KURT TUCHOLSKY

Webseite der Komintern (SH)

aus Anlass seines 130. Geburtstags

am 9. Januar 1890

Die deutsche Revolution steht noch aus.

„Wohltaten, Mensch, sind nichts als Dampf.
Hol dir dein Recht im Klassenkampf –!“

Kurt Tucholsky

 

Tucholsky war kein Kommunist.

Er war ein bürgerlicher Pazifist und Antifaschist, der als solcher seinen Beitrag im Kampf gegen die Nazis geleistet hat und deswegen auch einen ehrenvollen Platz auf dieser Webseite verdient.

Und die "Weltbühne", deren Herausgeber er war, war auch keine marxistische Zeitschrift. Sie war ein Sammelwerk bürgerlich-"linker" Intellektueller, die gegenüber der Sowjetunion größtenteils eine "distanzierte", wenn nicht sogar eine offen feindliche Haltung eingenommen hatten.

Später, in der DDR, diente die (bis 1993) neu aufgelegte "Weltbühne" den revisionistischen Führern als Instrument der Verbreitung ihres sozialfaschistischen Gedankengutes und der Aufrechterhaltung der Herrschaft der ostdeutschen Bourgeoisie.

Kurt Tucholsky, Pseudonyme Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel (1890-1935), Schriftsteller und Journalist.

Tucholsky wurde am 9. Januar 1890 in Berlin geboren. Nachdem er ein Jurastudium absolviert, am 1. Weltkrieg teilgenommen und ein kurzes Bankvolontariat gemacht hatte, arbeitete er als Literatur- und Theaterkritiker für Die Schaubühne (nach 1918 in Die Weltbühne umbenannt) und trug durch seine Leitung (1926/1927) dazu bei, dass sich die Theaterzeitschrift zu einem linksintellektuellen Forum entwickelte.

1924 ging Tucholsky als Auslandskorrespondent nach Paris. Bereits seit den zehner Jahren veröffentlichte er eine Vielzahl satirischer, teils sarkastisch-ironischer Essays, Kurzprosatexte und Gedichte, die auf seine Vorbilder Georg Christoph Lichtenberg und Heinrich Heine verweisen (Der Zeitsparer, 1914), aber auch heiter-populäre Romane, so Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte (1912) und Schloss Gripsholm (1931). Zu Tucholskys sozialkritischen, Militarismus, Korruption und Nationalismus persiflierenden Schriften gehören Fromme Gesänge (1919), Träumereien an preußischen Kaminen (1920), Das Lächeln der Mona Lisa (1929) und - in Zusammenarbeit mit dem Montagekünstler John Heartfield - Deutschland, Deutschland über alles. Ein Bilderbuch (1929). Außerdem textete er fürs Kabarett: Diese Lieder machte vor allem der Brechtinterpret Ernst Busch bekannt.

Ab 1929 lebte Tucholsky ständig in Schweden. Dort entstanden Lerne lachen ohne zu weinen (1931) und - gemeinsam mit Walter Hasenclever - das satirische Historiendrama Christoph Kolumbus oder die Entdeckung Amerikas (1932). 1933 fielen Tucholskys Schriften der nationalsozialistischen Bücherverbrennung zum Opfer, er selbst wurde aus dem Reich ausgebürgert und verfemt.

Enttäuscht über die politische Entwicklung seiner Heimat nahm er sich am 21. Dezember 1935 in Hindås bei Göteborg das Leben.

 

 

 

 

Die Bücher von Kurt Tucholsky wurden von den Nazis öffentlich verbrannt ...

1933 verboten die Nazis die "Weltbühne".

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ENGLISH

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literarisches Werk

 

Das Lied vom Kompromiß

Musik: Hanns Eisler

       

Manche tanzen manchmal wohl ein Tänzchen
immer um den heißen Brei herum,
kleine Schweine mit dem Ringelschwänzchen,
Bullen mit erschrecklichem Gebrumm.

Freundlich schaun die Schwarzen und die Roten,
die sich früher feindlich oft bedrohten.
Jeder wartet, wer zuerst es wagt,
bis der eine zu dem andern sagt:

»Schließen wir nen kleinen Kompromiß!
Davon hat man keine Kümmernis.
Einerseits – und andrerseits –,
so ein Ding hat manchen Reiz...

Sein Erfolg in Deutschland ist gewiß:
Schließen wir nen kleinen Kompromiß!
Sein Erfolg in Deutschland ist gewiß:
Schließen wir nen kleinen Kompromiß!«

Seit November klingt nun dies Gavottchen.
Früher tanzte man die Carmagnole.
Doch Germania, das Erzkokottchen,
wünscht, daß diesen Tanz der Teufel hol.

Rechts wird ganz wie früher lang gefackelt,
links kommt Papa Ebert angewackelt.
Wasch den Pelz, doch mache mich nicht naß!
Und man sagt: »Du, Ebert, weißt du was:

Schließen wir nen kleinen Kompromiß!
Davon hat man keine Kümmernis.
Einerseits – und andrerseits –,
so ein Ding hat manchen Reiz...

