Barrikaden am Wedding

Klaus Neukrantz

 



Inhalt


I. 125 Zentner Beton

II. Die goldenen Kugeln der Nacht

III. Eine tägliche Geschichte mit unerwartetem Ausgang

IV. „Zur Roten Nachtigall“

V. Die 145. Straßenzelle

VI. Die blaue Spirale

VII. Der Polizeiwachtmeister Nr. 2304

VIII. Der Maurer Tölle geht zum „Alex“


DER BLUTMAI 1929

I. Alarmstufe 1

II. Die Frau, die lachte

III. Paul und Lenin

IV. Major B. hisst die weiße Fahne

V. Der Sturm auf die „Rote Nachtigall“

VI. Die Nacht, in der niemand schlief . . .

VII. Ein Mann geht durch die Stadt

VIII. Anna lernt das letzte Kapitel

IX. Die zweite Nacht

X. Stoßtrupp G

XI. Frühlicht . . .

XII. „Der Polizeipräsident teilt mit . . .“

XIII. Ende und Anfang . . .

 

 


Gewidmet dem unauslöschlichen revolutionären Andenken der 33 von der Polizei in den Maitagen 1929 in Berlin Erschossenen

Teddy hält die Trauerrede im Mai 1929

 

 

 

 

 

I. 125 Zentner Beton

 

,,Nettelbeckplatz . . .!"
Der junge Mensch sah verwirrt hoch und blinzelte mit verschlafenen Augen durch die Glasscheiben des Straßenbahnwagens.
,,Ihre Zeitung, Herr . . .", erinnerte ihn eine Frau und zeigte auf den Boden. Er bückte sich und schob die Zeitung in die Tasche — dann war er draußen.
Auf dem nassen, schmutzigen Asphalt spiegelten sich die gelben Lichter der Gaslaternen. Der unangenehme, feuchte Wind machte ihn munter. Aus dem Restaurant an der Haltestelle tönte Radiomusik. Er fror. Einen Mantel müsste man haben, dachte er und schlug den dünnen Rockkragen hoch. Er spuckte aus, steckte die Hände in die Hosentaschen und ging langsam über den Platz nach Hause.
Von der Pankstraße bog er in die kleine, halbdunkle Gasse ein, in der er wohnte. Die ärmlichen Läden waren schon geschlossen. Nur aus den Kneipen fielen schmale, trübe Lichtstreifen auf die menschenleere Straße, die von einzelnen Gaslaternen nur notdürftig beleuchtet war. Hinter den meist gardinenlosen Fenstern der höhen, dunklen Häuserreihen brannte hier und da das dünne, ärmliche Licht von Petroleumlampen. Aus einem offenen Kellerfenster drang der warme Dunst vom Wäschekochen. Wenige Häuser weiter war er zu Hause.
Vor der Haustür standen ein paar Weiber. Er antwortete nur kurz auf ihren Gruß und verschwand in dem dunklen Flur. Erst als er auf dem Hof das erleuchtete Küchenfenster seiner Wohnung sah, blieb er einen Moment stehen. Na ja . . ., Anna war zu Hause, dachte er und wischte sich wie erleichtert über das müde Gesicht. Das war jeden Abend so, wenn er nach Hause kam und über den Hof ging. Er freute sich über das helle Fenster. Weiter nichts
In dem engen Treppenflur tastete er die paar Stufen hoch und schloss auf.
„ Tach, Anna."
„ Tach, Kurt."
Er hing die Mütze auf den Türhaken und ließ sich auf den Küchenstuhl fallen. Der junge Betonträger Kurt Zimmermann war zu Hause.
In der Küche war neben dem Herd gerade soviel Platz, dass zwei am Tisch sitzen konnten. Kurt schob die Ellenbogen auf die Platte und sah zu, wie Anna mit den Töpfen rumfuhrwerkte. Zum Erzählen war er zu müde, aber es machte ihm Spaß, still da zu sitzen und sie zu beobachten. So leicht und schnell ging ihr alles von der Hand.
Langsam kroch die Herdwärme in seine feuchte Kleidung. Es roch gut nach Fett und Zwiebeln. Ihm fiel ein, dass er schon seit Tagen versprochen hatte, mit ihr ins Kino zu gehen. Sollte man heute vielleicht tun, dachte er schläfrig. Machte Anna Spaß — wenn einem bloß die Knochen nicht so weh tun würden — der Polier wird immer verrückter — morgen müssen die Betonsäcke noch ein Stock höher geschleppt werden-----------.
Die Augen fallen ganz von alleine zu.
„ So, Junge, nu' iss man . . . Kurt! Du schläfst ja schon?!"
Sie schob den Teller hin und packte ihn an die Schulter. Er hob sein Gesicht und strich sich verschlafen über den Kopf. Jetzt merkte sie erst, wie blass und müde er wieder aussah Seitdem er die Arbeit draußen in Lichtenberg auf dem Bau hatte, kam er jeden Abend ganz kaputt zurück. Über ein halbes Jahr war er ohne Arbeit gewesen und vertrug das Tempo, das sie da hatten, einfach nicht mehr.
„ Nee nee . . .", lächelte er müde, „ich hab nich geschlafen " Er fing an zu essen. Anna setzte sich an die Querseite des Tisches und sah zu. Sie lachte leise. Der Löffel verschwand beinahe in seiner breiten, schweren Hand. Wenn er müde war, kam seine tollpatschige Schwerfälligkeit noch mehr zum Ausdruck, dabei war er gutmütig wie ein Kind. Nur in einem einzigen Punkt konnte er saugrob werden, und sie hütete sich, ihm nicht Öfter als unvermeidlich ihre persönliche Meinung darüber zu sagen. Schließlich hatte sie es ja vorher gewusst, als sie vor zwei Jahren heirateten, dass Kurt in der Arbeiterbewegung war und jede freie Minute dafür hergab Da war einfach nicht mit ihm zu reden. Wenn Sitzung war oder es sonst was zu tun gab, dann konnte er eher umfallen vor Müdigkeit, er musste bis in die späte Nacht unterwegs sein, und dann früh um halb sechs wieder raus. Als wenn es nicht genug arbeitslose Kollegen gäbe, die ausschlafen können! Was nützt das schließlich alles, wenn das bisschen Gesundheit auch noch zum Teufel geht? Sie verlangte sonst wirklich nicht viel von ihm. Sie war eine Arbeiterfrau und wusste schon, wie kurz die Decke war, unter der sie sich strecken mussten.
Vielleicht wollte er heute auch noch mal weg?! Vorsichtig fing sie an: „Du . . . Kurt? Musst du nachher noch fort?"
„ Nee, Anneken, heute geht's gleich in de Klappe! . . . Det heißt," er sah sie etwas unsicher an, ..woll'n wa nich noch in Kintopp geh'n, Anna? Du wolls't doch immer?"
„ Junge, du pennst ja doch bloß dabei ein," antwortete sie lachend, aber sie freute sich über seine trage. Sein Protest war nicht sehr überzeugend. — Sie gingen nicht immer so rücksichtsvoll miteinander um, wahrhaftig nicht. Anna sorgte sich ernstlich um ihn, weil sie sah, wie ihn die schwere Arbeit herkriegte. Das glich sich dann gelegentlich wieder aus, wenn sie ihren eigenen Kopf durchsetzte.
Vor ihrer Heirat hatte Anna lange in der Fabrik gearbeitet, das weiche, damals noch etwas verträumte Mädchen war in eine harte Schule gekommen. Anna kannte heute das Leben.
Er schob den Teller zurück und gähnte: „Has'te noch 'nen Schluck Kaffee?"
„ Morgen, Kurt, geh' jetzt schlafen, um halb sechs is de Nacht rum."
Er stand auf und reckte sich. Ach, es war schon ein Hundeleben! Arbeiten, fressen, schlafen. Nur gut, dass heute mal kein« Sitzung war. Den Jungen bekam er auch nur noch nachts zu sehen.
Langsam fing er an, sich auszuziehen.
„ Anna, morgen muss ick die alte Strickjacke wieder anziehen. Kiek ma, die is schon wieder an de Schultern kaputt."
Er warf die Kleider auf den Stuhl, alte, x-mal gestopfte und geflickte Sachen. Anna räumte noch schnell die Küche auf.
Mit nackten Füßen tappte er durch den engen Flur in das kalte Schlafzimmer, der einzige Raum, den die kleine Wohnung außer der Küche hatte.
Auf dem Stuhl vor seinem Bett brannte eine Kerze. Viel gab es hier nicht zu beleuchten. Nicht einmal richtige Fenstervorhänge hatten sie sich bisher kaufen können. Jeden Abend nahm Anna die rote, alte Bettdecke und hing sie vor das Fenster. In dem Bett seiner Frau schlief der Junge,
Kurt fror im Bett. Das Bettzeug roch feucht und muffig, wie die ganze Wohnung, an deren Wände ständig große, nasse Flecke waren.
Die Schultern, auf denen er lag, schmerzten durch den geringen Druck ihres eigenen Gewichts. — Eine Schufterei war es heute wieder gewesen . . . 125 Zentner Beton hatte er die Treppen herauf in den Bau geschleppt . . . nur nicht krank werden . . . dann ist man die Arbeit los , , . nächsten Mittwoch wird nicht gearbeitet . . . gut so ... morgen ist Sitzung ... wenn die bloß oben mit der verrückten Radiomusik aufhören würden . . .
Anna zog sorgfältig den Wecker auf und stellte ihn auf den Stuhl.
Noch einmal tastete sich sein Bewusstsein an die Oberfläche zurück, als er spürte, wie Anna sich mit einem leisen Druck gegen sein Gesicht über ihn beugte, um mit der Hand das Licht neben ihm zu löschen.
Er fühlte, dass ihre Haut welch und warm war . . .





II. Die goldenen Kugeln der Nacht

 

Die Straße schlief. Das trübe, gelbe Licht der wenigen Gaslaternen machte die stille, menschenleere Gasse nur noch trostloser, einsamer. Die letzten Kneipen schlossen. Irgendwo ratterte polternd eine Rolljalousie herunter. Eine Katze lief erschreckt über den Damm und verschwand in einer zerbrochenen Kellerfensterscheibe. Dann war es wieder ruhig.
Von der Stadtbahnbrücke, am Nettelbeckplatz, trug der Nachtwind das hohle, lang gezogene Rollen der letzten Züge als ein fernes, gedämpftes Geräusch in die dunklen, schweigenden Höfe der Hinterhäuser. Hier und da leuchteten noch an den schwarzen,
eng ineinander geschobenen Mauerfronten Lichter hinter verhangenen Fenstern Eins nach dem anderen erlosch. In den dicht mit Menschen gedrängten Steinschluchten des Wedding wird es früh Nacht. Die Nächte der Arbeiter sind kurz.
Der einzige harte Laut kam von den genagelten Polizeistiefeln der Patrouillen, die in kurzen, regelmäßigen Abständen, ohne sich aufzuhalten, schnell durch die stille Straße gingen. Immer drei Mann.
Zwischen schwarzen Brandmauern und schmalen, tiefen Höfen, floss trübe und schmutzig die Panke vorbei. In den Abwässern der Fabriken — im Sommer badeten die Kinder darin — konnten sich nicht einmal die Sterne dieser wolkenlosen, kalten Aprilnacht spiegeln.
In den engen Stuben umspülte die stickige, verbrauchte Luft vieler Menschen in einem Raum die Gesichter der Schlafenden. Treppen, Flure, Stuben, Quer- und Hinterhäuser, das war alles unerträglich dicht zusammen. Kaum Wände und Luft dazwischen. Einer spürte den schweren, unruhigen Atem des anderen. Der Geruch der Menschen drang durch Wände, Spalten und Verschläge. Mieter, Untermieter, Schlafburschen und der Fluch dieser Gasse — die Kinder, von denen es kaum eins gab, das in einem eigenen Bett schlafen konnte.
Die kinderreichste und kinderelendeste Straße des großen, hungernden Berlin . . .!
Auf den Treppenabsätzen kauerten in sich zusammengekrochene Menschenbündel. Obdachlose, die in dem nahe gelegenen Asyl keine Unterkunft mehr gefunden hatten. Man ließ sie. Auch diese Menschenbündel auf den Treppen schliefen und hatten ihre kurzen qualvollen Träume, ihre Ängste und Sehnsüchte ...
Auf einem Hof zerriss der trockene, bellende Husten eines Schwindsüchtigen in kurzen Zwischenräumen die Stille. Im Quergebäude, vierter Stock, erlosch hinter einem roten Tuch am Fenster das Licht. In der schmalen Küche lag außer der alten Mutter Johannsen, die immer erst gegen Morgen einschlafen konnte, der junge Metallarbeiter, ein Schlafbursche. In der dumpfen stickigen Luft des kleinen Raumes, spürte er über sich den heißen Mund des Mädchens, das in dieser Nacht bei ihm schlief —. Hinter der Wand spielte ein Radio noch Tanzmusik.
Ein Fenster klirrte auf dem Hof. Eine Treppe tiefer schrie ein Betrunkener, und auf drei, vier Höfen, die ineinander gebaut waren, hörten es ein paar hundert Menschen: Franz ist wieder besoffen!
Zu eng ist das alles . . . der Mensch muss doch mal Luft haben ... die Kreatur, die sich immer wieder an Menschen und Wänden kaputt stößt, muss doch mal ... ein bisschen Luft haben!! Platz da! — Platz da! Willi, noch eenen Schnaps . . . Das löst den Klumpen da drin und macht alles weich, warm und hell. Und dann kommt Franz nach Hause und will alles entzwei schlagen —!
Menschen schliefen und träumten in dieser Nacht. Andere Träume als sie diejenigen haben, die in großen sauberen Schlafzimmern ruhen. Quälende, kurze Träume, beschattet von den Sorgen und Ängsten des Tages, verfolgt von dem starr abweisenden Gesicht des
Leihhausjuden, des Beamten im Wohlfahrtsamt, der Stempelbude, des Armenarztes, des Asylpförtners . . . Drohende, feindliche Gesichter, die als spukhaft, grotesk verzerrte Fratzen einer brutalen Wirklichkeit noch in bewusstlosen Nächten die Menschen in den Schweiß angstzerrissener Träume hetzen . . . Träume von immer schneller rasenden Fließbändern, von brüllenden, zermalmenden Dampfhämmern, vom nervenzerfetzenden Rhythmus der automatischen Stanzmaschinen, von stürzenden Betonmassen . . . Frauen, die im Schlaf aufschreien, weil ihr betrogener Körper nicht den wahnsinnigen Schmerz eines längst vernarbten, rohen Eingriffs vergessen kann. — Träume der Jungen, die das Leben noch nicht völlig ausgebrannt hat, von kümmerlichen, kleinbürgerlichen Sehnsüchten . . . eine weißgestrichene Wohnlaube mit großen gelben Sonnenblumen ... eine Schaukel für die Mädchen am Sonntag . . . und rotglühende Papierlaternen für die Sommerabende im Garten . . . Kinder träumen von einem Paar neuer Stiefel, von dem warmen Ofen in der Schule und den Äpfeln unten bei der Obstfrau. Auf die weiße, warme Haut der Kinder fallen nachts die Wanzen von den fleckigen Tapeten . . .
Dröhnende Schläge an der Wohnungstür!
In drei, vier Stuben fasst das harte Pochen wie eine Faust in die Gehirne der Schlafenden. In die wenigen Sekunden der bewusstlosen Geräuschwahrnehmung bis zum bewussten Hören, pressen sich schreckhafte Träume. Von dem Gerichtsvollzieher, der exmittieren will, von der Polizei, die zur Haussuchung kommt, von dem Hausverwalter, der drohend die rückständige Miete verlangt . . .
Mit schweißnassem Gesicht zerflattert der Angstraum unter neuem Klopfen.
„ Wer is da . . .?!"
„ Mach mal auf, Paul . . ., hab den Schlüssel vergessen."
Es ist nur der Schlafbursche. In drei, vier Stuben fallen die Menschen befreit in die Kissen zurück.
Tag, der die Nächte längst vergiftet hat!
In großen, hellen Räumen der Bourgeoisieviertel, vor deren offenen Fenstern die kühle, geheimnisvolle Nachtluft der Gärten liegt, schlafen Kinder in weißen Betten. Und jeden Abend beten sie:
„ Müde bin ich, geh' zur Ruh',
Schließe meine Augen zu.
Vater, lass die Augen dein,
Ü ber meinem Bette sein."
Dann schlafen sie und träumen von Gott, dem Vater mit dem langen, weißen Bart, von den goldenen Kugeln der Nacht, von großen, schneeweißen Schimmeln, die sie auf Flügeln über die schlafende, stille Stadt tragen, und von ihren neuen Puppenkindern, die Ruth und Rose heißen, und seidene Kleider tragen . . .
In der Gasse am Wedding sind die Höfe so tief, dass die kleine Heidi, wenn sie abends am Fenster steht, die Sterne nicht sehen kann und den Himmel, von dem „die goldenen Kugeln der Nacht"
herunterschweben. In der Gasse am Wedding haben sich die goldenen Kugeln verwandelt in dunkle, hängende Schatten, die als ein zäher, fauler Geruch auf den Gesichtern der Kinder liegen. In der Gasse am Wedding lehren die Erwachsenen die Kinder auch nicht die Hände falten, sondern sie zeigen ihnen, wie man die Faust macht, und dazu „Rot Front!" sagt.
Und auch davon träumten viele in der roten Gasse in dieser Nacht, die viermal vierundzwanzig Stunden vor dem 1. Mai lag. —
Um fünf Uhr tappen die ersten Schritte auf den Treppen, und Menschen gehen fröstelnd, mit der Tasche unter dem Arm, über den noch dunklen Hof. Am Bahnhof Wedding rollen die Frühzüge mit schweigenden, unausgeschlafnen Arbeitern in die Industrieviertel der Siemensstadt, nach Rummelsburg und Reinickendorf . . .





III. Eine tägliche Geschichte mit unerwartetem Ausgang

 

An demselben Morgen klopfte Punkt 10 Uhr ein kleiner, rundlicher Herr mit einer schwarzen Ledertasche unter dem Arm, in dem Hause Nr. 3, Quergebäude, 4 Treppen, an die Tür. Alles blieb still. Noch einmal klopfte er hart und laut.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Treppenflurs öffnete sich einen Spalt breit die Tür und eine alte Frau blickte misstrauisch durch die schmale Öffnung auf den Herrn mit der Aktentasche.
„ Wat woll'n Se denn von die . . .?"
Der kleine rundliche Herr drehte sich um. „Wissen Sie vielleicht, ob Frau Krüger fortgegangen ist?"
Die Alte sah den Herrn wortlos von oben bis unten an und schmiss mit einem wütenden Knall die Tür zu. Er zuckte nervös zusammen. „Unangenehme Menschen hier . . ", murmelte er verletzt und wandte sich auf dem halbdunklen, schmutzigen Treppenflur wieder der verschlossenen Tür zu.
An dem schmalen Seitenpfosten des Türrahmens klebte ein kleiner, weißer, mit Schreibmaschinenschrift beschriebener Zettel und einem großen runden Stempel rechts unten. Der rundliche Herr klopfte jetzt noch einmal sehr laut und bestimmt.
Nichts rührte sich hinter der Tür.
„ Frau Krüger, wenn Sie nicht freiwillig aufmachen, muss ich das Schloss öffnen lassen", rief er und beugte sich dabei etwas herunter, um seinen Mund in die Nähe des Schlüsselloches zu bringen.
In der Wohnung hinter der Tür fing ein kleines Kind an zu weinen. Unten knarrte eine Tür, und jemand kam langsam herauf. Ein Arbeiter bog auf dem Treppenabsatz um die Ecke. Als er den Dicken vor der Tür sah, blieb er stehen.
„ Ach so ... Sie sind det! Machen Se hier nich so'n Krach, meine Frau is krank!", sagte er mürrisch und ging wieder nach unten. Der Herr hörte, dass er jetzt schnell die drei Treppen herunterlief und über den Hof rannte. —
Dem Dicken wurde immer ungemütlicher zumute. Wenn er nur erst ohne Gewalt in die Wohnung käme! Das sah gleich so gefährlich aus, die Tür aufbrechen. Mein Gott, man war doch auch nur ein Beamter, der machen musste, was ihm gesagt wurde! Er fühlte plötzlich in der Aktentasche das Frühstückspaket, das ihm seine Frau jeden Morgen sorgfältig einwickelte, damit es nicht auf die Akten durchfettete.
Vorsichtig sprach er durch das Schlüsselloch: ,,Nun machen Sie schon auf, Frau Krüger, dann werden wir ja weiter sehen!"
Die Tür wurde, ohne dass er einen Schritt gehört hätte, so heftig aufgerissen, dass er erschreckt aus seiner gebückten Haltung zurückwich.
„ Wat woll'n Se von mir . . .Se kommen hier nich rin . . . hol'n Se man jleich die Polizei!!"
In dem dunklen, engen Wohnungsflur stand eine junge Frau. Auf dem Arm trug sie in einer braunen, zerrissenen Decke ein weinendes, kleines Kind. In ihrer Angst schrie die Frau mit einer derart gellenden Stimme, dass es bis weit über den Hof zu hören war.
Na — so was kennen wir schon, dachte der Dicke. Nachdem er sah, dass sich die Frau allein in der Wohnung befand, hatte er sich schnell wieder gefasst. Geschickt stellte er ein Bein zwischen die Tür und schob mit seiner massiven Breite die kleine, blasse Frau beiseite.
„ Frau Krüger, ich mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie sich keiner Widersetzung der Staatsgewalt schuldig machen dürfen . . ." Trotzdem die vor Angst und Erregung fast besinnungslose Frau überhaupt nicht hörte, was er sagte, sprach er in einem festen, mahnenden Amtston weiter: ,,Da Sie trotz wiederholter Aufforderung, die rückständige Miete in Höhe von 47 Mark nicht bezahlt haben, und das Wohlfahrtsamt es ablehnt, Ihnen noch neben der laufenden Unterstützung in Höhe von 8 Mark wöchentlich die Miete zu bezahlen, sind Sie angewiesen worden, die Wohnung bis heute Vormittag 10 Uhr zu räumen. Da Sie dieser Aufforderung nicht nachgekommen sind, muss ich die Zwangsräumung gegen Sie durchführen. Packen Sie sofort Ihre Sachen zusammen, unten steht der Wagan, der Ihre Möbel zum Speicher bringen wird, ich habe nicht viel Zeit!"
Er drehte sich, ohne die Frau weiter zu beachten, um und stieß mit dem Fuß die Tür zu der einzigen Stube, die die Wohnung hatte, zurück. Na, hier gab es wenigstens nicht viel auszuräumen! Merkwürdig, dachte der Dicke, und sah sich in der kahlen Stube um, von außen machen die Häuser noch einen verhältnismäßig anständigen Eindruck. Man sollte gar nicht meinen, dass so ein Elend hier wohnt. Die Menschen haben ja nicht einmal ein Bett! Blos Kinder, mehr als zu fressen.
Ein leises Wimmern erregte seine Aufmerksamkeit. Auf der alten Matratze, die mitten auf dem Boden stand — wahrscheinlich die Schlafgelegenheit für die ganze Familie — lag ein kleines, in eine alte Decke gehülltes, blondes Mädchen. Geradezu unnatürlich sahen die weit hervorgetretenen Backenknochen in dem eingefallenen farblosen Gesicht aus. Auf dem fast fleischlosen dünnen Hals lag der Kehlkopf wie ein Knorpel unter der blutleeren Haut.
„ Entsetzlich, dass so etwas überhaupt noch lebt!", flüsterte der Dicke mit einem vorwurfsvollen Kopfschütteln. Er war wirklich von diesem Anblick unangenehm berührt. Ach . . ., es gab schon ein Elend! Dann ging er zum Fenster, um seine Möbelträger vom Hof heraufzurufen. Er wollte die Räumung so schnell wie möglich hinter sich haben. Er öffnete das Fenster und beugte sich hinaus.
Was war denn da los-------?!
Er sah erstaunt, dass sich das Bild auf dem Hof ziemlich verändert hatte Der vorher menschenleere Hof war voll erregt sprechender Frauen, die heftig auf die drei, mitten unter ihnen stehenden, Transportarbeiter einredeten. Es hatte nicht den Anschein, als wenn sich die Arbeiter so sehr im Gegensatz zu den Weibern befanden. Fast alle Fenster waren von rufenden und schimpfenden Bewohnern besetzt.
„ Da ist ja der Kerl!"
Hunderte Gesichter sahen zu ihm herauf.
„ Raus mit dem Lump . . . weg vom Fenster . . . Büttel . . . Strolch!"
„ Soll sich schämen, solchen Auftrag anzunehmen!"
Erschrocken trat er vom Fenster zurück. Mein Gott, das ganze Haus war ja in Aufruhr — —! Was wollten die Leute bloß von ihm?! Vielleicht wäre es doch besser gewesen, er hätte Polizei mitgenommen, das hatte man von seiner Gutmütigkeit!
Er sah sich unentschlossen um. Das kranke Kind wimmerte immer noch leise vor sich hin. Es musste hohes Fieber haben, war vielleicht gar nicht bei Bewusstsein . . .
„ Schmeißt den Büttel rrraus!"
Er zuckte zusammen. Ganz deutlich hatte er diese kreischende, lang gezogene Weiberstimme gehört. Unwillkürlich duckte er sich und sah erschrocken zum Fenster. Vielleicht warfen sie noch mit Steinen herein . . .?! Wenn er nur erst hier heraus wäre. Aber es war doch unmöglich, jetzt über den Hof mit den gewalttätigen Menschen zu gehen . . .!
Er hörte, wie Schritte die Treppe heraufkommen.
„ Jetzt kommen sie!" flüsterte er tonlos.
Die Schritte kamen immer näher. Viele drängende, drohende Schritte . . . Jemand ging durch den Wohnungsflur, in dem immer noch die jammernde Frau mit ihrem Kind stand.
Eine Hefe, ruhige Männerstimme sagte: „Nanu, man nich so'ne Angst, Frau Krüger . . ., so, lassen Se uns mal durch."
Die Tür ging auf. Der Dicke stand zitternd, mit der unter den Arm gepressten Aktenmappe, am Fenster. An der Schlagader brannte auf dem kurzen wulstigen Hals ein großer roter Fleck. Der Mund stand halb offen vor Erregung.
In das Zimmer schob sich die breite Gestalt eines Arbeiters, der Mitte der Dreißiger sein mochte, obwohl man, als er mit einer langsamen Bewegung die Mütze zurückschob, sah, dass er schon graues Haar hatte. Das aschfarbene, ernste Gesicht des Arbeiters blickte zu dem kranken Mädchen herüber. Irgendetwas arbeitete in seinem regungslosen Gesicht. Seine schmalen Lippen wurden noch dünner. Hinter ihm traten die Arbeiter des Gerichtsvollziehers in ihren blauen Arbeitsblusen in die Stube.
Etwas an dem stillen, ernsten Arbeiter beruhigte den Dicken. Der Mann schien eine gewisse Autorität zu haben. . Mit einer halben, schiefen Verbeugung ging er einen Schritt auf ihn zu.
„ Bendovsky ist mein Name . Bendovsky", wiederholte er noch einmal höflich, indem er seinen schwarzen steifen Hut abnahm und sofort eifrig weiter redete. „Sehen Sie Herr ..., es tut mir ja selbst unendlich leid . . wenn man das Kind da sieht . . . nein . . . furchtbar, nicht wahr . . . diese Not heute?! Aber bitte, überzeugen Sie sich selbst, ob ich da . . .", er kramte aufgeregt in seiner Aktentasche und zog ein Schriftstück heraus.
Der Arbeiter schnitt 'hm mit einer kurzen Handbewegung das Wort ab „Is gut . . , Sie müssen wissen, was Sie tun . . . wer Aufträge von Schurken annimmt, ist selbst nicht weit davon ab!" Er sagte das ganz ruhig, ohne den Dicker auch nur dabei anzusehen und wandte sich dann an die Arbeiter hinter ihm;
„ Aber ihr ..., ihr seid Proleten wie wir. Weil ihr selber nichts habt, will man euch mit ein paar lumpigen Groschen zu Bütteln eurer eigenen Klassengenossen machen. Seht euch das mal an hier! Der Mann ist seit zwei Jahren arbeitslos, weil er lungenkrank is, deshalb kriegt er auch keine Erwerbslosenunterstützung f)et Mädel da, is seit ein Jahr schwindsüchtig. Im Monat kriegen die Vier hier drin 32 Mark von der Wohlfahrt und ne Flasche Lysol von der Lungenfürsorge Vor zwei Monaten nahen sie den Mann det Lysol aus dem Magen gepumpt, seitdem is es ganz aus mit dem. In de Markthalle versucht er ein paar Pfenn'je zu verdienen. Det Loch hier kost' im Monat 25 Mark Miete, bleiben 7 Mark zum Leben im Monat, einschließlich Lustbarkeit und Sommerreise — so, und wenn ihr jetzt noch den Mut habt, die paar Klamotten hier rauszutragen und det kranke Kind auf de Straße zu setzen, dann fangt man an!" Er drehte sich um und ging, ohne noch weiter jemand anzusehen aus der Stube. —
Einen Augenblick war es still. Der Dicke sah misstrauisch, mit einem schräg lauernden Blick zu den drei schweigenden Arbeitern herüber. Der eine hob plötzlich sein Gesicht und sagte ganz laut: „Nee ... ick nich! Da müssten wir ja Lumpen sein! . . . Machen Se sich denn det mal alleene. Herr ..."
Die beiden anderen nickten nur mit dem Kopf, sahen noch einmal das jetzt merkwürdig still gewordene Kind an, und verschwanden in dem dunklen Flur. —
Der Dicke stand wieder allein im Zimmer mit dem Kind. Er war so hilflos, so ohne jeden Ausweg, dass ihm das Ungeheuerliche dieser völlig überraschenden Arbeitsverweigerung noch gar nicht richtig klar war. Das war doch einfach unmöglich . . so was gab es doch nicht?! Die Leute waren dafür bestellt, bekamen ihr gutes Geld . . . und jetzt wollen die nicht-------?!
Der Gerichtsvollzieher Bendovsky war ein viel zu praktischer Mensch, um sich lange mit unangenehmen, unklaren Empfindungen aufzuhalten. Er stülpte seinen schwarzen steifen Hut, den er immer noch in der Hand hielt, entschlossen auf den roten, blanken Kopf und lief auf den Flur, um den Arbeiter, der vorhin in der Stube gesprochen hatte, zu suchen.
,,Ach . . ., Herr . . . Herr . . ., entschuldigen Sie bitte . . . ich weiß nicht Ihren werten Namen . . ., würden Sie so liebenswürdig sein, und dafür sorgen, dass ich unbehelligt das Haus verlassen kann?"
Er übersprudelte sich fast vor Höflichkeit, „Vielleicht könnte ich mit Ihnen noch ein paar Minuten über die anderen Exmissionen, die ich hier noch in der Straße habe, sprechen . . . wie soll ich denn das jetzt alles machen?!" Dabei zog er einen ganzen Stoß von Zwangsvollstreckungsvollmachten aus der Aktentasche.
,,Sie brauchen keine Angst zu haben!" sagte der Arbeiter ruhig Es wird Sie niemand anfassen." Er tat absichtlich so als wenn er die Sache mit den anderen Exmissionen, von denen der Dicke in seiner Aufregung erzählte, nicht gehört hätte. — „Die haben ja noch allerhand mit uns vor . . .", dachte er und pfiff leise durch die Zähne. —
Die Frauen auf der Treppe empfingen die drei Arbeiter mit lauten Bravo-Rufen. Aus einer Tür brachte eine Frau einen Topf heißen Kaffee und drei dicke, belegte Stullen. Alles lachte und erzählte durcheinander. Die erregte Stimmung war auf einmal in eine laute Fröhlichkeit umgeschlagen.
Zum ersten Mal hatte die Straße — vorläufig wenigstens — durch die Solidarität der drei Arbeiter einen Sieg über diese Exmissionsbüttel davongetragen. Sie erzählten, dass sie als Arbeitslose durch die Gewerkschaft zu dieser Arbeit, von der sie keine Ahnung gehabt hatten, vermittelt worden waren.
Einer schob ihnen ein paar Zigaretten in die Taschen. Schließlich waren die Drei auch arbeitslos und man verstand, dass es nicht ganz leicht war, auf die paar Mark Lohn zu verzichten Unter Umständen würde ihnen noch wegen „Arbeitsverweigerung" die Erwerbslosenunterstützung gesperrt. Kriegen die alles fertig! — Außerdem hatte die ganze Geschichte noch für viele, die auf der Treppe standen, eine besondere Bedeutung. Es gab mehr als einen darunter, der seit Tagen die Räumungsklage in der Küche auf dem Tisch liegen hatte. Jetzt musste man das gemeinsam organisieren.
„ Da ist er . . .!" Eine Frau zeigte nach oben, wo der Dicke mit einem ängstlichen Gesicht auf dem Treppenabsatz stand und sich anscheinend nicht so recht traute, auf der dicht gefüllten Treppe herunterzugehen.
Sowie er sichtbar wurde, brach sofort wieder die Erregung los, Drohungen wurden laut.
„ Genossen, keine Dummheiten machen . . . ruhig herausgehen lassen!" Der breitschultrige Arbeiter stand hinter dem Dicken. Die Arbeiterfrauen traten zur Seite. Unter eisigem Schweigen ging der Dicke, die Aktentasche fest an sich gepresst, ohne hochzuschen, schnell die Treppen herunter. Seine Furcht wäre wohl noch größer gewesen, wenn er die Augen gesehen hätte, die ihm nachgaben. Nur als er mit seinen kurzen schnellen Schritten über den Hof eilte, klatschte dicht hinter ihm ein alter verwelkter Blumentopf auf die Steine. Im Hausflur pfiffen ihm Kinder auf den Fingern nach.
Erst auf dem Nettelbeckplatz, als er die Tschako der Polizisten blitzen sah, wich die entsetzliche Angst von ihm. Er merkte auf einmal, dass er förmlich rannte. Furchtbar . . . wenn ihn jemand so gesehen hätte! —
Wie ein Kranker ging er nach Hause. Das Frühstückpaket in seiner Aktentasche blieb zum ersten Male unberührt . . .

In dem Haus Nr. 3 ging der breitschultrige Arbeiter mit den grauen Haaren über dem jungen Gesicht, langsam die Treppe zu seiner Wohnung herauf. Er war sehr nachdenklich geworden. An der Tür, hinter der er verschwand, stand auf einem alten brüchigen Emailleschild: Hermann Süderupp, Es war der politische Leiter der kommunistischen Straßenzelle . . .





IV. „Zur Roten Nachtigall"

 

„He . . ., Fritze, pack sie doch!"
„ Da . . halt die Tür zu . . .!"
„ Hahaha . . . schau, der Strumpf hat ein Loch . . ."
„ Jetzt krieg' ich sie . . . A u ! das Aas kratzt ja ... hol dich der Teufel!"
Wütend sah der Junge auf seine Hand mit einer roten Schmarre ... so ein Biest . . , kratzt wie eine Katze! Die anderen jungen Arbeiter standen um ihn herum und lachten.
,,Gemein seid ihr alle miteinander!" schrie empört das Mädchen, außer Atem von der Herumhetzerei in dem kleinen Zimmer. Man sah ihr an, dass ihre Wut auf die Jungens echt war.
„ Na, tu' nich so ..., Grete, wird dir nicht gleich der Lack abgehen von deiner Schönheit ..,!" rief ihr ein junger, stupsnäsiger Mensch mit offenem Hemd zu und schmiss ärgerlich seinen Zigarettenstummel auf den Boden, Wenn man mal ein bisschen Spaß mit den Weibern macht, geh'n sie gleich hoch."
Erregt fuhr ihn das Mädchen an: „Ihr denkt, det ihr mit uns Meechen bloß Quatsch und Blödsinn machen könnt . . . sowie der Otto nich da is, seid ihr rein verrückt! Nischt wie Poussieren habt ihr in Kopp . , . — Warum war denn det früher anders in der Weddinger Jugend . . .? — weil wir da politisch gearbeitet haben; und wer bloß knutschen wollte, wurde solange an de frische Luft gesetzt, bis er wieder bei Verstand war . . .!" Sie holte tief Luft und strich mit einer raschen Bewegung das zersauste Haar glatt."
„ Kiek doch die Kleene ... wie die angibt?!"
„ Du . ,, Jrete . . .?"
„ Fass mich nich an ... oder . . ."
„ Nich doch, Jrete . . . Ick wollte ja bloß sagen, det de janz recht hast, wir haben doch nur Quatsch gemacht . . .", sagte Fritz, der seine Schmarre schon längst vergessen hatte. Es tat ihm wirklich leid, dass er sie so hart angefasst hatte. Die anderen Jungens brummten und machten verlegene Gesichter,
Fast jeden Abend traf sich die Jugend des Kösliner Viertels in dem Lokal „Zur Roten Nachtigall" Auch heute war in den verqualmten, dicht mit Menschen gefüllten Räumen Hochbetrieb. Die Arbeiter der Gasse gaben der „Roten Nachtigall" eine bestimmte politische Atmosphäre, die sonst in den Berliner Kneipen nicht zu finden war. Es sah alles eigentlich mehr nach einem roten Arbeiter-Klub aus. Alles kannte sich untereinander und fremde Gesichter tauchten hier nur selten auf. Gegen Fremde war man misstrauisch.
Einmal hatten Kriminalbeamte der IA versucht, sich hier an einen Tisch zu setzen und gewissermaßen als Legitimation eine „Rote Fahne" aus der Tasche gezogen. Persönlich kannte man sie in dem Kösliner Viertel nicht. Aber die Arbeiter brauchten nur zu sehen, wie sie sich setzten, wie sie das Glas Bier in die Hand nahmen . . ., das rochen sie schon, wenn sie nur hereinkamen und so bieder „Guten Abend" sagten Diese Tölpel, die glaubten, sie können sich so recht ruhig in die ,,Rote Nachtigall" setzen und herumspionieren. Sie waren wieder an der frischen Luft, ehe sie auf ihren Stühlen warm wurden. Seitdem hatten sie vor den „Bullen" Ruhe Wer nicht hergehörte, sollte draußen bleiben! —
An den Wänden hingen, ordentlich auf Bügel gespannt, verschiedene kommunistische Zeitungen und illustrierte Blätter Darüber große, mit Fotografien geschmückte Tafeln von den Arbeitersportvereinen, die hier tagten An der Seite des Vorderraumes befand sich eine Theke mit dem Glasschrank für Wurstwaren, dahinter der große Spiegelschrank mit Biergläsern, Zigaretten, Schnapsflaschen usw. Auf einem viereckigen Pappschild stand:
Hier gibt es gute alkoholfreie Getränke Glas 10 und 20 Pfennig.
Hinter der Theke hantierte der Besitzer der „Roten Nachtigall", der schwarze Willi. Ein stiller, gutmütiger Mensch, der den vielen Arbeitslosen, die herkamen, in seinem schwarzen, fettigen Buch manchmal einen ziemlich hohen Kredit anschrieb. Nein — ein Sauflokal war die „Rote Nachtigall" nicht! Wer kein Geld oder keine Lust hatte, saß eben auch so da, diskutierte, spielte Schach oder Karten usw. Schließlich war man nicht bei Aschinger, sondern in dem Arbeiterlokal der roten Gasse.
Das Durchgangszimmer, das zu dem kleinen, nach hinten gelegenen Saal führte, war der Aufenthaltsraum der Jugend, fast alle in der grauen Uniform des Roten Frontkämpferbundes und des Jungsturms. Die Diskussion war schon wieder in vollem Gange. Otto, der Leiter der Jungsturmabteilung, war gekommen.
„ Kameraden . , wenn ihr so schreit, versteht doch kein Mensch wat!" rief ein junger, großer Mensch, der noch in Arbeitskleidung war, dazwischen. Fritz drehte sich zu dem Großen um:
„ Na, Otto . . ., stimmt det nich . . . wie kann er denn den 1. Mai verbieten wollen, wenn die Verkehrsarbeiter zweimal einstimmig beschlossen haben, det se am 1. Mai feiern? Und wenn keene Bahn fährt, is doch aus in Berlin mit de Arbeit!" Wütend sah er sich um, als die Kameraden in ein schallendes Gelächter ausbrachen,
„ Hahaha . . . ha, Fritze, du bist een ganz Schlauer!"
„ Fritze . . ., vielleicht weeß det der Polizeipräsident noch nich?"
„ Haha . . . haha . . .!"
,,Ruhe, Jungs", rief Otto energisch dazwischen, „lacht doch Fritzen nich so dumm aus. Zum Teil hat er doch recht. Wenn Mittwoch de Bahn nich fährt, is det ein halber Sieg für uns. Das sieht schon in der Stadt ganz anders aus und die Spießer merken schon früh morgens, wat los is. Natürlich wird davon nich das Demonstrationsverbot abhängen. Aber ick werde euch zeigen, dass selbst viele sozialdemokratische Arbeiter noch die Illusion haben, det der „Genosse" Polizeipräsident sich das „noch überlegen wird". Hört mal her . . .!"
Er zog eine Zeitung aus der Tasche und legte sie auseinander.
,,Also: ,,Ist sich Genosse Zörgiebel gar nicht bewusst, dass am 1. Mai zweifellos nicht nur Kommunisten demonstrieren werden, sondern auch gute, treue alte Parteigenossen von uns, die sich von niemand das Recht zur Maidemonstration nehmen lassen wollen? Ist er sich nicht bewusst, dass er mit seinem Verhalten der vierzigjährigen Maitradition unserer Partei einen schweren Stoß versetzt? Ist es dem Genossen nicht ein wenig peinlich, ausgerechnet in der Gesellschaft Bulgariens und Jugoslawiens zu erscheinen, der politisch rückständigsten Länder Europas, in denen der weiße Terror umgeht? Sieht Genosse Zörgiebel keinen anderen Weg, als den des Obrigkeitsstaates?"
Das ganze Lokal war still geworden und hatte zugehört. Aus dem Vorderraum kamen Arbeiter und stellten sich in die Tür. Otto hielt das Blatt jetzt hoch, dass es jeder sehen konnte.
„ Und wer schreibt det? . . . Die sozialdemokratische Zeitung in Plauen!"
Fritz sah sich strahlend um. „Na also . . . wat habe ick gesagt?!" Otto lachte gutmütig: „Sachte, sachte Fritze . . ., gewiss denken viele anständigen Arbeiter, die immer noch in der SPD sind, so Aber wir dürfen uns nich einbilden, det der „Genosse" Polizeipräsident sich darum kümmern wird. Einen Dreck wird er! Diese „linken" SPD.-Zeitungen schreiben das, weil eine große Zahl ihrer Leser det Verbot für ne Schweinerei halten. Richtig! Aber damit fangen se die Opposition in ihrer eigenen Partei ab. Det is die Aufgabe der „linken" SPD. Wir werden ja sehen, wat die „Linken" am Mittwoch machen werden, ob sie sich als „gute Parteigenossen" das Recht auf die Maidemonstration von ihren eijenen Genossen „nehmen lassen werden" oder nich."
„ Künstler werden wa in de Mitte nehmen . . .", rief ein Arbeiter lachend.
„ Kameraden'', fuhr Otto fort, „weder die SPD. noch die Regierung kann jetzt uff der Straße eene Massendemonstration die ein kommunistisches revolutionäres Gesicht haben würde, gebrauchen.
Det ist der Grund für das Verbot, das bestimmt nicht aufgehoben werden wird! —"
Nur Fritz war mit der allgemeinen Zustimmung durchaus nicht einverstanden Wenn doch selbst eine SPD.-Zeitung so was schreibt?! Er war innerlich fest davon überzeugt, dass das Demonstrationsverbot noch vor dem 1. Mai aufgehoben werden würde. Er nahm sich vor, nachher mit dem, Genossen Hermann, dem politischen Leiter der Parteizelle, darüber zu sprechen. Die Straßenzelle hatte heute in der „Roten Nachtigall" Sitzung. Vielleicht würde er von Hermann auch noch andere Neuigkeiten erfahren.
Im Vorderraum wurde plötzlich die Tür aufgerissen, ein Mädchen drängte sich atemlos durch die Leute vor der Theke und stürzte in den Durchgangsraum. Auf ihrem dunklen Mantelaulschlag trug 6ie das Abzeichen des Kommunistischen Jugendverbandes.
„ Otto . . .", schrie sie schon in der Tür, „. . . in der Badstraße überfallen die Nazis . . . drei von uns!" Die Gesichter unter den Schirmmützen flogen herum.
„ Los raus!"
Solche Alarmierungen kamen in letzter Zeit häufig vor. Anscheinend handelte es sich um ein planmäßiges Vorgehen der Nationalsozialisten, die versuchten, mit Überfällen auf einzelne Arbeiter in dem roten Wedding festen Fuß zu fassen.

In dem verlassenen Raum ging der schwarze Willi mit schlürfenden Schritten nach hinten und öffnete das Fenster.
„ Qualmen tun se wie die Pest", brummte er vor sich hin, und schüttete die Aschenbecher zusammen Dann rückte er noch ein paar Stühle zurecht und verschwand wieder hinter der Theke. — Vorn saßen einige ältere Arbeiter, darunter der alte Hühner, der noch mit 68 Jahren aktiver Funktionär in der Parteizelle war. Auf dem dünnen, schneeweißen Haar trug er eine blaue, saubere Schirmmütze. Wie oft bei alten Leuten, wurde die von unzähligen feinen Runzeln durchzogene Haut in seinem Gesicht von Tag zu Tag weißer und durchsichtiger. Vielleicht kam es auch davon, dass er immer weniger aß. Sein Junge, bei dem er wohnte, war seit einem Jahr arbeitslos. Der Alte schob das meiste den vier kleinen Würmern seines Sohnes zu. Kinder werden schwerer mit dem Hunger fertig als alte Leute. Er legte seine dünnen knöchernen Hände mit den knotigen blauen Aderlinien auf die Stockkrücke und sah zu dem Wirt herüber.
„ Willi . . ., wat meinst d u denn dazu . . .?" fragte er. Er hatte eine langsame, etwas brüchige Stimme. Der schwarze Willi wischte mit einem Lappen über den Ladentisch Er wartete noch ein wenig. Bei Vater Hübner wusste man nie genau, ob noch was hinterher kam.
„ Tja . . ., Vater Hübner . . .", antwortete er schließlich, „. . . is schwer zu sagen — bloß ick denke mir, wenn et am nächsten Mittwoch Blut gibt . . . denn werden det wohl die Herren da oben so gewollt haben . . sonst würden se et ja am Ende mit det Verbot nich so gemacht haben!"
Der Alte schüttelte leise den Kopf. „Nee . . . nee, Willi . . ., ick gloob es noch nich! So alt wie ick heute bin, habe ick jeden 1. Mai gefeiert und bin seit 40 Jahren, solange wie ick organisiert bin, uff de Straße gegangen. — Willi . . ., ick weeß et noch, als wir 1890 zum ersten Mal am 1. Mai mit rotem Schlips und de Nelke in Knopploch hier in Berlin demonstriert haben. Draußen an' Landsberger Tor. Da hab'n se vor Schreck gleich den „Verband Berliner Metall-industrieller" gegründet gegen die Maidemonstration ... Der hat der Polizei nachher 3000 Mark vor „geleistete Dienste" gegeben, weil se so schön blank gezogen haben gegen uns. — Hat aber nischt geholfen ..."
Einen Augenblick schwieg er, als wenn er angestrengt über etwas nachdachte. „Willi . . ., ob se . . . nach'en Mittwoch den Polizeipräsidenten von Berlin . . . ooch Geld dafür geben werden?!"
Und plötzlich spuckte Vater Hübner — was er sonst nie tun würde — er spuckte mitten in die Stube. Seine mageren, zitternden Finger pressten sich um den Stockgriff, dass die gichtigen Gelenke weiß wurden ,,Ick aber nich . . „ Willi . . ., ick bleibe nich zu Hause", stieß er mit vollkommen veränderter, erregter Stimme hervor. — Dann erhob er sich schwerfällig, warf zwei Groschen auf den Tisch, schob ein wenig an der Mütze, und ging humpelnd und wortlos aus dem Lokal. —
„ Dunnerlüttchen —!" Der Alte war ja auf einmal mächtig hoch. Der schwarze Willi sah ihm ganz verblüfft nach. So hatte er den Alten noch nie gesehen. Vater Hübner hatte sich erst 192! nach dei blutigen Niederschlagung des mitteldeutschen Aufstandes entschlossen, aus der SPD. auszutreten und sich in der Kommunistischen Partei zu organisieren. Schließlich war es keine Kleinigkeit, wenn man 30 Jahre einer Partei angehört hatte, die heute den Mann stellt, der den 1 Mai mit Polizeigewalt verbieten will ...!
Wütend schmiss er den Wischlappen unter den Tisch. „Schweinebande, verfluchte . . .", knurrte er und ging schlürfend nach hinten, um den kleinen Saal für die Sitzung zurecht zu machen.





