einnehmen werden.

Politisch betrachtet, war die Reichsverfassungskampagne von vornherein verfehlt. Militärisch betrachtet, war sie es ebenfalls. Die einzige Chance ihres Gelingens lag außerhalb Deutschlands, im Sieg der Republikaner in Paris am 13. Juni - und der 13. Juni schlug fehl. Nach diesem Ereignis konnte die Kampagne nichts mehr sein als eine mehr oder minder blutige Posse. Sie war weiter nichts. Dummheit und Verrat ruinierten sie vollends. Mit Ausnahme einiger weniger waren die militärischen Chefs Verräter oder unberufene, unwissende und feige Stellenjäger, und die wenigen Ausnahmen wurden überall von den übrigen wie von der Brentanoschen Regierung im Stich gelassen. Wer bei der bevorstehenden Erschütterung keine anderen Titel aufzuweisen hat als die, Heckerscher General oder Reichsverfassungsoffizier gewesen zu sein, verdient, sogleich die Tür gewiesen zu bekommen. Wie die Chefs, so die Soldaten. Das badische Volk hat die besten kriegerischen Elemente in sich; in der Insurrektion wurden diese Elemente von vornherein so verdorben und vernachlässigt, daß die Misere daraus entstand, die wir des breiteren geschildert haben. Die ganze "Revolution" löste sich in eine wahre Komödie auf, und es war nur der Trost dabei, daß der sechsmal stärkere Gegner selbst noch sechsmal weniger Mut hatte.

Aber diese Komödie hat ein tragisches Ende genommen, dank dem Blutdurst der Kontrerevolution. Dieselben Krieger, die auf dem Marsch oder dem Schlachtfelde mehr als einmal von panischem Schrecken ergriffen wurden - sie sind in den Gräben von Rastatt gestorben wie die Helden. Kein einziger hat gebettelt, kein einziger hat gezittert. Das deutsche Volk wird die Füsilladen und die Kasematten von Rastatt nicht vergessen; es wird die großen Herren nicht vergessen, die diese Infamien befohlen haben, aber auch nicht die Verräter, die sie durch ihre Feigheit verschuldeten: die Brentanos von Karlsruhe und von Frankfurt.

 

 

 


 

 

 

 

Marx - Engels

 

DEUTSCH