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Alexander Serafimowitsch

(Popow)

zum 70. Todestag

19. Januar 1949

 

"Mir ist ein großes Glück zu Teil geworden. Ich stehe an der Schwelle des Kommunismus. Der Kommunismus kommt heran in den Flammen der Kriege, zuweilen in Hunger, in Kälte und in Todesqualen, langsam, aber unablässig, unentwegt und unwiderstehlich. Und er, der Kommunismus, wird mit gigantischer Kraft alte Gewohnheiten des Lebens, alte Beziehungen der Menschen untereinander zerbrechen und neue Wege bahnen."

Das sagte A. S. Serafimowitsch beim Rückblick auf seinen langen Lebens - und Schaffensweg noch kurz vor seinem Tod am 19. Januar 1949, dem gleichen Tag, an dem er vor 86 Jahren geboren wurde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Serafimowitsch gehört zu den Schriftstellern, deren Bücher von den Nazis verbrannt wurden.

"Der eiserne Strom" ist aufgelistet in der Bibliothek verbrannter Bücher.

 

Serafimowitsch machte eine harte Lebensschule durch. Sein Vater starb früh, seine Familie litt äußerste Not. Von der 3. Klasse gab er Stunden, um zum Unterhalt der Familie beizutragen.

Nachdem er in der Staniza [große Kolakensiedlung] Ust-Medwedizkaja das Gymnasium absolviert hatte, ging er nach Petersburg, wo er an der physikalisch-mathematischen Fakultät der Universität studierte. Hier begegnete er dem älteren Bruder w. I. Lenins, Alexander Iljitsch Uljanow. Dieser bereitete ein Attentat auf Zar Alexander III. vor. Es misslang. Serafimowitsch verfasste eine revolutionäre Proklamation, worin er den Sinn dieses Attentats erläuterte. Als Verfasser dieses Flugblattes wurde er verhaftet und auf drei Jahre in die Verbannung nach Mesen am Weißen Meer geschickt, wo er zu schreiben begann. Seine erste Erzählung erschien 1888. Von da an schrieb er ständig und veröffentlichte 1901 seinen ersten Sammelband. Gleb Uspenski nannte ihn "ein großes künstlerisches Talent, seinen ganz ausgezeichneten Schriftsteller". Wladimir Korolenko begrüßte ihn sehr herzlich und schrieb über ihn: " Eine herrliche Sprache, bilderreich, gedrängt und stark; klare, frische Schilderungen; skizzenhafte und flüchtig hingeworfene, aber dennoch lebendige Gestalten - das alles geht an keinem spurlos vorüber, der diese Skizzen liest."

1902 nach Moskau übergesiedelt, schließt sich Serafimowitsch Gorki an und wird ständiger Mitarbeiter an den von Gorki heraus gegebenen Sammelheften "Snaninje" ["Das Wissen", 1904-1913].

Die Themen und Gestalten Serafimowitschs ähneln den Themen Gorkis. Auch bei ihm begegnen uns vor allem Menschen, die der unerträglichen Last der allgemeinen Lebensverhältnisse zum Opfer fallen. In der Erzählung "Der Weichensteller" gerät sein Held unter einen Zug. Seiner hinterbliebenen Familie aber gewährt die Eisenbahnverwaltung eine Unterstützung von nur drei Rubeln. In der Erzählung "Der blinde Passagier" versucht ein Arbeiter, der kein Geld hat, ohne Fahrkarte mit einem Dampfer zu seiner sterbenden FRau zu gelangen. Man erwischt ihn und lässt ihn zur Strafe an seiner Zielstation nicht aussteigen. Er springt ins Wasser und ertrinkt. Ein Setzer arbeitet 30 Jahre in der Druckerei und erblindet allmählich; man entlässt ihn, und er erhängt sich ("Der Setzer"). Einem alten Mann, der im Bergbau sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, wird gekündigt, weil er altersschwach geworden ist. Er eilt in seine Heimat, aber auch dort ist für ihn kein Platz. Da kommt er zurück, aber man gibt ihm keine Arbeit, und er geht davon. Wohin? "Semischkura").

Viele solcher Erzählungen finden wir bei Serafimowitsch. Sie alle schildern die trostlose Lage der Arbeiter und Bauern, die bis zur äußersten Armut und Verzweiflung getrieben sind.

Zum Unterschied von Gorki zeichnet Serafimowitsch nicht so sehr Charaktere, er schildert vielmehr zugespitzte Situationen, in denen sich Charakter und Weltbild der Menschen offenbaren. Er ist ein Meister der Kurerzählung, ausdrucksreich und spannungsgeladen in Sprache und Handlung. Leo Tolstoi, der es liebte, Schriftstellern Zensuren zu erteilen, gab ihm für die Erzählung "Die Sandwüste" eine Eins-Plus.