V. Die 145. Straßenzelle

 

8 Uhr. Allmählich kam einer nach dem anderen durch die Tür, und ging nach hinten in den kleinen Saal. Es waren fast alles ältere Arbeiter und Frauen, in schlechter, abgetragener Kleidung Alle kannten und begrüßten sich mit einem gutmütigen Scherzwort, fragten nach diesem und jenen, nach der Arbeitsstelle, nach dem kranken Kind, nach dem Verlauf der Exmission von heute vormittag usw. Jeder wusste hier Bescheid über die Sorgen des anderen —
Die Tür ging wieder auf. „Rot Front!" Hermann kam mit einem Stoß Flugblätter unter dem Arm herein.
„ Na —, Hermann . ., wat gibt's Neues . . .?"
Seit Tagen hörte er diese Frage, die nicht so gewohnheitsmäßig hingesagt wurde. — Es lag zuviel in diesen Tagen in der Luft! Auf den Arbeitsnachweisen, in den Betrieben, auf den Straßen, in der Stadtbahn, in den Einkaufsläden, überall wurden unkontrollierbare
Gerüchte ausgestreut. Provokateure? — Freunde? — Feinde?------,
wer soll das immer wissen! Reichswehr soll Mittwoch eingesetzt werden ,.. der Polizeipräsident hat einen besonderen Schießerlass herausgegeben ... das Verbot wird bis zum 1. Mai bestimmt aufgehoben ... Reichsbanner und Stahlhelm sind in Polizeiuniform gesteckt worden usw. ... Die bürgerlichen Zeitungen, „Tempo", „Nachtausgabe", der „Vorwärts" bombardierten Berlin mit Hetzüberschriften. Was ist Wahrheit — was gelogen?!
Hermann legte seine Flugblätter ruhig auf den Tisch. „Genossen
— , nicht so nervös werden!-------Viel Neues gibt's. Das Allerneueste
ist. dass Brolat seinen Verkehrsarbeitern verboten hat, den 1. Mai zu feiern!"
„ Wa . . . ?!"
„ Det is nich wahr!"
„ Na, wenn es der Abend-„Vorwärts" selbst schreibt, wird et ja woll stimmen", antwortete Hermann trocken.
„ Dieser Lump ... pfui Deibel ..., und der will bei uns an'n Wedding Bürgermeister werden ...?!"
Im Augenblick war das Lokal von einer erregten Diskussion erfüllt. Also so sollte das gemacht werden! Und was würden die Verkehrsarbeiter dazu sagen ...? Seit wann ließ sich die Arbeiterschaft vorschreiben, ob sie den 1. Mai feiert oder nicht, und noch dazu von einem sozialdemokratischen Direktor ... Teufel, ein feiner Sozi ist das! — Wozu sitzen die SPD.-Bonzen als Direktoren in den städtischen Betrieben! Eine Arbeitsruhe der Verkehrsarbeiter würde einen dicken Strich durch die Rechnung machen, also muss Brolat heran, um mit Hilfe der Gewerkschaftsbürokratie gegen den Beschluss der Belegschaft die Verkehrsruhe am 1. Mai zu verhindern. Das begriff ja der Dümmste!-------
Einige von den Jugendlichen kamen wieder zurück in das Lokal. Die Nazis waren getürmt. Fritz drängte sich durch, ganz rot war sein Gesicht vor Aufregung. Hermann begrüßte ihn gutmütig, er kannte den kleinen, eifrigen Genossen schon, der öfter zu ihm kam, wenn er mit einer Sache allein nicht fertig werden konnte.
„ Tach —, Genosse Hermann , . ., also wie is es, denkst du nich ooch, det det Demonstrationsverbot noch uffgehoben werden wird? .. . Otto hat eine sozialdemokratische Zeitung, in der se mächtig wütend auf ihren Genossen Zörgiebel sind." Dicht hinter ihm tauchte Grete auf.
„ Ach du Dummkopf", lachte Hermann und in seinen grauen Augen saß der Spott, „... pass nur auf, am Mittwoch wird der Herr Polizeipräsident mit einer roten Nelke am Zylinder spazieren geh'n und die „Internationale" pfeifen."
Fritz stand ganz verdutzt zwischen den lachenden Arbeitern. Plötzlich schob ihn Grete von hinten beiseite und stellte sich mit wütendem Gesicht dicht vor Hermann.
„ Um eine so blöde Antwort zu bekommen, brauchten wir nich dich zu fragen ... willst ein politischer Funktionär sein und redest mit einem Jugendgenossen wie ein Grasaffe ... nachher schimpft ihr auf die Jugend, dass sie nich genug politische Arbeit leistet ... wenn man euch aber mal was fragt, macht ihr bloß dumme Witze ...!"
Sie drehte sich um, ließ den verblüfften Hermann stehen und zog Fritz mit aus dem Lokal.
Mach dir nichts draus, Fritze . . ., Hermann wird sich det schon gemerkt haben, wat ick ihm sagte."
Auf der Straße hörten sie noch, wie Hermann ihnen nachrief. Hol dich der Teufel!, dachten beide und gingen über den regenglänzenden, dunklen Damm nach "Hause.

In dem kleinen Saal der „Roten Nachtigall" wurde es sofort still, als Hermann mit dem Beistift an das Glas klopfte. Alle wussten, es würden heute wichtige Dinge besprochen werden.
Neben dem Zellenleiter saß vorne am Tisch ein junger, unbekannter, etwa dreißigjähriger Mensch, der ruhig in die Gesichter der vor ihm sitzenden Arbeiter blickte. Die Bezirksleitung hatte einen Referenten geschickt.
An der Wand über dem Tische hingen drei große Bilder von Lenin, Liebknecht und Rosa Luxemburg. Die Bilder von Karl und Rosa hatte ein junger Genosse mit Kohle gezeichnet. Auf einer kleinen Bühne standen die Schränke und Kästen der Arbeitervereine. Als merkwürdiger Gegensatz zu dem sachlichen Ernst der Versammlung wirkten die bunten, verstaubten Girlanden aus verblichenem Seidenpapier, die unter der angeschwärzten Decke quer durch den kleinen Saal gespannt waren. Über dem Klavier hing ein mit Tinte beschriebenes Pappschild:
Sonntag abend Tanz Eintritt frei!
In dem Raum saßen jetzt etwa 45 Männer und Frauen. Die Straßenzelle des Kösliner Viertels. Einige Männer, fast alle noch in Arbeitskleidung, hatten neben sich einen Rucksack mit Handwerkszeug liegen. Alles stille, farblose Gesichter, denen die jahrelange schwere Arbeit und die täglichen Sorgen etwas Müdes, Gemeinsames gegeben haben, die Uniform der Unterdrückten.
Hermann stand auf: „Genossen, die Mitgliederversammlung ist eröffnet ... auf der Tagesordnung steht: 1. Die Gewerkschaften und der 1. Mai, 2. Vorbereitungsarbeiten zum 1. Mai. Bevor ich dem Genossen Referenten das Wort gebe, mache ich darauf aufmerksam, dass die Funktionäre und Unterkassierer noch nach Schluss einen Augenblick hier bleiben müssen. Es darf niemand vorher weggehen. Ich erteile dem Genossen Referenten das Wort."
Die Gesichter richteten sich auf den jungen Genossen, der sich erhoben hatte. Seine rechte Hand lag über einigen beschriebenen Zetteln und Zeitungsausschnitten auf dem Tisch.
„ Genossen . . ., ich werde kurz sprechen, damit wir nachher eine ausführliche Diskussion machen können."
Er sprach klar und ruhig. Jedes Wort war zu verstehen. Er beugte sich ein wenig nach vorn, wie um den schweigenden Arbeitern vor ihm näher zu kommen. Mit der einen Hand schob er an dem vernickelten Brillenbügel — eine typische Bewegung, die er später häufig wiederholte — und fuhr fort:
„ Wenn wir uns die letzten Wochen ansehen, so zeigten sich, deutlicher als in den letzten Jahren, in voller Schärfe die zwei unversöhnlichen Klassenfronten. Die Betriebsrätewahlen im Frühjahr dieses Jahres gaben die Einleitung; sie waren in ganz Deutschland ein unbestreitbarer Sieg der Kommunistischen Partei, der Revolutionären Gewerkschaftsopposition. In allen Großbetrieben, den Gruben und Hütten des Ruhrgebiets, bei Siemens, der AEG,, in der Berliner Verkehrs-AG., im Leunawerk, in den Chemiehöllen des I. G. Farbentrusts, ebenso auf den großen Werften . . . Blohm & Voß in Hamburg, der Germania-Werft in Kiel usw., überall hatten wir einen entscheidenden Sieg und die Reformisten eine entscheidende Niederlage "
Er machte eine kleine Pause und sah nach der Tür, durch die jemand geräuschvoll hereingekommen war. Alles drehte sich um. Eine kurze Unruhe entstand. Dann sprach er weiter; „Genossen, von diesen Betriebsrätewahlen bis zum Demonstrations- und Maiverbot geht eine gerade Linie." Mit der flachen Hand zog er eine Luftlinie. „Ausnahmsweise traf eine bürgerliche Zeitung einmal den Nagel auf den Kopf, wenn sie in diesen Tagen schrieb: die „Rote Fahne" hat einigermaßen Recht, wenn sie die höllische Angst für die Mutter der Courage des „Genossen" Zörgiebel hält —!"
„ Richtig . . . det stimmt!", rief eine Arbeiterfrau laut aus der hintersten Reihe. Als sich einige umdrehten, zog sie mit einer verlegenen Bewegung ihr Umschlagtuch zusammen. „Na ja . . .!" sagte sie halblaut und rückte auf ihrem Stuhl. Hermann klopfte leise an das Glas.
„ In diesem Zusammenhang muss man sehen, welche Rolle die Gewerkschaftsführer heute in der Front der Arbeitergegner spielen. Nachdem im Jahre 1889 der Internationale Arbeiterkongress zu Paris den 1. Mai als Kampftag der Arbeiterklasse zu feieren beschlossen hatte, sind als erste die Berliner Gewerkschaften darangegangen, die Propaganda für die Maifeier des Jahres 1890 zu entfalten. Ende März erschien in der „Volkstribühne" und im „Volksblatt" ein von den verschiedensten Gewerkschaftsbranchen unterzeichneter Aufruf unter dem Titel: „Was soll am i. Mai geschehen?" — In allen Industriestädten wollte man den 1. Mai als Feiertag der Arbeiterschaft unter der Losung: Kampf für den Achtstundentag, durch Arbeitsruhe und Straßendemonstration aller Arbeiter begehen. — Trotz schwerer Kämpfe haben sich seitdem die Arbeiter Jahr für Jahr für das Maifest eingesetzt.
Gleich die erste Maifeier zog einen harten Kampf in der Berliner Metallindustrie nach sich. Sämtliche Former wurden ausgesperrt. Sie stellten Gegenforderungen auf: Verkürzte Arbeitszeit und Minimallöhne. 18% kam es zu einem sechsundzwanzigwöchigen Gewerkschaftskampf gegen die Unternehmer, anlässlich des 1. Mai. Zwei Jahre vorher hatten am 1. Mai die Berliner Gewerkschaften zur Durchsetzung ihrer Forderungen den bekannten Bierboykott erklärt usw. — Ihr seht, Genossen, immer war damals noch der
1. Mai besonders in Berlin, für die Gewerkschaften ein Kampf- und Feiertag."
Er machte wieder eine kurze Pause, trat einen Schritt zurück, und hob die Stimme. „Aber schon im Jahre 1903 sagte der euch ja zur Genüge bekannte Cohen auf dem 6. Metallarbeiterkongress zu Berlin offen, dass man einmal „mit der ganzen Maifeier gründlich aufräumen müsse." Zwei Jahre später trat Theodor Leipart in den Sozialistischen Monatsschriften" gegen den 1. Mai auf. In der darauf folgenden jahrelangen Diskussion erklärten sich die rechten reformistischen Gewerkschaftsführer immer offener gegen die Arbeitsruhe am 1. Mai. Oft genug nahm Rosa Luxemburg in ihrem erbitterten Kampf gegen den Revisionismus in der Sozialdemokratischen Partei den 1. Mai zum Anlass, um die verhängnisvolle reformistische Schwenkung der Gewerkschaftsführung aufzuzeigen. Es war kein Zufall, dass zeitlich diese Auseinandersetzungen innerhalb der Partei mit der scharf umkämpften Frage des Generalstreiks zusammenfielen. Hier trennten sich schon die Fronten, die sich, nachdem das Proletariat vierundreißigmal den 1. Mai als Kampftag gefeiert hatte, am 1. Mai 1916, als Karl Liebknecht auf dem Potsdamer Platz in Berlin sein: „Nieder mit dem Krieg — Völker der Erde erhebt euch . . .!" in den imperialistischen Kriegswahnsinn schleuderte, als unversöhnliche Gegner im Weltkrieg gegenüberstanden."
Der Redner nahm das auf dem Tisch stehende Wasserglas und trank. Jetzt hatte er den Kontakt mit den Arbeitern gefunden. Aufmerksam saßen sie vor ihm, das verstanden sie alle. Ja — so war es gewesen, so hat sich das also entwickelt.
„ Nach dem Kriege, Genossen, wurde die Maifeier zu einer Selbstverständlichkeit. Sollten sich etwa die Arbeiter in einer Republik nehmen lassen, was sie unter einem Kaiser durchgesetzt hatten?! — Aber was zeigte sich jetzt? Die SPD. hatte sich zu einem wichtigen Teil des Machtapparates dieser kapitalistischen Republik entwickelt. Wie sofort zu Beginn der politischen Umwälzungen in Deutschland die SPD. mit Noske und der Schwarzen Reichswehr die Arbeiterschaft blutig niederschlug, so übernahm auch in der Epoche des Aufbaus der deutschen Industrie die SPD. die Büttelrolle zur Niederhaltung der werktätigen Massen, auf deren Kosten nur eine Befestigung der Unternehmerpositionen möglich war. Wenn wir uns die gesamte Nachkriegsentwicklung betrachten, so wird auch jeder sozialdemokratische Arbeiter zugeben müssen, dass die Kapitalisten in jeder entscheidenden Situation es der SPD, überlassen haben, „Ruhe und Ordnung" wieder herzustellen und die wenigen wichtigen Errungenschaften der Arbeiterschaft auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet abzubauen. Denken wir nur dabei an Eberts Ermächtigungsgesetz, das den achtstündigen Arbeitstag praktisch beseitigte. Ebert hat für das deutsche Kapital mehr getan, als jeder Vorknegskaiser: Er hat ihre Existenz gerettet! Und dann — wählten sie einen Hindenburg. —
In diesen Jahren waren die Gewerkschaften zu großen Massenorganisationen geworden, die vollkommen unter der Führung der sozialdemokratischen-reformistischen Bürokratie standen. Die Gewerkschaften waren das Werkzeug der SPD., die in der Regierung einer kapitalistischen Republik, für die Existenz des Kapitalismus die Verantwortung übernommen hatte. Führer der erbittertsten Feinde der Arbeiterklasse! — Der Kapitalismus beurlaubte die SPD. gewissermaßen aus ihrem Dienerzimmer in die gute Regierungsstube, in der sie heute sitzen, bis sie das Kapital wieder zurückschicken wird, weil auch eine Scheinopposition der SPD-Führer außerhalb der Regierung die beste Garantie für die Durchführung des Kapitaldiktats ist. Niemals kann und wird die SPD. wieder eine Arbeiterpartei werden können, weil die Führer und über ein Drittel ihrer Mitglieder durch ihre hohen Einkünfte und ihre Posten im Staatsund Verwaltungsapparat der kapitalistischen Gesellschaft materiell fest gebunden sind. Ihre Existenz verpflichtet sie, die Hunger- und Lohnabbaupolitik der Unternehmer durchzuführen. Es ist klar, wie wichtig hierbei die Rolle der reformistischen Gewerkschaften ist.
Vor uns liegt ein solches Schanddokument dieser Zusammenarbeit zwischen SPD. und Gewerkschaftsführung gegen die Arbeiterschaft."
Er nahm einen mit Schreibmaschinenschrift bedeckten Bogen vom Tisch und hielt ihn hoch. „Dieses Schreiben hat der ADGB. an sämtliche Ortsgruppenleitungen, soweit sie sozialdemokratisch sind, gesandt:
„ Die kommunistische Presse, insbesondere die „Rote Fahne", versucht in der letzten Zeit, aus dem Ergebnis der Betriebsrätewahlen Kapital zu schlagen und rühmt sich ihrer Erfolge, vor allem in den Großbetrieben . . . Die sozialdemokratische Presse ist an den Bundesvorstand mit der Bitte herangetreten, ihr mit Hilfe der Verbände stichhaltiges — (einige Arbeiter lachten ironisch) — Material zur Verfügung zu stellen, das sie gegen die kommunistische Presse ausnutzen kann . . ."
Er legte den Brief wieder hin und sah hoch.
„ Pfui Teufel . . . !" rief Kurt erregt.
„ Schurken verdammte!"
„ Seht doch ... diese Schweine! ... Dafür zahlen wir unsere Beiträge!"
„ Und dann schreien sie ... die Kommunisten wollen spalten!"
Es dauerte eine Weile, bis sich der Referent wieder verständlich machen konnte.
„ Genossen, das sind heute die „freien" Gewerkschaften!"
„ Nicht einen Pfennig sollte man diesen Lumpen mehr zahlen ..." rief die Frau mit dem Umschlagtuch.
„ Nein, Genossen, das ist bestimmt nicht richtig", antwortete der Referent auf den Zwischenruf. „Damit würden wir nur erreichen, dass sie vollkommen ungestört mit unserem Geld machen könnet}, was sie wollen."
„ Sehr richtig ...!"
„ Wollt ihr die Millionen Kollegen, die noch nicht klar die arbeiterfeindliche Rolle der Gewerkschaftsbürokratie erkannt haben, einfach im Stich lassen und diesen Kerlen in die Hände geben ...? Nein, umgekehrt, Genossen —, gerade jetzt vor dem 1. Mai müssen wir den sozialdemokratischen und parteilosen Kollegen und Kolleginnen in den Branchenversammlungen, im Betrieb, auf der Straße, in der Bahn, in den Einkaufsstellen usw. klar machen, warum jetzt dieselben Berliner Gewerkschaften zum 1. Mai einen Aufruf erlassen, in dem sie die Stirn haben zu sagen: „Unverantwortliche Stellen fordern zur Demonstration auf. Kein freier Gewerkschafter nimmt an diesen Demonstrationen teil ...!"
„ So sehen die aus ...!"
„ Einen Dreck werden wir denen!"
Die Zurückhaltung, die bei jedem Vortrag zunächst auf der Versammlung liegt, war verschwunden. Jetzt waren sie warm geworden, alles redete durcheinander. Am Ausgang bildete sich sogar eine richtige Diskussionsgruppe, die den Referenten überhaupt vergessen
hatte. —
Hermann klopfte energisch mit dem Bleistift an das Glas. „Genossen — so geht doch det nich ... ich bitte um Ruhe, bis der Referent fertig is ... nachher könnt ihr euch ja zur Diskussion melden!"
Einige lachten — dann wurde es wieder still.
„ Genossen, ich will zum Schluss kommen. Im vergangenen Jahr haben die Gewerkschaftsführer und die SPD. bei der Maidemonstration auf der Treptower Wiese gesehen, dass die Revolutionäre Gewerkschaftsopposition mit ihren Losungen und ihrem Elan das Gesicht der Demonstration beherrscht hat. Aus einer zahmen Kundgebung war durch unseren Einfluss und die Arbeiterschaft, die hinter uns steht, eine politisch-revolutionäre Kampfaktion geworden. Genau so würde in diesem Jahre eine Maidemonstration in den Straßen Berlins beweisen, wie gering der Einfluss der Reformisten auf die Klassenbewusste Arbeiterschaft ist, es würde ein Kampftag unter den roten Fahnen der Kommunistischen Partei werden. Eine solche mächtige Kundgebung, die sich natürlich auch in erster Linie gegen den Verelendungskurs der sozialdemokratischen Koalitionsregierung richten würde, kann aber die SPD. nicht gebrauchen. Aus Angst davor haben sie ihren Genossen Polizeipräsidenten beauftragt, die Maidemonstration zu verbieten. Aber Genossen . . .", er hob seine Stimme und rief laut: „wir ließen uns als Berliner Arbeiter von keinem Wilhelm und wir werden uns von keinem Zörgiebel die Straße verbieten lassen."
„ Bravo!"
„ Richtig ...!"
„ Ich wiederhole ... wir werden am Mittwoch auf die Straße gehen. Unbewaffnet werden wir uns unter den Augen einer von unseren Groschen bis an die Zähne bewaffneten Polizei, die unter der Führung eines Sozialdemokraten steht, die Straße erobern ..."
„ Jawohl ... det werden wir ...!"
Der Arm des Referenten streckte sich wie zu einer beschwörenden Anklage über die Köpfe der Arbeiter: „Genossen ..., wenn die SPD. im „Vorwärts" in einer Front mit den reaktionären Zeitungen mit ihren maßlosen Lügen und Verleumdungen über die angeblich von der KPD. „gewollten" Todesopfer den Blutschatten eines Noske, eines Bielefelder Severing an die grauen Hausfronten der Berliner Arbeiterviertel malt, so wird — wie in Sowjetrussland — einmal die Geschichte der Revolution über diese mit rotem Arbeiterblut besudelten Schergen das Gericht der Vergeltung halten ...! Genossen, vergesst nicht, dass es auch ein 1. Mai war, als 1919 im Auftrage und unter Führung einer sozialdemokratischen Regierung die weißen Garden des Faschismus in München zur blutigen Niederschlagung der Räteregierung einmarschierten!! — Keine Provokation wird uns davon abhalten, die Arbeiterschaft zur Kampfdemonstration am 1. Mai auf die Straße zu rufen und unsere Pflicht als Führerin des revolutionären Proletariats zu erfüllen ...!"
„ Bravo ... die Kösliner Ritze wird schon da sein ...!"
Die Spannung hatte sich gelost. Erregte Worte schwirrten durch den von Tabakdunst fast undurchsichtig gewordenen Raum. —
Hermann erhob sich. „Genossen . . ., ihr habt das Referat des Genossen gehört. Wir kommen zur Diskussion ... wer wünscht das Wort?"
Er sah in die Versammlung. Niemand meldete sich. Zu sagen war eine ganze Menge, aber niemand machte gern den Anfang. Das war immer so. Einer ermunterte den anderen ... „Jupp, fang an" ... „nee, zuerst kann Otto reden" ... „na los, Otto!" Kurt erhob sich und sah zu Hermann herüber.
„ Der Genosse Zimmermann hat das Wort."
Kurt fing langsam und etwas schwerfällig an. Auf dem Bau, bei den Kollegen, konnte er besser reden. „Genossen ..., vielleicht gehört das nicht ganz zum Thema, aber ich meine, wenn wa uns mit den Gewerkschaften beschäftigen, dann müssen wa auch über de Betriebe reden. Det bei uns Bauarbeiter der Laden am Mittwoch klappt, wisst ihr ja. Unsere Baustelle jeht geschlossen zur Demonstration. Aber wie steht et mit den anderen Betrieben in Berlin? Soviel ick weiß, liegen bis jetzt 650 Beschlüsse von Massenorganisationen und Betrieben, darunter von Belegschaftsversammlungen großer Werke, vor, die gegen das Demonstrationsverbot protestiert haben. Det is sehr viel, aber noch lange nich genug. Wir haben hier im Zellenbereich verschiedene Betriebe, in denen zum Teil ooch kommunistische Betriebszellen existieren. Wat is da los ... warum hört man da nischt? Wir müssen die Tage bis Mittwoch dazu benutzen, um da den Laden in Schwung zu bringen. Vielleicht erzählt uns Hermann dazu noch, wat unternommen werden soll ..."
Er setzte sich wieder hin. Hermann antwortete ihm sofort darauf. In einigen Betrieben waren Betriebsversammlungen vorbereitet, die noch in dieser Woche stattfinden sollten. Es stand schon fest, dass mit geringen Ausnahmen überall die Arbeit am Mittwoch im Zellenbereich des Kösliner Viertels ruhen würde. In einem Fall hatte sich der sozialdemokratische Betriebsrat geweigert und der Belegschaft erklärt, dass „im Interesse der vorliegenden Aufträge" die Produktion nicht unterbrochen werden darf.
„ Ein feiner Betriebsrat ...!"
„ Wat kriegt er dafür von de Direktion?"
Man würde versuchen, durch Flugblätter trotzdem die Belegschaft zur Arbeitsniederlegung zu veranlassen. —
Eine Wortmeldung nach der anderen kam jetzt. Sogar der alte Hübner, der unterdessen gekommen war, sprach in der Diskussion. Hermann sah mit Schrecken die lange Rednerliste. — Nach einer Stunde beantragte er mit Rücksicht auf die Arbeiten, die heute noch erledigt werden mussten, Schluss der Debatte.
Man kam zum zweiten Punkt der Tagesordnung: Die Vorbereitungsarbeiten zum 1. Mai! Flugblätter sollten morgens vor den Betrieben verteilt werden, Zettel waren nachts zu kleben. Am Sonntagabend sollte eine große Versammlung stattfinden, für die noch Haus- und Hofagitation zu machen war, die Mainummer des „Wedding-Prolet", die Häuserblockzeitung der Straßenzelle, musste fertig gemacht, gedruckt und vertrieben werden usw. Eine Menge Aufgaben, die alle nach Feierabend von den Mitgliedern durchgeführt werden mussten. —
Es war fast zwölf Uhr, als die Sitzung geschlossen werden konnte. Unter denen, die sich zum Kleben gemeldet hatten, war Kurt, dessen Nacht um halbsechs Uhr zu Ende war.
„ Ich komme zu dir nachher rüber, Hermann, will bloß Anna Bescheid sagen."
„ Wird woll nen kleenen Krach jeben, wat, Kurt?", sagte Hermann lachend zu ihm und packte seine Sachen auf dem Tisch zusammen.
„ Wat ihr immer von Anna wollt? . . Vielleicht kommt sie mit", antwortete Kurt. Er ärgerte sich, dass sie Anna immer ansahen wie eine kleinbürgerliche Hausfrau, die nichts von Parteiarbeit versteht. Er wusste, sie würde schon eines Tages soweit sein, dass sie selbst in die Partei kam. Die sollten nicht immer so dumm reden! — Aber vielleicht machte sie doch heute Krach ..., dachte er, als er durch den Gang nach vorne in das Lokal ging. —
Auf der dunklen Straße stand Hermann noch einen Augenblick mit dem jungen Referenten zusammen.
Es mochte kaum zwei so verschiedene Menschen geben, als der breite Arbeiter Hermann und der schmale, blasse Mensch, der jetzt mit hochgeschlagenem Mantelkragen auf der Straße stand und fror. Er erzählte Hermann, dass er als Angestellter bei Lorenz arbeitet und in diesem Frühjahr zum Betriebsrat gewählt worden war.
„ Rauch' nich so viel", sagte Hermann kameradschaftlich zu ihm, als sich der Genosse eine Zigarette ansteckte und ihm auch eine anbot. In dem kurzen flackernden Licht des Streichholzes sah er, dass die Augen des Referenten fiebrig glänzten.
„ Was soll man machen, Genosse", sagte er mit einem leisen müden Lächeln, „ihr werdet ja da in der Straße auch nicht alle mit Gesundheit protzen können."
Er sah in die dunkle, stille Straße, die vor ihnen lag.
„ Gute Nacht, Genosse". Er gab Hermann die Hand, drehte sich um und verschwand schnell in der Dunkelheit.




VI. Die blaue Spirale

 

Bis zum Sonntagabend ging scheinbar alles seinen gewohnten Gang weiter. Die Zeitungen wurden sorgfältiger als sonst gelesen, einer oder der andere brachte einmal eine rechtsstehende Zeitung abends mit in die „Rote Nachtigall", die von Hand zu Hand ging. Es gab keinen Unsinn, der in diesen Tagen nicht geschrieben wurde. Das Geringste war noch, dass die Kommunisten am 1. Mai die „Revolution machen" wollten. Am tollsten trieb es der „Vorwärts" — Unter den Arbeitern, die in diesen Tagen in der Badstraße die großen Schaufensterscheiben der „Vorwärts"-Filiale bei hellem Tageslicht unter den Augen der Polizei einschlugen, waren mehrere junge Sozialdemokraten.
Am Sonnabend hing jemand das Titelblatt der „Nachtausgabe", die wieder einmal irgendeine gemeine Hetzüberschrift hatte, in das Schaufenster der „Roten Nachtigall". Auf einem Zettel, der darüber geklebt war, stand: Achtung, Gift — nicht anrühren! Später schrieb noch ein anderer quer über die Seite: Darum lest nur die „Rote Fahne".
Die Diskussionsgruppen der Frauen vor den Häusern standen vielleicht öfter und länger als sonst zusammen, manchmal beteiligten sich auch die Männer an diesen Straßenunterhaltungen und erzählten von ihren Beobachtungen in den Betrieben und in der Stadt. —
Die Stadt, das war das da draußen. Die Stadt fing hinter dem Nettelbeckplatz an und war das große Berlin mit seinen Autos, Verkehrsbahnen, Warenhäusern, Polizisten und einigen Millionen Menschen. Die Menschen aus der Gasse kamen da nicht viel hin. Die Arbeitsstelle, wenn einer noch eine hatte, war oft die einzige Gelegenheit, herauszukommen. Früh fuhr man hin, wenn es noch dunkel war, und kam abends müde zurück in die Gasse. Das Kino war nebenan, oder einer setzte sich noch eine Stunde in den Laden von Krückenmax an den Ofen, und dann waren — die Kneipen da. Das Kösliner Viertel war wie ein abgeschlossenes Ghetto der Armut. — Trotzdem die Kösliner Straße selbst ziemlich breit war, wurde nur immer von der „Gasse" gesprochen. In den 23 Häusern mit ihren tiefen Hinterhausblöcken wohnten Tausende von Menschen.
In dem Haus Nr. 4 hatte vor einigen Monaten ein gewisser Petrowski einen Eisladen eröffnet. Ein einfacher, weiß gekalkter Raum, in dem an der Seite der kleine Ladentisch mit den eingebauten Eistöpfen stand. Davor befanden sich vier kleine, runde Tische mit rot gestrichenen Stühlen. Das Hauptstück des Ladens war die von einem elektrischen Dynamo betriebene Eismaschine, die unmittelbar hinter der Schaufensterscheibe arbeitete. Nach der Straßenseite zu war an dem etwa ein Meter großen hölzernen Schwungrad eine weiße Pappscheibe befestigt, auf die eine schöne, blaue Spirale gemalt war. Wenn die Scheibe sich drehte, sah es aus, als ob sich die Spirale zu einem immer tiefer werdenden, rasend rotierenden Trichter verwandelte. Den Kindern, die in der ersten Zeit ihre Nasen plattdrückten an der Fensterscheibe, wurde ganz schwindlig, wenn sie davor standen und in diesen sich immer schneller drehenden Trichterschlund hineinsahen.
Nach der Hinterseite zu war der Raum durch eine weiß gestrichene Holzwand abgegrenzt. Hinter dieser Wand schlief und wohnte der Inhaber Petrowski. Vielleicht war es etwas ungewöhnlich für einen so kleinen Geschäftsmann der Gasse, dass sich der Eismann gleich in den ersten Tagen ein Telefon legen ließ. Von seinen Kunden wurde es übrigens nie benutzt. Wer telefonieren musste, ging in die „Rote Nachtigall".
Der Laden ging von Anfang an schlecht. Petrowski stellte bunte Papierblumensträuße auf die Tische und gab sich Mühe, es so nett und gemütlich wie irgend möglich in seinem Laden zu machen. Die Kinder, die sich ab und zu für 10 und 20 Pfennig eine Eiswaffel kauften, kamen wohl zu ihm. gingen aber lieber mit ihrer Waffel auf die Straße Es war sehr selten, dass sich jemand bei ihm hinsetzte. Er versuchte es dann später, weil es für das Eisgeschäft noch zu kalt war, mit billigen Kartoffelpuffern. Aber es nutzte nichts Irgend etwas musste daran schuld sein, dass sich die Leute aus der Gasse in seinem Laden nicht wohlfühlten.
Die Geschichte wurde deshalb besonders merkwürdig, wenn man die Gewohnheiten der Menschen aus der Gasse berücksichtigte Die engen, schlechten Wohnungen sind am Tage, besonders für die jungen Burschen, die oft nur eine Schlafstelle haben, kein angenehmer Aufenthalt; zudem kosten Kohlen Geld, das man notwendiger zum Essen braucht. Es gab eine ganze Reihe kleiner Geschälte in der Gasse, in denen es einen Tisch und ein paar Stühle am Ofen gab. In dem Zigarettenladen von Krückenmax — so nannten sie ihn, weil er einen Stelzfuß hatte — saß immer eine Handvoll junger Arbeiter. Man rauchte, erzählte sich was, diskutierte und hatte es warm, besser wie in der kalten, engen Wohnung, Und die vielen Kneipen in dieser kurzen Straße ersetzten die Wohnung, vielen die Familie. In einer Kneipe wurde getrunken — was denn sonst? Am Zahltag gab es in der Gasse auch manchmal Besoffene. Es war kein Zufall, dass die Betrunkenen fast immer diejenigen waren, denen es am elendsten ging, . .
Nur bei Petrowski — und das war doch merkwürdig — blieben die neuen roten Stühle abends leer. Man mochte ihn nicht! Er hatte einmal erzählt, dass er ungarischer Emigrant sei und nicht mehr in seine Heimat zurück dürfe. Dabei ließ er durchblicken, dass es sich um irgend eine politische Angelegenheit gehandelt hätte, über die er nicht näher sprechen könne. Richtiges war aus ihm nicht herauszubekommen. Der schwarze, pockennarbige Bursche war den Arbeitern aus irgend einem Grunde unsympathisch, ohne dass jemand hätte sagen können, warum. Seine überaus höfliche, hilfsbereite Art passte nicht in die Gasse und zu ihren einfachen Menschen Es hatte nichts damit zu tun, dass Petrowski Ausländer war Der polnische Arbeiter Mitja aus Nr. 1 war der Freund der ganzen Straße, trotzdem er kaum ein Wort richtig deutsch sprechen konnte. Da war eben doch ein Unterschied da.
Am Nachmittag, etwa gegen 6 Uhr, stand Anna mit ihrem Jungen auf der Straße vor der Haustür. Es war schrecklich, wie schmutzig die Gasse selbst am Sonntag wieder aussah. In den Nebenstraßen der Arbeiterviertel ließ der Berliner Magistrat nur alle paar Tage die Straßen säubern. Ausländer und Fremde kamen nicht hierher, da kam es nicht so genau darauf an. — Mit einem lumpengefüllten Lederball spielten Kinder auf dem schmutzigen Damm Fußball.
Ein großer, gutgekleideter Herr kam die Straße herunter. Bei den Frauen, die vor der Haustür standen, wich er mit einem kleinen Bogen nach dem Damm zu aus und ging dahinter wieder dicht an das Haus heran, sah aufmerksam nach der Nummer neben dem Tor und verschwand, ohne sich weiter umzusehen, schnell in dem Eisgeschäft.
Anna hatte den Mann flüchtig gesehen. Sie kannte ihn nicht, er war nicht aus der Straße. Er war ihr erst aufgefallen, als er nach der Hausnummer blickte und dann zu dem Petrowski in den Laden ging. Wie ein Steuerbeamter hatte er ausgesehen, dachte sie.
Während sich Anna weiter mit den Frauen unterhielt, fiel ihr auf einmal ein, dass es doch kein Steuerbeamter gewesen sein konnte. Heute war doch Sonntag . . . ! Langsam wurde ihr Interesse wach. Irgend etwas schien ihr da nicht in Ordnung. Der Mann war nicht von hier, was wollte er in dem Laden, in den kaum Leute, die
hier wohnten, hineingingen-----------?! Vielleicht hätte sie den Mann
ü berhaupt nicht weiter beachtet, wenn er nicht gerade zu Petrowski gegangen wäre, zu diesem schwarzen Kerl, den Anna auch nicht leiden konnte. Sie sah unentschlossen nach dem Eisladen hinüber. Ach was —, das ist die Sache wert!
„ Komm Junge, kriegst eine Eiswaffel, weil heute Sonntag ist" Begeistert marschierte der kleine Kerl sofort auf den Laden los und zog die Mutter hinter sich her.
Das erste, was Anna in dem Laden feststellte, war die Tatsache, dass der Mann von vorhin nicht zu sehen war. Es war also kein Kunde, sondern er musste mit dem Eishändler hinter der Holzwand sitzen. Anscheinend hatten sie sofort aufgehört zu sprechen, es war nichts mehr zu hören. Petrowski kam mit seiner weißen, nicht mehr ganz sauberen Jacke durch den Vorhang heraus. Als er Anna sah, verzog sich sein pockennarbiges Gesicht zu einem freundlichen Grinsen:
„ Guten Tag, Frau Zimmermann . . ., kommen Sie mir auch mal was abkaufen . , . elende Zeiten, was!" Er beugte sich über den Ladentisch zu dem Jungen runter.
„ Na, kleiner Mann . . ., was willst du denn haben?"
Petrowski sprach ein tadelloses Deutsch, nur an dem harten Gaumenlaut merkte man, dass er ein Ausländer war.
„ Eine Eiswaffel für 10 Pfennig", sagte Anna kurz, ohne auf seine unangenehme Freundlichkeit einzugehen. Sie ärgerte sich, dass sie hier hereingegangen war. Was konnte sie schon feststellen? Der Mann war vielleicht ein Verwandter des Eishändlers, der am Sonntagnachmittag zu Besuch kam. Schade um das Geld. Schließlich würde sich der Junge bei dem leuchten Wetter noch den Magen an der Eiswaffel erkälten.
Mit einer übertrieben liebenswürdigen Bewegung reichte Petrowski die fertige Eiswaffel dem Jungen hin.
Anna zahlte rasch und ging mit Fritz, der, selig über das unerwartete Geschenk, an der Waffel leckte, wieder auf die Straße. Als sie sich noch einmal nach dem Laden umdrehte, sah sie, dass der Eishändler hinter der Türgardine stand und sie beobachtete.
„ Blödsinnige Geschichte", murmelte Anna, „hols der Teufel — bei dem Burschen war was nicht in Ordnung!"
Aber was? Der sah ihr nicht nur nach, weil sie eine hübsche Frau war. Er wollte nur sehen, wo sie hinging Warum hatte sich der Mann hinter der Wand überhaupt nicht gerührt, als sie im Laden war, warum hatten sie sofort aufgehört zu sprechen . . . ? Sie wusste wirklich nicht, was sie daraus machen sollte; wenn Kurt wenigstens dagewesen wäre.
Auf der anderen Seite des Dammes sah sie Paul Werner kommen, der auch zur Straßenzelle gehörte.
„ Paul, wart mal einen Augenblick", rief sie ihm zu und ging herüber Paul wohnte in dem Haus des Eisfritzen und konnte vielleicht eher etwas damit anfangen.
„ Tach — Anna, is Kurt schon zurück?", fragte er und gab ihr freundschaftlich die Hand. Er mochte die junge, saubere Frau gern.
„ Nee, Paul . ., aber ich will dir mal was sagen —". Erst als sie merkte, dass Paul bei ihrer Erzählung sofort ernst wurde und aufmerksam zuhörte, wurde sie wieder etwas sicherer. — Nachdem sie fertig war, sah er sie einen Moment nachdenklich an.
„ Du, Anna, det is bestimmt een Bulle! Den Petrowski haben wir schon lange im Verdacht, dass er nicht so zufällig hier in die Gasse gezogen ist." Er überlegte einen Moment.
„ Pass mal auf, Anna, du gehst hier ruhig noch eine Weile weiter spazieren mit dem Jungen, falls er dich doch noch beobachtet. Nachher kommst du, damit er dich nicht sehen kann, von der anderen Seite rüber in den Hausflur."
Paul fackelte nicht lange So ein Verdacht war wichtig genug, um der Sache sofort auf den Grund zu gehen. Teufel, das fehlte noch — mitten in der Gasse einen Polizeispion mit Telefon, Straßenbeobachtung und so weiter Spitzbube verdammter! Er redete sich schon in Wut, ehe er noch den geringsten Beweis für Annas Vermutung hatte Der sonst so gutmütige Paul Werner — er war der Kassierer der Straßenzelle — wäre am liebsten sofort in den Laden gestürzt, um die Beiden auf den Straßendamm herauszuschleifen: hier, Leute . . hier sind diese Polizeispitzel, die Achtgroschenjungs, die man uns in die Gasse gesetzt hat . . seht euch diese Fressen mal an so sieht ein Lump aus, der selber zum Proletariat gehört und für acht Groschen seine Nachbarn ins Zuchthaus bringt! Und dann rein in die Fratzen, bis sie Brei sind . . .
Langsam, langsam, Paule, immer die Wut kühl und trocken behalten, mal erst überlegen, wie man daran kommt. Er blieb einen Moment stehen und zwang sich dazu, ruhig nachzudenken. Reingehen in den Laden war zwecklos. Da bekam man nichts heraus. Nach dem Hof zu ging nur das kleine Klosettfenster, das viel zu schmal war, als dass jemand hätte hereinsteigen können. Plötzlich erinnerte er sich, einmal auf dem Hausflur durch eine Tür, die von hinten in den Laden führte, deutlich das Telefon gehört zu haben.
Er ging dicht an den Häusern entlang bis zu der Toreinfahrt, die unmittelbar vor dem Eisladen lag und verschwand darin. Vorsichtshalber zog er die Haustür hinter sich zu.
Durch den hohen schmalen Hof fiel nur ein schwacher Lichtschimmer in den fast völlig dunklen Hausflur. In einer Mauernische rechts musste sich die Tür befinden, die in den Eisladen führte.
Langsam und geräuschlos tastete sich Paul an der Wand bis zu der Nische hin. Noch bevor er das Ohr an die Holztür gelegt hatte, hörte er schon eine laute heftige Unterhaltung dahinter.
„ Donnerwetter!" flüsterte er überrascht. Der Eishändler wusste anscheinend nichts davon, dass man hier draußen deutlich jedes Wort verstehen konnte. Vorsichtig brachte er sein Ohr an die dünne Spalte zwischen Tür und Rahmen. Wenn jetzt nur keine Leute durch den Flur kommen, dachte er. —
„ ... nein, es ist ausgeschlossen, da gibt es keine Verbindung. Ich habe das genau untersucht! Sie können mir das wirklich glauben!"
Paul erkannte die hohe, immer etwas nervös abgehackte Stimme Petrowskis. Er hörte vor Erregung fast auf zu atmen. Anscheinend sprach jetzt der Besucher. Verdammt ... der Bursche sprach so leise, dass nichts zu verstehen war. Das war die Vorsicht gewohnte ruhige Stimme eines Polizeikommissars, der immer damit rechnete, dass Wände Ohren haben können. — Petrowski sprach wieder aufgeregt dazwischen.
„ Ist doch unmöglich . . . dann sind die Leute eben auf einem anderen Wege durch die Häuser gekommen . . . vielleicht über die Dächer ... aber unten gibt es von Nr. 19 keinen Weg zur Reinickendorfer Straße. Ich bin erst vorgestern abend drüben gewesen und habe mir das genau angesehen ..."
Der andere schien, nach dem Tonfall zu urteilen, eine Frage zu stellen.
,,Ja, das ist nicht so schwierig ... die Panke ist hier unten nicht sehr tief ... außerdem ist es ja auch nicht schwer, mit ein paar Brettern eine Notbrücke darüber zu legen ... ja, man kommt von dort sehr leicht zur Hochstraße."
Paul konnte nicht mehr. Leise trat er einen Schritt zurück — so, erst mal Luft holen! Er spürte einen unangenehmen Druck in der Magengegend. Immer, wenn er in eine plötzlich starke Erregung kam, überfiel ihn dieser krampfartige nervöse Magenschmerz.
Er versuchte sich klar zu konzentrieren. Jetzt hatte man also den Hund! Die Unterhaltung der beiden war nicht mehr zweifelhaft. Er überlegte, jetzt muss schnell gehandelt werden, einer muss sofort weiterhören, ein anderer Hermann verständigen. Wo bleibt Anna nur? ... er kann doch jetzt nicht einfach hier weglaufen . . . Die Wut nahm ihm noch immer jede ruhige Überlegung. So ein Mistvieh ... sitzt hier mitten in der Gasse und spioniert die Häuser
aus ...!
Ein wütender Magenschmerz warf ihn fast zu Boden. Als wenn ihm einer die Gedärme herausriss. Mit vornübergebogenem Leib stand er im Hausflur, als das Tor aufging und Anna hereinkam.
„ Paul ... was ist denn los ...?", flüsterte sie bestürzt. Er presste die Fäuste vor den Magen. Mit ungeheurer Willensanstrengung riss sich Paul zusammen. Er durfte jetzt nicht schlapp machen —! Mühsam richtete er sich auf und zog Anna auf der gegenüberliegenden Seite ein paar Stufen die Treppe herauf.
„ Ich hab' den Jungen erst fortgebracht", entschuldigte sich Anna leise.
„ Gut ... gut . . . Anna", antwortete er mit einer abwehrenden Handbewegung, „pass mal auf ... du gehst jetzt an die Tür ... ganz vorsichtig . . . dürfen drin nichts merken . . . hörst genau zu, was die Kerle drin sprechen . . . ich gehe Hermann suchen."
Sein Gesicht war grau vor Schmerzen.
„ Paul, lass mich doch schnell laufen", bat ihn Anna, die immer noch nicht wusste, was eigentlich mit ihm los war, aber doch sah, dass er in diesem Zustand nicht über die Straße gehen konnte. Paul packte sie hart an die Schultern und schob sie wortlos die Treppe herunter. Im Hausflur zeigt er nur stumm in die Türnische und ging leise zu dem dunklen großen Haustor. Er drehte sich noch einmal um, Anna war schon in der Mauernische verschwunden. —
Auf der Straße wurde es ihm besser. Der wütende Schmerz hatte etwas nachgelassen. Es war noch eine Nervengeschichte aus der Kriegszeit, die nur geheilt werden konnte, wenn er die notwendige jahrelange Ruhe gehabt hätte. Gerade immer dann, wenn er seine Nerven am notwendigsten brauchte, überfiel ihn dieser furchtbare Magenkrampf.
Er musste zuerst in die „Rote Nachtigall", um zu hören, wo Hermann war. Vielleicht hatte ihn jemand gesehen. Bei dieser Gelegenheit wollte er schnell eine Seiter trinken, das einzige wirksame Mittel, das es gegen diese Magengeschichte gab. Sowie er nach der Seiter einige Male tüchtig aufstoßen konnte, war der Anfall vorüber. Merkwürdige Sache, — aber es war nun mal so
Rasch lief er die Straße herunter. Unterwegs fragte er nach Hermann, niemand hatte ihn gesehen. Einen Moment dachte er daran, wenn er den Leuten auf der Straße erzählen würde, dass sich da drin in dem Eisladen zwei Polizeispitzel über die Gasse unterhalten!? Von der Ladeneinrichtung würde wahrscheinlich nicht viel übrig bleiben . . . „Nee, nee — Paul — det is verkehrt —", murmelte er vor sich hin, „mal erst Hermann alles erzählen."
In der „Roten Nachtigall" rief ihm Kurt Zimmermann auf seine Frage sofort entgegen: „Der is drüben in seine Wohnung!"
„ Los — komm' mit, Kurt!" Seine Seiter hatte er schon wieder vergessen. Jetzt, wo er wusste, dass alles in Ordnung gehen würde, wurde er etwas ruhiger und sofort ließen auch die Schmerzen nach. Unterwegs erzählte er Kurt kurz, was los war.
„ Junge, Junge ... du, der kennt die Gasse nicht, sonst hätte er sich nicht hier ringesetzt."
„ Wird sie schon kennen lernen", antwortete Paul mit verbissener Wut. Kurt nahm die ganze Sache bedeutend ruhiger auf. Natürlich schickt die Polizei Spitzel und Agenten in die Gasse! Schließlich war es ja nicht das erste Mal, dass sie dahinter gekommen waren. Die Hauptsache war, dass man sie fasste und unschädlich machte.
In dem Eisgeschäft, an dem sie vorbei kamen, brannte jetzt Licht. Der Laden war leer. Zwei Häuser weiter wohnte Hermann. Frau Süderupp öffnete ihnen.
„ Tach — Genossen, Hermann is in sein Zimmer."
Sie gingen vom Flur aus durch das einzige große Zimmer, das die Wohnung hatte. Die zweijährige Heidi saß auf dem Fußboden und spielte mit einem großen Scheit Brennholz irgendeine undurchsichtige Geschichte. Als ihr Kurt im Vorbeigehen flüchtig über das Haar strich, bog sie den Kopf, unwillig über die Störung, beiseite und beschäftigte sich weiter mit ihrem Holz. Heidi nahm nur selten von den vielen Leuten, die hier tagsüber ein- und ausgingen, Notiz. Nebenan war Papa. Das genügte zunächst für ihr Wohlbefinden. —
Durch die angelehnte Tür hörte man das unregelmäßige Klappern einer Schreibmaschine. Kurt stieß die Tür zurück.
In der Ecke der kleinen Kammer, neben dem Fenster, hatte sich Hermann auf dem Tisch aus rohem Kistenholz eine Art Bücherschrank mit zwei verschließbaren Fächern gebaut. In dem mit rotem Kreppapier ausgeschlagenen Mittelfach stand eine etwa 30 cm hohe Leninbüste. Es war gleichsam die allerdings sehr bescheidene „Leninecke" der roten Gasse. Darüber befanden sich zwei Reihen Broschüren, meistens Parteitagsprotokolle, Referentenmaterial und eine Anzahl marxistisch-wissenschaftlicher Bücher. Als einzigster Roman war „König Alkohol" von Jack London vertreten. Übrigens zeugte der Zustand der Broschüren davon, dass sie nicht zum Schmuck hier standen.
Es war das typische Bücherbrett eines politisch geschulten Parteifunktionärs, der als Prolet keine Zeit hatte, andere als nur für seine politische Arbeit unbedingt notwendigen Schriften zu lesen. In manchen Nächten hatte hier der Metallarbeiter Hermann Süderupp bei der Küchenlampe gesessen und seinen müden, schwerfälligen Kopf gezwungen, sich mit den Fragen der ,,Mehrwert-Theorie", der „Akkumulation des Kapitals", des „Nachkriegsimperialismus" usw. zu beschäftigen. „Ohne Theorie — keine Praxis" sagte Lenin, dessen großes Bild noch einmal in einem alten Rahmen über den Büchern hing „Onkel N'in" sagte Heidi immer zu ihm.
Neben dem Tisch befand sich ein Schrank mit Zeitungen, Akten und allerhand Kram, den er noch so oft aufräumen konnte und doch nie in Ordnung bekam. Nach einigen Wochen war wieder alles durcheinander. Auf Heidis kleinem Kindertisch stand eine alte, billig erworbene Schreibmaschine, mit der Hermann jetzt langsam aber sicher — er tippte immer vorsichtig, nur mit einem Finger — an dem Text der Straßenzellen-Zeitung schrieb
Die Funktionäre nannten diese Bude: „Das rote Zimmer". Ganz und gar nicht in dieses rote Zimmer passte Heidis kleiner Teddybär, der an einer Schnur von der Decke herabhing. Sie hatten Ihn einmal auf dem Rummelplatz in einer Würfelbude gewonnen und weil Heidi damals zu klein für den großen Bär war, hatte Hermann ihn hier aufgehängt. Da Heidi mit dem, was ihr Papa macht, immer zufrieden ist, ist er hängen geblieben.
Hermann sah dem Paul sofort an, dass etwas Besonderes passiert sein musste.
„ Was gibt’s?" fragte er und schob die Maschine zurück'.
„ Bei Petrowski im Laden sitzt ein Polizeikommissar . . . wir haben vom Hausflur aus alles gehört . . . der schwarze Kerl ist ein Spitzel . . .!"
Hermann stand wortlos auf, stellte sich an das Fenster und sah einen Augenblick schweigend auf den dämmrigen Hof. Jemand rief aus einem Fenster herunter. — Also einen Spitzel hatte man in der Gasse. Es kam doch ein bisschen plötzlich . . .
„ Anna steht noch an der Tür und hört weiter zu", sagte Paul hinter seinem Rücken zu ihm. — Er drehte sich um, sein Plan war fertig.
„ Kurt, du schickst zwei Jugendgenossen von drüben in den Laden, sie sollen sich dahinsetzen, nimm den kleinen Fritz dabei, der ist zuverlässig. Und nicht eher wieder fortgehen, bis der Bulle weg is. Aber natürlich nicht auffällig. Wenn jemand im Laden bleibt, können sie nicht mehr miteinander sprechen und der Kerl wird gehen. Fritz soll sich den Mann genau ansehen. Es wäre gut, wenn sich einer von euch den Bullen auf der Straße genau merkt, damit wir ihn kennen. Aber vorsichtig, Genossen, die Schweine dürfen nicht wissen, dass wir sie entdeckt haben ... So — und ich gehe mal rüber zu dem alten Lederer in Nr. 20, der arbeitet doch bei „Mix & Genest" auf Telefon?"
„ Seit elf Jahren is er schon da."
„ Ich glaube, der Alte ist zuverlässig, was? wenn er auch kein Parteimitglied ist."
Kurt sah Hermann erstaunt an: „Was willst du denn von dem Alten?"
„ Mensch — deine lange Leitung mal nachsehen lassen", lachte Hermann, „los, Kinder, alles andere heute abend . . . erstmal den Bullen rausbringen . . . aber, Paul, keenen anfassen jetzt, hörst de ... mach bloß keenen Quatsch!"
„ Nich doch — Hermann, kommt nicht in Frage, immer kalten Kopp behalten!"
Paul hatte vollkommen seine Ruhe wieder gefunden. Seine Schmerzen waren verschwunden. Er freute sich nur, dass sie den Lumpen erwischt hatten.
Als die drei auf die Straße kamen, trafen sie bereits Anna vor dem Haus. Sie wollte gerade zu Hermann gehen: Der Polizeibeamte war schon weg!
Hermann machte ein ärgerliches Gesicht. „Jetzt hat ihn keiner richtig gesehen!" Er unterbrach Anna, die sofort begonnen hatte, von der Unterhaltung, die sie gehört hatte, zu erzählen.
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„ Nachher, Anna —, du kommst mit herauf, ja? ... wir treffen uns in einer halben Stunde oben bei mir . . . ich gehe nur noch vorher nach Nr. 20 ... lade Otto auch mit ein, Paul . . . Adschüs!"
Er ging schräg über den Damm die Straße herunter. Langsam fing es an zu regnen. In dem schwarzen, schmutzigen Asphalt glänzten die Lichter der elektrischen Kino-Reklame. Hinter der regenbeschlagenen Fensterscheibe des Eisladens drehte sich die blaue Spirale . . .