Sein Erfolg in Deutschland ist gewiß:
Schließen wir nen kleinen Kompromiß!
Sein Erfolg in Deutschland ist gewiß:
Schließen wir nen kleinen Kompromiß!«

Seit November tanzt man Menuettchen,
wo man schlagen, brennen, stürzen sollt.
Heiter liegt der Bürger in dem Bettchen,
die Regierung säuselt gar so hold.

Sind die alten Herrn auch rot bebändert,
deshalb hat sich nichts bei uns geändert.
Kommts, daß Ebert hin nach Holland geht,
spricht er dort zu seiner Majestät:

»Schließen wir nen kleinen Kompromiß!
Davon hat man keine Kümmernis.
Einerseits – und andrerseits –,
so ein Ding hat manchen Reiz...«

Und durch Deutschland geht ein tiefer Riß.
Dafür gibt es keinen Kompromiß!
Und durch Deutschland geht ein tiefer Riß.
Dafür gibt es keinen Kompromiß!

 

 

 

An das Publikum

O hochverehrtes Publikum,
sag mal: bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: »Das Publikum will es so!«
Jeder Filmfritze sagt: »Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!«
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
»Gute Bücher gehn eben nicht!«
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung dröhn?
Aus Bangigkeit, es käme am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte...
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

Ja, dann...
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmäßigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Grießbrei-Fresser –?
Ja, dann ...
Ja, dann verdienst Dus nicht besser.

 

Die freie Marktwirtschaft

       

Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,
wir wollen freie Wirtschaftler sein!
Fort, die Gruppen – sei unser Panier!
Na, ihr nicht. Aber wir.

Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,
keine Renten und keine Versicherungen,
Ihr solltet euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!
Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn
– wollt ihr wohl auseinandergehn!
Keine Kartelle in unserm Revier!
Ihr nicht. Aber wir.

Wir bilden bis in die weiteste Ferne
Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.
Wir stehen neben den Hochofenflammen
in Interessengemeinschaften fest zusammen.
Wir diktieren die Preise und die Verträge
– kein Schutzgesetz sei uns im Wege.
Gut organisiert sitzen wir hier...
Ihr nicht. Aber wir.

 

Rosen auf den Weg gestreut

Musik: Hanns Eisler

         

Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
erschreckt sie nicht – sie sind so zart!
Ihr müßt sie Palmen sie umwandeln,
getreulich ihrer Eigenart!
Pfeift eierm Hunde, wenn er sie ankläfft:
küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!

Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
sagt, »Ja und Amen – aber gern!
Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«
Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!

Und schießen sie: du lieber Himmel,
schätzt ihr das Leben so hoch ein?
Das ist ein Pazifisten-Fimmel!
Wer möchte nicht gern Opfer sein?
Und spürt ihr auch in euerm Bauch
den Hitlerdolch, tief, bis zum Heft:
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!

 

 

 

ARCHIV DER KOMINTERN (SH)

 

(1918-1933)

 

"Weltbühne"

- Archiv der Komintern (SH)

 

Nach dem Tode Jacobsohns im Dezember 1926 übernahm Kurt Tucholsky die Leitung des Blattes, die er im Mai 1927 an Carl von Ossietzky weitergab. Die Nationalsozialisten verboten nach dem Reichstagsbrand die Weltbühne, die am 7. März 1933 zum letzten Mal erscheinen konnte. Im Exil wurde die Zeitschrift bis 1939 unter dem Titel Die neue Weltbühne fortgeführt.

 

Bei den Bücherverbrennungen durch Studenten in Berlin und zahlreichen anderen deutschen Städten am 10. Mai 1933 wurde gegen Ossietzky und Tucholsky gehetzt:

 

„Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!“

 

Carl von Ossietszy im Konzentrationslager

 

In der Nacht des Reichstagsbrands vom 27. auf den 28. Februar 1933 wurden Ossietzky und weitere Mitarbeiter von den Nazis verhaftet.

 

Kurt Tucholsky

 

1928 im Artikel November-Umsturz, zog Tucholsky eine Bilanz von zehn Jahren Republik:

Die deutsche Revolution steht noch aus.

„Wohltaten, Mensch, sind nichts als Dampf.
Hol dir dein Recht im Klassenkampf –!“

Arbeiter Illustrierte Zeitung, 1928, Nr. 37, S. 10

 

„Nun haben wir auf 225 Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Haß und Nein aus Leidenschaft – und nun wollen wir auch einmal Ja sagen. Ja –: zu der Landschaft und dem Land Deutschland. Dem Land, in dem wir geboren sind und dessen Sprache wir sprechen. […]
Und nun will ich euch mal etwas sagen: Es ist ja nicht wahr, daß jene, die sich ‚national‘ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Damen und Herren des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da. […]
Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir. Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.“

Berlin 1929