Serafimowitschs Erzählungszyklus über die Leiden der armen kleinen Leute vermittelt tiefe Einblicke in die Gesellschaftsordnung, die die Menschen zu solchen Leiden verurteilt.

Wie Gorki, so sucht auch Serafimowitsch nach Erklärungen für diese Leiden. Wie Gorki findet er sie im Prinzip des Eigentums, das den Menschen verdirbt und daran hindert, seine reichen Fähigkeiten zu betätigen. In der Erzählung "Auf dem Meer" wird die unheimliche Auseinandersetzung zweier Fischerfamilien auf hoher See geschildert; zwei Brüder haben Fische aus den Netzen einer anderen Familie - eines Alten mit zwei Söhnen - gestohlen. Diese spüren sie auf und fahren ihnen in einem Boot entgegen. Bei dem Handgemenge schlagen die Boote um, zwei (je einer aus jeder Familie) tauchen verwundet neben den umgekippen Booten auf. Mit wieder erwachtem menschlichem Gefühl helfen sie sich gegenseitig. Aber dann fragt der eine den anderen, wieviel Fische er zusammen mit dem Bruder gestohlen habe. "Etwa 600", ist die Antwort. Da wirft sich der Bestohlene erneut in rasender Wut auf den Dieb, und beide ertrinken.

In der Erzählung "Die Tochter" hat eine Mutter, um ihrer Tochter aus ihrer ewigen Notlage herauszuhelfen, ihr eigenes Leben mit 15 000 Rubel versichert. Sie führt absichtlich einen Unglücksfall herbei und kommt um. Die Tochter erhält das Geld, heiratet und kommt zu einem satten, gesicherten Leben. Doch der Mann ist unzufrieden, dass die Mutter sich nicht mit 30 000 Rubel versichert hatte. Das war der Erfolg des Opfertodes der Mutter.

In der Erzählung "Der Eisgang" hört ein Kaufmann des Nachts, dass ein Mensch im Fluss ertrinkt. Er rettet ihn unter Einsatz seines Lebens und bringt ihn nach Hause, um ihn zu wärmen, aber nun stellt sich heraus, dass es ein Landstreicher ohne Papiere ist. Er fürchtet, der Gerettete könnte ihn bestehlen, und bringt ihn zur Polizei: "Nehmt ihn fest - er hat keine Papiere!"

Besonders stark ist die Erzählung "Die Sandwüste" (1909). Ein alter Müller überredet eine junge, fröhliche Tagelöhnerin, ihn zu heiraten; er werde bald sterben und ihr die Mühle vererben. Sie willigt ein, aber der Alte lebt und lebt. Sie selbst beginnt alt zu werden und vergiftet schließlich ihren Mann. Das Leben ist für sie fast vorbei, aer diese Tragödie beginnt von Neuem: sie überredet einen jungen Tagelöhner, bei ihr zu bleiben, und verspricht, ihm dafür die Mühle zu vermachen. Auch sie lebt Jahr um Jahr weiter, bis er es nicht mehr erwarten kann und mit dem Beil über sie herfällt; aber sie ruft ihm zu, sie habe das Testament zerrissen. Er lässt die Axt sinken, und weiter leben sie zusammen in tödlichem Hass.

Doch Serafimowitsch zeigt nicht nur die negativen Kräfte, er zeigt auch jene Kräfte in den Menschen, die sie unter anderen Bedingungen zu wirklichen starken und frohen Menschen machen würden, wenn sie sich nur von den Fesseln befreiten, die von Menschen selbst geschaffen sind. Die Erzählung "Der Wind" handelt von einem Mann, der sein geliebtes Mädchen entführt hat. Während eines Sturmes fahren sie in einem Boot aufs Meer hinaus. Alle sind der Überzeugung, das Paar sei umgekommen. Aber der Mann hat den Sturm bezwungen und ist auf einer öden Insel gelandet; dort leben sie nun glücklich und frei, von Niemandem abhängig.

Welche Kraft aber vermag die Menschen von ihren Leiden zu erlösen, sie von der Eigentumspsychose, durch die ihre Seele verunstaltet wurde, zu befreien und das ihnen inne wohnende Kühne, Lichte wirklich zum Leben zu erwecken ? Diese Kraft ist die Revolution. Von ihr spricht Serafimowitsch in den Erzählungen, die der Revolution von 1905 gewidmet sind ("An der Presnja", "Bomben", "Um Mitternacht"" usw.). "Der eherne Gang der Geschichte", so sagt Serafimowitsch in einer dieser Erzählungen, "zertritt unerbittlich die Herrschaft des Menschen über den Menschen wie eine Schlange den Kopf" "Trauermarsch").