Nur sehr wenige wussten davon, dass bereits am nächsten Morgen von dem dünnen Telefonkabel, der im Hof bis zu dem Fenstergesims des Eisladens führte, eine kleine, geschickt versteckte Seitenlinie bis zum 2. Stock hochführte. Der alte Lederer war doch ein tüchtiger Kerl!
Es war gut, dass Paul, der zwei Treppen über Petrowski wohnte, die Gespräche zwischen der Polizei und dem Eishändler nur hören konnte. Vielleicht hätte er in den nächsten Tagen sonst doch der Versuchung nicht widerstehen können, einmal zu sagen: „Halloh — hier ist die 145. Straßenzelle der KPD. — grüß Gott, Herr Polizeikommissar . . .!"





VII. Der Polizeiwachtmeister Nr. 2304

 

Etwa 500 Schritte von der Kösliner Straße entfernt lag das Polizeirevier Nr. 95. Der Dienst auf dieser Wache war nicht besonders angenehm. Häufiger als sonstwo kamen Versetzungen vor. Meistens lag es daran, dass sich der betreffende Beamte bei irgend einer Sache falsch benommen hatte und nun nicht mehr gern allein vom Dienst nach Hause gehen wollte. Es kam auch vor, dass Beamte hierher strafversetzt wurden. Und gerade die trugen nicht dazu bei, den älteren Kollegen den Straßendienst besonders leicht zu machen. Für den Bereitschaftdienst an unruhigen Tagen kommandierte die Inspektion gewöhnlich nur besonders kräftige und als Draufgänger bekannte Leute in diese Wache ab.
Am Montag früh — es war noch dunkel — wurde vor dem Revier ein Auto mit Strohsäcken und Matratzen abgeladen. Eine Stunde später kamen die bereits erwarteten zwei Wachtzüge, die von Montag, ab 12 Uhr, den Bereitschaftsdienst übernehmen sollten. Die Revierbeamten vom Straßendienst hatten die jungen Leute schon am Tage einzeln mitzunehmen, damit sie sich mit dem Gelände vertraut machen konnten.
Als die Wagen mit den Mannschaften vorfuhren, trat der 42jäh-rige Polizeiwachtmeister Wüllner an das Fenster. Etwas neugierig sah er zu den jungen Kollegen herunter, die rasch und elastisch von dem Auto sprangen. Von dem einen Auto wurden mehrere große, anscheinend sehr schwere Kisten heruntergehoben und in das Haus getragen. Wüllner achtete nicht weiter darauf, zumal die ersten bereits oben in die Wachtstube kamen. Alles blutjunge, gesunde Gesichter, auf denen eine gewisse nervöse Unruhe zu liegen schien, wie Wüllner sie oft draußen im Felde, wenn Ersatzmannschaften zum ersten Mal nachts in Stellung gingen, beobachtet hatte. Frontfieber — sagte man damals dazu. Eine merkwürdige Mischung von Neugierde, Furcht und einer gewissen Sensationslust.
Auf dem Treppenflur hörte er eine helle, scharfe Offiziersstimme. Sofort sprangen die Mannschaften zur Seite, rissen die Hacken zusammen und legten die flach gestreckte Hand an den Rand des Tschakos. In dem Türrahmen erschien in dunkler, enganliegender Uniform der Bereitschaftsführer — Hauptmann von Malzahn, ein verhältnismäßig junger Offizier. Er verschwand in dem Zimmer des wachthabenden Polizeioberleutnants.
Die laute Heiterkeit der jungen Mannschaften, die sich lachend und erzählend in den Räumen der Wache einrichteten, klang Wüllner nicht ganz echt. Er stand hier am Wedding seit beinahe zehn Jahren im Straßendienst und hatte manches gesehen. Er war kein besonderer Freund der Arbeiter, schon gar nicht, wenn er an die Leute dachte, die hier im Viertel wohnten und von denen man nichts als Ungelegenheiten und Scherereien hatte. Entweder war Krach auf dem Wohlfahrtsamt, im Arbeitsnachweis in der Schulstraße, oder in den Speiseküchen usw. . . Am schlimmsten waren die Weiber. Es kam denen gar nicht darauf an, einen Polizeibeamten glatt auf die Uniform zu spucken — noch ganz andere Sachen waren schon hier vorgekommen. Aber nachdem ihn sein Dienst später in die Stuben und Küchen der Leute gebracht hatte, sah er doch vieles mit anderen Augen an. Er wusste zu gut, dass hier genug wohnten, die nicht mehr als ihr Leben zu verlieren hatten. Oft schien ihm einer solchen Hungerexistenz gegenüber der Tod noch ein gutes Geschäft zu sein, das dem Sterbenden nur Vorteile bringen konnte . . .
Als er die jungen, bartlosen Gesichter seiner neuen Kollegen sah, fiel ihm wieder das Erlebnis ein, dass er vor vier Wochen gehabt hatte. Er war mit zwei Kollegen auf Nachtstreife gewesen, als ihnen plötzlich in der Reinickendorfer Straße ein kleiner, etwa sechsjähriger Junge nachgelaufen kam. Trotzdem ihnen die Kälte, selbst durch die dicken Uniformmäntel, das Fleisch zerschnitt, hatte das Kind weder Schuhe noch Strümpfe an. Es sah aus, als ob es eben aus dem Bett gesprungen war. Unter einer alten, viel zu weiten Jacke trug der Junge auf dem fast weißgefrorenen mageren Körper ein offenes, dünnes Hemd. Das Kind wurde von einem wilden, verzweifelten Schluchzen so geschüttelt, dass sie aus den unzusammenhängenden, herausgestoßenen Worten nichts anderes als nur immer: Mutti, Mutti! verstehen konnten. Der Junge versuchte dabei, ihn mit sich zu ziehen. Wüllner hatte selbst drei Kinder, sein Hans war ebenso alt wie der Junge.
„ Der Vater wird besoffen sein, und die Alte halb dod schlagen", sagte einer seiner Kollegen wegwerfend.
„ Lass die Finger davon, Wüllner, wat in de Familie passiert, jeht dir nischt an. Kriegst höchstens noch 'ne Anzeige wegen Hausfriedensbruch!" Kann ja sein, dachte Wüllner und nahm den Jungen an die Hand. Er drehte sich zu seinen Kollegen um.
„ Bleibt in der Nähe — ich will doch mal sehen, was los ist."
Der eine sah ihn nur achselzuckend an und sagte kurz; „Du bist Ja der Dienstälteste, mach was de willst." —
Nach ein paar Minuten zog ihn das Kind in irgend einem Hinterhaus die Treppe hinauf. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe tastete über die schmutzigen Stufen bis zu einer angelehnten Tür im vierten Stock ohne Namensschild.
Auf einem Stuhl am Bett brannte das kleine trübe Licht einer Küchenlampe. Er sah sich um. Es war das einzige Bett in dem niedrigen engen Raum. Auf der Kommode lag eine saubere, weiße Decke. Jetzt entdeckte er, dass hinter der runden Blechscheibe der Lampe im Schatten eine emaillierte Waschschüssel stand, deren Boden mit hellrotem blasigem Blut bedeckt war . . . Das Licht fiel auf das regungslose, kalkweiße Gesicht einer Frau in dem Bett. Erst als er vorsichtig die herabgesunkene schmale Hand der Frau auf das Bettuch legte, spürte er, dass noch ein winziger Rest des Lebens in dem ausgebluteten, kalten Körper war. Zu gering, um von einem vielleicht noch herbeigerufenen Arzt etwas anderes als die Ausfertigung des Totenscheins zu erwarten. Abschnitt 2:

„Grundursache des Todes? (deutsche Bezeichnung) . . . fortgeschrittene Lungentuberkulose und Blutsturz." Nein — die Ursache war eine ganz andere . . ., dachte er erschüttert.
Ü ber eine halbe Stunde hatte er oben neben dem stillen weißen Gesicht der Sterbenden gesessen. Die Lautlosigkeit der Nacht war entsetzlich.
Das Kinn der Frau schob sich merkwürdig nach vorn. Die Nase wurde dünn und spitz — ein kleiner, hellroter feiner Streifen sickerte aus dem vergrämt herabgesunkenen Mundwinkel über die Haut — und dann hörten die leisen Bewegungen der eingesunkenen Brust auf ....
In der Kommode fand er ein paar Lohnabrechnungen von der Firma Löwenthai & Co., Konfektionshaus: Lieferung vom 15.—22. III. er.
Für acht fertig gestellte Kleider, Größe 38, à 2.—Mk. 16 Mk. Vorschuss .................................. ....... 10 Mk.
Berlin, den 26. März 1929.
Rest 6 Mk.

Darunter lag eine Invalidenversicherungskarte: ,,Frau Marta Fischer . . Witwe . . . geboren: 4. Juli 1894, Beruf: Näherin." Erschrocken sah er zu dem Bett herüber. Diese Frau mit dem zerfurchten Gesicht einer Greisin war — 35 Jahre?! Den weinenden Jungen hatte er mit in die Wachtstube genommen. Am nächsten Morgen wurde er abgeholt und in das städtische Waisenhaus gebracht. —
Diese halbe Stunde da oben hatte den Polizeiwachtmeister Wüllner sehr nachdenklich gemacht. Was muss das für ein Leben
gewesen sein, wenn die Näherin Marta Fischer mit 35 Jahren so vom Leben zerfetzt, zertrampelt und fertig ist!

Die sofortige Versetzung in ein anderes Stadtviertel, die der Polizeiwachtmeister Wüllner noch am gleichen Tage bei dem Gruppenkommandeur der Gruppe Nord beantragte, wurde glatt abgelehnt.
„ Schämen Sie sich nicht, als gedienter Mann in der Stunde der Gefahr vor dem Feind die Flucht zu ergreifen? Nehmen Sie sich an Ihren jungen Kollegen ein Beispiel! . . . Waren Sie im Felde?"
„ Jawohl, Herr Oberst."
„ Na also — dann werden Sie sich doch nicht vor diesem roten Gesindel fürchten, was Wüllner?"
„ Nein, Herr Oberst."
„ Wenn ich nicht von Ihrem Vorgesetzten ein gutes Zeugnis über Sie bekommen hätte, könnte man wirklich glauben, Sie hätten für diesen halbwüchsigen Straßenpöbel noch was übrig! — Ihre Dienstnummer?"
„ 2304, Herr Oberst." Der Gruppenkommandeur machte sich flüchtig eine Notiz.
„ Mittwoch wird scharf angefasst, verstanden, Wüllner, Ich will keine Klagen über Sie hören! — Abtreten!" —
In dem leeren Vorzimmer blieb Wachtmeister Wüllner einen Augenblick stehen. Er war wie betäubt. Natürlich, er war ein gedienter Mann. Vor diesem verhassten, preußischen Offizierston schaltete irgend etwas automatisch in seinem Gehirn um, Da wurden die Finger lang, die Hacken fuhren zusammen, Kinn an der Binde: Jawohl, Her Oberst . . . Nein, Herr Oberst . . . Abtreten . . . Maul halten . . . raus! Er knirschte vor Wut mit den Zähnen. Das haben sie einem gut eingehämmert. „Flucht vor dem Feinde . . ." hatte der Oberst zu ihm gesagt, murmelte er vor sich hin, also — Feinde waren das . . . auch die Näherin Marta Fischer war ein solcher Feind! Die Flurtür wurde plötzlich aufgerissen, der Adjutant des Inspektionsleiters kam herein. Wüllner schrak zusammen, machte eine unbeholfene Ehrenbezeugung und ging rasch aus dem Zimmer. — Der Oberst tobte. Das Gewitter entlud sich über den ahnungslosen Adjutanten. „Das ist der Vierte heute aus meiner Inspektion der desertieren will . . . Sind denn die Kerls auf einmal alle verrückt geworden, oder was ist eigentlich los? Und immer meine besten, älteren Beamten, die seit Jahren hier im Dienst sind."
„ Verzeihen, Herr Oberst", wagte der Leutnant einzuwenden, „es scheint, dass die alten Revierbeamten mit den neuen Bereitmannschaften nicht ganz einverstanden sind. Wir haben aus verschiedenen Revieren darüber Meldung, dass . . ."
Der Oberst polterte schon wieder erregt los: „Natürlich — wir werden die Herren Wachtmeister erst fragen, ob auf dieses rote Judenpack geknallt werden darf! — Nein, mein lieber Boddin, die Leute sind zersetzt von dem Gesindel, die sind schon zu lange im Revier — das ist hier zu gemütlich zugegangen in der ganzen Zeit — das ist alles!"
„ Sehr wohl, Herr Oberst", beeilte sich der Adjutant zu sagen, „es wird viel zu viel von „Volkspolizei" gesprochen, das macht die Leute nur schlapp."
Der Oberst nahm aus einer kleinen silbernen Dose vom Schreibtisch eine Zigarette. Mit einer knappen Verbeugung bot der Adjutant seinem Chef ein Zündholz.
,,Danke, lieber Boddin." Der Oberst sprach jetzt etwas ruhiger.
„ Wissen Sie, ich glaube, diese verdammten Zeitungen sind auch daran schuld. Wenn man das so seit einigen Tagen liest, was die Presse von der „Deutschen Tageszeitung" bis zum „Vorwärts" über die — Gott behüte — Kampfvorbereitungen der Kommunisten schreibt . ., phantastisch, wie? Diese Judenpresse von Ullstein und Mosse natürlich immer vorneweg dabei. Unsere Leute lesen ja das schließlich auch und es muss ihnen Angst und Bange dabei werden. — Na, schad' nischt! Aus Notwehr schießt man leichter als aus Feigheit oder Sentimentalität . . . Gute Rennpferde werden auch mal ein bisschen gedoppt."
„ Herr Oberst vergessen unsere Ostpreußen, diese Jungs vom Lande sind bestimmt noch nicht „proletarisch" angekränkelt."
„ Ja — auf die können wir uns, glaube ich, verlassen", erwiderte der Oberst, „der kleine Herr von Malzahn ist ja ganz begeistert von seinen strammen Kerls! — Aber, lieber Boddin, nun an die Arbeit — wir haben heute noch viel zu tun — mal her mit der Unterschriftenmappe."
Der Adjutant stellte sich links hinter den Oberst und reichte ihm
Blatt für Blatt einzeln hin.

In der Revierwache Nr. 95 ging alles drunter und drüber. Einer hockte fast auf dem anderen. Während sich sonst hier selten mehr als 15 Beamte gleichzeitig aufhielten, drückten sich zirka 150 Mann in den völlig unzureichenden Räumen herum. Bis jetzt waren allein 6 Zivilbeamte da, darunter ein Herr der IA. Außerdem sollten dem Revier noch eine ganze Anzahl „Zivilaufklärer" zugeteilt werden. In der Bevölkerung nannte man sie „Achtgroschenjungs." Meistens berufsmäßige Verbrecher, Zuhälter usw., denen aber auch für diesen „Beruf" ein gewisser Charakter fehlte. Nachdem sie erst einmal ihre eigenen Leute verpfiffen hatten, waren sie auf den Schutz der Polizei angewiesen.
Was Wüllner an diesem Tage von den jungen Polizeimannschaften hörte, brachte ihn immer mehr zu der Überzeugung, dass weit mehr, als nur eine polizeiliche Wahrung des Demonstrationsverbotes geplant war. Die Leute unterhielten sich überhaupt ausschließlich nur von den verschiedenen Methoden der Straßenkämpfe, von Stoßtruppübungen, von „Bürgersteig aufrollen" usw. Ein lebhafter Streit war darüber entstanden, ob man auf einer Treppe vorteilhaft mit Handgranaten arbeiten könne oder zweckmäßiger mit der Schusswaffe. Man merkte, dass sie seit Monaten mit diesen Bürgerkriegsübungen beschäftigt worden waren.
Die meisten fingen übrigens erst jetzt in Berlin an, Zeitungen zu lesen. Politisch waren sie fast alle indifferent, richtiger gesagt, sie
wussten überhaupt nicht, was Politik ist. Die Bezeichnung „Arbeiter" schien ihnen identisch mit „Feind" zu sein. Jemand behauptete, dass die Maifeier erst nach der Revolution 1918 von den Kommunisten eingeführt worden sei. Wüllner hörte nicht, dass einer diesem Unsinn widersprach.
Er hätte sich sehr gerne über verschiedene Dinge mit den Kollegen unterhalten, aber er hatte Angst. Diese unangenehme, scharfe Stimme des Oberst lag immer noch in seinen Ohren.

Unter den jungen Polizisten befand sich ein etwa 22 Jahre alter Hilfsswachtmeister, der Wüllner auffiel, weil er immer wieder an das Fenster ging, und von dort, schräg nach der Brücke zu, heruntersah.
„ Das ist da unten die Wiesenstraße . . ., nicht wahr, Herr Kollege?" fragte er bescheiden Wüllner, der neben ihn getreten war.
„ Ja — was Sie da hinter der Brücke sehen — da, wo die Panke, das ist das Flüsschen hier unten, durchgeht, sind die Hinterhäuser der Kösliner Straße. — Rechte Elendsquartiere", setzte er nach einer kleinen Pause hinzu.
Der Hilfswachtmeister starrte wie abwesend aus dem Fenster. Plötzlich drehte er sich um. Sein Gesicht hatte einen merkwürdig erregten Ausdruck bekommen.
„ Wissen Sie . . . ich bin zum ersten Mal in Berlin", sagte er mit einer leisen Stimme, hinter der sich eine innere Erregung verbarg, „es ist doch für uns Ostpreußen eine große Auszeichnung, dass man uns in dieser gefährlichen Stunde hergeholt hat . . ."
Er machte eine Pause und sah schweigend auf seine schweren breiten Bauernhände herunter. Dann fuhr er halblaut, wie im Selbstgespräch fort: „Es ist so ein komisches Gefühl, wenn man auf einmal diese . . . Macht hat, nicht? Sonst lachen sie uns ja immer aus in der Stadt, besonders die Berliner . . . aber nu werden se wohl nich mehr lachen, wenn wir losknallen! ... In Insterburg habe ich auf 50 Meter von einer Flasche dreimal hintereinander stehend freihändig mit der Parabellum ein Ei runtergeschossen . . . Wissen Sie, ich — freue mich so auf übermorgen!"
Wüllner fragte erstaunt: „Ja, wer sagt Ihnen denn, dass Mittwoch geschossen wird?"
Der Ostpreuße sah verblüfft hoch. „Ha, ha . . haha . . .", platzte er lachend los, „Sie sind spaßig. Die Kommunisten sind doch nicht umsonst alle bewaffnet, die werden doch keinen Putsch mit Knallerbsen machen . . !"
Wüllner wurde es doch jetzt ängstlich zumute: „Wer hat Ihnen denn das von den „bewaffneten Kommunisten" erzählt —?"
„ Na — Oberleutnant von Malzahn! Wissen Sie, der hat uns noch ganz andere Dinge von diesem roten Kroppzeug erzählt."
„ So . . .!!"
Wüllner ließ den jungen Beamten, Jochen Schlopsnies hieß er, wie er später hörte, stehen, und ging wortlos aus dem Zimmer.

Als Wüllner am Abend von der ersten Streife zurückkam, zeigte ihm de. Polizeioberwachtmeister, der den ruhigen, zuverlässigen Beamten schätzte, einen neuen Polizeibefehl des Gruppenkommandeurs:

Polizeigruppe Nord, Abt. I
Tagb. Nr. 2044/29
vom 28. April 1929.
„ Gelegentlich des Verstoßes gegen das Umzugsverbot ist festgestellt worden, dass die Beamten nicht energisch genug eingeschritten sind. Als aus der Menge Steine geworfen wurden, schritten die Beamten mit dem Gummiknüppel ein, es wurde hierbei unterlassen, die Täter aus den Reihen der Demonstranten zwangszustellen. Das Kommando ist hiermit nicht einverstanden, sondern vertritt die Ansicht, wenn von mehreren Beamten der Gummiknüppel gebraucht wird, müsste es möglich sein, auch Demonstranten zwangszustellen und einzuliefern.
Gez. Basedow."

Eigentlich wunderte Wüllner sich, dass nicht noch mehr darin stand. Die Situation wurde ihm langsam klar. Er fühlte, dass es hier um eine Strafexpedition gegen die Kösliner Straße ging, wenn sich auch die Herren hüteten, jetzt schon darüber zu sprechen. Er erinnerte sich noch sehr gut, wie der Oberst bei einer Revierinspektion, auf der er erfuhr, dass am Tage des Demonstrationsverbots allein in den 23 Vorderhäusern der Kösliner Straße 80 rote Fahnen heraushingen, zähneknirschend gesagt hatte: „Nun, mit diesem Gesindel wird am 1. Mai aufgeräumt, meine Herren!" Das war deutlich genug. Bis zur Vollendung des 10. Dienstjahres hatte Wüllner noch drei Monate. Er kannte nur zu gut das Polizeibeamtengesetz, das 1927 im Landtag auch von seiner sozialdemokratischen Fraktion mit angenommen war. Oh . . . man würde ihn nicht wegen „Dienstverweigerung" oder „Verstöße gegen die Manneszucht", wie es so schön heißt, entlassen können. Dazu hatte er immerhin eine zu lange makellose Dienstzeit hinter sich. Aber da gab es in diesem Schandgesetz einen Paragraphen 11, den er auswendig kannte, so viel war seiner Zeit darüber gesprochen worden.
„ Dem Schutzpolizeibeamten kann, auch, wenn die Voraussetzungen der Paragraphen 9 oder 10 nicht vorliegen, bis zur Vollendung des 10. Dienstjahres gekündigt werden, wenn er die für seine dienstliche Verwendung nötigen Fähigkeiten zu richtigem Verhalten und Wirken als Polizeibeamter, insbesondere die für den Polizeidienst erforderliche geistige und körperliche Frische, sowie die Kraft zu schnellem Entschluss und energischem Handeln nicht besitzt; diese Voraussetzung ist unter Würdigung des Urteils der Dienstvorgesetzten festzustellen."
Fein war das eingerichtet! Wer hier nicht mitmachte, würde einfach nicht mehr die „erforderliche geistige und körperliche Frische" besitzen und konnte sehen, wie er mit 42 Jahren noch einen neuen Beruf beginnt. Man hatte sie schon herrlich in der Hand!
Einen Moment dachte er flüchtig daran, ob er sich nicht einfach unter Umgehung des Dienstweges, bei dem Berliner Polizeipräsidenten, der doch immerhin ein Parteigenosse von ihm war, melden lassen sollte?! Er lachte sich selbst aus. Nicht umsonst zählte, was jeder in der Polizeigruppe wusste, gerade der reaktionäre Oberst zu
den intimen Freunden des Polizeipräsidenten. Ebenso konnte er lieber gleich abschnallen und den Rock für immer an den Nagel hängen. Etwas anderes würde bei einem solchen Versuch auch nicht herauskommen. —
Am Abend entdeckte er, als er einen Augenblick im Zimmer des Oberleutnants allein war, dass sich in den großen Kisten, die dort standen, Stahlhelme, Handgranaten, zwei leichte und ein schweres Maschinengewehr und zirka 400 Karabiner, Modell 98, befanden . .





VIII. Der Maurer Tölle geht zum „Alex"

 

Am Dienstagmorgen merkte Kurt schon in der Baubude beim Umziehen, dass unter den Kollegen etwas los war. Er war zu müde, um jetzt schon wieder anzufangen mit den anderen zu sprechen. Kaum zum Schlafen war er gekommen. Die Häuserblockzeitung der Straßenzelle „Der Wedding-Prolet" musste zusammengelegt und geheftet werden. Anna hatte mitgeholfen, aber es war doch nach drei Uhr geworden, bis endlich die Stöße fertig dalagen, die von den arbeitslosen Genossen am Dienstag früh vor die Betriebe und in die Häuser des Kösliner Viertels gebracht werden sollten. — Zudem war hier auf dem Bau längst alles vorbereitet und erledigt. Auf sämtlichen Arbeitsstellen der großen Baufirma würde morgen kein Stein angefasst werden, das war selbstverständlich. Die Kollegen auf dem fast fertigen Hochhausbau des Warenhauses Karstadt in Neukölln hatten sogar beschlossen, morgen auf dem Turm eine große rote Fahne zu hissen. So leicht würde da oben keiner ran kommen können, um sie zu entfernen . . . Wenn nur erst dieser letzte Arbeitstag vorübergewesen wäre! Von Tag zu Tag wurde ihm die anstrengende Arbeit schwerer, selten war er in der letzten Woche mehr als höchstens drei bis vier Stunden ins Bett gekommen. Nun — nach dem 1. Mai war Zeit genug dazu. Es half nichts, die Parteiarbeit in diesen Tagen war wichtiger als Schlafen und Essen. Er zog den Lederriemen über die alte Arbeitshose eng zusammen. Das hält die Knochen ein bisschen beieinander.
„ . . „ det hätte Jagow nich besser machen können!" „Nee — der hat nich vorausjesagt, det et Blut jibt!" „Nu hör doch bloß mal: „ . . . wer trotzdem am 1. Mai die Straße zum Tummelplatz seiner politischen Leidenschaften zu machen versucht . . ." Dieses Aaskröt . . . „politische Leidenschaften" nennt der die Maidemonstration!"
Wütend warf der Maurer Tölle das Zeitungsblatt, aus dem er den Satz vorgelesen hatte, auf den Boden und wischte seine breiten Hände an der Hose ab, als wenn er Schmutz angefasst hätte.
Kurt drehte sich um. Was hat der da eben vorgelesen . . . ?! „Fritz, gib doch mal her, wat is denn det?" sagte er zu dem alten Tölle, von dem er wusste, dass er der SPD. angehörte.
„ Haste det noch nich jelesen, Kurt . . .: Der Polizeipräsident von Berlin an sein Volk?" antwortete Tölle höhnisch und nahm die Zeitung wieder auf. . . . „dotschämen du ick mir ja, det so eener in meine Partei is." Er spuckte den Priemsaft durch die offene Tür der Baubude.
Kurt nahm den „Vorwärts" von der Erde auf und während er las, stieg ihm die kalte Wut hoch:
„ . . . so soll nach dem Willen der Kommunisten am 1. Mai in den Straßen Berlins Blut fließen! Das darf nicht sein! Und deshalb weise ich noch einmal mit vollem Nachdruck darauf hin, dass für Berlin ein Verbot der Demonstrationen und Umzüge unter freiem Himmel nicht zuletzt dank der schweren Mitschuld der Kommunisten besteht. Wer trotzdem am 1. Mai die Straße zum Tummelplatz seiner politischen Leidenschaften zu machen versucht, muss sich darüber klar sein, dass er damit für sich und die anderen eine schlimme Gefahr heraufbeschwört! — An die friedliebende Bevölkerung Berlins, besonders an Frauen und Kinder, richte ich die dringende Bitte, am 1. Mai allen Versuchen fernzubleiben, sich nicht unnötig auf den Straßen aufzuhalten und die Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu unterstützen. Zörgiebel."
Die anderen Arbeiter sahen zu Kurt herüber. Kurt war oppositioneller Gewerkschaftsobmann und hatte sich durch sein rücksichtsloses Eintreten für die Kollegen eine gewisse Autorität unter den Arbeitern verschafft. Vor acht Tagen war er von der Belegschaft einstimmig zum Delegierten der Baufirma in das Maikomitee gewählt worden.
Kurt ließ das Blatt sinken und sah hoch. „Junge . . . Junge . . . is det ein Bursche . . ., der will uff uns schießen und macht schon vorher bekannt, det nur de Kommunisten daran schuld sind!"
Draußen tönte die Pfeife des Poliers zum Arbeitsbeginn. Einige standen auf und gingen zum Ausgang.
„ Halt mal, stopp, Kollegen . . ", rief Kurt, „. . . der Olle kann heute ruhig ein bisschen warten . . . ick gloobe nämlich, wir haben noch vorher wat zu besprechen . . ."
Die Arbeiter blieben stehen und sahen ihn an ... „Ick schlage euch vor, det wir von unserem Betrieb een Wort mit dem Herrn Präsidenten da oben sprechen. Ob et wat hilft, weeß ick nich, aber et is unsere Pflicht als Betriebsproleten."
„ Willste vielleicht bitten, det er morgen mit Bonbons schießen läßt, Kurt?"
„ Ruff jehn in Alex und ein paar in de Schnauze hauen, det war det einzig Richtige . . .!"
Tölle stand schwerfällig auf, man sah, es wurde ihm nicht so leicht, zu sprechen. „Kollegen, — Kurt hat janz recht. Ick schlage vor, in de Vesperpause die Kollegen zusammenzurufen und eine Delejazion zu wählen, die in't Polizeipräsidium jeht und eenen letzten Protest von uns hinbringt. Ick gloobe bestimmt, Kollegen, det er sich sprechen lassen wird, und gloob och, det et vielleicht wat nützen wird."
„ Denkste dir, Tölle!"
„ Jeh man selber zu dein Jenossen."
Tölle drehte sich langsam zu dem jungen Kollegen um und antwortete ernst: „Det . . . mache ick ooch . . . ick will selber mitjehn . . . wenn ihr mir dazu bestimmt."
Die Pfeife des Poliers gellte zum zweiten Mal scharf und ungeduldig über den Bauplatz.
„ Man sachte — immer sachte — oller Proppen, de Arbeit looft nich weg . . ."
„ Gut, Kollegen, sagt den anderen Bescheid. Bei Vesper alles drüben zusammenkommen in die jroße Bude", sagte Kurt kurz und zog sich die alte Mütze, voll Betonstaub, über den Kopf. — Er wusste, dass die Sache bestimmt keinen praktischen Zweck haben würde, aber desto wichtiger war sie politisch. Der alte Tölle — ein anständiger Kerl — sollte selber sehen, was da oben gespielt wurde
Die 1 1/4 Zentnersäcke wurden ihm heute leichter, als er gefürchtet hatte. Wo er hinkam, sprach er kurz mit den Kollegen. Bis zum Vesper hatte der ganze Bau den „Vorwärts"-Artikel des Polizeipräsidenten gelesen. —
In der Pause beschloss man einstimmig die Absendung einer Delegation der Belegschaft in das Polizeipräsidium. Gewählt wurden der alte Tölle, ein parteiloser Arbeiter und Kurt. Der Polier machte zwar ein verblüfftes Gesicht, als sich die drei Kollegen auf eine Stunde bei ihm abmeldeten, aber was sollte er schon machen!
Auf dem Alexanderplatz dröhnten und fauchten die Dampfhämmer des Untergrundbahnbaus. Polternd und schwankend fuhren die Autobusse über die dicken Holzbohlen, unter denen die Arbeiter in den Stollen und Schächten umherkrochen. Durch die engen Passagen zwischen den Bretterzäunen schoben sich die Menschen. Über die mit mächtigen Balkenpfosten gestützte Eisenbahnbrücke ratterten die Stadtbahnzüge und hielten mit kreischenden Bremsen in der Bahnhofshalle. Alexanderplatz — ein Tag und Nacht wild hämmernder Pulsschlag der Arbeit, umspült von Rauch, Schmutz und Lärm, von hastenden und gehetzten Menschen . . .
An der Südseite des Platzes lag der große schmutzigrote gewaltige Häuserblock — das Berliner Polizeipräsidium. Hier waren Hirn und Herz der Ordnung Berlins. Tausend Fäden und Linien führten unsichtbar und unterirdisch aus allen Winkeln und Ecken der Millionenstadt zusammen: In die grauen nüchternen Amtsstuben, in die Kartotheken, in die aufgestapelten Aktenbündel mit Steckbriefen, Fotografien und Fingerabdrücken. Hier waren die Räume der politischen Abteilung IA, mit den Namen sämtlicher kommunistischer Funktionäre auf den Aktendeckeln.
Der große rote Ziegelbau auf dem „Alex", in dem es wimmelte von Ungeziefer und hohen Beamten. „Wanzenburg" nannten die Berliner das Haus. Hier hatte einmal der rote Polizeipräsident Emil Eichhorn regiert, hier hatte Spartakus gekämpft, hier waren zahllose revolutionäre Arbeiter misshandelt und verurteilt worden
und hier wohnte und herrschte heute der Mann, der geschrieben hat: „So soll ... am 1. Mai in den Straßen Berlins Blut fließen!"
Der Polizeiposten am Eingang des Präsidiums blickte misstrauisch den drei Arbeitern nach, die glatt an ihm vorbeigegangen und in einem der zahllosen langen Korridore verschwunden waren. Vielleicht hätte er die drei verdächtigen Gestalten jetzt vor dem 1. Mai doch nicht so ohne weiteres durchlassen sollen . . .1
Dem alten Tölle war nicht sehr wohl zu Mute. Die vielen Türen mit ihren unverständlichen, verrückten Aufschriften machten ihn unruhig. Herren, mit scharfen, randlosen Gläsern im Gesicht, liefen durch die Gänge und sahen die drei Arbeiter so merkwürdig an. — Aus einer Tür kam ein Polizeioffizier ohne Mütze und Koppel heraus und rief einem Zivilbeamten, der sofort kehrt machte und schnell zurück lief, etwas nach.
„ Wie meinen, Herr Oberst . . .?" Dabei klappte der Zivilmensch hörbar die schiefen Absätze zusammen.
Tölle hatte noch nie einen Offizier ohne Kopfbedeckung gesehen. Aber hier waren die Herren schließlich zu Hause, genau so wie er zu Hause ja auch nicht mit einem Hut auf dem Kopf herumlief. Irgendwie verwirrte ihn dieser glattgeschorene blanke Kopf des Offiziers . . .
Sie wollten nicht nach dem Zimmer des Präsidenten fragen und gingen weiter, als wenn sie wie alle anderen in dem großen Hause genau Bescheid wüssten. Die schweren Stiefel der drei Bauarbeiter hallten auf dem Steinboden.
Sie hatten Glück und standen plötzlich vor einer hohen graugestrichenen Tür, an der ein kleines weißes Pappschild mit schwarzen Lackbuchstaben hing:
„ Polizeipräsident" Anmeldung Zimmer 209.
Tölle fühlte nach dem Papier in seiner Rocktasche, auf dem sie sauber und ordentlich die Protestresolution der Belegschaft aufgeschrieben hatten. — Er war auf sich selber wütend. Zum Donnerwetter . . . schließlich war der Polizeipräsident auch nur ein Parteigenosse von ihm, den die Arbeiter dazu gemacht hatten, was er jetzt war. Er würde einfach zu ihm reingehen und sagen: Guten Tag Genosse Präsident, hier wollen wir dir eine Resolution übergeben. Sehen Sie mal, Genosse, es wird Ihnen sicher daran liegen, zu wissen, wie ein sozialdemokratischer Arbeiter über Ihren Erlass denkt. So geht das wirklich nicht, Genosse Polizeipräsident . . .!
Er hatte schon ganz vergessen, dass er noch vor einer Stunde mächtig ausgespuckt hatte vor diesem „Genossen."
„ Zimmer 209" — sie klopften an und öffneten die Tür. — Tölle wunderte sich, wie behaglich und hübsch das Vorzimmer des Präsidenten aussah. Er hatte sich das viel nüchterner und strenger gedacht, etwa wie die Wachstuben auf dem Polizeirevier, wo man sich bei einem Wohnungswechsel an- und abmelden musste.
Hinter einem Schreibtisch am Fenster saß ein Herr, der sie
etwas erstaunt ansah.
„ Bitte, Sie wünschen, meine Herren?!"
Kurt hielt sich absichtlich etwas im Hintergrund. Hier sollte Tölle die Sache mal lieber selbst machen. Er schob den Maurer nach vorn.
„ Wir wollen zu dem Herrn Polizeipräsidenten", sagte Tölle sicher und selbstbewusst. Der Herr hinter dem Schreibtisch machte ein höfliches Gesicht.
„ Darf ich bitten, in welcher Angelegenheit Sie den Herrn Polizeipräsidenten zu sprechen wünschen?" Der alte Tölle wurde ein bisschen unruhig. Der Mensch hatte eine so unangenehm höfliche Art.
„ Wir sind eene Delejazion von de Belegschaft der Firma Bergemann & Co. und haben den Auftrag, wat zu überjeben."
Mit einem flüchtigen Lächeln erhob sich der Beamte und sagte in einem liebenswürdig bedauernden Ton: „Ja, meine Herren, tut mir unendlich leid, aber Herr Polizeipräsident sind gerade in einer wichtigen Besprechung und kann jetzt nicht empfangen. Aber wenn Sie mir vielleicht Ihre Angelegenheit übergeben wollen, will ich sie natürlich gerne weiterleiten."
„ Nee, Herr . . ., det jeht nich", mischte sich Kurt ein, „wir haben den Auftrag, nur mit dem Polizeipräsidenten allein zu sprechen." —
Tölle kramte in seiner Brusttasche herum und legte ein altes, abgegriffenes Mitgliedsbuch der SPD. auf den Schreibtisch. „Hier . . . schicken Se det man rein zu ihm, denn wird er sich schon sprechen lassen", sagte er und sah den Beamten ein wenig von oben herab an. Siehst du, mein Freund . . ., du hast nich jewust, wen de vor dir hast . . . aber nun mach mal ein bisschen fix ... dein Herr Polizeipräsident ist nämlich mein Genosse!
Der Herr hinter dem Schreibtisch nahm interessiert das kleine Heft in die Hand, schlug es auf und las aufmerksam den Namen des Inhabers. Mit dem Bleistift machte er sich auf dem Rand des weißen Löschpapiers eine flüchtige Notiz. — Dann lächelte er wieder höflich und gab das Buch mit einer kleinen verbindlichen Verbeugung zurück. „Bedaure wirklich sehr, meine Herren, das Beste wird sein, Sie lassen mir Ihr Schreiben hier."
Tölle sah sich fragend nach seinen beiden Kollegen um.
„ Nee, nee . . . bestelln Se man Ihrem Chef eenen schönen Gruß von uns und wa wissen schon Bescheid", sagte Kurt kurz und grob. Ihm war das hier schon viel zu viel. Natürlich würde der nicht ausgerechnet heute drei einfache Proleten in seinen geheiligten Räumen empfangen, der hatte jetzt Wichtigeres zu tun! — Er zog den alten Tölle mit aus dem Zimmer und schlug die Tür wütend hinter sich zu.
„ Bande, verfluchte! ... da haste deinen „Genossen" Präsidenten, Kollege Tölle . . ., der sitzt jetzt mit den Offizieren an eenen Tisch und macht seinen Schlachtplan für morgen. Denkste, der wird sich von soenen popligen, sozialdemokratischen Arbeiter ooch bloß vor eene Minute stören lassen —?!"
Wenn der alte Tölle richtig die Wut hatte, sagte er überhaupt nichts, höchstens spuckte er wortlos den Priemsaft aus. Aber er hatte seinen Priem, bevor sie in das Präsidium gingen, herausgenommen und sorgfältig in einer kleinen Blechschachtel verstaut. —
Der junge parteilose Arbeiter lachte. „Na, Tölle . . ., kiek dir det mal hier'n bisken genauer an, vielleicht bis'te morgen schon wieder drin, in die Wanzenburg, bei dein' Jenossen — aber hinter de Traillen ....!" —
Ein paar Türen weiter las Kurt ein Schild: Vizepolizeipräsident Dr. Weiß, Anmeldung Zimmer 203.
„ Kommt, Jungs, wir versuchen et noch mal bei dem da drin," sagte er entschlossen und hatte schon an die Tür geklopft. — Dieses Mal hielten sie sich erst gar nicht lange bei dem Sekretär im Vorzimmer auf, sondern gingen, als sie die Tür zu dem großen, danebenliegenden Zimmer offen sahen, einfach durch, ohne sich um den verzweifelten Protest des Beamten zu kümmern.
,,Meine Herren . . ., ich bitte Sie . . ., das ist doch gegen jede Vorschrift!"
„ Schieht uff deine Vorschrift", dachte Tölle grimmig, und schob mit seinen breiten Schultern das dünne Männchen beiseite. — Die groben Stiefel der drei versanken lautlos in einem weichen, großen Teppich.
Am Fenster stand hinter den langen, herabhängenden Vorhängen ein kleiner, untersetzter Herr, der sich langsam umdrehte. Ein Paar zusammengekniffene Augen sahen durch den Zwicker mit einem prüfenden Blick zu den drei Arbeitern herüber, die plötzlich, so ohne jede Formalität, in seinem Arbeitszimmer standen.
„ Sie wünschen . . .?!"
Jetzt nahm Kurt die Sache in die Hand. Er ging ein paar Schritte auf den Herrn zu.
„ Sie sind der Vizepolizeipräsident Dr. Weiß, nicht wahr?"
„ Allerdings — bin ich."
„ Wir kommen als Delegation der Bauarbeiter der Firma „Bergemann & Co." und protestieren im Namen der Belegschaft gegen das Demonstrationsverbot am 1. Mai und gegen die Schießankündigung des Berliner Polizeipräsidenten!"
Der Vizepolizeipräsident nahm langsam und ruhig die dünne, schwarze, grüngefleckte Zigarre aus dem Mund, blies den Rauch in das Zimmer und hob mit einem lässigen Achselzucken die Hand.
„ Bedaure wirklich, meine Herren, aber dafür bin ich doch gar nicht zuständig. Da müssen Sie sich schon an den Herrn Polizeipräsidenten selber wenden." — Genau dasselbe — dachte er — habe ich bereits der Delegation von „Josetti — Manoli" und den Arbeitern der „Berliner Anschaffungsgesellschaft" gesagt. Was wollen die Leute bloß immer von mir? Und der nächste Gedanke war: Der Mann im Vorzimmer ist ein Idiot, er fliegt bei der nächsten Gelegenheit!
„ Der Polizeipräsident ist nicht für die Berliner Arbeiter zu sprechen, und da Sie sein Vertreter sind, wollen wir wenigstens Ihre Antwort unserer Belegschaft bringen."
Der Vizepolizeipräsident sah Kurt erstaunt an. Dann drehte er sich etwas zur Seite, streifte sorgfältig die schneeweiße Asche seiner Zigarre an der schweren Bronzeschale ab und sagte: „Meine Antwort . . .?! Ja — ich sagte doch schon, ich bin da absolut nicht zuständig , meine Herren." —
Kurt wurde wütend. „Na — Sie haben doch schließlich ooch was dabei mitzureden! Billigen Sie denn det Verbot und dieses Erlass, Herr Doktor, oder wie denken Sie eigentlich darüber?"
Der Vizepräsident sah die drei der Reihe nach einen Augenblick schweigend an. Von dem ernsten Gesicht des alten Tolle glitt sein Blick langsam nach unten bis auf die runzligen, verarbeiteten Maurerhände, die schwer herabhingen.
„ . . . ja, meine Herren", antwortete er schließlich mit einer merkwürdig farblosen Stimme, „wenn ich sagen soll, was ich denke ..?
— ich denke überhaupt nicht I" und nach einer kleinen Pause setzte er kurz hinzu: „Sprechen Sie mit dem Chef darüber ich kann gar nichts machen."
Am liebsten hätte Kurt draußen laut losgelacht. „Haste jehört. Tölle . . ., der denkt überhaupt nich, ha ha ... wat macht er denn überhaupt hier? — Mit de Hände braucht er nich arbeiten und mit'n Kopp kann er nich . . . roocht die schwarzen Giftnudeln und kiekt
aus't Fenster.....sprechen Se mit dem Chef", sprechen Se mit
meen Vater, zu deutsch, mach du, ick kann nich . . .! — Schweinebande, alle miteinander —!"
Der junge, parteilose Arbeiter lachte höhnisch und Tölle war still. Er dachte nur, dass sie ihm das in der nächsten Mitgliederversammlung, wenn er es erzählen würde, und er nahm sich vor, es bestimmt zu tun, einfach nicht glauben würden.
„ Der Vizepräsident ohne Koop", lachte der junge Arbeiter. „Nee . . ., der hat schon een Kopp", antwortete Kurt, „ . . . aber wisst ihr, det is so een „anständiger" Demokrat, der sich Watte in de Ohren stoppt, wenn sein Chef knallen läßt Blut kann er nich sehen
— er kiekt so lange aus't Fenster und roocht — allet een Jesindel!"
Auf einmal hatte der alte Tölle vor diesen unheimlichen Korridoren mit den vielen verschlossenen Türen keine Furcht mehr, er hasste die glattrasierten Beamtengesichter, die ihn misstrauisch ansahen, er hasste die Offiziere, die mit ihren hohen, blanken Stiefeln vorbeiliefen Das waren also die, mit denen der „Genosse" Polizeipräsident zusammensaß, die vor ihm die Hacken zusammenrissen und die im Namen seiner alten Partei morgen auf ihn und seine Klassengenossen schießen würden . . .
„ Pfui Deibel ... pfui Deibel ...!!" Es war das einzige, was er sagte. —
Draußen auf dem Alexanderplatz brüllten die Niethämmer. An der Ecke der Neuen Königstraße hing oben an dem fauchenden Dampfhammer, der mitten auf der Straße stand, eine kleine blutrote Fahne ...





DER BLUTMAl 1929

 


Alarmstufe 1

Das graublaue, kalte Morgenlicht des 1. Mai fiel in die stille menschenleere Straße.
Heute ist Feiertag. — In ihren Stuben und Kammern schlafen die Menschen, zwei, drei Stunden länger Umsonst heult heute die Frühsirene der „AEG", Brunnenstraße Der schwarze Menschenstrom, den das eiserne Tor jeden Morgen um 6 Uhr verschluckt, kam nicht. Die Eisenbahnbrücke am Bahnhof Putlitzstraße, über die um diese Stunde wochentags im Morgengrauen die Arbeiter drängen, blieb leer. Einsam und verlassen liegen die stillen Zugangsstraßen der Siemensstadt. Die Schatten der großen Schwungräder hinter der riesigen Glasfront der „Turbine" in der Huttenstraße setzen sich heute nicht in Bewegung. Über dem spiegelglatten Wasser des Nordhafens hängen die schwarzen, eisernen Klauen der Kräne regungslos in der kalten Morgenluft ...
Leer und sinnlos fahren die fahrplanmäßigen Frühzüge der Stadtbahn in die Industrieviertel Nur in den Polsterwagen sitzen ein paar Betriebsinspektoren und Ingenieure, die die ersten Morgenzeitungen, mit den im Kriegsberichterstatterjargon fettgedruckten Artikeln auf der ersten Seite des Hauptblattes, lesen.
„ ... die Bevölkerung Berlins ist gewarnt worden! Wie der Polizeipräsident noch einmal mitteilt, wird mit rücksichtsloser Schärfe gegen diejenigen vorgegangen werden, die den geringsten Versuch machen sollten, das Demonstrationsverbot zu missachten ... die Arbeiterviertel sind besonders mit ausreichendem polizeilichen Schutz versehen ... der Staatsautorität gebührende Geltung zu verschaffen ... liegen Beweise dafür vor, dass die Kommunisten die Maifeier zu einem blutigen Linksputsch benutzen wollen ..."
Eine Zeitung trug, rechts oben in der Ecke, nebeneinander zwei Bilder Links der Kopf des kommunistischen Parteivorsitzenden Thälmann, und daneben, das Bild des Leiters der polizeilichen Aktion, Polizeioberst Heimannsberg. Darunter stand aufreihend: „Wer von beiden wird Berlin heute beherrschen?" — Nach wenigen Stunden waren sämtliche Morgenblätter ausverkauft. —
Das erste laute Geräusch in der Gasse, früh um 7 Uhr, kam von der „Roten Nachtigall". Der schwarze Willi zog die schweren Rollläden hoch und schlürfte mit kleinen verschlafenen Augen auf die Straße Er hob die Nase, als wenn er in die kalte Morgenluft roch. In der menschenleeren Gasse vor ihm hingen schon vom Abend vorher einige rote Fahnen, die sich leise und lautlos im Morgenwind bewegten.
„ Dunnerlüttchen .. wo war denn das Transparent geblieben ..?!''
Er rieb sich die Augen, aber es blieb verschwunden. — In der Nacht hatten die Arbeiter quer über die Straße ein großes Schild gehängt, auf das eine Karikatur des Berliner Polizeipräsidenten mit der Unterschrift „Dörrzwiebel" gemalt war. Das Transparent hatte anscheinend die Polizei, vorsichtigerweise zu einer Stunde, in der sich auch die letzten fleißigen Genossen für eine kurze Zeit hingelegt hatten, abgenommen.
Er latschte wieder in das Lokal, holte sich einen Stuhl und zwei rote Fahnen heraus. Sorgfältig befestigte er die Fahnen auf beiden Seiten des Eingangs. Das musste er selber machen, da ließ er keinen anderen heran. — Auf das große Eisenschild über dem Schaufenster hatten sie schon gestern abend ein großes rotes Tuch gespannt. „Es lebe der 1. Mai", stand mit großen, weißen Buchstaben darauf und daneben war eine große geballte Faust gemalt.
„ Ordentlich fein sieht meine olle Budike heute aus ...!" sagte er» und betrachtete mit schiefem Kopf vom Damm aus die Hausfront. Dann schlurrte er mit seinen alten ausgetretenen Pantoffeln, von denen er sich nur im Bett trennte, wieder herein und fing an aufzuräumen. Die frische Morgenluft kam durch die offene Tür und vertrieb schnell den kaltgewordenen Tabakdunst aus der „Roten Nachtigall". —
Eine halbe Stunde später pfiff Paul über den Hof zu Kurt und Anna herüber. Das rote Tuch hing hinter dem Schlafzimmerfenster, sie schliefen noch.
„ Pfiff . . f . . t —he, Kurt!"
Das Tuch wurde ein wenig beiseite geschoben, und Annas blonder, glattgestrichener Kopf sah auf den Hof. — Sie war wütend. Heute konnten sie den Kurt wenigstens länger schlafen lassen. Um 4 Uhr war er endlich vom Kleben nach Hause gekommen. Was war das überhaupt für ein Feiertag, wenn man nicht einmal länger schlafen konnte . . .!
Kurt war aufgewacht und sah sie am Fenster stehen.
„ Wie spät ist es, Anna?" dabei hatte er aber schon das Deckbett zurückgeworfen und stand auf.
„ Mensch, Anna, wir verschlafen hoch die Zeit . . . nu aber fix." Er griff nach seinen Sachen.
„ Junge, es ist noch nicht sieben Uhr, lege dich noch eine Stunde hin", bat sie. In diesem Moment pfiff Paul wieder über den Hof.
„ Du . . . sieh mal nach, das ist doch für uns ... ist die Zeitung gekommen? . . . wäre ein Wunder, wenn sie heute nicht beschlagnahmt ist"
„ Paul hat gepfiffen", sagte Anna kurz.
„ Ruf rüber ... ich komme gleich . . . krieg ich denn heute kein reines Hemd, Anna? . . . ach — hier liegt es ja schon."
Anna rief irgend etwas über den Hof. Auf der anderen Seite wurde das Fenster geschlossen. Langsam ging sie in die Küche und machte sie das Frühstück zurecht. Aber es ging ihr nicht so flink wie sonst von der Hand. Ihre Bewegungen waren fast automatisch, sie
musste sich zusammennehmen, um nicht alles verkehrt zu machen. __
Kurt zog heute seinen guten Anzug an. Mit der nassen Bürste strich er solange über sein widerspenstiges Haar, bis es spiegelglatt saß. Das weiße Hemd mitten in der Woche rief ein feiertägliches Gefühl in ihm hervor. Er dachte daran, dass heute in der ganzen Welt die Arbeiter den 1. Mai feiern. Wenn man die alle auf einem Haufen hätte . . . alle Proleten, die heute nicht einen Finger für ihre Ausbeuter krumm machen, Junge, da wär' der Lustgarten doch zu klein für. Dann brauchten sie bloß mal alle Mann ein bisschen zu pusten und der Dom läge mit einem Plumps in der Spree . . ,"
Er lachte plötzlich laut vor sich hin. So ein dummes Zeug zu denken! Ganz verrückt war er heute morgen. Und so ein „sonntäglicher" Feiertag würde das übrigens kaum werden! — Er zerrte an seiner Krawatte herum. Die verdammten Schlipse . . . der Teufel soll sie holen!
„ Anna . . ,", rief er und ging in die Küche, „mach mir doch mal den verflixten Knoten zurecht". Sie musste manchmal ein wenig nachhelfen, wo es seine schweren Betonträgerhände nicht schafften. Aber heute kam sie auch nicht damit zurecht. Er merkte plötzlich, dass ihre sonst so ruhigen, geschickten Hände zitterten.
„ Mädel , ., wat is dir denn?!" Er war ordentlich erschrocken. Ganz verstört sah sie ja aus?
„ Mir is nischt, Kurt." Das brachte sie noch gerade mühsam heraus, dann war es vorbei. Ihre selbstbewusste Haltung, ihre Selbständigkeit, auf die sie so stolz war, das brach alles zusammen.
„ Aber, Anna — !" Er fasste sie vorsichtig mit seinen harten Händen an den Schultern. Große Gefühlsausbrüche hatte es bei ihnen bisher nicht gegeben. Das machte jeder, wenn es überhaupt notwendig war, mit sich allein ab. Wenn sie wenigstens Krach gemacht hätte oder schimpfen würde, gut! Das hätte er noch verstanden, darauf konnte er antworten. Da gibt es eben wieder einmal eine Diskussion, wie sie sie schon oft hatten, wenn auch jetzt nicht die richtige Zeit dafür war. Nein, er war gänzlich hilflos und wünschte nur immer, dass Anna schnell wieder „vernünftig" würde, so, wie sie immer war , . .
Auf den Treppen und über den Hof gingen Leute. Im 3. Stock hatte der Jupp sein Grammophon an das offene Fenster gestellt und Heß den Rotgardistenmarsch von einer Schalmeienkapelle spielen. Das ganze Haus pfiff, sang, polterte und machte Lärm, Aus einem Fenster wurde über den Hof gerufen.
Kurt hörte, wie Paul schon wieder pfiff. Auf einen Fetzen Papier schrieb er: „Zehn Uhr vor der Roten Nachtigall", und legte ihn neben Anna, die still, mit vornübergesunkenem Leib auf dem Küchenstuhl saß, auf die Mitte des Tisches. —
Erst als Anna hörte, wie draußen die Flurtür zuschlug, fing sie wieder an zu denken. An der Tür auf einem Nagel sah sie seine alte Arbeitsjacke hängen, auf dem Stuhl lag die grüne, ausgewaschene Strickjacke. Sie fühlte eine müde Entspannung, die sie merkwürdig klar und leicht machte. Sie wusste jetzt, dass das einmal hatte kommen müssen. Jetzt war es eben passiert, und er halte sie klein und schwach gesehen. Daran war nichts mehr zu ändern. Eine andere Frau wäre vielleicht schon früher zusammengebrochen.
Sie sah den Zettel auf dem Tisch liegen. Mit der Hand strich sie das Stück Papier glatt, das seine großen, schräg durcheinanderstehenden Buchstaben trug. — Sie blickte auf die Uhr. Es war noch
Zeit!

Paul trat mit Kurt zusammen auf die Straße. Überrascht blieben sie stehen. Die Gasse war ein leuchtender, roter Fahnenwald, Es gab nahezu kein Fenster, aus dem nicht ein rotes Tuch wehte, und wenn es ein noch so bescheidener, roter Fetzen war. Aus mehreren Fenstern hingen große rote Transparente: „Nieder mit dem Demonstrationsverbot" und „Straße frei am 1. Mai". Auf einem waren Sichel und Hammer gemalt und darunter stand: „Es lebe die Sowjet-Union — erkämpft euch Sowjet-Deutschland!" — An der Ecke der Wiesenstraße hing quer über den Damm ein rotes Tuchtransparent, auf dem in riesigen Buchstaben leuchtete: „Rot Front!"
Vor den Häusern standen Männer, Frauen und Kinder mit roten Papierblumen am Jackett. Viele Kinder trugen kleine, selbstgeklebte Papierfähnchen, auf denen eine geballte Faust, ein Sowjetstern oder Sichel und Hammer abgebildet waren. Sogar einige kleine Geschäftsinhaber der Gasse hatten ihre Schaufenster mit Bildern von Lenin, Liebknecht, Rosa Luxemburg oder mit einem roten, fünfzackigen Stern geschmückt. Krückenmax hatte seinen ganzen Zigarettenladen festlich hergerichtet. An mehreren Häusern klebte die Titelseite der Mainummer der „Roten Fahne", Davor standen die Bewohner, lasen den Text und diskutierten miteinander, —
Zwischen 9 und 10 Uhr füllten sich die umliegenden Straßen immer mehr mit Arbeitern, die in lose zusammenhängenden Gruppen auf dem Bürgersteig hin- und hergingen. Überall leuchteten die roten Papiernelken auf den Anzügen der Arbeiter und auf den Blusen der Frauen.
Vor der „Roten Nachtigall" war es so voll, dass Paul kaum durchkommen konnte. — Ein Blödsinn ist es, schimpfte er vor sich hin, den Hermann ausgerechnet heute nach Brandenburg, in dieses Kaff, zu schicken. Hermann war der Einzige in der Gasse, der die Möglichkeit gehabt hätte, diese Massen fest in der Hand zu behalten. Paul fühlte sich unsicher, er wusste, dass er keine Führernatur war. Seinen Mann würde er überall stehen, wo man ihn hinschickte. Aber er spürte, dass die Erregung der Leute über das Verbot der Mai-Demonstration und über die provokatorischen Ankündigungen des Polizeipräsidenten zu stark war. Bei dem geringsten Anlass konnte es zu einer gefährlichen Entladung kommen! Vor dem Lokal sah er eine ganze Reihe sozialdemokratischer Arbeiter, die sich bisher nie an den Demonstrationen der Kommunistischen Partei beteiligt hatten, aber heute offensichtlich bereit waren, sich gegen das Verbot ihres eigenen Parteigenossen der Straßendemonstration anzuschließen. —
Am Eingang der „Roten Nachtigall" meldete ihm ein Kurier, dass rings um das Kösliner Viertel ein starkes Schupoaufgebot zusammengezogen worden war . . in dem Wohlfahrtsamt in der Pankstraße, keine hundert Schritte entfernt, hielt sich eine ganze Hundertschaft Polizisten verborgen . . . der Nettelbeckplatz war in ein polizeiliches Feldlager verwandelt worden ... In verschiedenen Hausfluren der Reinickendorfer Straße hatte die Polizei „fliegende Wachen" eingerichtet Auf den Straßen waren dagegen, wie immer, nur die üblichen Patrouillen der ständigen Revierbeamten zu sehen, die sich zunächst neutral verhielten. Ab und zu fuhren die kleinen Überfallautos der Polizei, mit 6 bis 10 Schupos besetzt, in raschem Tempo durch die Straßen. Sie hatten nur Aufklärungsdienste zu leisten. —
Kurt, der neben Paul stand, als er den Bericht des Kuriers entgegennahm, entging nicht die Unentschlossenheit des Genossen Werner. Er kannte Paul als einen alten zuverlässigen Parteigenossen, aber trotzdem war er in der Nacht schon nicht damit einverstanden gewesen, als Hermann den Paul als Vertreter für die Leitung der Straßenzelle zum 1. Mai bestimmt hatte. Paul war der älteste Funktionär der Zelle und wohnt mit seiner Familie seit 20 Jahren in der Gasse. Er hatte nur zu Hermanns Vorschlag geschwiegen, weil er den alten Parteigenossen nicht kränken wollte. Aber er merkte jetzt schon, dass sie einen Fehler gemacht hatten. Die Situation konnte sehr ernst werden, und da musste jede persönliche Rücksichtnahme fortfallen. — Er nahm sich vor, Paul den ganzen Tag nicht von der Seite zu gehen und ihm, so gut er konnte, zu helfen. —
In der „Roten Nachtigall" konnte buchstäblich keine Stecknadel zu Boden fallen. Es wimmelte von Arbeitern, deren Mützen und Jacken mit Abzeichen und roten Papiernelken geschmückt waren. Vor zehn Minuten hatte man in dem Lokal einen Polizeispitzel erwischt und ihn, nach einer gehörigen Tracht Prügel, auf die Straße gesetzt. Man konnte es den Arbeitern draußen nicht verdenken, dass sie sich den Spitzel noch einmal vorgenommen hatten. Erst in der Reinickendorfer Straße war er durch eine Polizeipatrouille befreit worden. — Wenn irgendwo ein Polizeispitzel hochgegangen war, ließ die Polizei gewöhnlich nicht mehr allzu lange auf sich warten.
Kurt stellte sofort fest, dass es überhaupt ein unglaublicher Fehler war, sich ausgerechnet in der „Roten Nachtigall", die der Polizei als Parteilokal und Treffpunkt bekannt war, zu sammeln! Es wäre für die Polizei in der gegenwärtigen, noch unentwickelten Situation eine Kleinigkeit gewesen, das Lokal zu umstellen, auszuheben und damit den politischen und organisatorischen Kern in dem Kösliner Viertel von den führerlos bleibenden Massen zu trennen.
In dem hinteren, kleinen Saal trafen Kurt und Paul die übrigen Genossen der Straßenzelle. Auch der alte Vater Hübner hatte Wort gehalten. In seinem abgetragenen, schon blank gebürsteten schwarzen Sonntagsanzug, mit der roten Nelke im Knopfloch, saß er schweigend am Tisch und wartete auf das Zeichen zum Aufbruch. Kurt sah dem Alten an, dass ihm jetzt vieles durch den Kopf gehen mochte Seit 40 Jahren sollte er heute zum ersten Mal Seine Maidemonstration unter dem Verbot eines sozialdemokratischen Polizeipräsidenten begehen . . ,
„ Thomas . . . ?!" schrie Paul durch den Flur nach vorn in das Lokal. Seine Stimme wurde von dem Lärm glatt verschluckt. Er drängte sich zwischen den Arbeitern hindurch und zog einen kleinen, untersetzten Mann aus der erregt diskutierenden Gruppe heraus, Es war Genosse Thomas, der Kader-Leiter.
„ Du Thomas . . ., wie steht die Sache bei euch? Du bist doch sicher, dass sich keiner von deinen Leuten was eingesteckt hat. Wir marschieren unbewaffnet!!"
Paul sagte das nicht, weil er Angst hatte. Es war strenge Anweisung der Partei und Hermann hatte ihm in der Nacht noch besonders eingeschärft, auf keinen Fall zu dulden, dass irgend jemand Waffen mit zur Demonstration nimmt.
„ Weeß' de, Paul", antwortete Thomas und zog dabei seinen Hosenriemen ein Loch enger. „Ick kann ja nich jedem die Tasche nachsehen, verboten hab ick et nich eenmal, sondern mindestens zehnmal, und ick globe ooch nich, dass eener wat mitjenommen hat,"
„ Half deine Leute fest zusammen, Thomas —, wir werden
draußen allerhand hinter uns haben ------!" Die Gesichter der beiden
Arbeiter waren ernst, eine ungeheure Verantwortung ruhte auf ihren Schultern.
Paul sah nach der Uhr. „Zehn Uhr, Thomas, lass' draußen antreten, wir fangen an!" —
In die Menschen, die auf der Straße gewartet hatten, kam plötzlich Bewegung, als in der „Roten Nachtigall" die Tür aufging und die Arbeiter herausströmten. Aus einem Fenster schrie eine Frau herunter. Alles drängte vor dem Lokal zusammen.
Der scharfe, durchdringende Ton einer Trillerpfeife schnitt zweimal kurz hintereinander durch die Luft. Den Pfiff kannten sie. Das war Thomas.
„ Antreten . . . marsch, marsch!!"
Mit einem Schlage entwirrte sich das Durcheinander. Der Pfiff griff wie eine sichere, ordnende Hand in die Massen, schob sie zusammen, teilte sie ein in Kolonnen, in Hintermann und Vordermann, gab jedem seinen Platz, und setzte an der Stelle einer nervösen, unruhigen, wartenden Bereitschaft das Gefühl einer geordneten Sicherheit. — Mit lauten Zurufen wurde eine dreieckige rote Sturmfahne begrüßt, die vorn zwischen der 3. und 4. Reihe auftauchte.
Die scharfe Stimme von Thomas riss plötzlich alles zusammen. Einen Augenblick wurde es fast unheimlich still. Wie ein klingender Hammer ertönte klar und hell das kurze Kommando über den Köpfen der ausgerichteten Achterreihen.
„ Achtung. . . Abteilung . . .marsch!"
Mit dem ersten Schritt setzte ein tosender Jubel ein. Die Fenster flogen auf, als der Marschrhythmus gegen die Häuser schlug. Eine junge helle Stimme schrie: „Nieder — — mit dem — — Demonstrationsverbot!"
Es gab einige, die erschrocken zusammenfuhren, wie die ganze Straße im Sprechchor wiederholte: „Nieder .. nieder .. nieder ..!" Ein einziger dröhnender Protestschrei!
In der vollen Breite der Straße bewegte sich der dunkle Strom der Arbeiter vorwärts. An der Spitze brannte wie ein gefährlicher, rotglühender Funke in dem Meer der grauen und fahlen Gesichter die dreieckige Sturmfahne. Zwei, drei fingen an, und die ganze Straße sang das Lied von den „Verdammten dieser Erden . . ,"
In der Reinickendorfer Straße rasselten vor den Schaufenstern der großen Geschäftshäuser die Rolläden herunter. Eiserne Sperrgitter klirrten, in erregter Hast vor die Ladeneingänge geschoben. Der Kampf-Mai 1929 hatte begonnen —!

Die in den Fenstern lagen, hatten es zuerst bemerkt. Sie schrien plötzlich aufgeregt, winkten mit den Armen — man sah unter dem Dröhnen des Liedes nur ihre offenen, erschreckten Münder. An der Ecke der Reinickendorfer Straße blitzten Tschakos und silberne Uniformknöpfe. In demselben Augenblick tauchten auch hinter dem Demonstrationszug aus dem Wohlfahrtsamt in der Pankstraße blaue Uniformen auf. Eine gellende Frauenstimme aus einem Fenster zerschnitt die Luft: „P o .. l i.. z e i... ! ! !"
Die Köpfe flogen herum. Die Masse schwankte, der flatternde Angstschrei drohte alles auseinander zu reißen. Frauen und Kinder drängten und stießen gegeneinander. Ein Mädchen wurde zu Boden getreten. Ihre dünne, klägliche Stimme erstickte in dem johlenden Wutgebrüll der Arbeiter, die jetzt merkten, dass sie sich in einer gefährlichen Falle befanden.
Es war ein tückischer, brutaler Überfall. Auf beiden Seiten hatte die Polizei die kurze Straße abgeriegelt und die Masse bewegungsunfähig dazwischen eingekeilt. Wie bei einer Treibjagd wurden jetzt die überraschten Menschen nach der Mitte zusammengetrieben. Jeder sah sofort, es kam der Polizei nicht darauf an, die Demonstration aufzulösen, denn dann hätte sie ja nur eine Seite dafür freilassen brauchen, sondern die Arbeiter, Frauen und Kinder sollten, wie wehrloses, zusammengetriebenes Vieh niedergeschlagen werden. Pfeifen, Johlen, Schreien erfüllte die Straße, und dann begannen die furchtbaren Schläge der Gummiknüppel auf die Köpfe niederzusausen. Die Vorderen drängten zurück, von hinten versuchte alles, durch die Gummiknüppel getrieben, nach vorn zu laufen. Eine furchtbare Panik entstand.
Kurt war auf eine Haustürtreppe gesprungen und hielt die Hände hohl um den schreienden Mund gelegt. Mau hörte nicht einmal den Ton seiner Stimme. —
Vor den aufgerissenen Haustüren drängten sich die flüchtenden Menschen. Das Schreien der Frauen und Kinder vermehrte nur noch das Durcheinander. Durch das Stoßen und Drängen kam niemand in die Hausflure hinein, und von hinten klatschten die Gummiknüppel auf die Schädel. Wer zusammenbrach, konnte in der Enge nicht einmal zu Boden fallen.
Plötzlich sah Kurt dicht vor sich die wutverzerrten Gesichter von drei Polizisten. „Runter — du Aas!" brüllte ihn einer an und riss ihn von der Treppe herab. In demselben Moment sausten die Gummiknüppel der drei Polizisten auf seinen Hinterkopf. Bei einem anderen hätte es wahrscheinlich genügt, um den Betroffenen fertig zu machen. —
Kurt schrie auf vor Wut ... drehte sich um ... und, ehe er selbst wusste, was er tat, schlug seine breite, harte Faust dicht unter einem lackierten Tschakorand gegen die Stirn eines Polizisten, der mit aufgerissenem Mund lautlos zusammensackte.
Aber nicht nur die anderen Polizisten, die mit entsicherten Pistolen heranstürzten, hatten den sekundenschnellen Vorgang bemerkt, sondern auch Thomas, der vergebens versucht hatte, die Panik zu verhindern und sich mit seinen Leuten darauf beschränken musste, die Polizei auf beiden Seiten möglichst lange aufzuhalten, um die Frauen und Kinder in die Häuser zu bekommen. Ehe die anderen Polizisten heran waren, riss er Kurt in einen Hausflur und feuerte die Tür hinter sich zu.
Der halbdunkle Flur und das Treppenhaus waren dicht mit Mengchen gefüllt. „Los," schrie Thomas und stemmte seinen breiten, niedrigen Rücken von innen gegen die Tür. „.., alles verschwinden in die Wohnungen!"
Er musste Kurt erst einen Tritt geben, bis sich der auch irgendwo verdrückte. —
Nicht einen Zoll breit bekamen die Jungen, wutschäumenden Polizisten von draußen die Tür auf. Mit einem Fluch stürzten sie sich wieder auf die Straße. —
Mitten über den fast vollständig leer gewordenen Damm ging eine Frau. Auf dem Arm trug sie, eng an sich gepresst, ein kleines weinendes Kind, Vergeblich hatte sie zuerst versucht, sich und das Kind in einen Hausflur zu retten, nur mit Mühe war es ihr gelungen, sich aus einem lebensgefährlichen Gedränge wieder zu befreien, und jetzt waren die Tore vor den Polizisten fast alle geschlossen. Auf der Straße liefen nur noch die Schupobeamten mit gezogenen Pistolen und geschwungenen Gummiknüppeln umher. —
Vor der „Roten Nachtigall" hielt das nachgekommene Mannschaftsauto, aut das sie den von Kurt niedergeschlagenen Polizisten gelegt hatten. Er war noch immer nicht zu Bewusstsein gekommen.
Die Frau mit dem Kind hatte jetzt nahezu das Ende der Straße erreicht, als auf einmal ein junger, etwa 20jähriger Polizist auf sie zulief. Das Gesicht der Frau wurde blass, aber sie ging weiter und legte nur ihre Arme noch fester um das Kind. Gerade diese feste ruhige Sicherheit brachte den jungen Polizisten um die letzte Beherrschung. Mit einem Sprung verstellte er ihr den Weg, holte aus — und schlug ihr quer über das stille, weiße Gesicht.
„ Weg ... du rote Sau", schrie er und stieß die Frau, die unbewusst den Arm zum Schutz erhoben hatte, zurück.
Aus den Fenstern hatten die Bewohner mit Entsetzen den Vorgang verfolgt. ,,Du Hund — schlägst deine eijene Mutter noch dot —" schrie eine alte Frau kreischend herunter.
„ Bluthund ...!"
„ Verfluchter Strolch du!"
Und plötzlich brannte dem höhnisch lächelnden Polizisten von irgendwoher ein faustdicker Stein ins Gesicht. Die Pistolenmündungen flogen hoch. Peng ... peng ... peng ...!
Die ersten Schüsse knallten gegen die Häuser. „Fenster zu ...!" Der junge Beamte, über dessen blassgewordenes, verzerrtes Gesicht ein schmaler Blutstreifen rann, rannte in der Mitte der Straße hin und her. Auf jede Bewegung an einem Fenster legte er die entsicherte Pistole an und schoss.
Die Straße war nur noch von der Polizei besetzt, kein Zivilist war mehr zu sehen. In einigen Häusern hatten die Polizisten die Bewohner über die Treppen und Höfe, ja, bis in die Wohnungen verfolgt. Aus einem Hausflur schleppten sie einen jungen, blutüberströmten Arbeiter heraus und warfen ihn auf den Mannschaftswagen. Vorher hatten sie zwei Zimmerleute verhaftet, die in ihrer Zunftkleidung mit den zerschlagenen schwarzen Zylindern und erhobenen Händen auf dem Auto saßen. —
Aus der Pankstraße tönte die lang gezogene Pfeife des Bereitschaftsführers zweimal kurz hintereinander. Langsam und fast widerwillig zog sich die Polizei aus der Straße zurück.

Wenige Minuten später war die Straße wieder mit erregten Menschenmassen gefüllt. Die Brutalität der Polizei und die hinterlistige Art dieses Überfalls, hatte die ganze Umgebung in Aufregung und Empörung gebracht. Auf der Straße bildeten sich laut und heftig diskutierende Gruppen.
„ Det war bloß der Anfang —", rief eine Frau. „Passt mal uff — heute abend wird der „Vorwärts" schreiben, det sich de Polizei „in Notwehr" befunden hat."
„ Dafür bedank' dich man bei deinem „Jenossen" Polizeipräsidenten ...", schrie eine alte Arbeiterfrau einem Mann, der schweigend in der Gruppe stand, in das Gesicht.
„ Lasst man", antwortete der Arbeiter leise mit einer hilflosen Handbewegung, „ich glaube ... ich werde heute abend nicht mehr dieser Partei angehören."
Aus einer anderen Gruppe hörte man Pauls laute Stimme: „Genossen, wa sind ja selber daran schuld, wa hätten nich in einer so kurzen Straße, die leicht abzuriegeln ist und keine Nebenstraßen hat, mix einem Demonstrationszug anfangen sollen . . ."
Einzelne Arbeiter gingen unauffällig durch die Gruppen: „Antreten — Ecke Reinickendorfer Straße!" — Rasch ging die neue Parole von Mund zu Mund. Von allen Seilen strömten die Arbeiter zusammen, die Gesichter ernster und entschlossener als zuvor.
Wieder gab der kurze, durchdringende Pfiff das Signal zum Antreten. Schnell liefen die Arbeiter auf den Damm und formierten sich in Achterreihen: „Ab ... tei ... lung .,. marsch!" —
Am Nettelbeckplatz funkelten die silbernen Gardesterne auf den Lacktschakos der Polizisten.
„ Nie ... der ... mit dem ... Mai ... verbot!" „Es lebe die Kommunistische Partei!" „Nieder mit der sozialfaschistischen Hungerregierung!" Dieses Mal verwirrte das Funkeln der Uniformknöpfe die Arbeiter nicht mehr so schnell. Ruhig marschierte der Zug die Reinickendorfer Straße herunter zum Nettelbeckplatz. Über die ganze Breite der Straße flutete der Gesang der „Internationale". Einen Augenblick war es Kurt, als wenn er zwischen den Mützen vor ihm den blonden Kopf Annas gesehen hätte.
Hinter den Gittern der Konsumgenossenschaft auf der linken Seite verschwand das ängstliche Gesicht des sozialdemokratischen Geschäftsführers.
Die Arbeiter lachten und riefen über die Straße: „Ihr feiert wohl den 1. Mai hinter Eisen, wat?"
„ Wie de Affen im Zoo ...I"
Wieder tauchte fünf, sechs Reihen vor Kurt das blonde, glatt gestrichene Haar auf Die nächste auf und nieder wogende Welle der gleichmäßigen Schritte verdeckte es wieder.
„ Hallo ... Tach, Genosse!"
Durch ein paar Schultern streckte sich ihm eine schmale Hand hin. Kurt sah hoch. Das war doch der junge, blasse Referent, der in der „Roten Nachtigall" gesprochen hatte!
„ Rot Front" —. Er zog ihn neben sich.
„ Komm man — hier geht's gleich wieder los."
Er freute sich, dass der junge, sicher nicht sehr kräftige Genosse mit einer so gelassenen Ruhe neben ihm hermarschierte. Der machte nicht nur mit dem Mundwerk mit. dachte er zufrieden. —
Der Zug war bis dicht an den Nettelbeckplatz herangekommen. Kurt reckte sich einen Augenblick über die Köpfe und sah nach vorn In vier Reihen hintereinander standen die Polizisten quer über die Straße und erwarteten die Demonstranten.
Immer weiter marschierten die Arbeiter, ohne einen Moment zu schwanken. Eine hohe Stimme schrillte vorn: „Straße frei.. .!"
Die Arbeiter marschierten weiter. Links ... links ... „Nieder mit der Polizeidiktatur!"
Das war Thomas, dachte Kurt und schrie mit den anderen zusammen: „Nieder ... nieder ... nieder!"
Auf dem Bürgersteig rechts fingen einige an zurückzulaufen. Jemand rief:
„ Stehen .. . blei . . ben, Genossen!!"
Die Mitte des Demonstrationszuges schob sich immer weiter nach vorn Die ersten breiten Reihen bildeten die Leute von Thomas, der selber neben Paul an der Spitze marschierte.
Wieder peitschte die hohe scharfe Stimme durch die Luft — irgendein Kommando — und auf die ersten Reihen sausten die Gummiknüppel herunter ... ein gellendes Johlen, Pfeifen und Schreien! An der linken Hauswand stand ein Herr mit zerschlagenem Hut und machte mit den Händen wilde lächerliche Protestbewegungen. Anscheinend war er gerade aus dem Zigarrengeschäft an der Ecke gekommen Zwei Polizisten rissen ihn von der Wand weg. Unter einem Hagel von Schlägen brach er zusammen. Den Hut stieß ein Polizist wie einen Fußball über den Platz
Die Polizei stutzte Trotzdem sie auf alles einschlugen, was ihnen vor die Fäuste kam, konnten sie den Zug nicht durchbrechen. Im Gegenteil, Schritt für Schritt mussten sie vor den immer mehr nach vorn drängenden Massen zurückweichen Die Arbeiter schützten sich, so gut sie konnten aber sie gingen nicht zurück. Wurden sie an einer Stelle zurückgeschoben, stießen sie an der anderen Seite wieder nach vorn. —
Erst nachdem neue Reserven eingesetzt wurden, konnte die Polizei nach hartem Kampf den Zug auseinandersprengen, ohne allerdings die Straße zu säubern. — Die Signalpfeife rief sie wieder zurück« Einige kurze Kommandos — sie kletterten auf die bereitstehenden Autos und fuhren ab. Vielleicht war die Situation irgendwo anders noch gefährlicher als hier. —
Nach wenigen Minuten sprang ein junger Arbeiter auf den großen Sandkasten, der mitten auf dem Nettelbeckplatz stand, und sprach zu den Massen, die den Platz überfluteten.
Kurt suchte Paul. Endlich fand er ihn.
„ Du — wir müssen sofort zurück in die Gasse, wir müssen sehen, wat da los is." Sie wussten, dass sich die Angriffe der Polizei hier konzentrieren würden. Im schnellen Schritt gingen sie beide die Reinickendorfer Straße wieder herunter.
Nach ein paar hundert Metern sahen sie schon, wie vor ihnen die Arbeiter nach der Gasse zu rannten. Sie liefen hinterher, so rasch sie konnten. An der Ecke der Wiesenstraße kam ihnen bereits von der Uferstraße her ein neuer Demonstrationszug entgegen.
„ Paul, det is doch Otto — der mit der Sturmfahne da vorn!", rief Kurt und lief dem Zug entgegen.
Er hatte ihn noch nicht erreicht, als er hinter sich die benagelten Stiefel der vorwärtsstürmenden Polizisten hörte.
Nur erst den Zug erreichen, dachte er keuchend. Er war zu schwerfällig zum Rennen. Die jungen Polizisten konnten das besser als er.
„ Dich krieg ich doch noch, du Aas", schrie dicht hinter ihm jemand. Er hörte den stoßenden Atem des Polizisten. Im nächsten Augenblick sauste der Knüppel auf seinen Kopf. Aber der Polizist lief an ihm vorbei zu dem Demonstrationszug, der jetzt an der Ecke der Kösliner Straße angekommen war.
Der Polizist, der sich etwa 10 Meter vor seinen anderen Kollegen befand, stürmte direkt auf den Fahnenträger los. Kurt sah, wie er den Gummiknüppel hob, um auf Otto einzuschlagen.
Was dann kam, ging so schnell, dass niemand sehen konnte, wie es eigentlich gekommen war. Der junge Polizist lag plötzlich ohne Tschako auf dem Asphalt und trudelte einige Male um seine eigene Achse. — In diesem Augenblick waren die anderen Polizisten herangekommen. Kurz vorher hatten sie unmittelbar vor Kurt einen Mann von hinten zu Boden gerissen, den sie mit Fußtritten und Schlägen bearbeiteten.
„ Aufstehen — du Mistvieh", brüllte ein Polizist. Der Mann jammerte nur und zeigte immer wieder auf seine Füße. Kurt sah, dass er an dem linken Bein eine Holz-Prothese trug.
„ Ich werd' dir schon Beine machen", schrie der Beamte und schlug auf den hilflosen Menschen ein. Erst, als er sah, dass sich der andere Polizist vorn auf der Erde herumwälzte, ließ er den Kriegsbeschädigten liegen und stürzte auf den Fahnenträger zu.
Kurt hob den vor Schmerzen wimmernden Mann auf und trug ihn in einen Hausflur. „Hier haben Sie meine Adresse , . . nennen Sie mich ruhig als Zeugen. Viel nützen wird es nicht, die Kerle leisten jeden Meineid . . . aber Sie können es ja versuchen." Er schrieb rasch seinen Namen und Adresse auf ein Stück Papier und schob es dem Mann in die Tasche.
Unmittelbar an der Ecke der Kösliner Straße tobte der Kampf um die Fahne. Otto schrie, dass es bis auf die Höfe der Gasse zu hören war. Mit der einen Faust schlug er um sich und die andere hielt die armselige, zerfetzte, kleine Sturmfahne umklammert. Kurt sah, dass ihm das Blut von der aufgeschlagenen Kopfhaut herunterflog. Aber die Fahne ließ er nicht los.
Vom anderen Ende der Kösliner Straße her tönte Gesang. Ein Demonstrationszug war von der Pankstraße her eingebogen und marschierte die Weddingstraße herunter. Während Kurt ein Stück die Kösliner Straße herunterlief, riss er ein kleines, rotes Tuch, das er als Sturmfahne eingesteckt hatte, aus der Tasche und winkte damit den unten marschierenden Genossen, um sie zur Unterstützung heraufzuholen. Hier . . . her . , . kommen . . .1" schrie er mit aller Kraft durch die Gasse.
Der Zug am anderen Ende der Straße stockte. Die Arbeiter schauten unentschlossen herauf, es war ihnen nicht ganz klar, was der Mann mit der Fahne wollte. —
Auf einmal hörte Kurt hinter sich einen kurzen, gellenden Angstschrei. „Kurt . . .!" —
Er blickte sich rasch um. An der Ecke der Wiesenstraße stand Anna und zeigte entsetzt hinter ihn. Mehrere Polizisten rannten mit angelegten Pistolen direkt auf ihn zu. Er sah, dass sie ihn in ihrer besinnungslosen Erregung in der nächsten Sekunde glatt niederschießen würden. Schnell duckte er sich und hatte mit zwei drei Sätzen den vor ihm liegenden Hausflur Nr. 6 erreicht.
„ Stehen bleiben ... du Hund!" brüllten hinter ihm die Polizisten und rissen die Pistolen hoch.
Peng . . . peng . . . peng . . .! Links und rechts von dem Eingang spritzte der Mörtel von der Hauswand. Kurt rannte durch den Hausflur, die Hof-Glastür, die er hinter sich zuschmiss, zersplitterte klirrend.
„ Kurt . . . die kommen nach", schrie jemand aus dem Fenster auf den Hof herunter. Er hörte die genagelten Stiefel im Hausflur. — Der Hof war glatt wie ein Teller. Gerade als er sich in der Mitte befand, schossen sie wieder.
Peng . . . peng . . .! Ein kalter Luftzug pfiff an seiner Schläfe vorbei. Wie weißes, zerstäubtes Pulver flog der Putz neben dem niedrigen Eingang zum Quergebäude von der dunklen Wand.
„ Vom Fenster weg . . .!"
In demselben Augenblick, in dem der vorderste Polizist die Pistole nach oben hob, in ein Hoffenster zielte und schoss, hatte Kurt die Treppe erreicht. Der kurze Zuruf von oben hatte ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. — Auf dem ersten Treppenabsatz wurde er in eine Wohnung gezogen und versteckt. Er hörte noch, wie die Polizisten an der verschlossenen Tür vorbei die Treppe heraufstürmten. Unter dem Dach rissen sie einer vor Angst halb ohnmächtigen Frau in der Waschküche die Wäsche aus den kochenden Kesseln, um ihn zu suchen. . .

Anna hatte sich in einem Hausflur in Sicherheit bringen können, als sie plötzlich aus dem gegenüberliegenden Haus, in das Karl gelaufen war, die Schüsse krachen hörte.
„ Wills'te ooch dotjeschossen werden . . .?" schrie sie ein Arbeiter an und riss sie von der offenen Tür wieder in den Flur zurück.
,,Loslassen . . . Max", sagte sie mit einer merkwürdig leisen, heiseren Stimme, „. . . hörste, Max . . . lass ma los . . .!" Sie versuchte vergebens, die Finger, die sich um ihren Oberarm geschlossen hatten, auseinander zu biegen. — Draußen knallten wieder Schüsse. Einen Moment sah sie den Arbeiter kurz an, und dann schlug sie ihm mit der freien Hand zweimal mitten ins Gesicht. Er taumelte an die Wand, sie riss die Haustür auf und stürzte auf die Straße. — An der Ecke wurden gerade die Fahnenträger und ein anderer junger Arbeiter verhaftet und auf das Polizeiauto gestoßen. Die Fahne war in tausend Fetzen gerissen. —
Vier große Wagen mit Polizisten kamen von der Uferwache her die Wiesenstraße heruntergefegt. Noch im Fahren flogen die Seiten — klappen herunter, mit Pistolen und Gummiknüppel wurde die Ecke gesäubert.
Anna sah, wie gegenüber aus dem Haus Nr. 6 die Polizisten wieder herauskamen — ohne Kurt! Ein lähmender Schreck krallte sich in ihr Gesicht. Wo war — Kurt? Warum hatten sie ihn nicht mitgenommen . . . wie den Fahnenträger eben? Nein, nein . . .! Mit einer Kraftanstrengung, die sie fast schwindlig machte, drängte sie die Vorstellung wieder aus ihrem Gehirn heraus. — Sie hatte ihn auf dem Hof liegen sehen, mit dem Gesicht nach unten . . .
Menschen liefen an ihr vorbei, rissen sie mit.
,,Nieder . . . mit . . . der . . . Hungerregierung!"
Mit geschwungenen Knüppeln rannten die Polizisten hinterher. Jemand stürzte hin. Von einem furchtbaren Schlag sackte der erhobene Kopf mit einem hohlen Bumrns wieder auf das Straßenpflaster vornüber. Er blieb liegen.
„ Es lebe die Kommunistische Partei!"
Sie schrien, die ganze Gasse schrie und mit ihnen Anna: „. . . hoch . . . hoch!" Wenn sie die Polizei auf der einen Seite heruntergetrieben hatte, riefen sie auf der anderen. Über den Köpfen der Polizei schrien sie aus den Fenstern. Vom 2. Stock eines Hauses wurde eine rote Fahne heruntergeschossen, eine Frau riss sie vom Asphalt hoch.
Peng . . . peng . . . peng!
Wie weiße, giftige Pocken sahen die kreisrunden Schusslöcher an den grauen Häuserfronten aus.

Das hallende Echo der Schüsse alarmierte die Arbeiter aus der Umgebung. Immer mehr Zuzug bekam die Gasse. Die aus der Stadt kamen, erzählten, dass die Polizei überall mit einer außergewöhnlichen Brutalität gegen die Arbeiter vorgeht. Am Haukeschen Markt hatte sie in den Demonstrationszug der Tabakarbeiter geschossen. Drei Arbeiter blieben liegen — einer war tot. In Kliems Festsälen in der Hasenheide schoss die Polizei am Vormittag in die Rohrlegerversammlung. Eine Frau berichtete, dass zehn Minuten von hier, an der Badstraße, die Schupo mit Polizeihunden die Demonstrationszüge gesprengt hatte. In Neukölln sollen Panzerwagen eingesetzt sein. Straßenbahnwagen sind von den Arbeitern umgestürzt worden . . . Leute, die aus den Saalveranstaltungen der freien Gewerkschaften, in denen nicht ein Wort des Protestes zu hören gewesen war, gekommen waren, sagten, dass sie schon an den Ausgängen von den prügelnden Polizisten empfangen worden waren. Jeder, der heute in der Stadt eine rote Nelke trug, war Freiwild für die Schupo. Im kleinen Tiergarten in Moabit haben sie gleich auf einen Schlag 40 Zimmerleute, die an einer polizeilich genehmigten Versammlung teilgenommen hatten, verhaftet und mit Autos zum Polizeipräsidium gebracht- —
Polizeiauto auf Polizeiauto rollte in das Kösliner Viertel. Wo sie absprangen und auf die Arbeiter einschlugen, schlossen sich hinter ihnen wieder die Massen zusammen. Am Nettelbeckplatz wurde ein Arbeiter, der etwas gerufen haben sollte, verhaftet. Als das Polizeiauto mit ihm abfuhr, ballte er auf dem Wagen mitten zwischen den Polizeibeamten die Faust und schrie den Arbeitern auf der Straße: „Rot Front" zu. Er war erst still, nachdem sie ihn auf dem fahrenden Auto besinnungslos zusammengeschlagen hatten. . . .
Am Bahnhof Wedding schloss die Polizei Schläuche an die Hydranten und versuchte unter dem Pfeifen, Johlen und Hohngelächter der Massen die Arbeiter mit Wasser auseinander zu sprengen. Mit gellenden Pfuirufen wurden die Polizeiautos, die durch die Straßen rasten, von der erregten Bevölkerung empfangen. Immer wieder bildeten sich neue Demonstrationszüge, die nach einigen hundert Metern auseinandergeschlagen wurden, um sich wenige Minuten später wieder neu zu gruppieren. Die Arbeiter hatten gelernt, den anstürmenden Polizisten auszuweichen und sich keine unnötigen Blößen zu geben.
Bis sich gegen Mittag folgendes ereignete:
Die Polizei hatte den Eingang der Reinickendorfer Straße am Nettelbeckplatz gesäubert. Die Straße war zur Zeit allein von den Polizisten besetzt, die mit offenen Pistolen hin- und herliefen. Nur in der Mitte des leeren Fahrdammes ging ängstlich ein junges Mädchen, das aus einem Geschäft gekommen war. Es hoffte, unter dem Schutz der polizeilichen Abriegelung am sichersten aus der gefährlichen Zone herauszukommen. Von der Ecke der Kösliner Straße aus, wo sich die Arbeiter wieder gesammelt hatten, verfolgten die Bewohner den Weg des jungen Mädchens, das als einzige Zivilistin durch das abgesperrte Straßengebiet ging. Sie sahen, wie ein Polizist plötzlich hinter dem Mädchen herlief.
Erschreckt blickte es sich um und fing an zu rennen, hilflose, kleine zitternde Schritte. Mit ein paar Sätzer hatte es der Polizist erreicht, 65
schrie es an und schlug es im Laufen von hinten über den Kopf. Unter fortwährenden Schlägen lief es über den Dämm auf den Bürgersteig. Nach etwa 20 Schritten konnte es nicht mehr, schwankte und fiel mit dem Rücken an eine Hauswand. Sein Kopf fiel erschöpft auf die Seite. Wieder brüllte es der Polizist an, aber es konnte vor Angst und Schmerzen nicht mehr laufen. Er hob noch einmal den Gummiknüppel und schlug dem Mädchen mit aller Kraft mitten in das vor tödlichem Schreck erstarrte weiße Gesicht. — Ihr Hinterkopf schlug hart an die Mauer, die Hände griffen in die Luft und dann fiel es zusammen . . .
An der Ecke war die Straße zu Renovierungsarbeiten aufgerissen. Ein Hagel von scharfkantigen Steinen flog im nächsten Augenblick durch die Luft. Der Tschako eines Offiziers lag im Dreck, mitten in das aufreizende Funkeln des silbernen Gardesterns schlug ein Stein.
Der Offizier riss die Pistole hoch: Peng ... Peng .., Peng ...!
Die Arbeiter zogen sich vor dem Ansturm der Polizisten in die Gasse zurück. Aber diesmal schlossen sie die Haustüren hinter sich. — Wieder knallten die Parabellumpistolen zwischen den Mauern der Gasse. In der menschenleere Straße hingen die Fahnen wie rote Tupfer an den grauen Häuserfronten. Aus unsichtbaren Verstecken und Ecken beobachteten Hunderte von Augenpaaren die wutschäumenden Polizisten, die mit hochgerichteten Pistolenmündungen umherrannten und in die Häuser knallten. Obwohl außer ihnen niemand mehr auf der Straße zu sehen war, schrien sie immer wieder: „Straße frei ... es wird geschossen ...!"
In dem Haus Nr. 19 ging im 3. Stock das Fenster auf und ein Arbeiter sah ruhig zu den Polizisten herunter. Er lächelte sogar freundlich und rief ihnen zu:
„ Hallo! — Gut Freund!"
Vor dem Haus standen zwei Polizisten, die sofort die Pistolen hochrissen und auf den Mann in dem offenen Fensterrahmen anlegten. Der helle Fleck der Stirn stand den Bruchteil einer Sekunde in der geraden Linie zwischen dem zusammengekniffenen Auge, Kimme und Korn — der Finger zog den Abzug durch den Druckpunkt — Peng!
Der erhobene Arm des Arbeiters fiel herunter, der Kopf schlug vornüber auf das Fensterbrett, und dann rutschte der Körper langsam nach hinten weg in die Stube. Das Fenster war leer . . .
Der eine Polizist starrte nach oben in die dunkle Fensteröffnung, die das Gesicht plötzlich verschluckt hatte. Erschrocken sah er sich um, rief dem neben ihm stehenden Polizisten etwas zu, und beide liefen, ohne sich umzusehen, rasch die Gasse herunter und verschwanden. —
Nach einigen Minuten war die Polizei abgerückt. Die Gasse war wieder leer und unheimlich still . . .
In dem schräg gegenüber liegenden Haus wurde heftig die Tür aufgestoßen. Kurt rannte über den Damm und verschwand in dem Haus Nr. 19.
Er flog die Treppe herauf. Die Tür stand auf, es waren schon Leute darin. Unter der Fensterbank lag regungslos in einer Blutlache der 52jährige Klempner Max Gemeinhardt, Mitglied der SPD und des Reichsbanners. — Es war totenstill in dem Zimmer. Über das weiße Fensterbrett zog sich ein heller dünner Blutstreifen, in dem eine Fliege herumkroch . . .
Jemand zog Kurt leise am Ärmel aus der Stube, es war die Frau, die nebenan wohnte. Auf dem Flur flüsterte sie: „Kurt . . . has'te . . . auch gesehn . . . wer det war . . . der geschossen hat?"
Zum erstenmal zitterte Kurt heute. Er stand in dem dunklen Flur an die Wand gelehnt. Es schien, als wenn sich sein Gehirn vorläufig noch weigerte, das Entsetzliche aufzunehmen. Endlich stieß er heiser hervor:
„ Ick hab' ihn jeseh'n . . . und hab ihn ooch erkannt . . . Mutter Hübner . . . det war Mord!"
Der Polizeiwachtmeister Haberstroh von der Uferwache und ein anderer junger Kollege bekamen 10 Minuten später vom Bezirkskommandeur den sofortigen Versetzungsbefehl Der Wachtmeister Haberstroh hat von dieser Minute an die Wohnung seines Vaters, Kösliner Straße 3, wo er sonst auch schlief, nicht mehr betreten. — Der Polizeiwachtmeister Haberstroh und sein Vater gehörten gleichfalls der SPD. an.