Noch gründlicher behandelt Serafimowitsch diese Fragen in seinem Roman "Die Stadt in der Steppe" (1907 - 1910). Darin gibt er eine vielseitige und überzeugende Darstellung der Gegensätze in der kapitalistischen Welt. Hier wird der Weg des kleinen Räubers Sacharka geschildert, der sich stufenweise zu einem "erstrangigen Menschen", zum Besitzer einer Fabrik, emporschwingt. Vertreter der bürgerlichen Intelligenz, die Sacharka dienen, werden gezeigt. Ihm gegenüber steht im Hintergrund Rjabow als Verkörperung des revolutionären Prinzips.

Während der Reaktion kurz nach 1905 geschrieben, war dieser Roman von großer gesellschaftspolitischer Bedeutung, denn er zeigte deutlich, dass die Arbeiterklasse nicht zerschlagen war und eine neue Offensive in gar nicht so ferner Zukunft lag.

Vom Beginn der Oktoberrevolution an hat Serafimowitsch die Arbeit der bolschewistischen Presse (in den "Istwestija" und anderen Zeitungen) geleitet und dadurch wütende Angriffe der Feinde der Revolution auf seine Person gelenkt.

1918 ist er der bolschewistischen Partei beigetreten. Ohne Unterbrechung hat er weiterhin literarisch, insbesondere an der Front als Kriegskorrespondent der "Prawda" gearbeitet.

Lenin schätzte seine Arbeit sehr.

Als Serafimowitsch 1920 die Nachricht erhalten hatte, dass sein Sohn an der Front gefallen war, schrieb Lenin:

"Ihre Werke ... haben mir eine tiefe Sympathie zu Ihnen eingeflößt, und ich möchte Ihnen gern sagen, wie nötig die Arbeiter und wir iIhre Arbeit brauchen und wie unerlässlich für Sie jetzt Festigkeit ist, um Ihre Trauer zu überwinden un sich zu zwingen, wieder an die Arbeit zu gehen."

An seinem 70. Geburtstag wurde der Schriftsteller von der Regierung mit dem Lenin-Orden ausgezeichnet. Zum 80. Geburtstag, im Jahre 1943, wurde ihm der Rotbanner-Arbeitsorden verliehen. Die Staniza, das Kosakendorf, in dem er zur Schule gegangen war, erhielt, zur Stadt angewachsen, ihm zu Ehren den Namen "Serafimowitsch".

Dieses große Ansehen, zu dem Serafimowitsch in jenen Jahren empor stieg, war durch des Dichters Tätigkeit von der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution angebahnt worden.

Als die Sowjetunion im Jahre 1933 des 70. Geburtstags Serafimowitschs gedachte, der bei diesem Anlass mit dem Lenin-Orden ausgezeichnet wurde, übersandte ihm das Zentralkomitee der Partei ein Glückwunschschreiben, in dem es hieß:

"Die Kommunistische Partei schätzt den Genossen Serafimowitsch als proletarischen Schriftsteller und Revolutionär, als Schöpfer des klassischen Werkes 'Der eiserne Strom'. Das Zentralkomitee der KPdSU (B) wünscht Ihnen Gesundheit und Kraft zum weiteren Dienst an der Arbeiterklasse, zur weiteren Mitarbeit am vollen Sieg des Sozialismus."

Nach Errichtung der Sowjetmacht veröffentlichte Serafimowitsch eine Anzahl neuer Werke ("Das Wunder", 1923; "Zwei Tode", 1926, "Traktorist wider Willen", 1938)

Ungeachtet seines hohen Alters war er in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges noch immer aktiv tätig: er reiste zu den Soldaten an die Front und veröffentlichte neue Werke ("Die junge Armee", 1943, "Die Gaskammer", 1944, "Zu Besuch bei Lenin", 1946, und andere.

Serafimowitsch erhielt 1943 den Stalinpreis. Anlässlich der Verleihung schreibt Serafimowitsch:

"Unsere langjährige Tätigkeit hat die höchste Anerkennung gefunden, die Anerkennung seitens des Volkes. Der Stalinpreis mobilisiert uns zum Dienst an der Heimat, solange unsere Kräfte reichen, bis zum Ende unseres Lebens. Die Auszeichnungen strahlen leuchtend auf, und wir alle, wir Schriftsteller, fühlen uns verpflichtet, mit neuer Kraft, mit neuem Mut zum Wohl unseres herrlichen sozialistischen Vaterlandes zu arbeiten und ihm zu dienen. Uns alle vereint ein Ziel - der Kommunismus."

Wie wiele andere sowjetische Schriftsteller erreichte auch Serafimowitsch den Gipfel seines Könnens nach der Oktoberrevolution. 1924 schrieb er den Kurzroman "Der eiserne Strom", eines der klassischen Werke der Sowjetliteratur.

 

 

 

 

 

Der eiserne Strom

Alexander Serafimowitsch

1924

 

Einführung in "Der eiserne Strom"

 

 

2 Tode

1926

 

Zu Gast bei Lenin

A. Serafimowitsch

1946

 

 

ÜBER SERAFIMOWITSCH