II Die Frau, die lachte

 

Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von der Erschießung des Klempners durch den ganzen Wedding. In die Geschäfte, in die Bahnhöfe, in die Stadtbahnzüge, in denen es erschrockene Menschen in die anderen Stadtteile trugen. Schnell und unaufhaltsam eilte es in die Hinterhäuser, die Treppen herauf, in die Wohnungen der Arbeiter, der Bürger.
„ Wisst ihr schon ... habt ihr schon gehört ...? In der roten Gasse hat die Polizei einen Menschen — mitten ins Gesicht geschossen ... er ist tot , . .!"
Aus den Häusern kamen sie heraus, liefen auf der Straße zu irgend einer Gruppe von Männern und Frauen, die um einen Arbeiter standen, der erzählte wie es gekommen war. — In den Arbeiterkneipen war es nicht mehr so ruhig wie in den Vormittagsstunden. Es gab kaum einen Menschen, der nicht selbst gesehen hätte, dass die Polizei heute am 1. Mai zum Feind der Bevölkerung in den Arbeitervierteln geworden war. Eine gefährliche, flackernde Unruhe lag in den Gesichtern der Menschen, die sich fast Kopf an Kopf langsam durch die Straßen um den Nettelbeckplatz herum bewegten. Über eine Stunde nach dem tödlichen Schuss war in der unmittelbaren Nähe der Gasse kein Polizist zu sehen.
Immer mehr Leute kamen in die Kösliner Straße und sahen sich die Häuser an, an denen die weißen, kreisrunden Einschüsse der Polizisten auf den dunklen Mauern leuchteten.
Das Fenster im 3. Stock war geschlossen. Hunderte standen unten auf der Straße und schauten hinauf. Unmittelbar über dem verschlossenen Fenster wehte eine rote Fahne. Als sie sich im Winde schwerfällig und langsam blähte und nach der Seite zu hochhob, zeigte jemand mit der Hand nach oben. Man sah jetzt von unten deutlich gegen den Himmel vier kleine kreisrunde Löcher in dem Fahnentuch. —
Vor dem Schlächter an der Ecke der Gasse gab es einen Menschenauflauf. Eine laute, unbekannte Stimme sprach dort zu den Arbeitern.
„ Bravo . . .", rief jemand aus der Menge.
„ Janz recht hat er!"
Kurt kam mit Anna, die er nach dem Abzug der Polizei auf der Straße wieder getroffen hatte, aus der „Roten Nachtigall" und sah flüchtig zu der Gruppe hinüber. Vergebens hatte er Paul und Thomas gesucht, um mit ihnen die Lage zu besprechen. Er war sich darüber im Klaren, dass von Viertelstunde zu Viertelstunde die Situation für die Straße gefährlicher wurde. Jeden Augenblick konnte die Polizei wiederkommen und dafür, was dann geschehen würde konnte kein Mensch mehr garantieren. Sie mussten unter allen Umständen versuchen, die Führung über die erregten Massen in der Hand zu behalten.
„ Da spricht doch einer", sagte Anna zu ihm. Vor dem Schlächterladen lachten sie und klatschten Beifall. Dann hörte Kurt wieder die laute, scharfe Stimme sprechen. Er wurde jetzt aufmerksam.
„ Wer is denn det ...!?"
Er ging über den Damm zu der Gruppe, und drängte sich nach vorn durch. Auf der Stufe vor dem Laden, dessen Rolljalousien heruntergelassen waren, stand ein Mann mit einer schwarzen Lederjacke. Das ungesunde, aufgedunsene Gesicht des Redners war rot vor Aufregung, manchmal überschlug sich seine gequetschte, fette Stimme. — Komische Nudel, dachte Kurt. Er blieb stehen. ... es wird nicht bei demeinen bleiben", schrie der Dicke in der Lederjacke, „und sollen wir mit Fäusten gegen die Pistolen und Maschinengewehre kämpfen?"
„ Janz richtig", rief eine Frau.
„ Gegen Waffen helfen nur Waffen."
„ Bravo . . ."
Zum erstenmal war laut und offen dieses gefährlich aufreizende Wort gefallen und es fand einen gut vorbereiteten Boden. Eine erregte Diskussion brach los. Alles schrie durcheinander. Ja — recht hat er ... niederschießen muss man diese Arbeitermörder! Genau so, wie sie uns runterknallen . . . das ist Notwehr, sollen wir warten, bis noch mehr auf dem Pflaster liegen ...?! — Kurt drückte sich langsam immer mehr nach vorn.
„ Genossen . . .", schrie der Dicke und zeigte mit der Hand über die Köpfe hinweg, „da drüben in der Uferwache gibt's genug Waffen und Munition . . . Los, her mit dem Zeug!!"
Kurt stieß in dem Beifallsgeheul die vor ihm Stehenden beiseite und packte den Dicken an der Lederjacke.
„ Wat willste denn von dem ... er hat doch janz recht", rief ihm eine Frau zu. Der Dicke war blass geworden und versuchte nach der Seite hin fortzukommen.
„ Halt... hier geblieben! . . . Wer bist du'n . . . wat? Wo kommst du her — —?"
Der Mann versuchte vergebens, sich aus dem festen Griff Kurts zu befreien.
,,Mensch ... lass ma doch los . . .", keuchte er, „man wird doch seine Meinung sagen können, wat Leute? . . . Ick bin ooch bloß een Arbeiter!" Er fing auf einmal an wie ein Prolet im Berliner Dialekt zu sprechen.
„ Wat — ein Arbeiter bis'de", sagte Kurt laut, dass ihn alle hören konnten, „zeig' mal deine Flossen her!"
Ein paar Kinder liefen über den Damm und schrien: „Da hab'n se einen jeschnappt." Kurt riss dem Dicken die Hände hinter dem Rücken hervor, hielt sie um das Handgelenk fest und sah sich ruhig und sorgfältig die fetten, rosigen Finger, mit den sauberen, gepflegten Nägeln an. Ein Arbeiter, der daneben stand, riet: „Damit arbeits'te wohl bei deine Olle im Bett?" Einige lachten.
„ Verfluchter Provokateur ..." brüllte Kurt, „hierher kommen und de Arbeiter aufhetzen, wat du Aas!" In demselben Augenblick flog der Dicke mit einem dumpfen Krachen gegen die Rolljalousie, die Mütze rutschte ihm komisch auf die Seite.
„ Achtung . . . der Hund will schießen!" Der Spitzel hatte in die hintere Hosentasche gefasst. Mit einem Schmerzgeheul fiel sein rechter Arm herunter, Kurts zweiter Hieb hatte die Schulter getroffen. Jetzt griffen die anderen Arbeiter zu. Sie merkten, dass sie beinahe einem Provokateur auf den Leim gegangen waren.
„ Los — rin in' Hausflur", rief einer.
„ Schlagt det Schwein dot."
„ Er darf nich wieder raus aus de Jasse."
Ein paar Meter neben dem Schlächterladen schlug die Haustür krachend zu. — Die Leute, die sich vor dem Haus zusammendrängten, wurden sofort durch einen jungen Arbeiter auseinander getrieben: „Genossen . . . geht weg! Es sind noch mehr Bullen in der Straße . . ., die Polizei wird sowieso jleich kommen."
Aus dem Hausflur hörte man dumpfes Klatschen und Schreien des ertappten Spitzels. — Kurze Zeit später konnte sich in der „Roten Nachtigall" ein junger, unbekannter Arbeiter, der sich durch irgendetwas auffällig gemacht hatte, nur im letzten Augenblick vor einem ähnlichen Schicksal retten. Unter den anwesenden Roten Frontkämpfern kannte ihn zufällig jemand, der mit ihm zusammen in demselben Betrieb arbeitete. Man war jetzt sehr misstrauisch gegen fremde Gesichter geworden. Zu viele so genannte „Zivilaufklärer" trieben sich unter den Arbeitern in der Umgebung der Gasse herum, und nicht alle Achtgroschenjungs waren so ungeschickt, wie der Dicke vor dem Schlächterladen.
Um drei Uhr tönte aus der Wiesenstraße der laute Gesang eines starken Demonstrationszuges, der unter Führung eines jungen Kommunisten in die Kösliner Straße einbog. — Alles lief die Gasse herunter, dem Zug entgegen. Wieder flogen die Fenster auf, wieder schrien sie „Rot Front" herunter und winkten mit den Fahnen. In militärisch geschlossenen Reihen marschierte der Zug, dem sich mit jedem Schritt mehr Arbeiter und Frauen anschlossen, durch die Gasse.
Anna lief neben dem Zug her. Es war seltsam, dachte sie, wie die Demonstration sofort die Gesichter der Leute in der Gasse veränderte. Die erregte Unruhe war verschwunden. Sie fühlten es mit einem Male selbst, dass sie das gleichmäßige, eingegliederte Schulter-an-Schulter-Gehen als eine neue, selbstbewusste Kraft durchströmte.
. Zum ersten Male in ihrem Leben spürte Anna, als sie mit den Tausenden durch die Gasse zog, wie ein starkes, reines Fluten in ihrem Herzen hochstieg, bis in die brennenden Augen. Und diesmal war es ein tiefes, inneres Glücksempfinden, was sie leise schwindlig machte. Daher — dachte sie — kommt wohl das plötzlich Helle in die grauen Gesichter. Und sie freute sich, dass sie es vielleicht jetzt auch hatte . . .
Sie hatte nicht gemerkt, dass der Zug schon in der Reinickendorfer Straße war und jetzt wieder in die Wiesenstraße zurückkehrte. Erst als der Gesang plötzlich abbrach und die Leute um sie herum anfingen zu rufen, zu pfeifen, und „Nieder mit den Arbeitermördern" schrien, sah sie kurz vor dem Zug das Blinken der Polizeitschakos! —
Die Angst packte sie, aber nicht um sich — um die anderen, um alle, um die Genossen, die anfingen, Steine hochzuheben. Jemand schrie: „Stehen . . . bleiben . . . Genossen!"
Sie wurde mit den anderen nach vorn gestoßen. Das Helle, Ruhige aus den aschfarbenen Gesichtern war fort. Aus einem Fenster schrie eine kreischende, durchdringende Weiberstimme: „Bl u . . t . . . hun . . de . .!!"
Wie ein zerrissener Wind flackerte der gellende Schrei über den Köpfen der Masse. Aus der Reinickendorfer Straße, hinter ihnen, tönte das lang gezogene Signal eines Überfallwagens. Irgendwo aus weiter Ferne hörte sie eine dünne, messerscharfe Stimme: „—es wird — geschossen!!"
Der junge Mensch vor ihr drehte sich um. Vor ihren Augen tanzte der rote Fleck in seinem Knopfloch. Er wurde immer größer. Ein sich rasend drehender, roter Kreis . . .
Peng ... peng ... peng ...! Das Schnellfeuer der Polizeipistolen krachte mitten hinein in den Menschenhaufen.
„ A — — ach!" Der Arbeiter vor ihr schlug plötzlich die Hände gegen seinen Bauch und fiel mit einem kurzen, leisen Laut zusammen. Wenige Meter dahinter tauchte das hysterisch weiße Gesicht eines Polizisten auf. Ein Stein zerriss die glatte, bartlose Haut, der Tschako flog hinten weg. Komisch — was für helles Haar der über dem blutenden Gesicht hat , . .! Dann wusste Anna nichts mehr.
Ü ber sie hinweg stürmten die Polizisten. Kugeln und Gummiknüppel rasierten den Damm. Hinter ihnen lagen mitten auf der leeren Straße dunkle, zusammengekrümmte Menschenbündel, die Gesichter auf den Steinen. Unter dem Bauch des jungen Menschen sickerte ein dünner, hellroter Streifen in den bleigrauen Schmutz. Ein paar Schritte weiter starrte das fahlgraue, unrasierte Gesicht eines Mannes, mit aufgerissenen weißen Augen in den blauen Himmel. Vor dem offenen schwarzen Mund zerplatzten schaumige, rote Blasen. Das stumpfe Bleigeschoß hatte ihm durch den Rücken hindurch die Lunge zerfetzt, Jemand versuchte mit einer zerschossenen Kniescheibe nach der Seite zu kriechen. Ein Kind lief ziellos und schreiend mit einer anscheinend gebrochenen, herabhängenden Hand über den Damm. Aus einem Hausflur schrie jemand nach den Sanitätern.
Vier, fünf junge Arbeiter gingen zu den Verwundeten, hoben sie vorsichtig hoch und trugen sie in ein Haus. Das farblose Gesicht des einen mit dem gurgelnden, blutenden Mund hing pendelnd nach hinten herunter. — Auf der leeren Straße standen drei dunkle, kleine Pfützen . . .
In der Gasse rannten die Polizisten an den schnell verrammelten und verschlossenen Toreinfahrten vorüber. Wie das wütende Kläffen tobsüchtiger Hunde, bellten die Schüsse zwischen den hohen Mauern. — Der Feind war unsichtbar, die Straße leer . . . hinter den dunklen Fensterscheiben saß der verhasste, gefährliche Gegner.
— Die angstverzerrten Gesichter unter den Tschakos flogen erregt herum. Vor ihnen — hinter ihnen — über ihnen — da hockte der Feind, die Gefahr — da lauern die Roten — Hunderte — Tausende
— die ganze Gasse ist voll, die ganze Stadt . . .
Peng . . . peng . . .! Die zitternden Finger zuckten von selbst in dem Abzugsring der Pistolen. Das knallt und macht stark und sicher. Solange geschossen wird, sind die grauen Gesichter der Feinde verschwunden. Nur die Fahnen sind da — die verfluchten, verhassten roten Fetzen!
„ Runter mit den Lappen . . .!" schrie ein Offizier. Schnellfeuer auf die Fahnen. Eine zersplitterte Stange knickte nach vorn über. Wie ein in den Leib geschossener Mensch hing sie an der Mauer.
„ Weg die Fahnen vom Fenster". Glas schepperte, Mörtelstücke spritzten in die Luft. Plötzlich — ein hundertstimmiger Wutschrei. Eine große Fahne war aus dem 4. Stock auf die Straße gefallen. Der junge Polizist, der sie schnell aufgenommen hatte und zu zerreißen begann, griff aufschreiend an den Hinterkopf. Ein scharfkantiger Stein hatte ihn getroffen. —
Die Bewohner zogen die zerlöcherten, roten Fahnen in die Fenster hinein, sie sollten nicht in die Hände der blauen Teufel da unten fallen. Nur über dem Hauseingang Nr. 3 leuchtete immer noch im 1. Stock ein kleiner roter Fetzen.
„ Runter den Lappen!"
„ Fahne weg . , .!"
Vier, fünf überschrieen sich gegenseitig. Die Fensterscheiben zerklirrten auf dem Bürgersteig vor dem Haus. Aber der rote Fleck verschwand nicht von der grauen Wand. Ein leiser Wind hob das kleine viereckige Tuch und blähte es groß und dick auf, als wenn es sich lustig machen wollte über die ohnmächtigen Bleispritzer.
Und auf einmal passierte etwas völlig unerwartetes. Etwas, das für die Polizisten unheimlicher und gefährlicher als alles andere war. — Eine Frau hatte gelacht! Von irgend woher hatte, wie aus der Luft, eine Frau laut gelacht. Ein kurzes, schallendes Auflachen, aus einer siegesbewussten aufreizenden Kraft heraus. — Wie ein Vogel hing der helle Laut einen Moment über den erschreckten Köpfen der Polizisten in der Luft und war plötzlich, irgendwo verklingend, verschwunden.
Die ganze Straße hatte es gehört und das Echo sprang gegen die Mauern, kletterte in den Höfen die Wände hoch, lief hurtig in die Stuben und Keller und auf einmal wurden die farblosen Gesichter der Proleten wieder hell und stark . . . Schießt doch . . . schießt, schießt, mordet, tötet . . . Was wollt ihr eigentlich töten? Könnt ihr unsere Elendswohnungen totschießen . . . unseren Hunger... unsere Krankheiten... unsere Arbeitslosigkeit? Ihr Arbeitermörder! Es lebe, es lebe, was ihr mit Pistolen und Kanonen n i e totschießen könnt: es lebe der Sieg der Weltrevolution! !
Nur die Gesichter der jungen Polizisten wurden blass. Vor dieser unbekannten, unsichtbaren Frau, die gelacht hatte, kroch ihnen eine feige, lähmende Angst hoch, und dann — schossen sie wieder los, sinnlos wütend gegen die Wände, in die dunklen Fenster, durch die verriegelten Tore der Häuser ...
In Nr. 3, über dessen Tür immer noch die kleine Fahne wehte, durchschlug die platte Bleikugel durch das Haustor hindurch den Lederriemen des Arbeiters Albert H e i d e r , und riss ein Loch so groß wie eine Faust in seinen Bauch. — Er lag hinter der großen, dunklen Tür, die Beine an den Leib gezogen, aus dem das Gedärm als ein rosafarbener, fetter Gallertklumpen heraushing . . .





III. Paul und Lenin

 

Erst eine Stunde später gelang es durch einen starken Demonstrationszug in der Reinickendorfer Straße die Polizei aus der Gasse herauszuziehen. Planmäßig wurden sie in entfernteren Straßen von den Arbeitern beunruhigt und der Gasse eine Zeitlang ferngehalten. —
Die Arbeiter sahen, dass die Gasse, die keine Nebenstraßen hatte, und auch über die Höfe hinweg nur geringe Ausweichmöglichkeiten bot, eine gefährliche Mausefalle war, in die sie von der Polizei nur hineingetrieben wurden, um in einer oben und unten abgeriegelten Straße, schutzlos vor den Mündungen der Pistolen zu stehen. Die Wiesenstraße lag wie ein T-Balken vor der Kösliner Straße, die dadurch zu einer Sackgasse wurde. Zudem waren die Häuser kein ausreichender Schutz mehr, nachdem die Polizei dazu übergegangen war, sie einfach zu stürmen, und die Arbeiter bis in die Wohnungen hinein zu verfolgen. Auf der einen Seite der Gasse kam man durch die Häuser höchstens bis zur Wedding- oder bis zur Reinickendorfer Straße, deren kurze Hausfronten leicht von der Polizei zu übersehen waren. Auf der anderen Seite wurden die Hinterhöfe durch die Panke abgegrenzt. Und selbst wenn Flüchtende durch den Fluss hindurchwateten, kamen sie nur wieder bis zur Wiesen- oder bis zur Pankstraße. —
Es gehörte nicht viel dazu, zu sehen, dass die Abriegelung des ganzen Häuserblocks der Polizei keine großen Schwierigkeiten machte, und früher oder später würde es dazu kommen. Was dann —?
In zahllosen Stuben der Gasse konnte man an den Wänden und Möbeln die Spuren der Einschüsse sehen. Durch die umherfliegenden Mörtelstücke waren bereits mehrere Kinder verletzt worden. Unmittelbar über dem Bett, in dem ein zwölfjähriges Kind lag, hatten vier Kugeln die Wand durchbohrt und das Kind mit Kalk überschüttet. Nur ein Zufall, dass nicht noch mehr Menschen in den Wohnungen, von den Geschossen verwundet oder getötet waren.
Die Kinder jetzt noch aus der Gasse herauszubringen, würde bedeuten, sie durch die Feuerzone tragen zu müssen. Auf den Treppen standen weinende, verzweifelte Mütter und riefen Hass und Fluch auf „die blauen Teufel" herab.
„ Seid ihr denn Männer . . .!" schrien sie die Arbeiter an.
„ Scheißkerle seid ihr, feige Hunde, die die Weiber und Kinder lieber totschießen lassen .. .1 Schmeißt wie kleine Jungs mit Klamotten und rennt weg!"
„ Habt ja Dreck und keen Blut in den Knochen, ihr Waschlappen! — Weil diese Rotzjungs 'ne Kanone in der Hand haben, scheißt ihr euch eher die Hosen voll, ehe ihr ihnen det Ding einfach wegnehmt — ihr „Kommunisten"!"
„ Det versteht ihr nich ...", sagten die Männer ... „wir können doch heute noch nicht losschlagen ...!"
„ Nee — aber ne große Schnauze könnt ihr haben!"
Dann gingen die Männer wieder auf die Straße und dachten: Recht haben die Weiber — aber feige? . . . Nee, feige sind wa nich ... feige is die rote Gasse nich, bestimmt nich — aber ... was soll'n wa machen? Wat soll'n wa denn machen ...?! Verfluchte Kosaken!" Auf den Treppen fragten sie, auf den Höfen, auf der Straße, in den Kneipen — in der „Roten Nachtigall".
In dem schmalen Durchgangszimmer der „Roten Nachtigall" drängten sich die erregten Gesichter in den runden Lichtkreis der elektrischen Blechschirmlampe, die in der Ecke über dem Tisch hing. Thomas hatte eine weiße Binde über der durchschossenen Hand und trug den Arm in einem Ledergurt, der um den Hals gelegt war. Neben ihm saß Paul, dessen Mütze irgendwo auf dem Nettelbeckplatz lag.
„ Genossen —", sagte Kurt ruhig, „— in ein paar Stunden is es dunkel. Wenn die Polizei dann noch in der Gasse is, wisst ihr, wat passiert. Wir werden morgen früh nicht zwei, sondern vielleicht zwanzig Tote in unseren Häusern haben."
Er machte eine kleine Pause, sah den um ihn herumstehenden Arbeitern einen Moment wie prüfend in die Gesichter, — und fuhr fort: ,,Ick denke mir, Genossen, die Polizei darf in de Jasse nich mehr rin!"
„ Richtig, Kurt."
„ Genossen . . . det is doch heller Wahnsinn", rief Paul und »prang erregt auf, „ . . . wollt ihr vielleicht hier auf eigene Faust anfangen, Bürgerkrieg zu machen?! Ick protestiere auf das entschiedenste ..."
Thomas drückte ihn auf den Stuhl: „Sei jetzt mal ruhig, Paul, wir woll'n hören, wat Kurt sagt."
Kurt sah Paul mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Er dachte an die Arbeiter, die um den Tisch standen und wussten, dass Paul für heute der stellvertretende Leiter der kommunistischen Straßenzelle war ...
„ Genossen — ich sagte, die Polizei darf nich mehr in de Gasse, nich die Schupo, sondern wir werden die Straße abriegeln, det vor allem de Autos nich mehr rin können!"
„ Ja, det is de Hauptsache ... die verfluchten Polizeiflitzer."
„ Draußen liegen die Baumaterialien an der Ecke — wir müssen damit sofort ein Hindernis quer über die Straße legen und zwar so ..." Er drückte den großen Zeigefinger seiner breiten Betonträgerhand auf die Holzplatte vom Tisch „... hier is die Gasse ...", der Finger zog einen Strich, „... und hier ist die Wedding- und da die Pankstraße."
Der Finger zeichnete ein schiefes Dreieck. Die Arbeiter sahen angespannt auf die zerkratzte, fleckige Tischplatte und verfolgten die unsichtbaren Linien, die der Finger zog.
„ Und hier ...", er stieß die breite Nagelkuppe auf das Holz, „... bauen wir querüber eine Barrikade ... von da bis da ... und die zweite von der Ecke bis zu uns hier, und die dritte, direkt vor die Gasse. Dann is die ganze Ecke hier zu und se können von da und da nich mehr rin!"
Die aufmerksamen Augen der Arbeiter fuhren mit der breiten Fingerspitze kreuz und quer über die Holzplatte.
Kurt sah hoch. Sein Gesicht war nicht mehr so ruhig wie vorhin. Er wusste, dass sein Plan eine entscheidende Verschärfung des Kampfes bedeutete, aber es blieb kein anderer Ausweg, wollten sie nicht die Bevölkerung schutzlos dem weiteren Polizeiterror, der erfahrungsgemäß in den Abendstunden immer stärker werden würde, überlassen. Vorhin schon hatten Leute angefangen, Balken über die Straße zu legen. Kurt kannte die Leute aus der Gasse zu gut ... die würden nicht mehr lange still zusehen, wie einer nach dem anderen wehrlos runtergeknallt wird. Er hatte eben auf den Treppen und Höfen genug gehört und gesehen.
Thomas stand auf und schlug krachend die gesunde Faust auf den Tisch. „Gemacht, Kurt — los, Jungs, an die Arbeit — wir haben nich eine Sekunde Zeit übrig!" —
Die Arbeiter drängten aus dem Lokal heraus, nahmen jeden mit, der da stand und liefen auf die Straße. „Los ... alles raus .,. draußen gibt's Arbeit!"
Alles schrie und rannte aufgeregt durcheinander. Die ratlose, verzweifelte Stimmung schlug sofort in ein zielbewusstes, starkes Kraftgefühl um.

Kurt blieb allein mit Paul an dem Tisch. Der Raum war leer geworden, vorne hörten sie den schwarzen Willi mit den Gläsern hantieren. Kurt wäre lieber sofort mit den anderen herausgegangen, aber er wollte Paul nicht jetzt einfach sitzen lassen. Man musste kurz mit ihm sprechen, es war zu wichtig.
Paul hob langsam den Kopf und sah Kurt an. Sein Gesicht war ganz verändert. Dann fing er an zu sprechen, mit einer leisen, vor Erregung zitternden Stimme: „Kurt . . weeste ooch, wat de jemacht hast . . ? Ick übernehme für det, wat jetzt kommt, keene Verantwortung . . , du weest, ick bin seit zwanzig Jahren in der Bewegung . . . , ick bin nich feige, hörste!" Seine Stimme hob sich drohend . . .. „ick bin nich feige . . aber det mache ick nich mit!"
Sein Gesicht war farblos geworden. Kurt sah ihn erstaunt an. Warum sagte Paul das so merkwürdig? Er beugte sich ein wenig zu ihm herunter und legte die Hand auf seine Schulter.
„ Paul — wat is denn los mit dir? Dass du nich feige bist, weiß doch die ganze Straße, Paul, . . . aber — pass mal auf — Du hast noch nich klar gesehen, wat heute am 1. Mai draußen vor sich gegangen ist. Det is doch nich bloß hier so bei uns in de Gasse, in der ganzen Stadt hat doch die Polizei so gehaust! Wat denk'ste Paul, wat jetzt in Neukölln los is — ! Und warum machen se det so? Warum haben se ausgerechnet jetzt zum ersten Mal überhaupt de Maidemonstration verboten? Und warum lassen die SPD.-Führer mit ihren sozialdemokratischen Polizeipräsidenten die Schupo auf de Arbeiter mit so einem Schießerlass in Berlin los . . ?"
Kurt schrie ihn jetzt förmlich an und packte Paul mit beiden Fäusten an die Schultern. ,, . . Warum denn, Paule??" — — Weil wir Kommunisten heute die einzigen Führer der revolutionären Arbeiter sind, — verstehste Paule — wir sollen heute so zu Boden jeschlagen werden, det die Massen von uns wegloofen, det wir allein dastehen, wie eener an der Spitze, der auf einmal keene Armee mehr hat! — Die Kinder und Weiber schlagen se zusamm' und meinen die Kommunistische Partei. Die Reichswehr, die Polizei, det wird alles einjesetzt gegen de Kommunisten, die de Massen gegen die Hungerregierung, in der die Sozialfaschisten sitzen, „uffhetzen" und uff de Beene bringen. . ."
Plötzlich fiel ihm etwas ein, er kramte aufgeregt in seinen Taschen herum, die mit Zetteln und Zeitungen vollgestopft waren und zog ein paar Seiten heraus. Auf dem Tisch strich er ein zerknittertes Zeitungsblatt glatt. Quer über die Seite stand an der Spitze: Lenin und die Maifeier! Es war die heutige Mainummer der „Roten Fahne".
Auf der ersten Spalte links oben hatte er heute morgen, als er die Zeitung las, mit dem Bleistift einen dicken Strich neben einen fettgedruckten, kurzen Absatz gemacht. An dieser Stelle bohrte er den breiten Finger in das Papier. „Hier . . hier . da steht et, Paul!" Er las laut und langsam vor: „ . . an den Ereignissen dieser Art erkennen wir tatsächlich deutlich, wie der bewaffnete Volksaufstand gegen die absolutistische Regierung nicht nur als Idee in den Köpfen und Programmen der Revolutionäre reift, sondern auch als . .", er machte eine kurze Pause und las mit betonter Deutlichkeit weiter: „— sondern auch als unvermeidlicher, praktischer, natürlicher, nächster Schritt der Bewegung selbst, als Ergebnis der wachsenden Empörung, der wachsenden Erfahrung, des wachsenden Mutes der Massen ...des Mutes der Masse n", wiederholte er noch einmal nachdrücklich und stieß bei jedem Wort mit dem Finger heftig auf diesen Satz.
„ Und wer hat det jesagt, Paul? Det hat Jenosse Lenin jeschrieben, auf einen politischen Massenstreik im Jahre 1902 für die Arbeiter von Moskau — —! Verstehs'te jetzt, Paul? Die Revolution kommt nich, wenn Stalin sagt, heute drück' ick uf'n Knopp und der bewaffnete Aufstand is da bei uns, sondern det wächst langsam, mit jeder Aktion, mit jedem Streik, mit jedem politischen Massenstreik — und det is der 1. Mai, det is keen Feiertag — Paule, det da draußen uff de Straße! Warum halten de Arbeiter nich mehr stille, wenn se niederjeschossen und jeschlagen werden . . ?" Er schlug mit der flachen Hand auf die vor ihm liegende Zeitung. „ . . die wachsende Empörung der Massen! — Und wenn wir als Partei det nich sehen, bleiben wir hinten, und se haben keen Vertrauen mehr zu uns, Paule. Wir sind aber die Führer und müssen immer an de Spitze stehen —!" Und, als wenn er alles noch einmal kurz zusammenfassen wollte, sagte er: „Notwehr — Paul — ist kein bewaffneter Aufstand! — aber nur auf diesem Wege werden wir von der Verteidigung eines Tages übergehen und wachsen zum Angriff!"
Kurt schwieg und sah, etwas verlegen von seiner Rede, zum Fenster hinaus. Nach einer Weile drehte er sich um. Paul schaute immer noch auf das vor ihm liegende Zeitungsblatt. Groß und deutlich standen die fünf Buchstaben an der Spitze: LENIN! — Er sah die Massen auf der Straße, die schlagenden, schießenden Polizisten, die runtergeschossenen roten Fahnen, den in dem dunklen Hausflur auf dem Boden liegenden Heider mit dem aufgerissenen Bauch ... er sah die Steine in den Fäusten der Proleten. . .
Paul war ein Funktionär der alten sozialdemokratischen Schule aus ihrer guten revolutionären, längst verflossenen Zeit. Sein Denken und Empfinden bewegte sich innerhalb der Grenzen der alten gewohnten Agitations- und Kampfmethoden. Er fühlte selbst, dass sie heute nicht mehr passten, dass das ein neues Tempo draußen war. Die heutige kapitalistische Wirtschaft nahm in ihrer verschärten Ausbeutung die Jugend in eine härtere Klassenkampfschule als früher. Vielleicht hatte Kurt doch recht! Er verstand das alles noch nicht so schnell . . . aber, es ist wahr, da auf dem Blatt stand es einfach und deutlich, das konnte jeder begreifen, und dann — Lenin hatte es gesagt . . !
Er stand auf und ging wortlos mit Kurt auf die Straße . . .

 

 



IV. Major 5. hisst die weiße Fahne

 

Mit einem hohlen Krach fiel die Litfasssäule quer über den Damm. Die großen, gusseisernen Abwässerungsrohre, die für die Erdarbeiten in der Pankstraße bereit lagen, wurden herangeholt. Balken und Bretter polterten.
„ Vorsicht — Genossen!!"
Bumms — der schwere Bauwagen lag auf der Seite in dem Eingang der Gasse und streckte wie ein großes träges Tier seine Räder hilflos in die Luft. Mit zerspringenden Glasscherben stürzten die Gaskandelaber um. — — Hunderte harte Hände packten zu. Beilpicken schlugen in das feste, graue Asphalt. Sand flog von den Schippen und türmte sich zu unregelmäßigen Haufen, die von den Weibern festgestampft wurden. In einer entfernten Straße knallten Schüsse, sie beschleunigten nur das Tempo der Arbeit.
In einem schiefen Dreieck wuchsen langsam die behelfsmäßigen Barrikaden vor der ,,Roten Nachtigall". Sie riegelten die Weddingstraße, die Gasse und den Eingang von der Pankstraße her ab.
Schon seit Tagen lag auf einem Hof eine alte, zerrissene Matratze. Zwei Frauen brachten sie jetzt angeschleppt und warfen sie auf die Barrikaden. Aus den Häusern wurden die eisernen Müllkästen geholt. Die großen Kästen waren ein brauchbares Hindernis. Zwischen den Sandhaufen und Balken kletterten die Arbeiter herum. Die Weiber halfen die ausgerissenen Pflastersteine aufeinander schichten. —
Als zwei junge Arbeiter mit einer ausgehobenen Hoftür die Straße herunterliefen, ging ein helles Lachen durch die Weiber und Männer.
„ Jupp . . . holste ooch noch de Bettstellen?!", rief ihnen eine junge Frau nach.
„ Sicher, denn wenn wir dein Bett nehmen, würden ja die Wanzen die ganze Barrikade wegschleppen ...!"
,,0ho, mein Bett ist prima, hat schon manchen Stoß vertragen, wenn ooch noch keenen von der Polizei!"
Alles lachte und schrie durcheinander bei der Arbeit. Im Lauf-3chritt wurden Kisten, alte Körbe, Stangen, Bretter und alles, was gerade zu fassen war, herangeholt. Auf dem Damm ging eine alte Frau gebückt herum und sammelte Steine in ihre Schürze. Das Fenster ihrer kleinen Wohnung lag kurz vor der Barrikade.
Die Schüsse kamen näher. Thomas schickte eine kleine Abteilung junger Arbeiter los, mit dem Auftrag, die Polizei solange wie irgend möglich von der Gasse abzuhalten. — Er war nicht mehr so ruhig wie zuerst. Mehr als einem Arbeiter hatte er schon die Waffe aus der Tasche holen müssen! Es war jetzt nicht die Zeit, ihnen klar zu machen, dass die Barrikaden nur zur Abwehr für die Polizeiautos bestimmt waren. Barrikaden waren bei der jetziger. Bewaffnung der Polizei selbst in einem regulären Straßenkampf kein besonderer Schutz oder gar eine Angriffsstellung mehr.
„ Hallo .. . Thomas?"
„ Wo ist Thomas?"
Er sah sich um. Auf der Barrikade standen die Arbeiter und riefen zu ihm herüber. Schnell ging er zurück. Der Kurier stand mit dem Fahrrad auf der anderen Seite, ließ, als er Thomas sah, das Rad fallen und rannte zu ihm herüber. Sein junges Gesicht war schweißbedeckt.
„ Thomas ...", sagte er leise, als er dicht vor ihm stand,,.. „vom Bahnhof Wedding sind zwei Autos, mit einem Maschinengewehr auf dem ersten Wagen, nach hier unterwegs!"
Thomas ließ ihn kaum aussprechen. Er drehte sich zu den Arbeitern herum: „Genossen ... Sofort alles in die Häuser . . Tore verschließen ... Die Abteilung hinten in die ,,Rote Nachtigall" ... niemand schießt . .. Straße beobachten! Die Straße bleibt leer!" Ein paar junge Arbeiter rannten durch die Gasse: „Alles in die Häuser ... Türen schließen ...!!"
Vom Nettelbeckplatz tönte das laute durchdringende Signal der Polizeiwagen. Da war plötzlich wieder die Gefahr, die hellen Gesichter wurden grau, wie der dunkle Schatten einer riesigen Pistolenmündung, die in die Gasse gerichtet war . ..
Eine junge Frau mit glatt nach hinten gestrichenem, blondem Haar riss zwei kleine Kinder hoch, die in der Pfütze vor dem Brunnen spielten.
Aus dem ganzen Haus Nr. 6 hatte Anna die Kinder zusammengeholt und in die verhältnismäßig sichere Stube eines Arbeiters, der direkt an der Panke hinten auf dem zweiten Hof wohnte, gebracht. Jetzt lief sie auf dem Damm herum, und nahm an Kindern, was sie fand.
„ Junge — willst du wohl mitkommen, verdammter Bengel!", schrie sie den zwölfjährigen Jungen von Hermann an, der sich schon den ganzen Tag zwischen den Arbeitern in der Gasse herumgetrieben hatte.
,,Nee —, Frau Zimmermann, ick jehe nich in de Etappe", rief der Junge und schlug mit seiner kleinen, schmutzigen Faust lachend auf die Hosentasche, die prall von Steinen war. Er drückte sich zwischen den Männern mit in die ,,Rote Nachtigall". —
Die Türen waren noch nicht alle geschlossen, als das erste Polizeiauto in voller Fahrt um die Ecke der Pankstraße bog Aufheulend rissen die Bremsen den Wagen zurück. Schweigend und drohend lag knapp ein Meter vor dem Auto — die Barrikade! Die Gasse dahinter war leer. Nur aus den Fenstern hingen wieder die roten Fahnen und bewegten sich leise, fast spielerisch im Winde.
Es war Totenstille Der Motor des Wagens surrte und sang gleichgültig und monoton weiter. Aus ihren versteckten Ecken und Winkein sahen die Arbeiter die nach vorn gerichteten Gesichter der Polizisten wie weiße, helle Flecke auf dem Auto. — Der andere Wagen kam heran, und hielt dicht hinter dem ersten. Wartend, verblüfft, ratlos, erschrocken ...
Durch die Glasscheibe vor dem Führersitz des Wagens irrte der Blick des Majors Beil über die Barrikade in die stumme, menschenleere Gasse ... Es dauerte Minuten, bis sein Gehirn damit fertig war, dass da vor ihm quer über den Damm eine große, breite Barrikade lag. Und was — was war hinter der Barrikade ...!?
Er fühlte, wie die Hand in seinem Lederhandschuh feucht wurde vor Schweiß Diese abwartende Stille war unerträglich. Warum schrie und pfiff die Bande nicht in der Gasse wie sonst — ?!
„ Verfluchter Mist — ein netter Nachrichtendienst!" Er sprang von dem Auto. „Wüllner . . !" „Herr Major?"
„ Ich werde verhandeln — beim ersten Schuss oder wenn ich pfeife — stürmen lassen!"
„ Zu Befehl, Herr Major!" „Aufpassen, Wüllner, wo ich hingehe . . !"
Er drehte sich um und ging auf die Barrikade zu. Der Lederriemen seines Tschakos lag wie ein dunkler Strich um das farblose Gesicht. In seiner Hand wehte — ein weißes Taschentuch!
Hunderte unsichtbare Augen hingen an diesem weißen Fleck, der plötzlich vor der Barrikade auftauchte. Eine List? . . . Kapitulation . . ?
Neben der „Roten Nachtigall" öffnete sich die Haustür und Thomas trat hervor.
Einen Moment standen sie sich schweigend gegenüber. Die graufleckige Jacke des Proleten mit der roten, verknüllten Papiernelke und der blaue, tadellose Waffenrock des Offiziers mit den silbernen Achselstücken. Einer auf dieser, der andere jenseits der Barrikade. Über ein schwarzes Eisenrohr hinweg sahen sie sich an.
„ Sind Sie der Führer?" Die knappe, militärische Stimme des Majors war nicht so aufreizend wie sonst. Er stand vorläufig hier nicht als Sieger.
„ Wat wollen Sie . . ?", antwortete Thomas kurz, ohne die Frage des Offiziers zu beantworten. Der Major machte einen Schritt auf die Barrikade zu.
„ Halt . . bleiben Sie stehen!", rief ihm Thomas scharf zu. Er wusste, dass sich der Offizier nur die Befestigung der Barrikade ansehen wollte. Der Major blieb sofort stehen. „Wenn Sie sofort die Barrikade räumen lassen, ziehe ich meine Leute solange zurück!" „Und stürmen nachher die Straße, nicht wahr, Herr Major!" sagte Thomas höhnisch, „. , . die Barrikade wird nicht eher geräumt, bis die Polizei aus dem Wedding verschwunden ist und Sie uns die Garantie geben, det die Arbeiter unjehindert demonstrieren können!"
„ Bravo!" — Der Major drehte sich erschrocken um. Aus einem Fenster der Straße hatte eine Frau gerufen. Er wandte sich wieder an Thomas und sagte nervös:
„ Ich garantiere Ihnen dafür, dass Sie ungestört hier alles abräumen können."
„ Sie kennen unsere Bedingungen, Herr Major!" — Die Tür neben der „Roten Nachtigall" fiel mit einem Knall ins Schloss. Der Major stand allein vor der Barrikade.
Er fühlte, dass jede Bewegung von ihm durch hunderte scharfe, feindselige Augen beobachtet wurde. Er wusste, dass er hier der Besiegte war — wie einen Schuljungen hatten sie ihn behandelt. Frech und höhnisch hatte ihn dieses Weib aus dem Fenster vorhin angesehen, ohne Furcht zu haben, dass er seine Pistole herausreißen und ihr eins in die Fresse knallen könnte. . ! Er ging rasch zu dem Wagen zurück.
„ Abfahren — zurück!"
In diesem Moment zerbrach die Stille der Gasse mit einem
gellenden und pfeifenden Johlen. Die Fenster flogen auf.
,,Haut ab — ihr Bluthunde!"
„ Feiges Gesindel!"
„ Rot Front!"
Die Gasse zersprang fast unter dem Schreien und Hohngelächter der Männer und Frauen. Wie eine Rollsalve krepierender Granaten zerriss das Brüllen und Lachen die Luft und schlug über den geduckten Köpfen der Polizisten zusammen. . .
Das wütende, ohnmächtige Knattern der Motore wurde leiser. Sie waren fort — abgezogen. Geschlagen, ohne einen Schuss, ohne einen Steinwurf. Eine einzige, kümmerliche, behelfsmäßige Barrikade genügte, um ihnen einen tödlichen Schreck einzujagen. Auf Widerstand waren sie nicht vorbereitet gewesen. —
Nach wenigen Minuten war die Gasse wieder voll Menschen, die sofort versuchten, die Barrikade zu verstärken. Es war sich niemand darüber im Unklaren, dass die Polizei in kurzer Zeit wiederkommen und das Hindernis mit Waffengewalt nehmen würde. Aber alle fühlten auch, dass das eben ein Sieg der roten Gasse über die Polizei gewesen war. . .
Langsam fielen die Schatten der Dämmerung zwischen die Häuser.
In der Stube im zweiten Hof machte Anna mit Kissen und Decken auf dem Fußboden ein notdürftiges Lager für die Kinder zurecht. Hermanns kleine Heidi hockte still in einer Ecke und flüsterte zärtlich mit ihrer Katze. Ohne „Purzel" wäre sie nicht hierher gekommen.
Sorgsam packte Anna die Kleinen dicht nebeneinander, deckte sie warm und gut zu. Sie hatten sich müde gespielt und geweint. Ein kleines fünfjähriges Mädchen aus dem Vorderhaus trug einen weißen Verband um den Kopf. Das blasse, dünne Gesicht war mit einer feinen Fieberröte überzogen. Am Nachmittag war es, als die Polizei in die Stuben schoss, beim Spielen durch ein abspringendes Mörtelstück an der Stirn verletzt worden.
Anna öffnete das zu ebener Erde liegende Fenster und sah auf das dunkle Wasser der Panke, die ruhig und träge zwischen den dunklen Mauern dahinfloß. — Hier hinten war es lautlos still. Die hohen Häuser fingen den Lärm der Gasse auf. Am Ufer standen ein paar kümmerliche, kleine Sträucher mit dem ersten zarten Grün junger Knospen Der Frühling kam spät in diese sonnenlosen Mauerschluchten, in denen zwischen Schutt und Schmutz Mensch und Natur um Licht und Leben rangen.
Sie spürte den weichen Abendwind in ihrem heißen Gesicht. Es ist ja schon Mai, dachte sie ... Draußen vor der Stadt, in den großen Gärten, beginnt bald der Sommer. Dann würde es wieder schlecht riechen in den Wohnungen. — Müde lehnte sie den Kopf an das Fensterkreuz. Die weiche, warme Luft strich leise über ihre Schläfen, ihren Nacken, ihre Hände ... Vor dem Fenster plusterte sich ein Vogel im Sand, ein grauer, zerrupfter Spatz.
Der starke Duft des Maiwindes, der sich auf einmal mit dem zähen üblen Geruch des Wassers vermischte, machte sie unruhig. Es war ein schwerer faulig-süßer Dunst, wie er manchmal über Efeu und Kreuzen lag und das Herz eng und beklommen macht. —
Mit einem leisen Plumps sprang eine Ratte in das Wasser, und zog auf der Oberfläche runde zitternde Ringe nach sich.





V. Der Sturm auf die „Rote Nachtigall"

 

Kurz nach sieben Uhr wurde in der Gasse bekannt, dass der Kaufmann Fröbius aus der Kolberger Straße, die nur wenige Minuten entfernt lag, durch einen Schuss in den Mund unter der Bahnunterführung von einem Polizisten getötet worden war. In der Antonstraße hatten sie den Kriegsbeschädigten Reitnack vor einem Restaurant, wohin er versucht hatte zu flüchten, niedergeschossen. Er war auf dem Asphalt verblutet Sie schossen auf jeden, der versuchte, ihm Hilfe zu bringen. Die 15jährige Erna Zielke wurde durch einen Oberschenkelschuss schwer verwundet. — Meldung auf Meldung kam in die „Rote Nachtigall". Tot ... verwundet ... niedergeschlagen ... verhaftet ... Männer, Frauen, Kinder! Mit jeder neuen Nachricht wuchs die Entschlossenheit, die Gasse und das Leben ihrer Bewohner mit allen Mitteln zu verteidigen. Welcher politischen Partei die Einzelnen angehörten, spielte keine Rolle mehr. Die Arbeiter waren Freiwild geworden, der Präsident hatte jedem Polizisten das Recht gegeben, nach Gutdünken hier herumzuschießen und zu prügeln. In Nr. 6 hatten sie einfach dem Sozialdemokraten Hainen durch die Scheiben in die Wohnung geknallt.
„ Det is eene Strafexpedition jejen de Jasse!" rief der alte Hübner, der sich als einer der ersten, so gut er es konnte, an dem Barrikadenbau beteiligt hatte.
„ Sie wissen, dass diese Straße das rote Herz des Berliner Wedding ist", sagte jemand und schob mit der Hand den vernickelten Brillenbügel hoch.
„ Hallo! , . , Genosse Referent", rief Kurt und schlug dem jungen, blassen Genossen herzhaft auf die Schulter. „Fein, det du gekommen bist!"
Auch die anderen begrüßten den Referenten und der junge Mensch treute sich, dass sie ihn in dieser gefährlichen Situation so ohne weiteres anerkannten und nicht misstrauisch zu ihm waren. Er war ja ein Fremder, und außer den Mitgliedern der Straßenzelle, die ihn auf der letzten Sitzung in der ,,Roten Nachtigall" gehört hatten,
war er hier allen unbekannt.

Eine Viertelstunde später brachten mehrere Kuriere aus verschiedenen Richtungen die Meldung, dass die Polizei mit der Einkreisung des Viertels begann. Einen Kurier, ein junger 15jähriger Arbeiter, hatten sie am Nettelbeckplatz vom Rad geschossen. Rückenschuss. Er würde kaum durchkommen. —
In der Gasse wurde es dunkel. Die Geschäftsleute in der Reinickendorfer Straße hatten Blechschilde vor ihre Schaufenster gestellt. In den Kneipen waren bis auf den Eingang Rolljalousien heruntergelassen worden. Immer wieder füllten sich die umliegenden Straßen mit Arbeitern, die Demonstrationszüge bildeten und in das Innere der Stadt abmarschierten.
Schüsse knallten in der Ferne.
An der Ecke der Gasse, oben an der Wiesenstraße, fing es an. Mit lautem Klirren zersprangen unter den Steinwürfen die Glasscheiben der Gaskandelaber. Lampe um Lampe verlosch. Zwischen den Scherben flackerte oben an dem Mundstück des Gasrohres ein kleines, blaues Flämmchen, das die Arbeiter brennen ließen, damit das Gas nicht herausströmt. Bei den alten, niedrigen Gaslaternen kletterten junge Burschen herauf und drehten den Gashebel herum. — Der dunkle Ring zog sich immer weiter um die Barrikaden, von denen bald nur noch große, unbeholfene Schattenumrisse in dem graublauen, schwachen Lichtschimmer des sinkenden Abends zu sehen waren. —
Gegen 8 Uhr krachten Schüsse am Nettelbeckplatz, die schnell näher kamen. Das polternde Rollen der schweren Polizeiwagen war zu hören. Erregte Rufe schollen laut durch die Gasse. Haustore schlugen zu. Hinter den Fenstern erloschen die Lichter. Ratternd fiel die Rolljalousie von der „Roten Nachtigall" herunter Jemand rannte über den Damm und verschwand in einer Kellertür. Dann war alles ruhig.
Leer und grau lag die schweigende Gasse hinter der Barrikade. Die stille, regungslose Luft roch nach Frühling und Armut. . .
Lautlos tastete sich von der Ecke der Pankstraße her ein breiter, weißer Lichtkegel über den leeren Platz. Wie ein kalter, durchsichtiger Finger fuhr er zögernd und unsicher an den dunklen Häuserfronten hoch, die ganze Gasse entlang.
Alles blieb totenstill. Nur das weiße, harte Licht fraß sich in die Mauern und irrte nach oben ab zu den Dächern, über denen die ersten Schatten der sternenlosen Nacht hingen. — Plötzlich war der Lichtkegel fest auf die breite, hohe Barrikade gerichtet. „Dahinter war der Feind . . .!"
Es war so still, dass das leise, scharfe Kommando wie ein spitzes Eisen in die hunderte unsichtbare Gesichter der Arbeiter stieß. Hunderte dunkle Schatten duckten sich in derselben Sekunde, in der das gellende Aufheulen einer Gewehrsalve die Luft zerriss. Knallend haute das Echo gegen die Wände und rollte durch die Straßen des ganzen Wedding.
Es ging los. . . Salve auf Salve krachte. Ein Stein zertrümmerte den Scheinwerfer. Zuckend erlosch das weiße Auge. Wie tanzende Irrlichter flammten die Feuerbündel vor den Mündungen der Karabiner. Pfeifend klatschten die Bleikugeln gegen die Häuser, von denen der Putz rasselnd nach unten fiel. Mit einem kurzen, hellen Ton durchbohrten sie das Eisenblech der Müllkästen, dröhnend prallten sie von den gusseisernen Rohren ab und sangen als Querschläger durch die Luft. — Die ganze Gasse war ein graues regungsloses Ungeheuer, dessen riesenhafter Leib tausendfach durchbohrt werden musste, ehe er aufhören würde zu atmen. . .
Aus einem Haus schrie plötzlich eine Frau gellend auf. Das Knallen der Gewehre verschluckte den Schrei. — In demselben Augenblick leuchtete auf der anderen Seite, von der Reinickendorfer Straße her, ein zweiter Scheinwerfer auf. In dem zitternden Lichtkegel über der Barrikade hing der blaue Dunst von Staub und Pulver.
Die Polizei griff von beiden Seiten an. Über die Barrikade hinweg beschossen sie sich gegenseitig, ohne dass sie es in ihrer besinnungslosen Angst merkten. Jede Seite hielt die Schüsse für die Angriffe des Gegners.
Der dunkle Schatten eines Mannes lief gebückt durch das schiefe Dreieck der Barrikade. Auf einmal stand er still, knickte vornüber, riss seine Jacke vor dem Bauch auf und fiel zusammengekrümmt mit einem kurzen, gurgelnden Brüllen auf den Boden« Dann war es still.
Ganz allein lag er auf dem Asphalt zwischen den drei Barrikaden, durch die von beiden Seiten die Kugeln flogen. Nur oben, aus einem zerschossenen Fenster, hatte es jemand gesehen, dasselbe Fenster, durch das sich jetzt der vernickelte Lauf eines Trommelrevolvers schob. — Ein kurzer Feuerstrahl blitzte auf — P e n g ! Es war der erste Schuss aus der Gasse! —
Hinter dem Fenster stand Thomas, der bisher jedem die Waffe aus der Hand geschlagen hatte. Sein Gesicht war so ruhig wie immer, als er die Hand mit dem Revolver etwas zurückzog, anlegte, zielte und wieder schoss, zielte und schoss. . . Sechs Patronen waren darin. Dann lud er wieder mit der verbundenen Hand, ging im Nebenzimmer an das Fenster und schoss weiter Nur ein einziges Mal drehte er sich um, als er hörte, wie jemand in das dunkle Zimmer stürzte und ihn anrief. Ein junger, parteiloser Arbeiter.
In demselben Augenblick griff der weiße Lichtkegel an die Wand des Zimmers und fasste das entsetzte Gesicht des jungen Menschen. Ein — zwei Sekunden, dann glitt er weiter. Eine wahnsinnige Angst sprang aus dem qualvoll verzerrten Mund des Jungen.
„ Hund . . . schießen sollst du!! . . ." schrie Thomas. „Da . . so . . !" Peng . . peng . . peng. . . Er schoss hintereinander die Trommel durch das Fenster leer.
,,Da unten liegt Emil von Nummer 5 ... hörste? . . Jetzt is et soweit . . . wer wat hat, Jungs, der schießt . . . sonst sind wa alle. . . " An der Mauerkante vor ihm prallte kalkspritzend eine Kugel ab und schlug klatschend in die Decke. Er drehte sich um, etwas ruhiger.
„ Wo is Kurt Zimmermann? . . wo is Paul ... ?"
„ In Nummer 3, gloob ick!"
„ Jeh'ste hin — kletterst hier hinten über'n Hof — verstanden! und sagst: keenen mehr hindern . . . wer wat ... "
„ Sa . nitä . . . ter!!" Aus der Wohnung üb« ihm schrie eine Frau aus dem Fenster.
„ . . . wer wat hat, soll schießen! . . ." Der Mensch rannte aus dem Zimmer.
Die Mannschaften in der Pankstraße gingen zum Sturmangriff über.
Das Feuer auf die Fenster und in die Gasse wurde verstärkt. Nach oben wurde für die anstürmenden Polizisten Deckungsfeuer gegeben. Tschakos und Nickelknöpfe blitzten in dem Eingang der Gasse auf. Ununterbrochen schießend rannten sie auf die Barrikade zu. Von der anderen Seite feuerte die Polizei, die die Lage überhaupt nicht übersah, über die Barrikade hinweg auf die eigenen Leute. Erst als die Polizisten oben auf der Barrikade standen, stoppten sie das Feuer und liefen in die Straße hinein.
Aus den dunklen Fensterlöchern flogen Steine heraus. Schreiend und schießend sprangen die Polizisten auf die Barrikade, bereit zum Nahkampf. Die Barrikade war — leer!?
„ Verfluchter Mist!"
Ein Stein zerriss das Gesicht eines ostpreußischen Bauernjungen. „Hunde, verdammte!!" Er wischte sich das Blut vom Gesicht. Die Gewehrschlösser rasselten ... immer reingehalten in das große, unsichtbare, rote Tier! Wenn man nur ein Ziel hätte ..!
Die schmale, blanke Stiefelspitze eines Offiziers drehte den Mann um, der wie ein regungsloser Klumpen auf der Erde zwischen den Balken lag. Der Bauch war schwarz und feucht wie der dunkle Fleck auf dem Asphalt. —
In dem Hausflur neben der „Roten Nachtigall" blitzte Mündungsfeuer auf. Kolbenschläge donnerten gegen die Rolljalousie des Lokals.
„ Los Leute", schrie der Offizier, „. . . da sitzen sie drin!"
Die Tür zur „Roten Nachtigall" zersplitterte. Die Polizisten wussten, dass hier die kommunistische Hochburg des Kösliner Viertels war.
„ Hände hoch — alles rauskommen!" Der Handscheinwerfer des Majors griff in den dunklen Raum. Er war — leer!
„ Saubande . . .!!" Jemand drehte den Lichtkontakt an. Knack — sagte der Schalter, aber es blieb dunkel, Sie holten Taschenlampen und warfen vor Wut Tische und Stühle um. An der Wand klebte eine Zeitung „Kampf-Mai 1929". Fluchend riss ein Polizist das Titelblatt der „Roten Fahne" herunter. Sie fanden niemand.
Dunkel und unheimlich lag der Gang, der nach hinten in den Saal führte, vor ihnen. Die neuen Mannschaften kannten das Innere des Lokals nicht. Der Major hatte den Gang entdeckt und stürzte mit entsicherter Pistole hinein. Ein Fußtritt stieß am Ende des Ganges die Tür zurück. Dahinter war Licht — leer. Nur in einer Ecke saßen zwei junge Menschen und spielten — Karten!
Die Glastür nach dem dunklen Hof zu stand offen. Die anderen waren fort! Wieder irgendwo unsichtbar, ungreifbar verschwunden, untergetaucht in die unbekannten Schlupfwinkel der Häuser, spurlos verschluckt von der Finsternis der Höfe und Durchgänge ...
Ein paar Patronenhülsen war alles, was sie fanden. Und dann die beiden Burschen da, die „Karten spielten". Nichts in der Tasche, als ein paar Hosenknöpfe, ein Stück Bindfaden, Zigaretten und ein schmutziges Taschentuch. Kein Ausweis, keine Mitgliedskarte des „Roten Frontkämpferbundes" oder der „Kommunistischen Jugend" __ nichts als zwei junge, regungslose Gesichter, die mit fest aufeinander gepressten Lippen die furchtbaren Misshandlungen über sich ergehen ließen. —
In den stillen, dunkeln Hof wagte sich niemand ...
Vor der „Roten Nachtigall" rissen die Polizisten im Scheinwerferlicht die Barrikaden ab, gedeckt durch das Feuer einer besonderen Abteilung, die auf beiden Seiten der Gasse stand und ununterbrochen in die Fenster schoss. Die schwarzen Löcher in den grauen Wänden waren die unzähligen scharfen, gefährlichen Augen des großen Tiers — die rote Gasse! Immer noch atmete sie und lebte unsichtbar, unangreifbar, wie eine gewaltige, zähe Molluske, blutend aus hundert Wunden. Aber das Herz — das rote Herz des Wedding — hämmerte weiter, stärker und wilder wie die bellenden Gewehre der Polizisten. —
Als sie einen Müllkasten wegzogen, fiel eine kleine, schmutzige Hand herunter. Über der hängenden Hand sah der Ärmel eines grauen Kittels hervor. Sie räumten Bretter und Balken fort und leuchteten mit der Taschenlampe in das weiße, blutjunge Gesicht eines 16jährigen Arbeiters. Über dem linken Auge war ein dunkles, kreisrundes Loch, von dem ein dünner, schon festgetrockneter, rotglänzender Streifen über die zusammengewachsenen Augenbrauen geronnen war. Der Mund war klein und schmal, wie der eines jungen Mädchens.
Neben ihm im Sand fanden die Polizisten ein kleines, blankes Tesching und einen Haufen Zündhütchen.
Die Taschenlampe verlosch ...
Die Barrikade war erobert, aber nicht die Gasse. Der dunkle Schlauch zwischen den hohen Häusern schien uneinnehmbar.
Notdürftig war zwischen den Barrikaden auf dem Fahrdamm eine Lücke freigemacht worden. Die Polizisten zogen sich zurück. Der Schall ihrer genagelten Stiefel wurde durch ein hartes, klirrendes Rattern aus der Reinickendorfer Straße abgelöst- Taghell beleuchtete ein mächtiger Scheinwerfer die Gasse und fasste dunkle, fliehende Schatten. In demselben Moment hämmerte ein Maschinengewehr los. Durch die Trümmer der Barrikade schob sich der schwankende Umriss eines Panzerwagens.
Sturm auf die Gasse!
Tack . .. tack ... tack ... tack ... Die weißen, blanken Stahlmantelgeschosse pfiffen und sangen das Lied von Ruhe und Ordnung. Steine und Kugeln aus armseligen, verrosteten Kleinkaliberpistolen prallten wirkungslos an den Stahlplatten ab. Immer weiter rückte die feuerspeiende Festung. Einige Meter dahinter kam die ausgeschwärmte Linie der Polizisten, die Besten, die Tapfersten, die Jüngsten — die Brutalsten!
Und dann fing es an. Jedes Haus, jede Toreinfahrt, Jeder Hof sollte erobert werden. Mit vorgehaltenen Gewehrmündungen wurden Frauen und Kinder aus den Betten gerissen, die Matratzen durchgewühlt, die Schränke, die Kammern. In Todesangst auf den Treppen fliehende Schatten wurden bis unter das Dach verfolgt, eingeholt, niedergeschlagen, misshandelt und verhaftet. Aber in den meisten Fällen hatte wieder irgendeine große Wand die Menschen aufgenommen.
„ Aus Ihrer Wohnung ist geschossen worden!"
,Ja, hier in der Wand, in den Spinden stecken noch die Kugeln, die Sie ringeknallt haben!"
„ Maul halten! — wo habt ihr die Hunde versteckt? He . . .?!"
„ Seh'n Sie doch nach . . .", antworteten die Weiber höhnisch. Sie wussten, dass sich die Polizisten nicht tiefer in die Gasse und in die anderen Häuser hineinwagen würden. In den paar Häusern vorn an der Barrikade konnten sie ihretwegen ruhig die Dielen aufreißen. Wanzen und Schwaben würden sie vielleicht finden, aber nicht ihre Männer...

Zu derselben Zeit läutete im Dienstzimmer des Kommandeurs der Schutzpolizei am Alexanderplatz das Telefon.
Paul hatte während des Sturmangriffs versucht, aus einem Geschäft telefonische Verbindung nach außen zu bekommen. Überall waren die verantwortlichen Parteistellen unterwegs, auf der Straße, in Versammlungen oder sonstwo. Endlich bekam er die Landtagsfraktion der Partei und gab — draußen knallten dabei die Schüsse — einen kurzen Bericht über die Lage in der Gasse durch. Paul wusste nicht, dass in der gleichen Stunde die Straßen Neuköllns von der Arbeiterschaft auf den Barrikaden gegen die Panzerwagen der Polizei verteidigt wurden. Er wusste nicht, dass der Polizeipräsident schon lange vorher die Forderung der Landtagsfraktion, die Mannschaften sofort aus den gefährdeten Arbeitervierteln zurückzuziehen, zurückgewiesen hatte. Paul war fest davon überzeugt, dass dieser Sturm in der Gasse ein eigenmächtiges Vorgehen der Offiziere ohne Wissen der Leitung war.
Auf seinen Bericht hin unternahm der Abgeordnete M. gegen 10 Uhr abends noch einmal den Versuch, sich mit dem Polizeipräsidium in Verbindung zu setzen, um den Rückzug der Polizei zu verlangen.
Der stellvertretende Kommandeur, Oberst Hellriegel, meldete sich am Apparat.
„ Wissen Sie, Herr Oberst, was jetzt in der Kösliner Straße vor sich geht? Wissen Sie, dass das keine Schlacht mehr, sondern ein sinnloses Abschlachten von Bewohnern ist, wie wir es seit den 50 Jahren des Sozialistengesetzes nicht mehr gehabt haben? Wir verlangen, dass Sie sofort den Befehl zur Entfernung Ihrer Truppen geben!"
„ Bedaure unendlich, Herr Abgeordneter, aber der Kommandeur Heimannsberg hat sich persönlich vor einer Viertelstunde an Ort und Stelle begeben, und ohne seine Anweisung kann ich nichts unter« nehmen."
„ Dann müssen Sie sich sofort mit dem Kommandeur in Verbindung setzen."
„ Ich werde es tun. Bitte, rufen Sie mich in 20 Minuten noch
einmal an."
Zwanzig Minuten . . . !? Was konnte in dieser Zeit nicht alles geschehen? Wie viel Menschen würden noch erschossen werden . . .?! — Der Polizeipräsident hatte die Aktion in die Hände der Offiziere gelegt, von denen jeder Mensch in Berlin wusste, dass sie die Leitung vorläufig nicht wieder hergeben würden. Jetzt hatten sie die Arbeiter endlich soweit. Gehetzt, geschlagen, geprügelt, niedergeknallt wie tolle Hunde und provoziert, bis sie angefangen hatten, sich zur Wehr zu setzen — der „Putsch" war in Sicht! Und jetzt plötzlich alles abstoppen? Niemals! — Einem bürgerlichen Journalisten, der telefonisch den ihm bekannten Major L. im Präsidium sprechen wollte, wurde geantwortet: „Herr Major sind an der Front!"
Bei den Berliner Polizeioffizieren im Amtszimmer der Polizeipräsidenten war Frontstimmung, Offensivgeist. Der Vizepräsident, der „überhaupt nie dachte", hatte sich beurlauben lassen. Der aufrechten Gesinnung bester Teil war die Flucht. . .
Nach der verabredeten Zeit schrillte das Telefon: „Nun, Herr Oberst . . ?"
„ Ich kann Ihnen, Herr Abgeordneter, mitteilen, dass die Polizei aus der Kösliner Straße zurückgezogen worden ist. In der Straße ist alles ruhig. — Bitte sorgen Sie jetzt aber auch dafür, dass alle weiteren Angriffe auf die Polizei unterbleiben."
„ Herr Oberst, niemals hat die Arbeiterschaft am heutigen Tage die Ruhe gestört oder die Polizei von sich aus angegriffen. Wir haben lediglich das Recht, am 1. Mai zu demonstrieren, was die Arbeiterschaft seit 40 Jahren getan hat, auch diesmal für uns in Anspruch genommen. Weiter nichts! Niemals sind am heutigen Tage von Seiten der Arbeiterschaft irgendwelche Kampfhandlungen gegen die Polizei eröffnet worden! Aber Sie haben wohl gemerkt, dass die Geduld der Arbeiter ein Ende hat!" —
Was sich die Landtagsfraktion selber dachte, wurde wenige Minuten später bestätigt. Es kam die telefonische Meldung, dass die Polizei, ohne sich auch nur eine Minute aus der Gasse zurückgezogen zu haben, nach wie vor in der Gasse wütete. Der Bericht der Polizei war eine Täuschung gewesen.
Erst viele Stunden später, gegen Morgen, wurde es in der Kösliner Straße und in dem Neuköllner Kampfviertel ruhiger.





VI. Die Nacht, in der niemand schlief . . .

 

Das Fenster nach dem Hof zu war mit einem Tuch verhängt. Gegen 2 Uhr nachts trafen sich die Genossen nacheinander in dem „Roten Zimmer". Noch immer hallte ab und zu ein Schuss aus der
Umgebung der Gasse über die dunklen Dächer. — An einem Nagel am Schrank hing Hermanns kleine Petroleumlampe und beleuchtete in der vollgerauchten, kleinen Stube die schmutzigen, müden Gesichter.
Anna saß schweigend im Halbdunkel auf dem Bettrand und sah ruhig zu Kurt herüber, der, über den Tisch gebeugt, schrieb. Hin und wieder hob er nachdenkend das Gesicht und malte dann mit seiner schrägen, langsamen Schrift eine neue Zeile auf das Papier.
Es war still in dem „Roten Zimmer", man hörte nur das Kratzen der Feder.
Als letzter kam Paul. Von der Jugend war Otto da, breitschultrig, groß und von einer fast heiteren Gelassenheit, wie immer. Mit dem Finger tippte er an den braunen Teddy-Bären, der von der Decke hing und lachte leise, als der Bär mit nach unten gestreckten Pfoten anfing zu pendeln. Spielerisch huschte der Schatten an der Wand auf und nieder. — Paul sah ihn wütend an und hielt den Bären wieder fest. Thomas hockte auf einem Schemel und rauchte. Hinter ihm standen noch drei Arbeiter aus der Straßenzelle. —
Kurt unterbrach als erster die Stille: „Genossen, wir müssen einen zuverlässigen Kurier wegschicken- Ich habe einen kurzen Bericht gemacht und die Liste der Toten und Verwundeten zusammengestellt ... das muss sofort weg!"
Thomas hob den Kopf, der Schein der Petroleumlampe fiel voll auf sein müdes, entspanntes Gesicht.
„ Wie viel?"
„ Fünf Tote . . . bis jetzt . . . aber ich weiß nicht, ob ich . . . alle habe!" Vom Bett kam ein leiser, unterdrückter Laut.
„ Ich denke", fuhr Kurt fort, „wir schreiben vorläufig keine Namen auf. Vielleicht weiß der eine oder der andere von euch noch jemanden. Ich habe das so zusammengestellt: 1. Brustschuss (Virchow-Krankenhaus), 1 Handschuss (Kreiskrankenhaus), 1 Handschuss (Virchow-Krankenhaus), 1 Brustschuß (tot), 1 Beckenschuss (Virchow-Krankenhaus), 1 Handschuss (Wohnung), 1 Fußschuss (Wohnung), 1 Knieschuss (Wohnung), 1 Bauchschuss bei einer Frau (Virchow-Krankenhaus), 1 Kopfschuss (tot), 1 Knöchelschuss (Jüdisches Krankenhaus), 1 Schuss durch beide Füße (Feuerwehr), 1 Brustschuß (tot), 1 Fußschuss (Wohnung), 2 Wadenschüsse (Wohnung), 1 Armschuss bei einer Frau (Wohnung), 1 Kopfschuss (tot), 1 schwere Verletzung durch Hundebiss eines Polizeihundes (Wohnung) ,.. die anderen weiß ich nich . . . aber et sind ja sicher noch mehr . . ,"
Anna erschrak, als sie Kurts verändertes Gesicht sah, ganz grau war es auf einmal geworden! Er hielt das Blatt Papier den anderen hin, aber niemand griff danach. Es schien, als wenn sich jeder scheute, den Bericht in die Hand zu nehmen, ihn gleichsam damit zu einer unumstößlichen Tatsache zu machen. —
Noch dröhnte in ihren Ohren das Hämmern des Maschinengewehrs, das Rufen und Brüllen der Menschen, die Angstschreie der Geschlagenen, der Getroffenen, das Knallen der Gewehre und Pistolen ... Man hatte gekämpft und um sich geschlagen, weil sie einem das kalte Eisen vor die Stirne gesetzt hatten — nichts weiter! Und jetzt ist die furchtbare Liste da.
Hinter den funkelnden Tschakos, zwischen den weißen, kalten Gesichtern der Erschossenen, sahen sie auf einmal das politische Gesicht der Ereignisse des 1. Mai 1929.
Man musste jetzt Klarheit haben. Die Situation hatte über den engen Kreis der Gasse hinaus gegriffen. Das proletarisch-instinktive Verantwortlichkeitsbewusstsein, aus dem heraus sie gehandelt hatten, musste politisch bewusst werden. Und vor allem, es war die brennendste Frage: Was würde morgen werden —?!
Einer der Arbeiter nahm den Bericht und ging, ohne ein Wort zu sagen, damit fort.
Thomas zog die Uhr und sagte kurz: „Genossen, es ist jetzt halb drei; in spätestens einer Stunde müssen wir fertig sein. Ich schlage vor, det Kurt einen kurzen Bericht gibt, und det wir dann beschließen, wat zu machen is." — Er wandte sich absichtlich an Kurt. Er hatte schon vorher gemerkt, als er Paul mit seinem zerfallenen Gesicht gesehen hatte, dass auf den heute nicht mehr zu rechnen war.
Kurt hatte sich dagegen an diesem Tag zu einem völlig neuen Menschen verwandelt. Seine unbeholfenen, schweren Bewegungen hatten etwas Hartes, Zielbewusstes bekommen; sein Denken schien jetzt immer mit einer konzentrierten Hartnäckigkeit auf den entscheidenden Punkt loszugehen. Der 'Betonträger Kurt Zimmermann gehörte zu den Proleten, die inmitten einer unvorhergesehenen Aktion plötzlich zu revolutionären Führern werden, ohne es selbst zu wissen. —
Eine Viertelstunde vorher hatte Kurt in diesem Zimmer allein am Tisch gesessen und versucht, sich über die furchtbaren Ereignisse Rechenschaft abzulegen, sie zu einer klaren, übersichtlichen Linie zusammenzufassen. Er wusste, dass, solange Hermann nicht da war, auf seinen Schultern die politische Verantwortung ruhte. Dazu bedurfte es nicht erst eines besonderen Auftrags.
„ Genossen", begann Kurt, „wir haben eine schlechte Verbindung mit den anderen Stellen der Partei. Es ist klar, det niemand von unseren" Genossen mit dieser Entwicklung gerechnet hat. Wir selbst auch nich. Aber ick habe hier bei Hermann auf sein' Tisch eine Zeitung gefunden, die zeigt, det andere Leute sehr jenau damit jerechnet haben." Er nahm ein Zeitungsblatt in die Hand, hielt es dicht an die Lampe:
„ Der 1.' Mai — Berlins Totentag —, det is die Überschrift davon", erläuterte er, „ . . . es ist sehr einfach, die Schuld an dem Unglück, das der 1. Mai über viele Arbeiterfamilien bringen wird, den Kommunisten zuzuschieben; man braucht nur zu sagen, dass die Kommunisten, wenn das Verbot bestand, nicht zu einer Demonstration hätten aufrufen dürfen. Aber es nützt nichts, für den Mörder zu kämpfen, der das Jahrtausende alte Verbot „Du sollst nicht töten" bewusst übertreten hat. Was nützt es, seine Begnadigung zu verlangen, wenn man kalten Herzens zusieht, wie alle Vorbereitungen getroffen werden, um Arbeiter, wegen Verstoßes gegen eine Polizeiverordnung des Polizeipräsidenten Zörgiebel aus dem Jahre 1929, niederzuschießen? . . . Sache der Gesamtpartei ist es, wenn das Leben von Arbeitern für die Erhaltung der Staatsautorität geopfert werden soll."
„ Mensch, wo steht det?" rief Thomas erregt und sprang auf.
„ Det schrieb am 19. April das sozialdemokratische „Sächsisch« Volksblatt" antwortete Kurt ruhig.
„ Berlins Totentag . . .", stieß Paul hervor, „ ... det stimmt — die haben et vorher gewusst . . . !"
„ Det müsste man vervielfältigen und auf dem janzen Wedding verteilen!"
„ Natürlich müssten wir Flugblätter herausbringen. Jetzt rächt et sich, det wa immer noch keenen eigenen Abziehapparat in de Zelle haben! Ick nehme allerdings an, det die Partei det zentral machen wird, aber wer weeß, ob sie morjen überhaupt bei uns wat durchbringen können? — Aber — erst mal den anderen Punkt erledigen. Ick glaube, klarer als durch diese SPD.-Zeitung kann die Schuldfrage nicht bewiesen werden. Wenn ooch die politische Begründung darin fehlt, da is sich nämlich die „linke" SPD. mit den anderen absolut einig. Wichtiger ist es für uns in diesem Augenblick: Wat wird morjen?!"
Plötzlich hallte ein hartes Klopfen an der Wohnungstür durch die Stille ... und gleich darauf wieder, laut und ungeduldig.
„ Wat is denn det?!" Die Arbeiter sahen sich unruhig an.
„ Mach's Licht aus!" flüsterte Thomas.
Kurt löschte die Lampe. Sie saßen in dem dunklen Zimmer und jeder wusste: Wenn das die Polizei war, ist es aus! — Sie hörten, wie jemand auf der Treppe hinter der Wohnungstür rief.
„ Mensch, det is doch keene Polizei", rief Otto erleichtert und sprang auf. Fluchend stolperte er auf den dunklen, engen Flur über den Gasmesser.
„ Wer is da? ..."
„ Menschenskinder, nun macht doch bloß mal auf, Fritz is hier!" Otto öffnete schnell die Tür.
„ Wat is denn los, Fritze?" fragte er ' in die Finsternis des Treppenflurs hinein den Genossen,
„ Wat los is —? An der Ecke holen sie Waffen aus dem Laden!"
„ Wie — wer holt Waffen!"
„ Na, de Polizei nich — du Idiot!"
Otto tastete sich durch die dunkle Wohnung zurück. Im „Roten Zimmer" war wieder Licht.
„ Los, Kinder, kommt!" sagte er fast vergnügt, „... die räumen unten an der Ecke den Waffenladen aus." Otto strahlte über das ganze Gesicht, „Fein sind die Jung's, wat! Wir diskutieren und die jehn derweilen zum praktischen Teil der Tagesordnung über,"
Kurt machte ein derart verblüfftes Gesicht, dass Anna anfing zu lachen.
„ Ick weeß nich, wat dabei zu lachen is", fuhr er sie gereizt an. Im Grunde ärgerte es ihn nur, dass er nicht selber auf diese Idee gekommen war. Selbstverständlich — man musste an morgen denken.
Und wer weiß, wie sich überhaupt in den nächsten Tagen alles entwickeln würde. Im übrigen war ja politisch auch alles klar. „Also, dann mal los, Genossen, — geh'n wir runter!"
Die Straße war pechschwarz. Eine frische, klare Nachtluft empfing die Arbeiter. Hier und da standen dunkle Schatten vor den Häusern. In den offenen, schwarzen Toreinfahrten glimmten Zigaretten auf. Die Leute sprachen leise miteinander. Niemand konnte Ruhe finden in dieser Nacht. —
Kurt ging mit den anderen Genossen schnell die stille, dunkle Gasse hinunter nach der Pankstraße zu. An der Ecke hing über der breiten, herabgelassenen Rolljalousie ein großes, rotes Firmenschild: „Stahlwaren". Vorne, nach der Straße zu, war alles ruhig. Erst als sie dicht davor standen, hörten sie gedämpften Lärm aus dem Geschäft.
Durch die Haustür daneben kamen sie in den dunklen Hof.
„ Wer ist da?" Aus einer Mauernische wurden sie angerufen. Thomas antwortete.
Lautlos stiegen aus einem Hoffenster ein paar Schatten mit Paketen und verschwanden im Eingang des Hinterhauses. Schnell und geräuschlos wurde gearbeitet. Viel war nicht zu holen. Es war kein richtiges Waffengeschäft, sondern der Laden enthielt in der Hauptsache Scheren, Messer, Rasierapparate usw. Einer passte in dem Laden auf, dass nur Gegenstände, die als Waffen gebraucht werden konnten, mitgenommen wurden, Teschings, kleine Brownings, Munition, Dolchmesser und einige Schlagringe. Es war besser wie nichts.
In einer knappen Viertelstunde war alles erledigt. Die Waffen wurden irgendwo sicher untergebracht und nur an bekannte, zuverlässige Arbeiter verteilt, wobei die Parteizugehörigkeit schon lange keine Rolle mehr spielte. Hinter diesem Verteidigungskampf stand die ganze Straße.
In den Revierwachen, Unterkünften und Bereitschaftsquartieren der Polizei hatte sich die Situation vollständig verändert. —
In dieser Nacht stand auf dem Revier Nr. 95 nicht mehr der Wachtmeister Schlopsnies am Fenster und blickte „freudig erregt" nach der Kösliner Straße herüber, sondern Wüllner war es, der sich, seitdem er heraufgekommen war, wortlos an das Fenster gesetzt hatte und stumm in die schwarzen Hinterhausschatten der Gasse sah.
Er hatte den Sturm am Abend mitgemacht und dabei den jungen, toten Menschen neben der Barrikade mit dem schmalen, halboffenen Mund gesehen. Von dieser Sekunde an wurde er die Vorstellung nicht mehr los, dass das dieser kleine Punkt gewesen sein muss, der sich kurz vor dem Angriff auf dem Rand der Barrikade bewegt hatte. Das Licht des Scheinwerfers von der andreren Seite stand unmittelbar dahinter, als er auf diesen Punkt angelegt, genau gezielt und abgedrückt hatte. Er war erregt gewesen, hatte Angst gehabt, wie alle anderen, vor dieser dunklen, unheimlichen Straße, und da hatte er beschossen . . .
Vielleicht war es eine fixe Vorstellung seines überreizten Gehirns. Aber in dem Augenblick, als er mit der Taschenlampe in das weiße, junge Gesicht leuchtete, setzte sich der Gedanke in ihm fest, dass es seine Kugel war, die das kreisrunde, dunkle Loch über dem linken Auge gerissen hatte. Der Polizeiwachtmeister Wüllner, der zu Hause drei Kinder hatte, war — ein Mörder . . .!
Er hörte nicht, wie die anderen Kollegen im Zimmer von ihren Taten erzählten, sich rühmten und dabei in ihrer lauten Stimme hinten im Hals die Angst wie einen dicken Klumpen sitzen hatten. Es war vorbei mit der Offensivstimmung bei den ostpreußischen Bauernjungs. Je größer ihre Angst geworden war, desto brutaler hatten sie sich benommen. — Etwas Unbekanntes, Unheimliches, Mächtiges war ihnen entgegengetreten — die Masse!
Die Tür zu dem Zimmer des Oberleutnants wurde aufgerissen: „Wachtmeister Wüllner, zum Major!" — Wüllner hörte seinen Namen und drehte sich erschrocken um. Was wollen sie von mir...?! Wusste man vielleicht schon, dass er der Mörder war . . . wollten sie ihn zur Rechenschaft ziehen , . . hatte ihn jemand gesehen —?! Unsinn — es waren mehr erschossen worden! . . . war ja Befehl gewesen!
Er hakte den Uniformkragen zu und ging durch den Kreis seiner stillgewordenen Kameraden. Wenn Wüllner gerufen wurde, war wieder was los, dachten sie. Er war der Führer des SPAT-Wagens, wie die dienstliche Bezeichnung für das Spezial-Patrouillen-Auto lautete. Wenn sie nur nicht, solange es noch dunkel war, wieder eingesetzt wurden . . .!
Wüllner zog die Tür hinter sich zu und bemühte sich, eine straffe Haltung einzunehmen. Vor ihm saßen vier Offiziere um den Tisch, Major Beil, Hauptmann von Malzahn, Major v. d. Branitz, der bei dem Sturmangriff von seinen eigenen Leuten verwundet worden war, und ein junger Leutnant, den Wüllner nicht kannte. Die Polizeischüler aus Brandenburg erzählten, es sei jemand von der Reichswehr. Aber genau wussten sie es auch nicht. — Der Fußboden unter dem Tisch war mit Zigarettenstummeln und Asche bedeckt.
„ Kommen Sie mal näher, Wüllner", forderte ihn der Major auf, „die brauchen nicht alles draußen zu hören — so — also, Wüllner, Sie sind der Zuverlässigste hier. Sie bekommen einen Auftrag."
In diesem Moment ging mit Wüllner eine Veränderung vor. Er war der „Zuverlässigste" ... weil er einen Menschen totgeschossen hatte, ging es ihm durch den Kopf . . . und jetzt hatten sie noch so einen Auftrag für ihn ... er sollte wieder so etwas machen! ... Nein, nein ... er wollte nicht mehr ... er war nicht zuverlässig —! Eine wilde Abwehr stieg plötzlich in ihm hoch. Er fühlte, wie seine Knie vor Erregung zitterten.
„ Was is Ihnen denn?!" Der Major sah ihn erstaunt an.
„ Immer Nerven behalten, Mann! — Sie werden jetzt mit dem SPAT-Wagen das Terrain abfahren, verstanden, und Meldung machen, was Sie gesehen haben! Sie schießen auf alles, was Ihnen vor die Quere kommt, verstanden! — Wenn Sie andere Leute dazu haben wollen, wie Sie sie sonst haben, suchen Sie sich ein paar zuverlässige Kerle selbst aus. — Machen Sie die Sache gut — abtreten!"
Aber Wüllner trat nicht ab. Er stand immer noch auf derselben Stelle und sah den Major an.
„ Haben Sie den Befehl verstanden?" fragte der Major leise, mit einer gefährlichen Unruhe im Ton.
„ Jawohl!"
„ Na also, worauf warten Sie noch?"
Ja, worauf wartete Wüllner noch? Ohne sich zu rühren starrte er seinem Vorgesetzten in das Gesicht. Nur seine ausgestreckten Finger zogen sich langsam immer fester zusammen. Er presste die Nägel in den Handballen — jetzt — jetzt war er so weit — jetzt musste er es sagen ... er wollte losschreien, brüllen . . ., aber er stammelte nur leise und hilflos:
„ Herr . . . Major . . . ich kann nicht . . .!"
Das Gesicht des Majors wurde rot vor Wut. Er schrie ihn an; „Sie können nicht-------!?"
„ Nein . . .", antwortete Wüllner still, „ . . . ich kann nicht . . • ich habe — einen Menschen ermordet . . .!"
„ Verzeihung, Herr Major", mischte sich Hauptmann v. Malzahn ein, „ich glaube, der Mann ist nur mit seinen Nerven vollständig fertig. Er weiß ja nicht, was er sagt."
Der Major stand auf und schob Malzahn mit einer Handbewegung beiseite. Er kam urn den Tisch herum und ging wortlos auf den unbeweglich dastehenden Wüllner zu, dicht an den farblos gewordenen. Wachtmeister trat er heran. Von der in den herabgezogenen Mundwinkel geklemmten Zigarette stieß er ihm, ohne sie herauszunehmen, den Rauch direkt in das Gesicht. Wie eine wütende Schlange zischte er: „Feigling!" Es war, als wenn er dem Mann in das mit tödlicher Blässe bedeckte Gesicht gespuckt hätte.
„ Raus — du Lump, du Bolschewik —, raus, raus!" brüllte er los. Die Offiziere standen auf. —
Hinter der Tür brach plötzlich die wieder begonnene Unterhaltung der Mannschaften ab. Lautlos still war es in den Räumen der Wache —.
Es dauerte eine Weile, bis Wüllner die Beschimpfung des Offiziers begriffen hatte. Er wusste nur so viel, wenn er jetzt die Zähne auseinander läßt, schreit er los Und dann konnte er nicht mehr?
„ Das ist Mord, was wir machen . . . Mord, Mord! . . . ich bin kein Feigling . , . seit zehn Jahren bin ich im Dienst . . . nie ein Feigling gewesen . . , ich will nicht mehr ... ich nicht, ich nicht . . .!!"
Ehe die Offiziere dazwischen springen konnten, hatte er einen Karabiner, der an der Wand lehnte, an sich gerissen und das Gewehr mit einem lauten Krach dem Major vor die Füße geschmissen.
Er wurde noch in derselben Nacht als Verhafteter in das Polizeipräsidium gebracht. —
Auf einer anderen Wache im Wedding hatte man bereits kurz vorher drei andere Beamte des Bereitschaftsdienstes, die aus der Maikäfer-Kaserne in der Chausseestraße abkommandiert waren, aus demselben Grunde verhaftet und abgeführt.





VII Ein Mann geht durch die Stadt

 

Mit dem ersten Frühlicht des 2. Mai verschwand Kurt aus der Gasse. Man musste damit rechnen, dass später das Viertel wieder abgeriegelt wurde und jetzt war nichts notwendiger, als Verbindung nach außen zu bekommen, sehen, wie die Stimmung in der Stadt war, sich informieren, um den Leuten in der Gasse einen Bericht zu geben.
An den Zeitungskiosken sammelten sich Arbeiter, die in die Fabriken gingen Sie rissen den Verkäufern die noch druckfeuchten Blätter förmlich aus den Händen.
„ Die Blutschuld der Kommunisten", schrie der „Vorwärts" in fetter Schlagzeile auf der ersten Seite. „Moskau braucht Leichen", das war das „Volksblatt" der „linken" SPD. Die Arbeiter lachten höhnisch: dieselben „Linken", die vorher den Polizeipräsidenten als „Mörder" des 1. Mai bezeichnet hatten. Die Kommunistenhetze feierte Orgien. Mit den SPD.-Blättern kam kein bürgerliches Blatt an Schmähungen und Lügen mit. „Der Louis als Demonstrant", stand über einem sozialdemokratischen Leitartikel. Kurt las die saftigsten Stellen auf dem Bahnhof Wedding den dicht um ihn stehenden Arbeitern vor: „Die Freiheit der Straßendemonstration besteht ... aber nicht für das Gesindel . . . das namentlich in den letzten Jahren in Berlin gezeigt hat, dass es keinen Anspruch auf politische, sondern nur Anspruch auf kriminelle Wertung erhebt."
Ein alter, sozialdemokratischer Arbeiter riss ihm die Zeitung mit zornrotem Gesicht aus der Hand, warf sie auf die Erde und trampelte darauf herum. „Strolche, die . . . Strolche, die", schrie er immer wieder.....Leute . . . bin ich ein Louis . . . sind wir Gesindel, wie?"
Das Stichwort, das in verschiedenen Variationen durch alle SPD.-Zeitungen ging, hatte der sozialdemokratische Pressedienst gegeben: „Moskau braucht Leichen!"
Wie im Fieber versuchte Kurt alle Zeitungen zu lesen, die er kriegen konnte Kaufen konnte er sie nicht alle. Wo er einen Mann mit einer Zeitung stehen sah, ging er heran und bat ihn, ihm das Blatt einen Augenblick zu geben. Das ist ja alles Wahnsinn! — dachte er nur immer wieder. So viele Lügen gibt es ja gar nicht! Er suchte immer zuerst die Berichte über die Kämpfe in der Gasse.
In einer Zeitung war der Sturmangriff der Polizei auf die Barrikade vor der „Roten Nachtigall" geschildert: „. . . Auf Kommando 6türzten aus den umliegenden Häusern etwa 150 Kommunisten, die Arbeitswagen, fahrbare Umkleideräume, Gasrohre, Steine und Balken zusammenholten und eine fast 2 Meter hohe Barrikade über die ganze Straßenseite errichteten. Das Vorhaben war so gut vorbereitet, dass die Polizei, die knapp 10 Minuten später anrückte, mit wahren Salven empfangen wurde. Hinter der Barrikade hatten etwa 100 Kommunisten Aufstellung genommen, die aus Armeepistolen und Gewehren ein wütendes Feuer eröffneten. Plötzlich krachten auch im Rücken der Beamten Schüsse. Kommunisten hatten die Böden und Dächer besetzt, von wo aus sie unaufhörlich nach unten schossen. — In kurzer Zeit wurden viele hundert Schüsse abgefeuert. Das schwache Polizeiaufgebot musste sich schließlich auf wenige Minuten zurückziehen und Verstärkungen abwarten . ."
Kurt griff sich fassungslos an den Kopf . . . Bei dem ersten Erscheinen der Schupo war überhaupt kein einziger Schuss gefallen. „Hinter den Barrikaden hatten etwa hundert Kommunisten Aufstellung genommen, die aus Armeepistolen und Gewehren . . ." Hinter der Barrikade lagen vor dem Angriff zwei Tote, das waren die, die „Salven" geschossen hatten . . .!
Er wurde immer verwirrter. Wer schrieb das? Er drehte das Blatt um: — Der „Vorwärts". — Wie ein Fieberkranker taumelte Kurt durch die Stadt. Wenn er einen Polizisten sah, begann er zu zittern — aus Hass!
Er verstand das alles nicht. Warum gingen denn die Menschen so ruhig weiter, als wenn überhaupt nichts geschehen wäre . . .? Die Straßenbahnen fuhren wie immer. Die Stadtbahnzüge rollten über die Brücken, unter denen Kurt stand und den hämmernden Lärm der dröhnenden Eisenträger wie eine Musik in der unerträglichen Stille dieses Morgens empfand. — Krachen müsste es, alles müsste krachen, kaputt gehen . . .! Warum zerschlagen denn die Arbeiter nicht die Rotationsmaschinen, die diese Lügen ausspeien, warum reden sie denn nur alle und schimpfen und gehen dann, wie jeden Tag, in den Betrieb —?!
Am Oranienburger Tor war eine Zeitungsfiliale. Vor dem Schaufenster standen Menschen und lasen die ausgehängten Morgenblätter. Arbeiter, ein Straßenbahner in Uniform mit der Tasche unter dem Arm, Prostituierte, die keinen zum Schlafen gefunden hatten, Nachtbummler mit hochgeklappten Rockkragen, die nach Zigaretten und Bier rochen . . . Kurt drängte sich bis zur Schaufensterscheibe vor. Er hörte gar nicht, dass hinter ihm jemand schimpfte. Wahllos fing er an, irgendwo mitten drin zu lesen: „ . , . Wenn auch die Nervosität der überanstrengten Polizeimannschaften und Offiziere zu verstehen ist, so muss doch die Handhabung des Gummiknüppels vielfach Bedenken erregen. In der Justizverwaltung wurde die Prügelstrafe abgeschafft, nicht zuletzt deswegen, weil sie verrohend auf die Beamten wirkte. Die Polizei hat sie wieder eingeführt und die Folge ist, dass es den Beamten anscheinend Spaß macht, immer feste drauf los zu klopfen. Passanten, die in keiner Weise mit der Demonstration etwas zu tun hatten, die nur der Zufall vorbeiführte, wurden grob angefasst. Wenn man sich beschwerdeführend an einen Polizeioffizier wandte, wurde, wie es beispielsweise an der Ecke der Turm- und Stromstraße geschehen ist, erwidert: „Wir sind doch keine Juden, wir verhandeln nicht." Der Gummiknüppel sitzt zu locker. Und wenn man sich nicht im Laufschritt entfernte, hatte man bereits einen Schlag bekommen."
Kurt sah auf den Kopf der Zeitung, ein bürgerliches Blatt. Die erste Stimme, die sich vorsichtig gegen die Polizei wandte. Ach, wie dumm war das geschrieben, dachte er, „grob angefasst" — der Idiot hätte mal bei uns am Wedding sein sollen . . .
„ Mensch, da haben wir in der „Weißen Maus" nischt von gemerkt", sagte hinter ihm eine fette Stimme. Er drehte sich um. Eine Dunstwolke von Alkohol, Rauch und einem penetranten, widerlichen Parfüm umspülte ihn.
„ Na, wat denn, Männecken-------?!" sprach ihn ein dicker Herr
mit einem roten, schwammigen Gesicht und einem schief in das Gesicht geschobenen, steifen Hut gemütlich an. An dem Mantelaufschlag hing eine weiße, verwelkte Blume. Vor dem Nachtschwärmer stand das müde, graue Gesicht des Arbeiters. Zwischen den entzündeten, übernächtigten Augen sah ihn ein hasserfüllter, halb irrer Blick an. — Sein Vollgesoffenes Gehirn begriff nicht, aber dieser starre Blick machte ihn unruhig, störte sein schwankendes, sattes Wohlbehagen.
„ Wat is denn los . . .?!" brummte er, unangenehm berührt, mit einer vorsichtigen, inneren Abwehr. Er fasste in die Manteltasche und zog eine Hand voll loses Geld heraus.
„ Da — Mann! — trinken Sie mal nen Schoppen!" Er hielt ihm ein Geldstück hin. — Kurt sah den silbernen Kreis auf der fetten, wulstigen Handfläche liegen. Im nächsten Moment schlug er dagegen, wie man ein Ungeziefer wegwischt. Mit einem harten, hellen Ton klirrte das Geld auf dem Trottoire, — eine Frau bückte sich schnell danach.
Ohne jemand anzusehen schob er wortlos die Menschen beiseite und ging weiter. „Gesindel . . .!" knirschte er und zog die frische Morgenluft ein, um den ekelhaften Geruch dieses Menschen los zu werden.

Überall war die „Rote Fahne" bereits ausverkauft. Nicht nur die Arbeiter hatten heute darauf gewartet . . . Kurt lief durch die Elsässer Straße. Je näher er an den Bülow-Platz kam, desto läufiger wehten rote Fahnen an den Fenstern, Hier wohnten Arbeiter.
Ratternd fuhr ein großes Auto mit Polizisten an ihm vorbei. Sturmriemen herunter, Karabiner in den Händen. Unter der letzten Bank ein Maschinengewehr. Blasse, übernächtigte Gesichter. — Sein Blut hämmerte in den Schläfen. . .
Am Rosenthaler Tor gab es überhaupt keine Zeitungen mehr. Aus einem Restaurant roch es nach warmer Suppe Ihm fiel ein, dass er gestern früh das letzte Mal gegessen hatte. Später, später . . jetzt hatte er doch keine Ruhe dazu! Über den Bülow-Platz fuhr schwankend ein hoch mit Gemüsekörben beladener Lastwagen aus der Markthalle Vor den kleinen Geschäften standen Leute und sprachen miteinander. Einzelne Arbeiter gingen über den großen, leeren Platz. Hinter der „Volksbühne", dem Sandsteinkasten, lag das „Karl-Liebknecht-Haus", das Zentralgebäude der Kommunistischen Partei. Auf dem Eckturm wehte die große rote Fahne — auf Halbmast. In der Straße vor den rotgestrichenen Schaufensterkästen standen die Arbeiter Kopf an Kopf und lasen die ausgehängten Seiten der „Roten Fahne":

„Heraus aus den Betrieben!
Politischer Massenstreik gegen die Arbeitermörder!
Weg mit Zörgiebel! — Aufhebung des Belagerungszustandes!
Heraus mit den Gefangenen! — Bestrafung der Mörder!
Nehmt in allen Betrieben sofort Stellung! Beschließt den Streik! Wählt Delegierte! Die Vertreter aller Betriebe, Delegierte, Betriebsräte, Funktionäre, erscheinen heute abend, acht Uhr, zur allgemeinen Groß-Berliner Delegierten-Konferenz in den Sophien-Sälen. Kein Betrieb darf fehlen.
10 Tote und 150 Verwundete! — Das proletarische Berlin legt die Arbeit nieder! Ein brodelndes Meer sind heute die Betriebe. Es gibt nicht einen sozialdemokratischen Arbeiter, der den furchtbaren von Zörgiebel angerichteten Mord zu verteidigen wagt. Immer wieder entlädt 6ich die grenzenlose Wut und Empörung, die in den erregten Gesprächen zum Ausdruck kommt, in der Forderung nach dem unverzüglich auszurufenden politischen Massenstreik.
Inzwischen beginnen die Arbeiter bereits, spontan die Betriebe zu verlassen. Bei Karstadt, am Hermannplatz, hat die Belegschaft heut« morgen die Arbeitsaufnahme verweigert. Der Polizeipräsident muss verschwinden — das ist die einhellige Forderung des Berliner Proletariats.
Die Rohrleger und Helfer der Fa. Voltz & Co., Baustelle Eden-Hotel, sowie die Rohrleger und Helfer der Baustelle Dubliner Straße legten heute morgen aus Protest gegen die entsetzlichen Arbeitermord« geschlossen die Arbeit nieder.
Die Belegschaft der Baustelle am Karlplatz, der Fa. Jakobowitz, erhebt den schärfsten Protest und fordert die deutsche Arbeiterschaft auf, sofort in den politischen Massenstreik einzutreten, mit der Forderung der sofortigen Auflösung des gesamten sozialdemokratischen Polizei-Regime.
Die Baustelle der Fa. Holtzmann nahm heute in der Belegschaftsversammlung, in der 500 Mann anwesend waren, den Beschluss an, sofort als Protest gegen das Mai-Blutbad in den Streik zu treten. Mit dem Gesang der „Internationale" verließen die Proleten den Bau. — Die Notstandsarbeiter des Volksparks traten in Streik. Folgt dem Beispiel
Hamburg 2. Mai. (Eig. Drahtbericht.):
Die Belegschaft der Reiherstieg-Werft ist in vierundzwanzigstündigen Proteststreik getreten. Fast alle SPD.- und Reichsbannerarbeiter haben sich dem Proteststreik angeschlossen . . ."

Zwischen den diskutierenden Arbeitern stand Kurt und las. Die Buchstaben schwammen durcheinander. Seine müden, entzündeten, Augen brannten , . . Zum erstenmal wurde er ruhig, ganz ruhig. Jetzt wusste er: alles ging in Ordnung! Die Nacht ist doch nicht umsonst gewesen. —
Als er sich umdrehte und langsam über den Platz zurückging, schämte er sich seiner entsetzlichen Angst, die er vorhin gehabt hatte. Ganz verrückt war er gewesen . . . dachte er, wütend auf sich selber! Unterwegs hatte er Arbeiter sprechen hören, die auf die Kommunisten schimpften, die geglaubt hatten, was die Lügenblätter schrieben, dass nur „Ganoven" und „Lumpenproletariat" in der Kösliner Stra3e und in Neukölln gekämpft hatten. Angst hatte er gehabt, dass alle so denken . . . Erst jetzt übersah er, dass es die alte Taktik der SPD. und des Bürgertums war, in jeder Kampfsituation alle wirklich revolutionären Arbeiter als Lumpenproletariat und Verbrecher hinzustellen, um durch Verleumdungen zu verhindern, dass sich die übrige Arbeiterschaft mit den Kämpfenden solidarisiert.
Mit der inneren Ruhe kam eine tiefe Entspannung über ihn. Er fühlte plötzlich, wie müde und hungrig er war, es war mehr eine psychische Reaktion. — Mit der nächsten Straßenbahn fuhr er zurück in die Gasse.
In unzähligen Fabriken und Betrieben fanden im Laufe des Tages Protestversammlungen statt. Als erste große Fabrik beschloss die aus 2500 Arbeiterinnen und Arbeitern bestehende Belegschaft der Zigaretten-Werke Manoli, Massary und Josetti den Proteststreik, Transformatoren-Werk Ober-Schöneweide folgte mit 2300 Arbeitern einstimmig den Anweisungen des roten Maikomitees. Die Norddeutsche Kugellagerfabrik schloss sich an. Mittags um 3 Uhr legte die zum größten Teil aus Frauen zusammengesetzte Belegschaft der Schuhfabrik Leiser die Arbeit nieder. Die Arbeiter der Firma Huta kündigten mit 400 Mann Gesamtbelegschaft den Proteststreik für morgen an.
Aus dem Ruhrgebiet meldeten die Zeitungen, dass auf sämtlichen Zechen in Bottrop und Osterfeld am frühen Morgen Flugblätter über die Vorgänge in Berlin verteilt worden waren. Der größte Teil der Bergarbeiter hatte sofort die Arbeit niedergelegt und den Generalstreik gefordert. Eine in Halle einberufene Betriebsräte-Konferenz, auf der 77 Werke vertreten waren, beschloss für Samstag den 24stündigen Proteststreik. Die Bergarbeiter der großen Schachtanlage Thyssen III. in Hamborn verweigerten die Einfahrt. Auf Zeche Prosper II. erzwangen die Bergarbeiter die Stilllegung der Schachtanlagen II. und III. Aus allen Teilen des Reiches kamen Meldungen über Proteststillegungen von Fabriken und Betrieben. Auf den Baustellen in Berlin ruhte die Arbeit. Die Betriebsbelegschaft einer ganzen Straße mit fünf Werken stimmte gemeinsam für einen Proteststreik. — Am Abend des 2. Mai fanden allein in Berlin fünfzehn überfüllte Protestversammlungen in den größten Sälen statt Sämtliche Straßenzellen der Partei tagten. Der Rote Frontkämpferhund und die Rote Jungfront riefen ihre Mitglieder in den Zuglokalen zusammen.
Im Reichstag stimmte die kommunistische Fraktion, nachdem die SPD. mit den anderen bürgerlichen Parteien die Behandlung der Mai-Vorgänge abgelehnt hatte, die „Internationale" an und sprengte die Sitzung . . . Draußen, in den Straßen Berlins, — schoss die Polizei.
Bei einer Protestdemonstration in Neukölln wurden drei Arbeiter getötet und zwanzig schwer verletzt. Reichswehr und Artillerie waren mobilisiert und standen für die Nacht bereit. Der Kampf ging weiter . . .





VIII. Anna lernt das letzte Kapitel

 

Zu Tausenden kamen die Arbeiter am Nachmittag aus allen Stadtteilen in die Gasse. Die Polizei wagte es nicht, in das Viertel einzudringen. Nur „Zivilaufklärer" trieben sich in großen Mengen herum. Weit über die Barrikaden hinaus beherrschte die Arbeiterschaft die Umgebung der Kampfstätten in Neukölln und am Wedding.
Um diese Zeit kam Hermann von der Bahn. Ohne sich aufzuhalten, eilte er durch die Menschenmassen am Nettelbeck-Platz. Selbst hier war die Polizei verschwunden. Er ging durch die Gasse und sah an den Häusern die unzähligen kreisrunden Spuren der Kugeleinschläge. Auf der Treppe traf er Anna.
„ Wo sind die Genossen?"
„ Gut det du kommst, Hermann", antwortete sie erleichtert, „. . . sind alle bei Dir!"
Er ging rasch nach oben. Die Küche war voll Männer und Frauen. „Tach. Hermann, Jott sei Dank!" begrüßte ihn Kurt, „komm, wir gehen gleich hinter!"
Hermann fragte seine Frau nur flüchtig nach den Kindern und zog sich dann sofort mit den Genossen in das „Rote Zimmer" zurück.
Während Kurt kurz erzählte wie alles gekommen war, sah Hermann ein paar Mal zu Paul herüber, der stumm auf dem Stuhl saß. Kurt erwähnte nichts von der stillschweigenden Absetzung Pauls, und Hermann wusste Bescheid, als er Paul dasitzen sah. Er hörte, wie ruhig und sachlich Kurt sprach. Hermann kannte den schwerfälligen Menschen nicht wieder. Die Nacht hatte wirklich einen anderen Menschen aus ihm gemacht.
Kurt war mit seinem Bericht fertig. „Habt ihr auf der Straße schon zu den Massen gesprochen?" fragte Hermann. Kurt sah ihn verblüfft an. Teufel, daran hatte tatsächlich niemand in der Aufregung gedacht! Hermann schimpfte. Das war doch das allerwichtigste die wenigen Blätter der „Roten Fahne", die hierher kamen, genügten nicht, um die Massen über die Lage aufzuklären. Die Polizei hatte zudem in der Frühe den Zeitungsträger der „Roten Fahne" nicht durch die Absperrung gelassen.
„ Wer kann denn von uns richtig reden ...?" versuchte sich Kurt zu entschuldigen. Hermann musste lachen, als er das bedrückte Gesicht Kurts sah und daran dachte, was sie alles in der Nacht geleistet hatten, aber — sprechen? Nein — dafür waren sie nicht zu haben. —
Kurze Zeit später tönte in der Gasse der Gesang der „Internationale". Hermann stand auf einem umgestürzten Bauwagen und sprach . . .
Der Abend des 2. Mai nahte.
Niemand wusste, was die kommende Nacht, was die nächsten Stunden bringen würden. Die Presseberichte des Polizeipräsidiums waren von der gesamten bürgerlichen Presse kritiklos nachgedruckt worden. Wer nicht selbst Zeuge der Vorgänge in der Gasse und in Neukölln gewesen war, musste nach diesen Meldungen annehmen, dass sich Berlin mitten in einer „Revolution" befand, die nur noch durch einen „siegreichen" Vormarsch der Polizei aufgehalten werden konnte.
Thomas erstickte bald vor Lachen, als ihm jemand in der „Roten Nachtigall" den „Vorwärts" gab, der schrieb, dass die Kommunisten aus Dachluken pp. „den Polizisten 14 Karabiner haargenau aus den Händen geschossen hatten, ohne auch nur einem Polizisten die Haut zu ritzen." „Teufel, noch mal! . . . das nennt man zielen können! Kunstschützen sind wir doch alle miteinander ...", rief er lachend.
Es schien, als wenn sich die Polizei mit diesen Lügennachrichten selbst Mut machen wollte, sie musste alles vergrößern, verzerren, umlügen. Kein Mensch hätte es sonst in Berlin geglaubt, dass seit 36 Stunden in zwei kleinen, örtlich begrenzten Widerstandsgebieten, in Neukölln und in der Gasse am Wedding, eine Handvoll, auf das primitivste bewaffnete Arbeiter ihre Straßen und Häuser gegen zirka 14 000 modern ausgerüstete Polizisten, trotz des Einsatzes von schweren Maschinengewehren, Handgranaten-Trupps und Panzerwagen, mit Erfolg verteidigen konnten.
Hermann hatte energisch Kurts Auffassung widersprochen, dass man sich niemals in der Gasse allein auf diese Kämpfe hätte einlassen sollen. Gewiss lag die Gasse strategisch ungünstig, das musste Hermann zugeben. Sie war zu leicht abzuriegeln. Aber, behauptete er, derartige Kämpfe würden sich immer zuerst in begrenzten Elendsvierteln entwickeln, weil sie dort die Unterstützung der gesamten Bevölkerung finden. Der beste Beweis dafür bildeten die Hamburger Kämpfe 1923, die am erfolgreichsten im „Gänge-Viertel", im Armen-Stadtteil Hamburgs waren.
„ Du siehst doch selbst, wies ihn Hermann darauf hin, „dass ihr euch nur . halten konntet, weil euch die Wohnungen in der Gasse zur Verfügung standen. Sobald die Bevölkerung mit den Arbeitern und nicht mit der Polizei sympathisiert, haben die Kämpfenden eine gewisse Rückendeckung und die Polizei befindet sich mit jedem Schritt auf feindlichem Boden."
Sie standen in dem halbdunklen Hausflur mit der zersprungenen Haustür, die Kurt gestern auf der Flucht vor den Polizisten hinter sich zugeworfen hatte.
Anna kam mit dem Jungen über den Hof. Sie hatten sich in der ganzen Zeit immer nur auf Minuten gesehen. Still und ohne mit ihm über persönliche Dinge zu sprechen, war sie ab und zu bei ihm aufgetaucht, bis er wieder irgendwohin fortgerufen wurde. Nicht ein einzigesmal hatte sie seit dem Morgen des 1. Mai versucht, ihn zurückzuhalten.
Auf den kurzen Zwischenfall gestern nachmittag, bei dem sie ihm durch den Anruf vielleicht das Leben gerettet hatte, waren sie mit keinem Wort zurückgekommen. Sie war zufrieden, dass er noch da war. Alles andere war jetzt nicht so wichtig. — Warum, wusste sie nicht. Es war bei ihr alles noch rein gefühlsmäßig, wie bei vielen Frauen der Gasse, die erst der Hass gegen die brutalen Polizisten auf die Seite der Kämpfenden gebracht hatte.
Kurt lachte sie gutmütig an. „Komm", Anna, wir gehen ein bisschen nach dem Platz — mal sehen, wat da los is."
Hermann scherzte mit dem Jungen, er machte immer gern mit Kindern Spaß. Dann ging er die Treppe herauf zu seiner Wohnung.
Kurt hätte den Jungen lieber zu Hause gelassen, wenn es auch im Moment ruhig war. Aber Anna wollte ihn wenigstens für eine Viertelstunde an die frische Luft bringen. Seit gestern vormittag hatte er mit den anderen Kindern hinten in der Stube sitzen müssen. Auf der Straße lagen schon die ersten Schatten des Abends. In den kleinen Läden der Gasse standen Frauen und diskutierten. In einem Laden hatte die Polizei ein großes Glas Öl zerschossen und die Flüssigkeit war in die anderen Lebensmittel gelaufen und hatte sie verdorben. Kurt und Anna hörten bis auf die Straße den erregten Streit darüber, wer den Schaden zu bezahlen hat. Es war für die kleinen Geschäftsleute, die wie alle, von der Hand in den Mund lebten, ein empfindlicher Verlust. —
Die großen Läden in der Reinickendorfer Straße waren fast alle geschlossen oder hatten die Rolläden heruntergelassen. Am Nettelbeckplatz standen Hunderte von Menschen zusammen unter denen Kurt auch sozialdemokratische Arbeiter erkannte. Auf der Bank an der Straßenbahnhaltestelle saßen zwei junge Arbeiterinnen. Im Vorbeigehen hörte Kurt, dass die eine aus der SPD. war. Wie er später erfuhr, gehörte sie zu den streikenden Tabakarbeiterinnen von Manoli.
Es schien, als ob dieses ruhige, friedliche Bild auf dem Platz von keiner Gefahr bedroht sein konnte. Nur wenn Kurt genau hinhörte, was hier und da gesprochen wurde, spürte er aus den Fragen und Antworten der Leute eine gefährliche, drohende Unruhe, die bereit war, bei der geringsten Gelegenheit in einen gewaltigen Widerstand umzuschlagen.
Aus anderen Stadtteilen waren wieder blutige Zusammenstöße gemeldet worden. Die Zahl der Toten sollte auf 15 gestiegen sein. Die oft einander widersprechenden Nachrichten steigerten nur noch die Unruhe. Was die bürgerlichen Abendblätter und der ,,Abend-Vorwärts" an Polizeiberichten brachten, wurde hier nur noch mit Hohngelächter und Pfui-Rufen aufgenommen. Man hatte selber genug gesehen —!
Die Gesichter der Menschen verschwammen langsam in der Dämmerung des sinkenden Tages. Es wurde kühl. Die gelben Lichter der Gaslaternen flammten auf. Nur in der Nähe der Gasse blieb alles dunkel. Langsam leerte sich der Platz, die Menschen zogen gruppenweise in die Protestversammlungen.
Anna nahm den Jungen, der müde geworden war, auf den Arm, und ging schweigend neben Kurt her. — Es war merkwürdig mit ihnen, Sie kamen sich gegenseitig auf einmal verändert vor. Irgendetwas an Kurt war Anna neu und fremd, aber gleichzeitig fühlte sie auch, dass sie ihm in vielen Dingen näher gekommen war, Kurt war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken an die kommende Nacht beschäftigt, um zu merken, dass Anna ihn von Zeit zu Zeit prüfend von der Seite ansah.
Auf ihre Fragen antwortete er zerstreut und einsilbig, Sie wusste, was ihn bedrückte und hätte gern darüber mit ihm gesprochen. Sie verstand ja alles jetzt viel besser als gestern. Aber wie konnte sie es ihm sagen ...? Sie hatte Furcht, dass er ihr vielleicht nicht glauben würde. Ach —, dachte sie, . . . es ist so schwer zu sprechen —!
Kurz nach 10 Uhr war die stürmische Versammlung in den Pharussälen zu Ende.
Man hatte auf dem Hof eine Parallelversammlung abhalten müssen. Hermann war erschienen, hatte kurz über die Lage in der Gasse gesprochen und war wieder verschwunden.
Mit den anderen Versammlungsteilnehmern drängte sich Anna neben Kurt auf die Straße, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Sie sah es jetzt selbst, dass es eine Dummheit gewesen war, das Kind mitzunehmen.
Während sich die Masse langsam herausschob und sie mit Kurt über den erregten Verlauf der Versammlung sprach, begann plötzlich ein wildes Stoßen und Drängen. Kurt versuchte vergebens, sie aus den schreienden und rufenden Menschen herauszuziehen. Sie waren wie eingekeilt. Vor den herausströmenden Menschen sah er auf der Straße Polizisten stehen.
Ein älterer Arbeiter versuchte mit dem leitenden Offizier zu sprechen. Man sah nur das erregte Gesicht des Offiziers. Gummiknüppelschläge sausten auf den bestürzten Arbeiter nieder. Eine furchtbare Panik entstand!
Die Menschen liefen, soweit sie es in dem Gedränge überhaupt konnten, auf beiden Seiten, von den prügelnden Polizisten verfolgt, die Müllerstraße entlang. Unmittelbar vor Kurt tauchte das rote Gesicht eines brüllenden Polizeibeamten auf. Mit der entsicherten Pistole fuchtelte er zwischen den Massen herum. Jede Sekunde konnte ein Schuss losgehen.
Kurt überlegte nicht lange. Sein rechter Arm schob Anna mit dem Jungen hinter sich. Mit der linken Faust holte er kurz aus und schlug dem Polizisten unter das Kinn. Während der Mann zurücktaumelte, riss ihm Kurt die Pistole aus der Hand, schrie Anna irgend etwas zu und verschwand zwischen den Menschen. Über den am Boden liegenden Beamten liefen die Menschen weiter.
Anna presste den Jungen an sich und rannte, so schnell sie konnte, mit dem weinenden Kind die Straße herunter.
Hinter ihr knallten Schüsse! — Ein Mädchen vor ihr stieß einen spitzen, dünnen Schrei aus. Jemand fing sie auf und zog sie mit hängenden Knien in einen Hausflur.
Anna rannte weiter. Ihre Knie zitterten. Ein paar Mal stolperte sie und riss sich wieder hoch . . nur weiter Dicht hinter ihr schrillte die Signalpfeife eines Polizisten. . . Irgendwo klirrte eine Fensterscheibe und plötzlich sah sie niemand mehr vor sich. . Hinter ihrem Rücken fühlte sie es kalt und leer. — Sie lief allein!
„ Stehen bleiben! . ." schrie jemand. Hartes Laufen kam näher. Keuchend, atemlos rannte sie, stolpernd, taumelnd vor Angst und Schwäche. . . Ein furchtbarer Schlag brannte auf ihrem Hinterkopf. Die Haut zog sich wie in einem stechenden Krampf zusammen — ihre Knie wurden weich. — Die gerade Linie der Straßenlaternen hob sich schwindelnd vor ihren Augen und stürzte über sie wie ein ausgeschütteter Sack Sterne zusammen — das Kind glitt aus ihren herabfallenden Armen. . .
Den zweiten Hieb fühlte sie nicht mehr. Die Lichter fielen in einem tiefen, schwarzen Schatten. Mit einer unheimlichen Geschwindigkeit sackte sie ab — in einen gähnenden, dunklen Abgrund. — Sie spürte nicht mehr, wie sie die Polizisten wieder hochrissen, mit nachschleifenden Füßen zum Auto zerrten und unter eine Bank warfen. Das Auto war voll.
„ Los — ab zur Wache!" schrie ein Offizier. Das Gesicht unter dem blanken Tschakorand war dunkel vor Erregung. Die Polizisten sprangen auf den schnell anfahrenden Wagen und zogen die Klappen hinter sich hoch. Das Auto machte eine kurze Schwenkung und fuhr im raschen Tempo die Müllerstraße herunter. Aus einem Fenster wurde dem Wagen nachgerufen. Ein Schuss knallte gegen die. Hauswand.
Als das Auto an der völlig dunklen Wedding-Straße vorbeifuhr, duckten sich die Mannschaften fast bis auf den Boden des Wagens. An der Stirnseite hockte ein Polizist mit nach hinten gerichtetem Maschinengewehr. Der Bereitschaftsführer beugte sich während des ganzen Weges hinter zwei Gefangene, die mit hocherhobenen Armen auf den Holzbänken saßen. Langsam erwachte Anna durch das Stoßen und Rütteln des Wagens aus ihrer Ohnmacht. Ein wütender Schmerz in ihrem Hinterkopf riss sie schnell in das Bewusstsein zurück. — Unmittelbar vor ihrem Gesicht standen die schwarzen, senkrechten Schatten zweier Ledergamaschen, dazwischen der Kolben eines Karabiners. Ein bohrendes Stechen wühlte in ihren Schultergelenken. ,,Mein Gott, was ist das nur!" flüsterte sie tonlos.
Das Auto fuhr so scharf um eine Straßenecke, dass sie mit dem Gesicht an den Stiefel vor ihr flog. Erschrocken bog sie sich zurück. Noch immer ließ sie der Schmerz nicht zu einer klaren Überlegung kommen. Wie war denn das alles . . ? Wo ist Kurt geblieben? Und der Junge . . ! ! Um Himmels Willen, wo war denn das . . Kind??: Sie hatte es doch auf dem Arm gehabt-------?!
„ Herr Wachtmeister, Herr Wachtmeister . . !" Die fliegende Angst ließ sie plötzlich alle Schmerzen vergessen; sie schrie und umklammerte mit beiden Armen die Ledergamaschen des Polizisten.
„ Verfluchter Kund . , !" Der Polizist sprang mit einem Schreck-laut hoch. Als er in dem halbdunklen Licht einer vorbeifliegenden Gaslaterne das totenblasse Gesicht einer Frau unter der Bank sah, stieß er mit einem Fluch den Stiefel gegen ihren Leib. „Halt die Schnauze. . ." Ihr Kopf fiel hart zurück. —
Mit einem Ruck hielt das Auto vor der Wache. Aus dem erleuchteten Hausflur kamen Polizisten heraus. „Los, runter . . aber dalli!" —
Die Gefangenen sprangen schnell von dem Wagen und wurden mit Kolbenstößen in den Flur getrieben.
„ Fenster zu!" schrie ein Polizist über die Straße. Er schoss sofort in das gegenüberliegende Haus, in dem sich im zweiten Stock etwas am Fenster bewegt hatte.
Durch einen Stoß von hinten stolperte ein älterer Mann über die Bordschwelle. Jemand schlug ihm über die Schläfe. Aufschreiend taumelte er gegen einen anderen Polizisten, der ihn mit einem Kolbenstoß weiterbeförderte. Auf der Treppe griffen plötzlich seine Hände in die Luft, und mit einem ächzenden Laut fiel er die Stufen hintenüber.
,,Mal nicht so ein Theater hier machen", rief ein Polizist und riss ihn wieder hoch. Über die Treppe zogen sie ihn nach oben ...
Mit Entsetzen hatte Anna, die als Letzte auf dem Wagen stand, den Vorgang gesehen. „Nein ... nein ... ich gehe nicht runter . . . ihr schlagt uns ja alle tot!!" schrie sie. Verzweifelt suchte sie sich gegen den Polizisten zu wehren, der sie gepackt hatte und herunterholte. —
Das Schreien und Hilferufen der Geschlagenen tönte bis auf die Straße hinaus. ,,Tür zumachen!" rief von dem oberen Treppenabsatz eine scharfe, laute Stimme. Dann ging die Prügelei weiter, bis die Verhafteten alle oben waren.
Vom Treppenflur aus wurden sie mit erhobenen Händen in das Wachlokal gestoßen. Elf Arbeiter, Anna war die einzige Frau unter ihnen.
Die Wache war dicht mit alarmbereiten Mannschaften gefüllt, alles blutjunge, aufgeregte Gesichter, die erst vor einigen Stunden zur Verstärkung eingesetzt worden waren.
„ Aha ... da sind ja die roten Barrikadenbauer ... Komm mal her, mein Bürschchen!" Ein etwa 20jähriger Blonder schlug einem Arbeiter mit der flachen Hand quer vor das Gesicht. So nebenbei, oben hin ... zum Empfang! — Ha .., das saß, was? Wozu hatte man es gelernt in Brandenburg auf der Polizeischule. Fleisch ist besser wie ein lebloser Lederball ... Das Schwein steht ja noch? Noch einen Hacken links oben ... braach ...! „So, mein Junge, da liegs'te ...
Wie federleicht das ging! Spielerisch, als wenn einer durch's Gras geht und haut mit dem Stock die grünen Spitzen ab. Den jungen Polizisten durchströmte eine heiße Freude von Kraft und Tapferkeit.
„ Machst einen noch dreckig . . , !" Sorgfältig wischte er sich mit dem Taschentuch den blutig gewordenen Rand seines Uniformärmel« ab. Seine Kameraden lachten aufgeregt.
,,Kommt rein ... hier is es hübsch warm, ihr Moskowiter,"
Klatsch . .. braach ...! — Ein Gefangener flog mit einem Wehlaut gegen die Wand.
„ Willst du Mistvieh die Flossen hochnehmen ...!" Ein Jungarbeiter brach an der Tischecke zusammen. „Los, hoch, du faules Schwein, schlaf dich zu Hause aus!" Der Gummiknüppel zerbrach bei einem Schlag. Wütend schlug der Polizist noch einmal mit der Faust hinterher.
Die Geschlagenen schrien wie Tiere. Es roch in der Wachstube nach Leder und Schweiß, Jetzt wurden die Polizisten erst richtig warm. Der enge Kinnriemen doppte das Blut.
Mit gekrümmtem Leib stand Anna, fliegend vor Erregung und Angst, in der Tür. Ihr Gesicht, in dem die Augen wie zwei große dunkle Kreise brannten, war kalkweiß geworden. Mit zitternden Händen hielt sie das Umschlagtuch vor der Brust zusammen. Das blonde Haar hing wirr in die Stirn.
„ Ha ... haha ...!"
Die Polizisten brüllten vor Lachen, als sie die junge Frau in ihrer Todesangst dastehen sahen. Mit der musste man sich einen Hauptspaß machen. Hübsch ist das Aas ...!
„ Komm nur, mein Schätzchen . . . hier kriegste alles, was du brauchst!" Einer stieß sie nach vorn. — Von den Arbeitern drehten sich einige langsam um.
„ Fresse an die Wand, hoch die Hände!", schrien sie die Polizisten an. — Nur ein junger Arbeiter sah immer noch zu Anna herüber. Er war unter den Verhafteten der einzige Kommunist und wusste, dass sie die Frau des Genossen Zimmermann war. Sein Blick verdunkelte sich. Die Nägel bohrten sich in seine Handfläche ... Und dann schrie er los: „Mörder...Hunde ihr....
feige Hunde ... wenn wir Waffen hätten-------!!" Er konnte
nicht mehr länger still sein. Egal, egal was kam. Er musste diesen brutalen, höhnisch grinsenden Gesichtern das mitten hinein schleudern —. Hier oben bei den wehrlosen Gefangenen hatten sie Mut und unten ...? da schossen sie aus Angst vor den Fäusten der Proleten wie tobsüchtig alles über den Haufen, was sich an den Fenstern und auf der Straße zeigte. Jungs, die noch nie einen nassen Fleck Arbeitsschweiß an ihren Händen gehabt hatten —!
Seine schreiende, vor ohnmächtiger Wut weinende Stimme, zerbrach unter dem Hagel von Schlägen, Mit einem wütenden Aufheulen stürzten sich sieben — acht Schupo auf ihn.
„ Verfluchtes Kommunistenaas! Hältst du die Fresse!!"
„ Haut ihn dot, det Schwein!"
„ Dich schlagen wir dämlich!"
Mit roten, verzerrten Gesichtern stießen sie sich gegenseitig fort, um ihn treffen zu können. Er fiel zu Boden und versuchte mit den Händen vergeblich seinen Kopf zu schützen.
Immer noch schrie er! Mit den Stiefeln trampelten sie in sein Gesicht, in den offenen, schreienden Mund. Bis er die Besinnung verlor und sie die Kolben in den regungslosen Körper stießen ...
Keuchend sahen sie sich endlich um. Einigen stand weißer Schaum vor den Lippen: „So — der Strolch is fertig — dieses Aas!"
Wortlos vor Erregung brachten sie ihre Anzüge in Ordnung, Der Blechschirm einer elektrischen Lampe, die von der Decke herabhing, pendelte hin und her. Das Licht flackerte über die zusammengedrängte Gruppe der Verhafteten in der Ecke.
Anna war zitternd hinter einen Tisch geflüchtet und starrte zu dem jungen Menschen herüber, der, ohne sich zu bewegen, mit dem Gesicht nach unten, auf dem Fußboden lag. . . Durch sein dichtes Haar sickerte langsam und lautlos ein dunkler, roter Streifen, der über den weißen Nacken rann und auf die schmutzigen Holzdielen tropfte . . , unaufhörlich. Sie hatte ihn ein paar Mal mit Kurt zusammen gesehen, der den Jungen als einen stillen, zuverlässigen Genossen schätzte.
„ Na, ihr Schweine, habt ihr gesehen — so machen wir das mit euch allen. . Euch werden wir schon lehren, den 1. Mai zu feiern . .!"
Anna sah erschrocken hoch in das immer noch dunkelrote, wutverzerrte Gesicht des jungen Polizisten. Seine Augen waren aus den Höhlen getreten. Der Lederriemen schob das Kinn brutal nach vorn, die breite muskulöse Hand hing mit lose gespreizten Fingern nach unten. Unter den abgeknabberten, kurzen, schmutzigen Fingernägeln wölbten sich die wulstigen, roten Fleischklumpen nach oben. Zwischen den Fingern klebte — Blut! Anna wusste nichts mehr. Die Angst um ihr' Kind, um Kurt war vollkommen ausgelöscht. Sie sah nur wie gelähmt auf diese muskulöse, rot gefleckte Hand, an der das Blut des jungen Arbeiters klebte. — In ihrem ausgeschalteten Gehirn hämmerte etwas ununterbrochen: . . . Mörderhand . . . Mörderhand . . . Mörderhandll
Vielleicht hatte sie schon den Verstand verloren. . .

 



IX. Die zweite Nacht

 

11 Uhr.
Die Straßen um die Gasse herum waren leer. Dunkel hing der sternenlose Himmel über der schwarzen Finsternis der Häuser und Höfe- In der Reinickendorfer Straße stand ein leerer Straßenbahnwagen mit gelöschten Lichtern. Hier und da tauchten an den Häuserfronten Schatten auf. Vorsichtig, lautlos bewegten sie sich, bis sie die Dunkelheit wieder aufgenommen hatte. In einer Nebengasse zerrissen zwei, drei Schüsse die Stille. Dann war es wieder ruhig.
Der rote Punkt einer Zigarette glühte in einer dunklen Toreinfahrt auf und beleuchtete für Sekunden das unrasierte, gelbe Gesicht eines Arbeiters — ein vorgeschobener Posten der Gasse. Über das Pflaster glitt der Scheinwerfer eines Privatautos. Der Wagen fuhr langsamer, zögernd, die Pneus knirschten über Glasscherben. Wie erschrocken hielt das Auto, im Innern der Limousine wurde das Licht gelöscht. Der Wagen wendete und fuhr im raschen Tempo wieder zurück, fort aus dieser unbekannten, unheimlichen Stille der Straße. —
Der Eingang zur Gasse war in eine derartige Dunkelheit gehüllt, dass er nur zu erkennen war, wenn man unmittelbar davor stand. An den schattenhaften Umrissen eines umgestürzten Bauwagens brannte das schwache Licht einer kleinen, roten Laterne. Wie ein pechschwarzes Loch gähnte dahinter der Schlauch der totenstillen Gasse. Kein Fenster war erleuchtet. Nur durch einige Spalten der schadhaften Rolläden vor der „Roten Nachtigall" schimmerten dünne, schmale Lichtstreifen. Ein dumpfes, summendes Gewirr von Stimmen drang auf die Straße. — Im Hinterzimmer fand eine kurze Beratung statt.
Die Zeit war knapp, man musste zu einem Entschluss kommen. Leuten, die Unsinn redeten, wurde sofort das Wort entzogen. Je weiter der Widerstand der Bevölkerung wuchs, desto mehr zeigten sich alle verhängnisvollen Mängel dieser unvorbereiteten, unorganisierten Aktion. „Bewaffneter Aufstand", sagten die einen. „Womit denn?... mit Spatzenteschings und Besenstielen?!" höhnten die anderen.
„ Wollt ihr vielleicht Bürgerkrieg machen am Wedding?" „Klar Mensch! Thomas wird roter General und Hermann Volkskommissar der Kösliner Ritze und Umgegend!"
In dem verqualmten kleinen Saal lachte alles los. Die Nervösität verschwand. Ruhig hörten sie zu. „Glaubt ihr denn", sagte Hermann ernst, „wenn die Partei zum bewaffneten Aufstand aufruft, dass wir dann mit unseren paar Knallerbsenpistolen dastehen werden? Genossen, dann sähe Berlin in dieser Nacht anders aus! Wenn wir uns heute gegen diese Banditen wehren, so gut wir können, dann, ist das noch lange keine Revolution, die ist an ganz andere Voraussetzungen gebunden. Wirtschaftliche Massenkämpfe, politische Massenstreiks usw. Darüber zu sprechen ist jetzt aber keine Zeit..."
Die Entscheidung fiel kurz vor Mitternacht, als der Kurier die Meldung brachte, dass die Polizei anfing, das Viertel erneut abzuriegeln! In der „Roten Nachtigall" wurde das Licht gelöscht, die Rolljalousie vor der Tür zum Hof ging hoch und durch den engen Hausflur drängten sich die Arbeiter auf die Straße.
Kurt stand mit Hermann noch einen Augenblick auf dem Hof und sprach leise über Anna. Von dem Augenblick an, wo er den Polizisten entwaffnet hatte, wusste er nichts mehr von ihr. Eben erst, in dem Lokal, hatte ihm eine Frau aus der Nachbarschaft erzählt, dass Anna verhaftet und der Junge durch eine Genossin nach Hause gebracht worden war. Jemand hatte gesehen, dass sie von dar Polizei geschlagen wurde. Das war alles. — Die Ungewissheit machte ihn halb verrückt. Dass sie nichts aussagen würde, wusste er, aber sie konnte durch Polizeizeugen eine Anklage wegen Aufruhrs, Widerstand, oder Gott weiß was sonst noch erhalten und auf Jahre ins Gefängnis kommen . . .
Nur mit Mühe brachte ihn Hermann davon ab, jetzt selbst auf die Polizeiwache zu gehen, um nach ihr zu suchen. Kurt war als Kommunist bekannt; sie hätten ihn nur gleich mit dabehalten. Vielleicht hätte er es doch noch getan, wenn er gewusst hätte, wann und
wie er sie wieder sehen würde.

Das Poltern der Balken auf der Straße alarmierte die Gasse. Türen schlugen. An den Häusern liefen welche entlang. Jemand rief aus einem Fenster hinunter in die Dunkelheit, aus der der Lärm drang. In den Treppenfluren flammten Kerzen und Petroleumlampen auf. Frauen kamen mit Lampen in den Händen in die Toreinfahrt herunter und hörten, wie die Männer vor der „Roten Nachtigall" zwischen den Brettern und eisernen Rohren herumarbeiteten. — Als die ersten mit Balken und Stangen über den Schultern die Gasse heraufkamen, wussten sie Bescheid. In wenigen Minuten war alles in Bewegung.
„ Licht hierher!" schrie eine helle Stimme. Man konnte nicht die Hand vor den Augen sehen. Die schwankenden Lichter kamen durch die Dunkelheit auf die Männer zu und beleuchteten notdürftig die wirr durcheinander liegenden Trümmer der gestrigen Barrikade vor der „Roten Nachtigall". Überall in den Toreinfahrten tauchten helle Flecke auf und Hefen an den Häusern entlang zur Arbeitsstelle. —.
Holz zersplitterte. Mit einem springenden Knall flog die Tür der Baubude auf. Das Handwerkszeug, das für die Straßenarbeiter bereit lag, ging rasch von Hand zu Hand. ,,He, träum' nich — pack' an, los!" Hacken, Spaten und Äxte klirrten auf dem Asphalt. Was an Brettern, Stangen usw. herumlag, wurde mitgenommen. —
Hermann dachte zuerst, die sind total verrückt geworden! Als der Zug mit Leuten, die das Material schleppten, durch die Gasse marschierte — zwischen den grotesken Schatten der Balken und Stangen liefen die Frauen mit ihren Lampen — fingen die Kerle auf einmal an zu singen, laut zu singen, als wenn sie auf einer Demonstration im Lustgarten wären.
„ Wollt ihr die Schnauze halten! — Ihr hetzt uns ja die Polizei auf den Hals!" rief Hermann wütend. Wie kann man mitten in der Nacht, in dem totenstillen, abgeriegelten Viertel, wo ein paar hundert Meter weiter vielleicht die Maschinengewehre der Polizei stehen, anfangen die „Internationale" zu brüllen?!-------
Nichts zu machen! Als wenn eine vertrocknete, durstige Erde Wasser säuft, sprang die Melodie auf die Menschen über, auf die ganze Gasse. In den schwarzen, offenen Fensterlöchern lagen Frauen, schrien und winkten herunter. Aus den Toren kamen sie herausgelaufen, der ganze Damm war auf einmal voll Menschen, die sangen und lachten. Die tanzenden Lichtpunkte malten lange durcheinanderlaufende Schatten an die hohen Hausfronten.
Neben sich sah Hermann eine alte Frau, die mit der Hand sorgfältig, als wäre es das allerwichtigste von der Welt, den Glaszylinder einer Küchenlampe vor dem Windzug schützte. Darüber lag, als heller Kreis, ein ausgemergeltes Gesicht, in dem die Augen wie zwei dunkle Schattenlöcher aussahen. Die dünnen, blutleeren Lippen bewegten sich mit den Singenden.
„ Verrückt . . . total verrückt!" dachte Hermann, aber er meinte
es ganz anders . . .

Kurz vor der Wiesenstraße hielt der Zug. Hacken und Aexte flogen herunter. Krach . . . krach . . .! Die Funken sprühten von den Steinen hoch. Links und rechts wurde zuerst das Pflaster aufgerissen, und die schweren Steinplatten mit Brechstangen ausgehoben.
„ Hau rrruck . . . hau ruck . . ! Vorsicht, Genossen, Beene weg!"
Rrrumms . . .!
Drei junge Arbeiter kamen mit einem schweren Gaskandelaber auf den Schultern aus der Dunkelheit der Gasse in den Lichtkreis.
„ Achtung . . . Platz da!" ... Krrrach. Das eiserne Rohr fiel quer über den Damm.
„ Hierher Licht . . . Grete, leuchte doch mal . . .!" Die Frauen liefen mit den Lampen hin und her. — Plötzlich tönte aus der Wiesenstraße ein kurzer, dumpfer Knall. Eine Leuchtrakete stieg hoch.
„ Hinlegen", schrie jemand. Sekundenlang war die Straßenecke in grelles, grünes Licht getaucht. Flackernde, lange Schatten fuhren mit dem Sinken der Leuchtkugel über die Häuser. Zischend und qualmend verlosch die Rakete kurz vor der Barrikade auf dem Asphalt. — Die Polizei hatte eine Patrouille vorgeschickt. Nur aus Furcht, ihren Standort durch das Mündungsfeuer zu verraten, schossen sie nicht. —
Vorsichtig schoben sich drei Schatten vor die Barrikade, dicht an die Häuser gepresst. Regungslos standen sie eine Weile an der Ecke der Wiesenstraße, verwachsen mit dem Grau der Mauern. Eine unvorsichtige Bewegung, schräg gegenüber in einem Hausflur, verriet durch das Funkeln der vernickelten Waffenknöpfe die Polizeipatrouille. Die Lichter hinter der Barrikade verschwanden.
Peng , . . peng . . .!
In dem Eingang gegenüber zersplitterten die Glasscheiben. — Nach einem kurzen, scharfen Feuergefecht zog sich die Polizei zurück. Die Arbeit hinter der Barrikade ging weiter.
Kurt kam mit den beiden anderen wieder zurück in die Gasse. Er war unruhig geworden. Die Polizei musste natürlich gesehen haben, was hier vor sich ging. Er sprach kurz mit Hermann und verschwand in der Dunkelheit.
Unten vor der „Roten Nachtigall" war alles still Das Pflaster war meterweit am Ende der Gasse aufgerissen, der Damm mit großen Steinen übersät. So leicht kam hier kein Auto durch. Die Posten halten nichts Auffälliges bemerkt. — Vorsichtig ging er weiter. In einem Hausflur standen ein paar Frauen und sprachen leise miteinander. Sie erkannten ihn erst, als er dicht vor ihnen stand. Nein — hier war auch alles in Ordnung.
In der Reinickendorfer Straße war es dunkel und still. Eine Autotaxe kam ratternd vom Nettelbeckplatz die Straße hoch. Kurz vor der Wedding Straße flammten die Scheinwerfer auf und beleuchteten die Gegend. Von der anderen Seite der Straße wurde der Wagen angerufen. Das Licht brannte weiter. Erst als ein Stein die Scheiben zertrümmerte, wurde der Scheinwerfer abgedreht; der Chauffeur gab Gas und verschwand mit höchster Geschwindigkeit,
Kurt pfiff durch die Zähne. Verdammte Schweinerei . . .! Das war kein Zufall mit dem Auto. Am Nettelbeckplatz stand die Polizei ...?| — So schnell er konnte, rannte er zurück.





X. Stoßtrupp G

 

Aus dem verdunkelten Hausflur der Revierwache 95 tauchten runde, stumpfglänzende Stahlhelme auf Zwanzig, dreißig . . . Der tiefe Eisenrand verdeckte fast die jungen Gesichter darunter.
Ein glimmender Zigarettenstummel [log auf die Erde, der Wind pustete Funken in die undurchdringliche Finsternis, die die Mannschaften empfing. Karabiner und Koppelzeug klapperten leise Eine gerade Schattenlinie, nur durch das Blinken der Uniformknöpfe unterbrochen, zog sich fast lautlos, dicht an den Häusern bis zur Brücke hin. Hinter dem stumpfen Winkel der Ecke begann die Wiesenstraße. Sie blieben stehen. — Eine untersetzte Gestalt, in eng anliegender Uniform, löste sich von der Wand und trat geräuschlos! ein paar Schritte vor.
Leer und dunkel lag der breite Damm der Wiesenstraße vor dem Offizier. Auf der linken Seite, etwa in der Mitte der Straße, war ein dunkles Loch — die Gasse! Nur auf dem unteren Rand bewegten sich kleine, winzige Lichter, deren dürftiger Schein schon in Armlänge von der Finsternis aufgesaugt wurde. Ab und zu trug der Wind ein dumpfes Gepolter herüber. Unter dem Stahlhelmrand suchten die Augen mit einem Nachtglas Häuser und Dachkanten ab. Umsonst, Himmel und Häuser waren eine glatte, undurchdringliche Wand.
Hinter ihm war es lautlos still. Die Mannschaften standen tief in die Schatten der Tornischen und Häuser gedrückt. Die schweigende Finsternis war unheimlich. Diese Leere der Straßen, die schwarzen Fensterlöcher, bei denen man nicht einmal genau sehen konnte, ob sie offen oder geschlossen waren, — die Höfe und Hinterhäuser der Gasse, die hinter der Brücke in den Schatten vergraben lagen. . .
Zum erstenmal hingen an ihren Koppeln scharfe Handgranaten, bei jeder Bewegung fühlten sie die Holzstiele an ihrem Bauch-------.
Der Offizier kam zurück. Einige kurze, geflüsterte Kommandos. Mit einem leisen, metallenem Knacken wurden die Karabiner entsichert.
„ Ausschwärmen!"
Die fünf Ersten hatten die Karabiner an dem Lederriemen um den Hals gehängt. Der Fünfte links war Wachtmeister Schlopsnies. — Die sonst so ruhigen Hände des jungen Polizisten zitterten, als er den Blechdeckel vom Stiel der Handgranate schraubte, um sie zu entsichern. Die kleine Porzellankugel an der Schnur, durch die die Granate zur Explosion gebracht wird, fiel heraus und pendelte zwischen seinen unruhigen Fingern hin und her. Er zitterte so heftig, dass er sich fürchtete, sie zu berühren . . . sein ganzer Körper flog. Jemand stieß ihn in der Dunkelheit versehentlich an. Erschrocken zuckte er zusammen. Ein Ladestreifen fiel mit lautem Geklapper auf das Asphalt. Der Offizier unterdrückte zischend vor Wut einen Fluch. In dem dunklen Loch auf der linken Seite der Straße verloschen plötzlich die Lichter. „Mist verdammter ... da haben wir die Sauerei . . .!" Der Offizier riss die Pistole heraus. Seine hohe, 6charfe Stimme zerschnitt die Stille.
„ Feuer. . .!!"
Brä . . . ck — eine Karabinersalve peitschte in das Loch.
" Sturm ... m ... marsch . . . maaarsch!!"
Schreiend rannten sie mit aufgerissenem Mund mitten hinein in die schwarze Wand „Hö . . . hööö . . Fen . . . ster zu ... !"
Schlopsnies riss an der Schnur — sein Helmrand stieß gegen jemand — er stolperte, brüllte vor Angst — die Handgranate glitt aus seinen Fingern — er lief ohne Besinnung weiter. Einige Meter hinter ihm zerriss die krepierende Granate krachend das Pflaster. Dreck und Steinsplitter überschütteten ihn — —.
Vor dem Eingang der Gasse flammten die gellenden Detonationen der Handgranaten. Die Gasse, die Wände, die Dächer, die ganze unheimliche Nacht waren auf einmal lebendig geworden. Von oben knallten Steine auf den Damm, Mündungsfeuer zuckte. Dicht vor Schlopsnies haute ein schwerer, eiserner Gegenstand hin, der Luftdruck hatte ihn gestreift. Er riss das Gesicht nach oben, der verfluchte Helm , . .! Man sah und hörte nichts unter dem Ding. Vielleicht schmeißen sie was von den Dächern? Um Deckung zu suchen, rannte er dicht an die Häuser heran. — Aus dem dunklen Loch der Gasse gellte ein langgezogener, aufheulender Schrei . . . Peng . . .
peng . . . tak-tak-ak-tak---------------, die Maschinengewehrpistolen
zerhämmerten das Brüllen des Menschen. Einmal hörte er deutlich die Stimme des Offiziers weit weg. Schlopsnies sah niemand mehr. Die Angst würgte ihm den Hals zu, er war — allein, allein in dieser Hölle, die die Gasse ausspie. Sinnlos knallte er in die Fenster der gegenüberliegenden Häuser. Ein Schatten rannte dicht an ihm vorbei — zurück?!
Mit einem hohlen Aufschlag krachte ein großes Holzstück von oben auf das Pflaster, ausgespuckt von der Nacht. Wieder liefen welche an ihm vorüber. Polizisten? — Rote? Er schrie hinterher, niemand hörte es. Seine Füße blieben stehen, er konnte nicht rennen . . ., in den Ohren brüllten Schüsse und Detonationen. Ein Stein schlug gegen seinen Helm und prallte springend ab. „Hööö . . . Hö . . . Haaaalt!" schrie er los. Er rannte stolpernd im Zickzack über den Damm. — „Ich habe eine Kugel im Kopf . . . mitten im Kopf . . . alles ist kaputt ... es ist aus...!"
An der Brücke tönte zweimal kurz hintereinander die Signalpfeife des Offiziers. In kurzen, schnellen Sprüngen liefen die Mannschaften zurück und sammelten sich hinter der Straßenecke. Der Vorstoß war missglückt!
Die Menschen auf der dunklen, engen Treppe machten schnell Platz, als sie jemand herauftrugen. Eine junge Frau beleuchtete mit einer Taschenlampe die Stufen. Einer hatte dem Verwundeten von vorn unter die Arme gegriffen und zwei hielten unten die herabhängenden Füße,
„ Aah . . .a ah . . . . ech . . .!"
Das leise Wimmern und Stöhnen drang durch das ganze Treppenhaus. Auf dem ersten Absatz stand Hermann und stieß die Tür zu seiner Wohnung auf. Es lagen schon mehr da ...
Einen Augenblick glitt das Licht der Lampe über die stummen, erschrockenen Gesichter der Frauen, die herumstanden.
„ Der kleene Otto . . .", sagte eine halblaut, nach dem sich die Tür hinter den Trägern geschlossen hatte. —
Hermann schob rasch den Tisch in die Stube unter die Lampe. Vorsichtig setzten sie ihn auf der Platte ab. Einer legte ein Kissen unter den Kopf. Jetzt konnte man es erst richtig sehen: Das eine Hosenbein war unten ein einziger Blutlappen — —.
Dum-Dum-Geschoss, dachte Hermann und biss die Zähne zusammen. Das Fußgelenk war vollkommen zerschossen! Er riss aus dem Schrank ein paar Leinentücher heraus, das Verbandszeug war längst verbraucht. — Während sie versuchten, so gut es ging den Brei von Blut, Fleischfetzen und Knochensplittern zu verbinden, lagen die Hände der jungen Frau, die mit heraufgekommen war, um das kalkweiße, schmutzige Gesicht Ottos. Einmal bog sie ihre Hände zurück, sie zitterten zu sehr. —
Niemand kannte die junge Arbeiterin, sie war nicht aus der Gasse. Aber Hermann erinnerte sich, dass er sie ein paar mal gesehen hatte, wie sie in dieser Nacht versuchte, bei den Kindern und später bei den Verwundeten zu helfen. Kurt erzählte nachher, dass es die junge, sozialdemokratische Tabackarbeiterin von Manoli gewesen war, die er auf dem Nettelbeckplatz im Gespräch mit einer Jugendgenossin getroffen hatte . . .
Kurz vor 4 Uhr kam der entscheidende Überfall. Acht geschlossene Autotaxen fuhren dicht hintereinander in scharfem Tempo dicht an die Barrikade heran. Die Posten am Nettelbeckplatz hatten die Taxen im guten Glauben ungehindert passieren lassen.
Noch ehe die Arbeiter an der Barrikade Deckung nehmen konnten, sprangen in Zivil gekleidete Polizeibeamte aus den Wagen und eröffneten ein wütendes Schnellfeuer in die Gasse. Mit auf den Mann gerichteten, entsicherten Pistolen, zwangen sie die dreizehn Arbeiter, die ihnen in die Hände gefallen waren, die Barrikade abzubrechen. Die Verhafteten benutzten sie als Kugeldeckung gegen die Angriffe aus der Gasse.
Bei dem ersten Angriff hatte Kurt wenigstens noch ein kleinkalibriges Terzerol besessen — in seiner breiten, schweren Hand mehr ein Spielzeug wie eine Waffe. Immerhin hatte er das Gefühl gehabt, nicht völlig hilflos dazustehen. Als er jetzt in die Tasche griff, stellte er mit Entsetzen fest, dass er das kleine Ding vorhin beim Balkenschleppen verloren hatte. An Ersatz war nicht zu denken. Alles Fluchen half nichts. Also wenigstens so tun, als ob . . die Bande kriegt ja schon Angst, wenn es bloß knallt. Mitten auf den leeren, dunklen Damm kniete er sich, holte die Terzerol-Zündhütchen aus der Tasche und legte eins nach dem anderen sorgfältig vor sich auf einen ausgerissenen Pflasterstein.
Peng ... es krachte ganz schön! Der Nächste — peng . . .! Mit der Zeit bekam er Übung darin, das Zündhütchen mit einem kleinen Stein in der Faust zur Explosion zu bringen. Drei, vier von den kleinen Kupferdingern legte er nebeneinander . . . krach! Das hörte sich schon eher nach etwas an.
Sssss . . .t pffffi . . . ff klatsch! Dicht um seinen Kopf pfiffen die Kugeln der Polizisten, die das Aufblitzen seiner Zündhütchen für Mündungsfeuer hielten und wütend darauf los knallten. Links und rechts spritzte das Blei in das Pflaster. — Kurt saß als einzigster mitten in der Gasse und schlug Zündhütchen kaputt. Wie auf dem Rummelplatz: Haut dem Lukas! Je mehr die schossen, desto wilder wurde er. Die Gasse war ein derart schwarzes Loch, dass ihn nur ein Zufall treffen konnte. Er merkte nicht, dass er an beiden Händen schwarz gebrannte Wunden hatte. Er merkte überhaupt weiter nichts, als dass es knallte, wenn er traf, Knallen war die Hauptsache, solange es knallt, kommen die Kerle nicht herein in die Gasse. Wenn sich die Polizei jetzt schon da vorne festsetzt, war alles aus, kein Mensch kam mehr aus dieser verdammten Mausefalle . . .!
Nach 15 Minuten zog sich die Polizei mit den Gefangenen von der halbzerstörten Barrikade zurück, aber nur soweit, dass sie von den umliegenden Häusern der Wiesenstraße auch den Eingang der Gasse unter Feuer halten konnte. Auf jeden Schatten, der sich hinter der Barrikade bewegte, hämmerten die Maschinengewehrpistolen. —
Durch den hinterlistigen Autoüberfall war die wichtigste Position der Arbeiter ohne Widerstand verloren gegangen.

In dem finsteren Hausflur tastete sich Kurt mit der Hand an den Wänden zur Treppe hin. Plötzlich griff er in das warme, weiche Gesicht eines Mädchens, das sich unter seiner Hand zurückbog. Die unerwartete Berührung wirkte auf beide, wie eine fremde, feindliche Empfindung. Mitten in der kalten Einsamkeit war da auf einmal die warme, körperliche Nähe eines Menschen . . . irgend eines, der für den Bruchteil einer Sekunde alles verwandelte in eine flüchtige Traurigkeit, die zugleich wach und klarsichtig machte.
In diesem Augenblick sah Kurt die kommenden Ereignisse des Morgens zum erstenmal ruhig und selbstverständlich vor sich. Er war zu sehr mitten darin gewesen, um im Kampf etwas anderes zu wünschen als ein Maschinengewehr mit einem unendlichen Patronengurt. Die Beziehung zu dem politischen Ausgangspunkt dieser Vorgänge hatte er schon lange verloren. Aber jetzt kam alles wieder — und diesmal mit unerbittlicher Schärfe . . .
Seit einer Viertelstunde war alles stehen geblieben. Die Gasse draußen lag still und regungslos im Dunkeln. Kein Schritt war zu hören, keine Türe knarrte. Stumm und unsichtbar lauerten irgendwo Gesichter; auf Treppen und Fluren standen Menschen im Finstern — und warteten. Es war, als wenn ein Mensch plötzlich den Atem anhält aus Furcht, den dünnen Ton eines winzigen Geräusches zu überhören. Aber alles bleibt stumm, unerträglich stumm . . . Wenn, sie doch wenigstens draußen wieder schießen möchten . . .!
„ Sie werden erst kommen, wenn es hell ist", sagte das Mädchen ruhig und lehnte sich wieder an die Wand.
„ Ja, dann natürlich . . ."
Kurt stand noch immer vor ihr, ohne dass sie sich sehen konnten. Es war gut, diese ruhige, etwas tiefe Stimme zu hören. Einen Moment hatte er sich eingebildet, es könnte Anna sein, die er berührt hatte. Wer weiß, wo sie jetzt war I Merkwürdig, dass es ihm in diesem Augenblick ziemlich egal blieb. Vielleicht hätte er sich mehr beunruhigt, wenn sie noch in der Gasse gewesen wäre. Für die, die draußen waren, war alles erledigt ... so oder so. Übrigens musste er die Stimme des Mädchens schon einmal gehört haben! Er war zu müde, um darüber nachzudenken, es war ja auch schließlich ganz gleichgültig
Oben auf dem Treppenabsatz schlug eine Tür, Stimmen sprachen halblaut durcheinander und dann kamen langsame, vorsichtige Schritte die Treppe herunter, als wenn sie einen tragen.
„ Das wird Otto sein", sagte das Mädchen, „seine Mutter weiß es noch gar nicht ... wir haben ihr gesagt, dass Otto als Kurier fortgeschickt wurde."
Ü ber den Treppenflur flackerte der Schein einer Taschenlampe und kurz darauf bogen sie mit einer Tragbahre um die Ecke. — Als sie über den Hof nach dem hinteren Durchgang zur Panke gingen, öffnete sich an der dunklen Hausfront ein Fenster. Jemand beugte sich hinaus und. schloss es wieder, da nichts zu erkennen war. Die kleine Truppe mit dem Verwundeten verschwand lautlos zwischen den Höfen und Hinterhäusern. Diese Transporte gingen schon die ganze Nacht hindurch.
„ Sieh zu, ob du auch dahinten wegkommst", sagte Kurt zu dem Mädchen. Er bekam keine Antwort mehr — sie war fort. Merkwürdig, dass er nicht einmal wusste, mit wem er gesprochen hatte. . .





XI. Frühlicht . . .

 

„Berger, warum sind die Meldungen noch nicht da?
„ Es ist erst zehn Minuten vor sechs Uhr, Herr Präsident", antwortete der Beamte und richtete sich etwas in seinem Sessel auf. Vor ihm standen eine Reihe Telefongeräte, von denen eine Leitung direkt mit dem Polizeipräsidium Alexanderplatz verbunden war.
Das große, behaglich eingerichtete Zimmer, in dem der Präsident seine unruhige, lautlose Wanderung auf dem Teppich wieder aufnahm, war erfüllt mit der seltsamen Atmosphäre einer durchwachten Nacht, Stunde um Stunde unerträglich gesteigert durch die regungslose Gespanntheit isolierter und untätiger Unsicherheit. Wiederholt war er an der Tür stehen geblieben und hatte auf die halblauten Stimmen der Wachmannschaften, die seit einigen Tagen in der Zehlendorfer Villa stationiert waren, gelauscht. Am liebsten hätte er den Lautsprecher in der Ecke angestellt oder das Grammophon spielen lassen, nur um irgendein Geräusch in diese Stille zu bringen und um die Nacht kürzer zu machen.
Der Beamte im Sessel schlief schon wieder.
Vor einer halben Stunde hatte das Innenministerium zum dritten Mal in dieser, Nacht telefonisch den Einsatz der bereitgestellten Reichswehrformation angeboten und er hatte abgelehnt. In die Hand hatte es ihm kurz nach Mitternacht der Polizeikommandant versprochen, dass mit dem Morgen des 3. Mai jeder Widerstand endgültig gebrochen sein wird. Zehn Minuten später hatte das Auto des Kommandeurs mit sämtlichen Vollmachten in der Tasche die Villa des Präsidenten verlassen, und bis jetzt war vom Alexanderplatz noch nicht eine einzige vernünftige Meldung zu kriegen gewesen. Ob er nicht vielleicht doch lieber hätte selber herunterfahren sollen . . . ? Aber der Kommandeur wollte ja absolut nichts davon wissen!
Nervös legte er die Zigarre fort, er vertrug das schwere Zeug anscheinend nicht mehr.
„ Berger —, wie spät ist es?"
Der Beamte fuhr zusammen. „Zwei Minuten vor 6 Uhr, Herr Präsident." Nach einer Weile setzte er hinzu: „Vielleicht sollten Herr Präsident einen starken Kaffee trinken?" Er machte dabei im Sessel eine halbe, schiefe Verbeugung vor seinem Chef. Erst als er sah, dass der Präsident gar keine Notiz davon nahm, ließ er sich wieder schweigend in den Sessel zurückfallen. — Wenn alles gut geht, dachte er, bekomme ich wahrscheinlich zwei Tage Sonderurlaub. Übrigens möchte ich jetzt nicht in seiner Haut stecken! Wie dem wohl zumute ist ... schöner Sozialdemokrat! . . . seine Gedanken fielen schon wieder durcheinander.
Die breite, etwas wulstige Gestalt des Präsidenten stand am Fenster. Er schob den schweren Samtvorhang beiseite. Das erste graublaue, kalte Aufdämmern des Morgens sah durch die hohen Fenster und vermischte sich mit dem goldgelben Schein des elektrischen Kronleuchters zu einem unangenehm toten Licht.
Vor dem schmiedeeisernen Parktor sah der Präsident die feuchtglänzenden Tschakos der Doppelposten, die frierend die Stiefel gegeneinander schlugen. Hinter den verschlafenen, taubehangenen Gärten des stillen Villenvororts kroch ein graufahler heller Streifen herauf. Der 3. Mai!
Das fette, schweißnasse Gesicht fiel mit einem leisen, weichen Aufschlag gegen die kühlen Glasscheiben. Die Stunden des untätigen Wartens hatten die stiernackige Brutalität des ehemaligen Metallarbeiters angefressen wie eine zersetzende Säure.
In dem toten Frühlicht erstarrte das aschfarbene wulstige Gesicht des Präsidenten, mit dem ausdruckslosen, glasigen Blick, zu einer gelben, furchtverzerrten Fratze . . .
Das Telefon läutete.
Der Beamte sprang auf und riss den Hörer hoch. Das schrille Läuten brach sofort ab.
„ Halloh . . . halloh . . . jawohl, Zimmer des Herrn Präsidenten!
------ja, ich schreibe .... ja ... ja ... sofort!" Der Beamte drehte
sich, den Hörer in der Hand, um:
„ Herr Präsident, das Gruppenkommando Nord ist am Apparat — die Aktion hat vor 5 Minuten begonnen!"
Das müde Gesicht des Präsidenten entspannte sich — er lächelte.
Zwei, drei Stufen auf einmal flog Grete in Nr. 3 die Treppen herunter, dicht hinter ihr die junge, dunkelhaarige Tabakarbeiterin von Manoli. Türen schlugen laut zu und wurden von innen verriegelt. Ein Blecheimer trudelte lärmend die Stufen herab und blieb achtlos in einer Ecke liegen. Von der Straße dröhnte das harte Poltern des Panzerwagens durch das ganze Haus.
Tak . . . tak . . . tak . . . tak . . . rrrrrrtak ... .! Das kurze, spitze Bellen eines Maschinengewehrs. Von den grauen, schmutzigen Flurwänden rieselte Kalk und Staub. Aus einer Tür, die hinter ihm zuknallte, kam noch ein Dritter hinter den beiden Mädchen her und stolperte schwerfällig die Stufen herunter. Es war noch zu dunkel auf den engen Treppen.
Gerade als Grete die unterste Stufe erreicht hatte, um durch den Hausflur über den Hof nach hinten zu flüchten, wurde das Tor aufgerissen, In dem grauen Morgenlicht stand die scharfumrissene Silhouette eines Menschen mit bloßem, wirren Kopfhaar. Der linke Ärmel hing steif herab, über die Hand sickerte etwas Schwarzes, Feuchtglänzendes. Der Zeitungsausträger vom „Vorwärts" war angeschossen worden von der Polizei.
Durch das halboffene Tor hörte Grete die laute Stimme eines Offiziers. Stahlhelme und Nickelknöpfe blinkten in einem Dunstschwaden von Frühnebel und Pulver. Ein Polizist rannte mit erhobenem Karabiner vorbei, es wimmelte in der Gasse von brüllenden und schießenden Mannschaften. — Mit einem dumpfen Knall wurde der Torflügel zugefeuert und der Bildausschnitt der Gasse von dem Dunkel des Hausflurs verschluckt. Die Tabakarbeiterin hatte das Tor geschlossen und versuchte jetzt, die schwere Eisenstange in die Hacken zu heben.
Kolben donnerten gegen das Tor.
„ Aufmachen . . , oder es wird geschossen!!", schrie jemand von außen.
„ Schnell, schnell . . . macht dass ihr fortkommt", flüsterte sie erschrocken, während sie sich immer noch anstrengte das Eisen fester in die Hacken zu stoßen, die nur mit wenigen Zentimetern den Rand der Stange fassten. Grete riss den Verwundeten mit sich über den Hof. Sie glaubte, dass das Mädchen hinter ihr herkam.
Mit übermenschlicher Anstrengung hing sich die Tabakarbeiterin mit ihrem ganzen Körpergewicht an die Eisenstange. Ihr schmaler, fliegender Leib war an das Holz gepresst, gestoßen von den Kolbenschlägen, mit denen die Polizisten von außen gegen das Tor hämmerten. Nur festhalten . . . war ihr einziger Gedanke . . . sonst sind die beiden verloren!
Von einem furchtbaren Stoß gegen die Tür schlug ihr Kopf hart auf das Holz und fiel betäubt nach hinten über . . . die Hände glitten langsam aus der Umklammerung . . . das Schlagen und Schießen wurde in ihren Ohren zu einem gurgelnden Brausen. Mit einem metallenen Ton sprang das Eisen aus den Haken — das Tor war auf,
Es war mehr ein Wanken, als eine Flucht, dass sie versuchte, jetzt noch den Hof zu erreichen. Peng ... sie warf mit gespreizten Fingern die Arme hoch, ihre Knie stießen nach vorn und dann fiel sie ohne einen Laut mitten im Hausflur auf das Gesicht . . .
Flur und Hof wurden besetzt, die Haussuchungen begannen. Stundenlang lag die junge, dunkelhaarige Tabakarbeiterin zwischen Blut und Dreck auf dem grauen Steinboden. Die Polizisten mochten sie für tot halten, sie ließen niemand heran. Einmal trat einer von den Mannschaften zu ihr, beugte sich herunter und hob mit den Fingerspitzen einen feuchten Stofflappen von ihrem Rücken hoch. Es war alles ein schwarzer, nasser Brei von Blut, Fleisch und Tuchfetzen.
„ Was das auf so kurze Entfernungen für Wirkung hat, was?", wandte er sich an einen Kameraden und ließ den Lappen wieder fallen. Einige Stunden später war die Tabakarbeiterin — Sophie
Herder — tot.

Haus für Haus wurde besetzt, die Wohnungen durchwühlt, Schränke aufgerissen, die Kinder aus den Betten geholt, die Matratzen flogen auf die Dielen. Wo waren die Roten? Wo ihre Waffen? Die Weiber standen in ihren Wohnungen neben den Polizisten, hatten die Arme in die Hüften gestemmt und hielten den Mund. Nicht ein Wort war aus ihnen herauszukriegen.
Sucht euch doch eure „Dachschützen", wenn ihr sie haben wollt?"
„ Wo ist Ihr Mann?"
„ Wees ick, wo der is, bin doch nich seine Kinderfrau!"
„ Haben Sie Waffen in der Wohnung?"
„ Gewiss doch . . . Messer und Jabel, ne Kochkelle ooch!"
„ Verdammte Brut!"
Neben dem Panzerwagen, der vor Nr. 6 hielt, stand der Abgeordnete G. in seinem großen, schwarzen Hut und protestierte gegen die willkürlichen Verhaftungen. Seine Gegenwart schützte die Verhafteten vor unmittelbaren Misshandlungen auf der Straße. Wahllos verhaftete die Polizei alles, was ihr in die Hände fiel. Sollte man etwa Berlin das Schauspiel bieten, dass eine Handvoll Proleten Tausende von Polizisten, ausgerüstet mit den modernsten Waffen, drei Tage lang im Schach gehalten haben?
„ Die Kerle sind noch drin! Herr Abgeordneter . . . Und wir werden sie schon noch herauskriegen, verlassen Sie sich darauf!"
Wütend stürzte der Offizier wieder in das nächste Haus. Vielleicht hätte er Kurt gerade noch erwischt, wenn er nicht vorher so gebrüllt hätte,
Kurt kannte die Gasse mit ihren Höfen und Durchgängen wie seine Westentasche. Von Haus zu Haus war er geflüchtet. Immer, wenn er sah, dass das Haus durchsucht werden sollte, gelang es ihm noch durch irgendwelche Gänge und Schlupfwege in das Nachbargebäude zu kommen. Er hörte die Stimme des Offiziers, hatte kaum Zeit über den kleinen Hof zu rennen, war mit einem Satz auf dem Müllkasten und rüber über die Mauer. Während er sich auf der anderen Seite herunterfallen ließ, knallten die Pistolenkugeln des Offiziers gegen die Wand. Kalk und Dreck überschütteten ihn.
Jetzt hatten sie ihn gesehen, in wenigen Sekunden würde auch dieses Haus durchsucht werden. Er wusste, was ihm bevorstand, wenn sie ihn bekamen. Sie kannten ihn zu gut auf der Uferwache. Mit ein paar Sätzen hatte er die Kellertreppe erreicht, in einem Sprung die Stufen herunter. Links wohnte ein Sympathisierender, rechts war im Dunkeln eine kleine, niedrige Tür, für einen Unkundigen kaum sichtbar. Er hörte schon das Trampeln der genagelten Stiefel auf dem Hof. Vor die Kellertür schob er allerlei Gerümpel was herumstand und zog die Tür leise hinter sich zu. Entweder — dachte er — bin ich jetzt gerettet oder in einer Falle!
Er schrak zusammen. Etwas hatte sich bewegt. Er hatte das bestimmte Gefühl in dem engen Loch, das oben unter der Decke nur ein schmales Fenster mit einer zerbrochenen, schmutzigen Scheibe hatte, nicht allein zu sein. Mit angehaltenem Atem lauerten zwei aufeinander, keiner bewegte sich. Langsam gewöhnte sich Kurt an das Dunkel. In der Ecke saß ein regungsloser, dunkler Klumpen.
Auf dem Hof wurde geschossen, eine Fensterscheibe klirrte und zersprang kurz darauf scheppernd auf den Steinen. Der Lichtschacht verdunkelte sich plötzlich, es stand jemand davor.
„ Der Hund muss noch hier irgendwo sein", rief ein Polizist. Schritte polterten die Kellertreppe herunter. Kurt stand immer noch dicht an die niedrige Kellertür gepresst, er hörte den keuchenden Atem der Polizisten auf der anderen Seite. Der schwarze Klumpen in der Ecke hockte regungslos.
Einer stieß mit den Absätzen gegen die Tür der Kellerwohnung nebenan. „He . . . aufmachen, Polizei!"
Eine schimpfende Weiberstimme antwortete, dann knarrte die Tür. „Wat woll'n Se . . . hier is keener . . . meen Mann is in de Halle!"
Sogar die paar Möbelstücke rückten sie ab. — Fluchend stiegen sie nach 5 Minuten wieder die Treppe hinauf. —
„ Schwein gehabt, wat?" flüsterte der Klumpen nach einer Weile. — Es war ein Obdachloser, der hier sein Quartier aufgeschlagen hatte. Wenn sie ihn geschnappt hätten, wäre er als „Aufrührer" mit hochgegangen, wie jeder andere, den sie an diesem Morgen zu fassen bekamen.
Immer noch wurde draußen geschossen. Für den Moment war Kurt gerettet. Er setzte sich auf eine umgestürzte Kiste, vergrub das müde Gesicht in den Händen und versuchte nachzudenken. Wo war Hermann ... wo Anna? . . . und das Mädchen von heute Nacht in dem Hausflur? . . . wo waren denn alle die anderen? Rechtzeitig geflüchtet oder vielleicht schon in den Händen der Polizei, wie Anna . . ?! Was war überhaupt jetzt draußen los? Warum schießen denn die immer noch . . auf wen nur? — Und dann . . was kam jetzt? Das kann doch nicht alles so vorbeigehen. Morgen werden die Zeitungen wieder lügen. . . .Morgen? Richtig . . . morgen wird er ja wohl wieder auf den Bau gehen müssen, Beton
schleppen.-------Werden die Arbeiter in Berlin einfach still sein . . ?
Man muss doch jetzt sofort losgehen . . . aufrütteln, aufklären, sagen, wie alles gewesen ist . . die vielen sozialdemokratischen Arbeiter! . . Der alte Tölle auf dem Bau . . . was der jetzt wohl machen wird ?! ...
Plötzlich wurde ihm das alles zu eng in dem dumpfen Keller. Er musste raus aus dem Loch. . .
„ Biste verrückt?" sagte der andere. „Wo wills'te denn jetzt hin?"
„ Die Genossen suchen!" antwortete Kurt einfach und schob die Kellertür zurück.





XII. „Der Polizeipräsident teilt mit . . . "

 

 

4. Mai 1929 (Polizeibericht).
„ Im Laufe des Freitag und der Nacht zum Sonnabend sind schwerverletzt in die städtischen Krankenanstalten eingeliefert worden und später in den Krankenhäusern verstorben: Hermann Landenberger, 25 Jahre, Wohnung unbekannt, Brustschuß; Ernst Maschloch, 20 Jahre, Wohnung unbekannt, Bauchschuss; Martin Baledowski, 21 Jahre, Harzer Straße 2, Brustschuß; Otto Scherwat, 17 Jahre, Neukölln, Einhornstraße 7, Bauchschuss; Charl. Makay, Korrespondent der „Waitara Daily", New Zealand, 46 Jahre, Bauchschuss. Die vorgenannten Personen verstarben im Krankenhaus Buckow. Außerdem Otto Engel, 19 Jahre, Ackerstraße 45, Bauchschuss (im Virchow-Krankenhaus); Walter Bath, Neukölln, Wehnerstraße 37, Bauchschuss (im Urban-Krankenhaus).
Ferner wurden drei Personen direkt getötet. Die Krankenhäuser bezw. städtischen Rettungsstellen haben aufgenommen 29 Verwundete. Die Zahl der Getöteten hat damit 25 erreicht."

3. Mai 1929 („Vorwärts"):
„ Der Polizeipräsident teilt mit: Der Polizeipräsident hat die Zeitungen „Die Rote Fahne" und „Das Volksecho" auf Grund der §§ 7, Ziffer 4, und 21, auf die Dauer von drei Wochen bis einschließlich 23. Mai verboten, weil diese Zeitungen durch ihre Schreibweise die Bestrebungen der Kommunistischen Partei Deutschlands, die verfassungsgemäß festgesetzte republikanische Staatsform des Reiches zu untergraben, durch die Tat unterstützt haben."

4. Mai 1929 („Hamburger Nachrichten"):
„ Wir wollen an das Wort Napoleons erinnern, dass jeder getötete Rebell 100 000 gerettete Bürgerleben bedeutet. Wenn statt ein paar hundert Verhafteter und einiger weniger (! d. Verf.) Toter das Verhältnis umgekehrt gewesen wäre, so hätte das Bürgertum Zutrauen zu der heutigen Regierung haben können. . .

4. Mai 1929 („Vorwärts")
„ Vorfrühling"
„ . . . die Zeit der Liebe, der Schönheit des Duftes beginnt. Gebenedeit wir Glückseligen, wir Genießenden, wir Hoffenden, Erwartungsvollen.
Pan, fröhlicher Gott des Lebens, Dank sei dir, dass du uns zum Gegensatze, zum Abscheu, die Mönche der Askese, die verdorrten Winlerseelen mit ihrem seit Jahrtausenden eingefrorenen Lied auf dürre Steppe gesetzt hast. Lächelnd wirbelt der Reigen des wahren Lebens um sie herum, als weiße und rote Blüte, als helles und als dunkles Auge, als purpurne Wange und als verheißende geschwellte Lippe.
Vorfrühling, Lied unendlicher Lust, Meer uferloser Seligkeit, mit einem Jauchzen stürze ich in deine blauen Fluten. Lass sie über mir zusammenschlagen. Heinrich Bräm."

4. Mai 1929 (Extrablatt).
„ Um die Unruhezentren Wedding und Neukölln, in denen es auch am gestrigen Abend und im Laufe der Nacht wieder zu schweren Zusammenstößen gekommen ist, zu beseitigen, habe i c h folgende Maßnahmen getroffen:
Von 9 Uhr abends bis 4 Uhr früh ist jeder Verkehr in den nachstehend verzeichneten Straßen verboten. Ausnahmen gelten nur für Ärzte, Hebammen und Sanitätspersonal. Jedes Umherstehen in den Hausfluren oder Hausnischen sowie Toreinfahrten ist verbeten. Die straßenwärts gelegenen Fenster müssen in der angegebenen Zeit geschlossen bleiben. Auch darf in den straßenwärts gelegenen Räumen während der angegebenen Zeit kein Licht brennen. Zuwiderhandelnde Wohnungsinhaber setzen sich der Gefahr aus, dass die Fenster von der Straße aus durch die Polizei unter Feuer genommen werden.
Am Tage darf in den in Betracht kommenden Bezirken und genannten Straßen, sowie in den Hausfluren, Hausnischen und Toreinfahrten keine Person stehen bleiben. Die Polizei wird besonders darauf achten dass sich niemand länger auf der Straße aufhält als unbedingt erforderlich ist. Personen die sich ohne festes Ziel auf der Straße bewegen, werden festgenommen. Zusammengehen von drei oder mehr Personen ist nicht gestattet. Jeder Radfahrverkehr ist untersagt. Die in den genannten Bezirken gelegenen Gastwirtschaften werden abends 9 Uhr geschlossen . . .
Alle Personen, welche diese Bestimmungen nicht beachten, setzen ihr Leben aufs Spiel.
Der Polizeipräsident.
gez.: Zürgiebel." (Stempel).

5. Mai 1929 {„Volkszeitung" — Mosse)
„ ... Die gestern angeordneten „besonderen Maßnahmen" des Polizeipräsidenten scheinen eine blinde Schießwut in der Polizei entfesselt zu haben, und dieses blinde Wüten der losgelassenen polizeilichen Kriegsmaschine ist — wir kommen um diese Feststellung leider nicht herum — zur öffentlichen Gefahr geworden ... So wie bisher geht es jedenfalls nicht weiter."

6. Mai 1929 (Polizeibericht) „Der Polizeipräsident teilt mit:
„ . . . Meine Warnung, das Sperrgebiet zu betreten und meinen Hinweis, dass jeder, der den getroffenen Anweisungen nicht folgt, sein Leben aufs Spiel setzt, haben verschiedene Personen missachtet und sind dabei zu Schaden gekommen . . . Von welcher Seite der tödliche Schuss abgefeuert worden ist, konnte nicht festgestellt werden . . ."

6. Mal (WTB.-Meldung)
„ Die Berliner Staatsanwaltschaften haben beschlossen, die Leichen der Maifeier zu beschlagnahmen und die Genehmigung zur Beerdigung erst nach der gerichtlichen Leichenöffnung zu erteilen. Die Obduktionen sollen schon in den nächsten Tagen erfolgen.
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Die richterlichen Leichenöffnungen werden im Beisein des zuständigen Amtsrichters von Neukölln und Berlin-Wedding durch zwei Ärzte vorgenommen, von denen der eine Gerichtsarzt ist,"

14. Mai 1929 (Protokoll)
,,Es erscheint der Maschinensetzer Paul Walsowsky in Begleitung seiner Ehefrau Jenny, 54 Jahre alt bzw. 49 Jahre alt, wohnhaft Berlin SO 36, Harzer Straße 2, vorn 2 Treppen, ausgewiesen durch Straßenabonnementskarte, Mitglied der SPD., gewerkschaftlich zugehörig zum Verband der Deutschen Buchdrucker, und gibt, mit der Bereitwilligkeit, seine Angaben gegebenenfalls eidlich zu erhärten, wie folgt an:
Meine Frau ist Mitglied der Frauenhilfe Martin Luther II in Neukölln. Der Verein hatte am 3. 5. 29, abends um 7 Uhr, in Kliems Festsälen ein Frühlingsfest angesetzt, das jedoch von dem ersten Vorsitzenden, Pfarrer Leist, auf Veranlassung der Polizei abgesagt wurde. Wir beide begaben uns daraufhin in Begleitung von zwei Familien in die Konditorei Aschinger, am Kaiser-Friedrich-Platz in Neukölln. Als wir um etwa 11 Uhr unsere Wohnung betraten, war unser 20jähriger Sohn Martin, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, nicht zu Hause. Am frühen Morgen des nächsten Tages hörten wir zu unserem furchtbaren Entsetzen, dass unser Sohn Martin von der Polizei erschossen worden war'(Rückenschuss). Nähere Angaben über die Umstände und wo dies geschehen war, fehlen uns bis heute. Wir wissen nur, und zwar von dem Arzt der Rettungswache in der Erckstraße in Neukölln, dass unser Sohn von vier Männern mit der Autodroschke um 9 Uhr 55 Minuten abends tot eingeliefert worden ist. Erst am 4. 5. 29, also am nächsten Tage zwischen 3 und 5 Uhr, fanden wir, als wir zu diesem Zeitpunkt unsere Wohnung betraten, einen Zettel vor, der von einem Polizeiwachtmeister unterschrieben war und auf dem uns mitgeteilt wurde, dass unser Sohn sich im Neuköllner Krankenhause befindet. Er ist von dort aus am Sonnabend, dem 11. 5., beerdigt worden (Jacobi Friedhof).
Ich bemerke noch, dass mir der Arzt der Rettungswache in der Erckstraße bei der Auseinandersetzung über den Befund nach der Einlieferung meines Sohnes erklärte, dass sogar ein Leichentransport in der Mainzer Straße in Neukölln beschossen worden ist.
Wir haben bis jetzt zwar die Papiere meines Sohnes, nicht aber die bei seinem Weggang mitgeführten Wohnungsschlüssel und sein Portemonnaie mit Geld zurückerhalten.
Ü ber meine eigene Beobachtung möchte ich wie folgt an-« geben:
Etwa um halb sieben Uhr abends sah ich in der Friedrichstraße in Neukölln, wie zwei Polizeibeamte, die sich auf einem Lastkraftwagen befanden, einem vorbeifahrenden Radfahrer, der eine rote Nelke im Knopfloch trug, mit der Faust ins Genick, schlugen, ohne dass der Radfahrer die geringste Veranlassung dazu gab.
Berlin, den 14. 5. 29.
V. G. U. gez. Paul Waldowsky
Jenny Waldowsky geb. Renfand."

Der Preußische Minister des Innern. II 1420 V.
Berlin, den 3. Mai 1929. An die
Bundesführung des RFB. Ausfertigung! Verfügung!
Auf Grund des § 14 in Verbindung mit § 7 des Gesetzes zum Schutz der Republik vom 21. Juli 1922/2. Juni 1927 (RGB1. i., Seite 585, Seite 125) in Verbindung mit der Verordnung zur Ausführung dieses Gesetzes vom 12. Februar 1926 (RGB1. I., Seite 100) und auf Grund des § 2 des Reichsvereinsgesetzes vom 19. April 1908 (RGB1. Seite 151) in Verbindung mit dem § 129 des Reichsstrafgesetzbuches wird für das Gebiet des Freistaats Preußen mit Zustimmung der Reichsregierung (Severing, Müller, Hilferding und Wisseil; d. Verf.) der Rote Frontkämpferbund e. V. einschließlich der Roten Jungfront und der Roten Marine mit allen seinen Einrichtungen aufgelöst, weil aus seinem Verhalten hervorgeht, dass sein Zweck im Widerspruch zu den genannten gesetzlichen Bestimmungen steht.
Das Vermögen der betreffenden Organisationen wird gemäß § 18 des Gesetzes zum Schutze der Republik und § 3 des Gesetzes vom 22. März 1921 zu Gunsten des Reiches beschlagnahmt.
Die Durchführung der Beschlagnahme und Einziehung obliegt den örtlichen Polizeiverwaltungen. (Stempel)
gez. Grzesinski.

Am 12. Mai erhielt die Unterbezirksleitung Nord der Kommunistischen Partei Deutschlands die Mitteilung, dass die Zelle Kösliner Straße in der vergangenen Woche 180 Neuaufnahmen in die Kommunistische Partei aus Bewohnern der Gasse vorgenommen hat. Die 5 Brüder des von der Polizei erschossenen Arbeiters Schäfer sind gleichfalls in die Partei eingetreten und haben am Grabe ihres Bruders ein feierliches Gelöbnis der Rache abgelegt. Die Gasse ist von der Bevölkerung mit trauerumflorten Fahnen geschmückt worden.

Va SReg. 903/29 Nr. 1
zu B I 759/29
Press-Sache.
Dresden, den 13. Mai 1929. Beschluß.
In der Strafsache gegen den unbekannten Verfasser der Druckschrift „Blutige Maitage in Berlin" von Werner Hirsch, Internationaler Arbeiterverlag, Berlin, wegen Hochverrats, Gefährdung des öffentlichen Friedens, wird hiermit auf Antrag der Staatsanwaltschaft Dresden die Beschlagnahme der vorbezeichneten Druckschrift verfügt.
Nach dem Inhalt der erwähnten Druckschrift, deren entgeltliche bezw. unentgeltliche Verteilung begonnen hat, wird mehr oder weniger versteckt zur gewaltsamen Änderung der Verfassung des Deutschen Reiches aufgefordert und es werden in einer, den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise verschiedene Klassen der Bevölkerung zu Gewalttätigkeiten gegeneinander öffentlich angereizt.
So heißt es u. a. Blatt 27:
„ Zörgiebel handelte im Auftrage der Sozialdemokratie. Das Verbrechen Zörgiebels war nicht das Verbrechen eines einzelnen Mannes. So sehr gerade dieser Mann, der, gleich Noske, den Typ des ehemaligen preußischen Feldwebels zu repräsentieren scheint, für seine Rolle als Bluthund alle notwendigen Eigenschaften mitbrachte, die skrupellose Brutalität wie die dumpfe, bornierte Rohheit, so wenig ist das Problem des vergossenen Arbeiterblutes dieser Berliner Maitage lediglich ein Problem Zörgiebel."
Blatt 28:
„ Die SPD. wollte das Blutvergießen".
Blatt 29:
„ Die KPD. und der bewaffnete Aufstand. Die Kommunisten haben es nicht nötig, mit ihren Absichten und Plänen Versteck zu spielen. Die Kommunistische Partei ist eine revolutionäre Partei, und sie macht kein Hehl daraus, dass ihr Ziel der Umsturz der kapitalistischen Ordnung und die Errichtung der proletarischen Diktatur als Vorbedingung für den Sozialismus ist."
Verbrechen nach § 81 Ziffer 2 RStGB. und § 86 RStGB.
Hierdurch und weil die Druckschrift als Beweismittel für das begangene Verbrechen bezw. Vergehen dient und der Einziehung unterliegt, rechtfertigt sich die verfügte Beschlagnahme. (§§ 94, 98 RStGB.) Das Amtsgericht Dresden, Abt. V.
gez. Busch".

24. Mai 1929 (Zeitungsbericht):
„ Die Ortsgruppe Berlin-Lankwitz der Sozialistischen Arbeiterjugend (SPD.) nahm als Protest gegen den von der sozialdemokratischen Parteileitung verfügten Ausschluss des ehemaligen SPD.-Parteimitgliedes Otto Mücke, der sich an Maidemonstrationen beteiligt hatte, eine Resolution an, in der es u. a. heißt: „Wir billigen die Teilnahme unserer Vorstandsmitglieder und des Parteivertreters an der Maidemonstration. Die Hetze, die nach den blutigen Vorfällen am 1. Mai gegen die demonstrierenden Arbeiter von der SPD.-Presse betrieben wird, trifft auch uns. Wir sehen in dem Demonstrationsverbot (Zörgiebels, d. Verf.) keine Einzelerscheinung, sondern einen neuen Beweis dafür, dass die SPD.-Führer immer weniger die Interessen der Arbeiter, aber immer mehr die Interessen der Unternehmer wahrnehmen. Wir sind empört über diese Entwicklung der SPD. und erklären hiermit unseren Austritt aus der SAJ."

Bochum, den 24. Mai (eigener Drahtbericht).
„ Das Mitglied des Gemeinderats der Gemeinde Werne bei Bochum und langjähriger Vorsitzender der dortigen sozialdemokratischen Ortsgruppe, Hugo Dreckmann, sandte der Redaktion des kommunistischen „Ruhrecho" sein sozialdemokratisches Mitgliedsbuch mit der Bitte um Aufnahme in die Kommunistische Partei, und einen Artikel zur Veröffentlichung, in dem er seinen Schritt ausführlich politisch begründet. Dreckmann ist seit dem 1. Oktober 1904, also seit 25 Jahren Mitglied der Sozialdemokratischen Partei."

26 Mai 1929 („Vorwärts"):
(Zur Eröffnung des Magdeburger SPD.-Parteitages) „ . . . Da die Unzufriedenheit nun einmal zum Wesen der Sozialdemokratie gehört, gibt es sicherlich, wie noch stets, auch Unzufriedenheit mit den Ergebnissen der Parlamentspolitik. Aber es gibt in den Reihen der Partei auch nicht eine Spur des Gedankens, dass die Sache der Arbeiterschaft bei irgend einer anderen Partei, Gruppe oder Sekte besser aufgehoben sein könnte. Mag sich mancher die Partei in manchem anders wünschen, als sie ihm augenblicklich erscheint, so einigt doch alle die Überzeugung, dass sie und sie allein berufen ist, die Sache des arbeitenden Volkes zum Siege zu führen.
Friedrich Stampfer."

26 Mai 1929.
Der Polizeipräsident
Abteilung I A Tgb.-Nr, 458 IA 1/29
An die Redaktion „Die Rote Fahne"
Berlin C 25
Kleine Alexanderstraße 28
Anliegend überreiche ich beglaubigte Abschrift des heute an den Verlag und die Redaktion „Die Rote Fahne" abgesandten Schreibens von heute zur Kenntnis und Beachtung.
gez. Zörgiebel. beglaubigt: Peters Pol.-Kzl.-Assistent
(Stempel)
Hiermit verbiete ich auf Grund § 7 und § 21 des Gesetzes zum Schutze der Republik vom 21. Juli 1922 (Reichsgesetzblatt S. 585) die Zeitung „Die Rote Fahne" nebst ihren Kopfblättern „Das Volksecho" und die „Volkswacht" auf die Dauer von 4 Wochen bis einschließlich 22. Juni 1929. Das Verbot umfasst auch jede angeblich neue Druckschrift, die sich sachlich als die alte darstellt. Gegen diese Verfügung ist die Beschwerde binnen zwei Wochen vom Tage der Zustellung ab zulässig. Die Beschwerde ist unter Beifügung zweier Abschriften der Beschwerdeschrift bei mir einzulegen.
Gründe:
In Nr. 104 der „Roten Fahne" vom 25. Mai 1929 wird in dem Artikel „Moskau ist schuld?" in dem Absatz „Erlaubt oder verboten — der Kampf wird fortgesetzt" folgendes ausgeführt:
,„Die Kommunistische Partei und das revolutionäre Proletariat sind aus den Kämpfen des 1. Mai gestärkt hervorgegangen. Sie haben sich zu einer Entscheidungsschlacht nicht provozieren lassen, aber sie haben den Kampf aufgenommen und werden ihn mit allen Mitteln, ob erlaubt oder verboten, fortsetzen. Die Kommunistische Partei als Avantgarde der ausgebeuteten und unterdrückten Massen, erklärt in aller Offenheit, dass die Zörgiebel-Morde vom 1. bis 3. Mai eine neue Etappe des Klassenkampfes einleiten, in welcher die rücksichtslose Brutalität des Sozialfaschismus, der im Dienste des von der Geschichte zum Tode verurteilten kapitalistischen Systems handelt, auf die eiserne Entschlossenheit und Opferwilligkeit der Arbeiterklasse stoßen wird. Sie verkündet laut und offen, dass der gewaltsame Sturz des bürgerlichen Staates allein allen Schrecken des kapitalistischen Regimes, der Ausbeutung der Millionen Massen und den Greueln des herannahenden imperialistischen Krieges ein Ende setzen kann."
In der gleichen Nummer heißt es in dem Artikel ,,Die Wahrheit über den Berliner Blut-Mai", in dem Absatz „Die Berliner Arbeiter demonstrieren":
„ In Wirklichkeit war es gerade die heroische Kampfdisziplin, die unbeirrbare Standhaftigkeit der Arbeitermassen, die dem 1. Mai trotz des Polizeiterrors sein Gesicht gab. Die Polizei wütete, schlug, spritzte aus Hydranten — die Masse blieb. Die Polizeikordons trieben die angesammelten Arbeiter und Arbeiterfrauen mit der Brutalität sadistischer Kosaken von irgendeinem Platz herunter, ritten zu Pferde in die Menge hinein — Minuten später standen die Massen von neuem, hielten von neuem die Straße besetzt Der Heroismus der Berliner Arbeiterschaft feierte an diesem 1. Mai einen überwältigenden Triumph!"
Diese Ausführungen enthalten eine Verherrlichung des Widerstandes der Berliner Arbeiter gegen die vom Polizeipräsidium erlassenen Verordnungen. Sie sind eine folgerichtige Fortsetzung der von der Kommunistischen Partei vor dem 1. Mai in der „Roten Fahne" und anderwärts immer wieder erhobenen Forderungen, sich dem Demonstrationsverbot vom 13. 12. 1929 keinesfalls zu fügen, es vielmehr mit Gewalt zu brechen.
Durch derartige Forderungen ist dargetan, dass die Kommunistische Partei eine staatsfeindliche Organisation im Sinne des § 129 StGB. ist, weil es zu ihren Zwecken oder Beschäftigungen gehört, Maßregeln der Verwaltung durch ungesetzliche Mittel, nämlich durch Gewalt, zu verhindern oder zu entkräften. Die Ausführungen, dass es nur auf gewaltsamem Wege möglich sei, allen Schrecken des kapitalistischen Regimes, der Ausbeutung der Millionen Massen und den Greueln des herannahenden imperialistischen Krieges ein Ende zu setzen, dienen der Untergrabung der verfassungsmäßig festgestellten republikanischen Staatsform, und darüber hinaus der Vorbereitung des gewaltsamen Umsturzes der Verfassung. Indem die „Rote Fahne" derartige Ausführungen der Kommunistischen Partei als deren Zentralorgan (vergleiche den Kopf des Blattes) in ihren Spalten veröffentlicht, unterstützt sie das Bestreben der staatsfeindlichen Organisation, der KPD., durch die Tat. Hiernach sind die Voraussetzungen der §§ 7 und 21 des Republikschutzgesetzes erfüllt. Das Verbot ist somit gerechtfertigt.
Für die Verbotsdauer war das Höchstmaß festzusetzen, weil die Zeitung aus gleichem Anlass erst vom 2. bis 23. Mai 1929 verboten war und trotzdem ihre Schreibweise fortgesetzt hat.
gez. Zörgiebel.
(Stempel des Polizeipräsidenten) Beglaubigt: (unleserlich)





XII. Ende und Anfang . . .

 

 

Als Kurt Zimmermann am Abend des 28. Mai nach Hause kam und das Küchenfenster, wie immer seitdem, wenn er müde nach der Arbeit über den dunklen Hof ging, ohne Licht war, sprach ihn Hermanns Frau an. Ein Brief war für ihn gekommen mit einem Polizeistempel auf der Rückseite. Sie hatte es von dem Briefträger, der die Familien in der Gasse seit Jahren kannte, gehört. Es war schon zu dunkel auf dem Hof, als dass sie die plötzliche Veränderung in seinem Gesicht hätte merken können. Ohne ihr zu antworten, verschwand er sofort in dem niedrigen Eingang des Seitenflügels zu seiner Wohnung. Die weiße Glasglocke der Gaslampe in der Küche klirrte ein wenig durch die Unruhe seiner Hände. . .
Ein schmaler, kleiner Dienstumschlag, auf der Rückseite mit einer runden, blauen Stempelmarke zugeklebt. Die Vorderseite war ohne Aufdruck. Er hob den Brief gegen das Licht, als wenn sich dadurch vielleicht etwas Besonderes feststellen ließe. Es dauerte noch ein paar Minuten, — dann riss er das Kuvert auf:

Gefängnislazarett Berlin
Lehrter Straße Tgb.-Nr. III/ 126/29.
Abtlg. I A. Berlin, den 27. Mai 1929.
An Herrn
Kurt Zimmermann
Berlin N. Kösliner Straße 6
In Beantwortung Ihrer schriftlichen Anfrage vom 6. Mai er. teilen wir Ihnen mit, dass sich die Untersuchungsgefangene Anna Zimmermann geb. Berthold, wohnhaft Berlin N-, Kösliner Straße 6, zur Zeit im Gefängnislazarett Berlin, Lehrter Straße, Abtlg. G, Saal 4, Bett Nr. 32 befindet.
Gesuche um Besuchserlaubnis sind drei Tage vorher unter Angabe obenstehender Aktenzeichen an die Gefängnisinspektion, Berlin-Moabit, Lehrter Straße, zu richten.
Gefängnis-Lazarett-Verwaltung. gez. Hermann, Justizwachtmeister, (Stempel.)

Als nach einer Stunde Hermanns Frau, die sich in diesen Tagen etwas um Kurt gekümmert hatte, durch das Hoffenster in die Küche sah, saß Kurt am Küchentisch, den Kopf auf beide Hände gestützt und starrte regungslos auf die Tischplatte, auf der der Brief lag. . ,
Drei Tage später.
Geführt von einer Gefängnisbeamtin betrat Kurt ein langgestrecktes Zimmer, links und rechts eine Reihe dicht nebeneinanderstehender, graugestrichener Betten mit Frauen, die sofort von der Beamtin zur Ordnung gerufen wurden, als sie sich in ihren Betten aufrichteten und den Mann anstarrten. Kurts Blick irrte von Gesicht zu Gesicht, haftete einen Moment an den vergitterten Fenstern und suchte weiter. In einem Bett lag eine Frau mit einem zu Knoten gedrehten, schmutzigen Handtuch, das sie, als wenn sie ein Kind in den Armen hätte, zärtlich wiegte. Ihr weißes Gesicht hatte einen verzückt-glücklichen Ausdruck, ihre leisen, unverständlichen Worte formten irgendwelche Liebkosungen, während ihre Hände mit einer unendlichen Weichheit über das Handtuch strichen. Die Frau daneben tippte, hinter dem Rücken der Beamtin, mit einer frech-vertraulichen Bewegung zu Kurt, den Finger an die Stirn und verzog das Gesicht zu einem hässlichen Grinsen. Hinter sich hörte er das kurze Auflachen einer Frau.
Am letzten Bett rechts blieb die Beamtin stehen.
„ Sie ist heute zum erstenmal fieberfrei", sagte sie zu Kurt, „sonst hätten Sie wohl kaum Sprecherlaubnis bekommen. Sie haben zehn Minuten Zeit!"
Kurt hörte nicht, was sie sagte, er sah nur dieses schmale, blutleere Gesicht in dem Kopfkissen, mit eingefallenen Schläfen, auf denen die blauen Äderchen wie unter einer hauchdünnen Glasschicht lagen. Aus zwei dunklen Schattenringen unter der Stirn sahen ihn Augen an, in denen irgendetwas Neues, Fremdes war.
Das war — Anna?!
Sie war heute zum erstenmal bei klarem Bewusstsein. Tage-und Nächtelang hatte sie in einem heftigen Nervenfieber gelegen. Sie wusste überhaupt nicht, wie sie hierher gekommen war. Kurt hielt ihre dünne, merkwürdig trockene Hand so vorsichtig zwischen seinen Fingern, als wenn sie aus bläulichweißem, zerbrechlichem Porzellan wäre.
Ein paar mal versuchte die Beamtin das Gespräch zu unterbrechen. Anna fing immer wieder von den Leuten in der Gasse an. Sie hatte keine Zeitung gelesen, nur heute früh hatte sie von einer Neuen im Saal gehört, was nach ihrer Verhaftung in Berlin vor sich gegangen war. Ebenso, dass ein Rechtsanwalt von der Partei dafür gesorgt hatte, dass sie in das Lazarett gebracht wurde. Zum erstenmal lächelte sie ein wenig, als sie Kurt erzählte, dass sie eine Anklage wegen Aufruhr und Widerstands gegen die Staatsgewalt bekommen hatte.
„ Aber, Anna, das ist doch heller Wahnsinn . . .!"
„ Nein, Junge . . , ich war früher sehr dumm. Aber warum hast du mir das nie gesagt? Ich dachte auch, dass das alles nichts mit „Widerstand gegen die Staatsgewalt" zu tun hat. Weißt du, ich bin im Anfang nur mitgegangen, weil ich Angst um dich hatte. Und dann — ist das alles anders gekommen. Ich wusste nicht, dass der „Widerstand" gegen diese Staatsgewalt, gegen diesen Staat, den ich immer für etwas „Neutrales", über den Parteien stehendes gehalten habe, mit zum Klassenkampf gehört. Junge, ich habe gelernt, dass jeder Kampf der Arbeiter um ihr Recht ein Kampf gegen diesen Staat sein muss. Wie sie auf der Wache den kleinen Willi halbtot geschlagen haben — Kurt, da begriff ich, was „Staatsgewalt" heißt!"
„ Sie dürfen nicht so sprechen, Frau Zimmermann", unterbrach sie die Beamtin, aber sie sagte es nicht unfreundlich. Kurt spürte, dass sie still und aufmerksam zugehört hatte. Die zehn Minuten mussten übrigens schon lange vorüber sein, fiel ihm ein.
,,Lassen Sie nur", antwortete Anna mit einer leisen Abwehr, „ich werde vor dem Richter noch viel mehr sagen. Ich werde ihm sagen, dass die Leute, die heute die Staatsgewalt in den Händen haben, nichts weiter sind, als die Todfeinde der Arbeiterschaft, dass sie die Staatsgewalt zu nichts anderem benutzen, als für die Unternehmer zu sorgen und die Rechte der Arbeiter mit „Staatsgewalt" zu unterdrücken. Und den sozialdemokratischen Arbeitern will ich 6agen — vor Gericht werde ich es tun — dass ihre Führer, die diesen Staat unterstützen, genau dieselben Feinde von uns sind, die wir vernichten müssen, wenn wir — leben wollen. Das habe ich von diesem I. Mai gelernt."
„ Anna, du fragst gar nicht nach dem Jungen", sagte Kurt, nur um sie auf andere Gedanken zu bringen. Über ihr blasses Gesicht zogen schon wieder die Schatten der Fieberröte,
„ Ich habe so viel an ihn gedacht, aber noch mehr dachte ich an die Genossen. Von den meisten kenne ich ja nur die Gesichter, weiß noch nicht mal immer, wie sie heißen. Kurt, ich schäme mich so, dass du eine so schlechte Genossin gehabt hast."
Kurt nahm ihre beiden Hände zusammen: „Und jetzt haben wir eine sehr, sehr gute und tapfere Genossin, nicht wahr? Anna, wir werden alle auf dich warten ..." —
Leise erhob er sich, als ihn die Beamtin an der Schulter berührte. Anna lag mit geschlossenen Augen im Bett, über das die Tafel mit den wilden Sprüngen der Fieberkurve hing. Es schien, als wenn sie schliefe. Auf dem schmalen, harten Mund in dem müden, blassen Gesicht lag ein junges, zukunftsfrohes Lächeln —.
„ Vorwärts" am 5. November 1930:
„ Genosse Zörgiebel, der in den einstweiligen Ruhestand tritt, gewiss aber bald einen, seinen hohen Verdiensten und Fähigkeiten entsprechenden Wirkungskreis finden wird, hat sich während der Jahre seiner Berliner Wirksamkeit in den weitesten Kreisen der Berliner Bevölkerung Achtung und Sympathie erworben. Wer sein Wirken von der nächsten Nähe zu verfolgen Gelegenheil hatte, weiß, dass Menschlichkeit und der Wille zu helfen und zu schützen, stets' seine leitenden Gesichts» punkte waren. Dank und beste Wünsche aller vernünftigen und anständigen Berliner werden ihn in seine neue Tätigkeit begleiten."